The Project Gutenberg EBook of Tahiti: Roman aus der Sdsee. Vierter Band, by 
Friedrich Gerstcker

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Title: Tahiti: Roman aus der Sdsee. Vierter Band

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 23, 2014 [EBook #46083]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Tahiti.

  Roman aus der Sdsee
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Zweite unvernderte Auflage.

  Vierter Band.

  Der Verfasser behlt sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

  Leipzig,
  Hermann Costenoble.
  1857.




  Inhalt des vierten Bandes.


                                     Seite
  Cap. 1. Die Schlacht von Mahaena       1
   "   2. Alte Abrechnungen             55
   "   3. Das Lager der Insulaner      103
   "   4. Die Flucht                   142
   "   5. Lefvre und Aumama           170
   "   6. Der Angriff auf Papetee      218
   "   7. Ren und Susanna             248
   "   8. Schlu                       302




Capitel 1.

Die Schlacht von Mahaena.


Joranna! -- und die Palmen rauschten dazu ihre leise wehmthige Weise,
und wie grollend, zrnend tnte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's
Ohr -- Joranna! -- Und doch ja auch nur fr wenige Tage! rief er
dann pltzlich sich abwendend und mit der Hand die Stirne streichend,
als ob er da alle die trben traurigen Ideen fortwischen wolle. Unsinn,
sich das Herz da schwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trben
Ideen; wie rasch verfliegt die Stunde, und Wochen schwinden, da man sie
kaum zhlen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben schwer
machen, ein tckisches Schicksal qult und neckt uns berdies schon
genug, wirft Wermuth in den sesten Becher, oder giebt der Frucht
Stacheln nach der unsere Lippe sich sehnt. Fort; in der Stadt verge ich
die Grillen und mein Haus mag heute sehen wie es allein fertig wird.

Und den Hut fest in die Stirn drckend, die Arme ber der Brust
zusammengeschlagen und den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten
nach der Stadt zurck und betrat, seine Grillen wie er sie nannte,
mit einer Flasche Wein niederzuschwemmen, das erst seit kurzer Zeit
etablirte Haus eines Franzosen, Viktor, lie sich eine Flasche
Claret geben, und setzte sich, ein paar Glser rasch hintereinander
hinunterstrzend, den Kopf in die Hand gesttzt, allein an einen Tisch,
in die entfernteste Ecke der Stube -- gedankenvoll auf das vor ihm
ausbreitende Meer hinausschauend.

Wohl eine Stunde mochte er so gesessen haben, die Flasche stand geleert
vor ihm, und noch immer starrte er dster vor sich hin, als eine Hand
ihm derb auf die Schulter klopfte und eine frhliche Stimme seinen Namen
rief:

Ren!

Ren schaute langsam auf, sprang aber im nchsten Augenblick von seinem
Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenstreckend und ihn
an's Herz drckend:

Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommst Du her? zehntausendmal
willkommen auf Tahiti.

Und Dir geht es gut? frug Adolphe, die ersten herzlichen Begrungen
vorber -- es gefllt Dir hier, und Du bereust Dein Weglaufen nicht?

Bereuen? lchelte Ren, ich habe Alles hier, was das Menschenherz nur
fordern oder verlangen knnte und sollte bereuen? -- Doch -- unterbrach
er sich pltzlich, den Freund erstaunt betrachtend -- spielst Du
Maskerade oder ist es jetzt Sitte hier geworden, franzsische Uniformen
anzulegen? was thut der Wallfischfnger in der Officiersuniform?

=Peste!= lachte Adolphe, ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da
uns gute Krfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt fr geeignet, meine
alte Carrire wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit am Bord
eines Wallfischfngers; durch =Du Petit Thouars= selber, von dem ich die
Ehre habe schon seit frhern Zeiten gekannt -- vielleicht berschtzt
zu sein, sind mir die Epauletten wieder auf die Schultern gedrckt, mit
denen ich seit langer Zeit fertig zu sein glaubte.

Und seit wann bist Du hier? frug Ren erstaunt.

Seit drei Tagen etwa; aber wie mir gesagt wurde, wrst Du zurck nach
Atiu gegangen, wo wir Dich damals lieen.

Ich habe die Erlaubni noch nicht erhalten, einer langweiligen
Untersuchung wegen.

Ich wei, ich wei, wegen einer Franzsischen Schildwache, man hielt
das aber fr abgemacht -- nun desto besser, so hab' ich Dich doch hier
noch getroffen, ich wre aber spter jedenfalls einmal hinbergekommen,
Dich zu besuchen. Mensch ist es mglich -- Du hier verheirathet und
Familienvater? -- nun die Sache klingt gefhrlicher, wie sie ist.

Ich fhle mich glcklich darin, sagte Ren.--

Und was willst Du jetzt auf Atiu?

Dort bleiben.

Bah, Unsinn--

Unsinn? -- weshalb?

Du willst Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald
vergraben und mit der Welt fertig sein? -- Mensch bist Du denn
wahnsinnig oder hast Du die Lektionen am Bord des Delaware noch nicht
vergessen? und ein indianisches Mdchen -- Ren, Ren, ich frchte fast,
Du hast da Dir selber einen recht bsen Streich gespielt, und ich habe
Dir am Ende gar keinen so besonderen Dienst geleistet, als ich die
Bande durchschnitt die Dich hielten. Das Schlimmste gereicht uns oft zum
Glck, und das gerade, was wir armen kurzsichtigen Sterblichen im Anfang
fr die Krnung unserer Wnsche halten, ist nicht selten der Beginn von
-- gerade dem Gegentheil.

Du kennst Sadie nicht, lchelte Ren -- sie ist nur Indianerin von
Geburt, sonst aber fast ganz in europischen Sitten und Gebruchen
auferzogen.

Desto schlimmer fr sie, brummte Adolphe kopfschttelnd. Ich habe
auch darber schon Manches munkeln hren. Aber was zum Teufel bleibst Du
da nicht wenigstens in Papetee? -- hier hast Du doch einen Wirkungskreis
fr irgend eine Thtigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn
Jahre dort, machen Dich untchtig fr irgend einen menschlichen Beruf.

Verhltnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen, lchelte der
Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. Sadie fhlte sich hier
nicht glcklich zwischen den Europerinnen und--

Aber ich denke sie hat eine ganz europische Erziehung bekommen -- wie
stimmt das?

Ich -- ich selber fhlte auch da wir dort drben wrden viel freier,
ungehinderter leben knnen entgegnete Ren ausweichend.

Ungehinderter? das glaub der Teufel, lachte Adolphe, wer sollte
Euch dort stren? wenn da nicht einmal zufllig ein vereinzelter
Wallfischfnger anlangte -- aber apropos Ren -- weit Du denn, da
Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?

Ren fhlte, da ihm das Blut in die Schlfe stieg und drehte sich rasch
ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.

Ich wei es, sagte er gleichgltig -- ich habe sie hier auf einem
Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe --
rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam
betrachtete -- Du hast mir ja noch gar nicht erzhlt, was Ihr damals
mit dem ehrwrdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord
nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?

Was er sagte? lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut
auf, er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt
sein. Mein Glck brigens wars, da er behauptete Einer der Bootsleute
habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter
Seehund von Harpunier wute recht gut, da ich nicht lange genug oben
gewesen war, das mglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's
auch zutraute, whrend keiner der Anderen das Boot verlassen haben
wollte, und auch in der That verlassen hatte. So rgerlich der _Alte_
brigens auch war, da wir _Dich_ nicht, trotz aller gemachten Auslagen,
wie des Aufenthalts und bsen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr
freute er sich doch jedenfalls heimlich, da es gerade der Schwarzrock
gewesen, der darunter leiden mute, noch dazu, da er einen Matrosen
verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens fr den Augenblick, mit
einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegrndete
Ursache auf mich den strksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen,
und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde
doch das Leben an Bord fr mich dadurch nach und nach so fatal, da
ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen,
auszahlen lie und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin
brigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Strae
begegnet -- und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick
auf mich warf, blieb er im ersten Moment berrascht stehen, -- er wute
wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein,
vielleicht etwas malitises Lcheln doch nicht verbeien konnte, und
ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, fr ihn so fatalen
Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine
Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines
Blicks zu wrdigen, an mir vorber, die Strae hinab.

Ja, er hat hier seine Mission sagte Ren noch in der Erinnerung an
heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, mir aber ist er bis heute
ausgewichen wie dem bsen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten
Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit berschritten, um
Abschied von meiner Frau zu nehmen.

Will er fort?

Nein, meine Frau hab' ich hinber nach Atiu, mit einem der anderen
protestantischen Missionaire geschickt, um spter nachzukommen.

So so? sagte Adolphe gedehnt, Du bleibst jetzt noch allein in Papetee
-- und wo wirst Du wohnen?

Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus drauen bleiben, aber ich
frchte es wird nicht gehen -- heute Morgen wenigstens kreuzten schon
dumpfe Gerchte von einem wirklichen Aufstand, und was ich hier darber
gehrt, besttigt das nur. Als einzelner Franzose setzte ich mich da
drauen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus.

Nein, Gott bewahre rief Adolphe rasch -- diese Indianer sind
seelensgute Menschen wenn in Frieden gelassen, aber treib' sie erst
einmal dazu da Blut fliet, und sie sind wie die Tiger, unersttlich.
-- Ich frchte auch wir bekommen hier noch einen verwnscht schweren
Stand, denn die zwei Schiffe sollen, wie ich hre, an allen Inseln
zugleich anklopfen, und wenn sie da in Papetee nicht eine _recht_
tchtige Besatzung zurcklassen, so weht einmal eines Morgens die
Tahitische Flagge statt der Franzsischen, und fr unsere Leben, alle
mitsammen, mcht' ich dann keinen Franc geben. Die Missionaire thun
auerdem was sie knnen, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.

Verdenken kann ich's ihnen nicht entgegnete Ren, die geleerten Glser
wieder vollschenkend, haben sie doch meine Landsleute hier vollstndig
aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt sich seines Brodes so gut er
kann.

Peste, Ren, Du vertheidigst die Schwarzrcke wohl gar? lachte
Adolphe. Wetter mein Bursche, hast Du Dich gendert. Die Luft hier mu
anstecken.

'Bist im Irrthum, Adolphe, nur den Stand selber vertheidige ich, der
hier ein Recht hat zu existiren, sobald _wir_ nur den Schatten eines
solchen beanspruchen wollten. Stnde ihnen die eigene Bibel nicht
dabei im Wege, wren sie gerade die Leute die sich zu Herren des Landes
erklren drften, insoweit sie zuerst hier ihren Wohnsitz, und damit
nach dem Rechte der Entdecker, Besitz von dem Lande nahmen. Doch es
fllt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen setzte er rasch hinzu,
und Gott wei es, sie haben mir das Leben hier schon manchmal recht
verbittert, ja -- htten es mir verleiden knnen.

Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen? lachte Adolphe.

Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben sie aber doch bald auf
-- die Besseren unter ihnen sind auch tchtige wackere Leute, Menschen
die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der
rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und
Psalmensingen, knnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube
wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee geblieben wre, htten sie mir
mein Weib entweder abtrnnig, oder da das nicht ging, verrckt gemacht.

Hat Dir der Ehrwrdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?
frug Adolphe.

Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt
zu finden. Es hie einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die
Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich
Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken muten, wenn sie
je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den
Waffen in der Hand zu verstndigen. Ich wollte brigens dieser Rowe
_wre_ fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht
jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufllig ber den Weg luft,
und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, da er mir noch irgend
einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der
That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende
Gelegenheit unbenutzt vorbergehen liee. Doch fort mit dem Schleicher,
wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du
bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?

Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,
erwiederte der Freund.

Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon
besser gefallen lchelte Ren, vielleicht sogar machst Du mir's nach,
und wir werden noch am Ende Nachbarn -- Adolphe, diese Inseln sind ein
wirkliches Paradies.

Adolphe schttelte mit dem Kopf.

Und doch mchte ich es nicht auf die Lnge der Zeit mit Dir theilen
sagte er ernster -- ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen
Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestber da oben in jenen
unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der
verweichlichte Landbewohner kaum fr mglich halten wrde -- und in der
That auch kaum fr mglich hlt -- thut es Einem wohl, wieder einmal
eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, -- und die freundlichen
Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglcklichen
Conflikte vorber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast --;
aber da bleiben, wohnen, _heirathen_, und seine Existenz hier
beschlieen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin
fest davon berzeugt da ich nicht einmal den Versuch machen mchte.

Und was knnte das Herz mehr verlangen als es hier findet? rief Ren
-- was bietet Dir Gottes Welt Schneres, wohin Dich der unstete Fu
auch trgt, als diese Ksten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses
Glck mit Dir theilt? was wrde Dir in diesem Paradiese fehlen?

Der Nerv es zu genieen, es zu schtzen rief Adolphe rasch,
Thtigkeit -- Entbehrungen, _Leben_ mit einem Wort, wie es der alte
Herr da oben fr uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet
hat -- ich verginge in dem Miggang. Nein Ren, nein, und tausendmal
nein, wenn Du Dir selber vorlgen willst da Du Dich glcklich darin
fhlst. Ich glaube es nicht, weil ich berhaupt nicht an Unmglichkeiten
glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wnschen wollte.
Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise
einst in Paris, der eben nur bermthig und bersttigt wurde durch
das Glck, das berall auf ihn einstrmte. Du, dem noch bis jetzt kein
Welttheil vermgend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest
jetzt Deine Heimath in einer Bambushtte gefunden haben und mit Deinen
Lebensbedrfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen
sein? -- Unsinn Ren! -- hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir
das so denke, und komischer noch da ich ernstlich dagegen anstreite.
Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinber, aber mit dem was Dir jetzt
durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du
willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zgen geschrieben steht, lebst
Du noch ein Jahr drben und springst nachher wieder selbst an Bord eines
Wallfischfngers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder
-- Du bist elend und unglcklich.

Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht rief Ren, aber er war
aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. Du
hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon
frher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es
fr unmglich.

Armer Ren sagte Adolphe -- schon mit _den_ Worten gestehst Du mir
Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich.
In tollkhnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und
furchtbar entgegenstellt, _ja_; im kecken Wurfe bist Du im Stande und
setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht da Du Dich durch
irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaten Vorsatz,
wr er noch so wahnsinnig, zurckschrecken lieest. Du hast mir das
mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an
Bord des Wallfischfngers; hier aber, wo es darauf ankommt durch
zhes _geduldiges_ Ausharren ein Ziel zu erreichen, gbe es keinen
unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so
gehst Du darber zu Grunde -- denk' an mich.

Wilder Lrm drauen unterbrach sie hier; die Leute sprangen durch
einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren
der Thr zugeeilt, zu sehn was es gbe, als drauen die scharfen Schlge
einer Trommel ertnten.

Alle Wetter! rief Adolphe, es scheint Ernst zu werden, die Trommel
ruft uns auf unsere Sammelpltze. Und wo sehen wir uns wieder, Ren?

Heute Abend hier.

Gut denn, und ade so lange! und mit herzlichem Ku und Handdruck
trennten sich die Freunde, Adolphe seinem neuen Beruf mit all dem
lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz
findend der ihn auch fr manche Last und Unannehmlichkeit entschdigen
mute, whrend Ren in der Thr stehen blieb und ihm die Strae hinab
nachschaute, bis ihn eine Biegung derselben seinen Blicken entzog. Tief
aufseufzend drehte er sich dann um und wandte sich, theils in das Haus
zurck zu gehen und seinen Hut zu holen, theils zu sehen was es gebe,
als er seinen Namen gerufen hrte und sich umschauend Lefvre erkannte,
der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam.

Der frher so muntere und leichtherzige Nachbar sah aber gar verndert
und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich
und abgemagert, auch der Blick seines Auges hatte etwas Feindliches,
Stieres gewonnen, das er sonst nicht gehabt.

Hallo Lefvre, wie sehn Sie aus? rief Ren erstaunt -- wo wurden Sie
denn verwundet, und sind denn unsere Truppen schon mit den Eingeborenen
zusammengetroffen?

Hier noch nicht sagte Lefvre, mit einem eignen Lcheln in den scharf
ausgeprgten und keineswegs angenehmen Zgen, wenigstens bis heute
Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben
meinen Sbel und meine Pistolen holen, als Freiwilliger den Spa mit zu
machen.

Mit dem Arm in der Binde? sagte Ren kopfschttelnd. Sie sollten
froh sein da Sie eine Entschuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen
fechten zu mssen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehren wir
Beiden nicht zu ihnen?

Zu den rothen Hallunken? rief Lefvre mit einem wilden Fluch -- hol
sie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine
Hlfte von ihnen todtgeschlagen, und die andere in ihre Bergschluchten
hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten.
Da die Pest zwischen sie fahre!

Lefvre? rief Ren erstaunt -- was ist denn mit Ihnen vorgegangen? --
wo ist Aumama?

Lefvre lachte hhnisch und rief, den Kopf zurckwerfend:

Zu ihrem Gesindel zurckgekehrt, aus dem ich ein Thor war sie heraus
zu ziehen -- nun, ich habe wenigstens meinen Spa mit ihr gehabt --
Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurckgeschickt, wie ich hre.
Gescheut, die Dirnen sind recht gut fr eine kurze Zeit, so etwas mu
aber nicht zu lange dauern, sonst wird es langweilig.

Ich habe sie hinbergeschickt um selber nachzugehn erwiederte Ren
ernst, und haben _Sie_ sich so leicht von Ihrer _Frau_ trennen knnen?

Frau trennen knnen lachte Lefvre -- wenn es ihr nicht mehr
Thrnen gekostet hat wie mir, sind wir alle Beide ungemein leicht davon
gekommen. Aber wissen Sie da der Teufel losgegangen ist? die Burschen
machen Ernst.

Doch nicht hier in Papetee? sagte Ren.

Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich
verbarrikadirt und einen Trupp Soldaten, der sie von dort vertreiben
wollte, mit blutigen Kpfen zurckgejagt. Eben ist die Nachricht hier
hergekommen, und es soll jetzt gleich ein Bataillon dorthin aufbrechen,
den Emprern zu zeigen mit wem sie eigentlich in ihrer Verblendung den
Krieg begonnen. Durch diese protestantischen Missionaire aufgehetzt,
glauben und hoffen sie immer noch auf die Untersttzung gar nicht
vorhandener englischer Schiffe, es wre ja sonst doch nicht mglich, da
sie nur einen Augenblick daran denken knnten, ernsthaften Widerstand zu
leisten. Aber dort rckt schon das Militair heran, kommen Sie mit, Ren,
wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die
Burschen mit in die Berge jagen.

Ren schttelte mit dem Kopf.

Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun sagte er ernster, meine
Landsleute mgen das unter sich ausmachen.

Bah, Sie werden doch nicht zusehn wollen wie wir uns schlagen?

Warum nicht? -- so lange ich kein Interesse dabei habe.

Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?

Sie schienen ja eben noch nicht einmal zu glauben da sie einem
einzelnen Bataillon Stand halten knnten.

Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal sind sie zh und werfen
sich mit ihren nackten Leibern ganz tollkhn und einer besseren Sache
werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.

Sie vertheidigen ihr Vaterland sagte Ren ernst -- das ist die beste
Sache, die sie vertheidigen knnen.

Meinetwegen lachte der Franzose, ich aber habe nun einmal meine ganz
besondere Malice auf sie -- also adieu, wenn Sie denn durchaus nicht
mitwollen und auf Wiedersehn! und rasch seinen Sbel umschnallend, den
er inde aus der Ecke geholt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung
gehaltenen indianischen Burschen, da er die linke Hand nicht gebrauchen
konnte, helfen mute, verlie er das Haus mit schnellen Schritten sich
dem inde schon voraus marschirten Trupp anzuschlieen.

       *       *       *       *       *

Die Sonne von Tahiti beschien, zum ersten Mal wieder, seit ihre
Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und
kriegerisches Bild.

Kaum mehr als etwa zwlf englische Meilen von Papetee entfernt, wo die
friedlichen leicht gebauten Bambushtten von Mahaena standen, hinter
denen sich die gewaltigen Bergesmassen in steilen kurzen Hngen erheben,
hatten sich die Bewohner der benachbarten Distrikte, nach dem Angriff
auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath gesammelt, und mit zornig blitzenden
Augen und geschwungenen Speeren Rache verlangt fr das vergossene Blut
der Brder. Ein Schrei der Entrstung zuckte durch das ganze Land, und
was an waffenfhiger Mannschaft in der Nhe war eilte herbei, seinen Arm
der Sache des Vaterlandes anzutragen.

Die am meisten fanatisirten Huptlinge der Eingeborenen hatten sich hier
gesammelt, Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und selbst Teraitane, und
Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeschickt,
diese ebenfalls der vaterlndischen Sache zuzuwenden. Einzelne von
diesen aber, wie Paofai und Hitoti hatten sich direkt geweigert Pomares
Sache zu der ihrigen zu machen, whrend Paraita, Krankheit vorschtzend,
ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine sich nach
Papara, der andere nach Papeneeo zurckzog, dabei jedenfalls ihren
Rcktritt von den franzsischen Interessen erklrend.

Nicht mig aber beriethen nur die Huptlinge in Mahaena, sondern
zu gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hgelhang, auf den
Vorschlag und unter der Anleitung mehrer englischer und irischer
Matrosen, Befestigungen aufgeworfen, einem etwaigen Angriff auch
die Spitze bieten und abwarten zu knnen, bis die ganze Insel
gemeinschaftlich gegen die Unterdrcker aufstehn wrde. Ueberhaupt
hatten sich eine ganze Zahl Fremder, die sich frher hier nieder
gelassen und den Einflu der Franzosen frchteten, den Eingeborenen
gleich von allem Anfang angeschlossen, von denen sie, wenigstens von
den meisten, gar sehr willkommen geheien wurden. Es war diesen schon
gewissermaen eine Beruhigung Weie mit sich gegen Weie zu wissen und
in der Fhrung der Feuerwaffe, die sie hier zum ersten Mal in die Hnde
bekamen, brauchten sie auch noch Leute die sie mit den Geheimnissen
derselben betraut machten. Die meisten dieser Weien waren frher
entlaufene Matrosen von Wallfischfngern, ja hie und da aber auch sogar
von den franzsischen Kriegsschiffen selber, die sich in den steilen
unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genthigt
wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen.

Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der
Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem
Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu hei geworden war, und der doch auch
kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergngen
gethan haben wrde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine
herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren
franzsischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte,
da er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der brigen entzog.
Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten
verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Englnder
oder Amerikaner einen Verrther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe
packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder
auch mglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst
entschieden und das tahitische Volk selber vollstndig unterworfen
gewesen wre.

Mit dieser Beihlfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena,
wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt
worden. Ein etwa fnf Fu hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie
vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schtzen, die man
jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mute, whrend sich
das Rcktheil der kleinen Veste an den steilen Hgel selber lehnte und
die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen
allein bekannten Pfad dort hinauflie, den wenige Mann htten gegen eine
gewaltige Ueberzahl vertheidigen knnen. Auf dem Wall aber schtzte
ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der
Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollstndig gegen einen
Bayonnetangriff, und Boten waren inde schon nach allen Richtungen
abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stmme herbei zu ziehen und
hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.

Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gnnen,
weil sie schon des bsen Beispiels wegen suchen muten die Eingeborenen
von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor
allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, da sie sich berhaupt einem ihrer
ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen _knnten_. Die Scharte
von Tairabu mute sobald als mglich wieder ausgewetzt werden.

Am frhen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten
Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber
noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft
der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es
war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber erffneten beide
Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die
Emprer sollte mit einem Mal gefhrt und alle die Frevler vernichtet
oder zerstreut werden.

Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen
und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge
geflchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge krftige
Weiber, waren ihren Mnnern oder Vtern gefolgt, das Pittoreske der
Scene dadurch nur noch erhhend. Ueberall auf dem weiten gerumigen
Plateau kauerten sie ber den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl fr
die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde
herab und lfteten die ber saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten
Bltter, zu sehn ob sie brunen und gahr werden wollten, und breiteten
dann die glatten Bltter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene
Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europer saen
dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand berhaupt bei
der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Huptlinge fr sich
einen etwas erhhten Platz gewhlt hatten, so war es der Neger
Pompey, dem die Frauen und Mdchen, vielleicht seiner brillant schwarz
glnzenden Farbe wegen, die besten Stcke aussuchten und zuerst die
Cocosnu zum Trinken reichten. Pompey lie sich das auch ganz ruhig,
und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewhnt ist, gefallen, und
that der Mahlzeit alle Ehre an, whrend er mit den Mnnern selber lachte
und Geschichten erzhlte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann,
in einem frmlichen Paroxismus von Frhlichkeit, warf er sich nicht
selten hintenber, zwei Reihen der glnzendsten Zhne dabei zeigend, und
die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.

Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an
einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der
ehrwrdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Auen her trotzend und recht
gut wissend da die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine
Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und
oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die
meisten saen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder
seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm,
andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermdet, der
Lnge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen
der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen
nachbrummend, whrend noch Andere emsig dabei beschftigt waren ihr
inde gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu
frdern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und
zu gleicher Zeit der krperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben,
verzehrten.

Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette,
Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere,
Cavallerie- und Infanteriesbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen
Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende
Mdchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kmmernd,
vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewrfelt lag und
stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl ber das Ganze
habe, oder irgend einen Einflu darauf ausben knne, und ohne Dach und
Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmig aufgesetzten
Pandanus oder Bananenblatt-Dchern, machte auch das ganze Lager weit
eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier
zur Mittagszeit eine kurze Rast gegnnt und in der nchsten Stunde
wieder aufbrechen wrde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt
war einem mchtigen Feinde auf lngere Zeit Trotz zu bieten und
Widerstand zu leisten.

Und diese Waffen -- rostige Musketen und hlzerne Speere, Keulen und
Beile, die sich dem furchtbaren Geschtz der Feinde entgegenstellen
sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dnnen Lanzen an den
Erdwllen und kauerten oder standen die halbnackten Mnner daneben,
ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen
der Feinde anrcken und ihre donnernden Geschtze die Todesboten in
die kleine Veste schmettern wrden. Und hatten sie keine Ahnung der
furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? -- noch war es Zeit, noch konnten
sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen,
wohin ihnen der schwerflligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch
der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die
Unglcklichen zu Bue und Reue in der elften Stunde. Die offene
Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche
ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt,
stand er da, ein mahnendes Bild dem Snder, ein Wegweiser zu dem Thron
des Hchsten.

Horch -- ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers -- die
Betenden wandten den Kopf halb danach um -- frchten sie den anrckenden
Feind? -- Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der
den Ton begleitet--

Horch! schrie eine jauchzende Mdchenstimme, fortwerfend was sie
gerade in Hnden hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem
Feind bedroht, selbst die Nhe des sonst so gefrchteten Missionairs
nicht achtend.

   Horch
  Horch wie der Trommel Schlag
  Wirbelt der Brandung nach
    Horch
  Lauert der Feind auch schon,
  Herzchen ich komme schon
    Horch!

Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wieder gewachsenen Haar die
tollste der Schaar, die den Zwang erst einmal abgeschttelt dem sie
unwillkrlich das Knie gebeugt, jetzt fast gar nicht wute wie sie die
versumte Zeit am raschesten und wildesten wieder nachholen knne.

Maire! Maire! riefen einzelne Stimmen warnend, aber die Trommel
wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war schon lange,
von fnf oder sechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz angesprungen,
dem sie in seinen wildesten Formen und Stellungen folgte.

Aonui, der fromme Huptling, und Potowai waren aufgesprungen und schauten
mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der selbst im Angesicht des
frommen Missionairs verbt wurde, und dieser sprach einige ernste
drohende Worte zu den Mnnern. Aber die Mnner waren nicht allein
Christen, sie waren auch Huptlinge, und fhlten recht gut wie sie jetzt
gerade, im Begriff einen gefhrlichen Kampf zu bestehen, dem jungen
Volk nicht den tollen Muth wehren durften, der wohl die Grenzen der
Schicklichkeit bertritt, dann aber auch wieder im ernsten Kampf, dem
strkern Feind gegenber, ihm die starre und kecke Todesverachtung gab,
in dem aufgeregten frhlichen Blut.

Maire! Maire! rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als strafend von
seinem erhhten Platze nieder, wahre Dich Mdchen und denke an Deinen
Gott -- wer wei ob Du nicht in der nchsten Stunde schon vor seinem
Richterstuhl stehst--

Ich? schrie das tolle Mdchen in jubelnder Lust zurck, whrend sie
das Oberkleid von den Schultern ri und von sich schleuderte ich?--

    Bah!
  Heut ist ein Jubeltag
  Hrst Du der Trommel Schlag?
    Da!
  Hei, wie der Wirbel rollt
  Betet so viel Ihr wollt.
    Da!

Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Mnner und Frauen,
denn viele von diesen freute es, da sich dem sonst so gefrchteten
Missionair eines der Mdchen keck entgegengestellt hatte, und die
einzelne Trommel, ein altes englisches Instrument, und in frherer Zeit
einmal von irgend einem Kriegsschiff gegen wer wei was fr werthvolle
Sachen eingetauscht, schlug rasselnd ein in den tobenden Chor, den das
zrnende Gebet des Missionairs nicht bertuben konnte.

Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen Ausweg, und mit den um ihn
geschaarten Seinen, denen er rasch ein Zeichen gegeben, begann er
jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewhnlichen und von allen gekannten
Kirchenlieder, das sie im Chor so gern sangen und dem sich auch
augenblicklich die Nchsten anschlossen. Weiter und weiter drngte die
fromme Melodie hinein in die Masse, den Tanz und Sang der Einzelnen
schon halb bertnend, mehr und mehr schwollen die Tne im vollen
rauschenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Hhe und ein Gebet um
seinen Schutz, seine Hlfe in Drangsal und Noth.

Die Tnzer standen still und horchten den Tnen -- selbst der Trommler,
der im Anfang wie in Schadenfreude nur rger auf das gespannte Fell
losgeschlagen, schwieg mit dem wilden Tanz und folgte leise dem Takte
der Hymne mit den Schlgeln -- wunderliche Begleitung dem frommen Lied:

  Dein sei Lob, Ehre, Preis und Ruhm
  Der Liebe hchstes Eigenthum --
    Erbarm Dich uns'rer Snden
    Und la uns, oh Herr Zebaoth
    In Leid und Graus in Noth und Tod
    Vor Dir Herr, Gnade finden.
  Und wenn das letzte Strafgericht
  Im Sturm der Erde Vesten bricht
    Mit Deinen starken Armen,

Der Feind -- der Feind! drhnte da pltzlich ein gellender Schrei
selbst ber das jetzt zum vollen Chor angewachsene Lied hinaus, das die
Landbrise weit weit hin ber das Wasser trug, aber die Snger strte es
nicht. Einzelne flsterten das Schreckenswort nach, der Feind --
der Feind! und zwei oder drei sprangen auf die Brstungen nach den
erwarteten Colonnen auszuschauen, aber Aonui mit voller krftiger
Stimme, die Arme, wie Hlfe suchend zum Himmel aufgestreckt, erhob seine
Stimme nun um so lauter, und donnernd berschallte den Ruf der Schlu
des Verses:

  Dann fhre uns durch Nacht und Graus
  Zu Dir hinein, in's Vaterhaus --
  Erbarmen Herr -- Erbarmen!

Der Feind! der Feind! schallte es jetzt aber dringender, gellender als
vorher -- von unten herauf tnten die scharfen schmetternden Tne
der Trompeten, und dumpfer Trommelschlag wirbelte d'rein, whrend die
ausgesandten Laufer und Wchter athemlos aus dem, die Umschanzungen
begrnzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, da der Feind in
zwei starken Colonnen anrcke, und sich, wie es schien, zum Sturm rste
auf das Fort.

Oben wirbelte aber auch schon die Trommel den Schlachtenruf, whrend
die Mnner nach ihren Waffen sprangen, und noch drngte und trieb Alles
durcheinander, in ungeordneten Haufen dem allerdings schon frher durch
Teraitane fr jeden bestimmten Platze zuzueilen, als der erste Gru
von den Schiffen herber schmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in
voller Flankensalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor
oder hinter ihnen die Guiavenstmme krachend zusammenschlugen.

Einen Augenblick stand die Schaar wie erschreckt; es war bei fast
allen das erste Mal, da sie die furchtbare Wirkung einer solchen Kugel
beobachten konnten; Jim O'Flannagan aber, der seine Zeit bis dahin
benutzt und whrend die andern getanzt oder gesungen, auf eine Matte
ausgestreckt ein ganz tchtiges Mittagsschlfchen gehalten hatte, sprang
bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf
schwingend, rief er ein donnerndes drhnendes Hurrah den feindlichen
Kugeln keck und furchtlos entgegen.

Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewesen, wie der
herausfordernde Ton des Iren, dem sich Pompey jetzt zugesellte und sein
zweites Hip hip hip hurra ertnen lie, fand Anklang in den kecken und
muthigen Herzen der Krieger, und der tahitische Schlachtenschrei, der
das Echo in diesen Thlern seit langen Jahren nicht geweckt hatte, brach
in wilder jubelnder Lust von ihren Lippen.

Es war ein stilles, friedliches Volk, das den Krieg fast ngstlich so
lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Aussicht auf gtliche
Beilegung seiner Zwistigkeiten sah, das aber jetzt auch, da es die
Fremden zu arg getrieben, rcksichtslos auf irgend eine grere Macht
die noch vielleicht an ihre Kste geworfen werden knnte, die Waffen
aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewuten Muth der
Gefahr entgegenging, wie es frher in seine Kirche oder zu seinem Tanz
gegangen war.

Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich -- die
Ungewiheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen wrde, und ob
sie es berhaupt wagen wrden die Eingebornen in ihrer festen Stellung
anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreiig Europern
und vierzig oder fnfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort
versammelt; die Hlfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet,
fhrten die Anderen noch ihre alten hlzernen Speere von Oros Zeit,
und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein
gewaltiger Nachtheil gegen frhere Zeit, wo eben diese unscheinbaren
Waffen selbst in den Hnden der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr
durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu
bedienen wuten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen
ernstlich jede Art solcher heidnischer Waffenspiele untersagt gehabt,
weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten
Kriegsgott Oro zurckfhren mute, und sie Alles zu vermeiden suchten,
was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedchtni erhalten konnte. Die
wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder -- frher
eine ihrer gefhrlichsten Waffen -- tchtig gebt gehalten, hatten sich
nie dem Einflu der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich
gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hlfte ihrer
Gefahr fr die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre
feste Stellung dafr wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt
fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezgerten
Angriff.

Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewhnlich all
ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben
tritt; das Leben kmpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt
die Vergessenheit derselben.

Schmetternder Trompetenschall tnte herauf; von den Schiffen drben
blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's
Neue ein eiserner Kugelgru von da herber gegen die kleine Veste, von
wo sie mit trotzigem Jubelruf begrt und beantwortet wurde.

Dort kommen sie, meine Burschen! schrie da Pompey, der an der einen
Flanke, seiner riesigen Krfte und vielleicht auch seiner schwarzen
Farbe wegen, mit einem Anfhrerposten betraut war -- da kommen sie, nun
hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Bschen heraustreten und
vollkommen drauen im Freien sind -- keinen Schu eher, und keinen
Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen
knnt -- verdamme die hlzernen Dinger murmelte er dann leise vor sich
hin -- s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern
wirft.

Fr die Bibel! fr die Bibel! schrie Aonui auf der anderen Seite,
wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrckt
hielt, inde er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte -- fr
die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde
zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!

Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah
nach seiner Muskete, whrend der ehrwrdige Mr. Dennis die meisten der
Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brnstigen Gebet auf den
Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides
zu erflehen, wenn das noch eben irgend mglich sei, und mit seinen
himmlischen Rathschlssen bereinstimme.

Nher und nher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hrner der
Strmenden; auf einer kleinen Anhhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber
etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstcke aufgepflanzt,
die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne
jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der
aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureien und einige leichte
Verwundungen der nchst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum
beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.

Jetzt aber rckten auch in geschlossenen Colonnen die Verstrkungen von
Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton
und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen
Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo
darber blicken lie, wurden gerathewohl Schsse hinbergefeuert, die
Eingeborenen zu schrecken und zurckzuhalten, da die Strmenden
den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit
furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.

Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darbergehaltenen
Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelstigt die Strmenden vor allen
Dingen beobachten zu knnen, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa
fnfzig mit Musketen bewaffnete Mnner unter seinem Befehl, denen er
schon den ganzen Morgen mit grtem Eifer und vielem Erfolg das rasche
Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt
hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den
steilen Hgel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit
gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine
Bchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei untersttzt,
eine wirkungsvolle Salve in die anstrmenden Feinde gab, die vor
solch unerwartetem Gru allerdings einen Augenblick stutzten und
zurckprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit
einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen,
sondern auch die gefallenen Kameraden zu rchen, warfen sich die
Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu
nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen
und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.

Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den grten Theil
der Europer in seiner Schaar zhlte und die Feinde ebenfalls mit
wohlgezielten Schssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal
gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und
nachdrngend in keckem Muth, warfen sie sich tollkhn gegen die Schanzen
an.

Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten
Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch
schwachen Aeste berall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend,
der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck
nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die
ersten der Strmer zwischen dem zhen berall auszweigenden Holz und
die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter
Mhe frmlich vertheidigungslose Opfer.

Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen -- hie und da hatte ein
Trupp tollkhner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde
hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefat auf dem Erddamm, von
dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die
Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die
weiter unten aufgestellten Feldstcke alle die Pltze zu bestreichen, wo
kein franzsisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle
wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort
selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu
thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die drauen
harmlos in die Erdwlle oder in den Hgel selber einschlugen.

Wilder und tdtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an
Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte
aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen,
in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu
werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert,
und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire
kmpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung
wie der Indianer, vielleicht mit dafr desto gnstigerem Erfolg,
denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnthigen Gefahr
auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rckhalt, jeden Platz
aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die
Franzosen irgend festen Fu zu fassen drohten. Er wute genau fr was er
kmpfe, und hatte berhaupt keine Idee gehabt, da die Fremden einen
solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen knnten.
Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den
Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht
die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als mglich auf dem Wall
zu zeigen, whrend er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach
unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefhrlichsten Feind und
Gegner unter den Strmenden entdecken und vielleicht unschdlich machen
knne.

Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt,
denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag
von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm
vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen
Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die
Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten
angefhrt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein
Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck
erschossen, den andern tdtlich verwundet, da er fortgetragen werden
mute.

Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten,
Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit
kaltbltiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der
Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die krzeste
Entfernung oft in einem frmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und
findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder
verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer
Palmen lgen.

Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch
seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tnen, dem Schieen und Schreien,
Trompeten und Trommeln gehrt, whrend bald darauf, inde der Wind sich
nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter
Schleier auf dem Hgel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz
unmglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind
unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm
den Eingeborenen gnstig, denn die Franzosen konnten von ihrer
Schiewaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die
leichten Wurfspeere tdtlich wirkten und die sicher geschleuderten
Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert
durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders,
immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken
angefhrt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu
treiben.

Bertrand fhrte brigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne
d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe
focht mit einer kleinen und schon tchtig zusammengeschmolzenen Schaar
der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend,
aber unbekmmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.

Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen
gewesen, denn whrend sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften,
mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im
Voraus die genaue Stelle wo der nchste Angriff geschehen sollte, und
zogen sie dorthin, den Strmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen.
Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl
wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang
hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen
hatten, einen Scheinangriff zu blasen, whrend sie dann zu gleicher Zeit
auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glcklich und
unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten gefhrt, die
eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen
und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch
wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten
Angriff zu begegnen.

Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick
mistrauisch den etwas zu ungewhnlich lauten und herausfordernden Tnen
gelauscht, und rasch die Ble entdeckend, die auf der einen Seite der
Verschanzung gegeben wurde, whrend auf der anderen noch immer kein
Schu fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab,
auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen.
Er brauchte ihnen aber seine Grnde nicht auseinanderzusetzen, denn in
demselben Augenblick fast hrten sie den raschen regelmigen Schritt
einer strmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrckte.

Wehrt Euch! rief Teraitane und Feuer! sobald Ihr sie sehen knnt!
und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und
Adolphe gefhrten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese
Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die
Guiavenbsche, whrend ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem
gefllten Bayonnette zurckhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu
bekommen fr sich und die Nachfolger, und drangen dann, whrend die
hinten Stehenden so rasch als mglich nachpreten, gerad' hinein in die
ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.

Die Pistolen der Matrosen thaten hier schlimme Wirkung, und trotz dem
da sich Aonui mit den Seinen in voller Todesverachtung den feindlichen
Kugeln aussetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit scharfer Waffe
streitig machten, faten die Franzosen schon mehr und mehr festen
Fu, selbst bis in die Verschanzung selber hinein, wo sie sich
auch vielleicht, waren sie in diesem Augenblick von Auen gehrig
untersttzt, behauptet htten. Der Nebel, der ihr Eindringen aber
begnstigte, verhinderte auch die Freunde, die errungenen Vortheile zu
sehn, whrend der gellende Schlachtenschrei Teraitanes die Seinen
zu sich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wissend,
herbeistrmten.

Auch Pompey, der sich mit durch den falschen Alarm der Trompeten
und Trommeln hatte tuschen lassen und nach dort zu vergebens einen
Augenblick hinausgehorcht, den anrckenden Feind in dem Nebel erscheinen
zu sehn, hrte jetzt den Schlachtenlrm zu seiner Rechten, und die
ihm nchsten Indianer rasch an sich rufend, sprang er mit ihnen der
bedrohten Stelle zu.

Bertrand kmpfte hier in den vordersten Reihen, mit unerschtterlicher
Kaltbltigkeit die nach ihm gerichteten Ste parirend und mit scharfer
Klinge sich mehr und mehr Bahn hauend in den Menschenknul; da fiel sein
Blick pltzlich auf eine bekannte Gestalt -- er sah die Mndung eines
Gewehrs, fast dicht vor sich, auf seinen Kopf gerichtet und behielt
eben noch Zeit mit dem Sbel unter das auf ihn zeigende und gerad'
erreichbare Bayonnett zu schlagen, als auch die Kugel so dicht ber
seinem Kopf hinpfiff, da sie ihm einen Theil der Haut mitnahm!

Hund! schrie er in demselben Augenblick und warf sich auf den
erkannten Verbrecher, und whrend er die nach ihm gestoene Waffe noch
einmal parirte, fhrte er mit dem Sbel einen so gut gemeinten Hieb
nach der Stirn des Iren, da nur eine rasche Wendung von dessen Kopf
dem Streich das tdtliche nahm, whrend die scharfe Waffe an der Seite
seines Schdels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm
und auf dem Schlsselbein abprallte. Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu
und den Iren mit der Linken fassend, wollte er ihn eben zurck und
nach seinen Leuten zu reien, als Pompey mit der Verstrkung auf dem
Kampfplatz erschien und mit solcher Wucht gegen den Franzosen anprallte,
da dieser seinen Gefangenen loslassen mute und alle seine Strke
und Gewandtheit gebrauchte, sich gegen den neuen riesigen Feind zu
vertheidigen.

Die Soldaten und Matrosen fanden sich aber in diesem Momente auch so
von allen Seiten bedrngt, da an ein Vordringen weiter gar nicht mehr
gedacht werden konnte, ja Bertrand fast sogar der Rckzug abgeschnitten
wre, htte sich nicht Adolphe mit seinen regulren Truppen, die eigene
Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, whrend
von der andern Seite der erste Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls
mit einem kleinen Trupp Matrosen einen Scheinangriff machte, die
Aufmerksamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den
Kameraden Luft zu gnnen.

Hierher meine Jungen, rief dieser seinen Leuten zu, hinein mit Euch,
und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren, und ber einen
niedergeschossenen Guiavenstamm springend wollte er eben ber einen
kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von seinen Leuten gefolgt
den Kameraden Hlfe zu bringen, als eine pulverrauchgeschwrzte Gestalt
auf ihn zusprang die er in dem von Blut entstellten Zgen kaum wieder
erkannte, und mit heiserer Stimme ihn anschrie:

Hallo mein Herzchen, bist Du hierhergekommen _uns_ einmal zu besuchen
und der Bursche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein
weitmndiges Sattelpistol auf den Officier--

Schurke! schrie dieser, seinen entsprungenen Matrosen in ihm erkennend
-- Du meldest Dich gerade zur rechten Zeit, und zum Hiebe ausholend
wollte er auf ihn einspringen, als Jack, der ruhig seine Zeit erwartet
hatte, ihm das Pistol so nahe vor den Augen abfeuerte, da der
Pulverblitz seine Augenwimper versengte und die Rehposten mit denen es
geladen war den Unglcklichen mit zerschmettertem Hirn zu Boden warf.

Vergeltung -- Rache! jubelte der Matrose und stie einen gellenden
Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet
wurde, und von dort her strmte neue Hlfe. Die Seeleute aber, die sich
nicht weiter untersttzt sahen und dem neuen Anprall nicht htten die
Stirne bieten knnen, faten ihren erschossenen Officier auf, und zogen
sich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rckzug deckend, wieder
die Schanze hinauf und jetzt, den Hrnern folgend die von allen Seiten
den wirklichen Rckzug bliesen, in die Guiaven hinein, dem schon wieder
erffneten Feuer nicht lnger und nutzlos ausgesetzt zu sein.

Es wre unmglich den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rckzug, ja
der Flucht der Feinde, in der kleinen so tapfer vertheidigten Veste
ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich
bersehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber
jetzt ein Windsto von der See herber die duftigen Schleier fate
und auseinander ri, sie rechts und links in die steilen Schluchten
hineinzudrngen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen
zurckgeworfen, nirgend mehr zu sehen war, ja seine Todten und
Verwundeten sogar hatte zurcklassen mssen, da tnte _ein_ gellender,
trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger, und der eigenen
Wunden nicht achtend sprangen und rannten sie, ihre Speere und Waffen
schwingend wild und toll umher.

Whrend ein Theil aber wieder, rasch um den Missionair gesammelt, zu
einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerschaaren, der
seine Hand ber ihnen gehalten in der schweren Stunde, flogen die
Mdchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelassenen Tanz. Maire vor
Allen, auf den blutgetrnkten Boden des einen Walles springend, auf dem
der Kampf am hartnckigsten gewesen und wo selbst die Guiavenbsche von
den Strmenden wie Belagerten zur Seite gerissen waren, freien Spielraum
fr ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu
bekmpfen, war die tollste; dort stand und sprang jetzt das halbnackte,
bildschne wilde Mdchen mit blitzenden funkelnden Augen in den
wildesten unanstndigen Gebrden ihres Tanzes nach den Schiffen hinber
spottend und drohend--

Kommt! sang oder schrie sie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer
Schlfe waren zum Zerspringen angespannt,

  Kommt Ihr Feranis her --
  Habt Ihr den Muth nicht mehr?
  Kommt --
  Hei wie Ihr laufen knnt
  Hei wie Ihr --

Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehrender Schrei endete das kecke
Lied, und die Arme emporwerfend, whrend von einer benachbarten,
kaum zugnglichen Felskuppe der Donner der Geschtze ganz in der
Nhe herberschmetterte und die berraschten Eingeborenen erschreckt
aufschauen machte nach dem neuen Gegner -- flog der von einer Karttsche
zerrissene Krper der jungen Tnzerin -- ein furchtbarer Anblick -- ber
den inneren Wall herunter in die Verschanzung.

Einzelne Kugeln schlugen noch auerdem hie und da ein, und zum ersten
Mal erkannten die Belagerten jetzt da die Feinde, whrend des Nebels
jedenfalls, eine bessere und hher gelegene Position fr ihre Geschtze
eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie
die Feranis den fast unzugnglichen schmalen Pfad dort hinauf allein
gefunden haben konnten, lie sich doch die Thatsache selber, die ihnen
Kugel nach Kugel herber sandte, nicht verleugnen.

Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath
genommen, und zwar von einem Capitain Henry, wie behauptet wird dem
Sohn eines englischen Missionairs, selber gefhrt, der dem franzsischen
Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten
Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurckgeschlagen
worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, da
er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschtze gnstiger placiren und damit
zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen
zu knnen. Durch den Nebel begnstigt, als abgeschickte Boten den
wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschtze
an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die
Eingeborenen von der gefhrlichen Nhe bekommen, war eben die, von dort
herbergefeuerte erste Salve.

=Damn it!= schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als berraschten
Blick dort hinber geworfen -- wir strmen das Nest da oben, und werfen
ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurck! wer geht mit?

Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen
halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon
bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig
der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser
kannte und die Unmglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand
zu den Kanonen hinaufzulaufen, whrend sie noch dazu von der Artillerie
vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und
hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener
Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurck.

Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der
erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl ber die Strmenden
fhrte, konnte von einer kleinen Anhhe aus den neuen und vortheilhaften
Stand ihrer Geschtze erkennen, und die Hrner riefen seine Leute, die
Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum
erneuten Angriff des Forts herbei.

Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnckigen
Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fu an
Fu von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die hher
stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten,
als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen
Rckzug in die Berge beschlo, theils von einer anderen Bergspitze
aus die dort stationirte Artillerie im Rcken zu fassen, theils die
Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann,
von den Guiaven geschtzt zu umzingeln und abzuschneiden, whrend ihnen
die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.

Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er frchtete, da
sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen mchten, wo sie
dann gezwungen gewesen wren den Platz, den sie jetzt behaupteten,
wieder zu erstrmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch
wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen
wegzunehmen oder zu verjagen, berstimmten den Fhrer, und die Frauen
voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten ber den offenen
Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps
aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung fr den Augenblick den
Feinden vollkommen berlassend.

Unten von den Schiffen aus, und whrend die Soldaten mit Jubelruf
von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die
hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden,
als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die
Eingeborenen fanden sich pltzlich in einem eisernen Regen, der rechts
und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren
Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibume und einzelne
Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige
schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Frchte auf die
Flchtigen niederhagelnd.

Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn
ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten
zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht berwerfend, griffen
sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, vllig damit zufrieden
den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch
zurck auf die Schiffe.

Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkhnen Angriff der
Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurck, hatte aber
ebenfalls, da sie das Fort gerumt sah, keine weitere Veranlassung dort
oben zu bleiben und folgte, auf dem Rckzug noch von einzelnen Trupps
der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belstigt, der brigen
Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf
die Fregatte gebracht, und wenige Stunden spter lichteten die beiden
Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer
nur einigermaen verdchtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee
zurck.




Capitel 2.

Alte Abrechnungen.


Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die gnstige Seebrise
benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als
Sieger zurckgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet
krftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen,
die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte,
der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf
einen dsteren Schatten ber den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an
der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen
Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewhren
hoffte, gemildert werden.

Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen
sicher war, schien gefhrdet, und ausgesandte Spione meldeten auch
allerdings, da sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der
Nhe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen
Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorrthe der Feinde
wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt
-- dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der
Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn,
wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.

Ren hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des
Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen,
denn die Eingeborenen streiften berall in kleinen Trupps um die Stadt
herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von
irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezndet worden und
bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit
entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis
haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn frchtend, die Flucht ergriffen
und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.

Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten
waren schon glcklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinber gesandt
worden, der Verlust des Uebrigen krnkte ihn deshalb wenig. Er sah
brigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner
Abstammung wegen, selber gesinnt wren, und sein baldiger Abschied von
Tahiti schmerzte ihn desto weniger.

Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe
einquartirt lag, und beschlo am nchsten Morgen, als er hrte da
Gouverneur Bruat schon weit frher als man erwartet hatte zurckgekehrt
sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubni zur Abreise
einzuholen.

Der Gouverneur hatte allerdings, durch den pltzlich ausgebrochenen
Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den
Nachbarinseln aufgegeben. Hier mute vor allen Dingen der Friede
wieder hergestellt, muten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens
eingeschchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem
Hauptschauplatz zu entfernen.

Bertrand, der brigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem
gestrigen Kampf verwundet war, bernahm es ihn anzumelden und sein
Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat
empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand
nicht das Mindeste mehr im Weg.

Es thut mir leid, lieber Delavigne, da ich Sie das nicht habe schon
vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch
dazu da es Sie in ihren Familienverhltnissen derangirt hat, aber
Sie mssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart
entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch
genommen. Man mchte jetzt in einem Augenblick berall sein, theils
zu migen, theils zu verhten, und ich wei wirklich nicht wem man
im gegenwrtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den
Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Englndern und Amerikanern.

So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von
dem unwrdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte,
freigesprochen? frug Ren.

Lieber Delavigne, _ich_ habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht
gehabt lachte der Gouverneur, und es wrde mir nicht eingefallen
sein die Sache auf eine, fr Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen,
htten wir nicht, allerdings anonym, eine frmliche Anklage gegen Sie
eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens sptere Misdeutungen
zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.

Eine Anklage gegen _mich_? frug Ren erstaunt.

Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.

Von einem Landsmann? frug der junge Mann weiter.

Wohl schwerlich -- der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls
verstellt und hie und da mit orthographischen -- vielleicht brigens
absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle brach er rasch ab,
die Sache ist vorbei und jeder Form gengt; auer dem haben wir auch
seit einigen Tagen ziemlich gegrndete Ursache einen Englnder selber
der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens
angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Emprern gesehen ist.
Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.

Das glaub' ich schwerlich sagte Ren kopfschttelnd, den Dienst hat
mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des
verdchtigen Englnders?

Jim O'Flannagan.

Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.

So? -- mglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich
denn bald seine nhere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen
Sie selber jetzt nach Atiu hinberkommen? haben Sie irgend eine
Gelegenheit?

Im Augenblick nicht entgegnete Ren, doch wird sich die schon finden,
die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herber und
hinber.

Die Missionaire entwickeln berhaupt eine wunderbare Thtigkeit in
dieser Zeit entgegnete finster der Gouverneur -- und sie sollten sich
doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen. Ich werde sie scharf
berwachen lassen, und dann unnachsichtlich das an ihnen zur Ausfhrung
bringen, was sie selber, ohne sogar Veranlassung dazu gehabt zu haben,
an unseren eigenen Priestern ausgebt. Da diese Herren immer das
geistliche und weltliche Regiment mit einander verwechseln, und gar so
gern aus dem einen in das andere hinberpfuschen wollen. Doch dem sei
wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wissen, und sie haben
es sich selber zuzuschreiben wenn sie nachher vielleicht etwas rauher
behandelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zusagt.

Ich glaube da hie und da ein freundliches Wort zwischen den
Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglck vermeiden
knnte sagte Ren nachdenkend -- den Insulanern sind eine Menge
falscher Begriffe beigebracht, und mit unsern Sitten und Gebruchen
nicht bekannt, erscheint ihnen theils Manches schroffer als es im Anfang
gemeint war, theils haben wir selber Vieles was sie gethan zu streng und
ernst genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Knigin z. B.
hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral
gab; es mu zu Misverstndnissen fhren, wenn wir denselben Mastab
unserer Handlungen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin fest
berzeugt da Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glnzendes
Spielzeug sah.

Pomare vielleicht sagte der Gouverneur, aber nicht die sie ihr
gaben -- der Insulanerin gegenber htte es vielleicht kaum einer
Gegendemonstration bedurft, das geb ich zu, aber die Missionaire wuten
recht gut um was es sich handelte, und _deren_ Auslegung wre allein
nach England und Frankreich hinber berichtet worden.

Und die arme Pomare verlor darber ihr Reich.

Der Gouverneur zuckte mit den Achseln.

In einer Hinsicht haben Sie brigens recht sagte er nach einer kleinen
Pause, in der er einige Mal mit schnellen Schritten im Zimmer auf und
ab gegangen war; ich glaube selber da ein Wort der Verstndigung zu
seiner Zeit weit mehr wirken wrde, als die aufgepflanzten Kanonen
und Bayonnette unserer Soldaten. Mir liegt besonders daran weiteres
Blutvergieen zu vermeiden, auch sind wir hier gar nicht so stark, viele
Siege wie der gestrige gewinnen zu knnen, der uns vier unserer besten
Officiere und -- und _sehr_ viel gute Soldaten und Leute gekostet hat.
Um so mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne
zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den
Eingeborenen, im Stande wren manches Gute zu wirken, manchen Conflict
zu vermeiden. Wir wrden Ihnen auch _sehr_ dankbar sein, wenn Sie sich
entschlieen knnten uns, wenigstens einen kleinen Theil Ihrer Zeit
zu widmen. Nicht allein da sie dadurch den Insulanern selber einen
ungemein groen Dienst erweisen, denn auf die Lnge der Zeit _knnen_
sie ja nun doch einmal unseren Waffen nicht Stand halten, whrend sie
von jeder weiteren Hlfe durch unsere Schiffe abgeschnitten sind, Sie
wrden auch vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.

Aber in welcher Art glauben Sie, da ich das im Stande wre? frug
Ren, zu ihm aufschauend.

Sie wissen da sich die Insulaner, Mahaena nicht fr so sicher haltend,
an anderen Orten wieder festgesetzt haben, ja noch in diesem Augenblick
in Begriff sind zu verschanzen; die steilen Thler, Schluchten knnte
man sie eher nennen, dieses Landes, bieten den Eingeborenen dabei in der
Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Positionen werden immer
nur mit groem Verlust an Menschenleben genommen werden knnen; aber
sie werden doch genommen und die Erbitterung mu natrlich nach jeder
geschlagenen Schlacht soviel hher steigen, der Ri soviel unheilbarer
werden. Jetzt ist dabei vielleicht noch eine Ausshnung mglich, Pomare
mag zurckkehren und unter dem franzsischen Protectorat nominell,
wenigstens den Eingeborenen gegenber, fortregieren und wir ersparen
eine Masse gutes Blut der einen wie anderen Parthei.

Die Missionaire werden aber nie in einen Frieden willigen sagte Ren,
der die Gewalt ganz in die Hnde ihrer Feinde giebt, und sie frmlich
aus dem Land verjagt.

Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun rief der Gouverneur,
als eben ihre eigene starre Unduldsamkeit, die nun einmal keine andere
Religion neben sich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung
verlangen wir fr unsere Religion, wozu wir ein Recht htten, selbst
wenn es uns unsere Kanonen hier nicht sicherten, und wenn sie von der
Vortrefflichkeit _ihres_ Glaubens so vollkommen berzeugt sind, wie sie
vorgeben, weshalb _frchten_ sie denn unter gleichen Verhltnissen mit
ihm in die Schranken zu treten?

Und glauben Sie, Herr Gouverneur, da ich im Stande wre bei einem
derartigen Versuch etwas Gutes zu wirken? frug Ren -- darf ich den
Insulanern wirklich die Versicherungen Ihrer friedlichen Gesinnung
bringen und da Pomare nach Tahiti zurckkehren mag, zwischen ihnen zu
leben -- _ihnen_ ihre Knigin, wie da ferner keinem in der Ausbung
seiner Religion die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden
soll?

Das Alles, auf mein Ehrenwort, erwiederte der Gouverneur -- noch mehr
-- es soll Alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Theilen,
was bis jetzt geschehn -- den einen Burschen natrlich ausgenommen, der
noch alte Rechnung hat -- es liegt mir ja nicht daran die Insulaner
zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen -- zum
Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben,
und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrche und Revolutionen ausgesetzt
sein. Es ist auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem solchen Sieg
zu gewinnen, wo uns die ganze civilisirte Welt nachher anschreit, wir
htten einen Haufen nackter Wilden mit hlzernen Speeren und Schwertern
durch unsere Kanonen zusammengeschossen, whrend die Burschen in der
That ganz verstndig selber schieen knnen, und viel mehr Gewehre und
Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte.

Gebe Gott da ich dann einen gnstigen Erfolg bringe sagte rasch
Ren -- gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich
die Eingeborenen kenne, werden sie gern und willig zu ihren Htten
zurckkehren, dort in Frieden zu leben. Sie sind gut und friedlich
von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Betragen auch schon, selbst nach der
Besitzergreifung, bewiesen haben mu, und wren sie nicht gar so arg
gereizt, sie wrden selbst jetzt nicht daran gedacht haben die Waffen
aufzugreifen.

Die Waffen waren einmal da sagte der Gouverneur finster und muten
gebraucht werden. Es ist auch mglich da das Einfhren derselben eine
kaufmnnische Speculation gewesen, es sollte mir wenigstens lieb sein
das zu glauben; fast aber frchte ich, da da auch noch eine andere Hand
mit im Spiel gewesen, und war das wirklich, so drfen wir auch nicht
zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdestoweniger will ich
jedenfalls, mir selber spter keine Vorwrfe machen zu knnen, die Sache
versucht haben -- ich wei auch da ich dadurch im Sinn meiner Regierung
handele, die um Alles einen ausgedehnteren Kampf um diese Besitzung
zu vermeiden wnscht. Sind Sie also im Stande ein derartiges
Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nennen wollen in
Wirklichkeit zu ermglichen, so rechnen Sie dabei ganz auf meine
Untersttzung sowohl, wie wrmste Dankbarkeit.

Und wann wnschen Sie da ich da aufbrechen soll? frug Ren.

Sobald Sie wollen; am Besten gleich morgen frh, denn jeder neue Tag
fhrt dem Feind auch neue Hlfstruppen ber die Berge zu, und macht
ihn immer nur noch starrkpfiger auf der einmal eingeschlagenen Bahn
beharren. Jetzt haben wir auch noch eine Anzahl Kriegsschiffe in der
Bai, unter deren Kanonen sich ein Friedensabschlu weit anders ausnimmt,
als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unserer Landtruppen, und
vielleicht berall vom Feind umgeben, in die Stadt eingeschlossen sind.
Sobald Sie zurckkehren statten Sie mir gleich Bericht ab. Gedenken Sie
allein zu gehn, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?

Ich glaube ich gehe besser _ohne_ das Alles sagte Ren, die
franzsische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug eine
Empfehlung zu sein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt
erst eigentlich begriffene Demthigung liegt noch zu frisch in ihrem
Gedchtni. Allein hab' ich weniger zu frchten, da mich Manche von
ihnen kennen, ja mit mir befreundet sind.

Wie Sie denken erwiederte Mr. Bruat sich die Lippe beiend, und dann
noch eins. -- Sind Sie einmal oben, knnen Sie vielleicht auch etwas
ber den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monsieur Bertrand, der sich
eben so warm fr Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund
von Ihnen ist, hat mit diesem Burschen ein ganz besonderes Capitel
abzumachen, und will ihn gestern ber die Stirn gehauen haben, so da er
sogar leicht an seiner Wunde zu erkennen wre. Auerdem habe ich einen
nicht unbedeutenden Preis auf seinen Fang gesetzt; vielleicht sind Sie
im Stand, in den Bergen etwas Nheres ber ihn zu hren.

Ich spreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend erwiederte Ren,
auch hat er mir schon selber von dem Iren und seinem frheren Leben
erzhlt; er scheint eine Art von Land- und Seepirat gewesen zu sein,
und soll sich hier besonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituosen
befassen.

Ein gefhrlicher Charakter, besonders in jetziger Zeit sagte Mr. Bruat
-- aber wer kommt da unten? was ist das fr ein wunderlicher Kauz --
kennen Sie den Burschen, Delavigne?

Ren war rasch an's Fenster getreten, dem ausgestreckten Arme des
Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die
Gestalt, als er auch lchelnd wieder zurck trat und sagte:

Das ist Einer unserer originellsten Charaktere in Papetee, und trotzdem
dies das erste Mal, da ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er
ist Schuster und wohnt drauen in den Guiaven in einer gewhnlichen
Bambushtte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie
Mtterchen Tot nennen, und ihre beiderseitige Hauptbeschftigung soll
sein -- wenn das Gercht nicht lgt -- Spirituosen an die Eingeborenen
auszuschenken.

Und hat man das bis jetzt geduldet? frug der Gouverneur rasch.

Noch hat ihnen Nichts bewiesen werden knnen lachte Ren, denn die
Alte ist zu schlau sich leicht erwischen zu lassen. Die Sache mu aber
auch noch einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionaire
dulden sie dort im Busch, trotz dem ziemlich allgemein ausgesprochenen
Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das mu
denn etwas ungemein Wichtiges sein, was ihn hierher fhrt. So viel
ich wei hat er uns Franzosen wie die Snde, und soll fast den ganzen
ausgeschlagenen Tag in der Bibel lesen.

Sie empfehlen mir den Mann immer mehr lachte der Gouverneur -- er
scheint mir brigens mehr Carricatur als Original, und es sollte mich
gar nicht wundern, wenn er sich nicht vielleicht bei den franzsischen
Behrden ber seine englische Gattin beklagen und sich mit unter
das Protectorat stellen wollte -- hahaha, da htten wir gleich einen
praktischen Nutzen fr _Englische_ Brger, die doch im Anfang solches
Geschrei darber erhoben. Aber wahrhaftig, ich glaube er will zu mir.

Eine Ordonanz trat in diesem Augenblick in's Zimmer und meldete da ein
verdchtig aussehendes Individuum, das halb englisch halb insulanisch
sprche, vorgelassen zu werden verlange und in grter Eile zu sein
behaupte, auch etwas sehr Wichtiges mitzutheilen habe.

Dann Herr Gouverneur sagte Ren, erlauben Sie vielleicht da ich mich
entferne.

Nein, das erlaube ich nicht lachte dieser, dann brauche ich Sie zum
Dollmetscher; fr ein Gemisch von Englisch und Indianisch halte ich mich
nicht sattelfest genug. Oder haben Sie irgend etwas anderes, besonderes
vor?

Nicht das entfernteste entgegnete der junge Mann, es wird mir das
grte Vergngen machen Ihnen dienen zu knnen.

Ich wollte ich drfte Sie vollstndig beim Wort nehmen, Delavigne
sagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwischen ein einfaches er soll herein
kommen zurufend. Wir brauchen jetzt Leute, _tchtige_ Leute, und fr
solche ist gerade auch wieder der jetzige Zeitpunkt vortrefflich, ihr
Glck zu machen. Was haben Sie drben in Atiu? das luft Ihnen nicht
weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder. --
Aber ich will Ihnen nicht zureden unterbrach er sich rasch, Sie
mgen sich das noch mit sich selber berlegen; da kommt auch eben unser
dringender Besuch -- wie heit der Bursche?

Murphy, wenn ich nicht irre.

Ein cht irischer Name, dem das Gesicht keine Schande macht. Sehn Sie
nur was fr tckisch blitzende Augen der Bursche im Kopfe trgt; etwas
Gutes hat den _nicht_ zu mir gefhrt, soviel ist sicher. Und was wollt
Ihr? -- ach ich verga, bitte Delavigne fragen Sie einmal den Feuerbrand
was er von mir will -- Peste, wie er aussieht.

Murphy hatte sich indessen langsam und scheu zur Thr herein geschoben,
und stand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Mnner, die
franzsisch mit einander sprachen, mistrauisch betrachtend. Ein finster
drohender Ausdruck legte sich aber in seine Zge und schien sich dort in
die Falten und Pockennarben ordentlich festzuhngen, als beide Mnner,
nicht im Stande beim Anblick der Gestalt ernsthaft zu bleiben, erst
an zu lcheln fingen, und dann endlich in ein laut schallendes und
anhaltendes Lachen ausbrachen.

Murphy hatte brigens dazu gar gegrndete Ursache gegeben. Zuerst trug
er wieder, als die einzig mgliche Zeit, und vielleicht auch andere
Mngel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an den Hals zugeknpft,
mit den Schen unten an seine nackten Waden, oder wenigstens an einen
Klumpen von Sehnen und Muskeln schlagend, der hinter dem Wadenbeine
irgendwie befestigt schien. Die Beine staken in sehr defekten, unten
wenigstens ausgefranzten Hosen; seine Extremitten vom Hals ab, Kopf
Hnde und Fe waren blo, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz,
und nur um den linken Fu, mit dem er vielleicht in eine Glasscherbe
oder sonst etwas getreten, hatte er sich ein Stck gelbbrauner Tapa
geschlagen und mit Bast befestigt. Nahm man nun noch das wunderlich
zusammengezogene, halb boshafte halb komische, von Blatternarben
zerrissene Gesicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen
struppigen Haar und den kleinen hellgrauen stechenden Augen, so war
die Frhlichkeit der beiden Mnner zu entschuldigen, die durch den
verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhht als vermindert wurde.

Murphy schien aber nicht in der Stimmung vielen Spa mit sich machen zu
lassen, und mit einem mrrischen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden
und einem halblaut gemurmelten =damned fools ye=[1] wollte er sich
eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlassen, als ihn Ren
in Englisch anrief und ihn frug was er vom Gouverneur Bruat wnsche.

  [1] Verdammte Narren Ihr.

Bei der Englischen Anrede stutzte der Ire, und sah erst Ren, dann den
Gouverneur ein paar Secunden mit seinen stechenden Augen forschend an,
dann aber, wie sich besinnend um was er eigentlich hier hergekommen,
sagte er im breitesten irischen Dialekte:

Seid Ihr der Misther Gouverneur?

Nicht ich -- dieser Herr da.

Und kann der nicht fr sich selber sprechen?

Ich werde dollmetschen, Murphy erwiederte Ren lchelnd -- was fhrt
Euch her?

Murphy? wiederholte der Ire erstaunt seinen Namen, wo bei Jsus, habt
Ihr den Namen her, Sirrah? -- aber s'ist einerlei fuhr er dann rascher
fort. Ihr Franzosen spionirt ja doch berall herum -- aber Ihr habt
eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann gesetzt --
wollt Ihr die zahlen?

Ha -- wer ist das? rief der Gouverneur rasch, der den ungefhren Sinn
der letzten Worte verstanden hatte.

Jsus mein Herzchen -- ob er nicht blos so thut als ob er keine Ohren
htte sagte Murphy mit einem breiten Grinsen, aber was sagt er jetzt?

Ren wechselte rasch einige Worte mit dem Gouverneur und wandte sich
dann wieder an den Iren.

Und wer ist's den Du zu vergeben hast, mein Bursche? -- wenn's der
rechte ist kannst Du einen schnen Thaler Geld verdienen -- wie heit
er?

Jim O'Flannagan -- =damn his eyes=[2] und Jack irgend noch sonst was.

  [2] Verdamm seine Augen.

Alle Beide?

Sitzen jetzt in der Falle.

Und wo ist das?

Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten halb
pfiffigen halb hhnischen Grinsen und er knurrte:

Soll Euch Murphy das Nest nennen eh' er das Silber hat?

Das Nest wird Mtterchen Tots Hotel sein sagte Ren gleichgltig
whrend der Mann einen berraschten tckischen Blick auf ihn warf --
doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burschen in des Gouverneurs
Hnde lieferst, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber -- wie ist mir
denn? frug er sich besinnend und gegen den Gouverneur gewandt -- der
eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen verbt, nicht wahr?

Der andere ist ein entsprungener Matrose sagte Mr. Bruat.

Hm murmelte Ren vor sich hin -- doch es liegt Ihnen daran nur den
einen zu fassen?

Nein, nein alle Beide -- sind Sie alle Beide im Haus? -- bitte fragen
Sie den Burschen einmal.

Habt Ihr sie alle Beide im Haus -- auf den einen sind fnfhundert, auf
den andern nur zwei gesetzt!

Alle Beide besttigte Murphy, aber rasch mssen Sie machen, wenn Sie
die Vgel noch erwischen wollen -- die Sonne ist nicht weit mehr vom
Untergehn und jetzt ist die Zeit -- spter steh ich fr Nichts, denn
fort wollen sie auch.

Fort? -- wohin?

Wohin? -- wei ich's? sagte der Kleine mrrisch -- nur ihre Bndel
haben sie bei sich, und ihre Waffen, und ein Canoe ist nicht schwer zu
finden am Strande, wer Lust dazu hat!

Nicht unwahrscheinlich sagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur,
der aufmerksam dem Gesprch gefolgt war, und jedenfalls so viel Englisch
verstand, den ungefhren Sinn zu begreifen. Dann haben wir keine Zeit
zu verlieren, und Sie knnen den Spa mit ansehn Delavigne.

Er klingelte und sagte, als die Ordonanz gleich darauf in militrischer
Stellung eintrat:

Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc lasse ich ersuchen
augenblicklich zu mir zu kommen -- er ist an Land, Du wirst ihn drben
im Caf bei Victor finden -- es ist eilig.

Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thr und
vielleicht zehn Minuten spter, whrend der Gouverneur mit auf dem
Rcken zusammengelegten Hnden im Zimmer auf und ab ging, Murphy
ungeduldig von einem Fu auf den andern schaukelte und bald nach der
Thr bald nach dem Fenster sah, hrten sie die raschen Schritte des
jungen Officiers ber die hlzerne Verandah kommen; wenige Secunden
spter betrat er das Zimmer, das Nthigste jetzt ber die rasch
auszufhrende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch
auszufhren.

       *       *       *       *       *

Die Bambushtte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie
sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der uersten
und jetzt von Grben und Wllen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen
Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbumen versteckt,
und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europischen Gsten,
den Matrosen der Englischen oder Franzsischen Schiffe, vollkommen
abgeschnitten. Franzsische Matrosen hatten sich berhaupt bei ihr sehr
selten, und nur dann und wann einmal von den Mdchen selber dorthin
gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein
kleiner Transport chten hollndischen Genevres, eine Parthie versetzten
Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen
ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch auerdem
erst an dem gestrigen Tage von einer franzsischen Patrouille entdeckt
und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden
ausgestoen.

Die Htte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen,
denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften
Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen
in ihren Schanzen gewissermaen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht
daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das
Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht berrascht
und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder fr
diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen
ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf
Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrnnigen und den Feranis
ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haten als die Feranis
selber, zu berraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen
ausgeschlagenen Tag ungestrt in seiner Bibel lesen, und Mtterchen Tot
sa in einem Winkel ihrer Htte, in einer Stimmung, die nur eine
Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden
auszuspritzen.

Es war spt am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die
Schritte dreier Mnner unterbrochen wurde, die den schmalen aus den
Bergen niederfhrenden Pfad herunter kamen und sich der Htte nherten.
Es waren zwei Weie und ein Insulaner -- drei alte Bekannte von uns,
Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem
ehrwrdigen Mr. Rowe von dort herbergekommen, und die Verhltnisse hier
viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so
bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer
wurde voran in die Htte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine
Gefahr zu frchten sei.

Nun was giebt's? knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in
die Thr steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden
Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand -- die Pest auf Deinen
Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter
Nichts? da Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fu wieder in
Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy sufst. Ha?
-- wer kommt da? -- auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort,
oder _ich_ stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren
herum, das ich Dir tausendmal schon htte verbrennen sollen, wenn meine
verfluchte alberne Gutmthigkeit nicht wre. Auf mit Dir, sag' ich, und
sieh nach -- da ich Dir Beine mache knurrte sie dann leiser hinterher,
als Murphy, innerlich Verwnschungen ausstoend, denen er sich nur
scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig
gehorsam, aufstand, und durch die Stbe der Bambuswand schaute.

Sie sollten jedoch ber den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen
werden, denn schon wenige Secunden spter ri Jim O'Flannagan selber
die Thr auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick
umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot
mit einem halb erstaunten halb mrrischen Gesicht empfing.

Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus kreischte sie aber, als sie
einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst
wieder erkannte. Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den
Krallen gehabt, da sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im
Gesicht gelassen? -- wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen
Gestalt wre, an Eurer liebenswrdigen Physionomie htte ich Euch im
Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was fhrt Euch zu mir?

Verdammt gastliche Frage knurrte der Ire, ohne weitres zu ihrem Bett
gehend und sich dort, todesmatt und erschpft, nieder werfend -- hol
mir vor allen Dingen eine Cocosnu, Murphy, -- heh -- hrst Du Schuft,
da in der Ecke, und la das verdammte Buch liegen -- eine Cocosnu will
ich haben zum Trinken.

Und ist es meiner Mutter Sohn zu dem Ihr Schuft sagt? knurrte der
kleine Schuhmacher mit einem giftigen Blick nach dem so gefrchteten wie
gehaten Manne -- holt sie Euch selber.

Jim wollte sich, mit einem wild ausgestoenen Fluch wieder von seinem
Lager emporrichten, den Iren zu zwingen seinem Befehl Folge zu leisten,
Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gast zu Gefallen als indignirt da
Mr. Murphy berhaupt Jemandem wagen konnte zu widersprechen, hinkte
auf den kleinen, in seinen warmen Rock eingeknpften Mann zu, ri dem,
trotzig seinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt,
aus der Hand und es hinter sich schleudernd fuhr sie mit einer solchen
Fluth von Schimpfwrtern ber ihn her, denen die immer heftiger
werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten,
da sich Murphy endlich, wie ein bissiger Hund der gefrchteten Peitsche
gegenber, langsam und rckwrts von seinem Stuhl hinunter und der
Thre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leisten,
verschwand.

Hol die unntze tagdiebische Bestie der Henker geiferte die Alte aber
noch hinter ihm her -- sitzt da den lieben ausgeschlagenen Tag auf
seinen faulen Knochen und--

Na la das Knurren Alte! rief sie aber der Ire jetzt ungeduldig an,
ich bin gerade nicht in einer Stimmung Dein Geschwtz anzuhren -- Du
mein Bursche da springst indessen nach dem Wasser hinunter, und siehst
ob unser Canoe in Ordnung ist, da wir mit Dunkelwerden hier fortkommen,
denn nach dem Abendschu patrouilliren die Boote in der Bai, und Du
Mtterchen schaffst uns schnell etwas zu essen herbei, ich bin fast
verhungert und brauche Strke.

Mensch, wie seht Ihr aus und wo wollt Ihr hin? rief aber die Alte
dagegen, sich vor ihn hinstellend und ihn aufmerksam betrachtend, Ihr
habt eher Pflaster in Euer Gesicht wie in den Magen nthig; wer hat Euch
denn so zugerichtet.

Ein Schuft, dem ich's vielleicht spter noch einmal gedenken kann
fluchte der Ire, jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich
mu machen da ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann sich doch
nicht auf die Lnge der Zeit gegen die Franzosen halten, und nachher,
wenn sie Alle leer ausgehn, mchte die Geschichte auf mir hngen
bleiben. Ich habe berdies mein Theil ab, und knnte auch doch nicht
mehr mit schlagen und da oben in den feuchten Bergen sitzen zu bleiben
und Feis[3] zu fressen, dazu gebricht mir die Lust. Ich will wieder in
See!

  [3] Wilde Bananen

In See? an Bord eines Kriegsschiffs? frug die Alte erstaunt.

Nein, hinber nach -- brigens wird's wohl einerlei sein ob Ihr's wit
oder nicht -- Schwatzen hat schon Manchen gereut, Schweigen selten. Wo
der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocosnu -- gieb mir einen
Schluck Brandy indessen Alte, den Aerger hinunter zu splen.

Mit den Wunden auf Euch? rief Mrs. Tot kopfschttelnd, wenn Ihr jetzt
Brandy trnkt, trocknete Euch das Fieber die Adern aus, und schnrte
Euch das Herz zusammen.

Herz -- pah -- nur nicht den Hals, Mtterchen, nur nicht den Hals --
wei der Teufel, seit mich gestern der Schuft am Kragen hatte und mich
mit fortschleifen wollte, bin ich auf einmal so furchtbar besorgt um
meine Luftrhre geworden -- s'ist auch eine nichtswrdige Erfindung
einen Menschen _daran_ aufhngen zu wollen -- Brandy, Alte, Brandy; zum
Teufel was geht Dich mein Fieber an.

Schrei doch nicht so sagte Jack jetzt, whrend Mrs. Tot kopfschttelnd
und innerlich murrend und schimpfend dem Befehle Folge leistete --
Du wirst uns noch einen Besuch auf den Hals ziehn, ehe wir wieder
Salzwasser unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch
unheimlich an Land jetzt, und das zerschossene Gesicht von dem Officier
will mir nicht aus dem Sinn; nun, ich hatt's ihm lange zugeschworen und
er hat's tausendmal an mir verdient.

Ich wollte Du httest den -- Anderen so getroffen, das wr fr uns
Beide besser.

Seh ich nicht ein brummte Jack, -- fr Dich vielleicht -- aber bis
es fr uns _Beide_ gut wrde, knnten wir noch manche Ladung Pulver
gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben satt, und gbe jetzt Gott
wei was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt htte, gerade auf
dieser vermaledeiten Insel zu entwischen, wo sie uns beinah gefangen
htten wie die Ratte in der Falle. -- Entwischen, als ob ich berhaupt
schon entwischt wre; wer konnte sich aber auch denken da die
Eingeborenen solchen Skandal anfingen.

Hah, das thut gut sagte Jim, sich den Mund wischend, nachdem er das
ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar
Bissen der hinzugelegten Brodfrchte frmlich verschlang, von der er
sich auch zugleich einen Theil in die Tasche steckte -- das giet
ordentlich wieder Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue
Strke.

Weier Mann! sagte in diesem Augenblick die vorsichtig gedmpfte
Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thr herein steckte -- ist Alles
in Ordnung -- Canoe flott und dunkel wird's auch bald -- in kleiner Zeit
knnen wir auf Wasser sein -- kein Boot in Sicht.

Gut -- komme gleich sagte Jim, der sich das Glas noch einmal voll
geschenkt hatte, aufstehend und es wieder leerend -- bleib drauen
am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weit Du das
Zeichen.

Alles fertig sagte Raiteo erstaunt -- weshalb warten?

Wei schon -- wei schon, komme gleich -- mach schnell erwiederte aber
der Ire ungeduldig und der Indianer zog sich zurck.

Jack war indessen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm
wechselnd, griff er seine Waffe auf und ging zur Thr, whrend Jim, den
Mtterchen Tot inde etwas mistrauisch beobachtet hatte, sich zu dieser
wandte und mit freundlicher Stimme -- wenn in den rauhen Laut berhaupt
ein freundlicher Ton gelegt werden konnte -- sagte:

Hr, Mtterchen -- ich habe noch eine rechte Bitte an Dich, ehe wir
gehn -- wirst Du sie erfllen?

Bitte? -- Bitte? knurrte aber die Alte -- was hab' ich mit Bitten
zu thun -- hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menschen
erbeten -- Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuster jetzt bleibt
bis spt in die Nacht hinein -- na komm Du mir zu Hause -- und meinen
Rock hat er auch mit -- heh Murphy -- Mur-_phy!_ Sie betonte die letzte
Sylbe des Wortes mit ihrer scharfen kreischenden Stimme, und der Laut
drang gellend durch den Wald.

Alle Wetter, Mtterchen, was Du noch fr eine helle Stimme hast sagte
Jim, unruhig nach Jack zurck schauend, aber la das Schreien einmal
sein jetzt und beantworte mir eine Frage -- ich werde Dich sobald nicht
wieder incommodiren.

Und was giebt's? -- was wollt Ihr von mir? rief die Alte mrrisch --
Eueren Brandy habt Ihr auch noch nicht bezahlt.

So? nun, wir machen das dann zusammen ab sagte Jim, whrend ein
spttisches Lcheln um seine Lippen zuckte; aber um wieder auf meine
Bitte zu kommen, Mtterchen, so bin ich wahrhaftig fr den Augenblick in
Geldverlegenheit, und Du mut mir auf ein paar Monat zweihundert Dollar
borgen?

Zweihundert Dollar? -- mut? rief aber die Alte, mehr erzrnt fast als
erschreckt ber die Forderung -- ist das etwa Euere _Bitte_, heh? --
_mut_ zweihundert Dollar borgen, als ob ich die hundert Dollars nur so
unter den Matten herumliegen htte, und sie vorzuholen brauchte, wenn es
irgend einem Vagabunden einfiele zu mir zu kommen und danach zu fragen.
Mut mir zweihundert Dollar borgen -- heh Mur_phy_, ob ich den Schuft
nicht bei den Beinen aufhnge, wenn er wieder zurckkommt, die feige,
nichtsnutzige faule Canaille, die sich in den Wald und unter einen
Busch drauen drckt, wenn sie zu irgend einer Arbeit aufgerufen wird --
Mur_phy!_

Mtterchen Du _mut_ sie mir borgen sagte aber Jim jetzt, ihr nher
tretend mit unterdrckter Stimme, der man es jedoch wohl anhrte, wie
er sich nur gewaltsam Mhe gab den in ihm auflodernden Zorn noch zu
dmpfen. Ich habe Alles Geld was ich bei mir fhrte bei unserem letzten
Kampf verloren, und nicht einen Franc mehr im Vermgen, und an der
Stelle, wo ich ein kleines Capital frher einmal vergraben, haben mir
die verfluchten Franzosen gerade ein Fort darauf gebaut da ich jetzt
auch nicht dazu kann. Ich mu spter wieder hierher zurck, das zu
heben, und Dein Geld ist Dir sicher.

Aber ich _habe_ kein Geld zum Verborgen schrie die Alte, vielleicht
absichtlich mit lauter Stimme und mehr von seiner Annherung
zurckweichend -- was Ihr fr mich gearbeitet, hab' ich Euch baar
bezahlt, hher bezahlt wie ich es eigentlich vor Gott und meinem
Gewissen verantworten konnte, und das Bischen Nutzen was ich durch den
Verkauf der Sachen htte haben knnen, lief in Euere Taschen, eh' ich
den Spunt geffnet.

Wenn Du nicht aufhrst zu schreien zrnte sie der Ire jetzt mit
tdtlich blitzenden Augen an, so _sag'_ ich Dir, wo Du Dein Geld hast
-- hrst Du mich? -- wirst Du jetzt Vernunft annehmen und schweigen?

Sagt _Ihr_ mir wo ich mein Geld habe? rief aber die Alte, die
todtenbleich wurde und sich erschreckt umschaute -- was wollt Ihr von
mir, Mensch? von einer alten schwachen Frau, die kaum ihr Leben noch
fristen kann in Noth und Drftigkeit, bei diesen entsetzlichen Zeiten?

Ihr werdet da herum trdeln bis die Alte uns die ganze Nachbarschaft
ber den Hals geschrieen hat knurrte aber jetzt Jack von der Thr
aus -- es wird dunkel Jim, wir mssen wahrhaftig machen da wir
fortkommen.

Was habt Ihr -- was wollt Ihr? rief aber jetzt die Alte, der zum
ersten Mal die wirkliche Absicht der beiden Buben klar zu werden schien
-- ich habe nicht einen Franc im Hause, so wahr ich selig zu werden
hoffe -- Murphy -- Murphy!

Schreist Du jetzt noch einmal nach dem verdammten Schuft zischte
ihr Jim aber da, ihren Arm ergreifend, den sie ihm vergebens wieder
zu entreien suchte, in's Ohr -- so thu ich etwas, das mich nachher
gereuen knnte; und nun genug Firlefanz um eine so einfache Sache. Ich
mu 200 Dollar haben, und wenn Du die so rasch und willig als mglich
herausgiebst, so schwr ich Dir hier, da wir Dir nichts thun, Dir
nichts weiter anrhren werden, und das Geld sollst Du, sobald ich es
irgend wieder erschwingen kann, oder im Stande bin das hier auf der
Insel vergrabene auszuheben, wiederbekommen.

Ich habe kein Geld -- nicht einen Penny.

Da Dich die Lge ersticke, Bestie schrie aber Jim jetzt, selber
die Geduld verlierend -- soll ich die Calabasse unter der Lampe dort
ausgraben, und Dir die vier oder fnf andern Stellen zeigen an denen
Du noch Geld eingescharrt? heh? -- oder willst Du selber Rath schaffen?
Schnell jetzt denn wir haben nicht fnf Minuten Zeit mehr und schon viel
zu lange getrdelt.

Die Calabasse unter der Lampe? schrie aber die Alte jetzt in Schreck
und Entsetzen laut auf -- ha, Teufel die Ihr seid -- Hlfe! Mrder!--

Die eiserne Faust des Iren lag an ihrer Kehle und erstickte jeden
weiteren Laut.

Hier Jack sagte der Ruber dann ruhig zu dem herbeispringenden
Genossen -- nimm mir einmal die Alte ab, halt sie aber ruhig, inde ich
das Geld heraufhole.--

Na das htten wir vor einer Viertelstunde schon eben so bequem haben
knnen fluchte der Matrose, den Mund der Alten, die sich in des Iren
Griff wand, mit einem Tuch bedeckend und verschlieend -- so Madame,
nur fr ein klein Weilchen, wenn der Herr Gemahl zurck kommt, kannst Du
ihm dann die ganze Geschichte weitlufig auseinander setzen -- wird sich
unmenschlich freuen wenn er es hrt. Hast Du's, Jim?

Noch nicht sagte sein Kamerad, der die Lampe ohne weiteres bei Seite
geworfen hatte und die darunter befindliche lockere Erde mit seinem
groen Messer aufstach und mit den Hnden hinauswarf -- Teufel noch
einmal, das Ding steckt tiefer wie ich glaubte.

Weit Du aber auch gewi da das der Platz ist?

Jim lachte ohne darauf zu erwiedern und grub eifrig weiter, die
Frau aber, die sich jetzt wieder zu erholen anfing, verdoppelte ihre
Anstrengungen los zu kommen, und Jack hatte wirklich Mhe sie unter zu
halten.

Hol der Teufel die Alte brummte er dabei -- sie wird es sich selber
zuzuschreiben haben, wenn sie zu Schaden kommt.

Da ist er rief aber auch in diesem Augenblick Jim, die aufgestochene
Erde rasch und freudig auswerfend -- ich hab' ihn schon mit dem Messer
gefhlt; so, jetzt wird unsere Reisecasse gleich in Ordnung sein.

Mach schnell Jim, ich kann die Alte wahrhaftig nicht lnger halten
rief aber auch Jack, ich mu ihr sonst die Kehle allen Ernstes
zuschnren -- was auch eben kein groer Verlust wre.

Nein -- halt! rief aber Jim, ohne jedoch seine Arbeit zu unterbrechen
-- thu' ihr Nichts zu Leide, Jack, Mtterchen Tot und ich sind viel zu
gute alte Bekannte, als da ich die Ursache ihres Todes sein mchte --
kannst Du ihr nicht die Arme und Fe binden?

Ich habe alle beide Hnde voll zu thun, ihr nur eben den Mund
zuzuhalten knurrte Jack.

Hier ist der Beutel! rief Jim und das Klirren des Geldes, das auch
wahrscheinlich an das Ohr der Eigenthmerin drang, trieb diese zu neuen
rasenden, aber doch vergebenen Anstrengungen.

So komm wenigstens her da Du mir sie binden hilfst rief Jack jetzt
zwischen den, fest aufeinander gebissenen Zhnen durch -- allein bring'
ich's nicht zu Stande.

Kann nicht einmal ein altes Weib bndigen lachte der Ire, dem Rufe
jedoch nichtsdestoweniger Folge leistend. Jack hatte, wie fast jeder
Matrose, die Taschen voll dnner Seilen und kurzen Enden Tau und die
Alte lag bald, unfhig sich weiter zu bewegen, gebunden und geknebelt
auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergerissenen Mosquitonetz.

So, nun aber fort rief Jim, denn Murphy kann jeden Augenblick wieder
zurck kommen und besser ist besser. Da Jack, vergi Dein Gewehr nicht
und nimm unsere beiden Bndel, ich trage das Geld -- wir haben genug!
und mit heiserem Lachen sprang er, von dem Kameraden gefolgt, aus der
Thr, den schmalen Pfad entlang der nach dem Wasser fhrte, und sich
eben noch in dem dunklen Schatten erkennen lie. Kaum aber hatten sie
die Htte zehn Schritt hinter sich, als das gellende Angstgeschrei der
Alten, die sich gewut hatte von ihrem Knebel zu befreien, an ihr Ohr
schlug, und beide erschreckt halten machte.

Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebellisch machen rief Jim mit
dem Fue stampfend -- weit Du denn noch nicht einmal einen Knebel
einzudrehn?

Ach la sie schreien brummte Jack, in zehn Minuten sind wir auf dem
Wasser und in der Dunkelheit finden sie doch unsere Spur nicht.

Nein, nein rief aber Jim ngstlich, wir knnen nicht gerade im See
halten und mssen erst lange Strecke an den Riffen hin -- wenn der
Alarm gegeben wird, kommen uns doch am Ende die Boote in den Weg. Spring
zurck und drck ihr den Knebel wieder ein, aber mach rasch, ich bringe
inde das Geld in Sicherheit -- Du kennst ja mein Zeichen.

Wart lieber hier, ich knnte mich verirren rief aber der, mit dem
Walde gar nicht vertraute Jack, hol der Teufel die Bume, einer sieht
wie der andere aus.

So mach rasch rief Jim -- Raiteo wird auf uns warten.

Jack sprang in das Haus zurck und Jim horchte einen Augenblick, bis
der Kamerad hinter den Guiaven verschwunden war, sprang aber dann mit
flchtigen Stzen dem Strande zu, Raiteo zu treffen.

Dieser befand sich jedoch keineswegs auf der bezeichneten Stelle,
sondern war ein sowohl sehr berraschter, als erstaunter Zeuge der
letzten Scene gewesen. Stutzig gemacht nmlich, durch den barschen
Befehl das Haus zu verlassen, und mistrauisch gegen die beiden Mnner,
fiel ihm auch zugleich wieder das unter den Insulanern bestehende
Gercht ein, Mtterchen Tot sei steinreich und habe ihre ganze Htte mit
Silberstcken gepflastert, ber die nur eben wieder dnne Erde gestreut
wre. Vor der Habgier der Eingeborenen schtzte sie freilich auch der
Ruf ihres Einverstndnisses mit bsen Geistern (Murphy las deshalb auch
nur immer in der Bibel, diese von sich abzuhalten), aber mit den Weien
war das etwas anderes und er fand denn auch, wie er sich nur vorsichtig
hinter die Bambusstbe gedrckt, seinen schlimmsten Verdacht gar bald
besttigt.

Als Jack nach dem Hause zurcksprang, lag der Insulaner, nicht fnf
Schritt von den beiden versteckt, in dem dichten Unterbusch, unschlssig
was zu thun, und erst als er den einen, _mit_ dem geraubten Gelde dem
Strande zu fliehen sah, folgte er diesem -- sein Vortheil lag da, wo er
das Geld wute.

Einen Augenblick hielt aber selbst Jim in seinem Lauf ein als ein
gellender wilder Angstschrei von der Htte her an sein Ohr schlug.
Dann war Alles ruhig -- todtenstill, und nur einen Fluch in den Bart
murmelnd, setzte er seinen Weg fort und hatte eben den Rand des kleinen
Flusses und damit eine schmale offene Lichtung erreicht, wo gerade
Raiteo seiner harren sollte, als er es rechts und links in den Bschen
rascheln hrte und bestrzt stehen blieb, des Gerusches sicher zu sein,
ehe er sich dem offenen Platz anvertraute.

Raiteo! rief er dabei mit leiser, vorsichtig gedmpfter Stimme, und
gab das verabredete Signal -- aber kein Raiteo antwortete, denn dieser,
obgleich dicht hinter ihm, hatte ebenfalls etwas vernommen das da nicht
hingehrte, und wollte jedenfalls erst wissen was es sei, ehe er selber
durch irgend eine Antwort seine Gegenwart verriethe.

Alles war todtenstill, als pltzlich ein wilder, wirrer Lrm von der
Richtung wo er hergekommen zu ihnen herbertnte, und gleich darauf ein
Schu fiel.

Tod und Teufel, das war Zeit lachte Jim in sich hinein -- sollte mich
gar nicht wundern wenn Jack in einen warmen Platz gerathen ist; jetzt
aber auch fort -- und mit ein paar Stzen die Lichtung berfliegend,
begrte er mit einem Freudenruf das dort versteckt gehaltene Canoe. --
Noch aber hatte sein Fu es nicht berhrt als es wieder an beiden Seiten
in dem Dickicht raschelte und brach, und zwei dunkle Gestalten pltzlich
daraus vorsprangen.

=Hell and damnation!= schrie der Verbrecher, der kaum Zeit behielt
das geraubte Geld in einen Busch hinein fallen zu lassen und sein Gewehr
aufzugreifen, als sich auch der Eine der Mnner gegen ihn anwarf, dessen
Gesicht er nur zu wohl erkannte.

Haben wir Dich, Kamerad! rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, als er,
den kurzen Cutla[4] in der Faust, unerschrocken gegen die vorgehaltene
Waffe des Iren ansprang -- ergieb Dich, denn Du bist mein Gefangener.

  [4] Kurze Degen an Bord von Schiffen gebrauchlich.

Noch nicht zischte aber der zur Verzweiflung getriebene zwischen den
Zhnen durch, und die abgefeuerte Kugel ri dem Feind die linke Backe in
demselben Moment auf, als sein Cutla das Bayonnett zur Seite schlug.
Im nchsten Moment war aber auch der andere Matrose an seiner Seite, und
sich auf den Iren werfend, umfate er diesen mit seinen sehnigen Armen
und ri ihn mit sich zu Boden. Jim O'Flannagan lag, wenige Minuten
spter, berwunden und gebunden in der Gewalt seiner Feinde.

So -- das war abgemacht sagte der Bootsmann ruhig, der sich jetzt die
verwundete Backe hielt, und das Blut zu stillen sucht. -- Peste, wie
mich der Schuft jetzt zugerichtet hat, und es war gut gemeint -- aber
den Andern werden sie wohl auch erwischt haben. Der kleine rothhaarige
Schuft hatte doch recht, da er uns hier herum zu Wasser schickte, und
wie ich nur das Canoe sah wut' ich da wir ihn abfangen wrden. Aber
hallo, was ist das?

Indianer, bei Gott! sagte der andere Matrose, nachdem sie eine kurze
Weile einem neu beginnenden Lrm und Schreien gelauscht, dem gleich
darauf das Knattern eines frmlichen Kleingewehrfeuers folgte.

Jim horchte hoch auf -- da war Hlfe mglich -- wenn ihn die Insulaner
hier entdeckten htten sie ihn jedenfalls befreit, und er stie jetzt
pltzlich mit lauter gellender Stimme den oft gehrten Schlachtschrei
derselben aus!

Brav gemacht mein Junge lachte aber der Bootsmann, mit dem Kopfe
nickend -- recht brav fr Dein Alter, schade nur, da Du deine Lunge
so ganz umsonst anstrengst -- und dann seine Pfeife an die Lippen
bringend, that er einen kurzen scharfen Pfiff, dem gleich darauf durch
die regelmigen Ruderschlge eines heranschumenden Bootes geantwortet
wurde.

Hier den Burschen in's Boot und vier mit ihm zurck, so rasch Ihr knnt
nach Papetee -- Ihr Anderen mit Eueren Waffen her zu mir.

Dem Befehl ward augenblicklich Folge geleistet, der sich aus allen
Krften strubende Verbrecher in's Boot geworfen, und wie der grte
Theil der Mannschaft an Land gesprungen war, glitt das scharfgebaute
Fahrzeug geruschlos wieder zurck in die Fluth und verschwand gleich
darauf unter dem dichten Schatten der berhngenden Uferbume;
die Matrosen aber folgten still und schweigend dem ihnen rasch
voranschreitenden Bootsmann dem Schauplatz des Kampfes zu, der jetzt
wieder heier zu entbrennen schien.

Ueber den Platz aber, als ihn Alle verlassen, glitt die dunkle Gestalt
des Insulaners, des schlauen Raiteo, der in seinem Versteck ein stiller
Zeuge des Ganzen gewesen. Das Boot mit seinem Gefangenen, brigens wie
der forteilende Trupp der Seeleute, schien ihn wenig zu interessiren --
er horchte nur aufmerksam einen Augenblick nach beiden Seiten hin,
ob auch wirklich Alle den Platz verlassen und keiner von ihnen
zurckkehrte, ihn zu stren, und als er sich davon berzeugt, schlich er
sich geruschlos zu der Stelle hin wo das Canoe angehangen lag, und Jim
O'Flannagan von den vorspringenden Seeleuten berrascht war. Die schon
stark eingebrochene Dmmerung lie ihn gerade noch erkennen was er
suchte, den dort eingeworfenen Sack mit Geld, und whrend sich ein
hchst selbstzufriednes vergngtes Lcheln ber seine Zge stahl,
verschwand er mit seinem so ohne alle Anstrengung erbeuteten Schatz in
der Dickung.

       *       *       *       *       *

Jack hatte indessen seinen Auftrag rasch und vollstndig ausgefhrt,
als er aber die Htte wieder verlie sah er todtenbleich aus und sein
stierer Blick starrte wild und mistrauisch umher.

Jim! rief er, als er mit flchtigen Stzen den Pfad hinabspringend den
Kameraden nicht auf der alten Stelle fand. Jim -- wo zum Teufel steckst
Du -- ist das auch der rechte Weg? rief er dann sich bestrzt und
unsicher umschauend -- hier der Baum lag doch vorher hier nicht -- na
_das_ fehlte mir jetzt und mit ausbrechender Angst floh er die wenigen
Schritte zum Haus zurck, dort zu sehn ob noch irgend ein anderer Pfad
nach dem Wasser hin auszweige.

Hier ist er -- halt ihn -- steh Schurke! rief es in dem Moment von
drei vier Seiten -- Jack, mit einem Angstschrei zusammenfahrend, griff
sein Gewehr auf, aber der Finger berhrte zu frh den Drcker und der
Schu ging in die Luft, whrend sich von drei oder vier Seiten die
Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und seine Hnde banden.

So mein Bursch' sagte Bertrand, der an ihn hinangetreten war und ihn
erkannt hatte -- haben wir Dich wieder? -- wo ist Dein Kamerad?

Schenkt mir das Leben ich will Euch Alles gestehn! schrie der
Unglckliche in Verzweiflung in die Knie brechend.

Untersucht das Haus erst ob Ihr nicht den Andern darin findet -- der
grte Hallunke fehlt noch immer rief aber der Lieutenant ohne auf
das Gewimmer des Mannes zu achten. Tod und Teufel wenn er uns wieder
entgangen sein sollte. Ha, was ist das da?

Er hatte Ursache zu fragen, denn vier oder fnf Schsse fielen in diesem
Augenblick aus dem Dickicht, und wilde Zurufe antworteten sich herber
und hinber.

Die Insulaner! rief Ren, das Gewehr aufgreifend, da der Gefangene
hatte fallen lassen -- alle Wetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der
Burschen ber uns bekommen, knnen wir uns gratuliren.

Bleib Du bei den Gefangenen Ren -- rief ihm der Freund zu -- wir
haben das Haus oben umzingelt und drfen den Iren nicht aufgeben, wenn
er drinnen steckt. Du magst zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen
die Insulaner zurck und ziehen uns dann von hier nach dem nicht so
fernen breiten Weg hinunter; sobald es dunkel wird knnen sie auch
nichts machen.

Der Officier rief seine Leute zusammen und rckte rasch zum Entsatz
nach der Htte hinauf, whrend Ren mit den beiden Seeleuten als Wache
zurckblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefhl, einen wieder
eingefangenen Matrosen zu bewachen -- sein eignes Bild stieg ihm vor der
Seele auf, und er htte Gott wei was darum gegeben, den Mann befreien
zu drfen.

Was hast Du verbrochen, mein Bursche? frug er, zu ihm hinantretend,
da Du das Weite suchen mutest?

Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gotteswelt, als Schiffs mde --
sthnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen -- und ein armer
Rcken wird's jetzt sein, der fr die Beine bezahlen mu -- oh armer
Jack, armer Jack.

Ren hatte sich die Patrontasche umgehangen, die man dem Gefangenen
abgenommen und fing an sein Gewehr zu laden -- er hatte dem Gebundenen
den Rcken zugedreht, und hrte wie die Leute heimlich mit ihm
flsterten.

Wenn sie klug sind dachte er bei sich selber, werden sie wissen was
sie zu thun haben -- ich sollte nicht an ihrer Stelle sein.

Die regelmigen raschen Schritte von Europern kamen vom Wasser herauf
-- es war der Bootsmann mit seinen Leuten der das Schieen gehrt. Kaum
hatten diese aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen
auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrscheinlich
geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzosen den Rckzug
abzuschneiden. Diese wurden aber warm von der Bootsmannschaft empfangen,
und noch im Kampf sah Ren wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete.

Lauf dachte er bei sich selber, wenn Du weiter nichts verbrochen
hast und nicht unmittelbarer Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte
in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er
sich pltzlich gefat und zu Boden geworfen fhlte und gleich darauf
gellte ein wilder Jubelruf an sein Ohr. Rings um ihn her brachen und
rauschten die Bsche -- Schsse fielen und wilde halbnackte Gestalten
sprangen ber und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten sie sich
gegen die Uebermacht -- von dem Haus zurck strmte jetzt Bertrand mit
den Seinen, dem Kampfplatz zu, und Ren hrte wie die Insulaner sich
ebenfalls zur Vertheidigung sammelten. Er wollte um Hlfe rufen, aber
seine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lrm bertubt -- er wollte
sich aufrichten, aber vier krftige Arme umschlangen ihn, und whrend er
die Kugeln der Freunde konnte um sich her einschlagen hren, trugen ihn
die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europer jetzt
gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter entfernte sich
der Lrm der Kmpfenden, denn die Insulaner folgten den sich jetzt nach
Papetee zurck ziehenden Franzosen auf dem Fu, sie wenigstens noch so
viel als mglich zu belstigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erst
dann lieen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er
wurde jetzt mit ziemlich barscher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu
folgen.




Capitel 3.

Das Lager der Insulaner.


Ren befand sich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den
Rcken gebundenen Hnden durch ein Dickicht in vlliger Dunkelheit zu
marschiren, wo man am hellen Tage seine Bahn kaum finden konnte. Die
Guiaven wurden hier auch wirklich so dicht, da die Insulaner selber
nicht mehr darin fortkamen, wenigstens ihren Gefangenen nicht weiter
bringen konnten, und deshalb beschlossen, da, wo sie sich gerade befanden
zu lagern; erst am nchsten Morgen mit Tagesanbruch ihr Lager in den
Bergen zu erreichen. Sie schienen auch keineswegs zu befrchten hier von
Feinden berrascht zu werden, denn sie rieben sich Feuer an, rumten
bei dessen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo sie sich
ordentlich ausstrecken konnten, und whrend Einzelne zum Fouragiren
abgeschickt waren, und etwas spter mit allen mglichen Frchten und
sogar einem Ferkel zurckkamen das sie, Gott wei wie, im Dickicht
berrascht hatten, wurden Steine glhend gemacht und Einer ihrer
gewhnlichen Bratofen gegraben, um den sie sich bald, rings von kleinen
Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, sammelten, und nun an zu
lachen und zu erzhlen fingen, als ob sie sich mitten im Frieden und
nicht auf einem Streifzug befnden, der ihnen jeden Augenblick wieder
Speer oder Musketen die Hand drcken konnte.

Ren hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigstens einen
oder den anderen Bekannten finden, es schienen aber lauter Eingeborene
von der anderen Seite der Insel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo
schon einzelne Canoes mit Kriegern heimlicher Weise gelandet waren, den
Brdern auf Tahiti im Kampf gegen ihre Feinde beizustehn, was auf keiner
Insel so wirksam ausgefhrt werden konnte, wie gerade hier.

Mit lauter fremden Gesichtern um sich her, machte er dann auch gar
keinen Versuch die Leute zu berzeugen, wie er gerade mit der ganzen
Sache am wenigsten zu thun gehabt, suchte sich einen warmen Platz an
einem der Feuer, wo er sich unter den Rauch legen konnte, und bat dann
Einen der Eingeborenen ihm die Hnde los zu binden da er schlafen wolle,
und das auf diese Weise nicht mglich machen knne.

Der Insulaner sah ihn erst erstaunt an; er hatte wahrscheinlich gar
nicht geahnt, da der Wi Wi so fertig ihre Sprache sprche, willfahrte
ihm dann aber, da keine Gefahr war da er sich ihnen durch die
Flucht entziehen knne, und nachdem Ren noch gesehen, wie Wachen in
verschiedenen Richtungen ausgestellt wurden, einem wenn auch nicht
wahrscheinlichen, doch mglichen Ueberfall zu begegnen, schob er sich
einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf sich auf die rechte Seite
und war bald, unbekmmert um das Lachen und Lrmen um ihn her und
die Gefahr in der er sich vielleicht selber befand, sanft und s
eingeschlafen.

Am nchsten Morgen weckte ihn in der That erst der Morgenschu der
Fregatte, der voll und drhnend zu ihnen herberbrach, und sein
schmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dmmerung existirt in diesen
Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktisch erst mit der Sonne, und
Phbus berrascht die Nacht, wenn er mit seinem leuchtenden Gespann dem
Meer entsteigt.

Die Insulaner hatten sich inde schon zum Aufbruch gerstet, man gab
ihm ein Stck kalte gerstete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der
kleine Trupp setzte sich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend,
wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager
sich befand, und wo sie einen schmalen Fupfad trafen, dem sie mit
geringerer Anstrengung folgen konnten. Seine Hnde hatte man ihm
brigens nicht wieder gebunden -- er htte auch den flchtigen Shnen
dieser Wlder im Leben nicht hier entspringen knnen.

Nach stndigem Marsch etwa, bei dem sie sich brigens langsam
fortbewegten, erreichten sie die ersten ausgestellten Vorposten der
Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die sich eifrig
nach den Vorgngen des verflossenen Abends, von denen sie schon gehrt
zu haben schienen, erkundigten. Sie hielten sich aber nicht bei ihnen
auf, sondern stiegen jetzt mit schnelleren Schritten das schmale Thal
hinan, hie und da von einzelnen, rings an den steilen Wnden und hinter
Felsstcken wohl verdeckten Posten angerufen, die auch durch Zeichen und
einen eigenthmlich ausgestoenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten.

Endlich ffnete sich das Thal etwas, die Bergwand lief hier weniger
steil zum Wasser nieder und bildete eine Art Kessel, in dem Ren einfach
aufgeworfene Schanzen zu finden erwartete, sich aber hier zu seinem
Erstaunen pltzlich in einer frmlichen kleinen Colonie sah, in
der Htten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Strucher
niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht sehr hohe, aber sicherlich
sehr feste und schwer zu berwindende Barrieren errichtet waren. Kanonen
hatten sie hier nicht zu frchten, fr die zuerst eine vollstndige
Strae htte ausgehauen werden mssen, und einem Angriff von
kleinem Gewehrfeuer, gegen das sie auch noch berdies ein im Inneren
aufgeworfener niederer Erddamm schtzte, konnten sie hoffen mit Erfolg
zu begegnen.

Was aber Ren vor allem Anderen berraschte war die vollkommene Ruhe die
in dem kleinen Lager herrschte -- man hrte weder Singen noch Schreien,
sah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da standen
einzelne kleine Trupps zusammen, sich leise mit einander unterhaltend.
Das Rauschen der mchtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feierliche
Stille.

Es war Sabbath -- der Sabbath der Eingeborenen wenigstens, und selber
der Gefangene wre nicht weiter beachtet worden, htte nicht Ren Viele
der hier Versammelten gekannt und auf sie zugehend sie begrt.
Die aber, die ihm sonst freundlich die Hand geschttelt und ihm das
herzliche Joranna entgegengerufen, wandten sich theils ab, ihn nicht zu
sehen, theils nickten sie einfach mit dem Kopf und drckten sich dann
langsam aus seiner Nhe, nicht weiter mit ihm in Berhrung zu kommen. Es
war augenscheinlich da sie ihn vermeiden wollten, und Ren fhlte das
kaum, als ihm das Blut auch schon in Zorn und Unmuth in die Schlfe
stieg und er sich finster, die Arme auf der Brust verschrnkt, an einen
mchtigen Mapebaum lehnte, das Resultat seiner Gefangennahme ruhig
abzuwarten.

Er hatte noch nicht lange so gestanden, als eine kleine Glocke lutete
und die Insulaner, die wie Ren zu seinem Erstaunen jetzt sah, gar keine
Waffen zu haben schienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen,
wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerstand aufgerichtet und ein
schlanker danebenstehender schwacher Baum abgekappt und mit einem Bret
darauf befestigt war, gewissermaen zur Kanzel zu dienen.

Auch eine Predigt? murmelte Ren erstaunt vor sich hin -- Wetter
nocheinmal, die Burschen haben sich hier so huslich eingerichtet, als
ob sie gar nicht wieder zum Wasser hinunter zu ziehn gedchten, und kein
Gewehr zu sehn, kein Degen, kein Speer, womit, zum Henker, wollen sie
sich denn vertheidigen, wenn sie hier angegriffen werden? -- Ha, Mr.
Rowe unterbrach er sich aber wirklich berrascht, als der finstere Mann
aus einer kleinen, gar nicht so weit von ihm entfernten Htte trat, und
fast dicht an ihm vorber, ohne den Blick aber nur ein einziges Mal zu
ihm aufzuheben, der wunderlichen Kanzel zuschritt.

Die Insulaner hatten sich indessen Alle um ihn versammelt, nur vier
ausgenommen, die dem jungen Franzosen augenscheinlich als Wache
beigegeben waren. Es dauerte auch nur wenige Minuten lnger, so begann
der religise Gesang, irgend eine von den Missionairen in's Tahitische
bersetzte Hymne nach der Melodie eines alten Englischen Volksliedes,
deren sie sich wunderbarer Weise am meisten bedienten[5] und Vers nach
Vers zog sich monoton und bleiern durch eine volle Stunde tdtend hin.

  [5] Die Missionaire, von denen wohl wenige musikalisch sein mochten,
  hatten in frheren Jahren den Indianern zu ihren Hymnen keine anderen
  Melodieen bringen knnen, als die, die ihnen noch vom alten Vaterland
  im Gedchtni waren, meist Volkslieder, denen sie den frommen Text
  dann anpassen muten.

Das wird langweilig, meine Burschen sagte Ren endlich, der jetzt wohl
einsah da ihm nichts anderes brig blieb, als den Gottesdienst ruhig
und geduldig auszuhalten, und der sich indessen die Zeit durch ein
Gesprch mit seinen Wchtern zu krzen hoffte, treibt Ihr's hier alle
Tage so, oder blos am Sabbath?

Bst! sagte aber der lteste der Eingeborenen mit einem verdrielichen
Kopfschtteln -- bst -- nicht sprechen, Ferani; heute ist Sabbath,
heute darf Nichts gethan werden wie beten. Du mut still sein.

Das hat mir noch gefehlt brummte Ren mit einem tief aufgeholten
Seufzer -- Hunger und Beten -- heut' werd ich ein richtiger Ber und
kann einen Theil meiner Snden los werden. Wohl wissend aber da mit
den Wilden in dieser Hinsicht nichts anzufangen war, und auch nicht
gesonnen sich hier oben, nun doch einmal in ihrer Gewalt, vielleicht
noch mehr Feinde zu machen, wenn er ihre Andacht auf eine oder die
andere Art strte, warf er sich unter den Baum, drehte der frommen
Versammlung den Rcken zu, und versuchte zu schlafen.

Knnte Dir auch nichts schaden wenn Du ein Bischen zuhrtest und
was lerntest sagte der Eine wieder leise zu ihm -- Miti Aue ist ein
tchtiger Mann und wei Alles ganz genau was einmal geschehen wird.

Ich wollte er knnte mir dann sagen wo ich morgen um diese Zeit bin
lachte Ren.

Bst sagte der Eingeborene wieder rasch und erschreckt -- nicht so
laut -- wenn Du auch kein Christ bist, kannst Du doch Frieden halten.

Ren bi sich auf die Lippen, aber er erwiederte Nichts weiter und
lehnte sich zurck zum Schlafen. Der Gesang hatte jetzt aufgehrt und
die Predigt begonnen, und der junge Mann hrte in einer Art Halbtraum
die scharfe gellende Stimme des ehrwrdigen Mr. Rowe, die in klappernder
monotoner Weise, die einzelnen Stze schroff von einander gerissen,
diesen Kindern des Sdens die starren Dogmen der christlichen Religion
erklrte, und sie vor dem Antichrist warnte, der mit scharfen Krallen
vor ihrer Thre lge und sie drohe zu verschlingen, wie sie die Schwelle
bertrten.

Christen _nannten_ sie sich, jene Menschen, die das Volk verfhrten,
ihre Religion und ihren Sabbath mit Fen traten, ihre Regierung
strzten, ihre Mnner erschlugen, ihre Frauen entehrten, und von den
sicheren Schiffen aus die tdtlichen Kugeln in friedliche Wohnungen
und Htten schleuderten. Christen _nannten_ sie sich, aber sie
_verleugneten_ den Herrn, sie verleugneten sein Wort und ihre Priester;
anstatt im Sack und in der Asche Bue zu thun, gingen in Gold und Silber
blitzenden Gewndern einher, ein Greuel dem Herrn und jedem frommen
Christen. Aber Gottes Donner schlief _nicht_, seiner Rache Blitz lag
gerichtet schon in der gehobenen Hand, und seine unendliche Langmuth
nur verzgerte noch den Wurf, der Verderben niederschleudern sollte
und mute auf die Verrther und Feinde dieses Insellands. Wehe den
Strafbaren, wehe den Meineidigen -- wehe den Mrdern -- wehe den
Gotteslstern und Bibelschndern -- wehe allen die sich schuldig wuten
in der letzten Stunde des Gerichts, denn des Herren Rache wrde sie
treffen in das siebente und zehnte Glied, und ihren Saamen vertilgen von
der Erde!

Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes
Lippen, seine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; sie machte
das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand suchte
unwillkrlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen
zu lassen zu Ha und Blut.

Ren konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er sprang auf von
seinem Lager und ging mit raschen Schritten und fest ber die Brust
geschrnkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von seinen
Wchtern mistrauisch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht
an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienst dieses Volkes als Katholik
zu stren, und dem Missionair noch mehr Ursache zu geben wider ihn und
seine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche
Predigt hinein zu springen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug
seiner Rede in's Gesicht zu schleudern.

Die Predigt hatte sich endlich mhsam und krampfhaft dem Schlu
zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten sich,
der Sitte der Methodisten nach, ab von dem Geistlichen, ihr Gebet zu
verrichten, und ein stiller heiliger Friede schien, mit dem Verhallen
der rauhen feindlichen Worte, ber den Betenden zu ruhen.

Ein Schu!

Wie durch Zauberei nderte sich das Bild -- die Schaar der Frommen, auf
die Knie niedergeworfen in brnstigem Gebet -- keine Waffe zu sehn, die
den feindlichen Charakter dieses Lagers in der Wildni htte verrathen
knnen, kein Laut zu hren wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott
erhobenen Stimmen. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung
abgefeuerten Gewehrs, die Mnner schnellten im Nu empor, und nach allen
Seiten auseinander stiebend enthllte jeder Stein fast, und jeder Busch,
jede wie nachlssig hingeworfene Matte, jeder Streifen zusammengereihter
Pandanusbltter, der zum Bedachen irgend einer neuen Htte verwandt
werden sollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Haufen
Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaschen, Sbel, Messer und Beile,
und die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren, schon
vorher bestimmten Sammelpltzen, den Feind zurck zu weisen, der es
wagen sollte, sie in dieser festen Stellung anzugreifen.

Ren war mit staunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle
gewesen, mit der sich die Kirche hier vor seinen Augen, und wie nach der
Berhrung eines Zauberstabes, in ein trotziges Kriegslager verwandelte,
und der ehrwrdige Mr. Rowe allein schien regungslos bei dieser
pltzlichen Metamorphose seine Stelle behauptet zu haben. Nur mit
erhobenen Hnden und Augen stand er da, Vergebung niederflehend von dem
Herrn der Heerschaaren fr das Hufchen der Glubigen, die durch den
rcksichtslosen Feind gezwungen wurden doppelte Snde zu begehen, den
Sabbath zu brechen und vielleicht noch gar Bruderblut zu vergieen, und
die Frauen und Mdchen schaarten sich in ngstlicher Erwartung um ihn
her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefrchtete Pfeifen der
Kugeln und das Prasseln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder
Viele der ihrigen, vielleicht Vter, Brder und Gatten niederschmettern
sollte in ihr frhes, freudloses Grab.

Aber es kam nicht -- Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten standen
die Krieger in gespannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer
wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langsam den Pfad herauf kam
und mit seinem Tuche winkte. Die Posten kannten ihn, Ren aber konnte
einen Ausruf des Staunens nicht unterdrcken, als er in dem Boten, denn
als solcher wies er sich aus, seinen alten Freund oder Feind, wie die
Sache gerade stand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte.

Raiteo hatte auch ihn jedenfalls gesehn und erkannt, denn ein eignes
zweideutiges Lcheln zuckte um seine Lippen, aber er drehte weder den
Kopf nach ihm um, noch kmmerte er sich im mindesten um ihn, sondern
schritt gerade hindurch durch die ihm bereitwillig Platz machenden
Krieger, direkt auf den Missionair zu, der sein Gebet jetzt ebenfalls
beendet zu haben schien und ihn mit fragenden finsteren Blicken
erwartete.

Wer hat geschossen? -- wer hat den Frieden unsers Sabbaths gestrt?
-- frug der Geistliche streng, als ihm der Indianer gegenber stand, und
eine derartige Anrede erst wirklich erwartet zu haben schien -- sind
unsere Gesetze, die Gesetze Gottes nicht streng genug solchen Frevel zu
verhten oder, wenn geschehen, zu bestrafen? -- wo kommst Du her jetzt,
Bruder Raiteo und was bringst Du? -- antworte wenn ich Dich frage, denn
meine Zeit ist kostbar, und jede Minute wird dem Heiligsten, Hchsten
dieser sndhaften Erde abgezogen und ist unwiederbringlich verloren.

Wer geschossen hat wei ich nicht, entgegnete Raiteo vollkommen
ruhig, und wenig bekmmert wie es schien um die harten Worte seines
Vorgesetzten -- es wird wahrscheinlich einer von den Schildwachen
gewesen sein, die das Signal gaben, als sie die Franzosen den Berg
herauf kommen sahen.

Die Wi Wis? riefen die ihm nchst stehenden Indianer rasch -- wo sind
sie -- wie viel -- haben sie Kanonen mit.

Sie bringen eine Botschaft von Papetee fuhr Raiteo aber, gegen den
Geistlichen gewandt, fort.

Was wollen sie von uns? frug dieser finster -- heute ist kein Tag
mit ihnen zu verhandeln -- der Sabbath ist heilig und darf nicht
_ihret_wegen gebrochen werden.

Wenn Du eine Botschaft von den Feranis bringst, Bursche, so hast Du
Dich damit an _mich_ zu wenden und an Niemand anders! unterbrach in
diesem Augenblick eine ernste tiefe Stimme das Gesprch der beiden, und
der alte wackere Huptling Utami, einen Tapamantel um seine Schulter
geschlagen, der nur den rechten mit einem langen Europischen
Pallasch bewehrten Arm frei und nackt lie, trat aus einer Gruppe von
Eingeborenen vor und dem Boten gegenber.

Bruder Utami sagte Mr. Rowe mit etwas scharfer zurechtweisender
Stimme, ich verkndete in diesem Augenblick das Wort des Herrn an
heiliger Sttte, und es war richtig, glaub ich, _meiner_ schwachen
Meinung nach, da sich der Bote, noch dazu ein junger Diener des
Hchsten durch unsern schwachen Beistand, an _mich_ wandte, die
Entweihung des Sabbaths zu entschuldigen.

Bringst Du Botschaft ber irgend etwas das mit Gottes Wort in
Verbindung steht? frug der Huptling finster, ohne auf den Einwurf
weiter zu achten.

Botschaft von den Feranis unten, Utami.

Dann hast Du das Wort auch an _mich_ zu richten, als den Huptling
und an niemand Anders lautete die barsche Antwort, die das Blut in die
Wangen des Priesters jagte, aber er wagte doch nicht dem ernsten
Mann entgegen zu treten, und die Finger falteten sich wieder wie
unwillkrlich in einander und die Augen suchten den Himmel -- es war ein
Blick der Vershnung, der aber an Utami leider total verloren ging.

Wer feuerte den Schu? frug jetzt der Huptling wieder und sah den
Insulaner forschend an.

Einer der Posten glaub ich, als sie die Wi Wis den Berg heraufkommen
sahen, und wahrscheinlich glaubten es kmen mehr hinterdrein.

Wie viele sind es ihrer?

Drei blos, als Abgeschickte.

Und was wollen sie von uns?

Da Du den gestern gefangengenommenen Wi-Wi frei gebest und mit ihnen
zurckgehen lassest in's Lager. Er gehrte nicht mit zu den Soldaten und
wre ganz aus Versehn gestern gefangen genommen.

Und ist das ein Grund unsere Sabbathfeier zu unterbrechen? rief aber
jetzt Bruder Rowe die Hnde in Staunen und Entrstung zum Himmel gehoben
-- sollen wir, eines gefangenen Katholiken wegen, der gastlich an
dieser Kste aufgenommen, sein Weib von sich gestoen und die Hand
gegen die Kinder dieses Bodens, ein zweiter Kain, aufgehoben hat, den
Gottesdienst so vieler frommer Christen unterbrechen, denen vielleicht
nur der heutige Tag noch gegeben ist ihre Snden zu bereuen und zu
Gott umzukehren, whrend sie vielleicht morgen schon vor ihrem Richter
stehen?

Singe Du weiter, Mi-to-na-re sagte der Huptling ernst -- wir Fhrer
dieser Schaar wollen berathen was zu thun -- Raiteo, Du magst hier
meiner Antwort harren -- und mit langsamen Schritten, den ihm nchsten
Huptlingen winkend ihm zu folgen, schritt er der am entferntesten Theil
des Lagers errichteten Berathungshtte zu, wo er sich, bald von den
andern umgeben, auf einer der dort berall ausgebreiteten Matten
niederlie.

Die Hauptfhrer der Eingeborenen waren aber leider nicht Alle hier
versammelt; Tati, der mchtigste derselben fehlte, mit ihm Paofai
und Paraita -- die letzteren beiden lebten sogar in Papetee, unter
franzsischem Einflu und wie es hie, von ihm gewonnen, whrend sich
Tati, den Missionairen und ihrer Parthei wie den Feranis in ihrem
Uebermuth zrnend, nach Papara zurckgezogen hatte. Nur Utami -- von
denen die den Vertrag unterschrieben der Einzige, der edel und khn
genug war den begangenen Fehler einzusehn und dem Volk mit dem Schwert
in der Faust bewies, da er nie daran gedacht es zu verrathen und
sich geirrt als er nach dem Feind des Vaterlands die Hand um Hlfe
ausstreckte -- hatte sich mit den Seinen in die Berge zurckgezogen,
fest entschlossen ihre Unabhngigkeit und Freiheit zu wahren, so lange
ihnen Gott die Krfte dazu lassen wrde.

Auerdem waren hier oben versammelt Aonui, der rechte Arm der
Missionaire, und Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri, die von den
Franzosen als Rebellen erklrten Fhrer der Eingeborenen, mit vielen
Anderen vom sdlichen Theil der Insel, und dem stlichen, und auch
Fanue wurde mit seinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er
herberkommen und sich dem Hauptstamme anschlieen sollte, wenn es Noth
that einen gemeinschaftlichen, und Hauptschlag gegen die in Papetee
jetzt ziemlich zusammengedrngten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg
dadurch vielleicht ein Ende zu machen.

Die Berathung der Huptlinge dauerte nicht lange, schien aber gegen
Utamis Willen entschieden zu haben -- der alte Huptling sprach finster
und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und seine Stimme drang
manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Versammlung
herber. Diese wurde inde durch den Geistlichen in ununterbrochenem
aber schwerlich andchtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen
nicht mehr passen wollten, und das sie stren muten, htte nicht das
eigene Interesse an den Verhandlungen schon ohnehin ihren Geist dort
hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt.

Utami blieb, als die Uebrigen aufstanden, in dsterem Brten auf seiner
Matte zurck, whrend Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in
den Zgen, einem Theil der Uebrigen voran, von denen sich die meisten
gleich wieder unter die Betenden mischten, zu Bruder Rowe halb, halb zu
Raiteo gewandt sagte:

Wir wollen fortfahren unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue
-- Raiteo, Du magst den Feranis melden da sie uns morgen frh mit
Sonnenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Untersuchung des
Gefangenen finden sollen. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag und
nichts Irdisches, vielweniger die Privatverhltnisse eines Papisten,
sollen uns abhalten von unserer Pflicht, die wir zuerst dem Hchsten,
dann erst unseren eigenen Zustnden schulden.

Und die Feranis sollen wieder nach Papetee zurckgehn? frug Raiteo,
halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten.

Ich habe es gesagt erwiederte Bruder Aonui.

Und der Wi Wi soll hier oben bleiben? setzte Raiteo mit demselben
Blick hinzu.

Stre uns nicht weiter durch Deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo
sagte der Geistliche da mit freundlicher doch zurechtweisender Stimme,
Du hast Deine Antwort, melde sie den Feranis, obgleich ich nicht recht
wei wie Du dazu kommst ihr Bote zu sein.

Ich war gestern--

Ruhig -- ich will heute keine Erzhlung irdischer Dinge mit anhren,
wir haben genug unserer kostbaren Zeit auf leichtsinnige Weise vergeudet
-- weshalb gehst Du nicht?

Ich? sagte Raiteo -- und es war fast unmglich bei den Worten einen
bestimmten Ausdruck fr seine Zge zu finden, in denen es zuckte und zog
als er sich dazu zwang ernst und ehrbar auszusehn -- ich? -- was
hab _ich_ weiter mit den Wi Wis zu thun -- ich habe sie den Berg
heraufgebracht weil ich mute -- unten, wo sie nicht weiter drfen,
stehn sie -- Jemand Anders kann sie hinunter bringen.

Mge sie Gott erleuchten sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick
nach oben, und in die schrillen Tne eines Psalms einbiegend, dem der
Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede
Verhandlung ber den Gegenstand vollkommen abgeschnitten und aus dem
Bereich weiterer Besprechung gebracht. Raiteo aber kauerte sich, gleich
wo er stand, auf den Boden nieder und erhob seine Stimme vor dem Herrn,
lauter und andchtiger, wenn man seinem ueren Menschen glauben wollte,
als irgend eines der brigen Mitglieder der Gemeinde.

Teraitane allein, der keineswegs beabsichtigte die Feranis auf solche
Weise zu behandeln, und nur noch mehr und unntzer Weise zu reizen,
verlie das Lager und stieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung selber
zu bringen, da die Huptlinge beschlossen htten heute, als an einem
Sabbath, sich in keine weltlichen Dinge zu mischen, und das Verhr und
die Untersuchung des Gefangenen auf morgen frh verschieben wollten.

Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den
Gefangenen zurckzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen
lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne
auch nur ein Haar gekrmmt wrde; hierauf aber hatte der alte Huptling
nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.

Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten knnt sagte er finster, oder
wenn Ihr glaubt da Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen.
Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Kpfen wieder heim zu
schicken.

Du stehst mir fr sein Leben! rief da Bertrand rasch zuspringend, in
der Absicht den Huptling als Geisel fr den Freund, unter dem Lager der
Insulaner fort zu fhren; Teraitane aber glitt ihm unter den Hnden
hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm
bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden
Lufe der Musketen fest und zrnend auf ihn gerichtet. Bertrand ri
unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fllten
die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der
Huptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:

Ruhe heute am Sabbath! -- ich knnte Dich jetzt gefangen nehmen oder
tdten, Du tollkpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun -- weniger
vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal
in ihrer Sabbathfeier zu stren. Gehe zurck -- Du siehst, Du bist nicht
im Stande Deinen bsen Vorsatz auszufhren, gehe zurck und schicke
morgen wieder herauf, zu hren was die Huptlinge ber den Gefangenen
beschlieen werden.

Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch
aufmerksam und mistrauisch von den brigen Eingeborenen bewacht wurde,
schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, whrend sich
Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut
einsehend da er durch weiteres Vordringen Ren und sich nur schaden
aber gar nichts ntzen knne, ebenfalls wieder zurck, in's Thal nieder,
wandte.

Ren hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht
gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem
beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte.
Da ihn brigens der Bursche keines Blickes wrdigte, als er an ihm
vorber ging, beruhigte ihn wenigstens ber dessen Gesinnung gegen sich
selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der
Gefangene gleichgltig gewesen wre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm
gewechselt htte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wre, vor den
Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber htte,
meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung
gegenseitigen Verstndnisses fhren und sie mistrauisch machen knnen,
whrend er dagegen, durch ein vlliges Ignoriren des Fremden, Raum zu
keinem derartigen Verdacht geben konnte.

Da der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich
denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? --
was _konnten_ sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte
feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen
er sonst auf einem ganz friedlichen Fu gestanden? Alle die Fragen
gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig
lange gleichgltige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott
in seinem Unmuth und machte ihn die Zhne fest auf einander beien,
bittere Zornesworte zurck zu halten.

Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestrten Fortgang; dem Singen
folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und
als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen
wurde, schieden sich die Zuhrer in ihre verschiedenen Gruppen oder
Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte,
ihre Mahlzeit zu halten, und sich fr neue Bet-Uebungen auf den
Nachmittag vorzubereiten.

Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm --
sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und sa
nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fu eines breitstigen
stehengelassenen Orangenbusches, und lie den Blick oft lange und ernst
auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr
hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wchter da er das nicht drfe -- er sei
hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hnde und Fe gebunden, wre das
eine bloe Geflligkeit. Was htte ihm Widerstand gegen die Uebermacht
geholfen -- der konnte seine Lage nur verschlimmern.

Als letztes Aushlfsmittel verlangte er den Huptling Utami zu sprechen,
den er gesehen hatte und mit dem er frher schon manches freundliche
Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wchtern sagte, Wichtiges
mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: es sei
Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Huptling werde
sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntglichen Feier
befassen -- er msse bis morgen warten.

Bis morgen warten -- Tod und Teufel! die Ungeduld htte ihn verzehren
mgen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen,
die Bet- und Singbungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm,
war, da ihm etwas kalte gerstete Brodfrucht und eine Cocosnu gebracht
wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie
Stunden an seiner Seele vorber. So wurde es Nacht -- das sdliche Kreuz
ber ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um
seine eigne Axe zu kommen, und die khle feuchte Bergluft, mit der
inneren Aufregung vielleicht, schttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.

Endlich brach der Morgen an -- im Osten zeigte sich ein heller Schein
der rasch und mchtig wuchs, und der Morgenschu der Uranie, der selbst
bis hierher deutlich drang, kndete die dem Meer entstiegene Sonne.

Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thtig gewesen; ihre
Feuer, Steine glhend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein
reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.

Utami will Dich haben kndete da endlich ein junger Bursch
dem Gefangenen den Willen des Huptlings -- komm mit mir! und
voranschreitend fhrte er ihn, durch die Lagerpltze der Insulaner hin,
deren keiner Wort oder Gru fr ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf
ihn, und Ren, rgerlich ber den Hochmuth der rothhutigen Schufte
wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschrnkten
Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin -- hie und da einen auf ihn
gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend.
Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben da sie ihn einschchtern
konnten.

Der alte Huptling sa auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die
brigen Hupter und Aeltesten des Lagers, whrend sich die Eingeborenen,
obgleich in Gehrweite, doch in anstndiger und ehrerbietiger Ferne von
den Richtern hielten, die ber den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen
sollten.

Ren schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen
Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch ber den
Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der
sich die Frauen und Mdchen in dicht gedrngter Masse neugierig hielten,
mit einem flchtigen Blick berfliegend sagte er lchelnd:

Nun, was giebt's Ihr Mnner, da Ihr hier zu Gericht sitzt wie ber
einen Missethter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich
gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden
liegen lassen? -- Ist das Euere gerhmte Gastlichkeit? -- Ich wre heute
selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch
seine Vorschlge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern
Abend berfiel und wie einen Mrder durch Dickicht und Busch in die
Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?

Ein leises Murmeln des Erstaunens ber die kecke Rede lief durch die
Versammlung, und die meisten der Huptlinge, besonders Aonui, Potowai
und andere schttelten misbilligend mit den Kpfen und flsterten mit
einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Ha im
Ton.

Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher
beschieden -- sei aufrichtig, es ist das Beste fr Dich.

Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten
entgegnete Ren kurz.

Was brachte Euch Feranis vorgestern Abend aus der widerrechtlich in
Besitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unsere
Mnner an und erschluget zwei und fhrtet Andere gefangen fort?

Zuerst erwiederte Ren, gehrte ich gar nicht mit zu der
Patrouille, der ich mich nur anschlo halb miger Zeit wegen, halb der
Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, dessen Nhe dem Gouverneur
gemeldet worden, und den er zu fangen und unschdlich zu machen
wnschte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Insulaner
berfielen sie zuerst, die Gefangenen wieder zu befreien.

So hatten unsere Kundschafter doch recht und O'Fa-na-ga ist gefangen
sagte der Huptling, aber was hatte er gethan?

Gemordet und geraubt in frherer Zeit entgegnete Ren; er ist ein
bser Mensch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.

Ihr bringt da Anschuldigungen von denen wir nichts wissen sagte aber
Utami -- oft htten wir knnen Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber
wir haben es nicht gethan, wir fhrten keinen Krieg mit Einzelnen und
wir erwarteten dasselbe von Euch. O'Fanaga kmpfte in unseren Reihen und
stand unter unserem Schutz.

Dann htte er darunter bleiben sollen lachte Ren, jetzt wird ihm
schwerlich viel Zeit mehr gegeben werden den zu beanspruchen.

Dann schlimm fr Dich! rief Aonui hier, zornig den Arm gegen ihn
ausstreckend -- dasselbe Schicksal des O'Fa-na-ga unten von Deinen
Landsleuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.

Mcht' ich mir nicht wnschen lachte Ren, noch immer fest
entschlossen den Insulanern gegenber auch keinen Schein von Furcht zu
zeigen -- haben sie ihn gefangen, so erwartet _ihn_ der Strick -- wenn
er nicht schon hngt.

Dann hngst auch Du! schrie Potowai, den Arm wild gegen ihn
ausstreckend -- O'Fa-na-ga war mein Freund.

Schlechte Empfehlung fr Dich sagte der unerschtterliche Franzose.

Ruhe -- Frieden! gebot aber Utami -- und Du Ferani thust nicht
wohl daran die Mnner noch zu reizen, die ber Dich zu Gericht sitzen
sollen.

Dazu habt Ihr kein Recht! rief aber, sich hoch emporrichtend der junge
Mann -- und wehe Euch wenn Ihr es wagen solltet Hand an mich zu legen.

Kein Recht? -- und wer sonst? sagte Utami ruhig zu ihm aufschauend --
wer anders als wir, ist der rechtmige Eigenthmer dieses Bodens, seit
Pomare feige den Schutz bei dem Fremden suchte? Glaubst Du da Ihr das
_Recht_ erworben habt auf dieser Insel zu herrschen, weil die Kanonen
Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer stehenden
Fischerhtten schleudern knnen? Deine Landsleute haben den Krieg in
dieses stille harmlose Land gebracht, den Namen Gottes haben sie zur
Decke gebraucht, unter der sie ihre bsen Absichten und Plne verbargen;
ihre Landsleute, dieselben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben sie
vor wollten sie schtzen, weil sie noch ein Stck von einem Gewissen
hatten, und sich schmten mit ihren eigenntzigen, verbrecherischen
Absichten so frei zu Tag zu kommen, und htten wir ihnen den Schutz
eingerumt, so breiteten sie ihre Macht aus ber das Land, und schon
whrend sie ihrer Aussage nach fr ihren Gott arbeiteten, fllten sie
sich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme ber das Eigenthum eines
andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Priestern die Erlaubni
gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit
den unsrigen zu haben, aber nur den _Schutz_ zurckweisen den sie uns
angedeihen lassen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes
bedeuten mu als in der unseren, denn in der unseren heit das, was Ihr
darunter zu verstehen scheint, _Diebstahl_, nun kommt Ihr mit Eueren
wahren Absichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine
Maske vor Euerem wahren Gesicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da sie
Euch nicht mehr verbirgt -- sttzt Euch auf Vertrge, die Ihr anders
auslegtet und benutztet als sie gemeint waren, sendet Euere Spione und
Priester in unser Land unser Volk zu verderben und abtrnnig zu machen,
und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unsere Heimath, zerstrt
unsere Huser, verwstet unsere Felder, zerschmettert mit Eueren
Kanonenkugeln unsere Cocospalmen und Brodfruchtbume, die Stmme die uns
und unseren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in
die Berge und Haine ein, unsere Mnner zu erschlagen, unsere Weiber mit
fortzuschleppen oder zu entehren.

Und was hab _ich_ mit alle dem zu thun? entgegnete Ren ausweichend
einer allerdings nur zu wohl begrndeten Anklage gegenber -- gehrte
_ich_ zu den Eroberern? -- gehre ich _jetzt_ dazu? kam ich nicht, ein
Fremder, auf Euere Inseln und wurde heimisch darauf aus freiem Willen
und mit der Zustimmung eines Euerer Huptlinge? -- nahm ich mir nicht
ein Weib aus Euerem Stamme?

Und _wo_ ist die jetzt? unterbrach ihn ruhig Utami.

Jetzt? -- in unserer frheren Heimath hoffentlich, zu der sie mit Einem
Euerer Priester hinberging, mich zu erwarten.

Dich zu erwarten -- wiederholte leise und ernst mit dem Kopf nickend
der Huptling -- willst Du das ein Anrecht auf unsern Schutz machen,
da Du die Frau wieder von Dir schickst, die an Deiner Seite bleiben
sollte, bis zu ihrem Tode?--

Ren wollte heftig darauf antworten, aber er besann sich, bi die
Unterlippe und sagte finster:

Was meine Familienverhltnisse betrifft bin ich, denk' ich, nur mir
selber die Rechenschaft schuldig.

Ha und Elend set Ihr sagte Utami ernst, fast traurig, und verlangt
Freundschaft, verlangt Liebe dafr.

Nicht ich, Utami rief Ren aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch
-- nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese
Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz
zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und htte meine Stimme
ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und
kehrten den Bug heimwrts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen
Inselreichs zu stren. Aber zu spt kommt solch ein frommer Wunsch
setzte er ruhiger hinzu -- die Gier der Fremden, wie Euer eigener
Unfriede -- der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst
aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in
Hand gegangen, dem Fremden das _Recht_, das scheinbare Recht wenigstens
zu geben, auf das er jetzt sich sttzt und das er mit dem Uebergewicht
seiner Waffen aufrecht erhlt. Nur Blutvergieen kann noch verhindert
werden -- nur die Mglichkeit ist noch da weitere Kmpfe zu vermeiden,
die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend
ber Euere Familien bringen mssen, und das zu vermitteln wre ich
gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute
dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den
Frieden zu bieten von seiner Hand.

Was braucht er Frieden zu bieten rief Teraitane finster -- er soll
unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind
_wir_ es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortfhren?

Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts sagte Ren ruhig --
der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Hnden; Frankreich hat Besitz
von den Inseln ergriffen, und nur jene lgnerischen Versprechungen, die
Euch von dem Schutz und der Hlfe Englands gemacht wurden, konnten Euch
zu dem verzweifeltsten aller Entschlsse treiben, Euch dem Mchtigeren
zu widersetzen. So nehmt Vernunft an -- bleibt thatschlich im Besitz
Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt
dann nicht da unsere Priester mit gleichem Ha gegen die Eueren kmpfen
werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch
geschtzt, wenn Ihr fr den die Waffen aufgegriffen.

Wir kmpfen nicht fr unseren _Glauben_! rief jetzt Utami zornig und
die Hand geballt -- wir kmpfen fr unser _Land_, fr unsere _Heimath_.
Der _Glaube_ liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert
wrden dem einen Tempel zu bauen, whlte er sich das eigene Herz. Wir
wollen fr uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir
wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt
Ihr sagen wir wollen Euer Land -- Euere Brodfruchtbume, Euere Palmen,
Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere
Huser, Euere Frauen -- Euere Mnner sollen fr uns arbeiten und wir
wollen ihre Herren sein. Was Glauben -- wenn Euer Gott die Macht bese
uns den zu nehmen, htte er nicht geduldet da andere Priester zuerst
gekommen wren uns _ihren_ Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen
sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spt. Macht die
wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen -- ruft die
wieder in's Leben zurck die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen,
todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Frsten hingen, und
dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen
Unheils zu verhindern; jetzt nicht.

_Die_ Antwort soll der Huptling der Feranis auch bekommen denn sein
Frieden heit Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst
gefangen, bis uns die Mnner zurckgeliefert sind, die mit halfen
unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und
geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.

Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher! rief Ren unwillig
-- er hat Menschen ermordet und beraubt -- wollt Ihr mich mit einem
solchen gleich stellen?

Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet rief Aonui heftig --
und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben -- selbst unsere
Bibel -- das Heil unserer Seelen.

Auge um Auge, Zahn um Zahn! sagte auch Teraitane -- jeden Gefangenen
tauschen wir ein, Mann um Mann -- fr jeden Bruder den sie uns
erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurck -- und ehe wir
die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie
uns.

Peste! rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fue
stampfend -- was hab _ich_ mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen
Landsleuten nicht gutwillig Euer Land -- ich knnte fast sagen das
_unsrige_, berlassen wollt -- und verdenken mag ich's Euch nicht, was
kmmert das _mich_? _Ich_ gehre nach Papetee, oder jetzt vielmehr,
meine Heimath wieder verndernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die
hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber,
so finster er nach mir herber blickt, mu mir bezeugen, da ich mein
Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im
Verdacht hatten, _mit_ Euch gegen _sie_ mich verschworen zu haben, und
mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwrdige Herr da ist mein Freund
gerade nicht, aber er wird eine Thatsache fr mich besttigen _mssen_.

Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Huptlingen nher
getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren
ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth,
fr ntzlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen
Zurckweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet,
ja gewissermaen zum Zeugen _fr_ ihn angerufen, hatte er ein volles,
und wahrscheinlich lngst erwnschtes Recht zum Reden bekommen und sagte
rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer:

Der Ferani htte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der gnstiger
fr ihn sprechen knnte als ich.

Sie knnen nicht leugnen da Sie bei unserem Abschied zugegen waren
rief Ren mit blitzenden Augen.

Mein Herz hngt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf
irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dnnen
Faden ber dem Abgrund des Verderbens hngt -- sagte der Geistliche
ausweichend. Ich wei nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen
Inseln sein Leben zu beschlieen -- Gott allein prfet das Herz und die
Nieren -- aber ich wei _da er sie nie htte betreten sollen_ und da
die Frauen und Mdchen dieser Inseln nur Fluch und Thrnen bis jetzt
geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammni.

Sie wissen da ich in Atiu als Brger des Landes aufgenommen wurde!
rief Ren.

Ich wei Nichts sagte Mr. Rowe finster mit dem Kopf schttelnd, als
da die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten
und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze
dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach
ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen -- ich habe
all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben,
wie es einem Christen geziemt -- ich begreife nur nicht wie ein _Brger_
des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp
seiner Landsleute wenn er ein Brger des Landes war, berfiel, zwei
tdtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte
-- ich sage ich _wei_ das nicht setzte er rasch hinzu, als er sah
da ihm Ren darauf entgegnen wollte, kmmere mich auch nicht um die
weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben mu durch die Huptlinge
und Richter des Landes. Und langsam sich abwendend schritt er der
kleinen, fr ihn besonders errichteten Rohrhtte zu, hinter deren
Thrmatte er verschwand.

Ren wollte in der That anfnglich, und in heftigen Worten darauf
erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe
einbeiend, da das Blut daraus zurckwich, sah er dem frommen Mann mit
einem finstern verchtlichen Lcheln nach und schien jetzt kein Wort
weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.

Die Huptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit
einander, waren aber noch zu keinem Beschlu gekommen, als ein Lufer
von drauen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anfhrenden
Huptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte
Spione meldeten zu gleicher Zeit da mehre Abtheilungen Franzsischer
Soldaten wieder im Anzug wren, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager
beabsichtigten.

Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wnschten,
beschlo man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami
entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen
gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest
entschlossen nur gegen die beiden Englnder wieder einzutauschen, von
deren beabsichtigten Flucht sie natrlich Nichts wuten, und von denen
sie O'Flannagans Hlfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht
ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die
Feranis sehen, da sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und
die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeuersten entschlossen, nicht
frchteten.




Capitel 4.

Die Flucht.


Ren befand sich brigens durch solchen Entschlu der Insulaner in
einer hchst gefhrlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hlfe
entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Kste auf eine Gelegenheit
zu entkommen pate, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur
geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat
wrde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann
die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestrkten Insulaner
nicht doch am Ende hinreien lassen ihre Drohung wahr zu machen? -- von
Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu frchten, so viel wute er recht
gut, und er verdachte es dem wrdigen Manne nicht einmal, wenn er
die endlich gebotene und gewi lang genug erwartete Gelegenheit auch
ergriffen htte.

Flucht wre das einzige Mittel gewesen und die war unausfhrbar, denn
den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an
verschiedenen Stellen besetzt, whrend andere Schleichwege durch den
Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten
nicht jeden Stein kannte wurde berall durch Abgrnde oder Felswnde
aufgehalten, die es ihm Tage gekostet htte zu umgehn, und wie leicht
war er da von den flchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder
eingeholt.

Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten
Gesandten -- von dem erwarteten Angriff wute er noch Nichts -- schlug
deren Botschaft fehl dann -- doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? --
Ob sie ihn nur einschchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen
Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen,
was lag daran? -- sie sollten ihn weder weich noch ngstlich finden, und
_mute_ es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen
als je--

_Als je?_ -- ein eigenes, wunderbares Gefhl durchzuckte ihm das Herz;
-- _als je?_ In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten
Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so
Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem
kaum gewonnenen Glck auf Atiu entreien wollte. Das Leben war ihm so
lieb -- so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht
es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er
betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tckisches Geschick
ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was
er erhofft in seinen schnsten, khnsten Trumen -- den Gipfel seiner
Wnsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn
umgab -- und jetzt? -- Was war es, das ihn _jetzt_ gleichgltig machte
gegen den Tod? was war geschehn -- verloren da er sich der tdtlichen
Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? -- und Sadie? -- Er
barg das Antlitz in den Hnden und prete die fieberglhende Stirn, die
Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, qulenden Gedanken, denen er
nicht Raum gnnen wollte da oben. Nicht jetzt -- nicht jetzt sollten sie
nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fhlen mochte und die
ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem
Pfeil -- _Sadie_ -- wie ein Traum lag die Zeit, die schne Zeit hinter
ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der _Tod_? -- _sollte_
ihn davon trennen? -- Nein, nein fort mit dem verfhrerischen Bild
das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte -- er war nicht
schuldig -- rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer
Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. -- Hinweg mit
allem Schmerz, hinweg mit der Thrne, die sich ihm leise in's Auge
stehlen wollte -- er war nicht schuldig -- und weshalb _wnschte_ er
sich da den Tod?

Schsse knallten und Trompeten schmetterten -- hoch empor aus seinen
Trumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken
der Vergangenheit gelebt, da er erschrak als er aufsah und die
bewaffneten Wchter neben sich erkannte.

Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Huptling, und
grimmigste Feind den die Feranis unter den Fhrern der Eingeborenen auf
den Inseln hatten, und das tckische Blitzen seines Auges verrieth was
in ihm glhte und hinausdrngen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit
einem ernsten, aber ziemlich gleichgltigen Gesicht, hielt sich Raiteo,
der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und
schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszufhren. Aonui galt
als die rechte Hand des ehrwrdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen
hielten ihn in hohen Ehren und frchteten ihn, denn er war gerecht aber
streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in
irgend eine Bahn gelenkt, ri ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bsem.

Deine Gehlfen kommen Dich zu befreien sagte er finster, aber sie
werden zu spt den Hgel erreichen -- wir hatten ihnen die Mglichkeit
Deiner Auslieferung gestellt -- sie haben sie verworfen und wollen uns
jetzt mit frechen Drohungen einschchtern -- wende Deine Seele noch zu
Gott, denn Dir sind die Minuten zugezhlt.

Rens Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche
Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der
schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes
Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches
Blinken schien ihn ngstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und
nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu
stren. Aonui sah da sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter
ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige
gleichgltig kalte Antlitz seines Begleiters und Ren, jetzt fest
berzeugt da er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte
finster doch leidenschaftslos:

Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten knnt, aber bedenkt da
Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht
mehr der freundlose Seemann, der entblt von Allem auf eine fremde
Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch -- die Regierung eines
mchtigen Staates hlt ihre Hand schtzend ber mich, und wehe Euch,
wenn Ihr die mchtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schtztet und
vertheidigtet Ihr nur Euer Land -- Ihr hattet recht -- entweiht die gute
Sache nicht durch Mord!

Nicht Dich zu hren bin ich gekommen, sondern Dich zu richten sagte
der Huptling finster und mrrisch, und horchte einen Moment dem jetzt
wieder beginnenden Schieen, das, der Richtung nach, den aufgestellten
und an verschiedenen Pltzen stationirten Vorposten galt, auch nher
und nher kam. Bete zu Deinem Gott sagte er dann, sich wieder zu dem
Gefangenen wendend, denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.

_Beten_ -- rief Ren -- unwillig mit dem Fue stampfend -- beten --
Nichts als beten; -- den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt
dabei an Ha und Mord -- _beten_!

Du willst _nicht_ beten? sagte Aonui rasch.

Ren sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:

Wie lange Zeit ist mir noch gewhrt?

Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen
erwiederte der fanatische Huptling -- die Schlge Deines Herzens sind
gezhlt.

Es ist gut erwiederte Ren aber seine Hnde waren frei, und nicht
gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach
einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemchtigen knnte.

Soll ich ihn in das Haus zum Beten fhren? sagte jetzt Raiteo leise zu
dem Huptling gewandt -- die Feranis beten nie im Freien.

Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm
ergreifend sagte laut:

Komm Wi Wi -- Du sollst nicht sagen da wir Dich gezwungen haben
Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist -- komm
flsterte er dabei leise und fhrte ihn der Htte zu, whrend seine
Wchter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten
Befehl bekamen, ihm zgernd, und rasch und leise mit einander redend,
folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen
Platzes, die Bayonnette gefllt, ihren Posten wieder einnahmen.

Wilder Lrm tobte indessen im Lager -- die Franzosen hatten die
Vorposten zurckgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, ber den Damm
hin, in die Wipfel der Bume, ohne freilich bis jetzt noch einen
der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren
verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen
Seiten fast schmetternden Trompeten, die berall den Feind vermuthen
lieen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen
nmlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu fhren,
kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt,
das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten
vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein
die Besatzung und schchterten sie ein, da sie den Feind viel strker
vermuthen muten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem
Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der
jetzt berall hin vertheilten Besatzung zu befrchten, und konnten eher
dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr
begnstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn
damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rckzug in die dicht
bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden
sie doch aus der zu groen Nhe von Papetee, auf das sie von hier aus
immer leicht Streifzge und Ueberflle unternehmen konnten, vertrieben,
und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach
der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder
gedrckt.

Auerdem feuerte auch Rens Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu
thun die Insulaner fr etwas zu zchtigen, dessen Recht er ihnen unter
keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nmlich zu
halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von
solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen
muten den Kampf entscheiden.

Um Ren wre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher
auf Hlfe htte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte
ihn nicht schtzen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen
selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie
wandte -- wie er nicht anders glauben konnte -- verdiente hrtere
Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener
Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit
Fen, der andere auch ihre Herzen.

Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit
herber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung
zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als
einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben
wrde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in frheren Jahren von dem
Wallfischfnger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem
Beginn eines Vermgens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und
grerem in ihm erweckt. Als Mitonare ffneten sich ihm dazu, wie er
recht gut wute, zahlreiche Quellen, und er wre jedenfalls nicht sumig
dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu
geboten. Als er aber die Verhltnisse in Tahiti nher kennen lernte
und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die
Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm
auf der Ausfhrbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die
Vortheile zu berschlagen die der Segen der Katholischen Religion
vielleicht auf sein geistiges wie krperliches Wohl haben knne. Die in
die Berge gedrngte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und
mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschlu gekommen einen
entscheidenden Schritt zu thun und -- ein anderer Mensch zu werden.

Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er
begnstigte und die, so schlecht fr den andern Theil, so vortrefflich
fr ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht
gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, da er es treu und ehrlich
mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine
Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten
Officier als Fhrer und Unterhndler. Der ungnstige Erfolg dieser
Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den
Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wute,
beschlo er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen
neuen Gnnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch
vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.

Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewut, reich,
und ihm, wie er sich fest berzeugt fhlte, auch noch von frherher
verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti _konnten_ auf die Lnge der
Zeit nicht siegen -- als Bewohner von Atiu fhlte er auch eben
kein besonderes Interesse fr sie -- und wer wei was dann aus den
Protestantischen Missionairen wurde -- deshalb schien es ihm weit
zweckmiger das Gewisse fr das Ungewisse zu nehmen -- und danach
handelte er.

Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der
Auenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht
von Pandanusblttern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesbel den
Blicken des jungen Mannes enthllte. Ren that keine Frage, aber er
mute an sich halten einen Jubelruf zu unterdrcken, und rasch die eine
Waffe aufgreifend, whrend sein Fhrer die andere nahm, sah er nur noch
eben wie dieser die Bltter der Rckwand von einander schob und hindurch
schlpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage ber das wie und wohin zu
thun.

Die Htte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von
kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber
ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreiig Schritt Breite, da eine
Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und
diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn.
Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze
sprangen, und eine Eidechse htte kaum ungesehn darber kommen knnen,
ehe aber die mit Schiewaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schu
fertig waren, oder sich berhaupt von dem Erstaunen ber den kecken
Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand
ergriffen und ihn nach vorn reiend glitten sie schon im nchsten
Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlpfrigen Hang hinunter
in ein Dickicht niederen Grases, von hochstmmigen Guiaven, die hier gar
gedeihlichen Boden gefunden, berwachsen.

Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht
allein wurden ihnen von oben mehre Schsse nachgefeuert, und sie hrten
die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fnf oder sechs Indianer,
und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wchter, folgten ihnen ohne
weiteres Sumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das
Dickicht aufgehalten wre Ren gar nicht im Stande gewesen ihnen
so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als mglich zu
verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der
Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhrner
tnten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch
klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hnde zu
fallen.

Den Moment benutzten die Flchtigen der Richtung zuzuspringen, in der
sie die Hrner gehrt, und den Verfolgern blieb Nichts weiter brig
als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als mglich
wieder zurckzuziehn, nicht vielleicht gar von den mglicher Weise
nachdrngenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben
brigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und
durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner
Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das berhaupt mglich
gewesen wre, beschleunigte.

Das Feuern sowohl, wie der Lrm den sie in den Bschen machten, hatte
aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der
Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angefhrt, bestand, ihnen
in den Weg gebracht, und Ren, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen
jetzt, in Zorn und Unmuth ber die erlittene Behandlung und der eben
kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschlieen, das
Lager mit gewaffneter Hand erstrmen zu helfen; Raiteo aber merkte das
kaum, als er erklrte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn
zu knnen, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm
eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schu erhalten,
jetzt nicht hlflos im Walde liegen zu lassen, da er vielleicht gar
wieder in die Hnde der Tahitier fiele.

Ren konnte und wollte das allerdings nicht und wnschte den Verwundeten
von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu
keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn,
der erstlich seine Sprache nicht verstnde, dann keine Verbindlichkeit
gegen ihn htte, und ihn mglicher Weise hinter dem nchsten Dickicht
sitzen lie. Ren durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem
Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als mglich
dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, da er der Gefangenschaft
glcklich entkommen sei, fhrte er den jetzt immer erschpfter werdenden
Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten
Papetee zu, fest entschlossen so rasch er knne zurck zu kehren und an
dem Kampfe noch womglich Theil zu nehmen.

Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug
genirt haben wrde, wenn er eben allein htte gehen _wollen;_ erstlich
aber mute er in Papetee einen Zeugen fr sich haben, wenn er auf einen
gnstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose
jetzt zu groem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurck,
und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war fr ihn jeder von
seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts
verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair,
ohne den geringsten Vortheil davon fr sich selber zu haben, auf das
grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern
war jetzt seine Aufgabe, und er sthnte und chzte so langsam den Berg
nieder und mute sich so oft setzen und ausruhen, da sie eben den Wall
von Papetee erreichten, als das Schieen oben aufhrte, und kurze Zeit
darauf die schmetternden Hrner der rckkehrenden Franzosen diese
als Sieger kndete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die
Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt,
und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und
aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem
Wald vertrauten Fremden vielleicht bel gefahren wren, zogen sie sich
zurck, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch
nicht gerade mit zu viel Verlust.

Ren brachte nun, in Papetee wieder glcklich angelangt, vor allen
Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst
erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen
knne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militrrzte untersuchte
und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls vllig gefahrlos erklrte. Das
beendet aber suchte er auch ungesumt den Gouverneur auf, ihm Bericht
zu erstatten ber sein Abenteuer sowohl, wie ber den sehr ungewissen
Erfolg den er von gtiger Ausgleichung zu hoffen habe.

Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhr des Mannes beschftigt, der
fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wre, mit Jim O'Flannagan
und lie sich nur anmelden, um seine glckliche Rckkunft anzuzeigen
und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein
beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.

Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne! rief ihm der Gouverneur schon
von weitem entgegen -- Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher
erzhlen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was
man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der
er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten
mchte einmal auf den Zahn fhlen lassen.

Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt:
mit auf dem Rcken gebundenen Hnden zwischen zwei Marine-Soldaten mit
gezogenen Sbeln und eines Verbrechens berfhrt, das ihm die Raanocke
vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation
vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen
lagen ihm tief und dster in den Hhlen; aber um den Mund zuckte doch
noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster
und mistrauisch auf den neuen Ankmmling, gleich aus seinem ersten
Erscheinen zu errathen ob er ihm ntzen oder schaden knne.

Hier der Bursche fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann
herzlich die Hand gedrckt, thut Alles in seinen Krften stehende,
das mu man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes
verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz wrdiger Weise hat er
uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hnde
geliefert.

Den entsprungenen Matrosen? rief Ren rasch und erstaunt.

Ja, er war mehr als das, lachte der Gouverneur, er war auch der
Helfershelfer des Gesellen da in frherer Zeit, und Theilnehmer selbst
des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben,
wobei noch der strkste Verdacht vorliegt, da er eine alte Frau
erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen
Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Htte gefunden. Sie htten
brigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie
mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht gengend sein dieses
werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun,
er verspricht uns die Anfhrer der Indianer -- jene Huptlinge die in
diesem Augenblick den meisten Einflu auf die Eingeborenen ausben,
zu berantworten, und _das_ wre allerdings seinen Hals werth, denn es
wrde Strme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten,
sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun mchte ich von Ihnen
wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen
Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloe Finte
ist ein paar Tage lnger athmen zu knnen, was ich allerdings vermuthe.

Und wie glaubt er das mglich zu machen? frug Ren.

Die Ausfhrung beruht auf einer, morgen frh stattfindenden
Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den
Eigenthmlichkeiten des Termins begrndet sein. Sind Sie mit den Bergen
hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?

So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer
hier ansssiger und jetzt wieder in Franzsischen Diensten stehender
Landsmann, Lefvre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie
ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nchsten Bergen. Vielleicht
wre es zeitsparend ihn ebenfalls rufen zu lassen, seine Meinung mit zu
hren.

Der Gouverneur klingelte, und die Ordonnanz wurde beschieden Herrn
Lefvre zu ersuchen augenblicklich sich hier einzufinden. Ren stattete
indessen mit leiser Stimme dem Gouverneur Bericht ab, ber seine
Abenteuer sowohl, als den Erfolg den ein Friedensvorschlag auf die
Huptlinge gehabt, und wie er in der That selber glaube, da alle
freundlichen Vorstellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen
unfruchtbaren Boden fallen wrden. Danach erschien es also ebenfalls
nur noch wnschenswerther die einflureichsten Huptlinge, da sie keinem
gtlichen Vergleich lauschen _wollten_, womglich gefangen zu nehmen,
und ihnen den Frieden dann selber diktiren zu knnen.

Lefvre kam endlich, und als er das Zimmer betrat flog sein Blick rasch
und wie scheu von Einem der Mnner zum Andern, als ob er im Voraus
zu errathen wnsche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des
Gouverneurs setzte ihn aber darber bald auer Zweifel und nach den
nthigsten Vorbemerkungen begann der Examen des Gefangenen.

Woher weit Du, Gesell, berhaupt, da die _Huptlinge_ an dem Tag und
zu der Stunde eine Zusammenkunft halten wollen, was hattest _Du_ mit
_ihnen_ zu thun? frug der Gouverneur.

Ein weier Mann, der mit einem Gewehr umzugehen versteht, ist ihnen in
jetziger Zeit soviel als ein Huptling erwiederte mrrisch der Ire, dem
die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu sein schienen, ich bin zu
allen ihren Berathungen gezogen.

Hm, das klingt wahrscheinlich -- aber weshalb wurde diese _Berathung_
auf so viele Tage hinausgeschoben -- weshalb findet sie gerade morgen
statt?

Am Freitag fate man den Beschlu߫ erwiederte Jim, am Sonnabend, als
an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Gesetzen nach, keine
Boten abgeschickt werden. Heute sind die erst nach dem Sden der Insel
hinbergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, _knnen_ die
aufgeforderten Huptlinge den Platz der Zusammenkunft nicht erreicht
haben.

Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager selber statt?

Sie wollen dem Einflu der Missionaire entgehn erwiederte der Ire --
ich selber habe den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzrcke
hasse und sie den Eingeborenen, wo sie nur ihre Nase in deren innere
Angelegenheiten stecken, noch nichts wie Unheil gebracht. Utami,
Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo sie
knnen, und Aonui wie Potowai sind nur ihre Posaunen.

Und wo ist der Sammelplatz?

Hier im oberen Thal, etwa eine englische Meile von Papetee dicht unter
dem Felsenhang auf dem oben die drei Cocospalmen stehen.

Kennen Sie den Platz? wandte sich der Gouverneur jetzt zu den beiden
jungen Leuten, und Beide besttigten es.

Aber in welcher Schlucht? frug Lefvre jetzt -- es kommen da drei von
oben herunter.

In der mittleren lautete die Antwort.

Das ist die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden sind von
steilen Hngen abgeschlossen; und wo da?

Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Htte
steht? frug der Ire den Franzosen.

Allerdings; der Ort wre nicht bel gewhlt -- und wie viel Huptlinge
sollen dort zusammen kommen?

Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer,
dessen Namen ich vergessen habe, von Tairabu der Eine, und vom sdlichen
Theil der Insel der Andere, auch wurde davon gesprochen da von dorther
ein Abgesandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man
vermuthete da sie zusammen eintreffen wrden.

Ha, das wre nicht bel rief der Gouverneur, aber auf welche Art
wren sie da zu fangen?

An dem Platz leichter als irgend wo anders besttigte jedoch Lefvre
die Angabe des Gefangenen -- auf dem Rckweg liee sich leicht ein
Vorposten hinschieben dem die Umstellten weder rechts noch links
auszuweichen vermchten, wenn sie eben nicht fliegen knnen, und der
Eingang des schmalen Thales ist mit zwlf Mann vollstndig zu schlieen.
Wenn sich das Alles so verhlt, wie es der Bursche angiebt und das
Ganze rasch und richtig angelegt und ausgefhrt wrde, liee sich
ein gnstiger Erfolg da schon hoffen. Keinenfalls htte man viel zu
riskiren, da man sich rasch wieder auf die Stadt zurckziehen knnte
und es nicht anzunehmen ist da die Eingeborenen, nach der heutigen
Niederlage, morgen schon sich so nahe heranwagen sollten. Im Gegentheil
hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns
ergebenen Indianer gehrt, da die feindlichen Krieger eine weiter
zurckgelegene feste Stellung im Hautauethal einnehmen wrden, sich dort
sicher verschanzt zu halten und die von England versprochene Hlfe zu
erwarten.

Das Sicherste wird dann jedenfalls sein entgegnete der Gouverneur,
ein starkes Detachement im Rcken aufzustellen, und dadurch selbst
jeder mglichen Ueberraschung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den
Burschen was er dazu sagt?

Jim schttelte aber dazu mit dem Kopf.

Dann wirds Nichts brummte er finster -- sobald hier nur zwanzig
Soldaten auf einmal aus der Stadt marschiren, wissen sie's auch
oben schon in den Bergen und rsten sich auf einen Angriff; kleine
Patrouillen sind aber bis jetzt tglich ausgezogen und selten belstigt
worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg fhren wollen.
Diese auch allein drfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszufhren,
eine grere Abtheilung Militair nie.

Und wer brgt uns fr die Sicherheit solcher schwachen Patrouillen?
frug der Gouverneur.

Bin ich nicht selber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit? sagte
Jim.

Schlechte Guarantie das meinte Ren kopfschttelnd, der Bursche hat
nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig gesagt, mchte
ich nicht einem einzigen Menschen an seine Versicherungen wagen; das
Ganze scheint mir wenigstens, ein abenteuerliches Mrchen, seinen Hals
noch eine Zeitlang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in
Sicherheit zu bringen; ich wrde ungemein vorsichtig zu Werke gehen.

Die Franzosen unterhielten sich untereinander natrlich in ihrer eigenen
Sprache, und der Gefangene schaute dabei mistrauisch von Einem zum
Anderen, in dem Ausdruck ihrer Zge vielleicht die unverstandenen Worte
zu lesen.

Lefvre brigens war _fr_ den Plan; mit jenem Theil des Berges genau
bekannt, schien ihm ein solcher Ueberfall ziemlich leicht auszufhren,
dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Officier in
die Armee eintreten zu drfen, was ihm bis jetzt immer noch aus
verschiedenen Ursachen verweigert worden, ihm aber dann, wenn er
sich bei einer solchen Expedition auszeichnete, kaum entgehen konnte.
Auerdem war, Jim's Aussage nach, der alte Huptling Fanue ebenfalls
gegenwrtig, den er noch von Tairabu her aus ganzem Herzen hate. Hier
bot sich ihm also nicht allein die Mglichkeit einer vortheilhafteren
Stellung, nein auch zugleich die Aussicht sich an einem Feind zu
rchen, und er war fest entschlossen die Gelegenheit nicht ungentzt
entschlpfen zu lassen.

Jim sollte brigens heute Abend nichts Bestimmteres weiter ber Annahme
oder Nichtannahme seines Planes erfahren; auf einen Wink des Gouverneurs
wurde er, als er all die nthig scheinende Auskunft gegeben, wieder
abgefhrt, und Lefvre erklrte sich jetzt bereit die Fhrung einer
Patrouille zu bernehmen, die, wie der Gefangene allerdings recht habe,
nur schwach sein drfe, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der wachsamen
Eingeborenen erregen wolle, aber keineswegs mchte er sich auch ganz
allein mit wenigen Mann in den Wald hinein wagen, wo es doch immer
ungewi wre ob sie nicht auf eine strkere Abtheilung der Feinde stoen
knnten. Deshalb sollten mehre kleine Trupps nach einander und nach
verschiedenen Richtungen hin, wie eben zum Recognosciren, die Stadt
verlassen, und sich nach jenem Thal hinber ziehn. Die zuerst gefeuerten
Schsse mochten sie dann herbeirufen, denn nachdem geschossen war, blieb
es doch unmglich ihren Plan lnger geheim zu halten und dann brauchten
sie Hlfe, sich wieder zur Stadt zurck durchschlagen zu knnen.

Als er den Gouverneur damit einverstanden fand, beurlaubte er sich,
die noch nthigen Vorbereitungen zu treffen, wie sich auch seine,
ihm passensten Leute selber zur Begleitung auszusuchen, und nur noch
beschlossen wurde da Jim, natrlich gut verwahrt und bewacht, den Trupp
fhren solle, dem nicht unmittelbar der Angriff galt, und der nur hinten
die etwaige Flucht der Huptlinge abzuschneiden hatte.

Und wollen Sie den Zug begleiten, Delavigne? frug der Gouverneur, als
Lefvre das Zimmer verlassen und er ebenfalls im Begriff war sich zu
empfehlen.

Der junge Mann schttelte mit dem Kopf.

Ich will auf den Inseln leben sagte er, und es war fast, als ob er
sich Gewalt anthun msse fr diese Antwort -- und -- mchte Alles
vermeiden in zu feindselige Berhrung mit den Bewohnern zu kommen --
wenn auch nicht meinet, doch meiner Frau wegen.

Aber Lefvre lebt auch hier lachte der Gouverneur, und genirt
sich nicht, wie Sie sehn -- er nahm die Sache mit einem ordentlichen
Feuereifer auf, und ich bin fest berzeugt, er wird sein Mglichstes
thun seinen Zweck zu erreichen.

Wir Menschen haben verschiedene Charaktere erwiederte Ren ausweichend
-- Lefvre denkt darin wahrscheinlich, wie in manchem Anderen auch
anders wie ich. Auerdem verspreche ich mir nicht den geringsten Erfolg
von dieser Mission -- ich frchte die Insulaner sitzen uns nher als wir
glauben.

Bah lachte der Gouverneur, die Burschen wagen sich nicht wieder in
den Bereich unserer Kanonen, und werden sich jedenfalls mit Plnkeleien
begngen, bis sie's satt bekommen, oder wir im Stande sind ihnen die
Rdelsfhrer wegzufangen; der Indianer selber ist viel zu indolent einen
Krieg aus Grundsatz zu fhren. Doch dem sei wie ihm wolle brach er
pltzlich kurz ab, ich mchte Ihnen nicht zureden, wnsche es aber
Ihrer selbst wegen, da Sie noch von dem unglckseligen Gedanken
zurckkommen, auf einer wsten Insel Ihr Leben zu beschlieen.

Wsten Insel sagte Ren, lchelnd den Kopf schttelnd.

Wst fr _uns_, und wenn es ein Paradies an Scenerie wre -- wo wohnen
Sie jetzt, Delavigne?

Nirgend lachte der junge Mann, mein Haus drauen haben sie mir
abgebrannt, so hab' ich mich derweil bei Vater Conet einquartirt, der
mir ein Zimmer freundlich zur Verfgung stellte.

Ah, dort sind Sie gut aufgehoben, sonst htt' ich selber Rath fr Sie
geschafft; unser Krieg hat Sie geschdigt und es wird an uns sein, Ihnen
das spter wieder zu vergten. So, jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie
morgen wieder zu sehn.




Capitel 5.

Lefvre und Aumama.


Mit Tagesanbruch am nchsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen
langsamen abgemessenen Schrittes die Stadt; die den Franzosen freundlich
gesinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingeborenen waren aber viel
zu sehr daran gewhnt, darin Auerordentliches vermuthen zu knnen. Die
verschiedenen Posten wurden gewhnlich durch solche Patrouillen abgelst
oder auch nur revidirt, und auerdem sandte der Gouverneur sogar nicht
selten kleine Trupps ber die Verschanzungen hinaus, zu untersuchen ob
sich nicht feindliche Schwrme der Stadt nherten, kleine Ueberflle zu
versuchen, in denen sie es dann selten gegen die Feranis selber, sondern
fast nur gegen die ihrer Landsleute abgesehn hatten, die es mit den
Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn sie in ihre Hnde
fielen, und der Feuerbrand wurde in manche solche Htte geschleudert,
trotz den rings aufgestellten Posten und Pikets der sie schtzenden
Soldaten.

Eine dieser Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener sich
durfte in den Straen der Stadt sehen lassen, an den oberen Theil der
Stadt marschirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach
oder Flu, ber den die Brcke abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem
ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarschirend sich rechts in das
Dickicht geschlagen, wo sie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer
Mitte aber fhrte sie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rcken
gebundenen Hnden, whrend Lefvre den Trupp anfhrte, der, auer drei
von ihm selber ausgesuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei
Matrosen des Jeanne d'Arc bestand, welchen letzteren besonders
die Bewachung des Gefangenen anvertraut worden. Ein anderer, ihm
beigegebener Officier, Adolphe, sollte die zweite Patrouille erwarten,
ihre Fhrung zu bernehmen.

Jim ging mrrisch zwischen ihnen, und schien mit der Rolle die er dabei
zu spielen hatte nicht recht einverstanden zu sein, nichtsdestoweniger
war ihm sein Leben gesichert worden, wenn er die Hupter der Rebellen,
todt oder lebendig in die Hnde der Franzosen lieferte.

Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten;
Marinesoldaten, wie sie zum gewhnlichen Dienst gebraucht wurden, und
um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fhndrich angefhrt. Auf
einer besprochenen Stelle vereinigten sich die beiden und wurden jetzt
so vertheilt, da Adolphe den Iren und seine Wache bekam, der ihn
hinter die Schlucht und dorthin fhren sollte, wo sie den umstellten
Huptlingen den Weg in die Berge abschneiden konnten, und dafr die
Hlfte der zweiten Patrouille, sechzehn Mann mit dem Fhndrich, zu
Lefvres Untersttzung zurcklie.

Dieser mute brigens Adolphe mit seinen Leuten greren Vorsprung
lassen, da sie einen weit lngeren Weg zurckzulegen hatten, und Jim
verlangte jetzt von seinen Wchtern sie sollten ihn losbinden, oder ihm
doch wenigstens die Hnde so weit frei machen, da er seine Arme zum
Schutz gegen die berall vorstehenden Zweige gebrauchen knne. Adolphe
wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem
Burschen nicht recht, und erst nach einigem Hin- und Herreden,
und besonders dadurch bestimmt, da Jim behauptete sie wrden den
bezeichneten Platz zu spt erreichen und Alles damit versumen, wenn er
selber nicht ein klein wenig rascher aus der Stelle rcken knne, wurden
ihm die Hnde gelst; um den oberen Theil seiner Arme aber blieb das Tau
befestigt, und der Seemann selber hielt das wie eine Art Zgel in seiner
linken Hand.

So rckten sie zwar langsam, aber vollkommen geruschlos durch einen
Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nhe der
Stadt ihre Htten fast smmtlich verlassen hatten, nur hchst selten
betreten wurde, und sie also auch nicht so leicht Entdeckung zu frchten
brauchten. Jim schien brigens hier mit dem Wald vollkommen vertraut,
denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene
Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, denen sie einmal eine
Strecke folgen konnten, und warnte sie immer auf das sorgsamste, wenn
sie in die Nhe irgend einer Ansiedlung kamen, die oft wie eine Oase in
der Sandwste, so hier in dem dichtverschlungenen Guiavendickicht lag.
Da endlich weit genug vorgerckt, schlugen sie jetzt wieder eine mehr
Sdwestliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in fast
abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum
ersten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem sie nun
so weit rascher folgen konnten.

Wo fhrt der Pfad hin, Kamerad? frug der Bootsmann da leise, als sie
ihn eine Zeitlang schweigend und bergauf verfolgt hatten.

Pst war aber die einzige etwas mrrische Antwort die er erhielt,
und da der Ausdruck in des Gefangenen Zgen ebenfalls die hchste
Aufmerksamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend
etwas Auerordentliches zu finden oder hren erwarte, begngte sich
der Seemann auch fr jetzt damit, und spannte seine Sinne nur selber
schrfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch rascher begegnen zu
knnen.

Der Weg war indessen so steil geworden, da der Bootsmann, auf den
ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlngern mute das er
in der Hand hielt, um diesen im Fortschreiten nicht zu sehr aufzuhalten.
Wenn Jim brigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte
er sich geirrt, denn der Seemann trug es fest und doppelt um die
Hand geschlungen, wie man einen Sprhund etwa an langer Leine auf der
Schweifhrte hinziehen lt, willens ihm jeden Raum eben zu lassen das
Wild zu verfolgen -- aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer,
und manchmal eben nicht ganz geruschloser Linie, Adolphe dicht hinter
dem Bootsmann und die beiden Matrosen dicht hinter ihm, von den Soldaten
gefolgt. Die Seeleute zeigten sich auch ziemlich behend, besonders im
Vermeiden des so hufigen trockenen Gestrpps und bergeworfener Aeste,
das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen
waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen drren Ast,
und machten den Fhrer oft mit finsterem warnenden Blick auf sie
zurckschauen. In der That benutzte Jim auch solche Gelegenheit nur zu
gern, sich von dem Stand und Verhalten seiner Begleiter zu berzeugen.

Der Bootsmann, als das beste und einfachste Mittel ihm anzuzeigen da er
mit ihm zu reden wnsche, zupfte den Iren jetzt, durch ein leises Zucken
der Hand, am Tau, und dieser drehte rasch den Kopf zurck.

Halt! kommandirte flsternd der Seemann.

Was giebts frug jener eben so zurck.

Hier mein Officier wnscht zu wissen wie weit wir noch etwa haben,
damit er seine Leute danach rsten kann.

Er soll ihnen sagen da sie nicht einen solchen Heidenlrm machen
brummte dieser -- das ist alle Rstung die sie jetzt brauchen; sonst
noch was?

Und wie weit haben wir noch?

Weit genug den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gerade gehrt
wrden, und nahe genug in kaum zehn Minuten vielleicht schon in Sicht
des Feindes, oder doch in Rufes Nhe zu sein.

Der Matrose nickte zufrieden und Jim setzte seinen Weg wieder fort,
war aber noch nicht zehn Schritt hher geklettert, als er seinem Fhrer
winkte in dem Laube noch vorsichtiger zu sein, und sich jetzt links
gerade in das Dickicht hinein hielt. Der Bootsmann wollte ihn erst daran
verhindern und in dem offenen Pfade selber halten, es war ihm aber fast,
als ob er das Gerusch von Stimmen hre, und die ngstliche Vorsicht
sehend, mit der der Ire hier selber weiter schritt, lie er ihn
gewhren.

Adolphe selber war mit dieser Art des Fortrckens am wenigsten
einverstanden; der Dritte in der Reihe konnte er fast Nichts hren oder
sehn, und wurden sie gerade an einer solchen buschigen Stelle von einem
Feind berrascht, so waren sie, in der Verteidigung vereinzelt, der
grten Gefahr ausgesetzt aufgerieben zu werden, und weit genug hatten
sie sich in die Berge hineingewagt, die Begegnung eines Feindes wohl
erwarten zu drfen. Es lie sich aber Nichts dagegen thun, und weit
konnten sie von der bestimmten Stelle ebenfalls nicht mehr sein,
so fgte er sich dann, Flche leise in den Bart murmelnd, in das
Unabwendbare, nur jetzt bemht seine Leute, die jeden Augenblick fast
mit den Fuspitzen in drren Aesten hngen blieben, oder an Steinen, auf
denen sie nicht festen Halt genug genommen, ausrutschten, in Ordnung und
ruhig zu halten.

Da endlich erreichten sie eine scheinbar offene Stelle im Wald, wo
die Sonne wenigstens licht und voll durch die sonst fast fr sie
undurchdringlichen Guiaven fiel, und der Seemann fand, da sie sich
einer steilen oder wenigstens sehr abschssigen -- er konnte das von da
wo er stand noch nicht recht erkennen -- Bergwand genhert hatten, von
der aus sie jedenfalls einen Ueberblick in das vor ihnen liegende
Thal bekommen muten. Jim hatte sich dahinaus auch schon vollkommen
orientirt, und den Bootsmann und Officier vorsichtig zu sich
heranwinkend, zeigte er durch einen kleinen Busch, der sie nach unten zu
verdeckte, in das Thal nieder, wo Beide zu ihrem, keineswegs freudigen
Erstaunen, und auf einer Stelle wo sie Niemand erwartet hatten, einen
Trupp von etwa zwanzig oder fnfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen
lagern fanden. Die ganze Entfernung von diesen betrug kaum zweihundert
und funfzig Schritt, und das laute Knacken eines drren Astes htte fast
dort gehrt werden mssen -- ein lautes Wort konnte sie verrathen.

Pest und Tod! zischte aber Adolphe zwischen den Zhnen durch, als er
mit einem Blick die Gefahr bersehen hatte, in der sie sich befanden --
Hund verdammter, Du hast uns auf die falsche Fhrte und absichtlich von
dem Wege ab, hierher gefhrt. Ist das hier die Stelle eine kleine
Zahl Indianer durch einen Hohlweg oder auf einem schmalen Damme
abzuschneiden, wo eine ganze Armee rechts und links von uns
durchpassiren knnte ohne da wir etwas von ihr zu hren oder zu sehn
bekmen?

Bst! sagte Jim mit unzerstrbarem Gleichmuth aber das Gesicht
jetzt von Todtenblsse, doch mit einem Ausdruck fester tdtlicher
Entschlossenheit darin, berzogen -- bst Mounsier, nicht so laut, denn
die Burschen da unten knnten uns hren und uns zu Gaste bitten, wogegen
ich nun allerdings nicht das mindeste einzuwenden htte, was fr die
angenehme Gesellschaft hier aber nichts weniger als wnschenswerth
wre.

Wo ist die Stelle zu der Du uns zu fhren versprochen? frug Adolphe
rasch und finster, aber mit vorsichtig unterdrckter Stimme:

Jim lachte leise vor sich hin, und es lag etwas Teuflisches in dem
Lcheln das Adolphe fast unwillkrlich nach dem Griff seiner Pistolen
suchen machte; aber der Ire sagte jetzt, noch immer mit leiser, aber
fester bestimmter und wie es schien zum Aeuersten entschlossener
Stimme.

Wenn Ihr nicht schon lange gemerkt habt, da ich meinen Weg verfehlt,
ist das nicht meine Schuld -- lat Euere Pistolen im Grtel, Kamerad,
mit denen knnt Ihr keinen Menschen schrecken der den Strick um den Hals
trgt; aber hrt mich jetzt an und entschliet Euch dann rasch, denn
meine wie Euere Zeit ist kostbar. Mein gutes Glck hat uns in Rufs Nhe
einer Schaar von Eingeborenen gebracht--

Dein gutes Glck, Schuft? knirschte der Bootsmann mit den Zhnen,
wage es einen Laut auszustoen und soll mich Gott strafen, wenn ich Dir
nicht beide Hackensehnen durchschneide, oder Dich an den nchsten Ast
hnge, ehe die Schufte da unten selbst in Schunhe sein knnten.

Dazu hast Du Deinen eignen Hals zu lieb, Kamerad lachte der Gefangene,
ich selber aber htte nichts Besseres verdient, wenn ich eine so
kostbare und nie im Leben wiederkehrende Gelegenheit jetzt unbenutzt
vorbergehen liee. _Noch_ bin ich in Euerer Gewalt und Ihr knnt mich,
ehe meine Beschtzer herankommen, tdten, soll das aber Jemand frchten,
der jetzt die Wahl hat zwischen einem raschen Tod und dem Galgen? --
bah, soviel fr Euere Macht -- und er schnalzte mit dem Finger. Doch
Dienst gegen Dienst fuhr er dann fort, als er sah da der Bootsmann das
Tau das ihn hielt nur rascher und entschlossener packte -- Ihr seht da
Ihr, wenn entdeckt, diesem hier vor uns lagernden Trupp nicht entgehen
knnt, whrend ein einziger Schu, hier abgefeuert, neue Feinde
vielleicht noch von jeder anderen Seite herbeiruft, die Euch den Weg
nach Papetee zurck mit leichter Mhe abschneiden und Euch ohne groe
Gefahr fr sich selber, aus dem Dickicht heraus einzeln wegschieen
knnten.

Und wenn sie mir die Glieder stckweis vom Leibe rissen knirschte der
Bootsmann zwischen den zusammengebissenen Zhnen durch -- erst seh ich
_Dich_ hngen Bestie, und dann mgen sie machen mit mir was sie wollen.

Noch habt Ihr einen Ausweg sagte Jim ohne sich im Mindesten aus seiner
Fassung bringen zu lassen -- Dienst um Dienst; lat mich frei, und ich
verspreche Euch, da ich hier still und regungslos liegen bleiben will,
bis Ihr auer jeder Gefahr die Wlle von Papetee sicher und unbelstigt
wieder gewonnen haben knnt.

Da sie nachher in Papetee mit Fingern auf uns wiesen zischte Adolphe
mit fest zusammengezogenen Brauen -- thue Dein Schlimmstes Schuft, aber
beim ewigen Gott, ehe ich Dich lebendig aus meinen Hnden lie, hing ich
Dich selber an die nchste Guiave hier. Und nun zurck von da oben, wir
haben ohnedies schon Zeit genug versumt, und hltst Du Dich ruhig, will
ich Dir versprechen mein Mglichstes in Papetee zu versuchen Deinen Hals
frei zu bekommen; aber kein Wort weiter und jetzt marsch.

Das Anerbieten ist freundlich genug sagte Jim, aber da wei ich ein
Besseres -- und ehe der Bootsmann, der das Tau noch fest in der Hand
hielt, nur eine Ahnung davon hatte, warf sich der Gefangene, das ganze
Gewicht seines Krpers in den Sprung legend, durch den Busch hindurch,
den steilen Abhang, an dessen Rand er stand, hinunter. Er wrde auch
jedenfalls seinen Zweck und den Boden unten erreicht haben, wo er
hchstens von den kaum sehr gefhrlichen und ihm sicher gleichgltigen
Kugeln auf kurze Zeit bedroht blieb, denn der Seemann, der einen Sprung
dort hinunter fr ganz unmglich gehalten, stand keineswegs fest genug
sich dagegen zu stemmen und wurde im Nu von dem Gewicht des schweren
Mannes zu Boden gerissen; aber das Tau das er um die Hand trug hakte
glcklicher Weise in eine der dort gerade vorragenden starren und zhen
Guiavenwurzeln, und der Ire fand sich im nchsten Augenblick, an den
Armen aufgehangen, schwebend an der Klippe.

Hlfe -- Hlfe! gellte dabei, jetzt zum Aeuersten getrieben, sein
wilder Schrei durch den Wald, und die dort gelagerten Eingeborenen
sprangen, ihre Waffen aufgreifend, rasch in die Hh' und heran --
Hlfe! Hlfe!

Teufel verdammter! schrie aber Adolphe, sein Pistol aus dem Grtel
reiend und an den Rand der Schlucht springend, whrend der Bootsmann,
der durch das Gewicht des Gefangenen niedergeworfen war, das Tau aber
immer noch fest um die linke Hand hielt, es mit der rechten jetzt
ebenfalls zu erreichen suchte, dem fast ausgerenkten Arm Erleichterung
zu verschaffen. Dieser sah aber kaum die Absicht seines Officiers als
er, unbekmmert um sich selber ausrief:

Nein, nein Monsieur -- halt -- hier Jean, hier Petit -- fat das hier
-- weiter vorn -- so -- haltet fest -- sacrrrr, ob mir der Hallunke
nicht bald den Arm mit der Wurzel herausgerissen hat, und nun herauf mit
ihm, da ich seinen Hals bekommen kann.

Dort strmen die Eingeborenen schon herbei! rief Adolphe.

S'ist nun doch einmal einerlei rief der Bootsmann trotzig, ob sie uns
hier oder funfzig Schritt weiter unten einholen, ja im Gegentheil, hier
knnen wir ihnen erst eine Salve geben; aber ich gehe nicht eher vom
Fleck bis ich den Schuft nicht gehangen habe.

Hlfe -- Hlfe -- Hlfe gellte der Schrei des Gefangenen, der
vielleicht kaum sechs Schritt von der Erde entfernt, seine Krfte
in wilder Verzweiflung anstrengte dem Tau zu entgehn, oder die oben
Stehenden mit sich nieder zu reien. War es ihm aber mit dem ersten Wurf
nicht gelungen, so blieb es nachher fr ihn ganz unmglich, denn die
beiden Matrosen hatten, unbekmmert um den rohen Feind und nur dem
Befehl ihres Bootsmanns gehorchend, rasch die Gewehre nieder geworfen
und das Tau gefat, an dem sie den sich mchtig aber umsonst dagegen
Strubenden mit einem lauten und trotzigen Ahoyho -- ahoy-y emporzogen
-- es war eine neue fast fingerstarke Hanfleine und htte zwei solche
Burschen getragen.

Top! -- avast da! rief der Bootsmann jetzt, als er den Kragen des
Iren erreichen konnte, indem er ganz kaltbltig aus dem anderen Ende des
Taues das er in der Hand hielt, eine Schlinge machte -- haltet einen
Augenblick, und Einer von Euch schnre ihm einmal wieder die Hnde auf
den Rcken -- oh hol der Teufel die Kugel, kehr Dich nicht daran Jean,
so--

Hlfe -- Hlfe! tobte der Gefangene indessen in Todesangst, der
jetzt eine Ahnung von dem bekommen mochte, was seine Henker mit ihm
beabsichtigten, Hlfe -- Hlfe!

Strample nur Bestie -- wirst gleich fertig sein brummte der Bootsmann
zwischen den Zhnen durch, zwischen denen er jetzt sein Messer hielt.

Wilde Ausrufe tnten nun von rechts und links herber, und die ersten
der Insulaner erkannten kaum die Gestalten von Europern auf dem Abhang
als sie auch schon, -- unbekmmert ob Freund ob Feind dadurch getroffen
wrde, ihre Gewehre dorthin abfeuerten. Eine der Kugeln schlug an den
Fels an, an dem der Gefangene sich strubend hing, eine andere zischte
dicht an des Bootsmanns Kopf vorbei; vollkommen ruhig aber legte der
Seemann die fertige Schleife um den Hals des jetzt laut aufkreischenden
Iren, und einen Theil des Taues dann mit seinem Messer trennend, das
Ende mit der Schlinge gleich darauf mit einem Seeknoten um den nchsten
Guiavenstamm zu schlagen, rief er, indem er das Messer in die Scheide
zurckstie:

Jetzt bete, Schuft, Deine Zeit ist abgelaufen, bis ich zwlf zhle bist
Du eine Leiche.

Lat mich los -- nein, zieht mich hinauf! schrie der Unglckliche in
Todesangst -- ich will Euch zurckfhren -- sicher nach Papetee -- ich
wei Schleichwege dorthin -- ich mu -- ich mu dort -- gehangen sein.

Bete whrend ich zhle! rief der Seemann -- eins, zwei, drei, vier,
fnf.

Ich will Alles gestehen -- ich habe noch einen Mord verbt den ich
bekennen mu! um Gotteswillen.

Sechs, sieben, acht, neun, zehn.

Hlfe -- Hlfe! kreischte mit gellender Stimme der Mann und der
Angstschwei troff ihm in schweren Tropfen von der Stirn nieder. --
Wieder wurden dabei zwei Schsse auf sie abgefeuert, und die eine Kugel
traf sogar den Stamm, der bestimmt war den Verurteilten zu tragen.

Elf, zwlf! -- zhlte aber der Bootsmann, unbekmmert um Alles was um
ihn her vorging, weiter -- so mein Bursche, die Zeit war vorber, und
was Deine Morde betrifft, die Du auf dem Gewissen hast, so zweifle ich
gar nicht daran, da Du Dir mit dem Erzhlen derselben eine ganze Woche
Frist gewinnen knntest -- aber das ist zu spt jetzt -- so nieder mit
ihm, meine Jungen, und dann vielleicht eine Salve ber sein Grab auf die
rothen Schufte da unten, wenns Ihnen recht ist, Monsieur. -- Lat los!

Ein gellender Aufschrei folgte dem Befehl, aber der Todeskampf des
Verbrechers machte dem rasch ein Ende, und whrend die Matrosen ihre
Gewehre wieder aufgriffen, kommandirte Adolphe, der sich schaudernd von
der Execution abgewandt hatte, sie aber auch nicht verhindern wollte,
Feuer.

Einzelne der Eingeborenen hatten sich indessen schon ziemlich nahe
herangewagt, zu sehen was es eigentlich hier mitten im Dickicht gebe,
und was die tollkhnen Wi Wis so keck und zuversichtlich sowohl in
den Wald gefhrt, als auch was der furchtbare Hlferuf Eins der ihren
bedeute; die ziemlich sicher gezielten Kugeln trieben sie aber rasch
wieder zurck, ihre Schaar zu sammeln und zu einem ernstlichen Angriff
auf die Feinde zu ordnen.

Fr den kleinen Trupp war es jedoch ebenfalls die hchste Zeit sich
zurckzuziehn, und den Kamm des Abhangs rasch zwischen sich und die
Feinde bringend, wenigstens fr jetzt vor ihren Kugeln geschtzt zu
sein, machte der Bootsmann den Vorschlag, den vor kurzer Zeit erst
verlassenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen
Patrouille wieder zusammenzustoen und sich zu verstrken. Adolphe aber,
von seinen frheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er
im Walde folgte, wollte davon Nichts hren; sie kamen auf dem Pfad
nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das
Schieen aufmerksam gemacht, durften sie jetzt wohl erwarten noch
mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen, ehe sie Papetee wieder
erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um sich sammelnd,
lie er sie wieder gegen den Abhang vorrcken, die Gegner wenigstens
auf kurze Zeit vielleicht damit zu tuschen, da sie diese Position
behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu
sehen. Whrend sich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten
nieder bog, zu untersuchen ob der Bursche da unten todt sei, rief das
Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als sich
der Seemann wieder, vllig befriedigt, emporrichtete, marschirte der
kleine Trupp, zu dem die Matrosen den Nachtrab bildeten, ber den
schmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der sie den Pfad wuten,
brach sich dort durch die Bsche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen
Weg endlich in einem kurzen Trab, aus der Nhe der Feinde zu kommen.

Diese waren indessen aber auch nicht mig gewesen, und mit dem Wald
vertraut, den gehaten Fremden schon weit genug vorgeeilt sie zu
belstigen und in ihrem Marsch aufzuhalten. Einzelne Schsse fielen aus
dem Dickicht, von denen eine Kugel sogar Adolphe in der Seite streifte,
und einige Mal brach und raschelte es in den Bschen nach allen
Richtungen, da der Officier schon, einen allgemeinen Angriff
gewrtigend, die Seinen halten und sich sammeln lie. Augenscheinlich
wollte der Feind dabei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren sicher schon
nach Verstrkung abgesandt, den kleinen Trupp der Fremden frmlich
aufzuheben, und erst als sie sahen da diese sich eben nicht aufhalten
lieen und nher und nher wieder der Stadt zurckten, tnte pltzlich
von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeschrei und wie ein Rudel Wlfe
fielen sie, dem Tod trotzend ber die sie ruhig erwartenden Europer
her.

Wohlgezielte Schsse empfingen sie aber hier, und die kleine Schaar
wies den Angriff so muthig zurck, da der Feind, seine Todten und
Verwundeten aufgreifend, wieder im Dickicht verschwand und die Feranis
eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen lie. Diese aber hatten auch
einen schwer Verwundeten, der eine Matrose war durch den Leib getroffen
und mute jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechselten
unverdrossen mit einander ab, sich zur Vertheidigung stellend so wie sie
die Feinde kommen hrten und ihre Flucht fortsetzend, sobald ihnen ein
Augenblick Zeit gelassen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und
auch schon ziemlich in der Nhe der Stadt, ein franzsisches Signalhorn
neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn
Minuten spter rckte eine starke Colonne Marinesoldaten, zur Hlfe
nachgesandt als ausgeschickte Spione die Kunde von dem gehrten Schieen
nach Papetee gebracht, auf der Strae heran.

Von der, unter Lefvre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schieen
gehrt und eine andere Compagnie war ihr zur Hlfe nachgesandt, der
Erfolg jedoch natrlich noch nicht bekannt.

       *       *       *       *       *

Lefvre hatte indessen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die
Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich sicher da sie gerade
nach der gestrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen
Angriff von ihnen befrchten durften, seinen Weg sehr rasch, aber auch
etwas unvorsichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den Inseln
mute ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Wesen der Eingeborenen
vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt sich ihnen an Schlauheit
im Walde noch fr berlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie
kennen lernen wie sie sich jetzt zeigten -- gereizt und tapfer, dem
eroberungsschtigen Feind gegenber, und vertraute dabei vielleicht zu
viel auf das Uebergewicht, was ihm die bessere Fhrung der Schiewaffe
jedenfalls geben sollte.

Wenig sich deshalb an das Gerusch kehrend, das sie etwa machten,
rckten sie vorerst, so schnell ihnen das Dickicht den Fortgang
erlaubte, durch die schon mehrfach erwhnte Guiavenniederung, in der sie
sich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit seinem Trupp, bis sie
mit dem Fu der Berge auch die Grenze der Guiaven oder diese doch hier
so vereinzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderni mehr in den Weg legen
zu knnen. Hochstmmige Mape- und Wibume, Aitos, die Tiairis, mit
einzelnen Brodfruchtbumen, den prchtigen Tamanu oder Ati, der
immergrnen =callophyllum inophyllum= und der Beringtonia Speciosa
bildeten hier den herrlichsten Hochwald, den nur hie und da kleine
Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen fllten, whrend da
und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten
Kronen selbst ber die hchsten Wipfel dieser mchtigen Stmme
hinausragten -- die Knige der Wlder.

Hier hielten sie einen Augenblick; Lefvre selber, ehe sie das Thal
betraten, wollte erst recognosciren ob sich vielleicht in dem, darin
niederfhrenden und sonst sehr betretenen Pfad frische Spuren erkennen
lieen und wohin sie gingen; es war aber Nichts zu sehn und nach dem,
in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fu wieder bergab
gekommen -- ihre Bahn lag frei. So wieder zurck zu den Seinen gehend,
ermahnte er sie jetzt, da sie doch gewissermaen feindliches Gebiet
betrten, zu Vorsicht, besonders nicht mehr Gerusch im Gehn zu machen,
als unumgnglich nthig war, und setzte sich dann mit dem kleinen Zug
wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes,
der hier klar und rauschend aus den Bergen nieder kam, folgend.

Eine Viertelstunde mochten sie so langsam in dem schmalen Thale
fortgeschritten sein, dann und wann den Bergbach, der sich herber
und hinber warf in seinem Bett, kreuzend, weil schroffe Felswand oder
schlpfriger steiler Hang ein Fortrcken an ein und demselben Ufer
unmglich machte, als der Seecadet, ein junger Bursch von vielleicht
dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurck
geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen seiner Stiefeln beim
Wasserdurchwaten nicht so rasch fertig werden konnte, eilig, und
jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar
vorbeiglitt und dem Fhrer mit etwas ngstlicher und erschreckter Miene
meldete, da er eben ziemlich fest berzeugt zu sein glaube, die Gestalt
eines Eingeborenen in dem von den hohen Laubbumen dicht berschatteten
Thalgrund gesehn zu haben.

Ein Gespenst haben Sie gesehn lachte aber Lefvre, Sie sehen ja
todtenbleich aus, mein junger Herr -- und die Hosen und Stiefel bis hoch
hinauf na -- die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?

Ich gebe Ihnen mein Wort da es ein Indianer war -- Mann oder Frau
konnte ich natrlich nicht erkennen, denn sie gehen Beide ziemlich
gleich gekleidet erwiederte aber der junge Bursch jetzt mit fester
und etwas beleidigter Stimme -- er war nicht feige und die halbe
Anschuldigung solcher Schwachheit machte ihn hoch errthen.

Und was that er dort, =mon enfant=? lchelte der Fhrer.

Das wei ich nicht, Monsieur; als ich ihn zuerst sah, stand er aufrecht
an einem Baume, im nchsten Augenblick aber, ob er nun bemerkt haben
mochte da er entdeckt sei oder aus sonst einem Grund, schien es mir als
ob er sich auf den Boden niederdrcke, oder sich bcke, aber er blieb
verschwunden, und ich stand etwa fnf Minuten vergebens da, sein
Emporrichten wieder zu erwarten.

Er wird Lichtnsse gesammelt haben lachte Lefvre, die liegen dort in
Masse im Wald herum; oder er hat sich zum Schlafen niedergekauert. Und
sind Sie hingegangen um zuzusehn was aus ihm geworden?

Nein, Monsieur, sagte der junge Mann, ich wollte nicht ohne Ordre den
Pfad verlassen, und Ihnen vor allen Dingen die Meldung machen.

Es ist gut -- haltet hier einen Augenblick -- ich will selber mit
zurckgehn und sehn was es war -- wir sind gleich wieder da und dem
Cadetten einen Wink gebend, der ihm rasch voranschritt, suchte er mit
ihm die vielleicht zweihundert Schritt entfernte Stelle wieder auf, wo
der junge Mann behauptete den Insulaner gesehn zu haben. Dieser fand
auch die Stelle ohne Schwierigkeit wieder, bezeichnete dem Fhrer ihrer
kleinen Schaar den Platz, und kroch dann selbst voran durch die Bsche
dem Stamm zu, an dem die Gestalt gestanden haben sollte. Lefvre folgte
ihm, vorsichtig dabei rings umhorchend, ob sie nicht doch vielleicht
den schlauen Feind in der Nhe htten, und auf dem Boden zugleich nach
frisch eingedrckten Spuren suchend. Der Grund war hier weich und dicht
mit Laub und Moos bedeckt, und an manchen Stellen von den silbergrauen
Tutuinssen[6], der Frucht welche die Eingeborenen als Lichter brennen,
wie berstreut. Hier lieen sich auch in der That die Eindrcke eines
Fues erkennen, ein Verfolgen derselben war aber, noch dazu in dem
dsteren Schatten des Hochwaldes, wenn nicht unmglich, doch sehr
schwierig, und wrde ihnen hier nutzlos viel Zeit gekostet haben; davon
glaubte aber Lefvre berzeugt zu sein, da die Fhrten gerade
dorthin zurckliefen, von wo sie herkamen und es blieb deshalb viel
wahrscheinlicher da der einzelne Wilde, den sie hier vielleicht
berrascht hatten, scheu und erschreckt Bewaffneten zu begegnen, sein
Heil in der Flucht gesucht und ihnen dann schwerlich mehr lstig fallen
wrde, als da es ein ihnen auflauernder Spion gewesen. Keinenfalls
lie sich jetzt etwas an ihrem einmal gefaten Plan ndern, und der
Zwischenfall hatte wenigstens das Gute, Lefvre aufmerksam auf die doch
mglichen Gefahren gemacht zu haben, die ihrer noch hier warteten.

  [6] Der Kern der Tutui- oder Tuituinu hat groe Aehnlichkeit mit
  unserer Wallnu, ist aber eher noch liger und brennt; ebenso wie auch
  der Kern unserer Wallnsse ein ziemlich helles Licht verbreitet.

Rasch holten sie jetzt den kleinen Trupp wieder ein, der sich indessen
in dem khlen Schatten eines mchtigen Mapebaumes gelagert, und
aufsprang, als die Officiere zurckkehrten. Die Entfernung zu der
bezeichneten Schlucht war aber nun auch gar nicht mehr so weit, und
die zur Landmark dienenden Palmen konnten sie schon deutlich auf dem
Felsenkamm erkennen.

Hier lag das Thal noch ziemlich breit; ber losgerissene und schon wild
genug umhergeworfene und oft rund und glatt gearbeitete und gewaschene
Felsstcken hin kam der Waldbach wohl funfzehn bis achtzehn Schritt
breit, toll und sprudelnd hernieder gesetzt in gewaltigen Sprngen,
den weien Schaum aufwhlend aus cristallenem Grund, und nach dem Moos
aufspritzend und daran zerrend, das sich der felsige Uferdamm wohl seit
langen langen Jahren aufgesetzt, und die Schulter jetzt gegenstemmt
gegen den muthwilligen, seinen Hauptschmuck zu wahren. Hier an einer
steilen, schroffen Wand niederwaschend, von deren verwitterten Seiten
bunte Farn- und Schlingpflanzen niederhingen und ihre Spitzen in der
Fluth khlten und trnkten, brach er sich wieder, als ob des Spieles
mde, durch den felsigen Thalboden freien Weg zu dem anderen Hgelhang,
hier sich eine mchtige Wurzel lossphlend und hin- und herreiend in
seinem Strom, dorten sich selber einen Stein in das Bett rollend, den
kecken Sprung hinber zu thun, von dem sich die kleinen Wellen dann
pltschernd und lachend erzhlten, wenn sie die wieder frei gewordene
Bahn blitzesschnell und das Sonnenlicht mit ihren Armen fangend,
niederglitten, bis drben ein anderer Fels ihrem Ansprung die breite
Stirn bot und sie auf's Neue dem finsteren Nachbar hinberschickte. Und
Blumen und Frchte aus einem klteren Klima nieder, weit oben aus den
starren wild zerrissenen Schluchten trugen sie in's sonnige Thal,
und sphlten sie leise an die moosige Uferbank; seltsam geformte, mit
faserigem Netz berzogene Nsse, phantastisch gezeichnete und gezackte
Bltter und Blumen, von wunderbarem Farbenschmelz und Duft, sonderbar
gewundene farbige Schlinggewchse, wie sie das wrmere Thal nicht
erzeugte, und das badende Mdchen unten am Meeresstrand fing sie auf,
schmckte sich damit, und dankte heimlich, aber ganz heimlich da es
um Gott die finsteren Mi-to-na-res nicht erfuhren, den freundlichen
Geistern dafr, die ihm die Blumen oben von unwegsamer Klippe gepflckt
und niedergesandt, in dem murmelnden Strom.

Und hoch und gewaltig thrmten sich die Bergmassen an beiden Seiten in
steilen, von einander gerissenen Wnden[7] empor, als ob ein Gott den
Berg gefat und zersplittert mit Riesenfaust, und dann seinen grnenden
wehenden, blthendurchwebten Mantel darber geworfen htte. Rankige
Lianen flochten sich da von Klippe zu Klippe hin, in schwingenden
Festons die Brcke bildend zwischen Baum und Wand und buschige
Blumentrauben nieder schaukelnd in Moos und Farrenkraut. Palmen gediehen
hier oben fast gar nicht mehr, oder standen nur sprlich und zerstreut;
hoch aber auf der einen Wand, die sich viel hundert Fu ein einziger
schroffer aber dicht mit Moos und Kraut berzogener Fels gen Himmel
streckte, standen am uersten Rand, schchtern in die schwindelnde
Tiefe schauend, ber der ihre Wipfel hingen, drei einzelne schlanke
Palmen, an deren zhen Stmmen schon mancher wilde Sturm seine Kraft
versucht, aber die mchtigen Bume, je toller er an ihnen gerttelt,
nur um so tiefer und fester in den Boden gewurzelt hatte. Grad' an ihnen
vorber aber, und selbst aus ihrer Mitte heraus, sprang mit _einem_
kecken Satz, sein moosiges Bett hinter sich lassend, wie der
Wanderbursch die stille freundliche Heimath, ein wilder funkelnder
schumender Bergquell, mitten hinein in das helle rosige Licht, das ihn
mit seinen buntesten schimmernsten Farben bergo, whrend die Luft
ihn in ihren Armen fing und den tobenden wilden Gesell in tausend und
tausend blitzenden Perlen fate und ein funkelnder Regen in das Thal
hernieder sprhte.

  [7] In keinem Lande, auf keiner Insel der Welt, ist es so
  augenscheinlich wie hier, da furchtbare Erderschtterungen die Berge
  in frheren Zeiten auseinandergerissen, und dadurch jene tiefen
  schroffen Thler gebildet haben, die sich, Abgrnden gleich, Meilen
  weit ausdehnen und deren Hnge in den meisten Lndern durch Zeit und
  Strme abgerundet und zu selbststndigen verschiedenen Theilen wurden.
  Hier aber liegt noch die Kluft, wie sie jene geheimnisvolle Kraft der
  Tiefe mit furchtbarer Gewalt auseinander gesprengt, und wenn auch der
  ppig vorquellende Pflanzenwuchs solch fruchtbar vulkanischen Boden
  nicht mochte lange unbenutzt liegen lassen und die schroffen Hnge und
  Felsen selbst, bis in die hchsten und ungangbarsten Wnde hinein, mit
  Busch- und Schlinggewachs mit Farrenkraut und Waldung selbst berzog,
  hat die Natur doch noch nicht Zeit genug bekommen jene scharf
  abgerissenen, durch den gewaltsamen Auswurf erzeugten Conturen wieder
  auszugleichen, und die Umrisse _der_ Wnde, trotz der tiefen
  eingebrochenen Schlucht dazwischen, zeigen deutlich und unverkennbar,
  wie sie frher _ein_ Ganzes gebildet, in Bruch und Einschnitt die
  Riesenkraft verrathend die hier thtig gewesen.

Es war ein wunderherrlicher Morgen und der Thau, der noch im khlen
schattigen Thal in glitzernden Perlen auf der dichten Moosdecke lag,
spiegelte in einzelnen zuckenden schillernden Lichtern den Sonnenstrahl
wieder, der sich mhsam seinen Weg durch dichtbelaubte, eng in einander
gereckte Zweige gebrochen, und wunderliche Schatten ber das gelbe
feuchte Laub am Boden warf. Und die kleine blaue Eidechse mit den klaren
klugen Augen schaukelte sich auf dem schwanken Halm herber und hinber,
und hei wie rasch sie sich in das raschelnde Laub hinunter fallen lie
und mit blitzschnellen Fen ber das weiche thauige Moos hinscho, als
sie die Menschen in ihrer Nhe gewahrte, eine schmale dunkelgrne Spur
auf die, mit schimmernden Tropfen besetzte Moosdecke ziehend. Hoch oben
aber in den Lften, still und wie fest gebannt in der klaren therreinen
Luft mit den scharf und khn geschnittenen Flgeln stand einer jener
schlanken prchtigen Fischadler, den die Seeleute den =man of wars
bird=, oder den Kriegsschiffvogel mit wirklich bezeichnendem Ausdruck
nennen, als ob er verlangend in das sonnige Thal hernieder she und doch
nicht wage, so keck und zuversichtlich er auch da oben durch die Lfte
strich und sich seine Beute mit khnem Sto selbst aus der klaren
Fluth heraus holte, in das ihm fremde Element von Busch und Baum und
Felsgestein einzutauchen.

Lefvre hatte seinen kleinen Trupp hier wieder halten lassen; er schien
noch nicht ganz fest davon berzeugt zu sein, da die andere Patrouille
auch den Rckwechsel erreicht habe, und die ganze Expedition htte in
dem Fall ja scheitern knnen. Nach einer Viertelstunde endlich, selber
ungeduldig sein Ziel zu gewinnen, brachen sie wieder auf, ohne auch nur
dem mindesten Verdchtigen zu begegnen, und erreichten so den Eingang
des von Jim bezeichneten schmalen Thales, das hier gewissermaen die
Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf
dieser wie jener Seite ausmndete. Oben darin, und gegen den hier durch
ziehenden Passat durch einen breiten Felsvorsprung, wie ein vollkommen
verwachsenes und kaum durchdringbares Orangendickicht geschtzt, stand
eine kleine Htte und es hie da sie sich in letzterer Zeit, seit er
Papetee und die Franzsische Sache verlassen, Utami zu seinem Aufenthalt
gewhlt habe, um von hier aus gewissermaen die Operationen in beiden
Thlern berwachen und leiten zu knnen.

Hier, als sie den Bergstrom wieder durchschritten, lie Lefvre seine
Leute auf den rollenden Felsmassen hin, die keine Spur bewahrten, einen
Theil noch weiter aufwrts rcken den Eingang zum Thal vollkommen zu
beherrschen und, falls ja ein einzelner Indianer oder ein Trupp hier
vorber ziehen sollte, sie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, sich
abseits vom Pfad so lange still und verborgen zu halten, bis er entweder
selber wieder zurckkehre oder ihnen das Zeichen zum raschen Vordringen
durch einen abgefeuerten Pistolenschu gebe. Die grte Vorsicht, denn
sie hatten es mit einem schlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei
zur Pflicht, und er selber schlich sich dann, dem Fhndrich indessen das
Commando berlassend, auf ihm vollkommen gut bekannten Pfaden, am Berge
aufwrts, oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort aus den
verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maregeln konnte
er dann leichter und sicherer danach nehmen.

Den steilen Hang der die Thler von einander trennte, kletterte er so,
mit dem gespannten Pistol in der Faust, einem etwa gelegten Hinterhalt
nicht allein gerstet entgegentreten zu knnen, sondern auch zugleich
das Zeichen zum Herbeistrmen der Seinen zu geben, langsam und
vorsichtig hinan; aber nicht das Mindeste lie sich hren -- der Omaomao
fltete hier im Blthenbusch so ruhig und ungestrt, als ob noch nie der
Fu des Fremden seinen Frieden gestrt, das Heiligthum seines stillen
Waldes entweiht habe, und die schnelle raschelnde Eidechse im Laub, mit
dem Summen der Grillen oder eines einzelnen schimmernden Kfers, war
der einzige Laut, der sein Ohr traf, sein Auge aber immer rasch und
vorsichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den ersten Abhang,
der wie eine Art Terrasse an dem jetzt steil und unersteigbaren Felsen
hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit brckliger Lavamasse
gefllter Pfad schlngelte sich hier entlang, der die Verbindung des
Hauptthals mit dem Osten der Insel unterhielt.

Rasch folgte er diesem, von keinem hindernden Dickicht mehr belstigt,
um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten
Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrckter Schrei seine
Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden
Felsen, an dem sie gelehnt, gedeckt, stand die Gestalt einer Frau
-- stand _Aumama_ -- sein _Weib_ und auch sie prete erschreckt und
todtenbleich beide Hnde auf das, oh wohl so ngstlich pochende Herz als
sie den Mann erkannte, der ihr das grte, schwerste Leid gethan.

Aumama flsterte Lefvre bestrzt, und das Blut scho ihm in vollen
Strmen in Stirn und Wangen, was, zum Henker, treibst Du hier, Mdchen,
da Du im Wald Versteckens spielst? -- wo kommst Du her und was thust
Du hier allein? oder ist noch Jemand bei Dir? setzte er rasch, einen
forschenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu.

Also Du -- Du bist es seufzte aber die Frau aus tiefster Brust,
und wehmthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine seiner Fragen zu
beantworten, ja ohne sie vielleicht gehrt zu haben, Du, der sich mit
der Waffe in der Mrderfaust in unsere Berge schleicht, neues Unheil zu
bringen dem armen, schon berdies mishandelten Lande? -- Oh was haben
wir Dir denn gethan? setzte sie rascher und bewegter hinzu, da Du uns
so unablssig verfolgst -- ist es nicht genug da Du die Ueberzeugung
mit Dir nimmst _ein_ Wesen elend gemacht zu haben auf der Welt?

Unsinn, Unsinn Aumama sagte Lefvre kopfschttelnd, was fehlt Dir
heute Mdchen, da Du so tolles Zeug schwatzest, Du wirst Dich ohne mich
so wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan hast; aber
sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und
mchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; sind deren
in der Nhe?

Was suchst Du hier? -- was willst Du bei uns? -- frug aber jetzt das
Weib, sich mit fester Hand die Locken aus der Stirn werfend und den
dunklen, thrnenschweren Blick forschend auf ihn geheftet -- was trieb
Dich mit der gespannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein
schwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furchtlos gehe? -- war es
das bse Gewissen das Dich hinaus jagte aus den sicheren Wllen Deiner
Freunde? -- ha dem entgehst Du nicht, und die Kugel, die sich tckisch
und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt -- schtzt und rettet Dich
nicht vor dem.

Ich habe mich verirrt, Aumama sagte Lefvre, das Pistol dabei in
Ruhe setzend und in seinen Grtel zurckschiebend -- ich bin vom Wege
abgekommen.

Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle sagte die Frau unglubig, ja
fast zornig mit dem Kopf schttelnd, wo wir hundert Mal zusammen
den Berg erstiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite
sonnenblitzende See hinausgeschaut? -- Es ist aber doch mglich da Du
den Weg vergessen setzte sie dann mit leiserer weicher Stimme und
fast wie traurig hinzu -- vergaest Du doch alles Andere was Du damals
gesprochen.

Und wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Htte oben, Aumama? frug
Lefvre, der nicht allein jene Erinnerungen zu vermeiden wnschte,
sondern dem auch daran lag, jetzt zu erfahren was er wissen mute,
wollte er nicht die Zeit hier leichtsinnig und nutzlos verstreichen
lassen.

Was hast Du mit dem alten Haus? sagte Aumama aber finster -- was
kmmerts Dich, ob es bewohnt ist oder leer steht. Nein, kehre zurck
Mann in Deine Stadt -- kehre zurck zu den Deinen -- ich und die Kinder
haben Dir verziehn -- Gott hat es so gewollt, doch la uns _unseren_
Frieden. Ich wollte mich rchen einst an Dir -- die Zeit ist jetzt
vorbei, und whrend ich gerade dachte da an solcher Stelle, die der
Erinnerungen so viele und -- so wehe fr mich hat -- der Zorn und Ha
die Ueberhand gewinnen msse, stimmt es mich weich und weibisch -- gehe
fort.

Utami wohnt jetzt in dem Haus -- ich wei es -- ist er allein? -- ich
mchte ihn sprechen wenn es irgend geht -- sagte Lefvre, der dem Weibe
wohl ansah da sie mehr wute als sie eigentlich sagen wollte.

Du mchtest ihn sprechen? und weshalb?

Vielleicht bring ich ihm Frieden.

Oh, wer Dir trauen drfte sagte die Frau, tief aufseufzend -- aber --
setzte sie dann rascher hinzu -- willst Du allein zu ihm gehen?

Ich habe nur noch einen Knaben bei mir, den ich zurcklie und erst
dann holen will.

Nur einen Knaben? frug die Frau und ihre Augen hafteten scharf und
forschend auf dem scheu sie meidenden Blick des Feranis. _Nur_ einen
Knaben? und weshalb lieest Du den zurck? hattet Ihr nicht Beide Platz
im Pfad?

Ist Utami allein?

Nein, noch ein anderer Huptling ist bei ihm.

Kennst Du seinen Namen?

Fanue!

Von Tairabu -- rief Lefvre schnell, und hat ihn Niemand hierher
begleitet?

Wen wolltest Du noch? frug Aumama lauernd, und die Augen blitzten Ha
und Eifersucht auf den Verrther.

Wre Lefvres Auge nicht dem Blick des Weibes ausgewichen, er htte
sich die Frage ersparen knnen, so aber sagte er mit erzwungener
Gleichgltigkeit, und dabei mit dem Heft seines Pistols spielend.

Ich meinte nur ob Nahuihua, das sprde wilde Ding von Tairabu
vielleicht mit herber gekommen wre Dich zu besuchen.

Ja -- sie ist da hauchte Aumama, und die Unterlippe leicht zwischen
die beiden Reihen ihrer perlenreinen Zhne gepret, die Augen fest und
forschend auf den Fragenden geheftet, stand sie da, halb abgewandt von
ihm, als ob sie fliehen wolle und doch nicht von der Stelle knne --
drfe.

Sie ist da? rief aber Lefvre rasch und unbedachtsam mit
freudestrahlenden Blicken, und unwillkrlich fast machte er eine
Bewegung nach vorwrts, aber sich besinnend setzte er hinzu -- doch
einerlei -- ich darf auch meinen Begleiter nicht im Stich lassen und mu
den holen -- leb wohl Aumama -- doch vielleicht sehe ich Dich nachher
noch wieder und -- und Mdchen, wenn Du etwas brauchen solltest -- wenn
Dir irgend etwas fehlte, was ich Dir schaffen kann -- la mich's wissen
in Papetee, und wenn's in meinen Krften steht, sollst Du's haben.

Aumama erwiederte Nichts, und sah ihn lange schweigend an; wie er ihr
aber freundlich zunickte und sich wandte, den Pfad wieder zurck zu
gehn, rief sie ihm nach und sagte leise:

Bleib hier, Lefvre -- gehe nicht wieder hinunter in's Thal. Willst
Du wirklich mit Utami sprechen und will Dein Mund Frieden bringen und
Freundschaft, so komm mit mir -- allein, wie Du da stehst und gehst. Ich
gebe Dir mein Wort, sicher sollst Du die Htte betreten, sicher Papetee
wieder erreichen -- mit meinem eigenen Blute hafte ich Dir fr das
Deine. -- Komm und ich will Dich fhren, wie in frherer Zeit, und kein
Groll soll in meinem Herzen Raum haben fr Dich, kein Schlag desselben
soll gegen Dich gerichtet sein.

Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorschlag jetzt nicht
annehmen kann; ich wei Du bist immer gut und freundlich gewesen sagte
Lefvre, und es freut mich jetzt da Du ruhig geworden und vernnftig.
Sieh, wir haben das ja auf den Inseln auch in hundert anderen Beispielen
und Fllen, da ein Mann seine erste Frau verlassen und die jngere
Schwester derselben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr
abredest, wird sie sich auch nicht lnger struben, und vernnftig
sein.

Wer? sagte Aumama, aber so leise, da Lefvre wirklich nur an der
Bewegung ihrer Lippen errieth da und was sie gesprochen.

Nahuihua, nrrisches Kind lachte er, leise ihre Wange streichelnd,
aber sie fuhr von der Berhrung zurck, als ob er ein Messer auf sie
gezckt htte -- willst Du ihr zureden?

Ja hauchte die Frau.

Und es soll auch Dein Schade nicht sein, Aumama flsterte der Mann --
nun, nun, hab' keine Angst vor mir -- frchtetest Dich doch sonst nicht
wenn ich Dir nahe kam. Aber ich mu fort -- setzte er rascher hinzu,
und meinen Kameraden holen -- sage indessen nicht da Du mich gesehen
hast -- ich will sie berraschen. Und mit flchtigen Stzen, innerlich
jubelnd ber den leichten Doppelsieg dem er entgegenging, sprang er den
Pfad zurck, den er gekommen, die Bewohner der Htte noch nicht
durch einen Schu zu alarmiren, sondern seine kleine Schaar selber
heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerstand gleich von vorn
herein unmglich zu machen. Es war viel besser wenn das Ganze friedlich
und ohne Blutvergieen beendet werden konnte, denn die Insulaner
kmpften manchmal, besonders wenn zum uersten getrieben, wie Rasende.

Aumama blieb allein zurck, und als seine Schritte hinter der nchsten
Felswand, um die sich der Pfad zog, verklungen waren, barg sie ihr
Antlitz in den Hnden und schien den Schmerz, der ihr in wilder Qual
die Brust zu zerreien drohte, zurckbannen zu wollen mit aller Kraft in
seine alte Veste. Aber es ging nicht -- zu viel -- zu viel war dem armen
Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thrnen muten sich Bahn
brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwischen den zarten Fingern
quollen sie hell und perlend vor und tropften hei und brennend nieder
auf das khle Moos, das sie gierig auftrank, die Gramesboten.

Aber fort -- fort mit _den_ Gedanken -- mit einem Wurf ihres Hauptes
schleuderte sie die Locken aus der Stirn, die Thrnen von den Wimpern,
und sich hoch und stolz emporrichtend blickte sie wild und zornig umher.
Er war fort -- fort die Genossen zu holen in feiger Hinterlist, wie
schon die ausgesandten Boten lang vorher gemeldet, und mit flchtigem
Fu floh sie den Pfad hinauf, der Htte zu, von der aus jetzt rechts
und links bewaffnete Krieger hinausschlpften -- hier an dem Hang hin,
hinter niedergestrzten Stmmen oder dichten Bschen sich bergend,
dort den Orangenhain fllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit scharf
geladener Waffe in die Felsen vertheilt und Klippen der Bergeswand --
regungslos wie selber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde
trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb.

Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfig
und rasch den weichen Berghang emporsprang, sicherem Sieg entgegen, und
auf der Bergesspitze wieder wie vorher stand Aumama, die Hnde fest
und krampfhaft auf der Brust gekreuzt, das Auge stier und thrnen-, die
Wangen von Blute leer -- und jetzt? -- die Feranis stutzten und horchten
dem fremden Laut.

=Uupa -- uupa=! klang es leise von Kluft zu Kluft.

Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen lachte Lefvre, den
Degen aus der Scheide reiend, und dort auch steht Aumama, ihres Wortes
getreu -- ich bringe Besuch, mein Schatz.

Er ist willkommen entgegnete das Weib mit eisiger Klte, aber ihre
Stimme drang kaum zu dem Ohr des Fhrers, als es ein anderer, herberer
Laut begrte. Ein gellender Schrei brach aus Waldesschlucht und Berg
-- das ganze Thal schien einzustimmen in den furchtbaren Ton und
mit scharfem tdtlichen Krach prasselte eine unregelmige Salve
Kleingewehrfeuer drein.

Verrath! schrie Lefvre und sprang, die blanke Waffe in der Faust,
auf Aumama zu; aber eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen
splitterte an einem vorgehaltenen, seinen Hieb parirenden Bchsenlauf,
und im nchsten Augenblick traf ihn selbst das schwere Eisen an die
Stirn, da er mit dumpfem Todesschrei zusammenbrach.

Ha, wie sie flohn -- den Berg hinab durch Busch und Strauch, ihre Waffen
lassend, wenn sie ein Busch fate und hielt, blind und taub in den Strom
hinein, dessen schlpfriger Grund ihnen die Fe fortri und sie gegen
die schleimigen glatten Felsblcke warf, bis sie sich halten konnten --
halten, um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer stehn zu sehn, wie er
den Speer mit gellendem Lachen in der Faust schwang und schttelte, und
zum Todeswurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz sandte, der Fluth die
Leiche berlassend. Nach rechts und links stoben die wenigen Menschen,
wie ein Volk aufgescheuchte Hhner auseinander -- in Verzweiflung
suchten sie an der steilen Wand emporzuklimmen, die sie zurckwarf in
die Arme der Rcher, oder den Pfad entlang mit flchtigen Sohlen dem
flchtigeren Feinde zu entgehn -- umsonst; Speer oder Kugel traf sie
ehe sie den dichteren Busch erreicht, oder wild tttowirte Gestalten
tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und schlangen
mit gellendem Jubelruf ihre Arme um sie, die Entsetzten niederreiend
mit sich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit
scharfer Wehr.

Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und stand, den Sbel in der
schwachen Faust, die Linke drohend ein Pistol gespannt, den Rcken gegen
einen Fels gepret, noch ernst und trotzig da, dem Schlachten, das er
nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe,
den Lefvre erst vorher gehhnt, und zwar mit Zgen, aus denen jeder
Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entschlossen blitzenden Augen,
die nur zu deutlich eher den Tod als Schande suchten.

Drei der Eingeborenen sprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu
entreien und seine noch feine klare aber feste Stimme warf ihnen ein
trotziges zurck entgegen.

Schont ihn! bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu schtzen -- es
ist nur ein Kind!

Aber ein ausgewachsenes! schrie der eine Wilde, der schon Blut
gekostet -- ergieb Dich! und mit jhem Schwung hob er den gewichtigen
Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag -- da blitzte aus der
aufgeworfenen Hand des jungen Burschen ein scharfer Strahl, dem der
dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz fast knickte die
riesige Gestalt vor ihm zusammen, die Waffe strzte prasselnd auf den
steinigen Boden nieder und der Krper taumelte schwerfllig -- eine
Leiche -- den steilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren fr
die junge Hand; wohl schleuderte er dem nchsten mit glcklichem Wurf
das Pistol gerade in's Gesicht, sich dessen auf kurze Frist erwehrend,
wohl hieb die scharfe Klinge mit sicherer Hand gefhrt, tiefe Wunden
in den nackten Leib des Anderen, und htten sie Alle gefochten wie das
Kind, manch Indianische Mutter wrde an dem Abend ihre Wehklagen haben
singen mssen ber den Krpern der Erschlagenen; doch die Krfte gaben
aus, und wie Aumama vorsprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem
eigenen Krper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von sicherer
und gewaltiger Hand gefhrt, die Brust des Unglcklichen, der todt
zusammenbrach, und nicht Einer von dem ganzen Trupp kehrte zurck, die
Schrecken jener Stunde zu erzhlen.

=A hi a nu=! ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge und die
dunkle Schaar sammelte sich unten im Thal; von allen Seiten rannten sie
nieder, die Waffen in der Faust, und hohe trotzige Gestalten fhrten sie
an zum neuen Kampf. Nach Papetee jubelte ihr Kriegeslied in einer der
alten heidnischen Weisen -- nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen
mit scharfer Waffe -- nach Papetee! und die Erschlagenen zurcklassend
wo sie ihr Geschick erreicht, zog die Schaar, anwachsend aus jeder
Schlucht, wo andere Trupps in Versteck gelegen, das Thal hinab, dem
einstmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind hinaus zu treiben oder zu
vernichten.

Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leisem
scheuen Gang schritt sie zwischen den Erschlagenen hin -- schaudernd
wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand
bergend vor dem entsetzlichen Anblick -- zu der Stelle zurck, wo der
Mann lag der ihr einst Treue geschworen, und deren Bruch mit seinem Tod
gezahlt.

Todt -- allmchtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerschmettert, das sie
auf ihrem Schoos so oft gewiegt -- und diese Lippen, die sie tausend und
tausend Mal gekt, so blutig -- so kalt und blutig. Arme, arme Aumama,
mit dem Tod des Mannes war auch der Ha, die Rache hingestorben, und
bitter klagend sa sie bei der Leiche -- sich selbst beweinend und die
armen, verlassenen Kinder.

Mit der gebrochenen Waffe des Geliebten grub sie dann ein Grab; sie
stach die lockere Erde auf und warf sie, mhsam und beharrlich mit den
Hnden hinaus -- Stunde nach Stunde, und ohne Klagelaut. Von duftigem
Fern pflckte sie dann ein Lager, weich und reinlich, und breitete es
aus in der schmalen Gruft, und ihre Thrnen flossen hei darauf, und wie
die letzte Ruhesttte ihm, der sie so unsagbar elend gemacht, bereitet
war, trug sie, die letzten Krfte anspannend, allein die Leiche hinein
in ihr einsam Bett, deckte das blutige entstellte Antlitz mit ihrem
Schultertuch und breitete Blumen und Blthen ber den Entschlafenen.

Unten vom Strand aus donnerten die Feuerschlnde der Feranis, und der
Schall brach sich drhnend sein Echo aus den steilen Schluchten, aber
sie hrte es nicht; an dem offenen Grab sa sie, in Schmerz versunken
und dachte der schnen Zeit zurck, die sie mit dem Gerichteten verlebt
-- was er gefehlt, was er verbrochen -- sein Tod hatte das Alles
geshnt; mit dem Blut war die Schuld fortgewaschen von seiner Seele und
nur der Geliebte lag ihr noch da, der Hingeschiedene -- der Vater ihrer
Kinder, das Ein, das Alles des armen Weibes. Oh wie hatte sie ihn so
glhend gehat als er sie verlie der eigenen Schwester wegen, wie hatte
ihr Herz so hei und wild nach Rache gedrstet, an dem Verrther --
und jetzt? der Ha war hingeschmolzen wie der Brandung Welle am starren
Riff, hoch drohend und Verderben sprhend in ihrem Anprall, und das
Ziel erreicht -- zerflieend wieder in klare ruhige Fluth mit tausend
blitzenden Thrnenperlen nur auf der glatten Flche.

Arme, arme Aumama -- und wie sie sich ber das Grab hinberbog sang sie
mit leiser Stimme die Todtenweise ihres Stammes, das letzte Joranna dem
Hingeschiedenen.

  Die Sonne blitzt auf Dich herab,
      Und Du bist todt.
  Sie scheint Dir in das offne Grab
      Und Du bist todt.
  Die Vgel singen rings im Laub --
  -- Du hrst sie nicht -- Dein Ohr ist taub
      Joranna, Lieb, Joranna.

  Ich ruhte einst in diesem Arm,
      Und Du bist todt.
  Ich lag an diesem Herzen warm,
      Und Du bist todt.
  Du hast mich schwer, ach schwer betrbt,
  Doch heier hab ich Dich geliebt
      Joranna, Lieb, Joranna.




Capitel 6.

Der Angriff auf Papetee.


Durch das Absegeln zweier Kriegsschiffe nach den Marquesas-Inseln war
die franzsische Macht in Papetee sehr geschwcht worden, und in der
That fingen auch an Provisionen zu fehlen, da die feindlich gesinnten
Eingeborenen nicht allein keine Produkte mehr einbrachten, sondern
auch die den Feranis freundlich gesinnten daran verhinderten, und nicht
selten Einflle selbst in die Stadt machten, ihre Huser zu zerstren
und ihre Fruchtbume nieder zu schlagen oder zu tdten. Die Befestigung
von Papetee selber war ziemlich gut und stark, aber zu ausgedehnt fr
die jetzt schwache Besatzung; die verschiedenen Bastionen konnten nicht
alle gleich stark vertheidigt werden und es war hier wirklich mehr die
Furcht die der Eingeborene vor den Kanonen der Feranis hatte, auf die
sich der kecke Leichtsinn, ja die Tollkhnheit derselben verlie, mit
wenigen hundert Mann, nicht einmal aller Bewohner in Papetee sicher, dem
Angriff der ganzen Insel begegnen und ihren keineswegs so unbedeutenden
Waffen Trotz bieten zu wollen.

Ein Handstreich war mglich, und zwar durch die Gefangennahme der
Huptlinge, denn in dem Volke selber lag kein rechter Trieb zum
Widerstand, -- wie sie gleichgltig die fremde Religion angenommen,
wrden sie es auch mit der Regierung gethan haben, wren die Eroberer in
den einzelnen Stellen nicht eben zu schroff aufgetreten, und htte die
zugleich bedrohte Religion nicht durch ihre Priester stacheln helfen,
dem sich der Huptlingsstolz dann beigesellte. Eine wirkliche Schlacht,
wo sie nicht unbedingt nthig war, muten die Franzosen aber jetzt
sorgfltig vermeiden, denn jeder Mann den sie verloren schwchte ihre
kleine Garnison um einen wichtigen Theil, und gab den Feinden greren
Muth und Selbstgefhl; ja der Gouverneur bereute schon fast die
Expedition hinaus gesandt zu haben, selbst solchen Zweckes wegen, und
sandte in einer Zeit, wo er glauben konnte da sie ihr Ziel erreicht
haben muten, und die Aufmerksamkeit der Insulaner vielleicht noch
mehr dadurch von ihnen abgelenkt wurde, zwei strkere Trupps nach, die
Patrouillen in ihren Bewegungen zu untersttzen, oder ihren Rckzug
wenigstens zu decken.

Die erste, so ausgesandte Colonne traf, wie schon erzhlt, auf die
retirirenden Landsleute und zog sich mit diesen, nicht weiter als durch
einzelne harmlose Schsse behindert, auf Papetee zurck, die andere aber
kam wenig ber die nchste Umgebung der Stadt hinaus, denn ein dort im
Hinterhalt liegender Schwarm von Eingeborenen, der jedenfalls schon von
ihren Bewegungen vorher Kunde gehabt, griff sie in wilder ungebndigter
Wuth an und zwang sie, von dem Terrain und seiner Ortskenntni
begnstigt, sich mit dem Verlust einzelner ihrer Leute, die sie nicht
einmal im Stande waren mit fortzunehmen, auf die Stadt zurck zu ziehen.

Die kleine Garnison wurde natrlich durch diesen halben Angriff
vollstndig alarmirt. Die Wlle waren besetzt, die Kanonen geladen
und gerichtet, und marschfertige Patrouillen zogen hin und wieder, die
verschiedenen Punkte zu revidiren und Hlfe zu bringen wo sie Noth thun
sollte.

In dem Caffeehaus des Franzosen Victor waren eine Anzahl Officiere
versammelt, die von den verschiedenen Punkten eben Nachricht eingeholt
und ihr frugales Mittagbrod mit einem, schon selten gewordenen Glase
Claret wrzen wollten. Auch Ren hatte sich hier eingefunden, sa aber
still und allein, die Arme auf der Brust verschrnkt, das kaum berhrte
Glas vor sich, und schien nur halb der lebendigen Beschreibung Adolphes
zu lauschen, der seine Abenteuer an dem Tage, das Ende des Piraten und
den von den Feinden so oft und hartnckig bestrittenen Rckzug erzhlte.

=Diable=! rief da Einer der lteren Officiere, die Burschen machen
bei Gott Ernst, und wir mgen nur immer unseren Wein austrinken, denn
wer wei ob uns nicht in der nchsten Minute die Lrmtrompete schon
wieder an unsern Posten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber mit
den Officieren gehts noch knapper, und wenn sie noch ein paar von uns
wegputzen, knnen wir uns nur Unterofficiere zu dem Geschft abrichten.

Wit Ihr schon da die Jeanne d'Arc in diesen Tagen, wenigstens in
nchster Zeit, ebenfalls segeln wird? frug Bertrand.

Das fehlt auch noch riefen Andere, dann doch sicher nicht, bis
sie uns andere Schiffe zum Ersatz geschickt; wenn man nicht hier sich
wenigstens den Rcken frei wte, mchte der Teufel einer ganzen Insel
voll gut bewaffneter Indianer die Stirn bieten. Springen sie uns einmal
ber die Wlle und wir haben kein Schiff hier das ein paar Kugeln
herber werfen und uns im schlimmsten Fall an Bord nehmen kann, so sind
wir alle zusammen verloren.

Wein her, Victor, Wein! aber rasch -- es wird uns nicht mehr viel Zeit
bleiben der Ruhe zu pflegen rief ein junger Artillerie-Officier, der
eben das Zimmer betrat, seine Mtze auf den Tisch und sich selber
in einen Stuhl warf, Tod und Teufel, ich glaube die Burschen machen
Ernst.

Was giebt's Luon? frugen fnf, sechs Stimmen auf einmal -- neue
Nachrichten? -- ist Lefvre zurck?

Nichts zu hren von ihm und zu sehen, mchte nicht in seiner Haut
stecken rief der Neugekommene, sich ein Wasserglas rasch voll Wein
schenkend, da es ber und auf den Tisch spritzte -- aber einen
Gefangenen haben sie eben eingebracht, der hier in Papetee herum
spionirte und von Rstungen spricht, die an Point Venus wie an der
stlichen Seite von hier statt finden sollen. Wir selber haben jetzt
Spione nach beiden Richtungen abgeschickt und sobald die zurckkommen
und das Ausgesagte bettigen giebt's jedenfalls Arbeit.

Was fehlt Dir nur heute, Ren? sagte Adolphe, der sich jetzt zu ihm
gesetzt hatte und seine Hand ergriff -- Donnerwetter Kamerad rei Dich
heraus aus den Grillen und sei endlich einmal wieder ein Mann, denn seit
ich Dir heute von Belards erzhlt, kommst Du mir wahrhaftig vor wie ein
liebesieches Mdchen. Warum hast Du berhaupt das Haus gemieden? -- sie
scheinen Dich dort lieb zu haben und es wrde Dich zerstreuen.

Es ist vergebene Mhe, Kamerad lachte Bertrand jetzt, der zu ihnen
an den Tisch trat, und wahrscheinlich glaubte, Adolphe habe ihm wieder
zugeredet franzsische Dienste zu nehmen -- er hat den Geschmack am
Handwerk verloren, das wenigste zu sagen, und wird hier ruhig sitzen und
zusehn, whrend wir uns drauen mit dem Feind herumschlagen mssen, nur
unser Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir schlafen.

So weit wird's nicht kommen lchelte Ren -- froh dem Gesprch eine
andere Wendung geben zu knnen -- die Eingeborenen sind gutmthiger
Natur, und wenn Ihr ihnen nur selber Raum zum Athmen gestattet, lassen
sie Euch gern in Frieden.

Ja das hast Du wohl auch gemerkt? lachte Bertrand -- die Eingeborenen
sind gut genug, dagegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit
denen auch zu thun htten; die aber, die hinter ihnen stecken, die ihnen
fortwhrend in die Ohren schreien da der liebe Gott in Gefahr wre von
den verdammten Baptisten geschndet zu werden, und ihnen schreckliche
Geschichten vorerzhlen von den Grueln, denen ihre Seelen entgegen
gingen, wenn sie dem Feind das Feld des Glaubens berlieen, _das_
sind die Hetzer, das die Feuerbrnde, die die Gluth immer und immer
wieder auf's Neue schren. Und wenn es _Mnner_ wren, denen man mit dem
Schwert entgegengehen knnte, sollte es gehn, aber es sind _Weiber_ in
langen Rcken, straf mich Gott, die mit den salbungsvollen langweiligen
Gesichtern und den weien Lppchen unter dem Kinn herumlaufen, und ihr
fades nchternes Gewsch wie eine Sndfluth um sich her ausgieen, da
Einem ordentlichen Kerle schwach und weh wird. Demthig und erbrmlich
thun sie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hnde, und sehen so
weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge,
aber gieb ihnen einmal die Gewalt, la sie sich nur oben schwimmend
glauben mit einer glubigen Schaafheerde unter sich, und sieh wie
ihnen der Kamm wchst. Christliches Bewutsein nennen sie's dann und
noch anders, und Gesetze schreiben sie vor und Befehle; keine Kirche
ist prchtig, keine Pfrnde reich genug, keine weltliche Herrschaft soll
ber sie gebieten knnen, und keine weltliche Herrschaft giebt es dabei
in die sie nicht hinein reden mchten in all ihrer christlichen Demuth.
-- Giftkrten! rief er mit einem leise gemurmelten Fluch, und leerte
das gefllte Glas auf einen Zug.

Hahahaha! lachte ein Anderer, Bertrand hat sich in die frommen
Mnner ordentlich verliebt -- Dir haben sie's angetan mit ihrer
unverbesserlichen Liebenswrdigkeit.

Bertrand murmelte eine Antwort zwischen den Zhnen, inde er sich sein
Glas wieder fllte, und ging dann mit raschen rgerlichen Schritten im
Zimmer auf und ab.

Sie sind es auch, die die Eingeborenen immer in bse Hndel verwickeln
rief Adolphe, und hast Du mir nicht selber erzhlt, Ren, da ohne
Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hlfe, von dem ich immer noch nicht
herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl ist -- der
Huptling Aonui Dein Blut vergossen htte? -- wie man aber hier berall
hrt, ist gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Missionaire,
den weit milderen und vernnftigeren Rathschlgen Utamis gerade
entgegenarbeitend.

Zum Teufel, ja! sagte Ren, die Stirne runzelnd in der Erinnerung
an die, so knapp gemiedene Gefahr, des Schuftes Aonui Schuld war's
wahrlich nicht, da ich jetzt hier noch bei einem khlen Glas Claret
sitze, und ich glaube er war wthend genug ber meine Flucht. Wenn eins
mir auch den Degen noch einmal in die Hand drcken knnte gegen die
Indianer, wr' es die Hoffnung dem schleichenden Hallunken zu begegnen,
und ihm die Todesangst zurck zu zahlen.

Wer wei, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hlfe noch frher in Anspruch
nehmen sagte der junge Artillerielieutnant -- wir sind so schwach an
Mannschaft, da wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen
die Wlle gar nicht ordentlich besetzen, die Geschtze nicht gehrig
bemannen knnen, und Sie werden sich wahrlich nicht ruhig in's
Kaffeehaus setzen und ihren Wein trinken wollen, whrend wir drauen
nicht Arme und Kpfe genug finden knnen die Stadt und die Weiber und
Kinder vor dem Einbruch der wilden, und dann auch gewi blutdrstigen
Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute
Morgen, von unserem prekren Stand und der Gefahr in der wir schweben
in Kenntni gesetzt, dem Gouverneur ihre Hlfe anbieten und ihn bitten
lassen, ber sie ganz zu disponiren, wie er es fr gut finden wrde. Sie
werden sich nicht wollen von Monsieur Brouard ausstechen lassen.

Ist es denn wirklich so arg? rief Ren -- ich habe nur immer
geglaubt, Bertrand und Adolphe redeten mir so zu mich wieder zum Dienst
zu bringen. Es versteht sich von selbst da ich mich der Vertheidigung
der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, selbst wenn es
nicht glte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es
da nthig sein mich erst beim Gouverneur zu melden?

Gewi߫ sagte der Artillerielieutnant, aber wenn Sie das wollen kommen
Sie mit mir, ich gehe in diesem Augenblick zu ihm, und wei da wir ihm
Freude damit machen.

Dann la Dich nur mit zu mir einrangiren! rief Adolphe, und wr' es
nur der alten Zeiten wegen.

Und Atiu? flsterte Ren leise.

Luft Dir nicht fort lachte der Freund, der die Worte gehrt --
Mensch, danke Gott da er Dir die Gelegenheit frmlich in den Schoos
wirft Dich auszuzeichnen, und Dir eine Stellung hier auf den Inseln,
wenn Du denn nun einmal Dein Leben darauf beschlieen _willst_, zu
erringen. Frankreich braucht solche Mnner wie Dich zu seinen Colonieen,
aber suche den _Zweck_ Deines Lebens dann auch nicht blos in einer
Bambushtte und in den Armen einer hbschen Dirne -- ich bin auch kein
Kostverchter, aber ich will ein Ziel haben zu dem ich _auf_schauen
mu, eines das mir die Nerven und Adern mit Stolz und Freude fllt, dann
freut mich auch ein huslich Glck daheim, und wahrlich nur in solchen
Verhltnissen kann ich es mir denken.

Ich kenne Ren gar nicht mehr sagte Bertrand, und glaube doch am Ende
die Missionaire haben's ihm angethan.

Hahahaha lachten Andere, das wre kein bler Spa, wenn Delavigne
Mitonare auf einer der Inseln drben wrde, und die Heidenkinder mit dem
heiligen Wasser wsche.

Gar nichts so Unmgliches sagte Bertrand, da sind schlimmere und
wunderbarere Sachen vorgekommen in der Welt, und wenn er so fortliefe im
alten Gleis, stnd ich ihm bei Gott fr Nichts.

Er wird Euch zeigen ob er noch fechten kann rief aber Ren jetzt, dem
das Blut in Schaam und Aerger in die Schlfe stieg -- da ich nicht
muthwillig gegen die Eingeborenen fechten _wollte_, dafr hat ich den
guten und mir selber gengenden Grund, ich bin in anderen Verhltnissen
an diese Ksten geworfen als Ihr; aber treiben sie mich dazu, wie's mir
jetzt fast scheint, denn ihrer Gte verdank ich's nicht da ich noch
athme, ei, dann bin ich auch meiner Verbindlichkeiten quitt und ledig,
gegen die Herren von Tahiti, und so lange ich hier noch auf der Insel
wohnen bleibe, will ich sie mir wenigstens mit helfen vom Leibe halten.
Ob ich mich dabei wie ein Mitonare oder wie ein Franzose benehmen werde,
mgen die Herren mir nachher bezeugen.

Bravo Delavigne -- bravo! rief es von allen Seiten und die meisten der
jungen Offiziere sprangen auf ihn zu und schttelten ihm die Hand; in
dem Augenblick aber tnte drauen ein Horn -- das Alarmsignal, das die
beurlaubten Officiere zurck auf ihre Posten rief, und Mtzen und Waffen
aufgreifend, wurden die Glser noch rasch voll geschenkt und geleert,
und fort strmten sie Alle mit flchtigem Gru neuen Kmpfen, neuen
Gefahren, aber so sorglos entgegen, als ob sie zu irgend einem frhlichen
Feste den lustigen Reihen, und nicht schon arg zusammenschmolzene
Schaaren dem unermdlichen und ihnen an Zahl so weit berlegenen Feind
entgegenfhren sollten.

Der Aufstand der Eingeborenen war aber in der That nicht bloes Gercht
gewesen, und Ren behielt kaum Zeit dem Gouverneur, der ihn freudig
begrte, als Freiwilliger vorgestellt und besttigt zu werden, als von
Point Venus her die neue Botschaft kam, da sich die Insulaner dort in
einer Verschanzung festgesetzt und von da hereinbrechend einzelne Huser
der den Franzosen freundlich gesinnten Indianer niedergerissen, und die
sich ihnen entgegenstellende Patrouille zurckgeworfen htten.

Selbst auf die Gefahr hin Papetee fr den Augenblick zu sehr von Truppen
zu entblen, muten die Feinde aus dieser Stellung, die sie in
der unmittelbaren Nhe der Stadt hielt, vertrieben werden, und mit
wirbelndem Trommelschlag und schmetternden Trompeten sammelten sich die
Franzosen in der Nhe des Missionsgebudes, und rckten dann in dichten
Colonnen dem Feind entgegen.

Der Platz wo sich die Eingeborenen diesmal festgesetzt, hie Harpape und
es schien fast, als ob sie durch diese Stellung die verhaten Feranis
nur eben aus ihren festen Verschanzungen herauslocken wollten, um sie
desto wirksamer auf ihrem eigenen Terrain bekmpfen zu knnen. So
hatten die Franzosen gerade die Missionsstation von Harpape erreicht
und passirt, und die ersten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter
liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu,
verschwunden, als berall aus dem Dickicht heraus das Feuern der
Eingeborenen begann, deren Absicht jedenfalls gewesen war, die Feinde
hier zu trennen und zu zerstreuen, und dann gemeinsam zu berfallen
und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; ein scharfes
Feuer wurde auf den Busch gerichtet, der den schlauen Feind verbarg, und
von See aus warf ebenfalls ein kleiner Franzsischer Dampfer, der dort
auf und nieder fuhr, die Bewegungen des Militairs zu untersttzen, Kugeln
in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen schienen.
Wild fuhren diese dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von
einem ungesehenen, ungeahnten Feind geschleudert, eine Kugel hinein
schmetterte, mitten zwischen sie, oder wie das nicht selten geschah, den
Stamm einer gewaltigen Palme traf und splitterte, und der fruchtschwere
riesige Wipfel dann prasselnd und krachend niederbrach ber die
Entsetzten.

Das Missionsgebude lag hier mitten im Feuer, und war besonders den
Kugeln des Dampfers ausgesetzt; zwei der Missionaire deshalb, die sich
zu dieser Zeit gerade im Inneren desselben befanden, die Brder Brower
und Mac Kean traten auf die Verandah hinaus, um die Leute an Bord
wenigstens wissen zu lassen wer sich hier aufhalte. Der Dampfer
respektirte auch das Haus der Missionaire und glitt geruschlos vorbei,
erst auf der anderen Seite wieder sein Feuer erffnend.

Gefhrlicher schien fr die beiden Mnner, die in einer merkwrdigen
Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil
sie hofften dadurch die Kugeln am sichersten von sich abzulenken, nicht
allein in dem gefhrdeten Haus, sondern auch auf der Verandah desselben
blieben, das Kleingewehrfeuer der Truppen zu werden, die sich zuerst
vor den Gebuden gesammelt hatten und nun zu einem frmlichen Angriff
rsteten. Kaum hatten sie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch
von dort aufs Neue ein scharfes Feuer auf sie erffnet wurde, und
ein Theil der Truppen sprang in die Umzunung der Kapelle oder des
Bethauses, aus dieser, die aus aufgerichteten Cocosplanken bestand,
eine zeitweilige Brustwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der
Eingeborenen besser und nachdrcklicher abweisen zu knnen. Diese
kamen aber nicht, sondern begngten sich nur mit der Vertheidigung des
Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gnnen,
und die Franzosen, des Plnkelns mde, bei dem sie nur Leute einbten
und dem Feind auch nicht den geringsten, wenigstens sichtbaren Schaden
zufgten, sammelten sich wieder in kleinen Colonnen, die versteckten
Insulaner jetzt ernstlich aus ihren grnen Bollwerken heraus zu treiben,
und auf ihr Hauptlager in Harpape zurckzuwerfen.

Gouverneur Bruat selber, der indessen am Missionshaus stillgehalten,
hatte die beiden Missionaire gewarnt sich dem Zufall einer
schlechtgezielten Kugel solcher Art auszusetzen, und sie zogen sich
demnach in die Hinterzimmer des Gebudes zurck; Rufen und Schreien
drauen und das schrfere Schieen lockte sie aber auf's Neue vor, und
erst als mehre Kugeln in das Dach und die Fenster des Gebudes selber
schlugen, wollten sie sich wieder zurckziehn -- aber zu spt. Mr.
Mac Kean hatte sich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den
Insulanern selber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn
Mr. Brower taumeln und sinken sah und zuspringen wollte ihn zu halten,
strzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn
allerdings nun in das Gemach hinein und versuchte Alles ihn wieder in's
Leben zurckzurufen, aber die Kugel war tdtlich gewesen -- er athmete
noch ein paar Mal leise und -- war nicht mehr.

Die Soldaten indessen, sich wenig darum kmmernd was in der Verandah des
Missionsgebudes vorging, warfen sich in kalter Entschlossenheit auf
den versteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Bsche hinaus
und strmten seine Schanzen, da er, seine Todten und Verwundeten
aufraffend, in wilder Flucht sein Heil suchen mute. Gern htte der
Gouverneur sie nun auch weiter verfolgt, wren ihnen nicht zu gleicher
Zeit die von Papetee herber donnernden Kanonenschlge eine ernste
Mahnung gewesen dorthin zurck zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder
hatten nmlich die Eingeborenen, nachdem sie Lefvre mit seiner kleinen
Schaar erschlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff
gewagt, und als das Commando von Point Venus zurckkehrte, kam es eben
nur noch zur rechten Zeit, die schon zum Aeuersten erschpfte Besatzung
von den immer und immer wiederkehrenden wthenden Angriffen der
Insulaner zu befreien, die nur zurckgeschlagen schienen, um mit
doppelter Wuth und ungeschwchten Krften ihre Ueberflle zu erneuern.

Selbst der Untergang der Sonne setzte dem erbitterten Kampfe noch kein
Ziel, und die Indianer suchten besonders unter dem Schutz der Dunkelheit
einige der am schwchsten besetzten Punkte zu berrumpeln, bis ein paar
zwischen sie abgefeuerte Raketen und ber sie geworfene Leuchtkugeln sie
erschreckt zurcktrieb in ihren sicheren Wald.

Ren hatte sich mehrfach an diesem Tag ausgezeichnet, auch ein paar
leichte Streifwunden bekommen, aber ungeschwcht dadurch dem Kampfe
Stand gehalten. Das herzliche Betragen seiner neuen Kameraden dabei
that ihm wohl; es erweckte wieder die alten frhlichen Erinnerungen aus
frheren Tagen, frheren Zeiten, und mit dem Bewutsein dazu, wie er
den Kampf nicht muthwillig gesucht, und eben sein eigenes Leben nur mit
vertheidigen helfe, das ihm noch gefhrdet sein mute, wre er wieder
in die Gewalt Aonuis oder jener fanatischen Parthei gefallen, kam wieder
all der frhliche Jugendbermuth in seine Seele, und er horchte mit
blitzenden Augen den Plaudereien der Erzhlenden, von Kampf und Sieg,
Avancement und Orden -- Orden in blutiger Schlacht mit dem Sbel in der
Faust gewonnen, und nicht im Frieden behaglich eingeknpft.

Die strengsten Patrouillen muten aber die ganze Nacht hindurch die
Auenwerke begehn; die Posten wurden unaufhrlich revidirt, und die
Truppen warfen sich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raschen
Dienst bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf
abzustehlen, und zum frischen Kampf am nchsten Morgen, an dessen Beginn
keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu sein.

Sie hatten sich auch nicht geirrt; mit dem dmmernden Morgen
schmetterten die Alarmhrner und wirbelten die Trommeln, das
Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenberliegenden Dickichten
begann schon wieder, und der Donner des schweren Geschtzes von den
Wllen brach prasselnd hinein in Guiavenbusch und Orangenhain, und trieb
den Rauch in schwerflligen Massen in der Niederung hin, sie mit dichten
Schwaden fllend.

Die Franzosen hatten die Wlle so gleichmig als mglich besetzt, und
der kleine Dampfer untersttzte sie dabei nach besten Krften von der
Seeseite.

Nichtsdestoweniger gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps bis
in das Innere der Verschanzungen zu brechen, wo sie manche der den
Franzosen ergebenen Huptlinge und andere Insulaner erschlugen, und das
Franzsische Missionshaus zu strmen suchten. In wildem unerschrockenem
Trupp, das Feuer der Geschtze wie die in ihren Reihen angerichtete
Verwstung nicht achtend, warfen sie sich dem ihnen an Kriegskunst und
Waffen weit berlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmsignale der
Franzsischen Truppen muten in solchen Fllen Hlfe herbeirufen nach
den am meisten bedrohten Punkte. Glcklicher Weise fr die Besatzung
versumte der Feind solche Angriffe, obgleich zehnmal zurckgeworfen,
weil sie fast die ganze Macht der Gegner im Widerstand fanden, an mehren
Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wre sonst unrettbar verloren
gewesen; hartnckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des
Angriffs und -- konnten ihr Ziel nicht erreichen.

Aber auch hierdurch wurde die kleine Besatzung mehr und mehr entkrftet;
die ewigen Strme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth gefhrt,
whrend die Insulaner, Tod und Wunden nicht scheuend immer nur danach
zu trachten schienen den Feind zu treffen und zu schwchen, rieben
sie nicht allein auf, sondern verminderten auch schon merklich ihre
vertheidigungsfhige Mannschaft, und hie und da war schon der Wunsch
unter den zum Tod erschpften Leuten, den die Officiere Mhe genug
hatten zu unterdrcken, aufgetaucht, da sie den Dampfer heranrufen und
an seinen Bord wenigstens ihr Leben sichern sollten, bis franzsische
Schiffe mit Mannschaft und Provisionen ankmen und so nthige Hlfe
brchten. Lauter wurde der Wunsch, je wilder der unermdliche Feind
ihre Wlle strmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod
erschpften Truppen suchten den fernen Horizont nach so hei ersehnter
nthiger Hlfe.

Ein Segel! wie ein elektrischer Schlag ging der Ruf durch das ganze
Lager -- ein Segel am Horizont -- ein Kriegsschiff das uns Hlfe --
das Verstrkung bringt -- ein Kriegsschiff das schon mit dem Namen den
kecken und bermthigen Feind einschchtert und zurck in seine Berge
jagt, der bis jetzt zu glauben schien die wenigen Truppen seien allein
zurckgelassen, die Insel im Besitz zu halten, und wenn sie die wieder
vertrieben oder erschlgen, wren sie auf's Neue die Herren ihres Landes.
Die Europer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzhlt
haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr,
um die stliche Landspitze her, schon in gar nicht mehr so groer
Entfernung sichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls fr
ein ihnen gnstiges Omen, denn wenn die Franzosen hier wirklich allein
zurckgelassen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes
als ein englisches sein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde
zu werfen und zu vertreiben, ehe fremde Hlfe selber gekommen sei.

Die beiden wichtigsten Anfhrer der Insulaner an diesem Tag waren aber
der wilde Huptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem seine prchtige
Hautfarbe wie riesige Kraft diese Auszeichnung verschafft hatte. Pompey
besonders, whrend der Indianer mehr eine stille, mehr hartnckige
Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit
einem wahren Jubelschrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurckgeschlagen
und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das Alles nur ein leichtes
frhliches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog.

Im Osten von Papetee hatte die schon zum Tod erschpfte Mannschaft eben
einen solchen Angriff zurckgeschlagen, bei dem in der That nur ein
glcklicher Karttschenschu den Ausschlag gegeben, der den dicksten
Haufen der Feinde traf, und furchtbare Verwstung zwischen ihnen
anrichtete. So vollstndig waren sie dadurch berrascht worden, da sie
selbst ihre Todten auf dem Platze lieen, so schnell als mglich
die Bsche wieder zu erreichen. Ren und Adolphe hatten hier
zusammengekmpft, und der erstere besonders sich mit so kalter
Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit so unbertroffener
Tapferkeit gefochten, da ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz
zum anderen galoppirte die Vertheidiger anzufeuern und etwa nthige
Anordnungen zu treffen, selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die
Brust heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle seines gefallenen
Vorgesetzten, avancirte.

Du bist nun einmal ein Glckskind, Ren lachte Adolphe, ihm auf die
Schulter klopfend, und Fortuna scheint Dich besonders ausersehen zu
haben.

Fortuna ist ein Weib, Adolphe, und unbestndig, wer kann sagen wie mich
die nchste Stunde findet und -- ich wei wahrhaftig nicht ob ich mich
ber mein unverhofftes, ungesuchtes Avancement freuen oder -- oder
rgern soll.

Aergern? lachte Adolphe -- Gott sei Dank, das wr' eine Ursache vom
Zaun gebrochen. Aber Du hast's auch verdient, denn ich schlage _mein_
Leben auch nicht gerade so bermig hoch an, doch mich solcher Art
mitten zwischen die tollsten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer
gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein -- und ich bin _nicht_
verheiratet.

Am anderen Ende der Stadt begann in diesem Augenblick, und ehe Ren
etwas erwiedern konnte, ein scharfes unregelmiges Schieen, dem die
Franzsischen Signalhrner antworteten. -- Der Gouverneur selber kam
in diesem Augenblick zurckgesprengt, und den Platz erreichend wo die
beiden Freunde standen, rief er schon von weitem:

Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor so rasch Sie knnen;
unser Missionshaus ist schon genommen und es gilt jetzt, den Feind
wieder zurckzuwerfen, oder Papetee ist verloren! -- und an den
Schanzen hinunter sprengte er, Hlfscorps noch abzuziehn, wo sie sich
irgend entbehren lieen, den bedrngten Platz zu entsetzen, whrend
Ren im Sturmschritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten
Kampfplatz zueilte. Und es war die hchste Zeit, denn ein wilder
Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen schon
genommen, die Umzunung des erst krzlich errichteten Katholischen
Missionshauses niedergerissen und dieses gestrmt und in Brand gesteckt.

Bertrand, der nach dem Tod des ersten Lieutenants der Jeanne d'Arc
zu dessen Stelle avancirt war, kommandirte hier, war aber durch die
wirkliche Todesverachtung der Masse, jeden Fubreit Boden mit Schwert
und Bayonnet vertheidigend, zurckgedrngt worden, denn die ganze Macht
der Insulaner schien sie wieder auf diesen einen Punkt zusammengerafft
zu haben, whrend der grte Theil der Franzsischen Besatzung noch von
dem letzten Angriff her an der Ostseite Papetees stand.

Hoch auf loderte die Flamme aus dem, aus leichtem Fachwerk gebauten
Missionshaus in die stille Luft, und leckte und nagte an den, wie
ngstlich die langen Blattarme zurckwerfenden Palmen, deren Kronen
sie drrte; und hinein in das Prasseln des Holzes und das Wirbeln der
Trommeln, hinein in das Knallen des Kleingewehrfeuers und Schmettern der
Signalhrner, mischte sich das Jubelgeschrei der Eingeborenen, die hier
von Pompey auf der rechten, von Fanue auf der linken Flanke gefhrt,
whrend Utami selber das Centrum befehligte, in wildem Siegestaumel
die Feinde aus einer Hecke der Grten in die andere trieben, und wie es
schien, sich zu dem Platz durchschlagen wollten, wo die Feranis eine Art
Arsenal angelegt, und einen ziemlichen Vorrath von Munition und Waffen
aufgestellt hatten.

Dicht vor dem Arsenal, in dem Grundstck eines der eingeborenen Richter,
der sich auf Seiten der Feranis erklrt, hinter einem festen Zaun von
gespaltenem Holz, der ihnen als Brustwehr diente, hielten die Franzosen
wieder Stand und vertheidigten sich mit verzweifelter Tapferkeit gegen
die Uebermacht. Viele der Eingeborenen, wie Ule der Richter selber,
fochten in ihren Reihen, denn sie wuten recht gut da gerade sie zuerst
verloren gewesen wren, wenn die Insulaner die Feranis schlugen. Da
brach Fanue von der Rechten zuerst durch den Zaun; von zwei Bayonnetten
getroffen schlug er die Feinde trotzdem zu Boden, und auf Ule
zuspringend, whrend die Seinen nachpreten und die Aufmerksamkeit der
Soldaten von ihm ablenkten, fate er, seine Waffe fallen lassend, den
verrtherischen Richter um den Leib, und trug den jetzt laut um Hlfe
rufenden mit einem Triumphgeschrei in seinen Trupp hinein. Seine Absicht
war dabei wohl gewesen ihn als Gefangenen mit in die Berge zu fhren,
aber die Wuth der Seinen dachte nicht an Aufschub ihrer Rache und sein
Flehen nicht achtend warfen sie sich, selbst trotz der Einsprache
des Huptlings, in gellendem Jubelruf auf den Gestrzten, ordentlich
wetteifernd, wer Beil oder Speer, Degen oder Bayonnet zuerst in seiner
Brust begraben solle.

Dadurch war aber ihre Aufmerksamkeit zu sehr von dem Angriff selber
abgelenkt worden; die Franzosen hatten sich wieder gesammelt und mit
Bertrand an der Spitze rumten sie noch einmal die Umzunung. Neue
Massen preten jedoch heran, und die wenige Mannschaft htte den Platz
nicht lnger behaupten knnen, wre nicht in diesem Augenblick Ren
mit seiner kleinen Schaar dem schon siegestrunkenen Feind muthig in die
Flanke gefallen.

Das neue Angriffsignal von einer anderen Seite machte sie stutzen und
sie wichen dem jetzt erneuten Angriff Bertrands, nicht vielleicht im
Rcken von einer strkeren Macht umzingelt und abgeschnitten zu werden.

Der rechte, von Pompey gefhrte Flgel sammelte sich aber rasch, und der
Neger erkannte kaum den Fhrer des kleinen Corps, als er sich ihm auch
selber entgegenwarf, mit dessen Vernichtung dem Trupp das Haupt zu
nehmen.

Hierher, Kanakas! schrie er mit seinem kecken gellenden Lachen, die
schwarzen nackten muskulsen Arme emporwerfend -- hierher und der Sieg
ist unser! und der gleich darauf gegen den jungen Franzosen mit einem
riesigen Pallasch gefhrte Streich htte diesem jedenfalls verderblich
werden mssen, wenn Ren nicht mit einem raschen Seitensprung dem
furchtbaren Hieb entgangen wre. Ehe sich der Colo aber zu einem neuen
Schlage zusammenraffen konnte, und wie er eben den Arm dazu hob, fuhr
ihm die scharfe Klinge des gebten Fechters durch die Achselhhle in die
Brust, und nachspringend fate Ren in demselben Augenblick, die eigene
Klinge fahren lassend, die Hand des tdtlich Verwundeten und entwand ihr
den Pallasch, ihn jetzt blitzesschnell auf die Hupter der ihm nchsten
Feinde richtend.

So rasch und gewandt war die That ausgefhrt, da die ihm nchsten
Eingeborenen ihren Verlust erst begriffen, als der riesige schwarze
Krper vor ihnen zusammenbrach, und das kleine Hufchen der Franzosen
mit einem donnernden Hurrah und geflltem Bayonnet wthend auf sie
einprete.

Der rechte Flgel wich, und frhliches Jubelgeschrei der Franzosen
fllte zugleich die Luft, denn aus der Bai herber donnerte ein
Kanonenschu, die schwere mchtige Kugel schwirrte ber ihre Kpfe und
traf einen starken Brodfruchtbaum dicht unter den Wipfel, seine
breiten gewichtigen Aeste auseinanderreiend, whrend zugleich der Ruf
=L'Uranie, L'Uranie!= neue Hoffnung den Bedrohten brachte. Das fremde
Schiff war in die Bai eingelaufen und von seinem Heck flatterte frisch
und frei in der Brise die dreifarbige Fahne.

Nichtsdestoweniger konnte die Hlfe von dort noch immer zu spt kommen,
denn wenn auch der rechte Flgel, durch den Tod des Fhrers bestrzt
gemacht, dem muthigen Angriff des Feindes wich, hielt Utami noch wacker
Stand und drngte sogar mit Fanue zu gleicher Zeit auf's Neue vor, jetzt
Alles daran setzend, das Arsenal zu erreichen und ebenfalls anzuznden.
Bertrand kam hierbei zwischen die beiden Colonnen, und der alte tapfere
Utami, seinen schweren Sbel fast eben so viel als Keule wie als scharfe
Waffe brauchend, arbeitete sich, von dem Kern der Seinen und fnf oder
sechs gut bewaffneten Europern dabei untersttzt, mehr und mehr nach
dem Fhrer der Feranis durch, dem Kampf durch dessen Niederlage mit
einem Schlag ein Ende zu machen. Kleine Trupps der Franzosen langten
indessen zu gleicher Zeit auf dem Kampfplatz an, aber einzelne
zerstreute Trupps der Eingeborenen empfingen sie auch berall,
ihr Vorrcken aufzuhalten und der Hauptmacht Zeit zu gnnen das
beabsichtigte Ziel zu erreichen; Ren nur, jedes Hinderni besiegend,
hatte sich endlich bis zu dem arg bedrohten Franzsischen Picket Bahn
gehauen, und entdeckte hier kaum den alten Huptling, dessen Einflu auf
die Insulaner er gut genug kannte, als er das Aeuerste daran zu setzen
beschlo, ihn gefangen zu nehmen. Kein wirksameres Mittel gab es dann,
den Frieden von den Eingeborenen zu erzwingen.

Bertrand gewahrte ebenfalls den alten greisen Indianer, der den Seinen
voran, todesmuthig seinen Weg sich freischlug, und in ihm jedenfalls
eine vorragende Persnlichkeit vermuthend, prete er ihm entgegen und
war im Begriff einen Sto nach ihm zu fhren, als ein vor ihm liegender,
gestrzter Indianer sein Bein ergriff und ihn mit sich in demselben
Augenblick zu Boden ri, in dem der greise Utami vorsprang und den
schweren Pallasch in der Luft schwingend einen Hieb nach ihm fhren
wollte.

Ren sah die Gefahr des Freundes, und noch whrend er einen der
Insulaner, der sich ihm in den Weg stellen wollte, zu Boden schlug,
schrie er in Todesangst:

Halt Utami -- hierher Deinen Schlag -- hier der Feind! und dem nach
Bertrands Haupt gefhrten Hieb in demselben Moment parirend, warf er
sich mit voller Gewalt gegen den Huptling und schlang, seinen rechten
Arm mit der Waffe empordrngend, den linken um seinen Krper.

Ein jher Schmerz durchzuckte ihn in dem Augenblick -- er hrte dicht
neben sich den Knall eines Pistols -- er fhlte wie der Gefangene
seinem Arm entglitt, sah, schon halb bewutlos, die schtzend ber ihn
gehaltenen Bayonnette der Seinen, und brach dann besinnungslos zusammen.




Capitel 7.

Ren und Susanna.


Als Ren wieder zum Bewutsein kam und die Augen aufschlug, lag er unter
einem hohen Mosquitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen
Bett und hrte, -- aber auch nur noch wie in einem Traum -- da sich
Zwei in dem Gemach leise flsternd mitsammen unterhielten. Er fhlte
sich dabei merkwrdig schwach und wollte, wenigstens zu sehn wo er sich
eigentlich befand, rasch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei
Seite zu schieben, als ihn ein furchtbar stechender Schmerz durchzuckte,
da er mit einem halblauten Schrei fast besinnungslos wieder auf sein
Lager zurcksank.

Das Netz wurde jetzt zurckgeschoben, Jemand nahm seine Hand, fhlte
seinen Puls und sagte nach kleiner Pause:

Der Puls geht regelmiger, Mademoiselle; ich hoffe das Beste fr
unseren Freund.

Ist er erwacht? sagte in diesem Augenblick eine Stimme, die dem
Kranken das Blut in Fieberschnelle durch die Adern jagte, da der
Arzt, der noch die Hand in der seinen hielt, bedenklich mit dem Kopf
schttelte, und das Netz weiter zurck schob, die Gesichtszge des
Verwundeten erkennen zu knnen.

Hallo rief er aber, als er hier in die Augen des forschend zu ihm
Aufschauenden blickte -- unser Patient hat wirklich ausgeschlafen,
und sieht sich frisch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es,
Monsieur Delavigne -- wie ist Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?

Schmerzen? -- nein -- ja -- hier in der Schulter -- aber mir ist so
wunderbar zu Muthe -- wer ist noch im Zimmer?

Ihre Pflegerin, Monsieur, der Sie zu groem Dank verpflichtet sind,
denn Sie haben uns die letzten elf Tage viele Sorge gemacht.

Letzten elf Tage? wiederholte Ren erstaunt, aber wer ist hier?

Halten Sie sich ruhig, Herr Delavigne sagte da eine leise, oh ihm nur
zu gut bekannte Stimme und wieder scho ihm das Blut zum Herzen zurck
und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zhne
fest aufeinander beien.

Susanna flsterte er mit kaum hrbarer Stimme vor sich hin, und ein
glckliches Lcheln legte sich ber die bleichen Zge. Aber die
Erregung war auch zu stark gewesen fr den geschwchten Krper, und mit
geschlossenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit seine Krfte wieder
zu sammeln, seine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herber und
hinber zuckten, der Gegenwart fest zu halten.

Als er die Augen wieder aufschlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt,
und dieser hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke
bemerkte und sagte freundlich:

Sie mssen sich, wenigstens heute, noch Alles Redens enthalten,
Monsieur Delavigne; Sie sind viel zu schwach und angegriffen und knnen
sich durch jede Aufregung den grten Schaden thun--

Aber lieber Doktor--

Ruhe lchelte dieser -- ich kann mir etwa denken was Sie fragen
wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde
zu befriedigen, einen kurzen Umri alles dessen geben, was whrend den
letzten elf Tagen, die Sie nun da eingeschachtelt liegen...

Elf Tagen?

Ja wohl, heut' ist der elfte Tag --, was also in dieser Zeit
vorgegangen ist, und Sie werden manches Neue zu hren bekommen. Vor
allen Dingen, und um Sie darber zu beruhigen, ist unsere Position hier
vollkommen gesichert und befestigt worden; noch an demselben Morgen,
an dem Sie verwundet wurden, worauf Sie sich auch wohl noch besinnen
knnen, kam die Uranie ein und schickte ihre Boote an Land, mit deren
Hlfe wir den Feind bald wieder zurck in die Berge trieben. Am nchsten
Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe, eins von den Marquesas, eins
von Valparaiso kommend, ein und brachte Verstrkung, wie die so
nthigen Provisionen. Die Insulaner wurden dann aber auch ohne weiteres
angegriffen und in die Berge, oder doch wenigstens aus der Nhe von
Papetee gejagt, und sie haben sich jetzt in mehren entfernteren Orten
wie Papeneeo und besonders im Hautauethale verschanzt, bis wir einmal
Zeit bekommen sie auch von dort zu verjagen.

Und ist Utami gefangen? frug Ren.

Utami? -- der Anfhrer der Rebellen? ah, das ist wohl derselbe den Sie
gefat hatten, als sie den Schu bekamen? -- nein, Gott bewahre, der hat
sich tchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein
Andenken ber den Schdel hinterlassen, an dem er wohl noch ein
paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer ist
Lefvre weggekommen -- von seinem kleinen Trupp ist nicht ein Mann
zurckgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen; nur
von Lefvres Leiche war nicht die Spur zu finden, er mte denn in einem
frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmckten Grab liegen, das wir
mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar berfallen worden,
entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer sich die Mhe
gegeben haben sollte, _ihn_ gerade so sorgfltig zu bestatten, whrend
die Uebrigen liegen geblieben waren, wie sie gefallen.

Aumama flsterte Ren und ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob seine
Brust.

Fr heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt sagte der Arzt, seinen
Hut aufgreifend -- jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, sich wieder
zu erholen und ich werde gegen Abend zurck kommen und den Verband
erneuen.

Aber wo bin ich verwundet? frug Ren mit schwacher Stimme.

Fragen Sie wo Sie _nicht_ verwundet sind lachte der Arzt, Schrammen
und Beulen haben Sie am ganzen Krper, nur die Hauptsache ist der letzte
Schu in die Schulter; doch er hat Nichts zu sagen fgte er lchelnd
hinzu, halten Sie sich nur ruhig und besonders fern von jeder geistigen
Aufregung -- denn krperlich bewegen knnen Sie sich ohnedies nicht --
und wir werden Sie bald genug wieder zusammen flicken.

Er verlie nach kurzem Gru das Zimmer, whrend Ren in einen leichten
unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht sah, die an seinem
Lager ihm Khlung zufchelte und seinen Schlummer bewachte.

Als er die Augen wieder aufschlug war es Nacht -- ein mattes Licht
brannte im Zimmer, und neben seinem Bett hrte er die schweren
regelmigen Athemzge eines schlafenden Wrters. Ihn drstete aber
sehr und er streckte seinen linken gesunden Arm aus den Schlummernden zu
wecken.

Hallo! rief dieser von dem Lehnstuhl in dem er gesessen,
emporspringend, als ihn die Hand kaum berhrte, Ren, bist Du munter --
wie ist Dir, mein wackerer Bursch?

Adolphe! rief der Kranke, das ist freundlich von Dir bei mir zu
wachen.

Wie mir scheint hab' ich geschlafen lachte der Freund -- aber
bedarfst Du etwas?

Ich bin durstig.

Hier ist Dein Trank -- frische Cocosmilch und Himbeerwasser, das wird
Dir gut thun; und wie fhlst Du Dich jetzt?

Gut, sehr gut lchelte Ren, und es freut mich herzlich Dich bei mir
zu sehn.

Alle Deine Kameraden haben abwechselnd bei Dir gewacht erwiederte
Adolphe, sie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten,
deren Herzen gewannst Du Dir durch Deinen tollkhnen Muth. Mensch, Du
hast ein Glck das in's Aschgraue geht, und ich glaube Du knntest von
einem Kirchthurm herunter springen und kmst gesund auf Deine Fe.

Nennst Du den Schu ein Glck? frug Ren kopfschttelnd.

Wenn ich dadurch das schnste Mdchen das je mein Auge gesehn zur
Krankenwrterin bekme, lie ich mich hinschieen wohin Du willst
lachte Adolphe, und die kleine niedliche Madame Belard ist auch mehr in
Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen gewesen.

So lieg' ich hier bei Belards?

Nun versteht sich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob
Du ein Kind vom Hause wrest. Monsieur Belard hat brigens selber mit
gefochten fuhr Adolphe mit mehr unterdrckter Stimme und heimlichem
Lachen fort -- oh, da sind kostbare Sachen vorgefallen, doch das Alles
erzhle ich Dir einmal spter, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen
und schtteln darfst; jetzt mcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine
Wunde?

Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht regen -- er ist doch nicht
gebrochen?

Nein, darber kannst Du Dich beruhigen; doch war's ein bser Schu und
htte nicht drfen einen Zoll tiefer kommen.

Wer wei߫ seufzte Ren leise und schlo die Augen wieder.

Adolphe glaubte er wolle schlafen, schattete das Licht und setzte sich
leise wieder auf den Stuhl nieder, als Ren seinen Namen rief.

Bist Du fort, Adolphe?

Nein, sicher nicht -- willst Du etwas?

Hast Du mit dem Arzt ber meine Wunde gesprochen? frug der junge Mann
mit leiser Stimme.

Allerdings; ich kann Dich fest versichern da sie, wenn auch vielleicht
ein wenig langwierig, keineswegs lebensgefhrlich ist.

Ren lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann
langsam:

Und wann glaubt er da ich werde nach Atiu hinber geschafft werden
knnen?

Nach Atiu? wiederholte Adolphe verwundert -- Mensch, hast Du ein
Fieber da Du jetzt an Atiu denkst, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager
darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts schadete, vorausgesetzt da
ruhiges Wetter bliebe, wie wolltest Du Dich dort ohne rztliche Hlfe
wieder erholen? -- Atiu -- ich begreife Dich nicht.

Aber Sadie wird sich um mich ngstigen sagte Ren.

Ich habe daran gedacht erwiederte ihm Adolphe, und wollte ein paar
Zeilen hinber schreiben, es ist aber noch keine Gelegenheit dazu
gewesen, die ganze Zeit, und erst in acht Tagen, glaub' ich, soll der
Missionscutter wieder hinber gehn.

Ich danke Dir, Adolphe nickte ihm der Freund zu -- und nun will
ich schlafen -- ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf
schwindelt mir von all dem Denken.

       *       *       *       *       *

Die Sonne stand schon hoch am nchsten Morgen, als er erwachte, und
einen inlndischen Knaben an seinem Bett fand, ihm das Frhstck zu
reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Bursche sagte, schon dagewesen,
hatte ihn aber nicht stren wollen und versprochen, in einer Stunde etwa
wieder zu kommen.

Ren fhlte sich heute viel wohler und frischer als gestern; der Schlaf
hatte ihn gestrkt, und auch die Schulter schmerzte ihn nicht so sehr
wie gestern Abend.

Darf man herein? rief da eine frhliche klare Stimme, als er schon
etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefhle schmerzloser Ruhe
gelegen und die durch die offenen Fenster strmende khle balsamische
Morgenluft eingeathmet hatte.

Madame Belard rief Ren freudig, und die kleine muntere Frau kam mit
leichten, immer noch vorsichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett
des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dankbaren Lcheln die Hand
entgegenstreckte.

Meine gute Madame Belard--

Ja, gute Madame Belard lachte die kleine Frau halb besorgt halb
zrnend, und doch auch wieder mit ihrem herzlichen Ausdruck im Ton --
das ist eine Wirthschaft die Einen freuen knnte. Zuerst nimmt der
junge Herr Abschied, als ob es fr's Leben wre, und wenn man da ein
paar Tage nachher noch ganz angegriffen und alterirt ist, luft er so
lange munter und vergngt in der Stadt herum, ohne den Fu noch einmal
ber die Schwelle zu setzen, bis er das Bischen Besinnung, was ihm
eigentlich htte sagen sollen wo seine _besten_ Freunde wohnen,
verliert, und leblos und zerhauen und zerschossen in's Haus _getragen_
wird.

Sie haben recht, vollkommen recht, beste Frau seufzte Ren -- und
doch -- wie gern wr' ich zu Ihnen gekommen -- aber...

Ja, _doch_ und _aber_, das sind Ihre Entschuldigungen -- Sie sind
brigens jetzt in keinem Zustand, ordentlich ausgezankt zu werden,
das verspar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn
geschenkt ist es Ihnen nicht. -- Aber was Sie uns wieder in dieser Zeit
fr Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht sagen; ich
mchte nur wissen, was _Sie_ noch einmal fr ein Ende nehmen.

Liebe Madame Belard--

Und Susanna hat glhende Kohlen indessen auf Ihr Haupt gesammelt; dem
Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht fast an
Ihrem Bett.

Ein stechender Schmerz zuckte durch Rens Schulter -- er bi die
Unterlippe zwischen die Zhne, und wurde leichenbla.

Um Gott, fehlt Ihnen etwas? -- Sie haben wieder Schmerzen? rief
Madame Belard rasch, das Mosquitonetz mehr zurckwerfend, sein Gesicht
deutlicher sehn zu knnen.

Es ist Nichts -- es geht gleich vorber sagte Ren, die Augen
schlieend und den Kopf halb abgewandt -- es zuckt mir nur manchmal in
der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich -- der Doktor
kommt ja nachher.

Madame Belard nickte tief aufseufzend mit dem Kopf, erwiederte aber
Nichts und der Kranke lag mehre Minuten schweigend auf seinem Lager.
Endlich sagte er leise:

Ich habe Frulein Lewis eigentlich noch gar nicht gesehn, nur gehrt
gestern, wie ich zu mir kam. Sie ist doch nicht krank? --

Krank? -- nein, aber verreist.

Verreist? frug Ren rasch, den Kopf nach der Redenden umwendend,
verreist? wohin?

Sie hat schon lange einmal wieder nach Imeo hinber gehen wollen,
wohin ihre Freunde von Papara, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen,
zeitweilig bergesiedelt sind; aber sie mochte Sie auch nicht allein
hier liegen lassen, so lange wir noch Nichts Gewisses ber Ihren Zustand
wuten, und darber beruhigt, und da sich heute Morgen gerade eine
Gelegenheit mit einem Franzsischen Dampfer bot, benutze sie dieselbe,
und hat mir jetzt nur viel herzliche Gre fr Sie aufgetragen.

Ren erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach lngerer Pause mit
lebendigerem Tone fort.

Mein Mann hat auch mit gefochten, Monsieur, Sie htten ihn nur sehn
sollen, Delavigne, mit dem langen Schleppsbel und der doppellufigen
Jagdflinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und soll sich sogar
bei derselben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet
haben. Selbst Monsieur Brouard hatte sich bewaffnet und wie ich jetzt
hre, sind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller
Tapferkeit, dem traurigen Schicksal entgangen, von den Insulanern
besiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage
htten sie sicherlich keine Gnade gebt. Es ist eine seelensgute Nation,
so lange man sie in Frieden lt und in Freundschaft mit ihr lebt, aber
furchtbar wenn gereizt, und blutdrstig glaub' ich, wie noch in den
alten heidnischen Zeiten.

Und wird sie lange bleiben? frug Ren, noch immer den Kopf der Wand
zugedreht.

Wer? -- die Nation? -- ah, Sie meinen Susanna? fuhr Madame Belard, den
Blick fest auf ihn geheftet, fort, als er schwieg und das Blut wieder in
seine Wangen zurck kehrte; -- nein, ich glaube nicht. Sie _darf_ sogar
nicht sehr lange wegbleiben, denn sie hat noch manches vor ihrer Abreise
zu besorgen.

Sie kehrt nach Europa zurck? sagte Ren, aber so leise, da sie die
Worte kaum verstehen konnte.

Mit dem ersten Franzsischen Kriegsschiff -- Herr Brouard wird mit
seiner Frau ebenfalls Tahiti verlassen und Susanna will sich ihnen
anschlieen; der Admiral hat ihnen schon frher die Erlaubni dazu
ertheilt -- ich wollte ich knnte mit.

Und geht das so bald?

Das ist noch unbestimmt; es hie zuerst die Uranie wrde segeln, jetzt
glaubt man brigens da die Jeanne d'Arc als ein schnelleres Fahrzeug
den Vorzug bekommen soll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern.
Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie sprechen so gedrckt? -- haben Sie
wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Lassen
Sie das gut sein fuhr sie lchelnd fort, als er langsam mit dem Kopf
schttelte, ich bin gar kein so ungeschickter Chirurg, wie Sie bald
finden sollten.

Ach beste Madame Belard sagte Ren da seufzend -- wie tief bin ich
nicht auch auerdem schon in Ihrer Schuld, und wie soll ich Ihnen das je
danken knnen? -- Sie haben mich hier aufgenommen und gepflegt--

Bst -- bst -- bst rief aber Madame Belard errthend und ihre kleine
Hand auf seinen Mund legend -- erstlich sollen Sie eigentlich gar
Nichts reden, und dann noch viel weniger solchen Unsinn. Sie sind mir
in Nichts verpflichtet, denn es versteht sich von selbst, sogar in der
_Heimath_, da der Brger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie
viel mehr also in einem so wilden Land wie hier. Halten Sie sich nur
recht ruhig, da Sie uns bald wieder gesund werden, oder doch wenigstens
aus dem Bett knnen, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den ersten
Monaten noch nicht wieder brauchen knnen.

Wenn ich nur -- wenn ich nur nach Atiu schreiben knnte sagte Ren
endlich zgernd, und mit einem kaum unterdrckten Seufzer.

Hinber drfen Sie nicht, Delavigne sagte Madame Belard ernst, daran
brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch schon mit Lieutnant Adolphe
darber gesprochen, denn wenn sich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich
gut angelassen hat, verlangt sie noch immer, wie mir der Doktor gesagt,
die sorgfltigste rztliche Pflege, und so gut Sie Sadie, und vielleicht
besser als wir hier, pflegen wrde, so wenig ist sie im Stande dem zu
gengen. Auerdem ist gar nicht mit dem Schu zu spaen, und wer wei ob
nicht selber schon der Transport die schlimmsten Folgen haben knnte.

Wenn es nur anginge sagte Ren schchtern und schwieg wieder, als ob
er sich scheue auszureden, Madame Belard aber, die leicht seine Gedanken
errieth, sagte freundlich. -- Sadie hier herber zu bekommen? nicht
wahr, das meinen Sie?

Aber nicht weil ich etwa glaube da ich in Ihren Hnden weniger gut
aufgehoben wre rief der Verwundete schnell, halten Sie mich nicht
auch noch fr undankbar, Madame Belard.

Nein, nein, lieber Delavigne sagte die kleine Frau gerhrt, ich denke
gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie soll herber
kommen, so bald wir sie nur herber bekommen knnen, und ich will heute
noch an sie schreiben, da der Brief bei erster Gelegenheit fertig ist.
Wo aber kann man sich nach einer solchen erkundigen?

Im Hauptquartier und im Missionsgebude sagte Ren, ich glaube aber
fast da in dem letzteren die erste Gelegenheit sein wird, denn die
Missionaire unterhalten eine ziemlich regelmige Verbindung mit jener
Gruppe.

Mein Mann soll noch heute Morgen die genausten Erkundigungen einziehn
-- sind Sie nun beruhigt?

Ren streckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lcheln
die Hand entgegen, die sie nahm und herzlich drckte, dann aber sagte
sie, sich gewaltsam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem sie nicht
Worte geben konnte und wollte, schnrte ihr die Brust zusammen, nachher
schick ich Ihnen meinen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von
dem Kampfe erzhlen -- er hat auch in der That von weiter noch Nichts
gesprochen die ganze Zeit -- das wird Sie unterhalten und zerstreuen und
-- regt Sie auch eben nicht so besonders auf. Aber da seh ich den
Doktor kommen -- nun erhalten Sie frischen Verband, und ich werde heute
Susannas Stelle bei Ihnen vertreten.

Der Doktor ffnete gleich darauf die Thr und grte Madame Belard
freundlich.

Ah Madame, sehr erfreut Sie hier zu sehn -- und wie geht es unserem
Kranken? -- nun Monsieur? -- guten Morgen, wie haben Sie geschlafen,
und wie geht es unserem rechten Flgelknochen. Aber ha -- rief er etwas
bestrzt aus, als er das Gesicht des jungen Mannes erblickte -- Sie sehn
echauffirt aus, und haben sich jedenfalls, gegen meinen sehr strengen
Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?

Ja -- ein Stechen in der Wunde -- ich fhle den Pulsschlag so
deutlich--

Da haben wir's, das Blut in Wallung; nun lassen Sie uns einmal
untersuchen wie die Sache heute Morgen aussieht -- hoffentlich nicht
schlechter als gestern -- wir drfen nun nicht wieder zurck gehn, wir
mssen machen da wir vorwrts kommen. Und whrend er noch sprach den
Verband vorsichtig ablsend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde
geworfen, als er auch schon sehr bedenklich mit dem Kopf schttelte, und
endlich seinem Unmuth in Worten Luft machte.

Das ist nicht wie es sein sollte, die Entzndung ist eher schlimmer
wie besser geworden, und wir mssen uns ungeheuer hten da wir keinen
Rckfall bekommen. Ruhe ist aber dazu das Haupterforderni, unbedingte,
durch Nichts gestrte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf
den Beinen sehn wollen, Madame, so mssen Sie mir dafr besonders
mit Sorge tragen helfen. Ruhe ist ihm jetzt die beste Kur und je
vollstndiger er die genieen kann, desto eher wird sich seine
jugendliche, krftige Natur schon selber wieder Bahn brechen.

Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen seiner
Freunde, ohne Ausnahme welchen, wenn sie nicht unmittelbar bei
der Verpflegung beschftigt wren, zu ihm zu lassen, und versprach
Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu sehn ob sich nicht vielleicht
bessere Symptome eingestellt htten.

Es vergingen brigens volle acht Tage, ehe wirklich eine wesentliche
Besserung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte sich in der
ganzen Zeit musterhaft gehalten und Monsieur und Madame Belard waren
fast die Einzigen gewesen die Zutritt zu ihm gehabt, whrend sich
inde der Gouverneur sowohl wie alle brigen Officiere tglich nach ihm
entweder selber erkundigten oder erkundigen lieen.

Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit gewesen, doch sollte jetzt
in etwa drei Tagen der Missionscutter hinber gehn, und Madame Belard
wartete nur auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit lngerer Zeit
in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, diesem den
Brief selber zu bergeben und seiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte
Ren darber beruhigt und ihm versichert, da er seine Frau dann bald
hier erwarten drfe. Ein Zimmer fr sie war schon hergerichtet worden.

Am andern Morgen kam Madame Belard frher als sonst zu dem Kranken,
seinen Verband zu wechseln, was sie jetzt immer selbst besorgt, und
sagte freundlich, aber mit einer gewissen ngstlichen Besorgni im
Blick:

Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch -- werden Sie sich
krftig genug fhlen ihn zu empfangen.

Frulein Lewis? sagte Ren mit leiser fragender Stimme, und er fhlte
wie ihm das Blut in die Wangen stieg.

Susanna ist schon seit gestern wieder zurck -- die Jeanne d'Arc sollte
bermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und
soll bis zur Ankunft der =Reine blanche=, die wir tglich von den
Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen
des Admirals mit nach Europa zu nehmen. =Du Petit Thouars= scheint zu
Hause gern den Sieg ber die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen,
und das hartnckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen,
und hlt sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren
Position.

Und Frulein Lewis?

Kann doch unmglich so lange hier im Haus bleiben fuhr Madame Belard
mit einem freundlichen Lcheln fort, ohne sich selber von Ihrer
Besserung zu berzeugen -- wollen Sie ihr erlauben?

Madame, wie knnen Sie so grausamen Spott mit mir treiben rief Ren,
erlauben -- drngt es mich denn nicht ihr selber fr ihre Theilnahme
danken zu knnen?

Gut, ich schicke sie Ihnen, ich mu berdie einmal hinber zu Brouats,
die jetzt in einem prchtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden
Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast
auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das
Nothdrftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen
knnen.

Und Susanna?

Wird gleich erscheinen, aber -- halten Sie sich hbsch ruhig --
sprechen Sie so wenig wie mglich, und lassen Sie die junge Dame lieber
erzhlen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Auerdem, wenn Sie etwas
nach Europa zu schreiben haben, knnen Sie ihr diktiren -- es wird
jedenfalls die nchste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch
schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder
bei Ihnen.

Sie verlie rasch das Zimmer und Ren lag mit klopfendem Herzen und
ngstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mdchens zu erwarten, das,
er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck
auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rckkehr sehnlicher,
heier erhofft, je mehr er alle diese Gefhle in seinem Inneren
verschlieen mute, ja fast _gefrchtet_, indem er sich nach und nach
alles dessen bewut wurde, was Pflicht und -- Ehre -- er wagte kaum noch
die Liebe zu nennen -- ihm entgegenstellten.

Sadie -- oh htte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut,
die jetzt den _vergifteten_ Pfeil in seiner Brust zurcklassen muten,
ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie -- er barg
das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf fllte
ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kmpfte das
zauberschne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu
strzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt.
Sadie -- arme Sadie; -- aber noch war Rettung mglich; noch wenige
Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn -- die eigne
Brust hatte da keinen Vorwurf -- dem machtlos in die Bahn geschleudert,
was er gefrchtet, was er meiden wollte -- trennte ihn wieder von jenem
kalten, schnen Bild und hob den Zauber -- gab ihn wieder frei. Er
kehrte dann zurck nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt,
und in dem Bewutsein erfllter Pflicht, wollte er vergessen da er ein
Leben weggeworfen an einen Traum -- so schn der auch gewesen. Und die
Erinnerung? -- doch was sich nutzlos qulen mit zuknftiger Zeit -- die
Erinnerung _dann_ war Gegenwart _jetzt_, und wenn -- ha, ein leichter
Schritt auf der Verandah drauen -- das klopfende Herz drohte ihm die
Brust zu zersprengen, der Thrgriff drehte sich leise im Schlo -- aber
noch ffnete sich die Thr nicht und die Sekunden wurden zu Minuten.
Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am
Gaumen, und als er die Augen schlo, und bleich und erschpft auf sein
Kissen zurcksank, fhlte er mehr als er hrte da Jemand das Zimmer
betrat, und sich fast geruschlos seinem Bette nherte.

Es war Susanna -- schchtern und ngstlich nahte sie dem Lager, und ihr
Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zgen des
Leidenden.

Er schlft flsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geruschlos
wie sie jetzt gekommen, wieder zurckziehn als er die Augen ffnete, und
sein leises Susanna sie an die Stelle bannte auf der sie stand.

Monsieur Delavigne.

Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie
reichte ihm die ihrige.

Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen? sagte er endlich,
mit sanftem Vorwurf im Ton und mhsam den Seufzer zurckpressend, der
ihm die Brust heben wollte, war das recht von Ihnen?

Wie ist Ihnen jetzt, fhlen Sie sich leichter, wohler? frug die
Jungfrau ausweichend -- Sie sehen noch recht bleich und angegriffen
aus!

Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl rief der Kranke -- und doch auch
wieder recht weh setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu -- die Wunde
sitzt zu tief.

Die Zeit wird sie heilen, Ren hauchte Susanna, und wandte das Antlitz
halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand
zitterte in der seinen. Ren schttelte langsam mit dem Kopf -- er
wollte reden, aber er frchtete dem Gefhl Worte, Ausdruck zu geben.
Noch hielt ein schwacher Damm die mchtig in ihm glhende Leidenschaft
zurck, noch schlummerte das gefhrliche Geheimni, ob auch von Beiden
gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen -- den Damm einmal
durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth
dann nicht mehr zurck zu drngen.

Susanna fhlte das ebenfalls, und wenn sie auch frher in fast
muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, fr
den sie kaum ein flchtiges Interesse fhlte, an ein Wesen fesselte das
schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so
tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres,
besseres Gefhl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt
-- vollstndiger als sie es je erwartet, sich je bewut gewesen zu
erstreben, aber auf das _eigene_ Herz dabei vergessen, der eigenen
Strke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu
sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwche.

Sie sind Capitain geworden lchelte das Mdchen endlich, das zuerst
die Fassung wieder gewann, mit einer eigenen Mischung von Stolz
und Schmerz, und fest entschlossen dem Gesprch jetzt eine andere,
gleichgltigere Richtung zu geben. -- Sie mssen aber auch wirklich mit
einer ordentlich rasenden Tapferkeit gefochten haben. Monsieur Bertrand
konnte uns nicht genug davon erzhlen.

Bertrand ist mein Freund lchelte Ren, dem sich mit der Wendung des
Gesprchs eine Centnerlast von der Brust wlzte -- es hat ihm selber
Freude gemacht etwas Gnstiges ber mich zu sagen, und da mag er wohl
bertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.

Dem ist doch wohl nicht so; man behauptet sogar, nur Ihrem ungestmen
Angriff sei es zu danken, da man im Stande gewesen wre die Wilden von
der Erstrmung des Arsenals abzuhalten, dessen Resultat dann furchtbar
htte sein mssen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der
entsetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus
trockenem Bambus bestehende Gebude gefeuert htten.

Toll genug wren sie dazu gewesen lchelte Ren -- aber hat man keine
weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder schieen
hren -- was bedeutet das?

Ihre Landsleute beabsichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre
Befestigungen erwiederte Susanna, aber man verzweifelt hier selber
an dem Erfolg, denn durch die frheren Verluste gewitzigt, haben die
Insulaner jetzt eine Stellung eingenommen die fast unnehmbar scheint,
und sicherlich noch viele Leben kosten wird, wenn nicht ein gnstiger
Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlssel dazu in ihre Hnde
spielt. Sie sehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen
Ruhe und ich frchte ich habe Sie durch -- mein Schwatzen nur mehr
aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein, aber so lange ich noch hier bin
-- und bis nicht liebere Hnde kommen mir das Amt abzunehmen -- setzte
sie leiser hinzu -- gestatten Sie mir wohl wieder da ich Ihre Pflege
bernehmen darf. Es ist ja doch nur noch so kurze Zeit die wir zusammen
sind, und ich mchte wenigstens mit der Beruhigung von hier scheiden,
da Sie Ihrer Genesung rasch entgegen gehn.

Die Fleischwunde wird heilen sagte Ren dster.

Und mit der erstarkt auch der Geist fiel rasch Susanna ein; glauben
Sie mir, Ren, so lange der Krper nicht gesund ist, scheint uns die
Sonne selbst matt und trb, und das Leben oftmals eine Last; doch mit
dem gesunderen Blut kehrt Muth und Freudigkeit in unser Herz zurck. So
schlafen Sie wohl jetzt, und mgen freundliche Trume ihrem Geist die
Stimmung geben die er braucht -- wenn Sie sich gestrkt haben, kehr ich
zu Ihnen zurck -- gute Nacht! und mit freundlichem Kopfnicken die Hand
ihm entziehend, die sich leise wieder der seinen gefgt, glitt sie aus
dem Zimmer, den Kranken sich selber und seinen Gedanken, seinen Trumen
berlassend.

Susanna bernahm jetzt wieder das Amt als Rens Wrterin, jede Stunde
fast die Ankunft der Reine-Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit
die vollstndig zum Auslaufen bereite Jeanne d'Arc entsenden konnte;
aber sie vermied von da an allein mit dem Kranken zu sein, und was sie
zusammen reden konnten betraf nur gleichgltige Gegenstnde. Auch einen
Brief hatte Ren mit Adolphes Hlfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu
geschrieben, Sadie von seinem Unfall in Kenntni gesetzt, und sie
gebeten den rckkehrenden Missionscutter zu benutzen und mit dem Kind
zurck nach Papetee zu kommen, wenn sie sich seinetwegen ngstige;
aber es gehe besser mit ihm und er hoffe selber doch, wie ihm der Arzt
gesagt, sptestens in drei bis vier Wochen dessen Sorge entbehren und
hinber zu knnen, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herstellen und
gesund machen wrde. Er entschuldigte sich dann auch, trotz Adolphe's
Kopfschtteln, bei Sadie, da er selber die Waffen aufgegriffen
gegen ihre Landsleute; aber sie hatten ihn dazu gezwungen, es war in
Selbstvertheidigung gewesen, und er blieb nicht Soldat, sondern kehrte
nach Atiu zurck.

Mit dem Brief wurde ein junger Bursch in das Missionshaus geschickt,
einen der Ehrwrdigen Herren dort, der gerade nach Atiu hinberging,
zu bitten ihn richtig zu besorgen, und womglich die junge Frau selber,
jedenfalls aber eine Antwort zurck zu bringen.

Mr. Rowe, der sein frheres Amt wieder aufgenommen, und eben im Begriff
stand sich nach Atiu einzuschiffen, erhielt Brief und Botschaft.

An Madame _Sadie_ Delavigne sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die
Adresse des Schreibens lesend -- und der Brief wurde Dir fr _mich_ von
Herrn Delavigne gegeben?

Fr den Mitonare der nach Atiu ging sagte der Bursch etwas bestrzt;
wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.

Es ist recht sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, der Brief
ist in guten Hnden -- und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?

=Ai ta vau i ite, mi to na re= antwortete der Insulaner achselzuckend
-- er liegt noch im Bett -- bse Wunde.

Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon
deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair
hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen
Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, lie sich den Abschied
nicht zweimal gesagt sein, und scho wie der Blitz zur Thr wieder
hinaus und in's Freie.

       *       *       *       *       *

Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; Ren's Wunde hatte sich so weit
gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte
Entzndung seinen Arm so gelhmt, da er noch nicht im Stande war ihn
wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb
ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn
auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm
herum ging, diesen so stark berhrt, da sie neben der gefhrlichen
Wunde noch eine Gehirnerschtterung hervorrief, die ihn so lange
bewutlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte.
Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der
Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon
einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als da der junge Mann
nicht jetzt die vaterlndischen Bder besuchen knne, die ihm gewi von
groem Nutzen sein wrden. Er hoffe allerdings auf eine vollstndige
Herstellung, aber er knne allerdings nicht dafr einstehn, und msse
ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklren, da sich die Sache, im
allergnstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen wrde.

Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurckgekehrt, hatte
aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der
Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht,
deren Schweigen sich Ren nicht zu erklren vermochte, und das ihn
beunruhigt haben wrde, wenn er nicht selber beabsichtigt htte jetzt
bald selber dorthin zurck zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und
er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen
Qual entheben und Ruhe -- o so hei ersehnte Ruhe bringen solle.

In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt --
noch an dem nmlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die
Post von Frankreich -- Briefe aus der Heimath.

Briefe aus der Heimath -- oh wie der Klang dem Herzen des fremden,
wegemden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. -- Die lieben,
so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewnschten Zge theuerer Hand
-- die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und
die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken -- die wieder und wieder
ausgesprochene Bitte heimzukehren -- heim in offene Arme, an treue
Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von
Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn -- ach es
ist ein frohes, ein seliges Gefhl, und selbst die fremde Welt die uns
gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glht
und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frhlingsgru dem Heimgekehrten,
auf vaterlndische Matten ihre milden Strahlen werfe.

Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glcklichen denen
ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, gekt und
wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.

Nur Einer, von alle diesen sa still und in sich gekehrt, unzufrieden
und schwermthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand
gesttzt, das Auge starr und bewutlos auf die wehende Palme geheftet,
die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches
Rauschen in das stille Gemach flsterte.

Es war Ren -- einen offenen Brief vor sich auf dem Schoo, und mit
ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfllt, Gedanken denen selbst der
Heimath Gru das Bittere nicht rauben konnte.

Da die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe
sagt murmelte er dabei leise vor sich hin -- jetzt wr's vorbei --
drunten im khlen Grund lg ich still und friedlich, einer anderen
Welt entgegen zu trumen und Sadie -- beweinte mich, wie man den
Hingeschiedenen beweint und lebte glcklich unter ihren Palmen fort.
Arme Sadie -- der alte wackre Osborne hatte recht, nur da die Warnung
damals zu spt fr uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von
Allem, was ich in frherer Zeit erstrebt, und bin ich glcklich? --
elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender
Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das frhliche Wiehern
der vorbeistrmenden Kameraden hrt, und kein Ziel mehr hat dem es
entgegenstreben _darf_, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die
breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's
mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog --
vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das se Futter im Trog und
-- die Flechsen zerschnitten -- nicht einmal sterben kanns.

Hallo Ren, so trb und traurig hier allein? rief eine frhliche
Stimme und Adolphe stand vor ihm -- bse Nachrichten im Brief? Du
machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen
vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?

Ren wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke
Hand -- die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wute selbst nicht
recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm
Gelegenheit das Gesprch nach anderer Richtung hin zu wenden.

Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe sagte er endlich, ihm den
offenen Brief hinber reichend, da lies selbst.

Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:

Das lt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was
ihnen gutdnkt. Wr ich wie Du, ich ging auf's nchste Schiff und
regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst
hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an
Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz.
Ueberdies ist die Sache gar nicht unbetrchtlich und schon eine solche
Reise werth; und das nicht allein, Du schlgst zwei Fliegen gleich mit
einem Schlag, denn, Ren, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner
Wunde steht; ohne die grte Vorsicht und Pflege kannst Du mglicher
Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt
noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bder dem
vorzubeugen. Du httest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit
demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.

Ren sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging
ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. Zurck nach
Frankreich? -- er selber? -- mit--

Nein, nein rief er pltzlich in ngstlicher Hast, als ob er selber
frchte der Versuchung nicht widerstehen zu knnen, die ihm so
entsetzlich lockend vor die Seele trat; zurck nach Frankreich? nein,
nein, das ging nicht an -- und wenn nur zum Besuch? Sadie -- Sadie
murmelte er leise und wie beschwrend vor sich hin.

Und was wrde Dich hindern Deine Frau mitzunehmen? sagte Adolphe, dem
das leise geflsterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pause -- es
wre zugleich eine Art Probierstein fr Dich fr sptere Zeiten.

Nein Adolphe, nein sagte aber Ren nach kurzem Sinnen, seinen Platz
am Fenster wieder einnehmend, denn der Arm fing ihn an zu schmerzen vom
vielen hin- und hergehn -- nie im Leben wrde sich Sadie dort glcklich
fhlen -- noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimischen
Boden entrissen, mte sie verkmmern und -- so lebensfrisch sie hier
im Schatten ihrer Palmen blht, untergehn. Und dann zugleich mit --
Brouards.

Es wre eine so schne Gelegenheit, wie Du sie Dir nur wnschen
knntest.

Ja -- Du hast recht und doch -- es geht nicht; auch gbe Sadie nie ihre
Einwilligung dazu -- und die Reise mit dem Kind.

Bah, bah, das sind Kleinigkeiten wenn man sonst nur will lachte
Adolphe, doch das mache mit Dir selber aus; wichtig genug ist es aber
jedenfalls es Dir genau zu berlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal
viel Zeit, denn heute Morgen schon wurde ein Schiff signalisirt das, wie
man allgemein glaubt, die =Reine blanche= ist.

Die =Reine blanche=? -- schon jetzt? rief Ren rasch und Adolphe sagte
lachend:

Nun, das ist nicht bel -- seit drei oder vier Wochen wird sie stndlich
fast erwartet und dumpfe Gerchte gingen schon, da sie irgendwo
vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du sagst schon
jetzt? Dir mu die Zeit ungeheuer rasch verflogen sein. Doch ich mu
fort, Ren brach er, nach der Uhr sehend ab, der Gouverneur hat mich
rufen lassen; gegen Abend seh ich Dich wieder und -- berleg Dir's.

Ren schttelte langsam und ernst den Kopf, whrend Adolphe mit
freundlichem Gru das Zimmer verlie, und gleich unten an der
Thr Lieutnant Bertrand traf, der langsam mit ihm die Strae
hinabschlenderte.

Das signalisirte Schiff war in der That die =Reine blanche=, die zwei
Stunden spter etwa, unter dem grenden Donner der Kanonen, in den
Hafen einlief. Der Admiral kam aber an diesem Tag gar nicht an Land,
sondern empfing nur die von Frankreich fr ihn eingegangenen Depeschen
und schrieb bis spt in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er
eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam
Ordre sich auf den nchsten Tag segelfertig zu halten. Zu seinem
Erstaunen aber bekam Ren eine Einladung an Bord des Admiralschiffs zu
kommen, wo =Du Petit Thouars= ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu
sprechen wnschte. Er ging um die bestimmte Zeit und fand dort,
auer dem Gouverneur Bruat, Monsieur Belard und Brouard, und mehre
franzsische Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand.

Lieber Capitain Delavigne redete ihn der Admiral gleich nach seinem
Eintreten freundlich an -- ich habe einen Auftrag fr Sie -- einen
wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausfhrung mir
viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen passenden Mann
suchen wollte. Diese Herren hier haben mir Alle einstimmig Sie
vorgeschlagen, und auf so gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich
in Sie denn auch mein volles Vertrauen setzen zu knnen. Was sagen Sie
dazu?

Ich erwarte Ihre Befehle zu hren sagte Ren, wirklich jetzt
neugierig, auf was das Alles hinauslaufen sollte.

Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehn sagte der
Admiral lchelnd -- wollen Sie gehn?

Herr Admiral! rief Ren berrascht, fast erschreckt.

Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein fuhr aber =Du Petit Thouars=,
ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, fort, denn ich habe mich
schon selber gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hier auf
Tahiti stattgehabten Vorfllen lt es sich denken, da nicht allein die
Protestanten in Europa, sondern auch manche Leute, die mir gerade
nicht freundlich gesinnt sind, die Sache so weit zu unserem Nachtheil
ausbeuten werden, wie nur irgend mglich. Wir werden den friedlichen
Naturkindern gegenber als Barbaren und Gott wei was sonst noch
hingestellt werden, und besonders zweifle ich nicht daran, da die uns
feindlich gesinnten Missionaire das ihrige nach besten Krften thun
werden, unsere Thaten recht schwarz und entsetzlich anzustreichen. Dem
zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen gewesen und
die Verhltnisse hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhngig und
unbetheiligt, bis Ihnen die Notwendigkeit und Selbsterhaltung die Waffen
in die Hand zwang, dem Kampfe zugesehn, und ich verlange nichts weiter
von Ihnen, als da Sie der franzsischen Regierung meine Depeschen
berbringen, und dort Alles so, der Wahrheit treu, schildern, wie Sie es
hier gefunden.

Dieser so ehrenvolle Auftrag -- stammelte Ren und der Admiral fiel
ihm in's Wort.

Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit sich von ihrer Wunde, die,
wie ich gehrt habe, keineswegs so ganz harmloser Natur ist, wieder
vollstndig zu erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres
bisherigen Arztes, der natrlich mit seinem Schiffe geht und haben,
glaub' ich, wenn ich recht unterrichtet bin, ganz angenehme Gesellschaft
unterwegs, eine Seereise von vier Monat etwa, schon ertrglich zu
machen.

Lieber Delavigne nahm jetzt Monsieur Belard das Wort -- es wird
Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, die sogar mit den vorteilhaftesten
Umstnden fr Ihre eigene Gesundheit zusammentrifft, und manchen Anderen
unendlich glcklich machen wrde -- ich glaube Ihnen gratuliren zu
drfen.

Aber meine Frau rief Ren, so ehrenvoll Ihr Vertrauen fr mich ist,
Herr Admiral, und mit so groem innigen Dank ich versuchen wrde ihm zu
entsprechen, so hab' ich doch Pflichten hier zu erfllen, die ich nicht
vernachlssigen _darf_, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken
wollte.

Ich wei, Sie haben ein Indianisches Mdchen zur Frau genommen
lchelte der Admiral -- sie ist auf einer der Nachbarinseln? machen Sie
sich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwlf Monate die Sie abwesend zu
sein brauchen, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurck kommen _wollen_,
soll sie unter unserem Schutze stehn.

Aber sie wei kaum da ich verwundet bin -- erwartet mich
wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich _drfte_ nicht eine solche Reise
unternehmen, ohne sie vorher nicht wenigstens noch einmal gesehn,
gesprochen zu haben.

Auch das liee sich vereinigen erwiederte der Admiral, dem daran
gelegen schien, gerade den jungen Mann fr seine Mission zu gewinnen --
sagten Sie nicht Atiu hie die Insel, Monsieur Belard?

Atiu ist der Name.

Gut; bei einer Reise von so viel Monaten kommt es nicht auf einen
einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne d'Arc mag Atiu
anlaufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Parthie se
Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord nehmen, die doch hier jetzt nicht
so leicht zu bekommen sind. Ist der Wind nur einigermaen gnstig, so
behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu
sagen. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?

Ihre Gte Herr Admiral.

Schn, schn -- ich will Sie auch nicht drngen; die Sache ist
allerdings wichtig fr Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein
Versprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist; bis dann _mu_
ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also -- er
nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit, etwa drei Viertel auf zwei
Uhr -- wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier und dann
knnen Sie gleich mein Gast zu Tisch sein; also auf Wiedersehn bis
dahin; und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand
winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog sich mit ihm in seine
Privatcajte zurck.

Triumph! rief Adolphe, als er mit Ren und Bertrand wieder im Boote
sa, und rasch dem Lande zuruderte, Triumph Ren -- Mensch, wenn Du
Dir Alles beim lieben Gott bestellt httest, konnte es nicht besser
ausgefallen sein -- die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine wahre Ironie.

Was _soll_ ich thun? sagte, tief aufseufzend, Ren.

Was Du thun sollst? wiederholte Bertrand erstaunt -- zugreifen mit
Lust und Wonne, und Gott auf den Knieen dafr danken. Mir fllt es die
Brust mit unbeschreiblicher Seligkeit, da wir die Fahrt jetzt wieder
heimwrts lenken, und Du stehst noch da und sinnst und berlegst. Ren,
Ren, wenn Du Dir diese Gelegenheit entschlpfen lt, bereust Du's
sicherlich -- die kehrt nicht wieder.

Ich wei auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine so
lange Reise zu unternehmen sagte Ren jetzt sinnend. Ich mu doch
jedenfalls erst den Arzt darber fragen?

Gehst Du jetzt zu Hause? frug Adolphe.

Bald wenigstens.

Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich wei wo
er sich in diesem Augenblick aufhlt, und komme selber spter vielleicht
Dich wieder abzuholen, hre jedenfalls Deinen Entschlu und kann Dir
dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte
Dich Gott, Du kannst's brauchen lachte der Freund, und seinen Arm in
den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das
eben Geschehene besprechend, die Strae nieder.

Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert
und schon zu Haus als Ren, der noch eine Zeit lang in peinlicher
Unentschlossenheit die Strae auf und ab gelaufen war, langsam die
Treppe hinaufstieg. Er hrte dabei da sich die beiden Eheleute eifrig
und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stren, auf
sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild
auf ihn einstrmenden Gedanken und Plnen, aber Monsieur Belard hatte
ihn kommen sehn, und lie ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.

Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne? rief ihm die
kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schttelnd,
entgegen, und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards -- Himmel, das
wird eine frmliche Einde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken
Sie zurck zu sein?

Ich wei noch wahrlich nicht einmal ob ich berhaupt gehe -- ob ich
gehen _darf_ sagte tief aufseufzend der junge Mann -- noch habe ich
zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.

Die arme Sadie wre freilich bel d'ran sagte traurig die junge Frau
-- das wrde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben -- o Ihr
Mnner seid doch grausame rcksichtslose Menschen.

Aber lieber Gott entschuldigte ihn hier Belard -- er bleibt ja doch
keine Ewigkeit fort, und Geschftsreisen gehen nun einmal dem huslichen
Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschft bestehen kann.
Wenn Ren _nicht_ selber nach Frankreich geht, so bin ich fest berzeugt
da er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort
stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in
Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinber mu. Dann aber kann er
schweres Geld fr die Reise bezahlen, whrend er sie jetzt im Gegentheil
honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei
hat. Susanna war schon ganz glcklich wie sie es hrte. Auerdem aber
ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er
hier bleibt, lebenslnglich mit einem steifen Arm herumluft, oder sich
jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.

Ist wirklich die Gefahr vorhanden? frug Madame Belard besorgt. Ren
zuckte mit den Achseln.

Gott nur wei es sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein
Gewicht von der Brust wlzen wolle -- mir aber schnrt es das Herz
zusammen in Angst und Sorge -- ich _kann_ nicht gehn. Mag mir der Arm
gelhmt bleiben fr Lebenszeit -- mag ich das Geld verlieren daheim
-- Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon gergert und
geqult damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind _so_ nicht verlassen.
Wenn ihnen nun etwas geschhe whrend ich fort bin, knnte ich je wieder
des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge
schauen?

Sie haben recht seufzte Madame Belard, Monsieur Belard aber sagte:

Unsinn -- jagen Sie sich die Grillen aus dem Kopf; erstlich legt Ihr
Schiff da an, und dann werde ich selber im nchsten Monat nach den
Gesellschaftsinseln und der Cooksgruppe hinber gehn, meine Einkufe zu
machen -- dann verspreche ich Ihnen da ich dort vorfahren will, und hat
Sadie Lust, ei so bring ich sie mit zu uns herber, und sie mag bei uns
bleiben bis Sie zurckkehren. Meine Frau wird sich doch fr jetzt einsam
genug fhlen, wenn Sie Alle fort sind.

Sie kommt nicht her zu uns sagte die kleine Frau, mit dem Kopf
schttelnd -- ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten und ich wre die
Letzte, die Delavigne zureden wrde einen solchen Schritt zu thun; er
mu es selbst am besten wissen -- und so ganz ohne Abschied.

Papperlapapp -- mach Du ihm nun auch noch das Herz schwer rief aber
Mr. Belard dazwischen -- ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll
sich die Sache selber und ruhig berlegen.

Ruhig berlegen sagte Ren tief aufseufzend -- ruhig berlegen, wo
mir das Herz zerrissen ist -- ich _kann_, ich _darf_ nicht fort -- doch
ich stre Sie hier setzte er rasch, seinen Hut wieder aufgreifend,
hinzu -- ich will hinber in mein Zimmer gehn -- wenn der Arzt kommen
sollte, bitte -- schicken Sie ihn wieder fort -- ich werde ihn heute
Abend selber aufsuchen.

Und rasch sich abdrehend, seine Bewegung zu verbergen, suchte er sein
eignes kleines freundliches Gemach, und warf sich hier den Kopf gesenkt
in einen Stuhl, inde die Augen trb und sorgenschwer den Boden suchten.

Wohl eine Stunde hatte er so gesessen, die ihm gegebene Frist war bald
abgelaufen und noch kmpfte sein Herz unentschlossen an gegen alles
das, was ihm verfhrerisch lockend vorgehalten wurde, als ein leichter
Schritt selbst in seinem Zimmer ihn rasch aufschauen machte, und er mit
freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mdchenbild erkannte, das seine
Trume gefllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert
hatte.

Susanna! rief er, halb flehend, halb abwehrend, und er mute gewaltsam
an sich halten, das Gefhl jetzt zu bergen, das in ihm tobte.

Er hatte sie noch nie so schn gesehn; das volle, kastanienbraune Haar
konnte kaum in seinen reichen ppigen Massen von einem lichtblauen
seidenen Netz gehalten werden, und quoll und drngte aus jeder Masche
hinaus in's Freie; den schlanken Krper umschlo ein einfach dunkles
Seidenkleid, das dem makellosen Teint nur noch hhern Reiz verlieh, und
in den dunklen Augen lag heute ein so eigener, wunderbarer Schmelz, ihn
schwindelte hinein zu sehn in dieser Sterne Tiefe.

Ich hatte mich so gefreut sagte sie endlich mit leiser, aber sonderbar
bewegter Stimme, einer Mischung von Unmuth und Schmerz, von getuschter
Hoffnung sowohl, wie gekrnkter Eitelkeit, dem sogar das Bittere im
Ton nicht fehlte -- da wir Reisegefhrten auf so langer, sonst so
langweiliger Fahrt werden sollten -- aber wie mir Marie jetzt sagt
haben Sie sich anders besonnen, und knnen sich nicht auf die paar Monat
trennen von Atiu.

Oh Susanna rief Ren bittend -- sein Sie nicht grausam -- haben Sie
Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.

Mitleid? sagte das junge schne Mdchen kalt -- Sie scherzen wohl,
Herr Delavigne, in welcher Art sollte ich Mitleid mit der -- Indianerin
haben? _Mitleid_ wiederholte sie mit sonderbar bewegter Stimme -- das
ist das falsche Wort -- wer hat Mitleid mit -- doch was steh' ich da
und schwatze; brach sie rasch, fast ngstlich ab, whrend ein leichtes
flchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen fr einen Moment frbte,
und dann eben so rasch verschwand -- ich habe noch so viel zu thun --
will aber auch nicht bse auf Sie sein setzte sie freundlicher hinzu
-- ich habe Ihnen schon frher versprochen Ihre Briefe fr Sie nach
Frankreich zu schreiben -- Sie sollen mir dieselben heute Abend, wenn
Marie zu Hause kommt, die jetzt Madame Brouard packen hilft, diktiren.
Wie geht es heute Ihrem Arm?

Gut -- sehr gut hauchte Ren.

Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen sagte
das schne Mdchen, halb von ihm abgewandt -- und das ist einigermaen
eine Genugthuung mir das zu denken -- ich bin nicht im Stande Sie anders
zu strafen.

Susanna.

Schon gut -- es ist Alles vorbei -- heute Abend erwarte ich Sie drben
zu unserer Correspondenz -- ich mu jetzt fort.

Susanna.

=A revoir, monsieur Delavigne= sie winkte ihm leicht mit der Hand und
verlie, sich rasch abwendend, das Gemach.

Ren blieb, die Augen fest und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele
Minuten lang im Zimmer stehn; seine Pulse schlugen -- seine Stirn
glhte, seine Glieder zitterten in Fieberfrost, und wie bewutlos
endlich griff er seinen Hut auf und strmte in's Freie -- an den Strand
hinunter -- dort lag ein Boot.

Gerade zur rechten Zeit, Monsieur! rief der Bootsmann der Jeanne
d'Arc, dessen rasch aufgeworfene Hand die eben eingetauchten Riemen
seiner Leute zurckhielt.

Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten -- es
ist zwei vorbei und ich wollte eben hinber fahren an Bord des
Admiralschiffs, weitere Befehle einzuholen.

Ren erwiederte kein Wort -- er sprang in das Boot und wurde an Bord
gerudert.

Nun Delavigne! rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der =Reine
Blanche= auf dem Quarterdeck auf und ab ging -- das ist brav, da Du
kommst -- der Admiral hat Dich schon mit Schmerzen erwartet. Und Du bist
der unsere?

Ich bin's sagte Ren leise und des Freundes Jubelruf nicht
beantwortend und ihm nur die gebotene Hand fest und leidenschaftlich
drckend -- verschwand er die Cajtstreppe hinab in den inneren Raum.

       *       *       *       *       *

Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht gereeften Segeln peitschte
die Jeanne d'Arc gegen die bumenden zrnenden Wogen an, bis in den Kiel
erzitternd vor den gewaltigen Sten, mit denen sich die See seinem Bug
entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papetee
mitgenommenen Passagiere lagen, mit Ausnahme eines einzigen, halbtodt an
Seekrankheit in ihren Coyen.

Den linken gesunden Arm um eine der Besahnwanten geschlagen, stand an
der Luvseite des Quarterdecks, den stieren glanzlosen Blick fest auf die
zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben sichtbar vorschimmernden Insel
geheftet, Ren Delavigne -- neben ihm, das Telescop in der Hand, und
den linken Arm, sich zu sichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain
Sinclair.

Sie sehn, Delavigne sagte er endlich, nachdem er lange und aufmerksam
durch das Glas geschaut, und dieses wieder von den Augen nahm, der
Sturm will nicht nachlassen, und ich bin nicht im Stande, so leid es mir
selber thut, die Insel anzulaufen. Ja tht ich es selbst, in dieser See,
was ich Ihnen gar nicht zu sagen brauche, knnte nicht einmal ein Boot
leben. Auerdem bin ich hier in einem, mir vollkommen fremden und von
verborgenen Klippen bedrohten Fahrwasser. Sie wissen wie wir gestern
fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wren
_Alle_ verloren gewesen wenn wir das trafen.

Sie haben schon weit mehr gethan, Capitain Sinclair sagte Ren mit
ruhiger, aber fast tonloser Stimme, als ich je gewagt htte von Ihnen
zu erbitten -- mehr fast als sie verantworten knnen. Ich sehe ein
da es unmglich ist Atiu zu erreichen, ja da wir selber hier mit
einbrechender Nacht vielleicht gefhrdet wrden lnger zu kreuzen. Ich
bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.

Lieber Delavigne sagte der Capitain gerhrt, ich fhle ganz das
Bittere Ihrer Lage, aber trsten Sie sich auch wieder mit einer baldigen
Rckkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herber und hinber, wie
bald trgt uns das gute Schiff an die heimische Kste. -- Gingen Sie
aber jetzt nicht lieber hinunter? -- wenn ich das Schiff vor dem Wind
abfallen lasse, knnen wir wohl ein paar Seeen hinten ber bekommen,
ehe die Segel ordentlich gefat haben; die See geht gerade nicht so
ungeheuer hoch eine Gefahr zu befrchten, aber es ist doch unangenehm.

Ich danke Ihnen sagte der junge Mann leise -- wenn ich Ihnen hier
nicht im Wege bin, mchte ich oben bleiben, bis wir -- den anderen Cours
liegen -- es ist so bald Abend.

Wie Sie wollen, Delavigne -- bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. --
Monsieur Roland wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf
der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war -- wir
wollen die Marssegel lsen -- lassen Sie dann Sd Sd Ost anliegen.

Zu Befehl, Monsieur.

Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte ber Deck; wie die Katzen liefen
die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu
lsen und die Segel auszuschtteln, und gleich darauf stiegen die Raaen
unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit
dem ganzen Gewicht ihres Krpers in das Tau legten, empor. Der Bug des
Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebrat
und der stolze Bau, der bis jetzt mhsam gegen die schweren Wogenmassen
angekmpft, flog, von den nachpressenden noch gedrngt und geschoben,
pfeilgeschwind ber die rauschenden, zischenden, schumenden, strzenden
Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade
hinter sich lassend.

Dsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem
Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden
Nacht. Ren stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen
Schiffes, hinter dem die spritzenden schumenden Wogen dreinstrmten,
die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in dsterer Ferne
verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese
Erde zum Paradies geschaffen -- Alles -- Alles, und das, ein Punkt, am
Horizont verschwand.

Arme Sadie hauchte er leise, und mit der Gewiheit des Verlustes
empfand er erst -- zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was
er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das
Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig
seiner harrend mit dem Kind -- dem sen, lieben herzigen Kind auf
jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach
Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille
Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf ber ihre Lippen kam, da brach
ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch fllten Thrnen, heie
brennende Thrnen der Reue seine Augen.

Und drben am Horizonte verschwand inde das Land -- noch ein dnner
Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum,
wie der dunkle Schattenrand des dmmernden Meeres selber -- und jetzt --
das Auge fand ihn nicht mehr -- Joranna -- Joranna hauchten die Lippen
und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in
seiner Hand.




Capitel 8.

Schlu.


Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit
unerschtterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den tglich wachsenden,
ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht
Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen
errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff
kaltbltig und unerschrocken zurck. Neue Schiffe kamen aber, mehr
und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern
selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte
zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wre es vielleicht noch so
viel Jahre lnger unentschieden geblieben, htte ihnen nicht Verrath die
Schluchten der Berge geffnet.

Durch die Missionaire fortwhrend in der thrichten Hoffnung gehalten,
da ihnen England doch noch, und zwar in krzester Frist Hlfe schicken
wrde, zerstrte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen
Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und
aufrichtig erklrte, so viel er wisse beabsichtige die Englische
Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe
wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen,
und sie mchten sich deshalb nicht falschen, betrgerischen Hoffnungen
hingeben, die sie nur ber ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre
fhren, und zu unberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten
treiben mten.

Pomare blieb an Bord der Basilisk, bis eine Englische Fregatte, der
Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in
Papetee eintraf, und nach vorhergegangener Besprechung mit Gouverneur
Bruat, die Knigin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erster
Gemahl wohnte, hinberbrachte, dort die Entscheidung der Mchte ruhig
abzuwarten.

England hatte inde die Behandlung seines Consuls nicht so ganz
ungeahndet knnen hingehn lassen, whrend die Franzsischen Klagen
gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweise bekrftigt wurden, sie ganz zu
verwerfen. Die Franzsische und Englische Regierung deshalb, nicht
einer so trostlosen Sache wegen einen Europischen Krieg zu beginnen,
vereinigte sich dahin, da die erstere den Admiral =Du Petit Thouars=,
der bei seiner Rckkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch
empfangen und mit einem Ehrensbel beschenkt wurde, trotz seiner
Vertheidigung das Kommando entzog; die Englische Regierung dagegen
versprach Mr. Pritchard, der sich den Franzsischen Interessen zu
feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzosen
in Besitz genommenen Inseln zu senden.

Am 19. Juni 1847 erlieen die beiden Gromchte England und Frankreich
ebenfalls eine Deklaration, in welcher sie die Unabhngigkeit der Inseln
von Huaheine, Raiatea, Bola Bola etc. -- erklrten, wie zugleich unter
. 3 bestimmten, da kein Huptling von Tahiti zu ein und derselben
Zeit ber jene Inseln regieren knne.

Nicht allein da die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen
war, sondern die ihnen bis jetzt wenigstens tributpflichtigen Stmme
wurden, um die Franzosen fern zu halten, ihrer Oberherrschaft jetzt
ebenfalls entzogen, und der Knigsstamm der Pomaren sah seinen Stern
untergehn auf ewig.

Ueber den Schlu des Krieges, den die Eingeborenen mit so wackerem Muth
und fabelhafter Ausdauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunst so
weit berlegenen Fremden fhrten, sagt ein Missionsbericht vom Januar
1847 das folgende:

Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von
Atiu ber dem Hautaualager (dessen Thal unmittelbar hinter Papetee
liegt und eine Passage durch das Innere zu den beiden anderen Lagern
erffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde eine
Position nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen.
Er war von den Eingeborenen desertirt, und erbot sich in Papetee die
Feinde fr eine besonders bestimmte Belohnung -- ich glaube 200
Dollar -- dort hinauf zu fhren. Nicht lange nachher marschirten fast
smmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmasse formirte sich in
Schlachtordnung auf der gewhnlichen Passage, wie im Begriff einen
neuen, schon so oft abgeschlagenen Sturm zu versuchen, und der Zweck
wurde auch dadurch vollkommen erreicht, denn die Eingeborenen, von denen
eine starke Abtheilung sogar fouragiren geschickt war, richteten ihre
ganze Aufmerksamkeit auf die Vertheidigung des einen Passes. Unter
der Zeit schlich der Atiuer mit etwa dreiig den Franzosen ergebenen
Eingeborenen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekannten Pfad, und
lie von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an diesem eine feste und
schon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieser
folgten nun nach und nach die brigen Soldaten, bis sie Alle die Klippe,
und spter den etwa 1000 Fu hohen Abhang erreicht hatten, wo sie die
Eingeborenen unmittelbar ber ihrem Lager bedrohten, und furchtbare
Verwstung htten unter ihnen anrichten knnen. Die Insulaner sahen auch
bald da weiterer Widerstand vergeblich war, streckten die Waffen und
wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.

Die Einnahme dieses Lagers ffnete den Franzosen jetzt den Weg zu den
beiden anderen befestigten Pltzen; ihnen lag aber keineswegs daran
die Insulaner zu bekmpfen, sie wollten sie sich nur unterwerfen,
und entlieen ihre Gefangenen augenblicklich wieder, sobald sie das
Franzsische Protektorat anerkannt. Einer der entlassenen Huptlinge
wurde dann nach Buaania, der schwchsten Befestigung, als Parlamentair
abgesandt sie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu
drohn. Diese ebenfalls, als sie hrten wie die Sachen doch nun einmal
standen, unterwarfen sich, und streckten dort allein 250 Gewehre.

Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt; die Vertheidiger zgerten
mehrere Tage, endlich aber fgten auch sie sich der Uebermacht und
marschirten, gerade am Neujahrstag, in die Stadt, wo sie ihre Waffen
nieder legten. Sie kamen in langer Procession -- die Huptlinge voran,
dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert
Schritt von den Franzsischen Truppen entfernt machten sie Halt, knieten
nieder und beteten, dann erhoben sie sich zusammen und marschirten in
die Stadt. Indessen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen
Richter ernannt worden, diese empfingen sie mit freundlichem Gru,
bewillkommten sie als Brder und fhrten sie nach dem Gouvernementshaus,
wo sie ihre Waffen frmlich niederlegten und das Protektorat
anerkannten. Eine allgemeine Amnestie (ohne Ausnahme) wurde dann
verkndigt, alle Fehltritte wurden als vergessen betrachtet, und den
Leuten angedeutet sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimath zu
verfgen.

Die geflchtete Knigin kehrte erst im Februar nach Tahiti zurck, wo
sie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Reprsentanten
Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als Knigin von Tahiti
und Morea, _unter Franzsischem Protektorat_ anerkannt wurde. Ein
aufgestelltes Musikchor spielte ein Franzsisches Nationallied und ein
Salut von ein und zwanzig Schssen donnerte seinen Segen dazu.

Ihre Majestt bekam von da an einen frmlichen Gehalt von der
Franzsischen Regierung; etwa in derselben Art wie die abgesetzten
Indischen Frsten auf Java von den Hollndern erhalten und bezahlt
werden, als Mittelspersonen gewissermaen zwischen den Eingeborenen,
fr die sie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhlt
jhrlich 5000 Dollar, und auerdem noch eine nicht unbetrchtliche Summe
als Landzins, fr Beamtenstellen etc. -- so da die ganze Summe fast
8000 Dollar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majestt aber mit Fremden,
die auf Tahiti wohnten oder es besuchten, behielt sich das Protektorat
vor, und eine gewnschte Audienz mute vier und zwanzig Stunden vorher
angezeigt und der Grund der gewnschten Zusammenkunft gegeben werden --
wahrscheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und sie von vorn
herein unmglich zu machen.

So war der _Titel_ den Pomaren erhalten, aber sie hatten aufgehrt zu
regieren.

Die katholische Religion breitete sich dabei ebenfalls mehr und mehr
aus; ein Bischof war von Frankreich herber gekommen, und ein groer
Theil der Indianer wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten
in ihrem Glauben, und sehr Viele berlegten sich die Sache; sie waren
stutzig geworden auf dem eingeschlagenen Weg -- ihr einfacher Verstand
begriff die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Sekten nicht, und
bald dieser bald jener sich neigend, leben sie gleichgltig in den Tag
hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann sie der einen oder anderen
Religion leicht gewinnen.

Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten sich vereinigt, Paofai
und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden,
und die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der
Franzsischen Soldaten nieder, die beim Parademarsch alle jungen
Leute der Umgegend um sich sammelten zu heiterer Lust, als sie auf die
Tapatcher von deren Voreltern nieder geschienen. Die zerschossenen
Brodfruchtbume und Palmen waren entfernt, und andere schon wieder
an ihrer Stelle gewachsen, groe steinerne Gebude aufgefhrt, breite
Straen angelegt, Brcken gebaut und -- Straenlaternen standen auf
behauenen Corallblcken am Strand des Hafens von Papetee.

       *       *       *       *       *

Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Strae von
Tahiti und Imeo eingesegelt und wurde da von Windstille befallen.
Whrend es noch mit schwerfllig gegen den Mast schlagenden Segeln, mit
der Gegenstrmung eher wieder seinen Cours zurckgehend, dort lag, lief
ein kleines, von zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herber an
ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen.

Ein Passagier wnschte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache
vollkommen gut verstand, einigten sie sich bald darber. Das Boot legte
sich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde ber Bord
gehangen, und der Fremde stieg rasch hinab, wo er ohne Weiteres seinen
Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm.

Gerad' da hinber wohin Ihr den Bug jetzt gedreht habt liegt die
Einfahrt der Bai sagte der eine Indianer, als sie das Schiff verlieen
und rasch ber das vollkommen ruhige Wasser dahin glitten.

Ich wei es erwiederte der Europer, ohne die Augen jetzt von dem,
vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten
schweigend weiter. Durch die Einfahrt glitten sie, von der Fluth
begnstigt, rasch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und
da verborgenen Corallenriffe, deren Lage der fremde Mann zu dem
unbegrenzten Erstaunen der beiden Insulaner vollkommen gut kannte, und
landeten endlich in Matavaibai an dem Fu eines ziemlich gut gehaltenen
Gartens, in dem oben eine der gewhnlichen groen Bambushtten, wie sie
die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, stand.

Woher kannte der Fremde den Platz so genau? und doch erinnerte sich
keiner der Beiden, die hier seit ihrer Kindheit wohnten, ihn je
gesehn zu haben. Es war ein schlanker krftig gebauter Mann, und seine
Bewegungen htten fast jugendlich genannt werden knnen, nur da dem
das schon stark ergraute Haar und die tiefen Furchen seines Angesichts
widersprachen.

Neun Jahre hatten Ren Delavigne zum Greis gemacht, so da selbst zwei
seiner alten Nachbarn ihn nicht wieder erkannten.

Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz
wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied
von -- Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den
Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er
brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte
sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehre
und wer es bewohne.

Dies hier? Mitonare -- sagte der Eine von ihnen.

Was fr ein Mitonare? -- ein Ferani oder Kanaka?

Kanaka -- gewi߫ erwiederte der Eingeborene lachend, Kanaka Raiteo
-- da sitzt er fgte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem
Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Strae zu ging,
und Ren erkannte die Gestalt seines alten _Feindes_ oder _Freundes_,
wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit
einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thr unter einem
schattigen Orangenbusch sa und, die aufgeschlagene Bibel neben sich
auf einem Tisch, die Hnde ber einem ansehnlichen Bauch gefaltet,
mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen
schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als mglich
gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit,
die unter den lteren Eingeborenen ungemein hufige Elephantiasis,
erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in
Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare
Krankheit aber weiter gar keine blen Folgen, sondern verleiht
im Gegentheil dem Trger eher noch ein wrdiges achtbares Ansehn,
wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten
werden alt und grau.

Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches =Haremai,
haremai= entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein nher zu
treten.

Wollen wir nicht hin gehn? -- Mitonare winkt sagte der eine Insulaner,
der ihn noch bis zu da, wo oben seine Htte stand, begleitete -- Ren
zgerte auch fast unwillkrlich, aber er wandte sich wieder ab, grte
mit der Hand nach dem wrdigen Mann hinber, und schritt rasch vorbei.

Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen
hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Strae
entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkrlich von einer der
gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange
darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen,
an den Gouvernementsgebuden und Befestigungen vorber, bis er die
kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards
Hause fhrte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drcker, als sein
Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen
trug.

Durch den Garten kam, die Hnde in den Taschen seiner weiten
Nankinghosen, und ein frhliches Lied pfeifend, ein behbig aussehend
alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.

Verzeihen Sie mein Herr redete ihn Ren in dieser Sprache an --
bewohnte nicht dieses Haus in frherer Zeit ein -- Monsieur Belard?

In frherer Zeit allerdings erwiederte jener -- ich habe es von ihm
gekauft.

Und Monsieur Belard? frug Ren rasch.

Ist vor zwei Jahren etwa zurck nach Frankreich gegangen.

Zurck nach Frankreich? -- allein?

Mit seiner Frau.

Und er nahm -- er nahm sonst keine Dienerschaft -- keine Begleitung
mit?

Niemand, so viel ich wei; wir waren bis zur letzten Stunde noch
zusammen.

Ich mu Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anspruch nehmen fuhr Ren
nach kurzer Pause fort -- knnen Sie mir vielleicht Auskunft geben,
ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewrts gelegenen
Inseln gehn?

Selten, die Missionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin
haben sollten, so liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum grer
wie eine Schiffsbarkasse, dessen Eigentmer ihn mir erst heute Morgen zu
irgend einer Fahrt offerirte; den knnten Sie jeden Augenblick miethen.
Sie sind wohl erst ganz krzlich von Frankreich herbergekommen?

Nein Sir; ich habe Frankreich schon mehre Jahre verlassen.

Aber Sie sind Franzose?

Allerdings.

Das dacht ich mir -- doch wir stehn hier so in der Thre, wollen Sie
nicht nher treten?

Ich danke Ihnen herzlich sagte Ren, dem es ein unheimliches Gefhl
war _die_ Schwelle gerade bei fremden Menschen wieder zu berschreiten
-- ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber
gleich nach den Bedingungen. Wissen Sie vielleicht zufllig wo ich den
Eigenthmer finden kann?

Er ist ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden,
knnen Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen -- er fhrt aber nicht
selber, sondern schickt seine Indianer. Sie gehn dazu die erste
Querstrae hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts
hinunter bis Sie --

Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.

Ah, desto besser und mit freundlicher Verbeugung trennten sich die
Mnner.

Der frische Ostpassat blhte die Segel, das wackere kleine Schiff warf
schumend die schimmernden Wellen zurck, die hinter ihnen her tanzten
und sprangen, und in wilder Lust ihre Hupter schttelten, da die
klaren blitzenden Perlen davon absprhten, und der Himmel spannte sich
klar und rein ber das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen
Netz berzogene Meer.

Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit schwellender Leinwand
entgegen strebte, zeigte sich Land -- ber den Horizont auf stiegen die
wunderlich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Insel, und hoben
sich hher und hher, jetzt die einzelnen Conturen der Schluchten und
Berghnge klarer abzeichnend, jetzt den zackigen Baumwuchs selbst, auf
dem oberen Kamm der Hgel deutlich unterscheidend, whrend rechts
und links schon ein schmaler, dnner, blauer Streifen -- das niedere
Palmenland, das die Hgel umgab, ablief, und der Fluth gleichsam
entquoll, als sich das scharfgebaute flchtige Boot mehr und mehr dem
Ufer nherte.

Mein Atiu! flsterte Ren, als er vorn auf der Back des kleinen
Fahrzeugs stand, wo die am Bug aufspritzenden Wogen unter seinen Fen
schumten, mein liebes Atiu -- und dort der Hgelhang, der unvergessene
mit seinen rauschenden flsternden Palmen, den stillen Zeugen meines
schnsten Glcks -- da drben das schmale schattige Thal mit den
duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trgt --
dorthin das Joch, das sich hinber spannt nach jenem Berg, ber den mich
Sadie fhrte in jener Nacht; und da unten -- ha, dort kommt schon
das helle friedliche Dach des Mitonares mit seinem Orangenhain und
Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitstigen Hibiscus
und dem murmelnden Quell am Haus, ber dem die Palme liegt. Es ist noch
Alles so wie ich es verlie߫ setzte er tief aufseufzend hinzu, als das
kleine schmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu strebte, und wieder
nach langen Jahren die stille so wohl bekannte Bai die waldigen Arme
ausstreckte ihn zu begren -- Alles, nur in der eigenen Brust ist es
todt, und am Herzen nagt es und whlt in Schmerz und Reue.

Das Segel fiel -- der kleine Cutter hatte den seichten Corallengrund
erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung
bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker ber Bord zu werfen. Wie
er sank und den Grund fate, schwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth
herum, und die kleinen Fluthwellen kruten in dem sonst hier vollkommen
stillen Wasser an seinem Ankertau und Bug.

Sie lagen kaum dreiig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der
hier berall auszweigenden Corallen wegen, nicht nher hinan kommen und
muten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten
sich indessen eine Menge Mdchen und Frauen und Mnner gesammelt, den
ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und Ren harrte mit
ngstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land -- der ihn
unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht
den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden.
Wer htte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.

Jetzt stie ein Canoe vom Strand -- zwei alte Insulaner saen darin,
und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den
hier berall aufragenden Corallenblcken hin auf sie zu und legte sich
langseits.

Joranna, Joranna! riefen die frhlichen Menschen, Joranna bo-y --
komm an Land Fremder, komm an Land -- wir haben Cocosnsse fr Dich und
Brodfrucht -- komm an Land!

Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt -- er
kannte die beiden Mnner, die manche Nacht in seiner Htte geschlafen
und von seiner Brodfrucht gegessen -- und ihn kannte keiner. Und hatte
er sich denn gar so sehr verndert, und Zeit und Gram sein Antlitz so
entstellt, da ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten?
es war das ein wehes, schmerzliches Gefhl. Aber mnnlich kmpfte er
jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe
er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden
Verderbens auf seiner Seele lastete.

Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinber,
die Ruder fielen ein und wenige Minuten spter raschelten die Korallen
unter seinen Fen.

Und Sadie? -- der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte
nicht ihn auszusprechen, und unwillkrlich suchte der scheue Blick unter
den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch
fast gefrchteten Zge der Geliebten. Sadie, oh wie das Wort ihm durch
die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie
vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren
Schauplatz der Boden hier gewesen.

Er versteht unsere Sprache nicht sagten die Insulaner dabei unter
einander -- er wei nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare
rufen. Und ein paar sprangen dem Hause zu, whrend Andere seine Hnde
ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen
Worten, begreiflich zu machen suchten, da in dem Haus da drben ein
Europer wohne, der sich freuen wrde ihn zu sehn.

Mitonare -- was fr freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele
rief, und unwillkrlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen
wrdigen Mannes in der offenen Thr. Dort aber trat ihm in der That ein
weier Mann entgegen, und Ren erkannte mit freudigem Staunen den alten
trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn
zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen knne. Auch dieser ahnte in dem
ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zgen den jungen lebenskrftigen
Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig
hinein in's Leben strmte.

Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwrdiger Herr sagte Ren mit
leiser Stimme, als ob er schon frchte sich nur im Klang der Worte
zu verrathen -- lebt hier noch -- wohnt noch auf Atiu --? -- Wieder
stockte er -- er brachte den Namen nicht ber seine Lippen.

Wen meinen Sie? sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's
Auge sehend.

Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus stammelte Ren endlich, der
fhlte, da er wenigstens eine Antwort geben mte.

Bruder Ezra wiederholte der Geistliche, leise und nachdenkend dabei
mit dem Kopfe nickend -- Bruder Ezra, ja ja, das war in frherer Zeit
-- jetzt existirt der freilich nicht mehr.

Ist er todt? rief Ren schnell und erschreckt.

Nein, nein lchelte Mr. Nelson, das gerade nicht; im Gegentheil
erfreut er sich eines ganz besonders gesegneten Wohlseins; aber er hat
nur den Bruder Ezra und den Mi-to-na-re abgeworfen und ist, wenn
auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unserer
christlichen Gemeinschaft zurckgetreten. Der arme kleine Mann konnte
die vielen, in ihm von so verschiedenen Seiten wachgerufenen Zweifel,
nicht lnger bekmpfen, und bersprang sein Ziel. Anstatt zu prfen
und das Beste zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich
gleichgltig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.

Und wo ist seine Wohnung?

Nicht sehr weit von hier; gleich ber jenem niedern Hgelhang. Wenn Sie
den Pfad wten --

Ich will Dich fhren, Wi Wi sagte da eine leise Stimme an seiner Seite
und als sich Ren rasch dorthin wandte, sah er sich einer schlanken,
ziemlich abgemagerten Frau gegenber, die ihre Augen fest und forschend
auf ihn gerichtet hielt.

Aia! rief er berrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand und ihn
mit sich fortfhrend sagte sie:

Komm -- ich wei wohin Du willst, und kenne den Weg fast so gut wie
Du.

Herr Delavigne! rief aber auch jetzt der Geistliche, der ihn ebenfalls
erstaunt erkannte -- mein Gott, wie haben Sie sich verndert.

Nicht wahr? sagte Ren mit dumpfer dsterer Stimme, ich bin nicht
jnger geworden in den neun Jahren.

Komm, komm! rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend --
wir Alle nicht -- unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau
-- nur die Erinnerung ist noch frisch und jung; und den, ihr jetzt
willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad
hinfhrend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der
hier erst spter entstanden zu jenem Hgelkamm hinauf, auf dem Sadiens
Lieblingspltzchen lag.

Du hast Wort gehalten sagte sie dabei, still und unheimlich in sich
hinein lachend -- Du bist uns gefolgt -- Du bist gekommen -- Sadie hat
es immer behauptet.

Sadie--

Bst -- bst -- jetzt noch nicht flsterte die Frau -- Du hast wirklich
Atiu nicht ganz vergessen, und _bist_ wiedergekommen -- nur ein
wenig spt -- ein wenig _zu_ spt; und Dein Haar ist so dnn und grau
geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit fuhr sie, pltzlich stehn bleibend
und einen Schritt von ihm zurcktretend fort, und was fr Furchen Dir
das bse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. -- Hm, hm, hm setzte
sie kopfschttelnd hinzu -- das war doch eine trbe Zeit fr Alle --
und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?

Zu spt, Aia? rief Ren mit zitternder Stimme -- sagtest Du zu spt?

Bst, bst wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran
-- kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen
Jahre nicht um sie bekmmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.

Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hgelhang hinan sprang
sie mit flchtigen Stzen, da ihr Ren kaum zu folgen vermochte, bis
sie pltzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat.
Aber Ren folgte ihr nur langsam nach; -- jeder Schritt, jeder Fubreit
hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als
ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt,
lag der Pfad hier, wo der Hgelhang selbst begann und die sorgende Hand
verrieth, die ihn gehalten. Und war das _seinet_ willen etwa geschehn?
-- Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich hher
geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine
Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschlo gegen der
Menschen Blick von unten her, und jetzt -- heiliger Gott -- Sadie -- ein
jher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung,
zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie
und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend,
auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib -- dort stand Sadie
so schn und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen
flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das
dnne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt
gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geffnet, die
Perlenzhne dahinter zu verrathen.--

Sadie! rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze
Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu
glauben wagte, vor seinem ueren Blick doch gleich zusammenschwinden
mute -- Sadie, Du arme -- verrathene Sadie! -- und was der Schmerz
jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er
angekmpft mit all seinem hartnckig mnnlichen Trotz, das brach der
eine Augenblick -- das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie
der wild erregte Strom an seinem Damme whlt und leckt und wscht, und
unermdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn
gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drngt, und in seinem Sturz
die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch
gehalten, den furchtbaren, so drngte sich jetzt seiner Thrnen so lang
und krampfhaft gedmmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie,
hinaus aus den brennenden Augenhhlen -- Sadie und die Stirn in den
khlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er
laut.

Was fehlt dem fremden Mann? -- ist er krank? und woher kennt er meinen
Namen? frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen
Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglckliche empor und schaute, in
krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf
das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm
stand.

Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht,
vernichtet am Boden liegen sah, und whrend auch ber ihre abgehrmten
Zge die klaren schweren Thrnen nieder tropften, sagte sie leise und
mit unendlicher Weiche im Ton:

Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi -- die liegt unter Dir in dem
khlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer
Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmckte Hgel vor Dir deckt
das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und
kalt und rcksichtslos unter die Fe getreten. Es hat Dich mehr geliebt
als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben
und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. -- Kennst Du Dein Kind
nicht mehr?

Mein Kind? -- Sadie? rief Ren, vom Boden aufspringend und die Arme
nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend -- Sadie --
mein armes, armes Kind.

Ist das mein Vater, Aia? frug da mit schchterner Stimme das holde
Kind -- der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und fr den
ich jeden Abend beten mute, wenn dort die Sonne hinter der Hgelspitze
sank?

Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie
nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr
Kpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, whrend er sie mit
leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich prete und ihre
Stirn mit heien Kssen bedeckte, sagte leise:

Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben,
und Mutter hatte Dich so lieb.

Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz flehte der sonst so starke Mann,
den der Schmerz jetzt zu bewltigen drohte -- mein liebes -- liebes
Kind.

Komm -- fort von hier! rief aber jetzt Aia, die es nicht lnger
ertragen konnte, seinen Arm ergreifend -- komm, Ihr qult Euch und mich
und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi,
zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, da wir uns Alle fassen
und vernnftig werden -- mir hat's die Adern bald aus der Stirn
gebrannt.

Und seine Hand nicht lassend, whrend das junge Mdchen, von dem Arm des
Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten
sie langsam den Hgelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein
neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er fhrte zu der jetzigen Wohnung des
Mitonares -- wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen
ankmpfen nannten -- nieder.

Mitonare sa vor seiner Thr, noch behbiger und runder aussehend
vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar
heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natrlichen Tracht, hatte er
nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hften geschlagen, und mit
einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf -- dem einzigen, das er von
der fremden Mode beibehalten -- trug er den Oberkrper nackt, auf dem
die blauen zierlichen Linien der frheren Tattowirungen scharf und
deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgltig hatte er auch wohl bis
jetzt die Schritte der Nahenden gehrt, als sein Blick auf die ihm
verhate Europische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend
und berrascht aufschaute ber solch ungewohnten und auch wohl
unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind
im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit
des Ganzen.

Der Wi Wi! rief er, von seinem Stuhle aufspringend und dem Fremden
fast wie unwillkrlich die Arme entgegenstreckend, dann aber, als ob er
sich pltzlich besann, lie er sie wieder sinken, fiel auf seinen Stuhl
zurck und starrte, die Hnde auf seinen Knieen gefaltet, mit erstaunten
Blicken auf den einstigen Freund, der jetzt so ganz verndert, ein alter
Mann geworden, vor ihm stand.

Mitonare -- Joranna -- Joranna! rief aber Ren, dicht vor ihm stehn
bleibend und ihm die linke Hand zum Gru entgegenstreckend -- hab ich
mich so verndert, da selbst Du, mein alter Freund, mich nicht mehr
erkennst? dann mu es freilich arg sein, und ich darf es den Anderen
nicht verdenken.

Mitonare vernderte aber seine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene
Hand; nur in die schmerzdurchzuckten gefurchten Zge des Zurckgekehrten
aufschauend sagte er leise, und fast mehr mit sich selber als zu dem
Fremden redend.

Das war die Strafe fr begangene Snde von _dem_ da oben, wie er auch
eben heit -- das war das einzige Gute was noch in dem falschen und
leichtsinnigen Wi Wi stak, _das Gewissen_. Das bohrte und stach und
mahnte und lie nicht nach, lie nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder
herber ber das groe Wasser, die Stelle noch einmal zu sehn, wo er
seinen ersten Meineid geschworen gegen den Allmchtigen.

Mitonare flehte Ren, dem die Worte das Herz zerrissen.

Der kleine Mann schttelte mit dem Kopf.

Bah, bah sagte er, Mitonare steckt da drinn in den Kalebassen -- da
Frack, da Halstuch und Weste -- da dicke Buch, und da Schuh und Hemd --
Ahiahi ist ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nhten
gelassen und der heien schwarzen Tapa, und ist jetzt wieder ein _Mann_
geworden, der sich nicht mehr frchtet, und die Sache abwarten will wie
es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Grovater
zusammen -- einerlei wo.

Ahiahi ist bse auf Dich weil Du die Mutter verlassen hast sagte da
Sadie, traurig zu dem Vater aufschauend, er hat sie _so_ lieb gehabt.

Mitonare hatte wahrscheinlich recht ernst und bse bleiben wollen, die
Tne aber schnitten ihm in's Herz, und des Mdchens Hand ergreifend,
winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia sah da er mit dem Wi Wi allein
bleiben wollte, schlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog sie
leise von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Htte rings umgab.

Da bist Du nun wieder auf Atiu, Ren sagte der Mitonare endlich mit
leiser, schmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend
-- da bist Du nun wieder, und wie ist Dir jetzt zu Muthe? -- bs, bs
-- recht bs und weh -- und wie weh erst hast Du allen denen gethan die
Dich so lieb gehabt.

Ren barg sein Antlitz in den Hnden aber erwiederte kein Wort, und der
Mitonare fuhr leise fort:

Die erste Zeit war die Schlimmste -- wie wir so Monat nach Monat saen
und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne
auch nur einen Gru zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel
geweint, und Tage und Nchte lang da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht
von ihrem Schmerz, um hinauszuschauen nach nahendem Segel -- immer,
immer wieder vergebens.

Ren hatte rasch und erschreckt aufgesehen, und sagte jetzt mit vor
innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme:

Und hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, wie ich so schwer
dort verwundet lag? -- den Brief den der Missionscutter selber mit
herber gebracht und den der Missionair -- ich wei nicht welcher --
versprochen hatte in ihre Hand zu geben und sie selber, und wenn nicht
das, doch wenigstens Antwort mit zurck zu bringen?

Einen Brief? -- der Mitonare? sagte der kleine Mann kopfschttelnd --
und wann war das?

Nur wenige Wochen nachdem sie mich verlassen erwiederte Ren schnell.

Da war Bruder Rowe selber hier sagte der Kleine kopfschttelnd,
und wute von Nichts -- hat kein Wort gesagt, keinen Brief -- keine
Nachricht gehabt fr uns --

Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an? frug Ren in immer
wachsender Angst.

Der Mitonare schttelt aber traurig mit dem Kopf und sagte:

Keiner -- kein Brief, keine Nachricht -- bis -- bis der Mitonare zum
letzten Mal zu Sadie kam -- da hat er viel gesagt, und dann -- setzte
er mit tief bewegter, kaum hrbarer Stimme hinzu -- dann war's vorbei.

Allmchtiger Gott, so sind meine Briefe verloren oder unterschlagen
rief Ren zerknirscht, und Sadie hat glauben mssen ich htte nie
wieder ihrer gedacht.

Nie wieder ihrer gedacht? sagte der Mitonare finster, bah, bah, was
htte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi selber fortblieb, und den hat
doch Niemand vergessen knnen als er selber.

Arme, arme Sadie sthnte Ren.

Ja wohl arme Sadie sagte der Mitonare traurig -- und wie der finstere
Mann erst einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drben gewesen
war ber dem groen Wasser, und wie er zurck kam und von dem Wi Wi
erzhlen konnte, da er ihn drben gesehn--

Ren wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte
von den Lippen rauben zu wollen, so fest hafteten seine Augen daran.

Als er von dem groen Haus sagte in dem er dorten wohnte -- fuhr
Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt selber schchtern, als ob
die Verstorbene noch einmal die Kunde hren knne, die ihr damals den
Todessto gegeben -- und da er -- da er sich wieder eine andere Frau
genommen -- das schne weie Mdchen das drben auf Papetee gewesen, und
mit dem er fortgefahren sei in einem Schiff, -- da -- da war's aus. Da
brach ihr das Herz und -- sie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und
kte ihr Kind viel und betete mit ihm, -- aber -- aber das Gift hatte
gewirkt, und am nchsten Sabbath -- der kleine Mann konnte nicht mehr.
Bis hierher hatte er sich, seinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes
der der Urheber all dieses Leids gewesen verbeiend, ruhig gehalten und
wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch selbst ohne Thrne im Auge
forterzhlt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in
solcher Art wach gerttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte
Festigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, da der Wi Wi die
Thrnen nicht sehen sollte, die er nicht mehr zurckhalten _konnte_,
sttzte er den Kopf in die Hnde und schluchzte laut.

Ren wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen -- er stand da,
erschttert und vernichtet, und die gefalteten Hnde vor sich nieder
streckend, das Kinn auf die Brust gebeugt, starrte er mit todtbleichen
Zgen und thrnenlosen Augen vor sich nieder, bis der Mitonare sich
endlich gewaltsam bezwang, die Thrnen aus den Augen wischte und mit
lebendigerer Stimme fortfuhr.

Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig --
wollte nun an der Tochter anfangen -- kam wieder mit Bruder Ezra und
Mitonare, Oros Zorn ber ihn; kam mit dickem Buch und dem stachlichen
Stock da hinten -- aber Ahi-ahi ist nicht so schwach -- Bruder Rowe
kommt nicht wieder ber den Hgel -- da hinaus flog er, glaubte er htte
Arm und Bein gebrochen. -- Jetzt ist Alles wieder gut, setzte er dann
mit ruhiger Stimme hinzu, Ahiahi lebt zufrieden und glcklich -- lernt
keine Bibelverse mehr und kein kleines dnnes Buch, braucht Nichts mehr
herzusagen und sich nicht mehr mit =iti iti kanaka= zu rgern. Aber --
setzte er pltzlich rasch und erschreckt hinzu, als Sadie mit Aia
zurckkehrten zum Haus, und ein neuer Gedanke sein Hirn durchzuckte --
was willst _Du_ jetzt wieder hier auf Atiu -- Wi Wi -- bist Du gekommen
die Mutter zu suchen oder -- oder willst Du -- Dein Kind mit Dir nehmen
in die fremde kalte Welt hinaus?

Rens Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zgen des
holden Mdchens, das die letzten Worte gehrt und sich schchtern zu
ihrem Pflegevater wandte.

Fort von Dir, Vater? sagte sie dabei -- fort von Aia -- von
Mutters Grab? -- ich darf nicht -- ich habe ihr versprochen ihr
Lieblingspltzchen da oben zu halten wie es ist.

Ja setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreter Stimme
hinzu -- ja -- Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir -- Du hast
vielleicht das Recht dazu, und -- sie ist auch jetzt fast so alt wie
ihre Mutter damals war -- gerade alt genug um auch drauen die Sprache
der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und
sich elend zu fhlen -- wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts
anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und frhlich
sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte;
sie wei Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf
der Insel glcklich machen knnte -- und sie dann vielleicht auch.
-- Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr drauen auch das Herz gebrochen
haben, _wie_ ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird
ihr dann das Bett machen neben -- neben der Anderen.

Nein, nein! rief aber Ren, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in
die Seele schnitt -- nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesndigt an
Euch hier; -- nicht mehr -- nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor
dem Fluch der ihrer Mutter Glck zertrmmerte -- halte ihr Herz rein und
gut, la sie nie hinaus ber das Rauschen ihrer Palmen, ber das Donnern
ihrer Brandung, und _mir_ den Trost wenigstens zu glauben da _sie_,
mein Kind, hier glcklich lebt.

Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind
betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise
und mit tief bewegter Stimme.

Armer Wi Wi -- armer Ren -- Du bist recht alt geworden in den wenigen
Jahren -- und gewi nicht glcklich, wie Du vielleicht geglaubt. Ren
schttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr,
sich abwendend fort -- Die Menschen wissen's gewhnlich nie wenn sie's
sind -- wollen Andere glcklich machen und machen sie, und manchmal auch
sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. --
Aber wie willst Du's haben? setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu,
dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen -- ich wei
nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der
_weie_ Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, _die_ Sachen
lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?

Nein Mitonare, nein! rief aber Ren rasch und bewegt -- kein Segen
wre das hier fr sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das
grte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mdchen
aufgeblht -- wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich
bin reich; ich will Dir Geld zurcklassen, da Du--

_Geld?_ unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig -- Geld?
willst Du selber den Fluch wieder sen auf Atiu, der unser Volk schlecht
gemacht hat und geizig? Geld -- fort damit, fort -- es ist Gift darin
und Ha und Neid, und sie wachsen mit den hlichen runden Stcken.
Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare
Wasser hier? -- brauchen wir mehr? -- Wir nicht, aber wer anders braucht
davon; -- die schwarzen Mitonares wollen Geld -- immer nur Geld -- denen
gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gnnt es ihnen -- nicht uns hier;
hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm setzte
er ruhiger hinzu -- wutest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit fr
Dich, Sadie -- die Sonne sinkt; komm Aia -- la die Beiden zusammen gehn
-- das Gebet dort oben am Hgel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr,
Ren?

Ren barg sein Angesicht in den Hnden und stand still und sprachlos,
viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hnde fort
nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den
Mitonare zu, ergriff und schttelte seine Hand, und kte den darber
etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm
willig berlie, nahm er und drckte sie, und sein Kind dann an sich
ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab
der Gattin zu.

       *       *       *       *       *

Lange schon war die Sonne im Meer gesunken und tiefe Dunkelheit deckte
das Land und den Ocean, noch immer aber sa der kleine Mitonare vor
seiner Htte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing schon an unruhig
zu werden ber das gar so lange Ausbleiben der Beiden. Endlich erhob
er sich, und wollte sich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er
leichte Schritte im Laub hrte, und gleich darauf Sadie -- allein -- vor
ihm stand.

Und wo hast Du den Wi Wi? frug der Mitonare rasch und eine dunkle
Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber schmiegte sich an seine
Brust, und whrend er fhlte wie die heien Thrnen ihren Augen
entquollen flsterte sie:

Er ist fort, Vater -- fort, und wird _nie_ wieder kehren.

Fort? rief der Mitonare erschreckt -- mitten in der Nacht? --
wohin?--

Fort mit seinem Boot sagte die Jungfrau, das liebe Antlitz mit den
Hnden deckend--

Durch die Corallenriffe bei Nacht?

Wir haben lange auf Mutters Grab gebetet, und er mit mir, wie's Mutter
mich gelehrt; alle die alten Gebete hab' ich ihm gesagt, und -- oh er
hat geweint, als ob ihm das Herz brechen mte an der theueren Sttte.
Dann hat er mich an sich gezogen und mich gekt, und wieder gekt,
und seine Sadie, sein liebes armes Kind genannt, und dann gesagt, er sei
nicht werth zu leben, wo er uns Alle unglcklich gemacht. Da bat ich ihn
bei uns zu bleiben und schlang meine Arme um ihn, aber er ri sich los
von mir, und floh den Hang hinab, und als ich trauernd zurckblieb und
ihm nach schaute, konnte ich das kleine Schiff erkennen, wie es den
Anker hob, das Segel setzte -- und mit der frischen Brise die heut
Abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeugs von sicherer Hand
gesteuert durch die Riffe hin, der Einfahrt zu, durch die es bald
verschwand.

Der Mitonare erwiederte kein Wort; er kte das Mdchen und ging hinein
in sein Haus und blieb dort allein, den ganzen Abend.

Als sich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, blickten die
Insulaner vergebens nach dem kleinen Cutter aus -- kein Segel war am
ganzen Horizont zu sehn.

       *       *       *       *       *

Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig.




Funoten


















[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler
wurden korrigiert; eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich
hier am Buchende, die nderungen bei Satz- und Anfhrungszeichen sind
dort nicht aufgefhrt.


nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 9
  lachte Adlophe. Wetter mein Bursche
  lachte Adolphe. Wetter mein Bursche

  Seite 10
  Doch es fllt mir nicht ein ihre Partei zu ergreifen
  Doch es fllt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen

  Seite 16
  rief Lefrre mit einem wilden Fluch
  rief Lefvre mit einem wilden Fluch

  Seite 17
  wenigstens meinen Spa mit Ihr gehabt
  wenigstens meinen Spa mit ihr gehabt

  haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen konnen?
  haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen knnen?

  lachte Leferre -- wenn es ihr nicht mehr
  lachte Lefvre -- wenn es ihr nicht mehr

  Seite 20
  gleicher Zeit wurden an dem einen passensten Hgelhang
  gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hgelhang

  Seite 21
  mit dem Lieutenant der Jeanne d'Ark
  mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc

  Seite 25
  jeder seiner eigenen Beqemlichkeit folgend
  jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend

  Seite 31
  Colonnen anrucke, und sich, wie es schien,
  Colonnen anrcke, und sich, wie es schien,

  zum Sturm ruste auf das Fort
  zum Sturm rste auf das Fort

  Seite 34
  erwarteten sie den immer noch hinausgezogerten Angriff
  erwarteten sie den immer noch hinausgezgerten Angriff

  Seite 35
  Fr die Bibel! fur die Bibel!
  Fr die Bibel! fr die Bibel!

  Seite 45
  Zu gleicher Zeit sprang Bertram zu und den Iren
  Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu und den Iren

  Seite 49
  Hei wir Ihr --
  Hei wie Ihr --

  Seite 51
  der erste Lieuteuant der Uranie
  der erste Lieutenant der Uranie

  Seite 53
  der rechts nud links Verderben brachte
  der rechts und links Verderben brachte

  Seite 58
  noch dazu da es sie in ihren Familienverhltnissen
  noch dazu da es Sie in ihren Familienverhltnissen

  Seite 62
  vielleicht manchen Landsmann dadurch das Leben erhalten.
  vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.

  Seite 66
  Sind sie also im Stande ein
  Sind Sie also im Stande ein

  Seite 88
  soll ich die Calabasse unter der Lampe dort aufgraben
  soll ich die Calabasse unter der Lampe dort ausgraben

  Seite 97
  und wie der grote Theil der Mannschaft
  und wie der grte Theil der Mannschaft

  Seite 102
  kraftige Arme umschlangen ihn
  krftige Arme umschlangen ihn

  Seite 145
  er erschrak als er auf sah
  er erschrak als er aufsah

  Seite 155
  aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselben
  aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselbe

  Seite 170
  am nchsten Morgen durchzogen mehre Patrouillen
  am nchsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen

  Seite 187
  noch mehr Verfolger auf ihre Versen zu bekommen
  noch mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen

  Seite 197
  bis in die hochsten und ungangbarsten Wnde
  bis in die hchsten und ungangbarsten Wnde

  Seite 251
  wir einmal Zeit bekommen Sie auch von dort
  wir einmal Zeit bekommen sie auch von dort

  Seite 273
  Toll genug wren Sie dazu gewesen
  Toll genug wren sie dazu gewesen

  Seite 276/277
  aber die stattgehabte Entzundung seinen Arm so gelhmt
  aber die stattgehabte Entzndung seinen Arm so gelhmt

  Seite 312
  Ws fr ein Mitonare?
  Was fr ein Mitonare?]






End of the Project Gutenberg EBook of Tahiti: Roman aus der Sdsee. Vierter
Band, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TAHITI ***

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
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