The Project Gutenberg EBook of Frau Jenny Treibel, by Theodor Fontane

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license


Title: Frau Jenny Treibel
       Roman aus der Berliner Gesellschaft

Author: Theodor Fontane

Release Date: July 3, 2014 [EBook #46184]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU JENNY TREIBEL ***




Produced by Norbert H. Langkau, Martin Oswald and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net









Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend
bernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Die Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt. Davon abweichende, in
Antiqua gedruckte Textstellen sind (bis auf rmische Ziffern und die
Abkrzung Dr.) in dieser Textdatei _so_ markiert; gesperrt gedruckter
Text ist =so= markiert. Am Ende des Textes befindet sich eine Liste
korrigierter Druckfehler.




  Frau Jenny Treibel

  Roman aus der Berliner Gesellschaft

  von

  Theodor Fontane

[Illustration]

  S. Fischer, Verlag, Berlin




  Alle Rechte vorbehalten




Erstes Kapitel


An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog
ein zurckgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und
dann in die Adlerstrae ein und hielt gleich danach vor einem, trotz
seiner Front von nur fnf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im brigen
aber altmodischen Hause, dem ein neuer, gelbbrauner lfarbenanstrich
wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schnheit
gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saen
zwei Damen mit einem Bologneserhndchen, das sich der hell- und
warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von
etwa dreiig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin,
ffnete, von ihrem Platz aus, zunchst den Wagenschlag, und war dann
der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer
hohen fnfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behilflich.
Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren Platz wieder ein,
whrend die ltere Dame auf eine Vortreppe zuschritt und nach Passierung
derselben in den Hausflur eintrat. Von diesem aus stieg sie, so schnell
ihre Korpulenz es zulie, eine Holzstiege mit abgelaufenen Stufen
hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von einer schweren
Luft umgeben, die man fglich als eine Doppelluft bezeichnen konnte.
Gerade der Stelle gegenber, wo die Treppe mndete, befand sich eine
Entreetr mit Guckloch, und neben diesem ein grnes, knittriges
Blechschild, darauf Professor Wilibald Schmidt ziemlich undeutlich
zu lesen war. Die ein wenig asthmatische Dame fhlte zunchst das
Bedrfnis, sich auszuruhen, und musterte bei der Gelegenheit den ihr
brigens von langer Zeit her bekannten Vorflur, der vier gelbgestrichene
Wnde mit etlichen Haken und Riegeln und dazwischen einen hlzernen
Halbmond zum Brsten und Ausklopfen der Rcke zeigte. Dazu wehte, der
ganzen Atmosphre auch hier den Charakter gebend, von einem nach hinten
zu fhrenden Korridor her ein sonderbarer Kchengeruch heran, der, wenn
nicht alles tuschte, nur auf Rhrkartoffeln und Karbonade gedeutet
werden konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. Also kleine
Wsche, sagte die von dem allen wieder ganz eigentmlich berhrte
stattliche Dame still vor sich hin, whrend sie zugleich weit
zurckliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in eben dieser
Adlerstrae, gewohnt und in dem gerade gegenber gelegenen
Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschft geholfen und auf einem
ber zwei Kaffeescke gelegten Brett kleine und groe Dten geklebt
hatte, was ihr jedesmal mit zwei Pfennig frs Hundert gut getan worden
war. Eigentlich viel zuviel, Jenny, pflegte dann der Alte zu sagen,
aber du sollst mit Geld umgehen lernen. Ach, waren das Zeiten gewesen!
Mittags, Schlag zwlf, wenn man zu Tisch ging, sa sie zwischen dem
Kommis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die beide, so verschieden
sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und dieselben
erfrorenen Hnde hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr hinber,
aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt
sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der
Spreegasse. Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, whrend
sie sich auf dem Flur umsah und endlich die Klingel neben der Tr zog.
Der berall verbogene Draht raschelte denn auch, aber kein Anschlag lie
sich hren, und so fate sie schlielich den Klingelgriff noch einmal
und zog strker. Jetzt klang auch ein Bimmelton von der Kche her bis
auf den Flur herber, und ein paar Augenblicke spter lie sich
erkennen, da eine hinter dem Guckloch befindliche kleine Holzklappe
beiseite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors
Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund
oder Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, da es gut
Freund sei, wurde der Trriegel ziemlich geruschvoll zurckgeschoben,
und eine ramassierte Frau von ausgangs vierzig, mit einem ansehnlichen
Haubenbau auf ihrem vom Herdfeuer gerteten Gesicht, stand vor ihr.

Ach, Frau Treibel ... Frau Kommerzienrtin ... Welche Ehre ...

Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht
Frulein Korinna? Ist das Frulein zu Hause?

Ja, Frau Kommerzienrtin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der
Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.

Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem
einfenstrigen, zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem
schmalen Leinwandlufer belegten Entree frei zu geben. Aber ehe die
Kommerzienrtin noch eintreten konnte, kam ihr Frulein Korinna schon
entgegen und fhrte die mtterliche Freundin, wie sich die Rtin gern
selber nannte, nach rechts hin, in das eine Vorderzimmer.

Dies war ein hbscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die
Fenster nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack
und Hyazinthen stand. Auf dem Sofatische prsentierte sich gleichzeitig
eine Glasschale mit Apfelsinen, und die Portrts der Eltern des
Professors, des Rechnungsrats Schmidt aus der Heroldskammer und seiner
Frau, geborene Schwerin, sahen auf die Glasschale hernieder -- der alte
Rechnungsrat in Frack und rotem Adlerorden, die geborene Schwerin mit
starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer ausgesprochenen
Brgerlichkeit, immer noch mehr auf die pommersch-uckermrkischen Trger
des berhmten Namens, als auf die sptere, oder, wenn man will, auch
=viel= frhere posensche Linie hindeutete.

Liebe Korinna, wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie
hbsch es doch bei euch ist, so khl und so frisch -- und die schnen
Hyazinthen. Mit den Apfelsinen vertrgt es sich freilich nicht recht,
aber das tut nichts, es sieht so gut aus ... Und nun legst du mir in
deiner Sorglichkeit auch noch das Sofakissen zurecht! Aber verzeih,
ich sitze nicht gern auf dem Sofa; das ist immer so weich, und man
sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in den Lehnstuhl
und sehe zu den alten lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das ein
Mann; gerade wie dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch
verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der
Kolonie. Was auch stimmte. Denn seine Gromutter, wie du freilich besser
weit als ich, war ja eine Charpentier, Stralauer Strae.

Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrtin in einem hohen Lehnstuhl
Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den lieben Gesichtern
hinauf, deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, whrend Korinna
fragte, ob sie nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen drfe, es sei
so hei.

Nein, Korinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir
immer so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port,
wenn er lange gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt
mich ... Ja, sieh Kind, dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon
vierzig Jahre und darber, noch aus Zeiten her, wo ich ein halbwachsen
Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die meine Mutter, so viel sie
sonst zu tun hatte, doch immer mit rhrender Sorgfalt wickelte. Denn
damals, meine liebe Korinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode wie
jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren,
und die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und dein Vater auch. Er
war damals ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie
reizend und wie rhrend das alles war, denn die Kinder wollen es immer
nicht wahr haben, da die Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen
und ihre Talente hatten. Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet,
die hab ich mir aufgehoben bis diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz
ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprnglich einen blauen
Deckel hatte (jetzt aber hab ich es in grnen Maroquin binden lassen)
und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine mich
still aus, ganz still, da es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder
die Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Korinna, du weit gar nicht, welch
ein Schatz die Jugend ist, und wie die reinen Gefhle, die noch kein
rauher Hauch getrbt hat, doch unser Bestes sind und bleiben.

Ja, lachte Korinna, die Jugend ist gut. Aber >Kommerzienrtin< ist
auch gut und eigentlich noch besser. Ich bin fr einen Landauer und
einen Garten um die Villa herum. Und wenn Ostern ist und Gste kommen,
natrlich recht viele, so werden Ostereier in dem Garten versteckt, und
jedes Ei ist eine Atrappe voll Konfitren von Hvell oder Kranzler, oder
auch ein kleines Necessaire ist drin. Und wenn dann all die Gste die
Eier gefunden haben, dann nimmt jeder Herr seine Dame, und man geht zu
Tisch. Ich bin durchaus fr Jugend, aber fr Jugend mit Wohlleben und
hbschen Gesellschaften.

Das hre ich gern, Korinna, wenigstens gerade jetzt; denn ich bin hier,
um dich einzuladen, und zwar auf morgen schon; es hat sich so rasch
gemacht. Ein junger Mr. Nelson ist nmlich bei Otto Treibels angekommen
(das heit aber, er wohnt nicht bei ihnen), ein Sohn von Nelson u. Co.
aus Liverpool, mit denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschftsverbindung
hat. Und Helene kennt ihn auch. Das ist so hamburgisch, die kennen alle
Englnder, und wenn sie sie nicht kennen, so tun sie wenigstens so. Mir
unbegreiflich. Also Mr. Nelson, der bermorgen schon wieder abreist, um
den handelt es sich; ein lieber Geschftsfreund, den Ottos durchaus
einladen muten. Das verbot sich aber leider, weil Helene mal wieder
Plttag hat, was nach ihrer Meinung allem anderen vorgeht, sogar im
Geschft. Da haben wir's denn bernommen, offen gestanden nicht allzu
gern, aber doch auch nicht geradezu ungern. Otto war nmlich, whrend
seiner englischen Reise, wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast. Du
siehst daraus, wie's steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen mu;
du sprichst englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch
Mr. Booth als Hamlet gesehen. Ich wei noch recht gut, wie du davon
schwrmtest. Und englische Politik und Geschichte wirst du natrlich
auch wissen, dafr bist du ja deines Vaters Tochter.

Nicht viel wei ich davon, nur ein bichen. Ein bichen lernt man ja.

Ja, jetzt, liebe Korinna. Du hast es gut gehabt, und alle haben es
jetzt gut. Aber zu meiner Zeit, da war es anders, und wenn mir nicht der
Himmel, dem ich dafr danke, das Herz fr das Poetische gegeben htte,
was, wenn es mal in einem lebt, nicht wieder auszurotten ist, so htte
ich nichts gelernt und wte nichts. Aber, Gott sei Dank, ich habe mich
an Gedichten herangebildet, und wenn man viele davon auswendig wei, so
wei man doch manches. Und da es so ist, sieh, das verdanke ich nchst
Gott, der es in meine Seele pflanzte, deinem Vater. Der hat das Blmlein
gro gezogen, das sonst drben in dem Ladengeschft unter all den
prosaischen Menschen -- und du glaubst gar nicht, wie prosaische
Menschen es gibt -- verkmmert wre ... Wie geht es denn mit deinem
Vater? Es mu ein Vierteljahr sein oder lnger, da ich ihn nicht
gesehen habe, den vierzehnten Februar, an Ottos Geburtstag. Aber er ging
so frh, weil so viel gesungen wurde.

Ja, das liebt er nicht. Wenigstens dann nicht, wenn er damit berrascht
wird. Es ist eine Schwche von ihm, und manche nennen es eine Unart.

O, nicht doch, Korinna, das darfst du nicht sagen. Dein Vater ist blo
ein origineller Mann. Ich bin unglcklich, da man seiner so selten
habhaft werden kann. Ich htt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen,
aber ich bezweifle, da Mr. Nelson ihn interessiert, und von den anderen
ist nun schon gar nicht zu sprechen; unser Freund Krola wird morgen wohl
wieder singen und Assessor Goldammer seine Polizeigeschichten erzhlen
und sein Kunststck mit dem Hut und den zwei Talern machen.

O, da freu ich mich. Aber freilich, Papa tut sich nicht gerne Zwang an,
und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger
Englnder, der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist. Papa ist
gut, aber einseitig und eigensinnig.

Das kann ich nicht zugeben, Korinna. Dein Papa ist ein Juwel, das wei
ich am besten.

Er unterschtzt alles uerliche, Besitz und Geld, und berhaupt alles,
was schmckt und schn macht.

Nein, Korinna, sage das nicht. Er sieht das Leben von der richtigen
Seite an; er wei, da Geld eine Last ist und da das Glck ganz wo
anders liegt. Sie schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise. Dann
aber fuhr sie fort: Ach, meine liebe Korinna, glaube mir, kleine
Verhltnisse, das ist =das=, was allein glcklich macht.

Korinna lchelte. Das sagen alle die, die drber stehen und die kleinen
Verhltnisse nicht kennen.

Ich kenne sie, Korinna.

Ja, von frher her. Aber das liegt nun zurck und ist vergessen oder
wohl gar verklrt. Eigentlich liegt es doch so: alles mchte reich sein,
und ich verdenke es keinem. Papa freilich, der schwrt noch auf die
Geschichte von dem Kamel und dem Nadelhr. Aber die junge Welt ...

... Ist leider anders. Nur zu wahr. Aber so gewi das ist, so ist es
doch nicht so schlimm damit, wie du dirs denkst. Es wre auch zu
traurig, wenn der Sinn fr das Ideale verloren ginge, vor allem in der
Jugend. Und in der Jugend lebt er auch noch. Da ist zum Beispiel dein
Vetter Marcell, den du beilufig morgen auch treffen wirst (er hat schon
zugesagt), und an dem ich wirklich nichts weiter zu tadeln wte, als
da er Wedderkopp heit. Wie kann ein so feiner Mann einen so
strrischen Namen fhren! Aber wie dem auch sein mge, wenn ich ihn bei
Ottos treffe, so spreche ich immer so gern mit ihm. Und warum? Blo weil
er die Richtung hat, die man haben soll. Selbst unser guter Krola sagte
mir erst neulich, Marcell sei eine von Grund aus ethische Natur, was er
noch hher stelle als das Moralische; worin ich ihm, nach einigen
Aufklrungen von seiner Seite, beistimmen mute. Nein, Korinna, gib
den Sinn, der sich nach oben richtet, nicht auf, jenen Sinn, der von
dorther allein das Heil erwartet. Ich habe nur meine beiden Shne,
Geschftsleute, die den Weg ihres Vaters gehen, und ich mu es geschehen
lassen; aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet htte, =die=
wre =mein= gewesen, auch im Geist, und wenn sich ihr Herz einem armen,
aber edlen Manne, sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp,
zugeneigt htte ...

... So wre das ein Paar geworden, lachte Korinna. Der arme Marcell!
Da htt er nun sein Glck machen knnen und mu gerade die Tochter
fehlen.

Die Kommerzienrtin nickte.

berhaupt ist es schade, da es so selten klappt und pat, fuhr
Korinna fort. Aber Gott sei Dank, gndigste Frau haben ja noch den
Leopold, jung und unverheiratet, und da Sie solche Macht ber ihn haben
-- so wenigstens sagt er selbst, und sein Bruder Otto sagt es auch, und
alle Welt sagt es -- so knnt er Ihnen, da der ideale Schwiegersohn nun
mal eine Unmglichkeit ist, wenigstens eine ideale Schwiegertochter ins
Haus fhren, eine reizende junge Person, vielleicht eine Schauspielerin
...

Ich bin nicht fr Schauspielerinnen ...

Oder eine Malerin, oder eine Pastors- oder eine Professorentochter ...

Die Kommerzienrtin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte
Korinna stark, wenn auch flchtig. Indessen wahrnehmend, da diese
heiter und unbefangen blieb, schwand ihre Furchtanwandlung ebenso
schnell, wie sie gekommen war. Ja, Leopold, sagte sie, den hab ich
noch. Aber Leopold ist ein Kind. Und seine Verheiratung steht jedenfalls
noch in weiter Ferne. Wenn er aber kme ... Und die Kommerzienrtin
schien sich allen Ernstes -- vielleicht weil es sich um etwas noch in
so weiter Ferne Liegendes handelte -- der Vision einer idealen
Schwiegertochter hingeben zu wollen, kam aber nicht dazu, weil in eben
diesem Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat
und seine Freundin, die Rtin, mit vieler Artigkeit begrte.

Str ich?

In Ihrem eigenen Hause? Nein, lieber Professor; Sie knnen berhaupt
nie stren. Mit Ihnen kommt immer das Licht. Und wie Sie waren, so sind
Sie geblieben. Aber mit Korinna bin ich nicht zufrieden. Sie spricht so
modern und verleugnet ihren Vater, der immer nur in einer schnen
Gedankenwelt lebte ...

Nun ja, ja, sagte der Professor. Man kann es so nennen. Aber ich
denke, sie wird sich noch wieder zurckfinden. Freilich, einen Stich ins
Moderne wird sie wohl behalten. Schade. Das war anders, als wir jung
waren, da lebte man noch in Phantasie und Dichtung ...

Er sagte das so hin, mit einem gewissen Pathos, als ob er seinen
Sekundanern eine besondere Schnheit aus dem Horaz oder aus dem Parzival
(denn er war Klassiker und Romantiker zugleich) zu demonstrieren htte.
Sein Pathos war aber doch etwas theatralisch gehalten und mit einer
feinen Ironie gemischt, die die Kommerzienrtin auch klug genug war,
herauszuhren. Sie hielt es indessen trotzdem fr angezeigt, einen guten
Glauben zu zeigen, nickte deshalb nur und sagte: Ja, schne Tage, die
nie wiederkehren.

Nein, sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Groinquisitors
fortfahrende Wilibald. Es ist vorbei damit; aber man mu eben weiter
leben.

Eine halbverlegene Stille trat ein, whrend welcher man, von der Strae
her, einen scharfen Peitschenknips hrte.

Das ist ein Mahnzeichen, warf jetzt die Kommerzienrtin ein,
eigentlich froh der Unterbrechung. Johann unten wird ungeduldig. Und
wer htte den Mut, es mit einem solchen Machthaber zu verderben?

Niemand, erwiderte Schmidt. An der guten Laune unserer Umgebung hngt
unser Lebensglck; ein Minister bedeutet mir wenig, aber die Schmolke
...

Sie treffen es wie immer, lieber Freund.

Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrtin und gab Korinna
einen Ku auf die Stirn, whrend sie Wilibald die Hand reichte. Mit
uns, lieber Professor, bleibt es beim alten, unentwegt. Und damit
verlie sie das Zimmer, von Korinna bis auf den Flur und die Strae
begleitet.

Unentwegt, wiederholte Wilibald, als er allein war. Herrliches
Modewort, und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen ...
Eigentlich ist meine Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig
Jahren, wo sie die kastanienbraunen Locken schttelte. Das Sentimentale
liebte sie schon damals, aber doch immer unter Bevorzugung von
Courmachen und Schlagsahne. Jetzt ist sie nun rundlich geworden und
beinah gebildet, oder doch, was man so gebildet zu nennen pflegt, und
Adolar Krola trgt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhuser vor. Denn ich
denke mir, da das ihre Lieblingsopern sind. Ach, ihre Mutter, die gute
Frau Brstenbinder, die das Pppchen drben im Apfelsinenladen immer so
hbsch herauszuputzen wute, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz
richtig gerechnet. Nun ist das Pppchen eine Kommerzienrtin und kann
sich alles gnnen, auch das Ideale, und sogar unentwegt. Ein
Musterstck von einer Bourgeoise.

Und dabei trat er ans Fenster, hob die Jalousien ein wenig und sah, wie
Korinna, nachdem die Kommerzienrtin ihren Sitz wieder eingenommen
hatte, den Wagenschlag ins Schlo warf. Noch ein gegenseitiger Gru, an
dem die Gesellschaftsdame mit sauer-ser Miene teilnahm, und die Pferde
zogen an und trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene
Ausfahrt zu, weil es schwer war, in der engen Adlerstrae zu wenden.

Als Korinna wieder oben war, sagte sie: Du hast doch nichts dagegen,
Papa. Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen. Marcell ist auch da,
und ein junger Englnder, der sogar Nelson heit.

Ich was dagegen? Gott bewahre. Wie knnt ich was dagegen haben, wenn
ein Mensch sich amsieren will! Ich nehme an, du amsierst dich.

Gewi amsier ich mich. Es ist doch mal was anderes. Was Distelkamp
sagt und Rindfleisch und der kleine Friedeberg, das wei ich ja schon
alles auswendig. Aber was Nelson sagen wird, denk dir, Nelson, das wei
ich nicht.

Viel Gescheites wird es wohl nicht sein.

Das tut nichts. Ich sehne mich manchmal nach Ungescheitheiten.

Da hast du recht, Korinna.




Zweites Kapitel


Die Treibelsche Villa lag auf einem groen Grundstcke, das, in
bedeutender Tiefe, von der Kpenickerstrae bis an die Spree reichte.
Frher hatten hier in unmittelbarer Nhe des Flusses nur Fabrikgebude
gestanden, in denen alljhrlich ungezhlte Zentner von Blutlaugensalz
und spter, als sich die Fabrik erweiterte, kaum geringere Quantitten
von Berliner Blau hergestellt worden waren. Als aber nach dem siebziger
Kriege die Milliarden ins Land kamen und die Grnderanschauungen selbst
die nchternsten Kpfe zu beherrschen anfingen, fand auch Kommerzienrat
Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstrae gelegenes Wohnhaus,
trotzdem es von Gontard, ja nach einigen sogar von Knobelsdorff
herrhren sollte, nicht mehr zeit- und standesgem, und baute sich auf
seinem Fabrikgrundstck eine modische Villa mit kleinem Vorder- und
parkartigem Hintergarten. Diese Villa war ein Hochparterrebau mit
aufgesetztem ersten Stock, welcher letztere jedoch, um seiner niedrigen
Fenster willen, eher den Eindruck eines Mezzanin als einer Beletage
machte. Hier wohnte Treibel seit sechzehn Jahren und begriff nicht, da
er es, einem noch dazu blo gemutmaten friderizianischen Baumeister
zuliebe, so lange Zeit hindurch in der unvornehmen und aller frischen
Luft entbehrenden Alten Jakobstrae ausgehalten habe; Gefhle, die von
seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden. Die Nhe der Fabrik, wenn
der Wind ungnstig stand, hatte freilich auch allerlei Miliches im
Geleite; Nordwind aber, der den Qualm herantrieb, war notorisch selten,
und man brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu
geben. Auerdem lie Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre
hher hinauffhren und beseitigte damit den anfnglichen belstand immer
mehr.

       *       *       *       *       *

Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt; aber bereits eine Stunde vorher
sah man Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Krben vor dem
Gittereingange halten. Die Kommerzienrtin, schon in voller Toilette,
beobachtete von dem Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen
und nahm auch heute wieder, und zwar nicht ohne eine gewisse
Berechtigung, Ansto daran. Da Treibel es auch versumen mute, fr
einen Nebeneingang Sorge zu tragen. Wenn er damals nur ein vier Fu
breites Terrain von dem Nachbargrundstck zukaufte, so htten wir einen
Eingang fr derart Leute gehabt. Jetzt marschiert jeder Kchenjunge
durch den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er mitgeladen
wre. Das sieht lcherlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze
Kpenickerstrae wissen solle: Treibels geben heut ein Diner. Auerdem
ist es unklug, dem Neid der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefhl
so ganz nutzlos neue Nahrung zu geben.

Sie sagte sich das ganz ernsthaft, gehrte jedoch zu den Glcklichen,
die sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen, und so kehrte sie denn
vom Fenster zu ihrem Toilettentisch zurck, um noch einiges zu ordnen
und den Spiegel zu befragen, ob sie sich neben ihrer Hamburger
Schwiegertochter auch werde behaupten knnen. Helene war freilich nur
halb so alt, ja kaum das; aber die Kommerzienrtin wute recht gut, da
Jahre nichts bedeuten und da Konversation und Augenausdruck und
namentlich die Welt der Formen, im einen und im andern Sinne, ja im
andern Sinne noch mehr, den Ausschlag zu geben pflegen. Und hierin war
die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte Kommerzienrtin
ihrer Schwiegertochter unbedingt berlegen.

In dem mit dem Boudoir korrespondierenden, an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer sa Kommerzienrat Treibel und las das
Berliner Tageblatt. Es war gerade eine Nummer, der der Ulk beilag.
Er weidete sich an dem Schlubild und las dann einige von Nunnes
philosophischen Betrachtungen. Ausgezeichnet ... Sehr gut ... Aber ich
werde das Blatt doch beiseite schieben oder mindestens das Deutsche
Tageblatt darber legen mssen. Ich glaube, Vogelsang gibt mich sonst
auf. Und ich kann ihn, wie die Dinge mal liegen, nicht mehr entbehren,
so wenig, da ich ihn zu heute habe einladen mssen. berhaupt eine
sonderbare Gesellschaft! Erst dieser Mr. Nelson, den sich Helene, weil
ihre Mdchen mal wieder am Plttbrett stehen, geflligst abgewlzt hat,
und zu diesem Nelson dieser Vogelsang, dieser Leutnant a. D. und _agent
provocateur_ in Wahlsachen. Er versteht sein Metier, so sagt man mir
allgemein, und ich mu es glauben. Jedenfalls scheint mir das sicher:
hat er mich erst in Teupitz-Zossen und an den Ufern der wendischen
Spree durchgebracht, so bringt er mich auch =hier= durch. Und das ist
die Hauptsache. Denn schlielich luft doch alles darauf hinaus, da ich
in Berlin selbst, wenn die Zeit dazu gekommen ist, den Singer oder
irgendeinen andern von der Kulr beiseite schiebe. Nach der
Beredtsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl
mglich, und so mu ich ihn mir warm halten. Er hat einen Sprechanismus,
um den ich ihn beneiden knnte, trotzdem ich doch auch nicht in einem
Trappistenkloster geboren und gro gezogen bin. Aber neben Vogelsang?
Null. Und kann auch nicht anders sein; denn bei Lichte besehen, hat der
ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem Kasten und dreht eins nach dem
andern von der Walze herunter, und wenn er damit fertig ist, fngt er
wieder an. So steht es mit ihm, und darin steckt seine Macht, _gutta
cavat lapidem_; der alte Wilibald Schmidt wrde sich freuen, wenn er
mich so zitieren hrte, vorausgesetzt, da es richtig ist. Oder
vielleicht auch umgekehrt; wenn drei Fehler drin sind, amsiert er sich
noch mehr; Gelehrte sind nun mal so ... Vogelsang, das mu ich ihm
lassen, hat freilich noch eines, was wichtiger ist als das ewige
Wiederholen, er hat den Glauben an sich und ist berhaupt ein richtiger
Fanatiker. Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht? Mir sehr
wahrscheinlich. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein. Wer an einen Weg und eine Sache glaubt, ist
allemal ein Poveretto, und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst,
so ist er gemeingefhrlich und eigentlich reif fr Dalldorf. Und von
solcher Beschaffenheit ist just der Mann, dem zu Ehren ich, wenn ich von
Mr. Nelson absehe, heute mein Diner gebe und mir zwei adlige Fruleins
eingeladen habe, blaues Blut, das hier in der Kpenickerstrae so gut
wie gar nicht vorkommt und deshalb aus Berlin W. von mir verschrieben
werden mute, ja zur Hlfte sogar aus Charlottenburg. O Vogelsang!
Eigentlich ist mir der Kerl ein Greuel. Aber was tut man nicht alles als
Brger und Patriot!

Und dabei sah Treibel auf das zwischen den Knopflchern ausgespannte
Kettchen mit drei Orden _en miniature_, unter denen ein rumnischer der
vollgltigste war, und seufzte, whrend er zugleich auch lachte.
Rumnien, frher Moldau und Wallachei. Es ist mir wirklich zu wenig.

       *       *       *       *       *

Das erste Kupee, das vorfuhr, war das seines ltesten Sohnes Otto, der
sich selbstndig etabliert und ganz am Ausgange der Kpenickerstrae,
zwischen dem zur Pionierkaserne gehrigen Pontonhaus und dem
Schlesischen Tor, einen Holzhof errichtet hatte, freilich von der
hheren Observanz, denn es waren Farbehlzer, Fernambuk- und
Campecheholz, mit denen er handelte. Seit etwa acht Jahren war er auch
verheiratet. Im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, zeigte er sich
seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich, bot ihr verbindlich den
Arm und schritt, nach Passierung des Vorgartens, auf die Freitreppe zu,
die zunchst zu einem verandaartigen Vorbau der vterlichen Villa
hinauffhrte. Der alte Kommerzienrat stand schon in der Glastr und
empfing die Kinder mit der ihm eigenen Jovialitt. Gleich darauf
erschien auch die Kommerzienrtin aus dem seitwrts angrenzenden und nur
durch eine Portiere von dem groen Empfangssaal geschiedenen Zimmer und
reichte der Schwiegertochter die Backe, whrend ihr Sohn Otto ihr die
Hand kte. Gut, da du kommst, Helene, sagte sie mit einer
glcklichen Mischung von Behaglichkeit und Ironie, worin sie, wenn sie
wollte, Meisterin war. Ich frchtete schon, du wrdest dich auch
vielleicht behindert sehen.

Ach, Mama, verzeih ... Es war nicht blo des Plttags halber; unsere
Kchin hat zum ersten Juni gekndigt, und wenn sie kein Interesse mehr
haben, so sind sie so unzuverlssig; und auf Elisabeth ist nun schon gar
kein Verla mehr. Sie ist ungeschickt bis zur Unschicklichkeit und hlt
die Schsseln immer so dicht ber den Schultern, besonders der Herren,
als ob sie sich ausruhen wollte ...

Die Kommerzienrtin lchelte halb vershnt, denn sie hrte gern
dergleichen.

... Und aufschieben, fuhr Helene fort, verbot sich auch. Mr. Nelson,
wie du weit, reist schon morgen abend wieder. brigens ein charmanter
junger Mann, der euch gefallen wird. Etwas kurz und einsilbig,
vielleicht weil er nicht recht wei, ob er sich deutsch oder englisch
ausdrcken soll; aber was er sagt, ist immer gut und hat ganz die
Gesetztheit und Wohlerzogenheit, die die meisten Englnder haben. Und
dabei immer wie aus dem Ei gepellt. Ich habe nie solche Manschetten
gesehen, und es bedrckt mich geradezu, wenn ich dann sehe, womit sich
mein armer Otto behelfen mu, blo weil man die richtigen Krfte beim
besten Willen nicht haben kann. Und so sauber wie die Manschetten, so
sauber ist alles an ihm, ich meine an Mr. Nelson, auch sein Kopf und
sein Haar. Wahrscheinlich, da er es mit _Honey-water_ brstet, oder
vielleicht ist es auch blo mit Hilfe von _Shampooing_.

Der so rhmlich Gekennzeichnete war der nchste, der am Gartengitter
erschien und schon im Herankommen die Kommerzienrtin einigermaen
in Erstaunen setzte. Diese hatte, nach der Schilderung ihrer
Schwiegertochter, einen Ausbund von Eleganz erwartet; statt dessen
kam ein Menschenkind daher, an dem, mit Ausnahme der von der jungen
Frau Treibel gerhmten Manschettenspezialitt, eigentlich alles die
Kritik herausforderte. Den ungebrsteten Zylinder im Nacken und
reisemig in einem gelb- und braunquadrierten Anzuge steckend, stieg
er, von links nach rechts sich wiegend, die Freitreppe herauf und
grte mit der bekannten heimatlichen Mischung von Selbstbewutsein
und Verlegenheit. Otto ging ihm entgegen, um ihn seinen Eltern
vorzustellen.

Mr. Nelson _from Liverpool_, -- derselbe, lieber Papa, mit dem ich ...

Ah, Mr. Nelson. Sehr erfreut. Mein Sohn spricht noch oft von seinen
glcklichen Tagen in Liverpool und von dem Ausfluge, den er damals mit
Ihnen nach Dublin und, wenn ich nicht irre, auch nach Glasgow machte.
Das geht jetzt ins neunte Jahr; Sie mssen damals noch sehr jung gewesen
sein.

O nicht sehr jung, Mr. Treibel, ... _about sixteen_ ...

Nun, ich dchte doch, sechzehn ...

O, sechzehn, nicht sehr jung, ... nicht fr uns.

Diese Versicherungen klangen um so komischer, als Mr. Nelson, auch jetzt
noch, wie ein Junge wirkte. Zu weiteren Betrachtungen darber war aber
keine Zeit, weil eben jetzt eine Droschke zweiter Klasse vorfuhr, der
ein langer, hagerer Mann in Uniform entstieg. Er schien
Auseinandersetzungen mit dem Kutscher zu haben, whrend deren er
brigens eine beneidenswert sichere Haltung beobachtete, und nun rckte
er sich zurecht und warf die Gittertr ins Schlo. Er war in Helm und
Degen; aber ehe man noch der Schilderhuser auf seiner Achselklappe
gewahr werden konnte, stand es fr jeden mit militrischem Blick nur
einigermaen Ausgersteten fest, da er seit wenigstens dreiig Jahren
auer Dienst sein msse. Denn die Grandezza, mit der er daher kam, war
mehr die Steifheit eines alten, irgendeiner ganz seltenen Sekte
zugehrigen Torf- oder Salzinspektors, als die gute Haltung eines
Offiziers. Alles gab sich mehr oder weniger automatenhaft, und der in
zwei gewirbelten Spitzen auslaufende schwarze Schnurrbart wirkte nicht
nur gefrbt, was er natrlich war, sondern zugleich auch wie angeklebt.
Desgleichen der Henriquatre. Dabei lag sein Untergesicht im Schatten
zweier vorspringender Backenknochen. Mit der Ruhe, die sein ganzes Wesen
auszeichnete, stieg er jetzt die Freitreppe hinauf und schritt auf die
Kommerzienrtin zu. Sie haben befohlen, meine Gndigste ...
Hocherfreut, Herr Leutnant ... Inzwischen war auch der alte Treibel
herangetreten und sagte: Lieber Vogelsang, erlauben Sie mir, da ich
Sie mit den Herrschaften bekannt mache; meinen Sohn Otto kennen Sie,
aber nicht seine Frau, meine liebe Schwiegertochter, -- Hamburgerin, wie
Sie leicht erkennen werden ... Und hier, und dabei schritt er auf Mr.
Nelson zu, der sich mit dem inzwischen ebenfalls erschienenen Leopold
Treibel gemtlich und ohne jede Rcksicht auf den Rest der Gesellschaft
unterhielt, und hier ein junger lieber Freund unseres Hauses, Mr.
Nelson _from Liverpool_.

Vogelsang zuckte bei dem Wort Nelson zusammen und schien einen
Augenblick zu glauben -- denn er konnte die Furcht des Gefopptwerdens
nie ganz los werden, -- da man sich einen Witz mit ihm erlaube. Die
ruhigen Mienen aller aber belehrten ihn bald eines Besseren, weshalb er
sich artig verbeugte und zu dem jungen Englnder sagte: Nelson. Ein
groer Name. Sehr erfreut, Mr. Nelson.

Dieser lachte dem alt und aufgesteift vor ihm stehenden Leutnant
ziemlich ungeniert ins Gesicht, denn solche komische Person war ihm noch
gar nicht vorgekommen. Da er in seiner Art ebenso komisch wirkte,
dieser Grad der Erkenntnis lag ihm fern. Vogelsang bi sich auf die
Lippen und befestigte sich, unter dem Eindruck dieser Begegnung, in der
lang gehegten Vorstellung von der Impertinenz englischer Nation. Im
brigen war jetzt der Zeitpunkt da, wo das Eintreffen immer neuer
Ankmmlinge von jeder andern Betrachtung abzog und die Sonderbarkeiten
eines Englnders rasch vergessen lie.

Einige der befreundeten Fabrikbesitzer aus der Kpenickerstrae lsten
in ihren Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck die, wie es schien, noch
immer sich besinnende Vogelsangsche Droschke rasch und beinah gewaltsam
ab; dann kam Korinna samt ihrem Vetter Marcell Wedderkopp (beide zu Fu)
und schlielich fuhr Johann, der Kommerzienrat Treibelsche Kutscher,
vor, und dem mit blauem Atlas ausgeschlagenen Landauer -- derselbe,
darin gestern die Kommerzienrtin ihren Besuch bei Korinna gemacht hatte
-- entstiegen zwei alte Damen, die von Johann mit ganz besonderem und
beinahe berraschlichem Respekt behandelt wurden. Er erklrte sich dies
aber einfach daraus, da Treibel, gleich bei Beginn dieser ihm wichtigen
und jetzt etwa um dritthalb Jahre zurckliegenden Bekanntschaft, zu
seinem Kutscher gesagt hatte: Johann, ein fr allemal, diesen Damen
gegenber immer Hut in der Hand. Das andere, du verstehst mich, ist
=meine= Sache. Dadurch waren die guten Manieren Johanns auer Frage
gestellt. Beiden alten Damen ging Treibel jetzt bis in die Mitte des
Vorgartens entgegen, und nach lebhaften Bekomplimentierungen, an denen
auch die Kommerzienrtin teilnahm, stieg man wieder die Gartentreppe
hinauf und trat, von der Veranda her, in den groen Empfangssalon ein,
der bis dahin, weil das schne Wetter zum Verweilen im Freien einlud,
nur von wenigen betreten worden war. Fast alle kannten sich von frheren
Treibelschen Diners her; nur Vogelsang und Nelson waren Fremde, was den
partiellen Vorstellungsakt erneuerte. Darf ich Sie, wandte sich
Treibel an die zuletzt erschienenen alten Damen, mit zwei Herren
bekannt machen, die mir heute zum ersten Male die Ehre ihres Besuches
geben: Leutnant Vogelsang, Prsident unseres Wahlkomitees, und Mr.
Nelson _from Liverpool_. Man verneigte sich gegenseitig. Dann nahm
Treibel Vogelsangs Arm und flsterte diesem, ihn einigermaen zu
orientieren, zu: Zwei Damen vom Hofe, die korpulente: Frau Majorin von
Ziegenhals, die =nicht=korpulente (worin Sie mir zustimmen werden):
Frulein Edwine von Bomst.

Merkwrdig, sagte Vogelsang. Ich wrde, die Wahrheit zu gestehen ...

Eine Vertauschung der Namen fr angezeigt gehalten haben. Da treffen
Sie's, Vogelsang. Und es freut mich, da Sie ein Auge fr solche Dinge
haben. Da bezeugt sich das alte Leutnantsblut. Ja, diese Ziegenhals;
einen Meter Brustweite wird sie wohl haben, und es lassen sich allerhand
Betrachtungen darber anstellen, werden auch wohl seinerzeit angestellt
worden sein. Im brigen, es sind das so die scherzhaften Widerspiele,
die das Leben erheitern. Klopstock war Dichter, und ein anderer, den ich
noch persnlich gekannt habe, hie Griepenkerl ... Es trifft sich, da
uns beide Damen ersprieliche Dienste leisten knnen.

Wie das? Wieso?

Die Ziegenhals ist eine rechte Kusine von dem Zossener Landesltesten,
und ein Bruder der Bomst hat sich mit einer Pastorstochter aus der
Storkower Gegend ehelich vermhlt. Halbe Mesallianze, die wir ignorieren
mssen, weil wir Vorteil daraus ziehen. Man mu, wie Bismarck, immer
ein Dutzend Eisen im Feuer haben ... Ah, Gott sei Dank. Johann hat
den Rock gewechselt und gibt das Zeichen. Allerhchste Zeit ... Eine
Viertelstunde warten, geht: aber zehn Minuten darber ist zu viel ...
Ohne mich ngstlich zu belauschen ich hre, wie der Hirsch nach Wasser
schreit. Bitte, Vogelsang, fhren Sie meine Frau ... Liebe Korinna,
bemchtigen Sie sich Nelsons ... _Victory and Westminster-Abbey_ das
Entern ist diesmal an Ihnen. Und nun, meine Damen ... darf ich um Ihren
Arm bitten, Frau Majorin? ... und um den Ihren, mein gndigstes
Frulein?

Und die Ziegenhals am rechten, die Bomst am linken Arm, ging er auf die
Flgeltr zu, die sich, whrend dieser seiner letzten Worte, mit einer
gewissen langsamen Feierlichkeit geffnet hatte.




Drittes Kapitel


Das Ezimmer entsprach genau dem vorgelegenen Empfangszimmer und hatte
den Blick auf den groen, parkartigen Hintergarten mit pltscherndem
Springbrunnen, ganz in der Nhe des Hauses; eine kleine Kugel stieg auf
dem Wasserstrahl auf und ab, und auf dem Querholz einer zur Seite
stehenden Stange sa ein Kakadu und sah, mit dem bekannten Auge voll
Tiefsinn, abwechselnd auf den Strahl mit der balancierenden Kugel und
dann wieder in den Esaal, dessen oberes Schiebefenster, der Ventilation
halber, etwas herabgelassen war. Der Kronleuchter brannte schon, aber
die niedrig geschraubten Flmmchen waren in der Nachmittagssonne kaum
sichtbar und fhrten ihr schwaches Vorleben nur deshalb, weil der
Kommerzienrat, um ihn selbst sprechen zu lassen, nicht liebte, durch
Manipulationen im Laternenansteckerstil in seiner Dinerstimmung gestrt
zu werden. Auch der bei der Gelegenheit hrbar werdende kleine Puff,
den er gern als moderierten Salutschu߫ bezeichnete, konnte seine
Gesamtstellung zu der Frage nicht ndern. Der Speisesaal selbst
war von schner Einfachheit: gelber Stuck, in dem einige Reliefs
eingelegt waren, reizende Arbeiten von Professor Franz. Seitens der
Kommerzienrtin war, als es sich um diese Ausschmckung handelte,
Reinhold Begas in Vorschlag gebracht, aber von Treibel, als seinen
Etat berschreitend, abgelehnt worden. Das ist fr die Zeit, wo wir
Generalkonsuls sein werden ... eine Zeit, die nie kommt, hatte
Jenny geantwortet. Doch, doch Jenny; Teupitz-Zossen ist die erste
Staffel dazu. Er wute, wie zweifelhaft seine Frau seiner Wahlagitation
und allen sich daran knpfenden Hoffnungen gegenberstand, weshalb er
gern durchklingen lie, da er von dem Baum seiner Politik auch fr die
weibliche Eitelkeit noch goldene Frchte zu heimsen gedenke.

Drauen setzte der Wasserstrahl sein Spiel fort. Drinnen im Saal aber,
in der Mitte der Tafel, die, statt der blichen Riesenvase mit Flieder
und Goldregen, ein kleines Blumenparkett zeigte, sa der alte Treibel,
neben sich die beiden adligen Damen, ihm gegenber seine Frau zwischen
Leutnant Vogelsang und dem ehemaligen Opernsnger Adolar Krola. Krola
war seit fnfzehn Jahren Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen
gleichmigen Anspruch gab: sein gutes ueres, seine gute Stimme und
sein gutes Vermgen. Er hatte sich nmlich kurz vor seinem Rcktritt von
der Bhne mit einer Millionrstochter verheiratet. Allgemein zugestanden
war er ein sehr liebenswrdiger Mann, was er vor manchen seiner
ehemaligen Kollegen ebensosehr voraus hatte, wie die mehr als gesicherte
Finanzlage.

Frau Jenny prsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem
kleinen Laden in der Adlerstrae war in ihrer Erscheinung bis auf den
letzten Rest getilgt. Alles wirkte reich und elegant; aber die Spitzen
auf dem veilchenfarbenen Brokatkleide, so viel mute gesagt werden,
taten es nicht allein, auch nicht die kleinen Brillantohrringe, die bei
jeder Bewegung hin und her blitzten; nein, was ihr mehr als alles andere
eine gewisse Vornehmheit lieh, war die sichere Ruhe, womit sie zwischen
ihren Gsten thronte. Keine Spur von Aufregung gab sich zu erkennen, zu
der allerdings auch keine Veranlassung vorlag. Sie wute, was in einem
reichen und auf Reprsentation gestellten Hause brauchbare Dienstleute
bedeuten, und so wurde denn alles, was sich nach dieser Seite hin nur
irgendwie bewhrte, durch hohen Lohn und gute Behandlung festgehalten.
Alles ging infolge davon wie am Schnrchen, auch heute wieder, und ein
Blick Jennys regierte das Ganze, wobei das untergeschobene Luftkissen,
das ihr eine dominierende Stellung gab, ihr nicht wenig zu statten kam.
In ihrem Sicherheitsgefhl war sie zugleich die Liebenswrdigkeit
selbst. Ohne Furcht, wirtschaftlich irgend etwas ins Stocken kommen zu
sehen, konnte sie sich selbstverstndlich auch den Pflichten einer
geflligen Unterhaltung widmen, und weil sie's strend empfinden mochte
-- den ersten Begrungsmoment abgerechnet --, zu keinem einzigen
intimeren Gesprchsworte mit den adligen Damen gekommen zu sein, so
wandte sie sich jetzt ber den Tisch hin an die Bomst und fragte voll
anscheinender oder vielleicht auch voll wirklicher Teilnahme: Haben
Sie, mein gndigstes Frulein, neuerdings etwas von Prinze Anisettchen
gehrt? Ich habe mich immer fr diese junge Prinzessin lebhaft
interessiert, ja, fr die ganze Linie des Hauses. Sie soll glcklich
verheiratet sein. Ich hre so gern von glcklichen Ehen, namentlich in
der Obersphre der Gesellschaft, und ich mchte dabei bemerken drfen,
es scheint mir eine trichte Annahme, da auf den Hhen der Menschheit
das Eheglck ausgeschlossen sein solle.

Gewi, unterbrach hier Treibel bermtig, ein solcher Verzicht auf
das denkbar Hchste ...

Lieber Treibel, fuhr die Rtin fort, ich richtete mich an das
Frulein von Bomst, das, bei jedem schuldigen Respekt vor deiner
sonstigen Allgemeinkenntnis, mir in allem, was Hof angeht, doch um ein
Erhebliches kompetenter ist als du.

Zweifellos, sagte Treibel. Und die Bomst, die dies eheliche Intermezzo
mit einem sichtlichen Behagen begleitet hatte, nahm nun ihrerseits das
Wort und erzhlte von der Prinzessin, die ganz die Gromutter sei,
denselben Teint und vor allem dieselbe gute Laune habe. Das wisse, so
viel drfe sie wohl sagen, niemand besser als sie, denn sie habe noch
des Vorzugs genossen, unter den Augen der Hochseligen, die eigentlich
ein Engel gewesen, ihr Leben bei Hofe beginnen zu drfen, bei welcher
Gelegenheit sie so recht die Wahrheit begriffen habe, da die
Natrlichkeit nicht nur das Beste, sondern auch das Vornehmste sei.

Ja, sagte Treibel, das Beste und das Vornehmste. Da hrst du's,
Jenny, von einer Seite her, die du, Pardon, mein gndigstes Frulein,
eben selbst als kompetentste Seite bezeichnet hast.

Auch die Ziegenhals mischte sich jetzt mit ein, und das
Gesprchsinteresse der Kommerzienrtin, die, wie jede geborene
Berlinerin, fr Hof und Prinzessinnen schwrmte, schien sich mehr und
mehr ihren beiden _vis--vis_ zuwenden zu wollen, als pltzlich ein
leises Augenzwinkern Treibels ihr zu verstehen gab, da auch noch
andere Personen zu Tische sen, und da des Landes der Brauch sei,
sich, was Gesprch angehe, mehr mit seinem Nachbar zur Linken und
Rechten, als mit seinem Gegenber zu beschftigen. Die Kommerzienrtin
erschrak denn auch nicht wenig, als sie wahrnahm, wie sehr Treibel mit
seinem stillen, wenn auch halb scherzhaften Vorwurf im Rechte sei. Sie
hatte Versumtes nachholen wollen und war dadurch in eine neue,
schwerere Versumnis hineingeraten. Ihr linker Nachbar, Krola -- nun,
das mochte gehen, der war Hausfreund und harmlos und nachsichtig von
Natur. Aber Vogelsang! Es kam ihr mit einem Male zum Bewutsein, da
sie whrend des Prinzessinnengesprchs von der rechten Seite her immer
etwas wie einen sich einbohrenden Blick empfunden hatte. Ja, das war
Vogelsang gewesen, Vogelsang, dieser furchtbare Mensch, dieser Mephisto
mit Hahnenfeder und Hinkefu, wenn auch beides nicht recht zu sehen war.
Er war ihr widerwrtig, und doch mute sie mit ihm sprechen; es war die
hchste Zeit.

Ich habe, Herr Leutnant, von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere
liebe Mark Brandenburg gehrt; Sie wollen bis an die Gestade der
wendischen Spree vordringen, ja, noch darber hinaus. Eine hchst
interessante Gegend, wie mir Treibel sagt, mit allerlei Wendengttern,
die sich, bis diesen Tag, in dem finsteren Geiste der Bevlkerung
aussprechen sollen.

Nicht, da ich wte, meine Gndigste.

So zum Beispiel in dem Stdtchen Storkow, dessen Burgemeister, wenn ich
recht unterrichtet bin, der Burgemeister Tschech war, jener politische
Rechtsfanatiker, der auf Knig Friedrich Wilhelm IV. scho, ohne
Rcksicht auf die nebenstehende Knigin. Es ist eine lange Zeit, aber
ich entsinne mich der Einzelheiten, als ob es gestern gewesen wre, und
entsinne mich auch noch des eigentmlichen Liedes, das damals auf diesen
Vorfall gedichtet wurde.

Ja, sagte Vogelsang, ein erbrmlicher Gassenhauer, darin ganz der
frivole Geist spukte, der die Lyrik jener Tage beherrschte. Was sich
anders in dieser Lyrik gibt, ganz besonders auch in dem in Rede
stehenden Gedicht, ist nur Schein, Lug und Trug. >Er erscho uns auf ein
Haar unser teures Knigspaar.< Da haben Sie die ganze Perfidie. Das
sollte loyal klingen, unter Umstnden vielleicht auch den Rckzug
decken, ist aber schnder und schndlicher als alles, was jene verlogene
Zeit sonst noch hervorgebracht hat, den groen Hauptsnder auf diesem
Gebiete nicht ausgenommen. Ich meine natrlich Herwegh, Georg Herwegh.

Ach, da treffen Sie mich, Herr Leutnant, wenn auch ungewollt, an einer
sehr empfindlichen Stelle. Herwegh war nmlich in der Mitte der
vierziger Jahre, wo ich eingesegnet wurde, mein Lieblingsdichter. Es
entzckte mich, weil ich immer sehr protestantisch fhlte, wenn er seine
Flche gegen Rom herbeischleppte, worin Sie mir vielleicht beistimmen
werden. Und ein anderes Gedicht, worin er uns aufforderte, die Kreuze
aus der Erde zu reien, las ich beinah mit gleichem Vergngen. Ich mu
freilich einrumen, da es keine Lektre fr eine Konfirmandin war. Aber
meine Mutter sagte: >Lies es nur, Jenny; der Knig hat es auch gelesen,
und Herwegh war sogar bei ihm in Charlottenburg, und die besseren
Klassen lesen es alle.< Meine Mutter, wofr ich ihr noch im Grabe danke,
war immer fr die besseren Klassen. Und das sollte jede Mutter, denn es
ist bestimmend fr unseren Lebensweg. Das Niedere kann dann nicht heran
und bleibt hinter uns zurck.

Vogelsang zog die Augenbrauen zusammen, und jeder, den die Vorstellung
von seiner Mephistophelesschaft bis dahin nur gestreift hatte, htte bei
diesem Mienenspiel unwillkrlich nach dem Hinkefu suchen mssen. Die
Kommerzienrtin aber fuhr fort: Im brigen wird mir das Zugestndnis
nicht schwer, da die patriotischen Grundstze, die der groe Dichter
predigte, vielleicht sehr anfechtbar waren. Wiewohl auch =das= nicht
immer das Richtige ist, was auf der groen Strae liegt ...

Vogelsang, der stolz darauf war, durchaus eine Nebenstrae zu wandeln,
nickte jetzt zustimmend.

... Aber lassen wir die Politik, Herr Leutnant. Ich gebe Ihnen Herwegh
als politischen Dichter preis, da das Politische nur ein Tropfen fremden
Blutes in seinen Adern war. Indessen gro ist er, wo er nur Dichter ist.
Erinnern Sie sich? >Ich mchte hingehn wie das Abendrot, und wie der Tag
mit seinen letzten Gluten ...<

... >Mich in den Scho des Ewigen verbluten< ... Ja, das kenn ich,
meine Gndigste, das hab ich damals auch nachgebetet. Aber wer sich,
als es galt, durchaus nicht verbluten wollte, das war der Herr Dichter
selbst. Und so wird es immer sein. Das kommt von den hohlen, leeren
Worten und der Reimsucherei. Glauben Sie mir, Frau Rtin, das sind
berwundene Standpunkte. Der Prosa gehrt die Welt.

Jeder nach seinem Geschmack, Herr Leutnant Vogelsang, sagte die durch
diese Worte verletzte Jenny. Wenn Sie Prosa vorziehen, so kann ich Sie
daran nicht hindern. Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem
gelten mir auch die Formen, in denen das Poetische herkmmlich seinen
Ausdruck findet. Ihm allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist
nichtig; am nichtigsten aber ist das, wonach alle Welt so begehrlich
drngt: uerlicher Besitz, Vermgen, Gold. >Gold ist nur Chimre<, da
haben Sie den Ausspruch eines groen Mannes und Knstlers, der, seinen
Glcksgtern nach, ich spreche von Meyerbeer, wohl in der Lage war,
zwischen dem Ewigen und Vergnglichen unterscheiden zu knnen. Ich fr
meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten. Am
reinsten aber hab' ich das Ideal im Liede, vor allem in dem Liede, das
gesungen wird. Denn die Musik hebt es noch in eine hhere Sphre. Habe
ich recht, lieber Krola?

Krola lchelte gutmtig verlegen vor sich hin, denn als Tenor und
Millionr sa er zwischen zwei Sthlen. Endlich aber nahm er seiner
Freundin Hand und sagte: Jenny, wann htten Sie je =nicht= recht
gehabt?

Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von
Ziegenhals zugewandt, deren Hoftage noch etwas weiter zurcklagen, als
die der Bomst. Ihm, Treibel, war dies natrlich gleichgltig; denn so
sehr ihm ein gewisser Glanz pate, den das Erscheinen der Hofdamen,
trotz ihrer Auerdienststellung, seiner Gesellschaft immer noch lieh, so
stand er doch auch wieder vllig darber, ein Standpunkt, den ihm die
beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten anrechneten.
Namentlich die den Freuden der Tafel beraus zugeneigte Ziegenhals nahm
ihrem kommerzienrtlichen Freunde nichts bel, am wenigsten aber verdro
es sie, wenn er, auer Adels- und Geburtsfragen, allerlei
Sittlichkeitsprobleme streifte, zu deren Lsung er sich, als geborener
Berliner, besonders berufen fhlte. Die Majorin gab ihm dann einen Tipp
mit dem Finger und flsterte ihm etwas zu, das vierzig Jahre frher
bedenklich gewesen wre; =jetzt= aber -- beide renommierten bestndig
mit ihrem Alter -- nur Heiterkeit weckte. Meist waren es harmlose
Sentenzen aus Bchmann oder andere geflgelte Worte, denen erst der Ton,
aber dieser oft sehr entschieden, den erotischen Charakter aufdrckte.

Sagen Sie, _cher_ Treibel, hob die Ziegenhals an, wie kommen Sie zu
dem Gespenst da drben; er scheint noch ein Vorachtundvierziger; das war
damals die Epoche des sonderbaren Leutnants, aber dieser bertreibt es.
Karikatur durch und durch. Entsinnen Sie sich noch eines Bildes aus
jener Zeit, das den Don Quixote mit einer langen Lanze darstellte, dicke
Bcher rings um sich her. Das ist er, wie er leibt und lebt.

Treibel fuhr mit dem linken Zeigefinger am Innenrand seiner Krawatte hin
und her und sagte: Ja, wie ich zu ihm komme, meine Gndigste. Nun,
jedenfalls mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe. Seine
gesellschaftlichen Meriten sind wohl eigentlich gering und seine
menschlichen werden dasselbe Niveau haben. Aber er ist ein Politiker.

Das ist unmglich. Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den
Prinzipien stehen, die das Unglck haben, von ihm vertreten zu werden.
berhaupt, Kommerzienrat, warum verirren Sie sich in die Politik?
Was ist die Folge? Sie verderben sich Ihren guten Charakter, Ihre
guten Sitten und Ihre gute Gesellschaft. Ich hre, da Sie fr
Teupitz-Zossen kandidieren wollen. Nun meinetwegen. Aber wozu? Lassen
Sie doch die Dinge gehen. Sie haben eine charmante Frau, gefhlvoll und
hochpoetisch, und haben eine Villa wie diese, darin wir eben ein _Ragout
fin_ einnehmen, das seinesgleichen sucht, und haben drauen im Garten
einen Springbrunnen und einen Kakadu, um den ich Sie beneiden knnte,
denn meiner, ein grner, verliert gerade die Federn und sieht aus,
wie die schlechte Zeit. Was wollen Sie mit Politik? Was wollen Sie
mit Teupitz-Zossen? Ja mehr, um Ihnen einen Vollbeweis meiner
Vorurteilslosigkeit zu geben, was wollen Sie mit Konservatismus? Sie
sind ein Industrieller und wohnen in der Kpnickerstrae. Lassen Sie
doch diese Gegend ruhig bei Singer oder Ludwig Lwe, oder wer sonst
hier gerade das Pr hat. Jeder Lebensstellung entsprechen auch bestimmte
politische Grundstze. Rittergutsbesitzer sind agrarisch, Professoren
sind nationale Mittelpartei und Industrielle sind fortschrittlich. Seien
Sie doch Fortschrittler. Was wollen Sie mit dem Kronenorden? Ich, wenn
ich an Ihrer Stelle wre, lancierte mich ins Stdtische hinein und rnge
nach der Brgerkrone.

Treibel, sonst unruhig, wenn einer lange sprach -- was er nur sich
selbst ausgiebig gestattete --, war diesmal doch aufmerksam gefolgt und
winkte zunchst einen Diener heran, um der Majorin ein zweites Glas
Chablis zu prsentieren. Sie nahm auch, er mit, und nun stie er mit ihr
an und sagte: Auf gute Freundschaft und noch zehn Jahre so wie heut'!
Aber das mit dem Fortschrittlertum und der Brgerkrone -- was ist da zu
sagen, meine Gndigste! Sie wissen, unsereins rechnet und rechnet und
kommt aus der _Regula-de-tri_ gar nicht mehr heraus, aus dem alten
Ansatze: wenn das und das soviel bringt, wieviel bringt das und das.
Und sehen Sie, Freundin und Gnnerin, nach demselben Ansatz hab' ich mir
auch den Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahinter
gekommen, da mir der Konservatismus, ich will nicht sagen mehr abwirft,
das wre freilich falsch, aber besser zu mir pat, mir besser kleidet.
Besonders seitdem ich Kommerzienrat bin, ein Titel von fragmentischem
Charakter, der doch natrlich seiner Vervollstndigung entgegensieht.

Ah, ich verstehe.

Nun sehen Sie, _l'apptit vient en mangeant_, und wer A sagt, will auch
B sagen. Auerdem aber, ich erkenne die Lebensaufgabe des Weisen vor
allen Dingen in Herstellung des sogenannten Harmonischen, und dies
Harmonische, wie die Dinge nun mal liegen, oder vielleicht kann ich auch
sagen, wie die Zeichen nun mal sprechen, schliet in meinem Spezialfalle
die fortschrittliche Brgerkrone so gut wie aus.

Sagen Sie das im Ernste?

Ja, meine Gndigste. Fabriken im allgemeinen neigen der Brgerkrone zu,
Fabriken im besonderen aber -- und dahin gehrt ausgesprochenermaen die
meine -- konstatieren den Ausnahmefall. Ihr Blick fordert Beweise. Nun
denn, ich will es versuchen. Ich frage Sie, knnen Sie sich einen
Handelsgrtner denken, der, sagen wir auf der Lichtenberger oder
Rummelsburger Gemarkung, Kornblumen im Groen zieht, Kornblumen, dies
Symbol kniglich preuischer Gesinnung und der zugleich Petroleur und
Dynamitarde ist? Sie schtteln den Kopf und besttigen dadurch mein
>nein<. Und nun frage ich Sie weiter, was sind alle Kornblumen der Welt
gegen eine Berliner Blaufabrik? Im Berliner Blau haben Sie das
symbolisch Preuische sozusagen in hchster Potenz, und je sicherer und
unanfechtbarer das ist, desto unerllicher ist auch mein Verbleiben auf
dem Boden des Konservatismus. Der Ausbau des Kommerzienrtlichen
bedeutet in meinem Spezialfalle das natrlich Gegebene ... jedenfalls
mehr als die Brgerkrone.

Die Ziegenhals schien berwunden und lachte, whrend Krola, der mit
halbem Ohr zugehrt hatte, beistimmend nickte.

       *       *       *       *       *

So ging das Gesprch in der Mitte der Tafel, aber noch heiterer verlief
es am untern Ende derselben, wo sich die junge Frau Treibel und Korinna
gegenbersaen, die junge Frau zwischen Marcell Wedderkopp und dem
Referendar Enghaus, Korinna zwischen Mr. Nelson und Leopold Treibel, dem
jngeren Sohne des Hauses. An der Schmalseite des Tisches, mit dem
Rcken gegen das breite Gartenfenster, war das Gesellschaftsfrulein,
Frulein Honig, placiert worden, deren herbe Zge sich wie ein Protest
gegen ihren Namen ausnahmen. Je mehr sie zu lcheln suchte, je
sichtbarer wurde der sie verzehrende Neid, der sich nach rechts hin
gegen die hbsche Hamburgerin, nach links hin, in fast noch
ausgesprochenerer Weise, gegen Korinna richtete, diese halbe Kollegin,
die sich trotzdem mit einer Sicherheit benahm, als ob sie die Majorin
von Ziegenhals oder doch mindestens das Frulein von Bomst gewesen wre.

Die junge Frau Treibel sah sehr gut aus, blond, klar, ruhig. Beide
Nachbarn machten ihr den Hof, Marcell freilich nur mit erknsteltem
Eifer, weil er eigentlich Korinna beobachtete, die sich aus dem einen
oder andern Grunde die Eroberung des jungen Englnders vorgesetzt zu
haben schien. Bei diesem Vorgehen voll Koketterie sprach sie brigens so
lebhaft, so laut, als ob ihr daran lge, da jedes Wort auch von ihrer
Umgebung und ganz besonders von ihrem Vetter Marcell gehrt werde.

Sie fhren einen so schnen Namen, wandte sie sich an Mr. Nelson, so
schn und berhmt, da ich wohl fragen mchte, ob Ihnen nie das
Verlangen gekommen ist ...?

_O yes, yes_ ...

... Sich der Fernambuk- und Campecheholzbranche, darin Sie, soviel ich
wei, auch ttig sind, fr immer zu entschlagen? Ich fhle deutlich, da
ich, wenn ich Nelson hiee, keine ruhige Stunde mehr haben wrde, bis
ich meine _Battle at the Nile_ ebenfalls geschlagen htte. Sie kennen
natrlich die Einzelheiten der Schlacht ...

_O, to be sure._

Nun, da wr' ich denn endlich -- denn hierlandes wei niemand etwas
Rechtes davon -- an der richtigen Quelle. Sagen Sie, Mr. Nelson, wie war
das eigentlich mit der Idee, der Anordnung zur Schlacht? Ich habe die
Beschreibung vor einiger Zeit im Walter Scott gelesen und war seitdem
immer im Zweifel darber, was eigentlich den Ausschlag gegeben habe, ob
mehr eine geniale Disposition oder ein heroischer Mut ...

_I should rather think, a heroical courage ... British oaks and british
hearts ..._

Ich freue mich, diese Frage durch Sie beglichen zu sehen und in einer
Weise, die meinen Sympathien entspricht. Denn ich bin fr das Heroische,
weil es so selten ist. Aber ich mchte doch auch annehmen, da das
geniale Kommando ...

_Certainly, Miss Corinna. No doubt ... >England expects that every man
will do his duty< ..._

Ja, das waren herrliche Worte, von denen ich brigens bis heute
geglaubt hatte, da sie bei Trafalgar gesprochen seien. Aber warum nicht
auch bei Abukir? Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden. Und dann
... eigentlich ist eine Schlacht wie die andere, besonders Seeschlachten
-- ein Knall, eine Feuersule, und alles geht in die Luft. Es mu
brigens groartig sein und entzckend fr alle die, die zusehen knnen;
ein wundervoller Anblick.

_O splendid ..._

Ja, Leopold, fuhr Korinna fort, indem sie sich pltzlich an ihren
andern Tischnachbar wandte, da sitzen Sie nun und lcheln. Und warum
lcheln Sie? Weil Sie hinter diesem Lcheln Ihre Verlegenheit verbergen
wollen. Sie haben eben nicht jene _heroical courage_, zu der sich
_dear_ Mr. Nelson so bedingungslos bekannt hat. Ganz im Gegenteil. Sie
haben sich aus Ihres Vaters Fabrik, die noch in gewissem Sinne, wenn
auch freilich nur geschftlich, die Blut- und Eisentheorie vertritt --
ja, es klang mir vorhin fast, als ob Ihr Papa der Frau Majorin von
Ziegenhals etwas von diesen Dingen erzhlt htte -- Sie haben sich, sag
ich, aus dem Blutlaugenhof, in dem Sie verbleiben muten, in den Holzhof
Ihres Bruders Otto zurckgezogen. Das war nicht gut, auch wenn es
Fernambukholz ist. Da sehen Sie meinen Vetter Marcell drben, der
schwrt jeden Tag, wenn er mit seinen Hanteln umherficht, da es auf das
Reck und das Turnen ankomme, was ihm ein fr allemal die Heldenschaft
bedeutet, und da Vater Jahn doch schlielich noch ber Nelson geht.

Marcell drohte halb ernst-, halb scherzhaft mit dem Finger zu Korinna
hinber und sagte: Kusine, vergi nicht, da der Reprsentant einer
andern Nation dir zur Seite sitzt, und da du die Pflicht hast,
einigermaen fr deutsche Weiblichkeit einzutreten.

_O, no, no_, sagte Nelson: Nichts Weiblichkeit; _always quick and
clever_ ..., das is was wir lieben an deutsche Frauen. Nichts
Weiblichkeit. Frulein Korinna _is quite in the right way_.

Da hast du's, Marcell. Mr. Nelson, fr den du so sorglich eintrittst,
damit er nicht falsche Bilder mit in sein meerumgrtetes Albion
hinbernimmt, Mr. Nelson lt dich im Stich, und Frau Treibel, denk'
ich, lt dich auch im Stich und Herr Enghaus auch und mein Freund
Leopold auch. Und so bin ich gutes Muts, und bleibt nur noch Frulein
Honig ...

Diese verneigte sich und sagte: Ich bin gewohnt, mit der Majoritt zu
gehen, und ihre Verbittertheit lag in diesem Tone der Zustimmung.

Ich will mir meines Vetters Mahnung aber doch gesagt sein lassen, fuhr
Korinna fort. Ich bin etwas bermtig, Mr. Nelson, und auerdem aus
einer plaudernden Familie ...

_Just what I like_, Mi Korinna. >Plauderhafte Leute, gute Leute<, so
sagen wir in England.

Und das sag' ich auch, Mr. Nelson. Knnen Sie sich einen immer
plaudernden Verbrecher denken?

_Oh, no; certainly not ..._

Und zum Zeichen, da ich, trotz ewigen Schwatzens, doch eine weibliche
Natur und eine richtige Deutsche bin, soll Mr. Nelson von mir hren, da
ich auch noch nebenher kochen, nhen und pltten kann, und da ich im
Letteverein die Kunststopferei gelernt habe. Ja, Mr. Nelson, so steht es
mit mir. Ich bin ganz deutsch und ganz weiblich, und bleibt eigentlich
nur noch die Frage: kennen Sie den Letteverein und kennen Sie die
Kunststopferei?

_No_, Frulein Korinna, _neither the one nor the other_.

Nun sehen Sie, _dear_ Mr. Nelson, der Letteverein ist ein Verein oder
ein Institut oder eine Schule fr weibliche Handarbeit. Ich glaube sogar
nach englischem Muster, was noch ein besonderer Vorzug wre.

_Not at all; German schools are always to be preferred._

Wer wei, ich mchte das nicht so schroff hinstellen. Aber lassen wir
das, um uns mit dem weit Wichtigeren zu beschftigen, mit der
Kunststopfereifrage. Das ist wirklich was. Bitte, wollen Sie zunchst
das Wort nachsprechen ...

Mr. Nelson lchelte gutmtig vor sich hin.

Nun, ich sehe, da es Ihnen Schwierigkeiten macht. Aber diese
Schwierigkeiten sind nichts gegen die der Kunststopferei selbst. Sehen
Sie, hier ist mein Freund Leopold Treibel und trgt, wie Sie sehen,
einen untadeligen Rock mit einer doppelten Knopfreihe, und auch wirklich
zugeknpft, ganz wie es sich fr einen Gentleman und einen Berliner
Kommerzienratssohn geziemt. Und ich taxiere den Rock auf wenigstens
hundert Mark.

berschtzung.

Wer wei. Du vergit, Marcell, da es verschiedene Skalen auch auf
diesem Gebiete gibt, eine fr Oberlehrer und eine fr Kommerzienrte.
Doch lassen wir die Preisfrage. Jedenfalls ein feiner Rock, _prima_. Und
nun, wenn wir aufstehen, Mr. Nelson, und die Zigarren herumgereicht
werden -- ich denke, Sie rauchen doch -- werde ich Sie um Ihre Zigarre
bitten und meinem Freunde Leopold Treibel ein Loch in den Rock brennen,
hier gerade, wo sein Herz sitzt, und dann werd' ich den Rock in einer
Droschke mit nach Hause nehmen, und morgen um dieselbe Zeit wollen wir
uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Sthle
stellen, wie bei einer Auffhrung. Und der Kakadu kann auch dabei sein.
Und dann werd' ich auftreten wie eine Knstlerin, die ich in der Tat
auch bin, und werde den Rock herumgehen lassen, und wenn Sie, _dear_ Mr.
Nelson, dann noch imstande sind, die Stelle zu finden, wo das Loch war,
so will ich Ihnen einen Ku geben und Ihnen als Sklavin nach Liverpool
hin folgen. Aber es wird nicht dazu kommen. Soll ich sagen leider? Ich
habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen, und Sie werden die
Stelle sicherlich =nicht= finden ...

Oh, ich werde finden, _no doubt, I will find it_, entgegnete Mr.
Nelson leuchtenden Auges, und weil er seiner immer wachsenden
Bewunderung, passend oder nicht, einen Ausdruck geben wollte, schlo er
mit einem in kurzen Ausrufungen gehaltenen Hymnus auf die Berlinerinnen
und der sich daran anschlieenden und mehrfach wiederholten
Versicherung, da sie _decidedly clever_ seien.

Leopold und der Referendar vereinigten sich mit ihm in diesem Lob, und
selbst Frulein Honig lchelte, weil sie sich als Landsmnnin
mitgeschmeichelt fhlen mochte. Nur im Auge der jungen Frau Treibel
sprach sich eine leise Verstimmung darber aus, eine Berlinerin und
kleine Professorstochter in dieser Weise gefeiert zu sehen. Auch Vetter
Marcell, so sehr er zustimmte, war nicht recht zufrieden, weil er davon
ausging, da seine Kusine ein solches Hasten und Sich-in-Szenesetzen
nicht ntig habe; sie war ihm zu schade fr die Rolle, die sie spielte.
Korinna ihrerseits sah auch ganz deutlich, was in ihm vorging, und wrde
sich ein Vergngen daraus gemacht haben ihn zu necken, wenn nicht in
eben diesem Momente -- das Eis wurde schon herumgereicht -- der
Kommerzienrat an das Glas geklopft und sich, um einen Toast
auszubringen, von seinem Platz erhoben htte: Meine Herren und Damen,
_Ladies and Gentlemen_ ...

Ah, =das= gilt Ihnen, flsterte Korinna Mr. Nelson zu.

... Ich bin, fuhr Treibel fort, an dem Hammelrcken vorbergegangen
und habe diese verhltnismig spte Stunde fr einen meinerseits
auszubringenden Toast herankommen lassen -- eine Neuerung, die mich in
diesem Augenblicke freilich vor die Frage stellt, ob der Schmelzezustand
eines rot- und weien Panaschee nicht noch etwas Vermeidenswerteres ist,
als der Hammelrcken im Zustande der Erstarrung ...

_Oh, wonderfully good ..._

... Wie dem aber auch sein mge, jedenfalls gibt es zurzeit nur =ein=
Mittel, ein vielleicht schon angerichtetes bel auf ein Mindestma
herabzudrcken: Krze. Genehmigen Sie denn, meine Herrschaften, in Ihrer
Gesamtheit meinen Dank fr Ihr Erscheinen, und gestatten Sie mir des
ferneren und im besonderen Hinblick auf zwei liebe Gste, die hier zu
sehen ich heute zum ersten Male die Ehre habe, meinen Toast in die
britischerseits nahezu geheiligte Formel kleiden zu drfen: >_on our
army and navy_<, auf Heer und Flotte also, die wir das Glck haben, hier
an dieser Tafel, =einer=seits (er verbeugte sich gegen Vogelsang) durch
Beruf und Lebensstellung, =anderer=seits (Verbeugung gegen Nelson) durch
einen weltberhmten Heldennamen vertreten zu sehen. Noch einmal also:
>_our army and navy!_< Es lebe Leutnant Vogelsang, es lebe Mr. Nelson.

Der Toast fand allseitige Zustimmung, und der in eine nervse Unruhe
geratene Mr. Nelson wollte sofort das Wort nehmen, um zu danken. Aber
Korinna hielt ihn ab, Vogelsang sei der ltere und wrde vielleicht den
Dank fr ihn mitaussprechen.

_Oh, no, no_, Frulein Korinna, _not he ... not such an ugly old fellow
... please, look at him_, und der zapplige Heldennamensvetter machte
wiederholte Versuche, sich von seinem Platze zu erheben und zu sprechen.
Aber Vogelsang kam ihm wirklich zuvor, und nachdem er den Bart mit der
Serviette geputzt und in nervser Unruhe seinen Waffenrock erst auf- und
dann wieder zugeknpft hatte, begann er mit einer an Komik streifenden
Wrde: Meine Herren. Unser liebenswrdiger Wirt hat die Armee leben
lassen und mit der Armee meinen Namen verknpft. Ja, meine Herren, ich
=bin= Soldat ...

_Oh, for shame!_ brummte der ber das wiederholte meine Herren und
das gleichzeitige Unterschlagen aller anwesenden Damen aufrichtig
emprte Mr. Nelson, _oh, for shame_, und ein Kichern lie sich
allerseits hren, das auch anhielt, bis des Redners immer finsterer
werdendes Augenrollen eine wahre Kirchenstille wiederhergestellt hatte.
Dann erst fuhr dieser fort: Ja, meine Herren, ich =bin= Soldat ... Aber
mehr als das, ich bin auch Streiter im Dienst einer Idee. Zwei groe
Mchte sind es, denen ich diene: Volkstum und Knigtum. Alles andere
strt, schdigt, verwirrt. Englands Aristokratie, die mir, von meinem
Prinzip ganz abgesehen, auch persnlich widerstreitet, veranschaulicht
eine solche Schdigung, eine solche Verwirrung; ich verabscheue
Zwischenstufen und berhaupt die feudale Pyramide. Das sind
Mittelalterlichkeiten. Ich erkenne mein Ideal in einem Plateau, mit
einem einzigen, aber alles berragenden _Pic_.

Die Ziegenhals wechselte hier Blicke mit Treibel.

... Alles sei von Volkesgnaden, bis zu der Stelle hinauf, wo die
Gottesgnadenschaft beginnt. Dabei streng geschiedene Machtbefugnisse.
Das Gewhnliche, das Massenhafte, werde bestimmt durch die Masse, das
Ungewhnliche, das Groe, werde bestimmt durch das Groe. Das ist Thron
und Krone. Meiner politischen Erkenntnis nach ruht alles Heil, alle
Besserungsmglichkeit in der Aufrichtung einer Royaldemokratie, zu der
sich, soviel ich wei, auch unser Kommerzienrat bekennt. Und in diesem
Gefhle, darin wir uns eins wissen, erhebe ich das Glas und bitte Sie,
mit mir auf das Wohl unseres hochverehrten Wirtes zu trinken, zugleich
unseres Gonfaloniere, der uns die Fahne trgt. Unser Kommerzienrat
Treibel, er lebe hoch.

Alles erhob sich, um mit Vogelsang anzustoen und ihn als Erfinder der
Royaldemokratie zu beglckwnschen. Einige konnten als aufrichtig
entzckt gelten, besonders das Wort Gonfaloniere schien gewirkt zu
haben, andere lachten still in sich hinein, und nur drei waren direkt
unzufrieden: Treibel, weil er sich von den Vogelsangschen Prinzipien
praktisch nicht viel versprach, die Kommerzienrtin, weil ihr das Ganze
nicht fein genug vorkam, und drittens Mr. Nelson, weil er sich aus dem
gegen die englische Aristokratie gerichteten Satze Vogelsangs einen
neuen Ha gegen eben diesen gesogen hatte. _Stuff and nonsense. What
does he know of our aristocracy? To be sure, he does'nt belong to it --
that's all._

Ich wei doch nicht, lachte Korinna. Hat er nicht was von einem _Peer
of the Realm_?

Nelson verga ber dieser Vorstellung beinahe all seinen Groll und bot
Korinna, whrend er eine Knackmandel von einem der Tafelaufstze nahm,
eben ein Vielliebchen an, als die Kommerzienrtin den Stuhl schob und
dadurch das Zeichen zur Aufhebung der Tafel gab. Die Flgeltren
ffneten sich, und in derselben Reihenfolge, wie man zu Tisch gegangen
war, schritt man wieder auf den mittlerweile gelfteten Frontsaal zu, wo
die Herren, Treibel an der Spitze, den lteren und auch einigen jngeren
Damen respektvoll die Hand kten.

Nur Mr. Nelson verzichtete darauf, weil er die Kommerzienrtin _a
little pompous_ und die beiden Hofdamen _a little ridiculous_ fand,
und begngte sich, an Korinna herantretend, mit einem krftigen
_shaking hands_.




Viertes Kapitel


Die groe Glastr, die zur Freitreppe fhrte, stand auf; dennoch war es
schwl, und so zog man es vor, den Kaffee drauen zu nehmen, die einen
auf der Veranda, die andern im Vorgarten selbst, wobei sich die
Tischnachbarn in kleinen Gruppen wieder zusammenfanden und
weiterplauderten. Nur als sich die beiden adligen Damen von der
Gesellschaft verabschiedeten, unterbrach man sich in diesem mit
Medisance reichlich gewrzten Gesprch und sah eine kleine Weile dem
Landauer nach, der, die Kpenickerstrae hinauf, erst auf die Frau von
Ziegenhalssche Wohnung, in unmittelbarer Nhe der Marschallsbrcke, dann
aber auf Charlottenburg zufuhr, wo die seit fnfunddreiig Jahren in
einem Seitenflgel des Schlosses einquartierte Bomst ihr Lebensglck und
zugleich ihren besten Stolz aus der Betrachtung zog, in erster Zeit mit
des hochseligen Knigs Majestt, dann mit der Kniginwitwe, und zuletzt
mit den Meiningenschen Herrschaften dieselbe Luft geatmet zu haben. Es
gab ihr all das etwas Verklrtes, was auch zu ihrer Figur pate.

Treibel, der die Damen bis an den Wagenschlag begleitet, hatte
mittlerweile, vom Straendamm her, die Veranda wieder erreicht, wo
Vogelsang, etwas verlassen, aber mit uneingebter Wrde, seinen Platz
behauptete. Nun, ein Wort unter uns, Leutnant, aber nicht hier; ich
denke, wir absentieren uns einen Augenblick und rauchen ein Blatt,
das nicht alle Tage wchst, und namentlich nicht berall. Dabei nahm
er Vogelsang unter den Arm und fhrte den Gerngehorchenden in sein
neben dem Saale gelegenes Arbeitszimmer, wo der geschulte, diesen
Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn von langher kennende
Diener bereits alles zurechtgestellt hatte: das Zigarrenkistchen,
den Likrkasten und die Karaffe mit Eiswasser. Die gute Schulung des
Dieners beschrnkte sich aber nicht auf diese Vorarrangements, vielmehr
stand er im selben Augenblick, wo beide Herren ihre Pltze genommen
hatten, auch schon mit dem Tablett vor ihnen und prsentierte den
Kaffee.

Das ist recht, Friedrich, auch der Aufbau hier, alles zu meiner
Zufriedenheit; aber gib doch lieber die andere Kiste her, die flache.
Und dann sage meinem Sohn Otto, ich liee ihn bitten ... Ihnen doch
recht, Vogelsang? Oder, wenn du Otto nicht triffst, so bitte den
Polizeiassessor, ja, lieber =den=, er wei doch besser Bescheid.
Sonderbar, alles, was in der Molkenmarktluft gro geworden, ist dem Rest
der Menschheit um ein Betrchtliches berlegen. Und dieser Goldammer hat
nun gar noch den Vorteil, ein richtiger Pastorssohn zu sein, was all
seinen Geschichten einen eigentmlich pikanten Beigeschmack gibt. Und
dabei klappte Treibel den Kasten auf und sagte: Kognak oder Allasch?
Oder das eine tun und das andere nicht lassen?

Vogelsang lchelte, schob den Zigarrenknipser ziemlich demonstrativ
beiseite und bi die Spitze mit seinen Raffzhnen ab. Dann griff er nach
einem Streichhlzchen. Im brigen schien er abwarten zu wollen, womit
Treibel beginnen wrde. Der lie denn auch nicht lange warten: _Eh
bien_, Vogelsang, wie gefielen Ihnen die beiden alten Damen? Etwas
Feines, nicht wahr? Besonders die Bomst. Meine Frau wrde sagen:
therisch. Nun, durchsichtig genug ist sie. Aber offen gestanden, die
Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, kapitales Weib, und mu
ihrer Zeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Nasses
Temperament, und wenn ich recht gehrt habe, so pendelt ihre
Vergangenheit zwischen verschiedenen kleinen Hfen hin und her. Lady
Milford, aber weniger sentimental. Alles natrlich alte Geschichten,
alles beglichen, man knnte beinahe sagen, schade. Den Sommer ber ist
sie jetzt regelmig bei den Kraczinskis, in der Zossener Gegend; wei
der Teufel, wo seit kurzem all die polnischen Namen herkommen. Aber
schlielich ist es gleichgltig. Was meinen Sie, wenn ich die
Ziegenhals, in Anbetracht dieser Kraczinskischen Bekanntschaft, unsern
Zwecken dienstbar zu machen suchte?

Kann zu nichts fhren.

Warum nicht? Sie vertritt einen richtigen Standpunkt.

Ich wrde mindestens sagen mssen, einen =nicht= richtigen.

Wieso?

Sie vertritt einen durchaus beschrnkten Standpunkt, und wenn ich das
Wort whle, so bin ich noch ritterlich. brigens wird mit diesem
>ritterlich< ein wachsender und geradezu horrender Mibrauch getrieben;
ich glaube nmlich nicht, da unsere Ritter sehr ritterlich, das heit
ritterlich im Sinne von artig und verbindlich, gewesen sind. Alles blo
historische Flschungen. Und was diese Ziegenhals angeht, die wir uns,
wie Sie sagen, dienstbar machen sollen, so vertritt sie natrlich den
Standpunkt des Feudalismus, den der Pyramide. Da sie zum Hofe steht,
ist gut, und ist das, was sie mit uns verbindet; aber das ist nicht
genug. Personen wie diese Majorin und selbstverstndlich auch ihr
adliger Anhang, gleichviel ob er polnischen oder deutschen Ursprungs
ist, -- alle leben mehr oder weniger in einem Wust von Einbildungen,
will sagen von mittelalterlichen Standesvorurteilen, und das schliet
ein Zusammengehen aus, trotzdem wir die Knigsfahne mit ihnen gemeinsam
haben. Aber diese Gemeinsamkeit frommt nicht, schadet uns nur. Wenn wir
rufen: >Es lebe der Knig<, so geschieht es, vollkommen selbstsuchtslos,
um einem groen Prinzip die Herrschaft zu sichern; fr mich brge ich,
und ich hoffe, da ich es auch fr =Sie= kann ...

Gewi, Vogelsang, gewi.

Aber diese Ziegenhals -- von der ich beilufig frchte, da Sie nur zu
sehr recht haben, mit der von Ihnen angedeuteten, wenn auch, Gott sei
Dank, weit zurckliegenden Auflehnung gegen Moral und gute Sitte --
diese Ziegenhals und ihresgleichen, wenn die rufen: >Es lebe der Knig<,
so heit das immer nur, es lebe der, der fr uns sorgt, unser Nhrvater;
sie kennen nichts als ihren Vorteil. Es ist ihnen versagt, in einer Idee
aufzugehen und sich auf Personen sttzen, die nur sich kennen, das heit
unsre Sache verloren geben. Unsre Sache besteht nicht blo darin, den
fortschrittlichen Drachen zu bekmpfen, sie besteht auch in der
Bekmpfung des Vampyradels, der immer blo saugt und saugt. Weg mit der
ganzen Interessenpolitik. In dem Zeichen absoluter Selbstlosigkeit
mssen wir siegen, und dazu brauchen wir das Volk, nicht das Quitzowtum,
das seit dem gleichnamigen Stcke wieder oben auf ist und das Heft in
die Hnde nehmen mchte. Nein, Kommerzienrat, nichts von
Pseudo-Konservatismus, kein Knigtum auf falscher Grundlage; das
Knigtum, wenn wir es konservieren wollen, mu auf etwas Soliderem
ruhen, als auf einer Ziegenhals oder einer Bomst.

Nun, hren Sie, Vogelsang, die Ziegenhals wenigstens ... Und Treibel
schien ernstlich gewillt, diesen Faden, der ihm pate, weiter zu
spinnen. Aber ehe er dazu kommen konnte, trat der Polizeiassessor vom
Salon her ein, die kleine Meiner Tasse noch in der Hand, und nahm
zwischen Treibel und Vogelsang Platz. Gleich nach ihm erschien auch
Otto, vielleicht von Friedrich benachrichtigt, vielleicht auch aus
eigenem Antriebe, weil er von langer Zeit her die der Erotik
zugewendeten Wege kannte, die Goldammer, bei Likr und Zigarren,
regelmig und meist sehr rasch, so da jede Versumnis sich strafte, zu
wandeln pflegte.

Der alte Treibel wute dies selbstverstndlich noch viel besser, hielt
aber ein auch seinerseits beschleunigtes Verfahren doch fr angezeigt,
und hob deshalb ohne weiteres an: Und nun sagen Sie, Goldammer, was
gibt es? Wie steht es mit dem Ltzowplatz? Wird die Panke zugeschttet,
oder, was so ziemlich dasselbe sagen will, wird die Friedrichstrae
sittlich gereinigt? Offen gestanden, ich frchte, da unsre pikanteste
Verkehrsader nicht allzuviel dabei gewinnen wird; sie wird um ein
geringes moralischer und um ein betrchtliches langweiliger werden. Da
das Ohr meiner Frau bis hierher nicht trgt, so lt sich dergleichen
allenfalls aufs Tapet bringen; im brigen soll Ihnen meine gesamte
Fragerei keine Grenzen ziehen. Je freier, je besser. Ich habe lange
genug gelebt, um zu wissen, da alles, was aus einem Polizeimunde kommt,
immer Stoff ist, immer frische Brise, freilich mitunter auch Scirocco,
ja geradezu Samum. Sagen wir Samum. Also was schwimmt oben auf?

Eine neue Soubrette.

Kapital. Sehen Sie, Goldammer, jede Kunstrichtung ist gut, weil jede
das Ideal im Auge hat. Und das Ideal ist die Hauptsache, so viel wei
ich nachgerade von meiner Frau. Aber das Idealste bleibt doch immer eine
Soubrette. Name?

Grabillon. Zierliche Figur, etwas groer Mund, Leberfleck.

Um Gottes willen, Goldammer, das klingt ja wie ein Steckbrief. brigens
Leberfleck ist reizend; groer Mund Geschmackssache. Und Proteg von
wem?

Goldammer schwieg.

Ah, ich verstehe. Obersphre. Je hher hinauf, je nher dem Ideal.
brigens da wir mal bei Obersphre sind, wie steht es denn mit der
Grugeschichte? Hat er wirklich nicht gegrt? Und ist es wahr, da er,
natrlich der Nichtgrer, einen Urlaub hat antreten mssen? Es wre
eigentlich das beste, weil es so nebenher einer Absage gegen den ganzen
Katholizismus gleichkme, sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe.

Goldammer, heimlicher Fortschrittler, aber offener Antikatholik, zuckte
die Achseln und sagte: So gut steht es leider nicht und kann auch
nicht. Die Macht der Gegenstrmung ist zu stark. Der, der den Gru
verweigerte, wenn Sie wollen der Wilhelm Tell der Situation, hat zu gute
Rckendeckung. Wo? Nun, das bleibt in der Schwebe; gewisse Dinge darf
man nicht bei Namen nennen, und ehe wir nicht der bekannten Hydra den
Kopf zertreten oder, was dasselbe sagen will, dem altenfritzischen
_Ecrasez l'Infme_ zum Siege verholfen haben ...

In diesem Augenblick hrte man nebenan singen, eine bekannte
Komposition, und Treibel, der eben eine neue Zigarre nehmen wollte, warf
sie wieder in das Kistchen zurck und sagte: Meine Ruh' ist hin ... Und
mit der ihrigen, meine Herren, steht es nicht viel besser. Ich glaube,
wir mssen wieder bei den Damen erscheinen, um an der ra Adolar Krola
teilzunehmen. Denn =die= beginnt jetzt.

Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den
Saal zurck, wo wirklich Krola am Flgel sa und seine drei Hauptstcke,
mit denen er rasch hintereinander aufzurumen pflegte, vollkommen
virtuos, aber mit einer gewissen, absichtlichen Klapprigkeit, zum besten
gab. Es waren: Der Erlknig, Herr Heinrich sa am Vogelherd und Die
Glocken von Speier. Diese letztere Nummer, mit dem geheimnisvoll
einfallenden Glockenbimbam, machte jedesmal den grten Eindruck und
bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhren. Er sagte dann auch
wohl mit einer gewissen hheren Miene: Von Lwe, _ex ungue Leonem_; das
heit von Karl Lwe, Ludwig komponiert nicht.

Viele von denen, die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen
hatten, waren, gleich als Krola begann, ebenfalls in den Saal getreten,
um zuzuhren, andere dagegen, die die drei Balladen schon von zwanzig
Treibelschen Diners her kannten, hatten es doch vorgezogen, im Freien zu
bleiben und ihre Gartenpromenade fortzusetzen, unter ihnen auch Mr.
Nelson, der, als ein richtiger Vollblutenglnder, musikalisch auf
schwchsten Fen stand und rund heraus erklrte, das liebste sei ihm
ein Nigger, mit einer Pauke zwischen den Beinen: _I can't see, what it
means; music is nonsense._ So ging er denn mit Korinna auf und ab,
Leopold an der anderen Seite, whrend Marcell mit der jungen Frau
Treibel in einiger Entfernung folgte, beide sich ber Nelson und Leopold
halb rgernd, halb erheiternd, die, wie schon bei Tische, von Korinna
nicht los konnten.

Es war ein prchtiger Abend drauen, von der Schwle, die drinnen
herrschte, keine Spur, und schrg ber den hohen Pappeln, die den
Hintergarten von den Fabrikgebuden abschnitten, stand die Mondsichel;
der Kakadu sa ernst und verstimmt auf seiner Stange, weil es versumt
worden war, ihn zu rechter Zeit in seinen Kfig zurckzunehmen, und nur
der Wasserstrahl stieg so lustig in die Hhe wie zuvor.

Setzen wir uns, sagte Korinna, wir promenieren schon, ich wei nicht
wie lange, und dabei lie sie sich ohne weiteres auf den Rand der
Fontne nieder. _Take a seat, Mr. Nelson._ Sehen Sie nur den Kakadu,
wie bs er aussieht. Er ist rgerlich, da sich keiner um ihn kmmert.

_To be sure_, und sieht aus wie Leutnant Sangevogel. _Does'nt he?_

Wir nennen ihn fr gewhnlich Vogelsang. Aber ich habe nichts dagegen,
ihn umzutaufen. Helfen wird es freilich nicht viel.

_No, no, there's no help for him_; Vogelsang, ah, ein hlicher Vogel,
kein Singvogel, _no finch, no trussel_.

Nein, er ist blo ein Kakadu, ganz wie Sie sagen.

Aber kaum, da dies Wort gesprochen war, so folgte nicht nur ein lautes
Kreischen von der Stange her, wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich
protestieren wolle, sondern auch Korinna schrie laut auf, freilich nur
um im selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen, in
das gleich danach auch Leopold und Mr. Nelson einstimmten. Ein pltzlich
sich aufmachender Windsto hatte nmlich dem Wasserstrahl eine Richtung
genau nach der Stelle hin gegeben, wo sie saen, und bei der Gelegenheit
allesamt, den Vogel auf seiner Stange miteingeschlossen, mit einer Flut
von Spritzwasser berschttet. Das gab nun ein Klopfen und Abschtteln,
an dem auch der Kakadu teilnahm, freilich ohne seinerseits seine Laune
dabei zu verbessern.

Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf, um
andern Krften den Platz einzurumen. Es sei nichts milicher, als ein
solches Kunstmonopol; auerdem drfe man nicht vergessen, der Jugend
gehre die Welt. Dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge
Damen, in deren Familien er ebenso verkehrte wie bei den Treibels. Die
Kommerzienrtin ihrerseits aber bertrug diese ganz allgemein gehaltene
Huldigung gegen die Jugend in ein bestimmteres Deutsch und forderte die
beiden Frulein Felgentreus auf, doch einige der reizenden Sachen zu
singen, die sie neulich, als Ministerialdirektor Stoeckenius in ihrem
Hause gewesen, so schn vorgetragen htten; Freund Krola werde gewi die
Gte haben, die Damen am Klavier zu begleiten. Krola, sehr erfreut,
einer gesanglichen Mehrforderung, die sonst die Regel war, entgangen zu
sein, drckte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben
erst aufgegebenen Platz, ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus
abzuwarten. Aus seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen
und Ironie. Die Tage seiner eignen Berhmtheit lagen weit zurck, aber
je weiter sie zurcklagen, desto hher waren seine Kunstansprche
geworden, so da es ihm, bei dem totalen Unerflltbleiben derselben,
vollkommen gleichgltig erschien, =was= zum Vortrage kam und =wer= das
Wagnis wagte. Von Genu konnte keine Rede fr ihn sein, nur von
Amsement, und weil er einen angeborenen Sinn fr das Heitere hatte,
durfte man sagen, sein Vergngen stand jedesmal dann auf der Hhe, wenn
seine Freundin Jenny Treibel, wie sie das liebte, durch Vortrag einiger
Lieder den Schlu der musikalischen Soiree machte. Das war aber noch
weit im Felde, vorlufig waren noch die beiden Felgentreus da, von denen
denn auch die ltere Schwester, oder, wie es zu Krolas jedesmaligem
Gaudium hie, die weitaus talentvollere, mit Bchlein la dein
Rauschen sein ohne weiteres einsetzte. Daran reihte sich: Ich schnitt
es gern in alle Rinden ein, was, als allgemeines Lieblingsstck, zu der
Kommerzienrtin groem, wenn auch nicht geuertem Verdru, von einigen
indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde. Dann folgte die
Schlunummer, ein Duett aus Figaros Hochzeit. Alles war hingerissen,
und Treibel sagte zu Vogelsang: er knne sich nicht erinnern, seit den
Tagen der Milanollos, etwas so Liebliches von Schwestern gesehen und
gehrt zu haben, woran er die weitere, allerdings unberlegte Frage
knpfte: ob Vogelsang seinerseits sich noch der Milanollos erinnern
knne? Nein, sagte dieser barsch und peremtorisch. -- Nun, dann bitt'
ich um Entschuldigung.

Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreusche,
waren schon angefahren; trotzdem zgerte man noch mit dem Aufbruch, weil
das Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Kommerzienrtin
nmlich hatte noch nicht gesungen, ja, war unerhrterweise noch nicht
einmal zum Vortrag eines ihrer Lieder aufgefordert worden, -- ein
Zustand der Dinge, der so rasch wie mglich gendert werden mute. Dies
erkannte niemand klarer, als Adolar Krola, der, den Polizeiassessor
beiseite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, da durchaus etwas
geschehen und das hinsichtlich Jennys Versumte sofort nachgeholt werden
msse. Wird Jenny =nicht= aufgefordert, so seh' ich die Treibelschen
Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, fr alle Zukunft in
Frage gestellt, was doch schlielich einen Verlust bedeuten wrde ...

Dem wir unter allen Umstnden vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf
mich. Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend, schritt
Goldammer, rasch entschlossen, auf die Kommerzienrtin zu, um, wie er
sich ausdrckte, als erwhlter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu
bitten. Die Kommerzienrtin, der das Abgekartete der ganzen Sache nicht
entgehen konnte, kam in ein Schwanken zwischen rger und Wunsch; aber
die Beredtsamkeit des Antragstellers siegte doch schlielich; Krola nahm
wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke spter erklang Jennys
dnne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Flle stehende Stimme
durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten
Liedesworte:

    Glck, von Deinen tausend Losen,
    Eines nur erwhl' ich mir,
    Was soll Gold? Ich liebe Rosen
    Und der Blumen schlichte Zier.

    Und ich hre Waldesrauschen
    Und ich seh' ein flatternd Band --
    Aug' in Auge Blicke tauschen,
    Und ein Ku auf Deine Hand.

    Geben nehmen, nehmen geben,
    Und Dein Haar umspielt der Wind,
    Ach, nur das, nur das ist Leben,
    wo =sich Herz zum Herzen find't=.

Es braucht nicht gesagt zu werden, da ein rauschender Beifall folgte,
woran sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schlo, die
damaligen Lieder (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) wren doch
schner gewesen, namentlich inniger, eine Bemerkung, die von dem direkt
zur Meinungsuerung aufgeforderten Krola schmunzelnd besttigt wurde.

Mr. Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehrt und
sagte jetzt zu Korinna: _Wonderfully good. Oh, these Germans, they know
everything ... even such an old lady._

Korinna legte ihm den Finger auf den Mund.

Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hrte nur
noch, wie drinnen im Speisesaal geschftige Hnde den Ausziehtisch
zusammenschoben und wie drauen im Garten der Strahl des Springbrunnens
pltschernd ins Bassin fiel.




Fnftes Kapitel


Unter den letzten, die, den Vorgarten passierend, das kommerzienrtliche
Haus verlieen, waren Marcell und Korinna. Diese plauderte nach wie vor
in bermtiger Laune, was des Vetters mhsam zurckgehaltene Verstimmung
nur noch steigerte. Zuletzt schwiegen beide.

So gingen sie schon fnf Minuten nebeneinander her, bis Korinna, die
sehr gut wute, was in Marcells Seele vorging, das Gesprch wieder
aufnahm. Nun, Freund, was gibt es?

Nichts.

Nichts?

Oder wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.

Worber?

ber dich. ber dich, weil du kein Herz hast.

Ich? Erst recht hab' ich ...

Weil du kein Herz hast, sag' ich, keinen Sinn fr Familie, nicht einmal
fr deinen Vater ...

Und nicht einmal fr meinen Vetter Marcell ...

Nein, den la aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenber
kannst du tun, was du willst. Aber dein Vater. Da lt du nun heute den
alten Mann einsam und allein und kmmerst dich sozusagen um gar nichts.
Ich glaube, du weit nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.

Freilich ist er zu Haus. Er hat ja heut' seinen >Abend<, und wenn auch
nicht alle kommen, etliche vom hohen Olymp werden wohl da sein.

Und du gehst aus und berlssest alles der alten guten Schmolke?

Weil ich es ihr berlassen kann. Du weit das ja so gut wie ich; es
geht alles wie am Schnrchen, und in diesem Augenblick essen sie
wahrscheinlich Oderkrebse und trinken Mosel. Nicht Treibelschen, aber
doch Professor Schmidtschen, einen edlen Trarbacher, von dem Papa
behauptet, er sei der einzige reine Wein in Berlin. Bist du nun
zufrieden?

Nein.

Dann fahre fort.

Ach, Korinna, du nimmst alles so leicht und denkst, wenn du's leicht
nimmst, so hast du's aus der Welt geschafft. Aber es glckt dir nicht.
Die Dinge bleiben doch schlielich, was und wie sie sind. Ich habe dich
nun bei Tisch beobachtet ...

Unmglich, du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof
gemacht, und ein paarmal wurde sie sogar rot ...

Ich habe dich beobachtet, sag' ich, und mit einem wahren Schrecken das
berma von Koketterie gesehen, mit dem du nicht mde wirst, dem armen
Jungen, dem Leopold, den Kopf zu verdrehen ...

Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung
erreicht, mit der die Kpenickerstrae, nach der Inselbrcke hin,
abschliet, eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Korinna
zog ihren Arm aus dem des Vetters und sagte, whrend sie nach der
anderen Seite der Strae zeigte: Sieh', Marcell, wenn da drben nicht
der einsame Schutzmann stnde, so stellt' ich mich jetzt mit
verschrnkten Armen vor dich hin und lachte dich fnf Minuten lang aus.
Was soll das heien, ich sei nicht mde geworden, dem armen Jungen, dem
Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen
Helenen aufgegangen wrst, so httest du sehen mssen, da ich kaum zwei
Worte mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mr. Nelson unterhalten,
und ein paarmal hab' ich mich ganz ausfhrlich an dich gewandt.

Ach, das sagst du so, Korinna, und weit doch, wie falsch es ist.
Sieh', du bist sehr gescheit und weit es auch; aber du hast doch den
Fehler, den viele gescheite Leute haben, da sie die anderen fr
ungescheiter halten als sie sind. Und so denkst du, du kannst mir ein X
fr ein U machen und alles so drehen und beweisen, wie du's drehen und
beweisen willst. Aber man hat doch auch so seine Augen und Ohren und ist
also, mit deinem Verlaub, hinreichend ausgerstet, um zu hren und zu
sehen.

Und was ist es denn nun, was der Herr Doktor gehrt und gesehen haben?

Der Herr Doktor haben gehrt und gesehen, da Frulein Korinna mit
ihrem Redekatarakt ber den unglcklichen Mr. Nelson hergefallen ist
...

Sehr schmeichelhaft ...

Und da sie -- wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein
anderes Bild dafr einstellen will -- da sie, sag' ich, zwei Stunden
lang die Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe
balanciert und berhaupt in den feineren akrobatischen Knsten ein
uerstes geleistet hat. Und das alles vor wem? Etwa vor Mr. Nelson?
Mitnichten. Der gute Nelson, der war nur das Trapez, daran meine Kusine
herumturnte; =der=, um dessentwillen das alles geschah, der zusehen und
bewundern sollte, der hie Leopold Treibel, und ich habe wohl bemerkt,
wie mein Kusinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn ich kann mich
nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih' den
Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so >total weg< gewesen wre wie
dieser Leopold.

Meinst du?

Ja, das mein' ich.

Nun, darber liee sich reden ... Aber sieh' nur ...

Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzckende Bild, das sich
-- sie passierten eben die Fischerbrcke -- drben vor ihnen
ausbreitete. Dnne Nebel lagen ber den Strom hin, sogen aber den
Lichterglanz nicht ganz auf, der von rechts und links her auf die breite
Wasserflche fiel, whrend die Mondsichel oben im Blauen stand, keine
zwei Hand breit von dem etwas schwerflligen Parochialkirchtum entfernt,
dessen Schattenri am anderen Ufer in aller Klarheit aufragte. Sieh'
nur, wiederholte Korinna, nie hab' ich den Singuhrturm in solcher
Schrfe gesehen. Aber ihn schn finden, wie seit kurzem Mode geworden,
das kann ich doch nicht; er hat so etwas Halbes, Unfertiges, als ob ihm
auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wre. Da bin ich doch mehr
fr die zugespitzten, langweiligen Schindeltrme, die nichts wollen als
hoch sein und in den Himmel zeigen.

Und in demselben Augenblicke, wo Korinna dies sagte, begannen die
Glckchen drben ihr Spiel.

Ach, sagte Marcell, sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schn
ist oder nicht. Mir ist es gleich und dir auch; das mgen die Fachleute
miteinander ausmachen. Und du sagst das alles nur, weil du von dem
eigentlichen Gesprch los willst. Aber hre lieber zu, was die Glckchen
drben spielen. Ich glaube, sie spielen: >b' immer Treu' und
Redlichkeit<.

Kann sein, und ist nur schade, da sie nicht auch die berhmte Stelle
von dem Kanadier spielen knnen, der noch Europens bertnchte
Hflichkeit nicht kannte. So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert,
oder vielleicht geht es auch nicht. Aber nun sage mir, Freund, was soll
das alles heien? Treu' und Redlichkeit. Meinst du wirklich, da mir die
fehlen? Gegen wen versnd'ge ich mich denn durch Untreue? Gegen dich.
Hab' ich Gelbnisse gemacht? Hab' ich dir etwas versprochen und das
Versprechen nicht gehalten?

Marcell schwieg.

Du schweigst, weil du nichts zu sagen hast. Ich will dir aber noch
allerlei mehr sagen, und dann magst du selber entscheiden, ob ich treu
und redlich oder doch wenigstens aufrichtig bin, was so ziemlich
dasselbe bedeutet.

Korinna ...

Nein, jetzt will =ich= sprechen, in aller Freundschaft, aber auch in
allem Ernst. Treu und redlich. Nun, ich wei wohl, da du treu und
redlich bist, was beilufig nicht viel sagen will; ich fr meine Person
kann dir nur wiederholen, ich bin es auch.

Und spielst doch bestndig eine Komdie.

Nein, das tu' ich nicht. Und =wenn= ich es tue, so doch so, da es
jeder merken kann. Ich habe mir, nach reiflicher berlegung, ein
bestimmtes Ziel gesteckt, und wenn ich nicht mit drren Worten sage
>dies ist mein Ziel<, so unterbleibt das nur, weil es ein Mdchen nicht
kleidet, mit solchen Plnen aus sich herauszutreten. Ich erfreue mich,
dank meiner Erziehung, eines guten Teils von Freiheit, einige werden
vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin ich durchaus kein
emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine Lust, das
alte Herkommen umzustoen, alte, gute Stze, zu denen auch der gehrt:
ein Mdchen wirbt nicht, um ein Mdchen =wird= geworben.

Gut, gut; alles selbstverstndlich ...

... Aber freilich, das ist unser altes Evarecht, die groen Wasser
spielen zu lassen und unsere Krfte zu gebrauchen, bis =das= geschieht,
um dessentwillen wir da sind, mit anderen Worten, bis man um uns wirbt.
Alles gilt diesem Zweck. Du nennst das, je nachdem dir der Sinn steht,
Raketensteigenlassen oder Komdie, mitunter auch Intrige, und immer
Koketterie.

Marcell schttelte den Kopf. Ach, Korinna, du darfst mir darber keine
Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen, als ob ich erst gestern auf
die Welt gekommen wre. Natrlich hab' ich oft von Komdie gesprochen
und noch fter von Koketterie. Wovon spricht man nicht alles. Und wenn
man dergleichen hinspricht, so widerspricht man sich auch wohl, und was
man eben noch getadelt hat, das lobt man im nchsten Augenblick. Um's
rund heraus zu sagen, spiele so viel Komdie, wie du willst, sei so
kokett, wie du willst, ich werde doch nicht so dumm sein, die Weiberwelt
und die Welt berhaupt ndern zu wollen, ich will sie wirklich nicht
ndern, auch dann nicht, wenn ich's knnte; nur um eines mu ich dich
angehen, du mut, wie du dich vorhin ausdrcktest, die groen Wasser an
der rechten Stelle, das heit also vor den rechten Leuten springen
lassen, vor solchen, wo's pat, wo's hingehrt, wo sich's lohnt. Du
gehst aber mit deinen Knsten nicht an die richtige Adresse, denn du
kannst doch nicht ernsthaft daran denken, diesen Leopold Treibel
heiraten zu wollen?

Warum nicht? Ist er zu jung fr mich? Nein. Er stammt aus dem Januar
und ich aus dem September; er hat also noch einen Vorsprung von acht
Monaten.

Korinna, du weit ja recht gut, wie's liegt, und da er einfach fr
dich nicht pat, weil er zu unbedeutend fr dich ist. Du bist eine
aparte Person, vielleicht ein bichen zu sehr, und er ist kaum
Durchschnitt. Ein sehr guter Mensch, das mu ich zugeben, hat ein gutes,
weiches Herz, nichts von dem Kiesel, den die Geldleute sonst hier links
haben, hat auch leidlich weltmnnische Manieren und kann vielleicht
einen Drerschen Stich von einem Ruppiner Bilderbogen unterscheiden,
aber du wrdest dich tot langweilen an seiner Seite. Du, deines Vaters
Tochter, und eigentlich noch klger als der Alte, du wirst doch nicht
dein eigentliches Lebensglck wegwerfen wollen, blo um in einer Villa
zu wohnen und einen Landauer zu haben, der dann und wann ein paar alte
Hofdamen abholt, oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn
Tage den >Erlknig< singen zu hren. Es ist nicht mglich, Korinna; du
wirst dich doch, wegen solchen Bettels von Mammon, nicht einem
unbedeutenden Menschen an den Hals werfen wollen.

Nein, Marcell, das letztere gewi nicht; ich bin nicht fr
Zudringlichkeiten. Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt --
denn ich frchte beinah', da er noch zu denen gehrt, die sich, statt
der Hauptperson, erst der Nebenpersonen versichern -- wenn er also
morgen antritt und um diese rechte Hand deiner Kusine Korinna anhlt, so
nimmt ihn Korinna und fhlt sich als _Corinne au Capitole_.

Das ist nicht mglich; du tuschest dich, du spielst mit der Sache. Es
ist eine Phantasterei, der du nach deiner Art nachhngst.

Nein, Marcell, du tuschest dich, nicht ich; es ist mein vollkommener
Ernst, so sehr, da ich ein ganz klein wenig davor erschrecke.

Das ist dein Gewissen.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber so viel will ich dir ohne
weiteres zugeben, =das=, wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich
schuf, das hat nichts zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschft, oder
mit einem Holzhof und vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger
Schwgerin. Aber ein Hang nach Wohlleben, der jetzt alle Welt
beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so wie alle anderen, und
so lcherlich und verchtlich es in deinem Oberlehrers Ohre klingen mag,
ich halt' es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit einer kleinen
Schneiderin, die schon um acht Uhr frh kommt und eine merkwrdige Hof-
und Hinterstubenatmosphre mit ins Haus bringt, und zum zweiten
Frhstck ein Brtchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka
kriegt. Das alles widersteht mir im hchsten Mae; je weniger ich davon
sehe, desto besser. Ich find' es ungemein reizend, wenn so die kleinen
Brillanten im Ohre blitzen, etwa wie bei meiner Schwiegermama _in spe_
... >Sich einschrnken<, ach, ich kenne das Lied, das immer gesungen und
immer gepredigt wird, aber wenn ich bei Papa die dicken Bcher abstube,
drin niemand hineinsieht, auch er selber nicht, und wenn dann die
Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen
Manne, dem Schutzmann, erzhlt, und da er, wenn er noch lebte, jetzt
ein Revier htte, denn Madai htte groe Stcke auf ihn gehalten, und
wenn sie dann zuletzt sagt: >Aber Korinnchen, ich habe ja noch gar nicht
mal gefragt, was wir morgen essen wollen? ... Die Teltower sind jetzt so
schlecht und eigentlich alle schon madig, und ich mchte dir
vorschlagen, Wellfleisch und Wruken, das a Schmolke auch immer so gern<
-- ja, Marcell, in solchem Augenblicke wird mir immer ganz sonderbar zu
Mut, und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Male als der
Rettungsanker meines Lebens, oder wenn du willst, wie das aufzusetzende
groe Marssegel, das bestimmt ist, mich bei gutem Wind an ferne
glckliche Ksten zu fhren.

Oder wenn es strmt, dein Lebensglck zum Scheitern zu bringen.

Warten wir's ab, Marcell.

Und bei diesen Worten bogen sie, von der Alten Leipziger Strae her, in
Raules Hof ein, von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstrae
fhrte.




Sechstes Kapitel


Um dieselbe Stunde, wo man sich bei Treibels vom Diner erhob, begann
Professor Schmidts Abend. Dieser Abend, auch wohl Krnzchen genannt,
versammelte, wenn man vollzhlig war, um einen runden Tisch und eine mit
einem roten Schleier versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer,
von denen die meisten den Professortitel fhrten. Auer unserm Freunde
Schmidt waren es noch folgende: Friedrich Distelkamp, emeritierter
Gymnasialdirektor, Senior des Kreises; nach ihm die Professoren
Rindfleisch und Hannibal Kuh, zu welchen beiden sich noch Oberlehrer
Immanuel Schultze gesellte, smtlich vom Groen Kurfrsten-Gymnasium.
Den Schlu machte Dr. Charles Etienne, Freund und Studiengenosse
Marcells, zurzeit franzsischer Lehrer an einem vornehmen
Mdchenpensionat, und endlich Zeichenlehrer Friedeberg, dem, vor ein
paar Jahren erst -- niemand wute recht, warum und woher -- der die
Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel angeflogen war,
brigens ohne sein Ansehen zu heben. Er wurde vielmehr, nach wie vor,
fr nicht ganz voll angesehen, und eine Zeitlang war aufs ernsthafteste
die Rede davon gewesen, ihn, wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze
vorgeschlagen, aus ihrem Kreise herauszugraulen, was unser Wilibald
Schmidt indessen mit der Bemerkung bekmpft hatte, da Friedeberg,
trotz seiner wissenschaftlichen Nichtzugehrigkeit, eine nicht zu
unterschtzende Bedeutung fr ihren Abend habe. Seht, lieben
Freunde, so etwa waren seine Worte gewesen, wenn wir unter uns sind,
so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus
Rcksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der
berzeugung, alles, was seitens des anderen gesagt wurde, =viel= besser
oder -- wenn wir bescheiden sind -- wenigstens ebensogut sagen zu
knnen. Und das lhmt immer. Ich fr mein Teil wenigstens bekenne offen,
da ich, wenn ich mit meinem Vortrage gerade an der Reihe war, das
Gefhl eines gewissen Unbehagens, ja zuzeiten einer geradezu
hochgradigen Beklemmung nie ganz los geworden bin. Und in einem so
bedrngten Augenblicke seh' ich dann unsern immer zu spt kommenden
Friedeberg eintreten, verlegen lchelnd natrlich, und empfinde sofort,
wie meiner Seele die Flgel wieder wachsen; ich spreche freier,
intuitiver, klarer, denn ich habe wieder ein Publikum, wenn auch nur
ein ganz kleines. =Ein= andchtiger Zuhrer, anscheinend so wenig, ist
doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel. Auf diese warme
Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise verblieben.
Schmidt durfte sich berhaupt als die Seele des Krnzchens betrachten,
dessen Namensgebung: Die sieben Weisen Griechenlands ebenfalls auf
ihn zurckzufhren war. Immanuel Schultze, meist in der Opposition
und auerdem ein Gottfried Keller-Schwrmer, hatte seinerseits Das
Fhnlein der sieben Aufrechten vorgeschlagen, war aber damit nicht
durchgedrungen, weil, wie Schmidt betonte, diese Bezeichnung einer
Entlehnung gleichgekommen wre. Die sieben Weisen klngen freilich
ebenfalls entlehnt, aber das sei blo Ohr- und Sinnestuschung; das
a, worauf es recht eigentlich ankomme, verndere nicht nur mit einem
Schlage die ganze Situation, sondern erziele sogar den denkbar hchsten
Standpunkt, den der Selbstironie.

Wie sich von selbst versteht, zerfiel die Gesellschaft, wie
jede Vereinigung derart, in fast ebenso viele Parteien, wie sie
Mitglieder zhlte, und nur dem Umstande, da die drei vom Groen
Kurfrsten-Gymnasium, auer der Zusammengehrigkeit, die diese
gemeinschaftliche Stellung gab, auch noch verwandt und verschwgert
waren (Kuh war Schwager, Immanuel Schultze Schwiegersohn von
Rindfleisch), nur diesem Umstande war es zuzuschreiben, da die vier
anderen, und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb, ebenfalls eine
Gruppe bildeten und bei Beschlufassungen meist zusammengingen.
Hinsichtlich Schmidts und Distelkamps konnte dies nicht weiter
berraschen, da sie von alter Zeit her Freunde waren, zwischen Etienne
und Friedeberg aber klaffte fr gewhnlich ein tiefer Abgrund, der sich
ebenso sehr in ihrer voneinander abweichenden Erscheinung, wie in ihren
verschiedenen Lebensgewohnheiten aussprach. Etienne, sehr elegant,
versumte nie, whrend der groen Ferien mit Nachurlaub nach Paris zu
gehen, whrend sich Friedeberg, angeblich um seiner Malstudien willen,
auf die Woltersdorfer Schleuse (die landschaftlich unerreicht dastnde)
zurckzog. Natrlich war dies alles nur Vorgabe. Der wirkliche Grund war
der, da Friedeberg, bei ziemlich beschrnkter Finanzlage, nach dem
erreichbar nchstliegenden griff und berhaupt Berlin nur verlie, um
von seiner Frau -- mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung
stand -- auf einige Wochen loszukommen. In einem sowohl die Handlungen
wie die Worte seiner Mitglieder kritischer prfenden Kreise htte diese
Finte notwendig verdrieen mssen, indessen Offenheit und Ehrlichkeit im
Verkehr mit- und untereinander war keineswegs ein hervorstechender Zug
der sieben Weisen, eher das Gegenteil. So versicherte beispielsweise
jeder, ohne den >Abend< eigentlich nicht leben zu knnen, was in
Wahrheit nicht ausschlo, da immer nur =die= kamen, die nichts Besseres
vorhatten. Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafr, da
Unvollstndigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel.

Heute aber schien es sich schlimmer als gewhnlich gestalten zu wollen.
Die Schmidtsche Wanduhr, noch ein Erbstck vom Grovater her, schlug
bereits halb, halb neun, und noch war niemand da auer Etienne, der, wie
Marcell, zu den Intimen des Hauses zhlend, kaum als Gast und Besuch
gerechnet wurde.

Was sagst du, Etienne, wandte sich jetzt Schmidt an diesen, was sagst
du zu dieser Saumseligkeit? Wo bleibt Distelkamp? Wenn auch auf =den=
kein Verla mehr ist (>die Douglas waren immer treu<), so geht der
>Abend< aus den Fugen, und ich werde Pessimist und nehme fr den Rest
meiner Tage Schopenhauer und Eduard von Hartmann untern Arm.

Whrend er noch so sprach, ging drauen die Klingel, und einen
Augenblick spter trat Distelkamp ein.

Entschuldige, Schmidt, ich habe mich versptet. Die Details erspar' ich
dir und unserem Freunde Etienne. Auseinandersetzungen, weshalb man zu
spt kommt, selbst wenn sie wahr, sind nicht viel besser als
Krankengeschichten. Also lassen wir's. Inzwischen bin ich berrascht,
trotz meiner Versptung immer noch der eigentlich erste zu sein. Denn
Etienne gehrt ja so gut wie zur Familie. Die Groen Kurfrstlichen
aber! Wo sind sie? Nach Kuh und unserm Freunde Immanuel frag' ich nicht
erst, die sind blo ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel.
Rindfleisch selbst aber -- wo steckt er?

Rindfleisch hat abgeschrieben; er sei heut' in der >Griechischen<.

Ach, das ist Torheit. Was will er in der Griechischen? Die sieben
Weisen gehen vor. Er findet hier wirklich mehr.

Ja, das sagst du so, Distelkamp. Aber es liegt doch wohl anders.
Rindfleisch hat nmlich ein schlechtes Gewissen, ich knnte vielleicht
sagen: mal wieder ein schlechtes Gewissen.

Dann gehrt er erst recht hierher; hier kann er beichten. Aber um was
handelt es sich denn eigentlich? was ist es?

Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht, irgendwas verwechselt,
ich glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter.
War es nicht so, Etienne? (dieser nickte) und die Sekundaner haben nun
mit lirum larum einen Vers auf ihn gemacht ...

Und?

Und da gilt es denn, die Scharte so gut es geht, wieder auszuwetzen,
wozu die >Griechische< mit dem Lustre, das sie gibt, das immerhin beste
Mittel ist.

Distelkamp, der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezndet und in
die Sofaecke gesetzt hatte, lchelte bei der ganzen Geschichte behaglich
vor sich hin und sagte dann: Alles Schnack. Glaubst du's? Ich nicht.
Und wenn es zutrfe, so bedeutet es nicht viel, eigentlich gar nichts.
Solche Schnitzer kommen immer vor, passieren jedem. Ich will dir mal was
erzhlen, Schmidt, was, als ich noch jung war und in Quarta
brandenburgische Geschichte vortragen mute -- was damals, sag' ich,
einen groen Eindruck auf mich machte.

Nun, la hren. Was war's?

Ja, was war's. Offen gestanden, meine Wissenschaft, zum wenigsten,
was unser gutes Kurbrandenburg anging, war nicht weit her, ist es auch
jetzt noch nicht, und als ich so zu Hause sa und mich notdrftig
vorbereitete, da las ich -- denn wir waren gerade beim ersten
Knig -- allerhand Biographisches und darunter auch was vom alten
General Barfus, der, wie die meisten damaligen, das Pulver nicht
erfunden hatte, sonst aber ein kreuzbraver Mann war. Und dieser Barfus
prsidierte, whrend der Belagerung von Bonn, einem Kriegsgericht, drin
ber einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte.

So, so. Nun, was war es denn?

Der Abzuurteilende hatte sich, das mindeste zu sagen, etwas unheldisch
benommen, und alle waren fr schuldig und totschieen. Nur der alte
Barfus wollte nichts davon wissen und sagte: Drcken wir ein Auge zu,
meine Herren. Ich habe dreiig Renkontres mitgemacht, und ich mu Ihnen
sagen, ein Tag ist nicht wie der andere, und der Mensch ist ungleich und
das Herz auch und der Mut erst recht. Ich habe mich manches Mal auch
feige gefhlt. Solange es geht, mu man Milde walten lassen, denn jeder
kann sie brauchen.

Hre, Distelkamp, sagte Schmidt, das ist eine gute Geschichte, dafr
dank' ich dir, und so alt ich bin, =die= will ich mir doch hinter die
Ohren schreiben. Denn wei es Gott, ich habe mich auch schon blamiert,
und wiewohl es die Jungens nicht bemerkt haben, wenigstens ist mir
nichts aufgefallen, so hab' ich es doch selber bemerkt und mich
hinterher riesig gergert und geschmt. Nicht wahr, Etienne, so was ist
immer fatal; oder kommt es im Franzsischen nicht vor, wenigstens dann
nicht, wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt? Das ist ja wohl jetzt das Feinste? Verzeih'
die kleine Malice. Rindfleisch ist berdies ein kreuzbraver Kerl, _nomen
et omen_, und eigentlich der beste, besser als Kuh und namentlich besser
als unser Freund Immanuel Schultze. Der hat's hinter den Ohren und ist
ein Schlieker. Er grient immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem
Bilde zu Sais irgendwie und -wo unter den Schleier geguckt htte, wovon
er weit ab ist. Denn er lst nicht mal das Rtsel von seiner eigenen
Frau, an der manches verschleierter oder auch nicht verschleierter sein
soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.

Schmidt, du hast heute wieder mal deinen medisanten Tag. Eben hab' ich
den armen Rindfleisch aus deinen Fngen gerettet, ja, du hast sogar
Besserung versprochen, und schon strzest du dich wieder auf den
unglcklichen Schwiegersohn. Im brigen, wenn ich an Immanuel etwas
tadeln sollte, so lge es nach einer ganz andern Seite hin.

Und das wre?

Da er keine Autoritt hat. Wenn er sie zu Hause nicht hat, nun,
traurig genug. Indessen das geht uns nichts an. Aber da er sie, nach
allem was ich hre, auch in der Klasse nicht hat, =das= ist schlimm.
Sieh', Schmidt, das ist die Krnkung und der Schmerz meiner letzten
Lebensjahre, da ich den kategorischen Imperativ immer mehr hinschwinden
sehe. Wenn ich da an den alten Weber denke! Von dem heit es, wenn er in
die Klasse trat, so hrte man den Sand durch das Stundenglas fallen, und
kein Primaner wute mehr, da es berhaupt mglich sei zu flstern oder
gar vorzusagen. Und auer seinem eigenen Sprechen, ich meine Webers, war
nichts hrbar als das Knistern, wenn die Horaz-Seiten umgeblttert
wurden. Ja Schmidt, =das= waren Zeiten, da verlohnte sich's ein, Lehrer
und ein Direktor zu sein. Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an
einen heran und sagen: Wenn Sie gelesen haben, Herr Direktor, dann
bitt' ich ...

Schmidt lachte. Ja, Distelkamp, so sind sie jetzt, das ist die neue
Zeit, das ist wahr. Aber ich kann mich nicht darber grieren. Wie waren
denn, bei Lichte besehen, die groen Wrdentrger mit ihrem Doppelkinn
und ihren Pontacnasen? Schlemmer waren es, die den Burgunder viel besser
kannten als den Homer. Da wird immer von alten einfachen Zeiten geredet;
dummes Zeug! sie mssen ganz gehrig gepichelt haben, das sieht man noch
an ihren Bildern in der Aula. Nun ja, Selbstbewutsein und eine
steifleinene Grandezza, das alles hatten sie, das soll ihnen zugestanden
sein. Aber wie sah es sonst aus?

Besser als heute.

Kann ich nicht finden, Distelkamp. Als ich noch unsere Schulbibliothek
unter Aufsicht hatte, Gott sei Dank, da ich nichts mehr damit zu tun
habe, da hab' ich fter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die
Dissertationen und Aktusse, wie sie vordem in Schwang waren. Nun, ich
wei wohl, jede Zeit denkt, sie sei was besonderes, und die, die kommen,
mgen meinetwegen auch ber uns lachen; aber sieh', Distelkamp, vom
gegenwrtigen Standpunkt unseres Wissens, oder sag' ich auch blo
unseres Geschmacks aus, darf doch am Ende gesagt werden, es war etwas
Furchtbares mit dieser Perckengelehrsamkeit, und die stupende
Wichtigkeit, mit der sie sich gab, kann uns nur noch erheitern. Ich wei
nicht, unter wem es war, ich glaube unter Rodegast, da kam es in Mode --
vielleicht weil er persnlich einen Garten vorm Rosenthaler hatte -- die
Stoffe fr die ffentlichen Reden und hnliches aus der Gartenkunde zu
nehmen, und sieh', da hab' ich Dissertationen gelesen ber das
Hortikulturliche des Paradieses, ber die Beschaffenheit des Gartens zu
Gethsemaneh und ber die mutmalichen Anlagen im Garten des Joseph von
Arimathia. Garten und immer wieder Garten. Nun, was sagst du dazu?

Ja, Schmidt, mit dir ist schlecht fechten. Du hast immer das Auge fr
das Komische gehabt. Das greifst du nun heraus, spieest es auf deine
Nadel und zeigst es der Welt. Aber was daneben lag und viel richtiger
war, das lssest du liegen. Du hast schon sehr richtig hervorgehoben,
da man ber unsere Lcherlichkeiten auch lachen wird. Und wer brgt uns
dafr, da wir nicht jeden Tag in Untersuchungen eintreten, die noch
viel toller sind als die hortikulturlichen Untersuchungen ber das
Paradies. Lieber Schmidt, das Entscheidende bleibt doch immer der
Charakter, nicht der eitle, wohl aber der gute ehrliche Glaube an uns
selbst. _Bona fide_ mssen wir vorgehen. Aber mit unserer ewigen Kritik,
eventuell auch Selbstkritik, geraten wir in eine _mala fides_ hinein und
mitrauen uns selbst und dem, was wir zu sagen haben. Und ohne Glauben
an uns und unsere Sache, keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein
Segen, am wenigsten Autoritt. Und das ist es, was ich beklage. Denn wie
kein Heerwesen ohne Disziplin, so kein Schulwesen ohne Autoritt. Es ist
damit wie mit dem Glauben. Es ist nicht ntig, da das Richtige geglaubt
wird, aber da berhaupt geglaubt wird, darauf kommt es an. In jedem
Glauben stecken geheimnisvolle Krfte und ebenso in der Autoritt.

Schmidt lchelte. Distelkamp, ich kann da nicht mit. Ich kann's in der
Theorie gelten lassen, aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden.
Gewi kommt es auf das Ansehen vor den Schlern an. Wir gehen nur darin
auseinander, aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll. Du willst alles
auf den Charakter zurckfhren und denkst, wenn du es auch nicht
aussprichst: >Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut, vertrauen Euch auch
die anderen Seelen.< Aber, teurer Freund, das ist just das, was ich
bestreite. Mit dem bloen Glauben an sich oder gar, wenn du den Ausdruck
gestattest, mit der geschwollenen Wichtigtuerei, mit der Pompositt ist
es heutzutage nicht mehr getan. An die Stelle dieser veralteten Macht
ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Knnens getreten, und du
brauchst nur Umschau zu halten, so wirst du jeden Tag sehen, da
Professor Hammerstein, der bei Spichern mit gestrmt und eine gewisse
Premierleutnantshaltung von daher beibehalten hat, da Hammerstein, sag'
ich, seine Klasse =nicht= regiert, whrend unser Agathon Knurzel, der
aussieht, wie Mr. Punch und einen Doppelpuckel, aber freilich auch einen
Doppelgrips hat, die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der
Furcht des Herrn hlt. Und nun besonders unsere Berliner Jungens, die
gleich weg haben, wie schwer einer wiegt. Wenn einer von den Alten aus
dem Grabe kme, mit Stolz und Hoheit angetan, und eine hortikulturelle
Beschreibung des Paradieses forderte, wie wrde der fahren mit all
seiner Wrde? Drei Tage spter wr' er im Kladderadatsch, und die
Jungens selber htten das Gedicht gemacht.

Und doch bleibt es dabei, Schmidt, mit den Traditionen der alten Schule
steht und fllt die hhere Wissenschaft.

Ich glaub' es nicht. Aber wenn es wre, wenn die hhere Weltanschauung,
d. h. das, was wir so nennen, wenn das alles fallen mte, nun, so la
es fallen. Schon Attinghausen, der doch selber alt war, sagte: >Das Alte
strzt, es ndert sich die Zeit.< Und wir stehen sehr stark vor solchem
Umwandlungsproze, oder richtiger, wir sind schon drin. Mu ich dich
daran erinnern, es gab eine Zeit, wo das Kirchliche Sache der
Kirchenleute war. Ist es noch so? Nein. Hat die Welt verloren? Nein. Es
ist vorbei mit den alten Formen, und auch unsere Wissenschaftlichkeit
wird davon keine Ausnahme machen. Sieh' hier ... und er schleppte von
einem kleinen Nebentisch ein groes Prachtwerk herbei ... sieh' hier
=das=. Heute mir zugeschickt, und ich werd' es behalten, so teuer es
ist. Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Myken. Ja, Distelkamp, wie
stehst du dazu?

Zweifelhaft genug.

Kann ich mir denken. Weil du von den alten Anschauungen nicht los
willst. Du kannst dir nicht vorstellen, da jemand, der Tten geklebt
und Rosinen verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt, und kommt er nun
gar ins Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schdelri, aegisthschen
Angedenkens, so gertst du in helle Emprung. Aber ich kann mir nicht
helfen, du hast unrecht. Freilich, man mu was leisten, _hic Rhodus, hic
salta_, aber wer springen kann, der springt, gleichviel ob er's aus der
Georgia Augusta- oder aus der Klippschule hat. Im brigen will ich
abbrechen; am wenigsten hab' ich Lust, dich mit Schliemann zu rgern,
der von Anfang an deine Renonce war. Die Bcher liegen hier blo wegen
Friedeberg, den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen will. Ich
begreife nicht, da er nicht kommt, oder richtiger, nicht schon da ist.
Denn da er kommt, ist unzweifelhaft, er htte sonst abgeschrieben,
artiger Mann, der er ist.

Ja, das ist er, sagte Etienne, das hat er noch aus dem Semitismus mit
rbergenommen.

Sehr wahr, fuhr Schmidt fort, aber wo er's her hat, ist am Ende
gleichgltig. Ich bedauere mitunter, Urgermane, der ich bin, da wir
nicht auch irgendwelche Bezugsquelle fr ein bichen Schliff und
Politesse haben; es braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein. Diese
schreckliche Verwandtschaft zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist
doch mitunter strend. Friedeberg ist ein Mann, der, wie Max Piccolomini
-- sonst nicht gerade sein Vorbild, auch nicht mal in der Liebe -- der
Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat, und es bleibt
eigentlich nur zu beklagen, da seine Schler nicht immer das richtige
Verstndnis dafr haben. Mit andern Worten, sie spielen ihm auf der
Nase ...

Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer ...

Freilich. Und am Ende mu es auch so gehen und geht auch. Aber lassen
wir die heikle Frage. La mich lieber auf Myken zurckkommen und sage
mir deine Meinung ber die Goldmasken. Ich bin sicher, wir haben da ganz
was besonderes, so das recht eigentlichste. Jeder Beliebige kann doch
nicht bei seiner Bestattung eine Goldmaske getragen haben, doch immer
nur die Frsten, also mit hchster Wahrscheinlichkeit Orests und
Iphigeniens unmittelbare Vorfahren. Und wenn ich mir dann vorstelle, da
diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt wurden, gerade wie wir
jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen, so hpft mir das Herz bei der
doch mindestens zulssigen Idee, da =dies= hier -- und er wies auf
eine aufgeschlagene Bildseite -- da dies hier das Gesicht des Atreus
ist oder seines Vaters oder seines Onkels ...

Sagen wir seines Onkels.

Ja, du spottest wieder, Distelkamp, trotzdem du mir doch selber den
Spott verboten hast. Und das alles blo, weil du der ganzen Sache
mitraust und nicht vergessen kannst, da er, ich meine natrlich
Schliemann, in seinen Schuljahren ber Strelitz und Frstenberg nicht
raus gekommen ist. Aber lies nur, was Virchow von ihm sagt. Und Virchow
wirst du doch gelten lassen.

In diesem Augenblicke hrte man drauen die Klingel gehen. Ah, _lupus
in fabula_. Das ist er. Ich wute, da er uns nicht im Stiche lassen
wrde ...

Und kaum, da Schmidt diese Worte gesprochen, trat Friedeberg auch schon
herein, und ein reizender schwarzer Pudel, dessen rote Zunge,
wahrscheinlich von angestrengtem Laufe, weit heraushing, sprang auf die
beiden alten Herren zu und umschmeichelte abwechselnd Schmidt und
Distelkamp. An Etienne, der ihm zu elegant war, wagte er sich nicht
heran.

Aber alle Wetter, Friedeberg, wo kommen Sie so spt her?

Freilich, freilich und sehr zu meinem Bedauern. Aber der Fips hier
treibt es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit, wenn ein
Zuweitgehen in der Liebe berhaupt mglich ist. Ich bildete mir ein, ihn
eingeschlossen zu haben, und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg.
Gut. Und nun denken Sie, was geschieht? Als ich hier ankomme, wer ist
da, wer wartet auf mich? Natrlich Fips. Ich bring ihn wieder zurck bis
in meine Wohnung und bergeb' ihn dem Portier, meinem guten Freunde --
man mu in Berlin eigentlich sagen, meinem Gnner. Aber, aber, was ist
das Resultat all meiner Anstrengungen und guten Worte? Kaum bin ich
wieder hier, so ist auch Fips wieder da. Was sollt' ich am Ende machen?
Ich hab' ihn wohl oder bel mit hereingebracht, und bitt' um
Entschuldigung fr ihn und fr mich.

Hat nichts auf sich, sagte Schmidt, whrend er sich zugleich
freundlich mit dem Hunde beschftigte. Reizendes Tier und so zutunlich
und fidel. Sagen Sie, Friedeberg, wie schreibt er sich eigentlich? f
oder ph? Phips mit ph ist englisch, also vornehmer. Im brigen ist er,
wie seine Rechtschreibung auch sein mge, fr heute abend mit eingeladen
und ein durchaus willkommener Gast, vorausgesetzt, da er nichts dagegen
hat, in der Kche sozusagen am Trompetertisch Platz zu nehmen. Fr meine
gute Schmolke brge ich. Die hat eine Vorliebe fr Pudel, und wenn sie
nun gar von seiner Treue hrt ...

So wird sie, warf Distelkamp ein, ihm einen Extrazipfel schwerlich
versagen.

Gewi nicht. Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei.
Denn die Treue, von der heutzutage jeder red't, wird in Wahrheit immer
rarer, und Fips predigt in seiner Stadtgegend, so viel ich wei,
umsonst.

Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen
Worte richteten sich doch ziemlich ernsthaft an den sonst gerade von ihm
protegierten Friedeberg, dessen stadtkundig unglckliche Ehe, neben
anderem, auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue, besonders whrend
seiner Mal- und Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse
zusammenhing. Friedeberg fhlte den Stich auch sehr wohl heraus und
wollte sich durch eine Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affre
ziehen, kam aber nicht dazu, weil in eben diesem Augenblicke die
Schmolke eintrat und unter einer Verbeugung gegen die anderen Herren
ihrem Professor ins Ohr flsterte, da angerichtet sei.

Nun, lieben Freunde, dann bitt' ich ... Und Distelkamp an der Hand
nehmend, schritt er, unter Passierung des Entrees, auf das
Gesellschaftszimmer zu, drin die Abendtafel gedeckt war. Ein
eigentliches Ezimmer hatte die Wohnung nicht. Friedeberg und Etienne
folgten.




Siebentes Kapitel


Das Zimmer war dasselbe, in welchem Korinna, am Tage zuvor, den Besuch
der Kommerzienrtin empfangen hatte. Der mit Lichtern und Weinflaschen
gut besetzte Tisch stand, zu vieren gedeckt, in der Mitte; darber hing
eine Hngelampe. Schmidt setzte sich mit dem Rcken gegen den
Fensterpfeiler, seinem Freunde Friedeberg gegenber, der seinerseits,
von seinem Platz aus zugleich den Blick in den Spiegel hatte. Zwischen
den blanken Messingleuchtern standen ein Paar auf einem Basar gewonnene
Porzellanvasen, aus deren halbgezahnter, halb wellenfrmiger ffnung --
_dentatus et undulatus_, sagte Schmidt -- kleine Marktstrue von
Goldlack und Vergimeinnicht hervorwuchsen. Quer vor den Weinglsern
lagen lange Kmmelbrote, denen der Gastgeber, wie allem Kmmlichen, eine
ganz besondere Flle gesundheitlicher Gaben zuschrieb.

Das eigentliche Gericht fehlte noch, und Schmidt, nachdem er sich von
dem statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt,
auch beide Knusperspitzen von seinem Kmmelbrtchen abgebrochen hatte,
war ersichtlich auf dem Punkte, starke Spuren von Mistimmung und
Ungeduld zu zeigen, als sich endlich die zum Entree fhrende Tr auftat,
und die Schmolke, rot von Erregung und Herdfeuer, eintrat, eine mchtige
Schssel mit Oderkrebsen vor sich her tragend. Gott sei Dank, sagte
Schmidt, ich dachte schon, alles wre den Krebsgang gegangen, eine
unvorsichtige Bemerkung, die die Kongestionen der Schmolke nur noch
steigerte, das Ma ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken lie.
Schmidt, seinen Fehler rasch erkennend, war kluger Feldherr genug, durch
einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen. Freilich nur
mit halbem Erfolg.

Als man wieder allein war, unterlie es Schmidt nicht, sofort den
verbindlichen Wirt zu machen. Natrlich auf seine Weise. Sieh',
Distelkamp, dieser hier ist fr dich. Er hat eine groe und eine kleine
Schere, und das sind immer die besten. Es gibt Spiele der Natur, die
mehr sind als bloes Spiel und dem Weisen als Wegweiser dienen; dahin
gehren beispielsweise die Pontac-Apfelsinen und die Borstorfer mit
einer Pocke. Denn es steht fest, je pockenreicher, desto schner ... Was
wir hier vor uns haben, sind Oderbruchkrebse; wenn ich recht berichtet
bin, aus der Kstriner Gegend. Es scheint, da durch die Vermhlung von
Oder und Warthe besonders gute Resultate vermittelt werden. brigens,
Friedeberg, sind Sie nicht eigentlich da zu Haus? Ein halber Neumrker
oder Oderbrcher. Friedeberg besttigte. Wut' es; mein Gedchtnis
tuscht mich selten. Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren
persnlichen Erfahrungen, mutmalich als streng lokale Produktion
anzusehen, oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen
Kirschen, deren Gewinnungsgebiet sich nchstens ber die ganze Provinz
Brandenburg erstrecken wird?

Ich glaube doch, sagte Friedeberg, whrend er durch eine geschickte,
durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung, einen wei und rosa
schimmernden Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob, ich glaube
doch, da hier ein Segeln unter zustndiger Flagge stattfindet, und da
wir auf dieser Schssel wirkliche Oderkrebse vor uns haben, echteste
Ware, nicht blo dem Namen nach, sondern auch _de facto_.

_De facto_, wiederholte der in Friedebergs Latinitt eingeweihte
Schmidt, unter behaglichem Schmunzeln.

Friedeberg aber fuhr fort: Es werden nmlich, um Kstrin herum, immer
noch Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich
habe selbst noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nicht in
Vergleich zu dem, was die Leute von alten Zeiten her erzhlten. Damals,
vor hundert Jahren, oder vielleicht auch noch lnger, gab es so viele
Krebse, da sie durchs ganze Bruch hin, wenn sich im Mai das
berschwemmungswasser wieder verlief, von den Bumen geschttelt wurden,
zu vielen Hunderttausenden.

Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen, sagte Etienne, der ein
Feinschmecker war.

Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht
darber. Die Krebse waren wie eine Plage, natrlich ganz entwertet, und
bei der dienenden Bevlkerung, die damit geatzt werden sollte, so
verhat und dem Magen der Leute so widerwrtig, da es verboten war, dem
Gesinde mehr als dreimal wchentlich Krebse vorzusetzen. Ein Schock
Krebse kostete einen Pfennig.

Ein Glck, da das die Schmolke nicht hrt, warf Schmidt ein, sonst
wrd' ihr ihre Laune zum zweitenmal verdorben. Als richtige Berlinerin
ist sie nmlich fr ewiges sparen, und ich glaube nicht, da sie die
Tatsache ruhig verwinden wrde, die Epoche von >ein Pfennig pro Schock<
so total versumt zu haben.

Darber darfst du nicht spotten, Schmidt, sagte Distelkamp. Das ist
eine Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr
verloren geht.

Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in
diesem Punkte _les dfauts de ses vertus_. So heit es ja wohl,
Etienne?

Gewi߫, sagte dieser. Von der George Sand. Und fast liee sich sagen
>_les dfauts de ses vertus_< und >_comprendre c'est pardonner_< -- das
sind so recht eigentlich die Stze, wegen deren sie gelebt hat.

Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset, ergnzte
Schmidt, der nicht gern eine Gelegenheit vorbergehen lie, sich, aller
Klassizitt unbeschadet, auch ein modernliterarisches Ansehen zu geben.

Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind
Dinge, daran die Literaturgeschichte glcklicherweise vorbergeht.

Sage das nicht, Etienne, nicht glcklicherweise, sage leider. Die
Geschichte geht fast immer an dem vorber, was sie vor allem festhalten
sollte. Da der alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen
Kammergerichtsprsidenten, Namen hab' ich vergessen, den Krckstock an
den Kopf warf, und was mir noch wichtiger ist, da er durchaus bei
seinen Hunden begraben sein wollte, weil er die Menschen, diese
>mechante Rasse< so grndlich verachtete -- sieh', Freund, das ist mir
mindestens ebenso viel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen. Und die
berhmte Torgauer Ansprache, >Rackers, wollt ihr denn ewig leben<, geht
mir eigentlich noch ber Torgau selbst.

Distelkamp lchelte. Das sind so Schmidtiana. Du warst immer frs
Anekdotische, frs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Groe,
nicht das Kleine, das Nebenschliche.

Ja und nein, Distelkamp. Das Nebenschliche, so viel ist richtig, gilt
nichts, wenn es blo nebenschlich ist, wenn nichts drin steckt. Steckt
aber was drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer
das eigentlich Menschliche.

Poetisch magst du recht haben.

Das Poetische -- vorausgesetzt, da man etwas anderes darunter versteht
als meine Freundin Jenny Treibel -- das Poetische hat immer recht; es
wchst weit ber das Historische hinaus ...

Es war dies ein Schmidtsches Lieblingsthema, drin der alte Romantiker,
der er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur
Geltung kam; aber heute sein Steckenpferd zu reiten, verbot sich ihm
doch, denn ehe er noch zu wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte,
hrte man Stimmen vom Entree her, und im nchsten Augenblicke traten
Marcell und Korinna ein, Marcell befangen und fast verstimmt, Korinna
nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrung auf Distelkamp zu,
der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte. Dann gab
sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schlu bei ihrem
Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit
vorgebundenen Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Ku
gab.

Nun, Kinder, was bringt ihr? Rckt hier ein. Platz die Hlle und Flle.
Rindfleisch hat abgeschrieben ... griechische Gesellschaft ... und die
beiden anderen fehlen als Anhngsel natrlich von selbst. Aber kein
anzgliches Wort mehr, ich habe ja Besserung geschworen und will's
halten. Also Korinna, du drben neben Distelkamp, Marcell hier zwischen
Etienne und mir. Ein Besteck wird die Schmolke wohl gleich bringen ...
So; so ist's recht ... Und wie sich das gleich anders ausnimmt! Wenn so
Lcken klaffen, denk' ich immer, Banquo steigt auf. Nun, Gott sei Dank,
Marcell, von Banquo hast du nicht viel, oder wenn doch vielleicht, so
verstehst du's, deine Wunden zu verbergen. Und nun erzhlt, Kinder. Was
macht Treibel? Was macht meine Freundin Jenny? Hat sie gesungen? Ich
wette das ewige Lied, =mein= Lied, die berhmte Stelle Wo sich Herzen
finden, und Adolar Krola hat begleitet. Wenn ich dabei nur mal in
Krolas Seele lesen knnte. Vielleicht aber steht er doch milder und
menschlicher dazu. Wer jeden Tag zu zwei Diners geladen ist und
mindestens anderthalb mitmacht ... Aber bitte, Korinna, klingle.

Nein, ich gehe lieber selbst, Papa. Die Schmolke lt sich nicht gerne
klingeln; sie hat so ihre Vorstellungen von dem, was sie sich und ihrem
Verstorbenen schuldig ist. Und ob ich wiederkomme, die Herren wollen
verzeihen, wei ich auch nicht; ich glaube kaum. Wenn man solchen
Treibelschen Tag hinter sich hat, ist es das schnste, darber
nachzudenken, wie das alles so kam und was einem alles gesagt wurde.
Marcell kann ja statt meiner berichten. Und nur noch so viel, ein hchst
interessanter Englnder war mein Tischnachbar, und wer es von Ihnen
vielleicht nicht glauben will, da er so sehr interessant gewesen, dem
brauche ich blo den Namen zu nennen, er hie nmlich Nelson. Und nun
Gott befohlen.

Und damit verabschiedete sich Korinna.

Das Besteck fr Marcell kam, und als dieser, nur um des Onkels gute
Laune nicht zu stren, um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte,
sagte Schmidt: Fange nur erst an. Artischocken und Krebse kann man
immer essen, auch wenn man von einem Treibelschen Diner kommt. Ob sich
vom Hummer dasselbe sagen lt, mag dahin gestellt bleiben. Mir
persnlich ist allerdings auch der Hummer immer gut bekommen. Ein eigen
Ding, da man aus Fragen derart nie herauswchst, sie wechseln blo ab
im Leben. Ist man jung, so heit es >hbsch oder hlich<, >brnett oder
blond< und liegt dergleichen hinter einem, so steht man vor der
vielleicht wichtigeren Frage >Hummer oder Krebse<. Wir knnten brigens
darber abstimmen. Andererseits, soviel mu ich zugeben, hat Abstimmung
immer was Totes, Schablonenhaftes und pat mir auerdem nicht recht; ich
mchte nmlich Marcell gern ins Gesprch ziehen, der eigentlich da
sitzt, als sei ihm die Gerste verhagelt. Also lieber Errterung der
Frage, Debatte. Sage, Marcell, was ziehst du vor?

Versteht sich, Hummer.

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf mit
ganz wenig Ausnahmen, ist jeder fr Hummer, schon weil er sich auf
Kaiser Wilhelm berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht.
Natrlich, wenn solch ein Hummer aufgeschnitten vor einem liegt, und der
wundervolle rote Rogen, ein Bild des Segens und der Fruchtbarkeit, einem
zu allem anderen auch noch die Gewiheit gibt, >es wird immer Hummer
geben<, auch nach onen noch, gerade so wie heute ...

Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an.

... Also einem die Gewiheit gibt, auch nach onen noch werden
Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen -- ja Freunde, wenn
man sich mit diesem Gefhl des Unendlichen durchdringt, so kommt das
darin liegende Humanitre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm
unzweifelhaft zu gute. Denn jede philanthropische Regung, weshalb man
die Philanthropie schon aus Selbstsucht kultivieren sollte, bedeutet
die Mehrung eines gesunden und zugleich verfeinerten Appetits. Alles
Gute hat seinen Lohn in sich, so viel ist unbestreitbar.

Aber ...

Aber es ist trotzdem dafr gesorgt, auch hier, da die Bume nicht in
den Himmel wachsen, und neben dem Groen hat das Kleine nicht blo seine
Berechtigung, sondern auch seine Vorzge. Gewi, dem Krebse fehlt dies
und das, er hat sozusagen nicht das >Ma<, was, in einem Militrstaate
wie Preuen, immerhin etwas bedeutet, aber dem ohnerachtet, auch =er=
darf sagen: ich habe nicht umsonst gelebt. Und wenn er dann, er, der
Krebs, in Petersilienbutter geschwenkt, im allerappetitlichsten Reize
vor uns hintritt, so hat er Momente wirklicher berlegenheit, vor allem
auch darin, da sein Bestes nicht eigentlich gegessen, sondern
geschlrft, gesogen wird. Und da gerade das, in der Welt des Genusses,
seine besonderen Meriten hat, wer wollte das bestreiten. Es ist, so zu
sagen, das natrlich Gegebene. Wir haben da in erster Reihe den
Sugling, fr den saugen zugleich leben heit. Aber auch in den hheren
Semestern ...

La es gut sein, Schmidt, unterbrach Distelkamp. Mir ist nur immer
merkwrdig, da du neben Homer und sogar neben Schliemann mit solcher
Vorliebe Kochbuchliches behandelst, reine Menfragen, als ob du zu den
Bankiers und Geldfrsten gehrtest, von denen ich bis auf weiteres
annehme, da sie gut essen ...

Mir ganz unzweifelhaft.

Nun, sieh' Schmidt, diese Herren von der hohen Finanz, darauf mcht'
ich mich verwetten, sprechen nicht mit halb so viel Lust und Eifer von
einer Schildkrtensuppe wie du.

Das ist richtig, Distelkamp, und sehr natrlich. Sieh', ich habe die
Frische, die macht's; auf die Frische kommt es an, in allem. Die Frische
gibt einem die Lust, den Eifer, das Interesse, und wo die Frische nicht
ist, da ist gar nichts. Das rmste Leben, das ein Menschenkind fhren
kann, ist das des _petit crev_. Lauter Zappeleien; nichts dahinter.
Hab' ich recht, Etienne?

Dieser, der in allem Parisischen regelmig als Autoritt angerufen
wurde, nickte zustimmend, und Distelkamp lie die Streitfrage fallen
oder war geschickt genug, ihr eine neue Richtung zu geben, indem er aus
dem allgemein Kulinarischen auf einzelne berhmte kulinarische
Persnlichkeiten berlenkte, zunchst auf den Freiherrn von Rumohr, und
im raschen Anschlu an diesen auf den ihm persnlich befreundet
gewesenen Frsten Pckler-Muskau. Besonders dieser letztere war
Distelkamps Schwrmerei. Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen
Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen, so
werde man immer den Frsten Pckler als Musterbeispiel nehmen mssen.
Dabei sei er durchaus liebenswrdig gewesen, allerdings etwas
launenhaft, eitel und bermtig, aber immer grundgut. Es sei schade, da
solche Figuren ausstrben. Und nach diesen einleitenden Stzen begann er
speziell von Muskau und Branitz zu erzhlen, wo er vordem oft tagelang
zu Besuch gewesen war und sich mit der mrchenhaften, von Semilassos
Weltfahrten mit heimgebrachten Abessinierin ber Nahes und Fernes
unterhalten hatte.

Schmidt hrte nichts lieberes als Erlebnisse derart, und nun gar von
Distelkamp, vor dessen Wissen und Charakter er berhaupt einen
ungeheuchelten Respekt hatte.

Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe fr den alten Direktor und
verstand auerdem -- obwohl geborener Berliner -- gut und mit Interesse
zuzuhren; trotzdem tat er heute Fragen ber Fragen, die seine volle
Zerstreutheit bewiesen. Er war eben mit anderem beschftigt.

So kam elf heran, und mit dem Glockenschlage -- ein Satz von Schmidt
wurde mitten durchgeschnitten -- erhob man sich und trat aus dem
Ezimmer in das Entree, darin seitens der Schmolke die Sommerberzieher
samt Hut und Stock schon in Bereitschaft gelegt waren. Jeder griff nach
dem seinen, und nur Marcell nahm den Oheim einen Augenblick beiseite und
sagte: Onkel, ich sprche gern noch ein Wort mit dir, ein Ansinnen, zu
dem dieser, jovial und herzlich wie immer, seine volle Zustimmung
ausdrckte. Dann, unter Vorantritt der Schmolke, die mit der Linken den
messingenen Leuchter ber den Kopf hielt, stiegen Distelkamp, Friedeberg
und Etienne zunchst treppab und traten gleich danach in die muffig
schwle Adlerstrae hinaus. Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und
schritt mit ihm auf seine Studierstube zu.

       *       *       *       *       *

Nun, Marcell, was gibt es? Rauchen wirst du nicht, du siehst mir viel
zu bewlkt aus; aber verzeih', ich mu mir erst eine Pfeife stopfen.
Und dabei lie er sich, den Tabakskasten vor sich herschiebend, in eine
Sophaecke nieder. So! Marcell. ... Und nun nimm einen Stuhl und setz'
dich und schiee los. Was gibt es?

Das alte Lied.

Korinna?

Ja.

Ja, Marcell, nimm mir's nicht bel, aber das ist ein schlechter
Liebhaber, der immer vterlichen Vorspann braucht, um von der Stelle zu
kommen. Du weit, ich bin dafr. Ihr seid wie geschaffen fr einander.
Sie bersieht dich und uns alle; das Schmidtsche strebt in ihr nicht
blo der Vollendung zu, sondern, ich mu das sagen, trotzdem ich ihr
Vater bin, kommt auch ganz nah ans Ziel. Nicht jede Familie kann das
ertragen. Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen Ingredienzien
zusammen, da die Vollendung, von der ich spreche, nie bedrcklich wird.
Und warum nicht? Weil die Selbstironie, in der wir, glaube ich, gro
sind, immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht. Das ist
recht eigentlich das, was ich das Schmidtsche nenne. Folgst du?

Gewi, Onkel. Sprich nur weiter.

Nun sieh, Marcell, ihr pat ganz vorzglich zusammen. Sie hat die
genialere Natur, hat so den letzten Knips von der Sache weg, aber das
gibt keineswegs das bergewicht im Leben. Fast im Gegenteil. Die
Genialen bleiben immer halbe Kinder, in Eitelkeit befangen, und
verlassen sich immer auf Intuition und _bon sens_ und Sentiment und wie
all die franzsischen Worte heien mgen. Oder wir knnen auch auf gut
deutsch sagen, sie verlassen sich auf ihre guten Einflle. Damit ist es
nun aber so so; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe Stunde
lang oder auch noch lnger, gewi, das kommt vor; aber mit einem Mal ist
das Elektrische wie verblitzt, und nun bleibt nicht blo der Esprit aus
wie Rhrwasser, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Ja, der erst
recht. Und so ist es auch mit Korinna. Sie bedarf einer verstndigen
Leitung, d. h. sie bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter. Das
bist du, das hast du. Du hast also meinen Segen; alles andere mut du
dir selber besorgen.

Ja, Onkel, das sagst du immer. Aber wie soll ich das anfangen? Eine
lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entznden. Vielleicht ist
sie solcher Leidenschaft nicht einmal fhig; aber wenn auch, wie soll
ein Vetter seine Kusine zur Leidenschaft anstacheln? Das kommt gar nicht
vor. Die Leidenschaft ist etwas pltzliches, und wenn man von seinem
fnften Jahr an immer zusammen gespielt und sich, sagen wir, hinter den
Sauerkrauttonnen eines Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller
unzhlige Male stundenlang versteckt hat, immer gemeinschaftlich und
immer glckselig, da Richard oder Artur, trotzdem sie dicht um einen
herum waren, einen doch nicht finden konnten, ja, Onkel, da ist von
Pltzlichkeit, dieser Vorbedingung der Leidenschaft, keine Rede mehr.

Schmidt lachte. Das hast du gut gesagt, Marcell, eigentlich ber deine
Mittel. Aber es steigert nur meine Liebe zu dir. Das Schmidtsche steckt
doch auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas
vergraben. Und =das= kann ich dir sagen, wenn du diesen Ton Korinna
gegenber festhltst, dann bist du durch, dann hast du sie sicher.

Ach, Onkel, glaube doch das nicht. Du verkennst Korinna. Nach der einen
Seite hin kennst du sie ganz genau, aber nach der andern Seite hin
kennst du sie gar nicht. Alles was klug und tchtig und, vor allem, was
espritvoll an ihr ist, das siehst du mit beiden Augen, aber was
uerlich und modern an ihr ist, das siehst du nicht. Ich kann nicht
sagen, da sie jene niedrigstehende Gefallsucht hat, die jeden erobern
will, er sei wer er sei; von dieser Koketterie hat sie nichts. Aber sie
nimmt sich erbarmungslos =einen= aufs Korn, einen, an dessen
Spezialeroberung ihr gelegen ist, und du glaubst gar nicht, mit welcher
grausamen Konsequenz, mit welcher infernalen Virtuositt sie dies von
ihr erwhlte Opfer in ihre Fden einzuspinnen wei.

Meinst du?

Ja, Onkel. Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel
davon. Sie sa zwischen Leopold Treibel und einem Englnder, dessen
Namen sie dir ja schon genannt hat, einen Mr. Nelson, der, wie die
meisten Englnder aus guten Husern, einen gewissen Naivitts-Charme
hatte, sonst aber herzlich wenig bedeutete. Nun httest du Korinna sehen
sollen. Sie beschftigte sich anscheinend mit niemand anderem, als
diesem Sohn Albions, und es gelang ihr auch, ihn in Staunen zu setzen.
Aber glaube nur ja nicht, da ihr an dem flachsblonden Mr. Nelson im
geringsten gelegen gewesen wre; gelegen war ihr blo an Leopold
Treibel, an den sie kein einziges Wort, oder wenigstens nicht viele,
direkt richtete, und dem zu Ehren sie doch eine Art von franzsischem
Proverbe auffhrte, kleine Komdie, dramatische Szene. Und wie ich dir
versichern kann, Onkel, mit vollstndigstem Erfolg. Dieser unglckliche
Leopold hngt schon lange an ihren Lippen und saugt das se Gift ein,
aber so wie heute habe ich ihn doch noch nicht gesehen. Er war von Kopf
bis zu Fu die helle Bewunderung, und jede Miene schien ausdrcken zu
wollen: >Ach, wie langweilig ist Helene< (das ist, wie du dich
vielleicht erinnerst, die Frau seines Bruders), >und wie wundervoll ist
diese Korinna<.

Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden.
Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren
Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor,
das sind so kleine Kaprizen, an denen die Frauennatur reich ist.

Du nennst es Kaprizen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lgen! Es liegt
aber anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.

Unsinn, Leopold ist ein Junge.

Nein, er ist fnfundzwanzig, gerade so alt wie Korinna selbst. Aber
wenn er auch noch ein bloer Junge wre, Korinna hat sich's in den Kopf
gesetzt und wird es durchfhren.

Nicht mglich.

Doch, doch. Und nicht blo mglich, sondern ganz gewi. Sie hat es mir,
als ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibels
Frau werden, und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie
mir versicherte, hchstens noch zehn Jahre dauern knne, und wenn er in
seinem Zossener Wahlkreise gewhlt wrde, keine fnfe mehr, so will sie
die Villa beziehen, und wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem
grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen.

Ach, Marcell, das sind Visionen.

Vielleicht von ihr, wer will's sagen? aber sicherlich nicht von mir.
Denn all das waren ihre eigensten Worte. Du httest sie hren sollen,
Onkel, mit welcher Suffisance sie von kleinen Verhltnissen sprach,
und wie sie das drftige Kleinleben ausmalte, fr das sie nun mal nicht
geschaffen sei; sie sei nicht fr Speck und Wruken und all dergleichen
... und du httest nur hren sollen, =wie= sie das sagte, nicht blo so
drber hin, nein, es klang geradezu was von Bitterkeit mit durch, und
ich sah zu meinem Schmerz, wie veruerlicht sie ist, und wie die
verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hlt.

Hm, sagte Schmidt, das gefllt mir nicht, namentlich das mit den
Wruken. Das ist blo ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine
Torheit; denn alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum
Beispiel Weikohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill -- ja, lieber
Marcell, was will dagegen aufkommen? Und dagegen Front zu machen ist
einfach Unverstand. Aber glaube mir, Korinna macht auch nicht Front
dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter, und wenn sie
sich darin gefallen hat, dir von Modernitt zu sprechen und dir
vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles
_chic_ und wieder _chic_ ist, zu beschreiben und so zu tun, als ob es in
der ganzen Welt nichts gbe, was an Wert und Schnheit damit verglichen
werden knnte, so ist das alles blo Feuerwerk, Phantasiettigkeit, _jeu
d'Esprit_, und wenn es ihr morgen pat, dir einen Pfarramtskandidaten in
der Jasminlaube zu beschreiben, der selig in Lottchens Armen ruht, so
leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuositt. Das
ist, was ich das Schmidtsche nenne. Nein, Marcell, darber darfst du dir
keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles nicht ernstlich
gemeint ...

Es =ist= ernstlich gemeint ...

Und =wenn= es ernstlich gemeint ist -- was ich vorlufig noch nicht
glaube, denn Korinna ist eine sonderbare Person -- so nutzt ihr dieser
Ernst nichts, gar nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verla
dich, Marcell. Denn zum heiraten gehren zwei.

Gewi, Onkel. Aber Leopold will womglich noch mehr als Korinna ...

Was gar keine Bedeutung hat. Denn la dir sagen, und damit sprech ich
ein groes Wort gelassen aus: die Kommerzienrtin will =nicht=.

Bist du dessen so sicher?

Ganz sicher.

Und hast auch Zeichen dafr?

Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die du in
deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst ...

Das wre.

Ja, Freund, leibhaftig vor dir siehst. Denn ich habe das Glck gehabt,
an mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin
Jenny studieren zu knnen. Jenny Brstenbinder, das ist ihr Vatersname,
wie du vielleicht schon weit, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war
talentiert dafr, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch
drben in ihres Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den
Traubenrosinen naschte, da war sie schon gerade so wie heut' und
deklamierte den >Taucher< und den >Gang nach dem Eisenhammer< und auch
allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rhrendes war, so war ihr
Auge schon damals immer in Trnen, und als ich eines Tages mein
berhmtes Gedicht gedichtet hatte, du weit schon, das Unglcksding, das
sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat,
da warf sie sich mir an die Brust und sagte: Wilibald, Einziger, das
kommt von Gott. Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefhl und
meiner Liebe, sie blieb aber dabei, es sei von Gott, und dabei
schluchzte sie dermaen, da ich, so glcklich ich einerseits in meiner
Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht
dieser Gefhle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung, ganz
still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich's dafr
und strengte mich riesig an, um so rasch wie mglich mit meinem Studium
am Ende zu sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles
vortrefflich. Als ich nun aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen,
da hielt sie mich hin, war abwechselnd vertraulich und dann wieder
fremd, und whrend sie nach wie vor das Lied sang, =mein= Lied,
liebugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich Treibel
erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch
ihrer Sentimentalitten erlag. Denn der Treibel von damals war noch
nicht der Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die
Verlobungskarten. Alles in allem eine sonderbare Geschichte, daran, das
glaub ich sagen zu drfen, andere Freundschaften gescheitert wren; aber
ich bin kein belnehmer und Spielverderber, und in dem Liede, drin sich,
wie du weit, >die Herzen finden< -- beilufig eine himmlische
Trivialitt und ganz wie geschaffen fr Jenny Treibel -- in dem Liede
lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei nichts
vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persnlich bin drber
weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie
vergessen will. Es ist eine gefhrliche Person und um so gefhrlicher,
als sie's selbst nicht recht wei, und sich aufrichtig einbildet, ein
gefhlvolles Herz und vor allem ein Herz fr das >Hhere< zu haben. Aber
sie hat nur ein Herz fr das Ponderable, fr alles, was ins Gewicht
fllt und Zins trgt, und fr viel weniger als eine halbe Million gibt
sie den Leopold nicht fort, die halbe Million mag herkommen, woher sie
will. Und dieser arme Leopold selbst. So viel weit du doch, der ist
nicht der Mensch des Aufbumens oder der Eskapade nach Gretna Green. Ich
sage dir Marcell, unter Brckner tun es Treibels nicht, und Koegel ist
ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser. Sie
liberalisieren und sentimentalisieren bestndig, aber das alles ist
Farce; wenn es gilt Farbe zu bekennen, dann heit es: Gold ist Trumpf
und weiter nichts.

Ich glaube, da du Leopold unterschtzest.

Ich frchte, da ich ihn noch berschtze. Ich kenn' ihn noch aus der
Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch,
Mittelgut, und als Charakter noch unter Mittel.

Wenn du mit Korinna sprechen knntest.

Nicht ntig, Marcell. Durch Dreinreden strt man nur den natrlichen
Gang der Dinge. Mag brigens alles schwanken und unsicher sein, eines
steht fest: der Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln
deiner Kraft. Und wenn Korinna sich in Tollheiten berschlgt, la sie;
den Ausgang der Sache kenn' ich. Du sollst sie haben, und du wirst sie
haben, und vielleicht eher, als du denkst.




Achtes Kapitel


Treibel war ein Frhauf, wenigstens fr einen Kommerzienrat, und trat
nie spter als acht Uhr in sein Arbeitszimmer, immer gestiefelt und
gespornt, immer in sauberster Toilette. Er sah dann die Privatbriefe
durch, tat einen Blick in die Zeitungen und wartete, bis seine Frau kam,
um mit dieser gemeinschaftlich das erste Frhstck zu nehmen. In der
Regel erschien die Rtin sehr bald nach ihm, heut aber versptete sie
sich, und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar waren, die
Zeitungen aber, in denen schon der Sommer vorspukte, wenig Inhalt
hatten, so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und
durchma, nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben
hatte, die beiden groen nebenangelegenen Rume, darin sich die
Gesellschaft vom Tage vorher abgespielt hatte. Das obere Schiebefenster
des Garten- und Esaales war ganz heruntergelassen, so da er, mit den
Armen sich auflehnend, in bequemer Stellung in den unter ihm gelegenen
Garten hinabsehen konnte. Die Szenerie war wie gestern, nur statt
des Kakadu, der noch fehlte, sah man drauen die Honig, die, den
Bologneser der Kommerzienrtin an einer Strippe fhrend, um das Bassin
herumschritt. Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal fr Mal, bis
der Kakadu seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Kfig ins
Freie gestellt wurde, worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser
zurckzog, um einen Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden
gleichmig verwhnten Lieblingen des Hauses zu vermeiden. Das alles
indessen stand heute noch aus. Treibel, immer artig, erkundigte
sich, von seiner Fensterstellung aus, erst nach dem Befinden des
Fruleins -- was die Kommerzienrtin, wenn sie's hrte, jedesmal
sehr berflssig fand -- und fragte dann, als er beruhigende
Versicherungen darber entgegengenommen hatte, wie sie Mr. Nelsons
englische Aussprache gefunden habe, dabei von der mehr oder weniger
berzeugten Ansicht ausgehend, da es jeder von einem Berliner
Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines sein msse, dergleichen
festzustellen. Die Honig, die diesen Glauben nicht gern zerstren
wollte, beschrnkte sich darauf, die Korrektheit von Mr. Nelsons _a_
anzuzweifeln und diesem seinem _a_ eine nicht ganz statthafte
Mittelstellung zwischen der englischen und schottischen Aussprache
dieses Vokals zuzuerkennen, eine Bemerkung, die Treibel ganz ernsthaft
hinnahm und weiter ausgesponnen haben wrde, wenn er nicht im selben
Moment ein leises ins Schlo fallen einer der Vordertren, also
mutmalich das Eintreten der Kommerzienrtin, erlauscht htte. Treibel
hielt es auf diese Wahrnehmung hin fr angezeigt, sich von der Honig zu
verabschieden, und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu, in das in
der Tat die Rtin eben eingetreten war. Das auf einem Tablett wohl
arrangierte Frhstck stand schon da.

Guten Morgen, Jenny ... Wie geruht?

Doch nur passabel. Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir
gelegen.

Ich wrde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden
suchen. Aber wie du darber denkst ... Im brigen, wollen wir das
Frhstck nicht lieber drauen nehmen?

Und der Diener, nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf
der Klingel gedrckt hatte, erschien wieder, um das Tablett auf einen
der kleinen, in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen. Es ist
gut, Friedrich, sagte Treibel und schob jetzt hchst eigenhndig eine
Fubank heran, um es dadurch zunchst seiner Frau, zugleich aber auch
sich selber nach Mglichkeit bequem zu machen. Denn Jenny bedurfte
solcher Huldigungen, um bei guter Laune zu bleiben.

Diese Wirkung blieb denn auch heute nicht aus. Sie lchelte, rckte die
Zuckerschale nher zu sich heran und sagte, whrend sie die gepflegte
weie Hand ber den groen Blockstcken hielt: eins oder zwei?

Zwei, Jenny, wenn ich bitten darf. Ich sehe nicht ein, warum ich, der
ich zur Runkelrbe, Gott sei dank, keine Beziehungen unterhalte, die
billigen Zuckerzeiten nicht frhlich mitmachen soll.

Jenny war einverstanden, tat den Zucker ein und schob gleich danach die
kleine, genau bis an den Goldstreifen gefllte Tasse dem Gemahl mit dem
Bemerken zu: Du hast die Zeitungen schon durchgesehen? Wie steht es mit
Gladstone?

Treibel lachte mit ganz ungewhnlicher Herzlichkeit. Wenn es dir recht
ist, Jenny, bleiben wir vorlufig noch diesseits des Kanals, sagen wir
in Hamburg oder doch in der Welt des Hamburgischen, und transponieren
uns die Frage nach Gladstones Befinden in eine Frage nach unserer
Schwiegertochter Helene. Sie war offenbar verstimmt, und ich schwanke
nur noch, was in ihren Augen die Schuld trug. War es, da sie selber
nicht gut genug plaziert war, oder war es, da wir Mr. Nelson, ihren uns
gtigst berlassenen oder, um es berlinisch zu sagen, ihren uns
aufgepuckelten Ehrengast, so ganz einfach zwischen die Honig und Korinna
gesetzt hatten?

Du hast eben gelacht, Treibel, weil ich nach Gladstone fragte, was du
nicht httest tun sollen, denn wir Frauen drfen so was fragen, wenn wir
auch was ganz anderes meinen; aber ihr Mnner drft uns das nicht
nachmachen wollen. Schon deshalb nicht, weil es euch nicht glckt oder
doch jedenfalls noch weniger als uns. Denn so viel ist doch gewi und
kann dir nicht entgangen sein, ich habe niemals einen entzckteren
Menschen gesehen, als den guten Nelson; also wird Helene wohl nichts
dagegen gehabt haben, da wir ihren Proteg grade so plazierten, wie
geschehen. Und wenn das auch eine ewige Eifersucht ist zwischen ihr und
Korinna, die sich, ihrer Meinung nach, zu viel herausnimmt und ...

... Und unweiblich ist und unhamburgisch, was nach ihrer Meinung so
ziemlich zusammenfllt ...

... So wird sie's ihr gestern, fuhr Jenny, der Unterbrechung nicht
achtend, fort, wohl zum ersten Male verziehen haben, weil es ihr selber
zu gute kam oder ihrer Gastlichkeit, von der sie persnlich freilich so
mangelhafte Proben gegeben hat. Nein, Treibel, nichts von Verstimmung
ber Mr. Nelsons Platz. Helene schmollt mit uns beiden, weil wir alle
Anspielungen nicht verstehen wollen und ihre Schwester Hildegard noch
immer nicht eingeladen haben. brigens ist Hildegard ein lcherlicher
Name fr eine Hamburgerin. Hildegard heit man in einem Schlosse mit
Ahnenbildern oder wo eine weie Frau spukt. Helene schmollt mit uns,
weil wir hinsichtlich Hildegards so sehr schwerhrig sind.

Worin sie recht hat.

Und ich finde, da sie darin unrecht hat. Es ist eine Anmaung, die an
Insolenz grenzt. Was soll das heien? Sind wir in einem fort dazu da,
dem Holzhof und seinen Angehrigen Honneurs zu machen? Sind wir dazu da,
Helenens und ihrer Eltern Plne zu begnstigen? Wenn unsere Frau
Schwiegertochter durchaus die gastliche Schwester spielen will, so kann
sie Hildegard ja jeden Tag von Hamburg her verschreiben und das
verwhnte Pppchen entscheiden lassen, ob die Alster bei der Uhlenhorst
oder die Spree bei Treptow schner ist. Aber was geht =uns= das alles
an. Otto hat seinen Holzhof so gut, wie du deinen Fabrikhof, und seine
Villa finden viele Leute hbscher als die unsre, was auch zutrifft.
Unsre ist beinah altmodisch und jedenfalls viel zu klein, so da ich oft
nicht aus noch ein wei. Es bleibt dabei, mir fehlen wenigstens zwei
Zimmer. Ich mag davon nicht viel Worte machen, aber wie kommen wir dazu,
Hildegard einzuladen, als ob uns daran lge, die Beziehungen der beiden
Huser aufs eifrigste zu pflegen, und wie wenn wir nichts sehnlicher
wnschten, als noch mehr Hamburger Blut in die Familie zu bringen ...

Aber Jenny ...

Nichts von >aber<, Treibel. Von solchen Sachen versteht ihr nichts,
weil ihr kein Auge dafr habt. Ich sage dir, auf solche Plne luft es
hinaus, und deshalb sollen wir die Einladenden sein. Wenn Helene
Hildegarden einldt, so bedeutet das so wenig, da es nicht einmal die
Trinkgelder wert ist, und die neuen Toiletten nun schon gewi nicht. Was
hat es fr eine Bedeutung, wenn sich zwei Schwestern wiedersehen? Gar
keine, sie passen nicht 'mal zusammen und schrauben sich bestndig; aber
wenn wir Hildegard einladen, so heit das, die Treibels sind unendlich
entzckt ber ihre erste Hamburger Schwiegertochter und wrden es fr
ein Glck und eine Ehre ansehen, wenn sich das Glck erneuern und
verdoppeln und Frulein Hildegard Munk Frau Leopold Treibel werden
wollte. Ja, Freund, darauf luft es hinaus. Es ist eine abgekartete
Sache. Leopold soll Hildegard oder eigentlich Hildegard soll Leopold
heiraten; denn Leopold ist blo passiv und hat zu gehorchen. Das ist
das, was die Munks wollen, was Helene will, und was unser armer Otto,
der, Gott wei es, nicht viel sagen darf, schlielich auch wird wollen
mssen. Und weil wir zgern und mit der Einladung nicht recht heraus
wollen, deshalb schmollt und grollt Helene mit uns und spielt die
Zurckhaltende und Gekrnkte und gibt die Rolle nicht einmal auf an
einem Tage, wo ich ihr einen groen Gefallen getan und ihr den Mr.
Nelson hierher eingeladen habe, blo damit ihr die Plttbolzen nicht
kalt werden.

Treibel lehnte sich weiter zurck in den Stuhl und blies kunstvoll einen
kleinen Ring in die Luft. Ich glaube nicht, da du recht hast. Aber
wenn du recht httest, was tte es? Otto lebt seit acht Jahren in einer
glcklichen Ehe mit Helenen, was auch nur natrlich ist; ich kann mich
nicht entsinnen, da irgend wer aus meiner Bekanntschaft mit einer
Hamburgerin in einer unglcklichen Ehe gelebt htte. Sie sind alle so
zweifelsohne, haben innerlich und uerlich so was ungewhnlich
gewaschenes und bezeugen in allem, was sie tun und nicht tun, die
Richtigkeit der Lehre vom Einflu der guten Kinderstube. Man hat sich
ihrer nie zu schmen, und ihrem zwar bestrittenen, aber im Stillen immer
gehegten Herzenswunsche, fr eine Englnderin gehalten zu werden,
diesem Ideale kommen sie meistens sehr nah. Indessen das mag auf sich
beruhen. So viel steht jedenfalls fest, und ich mu es wiederholen,
Helene Munk hat unsern Otto glcklich gemacht, und es ist mir
hchstwahrscheinlich, da Hildegard Munk unsern Leopold auch glcklich
machen wrde, ja noch glcklicher. Und wr' auch keine Hexerei, denn
einen besseren Menschen als unsern Leopold gibt es eigentlich berhaupt
nicht; er ist schon beinahe eine Suse ...

Beinah? sagte Jenny. Du kannst ihn dreist fr voll nehmen. Ich wei
nicht, wo beide Jungen diese Milchsuppenschaft herhaben. Zwei geborene
Berliner, und sind eigentlich, wie wenn sie von Herrnhut oder Gnadenfrei
kmen. Sie haben doch beide was Schlfriges, und ich wei wirklich
nicht, Treibel, auf wen ich es schieben soll ...

Auf mich, Jenny, natrlich auf mich ...

Und wenn ich auch sehr wohl wei, fuhr Jenny fort, wie nutzlos es
ist, sich ber diese Dinge den Kopf zu zerbrechen, und leider auch
wei, da sich solche Charaktere nicht ndern lassen, so wei ich doch
auch, da man die Pflicht hat, da zu helfen, wo noch geholfen werden
kann. Bei Otto haben wir's versumt und haben zu seiner eigenen
Temperamentlosigkeit diese temperamentlose Helene hinzugetan, und was
dabei herauskommt, das siehst du nun an Lizzi, die doch die grte Puppe
ist, die man nur sehen kann. Ich glaube, Helene wird sie noch, auf
Vorderzhne-zeigen hin, englisch abrichten. Nun, meinetwegen. Aber ich
bekenne dir, Treibel, da ich an =einer= solchen Schwiegertochter
und =einer= solchen Enkelin gerade genug habe, und da ich den
armen Jungen, den Leopold, etwas passender als in der Familie Munk
unterbringen mchte.

Du mchtest einen forschen Menschen aus ihm machen, einen Kavalier,
einen Sportsmann ...

Nein, einen forschen Menschen nicht, aber einen Menschen berhaupt. Zum
Menschen gehrt Leidenschaft, und wenn er eine Leidenschaft fassen
knnte, sieh, das wre was, das wrd' ihn rausreien, und so sehr ich
allen Skandal hasse, ich knnte mich beinah freuen, wenn's irgend so was
gbe, natrlich nichts Schlimmes, aber doch wenigstens was Apartes.

Male den Teufel nicht an die Wand, Jenny. Da er sich aufs Entfhren
einlt, ist mir, ich wei nicht, soll ich sagen leider oder
glcklicherweise, nicht sehr wahrscheinlich; aber man hat Exempel von
Beispielen, da Personen, die zum Entfhren durchaus nicht das Zeug
hatten, gleichsam, wie zur Strafe dafr, entfhrt =wurden=. Es gibt ganz
verflixte Weiber, und Leopold ist gerade schwach genug, um vielleicht
einmal in den Sattel einer armen und etwas emanzipierten Edeldame, die
natrlich auch Schmidt heien kann, hineingehoben und ber die Grenze
gefhrt zu werden ...

Ich glaub' es nicht, sagte die Kommerzienrtin, er ist leider auch
dafr zu stumpf. Und sie war von der Ungefhrlichkeit der Gesamtlage so
fest berzeugt, da sie nicht einmal der vielleicht blo zufllig, aber
vielleicht auch absichtlich gesprochene Name Schmidt stutzig gemacht
hatte. Schmidt, das war nur so herkmmlich hingeworfen, weiter nichts,
und in einem halb bermtigen Jugendanfluge gefiel sich die Rtin sogar
in stiller Ausmalung einer Eskapade: Leopold, mit aufgesetztem
Schnurrbart, auf dem Wege nach Italien und mit ihm eine Freiin aus einer
pommerschen oder schlesischen Verwogenheitsfamilie, die Reiherfeder am
Hut und den schottisch karrierten Mantel ber den etwas frstelnden
Liebhaber ausgebreitet. All' das stand vor ihr, und beinah traurig sagte
sie zu sich selbst: Der arme Junge. Ja, wenn er dazu das Zeug htte.

       *       *       *       *       *

Es war um die neunte Stunde, da die alten Treibels dies Gesprch
fhrten, ohne jede Vorstellung davon, da um eben diese Zeit auch die
auf ihrer Veranda das Frhstck nehmenden jungen Treibels der
Gesellschaft vom Tage vorher gedachten. Helene sah sehr hbsch aus, wozu
nicht nur die kleidsame Morgentoilette, sondern auch eine gewisse
Belebtheit in ihren sonst matten und beinah vergimeinnichtblauen Augen
ein Erhebliches beitrug. Es war ganz ersichtlich, da sie bis diese
Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor sich
hinsehenden Otto eingepredigt haben mute; ja, wenn nicht alles
tuschte, wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren, als das
Erscheinen Lizzis und ihrer Erzieherin, Frulein Wulsten, dies Vorhaben
unterbrach.

Lizzi, trotz frher Stunde, war schon in vollem Staate. Das etwas
gewellte blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hften herab; im
brigen aber war alles wei, das Kleid, die hohen Strmpfe, der
berfallkragen, und nur um die Taille herum, wenn sich von einer solchen
sprechen lie, zog sich eine breite rote Schrpe, die von Helenen nie
rote Schrpe, sondern immer nur _pink-coloured scarf_ genannt wurde.
Die Kleine, wie sie sich da prsentierte, htte sofort als symbolische
Figur auf den Wscheschrank ihrer Mutter gestellt werden knnen, so sehr
war sie der Ausdruck von Weizeug mit einem roten Bndchen drum. Lizzi
galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind, was das Herz
Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits aber auch mit
Dank gegen Hamburg erfllte, denn zu den Gaben der Natur, die der
Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung
hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte.
Diese Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes
begonnen. Helene, weil es unschn sei -- was brigens von Seiten des
damals noch um sieben Jahre jngeren Krola bestritten wurde -- war nicht
zum Selbstnhren zu bewegen gewesen, und da bei den nun folgenden
Verhandlungen eine seitens des alten Kommerzienrats in Vorschlag
gebrachte Spreewlderamme mit dem Bemerken es gehe bekanntlich so
viel davon auf das unschuldige Kind ber abgelehnt worden war, war
man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel bergegangen. Eine
verheiratete, von dem Geistlichen der Thomasgemeinde warm empfohlene
Frau hatte das Aufpppeln mit groer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr
in der Hand bernommen, wobei Lizzi so gut gediehen war, da sich eine
Zeitlang sogar kleine Grbchen auf der Schulter gezeigt hatten. Alles
normal und beinah' ber das Normale hinaus. Unser alter Kommerzienrat
hatte denn auch der Sache nie so recht getraut, und erst um ein
Erhebliches spter, als sich Lizzi mit einem Trennmesser in den Finger
geschnitten hatte (das Kindermdchen war dafr entlassen worden), hatte
Treibel beruhigt ausgerufen: Gott sei Dank, so viel ich sehen kann, es
ist wirkliches Blut.

Ordnungsmig hatte Lizzis Leben begonnen, und ordnungsmig war es
fortgesetzt worden. Die Wsche, die sie trug, fhrte durch den Monat hin
die genau korrespondierende Tageszahl, so da man ihr, wie der Grovater
sagte, das jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte. Heut ist der
zehnte. Der Puppenkleiderschrank war an den Riegeln nummeriert, und als
es geschah (und dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurck),
da Lizzi, die sonst die Sorglichkeit selbst war, in ihrer, mit allerlei
Ksten ausstaffierten Puppenkche Gries in den Kasten getan hatte, der
doch ganz deutlich die Aufschrift Linsen trug, hatte Helene
Veranlassung genommen, ihrem Liebling die Tragweite solchen Fehlgriffs
auseinanderzusetzen. Das ist nichts Gleichgltiges, liebe Lizzi. Wer
Groes hten will, mu auch das Kleine zu hten verstehen. Bedenke, wenn
du ein Brderchen httest, und das Brderchen wre vielleicht schwach,
und du willst es mit _Eau de Cologne_ bespritzen, und du bespritzest es
mit _Eau de Javelle_, ja, meine Lizzi, so kann dein Brderchen blind
werden, oder wenn es ins Blut geht, kann es sterben. Und doch wre es
noch eher zu entschuldigen, denn beides ist wei und sieht aus wie
Wasser; aber Gries und Linsen, meine liebe Lizzi, das ist doch ein
starkes Stck von Unaufmerksamkeit, oder, was noch schlimmer wre, von
Gleichgltigkeit.

So war Lizzi, die brigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen
Herzmund hatte. Freilich, die zwei blanken Vorderzhne waren immer noch
nicht sichtbar genug, um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewhren
zu knnen, und so wandten sich ihre mtterlichen Sorgen auch in diesem
Augenblicke wieder der ihr so wichtigen Zahnfrage zu, weil sie davon
ausging, da es hier dem von der Natur so glcklich gegebenen Material
bis dahin nur an der rechten erziehlichen Aufmerksamkeit gefehlt habe.
Du kneifst wieder die Lippen so zusammen, Lizzi; das darf nicht sein.
Es sieht besser aus, wenn der Mund sich halb ffnet, fast so wie zum
Sprechen. Frulein Wulsten, ich mchte Sie doch bitten, auf diese
Kleinigkeit, die keine Kleinigkeit ist, mehr achten zu wollen ... Wie
steht es denn mit dem Geburtstagsgedicht?

Lizzi gibt sich die grte Mhe.

Nun, dann will ich dir deinen Wunsch auch erfllen, Lizzi. Lade dir die
kleine Felgentreu zu heute Nachmittag ein. Aber natrlich erst die
Schularbeiten ... Und jetzt kannst du, wenn Frulein Wulsten es erlaubt
(diese verbeugte sich), im Garten spazieren gehen, berall wo du willst,
nur nicht nach dem Hof zu, wo die Bretter ber der Kalkgrube liegen.
Otto, du solltest das ndern; die Bretter sind ohnehin so morsch.

Lizzi war glcklich, eine Stunde frei zu haben, und nachdem sie der Mama
die Hand gekt und noch die Warnung, sich vor der Wassertonne zu hten,
mit auf den Weg gekriegt hatte, brachen das Frulein und Lizzi auf, und
das Elternpaar blickte dem Kinde nach, das sich noch ein paarmal umsah
und dankbar der Mutter zunickte.

Eigentlich, sagte diese, htte ich Lizzi gern hier behalten und eine
Seite Englisch mit ihr gelesen; die Wulsten versteht es nicht und hat
eine erbrmliche Aussprache, so _low_, so _vulgar_. Aber ich bin
gezwungen, es bis morgen zu lassen, denn wir mssen das Gesprch zu Ende
bringen. Ich sage nicht gern etwas gegen deine Eltern, denn ich wei,
da es sich nicht schickt, und wei auch, da es dich bei deinem
eigentmlich starren Charakter (Otto lchelte) nur noch in dieser deiner
Starrheit bestrken wird; aber man darf die Schicklichkeitsfragen,
ebenso wie die Klugheitsfragen, nicht ber alles stellen. Und das tte
ich, wenn ich lnger schwiege. Die Haltung deiner Eltern ist in dieser
Frage geradezu krnkend fr mich und fast mehr noch fr meine Familie.
Denn sei mir nicht bse, Otto, aber wer sind am Ende die Treibels? Es
ist milich, solche Dinge zu berhren, und ich wrde mich hten, es zu
tun, wenn du mich nicht geradezu zwngest, zwischen unsren Familien
abzuwgen.

Otto schwieg und lie den Teelffel auf seinem Zeigefinger balanzieren,
Helene aber fuhr fort: Die Munks sind ursprnglich dnisch, und ein
Zweig, wie du recht gut weit, ist unter Knig Christian gegraft worden.
Als Hamburgerin und Tochter einer freien Stadt will ich nicht viel davon
machen, aber es ist doch immerhin was. Und nun gar von meiner Mutter
Seite! Die Thompsons sind eine Syndikatsfamilie. Du tust, als ob das
nichts sei. Gut, es mag auf sich beruhen, und nur so viel mcht' ich dir
noch sagen drfen, unsere Schiffe gingen schon nach Messina, als deine
Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus dein Vater sie
hervorgeholt hat. Material- und Kolonialwaren. Ihr nennt das hier auch
Kaufmann ... ich sage nicht du ... aber Kaufmann und Kaufmann ist ein
Unterschied.

Otto lie alles ber sich ergehen und sah den Garten hinunter, wo Lizzi
Fangball spielte.

Hast du noch berhaupt vor, Otto, auf das, was ich sagte, mir zu
antworten?

Am liebsten nein, liebe Helene. Wozu auch? Du kannst doch nicht von mir
verlangen, da ich in dieser Sache deiner Meinung bin, und wenn ich es
=nicht= bin und das ausspreche, so reize ich dich nur noch mehr. Ich
finde, da du doch mehr forderst, als du fordern solltest. Meine Mutter
ist von groer Aufmerksamkeit gegen dich und hat dir noch gestern einen
Beweis davon gegeben; denn ich bezweifle sehr, da ihr das =unsrem= Gast
zu Ehren gegebene Diner besonders zu pa kam. Du weit auerdem, da sie
sparsam ist, wenn es nicht ihre Person gilt.

Sparsam, lachte Helene.

Nenn' es Geiz; mir gleich. Sie lt es aber trotzdem nie an
Aufmerksamkeit fehlen, und wenn die Geburtstage da sind, so sind auch
ihre Geschenke da. Das stimmt dich aber alles nicht um, im Gegenteil, du
wchst in deiner bestndigen Auflehnung gegen die Mama und das alles
nur, weil sie dir durch ihre Haltung zu verstehen gibt, da das, was
Papa die Hamburgerei nennt, nicht das hchste in der Welt ist, und da
der liebe Gott seine Welt nicht um der Munks willen geschaffen hat ...

Sprichst du das deiner Mutter nach oder tust du von deinem Eigenen noch
was hinzu? Fast klingt es so; deine Stimme zittert ja beinah.

Helene, wenn du willst, da wir die Sache ruhig durchsprechen und alles
in Billigkeit und mit Rcksicht fr hben und drben abwgen, so darfst
du nicht bestndig l ins Feuer gieen. Du bist so gereizt gegen die
Mama, weil sie deine Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene
macht, Hildegard einzuladen. Darin hast du aber unrecht. Soll das Ganze
blo etwas Geschwisterliches sein, so mu die Schwester die Schwester
einladen; das ist dann eine Sache, mit der meine Mama herzlich wenig zu
tun hat ...

Sehr schmeichelhaft fr Hildegard und auch fr mich ...

... Soll aber ein anderer Plan damit verfolgt werden, und du hast mir
zugestanden, das dies der Fall ist, so mu das, so wnschenswert solche
zweite Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch fr die Treibels sein
wrde, so mu das unter Verhltnissen geschehen, die den Charakter des
Natrlichen und Ungezwungenen haben. Ldst du Hildegard ein und fhrt
das, sagen wir einen Monat spter oder zwei zur Verlobung mit Leopold,
so haben wir genau das, was ich den natrlichen und ungezwungenen Weg
nenne; schreibt aber meine =Mama= den Einladungsbrief an Hildegard und
spricht sie darin aus, wie glcklich sie sein wrde, die Schwester ihrer
lieben Helene recht, recht lange bei sich zu sehen und sich des Glckes
der Geschwister mitfreuen zu knnen, so drckt sich darin ziemlich
unverblmt eine Huldigung und ein aufrichtiges sich Bemhen um deine
Schwester Hildegard aus, und das will die Firma Treibel vermeiden.

Und das billigst du?

Ja.

Nun, das ist wenigstens deutlich. Aber weil es deutlich ist, darum ist
es noch nicht richtig. Alles, wenn ich dich recht verstehe, dreht sich
also um die Frage, wer den ersten Schritt zu tun habe.

Otto nickte.

Nun, wenn dem so ist, warum wollen die Treibels sich struben, diesen
ersten Schritt zu tun? Warum, frage ich. So lange die Welt steht, ist
der Brutigam oder der Liebhaber der, der wirbt ...

Gewi, liebe Helene. Aber bis zum Werben sind wir noch nicht. Vorlufig
handelt es sich noch um Einleitungen, um ein Brckenbauen, und dies
Brckenbauen ist an denen, die das grere Interesse daran haben.

Ah, lachte Helene. Wir die Munks ... und das grere Interesse! Otto,
das httest du nicht sagen sollen, nicht, weil es mich und meine Familie
herabsetzt, sondern weil es die ganze Treibelei und dich an der Spitze
mit einem Ridicl ausstattet, das dem Respekt, den die Mnner doch
bestndig beanspruchen, nicht allzu vorteilhaft ist. Ja, Freund, du
forderst mich heraus, und so will ich dir denn offen sagen, auf eurer
Seite liegt Interesse, Gewinn, Ehre. Und da ihr das empfindet, das mt
ihr eben bezeugen, dem mt ihr einen nicht mizuverstehenden Ausdruck
geben. Das ist der erste Schritt, von dem ich gesprochen. Und da ich mal
bei Bekenntnissen bin, so la mich dir sagen, Otto, da diese Dinge,
neben ihrer ernsten und geschftlichen Seite, doch auch noch eine
persnliche Seite haben, und da es dir, so nehm' ich vorlufig an,
nicht in den Sinn kommen kann, unsre Geschwister in ihrer ueren
Erscheinung miteinander vergleichen zu wollen. Hildegard ist eine
Schnheit und gleicht ganz ihrer Gromutter Elisabeth Thompson (nach der
wir ja auch unsere Lizzi getauft haben) und hat den _chic_ einer Lady;
du hast mir das selber frher zugestanden. Und nun sieh deinen Bruder
Leopold! Er ist ein guter Mensch, der sich ein Reitpferd angeschafft
hat, weil er's durchaus zwingen will, und schnallt sich nun jeden Morgen
die Steigbgel so hoch wie ein Englnder. Aber es nutzt ihm nichts. Er
ist und bleibt doch unter Durchschnitt, jedenfalls weitab vom Kavalier,
und wenn Hildegard ihn nhme (ich frchte, sie nimmt ihn nicht), so wre
das wohl der einzige Weg, noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus
ihm zu machen. Und das kannst du deiner Mama sagen.

Ich wrde vorziehen, du ttest es.

Wenn man aus einem guten Hause stammt, vermeidet man Aussprachen und
Szenen ...

Und macht sie dafr dem Manne.

Das ist etwas anderes.

Ja, lachte Otto. Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches.

       *       *       *       *       *

Leopold Treibel, der im Geschft seines lteren Bruders ttig war,
whrend er im elterlichen Hause wohnte, hatte sein Jahr bei den
Gardedragonern abdienen wollen, war aber, wegen zu flacher Brust, nicht
angenommen worden, was die ganze Familie schwer gekrnkt hatte. Treibel
selbst kam schlielich drber weg, weniger die Kommerzienrtin, am
wenigsten Leopold selbst, der -- wie Helene bei jeder Gelegenheit und
auch an diesem Morgen wieder zu betonen liebte -- zur Auswetzung der
Scharte wenigstens Reitstunde genommen hatte. Jeden Tag war er zwei
Stunden im Sattel und machte dabei, weil er sich wirklich Mhe gab, eine
ganz leidliche Figur.

Auch heute wieder, an demselben Morgen, an dem die alten und jungen
Treibels ihren Streit ber dasselbe gefhrliche Thema fhrten, hatte
Leopold, ohne die geringste Ahnung davon, sowohl Veranlassung wie
Mittelpunkt derartiger heikler Gesprche zu sein, seinen wie gewhnlich
auf Treptow zu gerichteten Morgenausflug angetreten und ritt, von der
elterlichen Wohnung aus, die zu so frher Stunde noch wenig belebte
Kpenicker Strae hinunter, erst an seines Bruders Villa, dann an der
alten Pionierkaserne vorber. Die Kasernenuhr schlug eben sieben, als er
das Schlesische Tor passierte. Wenn ihn dies im Sattelsein ohnehin schon
an jedem Morgen erfreute, so besonders heut, wo die Vorgnge des
voraufgegangenen Abends, am meisten aber die zwischen Mr. Nelson und
Korinna gefhrten Gesprche noch stark in ihm nachwirkten, so stark, da
er mit dem ihm sonst wenig verwandten Ritter Karl von Eichenhorst wohl
den gemeinschaftlichen Wunsch des Sich Ruhe-Reitens in seinem Busen
hegen durfte. Was ihm equestrisch dabei zur Verfgung stand, war
freilich nichts weniger als ein Dnenro voll Kraft und Feuer, sondern
nur ein schon lange Zeit in der Manege gehender Graditzer, dem etwas
Extravagantes nicht mehr zugemutet werden konnte. Leopold ritt denn auch
Schritt, so sehr er sich wnschte, davonstrmen zu knnen. Erst ganz
allmhlich fiel er in einen leichten Trab und blieb darin, bis er den
Schafgraben und gleich danach den in geringer Entfernung gelegenen
Schlesischen Busch erreicht hatte, drin am Abend vorher, wie ihm
Johann noch im Moment des Abreitens erzhlt hatte, wieder zwei
Frauenzimmer und ein Uhrmacher beraubt worden waren. Da dieser Unfug
auch gar kein Ende nehmen will! Schwche, Polizeiversumnis. Indessen
bei hellem Tageslichte bedeutete das alles nicht allzu viel, weshalb
Leopold in der angenehmen Lage war, sich der ringsumher schlagenden
Amseln und Finken unbehindert freuen zu knnen. Und kaum minder geno
er, als er aus dem Schlesischen Busche wieder heraus war, der freien
Strae, zu deren Rechten sich Saat und Kornfelder dehnten, whrend zur
linken die Spree mit ihren nebenher laufenden Parkanlagen den Weg
begrenzte. Das alles war so schn, so morgenfrisch, da er das Pferd
wieder in Schritt fallen lie. Aber freilich, so langsam er ritt, bald
war er trotzdem an der Stelle, wo, vom andern Ufer her, das kleine
Fhrboot herberkam, und als er anhielt, um dem Schauspiele besser
zusehen zu knnen, trabten von der Stadt her auch schon einige Reiter
auf der Chaussee heran, und ein Pferdebahnwagen glitt vorber, drin, so
viel er sehen konnte, keine Morgengste fr Treptow saen. Das war so
recht, was ihm pate, denn sein Frhstck im Freien, was ihn dort
regelmig erquickte, war nur noch die halbe Freude, wenn ein halb
Dutzend echte Berliner um ihn herumsaen und ihren mitgebrachten
Affenpintscher ber die Sthle springen oder vom Steg aus apportieren
lieen. Das alles, wenn dieser leere Wagen nicht schon einen
vollbesetzten Vorlufer gehabt hatte, war fr heute nicht zu befrchten.

Gegen halb acht war er drauen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur
einem Arm und dem entsprechenden losen rmel (den er bestndig in der
Luft schwenkte) heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, whrend er
dem Einarmigen die Zgel gab: Fhr es unter die Linde, Fritz. Die
Morgensonne sticht hier so. Der Junge tat auch, wie ihm geheien, und
Leopold seinerseits ging nun an einem von Liguster berwachsenen
Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements zu. Gott sei
Dank, hier war alles wie gewnscht, smtliche Tische leer, die Sthle
umgekippt, und auch von Kellnern niemand da, als sein Freund Mtzell,
ein auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den
Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die
Trinkgelderfrage mit einer erstaunlichen, brigens von Leopold (der
immer sehr splendid war) nie herausgeforderten Gentilezza behandelte.
Sehen Sie, Herr Treibel, so waren, als das Gesprch einmal in dieser
Richtung lief, seine Worte gewesen, die meisten wollen nicht recht und
streiten einem auch noch was ab, besonders die Damens, aber viele sind
auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen, da man von einer
Zigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei Kindern
erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben und besonders
die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir
aus Versehen ein Fnfzigpfennigstck zu, weil er's fr einen Zehner
hielt, und als ich's ihm sagte, nahm er's nicht wieder und sagte blo:
>Das hat so sein sollen, Freund und Kupferstecher; mitunter fllt Ostern
und Pfingsten auf einen Dag.<

Das war vor Wochen gewesen, da Mtzell so zu Leopold Treibel gesprochen
hatte. Beide standen berhaupt auf einem Plauderfu, was aber fr
Leopold noch angenehmer als diese Plauderei war, war, da er ber Dinge,
die sich von selbst verstanden, gar nicht erst zu sprechen brauchte.
Mtzell, wenn er den jungen Treibel in das Lokal eintreten und ber den
frischgeharkten Kies hin auf seinen Platz in unmittelbarer Nhe des
Wassers zuschreiten sah, salutierte blo von fern und zog sich dann ohne
weiteres in die Kche zurck, von der aus er nach drei Minuten mit einem
Tablett, auf dem eine Tasse Kaffee mit ein paar englischen Biskuits und
ein groes Glas Milch stand, wieder unter den Frontbumen erschien. Das
groe Glas Milch war Hauptsache, denn Sanittsrat Lohmeyer hatte noch
nach der letzten Auskultation zur Kommerzienrtin gesagt: Meine
gndigste Frau, noch hat es nichts zu bedeuten, aber man mu vorbeugen,
dazu sind wir da; im brigen ist unser Wissen Stckwerk. Also wenn ich
bitten darf, so wenig Kaffee wie mglich und jeden Morgen ein Liter
Milch.

Auch heute hatte bei Leopolds Erscheinen die sich tglich wiederholende
Begegnungsszene gespielt: Mtzell war auf die Kche zu verschwunden und
tauchte jetzt in Front des Hauses wieder auf, das Tablett auf den fnf
Fingerspitzen seiner linken Hand mit beinahe zirkushafter Virtuositt
balancierend.

Guten Morgen, Herr Treibel. Schner Morgen heute morgen.

Ja, lieber Mtzell. Sehr schn. Aber ein bichen frisch. Besonders hier
am Wasser. Mich schuddert ordentlich, und ich bin schon auf- und
abgegangen. Lassen Sie sehen Mtzell, ob der Kaffee warm ist.

Und ehe der so freundlich Angesprochene das Tablett auf den Tisch setzen
konnte, hatte Leopold die kleine Tasse schon herabgenommen und sie mit
einem Zuge geleert.

Ah, brillant. Das tut einem alten Menschen wohl. Und nun will ich die
Milch trinken, Mtzell; aber mit Andacht. Und wenn ich damit fertig bin,
-- die Milch ist immer ein bichen labbrig, was aber kein Tadel sein
soll, gute Milch mu eigentlich immer ein bichen labbrig sein -- wenn
ich damit fertig bin, bitt' ich noch um eine ...

Kaffee?

Freilich, Mtzell.

Ja, Herr Treibel ...

Nun, was ist? Sie machen ja ein ganz verlegenes Gesicht, Mtzell, als
ob ich was ganz besonderes gesagt htte.

Ja, Herr Treibel ...

Nun, zum Donnerwetter, was ist denn los?

Ja, Herr Treibel, als die Frau Mama vorgestern hier waren und der Herr
Kommerzienrat auch, und auch das Gesellschaftsfrulein, und Sie, Herr
Leopold, eben nach dem Sperl und dem Karussell gegangen waren, da hat
mir die Frau Mama gesagt: >Hren Sie, Mtzell, ich wei, er kommt
beinahe jeden Morgen, und ich mache Sie verantwortlich ... =eine= Tasse;
nie mehr ... Sanittsrat Lohmeyer, der ja auch mal Ihre Frau behandelt
hat, hat es mir im Vertrauen, aber doch mit allem Ernste gesagt: zwei
sind Gift ...<

So ... Und hat meine Mama vielleicht noch mehr gesagt?

Die Frau Kommerzienrtin sagten auch noch: >Ihr Schade soll es nicht
sein, Mtzell ... Ich kann nicht sagen, da mein Sohn ein passionierter
Mensch ist, er ist ein guter Mensch, ein lieber Mensch ...< Sie
verzeihen, Herr Treibel, da ich Ihnen das alles, was Ihre Frau Mama
gesagt hat, hier so ganz simplement wiederhole ... >aber er hat die
Kaffeepassion. Und das ist immer das Schlimme, da die Menschen grade
=die= Passion haben, die sie nicht haben sollen. Also Mtzell, eine
Tasse mag gehen, aber nicht zwei.<

Leopold hatte mit sehr geteilten Empfindungen zugehrt und nicht gewut,
ob er lachen oder verdrielich werden sollte. Nun, Mtzell, dann also
lassen wir's; keine zweite. Und damit nahm er seinen Platz wieder ein,
whrend sich Mtzell in seine Wartestellung an der Hausecke zurckzog.

Da hab' ich nun mein Leben auf einen Schlag, sagte Leopold, als er
wieder allein war. Ich habe mal von einem gehrt, der bei Josty, weil
er so gewettet hatte, zwlf Tassen Kaffee hintereinander trank und dann
tot umfiel. Aber was beweist das? Wenn ich zwlf Ksestullen esse, fall'
ich auch tot um; alles Verzwlffachte ttet einen Menschen. Aber welcher
vernnftige Mensch verzwlffacht auch sein Speis und Trank. Von jedem
vernnftigen Menschen mu man annehmen, da er Unsinnigkeiten
unterlassen und seine Gesundheit befragen und seinen Krper nicht
zerstren wird. Wenigstens fr mich kann ich einstehen. Und die gute
Mama sollte wissen, da ich dieser Kontrolle nicht bedarf und sollte mir
diesen meinen Freund Mtzell nicht so naiv zum Hter bestellen. Aber sie
mu immer die Fden in der Hand haben, sie mu alles bestimmen, alles
anordnen, und wenn ich eine baumwollene Jacke will, so mu es eine
wollene sein.

Er machte sich nun an die Milch und mute lcheln, als er die lange
Stange mit dem schon niedergesunkenen Milchschaum in die Hand nahm.
Mein eigentliches Getrnk. >Milch der frommen Denkungsart< wrde Papa
sagen. Ach, es ist zum rgern, alles zum rgern. Bevormundung, wohin ich
sehe, schlimmer, als ob ich gestern meinen Einsegnungstag gehabt htte.
Helene wei alles besser, Otto wei alles besser und nun gar erst die
Mama. Sie mchte mir am liebsten vorschreiben, ob ich einen blauen oder
grnen Schlips und einen graden oder schrgen Scheitel tragen soll. Aber
ich will mich nicht rgern. Die Hollnder haben ein Sprichwort: >rgere
dich nicht, wundere dich blo.< Und auch das werd' ich mir schlielich
noch abgewhnen.

Er sprach noch so weiter in sich hinein, abwechselnd die Menschen und
die Verhltnisse verklagend, bis er mit einem Mal all seinen Unmut gegen
sich selber richtete: Torheit. Die Menschen, die Verhltnisse, das
alles ist es nicht; nein, nein. Andre haben auch eine auf ihr
Hausregiment eiferschtige Mama und tun doch, was sie wollen; es liegt
an mir. _Pluck, dear Leopold, that's it_, hat mir der gute Nelson noch
gestern abend zum Abschied gesagt, und er hat ganz recht. Da liegt es;
nirgend anders. Mir fehlt es an Energie und Mut, und das Aufbumen hab'
ich nun schon gewi nicht gelernt.

Er blickte, whrend er so sprach, vor sich hin, knipste mit seiner
Reitgerte kleine Kiesstcke fort und malte Buchstaben in den
frischgestreuten Sand. Und als er nach einer Weile wieder aufblickte,
sah er zahlreiche Boote, die vom Stralauer Ufer her herber kamen, und
dazwischen einen mit groem Segel fluabwrts fahrenden Spreekahn. Wie
sehnschtig richtete sich sein Blick darauf.

Ach, ich mu aus diesem elenden Zustande heraus, und wenn es wahr ist,
da einem die Liebe Mut und Entschlossenheit gibt, so mu noch alles gut
werden. Und nicht blo gut, es mu mir auch leicht werden und mich
geradezu zwingen und drngen, den Kampf aufzunehmen und ihnen allen zu
zeigen, und der Mama voran, da sie mich denn doch verkannt und
unterschtzt haben. Und wenn ich in Unentschlossenheit zurckfalle, was
Gott verhte, so wird sie mir die ntige Kraft geben. Denn sie hat all
das, was mir fehlt, und wei alles und kann alles. Aber bin ich ihrer
sicher? Da steh' ich wieder vor der Hauptfrage. Mitunter ist es mir
freilich, als kmmere sie sich um mich, und als sprche sie eigentlich
nur zu mir, wenn sie zu anderen spricht. So war es noch gestern abend
wieder, und ich sah auch, wie Marcell sich verfrbte, weil er
eiferschtig war. Etwas anderes konnte es nicht sein. Und das alles ...

Er unterbrach sich, weil eben jetzt die sich um ihn her sammelnden
Sperlinge mit jedem Augenblicke zudringlicher wurden. Einige kamen bis
auf den Tisch und mahnten ihn durch Picken und dreistes Ansehen, da er
ihnen noch immer ihr Frhstck schulde. Lchelnd zerbrach er ein Biskuit
und warf ihnen die Stcke hin, mit denen zunchst die Sieger und,
alsbald auch ihnen folgend, die anderen in die Lindenbume zurckflogen.
Aber kaum da die Strenfriede fort waren, so waren fr ihn auch die
alten Betrachtungen wieder da. Ja, das mit Marcell, das darf ich mir
zum Guten deuten und manches andere noch. Aber es kann auch alles blo
Spiel und Laune gewesen sein. Korinna nimmt nichts ernsthaft und will
eigentlich immer nur glnzen und die Bewunderung oder das Verwundertsein
ihrer Zuhrer auf sich ziehen. Und wenn ich mir diesen ihren Charakter
berlege, so mu ich an die Mglichkeit denken, da ich schlielich
auch noch heimgeschickt und ausgelacht werde. Das ist hart. Und doch
mu ich es wagen ... Wenn ich nur wen htte, dem ich mich anvertrauen
knnte, der mir riete. Leider hab' ich niemanden, keinen Freund; dafr
hat Mama auch gesorgt, und so mu ich mir, ohne Rat und Beistand,
allerpersnlichst ein doppeltes Ja holen. Erst bei Korinna. Und wenn
ich dies erste Ja habe, so hab' ich noch lange nicht das zweite. Das
seh' ich nur zu klar. Aber das zweite kann ich mir wenigstens erkmpfen
und will es auch ... Es gibt ihrer genug, fr die das alles eine
Kleinigkeit wre, fr mich aber ist es schwer; ich wei, ich bin kein
Held, und das Heldische lt sich nicht lernen. >Jeder nach seinen
Krften<, sagte Direktor Hilgenhahn immer. Ach, ich finde doch beinahe,
da mir mehr aufgelegt wird, als meine Schultern tragen knnen.

Ein mit Personen besetzter Dampfer kam in diesem Augenblicke den Flu
herauf und fuhr, ohne an den Wassersteg anzuzulegen, auf den Neuen
Krug und Sadowa zu; Musik war an Bord, und dazwischen wurden allerlei
Lieder gesungen. Als das Schiff erst den Steg und bald auch die
Liebesinsel passiert hatte, fuhr auch Leopold aus seinen Trumereien
auf und sah, nach der Uhr blickend, da es hchste Zeit sei, wenn er
noch pnktlich auf dem Kontor eintreffen und sich eine Reprimande, oder,
was schlimmer, eine spttische Bemerkung von seiten seines Bruders Otto
ersparen wollte. So schritt er denn unter freundlichem Gru an dem immer
noch an seiner Ecke stehenden Mtzell vorber und auf die Stelle zu, wo
der Einarmige sein Pferd hielt. Da, Fritz! Und nun hob er sich in den
Sattel, machte den Rckweg in einem guten Trab und bog, als er das Tor
und gleich danach die Pionierkaserne wieder passiert hatte, nach rechts
hin in einen neben dem Otto Treibelschen Holzhofe sich hinziehenden
schmalen Gang ein, ber dessen Heckenzaun fort man auf den Vorgarten und
die zwischen den Bumen gelegene Villa sah. Bruder und Schwgerin saen
noch beim Frhstck. Leopold grte hinber: Guten Morgen, Otto; guten
Morgen, Helene! Beide erwiderten den Gru, lchelten aber, weil sie
diese tgliche Reiterei ziemlich lcherlich fanden. Und gerade Leopold!
Was er sich eigentlich dabei denken mochte!

Leopold selbst war inzwischen abgestiegen und gab das Pferd einem an der
Hintertreppe der Villa schon wartenden Diener, der es, die Kpenicker
Strae hinauf, nach dem elterlichen Fabrikhof und dem dazu gehrigen
Stallgebude fhrte -- _stable-yard_ sagte Helene.




Neuntes Kapitel


Eine Woche war vergangen und ber dem Schmidtschen Hause lag eine starke
Verstimmung; Korinna grollte mit Marcell, weil er mit ihr grollte (so
wenigstens mute sie sein Ausbleiben deuten), und die gute Schmolke
wiederum grollte mit Korinna wegen ihres Grollens auf Marcell. Das tut
nicht gut, Korinna, so sein Glck von sich zu stoen. Glaube mir, das
Glck wird rgerlich, wenn man es wegjagt, und kommt dann nicht wieder.
Marcell ist, was man einen Schatz nennt, oder auch ein Juwel, Marcell
ist ganz so wie Schmolke war. So hie es jeden Abend. Nur Schmidt
merkte nichts von der ber seinem Hause lagernden Wolke, studierte sich
vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und entschied sich, in
einem mit Distelkamp immer heftiger gefhrten Streite, auf das
Bestimmteste hinsichtlich der einen fr Aegisth. Aegisth sei doch
immerhin sieben Jahre lang Klytmnestras Gemahl gewesen, auerdem
naher Anverwandter des Hauses, und wenn er, Schmidt, auch seinerseits
zugeben msse, da der Mord Agamemnons einigermaen gegen seine
Aegisth-Hypothese spreche, so sei doch andererseits nicht zu vergessen,
da die ganze Mordaffre mehr oder weniger etwas Internes, so zu sagen
eine reine Familienangelegenheit gewesen sei, wodurch die nach auen
hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungs- und Zermonialfrage nicht
eigentlich berhrt werden knne. Distelkamp schwieg und zog sich unter
Lcheln aus der Debatte zurck.

Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte
Laune vor: Helene war unzufrieden mit Otto, Otto mit Helenen, und die
Mama wiederum mit beiden. Am unzufriedensten, wenn auch nur mit sich
selber, war Leopold, und nur der alte Treibel merkte von der ihn
umgebenden Verstimmung herzlich wenig oder wollte nichts davon merken,
erfreute sich vielmehr einer ungewhnlich guten Laune. Das dem so war,
hatte, wie bei Wilibald Schmidt, darin seinen Grund, da er all die Zeit
ber sein Steckenpferd tummeln und sich einiger schon erzielter Triumphe
rhmen durfte. Vogelsang war nmlich, unmittelbar nach dem zu seinen und
Mr. Nelsons Ehren stattgehabten Diner, in den fr Treibel zu erobernden
Wahlkreis abgegangen, und zwar um hier in einer Art Vorkampagne die
Herzen und Nieren der Teupitz-Zossener und ihre mutmaliche Haltung in
der entscheidenden Stunde zu prfen. Es mu gesagt werden, da er, bei
Durchfhrung dieser seiner Aufgabe, nicht blo eine bemerkenswerte
Ttigkeit entfaltet, sondern auch beinahe tglich etliche Telegramme
geschickt hatte, darin er ber die Resultate seines Wahlfeldzuges, je
nach der Bedeutung der Aktion, lnger oder krzer berichtete. Da diese
Telegramme mit denen des ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine
verzweifelte hnlichkeit hatten, war Treibel nicht entgangen, aber von
diesem, weil er schlielich nur auf das achtete, was ihm persnlich
gefiel, ohne sonderliche Beanstandung hingenommen worden. In einem
dieser Telegramme hie es: Alles geht gut. Bitte, Geldanweisung nach
Teupitz hin. Ihr V. Und dann: Die Drfer am Scharmtzelsee sind unser.
Gott sei Dank. berall diese Gesinnung wie am Teupitzsee. Anweisung noch
nicht eingetroffen. Bitte dringend. Ihr V. ... Morgen nach Storkow!
Dort mu es sich entscheiden. Anweisung inzwischen empfangen. Aber deckt
nur gerade das schon Verausgabte. Montecuculis Wort ber Kriegsfhrung
gilt auch fr Wahlfeldzge. Bitte weiteres nach Gro-Rietz hin. Ihr V.
Treibel, in geschmeichelter Eitelkeit, betrachtete hiernach den
Wahlkreis als fr ihn gesichert, und in den Becher seiner Freude fiel
eigentlich nur ein Wermutstropfen: er wute, wie kritisch ablehnend
Jenny zu dieser Sache stand, und sah sich dadurch gezwungen, sein Glck
allein zu genieen. Friedrich, berhaupt sein Vertrauter, war ihm auch
jetzt wieder unter Larven die einzig fhlende Brust, ein Zitat, das er
nicht mde wurde sich zu wiederholen. Aber eine gewisse Leere blieb
doch. Auffallend war ihm auerdem, da die Berliner Zeitungen gar nichts
brachten, und zwar war ihm dies um so auffallender, als von scharfer
Gegnerschaft, allen Vogelsangschen Berichten nach, eigentlich keine Rede
sein konnte. Die Konservativen und Nationalliberalen, und vielleicht
auch ein paar Parlamentarier von Fach, mochten gegen ihn sein, aber
was bedeutete das? Nach einer ungefhren Schtzung, die Vogelsang
angestellt und in einem eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin
adressiert hatte, besa der ganze Kreis nur sieben Nationalliberale:
drei Oberlehrer, einen Kreisrichter, einen rationalistischen
Superintendenten und zwei studierte Bauerngutsbesitzer, whrend die
Zahl der Orthodox-Konservativen noch hinter diesem bescheidenen
Huflein zurckblieb. Ernst zu nehmende Gegnerschaft vakat. So
schlo Vogelsangs Brief, und vakat war unterstrichen. Das klang
hoffnungsreich genug, lie aber, inmitten aufrichtiger Freude, doch
einen Rest von Unruhe fortbestehen, und als eine runde Woche seit
Vogelsangs Abreise vergangen war, brach denn auch wirklich der
groe Tag an, der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich
einstellenden ngstlichkeit und Sorge dartun sollte. Nicht unmittelbar,
nicht gleich im ersten Moment, aber die Frist war nur eine nach Minuten
ganz kurz bemessene.

Treibel sa in seinem Zimmer und frhstckte. Jenny hatte sich mit
Kopfweh und einem schweren Traum entschuldigen lassen. Sollte sie wieder
von Vogelsang getrumt haben? Er ahnte nicht, da dieser Spott sich in
derselben Stunde noch an ihm rchen wrde. Friedrich brachte die
Postsachen, unter denen diesmal wenig Karten und Briefe, dafr aber
desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren, einige, so viel sich
uerlich erkennen lie, mit merkwrdigen Emblemen und Stadtwappen
ausgerstet.

All dies (zunchst nur Vermutung) sollte sich, bei schrferem Zusehen,
rasch besttigen, und als Treibel die Kreuzbnder entfernt und das
weiche Lschpapier ber den Tisch hin ausgebreitet hatte, las er mit
einer gewissen heiteren Andacht: Der Wchter an der wendischen Spree,
Wehrlos, ehrlos, Alltied Vorupp und der Storkower Bote, -- zwei
davon waren cis-, zwei transspreeanischen Ursprunges. Treibel, sonst ein
Feind alles berstrzten Lesens, weil er von jedem blinden Eifer nur
Unheil erwartete, machte sich diesmal mit bemerkenswerter Raschheit ber
die Bltter und berflog die blau angestrichenen Stellen. Leutnant
Vogelsang (so hie es in jedem in wrtlicher Wiederholung), ein Mann,
der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und der Hydra das Haupt
zertreten, htte, sich an drei hintereinander folgenden Tagen dem Kreise
vorgestellt, nicht um seiner selbst, sondern um seines politischen
Freundes, des Kommerzienrats Treibel willen, der spter den Kreis
besuchen und bei der Gelegenheit die von Leutnant Vogelsang
ausgesprochenen Grundstze wiederholen werde, was, so viel lasse
sich schon heute sagen, als die wrmste Empfehlung des eigentlichen
Kandidaten anzusehen sei. Denn das Vogelsangsche Programm laufe darauf
hinaus, da zu viel und namentlich unter zu starker Wahrnehmung
persnlicher Interessen regiert werde, da also demgem alle
kostspieligen Zwischenstufen fallen mten (was wiederum gleichbedeutend
sei mit Herabsetzung der Steuern), und da von den gegenwrtigen, zum
Teil unverstndlichen Kompliziertheiten nichts brig bleiben drfe als
ein freier Frst und ein freies Volk. Damit seien freilich zwei
Dreh- oder Mittelpunkte gegeben, aber nicht zum Schaden der Sache.
Denn wer die Tiefe des Lebens ergrndet oder ihr auch nur nachgesprt
habe, der wisse, da die Sache mit dem einfachen Mittelpunkt -- er
vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum -- falsch sei, und da sich
das Leben nicht im Kreise, wohl aber in der Ellipse bewege. Weshalb
zwei Drehpunkte das natrlich Gegebene seien.

Nicht bel, sagte Treibel, als er gelesen, nicht bel. Es hat so was
Logisches; ein bichen verrckt aber doch logisch. Das einzige, was mich
stutzig macht, ist, da es alles klingt, als ob es Vogelsang selber
geschrieben htte. Die zertretene Hydra, die herabgesetzten Steuern, das
grliche Wortspiel mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis
und der Ellipse, das alles ist Vogelsang. Und der Einsender an die vier
Spreebltter ist natrlich wiederum Vogelsang. Ich kenne meinen
Pappenheimer. Und dabei schob Treibel den Wchter an der wendischen
Spree samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter und nahm
eine halbe Nationalzeitung zur Hand, die gleichfalls mit den andern
Blttern unter Kreuzband eingegangen war, aber der Handschrift und
ganzen Adresse nach von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein
mute. Frher war der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der
Nationalzeitung gewesen, und es kamen ihm auch jetzt noch tagtglich
Viertelstunden, in denen er den Wechsel in seiner Lektre bedauerte.

Nun la sehn, sagte er schlielich und ging, das Blatt aufschlagend,
mit lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter und richtig, da war es:
Parlamentarische Nachrichten. Aus dem Kreise Teupitz-Zossen. Als er
den Kopftitel gelesen, unterbrach er sich. Ich wei nicht, es klingt so
sonderbar. Und doch auch wieder, wie soll es am Ende anders klingen? Es
ist der natrlichste Anfang von der Welt; also nur vorwrts.

Und so las er denn weiter: Seit drei Tagen haben in unserem stillen
und durch politische Kmpfe sonst wenig gestrten Kreise die
Wahlvorbereitungen begonnen und zwar seitens einer Partei, die sich
augenscheinlich vorgesetzt hat, das, was ihr an historischer Kenntnis
und politischer Erfahrung, ja, man darf fglich sagen an gesundem
Menschenverstande fehlt, durch >Fixigkeit< zu ersetzen. Eben diese
Partei, die sonst nichts wei und kennt, kennt augenscheinlich das
Mrchen vom >Swinegel und siner Fru< und scheint gewillt, an dem Tage,
wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat, eine
jede derselben mit dem aus jenem Mrchen wohlbekannten Swinegelrufe:
>Ick bin all hier< empfangen zu wollen. Nur so vermgen wir uns dies
berfrhe Zurstellesein zu erklren. Alle Pltze scheinen, wie bei
Theaterpremieren, vom Leutnant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt
werden zu sollen. Aber man wird sich tuschen. Es fehlt dieser Partei
nicht an Stirn, wohl aber an dem, was noch mit dazu gehrt; der Kasten
ist da, nicht der Inhalt ...

Alle Wetter, sagte Treibel, der setzt scharf ein ... Was davon auf
mein Teil kommt, ist mir nicht eben angenehm, aber dem Vogelsang gnn
ich es. Etwas ist in seinem Programm, das blendet, und damit hat er mich
eingefangen. Indessen, je mehr ich mir's ansehe, desto fraglicher
erscheint es mir. Unter diesen Knickstiebeln, die sich einbilden, schon
vor vierzig Jahren die Hydra zertreten zu haben, sind immer etliche
Zirkelquadratur- und Perpetuum mobile-Sucher, immer solche, die das
Unmgliche, das sich in sich Widersprechende zustande bringen wollen.
Vogelsang gehrt dazu. Vielleicht ist es auch blo Geschft; wenn ich
mir zusammenrechne, was ich in diesen acht Tagen ... Aber ich bin erst
bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen; die zweite Hlfte
wird ihm wohl noch schrfer zu Leibe gehen oder vielleicht auch mir.
Und Treibel las weiter:

Es ist kaum mglich, den Herrn, der uns gestern und vorgestern --
seiner in unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen --
zunchst in Markgraf Pieske, dann aber in Storkow und Gro-Rietz
beglckt hat, ernsthaft zu nehmen, und zwar um so weniger, je
ernsthafter das Gesicht ist, das er macht. Er gehrt in die Klasse der
Malvoglios, der feierlichen Narren, deren Zahl leider grer ist, als
man gewhnlich annimmt. Wenn sein Galimathias noch keinen Namen hat, so
knnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen, denn Cabinet,
Churbrandenburg und Cantonale-Freiheit, das sind die drei groen C,
womit dieser Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preuischen
Staat retten will. Eine gewisse Methode lt sich darin nicht verkennen,
indessen Methode hat auch der Wahnsinn. Leutnant Vogelsangs Sang hat uns
aufs uerste mifallen. Alles in seinem Programm ist gemeingefhrlich.
Aber was wir am meisten beklagen, ist das, da er nicht fr sich und in
seinem Namen sprach, sondern im Namen eines unserer geachtetsten
Berliner Industriellen, des Kommerzienrats Treibel (Berliner-Blaufabrik,
Kpenicker Str.), von dem wir uns eines Besseren versehen htten. Ein
neuer Beweis dafr, da man ein guter Mensch und doch ein schlechter
Musikant sein kann, und desgleichen ein Beweis, wohin der politische
Dilettantismus fhrt.

Treibel klappte das Blatt wieder zusammen, schlug mit der Hand darauf
und sagte: Nun, so viel ist gewi, in Teupitz-Zossen ist das nicht
geschrieben. Das ist Tells Gescho. Das kommt aus nchster Nhe. Das ist
von dem nationalliberalen Oberlehrer, der uns neulich bei Buggenhagen
nicht blo Opposition machte, sondern uns zu verhhnen suchte. Drang
aber nicht durch. Alles in allem, ich mag ihm nicht unrecht geben, und
jedenfalls gefllt er mir besser als Vogelsang. Auerdem sind sie jetzt
bei der Nationalzeitung halbe Hofpartei, gehen mit den Freikonservativen
zusammen. Es war eine Dummheit von mir, mindestens eine bereilung, da
ich abschwenkte. Wenn ich gewartet htte, knnt' ich jetzt, in viel
besserer Gesellschaft, auf seiten der Regierung stehen. Statt dessen bin
ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen. Ich werde
mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen und zwar fr immer; der
Gebrannte scheut das Feuer ... Eigentlich knnt' ich mich noch
beglckwnschen, so mit tausend Mark, oder doch nicht viel mehr,
davongekommen zu sein, wenn nur nicht mein Name genannt wre. Mein Name.
Das ist fatal ... Und dabei schlug er das Blatt wieder auf. Ich will
die Stelle noch einmal lesen: >eines unserer geachtetsten Berliner
Industriellen, des Kommerzienrat Treibel< -- ja, das la ich mir
gefallen, das klingt gut. Und nun lcherliche Figur von Vogelsangs
Gnaden.

Und unter diesen Worten stand er auf, um sich drauen im Garten zu
ergehen und in der frischen Luft seinen rger nach Mglichkeit los zu
werden.

Es schien aber nicht recht glcken zu sollen, denn im selben Augenblick,
wo er, um den Giebel des Hauses herum, in den Hintergarten einbog, sah
er die Honig, die, wie jeden Morgen, so auch heute wieder das Bologneser
Hndchen um das Bassin fhrte. Treibel prallte zurck, denn nach einer
Unterhaltung mit dem aufgesteiften Frulein stand ihm durchaus nicht der
Sinn. Er war aber schon gesehen und begrt worden, und da groe
Hflichkeit und noch mehr groe Herzensgte zu seinen Tugenden zhlte,
so gab er sich einen Ruck und ging guten Muts auf die Honig zu, zu deren
Kenntnissen und Urteilen er brigens ein aufrichtiges Vertrauen hegte.

Sehr erfreut, mein liebes Frulein, Sie mal allein und zu so guter
Stunde zu treffen ... Ich habe seit lange so dies und das auf dem
Herzen, mit dem ich gern herunter mchte ...

Die Honig errtete, weil sie, trotz des guten Rufes, dessen sich Treibel
erfreute, doch von einem ngstlich sen Gefhl berrieselt wurde,
dessen uerste Nichtberechtigung ihr freilich im nchsten Momente schon
in beinah grausamer Weise klar werden sollte.

... Mich beschftigt nmlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung,
an der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken
sehe -- ich whle diesen Schafott-Ausdruck absichtlich -- der mich von
meinem einfacheren Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfllt.

Das Bologneser Hndchen, das Czicka hie, zog in diesem Augenblick an
der Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen, das sich vom
Hof her in den Garten verirrt hatte; die Honig verstand aber keinen Spa
und gab dem Hndchen einen Klaps. Czicka seinerseits tat einen Blaff und
warf den Kopf hin und her, so da die seinem Rckchen (eigentlich blo
eine Leibbinde) dicht aufgenhten Glckchen in ein Klingen kamen. Dann
aber beruhigte sich das Tierchen wieder und die Promenade um das Bassin
herum begann aufs neue.

Sehen Sie, Frulein Honig, so wird auch das Lizzichen erzogen. Immer
an einer Strippe, die die Mutter in Hnden hlt, und wenn mal ein
Perlhuhn kommt und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen
Klaps, aber einen ganz, ganz kleinen, und der Unterschied ist blo, da
Lizzi keinen Blaff tut und nicht den Kopf wirft und natrlich auch kein
Schellengelut hat, das ins Klingen kommen kann.

Lizzichen ist ein Engel, sagte die Honig, die whrend einer
sechzehnjhrigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt
hatte.

Glauben Sie das wirklich?

Ich glaub' es wirklich, Herr Kommerzienrat, vorausgesetzt, da wir uns
ber >Engel< einigen.

Sehr gut, Frulein Honig, das kommt mir zu pa. Ich wollte nur ber
Lizzi mit Ihnen sprechen und hre nun auch noch was ber Engel. Im
ganzen genommen ist die Gelegenheit, sich ber Engel ein festes Urteil
zu bilden, nicht gro. Nun sagen Sie, was verstehen Sie unter Engel?
Aber kommen Sie mir nicht mit Flgel.

Die Honig lchelte. Nein, Herr Kommerzienrat, nichts von Flgel, aber
ich mchte doch sagen drfen >Unberhrtheit vom Irdischen<, das ist ein
Engel.

Das lt sich hren. Unberhrtheit vom Irdischen, -- nicht bel. Ja,
noch mehr, ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schn
finden, und wenn Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und
zielbewut vorsetzen wrden, eine richtige kleine Genoveva auszubilden
oder eine kleine keusche Susanna, Pardon, ich kann im Augenblick kein
besseres Beispiel finden, oder wenn alles ganz ernsthaft darauf
hinausliefe, sagen wir fr irgend einen Thringer Landgrafen oder
meinetwegen auch fr ein geringeres Geschpf Gottes einen Abklatsch der
heiligen Elisabeth herzustellen, so htte ich nichts dagegen. Ich halte
die Lsung solcher Aufgabe fr sehr schwierig, aber nicht fr unmglich,
und wie so schn gesagt worden ist und immer noch gesagt wird, solche
Dinge auch blo gewollt zu haben, ist schon etwas Groes.

Die Honig nickte, weil sie der eigenen, nach dieser Seite hin liegenden
Anstrengungen gedenken mochte.

Sie stimmen mir zu, fuhr Treibel fort. Nun, das freut mich. Und ich
denke, wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben. Sehen Sie, liebes
Frulein, ich begreife vollkommen, trotzdem es meinem persnlichen
Geschmack widerspricht, da eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen
Engel hin erzieht; man kann nie ganz genau wissen, wie diese Dinge
liegen, und wenn es zum Letzten kommt, so ganz zweifelsohne vor seinem
Richter zu stehen, wer sollte sich das nicht wnschen? Ich mchte
beinah' sagen, ich wnsch' es mir selber. Aber, mein liebes Frulein,
Engel und Engel ist ein Unterschied, und wenn der Engel weiter nichts
ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem
Seifenkonsum berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf
die Weiheit seiner Strmpfe gestellt wird, so erfllt mich dies mit
einem leisen Grauen. Und wenn es nun gar das eigene Enkelkind ist,
dessen flachsene Haare, Sie werden es auch bemerkt haben, vor lauter
Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen, so wird einem alten Grovater
himmelangst dabei. Knnten Sie sich nicht hinter die Wulsten stecken?
Die Wulsten ist eine verstndige Person und bumt, glaub' ich, innerlich
gegen diese Hamburgereien auf. Ich wrde mich freuen, wenn Sie
Gelegenheit nhmen ...

In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als
zuvor. Treibel, der sich in Auseinandersetzungen derart nicht gern
unterbrochen sah, wollte verdrielich werden, aber ehe er noch recht
dazu kommen konnte, wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar,
zwei von ihnen ganz gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet.
Es waren die beiden Felgentreus, denen Helene folgte.

Gott sei Dank, Helene, sagte Treibel, der sich -- vielleicht weil er
ein schlechtes Gewissen hatte -- zunchst an die Schwiegertochter
wandte, Gott sei Dank, da ich dich einmal wiedersehe. Du warst eben
der Gegenstand unseres Gesprchs, oder mehr noch dein liebes Lizzichen,
und Frulein Honig stellte fest, da Lizzichen ein Engel sei. Du kannst
dir denken, da ich nicht widersprochen habe. Wer ist nicht gern der
Grovater eines Engels? Aber, meine Damen, was verschafft mir so frh
diese Ehre? Oder gilt es meiner Frau? Sie hat ihre Migrne. Soll ich sie
rufen lassen ...?

O nein, Papa, sagte Helene mit einer Freundlichkeit, die nicht immer
ihre Sache war. Wir kommen zu =dir=. Felgentreus haben nmlich vor,
heute nachmittag eine Partie nach Halensee zu machen, aber nur wenn alle
Treibels, von Otto und mir ganz abgesehen, daran teilnehmen. Die
Felgentreuschen Schwestern besttigten dies alles durch Schwenken ihrer
Sonnenschirme, whrend Helene fortfuhr: Und nicht spter als drei. Wir
mssen also versuchen, unserem _lunch_ einen kleinen _dinner_-Charakter
zu geben, oder aber unser _dinner_ bis auf acht Uhr abends
hinauszuschieben. Elfriede und Blanka wollen noch in die Adlerstrae, um
auch Schmidts aufzufordern, zum mindesten Korinna; der Professor kommt
dann vielleicht nach. Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett
mitbringen, darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung ...

Und Reserveoffiziere, ergnzte Blanka, die jngere Felgentreu ...

Reserveoffiziere, wiederholte Treibel ernsthaft. Ja, meine Damen,
=das= gibt den Ausschlag. Ich glaube nicht, da ein hierlandes lebender
Familienvater, auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Tchter
versagte, den Mut haben wird, eine Landpartie mit zwei Reserveleutnants
auszuschlagen. Also bestens akzeptiert. Und drei Uhr. Meine Frau wird
zwar verstimmt sein, da, ber ihr Haupt hinweg, endgltige Beschlsse
gefat worden sind, und ich frchte beinah' ein momentanes Wachsen des
_tic douloureux_. Trotzdem bin ich ihrer sicher. Landpartie mit Quartett
und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung, -- die Freude
darber bleibt prdominierendes Gefhl. Dem ist keine Migrne gewachsen.
Darf ich Ihnen brigens meine Melonenbeete zeigen? Oder nehmen wir
lieber einen leichten Imbi, ganz leicht, ohne jede ernste Gefhrdung
des _lunch_?

Alle drei dankten, die Felgentreus, weil sie sich direkt zu Korinna
begeben wollten, Helene, weil sie Lizzis halber wieder nach Hause msse.
Die Wulsten sei nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen, von
denen sie nur sagen knne, da sie _shocking_ seien. Zum Glck sei
Lizzichen ein so gutes Kind, sonst wrde sie sich ernstlicher Sorge
darber hingeben mssen.

Lizzichen ist ein Engel, die ganze Mutter, sagte Treibel und
wechselte, whrend er das sagte, Blicke mit der Honig, welche die ganze
Zeit ber in einer gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte.




Zehntes Kapitel


Auch Schmidts hatten zugesagt, Korinna mit besonderer Freudigkeit, weil
sie sich seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer huslichen Einsamkeit
herzlich gelangweilt hatte, die groen Stze des Alten kannte sie lngst
auswendig, und von den Erzhlungen der guten Schmolke galt dasselbe. So
klang denn ein Nachmittag in Halensee fast so poetisch wie vier
Wochen auf Capri, und Korinna beschlo daraufhin, ihr Bestes zu tun, um
sich bei dieser Gelegenheit auch uerlich neben den Felgentreus
behaupten zu knnen. Denn in ihrer Seele dmmerte eine unklare
Vorstellung davon, da diese Landpartie nicht gewhnlich verlaufen,
sondern etwas Groes bringen werde. Marcell war zur Teilnahme nicht
aufgefordert worden, womit seine Kusine, nach der eine ganze Woche lang
von ihm beobachteten Haltung, durchaus einverstanden war. Alles
versprach einen frohen Tag, besonders auch mit Rcksicht auf die
Zusammensetzung der Gesellschaft. Unter dem, was man im voraus
vereinbart hatte, war, nach Verwerfung eines von Treibel in Vorschlag
gebrachten Kremsers, der immer das Eigentliche sei, =das= die
Hauptsache gewesen, da man auf gemeinschaftliche Fahrt verzichten,
dafr aber mnniglich sich verpflichten wolle, Punkt vier Uhr und
jedenfalls nicht mit berschreitung des akademischen Viertels in
Halensee zu sein.

Und wirklich um vier Uhr war alles versammelt oder doch fast alles. Alte
und junge Treibels, desgleichen die Felgentreus, hatten sich in eigenen
Equipagen eingefunden, whrend Krola, von seinem Quartett begleitet, aus
nicht aufgeklrten Grnden die neue Dampfbahn, Korinna aber
mutterwindallein -- der Alte wollte nachkommen -- die Stadtbahn benutzt
hatte. Von den Treibels fehlte nur Leopold, der sich, weil er durchaus
an Mr. Nelson zu schreiben habe, wegen einer halben Stunde Versptung im
voraus entschuldigen lie. Korinna war momentan verstimmt darber, bis
ihr der Gedanke kam, es sei wohl eigentlich besser so; kurze Begegnungen
seien inhaltreicher als lange.

Nun, lieben Freunde, nahm Treibel das Wort, alles nach der Ordnung.
Erste Frage, wo bringen wir uns unter? Wir haben verschiedenes zur Wahl.
Bleiben wir hier parterre, zwischen diesen formidablen Tischreihen, oder
rcken wir auf die benachbarte Veranda hinauf, die Sie, wenn Sie Gewicht
darauf legen, auch als Altan oder Sller bezeichnen knnen? Oder
bevorzugen Sie vielleicht die Verschwiegenheit der inneren Gemcher,
irgend einer Kemenate von Halensee? Oder endlich, viertens und letztens,
sind Sie fr Turmbesteigung und treibt es Sie, diese Wunderwelt, in der
keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm entdecken konnte,
treibt es Sie, sag' ich, dieses von Spargelbeeten und Eisenbahndmmen
durchsetzte Wstenpanorama zu Ihren Fen ausgebreitet zu sehen?

Ich denke, sagte Frau Felgentreu, die, trotzdem sie kaum ausgangs
vierzig war, schon das Embonpoint und das Asthma einer Sechzigerin
hatte, ich denke, lieber Treibel, wir bleiben, wo wir sind. Ich bin
nicht fr Steigen, und dann mein' ich auch immer, man mu mit dem
zufrieden sein, was man gerade hat.

Eine merkwrdig bescheidene Frau, sagte Korinna zu Krola, der
seinerseits mit einfacher Zahlennennung antwortete, leise hinzusetzend,
aber Taler.

Gut denn, fuhr Treibel fort, wir bleiben also in der Tiefe. Wozu
dem Hheren zustreben? Man mu zufrieden sein mit dem durch
Schicksalsbeschlu Gegebenen, wie meine Freundin Felgentreu soeben
versichert hat. Mit anderen Worten, >Geniee frhlich, was du hast<.
Aber, liebe Festgenossen, was tun wir, um unsere Frhlichkeit zu
beleben, oder, richtiger und artiger, um ihr Dauer zu geben? Denn von
Belebung unserer Frhlichkeit sprechen, hiee das augenblickliche
Vorhandensein derselben in Zweifel ziehen, -- eine Blasphemie, deren
ich mich nicht schuldig machen werde. Landpartien sind immer frhlich.
Nicht wahr, Krola?

Krola besttigte mit einem verschmitzten Lcheln, das fr den
Eingeweihten eine stille Sehnsucht nach Siechen oder dem schweren Wagner
ausdrcken sollte.

Treibel verstand es auch so. Landpartien also sind immer frhlich, und
dann haben wir das Quartett in Bereitschaft und haben Professor Schmidt
in Sicht, und Leopold auch. Ich finde, da dies allein schon ein
Programm ausdrckt. Und nach diesen Einleitungsworten einen in der Nhe
stehenden mittelalterlichen Kellner heranwinkend, fuhr er in einer
anscheinend an diesen, in Wahrheit aber an seine Freunde gerichteten
Rede fort: Ich denke, Kellner, wir rcken zunchst einige Tische
zusammen, hier zwischen Brunnen und Fliederboskett; da haben wir frische
Luft und etwas Schatten. Und dann, Freund, sobald die Lokalfrage
geregelt und das Aktionsfeld abgesteckt ist, dann etwelche Portionen
Kaffee, sagen wir vorlufig fnf, Zucker doppelt, und etwas Kuchiges,
gleichviel was, mit Ausnahme von altdeutschem Napfkuchen, der mir immer
eine Mahnung ist, es mit dem neuen Deutschland ernst und ehrlich zu
versuchen. Die Bierfrage knnen wir spter regeln, wenn unser Zuzug
eingetroffen ist.

Dieser Zuzug war nun in der Tat nher, als die ganze Gesellschaft zu
hoffen gewagt hatte. Schmidt, in einer ihn begleitenden Wolke
herankommend, war mllergrau von Chausseestaub und mute es sich
gefallen lassen, von den jungen, dabei nicht wenig kokettierenden Damen
abgeklopft zu werden, und kaum da er instand gesetzt und in den Kreis
der brigen eingereiht war, so ward auch schon Leopold in einer langsam
herantrottenden Droschke sichtbar, und beide Felgentreus (Korinna hielt
sich zurck) liefen auch ihm bis auf die Chaussee hinaus entgegen und
schwenkten dieselben kleinen Batisttcher zu seiner Begrung, mit denen
sie eben den alten Schmidt restituiert und wieder leidlich
gesellschaftsfhig gemacht hatten.

Auch Treibel hatte sich erhoben und sah der Anfahrt seines Jngsten zu.
Sonderbar, sagte er zu Schmidt und Felgentreu, zwischen denen er sa,
sonderbar; es heit immer, der Apfel fllt nicht weit vom Stamm. Aber
mitunter tut er's doch. Alle Naturgesetze schwanken heutzutage. Die
Wissenschaft setzt ihnen zu arg zu. Sehen Sie, Schmidt, wenn ich Leopold
Treibel wre (mit =meinem= Vater war das etwas anderes, der war noch aus
der alten Zeit), so htte mich doch kein Deubel davon abgehalten, hier
heute hoch zu Ro vorzureiten, und htte mich grazis -- denn, Schmidt,
wir haben doch auch unsere Zeit gehabt -- htte mich grazis, sag' ich,
aus dem Sattel geschwungen und mir mit der Badine die Stiefel und die
Unaussprechlichen abgeklopft und wre hier, schlecht gerechnet, wie ein
junger Gott erschienen, mit einer roten Nelke im Knopfloch, ganz wie
Ehrenlegion oder ein hnlicher Unsinn. Und nun sehen Sie sich den Jungen
an. Kommt er nicht an, als ob er hingerichtet werden sollte? Denn das
ist ja gar keine Droschke, das ist ein Karren, eine Schleife. Wei der
Himmel, wo's nicht drin steckt, da kommt es auch nicht.

Unter diesen Worten war Leopold herangekommen, untergefat von den
beiden Felgentreus, die sich vorgesetzt zu haben schienen, _ tout prix_
fr das Landpartieliche zu sorgen. Korinna, wie sich denken lt,
gefiel sich in Mibilligung dieser Vertraulichkeit und sagte vor sich
hin: Dumme Dinger! Dann aber erhob auch sie sich, um Leopold
gemeinschaftlich mit den anderen zu begren.

Die Droschke drauen hielt noch immer, was dem alten Treibel schlielich
auffiel. Sage, Leopold, warum hlt er noch? Rechnet er auf Rckfahrt?

Ich glaube, Papa, da er futtern will.

Wohl und weise. Freilich mit seinem Hckselsack wird er nicht weit
kommen. Hier mssen energischere Belebungsmittel angewandt werden, sonst
passiert was. Bitte, Kellner, geben Sie dem Schimmel ein Seidel. Aber
Lwenbru. Dessen ist er am bedrftigsten.

Ich wette, sagte Krola, der Kranke wird von Ihrer Arznei nichts
wissen wollen.

Ich verbrge mich fr das Gegenteil. In dem Schimmel steckt was; blo
heruntergekommen.

Und whrend das Gesprch noch andauerte, folgte man dem Vorgange drauen
und sah, wie das arme verschmachtete Tier mit Gier das Seidel austrank
und in ein schwaches Freudengewieher ausbrach.

Da haben wir's, triumphierte Treibel. Ich bin ein Menschenkenner;
=der= hat bessere Tage gesehen, und mit diesem Seidel zogen alte Zeiten
in ihm herauf. Und Erinnerungen sind immer das Beste. Nicht wahr,
Jenny?

Die Kommerzienrtin antwortete mit einem langgedehnten ja, Treibel,
und deutete durch den Ton an, da er besser tte, sie mit solchen
Betrachtungen zu verschonen.

       *       *       *       *       *

Eine Stunde verging unter allerhand Plaudereien, und wer gerade schwieg,
der versumte nicht, das Bild auf sich wirken zu lassen, das sich um ihn
her ausbreitete. Da stieg zunchst eine Terrasse nach dem See hinunter,
von dessen anderm Ufer her man den schwachen Knall einiger Teschings
hrte, mit denen in einer dort etablierten Schiebude nach der Scheibe
geschossen wurde, whrend man aus verhltnismiger Nhe das Kugelrollen
einer am diesseitigen Ufer sich hinziehenden Doppelkegelbahn und
dazwischen die Rufe des Kegeljungen vernahm. Den See selbst aber sah man
nicht recht, was die Felgentreuschen Mdchen zuletzt ungeduldig machte.
Wir mssen doch den See sehen. Wir knnen doch nicht in Halensee
gewesen sein, ohne den Halensee gesehen zu haben! Und dabei schoben sie
zwei Sthle mit den Lehnen zusammen und kletterten hinauf, um so den
Wasserspiegel vielleicht entdecken zu knnen. Ach, da ist er. Etwas
klein.

Das >Auge der Landschaft< mu klein sein, sagte Treibel. Ein Ozean
ist kein Auge mehr.

Und wo nur die Schwne sind? fragte die ltere Felgentreu neugierig.
Ich sehe doch zwei Schwanenhuser.

Ja, liebe Elfriede, sagte Treibel. Sie verlangen zuviel. Das ist
immer so; wo Schwne sind, sind keine Schwanenhuser, und wo
Schwanenhuser sind, sind keine Schwne. Der eine hat den Beutel, der
andere hat das Geld. Diese Wahrnehmung, meine junge Freundin, werden Sie
noch verschiedentlich im Leben machen. Lassen Sie mich annehmen, nicht
zu sehr zu Ihrem Schaden.

Elfriede sah ihn gro an. Worauf bezog sich das und auf wen? Auf
Leopold? oder auf den frheren Hauslehrer, mit dem sie sich noch
schrieb, aber doch nur so, da es nicht vllig einschlief. Oder auf den
Pionierleutnant? Es konnte sich auf alle drei beziehen. Leopold hatte
das Geld ... Hm.

Im brigen, fuhr Treibel an die Gesamtheit gewendet fort, ich habe
mal wo gelesen, da es immer das Geratenste sei, das Schnste nicht
auszukosten, sondern mitten im Genusse dem Genu Valet zu sagen. Und
dieser Gedanke kommt mir auch jetzt wieder. Es ist kein Zweifel, da
dieser Fleck Erde mit zu dem Schnsten zhlt, was die norddeutsche
Tiefebene besitzt, durchaus angetan, durch Sang und Bild verherrlicht zu
werden, wenn es nicht schon geschehen ist, -- denn wir haben jetzt eine
mrkische Schule, vor der nichts sicher ist, Beleuchtungsknstler ersten
Ranges, wobei Wort oder Farbe keinen Unterschied macht. Aber eben =weil=
es so schn ist, gedenken wir jenes vorzitierten Satzes, der von einem
letzten Auskosten nichts wissen will, mit andern Worten beschftigen wir
uns mit dem Gedanken an Aufbruch. Ich sage wohlberlegt Aufbruch,
nicht Rckfahrt, nicht vorzeitige Rckkehr in die alten Geleise, das sei
ferne von mir; dieser Tag hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen.
Nur ein Scheiden speziell aus diesem Idyll, eh' es uns ganz umstrickt.
Ich proponiere Waldpromenade bis Paulsborn oder, wenn dies zu khn
erscheinen sollte, bis Hundekehle. Die Prosa des Namens wird
ausgeglichen durch die Poesie der greren Nhe. Vielleicht, da ich mir
den besonderen Dank meiner Freundin Felgentreu durch diese Modifikation
verdiene.

Frau Felgentreu, der nichts rgerlicher war, als Anspielungen auf ihre
Wohlbeleibtheit und Kurzatmigkeit, begngte sich, ihrem Freunde Treibel
den Rcken zu kehren.

Dank vom Hause sterreich. Aber es ist immer so, der Gerechte mu viel
leiden. Ich werde mich auf einem verschwiegenen Waldwege bemhen, Ihrem
schnen Unmut die Spitze abzubrechen. Darf ich um Ihren Arm bitten,
liebe Freundin?

Und alles erhob sich, um in Gruppen zu zweien und dreien die Terrasse
hinabzusteigen und zu beiden Seiten des Sees auf den schon im halben
Dmmer liegenden Grunewald zuzuschreiten.

       *       *       *       *       *

Die Hauptkolonne hielt sich links. Sie bestand, unter Vorantritt des
Felgentreuschen Ehepaares (Treibel hatte sich von seiner Freundin wieder
frei gemacht), aus dem Krolaschen Quartett, in das sich Elfriede und
Blanka Felgentreu derart eingereiht hatten, da sie zwischen den beiden
Referendaren und zwei jungen Kaufleuten gingen. Einer der jungen
Kaufleute war ein berhmter Jodler und trug auch den entsprechenden Hut.
Dann kamen Otto und Helene, whrend Treibel und Krola abschlossen.

Es geht doch nichts ber eine richtige Ehe, sagte Krola zu Treibel und
wies auf das junge Paar vor ihnen. Sie mssen sich doch aufrichtig
freuen, Kommerzienrat, wenn Sie Ihren ltesten so glcklich und so
zrtlich neben dieser hbschen und immer blink und blanken Frau
einherschreiten sehen. Schon oben saen sie dicht beisammen, und nun
gehen sie Arm in Arm. Ich glaube beinah, sie drcken sich leise.

Mir ein sicherer Beweis, da sie sich vormittags gezankt haben. Otto,
der arme Kerl, mu nun Reugeld zahlen.

Ach, Treibel, Sie sind ewig ein Sptter. Ihnen kann es keiner recht
machen und am wenigsten die Kinder. Glcklicherweise sagen Sie das so
hin, ohne recht dran zu glauben. Mit einer Dame, die so gut erzogen
wurde, kann man sich berhaupt nicht zanken.

In diesem Augenblicke hrte man den Jodler einige Juchzer ausstoen, so
tirolerhaft echt, da sich das Echo der Pichelsberge nicht veranlat
sah, darauf zu antworten.

Krola lachte. Das ist der junge Metzner. Er hat eine merkwrdig gute
Stimme, wenigstens fr einen Dilettanten, und hlt eigentlich das
Quartett zusammen. Aber sowie er eine Prise frische Luft wittert, ist es
mit ihm vorbei. Dann fat ihn das Schicksal mit rasender Gewalt, und er
mu jodeln ... Aber wir wollen von den Kindern nicht abkommen. Sie
werden mir doch nicht wei machen wollen -- Krola war neugierig und
hrte gern Intimitten -- Sie werden mir doch nicht wei machen wollen,
da die beiden da vor uns in einer unglcklichen Ehe leben. Und was das
Zanken angeht, so kann ich nur wiederholen, Hamburgerinnen stehen auf
einer Bildungsstufe, die den Zank ausschliet.

Treibel wiegte den Kopf. Ja, sehen Sie, Krola, Sie sind nun ein so
gescheiter Kerl und kennen die Weiber, ja, wie soll ich sagen, Sie
kennen sie, wie sie nur ein Tenor kennen kann. Denn ein Tenor geht noch
weit bern Leutnant. Und doch offenbaren Sie hier in dem speziell
Ehelichen, was noch wieder ein Gebiet fr sich ist, ein furchtbares
Manquement. Und warum? Weil Sie's in Ihrer eigenen Ehe, gleichviel nun,
ob durch Ihr oder Ihrer Frau Verdienst, ausnahmsweise gut getroffen
haben. Natrlich, wie Ihr Fall beweist, kommt auch =das= vor. Aber die
Folge davon ist einfach die, da Sie -- auch das Beste hat seine
Kehrseite -- da Sie, sag' ich, kein richtiger Ehemann sind, da Sie
keine volle Kenntnis von der Sache haben; Sie kennen den Ausnahmefall,
aber nicht die Regel. ber Ehe kann nur sprechen, wer sie durchgefochten
hat, nur der Veteran, der auf Wundenmale zeigt ... Wie heit es doch?
>Nach Frankreich zogen zwei Grenadier', die lieen die Kpfe hangen< ...
Da haben Sie's.

Ach, das sind Redensarten, Treibel ...

... Und die schlimmsten Ehen sind die, lieber Krola, wo furchtbar
gebildet gestritten wird, wo, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten
wollen, eine Kriegsfhrung mit Samthandschuhen stattfindet, oder
richtiger noch, wo man sich, wie beim rmischen Karneval, Konfetti ins
Gesicht wirft. Es sieht hbsch aus, aber verwundet doch. Und in dieser
Kunst anscheinend geflligen Konfettiwerfens ist meine Schwiegertochter
eine Meisterin. Ich wette, da mein armer Otto schon oft bei sich
gedacht hat, wenn sie dich doch kratzte, wenn sie doch mal auer sich
wre, wenn sie doch mal sagte: Scheusal oder Lgner oder elender
Verfhrer ...

Aber, Treibel, das kann sie doch nicht sagen. Das wre ja Unsinn. Otto
ist ja doch kein Verfhrer, also auch kein Scheusal ...

Ach, Krola, darauf kommt es ja gar nicht an. Worauf es ankommt, ist,
sie mu sich dergleichen wenigstens denken knnen, sie mu eine
eiferschtige Regung haben und in solchem Momente mu es afrikanisch aus
ihr losbrechen. Aber alles, was Helene hat, hat hchstens die Temperatur
der Uhlenhorst. Sie hat nichts als einen unerschtterlichen Glauben an
Tugend und _Windsorsoap_.

Nun, meinetwegen. Aber wenn es so ist, wo kommt dann der Zank her?

Der kommt doch. Er tritt nur anders auf, anders, aber nicht besser.
Kein Donnerwetter, nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben
Mckenstichs, oder aber Schweigen, Stummheit, Muffeln, das innere Dppel
der Ehe, whrend nach auen hin das Gesicht keine Falte schlgt. Das
sind so die Formen. Und ich frchte, die ganze Zrtlichkeit, die wir da
vor uns wandeln sehen, und die sich augenscheinlich sehr einseitig gibt,
ist nichts als ein Buetun -- Otto Treibel im Schlohof zu Canossa und
mit Schnee unter den Fen. Sehen Sie nun den armen Kerl; er biegt den
Kopf in einem fort nach rechts, und Helene rhrt sich nicht und kommt
aus der graden Hamburger Linie nicht heraus ... Aber jetzt mssen wir
schweigen. Ihr Quartett hebt eben an. Was ist es denn?

Es ist das bekannte: >Ich wei nicht, was soll es bedeuten?<

Ah, das ist recht. Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage, besonders
auf Landpartien.

       *       *       *       *       *

Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare, vorauf der alte Schmidt und
seine Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen
Leopold und Korinna.

Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten, ihr die
Mantille tragen zu drfen, denn es war etwas schwl unter den Bumen.
Jenny hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen; als sie aber
wahrnahm, da der gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen
und sich abwechselnd in Wacholder und Heidekraut verfangen lie, bat sie
sich die Mantille wieder aus. Sie sind noch gerade so wie vor vierzig
Jahren, lieber Schmidt. Galant, aber mit keinem rechten Erfolge.

Ja, gndigste Frau, diese Schuld kann ich nicht von mir abwlzen und
sie war zugleich mein Schicksal. Wenn ich mit meinen Huldigungen
erfolgreicher gewesen wre, denken Sie, wie ganz anders sich mein Leben
und auch das Ihrige gestaltet htte ...

Jenny seufzte leise.

Ja, gndigste Frau, dann htten Sie das Mrchen Ihres Lebens nie
begonnen. Denn alles groe Glck ist ein Mrchen.

Alles groe Glck ist ein Mrchen. wiederholte Jenny langsam und
gefhlvoll. Wie wahr, wie schn! Und sehen Sie, Wilibald, da das
beneidete Leben, das ich jetzt fhre, meinem Ohr und meinem Herzen
solche Worte versagt, da lange Zeiten vergehen, ehe Aussprche von
solcher poetischen Tiefe zu mir sprechen, das ist fr eine Natur, wie
sie mir nun mal geworden, ein ewig zehrender Schmerz. Und Sie sprechen
dabei von Glck, Wilibald, sogar von groem Glck. Glauben Sie mir, mir,
die ich dies alles durchlebt habe, diese so viel begehrten Dinge sind
wertlos fr den, der sie hat. Oft, wenn ich nicht schlafen kann und mein
Leben berdenke, wird es mir klar, da das Glck, das anscheinend soviel
fr mich tat, mich nicht die Wege gefhrt hat, die fr mich paten, und
da ich in einfacheren Verhltnissen und als Gattin eines in der Welt
der Ideen und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich
glcklicher geworden wre. Sie wissen, wie gut Treibel ist, und da ich
ein dankbares Gefhl fr seine Gte habe. Trotzdem mu ich es leider
aussprechen, es fehlt mir, meinem Manne gegenber, jene hohe Freude der
Unterordnung, die doch unser schnstes Glck ausmacht und so recht
gleichbedeutend ist mit echter Liebe. Niemandem darf ich dergleichen
sagen; aber vor Ihnen, Wilibald, mein Herz auszuschtten, ist, glaub'
ich, mein schn menschliches Recht und vielleicht sogar meine Pflicht
...

Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches: Ach, Jenny
... mit einem Tone, drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens
zum Ausdruck zu bringen trachtete. Was ihm auch gelang. Er lauschte
selber dem Klang und beglckwnschte sich im stillen, da er sein Spiel
so gut gespielt habe. Jenny, trotz aller Klugheit, war doch eitel genug,
an das Ach ihres ehemaligen Anbeters zu glauben.

So gingen sie, schweigend und anscheinend ihren Gefhlen hingegeben,
nebeneinander her, bis Schmidt die Notwendigkeit fhlte, mit irgend
einer Frage das Schweigen zu brechen. Er entschied sich dabei fr das
alte Rettungsmittel und lenkte das Gesprch auf die Kinder. Ja, Jenny,
hob er mit immer noch verschleierter Stimme an, was versumt ist, ist
versumt. Und wer fhlte das tiefer, als ich selbst. Aber eine Frau wie
Sie, die das Leben begreift, findet auch im Leben selbst ihren Trost,
vor allem in der Freude tglicher Pflichterfllung. Da sind in erster
Reihe die Kinder, ja, schon ein Enkelkind ist da, wie Milch und Blut,
das liebe Lizzichen, und das sind dann, mein' ich, die Hilfen, daran
Frauenherzen sich aufrichten mssen. Und wenn ich auch Ihnen gegenber,
teure Freundin, von einem eigentlichen Eheglck nicht sprechen will,
denn wir sind wohl einig in dem, was Treibel ist und nicht ist, so darf
ich doch sagen, Sie sind eine glckliche Mutter. Zwei Shne sind Ihnen
herangewachsen, gesund oder doch was man so gesund zu nennen pflegt, von
guter Bildung und guten Sitten. Und bedenken Sie, was allein dies letzte
heutzutage bedeuten will. Otto hat sich nach Neigung verheiratet und
sein Herz einer schnen und reichen Dame geschenkt, die, soviel ich
wei, der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist, und wenn ich recht
berichtet bin, so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites Verlbnis
vor, und Helenens Schwester steht auf dem Punkte, Leopolds Braut zu
werden ...

Wer sagt das? fuhr jetzt Jenny heraus, pltzlich aus dem sentimental
Schwrmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend.
Wer sagt das?

Schmidt geriet, diesem erregten Tone gegenber, in eine kleine
Verlegenheit. Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal
etwas hnliches gehrt und stand nun ziemlich ratlos vor der Frage wer
sagt das? Zum Glck war es damit nicht sonderlich ernsthaft gemeint, so
wenig, da Jenny, ohne eine Antwort abgewartet zu haben, mit groer
Lebhaftigkeit fortfuhr: Sie knnen gar nicht ahnen, Freund, wie mich
das alles reizt. Das ist so die seitens des Holzhofs beliebte Art, mir
die Dinge ber den Kopf wegzunehmen. Sie, lieber Schmidt, sprechen nach,
was Sie hren, aber die, die solche Dinge wie von ungefhr unter die
Leute bringen, mit denen hab' ich ernstlich ein Hhnchen zu pflcken. Es
ist eine Insolenz. Und Helene mag sich vorsehen.

Aber Jenny, liebe Freundin, Sie drfen sich nicht so erregen. Ich habe
das so hingesagt, weil ich es als selbstverstndlich annahm.

Als selbstverstndlich, wiederholte Jenny spttisch, die, whrend
sie das sagte, die Mantille wieder abri und dem Professor ber
den Arm warf. Als selbstverstndlich. Soweit also hat es der
Holzhof schon gebracht, da die nchsten Freunde solche Verlobung
als eine Selbstverstndlichkeit ansehen. Es ist aber keine
Selbstverstndlichkeit, ganz im Gegenteil, und wenn ich mir
vergegenwrtige, da Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer
Schwester Hildegard ein bloer Schatten sein soll -- und ich glaub'
es gern, denn sie war schon als Backfisch von einer geradezu ridiklen
berheblichkeit -- so mu ich sagen, ich habe an einer Hamburger
Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade genug.

Aber, teuerste Freundin, ich begreife Sie nicht. Sie setzen mich in das
aufrichtigste Erstaunen. Es ist doch kein Zweifel, da Helene eine
schne Frau ist und von einer, wenn ich mich so ausdrcken darf, ganz
aparten Appetitlichkeit ...

Jenny lachte.

... Zum Anbeien, wenn Sie mir das Wort gestatten, fuhr Schmidt fort,
und von jenem eigentmlichen Charme, den schon, von alters her, alles
besitzt, was mit dem flssigen Element in eine konstante Berhrung
kommt. Vor allem aber ist mir kein Zweifel darber, da Otto seine Frau
liebt, um nicht zu sagen in sie verliebt ist. Und =Sie=, Freundin, Ottos
leibliche Mutter, fechten gegen dies Glck an und sind emprt, dies
Glck in Ihrem Hause vielleicht verdoppelt zu sehen. Alle Mnner sind
abhngig von weiblicher Schnheit; ich war es auch, und ich mchte
beinah sagen drfen, ich bin es noch, und wenn nun diese Hildegard, wie
mir durchaus wahrscheinlich -- denn die Nestkcken sehen immer am besten
aus -- wenn diese Hildegard noch ber Helenen hinauswchst, so wei ich
nicht, was Sie gegen sie haben knnen. Leopold ist ein guter Junge, von
vielleicht nicht allzu feurigem Temperament; aber ich denke mir, da er
doch nichts dagegen haben kann, eine sehr hbsche Frau zu heiraten. Sehr
hbsch und reich dazu.

Leopold ist ein Kind und darf sich berhaupt nicht nach eigenem Willen
verheiraten, am wenigsten aber nach dem Willen seiner Schwgerin Helene.
Das fehlte noch, das hiee denn doch abdanken und mich ins Altenteil
setzen. Und wenn es sich noch um eine junge Dame handelte, der gegenber
einen allenfalls die Lust anwandeln knnte, sich unterzuordnen,
also eine Freiin oder eine wirkliche, ich meine eine richtige
Geheimratstochter oder die Tochter eines Oberhofpredigers ... Aber
ein unbedeutendes Ding, das nichts kennt, als mit Ponies nach Blankenese
fahren, und sich einbildet, mit einem Goldfaden in der Plattstichnadel
eine Wirtschaft fhren oder wohl gar Kinder erziehen zu knnen, und ganz
ernsthaft glaubt, da wir hierzulande nicht einmal eine Seezunge von
einem Steinbutt unterscheiden knnen, und immer von Lobster spricht, wo
wir Hummer sagen und Curry-Powder und Soja wie hhere Geheimnisse
behandelt, -- ein solcher eingebildeter Quack, lieber Wilibald, das ist
nichts fr meinen Leopold. Leopold, trotz allem, was ihm fehlt, soll
hher hinaus. Er ist nur einfach, aber er ist gut, was doch auch einen
Anspruch gibt. Und deshalb soll er eine kluge Frau haben, eine wirklich
kluge; Wissen und Klugheit und berhaupt das Hhere, -- darauf kommt es
an. Alles andere wiegt keinen Pfifferling. Es ist ein Elend mit den
uerlichkeiten. Glck, Glck. Ach, Wilibald, da ich es in solcher
Stunde gerade vor Ihnen bekennen mu, das Glck, es ruht hier allein.

Und dabei legte sie die Hand aufs Herz.

       *       *       *       *       *

Leopold und Korinna waren in einer Entfernung von etwa fnfzig Schritt
gefolgt und hatten ihr Gesprch in herkmmlicher Art gefhrt, das heit
Korinna hatte gesprochen. Leopold war aber fest entschlossen, auch zu
Worte zu kommen, wohl oder bel. Der qulende Druck der letzten Tage
machte, da er vor dem, was er vorhatte, nicht mehr so gengstigt stand,
wie frher; -- er mute sich eben Ruhe schaffen. Ein paarmal schon war
er nahe daran gewesen, eine wenigstens auf sein Ziel berleitende Frage
zu tun; wenn er dann aber der Gestalt seiner stattlich vor ihm
dahinschreitenden Mutter ansichtig wurde, gab er's wieder auf, so da er
schlielich den Vorschlag machte, eine gerade vor ihnen liegende
Waldlichtung in schrger Linie zu passieren, damit sie, statt immer zu
folgen, auch mal an die Tete kmen. Er wute zwar, da er infolge dieses
Manvers den Blick der Mama vom Rcken oder von der Seite her haben
wrde, aber etwas auf den Vogel Strau hin angelegt, fand er doch eine
Beruhigung in dem Gefhl, die seinen Mut bestndig lhmende Mama nicht
immer gerade vor Augen haben zu mssen. Er konnte sich ber diesen
eigentmlichen Nervenzustand keine rechte Rechenschaft geben und
entschied sich einfach fr das, was ihm von zwei beln als das kleinere
erschien.

Die Benutzung der Schrglinie war geglckt, sie waren jetzt um
ebensoviel voraus, als sie vorher zurck gewesen waren, und ein
Gleichgltigkeitsgesprch fallen lassend, das sich, ziemlich gezwungen,
um die Spargelbeete von Halensee samt ihrer Kultur und ihrer sanitren
Bedeutung gedreht hatte, nahm Leopold einen pltzlichen Anlauf und
sagte: Wissen Sie, Korinna, da ich Gre fr Sie habe?

Von wem?

Raten Sie.

Nun, sagen wir von Mr. Nelson.

Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, das ist ja wie
Hellseherei; nun knnen Sie auch noch Briefe lesen, von denen Sie nicht
einmal wissen, da sie geschrieben wurden.

Ja, Leopold, dabei knnt' ich Sie nun belassen und mich vor Ihnen als
Seherin etablieren. Aber ich werde mich hten. Denn vor allem, was so
mystisch und hypnotisch und geisterseherig ist, haben gesunde Menschen
blo ein Grauen. Und ein Grauen einzuflen, ist nicht das, was ich
liebe. Mir ist es lieber, da mir die Herzen guter Menschen zufallen.

Ach, Korinna, das brauchen Sie sich doch nicht erst zu wnschen. Ich
kann mir keinen Menschen denken, dessen Herz Ihnen nicht zufiele, Sie
sollten nur lesen, was Mr. Nelson ber Sie geschrieben hat; mit amusing
fngt er an, und dann kommt charming und high-spirited, und mit
fascinating schliet er ab. Und dann erst kommen die Gre, die sich,
nach allem, was voraufgegangen, beinahe nchtern und alltglich
ausnehmen. Aber wie wuten Sie, da die Gre von Mr. Nelson kmen?

Ein leichteres Rtsel ist mir nicht bald vorgekommen. Ihr Papa teilte
mit, Sie kmen erst spter, weil Sie nach Liverpool zu schreiben htten.
Nun, Liverpool heit Mr. Nelson. Und hat man erst Mr. Nelson, so gibt
sich das andere von selbst. Ich glaube, da es mit aller Hellseherei
ganz hnlich liegt. Und sehen Sie, Leopold, mit derselben Leichtigkeit,
mit der ich in Mr. Nelsons Brief gelesen habe, mit derselben Sicherheit
lese ich zum Beispiel Ihre Zukunft.

Ein tiefes Aufatmen Leopolds war die Antwort, und sein Herz htte jubeln
mgen, in einem Gefhl von Glck und Erlsung. Denn, wenn Korinna
richtig las, und sie mute richtig lesen, so war er allem Anfragen und
allen damit verknpften ngsten berhoben, und sie sprach dann aus, was
er zu sagen noch immer nicht den Mut finden konnte. Wie beseligt nahm er
ihre Hand und sagte: Das knnen Sie nicht.

Ist es so schwer?

Nein. Es ist eigentlich leicht. Aber leicht oder schwer, Korinna,
lassen Sie mich's hren. Und ich will auch ehrlich sagen, ob Sie's
getroffen haben oder nicht. Nur keine ferne Zukunft, blo die nchste,
allernchste.

Nun denn, hob Korinna schelmisch und hier und da mit besonderer
Betonung an, was ich sehe, ist das: zunchst ein schner Septembertag,
und vor einem schnen Hause halten viele schne Kutschen und die
vorderste, mit einem Perckenkutscher auf dem Bock und zwei Bedienten
hinten, das ist eine Brautkutsche. Der Straendamm aber steht voller
Menschen, die die Braut sehen wollen, und nun kommt die Braut, und neben
ihr schreitet ihr Brutigam, und dieser Brutigam ist mein Freund
Leopold Treibel. Und nun fhrt die Brautkutsche, whrend die anderen
Wagen folgen, an einem breiten, breiten Wasser hin ...

Aber Korinna, Sie werden doch unsere Spree zwischen Schleuse und
Jungfernbrcke nicht ein breites Wasser nennen wollen ...

... An einem breiten Wasser hin und hlt endlich vor einer gotischen
Kirche.

Zwlf Apostel ...

Und der Brutigam steigt aus und bietet der Braut seinen Arm, und so
schreitet das junge Paar der Kirche zu, drin schon die Orgel spielt und
die Lichter brennen.

Und nun ...

Und nun stehen sie vor dem Altar, und nach dem Ringewechsel wird der
Segen gesprochen und ein Lied gesungen oder doch der letzte Vers. Und
nun geht es wieder zurck, an demselben breiten Wasser entlang, aber
nicht dem Stadthause zu, von dem sie ausgefahren waren, sondern immer
weiter ins Freie, bis sie vor einer Cottagevilla halten ...

Ja, Korinna, so soll es sein ...

Bis sie vor einer Cottagevilla halten und vor einem Triumphbogen, an
dessen oberster Wlbung ein Riesenkranz hngt, und in dem Kranze
leuchten die beiden Anfangsbuchstaben: L und H.

L und H?

Ja, Leopold, L und H. Und wie knnte es auch anders sein? Denn die
Brautkutsche kam ja von der Uhlenhorst her und fuhr die Alster entlang
und nachher die Elbe hinunter, und nun halten sie vor der Munkschen
Villa drauen in Blankenese, und L heit Leopold und H heit Hildegard.

Einen Augenblick berkam es Leopold wie wirkliche Verstimmung. Aber,
sich rasch besinnend, gab er der vorgeblichen Seherin einen kleinen
Liebesklaps und sagte: Sie sind immer dieselbe, Korinna. Und wenn
der gute Nelson, der der beste Mensch und mein einziger Vertrauter
ist, wenn er dies alles gehrt htte, so wrd' er begeistert sein und
von >_capital fun_< sprechen, weil Sie mir so gndig die Schwester
meiner Schwgerin zuwenden wollen.

Ich bin eben eine Prophetin, sagte Korinna.

Prophetin, wiederholte Leopold. Aber diesmal eine falsche. Hildegard
ist ein schnes Mdchen, und Hunderte wrden sich glcklich schtzen.
Aber Sie wissen, wie meine Mama zu dieser Frage steht; sie leidet unter
dem bestndigen sich Besserdnken der dortigen Anverwandten und hat es
wohl hundertmal geschworen, da ihr =eine= Hamburger Schwiegertochter,
=eine= Reprsentantin aus dem groen Hause Thompson-Munk, gerade genug
sei. Sie hat ganz ehrlich einen halben Ha gegen die Munks, und wenn ich
mit Hildegard so vor sie hintrte, so wei ich nicht, was geschhe; sie
wrde >nein< sagen, und wir htten eine furchtbare Szene.

Wer wei, sagte Korinna, die jetzt das entscheidende Wort ganz nahe
wute.

... Sie wrde >nein< sagen und immer wieder >nein<, das ist so sicher
wie Amen in der Kirche, fuhr Leopold mit gehobener Stimme fort. Aber
dieser Fall kann sich gar nicht ereignen. Ich werde nicht mit Hildegard
vor sie hintreten und werde statt dessen nher und besser whlen ... Ich
wei, und Sie wissen es auch, das Bild, das Sie da gemalt haben, es war
nur Scherz und bermut, und vor allem wissen Sie, wenn mir Armen
berhaupt noch eine Triumphpforte gebaut werden soll, da der Kranz, der
dann zu Hupten hngt, einen ganz anderen Buchstaben als das Hildegard-H
in hundert und tausend Blumen tragen mte. Brauch' ich zu sagen
welchen? Ach, Korinna, ich kann ohne Sie nicht leben, und diese Stunde
mu ber mich entscheiden. Und nun sagen Sie ja oder nein. Und unter
diesen Worten nahm er ihre Hand und bedeckte sie mit Kssen. Denn sie
gingen im Schutz einer Haselnuhecke.

Korinna -- nach Confessions, wie diese, die Verlobung mit gutem Recht
als ein _fait accompli_ betrachtend -- nahm klugerweise von jeder
weiteren Auseinandersetzung Abstand und sagte nur kurzerhand: Aber
eines, Leopold, drfen wir uns nicht verhehlen, uns stehen noch schwere
Kmpfe bevor. Deine Mama hat an einer Munk genug, das leuchtet mir ein;
aber ob ihr eine Schmidt recht ist, ist noch sehr die Frage. Sie hat
zwar mitunter Andeutungen gemacht, als ob ich ein Ideal in ihren Augen
wre, vielleicht weil ich das habe, was dir fehlt, und vielleicht auch
was Hildegard fehlt. Ich sage >vielleicht< und kann dies einschrnkende
Wort nicht genug betonen. Denn die Liebe, das seh' ich klar, ist
demtig, und ich fhle, wie meine Fehler von mir abfallen. Es soll dies
ja ein Kennzeichen sein. Ja, Leopold, ein Leben voll Glck und Liebe
liegt vor uns, aber es hat deinen Mut und deine Festigkeit zur
Voraussetzung, und hier unter diesem Waldesdom, drin es geheimnisvoll
rauscht und dmmert, hier, Leopold, mut du mir schwren, ausharren zu
wollen in deiner Liebe.

Leopold beteuerte, da er nicht blo wolle, da er es auch werde. Denn,
wenn die Liebe demtig und bescheiden mache, was gewi richtig sei, so
mache sie sicherlich auch stark. Wenn Korinna sich gendert habe, =er=
fhle sich auch ein anderer. Und, so schlo er, das eine darf ich
sagen, ich habe nie groe Worte gemacht und Prahlereien werden mir auch
meine Feinde nicht nachsagen; aber glaube mir, mir schlgt das Herz so
hoch, so glcklich, da ich mir Schwierigkeiten und Kmpfe beinah'
herbeiwnsche. Mich drngt es, dir zu zeigen, da ich deiner wert
bin ...

In diesem Augenblicke wurde die Mondsichel zwischen den Baumkronen
sichtbar, und von Schlo Grunewald her, vor dem das Quartett eben
angekommen war, klang es ber den See herber:

    Wenn nach =Dir= ich oft vergebens
    In die Nacht gesehn.
    Scheint der dunkle Strom des Lebens
    Trauernd still zu stehn ...

Und nun schwieg es, oder der Abendwind, der sich aufmachte, trug die
Tne nach der anderen Seite hin.

       *       *       *       *       *

Eine Viertelstunde spter hielt alles vor Paulsborn, und nachdem man
sich daselbst wieder begrt und bei herumgereichtem Creme de Cacao
(Treibel selbst machte die Honneurs) eine kurze Rast genommen hatte,
brach man -- die Wagen waren von Halensee her gefolgt -- nach einigen
Minuten endgltig auf, um die Rckfahrt anzutreten. Die Felgentreus
nahmen bewegten Abschied von dem Quartett, jetzt lebhaft beklagend, den
von Treibel vorgeschlagenen Kremser abgelehnt zu haben.

Auch Leopold und Korinna trennten sich, aber doch nicht eher, als bis
sie sich, im Schatten des hochstehenden Schilfes, noch einmal fest und
verschwiegen die Hnde gedrckt hatten.




Elftes Kapitel


Leopold, als man zur Abfahrt sich anschickte, mute sich mit einem Platz
vorn auf dem Bock des elterlichen Landauers begngen, was ihm, alles in
allem, immer noch lieber war als innerhalb des Wagens selbst, en vue
seiner Mutter zu sitzen, die doch vielleicht, sei's im Wald, sei's bei
der kurzen Rast in Paulsborn, etwas bemerkt haben mochte; Schmidt
benutzte wieder den Vorortszug, whrend Korinna bei den Felgentreus mit
einstieg. Man placierte sie, so gut es ging, zwischen das den Fond des
Wagens redlich ausfllende Ehepaar, und weil sie nach all dem
Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl
hatte, so kam es ihr auerordentlich zu pa, sowohl Elfriede wie Blanka
doppelt redelustig und noch ganz voll und beglckt von dem Quartett zu
finden. Der Jodler, eine sehr gute Partie, schien ber die freilich nur
in Zivil erschienenen Sommerleutnants einen entschiedenen Sieg
davongetragen zu haben. Im brigen lieen es sich die Felgentreus nicht
nehmen, in der Adlerstrae vorzufahren und ihren Gast daselbst
abzusetzen. Korinna bedankte sich herzlich und stieg, noch einmal
grend, erst die drei Steinstufen und gleich danach vom Flur aus die
alte Holztreppe hinauf.

Sie hatte den Drcker zum Entree nicht mitgenommen, und so blieb ihr
nichts anderes brig, als zu klingeln, was sie nicht gerne tat. Alsbald
erschien denn auch die Schmolke, die die Abwesenheit der Herrschaft,
wie sie mitunter mit Betonung sagte, dazu benutzt hatte, sich ein
bichen sonntglich herauszuputzen. Das Auffallendste war wieder die
Haube, deren Rschen eben aus dem Tolleisen zu kommen schienen.

Aber liebe Schmolke, sagte Korinna, whrend sie die Tr wieder ins
Schlo zog, was ist denn los? Ist Geburtstag? Aber nein, den kenn' ich
ja. Oder seiner?

Nein, sagte die Schmolke, seiner is auch nich. Und da werd' ich auch
nicht solchen Schlips umbinden und solch Band.

Aber wenn kein Geburtstag ist, was ist dann?

Nichts, Korinna. Mu denn immer was sein, wenn man sich mal ordentlich
macht? Sieh, du hast gut reden; du sitzt jeden Tag, den Gott werden
lt, eine halbe Stunde vorm Spiegel, und mitunter auch noch lnger, und
brennst dir dein Wuschelhaar ...

Aber, liebe Schmolke ...

Ja, Korinna, du denkst, ich seh' es nicht. Aber ich sehe alles und seh'
noch vielmehr ... Und ich kann dir auch sagen, Schmolke sagte mal, er
fnd' es eigentlich hbsch, solch Wuschelhaar ...

Aber war denn Schmolke so?

Nein, Korinna, Schmolke war nich so. Schmolke war ein sehr anstndiger
Mann, und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen
darf, er war beinah' zu anstndig. Aber nun gib erst deinen Hut und
deine Mantille. Gott, Kind, wie sieht denn das alles aus? Is denn solch
furchtbarer Staub? Un noch ein Glck, da es nich gedrippelt hat, denn
is der Samt hin. Un so viel hat ein Professor auch nich, un wenn er auch
nich geradezu klagt, Seide spinnen kann er nich.

Nein, nein, lachte Korinna.

Nu hre, Korinna, da lachst du nu wieder. Das ist aber gar nicht zum
Lachen. Der Alte qult sich genug, und wenn er so die Bndel ins Haus
kriegt und die Strippe mitunter nich ausreicht, so viele sind es, denn
tut es mir mitunter ordentlich weh hier. Denn Papa is ein sehr guter
Mann, und seine Sechzig drcken ihn nu doch auch schon ein bichen. Er
will es freilich nich wahr haben und tut immer noch so, wie wenn er
zwanzig wre. Ja, hat sich was. Un neulich ist er von der Pferdebahn
'runtergesprungen, un ich mu auch gerade dazu kommen; na, ich dachte
doch gleich, der Schlag soll mich rhren ... Aber nu sage, Korinna, was
soll ich dir bringen? Oder hast du schon gegessen und bist froh, wenn du
nichts siehst ...

Nein, ich habe nichts gegessen. Oder doch so gut wie nichts; die
Zwiebacke, die man kriegt, sind immer so alt. Und dann in Paulsborn
einen kleinen sen Likr. Das kann man doch nicht rechnen. Aber ich
habe auch keinen rechten Appetit, und der Kopf ist mir so benommen; ich
werde am Ende krank ...

Ach, dummes Zeug, Korinna. Das ist auch eine von deinen Ncken; wenn du
mal Ohrensausen hast oder ein bichen heie Stirn, dann redest du immer
gleich von Nervenfieber. Un das is eigentlich gottlos, denn man mu den
Teufel nich an die Wand malen. Es wird wohl ein bichen feucht gewesen
sein, ein bichen neblig und Abenddunst.

Ja, neblig war es gerade, wie wir neben dem Schilf standen, und der See
war eigentlich gar nicht mehr zu sehen. Davon wird es wohl sein. Aber
der Kopf ist mir wirklich benommen, und ich mchte zu Bett gehen und
mich einmummeln. Und dann mag ich auch nicht mehr sprechen, wenn Papa
nach Hause kommt. Und wer wei wann, und ob es nicht zu spt wird.

Warum ist er denn nich gleich mitgekommen?

Er wollte nicht und hat ja auch seinen >Abend< heut. Ich glaube bei
Kuhs. Und da sitzen sie meist lange, weil sich die Klber mit
einmischen. Aber mit Ihnen, liebe, gute Schmolke, mchte ich wohl noch
eine halbe Stunde plaudern. Sie haben ja immer so was Herzliches ...

Ach, rede doch nich, Korinna. Wovon soll ich denn 'was Herzliches
haben? Oder eigentlich, wovon soll ich denn 'was Herzliches nich haben.
Du warst ja noch so, als ich ins Haus kam.

Nun also 'was Herzliches oder nicht 'was Herzliches, sagte Korinna,
gefallen wird es mir schon. Und wenn ich liege, liebe Schmolke, dann
bringen Sie mir meinen Tee ans Bett, die kleine Meiner Kanne und die
andere kleine Kanne, die nehmen Sie sich; und blo ein paar Teebrtchen,
recht dnn geschnitten und nicht zuviel Butter. Denn ich mu mich mit
meinem Magen in acht nehmen, sonst wird es gastrisch, und man liegt
sechs Wochen.

Is schon gut, lachte die Schmolke und ging in die Kche, um den Kessel
noch wieder in die Glut zu setzen. Denn heies Wasser war immer da, und
es bullerte nur noch nicht.

       *       *       *       *       *

Eine Viertelstunde spter trat die Schmolke wieder ein und fand ihren
Liebling schon im Bette. Korinna sa mehr auf als sie lag und empfing
die Schmolke mit der trostreichen Versicherung, es sei ihr schon viel
besser; was man so immer zum Lobe der Bettwrme sage, das sei doch
wahr, und sie glaube jetzt beinahe, da sie noch mal durchkommen und
alles glcklich berstehen werde.

Glaub' ich auch, sagte die Schmolke, whrend sie das Tablett auf den
kleinen, am Kopfende stehenden Tisch setzte. Nun, Korinna, von welchem
soll ich dir einschenken? Der hier, mit der abgebrochenen Tlle, hat
lnger gezogen, und ich wei, du hast ihn gern stark und bitterlich, so
da er schon ein bichen nach Tinte schmeckt ...

Versteht sich, ich will von dem starken. Und dann ordentlich Zucker;
aber ganz wenig Milch, Milch macht immer gastrisch.

Gott, Korinna, la doch das Gastrische. Du liegst da wie ein Borsdorfer
Apfel und redst immer, als ob dir der Tod schon um die Nase se. Nein,
Korinnchen, so schnell geht es nich. Un nu nimm dir ein Teebrtchen. Ich
habe sie so dnn geschnitten, wie's nur gehen wollte ...

Das ist recht. Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit
'reingebracht.

Fr mich, Korinnchen. Ich will doch auch 'was essen.

Ach, liebe Schmolke, da mcht' ich mich aber doch zu Gaste laden. Die
Teebrtchen sehen ja nach gar nichts aus, und die Schinkenstulle lacht
einen ordentlich an. Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten.
Nun merk' ich erst, da ich eigentlich hungrig bin. Geben Sie mir ein
Schnittchen ab, wenn es Ihnen nicht sauer wird.

Wie du nur redest, Korinna. Wie kann es mir denn sauer werden. Ich
fhre ja blo die Wirtschaft und bin blo eine Dienerin.

Ein Glck, da Papa das nicht hrt. Sie wissen doch, das kann er nicht
leiden, da Sie so von Dienerin reden, und er nennt es eine falsche
Bescheidenheit ...

Ja, ja, so sagt er. Aber Schmolke, der auch ein ganz kluger Mann war,
wenn er auch nicht studiert hatte, der sagte immer, >hre, Rosalie,
Bescheidenheit ist gut, und eine falsche Bescheidenheit (denn die
Bescheidenheit ist eigentlich immer falsch) ist immer noch besser als
gar keine<.

Hm, sagte Korinna, die sich etwas getroffen fhlte, das lt sich
hren. berhaupt, liebe Schmolke, Ihr Schmolke mu eigentlich ein
ausgezeichneter Mann gewesen sein. Und Sie sagten ja auch vorhin schon,
er habe so etwas Anstndiges gehabt und beinah' zu anstndig. Sehen Sie,
so was hre ich gern, und ich mchte mir wohl etwas dabei denken knnen.
Worin war er denn nun eigentlich so sehr anstndig ... Und dann, er war
ja doch bei der Polizei. Nun, offen gestanden, ich bin zwar froh, da
wir eine Polizei haben, und freue mich immer ber jeden Schutzmann, an
den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um Auskunft
bitten kann, und das mu wahr sein, alle sind artig und manierlich,
wenigstens hab' ich es immer so gefunden. Aber das von der Anstndigkeit
und von zu anstndig ...

Ja, liebe Korinna, das is schon richtig. Aber da sind ja
Unterschiedlichkeiten, und was sie Abteilungen nennen. Und Schmolke war
bei solcher Abteilung.

Natrlich. Er kann doch nicht berall gewesen sein.

Nein, nicht berall. Und er war gerade bei der allerschwersten, die fr
den Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat.

Und so was gibt es?

Ja, Korinna, so was gibt es und mu es auch geben. Und wenn nu -- was
ja doch vorkommt, und auch bei Frauen und Mdchen vorkommt, wie du ja
wohl gesehen und gehrt haben wirst, denn Berliner Kinder sehen und
hren alles -- wenn nu solch armes und unglckliches Geschpf (denn
manche sind wirklich blo arm und unglcklich) etwas gegen den Anstand
und die gute Sitte tut, dann wird sie vernommen und bestraft. Und da, wo
die Vernehmung is, da gerade sa Schmolke ...

Merkwrdig. Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzhlt. Und
Schmolke, sagen Sie, war mit dabei? Wirklich, sehr sonderbar. Und Sie
meinen, da er gerade deshalb so sehr anstndig und so solide war?

Ja, Korinna, das mein' ich.

Nun, wenn Sie's sagen, liebe Schmolke, so will ich es glauben. Aber ist
es nicht eigentlich zum Verwundern? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch
jung oder so ein Mann in seinen besten Jahren. Und viele von unserem
Geschlecht, und gerade solche, sind ja doch oft bildhbsch. Und da sitzt
nun einer, wie Schmolke da gesessen, und mu immer streng und ehrbar
aussehen, blo weil er da zufllig sitzt. Ich kann mir nicht helfen, ich
finde das schwer. Denn das ist ja gerade so wie der Versucher in der
Wste: >Dies alles schenke ich dir<.

Die Schmolke seufzte. Ja, Korinna, da ich es dir offen gestehe, ich
habe auch manchmal geweint, und mein furchtbares Reien, hier gerad' im
Nacken, das is noch von der Zeit her. Und zwischen das zweite und dritte
Jahr, da wir verheiratet waren, da hab' ich beinah' elf Pfund
abgenommen, und wenn wir damals schon die vielen Wiegewagen gehabt
htten, da wr' es wohl eigentlich noch mehr gewesen, denn als ich zu's
Wiegen kam, da setzte ich schon wieder an.

Arme Frau, sagte Korinna. Ja, das mssen schwere Tage gewesen sein.
Aber wie kamen Sie denn darber hin? Und wenn Sie wieder ansetzten, so
mu doch so was von Trost und Beruhigung gewesen sein.

War auch, Korinnchen. Und weil du ja nu alles weit, will ich dir auch
erzhlen, wie's kam, un wie ich meine Ruhe wieder kriegte. Denn ich kann
dir sagen, es war schlimm, und ich habe mitunter viele Wochen lang kein
Auge zugetan. Na, zuletzt schlft man doch ein bichen; die Natur will
es un is auch zuletzt noch strker als die Eifersucht. Aber Eifersucht
ist sehr stark, viel strker als Liebe. Mit Liebe is es nich so schlimm.
Aber was ich sagen wollte, wie ich nu so ganz 'runter war und man blo
noch soviel Kraft hatte, da ich ihm doch sein Hammelfleisch und seine
Bohnen vorsetzen konnte, das heit geschnitzelte mocht' er nich un sagte
immer, sie schmeckten nach Messer, da sah er doch wohl, da er mal mit
mir reden msse. Denn ich red'te nich, dazu war ich viel zu stolz. Also
er wollte reden mit mir, und als es nu soweit war und er die Gelegenheit
auch ganz gut abgepat hatte, nahm er einen kleinen vierbeinigen
Schemel, der sonst immer in der Kche stand, un is mir, als ob es
gestern gewesen wre, un rckte den Schemel zu mir 'ran und sagte:
>Rosalie, nu sage mal, was hast du denn eigentlich<.

Um Korinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott; sie schob das
Tablett etwas beiseite, sttzte sich, whrend sie sich aufrichtete, mit
dem rechten Arm auf den Tisch und sagte: Nun weiter, liebe Schmolke.

Also, was hast du eigentlich? sagte er zu mir. Na, da strzten mir denn
die Trnen man so pimperlings 'raus, und ich sagte: >Schmolke,
Schmolke,< und dabei sah ich ihn an, als ob ich ihn ergrnden wollte. Un
ich kann wohl sagen, es war ein scharfer Blick, aber doch immer noch
freundlich. Denn ich liebte ihn. Und da sah ich, da er ganz ruhig blieb
und sich gar nicht verfrbte. Un dann nahm er meine Hand, streichelte
sie ganz zrtlich un sagte: >Rosalie, das is alles Unsinn. Davon
verstehst du nichts, weil du nicht in der >Sitte< bist. Denn ich sage
dir, wer da so tagaus tagein in der Sitte sitzen mu, dem vergeht es,
dem stehen die Haare zu Berge ber all das Elend und all den Jammer, und
wenn dann welche kommen, die nebenher auch noch ganz verhungert sind,
was auch vorkommt, und wo wir ganz genau wissen, da sitzen nu die Eltern
zu Hause un grmen sich Tag und Nacht ber die Schande, weil sie das
arme Wurm, das mitunter sehr merkwrdig dazu gekommen ist, immer noch
lieb haben und helfen und retten mchten, wenn zu helfen und zu retten
noch menschenmglich wre -- ich sage dir, Rosalie, wenn man das jeden
Tag sehen mu, un man hat ein Herz im Leibe un hat bei's erste
Garderegiment gedient un is fr Proppertt und Strammheit und
Gesundheit, na, ich sage dir, denn is es mit Verfhrung un all so was
vorbei, un man mchte 'rausgehn und weinen, un ein paarmal hab' ich's
auch, alter Kerl der ich bin, und von Karessieren und >Fruleinchen<
steht nichts mehr drin, un man geht nach Hause und is froh, wenn man
sein Hammelfleisch kriegt un eine ordentliche Frau hat, die Rosalie
heit. Bist du nu zufrieden, Rosalie?< Und dabei gab er mir einen Ku
...

Die Schmolke, der bei der Erzhlung wieder ganz weh ums Herz geworden
war, ging an Korinnas Schrank, um sich ein Taschentuch zu holen. Und als
sie sich nun wieder zurecht gemacht hatte, so da ihr die Worte nicht
mehr in der Kehle blieben, nahm sie Korinnas Hand und sagte: Sieh', so
war Schmolke. Was sagst du dazu?

Ein sehr anstndiger Mann.

Na ob.

       *       *       *       *       *

In diesem Augenblicke hrte man die Klingel. Der Papa, sagte Korinna,
und die Schmolke stand auf, um dem Herrn Professor zu ffnen. Sie war
auch bald wieder zurck und erzhlte, da sich der Papa nur gewundert
habe, Korinnchen nicht mehr zu finden; was denn passiert sei? Wegen ein
bichen Kopfweh gehe man doch nicht gleich zu Bett. Und dann habe er
sich eine Pfeife angesteckt und die Zeitung in die Hand genommen und
habe dabei gesagt: Gott sei Dank, liebe Schmolke, da ich wieder da
bin; alle Gesellschaften sind Unsinn; diesen Satz vermache ich Ihnen auf
Lebenszeit. Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen und sie sei
berzeugt, da er sich eigentlich sehr gut amsiert habe. Denn er habe
den Fehler, den so viele htten, und die Schmidts voran: sie redeten
ber alles und wten alles besser. Ja, Korinnchen, in diesem Belange
bist du auch ganz Schmidtsch.

Korinna gab der guten Alten die Hand und sagte: Sie werden wohl recht
haben, liebe Schmolke, und es ist ganz gut, da Sie mir's sagen. Wenn
Sie nicht gewesen wren, wer htte mir denn berhaupt was gesagt?
Keiner. Ich bin ja wie wild aufgewachsen, und ist eigentlich zu
verwundern, da ich nicht noch schlimmer geworden bin als ich bin. Papa
ist ein guter Professor, aber kein guter Erzieher, und dann war er immer
zu sehr von mir eingenommen und sagte: >das Schmidtsche hilft sich
selbst< oder >es wird schon zum Durchbruch kommen<.

Ja, so was sagt er immer. Aber mitunter ist eine Maulschelle besser.

Um Gotteswillen, liebe Schmolke, sagen Sie doch so was nicht. Das
ngstigt mich.

Ach, du bist nrrisch, Korinna. Was soll dich denn ngstigen? Du bist
ja nun eine groe, forsche Person und hast die Kinderschuhe lngst
ausgetreten und knntest schon sechs Jahre verheiratet sein.

Ja, sagte Korinna, das knnt' ich, wenn mich wer gewollt htte. Aber
dummerweise hat mich noch keiner gewollt. Und da habe ich denn fr mich
selber sorgen mssen ...

Die Schmolke glaubte nicht recht gehrt zu haben und sagte: Du hast fr
dich selber sorgen mssen? Was meinst du damit, was soll das heien?

Es soll heien, liebe Schmolke, da ich mich heut' abend verlobt habe.

Himmlischer Vater, is es mglich. Aber sei nich bse, da ich mich so
verfiere ... Denn es is ja doch eigentlich was Gutes. Na, mit wem denn?

Rate.

Mit Marcell.

Nein, mit Marcell nicht.

Mit Marcell nich? Ja, Korinna, dann wei ich es nich und will es auch
nich wissen. Blo wissen mu ich es am Ende doch. Wer is es denn?

Leopold Treibel.

Herr, du meine Gte ...

Findest du's so schlimm? Hast du was dagegen?

I bewahre, wie werd' ich denn. Und wrde sich auch gar nich vor mir
passen. Un denn die Treibels, die sind alle gut un sehr proppre Leute,
der alte Kommerzienrat voran, der immer so spaig is und immer sagt: >Je
spter der Abend, je schner die Leute< un >noch fufzig Jahre so wie
heut'< und so was. Und der lteste Sohn is auch sehr gut und Leopold
auch. Ein bichen spitzer, das is wahr, aber heiraten is ja nich bei
Renz in 'n Zirkus. Und Schmolke sagte oft: >Hre, Rosalie, das la gut
sein, so was tuscht, da kann man sich irren; die Dnnen un die so
schwach aussehn, die sind oft gar nich so schwach<. Ja, Korinna, die
Treibels sind gut, un blo die Mama, die Kommerzienrtin, ja hre, die
kann ich mir nich helfen, die Rtin, die hat so was, was mir nich recht
pat, un ziert sich immer un tut so, un wenn was Weinerliches erzhlt
wird von einem Pudel, der ein Kind aus dem Kanal gezogen, oder wenn der
Professor was vorpredigt un mit seiner Bastimme so vor sich
hinbrummelt: >wie der Unsterbliche sagt< ... un dann kommt immer ein
Name, den kein Christenmensch kennt und die Kommerzienrtin woll auch
nich -- dann hat sie gleich immer ihre Trne un sind immer wie
Stehtrnen, die gar nich 'runter woll'n.

Da sie so weinen kann, ist aber doch eigentlich was Gutes, liebe
Schmolke.

Ja, bei manchem is es was Gutes und zeigt ein weiches Herz. Un ich will
auch weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen, un mu
auch, denn mir sitzen sie auch man lose ... Gott, wenn ich daran denke,
wie Schmolke noch lebte, na, da war vieles anders, un Billetter fr den
dritten Rang hatte Schmolke jeden Tag un mitunter auch fr den zweiten.
Un da machte ich mich denn fein, Korinna, denn ich war damals noch keine
dreiig un noch ganz imstande. Gott, Kind, wenn ich daran denke! Da war
damals eine, die hie die Erharten, die nachher einen Grafen geheiratet.
Ach, Korinnchen, da hab' ich auch manche schne Trne vergossen. Ich
sage schne Trne, denn es erleichtert einen. Un in >Maria Stuart< war
es am meisten. Da war denn doch eine Schnauberei, da man gar nichts
mehr verstehn konnte, das heit aber blo ganz zuletzt, wie sie von all
ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt, alle ganz
schwarz, un sie selber immer mit's Kreuz, ganz wie 'ne Katholische. Aber
die Erharten war keine. Und wenn ich mir das alles wieder so denke un
wie ich da aus der Trne gar nich 'raus gekommen bin, da kann ich auch
gegen die Kommerzienrtin eigentlich nichts sagen.

Korinna seufzte, halb im Scherz und halb im Ernst.

Warum seufzst du, Korinna?

Ja, warum seufze ich, liebe Schmolke? Ich seufze, weil ich glaube, da
Sie recht haben, und da sich gegen die Rtin eigentlich nichts sagen
lt, blo weil sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge
hat. Gott, den hat mancher. Aber die Rtin ist freilich eine ganz eigene
Frau, und ich trau' ihr nicht, und der arme Leopold hat eigentlich eine
groe Furcht vor ihr und wei auch noch nicht, wie er da heraus will. Es
wird eben noch allerlei harte Kmpfe geben. Aber ich la es darauf
ankommen und halt' ihn fest, und wenn meine Schwiegermutter gegen mich
ist, so schad't es am Ende nicht allzuviel. Die Schwiegermtter sind
eigentlich immer dagegen und jede denkt, ihr Pppchen ist zu schade. Na,
wir werden ja sehn; ich habe sein Wort, und das andere mu sich finden.

Das ist recht, Korinna, halt' ihn fest. Eigentlich hab' ich ja einen
Schreck gekriegt, und glaube mir, Marcell wre besser gewesen, denn ihr
pat zusammen. Aber das sag' ich so blo zu dir. Un da du nu mal den
Treibelschen hast, na, so hast du'n, un da hilft kein Prtzelbacken, un
er mu still halten und die Alte auch. Ja, die Alte erst recht. Der
gnn' ich's.

Korinna nickte.

Un nu schlafe, Kind. Ausschlafen is immer gut, denn man kann nie
wissen, wie's kommt, un wie man den andern Tag seine Krfte braucht.




Zwlftes Kapitel


Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Felgentreusche Wagen in der
Adlerstrae hielt, um daselbst abzusetzen, hielt auch der Treibelsche
Wagen vor der kommerzienrtlichen Wohnung, und die Rtin samt ihrem
Sohne Leopold stiegen aus, whrend der alte Treibel auf seinem Platze
blieb und das junge Paar -- das wieder die Pferde geschont hatte -- die
Kpenickerstrae hinunter bis an den Holzhof begleitete. Von dort aus,
nach einem herzhaften Schmatz (denn er spielte gern den zrtlichen
Schwiegervater), lie er sich zu Buggenhagens fahren, wo
Parteiversammlung war. Er wollte doch mal wieder sehen, wie's
stnde und, wenn ntig, auch zeigen, da ihn die Korrespondenz in
der Nationalzeitung nicht niedergeschmettert habe.

Die Kommerzienrtin, die fr gewhnlich die politischen Gnge Treibels
belchelte, wenn nicht beargwohnte -- was auch vorkam -- heute segnete
sie Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu knnen.
Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die
Gewiheit, sich verstanden zu sehen -- es war doch eigentlich das
Hhere. Viele beneiden mich, aber was hab' ich am Ende? Stuck und
Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersen Gesicht. Treibel ist
gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf
ihm, und wenn =er= es nicht empfindet, ich empfinde es ... Und dabei
Kommerzienrtin und immer wieder Kommerzienrtin. Es geht nun schon
in das zehnte Jahr, und er rckt nicht hher hinauf, trotz aller
Anstrengungen. Und wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so wei
ich wirklich nicht, ob nicht das andere, das auf Kunst und Wissenschaft
deutet, doch einen feineren Klang hat. Ja, den hat es ... Und mit den
ewigen guten Verhltnissen! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee
trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es darauf an, da ich
schlafe. Birkenmaser oder Nubaum macht keinen Unterschied, aber Schlaf
oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der Schlaf,
der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen lt ... Und
auch die Kinder wren anders. Wenn ich die Korinna ansehe, das sprht
alles von Lust und Leben, und wenn sie blo so macht, so steckt sie
meine beiden Jungen in die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit
Leopold ist gar nichts.

Jenny, whrend sie sich in se Selbsttuschungen wie diese versenkte,
trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Strae.
Drben, im Hause gegenber, hoch oben in der offenen Mansarde stand, wie
ein Schattenri in hellem Licht, eine Pltterin, die mit sicherer Hand
ber das Plttbrett hinfuhr -- ja, es war ihr, als hre sie Mdchen
singen. Der Kommerzienrtin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht
lassen, und etwas wie wirklicher Neid berkam sie.

Sie sah erst fort, als sie bemerkte, da hinter ihr die Tr ging. Es war
Friedrich, der den Tee brachte. Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen
Sie Frulein Honig, es wre nicht ntig.

Sehr wohl, Frau Kommerzienrtin. Aber hier ist ein Brief.

Ein Brief? fuhr die Rtin heraus. Von wem?

Vom jungen Herrn.

Von Leopold?

Ja, Frau Kommerzienrtin ... Und es wre Antwort ...

Brief ... Antwort ... Er ist nicht recht gescheit, und die
Kommerzienrtin ri das Kuvert auf und berflog den Inhalt. Liebe
Mama! Wenn es Dir irgend pat, ich mchte heute noch eine kurze
Unterredung mit Dir haben. La mich durch Friedrich wissen, ja oder
nein. Dein Leopold.

Jenny war derart betroffen, da ihre sentimentalen Anwandlungen auf der
Stelle hinschwanden. Soviel stand fest, da das alles nur etwas sehr
Fatales bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: Sagen
Sie Leopold, da ich ihn erwarte.

Das Zimmer Leopolds lag ber dem ihrigen; sie hrte deutlich, da er
rasch hin und her ging und ein paar Schubksten, mit einer ihm sonst
nicht eigenen Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles
tuschte, vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe.

Sie hatte recht gehrt, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch
in der Nhe des Fensters) durch die ganze Lnge des Zimmers auf sie
zuschreiten, um ihr die Hand zu kssen; der Blick aber, mit dem sie ihm
begegnete, hatte etwas so Abwehrendes, da er stehen blieb und sich
verbeugte.

Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt zehn, also nachtschlafende
Zeit, und da schreibst du mir ein Billett und willst mich sprechen. Es
ist mir neu, da du was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis
morgen frh duldet. Was hast du vor? Was willst du?

Mich verheiraten, Mutter. Ich habe mich verlobt.

Die Kommerzienrtin fuhr zurck, und ein Glck war es, da das Fenster,
an dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht
gerechnet, aber eine Verlobung ber ihren Kopf weg, das war doch mehr,
als sie gefrchtet. War es eine der Felgentreus? Sie hielt beide fr
dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei fr erheblich unterm Stand;
er, der Alte, war Lageraufseher in einem groen Ledergeschft gewesen
und hatte schlielich die hbsche Wirtschaftsmamsell des Prinzipals,
eines mit seiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Witwers,
geheiratet. So hatte die Sache begonnen und lie in ihren Augen viel zu
wnschen brig. Aber, verglichen mit den Munks, war es noch lange das
Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: Elfriede oder Blanka?

Keine von beiden.

Also ...

Korinna.

Das war zuviel. Jenny kam in ein halb ohnmchtiges Schwanken, und sie
wre, angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell
Herzuspringende nicht aufgefangen htte. Sie war nicht leicht zu halten
und noch weniger leicht zu tragen; aber der arme Leopold, den die ganze
Situation ber sich selbst hinaus hob, bewhrte sich auch physisch und
trug die Mama bis ans Sofa. Danach wollte er auf den Knopf der
elektrischen Klingel drcken, Jenny war aber, wie die meisten
ohnmchtigen Frauen, doch nicht ohnmchtig genug, um nicht genau zu
wissen, was um sie her vorging, und so fate sie denn seine Hand, zum
Zeichen, da das Klingeln zu unterbleiben habe.

Sie erholte sich auch rasch wieder, griff nach dem vor ihr stehenden
Flakon mit Klnischem Wasser und sagte, nachdem sie sich die Stirn damit
betupft hatte: Also mit Korinna.

Ja, Mutter.

Und alles nicht blo zum Spa. Sondern um euch wirklich zu heiraten.

Ja, Mutter.

Und hier in Berlin und in der Luisenstdtschen Kirche, darin dein
guter, braver Vater und ich getraut wurden?

Ja, Mutter.

Ja, Mutter, und immer wieder ja, Mutter. Es klingt, als ob du nach
Kommando sprchst, und als ob dir Korinna gesagt htte, sage nur immer:
Ja, Mutter. Nun, Leopold, wenn es so ist, so knnen wir beide unsere
Rollen rasch auswendig lernen. Du sagst in einem fort >ja, Mutter<, und
ich sage in einem fort >nein, Leopold<. Und dann wollen wir sehen, was
lnger vorhlt, dein >Ja< oder mein >Nein<.

Ich finde, da du es dir etwas leicht machst, Mama.

Nicht, da ich wte. Wenn es aber so sein sollte, so bin ich blo
deine gelehrige Schlerin. Jedenfalls ist es ein Operieren ohne
Umschweife, wenn ein Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg
erklrt: >Ich habe mich verlobt<. So geht das nicht in unsern Husern.
Das mag beim Theater so sein oder vielleicht auch bei Kunst und
Wissenschaft, worin die kluge Korinna ja gro gezogen ist, und einige
sagen sogar, da sie dem Alten die Hefte korrigiert. Aber wie dem auch
sein mge, bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen, meinetwegen, und
wenn sie den alten Professor, ihren Vater (brigens ein Ehrenmann), auch
ihrerseits mit einem >ich habe mich verlobt< berrascht haben sollte,
nun, so mag der sich freuen; er hat auch Grund dazu, denn die Treibels
wachsen nicht auf den Bumen und knnen nicht von jedem, der vorbeigeht,
heruntergeschttelt werden. Aber ich, ich freue mich nicht und verbiete
dir diese Verlobung. Du hast wieder gezeigt, wie ganz unreif du bist,
ja, da ich es ausspreche, Leopold, wie knabenhaft.

Liebe Mama, wenn du mich etwas mehr schonen knntest ...

Schonen? Hast du mich geschont, als du dich auf diesen Unsinn
einlieest? Du hast dich verlobt, sagst du. Wem willst du das weis
machen? Sie hat sich verlobt, und =du= bist blo verlobt worden. Sie
spielt mit dir, und anstatt dir das zu verbitten, kssest du ihr die
Hand und lssest dich einfangen wie die Gimpel. Nun, ich hab' es nicht
hindern knnen, aber das Weitere, das kann ich hindern und werde es
hindern. Verlobt euch soviel ihr wollt, aber wenn ich bitten darf, im
Verschwiegenen und Verborgenen; an ein Heraustreten damit ist nicht zu
denken. Anzeigen erfolgen nicht, und wenn du deinerseits Anzeigen machen
willst, so magst du die Gratulationen in einem Hotel garni in Empfang
nehmen. In meinem Hause nicht. In meinem Hause existiert keine Verlobung
und keine Korinna. Damit ist es vorbei. Das alte Lied vom Undank erfahr'
ich nun an mir selbst und mu erkennen, da man unklug daran tut,
Personen zu verwhnen und gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen. Und
mit dir steht es nicht besser. Auch du httest mir diesen Gram ersparen
knnen und diesen Skandal. Da du verfhrt bist, entschuldigt dich nur
halb. Und nun kennst du meinen Willen, und ich darf wohl sagen, auch
deines Vaters Willen, denn soviel Torheiten er begeht, in =den= Fragen,
wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht, ist Verla auf ihn. Und
nun geh', Leopold, und schlafe, wenn du schlafen kannst. Ein gut
Gewissen ist ein gutes Ruhekissen ...

Leopold bi sich auf die Lippen und lchelte verbittert vor sich hin.

... Und bei dem, was du vielleicht vorhast -- denn du lchelst und
stehst so trotzig da, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe, was auch
blo der fremde Geist und Einflu ist -- bei dem, was du vielleicht
vorhast, Leopold, vergi nicht, da der Segen der Eltern den Kindern
Huser baut. Wenn ich dir raten kann, sei klug und bringe dich nicht um
einer gefhrlichen Person und einer flchtigen Laune willen um die
Fundamente, die das Leben tragen, und ohne die es kein rechtes Glck
gibt.

       *       *       *       *       *

Leopold, der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, all' die Zeit ber
durchaus nicht niedergeschmettert gefhlt hatte, schien einen Augenblick
antworten zu wollen; ein Blick auf die Mutter aber, deren Erregung,
whrend sie sprach, nur immer noch gewachsen war, lie ihn erkennen, da
jedes Wort die Schwierigkeit der Lage blo steigern wrde; so verbeugte
er sich denn ruhig und verlie das Zimmer.

Er war kaum hinaus, als sich die Kommerzienrtin von ihrem Sofaplatz
erhob und ber den Teppich hin auf- und abzugehen begann. Jedesmal, wenn
sie wieder in die Nhe des Fensters kam, blieb sie stehen und sah nach
der Mansarde und der immer noch in vollem Lichte dastehenden Pltterin
hinber, bis ihr Blick sich wieder senkte und dem bunten Treiben der vor
ihr liegenden Strae zuwandte. Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm
von innen her auf die Gitterstbe gesttzt, stand ihr Hausmdchen, eine
hbsche Blondine, die mit Rcksicht auf Leopolds _mores_ beinahe nicht
engagiert worden wre, und sprach lebhaft und unter Lachen mit einem
drauen auf dem Trottoir stehenden Cousin, zog sich aber zurck, als
der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer Droschke
vorfuhr und auf seine Villa zuschritt. Treibel, einen Blick auf
die Fensterreihe werfend, sah sofort, da nur noch in seiner Frau
Zimmer Licht war, was ihn mitbestimmte, gleich bei ihr einzutreten,
um noch ber den Abend und seine mannigfachen Erlebnisse berichten
zu knnen. Die flaue Stimmung, der er anfnglich infolge der
Nationalzeitungskorrespondenz bei Buggenhagens begegnet war, war unter
dem Einflu seiner Liebenswrdigkeit rasch gewichen, und das um so mehr,
als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd preisgegeben
hatte.

Von diesem Siege zu erzhlen, trieb es ihn, trotzdem er wute, wie Jenny
zu diesen Dingen stand; als er aber eintrat und die Aufregung gewahr
wurde, darin sich seine Frau ganz ersichtlich befand, erstarb ihm das
joviale guten Abend, Jenny auf der Zunge, und ihr die Hand reichend,
sagte er nur: Was ist vorgefallen, Jenny? Du siehst ja aus wie das
Leiden ... nein, keine Blasphemie ... Du siehst ja aus, als wre dir die
Gerste verhagelt.

Ich glaube, Treibel, sagte sie, whrend sie ihr Auf und Ab im
Zimmer fortsetzte, du knntest dich mit deinen Vergleichen etwas
hher hinaufschrauben; >verhagelte Gerste< hat einen beraus
lndlichen, um nicht zu sagen buerlichen Beigeschmack. Ich sehe,
das Teupitz-Zossensche trgt bereits seine Frchte ...

Liebe Jenny, die Schuld liegt, glaube ich, weniger an mir als an dem
Sprach- und Bilderschatze deutscher Nation. Alle Wendungen, die wir als
Ausdruck fr Verstimmungen und Betrbnisse haben, haben einen
ausgesprochenen Unterschichtscharakter, und ich finde da zunchst nur
noch den Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen.

Er stockte, denn es traf ihn ein so bser Blick, da er es doch fr
angezeigt hielt, auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten.
Auch nahm Jenny selbst das Wort und sagte: Deine Rcksichten gegen mich
halten sich immer auf derselben Hhe. Du siehst, da ich eine Alteration
gehabt habe, und die Form, in die du deine Teilnahme kleidest, ist die
geschmackloser Vergleiche. Was meiner Erregung zugrunde liegt, scheint
deine Neugier nicht sonderlich zu wecken.

Doch, doch, Jenny ... du darfst das nicht bel nehmen; du kennst mich
und weit, wie das alles gemeint ist. Alteration! Das ist ein Wort,
das ich nicht gern hre. Gewi wieder was mit Anna, Kndigung oder
Liebesgeschichte. Wenn ich nicht irre, stand sie ...

Nein, Treibel, das ist es nicht, Anna mag tun, was sie will und
meinetwegen ihr Leben als Spreewlderin beschlieen. Ihr Vater, der alte
Schulmeister, kann dann an seinem Enkel erziehen, was er an seiner
Tochter versumt hat. Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen,
mssen sie von anderer Seite kommen ...

Also doch Liebesgeschichten. Nun sage wer?

Leopold.

Alle Wetter ... Und man konnte nicht heraushren, ob Treibel bei
dieser Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war. Leopold?
Ist es mglich?

Es ist mehr als mglich, es ist gewi; denn vor einer Viertelstunde war
er selber hier, um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen ...

Merkwrdiger Junge ...

Er hat sich mit Korinna verlobt.

Es war ganz unverkennbar, da die Kommerzienrtin eine groe Wirkung von
dieser Mitteilung erwartete, welche Wirkung aber durchaus ausblieb.
Treibels erstes Gefhl war das einer heiter angeflogenen Enttuschung.
Er hatte was von kleiner Soubrette, vielleicht auch von Jungfrau aus
dem Volk erwartet und stand nun vor einer Ankndigung, die, nach seinen
unbefangeneren Anschauungen, alles andere als Schreck und Entsetzen
hervorrufen konnte. Korinna, sagte er. Und schlankweg verlobt und
ohne Mama zu fragen. Teufelsjunge. Man unterschtzt doch immer die
Menschen und am meisten seine eigenen Kinder.

Treibel, was soll das? Dies ist keine Stunde, wo sich's fr dich
schickt, in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste
Fragen zu behandeln. Du kommst nach Haus und findest mich in einer
groen Erregung, und im Augenblicke, wo ich dir den Grund dieser
Erregung mitteile, findest du's angemessen, allerlei sonderbare Scherze
zu machen. Du mut doch fhlen, da das einer Lcherlichmachung meiner
Person und meiner Gefhle ziemlich gleich kommt, und wenn ich deine
ganze Haltung recht verstehe, so bist du weit ab davon, in dieser
sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen. Und darber mchte ich
Gewiheit haben, eh' wir weiter sprechen. Ist es ein Skandal oder
nicht?

Nein.

Und du wirst Leopold nicht darber zur Rede stellen?

Nein.

Und bist nicht emprt ber diese Person?

Nicht im geringsten.

ber diese Person, die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut
unwert macht, und nun ihre Bettlade -- denn um viel was anderes wird es
sich nicht handeln -- in das Treibelsche Haus tragen will.

Treibel lachte. Sieh', Jenny, diese Redewendung ist dir gelungen, und
wenn ich mir mit meiner Phantasie, die mein Unglck ist, die hbsche
Korinna vorstelle, wie sie sozusagen zwischen die Lngsbretter
eingeschirrt, ihre Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trgt, so
knnte ich eine Viertelstunde lang lachen. Aber ich will doch lieber
nicht lachen und dir, da du so sehr frs Ernste bist, nun auch ein
ernsthaftes Wort sagen. Alles, was du da so hinschmetterst, ist erstens
unsinnig und zweitens emprend. Und was es auerdem noch alles ist,
blind, vergelich, berheblich, davon will ich gar nicht reden ...

Jenny war ganz bla geworden und zitterte, weil sie wohl wute, worauf
das blind und vergelich abzielte. Treibel aber, der ein guter und
auch ganz kluger Kerl war, und sich aufrichtig gegen all' den Hochmut
aufrichtete, fuhr jetzt fort: Du sprichst da von Undank und Skandal und
Blamage, und fehlt eigentlich blo noch das Wort Unehre, dann hast du
den Gipfel der Herrlichkeit erklommen. Undank. Willst du der klugen,
immer heitren, immer unterhaltlichen Person, die wenigstens sieben
Felgentreus in die Tasche steckt -- nchststehender Anverwandten ganz zu
geschweigen -- willst du der die Datteln und Apfelsinen nachrechnen, die
sie von unserer Majolikaschssel, mit einer Venus und einem Cupido
darauf, beilufig eine lcherliche Pinselei, mit ihrer zierlichen Hand
heruntergenommen hat? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor
unsererseits auch zu Gast, bei Wilibald, der doch sonst dein Herzblatt
ist, und haben wir uns seinen Brauneberger, der ebensogut war wie
meiner, oder doch nicht viel schlechter, nicht schmecken lassen? Und
warst du nicht ganz ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten,
der da in der Putzstube steht, deine alten Lieder 'runtergesungen? Nein,
Jenny, komme mir nicht mit solchen Geschichten. Da kann ich auch mal
rgerlich werden ...

Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiter zu sprechen.

Nein, Jenny, noch nicht, noch bin ich nicht fertig. Ich bin nun mal im
Zuge. Skandal sagst du und Blamage. Nun, ich sage dir, nimm dich in
acht, da aus der blo eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird
und da -- ich sage das, weil du solche Bilder liebst -- der Pfeil nicht
auf den Schtzen zurckfliegt. Du bist auf dem besten Wege, mich und
dich in eine unsterbliche Lcherlichkeit hineinzubugsieren. Wer sind wir
denn? Wir sind weder die Montmorencys noch die Lusignans -- von denen,
nebenher bemerkt, die schne Melusine herstammen soll, was dich
vielleicht interessiert -- wir sind auch nicht die Bismarcks oder die
Arnims oder sonst was Mrkisches von Adel, wir sind die Treibels,
Blutlaugensalz und Eisenvitriol, und du bist eine geborene Brstenbinder
aus der Adlerstrae, Brstenbinder ist ganz gut, aber der erste
Brstenbinder kann unmglich hher gestanden haben als der erste
Schmidt. Und so bitt' ich dich denn, Jenny, keine bertreibungen. Und
wenn es sein kann, la den ganzen Kriegsplan fallen und nimm Korinna mit
so viel Fassung hin, wie du Helene hingenommen hast. Es ist ja nicht
ntig, da sich Schwiegermutter und Schwiegertochter furchtbar lieben,
sie heiraten sich ja nicht; es kommt auf =die= an, die den Mut haben,
sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe allerpersnlichst
unterziehen zu wollen ...

Jenny war whrend dieser zweiten Hlfte von Treibels Philippika
merkwrdig ruhig geworden, was in einer guten Kenntnis des Charakters
ihres Mannes seinen Grund hatte. Sie wute, da er in einem berhohen
Grade das Bedrfnis und die Gewohnheit des Sichaussprechens hatte, und
da sich mit ihm erst wieder reden lie, wenn gewisse Gefhle von seiner
Seele heruntergeredet waren. Es war ihr schlielich ganz recht, da
dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und so grndlich
begonnen hatte; was jetzt gesagt worden war, brauchte morgen nicht mehr
gesagt zu werden, war abgetan und gestattete den Ausblick auf
friedlichere Verhandlungen. Treibel war sehr der Mann der Betrachtung
aller Dinge von zwei Seiten her, und so war Jenny denn vllig berzeugt
davon, da er ber Nacht dahin gelangen wrde, die ganze Leopoldsche
Verlobung auch mal von der Kehrseite her anzusehen. Sie nahm deshalb
seine Hand und sagte: Treibel, la uns das Gesprch morgen frh
fortsetzen. Ich glaube, da du, bei ruhigerem Blute, die Berechtigung
meiner Anschauungen nicht verkennen wirst. Jedenfalls rechne nicht
darauf, mich anderen Sinnes zu machen. Ich wollte dir, als dem Manne,
der zu handeln hat, selbstverstndlich auch in dieser Angelegenheit
nicht vorgreifen; lehnst du jedoch jedes Handeln ab, so handle ich.
Selbst auf die Gefahr deiner Nichtzustimmung.

Tu', was du willst.

Und damit warf Treibel die Tr ins Schlo und ging in sein Zimmer
hinber. Als er sich in den Fauteuil warf, brummte er vor sich hin:
Wenn sie am Ende doch recht htte!

Und konnte es anders sein? Der gute Treibel, er war doch auch
seinerseits das Produkt dreier, im Fabrikbetrieb immer reicher
gewordenen Generationen, und aller guten Geistes- und Herzensanlagen
unerachtet und trotz seines politischen Gastspiels auf der Bhne
Teupitz-Zossen -- der Bourgeois steckte ihm wie seiner sentimentalen
Frau tief im Geblt.




Dreizehntes Kapitel


Am anderen Morgen war die Kommerzienrtin frher auf als gewhnlich und
lie von ihrem Zimmer aus zu Treibel hinber sagen, da sie das
Frhstck allein nehmen wolle. Treibel schob es auf die Verstimmung vom
Abend vorher, ging aber darin fehl, da Jenny ganz aufrichtig vorhatte,
die durch Verbleib auf ihrem Zimmer frei gewordene halbe Stunde zu einem
Briefe an Hildegard zu benutzen. Es galt eben Wichtigeres heute, als den
Kaffee muevoll und friedlich oder vielleicht auch unter fortgesetzter
Kriegfhrung einzunehmen, und wirklich, kaum da sie die kleine Tasse
geleert und auf das Tablett zurckgeschoben hatte, so vertauschte sie
auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und lie die
Feder mit rasender Schnelligkeit ber verschiedene kleine Bogen
hingleiten, von denen jeder nur die Gre einer Handflche, Gott sei
Dank aber die herkmmlichen vier Seiten hatte. Briefe, wenn ihr die
Stimmung nicht fehlte, gingen ihr immer leicht von der Hand, aber nie so
wie heute, und ehe noch die kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug,
schob sie schon die Bogen zusammen, klopfte sie auf der Tischplatte wie
ein Spiel Karten zurecht und berlas noch einmal mit halblauter Stimme
das Geschriebene.

Liebe Hildegard. Seit Wochen tragen wir uns damit, unsren seit lange
gehegten Wunsch erfllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen.
Bis in den Mai hinein hatten wir schlechtes Wetter, und von einem Lenz,
der mir die schnste Jahreszeit bedeutet, konnte kaum die Rede sein.
Aber seit beinah' vierzehn Tagen ist es anders, in unsrem Garten
schlagen die Nachtigallen, was Du, wie ich mich sehr wohl erinnere, so
sehr liebst, und so bitten wir Dich herzlich, Dein schnes Hamburg auf
ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken zu wollen.
Treibel vereinigt seine Wnsche mit den meinigen, und Leopold schliet
sich an. Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in
diesem Sinne zu sprechen, ist berflssig, denn ihre herzlichen Gefhle
fr Dich kennst Du so gut, wie wir sie kennen, Gefhle, die, wenn ich
recht beobachtet habe, gerade neuerdings wieder in einem bestndigen
Wachsen begriffen sind. Es liegt so, da ich, soweit das in einem Briefe
mglich, ausfhrlicher darber zu Dir sprechen mchte. Mitunter, wenn
ich sie so bla sehe, so gut ihr gerade diese Blsse kleidet, tut mir
doch das innerste Herz weh, und ich habe nicht den Mut, nach der Ursache
zu fragen. Otto ist es =nicht=, dessen bin ich sicher, denn er ist nicht
nur gut, sondern auch rcksichtsvoll, und ich empfinde dann allen
Mglichkeiten gegenber ganz deutlich, da es nichts anderes sein kann
als Heimweh. Ach, mir nur zu begreiflich, und ich mchte dann immer
sagen, >reise, Helene, reise heute, reise morgen, und sei versichert,
da ich mich, wie des Wirtschaftlichen berhaupt, so auch namentlich der
Weizeugpltterei nach besten Krften annehmen werde, gerade so, ja mehr
noch, als wenn es fr Treibel wre, der in diesen Stcken auch so
diffizil ist, diffiziler als viele andere Berliner.< Aber ich sage das
alles nicht, weil ich ja wei, da Helene lieber auf jedes andere Glck
verzichtet, als auf das Glck, das in dem Bewutsein erfllter Pflicht
liegt. Vor allem dem Kinde gegenber. Lizzi mit auf die Reise zu nehmen,
wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden mten, ist fast
ebenso undenkbar, wie Lizzi zurckzulassen. Das se Kind! Wie wirst Du
Dich freuen, sie wieder zu sehen, immer vorausgesetzt, da ich mit
meiner Bitte keine Fehlbitte tue. Denn Photographien geben doch nur ein
sehr ungengendes Bild, namentlich bei Kindern, deren ganzer Zauber in
einer durchsichtigen Hautfarbe liegt; der Teint nuanciert nicht nur den
Ausdruck, er ist der Ausdruck selbst. Denn wie Krola, dessen Du Dich
vielleicht noch erinnerst, erst neulich wieder behauptete, der
Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwrdig. Was wir
Dir bieten knnen, meine se Hildegard? Wenig; eigentlich nichts. Die
Beschrnktheit unsrer Rume kennst Du; Treibel hat auerdem eine neue
Passion ausgebildet und will sich whlen lassen, und zwar in einem
Landkreise, dessen sonderbaren, etwas wendisch klingenden Namen ich
Deiner Geographiekenntnis nicht zumute, trotzdem ich wohl wei, da auch
Eure Schulen -- wie mir Felgentreu (freilich keine Autoritt auf diesem
Gebiete) erst ganz vor kurzem wieder versicherte -- den unsrigen
berlegen sind. Wir haben zur Zeit eigentlich nichts als die
Jubilumsausstellung, in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung
bernommen hat und hart angegriffen wird. Aber was griffe der Berliner
nicht an -- da die Seidel zu klein sind, kann einer Dame wenig bedeuten
-- und ich wte wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit
unserer Bevlkerung sicher wre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich
nicht denken kann, ohne da mir das Herz lacht. Ach, Eure herrliche
Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter und die Sterne darin
flimmern -- ein Anblick, der den, der sich seiner freuen darf, jedesmal
dem Irdischen wie entrckt. Aber vergi es, liebe Hildegard, sonst haben
wir wenig Aussicht, Dich hier zu sehen, was doch ein aufrichtiges
Bedauern bei allen Treibels hervorrufen wrde, am meisten bei Deiner
Dich innig liebenden Freundin und Tante

    Jenny Treibel.

=Nachschrift.= Leopold reitet jetzt viel, jeden Morgen nach Treptow und
auch nach dem Eierhuschen. Er klagt, da er keine Begleitung dabei
habe. Hast Du noch Deine alte Passion? Ich sehe Dich noch so hinfliegen,
Du Wildfang. Wenn ich ein Mann wre, Dich einzufangen, wrde mir das
Leben bedeuten. brigens bin ich sicher, da andere ebenso denken, und
wir wrden lngst den Beweis davon in Hnden haben, wenn Du weniger
whlerisch wrst. Sei es nicht frder und vergi die Ansprche, die Du
machen darfst.

    Deine J. T.

Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und tat sie in ein Kuvert, das,
vielleicht um auch schon uerlich ihren Friedenswunsch anzudeuten, eine
weie Taube mit einem lzweig zeigte. Dies war um so angebrachter, als
Hildegard mit Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut
wute, wie, bisher wenigstens, die wahren Gefhle der Treibels und
besonders die der Frau Jenny gewesen waren.

Die Rtin hatte sich eben erhoben, um nach der am Abend vorher etwas
angezweifelten Anna zu klingeln, als sie, wie von ungefhr, ihren Blick
auf den Vorgarten richtend, ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde, die
rasch vom Gitter her auf das Haus zuschritt. Drauen hielt eine Droschke
zweiter Klasse, geschlossen und das Fenster in die Hhe gezogen,
trotzdem es sehr warm war.

Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und
umarmte sie strmisch. Dann warf sie den Sommermantel und Gartenhut
beiseite und sagte, whrend sie ihre Umarmung wiederholte: Ist es denn
wahr? Ist es mglich?

Jenny nickte stumm und sah nun erst, da Helene noch im Morgenkleide und
ihr Scheitel noch eingeflochten war. Sie hatte sich also, wie sie da
ging und stand, im selben Moment, wo die groe Nachricht auf dem
Holzhofe bekannt geworden war, sofort auf den Weg gemacht, und zwar in
der ersten besten Droschke. Das war etwas, und angesichts dieser
Tatsache fhlte Jenny das Eis hinschmelzen, das acht Jahre lang ihr
Schwiegermutterherz umgrtet hatte. Zugleich traten ihr Trnen in die
Augen. Helene, sagte sie, was zwischen uns gestanden hat, ist fort.
Du bist ein gutes Kind, du fhlst mit uns. Ich war mitunter gegen dies
und das, untersuchen wir nicht, ob mit Recht oder Unrecht; aber in
=solchen= Stcken ist Verla auf euch, und ihr wit Sinn von Unsinn zu
unterscheiden. Von deinem Schwiegervater kann ich dies leider nicht
sagen. Indessen ich denke, das ist nur bergang, und es wird sich geben.
Unter allen Umstnden la uns zusammenhalten. Mit Leopold persnlich,
das hat nichts zu bedeuten. Aber diese gefhrliche Person, die vor
nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewutsein hat, da man drei
Prinzessinnen damit ausstaffieren knnte, gegen =die= mssen wir uns
rsten. Glaube nicht, da sie's uns leicht machen wird. Sie hat ganz den
Professorentochterdnkel und ist imstande sich einzubilden, da sie dem
Hause Treibel noch eine Ehre antut.

Eine schreckliche Person, sagte Helene. Wenn ich an den Tag denke mit
_dear Mr. Nelson_. Wir hatten eine Todesangst, da Nelson seine Reise
verschieben und um sie anhalten wrde. Was daraus geworden wre, wei
ich nicht; bei den Beziehungen Ottos zu der Liverpooler Firma vielleicht
verhngnisvoll fr uns.

Nun, Gott sei Dank, da es vorbergegangen. Vielleicht immer noch
besser so, so knnen wir's _en famille_ austragen. Und den alten
Professor frcht' ich nicht, den habe ich von alter Zeit her am Bndel.
Er mu mit in unser Lager hinber. Und nun mu ich fort, Kind, um
Toilette zu machen ... Aber noch ein Hauptpunkt. Eben habe ich an deine
Schwester Hildegard geschrieben und sie herzlich gebeten, uns mit
Nchstem ihren Besuch zu schenken. Bitte, Helene, fge ein paar Worte an
deine Mama hinzu und tue beides in das Kuvert und adressiere.

Damit ging die Rtin, und Helene setzte sich an den Schreibtisch. Sie
war so bei der Sache, da nicht einmal ein triumphierendes Gefhl
darber, mit ihren Wnschen fr Hildegard nun endlich am Ziele zu sein,
in ihr aufdmmerte; nein, sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr
nur Teilnahme fr ihre Schwiegermutter, als der Trgerin des Hauses,
und nur Ha fr Korinna. Was sie zu schreiben hatte, war rasch
geschrieben. Und nun adressierte sie mit schner englischer Handschrift
in normalen Schwung- und Rundlinien: Frau Konsul Thora Munk, geb.
Thompson. Hamburg. Uhlenhorst.

Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit
zwei Marken frankiert war, brach Helene auf, klopfte nur noch leise an
Frau Jennys Toilettenzimmer und rief hinein: Ich gehe jetzt, liebe
Mama. Den Brief nehme ich mit. Und gleich danach passierte sie wieder
den Vorgarten, weckte den Droschkenkutscher und stieg ein.

       *       *       *       *       *

Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidts
eingetroffen, ein Fall, der, in dieser seiner Gedoppeltheit, noch nicht
dagewesen war. Der eine dieser Briefe richtete sich an den Professor und
hatte folgenden kurzen Inhalt: Lieber Freund! Darf ich darauf rechnen,
Sie heute zwischen zwlf und eins in Ihrer Wohnung zu treffen? Keine
Antwort, gute Antwort. Ihre ganz ergebene Jenny Treibel. Der andere,
nicht viel lngere Brief, war an Korinna adressiert und lautete: Liebe
Korinna. Gestern abend noch hatte ich ein Gesprch mit der Mama. Da ich
auf Widerstand stie, brauche ich Dir nicht erst zu sagen, und es ist
mir gewisser denn je, da wir schweren Kmpfen entgegengehen. Aber
nichts soll uns trennen. In meiner Seele lebt eine hohe Freudigkeit und
gibt mir Mut zu allem. Das ist das Geheimnis und zugleich die Macht der
Liebe. Diese Macht soll mich auch weiter fhren und festigen. Trotz
aller Sorge Dein berglcklicher Leopold. Korinna legte den Brief aus
der Hand. Armer Junge! Was er da schreibt, ist ehrlich gemeint, selbst
das mit dem Mut. Aber ein Hasenohr guckt doch durch. Nun, wir mssen
sehen. Halte was du hast. Ich gebe nicht nach.

       *       *       *       *       *

Korinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprchen.
Mitunter kam die Schmolke, sagte aber nichts und beschrnkte sich auf
kleine wirtschaftliche Fragen. Der Professor seinerseits hatte zwei
Stunden zu geben, eine griechische: Pindar, und eine deutsche:
romantische Schule (Novalis), und war bald nach zwlf wieder zurck. Er
schritt in seinem Zimmer auf und ab, abwechselnd mit einem ihm in seiner
Schluwendung absolut unverstndlich gebliebenen Novalisgedicht und dann
wieder mit dem so feierlich angekndigten Besuche seiner Freundin Jenny
beschftigt. Es war kurz vor eins, als ein Wagengerumpel auf dem
schlechten Steinpflaster unten ihn annehmen lie, sie werde es sein. Und
sie war es, diesmal allein, ohne Frulein Honig und ohne den Bologneser.
Sie ffnete selbst den Schlag und stieg dann langsam und bedchtig, als
ob sie sich ihre Rolle noch einmal berhre, die Steinstufen der
Auentreppe hinauf. Eine Minute spter hrte Schmidt die Klingel gehen,
und gleich danach meldete die Schmolke: Frau Kommerzienrtin Treibel.

Schmidt ging ihr entgegen, etwas weniger unbefangen als sonst, kte ihr
die Hand und bat sie, auf seinem Sofa, dessen tiefste Kesselstelle durch
ein groes Lederkissen einigermaen applaniert war, Platz zu nehmen. Er
selber nahm einen Stuhl, setzte sich ihr gegenber und sagte: Was
verschafft mir die Ehre, liebe Freundin? Ich nehme an, da etwas
besonderes vorgefallen ist.

Das ist es, lieber Freund. Und Ihre Worte lassen mir keinen Zweifel
darber, da Frulein Korinna noch nicht fr gut befunden hat, Sie mit
dem Vorgefallenen bekannt zu machen. Frulein Korinna hat sich nmlich
gestern Abend mit meinem Sohne Leopold verlobt.

Ah, sagte Schmidt in einem Tone, der ebensogut Freude wie Schreck
ausdrcken konnte.

Frulein Korinna hat sich gestern auf unsrer Grunewaldpartie, die
vielleicht besser unterblieben wre, mit meinem Sohne Leopold verlobt,
nicht umgekehrt. Leopold tut keinen Schritt ohne mein Wissen und Willen,
am wenigsten einen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung, und so mu
ich denn, zu meinem lebhaften Bedauern, von etwas Abgekartetem oder
einer gestellten Falle, ja, Verzeihung, lieber Freund, von einem
wohlberlegten berfall sprechen.

Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe,
sondern auch seine gewhnliche Heiterkeit wieder. Er sah, da er sich in
seiner alten Freundin nicht getuscht hatte, da sie, vllig
unverndert, die, trotz Lyrik und Hochgefhle, ganz ausschlielich auf
uerlichkeiten gestellte Jenny Brstenbinder von ehedem war, und da
seinerseits, unter selbstverstndlicher Wahrung artigster Formen und
anscheinend vollen Entgegenkommens, ein Ton superioren bermutes
angeschlagen und in die sich nun hchst wahrscheinlich entspinnende
Debatte hineingetragen werden msse. Das war er sich, das war er Korinna
schuldig.

Ein berfall, meine gndigste Frau. Sie haben vielleicht nicht
ganz unrecht, es so zu nennen. Und da es gerade auf diesem Terrain
sein mute. Sonderbar genug, da Dinge derart ganz bestimmten
Lokalitten unveruerlich anzuhaften scheinen. Alle Bemhungen, durch
Schwanenhuser und Kegelbahnen im Stillen zu reformieren, der Sache
friedlich beizukommen, erweisen sich als nutzlos, und der frhere
Charakter dieser Gegenden, insonderheit unseres alten belbeleumdeten
Grunewalds, bricht immer wieder durch. Immer wieder aus dem Stegreif.
Erlauben Sie mir, gndigste Frau, da ich den derzeitigen Junker
_generis feminini_ herbeirufe, damit er seiner Schuld gestndig werde.

Jenny bi sich auf die Lippen und bedauerte das unvorsichtige Wort, das
sie nun dem Spotte preisgab. Es war aber zu spt zur Umkehr, und so
sagte sie nur: Ja, lieber Professor, es wird das beste sein, Korinna
selbst zu hren. Und ich denke, sie wird sich mit einem gewissen Stolz
dazu bekennen, dem armen Jungen das Spiel ber den Kopf weggenommen zu
haben.

Wohl mglich, sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree
hinein: Korinna.

Kaum, da er seinen Platz wieder eingenommen hatte, so stand die von ihm
Gerufene auch schon in der Tr, verbeugte sich artig gegen die
Kommerzienrtin und sagte: du hast gerufen, Papa?

Ja, Korinna, das hab' ich. Eh' wir aber weitergehen, nimm einen Stuhl
und setze dich in einiger Entfernung von uns. Denn ich mchte es auch
uerlich markieren, da du vorlufig eine Angeklagte bist. Rcke in die
Fensternische, da sehen wir dich am besten. Und nun sage mir, hat es
seine Richtigkeit damit, da du gestern Abend im Grunewald, in dem
ganzen Junkerbermut einer geborenen Schmidt, einen friedlich und
unbewaffnet seines Weges ziehenden Brgersohn, namens Leopold Treibel,
seiner besten Barschaft beraubt hast?

Korinna lchelte. Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und
sagte: Nein, Papa, das ist grundfalsch. Es hat alles den landesblichen
Verlauf genommen, und wir sind so regelrecht verlobt, wie man nur
verlobt sein kann.

Ich bezweifle das nicht, Frulein Korinna, sagte Jenny. Leopold
selbst betrachtet sich als Ihren Verlobten. Ich sage nur das eine, da
Sie das berlegenheitsgefhl, das Ihnen Ihre Jahre ...

Nicht meine Jahre. Ich bin jnger ...

... Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben, da Sie diese
berlegenheit dazu benutzt haben, den armen Jungen willenlos zu machen
und ihn fr sich zu gewinnen.

Nein, meine gndigste Frau, das ist ebenfalls nicht ganz richtig,
wenigstens zunchst nicht. Da es schlielich doch vielleicht richtig
sein wird, darauf mssen Sie mir erlauben, weiterhin zurckzukommen.

Gut, Korinna, gut, sagte der Alte. Fahre nur fort. Also zunchst ...

Also zunchst unrichtig, meine gndigste Frau. Denn wie kam es? Ich
sprach mit Leopold von seiner nchsten Zukunft und beschrieb ihm einen
Hochzeitszug, absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu
nennen. Und als ich zuletzt Namen nennen mute, da war es Blankenese, wo
die Gste zum Hochzeitsmahle sich sammelten, und war es die schne
Hildegard Munk, die, wie eine Knigin gekleidet, als Braut neben ihrem
Brutigam sa. Und dieser Brutigam war Ihr Leopold, meine gndigste
Frau. Selbiger Leopold aber wollte von dem allen nichts wissen und
ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag in aller Form. Und
nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser Erinnerung kein
Glck gehabt hatte, da haben wir uns verlobt ...

Ich glaube das, Frulein Korinna, sagte die Rtin. Ich glaube das
ganz aufrichtig. Aber schlielich ist das alles doch nur eine Komdie.
Sie wuten ganz gut, da er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab, und Sie
wuten nur zu gut, da Sie, je mehr Sie das arme Kind, die Hildegard, in
den Vordergrund stellten, desto gewisser -- um nicht zu sagen desto
leidenschaftlicher, denn er ist nicht eigentlich der Mann der
Leidenschaften -- desto gewisser, sag' ich, wrd' er sich auf Ihre Seite
stellen und sich zu Ihnen bekennen.

Ja, gndige Frau, das wut' ich oder wut' es doch beinah. Es war noch
kein Wort in diesem Sinne zwischen uns gesprochen worden, aber ich
glaubte trotzdem, und seit lngerer Zeit schon, da er glcklich sein
wrde, mich seine Braut zu nennen.

Und durch die klug und berechnend ausgesuchte Geschichte mit dem
Hamburger Hochzeitszuge haben Sie eine Erklrung herbeizufhren gewut
...

Ja, meine gndigste Frau, das hab' ich, und ich meine, das alles war
mein gutes Recht. Und wenn Sie nun dagegen, und wie mir's scheint ganz
ernsthaft, Ihren Protest erheben wollen, erschrecken Sie da nicht vor
Ihrer eigenen Forderung, vor der Zumutung, ich htte mich jedes
Einflusses auf Ihren Sohn enthalten sollen. Ich bin keine Schnheit,
habe nur eben das Durchschnittsma. Aber nehmen Sie, so schwer es Ihnen
werden mag, fr einen Augenblick einmal an, ich wre wirklich so was wie
eine Schnheit, eine Beaut, der Ihr Herr Sohn nicht htte widerstehen
knnen, wrden Sie von mir verlangt haben, mir das Gesicht mit tzlauge
zu zerstren, blo damit Ihr Sohn, mein Verlobter, nicht in eine durch
mich gestellte Schnheitsfalle fiele?

Korinna, lchelte der Alte, nicht zu scharf. Die Rtin ist unter
unserm Dache.

Sie wrden das =nicht= von mir verlangt haben, so wenigstens nehme ich
vorlufig an, vielleicht in berschtzung Ihrer freundlichen Gefhle fr
mich, und doch verlangen Sie von mir, da ich mich dessen begebe, was
die Natur mir gegeben hat. Ich habe meinen guten Verstand und bin offen
und frei und be damit eine gewisse Wirkung auf die Mnner aus, mitunter
auch gerade auf solche, denen das fehlt, was ich habe, -- soll ich mich
dessen entkleiden? Soll ich mein Pfund vergraben? Soll ich das bichen
Licht, das =mir= geworden, unter den Scheffel stellen? Verlangen Sie,
da ich bei Begegnungen mit Ihrem Sohne wie eine Nonne dasitze, blo
damit das Haus Treibel vor einer Verlobung mit mir bewahrt bleibe?
Erlauben Sie mir, gndigste Frau, und Sie mssen meine Worte meinem
erregten Gefhle, das Sie herausgefordert, zu gute halten, erlauben Sie
mir, Ihnen zu sagen, da ich das nicht blo hochmtig und hchst
verwerflich, da ich es vor allem auch ridikl finde. Denn wer sind die
Treibels? Berlinerblaufabrikanten mit einem Ratstitel, und ich, ich bin
eine Schmidt.

Eine Schmidt, wiederholte der alte Wilibald freudig, gleich danach
hinzufgend: Und nun sagen Sie, liebe Freundin, wollen wir nicht lieber
abbrechen und alles den Kindern und einer gewissen ruhigen historischen
Entwicklung berlassen?

Nein, mein lieber Freund, das wollen wir nicht. Wir wollen nichts der
historischen Entwicklung und noch weniger der Entscheidung der Kinder
berlassen, was gleichbedeutend wre mit Entscheidung durch Frulein
Korinna. Dies zu hindern, deshalb eben bin ich hier. Ich hoffte bei den
Erinnerungen, die zwischen uns leben, Ihrer Zustimmung und Untersttzung
sicher zu sein, sehe mich aber getuscht und werde meinen Einflu, der
hier gescheitert, auf meinen Sohn Leopold beschrnken mssen.

Ich frchte, sagte Korinna, da er auch da versagt ...

Was lediglich davon abhngen wird, ob er Sie sieht oder nicht.

Er wird mich sehen.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Und darauf erhob sich die Kommerzienrtin und ging, ohne dem Professor
die Hand gereicht zu haben, auf die Tr zu. Hier wandte sie sich noch
einmal und sagte zu Korinna: Korinna, lassen Sie uns vernnftig reden.
Ich will alles vergessen. Lassen Sie den Jungen los. Er pat nicht
einmal fr Sie. Und was das Haus Treibel angeht, so haben Sies eben in
einer Weise charakterisiert, da es Ihnen kein Opfer kosten kann, darauf
zu verzichten ...

Aber meine Gefhle, gndigste Frau ...

Bah, lachte Jenny, da Sie so sprechen knnen, zeigt mir deutlich,
da Sie keine haben und da alles bloer bermut oder vielleicht auch
Eigensinn ist. Da Sie sich dieses Eigensinns begeben mgen, wnsche ich
Ihnen und uns. Denn es kann zu nichts fhren. Eine Mutter hat =auch=
Einflu auf einen schwachen Menschen, und ob Leopold Lust hat, seine
Flitterwochen in einem Ahlbecker Fischerhause zu verbringen, ist mir
doch zweifelhaft. Und da das Haus Treibel Ihnen keine Villa in Capri
bewilligen wird, dessen drfen Sie gewi sein.

Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entree hinaus. Korinna
blieb zurck, Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die
Treppe.

Adieu, sagte hier die Rtin. Ich bedauere, lieber Freund, da dies
zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler, vieler
Jahre stren mute. Meine Schuld ist es nicht. Sie haben Korinna
verwhnt, und das Tchterchen schlgt nun einen spttischen und
berheblichen Ton an und ignoriert, wenn nichts andres, so doch die
Jahre, die mich von ihr trennen. Impiett ist der Charakter unserer
Zeit.

Schmidt, ein Schelm, gefiel sich darin, bei dem Wort Impiett ein
betrbtes Gesicht aufzusetzen. Ach, liebe Freundin, sagte er, Sie
mgen wohl recht haben, aber nun ist es zu spt. Ich bedauere, da es
unserm Hause vorbehalten war, Ihnen einen Kummer, wie diesen, um nicht
zu sagen eine Krnkung anzutun. Freilich, wie Sie schon sehr richtig
bemerkt haben, die Zeit ... alles will ber sich hinaus und strebt
hheren Staffeln zu, die die Vorsehung sichtbarlich nicht wollte.

Jenny nickte. Gott bere es.

Lassen Sie uns das hoffen.

Und damit trennten sie sich.

In das Zimmer zurckgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr
einen Ku auf die Stirn und sagte: Korinna, wenn ich nicht Professor
wre, so wrd' ich am Ende Sozialdemokrat.

Im selben Augenblick kam auch die Schmolke. Sie hatte nur das letzte
Wort gehrt und erratend, um was es sich handle, sagte sie: Ja, das hat
Schmolke auch immer gesagt.




Vierzehntes Kapitel


Der nchste Tag war ein Sonntag, und die Stimmung, in der sich das
Treibelsche Haus befand, konnte nur noch dazu beitragen, dem Tage zu
seiner herkmmlichen dheit ein Betrchtliches zuzulegen. Jeder mied den
andern. Die Kommerzienrtin beschftigte sich damit, Briefe, Karten und
Photographien zu ordnen, Leopold sa auf seinem Zimmer und las Goethe
(=was= ist nicht ntig zu verraten), und Treibel selbst ging im Garten
um das Bassin herum und unterhielt sich, wie meist in solchen Fllen,
mit der Honig. Er ging dabei so weit, sie ganz ernsthaft nach Krieg und
Frieden zu fragen, allerdings mit der Vorsicht, sich eine Art
Prliminarantwort gleich selbst zu geben. In erster Reihe stehe fest,
da es niemand wisse, selbst der leitende Staatsmann nicht (er hatte
sich diese Phrase bei seinen ffentlichen Reden angewhnt), aber eben
weil es niemand wisse, sei man auf Sentiments angewiesen, und darin sei
niemand grer und zuverlssiger als die Frauen. Es sei nicht zu
leugnen, das weibliche Geschlecht habe was Pythisches, ganz abgesehen
von jenem Orakelhaften niederer Observanz, das noch so nebenherlaufe.
Die Honig, als sie schlielich zu Worte kam, fate ihre politische
Diagnose dahin zusammen: sie she nach Westen hin einen klaren Himmel,
whrend es im Osten finster braue, ganz entschieden, und zwar oben
sowohl wie unten. Oben wie unten, wiederholte Treibel. O, wie wahr.
Und das Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben. Ja, Frulein
Honig, damit haben wir's getroffen. Und Czicka, das Hndchen, das
natrlich auch nicht fehlte, blaffte dazu. So ging das Gesprch zu
gegenseitiger Zufriedenheit. Treibel aber schien doch abgeneigt, aus
diesem Weisheitsquell andauernd zu schpfen, und zog sich nach einiger
Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurck, ganz Halensee
verwnschend, das mit seiner Kaffeeklappe diese husliche Mistimmung
und diese Sonntags-Extralangeweile heraufbeschworen habe. Gegen Mittag
traf ein an ihn adressiertes Telegramm ein: Dank fr Brief. Ich komme
morgen mit dem Nachmittagszug. Eure Hildegard. Er schickte das
Telegramm, aus dem er berhaupt erst von der erfolgten Einladung erfuhr,
an seine Frau hinber und war, trotzdem er das selbstndige Vorgehen
derselben etwas sonderbar fand, doch auch wieder aufrichtig froh,
nunmehr einen Gegenstand zu haben, mit dem er sich in seiner Phantasie
beschftigen konnte. Hildegard war sehr hbsch, und die Vorstellung,
innerhalb der nchsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf
seinen Gartenspaziergngen um sich zu haben, tat ihm wohl. Er hatte nun
auch einen Gesprchsstoff, und whrend ohne diese Depesche die
Mittagsunterhaltung wahrscheinlich sehr kmmerlich verlaufen oder
vielleicht ganz ausgefallen wre, war es jetzt wenigstens mglich, ein
paar Fragen zu stellen. Er stellte diese Fragen auch wirklich und alles
machte sich ganz leidlich; nur Leopold sprach kein Wort und war froh,
als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektre zurckkehren konnte.

Leopolds ganze Haltung gab berhaupt zu verstehen, da er ber sich
bestimmen zu lassen, frder nicht mehr Willens sei; trotzdem war ihm
klar, da er sich den Reprsentationspflichten des Hauses nicht
entziehen und also nicht unterlassen drfe, Hildegard am andern
Nachmittag auf dem Bahnhofe zu empfangen. Er war pnktlich da, begrte
die schne Schwgerin und absolvierte die landesbliche Fragenreihe nach
dem Befinden und den Sommerplnen der Familie, whrend einer der von ihm
engagierten Gepcktrger erst die Droschke, dann das Gepck besorgte.
Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit Messingbeschlag,
dieser aber war von solcher Gre, da er, als er hinaufgewuchtet war,
der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baues von zwei Etagen
gab.

Unterwegs wurde das Gesprch von seiten Leopolds wieder aufgenommen,
erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen, weil seine stark
hervortretende Befangenheit seiner Schwgerin nur Grund zur Heiterkeit
gab. Und nun hielten sie vor der Villa. Die ganze Treibelei stand am
Gitter, und als die herzlichsten Begrungen ausgetauscht und die
ntigsten Toilettenarrangements in fliegender Eile, das heit ziemlich
muevoll gemacht worden waren, erschien Hildegard auf der Veranda, wo
man inzwischen den Kaffee serviert hatte. Sie =fand= alles himmlisch,
was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul Thora
Munk hindeutete, die sehr wahrscheinlich Unterdrckung alles
Hamburgischen und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel
empfohlen hatte. Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise
gleich das Kaffeeservice rundweg bewundert. Eure Berliner Muster
schlagen jetzt alles aus dem Felde, selbst Svres. Wie reizend diese
Grecborte. Leopold stand in einer Entfernung und hrte zu, bis
Hildegard pltzlich abbrach und allem, was sie gesagt, nur noch
hinzusetzte: Scheltet mich brigens nicht, da ich in einem fort von
Dingen spreche, fr die sich ja morgen auch noch die Zeit finden wrde:
Grecborte und Svres und Meien und Zwiebelmuster. Aber Leopold ist
Schuld; er hat unsere Konversation in der Droschke so streng
wissenschaftlich gefhrt, da ich beinahe in Verlegenheit kam; ich
wollte gern von Lizzi hren und denkt euch, er sprach nur von Anschlu
und Radialsystem, und ich genierte mich zu fragen, was es sei.

Der alte Treibel lachte; die Kommerzienrtin aber verzog keine Miene,
whrend ber Leopolds blasses Gesicht eine leichte Rte flog.

So verging der erste Tag, und Hildegards Unbefangenheit, die man sich zu
stren wohl htete, schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu
sollen, alles um so mehr, als es die Kommerzienrtin an Aufmerksamkeiten
jeder Art nicht fehlen lie. Ja, sie verstieg sich zu hchst wertvollen
Geschenken, was sonst ihre Sache nicht war. Ungeachtet all dieser
Anstrengungen aber und trotzdem dieselben, wenn man nicht tiefer
nachforschte, von wenigstens halben Erfolgen begleitet waren, wollte
sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen, selbst bei Treibel
nicht, auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem glcklichen
Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war. Ja, diese gute Laune,
sie blieb aus mancherlei Grnden aus, unter denen gerade jetzt auch
=der= war, da die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen
Niederlage Vogelsangs geendigt hatte. Dabei mehrten sich die
persnlichen Angriffe gegen Treibel. Anfangs hatte man diesen, wegen
seiner groen Beliebtheit, rcksichtsvoll auer Spiel gelassen, bis die
Taktlosigkeiten seines Agenten ein weiteres Schonen unmglich machten.
Es ist zweifellos ein Unglck, so hie es in den Organen der
Gegenpartei, so beschrnkt zu sein wie Leutnant Vogelsang, aber eine
solche Beschrnktheit in seinen Dienst zu nehmen, ist eine Miachtung
gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises. Die Kandidatur
Treibel scheitert einfach an diesem Affront.

       *       *       *       *       *

Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels, was Hildegard
allmhlich so sehr zu fhlen begann, da sie halbe Tage bei den
Geschwistern zubrachte. Der Holzhof war berhaupt hbscher als die
Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit ihren langen weien Strmpfen.
Einmal waren sie auch rot. Wenn sie so herankam und die Tante Hildegard
mit einem Knix begrte, flsterte diese der Schwester zu: _quite
english, Helen_ und man lchelte sich dann glcklich an. Ja, es waren
Lichtblicke. Wenn Lizzi dann aber wieder fort war, war auch zwischen den
Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr, weil das
Gesprch die zwei wichtigsten Punkte nicht berhren durfte: die
Verlobung Leopolds und den Wunsch aus dieser Verlobung mit guter Manier
herauszukommen.

Ja, es sah nicht heiter aus bei den Treibels, aber bei den Schmidts auch
nicht. Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in
Verstimmung, lebte vielmehr umgekehrt der berzeugung, da sich nun
alles bald zum Besseren wenden werde; diesen Proze aber sich still
vollziehen zu lassen, schien ihm ganz unerllich, und so verurteilte er
sich, was ihm nicht leicht wurde, zu bedingtem Schweigen. Die Schmolke
war natrlich ganz entgegengesetzter Ansicht und hielt, wie die meisten
alten Berlinerinnen, auerordentlich viel von sich aussprechen, je
mehr und je fter, desto besser. Ihre nach dieser Seite hin abzielenden
Versuche verliefen aber resultatlos, und Korinna war nicht zum Sprechen
zu bewegen, wenn die Schmolke begann: Ja, Korinna, was soll denn nun
eigentlich werden? Was denkst du dir denn eigentlich?

Auf all' das gab es keine rechte Antwort, vielmehr stand Korinna wie am
Roulett und wartete mit verschrnkten Armen, wohin die Kugel fallen
wrde. Sie war nicht unglcklich, aber uerst unruhig und unmutig, vor
allem, wenn sie der heftigen Streitszene gedachte, bei der sie doch
vielleicht zuviel gesagt hatte. Sie fhlte ganz deutlich, da alles
anders gekommen wre, wenn die Rtin etwas weniger Herbheit, sie selber
aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt htte. Ja, da htte sich dann
ohne sonderliche Mhe Frieden schlieen und das Bekenntnis einer
gewissen Schuld, weil alles blo Berechnung gewesen, allenfalls ablegen
lassen. Aber freilich im selben Augenblicke, wo sie, neben dem Bedauern
ber die hochmtige Haltung der Rtin, vor allem und in erster Reihe
sich selber der Schuld zieh, in eben diesem Augenblicke mute sie sich
doch auch wieder sagen, da ein Wegfall alles dessen, was ihr vor ihrem
eigenen Gewissen in dieser Angelegenheit als fragwrdig erschien, in den
Augen der Rtin nichts gebessert haben wrde. Diese schreckliche Frau,
trotzdem sie bestndig so tat und sprach, war ja weitab davon, ihr wegen
ihres Spiels mit Gefhlen einen ernsthaften Vorwurf zu machen. Das war
ja Nebensache, da lag es nicht. Und wenn sie diesen lieben und guten
Menschen, wie's ja doch mglich war, aufrichtig und von Herzen geliebt
htte, so wre das Verbrechen genau dasselbe gewesen. Diese Rtin, mit
ihrem berheblichen >Nein<, hat mich nicht da getroffen, wo sie mich
treffen konnte, sie weist diese Verlobung nicht zurck, weil mirs an
Herz und Liebe gebricht, nein, sie weist sie nur zurck, weil ich arm
oder wenigstens nicht dazu angetan bin, das Treibelsche Vermgen zu
verdoppeln, um nichts, nichts weiter; und wenn sie vor anderen
versichert oder vielleicht auch sich selber einredet, ich sei ihr zu
selbstbewut und zu professorlich, so sagt sie das nur, weil's ihr
gerade pat. Unter andern Verhltnissen wrde meine Professorlichkeit
mir nicht nur nicht schaden, sondern ihr umgekehrt die Hhe der
Bewunderung bedeuten.

So gingen Korinnas Reden und Gedanken, und um sich ihnen nach
Mglichkeit zu entziehen, tat sie, was sie seit lange nicht mehr getan,
und machte Besuche bei den alten und jungen Professorenfrauen. Am besten
gefiel ihr wieder die gute, ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch
genommene Frau Rindfleisch, die jeden Tag, ihrer vielen Pensionre
halber, in die groe Markthalle ging und immer die besten Quellen und
billigsten Preise wute, Preise, die dann spter der Schmolke
mitgeteilt, in erster Reihe den rger derselben, zuletzt aber ihre
Bewunderung vor einer hheren wirtschaftlichen Potenz weckten. Auch bei
Frau Immanuel Schultze sprach Korinna vor und fand dieselbe, vielleicht
weil Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares
Thema bildete, auffallend nett und gesprchig, Immanuel selbst aber war
wieder so grosprecherisch und zynisch, da sie doch fhlte, den Besuch
nicht wiederholen zu knnen. Und weil die Woche so viele Tage hatte, so
mute sie sich zuletzt zu Museum und Nationalgalerie bequemen. Aber sie
hatte keine rechte Stimmung dafr. Im Cornelius-Saal interessierte sie,
vor dem einen groen Wandbilde, nur die ganz kleine Predelle, wo Mann
und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken, und im gyptischen Museum
fand sie eine merkwrdige hnlichkeit zwischen Ramses und Vogelsang.

Wenn sie dann nach Hause kam, fragte sie jedesmal, ob wer dagewesen sei,
was heien sollte: War Leopold da? worauf die Schmolke regelmig
antwortete: Nein, Korinna, keine Menschenseele. Wirklich, Leopold
hatte nicht den Mut zu kommen und beschrnkte sich darauf, jeden Abend
einen kleinen Brief zu schreiben, der dann am andern Morgen auf ihrem
Frhstckstische lag. Schmidt sah lchelnd drber hin, und Korinna stand
dann wie von ungefhr auf, um das Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen.
Liebe Korinna. Der heutige Tag verlief wie alle. Die Mama scheint in
ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen. Nun, wir wollen sehen, wer
siegt. Hildegard ist viel bei Helene, weil niemand hier ist, der sich
recht um sie kmmert. Sie kann mir leid tun, ein so junges und hbsches
Mdchen. Alles das Resultat solcher Anzettelungen. Meine Seele verlangt,
Dich zu sehen, und in der nchsten Woche werden Entschlsse von mir
gefat werden, die volle Klarheit schaffen. Mama wird sich wundern. Nur
soviel, ich erschrecke vor nichts, auch vor dem uersten nicht. Das mit
dem vierten Gebot ist recht gut, aber es hat seine Grenzen. Wir haben
auch Pflichten gegen uns selbst und gegen die, die wir ber alles
lieben, die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten. Ich schwanke noch,
wohin, denke aber England; da haben wir Liverpool und Mr. Nelson und in
zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze. Schlielich ist es
gleich, wer uns uerlich vereinigt, sind wir es doch lngst in uns. Wie
mir das Herz dabei schlgt. Ewig der Deine. Leopold.

Korinna zerri den Brief in kleine Streifen und warf sie drauen ins
Kochloch. Es ist am besten so; dann verge ich wieder, was er heute
geschrieben, und kann morgen nicht mehr vergleichen. Denn mir ist, als
schriebe er jeden Tag dasselbe. Sonderbare Verlobung. Aber soll ich ihm
einen Vorwurf machen, da er kein Held ist? Und mit meiner Einbildung,
ihn zum Helden umschaffen zu knnen, ist es auch vorbei. Die Niederlagen
und Demtigungen werden nun wohl ihren Anfang nehmen. Verdient? Ich
frchte.

       *       *       *       *       *

Anderthalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidtschen Hause
nichts verndert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und
Leopold noch weniger, und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit
groer Pnktlichkeit ein; Korinna las sie schon lngst nicht mehr,
berflog sie nur und schob sie dann lchelnd in ihre Morgenrocktasche,
wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie hatte zum Troste nichts als
die Schmolke, deren gesunde Gegenwart ihr wirklich wohltat, wenn sie's
auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.

Aber auch das hatte seine Zeit.

Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war
Mittwoch, wo die Klasse, fr ihn wenigstens, um eine Stunde frher
schlo. Korinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die
Drckertr geruschvoll ins Schlo fallen hren, nahmen aber beide keine
Veranlassung, sich weiter um ihn zu kmmern, sondern blieben in der
Kche, d'rin der helle Julisonnenschein lag und alle Fensterflgel
geffnet waren. An einem der Fenster stand auch der Kchentisch.
Drauen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges Blumenbrett, eine jener
merkwrdigen Schpfungen der Holzschneidekunst, wie sie Berlin
eigentmlich sind: kleine Lcher zu Sternblumen zusammengestellt;
Anstrich dunkelgrn. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und
Goldlacktpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich
in grostdtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Kchentisch
setzten. Hier pickten sie vergngt an allem herum, und niemand dachte
daran, sie zu stren. Korinna, den Mrser zwischen den Knien, war mit
Zimtstoen beschftigt, whrend die Schmolke grne Kochbirnen der Lnge
nach durchschnitt und beide gleiche Hlften in eine groe braune
Schssel, eine sogenannte Reibesatte, fallen lie. Freilich zwei ganz
gleiche Hlften waren es nicht, konnten es nicht sein, weil natrlich
nur eine Hlfte den Stengel hatte, welcher Stengel denn auch
Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich die
Schmolke schon seit lange sehnte.

Sieh', Korinna, sagte die Schmolke, dieser hier, dieser lange, das
ist so recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters ...

Korinna nickte.

... Den kann er anfassen wie 'ne Makkaroni und hochhalten und alles von
unten her aufessen ... Es ist doch ein merkwrdiger Mann ...

Ja, das ist er!

Ein merkwrdiger Mann und voller Schrullen, und man mu ihn erst
ausstudieren. Aber das merkwrdigste, das ist doch das mit den langen
Stengeln, un da wir sie, wenn es Semmelpudding un Birnen gibt, nicht
schlen drfen un da der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drin
bleiben mu. Er is doch ein Professor un ein sehr kluger Mann, aber das
mu ich dir sagen, Korinna, wenn ich meinem guten Schmolke, der doch nur
ein einfacher Mann war, mit so lange Stengel un ungeschlt un den ganzen
Kriepsch drin gekommen wr, ja, da htt' es was gegeben. Denn so gut er
war, wenn er dachte, >sie denkt woll, das is gut genug<, dann wurd er
falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus, als ob er mich
arretieren wollte ...

Ja, liebe Schmolke, sagte Korinna, das ist eben einfach die alte
Geschichte vom Geschmack und da sich ber Geschmcker nicht streiten
lt. Und dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von
Gesundheits wegen.

Von Gesundheits wegen, lachte die Schmolke. Na, hre, Kind, wenn
einem so die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un
man mitunter zu 'nem ganz fremden Menschen sagen mu: >Bitte, kloppen
Sie mir mal en bichen, aber hier ordentlich ins Kreuz<, -- nein,
Korinna, da bin ich doch mehr fr eine ausgekernte Malvasier, die
'runter geht wie Butter. Gesundheit! ... Stengel un Schale, was da von
Gesundheit is, das wei ich nich ...

Doch, liebe Schmolke. Manche knnen Obst nicht vertragen und fhlen
sich geniert, namentlich wenn sie, wie Papa, hinterher auch noch die
Sauce lffeln. Und da gibt es nur ein Mittel dagegen: alles mu d'ran
bleiben, der Stengel und die grne Schale. Die beiden, die haben das
Adstringens ...

Was?

Das Adstringens, das heit das, was zusammenzieht, erst blo die Lippen
und den Mund, aber dieser Proze des Zusammenziehens setzt sich dann
durch den ganzen inneren Menschen hin fort, und das ist dann das, was
alles wieder in Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt.

Ein Sperling hatte zugehrt und wie durchdrungen von der Richtigkeit von
Korinnas Auseinandersetzungen, nahm er einen Stengel, der zufllig
abgebrochen war, in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach
hinber. Die beiden Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst
nach einer Viertelstunde das Gesprch wieder auf.

Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe, denn Korinna hatte
mittlerweile den Tisch abgerumt und einen blauen Zuckerbogen darber
ausgebreitet, auf welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein
groes Reibeisen. Dies letztere nahm sie jetzt in die Hand, stemmte sich
mit der linken Schulter dagegen und begann nun ihre Reibettigkeit mit
solcher Vehemenz, da die geriebene Semmel ber den ganzen blauen Bogen
hinstubte. Dann und wann unterbrach sie sich und schttete die
Brckchen nach der Mitte hin zu einem Berg zusammen, aber gleich danach
begann sie von neuem, und es hrte sich wirklich an, als ob sie bei
dieser Arbeit allerlei mrderische Gedanken habe.

Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu. Dann sagte sie: Korinna, wen
zerreibst du denn eigentlich?

Die ganze Welt.

Das is viel ... un dich mit?

Mich zuerst.

Das is recht. Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mrbe
bist, dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen.

Nie.

Man mu nie >nie< sagen, Korinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolke.
Un das mu wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer >nie<
sagte, dann is es immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, da es mit
dir auch so wre.

Korinna seufzte.

Sieh', Korinna, du weit, da ich immer dagegen war. Denn es is ja doch
ganz klar, da du deinen Vetter Marcell heiraten mut.

Liebe Schmolke, nur kein Wort von dem.

Ja, das kennt man, das ist das Unrechtsgefhl. Aber ich will nichts
weiter sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, da ich
immer dagegen war, ich meine gegen Leopold, un da ich einen Schreck
kriegte, als du mir's sagtest. Aber als du mir dann sagtest, da die
Kommerzienrtin sich rgern wrde, da gnnt ich's ihr un dachte, >warum
nich? Warum soll es nich gehn? Un wenn der Leopold auch blo ein
Wickelkind is, Korinnchen wird ihn schon aufpppeln und ihn zu Krften
bringen<. Ja, Korinna, so dacht' ich un hab' es dir auch gesagt. Aber
es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich
rgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der
Schreck ber deine Verlobung, das war doch das richtige. Du mut einen
klugen Mann haben, einen, der eigentlich klger ist, als du -- du bist
brigens gar nich mal so klug -- un der was Mnnliches hat, so wie
Schmolke, un vor dem du Respekt hast. Un vor Leopold kannst du keinen
Respekt haben. Liebst du'n denn noch immer?

Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.

Na, Korinna, denn is es Zeit, un denn mut du nu Schicht damit machen.
Du kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un
andrer Leute Glck, worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is,
verschtten un verderben wollen, blo um der alten Kommerzienrtin mit
ihrem Puffscheitel und ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun. Es
is eine geldstolze Frau, die den Apfelsinenladen vergessen hat un
immer blo tepotte tut un den alten Professor anschmachtet un
ihn auch >Wilibald< nennt, als ob sie noch auf'n Hausboden Versteck
miteinander spielten un hinterm Torf stnden, denn damals hatte man
noch Torf auf'm Boden, un wenn man 'runter kam, sah man immer aus
wie'n Schornsteinfeger, -- ja, sieh', Korinna, das hat alles seine
Richtigkeit, un ich htt' ihr so was gegnnt, un rger genug wird sie
woll auch gehabt haben. Aber wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un
mir in unsrer Traurede gesagt hat: >Liebet euch untereinander, denn der
Mensch soll sein Leben nich auf den Ha, sondern auf die Liebe stellen<,
(dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk gewesen sind) -- so, meine
liebe Korinna, sag' ich es auch zu dir, man soll sein Leben nich auf den
Ha stellen. Hast du denn wirklich einen solchen Ha auf die Rtin, das
heit einen richtigen?

Ach ich denke ja gar nicht daran, liebe Schmolke.

Ja, Korinna, da kann ich dir blo noch mal sagen, dann is es wirklich
die hchste Zeit, da was geschieht. Denn wenn du =ihn= nicht liebst und
=ihr= nicht hat, denn wei ich nich, was die ganze Geschichte berhaupt
noch soll.

Ich auch nicht.

Und damit umarmte Korinna die gute Schmolke, und diese sah denn auch
gleich an einem Flimmer in Korinnas Augen, da nun alles vorber und da
der Sturm gebrochen sei.

Na, Korinna, denn wollen wirs schon kriegen, un es kann noch alles gut
werden. Aber nu gib die Form her, da wir ihn eintun, denn eine Stunde
mu er doch wenigstens kochen. Un vor Tisch sag' ich deinem Vater kein
Wort, weil er sonst vor Freude nich essen kann ...

Ach, der e doch.

Aber nach Tisch sag ichs ihm, wenn er auch um seinen Schlaf kommt. Und
getrumt hab' ich's auch schon un habe dir nur nichts davon sagen
wollen. Aber nun kann ich es ja. Sieben Kutschen und die beiden Klber
von Professer Kuh waren Brautjungfern. Natrlich, Brautjungfern mchten
sie immer alle sein, denn auf die kuckt alles, beinah' mehr noch als auf
die Braut, weil die ja schon weg ist; un meistens kommen sie auch bald
'ran. Un blo den Pastor konnt' ich nich recht erkennen. Thomas war es
nich. Aber vielleicht war es Souchon, blo da er ein bichen zu
dicklich war.




Fnfzehntes Kapitel


Der Pudding erschien Punkt zwei, und Schmidt hatte sich denselben munden
lassen. In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus, da
Korinna fr alles, was er sagte, nur ein stummes Lcheln hatte; denn er
war ein liebenswrdiger Egoist, wie die meisten seines Zeichens, und
kmmerte sich nicht sonderlich um die Stimmung seiner Umgebung, so lange
nichts passierte, was dazu angetan war, ihm die Laune direkt zu stren.

Und nun la abdecken, Korinna; ich will, eh' ich mich ein bichen
ausstrecke, noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens
ein paar Zeilen. Er hat nmlich die Stelle. Distelkamp, der immer noch
alte Beziehungen unterhlt, hat michs heute Vormittag wissen lassen.
Und whrend der Alte das sagte, sah er zu Korinna hinber, weil er
wahrnehmen wollte, wie diese wichtige Nachricht auf seiner Tochter Gemt
wirke. Er sah aber nichts, vielleicht weil nichts zu sehen war,
vielleicht auch weil er kein scharfer Beobachter war, selbst dann nicht,
wenn ers ausnahmsweise mal sein wollte.

Korinna, whrend der Alte sich erhob, stand ebenfalls auf und ging
hinaus, um drauen die ntigen Ordres zum Abrumen an die Schmolke zu
geben. Als diese bald danach eintrat, setzte sie mit jenem absichtlichen
und ganz unntigen Lrmen, durch den alte Dienerinnen ihre dominierende
Hausstellung auszudrcken lieben, die herumstehenden Teller und Bestecke
zusammen, derart, da die Messer- und Gabelspitzen nach allen Seiten hin
herausstarrten, und drckte diesen Stachelturm im selben Augenblicke, wo
sie sich zum Hinausgehen anschickte, fest an sich.

Pieken Sie sich nicht, liebe Schmolke, sagte Schmidt, der sich gern
einmal eine kleine Vertraulichkeit erlaubte.

Nein, Herr Professor, von pieken is keine Rede nich mehr, schon lange
nich. Un mit der Verlobung is es auch vorbei.

Vorbei. Wirklich? Hat sie was gesagt?

Ja, wie sie die Semmel zu den Pudding rieb, ist es mit eins
'rausgekommen. Es stie ihr schon lange das Herz ab, und sie wollte blo
nichts sagen. Aber nu is es ihr zu langweilig geworden, das mit
Leopolden. Immer blo kleine Billetter mit'n Vergimeinnicht drauen
un'n Veilchen drin; da sieht sie nu doch wohl, da er keine rechte
Kourage hat, un da seine Furcht vor der Mama noch grer is, als seine
Liebe zu ihr.

Nun, das freut mich. Und ich hab' es auch nicht anders erwartet. Und
Sie wohl auch nicht, liebe Schmolke. Der Marcell ist doch ein andres
Kraut. Und was heit gute Partie? Marcell ist Archologe.

Versteht sich, sagte die Schmolke, die sich dem Professor gegenber
grundstzlich nie zur Unvertrautheit mit Fremdwrtern bekannte.

Marcell, sag' ich, ist Archologe. Vorlufig rckt er an Hedrichs
Stelle. Gut angeschrieben ist er schon lange, seit Jahr und Tag. Und
dann geht er mit Urlaub und Stipendium nach Myken ...

Die Schmolke drckte auch jetzt wieder ihr volles Verstndnis und
zugleich ihre Zustimmung aus.

Und vielleicht, fuhr Schmidt fort, auch nach Tiryns oder wo
Schliemann gerade steckt. Und wenn er von da zurck ist und mir einen
Zeus fr diese meine Stube mitgebracht hat ... und er wies dabei
unwillkrlich nach dem Ofen oben, als dem einzigen fr Zeus noch
leeren Fleck ... wenn er von da zurck ist, sag' ich, so ist ihm eine
Professur gewi. Die Alten knnen nicht ewig leben. Und sehen Sie,
liebe Schmolke, das ist das, was ich eine gute Partie nenne.

Versteht sich, Herr Professor. Wovor sind denn auch die Examens un all
das? Un Schmolke, wenn er auch kein Studierter war, sagte auch immer
...

Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein
Viertelstndchen hinlegen. Und um halb vier den Kaffee. Aber
nicht spter.

       *       *       *       *       *

Um halb vier kam der Kaffee. Der Brief an Marcell, ein Rohrpostbrief, zu
dem sich Schmidt nach einigem Zgern entschlossen hatte, war seit
wenigstens einer halben Stunde fort, und wenn alles gut ging und Marcell
zu Hause war, so las er vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei
lapidaren Zeilen, aus denen er seinen Sieg entnehmen konnte.
Gymnasial-Oberlehrer! Bis heute war er nur deutscher Literaturlehrer an
einer hheren Mdchenschule gewesen und hatte manchmal grimmig in sich
hineingelacht, wenn er ber den _Codex argenteus_, bei welchem Worte die
jungen Dinger immer kicherten, oder ber den Heliand und Beowulf hatte
sprechen mssen. Auch hinsichtlich Korinnas waren ein paar dunkle
Wendungen in den Brief eingeflochten worden, und alles in allem lie
sich annehmen, da Marcell binnen krzester Frist erscheinen wrde,
seinen Dank auszusprechen.

Und wirklich, fnf Uhr war noch nicht heran, als die Klingel ging und
Marcell eintrat. Er dankte dem Onkel herzlich fr seine Protektion, und
als dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte, da, wenn von solchen
Dingen berhaupt die Rede sein knne, jeder Dankesanspruch auf
Distelkamp falle, sagte Marcell: Nun, dann also Distelkamp. Aber da du
mir's gleich geschrieben, dafr werd' ich mich doch auch bei dir
bedanken drfen. Und noch dazu mit Rohrpost!

Ja, Marcell, das mit Rohrpost, das hat vielleicht Anspruch; denn eh'
wir Alten uns zu was neuem bequemen, das dreiig Pfennig kostet, da kann
mitunter viel Wasser die Spree 'runterflieen. Aber was sagst du zu
Korinna?

Lieber Onkel, du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht, ... ich habe
sie nicht recht verstanden. Du schriebst: >Kenneth von Leoparden sei auf
dem Rckzug<. Ist Leopold gemeint? Und mu es Korinna jetzt als Strafe
hinnehmen, da sich Leopold, den sie so sicher zu haben glaubte, von ihr
abwendet?

Es wre so schlimm nicht, wenn es so lge. Denn in diesem Falle wre
die Demtigung, von der man doch wohl sprechen mu, noch um einen Grad
grer. Und so sehr ich Korinna liebe, so mu ich doch zugeben, da ihr
ein Denkzettel wohl not tte.

Marcell wollte zum Guten reden ...

Nein, verteidige sie nicht, sie htte so was verdient. Aber die Gtter
haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen
Niederlage, die sich in Leopolds selbstgewolltem Rckzuge aussprechen
wrde, nur die halbe Niederlage zu, nur die, da die Mutter nicht will
und da meine gute Jenny, trotz Lyrik und obligater Trne, sich ihrem
Jungen gegenber doch mchtiger erweist als Korinna.

Vielleicht nur, weil Korinna sich noch rechtzeitig besann und nicht
alle Minen springen lassen wollte.

Vielleicht ist es so. Aber wie es auch liegen mag, Marcell, wir mssen
uns nun darber schlssig machen, wie du zu dieser ganzen Tragikomdie
dich stellen willst, so oder so. Ist dir Korinna, die du vorhin so
gromtig verteidigen wolltest, verleidet oder nicht? Findest du, da
sie wirklich eine gefhrliche Person ist, voll Oberflchlichkeit und
Eitelkeit, oder meinst du, da alles nicht so schlimm und ernsthaft war,
eigentlich nur bloe Marotte, die verziehen werden kann? Darauf kommt es
an.

Ja, lieber Onkel, ich wei wohl, wie ich dazu stehe. Aber ich bekenne
dir offen, ich hrte gern erst deine Meinung. Du hast es immer gut mit
mir gemeint und wirst Korinna nicht mehr loben, als sie verdient. Auch
schon aus Selbstsucht nicht, weil du sie gern im Hause behieltest. Und
ein bichen Egoist bist du ja wohl. Verzeih', ich meine nur so dann und
wann und in einzelnen Stcken ...

Sage dreist in allen. Ich wei das auch und getrste mich damit, da es
in der Welt fters vorkommt. Aber das sind Abschweifungen. Von Korinna
soll ich sprechen und will auch. Ja, Marcell, was ist da zu sagen? Ich
glaube, sie war ganz ernsthaft dabei, hat dir's ja auch damals ganz
frank und frei erklrt, und du hast es auch geglaubt, mehr noch als ich.
Das war die Sachlage, so stand es vor ein paar Wochen. Aber jetzt darauf
mcht' ich mich verwetten, jetzt ist sie gnzlich umgewandelt, und wenn
die Treibels ihren Leopold zwischen lauter Juwelen und Goldbarren setzen
wollten, ich glaube, sie nhm' ihn nicht mehr. Sie hat eigentlich ein
gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz, auch einen feinen
Ehrenpunkt, und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male klar
geworden, was es eigentlich heit, wenn man mit zwei Familienportrts
und einer vterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hineinheiraten
will. Sie hat den Fehler gemacht, sich einzubilden, >das ginge so<,
weil man ihrer Eitelkeit bestndig Zuckerbrot gab und so tat, als
bewerbe man sich um sie. Aber bewerben und bewerben ist ein Unterschied.
Gesellschaftlich, das geht eine Weile; nur nicht frs Leben. In
eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in eine
Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn =er=, der Bourgeois, es auch wirklich
bers Herz brchte -- seine Bourgeoise gewi nicht, am wenigsten wenn
sie Jenny Treibel, _ne_ Brstenbinder heit. Rund heraus, Korinnas
Stolz ist endlich wach gerufen, la mich hinzusetzen: Gott sei Dank, und
gleichviel nun, ob sies noch htte durchsetzen knnen oder nicht, sie
mag es und will es nicht mehr, sie hat es satt. Was vordem halb
Berechnung, halb bermut war, das sieht sie jetzt in einem andern Licht
und ist ihr Gesinnungssache geworden. Da hast du meine Weisheit. Und nun
la mich noch einmal fragen, wie gedenkst du dich zu stellen? Hast du
Lust und Kraft, ihr die Torheit zu verzeihen?

Ja, lieber Onkel, das hab' ich. Natrlich, soviel ist richtig, es wre
mir ein gut Teil lieber, die Geschichte htte =nicht= gespielt; aber da
sie nun einmal gespielt hat, nehm' ich mir das Gute daraus. Korinna hat
nun wohl fr immer mit der Modernitt und dem krankhaften Gewichtlegen
aufs uerliche gebrochen, und hat statt dessen die von ihr verspotteten
Lebensformen wieder anerkennen gelernt, in denen sie gro geworden ist.

Der Alte nickte.

Mancher, fuhr Marcell fort, wrde sich anders dazu stellen, das ist
mir vllig klar; die Menschen sind eben verschieden, das sieht man alle
Tage. Da hab' ich beispielsweise, ganz vor kurzem erst, eine kleine
reizende Geschichte von Heyse gelesen, in der ein junger Gelehrter, ja,
wenn mir recht ist, sogar ein archologisch Angekrnkelter, also eine
Art Spezialkollege von mir, eine junge Baronesse liebt und auch herzlich
und aufrichtig wieder geliebt wird; er wei es nur noch nicht recht, ist
ihrer noch nicht ganz sicher. Und in diesem Unsicherheitszustande hrt
er in der zuflligen Verborgenheit einer Taxushecke, wie die mit einer
Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer Freundin
allerhand Konfessions macht, von ihrem Glck und ihrer Liebe plaudert
und sichs nur leider nicht versagt, ein paar scherzhaft bermtige
Bemerkungen ber ihre Liebe mit einzuflechten. Und dies hren und sein
Rnzel schnren und sofort das Weite suchen, ist fr den Liebhaber und
Archologen eins. Mir ganz unverstndlich. Ich, lieber Onkel, htt' es
anders gemacht, ich htte nur die Liebe herausgehrt und nicht den
Scherz und nicht den Spott, und wre, statt abzureisen, meiner geliebten
Baronesse wahnsinnig glcklich zu Fen gestrzt, von nichts sprechend
als von meinem unendlichen Glck. Da hast du meine Situation, lieber
Onkel. Natrlich kann mans auch anders machen; ich bin fr mein Teil
indessen herzlich froh, da ich nicht zu den Feierlichen gehre. Respekt
vor dem Ehrenpunkt, gewi; aber zuviel davon ist vielleicht berall vom
bel und in der Liebe nun schon ganz gewi.

Bravo, Marcell. Hab' es brigens nicht anders erwartet und seh' auch
darin wieder, da du meiner leiblichen Schwester Sohn bist. Sieh, das
ist das Schmidtsche in dir, da du so sprechen kannst; keine
Kleinigkeit, keine Eitelkeit, immer aufs Rechte, und immer aufs Ganze.
Komm her, Junge, gib mir einen Ku. Einer ist eigentlich zu wenig, denn
wenn ich bedenke, da du mein Neffe und Kollege, und nun bald auch mein
Schwiegersohn bist, denn Korinna wird doch wohl nicht Nein sagen, dann
sind auch zwei Backenksse kaum noch genug. Und die Genugtuung sollst du
haben, Marcell, Korinna mu an dich schreiben, und sozusagen beichten
und Vergebung der Snden bei dir anrufen.

Um Gotteswillen, Onkel, mache nur nicht so was. Zunchst wird sie's
nicht tun, und wenn sie's tun wollte, so wrd' ich doch das nicht mit
ansehn knnen. Die Juden, so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem
erzhlt, haben ein Gesetz oder einen Spruch, wonach es als ganz
besonders strafwrdig gilt, >einen Mitmenschen zu beschmen<, und ich
finde, das ist ein kolossal feines Gesetz und beinah' schon christlich.
Und wenn man niemanden beschmen soll, nicht einmal seine Feinde, ja,
lieber Onkel, wie km' ich dann dazu, meine liebe Kusine Korinna
beschmen zu wollen, die vielleicht schon nicht wei, wo sie vor
Verlegenheit hinsehen soll. Denn wenn die Nicht-Verlegenen einmal
verlegen werden, dann werden sie's auch ordentlich und ist einer in
solch' peinlicher Lage wie Korinna, da hat man die Pflicht, ihm goldne
Brcken zu bau'n. Ich werde schreiben, lieber Onkel.

Bist ein guter Kerl, Marcell; komm her, noch einen. Aber sei nicht zu
gut, das knnen die Weiber nicht vertragen, nicht einmal die Schmolke.




Sechzehntes Kapitel


Und Marcell schrieb wirklich, und am andern Morgen lagen zwei an
Korinna adressierte Briefe auf dem Frhstckstisch, einer in kleinem
Format mit einem Landschaftsbildchen in der linken Ecke, Teich und
Trauerweide, worin Leopold, zum ach, wie vielsten Male, von seinem
unerschtterlichen Entschlusse sprach, der andere, ohne malerische
Zutat, von Marcell. Dieser lautete:

Liebe Korinna! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu
meiner innigsten Freude wissen lassen, da, verzeih', es sind seine
eigenen Worte, >Vernunft wieder an zu sprechen fange<. >Und<, so setzte
er hinzu, >die rechte Vernunft kme aus dem Herzen<. Darf ich es
glauben? Ist ein Wandel eingetreten, die Bekehrung, auf die ich gehofft?
Der Papa wenigstens hat mich dessen versichert. Er war auch der Meinung,
da Du bereit sein wrdest, dies gegen mich auszusprechen, aber ich habe
feierlichst dagegen protestiert, denn mir liegt gar nicht daran,
Unrechts- oder Schuldgestndnisse zu hren; -- =das=, was ich jetzt
wei, wenn auch noch nicht aus Deinem Munde, gengt mir vllig, macht
mich unendlich glcklich und lscht alle Bitterkeit aus meiner Seele.
Manch' einer wrde mir in diesem Gefhl nicht folgen knnen, aber ich
habe da, wo mein Herz spricht, nicht das Bedrfnis, zu einem Engel zu
sprechen, im Gegenteil, mich bedrcken Vollkommenheiten, vielleicht weil
ich nicht an sie glaube; Mngel, die ich menschlich begreife, sind mir
sympathisch, auch dann noch, wenn ich unter ihnen leide. Was Du mir
damals sagtest, als ich Dich an dem Mr. Nelson-Abend von Treibels nach
Hause begleitete, das wei ich freilich noch alles, aber es lebt nur in
meinem Ohr, nicht in meinem Herzen. In meinem Herzen steht nur das eine,
das immer darin stand, von Anfang an, von Jugend auf.

Ich hoffe Dich heute noch zu sehen. Wie immer Dein Marcell.

Korinna reichte den Brief ihrem Vater. Der las nun auch und blies dabei
doppelte Dampfwolken; als er aber fertig war, stand er auf und gab
seinem Liebling einen Ku auf die Stirn: Du bist ein Glckskind. Sieh',
das ist das, was man das Hhere nennt, das wirklich Ideale, nicht das
von meiner Freundin Jenny. Glaube mir, das Klassische, was sie jetzt
verspotten, das ist das, was die Seele frei macht, das Kleinliche nicht
kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt, weil
wir alle des Ruhmes mangeln. Ja, Korinna, das Klassische, das hat
Sprche wie Bibelsprche. Mitunter beinah' noch etwas d'rber. Da haben
wir zum Beispiel den Spruch: >Werde, der du bist<, ein Wort, das nur ein
Grieche sprechen konnte. Freilich, dieser Werdeproze, der hier
gefordert wird, mu sich verlohnen, aber wenn mich meine vterliche
Befangenheit nicht tuscht, bei =dir= verlohnt es sich. Diese Treibelei
war ein Irrtum, ein >Schritt vom Wege<, wie jetzt, wie du wissen wirst,
auch ein Lustspiel heit, noch dazu von einem Kammergerichtsrat. Das
Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das Literarische
macht frei. ... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich
selbst dazu ... >Werde, der du bist<, sagt der groe Pindar, und deshalb
mu auch Marcell, um der zu werden, der er ist, in die Welt hinaus, an
die groen Sttten, und besonders an die ganz alten. Die ganz alten, das
ist immer wie das heilige Grab; dahin gehen die Kreuzzge der
Wissenschaft, und seid ihr erst von Myken wieder zurck -- ich sage
>ihr<, denn du wirst ihn begleiten, die Schliemann ist auch immer dabei
-- so mte keine Gerechtigkeit sein, wenn ihr nicht bers Jahr
Privatdozent wr't oder Extraordinarius.

Korinna dankte ihm, da er sie gleich mit ernenne, vorlufig indes sei
sie mehr fr Haus- und Kinderstube. Dann verabschiedete sie sich und
ging in die Kche, setzte sich auf einen Schemel und lie die Schmolke
den Brief lesen. Nun, was sagen Sie, liebe Schmolke?

Ja, Korinna, was soll ich sagen? Ich sage blo, was Schmolke immer
sagte: manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf. Du hast ganz
unverantwortlich un beinahe schauderse gehandelt un kriegst ihn nu
doch. Du bist ein Glckskind.

Das hat mir Papa auch gesagt.

Na, denn mu es wahr sein, Korinna. Denn was ein Professor sagt, is
immer wahr. Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen, davon haben
wir nu genug gehabt mit dem armen Leopold, der mir doch eigentlich leid
tun kann, denn er hat sich ja nich selber gemacht, und der Mensch is am
Ende wie er is. Nein, Korinna, nu wollen wir ernsthaft werden. Und wenn
meinst du denn, da es los geht oder in die Zeitung kommt? Morgen?

Nein, liebe Schmolke, so schnell geht es nicht. Ich mu ihn doch erst
seh'n, und ihm einen Ku geben ...

Versteht sich, versteht sich. Eher geht es nich ...

Und dann mu ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben. Er hat
mir ja erst heute wieder versichert, da er fr mich leben und sterben
will ...

Ach Jott, der arme Mensch.

Am Ende ist er auch ganz froh ...

Mglich is es.

       *       *       *       *       *

Noch am selben Abend, wie sein Brief es angezeigt, kam Marcell und
begrte zunchst den in seine Zeitungslektre vertieften Onkel, der ihm
denn auch -- vielleicht weil er die Verlobungsfrage fr erledigt hielt
-- etwas zerstreut und das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten
entgegentrat: Und nun sage, Marcell, was sagst du dazu? _Summus
Episcopus_ ... Der Kaiser, unser alter Wilhelm, entkleidet sich davon,
und will es nicht mehr, und Kgel wird es. Oder vielleicht Stcker ...

Ach, lieber Onkel, erstlich glaub' ich es nicht. Und dann, ich werde ja
doch schwerlich im Dom getraut werden ...

Hast recht. Ich habe den Fehler aller Nichtpolitiker, ber einer
Sensationsnachricht, die natrlich hinterher immer falsch ist, alles
wichtigere zu vergessen. Korinna sitzt drben in ihrem Zimmer und wartet
auf dich, und ich denke mir, es wird wohl das beste sein, ihr macht es
untereinander ab; ich bin auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig,
und ein Dritter geniert blo, auch wenn es der Vater ist.

Korinna, als Marcell eintrat, kam ihm herzlich und freundlich entgegen,
etwas verlegen, aber doch zugleich sichtlich gewillt, die Sache nach
ihrer Art zu behandeln, also so wenig tragisch wie mglich. Von drben
her fiel der Abendschein ins Fenster, und als sie sich gesetzt hatten,
nahm sie seine Hand und sagte: Du bist so gut, und ich hoffe, da ich
dessen immer eingedenk sein werde. Was ich wollte, war nur Torheit.

Wolltest du's denn wirklich?

Sie nickte.

Und liebtest ihn ganz ernsthaft?

Nein. Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heiraten. Und mehr noch,
Marcell, ich glaube auch nicht, da ich sehr unglcklich geworden wre,
das liegt nicht in mir, freilich auch wohl nicht sehr glcklich. Aber
wer ist glcklich? Kennst du wen? Ich nicht. Ich htte Malstunden
genommen und vielleicht auch Reitunterricht, und htte mich an der
Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet, natrlich solche
mit einer Pleasure-Yacht, und wre mit ihnen nach Corsica oder nach
Sizilien gefahren, immer der Blutrache nach. Denn ein Bedrfnis nach
Aufregung wrd' ich doch wohl zeitlebens gehabt haben; Leopold ist etwas
schlfrig. Ja, so htt' ich gelebt.

Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer als du bist.

Kaum; aber freilich auch nicht besser. Und deshalb glaubst du mir wohl
auch, wenn ich dir jetzt versichre, da ich froh bin, aus dem allen
heraus zu sein. Ich habe von frh an den Sinn fr uerlichkeiten gehabt
und hab' ihn vielleicht noch, aber seine Befriedigung kann doch zu teuer
erkauft werden, das hab' ich jetzt einsehen gelernt.

Marcell wollte noch einmal unterbrechen, aber sie litt es nicht.

Nein, Marcell, ich mu noch ein paar Worte sagen. Sieh' das mit dem
Leopold, das wre vielleicht gegangen, warum am Ende nicht? Einen
schwachen, guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben, kann sogar
angenehm sein, kann einen Vorzug bedeuten. Aber diese Mama, diese
furchtbare Frau! Gewi, Besitz und Geld haben einen Zauber, wr' es
nicht so, so wre mir meine Verirrung erspart geblieben; aber wenn Geld
alles ist, und Herz und Sinn verengt und zum berflu Hand in Hand geht
mit Sentimentalitt und Trnen -- dann emprt sich's hier, und =das=
hinzunehmen, wre mir hart angekommen, wenn ich's auch vielleicht
ertragen htte. Denn ich gehe davon aus, der Mensch in einem guten Bett
und in guter Pflege kann eigentlich viel ertragen.

       *       *       *       *       *

Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen, und zugleich mit den
ffentlichen Anzeigen trafen Karten ein. Auch bei Kommerzienrats.
Treibel, der, nach vorgngigem Einblick in das Kuvert, ein starkes
Gefhl von der Wichtigkeit dieser Nachricht und ihrem Einflu auf die
Wiederherstellung huslichen Friedens und passabler Laune hatte, sumte
nicht, in das Damenzimmer hinberzugehen, wo Jenny mit Hildegard
frhstckte. Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die Hhe und
sagte: Was kriege ich, wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes
mitteile?

Fordere, sagte Jenny, in der vielleicht eine Hoffnung dmmerte.

Einen Ku.

Keine Albernheiten, Treibel.

Nun, wenn es von dir nicht sein kann, dann wenigstens von Hildegard.

Zugestanden, sagte diese. Aber nun lies.

Und Treibel las: Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner
Tochter ... ja, meine Damen, =welcher= Tochter? Es gibt viele Tchter.
Noch einmal also, ratet. Ich verdoppele den von mir gestellten Preis ...
also meiner Tochter Korinna mit dem Dr. Marcell Wedderkopp, Oberlehrer
und Leutnant der Reserve im brandenburgischen Fsilierregiment
Nr. 35, habe ich die Ehre, hiermit ganz ergebenst anzuzeigen. Dr.
Wilibald Schmidt, Professor und Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen
Geist.

Jenny, durch Hildegards Gegenwart behindert, begngte sich, ihrem Gatten
einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. Hildegard selbst aber, die
sofort wieder auf Suche nach einem Formfehler war, sagte nur: Ist das
alles? Soviel ich wei, pflegt es Sache der Verlobten zu sein, auch
ihrerseits noch ein Wort zu sagen. Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am
Ende darauf verzichtet.

Doch nicht, teure Hildegard. Auf dem zweiten Blatt, das ich
unterschlagen habe, haben auch die Brautleute gesprochen. Ich berlasse
dir das Schriftstck als Andenken an deinen Berliner Aufenthalt und als
Beweis fr den allmhlichen Fortschritt hiesiger Kulturformen. Natrlich
stehen wir noch eine gute Strecke zurck, aber es macht sich allmhlich.
Und nun bitt' ich um meinen Ku.

Hildegard gab ihm zwei und so strmisch, da ihre Bedeutung klar war.
Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen.

       *       *       *       *       *

Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Korinnas Hochzeitstag
angesetzt worden; nur keine langen Verlobungen, betonte Wilibald
Schmidt, und die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein
beschleunigtes Verfahren nichts einzuwenden. Einzig und allein die
Schmolke, die's mit der Verlobung so eilig gehabt hatte, wollte von
solcher Beschleunigung nicht viel wissen und meinte, bis dahin sei ja
blo noch drei Wochen, also nur gerade noch Zeit genug, um dreimal von
der Kanzel zu fallen, und das ginge nicht, das sei zu kurz, darber
redeten die Leute; schlielich aber gab sie sich zufrieden oder trstete
sich wenigstens mit dem Satze: geredet wird doch.

Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen
Wohnung, den Tag darauf Hochzeit im Englischen Hause. Prediger Thomas
traute. Drei Uhr fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor, sechs
Brautjungfern, unter denen die beiden Kuhschen Klber und die zwei
Felgentreus waren. Letztere, wie schon hier verraten werden mag,
verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei Referendaren vom
Quartett, denselben jungen Herren, die die Halenseepartie mitgemacht
hatten. Der natrlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig in
Angriff genommen, widerstand aber, weil er, als Eckhaussohn, an solche
Sturmangriffe gewhnt war. Die Kuhschen Tchter selbst fanden sich
ziemlich leicht in diesen Echec -- er war der erste nicht, er wird der
letzte nicht sein, sagte Schmidt -- und nur die Mutter zeigte bis
zuletzt eine starke Verstimmung.

Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit, was zum Teil damit
zusammenhing, da man von Anfang an alles auf die leichte Schulter
genommen hatte. Man wollte vergeben und vergessen, hben und drben, und
so kam es denn auch, da, um die Hauptsache vorweg zu nehmen, alle
Treibels nicht nur geladen, sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold,
der an demselben Nachmittage nach dem Eierhuschen ritt, auch
vollstndig erschienen waren. Allerdings hatte die Kommerzienrtin
anfnglich stark geschwankt, ja, sogar von Taktlosigkeit und Affront
gesprochen, aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen, den ganzen
Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da
laut gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise tot zu
machen. Bei diesem zweiten Gedanken blieb es dann auch; die Rtin,
freundlich-lchelnd wie immer, trat _in pontificalibus_ auf und
bildete ganz unbestritten das Glanz- und Reprsentationsstck der
Hochzeitstafel. Selbst die Honig und die Wulsten waren auf Korinnas
dringenden Wunsch eingeladen worden; erstere kam auch, die Wulsten
dagegen entschuldigte sich brieflich, weil sie Lizzi, das se Kind,
doch nicht allein lassen knne. Dicht unter der Stelle das se Kind
war ein Fleck, und Marcell sagte zu Korinna: Eine Trne, und ich
glaube, eine echte. Von den Professoren waren, auer den schon
genannten Kuhs, nur Distelkamps und Rindfleisch zugegen, da sich die
mit jngerem Nachwuchs Gesegneten smtlich in Ksen, Ahlbeck und
Stolpemnde befanden. Trotz dieser Personaleinbue war an Toasten kein
Mangel; der Distelkampsche war der beste, der Felgentreusche der logisch
ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer
allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde.

Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen, und Schmidt ging eben
von Platz zu Platz, um den lteren und auch einigen jngeren Damen
allerlei Liebenswrdiges zu sagen, als der schon vielfach erschienene
Telegraphenbote noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten
Schmidt herantrat. Dieser, von dem Verlangen erfllt, den berbringer so
vieler Herzenswnsche schlielich wie den Goetheschen Snger kniglich
zu belohnen, fllte ein neben ihm stehendes Becherglas mit Champagner
und kredenzte es dem Boten, der es, unter vorgngiger Verbeugung
gegen das Brautpaar, mit einem gewissen _avec_ leerte. Groer Beifall.
Dann ffnete Schmidt das Telegramm, berflog es und sagte: Vom
stammverwandten Volk der Briten.

Lesen, lesen.

... _To Dr. Marcell Wedderkopp._

Lauter.

_England expects that every man will do his duty_ ... Unterzeichnet
_John Nelson_.

Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus,
und Treibel sagte zu Schmidt: Ich denke mir, Marcell ist Brge dafr.

Korinna selbst war ungemein erfreut und erheitert ber das Telegramm,
aber es gebrach ihr bereits an Zeit, ihrer glcklichen Stimmung Ausdruck
zu geben, denn es war acht Uhr, und um neuneinhalb Uhr ging der Zug, der
sie zunchst bis Mnchen und von da nach Verona oder, wie Schmidt mit
Vorliebe sich ausdrckte, bis an das Grab der Julia fhren sollte.
Schmidt nannte das brigens alles nur Kleinkram und Vorschmack, sprach
berhaupt ziemlich hochmtig und orakelte, zum rger Kuhs, von Messenien
und dem Taygetos, darin sich gewi noch ein paar Grabkammern finden
wrden, wenn nicht von Aristomenes selbst, so doch von seinem Vater. Und
als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergngtes Lcheln ber seinen
mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte, nahm man
wahr, da Marcell und Korinna den Saal inzwischen verlassen hatten.

       *       *       *       *       *

Die Gste blieben noch. Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch
stark gelichtet; Jenny, die Honig, Helene waren aufgebrochen, und mit
Helene natrlich auch Otto, trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben
htte. Nur der alte Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und sa neben
seinem Bruder Schmidt, eine Anekdote nach der andern aus dem
Schatzkstlein deutscher Nation hervorholend, lauter blutrote
Karfunkelsteine, von deren reinem Glanze zu sprechen, Vermessenheit
gewesen wre. Treibel, trotzdem Goldammer fehlte, sah sich dabei von
verschiedenen Seiten her untersttzt, am ausgiebigsten von Adolar Krola,
dem denn auch Fachmnner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben
wrden.

Lngst brannten die Lichter, Zigarrenwlkchen kruselten sich in groen
und kleinen Ringen, und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar
Saalecken zurck, in denen, ziemlich unmotiviert, vier, fnf
Lorbeerbume zusammenstanden und eine gegen Profanblicke schtzende
Hecke bildeten. Hier wurden auch die Kuhschen gesehen, die noch einmal,
vielleicht auf Rat der Mutter, einen energischen Vorsto auf den Jodler
unternahmen, aber auch diesmal umsonst. Zu gleicher Zeit klimperte man
bereits auf dem Flgel, und es war sichtlich der Zeitpunkt nahe, wo die
Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten wrde.

Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit
Du und Bruder operierende Schmidt mit einer gewissen
Feldherrngeschicklichkeit und sagte, whrend er Krola eine neue
Zigarrenkiste zuschob: Hren Sie, Snger und Bruder, _carpe diem_.
Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe. Nutze den Tag. ber
ein Kleines und irgend ein Klavierpauker wird die Gesamtsituation
beherrschen und uns unsere berflssigkeit fhlen lassen. Also noch
einmal, was du tun willst, tue bald. Der Augenblick ist da; Krola, du
mut mir einen Gefallen tun und Jennys Lied singen. Du hast es
hundertmal begleitet und wirst es wohl auch singen knnen. Ich glaube,
Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht drin. Und unser Treibel wird es
nicht bel nehmen, da wir das Herzenslied seiner Eheliebsten in
gewissem Sinne profanieren. Denn jedes Schaustellen eines Heiligsten
ist das, was ich Profanierung nenne. Hab' ich recht, Treibel, oder
tusch' ich mich in dir? Ich =kann= mich in dir nicht tuschen. In einem
Manne wie du kann man sich nicht tuschen, du hast ein klares und offnes
Gesicht. Und nun komm, Krola. Mehr Licht -- das war damals ein groes
Wort unseres Olympiers; aber wir bedrfen seiner nicht mehr, wenigstens
hier nicht, hier sind Lichter die Hlle und Flle. Komm. Ich mchte
diesen Tag als ein Ehrenmann beschlieen und in Freundschaft mit aller
Welt und nicht zum wenigsten mit dir, mit Adolar Krola.

Dieser, der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu
Schmidt noch ganz leidlich imstande war, schritt, ohne langes Struben,
auf den Flgel zu, whrend ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten,
und ehe der Rest der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte, da der
Vortrag eines Liedes geplant war, legte Krola die Zigarre beiseite und
hob an:

    Glck, von allen Deinen Losen,
    Eines nur erwhl' ich mir,
    Was soll Gold? Ich liebe Rosen
    Und der Blumen schlichte Zier.

    Und ich hre Waldesrauschen
    Und ich seh' ein flatternd Band --
    Aug' in Auge Blicke tauschen,
    Und ein Ku auf Deine Hand.

    Geben, nehmen, nehmen, geben,
    Und Dein Haar umspielt der Wind,
    Ach, nur das, nur das ist Leben,
    Wo =sich Herz zum Herzen find't=.

Alles war heller Jubel, denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und
Klang, wenigstens verglichen mit dem, was man sonst in diesem Kreise
hrte. Schmidt weinte vor sich hin. Aber mit einem Male war er wieder
da. Bruder, sagte er, das hat mir wohl getan. Bravissimo. Treibel,
unsere Jenny hat doch recht. Es ist was damit, es ist was drin; ich wei
nicht genau was, aber das ist es eben -- es ist ein wirkliches Lied.
Alle echte Lyrik hat was geheimnisvolles. Ich htte doch am Ende dabei
bleiben sollen ...

Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend.

... Und die arme Korinna! Jetzt ist sie bei Trebbin, erste Etappe zu
Julias Grab ... Julia Capulet, wie das klingt. Es soll brigens eine
gyptische Sargkiste sein, was eigentlich noch interessanter ist ... Und
dann alles in allem, ich wei nicht, ob es recht ist, die Nacht so
durchzufahren; frher war das nicht Brauch, frher war man natrlicher,
ich mchte sagen sittlicher. Schade, da meine Freundin Jenny fort ist,
die sollte darber entscheiden. Fr mich persnlich steht es fest, Natur
ist Sittlichkeit und berhaupt die Hauptsache. Geld ist Unsinn,
Wissenschaft ist Unsinn, alles ist Unsinn. Professor auch. Wer es
bestreitet, ist ein _pecus_. Nicht wahr, Kuh ... Kommen Sie, meine
Herren, komm, Krola ... Wir wollen nach Hause gehen.


Ende




Liste korrigierter Druckfehler:

Seite 9, Komma vor "ein Sohn von" eingefgt (Ein junger Mr. Nelson ist
nmlich bei Otto Treibels angekommen (das heit aber, er wohnt nicht
bei ihnen), ein Sohn von Nelson u. Co. aus Liverpool,)

Seite 29, schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Ich meine natrlich
Herwegh, Georg Herwegh.)

Seite 29, schlieendes einfaches Anfhrungszeichen ergnzt (>Lies es
nur, Jenny; der Knig hat es auch gelesen, und Herwegh war sogar bei
ihm in Charlottenburg, und die besseren Klassen lesen es alle.<)

Seite 33, schlieendes Anfhrungszeichen ergnzt (Ich, wenn ich an
Ihrer Stelle wre, lancierte mich ins Stdtische hinein und rnge nach
der Brgerkrone.)

Seite 40, berflssiges Anfhrungszeichen am Satzende entfernt (Aber
Korinna hielt ihn ab, Vogelsang sei der ltere und wrde vielleicht den
Dank fr ihn mitaussprechen.)

Seite 41, "pershnlich" ersetzt durch "persnlich" (Englands
Aristokratie, die mir, von meinem Prinzip ganz abgesehen, auch
persnlich widerstreitet)

Seite 74, Punkt am Ende der Frage durch Fragezeichen ersetzt
(Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren persnlichen
Erfahrungen, mutmalich als streng lokale Produktion anzusehen,
oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen Kirschen,
deren Gewinnungsgebiet sich nchstens ber die ganze Provinz Brandenburg
erstrecken wird?)

Seite 78, "Versteht sich Hummer." ersetzt durch "Versteht sich,
Hummer."

Seite 86, einleitendes Anfhrungszeichen ergnzt (Und =wenn= es
ernstlich gemeint ist)

Seite 100, "tutst" durch "tust" ersetzt (Sprichst du das deiner Mutter
nach oder tust du von deinem Eigenen noch was hinzu?)

Seite 114, schlieendes Anfhrungszeichen entfernt (Sollte sie wieder
von Vogelsang getrumt haben?)

Seite 171, "Hildegar" durch "Hildegard" ersetzt (Eben habe ich an deine
Schwester Hildegard geschrieben)

Seite 178, doppeltes Wort "und" nach "den Kindern" (Und nun sagen Sie,
liebe Freundin, wollen wir nicht lieber abbrechen und alles den Kindern
und einer gewissen ruhigen historischen Entwicklung berlassen?)

Seite 199, "lieb" durch "liebe" ersetzt (wie km' ich dann dazu, meine
liebe Kusine Korinna beschmen zu wollen,)





End of the Project Gutenberg EBook of Frau Jenny Treibel, by Theodor Fontane

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU JENNY TREIBEL ***

***** This file should be named 46184-8.txt or 46184-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/6/1/8/46184/

Produced by Norbert H. Langkau, Martin Oswald and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
