The Project Gutenberg EBook of Clementine, by Fanny Lewald

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Title: Clementine

Author: Fanny Lewald

Release Date: June 14, 2014 [EBook #45965]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Clementine.


  =Woman's love! how strong is it in its weakness,
  how beautiful in its guilt.=

                                 =BULWER, Pelham.=


  Leipzig:
  F. A. Brockhaus.

  1843.




Erstes Kapitel.


Also weil der Herr Geheimrath mich gestern geistreich gefunden, soll
und mu ich ihn heirathen? fragte Clementine und sah dabei lachend ihre
jngere Schwester, die Professor Reich, an, die ganz erhitzt auf dem
Sopha ihres Wohnzimmers sa.

Darum allein nicht, entgegnete diese, aber Du darfst diese Verbindung
nicht ausschlagen, wie alle andern, die sich Dir boten. Der Geheimrath
von Meining ist ein sehr geachteter, fein gebildeter und reicher Mann;
er ist freilich 50 Jahre, Du bist aber schon 27, was kann denn passender
sein? Du hast mir selbst gesagt, da Du an Dein frheres Verhltni zu
Robert Thalberg mit vollkommener Ruhe dchtest; warum also wieder ein
Glck, ein wahrhaftes Glck von Dir weisen, das sich Dir vielleicht
nie wieder bietet? Mein Mann wnscht diese Verbindung, die Tante, Deine
letzte Instanz, dringt darauf, Meining erwartet das Glck seines Lebens
davon und Du selbst hltst Meining nicht nur fr einen liebenswrdigen,
sondern auch fr einen ehrenwerthen Mann; was willst Du denn eigentlich,
Clementine?

Ich will nicht lgen, Marie! Ich will, ich kann es nicht, und je
achtungswerther mir der Geheimrath erscheint, um so weniger mchte ich
ihn tuschen; ich kann nicht heirathen, qule mich nicht.

Beide Damen gingen fast erzrnt von einander; die kleine, rosige
Professorin in die Arbeitsstube ihres Mannes, um ihm das vermuthliche
Mislingen ihres Planes mitzutheilen; die ernste, schlanke Clementine auf
ihr Zimmer, um den Sturm, den diese Unterhaltung in ihr erregt hatte,
ruhig austoben zu lassen.

Clementine und Marie Frei waren die Tchter eines hochgestellten
preuischen Beamten. Sie hatten frh ihre Mutter verloren und eine
Tante, Frau von Alven, eine kluge, feinfhlende Frau, die Witwe und
deren einziges Kind frh gestorben war, hatte die Erziehung der beiden
Mdchen im Frei'schen Hause bernommen. Nichts konnte aber verschiedener
sein, als der Charakter dieser beiden Schwestern: Clementine, heftig,
geistreich und zu tiefem Fhlen geneigt, wurde schnell von pltzlichen
Eindrcken gefesselt, die sich dauernd ihrer Seele einprgten; was sie
einmal ergriffen hatte, was ihr lieb geworden war, das konnte keine
Macht ihr entreien, das hielt sie fest frs Leben. Aus diesem Gefhl
entsprang die treue Anhnglichkeit fr Frau von Alven, die innige Liebe
fr ihren Vater und die fast mtterliche Zrtlichkeit fr die um
sechs Jahre jngere Marie; aber zugleich auch eine leidenschaftliche,
unwandelbare Liebe fr Robert Thalberg, einen jungen Mann, mit dem sie
in ihrer ersten Jugend in allen befreundeten Familien zusammengetroffen
war.

Thalberg hatte in tausend Dingen die auffallendste Charakterhnlichkeit
mit Clementinen. Auch auf ihn wirkten in seiner Jugend die Eindrcke des
Moments, und obgleich mit dem schrfsten Verstande und ungewhnlichem
Geiste begabt, hatte sein leidenschaftliches Herz ihn hufig
fortgerissen und er sich oft dadurch in eigenthmlich verwickelte
Verhltnisse gebracht, die bald strend, bald frdernd auf ihn gewirkt.
Ein ungebndigter Freiheitssinn, ein an Tollkhnheit grenzender Muth,
eigensinniges Beharren auf seinem Willen und doch eine fast kindliche
Weichheit gegen die Personen, die er liebte, machten ihn fr die Frauen
unwiderstehlich; besonders da ein imposantes, mnnlich schnes
Aeuere gleich anfangs fr ihn einnahm. Thalberg hatte der lebhaften,
interessanten Clementine, wie alle jungen Leute ihres Kreises, seine
Huldigungen dargebracht, weil sie hbsch und in der Mode war; bei
nherer Bekanntschaft entdeckten Beide aber eine solche Aehnlichkeit
in ihren Neigungen und Gesinnungen, sie begegneten sich so oft in ihrem
Enthusiasmus fr das Schne, da das gewhnliche Wohlgefallen sich in
eine wirkliche, ernste Neigung verwandelte und sie sich gegenseitig,
ohne durch bestimmtes Versprechen an einander gebunden zu sein, als
zu einander gehrend betrachteten. Clementinens Verwandte sahen ein
Verhltni, das fr die Zukunft so viel Glck zu versprechen schien,
ruhig wachsen, und als Thalberg Berlin verlie, nahm man allgemein an,
da das junge Paar lngst einig und verlobt sei. Clementine selbst lebte
jetzt nur in der Erinnerung an Robert; Alles, was ihr begegnete, was
sie that, wurde im Geiste Robert's Urtheil unterworfen, der, um mehrere
Jahre lter als sie, einen wesentlichen Einflu auch auf ihre geistige
Richtung ausgebt hatte. Sie liebte Alles, was seinem Willen angemessen
schien, verwarf Alles, was gegen seine Ansichten sein konnte, und lebte
getrennt von ihm, mitten in der Gesellschaft, doch ganz allein mit dem
fernen Geliebten; wie jene Nonnen, die, sich bestndig unter den Augen
ihres himmlischen Brutigams whnend, nur seinem Willen leben und kein
anderes Gesetz kennen als das seine. Die Liebe zu dem Abwesenden war ein
religiser Cultus in ihrer Brust, und selbst der Gedanke, es knne
ihr jemals mglich sein, den dringenden Bewerbungen anderer Mnner die
geringste Aufmerksamkeit zu gnnen, fiel ihr nie ein. Sie liebte die
Ihrigen, half der Tante treulich die schne Marie erziehen und bildete
rastlos an sich fort, damit Robert, wenn er einst wiederkme, sie nicht
unter seinen Erwartungen fnde.

So waren ein paar Jahre vergangen, die kleine Marie war zu einem
reizenden Mdchen herangewachsen und das harmloseste, unbefangenste
Kind geblieben. Ihre Familie, ihre Toilette, die Blle, ihre kleinen
Abenteuer von gestern -- das war die Welt, die sie kannte; man liebte
sie allgemein und was konnte sie noch wnschen? Sie war das verzogene
Kind des Hauses. Bald nach ihrem 16. Geburtstage hatte Professor Reich
um ihre Hand geworben, hatte die Zustimmung des Vaters erhalten und die
kleine Braut war mit der Myrthenkrone und dem weien Schleier zum Altare
mit demselben Gefhle gegangen, mit dem sie ein Jahr vorher, am Tage
ihrer Confirmation, die Kirche betreten hatte. Sie hatte das Bewutsein
eines wichtigen Schrittes, ohne sich die Folgen desselben klar zu
machen; und nachdem der schwere Abschied von Vater, Schwester und Tante
vorber war, folgte sie ihrem Manne, froh und sorglos wie ein Kind, nach
Heidelberg, wo er angestellt war.

Clementine blieb nun allein zurck. Sie war stiller und ernster
geworden, von Robert hatte sie nur selten gehrt, die Zeit seiner
Rckkehr wurde von den Seinen immer weiter hinausgeschoben und sie
konnte es sich nicht verhehlen, da Robert's Wunsch, sie wiederzusehen,
lange nicht mehr so lebhaft sein msse, als in jener Stunde, wo sie
unter den heiesten Thrnen mit dem ersten glhenden Kusse von einander
Abschied genommen hatten. In dieser Zeit erkrankte der Geheimrath Frei
und nach wenig Wochen standen die Tante und Clementine an seinem
Sarge; ihr ganzes Leben war nur ein Schrei des Schmerzes, der Robert
herbeirief, um alles Leid an seinem Herzen auszuweinen, um alle Liebe,
die der theuere Vater besessen hatte, auf den geliebten Freund zu
vererben -- aber Robert, obgleich ihm der Todesfall angezeigt worden,
kam nicht; und seine Mutter uerte gegen Frau von Alven, da ihr Sohn
wol sobald nicht zurckkehren wrde, da Berufsverhltnisse und, wie
sie glaube, auch eine kleine Neigung ihn an seinen jetzigen Aufenthalt
fesselten. Frau von Alven erschrak, hielt es aber fr ihre Pflicht,
endlich einmal mit Clementinen offen ber deren Zukunft zu sprechen.
Sie war durch den Tod ihres Vaters unumschrnkte Herrin ihrer Handlungen
geworden; die Tante sehnte sich in ihre Vaterstadt zurck, und so trat
sie eines Tages ganz pltzlich vor Clementine mit der Frage hin, welche
Plane sie nun fr die nchste Zeit gemacht habe? Sie theilte ihrer
Nichte ihren Wunsch mit, Berlin zu verlassen, verschwieg ihr nicht, was
Madame Thalberg ihr gesagt, und war nicht wenig berrascht, Clementine
bei der Nachricht, die fr sie ein Todessto sein mute, anscheinend
ganz ruhig zu finden.

Ich wei es lngst, gute Tante! sagte sie, da Robert mich nicht liebt,
sehr lange schon; und da er jetzt fr mich kein Wort des Trostes, der
Theilnahme hat, keinen Gru durch die Seinen, das nimmt mir mit dem
letzten Zweifel die letzte Hoffnung; aber es ndert in meinen Gefhlen
fr ihn Nichts. Wir waren Beide durch keinen Eid an einander gebunden,
Robert liebt mich nicht mehr, hat mich vielleicht nie geliebt, und ich
habe sein Wohlwollen fr Liebe gehalten -- so glaubt er sich frei und
ist es auch; denn nicht der Eid, sondern die Liebe bindet. Ich aber
liebe ihn mehr als je, er ist Alles, Alles, was ich liebe, und darum
bin ich sein, auch wenn wir uns nie wieder sehen sollten. Entgegne mir
darauf Nichts, fuhr sie fort, als ihre Tante eine Einwendung machen
wollte, ich wei, wie gut Du es mit mir meinst; darum la mich mir
selbst. Dich aber lnger von den Freunden und der Heimat zu trennen,
wohin es Dich zieht, dazu habe ich kein Recht; Marie verlangt nach mir,
ich werde nach Heidelberg gehen, werde ihr ntzlich sein und in dem
Kreise ihres Hauses meine Zukunft finden. Versprich mir aber, da Du mir
nie fehlen wirst, wenn ich Dein bedarf.

Frau von Alven weinte still; Clementine kniete vor ihr nieder, kte
ihre Hnde und bat: und nun noch Eins! Ich habe seit Jahren mehr
gelitten, als ich zu leiden fr mglich hielt; ich frchte jede
Berhrung meiner tiefen Wunde mehr als den Tod; versprich mir, da
Robert's Name nicht mehr zwischen uns genannt wird und da wir uns
trennen ohne Abschied; wir bleiben ja doch ewig beisammen.

Die Tante gelobte Alles und wenig Wochen darauf rollte der Postwagen,
welcher Frau von Alven in ihre Heimat fhrte, an Clementinens Wohnung
vorber, in der sie mit ihrem Schwager am Fenster stand, der gekommen
war, sie nach Heidelberg abzuholen.

Nach den schmerzlichen Aufregungen der letzten Zeit, dem wehmthigen
Gefhl, von den Rumen zu scheiden, die so lange stille Zeugen ihres
Lebens waren, that die Ruhe im Hause der Professorin Clementinen
anfnglich sehr wohl. Sie hatte die junge Frau fast unverndert
gefunden; Marie liebte ihren Reich von Herzen, betete ihre beiden Kinder
an, sorgte treulich fr ihr Haus und war eine Frau, wie die Mehrzahl der
Mnner sie wnscht. Der Professor hielt regelmig seine Vorlesungen,
arbeitete den Rest der Zeit emsig in seiner Studirstube und lie sich
whrend der Mahlzeiten mit der grten Theilnahme Alles erzhlen, was in
der Zwischenzeit von der Frau, den Kindern und den Dienstboten irgend zu
erzhlen war. Beide Eheleute waren durchaus zufrieden mit einander und
wnschten nichts Besseres, als da es immer so bliebe: ohne bestimmten
Blick in die Zukunft, ohne lebhaftes Gedenken einer Vergangenheit,
ging ein Tag nach dem andern hin und alle Abwechselung in Mariens Leben
machte der Besuch gleichgestimmter Frauen und ein Spaziergang in der
nchsten Umgebung. -- Es dauerte auch nicht lange, bis Clementine sich
uerlich in diese Lebensart gefunden hatte, und bald war sie Allen
unentbehrlich geworden; ihr ewig beweglicher Geist hatte tausend
neue Spiele fr die Kinder, manche Erleichterung fr Marie, manche
Bequemlichkeit fr den Professor hervorgerufen; es machte ihr Vergngen,
die Ihrigen zu erfreuen -- aber sie selbst fhlte sich einsamer als
vorher. Getrennt von ihren gewohnten Umgebungen, von der Tante, der ihr
ganzes Herz offen lag, in der gleichfrmigen Lebensart im Reich'schen
Hause, fhlte sie eine solche geistige Leere, da nur die wunderbar
schne Natur Heidelbergs sie aus ihrer Apathie zu reien vermochte. Um
sich zu zerstreuen, suchte sie eifrig lngst vernachlssigte Studien
wieder hervor, sie schmckte ihr kleines Stbchen, das nach dem Neckar
sah, auf das freundlichste; aber vergebens. Stundenlang sa sie mit
dem Buche in der Hand, sah den schnen Strom vorberflieen, blickte
ernsthaft die kleinen Huser von Weinheim an und sah doch Nichts, als
Robert's Bild, wie er zuletzt vor ihr gestanden; dachte Nichts, als die
tiefe Demthigung, verschmht zu sein.

In einem kleinen Orte wie Heidelberg konnte eine Erscheinung, wie
Clementine, nicht unbemerkt bleiben; ihre ganze Persnlichkeit flte
lebhaftes Interesse ein, whrend ihr nach Auen abgeschlossenes Wesen
fr Klte und Stolz galt. Man hatte sie bei ihrer Ankunft in alle Zirkel
eingefhrt, und berall hatte sie einen neuen Reiz in die Gesellschaft
gebracht; besonders waren es die jngeren Mdchen und die lteren
Mnner, die sich ihr anschlossen. Die Mdchen, weil sie von ihr keine
Beeintrchtigung zu frchten hatten, da sie jede Annherung und eben
so fein als bestimmt zurckwies; die lteren Mnner, weil in ihrer
Unterhaltung so viel Belebendes und Anregendes lag, da sie sich die
glcklichen Bemerkungen, die Clementine sie machen lie, unbedingt als
ihr eigenstes Eigenthum zuschrieben.

Unter diesen Mnnern war unstreitig der Geheimrath von Meining der
Bedeutendste. Er galt fr einen der ersten Aerzte Deutschlands, war
ein stattlicher Mann von 50 Jahren und so wohl conservirt, da er den
Ansprchen, auch durch sein Aeueres zu gefallen, nicht ganz entsagt
hatte. Man sah, da er in der Jugend ein schner Mann gewesen sein
mute, und mit einer bei lteren Mnnern nicht seltenen Eitelkeit lie
er bisweilen errathen, da ihm das Glck bei den Frauen hold gewesen
sei. Auch stand er noch jetzt in groer Gunst bei den Damen und wurde
gern gesehen in jeder Gesellschaft. Manche Mutter htte ihn, der ihr
selbst frher den Hof gemacht, recht gern zum Schwiegersohne angenommen,
und allerdings war er, vermge seiner Stellung, Das, was man gewhnlich
eine gute Partie zu nennen pflegt. In seiner Jugend hatte er die Frauen
zu sehr geliebt, um sich an Eine dauernd binden zu mgen; dann hatte
diese Leidenschaft ernsten Studien Platz gemacht, er hatte Reichthum,
Ehre und einen groen Ruf erworben, und der Gedanke, sich zu
verheirathen, war allmlig ganz in den Hintergrund getreten, je mehr
Reiz die materiellen Gensse des Daseins fr ihn gewannen und je mehr
sich der eigenthmliche Egoismus aller Hagestolzen in ihm ausgebildet
hatte. Doch war sein Gefhl fr das Schne und Gute niemals erloschen;
er war in einzelnen Momenten einer Lebhaftigkeit und Hingebung fhig,
die einem jngeren Manne anzugehren schienen, und in dieser Stimmung
konnte er die bedeutendsten Opfer bringen; dann fhlte er die
Mglichkeit und den Wunsch, Andere an seinem Glcke Theil nehmen zu
lassen, und htte vielleicht daran gedacht, eine Frau zu nehmen, wenn es
ihm nicht unbequem gewesen wre, danach zu suchen. Doch lie er sich
die Neckereien ber diesen Punkt recht gern gefallen und lchelte
wohlgefllig, wenn man behauptete, an einem schnen Morgen werde er
einst ganz pltzlich mit einer Braut angefahren kommen, die ein Phnix
an Schnheit und Liebenswrdigkeit sein und ihm wie ein Ideal erscheinen
werde; sowie sein Haus ihr das schnste, sein Rock der beste und
berhaupt Alles, was sein eigen, ihr wie das Vollkommenste vorkomme.

Als Freund des Professor Reich und als Arzt der Familie hatte er
Clementine in ihrer Huslichkeit kennen und schtzen gelernt. Er hatte
durch Marien, noch vor Clementinens Ankunft, erfahren, da diese dem
Grame ber eine unglckliche Liebe fast erlegen sei, und nun sah er sie
selbst; noch schn, obgleich lange ber die erste Jugend hinaus, und
liebenswrdiger und geistreicher, als irgend eine Frau, die er kannte.
Er sah das Mdchen, das der Mittelpunkt der Gesellschaft geworden, eben
so liebenswrdig im Hause; sie hatte Rath fr den Bedrngten und die
zrtlichste Sorgfalt fr den Leidenden; unermdlich besorgt fr Andere,
schien sie zufrieden, ohne gerade froh zu sein, und ihre Ruhe wurde
durch jene kleinen Veranlassungen, welche die meisten Frauen auer
Fassung bringen, niemals erschttert. Ihre ueren Vorzge zogen ihn an,
und wenn er manchmal auf ihrem ausdrucksvollen Gesicht die Spuren eines
tiefen Leidens, oder gar ihre Augen noch trbe von vergossenen Thrnen
sah, flte sie ihm das lebhafteste Interesse ein. Er hatte einmal
mit Reich ber Clementine gesprochen, und dieser hatte geuert, seine
Schwgerin sei allerdings ein vortreffliches Mdchen, nur leider zu
berspannt, und er wnsche Nichts sehnlicher, als da sie bald einen
vernnftigen Mann bekme, den sie liebe; denn sonst wrde sie sich
aufreiben durch ihren selbgenhrten Gram.

Ob Reich diese Bemerkung absichtlich gemacht, ob eine Absicht in des
Geheimraths Frage gelegen, lassen wir dahingestellt sein; nur das steht
fest, da von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung
mit Clementinen erwachte. Dieses Mdchen in seinem Hause walten zu
sehen, von ihrem Geiste seine Muestunden verschnen zu lassen, ihrer
milden Pflege in kranken Tagen zu genieen und sie, der er von
Herzen zugethan war, ihren Kummer vergessen zu machen, war bald sein
Lieblingswunsch geworden; er hielt sich fr den Mann, der sie ber den
verlorenen Geliebten zu trsten vermchte, und je mehr und je lnger er
seine Bewerbungen um sie fortsetzte, je mehr verliebt wurde er in sie,
je gewisser, da er ihr nicht gleichgltig bleiben knne: so trat er
denn, nachdem sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft
begegnet waren, am nchsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens
Hand vor den Professor.

Reich war sehr erfreut, Marie entzckt ber das Glck, das sich ihrer
Schwester bot; Clementine allein sprach ihr gewhnliches: ich kann und
werde nicht heirathen. Man schrieb der Tante, diese bestrmte die Arme
mit den dringendsten Vorstellungen, Meining wollte ihr Zeit lassen, sich
zu entschlieen, und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden
des Professors und Mariens kein Ende; die Unterhaltungen, mochten sie
mit Abdel Kadher oder mit den Kindern beginnen, endeten zu Clementinens
Qual doch immer wieder mit dem Geheimrath von Meining.

Bei einer solchen Scene fanden wir die Damen am Anfang unserer
Erzhlung, und es war nthig so weit zurckzugehen, um den Leser mit den
handelnden Personen bekannt zu machen, wobei wir uns zugleich das Recht
vorbehalten, den Faden der Ereignisse, so oft es uns geeignet scheint,
in den eigenhndigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen.




Zweites Kapitel.


Sinnend stand Clementine am Fenster, als sie in ihr Stbchen getreten
war; Gedanken zogen, wie Bilder eines Schattenspieles, schnell an ihrer
Seele vorber; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante
dabei beginnen: so setzte sie sich nieder und schrieb:


Clementine an Frau von Alven.

Dein Brief hat mir wehe gethan, Tante! Traust Du mir bei meinen
Handlungen keine anderen Motive, als Ueberspannung oder Eigensinn
zu? Hltst Du mich denn fr ein Kind, das die Verhltnisse des Lebens
verkennt? So gut als Ihr Alle wei ich, da nach den Begriffen der Welt
die Stellung einer verheiratheten Frau ehrenvoller ist, als die eines
Mdchens. Glaubt mir aber, da es eine tiefe Nothwendigkeit ist,
die mich abhlt, den Schritt zu thun, zu dem Ihr Alle mich berreden
mchtet.

Ich hasse die Ehe nicht; im Gegentheil, ich halte sie so hoch, da ich
sie und zugleich mich zu erniedrigen frchte, wenn ich dies heilige
Band knpfte, ohne da mein Gefhl Theil daran htte. Was kann es
Beglckenderes geben, als mit einem geliebten Manne sein Leben zu
verbringen? Fr ihn zu sorgen, seine Freuden und Leiden zu theilen, zu
wissen: Alles, was mein Herz bewegt, Alles, was mich berhrt, theilt und
fhlt mein bester Freund mit mir? Beide leben dann ein doppeltes Leben.
O! ich habe mir das oft himmlisch schn gedacht, ich habe es hei
gewnscht, und ich halte heute noch die Ehe fr den einzigen Weg,
der den Menschen zu der grten Vollkommenheit fhrt, die seiner
Individualitt mglich ist. Darum aber kann ich den Gedanken an eine
gleichgltige Ehe nicht ertragen, weil sie fr mich eine unglckliche
wre; und ich habe es nie begreifen knnen, wie in der Ehe irgend Etwas
die Menschen an einander kettet, als ihr Herz. Die Ehe ist in ihrer
Reinheit die keuscheste, heiligste Verbindung, die gedacht werden
kann; rein, wie ein Engel des Lichts, geht das Weib aus den Armen ihres
_geliebten_ Gatten hervor, und wenn man mir, nach dem katholischen
Ritus, die Madonna die reine Mutter Gottes nannte, hat fr mich ein
rhrend tiefer Sinn darin gelegen, ein ganz anderer Gedanke, als die
Kirche ihn will. Ja! die Ehe ist rein! und aus der Umarmung liebender
Gatten kann ein gttlicher Mensch, ein Retter der Welt entstehen.

Aber was hat man aus der Ehe gemacht? -- ein Ding, bei dessen Nennung
wohlerzogene Mdchen die Augen niederschlagen, ber das Mnner witzeln
und Frauen sich heimlich lchelnd ansehen. Die Ehen, die ich tglich vor
meinen Augen schlieen sehe, sind schlimmer als Prostitution. Erschrick
nicht vor dem Worte, da Du mich zu der That berreden mchtest, Tante!
Ist es nicht gleich, ob ein leichtfertiges, sittlich verwahrlostes
Mdchen sich fr eitlen Putz dem Manne hingibt, oder ob Eltern ihr Kind
fr Millionen opfern? Der Kaufpreis ndert die Sache nicht; und ich
gestehe Dir, ich wrde das Weib, das augenblickliche Leidenschaft und
heier Sinnentaumel hinreit, gro finden, gegen diejenige, die das Bild
eines geliebten Mannes im Herzen, sich dem Ungeliebten ergibt, fr den
Preis seines Ranges und Namens. -- Knnte ich glauben, der priesterliche
Segen htte Kraft zu binden und zu lsen, knnte das Ja, das ich
sprche, eine ganze Vergangenheit aus meiner Seele tilgen, wer wei, was
ich thte. So aber! -- ich liebe Robert, der mich verschmht, dem meine
ganze, ungetheilte, anbetende Liebe kein Glck zu bieten vermochte, als
ich jung und blhend war; und ich sollte einen Ehrenmann, der von mir
die Freude seines Lebens erwartet, mit einem heiligen Eide betrgen?
Ich sollte ihm ein Weib werden, das die Achtung vor sich selbst verloren
hat? Das knnt Ihr nicht meinen, das kannst Du nicht wollen. Ich
denke mit Ruhe an Robert, so lange ich mir selbst lebe, tritt aber der
Gedanke, einem Anderen gehren zu sollen, vor mein Auge, dann sehe ich,
da ich nur in Robert lebe und da mir der Traum der Vergangenheit mehr
ist, als irgend eine Zukunft mir bieten knnte. La mir die Ruhe meines
Bewutseins.

  _Clementine._


Der Geheimrath v.Meining an Clementine Frei.

Mein theures Frulein! Seit lngerer Zeit erwarte ich Ihre Antwort auf
eine Frage, die ber meine Zukunft entscheiden soll. Sie wissen, wie
werth Sie mir sind, lassen Sie mich offen sagen, wie warm und innig ich
Sie liebe, wenn gleich es einem Manne reiferen Alters nicht anstehen
mag, eine Leidenschaft zu bekennen, die der Jugend angehrt. Ich habe in
meinem Berufe Frauen in allen Verhltnissen kennen lernen, und ich achte
das Weib; ich achte und liebe in Ihnen das Weib, das klar ber
sich selbst und das Leben, zu dem Gefhl seiner Wrde gekommen ist.
Clementine, ich bin nicht jung genug, Ihnen schwrmerische Schwre zu
leisten, aber ich biete Ihnen meine Hand mit offenem Herzen. Was ein
besorgter Gatte, ein zrtlicher Freund Ihnen sein knnte, das schwre
ich, das sollen Sie in mir finden, und dadurch allein will ich Sie
gewinnen; nur aus freier Neigung sollen Sie die Meine werden.

Ich verlasse Heidelberg auf kurze Zeit: Sie sollen Ruhe haben, einen
Entschlu zu fassen. Mge er zu meinen Gunsten sein! Der Ihrige.

  _v. Meining._


Frau v.Alven an Clementine.

Ich ehre Dein Gefhl, mein Kind! wenn gleich ich es nicht unbedingt
richtig heien kann, und es liegt mehr Egoismus darin, als Du glaubst.
Du gefllst Dir darin, Dich als die Leidende, die Reine zu betrachten,
und Du bist Beides. Ich wei, was Du geduldet, kenne ganz Dein reines
Herz; Du bist einmal das Opfer Deiner Liebe und Robert's geworden,
ein zuflliges Opfer gegen Deinen Willen: das entbindet Dich nicht der
Pflicht, Dich mit Bewutsein, aus freier Wahl fr das Wohl Anderer zu
opfern. Das Weib ist geschaffen zu leiden und zu beglcken; thust Du
das? Du glaubst Dich mit Deiner Pflicht abgefunden, wenn Du Marien Dein
Leben widmest, ihr den Haushalt erleichterst, obgleich sie dessen nicht
bedarf. Du nimmst Dich der Kinder an, wenn Du Neigung dazu hast, und
glaubst sie zu erziehen, und der Menschheit, die an jeden von uns Rechte
hat, damit Deine Schuld zu zahlen. Belge Dich nicht selbst, meine
liebe Tochter! Du, vor Vielen dazu berufen, einem Manne das Leben zu
verschnen, mit dem unerschpflichen Reichthum an Liebe und Nachsicht,
Du willst das nicht, weil es Dir zu schwer scheint, ernst gegen eine
Neigung zu kmpfen, deren Gegenstand diese Liebe gewi nicht einmal
wnscht und Deiner nicht mehr denkt. Und wenn Mariens Kinder, die Du so
sehr liebst, heranwachsen; wenn Marie und die Kinder Deiner nicht mehr
bedrfen werden, was wird dann die unvermeidliche Leere Deines Herzens
ausfllen? --

Ich habe das Glck Mutter zu sein, nur wenige Tage gekannt, und doch
wirft das Andenken daran ein verschnendes Licht ber mein ganzes Leben;
magst Du noch so scharf und richtig denken, noch so lebhaft fhlen,
_das_ Glck kannst Du nicht begreifen, nicht ermessen, bis Du es
gekannt. Ich selbst habe Alven ohne alle Neigung geheirathet, komme ich
Dir deshalb wie eine Verworfene vor? Das aber schwre ich Dir, so lieb
mir Dein Glck ist, ich habe den Vater meines Kindes von Grund der
Seele geliebt; wir haben uns in guten und bsen Stunden treu zur Seite
gestanden, und ich habe nach seinem Tode mich nie entschlieen knnen,
zu einer zweiten Ehe zu schreiten, obgleich ich sehr jung war und es
mir, wie Du weit, an Bewerbern nicht fehlte.

Ich mag Dir hart scheinen, aber ich bekenne es, ich werde irre an Dir.
Du hltst so viel darauf, die Achtung vor Dir selbst nicht zu verlieren,
weil Dir das leichter wird, als die unsere zu verdienen. _Du_ achtest
Dich, wenn Du Deiner Liebe treu bleibst, das ist bequem und leicht --
wir aber wrden Dich achten, wenn Du dem Glcke eines Anderen, eines
braven Mannes, Deine Neigungen zu opfern im Stande wrest. Zwingen kann
man Dich nicht, Du bist reich und unabhngig in jeder Beziehung -- aber
ich appellire an Dein richtiges Urtheil, an Deine Wahrheitsliebe und
an Dein Herz. Tusche Dich nicht selbst; tusche nicht die Erwartungen
Deiner mtterlichen Freundin.


Clementine an den Geheimrath v.Meining.

Der Mann, der mir mit so ehrendem Vertrauen entgegenkommt, der mir seine
Zukunft weihen will, mu wissen, an wen er sich gewandt hat; und wahr,
wie gegen mich selbst, will ich gegen Sie sein.

Eine heie, tiefe Liebe hat seit meiner frhesten Jugend mein Herz
erfllt; diese Liebe ist nur flchtig erwidert worden, sie hat mein
Herz gebrochen. Einsam, mit meinem Schmerz nach innen gewiesen, sind mir
Jahre des Leidens vergangen; ich habe mich gewhnt allein zu stehen, ich
habe es versucht, die Erinnerung an meine Liebe zu bekmpfen -- es ist
mir nicht gelungen; und so konnte es mir nie einfallen, den Bewerbungen,
mit denen man mich ehrte, Folge zu leisten, besonders da die Mehrzahl
jener Bewerber mir vollkommen gleichgltig, und ich ihnen fast ganz
fremd war.

Sie kennen mich lange und gut, und ich gestehe Ihnen gern, da Ihre
Freundschaft mir werth, da mir an Ihrer Achtung gelegen war -- aber
niemals die Ihre zu werden, war noch vor wenig Tagen mein fester
Entschlu; ich wollte mich nicht verheirathen. Nicht das Zureden meiner
Schwester macht mich in meiner Gesinnung schwanken, sondern die ernsten
Vorstellungen meiner Tante, die mich sehr ergriffen haben. Ich habe
schwer mit mir gekmpft, und ich will die Ihre werden, wenn ich Ihnen
nach diesen Gestndnissen genge. Ich erkenne vollkommen und freudig
Ihren Werth, darum aber zweifle ich, da ein gebrochenes Herz Ihrer
wrdig sei.

Glauben Sie dennoch, da ich zu Ihrem Glcke beitragen knne, so thue
ich es von Herzen, und will streng ber mich wachen, das Glck zu
verdienen, das einer Frau an Ihrer Seite werden kann. Mit innigster
Achtung.

  _Clementine._


Der Geheimrath v.Meining an Clementine.

Haben Sie Dank! wir werden glcklich sein. Armes, krankes Kind! Ist es
denn nicht die Pflicht des Arztes zu heilen und zu lindern? Wie gern
will ich Dich schonen, meine Clementine! wie sorgsam werde ich die wunde
Seele meines kranken Weibes hten und heilen. Wirf die Vergangenheit von
Dir, insofern sie Dich schmerzt, bewahre jedes Andenken, das Dir werth
ist; nur Eines versprich mir und nimm es als Beweis meines vollen
Vertrauens -- nenne mir _nie_ den Namen des Mannes, der Dich leiden
machte, niemals Geliebte! Ich kenne Dich und traue Dir unbedingt. In
drei Tagen kehre ich zurck; mge die Hoffnung auf dies Wiedersehen,
meine holde, meine theure Braut! Dich so beglcken, als mich. Auf
Wiedersehen denn, Geliebte! Der Deine.

  _Meining._




Drittes Kapitel.


Die Tage bis zur Rckkehr des Geheimraths vergingen Clementinen in
der heftigsten Aufregung. Der Brief Ihrer Tante, die Bitten und
Vorstellungen Reich's und Mariens hatten sie zu einem Entschlusse
gebracht, dessen sie sich nie fhig gehalten htte. Meining war ihr
mit so edlem Vertrauen entgegengekommen; es hob sie momentan in ihren
eigenen Augen, da sie, deren Herz seine Jugend eingebt hatte, noch
einen so bedeutenden Mann als Meining, fesseln und beglcken knne; sie
wollte ein neues Leben beginnen, weil sie es nun einmal gelobt, ihre
Vergangenheit zu opfern; und bei all' diesen Entwrfen zitterte sie vor
dem Gedanken an Meining's Ankunft. Whrend der letzten Nacht, die sie
schlaflos verbrachte, fiel ihr pltzlich ein, sie msse eigentlich
noch einmal an Robert schreiben, ihm ihre Verlobung anzeigen und ihm
befehlen, sie ganz wie eine Fremde zu betrachten, wenn sie jemals sich
begegnen sollten. Aber Robert schreiben? durfte das Meining's Braut! --
ihm befehlen, sie zu meiden, hiee ja, ihm bekennen, da er ihr theuer
und gefhrlich sei, und befehlen! -- ihm befehlen, dessen Auge ihr
Leitstern, dessen leisester Wunsch ihr unumstlichstes Gesetz gewesen
war? Alle Qualen, alle Gewissensbisse bestrmten sie, sie wollte fr
Meining leben und dachte nur an Robert. In wilden Fiebertrumen verging
der letzte Theil der Nacht; der Morgen sah hell und klar in ihr Fenster,
als sie die schweren, mden Augenlieder aufschlug; sie war vollkommen
ermattet, lie sich theilnahmlos ankleiden und sah kalt wie eine Fremde
den Anstalten zu, die Marie, mit unruhiger Freude, fr die Ankunft des
Geheimraths traf.

Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine
groe Gewalt ber sich besa, ging ihm bis zur Thre entgegen und bot
ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining schlo sie herzlich in seine Arme,
kte ihre Stirne und der Bund war geschlossen.

Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhltnisse
leichter zu fgen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der
Entscheidung peinigt, fr mglich halten knnte. Jetzt war die neue
Braut pltzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining
entzckte, und ihrer Familie die Ueberzeugung gab, da sie Recht
gethan htten, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des
Frhjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden.
Clementine traf selbst die nthigen Anstalten fr den neuen Haushalt,
hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben,
Glckwnsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwhrenden
Thtigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken brig lie. Ihr Brutigam
brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei lie, in
ihrer Gesellschaft zu und hatte aufgeregt durch die neuen Verhltnisse,
eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er lngst verloren und deren
er sich nicht mehr fhig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut
geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und
seinen liebenswrdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich
grade jetzt in seinem gnstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine
die Hoffnung auf eine beglckende Zukunft gab.

Indessen rckte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer
befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht
werden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als
angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde
nicht fglich entziehen, und Meining uerte lachend, am Ende sei auch
eine ganze glckliche Zukunft mit ein paar lstigen Stunden nicht zu
schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine
fhlte sich auf das Unangenehmste berhrt, von dem widrigen Wechsel
possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken; weil sie selbst so
ernst, so feierlich gestimmt war, da jeder Scherz sie verletzen mute.
Meining hingegen fand das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die
man aber leicht aushalten knne, und mute ber manchen Einfall von
Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine Braut, als die
Gesellschaft sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem er Clementine
vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben und sie einen Augenblick vor der
Thr weilend, sich nach dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten
Strahlen des Mondes zitternd darber hin, und es schien ihr unmglich,
sich jetzt, mit dem bervollen Herzen, in die engen Rume eines Zimmers
zu sperren.

Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu mde sind, geben Sie heute
noch einem, vielleicht extravaganten Einfalle nach; ich will dafr auch
von morgen ab eine grundvernnftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf
gehen auf's Schlo, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir
wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt,
auch den Tag beginnen sehen.

Meining war es gern zufrieden; die Nacht war unbeschreiblich mild und
schn. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse
aufwrts fhrt. Eine Welt von Gedanken zog durch Clementinens Brust, sie
sah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein frheres
Leben, ihre Zukunft vorberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst
in ihrem Herzen. Oben auf der Hhe angelangt, sah man nichts, als einen
dichten, weien Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte
khl und Meining hllte besorgt die erbleichende Clementine in die
wrmende Mantille. Gedankenvoll lieen sie sich auf der Bank vor dem
Weingrtchen nieder -- da pltzlich schmettert ein tausendstimmiger
Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreit vor dem ersten Lichtblick der
Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhnden fortgezogen, schwindet der
dichte, weie Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen
Augen der Entzckten. Drben das kleine Weinheim mit seinen in Laub
versteckten, weien Husern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom
mit Khnen, die von Neckargemnd daherzogen, um sie her die Wipfel der
Bume, die am Fue des Berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der
ganzen reichen Vegetation und zu ihren Fen das kleine schlummernde
Heidelberg. Clementine war selig vor Wonne, das reinste, heiligste
Gefhl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt werth
gehalten und mit Thrnen der Begeisterung warf sie sich an Meining's
Brust und sprach:

Ach! la uns schn sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht.
Jetzt, jetzt, bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare
bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glcklich, wir wollen
dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts auf
der Welt als Dich; sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und
verlasse mich nie!

Sie war whrend des Sonnenaufgangs pltzlich aufgestanden, nun in
heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine
Hnde in Thrnen. Er zog sie empor, gerhrt und erschreckt durch ihre
Leidenschaftlichkeit; prete sie fest an seine Brust und der innige
Druck seiner Hand, der Ton seiner Stimme hatte noch mehr Beruhigendes,
als die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib! ich werde Dir nie
fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. -- Eine Weile
hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch,
denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmlig
zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm, mein Herz! da uns die
guten Heidelberger nicht zurckkehren sehen; was wrden die von
ihrem Aeskulap denken, wenn sie wten, da er seine zarte Braut dem
ungesunden Morgennebel preis gibt. So, unter freundlichen Gesprchen,
fhrte er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause.




Viertes Kapitel.


Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag,
die Feste nach demselben waren vorber, das eheliche Leben zu einer
ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschftigt, seine
Kranken, seine Collegia, ein greres Werk, das er zu schreiben begonnen
und das whrend des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine
ganze Zeit in Anspruch; whrend Clementine eigentlich ohne alle
wirkliche Beschftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthtigen
Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre
Haushaltsangelegenheiten lieen sich in einer Stunde abthun; Meining
war den ganzen Morgen auer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte
er Mittags zurck, so hatte ihn die groe, angreifende Praxis so mde
gemacht, da er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mute, um sich fr
die Geschfte des Nachmittages zu strken, und waren auch diese endlich
beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, da
sogar Clementinens Vorschlge zu kleinen Ausflgen, zu denen die
reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden.
Fhrte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut,
so geistig beschftigt und abgespannt, da er oft um Entschuldigung bat
und seinen Beruf verwnschte, der ihn ganz und gar absorbire, und
ihm den ruhigen Genu seiner Huslichkeit unmglich mache. Vor seiner
Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan
besprochen, sich von den greren Gesellschaften, in denen er bisher
fast jeden Abend zugebracht, fern zu halten, da er derselben berdrssig
geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt
hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewhlter Freunde,
wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren
traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genu versprachen,
und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte.
Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufllig abgerufen
worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer
Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mistimmung
hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemchtigt, die der Wirthin
freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so da auch
dieser Versuch bald aufgegeben werden mute, besonders da Meining selbst
auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklrte, er fnde
diese Art von Geselligkeit noch viel unbequemer, als die groen Zirkel,
in denen man ungestrt plaudern und unbeachtet schweigen knne; ja er
fhle entschieden, da er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe,
erst die Sphre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich
werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, fr mich beginnt
in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als frher,
denn ich arbeite nicht fr mich allein; und finde nach der Arbeit hier
bei Dir mehr Freude und Genu, als mir jemals die Salons boten, in denen
ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und
wahre Thorheiten anhren mute. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide
nur fr uns allein.

Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lsten sich
fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgltig an, weil Meining's
Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe
mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glnzendes Leben in der
Gesellschaft. Ihre ungewhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem
Mdchen so interessant gefunden, war in der Zurckgezogenheit, in der
sie lebten, doppelt gro geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich
erweitert in den neuen Verhltnissen; sie fhlte sich berechtigt
und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu
verschnen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein
paar Stunden plaudern zu knnen, weil sie hoffte, er wrde, wie als
Brutigam, Lust daran finden; er wrde ihr die Ereignisse des Tages mit
jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthmlich war, erzhlen; ihr
seine Gedanken darber mittheilen, ihre Ansichten hren und berichtigen
-- mit einem Worte, er wrde sie wie einen Freund betrachten, wie den
vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthllt werden mu, weil er ihn
versteht; weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht.
Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, da Meining
ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schtze, da er diese an
seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen wrde. Er
bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin,
mit der er sich ber unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht
zu mde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude
bereitet htte, wenn er vor bergroer Beschftigung Zeit gefunden, an
Das zu denken, was sie erfreuen knnte. Vor Allem aber fhlte er sich
sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem
seiner Wnsche mit der grten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich
glcklich, grade diese Frau gewhlt zu haben, und zweifelte nicht, da
sie sich zufrieden fhlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde,
je lnger sie mit einander lebten.

Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen
Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage
vergessen; und es schmerzte sie tief, da trotz der Treue, mit welcher
sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glck durchaus nicht
geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, da das Leben,
ohne unsre Schuld, so weit zurckbleibt hinter Dem, was es sein knnte;
da es uns nicht vergnnt ist, Das zu werden, wozu die Fhigkeit in uns
liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der
Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung,
die er fr sie hatte; er hatte sich zuerst, das wute sie, in ihr
Aeueres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz
und einen sittlichen, zuverlssigen Charakter in ihr erkannt, und diese
Eigenschaften schtzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres
Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr
innerstes Leben fesseln. Doch jener Schtze von Liebe und Hingebung,
deren sie sich bewut war, bedurfte der ruhige, ltere Mann nicht. Er
war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte
auf's Tiefste krnkte und all ihre Nachsicht erforderte, whrend die
Gluth seiner Liebe morgen ihre Thrnen trocknet und eine Vershnung
herbeifhrt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das
war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, da Meining auf ihren Geist jetzt
fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm
aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als
in jeder andern, htte sie es doch gern gesehen, da er mehr Freude
an demselben, den er frher so sehr bewunderte, gehabt htte; und sie
vermite es oft schmerzlich, da er ihren Enthusiasmus fr das Schne
und Groe zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken,
da sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern
knne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen
Robert nur gesteigert worden war.

Mag immerhin Egoismus in dem Gefhle liegen, Andere auf die Art und
Weise beglcken zu wollen, die uns die beglckendste scheint; ohne zu
fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wnschen -- es ist ein
Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein mchten und
der Clementine doppelt qulte, da sie sich in doppelter Hinsicht
beeintrchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefllt fhlte und
dann, weil sie nicht so glcklich zu machen glaubte, als sie gewnscht.
Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute es sich zu --
und er begehrte nur ein ganz gewhnliches Erdenglck, soda ihr oft in
besonders traurigen Stunden der demthigende Gedanke gekommen war, jede
tchtige, gutmthige Haushlterin knne sie ihrem Manne ersetzen, ihm
das Glck gewhren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich
damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an
sich die Erfahrung, die sich tglich im Leben wiederholt, da
Altersverschiedenheit fr das Glck der Ehe gefhrlicher wird, als man
gewhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist.
Das Mdchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine
zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfllen
beginnt, und man sieht hufig, selbst in krperlicher Beziehung, ganz
passirte Mdchen zu schnen Frauen werden, die den Titel einer jungen
Frau, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen. Whrend
der ltere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren,
einen galanten Mann nannte, pltzlich vom geselligen Schauplatz
abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in
der Regel geschieht, die ruhige Huslichkeit ihn von der Mhe, jung und
galant zu scheinen, befreit. Der ltere Mann, der sich verheirathet,
will gewhnlich ausruhen vom Leben; das ltere Mdchen, deren Gefhl
nicht so durch das Leben sirt ist, wie das der Mnner, will nun erst
zu leben beginnen, und natrlich kann es dabei an Tuschungen und
Enttuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen
nicht ausblieben.

In einer Art stummer Resignation gewhnte sie sich wieder an das stille
Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als
Mdchen gefhrt hatte. Sie erfllte auf's Strengste ihre Pflichten,
suchte nach Beschftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewi,
bald dies bald jenes und fhlte sich immer unglcklicher, je lnger dies
Leben whrte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurck, wo sie einsam
da gestanden und ungestrt das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil
Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorber -- was sollte
Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fnde? Hiee es nicht
mit Undank seine ruhige, immer gleiche Gte lohnen, wenn er sie nicht
zufrieden she? -- ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den
Krper so auf, als zufrieden und glcklich zu scheinen, weil die
Vernunft es fordert, whrend das Herz keinen Theil daran hat und Nichts
davon wei. Eine krankhafte Abspannung bemchtigte sich Clementinens,
die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mute. Auf sein
ngstliches Befragen erklrte sie, sie sei durchaus gesund, er she ja
selbst, da sie keinen Schmerz habe; es msse ein zuflliges Unbehagen
sein, das sich gewi bald geben wrde. Seinen Vorschlag, mit Marien
und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu
besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch
gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so
sehr an sie gewhnt hatte, da er sie ungern vermite, nicht allein
lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glcklich
zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als
je vor, ber sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und
neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich ber ihren Zustand, und
es blieb Alles, wie es gewesen war.

Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem
tropischen Himmel glhender Leidenschaft, hatte sich pltzlich in
die gemigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt
gefunden, wo ihr ppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie
dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur
krnkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blthe, durch die
angeborne Kraft ihres innern Markes.




Fnftes Kapitel.


Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine
arbeitend in ihrem Zimmer sa, in einer jener Stimmungen, in denen das
Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren
Mann aufgesucht, ihn aber beschftigt gefunden und ihn nicht sprechen
knnen; dann hatte sie, weil ihr das Herz so bervoll war, ihrer Tante
schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel
zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue,
mtterliche Freundin zu sein, htte sie nicht vermocht und ein Wort der
Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wre ihr wie ein Unrecht
gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So
war es kein bestimmter Schmerz, der sie drckte, aber eine Traurigkeit,
eine Mdigkeit, die an Auflsung grenzte. Trbe Ahnungen einer
freudlosen Zukunft wechselten mit wehmthigen Erinnerungen an eine
lngst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie
vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glck
gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr
Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es
sei eine Schwrmerei, sagte sie sich, da sie nicht glcklich zu sein
vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet htten. Wie
durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die
sie selbst nicht fr ihn hatte? Ihre auf Achtung gegrndete Neigung
erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte
er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschlielicher
Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berhmtheit ebenso und
frher der ganzen Menschheit und der Welt gehrt hatte, als ihr. Er
hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der
Arbeit des Tages. Dafr hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen
berhmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glck erwarten
knnen, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen?
Wie sich zurcksehnen nach den lebhaften, strmischen Eindrcken ihrer
Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie
war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes
Hinbrten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hrte, sie
aufschreckten.

In der besten Laune trat er, mit einem groen Briefe in der Hand, in das
Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe
etwas Groes, Gutes, denn es bertrifft meine Erwartungen und wird auch
Dich sicher sehr erfreuen!

Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief
zu lesen gab, der eine Anfrage des preuischen Ministeriums enthielt,
ob Meining sich entschlieen knne, seine heidelberger Verhltnisse
mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den
glnzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14
Tagen erhalten, fgte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich berlegt
und denke, heute an die preuischen Behrden zu schreiben, da ich ihre
Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glnzendere Stellung
haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewi viel
behaglicher fhlen, als in dem kleinen Heidelberg.

Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte
Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und
durch die Hoffnung einer Vernderung, die ihr augenblicklich erwnscht
schien, weil es eben eine Vernderung war.

Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in
den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so frh in mein
Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen
Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann
wartete schon mein Wagen, ich mute zu einem Consilium und konnte nicht
mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen
bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so?

Clementine hatte es allerdings wehe gethan, da ihr Mann sie mit einem
recht unfreundlichen stre mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt
hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; da er
auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich fter
geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage htte er kommen mssen,
den htte er nicht vergessen drfen. Immer geneigt, die Schuld sich
beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr
den Brief brachte, beschmt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er htte
ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so
leicht vergibt; aber nun hrte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar
entfallen, und nur zufllig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine
Freundlichkeit vertrieb inde den innern Verdru gleich, und sie setzten
sich Beide so frhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange
nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer
Bekanntschaft; er machte die prchtigsten Plane fr die Zukunft;
er klagte sich an, da er seine arme Clementine ber die Gebhr
vernachlssigt, da er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen
htten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt
und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen;
aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit mu und wird es ntzen.
Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gnnen. Die Praxis gebe ich auf
und beschftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und
mit der Klinik. Mgen meine Schler den Weg verfolgen, den ich ihnen
gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung
will ich machen, da Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich
die Honneurs eines groen Hauses, als das Glck der engsten Huslichkeit
zu machen verstehst, da Du berall gleich liebenswrdig, berall
dieselbe bist.

Bist Du der Einsamkeit denn mde, lieber Meining? Und wird Dir das
Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergngen
machte? fragte sie.

Ganz gewi! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit
gnzlicher Vernderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich
nach vollkommener Zurckgezogenheit sehnte und groes Glck darin fand,
so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel
davon, auch fr Dich. Ich habe mir das Alles berdacht, schon meine
Verhltnisse zum Hofe werden mich nthigen, ein Haus zu machen, und was
sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und da Du Dich
gleich jetzt davon berzeugst, lasse ich meine Collegia fr den heutigen
Abend absagen und wir bleiben zusammen.

Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an
eine frohe Zukunft; nicht erwgend, da unsere Entwrfe und Hoffnungen
dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch
so prchtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn
unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den
Hnden hlt, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen
gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment
der Aufregung uns versetzt; glcklich diejenigen Gemther, denen das
Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein
Hhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem
der Wunsch hinstrebt.

Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie
versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie msse das neue
Glck mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast
unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wute. Aber daran hatte er gar
nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so
gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt,
weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung
zu bereiten durch einen Entschlu, der auf ihr ganzes Leben von so
wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schlo.
Meining konnte gewi sein, da sie sich keinem Plane entgegen zeigen
wrde, den er werth hielt, aber schon die gewhnlichste Rcksicht htte
es verlangt, da er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und
wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt htte. Das war es eben, was
sie auch oft drckte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr
liebt, dem man jeden Kummer ersparen mchte -- aber sie war kein Kind,
sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine
Zurckhaltung fr Geringschtzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas
ber seine frheren Verhltnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt;
sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich
Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das strend, es schien
ihr eine Art von Gleichgltigkeit zu sein, und darum versuchte sie
es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie
zurckgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwrfen
fr die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm ber ihre frhere
Neigung fr Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt
zurckkehren sollte, fast wie eine unerlliche Pflicht schien.

Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten
unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir mssen uns einmal darber
verstndigen. Ich wei, mein Kind! da Dir vielleicht Manches ber mein
frheres Leben erzhlt worden ist, das Deine Besorgni und, warum soll
ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag;
aber....

Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier ist es wahrhaftig nicht.
Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich pltzlich, mitten in einer
heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es mchten
wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschftigten;
und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu knnen, was Dich
bewegte. Eheleute drfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich
gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin,
vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlsbaren Rthsel zu stehen.

Nun, ein fr allemal, liebste Clementine! la das Rthsel unerrathen! Es
liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schmen
htte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft
beunruhigen knnte -- und was das Vertrauen zwischen Eheleuten
betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, fr eine
unnthige, kaum delikate Neugier. Mache kein bses Gesicht, liebe Frau,
und berlege, ob ich nicht Recht habe?

Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn
man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.

Das sind ja Redensarten, mein Kind! Da ich jung war, Leidenschaften
hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, da ich dabei eben so
oft glcklich als unglcklich war, das versteht sich von selbst; und ob
die Gegenstnde dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hieen, ob sie
blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgltig, da sie jetzt
jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen
knnen. Uebrigens, schlo er scherzend, brigens kennst Du meine letzte,
unwandelbare Neigung und Liebe fr ein gewisses Frulein Clementine
Frei, das, einige berspannte Ideen abgerechnet, ein ganz vollkommenes
Geschpf ist. Von dieser Clementine hngt das Glck meiner Zukunft ab,
und ich glaube an sie so unbedingt, da mir ihr liebes, offenes Auge
mehr Garantien gibt, als alles Erzhlen aus der Vergangenheit.

Clementine mute lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so
da Meining wohl fhlte, heute msse er sich ganz darber aussprechen.
Deshalb fuhr er pltzlich ernsthaft fort: Wenn ein verstndiger Mann
eine Frau nimmt, deren Vater er sein knnte, so mu es mit vollem
Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir
aus meinen frhern Verhltnissen ein Geheimni zu machen, vermeide ich
die Berhrung der Vergangenheit, sondern aus Schonung fr uns Beide. Du
hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, da Dein Herz nicht frei sei;
ich habe dennoch gewnscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist,
bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich
wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir
den Namen Deines frhern Geliebten _niemals_ wissen. Vielleicht begegnen
wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, da
ich Dich nicht ngstlich beobachten, da ich nicht ganz gleichgltige
Dinge mideuten wrde?

Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich
schweigen? Kannst Du denn glauben, da ich jemals....

Ich glaube, da ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein
Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten
in tiefster Brust, ohne da ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe
stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kmpfen
behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser
Leidenschaft erzhlten, von der sonst vielleicht Niemand etwas gewut
htte. Darum also, um Dir den Sieg ber eine Neigung, die Du selbst
unterdrcken wolltest und mutest, zu erleichtern, um mir das Ridikl
eines Eiferschtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich,
da nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum
wnsche ich es noch jetzt so. Ich wei Dir Dank fr das Glck, das ich
in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen
Tag, meine Wahl und Dich -- aber, ich bekenne Dir's offen, die Art
von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel
mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in
plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du
verstehst mich; wo nicht -- nun so verlange ich, als strenger Herr,
Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wre.

Meining schien hchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer
auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben
gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mchtig.
Tief durchdrungen von ihres Mannes gtiger und kluger Liebe, that es ihr
Leid, ein Gesprch herbeigefhrt zu haben, das ihm unangenehm war und
ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte --
und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden
unbeschreiblich wohl. Sie sah, da er sie heftig liebe, da er sie nicht
entbehren knne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefhls in seiner
Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwhrend vermit hatte.
Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die
ihren Mann zerstreuen knnte, ihn abzge von den peinlichen Gedanken;
sie war selbst so erschttert, da sie ihren Gefhlen Raum lassen mute.
Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, ber Dinge, die
sie beschmen, mit verstellter Ruhe fortzugehen -- darum stand sie
auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht bse,
Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du bser,
strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun
komme und stecke als Zeichen der Vershnung die Friedenspfeife an.
Inde bereite ich den Thee und -- das ist _mein_ Friedens- und
Vershnungspfand.

Ein Ku, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser
Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preuische
Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das
Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern ber die knftigen
Verhltnisse und langem Ueberlegen, wie es mglich sein wrde, spter
auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit
Clementine und Marie nicht wieder getrennt wrden, was beiden Schwestern
gar schwer fiel.




Sechstes Kapitel.


Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die fr den Oktober festgesetzt
war, schneller heran, als man es wnschte. Nun es dazu gekommen war,
fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel
schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima,
an den krzern Winter gewhnt. Meining hatte eine lange Reihe von
Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden;
Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht
losreien, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit
heien Thrnen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.

Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst
unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht,
seine junge, liebenswrdige Frau all seinen alten Freunden, die sie
auf dem Wege besuchen wollten, zu prsentiren und ihrer Bewunderung zu
genieen; whrend Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten
Genu davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein
eigner Zauber fr sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung
mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf
sich selbst beschrnkt. Sie wute, da ihr Herz weit und froh werde,
so oft es ihr vergnnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu
durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzckt
ber das Glck, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden muten.
Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das
Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewhnlich khl und regnig
geworden und blieb fast bestndig schlecht. Man konnte kaum daran
denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraen neblig,
trotz der noch frhen Jahreszeit; in den Stdten still, weil der Regen
die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war,
hatte, darauf trotzend, sich eine Erkltung zugezogen, die, wenn auch
unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner
frhern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die
Meisten hatten so gewaltig gealtert, da ihr Anblick ihm peinlich war,
weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerckten Jahre
mahnte. Er fand Einige mitten in einer groen Familie, gedrckt von
Sorgen und nicht belohnt fr ihr Leben, wie sie es verdienten,
Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden
Verhltnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit
ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste,
halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, da er doch eine gar junge
Frau gewhlt htte, was, trotz ihrer Liebenswrdigkeit, immer bedenklich
sei; Jene rhrten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen
er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glcklich zu sein,
um so drckender wurde ihm die Lage seiner frhern Bekannten. Unwohl und
niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die grte Beschleunigung
der Reise und beschlo Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel
und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhltnissen,
ganz einverstanden sein mute.

Bei der Eile, mit welcher die Reise zurckgelegt wurde, sah sich
Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt
versetzt. Als sie zuerst die bekannten Pltze erblickte, berfiel sie
eine so tiefe Wehmuth, da ihr die Thrnen aus den Augen strzten und
sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob
es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte.
Da ging die erste bekannte Person vorber, und ein Gefhl von
unbeschreiblichem Vergngen trocknete die Thrnen. Nun war es bald ein
Dienstmdchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit
dem sie auf den Bllen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer
Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug
gekauft -- kurz auf jedem Schritte neue Gegenstnde der freudigsten
Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte
gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens
und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an
dem er zu wirken berufen war, so glnzend und bewegt vor sich sah, und
die Freude seiner Frau erhhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der
Wagen in die Jgerstrae ein; Clementine zitterte -- sie hielten vor
ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt
wieder wohnen sollte.

Sie war immer im Besitze dieses Grundstckes geblieben, das ein
Verwandter fr sie verwaltet hatte, als sie Berlin verlie, und hatte
sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren
lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre
Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Rume. Es
war ihr, als htte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem
Spaziergange zurck; aber wie war Alles so fremd, so de! Die
Zimmer, kaum nothdrftig mblirt, schallten wieder von der Stimme der
Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm
der Tante tnten nicht an ihr Ohr -- sie waren todt, entfernt! und
doch sa da drben am Fenster noch die schne, stattliche Frau mit dem
Wachtelhndchen, vor der Thre die alte Blumenverkuferin mit dem ewigen
Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend
und grend an den Fenstern der gefeierten Sngerin vorber; die
Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen
zu Thiermann -- es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine
Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefhlen betrat
sie ihr ehemaliges Stbchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen
das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren,
auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung
wurde durchwandert, Rcksprache ber die nthigsten Erfordernisse
genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend fr
diesen Tag und die ganze nchste Zeit.

Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschfte fr sie. Meining
wnschte sein Haus glnzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der
geistigen Celebritten zu machen, und in diesem Sinne muten die
Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geluterter
Geschmack, ihr angeborner Schnheitssinn ihm vortrefflich zu Statten
kamen. In wenigen Wochen waren die den Zimmer in die eleganteste
Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und
komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und fr diese
Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in
diesen neuen Verhltnissen zu betrachten. Fast tglich wurden ihr Fremde
vorgestellt. Ein groer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und,
obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermite sie doch gar
sehr ihre frheren Bekannten, deren nur noch uerst wenige in Berlin
lebten. Von den Mdchen waren die meisten verheirathet und mit ihren
Mnnern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren
theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehrten, ebenfalls
versetzt; so, da ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von
dem frhern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine
erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide
hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unhnlichen
Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig
und unglcklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte
sie gefreut zu sehen, da Jemand so lebensfroh, so vollkommen glcklich
sein knne, als Marianne, deren gutmthiges, offenes Wesen sie fr
dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen,
die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen
an den Zerstreuungen und Genssen, die ihr elterliches Haus fast tglich
bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie
kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens
Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der
jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein
Meer von Zerstreuungen gestrzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen
Einflu auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und
Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr
ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr
glcklich mit ihrem kleinen Tchterchen, lie Clementine die Hoffnung
nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den
neuen Verhltnissen angenommen, zurckkommen, je mehr diese ihr zur
gleichgltigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschftigung
werden wrde. So gab sie sich ohne Rckhalt dem Vergngen hin, das ihr
das Beisammensein mit Mariannen gewhrte, die auer sich vor Entzcken
ber die Rckkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen
viel beisammen zu sein, weil ihre Mnner durch Geschfte gefesselt und
sie dadurch oft allein waren.

Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu bernehmen,
durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchfhren, da er bald
von den ersten Familien in bedenklichen Fllen zu Rath gezogen wurde
und die Hlfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen
nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es
beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, da er
kaum Zeit fr die nthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei
der Universitt behielt, und die Folge davon war, da Clementine
ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der
Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die
wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch
immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, da die Eheleute, die
sich Morgens nur flchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur
Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie auer dem Hause oder
in Gesellschaft im Hause einnahmen, und da dann Meining seiner Frau
dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne
zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend
einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe.

Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im
Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus
einander gegangen, und Madame Klenke beschwor Clementine, den Rest des
Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mdchenzeit, _ein wenig zu
plaudern_, welches der Kunstausdruck der Damen fr ihre vertrautesten
Herzensergieungen ist. Spter, zum Thee, sollten die Mnner
zurckkehren. Marianne hatte der Geheimrthin nie nahe genug gestanden,
als da diese geneigt sein konnte, mit ihr ber die Verhltnisse ihrer
Vergangenheit oder ber ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie
sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genu versprach, willigte
sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen
zu sein schien. Nachdem die Mnner sich entfernt hatten, zogen sich die
beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurck, setzten sich behaglich auf
ein Sopha und begannen, wie gewhnlich, mit den nahliegendsten Dingen.
So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette.

Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine! sagte sie; schon als
Mdchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hte mich
tdtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und
die Diener in schnster Livree sieht, mte man wirklich meinen, nun
werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen -- =mais
non!= eine Herrnhutherin, eine =soeur grise= sieht heraus, mit edlen
Zgen, dunkeln Augen, der interessantesten Blsse; und man erfhrt
verwundert, die Dame im schwarzen Kleide, =collet mont=, die in
graziser Nachlssigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche
Geheimrthin von Meining, die Frau eines unserer berhmtesten Mnner,
der sie unaufhrlich mit Schmuck und Putz berhuft. Und weit Du,
=dearest love=! Man mu in der That glauben, Du wrest nicht glcklich.
Die junge, schne Frau eines alten Mannes, die so =languissante=
aussieht und jeden Schmuck verschmht, mu durchaus unglcklich sein.
Aber =plaisanterie  part!= bist Du denn glcklich verheirathet? Ich
konnte mir gar nicht denken, da Du jemals einen so alten Mann heirathen
wrdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz?

Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr
jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb,
da mir gar Nichts zu wnschen bleiben kann. Und in der That! jung bin
ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreiig
Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau.

Marianne lachte laut auf. Als ob ich jnger wre! und doch behandelt
mich mein 34jhriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur da er
gern mchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und
Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen
wnscht. Schade berhaupt, da Du nicht meinen Mann geheirathet; er
ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verstndigen,
geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzhlte, da Ihr in
Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie huslich Du eigentlich
wrest, schien das meinem Manne =le comble du bonheur=, whrend ich mir
fest vornahm, Dich fr die fabelhafte Langeweile zu entschdigen. Was
hast Du denn eigentlich dort angefangen?

Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in
der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein -- aber hier sehe ich
Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben
in der Gesellschaft unterhlt, so werde ich es sehr bald mde werden
und Meining vielleicht noch frher als ich. Dann beginnen wir wol unser
stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es
machen.

Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in
aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast; =quant  moi!= Ich
strbe bei dem bloen Gedanken.

Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt,
Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du
weit, ich bin auch als Mdchen gern zu Hause gewesen.

Madame Klenke sah pltzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit
schmeichelnder Stimme: Hren Sie, gndige Frau! =je me mfie de votre
sincrit= -- mir ist es oft gewesen, als htten Dero Gestrengen, was
man so nennt, =une passion malheureuse= gehabt, und als htten Sie sich
nachher aus =dpit amoureux= verheirathet. Nein, sei nicht bse, se,
einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, da Letztere
pltzlich glhendroth und sehr ernst wurde -- ich habe es in der That
geglaubt, als ich Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu
fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verlie, einmal
deshalb anging, weil Du mit ihr frher so bekannt warst, sagte mir, sie
htte nie davon gehrt. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen,
und da wirst Du bse! sei gut -- ich wei ja, Du bist ein Tugendspiegel;
aber da Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir.

Clementine war schnell ihrer Aufwallung Meister geworden und bemhte
sich, der peinlichen Unterhaltung ein Ende zu machen. Sie versuchte die
Neckerei in derselben Art zu erwiedern, bat endlich, Marianne mge ihr
die kleine Nanny holen lassen, und in dem Tndeln mit dem Kinde verging
die Zeit bis zur Rckkehr der Mnner. Meining fand seine Frau verstimmt;
sie klagte ber Ermdung und trieb frher als gewhnlich zum Aufbruch.




Siebentes Kapitel.


Das gesellige Leben bewegte sich rasch und bunt; Gesellschaften,
Theater, Blle und Concerte wechselten fast tglich mit einander
ab. Meining, der in Heidelberg sich ganz in die engste Huslichkeit
zurckgezogen hatte, fand nun, wie er es selbst vorausgesehen,
eine groe Freude an der Gesellschaft. Die ehrenvolle und hchst
schmeichelhafte Art, mit der ihm von allen Seiten gehuldigt ward, freute
ihn und regte ihn an; dazu kam, da er sich von seinen nhern Bekannten
hatte berreden lassen, Karte spielen zu lernen, und er fand darin eine
so angenehme Zerstreuung, ein so geistreiches Ausruhen nach der Arbeit,
da ihm schon darum die Gesellschaft lieb wurde, weil er sicher war,
dort seine Partie Whist oder =L'hombre= nicht zu entbehren. Dadurch sah
sich Clementine aus der abgeschlossensten Einfrmigkeit schnell in eine
ganz entgegengesetzte Sphre versetzt. Der Name ihres Mannes, sein Rang
und Reichthum und ihre eigne Liebenswrdigkeit zogen die Blicke auf sie.
Man bemhte sich, sie in den Zirkeln zu haben, und der Nachsatz:
kommen Sie, Frau von Meining ist auch bei uns, wurde mancher Einladung
hinzugefgt. Clementine lchelte oft selbst, wenn sie bedachte, wie sie
gar Nichts dazu thue, den Ruf unwiderstehlicher Liebenswrdigkeit und
des anmuthigsten Geistes zu verdienen; denn sie fhlte, da das ganze
Geheimni der Kunst, zu gefallen, bei ihr darin lge, Jeden gewhren
zu lassen. Sie sprach im Ganzen wenig und ruhig, hrte mit Verstand
zu, konnte aber doch bisweilen, wenn ihr Gefhl angeregt wurde, zu dem
lebhaftesten Gesprch hingerissen werden oder einen Streit durch
eine geschickte Wendung beenden. Das nahm die Mnner fr sie ein. Und
obgleich sie nach jener Unterhaltung mit Marianne mehr Sorgfalt auf die
Eleganz ihrer Toilette verwendete, um zu keinen hnlichen Bemerkungen
Anla zu geben, machte ihr gnzliches Verzichten auf jene Bewunderung,
die durch eigne Schnheit und Pracht der Kleidung hervorgerufen wird,
den Neid und die Eifersucht der Frauen schweigen, die sonst sich leicht
ihrer bemchtigt und ihre Ruhe gestrt htten. Meining's zrtliche
Eitelkeit auf seine Clementine fand hier in dem grern Kreise die
reichlichste Nahrung. Mehr als jemals entzckt von seiner Frau, htte
er gern alle Pracht und allen Luxus der Welt um sie vereinigt, um den
Edelstein, den er in ihr besa, auch in der glnzendsten Fassung zu
zeigen. Hatte er sie frher geachtet und werth gehalten, so war er
nun recht eigentlich verliebt in sie, wie er es nur jemals in frhster
Jugend gewesen. Sie war ihm die treue Gefhrtin von frher und doch
eine ganz neue Erscheinung, und er hatte Nichts lieber, als wenn man
ihn dieser Frau wegen glcklich pries. Dann unterlie er nie, ihre
huslichen Tugenden, von deren Ausbung jetzt gar nicht mehr die Rede
war, auf das Eifrigste zu rhmen und hinzuzufgen, wie thricht es sei,
zu einer glcklichen Ehe Gleichheit des Alters als wesentliche Bedingung
zu betrachten. Er sei fast noch einmal so alt, als seine Frau, und doch
vollkommen glcklich.

Und in der That, die Ehe des Geheimraths von Meining galt fr ein Muster
von Zufriedenheit, Eintracht und Glck. Denn da Clementine unter
den Spitzen und Perlen ihr Herz leer und sich mitten in der grten
Gesellschaft hufig verlassen fhlte, das konnte die Welt nicht wissen.
Sie sehnte sich, da ihre Ehe kinderlos zu bleiben schien, nach Mariens
Kindern, mit denen sie sich in Heidelberg viel beschftigt, und htte
Alles darum gegeben, wenn Marie ihr eines derselben anvertraut htte,
wozu aber weder Marie noch Meining, der das unruhige, kindliche Treiben
nicht liebte, die geringste Neigung zeigten, soda sie auch diesen
Wunsch bald aufgeben mute und das tiefe Liebebedrfni in ihrer Seele
unbefriedigt blieb. Sie fhlte sich alt werden und arm in all' dem
Reichthum, der sie umgab, und die Ueberzeugung, in ihrem Leben knne
keine Freude mehr erblhen, fate tiefer als je Wurzel in ihr. Dazu kam,
da die neue Lebensweise sie aufregte und angriff, und, was sie sich
selbst kaum zu gestehen wagte, Robert's Bild trat hier, wo sie die
schnste Zeit ihres Lebens mit ihm verlebt hatte, unaufhrlich vor
ihr inneres Auge. Wenn sie bisweilen einsam und abgespannt in ihrem
Mdchenstbchen sa, das sie sich jetzt zum Boudoir erwhlt hatte,
gedachte sie mit inniger Wehmuth an die Stunden, die sie hier in
Robert's Andenken vertrumt, und ein Gefhl gnzlicher Trostlosigkeit
bemchtigte sich ihrer, ohne da sie selbst sich dessen deutlich bewut
war.

In dieser Stimmung traf sie in den ersten Tagen des Dezembers folgendes
Billet von Frau von Stein, einer Dame, die fr einige Zeit in Berlin
lebte und in deren Hause der Geheimrath Arzt war, wodurch sie auch in
nhern geselligen Beziehungen standen.


Frau v.Stein an die Geheimrthin v.Meining.

Liebste Meining! Ihr Mann verlt mich eben, mit dem Versprechen, heute
Mittag bei mir ein Diner = l'improviste= anzunehmen, wenn Sie ihn
begleiten wollen. Und wollen mssen Sie diesmal; wre es nur, um den
interessantesten Mann von der Welt, den =lion= der letzten marienbader
=saison=, kennen zu lernen, der mich heute besuchte, und den ich
eingeladen habe. Ich, die Fremde, habe ihm, der nur fr wenige Tage hier
ist, alles Schne seiner Vaterstadt versprochen und ihm gesagt, er werde
auch die geistreichste, liebenswrdigste Frau Berlins bei mir finden.

Machen Sie mich nicht zur Lgnerin, Beste! und stellen Sie sich hbsch
um vier Uhr ein. Der Geheimrath lt Ihnen durch mich sagen, er werde
Sie abholen kommen. Auf Wiedersehen also?

  _Anna von Stein._

Clementine war um vier Uhr bereits fertig, als der Geheimrath nach
Hause kam, um mit ihr zu dem Diner zu fahren. Sie fanden die aus wenig
Personen bestehende Gesellschaft schon beisammen. Frau von Stein mit
einer Dame im ersten Zimmer, die Herren in der Nebenstube, die eben
angekommenen Zeitungen durchbltternd. Auch Meining trat in das Kabinet
und kehrte nach einiger Zeit mit einem Herrn zurck, den Clementine, da
sie mit dem Rcken gegen die Thre gesessen, erst erblickte, als Meining
ihn ihr mit den Worten vorstellte: Liebe Clementine! Herr Thalberg, der,
wie ich eben hre, ein Freund Deines vterlichen Hauses war.

Clementine war wie gelhmt; ein furchtbarer Schmerz durchzuckte ihre
Brust, ihr Herz schlug so heftig, da es sie betubte, sie war keines
Wortes mchtig, und ihre Aufregung wre Niemand entgegen, wenn nicht
Frau von Stein in komischem Verdrue ausgerufen htte: Also Sie kennen
einander? O! das ist himmelschreiendes Unrecht. Liebste Meining! das ist
ja der marienbader =lion=, den ich Ihnen gemeldet hatte, und nun ist es
ein ganz alter Bekannter Ihrer Familie, den Sie besser kennen, als ich.

Clementine erwiederte den Scherz mit einem erzwungenen Lcheln und
Robert entgegnete: Fr mich, gndige Frau! ist die Ueberraschung,
die Sie mir zugedacht, um so grer, da ich Frau von Meining noch in
Heidelberg vermuthete. In Wahrheit, wir Landleute werden so fremd in
der groen Welt, da wir auch von den glnzendsten Gestirnen an ihrem
Horizonte wenig erfahren.

Diese knstliche, kalte Galanterie brachte Clementine wieder zu sich. Es
gelang ihr, eine gleichgltig hfliche Antwort zu geben. Sie fragte,
ob Thalberg viel auf dem Lande lebe, und erfuhr, da er, nach dem Tode
eines Verwandten, dessen groe Gter an der mecklenburger Grenze geerbt
und dort seinen Wohnort gewhlt habe, da ihm das Landleben und die
damit verbundene Thtigkeit sehr zusage. Nur dann und wann, schlo
er, verlasse ich meine kleine Residenz, wie im vorigen Jahre, um das
Marienbad, und jetzt, um meine Vaterstadt nach mehrjhriger Abwesenheit
zu besuchen. Doch denke ich hchstens ein paar Wochen hier zu verweilen.

Ein Diener meldete, da servirt sei, und die Gesellschaft begab sich
zur Tafel. Clementine glaubte unter dem Einflu eines schnen Traumes zu
sein, dem sie ewige Dauer wnschte. Sie sah Robert wieder! Das war
die stolze, hohe Gestalt, das befehlende Auge, die knigliche, bleiche
Stirne, das war der Mund, der so kalt und eisig spotten und so s, so
unwiderstehlich sein konnte, wenn er sich zu Bitten herablie; das war
das schne, dunkle Haar mit der Flle seiner reichen Locken, das bei
ihrem Abschiede sich auf ihre Stirne gedrckt hatte. Jeder Laut seiner
Stimme war ihr bekannt, aus jedem Worte sprach sie eine beseligende
Vergangenheit an. Neues Leben schien fr sie zu beginnen, ihr Gesicht
glhte, ihr Herz schlug frei, -- so mag es Dem zu Muthe sein, der
nach langem Leiden und hoffnungsloser Krankheit aus winterlicher Nacht
pltzlich gesund in den belebenden Strahl der Sonne gefhrt wrde und
rings umher Frhling she. Nicht der Vergangenheit, nicht der Zukunft
gedachte sie, sie war glcklich im Moment.

Whrend Clementine in seligen Empfindungen schwelgte, war die
Unterhaltung bei Tisch lebhaft geworden; Meining sprach sich anerkennend
ber die ganze Richtung aus, die er in der preuischen Verwaltung
gefunden, und die es ihm, auer manchen Andern, sehr lieb mache, seine
jetzige Stellung angenommen zu haben. Er wunderte sich, da Thalberg,
der von seiner Familie fr den Staatsdienst bestimmt worden und die
ersten Schritte dazu mit Neigung gethan hatte, sich pltzlich aus der
Carrire zurckgezogen habe, und fragte ihn, was ihn dazu bewogen htte.

Vor allen Dingen, entgegnete dieser, der Wunsch nach Unabhngigkeit. Man
kann im Grunde den Staatsdienst doch nur von zwei Gesichtspunkten
aus betrachten; einmal, als ein Mittel zu ehrenvoller, segensreicher
Wirksamkeit, oder als Mittel zum Erwerb. Von beiden Seiten aber bot er
mir keine Befriedigung.

Und ich htte grade geglaubt, da der Wunsch nach Wirksamkeit in der
Administration, der Sie sich gewidmet hatten, volle Genge finden msse,
sagte Meining.

Nicht im Geringsten, Herr Geheimrath! der Dienst bei der Verwaltung ist
ein reines Maschinenwesen, und die niedern Beamten gleichen einer Uhr,
die gehen mu, wenn sie aufgezogen wird. Glcklich genug, wenn der
Uhrmacher sein Fach versteht und die Rder nicht zum Gehen zwingen will,
nachdem er die Feder zerbrochen.

Mich dnkt aber, da es in Preuen an einsichtsvollen Dirigenten nicht
fehle; dafr brgt das allgemeine Fortschreiten des Staates. Wenigstens
knnen Sie nicht leugnen, da berall der beste Wille vorhanden ist!
fuhr Meining fort.

Das leugne ich auch nicht! entgegnete Thalberg. Die Frage fr den
Staatsdiener, der sich nicht zur Maschine hergeben will, ist nur die,
ob seine Ansichten von Menschenglck, von Fortschritt mit denen
bereinstimmen, die ihm zu verbreiten befohlen werden. Das war nun
leider mein Fall nicht. Ich sah und erkannte manches Gute, das gefrdert
wurde; aber mir blieb das drckende Gefhl von Unvollstndigkeit, das
ich bei der polnischen Revolution empfand, in der die Edelleute um und
fr eine Freiheit kmpften, die sie ihren Bauern, die leibeigen blieben,
vorenthielten. Diese Halbheit machte mir meinen Beruf unertrglich, weil
ich fr Halbheiten nicht mein ganzes Wirken opfern wollte.

Und so sind auch Sie, ein geborner Preue, ein Gegner Ihrer Regierung?
fragte der Geheimrath.

Durchaus nicht! war die Antwort. Ich habe jedesmal, wenn ich nach
lngerer Abwesenheit in mein Vaterland zurckkehrte, mich geborgen
gefhlt und zufrieden; ich bin stolz auf manche unserer Institutionen,
die eine herrliche Basis fr die demokratische und constitutionelle
Erziehung des Volkes geben; ich meine unsere Landwehr und die
Stdteverwaltung, von denen namentlich die erstere so tief in das Leben
des Volkes gedrungen ist, da keine Gewalt sie vernichten knnte. Aber
da sie nun auf halbem Wege stehen bleiben, da man sich einbildet,
stillstehen zu knnen und zu drfen; das ist es, was ich tadle und
wogegen wir kmpfen mssen. Der einzelne Beamte, wenn er nicht auf der
ersten Stelle steht, vermag dies nicht, wol aber der unabhngige Mann.
Nach einer der ersten Stellen im Staatsdienst zu ringen, fhlte
ich keine Neigung, weil man sie, glcklichsten Falls, doch oft erst
erreicht, wenn man mde vom Wege und Kampfe ist; -- um den unbedeutenden
Gelderwerb war es mir in meinen Verhltnissen nicht zu thun, und ich
dachte bereits lange meine Entlassung zu fordern, als mir unerwartet der
groe Gterbesitz meines Onkels zufiel. Das entschied meinen Entschlu,
der mich keinen Augenblick gereut hat.

Wenn aber alle guten Kpfe so dchten wie Sie, Herr Thalberg, und sich
im Unmuth zurckziehen wollten, so wrde diese Art von Patriotismus der
guten Sache keinen Vortheil bringen, wandte Meining fast tadelnd ein. Es
scheint mir, als ob Die, denen es Ernst darum ist, sich selbst und ihre
Neigung opfern mten, um die stillstehende Staatsmaschine, wie Sie
dieselbe nennen, wieder in Gang zu bringen.

Und thun wir das nicht? rief Thalberg. Die schwerfllige Staatsmaschine
hat an einem Hgel, der ihr ein gewaltiges Hinderni ist, Halt gemacht
und kann nicht vorwrts. Sie mit Gewalt darber fortzuziehen, wre
Thorheit -- aber wir tragen den Hgel ab, soda sie leicht darber
fortrollen kann. Ich ehre unser Knigshaus und vor Allem den redlichen,
durchaus achtungswerthen Willen unsers alten Knigs; ich glaube, er hat
die freisinnigsten, ehrlichsten Absichten; -- aber er hlt die Zeit
noch nicht geeignet zu ihrer Ausfhrung, das Volk nicht reif dazu. Eine
Revolution, die immer demoralisirend wirkt, wrde Viel, wenn nicht Alles
verderben; darum mu man nur schnell dazu thun, die Zeit herbeizufhren
und dem Volke die reife Gesinnung zu geben, bei der es nicht nur mglich
wird, ihm die verheienen Freiheiten zu gewhren, sondern unmglich,
sie ihm vorzuenthalten. Von uns, den Gutsbesitzern, den Bauern, den
Gewerbtreibenden, mu und wird die neue Zeit beginnen -- nicht von der
Aristokratie oder von der Intelligenz. Und ich hoffe, diese Erkenntni
und dieser Wille sind vorherrschend unter uns und werden ruhig und
sicher zum Ziele fhren, da wir nicht zerstren wollen, um neu zu
bauen -- sondern nur schon Vorhandenes, Gegrndetes ausbauen, nach den
Bedrfnissen unserer Zeit.

So bewegte sich das Gesprch eine Weile fort. Die ganze kleine
Gesellschaft nahm allmlig Theil daran; selbst die Damen mischten
hin und her eine Bemerkung ein, und es fiel Frau von Stein auf, da
Clementine stiller als gewhnlich war. Auf ihr Befragen entgegnete
Clementine, da ihr mit dem Wiedersehen von Thalberg das Andenken an
ihre Jugend, an Entfernte und Gestorbene erwache und sie bewege, und
bat, man mge es ihr zu gut halten. Aber auch Meining, der bisher auf
das Eifrigste mit Thalberg gesprochen, sagte, als man sich vom Tische
erhob: Aber sage mir in aller Welt, liebste Clementine! was hast Du
heute? Herr Thalberg mu glauben, Du habest das Sprechen verschworen --
oder wrest Du unwohl? Deine Hand ist in der That sehr kalt.

Keines von Beidem! lieber Meining, antwortete sie, Du weit ja, da ich
manchmal meine stillen Tage habe, und auerdem war mir die Unterhaltung
so interessant, da ich lieber hren als sprechen mochte und gern noch
lnger zugehrt htte.

Nun, das soll Dir werden, mein Kind! Ich habe Herrn Thalberg eben
gebeten, morgen den Abend bei uns allein zuzubringen, und ich denke, er
schlgt es uns nicht ab, sagte Meining.

Im Gegentheil, gndige Frau! ich wrde es mit Freuden annehmen, wenn ich
nicht frchten darf zu stren....

Sie werden uns sehr willkommen sein, entgegnete endlich Clementine. Wir
bewohnen wieder das Haus meiner verstorbenen Eltern, und ich werde mich
freuen, Sie dort zu sehen.

Nach einer Weile trennte sich die Gesellschaft. Meining fuhr gegen seine
Gewohnheit gleich mit nach Hause und drang nochmals in seine Frau, ihm
den Grund ihrer auffallenden Zerstreutheit und Theilnahmlosigkeit zu
sagen. Sie entschuldigte sich wie gegen Frau von Stein und Meining lie
es ebenfalls gelten. Einen Augenblick hatte Clementine geschwankt, ob
sie nicht Meining sagen solle: es ist Robert, mein Robert, nimm die
Einladung fr morgen zurck -- dann aber fiel ihr die Unterredung ein,
die sie einst mit Meining in dieser Beziehung gehabt. Sie bedachte, da
Thalberg nur wenige Tage in Berlin bleiben, da sie ihn, auer morgen
Abend, wahrscheinlich gar nicht mehr sehen werde; sie beschftigte
sich, um sich zu zerstreuen, den Rest des Abends mit tausend Dingen,
die Meining angenehm sein konnten, und erhielt sich dadurch in einer Art
Heiterkeit, die ihren Mann ganz ruhig ber sie machte.

Sie aber entschlief mit dem traurigen Bewutsein, ihren Mann absichtlich
getuscht zu haben, und Robert's Bild, seine Anwesenheit waren ihr
letzter Gedanke.




Achtes Kapitel.


Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld.

  _Berlin_, d. 5. Dezember 1839.

Seit vier Tagen bin ich hier, habe meine kleine Angelegenheit mit
den Behrden arrangirt und die wenigen alten Bekannten, die ich noch
gefunden, wieder einmal begrt. Es ist ein Unrecht von Dir, da
Du Deine langweilige Garnison nicht verlt und die 20 Meilen
herberfhrst, damit wir in Berlin, dem Schauplatz unsrer raschen
Jugend, endlich noch einmal ein paar Tage zusammenleben. Mir ist hier
Vieles fremd geworden in den drei Jahren meiner Abwesenheit, und ich
knnte ganz ernsthafte Betrachtungen machen ber das Leben und die
Vergnglichkeit und Eile desselben, wenn ich sehe, wie eine ganze
Generation, die ich frher gekannt, bereits gestorben, und eine neue,
junge Welt herangewachsen, die mir fremd ist. Schade nur, da diese
Bemerkung, in der so viel Schmerzliches liegt, fr Alle eben so alt,
als fr den Einzelnen immer neu ist. Fr mich liegt darin jedesmal
die dringende Aufforderung, das Leben intensiv so schnell und viel zu
genieen, als ich es vermag, und Andern zu ntzen, so gut es geht.

Augenblicklich unterhlt mich das Stadtleben wieder vortrefflich, und
doch wei ich, da ich mich nach wenig Tagen zurcksehnen werde nach
meinem lieben Hochberg, da mir die =beau monde= fade, die Stadt eng
vorkommen wird, und da ich mit doppelter Lust zu meinen wintergrnen
Wldern, zu meinen gefrornen Seen zurckeilen werde. Auch habe ich, fr
den Fall, da diese Lust mich pltzlich anwandelt, meine Einrichtungen
getroffen. Die Bcher, Karten und Kupferstiche, die ich hier zu kaufen
dachte, sind, wie die Flinten und die brigen Dinge, besorgt, und
ich glaube fast, lnger als acht Tage halte ich es nicht aus, mich zu
amsiren. Es sei denn, Du trfest whrenddessen hier ein.

Denke Dir, welch sonderbares =rencontre= ich hier gehabt! Du erinnerst
Dich wol der schnen Clementine Frei, der ich Dich zuerst auf einem
Brhl'schen Balle vorstellte, und der Du bald, wie wir Alle, die Cour
machtest, bis Du zufllig bemerktest, da mich ein lebhafteres Interesse
an sie fesselte. Damals war ich fest entschlossen, sie zu der Meinen
zu machen, denn ich liebte sie oder glaubte es wenigstens, und unsre
Verbindung war eine zwischen uns und den beiden Familien stillschweigend
abgemachte Sache. Wie das aber manchmal geht, Zeit, Entfernung und neue
Eindrcke verdrngten ihr Bild aus meiner Seele und -- doch Du kennst
die Vergangenheit mit ihren strmischen Erinnerungen, die zwischen
meinem Damals und Jetzt liegt. Genug also! ich habe Clementine
unerwartet als Geheimrthin von Meining wieder gesehen und sie sehr
verndert gefunden. Es ist, so scheint mir, nur noch die Spur von ihrer
Schnheit vorhanden. Sie sieht leidend aus und lter, als sie ist; eine
wehmthige Ruhe, ein melancholischer Ausdruck der Augen, der durch die
lieblichen Zge um den Mund nicht gemildert wird, lassen mich vermuthen,
da sie viel gelitten hat. Ihr Mann ist bedeutend lter, fast ein Greis.
Er ist offenbar sehr eitel und stolz auf die Frau, die hier wieder sehr
=en vogue= ist; brigens ein angenehmer, geistreicher Mann, der mich fr
den heutigen Abend eingeladen hat. Mein Name und ich waren ihm fremd --
wie ich Clementine kannte, wundert mich das eigentlich.

Ich schreibe Dir nur so flchtig, weil ich bestimmt voraussetze, Dich
hier wiederzusehen. La mich bald von Dir hren, damit ich meinen
Aufenthalt danach einrichte.


Derselbe an denselben.

  Den 8. Dezember.

Also bleibst Du wirklich Deinem Vorsatze treu, alter Freund! und wir
sehen uns erst wieder, wenn die Entenjagd Dich, Du Nimrod, nach Hochberg
fhrt? Es ist eine Thorheit, da Du jetzt nicht kommst; aber lange nicht
so thricht, als Dein Vorschlag, da ich lnger in Berlin bleiben und
mir unter den Tchtern des Landes eine Burgfrau fr Schlo Hochberg
suchen solle. Ich denke, ber _den_ Punkt kennst Du meine Gesinnungen.
Nach den Tuschungen, die ich erfahren, nach jener rasenden
Leidenschaft, mit der ich an Caroline hing, und die verrathen ward fr
einen Laffen, bin ich mit der Liebe fr immer fertig, und eine bloe
Haushlterin -- dazu bedarf ich keiner Frau, die ich behalten mu, wenn
sich der geliebte, sentimentale Engel in eine exigeante, launenhafte
Hausfrau verwandelt hat. Mit aller Weisheit lernt man seine Braut erst
kennen, wenn sie zur Frau geworden ist; und mgen dann die Charaktere
noch so elend zusammenpassen, man ist an einander gefesselt und schleppt
die hemmende Last mit sich, wie der Gefangene die Kette. Ich kenne das!
-- und berlege Dir selbst, wie viele von unsern frheren Bekannten
glcklich oder innerlich gefrdert worden sind durch die Ehe, die ich
brigens nicht angreifen will. Sie pat nur nicht fr Jeden, und ich
glaube, ich wrde mich jetzt darin ausnehmen, als wenn ich mir die
Kleider anzge, die ich zu meinem Confirmationstage trug. Htte ich zu
26 Jahren geheirathet, ich wre nun vielleicht ein solider Hausvater,
der seinen Kohl baut, die Frau Gemahlin Sonntags zur Kirche fhrt und
die Jungen buchstabiren lehrt. Jetzt mchte das nicht mehr angehen. Nimm
selbst den Fall, ich fnde ein Weib, wie ich es wnschen mte, das Wort
und Probe hielte -- wo wre die Gewiheit, da ich fr sie pate? In der
Ehe wird gar zu oft nur Einer von den Gatten glcklich -- das scheint
mir auch bei Meining und der Frau der Fall zu sein, bei denen ich
neulich einen Abend zubrachte. Er ist durchaus zufrieden -- ob sie es
ist? Ich zweifle. Auch ist sie in Wahrheit zu jung fr den Mann, den
Jeder fr ihren Vater halten mu. Sie kann wirklich noch hbsch sein,
gradezu hbsch; obgleich sie mir, als ich sie zuerst wiedersah, gewaltig
verndert schien, finde ich mich jetzt in den bekannten Zgen zurck,
erfreue mich an dem feinen Ausdruck ihres Gesichts und namentlich an
ihrer schnen Farbe, wenn sie lebhaft spricht. Es ist nicht jenes plumpe
Roth, das heies Blut und die Sinne in die Wangen treiben, sondern
der lichte, zarte Wiederschein einer glhenden Seele und ganz etwas
Eigenthmliches an ihr. Sie ist berhaupt eine interessante Frau.

Heute Abend noch einen Ball bei Klenke, morgen ein paar Besuche, und
dann geht's bald nach Hochberg zurck.


Der Hauptmann Feld an Robert Thalberg.

  d. 11. Dezember.

Ich kenne Dich zu lange, um nicht zu wissen, da ich diesen Brief in
Gottes Namen nach Berlin richten kann, und da er Dich dort finden wird.
Fhrst Du nicht wirklich sehr bald ab, liebster Thalberg, so bleibst
Du lange dort, und willst Du wissen, was Dich festhalten wird? Die
Geheimrthin von Meining. Ich habe immer die Ueberzeugung gehabt,
da Dir Clementine Frei mehr war, als Du nachher in Deiner Sturm-
und Drangperiode selbst glaubtest; wo Du von Freundschaft, herzlicher
Anerkennung und allem Teufelszeug fabeltest, whrend eine ganz gesunde,
innige Liebe Dir im Herzen sa -- bis jene unglckselige, aber doch
gttlich schne Caroline wie ein zerstrender Komet an Deinem Horizonte
erschien und Dich in ihren Weltfahrten und Wirbeln mit fortri. Es war
eine tolle Zeit. Du bist brigens mit den Weibern gar nicht so fertig,
als Du glaubst, und wenn Du nicht bald eine vernnftige Frau nimmst,
stehe ich fr Nichts. Sei gescheut und mache aus Gromuth und Reue, aus
herzlicher Anerkennung und Freundschaft, keine dummen Streiche.

Das ist ein ehrlich Soldatenwort -- kurz und bndig, wie ich es liebe.


Aus Clementinens Papieren.

D. 6. Dezember. Gott sei Dank! Der Abend ist vorber. Der Mensch kann
doch gewaltig viel ber sich gewinnen. Nach dem Eindruck, nach
dem Entzcken und der namenlosen Angst, mit der ich Robert gestern
wiedersah, htte ich es nicht fr mglich gehalten, den heutigen Abend
so ruhig mit ihm verleben zu knnen. Wie schlug mir das Herz, als er
in unser Wohnzimmer trat, als ich ihn hier erblickte, wo ich einst an
seinem Herzen die bittersten Thrnen des Abschiedes weinte und doch
einen Himmel von Hoffnungen in der Brust hatte. Auch ihn schien es zu
bewegen, als er in die alte, bekannte Wohnung trat, die ihm doch fremd
geworden sein mu, in den neuen Anordnungen, wie ich selbst es ihm bin.
Seine Stimme klang unglaublich weich und mild, es lag die Vershnung
einer langen Vergangenheit darin -- oder trog mich mein Wunsch? Er ist
noch ganz der Alte, der seltene Mann, der er mir immer war; auch Meining
scheint ihn besonders anziehend zu finden und hat ihn dringend zur
Wiederkehr geladen, die ich aber nicht wnsche, weil sie mir den grten
Zwang auferlegt. Es ist so schwer, gegen Jemand den gleichgltigen Ton
der Gesellschaft zu finden, der uns einst so nahe stand, und dessen
Stimme des Echo in unsrer Seele erweckt. Aber was man ernstlich will,
mu man erreichen knnen; auch fhrt Thalberg ja in den nchsten Tagen
fort, und Alles bleibt wie es war. Er mu viel gedacht und erlebt haben,
es klingt so Vieles aus seinen Reden hervor, was er nicht ausspricht
und was ich dennoch hre und verstehe. Wenn ich nur nicht innerlich so
aufgeregt wre; ich fiebre und bebe unaufhrlich: so ein Frauenkrper
ist ein gar gebrechlich Ding. Ich wollte doch, Robert wre schon fort.

D. 8. Dezember. Es ist fast zwei Uhr in der Nacht; ich komme eben
von Mariannens Ball zurck, und ich glaube, ich gerathe wieder in die
Kindheit, so munter und frisch bin ich. An Schlaf ist noch gar nicht zu
denken. Das macht aber das erste, klare Winterwetter, das auf mich immer
einen belebenden Einflu gebt hat -- sogar schreibelustig bin ich; habe
ich doch vorgestern und heute meinen alten Vertrauten, das Tagebuch,
vorgenommen, das mir seit Jahren fremd geworden ist. Meining sagt aber
auch, Mariannens Fest sei ganz reizend gewesen, und ich mchte es mir
zum Mastab fr unsern Ball nehmen. Das Leben in diesen Kreisen ist
eigentlich doch interessanter, als es mir seit lange schien; und heute,
wo ich alle jungen Frauen meiner Bekanntschaft tanzen sah, hat es mir
fast leid gethan, da ich es seit meiner Verheirathung aufgegeben habe.
Robert Thalberg bat mich dringend, nur einmal zu walzen; er tanze sonst
auch nicht mehr, wir mten zusammen eine Ausnahme machen; ich mochte
aber nicht. Als ich mich entschlo, Meining's Frau zu werden, habe ich
durch die Verbindung mit einem so viel ltern Manne dergleichen Genssen
entsagt, inde habe ich das nie bereut. Marianne fragte mich heute, als
ich, whrend die Andern tanzten, hinter Meining's Stuhl stehend, dem
Whist zusah und Thalberg neben mir war, ob wir nicht sehr glcklich
wren, einander wieder zu sehen? Wir mten doch alte Bekannte und
Jugendfreunde sein. Robert antwortete: Ich bin es gewi und wnsche nur,
da Frau von Meining mich nicht ungern wieder gesehen hat. Darauf kam
Klenke und rief lachend: Ach! lieber Thalberg! keine Frau sieht einen
alten Anbeter ungern wieder, so lange sie jung und schn ist; und von
der Seite ist Frau von Meining sicher ohne Sorgen. Mir war die ganze
Unterhaltung hchst zuwider, ich schmte mich und frchtete, mein Mann
knne es hren; der war aber so sehr in sein Spiel vertieft, da er
nicht auf das Geschwtz merkte. Endlich ging ich zu den alten Damen ins
Nebenzimmer, aber auch dahin kam mir Marianne neckend nach; lachte,
that geheimnisvoll und sagte: Also den Hof hast Du Dir doch auch
machen lassen, =ma belle=! und der galante Thalberg hat das noch nicht
vergessen. Denn als ich ihn heute Etwas ins Gebet nahm, gestand er, er
halte Dich fr eine hchst interessante und schne Frau. Und darin hat
er so unrecht nicht; denn heute, wo Du einmal trotz Deiner Einfachheit
=in full dress= bist, siehst Du wirklich so =lady like=, so distinguirt
aus, da es jeder Einzelne bemerkt. Du hast immer ein gewisses =je ne
sais quoi=, das man fhlt und sieht, aber nicht nachmachen kann -- heute
inde bist Du ganz reizend! -- Ah! da kommt wieder der schne Thalberg
-- ich will nicht stren, =car l'on revient toujours  ses premiers
amours=, nicht wahr Herr Thalberg? -- und damit ging sie fort. Ich
war in der peinlichsten Verlegenheit, nahm mich aber zusammen, und wir
sprachen noch einen Moment ber Marianne und ihre leichtfertige Weise,
welche ihre trefflichen Eigenschaften oft ganz ungeniebar macht.
Thalberg meinte, sie gliche frappant einem Kupferstiche, den er in
diesen Tagen gekauft, und den er mir morgen zur Ansicht schicken wolle.
Dann hatte Meining grade seine Partie beendet, und wir fuhren nach
Hause, als man zum =souper= ging.




Neuntes Kapitel.


Am nchsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in
den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete.
Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, da er den Kupferstich
selbst bringe; er habe sich aber das Vergngen, sie zu sehen, nicht
versagen knnen. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten
und bte um die Erlaubni, sie zu ihrem Wagen fhren zu drfen.
So geschah es. Whrend sie die Treppe hinunterstiegen, berlegte
Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern htte sie
augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und
Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht berwinden. Was wrde
aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzhlte, wie flchtig sie
Thalberg abgefertigt htte, und was wrde dieser selbst von ihr denken?
So entschlo sie sich, ihn fr den Abend einzuladen, und Thalberg sagte
freudig zu.

Am Mittage erzhlte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer
Einladung, der sich derselben freute und hinzufgte, er habe den Obrist
B. und den Maler R., die er zufllig gesprochen, zu einer Partie bei
sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mut Deinen
Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.

So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten,
Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fhlte
eine mdchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjhriger Trennung, zum
erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mute,
allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glcklicher
Unbefangenheit und im Gefhl der wrmsten Liebe sich begegnet waren!
Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge
Thalberg's nicht, dessen Blicke glhend auf ihr ruhten; denn auch er war
von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein
rechtes Gesprch in den Gang kommen, und Thalberg bltterte in halber
Zerstreutheit in einem Buche, das zufllig auf dem Sopha lag. Es war
das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die
Unterhaltung wandte.

Lieben Sie Heine noch so als frher? fragte Robert, ich wei, da Sie
von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr
entzckt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe
fort.

Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, da
mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefhlte in den Liedern, die ich
damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Da der Schmerz
ber eine verschmhte Liebe, dessen er sich schmt, sich in wilder
Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als
ergreifend -- da er aber spter Nichts mehr schont, selbst nicht diese
Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.

Ja freilich, = l'usage de la jeunesse= ist er nicht geschrieben!
bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund
sichtbar. Aber wten Sie, meine gndige Frau, wie gewaltsam uns Mnner
das Leben enttuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten
Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreit;
wie es uns Alles raubt, Glck, Poesie und Glaube -- Sie wrden Heine
vielleicht anders beurtheilen.

Vielleicht! antwortete sie, ich mte den Dichter beklagen, der so sehr
an sich und der Menschheit irre werden konnte, da er die Leidenschaft
nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschnheit lngst zum Raube
geworden ist und dem reinen Gefhl einen Schauder des Entsetzens
einflt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schliee, mu Heine's
Zerrissenheit....

Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das
klingt sehr gro, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? -- etwa die
Leute, die in enger, dumpfer Beschrnkung zwischen denselben vier
Pfhlen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel
an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Snde empfinden?
Die Leute, die den heiesten Wunsch des Herzens, das einzige Glck ihres
Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, brgerliches Gesetz
anstt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben
Sie mir, gndige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Krper und
Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet,
doppelt in seinen Wnschen und Bedrfnissen, auf der Erde ohne das
ersehnte Glck, fr den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung --
wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreien lt, wer
sich nicht blutig stt an den Barrieren und Hecken brgerlicher und
gttlicher Gesetze -- der ist kein Mensch, der mte ein Gott sein.

Robert war, whrend er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine
sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie
so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth
folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen
Augenblicken hatte sich frher oft ihr Einflu auf sein Gemth geltend
gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes
Denken versunken war: Nun wohl denn mir, da ich kein Mann bin, da mich
das Leben nicht so hart enttuscht hat, und da mir mein bestimmter Weg
vorgezeichnet ist.

Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?

O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer,
scherzte Clementine, um ihn von dem Gesprch abzuleiten.

Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege
abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?

Niemals! -- als Kind htte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht
gethan; spter htte ich mich vor meinen Gefhrten geschmt, und dann
ist mir das eigne Gefhl ein guter Compa geworden, dessen Nadel mir
immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.

Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft,
in dem das heie Blut erstarrt. Aber Sie erwhnten Ihrer Tante, sagte er
pltzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?

Damit war die Unterhaltung ber Heine beendet und ging zu gleichgltigen
Dingen ber, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes
bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hrten die Herren
zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach whrend der Mahlzeit unter
Anderm auch bald wieder ber die politischen Ereignisse des Tages.
Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte
sich heute, da Clementine, die in frher Jugend, als seine gelehrige
Schlerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der
konservativen Richtung geneigt schien. Mich dnkt, sagte er, Sie htten
einst mit viel grerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit
gehuldigt, und ich htte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns
eine neue Aera zu verknden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne
abwendig gemacht?

Und wer sagt Ihnen denn, da mich die groe Idee der Freiheit nicht
noch eben so erwrmt, da ich den Enthusiasmus der Mnner dafr nicht
begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch fr uns
Frauen sei die Freiheit, nach der die Mnner streben, ebenfalls ein
unerlliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen fr Freiheit zu
schwrmen und ber Politik zu sprechen -- und nur von _dem_ Glauben bin
ich zurckgekommen.

Sehr mit Unrecht, gndige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die
Frauen, die uns im Leben das hchste Glck gewhren, nicht auch mit
uns Theil haben an den hchsten Schtzen, nach denen wir streben.
Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mdchen von
Saragossa angehrten, nicht eben so lebhaft den Sinn fr Freiheit und
Vaterland haben als wir?

Fr ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar
keinen Sinn und knnen ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft
der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich wrde es
gewi meiner Frau, falls sie eine Franzsin oder Englnderin wre, sehr
verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche wrde;
und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur fr
allgemeine Weltfreiheit Interesse haben knnen, fgte er lchelnd hinzu.

Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gndige Frau!
fragte sie der Obrist.

Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, da ich die demagogischen und
liberalen Gesinnungen der Mnner vollkommen begreife und achte, da ich
selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen
sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewhnt, uns in die Menge
zu verlieren; wir stehen abgesondert fr uns und lassen uns von den
Mnnern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom
zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir
den Knig unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr =un
et indivisible= ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.

Alle lachten, und Meining sagte: Das sind auch die besten Grundstze fr
Euch, denn Politik und Liberalismus kleiden die Damen nicht. Ich kannte
selbst eine geistreiche Frau, die treue Freundin eines Mannes, der
Deutschland die Freiheit predigte, bis sie ihn auf dem Montmartre
begruben -- und so angenehm ich sie sonst immer fand, so unertrglich
schien sie mir, wenn sie jene Ideen von Freiheit aussprach, die im Munde
ihres Freundes gro und prophetisch geklungen hatten.

Darin stimme ich Ihnen bei, Herr Geheimrath! fuhr Thalberg fort, und ich
glaube auch, da die wahre Stellung des Weibes eine abhngige sein mu.
Ich wnsche nur, da sie von dem freien Manne abhnge, der in ihr den
Menschen achtet. Unsre Liebe ist ihre Freiheit, die ihnen allen Schutz
und alle Rechte zuerkennt, deren sie bedrfen. Sie mssen mit uns den
Gedanken der Freiheit theilen, ohne sie selbst zu begehren, weil fr sie
dieselbe ein Unding ist.

Im Ganzen, bemerkte der Maler, als Clementine ihre volle Zustimmung zu
Thalberg's Aeuerung gab, werden nicht alle Damen dieser Meinung sein;
denn, wenn sie auch die =femme libre= der St. Simonisten emprend
finden, so lieen sie sich doch nur zu gern ein bischen emancipiren,
und ich fr meinen Theil wollte Nichts dagegen haben, wenn mir einige
so recht schne junge Mdchen als Collegen oder Schler in mein Atelier
geschickt wrden.

Wenn es so weit ist, meinte Meining, lasse ich mir meine Frau zum
Assistenten ernennen!

Und glaubst Du, Lieber, da ich dazu nicht vortrefflich wre? Glaubst
Du, wenn man mich von Jugend auf in all' den Wissenschaften unterrichtet
htte, mit denen man die jungen Leute so frh bekannt macht, ich htte
das nicht auch erlernen knnen? fragte Clementine.

Im Gegentheil; ich bin berzeugt, Du wrest der niedlichste Professor
im Mousselinkleide geworden und wrdest die interessantesten Vortrge
gehalten haben. In Fllen, in denen psychische Leiden der Krankheit
zum Grunde liegen, wrde so ein feiner, weiblicher Medikus mit seiner
liebenswrdigen Neugier vielleicht schneller die Quelle des Uebels
errathen, als wir Mnner; denn eine gewisse Art von Penetration besitzen
die Frauen gewi in hherm Grade als wir, ich meine den Scharfsinn des
Herzens, der wirklich sehr gro bei ihnen ist.

Nun denn in Gottes Namen losmarschirt auf die Emancipation der Frauen,
sagte der alte Obrist, nur in mein Regiment kommen Sie nicht. Ich kann
weder die Kanonen abschaffen, deren Donner Ihnen so sehr zuwider ist,
noch die Pferde, vor denen Sie sich frchten, und auch mein Adjutant
wird bei aller Verehrung fr Sie seine Hunde nicht entbehren wollen, die
Ihnen ebenfalls Angst verursachen.

Sind Sie denn wirklich so furchtsam, fragte der Maler, ihre Zge und
Augen drcken Nichts davon aus.

O da kennen Sie meine Frau nicht, rief Meining. Sie nimmt es im Geiste
mit Himmel und Erde auf; in der Wirklichkeit aber flt fast jedes Thier
ihr eine ganz solide Angst ein, und wenn vollends der liebe Gott uns ein
ordentliches Gewitter schickt, fhrt er mir damit jedesmal meine Frau
ins Zimmer, die, glaube ich, viel lieber auf Emancipation verzichtet,
ehe sie whrend eines Gewitters allein bleibt. Aber um darauf
zurckzukommen! ich mchte wohl wissen, was Du, liebe Clementine! Dir
z.B. unter der Emancipation der Frauen gedacht hast.

Ich habe berhaupt nicht daran gedacht, antwortete sie, weil ich sie,
meinem ganzen Wesen nach, fr mich nie begehrenswerth fand. Emancipirt
wird das Weib, wie Herr Thalberg sehr wahr bemerkte, durch die Liebe und
in der Ehe. Da soll sie gleiche, oft schwerere Pflichten haben, als ihr
Mann; aber auch gleiches oder wenigstens hnliches Recht. Man soll sie
nicht gewaltsam niederhalten und ihr nicht unnthig Leid aufbrden, das
sie nicht tragen kann, ohne zu unterliegen. Unsre Freiheit liegt in uns;
wir mssen Herr sein ber uns selbst, sonst ber Niemand -- und so denke
ich, Alles, was die sogenannte Emancipation bezwecken knnte, wre, eine
Erziehung zu befrdern, die uns fr unsern Beruf tchtiger machte.

Also gleiches Recht vor Gericht und dergleichen schne Dinge begehren
Sie nicht? fragte der Obrist.

Das mag vielleicht in manchen Fllen von Nutzen sein, die ich so
augenblicklich nicht durchdenken kann -- es aber als Schutz gegen die
Seinen zu benutzen, gegen Brder, Vter oder Mann, das scheint mir ein
so schauderhaftes Recht, wie die Trennung einer Ehe, die, obgleich
ich eine gute Protestantin bin, in meinen Augen ein Sakrament und
unauflslich ist.

Und so verdammen Sie Jeden, wandte der Maler ein, der sich scheiden
lt, weil er vielleicht das Leben mit dem Gatten oder der Frau nicht
ertragen konnte? weil Laster und Verderbtheit des einen Theils oder auch
nur ganz verschiedene Gesinnungen ein Leben zur Hlle machten und ein
Glck untergruben, das in einer neuen Ehe auf das Schnste fr zwei
Menschen erblhen knnte?

Verdammen kann ich Niemand, sagte Clementine bewegt, nur das wei ich
bestimmt, da ich lieber sterben mchte, als mein Wort brechen, und
da ich die Mglichkeit, wie eine Frau zur zweiten Ehe schreiten knne,
durchaus nicht begreife.

Mit den Worten hob sie die Tafel auf. Meining kte sie, trotz der
Anwesenheit der Fremden, herzlich; sie machte sich aber eilig von seinem
Arme los und ging mit Thalberg, der zuletzt gar keinen Antheil an der
Unterhaltung genommen hatte, voran in den Salon, worauf die Gesellschaft
sich bald trennte.




Zehntes Kapitel.


Thalberg war allmlig ein tglicher Gast im Meining'schen Hause
geworden, da der Geheimrath ein lebhaftes Interesse in seinem Umgange
fand, und er selbst Alles hervorsuchte, was ihm einen Grund bot, seine
Besuche zu wiederholen. Clementine, ganz beherrscht von dem Zauber, den
er immer auf sie gebt, kmpfte unaufhrlich gegen eine Liebe, die nie
in ihr erloschen und in Thalberg's Brust leidenschaftlicher, als je,
erwacht war. So waren etwa 14 Tage vergangen, als Robert seinem Freunde
folgenden Brief schrieb.


Thalberg an den Hauptmann v.Feld.

  d. 18. Dezember.

Du hast wahr prophezeit, mein Freund, ich bin noch immer in Berlin und
bleibe wol auch noch einige Zeit hier. Was soll ich auch am Ende jetzt
in Hochberg beginnen? Ich sitze dort an den langen Winterabenden allein,
grble ber Gott und Menschen und reformire die Welt in Gedanken,
ohne da bis jetzt in der Wirklichkeit das Geringste gebessert wird.
Augenblicklich bin ich auf meinen Gtern gar nicht beschftigt; meine
Anordnungen fr die Realisirung meiner Zwecke sind getroffen und mssen
nun ruhig fortwachsen, ungestrt, um zu gedeihen. Meine Geschfte
besorgt mein Verwalter, auf den ich mich verlassen kann, und ich habe
ihm heute die nthigen Befehle zukommen lassen, mit der Weisung, da
ich die Weihnachtszeit, ja vielleicht den ganzen Winter hier zubringen
wrde, und da er mir mein Reitpferd und ein Paar Schlittenpferde
hersenden mge. Ich behalte mein Coupee, das ich zur Reise benutzte,
hier und habe gestern einen Schlitten gekauft, der Dir sehr gefallen
wrde.

Ich habe mir nun hier ein Quartier genommen, mich huslich eingerichtet,
die alten Verbindungen erneut und finde mich wieder einmal ganz heimisch
in Berlin. Die Abende, welche nicht durch bestimmte Einladungen besetzt
sind, bringe ich hufig bei Klenke oder bei Geheimrath Meining zu, wo
in kleinem Zirkel die Zeit auf das Angenehmste vergeht. Sehr viel trgt
dazu die Geheimrthin bei, die eine ganz charmante Frau ist, voller
Geist und Gefhl; anregend, wie keine Andre; dabei die angenehmste
Tournre und die wohlwollendste Hflichkeit, die bei ihr aus dem Herzen
kommt. Alles um sie her ist Grazie und weibliche Eleganz! Mich dnkt
oft, wenn ich ihren Hut oder ihren Handschuh liegen sehe, ich mte
ihn aus hundert andern als den ihren erkennen. Es ist ein Zauber von
Weiblichkeit und Reinheit in Allem, was zu ihr gehrt; und obgleich ihr
Haus ganz nach dem jetzigen Geschmack eingerichtet ist, sieht es doch
vollkommen anders aus, als bei den Uebrigen. Mir wenigstens wird schon
behaglich und heimisch, wenn ich im Vorzimmer den Duft von Reseda
bemerke, den sie sehr liebt und der ihre Zimmer erfllt. Wenn ich mir
denke, da diese noch junge Frau dem alten Manne gehrt, den sie doch
nur wie ihren Vater lieben kann, thut sie mir bitterleid; und ich
gestehe Dir, mir ist oft der Gedanke gekommen, ich htte ein Unrecht
gegen sie gut zu machen, und sie wre glcklicher gewesen, wenn sie mein
geworden wre. Fnde ich eine Frau, die ihr gliche, in deren Seele
ich so klar lesen knnte und die mich so vollkommen verstnde, als die
Geheimrthin, ich glaube, ich knnte mich noch entschlieen, mich zu
verheirathen. Das einsame Leben auf Hochberg hat doch etwas Trauriges,
das fange ich erst hier wieder zu fhlen an.

Du siehst, Dein guter Rath von neulich trgt vielleicht noch Frchte;
willst Du ihn aber wirksam untersttzen, so benutze die treffliche
Schlittenbahn, mich hier zu besuchen. Ich habe hinlnglich Platz fr uns
Beide.

  _Thalberg._


Derselbe an denselben.

  Am zweiten Weihnachtstage.

Ich kam gestern Abend zu Clementinen, um sie zu bitten, morgen bei einer
Schlittenpartie, die wir am Vormittage bei Frau von Stein verabredet
hatten, meine Dame zu sein. Es war etwa sechs Uhr. Der Diener, der mich
melden ging, sagte mir gleich, Herr Geheimrath htte auer dem Hause
gespeist, die gndige Frau sei allein, und er zweifle, da sie mich
annehmen wrde. Dabei that er so geheimnivoll, lchelte so pfiffig,
da ich neugierig wurde und ihm bis in den kleinen Salon folgte, der
nur noch durch Clementinens Wohnzimmer von ihrem Boudoir getrennt ist,
welches ich noch nicht kannte. Im Wohnzimmer brannte nur eine matte
Lampe, und da der Diener nicht ahnte, da ich ihm durch die dunkle
Zimmerreihe gefolgt war, lie er die Thre offen, soda ich den
reizendsten Anblick von der Welt hatte. Ich sah in ein hchst
zierliches, kleines Gemach, mit grner Seide tapeziert. Gegen das
Fenster hin brannte ein Weihnachtsbaum mit seinen bunten Lichtern, eine
Menge Spielzeug lag schon zerstreut umher, und ich hrte das jubelnde
Lachen von Kinderstimmen, ehe ich die Kleinen sah. Eine der kleinen
Stimmen rief grade: Aber Tante Clementine! Du bist die schnste und
grte Puppe, wenn Du nur still halten mchtest.

Endlich sah ich Clementine. Sie lag in einer grnen Couchette, die vor
dem Kamin stand, und hielt ein engelschnes, zweijhriges Mdchen in den
Armen. Zwei ltere Mdchen, etwa fnf- und siebenjhrig, waren um sie
beschftigt, das eine ihr das Haar aufzuflechten, das andere ihr eine
Masse von Corallen, die auf einem Tische vor ihnen lagen, umzubinden.
Es war ein wundervolles Bild! Clementine war schner, als ich sie je
im Leben gesehen habe. Das glnzende, rabenschwarze Haar hing in
aufgelsten Wellen herab, gemischt mit dicken Corallenschnren, von
denen ihr einige wie eine Binde ber der Stirne lagen. Die Kinder
hatten ihr die Aermel zurckgeschlagen, das Tuch abgebunden und sie
mit mancherlei Schmuck behngt, den sie ihnen zum Spiele gegeben hatte.
Hnde, Hals und Arme waren marmorklar in der Beleuchtung und das fein
gerthete Gesicht blendend schn in dem Ausdruck von Glck, das aus
ihren Augen strahlte.

Sie stand, als ich gemeldet wurde, rasch auf und gab dem Diener den
Befehl, mich in ihr Wohnzimmer zu fhren; sie wrde gleich bereit sein,
mich zu sehen. Die Thren wurden zugemacht, ich ging schnell von meinem
Lauscherposten zurck und wurde nach einigen Augenblicken in das Boudoir
gefhrt, das nun einen ganz andern Anblick darbot.

Die zerstreuten Spielsachen waren einigermaen geordnet, die beiden
grern Mdchen spielten seitwrts an dem Weihnachtsbaume, und nur das
kleinste sa bei Clementine auf einer Causseuse. Sie selbst hatte in
der Eile eine Haube aufgesetzt, sich in eine groe, schwarze Mantille
gewickelt und kam mir mit den Worten entgegen: Entschuldigen Sie mich,
Herr Thalberg! da ich Sie hier in der Unordnung empfange; ich habe
mir aber fr den heutigen Abend diese kleinen Gste geladen und mu nun
zusehen, da sie keinen Schaden bei den Lichtern nehmen. Sie hielt das
Kind, das sich ngstlich an sie schmiegte, auf dem Arme, whrend sie
stand; nthigte mich dann zum Sitzen und fragte nach meinem Begehr. Ich
war so entzckt ber die Scene, da ich eigentlich Nichts begehrte, als
sie anzusehen; die Schlittenfahrt hatte ich fast vergessen. Ich fragte,
wer die Kinder wren, und erfuhr, es wren die Tchter von Madame T...,
die hier im Hause wohne und die ihr die Kinder bisweilen berlasse. Es
sind meine Gste, fgte sie hinzu, wenn Meining nicht zu Hause ist,
dem sie zu viel Gerusch machen, und ich habe sie mir heute geladen, um
ihnen mit einem Weihnachtsbaume die Freude zu vergelten, die sie mir oft
machen. Jetzt im Winter, wo die Natur uns keine Blume bietet, sind
das meine lieben Pflnzchen, deren Wachsen und Gedeihen mich unsglich
freut. Sie glauben nicht, wie engelgut und gescheut solch ein
unverdorbenes Kind ist. Halb mit mir, halb mit den Kindern beschftigt,
sprach sie abwechselnd scherzend mit uns.

Ich htte ihr ewig zuhren mgen. Pltzlich merkten wir ein helleres
Aufflammen der Weihnachtslichter. Clementine, die sehr ngstlich besorgt
fr die Kinder schien, bat mich, die untern Lichter, an welche die
Kinder reichen knnten, auszulschen. Ich that es und nahm nun auch die
beiden grern Mdchen zu uns hin. Nun ging es an ein Plaudern: Tante!
wer ist der Herr? Ist das auch ein Onkel? Ja! Rschen, das ist der Onkel
Thalberg. Warum bist Du nicht immer hier, Onkel? Weil ich nicht immer
hier sein darf. Hast Du denn die Tante Clementine nicht lieb? O! sehr,
sehr lieb! rief ich hingerissen aus. Kannst Du uns denn leiden? fragte
die kleine Emma, unsre Wrterin sagt, der Onkel Geheimrath kann uns
nicht leiden, weil er schon so alt ist. Tante, unterbrach Rschen,
behalte lieber diesen Onkel hier und schicke den alten Onkel Meining
fort. Ja! Tante! thue das, dieser Onkel ist so schn und freundlich wie
Du, schicke den alten fort. Das Alles schwatzten die kleinen Dinger so
schnell durch einander, da man gar nicht Einhalt thun konnte.

Clementine wurde glhendroth und gleich darauf sehr bleich; Thrnen
traten ihr in die Augen, die sie mir verbergen wollte, indem sie sich
rasch zu Emma bckte und sagte: Schme Dich, den guten, lieben Onkel
Meining hast Du nicht lieb? Dann kann ich Dir auch nicht gut sein,
wenn Du meinen lieben Meining nicht magst, und Du darfst nicht mehr
herkommen, Du bses Kind! Ihre Stimme bebte, und ich sah, was sie litt
-- o! mein Gott! ich htte ihr dies Leiden mit meinem Leben vergelten
wollen; denn, was soll ich es Dir verbergen -- ich liebe Clementine.

Feld! wie spielt das Leben uns mit, und wie wenig verstehen wir unser
Glck. Diese Frau war mein, und ich konnte sie verschmhen; sie liebt
mich noch, und ich kann sie nicht besitzen. Ich habe ihr Leben zerstrt,
das fhle ich, und die Rache bleibt nicht aus; denn jetzt erst wei ich,
da ich Nichts mehr vom Leben zu erwarten habe. Wie war es mglich,
da ich diese Liebe verkannte? Sie ist das einzige, wahre Gefhl meines
Herzens gewesen, und ich selbst habe mich um das Glck gebracht; ihr und
mein Unglck habe ich selbst bereitet.

Um ihr nicht zu sagen, ich bete Dich an, um ihr nicht zu Fen zu
fallen, stand ich auf und brachte meine Schlittenfahrt in Vorschlag.
Clementine refsirte sie entschieden, da ihr Mann an dergleichen keinen
Theil nhme und sie, ohne ihn, solche Partien nicht mitmache. Ich bekam
einen Dank und empfahl mich -- ein unvergeliches Bild in der Seele. Es
ist mir lieb, da sie nicht mit mir fhrt; sie hat Recht, sie soll Alles
vermeiden, was sie dem Schatten eines Vorwurfs aussetzen knnte. Grade
weil ich sie anbete, will ich selbst ber sie wachen und fast knnte
ich wnschen, sie liebte mich nicht mehr, damit der reine Friede ihres
Herzens nicht getrbt werde -- und doch scheint mir das Leben nur
mglich in dem Bewutsein ihrer Liebe.

Da ich bleibe -- bedarf nun keiner Besttigung.

  _Thalberg._


Der Hauptmann v.Feld an Robert Thalberg.

  Den 27. Dezember.

Unsinniger, was fngst Du an? Wirst Du denn niemals Ruhe finden? Denkst
Du nicht mehr, da Du Caroline eben so hei geliebt, da sie Dir auch
das vollkommenste Weib geschienen? Rede mir nicht davon, da Du bleiben
willst; wenn Dir Clementinens Ruhe und Ehre werth sind, eile sie zu
verlassen, ehe es fr Euch Beide zu spt wird. Grade weil ich berzeugt
bin, da Clementine nie einen Andern liebte, als Dich, weil ich auch
glaube, da nur Vernunft und Pflicht sie an ihren Mann fesseln -- weil
ich ihre und Deine Leidenschaftlichkeit kenne und frchte, grade darum
mut Du fort.

Und was willst Du? Sie zwingen, noch unglcklicher zu werden, als sie es
vielleicht schon ist? Vielleicht war es nur ihr reines Bewutsein, das
sie bisher aufrecht erhielt, willst Du ihr das rauben? Willst Du die
Ehre ihres Mannes, der Dich gastlich aufgenommen, ihren huslichen
Frieden Deinen Wnschen opfern? Du wirst es thun, aber sage mir nie
mehr, da Du Clementine geliebt hast.

  Der Deinige v._Feld_.


Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld.

  Den 29. Dezember.

Deinen Brief habe ich erhalten, lieber Feld! Deine Vorwrfe vergebe ich
Dir, weil ich sie nicht verdiene. Clementine ist mir heilig wie
meine Ehre. Wie kannst Du aber Carolinens erwhnen, im Vergleich zu
Clementinen? Jetzt fhle ich es mehr als je, da nur Sinnlichkeit und
Verblendung mich an Caroline fesselten. Als ich sie zuerst sah, als der
entzckte, strmische Beifall des Publikums sie ber sich selbst erhob
und sie alle Leidenschaften, die das Herz der Orsina durchtoben, selbst
zu fhlen schien und nun dastand, ruhend in sich, abgeschlossen, fest
und gro, mitten in einer untergehenden Welt, erschien sie mir so
gewaltig, da es mich trieb, dies Weib kennen zu lernen. Ich fand in
ihr, was ich erwartet hatte, einen groen Charakter, ein glhendes
Herz, versunken im Strudel des Lebens. Stunden des leidenschaftlichsten
Entzckens hat sie mir gegeben. Liebe bedurfte sie nicht, flte
sie nicht ein. Ich war eitel darauf, _sie_ zu besitzen, die Alle
mir beneideten; ich freute mich ihrer und schwelgte wie sie in ihren
Triumphen. Wenn die Blicke der staunenden Menge trunken an ihr hingen
und ihr khnes Auge nur mich suchte; dann habe ich ein eigenthmliches
Glck empfunden. Es liegt ein groer Reiz in der Hingebung einer Frau,
die der Bhne, der Welt angehrt; sie regte meine Phantasie mchtig an,
meine Sinne waren in dem hchsten Aufruhr, ich war auer mir. Ich htte
sie und den Grafen ermorden knnen, als sie mit ihm entfloh -- ich htte
mit ihr die Welt durchziehen, mich mit ihr vernichten mgen; aber nie
ist es mir eingefallen, niemals, sie mir als meine Hausfrau zu denken,
wie Clementine mir ewig vor Augen steht. Wre Caroline mir treu gewesen,
ich htte vielleicht nie an Haus und Weib gedacht, sie htte mich
fortgerissen. An ihr unsttes Leben gekettet, htte ich mich ber mich
selbst, ber sie, ber Alles noch lange, wer wei, ob nicht fast
fr immer getuscht; denn sie war eine Titanennatur, der man schwer
widerstand. Nun aber! Httest Du Clementine, die schne Geliebte meiner
ersten Jugend, gesehen, wie ich, in der zchtigen Haube, die Kinder um
sie her und sie selbst ein frohes Kind mit ihnen: Du wrdest wie ich
keinen andern Gedanken haben, als sie. Wenn ich sie mir denke, als mein
Weib, mit meinem Kinde, in den Zimmern meines Schlosses -- ich wre der
seligste Mensch geworden. Ach! ich wollte unendlich glcklich sein oder
unendlich elend -- und jetzo bin ich elend.

Sie verlassen kann ich nicht; genug, da sie sich mir entzieht, so viel
sie kann, da ich sie fast nur in Gesellschaft sehe. Ich wei es ihr
Dank, da sie mich flieht; grade die reine, versagende, milde Frau liebe
ich in ihr. Ich bleibe hier; denn ich wei, sie und ich, wir haben
Beide keine Hoffnung auf Glck, als das, uns in flchtigen Momenten zu
begegnen, die abzukrzen ich nicht den Muth habe. Denke von mir, was Du
willst; ich bleibe.

  _Thalberg._




Elftes Kapitel.


Aus Clementinens Tagebuch.

Am zweiten Weihnachtsabend. Gott im Himmel! womit habe ich mein Loos
verschuldet? Wie wage ich es noch, Meining in das Auge zu sehen, mich
auf seinen Arm zu sttzen, whrend mein Herz Nichts mehr kennt, als
Robert und diese unglckselige Liebe? Ach, ich htte mich so gern
getuscht; ich wollte mich berreden, da ich ihn jetzt mit Ruhe
sehen, da er mir ein Freund werden, da er mein armes, einsames
Leben verschnen knne -- und ein Kind mit seiner Einfalt mu mir die
Falscheit meines Herzens aufdecken. Arme, kleine Emma! was kannst Du
dafr?

Ich wollte ihn nicht mehr sehen; aber wie soll ich das machen, ohne
Meining's Aufmerksamkeit zu erregen? So mu ich ihm tglich begegnen,
mich verstellen, lgen und kalt scheinen, whrend die heieste Liebe
mich zu ihm zieht, whrend ich fhle, wie er mich liebt. Ach, nun ist
es zu spt, Alles vorbei fr mich, und mir bleibt keine Wahl, als
fortzuschreiten auf dem Wege des Trugs, damit Meining wenigstens seine
Ruhe erhalten werde und Robert nicht wisse, wie ich ihn liebe, wie ich
meine Pflicht verletze. Ein Weib, die Frau eines so edlen Mannes, die
einen Andern liebt! Wer mir das je als mglich vorgestellt htte! -- und
wie soll es enden.

Den 28. Dezember. Der Wind tobt durch die Straen und peitscht den
Schnee vor sich her. Es ist so todt und kalt in der Luft; auch mir ist
es frstelnd und bang. Meining ist nicht zu Hause; ich wollte, er kme
zurck und bliebe bei mir -- denn ich frchte mich allein, vor mir
selbst. Ich wollte lesen und vermochte es nicht; die Kinder, die ich
holen lie, sprachen von Onkel Thalberg, von dem mein Herz laut genug
spricht. Dann wollte ich mich zerstreuen und sah auf die Strae hinaus;
eine arme Frau ging vorber, starr und weinend vor Klte; ich lie sie
hereinholen, wrmen, speisen und kleiden -- wohl ihr, da man ihr helfen
kann. Mir kann Niemand helfen!

Den 2. Januar. Mir trumte die ganze Nacht von Dir. Ich sa mit Dir und
den Kindern, und wir sahen aus den Fenstern auf das Meer, das auf- und
niederwogte, und Du wickeltest mein Haar zu Locken um Deine Hand, immer
neue bildend und die frhern zerstrend. Darauf erzhltest Du von Deinen
Reisen und Deinem Leben und sagtest: wir sind uns schon frher begegnet,
da haben wir uns geliebt, und Du liebst mich noch, Clementine. Nun fing
ich bitterlich an zu weinen. Du aber ktest mein Haar und fhrtest mich
hinab an's Meer. Schweigend und ruhend auf Deinem Arme, wandelte ich auf
und ab mit Dir, und Du zogst lange, weie Perlenschnre aus den Wellen
und schmcktest mein Haar, da mir die vollen Perlenreihen bis an das
Herz niederreichten. Da wurde mir entsetzlich bange, und ich sagte:
aber Perlen bedeuten ja Angst und Thrnen? und Du lcheltest trbe und
sprachst: erwartest Du es anders, Geliebte?

Ich wachte auf, in Thrnen gebadet. Gott selbst wollte mich warnen im
Traume. Was soll ich thun?


Clementine an Frau v.Alven.

  _Berlin_, d. 3. Januar 1840.

Glck auf zum neuen Jahre, meine gute Tante! und mge es uns nichts
Uebles bringen. Hast Du mich denn ganz vergessen, da auch kein Wort von
Dir mehr zu hren ist? Ich sprach noch gestern mit Meining davon, der
Dich leider noch immer nicht kennt; und wir berlegten, ob es nicht
mglich wre, da Du jetzt fr einige Zeit zu uns kmest. Mir geschhe
der grte Gefallen, denn ich habe seit Jahren Nichts so sehnlich
gewnscht, als wieder mit Dir, Du treue Freundin, zusammenzusein. Auch
wei ich eigentlich nicht, was Dich davon abhalten knnte, recht bald zu
kommen, damit Du noch einen Theil der Winterfreuden und das beginnende
Frhjahr mit uns genieen knntest.

Du hast es mir immer abgeschlagen, uns in Heidelberg zu besuchen, unter
dem doppelten Vorwande, die Reise sei zu weit, und Eheleute mten
erst Jahr und Tag allein mitsammen leben, ehe sie an einen Hausgenossen
denken drften. Beide Rcksichten fallen jetzt weg, und ich fange
getrost an, Deine Wohnung bei uns einzurichten. Du sollst die Zimmer
haben, die Du frher bewohntest; Alles soll an der alten Stelle stehen,
und Deine Clementine hat auch die alte Liebe fr Dich.

Komm Herzens-Tante! ich bin so viel allein, ich habe Grillen, die ich
nicht bannen kann; ich mu Dir Vieles sagen, ich bedarf dringend Deines
Rathes, also la Dich nicht vergebens bitten und erwarten.

In acht Tagen knntest Du hier sein, wenn Du noch die gute, flinke Tante
wrest. Meining, der engelgut gegen mich ist, bittet mit mir um Deinen
Besuch und empfiehlt sich Dir bestens; so auch die Generalin und
alle Deine brigen Freunde, die sich ein Fest daraus machen, Dich
wiederzusehen. Schreibe mir, welchen Tag Du einzutreffen denkst, gute
Tante! Wir kommen Dir, wenn es Meining's Geschfte erlauben, bis zur
ersten Station entgegen oder schicken Dir mindestens unsern Wagen und
Diener. Aber komme bald, denn ich bedarf Deiner. Deine

  _Clementine v.Meining_.


Frau v.Alven an die Geheimrthin v.Meining.

  St...., d. 12. Januar 1840.

Mein liebes Kind! ich wnsche gewi ebenso sehr als Du, da es uns
vergnnt wrde, eine Zeit mit einander zu verleben; leider mssen wir
aber den Plan noch fr eine Weile hinausschieben, da ich nicht wohl
genug bin, jetzt an eine Reise zu denken. Indes will ich mich so rsten,
da ich bei der nchsten gelinden Witterung mich auf den Weg mache, und
so wollen wir Beide um einen milden Winter bitten.

Was Du mir von Grillen und Klagen schreibst, das kann ich nach diesen
unbestimmten Ausdrcken nicht verstehen; will es auch nicht, falls
irgend etwas Deinen huslichen Frieden gestrt htte. Dergleichen kommt
wol in jeder Ehe vor, und man mu sich nur hten, ein Wort davon, auch
gegen die beste Freundin, laut werden zu lassen. Der Frieden stellt
sich oft gar leicht wieder her; das ausgesprochene Wort kann aber nie
zurckgenommen werden und ist nur zu oft eine Saat, die bse Frchte
trgt. Meining ist, wie Du mir selbst sagst, gut und brav und liebt Dich
-- mut Du Dich also aussprechen, ist es Dir Bedrfni, so sei es gegen
ihn. Suche mit ihm und Dir selbst in's Reine zu kommen, und -- wenn Du
dulden mut, dulde schweigend. Das ist der einzige Rath, den ich fr
verheirathete Frauen habe.

Im Frhjahr sehen wir uns, so Gott will, wieder; mgen dann mit dem
Winter auch Deine Grillen verschwunden sein. Du warst ein kluges,
krftiges Mdchen; halte Dich, wie eine brave Frau soll, und schweige,
mein Kind! damit Du in den Himmel kommst. Gott erhalte Dich, mein
Tchterchen! und gebe uns ein frohes Wiedersehen, wie es herzlichst
wnscht Deine treue Tante

  _Albertine v.Alven_.

Dieser Brief verursachte Clementinen die lebhafteste Betrbni. Sie
hatte in der Verwirrung ihrer Seele keinen andern Ausweg gewut, als die
Tante zu ihrem Beistande herbeizurufen. Robert gnzlich zu vermeiden,
war in ihren Verhltnissen unmglich, ohne da Meining es bemerkte; fast
tglich traf sie mit dem Geliebten zusammen und litt unsglich, wenn sie
ihren Gatten so freundlich gegen Thalberg sah. Sie htte Meining Alles
bekennen mgen, ihn bitten, mit ihr an das Ende der Welt zu fliehen,
damit sie dieses Elends ledig wrde. Je mehr ihr Herz an Robert hing,
je mehr Liebe sie dadurch ihrem Manne entzog, je mehr fhlte sie das
Bedrfni, demselben, wenn man so sagen kann, dienstbar zu sein, sich
vor ihm zu demthigen und ihn durch jede mgliche Aufmerksamkeit fr die
entzogene Liebe zu entschdigen. Wenn dann Meining erfreut und dankbar
fr so viel Zuvorkommenheit und Gte, sie in seine Arme schlo oder sie
kte, htte sie vor Scham vergehen mgen; besonders wenn sie bemerkte,
wie dann Robert's Auge unaufhrlich auf ihr ruhte, wie er die Farbe
wechsele und dster werde und nicht Ruhe finde, bis Meining sich
entfernte.

Auf die Tante war ihre letzte Hoffnung gerichtet. Dieser ruhigen Frau
ihr Leiden zu klagen, schien ihr der einzige Trost, und da Frau von
Alven nur wenig ausging, hoffte Clementine darin eine Entschuldigung zu
finden, wenn sie selbst sich in ihre Huslichkeit zurckzge. Aber Frau
von Alven kam nicht. Clementine blieb mit ihrem Kummer allein und wute
Nichts zu thun, als die Zirkel so wenig als mglich zu besuchen, in
denen sie Robert zu begegnen glaubte.

Anfnglich schien Thalberg das zu billigen, und nur das Entzcken, mit
dem er sie jedesmal wiedersah, verrieth ihr, wie schwer er sie vermit
hatte. Grade das Entbehren aber reizte und steigerte seine Leidenschaft
auf das Hchste, und bald versuchte er ebenso eifrig Clementinen
zu begegnen, als sie ihn zu vermeiden strebte. Wo er sie nur irgend
vermuthen konnte, fehlte er niemals, und wenn sie sich nur fr einen
Augenblick im Theater oder auf der Promenade zeigte, war er sicher
an ihrer Seite. Gelang es ihm, trotz alle Dem, ein paar Tage hindurch
nicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie seine hufiger werdenden
Besuche nicht angenommen, so wute er sich durch den Geheimrath selbst
eine Einladung zu verschaffen, und Clementine hatte nicht den Muth, ihm
deshalb zu grollen. War er doch so glcklich in ihrer Nhe. Sie htte
ihm mit Freuden ihr Leben geopfert und wagte nicht ihm einen Blick oder
ein freundliches Wort zu gnnen, weil sie, unaufhrlich gegen ihr Herz
kmpfend, den Glauben in sich zu erhalten suchte, sie werde Robert's mit
Ruhe gedenken, wenn sie ihn nicht mehr she, und es werde ihr gelingen,
sich ihrem Manne zu erhalten.




Zwlftes Kapitel.


Fast in jedem Winter sind es nur eine kleine Anzahl von Personen,
welche zum Mittelpunkte der Gesellschaft werden und die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, Frauen sowol als Mnner; und sind diese
Letztern jung und liebenswrdig, so kann es nicht fehlen, da sich die
Augen der Mtter liebreich auf sie richten und die der Tchter
sich schmachtend niederschlagen, wodurch die Stellung eines reichen
Heirathskandidaten zu einer der unterhaltendsten von der Welt wird,
wenn sein Herz frei und er in der Laune ist, die feinen Intriguen zu
beobachten, die gesponnen werden, um ihn zu fesseln. Freundlichere
Augen, seres Lcheln sah Rinaldo nicht in Armidens Grten, als sie
jeden Abend Thalberg erblickte, wohin er trat. Seine Erscheinung hatte
in der Damenwelt Epoche gemacht; und seine glnzende Equipage, seine
prchtigen Pferde hatten nicht dazu beigetragen, das Interesse zu
vermeiden, welches seine Persnlichkeit eingeflt hatte. Leider schien
es aber, als ob seine schnen, schwarzen Augen die junge Damenwelt gar
nicht bemerkten. Kalt und hflich bewegte er sich in ihrer Mitte, ohne
irgend Jemand auszuzeichnen, soda endlich eine der lteren Damen,
welche eine einzige Tochter hatte, sich entschlo, sich hinsichtlich
ihrer Wnsche in diesem Punkte gegen Clementine auszusprechen. Die
Staatsrthin Ringer war reich, ihre Johanna, eine hbsche, frische
Blondine, von der klugen Mutter auf das Sorgfltigste erzogen und mit
einem Worte eine vortreffliche Partie. Die Staatsrthin sah, da
Thalberg viel im Meining'schen Hause und anscheinend mit Clementinen
befreundet war; daher entdeckte sie ihr, nach einer ewig langen
Einleitung, da sie lebhaft wnsche, ihre Johanna, die nun siebenzehn
Jahre alt sei, zu verheirathen. Sie ist, wenn ich einmal sterbe, sagte
sie, ganz verwaist, und ich versichere Sie, beste Geheimrthin, da mich
dieser Gedanke oft sehr beunruhigt. Nun gestehe ich Ihnen, mich hat
Herr Thalberg in jeder Beziehung so angezogen, sein feines, geistreiches
Wesen ist dabei so zutrauenerweckend, da ich Nichts sehnlicher wnschen
knnte, als diesem Manne meine Johanna zu geben. Und grade Das, was
manchen Frauen an Thalberg mifllt, das kalte Betragen gegen junge
Mdchen, ist mir ein Beweis mehr, da er ein sehr guter Ehemann und
seiner Frau sehr ergeben sein wrde. Sehen Sie, Liebste! wenn Sie
Thalberg gelegentlich meiner Johanna vorstellten, sie vielleicht einmal
zusammen einladen mchten -- damit sich die Leutchen nher kennen
lernten -- mein Gott! das verpflichtet ja Niemand -- Thalberg selbst
braucht es gar nicht zu wissen; und gelingt es, so haben wir zwei
Menschen glcklich gemacht, und ich, liebste Freundin! bin Ihre ewige
Schuldnerin.

Sie htte noch lange fortsprechen knnen, ohne von Clementinen
unterbrochen zu werden, so erschrocken war diese anfangs bei dem
Gedanken, Robert verheirathet zu wissen. Bald aber siegte ihre edlere
Natur; es schien ihr, als zeige ihr der Himmel dadurch eine Mglichkeit,
sich und Robert zu retten. Deshalb ging sie bereitwillig auf den
Gedanken dieser Verbindung ein und versprach, so weit es in ihrer Macht
stnde, die nthigen Schritte zu thun.

Als aber die Staatsrthin sich entfernt hatte, warf sich Clementine mit
heien Thrnen auf das Sopha; sie selbst sollte Robert eine Frau geben,
sie sollte ihn veranlassen, ihrer zu vergessen, eine Andere zu lieben!
-- sie sollte ihn dann nicht mehr sehen -- denn sicher wrde er mit
der jungen Frau gleich nach der Hochzeit nach Hochberg gehen. Eine
entsetzliche Eifersucht bemchtigte sich ihrer; sie sah im Geiste
Johanna schon in Hochberg walten; sie sah, wie Robert glcklich war
mit der jungen Frau, wie er sie liebte -- und ein Gefhl von Neid und
Bitterkeit, wie sie es nie gekannt, machte sie erbeben bei dem Gedanken,
da eine Andere nun das einzige Glck besitzen wrde, nach dem sie,
Clementine, sich ihr Leben hindurch gesehnt, da eine Fremde ihrem
Robert die Wonne bereiten wrde, die er einst in ihr zu finden gehofft
-- und wie glcklich msse Robert mit seinem Herzen sein knnen! An dem
Gedanken raffte sie sich empor. Des Geliebten Glck! das war ja
Alles, was sie wollte. Sie selbst konnte ihm nur Schmerz, keine Freude
bereiten; so sollte er glcklich werden, durch ein Mdchen, das sie ihm
gewhlt. Dann wrde er freilich fortziehen, sie wrde ihn entbehren und
wie schwer entbehren! aber Robert wrde glcklich sein, sie selbst
ruhig werden in dem Bewutsein des Unabnderlichen und durch die grte
Hingebung wrde sie ihr Unrecht gegen Meining zu shnen versuchen.

An dem Gelingen ihres Planes zweifelte sie keinen Augenblick. Ihre
Eifersucht lie sie in Johannen pltzlich eine unwiderstehliche
Schnheit erblicken; sie fand sich selbst verblht und alt; sie malte
es sich aus, wie Robert frappirt sein wrde durch Johannens jugendliche
Reize; wie schnell er die arme Clementine wieder vergessen wrde. Das
aber sollte ihre gerechte Bue sein. Sie selbst wollte Johanna an sich
ziehen und so weit sie es vermchte, zu deren Ausbildung beitragen,
damit Thalberg in seiner knftigen Frau all' das Glck fnde, das
Clementine ihm wnschte. So war in wenig Minuten aus einem jungen,
fremden Mdchen, aus einem halben Kinde, das Nichts davon ahnte,
ein Gegenstand des Hasses fr Clementine geworden, dessen sie einen
Augenblick spter mit wehmthiger, fast mtterlicher Rhrung gedachte
und an deren Zukunft sie mit den edelsten Gefhlen ihrer Seele hing.

Eine Freude, wie nach guter That, belohnte sie fr den Kampf dieser
Stunde; sie fhlte sich ihrem Manne gegenber durch ihr redliches
Streben gerechtfertigt. Sie hatte Muth, ihm frei in das Auge zu sehen,
und dachte mit weicher Ruhe an Robert, dessen Besuch sie an dem Abend
erwartete, wo ihr Mann eine Partie mit dem Obrist und Klenke machen
wollte und auch Marianne und Frau von Stein sich bei ihr angemeldet
hatten.

Man war schon am Ende des Februar; die Luft war mild, die Tage lnger
geworden. In dem Wohnzimmer der Geheimrthin waren die Fenster geffnet,
der leichte Abendwind bewegte die Blumen vor demselben auf und nieder
und beugte die Blthen einer mchtigen Cala, die in grnem Kbel neben
dem Fauteuil stand, auf Clementinens schnes Haar. Ihre Nerven hatten
durch die leidenschaftliche, unterdrckte Aufregung der letzten Zeit
gelitten; sie fhlte sich angegriffen bis in das tiefste Herz und ruhte
auch jetzt in ihrem Lehnsessel, damit ihre Gste spter Nichts von ihrer
Schwche gewahr wrden. Sinnend blickte sie in den Kelch der weien
Blume und khlte ihr Gesicht mit den groen, trumerischen Blttern. So
mag wol die Lotosblume blhen, dachte sie, und sehnte sich hin nach den
stillen Thlern einer fernen Welt, fort aus der Gesellschaft und aus
Verhltnissen, die ihr zur Pein geworden waren, in eine Welt voll
Frieden, Schnheit und Ruhe. Da wurde ihr Robert gemeldet, der, um sie
wenigstens einen Augenblick allein zu sprechen, frher gekommen war, als
sich die Gesellschaft in ihrem Hause zu versammeln pflegte. Sie hatten
sich einige Tage hindurch nicht gesehen, Robert fand sie bleicher als
sonst und fragte nach ihrem Befinden. Sie klagte ber Ermdung, drckte
aber die Hoffnung aus, der Sommer werde sie herstellen, wenn sie erst
ihre Wohnung im Thiergarten bezogen haben wrde. Nur noch wenig Wochen,
sagte sie, und wir wandern Alle aus und die Stadt wird leer; auch Sie
gehen vermuthlich bald fort, lieber Thalberg?

Ich wei es selbst noch nicht, gndige Frau, erwiederte er, Berlin ist
mir so werth, so sehr Bedrfni meiner Existenz geworden, da sich meine
bisherige Vorliebe fr das Landleben bedeutend verringert hat; und es
ist wol mglich, da ich nur fr eine Zeit nach Hochberg gehe, dort eine
kleine Inspektion zu halten, und dann zurckkehre. Hochberg ist mir zu
todt, zu still....

Das finde ich begreiflich, entgegnete Clementine, der das Herz heftig
schlug, in dem Gedanken an ihren Plan, das finde ich begreiflich, weil
Sie dort so ganz allein sind. Sie sollten es aber deshalb nicht aufgeben
und werden es auch nicht, bei den hohen Begriffen, die sie von dem Beruf
des Gutsbesitzers in unsrer Zeit haben. Ihre Besitzungen haben ein Recht
an Sie, Sie haben eine Pflicht gegen Ihre Leute und drfen, denke ich,
eben so wenig immer in Berlin bleiben, als ein Knig seine Krone zu
seinem Vergngen niederlegen drfte. Aber Sie sollten sich das Leben auf
Hochberg angenehmer zu machen suchen, Sie sollten....

Gste einladen? Wer kommt zu mir Einsamen? Freunde, welche die Jagd zu
mir lockt, und dergleichen Gste mehr. Ja, gndige Frau! wenn ich
Sie einmal dort sehen knnte, wenn Sie nur wenige Tage dort verweilen
wollten! Sie glauben nicht, wie schn, wie paradiesisch schn mein
liebes Hochberg ist! Aber Sie werden nicht kommen.

Doch! antwortete Clementine leise und mit einer Eile, die ihr fremd war,
so eilig wie Jemand eine schwere Last, die ihn erdrckt, von sich wirft,
-- doch! Sie mssen nur vorher eine Frau nehmen; das wollte ich Ihnen
lange schon rathen.

Sie! rief Thalberg wie auer sich, Sie wollten mir das rathen! O! mein
Gott! wie wenig haben wir uns verstanden. Knnen Sie denken....

Ich denke, sagte Clementine, die in tiefer Bewegung nach Fassung rang
und sie durchaus gewinnen wollte, ich denke, bester Thalberg, da Sie
sich glcklich fhlen und glcklich machen sollen. Sie sind so gut, Sie
fhlen den Werth der Huslichkeit; warum wollen Sie einsam Ihr Leben
verbringen? Ich selbst habe Ihnen eine Frau ausgesucht, es ist die
erste Dame, der ich Sie heute ber acht Tage auf meinem Balle vorstellen
werde.

Robert wollte sie mehrmals unterbrechen, sie lie ihn aber nicht dazu
kommen. Er war aufgestanden und ging heftig im Zimmer auf und ab. Beide
schwiegen -- es war eine bange Pause.

Ja! sagte er endlich und lchelte hhnisch, Sie haben Recht, ich bin ein
leidenschaftlicher Thor, ein unbequemer Gast, den man um jeden Preis von
sich entfernen mu; auch wenn es mein einziges, letztes Glck zerstrte.
Sie haben Recht, und es soll anders werden. Ich bin neugierig auf Ihre
Wahl, meine Gndige! ich sehne mich, die Auserkorene kennen zu lernen --
ich bin grade in der Stimmung, einen liebenswrdigen Gatten zu machen.
Aber freilich, eine Frau, die so viel Glck in der Ehe gefunden hat, als
die Geheimrthin von Meining, will es Andern auch bereiten. O! ber die
gromthigen Frauen!

Wie ungerecht sind Sie, Thalberg! -- war Alles, was Clementine den
strmischen, unwrdigen Worten entgegnete, aber ein paar groe Thrnen
zitterten in ihren Augen.

Pltzlich blieb Robert vor ihr stehen, er war todtenbleich, und auch
sein Auge war von Thrnen feucht. Er sah sie lange unverwandt an, fate
ihre Hnde und sprach: Sei es so! -- ja, gndige Frau! Sie haben Recht,
ich reise bald, weil Sie es wnschen. O! Sie sind rein und licht wie
der Kelch dieser Blumen; tief wie in ihn, sehe ich in Ihr heiliges
Herz. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, ich habe keinen Willen als
den Ihren. Damit bog er sich zu ihr nieder, da er fast vor ihr kniete,
kte ihre Hnde und ging eilig hinaus.

Clementine war erschpft. Sie schlug ihre Hnde, wie betend, zusammen
und blieb in schwermthigem Hinbrten, bis Marianne und die brigen
Gste kamen. Dann nahm sie sich gewaltsam zusammen und verfiel dadurch
in eine berreizte Laune, welche Frau von Stein und Marianne allerliebst
und hchst unterhaltend fanden, und bei welcher der armen Frau fast das
Herz brach und alle Nerven bebten. Auch war sie in den nchsten Tagen
kaum im Stande, die nthigen Einladungen und Besorgungen fr ihren Ball
anzuordnen; sie fhlte sich krank und bestand doch, trotz Meining's
Abreden, darauf, den Ball am bestimmten Tage zu geben. Robert, der
mehrmals hingekommen war, lie sie, wie alle brigen Besuche, abweisen
und bat den Geheimrath, er mge ihr, da das gesellige Treiben sie
wirklich angreife, ein paar Tage vollkommener Ruhe gnnen, deren sie nur
bedrfe, um zu dem Balle frisch und gesund zu sein.

Der verhngnivolle Abend des 26. Februar kam heran. Die ganze Wohnung
war glnzend geschmckt, alle Zimmer geffnet, Blumen und Kerzen berall
-- groe Spiegel und glnzende Vergoldungen strahlten die Gasflammen und
Kerzen frhlich wieder. Der Geheimrath war in der besten Laune, als er
Alles so festlich und heiter um sich her sah. Die Wohnung glich einem
Tempel der Freude und des Lichtes, aber in Clementinens Seele war es
tiefe Nacht. Sie trug eine Robe von schwarzem Sammet und eine einzige
Schnur groer Perlen. Ihr Haar, einst Robert's Entzcken, war glatt
gescheitelt, ohne Blumen, ohne Schmuck, und doch war sie schn, trotz
ihrer Blsse. Sie hatte den ganzen Tag gezittert bei dem Gedanken an
diesen Abend, sie hatte unaufhrlich mit sich gerungen. Nun war sie
ruhig, aber mde; glorreich mde, wie ein Sieger nach der Schlacht.

Allmlig versammelte sich die Gesellschaft und die Staatsrthin Ringer
mit ihrer Tochter war unter den Ersten, die sich einstellten. Clementine
ging ihnen ein paar Schritte entgegen und ein zuckendes Weh fuhr durch
ihre Brust, als sie das kleine, junge Mdchen erblickte, das in dem
Kleide von rosa Krepp und mit einem vollen Straue von Rosen in den
hellblonden Locken wie ein Bild der Jugend und des Lebens aussah. Wie
segnend kte sie das blhende Kind auf die Stirne und bat: Bleiben Sie
bei mir, mein liebes Frulein! und helfen Sie mir die Wirthin machen;
Ihnen bergebe ich die junge, tanzlustige Welt, und Sie sind mir Brge,
da diese sich amsirt. Johanna war selig. Sie fiel der Geheimrthin um
den Hals, nannte sie die beste, liebenswrdigste Frau der Erde, einen
wahren Engel und war noch an ihrer Seite, als Thalberg eintrat.

Seit jenem Abende hatte er Clementine nicht gesehen; rasch ging er auf
sie zu, um sie womglich gleich zu sprechen, um sie zu vershnen; denn
er wute, wie unrecht, wie unendlich wehe er ihr gethan, und mehr noch,
als sie selbst, hatte er in dieser Zeit gelitten. Kaum hatte er sie aber
begrt, als Clementine, die es zu keiner Unterredung kommen lie, ihm
ihren kleinen Schtzling vorstellte. Er sah sie betroffen an, verbeugte
sich kalt gegen Johanna und zog sich, da die Geheimrthin als Wirthin
in Anspruch genommen war, mit einigen Herren plaudernd zurck. Vergebens
versuchte er, sie einen Moment allein zu sprechen, immer fand er fremde
Herren und Damen an ihrer Seite, die nicht weichen wollten und bald
ihn, bald sie mit sich fortzogen, was ihn unsglich peinigte. Die ganze
Gesellschaft stimmte in der Bewunderung ihrer Schnheit berein, und
einige Herren fragten ihn, ob er das prchtige Tableau bemerkt habe,
das die imposante, ernste Schnheit der Geheimrthin von Meining und die
liebliche Johanna Ringer gebildet, als sie am Anfange des Abends einmal
neben einander gestanden htten.

Allmlig nherte der Ball sich seinem Ende; laut jubelnd tnten die
Straus'schen Walzer durch den Saal, Frohsinn und Eleganz herrschten
allerwegen. Johanna, die Schnheit des Festes, strahlte vor kindlicher
Lust -- nur Clementine und Robert theilten die Freude nicht. Um einen
Augenblick zu ruhen, lehnte Clementine in der Brstung eines Fensters
und hrte theilnahmlos die faden Galanterien eines lteren Herrn an,
whrend ihr Auge Robert und Johanna suchte. Da, als der Fremde sie
endlich verlie, trat Robert eilig zu ihr: Sie sind krank gewesen,
gndige Frau! Sie haben gelitten, ich sehe es, sagte er, warum haben Sie
mich bis heute verbannt? warum mir nicht gegnnt, Sie zu sehen, Ihnen
zu sagen, wie tief mich mein Unrecht geschmerzt, das ich gegen Sie
begangen? Wenn Sie wten, wie ich verlangte, Sie zu sprechen, Sie zu
vershnen, Sie wrden mir lngst vergeben haben.

Denken Sie nicht daran, antwortete sie, ich hatte Nichts zu vergeben;
sehen Sie lieber auf das frhliche Leben um uns her, und sagen Sie mir
auch, lieber Thalberg, wie Ihnen meine kleine Johanna gefllt?

Robert schwieg einen Moment, dann sagte er ernst: Johanna Ringer ist ein
schnes, glckliches Geschpf; soll sie elend werden, wie ich? -- wie
.... Viele?

Clementine bebte zusammen, und Thalberg fuhr fort: Ich habe Sie
verstanden, gndige Frau! aber soll ein frohes, schuldloses Mdchen das
Opfer werden fr mich? Es _mu_ ein Opfer gebracht werden, das fhle
ich; so will _ich_ es bringen, indem ich Sie verlasse. Morgen schon
gehe ich nach Hochberg zurck; ich habe es gestern bereits den Bekannten
gesagt, auch der Geheimrath wei es. Morgen schon werde ich gehen und
nur, um Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, bin ich
heute hier. Mgen Sie glcklich sein! und haben Sie Dank, den innigsten,
heiesten Dank, fr das Glck, das ich in ihrer Nhe fand. Leben Sie
wohl, gndige Frau!

Clementine dachte zu sterben. Noch einmal ruhten Auge in Auge; dann sah
sie Thalberg's edle, hohe Gestalt sich durch die Menge bewegen und im
Nebenzimmer verschwinden. Ihre Sonne war untergegangen, es war kalt und
Nacht um sie her.

Gleich nach Thalberg's Entfernung kam die Staatsrthin Ringer herbei,
fragte neugierig nach allem Mglichen und erfuhr von Clementine, die den
Zweck dieser Fragen wohl kannte, da Thalberg ihre Johanna sehr hbsch
finde, da er aber fr jetzt in Geschften nach Hochberg reise. Dankbar
entfernte sich die erfreute Mutter. Andre Gste folgten Abschied
nehmend, preisend und scherzend -- Clementine vermochte nur mechanisch
zu antworten. Es war ihr, als ob in wstem Traume Larven und Masken in
entsetzlichem Gewhl an ihr vorberschwebten und mit Allgewalt auf
sie einstrmten. Sie athmete erst auf, als die Zimmer leer wurden, als
Meining ebenfalls sie verlassen hatte. Kalt sah sie um sich her, auf die
matter brennenden Kerzen, auf die von der Wrme welkenden Blumen, die
die Kpfchen sinken lieen, und sowie diese, gebrochen an Krper und
Geist, zog sie sich zurck, und ein tiefer, lethargischer Schlaf sank
auf ihre Augen.




Dreizehntes Kapitel.


Mit dem Gefhl der vollkommensten Stumpfheit erwachte Clementine
am nchsten Morgen. Tag oder Nacht, Leben, Sterben, ihr war Alles
gleichgltig. Ein grauer Nebel schien ihr ber die Welt gebreitet, die
warme Frhlingssonne schien ihr kalt, der blaue Himmel farblos. Was
konnte der Tag ihr noch bringen? wie endlos lang wrde die Zeit ihr
werden -- was sollte sie denken berhaupt, was erwarten? wie das
Leben ertragen? Frstelnd bog sie sich in die Kissen zurck und wollte
nochmals zu schlafen versuchen -- ach! im Schlafe hatte Robert's Bild
vor ihrer Seele gestanden und im Wachen an ihn zu denken, war ihr Snde.
Da ffnete Meining leise ihre Thre und fragte: Bist Du schon wach, mein
Kind? Ich mu um acht Uhr fort, komme erst spt zurck und wollte sehen,
wie es Dir nach dem Balle geht?

Clementine richtete sich empor; der rothe Schein der seidenen Vorhnge
fiel auf ihr Gesicht, und sie sah dadurch so frisch, so rosig aus, da
Meining nicht aufhren konnte, ihr zu sagen, wie hbsch sie sei, sie zu
herzen und zu kssen, whrend sie kalt und regungslos dasa. Jetzt,
das fhlte sie, stand sie so tief, als jene Frauen, die ihr immer den
entschiedensten Abscheu eingeflt hatten; sie mute die Liebkosungen
eines Mannes dulden, und ihre ganze Seele gehrte einem Andern. Ein
eisiger Schauer flog durch ihre Glieder, sie sank ohnmchtig auf
ihr Lager zurck. Meining schellte nach dem Mdchen und eilte selbst
Essenzen und =Eau de Cologne= aus der Toilette herbeizuholen, um ihr
beizustehen. Als seine Frau sich erholt und er sie verlassen hatte,
befragte er das Mdchen, das seit Jahren bei ihr war, ob die Frau
Geheimrthin vielleicht gestern schon geklagt, ob irgend Etwas
vorgefallen wre? erhielt aber nur den Bescheid, die gndige Frau htte
gestern Abend sehr angestrengt geschienen, ihr befohlen, sie so schnell
als mglich zu entkleiden und gleich das Licht auszulschen, da sie
nicht mehr lesen werde. Nur das wre ihr aufgefallen, da der gndige
Frau die Stimme beim Sprechen mehrmals versagt und da sie ein
immerwhrendes Schauern gehabt htte, als ob es sie kalt berliefe.
Ueberhaupt, schlo sie, mu unsre gndige Frau doch wol krank sein,
obgleich sie es durchaus nicht wahr haben will; denn whrend sie in
Heidelberg fortwhrend las oder schrieb oder die Kinder von Professors
bei sich hatte, kann sie jetzt schon seit vielen Wochen, Tage hindurch,
wenn sie allein ist, aufgesttzt sitzen und weinen oder mit gefalteten
Hnden starr auf einen Fleck sehen. Auch die Kinder drfen nicht mehr zu
ihr kommen. Und das dauert, bis der Herr Geheimrath nach Hause kommen;
dann ist es pltzlich vorber, die gndige Frau erholt sich und wird
wieder ganz munter.

Dieser Bericht trug nicht dazu bei, Meining's Besorgni zu beruhigen.
Eine krperliche Strung war in der Gesundheit seiner Frau nicht
vorhanden; allerdings hatte sie immer reizbare Nerven gehabt, aber ihre
Energie hatte diese Reizbarkeit sonst glcklich und schnell berwunden.
Auf mehrfach wiederholte Fragen deshalb hatte sie immer eine
ausweichende oder ganz verneinende Antwort gegeben, und es blieb
ihm daher nur die Vermuthung, da irgend ein Seelenleiden seinen
nachtheiligen Einflu auf Clementine uere. Vergebens aber sann er, was
es sein knne. Er war es sich bewut, seine Frau mit der herzlichsten
Liebe umgeben zu haben, sie besa Alles, was das Leben angenehm machen,
es verschnen konnte; sie schien frei von Leidenschaften, die das
Glck stren -- er wute keinen Grund fr das pltzliche Schwinden der
Gesundheit aufzufinden und beschlo, sich noch heute an Madame Klenke
zu wenden, um vielleicht durch diese auf die rechte Spur geleitet zu
werden, da der Zustand seiner Frau ihn im hchsten Grade beunruhigte.

Aber auch diese konnte ihm keinen Aufschlu geben. Sehen Sie, bester
Geheimrath! Ihre Frau war immer anders als wir Andre, stiller, sehr
=pose=, vernnftiger und besser als wir. Schon als Mdchen hatte sie an
Putz und Gesellschaft keine Freude und nun als Frau ist sie auch
wieder nicht wie wir. Sie hat gewi die nobelsten Grundstze, aber sie
exagerirt, da sie z.B. nie tanzt, weil sie verheirathet ist -- da sie
neulich nicht mit uns fuhr, als wir eine Schlittenpartie machten und wir
Alle und Thalberg sie so sehr darum baten, nur darum nicht fuhr, weil
Sie nicht daran Theil nahmen; das sind Alles eigenthmliche Ansichten,
mit deren Ausbung sie uns Andre tadelt -- und wir, ich an der Spitze,
mchten es ihr bel nehmen, =mais comment faire=? Sie ist so gut, so
zuvorkommend, da es ganz unmglich ist, nicht fr sie eingenommen zu
sein, und das sind wir Alle, Frauen und Mnner und mein gestrenger Herr
und Thalberg vor Allen. Denn diese Beiden rhmen sie noch nebenher als
das Muster einer Ehefrau, und wirklich Meining wnscht oder Meining
mchte nicht gern ist das A und O bei ihr. Machen Sie nur, da sie sich
erholt, denn sie sieht jetzt bisweilen bel aus = faire piti=.

O! und heute ist sie leidender, als ich sie je gesehen! bemerkte
Meining, htte sie nur den verdammten Ball aufgeschoben, wozu ich selbst
vor ein paar Tagen rieth. Aber da war kein Halten, kein Abreden,
der Ball mute durchaus gegeben werden, weil die Arrangements einmal
getroffen waren. Nun haben wir leider die Folgen.

=As for the ball=, damit hat es seine eigne Bewandtni, und da hat
Clementine Ihnen nicht die Wahrheit gesagt. Die Arrangements lieen sich
wol abndern, aber der Ball galt Thalberg und noch Jemand, sonst htte
sie ihn gewi aufgeschoben, da sie sich, wie sie mir selbst sagte, sehr
unwohl fhlte.

Er galt Thalberg? Was soll das heien?

Sehen Sie, lieber Geheimrath! das rathe ich so, denn bestimmt wei ich
es nicht -- =mais pas si bte qu'on voudrait me croire=! Als ich neulich
bei Clementinen vorfuhr, wurde ich abgewiesen; es hie, sie htte
ein =tte  tte= mit der Staatsrthin Ringer -- was kann sie mit der
fremden Frau haben? Nachher des Abends, als zuletzt die Partie bei Ihnen
war, kam Thalberg, der erwartet wurde, nicht. Clementine sagte uns, er
sei vorher bei ihr gewesen, sie htte eine Weile mit ihm geplaudert
und gestand mir, =en secrt=, es sei die Rede von einer Verheirathung
Thalberg's gewesen. Dabei war sie in der glcklichsten Laune, also hatte
er gewi eingewilligt. Nun kommt ihr Ball. Die kleine Ringer mute
die Tochter vom Hause machen, ich sah selbst, wie Thalberg ihr von
Clementinen vorgestellt wurde, und =c'est une affaire finie=!

Das eben nicht, beste Frau! denn Thalberg sagte mir vor einigen Tagen,
da er genthigt sei, rasch nach Hochberg zu gehen, und er ist mglicher
Weise schon fort, sagte Meining.

=Comment donc!= abgereist? =I do'nt believe!= rief Marianne.

Glauben Sie es immer, Sie werden bald seinen Abschiedsbesuch oder seine
Karten empfangen; inde wute er selbst nicht, wie lange er fort bleiben
wrde. Dabei fllt mir ein, da ich sehr lange hier bin und mich Ihnen
empfehlen mu. Gehen Sie immer eine Stunde zu Clementinen, schne
Freundin; es wird ihr gut sein, und mir erzeigen Sie einen wahren Dienst
damit; denn sie mu Zerstreuung haben. Adieu! und reden Sie ihr recht
zu, bald in den Thiergarten zu ziehen; sie mu Ruhe haben, frische Luft
und Bewegung, das wird das Beste fr sie sein.

Diese Unterhaltung, bei der Marianne auch nicht im Entferntesten den
Gedanken zu hegen schien, da die Geheimrthin sich unglcklich oder nur
unzufrieden fhle, beruhigte Meining bedeutend; er ging rstig an seine
Tagesgeschfte und fand, als er Mittags nach Hause kam, seine Frau in
zierlichem Neglige, heiter und freundlich seiner wartend. Sie hatte,
weil Meining ihr die grte Stille empfohlen, in ihrer Stube serviren
lassen, obgleich sie sich ziemlich wohl fhlte, und sie bemhte sich,
den Schreck, den sie ihrem Manne am Morgen verursacht, so viel als
mglich in den Hintergrund treten zu lassen; da sie von Mariannen
erfahren, welch beunruhigenden Eindruck ihr Anfall auf ihn gemacht
htte.

Als von dem Plan die Rede war, das Landhaus sehr zeitig zu beziehen,
machte Clementine den Vorschlag, gleich heute hinauszufahren, sich
dort eine Weile zu ergehen und zu berlegen, wie man sich daselbst am
behaglichsten einrichten werde, womit der Geheimrath sehr zufrieden
war. Die Bewegung in frischer Luft that ihr sehr wohl und lohnte ihr den
Zwang, den sie sich ihrem Manne gegenber auferlegt hatte, als sie die
Fahrt, ohne die geringste Neigung dazu, in Anregung brachte. Dann lie
sich Meining zu einem Freunde fahren, dem er den Abend zugesagt hatte,
rieth seiner Frau sich zeitig zur Ruhe zu begeben, vor der Nacht noch
eine Arzenei zu nehmen, die er ihr verordnet hatte, und so trennten sie
sich fr den Tag wieder auf die freundlichste Weise.




Vierzehntes Kapitel.


Aus Clementinens Tagebuch.

Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorber! und noch ein
Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es
ben, da Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner
Arbeit, die Freude Deines Alters sein, da Dich in Deinem Hause ein
krnkelndes, mimthiges Geschpf empfngt? Und wie gut Meining ist, wie
er fr mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich
noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der -- -- O! Gott! fort, fort
mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glck, sein Wohl allein
drfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu
erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.

Den 3. Mrz. Ich bin wohler, Meining ist ruhig ber mich. Es kann, es
wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafr,
wenn ein Gefhl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht
gleich unterdrcken lie, da es mich beherrschte? und habe ich nicht
Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorber,
Thalberg ist fort -- auch er wird Frieden finden und glcklich werden.
Ich -- mu es sein, weil ich nicht mir gehre.

_Im Thiergarten_, d. 2. April. So wre ich denn hier eingerichtet!
Krank, traurig und mde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei
Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und
hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch fr die
Zukunft, nicht einmal den, da es jemals anders werden mge. Wo ist die
erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so
berreich an Liebe in das Leben sah? Ich fhlte mich glcklich in der
Liebe meines Vaters, kein andres Gefhl in meiner Seele, als ihm Freude
zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich
Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich wrde, wenn mein
Tod endlich diesem Elend ein Ende machte -- das wre das Einzige, was
ich wnschen darf, was ich wnsche. Dann wrden Meining und Robert
freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein mdes Herz es
bedarf.

Den 10. April. Die Welt ist so schn, Alles scheint glcklich, warum
kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefhl von Bitterkeit in
mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glcklich und frhlich
von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel
sie bedarf, um schn zu erblhen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein
zum Leben machen knnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament
und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten,
so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fhlt mit mir,
warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trsten, oder warum es
nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, da es mich
versteht, da es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Htte
ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen drfte, die wrde mich nicht
so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie wrde
ihr mdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie wrde mit mir weinen
und mich beklagen.

Pflicht! -- hat denn irgend ein Geschpf auer dem Menschen eine andre
Pflicht, als glcklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in
seinem wahnsinnigen Dnkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu
_schaffen_, die ihm zu erfllen fast unmglich sind.

Den 27. April. Nach mehrtgigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich
entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der
Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht
ablehnen drfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel
der Reise zusammentrfen; ich wre dann mit Marianne und ihrem Manne bis
Wien gegangen und htte den brigen Theil der Reise allein mit meinem
Mdchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht htte mir
die Zerstreuung wohlgethan, und hauptschlich hoffte ich Meining damit
eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich htte und in
K.... seine Huslichkeit wieder fnde, wo der Prinz sechs bis acht
Wochen die Cur brauchen mu. Meining hat es aber nicht gewnscht, weil
er glaubt, ich wrde die Bergluft nicht ertragen knnen. Nun ist er
abgereist und hat mit rhrender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich
solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen wrde, mich pflegen, mich
zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfnde, denn ich sei
sein hchstes Gut! -- Wie es mich demthigte! Ich weinte vor Scham, und
Meining glaubte, da meine Thrnen nur dem Abschiede von ihm galten --
ich tusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein
Vater wre, wie knnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie
zufrieden wrde er mit dem Gefhl von Verehrung sein, da ich fr ihn
hege, wie wrde er sich der Liebe seiner Tochter fr Thalberg, den er so
hoch hlt, erfreuen. Jetzt aber!

Den 4. Mai. Ich fhle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil
ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in
jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe -- weil ich nicht, wie
ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen mu. Auch die vollkommene
Stille um mich her thut mir wohl. Ich berschreite die Schwelle unsres
Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurck, und es scheint
mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemth kme.
Nur noch einmal mchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn
sprechen! aber wozu auch? Knnte ich unter diesen schnen, suselnden
Bumen schlafen, immerfort -- bis zu Meining's Rckkehr; tief, tief
schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wre mir
entschwunden, wie das Bewutsein eines bsen Traumes, wenn man frh die
Augen aufschlgt und der liebe, helle Tag frhlich durch die Fenster
grt.

Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals
darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.

Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als
der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in
dessen Pulsschlgen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert
lieben ist mir Eins -- wie konnte ich jemals whnen, ich wrde aufhren,
ihn zu lieben? Wie hat man versuchen drfen, mich zu einer Heirath zu
berreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst
geglaubt, ich msse Robert ruhig wieder sehen knnen, weil er mein
Gefhl, meinen Stolz so tief verletzt, ich wrde ihn deshalb nicht mehr
lieben. Thrichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmchtig gegen
Liebe -- sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist,
Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz
auf das Glck, von ihm gewhlt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir
zerstrt und keine Mglichkeit, es jemals zu ndern. Nun fhle ich die
Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstrtheit meines Daseins. Mit
aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich mchte ihn
nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hren -- ach und an seinem
Herzen alles Elend vergessen und weinen.

Den 12. Mai. Robert ist _hier_; er ist hier, in meiner Nhe, ich habe
seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hren, ich sah ihn durch den
Garten zurckkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist
Glck! Das ist Sonne und Frhling! Er hat mir geschrieben, und ich habe
den Brief unerffnet zurckgesandt; ich htte es nicht thun sollen. Und
doch wei ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es
gewhren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlstigen
habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen ber die Feigheit, die
sich nur sicher fhlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verchtlich wird
es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden,
weil ich Robert allein nicht zurckweisen konnte. Mehr vermag ich nicht.
Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn,
die Sehnsucht ist zum krperlichen Schmerz geworden; ich fhle mich der
Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich
mchte zu ihm eilen, ich mchte ihm sagen, da ich ihn anbete; ich, die
dreiigjhrige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die
Treue, die Ehe.

Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und mge
Meining nie ahnen, was ich an ihm gesndigt. Seine Zukunft soll und mu
ruhig bleiben, und mu ich leben, elend wie ich bin, so will ich
allein es tragen -- allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude
entbehrend, allein leben und am liebsten -- bald allein und einsam
sterben.


Robert Thalberg an den Hauptmann v.Feld.

  _Berlin_, d. 16. Mai.

Ich durfte nicht lnger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus,
ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufllig geschrieben,
da Clementine krank sei, da ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen
scheine. Da litt es mich nicht lnger dort, ich mute sie sehen, ich
eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und
ich bin ihr Mrder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht
Tage hier, bin tglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden,
weil sie sich zu angegriffen fhle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch
that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen
ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen mchte, mir nach
Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich wei es, an meiner
tiefen Begeisterung fr sie, da sie mich liebt, da sie fr Meining
nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es ben, da sie sich
unwrdige Fesseln anlegen lie, die sie und mich erdrcken? Was kann
der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht wei, was dieses groe Herz
bedarf, wie es geliebt werden mu, wie es zu lieben vermag. Und grade
jetzt mu ich sie ungestrt sprechen, mich mit ihr verstndigen, da
Meining nicht hier ist.

Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstqulerisch
meinen Brief ungelesen zurckgesandt; ich mchte ihr diese Qualen,
die sie sich vergrert, ersparen und kann es nicht. Sie mu sie
durchkmpfen, wie ich es that, um spter die Ruhe in sich zu finden,
deren sie bedarf. Sie mu es fhlen, wie ich, da unsre Verbindung eine
innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, auer dem Bereich der
Natur und der Mglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen fr einander
geschaffen, so ist es Clementine fr mich; ich knnte sagen, sie sei
der Weib gewordene Robert, sowie ich alle _ihre_ Gefhle, nur mnnlich
strker, in mir wiederfinde; und doch drckt es Das nicht aus, was wir
einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte
ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben
und ein doppelt glckliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem
Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins
verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben
kann, feige, wie der Selbstmrder sein Leben von sich wirft; sie ist
die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles
Groen, das ich gedacht -- sie war mein, sie soll es wieder werden.

Wende mir nicht ein, da ich selbst sie aufgegeben htte; ich hatte sie
vernachlssigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber frh
oder spt muten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir
Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt
entreien. Ich will mein Glck um jeden Preis! -- nicht selbstschtig
wie ein wilder Jngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten
Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil
mein Glck das ihre ist und ihr Leben rettet.

Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich frchten? So klein ist
Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt
sie mich zu berreden, da es ihr gelingen werde, mich fr Meining zu
opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr!
Htte ich sie nur gesprochen -- aber sie will lieber sterben, als
abweichen von Dem, was sie fr Pflicht hlt; freiwillig wird sie mir die
Gunst des Wiedersehens nicht gewhren, und Niemand ist hier, bei dem
ich sie treffen knnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits
verreist; sie verlt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich
habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste
Mensch auf der Welt -- selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in
ihrer Nhe. Lebewohl!

  _Robert Thalberg._




Funfzehntes Kapitel.


Es war ein schwler, heier Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft
und eine namenlose Bengstigung drckte Clementinens jetzt doppelt
reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubni,
den Sonntag auswrts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich
in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das
Domestikenzimmer befand, da die Geheimrthin erklrt hatte, ihrer nicht
zu bedrfen. Alles um sie her war still und einsam, sie sa lange in
Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trber und trber, wie
ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben,
die ngstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in
einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden
unermdlich fort, so oft er abri, ihn auf's Neue knpfend -- kein
Laut in der Natur, auer dem heimlichen Flstern der Bume, die nicht
aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glhenden Luft. Die Wolken
sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie muten Clementinen erdrcken,
wenn es so fortging -- sie hielt es nicht lnger in den dumpfen Zimmern
aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen
und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier
fand sie weder die Khlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte;
sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit
ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den
offneren, freien Pltzen; sie nherte sich dabei der Strae und sah den
Brieftrger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths
brachte.

Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich
nicht entschlieen konnte, in das Haus zurckzukehren, ging sie in den
Pavillon, wo sie fr den Abend zu bleiben dachte, zndete selbst die
Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je lnger sie las, je
bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder,
lehnte sich in den Divan zurck, das Gesicht in den Hnden verbergend.
Meining's zrtlicher, sehnschtiger Brief that ihr mehr wehe, als
die hrtesten Vorwrfe es vermocht htten. Es ist so schwer, Lob zu
ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht
erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wre ihr
nicht mglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden -- er war
nicht an sie gerichtet; er galt _der_ Clementine, die Meining's wrdig
war, die Anspruch hatte auf seine Achtung -- das war sie nicht mehr.
Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewnscht;
wozu ntzte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als
Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu
sein und -- auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's
Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom
Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger
Aufregung oft befllt; indem alle Gedanken in einander flieen und
verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas,
das uns fremd und vollkommen gleichgltig ist, vor unsern getrbten
Blicken erscheint.

Da ffnet sich pltzlich die Thre -- Clementine! ruft Robert's Stimme
und mit einem Ausruf des hchsten Entzckens fliegt sie ihm entgegen und
sinkt leichenbla und bewutlos in seine Arme.

Unter den glhenden Kssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust,
und die zrtlichsten Worte der Liebe, die sesten Thrnen sagen ihm,
wie warm das Herz ihm schlgt, das an dem seinen klopft. Robert bat
nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fhlten,
da ihr Wesen, ihr Athem -- ihr Blick Liebe sei, und doch flo das
Gestndni ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hrte Robert nicht
auf, der Geliebten zu sagen, wie glcklich er sei. Ist doch auch in
der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Ser als die Stimme der
sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's
Ohr. Er ruhte zu ihren Fen, kte ihre Hnde, beugte ihr Haupt zu sich
hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das
sie spielend durch die feinen Finger gleiten lie. So wechselten Worte,
die dem Himmel angehrten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre
Liebe es schuldlos kennt.

Drauen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in groen,
rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch
die grnen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine
Gemach. Die ngstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz
erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser
Schwche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer
behten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser
Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefhl meiner Kraft, Dir, Du
Zarte, Schwache! gegenber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer
Hlfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals
knnte ich, wie Meining, Deiner sen Furchtsamkeit lachen; und jedes
Gewitter, das ber uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese
Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, knftig in
den khlen Gemchern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine
Arme fhrt.

Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend
machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte
die Welt fr sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und
die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des
Entzckens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie
versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das
unaussprechliche Glck, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's
Munde diese Worte der Liebe zu hren und ihm zu sagen, wie er ihre Welt,
ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam
das niederschmetternde Bewutsein ber sie, da diese erste Stunde des
Glckes auch sicher die einzige und letzte fr sie sein werde und msse.
Aber das Rthsel ihres Lebens war gelst; der ewig glhende Funke in
ihrer Brust war, wenn auch nur fr einen Augenblick, frei und schn zur
hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte
durchgedrungen und hatte geblht, zur Freude des Geliebten. Das konnte
ihr gengen fr ein langes Leben.

Verlasse mich, Robert! bat sie pltzlich und schlang doch ihre Arme
fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und la uns scheiden fr immer.
Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich
so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, da
sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem
Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! --
rief sie und ihre glhenden Thrnen flossen auf seine Brust.

Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mut Du
nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will
nicht mehr leben ohne Dich, hrst Du, mein Herz! ich will es nicht --
ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen
Kmpfen. Leben sollst Du fr mich, fr mich allein, Du schne, reine
Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein mdes Haupt in den Blttern
der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war
namenlos elend damals -- ich fhlte es, da Meining uns nicht trennen
darf, da _wir_ unauflslich gebunden sind, da er Dich nicht tdten
darf, indem er Dich mir noch lnger raubt, und doch hatte ich nicht wie
jetzt den festen Glauben, da er selbst, wenn er Dich liebt, auf....

Nicht weiter, ich beschwre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt
mich, ich wei es -- dringe nicht in mich, jetzt nicht -- verlasse mich
nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter -- morgen hrst Du von mir
-- gewi, nur jetzt gehe -- eile, mein Robert, ich bitte Dich.

Ich _hre_ von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir
nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des hchsten Glckes
wieder entziehen? Glaubst Du, da ich einwilligen werde, mir auch nur
einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da
Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frhe bin ich
bei Dir, mu ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins
lesen und an Deinem Herzen empfinden, da die Welt die Mhe des Lebens
vergelten, berreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in _der_
Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schnes, holdes
Glck. Bleibe mir auch im Traume treu -- ist es mir doch wie ein Traum
von Jenseits, da ich Dich wieder gefunden, da Du mir wieder leuchtest,
Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun
lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, ses Weib!

Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich
empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Ku,
den Clementine auf Robert's Stirne drckte, in den sie alle Gluth,
alle Liebe ihres Lebens prete, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und
Clementine war allein -- allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel
ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen
blieb, unerschtterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glck in
tiefster Seele. Sie wute, da es die letzte Stunde gewesen, die sie mit
Robert verlebt, und war doch glcklicher als je, obgleich der Schmerz
des Abschiedes ihr Herz zusammenprete. Jetzt begriff sie, was das
Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafr; nur der Gedanke an
Meining, nicht der an Robert's Scheiden, strte sie in ihrer Wonne und
trat bald als allein herrschend hervor.

Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu
kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine
Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hnde legen, oder ob
sie nach wie vor schweigen solle und drfe? Sie konnte es sich nicht
verbergen, da Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie
zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Trume von Liebes- und
Eheglck gingen an ihrem Geiste vorber; sie sah sich in Hochberg neben
und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurckkehrte, sie
theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glck an
ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mute doch immer
wieder des verrathenen Meining's mit Thrnen denken, in dessen Leben das
ihre so fest gewurzelt hatte, da sie sich seine Trennung von ihm nicht
als mglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren,
die sie mit einander verlebt, mit rhrender Liebe angehangen; sie war
seine Freude, sein Glck, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie
schauderte vor dem Gedanken, er wrde ein Recht haben, die Treulose zu
verachten und zu verstoen, und er wrde doch unglcklich sein ohne
sie -- einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen,
unglcklich zu werden, auf den Trmmern seines Glckes. Es war eine
furchtbare Nacht fr die Unglckliche -- als aber der Tag und mit
ihm die Herrschaft der Vernunft ber die zgellosen Schpfungen der
Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden.

Der frhe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert:

Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen
darf, ich mu Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkrzen. Jene
Besorgni, die uns berfllt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir
nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thrme
der Vaterstadt uns sichtbar werden -- dieser Unruhe kann ich jetzt nicht
Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfllung
meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens
nhere. Ich mchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und
in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schne Gewiheit Deines Besitzes
fhlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergrndlichen Augen blickte und
mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich
oft eiferschtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flchtig knne
mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser.
So gewi, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit
mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschnert anblickt, so wird jeder
Gedanke, jedes Gefhl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich
gefhlt und doch unendlich schner wiedergegeben, wenn es durch die
luternde Atmosphre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja!
mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen
knnen wir das hchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen mglich
ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefhl, da ich in Dir den
schnsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen
habe, die nun mein sind fr ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die
Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglcklicher
Verblendung ber Dich verhngt hatte? Nur das beruhigt mich, da eine
Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, da es kein Opfer
gibt, _keines_, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu
bringen im Stande wre, wenn Dein Glck es erheischt.

Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich?
Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fhlte es gestern, als Du in meinen
Armen ruhtest, als Dein mdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht
des Leidens ist vorber, und eine schne Zeit wird uns werden. Nun erst
werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen
Herd enthlt, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich fr die
Zukunft sen und wirken fr ein Geschlecht, das nach uns lebt -- o! eine
schne Zeit wird uns jetzt werden. Mge sie Dir mit dem heutigen Tage
beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ngstigt und qult, Geliebteste!
Die Hindernisse irdischer Verhltnisse mssen vor der Gewalt unsrer
Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich
vereint -- fhlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An _die_ Zeit
denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wnsche
sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth
und Liebe, welcher ein Menschenherz fhig ist. Ich mchte ein Gott sein,
wenn Gtter strker zu lieben vermgen, als wir, um Dich so glcklich zu
machen durch meine Liebe, als ich es wnsche, um Dir das Geschenk Deines
Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu!
meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe -- wie lange ist
das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte.
Ewig Dein

  _Robert._

Ruhig, wie ein verklrter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine
auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine
Stunde das hchste Glck des Lebens empfunden, nun fhlte sie die Kraft
zu entsagen und beschlo Robert gleich jetzt zu antworten.


Clementine an Robert.

Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl
gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie
an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen
fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dnkt. Wir drfen
uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht fr einander leben
drfen.

Hre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen knnte, mu
Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von
meiner heien Liebe berzeugt haben. Kein trber Gedanke hat mir die
Seligkeit gestrt, das Gestndni Deiner Liebe von Deinem Munde zu
hren, mein hchstes Glck in Deiner Freude zu genieen. Was der
sehnlichste, einzige Wunsch des Mdchenherzens, der Traum meiner Nchte,
war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewhrt, die sie Dir nicht lohnen
darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir
geqult, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des
herbsten Schmerzes verbracht, die nun _alle_ ausgetilgt sind aus meinem
Leben durch eine Stunde des Glckes, und diese werde ich Dir ewig
danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwrtig
bleiben.

Die Deine aber werde ich nie. Ich darf mein Glck nicht auf Kosten der
Ruhe und Ehre eines Mannes erkaufen, der mir sein Glck und seine Ehre
anvertraut, mir seinen unbefleckten Namen gegeben hat. Kann ich die
Liebe, die er fr mich hegt, gewaltsam seinem Herzen rauben? Darf ich,
die Jahre hindurch seine Gefhrtin war, ihn verlassen, da das Alter
sich ihm naht? Soll ich ihn dem Gesptte preisgeben, das grausam jeden
verrathenen Ehemann verfolgt? Soll die Welt ihn verlachen, weil er
gromthig mir vertraute, obgleich er durch mich selbst wute, da mein
Herz nicht ihm allein gehren knne? Du weit es nicht, wie zart, wie
schonend er mich behandelt, wie vollkommen er meine Achtung, meinen Dank
verdient hat. Ob er mir verzeihen wird? ich wei es nicht -- nur das
fhle ich, da ich mit mir gerungen habe, Tag und Nacht, mit festem
Willen, um Dich aus meinem Herzen zu reien, da ich vor Gott mich
schuldlos fhlen darf und selbst den seligen Abend nicht bereue, den ich
gestern mit Dir verlebt, und der mich ber eine freudlose Vergangenheit
trsten, fr eine schwere Zukunft entschdigen sollte.

Ich lege mein Loos in Meining's Hnde; er mag mir vergeben, mich
von sich weisen -- Dein werde ich nie, auch dann nicht, wenn es
mir beschieden wre, meinen Gatten zu berleben. Sieh darin keine
Schwrmerei, keine Ueberspannung: ich halte die Ehe, Du weit es,
fr ein unauflsliches, ewig bindendes Band. Das Weib ist kein todter
Besitz, der heute aus den Hnden des Einen in die des Andern bergeht;
ganz, ungetheilt, frei und frisch an Geist und Leib mu sie dem Manne
gehren -- da ich mit getheiltem Herzen Meining's Frau wurde, das ist
das Unrecht, welches mein Leben zerstrt und alle meine Leiden und auch
Deine hervorgerufen hat. Ich that es, weil man mich berredete, es sei
Pflicht; weil ich glaubte, ich knne Dein vergessen und frei werden.

Noch einmal einen gleichen Schritt zu thun, die gleiche Snde gegen Dich
zu begehen, bewahre mich Gott. Eben so wenig, als ich es vermocht,
Dich zu vergessen, so wenig wrde das Andenken an Meining je fr mich
aufhren. Knntest Du eine Frau lieben, die ihres Gatten zu vergessen
im Stande wre? Willst Du ein Weib, das selbst in Deinen Armen an den
Verrath denken wrde, den es begangen? dem die Ruhe an Deinem Herzen
durch Gewissensbisse vergllt wre?

Tusche Dich nicht, mein Robert! so wrde es sein. Ich, geqult von
innern Vorwrfen, Meining einsam und verhhnt; sein Name, fr dessen
Ruhm er Jahre lang gearbeitet, den selbst Neid und Bosheit nicht
anzutasten wagten, entehrt durch seine Frau -- und Du? Robert, ich
fhle, was ich Dir einst htte sein knnen, kann und wird Dir keine
Andre werden -- was ich Dir jetzt noch werden knnte? Mein Herz zieht
sich zusammen bei dem Gedanken, da ich selbst mich um den Himmel
gebracht, Dich so zu beglcken, als ich es gehofft. Jetzt wre ich
zweifach elend, denn ich wrde Dich unglcklich sehen durch mich, und
auch Deine Ehre wre verloren. Oder ertrgest Du es ruhig, zu hren,
das ist Thalberg, wegen dessen sich Meining von der Frau geschieden,
die Thalberg jetzt geheirathet hat -- und die lchelnden Blicke, welche
solche Worte begleiten -- o! es wre ein Fluch, der ber uns schwebte,
gegen den wir keine Macht, auch nicht in unsern Herzen fnden.

Traure um mich, Geliebter! wie ich Dich beweinen werde. Heute sterben
wir fr einander und nur, wie man der theuren Todten gedenkt, la uns
an einander denken. Die Thrnen auf diesem Blatte zeigen Dir, ob ich
das Opfer fhle, das ich bringe, das ich verlange. Es sind die letzten
Augenblicke, die ich mit Dir verlebe. Ich mchte mein ganzes Herz Dir
zeigen, wie es Dein ist und Dein war; Du weit es und fhlst, wie schwer
es mir wird, zu scheiden. Ich habe Dich so unaussprechlich lieb.

Lebe denn wohl -- Robert, mein Leben, mein Glck! -- ich nehme Dich bei
dem Worte, da kein Opfer Dir zu schwer sei fr mich. -- Versuche es
nicht, mich zu berreden; es gelingt Dir nicht. Ich rechne darauf,
da Du noch heute Berlin verlt, da Du es nicht versuchst, mich
wiederzusehen, weil Du mich liebst.

Und nun Gottes schnster Segen ber Dich! Mge eine reiche Zukunft Dich
fr den Schmerz dieses Scheidens entschdigen. Denke mein oft, wie einer
Schwester, der Dein Glck tiefstes Bedrfnis ist; mgest Du das Glck
finden, das Du von mir erwartet, mein heigeliebter Robert! Lebe wohl,
mein Robert! und denke ohne Sorge an mich -- jetzt werde ich Ruhe haben.
Ich habe das schnste Glck empfunden -- ich konnte es besitzen und
opfre es meiner Ueberzeugung -- das wird mir Frieden geben. Gott sei mit
Dir auf allen Deinen Wegen, mein Geliebter, mein Freund! und nun lebe
wohl.

  _Clementine._

Mit bebenden Hnden wurde das Blatt gesiegelt und dem Diener bergeben.
Es war geschehen -- tief athmend ging Clementine auf und nieder, und ein
Friede, wie sie ihn nie gekannt, machte sie den Schmerz, das tiefe Leid
ihrer Seele leichter tragen. Jetzt wollte sie Alles beenden, Meining
sollte jede Verirrung ihres Herzens kennen, darum schrieb sie ihm:


Clementine an Meining.

Ich habe gestern Deinen Brief aus K.... erhalten, der mich tief gerhrt
und gedemthigt hat -- um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir anklagen
mu. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschnigen, und so will
ich auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser scheinen, als ich es
bin.

Du weit, als Du mir Deine Hand angetragen, zgerte ich, sie anzunehmen,
nicht aus Mitrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir
es nicht verborgen, da ich einen Andern geliebt, da sein Andenken
mir noch sehr theuer war -- aber ich hatte Dir versprochen, dagegen
zu kmpfen, und das habe ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz
meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht erstorben -- sie ist
neu erwacht, als ich den Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder
gesehen. Tausendmal hat das Gestndni auf meinen Lippen geschwebt, ich
habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein
ausdrckliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich
zurckgehalten, und mehr noch, da ich Dich, den ich von Grund der Seele
ehre und achte, nicht betrben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein Glck
war der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz
bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg ber mich zu gewinnen.

Seit acht Tagen ist Thalberg zurckgekehrt hat tglich versucht, mich zu
sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mute. Gestern ist er
unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Gestndni seiner Liebe gehrt,
ich habe ihm gesagt, da ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen,
weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fhle. Da ich nicht willig
dieser Leidenschaft gefrhnt, da ich mit aller Gewalt mich zu befreien
gestrebt, dafr brgt Dir Deine Kenntni meines Herzens, meine Achtung
vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit. Du hast ein Recht, die
Treulose von Dir zu weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du mut
mir Deine Achtung erhalten; denn ich selbst habe Robert entsagt und fr
immer. Halte das nicht fr leere Worte, welche Dich bestechen sollen;
erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewutsein
Dein, whrend am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg strend
zwischen Dir und mir stand. Ich fhle mich unzertrennlich an Dich
gebunden und wrde mich noch als zu Dir gehrig betrachten, wenn Dein
gekrnkter Stolz mich verstiee. Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich
Das nicht wie ein Verbrechen ben lassen, was ich gegen meinen Willen
empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich
dessen durchaus wrdig fhle.

Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weit Du
Alles; gewhre mir Mitleid mit meiner Schwche und erhalte mir, wenn
Du es vermagst, Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich fr Dich
fhle -- nur an Dich selbst appellire ich, und ich wnsche und hoffe, Du
werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden, als Du es sonst dem
Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine schwere Krankheit hat lange in
mir gelegen, die Krisis ist vorber, und ich werde genesen, ich fhle
es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt, Du wirst die
Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um fr Dich
zu leben.

Vergib mir und sage mir bald, da Dir mein Leben noch werth sei, da Du
meine Sttze und mein Freund bleiben willst -- schreibe mir bald, ich
verlange sehr nach diesem Briefe, und vergib mir Alles, mein guter Mann,
was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that. Vergib es mir,
weil ich mir selbst vergeben kann, und la mich Deine Clementine
bleiben.

Auch diesen Brief wollte Clementine gleich befrdern, doch fand es sich,
da die Post nach K.... erst am folgenden Tage abgehe und da er also
noch liegen bleiben msse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu
denken, den er auf Meining hervorbringen wrde, auf ihn, der vollkommen
arglos an sie und ihre Liebe glaubte. Wie wrde es ihn betrben, wie
unglcklich wrde es ihn machen! Sie hatte den Brief geschrieben, um
sich selbst zufrieden zu stellen, sich genugzuthun; und sie empfand,
da in dieser Handlung viel mehr Egoismus als Tugend lge. Um sich
zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besnftigen, raubte sie Meining,
von dessen Vergebung sie berzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu
verdienen glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe
sein? Meining wrde traurig zurckkehren, mit der Gewiheit, das Unglck
seiner Frau verursacht zu haben, indem er sie geheirathet; er wrde
argwhnisch und verstimmt auf sie sehen, die sich ihm wie ein Muster von
Entsagung, ein Opfer der Pflicht dargestellt hatte, nachdem sie wirklich
Nichts als ihre Pflicht gethan. So beschlo sie, schweigend, wie sie
gegen Meining gefehlt, auch zu ihm zurckzukehren. Niemand, auer
Robert, sollte ahnen, was in ihrer Seele vorgegangen war. In dem
Augenblick brachte man ihr diesen Brief von Robert.


Robert Thalberg an die Geheimrthin v.Meining.

Engel des Lichtes, groes, edles Herz! ich gehe. Ich scheide von Dir,
weil Du es willst. Du hast Recht, jetzt ist's zu spt -- ich habe einst
freventlich den Himmel unsres Glckes vernichtet und vermag nicht mehr,
ihn uns zu erbauen, obgleich ich Dich mehr liebe, strker, heier als
je. Wie _sehr_ liebe ich Dich! -- und mu ich erst nun, da die schwere
Stunde ewiger Trennung uns naht, erkennen, da Du noch viel reiner,
edler und grer bist, als ich selbst in den begeistertsten Augenblicken
es fr mglich hielt? Warum, schner Stern, scheinst Du mir in aller
Pracht Deines Glanzes, wenn Du mir untergehen mut fr immer? Doch nein!
Du bleibst! Du bleibst der feste Stern, auf den mein Auge blickt, der
seine leuchtenden Strahlen in meine Seele wirft, wenn ich im Gewhl der
Welt den Glauben an die Menschen zu verlieren frchte. Du bist! -- und
wer darf zweifeln an der Gttlichkeit des Menschen.

Ich scheide von Dir! Du fhlst, wie ich, was dieses Wort bedeutet; was
es heit: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde
unsres Abschiedes beflecken. Wie jene selige Insel, die nur einmal in
Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwhlten
Paradieses Wonne bereitet, dem sie zu schauen vergnnt ward, so taucht
das Andenken an die Stunde dieser Nacht ewig beseligend aus dem Meere
meines Lebens empor, und kein Sterblicher kann ermessen, was sie mir
gebracht an Glck, an Wonne. Du hast mich berreich gemacht, Geliebte!
berreich fr immer -- denn wer vermag zu lieben wie Du! -- weh mir, da
ich selbst unsre Welt zerstrt!

Lebe denn wohl, Geliebte! la mich Dir danken fr die Gunst Deiner
Liebe, fr das Glck an Deinem Herzen. Unvergelich und doch so
flchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blht,
wohl wissend, da diese eine Stunde vollendeter Schnheit mehr ist,
als das ganze, matte Leben aller andern Blumen. Lebe wohl, schne, hohe
Knigin der Nacht, Geliebte meiner Jugend, Weib meiner Seele! la uns
fortgehen auf der Bahn, die Du fr uns gewhlt und die ich gleich Dir
betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens gekannt -- la uns in
Anderem das Glck suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch einmal
la es mich sagen, nur noch dies eine Mal hre es an, da ich Dich
liebe, wie nur je ein Weib geliebt worden, da ich Dich anbete, wie man
die Gottheit anbetet, Dich, meine Clementine! ewig -- wenn auch getrennt
fr immer. Lebe wohl!

  _Robert._

Stumm drckte Clementine den Brief gegen ihr Herz und dankte Gott fr
die Kraft, die er ihr gegeben, zu siegen, wo sie es kaum gehofft. Sie
war wie zu neuem Leben geboren, sie dachte Robert's nicht mehr mit der
strmischen Unruhe der Leidenschaft, mit den peinigenden Vorwrfen des
Gewissens, mit der Sehnsucht, die ihn herbeiwnschte und sich
deshalb verdammte -- sie weilte bei seinem Bilde mit der beglckenden
Ueberzeugung, sich und ihn gerettet zu haben vom gemeinsamen Verderben;
und selbst auf Meining's Rckkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich
seiner wrdig fhlte. In dieser Stimmung legte sie Robert's Briefe
und den, welchen sie fr ihren Mann geschrieben, zusammen in die
verborgenste Ecke ihres Schreibtisches -- dort sollten sie unberhrt
liegen, wie jene Dokumente, die man in das Fundament groer Denkmale fr
die Nachwelt legt; denn auch sie fing an zu bauen fr die Zukunft,
mit dem frmmsten Sinne und der Hoffnung, da sie einen Tempel des
huslichen Glckes begrnde, zur Freude ihres Gatten.

Am andern Tage, als sie, nicht ohne tiefe Wehmuth, den Pavillon wieder
betrat, fand sie noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der
Aufregung jenes Abends nicht beendet und dort vergessen hatte. Mit welch
andern Empfindungen las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, da
Meining frher zurckkehren wrde, als er geglaubt, da sie ihn in
vierzehn Tagen erwarten knne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles fr
seine Heimkehr vorzubereiten, obgleich die Ereignisse der letzten Tage
noch lebhaft in ihr nachhallten und Robert's Name in dem Verzeichni der
Abgereisten sie in der Einsamkeit manche stille Thrne kostete.

Die wiedergewonnene Ruhe des Gemthes verfehlte nicht, ihren
wohlthtigen Einflu auf Clementine zu uern; sie brachte ihren Nchten
Schlaf und ihren Nerven die verlorene Strke, soda, als nach Verlauf
der vierzehn Tage der Geheimrath zurckkehrte und seine Frau ihm
freundlich, wenn auch mit heftig klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm
dann weinend um den Hals fiel, er sie viel wohler aussehen fand, als an
dem Tage der Trennung. Er war ganz Glck, sie wieder zu sehen, und es
verdro ihn nur, wenn sie von Zeit zu Zeit seine Hand, die in der
ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drckte, statt seine Ksse zu
erwiedern. Es lag so viel Weiches, Demthiges in ihrem Betragen, da
er sie unbeschreiblich liebenswrdig fand und es ihr tausendmal
versicherte, wie froh er sei, sie wieder bei sich zu haben, und wie gar
schwer ihm das Leben ohne sie geworden.

Nun fand Clementine den Lohn fr ihre Entsagung und schlo sich fester
und fester an ihren Gatten an, je mehr sie Herr ber sich selbst wurde.
Als endlich im Juni Frau von Alven anlangte und das gute Einverstndni
der Eheleute sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer Nichte im
engsten Vertrauen zu bemerken, es kme nur darauf an, da Mann und Frau
sich verstndigen wollten, und sie htte sehr klug gethan, da sie nicht
frher gekommen sei. Du wrst mit keinem Manne so glcklich geworden,
als mit Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg nicht, der Dir bei
Deiner Verheirathung doch noch sehr am Herzen lag. Clementine wurde roth
und bat die Tante, Thalberg in dieser Beziehung nicht zu erwhnen, da er
im letzten Winter oft in ihrem Hause gewesen sei und Meining Nichts von
ihrem frhern Verhltni zu Robert wisse.

Meining's Einflu erlangte etwa zwei Jahre spter Reich's Berufung
nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige
Fragen und Erzhlen begann, war eine der ersten Neuigkeiten, die Marie
mitbrachte: ich habe auch in Wiesbaden Thalberg gesehen; was fr ein
schner Mann ist der geworden! und seine Braut, ein Frulein Ringer,
die Dich tausendmal gren lt, sagt mir, _Du_ httest sie mit Thalberg
bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen
und ein paar Jahre fortbleiben; darauf besteht Thalberg, obgleich die
Staatsrthin Ringer es nicht wnscht. Sehen Sie einmal, lieber Meining,
wie ernsthaft Clementine wird! Wir Frauen sind doch nrrische Geschpfe;
ich glaube, meine Schwester wundert sich heute noch, da Thalberg, der
in frhster Jugend eine groe Passion fr sie hatte, die sie theilte,
sich schon entschlieen kann, ein schnes, junges Mdchen zu heirathen.
Sage einmal selbst, Clementine! ist's nicht so?

Clementine schwieg, aber Meining drckte ihre Hand und sagte, als sie
spter allein waren, sehr bewegt: Armes Kind! jetzt wei ich, woran Du
vor zwei Jahren erkrankt, wie sehr Du gelitten hast -- es ist vorbei,
und Gott gebe, da ich Dir fortan jedes Leid ersparen knne. Eine
herzliche Umarmung folgte diesen Worten, und Nichts hat fortan den
Frieden dieser Ehe bedroht.


  Druck von F. A. _Brockhaus_ in _Leipzig_.




[Hinweise zur Transkription


Das Buch ist ursprnglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte,
die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription
markiert. Der Name "Bulwer" auf der Titelseite ist in Kapitlchen.

Der Halbtitel "Clementine." wurde entfernt.

Gendert wurden

  Seite 14:
  "Interresse" gendert in "Interesse"
  (ihre ganze Persnlichkeit flte lebhaftes Interesse ein)

  Seite 15:
  "Berwerbung" gendert in "Bewerbung"
  (da sie jede Annherung und Bewerbung eben so fein)

  Seite 21:
  "war, nthig" gendert in "war nthig"
  (und es war nthig so weit zurckzugehen, um)

  Seite 70:
  "Frey" gendert in "Frei"
  (Liebe fr ein gewisses Frulein Clementine Frei)

  Seite 89:
  "gewhlich" gendert in "gewhnlich"
  (und begannen, wie gewhnlich, mit den)

  Seite 99:
  "zeigten soda" gendert in "zeigten, soda"
  (die geringste Neigung zeigten, soda sie auch diesen Wunsch)

  Seite 103:
  "vermuhtete" gendert in "vermuthete"
  (da ich Frau von Meining noch in Heidelberg vermuthete)

  Seite 181:
  "so, weit" gendert in "so weit"
  (an sich ziehen und so weit sie es vermchte)

  Seite 246:
  "anklangen" gendert in "anklagen"
  (da ich mich selbst vor Dir anklagen mu)

  Seite 249:
  "bssen" gendert in "ben"
  (nicht wie ein Verbrechen ben lassen)

  Nicht gendert wurden

  unterschiedliche Schreibweisen des Verbs: erwidern/erwiedern]






End of the Project Gutenberg EBook of Clementine, by Fanny Lewald

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