The Project Gutenberg EBook of Der Findling. Erster Band., by Jules Verne

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Title: Der Findling. Erster Band.

Author: Jules Verne

Release Date: July 3, 2014 [EBook #46180]

Language: German

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  Julius Verne's Reiseromane. Band 64.


  Der Findling.

  Von
  Julius Verne.


  Rechtmssige Ausgabe.

  Erster Band.


  Leipzig
  Bibliographische Anstalt
  Adolph Schumann.




Inhalt.


                                                Seite

  I.    Im Innern von Connaught                     1

  II.   Bewegliche Knigspuppen                    12

  III.  =Ragged-School= (die Lumpenschule)         26

  IV.   Das Begrbni einer Mwe                   41

  V.    Noch einmal die =Ragged-School=            52

  VI.   Limerick                                   68

  VII.  Eine gefhrdete Situation                82

  VIII. Die Farm von Kerwan                       102

  IX.   Die Farm von Kerwan (Fortsetzung)         115

  X.    Was sich in Donegal zugetragen hatte      131

  XI.   Ein vortheilhaftes Geschft               142

  XII.  Die Heimkehr                              155

  XIII. Zweifache Taufe                           172

  XIV.  Im Alter von kaum neun Jahren             191

  XV.   Ein schlechtes Jahr                       208

  XVI.  Die Austreibung                           225




Erster Theil.




I.

Im Innern von Connaught.


Irland, das eine Landflche von zwanzig Millionen Acres -- gegen
acht Millionen Hektar -- einnimmt, wird im Namen der Beherrscher
Grobritanniens von einem Viceknig oder Lord-Lieutenant unter
Mitwirkung eines Privat-Rathes regiert. Es zerfllt in vier Provinzen:
Leicester im Osten, Munster im Sden, Connaught im Westen und Ulster im
Norden.

Das Vereinigte Knigreich soll in der Vorzeit eine einzige Insel
gebildet haben. Jetzt sind deren zwei vorhanden, beide noch mehr
getrennt durch geistige Verschiedenheit, als durch physikalische
Grenzen. Die Irlnder sind wie von jeher Freunde der Franzosen, und
deshalb den Englndern feindlich gesinnt.

Ein herrliches Land fr Touristen, ist Irland ein trauriges Land fr
seine Bevlkerung. Diese vermag es nicht zu befruchten, jenes sie nicht
zu ernhren. Und doch ist es nicht ein unfruchtbares Stck Erde, denn
seine Kinder zhlen nach Millionen, und obwohl diese Mutter keine Milch
fr ihre Kinder hat, wird sie von ihnen doch leidenschaftlich geliebt.
Die sesten -- =most sweet= -- Namen (ein Wort, das man dort unendlich
hufig hrt) werden an sie verschwendet. Das Grne Erin, und grn
ist das Land in der That; weiter heit Irland der Schne Smaragd, ein
Smaragd, der freilich statt des Goldes in Granit gefat ist; die Insel
der Wlder, was besser Insel der Felsen heien sollte; das Land des
Liedes, nur erklingt dieses Lied von krnklichen Lippen; endlich nennt
man es die Erste Blume des Landes oder die Erste Blume des Meeres,
freilich welken diese Blumen schnell im Brausen toller Strme. Armes
Irland! Insel des Elends solltest du heien; jetzt und schon seit
Jahrhunderten, du mit deinen drei Millionen Armen unter acht Millionen
Bewohnern!

Bei einer Erhebung von etwa hundertfnfundzwanzig Metern trennen in
Irland zwei Hhenzge die Ebenen, Seen und Torfmoore zwischen der Bai
von Dublin und der von Galway. Die Insel bildet eine vertiefte Schale,
in der es an Wasser nicht fehlt, denn die Seen des Grnen Erin bedecken
allein gegen zweitausenddreihundert Quadratkilometer.

Westport, eine kleine Stadt der Provinz Connaught, liegt im Hintergrunde
der Bai von Clew, die von dreihundertfnfundsechzig Inseln und Eilanden
erfllt wird, hnlich wie der Morbihan an den Ksten der Bretagne.
Diese Bai mit ihren Vorbergen, ihren Caps und den gleich Haifischzhnen
angeordneten Spitzen, welche den Wogenschwall von der hohen See brechen,
ist eine der schnsten des ganzen Kstenstriches.

In Westport begegnen wir dem Findling im Beginn seiner Geschichte; der
Leser wird selbst sehen, wo, wann und wie sie endigte.

Die Einwohner des etwa fnftausend Seelen zhlenden Stdtchens sind zum
grten Theile Katholiken. An einem Sonntage, dem 17. Juni 1875, hatten
sich die meisten Bewohner zum Morgengottesdienste in die Kirche
begeben. Connaught, die Wiege der Familie Mac Mahon's, bringt ausgeprgt
keltische Typen hervor, die sich in den alteingesessenen Geschlechtern
fortgepflanzt haben. Und doch, wie traurig ist das Land, so traurig,
da es den gebruchlichen Ausdruck: Nach Connaught gehen, heit in die
Hlle gehen! vollstndig rechtfertigt.

In den kleinen Orten Irlands herrscht bittere Armuth, doch besitzen die
Leute neben ihren fr die Werktage bentzten Lumpen auch noch solche
fr die Sonn- und Festtage. Dann trgt man dort die noch am wenigsten
zerrissene Kleidung: die Mnner erscheinen in geflicktem, unten
ausgefranstem Mantel; die Frauen in mehrfach bereinander liegenden
Rcken -- lauter Ladenhtern des Trdlers -- und bedecken den Kopf mit
Hten, die mit knstlichen Blumen verziert sind, von welchen freilich
meist nicht mehr als die nackten Drahtstiele mit einzelnen Blttchen zu
sehen ist.

Alle sind barfig bis zur Kirche gegangen zur Schonung des theuern
Schuhwerkes -- der Halbstiefeln mit geborstenen Sohlen und der Stiefeln
mit zerrissenem Oberleder, ohne die nach Landessitte niemand die
Schwelle der Kirche berschreiten wrde.

Zur Zeit war kein Mensch auf den Straen von Westport sichtbar, auer
einem Individuum, das einen Karren schob, der mit einem groen mageren,
langzottigen Hunde bespannt war.

Knigspuppen! rief der Mann aus vollem Halse, prchtige, bewegliche
Knigspuppen!

Der Schausteller war von Castlebar, dem Hauptorte der Grafschaft Mayo,
hierhergekommen. Auf seinem Wege nach Westen hatte er den Kamm jener
Hhenzge berschritten, die sich, wie die meisten Berge Irlands,
nach der Kste zu senken, so im Norden die Kette des Nephin mit
ihrem achthundertdreiig Meter hohen Gipfelpunkte, und im Sden der
Croagh-Patrick, auf dem der grte irlndische Heilige, der Verbreiter
des Christenthums im vierten Jahrhundert, die vierzig Tage der
Fastenzeit verweilte. Hierauf war der Mann die gefhrlichen Schluchten
des Hochlandes von Connemara hinabgestiegen in der Richtung nach den
Seen Mask und Corril, die einen Ausflu nach der Clew-Bai haben. Ihn
kmmerte keinen Pfifferling weder die Midland-Great-Westernbahn, das
groe Verbindungsglied zwischen Westport und Dublin, noch die Post,
die ihre Cars durch das Land rollen lt. Er reiste als fahrender
Knstler, der berall seine Puppenausstellung ausrief und anpries
und den groen Hund von Zeit zu Zeit mit einem derben Peitschenhiebe
aufmunterte. Der von krftiger Hand erlittenen Zchtigung antwortete
dann stets ein lautes Schmerzgeheul und aus dem Innern des Karrens
zuweilen ein leises Schluchzen.

Dann wetterte der Mann gewhnlich los.

Wirst Du laufen lernen, Hundevieh! rief er, und dann, als wendete
er sich an einen andern, der im Karren verborgen sein mute, klang es
weiter: Wirst Du still sein, Hundejunge!

Darauf verstummte das Schluchzen und der Karren kam wieder langsam in
Bewegung.

Dieser Mann nennt sich Thornpipe. Woher er stammt, ist gleichgiltig; es
gengt zu wissen, da er zu den Angelsachsen gehrt, die in den unteren
Volksschichten der britannischen Inseln so ungemein hufig vorkommen.
Dieser Thornpipe besitzt nicht mehr Gefhl als ein wildes Thier, nicht
mehr Herz als ein Felsblock.

Nachdem der Mann die ersten Wohnsttten von Westport erreicht hatte,
folgte er der Hauptstrae des Stdtchens mit ihren ziemlich wohnlichen
Husern und den mit pomphaften Schildern versehenen Lden, worin
freilich nicht viel zu finden ist. In diese Strae mnden verschiedene
schmutzige Nebengassen ein, wie trbe Bche, die sich in einen klaren
Flu ergieen. Auf deren spitzen Pflastersteinen poltert und rasselt
Thornpipe's Karren dahin, gewi zum Nachtheil der Puppen, die er zur
ergtzlichen Unterhaltung der Bewohner von Connaught hierher brachte.

Wegen Mangels an geeignetem Publicum trottete Thornpipe weiter, bis er
zur Mail (Alleestrae) gelangte, die die Hauptstrae zwischen doppelter
Ulmenreihe kreuzt. Jenseits der Mail dehnt sich ein gerumiger Park
aus, dessen sorgsam unterhaltene Sandwege nach dem an der Bai von Clew
liegenden Hafen fhren.

Selbstverstndlich gehren Stadt, Hafen, Park, Straen, Flu, Brcken,
Kirchen, Huser und Htten einem jener reichen Landlords, die fast den
ganzen Boden Irlands besitzen. Hier waren sie das Eigenthum des Marquis
von Sligo, eines Mannes von reinem, altem Adel, und brigens beiweitem
nicht des schlechtesten Herrn fr seine zahlreichen Pchter.

Alle zwanzig Schritte etwa hielt Thornpipe mit seinem Wagen an,
blickte um sich und rief mit einer Stimme, die einem mangelhaft gelten
Mechanismus zu entschallen schien:

Knigspuppen!... Prchtige, bewegliche Knigspuppen!

Doch niemand trat aus den Lden, kein Gesicht erschien an den Fenstern.
Nur da und dort tauchten aus den Nebengassen einige bewegliche Lumpen
auf und aus diesen glotzten hagere, verhungerte Gesichter hervor mit
gertheten Augen, die so tief lagen, da man durch sie ins Leere sehen
zu knnen whnte. Weiter erschienen einzelne halbnackte Kinder, und fnf
bis sechs dieser Gassenbuben schlichen endlich an den Wagen heran, als
dieser in der groen Mail Halt machte.

Copper!... Copper! bettelten alle wie aus einem Munde.

Unter Copper ist eine winzige Kupfermnze zu verstehen, ein Theil des
Pennys, d.h. des kleinsten im Lande vorkommenden Geldstcks. Und diese
Kinder sprachen darum einen Mann an, der mehr Verlangen hatte, Almosen
anzunehmen als solche zu vertheilen. Natrlich empfing er mit drohender
Hand- und Fubewegung und mit zornsprhenden Augen die Buben, die sich
auerhalb des Bereiches seiner Peitsche halten muten... und noch
sorgsamer fern genug den Spitzzhnen des Hundes, der wegen gewohnter
bler Behandlung nie bei guter Laune war.

Thornpipe war schon an sich wthend. Er schreit ja in die reine Wste
hinaus. Niemand kmmert sich um seine kniglichen Marionetten. Paddy --
d.i. der Irlnder, wie John Bull der Englnder -- Paddy zeigt keine
Spur von Neugier. Er hegt nicht etwa Feindschaft gegen die erhabene
knigliche Familie. O nein! Was er nicht liebt, was er hat mit allem
durch Jahrhunderte lange Unterdrckung aufgehuftem Hasse, das ist
nur der Landlord, der ihn als ein noch unter den Leibeigenen Rulands
stehendes Geschpf betrachtet. Wenn der Ire O'Connell zujubelte, so
geschah das, weil der groe Patriot auf der Erhaltung der Rechte der
Grnen Insel durch die Unionsacte der drei Knigreiche vom Jahre 1806
bestand, weil die Thatkraft, die Zhigkeit, die khne Politik dieses
Staatsmannes spter die Emancipations-Bill von 1829 durchsetzte und
damit, Dank seiner unerschtterlichen Haltung, Irland, das Polen
Englands, vor Allem das katholische Irland in eine Periode halber
Freiheit eintrat. Thornpipe wre also sicherlich besser dran gewesen,
wenn er seinen Mitbrgern O'Connell vor Augen gefhrt htte, doch
das war ja noch kein Grund, Ihre grazise Majestt =in effigie= so
unbeachtet zu lassen. Freilich htte Paddy dem Bildni seiner
Souvernin auf hbschen Geldstcken, auf Pfunden, Kronen, Halbkronen und
Schillings, ganz entschieden den Vorzug gegeben, denn gerade dieses aus
der britannischen Mnze hervorgegangene Portrt fehlt der Tasche des
Irlnders am meisten.

Da kein ernstlicher Zuschauer den wiederholten Einladungen des
Kunsthausierers Folge gab, setzte sich der von dem groen, knochendrren
Hunde geschleppte Karren wieder in Bewegung.

Unter dem herrlichen Ulmenschatten der Allee der Mail zog Thornpipe
weiter. Er war allein. Die Kinder hatten ihn endlich verlassen. So
erreichte er den von Sandwegen durchschnittenen Park, den der Marquis
von Sligo dem ffentlichen Verkehr offen hielt, um einen Zugang zu dem
eine gute (englische) Meile von der Stadt entfernten Hafen zu gewhren.

Knigspuppen!... Knigspuppen!

Niemand antwortete. Mit schwachem Schrei flatterten die Vgel von einem
Baume zum andern. Der Park war ebenso verdet wie die Mail. Wie konnte
auch Jemand einfallen, Katholiken whrend des Gottesdienstes zu einer
solchen Schaustellung einzuladen! Thornpipe konnte unmglich aus dem
Lande selbst sein. Nach dem Mittagessen, zwischen Messe und Vesper, da
lie sich vielleicht eher etwas erzielen. Jedenfalls hinderte den Mann
nichts, jetzt bis zum Hafen hinunter zu wandern, und das that er denn
auch, indem er, statt im Namen des heiligen Patrick, in dem aller Teufel
Irlands weidlich fluchte.

Der Hafen, den der Seenabflu im Grunde der Bai von Clew bildet, ist
nur wenig besucht, obwohl er an Gerumigkeit und Sicherheit alle andern
Hfen an der Westkste der Insel bertrifft. Nur vereinzelt kommen
Schiffe dahin, weil Grobritannien, d.h. England und Schottland, dem
mageren Gelnde von Connaught zusenden mu, was dieses dem Erdboden
nicht selbst zu entlocken vermag. Irland ist ein Kind, das sich an
zwei Brsten nhrt; die Ammen lassen sich ihre Milch aber recht theuer
bezahlen.

Einige Matrosen lustwandelten rauchend auf dem Quai umher, denn wegen
des Sonntags war die Entlschung der Fahrzeuge natrlich unterbrochen.

Bekanntlich nimmt es die angelschsische Rasse mit der Sonntagsheiligung
sehr streng. Die Protestanten halten darauf mit aller Unbeugsamkeit
ihres Puritanismus, und in Irland wenigstens wetteifern die Katholiken
mit jenen in der Ausbung des Cultus. Ihrer sind brigens zweieinhalb
Millionen neben fnfmal-hunderttausend Anhngern verschiedener Secten
der anglikanischen Kirche.

In Westport befand sich zur Zeit kein andern Lndern zugehriges Schiff.
Nur Brigg-Goletten, Schooner und Kutter nebst einigen Fischerbarken,
die auerhalb der Bai auf den Fang ausgehen, lagen bei der eben
herrschenden Ebbe auf dem Trocknen. Jene von der Westkste Schottlands
gekommenen Fahrzeuge segelten, nach Lschung ihrer Ladung von Getreide
-- das Connaught vor allem braucht -- sofort wieder nach der Heimat ab.
Um eigentliche Hochseeschiffe zu sehen, mute man nach Dublin,
Londonderry, Belfast oder Cork gehen, wo die transatlantischen
Packetboote der Londoner und der Liverpooler Dampferlinien anlaufen.

Aus der Hosentasche jener migen Seeleute konnte Thornpipe offenbar
auch keinen Schilling locken, denn seine Ausrufungen blieben von den
Quais des Hafens her ohne Antwort.

Er lie jedoch den Karren ruhig stehen. Der vor Hunger und Anstrengung
erschpfte Hund streckte sich auf dem Sande aus. Thornpipe holte aus
einem Sacke ein Stck Brot, einige Kartoffeln und einen Salzhring und
begann zu essen wie ein Mann, der nach langer Wegstrecke den ersten
Bissen zu sich nimmt.

Der Zughund sah ihn an und knackte mit den Kinnladen, aus denen seine
brennendrothe Zunge hervorhing. Jetzt schien seine Ftterungsstunde aber
noch nicht geschlagen zu haben, denn er legte den Kopf wieder zwischen
die Pfoten und schlo die Augen, um besser auszuruhen.

Eine leichte Bewegung im Innern des Karrens erweckte Thornpipe aus
seiner Apathie. Er erhob sich und prfte, ob ihn niemand beobachte. Dann
lftete er ein wenig die Decke, die den Kasten mit Puppen verhllte, und
steckte ein Stck Brot darunter hinein.

Da Du nicht plrrst! rief er drohenden Tones dazu.

Ein Gerusch von hastigem Kauen antwortete ihm, als berge der Kasten ein
vor Hunger sterbendes Thier, und er setzte sein Frhstck wieder fort.
Bald war dieses aufgezehrt, und nun fhrte er eine bauchige Flasche an
die Lippen, die saure Molken enthielt, ein Getrnk, das hier zu Lande
viel genossen wird.

Inzwischen schlug die Kirchenglocke in Westport an und verkndete den
Schlu des Gottesdienstes.

Es war jetzt elfeinhalb Uhr.

Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche wieder auf, und rckwrts ging
es mit dem Karren nach der Mail, in der Hoffnung, unter denen, die aus
der Messe kamen, doch einige Zuschauer zu finden. Whrend der guten
halben Stunde bis zum Essen lie sich vielleicht noch eine Einnahme
machen. Nach der Vesper gedachte Thornpipe seine Schaustellung noch
einmal zu ffnen, er wollte aber erst am folgenden Tage weiter ziehen,
um andre Ortschaften mit seiner Puppensammlung zu beglcken.

Der Gedanke schien ja nicht so bel zu sein. Statt der Schillinge
wrde er sich auch mit Coppers begngen und seine beweglichen Puppen
arbeiteten dann wenigstens nicht ganz und gar fr nichts und wieder
nichts.

Von neuem erschallte seine Stimme:

Knigspuppen!... Bewegliche Knigspuppen!

Binnen weniger Minuten hatten sich wohl an zwanzig Personen um Thornpipe
gesammelt. Die Elite der westportischen Bevlkerung war es freilich
nicht. Die Mehrzahl bestand aus Kindern, dazu kamen einige Frauen und
wenige Mnner, die meist das Schuhwerk wieder in der Hand trugen, nicht
allein, um es zu schonen, sondern weil es ihnen auch bequemer war,
barfu zu gehen.

Immerhin befanden sich auch gewisse Honoratioren des Stdtchens unter
den Neugierigen, z. B. der Fleischer, der mit Frau und zwei Kindern
stehen geblieben war. Freilich datirte sein Tweed schon von mehreren
Jahren her, die bei dem regenreichen Klima doppelt oder gar dreifach
zhlen; der wrdige Meister konnte sich im Ganzen aber noch sehen
lassen. Das ist er schon seinem Laden schuldig, ber dessen Thr in
leuchtender Schrift die Firma Central-Schlchterei prangte. Er hatte
sein Geschft auch so in Schwung, da es nirgends sonst in Westport
Fleischwaaren gab. Neben dem stattlichen Manne zeigte sich auch der
Droguist des Ortes, der gern den Titel Pharmazeut hrte, obwohl seiner
Officin selbst die einfachsten Droguen oft fehlten. Dennoch blendete
sein Schaufenster mit dem glnzenden Namen =Medical Hall=, so da, wer
die Inschrift nur betrachtete, sich schon geheilt fhlen mute.

Wir drfen auch einen Geistlichen nicht vergessen, der vor dem Karren
Thornpipe's stehen geblieben war. Dieser Diener der Kirche trug ein
recht sauberes Gewand: einen Halskragen von Seide, eine lange Weste
mit so dicht wie an einer Soutane stehenden Knpfen, und einen weiten
Ueberrock aus schwarzem Stoffe. Er bildet das Oberhaupt der Parochie, in
der ihm vielfache Functionen zufallen. So begngt er sich nicht damit,
zu taufen, zu predigen, zu verehelichen und seine Getreuen beim
letzten Gange zu begleiten, er berathet sie auch in geschftlichen
Angelegenheiten, behandelt die Kranken, und das alles in voller
Unabhngigkeit, denn er bezieht vom Staate gar keine Einknfte. Die
Gaben von Naturerzeugnissen und die Gebhren fr Amtshandlungen, die
sogenannten Accidenzien der geistlichen Stellen, sichern ihm ein
anstndiges und bequemes Leben. Er ist der natrliche Verwalter der
Schulen und Wohlthtigkeitsanstalten, was ihn aber nicht hindert, auch
bei sportlichen -- Ruder- oder Pferde- -- Wettkmpfen den Vorsitz zu
fhren, wenn Regattas oder Steeple-chases in seinem Bezirke
abgehalten werden. Innig vertraut mit den Familienverhltnissen seiner
Beichtkinder, wird er nach Verdienst allgemein geachtet, selbst wenn er
es nicht unter seiner Wrde hlt, in einem Laden einen ihm angebotenen
Schoppen Bier anzunehmen. Die Reinheit seiner Sitten ist jedenfalls nie
angefochten worden. Ueber seinen allgewaltigen Einflu braucht man sich
in jenen streng katholischen Gegenden auch gar nicht zu wundern, hier,
wo nach dem bekannten Reisewerke Anna von Bovet's, das unter dem Titel
Drei Monate in Irland erschienen ist, schon die Bedrohung mit dem
Ausschlu vom Abendmahle den Bauer durch ein Nadelhr jagt.

Den Karren umgab jetzt also ein Publicum, ein etwas productiveres, wenn
man so sagen darf, als Thornpipe erhofft hatte. Wahrscheinlich winkte
seiner Ausstellung nun einiger Erfolg, denn Westport war noch niemals
mit einem Schauspiele dieser Art beehrt worden.

So lie denn der fahrende Knstler noch einmal seinen Ausruf als =great
attraction= ertnen:

Knigspuppen!... Prchtige, bewegliche Knigspuppen!




II.

Bewegliche Knigspuppen.


Der Karren Thornpipe's ist in einfachster Weise eingerichtet:
eine Deichsel, an der der wilde zottige Kter angespannt ist; ein
viereckiger, auf nur zwei Rdern ruhender Kasten, der deshalb auf den
hgeligen Wegen der Grafschaft leichter fortzuziehen ist; zwei Griffe an
der Rckseite, um das Ganze, gleich den Wagen hausierender Hndler, auch
schieben zu knnen; ber dem Kasten ein leichtes Leinenzeltdach auf vier
Eisenstben, das, wenn es auch nicht ganz gegen die hier kaum jemals
brennende Sonne, so doch gegen den endlosen Regen des hheren Irlands
schtzt. Das Ganze hnelt also den leichten Wgelchen, die die
Drehorgeln durch Stadt und Land tragen, jene Instrumente mit
kreischenden Pfeifentnen, denen sich noch eine Art Trompetengeschmetter
zugesellt. Eine Drehorgel ist es freilich nicht, womit Thornpipe von
Stadt zu Stadt zieht, oder in der complicierteren Maschinerie ist die
Orgel wenigstens zum einfachen Pfeifchen zusammengeschmolzen, wie sich
das sogleich zeigen wird.

Der Kasten ist nach unten nmlich durch einen bis zu einem
Viertel seiner Hhe aufragenden Deckel geschlossen. Wird dieser
zurckgeschlagen, so bietet sich den Zuschauern ein fr diese meist
verblffender Anblick.

Zur Vermeidung von Wiederholungen empfehlen wir, Thornpipe's gewohnte
Erluterungen achtsam anzuhren. Jedenfalls hat sich der wandernde
Schausteller mit der unermdlichen Beredsamkeit den berhmten Brioch,
den Schpfer der Marionettentheater auf den Messen und Mrkten
Frankreichs, zum Muster genommen.

Ladies und Gentlemen...., so beginnt er unabnderlich, um sich das
Wohlwollen der Zuschauer zu sichern, selbst wenn er das jmmerlichst
zerlumpte Dorfpublicum anredet.

Ladies und Gentlemen! Hier erblicken Sie den groen Festsaal des
kniglichen Schlosses zu Osborne auf der Insel Wight.

Das Kasteninnere stellt in der That einen Salon im Kleinen vor; vier
Planken bilden seine Wnde, worauf Thren und drapierte Fenster gemalt
sind; da und dort stehen hochmoderne Mbel aus Pappe, die mit Stiften
auf einem farbigen Teppich festgehalten sind, Tische, Armsthle und
Sessel, so angeordnet, da sie die Bewegungen der Personen, der Prinzen,
Prinzessinnen, Herzge, Marquis, Grafen und Baronets nicht hindern
knnen, die mit ihren vornehmen Gemahlinnen inmitten dieser officiellen
Empfangscour einherstolzieren.

Im Hintergrunde, so fhrt Thornpipe fort, bemerken Sie den Thron der
Knigin Victoria, berragt von dem carmoisinrothen Sammtbaldachin mit
goldenen Fransen und haargenau dem Throne nachgebildet, auf dem Ihre
grazise Majestt bei den Hoffestlichkeiten Platz nimmt.

Der betreffende Thron mit hier acht bis zehn Centimeter in der Hhe,
und obgleich der Sammt nur durch wollebestubtes Papier vertreten ist
und die Goldfransen aus einfacher gelber Schnur bestehen, so verschlgt
das nicht das mindeste bei den Wackeren, die noch niemals ein solches
ausgesprochen monarchisches Mbelstck zu Gesicht bekommen haben.

Auf dem Throne, belehrt Thornpipe weiter, erblicken Sie die Knigin --
die Aehnlichkeit derselben wird garantiert! -- in ihrer Galatracht; den
an den Schultern gehaltenen Knigsmantel, die Krone auf dem Haupte und
das Scepter in der Hand.

Wir, die wir niemals die Ehre genossen, die Beherrscherin
des Vereinigten Knigreiches und Kaiserin von Indien in ihren
Staatsgemchern zu erblicken, knnen fr die zweifellose Aehnlichkeit
der hohen Dame mit der sie darstellenden Puppe natrlich nicht gutsagen.
Doch zugegeben, da sie sich bei groen Hoffestlichkeiten mit der Krone
schmckt, so wird sie in der Hand doch schwerlich ein Scepter fhren,
das, wie sein Ersatzstck hier, mehr dem Dreizack Neptuns gleicht. Das
einfachste bleibt es freilich, Thornpipe aufs Wort zu glauben, und das
thaten kluger Weise auch die Zuschauer.

Zur Rechten der Knigin, erlutert Thornpipe ferner, mache ich das
geehrte Publicum aufmerksam auf Ihre kniglichen Hoheiten den Prinzen
und die Prinzessin von Wales, wie Sie die Herrschaften gelegentlich
ihrer letzten Reise durch Irland gewi selbst gesehen haben.

Kein Zweifel, da steht der Prinz von Wales als britischer Feldmarschall,
und die Tochter des Knigs von Dnemark, angethan mit kostbarem
Spitzenkleide, das hier freilich kunstvoll aus Silberpapier geschnitten
ist, wie solches zum Schmucke von Bonbonschachteln verwendet wird.

Auf der andern Seite stehen der Herzog von Edinburgh, der Herzog von
Connaught, der von Fife, der Prinz Battenberg mit den Prinzessinnen,
ihren erlauchten Gemahlinnen, kurz die ganze knigliche Familie, so
angeordnet, da sie vor dem Throne einen Halbkreis bilden. Unzweifelhaft
erwecken diese bezglich ihrer Portrttreue immer garantierten Puppen
mit den gemalten Gesichtern und ihrer dem Leben abgelauschten Haltung
eine deutliche Vorstellung von dem Hofe Englands.

Dann folgen die Groofficiere der Krone, darunter der Groadmiral Sir
Georges Hamilton. Thornpipe befleiigt sich, mit dem Ende seines Stabes
alle der Bewunderung des Publikums zu empfehlen, unter der Hinzufgung,
da jeder von ihnen seinem Range entsprechend den ihm nach der
Hofetiquette zukommenden Platz einnimmt.

Da hlt sich vor dem Throne in ehrfurchtsvoller Unbeweglichkeit ein
hochgewachsener Mann von ausgesprochen angelschsischem Typus, der nur
ein Minister der Knigin sein kann.

Es ist auch einer, nmlich der Chef des Cabinets von St. James, den man
an dem unter der Last der Geschfte etwas gekrmmten Rcken leicht genug
erkennt.

Thornpipe geht weiter in seinen Erklrungen.

Und neben dem Premierminister, zur Rechten, der ehrwrdige Herr
Gladstone.

Wahrlich, es wre schwierig gewesen, den berhmten Oldman nicht zu
erkennen, den schnen Greis, der sich noch immer aufrecht hlt,
der immer bereit ist, seine liberalen Anschauungen gegen die der
conservativen Regierung zu vertheidigen. Vielleicht knnte es auffallen,
da er den Premierminister mit freundlichem Blicke betrachtet; doch was
bei Wesen aus Fleisch und Bein unmglich wre, das hat bei Puppen aus
Pappe und Holz ja nicht viel auf sich.

Ein auergewhnlicher Anachronismus verschuldet auch noch eine
andre Nebeneinanderstellung, denn Thornpipe blst die Backen auf und
verkndet:

Hier, Ladies und Gentlemen, stelle ich Ihnen Ihren berhmten Landsmann
O'Connell vor, dessen Name in jedem irlndischen Herzen allezeit ein
Echo finden wird.

Ja, da befand sich O'Connell am Hofe Englands und im Jahre 1875, obwohl
er schon seit einem Vierteljahrhundert todt war. Auf einen dagegen
erhobenen Einwand htte Thornpipe jedenfalls geantwortet, da der groe
Agitator fr einen Sohn Irlands immer fortlebt. Mit hnlicher Begrndung
htte er da auch Parnell aufstellen knnen, obwohl dieser Politiker
jener Zeit kaum bekannt war.

Da und dort stehen noch andre Hflinge verstreut, deren Namen uns
entgehen, alle mit Ordenssternen und Bndern berset, politische und
kriegerische Berhmtheiten, darunter Se. Gnaden der Herzog von Cambridge
neben dem seligen Lord Wellington, der verstorbene Lord Palmerston
neben dem verstorbenen Pitt; endlich Mitglieder der Pairskammer in
vertraulichem Gesprche mit solchen aus dem Hause der Gemeinen; hinter
diesen eine Reihe =Horse-guards= in Parade, im Salon zwar, aber doch
zu Pferde, eine Andeutung, da es sich hier um ein Fest handelt, wie es
selbst im Schlosse zu Osborne selten vorkommt.

Das Ganze umfat etwa fnfzig kleine Mnnchen, die alle schreiend bemalt
sind und mit steifer Wrde alles darstellen, was an Hocharistokratie, an
Auszeichnung und Rangstellung in der militrischen und politischen Welt
des Vereinigten Knigreiches vorhanden ist.

Man bemerkt sogar, da die britische Flotte nicht vergessen wurde, und
wenn die knigliche Yacht Victoria and Albert hier nicht unter Dampf
ist, so sieht man wenigstens Schiffe an die Fensterscheiben gemalt,
durch die man die Rhede von Spithead zu erkennen glaubt. Mit guten Augen
wrde man gewi die Yacht Enchantere߫ unterscheiden knnen, mit Ihren
Ehren den Lords der Admiralitt an Bord, die in einer Hand ein Fernrohr,
in der andern ein Sprachrohr halten.

Mit der Behauptung, da seine Schaustellung einzig in ihrer Art sei,
hat Thornpipe das Publicum nicht betrogen. Auf jeden Fall macht sie eine
Reise nach der Insel Wight unnthig. Auerdem bereitet sie nicht nur
den Gassenbuben, die sie mit Bewunderung betrachten, sondern auch den
Erwachsenen, die niemals ber die Grenzen Connaugths hinauskommen, ein
wirkliches Vergngen. Der Parochialgeistliche lchelt vielleicht im
Stillen darber; der Droguist kann sich nicht enthalten zu besttigen,
da die Aehnlichkeit der dargestellten Personen berraschend sei, obwohl
er diese in seinem Leben nicht gesehen hat. Der Fleischer gestand ein,
was er hier sehe, bertreffe seine Vorstellungen davon, denn er knne
nicht glauben, da bei einem Empfange am Hofe so viel Luxus und Glanz
entfaltet werde.

Nun, Ladies und Gentlemen, nimmt Thornpipe wieder das Wort, das ist bis
jetzt noch gar nichts. Sie glauben jedenfalls, da diese kniglichen und
die andern Personen sich gar nicht bewegen knnten. Fehlgeschossen! Sie
leben wirklich, ich versichere es, leben, wie Sie und ich selbst,
was Sie sofort sehen sollen. Vorerst bin ich so frei, eine kleine
Einsammlung zu veranstalten, wozu ich mich Ihrem geneigten Wohlwollen
empfehle.

Das ist der kritische Augenblick fr solche Schausteller, wenn die
Sammelbchse unter den Zuschauern zu kreisen beginnt. Ganz gewhnlich
zerfallen letztere in zwei Classen: in die, die sich aus dem Staube
machen, um nicht in die Tasche greifen zu mssen, und in die, welche
dableiben mit der Absicht, sich umsonst zu amsieren -- die zweite
Classe bildet brigens die Mehrzahl. Wohl giebt es noch eine dritte
Classe, die der Zahlenden, deren sind aber so wenige, da es sich gar
nicht verlohnt, von ihnen zu sprechen. Das zeigte sich deutlich genug,
als Thornpipe seinen kleinen Umgang antrat und dazu ein liebenswrdiges
Lcheln heuchelte.

Sicherlich htte man bei der ganzen Lumpengesellschaft, die nicht von
der Stelle wich, keine zwei Coppers finden knnen, und alle, die das
weitere Schauspiel unentgeltlich genieen wollten, wendeten beim
Nahen der Sammelbchse einfach den Kopf ab, so da nur fnf bis sechs
Zuschauer in die Tasche griffen, was den Ertrag von einem Schilling drei
Pence ergab, den Thornpipe mit ssaurer Miene einsteckte. Was
half's? Er mute sich, in Erwartung einer reicheren Ernte bei der
Nachmittagsvorstellung, schon begngen und lieber das angekndigte
Programm durchfhren, als etwa das Geld zurckzugeben.

Jetzt verwandelte sich aber die bisher stumme Bewunderung in eine laute
lrmende Kundgebung des Beifalls. Es begann ein Hndeklatschen, ein
Trampeln mit den Fen und ein Aohrufen, da man's wohl bis zum Hafen
hinunter htte hren knnen.

Thornpipe hatte mit seinem Stabe an den Kasten geschlagen, worauf ein
von niemand beachtetes leises Seufzen Antwort gab. Pltzlich erschien
die ganze Scene wie durch ein Wunder in naturgetreuer Bewegung.

Die durch einen inneren Mechanismus bewegten Puppen schienen wirklich
Leben bekommen zu haben. Ihre Majestt die Knigin Victoria hatte zwar
den Thron nicht verlassen, was ein Versto gegen die Etiquette gewesen
wre, sie hatte sich nicht einmal erhoben, sie bewegte aber das
gekrnte Haupt und hob und senkte das Scepter, wie die Kapellmeister
den Tactierstock beim Dirigieren. Die Mitglieder der kniglichen Familie
drehen und wenden sich, grend und Gre erwidernd, hier- und
dorthin, whrend die Herzge, Marquis und Baronets in grter Ehrfurcht
vorberdefilieren. Der Premierminister verneigt sich vor Herrn
Gladstone, der es ihm gleichthut. Nach ihnen schreitet O'Connell auf
unsichtbarer Fuge mit Ernst und Wrde vor, und ihm folgt der Herzog
von Cambridge, der einen Charaktertanz aufzufhren scheint. Die
andern Persnlichkeiten schlieen sich dem Zuge an, und die Pferde der
Horse-guards bumen sich schweifwedelnd, als wren sie nicht in einem
Saale inmitten des Schlosses von Osborne, sondern auf dessen gerumigem
Hofe aufgestellt.

Das Ganze vollzieht sich unter einer leisen, aber scharfen
Musikbegleitung, bei der allerdings manche Tne nicht zum Ausdruck
kommen. Doch wie htte Paddy -- der fr Musik so empfnglich ist,
da HeinrichVIII. das Wappen des Grnen Erin noch mit einer Harfe
bereicherte -- davon nicht entzckt sein sollen, obgleich er statt
=God save the Queen= oder =Rule Britannia=, den melancholischen
Nationalgesngen des traurigen Vereinigten Knigreiches, lieber eine
irische Weise gehrt htte.

Fr Jeden, der die Maschinerie eines greren Theaters noch nicht
kannte, mute der Vorgang hier entschieden etwas Wunderbares an sich
haben; so entfesselte denn auch der Anblick dieser sich bewegenden
Puppen bei den Zuschauern einen Enthusiasmus ohne Gleichen.

Da, wie durch einen Ruck im Mechanismus, senkt die Knigin ihr Scepter
so tief, da sie damit den runden Rcken des Premierministers berhrt.
Ein doppeltes Hurrah der Zuschauer braust durch die Lfte.

Sie leben wahrhaftig! ruft einer der Umstehenden.

-- Es fehlt ihnen nur die Sprache! bemerkte ein andrer.

-- Das lat Euch nicht leid thun! setzt der Pharmazeut hinzu, der in
unbewachten Augenblicken den Demokraten heraussteckt.

Er hatte auch Recht. Man denke sich nur Puppen, die hfische Redensarten
drechseln.

Ich mchte wohl wissen, was sie in Bewegung setzt, lt sich der
Schlchter vernehmen.

-- Das ist der reine Gottseibeiuns, uert ein Matrose.

-- Ja, der Teufel, rufen einige schon halb berzeugte Matronen, die
sich dem Geistlichen zugewendet bekreuzen, whrend der fromme Herr eine
nachdenkliche Miene macht.

-- Wie knnt Ihr annehmen, da der Teufel in diesem Kasten steckt,
erwidert ein wegen seiner Naivett bekannter Ladenjngling, der Teufel
ist dazu viel zu gro...

-- Na, wenn er nicht drin steckt, so steht er drauen! schwatzt eine
alte Stadtklatsche. Der da, der dieses Schauspiel vorfhrt...

-- Ach nein, unterbricht sie der Droguist, Ihr wit doch, da der Teufel
nicht irlndisch spricht!

Das ist die Wahrheit, die Paddy ohne Widerspruch zugiebt, und man
einigte sich also darber, da Thornpipe wegen seines rein irischen
Dialects der Teufel nicht sein knne.

Wenn die Sache also nicht mit Hexerei zuging, mute nothwendiger
Weise ein innerer Mechanismus vorhanden sein, der diese kleine Welt
in Bewegung setzte. Niemand hatte Thornpipe jedoch etwa eine Feder
aufziehen sehen. Ja, als die Bewegungen sich zu verlangsamen begannen,
da hatte -- eine Besonderheit, die dem Pfarrer nicht entging -- ein
Peitschenhieb Thornpipe's unter den von der Decke verhllten Kasten
gengt, die Puppengesellschaft aufs neue zu beleben.

Den Pfarrer drngte es, zu erfahren, wem diese fhlbare Aufmunterung
wohl gegolten haben mge, deshalb fragte er Thornpipe:

Sie haben wohl einen Hund dort in Ihrem Kasten?

Der Mann sah ihn, die Stirn runzelnd, an, als finde er diese Frage etwas
indiscret.

Da drin ist, was eben drin ist! antwortete er. Das bleibt mein
Geheimni. Ich fhle mich nicht verpflichtet, es zu verrathen...

-- Dazu sind Sie nicht verpflichtet, meinte der Geistliche, wir aber
haben doch das Recht, zu vermuthen, da es ein Hund ist, der Ihren
Mechanismus treibt...

-- Nun ja... ein Hund! gab Thornpipe rgerlich zu, ein Hund in einem
Trommelkfig. Es hat mir Zeit genug gekostet, ihn so weit zu dressieren.
Und welchen Lohn hab' ich nun fr meine Mhen erhalten? Nicht die Hlfte
von dem, was man jedem Geistlichen fr das Lesen einer einzigen Messe
bezahlt!

Eben als Thornpipe seinen Satz beendete, stand der Mechanismus still,
zum groen Mivergngen der Zuschauer, deren Interesse noch lange nicht
befriedigt war. Der Puppenvorzeiger ging daran, den Karrendeckel zu
schlieen und erklrte, da die Vorstellung zu Ende sei.

Wrden Sie bereit sein, noch eine zweite zu geben? fragte da der
Pharmazeut.

-- Nein! erklrte Thornpipe, der viele verdchtige Blicke auf sich
gerichtet sah, mit barscher Entschiedenheit.

-- Auch nicht, wenn wir Ihnen fr eine Einnahme von zwei Schillingen
einstnden?

-- Weder fr zwei noch fr drei Schillinge! rief Thornpipe.

Er dachte nur, sich aus dem Staube zu machen, das Publicum schien aber
nicht in der Laune, ihn so schnell fortzulassen. Auf einen Wink seines
Herrn zog der Kter in der Gabeldeichsel schon an, als sich ein langer,
mit Schluchzen untermischter Klagelaut aus dem Kasten hren lie.

Wthend rief Thornpipe, wie schon frher einmal:

Wirst Du schweigen, Hundejunge!

-- Das ist kein Hund, der da drin steckt, sagte der Geistliche, den
Karren zurckhaltend.

-- Und doch! versetzte Thornpipe.

-- Nein... das ist ein Kind!...

-- Ein Kind!... Ein Kind! wiederholten die Zuschauer.

Jetzt ging in der Empfindung der Leute eine mchtige Vernderung vor
sich.

Nicht Neugier, sondern Theilnahme war es, die sich in ihrer drohenden
Haltung kundgab. Ein Kind war in diesem an der Seite offenen Kasten
verborgen, und wurde mit der Peitsche angetrieben, wenn es anhielt, weil
ihm die Krfte erlahmten, sich in seinem Kfig zu bewegen.

Das Kind!... Das Kind heraus! klang es von allen Seiten.

Thornpipe sah sich einer Uebermacht gegenber. Er wollte jedoch
Widerstand leisten und seinen Karren vorwrts schieben.... Vergeblich.
Der Schlchter packte ihn an der einen, der Droguist an der andern Seite
und so wurde das Gefhrt tchtig geschttelt. Der knigliche Hof drfte
wohl niemals einen solchen Verlauf seiner Feierlichkeiten erlebt haben,
bei dem die Prinzen die Prinzessinnen stieen, die Herzge die Marquis
umrannten, der Premierminister hinfiel und einen Sturz des ganzen
Cabinets damit herbeifhrte... kurz, ein Durcheinander, wie es im
Schlosse Osborne gewi nur vorkme, wenn ein Erdbeben die ganze Insel
Wight erschtterte.

Thornpipe wurde bald berwltigt, wenn er sich auch wie ein Rasender
wehrte. Alle betheiligten sich dabei. Der Karren wurde untersucht,
der Droguist kroch zwischen die Rder und zog aus dem Kasten ein Kind
hervor....

Ja, ein Jngelchen von etwa drei Jahren mit bleichem, leidendem Gesicht,
mhsamem Athem und mit Beinchen, die mit Striemen berdeckt waren.

Kein Mensch in Westport kannte den Kleinen.

So gestaltete sich das erste Erscheinen des Findlings, des Helden
dieser Erzhlung. Wie er diesem Wtherich in die Hnde gefallen und
wer sein Vater wre, das war schwerlich zu ergrnden. In Wahrheit
hatte Thornpipe das Kind vor neun Monaten in der Dorfstrae von Donegal
aufgelesen und zu dem nun erkannten Dienste verwendet.

Eine wackre Frau nahm das Brschchen in die Arme und suchte es
aufzumuntern. Alle drngten sich um den Kleinen. Das arme Eichktzchen,
das verurtheilt gewesen war, seinen Kfig unter dem Karrenkasten in
Drehung zu versetzen, hatte ein interessantes, ja intelligentes Gesicht;
aber auf diese Weise sich den Unterhalt verdienen zu mssen -- und in so
zartem Alter!

Endlich ffnete der kleine Knabe die Augen und warf sich rckwrts, als
er Thornpipe gewahrte, der herantrat und mit der Aufforderung: Gebt mir
den Jungen zurck! ihn wiederzuerlangen suchte.

Seid Ihr sein Vater? fragte der Geistliche.

-- Ja..., antwortete Thornpipe hastig.

-- Nein... das ist mein Papa nicht! rief weinend das Kind, das sich der
Frau anschmiegte.

-- Er gehrt Euch gar nicht an! wetterte der Droguist.

-- Ein gestohlener Bursche ist's! setzte der Schlchter hinzu.

-- Und wir geben ihn nicht zurck! erklrte der Pfarrer.

Thornpipe wollte sich nicht ergeben. Mit gerthetem Gesicht und
zornsprhenden Augen verlor er ganz die Fassung und war schon daran,
auf irlndisch zu spaen, d.h. ein Messer zu ziehen, als sich zwei
krftige Mnner auf ihn strzten und ihn entwaffneten.

Jagt ihn davon!... Jagt ihn fort! heulten die Frauen.

-- Mach' Dich auf den Weg, Spitzbube! sagte der Droguist.

-- Und lat Euch in der Grafschaft nicht wieder erblicken! schlo der
Geistliche mit einer drohenden Bewegung.

Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche an und der Karren rollte die
Hauptstrae von Westport wieder hinauf.

Der Schurke! -- so machte sich der Pharmazeut noch Luft -- ich gebe ihm
keine drei Monate, bis er das Menuet von Kilmainham getanzt hat!

Dieses Menuet tanzen, bedeutet nach landlufiger Sprechweise, seine
letzte Gigue vor einem Galgen abtanzen.

Der Pfarrer fragte das Kind nach seinem Namen.

-- Findling hei' ich, lautete die sichere Antwort.

Und in der That: es hatte keinen andern Namen.




III.

=Ragged-School= (die Lumpenschule).


Nummer 13, was hat der?...

-- Das Fieber.

-- Und Nummer 9?...

-- Den Keuchhusten.

-- Nummer 17?...

-- Auch den Keuchhusten.

-- Und Nummer 23?...

-- Ich glaube, der wird den Scharlach bekommen.

Alle diese Antworten schrieb O'Bodkins in ein musterhaft gefhrtes
Register auf die offenen Conten der erwhnten Nummern ein. Hier war
je eine Columne fr den Namen der Krankheit, fr die Stunde des
Arztbesuches, fr die verordneten Arzneien und fr die Art der
Verabreichung derselben angelegt, wenn die Erkrankten ins Hospital
bergefhrt waren. Da standen die Namen in gothischer Schrift, die
Nummern in arabischen Ziffern, die Medicamente in Rundschrift und die
Vorschriften in englischem Ductus -- alles eingefat mit zierlichen
Klammern in blauer Tinte und an gewissen Stellen schwarz doppelt
unterstrichen, ein Muster von Kalligraphie und Uebersichtlichkeit.

Einige von diesen Kindern sind ernstlich erkrankt, bemerkte noch
der Arzt. Achten Sie darauf, da sie sich bei der Ueberfhrung nicht
erklten.

-- Gewi, ich werde schon dafr Sorge tragen, antwortete O'Bodkins
gleichgiltig. Sind sie nicht mehr hier, so bin ich ihrer ledig. Wenn
dann nur meine Buchfhrung in Ordnung ist....

-- Na, und wenn sie ihrer Krankheit erliegen, unterbrach ihn der Doctor,
schon nach Hut und Stock fassend, ist der Verlust, mein' ich, auch nicht
so arg....

-- Gewi nicht, stimmte O'Bodkins zu. Ich schreibe sie dann in die
Rubrik der Verstorbenen ein und ihr Conto wird abgeschlossen. Ist das
aber geschehen, so hat niemand mehr Ursache sich zu beklagen.

Mit einem Hndedrucke verabschiedete sich der Arzt des Hauses.

O'Bodkins war der Director der =Ragged-School= von Galway, einer
Kleinstadt an der Bai und in der Grafschaft gleichen Namens, im
Sdwesten der Provinz Connaught. Nur hier drfen die Katholiken
Grundeigenthum besitzen und hierher (und nach Munster) befleiigt sich
England, das nicht protestantische Irland zurckzudrngen.

Man kennt die Art Leute wie O'Bodkins ja zur Genge; auch er verdient
kaum unter die liebevollen Vertreter der Menschheit gerechnet zu werden.
Er ist ein untersetzter Mann, einer jener Clibatre, die weder eine
Jugend gehabt haben, noch ein Alter haben werden, die sich immer gleich
bleiben und Haare haben, die weder ausfallen noch ergrauen, die mit
goldener Brille, welche man ihnen im Grabe am Besten lt, schon auf die
Welt gekommen sind, die keine Nahrungs-, keine Familiensorgen kennen,
ausreichend haben, was sie bedrfen, und deren Herz von zarteren
Empfindungen niemals bewegt worden ist. Er gehrt zu den, weder guten
noch schlechten Geschpfen, die ihre irdische Laufbahn vollenden, ohne
je etwas Gutes oder Bses gethan zu haben, und die niemals unglcklich
sind... nicht einmal ber das Unglck andrer.

O'Bodkins war also wie von Natur zum Director einer Lumpenschule
geschaffen.

Wir haben bereits gesehen, mit welch' erstaunlicher Sorgfalt, welch'
peinlicher Abwgung des Soll und Haben die Bcher des Mannes gefhrt
waren. Im Hause standen ihm brigens die bejahrte Mutter Kri, an deren
Munde stets die Tabakspfeife hing, und ein lterer Pensionr, namens
Grip, helfend zur Seite. Letzterer, ein armer Teufel mit gutmthigen
Augen, einem gewissen Ausdruck von Frhlichkeit in den Zgen und einer
fr den Irlnder charakteristischen, etwas aufgebogenen Nase, war
unendlich mehr werth als Dreiviertel der elenden Kreaturen, die in
dieser Art Schulhospiz Aufnahme gefunden hatten.

Diese Bewohner des Hauses waren Waisen oder verlassene Kinder, die ihre
Eltern meist gar nicht gekannt hatten. Am Bachesrand oder am Feldrain
geboren, auf Straen oder Landwegen aufgelesen, kehrten sie nach
Erreichung des arbeitsfhigen Alters auch dahin zurck... ein
Ausschu der menschlichen Gesellschaft. Doch was konnte aus zwischen
Pflastersteinen verstreutem Samenkorn fr andre Frucht wohl erwachsen?

In der Schule von Galway befanden sich deren etwa dreiig im Alter von
drei bis zu zwlf Jahren, alle in Lumpen gehllt und immer hungrig,
da sie sich nur von der ffentlichen Mildthtigkeit ernhrten. Mehrere
davon waren immer krank, und diese Kinder schnellten die Sterblichkeit
des Ortes nicht unwesentlich in die Hhe -- freilich kein arger
Verlust, nach Aussage des Arztes.

Er hat ja damit nicht ganz Unrecht, wenn keine Erziehung im Stande ist,
jene zu verhindern, einst Uebelthter zu werden. Und doch wohnt eine
Seele auch unter diesen zerfetzten Hllen, und bei besserer Methode
gelnge es vielleicht, so manchen zum Guten zu lenken. Jedenfalls wre
zur Erziehung und Heranbildung solcher Unglcklichen ein andrer Lehrer
nthig, als jener Hampelmann O'Bodkins, ein Lehrer, wie man solche
selbst in den drftigsten Gemeinden Irlands nicht gar so selten
antrifft.

Der Findling war einer der jngsten in dieser =Ragged-School=. Er
zhlte jetzt kaum vierundeinhalb Jahre. Armes Kind! Es htte an seiner
Stirn die trostlose Aufschrift Keine Hoffnung! Keine Aussichten!
tragen sollen. Von Thornpipe zur lebendigen Kurbel erniedrigt, dann
durch das Mitleid einiger guten Seelen in Westport seinem Peiniger
entrissen und nun Zgling der Lumpenschule in Galway! Und wenn er diese
einst verlie, drohte es ihm dann nicht noch schlechter zu ergehen?

Gewi war es lobenswerth von dem Pfarrer des Kirchspiels gewesen,
dieses unglckliche Wesen aus den Hnden des Marionettenschaustellers
zu befreien. Nach vielen vergeblichen Mhen mute man damals endlich
verzichten, seine Herkunft nachzuweisen. Der Findling entsann sich nur
darauf, bei einer garstigen Frau gelebt zu haben, gleichzeitig mit einem
kleinen Mdchen, das ihm recht zugethan, und noch einer andern, die
aber gestorben war. Einen Ort wute er freilich nicht anzugeben. Ebenso
konnte niemand sagen, ob er ein nur verlassnes oder ein gestohlnes Kind
war.

Seit seiner Befreiung in Westport hatte bald dieses bald jenes Haus fr
ihn nach Krften gesorgt. Die Frauen beklagten sein Schicksal. Der
Name Findling war ihm geblieben. Einzelne Familien pflegten ihn acht,
andere vierzehn Tage lang. So vergingen drei Monate. Das Kirchspiel war
aber selbst recht arm und schon lebten viele Bedrftige auf ffentliche
Kosten. Wre ein Waisenhaus vorhanden gewesen, so wrde der Knabe darin
einen Platz bekommen haben. Ein solches gab es aber nicht, und so hatte
man ihn nach der Lumpenschule in Galway bringen mssen, und hier befand
er sich nun seit neun Monaten, mitten unter einer Rotte verwahrloster
Rangen. Was sollte aus ihm werden, wenn er diese Anstalt einmal verlie?
Er gehrte zu jenen Enterbten, fr die von frhester Jugend an die
Beschaffung der tglichen Bedrfnisse eine Lebensfrage bildet, eine
Frage, die gar zu oft ohne Antwort bleibt.

Seit neun Monaten also befand sich der kleine Junge unter der Pflege und
Zucht der halb verwilderten alten Kri, des in sein Schicksal ergebenen
Grip und des Directors O'Bodkins, dieser Maschine zur Ausgleichung von
Einnahmen und Ausgaben. Seine gute Constitution half ihm aber, viele
hier unvermeidliche Schdigungen zu berwinden. Er stand nicht mit in
des Directors groem Buche in der Rubrik der Masern, des Scharlachs und
andrer Kinderkrankheiten, sonst wre sein Conto wohl schon beglichen
gewesen... in dem gemeinsamen Grabe, das Galway seinen ffentlichen
Armen gewhrte.

Neben der krperlichen Gesundheit war in der Lumpenschule aber auch die
geistige und moralische Entwicklung arg gefhrdet, und es gehrte eine
vortreffliche sittliche Veranlagung dazu, der Ansteckung durch tgliches
bses Beispiel nicht zu erliegen. Hier befand sich sogar ein Knabe,
dessen Mutter ihre Zeit in Norfolk absa߫, auf ferner Insel inmitten
des australischen Meeres, und dessen wegen Raubmords verurteilter
Vater hinter den Mauern von Newgate unter den Hnden des berhmten
(Scharfrichters) Berry geendet hatte.

Dieser Knabe hie Carker. Schon in seinem zwlften Jahre schien er in
den verbrecherischen Spuren der Eltern weiter zu wandeln. Da dieser
inmitten des verwahrlosen Gesindels der Lumpenschule eine gewisse Rolle
spielte, ist ja nicht zu verwundern. Er, ein Verdorbener, der andre
verdarb, geno eines besondern Ansehens, er hatte seine Schmeichler und
Helfershelfer, war der geborne Anfhrer der Schlimmsten und bereits zu
jedem schlechten Streiche bereit, eine Vorbung zu den Verbrechen, die
er nach seinem Austritt aus der Schule gewi beging.

Der Findling freilich empfand nur heftigen Widerwillen gegen Carker,
wenn er ihn -- den Sohn des Gehenkten! -- zuweilen auch mit groen Augen
voller Erstaunen betrachtete.

Im allgemeinen gleichen diese Armenschulen kaum den modernen
Unterrichtsanstalten, fr die der Cubikmeter Luft nach hygienischen
Grundstzen berechnet und der Raumbedarf nach der Kopfzahl bemessen ist.
Zum Lager gab es Stroh, da ist das Bett bald gemacht und bedarf kaum des
Aufschttelns. Von einem Speisesaale war keine Rede, und der erschien
auch berflssig, wo man nur Brodrinden nebst einigen Kartoffeln, und
auch das oft nur in unzureichender Menge, zu kauen hatte. Die Last
des Unterrichtens der Lumpenschler lag auf den Schultern des Herrn
O'Bodkins. Er sollte ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen lehren, doch
ohne Gewhr des Gelingens, und wenn die Kinder zwei bis drei Jahre unter
seiner Zuchtruthe gestanden hatten, gab es unter ihnen kaum ein Dutzend,
die einen Maueranschlag zu entziffern vermocht htten. Obgleich einer
der Jngsten unterschied sich der kleine Junge jedoch sehr von seinen
Kameraden durch einen regen Lerntrieb, der ihm so manche Spttelei
einbrachte. Es ist doch tief bedauerlich und social unverantwortlich,
wenn ein Menschenkind, das nach geistiger Ausbildung trachtet, diese
entbehren mu. Niemand vermag ja den zuknftigen Verlust durch die
Brachlegung eines jungen Gehirns abzuschtzen, das die Natur vielleicht
mit den besten -- jetzt nicht aufgehenden -- Keimen ausgestattet hatte.

Wenn die Zglinge nun hier kaum mit dem Kopfe arbeiteten, lag das
nicht etwa daran, da sie mit Handarbeit berbrdet gewesen wren. Die
tgliche Beschftigung der Kinder bestand vielmehr nur darin, da sie
etwas Brennmaterial fr den Winter aufsammelten, sich bei mitleidigen
Seelen abgelegte Kleidungsstcke erbettelten und den Unrath von Pferden
und andern Thieren zusammenscharrten, um diesen an die Landleute fr
wenige Coppers zu verkaufen -- eine Einnahmequelle, fr die O'Bodkins
eine besondre Rechnung fhrte -- endlich durchwhlten sie, womglich
vor den Hunden oder im Nothfalle nach Verjagung der Vierfler, die
Kehrichthaufen an den Straenecken nach irgendwelchem verwendbaren oder
verwerthbaren Abfall. Spiele, Unterhaltungen gab es hier nicht, wenn man
es nicht als Vergngen rechnen will, sich gegenseitig zu zerkratzen, zu
kneipen und zu beien, abgesehen von den beln Streichen, die Grip gar
hufig gespielt wurden. Der brave Bursche machte davon wenig Aufhebens;
doch das reizte Carker und die andern Schlingel nur noch mehr an, ihm
auf gemeinste und grausamste Weise mitzuspielen.

Das einzige einigermaen saubere Zimmer der Lumpenschule war das des
Directors, das natrlich keiner betreten durfte, denn dann wren seine
Bcher unfehlbar zerrissen, seine Schreibereien berallhin verstreut
worden. Im Gegentheil gefiel es dem Manne, wenn seine Zglinge sich
drauen umhertrieben und dumme Streiche trieben; ihm kamen sie, die der
Hunger und die Mdigkeit in die Lumpenschule heimtrieb, doch immer zu
zeitig zurck.

Bei seiner ernsteren Natur und seinen besseren Neigungen war der
Findling unablssig nicht nur dem rohen Spotte, sondern auch
den Gewaltthtigkeiten Carker's und eines halben Dutzend andrer
preisgegeben. Er vermied es aber, sich zu beklagen. Wenn er nur stark
genug gewesen wre! Er htte sich schon Respect verschafft, htte
Schlag fr Schlag, Futritt fr Futritt zurckgegeben -- jetzt freilich
schwoll ihm das Herz nur vor Ingrimm, zur Selbstvertheidigung zu schwach
zu sein.

Gleichzeitig verlie er das Schulhaus am wenigsten, da er sich ja der
Ruhe erfreute, wenn die brigen drauen herumlungerten. Er stand sich
dabei freilich schlecht, denn unterwegs htte er ja etwas zum abnagen
finden oder ein altbackenes Brdchen fr zwei bis drei als Almosen
erhaltene Coppers kaufen knnen. Ihm widerstrebte es aber, die Hand
auszustrecken und hinter den Wagen herzulaufen, um ein verlorenes
Geldstckchen aufzulesen, vorzglich aber, Ladenauslagen und dergleichen
zu berauben, was die anderen oft genug leichten Herzens thaten. Nein, er
zog es vor, bei Grip zu bleiben.

Nun, Du willst nicht fortgehen? fragte ihn dieser.

-- Nein, Grip.

-- Carker wird Dich schlagen, wenn Du heut' Abend nichts heimgebracht
hast.

-- Da will ich mich lieber schlagen lassen!

Grip empfand fr den kleinen Jungen eine warme, von diesem getheilte
Zuneigung. Selbst geistig ziemlich beanlagt und gebt im Lesen und
Schreiben, bemhte er sich, dem Kinde zu lehren, was er gelernt hatte.
Seit seinem Verweilen in Galway zeigte der Findling auch immer weitere
Fortschritte, wenigstens im Lesen, und versprach also, seinem Lehrer
Ehre zu machen.

Hier sei auch nicht vergessen, da Grip einen groen Vorrath
unterhaltender Geschichten im Kopfe hatte, die er gern erzhlte.

Mit seinem herzlichen Lachen in dieser dsteren Umgebung kam es dem
Findling vor, als verbreite der gute Grip einen Lichtstrahl in der
traurigen Finsterni.

Was unsern Helden am meisten wurmte, war, da die andern sich immer an
Grip rieben und ihm ihr Uebelwollen auf jede Weise fhlen lieen, was
dieser, wie erwhnt, mit philosophischer Ruhe duldete.

Aber, Grip!... begann der Findling zuweilen.

-- Was willst Du?

-- Der Carker ist doch recht schlecht!

-- Gewi, sehr ungezogen. -- Warum klopfst Du ihm nicht den Rcken?

-- Ich? Klopfen?...

-- Ja, und auch den andern?

Grip zuckte mit den Schultern.

Bist Du denn nicht stark, Grip?

-- Das wei ich nicht.

-- Du hast aber doch lange Arme und Beine...

Ja, gro war Grip wohl, doch auch hager, wie ein Blitzableiter.

Nun also, Grip, warum prgelst Du sie nicht, die abscheulichen Kerle?

-- Weil sich's nicht der Mhe lohnt.

-- O, wenn ich Deine Arme und Beine htte...

-- Dann wr's besser, Kleiner, sich ihrer zum Arbeiten zu bedienen.

-- Meinst Du?

-- Ganz gewi.

-- Nun gut, la uns zusammen arbeiten. Sprich!... Wir versuchen's.
Willst Du?

Grip wollte das herzlich gern.

Zuweilen gingen beide aus. Grip nahm das Kind mit, wenn er etwas zu
besorgen hatte. Der Findling trug freilich die erbrmlichste Kleidung,
die ihm nicht einmal auf den Leib pate; zerrissene Hosen,
eine zerfetzte Jacke, eine Mtze ohne Deckel und an den Fen
Rindslederschuhe, deren Sohlen nur durch Bindfaden noch daran
festgehalten wurden. Mit Grip, der auch nur das abgetragenste Zeug
besa, sah es allerdings kaum besser aus. Es waren gleiche Brder mit
gleichen Kappen. Jetzt, in der schnen Jahreszeit, ging das ja noch an.
Gute Witterung ist in den nrdlichen Grafschaften Irlands aber ebenso
selten, wie ein gutes Essen in der Htte Paddys. Beim Regen aber, beim
Schnee erregten die beiden, halb entblt und erfroren, die Fe vom
Schnee fast angetzt, das Mitleid der ihnen begegnenden Leute, wenn
der Groe den Kleinen an der Hand fhrte und beide Trab liefen, um sich
etwas zu erwrmen.

So trollten sie durch die Straen von Galway, das fast einer spanischen
Stadt hnelt, oft unbeachtet von einer gleichgiltigen Menge. Der
Findling htte gar zu gern gewut, was in den Husern da drin
wre. Durch die engen, meist mit Gittern verwahrten Fenster mit den
herabgelassenen Jalousien war freilich nichts zu entdecken. Fr ihn
waren diese Huser mit Silbermnzen angefllte Geldschrnke. Und die
Gasthuser, wohin die Reisenden im Wagen angefahren kamen, wie gern
htte er in deren schne Zimmer einmal gesehen, vorzglich in die des
Royal-Htel! Die Dienerschaft htte aber sicherlich beide wie Hunde
fortgejagt oder, was noch schlimmer ist, wie Bettler, denn ein Hund
findet noch eher einmal eine liebkosende Hand.

Und wenn sie vor den, brigens nur mangelhaft ausgestatteten Lden der
Flecken des oberen Irland stehen blieben, schienen diese den beiden
unschtzbare Reichthmer zu bergen. Da warfen sie brennende Blicke auf
die Auslage eines Kleiderladens, sie, die sich nur in Lappen wickeln
konnten, oder durch das Fenster eines Schuhwaarengeschfts, sie, die
nur fast barfu gingen. Der Genu, einmal einen neuen Rock auf dem Leibe
oder eigens angemessene Stiefeln an den Fen zu tragen, blieb ihnen
voraussichtlich ja fr immer versagt, ebenso wie den vielen Elenden, die
da verurtheilt sind, sich mit dem, was andre wegwerfen und mit Abfllen
aus der Kche zu begngen.

Auch Schlchterlden gab es da, mit ganzen Rindervierteln am Haken,
von denen eines ausgereicht htte, die Lumpenschule einen vollen Monat
hindurch zu sttigen. Als Grip und der Findling das saftige Fleisch
betrachteten, da ffneten sie weit den Mund, fhlten aber, wie ihr Magen
sich dabei zusammenschnrte.

Ei was, sagte Grip, bewege nur die Kinnladen, Kleiner, das ist fast
ebenso gut, als wenn Du geschmaust httest!

Und vor den groen Brodlaiben, die noch einen angenehmen, warmen Duft
ausstrmten, vor den Cakes und andern feineren, den Gaumen reizenden
Backwaaren standen sie wohl auch zuweilen mit trockner Zunge und
zusammengepreten Lippen, Hunger, den qulenden Hunger in den Zgen, und
dann murmelte der Findling wohl:

Ach, das mu aber gut schmecken, Grip!

-- Gewi, Kleiner, besttigte dieser.

-- Hast Du schon so etwas gegessen?

-- Ja, einmal doch.

-- Ach! seufzte der kleine Junge.

Er hatte ja nie dergleichen gekostet, weder bei Thornpipe, noch seit die
Lumpenschule ihm Obdach gewhrte.

Eines Tages fragte ihn eine Frau, die fr sein blasses Gesicht Mitleid
empfand, ob ihn wohl so ein Kuchen erfreuen wrde.

Da wnscht' ich mir lieber Brod, erwiderte er.

-- Warum denn das, mein Kind?

-- Weil man davon mehr bekommt.

Eines Tages aber, als Grip fr einige Besorgungen ein paar Pence
erhalten hatte, kaufte dieser einen kleinen, mindest acht Tage alten
Kuchen.

Schmeckt er gut? fragte er den Knaben.

-- O, herrlich... so s, als ob er gezuckert wre!

-- Da ist auch Zucker drin, versicherte Grip, echter, richtiger Zucker!

Bisweilen lustwandelten die beiden Freunde bis zur Vorstadt Salthill.
Von hier aus kann man die ganze Bai berblicken, die zu den schnsten
Irlands gehrt. Da sieht man die drei Inseln Aran, die sich am Eingange
erheben wie die drei Felskegel von Vigo -- eine weitere Aehnlichkeit mit
Spanien -- und rckwrts die wilden Bergmassen des Burren und des Clare,
sowie die steilen Uferklippen von Moher. Dann gingen sie nach dem Hafen
zurck, nach den Quais und lngs der Docks hin, deren Anlage begonnen
hatte, als einmal die Absicht aufgetaucht war, Galway zum Ausgangspunkte
einer transatlantischen Dampferlinie zwischen Europa und Nordamerika zu
machen, da von hier aus der Seeweg am krzesten wre.

Als beide da verschiedene Schiffe, theils in der Bai vor Anker liegend,
theils an der Hafenmauer vertut, erblickten, fhlten sie sich mchtig
davon angezogen, als wenn das Meer gegen arme Leute minder grausam sein
knnte als die Erde, da es eine sichrere Existenz verspricht und das
Leben in der freien Luft der Oceane jedenfalls dem in den dunstigen,
verpesteten Gassen der Stdte vorzuziehen ist. Vor allen andern Berufen
schien ihnen der des Seemannes ebenso dem Kinde die Gesundheit, wie dem
Manne den Lebensunterhalt zu gewhrleisten.

Das mu schn sein, Grip, auf diesen Schiffen mit ihren groen Segeln
zu fahren! rief der Findling aufjubelnd aus.

-- Wenn Du wtest, wie es mich danach verlangt! antwortete Grip, der
den Kopf zurckwarf.

-- Warum bist Du dann nicht Seemann geworden?...

-- Du hast Recht... ich htte Matrose werden sollen.

-- Du wrst so weit... so weit gefahren....

-- Nun, vielleicht macht sich das noch. -- Jetzt war es freilich nichts
damit.

Der Hafen von Galway wird durch die Mndung eines Flusses gebildet, der
aus dem Lough Corrib abstrmt und sich in die Bai ergiet. Am andern
Ufer, jenseits einer Brcke, erhebt sich das bemerkenswerthe Dorf
Claddagh, das viertausend Einwohner zhlt, lauter Fischer, die sich seit
langer Zeit einer selbststndigen Gemeindeverwaltung erfreuen, und deren
Ortsvorsteher in alten Urkunden als Knig aufgefhrt ist. Grip und
das Kind kamen dann und wann bis nach Claddagh. Der Findling htte Alles
darum gegeben, einer der rstigen, muthwilligen, wettergebrunten Knaben
hier, der Sohn einer krftigen Mutter zu sein, in deren Adern noch ein
Tropfen galicisches Blut rollte, wenn die Frauen gleich ihren
Mnnern auch ein etwas wildes Aussehen haben. Ja, er beneidete diesen
lebenslustigen Schwarm, der sich gewi glcklicher fhlte, als die
Kinder in so manchen Stdten Irlands. Wie gern htte er sich zu den
Knaben gesellt, die da lachten, kreischten, im Wasser herumpltscherten,
wie gern htte er zu ihnen gehrt! Bei seiner zerfetzten Kleidung wagte
er's aber nicht, sich ihnen zu nhern, sie htten ja glauben knnen, er
wolle betteln. So hielt er sich, eine schwere Thrne im Auge, beiseite
und schlrfte nur nach dem Marktplatze hin, um sich die schnfarbigen
Makrelen und die silbergrauen Hringe, die einzigen Meeresbewohner, auf
deren Fang die Fischer von Claddagh ausgehen, etwas anzusehen. Von
den Hummern und Taschenkrebsen, die es zwischen den Klippen der Bai
ebenfalls in groer Menge gab, konnte er nicht glauben, da sie gut
schmeckten, obgleich ihm Grip, nach dem, was ihm zu Ohren gekommen
war, versicherte, es wre wie Schaumkuchen, was die Thiere unter ihrer
Schale htten. Vielleicht sollten sie das einmal selbst erproben.

Nach ihrem Spaziergange begaben sich beide durch die engen und
schmutzigen Straen in der Richtung nach der Lumpenschule zurck. Dabei
gingen sie an Ruinen vorber, die Galway das Aussehen verleihen, als sei
es zur Hlfte durch ein Erdbeben zerstrt worden. Und doch haben Ruinen,
wenn die Zeit sie geschaffen hat, auch ihren Reiz. Hier freilich, wo
sie nur aus Husern bestanden, die wegen Mangels an Baucapitalien
unvollendet blieben, deren kaum dem Erdboden entstiegene Mauern berall
Risse zeigten, kurz, hier, wo nur eine Folge der Vernachlssigung und
nicht ein Werk der Jahrhunderte vorlag, machte das Ganze eher einen
beklemmenden, traurigen Eindruck.

Noch schlimmer als die rmeren Stadttheile, noch abstoender als die
verwitterten Htten der Vorstdte Galways, so freilich sah die elende,
dumpfige Wohnung, das unzureichende Obdach aus, wo das Elend die
Genossen des Findlings zusammenpferchte, und Grip und er beeilten sich
auch gar nicht, als die Stunde der Heimkehr geschlagen hatte.




IV.

Das Begrbni einer Mwe.


Leicht drfte man sich fragen, ob der Findling im Kreise dieser
moralisch tief stehenden Genossen nicht auch mit Rckschritte gemacht
habe. Man begreift wohl, da ein Kind, dem alle Sorgfalt zu Theil wird,
das berall Liebe umgiebt, sich ganz dem Glcke des Lebens hingiebt,
da es, ohne nach dem zu fragen, was gewesen ist oder sein wird, seine
Jugend geniet. Doch wenn die Vergangenheit nur eine Kette von Trbsal
und Leiden gewesen ist, da erscheint die Zukunft wohl in dstrer
Frbung, die sich vom Bilde der Vergangenheit auf sie bertrgt.

Was konnte aber der Findling, wenn er ein oder zwei Jahre zurckblickte,
sehen? Jenen Thornpipe, den rohen, verthierten Menschen, den
mitleidslosen Qulgeist, den er noch immer einmal in den Straen der
Stadt oder drauen auf dem Landwege wieder zu treffen frchtete und der
sich dann seiner gewi zu bemchtigen suchen wrde; daneben kam ihm noch
die Erinnerung an jene grausame Frau, die ihn mihandelte, freilich
auch das Bild des kleinen Mdchens, die ihn zuweilen auf den Knien
schaukelte.

Ich glaube mich zu erinnern, da sie Sissy[1] hie, sagte er eines
Tages zu seinem Freunde.

-- Welch' hbscher Name! antwortete Grip.

Grip war im Grunde der Meinung, da jene Sissy nur in der Einbildung des
Kindes existierte, denn man hatte nie etwas nheres von ihm in Erfahrung
bringen knnen. Wenn er in dieser Hinsicht indessen einen Zweifel
durchblicken lie, war der Findling nahe daran bs zu werden. Da er
sie in der Erinnerung noch deutlich vor sich sah, mute er ihr ja einst
wieder begegnen. Doch was mochte aus ihr geworden sein? Trennten sie
viele Meilen von einander?... Sie liebte ihn ja und er auch sie....
Das war die erste Neigung, die er vor seinem Bekanntwerden mit Grip
empfunden hatte, und er sprach von ihr wie von einem groen Mdchen. Sie
war so sanft und gut und liebkoste ihn und trocknete seine Thrnen, ja
sie kte ihn und theilte mit ihm ihre Erdpfel....

Ich htte sie so gern schtzen mgen, wenn die alte hliche Frau sie
schlug, sagte der kleine Knabe.

-- Ich auch, und ich glaube, ich wrde da derb zugepackt haben!
antwortete Grip, um dem Kinde ein Vergngen zu machen.

Wenn der wackre Bursche sich brigens nicht selbst vertheidigte, wenn
man ihm zu nahe kam, so wute er doch recht gut, andre zu vertheidigen
und hatte davon schon manchen Beweis geliefert, sobald es darauf ankam,
seinen Schtzling vor den bswilligen Angriffen der Rotte zu decken.

Einmal schon, in den ersten Monaten seines Aufenthaltes in
der Lumpenschule, war der Findling, verlockt durch den Ton der
Kirchenglocke, eines Sonntags in die Kathedrale von Galway eingetreten.
Nur ein glcklicher Zufall hatte ihn dahin fhren knnen, denn selbst
die Touristen haben Mhe, das Bauwerk zu entdecken, das in einem
Labyrinth von unsauberen, engen Straen verloren ist.

Da stand nun das Kind verschmt und furchtsam. Der unerbittliche Kster
htte den Knaben, wenn er diesen erblickte, wie er halb entblt sich
in die Ecke drckte, gewi nicht in der Kirche gelitten. Der Kleine war
ganz erstaunt und entzckt von dem, was er hrte, von den geistlichen
Liedern in Begleitung der Orgel, und von dem, was er sah, dem Priester
am Altar im goldgestickten Ornate, und den groen Kerzen, die am hellen
Tage brannten.

Der Findling hatte nicht vergessen, da der Pfarrer von Westport
manchmal von Gott zu ihm gesprochen hatte, von Gott, der unser aller
Vater ist. Er erinnerte sich auch, da sogar der Puppenschausteller
den Namen Gottes in den Mund nahm, freilich nur, wenn er schreckliche
Verwnschungen ausstie, und das verwirrte jetzt seine Gedanken inmitten
der religisen Handlung. Dennoch empfand er, unter der hohen Wlbung
hinter einem Pfeiler versteckt, eine Art Neugier, indem er den
Geistlichen betrachtete, wie er Soldaten angestaunt htte. Und whrend
sich die ganze Versammlung beim Aufheben der Monstranz und den Tnen des
Glckchens tief verneigte, da verschwand er wieder ohne bemerkt worden
zu sein und glitt ber die Steinplatten so leise hinweg, wie eine Maus,
die in ihr Loch huscht.

Aus der Kirche nach Hause gekommen, erwhnte er davon gegen niemand
etwas, nicht einmal gegen Grip, der brigens nur eine unklare
Vorstellung von der Bedeutung der Messe und der Vesper hatte. Nach
einem zweiten Besuche aber, als er sich gerade mit der alten Kri allein
befand, wagte er die Frage, was denn Gott eigentlich sei.

Gott?... antwortete die alte Frau, deren schreckliche Augen durch die
dicken, ihrer Pfeife entstrmenden Wolken blitzten.

-- Ja, Gott?...

-- Das ist der Bruder des Teufels, dem er die unartigen, vormuligen
Kinder zuschickt, um sie in dessen hllischem Feuer verbrennen zu
lassen.

Auf diese Antwort erblate der Findling, und obwohl er gern gewut
htte, wo sich diese glhende Hlle befinde, wagte er es doch nicht, die
alte Frau Kri danach zu fragen.

Fortwhrend aber dachte er an diesen Gott, der nur die Aufgabe zu haben
schien, kleine Kinder zu bestrafen, und wie schrecklich zu bestrafen,
wenn er die Worte der Kri fr Wahrheit halten konnte.

Die Sache drckte ihn dermaen, da er darber eines Tages mit seinem
Freunde Grip reden wollte.

Sage mir einmal, Grip, hast Du schon zuweilen von der Hlle reden
hren?

-- Ja, dann und wann, Kleiner.

-- Und wo ist denn die Hlle?

-- Das wei ich freilich nicht.

-- Sage mir... wenn man dort die bsen Kinder verbrennt, wird da auch
Carker verbrannt werden?

-- Gewi, im lichterlohen Feuer!

-- Ich, Grip, ich bin wohl nicht so schlecht, nicht wahr?

-- Du?... Schlecht?... Nein, das glaub' ich nicht.

-- Dann werd' ich also nicht verbrannt?...

-- Kein Hrchen wird Dir versengt!

-- Und Dir auch nicht, Grip?

-- Nein, nein, mir auch nicht!

Grip hielt es aber fr angezeigt, hinzuzufgen, bei ihm lohne es gar
nicht der Mhe, da er so mager sei.

Das war also alles, was der kleine Junge bis jetzt von Gott wute und
was er vom Katechismus gelernt hatte. Dennoch verrieth ihm trotz seiner
Jugend eine innere Stimme, was Recht und was Unrecht war. Wenn er auch
nicht nach den Vorschriften der alten Hausverwalterin der Lumpenschule
bestraft zu werden frchtete, so drohte ihm das um so mehr von seiten
O'Bodkins'!

Dieser war nmlich gar nicht zufrieden mit ihm. Der Findling figurierte
noch nicht auf dem Conto der Einnahmen, wohl aber auf dem der Ausgaben.
Das Brschchen verursachte nur Unkosten (wenn diese auch gering waren)
und erwarb nichts. Die andern, welche bettelten und gelegentlich wohl
Kleinigkeiten stahlen, trugen doch in etwas zu den Kosten der Wohnung
und der Nahrung bei, whrend dieses Kind gar nichts heimbrachte.

Eines Tages machte ihm O'Bodkins darber die bittersten Vorwrfe, wobei
er ihn durch die Brille mit strengem Blicke ma.

Der kleine Knabe hatte Selbstbeherrschung genug, nicht zu weinen, als er
von O'Bodkins als verantwortlichem Leiter und Director der Schule diese
Predigt erhielt.

Du willst wohl gar nichts thun? herrschte er ihn an.

-- Doch, Herr Director, erwiderte das Kind. Sagen Sie mir nur, was ich
thun soll.

-- Nun irgend etwas, was so viel einbringt, wie Du hier kostest.

-- Das mcht' ich gerne, ich wei es aber nicht anzufangen.

-- Ei, da luft man den Leuten auf der Strae nach, spricht sie an, ob
sie etwas zu besorgen haben....

-- Ich bin zu klein, niemand will mich dazu haben.

-- So durchwhlst Du die Abraumhaufen an den Ecksteinen, darin ist immer
noch etwas zu finden.

-- Ja, mich beien aber die Hunde, und ich bin nicht stark genug, ich
kann sie nicht fortjagen.

-- Wirklich? Hast Du denn Hnde?

-- Ja.

-- Und hast Du auch Beine?

-- Ja.

-- Nun also, so laufe den Wagen nach und bettle einige Coppers, da Du
nichts andres machen kannst.

-- Ich soll Coppers betteln!

Der Findling fhlte einen Stich im Herzen, so emprte sich sein
natrlicher Stolz, und er errthete bei dem Gedanken, die Hand
ausstrecken zu sollen.

Das bin ich nicht im Stande, Herr O'Bodkins! sagte er.

-- Ach, das knntest Du nicht? --

-- Nein!

-- Doch knntest Du denn leben ohne zu essen?... Nein, nicht wahr?
Ich sage Dir aber, da ich nchstens mit Dir doch eine solche Probe
anstellen werde, wenn Du nicht etwas ersinnst, Deinen Unterhalt zu
verdienen! Jetzt trolle Dich weg!

Seinen Unterhalt verdienen, und das im Alter von vier Jahren und
wenigen Monaten! Freilich verdiente er ja schon etwas bei dem
Puppenschausteller, doch auf welche Weise! Der Kleine trollte sehr
bestrzt davon. Wer ihn dann in seinem Winkel gesehen htte, wie er mit
gekreuzten Armen und hngendem Kopfe dasa, der htte Mitleid mit ihm
haben mssen. Das Leben war fr das arme kleine Geschpf eine recht
schwere Last!

Sind solche verlassene kleine Wesen nicht schon von allerfrhester
Zeit durch das Elend abgestumpft, so mag sich selten jemand vorstellen
knnen, was sie leiden, und jeder wrde ihnen gewi seine Theilnahme
nicht versagen.

Nach den Vorwrfen des Directors kamen dann noch die Schmhungen der
Schlingel aus der Schule.

Diese rgerte es, da der Junge ehrbarer war als sie. Alle strebten
danach, ihn zum Schlechten zu verleiten, und an schlimmen Rathschlgen
und... Hieben lieen sie es dazu nicht fehlen.

Carker vorzglich zeichnete sich in dieser Hinsicht vor allen brigen
aus.

Du willst nicht betteln? fragte er eines Tages.

-- Nein, antwortete der Findling mit fester Stimme.

-- Nun, Du Dummkopf, man bettelt und bettelt auch nicht, man nimmt
einfach!

-- Nehmen?

-- Natrlich! Sieht man einen gutgekleideten Herrn mit einem aus der
Tasche hervorhngenden Taschentuche, so schleicht man an ihn heran,
zieht vorsichtig an dem Taschentuche, und da kommt das ganz allein
heraus.

-- Lass' mich in Ruhe, Carker!

-- Manchmal folgt auch noch ein Portemonnaie dem Taschentuche nach....

-- Das nennt man stehlen!

-- Und in den Portemonnaies der reichen Leute findet man keine Coppers,
sondern Schillinge, Kronen und auch Goldstcke; die steckt man hbsch
ein und theilt sie mit den Kameraden.

-- Ja, fiel ein andrer ein, und whrend man davon luft, macht man den
Polizisten eine lange Nase.

-- Na, brigens, fuhr Carker fort, wenn man nun auch eingeschlossen
wrde, was htte das zu bedeuten? Da, im Gefngni ist es ebenso gut wie
hier, wenn nicht noch besser. Dort erhlt man Brod, Suppe, Kartoffeln
und it sich ordentlich satt.

-- Ich mag aber nicht, ich mag nicht! wiederholte der Kleine, der sich
der Taugenichtse zu erwehren suchte, die ihn wie einen Ball hin- und
herstieen.

Da erschien Grip im Saale und beeilte sich, ihn seinen Peinigern zu
entreien.

Da Ihr mir den Kleinen ungeschoren lat! rief er, die Hnde ballend.

Dieses Mal war Grip wirklich wthend.

Du weit, sagte er zu Carker, ich schlage nicht oft zu, nicht wahr,
doch wenn's einmal geschieht, dann auch ordentlich!...

Die Buben lieen ihr Opfer frei, warfen ihm aber wthende Blicke,
offenbar mit dem Versprechen zu, da sie wieder ber den Kleinen
herfallen wrden, wenn Grip nicht mehr da wre, und nur die Gelegenheit
abwarteten, womglich beiden etwas auszuwischen.

Na, Du wirst ganz gewi verbrannt, Carker! sagte der Findling mit etwas
Theilnahme in den Mienen.

-- Verbrannt?...

-- Ja, in der Hlle, wenn Du Dich nicht besserst!

Diese Versicherung rief bei dem Taugenichtse freilich nur ein tolles
Gelchter hervor, whrend bei dem Kleinen die Ueberzeugung, da Carker
gerstet werden wrde, unerschtterlich feststand.

Das Dazwischentreten Grip's reizte die Rangen selbstverstndlich noch
mehr, und trieb sie an, sich an Beschtzer und Beschtzten ordentlich zu
rchen.

In den Winkeln des Hauses beriethen die schlimmsten Insassen der
=Ragged-School= ihre hinterlistigen Plne. Grip lie sie jedoch nicht
aus den Augen und blieb, so viel er konnte, in der Nhe des bedrohten
Knaben. Fr die Nacht nahm er ihn mit nach der Bodenkammer, die er unter
den Dachsparren bewohnte. War's hier auch kalt und recht drftig, so
blieb der Findling doch gegen die gemeinen Knaben und die schlechte
Behandlung der brigen Rotte geschtzt.

Eines Tages lustwandelten Grip und er auf dem Strande von Salthill, wo
sie sich badeten und der ltere, der des Schwimmens kundig war, seinen
kleinen Begleiter darin unterrichtete. O, wie glcklich fhlte sich
dieser, in die klare Fluth tauchen zu knnen, auf der die schnen
Schiffe dahintrieben... weit, weit weg, bis die weien Segel am
Horizonte verschwanden.

Beide belustigten sich in den langen Wellen, die gegen das Ufer
brandeten, wobei Grip das Kind an den Schultern hielt und ihm die zum
Schwimmen nthigen Bewegungen lehrte.

Da lie sich pltzlich von den Uferklippen her ein wahrhaft teuflisches
Geheul vernehmen und in der Nhe wurde der ganze Auswurf der
Lumpenschule sichtbar.

Es waren nur ein Dutzend, aber die schlimmsten und rohesten Burschen und
natrlich Carker an der Spitze.

Sie schrien so unbndig, weil sie eine flgellahme Mwe entdeckt hatten,
die zu entfliehen suchte, was ihr vielleicht noch gelungen wre, wenn
sie Carker nicht mit einem Stein getroffen htte.

Der Findling stie einen Aufschrei hervor, als wre er von dem Wurfe
getroffen worden.

Die arme Mwe!... Das arme Thier! rief er klagend.

In Grip's Herzen kochte der Zorn auf und er htte Carker wahrscheinlich
eine Tracht Prgel verabreicht, die dieser nicht so leicht vergessen
htte, als er sah, da das Kind den Strand hinauf mitten unter die Bande
eilte und fr den Vogel um Erbarmen bat.

Carker, ich bitte Dich... wiederholte der Kleine... schlage lieber
mich, nicht aber die Mwe... nur die Mwe nicht!

Ein Hagel von Spottreden war die Antwort darauf, als die andern ihn ganz
nackt mit den dnnen Beinchen und den vorspringenden Hftknochen ans
Land laufen sahen, whrend er noch immer rief:

Gnade... Gnade... fr die arme Mwe!

Keiner hrte auf sein Flehen, sondern alle lachten ihn aus und
verfolgten den Vogel weiter, der sich vergeblich von der Erde zu erheben
und dann, mhsam auf den Fen forthpfend, zwischen den Felsen Schutz
suchte.

Vergeblich.

Ihr Feiglinge!... Ihr Thierquler! rief der Findling ihnen zu. Carker
hatte die Mwe an dem einen Flgel gepackt, schwenkte sie herum und
warf sie dann in die Luft. Sie fiel wieder zu Boden, wo sie ein andrer
ergriff und auf die Strandkiesel schleuderte.

Grip... Grip!... rief der Findling wiederholt, nimm sie in Schutz,
Grip!

Dieser strzte sich zwar auf die Rangen, um ihnen den Vogel zu
entreien, er kam jedoch zu spt. Carker hatte der Mwe schon mit dem
Absatz den Kopf zertreten.

Ein gellendes Lachen und ein jubelndes Hurrah belohnte diese Heldenthat.

Der kleine Knabe war auer sich. Der Zorn aber bermannte ihn, und in
blinder Wuth hob er einen Stein auf und traf damit Carker mitten auf die
Brust.

Ha, das sollst Du mir theuer bezahlen! brllte Carker.

Und ehe Grip es verhindern konnte, strzte er auf den Schwachen zu,
zerrte ihn nach dem Strande und schlug nach Krften auf ihn los.

Whrend dann die brigen Grip an Armen und Beinen zurckhielten, drckte
jener den Kopf des kleinen Knaben unter das Wasser, da dieser beinahe
erstickt wre.

Als es Grip endlich gelungen war, sich durch hageldicht ausgetheilte
Schlge von den Taugenichtsen, die meist heulend auf den Sand
hinkollerten, zu befreien, eilte er Carker nach, der natrlich mit der
ganzen Bande davonlief.

Zurckkehrend sah er, wie die Wellen den Findling schon fast mit
hinausgezogen hatten, wenn er den halb bewutlosen Knaben nicht noch im
letzten Augenblick erfate und emporzog.

Nachdem er ihn tchtig gerieben, kam der Kleine wieder zu sich. Schnell
hllten sich beide in ihre erbrmliche Kleidung und Grip fhrte den
Kleinen an der Hand mit fort.

Am Ufer lag der muthwillig getdtete Vogel. Da hhlte der Kleine, dem
die Thrnen in die Augen traten, ein Loch am Uferrande aus und vergrub
das arme Thier... er, der selbst ja weiter nichts war, als ein
verlassener Vogel... eine arme menschliche Mwe.




V.

Noch einmal die =Ragged-School=.


Nach Hause gekommen, glaubte Grip den Herrn O'Bodkins auf das Betragen
Carkers und der brigen aufmerksam machen zu sollen. Nicht, da er sich
ber ihm selbst gespielte Streiche -- worber er ja gutmthig hinwegsah
-- Klage fhren wolle, nein, nur die ble Behandlung, die dem kleinen
Knaben zu Theil geworden war, lag ihm am Herzen. Und diesmal war das
sogar so weit gegangen, da das Kind ohne die Hilfe Grip's jetzt todt
gewesen wre.

Als einzige Antwort zuckte O'Bodkins nur mit den Achseln. Grip mute
das verstehen: es handelte sich um Dinge, fr die der Director nicht
verantwortlich war und die ihm also nichts angingen. Das Hauptbuch
konnte doch unmglich noch eine Rubrik fr Ohrfeigen und eine andre
fr Futritte erhalten. So etwas lie sich ja ebensowenig nach
arithmetischen Regeln zusammenstellen wie drei Kieselsteine und fnf
Disteln. Ohne Zweifel war O'Bodkins als Leiter der Anstalt verpflichtet,
das Betragen der Zglinge zu berwachen, die Verantwortung dafr liebte
er aber auf den Aufseher der Schule -- als solcher galt eben Grip --
abzuwlzen.

Von diesem Tage ab lie nun Grip seinen Schtzling niemals aus dem Auge,
vorzglich nicht allein in dem groen Saale, und wenn er ausging, schlo
er den Kleinen sorgsam in seine Dachkammer ein, wo dieser sich dann
wenigstens in Sicherheit befand.

So verflossen die letzten Sommertage; der September kam heran. Fr die
nrdlichen Bezirke des Landes bedeutet das schon den Beginn des Winters,
und der Winter besteht fr das obere Irland in fast ununterbrochenem
Schneegestber, scharfen Winden und Nebeln, die von den bereisten
Ebenen des nrdlichen Amerika stammen und von den Meereswinden nach
Europa getrieben werden.

Es herrscht unfreundliches, rauhes Wetter an den Ufern der Bai von
Galway, die zwischen den umgebenden Bergen wie zwischen den Wnden eines
Gletschers liegt. Da giebt es kurze Tage und lange Nchte, peinlich
genug fr alle, in deren Kamin kein wrmendes Feuer flackert. In der
Lumpenschule herrschte natrlich auch eine recht niedrige Temperatur,
auer vielleicht im Zimmer des Directors O'Bodkins. Doch wenn der
verantwortliche Leiter der Anstalt nicht warm gesessen htte, wre ihm
ja die Tinte im Schreibzeug eingefroren, und das ging doch nicht wohl
an.

Jetzt galt es vor allem, auf Straen und Landwegen zusammenzuraffen, was
irgend brennbar war und einige Wrme liefern knnte. Freilich ergab das
nicht viel, wenn man wie hier auf herabgefallene drre Zweige, auf durch
den Rost gefallene Kohlenstckchen, die in den Haufen vor den Husern
lagen, angewiesen war, und etwa auf die lngs der Quais verstreut
liegend verlornen Kohlenstcke, um die sich die armen Leute fast
schlugen.

Die Zglinge der Lumpenschule muten sich also dieser Arbeit unterziehen
und auch der Findling nahm daran ohne Widerspruch theil, das war doch
wenigstens kein Betteln. Dann brannte denn auch ein Feuer im Ofen, so
gut es eben zu unterhalten war.

Die ganze, in der zerrissenen Kleidung frierende Schule drngte sich
um den Ofen, wobei die Grten natrlich die besten Pltze eroberten,
whrend das Abendbrod im Kessel bereitet wurde. Und welches Abendbrod!
Weggeworfene Kartoffeln, Brodrestchen, Knochen, an denen zuweilen noch
ein Bissen zhes Fleisch hing.... Das ganze eine jmmerliche Suppe,
worauf einige Fettklmpchen die Augen guter Bouillon vertraten.

Nahe dem Feuer gab es fr den kleinen Jungen selbstverstndlich
niemals einen Platz und selten einen Lffel von der Suppe, die die alte
Hausverwalterin fr die Greren aufhob. Diese strzten gleich hungrigen
Hunden darber her und wiesen den andern die Zhne, um ihre magere
Mahlzeit zu vertheidigen.

Den Kleinen pflegte Grip in sein Loch mitzunehmen, wo er ihm das Beste
von dem zuschob, was er von den tglichen Rationen empfing. Da gab es
freilich kein wrmendes Feuer. Doch wenn sich beide unter das Stroh
versteckten und sich aneinander drngten, dann gelang es ihnen
wohl, sich einigermaen vor der Klte zu schtzen und einzuschlafen.
Vielleicht wrmte sie wenigstens der wohlthtige Schlaf!

Eines Tages begnstigte Grip das Glck in ganz besondrer Weise. Er war
unterwegs und ging eben auf der Hauptstrae von Galway hin, als ein in
das Royal-Htel zurckkehrender Reisender ihn beauftragte, noch einen
Brief nach der Post zu besorgen. Grip beeilte sich, diesem Wunsche
nachzukommen und erhielt einen ganzen Schilling zur Belohnung. Das
war nun freilich immer noch kein groes Capital, um dessen Anlegung in
Staatspapieren er sich etwa den Kopf zu zerbrechen brauchte, dagegen war
er sofort entschlossen, fr das Geld etwas Ebares einzukaufen, was zum
greren Theil dem Findling, zum kleineren ihm selbst zu Gute kommen
sollte. So erhandelte er denn einige Fleisch- und Wurstwaaren, die
fr drei Tage ausreichten und die von Carker und den andern unbemerkt
verzehrt wurden, denn Grip hatte begreiflicher Weise keine Ursache, mit
den andern Zglingen zu theilen, die auch niemals mit ihm theilten.

Besonders wichtig wurde das Zusammentreffen Grip's mit dem Fremden noch
dadurch, da dieser angesichts der erbrmlichen Kleidung des Burschen
ihm noch eine recht gut erhaltene wollene Weste schenkte.

Grip dachte natrlich gar nicht daran, diese selbst in Gebrauch zu
nehmen; nur sein kleiner Schtzling lag ihm am Herzen, und dieser sollte
sich in der warmen Hlle unter seinen Lumpen gewi recht wohl fhlen.

Da steckt er darin wie ein Lamm in der Wolle! sagte der brave junge
Mann fr sich.

Das Lamm wollte aber nicht zugeben, da sich Grip seines Vliees
beraubte. Es wurde hin und her verhandelt, und endlich kam man zu einer
befriedigenden Entscheidung.

Der Herr, von dem die Weste herrhrte, war ziemlich stark und Grip htte
in jene zweimal hinein gesteckt werden knnen. Er war auch gro, so da
die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Fen verhllt htte.
So erschien es also nicht unmglich, das Kleidungsstck fr beide
Freunde zurecht zu machen. Die alte trunkschtige Frau Kri zum
Zertrennen und wieder Zusammennhen desselben aufzufordern, wre
freilich ebenso viel gewesen, wie sie zum Verzicht auf ihre Pfeife zu
bestimmen. So machte sich denn Grip in seiner Bodenkammer selbst an die
Arbeit. Er nahm dem Kinde Ma und erwies sich so geschickt, da er eine
ganz brauchbare wollene Jacke zu Stande brachte. Er selbst erhielt dann
noch eine Weste, freilich ohne Aermel, aber doch eine Weste, und das war
auch etwas.

Natrlich bestimmte er den Findling, die Jacke unter seinen Lumpen
zu tragen, damit die andern sie nicht sehen sollten. Statt sie ihm
zu lassen, htten diese sie ganz gewi einfach zerrissen. Der Kleine
befolgte den klugen Rath und befand sich denn auch bei strenger
Winterklte ganz ertrglich in der weichen warmen Hlle.

Nach ungemein regenreichem October brachte der November recht kalten
Wind, der alle Feuchtigkeit der Atmosphre zu Schnee verwandelte. In den
Straen von Galway lag die weie Decke zwei Fu hoch. Das wirkte recht
hemmend beim Einsammeln von Brennmaterial ein. In der =Ragged-School=
froren alle gehrig, und wie es dem Ofen an Heizmaterial fehlte, so
fehlte es dem Magen, der ja auch ein Ofen ist, daran oft nicht minder.

Dennoch muten die Zglinge, trotz der Schneestrme, dem eisigen Winde,
auf Straen und Wegen sich bemhen, den Bedarf der Schule zu decken.
Auf dem Erdboden war nichts mehr zu finden, so blieb denn nichts anders
brig, als von Thr zu Thr zu gehen. Das Kirchspiel that ja fr seine
Armen, was es konnte; doch ohne von der Lumpenschule zu reden, machten
noch recht viele Wohlthtigkeitsanstalten in harten Zeiten Anspruch auf
die Mildthtigkeit der Einwohner.

Die Kinder sahen sich also gezwungen, von einem Hause zum andern betteln
zu gehen, und wo nicht alles Mitgefhl erstorben war, da wurden sie auch
nicht unfreundlich empfangen. Meist freilich wies man sie barsch genug
ab und bedrohte sie wohl auch noch fr den Fall, wenn sie wiederkmen,
so da sie nicht selten mit leeren Hnden zurckkehrten.

Wohl oder bel mute der Findling dem Beispiele der andern folgen, und
doch, wenn er vor einer Thr stehen blieb und den Klopfer in die Hhe
gehoben hatte, schien es ihm, als fiele dieser mit schwerem Schlage auf
seine eigene Brust nieder. Statt dann die Hand auszustrecken, fragte er
an, ob er nicht irgend etwas besorgen knnte. Das ersparte ihm doch die
Beschmung zu betteln. Wer wollte aber einem fnfjhrigen Knaben einen
Auftrag anvertrauen?... So warf man ihm zuweilen lieber ein Stck Brod
zu, das er weinend in Empfang nahm. Ja, Hunger thut weh!

Im December wurde die Klte noch schlimmer. Immer und immer fiel der
Schnee in groen Flocken. Kaum konnte man in den Straen den Weg noch
erkennen. Um drei Uhr nachmittags wurde das Gas schon angezndet, doch
das gelbliche Licht der Brenner vermochte den dicken Nebel kaum zu
durchdringen, so als wenn es alle Leuchtkraft verloren htte. Wagen und
Karren waren jetzt gar nicht mehr unterwegs, nur vereinzelt huschten die
Menschen nach ihren Wohnungen. Und mit frostgertheten Augen, Hnde
und Gesicht blau von dem schneidenden Winde, irrte der Findling umher,
whrend er sich dicht in seine beschneiten Lumpen hllte.

Endlich ging der traurige Winter zu Ende. Die ersten Monate des Jahres
1877 waren minder hart. Auch der Sommer trat zeitig ein und im Juni
herrschte schon eine recht starke Wrme.

Am 17. August hatte der jetzt fnfeinhalb Jahre zhlende Findling das
Glck, etwas zu finden, was fr ihn unerwartete Folgen haben sollte.

Gegen sieben Uhr ging er durch eine auf die Brcke von Claddagh mndende
Strae auf dem Rckwege nach der Anstalt, wo ihm, da er mit leeren
Hnden kam, gewi nicht der beste Empfang zutheil wurde. Hatte Grip
nicht noch ein Stck alte Brodrinde brig, so war fr beide heut Abend
nichts zu essen da. Das war brigens nicht zum ersten Male der Fall,
denn jeden Tag und zwar zur bestimmten Stunde essen zu wollen, das wre
eine Anmaung gewesen. Solche Gewohnheiten mochten reiche Leute haben,
denen ihre Mittel das erlaubten, ein armer Teufel it aber, wenn er
etwas dazu hat, und wenn's daran mangelt, dann it er einfach nicht, so
sagte wenigstens Grip, der schon gewhnt war, sich mit philosophischen
Grundstzen satt zu machen.

Da, kaum zweihundert Schritte von der Schule entfernt, stolperte der
kleine Junge und fiel der Lnge nach hin. Da er nicht gro war, ging das
ohne Schaden fr ihn ab. Gleichzeitig rollte aber etwas, woran er mit
den Fen gestoen hatte, vor ihm her. Es war eine groe Weinflasche,
die zum Glck nicht entzwei gegangen war, denn der Knabe htte sich
sonst schwer verletzen knnen.

Der Findling erhob sich und umhersuchend, fand er die Flasche, die zwei
bis drei Gallonen fassen mochte. Ein Pfropfen verschlo deren Hals und
diesen brauchte er nur herauszuziehen, um zu sehen, was sie enthielt.

Der Knabe erkannte, da sie voller Gin war.

Damit htten sich alle Insassen der Lumpenschule befriedigen knnen, und
der Findling durfte gewi sein, mit dieser Brde bestens empfangen zu
werden.

In der menschenleeren Strae hatte ihn niemand gesehen und die Anstalt
lag ganz nahe.

Da kam ihm aber ein Gedanke, der Carker und dessen Genossen gewi nie
eingefallen wre. Diese Flasche gehrte ihm doch nicht. Sie war kein
Geschenk, war nicht auf den Kehricht geworfen, sondern offenbar ein
verlorner Werthgegenstand. Den Eigenthmer zu finden, mochte freilich
etwas schwierig sein. Immerhin sagte ihm sein Gewissen, da er ber
den Fundgegenstand nicht nach Gutdnken verfgen drfe. Es war der
natrliche Instinct, der ihm das sagte, denn weder Thornpipe noch
O'Bodkins hatte ihm je gelehrt, ehrlich zu sein. Zum Glck giebt es auch
Kinderherzen, in die dieses Gebot schon allein eingeschrieben ist.

Sehr in Verlegenheit wegen seines Fundes, beschlo der Findling Grip
darum zu fragen; dieser wrde die Wiedereinhndigung desselben an den
rechtmigen Eigenthmer schon veranlassen. Jetzt kam es vorzglich
darauf an, die Flasche vor den Taugenichtsen unbemerkt nach der
Dachkammer zu schaffen, denn jene htten sich gewi nicht darum
gekmmert, wem sie gehrte. Zwei bis drei Gallonen Gin! Welcher
Ueberflu!... Mit Anbruch der Nacht wre aber doch kein Tropfen davon
mehr dagewesen. Bei Grip dagegen stand der Branntwein sicher; dieser
rhrte die Flasche gewi nicht an, sondern htte sie unter das Stroh
versteckt, bis er am folgenden Morgen in der Nachbarschaft Umfrage
hielt. Wenn nthig, wollten beide dazu von Haus zu Haus gehen... sie
bettelten ja nicht.

Der Findling schritt also mit seiner Last der Schule zu, und bemhte
sich, die Flasche unter seiner Kleidung zu verbergen.

Eben als er vor die Thr kam, strmte aber zum Unglck Carker daraus
hervor, so da er einen Zusammensto mit diesem nicht vermeiden konnte.
Da Carker ihn erkannte und allein vor sich sah, hielt er es fr die
beste Gelegenheit, dem Knaben zurckzuzahlen, was er ihm von dem
Zusammentreffen an dem Strande von Salthill her schon zugedacht hatte.

Er warf sich also ber den Findling und entri diesem die Flasche, die
er bald unter dessen Lumpen gefhlt hatte.

Eh, was ist denn das? rief er.

-- Das?... Das gehrt nicht Dir!

-- Also wohl Dir?

-- Nein, mir auch nicht!

Der Knirps wollte Carker zurckdrngen, dieser versetzte ihm aber einen
Sto, da er selbst drei Schritte weit zurcktaumelte.

Sofort ergriff Carker die Flasche und eilte damit nach dem Saal zurck,
whrend der kleine Knabe ihm weinend folgte.

Er versuchte noch Einspruch zu erheben, da aber Grip nicht da war der
ihn untersttzt htte, so erhielt er nur tchtige Prgel, bis die alte
Kri sich einmengte sobald sie die Flasche bemerkt hatte.

Gin, rief sie, guter Gin! O, das ist ja fr alle genug!

Der Findling htte gewi besser gethan, die Flasche in der Strae liegen
zu lassen, wo sie deren Eigenthmer jetzt wahrscheinlich suchte, denn
zwei bis drei Gallonen Gin kosten schon verschiedene Schillinge, ja
sogar mehr als eine halbe Krone. Er htte sich sagen mssen, da es
unmglich sein wrde, ungesehen bis zur Dachkammer Grip's zu gelangen.
Jetzt war es freilich zu spt.

Sich an O'Bodkins zu wenden, diesem den Vorfall zu erzhlen, wrde
auch nichts genutzt haben, und dem wre ein schlechter Empfang zu Theil
geworden, der die Thr zu des Directors Zimmer ffnete und den Insassen
vielleicht bei seinen verwickeltsten Rechnungen strte. Im besten Falle
htte O'Bodkins die Flasche nach seinem Zimmer bringen lassen, und was
da hinein kam, kam gewi nicht wieder heraus.

Der kleine Knabe konnte also nichts thun und beeilte sich nur, Grip
aufzusuchen, um diesem seine Noth zu klagen.

Grip, eine Flasche, die man findet, gehrt einem doch nicht?

-- Nein, ich glaube nicht, antwortete Grip. Hast Du denn eine Flasche
gefunden?

-- Ja, und ich wollte sie Dir geben, und morgen htten wir in der
Nachbarschaft zu erfahren gesucht...

-- Wem sie gehrte?... fiel Grip ein.

-- Ja, und wenn wir uns erkundigten...

-- Sie haben Dir wohl die Flasche weggenommen? unterbrach ihn Grip.

-- Ja; Carker! Ich versuchte, sie ihm zu entwinden... und da waren die
andern da... Ach, wenn Du hinunter gingst, Grip!

-- Ich werde hinuntergehen, und da werden wir schon sehen, wer die
Flasche behlt!

Als Grip aber die Kammer verlassen wollte, konnte er das nicht; die Thr
war von auen verschlossen.

Trotz seiner Bemhungen gab die Thr nicht nach, zur groen Freude der
rohen Gesellen drauen, die von unten her riefen:

He, Grip!...

-- He, Findling!...

-- Auf Eure Gesundheit!

Da Grip die Thr nicht zu sprengen vermochte, fgte er sich wie
gewhnlich der Notwendigkeit und bemhte sich nur, seinen erzrnten
kleinen Freund zu beruhigen.

Lassen wir sie tollen, die ungezogenen Burschen! sagte er.

-- Oh, da man nicht stark ist!

-- Wozu das?... Hier, Kleiner, hier sind noch Kartoffeln, die ich fr
Dich aufgehoben habe. Komm her, i lieber...

-- Ich habe keinen Hunger, Grip!

-- I trotzdem, nachher wickeln wir uns ins Stroh, um zu schlafen.

Wenn Carker die Thr der Dachkammer versperrt hatte, so geschah das, um
heute Abend jedenfalls nicht gestrt zu werden. War Grip eingeriegelt,
so konnte man beliebig sich dem Genusse des starken Getrnkes hingeben,
denn die alte Kri, die ja auch ihren Theil davon erhielt, hatte gewi
nichts dagegen einzuwenden.

Nun kreiste der Branntwein in allerlei Gefen. Alle heulten und
schrien, denn es dauerte nicht lange, bis alle berauscht waren, mit
Ausnahme Carker's, der an starke Getrnke schon gewhnt war.

Noch war die Flasche kaum halb leer, obwohl die Kri tchtig dazu
mitgeholfen hatte, als die ganze Bande kaum noch ihrer Sinne mchtig
war. Das Geschrei, das Lrmen und Toben vermochte aber doch nicht,
O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurtteln. Was ging's
auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Bchern sa!
Davon htte die Trompete des Jngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken
knnen.

Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden
-- nicht ohne groen Nachtheil fr seine Verantwortlichkeit.

Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten
Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wren sie ohne
Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen
wre, noch einen Brander zu brauen.

Ein Brander ist nmlich ein Punsch. Statt des Rums giet man Gin zu
ein wenig Wasser in einem Gef, zndet das Gemisch an und trinkt es
noch ganz hei.

Das hatte denn auch Carker vor, zur groen Genugthuung der alten Kri
und zwei oder drei andrer, die sich noch auf den Fen hielten. Wohl
fehlten hier so manche Zustze zu einem wirklichen Punsch. Die Insassen
der Lumpenschule machten aber nicht so groe Ansprche.

Sobald die Flamme in dem Suppenkessel -- dem einzigen Gefe, was die
alte Kri zur Verfgung hatte -- aufloderte, begannen die, die noch
nicht ganz zusammengebrochen waren, einen wilden Tanz um den Kessel.
Wer jetzt auf der Strae vorbergekommen wre, der htte glauben
mssen, eine Legion von Teufeln sei in die Schule eingedrungen. Dieses
Stadtviertel war jedoch mit Eintritt der Dunkelheit meist schon sehr
verlassen.

Pltzlich leuchtete in dem Hause ein auffallend heller Schein auf. Das
Gef, aus dem der brennende Gin emporflackerte, war durch Ungeschick
umgestoen worden, und schnell verbreitete sich die lodernde Flssigkeit
auf dem Stroh bis in alle Ecken des gemeinsamen Saales. Alle, die noch
einigermaen bei Sinnen waren, und alle, die durch das Knistern der
Flammen aus dem Stroh aufgescheucht wurden, hatten nichts weiter zu
thun, als die Thr aufzustoen, die alte Kri mit hinauszuschleppen und
sich nach der Strae zu retten.

In demselben Augenblick suchten auch Grip und der Findling, die
ebenfalls erwacht waren, vergebens aus der von erstickendem Qualm
erfllten Dachkammer zu entfliehen.

Der Brand war brigens schon bemerkt worden. Mit Eimern und Leitern
strmten verschiedene Leute heran. Zum Glck lag die Lumpenschule
isoliert, und der nach der Rckseite wehende Wind bedrohte auch die
Huser gegenber nicht weiter.

War auch kaum Hoffnung vorhanden, die alte Baracke zu erhalten, so mute
man doch an die denken, die darin waren und denen die Flammen vielleicht
den Ausgang versperrten.

Da ffnete sich ein Fenster im obern Stockwerk nach der Strae hinaus.

Es war ein Fenster von dem Zimmer O'Bodkins' dem sich das Feuer mehr
und mehr nherte. Der Director schien ganz von Sinnen zu sein und raufte
sich die Haare.

An seine Zglinge und ob diese in Sicherheit wren, daran dachte er
freilich nicht, ja nicht einmal an die ihn selbst bedrohende Gefahr...

Meine Bcher... meine Bcher! rief er verzweifelnd mit den Hnden
fechtend.

Nach vergeblichem Versuche, die Treppe hinabzugelangen, an der schon
berall die Flammen leckten, entschlo er sich, seine Hefte, Bcher,
Bureaugerthschaften und alles mgliche zum Fenster hinauszuwerfen.
Natrlich fielen die Schlingel gleich darber her, traten darauf herum
oder zerstreuten die losen Bltter, whrend O'Bodkins sich endlich
entschlo, mittelst einer an die Mauer gelehnten Leiter sich selbst zu
retten.

Was dem Director aber noch mglich gewesen war, das hatten Grip und das
Kind nicht auch thun knnen. In die Dachkammer fiel das Tageslicht nur
durch eine kleine Luke, und die hinauffhrende Treppe brach schon Stufe
fr Stufe unter der Glut zusammen. Jetzt begann auch das Holzwerk der
Mauer zu brennen und ein Feuerregen fiel bald auf das Strohdach des
Bauwerks nieder, der die Lumpenschule schnell in einen groen Brandherd
verwandelte.

Grips Hilferufe bertnten doch endlich einmal das Gerusch von der
Feuersbrunst.

Sind denn noch Menschen in dieser Spelunke? fragte da eine Dame in
Reisetracht, die ebenfalls nach der Unglckssttte gekommen war.

Der Brand hatte schon so weit um sich gegriffen, da man seiner nicht
mehr Herr zu werden vermochte. Nachdem der Director sich gerettet hatte,
dachte deshalb kaum jemand noch an Unterdrckung des Feuers selbst, da
sich voraussichtlich niemand im Hause befand.

Hilfe... Hilfe fr die, die noch da oben sind! rief von neuem die
Reisende mit ausdrucksvollen Bewegungen. Leitern herbei, Ihr Leute,
Leitern und ein paar beherzte Mnner, die sich hinaufwagen!

Wie konnte man aber Leitern an diese Mauern legen, die jeden Augenblick
einzustrzen drohten? Wie htte jemand die von dickem Rauch eingehllte
Dachkammer erreichen knnen, ber der und um die herum die gierigen
Flammen emporstiegen?

Wer befindet sich denn in jenem Bodenraum? fragten mehrere O'Bodkins,
der nur damit beschftigt war, seine Schriftsachen zusammenzuraffen.

-- Wer?... Das wei ich doch nicht... antwortete der ganz verstrte
Director, den nur sein eigenes Unglck in Anspruch nahm.

Dann kam ihm aber doch die Erinnerung wieder.

Ah,... ja,... zwei... Grip und der kleine Junge....

-- Die Unglcklichen! rief die Dame. Mein Gold, meinen Schmuck, alles
was ich besitze, dem, der sie rettet!

In das Innere des Hauses zu gelangen, war jetzt ganz unmglich; schon
zischte eine rothe Lohe durch die geborstenen Mauern, der ganze untere
Theil brannte, krachte und brach zusammen. Noch wenige Minuten bei dem
Wind, unter dem die Flammen wie eine Flagge hinflatterten, und die
ganze Lumpenschule war nichts mehr, als eine Feuerhhle, ein Wirbel von
glhenden Dmpfen.

Pltzlich entstand eine Oeffnung im Dache dicht ber der Luke. Grip war
es gelungen, die Bedeckung zu zerreien und die Sparren zu durchbrechen,
als die Holzwnde seiner Kammer schon zu knistern anfingen. Er schwang
sich dann durch das Sparrenwerk und zerrte den kleinen halb erstickten
Knaben nach sich. Als er dann bis zu dem Theile der Mauer gekrochen war,
der die rechte Giebelwand bildete, lie er sich auf der schrgen Kante
hinabgleiten, wobei er den Findling immer in den Armen hielt.

In diesem Augenblick brach eine furchtbare Flammengarbe durch das Dach
und schleuderte tausende glhender Funken hoch empor.

Rettet ihn... rief Grip, rettet den Knaben!

Damit lie er das Kind nach der Seite der Strae zu fallen, wo es
glcklicher Weise ein Mann auffing, ehe es auf den Erdboden strzte.

Grip sprang nun ebenfalls herunter und strzte halb bewutlos an einem
Trmmerhaufen neben der Mauer zusammen.

Da trat die Reisende auf den Mann zu, der den kleinen Knaben noch immer
trug, und fragte ihn mit vor Erregung zitternder Stimme:

Wem gehrt dieses unschuldige Wesen?

-- Niemand!... Es ist ein Findelkind, erklrte der Mann.

-- Nun gut, so gehrt es mir... mir...! rief sie, whrend sie schon
den Knaben nahm und an ihr Herz drckte.

-- Gndige Frau... lie sich da ihre Kammerfrau vernehmen.

-- Schweig, Elisa, schweig! -- Das ist ein Engel, der mir vom Himmel
zugefallen ist.

Da der Engel nun weder Eltern noch sonstige Angehrige hatte, war
es ja das Beste, ihn den Hnden der schnen, edelmthigen Dame zu
berlassen, und ein freudiges Hurrah dankte dieser in dem Augenblick, wo
die letzten Reste der =Ragged-School= zusammenstrzten.




VI.

Limerick.


Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen fr die Rettung
der beiden Bedrohten eintrat, wute zunchst niemand und niemand wre
auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wre,
um diesen das schwchliche Opfer zu entreien. Und wre das Kind ihr
eignes gewesen, sie htte es kaum liebevoller in die Arme nehmen knnen,
als sie es nach ihrem an der nchsten Straenecke wartenden Wagen trug,
whrend sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemhte, die Dame von
ihrem Entschlu abzubringen.

Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehrt mir. Der Himmel hat
es mir vergnnt, ihn dem brennenden Hause zu entreien. O, ich danke
Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.

Der geliebte war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der
Mund stand wie gelhmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen.
Er htte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der
Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen
erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.

Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen
erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun
Uhr fnfundvierzig nicht versumen!

Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich
sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so
heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem Growler an, wie diese
alterthmlichen und unbequemen Fuhrwerke heien.

Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der
Findling durch besondres Glck in Hnde gefallen, die sich fr immer
ber ihn breiten sollten?

Mi Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine
Art Sarah Bernhardt, auf der Tourne, welche augenblicklich am Theater
zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster,
Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtgige Erholungsreise durch
die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete.
Die wortkarge Elisa Corbett war brigens eine ebenso mrrische, wie
treuergebene Freundin ihrer Herrin.

Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein
beliebte Dame, die sich fr alles lebhaft interessierte und Herz und
Hand stets offen hatte, whrend sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste
widmete und eifrigst bemht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer
aufs Spiel gesetzt zu sehen.

Mi Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten
Knigreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich
in Amerika, in Indien und Australien, d. h. berall, wo die englische
Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflcken, denn sie war es mde,
da zu glnzen, wo ihr jede Anerkennung mhelos zu Theil wurde.

Vor drei Tagen war sie, mde der fortwhrenden Anstrengungen bei den
Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmig sterben mute,
hierher gekommen, um die reine und strkende Luft von Galway zu
genieen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe
begeben, um nach Limerick zurckzufahren, wo sie am nchsten Tage
aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den
Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die =Ragged-School= stand in hellen
Flammen.

Eine Feuersbrunst! Wie htte sie dem Verlangen widerstehen knnen,
einer solchen, die sich von den zahmen Brnden auf der Bhne so gewaltig
unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Gehei und trotz des Widerspruchs
Elisas hatte der Wagen an der nchsten Ecke gehalten, und Mi Anna
Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das
denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge
beobachteten, so wesentlich berlegen war. Hier sanken die Versetzstcke
thatschlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer.
Der Verlauf des Unglcks entbehrte auch sonst nicht des spannenden
Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer
eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die
keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein groer und ein kleiner...
vielleicht wre ein gefhrdetes kleines Mdchen noch interessanter
gewesen. Wie herzzerreiend schrie Mi Anna Walston da auf. Sie wre
den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich
nicht gar so leicht selbst entzndet htte. Da ffnete sich brigens
schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglcklichen
erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Groe den Kleinen trug.

Ah! Der Groe! Welcher Held und in welcher knstlerischen Pose zeigte er
sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Groe!
Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und
der andre... der =nice Boy!= Der hbsche Junge! rief Mi Anna Walston
wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hlle kam!...
Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, da Du mit einem
Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen
wurdest!

Ja, diese Inscenierung hatte Mi Anna Walston bis in jede Einzelheit
verfolgt. Wie auf der Bhne rief sie: Mein Geld, mein Schmuck,
alles was ich besitze dem, der sie rettet! Doch niemand hatte an den
glhenden Wnden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen knnen.
Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und
von da in die Arme der Mi Anna Walston bergegangen.... Jetzt besa
der kleine Knabe pltzlich eine Mutter, von der die Leute meinten,
es msse eine groe Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der
=Ragged-School= entdeckt htte.

Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrt und von diesen
bejubelt worden, war Mi Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden,
was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer
fnfundzwanzigjhrigen Schauspielerin mit warmen Gefhlen und etwas
freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, da sie ihrer
Eingebung Zgel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstrae hielt,
wie die siebenunddreiigjhrige, blonde, kalte und nrgelige Elisa
Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen
Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den
Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire
beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewhnlichsten Vorkommnisse des
Lebens zu Situationen, und wenn eine solche einmal gegeben war....

Natrlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher
erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Mi Anna
Walston, die mit Elisa ein Coup allein einnahm, allen den Pflichten
widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht
htte.

Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklrte sie, niemand
soll mir ihn wieder rauben!

Es htte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen
Verlassnen wieder abzunehmen.

Elisa freilich bemerkte dazu:

Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!

Der Zug rollte mit miger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von
Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt
Irlands verbindet. Whrend dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war
der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die
Schauspielerin darum in jeder Weise bemhte.

Mi Anna Walston beschftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und
nahm ihm die von Rauch geschwrzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich
gut erhaltene wollene Jacke, whrend sie ihm sonst von ihren eignen
Kleidungsstcken anpate, was sich nur dazu verwenden lie, und ihn
mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu
bemerken, da es jetzt warme Hllen trug und ein noch wrmeres Herz, das
fr ihn sorgte, gewonnen hatte.

An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach
Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, bergeleitet, wo ein
halbstndiger Aufenthalt stattfand. Doch whrend dieser Zeit war der
kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewutsein gekommen.

Elisa... Elisa!... rief Mi Anna Walston, wir werden uns erkundigen
mssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.

Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, da es sich kaum
der Mhe lohne.

Ein Arzt fand sich nicht.

O, diese Unmenschen... jammerte Mi Anna Walston, man trifft sie nie
da, wo sie sein sollten!

-- Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird
schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....

-- Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...

Ich wei nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!...
Ach, wenn ich ihn selbst htte nhren drfen!

Das war freilich unmglich, und brigens stand der kleine Junge in den
Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.

Der Zug durchflog die Grafschaft Clare -- jene Halbinsel zwischen der
Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmndung des Shannon
im Sden, einen Landstrich, den man htte zur Insel umgestalten knnen,
wenn ein kaum fnfzig Kilometer langer Canal am Fue der Slive-Sughty
ausgehoben worden wre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich
scharfer Westwind -- ein Himmel, wie er zur Situation pate.

Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Mi Anna Walston immer
wieder.

-- Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?

-- Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!

-- Nun... ich glaube, er schlft einfach!

So war es in der That.

Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft,
wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles
an der Grenze und endlich fuhr er gegen fnf Uhr morgens in Limerick
ein.

Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte whrend der Reise
geschlafen, auch Mi Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als
sie wieder erwachte, bemerkte sie, da ihr Schtzling sie mit groen
Augen ansah.

Da drckte sie ihn wieder in die Arme.

Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so
grausam sein, ihn mir wieder zu entreien!

Elisa meinte zwar, da Gott auch dann gar nicht grausam gewesen
wre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der
Lumpenschule in die prchtigen Zimmer versetzt, die Mi Anna
Walston whrend ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im
Royal-George-Htel bewohnte.

Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen
gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen
das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine
Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine
merkwrdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und
in Blut gebadet, schlielich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den
gleichen Namen fhrt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irlndischen
Katholiken gleiche brgerliche Rechte und freie Ausbung ihres Cultus
gewhrleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm
von Oranien rcksichtslos verletzt. Wieder mute das Volk nach langen
erniedrigenden Qulereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes
aber und obwohl ihnen die franzsische Revolution ihren Hoche zu Hilfe
geschickt hatte, unterlagen die Irlnder, die, wie sie sagten, mit dem
Stricke am Halse kmpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus
berlegenen Gegnern.

Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den
Bemhungen des groen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung.
Dieser schwang das Banner der Unabhngigkeit und rang der Regierung
Grobritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.

Da diese Erzhlung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende
flammende Rede anzufhren, die O'Connell jener Zeit den Staatsmnnern
Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht
unterschtzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irlnder eingegraben,
und an verschiedenen Stellen dieser Erzhlung wird der Leser noch ihren
Einflu herausfhlen.

Niemals hat es ein unwrdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell
eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas
noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fnfhundert
Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute
orangeroth, morgen grn, bermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu
achten, da sie einmal mit Blut gefrbt wird. Was Wellington, den armen
Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern.
Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, da er sich bei Waterloo
berraschen lie? Zum Glck fr ihn standen ihm raschentschlossene
Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irlnder sind dem Hause
Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu
GeorgIII., der sie verrieth, treu GeorgIV., der vor Wuth aufschrie,
als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem
das Ministerium abscheuliche und blutige Maregeln gegen Irland
unterbreitete. Auch der Knigin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum
England den Englndern, Schottland den Schotten, aber auch Irland
den Irlndern! -- Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald
erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfllung gegangen ist und ob
der Boden Irlands seinen Kindern gehrt.

Limerick ist noch immer eine der Hauptstdte der Smaragdnen Insel,
obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom
dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zhlt gegen dreiigtausend
Einwohner. Seine Straen sind regelmig, breit und gerade; seine Lden,
Magazine, Htels und ffentlichen Gebude erheben sich an gerumigen
Pltzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrung des Steines, auf dem
der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brcke des Thomond, so
findet man, da dieser Theil der Stadt hartnckig irlndisch geblieben
ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung
her, die zerstrten Bollwerke, den Standort jener Schwarzen Batterie,
die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's,
gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger,
beklagenswerther Contrast!

Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und
des Handels machen knnte. Der Shannon, der Azurne Flu߫, bietet ihm
einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der
Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flsse ausntzen,
so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben
einige Barken seine trgen Fluthen, die nur die schnen Theile der Stadt
benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernhren. Die auswandernden
Irlnder sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen:
die Amerikaner wrden schon etwas daraus zu machen wissen.

Beschrnkt sich auch die ganze Thtigkeit Limericks auf die Erzeugung
von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich
hbschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mute.

Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persnlichkeiten, die fr
ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie wrden im
Gegentheil lieber in Glashusern wohnen, wenn es solche gbe. Mi Anna
Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen
war. Schon am Tage nach ihrer Rckkehr sprach man in ganz Limerick von
der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gercht, die Heldin so
vieler Dramen habe sich in die Flammen gestrzt, um ein kleines Wesen zu
retten. Sie widersprach dem nicht ausdrcklich, ja zuletzt glaubte sie
es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Htel
ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie
ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen
Taufnamen.

Findling, lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hiee.

So mochte es auch dabei bleiben; sie htte doch keinen besseren
gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer.
Uebrigens nannte sie ihn am liebsten Baby, Bebery, Babilsky, oder
wie die mtterlichen Kosenamen in England sonst lauten.

Natrlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er lie alles
ber sich ergehen, Liebkosungen und Ksse, die er nicht gewhnt war,
lie sich schne Kleider gefallen -- und er wurde nach neuester Mode
aufgeputzt -- und glnzende Stiefelchen. Er murrte nicht darber, da
man ihm Locken machte, natrlich auch nicht ber das vortreffliche Essen
oder ber die Sigkeiten, die er in Ueberflu erhielt.

Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der
Schauspielerin baldigst im Royal-George-Htel ein, um Mi Anna ihre
Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von
der Geschichte der =Ragged-School= gesprochen. Schon nach kurzer
Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet.
Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem groen Brande
Londons, an dem die Feuersule, die einige Schritte von der
London-Bridge aufragt, noch erinnert.

Natrlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was
der Mi Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der
Gedanke, da der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch
schon geliebt worden sein mge. Eines Tages fragte dieser nmlich:

Wo ist denn Grip?

-- Wer ist denn Grip, mein Babish? antwortete Mi Anna Walston.

Jetzt erfuhr sie erst etwas ber Grip. Ohne ihn wre der kleine Knabe in
den Flammen umgekommen. Das war schn, war lobenswerth von diesem Grip.
Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort fr seine That -- konnte
doch das Verdienst nicht schmlern, das der gefeierten Knstlerin bei
diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht
an der Brandstelle befunden htte, was wre da aus dem kleinen Burschen
geworden? In welche Hhle htte man ihn mit den andern Taugenichtsen der
Lumpenschule eingepfercht?

In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekmmert und keiner
verlangte danach, etwas von ihm zu hren. Auch der kleine Knabe wrde
ihn schlielich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war
jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der
ihn ernhrt und beschtzt hatte.

Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an
Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Mi Anna Walston
bei ihren Spazierfahrten und sa neben ihr im Wagen, wenn jene durch die
schnsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt
sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so
da er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann
wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die
Stelle eines Schohndchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er
klein genug gewesen wre, in ihren Muff gesteckt htte, um nur dessen
krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften
beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badepltzen von
Kilkree mit ihren groartigen Uferfelsen an der Kste von Clare und nach
Miltow-Malbay mit seinen gefhrlichen Klippen, woran einst ein Theil
der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glckliche
Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den aus den Flammen
geretteten Engel vor.

Einige Male fhrte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen
angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge
Elisas thronte, sich kaum zu rhren wagte und bis zum Schlu der
Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankmpfte. Natrlich ohne
Verstndni fr die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah,
fr die reine Wahrheit. Wenn Mi Anna Walston einmal im Prunke einer
Knigin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in
Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, da sie
es war, die er im Royal-George-Htel wiedertraf. Das verwirrte seine
kindliche Phantasie; er wute nicht mehr, was er denken sollte. Er
trumte davon in der Nacht, als spnne sich das seltsame Schauspiel
weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrcken, wobei der
Puppenschausteller, der bsartige Carker und die andern Schlingel aus
der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweidurchnt
erwachte, wagte er nicht zu rufen....

Die Irlnder sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzglich
der Pferderennen. Auch jener Zeit strmte nach Limerick einmal aus
gleicher Ursache die ganze Gentry der Umgebung zusammen, ihr schlossen
sich die Landleute an, die ihre Hfe verlieen, und sogar die Aermsten
jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben
Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.

Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber
geschmckt, da er schon mehr einem Blumenstrau glich, den Mi Anna
Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen lie.

Die Knstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthtig,
wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethtigen
konnte. Waren die Zrtlichkeiten, womit sie das Kind berhufte,
sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Ksse nur
Bhnenkssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen.
Immerhin fhlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewnscht htte, und
vielleicht sagte er sich unbewut, was Elisa nicht selten wiederholte:

Wer wei, wie lange es dauern wird, wenn es berhaupt andauert!




VII.

Eine gefhrdete Situation.


Sechs Wochen verflossen unter diesen Verhltnissen, und niemand wird es
wundern, da sich der Findling an dieses angenehme Leben gewhnte.
Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben
ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Mi Anna Walston's warme
Empfindung fr den Knaben sich mit der Zeit nicht abkhlen wrde.
Gefhle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Trgheit wie greifbare
Krper: erhlt man die Triebkraft nicht lnger, so kommen sie zum
Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer Rhrung verfallen, wie sie
durch manche Scene auf der Bhne die Zuschauer gefangen nehmen. Und
dennoch durfte man nicht glauben, da das Kind fr sie nur den Werth
eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie
war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter fr
den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch krzer, ihre
Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer
Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat,
und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja
schlielich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub frh an
ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein Mtterchen spielte.

Das strte aber ihren gewhnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und
so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frhstck. Wie freute
der Kleine sich, auf einem eigens fr ihn beschafften hohen Stuhle zu
sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!

Na, mein Junge, so ist's hbsch, nicht wahr? fragte sie.

-- Ach ja, Mi Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir
im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.

Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt --
weder Thornpipe noch O'Bodkins htte ihm diese ja lehren knnen -- er
war sonst zurckhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters
und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Zglinge der
=Ragged-School=. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite
weit voraus, und Mi Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner
Vergangenheit wute sie freilich nur das, was er ihr darber seit seiner
Befreiung aus den Hnden des Marionettenschaustellers erzhlen konnte.
Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine angeborne Vornehmheit,
wie sie es nannte, bestrkte in der Knstlerin jedoch den Glauben,
da er der Sohn einer groen Dame sein msse, wie das in Dramen ja so
gewhnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen
Stellung wegen habe lossagen mssen. Daraufhin dichtete sie sich ber
ihren Schtzling einen ganzen Roman zusammen, der brigens nicht einmal
mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse Situationen,
die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thrneneffect erzielen
wrden. Sie wollte in diesem Stcke spielen, sie versprach sich davon
einen ungewhnlichen Erfolg... sie wrde sich darin hinreiend...
himmlisch zeigen u.s.w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war,
da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn strmisch, ganz wie auf der
Bhne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu hren.

Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden
anfing:

Mi Anna?...

-- Was willst Du, mein Herzchen?

-- Ich mchte Sie etwas fragen.

-- So frage nur, mein Schatz.

-- Sie werden mir darum nicht bse?

-- Ich... Dir bse werden?

-- Jeder hat doch wohl eine Mutter?

-- Natrlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.

-- Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?

-- Warum?... Ja, weil... antwortete Mi Anna Walston verlegen,
weil... das... seine Grnde hat. Spter einmal... ja, das glaub' ich
bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....

-- Ich habe Sie doch sagen hren, da es eine schne Dame sei, nicht
wahr?

-- Ja, ganz gewi!... Eine schne Dame!

-- Und warum denn gerade eine schne Dame?

-- Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er
doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die
Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, da sie schn
sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....

-- Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe
traurig. Mir kommt es manchmal vor, als wre meine Mama schon todt....

-- Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie
todt wre, dann gb's ja kein Stck mehr....

-- Was fr ein Stck?...

Mi Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste
Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.

Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem
Alter eignen Zhigkeit fort, wenn sie eine schne Dame ist, warum hat
sie mich denn verlassen?...

-- Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewi ganz
wider Willen... doch... bei der Lsung des Knotens...

-- Mi Anna?...

-- Was willst Du noch?

-- Meine Mama...

-- Nun, weiter!

-- Das sind Sie doch nicht?...

-- Wie... ich... Deine Mama?

-- Weil Sie mich mein Kind nennen.

-- Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters
immer.... Das arme Wrmchen, so etwas glauben zu knnen!... Nein, ich
bin Deine Mama nicht!... Wrst Du mein eignes Shnchen, ich htte Dich
nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewi nicht!

Mit einer neuen Umarmung beendete Mi Anna Walston das Gesprch, nach
dem der Findling recht betrbt davonschlich.

Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, hchst wahrscheinlich sollte
es seine Angehrigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene
Findlinge.

Als Mi Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran
gedacht, welche Pflichten ihr das fr die Zukunft auferlegen wrde. Ja
sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, da dieses Baby wachsen knnte,
da sie fr seinen Unterricht, fr seine Erziehung zu sorgen haben
werde. Es ist ja recht gut und schn, ein kleines Wesen zu liebkosen,
besser aber doch noch, auch seinem Geiste die nthige Nahrung zu
gewhren. Ein Kind zu adoptieren, schliet auch die Verpflichtung ein,
es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar
nicht bedacht. Freilich zhlte der Findling jetzt kaum fnfeinhalb
Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen
Fhigkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei
ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt
folgen, vorzglich wenn sie ins Ausland ging... So wrde sie sich also
genthigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natrlich nur einer
ganz guten. Auf jeden Fall wrde sie ihn niemals verlassen.

Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:

Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet?
Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich fr
ihn that!... Und dann... wie frhreif! Alles will er wissen. Ich finde
sogar, er ist berlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte...
und er hat sich fr meinen Sohn halten knnen! Der arme Kleine! Ich
drfte doch seiner Mutter schwerlich hnlich sein!... Das war gewi
eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal
daran denken mssen....

-- Woran denn?

-- Was aus ihm werden soll.

-- Aus ihm werden?... Jetzt schon?...

-- Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume
freudig aufwachsen... Nein, spter... spter, wenn er sieben bis acht
Jahre zhlt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gewhnlich in
eine Pension kommen?

Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, da der Junge doch an die
Lebensweise in einer Pension schon gewhnt sein msse -- sie hatte ja
Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule --
und ihrer Meinung nach wre es am besten, wenn er baldigst wieder einer,
natrlich besseren Anstalt bergeben wrde. Mi Anna Walston lie sie
darber gar nicht zu Worte kommen.

Sag' einmal Elisa...?

-- Was denn, Mi Anna?

-- Glaubst Du, da unser Cherub Lust zum Theater haben knnte?

-- Er?...

-- Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hbsches Gesicht, prchtige
Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin
berzeugt, da er einen entzckenden Liebhaber abgeben wrde....

-- Halt... halt... halt, Mi Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zgel
schieen!

-- Ei, ich werde ihm Komdie spielen lehren. Der Schler der Mi Anna
Walston!... Ahnst Du den Effect?

-- In fnfzehn Jahren....

-- Zugegeben, Elisa, in fnfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fnfzehn
Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...

-- Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch,
Mi Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung hren?

-- Nun, und die wre?...

-- Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.

-- Ja, warum denn nicht?

-- Weil der Junge zu ernsthaft ist.

-- Das ist wohl wahr, gab Mi Anna Walston zu, doch... wir werden ja
sehen....

-- Und Zeit genug haben wir dazu, Mi Anna!

Gewi war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der
Vermuthung Elisas, Neigung fr das Theater zeigte, war ja alles gut.

Inzwischen kam der Mi Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche
ihr ganz ausschlielich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind
baldigst auf der Bhne von Limerick einmal auftreten lassen.

Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen
mochte, so zeigte sich doch, da dieses einzige Auftreten, wie die
Placate ankndigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.

Mi Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein Rhrstck mit
Knalleffecten ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten
sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel Die Reue einer
Mutter, hatte bereits einer ganzen Generation Thrnen genug entlockt,
um die Flsse des Vereinigten Knigreichs damit speisen zu knnen.

In diesem Stcke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine
Kinderrolle vor -- ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten knnen,
das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mute, whrend sie es
spter elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u.s.w.

Selbstverstndlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der
sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, kssen,
an einen Mutterbusen drcken und sich hierhin und dorthin zerren zu
lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.

Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das
richtige Alter und die passende Gre, dazu ein bleiches Gesichtchen mit
Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf
der Bhne she und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher
Begeisterung, welchem Feuer wrde diese die fnfte Scene des dritten
Actes spielen, die groe Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man
ihr wieder entreien will! Hier kamen ja die thatschlichen
Verhltnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Knstlerin
unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergo sie gewi
wirkliche Thrnen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.

Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mute den
letzten Proben beiwohnen.

Das erste Mal erstaunte er ungemein ber alles, was er da sah und hrte.
Mi Anna Walston nannte ihn wohl, gem dem Texte der Rolle, mein
Kind, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst
umschlnge und keine Thrnen vergsse, wenn sie ihn an ihr Herz zog.
Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's
bei der Auffhrung Zeit genug.

Auf den kleinen Knaben machte brigens alles einen tiefen Eindruck...
die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der
groe, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster ber der hchsten
Gallerie wenig Licht eindringen lieen, das Ganze sah so traurig aus,
wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib -- so hie der
Kleine in dem Stcke -- was man von ihm verlangte, und Mi Anna Walston
prophezeite ihm schon den schnsten Erfolg... und sich natrlich mit.

Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der
Knstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht
an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige
Persnlichkeit, ihre Launen, gewi ohne Absicht und ohne da sie es
merkte, und wer htte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erklrte
sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der
Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch
einen Kean, einen Macready und andre Gren der heimischen Bhne
ausstechen. Das ging doch ber alles Ma hinaus.

Endlich kam der Tag der ersten Auffhrung.

Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Mi Anna Walston befand
sich natrlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib,
umarmte ihn und schttelte ihn mit nervser Gewalt, dann wieder reizte
sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, whrend dieser nichts von
allem begriff.

Am Abende der ersten Auffhrung strmten die Leute in hellen Haufen
nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz
auergewhnliche Zugkraft gebt.

            Gastvorstellung
        _der Mi Anna Walston_,
       #Die Reue einer Mutter.#

          Schauspiel von dem
          _berhmten Furpil_.

               Personen:

  Die Herzogin von Kendalle... Mi Anna Walston.
  Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der Findling
  genannt, z.Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u.s.w.

Wie stolz wre der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage
gestanden htte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz
auf wei in groen Buchstaben.

Dieser Stolz wre freilich bald gedemthigt worden. In der Garderobe der
Mi Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.

Bis zum heutigen Abend hatte er keine Costmprobe gehabt, weil man
das fr unnthig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern
nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, whrend sich Mi
Anna als Herzogin von Kendalle schmckte, fr ihn eine ganz zerfetzte
Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige,
zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite vllig sauber waren.
In dem rhrseligen Stcke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das
seine Mutter in den drftigsten Verhltnissen wiederfindet, seine Mutter
eine Herzogin, eine Schnheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.

Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der
Lumpenschule zurckgeschickt werden.

Mi Anna... Mi Anna! rief er schluchzend.

-- Was willst Du? fragte die Knstlerin.

-- Schicken Sie mich nicht wieder zurck, bitte, bitte!

-- Dich zurckschicken?... Warum denn?

-- Hier die alten, schlechten Kleider...

-- Nein... was er sich gleich einbildet!

-- Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit
fester Hand anfate.

-- Ach, die Engelsliebe! sagte Mi Anna tiefgerhrt.

Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne
Augenbrauen.

Das se Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wte!

Sie legte etwas Roth auf die Wangen.

Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den
Blttern, da er hat glauben knnen...

Sie warf sich eine kostbare weie Hlle um die Schultern.

O ber den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es
ist zum Lachen...

-- Zum Lachen, Mi Anna?...

-- Ja, weinen darf man ja nicht.

Sie htte wohl Thrnen vergossen, frchtete aber ihre knstlische
Frbung zu beschdigen.

Elisa bemerkte jedoch kopfschttelnd:

Sie sehen, Mi Anna, da wir aus dem nie einen Komdianten machen
werden!

Der Findling lie sich inde, eingeschchtert und recht schweren
Herzens, die Lumpen fr die Rolle Sibs anlegen.

Da kam Mi Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine glnzende Guinee
zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell
getrstet, nahm der Kleine das Goldstck hastig an und steckte es, nach
gehriger Besichtigung, tief in seine Tasche.

Nachher streichelte ihm die Knstlerin noch einmal die Wangen und begab
sich nach der Bhne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der
Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.

Heute Abend fllten die feine Welt und die bessern Kreise berhaupt das
Theater vom Orchester bis zum Schnrboden, obgleich dieses Stck keine
Novitt war. Schon seit zwlf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bhnen
des Vereinigten Knigreichs aufgefhrt, was effectreichen Stcken selbst
untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.

Der erste Act verlief nach Vorschrift. Mi Anna Walston erntete
rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den
Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewi verdiente.

Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer
Garderobe zurck und legte hier, zum grten Erstaunen Sibs, ihre
Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen
Magd zu vertauschen -- wie es die, brigens recht altersgraue
Entwickelung des Dramas verlangte.

Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober
Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm,
als wenn eine Fee jene phantastische Vernderung vor seinen Augen
durchfhrte.

Dann tnte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine
Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die Magd gab ihm ein
Zeichen mit der Hand und sagte:

Nun, aufgepat, Findling, jetzt kommst Du bald dran.

Damit stieg auch sie nach der Bhne herunter.

Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im
ersten, und der Vorhang mu unter dreifachem Applaus ebenso viele Male
wieder aufgezogen werden.

Den guten Freundinnen und deren getreuen Schildknappen fehlte es
demnach an Gelegenheit, sich an Mi Walston zu reiben.

In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermdet auf ein Sopha,
obgleich sie ihren hchsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte
ausspielen wollte.

Noch einmal wechselte sie das Costm; jetzt verwandelt sie sich aus der
Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in
Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fnf Jahre.

Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe groe Augen, ohne ein
Wort zu uern. Die etwas angegriffene Mi Anna Walston beachtet ihn
zunchst nicht weiter.

Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:

Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bhne.

-- Ich, Mi Anna?...

-- Weit Du denn noch, da Dein Name da Sib ist?

-- Sib?... Ja wohl.

-- Elisa, schrfe ihm ja noch einmal ein, da er Sib heit, bis zum
Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thr zufhrst.

-- Gewi, Mi Anna.

-- Und da er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du weit brigens,
wendete die Knstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du
weit, da Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor
der Geldbue....

-- Und vor dem Gefngni! setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke
musternd.

Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder
abnehmen lassen wrde, noch in seiner Tasche war.

Jetzt kam der groe Moment. Elisa fate ihn an der Hand und ging mit ihm
nach der Bhne hinunter.

Sib war anfnglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzge und
Seile, wie ber die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das
Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn lchelnd
betrachteten.

Der arme Kleine schmte sich wirklich in seiner zerfetzten Hlle.

Endlich ertnte das Zeichen zum Anfang.

Sib zitterte, als htten die Glockenschlge seinen Rcken getroffen.

Der Vorhang rauschte empor.

Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bhne und sprach in der
eine rmliche Htte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem
gewissen Stichworte sollte sich die Thr im Hintergrunde ffnen, ein
Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in
diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.

Hier sei erwhnt, da der Findling schon bei den Proben immer sehr
betrbt darber war, da er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich
sein natrlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Mi
Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erklrt, da es sich hier nicht
um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht.
In seiner Naivitt nahm er die Sachen fr Ernst und glaubte schlielich
wirklich, da er der unglckliche kleine Sib sei.

In Erwartung seines Auftretens und whrend ihn der Regisseur an der Hand
hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thr. Mit grter Verblffung
durchflogen seine Augen den gefllten Zuschauerraum, der wie in einem
Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen
Rnge und theils von dem groen, einem feurigen Ballon hnlichen
Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen
wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.

Da raunte der Regisseur ihm zu:

Achtung, Sib!

-- Ja, ja, Herr....

-- Du weit... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hte Dich, nicht etwa
zu fallen.

-- Ich werde mich vorsehen.

-- Und strecke hbsch die Hand aus...

-- Ja; nicht wahr, so hier?

Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.

Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mut doch die Hand offen
hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....

-- Ach ja, Herr....

-- Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!

-- Nein, Herr....

Die Thr der Htte ffnete sich und der Regisseur schob den Findling
genau beim Stichworte hinein.

Der kleine Knabe hatte sein Debt in der theatralischen Laufbahn. O, wie
klopfte ihm das Herz!

Vom Zuschauerraume her tnte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden
Mitleids, whrend Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten
herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die
Zuschauer glaubten herauszufinden, da er solche Lumpen gewhnt gewesen
war.

Man bereitete ihm einen Empfang, was den Kleinen noch mehr verwirrte.

Pltzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurck und
ffnet die Arme.

Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.

Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib,
mein... mein Kind!

Darauf zieht sie ihn an sich, drckt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit
Kssen... er lt sie gewhren. Sie weint -- diesmal leibhaftige
Thrnen -- und schluchzt:

Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglckliche, der mich um
ein Almosen anfleht!

Das ergreift den armen Sib.

Ihr Kind, Mi Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.

-- Schweig doch! zischelt ihm die Knstlerin heimlich zu.

Dann fhrt sie fort:

Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er
ihn mir wieder!

Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast
mit ihren Kssen, berschttet sie ihn fast mit ihren Thrnen. Niemals,
nein, niemals war der kleine Knabe so strmisch geherzt und gepret
worden, nie hatte er sich so mtterlich geliebt gefhlt.

Die Herzogin erhebt sich, als hre sie Gerusch von drauen.

Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!

-- Gewi nicht, Mi Anna!

-- So schweig doch nur! ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern
gehrt zu werden.

Die Thr der Htte wird hastig aufgestoen. Zwei Mnner erscheinen auf
der Schwelle.

Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener,
der jenen zur Untersttzung begleitet.

Ergreifen Sie dieses Kind... es gehrt mir!

-- Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein
Stck hinwegzieht.

-- Sie sind nicht mein Papa! erklrt der kleine Junge laut.

Die Fingerspitzen der Mi Anna Walston haben sich so tief in seinen
Arm eingebohrt, da ihm ein Schrei entfhrt. Dieser Schrei pat ja zur
Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die
ihn an sich pret... keiner soll ihr das Kind entreien knnen. Eine
Lwin vertheidigt ihr Junges....

Der kleine sich strubende Lwe, der den Vorgang fr Ernst nimmt,
wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bemchtigt; er
entschlpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.

Ach, Mi Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, da sie
nicht meine Mama sind?

-- Wirst Du schweigen, Unglcksvogel!... Wirst Du endlich schweigen!
murmelt sie, whrend Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten
Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.

-- Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es
Ihnen ja gesagt, Mi Anna... meine richtige Mama.

Die Zuschauer begreifen allmhlich, da das nicht zum Stcke gehrt; sie
kichern und lcheln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich
htten sie weinen sollen, denn es war rhrend zu sehen, wie das Kind in
der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen whnte.

Die Situation blieb aber -- so oder so -- compromittiert. Man fing an
zu lachen, wo htte man weinen sollen, und um den groen Auftritt war es
geschehen.

Mi Anna Walston erfate die ganze Lcherlichkeit der Lage. Ihre
vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.

Auer sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen
Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, htte sie vernichten
mgen!... Da schwanden ihr die Krfte, sie fiel auf die Bhne nieder
und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gelchter der Zuschauer.

Noch in derselben Nacht verlie Mi Anna Walston, die man nach dem
Royal-George-Htel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa
Corbett. Sie verzichtete auf die fr die folgende Woche angekndigten
Vorstellungen und entrichtete deshalb die bliche Conventionalstrafe.
Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.

Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekmmert. Sie
entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und
dessen Anblick ihr verhat war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe
erstarrt jede andre Neigung.

       *       *       *       *       *

Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte,
da er ein groes Unglck angerichtet haben msse, hatte sich unbemerkt
geflchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Straen von
Limerick und verkroch sich endlich in eine Art groen Garten mit da und
dort verstreuten Huschen und steinernen, von Kreuzen berragten
Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom
Mondschein nicht getroffenen Seite sehr dster aussah.

Dieser Garten war der Friedhof von Limerick -- eine jener englischen
Todtensttten mit Buschwerk, blhenden Pflanzen, besandeten Wegen,
mit Rasenflchen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum
vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Grber, die
kleinen Huser Grfte, das groe Bauwerk die Kathedrale der heiligen
Maria.

Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf
einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Gerusche
zitternd vor Furcht... da der bse Mann, der Herzog von Kendalle, es
suchen knnte. Und nun war auch Mi Anna nicht zu seiner Vertheidigung
da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegfhren in ein unbekanntes Land,
wo er seine Mama nicht wiedershe... und groe Thrnen perlten ihm aus
den Augen.

Mit Tagesanbruch hrte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.

Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen
Gattin. Beim Vorbergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben
sich nach dem Bureau des ffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen
nach dem Sden der Grafschaft abgehen sollte.

Was machst Du da, Kleiner? fragte der Mann.

Der Knabe schluchzte, da er kein Wort hervorbringen konnte.

Nun, was hast Du denn da vor? erklang jetzt die sanftere Stimme der
Frau.

Der Findling schwieg noch immer.

Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.

-- Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.

-- Aber Deine Mutter?...

-- Ich habe keine mehr!

Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.

Es ist ein verlassnes Kind, sagte der Mann.

Htte der Findling noch seine schne Kleidung getragen, so wrde der
Farmer ihn fr ein verirrtes Kind und sich fr verpflichtet gehalten
haben, es den Seinigen wieder zuzufhren. In den Lumpen Sibs aber konnte
es nur einer jener kleiner Unglcklichen sein, die niemand angehrten.

So komme mit! schlo der Farmer.

Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte
mit freundlicher Stimme:

So ein Bbchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr,
Martine?

-- Nein Martin!

Und mit einem herzhaften Kusse lschte die gute Frau die Thrnen des
kleinen Knaben.




VIII.

Die Farm von Kerwan.


Da dem kleinen Burschen in der Provinz Ulster kein Glcksstern
geschienen hatte, war leicht genug zu erkennen, obgleich niemand
wute, wie er seine erste Kindheit in irgend einem Dorfe der Grafschaft
zugebracht haben mochte.

Die Provinz Connaught war ihm auch nicht gndig gewesen, weder als
er ber die Landstraen der Grafschaft Mayo unter der Fuchtel des
Puppenschaustellers hinwanderte, noch die Grafschaft Galway whrend der
zwei Jahre in der =Ragged-School=.

Nun htte man wenigstens hoffen knnen, da sein Elend in der Provinz
Munster, Dank der Laune einer Schauspielerin, ein Ende genommen htte.
Nein... er war wieder verlassen worden, und jetzt sollte ihn der Zufall
tief nach Kerry hinein, an das Sdwestende Irlands verschlagen. Diesmal
nahmen sich sehr wackre Leute seiner an... mchte er bei ihnen bleiben
knnen!

Im Nordosten der Grafschaft Kerry und nahe dem Flusse Cashen liegt die
Farm von Kerwan. In der Entfernung von einem Dutzend (englische)
Meilen liegt Tralee, der Hauptort, von wo, alter Ueberlieferung nach,
im sechsten Jahrhundert Saint-Brandon abgesegelt sein soll, um
Amerika lange vor Columbus zu entdecken. Hier laufen die verschiedenen
Schienenwege des mittleren Irland zusammen.

Das sehr unebene Gebiet enthlt die hchsten Berge der Insel, wie die
Clanaraderry- und die Stacksberge. Zahlreiche Wasserlufe verbinden sich
mit dem Cashen und bedingen, im Verein mit vielen Sumpfstrecken, auch
eine groe Unebenheit der Landstraen. Dreiig Meilen gegen Westen
trifft man auf die tiefeingeschnittene Kste, wo sich die Flumndung
des Shannon und die lange Bai von Kerry ausbreiten, deren vielgestaltige
Felswnde von der Kohlensure des Meerwassers benagt werden.

Jeder erinnert sich der Worte O'Connell's: Irland den Irlndern! Im
folgenden wird sich zeigen, wie weit das wahr geworden ist.

Man zhlt hier dreihunderttausend Farmen, die fremden Besitzern gehren.
Unter dieser Zahl umfassen fnfzigtausend mehr als vierundzwanzig Acres
(etwa zehn Hektar) und achttausend haben nur acht bis zwlf Acres.
Die brigen sind alle kleiner. Daraus darf man aber nicht auf eine
weitgehende Zerstckelung des Eigenthums schlieen. Im Gegentheil. Drei
dortige Grobesitze bersteigen hunderttausend Acres, z. B. der von
Richard Borridge, der hundertsechzigtausend Acres mit.

Doch was sind diese Complexe gegen die der Landlords von Schottland,
eines Grafen von Breadalbane, der vierhundertfnfunddreiigtausend Acres
sein eigen nennt, eines J. Matheson, der vierhundertsechstausend, eines
Herzogs von Sutherland, der gar zwlfhunderttausend Acres -- das Areal
eines ganzen Herzogthums -- besitzt!

Seit der Eroberung durch die Anglo-Normannen im Jahre 1100 ist die
Schwesterinsel streng feudal regiert worden und ist ihr Boden
Feudaleigenthum geblieben.

Der Herzog von Rockingham war jener Zeit einer der groen Landlords
der Grafschaft Kerry. Sein Besitzthum von hundertfnfzigtausend Acres
enthielt Getreideland, Wiesen, Wald und Teiche mit fnfzehnhundert
darber verstreuten Farmen. Er war ein Fremder, einer derer, die die
Irlnder mit Recht des Absentismus wegen anklagen. Die Folge dieses
Fernbleibens aber ist, da das durch irischen Flei erworbene Geld zum
Nachtheil Irlands nach auswrts geht.

Das Grne Erin bildet bekanntlich keinen Bestandtheil Grobritanniens,
das nur aus England und Schottland besteht. Der Herzog von Rockingham
war ein englischer Lord. Wie so viele andre, die neun Zehntel der Insel
besitzen, hatte er es noch nicht fr der Mhe werth gehalten, sein
Landeigenthum zu besuchen, und so kannten ihn auch seine Pchter nicht.
Fr eine gewisse jhrliche Summe berlie er die Ausbeutung seines
Grundbesitzes einigen Generalpchtern oder Middlemen, die diesen in
kleinen Parcellen an die eigentlichen Landbauern weiter verpachteten. So
gehrte die Farm von Kerwan mit vielen andern eigentlich einem gewissen
John Eldon, einem Agenten des Herzogs von Rockingham.

Diese Farm von mittlerem Umfang enthlt nur hundert Acres und dazu
besteht sie aus minderwerthigem, vom Oberlauf des Cashen benetztem
Culturlande, dem der Bauer nur mit emsiger Arbeit so viel entlocken
kann, wie er zur Zahlung des Pachtzinses braucht, vorzglich, wenn
dieser sehr hoch, mit einem Pfund Sterling jhrlich fr den Acre,
angesetzt ist.

Das war der Fall bei der Farm von Kerwan, die der Landmann Mac Carthy
bearbeitete.

Es giebt wohl auch gute Grundherren in Irland; die Pchter haben es aber
nur mit den Middlemen, meist harten, unerbittlichen Leuten, zu thun. Die
Aristokratie, die sich in England und Schottland so liberal zeigt, tritt
in Irland dagegen sehr herrisch auf. Statt die Hand zu reichen, zerrt
sie an den Zgeln. Eine Katastrophe liegt immer in der Luft. Wer den Ha
set, wird die Emprung ernten.

Martin Mac Carthy, einer der besten Farmer der ganzen Domne, stand in
dem krftigen Mannesalter von zweiundfnfzig Jahren. Fleiig, gewandt,
im Landbau wohlerfahren und untersttzt durch seine streng erzogenen
Kinder hatte er trotz aller Steuern und Abgaben, die das Budget eines
irischen Bauern belasten, doch noch eine kleine Summe zurcklegen
knnen.

Seine Frau hie Martine, wie er Martin. Dieses beraus thtige Weib
besa alle Eigenschaften einer guten Haushlterin. Sie arbeitete mit
ihren fnfzig Jahren noch, als ob sie deren erst zwanzig zhlte. Im
Winter aber, wenn die Feldarbeit ruhte, sah man sie beim schnurrenden
Spinnrade vor dem Kamin sitzen, wenn keine husliche Arbeit sie in
Anspruch nahm.

Die in guter Luft lebende, durch Thtigkeit im Freien abgehrtete
Familie Mac Carthy erfreute sich vortrefflicher Gesundheit und ruinierte
sich weder durch Arzneien noch durch Aerzte. Sie gehrte zu der
krftigen Rasse irischer Landleute, die sich ebenso leicht in den
Prairien des amerikanischen Far-West acclimatisiert, wie in den Gebieten
Australiens oder Neuseelands.

Als Haupt der Familie galt, von allen geliebt und geehrt, die Mutter
Martins, eine Greisin von fnfundsiebzig Jahren, deren Mann frher die
Farm innehatte. Gromutter -- anders nannte man sie nicht -- hatte
keine andere Beschftigung, als mit ihrer Schwiegertochter zu spinnen,
da sie, so weit dies an ihr lag, ihren Kindern mglichst wenig zur Last
fallen wollte.

Der lteste der Shne, der siebenundzwanzigjhrige, aber besser als sein
Vater unterrichtete Murdock, nahm lebhaftesten Antheil an den Fragen,
die ganz Irland unablssig bewegten, und alle frchteten sehr, da er
sich einmal in eine schlimme Geschichte einlassen knne. Er gehrte
zu den eifrigsten Anhngern des =home rule=, d.h. der Erkmpfung der
Autonomie des Landes, ohne freilich zu bedenken, da das =home rule=
weit mehr auf politische, als auf sociale Reformen abzielt. Gerade der
letzteren bedarf aber Irland, da es noch unter der schweren Last der
Feudalherrschaft seufzt.

Murdock, ein krftiger junger Mann von schweigsamem Charakter, hatte
unlngst die Tochter eines benachbarten Farmers geheiratet. Die von
der Familie Mac Carthy geliebte, vortreffliche junge Frau besa jene
regelmige, stolze und ruhige Schnheit und die vornehme Haltung, die
man bei Irlnderinnen der unteren Classen so hufig findet. Ihr Gesicht
wurde von groen blauen Augen belebt und lockig quoll das reiche blonde
Haar unter den Kopfbndern hervor. Kitty liebte ihren Gatten herzlich,
und Murdock, der sonst niemals lchelte, verga sich hierin zuweilen
doch, wenn er sie ansah, denn auch er bewahrte ihr die innigste
Zuneigung. Sie bentzte ihren Einflu auch, ihn zu migen und
zurckzuhalten, wenn ein Sendbote der Nationalisten Propaganda im Lande
zu machen und die Leute zu berzeugen suchte, da von einer Vershnung
zwischen Landlords und Pchtern nie die Rede sein knne.

Selbstverstndlich waren die Mac Carthy's gute Katholiken, es kann
also nicht auffallen, da sie die Protestanten als ihre Feinde
betrachteten.[2]

Murdock besuchte eifrig alle solche Versammlungen und Kittys Herz
klopfte immer recht ngstlich, wenn sie ihn so nach Tralee oder einem
andern Orte in der Nachbarschaft gehen sah. Bei diesen Gelegenheiten
sprach er auch ffentlich mit der den Irlndern angebornen Beredtsamkeit
und Kitty mute ihn bei der Heimkehr immer erst zu beruhigen suchen,
wenn sie die Erregung noch in seinen Zgen las und er unter einem
gemurmelten Aufrufe zur agrarischen Erhebung wohl gar noch mit dem Fue
stampfte.

Mein guter Murdock, sagte sie dann bittend, wir mssen Geduld haben...
uns vorlufig ins Unabnderliche fgen...

-- Geduld! unterbrach er sie grollend, wenn Jahre dahingehen und nichts
sich bessert! Ergebung, wenn man thtige Leute wie unsre Gromutter
nach langem Leben voller Arbeit noch immer im Elend schmachten sieht!
Geduldig sein und sich fgen, arme Kitty, bedeutet, alles ruhig
hinnehmen, das Gefhl eignen Rechtes verlieren, sich unters Joch ducken
und das... das thu' ich niemals... niemals!

Martin Mac Carthy hatte noch zwei andre Shne, Pat oder Patrick, und Sim
oder Simeon, im Alter von fnfundzwanzig und von neunzehn Jahren.

Pat segelte meist als Matrose auf einem Handelsschiffe des angesehenen
Hauses Marcuart in Liverpool. Sim hatte, wie Murdock, die Farm niemals
verlassen, und ihr Vater fand an beiden wichtige Helfer fr die
Feldarbeit und die Pflege der Thiere. Sim gehorchte ohne Widerspruch
seinem lteren Bruder, dessen Ueberlegenheit er neidlos anerkannte. Er
bezeugte ihm so viel Achtung, als ob jener das Haupt der Familie wre.
Als letzter Sohn, als Nesthkchen mit besondrer Liebe aufgezogen,
neigte er zu der harmlosen Lustigkeit, die allgemein im Charakter des
Irlnders liegt. Er liebte es, zu scherzen, zu lachen und verbreitete
Sonnenschein in dem sonst etwas dstern Hause. Sehr muthwilliger Natur,
unterschied er sich auffallend von dem gesetzten, ernsthaften Wesen
seines Bruders Murdock.

Das war also die fleiige Familie, in deren Mitte der Findling durch
Zufall gekommen war. Seinem lebhaften Geiste konnte der Unterschied
zwischen dem erbrmlichen Leben in der Lumpenschule und dem gesunden
Aufenthalt in einer irlndischen Farm nicht unbemerkt bleiben. Wohl
hatte unser Held mehrere Wochen behaglichen Wohlbefindens bei der
launenhaften Mi Anna Walston verlebt, dort aber nicht die wahre
herzliche Zuneigung gefunden, die das Leben am Theater berhaupt mehr
oder weniger am Aufkeimen zu hindern pflegt.

Die gesammten Baulichkeiten des Mac Carthyschen Pachtgutes beschrnkten
sich nur auf das unbedingt notwendige. Viele Gter in den reichen
Grafschaften des Vereinigten Knigreichs sind in ganz andrer und
luxuriserer Weise ausgestattet. Uebrigens verleiht ja der Farmer erst
der Farm den Werth, und deren Umfang ist nicht von so entscheidender
Bedeutung, wenn sie nur einsichtig bewirthschaftet wird. Martin Mac
Carthy gehrte also nicht zu der begnstigteren Classe der Yeomen, die
kleine Bodeneigenthmer sind, sondern nur zu den zahlreichen Pchtern
des Herzogs von Rockingham, so zu sagen: zu den Hunderten von
landwirthschaftlichen Maschinen, die auf dem ausgedehnten Grundbesitz
der reichen Landlords in Thtigkeit sind.

Das Hauptgebude, das aus Mauerwerk mit Strohdach bestand, enthielt nur
ein Erdgescho, worin die Gromutter, Martin und Martine Mac Carthy
und Murdock mit seiner Frau je ein Zimmerchen bewohnten. Dazu kam ein
grerer Raum mit weitem Kamin, der die Insassen des Hauses bei den
Mahlzeiten vereinigte. Darber lag, zwischen Kornbden, eine von zwei
Fensterchen erhellte Mansarde, wo Sim und auch Pat, wenn dieser einmal
da war, Unterkunft fanden.

An der einen Seite der Rckwand des Wohnhauses folgten die Tenne,
die Scheuern und Schuppen zur Unterbringung der Acker- und
Wirthschaftsgerthe; an der andern der Kuh- und der Schafstall, die
Milchkammer, der Schweinestall und der Geflgelhof.

Infolge nicht rechtzeitig vorgenommener Verbesserungen zeigte freilich
alles ein recht klgliches Aussehen. Da und dort verdeckten einzelne
Bretter verschiedener Herkunft, Thrflgel, berflssige Fensterlden,
Planken von alten Schiffen, von deren Abbruch herrhrende kleine Balken
oder Zinkblechstcke die Lcken und Lcher der Mauern, und auf dem
Strohdache lagen schwere Feldsteine, um dieses gegen den Anprall der
Strme zu sichern.

Zwischen den drei Gebudecomplexen dehnte sich der Hof mit zweiflgligem
Thorweg aus. Eine lebende, reich mit leuchtenden Fuchsien geschmckte
Hecke bildete dessen Abschlu. Im Innern des Hofes grnte ein Rasenplatz
mit ppigen Grsern, auf dem sich die Hhner tummelten, und in dessen
Mitte glnzte eine kleine Wasserflche, deren Rand Azaleen, goldgelbe
Margueriten und halb verwilderte Asphodelen zierten.

Auf den Strohdchern grnte und blhte es brigens rings um die
Feldsteine nicht weniger als auf dem Rasen und der Hecke, vorzglich
gediehen hier unzhlige Fuchsien mit ihren vom Winde immer bewegten
Glckchen. Selbst die zersprungenen Mauern des Wohnhauses entbehrten
des Pflanzenschmuckes nicht, denn diese verhllte ein so starkstmmiges
Epheugerank, da letzteres das Dach desselben allein getragen htte.

Zwischen dem eigentlichen Ackerland und dem Pachthofe lag noch ein
Kchengarten, worin Martin den Hausbedarf an Gemsen anbaute, vorzglich
Kohl, Rben und Kartoffeln, und das Gartenland umsumte wieder ein Kranz
von Bumen und Buschwerk aller Art.

Hier wucherten krftige Stechpalmen mit ihren stachligen, leuchtend
grnen Blttern, die seltsam geformten Muscheln hneln; dort erhoben
sich wild wachsende Taxusbume, denen keine unntze Scheere die Gestalt
von Weinflaschen oder Lampentrgern gegeben hatte. In Flintenschuweite
zur Linken stand ein Wald von Eschen, und die Esche bildet einen der
schnsten Bume dieser Gegenden. Weiterhin mischen sich tiefgrne Buchen
ein, stellenweise unterbrochen von der Purpurfarbe hoher Bsche, der
Ebereschen, die von ferne Weinstcken gleichen, an deren Reben korallene
Trauben hingen. Kaum drei Meilen von hier erhebt sich schon der Erdboden
unter den letzten Auslufern der Clanaraderrykette, mit harzreichem
Fichtenbestand, deren Zapfen an den Gaisblattranken zu hngen scheinen,
die sich berall durch das Gest der Bume schlingen.

Der Betrieb der Farm von Kerwan erfordert ziemlich verschiedene
Culturen, giebt im ganzen aber nur einen mittelmigen Ertrag. Die
Weizenfrucht, die in der Hauptsache zu Grtze vermahlen wird, zeichnet
sich weder durch Lnge der Halme, noch durch Ergiebigkeit der Aehren
aus. Der Hafer ist mager und schwchlich, was hier um so schlimmer
erscheint, als das Hafermehl fortwhrend verwendet wird. Besser gedeihen
noch Gerste und Roggen, welch letzterer den grten Theil des Brodes
liefert. Bei der Rauhigkeit des Klimas knnen aber auch diese
Feldfrchte vor October oder November selten geerntet werden.

Unter den im Groen angebauten Gemsen, wie den Rben und dem
starkhuptigen Kohl, nehmen die Kartoffeln den ersten Rang ein, die,
vorzglich in den minder begnstigten Theilen Irlands, die eigentliche
Volksnahrung ausmachen. Man fragt sich wirklich, wovon die Landleute
wohl gelebt haben mgen, ehe Parmentier die werthvolle Knollenfrucht auf
der Insel einfhrte. Vielleicht hat die Kartoffel freilich die Bauern
etwas sorgloser gemacht, da diese auf die Ausbeute an solchen rechnen,
wodurch sie vor Hungersnoth geschtzt bleiben, so lange nicht gar zu
ungnstige Verhltnisse eintreten.

Wenn die Erde die Thiere ernhrt, so tragen diese auch wieder zur
Ernhrung der Erde bei. Ohne sie ist kein Anbau mglich. Die einen
dienen zur Arbeit mit Pflug und Egge, die andern liefern Eier, Fleisch
und Milch, alle aber die nthige Dngung fr den Acker. Zur Farm von
Kerwan gehrten auch sechs Pferde, und doch reichten sie, als Zwei- oder
Dreigespann verwendet, kaum aus, die Pflugschaar durch den steinigen
Boden zu ziehen. Standen sie auch nicht verzeichnet im Stud-book, der
Adelsrolle der Pferdefamilien, so leisteten sie doch die besten Dienste
und begngten sich mit trocknem Heidekraut, wenn's einmal an besserem
Futter mangelte. Ein Esel leistete ihnen Gesellschaft, und diesem konnte
es nimmer an Disteln fehlen, deren es hier in solchen Mengen giebt,
da alle dahin zielenden Verordnungen die Vertilgung dieser wuchernden
Pflanze nicht erzwingen werden.

Unter dem Stallvieh gab es ein halbes Dutzend schne, rothhaarige
Milchkhe und gegen hundert schwarzkpfige Schafe mit sehr weier Wolle,
deren Unterhaltung im Winter, wo futiefer Schnee die Fluren bedeckt,
mit vielen Schwierigkeiten verknpft ist. Weniger gilt das von den
zwanzig Ziegen, die der Farmer besa und denen man es mehr selbst
berlassen konnte, sich Nahrung zu suchen. Gab es kein Gras, so fanden
sie noch immer Bltter, die auch der strengsten Klte widerstanden.

Ein Dutzend Schweine barg ein besondrer Stall an der rechten Hofseite;
diese wurden fr den eignen Bedarf gemstet. Der Farmer betrieb nmlich
die Aufzucht solcher nicht, obgleich von Limerick sehr viele Schinken
versendet werden, die denen von York an Gte gleichkommen und auch unter
dieser Marke im Handel sind.

Hhner, Gnse und Enten gab es so viel, da noch Eier nach dem Markte
von Tralee geliefert werden konnten, Truthhner und Haustauben aber
nicht, und diese findet man in den Bauernhfen Irlands berhaupt nur
selten.

Auch eines Hundes mssen wir gedenken, eines schottischen Terriers, der
zur Bewachung der Schafheerde diente. Einen Jagdhund gab es hier nicht,
trotz des Wildreichthums der Gegend. Die Jagd ist ja nur ein Vergngen
der Landlords. Der sehr hohe Preis fr den Jagdschein, der der
britischen Staatscasse zufllt, und die Taxe fr Berechtigung zum Halten
eines Jagdhundes, verbieten sie dem kleinen Manne schon allein.

Das war das Pachtgut von Kerwan, das ziemlich isoliert innerhalb einer
Schleife des Cashenflusses und fnf Meilen von der Parochie Silton
entfernt lag. In der Grafschaft gab es gewi noch schlechteren Boden,
leichtes, kieselreiches Land, das keine Dngung festhlt und wo der
Pachtschilling nicht einmal eine Krone (noch nicht fnf Mark) fr den
Acre betrgt; der Grund und Boden Martin Mac Carthy's war aber auch
hchstens von mittlerer Gte.

Jenseits des angebauten Gebietes dehnten sich unfruchtbare, sumpfige
Ebenen aus, da und dort bedeckt mit Stechginster oder mit wilden Rosen,
zwischen denen wucherndes Haidekraut blhte. Ueber den Fluren flatterten
in dichten Schwrmen Krhen umher, die nach den eingeseten Krnern
suchten, oder Vlker von groschnbligen Sperlingen, die die
neugebildeten Getreidekrner, zum argen Schaden fr die Pchter
auspicken.

Noch weiter hinaus stiegen stille Wlder von Birken und Lrchenbumen
auf, die in den steilen Abhngen der Berge wurzelten und die von den
Winterstrmen, welche durch das schmale Thal des Cashen jagen, oft mit
unheimlicher Gewalt geschttelt und zerzaust werden.

Im Ganzen bildet diese Grafschaft Kerry ein merkwrdiges Land, das die
Aufmerksamkeit der Touristen mit seinen Amphitheatern bewaldeter
Hhen, seinen berraschenden Fernsichten, die durch die hyperborischen
Nebeldnste eher verfeinert erscheinen, entschieden mehr verdiente, als
bisher.

Ein hartes, schlimmes Land ist es nur fr die, die es bewohnen, eine
knauserische Stiefmutter fr die, die es bebauen.

Doch wenn nur die Ernte an Kartoffeln, der wirklichen Brodfrucht der
Insel, in Kerry und den andern Grafschaften nicht versagt. Wenn das
aber auf der Million dem Knollenbau eingerumten Acres eintrifft, dann
bedeutet es den Hunger mit allen seinen Schrecken.[3]

Wenn der fromme irische Bauer sein =God save the Queen= gesungen hat,
dann sollte er es wirklich vervollstndigen durch ein:

      =God save the potatoes!=




IX.

Die Farm von Kerwan. (Fortsetzung.)


Am 20. October, nachmittags gegen drei Uhr, erschollen auf der nach der
Farm von Kerwan fhrenden Strae laute Jubelrufe.

Da kommt der Vater!

-- Da ist die Mutter!

-- Nun sind sie ja beide zurck!

Kitty und Sim waren es, die Martin und Martine Mac Carthy schon von
weither begrten.

Guten Tag, Kinder! sagte Martin.

-- Guten Tag, meine Shne! rief Martine, die in das Wrtchen meine
ihren ganzen mtterlichen Stolz legte.

Der Farmer und seine Gattin hatten Limerick heute Morgen frhzeitig
verlassen. So einige dreiig (englische) Meilen bei schon recht khlem
Herbstwind zurckzulegen, hat schon etwas auf sich, zumal wenn das
mittelst eines Jaunting-car geschieht.

Das Gefhrte wird Car genannt, weil es ein Wagen ist, und die
nhere Bezeichnung durch das Beiwort Jaunting erhlt es, weil seine
Passagiere, Rcken gegen Rcken, auf zwei in der Lngenachse des
Fuhrwerks angebrachten Bnken sitzen. Man braucht sich nur die Ruhebnke
in stdtischen Parkanlagen verdoppelt und auf ein paar Rdern befestigt
vorzustellen, wozu man noch je ein Brett als Fusttze fr die zu
befrdernden Personen zu denken hat, die sich an die Gepckstcke hinter
ihnen anlehnen, so hat man den in Irland am meisten gebruchlichen
Wagen. Wenn er auch nicht sehr vortheilhaft erscheint, weil man davon
nur nach je einer Seite Aussicht hat, und nicht sehr comfortabel, weil
er ganz ohne Dach ist, so rollt er wenigstens ziemlich flott dahin
und sein Kutscher entwickelt meist ebensoviel Geschicklichkeit wie
Schnelligkeit.

So konnte es nicht wundernehmen, da Martin und Martine Mac Carthy, die
gegen sieben Uhr frh von Limerick abgefahren waren, gegen drei Uhr in
Sicht des Pachthofs eintrafen. Sie befanden sich auf dem Jaunting-car
auch nicht allein, denn dieser brachte wohl noch zehn andre Personen
mit. Nachdem die Farmersleute abgestiegen waren, rollte das Gefhrt in
schnellem Trabe nach dem Hauptorte der Grafschaft Kerry weiter.

Eben trat Murdock aus seinem an der Hofecke gelegenen Zimmer, wo die
Nebengebude der rechten Seite an das Wohnhaus stieen.

Ihr habt eine glckliche Fahrt gehabt, Vterchen? fragte die junge
Frau, nachdem sie Martine umarmt hatte.

-- Eine sehr gute Fahrt, Kitty.

-- Fandet Ihr auf dem Markte in Limerick die gewnschten Kohlpflanzen?
erkundigte sich Murdock.

-- Ja, mein Sohn; morgen sollen sie uns zugeschickt werden.

-- Und auch den Rbensamen?...

-- Gewi; sogar von bester Sorte.

-- Das ist gut, Vater.

-- O, wir fanden auch noch eine andre Art Samen....

-- Welche denn?

-- Ein... Babysamenkorn, das uns von bester Sorte erschien.

Murdock und sein Bruder machten groe Augen, als sie das Kind bemerkten,
das ihre Mutter in den Armen hielt.

Da habt Ihr ein Knblein, sagte sie, in Erwartung, da Kitty uns einen
kleinen Kameraden dazu schenkt.

-- Er ist ja ganz erfroren, der Kleine! antwortete die junge Frau.

-- Ich hab' ihn aber whrend der Fahrt in meinen Tartan (eine Hlle von
growrfeligem Wollenstoff) eingewickelt, so gut ich konnte, versicherte
die Farmersfrau.

-- Schnell, schnell, drngte Martin, wir wollen ihn vor dem Kamine
wieder warm machen und auch die Gromutter begren, die darauf warten
wird.

Kitty nahm den kleinen Knaben aus den Hnden Martines, und bald war die
ganze Familie in dem groen Mittelzimmer versammelt, wo die Gromutter
auf einem alten gepolsterten Armstuhle sa.

Man zeigte ihr das Kind. Sie nahm es in die Arme und setzte sich's auf
die Knie.

Der Kleine lie es sich gefallen. Seine Blicke wanderten von einem zum
andern. Er verstand nicht, was mit ihm vorging. Jedenfalls glich
das Heute nicht dem Gestern. War alles nur ein Traum? Er sah hbsche
Gesichter, junge und alte um sich. Seit seinem Erwachen hatte er nur
liebevolle Worte gehrt. Die Fahrt auf dem schnell durch das Land
hineilenden Wagen war ihm eine Zerstreuung gewesen. Gute Luft und der
Morgenduft der Blumen und Bsche fllten seine Brust. Eine krftige
Suppe vor der Abfahrt hatte ihn gestrkt und unterwegs hatte er, immer
an kleinen Kuchen aus der Tasche Martines nagend, erzhlt, was er von
seinem Leben wute, von dem Aufenthalt in der abgebrannten Lumpenschule,
von der Freundlichkeit Grips, dessen Name sehr oft ber seine Lippen
kam, ferner von Mi Anna, die ihn ihren Sohn genannt hatte und doch gar
nicht seine Mutter war, weiter von einem sehr erzrnten Herrn, den sie
den Herzog nannten, dessen Namen er aber vergessen hatte und der ihn
mit wegnehmen wollte, endlich von seinem Verlassensein und wie er sich
allein auf dem Friedhofe von Limerick befunden habe. Martin Mac Carthy
und seine Frau verstanden von der ganzen Geschichte nicht viel, auer
da er weder Eltern noch Angehrige hatte, und da er ein verlassenes
kleines Geschpf sei, das die Vorsehung ihrer treuen Sorge anvertraut
hatte.

Gerhrt umarmte ihn die Gromutter und dann auch die andern, deren
Theilnahme fr ihn erwachte.

Ja, wie heit er denn? fragte die Gromutter.

-- Er konnte uns keinen andern Namen als Findling angeben, antwortete
Martine.

-- Na, er braucht keinen andern, meinte Martin; wir rufen ihn ebenso,
wie er bis jetzt gerufen wurde.

-- Wenn er aber einmal gro wird?... warf Sim ein.

-- So bleibt er nach wie vor der Findling! erklrte die Gromutter, die
ihn mit einem herzhaften Kusse taufte.

Das war also der Empfang, den unser Held beim Eintreffen auf dem
Pachthofe fand. Man nahm ihm die Lumpen ab, die er fr die Rolle des Sib
angelegt bekommen hatte. Dafr erhielt er die letzten Kleidungsstcke
Sims, die dieser, als er im gleichen Alter war, getragen hatte und die
zwar nicht neu, aber doch reinlich und warm waren. Seine Wollenjacke
lie man ihm, da er auf diese, obgleich sie allmhlich zu eng wurde,
viel zu halten schien.

Dann a er, auf hohem Stuhle sitzend, mit der Familie und fragte
sich, ob das alles nicht auch bald verschwinden wrde. Doch nein, die
Hafersuppe, die in reichlich vollem Teller vor ihm stand, verschwand
nicht, auch nicht das Stck Speck mit Kohl, wovon er ein gutes Theil
erhielt, ebensowenig der Eierkuchen, der unter allen redlich vertheilt
wurde und den man hier mit einem Schluck ausgezeichneten Potheens
bego, welchen der Farmer aus der eignen Gerste durch Ghrung
herstellte.

Das war ein Schmaus, zumal da das Knblein nur frhliche Gesichter sah,
auer vielleicht an dem ltesten Bruder, der immer ernst, ja fast etwas
traurig erschien. Da wurden ihm die Augen feucht und Thrnen glitten
seinen Wangen hinab.

Was fehlt Dir, Findling? fragte Kitty.

-- Ei, warum denn weinen! setzte die Gromutter hinzu. Hier werden Dir
alle gut sein!

-- Und ich besorge Dir auch Spielzeug, versprach Sim.

-- Ich weine ja nicht, antwortete er. Das sind keine Thrnen!

Wirklich war es nur das Herz, das dem armen Kleinen berlief.

Nun, heute mag's gut sein, erklrte Martin, doch gar nicht zrnenden
Tones, ich sage Dir aber, mein Junge, da es hier verboten ist, zu
weinen.

-- Ich werd' es auch nicht mehr thun! versicherte er, in die
ausgestreckten Arme der Gromutter hinbergleitend.

Martin und Martine bedurften der Ruhe. Auf der Farm legte man sich im
allgemeinen zeitig nieder und stand sehr frh des Morgens auf.

Wo werden wir das Kind denn unterbringen? fragte der Farmer.

-- In meiner Stube, meldete sich Sim; ich trete ihm, wie einem kleinen
Bruder, die Hlfte meines Bettes ab.

-- Nein, Kinder, erklrte die Gromutter. Lat ihn bei mir schlafen, er
wird mich nicht belstigen. Da kann ich ihn schlummern sehen, und das
wird mir eine Freude sein.

Ein Wunsch der Gromutter fand nie auch nur einen Schatten von
Widerspruch. Neben deren Bett wurde also, wie sie es verlangt hatte,
eine Lagerstatt hergerichtet und der kleine Knabe sogleich hineingelegt.

Weies Bettzeug und eine gute Decke hatte er schon kennen gelernt in
den wenigen Wochen, wo er im Royal-George-Htel im Zimmer der Mi Anna
Walston wohnte. Die Zrtlichkeiten der Schauspielerin wogen aber die
dieser achtbaren Familie nicht auf. Gewi bemerkte er darin schon
einigen Unterschied, vorzglich als ihm die Gromutter beim Niederlegen
einen herzlichen Ku gab.

Ach, ich danke... ich danke! murmelte er.

Das war heute sein einziges Nachtgebet und jedenfalls kannte er auch
kein andres.

Man stand jetzt im Anfang der kalten Jahreszeit. Die Ernte war eben
hereingebracht. Auerhalb des Pachthofes gab es wenig oder nichts zu
thun. In diesen rauhen Gegenden findet die Einsaat des Korns, der Gerste
und des Hafers nicht mit beginnendem Winter statt, weil dessen Lnge
und Strenge sie wieder vernichten knnte. Das ist Sache der Erfahrung.
Martin Mac Carthy pflegte hier den Mrz und sogar den April abzuwarten,
ehe er mit der sorgfltig gewhlten Saat begann. Dabei hatte er sich
bisher gut gestanden. Furchen in einem Boden zu ziehen, der bis auf
mehrere Fu Tiefe friert, das wre eine ebenso harte wie unntze Arbeit
gewesen; da htte er die Samenkrner auch auf einen sandigen Strand oder
auf die Felsen der Kste verstreuen knnen.

Immerhin fehlte es im Pachthofe nicht an Arbeit. Galt es doch die
Vorrthe an Gerste und Hafer auszudreschen und an Gerthen auszubessern,
was schadhaft geworden war. Der Findling konnte sich schon am folgenden
Tage von der hier herrschenden Geschftigkeit berzeugen und versuchte
auch vom frhen Morgen an selbst sich ntzlich zu machen. So begab er
sich nach den Viehstllen. Jetzt nahe am Ende des sechsten Lebensjahres,
mute er doch wenigstens im Stande sein, Gnse oder Khe, ja auch Schafe
zu hten, wenn er einen guten Hund zur Seite hatte.

Beim Frhstck und vor einer Tasse warmer Milch sitzend, bot er sich zu
einer solchen Dienstleistung an.

Schn, mein Junge, antwortete Martin, Du willst arbeiten. Recht so. Man
mu sich sein Brod verdienen....

-- Und ich werd' es mir verdienen, Herr Martin, versicherte er.

-- Er ist ja noch gar so jung, bemerkte die Gromutter.

-- Das thut nichts, Madame....

-- Ei was, nenne mich Gromutter!

-- Nun gut... das thut nichts, Gromutter. Ich will so gern
arbeiten....

-- Und wirst auch hbsch thtig sein, fiel Murdock ein, den ein so
entschlossener Charakter bei einem bisher vom Unglck verfolgten Kinde
in Erstaunen setzte.

-- Ich danke, Herr Murdock!

-- Ich werde Dir lehren, die Pferde zu besorgen, fuhr Murdock fort, und
auch darauf zu reiten, wenn Du keine Angst hast....

-- O, so gern! jubelte der Knabe.

-- Und ich, ich lehre Dir die Khe zu pflegen, lie Martine sich
vernehmen, und sie zu melken, wenn Du Dich nicht vor ihren Hrnern
frchtest.

-- Nein, gar nicht, Frau Martine!

-- Ich zeige Dir dann, fiel Sim ein, wie man auf dem Felde die Schafe
htet....

-- Ich freue mich schon darauf!

-- Kannst Du lesen? fragte der Farmer.

-- Ein wenig, und auch ein bischen groe Buchstaben schreiben.

-- Und rechnen?

-- Ja... ich kann bis hundert zhlen, Herr Martin.

-- Na, sagte Kitty lchelnd, ich werde Dir bis tausend zhlen und auch
kleine Buchstaben schreiben lehren.

-- Ich danke, liebe Frau Kitty!

Das Kind war thatschlich zu allem bereit, was man ihm vorschlug. Der
Kleine wollte sich offenbar dankbar beweisen fr die Wohlthaten, die
er bei den wackern Leuten schon geno und noch zu genieen hoffte. Der
kleine Diener der Farm zu werden, dahin strebte zunchst sein Ehrgeiz.
Ein Zeugni fr den von Natur ernsten Sinn des Knaben lieferte aber die
Antwort, die er dem Farmer gab, als dieser ihn lachend fragte:

Ei, Findling, Du wirst uns ja ein schtzbarer Helfer sein!... Die
Pferde, die Khe, die Schafe... ja, wenn Du alles besorgst, bleibt ja
fr uns gar nichts zu thun brig. Wie viel verlangst Du denn Lohn?

-- Lohn?...

-- Nun ja; Du wirst doch nicht ganz fr nichts und wieder nichts
arbeiten wollen?

-- Nein, das nicht, Herr Martin.

-- Wie? rief Martine verwundert, auer der Wohnung, Nahrung und
Bekleidung verlangt er auch noch Bezahlung....

-- Ja, Frau Martine!

Alle sahen den Knaben an; es schien ihnen, als ob er etwas ganz
ungeheuerliches ausgesprochen htte.

Murdock, der ihn beobachtet hatte, bemerkte aber:

Lat ihn doch sich erst erklren!

-- Freilich, meinte die Gromutter. Sag' uns frei heraus, was Du
verdienen willst. Baares Geld?...

Der kleine Junge schttelte den Kopf.

Nun... vielleicht eine Krone fr den Tag? sagte Kitty.

-- Ach nein, Frau Kitty.

-- Oder monatlich so viel?... fuhr die Pchtersfrau fort.

-- Frau Martine!...

-- Also wohl jhrlich? meinte Sim, laut auflachend. Eine ganze Krone
Jahreslohn....

-- Nun, was willst Du denn, lieber Junge? begann Murdock wieder. Ich
begreife, da Du Dir Deinen Lebensunterhalt verdienen willst, ganz
wie wir. So wenig man auch empfngt, es sammelt sich endlich doch. Was
willst Du also?... Einen Penny... einen Copper tglich?...

-- Nein, Herr Murdock!

-- So erklre Dich doch!

-- Nun, Herr Martin, Sie geben mir jeden Abend einen Kieselstein...

-- Was? Einen Kiesel? rief Sim berrascht. Willst Du Schtze in Kieseln
sammeln?...

-- Nein... doch es wird mir Vergngen machen, und nach Jahren einmal,
wenn ich gro bin und Sie mit mir zufrieden waren...

-- Richtig, Findling, fiel Martin ein, da vertauschen wir Deine
Kieselsteine mit Pence oder Schillingen!

Alle lobten den Kleinen wegen seiner guten Idee, und noch an demselben
Abend gab ihm Martin einen Kiesel aus dem Bette des Cashen, der an
solchen unerschpflich war. Der Kleine aber legte ihn in einen alten
Steinguttopf, den die Gromutter ihm als Sparbchse zugewiesen hatte.

Ein sonderbares Kind! sagte Murdock zu seinem Vater.

Gewi, doch dessen gute Natur hatte keinen Schaden erlitten, weder durch
die herzlose Behandlung Thornpipe's, noch durch die schlechten Beispiele
in der Lumpenschule. Als die Pchterfamilie ihn im Laufe einiger Wochen
nher kennen lernte, traten seine natrlichen Eigenschaften nur noch
mehr zutage. Ihm fehlte nicht einmal die Heiterkeit, der Grundzug
des Nationalcharakters, den man in Irland auch bei den rmsten Leuten
ausgeprgt findet. Dann gehrte er auch nicht zu dem Schlage von Jungen,
die den ganzen Tag lang nur herumlungern, deren Augen hierhin und dahin
gehen, da sie durch jede Fliege, jeden Schmetterling abgelenkt werden.
Immer sah man ihn berlegt, stets suchte er den Sachen auf den Grund zu
gehen und sich durch Befragung andrer zu unterrichten. Seinen Blicken
entging auch nicht das geringste. Er hob jede Stecknadel ebenso auf,
wie er einen Schilling aufgehoben htte. Seine Kleidung hielt er stets
reinlich und alles in musterhafter Ordnung. Der Sinn fr diese war ihm
angeboren. Er antwortete hflich, wenn man ihn fragte, und lie sich
jede erhaltene Antwort erklren, wenn er sie nicht ganz verstanden
hatte. Gleichzeitig machte er im Schreiben sichtliche Fortschritte. Das
Rechnen schien ihm sehr leicht zu fallen und dabei gehrte er nicht zu
den frhreifen Wunderkindern, die spter so oft nicht halten, was sie
versprachen; er brachte aber Berechnungen im Kopfe fertig, bei denen
viele andre zur Feder gegriffen htten. Zu seinem wahrhaften Erstaunen
erkannte Murdock auch, da der Kleine sich bei allen Handlungen nur von
seiner hochentwickelten Vernunft leiten lie.

Dank den Lehren der Gromutter eignete er sich auch schnell die Gebote
der Religion an, wie sie die katholische Lehre vorschreibt und die alle
tief im Herzen jedes Irlnders wurzeln. Jeden Tag verrichtete er sein
Morgen- und sein Abendgebet mit aufrichtiger Innigkeit.

Der Winter verstrich -- ein sehr kalter Winter mit vielen Strmen, die
oft erschreckend durch das Thal des Cashen brausten. Oft frchtete man,
da die Strohdcher abgerissen oder da die Lehmwnde nicht Stand halten
wrden. Von dem Middleman John Eldon Reparaturen zu verlangen, wre ganz
nutzlos gewesen. Martin Mac Carthy und seine Kinder muten sich eben
selbst zu helfen suchen. Neben dem Ausdreschen des Getreides nahm
sie das am meisten in Anspruch: hier war ein Stck Strohdach wieder
herzustellen, dort eine Mauer zu dichten und an vielen Stellen die
Einfriedigung zu sttzen.

Inzwischen arbeiteten die Frauen in verschiedener Weise; die Gromutter
spann fleiig in der Nhe des Kamins, Martine und Kitty besorgten die
Stlle und den Geflgelhof, wobei sie der Findling nach Mglichkeit
untersttzte. Er achtete genau auf alles, was den Betrieb der
Wirthschaft anging. Zu jung, um schon mit Pferden umzugehen, hat er
mit einem grauen Langohr, einem gutmthigen Thiere, fast Freundschaft
geschlossen, die dieser ihm erwiderte. Er wollte, da sein Esel ebenso
sauber ausshe, wie er selbst, was ihm Martines besondre Anerkennung
einbrachte. Bei den Schweinen wre das freilich ein vergebliches Bemhen
gewesen, so da er darauf von vornherein verzichtete. Die Zahl der
Schafe hatte er, nach sorgfltiger Feststellung derselben -- mit 103 --
in ein altes von Kitty erhaltenes Notizbuch eingetragen. Seine Neigung
fr eine solche Buchfhrung trat immer mehr hervor, und man htte
glauben knnen, da ihm O'Bodkins in der =Ragged-School= diese bererbt
habe.

Seine Peinlichkeit darin trat besonders hervor, als Martine eines Tags
einige von den fr den Winter aufbewahrten Eiern holen wollte.

Die Pchterin nahm etwa zwlf ohne Wahl heraus, als der Findling ihr
zurief:

Nicht diese, Frau Martine?

-- Diese nicht?... Warum denn nicht?

-- Weil dadurch die gehrige Ordnung gestrt wrde.

-- Welche Ordnung?... Sind denn diese Hhnereier einander nicht ganz
gleich?

-- Gewi nicht. Sie haben das achtundvierzigste genommen, wo Sie beim
siebenunddreiigsten htten anfangen sollen. Sehen Sie nur hin.

Wirklich entdeckte Martine da, da jedes Ei eine Nummer auf der Schale
trug, eine Nummer, die der kleine Knabe mit Tinte darauf geschrieben
hatte. Da die Farmersfrau zwlf Eier haben wollte, mute sie sie
der Reihe nach entnehmen, d.h. vom siebenunddreiigsten bis mit dem
achtundvierzigsten, nicht aber die Nummern achtundvierzig bis mit
neunundfnfzig. Das that sie denn auch, nachdem sie das Knblein fr
seinen Ordnungssinn belobt hatte.

Als sie die Sache beim Frhstck erwhnte, schlossen sich alle diesem
Lobspruche an und Murdock fragte:

Findling, hast Du denn auch die Hennen und die Kchlein im Hhnerstalle
gezhlt?

-- O, gewi!

Damit zog er sein Notizbuch heraus.

Es sind dreiundvierzig Hhner und neunundsechzig Kchlein darin.

Darauf konnte sich Sim nicht enthalten zu bemerken:

Du solltest auch zhlen, wie viele Haferkrner in jedem Scheffel
stecken....

-- Scherzt darber nicht! fiel Martin Mac Carthy ein. Das beweist, da
er Ordnung hlt, und Ordnung im Kleinen bedeutet erst recht auch Ordnung
im Groen und im ganzen Leben.

Dann wendete er sich an das Kind:

Und Deine Kiesel, fragte er, die Steine, die ich Dir jeden Abend
gebe?...

-- Die liegen in der Kruke, Herr Martin; ich habe schon
siebenundfnfzig.

-- O, sagte die Gromutter lchelnd, das wren ja fr ebenso viele Tage
bereits siebenundfnfzig Pence, den Stein einen Penny gerechnet.

-- He, Kleiner, scherzte Sim, fr das Geld knntest Du Dir aber eine
Menge Kuchen kaufen.

-- Kuchen, Sim?... Ach nein, da wrd' ich schne Schreibhefte
vorziehen!

Das Ende des Jahres nahte heran. Auf den strmischen November folgte
eine sehr harte Klte. Eine dichte Lage gefrorenen Schnees bedeckte
die Erde, und fr den Knaben war es ein entzckendes Bild, die Bume im
Schmuck des Reifs und da und dort mit glitzernden Eiszapfen zu
sehen. Auf den Scheiben der Fenster schlug sich die Feuchtigkeit in
formenreichen Krystallen nieder, die hbsche Zeichnungen bildeten. Dazu
war der Flu ganz zugefroren und auf ihm lagerten bereinander gethrmt
massige Schollen. Diese Winterbilder waren fr ihn zwar nichts neues,
denn er hatte sie auf den Landstraen von Galway bis Claddagh wiederholt
gesehen. Zu jener traurigen Zeit trug er aber kaum etwas auf dem Leibe
und watete mit nackten Fen durch den Schnee. Da thrnten ihm die Augen
und seine Hnde wurden ihm rissig. Und wenn er dann in die Lumpenschule
zurckkam, gab's fr ihn kein Pltzchen am Ofen.

Wie glcklich fhlte er sich dagegen jetzt. Wie zufrieden verbrachte
er seine Tage bei diesen einfachen Leuten, die ihn aber liebten! Fast
schien es, als ob deren Zuneigung ihn noch mehr erwrmte, als seine
Kleider, die ihn vor der eisigen Zugluft schtzten, als die gesunde
Nahrung, die auf den Tisch kam, mehr als die lodernden Flammen im Kamin.
Jetzt, wo er sich schon etwas ntzlich machte, fhlte er sich wie zum
Hause gehrig. Hier hatte er eine Gromutter, eine Mutter, Brder,
Eltern.... Bei ihnen, so dachte er, wollte er sein ganzes Leben
verbringen. Hier wollte er sich seinen Unterhalt verdienen, das war und
blieb sein einziger Gedanke.

Wie freute er sich, zum ersten Male an dem Feste theilzunehmen, das im
irischen Kirchenjahre fast als das heiligste gefeiert wird.

Es war der 25. December, Weihnachten, die Christmas. Der Findling wute
schon, welchem historischen Ereignisse die Feier galt, die alle
Christen an diesem Tage veranstalten. Unbekannt war ihm aber, da man im
Vereinigten Knigreich damit auch ein schnes Familienfest verband. Fr
ihn mute das also eine Ueberraschung werden. Er bemerkte wohl am Morgen
ungewhnliche Vorbereitungen. Da die Gromutter, Martine und Kitty
dieselben jedoch mit vollstndiger Heimlichkeit betrieben, htete er
sich wohl, sie darber zu fragen.

Jedenfalls wurde er veranlat, die besten Kleider anzulegen, was Martin
Mac Carthy und seine Shne, die Gromutter, deren Tochter und Kitty
schon sehr frhzeitig gethan hatten, um nach der Kirche in Silton zu
fahren. Sie behielten den Staat auch den ganzen Tag ber an. Dazu kam,
da das Mittagsessen heute fr zwei Stunden spter angesetzt und es fast
schon Nacht war, als der Tisch im groen Zimmer mit einem Reichthum an
Licht, der geradezu blendend wirkte, hergerichtet wurde. Ferner gab es
ganz besonders ausgewhlte Speisen und deren gar noch drei oder vier
Gerichte mehr als gewhnlich. Hierzu wurde schumendes Bier aufgetragen
und ein Ungeheuer von Kuchen, den Martine und Kitty nach einem schon
sehr lange Zeit in der Familie aufbewahrten Recepte hergestellt hatten.

Da tchtig gegessen und getrunken wurde, versteht sich ja von selbst.
Alle waren hchst aufgerumt. Selbst Murdock lie sich weit mehr gehen,
als er das sonst zu thun pflegte. Wenn die andern laut auflachten,
lchelte er freilich nur, und ein Lcheln von ihm glich einem
Sonnenstrahl im Nebel.

Am meisten freute sich der Findling ber den auf dem Tische stehenden
Christbaum, eine Tanne mit Bnderschmuck und mit Lichtsternen, die
zwischen den Zweigen funkelten.

Da sagte die Gromutter zu ihm:

Sieh nur auch unter die Zweige, Kleiner; ich glaube, da findet sich
noch etwas fr Dich!

Der Findling lie sich darum nicht bitten; doch wie beglckt fhlte er
sich, wie rtheten sich seine Wangen vor Vergngen, als er unter
dem Baume ein schnes irlndisches Messer mit an einem Ledergrtel
befestigter Tragkette entdeckte.

Das war das erste Weihnachtsgeschenk, das er je erhalten hatte, und wie
stolz fhlte er sich, als Sim ihm half, den Ledergurt um die Hften zu
schnallen.

Ach, herzinnigen Dank, Gromutter, herzlichen Dank allen... allen!
rief er jubelnd, whrend er von einem zum andern ging.




X.

Was sich in Donegal zugetragen hatte.


Wir drfen jetzt nicht unerwhnt lassen, da dem Farmer Mac Carthy der
Gedanke gekommen war, wegen des Civilverhltnisses seines Adoptivkindes
Nachforschungen anzustellen. Bekannt war dessen Lebensgeschichte ja nur
seit dem Tage, wo gute Menschen den Knaben der schlechten Behandlung des
Puppenschaustellers entzogen. Bezglich seiner frheren Existenz hatte
der Kleine, wie wir wissen, eine unklare Erinnerung davon bewahrt,
da er bei einer recht bsen Frau, zugleich mit einem oder auch zwei
Mdchen, in einem Drfchen des inneren Donegal gewohnt hatte. Nach
dieser Seite hin mute Martin seine Nachforschungen also richten.

Dadurch erhielt er aber nur folgende Aufschlsse: Im Armenhause von
Donegal fand sich die Spur eines achtzehnmonatlichen Kindes, das unter
der Bezeichnung Der Findling aufgenommen und spter in ein Dorf der
Grafschaft an eine Frau abgegeben worden war, die sich mit dem Aufziehen
kleiner Kinder gegen Entgelt befate.

Wir wollen diese Nachricht durch weitere uns zugegangene Aufklrungen
vervollstndigen. Diese ergeben freilich nur die ganz gewhnliche
Geschichte kleiner, unglcklicher Wesen, die der ffentlichen Frsorge
anheimgefallen sind.

Donegal, mit einer Bevlkerung von zweimalhunderttausend Seelen, ist
vielleicht die allerrmste Grafschaft in der Provinz Ulster, ja in ganz
Irland. Vor einigen Jahren gab es dort kaum zwei Matratzen und acht
Strohscke auf je viertausend Einwohner. In jenen unfruchtbaren
nrdlichen Gebieten der Insel fehlt es nicht an willigen Armen fr den
Landbau, wohl aber an anbaufhigem Boden. Der ausdauernste Arbeiter
erschpft sich dort vergebens. Im Innern sieht man nichts als drre
Thalmulden, de Schluchten, hgeliges Land, Steinwsten, sandige Dnen,
ghnende Torfmoore, wie sumpfige Strecken, berragt von steilen Hhen,
wie den Glendowan- und den Derryveaghbergen, kurz ein zerbrochenes
Land, wie die Englnder sagen. An der Kste finden sich Baien und
Fjorde, Buchten und Einschnitte, die ebenso viele Aushhlungen bilden,
worin die Winde vom hohen Meere sich fangen.... riesige Granitorgeln,
die der Ocean mit vollen Lungen anblst. Gerade Donegal ist den von
Amerika herberbrausenden Strmen, die unterwegs noch locale Wirbel
mit sich fortreien, in erster Linie ausgesetzt. Es ist wirklich eine
Eisenkste nothwendig, um dem Anprall der wthenden Nordwestwinde zu
widerstehen.

Vorzglich die Bai von Donegal, an der der Fischerhafen gleichen Namens
liegt und die gleich einem Haifischrachen aus dem Lande geschnitten ist,
leidet unter diesen von Seenebeln geschwngerten Luftstrmungen. Durch
das im Hintergrunde der Bai gelegene Stdtchen fegt immer eine scharfe
Brise. Die umliegende Hgelwand vermag die Schneestrme nicht zu
brechen, und diese haben noch nichts von ihrer Wuth verloren, wenn sie
das Dorf Rindok, sieben Meilen von Donegal, erreichen.

Ein Dorf?... Nein. Kaum zehn lngs einer engen Thalschlucht verstreute
Htten, zwischen diesen ein Wasserlauf, der im Sommer ein drftiger
Wasserfaden, im Winter oft ein brausender Strom ist. Von Donegal nach
Rindok giebt es keinen gebahnten Weg, nur einige Pfade, die kaum fr die
landesblichen Karren benutzbar sind, welche man mit den klugen, sicher
auftretenden irlndischen Pferden bespannt. Auch ein Jaunting-car rollt
wohl zuweilen mhsam darber. Trotz den in Irland schon vorhandenen
Eisenbahnen scheint der Tag noch sehr fern zu sein, wo das Dampfro
regelmig das Gebiet von Ulster durcheilt. Flecken und Drfer sind
ja auch zu selten, das Ziel der meisten Reisenden sind nur einfache
Pachthfe.

Da und dort lugen jedoch einige Schlsser aus ppigem Grn hervor
und ergtzen das Auge durch den phantastischen Schmuck ihrer
angelschsischen Bauart. So mehr im Nordwesten und nach Milford zu
der Herrschaftssitz Carrikhart inmitten einer ausgedehnten Domne von
neunzigtausend Acres (36.000 Hektar), das Besitzthum des Grafen von
Leitrim.

Die Huschen oder Htten des Dorfes Rindok -- gewhnlich nennt man sie
nur Cabinen -- haben alle Strohdcher, die zwar gegen die Winterregen
nicht besonders schtzen, im Sommer aber mit blhenden Levkojen und mit
wucherndem Hauslaub bedeckt sind. Ein solches Strohdach liegt auf Wnden
aus getrocknetem Lehm, der nothdrftig mit Kieselschichten verstrkt
ist, und die meist so viele Risse zeigen, da sie kaum mit der Ajoupa
der Wilden oder der Isba der Kamtschadalen einen Vergleich aushalten.
Man wrde nicht glauben, da solche Eulennester menschlichen Wesen
zur Wohnung dienen, ohne den blulichen Rauch, der aus der Blumendecke
hervorwirbelt. Holz oder Steinkohle erzeugen diesen Rauch freilich
nicht, nur Torf aus den benachbarten Smpfen, der Bog von rostbrauner
Farbe, den sich die Bewohner von Rindok nach Bedarf aus der nassen Erde
schneiden.[4]

Durch Klte umzukommen, brauchte in diesem rauhen Lande niemand zu
frchten, leider aber weit eher durch Hunger. Der Boden liefert hier
kaum einige Gemse und wenige Frchte; nichts will recht gedeihen, mit
einziger Ausnahme der Kartoffeln.

Als Zulage zu der drftigen Nahrung hat der Bauer von Donegal hchstens
gelegentlich eine Gans oder eine Ente, und auch davon nur die wild
vorkommenden, da sie weniger gezchtet werden. Das Wild, Hasen, wilde
Kaninchen u. dergl., gehrt allemal dem Landlord. Weiter giebt es, in
den Schluchten zerstreut, einige Ziegen, die etwas Milch liefern, und
schwarzborstige Schweine, die sich mhsam ihr Futter suchen mssen. Das
Schwein ist hier der wirkliche Hausfreund, ganz wie der Hund in mehr
begnstigten Lndern. Es ist der Herr, der die Rente bezahlt, wie der
bezeichnende Ausspruch lautet.

Eine der erbrmlichsten Htten von Rindok enthielt folgendes:
einen einzigen Wohnraum, den eine wurmzerfressene, windschiefe Thr
abschliet; zwei Lcher zur Rechten und zur Linken, die durch eine Lage
drres Stroh etwas Licht und Luft eindringen lassen; auf dem Fuboden
eine Decke von Schmutz; an den Dachsparren Fetzen von Spinngewebe;
im Hintergrunde einen Herd, dessen Rauchfang bis zum Strohdach
hinausreicht; ein elendes Lager in einem Winkel, eine Streu im andern.
An Mobiliar fand sich eine bucklige Bank, ein wackliger Tisch, ein
alter Kbel mit grnlichen Schimmelstreifen, ein Spinnrad mit knarrender
Kurbel. Als Gerthe ferner ein Kochtopf, eine kleine Pfanne, einige wohl
kaum jemals gereinigte Npfe und zwei oder drei Flaschen, die mit
Wasser aus dem Bache gefllt wurden, nachdem sie von dem vorher darin
enthaltenen Whisky oder Gin geleert waren. Da und dort hingen oder lagen
Fetzen und Lumpen umher, die kaum noch die Form von Kleidungsstcken
verriethen, und etwas schmutzige Wsche, die entweder im Kbel
eingeweicht war oder drauen auf einer Stange zum Trocknen hing. Auf dem
Tische aber lag fortwhrend eine vom vielen Gebrauch abgenutzte Ruthe.
Das war das Elend im schlimmsten Grade... das Elend, wie es in den
rmsten Stadttheilen Dublins oder Londons, in Glerkenwell, Marylebone
und in Whitechapel herrscht, das irische Elend, das schlimmste von
allen, das Gespenst, das in den Ghettos des Ostends spukt. Die Luft
freilich ist in den Spelunken von Donegal nicht in gleicher Weise
verpestet; hier athmet man die belebende Luft der Berge und die Lunge
fllt sich nicht mit gefhrlichen Miasmen, den gesundheitsschdlichen
Ausdnstungen der groen Stdte.

Natrlich war in dieser Htte das Lager der Hard vorbehalten, die Streu
aber fr die Kinder bestimmt und... die Ruthe ebenfalls.

Die Hard, so bezeichnete man die Bewohnerin, d.h. die Harte, und
diesen Namen verdiente sie in der That. Es war die abstoendste Megre,
die man sich nur vorstellen kann, zwischen vierzig und fnfzig Jahre
alt, lang und stark, mit dnnem, wirr herabhngendem Haar, von rothen
Brauen berschatteten Augen, mit Hakenzhnen, schnabelfrmiger Nase,
knochigen Hnden -- mehr Tatzen als Hnden -- mit Krallen als Fingern,
nach Alkohol riechendem Athem und bedeckt mit einem zerschlitzten Hemd
und zerrissenem Rocke, whrend sie stets barfu ging und auch eine so
derbe Haut an den Fusohlen hatte, da diese nicht einmal durch das
Gehen ber lose Kieselsteine belstigt wurden.

Dieser weibliche Drache beschftigte sich mit dem Spinnen von Leinen,
das in Irland, vorzglich aber von den Buerinnen in Ulster, gewhnlich
betrieben wird. Die Leinencultur liefert auch wirklich noch einige
Ausbeute, obwohl sie an die der Ackerfruchternten eines besseren Bodens
nicht heranreicht.

Mit dieser Arbeit, die ihr tglich einige Pence einbrachte, verband die
Hard noch eine andre -- fr sie ganz unpassende -- Erwerbsquelle: sie
zog kleine Kinder auf, die ihr von ffentlichen Anstalten berwiesen
wurden.

Bei Ueberfllung der Armenhuser der Stdte oder bei drohenden Seuchen
schickt man diese zu bejahrteren Frauen, die ihre mtterliche Sorge
ebenso verkaufen, wie sie jede andre Waare verkaufen wrden, und zwar zu
einem Jahrespreise von zwei oder drei Pfund Sterling (40 oder 60 Mark).
Erreicht das Kind ein Alter von fnf bis sechs Jahren, so wird es an
das Armenhaus zurckgegeben. Die Pflegemutter kann bei jener geringen
Entlohnung fr sich kaum etwas erbrigen. Und wenn solch ein Baby
unglcklicher Weise in die Hnde eines Geschpfes ohne Herz und Gemth
fllt -- was gar so hufig zutrifft -- so ist es nicht selten, da es an
der schlechten Behandlung und dem Mangel an Nahrung zu Grunde geht. Wie
viele solcher schwachen Menschenkinder gelangen in das Armenhaus
nicht wieder zurck! -- Das war wenigstens der Fall vor dem
Kinderschutz-Gesetz von 1889, das in Folge strenger Ueberwachung der
Engelmacherinnen die Sterblichkeit der aus der Stadt weggegebenen
Kinder wesenlich vermindert hat.

Zur Zeit, von der wir berichten, bestand nur eine leichte oder gar
keine Beaufsichtigung. In Rindok hatte die Hard weder den Besuch
eines Inspectors, noch auch eine Anklage seitens der im eignen Unglck
verhrteten Nachbarn zu frchten.

Vom Armenhause in Donegal waren ihr drei Kinder anvertraut worden, zwei
kleine Mdchen von vier und von sechseinhalb Jahren, und ein Knblein
von zwei Jahren und neun Monaten.

Natrlich waren es verlassene Kinder oder gar auf der Strae gefundene
Waisen. Jedenfalls kannte man ihre Eltern nicht und wrde man diese auch
nie kennen lernen. Mit der Rckkehr nach Donegal stand ihnen blos das
Work-House (Arbeitsanstalt) offen, das Work-House, das sich in allen
Stdten und selbst in vielen Drfern Grobritanniens wiederfindet.

Im Armenhause erhielten die eingelieferten Pfleglinge den ersten besten
Namen. Der des jngsten der kleinen Mdchen interessiert uns nicht, denn
sie steht nahe vor ihrem Ende. Die grere hie Sissy, eine Abkrzung
von Cecily. Ein hbsches, blondhaariges Kind, das sich bei besserer
Pflege gewi vorzglich entwickelt htte, war es, mit groen blauen,
intelligenten, guten Augen, deren Klarheit durch Thrnen freilich schon
gelitten hatte. Jetzt erschienen, bei der schlechten Behandlung,
ihre Zge dagegen matt und traurig, der Teint erblat, die Glieder
abgemagert, die Brust eingesunken, und weit sprangen unter ihren Lumpen
die eckigen Hften hervor. Bei ihrem geduldigen fgsamen Charakter nahm
sie jedoch das Leben hin, wie es eben war, ohne nur daran zu denken, da
es auch anders sein knnte. Mutterliebe und husliche Pflege hatte sie
ja nie gekannt, und im Armenhause wurden die Kinder auch nicht viel
anders behandelt, denn als kleine Thiere.

Der Knabe bei der Hard hatte gar keinen Namen. Er war im Alter von sechs
Monaten an einer Straenecke in Donegal gefunden worden, wo er, blau im
Gesicht und fast athemlos, in ein Stck grobes Leinen gewickelt gelegen
hatte. Im Armenhause war er zu den brigen Kindern gesteckt worden, ohne
da es jemand einfiel, ihm einen Namen zu geben. Aus Gewohnheit nannte
man ihn einfach Little-Boy, Kleiner Junge oder Findling, und die
Bezeichnung war ihm bekanntlich geblieben. Offenbar war er einer
reichen Familie nicht etwa gestohlen worden; so etwas ist nur in Romanen
beliebt.

Von den drei Stcken jener Sendung war der Findling der jngste, nur
zwei Jahre neun Monate alt. Brnett, mit leuchtenden Augen, die auf
erwachende Energie schlieen lieen, wenn sie der Tod nicht vorzeitig
schlo, zeigte er eine krftige Constitution, wenn die Pestluft dieser
Htte, die unzureichende Nahrung diese nicht erschtterten und ihm dafr
eine Rhachitis zufhrten. Jedenfalls sollte dieser Kleine, der
eine ungewhnliche Lebenskraft besa, allen Schdlichkeiten einen
merkwrdigen Widerstand entgegensetzen. Immer hungrig, wog er freilich
nur halb so viel, wie sonst Kinder dieses Alters. Whrend der langen
Winter Irlands immer vor Klte zitternd, trug er ber seinem zerrissenen
Hemd nur ein Stck alten gerippten Sammet, in das fr die Arme einfach
zwei Lcher geschnitten waren. Trotz der bloen Fe trabte er ruhig
seines Weges. Schon die geringste Sorgfalt htte dieser Natur gewi
schnell Krfte gegeben, die sie spter in Intelligenz umgesetzt htte.
Doch wo sollte er diese Sorgfalt finden?

Das jngste der kleinen Mdchen lag an einem schleichenden Fieber
danieder. Das Leben entwich aus ihr, wie das Wasser aus einem
gesprungenen Gefe sickert. Sie htte Arzneien gebraucht, doch diese
sind theuer; htte einen Arzt haben mssen, doch wo wre ein
solcher bereit gewesen, von Donegal aus so ein armes gottverlassenes
Geschpfchen zu besuchen? Die Hard machte sich hierber also keine
Sorge. Starb die Kleine, so lieferte ihr das Armenhaus einen Ersatz
und sie bte nichts von den wenigen Schillingen ein, die fr sie
vielleicht noch abfielen.

Da im Rindoker Bache aber kein Gin, kein Whisky oder Porter flo, nahm
die Befriedigung der Leidenschaft dieser Trunkschtigen freilich den
grten Theil des erhaltenen Pensionsgeldes in Anspruch. Augenblicklich
besa sie von der Januarzahlung im Betrag von fnfzig Schillingen fr
jedes Kind und fr das ganze Jahr nur noch zehn bis zwlf. Womit sollte
sie nun die Bedrfnisse ihrer Pfleglinge decken? Lief sie auch nicht
Gefahr, vor Durst zu sterben, da sich in einem Winkel der Htte noch
einige Flaschen versteckt fanden, so drohte doch dafr der Hungertod den
Kleinen.

Zuweilen dachte die Hard wohl auch hieran, soweit es ihr von Alkohol
vergiftetes Gehirn zulie. Ein Gesuch um Zuschu zu dem Pensionsbetrage
wre bestimmt nutzlos gewesen. Es waren zu viel Kinder vorhanden, fr
die die ffentliche Mildthtigkeit eintreten mute. War sie gezwungen,
ihre Pfleglinge zurckzuschicken, so verlor sie ihren Broderwerb und
mute sie dem guten Gin Valet sagen. Das schnitt ihr ins Herz, nicht
aber der Gedanke, da das arme, kranke Wrmchen seit gestern keinen
Bissen genossen hatte.

Das Ergebni solcher Betrachtungen lief immer darauf hinaus, da sie von
neuem zu trinken anfing. Jammerten die Mdchen und der kleine Knabe, so
gab es Schlge. Verlangten sie nach Brod, so erhielten sie einen
Sto, da sie zurcktaumelten. Natrlich konnte das nicht fr immer
so fortgehen. Fr die wenigen Schillinge, die noch in ihrer Tasche
klimperten, htte sie wohl oder bel einige Nahrungsmittel erkaufen
mssen, denn Credit htte ihr niemand mehr gewhrt.

Nein... nein... nein! polterte sie. Die Bettelkinder mgen lieber ins
Gras beien!

Es war jetzt Mitte October. In der kaum verschlossenen Htte wurde
es schon recht kalt und durch das da und dort mangelhafte Strohdach
sickerte der Regen. Der Wind pfiff durch das morsche Geblk. Das
drftige Torffeuer vermochte keine ertrgliche Temperatur zu erhalten.
Sissy und Findling drngten sich dicht aneinander, um sich nur etwas zu
erwrmen.

Whrend das Fieber die kleine Kranke auf dem Strohlager schttelte,
schwankte die Megre trunken hin und her, und vorsichtig wich ihr das
Knblein aus, den sie sonst gewi umgestoen htte. Sissy kniete neben
der Leidenden und netzte deren trockene Lippen mit kaltem Wasser. Von
Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Kamin, worin die schwache
Torfgluth zu erlschen drohte. Auch der Topf stand nicht auf dem
Dreifu. Wozu auch? Es war ja nichts hineinzuthun im Hause.

Die Hard aber knurrte fr sich:

Fnfzig Schillinge!... Dafr soll unsereins ein Kind erhalten! Und
wenn ich von den Steinkltzen im Armenhause einen Zuschu verlangte, da
wrden sie mich schn heimschicken!

Das war freilich richtig. Doch selbst bei hherer Entschdigung htten
die beklagenswerten Pflegekinder der Hard auch kein Stckchen Brod mehr
bekommen.

Am letzten Tage war der letzte Stirabout, ein dickes, mit Wasser
gekochtes Hafermehlmus, aufgegessen worden, und seitdem hatte in
der Htte niemand, auch die Hard nicht, einen Bissen ber die Lippen
gebracht. Die Frau selbst hielt sich mit Gin aufrecht, htete sich
aber wohl, fr Nahrungsmittel auch nur einen Penny ihres letzten Geldes
auszugeben. So blieb ihr nichts andres brig, als von einem Felde einige
Kartoffeln fr das Abendbrod zu holen....

Da machte sich von drauen ein tiefes Grunzen hrbar. Die Thr wurde
aufgestoen. Ein Schwein, das durch die kothige Dorfstrae trabte, drang
in die Htte ein.

Das hungrige Thier durchsuchte laut schnffelnd alle Ecken und Winkel.
Die Hard schlo die Thr wieder, bemhte sich aber gar nicht, den
Eindringling wieder zu entfernen, sondern sah das Thier nur mit den
unstten Blicken eines Trunkenboldes an.

Sissy und Findling sprangen auf, um dem Borstenvieh aus dem Wege
zu gehen. Whrend dieses mit dem Rssel den Schmutz des Fubodens
durchwhlte, leitete es sein Instinct hinter den erloschenen Kamin, wo
es eine dahin verlorene Kartoffel fand. Sofort packte es diese mit den
Zhnen.

Findling bemerkte es. Diese Knollenfrucht konnte er selbst gebrauchen.
So strzte er sich auf das Thier auf die Gefahr hin, getreten und
gebissen zu werden. Dann rief er Sissy, und beide verzehrten die
Kartoffel mit gierigen Lippen.

Das Thier blieb einen Augenblick stehen, dann strzte es auf das Kind
zu.

Der Findling suchte, noch mit einem Stck Kartoffel in der Hand, zu
entfliehen; ohne das Dazwischentreten der Hard wre er aber, weil er
hingefallen war, gewi arg gebissen worden, obgleich ihm Sissy schon zu
Hilfe gekommen war.

Die betrunkne Frau begriff endlich, was hier vorging. Mit einem Stocke
schlug sie jetzt auf das Schwein los, das nicht sobald nachgeben zu
wollen schien. Ihre schlecht gezielten Streiche htten Findling beinahe
den Kopf zerschmettert, und der Ausgang dieses Zwischenfalles wre sehr
unsicher geworden, als sich an der Thr ein leichtes Gerusch vernehmen
lie.




XI.

Ein vorteilhaftes Geschft.


Die Hard erschrak fast. In ihre Hhle kam ja sonst kein Mensch. Und
warum gar an die Thr klopfen? Man brauchte diese ja nur aufzuklinken.

Die Kinder waren in einen Winkel geflchtet, wo sie schmunzelnd und mit
aufgetriebenen Wangen ihre Kartoffel vollends aufaen.

Da klopfte es von neuem und etwas strker. Vielleicht stand ein
Straenbettler drauen, der hier, in der Htte der Armuth, noch um ein
Almosen ansprechen wollte.

Die Hard richtete sich auf, suchte einen festen Stand zu gewinnen
und machte den Kindern ein drohendes Zeichen. Es konnte ja auch ein
Inspector aus Donegal sein, und vor dem durften doch Findling und seine
Genossin nicht vor Hunger jammern.

Die Thr ging auf und mit wildem Grunzen drngte sich das Borstenvieh
hinaus.

Ein auf der Schwelle stehender Mann wre beinahe umgerannt worden. Er
richtete sich wieder zurecht, doch statt ungehalten zu sein, schien er
sich vielmehr wegen der durch ihn verursachten Strung entschuldigen zu
wollen. Sein Gru galt fast ebenso viel dem unreinlichen Vierfler, wie
der nicht minder unreinlichen Insassin der Htte. Es konnte ihn ja nicht
verwundern, aus dem Schmutz des Innern ein Schwein hervorbrechen zu
sehen.

Was wollen Sie?... Wer sind Sie? fragte die Hard barsch, whrend sie
dem Fremdling den Weg versperrte.

-- Ich bin ein Agent, liebe Frau, antwortete der Mann.

Ein Agent?... dieses Wort machte sie zurcktaumeln; der Mann konnte ja
zu der Waisenkinderpflege gehren, obgleich sich ein Inspector im Dorfe
Rindok noch so gut wie nie hatte sehen lassen. Vielleicht kam dieser
Mann wirklich, um ber die aufs Land geschickten Kinder Bericht zu
erstatten, und um nach dieser Seite ganz sicher zu gehen, bemhte sich
die Hard sofort, ihn durch ihre Redseligkeit zu verblffen.

O, verzeihen Sie, mein Herr!... Sie kommen grade, wo ich im Begriff
stehe, rein zu machen... diese lieben Kleinen; sehen Sie, wie die sichs
wohl sein lassen? Sie haben eben eine tchtige Schssel Hafergrtzsuppe
verzehrt.... Das Mdchen da und der Knabe, versteht sich, denn die
andre liegt leider krank... ja... an einem Fieber, dem keiner
Einhalt zu thun vermag. Ich wollte schon nach Donegal, einen Doctor zu
holen.... Die armen sen Herzchen, ich hnge so sehr an den Kleinen!

Mit ihren rohen Gesichtszgen und dem wilden Blicke hnelte die Hard
jetzt einer Tigerin, die das zahme Ktzchen spielen mchte.

Herr Inspector, fuhr sie fort, wenn das Armenhaus mir einen Beitrag zu
den Kosten der Arzneien bewilligen wollte. Man hat ja kaum so viel, da
es zum Essen und Trinken ausreicht.

-- Ich bin kein Inspector, gute Frau, unterbrach sie der Mann mit
slicher Stimme.

-- Was sind Sie denn?... fragte die Hard schon aufbrausend.

-- Der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft.

Der Fremde gehrte zu den Agenten, von denen es in Irland ebensoviele
giebt, wie Disteln auf Unland. Sie durchstreifen alle Drfer, um das
Leben der Kinder zu versichern, was unter den obwaltenden Umstnden so
viel bedeutet, wie ihnen den Tod zu sichern. Gegen monatliche Zahlung
weniger Pence haben -- so entsetzlich das klingt -- Eltern oder
Pflegeeltern, lauter solch verabscheuungswrdige Geschpfe wie die Hard,
die frohe Hoffnung, beim Ableben der Kleinen eine Trstung von drei
bis vier Pfund Sterling (sechzig bis achtzig Mark) einzureichen. Das ist
geradezu eine Verleitung zum Verbrechen und eine so mchtige Triebfeder,
da die ungeheure Kindersterblichkeit zu einer wirklichen nationalen
Gefahr geworden ist. Mit Recht hat deshalb Day, der Vorsitzende des
Schwurgerichts in Wiltshire die Anstalten, die daran schuld sind, als
Landplagen, als Schulen fr Mord und Brandstiftung gekennzeichnet.

Seit jener Zeit hat das schon erwhnte Gesetz von 1889 allerdings eine
wesentliche Besserung dieser Zustnde erzwungen, und so ist es
auch nicht zu verwundern, da die Gesellschaft zur Ausrottung der
Grausamkeit gegen Kinder heute schon recht gute Erfolge erzielt.

Wer errthet aber nicht vor zorniger Ueberraschung, da gegen Ende des
19. Jahrhunderts ein solches Gesetz bei einer civilisierten Nation
nothwendig war, ein Gesetz, das die Eltern verpflichtet, die Wesen, die
ihrer Obhut unterstehen, auch zu ernhren und, selbst wenn sie diese
nur in Pflege genommen hatten, sie zwingt, fr die Bedrfnisse der
Unmndigen unter ihrem Dache zu sorgen -- und das unter Androhung
schwerer Strafe, die bis zu zwei Jahren Zwangsarbeit gehen kann.

O, der Schande, das es eines Gesetzes bedurfte, wo das natrliche Gefhl
htte ausreichen mssen!

Zur Zeit des Anfangs dieser Erzhlung gab es freilich noch keinen Schutz
fr die, den Armenanstalten anheimgefallenen Kinder.

Der Agent, der sich der Hard hier vorstellte, war ein Mann in den
hohen Vierzigern, mit lauernder Miene und einschmeichelnder Rede und
Haltung -- der richtige Typus jener Unterhndler, denen es nur um
ihre Provision zu thun ist und die kein Mittel scheuen, sich diese zu
verdienen. Er hoffte auch hier sein Geschft zu machen, indem er der
Megre schmeichelte, sich stellte, als ob er von dem traurigen Zustande
ihrer Opfer nichts sehe, und indem er sie im Gegentheil beglckwnschte
wegen der herzlichen Zuneigung, die sie fr die Kleinen hegte.

Liebe Frau, fuhr er fort, drfte ich Sie wohl ersuchen, mit mir einen
Augenblick hinauszutreten?

-- Sie haben etwas mit mir zu sprechen? fragte die Hard, noch immer
beunruhigt.

-- Ja, beste Frau, ber die kleinen Kinder hier... und ich wrde mir
Vorwrfe machen, die Angelegenheit in deren Beisein zu behandeln, da es
ihnen vielleicht schmerzlich sein knnte...

Beide traten hinaus, schlossen die Thr, und gingen einige Schritte
fort.

Nun, gute Frau, begann der Versicherungsagent, Sie haben also drei
Kinder?

-- Ja wohl.

-- Ihre eignen?...

-- Nein.

-- Sind Sie mit denselben verwandt?

-- Nein.

-- Ah so, sie haben jene also wohl aus dem Donegaler Armenhause
bernommen?

-- Ganz recht.

-- Dann, beste Frau, konnten sie ja gar nicht in bessere Hnde kommen.
Und doch kommt es trotz sorgsamster Pflege vor, da solche kleine Wesen
erkranken. Das Leben eines Kindes hngt oft nur an einem Faden, und ich
glaube gesehen zu haben, da die eine Ihrer zarten Pfleglinge...

-- Ich thue, was ich kann, mein Herr, unterbrach ihn die Hard, die ihren
Wolfsaugen mit Mhe eine Thrne entprete. Ich wache Tag und Nacht ber
diese Kinder... oft darbe ich selbst, damit es ihnen nicht am Nthigen
fehlt. Das Armenhaus zahlt fr die Erziehung der Kleinen gar zu wenig,
kaum drei Pfund, bester Herr, drei Pfund Sterling fr das Jahr...

-- Das reicht allerdings nicht aus, liebe Frau, und es bedarf einer
groen Opferwilligkeit Ihrerseits, um die Bedrfnisse der hbschen
Kinder zu decken... Sie haben zur Zeit also zwei kleine Mdchen und
einen Knaben?...

-- Ja.

-- Ohne Zweifel Waisen?

-- Jedenfalls.

-- Meine vielfachen Berhrungen mit Kindern erlauben mir, das Alter der
Mdchen auf vier und sechs Jahre, das des kleinen Knaben auf zwei Jahre
abzuschtzen...

-- Wozu alle diese Fragen?

-- Wozu? Das werden Sie gleich hren, gute Frau!

Die Hard warf ihm einen forschenden Blick zu.

Gewi ist die Luft, fuhr er fort, in der Grafschaft Donegal sehr
rein... die hygienischen Verhltnisse sind vortrefflich... Und doch,
solche Babys sind so zarter Natur, da es trotz Ihrer liebevollsten
Pflege vorkommen kann -- verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das Herz
zerreie! -- da es vorkommen kann, eines oder das andre der Kleinen zu
verlieren.... Sie sollten sie versichern....

-- Sie versichern?...

-- Jawohl, beste Frau; versichern... zu Ihrem Vortheil....

-- Zu meinem Vortheil! rief die Hard, deren Blick sich durch die
erwachende Habsucht belebte.

-- Das werden Sie sofort verstehen. Durch monatliche Zahlung von wenigen
Pencen an meine Gesellschaft sichern Sie sich eine Summe von zwei bis
drei Pfund Sterling, wenn eines der Kinder sterben sollte....

-- Zwei bis drei Pfund! wiederholte die Hard.

Der Agent konnte schon auf die Annahme seines Vorschlags rechnen.

Das geschieht ganz allgemein, liebe Frau, fuhr er mit honigser Stimme
fort. Wir haben in den Pachthfen von Donegal schon mehrere hundert
Kinder versichert, und wenn auch nichts ber den Tod eines zarten
Wesens, das man herzinnig geliebt hat, eigentlich zu trsten vermag, so
ist es doch mindestens... eine... eine Art Ersatz, ich gesteh' es zu,
ein sehr minderwertiger, einige Guineen in gutem englischen Golde zu
erheben, die meine Gesellschaft dann darzubieten so glcklich ist....

Die Hard fate die Hand des Agenten.

Und die erhlt man... ohne Schwierigkeiten? fragte sie mit heiserer
Stimme und sich scheu rings umsehend.

-- Ganz ohne Schwierigkeiten, gute Frau. Sobald ein Arzt das Ableben
eines Kindes beglaubigt hat, braucht man nur zu dem Vertreter der
Gesellschaft in Donegal zu gehen.

Dabei zog er ein Papier aus der Tasche.

Hier habe ich bereits ausgefllte Policen, sagte er, und wenn Sie sich
entschlieen, diese zu unterschreiben, so werden Sie der Zukunft weniger
besorgt entgegensehen. Ich bemerke Ihnen noch, da Sie, wenn eines
der Kinder sterben sollte, was ja ach! gar zu hufig vorkommt, die
Versicherungssumme ja zum besten der andern verwenden knnen. Das
Armenhaus zahlt wirklich allzuwenig....

-- Und das wrde mir kosten?... erkundigte sich die Hard.

-- Den Monat drei Pence fr jedes Kind, also neun Pence....

-- Sie wrden auch das kleinere Mdchen versichern?...

-- Natrlich, beste Frau, obgleich sie mir sehr krank erschien. Wenn
Ihr Bemhen sie nicht rettet, so sind das zwei Pfund -- verstehen Sie
recht! -- zwei Pfund Sterling fr Sie. Bedenken Sie auch, da das was
unsre Gesellschaft thut, nur zum besten der lieben Babys geschieht...
wir haben ein Interesse daran, da sie leben bleiben, denn ihre Existenz
geht uns ja an. Wir sind trostlos, wenn eines oder das andre mit Tode
abgeht!

Trostlos waren die braven Versicherer freilich nicht, so lange die
Sterblichkeit eine berechnete Mittelgrenze nicht berschritt. Und wenn
der Agent sich auch zur Aufnahme der kleinen Sterbenden bereit erklrte,
wute er, da das ein vortheilhaftes Geschft sei, wie aus der Erklrung
eines erfahrenen Directors der Gesellschaft hervorging, der da sagte:

Am Tage nach der Beerdigung eines versicherten Kindes schlieen wir
stets mehr Versicherungen ab als sonst!

Das war in der That der Fall, ganz ebenso freilich, da einzelne --
sagen wir vereinzelte -- Elende auch vor einem Verbrechen nicht
zurckschreckten, um die Versicherungssumme zu erlangen.

Es beweist das, wie nothwendig diese Gesellschaften und ihre Kundschaft
streng im Auge zu behalten sind. In einem Dorfe wie hier gab es freilich
keine Controle. So brauchte auch der Agent gar nicht zu frchten, mit
der widerwrtigen Hard in Verbindung zu treten, obgleich er sich sagen
mute, wessen sie fhig wre.

Nun, gute Frau, nahm er eindringlicher werdend das Wort, verstehen Sie
denn Ihr eignes Interesse nicht?

Noch immer zgerte sie, die neun Pence auszugeben, selbst mit der
Aussicht, die Versicherungssumme fr die kleine Kranke sehr bald zu
erheben.

Wie viel kostet also die Geschichte? fragte sie, als hoffte sie auf
eine Preisermigung.

-- Drei Pence monatlich fr jedes Kind, also neun zusammen.

-- Neun Pence!

Sie versuchte zu handeln.

Das ist nutzlos, gute Frau, erwiderte der Agent. Bedenken Sie, da jene
Kleine trotz Ihrer Sorgfalt morgen... schon heute sterben kann, und
da die Gesellschaft Ihnen dann zwei Pfund Sterling auszuzahlen hat. Nun
also, unterzeichnen Sie, glauben Sie mir; hier setzen Sie Ihren Namen
darunter!

Feder und Tinte fhrte er bei sich. Eine Unterzeichnung der Police, und
alles war abgemacht.

Die Hard unterschrieb, und von den zehn Schillingen in ihrer Tasche
hndigte sie dem Agenten die verlangten neun Pence aus.

Dann verabschiedete sich dieser mit den heuchlerischen Worten:

Jetzt, gute Frau, empfehle ich, wenn es auch unnthig erscheint, diese
Kinder im Namen der Gesellschaft, der Vorsehung der Kleinen, Ihrer
besondern Obhut. Wir sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Gottes,
der das den Unglcklichen gespendete Almosen hundertfltig wieder
zurckgiebt. Leben Sie wohl, gute Frau, leben Sie wohl! Nchsten Monat
komme ich, die kleine Prmie einzuziehen, und hoffe da, alle drei
Pfleglinge frisch und munter zu finden, auch das kleine Mdchen, die bei
Ihrer mtterlichen Sorgfalt schon wieder gesunden wird. Vergessen Sie
nicht, da das menschliche Leben in unserm alten England einen hohen
Werth hat, und da jeder Todesfall ein Verlust an socialem Capital ist.
Adieu, gute Frau, adieu!

Im Vereinigten Knigreich berechnet man thatschlich genau, wie viel
Geldwerth ein englisches Leben darstellt, nmlich hundertundfnfzig
Pfund oder dreitausendeinhundert Reichsmark; so hoch wird der
Menschenschlag geschtzt, in dessen Adern schsisches, normannisches,
kymbrisches und pictisches Blut gemischt ist.

Still stehen bleibend, lie die Hard den Agenten sich erst von der
Htte entfernen, die zu verlassen die Kinder nicht gewagt hatten. Bisher
berechnete sie nur die wenigen Guineen, die deren Leben ihr jhrlich
einbrachte, und jetzt sollte deren Tod fr sie ebenso viel werth sein!
Es hing ja doch von ihr ab, die neun Pence nicht noch ein zweites Mal
bezahlen zu mssen.

Beim Wiedereintritt heftete sie auf die Unglcklichen einen Blick des
Sperbers, der den unter dem Laube verborgnen Vogel belauert. Findling
und Sissy schienen das Weib zu verstehen. Instinctmig wichen sie vor
ihr zurck, als ob die Hnde des Ungeheuers sich schon anschickten, sie
zu erwrgen.

Einige Klugheit mute sie aber doch beobachten. Der pltzliche Tod
dreier Kinder htte wohl Verdacht erregen mssen. Von den acht oder neun
brig behaltenen Schillingen wollte sie einen kleinen Theil verwenden,
um jene noch einige Zeit zu ernhren... noch vier Wochen... o, nicht
lnger. Stellte sich der Agent wieder ein, so bekam er noch einmal seine
neun Pence, da die Versicherungssumme diese Auslage ja zehnfach
deckte. Jetzt fiel es ihr gar nicht mehr ein, die Kinder ins Armenhaus
zurckzuschicken.

Fnf Tage nach dem Besuche des Agenten verschied das kleine Mdchen,
ohne da vorher ein Arzt hinzugezogen worden wre.

Es war am Morgen des 6. Octobers. Die Hard, die auswrts etwas trinken
wollte, hatte die Kinder in der verschlossenen Htte zurckgelassen.

Die Kranke rchelte. Auer etwas Wasser zur Befeuchtung der Lippen,
konnte sie keine Erquickung erhalten. Arzneimittel htten in Donegal
geholt und bezahlt werden mssen.... Da wute die Hard ihre Zeit und
ihr Geld besser anzuwenden. Das kleine Opfer hatte nicht mehr die Kraft,
sich zu bewegen. Mitten in der Fieberhitze zitterte sie vor Klte. Noch
einmal ffneten sich weit ihre Augen, wie um das Licht zum letzten Male
zu sehen, und als ob sie sagen wollte:

Ach, warum, warum wurd' ich geboren?

Ueber sie gebeugt, netzte ihr Sissy sanft die Schlfe.

Findling starrte auf die beiden hin, etwa wie auf einen Kfig, der sich
ffnen und einen Vogel herausflattern lassen sollte....

Als das Kind klglicher seufzte und sich sein Mund dabei verzerrte,
fragte er:

Wird sie etwa gar sterben? -- ein Verstndni dafr hatte er freilich
nicht.

-- Ja... antwortete Sissy, sie wird in den Himmel kommen.

-- Ohne zu sterben kann man wohl gar nicht in den Himmel kommen?

-- Nein, das kann man nicht.

Wenige Augenblicke spter erschtterte ein krampfhaftes Zucken das
schwache Wesen, dessen Leben nur noch an einem Windhauch hing. Da
verdrehten sich die Augen und die kindliche Seele floh unter einem
letzten Seufzer aus der zarten Hlle.

Erschrocken sank Sissy in die Knie. Findling ahmte ihr nach und kniete
ebenfalls neben der entseelten Gefhrtin nieder.

Als die Hard nach einer Stunde heimkehrte, fing sie laut an zu schreien.
Dann lief sie wieder hinaus und heulte:

Todt!... Todt!... Gestorben!... sie wollte das ganze Dorf zum
Zeugen ihres Schmerzes haben.

Doch kaum einige Nachbarsleute lieen sich blicken. Was ging's ihnen,
den Armen und Elenden denn an, da eine Unglckliche weniger war? Gab
es auf Erden nicht brig genug andre?... Es wurden deren ja tglich
mehr -- dieses Samenkorn ging allemal auf.

Als sie diese Rolle spielte, dachte die Hard nur an ihr Interesse und
bezweckte, sich den Bezug der erwarteten Summe zu sichern.

Jetzt wurde auch nothwendig, von Donegal den Vertrauensarzt der
Gesellschaft zu holen. War er zur Behandlung des Kindes nicht gerufen
worden, so sollte er wenigstens dessen Ableben besttigen; das war eine
nicht zu umgehende Formalitt der Versicherung.

Die Hard machte sich also noch am nmlichen Tage auf und berlie die
Todte der Obhut der beiden Kinder. Sie ging aus Rindok um zwei Uhr
nachmittag fort, und da der Hin- und Rckweg zwlf (englische) Meilen
betrug, konnte sie vor acht oder neun Uhr abends nicht zurck sein.

Sissy und Findling blieben in der verschlossenen Htte. Der Knabe
hielt sich regungslos neben dem Kamine auf, er wagte gar nicht, sich zu
rhren. Sissy wendete dem kleinen Mdchen mehr Sorgfalt zu, als dieser
vielleicht je im Leben zu Theil geworden war. Sie wusch ihr das Gesicht,
ordnete das Haar und zog ihr das zerrissene Hemd ab, da sie durch ein
weies Tchlein ersetzte, welches zum Trocknen dahing. Die kleine Todte
sollte kein andres Leichenhemd erhalten, und als Grab nur das Loch, in
das man sie eilig versenkte....

Als sie fertig war, streichelte Sissy der kleinen Leiche die Wangen.
Findling wollte dasselbe thun... er konnte es nicht vor Entsetzen.

Komm... komm! rief er Sissy.

-- Wohin denn?

-- Hinaus!... Komm!... Bitte, komm!

Sissy weigerte sich. Sie wollte den todten Krper in der Htte nicht
allein lassen. Uebrigens war ja die Thr verschlossen.

Komm... komm! wiederholte das Kind.

-- Nein, nein, wir mssen jetzt hier bleiben!

-- Sie ist ja ganz kalt... und ich auch... ich friere, ach, ich
friere!... Komm, Sissy, komm mit! Sie knnte uns am Ende mitnehmen, da
hinunter, wo sie ist!

Das Kind war vom Schrecken gepackt. Der Knabe hatte das Gefhl, da er
auch sterben wrde, wenn er nicht entwiche. Allmhlich wurde es dunkler.

Sissy zndete einen Kerzenstumpf an, den sie in den Spalt eines Stckes
Holz klemmte und stellte dieses neben das Todtenlager.

Findling fhlte sich noch mehr entsetzt, als der Lichtglanz die
Gegenstnde um ihn leicht erzittern zu machen schien. Er liebte ja
Sissy, liebte sie, wie eine ltere Schwester. Was er an Liebkosungen
erfahren, war von ihr gekommen. Er konnte aber nicht hier bleiben... er
konnt' es nicht!

Sich die Hnde aufscheuernd und die Ngel verletzend, gelang es ihm, die
Erde vor der Thr aufzuwhlen, die Steinschicht wegzuschaffen, die deren
Pfosten trugen, und ein Loch auszuweiten, durch das er sich zwngen
konnte.

Komm... komm! rief er zum letzten Male.

-- Nein, ich will nicht! erklrte Sissy. Sie wrde verlassen sein; ich
will nicht!

Findling warf sich ihr an den Hals und herzte und kte sie. Dann kroch
er durch die Oeffnung, verschwand und lie Sissy allein bei der Todten
zurck.

Einige Tage nachher fiel das umherirrende Kind dem Puppenschausteller in
die Hnde, und der Leser wei, was da aus ihm wurde.




XII.

Die Heimkehr.


Zur Zeit fhlte sich Findling glcklich und hielt es fr unmglich, das
je noch mehr sein zu knnen. Er ging vllig in der Gegenwart auf, ohne
an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist ja schlielich auch weiter
nichts als eine Gegenwart, die sich von einem Tage zum andern erneut.

Manchmal tauchten wohl die Bilder der Vergangenheit in ihm auf. Da
gedachte er des kleinen Mdchens, die mit ihm bei der garstigen Frau
gewohnt hatte. Sissy mute jetzt etwa elf Jahre zhlen. Doch was aus ihr
geworden oder ob sie gar gestorben war, das wute er nicht. Jedenfalls
hoffte er, sie einst noch wiederzusehen. Er war ihr ja so viel Dank fr
ihre Liebe schuldig, und bei seinem Bedrfnisse, sich an die, die
ihn geliebt hatten, anzuschlieen, sah er im Geiste in ihr nur eine
Schwester.

Doch auch den guten Grip umfate er mit derselben Dankbarkeit. Seit
dem Brande der =Ragged-School= von Galway waren jetzt sechs Monate
verflossen, whrend der Findling so vielfach der Spielball des Zufalls
gewesen war. Grip wrde doch nicht etwa gestorben sein? O nein, so brave
Herzen hren nicht auf zu schlagen. Leute wie Thornpipe und die Hard,
diese knnten ohne Bedauern zu erregen von der Erde scheiden, leider
aber verdirbt Unkraut so leicht nicht.

Natrlich hatte der Findling auf der Farm zuweilen von seinen ehemaligen
Freunden gesprochen und hier in allen ein gewisses Interesse fr jene
geweckt.

Martin Mac Carthy veranlate Nachforschungen ber jene, die leider
keinen weiteren Aufschlu ber Sissy lieferten, als da auch diese aus
dem Dorfe Rindok verschwunden war.

Bezglich Grips hatte man von Galway eine Antwort erhalten. Der arme
Bursche hatte, nachdem seine Wunden kaum geheilt waren, aus Mangel an
Beschftigung die Stadt verlassen und irrte jetzt wahrscheinlich Arbeit
suchend im Lande umher. Findling empfand es recht schmerzlich, so
glcklich zu sein, whrend es Grip jedenfalls nicht war. Martin selbst
nahm regen Antheil an Grip und htte diesen so gern im Pachthofe als
ntzlichen Helfer mit aufgenommen, wenn er nur wute, wo jener zu finden
wre. Sein Schicksal blieb zunchst aber unenthllt, und vorlufig
muten sich die beiden frheren Insassen der Lumpenschule mit der
Hoffnung auf ein zuflliges, spteres Wiedersehen trsten.

In Kerwan fhrte die Familie Mac Carthy's ein regelmiges arbeitsvolles
Leben. Die nchsten Pachtgter lagen zwei bis drei Meilen von hier
entfernt. Unter den Pchtern inmitten dieser bevlkerten Gebiete des
unteren Irlands kann von einer Nachbarschaft kaum die Rede sein. Tralee,
der Hauptort der Grafschaft, lag auch ein Dutzend Meilen weit entfernt,
und Martin und Murdock begaben sich nur dahin, wenn ihre Geschfte an
Jahrmarktstagen sie dazu nthigten.

Die Farm gehrt zur Kirche von dem fnf Meilen entfernten Silton, einem
Dorfe mit etwa vierzig Husern und kaum hundert rund um die Kirche
angesiedelten Bewohnern. Des Sonntags begaben sich die Frauen zu Wagen,
die Mnner von der Farm zu Fu nach der Frhmesse. Ihres Alters wegen
vom dortigen Geistlichen vom Kirchenbesuch dispensiert, blieb die
Gromutter, auer an den hohen Festen, zu Weihnachten, zu Ostern und zu
Mari Himmelfahrt, meist im Hause zurck.

In der Kirche von Silton erschien der Findling jetzt in hchst
anstndiger Tracht. Das war nicht mehr das Kind in Lumpen, das durch
die Thr der Hauptkirche von Galway schlpfend sich hinter den Pfeilern
versteckte. Jetzt frchtete der Knabe nicht mehr hinausgejagt zu werden,
er zitterte nicht mehr vor dem strengen langen Schwarzrock, den weien
Ltzchen und dem langen Stabe -- deren Vereinigung den Kirchendiener der
Parochie bildete. Jetzt hatte er seinen Platz auf der Bank neben Martine
und Kitty, er lauschte dem frommen Gesange und wohnte voll Andacht dem
ganzen Gottesdienste bei. Das war ein Knabe, den man mit einigem Stolz
sehen lassen konnte, wenn er so in seinem saubern, sorgsam gehaltenen
Tweed aus gutem Stoffe einherging.

Nach Schlu der Messe fuhren die Kirchenbesucher sogleich nach Kerwan
zurck. In diesem Winter herrschte vielfach starkes Schneetreiben
bei schneidendem Winde. Alle hatten davon gerthete Augenlider und
aufgesprungene Gesichter. Am Barte Martins und seiner Shne hingen lange
Eiskrystalle, was ihnen fast das Aussehen von Gipsfiguren verlieh.

Im groen Kamin prasselte inzwischen ein von der Gromutter
unterhaltenes tchtiges Wurzelholz- und Torffeuer. Hier wrmte sich die
kleine Gesellschaft wieder auf und setzte sich dann an den Tisch, worauf
ein duftendes Stck Pkelfleisch mit Kohl dampfte, daneben eine Schssel
mit Kartoffeln in der Schale, und endlich eine Omelette -- zu der die
Eier natrlich nach der richtigen Nummernfolge gewhlt waren.

Verbot die Witterung einen Spaziergang, so vertrieb man sich den Tag mit
Lesen und Plaudern, und Findling bereicherte seine Kenntnisse aus allem,
was er hrte.

Die Monate verstrichen. Der Februar war sehr kalt und der Mrz sehr
regnerisch. Schon nahte die Zeit zur Wiederaufnahme der Feldarbeiten.
Der im ganzen nicht allzustrenge Winter schien nicht lange mehr
anhalten zu sollen, so da die Einsaat voraussichtlich unter gnstigen
Verhltnissen erfolgen konnte. Dann waren die Pchter wohl auch in der
Lage, fr Weihnachten den dann abzufhrenden Pachtschilling bereit zu
halten und nicht von den in vielen Gegenden so hufigen Austreibungen
bedroht zu sein, wenn die Ernte fehlschlgt, Austreibungen, durch die
zuweilen ganze Kirchspiele entvlkert werden.[5]

Immerhin hing eine schwarze Wolke, wie man zu sagen pflegt, am Horizonte
der Farm.

Vor zwei Jahren war der zweite Sohn, Pat, mit einem dem Hause Marcuart
in Liverpool gehrigen Handelsschiffe, dem Guardian, ausgesegelt. Zwei
Briefe waren von ihm, nach Durchkreuzung der Sdsee, eingetroffen,
der letzte vor neun oder zehn Monaten, seitdem fehlte es aber ganz an
Nachricht von ihm. Selbstverstndlich hatte Martin darum nach Liverpool
geschrieben. Die erhaltene Antwort lautete aber nicht besonders
beruhigend. Man hatte weder durch Zeitungen, noch durch die auswrtigen
Correspondenten etwas ber das Schicksal des Schiffes gehrt, und die
Herren Marcuart machten ber ihre Befrchtungen wegen des Guardian
kein Hehl.

Von Pat war in Folge dessen auf der Farm vielfach die Rede, und Findling
sah deutlich genug, welchen Kummer dieses Ausbleiben jeder Nachricht der
ganzen Familie bereitete.

Da war wohl die Spannung kein Wunder, mit der man jeden Tag das
Eintreffen der Briefpost erwartete. Der kleine Knabe lauerte sie auf
der Strae ab, die diesen Theil der Grafschaft mit deren Hauptorte
in Verbindung setzt. Sobald er den an seiner blutrothen Farbe leicht
erkennbaren Wagen von weitem erblickte, lief er, was er laufen konnte,
nicht wie die Straenbuben, die ein paar Kupfermnzen nachstrzen,
sondern nur um zu hren, ob nicht ein Brief an Martin Mac Carthy
angekommen wre.

Der Postdienst ist auch in den entlegensten Grafschaften Irlands ganz
vorzglich eingerichtet. Der Wagen hlt auf dem Lande an allen Thren
an, um Briefe zu vertheilen oder anzunehmen. An Mauern und Grenzsteinen
befinden sich Ksten mit einer Rothguplatte, selbst einfache Scke,
die an Baumzweigen hngen und die der Postconducteur im Vorberkommen
ausleert.

Leider traf kein Brief von der Hand Pats, auch keiner von der Firma
Marcuart in der Farm ein. Seitdem der Guardian zuletzt in den
Australischen Meeren gesehen wurde, war und blieb er vorlufig
verschollen.

Die Gromutter war tiefbetrbt, denn gerade Pat hatte sie besonders ins
Herz geschlossen. Auch jetzt sprach sie unausgesetzt von ihm, den sie
bei ihrem hohen Alter nun kaum wiederzusehen frchtete. Findling suchte
sie immer zu beruhigen.

Er wird schon wiederkommen, sagte er. Noch kenne ich ihn nicht, mu ihn
aber doch kennen lernen, da er ja zur Familie gehrt.

-- Und er wrde Dich ebenso lieb gewinnen, wie wir, antwortete sie.

-- Es mu doch herrlich sein, Gromutter, Seemann zu sein! Wie schade
nur, da man da einander, und immer so lange, verlassen mu. Knnte denn
nicht gleich eine ganze Familie zur See gehen?

-- Nein, mein Kind, als Pat fortging, hat das mich tief geschmerzt!
Wie glcklich sind die, die sich niemals zu trennen brauchen!... Unser
Junge htte auch auf der Farm bleiben knnen. An Arbeit wrde es ihm
nicht gefehlt haben, und wir verzehrten uns jetzt nicht vor Unruhe. Er
hat es nicht gewollt... mge Gott ihn uns zurckfhren!... Vergi ja
nicht, fr ihn mitzubeten!

-- Nein, Gromutter, das vergess' ich nicht, fr ihn und fr Sie alle!

In den ersten Apriltagen begann die Arbeit auer dem Hause. Es war eine
schwere Aufgabe, die noch frostharte Erde aufzupflgen, sie mit der
Walze einzuebnen und oberflchlich mit der Egge wieder zu lockern.
Hierzu muten einige fremde Arbeiter gemiethet werden, da Martin und
seine Shne allein damit nicht htten fertig werden knnen. Die Minuten
sind kostbar, wenn es sich darum handelt, mit dem einsetzenden Frhling
zum Sen bereit zu sein. Auerdem galt es noch Gemse zu pflanzen
und Kartoffeln zu stecken, wobei die Knollen mit den besten Augen
ausgewhlt wurden.

Nun muten ferner die Thiere aus den Stllen. Die Schweine lie man
einfach im Hofe oder auf der Strae herumlaufen. Die Khe, die mit
Ketten an Pflcken auf der Weide festgelegt wurden, bedurften keiner
groen Ueberwachung, auer da sie des Morgens aus- und des Abends
eingetrieben wurden. Das Melken derselben war Sache der Frauen. Dagegen
muten die Schafe gehtet und, da sie sich den Winter ber nur von
Hcksel, Kraut und Rben ernhrt hatten, auf die Weide einmal hier-,
einmal dorthin gefhrt werden. Der Findling erschien wie zum Schfer
dieser Heerde geschaffen.

Mac Carthy besa, wie wir wissen, gegen hundert Schafe, und zwar von der
schnen schottischen Rasse, mit langer, mehr grauer als weier Wolle und
schwarzen Mulern und Fen. Als Findling sie zum ersten Male nach
der fast eine halbe Meile entfernten Weidestelle trieb, fhlte er sich
ordentlich stolz ber das neue Amt. Er empfand seine Verantwortlichkeit
fr die blkende Heerde, die unter seiner Leitung dahintrabte, whrend
Birk, der Hund, etwaige Nachzgler oder Ausbrechende zusammentrieb, fr
die Widder, die die Spitze bildeten, und fr die Lmmer, die sich um
ihre Mtter drngten. Wenn sich nun ein Thier verirrt htte!... Wenn
gar Wlfe in der Nhe hausten! Doch nein, mit Birk und seinem Messer an
der Seite frchtete der junge Schfer auch Wlfe nicht.

Frh am Morgen brach er auf, ein tchtiges Stck Brod, ein hartes Ei und
eine Schnitte Speck in seinem Sacke, um davon zu Mittag zu essen. Die
Schafe zhlte er beim Verlassen des Stalles ebenso wie bei der Rckkehr
dahin. Dasselbe that er mit den Ziegen, auf die er ein Auge hatte und
die die Hunde frei umherspringen lassen.

An den ersten Tagen war die Sonne kaum aufgegangen, als Findling schon
hinter seiner Heerde herzog. Im Westen flimmerten noch einzelne
Sterne. Er sah sie nach und nach verlschen, als ob der Morgenwind sie
ausgeblasen htte. Dann schossen die Sonnenstrahlen durch die Landschaft
und glitzerten in jedem Thautrpfchen auf den Steinen. Meist lenkten
Martin und Murdock auf einem benachbarten Felde den Pflug, der eine
gerade und schwrzliche Furche hinter sich zurcklie. Auf einem andern
verstreute Sim mit gemessener Armbewegung den Samen, den die Egge dann
mit dnner Erdschicht zudeckte.

Trotz seiner Jugend pflegte Findling immer mehr die praktische als die
etwa wunderbare Seite aller Dinge zu beobachten. Er fragte sich nicht,
wie ein einfaches Krnchen zu einem Halm mit Aehre auswachsen knnte,
wohl aber, wie viel Krner die Korn-, Gersten- oder Haferhre bei der
Ernte liefern wrde. Das wollte er zhlen, wie er die Eier im Hhnerhof
zhlte, und das Ergebni niederschreiben. Das lag in seiner Natur. Er
htte auch die Sterne eher gezhlt als bewundert.

So freute er sich beim Aufgang der Sonne weniger ber deren Licht
als ber die Wrme, die sie der Welt spenden wrde. Man sagt, da die
Elephanten Indiens das Tagesgestirn begren, wenn es am Horizonte
aufsteigt, und Findling ahmte ihnen nach, hchstens erstaunt, da nicht
auch die Schafe aus Dankbarkeit zu blken begnnen. Schmilzt denn jenes
nicht den Schnee, der die Erde bedeckt? Nein, die Schafe zeigten sich
entschieden undankbar!

Meistens befand sich Findling whrend des grten Theiles des Tages
auf seiner Weide allein. Zuweilen machten Murdock und Sim jedoch ein
Weilchen Halt, nicht um ihn als Schfer zu beobachten, denn auf den
Knaben konnte man sich verlassen, sondern um einige freundliche Worte
mit ihm zu wechseln.

Nun, riefen sie da, wie macht sich's denn mit der Heerde? Ist das Gras
hbsch dicht?

-- Sehr dicht und fett, Herr Murdock.

-- Und sind auch die Schafe artig? fragt einer wohl lchelnd.

-- Sehr artig, Sim. Fragen Sie nur Birk, der hat mit ihnen nicht viel zu
thun.

Der nicht grade schn zu nennende, aber sehr intelligente und
muthige Birk war schon ein treuer Gefhrte Findlings geworden. Beide
unterhielten sich wirklich miteinander. Wenn der Knabe, den Blick auf
ihn geheftet, mit dem Thiere sprach, so schien Birk, dessen braune
Nasenspitze dabei zitterte, die Worte frmlich aufzusaugen und wedelte
verstndniinnig mit dem Schwanze, den man fast htte einen tragbaren
Zeigertelegraphen nennen knnen. Es waren eben zwei ziemlich
gleichaltrige gute Freunde, die einander vollkommen verstanden.

Mit dem Mai fing es nun strker an zu grnen. Die Futterkruter, wie
Esparsette, Rothklee und Luzerne bildeten bereits einen dichten Teppich.
Die Getreidefelder zeigten dagegen nur noch recht kurze Halme, so da
sich Findling fast verfhrt fand, daran zu ziehen, um sie grer zu
machen. Als Martin ihn eines Tags aufgesucht hatte, theilte er diesem
seine berhmte Idee mit.

Glaubst Du denn, mein Junge, antwortete der Farmer lchelnd, Deine
Haare wchsen schneller, wenn man daran zupfte?... Nein; das wrde Dir
nur weh thun, weiter nichts.

-- So darf man das also nicht?

-- Nein; niemals soll man jemand, und wre das auch nur eine Pflanze,
wehe thun. La nur den Sommer kommen, die Natur ihr Werk verrichten,
dann werden die grnen Sprossen zu schnen Halmen geworden sein, die wir
abmhen, um das Stroh und die Krner zu gewinnen.

-- Glauben Sie, Herr Martin, da die Ernte dieses Jahr gut sein wird?

-- Allen Anzeichen nach, ja. Der Winter ist nicht gar so streng gewesen,
und seit dem Frhjahre haben wir mehr sonnige als regnerische Tage
gehabt. Gott gebe, da das noch drei Monate so fortgeht, dann liefert
die Ernte reichlich die Abgaben und den Pachtzins.

Immerhin gab es Feinde, die nicht zu vernachlssigen waren: die
gefrigen Vgel, die auf den Feldern Irlands umherschwrmen. Von den
Schwalben, die whrend ihrer kurzen Anwesenheit hier blos Insecten
verzehren, war ja nicht zu reden. Dagegen verursachten die frechen,
nimmersatten Sperlinge und auch die Krhen dem Landmann hier sehr
fhlbaren Schaden.

Die abscheulichen Vgel versetzten Findling frmlich in Wuth, und dabei
schien es noch, als ob sie sich ber ihn lustig machten. Wenn er seine
Schafe nach der Weide trieb, flatterten sie in schwarzen Schaaren empor
und flogen mit scharfem Geschrei, die Fe herabhngend, davon. Es
waren Vgel von enormer Spannweite, deren groe Flgel sie sehr schnell
hinwegtrugen. Findling verfolgte sie hitzig und hetzte auch Birk auf
sie, der dann bellte, bis ihm der Athem verging. Was war aber gegen
die Ruber, denen man sich nicht nhern konnte, zu beginnen? Sie narren
einen noch auf zehn Schritte Entfernung; dann tnt's Krroa... krroa!
und die Wolke zerstubt.

Am meisten rgerte es Findling, da die inmitten des Getreides
aufgestellten Vogelscheuchen offenbar gar nichts ntzten. Sim hatte ganz
entsetzlich aussehende Mnner mit ausgestreckten Armen fabriciert, deren
zerrissene Bekleidung sich bei jedem Windhauch bewegte. Kinder
htten sich vielleicht davor gefrchtet... die Krhen?... Nicht im
geringsten! Vielleicht konnte man eine noch mehr erschreckende und nicht
so stumme Vorrichtung ersinnen; dieser Gedanke kam unserm kleinen Helden
nach langer Ueberlegung. Wohl bewegt die Vogelscheuche bei gengendem
Winde scheinbar die Arme, doch sie spricht, sie schreit nicht; hierin
mute sie vervollkommnet werden.

Ein vortrefflicher Gedanke, wie jeder zugeben wird, und um ihn
auszufhren, hatte Sim am Kopfe der Gestalt nur eine Schnarre
anzubringen, die vom Winde mit Gerusch gedreht wurde.

Wenn die Krhen darber an den beiden ersten Tagen zwar nicht zu
erschrecken, doch aber erstaunt zu sein schienen, so achteten sie am
dritten Tage schon gar nicht mehr darauf, und Findling sah sie sich
ruhig auf den Zappelmann setzen, dessen Schnarre mit ihrem Gekrchz
nicht wetteifern konnte.

Entschieden ist nicht alles vollkommen hienieden! dachte der Knabe.

Im brigen ging auf der Farm alles den gewohnten Gang. Findling war so
glcklich wie mglich. An den langen Winterabenden hatte er im Schreiben
und Rechnen gute Fortschritte gemacht. Wenn er jetzt gegen Abend
heimkehrte, brachte er zuerst seine Buchfhrung in Ordnung. Diese
umfate neben den Eiern der Hhner auch die Kchlein im Stalle, die am
Tage, wo sie ausgekrochen waren, aufgeschrieben und numeriert wurden.
Dasselbe galt von den geworfenen Ferkeln und Kaninchen, die in Irland
wie anderswo gliederreiche Familien bilden. Dem jungen Buchhalter machte
das manche Arbeit. Man wute ihm aber auch Dank dafr. Er bewies so viel
Ordnungssinn, da man ihn darin eher noch bestrkte, und jeden Abend
bergab ihm Martin seinen Kieselstein, der in der Kruke aufbewahrt
wurde. Diese Kiesel hatten fr den Knaben ebenso viel Werth wie
Schillinge. Geld ist ja berhaupt nur eine Sache des Uebereinkommens.
Der Steintopf enthielt auerdem auch die goldne Guinee, die er fr sein
erstes Auftreten in Limerick erhalten und deren er, ohne selbst einen
Grund zu wissen, auf der Farm noch gar nicht Erwhnung gethan hatte.
Da er dafr hier, wo es ihm an nichts fehlte, keine Verwendung sah,
schtzte er sie fast geringer als die kleinen Steine, die seinen Eifer
und seine gute Auffhrung bezeugten.

Da die Witterung immer gnstig geblieben war, begann man schon in der
letzten Juliwoche mit der Heuernte, die sehr reichlich ausfiel. Alle
Insassen des Pachthofes hatten dabei zu thun. Murdock, Sim und den
beiden Lohnarbeitern fiel es zu, gegen fnfzig Acres Gras abzumhen. Die
Frauen halfen dann das Gras auszubreiten, um es zu trocknen, ehe es
in Moffles (etwa Feimen) aufgestapelt wurde, von denen aus man es
endlich nach den Scheuern schafft. In einem so regenreichen Lande ist
natrlich jeder Tag kostbar und man beeilt sich, von jedem guten
Wetter Nutzen zu ziehen. Um Martine und Kitty untersttzen zu knnen,
vernachlssigte Findling eine Woche lang sogar seine Heerde ein wenig.

So verflo das Jahr, eines der glcklichsten, das Martin auf der Farm
erlebt hatte. Hchstens beklemmte es ihn, von Pat keine Nachricht
erhalten zu haben. Es sah fast aus, als bringe die Anwesenheit
Findlings dem Hause Glck und Segen. Als der Abgabeneinsammler und der
Pachtzinserheber sich einstellten, wurden sie bei Heller und Pfennig
bezahlt. Auf den nchsten milden und feuchten Winter folgte ein zeitiger
Frhling, der bei den Landleuten die gehegten Erwartungen erfllte.

Nun ging die Thtigkeit auf dem Felde wieder an. Findling verbrachte
drauen mit Birk und seinen Schafen die gewohnten langen Tage. Er sah
die Feldfrucht grnen, er lauschte dem ganz feinen Gerusch, das bei der
Entwicklung der Halme vom Roggen und vom Hafer ausgeht; ihn belustigte
der Wind, der die langbrtige Gerste zerzauste. Und weiter sprach man
zu Hause auch von einer andern, ungeduldig erwarteten Ernte, worber die
Gromutter heimlich lchelte. Wirklich vergingen keine drei Monate, als
die Familie Mac Carthy's durch ein ihr von Kitty geschenktes Mitglied
vermehrt wurde.

Whrend der Heuernte im August und mitten in der dringlichsten Arbeit
bekam einer der Arbeiter das Fieber und konnte seine Arbeit nicht
fortsetzen. An seiner Stelle galt es nun einen andern, noch feiernden
Mher zu schaffen, wenn sich ein solcher fand. Das milichste dabei
war, da Martin einen halben Tag opfern mute, um nach Silton zu gehen.
Deshalb nahm er es gern an, als Findling sich hierzu anbot.

Man konnte sich schon auf ihn verlassen, da er einen erhaltenen Auftrag
gewissenhaft ausfhrte. Fnf Meilen auf einer ihm von den sonntglichen
Kirchgngen her bekannten Strae zurckzulegen, war ihm ja ein kleines.
Von der Farm frhzeitig aufbrechend, versprach er, noch vor Mittag
zurck zu sein.

Findling schlug einen schnellen Schritt ein und trug in seiner Tasche
einen Brief des Farmers an den Gasthalter in Silton, in einem kleinen
Rucksack aber einige Mundvorrthe fr den Weg.

Das Wetter war schn; von Osten her wehte ein erfrischender Wind, und so
waren die ersten drei Meilen bald berwunden.

Auf dem Wege und im Innern der vereinzelten Husern befand sich kein
Mensch. Alle waren auf den Feldern beschftigt. Auf Sehweite hinaus
zeigte sich das Land mit Tausenden von Moffles bedeckt, die bald
eingefahren werden sollten.

An einer Stelle trifft die Landstrae hier an ein dichtes Gehlz, um
das sie etwa eine Meile weit herumfhrt. Um Zeit zu ersparen, hielt
es Findling fr angezeigt, den Wald gleich zu durchkreuzen. Er schritt
hinein, nicht ganz frei von der angebornen Furcht der Kinder vor dem
Walde, in dem sich oft Diebe aufhalten, dem Walde, in dem Wlfe hausen
und in dem alle Schauergeschichten spielen, die man in der Dmmerung
aufzutischen pflegt. Was den Wolf angeht, so betet Paddy gern zu allen
Heiligen, diesen bei guter Gesundheit zu erhalten, und er nennt das
Raubthier gar seinen Gevatter.

Findling hatte kaum hundert Schritte auf einem schmalen Pfade
zurckgelegt, als er angesichts eines Mannes stehen blieb, der am Fue
eines Baumes lag.

War das ein Reisender, den hier die Krfte verlassen hatten, oder nur
ein Fugnger, der vor der Fortsetzung seines Weges etwas ausruhte?

Findling betrachtete ihn, und da jener sich nicht bewegte, ging er
vorwrts.

Die Arme gekreuzt und den Hut ber die Augen gezogen, lag der Mann in
tiefem Schlafe. Er schien jung zu sein, hchstens fnfundzwanzig Jahre
alt. An seinen beschmutzten Stiefeln und der staubigen Kleidung sah man,
da er, jedenfalls von Tralee her, eine weite Strecke gewandert sein
mochte.

Am meisten erregte es aber die Aufmerksamkeit Findlings, da der
Fremde ein Seemann sein mute, das verrieth seine Tracht und ein groer
getheerter Kleidersack. Auf diesem stand eine Adresse, die der Knabe
beim Nherkommen lesen konnte.

Pat, rief er berrascht, das ist Pat!

Wirklich war es Pat, den man schon an der Aehnlichkeit mit seinen
Brdern erkennen konnte, Pat, von dem so lange jede Nachricht fehlte und
dessen Heimkehr so sehnschtig erwartet wurde.

Schon wollte Findling ihn durch einen Anruf erwecken... er hielt inne.
Er sagte sich, wenn Pat an der Farm erschien, ohne da jemand darauf
vorbereitet war, so wrden seine Mutter und seine Gromutter wenigstens
dadurch so erregt werden, da es ihnen schaden knnte. Nein, besser war
es, Martin zu benachrichtigen; dieser wrde die Frauen dann vorsichtig
auf das Eintreffen ihres Sohnes und Enkels vorbereiten. Der Auftrag an
den Gasthalter von Silton konnte auch morgen ausgerichtet werden.
Und brigens war Pat, als Kind der Familie, ja auch eine gegebene
Hilfskraft, die gewi jede andre aufwog. Der Wandrer war wirklich
ermdet, denn er hatte Tralee, bis wohin die Eisenbahn fhrte, schon
mitten in der Nacht verlassen. Wenn er sich aber hier erhob, wrde er
die Farm ganz gewi schnell erreichen. Vorzglich kam es Findling also
darauf an, vor jenem dort einzutreffen.

Das Bndel wollte er ihn aber doch nicht tragen lassen, das konnte
Findling wohl den eignen Schultern aufbrden, und mit um so mehr
Vergngen, als es ja der Reisesack eines Matrosen war, ein Sack, der vom
weiten Meere herkam.

So fate er diesen am Knoten des Strickes, der ihn oben verschlo, warf
ihn sich auf den Rcken und trabte in der Richtung nach der Farm ab.

Erst aus dem Walde, hatte er nur der Landstrae zu folgen, die sich von
da eine halbe Meile in schnurgrader Linie hinzog.

Findling hatte aber kaum fnfhundert Schritte in dieser Richtung
zurckgelegt, als er hinter sich lautes Rufen vernahm. Er wollte jedoch
weder stehen bleiben, noch seinen Schritt verlangsamen, im Gegentheil
suchte er einen Vorsprung zu gewinnen.

Der freilich, der hinter ihm rief, der lief auch.

Das war Pat.

Beim Erwachen hatte er seinen Sack nicht mehr gefunden. Erzrnt eilte er
aus dem Walde und sah das Kind gerade noch bei einer Biegung des Weges.

He! Dieb! Wirst Du still stehen?...

Begreiflicher Weise hrte Findling hierauf nicht, sondern lief aus allen
Krften davon. Mit dem Sack auf dem Rcken konnte es freilich nicht
fehlen, da er von dem schnellfigen Seemanne eingeholt wrde.

Heda, Dieb Du!... Du entwischt mir nicht... Dir ist Deine Strafe
gewi!

Da Findling bemerkte, da Pat kaum noch zweihundert Schritt weit hinter
ihm war, lie er den Sack fallen und strmte nun erst recht weiter.

Pat nahm seinen Sack auf und setzte die Verfolgung fort.

Kurz, gerade vor der Farm gelang es Pat noch, das Kind am Kragen zu
packen.

Martin und seine Shne waren auf dem Hofe mit dem Abladen von Futter
beschftigt. Da entfuhr ihnen ein Freudenschrei, den sie gar nicht zu
unterdrcken suchten.

Pat... mein Junge!

-- Bruder... Bruder!

Schon eilten auch Martine mit Kitty und kam selbst die Gromutter herzu,
um Pat in die Arme zu schlieen.

Mit freudestrahlenden Augen stand Findling dabei und wartete, ob ihm
auch eine Begrung zutheil wrde....

Ah! Der Kleine, der mich bestohlen hatte! rief dafr Pat.

Mit einigen Worten war alles erklrt, und auf Pat zustrmend, kletterte
Findling diesem an den Hals, als ob er den Mastkorb eines Schiffes htte
erklimmen sollen.




XIII.

Zweifache Taufe.


Das war ein Jubel bei den Mac Carthy's! Pat heimgekehrt, der junge Mann
in der Farm von Kerwan, die ganze Familie vereinigt, die drei Brder
an einem Tische, die Gromutter mit ihrem Enkel, Martin und Martine mit
allen ihren Kindern!

Das Jahr lie sich gut an. Futter gab es in Menge und die Ernte
versprach auch sehr gut zu werden. Dazu die Kartoffeln, ber deren
Knollen fast die Furchen anschwollen. Das war fertiges Brod, das nur
gekocht zu werden brauchte, und dazu reichte ein wenig Gluth auf dem
rmlichsten Herde.

Zuerst richtete Martine an Pat die Frage:

Bist Du nun fr ein ganzes Jahr zu uns heimgekehrt, mein Kind?

-- Nein, Mutter, nur fr sechs Wochen. Ich kann meinen schnen Beruf
nicht aufgeben. Nach sechs Wochen mu ich in Liverpool eintreffen, wo
ich wieder an Bord des Guardian gehe....

-- Schon in sechs Wochen! murmelte die Gromutter.

-- Ja; diesmal aber als Hochbootsmann, und der Hochbootsmann auf einem
groen Schiffe hat schon etwas zu bedeuten....

-- Schn, Pat, sehr schn! fiel Murdock ein, der warm die Hand des
Bruders drckte.

-- Bis zum Tage der Abreise, fuhr der junge Seemann fort, sollen
Euch inde, wenn Ihr ein Paar gesunde Arme braucht, die meinigen zur
Verfgung stehen.

-- Das lt sich hren, antwortete Martin.

Heute lernte Pat nun auch seine Schwgerin Kitty kennen, deren Hochzeit
erst nach seiner letzten Einschiffung stattgefunden hatte. Er freute
sich aufrichtig, in ihr eine so vortreffliche, zu seinem Bruder passende
Frau zu finden, doch auch darauf, in der nchsten Zeit... Onkel zu
werden, und er umarmte Kitty wie eine in seiner Abwesenheit ins Haus
gekommene Schwester.

Findling war diesen Herzensergieungen gegenber auch nicht
unempfindlich geblieben, wenn er sich bisher auch etwas abseits hielt.
Jetzt kam inde an ihn die Reihe, denn er gehrte ja ebenfalls zur
Familie. Pat hrte dabei des Knaben Lebens- und Leidensgeschichte, die
ihn tief rhrte. Von Stund' an wurden die beiden nun die besten Freunde.

Und ich, wiederholte der junge Seemann lachend, ich konnte ihn fr
einen Dieb halten, als ich ihn mit meinem Kleidersack davongehen
sah! Wahrlich, er lief Gefahr, aus Versehen ein paar Ohrfeigen
wegzubekommen....

-- Die htten mir auch nicht weh gethan, versicherte Findling, denn ich
hatte Ihnen ja nichts gestohlen.

Dabei betrachtete er den krftigen, breitschultrigen jungen Mann mit so
entschlossenem Wesen, ungezwungenem Auftreten und mit von Sonne und
Wind gebruntem Gesicht. Ein Seemann erschien ihm als ein ganz besondres
Wesen.... Deshalb begriff er recht gut, da Pat der Gnstling der
Gromutter war, die ihn an der Hand hielt, wie um ihn nicht zu zeitig
wieder fortgehen zu lassen.

Zunchst erzhlte Pat nun seine Geschichte und erklrte, warum er so
lange in der weiten Welt gewesen sei, ohne von sich Nachricht zu geben.
Ja beinahe wre er berhaupt nicht zurckgekehrt. Der Guardian war an
einer der Inseln des Indischen Meeres gestrandet. Die Schiffbrchigen
fanden im Laufe von dreizehn Monaten keine andre Zuflucht, als dieses
kleine, auerhalb der Seeverkehrswege gelegene Stckchen Land, wo sie
von der brigen Welt vllig abgeschlossen waren. Mit groer Mhe gelang
es ihnen da endlich, den Guardian wieder flott zu machen, und neben
dem Schiffe auch dessen Ladung zu retten. Pat hatte sich dabei durch
seinen Eifer und seine Gewandtheit so vortheilhaft ausgezeichnet,
da die Firma Marcuart ihn auf Vorschlag seines Kapitns fr eine
demnchstige Reise nach dem Stillen Ocean als Hochbootsmann anstellte.
Alles hatte sich also zum besten gewendet.

Am folgenden Tag gingen alle Insassen von Kerwan an die Arbeit, und da
zeigte es sich, durch welch vorzgliche Kraft der erkrankte Lohnarbeiter
ersetzt war.

Mit dem September kam schon die Erntezeit heran. Blieb der Ertrag an
Weizen auch wie gewhnlich recht mittelmig, so gab es doch desto mehr
Roggen, Gerste und Hafer. Das Jahr 1878 gehrte entschieden zu den sehr
fruchtbaren Jahren. Der Pachteinsammler htte sich noch vor Weihnachten
einstellen knnen, er wre in blankem Golde bezahlt worden. Auch
Mundvorrthe und Futter fr den Winter gab es in Hlle und Flle.
Besondere Ersparnisse konnte Martin Mac Carthy freilich immer noch
nicht zurcklegen. Er lebte von seiner Hnde Arbeit, die ihm wohl die
Gegenwart, nicht aber die Zukunft sicherte. Die Zukunft der irischen
Pchter hngt ja immer von klimatischen Launen ab. Das lag Murdock immer
im Sinne. Derartige sociale Verhltnisse, die nur mit der Abschaffung
der Landlordwirthschaft und der Zurckgabe des Bodens an die Bebauer
desselben gegen mige Abzahlung endigen konnten, steigerten seinen Ha
nur weiter.

Du mut Vertrauen haben! redete ihm Kitty zu.

Murdock sah sie an, ohne eine Antwort zu geben.

Am 9. dieses Monats trat das ungeduldig erwartete Ereigni in der Farm
von Kerwan ein: Kitty, die dabei kaum zum Liegen kam, schenkte einem
Mdchen das Leben. Das war aber eine Freude! Das Baby wurde begrt,
wie ein Engel, der ins Haus geflogen wre. Gromutter und Martine rissen
sich darum. Murdock lchelte, wenn er sein Kind in den Arm nahm. Seine
beiden Brder standen voll Bewunderung vor ihrem Nichtchen. Es war
ja die erste Frucht am weiblichen Zweige des Familienstammbaumes, des
Kitty-Murdock'schen Zweiges, in Erwartung, da die beiden andern
darin in gleicher Weise nachfolgen wrden. Alle beglckwnschten und
liebkosten die junge Mutter, fr die sie sich in zrtlichster Sorge
berboten. Wie reichlich flossen dabei die Thrnen der Rhrung! Es
schien fast, als wre das Haus vor der Geburt des kleinen Wesens noch
ganz leer gewesen.

Der Findling hatte sich noch nie so ergriffen gefhlt wie bei dem ersten
Kusse, den man ihm der Neugebornen zu geben gestattete.

Da dieses frohe Ereigni Veranlassung zu einem besondern Feste geben
msse, sobald erst Kitty daran theilnehmen konnte, daran zweifelte
keiner. Das Programm dazu war brigens sehr einfach. Nach Vollziehung
der Taufe in der Kirche von Silton sollten sich der dortige Priester
und einige Freunde Martins -- ein halbes Dutzend Pchter aus der
Nachbarschaft, die einen Weg von zwei bis drei Meilen nicht scheuten --
in der Farm einfinden. Hier wrde sie ein reichliches, nahrhaftes
Frhstck erwarten. Gewi vereinigten sich die genannten alle gern
einmal mit der achtungswerthen Pchterfamilie, deren grte Freude es
war, da auch Pat dem kleinen Feste noch beiwohnen konnte, da dessen
Abreise erst in den letzten Tagen des Septembers bevorstand.

Nun tauchte zunchst die Frage auf, wie das Kind genannt werden sollte.

Die Gromutter schlug den Namen Jenny vor, und hiermit war diese
Schwierigkeit ebenso gehoben, wie die wegen einer Taufzeugin; denn ohne
Zweifel war es der alten Frau eine herzliche Freude, selbst als solche
einzutreten. Wohl trennten Tufling und Pathin drei Generationen und ein
kleines Mdchen htte wohl eine jngere Pathin gebrauchen knnen. Hier
lag jedoch eine Gefhlssache vor, die alle andern Rcksichten beiseite
setzen lie; es war als wenn die bejahrte Frau sich selbst neuer
Mutterschaft erfreute, und ihren Augen entquollen Thrnen der Rhrung,
als ihr jener Antrag mit einiger Feierlichkeit gemacht wurde.

Aber der Pathe?... Das war schwieriger. Von einem Fremden konnte nicht
die Rede sein, da ja noch zwei Brder oder Onkels, Sim und Pat, im Hause
waren, die dieses Ehrenamt beanspruchen konnten. Die Wahl des einen
mute dem andern aber als Zurcksetzung erscheinen, wenn auch Pat, der
ltere, hierin etwas im Vorsprunge war. Dieser befand sich als Seemann
aber die meiste Zeit auf dem Meere, so da er seinen Verpflichtungen als
Pathe kaum nachkommen konnte. Das mute er zu seinem Leidwesen zugeben,
und so blieb denn nur Sim brig.

Da sprach die Gromutter einen Gedanken aus, der zuerst allerdings
berraschte. Jedenfalls stand es ihr aber zu, den Gevattersmann zu
bestimmen, und ihre Wahl fiel auf Findling.

Obgleich eine Waise und von unbekannter Familie, wuten ja alle, da er
intelligent, arbeitsam und ihnen treu ergeben war, und alle liebten und
achteten ihn auf der Farm. Und doch?... Findling?... Er zhlte ja kaum
siebeneinhalb Jahre, etwas wenig fr einen Taufzeugen.

Thut nichts, erklrte die Gromutter, was er an Jahren zu wenig hat,
habe ich wieder zu viel; das hebt sich auf.

In der That war der Knabe noch nicht acht, die Gromutter aber
sechsundsiebzig Jahre alt. Das ergab fr beide zusammen vierundachtzig
Jahre, zweiundvierzig fr jeden, rechnete die Gromutter aus.

Und kraft meines Alters,... setzte sie hinzu.

Da sich alle bestrebten, gegen sie zuvorkommend zu sein, fand ihr
Vorschlag ohne Widerspruch Annahme. Die junge Mutter, die fr Findling
eine Art mtterliche Zuneigung hegte, stimmte ebenfalls zu. Nur
Martin und Martine waren nicht ohne weiteres schlssig, da ber die
Familienverhltnisse des auf dem Friedhofe in Limerick gefundenen Knaben
gar keine Auskunft zu erhalten gewesen war.

Da machte Murdock den letzten Zweifeln ein rasches Ende. Er wies
darauf hin, da der Knabe bei seinen vortrefflichen Anlagen und seinem
lobenswerthen Verhalten genug Sicherheit biete, da er auch spter seine
Pflichten erfllen werde, und diese Darstellung fhrte die endliche
Entscheidung herbei.

Willst Du denn? fragte er den Knaben.

-- Ja, Herr Murdock, erklrte Findling.

Er antwortete mit so bestimmtem Tone, da es jedem auffiel.
Unzweifelhaft war er sich klar ber die Verantwortlichkeit, die er fr
die Zukunft seines Pathenkindes auf sich nahm.

Am Morgen des 26. Septembers waren alle zu der heiligen Handlung bereit.
Mit den Sonntagskleidern angethan, begaben sich die Frauen im Wagen, die
Mnner zu Fu, und alle in gehobenster Stimmung nach der Pfarrkirche in
Silton.

Kaum hatten sie diese aber betreten, als eine Schwierigkeit auftauchte,
an die vorher niemand gedacht hatte, bis der Parochialgeistliche darauf
hinwies.

Auf seine Frage, wer der Taufzeuge der Neugebornen sei, antwortete
Murdock:

Hier, Findling.

-- Wie alt ist dieser?

-- Siebenundeinhalb Jahr.

-- Siebenundeinhalb?... Das ist zwar etwas jung, doch kein gesetzliches
Hinderni. Er hat doch wohl einen andern Namen als blos Findling?

-- Wir kennen keinen andern, Herr Pfarrer, lie die Gromutter sich
vernehmen.

-- Keinen andern? versetzte der Geistliche.

Dann wendete er sich an den Knaben.

Du mut doch einen Taufnamen haben? fragte er.

-- Ich habe aber keinen, Herr Pfarrer.

-- O doch, mein Kind! Oder solltest zufllig berhaupt nicht getauft
sein?

Ob nun zufllig oder nicht, jedenfalls konnte Findling darber keinerlei
Aufschlu geben, da er sich an eine ihn betreffende Tauffeierlichkeit
natrlich nicht erinnern konnte. Es erschien wirklich seltsam, da die
so religise und gewissenhafte Familie Mac Carthy nicht schon frher auf
diese Frage gekommen war. In der That hatte aber niemand daran gedacht.

In der Meinung, nun unmglich der Taufzeuge der kleinen Jenny werden zu
knnen, stand Findling vllig verblfft daneben.

Nun, wenn es noch nicht geschehen ist, Herr Pfarrer, rief da Murdock,
so kann er ja getauft werden.

-- Doch, wenn er das schon wre! bemerkte die Gromutter.

-- O, so wird er einfach ein doppelter Christ, sagte Sim. Taufen Sie ihn
nur vor der Kleinen.

-- Nun ja, warum nicht? antwortete der Geistliche.

-- Dann knnte er als Taufzeuge dienen?

-- Gewi.

-- Und es hindert nichts die Vornahme dieser zwei Taufen gleich nach
einander? erkundigte sich Kitty.

-- Das ich nicht wte, erklrte der Geistliche, vorausgesetzt, da sich
fr Findling ein Taufzeuge und eine Zeugin findet.

-- Dazu erbiete ich mich, sagte Martin.

-- Und ich mich ebenfalls, setzte Martine hinzu.

Wie glcklich fhlte sich der Knabe, auf diese Weise mit seinen
Pflegeeltern noch enger verbunden zu werden.

O, ich danke... ich danke allen...! rief er wiederholt, whrend er
der Gromutter, Kitty und Martine lebhaft die Hnde drckte.

Da er nun einen Taufnamen erhalten mute, entschied man sich fr Edit,
den Kalenderheiligen des betreffenden Tages.

Edit!... Recht so! Hchst wahrscheinlich blieb ihm aber doch der Name
Findling auch ferner; hatten sich doch alle daran schon so sehr gewhnt.

Der junge Kirchenzeuge wurde also zuerst getauft; nach dieser Ceremonie
hielten die Gromutter und er das Kind ber das Taufbecken und die
Kleine wurde, entsprechend dem Wunsche ihrer Pathin, Jenny getauft.

Sofort verkndeten die Glocken dem Kirchspiele die Vollziehung der
feierlichen Handlung, krachten vor der Kirche Kanonenschlge und regnete
es Coppers auf die Straenjugend der Ortschaft. Was hatte sich aber
alles vor der Thre des Gotteshauses versammelt! Es schien, als ob alle
Armen der Grafschaft sich hier ein Stelldichein gegeben htten.

Die Heimkehr nach der Farm erfolgte in frhlichster Stimmung. Mit
dem Geistlichen an der Spitze zogen die Festgste, ein gutes Dutzend
Nachbarn und Nachbarinnen, dahin. Alle nahmen an der im groen
Zimmer aufgestellten Tafel Platz, fr die die Gerichte von einer
ausgezeichneten, eigens aus Tralee geholten Kchin bereitet waren.

Selbstverstndlich waren die Speisen bei diesem denkwrdigen Festmahle
alle den Vorrthen der Farm entnommen. Von auerhalb rhrte gar nichts
her, weder die Hammelkeulen mit schmackhaft gewrzter Sauce, noch
die Hhnerbraten mit saftiger Beilage, weder die Schinken, noch die
Kaninchenrstbraten, nicht einmal die Salme und Hechte, denn diese waren
eigenhndig im Cashen gefangen worden.

Findling hatte selbstverstndlich alle die schnen Sachen unter die
Rubrik Abgnge eingetragen und so seine Buchfhrung auf dem Laufenden
erhalten. Nun konnte er mit Gewissensruhe essen und trinken. Hier saen
auch Tischgste, die mit gutem Beispiele vorangingen, Leute mit Magen,
die weniger nach der Herkunft der Speisen, als nach deren Menge fragten.
So blieb von dem Frhstck rein nichts brig, weder von den drei warmen
Gerichten, noch von der Nachspeise, obwohl der Plum-pudding aus Reis von
gewaltiger Gre war und es fr jede Person noch eine Johannisbrodtorte
und eine Menge Sellerie gab.

Und dazu der Ingwerwein, der Stout, der Porter, das Sodawasser und der
Usquebaugh (eine Art Whisky), der Brandy und der Gin, nebst dem Grok,
hergestellt nach dem berhmten Recepte: =hot, strong and plenty= --
hei, stark und reichlich -- genug, um die gebtesten Trinker
der Provinz unter den Tisch zu bringen. Gegen Ende der drei Stunden
whrenden Mahlzeit glnzten denn auch die Augen wie Feuerbrnde und
glhten die Wangen wie Kohlen im Kamin. In der Familie Mac Carthy
huldigte man der Nchternheit. Kein Glied derselben besuchte die fr
die Katholiken begehenden Aether-Schnken, noch viel weniger die
Alkohol-Schnken, wo die Protestanten verkehrten. Doch bei einem
Taufschmause konnte man sich wohl ein wenig gehen lassen, und dann war
ja auch der Geistliche bei der Hand, um die Absolution zu ertheilen.

Martin beobachtete seine Gste auch sorgsamst und fand dabei unerwartete
Untersttzung durch seinen zweiten Sohn Pat, der sich sehr mig
gehalten hatte, whrend Sim vielleicht einen kleinen Spitz davontrug.

Und als ein dicker Farmer aus der Nachbarschaft sich wunderte, da ein
Seemann ein so zaghafter Trinker sei, erwiderte der junge Mann:

Das kommt daher, da ich die Geschichte John Playne's kenne!

-- Die Geschichte John Playne's?

-- Die Geschichte oder die Ballade, wie Sie wollen.

-- Wohlan denn, singen Sie uns die Ballade vor, Pat, sagte der
Geistliche, der diese Ablenkung sehr gern sah.

-- Ja, sie ist etwas trauriger Art und etwas sehr lang.

-- Thut nichts, mein Sohn, wir haben Mue genug, sie bis zum Ende zu
hren.

Darauf hin begann Pat das Klagelied mit so machtvoller, ergreifender
Stimme, da Findling das ganze Meer aus seinem Munde tnend glaubte.


    Das Klagelied von John Playne.


                 I.

    John Playne, glaubt mir's ruhig,
    War grau am ganzen Haupt,
    Doch trinken mut' er immer
    Bis ihn der Tod geraubt.

    Zwei Stunden in der Schnke...
    Braucht' es denn wohl noch mehr?
    Da war sein Kopf gefllt zwar,
    Der Beutel aber leer.

    Ha! Wenn es drauen fluthet,
    Winkt' ihm ja neuer Lohn,
    Und den dann zu vertrinken,
    Darauf freut' er sich schon.

    Das ist nun einmal Sitte
    Der Fischer von Kromer,
    Sie haben schwere Arbeit...
    Nun flott, John Playne, auf's Meer!


Nun, da ist er ja gleich aus der Schnke heraus, rief Sim.

-- Das ist hart fr einen erprobten Trinker! bemerkte der dicke Farmer.

-- Er hat wohl schon genug getrunken, uerte Martin.

-- Schon zu viel! meinte der Pfarrer.

Pat fuhr nun fort:


                 II.

    John Playne's kleines Fahrzeug,
    Sehr spitz gebaut am Bug,
    Mit Klverbaum und Fockmast,
    Den Namen Cavan trug.

    Doch John mu sich beeilen,
    Da er gelangt an Bord,
    Schon sind die andern Fischer
    Weit aus dem Hafen fort.

    Das Meer ist grausam pnktlich,
    Hlt die Gezeiten ein:
    Zwei Stunden noch, die Ebbe
    Wird dann vorber sein.

    Drum wenn sich John nicht sputet,
    Sofort hinaus zu gehn,
    Und gar das Wetter umschlgt,
    Ist's um sein Boot geschehn.


Er wird schon durch eigne Schuld noch Unglck haben, lie sich die
Gromutter vernehmen.

-- Desto schlimmer fr ihn! versetzte der Pfarrer.

Pat fuhr weiter fort:


                 III.

    Tief dunkel... droh'nder Himmel!
    Schon schlgt der Wind zurck,
    Laut braust es in den Lften,
    Und John mit Katzenblick

    Schaut auf und lauscht verwundert...
    Was drang da an sein Ohr?
    Was stt ans Felsenufer?
    Er rafft sich schwer empor:

    Da sieht sein Boot er schwanken,
    Bedrngt vom Wogenring,
    Ein Glck, da es nicht splitternd
    Dabei zugrunde ging.

    John Playne flucht und wettert:
    Das halt' der Teufel aus!
    Bei solchem Sturmeswthen
    Soll man aufs Meer hinaus!

    Doch klettert er ins Fahrzeug,
    Ins rollende hinein,
    Und zndet seine Pfeife
    Mit Schwamm und Feuerstein.

    Er stlpt sich den Sdwester
    Zum Schutze ber, dann
    Theerrock und Wasserstiefeln
    Legt er arg schwankend an.

    Mit Mhe richtet Playne
    Den Mast im Boote auf
    Und zieht das schwere Segel
    Mit krft'gem Ruck hinauf.

    Dann zerrt er an der Drisse,
    Das Klversegel steigt,
    Ob auch das kleine Fahrzeug,
    Sich tief zur Seite neigt.

    Er lt das Sorrtau schieen;
    Das Steuerruder fat
    Die nerv'ge Hand und spannt nun
    Das Segel aus am Mast.

    Doch als am Kruzifixe
    Des Strands vorbei er fliegt,
    Macht er des Kreuzes Zeichen,
    So toll sich's Boot auch wiegt.


Ein Irlnder darf es unter keinen Umstnden vergessen, sich zu
bekreuzigen, bemerkte Murdock ernst.

-- Selbst wenn er etwas getrunken hat, setzte Martin hinzu.

-- Der Herr sei ihm gndig! schlo der Geistliche die Zwischenrede.

Pat nahm das Klagelied wieder auf.


                 IV.

    Die Bai mit gut zwei Meilen
    Bis hin zum Fischergrund;
    Hier fhrt der Weg im Zickzack,
    Dort fast im Bogen rund.

    Und selbst am hellen Tage,
    Hat, wer im Herzen zagt,
    Noch keiner ohne Bangen
    Die Fahrt hindurch gewagt.

    John kennt des Wassers Tiefen,
    Wei, wo der Grund sich senkt,
    Und sichern Aug's und Armes
    Er ohne Zgern lenkt

    Das Fahrzeug nach dem Vorberg
    Mit altem Hafenlicht,
    Wo nicht so toll sich's Wasser
    Wie nh'r am Lande bricht.

    John spannt das Segel weiter,
    Da voll der Wind es schwellt
    Und klatschend vorn am Buge
    Der Wogen Berg zerspellt.

    Doch schon ist er am Ende
    Der Durchfahrt nach Nordost
    Wo Fluthwell' oder Ebbe
    Nicht mehr so grimmig tost.

    Er kennt die schwanken Zeichen
    Des Wasserwegs, den Sand
    Zur linken, wo manch Fahrzeug
    Sich elend festgerannt.

    Er knpft die Schote fester
    Am Eisenringe schwer...
    John ist ein sich'rer Lootse...
    Er schwimmt auf hohem Meer!


Auf dem offnen Meere, dachte Findling. O, wie schn mu das sein!


                 V.

    Vor ihm die Wasserwste,
    Die Wste schwarz und wild,
    Wenn nicht ein fahles Leuchten
    Erhellt das dstre Bild.

    Am Himmel flieh'n die Wolken
    Mit Sturmeseile hin,
    Bald wird das schwere Wetter
    Die Kste berzieh'n.

    Da bricht's schon los, da pfeift es,
    Da heult es in der Luft
    Und reit sie auf die Wogen,
    Wie eine droh'nde Gruft.


Pat unterbrach seinen Gesang. Diesmal wurde keine Bemerkung laut. Jeder
lauschte gespannten Ohres, als ob das Unwetter des Liedes sich ber der
Farm von Kerwan entladen mte und diese zum Fahrzeuge John Playne's
geworden wre.


                 VI.

    Doch John kann nichts erschrecken.
    Ihn macht kein Blitzstrahl blind,
    Er will, wie oft schon frher,
    Aufkreuzen in den Wind.

    Weit bauschen sich die Segel;
    Er stellt sie anders ein
    Und steuert ohne Zagen
    Scharf in den Sturm hinein.

    Was kmmert's ihn, ob schumend
    Entgegenbraust das Meer?
    Er will doch Trotz ihm bieten,
    Ist auch die Arbeit schwer.

    So wirft er aus die Kette
    Mit langem Sacknetz dran
    Und lt es nach sich schleppen...
    Bald ist das Werk gethan.

    Mit Last am Heck erhlt sich
    Ein Boot schon in der Fahrt
    Und weicht nicht aus dem Curse,
    Arbeitet's noch so hart.

    Drum greift -- mit schwerem Kopfe,
    Nach hier und dort den Blick
    Gewandt -- John nach der Flasche,
    Dem Trost im Migeschick.

    Er fhrt sie an die Lippen
    Und schlrft den scharfen Trank,
    Bis auf der Bank am Ruder
    Er stumpf zusammensank.

    Da scheint das weite Meer ihm
    Ein Teich zu sein voll Gin,
    Er trumt, er schwmme wohlig
    Allein darber hin.


Der Unbesonnene! rief Martin.

-- Man sagt ja, es gbe einen Gott fr die Trunknen! bemerkte Sim.

-- Da mu dieser aber viel zu thun haben, warf Martin ein.

-- Wir werden's ja sehen! erwiderte der Geistliche. Fahrt nur fort,
Pat.


                 VII.

    Am nchsten Morgen leuchtet
    Die Sonn' in voller Pracht.
    Am Himmel leichte Wlkchen --
    Nachzgler von der Nacht.

    Wenn die Gefahr vorber,
    Wer denkt dann noch daran?
    Schon tummeln sich die Fischer
    Am Hafen Mann fr Mann.

    Und jedes Boot beeilt sich;
    Jetzt zieh'n sie Bord an Bord,
    gleich frhlicher Regatta,
    Zum neuen Fange fort.


Und John Playne? fragte Findling, sehr besorgt um den Trunknen, der,
das Sacknetz nachschleppend, eingeschlafen war.

-- Nur Geduld! mahnte ihn Martin.

-- Ich habe auch Angst um ihn! setzte die Gromutter hinzu.


                VIII.

    Da... was ist dort geschehen?
    Das erste Fahrzeug weicht
    Aus dem gewohnten Curse,
    Wo's bald das Ziel erreicht.

    Und seiner Fhrte schlieen
    Die andern all' sich an;
    Grundlos wich nicht der Fhrer
    Aus der gewohnten Bahn.

    Ging wohl ein Boot verloren,
    Im tollen Sturm der Nacht?
    Hat einem Fischersmanne
    Er's nasse Bett gemacht?

    Da seht!... Es treibt ein Fahrzeug
    Gekentert auf dem Meer,
    Den Kiel nach oben schwankt es
    Und steuerlos umher.


Gekentert! rief Findling entsetzt.

-- Gekentert! wiederholte die Gromutter.


                 IX.

    Geschwind nun an die Arbeit!
    Erst zieht das Sacknetz ein
    Und legt es Masch' um Masche
    Ins nchste Boot hinein.

    Schon sieht man nerv'ge Hnde
    Am Tau des Netzes ziehn
    Und in dem Boot es bergen...
    Ein Leichnam hing darin.

    Und diese dstre Seetrift,
    Entrissen jetzt dem Meer,
    Sie war bisher John Playne
    Der Fischer aus Kromer.


                 X.

    Nicht mehr von ihm gesteuert,
    Kam quer sein Boot zum Wind
    Das groe Segel drckt' es
    dann nieder wie ein Kind.

    Gott sei der Seele gndig
    Des armen, trunknen Narrn!...
    Hier fing sich ja der Fischer
    In seinem eig'nen Garn.

    O, welch ein graus'ger Anblick.
    Als man herein ihn zog,
    Trotz viel verschluckten Wassers,
    Schien er betrunken noch!


Der Unglckliche! rief die mitleidige Martine.

-- Wir werden fr ihn beten! erklrte die Gromutter.


                 XI.

    Nun frisch aus Werk, ihr Leute,
    Wir schaffen ihn ans Land,
    Dort mag ein Grab er finden,
    Doch nicht zu nah am Strand.

    Legt ihn dahin, wo nicht mehr
    So viel er trinken kann,
    Und stellt nur Glas und Flasche
    Ans Grab als Warnung an....

    So endete John Playne,
    John Playne aus Kromer.
    Doch schon setzt ein die Ebbe,
    Ihr Fischer, rasch aufs Meer!


Die Stimme Pats klang wie eine Trompete, als er den letzten Vers
des traurigen Liedes sang. Auf die Tischgste hatte dieses einen so
mchtigen Eindruck gemacht, da sie sich -- als Zugabe auf zehn tchtige
Glser -- begngten, nur noch einen Schluck auf die Gesundheit eines
jeden zu trinken. Dann trennte sich die Gesellschaft mit dem Vorsatze,
es John Playne nie gleich zu thun... nicht einmal auf dem festen Lande.




XIV.

Im Alter von kaum neun Jahren.


Als der groe Festtag vorber war, ging man auf der Farm wieder an die
gewohnte Feldarbeit. Pat merkte gewi nichts davon, da er einen Urlaub
zur Erholung angetreten hatte. Die Seeleute sind ja immer tchtige
Arbeiter, auch wenn sie nicht drauen schwimmen. Pat war gerade zur
Erntezeit eingetroffen, und nach dem Getreide war jetzt noch das Gemse
einzufahren. Findling wich fast niemals von der Seite Pats, der jenem
eine aufrichtige Freundschaft entgegenbrachte... die Freundschaft des
Matrosen fr den Schiffsjungen. Nach beendetem Tagewerke und wenn sich
alle zum Abendbrode versammelt hatten, war es fr Findling die grte
Freude, den jungen Seemann erzhlen zu hren, wenn dieser ber seine
Reisen, ber allerlei Ereignisse, ber die Strme, die der Guardian
bestanden, und ber so manche schnelle und herrliche Fahrt berichtete.
Am meisten interessierte er sich aber fr die reiche, der Firma Marcuart
zugefhrte Fracht, fr die Schtze, die der Dreimaster nach Europa
heimgebracht hatte. Die Handelsangelegenheiten lieen in seinem
praktischen Geiste eine darauf abgestimmte Saite erklingen. Seiner
Ansicht nach stand der Rheder weit hher als der Capitn.

Also das nennt man wohl Handelsgeschfte treiben, Pat? fragte er.

-- Ja; man holt die Erzeugnisse aus den Lndern, wo Natur oder
Menschenhand sie hervorbringt, und verkauft sie da, wo das nicht der
Fall ist.

-- Und theurer, als man sie eingekauft hatte?...

-- Natrlich... man mu doch etwas erbrigen. Dann fhrt man wieder die
Erzeugnisse der andern Lnder aus, um sie in der weiten Welt abzusetzen.

-- Auch wieder theurer, Pat?

-- Allemal etwas theurer, wenn das zu ermglichen ist.

Derartige Fragen des Knaben mute Pat nun immer beantworten. Leider
und zur groen Betrbni aller nahte jetzt die Zeit heran, wo er in
Liverpool wieder eintreffen mute.

Am 30. September nahm er Abschied und als er sich von allen, die er
liebte, trennte, wute ja keiner, wie lange man ihn nicht wiedersehen
wrde. Er versprach jedoch, oft zu schreiben. Alle drckten ihn
herzlich in die Arme. Der Gromutter standen die Augen voll Thrnen, sie
frchtete ja bei ihrem hohen Alter, da sie ihn vielleicht nicht mehr
vor dem Spinnrade am Kamin und in der Mitte ihrer Kinder wiederfinden
werde, wenn sie auch jetzt, ebenso wie die ganze Familie, gesund und
wohlauf war. Fr den Winter, dessen Vorboten sich bereits einstellten,
war nach diesem sehr fruchtbaren Jahre auch nichts zu frchten. Zu
seinem lteren Bruder wendete sich Pat mit den Worten:

Sei doch nicht immer so sorgenvoll und nachsinnend, Murdock! Mit Muth
und gutem Willen ist alles zu berwinden....

-- Gewi, Pat, wenn man nur etwas Glck hat. Dem Glcke aber kann keiner
befehlen. Sieh, Bruder, immerfort einen Boden zu bearbeiten, der nicht
Dir eigen ist und es nie sein wird, und berdies sich gar so sehr vom
Ausfall der Ernte abhngig zu wissen... daran werden Muth und guter
Wille zuschanden!

Pat htte nicht gewut, was er dagegen anfhren sollte, doch als er dem
lteren Bruder zum letzten Male die Hand reichte, flsterte er ihm noch
zu:

Verliere nur das Vertrauen nicht!

Der junge Seemann wurde bis nach Tralee zu Wagen befrdert, wobei sein
Vater, seine Brder und Findling ihm das Geleit gaben und letzterer sich
recht traurig von jenem verabschiedete. Dann entfhrte ihn der Bahnzug
nach Dublin, von wo aus er sich mit einem Dampfer nach Liverpool begeben
wollte.

In den folgenden Wochen gab es auf der Farm noch tchtig zu thun.
Zunchst mute die eingeheimste Ernte ausgedroschen werden und dann
hatte Martin die Mrkte der Nachbarschaft zu besuchen, um seine
Vorrthe, unter Zurckbehaltung des Samengetreides, zu verkaufen.

Diese Verkufe interessierten den Knaben ungemein und deshalb nahm
ihn der Farmer auch dazu mit. Gierig nach Gewinn war Findling aber
keineswegs, nur sein Instinct wies ihn immer und immer wieder auf den
Handel hin. Im brigen begngte er sich mit dem Kieselstein, den ihm
Martin nach Verabredung jeden Abend einhndigte, und er freute sich,
seine Schtze wachsen zu sehen. Der irischen Rasse ist brigens die
Sucht nach Gewinn im allgemeinen angeboren. Die Bewohner des Grnen Erin
verdienen einmal gerne Geld, wenn das in ehrlicher Weise mglich ist.
Und wenn der Farmer etwa auf dem Markte in Tralee ein gutes Geschft
gemacht hatte, freute sich Findling ebenso herzlich darber, als wenn
das ihm selbst angegangen wre.

October, November und December verliefen recht gut. Die Arbeiten waren
lngst beendigt, als sich der Einholer des Pachtzinses am Abende vor
Weihnachten in der Farm von Kerwan einstellte. Das Geld fr ihn
lag bereit; doch als dieses erst gegen eine regelrechte Quittung
ausgetauscht war, blieb auf der Farm fast keines mehr brig. Um es nicht
mit anzusehen, wie dieses mit saurem Schweie gewonnene Geld aus dem
Hause ging, hatte sich Murdock sofort zurckgezogen, als der Einholer
nur sichtbar wurde. Immer hatte er die Unsicherheit der Zukunft vor den
Augen. Zum Glck war fr den Winter gesorgt und die Vorrthe
gestatteten auch, die Arbeiten im Frhlinge ohne weitere Auslagen wieder
aufzunehmen.

Mit dem neuen Jahr trat sehr strenge Klte ein, die jeden ans Haus
fesselte, wo es an Arbeit brigens nicht fehlte. Mindestens war doch
fr die Pflege und die Ernhrung der Thiere zu sorgen. Findling war vor
allem der Hhnerhof anvertraut und auf ihn konnte man sich ja verlassen.
Hhner und Kchlein wurden ebenso sorgsam gepflegt, wie ber sie Buch
gefhrt. Inzwischen verga der Knabe auch nicht, da er ein Pathenkind
hatte, und wie freute er sich allemal, Jenny in die Arme zu nehmen, sie
lcheln zu machen, indem er die Kleine anlachte, und sie in der Wiege
einzuschlfern, wenn ihre Mutter beschftigt war. Ein Pathe ist fast so
viel wie ein Vater, und er betrachtete das zarte Kind als seine Tochter.
Fr sie entwarf er hochfliegende Plne. Sie sollte keinen andern Lehrer
haben als ihn. Er wollte ihr erst reden, dann schreiben und endlich
haushalten lehren.

Findling hatte von dem gelegentlichen Unterrichte Martins und seiner
Shne, vor allem Murdocks, viel profitiert. Jetzt war er weiter
vorgeschritten als bis zu dem Punkte, wohin Grip ihn gebracht hatte...
der arme Grip, der seine Gedanken unausgesetzt beschftigte....

Der Frhling setzte nach recht hartem Winter nicht allzuspt ein. In
Begleitung seines Freundes Birk gab sich der junge Schfer wieder der
gewohnten Beschftigung hin. Unter seiner Leitung zogen Schafe und
Ziegen wieder auf die Weidepltze in einmeiligem Umkreis von der Farm.
Immer schmerzte es ihn, sich an den andern Feldarbeiten, die freilich
mehr Krfte erforderten als er besa, noch nicht betheiligen zu knnen.
Zuweilen klagte er darber gegen die Gromutter, und diese antwortete
dann trstend:

Geduld... das wird auch noch kommen....

-- Doch knnt' ich inzwischen nicht wenigstens ein Feld besen?

-- Wrdest Du das so gern versuchen?

-- O gewi, Gromutter! Wenn ich Murdock oder Sim den Arm wiegend und
regelmig fortschreitend die Samenkrner auf die Erde streuen sah, da
trieb mich's immer, es ihnen nachzuthun. Es ist eine so schne Arbeit
und so interessant zu denken, da aus diesen Krnern Halme, lange, lange
Halme hervorgehen. Wie kann das nur zustandekommen?...

-- Ich wei es nicht, mein Kind; doch Gott wei es ja, das mu uns
gengen.

Infolge dieses Gesprches sah man Findling wenige Tage darauf ein
wohlvorgerichtetes Feld recht geschickt mit Hafer besen, was ihm
manchen Lobspruch Martin Mac Carthy's einbrachte.

Als dann die zarten Keime hervorsproten, war er vom frhesten Morgen
an zur Stelle, seine zuknftige Ernte gegen die diebischen Krhen zu
vertheidigen, indem er diese mit Steinwrfen verjagte. Es sei auch nicht
unerwhnt gelassen, da er am Tage der Geburt Jennys mitten im Gutshofe
eine kleine Tanne gepflanzt hatte, in der Hoffnung, beide, Bumchen und
Sugling, frhlich aufwachsen zu sehen. Auch diese noch zarte Pflanze
mute er sorgsam gegen die Vgel schtzen. Jedenfalls sollten Findling
und die schdlichen Thiere nie gute Freunde werden.

Im Sommer 1880 gab es auf den Fluren Westirlands berall recht harte
Arbeit. Die Witterungsverhltnisse erwiesen sich fr den Ertrag des
Bodens hchst ungnstig. In den meisten Grafschaften blieb die
Ernte hinter der des Vorjahrs weit zurck. Eine Hungersnoth war
aber vollkommen ausgeschlossen, denn wenigstens versprachen die
Kartoffelfelder einen reichen, wenn auch etwas verspteten Ertrag, und
damit muten sich die Leute wohl zufrieden geben, denn Korn, Weizen,
Gerste und Hafer erntete man kaum zur Deckung des Bedarfs im eignen
Lande. Das schnellte zwar die Getreidepreise in die Hhe, die Pchter
zogen davon aber keinen Vortheil, da sie nichts zu verkaufen hatten und
kaum den Samen fr das nchste Jahr brig behielten. Selbst die, die
frher einen Sparpfennig zurcklegen konnten, sahen diesen fr die
Staatsabgaben allein hinschwinden, und dann blieb wieder nichts brig,
um den schwerlastenden Pachtzins zu decken.

Die nationale Bewegung erhielt hierdurch fast berall einen neuen
Ansto, wie das stets der Fall war und ist, wenn sich eine Wolke des
Unglcks ber das irische Land senkte. An vielen Orten erhob man schwere
Klage und lebten die Hetzereien der agrarischen Liga wieder auf. Gegen
die Besitzer des Bodens wurden malose Drohungen laut, ob diese
nun Fremde waren oder nicht, denn bekanntlich werden in Irland die
englischen und schottischen Landlords als Fremdlinge betrachtet.

Im Juni dieses Jahres riefen die schon Hungernden in Westpoint: Lat
Euch nicht von Euern Farmen vertreiben! und die durch das Land gehende
Parole lautete: Den Grund und Boden fr die Bauern!

In den Gebieten von Donegal, Sligo und Galway kam es zu wirklichen
Unruhen. Auch Kerry blieb davon nicht frei. Voller Angst sahen die
Gromutter, Martine und Kitty Murdock mit Einbruch der Nacht gar zu oft
die Farm verlassen, wo er dann erst, abgespannt von den Strapazen des
Wegs, am frhen Morgen wieder erschien. Dstrer und verbitterter als
vorher kam er von den in den Hauptorten veranstalteten Meetings zurck,
wo man den hellen Aufruhr predigte, eine Erhebung gegen die Landlords
und den allgemeinen Boycott empfahl, der die Besitzer zwingen wrde, ihr
Land brach liegen zu lassen.

Am meisten steigerte die Furcht der Familie wegen Murdocks der Umstand,
da der zu den strengsten Maregeln entschlossene Lordlieutenant
der Insel die Nationalisten durch seine Polizeiorgane aufs schrfste
berwachen lie.

Stimmten Martin und Sim auch mit den Anschauungen Murdocks berein,
so uerten sie doch kein Wort, wenn dieser nach lngerem Ausbleiben
heimkehrte. Die Frauen dagegen flehten ihn an, vorsichtig zu sein und
sich in Thaten und Worten in Acht zu nehmen. Sie versuchten ihm das
Versprechen abzunthigen, da er sich einem Aufstand fr =Home rule=,
der doch nur Unheil bringen knne, nie anschlieen werde.

Das reizte Murdock, der seinem Ingrimm nun laut Luft machte. Er sprach
und gesticulierte, als ob er sich in einer Volksversammlung befnde.

Nichts als Elend, nach einem Leben voller Arbeit nichts als Elend!
wiederholte er.

Und whrend Martine und Kitty davor zitterten, da er gehrt werden
knnte, wenn drauen gerade ein Polizist umherschlich, senkten die
danebensitzenden Martin und Sim nur schweigend den Kopf auf die Brust.

Findling war tief ergriffen Zeuge dieser peinlichen Auftritte. Erschien
es ihm dabei zuweilen doch, als sei er nach so vielen frheren Prfungen
auch in der Farm von Kerwan noch nicht ans Ende seiner Leiden gekommen
und als sollte ihm die Zukunft noch schlimmere bringen.

Er zhlte jetzt achteinhalb Jahre. Fr sein Alter recht krftig und den
gewhnlichen Kinderkrankheiten glcklich entgangen, hatten weder Trbsal
und Leiden, noch schlechte Behandlung und mangelnde Pflege seinen
Organismus zu erschttern vermocht. Findling war bis zum Maximum
der Widerstandsfhigkeit geprft worden und zeigte eine erstaunliche
physische und moralische Festigkeit. Das erkannte man an den gut
entwickelten Schultern, der schon recht breiten Brust und seinen zwar
schlanken, doch nervigen und muskulsen Gliedern. Sein Haar frbte sich
dunkler und er trug es schlicht, statt der Locken, die ihm Mi Anna
Walston hatte brennen lassen. Seine tiefblauen, glnzenden Augen
verriethen eine auerordentliche Lebhaftigkeit, der leichtgeschlossene
Mund und das etwas krftige Kinn die Energie und Entschiedenheit
seines Charakters. Alles das hatte die Aufmerksamkeit der Farmerfamilie
wachgerufen. Diese ernsten und nachdenklichen Landleute Irlands sind
meist recht gute Beobachter. Auch den Bewohnern der Farm von Kerwan
hatte es nicht entgehen knnen, wie dieser Knabe sich durch seinen Sinn
fr Ordnung und durch regen Flei auszeichnete und da er sich bestimmt
emporarbeiten wrde, wenn er nur Gelegenheit fand, seine natrlichen
Anlagen zu bethtigen.

Die Zeit der Heu- und Getreideernte war durch die Witterung weit weniger
begnstigt, als im vorigen Jahre. Der Minderertrag an Krnerfrchten
erwies sich so bedeutend, wie man gefrchtet hatte, so da heuer keine
fremden Arbeitskrfte hinzugezogen zu werden brauchten. Dagegen war
die Kartoffelernte gut und damit die Ernhrung whrend der schlechten
Jahreszeit gesichert. Woher freilich das Geld kommen sollte, um Pacht
und Abgaben zu bezahlen, das wute niemand.

Der Winter trat frhzeitig ein, schon im September gab es den ersten
Frost, dem bald ergiebiger Schneefall folgte. Die Thiere muten eher als
sonst in den Stllen untergebracht werden, denn die weie Decke war so
tief und fest, da weder Schafe noch Ziegen ein Hlmchen darunter htten
erlangen knnen. Das lie einen Futtermangel fr den Winter befrchten.
Die Klugen, oder mindestens die, denen es an Mitteln nicht ganz
fehlte -- und zu diesen gehrte Martin Mac Carthy -- ergnzten ihre
Vorrthe durch Zukauf. Bei der Seltenheit der Waare muten sie freilich
hhere Preise anlegen und es wre vielleicht besser gewesen, den Bestand
an Vieh zu vermindern, das bei einer langen Ueberwinterung nur schwierig
zu erhalten war.

Der Frost, der den Boden bis auf einige Fu Tiefe zum gefrieren
bringt, ist ja berall sehr beschwerlich, vorzglich aber bei leichter,
kieselreicher Decke, wie in Irland, die auch die wenige Dngung, die man
darauf bringt, sehr mangelhaft zurckhlt. Dauert ein strenger Winter
dann aber gar noch lange an, so dringt der Frost ungemein tief in die
Erde und die Pflugschar ist nicht im Stande, den steinharten Humus zu
lockern. Kann dann die Saat nicht zeitig genug bestellt werden, so
droht das schlimmste Ungemach! Leider vermag der Mensch die klimatischen
Verhltnisse nicht zu beeinflussen. Er kann nur mit gekreuzten Armen
zusehen, wie seine Vorrthe sich immer weiter erschpfen.

Gegen Ende des Novembers verschlimmerte sich die Sache noch. Auf
Schneestrme folgte sehr strenge Klte. Hufig sank die Temperatur auf
neunzehn Centigrade unter Null herab.

Die von erhrtetem Schneepanzer bedeckte Farm glich mehr den im
Polargebiete verstreuten grnlndischen Htten. Die dicke Schneelage
hielt wenigstens die Kaminwrme im Innern etwas zurck; wenn man
sich aber hinausbegab in die zum Glck jetzt stille Atmosphre,
deren Molecle zu Eiskrnchen geworden zu sein schienen, da mute man
einigermaen vorsichtig sein. Zu dieser Zeit muten Martin Mac Carthy
und Murdock, um den in wenigen Wochen flligen Pachtzins zu beschaffen,
nun doch einen Theil ihres Viehbestandes, darunter eine Anzahl Schafe,
veruern. Sie durften auch gar nicht zgern, um das Geld noch von den
Hndlern in Tralee zu erhalten.

Es war jetzt der 15. December. Da der Wagen nur sehr beschwerlich htte
fortkommen knnen, beschlossen der Pchter und sein Sohn den Weg nach
der Stadt zu Fu zurckzulegen. Vierundzwanzig englische Meilen ( 1609
Meter) bei zwanzig Grad Klte zu berwinden, das war natrlich keine
so leichte Aufgabe. Voraussichtlich wrden sie zwei oder drei Tage
abwesend sein.

Nicht ohne Unruhe sah man sie mit dem Frhrothe die Farm verlassen.
Obwohl die Luft noch trocken war, drohten doch schwere, im Westen
lagernde Dnste mit einem baldigen Witterungsumschlag.

Martin und Murdock waren am 15. aufgebrochen, vor dem 17. konnte man sie
nicht zurckerwarten.

Bis zum Abend nderte sich das Wetter nicht merkbar, hchstens sank das
Thermometer noch um weitere zwei Grad. Des Nachmittags erhob sich etwas
Wind, und das gab einen neuen Grund zu Befrchtungen, denn im Thale des
Cashen wthen die Strme gar heftig, wenn sie sich vom Meere aus darin
fangen.

In der Nacht vom 16. zum 17. brach wirklich ein schwerer Sturm mit
heftigem Schneegestber aus. Zehn Schritte von der Farm htte man diese
in ihrem weien Mantel gar nicht mehr erkannt. Furchtbar krachten die
Eisschollen, die sich auf dem Flusse stieen. Jedenfalls waren Martin
und Murdock zu dieser Stunde aus Tralee schon wieder aufgebrochen,
sicherlich aber waren sie auch am 18. von da noch nicht heimgekehrt.

In der Nacht heulte und tobte es drauen ohne Unterla, zur groen
Beunruhigung aller Zurckgebliebenen. Sie konnten ja frchten, da die
Wanderer sich im tollen Schneetreiben verirrt htten. Vielleicht waren
sie gar nur wenige Meilen von der Farm erschpft zusammengebrochen und
liefen Gefahr, vor Hunger und Klte umzukommen....

Am nchsten Tage klrte sich der Himmel ein wenig auf und der Sturm
flaute ab. Infolge einer Drehung des Windes nach Norden verhrtete sich
der Schnee fast augenblicklich. Sim erklrte sich bereit, dem Vater und
dem Bruder in Begleitung Birks entgegenzugehen, und die brigen
stimmten ihm zu unter der Bedingung, da auch Martine und Kitty sich ihm
anschlieen drften.

Zu seinem Leidwesen mute also Findling bei der Gromutter und dem Baby
zu Hause bleiben.

Die andern sollten den Erwarteten auch nur bis auf zwei, hchstens drei
Meilen entgegengehen, dann aber nach Hause zurckkehren, selbst wenn es
Sim fr angezeigt hielt, noch eine Strecke weiter vorzudringen.

Eine Viertelstunde spter waren die Gromutter und Findling schon
allein. Jenny schlief in einem Zimmer neben der groen Stube, dem
Murdocks und Kittys. Ein Korb, der nach irischer Art an zwei an der
Decke befestigten Stricken hing, diente dem Kind als Wiege.

Der Lehnstuhl der Gromutter stand vor dem Kamine, in dem Findling mit
Torf und Holz ein tchtiges Feuer unterhielt. Von Zeit zu Zeit sah er
nach, ob sein Tchterchen nicht erwacht wre, da ihn jede Bewegung der
Kleinen beunruhigte, immer bereit, ihr etwas Milch zu reichen oder sie
auch wieder in Schlaf zu wiegen.

Voller Unruhe lauschte die Gromutter auf jedes Gerusch von drauen,
auf das Knistern des Schnees, der sich verhrtend auf dem Strohdach
zusammenzog, und auf die seufzerhnlichen Laute aus den Brettern, die da
und dort durch die Klte sprangen.

Du hrst nichts, Findling? fragte sie.

-- Nein, Gromutter!

Und nachdem er die Scheiben stellenweise von den glitzernden Eisblumen
befreit hatte, suchte der Knabe einen Blick nach dem wei berdeckten
Hofe zu werfen.

Gegen halb ein Uhr stie das kleine Mdchen einen leichten Schrei aus.
Findling eilte zu ihr hin. Da sie aber die Augen nicht geffnet hatte,
begngte er sich damit, sie aufs neue einzuwiegen.

Schon wollte er die bejahrte Frau, die er nicht gern allein lie, wieder
aufsuchen, als drauen ein merkwrdiges Gerusch entstand. Es klang wie
ein Scharren und Kratzen, das von dem an das Zimmer Murdocks grenzenden
Stalle herzukommen schien. Da die Zwischenwand aber aus Mauerwerk
bestand, schenkte er diesem Gerusch keine weitere Aufmerksamkeit.
Jedenfalls rhrte es von einigen Ratten her, die drauen unter den
Strohschtten umherliefen. Da auch das Fenster des Raumes geschlossen
war, schien ja nichts zu frchten sein.

Findling lie die Thr zwischen beiden Rumen offen stehen und ging zur
Gromutter zurck.

Nun, wie steht's mit Jenny? fragte diese.

-- Sie ist wieder eingeschlummert.

-- So bleib' also bei mir, mein Kind.

-- Ja, Gromutter!

Vor dem wrmenden Kamin sitzend, sprachen nun beide von Martin und
Murdock und von den andern, die diesen entgegengegangen waren.

Wenn diese nur nicht Unglck gehabt hatten, was ja bei so heftigem
Schneegestber nicht gar so selten vorkommt. Doch... die krftigen,
entschlossenen Mnner wrden sich schon zu helfen wissen, und wenn sie
heimkamen, erwartete sie ein prasselndes Feuer und ein dampfender Grok,
die Glieder wieder zu erwrmen.

Schon seit zwei Stunden waren Martine und die andern fortgegangen, doch
bis jetzt deutete nichts auf ihre baldige Zurckkunft.

Meinen Sie nicht, Gromutter, begann da Findling, da ich einmal hinaus
und bis zur Landstrae hin gehen sollte, um zu sehen, ob sie kommen?

-- Nein, nein, das Haus darf nicht allein bleiben, und das ist es, wenn
nur ich noch darin bin.

Beide setzten also ihr Gesprch fort, bald aber nickte -- was zuweilen
vorkam -- die bejahrte Frau vor zunehmender Abspannung ein.

Nach seiner Gewohnheit schob ihr Findling sanft ein Kissen unter den
Kopf und schlich lautlos zum Fenster, um durch eine etwas vom Eis
befreite Scheibe hinauszublicken.

Alles drauen war blendend wei, alles still wie auf einem Friedhofe.

Da die Gromutter schlummerte und Jenny im Nebenzimmer gut gebettet lag,
glaubte der Knabe jetzt einmal bis zur Landstrae laufen zu knnen, um
nach den Ausbleibenden zu sehen.

So schlpfte er denn geruschlos hinaus und schlo die Thr hinter sich
vorsichtig wieder. Bald bis ber die Knie in den Schnee versinkend,
erreichte er das Thor der Farm.

Auf der gleichmig weien Landstrae war niemand mehr zu erblicken und
kein Laut von Westen her zu vernehmen. Wren Martine, Kitty und Sim
in der Nhe gewesen, so htte sich gelegentlich gewi ein Gebell Birks
hren lassen.

Findling ging bis zur Mitte der Landstrae hin.

Da erweckte ein erneutes Scharren seine Aufmerksamkeit, das aber
nicht von der Strae, sondern vom Pachthofe her tnte und von einem
halberstickten Geheul begleitet schien.

Findling lauschte, ohne sich zu rhren, doch mit stark klopfendem
Herzen. Entschlossen wendete er sich dann nach den Stllen zu und
schlich aus Vorsicht mglichst geruschlos um deren Ecke.

Noch immer hrte er das Scharren von innen, hinter dem Winkel, in dem
Murdocks und Kittys Zimmer mit dem einen Stalle zusammenstie.

In der Vorahnung eines Unglcks drckte sich Findling lngs der Mauer
hin.

Kaum gelangte er um die Ecke, als ihm ein Aufschrei entfuhr.

Hier bemerkte er in der Wand, deren Mrtel durch die Lnge der Zeit
mrbe geworden sein mochte, ein ziemlich groes Loch, das nach dem
Zimmer fhrte, worin Jenny schlief.

Wer konnte hier durchgebrochen haben?... Ein Mensch?... Ein Thier?...

Ohne Zgern strmte Findling auf die Mauerlcke zu und versuchte hier
einzudringen.

In demselben Augenblicke aber entwich ein groes Thier daraus und warf
entfliehend den Knaben zur Erde.

Es war das ein Wolf... einer der starken Wlfe mit spitziger Schnauze,
die in langen Wintern haufenweise in Irland umherschweifen.

Nachdem dieser die Wand durchbrochen hatte und in das Zimmer gelangt
war, hatte er Jennys Wiege gepackt, deren Aufhngestricke dabei rissen,
und entfloh jetzt, indem er diese auf dem Schnee mit fortschleppte.

Das kleine Mdchen weinte jmmerlich.

Sein Messer fassend, strmte Findling, whrend er laut um Hilfe rief,
dem gefhrlichen Ruber nach. Daran, da der Wolf sich auf ihn strzen,
da er dabei das Leben aufs Spiel setzen konnte, dachte er mit keiner
Silbe. Er sah nur das Kind, wie es von dem mchtigen Thiere entfhrt
wurde.

Der Wolf entfloh mit groen Sprngen, da ihn die leichte Wiege mit dem
Kinde das Fortkommen nicht besonders erschwerte. Findling mute wohl
hundert Schritte weit laufen, ehe er ihn einholte.

Der Wolf hielt an, lie die Wiege los und wendete sich gegen seinen
Verfolger.

Dieser erwartete ihn festen Fues und ausgestreckten Armes, und als das
Thier ihm an den Hals springen wollte, bohrte er ihm das Messer tief in
die Seite. Trotzdem bi ihn der Wolf noch so heftig in den Arm, da er
halb bewutlos vor Schmerz im Schnee zusammenbrach.

Zum Glck lie sich, ehe ihm die Sinne vllig schwanden, ein lautes
Bellen vernehmen.

Das kam von Birk, der sich jetzt auf den Wolf strzte und diesen zur
Flucht nthigte.

Gleich darauf erschienen Martin Mac Carthy und Murdock, die in
der Entfernung von ber zwei Meilen mit Sim, Martine und Kitty
zusammengetroffen waren.

Die kleine Jenny war gerettet und ihre Mutter trug sie in den Armen
zurck nach dem Hause.

Findling, dessen Wunde Murdock vorlufig etwas geschlossen hatte, wurde
nach der Farm zurckgefhrt und im Zimmer der Gromutter in sein Bett
gebracht.

Sobald er wieder ganz bei Sinnen war, fragte er ngstlich:

Was ist mit Jenny geworden?

-- Sie ist hier, antwortete Kitty, hier... und lebend... das danken
wir Dir, Du braves Kind!

-- Ach, ich mchte sie so gern umarmen....

Und als er die Kleine unter seinem Kusse hatte lcheln sehen, da fielen
ihm vor Mattigkeit die Augen zu.




XV.

Ein schlechtes Jahr.


Die Verletzung Findlings erwies sich nicht als gefhrlich, ohwohl er
dadurch viel Blut verloren hatte. Wren die drei andern aber nur eine
Minute spter gekommen, so htten sie nur eine Leiche gefunden und wrde
Kitty ihr Kind nie wiedergesehen haben.

Natrlich wurde Findling in den wenigen Tagen bis zu seiner
Wiederherstellung aufs sorgfltigste gepflegt. Mehr als je empfand es da
der arme Knabe, da er, eine Waise von unbekannter Herkunft, jetzt eine
Familie hatte. Wie dankbar nahm er alle Liebe und Gte hin, zumal wenn
er an die vielen glcklichen Tage dachte, die er in der Farm schon
verlebt hatte. Um deren Zahl zu wissen, brauchte er ja nur die
Kieselsteine zu zhlen, wovon ihm Martin jeden Abend einen gegeben
hatte, doch mit ganz besondrer Freude sah er den Stein in seiner
Kruke verschwinden, den er am Abend nach dem Vorkommnisse mit dem Wolf
empfing.

Mit dem Neujahr setzte der Winter nochmals in alter Strenge ein und es
machten sich jetzt gewisse Vorsichtsmaregeln nthig. Aus der Umgebung
der Farm wurde das Erscheinen starker Banden von Wlfen gemeldet, deren
Zhnen die morschen Wnde des Hauses kaum widerstanden htten. Martin
und seine Shne muten wiederholt auf die hungernden Bestien Feuer
geben. So war es in der ganzen Grafschaft, wo das Land in den langen
Nchten von erschreckendem Geheul widerhallte.

Dieses Jahr brachte einen jener schlimmen Winter, die ber das nrdliche
Europa die eisigschneidenden Winde des Polarbeckens zu entfesseln
scheinen. Immer blieb eine nrdliche Luftstrmung vorherrschend und
diese fhrt ja bekanntlich die schlimmste Klte mit sich. Leider drohten
diese Verhltnisse sich lange auszudehnen, wie die algide Periode bei
von Fieber verzehrten Kranken. Und wenn die Kranke die Erde ist, die
sich verzieht, wie die Lippen eines Sterbenden, die unter dem Einflu
der Klte zu Stein verhrtet, dann mchte man glauben, da ihre
Fruchtbarkeit fr immer erlschen msse, wie es fr jene todten
Weltkrper gilt, die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren.

Die Befrchtungen des Farmers und seiner Familie waren bei der
ungewhnlichen Hrte des Winters also gewi gerechtfertigt. Durch den
Verkauf eines Theils seiner Schafe hatte Martin inde das Geld fr
Abgaben und Pachtzins herbeischaffen knnen, und als sich der Middleman
zu Weihnachten einstellte, erhielt er unverkrzt, was ihm zukam. Das
verwunderte den Mann ein wenig, denn in den meisten Farmen blieb er
unbefriedigt und hatte den gerichtlichen Weg zur Austreibung der Pchter
einschlagen mssen. Martin Mac Carthy wute freilich auch nicht, wie er
im nchsten Jahre seinen Verpflichtungen werde nachkommen knnen, wenn
es ihm an dem nthigen Saatgetreide fehlte.

Hierzu kam auch noch weiteres Unglck. Infolge der bis auf dreiig Grad
unter Null herabsinkenden Klte gingen in den Stllen vier Pferde und
fnf Khe ein, da es unmglich gewesen war, die in verfallenem Zustande
befindlichen Gebude, welche dem Anpralle des Sturmes nicht mehr
gewachsen waren, gengend dicht geschlossen zu halten. Auch der
Hhnerhof erlitt trotz aller Bemhungen, die man auf ihn verwandte,
empfindliche Verluste. Jeden Tag wuchs die Deficitseite in Findlings
Notizbuche. Am bedrohlichsten aber erschien es, da auch das Wohnhaus
der Zerstrung durch die Witterung anheimfallen knnte. Martin, Murdock
und Sim blieben deshalb auch unausgesetzt thtig, dasselbe auszubessern
und widerstandsfhiger zu machen.

Manchmal kamen ganze Tage, an denen kein Mensch einen Fu ins Freie
setzen konnte. Die Wege, auf denen mannshoher Schnee lag, waren vllig
ungangbar. Die am Geburtstage Jennys mitten im Hofe gepflanzte Tanne
streckte nur noch den vom Rauchfrost weien Kopf hervor. Um zu den
Stllen zu gelangen, mute ein Gang ausgeschaufelt und dieser tglich
zweimal gereinigt werden. Ebenso gelang die Befrderung des Futters von
einem Hofgebude zum andern nur mit grter Mhe.

Ganz unfabar schien es, da die Klte trotz des fort und fort
herabfallenden Schnees nicht nachlie. Freilich rieselte der Schnee
nicht in leichten sternfrmigen Flocken nieder, sondern strmte wie
ein Platzregen aus kleinen Eiskrystallen einher, die sich in den tollen
Luftwirbeln jagten. Hierdurch werden alle Bume und Strucher mit
perennierenden Blttern der letzteren vollstndig beraubt.

Zwischen den Ufern des Cashen bildete sich allmhlich ein Eisschutz von
enormem Umfang. Fast glich dieser einem wirklichen Eisberge und legte
die Befrchtung weiterer Unflle bei eintretendem schnellen Thauwetter
nahe. Wlzte dann der Flu seine Wassermassen bis an die Farm heran,
so htten Martin und seine Shne gewi nicht mehr gewut, wie sie die
Baulichkeiten derselben schtzen sollten.

Fr jetzt lagen ihnen jedoch andre Sorgen, die fr die Pflege und
Ernhrung des Viehbestandes, nher. Von der Geiel des Orkans wurden
die Strohdcher der Stallungen zerrissen, und diese muten zunchst
ausgebessert werden. Was von den Schafen, den Khen und Pferden noch
brig war, blieb mehrere Tage der auerordentlichen Klte ausgesetzt,
und mehrere von den Thieren kamen noch vor Frost um. So muten denn
die Dcher trotz des schneidenden Sturmwindes wohl oder bel
wiederhergestellt werden, und es machte sich dazu nthig, den vordern
Theil der nach der Strae zu gelegenen Stallungen ganz abzudecken, um
mit dem gewonnenen Langstroh andre Lcken zu verschlieen.

Das Wohnhaus der Familie Mac Carthy blieb auch nicht verschont. Eines
Nachts strzte die Mansarde ein, und Sim, der sie bewohnte, mute nach
dem groen Zimmer im Erdgescho bersiedeln. Da nun aber auch von diesem
die Decke bedroht war, weil sich der Schnee immer mehr darber anhufte,
mute diese mit rohen Pfhlen gesttzt werden.

Auch weiterhin verlor der Winter nichts an seiner Strenge. Der Februar
blieb noch ebenso kalt, wie der Januar und die Mitteltemperatur hielt
sich auf zwanzig Grad unter Null. Die Insassen der Farm glichen mehr
Schiffbrchigen im Polarmeere, die das Ende des Winters nicht abzusehen
vermgen. Leider drohte hier das endliche Thauwetter mit neuen
Katastrophen, wenn der Cashen weit aus seinen Ufern trat.

Zum Glck war auf der Farm kein Nahrungsmangel zu frchten; an Fleisch
und Zuspeisen fehlte es nicht; dazu lieferten die nur durch den
Frost umgekommenen und jetzt leicht zu conservierenden Thiere einen
reichlichen weiteren Vorrath. Wurde der Hhnerstall decimiert, so
ertrugen die Schweine die niedrige Temperatur ganz gut, und schon durch
sie allein wre die Ernhrung der Pchterfamilie auf sehr lange Zeit
gesichert gewesen. Was das Heizmaterial anging, brauchten sie nur die
vom Sturme abgebrochenen Zweige aus dem Schnee aufzulesen, um an Torf zu
sparen, der allmhlich zur Neige ging.

Krftig und gesund, von langer Zeit her abgehrtet, erwiesen sich jedoch
der Vater und dessen Shne dem rauhen Klima vllig gewachsen und auch
der Findling zeigte eine erstaunliche Widerstandsfhigkeit. Bisher
hatten sich auch die Frauen, Martine und Kitty, ohne sich der
allgemeinen Arbeit zu entziehen, recht wohl befunden. Die kleine Jenny,
immer im dicht verschlossenen Zimmer gehalten, wuchs wie eine Pflanze im
Warmhause auf. Dagegen schien die Gromutter, trotz aller ihr gewidmeten
Pflege, ernstlicher angegriffen zu sein. Ihre krperlichen Leiden wurden
von der heimlichen Angst, die Zukunft der Ihrigen bedroht zu sehen,
natrlich noch verschlimmert. Das war mehr als sie aushalten konnte und
bereitete der ganzen Familie recht schmerzliche Unruhe.

Im April wurde die Temperatur wieder normaler und stieg endlich ber den
Gefrierpunkt. Der Erdboden brauchte aber noch die ganze Wrme des Mai,
um seiner Eiskruste ledig zu werden, und zur Einsaat war es also schon
spt, sehr spt. Die Futterkruter konnten vielleicht noch gedeihen, die
Getreidearten aber schwerlich reif werden. So dachte man schon daran,
das Saatkorn nicht unntz zu verwenden und sich lieber des Anbaues von
Gemse und Knollenfrchten zu befleiigen, deren Ernte im October
zu erwarten war, -- vorzglich der Kartoffeln, durch die das Land
wenigstens vor den Schrecken einer Hungersnoth bewahrt blieb.

Nach der Schneeschmelze zeigte sich der Erdboden leider fnf bis sechs
Fu tief fest gefroren. Das war keine zerreibliche Erde mehr, sondern
ein Humus von Granit, in dem keine Pflugschar eine Furche aufreien
konnte.

Der Anfang der Feldarbeiten mute bis zu den letzten Tagen des Mai
hinausgeschoben werden. Die Erde schien alle Wrme verloren zu haben, so
langsam thaute die Schneedecke hinweg, und in den mehr bergigen Theilen
der Grafschaft dauerte das gar bis in den Juni hinein.

Der Beschlu, sich auf den Anbau von Kartoffeln zu beschrnken und auf
Getreide ganz zu verzichten, wurde ganz allgemein gefat. Was auf der
Farm von Kerwan geschah, wiederholte sich in allen andern Farmen des
Gebietes von Rockingham. Dieselbe Manahme beschrnkte sich nicht
allein auf die Grafschaft Kerry, sondern erstreckte sich auch ber die
Westirlands in Munster, wie in Connaught und Ulster. Nur die Provinz
Leinster war eher frei von Schnee und hier konnte die Feldbestellung
noch mit einiger Aussicht auf Erfolg vorgenommen werden.

Die Folge war also, da die schwergeprften Pchter sich tchtig
anstrengen muten, um die Felder fr den Anbau von andern Frchten
und Gemsen in Stand zu setzen. In der Farm von Kerwan unterzogen sich
Martin und seine Shne dieser Arbeit, die fr sie um so beschwerlicher
war, weil es ihnen an Zugthieren fehlte. Nur ein einziges Gespann, von
einem Pferde und dem Esel gebildet, stand ihnen zur Verfgung.

Mit unausgesetztem Fleie gelang es ihnen jedoch bei je zwlfstndiger
Arbeit nach und nach einige dreiig Acres zu bepflanzen, freilich mit
der Befrchtung, da ein vorzeitiger Winter sie auch um die Frucht
dieser Mhen bringen knnte.

Da ereignete sich noch ein allen Gegenden Irlands gemeinsames Unglck.
Gegen Ende des Juni brannte die Sonne so hei, da der noch auf den
Bergen lagernde Schnee sehr schnell niederschmolz. Am schlimmsten hatte,
ihrer vielverzweigten Wasserlufe wegen, hiervon die Provinz Munster zu
leiden. In der Grafschaft Kerry steigerte sich das bis zur wirklichen
Katastrophe. Die vielen Flsse schwollen mchtig an und verursachten
ausgedehnte Ueberschwemmungen. Viele Huser fielen der Fluth zum Opfer.
Ueberrascht von der pltzlich eintretenden Wassersnoth warteten die
Bewohner derselben vergeblich auf Hilfe. Fast alles Vieh kam um,
und gleichzeitig wurde die so mhsam vorbereitete Ernte vollstndig
vernichtet.

In der Grafschaft Kerry verschwand ein Theil der Domne Rockingham unter
den Fluthen des Cashen.

Vierzehn Tage lang blieb die Umgebung der Farm auf einen Umkreis von
zwei bis drei Meilen in einen See verwandelt -- in einen See mit wilden
Strmungen, die entwurzelte Bume, Trmmer von Htten, abgehobene Dcher
und auch die Cadaver der Thiere, deren die Bauern sehr viele verloren,
in brodelndem Strudel mit sich fortrissen.

Die Ueberschwemmung erstreckte sich bis zu den Scheuern und Stallungen
der Farm, die davon fast gnzlich zerstrt wurden. Trotz unmenschlicher
Anstrengung gelang es, auer bezglich einiger Schweine, nicht, die
noch vorhandenen Thiere zu retten. Wurde das Wohnhaus auch von der
Fluth nicht weggetragen, so reichte diese doch bis zum Niveau des
Erdgeschosses heran, und auch dieses war in der schlimmsten Nacht recht
schwer bedroht.

Den Todessto aber erhielt das Land weithin durch die Vernichtung
der erhofften Kartoffelernte, denn die Fluthen hatten auch die
Setzkartoffeln herausgesplt.

Noch niemals hatte die Familie Mac Carthy auf ihrem Pachtgute eine
solche Kette von Migeschick erlitten, niemals hatte sich dem irischen
Farmer der Ausblick in die Zukunft so schwer verdstert. Jetzt war seine
Lage thatschlich unhaltbar und die Existenz der unglcklichen Leute
ernstlichst bedroht. Martin wute wahrlich nicht, was er antworten
sollte, wenn ihm die Staatsabgaben und die Pachtzinsen abgefordert
wrden.

Die Lasten eines solchen Pchters sind in der That gar so schwer. Wenn
der Steuereinnehmer und der Pachtcassierer sich einstellen, wandert
stets der allergrte Theil seines Baarvermgens in deren Tasche.
Haben die Latifundienbesitzer auch dreihunderttausend Pfund Sterling an
Grundrente und sechshunderttausend Pfund Armenabgabe zu leisten, so sind
die Bauern doch noch mehr bedrckt durch persnliche Lasten, d.h. durch
die Abgaben fr Straen und Brcken, fr Polizei und Justiz, fr die
Gefngnisse und ffentlichen Arbeiten... was zusammen die ungeheure
Summe von einer Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark) ausmacht, und
zwar allein fr das arme Irland.

Ist die Ernte gut ausgefallen, hat das Jahr einige Ersparnisse
ermglicht, kurz, sind die Verhltnisse gnstig gewesen, so wird es
dem Pchter schon schwer genug, den Anforderungen des Staates und der
Gemeinde zu entsprechen, whrend er ja berdies noch den Pachtschilling
aufzubringen hat. Was beginnt er aber, wenn sein Land nur drftigen
Ertrag lieferte, wenn Winterfrost und Ueberschwemmungen die Felder
verwsteten und dann die Gespenster des Hungers und der drohenden
Vertreibung aus seinem Gtchen am Horizonte aufsteigen? Alles das
hindert ja den Einnehmer nicht, zur gewhnlichen Zeit vorzusprechen, und
nach seinem Besuche... sind die letzten Sparpfennige verschwunden. So
stand es jetzt Martin Mac Carthy bevor.

Frohe festliche Stunden, wie sie Findling in der ersten Zeit seines
Aufenthaltes hier kennen gelernt hatte, gab es jetzt nicht mehr. Aus
Mangel an Arbeit rasteten alle, und so sa die ganze Familie in den
langen Sommertagen verzweifelt bei der Gromutter, die zusehends
schwcher und schwcher wurde.

Die traurigen Unglcksflle hatten die meisten Bezirke der Grafschaft
gleichmig betroffen. Von Eintritt des Winters 1881 an hrte man schon
berall von einem allgemeinen Boycott sprechen, einer Einstellung
aller nothwendigen Feldarbeiten, um eine Weiterverpachtung und jeden
sofortigen Anbau des Ackerlandes zu hintertreiben -- eine Maregel,
die den Pchter ebenso wie den Grundeigenthmer ruiniert. Durch
solche unberlegte Mittel wird sich Irland niemals den Fesseln der
Feudalherrschaft entziehen, nie eine allmhliche Ueberlassung des Bodens
in das wirkliche Eigenthum der Kleinpchter erwirken und wird es nie die
verderblichen Gepflogenheiten des Landlordismus beseitigen knnen.

Die Erregung verdoppelte sich inde in den von so vielem Unglck
betroffenen Kirchspielen. Vor allen zeichnete sich Kerry aus durch den
Widerhall aus seinen Meetings und durch die Khnheit der Verfechter der
Autonomie, die es unter Entfaltung der Fahne der Landliga durchzogen. Im
Vorjahre schon war Parnell in drei Wahlbezirken gewhlt worden.

Zum Schrecken seiner Gattin und seiner Mutter strzte sich Murdock
ohne alle Rcksicht in den Strudel dieser Bewegung. Frost und
Hunger trotzend, eilte er von Ort zu Ort, um Einigkeit in der
Pachtzinsverweigerung zu erzielen und eine Weiterverpachtung der Felder
nach etwaiger Vertreibung der jetzigen Pchter unmglich zu machen.
Martin und Sim htten vergeblich versucht, ihn zurckzuhalten. Im Grunde
stimmten sie ihm ja vllig bei, da sie sahen, da alle ihre Mhe und
Arbeit nun doch zu... nichts anderem gefhrt hatte, als da man sie in
der nchsten Zeit aus der so lange von ihrer Familie bewirthschafteten
Farm von Kerwan verjagen wrde.

Die Regierung aber hatte, in Voraussicht von Unruhen nach einem so
verderblichen Jahre, bereits ihre Maregeln getroffen. Schon schwrmten
Abtheilungen der =mounted constabulary= (berittene Polizei) durch das
Land, mit der Anweisung, die Gerichtsdiener und Hscher mit
bewaffneter Hand zu untersttzen. Ebenso hatten sie, wenn nthig,
die Volksversammlungen mit Gewalt zu sprengen und die brigens schon
bekannten fanatischen Agitatoren zu verhaften. Wenn Murdock zu diesen
augenblicklich vielleicht noch nicht gehrte, so mute das gewi sehr
bald der Fall sein. Uebrigens vermgen die Irlnder ja gegen ein System,
das sich auf dreiigtausend alle Zeit fertige Gewehre sttzt, doch
nichts auszurichten.

Nun vergegenwrtige man sich die qulende Angst der Familie Mac Carthy!
Sobald von der Strae Schritte ertnten, wurden Martine und Kitty
todtenbleich. Die Gromutter richtete langsam den Kopf auf und lie ihn
kraftlos wieder niedersinken. Immer frchteten die Frauen, es knnten
Polizisten eindringen, um Murdock und vielleicht auch dessen Vater und
Bruder in Haft zu nehmen.

Wiederholt hatte Martine ihren ltesten Sohn angefleht, sich den, den
hervortretenden Mitgliedern der Landliga drohenden, Maregeln nicht
auszusetzen. Erst waren in den Stdten Verhaftungen vorgenommen worden,
und auf dem Lande muten solche bald folgen. Murdock htte sich dann
kaum verbergen knnen. An die Aufsuchung einer Zufluchtssttte in den
Felsenhhlen der Kste oder im Dickicht des Waldes war im Winter gar
nicht zu denken. Murdock wollte sich von Frau und Kind auch nicht
trennen, und wenn er auch in den weniger berwachten Grafschaften des
Nordens htte etwas mehr Sicherheit finden knnen, so fehlte es ihm doch
an Mitteln, Kitty dahin mitzunehmen und fr deren Unterhalt zu sorgen.
Die Casse der Nationalisten war, trotz ihres Bestandes von zwei
Millionen Pfund, nicht in der Lage, die Erhebung gegen den Landlordismus
siegreich durchzufhren.

Murdock blieb also in der Farm, doch stets bereit zur Flucht, wenn die
Constabler hier etwa zu einer Haussuchung eintrfen. Findling und Birk
blieben in der Umgebung auf der Wacht. Niemand htte sich bis auf eine
halbe Meile nhern knnen, ohne bemerkt und gemeldet zu werden.

Weit mehr beunruhigte Murdock brigens das nchste Erscheinen des
Pachtcassierers, der die zu Weihnachten fllige Bodenrente einzuholen
kme.

Bisher war Martin Mac Carthy immer im Stande gewesen, seinen
Verpflichtungen aus dem laufenden Ertrage der Farm und im Nothfall aus
frheren Ueberschssen nachzukommen. Nur ein- oder zweimal hatte er,
wenn auch mit Mhe, eine kurze Gestundung erbeten und erlangt, um die
volle Summe herbeizuschaffen. Heute wute er leider nicht, woher das
Geld kommen oder was er verkaufen sollte, da ja nichts mehr vorhanden
war, weder von den Hausthieren, die er zum Theil verloren hatte, noch
von seinen Ersparnissen, die schon von den Staatsabgaben aufgezehrt
waren.

Der Eigenthmer der Domne von Rockingham war -- wie schon erwhnt --
ein englischer Lord und noch niemals nach Irland gekommen. Beseelten ihn
auch die besten Absichten bezglich seiner Pchter, so kannte er diese
doch nicht und konnte ebenso wenig fr sie im Einzelfalle eintreten,
wie diese sich an ihn selbst wenden. Der Middleman, der die Ausbeute der
groen Besitzung auf eigne Rechnung bernommen hatte, wohnte in Dublin.
Auch er kam mit den Pchtern nur selten in Berhrung und berlie es
einem Unterbeamten, die Grundrenten zur gewohnten Zeit einzuziehen.

Dieser Mann, der sich jhrlich beim Pchter Mac Carthy einfand, hie
Harbert. Rauh und hart, zu sehr gewhnt an den Anblick des Elends, um
davon noch ergriffen zu werden, war er mehr eine Art Gerichtsbote, ein
Hscher, den kein Bitten und Flehen zu erweichen vermochte. Bei seinen
Besuchen in den Farmen der Grafschaft hatte er schon gengend bewiesen,
wessen er fhig war -- hatte ohne Gnade so manche unglckliche Familie
in die Winterklte hinausgetrieben, selbst ohne Gewhrung einer Frist
zur Beschaffung eines andern Unterkommens. Mit bestimmten Vorschriften
hinausgeschickt, schien es, als ob der Mann sich ein Vergngen daraus
machte, diese in aller Hrte auszufhren. Die Grne Insel ist ja das
Land, aus dem der traurige Ausspruch herstammt: Man verletzt das Gesetz
nicht, wenn man einen Irlnder tdtet!

In Kerwan herrschte jetzt die schlimmste Unruhe. Der Besuch Harbert's
konnte nicht mehr lange ausbleiben. Die letzte Decemberwoche bentzte er
gewhnlich, die Domne von Rockingham zu bereisen.

Am Morgen des 29. December kam Findling, der jenen zuerst bemerkt hatte,
athemlos nach dem Hause gelaufen, um die Familie in der groen Stube von
dem Eintreffen des gefrchteten Mannes zu benachrichtigen.

Alle -- der Vater, die Mutter, die Shne, die Urgromutter und ihre
Urenkelin, die Kitty auf den Knien hielt -- waren hier beisammen.

Der Beamte stie das Gitterthor auf, schritt sicher und fest -- mit
dem Tritte des Herrn -- durch den Hof, ffnete die Thr des Zimmers und
setzte sich, sogar ohne den Hut abzunehmen, ohne einen Guten Tag, wie
einer, der sich hier weit mehr zu Hause fhlte als die Insassen der
Wohnung, auf einen Stuhl vor dem Tische, zog einige Papiere aus einem
Lederportefeuille und sagte ohne Vorrede.

Fr das verflossne Jahr hab ich hundert Pfund zu bekommen, Mac Carthy.
Das stimmt doch wohl?...

-- Gewi, Herr Harbert, antwortete der Farmer mit leise zitternder
Stimme. Es macht hundert Pfund. Ich werde Sie aber um einen kleinen
Aufschub bitten mssen... den Sie mir ja schon frher einige Mal
bewilligt hatten....

-- Einen Aufschub... immer Aufschub? unterbrach ihn Harbert. Was soll
das heien? Diesen Refrain hr' ich nun schon in allen Farmen. Kann denn
Herr Eldon seine Verpflichtungen gegen den Lord Rockingham mit lauter
Aufschben ausgleichen?

-- Das Jahr ist fr alle sehr schlecht gewesen, Herr Harbert, und Sie
drfen glauben, da auch unsre Farm davon betroffen wurde....

-- Das geht mich nichts an, Mac Carthy. Ich kann Ihnen keinen Aufschub
bewilligen!

In eine finstre Ecke gedrckt, mit gekreuzten Armen und weit geffneten
Augen war Findling Zeuge dieses Auftritts.

Ich bitte Sie, Herr Harbert, haben Sie Mitleid mit den Armen!... Es
handelt sich ja nur darum, uns etwas Zeit zu gnnen. Der halbe Winter
ist schon vorbei, und er ist auch nicht zu streng gewesen. Im nchsten
Erntejahre werden wir uns erholen...

-- Wollen Sie jetzt bezahlen oder nicht, Mac Carthy?

-- Wir mchten's ja gern, Herr Harbert... so hren Sie doch... ich
versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, da es uns unmglich ist...

-- Unmglich! rief der herzlose Beamte. So verschaffen Sie sich Geld
durch den Verkauf....

-- Das haben wir gethan, doch was uns davon verblieb, wurde durch die
Ueberschwemmung im Frhjahr vernichtet. Fr das Mobiliar im Hause
bekmen wir ja keine hundert Schillinge!

-- So? Und jetzt, wo sie nicht einmal imstande sind, die Feldarbeiten
wieder aufzunehmen, rief der Beamte, jetzt denken Sie durch die nchste
Ernte alles wieder einzubringen? Halten Sie mich denn fr einen Narren,
Mac Carthy?

-- Nein gewi nicht, Herr Harbert, da sei Gott vor! Doch aus Mitleid,
rauben Sie uns nicht die allerletzte Hoffnung!

Bewegungslos und stumm unterdrckten Murdock und sein Bruder nur mhsam
die innere Emprung, als sie ihren Vater sich vor diesem Menschen so
bcken und beugen sahen.

Eben hatte sich die Gromutter in ihrem Lehnstuhle halb aufgerichtet und
begann mit ernster Stimme:

Herr Harbert, ich bin siebenundsiebzig Jahre alt und lebe seit
siebenundsiebzig Jahren auf diesem Pachthofe, den mein Vater vor meinem
eignen Manne und vor meinem Sohne bewirthschaftete. Bis zum heutigen
Tage haben wir unsern Pachtzins noch stets auf Heller und Pfennig
gezahlt, und jetzt, wo wir Sie zum ersten Male um einen Aufschub bis
zur nchsten Ernte ersuchen, kann ich nimmermehr glauben, da der Lord
Rockingham uns von hier zu vertreiben beabsichtige....

-- Um den Lord Rockingham handelt es sich hier auch gar nicht!
fiel Harbert barsch ein. Der Lord Rockingham kennt Sie ja nicht im
geringsten. Der Herr John Eldon aber kennt Sie... er hat mir bestimmte
Befehle ertheilt, und wenn sie mich nicht bezahlen, verlassen Sie
einfach die Farm von Kerwan....

-- Kerwan verlassen! schrie Martine, bleich wie eine Todte, auf.

-- Binnen acht Tagen!

-- Und wo werden wir ein Obdach finden?

-- Wo es Ihnen pat!

Findling hatte schon manche traurige Dinge mit angesehen, hatte selbst
schon viel des Schweren erduldet, und doch schien es ihm, als bertrfe
das, was hier vorging, alle seine schlimmsten Erfahrungen. Ohne von
Thrnen und Klagen begleitet zu sein, war der Auftritt doch um so
ergreifender.

Inzwischen hatte sich Harbert erhoben und fragte, ehe er die Papiere
wieder einsteckte:

Zum letzten Male also: wollen Sie bezahlen?

-- Und womit denn?

Murdock war es, der diese Gegenfrage mit lauter Stimme aufwarf.

Jawohl... womit denn? wiederholte er, langsam an den Beamten
herantretend.

Harbert kannte Murdock schon lange: er wute auch, da dieser einer der
eifrigsten Vorkmpfer der Liga gegen den Landlordismus war, und
ohne Zweifel kam ihm hierbei der Gedanke, da sich jetzt eine gute
Gelegenheit biete, das Land von ihm zu befreien. In der Meinung, es
nicht nthig zu haben, gegen ihn Schonung walten zu lassen, antwortete
er ironisch und mit verchtlichem Achselzucken:

Womit bezahlen, fragen Sie?... Nun freilich, nicht damit, da man nach
allen Meetings luft, sich den Emprern anschliet, nicht damit, da man
die Bodeneigenthmer boycottirt... Nur durch Arbeit...

-- Durch Arbeit! fiel Murdock ihm ins Wort, indem er dem Manne seine
schwieligen Hnde entgegenstreckte. Hier, diese Hnde haben wohl nicht
gearbeitet? Glauben Sie etwa, mein Vater, meine Mutter, meine
Brder htten seit so vielen Jahren hier auf dem Hofe nur die Arme
zusammengeschlagen?... Herr Harbert, sprechen Sie nicht solche Worte,
denn ich bin nicht imstande, dergleichen anzuhren....

Murdock begleitete seine Rede mit einer Bewegung, vor der der Beamte
zurckwich. Jener aber machte jetzt dem ganzen Ingrimm Luft, den sociale
Ungerechtigkeit in seinem Herzen aufgespeichert hatte, und er that dies
mit der Eindringlichkeit des Ausdruckes, die der irischen Sprache
so eigen ist, der Sprache, von der es heit: Wenn Du Dein Leben
vertheidigst, so thu' es in irischer Zunge! -- Und sein Leben galt
es ja, wie das Leben der Seinigen, als er sich zu so schrecklichen
Drohungen hinreien lie.

Als er sich das Herz erleichtert hatte, setzte er sich an der Seite
nieder.

Sim fhlte die Wuth in sich aufflammen, wie das Feuer unter dem Roste.

Martin Mac Carthy stand mit gesenktem Kopfe da und wagte nicht, das
peinliche Schweigen zu brechen, das auf Murdocks zornige Worte gefolgt
war.

Harbert dagegen sah alle wie vorher mit verchtlichem Hochmuth an.

Da erhob sich Martine und wandte sich an den Beamten.

Herr Harbert, begann sie, lassen Sie auch mich die Bitte wagen, uns
einen Aufschub zu verwilligen... das wird es ermglichen, Sie zu
bezahlen... nur wenige Monate... und bei fleiigster Arbeit...
sollten wir auch selbst dabei zu Grunde gehen!... Ich flehe Sie an...
ich bitte Sie auf den Knien... haben Sie Erbarmen!

Die unglckliche Frau sank in die Knie vor dem herzlosen Manne, der sie
schon durch seine freche Haltung verletzte.

Genug, Mutter!... Zuviel... zuviel schon der Erniedrigung! rief
Murdock, der Martine zum Aufstehen zwang. Mit Bitten und Flehen
antwortet man solchem Elenden nicht!

-- Nein, versetzte Harbert, ich sehe auch nicht ein, wozu die vielen
Worte ntzen sollen. Geld... das Geld augenblicklich her, oder Ihr seid
vor Ablauf von acht Tagen alle von Haus und Hof verjagt....

-- Vor Ablauf von acht Tagen, mag sein! rief Murdock. Jetzt kommen Sie
aber erst an die Reihe, jetzt werf' ich Sie zur Thr des Hauses hinaus,
in dem wir noch Herr sind....

Damit drang er auf den Beamten ein, fate ihn, hob ihn auf und
schleuderte ihn auf den Hof hinaus.

Was hast Du gethan, mein Sohn, was hast Du angerichtet? sagte Martine,
whrend alle brigen die Kpfe hngen lieen.

-- Nur das, was jeder Irlnder thun sollte, antwortete Murdock, die
Lords von Irland verjagen, wie ich diesen Agenten aus unsrer Farm
verjagt habe!




XVI.

Die Austreibung.


So gestaltete sich die Lage der Familie Mac Carthy zu Anfang des Jahres
1882. Findling hatte sein zehntes Lebensjahr vollendet. Ein kurzes
Leben, wenn man nur die verflossene Zeit veranschlagt, ein langes, wenn
man auch die Schicksale des Knaben bercksichtigt. Er zhlte bis jetzt
nur drei glckliche Jahre -- die Jahre, die er seit seinem Eintreffen in
der Farm von Kerwan verbracht hatte.

Jetzt strmte das Unglck, wie er es einst getragen, auch ber die
herein, die er in der Welt am innigsten liebte, ber diese Familie, die
so ganz zur seinigen geworden war. Das Unheil sollte alle Bande, die
Brder, Mutter, Kinder verknpften, mit roher Hand zerreien. Alle
wrden gezwungen sein, von einander zu scheiden, sich zu zerstreuen,
vielleicht Irland zu verlassen, da die Heimatinsel ihnen auch den
bescheidensten Unterhalt nicht zu bieten vermochte. Im Laufe der letzten
Jahre waren bereits dreiundeinehalbe Million Pchter von ihrem Hofe
vertrieben worden, und was so viele getroffen hatte, sollte das dem
Pachter von Kerwan erspart bleiben?

Gott erbarme sich des armen Landes! Der Hunger wthet hier wie eine
Volksseuche, wie ein grausamer Krieg. Dieselben Geieln, dieselben
Folgen.

Noch ist der Winter von 1740-1741 in frischer Erinnerung, wo so viele
der Entbehrung zum Opfer fielen, und ebenso das noch schrecklichere
Jahr 1847, das schwarze Jahr, das die Zahl der Landesbewohner um fast
fnfmalhunderttausend verminderte.

Wenn die Ernten fehlschlagen, werden hier ganze Drfer entvlkert. Man
kann durch die offen gebliebene Thr der Farmen eintreten: keine Seele
ist mehr darin. Die Pchter sind ohne Gnade vertrieben worden, der
Landbau ist im Herzen getroffen. Wenn nur Weizen, Roggen, Hafer und
Gerste miriethen, so konnten die Leute zur Noth ein besseres Jahr
abwarten. Hat aber ein allzu strenger und andauernder Winter die
Kartoffel getdtet, dann bleibt dem Bewohner des flachen Landes nichts
andres brig, als in die Stadt zu flchten und hier das =work house=
aufzusuchen, wenn er's nicht vorzieht, frheren Auswandrern zu folgen.
In diesem Jahre muten sich eine Menge Ackerbauer dazu entschlieen.
Viele waren mit sich schon einig. In Folge hnlicher Calamitten
hat sich die Bevlkerung einzelner Grafschaften sehr betrchtlich
vermindert. In frherer Zeit hat Irland wahrscheinlich gegen zwlf
Millionen Seelen beherbergt, jetzt leben allein in den Vereinigten
Staaten von Amerika sechs bis sieben Millionen Ansiedler irischer
Abkunft.

Zur Auswandrung schien ja auch die Familie Mac Carthy verurtheilt
zu sein. Weder die Whlereien der Landliga, noch die Meetings, denen
Murdock beiwohnte, konnten an diesem Sachverhalt etwas ndern. Die
Hilfsquellen des =poor-board= (Armenamtes) erwiesen sich gegenber
so vielen Bedrftigen als unzureichend. Die von der Vereinigung der
=home-rulers= genhrte Casse mute bald geleert sein. Einer Erhebung
gegen die Grogrundbesitzer, den Plnderungen, die eine solche
jedenfalls im Gefolge haben wrde, war der Lordlieutenant entschlossen,
mit Gewalt entgegenzutreten. Das erkannte man schon an dem Auftauchen
zahlreicher Polizeiagenten in den verdchtigen -- oder ebenso richtig:
in den am schlimmsten betroffenen -- Grafschaften des Landes.

Gewi wre fr Murdock die grte Vorsicht angezeigt gewesen, er aber
spottete der Gefahr. Glhend vor Wuth, bethrt von Verzweiflung verlor
er gnzlich die Herrschaft ber sich, stie die furchtbarsten Drohungen
aus und hetzte die Bauern zum Aufstande. Durch sein Beispiel angesteckt,
compromittierten sich sein Vater und sein Bruder kaum weniger. Nichts
vermochte sie mehr zu zgeln. Findling, der immer das Erscheinen eines
Polizeiaufgebotes frchtete, hielt treulich Wache in der Umgebung der
Farm.

Inzwischen lebte man hier von den letzten Hilfsmitteln. Um etwas Geld zu
beschaffen, waren einige Mbelstcke verkauft worden. Und jetzt sollte
der Winter noch mehrere Monate andauern! Doch woher die Nahrung genommen
werden sollte fr die Periode bis zum Wiedereintritt der bessern
Jahreszeit, das wute niemand.

Zu dieser Unruhe wegen der Gegenwart und der Zukunft kam nun noch der
Kummer, den der Zustand der Gromutter verursachte. Die arme
bejahrte Frau wurde von Tag zu Tag hinflliger. Von den schweren
Schicksalsschlgen getroffen, konnte ihr Leben nicht mehr lange whren.
Findling blieb meist in ihrer Nhe. Er verlie das Zimmer gar nicht mehr
und wich nicht von ihrem Lager. Sie liebte es, da er bei ihr war und
da er die jetzt zweieinhalbjhrige Jenny in den Armen hielt, die sie
mit ihrem kindlichen Lcheln erfreute. Zuweilen nahm sie das Kind auch
selbst und herzte die Kleine. Doch dabei kam ihr auch der schmerzliche
Gedanke, was spter aus diesem zarten Mgdlein werden solle, und dann
fragte sie Findling wohl:

Du hast sie doch recht lieb, nicht wahr?

-- Ja, gewi, Gromutter.

-- Und wirst sie niemals verlassen?

-- Niemals... niemals!

-- Gott gebe, da sie einst glcklicher werde, als wir es gewesen sind!
Sie ist Dein Tchterchen, vergi das nicht!... Du wirst schon ein
groer junger Mann sein, wo sie noch immer nur ein kleines Mdchen
ist. Ein Pathe ist dasselbe wie ein Vater. Wenn sie ihre Eltern einmal
verlieren sollte...

-- Ach nein, Gromutter, bitte, lassen Sie solche Gedanken! Das
Unglck kann ja nicht ewig fortdauern... wenn nur erst einige Monate
berstanden sind... dann werden Sie auch wieder gesund, wir sehen
Sie, wie frher, im bequemen Lehnstuhle, und Jenny spielt zu ihren
Fen....

Doch whrend Findling so sprach, fhlte er einen Stich im Herzen und
warme Thrnen in den Augen, denn er wute, da die Gromutter krank,
sehr krank war. Dennoch fand er die Kraft, sich -- wenigstens in ihrer
Nhe -- zu bemeistern. Wenn er weinte, so that er das drauen, wo ihn
keiner sehen konnte. Und dann frchtete er immer, den bsen Harbert
mit den Gerichtsdienern ankommen zu sehen, die die Familie von ihrem
einzigen Obdach verjagen sollten.

In der ersten Januarwoche verschlimmerte sich der Zustand der alten Frau
betrchtlich. Wiederholt bekam sie Ohnmachtsanflle, von denen einer so
lange anhielt, da man glauben konnte, ihr Ende sei gekommen.

Am 6. war ein Arzt aus Tralee erschienen, einer der barmherzigen
Samariter, die ihre Untersttzung auch den Armen nicht versagen, obwohl
sie davon keinen klingenden Nutzen haben. Der Betreffende machte gerade,
wie frher blich, einen Ritt durch die verdeten Landstriche, und
Findling, der ihn von einer Begegnung im Hauptorte der Grafschaft her
kannte, hatte ihn um einen Besuch in der Farm gebeten. Hier constatierte
der menschenfreundliche Arzt, da die Entbehrungen, im Verein mit dem
Alter und dem Herzeleid, das an der Kranken nagte, mit einer nicht mehr
fernen Katastrophe drohten.

Diese Sachlage konnte er vor der Familie unmglich verschleiern. Nicht
Monate mehr, nicht einmal noch Wochen hatte die Gromutter zu leben;
ihr Hingang stand voraussichtlich schon in einigen Tagen bevor. Noch
bewahrte sie alle geistigen Fhigkeiten und wrde sie auch bis ans
Ende behalten. In dieser einfachen Buerin wohnte eine so energische
Lebenskraft, eine solche Widerstandsfhigkeit gegen die endliche
Auflsung, da ihr leider ein recht harter Todeskampf drohte. Endlich
wrde die Schwche sie bermannen, die Athmung aussetzen und das Herz
aufhren zu schlagen....

Vor dem Verlassen der Farm verordnete der Arzt noch eine Tinctur, die
der Gromutter wenigstens die letzten Augenblicke erleichtern sollte.
Dann ging er fort und lie die Verzweiflung zurck in dem Hause, wohin
das Mitleid ihn gefhrt hatte.

Nach Tralee zu gehen, den Trank bereiten zu lassen und nach der Farm
zu bringen, das htte wohl binnen vierundzwanzig Stunden erledigt sein
knnen; wie aber sollte man die Arznei bezahlen?... Nachdem alles Geld
mit Abfhrung der staatlichen Abgaben erschpft war, lebte die Familie
nur von Feldfrchten der Farm, ohne etwas dazu zu kaufen. Im Kasten
befand sich kein Schilling mehr. Von Mbeln oder Kleidungsstcken lie
sich auch nichts mehr zu Geld machen. Es war das Elend im schlimmsten
Mae.

Da kam Findling eine Erinnerung. Noch besa er die Guinee, die ihm Mi
Anna Walston im Limericker Theater gegeben hatte. Ein reiner Scherz der
Knstlerin, hatte er doch seine Rolle als Sib sehr ernst genommen, und
ihm duchte dies Geld in Ehren verdient. So hatte er die betreffende
Guinee sorglich in seiner Casse, das heit, in der Kruke, die seine
Kieselsteine enthielt, aufgehoben. Leider konnte er zur Zeit nicht
mehr darauf rechnen, da diese sich jemals in Pence oder Schillinge
verwandeln wrden.

Niemand in der Farm wute, da Findling dieses Geldstck besa, und da
kam ihm der Gedanke, es zur Beschaffung des der Gromutter verordneten
Trankes zu verwenden. Das versprach ihm Linderung ihrer Leiden,
vielleicht eine Verlngerung des Lebens und -- wer wei? -- ihr Zustand
konnte sich wohl gar dauernd bessern. Findling wollte noch immer hoffen,
wenn er im Herzen auch verzweifelte.

Entschieden, sein Vorhaben auszufhren, beschlo er, nichts davon
verlauten zu lassen. Das Geld gehrte ja ihm, er konnte darber nach
Belieben verfgen. Jedenfalls war keine Zeit zu verlieren. Um ungesehen
zu bleiben, wollte er in der Nacht aufbrechen. Ein Dutzend Meilen bis
Tralee hin und ebenso viele zurck, das ist fr ein Kind zwar ein weiter
Tagesmarsch, doch er dachte daran nicht im mindesten.

Es war ungewi, ob seine Abwesenheit whrend eines Tages so besonders
auffiel, da er sich die ganze Zeit, wo er nicht bei der Gromutter sa,
drauen aufhielt, die Umgebungen und die Landstrae auf zwei bis drei
Meilen hin berwachte und immer gespannt wartete, ob nicht der Beamte
des Middleman mit den Gerichtsdienern auftauchte, um die Familie auf die
Strae zu werfen, oder ein Constabler mit Gehilfen kme, um Murdock zu
verhaften.

Am nchsten Tage, den 7. Januar, verlie Findling sein Zimmer um zwei
Uhr frh, nachdem er noch die Gromutter, die sein Ku nicht erweckte,
umarmt hatte. Dann schlpfte er aus dem groen Zimmer, drckte die Thr
hinter sich geruschlos zu und streichelte Birk, der ihn ansprang, als
wollte er sagen: Was? Mich nimmst Du nicht mit? Nein, er wollte den
Hund auf der Farm lassen. Whrend seiner Abwesenheit konnte das treue
Thier jede verdchtige Annherung vereiteln. Nach Ueberschreitung des
Hofes und Oeffnung des Thores sah er sich allein auf dem Wege nach
Tralee.

Noch war es pechfinster. In den ersten Tagen des Januar, noch nicht
drei Wochen nach der Wintersonnenwende, geht die Sonne in diesen Breiten
zwischen dem 52. und 53. Grade erst sehr spt am sdstlichen Horizonte
auf. Um sieben Uhr des Morgens frben sich die Bergspitzen kaum mit den
schwachen Tinten des jungen Tages. Findling hatte also die Hlfte des
Weges im Dunkeln zurckzulegen, doch das erschreckte ihn nicht.

Die Witterung war sehr klar, die Klte lebhaft, obwohl ein Thermometer
nur etwa zwlf Grad unter Null gezeigt htte. Am Firmament glnzten
Tausende von Sternen. Die ganz weie Landstrae zog sich ber Sehweite
hinaus wie vom Schneereflex erleuchtet hin und die Tritte gaben einen
trocknen Widerhall.

Um zwei Uhr des Morgens aufgebrochen, hoffte Findling vor Einbruch der
Nacht zurck zu sein. Seiner Berechnung nach mute er frh um acht Uhr
in Tralee eintreffen. Zwlf Meilen in sechs Stunden zu berwinden,
das war keine besondre Aufgabe fr einen Knaben, der, jede Anstrengung
gewhnt, ein Paar gesunde krftige Beine besa. In Tralee gedachte er
zwei Stunden auszuruhen, inzwischen in einem Wirthshause etwas Brod
mit Kse und eine Pinte Bier zu verzehren, was ihm zwei bis drei Pence
kosten konnte. Dann wollte er sich, wenn er die Arznei erhalten hatte,
auf den Rckweg machen, um im Laufe des Nachmittags die Farm wieder zu
erreichen.

Dieses wohldurchdachte Programm sollte streng eingehalten werden, wenn
nichts Unerwartetes dazwischen trat. Der Weg war gut und das Wetter
einer schnellen Gangart gnstig. Er war froh, da die Klte wenigstens
eine Beruhigung der Atmosphre herbeigefhrt hatte.

Bei dem vorher so heftigen Westwinde und gegen das ihm dann
entgegenpeitschende Schneegestber htte Findling kaum vorwrts kommen
knnen. Heute aber begnstigten ihn die Verhltnisse, wofr er der
Vorsehung aufrichtig dankte.

Immerhin war der Weg, vorzglich wegen einer Begegnung mit Wlfen, nicht
ganz ohne Gefahr. Trotz des nicht besonders strengen Winters hrte
man das heulende Gebell dieser Thiere in allen Wldern der Grafschaft.
Findling hatte gar wohl daran gedacht, und heftiger schlug ihm das
Herz, als er sich so allein sah im weiten Lande und auf diesem
scheinbar endlosen Wege, neben dem die berreiften Skelette der Bume
emporstarrten.

Schnellen Schrittes und ohne jemals auszuruhen hatte der Knabe die
ersten sechs Meilen seines Weges binnen zwei Stunden zurckgelegt.

Es war jetzt um vier Uhr morgens. Im Westen noch tiefdunkel, schimmerte
im Osten doch schon ein schwacher, fahler Lichtschein herauf, vor dem
die Sterne etwas verblichen. Freilich dauerte es immer noch ber vier
Stunden, ehe die Sonne selbst am Horizonte aufstieg.

Findling mute jetzt einmal zehn Minuten Halt machen. Er setzte sich
auf eine knorrige Baumwurzel und verzehrte eine mitgenommene gerstete
Kartoffel mit dem frischen Appetit der Jugend. Mit dieser zweifelhaften
Strkung wollte er bis Tralee aushalten. Um viereinviertel Uhr brach er
wieder auf.

Den Weg von Kerwan nach dem Hauptorte der Grafschaft konnte er ja nicht
verfehlen, da er diesen oft genug im Wagen zurckgelegt hatte, wenn ihn
Martin Mac Carthy an Markttagen mitnahm. Das war damals freilich die
gute Zeit, die Zeit beglckender Zufriedenheit, die jetzt schon so fern
zu liegen schien.

Die Landstrae war und blieb vllig de. Kein Wanderer -- um den sich
Findling auch nicht besonders gekmmert htte -- zeigte sich, und kein
Wagen rollte auf Tralee zu. Auf einem solchen htte man ihm einen Platz
gewi nicht verweigert, und damit wre ihm ja viele Anstrengung erspart
geblieben. So konnte er nur auf seine kleinen, doch wenigstens krftigen
Beine rechnen.

Endlich hatte er noch vier Meilen, wenn auch nicht so schnell, wie die
sechs ersten hinter sich gebracht, und nun trennten ihn nur noch zwei
von seinem Ziele.

Es war jetzt halb acht Uhr geworden. Die letzten Sterne erloschen
am westlichen Horizonte. Das trbe Morgengrauen jener hohen Breiten
erhellte schwach den weiten Himmelsraum, so lange die Sonne den Grtel
von Dnsten in den niedrigeren Schichten nicht durchbrach. Immerhin bot
sich jetzt schon eine weitumfassende Aussicht.

Da erschien an einer hheren Stelle der Strae eine Gruppe von Mnnern,
die von Tralee herkamen.

Der erste Gedanke Findlings war es da, sich zu verstecken, obwohl ihm,
einem Kinde, doch wohl niemand etwas zu Leide gethan htte. Doch ohne
sich das zu berlegen, sprang er schnell hinter einen berschneiten
Busch, von wo aus er sehen konnte, wer die entgegenkommenden Mnner
wren.

Bald erkannte auch der Knabe in jenen etwa ein Dutzend Polizeiagenten in
Begleitung eines Constablers. Seitdem das Land hier strenger berwacht
wurde, war es gar nicht selten, solchen Abtheilungen zu begegnen,
die, auf Befehl des Lordlieutenants organisiert, bald hier, bald dort
auftauchten.

Der Anblick dieser Hter der Ordnung konnte Findling also nicht
besonders auffallen, fast wre ihm aber ein Aufschrei entfahren, als
er darunter den Pachtcassierer Harbert erkannte, der von zwei bis drei
Executivbeamten begleitet war, die berall die Vertreibung der Pchter
ausfhrten.

Wie krampfte sich ihm da das Herz zusammen bei der Vorstellung, da
sich Harbert mit diesen Leuten nach der Farm begeben knnte, und da die
Polizisten ihn begleiteten, um vielleicht Murdock zu verhaften!

Findling konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Gleich nach dem
Verschwinden der Gruppe sprang er wieder auf die Landstrae hinaus und
lief, was er nur laufen konnte, so da er gegen achteinhalb Uhr die
ersten Huser von Tralee erreichte.

Hier begab er sich zuerst nach einer Apotheke und wartete gleich auf die
Anfertigung der verordneten Arznei. Zur Bezahlung derselben gab er das
Goldstck -- sein ganzes Vermgen -- hin. Der Apotheker wechselte die
Guinee, und da der verschriebene Trank sehr theuer war, erhielt der
Knabe nur etwa fnfzehn Schillinge zurck.

Abhandeln lie sich von dem Preise doch wohl nichts und Findling
dachte auch gar nicht daran, da es sich hier um das Wohl und Wehe der
Gromutter handelte, dagegen wollte er an der Ausgabe fr sein Frhstck
zu sparen suchen. Statt des Kses und des Biers begngte er sich mit
einem tchtigen Stck Brod, das er gierig aufzehrte, und mit einem Stck
Eis, das er im Munde zergehen lie. Kurz nach zehn Uhr verlie er Tralee
wieder und machte sich auf den Heimweg nach Kerwan.

Unter andern Verhltnissen htte sich zu dieser Tageszeit ringsum weit
mehr Leben gezeigt. Auf den Straen polterten dann gewhnlich Karren
oder Jaunting-cars dahin, die Personen oder Waaren aller Art nach den
verschiedenen Ortschaften des Bezirks befrderten, und berall htte
sich rege Thtigkeit entfaltet. Die Unglcksflle des vergangnen Jahres
hatten jedoch, mit ihrem Gefolge von Hunger und Elend, die Provinz fast
entvlkert. Gar viele Bauern hatten sich schweren Herzens entschlossen,
das Land zu verlassen, das sie nicht zu ernhren vermochte. Schon zu
gewhnlichen Zeiten schtzt man die Zahl der Irlnder, die alljhrlich
nach der Neuen Welt, nach Australien oder Sdafrika auswandern, auf etwa
hunderttausend, um sich ein Fleckchen Erde zu suchen, das sie wenigstens
vor dem Hungertode bewahrt. Diese starke Auswanderung wird noch durch
Gesellschaften begnstigt, welche die Emigranten fr zwei Pfund Sterling
(vierzig Mark) bis zu den Gestaden Sdamerikas befrdern.

Im laufenden Jahre hatten nun aber noch weit mehr Landleute die Bezirke
des westlichen Irlands verlassen und es schien, als ob die sonst so
verkehrsreichen Landstraen jetzt nur in eine Wste oder, was noch
schlimmer ist, in ein verlassenes Land ausliefen.

Findling wanderte immer raschen Schrittes dahin. Er wollte keine
Ermdung fhlen und entwickelte eine ganz auergewhnliche Energie.
Natrlich war es ihm unmglich gewesen, die Polizistenabtheilung
einzuholen, da diese gegen ihn einen Vorsprung von zwei bis drei Stunden
hatte. Die im Schnee sichtbaren Fuspuren der Mnner wiesen jedoch
darauf hin, da der Constabler mit seinen Leuten und Harbert mit seinen
Gehilfen den nach der Farm fhrenden Weg einhielten, ein Grund mehr fr
den Knaben, sich zu beeilen, obwohl ihn die Fe von dem anstrengenden
Marsche schmerzten. Er versagte sich selbst eine Rast von wenigen
Minuten, wie er sich diese auf dem Hinweg gegnnt hatte. Um zwei Uhr
nachmittags befand er sich nur noch zwei Meilen von Kerwan. Eine halbe
Stunde spter zeigte sich der Pachthof inmitten der weiten Ebene, wo
alles in ununterbrochenem Wei zusammenflo.

Findling erstaunte einigermaen, keine Rauchsule aufsteigen zu sehen,
da es dem Kamin im groen Zimmer an Brennmaterial doch nicht fehlen
konnte.

Ueberdies schien sich von der Farm der Eindruck von merkwrdiger Oede
und Verlassenheit zu verbreiten.

Findling beschleunigte seine Schritte. Er nahm alle seine Krfte
zusammen und fing an zu laufen. Wiederholt hinfallend und schnell
aufspringend kam er vor dem den Pachthof abschlieenden Thore an....

Welch ein Anblick! Das Thor war zertrmmert. Im Hofe zeigten sich sehr
viele Fuspuren in allen Richtungen. Von den Baulichkeiten, den Stllen
und Scheunen ragten nur noch die vier Wnde, aber ohne Dach, empor. Die
Strohbedeckung war heruntergerissen. Eine Thr, einen Fensterrahmen
gab es nicht mehr. Offenbar hatte man alles unbewohnbar gemacht, um die
Familie zu hindern, sich hier noch ein Obdach zu suchen. Das war eine
traurige Ruine von Menschenhand!

Findling blieb wie vom Donner gerhrt stehen. Scheu und Schrecken
durchbebten ihn. Er wagte nicht, durch das Thor zu schreiten, sich dem
Hause zu nhern....

Und doch entschlo er sich endlich dazu. Wenn der Farmer oder eines der
Seinigen noch hier war, so mute er's doch wissen....

Findling wankte bis an den Hauseingang. Er rief laut....

Keine Stimme antwortete ihm.

Da sank er auf der Schwelle nieder und fing an zu weinen. --

In seiner Abwesenheit hatte sich folgendes zugetragen.

Die traurigen Austreibungen, infolge deren nicht nur einzelne Farmen,
sondern oft auch ganze Drfer von ihren Bewohnern verlassen werden, sind
in den Grafschaften Irlands gar nichts seltenes. Die armen Leute, von
der Sttte verjagt, wo sie geboren wurden und auch noch zu sterben
erwarteten, knnten aber zurckkehren, die Thren der Huser sprengen
und in diesen wieder ein Obdach suchen, das sie anderswo nicht fanden.

Nun, das Mittel, sie daran zu hindern, ist hchst einfach. Die
Huser werden eben ganz unbewohnbar gemacht. Man richtet dazu einen
=battering-ram= (eine Art Mauerbrecher) auf, dieser besteht aus einem
Balken, der an einer Kette pendelt, welche an drei langen aufrechten und
oben verbundenen Pfhlen hngt. Dieser Widder zertrmmert alles. Das
betreffende Haus wird seines Daches beraubt, der Schornstein umgestoen
und der Herd zerstrt. Man zerschmettert damit die Thren und drckt die
Fensterrahmen ein. Nichts als die nackten Wnde bleiben brig.... Steht
dann die Ruine dem Sturmwind offen, ergiet sich der Regen hinein
und sackt sich der Schnee darin, dann knnen der Landlord und seine
Untergebenen sicher sein, da sich niemand mehr hier aufhalten kann.

Ist es bei den so hufigen Executionen dieser Art, die an den rohesten
Vandalismus streifen, wohl ein Wunder, da sich ein so glhender Ha im
Herzen der irlndischen Bauern angesammelt hat?

Hier in Kerwan war die Austreibung gar von noch traurigeren
Nebenumstnden begleitet gewesen.

An dem unmenschlichen Werke hatten auch Ha und Rache ein gutes Theil
gehabt. Harbert, der Murdock seine Beleidigungen heimzahlen wollte,
hatte sich nicht begngt, mit den Helfershelfern im Namen des Middleman
vorzugehen, sondern ihn auch, da er den jungen Farmer schon schwarz
angeschrieben wute, noch denunciert, und die Polizisten hatten Befehl
erhalten, sich der Person desselben zu versichern.

Zuerst wurden Martin, seine Frau und seine Kinder aus dem Hause
getrieben, whrend die Schergen das Innere der Wohnung demolierten.
Nicht einmal die alte Gromutter wurde verschont. Aus ihrem Bett
gerissen und auf den Hof geschleppt, hatte sie sich noch einmal
zu erheben vermocht, um in ihren Mrdern die Mrder Irlands zu
verfluchen... dann war sie todt zusammengebrochen.

In diesem Augenblicke hatte sich Murdock, der noch htte entfliehen
knnen, auf die Elenden gestrzt. Sinnlos vor Zorn schwang er eine
Axt. Sein Vater und sein Bruder hatten wie er ihre Familie vertheidigen
wollen.... Vergeblich! Die Beamten und Constabler waren in der
Uebermacht und der Sieg blieb dem Gesetze, wenn man dieses Wort noch fr
ein Attentat auf alles, was gerecht und menschlich ist, gebrauchen darf.

Eine gewaltthtige Auflehnung gegen die Organe der Polizei lag hiermit
so auf der Hand, da auer Murdock auch Martin und Sim in Haft
genommen wurden. Und obgleich seit 1870 keine Austreibung ohne einen
Schadenersatz an die bisherigen Pchter stattfinden darf, hatten sie
durch ihren Widerstand diese Wohlthat obendrein verwirkt.

Auf der Farm konnte der bejahrten Gromutter doch kein christliches
Begrbni zu Theil werden. Man mute sie nach einem Kirchhof berfhren.
So betteten ihre beiden Enkel sie also auf eine Tragbahre und trugen
sie fort, whrend Martin, Martine und Kitty mit ihrem Kinde auf dem Arme
ihnen inmitten der Constabler folgten.

Der Leichenzug schlug den Weg nach Limerick ein, und ein ergreifenderes
Bild, als dieser Trauerzug einer ganzen verhafteten Familie, die die
Leiche einer armen, hochbejahrten Frau begleitete, konnte es wohl nicht
geben.

Findling, der sein Entsetzen endlich berwunden hatte, lief durch die
verwsteten Rume des Hauses, wo die Trmmer der Mbel umherlagen; immer
rief er laut... keiner, keiner antwortete ihm!...

Jetzt dachte er auch an seinen Schatz, an die Kieselsteine, die ihm
die Zahl der seit seinem Verweilen in Kerwan verflossenen Tage angeben
muten. Er suchte die Kruke, worin er sie verwahrt hatte, und fand diese
unzerbrochen in einem Winkel.

Ach, diese Kiesel! Auf der Schwelle sitzend, begann Findling sie zu
zhlen: es waren deren fnfzehnhundertvierzig.

Das entsprach vier Jahren und achtzig Tagen -- vom 20. October 1877 bis
zum 7. Januar 1882 -- die er auf der Farm verlebt hatte.

Jetzt mute er die Sttte verlassen und wollte versuchen, die Familie,
die ja zur seinigen geworden war, wieder aufzufinden.

Vor dem Aufbruche machte Findling noch ein Packet aus seiner Wsche, die
er in einer halbzerbrochenen Schublade gefunden hatte. In der Mitte des
Hofes aber brach er ein Loch neben der am Tage der Geburt des kleinen
Mdchens gepflanzten Tanne aus dem harten Boden und verscharrte darin
das Gef, das seine Kieselsteine barg.

Dann warf er noch einen letzten wehmthigen Blick auf das zerstrte
Haus und wanderte nach der Landstrae zurck, die schon das Dunkel der
Dmmerung beschattete.


  _Ende des ersten Theiles._




Funoten


[1] Abkrzung des Namens Cecilie.

[2] Das ist die allgemeine Anschauung bei den Irlndern, die inde
mit Parnell eine Ausnahme machten, als dieser nicht gekrnte Knig
Irlands -- wie man ihn nannte -- einige Jahre spter (1879) die
zum Zwecke der agrarischen Reform gegrndete =National Land
League= leitete.

[3] Eine solche Hungersnoth herrschte 1740 bis 1741 und tdtete 400.000
Irlnder; weiter 1847, wo eine halbe Million Bewohner aus Entbehrung
umkam und eine gleiche Zahl aus Verzweiflung den schmerzlichen Entschlu
fate, nach der Neuen Welt berzusiedeln.

[4] Die Torfgruben Irlands mit rothem oder schwarzem Bog umfassen ber
zwlftausend Quadratkilometer oder den siebenten Theil der Insel und
enthalten bei einer durchschnittlichen Mchtigkeit von acht Metern gegen
sechsundneunzigtausend Millionen Cubikmeter Brennmaterial.

[5] Seit 1870 knnen die Pchter brigens nicht mehr von Haus und Hof
verjagt werden, ohne eine entsprechende Entschdigung fr vorgenommene
Bodenmeliorationen zu erhalten.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original am Buchende und wurde an den
Buchanfang verschoben.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext
beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich hier
am Ende dieses Textes.


nderungen

  Seitenzahl
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 9
  blieben von den Quais des Hafens her ohne Anwort
  blieben von den Quais des Hafens her ohne Antwort

  Seite 28
  peinlicher Abwgung das Soll und Haben
  peinlicher Abwgung des Soll und Haben

  Seite 41
  in den Sraen der Stadt
  in den Straen der Stadt

  Seite 55
  die Weste dem kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Fen
  die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Fen

  Seite 57
  Wer wollte aber einen fnfjhrigen Knaben
  Wer wollte aber einem fnfjhrigen Knaben

  Seite 63
  Was ging's auch ihm an, was da unten
  Was ging's auch ihn an, was da unten

  Seite 73
  whrend sie ihn sonst von ihren eignen
  whrend sie ihm sonst von ihren eignen

  Seite 107
  gegrndete National Land Leage leitete
  gegrndete National Land League leitete

  Seite 120
  wie einen kleinen Bruder, die Hlfte meines Bettes
  wie einem kleinen Bruder, die Hlfte meines Bettes

  Seite 152
  bekam er noch einmal seineneun Pence
  bekam er noch einmal seine neun Pence

  Seite 163
  Krner die Korn-, Gersten- oder Hafenhre bei der Ernte
  Krner die Korn-, Gersten- oder Haferhre bei der Ernte

  Seite 191
  Die Stimmme Pats klang wie eine Trompete
  Die Stimme Pats klang wie eine Trompete

  Seite 209
  gilt. die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren,
  gilt, die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren.

  Seite 219
  war er mehr ein Art Gerichtsbote
  war er mehr eine Art Gerichtsbote

  Seite 239
  die Schergen das Innere des Wohnung demolierten
  die Schergen das Innere der Wohnung demolierten]






End of Project Gutenberg's Der Findling. Erster Band., by Jules Verne

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FINDLING. ERSTER BAND. ***

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