The Project Gutenberg EBook of Neid, by Ernst von Wildenbruch

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Title: Neid

Author: Ernst von Wildenbruch

Release Date: July 14, 2014 [EBook #46270]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                                  Neid

                             [Illustration]

                             Eine Erzhlung
                                  von
                         Ernst von Wildenbruch

                          Fnfzehntes Tausend

                             [Illustration]

                                 Berlin
                   G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
                                  1903


              Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.

                 Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

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Neid




[Illustration]

An den Ufern der Lahn, oberhalb Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort,
der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Husern entlang;
ber den Husern steigt ein Hgel auf, und auf dem Hgel, weit
sichtbar, erhebt sich eine prchtige Kirche.

Einmal, vor Jahren bin ich in der Kirche gewesen.

Ein Bild hngt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat
es bewirkt, da ich die Kirche nie wieder vergessen habe, und den Tag,
an dem ich die Kirche besuchte.

Nicht, da es ein besonderes Kunstwerk gewesen wre -- im Gegentheil,
eine mittelmige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten
Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde
dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammen umlodern ihn, zur
Rechten und Linken, mit groen, rothen Zungen, so da er mitten im
Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich ber die Schultern
des Mannes, zwei groe, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine
Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlgt; die andere
sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hinein zu schlagen in das
unbeschtzte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, da es dem
Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang,
wirkt dieser Vorgang so grlich. Mit der einen Hand hat der Mann die
beiende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreien; aber
es hilft ihm nichts; das Unthier haftet fest. Und so mu er aushalten
in der Hllenqual. Denn da es Hllenflammen sind, die ihn umlecken,
Hllenqualen, die ihn zerreien, das sieht man seinem Gesichte an, dem
fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen
blickt. Um den oberen Rand des Gemldes luft eine Inschrift, ein
Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht
genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: Der Du mich
anschaust und fragst, was mich in diesen Hllenpfuhl gestoen, wisse,
es war der Neid. =Invidia= -- so lautet das lateinische Wort.

Wie tief mich der Anblick der unheimlichen Schilderei gefesselt, merkte
ich daran, da ich die Beschlieerin der Kirche ganz vergessen hatte,
die hinter mir stand und jetzt leise mit ihrem Schlsselbund klapperte.

Ich drehte mich um. Was hat es fr eine Bewandtni mit dem Bilde da?
fragte ich. Wie kommt es her? Wen stellt es dar?

Das ist das Bild, erwiderte die Frau, von dem Mann, der die Kirche
hier gestiftet hat und hat bauen lassen.

Merkwrdige Art, den Stifter einer Kirche zu verewigen, indem man sein
Bild in solcher Gestalt in seine Kirche hngt!

Wer hat das Bild von ihm malen lassen? forschte ich weiter.

Er selber hat sich so malen lassen und bestimmt, da das Bild fr alle
Zeit da hngen sollte.

Er selber -- wer war der Mann?

Das wute die Frau nicht.

Was hatte er gethan? Das wute sie auch nicht.

Dsteres Geheimni. Wir waren allein in der Kirche, ich, die
Beschlieerin und der da auf dem Bilde. Und in meiner Vorstellung
erschien es mir, als stnde hinter dem Bilde etwas auf, etwas Dunkles,
irgend ein grauenvolles Ereigni, eine furchtbare That. Niemand wute
mehr, was es gewesen. Die Zeit hatte alles in Schweigen begraben, die
That und das Opfer. Nur Einer war brig geblieben, ein Zeuge, der das
Schreckliche aus nchster Nhe mit angesehen hatte, aus allernchster,
der Thter selbst. Und der hatte dafr gesorgt, da sein Andenken der
Nachwelt erhalten blieb in solcher Gestalt. Was fr eine Art von Mensch
mute das gewesen sein. Meine Gedanken tasteten an dem verzerrten
Gesichte herum, das auf mich herabblickte.

Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften
geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis da er
die That vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die That geschehen
war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bsen Antriebs der
Rckschlag gekommen war, die Reue.

Ein Schauer berlief mich. Der Angehrige der modernen Zeit, der
nervenschwachen, willensschwachen und gefhlskranken Zeit beugte sich
unwillkrlich vor einer Vergangenheit, in der es keine Nervenleiden,
aber Seelenschmerzen gab, in der man so schrecklich zu thun und so
schrecklich zu bereuen vermochte.

Wie sie ihn gepackt haben mute, die Reue! Wie sie ihn geschttelt,
zerrissen und zerfleischt haben mute!

Mir war, als she ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl
kniete, mit heulenden Thrnen sein Bekenntni stammelnd, mit
klappernden Zhnen sein: Was soll ich thun? Was soll ich thun?
herausfragend.

Faste, bete, kasteie Dich, kam die Antwort, und baue eine Kirche.

Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine
groe Kirche, eine mchtige; je mchtiger, desto besser, wie eine
Riesenlast, die er auf den Wurm wlzen wollte, der an seiner Seele
fra, da sie den Wurm erdrckte.

Und als die Kirche erbaut, war Alles umsonst; der Wurm war nicht
erdrckt, lebte immer noch und nagte und nagte.

Da, als er fhlte, da sein Leben zum Ende ging, lie er einen Maler an
das Bett rufen, auf dem er versiechend lag und hie ihn sein Bild
malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines
Lebens -- denn offenbar war es ein reicher und mchtiger Mann gewesen
-- sondern so, wie er sich in seinem Jammer fhlte, als armen Snder,
in aller Naktheit der schuldbewuten Seele, von Flammen gebrannt, von
dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt.

Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und
bestimmte, da es aufgehngt wrde in der Kirche, die er selbst gebaut,
sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er
von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschlo, damit es dort
hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie
der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, so lange die
Kirche stehen wrde, Jahrhunderte lang, immer und fr alle Zeit. Immer
wieder, so oft die Augen zuknftiger Menschen sich auf das Bild richten
wrden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fhlfden hinunter
langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und fr immer, wenn kein
Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbaren
Einsamkeit, Jahre lang, Jahrhunderte lang, mit sich allein und der
Erinnerung an das, was einstmals gewesen.

Ich ri mich los und wandte mich hinaus. Seinen Namen hatte er den
kommenden Menschen nicht genannt. Warum? Weil er gewollt hatte, da
nichts brig bleiben sollte als nur der Schatten des Vergangenen? Sein
krperloses Ich? Seine Seele? Oder vielleicht, weil, wenn man seinen
Namen nannte, er sein Geschlecht zugleich an den Bupfahl gekettet
haben wrde? Sein Geschlecht, seine Familie, die doch nicht schuldig
war an seiner That, die es ja eben gewesen war, gegen die seine That
sich gerichtet hatte. Denn ich wei nicht, wie es kam, aber ich konnte
den Gedanken nicht los werden, da es eine Frevelthat gewesen sein
mute von Familienangehrigen gegen Familienangehrige, von Bruder
gegen Bruder.

Und indem meine Vorstellung hieran arbeitete und knetete, nahmen meine
Gedanken pltzlich ihren eigenen Gang, weit fort von der Stelle, wo ich
mich befand, aus dem Westen Deutschlands in den fernen Osten, und mit
einem Male wute ich, warum es eine That von Bruder gegen Bruder
gewesen sein mute. Eine Geschichte fiel mir ein, die ich dort einmal
gehrt hatte, in der alten Stadt am breiten Strom, der schweigend durch
den Osten Deutschlands geht, wie die schweigende Lahn durch den Westen.

In der alten Stadt, von der ich spreche, wohnte ein alter Mann, ein
einsamer.

Einsam durchs Leben gegangen, ohne Frau und Kinder, war es jetzt
doppelt still um ihn geworden, seitdem er sein Amt niedergelegt, den
Abschied genommen, und seitdem hierdurch auch der Verkehr mit den
Kollegen aufgehrt hatte, mit denen er, dienstlich wenigstens, in
Verbindung gehalten worden war.

Er war Regierungsrath gewesen, der alte Graumann; jetzt war er
pensionirter Regierungsrath auer Diensten.

Gleich in den ersten Tagen, als ich die Stadt bezogen, hatte ich seinen
Namen gehrt. Er war ja gewissermaen eine Sehenswrdigkeit des Ortes,
und als solche war er mir genannt worden. Damit aber hatte es sein
Bewenden gehabt; man wute eigentlich nichts von ihm. Er selbst
erzhlte nichts, er verkehrte ja beinahe mit Niemandem; vielleicht gab
es auch nicht viel zu erzhlen. Er war eben Beamter gewesen wie hundert
Andere auch und auf der actenstaubigen Strae des preuischen
Beamtenthums zum Regierungsrath hinauf geklettert und dann, nach
Jahren, an die Thr gelangt, aus der es wieder hinaus geht aus dem
Beamtenthum, durch den Abschied in das Auer-Dienstthum.

Jetzt fngt meine gute Zeit an, so berichtete die Stadtchronik, hatte
er zu einem Kollegen gesagt, als er zum letzten Male vom Amte kam,
jetzt falle ich dem Staate zur Last.

Recht hhnisch, beinahe teuflisch sollte er gelacht haben, indem er das
sagte, wie die Leute denn berhaupt geneigt waren, in dem alten
Sonderling etwas Unheimliches zu sehen, Etwas, wovor man sich
eigentlich in Acht nehmen mute. Schrecklich heftig konnte er werden,
so erzhlte man sich, wenn irgend Etwas ihm in die Quere kam, und
frchterlich grob, wenn Menschen sich berufen fhlten, ihn seiner
Einsamkeit zu entreien, und die Menschen ihm nicht paten. Man
brauchte ihn ja nur anzusehen -- er sah ja so bse aus.

Inwieweit dieses zutraf, hatte ich bald Gelegenheit festzustellen, denn
ich begegnete ihm oftmals auf dem Spaziergange. In dem hohen
Kiefernwald, der sich, stromaufwrts, auf sandigen Hgeln erhebt, sah
ich ihn zum ersten Male, dann, mit Unterbrechungen, gingen wir fter
und fter an einander vorber.

Gingen an einander vorber -- denn indem ich ihn daher kommen sah, die
Hnde auf dem Rcken, den groen, schweren Kopf, den kurz geschorenes,
graues Haar einfate, vornber hngend, den abgebrauchten, schwarzen
Cylinderhut in den Nacken gerckt, die Augen zur Erde gesenkt, nicht
rechts noch links blickend, fhlte ich, da da ein Mann an mir vorber
ging, der nicht angesprochen sein wollte, weil Ansprache Strung
gewesen wre, Strung in dem, was ihn beschftigte.

Denn er war immer beschftigt, das sah man dem verwitterten Gesicht an,
in dessen derben, beinahe plumpen Zgen ein bestndiges Regen und
Bewegen war -- beschftigt mit seinen Gedanken, mit sich selbst.
Manchmal auch gewann das stumme Mienenspiel Laute und Tne; seine
Lippen zuckten, er sprach vor sich hin. Ich hrte es, indem mich mein
Weg an ihm vorber fhrte. Meistens nur ein Murmeln und Flstern, dann
und wann zusammenhngende laute Worte, die polternd und grollend heraus
kamen, und manchmal auch ein Lachen, ein recht hhnisches, beinahe
teuflisches, wrden die Leute gesagt haben, das aus einem grimmig
lchelnden Munde herausbrach.

Als wre er immer von Menschen umgeben gewesen, mit denen er sich
unterhielt, so sah es aus -- Menschen, die vielleicht noch jetzt
lebendig umher gingen wie er selbst, ohne da er mit ihnen zusammen
kam; Menschen auch vielleicht, die einstmals gewesen und jetzt nicht
mehr da waren.

Jedenfalls ein Mann, der manches gesehen, erlebt und wohl auch gelitten
hat, dieser alte Graumann, so sagte ich zu mir; einer jener Menschen,
die man ja in Deutschland trifft, die unscheinbar, fast unsichtbar
durch die Welt gehen und in ihrem Innern eine solche Flle des Lebens,
eine so reich bevlkerte Welt verschlieen, da sie davon zehren
knnen, wenn es Abend im Leben wird, da sie sich mit ihren Gestalten
unterhalten knnen, ohne da sie das Geplauder und Geschwtz der
umgebenden Gesellschaft brauchen. Vorausgesetzt freilich, da sie die
Gabe besitzen, die das Entlegene nahe bringt, das Vergangene
gegenwrtig, Todte wieder lebendig macht, Phantasie.

Ob ihm diese Gabe innewohnte? Seitdem ich ihm in die Augen gesehen
hatte, glaubte ich es.

Einmal nmlich, nachdem wir schon manchmal an einander vorber gegangen
waren, und als wir uns wieder begegneten, bemerkte ich, da er auf mich
Acht gab. Der Unbekannte, der ebenso beharrlich und einsam wie er
selbst die Gegend durchstreifte, mochte ihm aufgefallen sein. Er kam
den Weg zurck, den ich hinaus ging: als wir nahe bei einander waren,
wandte er das Haupt zur Seite und sah mich an. Er that nichts weiter,
er grte nicht, sprach nicht, aber mir war, als htte Jemand
gesprochen. Solch' ein redender Blick war in den Augen gewesen, die mit
dunkel glhendem Feuer unter buschigen Brauen hervor schauten. Wie das
Nachglhen eines innerlich bewegten Lebens, das nicht zur Ruhe kommen,
nicht im Vergessen einschlafen will, sondern im Erinnern weiter lebt
und weiter. Ich konnte den Blick nicht vergessen, und ungefhr zu
derselben Zeit, als unter Bekannten das Gesprch auf ihn kam, hrte ich
etwas, das meine Vermuthung besttigte, das ihn mir als einen Menschen
erscheinen lie, den mehr und Anderes bewegte als die wirkliche
Alltagswelt, die ihn umgab. Wundervolle Bilder, so hie es, htte er an
den Wnden seiner Wohnung hngen. Wer sie gesehen haben sollte, da
eigentlich Niemand zu ihm kam, war schwer zu sagen; aber die Kunde war
da und behauptete sich. In der Vorstadt, jenseits der Brcke, bewohnte
er eine Wohnung von einigen Zimmern; eine alte Wirthschafterin, die des
Morgens kam und des Abends ging, besorgte ihm die Wohnung.
Wahrscheinlich war sie es, von der die Nachricht ausging. Wundervolle
Bilder, und in seinem Schlafzimmer ein ganz besonderes, in Oel
gemaltes, whrend in den Vorderzimmern Kupferstiche hingen; ein Bild,
auf dem zwei Kinder dargestellt waren, zwei Knaben. Und der eine von
den beiden Knaben, so hie es flsternd weiter, das wre er selbst, wie
er damals ausgesehen htte, der jetzige Regierungsrath auer Diensten,
der alte Graumann.

So wurde erzhlt, theils laut, theils flsternd; und dann ganz leise
wurde noch etwas hinzugesetzt: in dem Schlafzimmer, wo das Bild mit den
zwei Knaben hing, da wre an einer Wand, so hie es, ein Vorhang und
unter dem Vorhang etwas, das Niemand kannte, Niemand gesehen hatte,
weil keine Hand den Vorhang lften durfte. Auch die der Wirthschafterin
nicht.

Bei Todesstrafe? hatten einige Sptter gefragt. Nun -- vielleicht
nicht gerade bei Todesstrafe, aber beim Zorn des alten Graumann, und
der konnte bs sein; man wute davon in der Stadt zu erzhlen.

Also forschte man nicht weiter und lie dem Vorhang sein Geheimni.

Aber das mit dem Kinderbild? Ja, das war vorhanden, und solch ein
schnes Bild sollte es sein, hatte die Wirthschafterin erzhlt. Ein
schnes Kind mte er einmal gewesen sein, der Herr Regierungsrath! Ein
paar Augen im Kopf! Eigentlich schon damals ganz die Augen, die er noch
jetzt htte, nur viel freundlicher, und nicht solche Zotten und Borsten
von Augenbrauen darber, wie er sie jetzt htte.

Und der andere von den beiden Knaben?

Ja -- von dem wute die Wirthschafterin nichts zu sagen, hatte ihn nie
gesehen und gekannt. Aber es she so aus, als mte es wohl ein Bruder
von dem Herrn Regierungsrath gewesen sein, ein jngerer; denn so eine
Art von Aehnlichkeit mit dem lteren, was der Herr Regierungsrath wre,
knnte man schon darin finden. Nur viel zarter und magerer und
schwchlicher. Und so ein liebes Gesichtchen, aber so traurig; wie
solche Kinder eben aussehen, die nicht lange leben sollen. Denn da er
gestorben sein mute, schon lange Zeit, das nahm die Wirthschafterin
fr bestimmt an. Er wrde doch sonst wohl einmal von dem Bruder
gesprochen haben, der Herr Regierungsrath, und das that er nie.

Das Alles kam mir so nach und nach und stckweise zu Ohren, und als von
dem Kinderbilde gesprochen wurde, ging das Gesprch weiter, zu den
Kindern berhaupt, und da erfuhr ich denn, da er eigentlich ein
Kinderfreund sei, der alte Graumann. Aber freilich in seiner Art,
setzte der Erzhler lachend hinzu.

Wieso, in seiner Art?

Je nun, hie es, so, da man ihn schlielich hat auffordern mssen,
seine Freundschaft fr die Kinder lieber fr sich zu behalten.

In der Stadt nmlich, so wurde erzhlt, bestand eine Anstalt, von ein
paar wohlthtigen alten Damen geleitet, in der alle Jahre zu
Weihnachten armen Kindern aufgebaut und beschert wurde. Gaben und
Geschenke wurden mit Dank entgegengenommen, und natrlich stand es den
Gebern frei, der Bescherung beizuwohnen. Zu diesen gehrte auch der
alte Graumann, der sich regelmig am heiligen Abend mit einem ganzen
Haufen von Paketen und Pckchen einzustellen pflegte. Eigentlich
htten, der Hausordnung gem, die Geschenke schon vorher abgeliefert
sein mssen, um von den Damen nach bestem Ermessen vertheilt zu werden.
Aber der alte Graumann war nicht der Mann, sich irgend einer
Hausordnung zu fgen. Seitdem er den Regierungsfrack ausgezogen hatte,
wollte er die Ellenbogen frei haben nach allen Richtungen. Wollten die
Damen seine Geschenke haben, so muten sie ihn gewhren lassen. Also
lie man ihn gewhren.

Und nun eben kam das Verrckte:

Spt erst, wenn der Baum schon lngst angezndet war, und die Kinder
ihre Tische und Gaben in Empfang genommen hatten, erschien als letzter
Geschenkgeber der alte Graumann. Wie der Knecht Ruprecht selber sah er
aus mit seinem alten, verwitterten Gesicht, und die Schtze, die er
sorgsam verhllt unter den Armen trug, erweckten sogleich eine
athemlose Spannung, eine Spannung, die in hellen Jubel ausgebrochen
sein wrde, wenn sich die Kinder nicht eigentlich ein wenig vor ihm
gefrchtet htten. Denn wenn er nun so dastand im erleuchteten Raume,
zunchst die kleinen Kpfe stumm berzhlend, ob er auch keinen
bergangen htte, und dann, wenn er sah, da Alles stimmte, in sich
hinein lchelnd, geheimnivoll, beinahe listig, ohne ein Wort zu
sprechen, dann berkam nicht nur die Kinder ein seltsam schauerndes
Gefhl, sondern auch die Erwachsenen gestanden sich, da er doch
wirklich anders sei als alle anderen vernnftigen Menschen.

Einen Stuhl rckte er sich dann heran; mitten unter seinen Pckchen und
Paketen, die er auf den Erdboden gelegt hatte, setzte er sich nieder,
ganz ernsthaft jetzt, beinahe feierlich, und nun, langsam, langsam
begann er eins der Pakete aufzuknpfen und dann ein zweites. Lautlose
Stille begleitete sein Thun, und all' die jungen Augen hingen an ihm,
wie wenn sie auf einen alten Zauberer blickten. Noch einmal ein Blick
ber die lauschende Schar, dann mit erhobenem Zeigefinger winkte er
zwei von den Kindern heran, zwei Knaben. Die letzte Hlle sank von dem
Paket -- und ein allgemeines Ah! des entzckten Erstaunens athmete
aus jungen Kehlen auf -- was war da fr eine Herrlichkeit zu Tage
gekommen! Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches. Und das
glckselige Jauchzen dessen, der das schne Geschenk in die Hnde
bekam! Da sich der andere von den beiden Jungen vor Ungeduld kaum zu
lassen wute, begreift sich; das fr ihn bestimmte zweite Paket war ja
freilich viel kleiner als das erste, aber der Inhalt wrde schon nicht
schlechter sein, das verstand sich doch von selbst. Und langsam,
langsam schlte sich auch die zweite Gabe aus ihrer Papierhlse heraus,
und -- ein allgemeines Verstummen sprachloser Verblfftheit -- ein ganz
minderwerthiger Gegenstand, der sich mit dem ersten gar nicht
vergleichen lie, kam zum Vorschein. Die Augen dessen, der das zweite
Geschenk erhielt, schielten unwillkrlich ber die eigenen Hnde
hinweg, zu denen hinber, in denen sich das Schaukelpferd befand, und
es fehlte nicht viel, so htten sie sich mit Thrnen gefllt.

Und whrend sich dieses begab, sa der alte Graumann regungslos auf
seinem Stuhl; seine groen, runden, glhenden Augen ruhten unverwandt
auf dem enttuschten Gesichte des Kindes, forschend, prfend, mit einem
ganz sonderbaren, tief bekmmerten Ausdruck, und wenn er sah, wie das
kleine Gesicht unter verhaltenem Weinen zuckte, streckte er den Arm aus
und zog den Knaben an sich, beugte sich zu ihm, und leise, so leise,
da Keiner von den Anwesenden es verstand, flsterte er ihm ein Wort
ins Ohr. Und dann kam ein anderes Paar von den Kindern an die Reihe.

Jetzt waren es zwei kleine Mdchen, die er heranwinkte. Wieder, wie
vorhin, nestelten sich zwei Pakete auf; wieder erschien aus dem einen
eine prchtige Gabe, eine schn gekleidete Puppe oder so etwas
Aehnliches, und wieder aus dem anderen ein Gegenstand, der sich mit dem
ersten kaum vergleichen lie. Abermals dann der Vorgang wie zuvor, die
kleine Enttuschte wurde herangezogen, und so wie vorhin dem Knaben
flsterte er dem kleinen Mdchen, indem er ihm traurig und zrtlich das
Kpfchen streichelte, ein Wort ins Ohr, das kein Anderer verstand.

Und so ging das weiter. Immerfort abwechselnd entzcktes Staunen und
schweigende Verdutztheit; stammelnde, jauchzende Freude bei den Einen,
betrbte Niedergeschlagenheit bei den Anderen. Und mitten in all' dem
Wechsel von Gefhlen, von Freude und Leid der alte Graumann, wie das
verkrperte Schicksal, seine Pakete auswickelnd, seine Gaben
vertheilend, bis da die letzte verschenkt war. Die letzte war immer
die schnste, und merkwrdiger Weise, in jedem Jahre wiederkehrend,
dieselbe: ein blitzblanker Krassierhelm, ein Kra und ein Sbel mit
Sbelkoppel.

Die zappelnde Wonne, die ein solches Geschenk jedesmal hervorrief, lt
sich denken, aber nicht beschreiben, und kaum beschreiben auch lt
sich die Enttuschung, die jedesmal die Gegengabe erweckte, eine
magere, kleine Blechtrompete, die wirklich erbrmlich gegen die
Krassierausrstung abstach. Das Merkwrdigste aber bei diesem
Vorgange, der gewissermaen den Gipfel aller vorherigen
Absonderlichkeiten bildete, war immer der alte Graumann selbst, der
jedesmal, wenn die letzte Gabe heran kam, wie in einen Zustand der
Erstarrung, in einen Traum mit wachen Augen zu versinken schien. Seine
groen, runden Augen weiteten sich ber ihr gewhnliches Ma und
blickten starr vor sich hin, ber die Kpfe der Kinder hinweg, in die
leere Luft, und es sah aus, als mte er zu sich selbst zurckkommen,
bis er endlich den Kleinen heranzog und ihm, wie den Anderen vorher,
sein leises Wort ins Ohr raunte.

War dieses dann erledigt, so erhob er sich, griff nach seinem alten,
widerhaarigen Cylinderhut, verneigte sich schweigend vor den
Anstaltsdamen, und ohne ein Wort zu sagen, ging er hinaus. Den
Anstaltsdamen blieb es dann berlassen, die erregten Gemther der
Kinder wieder zur Ruhe zu bringen, und leichte Arbeit war das natrlich
nicht.

Was hat der Herr Regierungsrath Dir denn ins Ohr gesagt? so wurde,
vom Ersten anfangend, gefragt. -- Er hat mir gesagt, hie es: >wer
neidisch ist, kommt in die Hlle; sei nicht neidisch, Du lieber,
kleiner Junge.< -- Und Dir? Was hat er Dir gesagt? -- Er hat
gesagt: >wer neidisch ist, kommt in die Hlle; sei nicht neidisch, Du
liebes, kleines Mdchen.<

Beiden also wrtlich das Nmliche. Und als die brigen Kinder, in
gleicher Weise befragt, ihre Lippen aufthaten und feierlich, wie wenn
sie als Zeugen vor Gericht stnden, aussagten, was ihnen der alte,
unheimliche Mann anvertraut hatte, da stellte es sich heraus, da es
immer und jedesmal dasselbe geheimnivolle Wort, dieselbe Mahnung
gewesen war, die jedes von ihm empfangen hatte. Das wiederholte sich,
wie gesagt, zwei oder drei Weihnachten, und dann hatten es die
Anstaltsdamen satt. Solch ein bser, alter Mann! Er machte ihnen ja die
Kinder geradezu aufsssig und zerstrte alle Weihnachtsfreude. Und das
absichtlich; denn da er mit wohlberlegter Absicht verfuhr, das war ja
klar; htte er es sonst einmal wie das andere Mal gemacht?

Darum, als zum vierten Male Weihnachten heranrckte, erhielt der alte
Graumann eines schnen Tages von den Anstaltsdamen einen Brief, worin
ihm hflichst fr die liebevolle Gesinnung gedankt wurde, die er ihren
Schtzlingen bisher erwiesen hatte, in dem ihm aber zugleich zu erwgen
gegeben wurde, ob er in Zukunft seine Geschenke nicht lieber vor der
Bescherung einsenden wollte, damit sie von den Damen vertheilt wrden.
Die ethisch-erzieherische Methode, nach der er seine Gaben vertheilte,
wre ja den Erwachsenen durchaus einleuchtend und auch dankenswerth,
aber er wrde sich ja wohl selbst sagen, da Kinder noch nicht fhig
wren, eine Methode, die solche Selbstberwindung forderte und so harte
Proben auferlegte, gebhrend zu wrdigen, und darum mchte es
vielleicht besser sein -- der alte Regierungsrath hatte verstanden;
seit dem Tage hat man ihn in der Anstalt nie wieder gesehen.

Die Damen htten es anders einrichten sollen, hrte man spter den
Weinhndler Kurzer sagen, htten den Herrn Regierungsrath nicht so zu
rgern brauchen; denn gergert hat er sich schmhlich.

Der Weinhndler Kurzer war nmlich der Mann, der einen Weinkeller
unweit des Marktes besa, einen Keller mit schnen Spitzbogengewlben.
Und in dem Keller erschien an jedem Nachmittag, pnktlich wie nach der
Uhr, zu einer Zeit, wo sonst Niemand anwesend war, der alte Graumann,
um einen krftigen Schluck zu trinken.

Ob es die Gesellschaft des Herrn Kurzer war, die ihn lockte? Oder das
Spitzbogengewlbe? Man erzhlte sich, da es noch etwas Anderes war,
und das war wieder einmal solch' eine Schrulle des tollen alten Mannes.
In dem Keller nmlich, in einer Ecke, von Staub bedeckt, stand eine aus
Thon geformte Figur, ein Weib auf einem Lwen reitend. Halb und halb
erinnerte das Ding an Dannecker's Ariadne; es war eine noch ganz
unfertige Arbeit, offenbar von Hnden angefertigt, die sich zum ersten
Male an so etwas versucht hatten; noch unfrei in der Erfindung, noch
ungeschickt in der Gestaltung. Trotzdem -- wer es fr der Mhe werth
gehalten htte, das sonderbare Gebilde nher anzusehen, wrde
vielleicht entdeckt haben, da sich in all' dem Unfertigen etwas regte,
das dermaleinst htte fertig werden knnen. Aber es hielt es Niemand
fr der Mhe werth -- ausgenommen Einen -- den alten Graumann. Er, so
hie es, war geradezu verliebt in die Stmperei. Es knpfte sich auch
eine Legende an die Figur: in der alten Stadt war vor Jahren ein junger
Bursche gewesen, der Sohn armer, achtbarer Eltern. Sein Vater war
Actuar am Gericht gewesen, und durch Flei, der nicht einen Tag
aussetzte, durch darbende Sparsamkeit, die sich nicht einen guten Tag
gnnte, hatte er es durchgesetzt, da sein Sohn so viel gelernt hatte,
da er auch Unterbeamter werden konnte, Unterbeamter an der Regierung.
Und fr das Alles hatte ihm der Schlingel bel gelohnt; er that als
Beamter nicht gut. Nicht, da er getrunken htte oder eigentlich
liederlich gewesen wre, aber er hatte den Kopf voller Flausen. Zum
Knstler, hatte er behauptet, wre er geboren; ein Bildhauer steckte in
ihm, das fhle er, und das sollte hervorkommen.

Natrlich war er frchterlich ausgelacht worden, und der alte Vater
empfand schier tdtlich den Schimpf, den ihm der Sohn bereitete. Denn
boshaft, wie die Menschen nun einmal sind, versumten sie nie, wenn sie
des alten Actuars ansichtig wurden, ihn zu fragen, wie es seinem Sohne,
dem Bildhauer, ginge, ob er Fortschritte machte, und was dergleichen
Scherze mehr waren. Und whrend alle anderen vernnftigen Leute der
Stadt es als ihre Pflicht erkannten, dem jungen Menschen zur Vernunft
zu reden, war Einer, der das Gegentheil that, der ihn in seinen
Abgeschmacktheiten durch Zureden bestrkte. Das war unrecht von dem
Einen, und dieser Eine war Niemand anders als der Herr Regierungsrath
Graumann. Man erzhlte sich, da er dem jungen Menschen die Erlaubni
gegeben habe, ihn zu besuchen; da dieser oft Stunden lang bei ihm
verweilte, da der Regierungsrath ihm seine Bilder zeigte, sich mit ihm
ber seine Plne unterhielt, ihn sogar mit Geld untersttzte. Lauter
Dinge, die aller Vernunft und gesellschaftlichen Ordnung doch geradezu
ins Gesicht schlugen. Und natrlich hatte es denn auch zu keinem guten
Ende gefhrt. Eines schnen Tages war der Bildhauer verschwunden
gewesen, fort von der Regierung, aus der Stadt, und fort von seinen
Eltern. Einfach durchgebrannt; Niemand wute, wohin. Niemand wute es
und hat es je erfahren. Denn seit dem Tage blieb er verschollen, und
kein Mensch hatte je wieder von ihm gehrt. Ob vielleicht der alte
Graumann? Mglich -- aber der sagte nichts.

Bei dem Weinhndler Kurzer nun hatte der Michelangelo der Ukermark,
wie ihn einer von den Regierungsreferendaren, ein junger, besonders
geistreicher Mann, betitelt hatte, eine Rechnung. Er hatte dort
manchmal ein Glas Wein, und mehr als eins, getrunken, aber keins
bezahlt. Wahrscheinlich war es auch wieder dieser alte Snder, der alte
Graumann, gewesen, der den Herrn Kurzer zu so strflicher Nachsicht
veranlat hatte. Wenige Tage dann, bevor er auf Nimmerwiedersehen
verschwand, hatte er dem Weinhndler seine Lwenreiterin gebracht,
gewissermaen als Bezahlung. Vielleicht wrde er sie spter einmal
verwerthen knnen, hatte er gemeint. Bis jetzt war es freilich nicht
geschehen.

Wird auch wohl so bald nicht kommen, meinte mit resignirtem
Schmunzeln der Herr Kurzer, wenn das Gesprch darauf kam.

Am Nachmittag des besagten Weihnachtsabends war also der alte Graumann
im Weinkeller erschienen. Statt einer halben Flasche, die er fr
gewhnlich trank, hatte er sich sogleich eine ganze bestellt, eine
ganze Flasche schweren Burgunder. Ueberhaupt war er dem Herrn Kurzer
ganz besonders aufgeregt erschienen.

Gehen Sie denn heute Abend nicht zur Bescherung ins Stift? hatte Herr
Kurzer gefragt; darauf aber war der Herr Regierungsrath gleich
sacksiedegrob geworden.

Soll ich in ein Haus gehen, wo man mich 'rausschmeit? Und dann hatte
er die Geschichte mit dem Briefe erzhlt. Furchtbar schien ihn die
Geschichte aufgeregt zu haben. So wie an dem Tage hatte Herr Kurzer ihn
noch niemals gesehen. Eine ganze Weile hatte er sich schweigend mit
seinem Burgunder unterhalten, dann war er mit einem Mal aufgestanden,
hatte die Figur aus der Ecke geholt und sie, ohne ein Wort zu sagen,
mitten auf den Tisch gestellt.

Ganz staubig ist das Ding gewesen, berichtete Herr Kurzer, so da
ich es erst habe abklopfen mssen.

Alsdann hatte der Alte davor gesessen und kein Wort gesprochen und
immerfort das Ding angeschaut -- immerfort, eigentlich nicht anders
als wie ein Verrckter, hatte Herr Kurzer gemeint. Und dann hatte es
angefangen, in seinem Gesicht zu arbeiten. Sie wissen ja, wenn er so
mit sich Unterhaltung macht; diesmal aber hatte es ausgesehen, als ob
er sich mit der Lwenreiterin unterhielte oder vielmehr mit dem, der
die Lwenreiterin gemacht hatte. Immerfort in die Luft htte er vor
sich hin gesprochen; lauter sonderbares Zeug. Herr Kurzer, der mit ihm
am Tische sa, hatte Einiges davon verstehen knnen.

Dir haben sie es auch nicht gegnnt! Darum bist Du um die Ecke
gegangen. Und nun bist Du zum Teufel. Da so etwas hier hat geboren
werden knnen, in dem Nest! Wie sie ihm das Herz abgefressen haben,
immerfort, bis er nicht mehr gekonnt hat, nicht mehr ausgehalten
hat! Nun ist er zum Teufel. Sie haben ihn auf dem Gewissen. Haben
ihm das Herz abgefressen. Mit ihrem ewigen dummen Gelache und
Gehhn. Mit dem sie sich so klug vorgekommen sind, die Dummkpfe,
die gottserbrmlichen, die Strohkpfe, die Banausen!

Was er dann weiter sagte, hatte Herr Kurzer nicht verstehen knnen,
weil es ein dumpfes Murren gewesen war. Dann aber hatte er wieder ein
Glas hinunter getrunken, mit der flachen Hand, wie es seine Gewohnheit
war, sich den Mund gewischt und dann pltzlich mit der Faust auf den
Tisch geschlagen, da Flasche und Glser geklirrt hatten und die
thnerne Figur, als sei die Seele ihres Verfertigers fr einen
Augenblick in sie zurckgekehrt, einen dumpfen Klang von sich gegeben
hatte. Zu Herrn Kurzer hatte er sich herum gewandt mit ein paar Augen,
da ich doch gleich denke, der Teufel selber guckt mich an. -- Nicht
gegnnt haben sie's ihm, hatte er Herrn Kurzer angeschrieen, das ist
der Kern von dem ganzen Pudel! Neid ist die ganze Geschichte gewesen.
Nicht vertragen haben sie's knnen, da da mitten unter ihnen so Einer
gekommen ist, der was Anderes gewesen ist als sie, mehr gekonnt hat als
sie! Ist ein Liederjahn -- hat's geheien; ist nicht wahr, er war kein
Liederjahn. Kartoffeln sind sie gewesen, Alle mit einander, und er war
eine -- eine -- was soll ich sagen -- mitten unter den Kartoffeln eine
Ananas.

Das ist sehr gut, hatte Herr Kurzer rasch eingeschoben, indem er
einen verunglckten Versuch machte, der Sache eine scherzhafte Wendung
zu geben. Einen sehr verunglckten, denn der Herr Regierungsrath hatte
ihn angesehen -- noch schrecklicher als vorhin.

Gut nennen Sie das?

Ich meinte nur, was Sie da eben gesagt haben, von den Kartoffeln und
der Ananas, beeilte sich Herr Kurzer zu seiner Entschuldigung
anzubringen.

Darauf aber hatte der alte Graumann lange Zeit gar nichts gesagt,
sondern schweigend das Haupt in die Hand gesttzt wie Jemand, der ganz
in sich und seine Gedanken hinein kriecht. Endlich war er wieder heraus
gekommen und hatte die Hand auf Herrn Kurzer's Arm gelegt.

Herr Kurzer, hatte er gesagt, kennen Sie die Geschichte von dem
Apostel Johannes, der sich, als er ein alter Mann geworden war, immer
in die Kirche tragen lie und immer nur ein Wort und nichts als das
sagte: >Kinder, liebt Euch unter einander?<

Herr Kurzer glaubte sich zu erinnern, da er so etwas einmal gehrt
htte.

Mein lieber Herr Kurzer, sehen Sie, das war ein alter Mann, und ich
bin auch ein alter Mann. Der hatte das Leben erfahren, sehen Sie, und
wute, was er sagte, und hatte recht. Einmal wird die Zeit kommen, da
werden auch Sie sagen: der alte Graumann hat doch recht gehabt. Sehen
Sie, mein lieber Herr Kurzer, da sind nun unsere Prediger. Alle
Sonntage, die Gott werden lt, klettert das auf die Kanzel und sabbert
den Leuten eine Stunde lang was vor und nachher, wenn's zu Ende ist,
gehen die Leute hinaus und sind genau so klug wie vorher. Wissen Sie,
was sie thun sollten? Auf die Kanzel sollten sie steigen, ihre Bcher
zu Hause lassen und den Leuten ein einziges Wort sagen, aber so, da
die Leute es hren: >Seid nicht neidisch!<

Herr Kurzer hatte sich unwillkrlich umgesehen. So frchterlich
gebrllt htte der Regierungsrath, als er das sagte, da er doch
wirklich geglaubt htte, die Vorbergehenden wrden von der Strae
herunter kommen, zu fragen, was da unten los sei.

Den alten Graumann aber hatten solche Befrchtungen offenbar nicht
angefochten.

So sollten sie sprechen, die Prediger, hatte er fortgefahren; >ich
kenne Euch,< sollten sie zu den Leuten sagen, >ich kenne Euch Alle, die
Ihr da vor mir sitzt; durch Eure andchtigen, scheinheiligen Gesichter
sehe ich hindurch, bis in Eure schwarzen Herzen. Ja, guckt mich nur an;
denn in Euren Herzen ist es finster, finster, schwarz. Ein Hllenhund
sitzt in Euren Herzen, in jedem einzigen, der Neid! der Neid! Der
verdammte, verfluchte Neid!<

Bei diesen Worten, so erzhlte Herr Kurzer spter, war der Herr
Regierungsrath aufgesprungen und im Keller auf- und abgegangen, auf und
ab, so da es ihm beinahe ungemthlich zu Muthe geworden wre und er
gar nicht mehr gewut htte, was er eigentlich machen sollte. Endlich
hatte er sich ermannt und noch einmal den Versuch gemacht, die
Geschichte von der humoristischen Seite zu nehmen.

Da wrden die Herren Prediger ihre Kirchen wohl bald schn leer
haben, hatte er bemerkt.

Ein Geknurr war die Antwort gewesen. Glaub' ich selber. Habe Ihnen ja
den Brief gezeigt; haben es gehrt, wie's Einem geht, wenn man den
Menschen die Wahrheit sagt, da sie Neidhmmel sind. Zum Hause
schmeien sie Einen 'raus. Denn sie fhlen, da man recht hat, und weil
sie's fhlen, wollen sie's nicht Wort haben. Natrlich. Wenn man unter
Kranken steckt, darf man von der Krankheit nicht sprechen; ist nicht
angenehm, wenn man daran erinnert wird. Denn krank sind die Menschen
allesammt, und ihre Krankheit, wissen Sie, wie die heit? Der Neid.

Es wird doch aber Ausnahmen geben, hatte Herr Kurzer einzuwenden
gewagt; aber ein Lachen -- Sie wissen ja, so ein recht hhnisches,
beinahe teuflisches -- war von dem alten Graumann gekommen.
Ausnahmen -- und damit hatte er sich wieder zu seinem Burgunder
gesetzt, wie soll's denn Ausnahmen geben, wenn die ganze Welt
aufgebaut ist auf dem verfluchten Gesetz: Seid neidisch auf einander!
Was einem Andern gehrt, gehrt nicht mir; und da es nicht mir gehrt,
sondern einem Andern, das ist nicht recht, und darum ist der Andre mein
Feind. Das ist die Weltordnung, diese -- diese famose, von der die
Prediger von den Kanzeln erzhlen. Haben Sie's einmal angesehen, wenn
man Spatzen fttert? Da werfen sie einen Brocken hin -- surr, ist ein
Sperling da. Noch einen Brocken -- rutsch, kommt ein zweiter. Was thut
der erste? Von seinem Brocken, an dem er herum pickt, lt er los und
fhrt ber den zweiten her, warum? Blo damit der andere Spatz nicht
auch etwas abbekommt. Die Canaille! Wenn die Menschen so etwas sehen,
lachen sie. Schmen sollten sich die Menschen, statt zu lachen, sollten
sich sagen, da sie's genau so machen wie die Spatzen, aber ganz genau!
Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen? Haben Sie's gesehen, wie das
Gestrpp und das Unterholz aufwchst und sich breit macht zwischen den
hohen Bumen? Sie denken: das macht sich so von selbst, das ist eben
die Natur. Jawohl ist's die Natur, aber in der Natur steckt der Teufel.
Neidisch ist das Unterholz auf die hohen Bume und mchte sie am
liebsten ersticken. Wrde sie auch ersticken, wenn der Mensch sich
nicht darber hermachte und das Unterholz kappte. Ja, der Mensch -- dem
Gestrpp gegenber hat er ein Einsehen, aber wenn man ihm sagt: seht in
Euch selber hinein, rodet es aus, was da drinnen bei Euch wchst, das
Wucherzeug, die Wasserpest, dann schmeien sie Einen zum Haus hinaus.
Herr Kurzer, ich bin Beamter gewesen, bin lange Zeit Beamter gewesen,
viel zu lange. Ich habe es zu nichts gebracht. Nicht einmal das haben
sie mir gegnnt, da sie mir den >Geheimrath< gegeben haben. Warum?
Soll ich's Ihnen sagen? Weil ich ein Esel gewesen bin mein Leben lang,
ein Dummkopf; weil ich auf meinem Weg immer zur Seite gesehen habe, was
sich da neben mir begab, statt da so ein tchtiger Beamter, verstehen
Sie, so ein Streber, immer mit Scheuklappen seinen Weg gehen mu, immer
nur vorwrts sehen mu, vor sich hin und hinauf, damit er hbsch
vorwrts kommt. -- Aber ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kurzer: wenn
sie so an mir vorbei avancirt sind, mit so einem halb mitleidigen
Lcheln, weil ich immer hinter ihnen geblieben bin, bewundert habe ich
sie nicht und beneidet um ihre Orden, mit denen sie klunkerten, auch
nicht. Denn in meiner Dummheit bin ich klger gewesen als sie und habe
etwas gewut, was sie Alle nicht gewut haben, da sie krank sind,
Einer wie der Andere, neidisch, der Eine auf den Anderen, und weil ich
nichts gewollt habe, bin ich nicht neidisch gewesen.

Und nach diesen Worten war der Herr Regierungsrath wieder stumm
geworden, hatte vor sich hingesehen und dann mit einer Stimme, gerade
als wenn er aus dem Grabe heraus sprche, gesagt: Ich habe es mir
abgewhnt.

Was er damit hatte sagen wollen, vermochte Herr Kurzer nicht anzugeben.
Es hatte so ausgesehen, als wenn sich der alte Mann an etwas erinnerte,
an etwas, das vor langer Zeit einmal geschehen war, vielleicht damals,
als er noch ein Kind war; denn pltzlich war er dann auf die Kinder
gekommen.

Ja, die Kinder, hatte er wieder angefangen, wenn man solch ein Kind
ansieht -- es ist doch so etwas Schnes. Das glaubt noch an einen
>lieben Gott<, wei noch nichts von all' dem Dreck, durch den man
patschen mu, wenn's nachher ins Leben geht, Streberei, Kriecherei,
Heuchelei, und wie die Teufelseier alle heien. Und sehen Sie, Herr
Kurzer -- und dabei hatte er den Arm des Herrn Kurzer zwischen seine
Finger gepret, als wenn er ihm den Knochen zerdrcken wollte -- sehen
Sie, Herr Kurzer, neidisch ist das darum doch. So ist der Mensch!
Neidisch sind solche Wrmer auf einander auch schon! Schenkt man Einem
was, so sieht's nicht auf das, was es bekommen hat, sondern nach dem,
was das Andere gekriegt hat; und wenn ihm das schner erscheint und
besser gefllt, dann geht der Teufel in ihm los. Das, was ich nicht
habe, das gerade mchte ich bekommen haben. Und da sitzt man nun vor
solch einem kleinen Geschpf, solch einem armen, kleinen Ding und
sieht, wie das Gift in ihm zu kochen anfngt, und wie das Pflnzchen
krank wird, weil es die Krankheit eingesogen hat und angeerbt, die aus
dem Boden kommt, aus dem es wchst, der Welt, die so schn eingerichtet
ist, der -- der schlechten, schndlichen, verfluchten Welt! Und ber
das Alles sieht man in die Zukunft hinaus, wenn das Kinderpflnzchen
einmal ausgewachsen sein wird und ein Strunk geworden sein wird, ein
dicker, grober, knotiger Strunk. Dann wird es gerade sein wie all' die
Strnke, die vor ihm gewesen sind, so hart, da man Andere damit
todtschlagen kann. Und das Alles mu man mit ansehen und kann nichts
thun, es zu ndern; denn wenn man es ndern will, dann kommen die
Erwachsenen und schmeien Einen zum Hause hinaus. Sie haben den Brief
gehrt, Herr Kurzer -- schmeien Einen zum Hause hinaus!

Ueber diesem Gesprch, berichtete Herr Kurzer, war es mittlerweile spt
geworden, der Weihnachtsabend angebrochen. Durch das Kellerfenster
hindurch sah man in dem gegenberliegenden Hause bereits einen
flammenden Lichterbaum. Da hinber hatte der Herr Regierungsrath
gesehen, mit einem Ausdruck im Gesicht, meinte Herr Kurzer, da man
recht gefhlt htte, was fr ein einsamer alter Mann er eigentlich war.
Dann hatte er gesagt: Sie werden nun wohl auch Ihren Keller
zuschlieen und bei sich zu Hause aufbauen wollen, Herr Kurzer; darum
will ich nur gehen. Und damit war er aufgestanden, und Herr Kurzer
hatte ihm geholfen, den Mantel anziehen. Und als er schon den Mantel
angezogen und den Hut in der Hand hatte, war er noch einmal stehen
geblieben und in Gedanken versunken.

Weil ich jetzt also den Kindern nichts mehr schenken soll, hatte er
gesagt, will ich Ihnen etwas lassen, Herr Kurzer. Wenn Sie wollen,
knnen Sie's wegschmeien: Erfahrung, Herr Kurzer! Darauf, da der
Mensch Erfahrung macht, darauf kommt es an! Und indem er so sagte,
htte der Herr Regierungsrath die Hand, darin er den Hut hielt,
emporgehoben und ausgesehen -- gradezu feierlich, meinte Herr Kurzer.

Man mu etwas erlebt haben, Herr Kurzer, und das, was man erlebt hat,
behalten. Aber nicht im Kopf, verstehen Sie, sondern da, da drinnen im
Herzen. Ein Herz mu man haben, das sich erinnern kann. Und daran eben
fehlt es bei den Menschen; denn wenn man etwas aufbewahren soll, dann
mu man einen Raum haben, wo man es hineinthun kann; wenn man sein
Leben mit sich tragen soll im Herzen, mu man ein Herz haben, wo Platz
dafr da ist. Und das eben haben die Menschen nicht, sondern ihre
Herzen sind wie flache Teiche, wo ihre Strebergedanken drin
herumschwimmen wie gierige Fische mit dummen Glotzaugen, die nichts
Anderes denken knnen, als da sie danach umhersehen, ob nicht irgendwo
ein Brocken herunterfllt, den sie aufschnappen knnen. Nein, Herr
Kurzer, nicht wie ein Teich mu das Herz des Menschen sein, sondern wie
das Meer. Sind Sie schon einmal am Meere gewesen, Herr Kurzer? -- Da
werden Sie gesehen haben, da das Meer nicht die Farbe annimmt von dem
Tage, der grade darber scheint, sondern da es seine Farbe fr sich
hat, und da die Farbe immer bleibt, einen Tag wie alle. Woher erklren
Sie sich denn, da das kommt? Das will ich Ihnen sagen; es kommt daher,
da das Meer immerfort den ganzen Himmel widerspiegelt, bei Tag und bei
Nacht, Sonne, Mond und Sterne, heute hell und morgen dunkel, und das
Alles, was da immer von oben hinuntersieht, bleibt aufbewahrt in dem
tiefen Meere, und davon bekommt das Meer seine gleichmige Farbe. Ist
der Himmel, der darber liegt, wie das bei uns da oben im Norden zu
sein pflegt, meistens grau, so wird auch das Meer grau; ist er hell und
blau, wie da unten im Sden, wird auch das Meer blau. Und so wie mit
dem Meere, sehen Sie, so ist es mit den Herzen der Menschen. Denn was
der Himmel fr das Meer, das ist das Leben fr den Menschen, das immer
ber ihm liegt mit seinen Erlebnissen und Erfahrungen und Schicksalen.
Nicht immer nur den heutigen Tag mu man in sich hineinschlucken,
sondern alle Tage mssen dem Menschen gegenwrtig sein, die er schon
gelebt hat. Und nicht immer zappeln und streben mu man nach dem, was
morgen etwa kommen wird, sondern erinnern mu man sich, erinnern,
erinnern! Aber damit man sich erinnern kann, dazu gehrt, da man eben
ein tiefes Herz hat, so tief wie das Meer. Und daran eben fehlt es bei
den Menschen. Und wenn sie solche Herzen htten, dann stnde es besser
um die Welt; dann wrden sie eine Ahnung davon bekommen, was das
eigentlich sagen will, wenn es heit, da vor Gott hundert Jahre sind
wie ein Tag. Denn das ist ein merkwrdiges Wort, Herr Kurzer, viel
merkwrdiger, als die Menschen es sich trumen lassen, die es gar nicht
verstehen. Einer hat es einmal verstanden, und das ist der alte Apostel
Johannes gewesen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Als der alt geworden
ist, sehen Sie, da hat Alles vor ihm gelegen, was er jemals erlebt
hatte, an sich und an Anderen. Und weil er ein alter Mann geworden war,
der sich tragen lassen mute und wahrscheinlich auch nicht viel mehr
sprechen konnte, hat er bei sich berlegt, wie er Alles das, was er
gesehen und mitgemacht und erlebt hatte, in ein einziges Wort
zusammendrcken knnte, das sie alle verstnden, und da hat er kein
besseres gefunden, als das, was ich Ihnen gesagt habe: >Kinder, liebet
einander<. Und er htte auch kein besseres finden knnen; denn damit
hat er Alles gesagt, was den Menschen noth thut, und was sie heilen
kann von ihrer niedertrchtigen Krankheit, und es ist wirklich ein
schnes Wort gewesen, ein schnes, schnes.

Und damit hatte der Herr Regierungsrath den Hut auf den Kopf gesetzt
und war hinausgegangen, und es htte ausgesehen, meinte Herr Kurzer,
als htte er vergessen gehabt, da Herr Kurzer oder sonst noch Jemand
auf der Welt gewesen wre.

Mglicher Weise war es bald nach dieser Unterhaltung des alten Graumann
mit dem Weinhndler Kurzer, jedenfalls in einem Winter, als ich seine
nhere Bekanntschaft machte.

Eine sonderbare Begebenheit bot den Anla dazu:

Vom Nachmittagsspaziergang zurckkehrend, ging ich den hohen Damm
entlang, der die Strae der Vorstadt, in deren Zeile die Wohnung des
Regierungsraths lag von tief gelegenen Wiesen auf der anderen Seite
trennte. Der vorberflieende Strom berfluthete das flache Gelnde;
die Wiesen bildeten das Schlittschuhlaufgebiet der Stadt. An jenem Tage
lag tiefer Schnee; die Eisbahn aber war glatt gefegt und wimmelte von
fahrendem Volk.

Das Haus, in welchem der alte Graumann wohnte, lag etwas von der
Straenflucht zurckgerckt; ein Vorgarten befand sich davor, und in
diesem Vorgarten sah ich, indem ich nherkam, zwei Kinder, einen Knaben
und ein Mdchen, damit beschftigt, einen Schneemann zu bauen. Je
lauter von der Eisbahn her das Gewirr und Gelrm vergngter Stimmen
ertnte, um so stiller ging es auf dieser Seite zu, wo die beiden
Kleinen, offenbar armer Leute Kinder, emsig und wortlos ihrem Werke
oblagen.

Der weie Mann war schon so ziemlich fertig; zwei Kohlenstcke waren
als Augen in seinen Kopf gesteckt; mit schwarzer Kohle war ihm eine
Nase und ein Mund gezeichnet, und aus dem Munde ragte, eine Cigarre
andeutend, ein Stck Holz. Aus dem Hause wurde ein Besen geholt und ihm
in den linken Arm gegeben. Und nun schien das Werk vollendet.
Brderchen und Schwesterchen standen bewundernd davor. Nur eins noch
fehlte; Meister Schneemann hatte noch keine Kopfbedeckung. Eine
flsternde Berathung der Geschwister, und dann lief der Junge abermals
ins Haus, um das fehlende Bekleidungsstck zu holen.

Im Augenblick aber, als er den Platz verlie, erschien von der Eisbahn
her eine Schar von Knaben, die Schlittschuhe ber den Arm gehngt, in
ihrer Mitte, gewissermaen den Kern bildend, zwei auffallend hbsche,
aber dreist blickende, dunkelugige und dunkellockige Burschen von etwa
elf oder zwlf Jahren, die Jedermann in der Stadt kannte, weil es die
Shne eines der reichsten und angesehensten Kaufleute des Orts und
einer beraus zrtlichen Mutter waren, die die Rangen, wie man sich
in der Stadt zuflsterte, kolossal verzog. Immer sah man die Beiden
zusammen und als Dritten im Bunde stets einen groen, gelb-weien
Bernhardiner, den der Vater ihnen geschenkt hatte, und der sie auf
Schritt und Tritt begleitete. Auch heute war der Hund mit ihnen auf der
Eisbahn gewesen, und mit der dicken Schnauze im Schnee whlend trabte
er der Schar voraus.

Sobald nun die Jungen den Damm erstiegen hatten und des Schneemanns
drben ansichtig geworden waren, entstand ein jauchzendes Halloh, und
im nchsten Augenblick war der ganze Schwarm vom Damm herab, ber die
Strae hin, am Stacketenzaun des Vorgartens, mitten unter ihnen der
Bernhardiner, der sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet hatte und die
Vorderpfoten auf den Zaun aufsttzte.

Anfnglich begngte man sich damit, den Schneemann, der einige Schritt
weit vom Stackete entfernt stand, schweigend zu bewundern; bald aber
wurde das langweilig, und die beiden Anfhrer griffen in den Schnee,
machten sich Schneeblle, die Anderen folgten ihrem Beispiel, und im
nchsten Augenblick erffnete sich ein Bombardement von Schneebllen
auf den weien Mann.

Nicht schmeien! Nicht kaput machen! schrie das kleine Mdchen, das
allein auf dem Platze war, aber ein hhnendes Gelchter erstickte ihren
Ruf, denn gerade jetzt hatte ein wohlgezielter Wurf die Cigarre aus dem
Munde des Schneemannes geschleudert, und im nchsten Augenblick hatte
er nur noch ein Auge.

Jetzt kam der kleine Bruder aus dem Hause zurck. Von der Schwester,
die schon nah am Weinen war, auf das Unheil aufmerksam gemacht, das
ihrem Kunstwerk drohte, besann er sich nicht lange, steckte dem
Schneemann wieder die Cigarre in den Mund, das ausgeschossene
Kohlenauge wieder in den Kopf, stlpte ihm die alte, groe Mtze, die
er mitgebracht hatte, auf den Kopf; dann griff auch er in den Schnee,
und klatsch -- hatte der eine von den Angreifern einen Schneeball
mitten im Gesicht.

Das gab dem Ulk eine neue Wendung; ein Schneeballkampf entstand, und
es dauerte nicht lange, so war der arme kleine Bursche da drinnen im
Vorgarten so mit Wrfen und Schssen zugedeckt, da er mit dem
Schwesterchen, das er an der Hand nahm, bis an die Hausthr flchten
mute; fr den Schneemann gab es nun keine Rettung mehr; das
ausdrucksvoll gemalte Gesicht war bald nur noch eine unfrmliche Masse,
und alle Anstrengungen der Angreifer richteten sich darauf, ihm die
Mtze, die immer noch nicht herunter wollte, vom Kopfe zu schieen.
Endlich war der groe Wurf gelungen, ein Schneeball hatte die Mtze
getroffen, ein zweiter, dritter schlug an der gleichen Stelle ein; ein
Triumphgeschrei erhob sich, und in das Geschrei der Knaben mischte sich
das tiefe, vergngte Gebell des Bernhardiners. Der Hund wollte auch
dabei sein und sollte es auch. Im Augenblick, als die Mtze vom Kopfe
des Schneemanns herabglitt, packte einer von den beiden wilden Burschen
den Bernhardiner am ledernen Halsband, und indem er auf die Mtze
zeigte, die dunkelfarbig vom weien Schnee abstach, rief er: Allons,
apporte, Nero! Apporte! Mit gellendem Jubel wurde der Gedanke
aufgenommen; apporte, Nero, fa' Nero! Der Hund, von allen Seiten
angefeuert, gebrdete sich wie rasend und machte die verzweifeltsten
Anstrengungen, ber den Stacketenzaun hinber zu kommen. Wir mssen
ihm helfen, hie es; smmtliche Knaben vereinigten ihre Hnde unter
dem Leibe des Hundes, und indem sie das schwere, mchtige Thier
emporhoben, verschafften sie ihm die Mglichkeit, hinber zu gelangen.
Ein letztes, aufgeregtes Geblaff, und dann, halb selber springend, halb
geschleudert, flog der Bernhardiner ber den Stacketenzaun in den
Schnee des Vorgartens, in dem er sich berschlug. Im nchsten
Augenblick stand er hochaufgerichtet an dem Schneemann, in den er seine
breiten Pfoten einschlug, whrend er mit dem Maule nach der Mtze
schnappte, die auf der Schulter des Schneemanns liegen geblieben war.
Jetzt aber, aller Furcht vor etwaigen Schneebllen vergessend, kam der
kleine Junge wieder nach vorn gerannt. Die Mtze war offenbar die eines
erwachsenen Mannes, wahrscheinlich die seines Vaters, die er sich,
whrend der Vater auer Haus war, eigenmchtig geholt hatte. Wenn sie
in den Zhnen des Hundes entzwei ging, standen dem kleinen Kerl die
bedenklichsten Folgen in Aussicht. In voller Verzweiflung warf er sich
daher dem Hunde entgegen, um die Mtze zu retten. Aber es war zu spt;
der Hund hatte sie schon gepackt, und nun griff der Junge zu, um sie
dem Thier wieder zu entreien. Ein Ringkampf entstand zwischen beiden,
zum brllenden Ergtzen der Burschen drauen, die vor Entzcken ber
ihr gelungenes Thun jauchzten und quietschten. Der Bernhardiner, nicht
bsartig von Natur, aber tollpatschig, wie solche groe Hunde sind,
mochte glauben, da der Knabe mit ihm spielen wollte; je mehr der
Gegner an der Mtze zog, um so fester packte er sie mit den Zhnen.
Beide Kmpfer drngten sich in den Schneemann hinein; der Schneemann
kam ins Wanken, und pltzlich, wie ein Schneeberg, fiel er ber sie,
beide fr einen Augenblick unter seiner Masse begrabend.

Der Jubel da drauen, den dieses Schauspiel hervorrief, artete zu einem
wahrhaft hllenmigen Lrm aus, und in den Lrm mischte sich das
Zetergeschrei des kleinen Mdchens, das jetzt auch herangekommen war
und sich, unter strmenden Thrnen, bemhte, den Bruder zu befreien,
der prustend, selbst wie ein kleiner Schneemann aussehend, unter der
Lawine hervorgekrochen kam.

In diesem Augenblick jedoch erscholl ein Laut, der sowohl den
Freudenlrm wie das Zetergeschrei jhlings verstummen machte. Auf dem
Balkon seiner Wohnung, der sich ber dem Hauseingange befand, war der
alte Graumann erschienen. Und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar,
wie die eines angeschossenen Bren, klang, brllte er in den Kampf
hinunter.

Ihr Schlingel, Ihr infamen, schrie er zu den Jungen hinber, die
drauen am Stacketenzaun standen, was macht Ihr da? Wollt Ihr gleich
Euren Kter fortrufen, Euren verfluchten!

Die Erscheinung des alten Mannes, der sich, blauroth vor Zorn im
Gesicht, ber die Brstung des Balkons gebeugt hatte, und der Ton
seiner Stimme wirkten so erschreckend, da fr einen Augenblick
allgemeine Stille eintrat und die von Winterluft und Aufregung
glhenden Gesichter der Knaben erblaten. Dann aber, von den beiden
Rdelsfhrern ausgehend, erhob sich ein hhnisches Flstern und
Kichern, der olle Graumann! der olle, verdrehte Graumann! Ob das
Gekicher bis zu ihm hinauf drang, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls
aber richtete sich der Alte pltzlich auf, und indem er die Glasthr
des Balkons schmetternd hinter sich zuwarf, verschwand er im Innern
seiner Wohnung. Kaum eine Minute darauf kam er durch die Hausthr unten
wieder zum Vorschein, eine groe Lederpeitsche in den Hnden, mit der
er sich sofort, unter wthenden Hieben, auf den Bernhardiner strzte.
Der Hund stie ein klgliches Geheul aus, und mit eingezogenem Schweif
floh er rund um den Garten, von dem alten Graumann unablssig verfolgt.

Aus dem, was als ein Spa begonnen hatte, schien jetzt bitterbser
Ernst werden zu wollen. Die Jungen drauen, namentlich die beiden
Besitzer des Bernhardiners, geriethen auch ihrerseits in eine wilde
Erregung, und als der Alte jetzt dicht am Stacket vorbei kam, schrie
ihn der eine der beiden Buben, indem er wthend beide Fuste ballte,
kreischend an: Herr Graumann, ich werde es meinem Vater sagen, wenn
sie unseren Hund schlagen! Sie drfen unseren Hund nicht schlagen, Herr
Graumann! Und ich werde es meinem Vater sagen!

Der alte Mann blieb jhlings stehen, und mit einer schweren Bewegung
drehte er das Gesicht zu dem Jungen herum. Deinem Vater wirst Du es
sagen? Du rotznsiger, frecher, infamer Schlingel! Erst werde ich mit
Dir ein Wort sprechen, Du -- und mit den Worten griff er ber den Zaun
hinweg, nach dem Kragen des Jungen, der sich nur durch einen schnellen
Sprung vor dem Griffe zu retten vermochte.

Ihr Canaillen, donnerte der Regierungsrath, indem er dicht an den
Zaun herantrat, das, was Ihr verdient, das ist die Karbatsche!

Er schwang auch wirklich die Peitsche empor, als wenn er mitten unter
die Knabenschar hineinhauen wollte, und bei der Aufregung, in der er
sich befand, wrde er sein Vorhaben sicherlich ausgefhrt haben, wenn
nicht in diesem Augenblick eine Frauenstimme ertnt wre, die seinen
erhobenen Arm langsam niedersinken lie. Es war die Mutter der beiden
Rangen, die heraus gekommen war, ihre Shne von der Eisbahn
abzuholen, und die sie nun hier in einem solchen Conflict vorfand.

Aber Herr Regierungsrath -- die ohnehin energische Stimme der Dame
klingelte frmlich in gellender Erregtheit --, ich wrde es doch nicht
fr mglich gehalten haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen
htte, da Sie auf offener Strae mit der Peitsche nach meinen Knaben
schlagen! Der alte Graumann verneigte sich mit hhnischer
Beflissenheit, indem er die grne Sammetkappe lftete, die er auf dem
Kopfe trug: Und ich wrde es nicht fr mglich gehalten haben, gndige
Frau, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen htte, da sich Ihre
Musjehs von Shnen auf offener Strae wie Strolche und Einbrecher
benehmen wrden.

Wie -- Einbrecher? Die Dame brachte es beinah mit einem Schrei
hervor, indem sie fragend die Augen auf ihre Jungen richtete. Jetzt
drngten sich diese an die Mutter, und indem der Rckschlag der
bisherigen Aufregung eintrat, brachen sie in Thrnen aus. Es haben
welche einen Schneemann gebaut, berichteten sie, und ihm eine Mtze
aufgesetzt, und die Mtze ist heruntergefallen, und dann ist Nero ber
den Zaun gesprungen und hat die Mtze apportirt.

Lge nicht, Du Galgenstrick! donnerte der alte Graumann dazwischen.
Nicht heruntergefallen ist die Mtze! herunter geschmissen habt Ihr
sie, mit Euren Schneebllen!

Aber ist denn das ein so himmelschreiendes Unrecht, hob die erzrnte
Vertheidigerin ihrer Sprlinge wieder an, wenn Kinder mit
Schneebllen nach einem Schneemann werfen?

Jawohl, gndige Frau! -- der Alte schrie ihr seine Worte jetzt ohne
alle Hflichkeit ins Gesicht -- jawohl ist es ein himmelschreiendes
Unrecht, wenn ein Paar Bengel, die von ihrer Mutter wie Chenille-Affen
verzogen werden, die Alles geschenkt bekommen, was sie sich nur denken
knnen, und viel mehr, als ihnen gut ist, wenn solche Bengel einem Paar
armer Kinder, die nichts von all' dem haben, was _sie_ haben, das arme,
kleine bichen Vergngen stren und zunichte machen, was solche arme
Kinder haben! Jawohl, gndige Frau! Eine Niedertrchtigkeit, das ist
es, was Ihre Musjehs gemacht haben! Da solch ein Schneemann keine
groe Kostbarkeit ist, das wei ich; jawohl, gndige Frau, ich bin so
frei, es zu wissen. Aber darauf kommt es nicht an. Denn der Schneemann
gehrte den beiden Kleinen, und darauf kommt es an. Gehrte nicht Ihren
Musjehs, gehrte den beiden Kleinen, die ihn sich gemacht hatten! Ihre
Jungen haben Schlittschuhe und Schlitten und einen Hund, so gro wie
der Chimborasso, und die Kleinen haben nichts. Und da Ihre Jungens
ihnen nicht das einmal gnnen wollen, das ist eine Niedertrchtigkeit!
Da sie ihren groen Kter auf die Kleinen hetzen, das ist eine
Niedertrchtigkeit!

Aber, wer hat denn mit Hunden gehetzt?

Ihre Herren Jungens, gndige Frau. Jawohl, gndige Frau, bin so frei;
Ihre Herren Shne haben den Chimborasso auf die Kleinen gehetzt! Und
dafr soll sie der Teufel fricassiren, gndige Frau! Bin so frei, Ihnen
das zu sagen.

Die Augen der beleidigten Dame verdrehten sich frmlich und richteten
sich abermals auf die Knaben.

Nicht gehetzt, schrieen beide wie mit einem Munde. Nero ist von
selber ber den Zaun gesprungen!

Jetzt kam die Reihe, die Augen zu verdrehen, an den alten Graumann, und
er that es so, da man nur noch das Weie darin sah.

Ihr -- Lgenbolzen, sagte er keuchend, Ihr habt ihn nicht gehetzt?
Von selber ist er gesprungen? Mit Euren eignen Hnden habt Ihr den
Kter aufgehoben, Ihr sammt Euren Cumpanen, und ihn hinber geworfen
ber den Zaun!

Herr Regierungsrath -- unterbrach die Dame. Aber der Alte lie sich
nicht unterbrechen.

Das habe ich gesehen! Mit meinen eigenen Augen gesehen!

Herr Regierungsrath, -- wiederholte die Dame, und sie bemhte sich,
ihren Worten den scharfen und khlen Ton zu geben, mit dem man im
Weltverkehr Ungebildeten den Unterschied zwischen ihnen und den
Gebildeten klar macht, Ihren Behauptungen stehen die Worte meiner
Shne entgegen, und meine Shne lgen nicht.

Der Alte lie sein bekanntes, beinah teuflisches Lachen hren.
Vielleicht interessirt es Sie, gndige Frau -- und er machte abermals
seine hhnische Verbeugung --, zu erfahren, da Ihre Herren Shne
lgen wie gedruckt.

Sie irren sich! Meine Shne lgen nicht, Herr Regierungsrath! Das
Taschentuch wurde aus dem Pelzmuff gerissen und fuchtelte in zuckenden
Bewegungen in der Luft herum. Der alte Graumann trat so nahe an den
Stacketenzaun heran, als er vermochte. Gndige Frau, -- und er bohrte
die groen, runden, glhenden Augen in das aufgeregte Gesicht der Frau,
-- Sie hren, da ich es Ihnen sage, und ich bin ein alter Mann,
und --

Und das sind meine Shne, und meine Shne sind anstndiger Leute Kind
und lgen nicht, und Sie -- die Stimme der Frau, die beinah zum
Ueberschnappen gestiegen war, brach ab.

Und ich?

Und Sie -- Sie mssen mir das nicht bel nehmen, Herr Regierungsrath,
alle Welt wei das -- Sie -- sind ein aufgeregter alter -- Mann.

In diesem Augenblick trat ich heran. Ich hatte den Wortwechsel vom
ersten bis zum letzten Worte mit angehrt. Ein Gefhl sagte mir, da
ich eingreifen mute, wenn etwas Unangenehmes auf offener Strae
vermieden werden sollte.

Erlauben Sie einem Unparteiischen das Wort, gndige Frau, der, vom
Zufall gefhrt, den Vorgang von Anfang bis zu Ende mit angesehen hat.

Die Augen aller Kriegfhrenden richteten sich in berraschtem Schweigen
auf mich.

Ich habe den Vorgang, wie gesagt, in allen Einzelheiten verfolgt und
mu besttigen, da es sich genau so zugetragen hat, wie Herr
Regierungsrath Graumann gesagt hat. Der Hund ist nicht von selbst
gesprungen; die Knaben haben ihm mit eigenen Hnden ber den Zaun
geholfen und ihn auf die Mtze gehetzt, die der Schneemann auf dem
Kopfe trug.

Eine Stille trat nach diesen Worten ein, als wenn eine Granate geplatzt
wre und Alles sich umshe, wer verwundet und todt und wer noch am
Leben sei. Dann, mit einem Griff, fate die lautlos gewordene Mutter
ihre beiden Shne an der Hand, drehte sich herum, da die Schleppe
ihres schwerstoffenen Kleides wie ein zorniger Drachenschweif durch den
Schnee fegte, und ohne Wort und Gru, nicht einmal mit einem
Kopfnicken, trat sie mit ihren Jungen den Rckzug nach der Stadt zu an.
Der alte Graumann sah ihr nach, ffnete die Thr des Gartenzauns, jagte
den Bernhardiner, der sich immer noch hinter ihm herumdrckte, zum
Garten hinaus, und dann, als er sah, da auch ich meines Wegs gehen
wollte, streckte er mir ber den Zaun die Hand hin.

Bitte, kommen Sie doch herein.

Ob es nur mein Dazwischentreten in seiner Streitsache oder was es sonst
war, das ihn zu der Aufforderung veranlate, ich wei es nicht. Ebenso
wenig war ich mir klar darber, was ich bei ihm sollte und wollte; aber
der tiefe Klang seiner Stimme, die von der Aufregung heiser geworden
war, hatte etwas Gebieterisches. Ich trat ein.

Im Vorgarten standen die beiden Kleinen, dicht an einander gedrckt,
die Mtze in Hnden, auf die sie unter stummen Thrnen niederblickten.
Der alte Graumann nahm ihnen die Mtze aus der Hand. Hm! Ist wohl
kaput gegangen? fragte er.

Es is Vatern seine, erwiderte schluchzend und stockend der kleine
Junge, und wenn Vater nach Haus kommt -- Dann gibt's Prgel!
ergnzte der alte Graumann, indem er sich zu mir wandte. Er klopfte dem
Jungen den Schnee ab, der noch immer, wie ein weier Ueberzug, an
seinem Rock und in seinen Haaren klebte. Ihr httet die Mtze von
Eurem Vater nicht zu so etwas gebrauchen sollen, sagte er, indem er
sich zu den Kindern niederbeugte; denn was fr die Menschen ist, das
ist doch nicht fr die Schneemnner, nicht wahr? Er stand zwischen den
Beiden, indem er sie mit dem rechten und dem linken Arme an sich
drckte. Aber lat nur jetzt das Weinen sein, fuhr er fort, Ihr seid
nicht schuld dran, da die Mtze entzwei gegangen ist, das werde ich
Eurem Vater sagen, und dann werde ich Vatern eine neue Mtze kaufen,
und dann ist Alles wieder gut, und er wird Euch nichts thun.

Er war mit den Kleinen in das Haus eingetreten. Zu ebener Erde befand
sich die Wohnung, in der die Kinder mit ihren Eltern wohnten. Er
klopfte; Niemand gab Antwort. Die Thre war nicht verschlossen; er
ffnete, und hinter ihm stehend blickte ich in die leere, rmliche
Behausung.

Ist denn Eure Mutter nicht zu Hause? fragte der alte Graumann.

Mutter is auf Wsche in die Stadt, gab das kleine Mdchen mit dnner,
piepsender Stimme zur Antwort. Der alte Graumann lie den Kopf
niederhngen, und dann, mit der eigenthmlichen schweren Bewegung, die
ich vorhin an ihm wahrgenommen hatte, drehte er das Gesicht zu mir
herum; in seinen Augen brannte wieder das finstere Glhen, das ich an
ihm kannte. Sehen Sie, sagte er mit unterdrcktem Laut, so ist es
nun. Solche Lmmel -- und er deutete mit dem Kopfe nach der Stadt
zu --, das geht nach Hause, und zu Hause zieht ihnen die Frau Mama
trockene Stiefel an und trockene, warme Kleider, und dann, statt der
Karbatsche, die sie verdient htten, gibt's Kaffee oder Thee oder
womglich Choc'lade, und das hier mu in die alte, finstre Kabache
kriechen, wo nicht Vater und Mutter und Niemand auf sie wartet, und
Niemand ihnen einen anderen Rock gibt, und einen Schluck Warmes, und
womglich nachher noch Prgel.

In diesem Augenblicke trat, den Schnee von den Fen trampelnd, zur
Hausthr die Wirthschafterin des Regierungsraths herein, die von ihren
Nachmittagsbesorgungen kam. Ein Freudenschein ging ber das Gesicht des
alten Graumann.

Sie kommen zur rechten Zeit, sagte er. Nu mal gleich hinauf und
Kaffee gekocht! Aber ordentlich, eine ganze groe Kanne voll! Hier sind
zwei Herrschaften, die welchen haben wollen. Nicht wahr, meine
Herrschaften? Wir wollen Kaffee haben? Dabei fate er die Kleinen
unters Kinn und hob ihre blassen, verfrorenen Gesichter empor. Die
beiden Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen staunend an. Und dann
zum Bcker, fuhr er zu der Wirthschafterin fort, oder vielmehr nicht
zum Bcker, zum Conditor, ber die Brcke, an der Ecke, Sie wissen ja,
und Kuchen geholt, fr eine ganze Mark; da haben Sie eine Mark. Hier
sind zwei Herrschaften, die Kuchen haben wollen. Nicht wahr, meine
Herrschaften, wir wollen Kuchen haben? Wieder wurden die beiden
kleinen Gesichter emporgehoben. Der Bruder sah die Schwester, die
Schwester den Bruder an. Dann richteten sich beider Augen auf den
unbegreiflichen alten Mann, und ein schchtern-verschmtes, beinahe
mitrauisches Lcheln stieg in den Gesichtern auf und frbte ihre
Wangen mit leiser Rthe. War es ein Traum, was sie erlebten? War das
der alte, bse Regierungsrath, von dem man im Hause nur flsternd
sprach, weil das ganze Haus sich vor ihm frchtete? Der alte Graumann
hatte den Ausdruck in den Kindergesichtern bemerkt. Er winkte der
Wirthschafterin, da sie sich auf den Weg machen sollte, dann drehte er
sich wieder zu mir herum.

Sehen Sie, sagte er halblaut, so ist das nun mit dem Menschen. So
verprgelt, da er es gar nicht glauben kann, da man ihm einmal was
Gutes thun will. So trampeln sie auf einander herum, diese Menschen,
diese Canaillen; so lt Einer den Andern neben sich verkommen und
erfrieren, bis da er ein Eiszapfen wird! Pltzlich trat er wieder auf
die Kleinen zu. Seid Ihr Schneemnner? Nein, Ihr seid doch keine
Schneemnner. Seid Ihr kleine Menschen? Ja, Ihr seid doch Menschen! Das
wit Ihr doch, da Ihr Menschen seid? Die Kinder brachten keinen Laut
hervor; die Freudigkeit war von ihren Gesichtern wie weggewischt.
Jetzt, wo er so polternd auf sie einsprach, Dinge, die sie nicht
verstanden, war es doch wieder der alte, bse Mann, zu dem sie
furchtsam emporschauten.

Der alte Graumann legte seine beiden groen Hnde auf die kleinen
blonden Kpfe; seine dicken Finger trommelten leise auf ihrem Haar. Es
war eine unbehlfliche, beinahe hlflose Bewegung. Was sie Alles zu
sagen hatten, die schweren fingernden Hnde! Wie wenn Jemand auf einem
stummen Klavier spielt, so sah es aus, dem er Musik entlocken mchte,
und das keine Tne von sich gibt. Was er Alles zu sagen haben mochte,
der alte Mann, der ber die beiden Kinderhupter hin in die Ecke des
Flurs starrte, mit einem so in sich versunkenen, so in das eigene
Innere gerichteten trostlosen Blick? Ich konnte die Augen nicht von ihm
lassen. Was er Alles zu sagen hatte und nicht sagen konnte, weil er in
lebenslanger Einsamkeit gewissermaen die Sprache verlernt hatte, so
da sie nur noch stoweise, in gewaltsamen Ausbrchen, beinah im
Gebrll herauskam, den Hrer im Zweifel lassend, ob Ha oder Liebe,
Zorn oder Gte aus ihm sprach!

An der Flurwand stand eine Bank, und auf diese lie der alte Graumann
sich niederfallen, indem er die Kinder zu sich heranzog. Er drckte
ihre Stirnen an seine Schlfen, zur Rechten den Knaben, zur Linken das
Mdchen; zwischen den beiden kleinen Kpfen hing sein groer, grauer,
schwerer Kopf herab.

Er sprach zu den Kindern, aber weil diese lautlos blieben und keine
Antwort hervorbrachten, war es wie ein murmelndes Selbstgesprch.

Das ist Dein Bruder? Nicht wahr? Und das ist Deine Schwester? Also
seid Ihr Geschwister. Habt Ihr Euch lieb? Ja, nicht wahr, Ihr habt Euch
lieb. Alle Menschen mssen sich lieb haben. Aber Geschwister, das ist
noch was besonderes, die mssen sich noch mehr lieb haben. Werdet Ihr
daran denken? Ja, nicht wahr, Ihr werdet daran denken.

Er hob das Haupt empor; wieder erschien der dumpfe, trostlose Blick von
vorhin. Geschwister, die sich nicht lieb haben, die kommen in die
Hlle. Und da er nach diesen Worten verstummte, auch Niemand anders
sprach, entstand eine Stille, in der das dstere Wort nachzuzittern
schien, das er da eben ausgesprochen hatte.

Die Hausthr klappte, die Wirthschafterin kam zurck, mit einer groen
Kuchentte in den Hnden. Der alte Graumann erhob sich.

Jetzt wollen wir Kaffee trinken gehen, sagte er. Seine schweren Augen
gingen zu mir herber. Trinken Sie vielleicht auch eine Tasse mit?

Es wrde mir unmglich gewesen sein, nein zu sagen. Gern, Herr
Regierungsrath, erwiderte ich. Er hielt mir pltzlich die Hand hin.
Danke Ihnen. Und ich fhlte meine Hand mit einem Druck erfat, wie
ich mich eines gleichen kaum zu erinnern vermochte.

Die beiden Kleinen trappelten die Treppe hinauf, uns voraus; wir
folgten. Und im nchsten Augenblicke also stand ich in dem
geheimnivollen Raum, den das Gemunkel und Geflster der Stadt wie die
Behausung eines bsen Geistes umschlich.

Einer solchen aber sah die Wohnung keineswegs hnlich; im Gegentheil.
Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen,
und das kam daher, da die Wnde von oben bis unten mit Bildern bedeckt
waren. Kupferstiche hatte die Wirthschafterin in der Stadt
verbreitet, aber ich erkannte, da es keine Kupferstiche, sondern
Radirungen waren, und auf Tischen und Sthlen lagen groe Mappen,
anscheinend mit hnlichen, noch nicht eingerahmten Blttern gefllt.

Der Dmmer, der im Zimmer herrschte, lie mich zunchst nur einen
allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die
groe Hngelampe angezndet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde
es mir mglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stcke
von knstlerischem Werth, einige von lteren, die Mehrzahl von neueren
Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen,
mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verstndni ausgewhlt
und zusammengestellt.

So etwas hier in der Stadt, an welcher der groe, warme Strom der Kunst
vorberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen!
Ich war vllig verblfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann
hinter mir. Er war unhrbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.

Gefallen sie Ihnen?

Ja, versetzte ich; ich htte nie geglaubt, da ich hier am Orte so
etwas finden knnte.

Ein grimmiges Lcheln huschte um seine Mundwinkel, als htte er sagen
wollen: Das glaube ich, aber er sagte nichts, sondern lie den Blick
schweigend neben dem meinigen ber die Bilder wandern.

Eine schne Kunst, sagte er nach einiger Zeit; finden Sie auch?

Sie meinen -- das Radiren? Er nickte.

Eine tiefe, stille, einsame Kunst, fuhr er, wie in Gedanken zu sich
selbst sprechend, fort. Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, da
Kunst eigentlich sein mu. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild
sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausfhren, Strich,
Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe, voll Liebe. Und
darber Alles vergessen, was da drauen vor unseren Fenstern
vorbeiluft, das ganze Menschenvolk, das da drauen umherstrampelt, in
seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken -- er brach ab.

Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzhlt
hatte und von der Figur der Lwenreiterin in dem Keller.

Herr Regierungsrath ben die Kunst vielleicht selbst aus? fragte ich.

Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.

Wissen Sie nicht, da ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preuen und
Kunst machen! Ja! Nicht wahr? Er schlurfte mit weiten Schritten im
Zimmer umher. Dann blieb er stehen. Wenn ich nicht Beamter gewesen
wre -- aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal
vielleicht -- Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere,
trostlose Blick, den ich schon fters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug
er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend
eine Erinnerung.

Sie sind Referendar? fragte er nach einiger Zeit.

Ich bin Referendar.

Wollen also auch Beamter werden. Er zuckte mit den Achseln, er wiegte
das Haupt. Dann darf Ihnen so etwas -- er warf die Hand nach den
Bildern hin -- eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg.
Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwrts
und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwrts und geradeaus!
Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang
-- er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich
in einem unverstndlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.

Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin rumte
behutsam die Mappen von dem groen Tische, der in der Mitte des Zimmers
stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.

Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee! rief der alte Graumann. Er nahm das
kleine Mdchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rckte den
Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin
schenkte ihnen die Tassen voll.

Und jetzt einstippen, Kinder! sagte er. Er schob ihnen den
Kuchenteller zu, und als er sah, da die Kinder zu schchtern waren
zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stck Kuchen in die Hand.
Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers.
Pltzlich fate mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als
sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an
dem die Kleinen saen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig
und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so
leise, da ich ihn kaum verstand: Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt
aus dem Boden! Wie das Mensch wird! Als wenn er ein Wunder gewahrte,
so blickte er zu den Kindern hinber. Das kleine Mdchen hatte
ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte,
war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll.
Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenber. Das
Licht der Hngelampe fiel auf sein Gesicht; sein groes, plumpes
Gesicht leuchtete.

Schmeckt es, Kinder? fragte er. Schmeckt es?

Die beiden kleinen Gesichter erhoben sich zu ihm. Ein glckliches
Lcheln strahlte aus ihren Augen. Ja -- gut, sagte der Junge mit
einem Tone des gesttigten Behagens. Der alte Graumann wischte sich mit
der breiten, flachen Hand ber den Mund. Und Dir? schmeckt Dir es
auch? wandte er sich an das Mdchen. Ja, Herr Regierungsrath, sehr
gut, erwiderte die kleine, piepende Stimme.

Der alte Graumann lachte wie ein vergngter Br. Er sprang auf, nahm
die kleinen Kpfe, einen nach dem anderen, in seine Hnde und drckte
sie. Ihr Kinder! sagte er, Ihr Kinder! Dann pltzlich strzte er
ans Fenster, schttelte die geballte Faust nach der dunklen Strae zu,
als stnde da drauen Jemand. Ihr Menschen, brllte er, o Ihr --
Canaillen!

Die Kinder fuhren erschrocken auf. Vom Fenster kam er zu ihnen zurck;
er streichelte sie, klopfte sie auf Kopf und Rcken.

Habt Ihr Taschen an den Rcken? Nein --. Also packen wir den Kuchen
wieder in die Tte. Gehrt Euch; nehmt Ihr mit zu Vater und Mutter. Er
raffte die Ueberbleibsel des Kuchens in dem Papier zusammen und gab sie
dem kleinen Mdchen in die Hand. Die Kleinen hatten sich erhoben; er
stand vor ihnen.

Nchstens kommt Ihr wieder zu mir 'rauf. Wollt Ihr wieder zu mir 'rauf
kommen? Trinkt Ihr wieder Kaffee bei mir. Wollt Ihr wieder Kaffee
trinken?

Die Kinder standen und blickten stumm und rathlos zu ihm auf. Dann mit
unwillkrlicher Bewegung erhob der Knabe den rechten Arm und streckte
dem alten Mann die kleine Hand hin. Der alte Graumann legte die kleine
Hand in die Flche seiner rechten Hand und deckte die linke darber,
als wenn er eine Kostbarkeit in seiner Hand verschlsse. Wir bedanken
uns auch schn, piepte das kleine Mdchen.

Der alte Graumann lie die Hand des Knaben fahren, drckte die Kpfe
der beiden Kinder an einander und sein Gesicht darauf, so da er beide
mit den Lippen berhrte. Ach, sagte er, ach, ach, ach.

Er richtete sich auf und drehte sich nach mir um. Ich mu mit ihnen
hinuntergehen, erklrte er. Sie wissen, wegen der Mtze. Sie schenken
sich eine Tasse Kaffee unterdessen ein. Nicht wahr? Kuchen ist nicht
mehr da. Aber eine Cigarre vielleicht? Er stellte die Cigarrenkiste
vor mich auf den Tisch.

Gern, sagte ich, denn ich fhlte, da er mich noch haben wollte.

Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an
der rechten, das Mdchen an der linken Hand, so zu Dreien verlieen sie
das Zimmer.

Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen
Geschpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darber, was sich
eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er
wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres
Vaters bewahren wrde! Der alte, bse Mann ihr Schutzgeist! Ich hatte
Zeit, dem Gedanken nachzuhngen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie
merkwrdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt
erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses
Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprchen
zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten
Male in die Atmosphre eines ungewhnlichen Menschen tritt: man bekommt
ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefhl von seiner
Persnlichkeit. Ich fhlte, indem ich seiner gedachte, eine Wrme,
beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stnde, in
dem unausgesetzt ein mchtiges Feuer brannte. Alles, was mir die
stummen, heien Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang
an ihm vorber schritt, besttigte sich: ein Mensch, der ber seinem
Innern stand wie ber einem brodelnden Kessel; darin herumwhlend in
unablssigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus
schpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis
da eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen
einflte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte,
wuchs und schlug an die Wnde der Brust, als wenn er sie sprengen und
durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen
Strom, wie ein Hlfeschrei: Hre mich an!

Sollte ich ihn nicht anhren? Ja -- ich sollte, ich sollte.

Durch eine andere Thr, als durch die wir eingetreten waren, durch das
Schlafzimmer, das an den Vorderraum anstie, kam er zurck. Ein
Kopfnicken begrte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann,
seiner Gewohnheit folgend, durchma er ein paarmal schweigend das
Zimmer.

Einmal vor Jahren, hob er an, als der Oberprsident der Provinz
Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten
vorstellen lie, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre,
nicht wahr? Er war stehen geblieben und sah mit hhnisch zwinkernden
Augen zu mir herber. Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine
kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe
gewesen, als wenn mir eine zehnmal grere Ehre angethan wrde als
damals, wo der Herr Oberprsident mir seine kalte, schwammige Hand zu
drcken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewutsein -- das haben
sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich wei es. Sehen Sie, die
haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preuen, wenn der Mensch Geheimrath
wird, wird er bekanntlich klug. Schade, da ich's nicht geworden bin;
htte vielleicht noch was aus mir werden knnen. Unter innerlichem
Lachen nahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.

Die Menschen, begann er von Neuem, da schreiben sie dicke Bcher,
haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwtz,
ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der
Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummkpfe und flachen Herzen!
Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Knnt
Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann
und helfen wrde, das Jeder brauchen knnte, wenn Ihr's nur brauchen
wolltet: Flle Deines Nebenmenschen Herz mit Glck!

Er hatte das so laut gesagt -- gebrllt wrde der Weinhndler Kurzer
gesagt haben --, da ich mich unwillkrlich im Stuhle aufreckte. Mitten
im Zimmer stand er, die glhenden Augen ins Leere gerichtet, den
rechten Arm in unbewuter Bewegung emporgestreckt, wie ein Buprediger
der alten Zeit, mchtig, feierlich, ergreifend.

In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann.
Langsam lie er den Arm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne
zurck, zu mir herber.

Langweilt Sie das Alles? fragte er mit schwerem Ton.

Nein, erwiderte ich rasch, durchaus nicht.

Seine Augen ruhten auf mir wie eine krperliche Last, seine Brust hob
sich, er trat einen Schritt auf mich zu.

Ich mu Ihnen etwas sagen, -- Sie gefallen mir. Dreimal, als wenn er
das Wort besttigen und bekrftigen wollte, nickte er mit dem grauen
Haupte vor sich hin. Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange
drauen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders
gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein,
immer wie die Dohlen, in ganzen Schwrmen, immer schwatzend. Wenn mir
so ein Haufen begegnet, stoen sie sich unter einander an: >da kommt
der verrckte alte Kerl< und dann grinsen sie, als sollten ihnen die
Gesichter auseinander klappen. Kommt zufllig mal einer allein, dann
grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe
'ran ist, macht er, da er vorbei kommt, als wenn er sich frchtete.
Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer
Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt,
das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster,
nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht
gefrchtet. >Wirst ihn nicht stren, den alten Kerl<, so sind Sie an
mir vorber gegangen, aufmerksam und still und anstndig. Ich habe das
wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es
bemerkt. Ich wei, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb
richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die
Menschen, die Alles immer nur von auen ansehen. Ich bin ein Grobian,
das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, -- nur von auen, --
innerlich vielleicht nicht.

Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flstern
gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der
Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich
an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was
er meinte, und gab ihm schweigend Recht.

Und heute, fuhr er, hin und her wandelnd fort, bei dem, was heute
geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen.
Ich mu es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen,
was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann
gebaut hatten, und den rden Bengeln, die ihnen das Vergngen strten.
Hundert Andere wren einfach vorber gegangen. Natrlich. Sind ja
Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernnftiger Mensch um so
etwas kmmern. Ihr Flachkpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den
Erwachsenen lernt so Einer gewi nichts. Die Erwachsenen sind ja gar
keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird
seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das
Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat
noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch.
Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren -- merkwrdige --,
die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergit.

Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflster,
und ich fing an zu bemerken, da dieses Flstern immer da eintrat, wo
seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die
Schlafstubenthr, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war,
konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an
der Hinterwand, mir gerade gegenber, hatte die Wirthschafterin, indem
sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein
Bild, das darber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben
darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine,
der grere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmthig bittenden
Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehrt hatte, das
ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind.
Und der Andere -- sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die
Dinge, die man ein Leben lang nicht wieder vergit -- ob sie im
Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drben?

Ob er es bemerkt hatte, da das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, --
ich wei es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine
Stubenwanderung und sein Selbstgesprch fort.

Sie haben es anders gemacht als die Andern, sind nicht vorbeigegangen,
sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem
Fenster habe ich Alles sehen knnen. Das ist ein Mensch, habe ich mir
gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn da Sie nicht aus bloer
Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das
mu ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn
wer Kindern zusehen will, mu Zeit haben. Darum kann es kein Streber
sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das mu ein innerlich feiner
Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will,
mu innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglck, -- er brach
pltzlich wieder in seinen Donnerlaut aus -- da es so grlich wenig
innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich,
-- es ist grlich, wenn man zurckdenkt und sieht, wie wenig innerlich
feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da
fr den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den
eigenen Weg! So roh, so ordinr, so knotig! Ja, Knoten --, das sind
sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten,
Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sich Lackstiefel
anziehen, einen Frack darber hngen und womglich ein paar Orden dran
stecken und sich einbilden, jetzt wren sie fein. O Du Herrgott im
Himmel, was fr eiserne Seelen, was fr erbarmungslose Gemther laufen
unter den schwarzen Frcken und hinter den weien Hemdenbrsten umher!
Weil sie eine Hornhaut ber ihrem Inneren haben, die immer dicker wird,
je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein
eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen
zwei Reihen von Schutzmnnern, die Acht geben, da Keiner dem Andern
das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlgt. Und
unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die
Menschenseele, was etwas so Schnes ist, wenn es aus Gottes Hnden zur
Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfngliches und
Empfindliches --, das wird nun immer hrter und holziger, bis da es
zur Borke wird, zur fhllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr fr
das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas
neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern
ins Herz greift, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Griff
gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern
unter die Fe tritt, -- seine Schuld, warum ist er mir in den Weg
gekommen. Und wenn das zufllig ein Kind war, -- ja, Du mein Gott -- es
ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflnzchen zu
achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, -- na, mein
Gott -- wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wchst
sich ja Alles wieder aus.

Er war stehen geblieben.

Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wchst sich nicht
wieder aus. Es gibt Seelen, die knnen Futritte nicht vertragen. Wenn
die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr
Lebenlang.

Er war an den Tisch getreten, an dem ich sa. Er sttzte die Hnde auf;
das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen
ber mich hinweg; seine Brust arbeitete, als whlte darinnen ein
Entschlu. Wie ein Gef sah er aus, wie ein bervolles, aus dem der
Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrckt, weil
nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, von der
Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, da, wenn ich ein Wort sprche,
ich die Seele, die da vor mir kmpfte und rang, stren wrde,
zurckschrecken und wieder stumm machen wrde, diese merkwrdige Seele,
die hinter Borsten und Stacheln der Auenseite versteckt lag wie ein
Geheimni, weich, beinah hlflos wie ein Kind.

Sie sind ein Mensch, fing er wieder an, der innerlich Zeit hat. Mit
solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen knnen zuhren.
Wollen Sie zuhren?

Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.

Wenn Sie sprechen wollen, erwiderte ich, gern; wirklich gern.

Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen
Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat
er zurck, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand,
ob er sich setzte, ich wei es nicht. Ich fhlte, da er nicht
angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke
hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und
Quersprngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was er mir an dem Abend
erzhlte, der alte Graumann.

Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brder. Geschwister. Die
Kinder hatten Eltern.

Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wre das so
ein Ding, gewissermaen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders.
Vater und Mutter sind jedes ein Mensch fr sich, und die Menschen sind
verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein
Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter
Jurist sein will, das mu denken knnen wie ein Mathematiker, ganz
unkrperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang
so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt
wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die
jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht
unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von
irgend einer Masse berhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen
anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann -- dann geht das
einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt -- es gibt ja
schlimmere Worte -- aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm
Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack -- denn damals trugen sie ja
noch Frcke -- und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: es
ist abgeschmackt, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt
wrde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in
das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.

Er war nmlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein
sehr angesehener, ein Senatsprsident.

Vielleicht wre er gern Gerichtsprsident gewesen, und es wurmte ihn
heimlich, da er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und
eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte
sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische se als
Senatsprsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben
lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die
Schchte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frit das doch weiter,
und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so
etwas frchterlich.

In seiner Jugend mute er ein stattlicher Mann gewesen sein, schlank
und gro; daher wird es sich erklrt haben, da er solch' eine Frau
bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau -- das war eine
herrliche Frau.

Ich wei nicht -- da heit, ich habe es immer scheulich gefunden,
wenn Menschen von ihrer schnen Mutter sprechen. Ein Muttergesicht
ist ganz etwas Anderes als schn, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an
die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, da sie
nicht mehr da ist, dann ist mir, als wre es eine Ewigkeit. Aber noch
jetzt, wenn ich so einsam fr mich hingehe oder des Nachts liege und
nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem
Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brdern. Das war an
einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenber, damit wir hbsch
still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bndern -- denn damals
banden die Frauen die Hte noch unterm Kinn zusammen -- um den Arm
gehngt und eine Hkelarbeit vorgenommen. Und immer ber die Arbeit sah
sie zu uns hinber und freute sich und sah so glcklich aus wie spter
niemals wieder, niemals wieder.

Da nmlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte
sie durchgesetzt, whrend er es eigentlich gar nicht hatte haben
wollen. Wenigstens, da auch der ltere von den beiden Jungen auf dem
Bilde war, daran lag ihm nun schon gewi gar nichts, denn --

Aber wie gesagt -- denn ihren Willen hatte sie auch; nur da es eine
ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Sdwind, bei
dem die Geschpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der
Alles erfrieren macht.

Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein
Bedrfni gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn berhaupt gar
nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon
er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie!
Phantasie!

Und damals, als das Bild gemalt wurde, war berhaupt Alles noch gut.
Wenigstens so ziemlich. Da saen die beiden Brder noch eintrchtig
beisammen und hatten einander lieb. Whrend spter -- aber das ist
eigentlich nicht richtig -- denn der Kleine hat den Andern immer lieb
gehabt, auch spter. Aber der Andere -- -- An dem Tage aber war auch
der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte:
Schnudri, jetzt mut Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht
malen. Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so
rhrend anzusehen, weil es immer aussah, als thte ihm das Lachen
eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht blo so aus, sondern
wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge
innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wute.
Das hat er spter erst erfahren, und als er es spter erfuhr, war es zu
spt; da war Alles vorbei -- Alles vorbei.

An dem Tage aber, als er sagte: Schnudri, jetzt mut Du still sitzen,
da war der Kleine ganz glcklich. Denn er hrte es so gern, da der
Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, da ihm
der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er
ihm sein; denn es war eine so zrtliche Seele in dem kleinen Jungen,
eine so feine!

Und da er an dem lteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher,
da er ihn bewunderte. Denn der konnte alles Mgliche, was er nicht
konnte. Der war grer und strker als er und hatte runde, rothe Backen
und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine
eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte
der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu
keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer.
Das heit, das that er frher; spter nicht mehr. Spter, wenn er
hrte, da der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hrte er
es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er
ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!

Aber das allein, da der Bruder grer und strker war als er, das war
es nicht, was das Brderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch
etwas Anderes. Nmlich der Andere wute immer sehr schne Spiele
anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und
das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen -- das war
merkwrdig -- fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus
gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu
Hause spielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der
Andere heute Neues angeben wrde. Und wenn der es ihm dann gesagt
hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergresten Eifer
machte er sich daran, da er das neue Spiel nur ja recht genau
ausfhrte und so, da der Bruder zufrieden war.

Da wurde alles Mgliche gespielt. Zum Beispiel Kaufmann. Dazu gingen
wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des
Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche
aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstck: einen
Silbergroschen, ein Fnfgroschen-, ein Zehngroschenstck -- damals
gab's noch keine Markrechnung -- und die schnsten waren Thaler. Dann
wurde gezhlt bis Hundert, und wer bis dahin die schnsten Kiesel
zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte
gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den
hielt die Mutter unter Verschlu. Da war alles Mgliche drin: Mandeln
und Rosinen, Pfeffermnzkgelchen und Lakritzenstangen und
Mehlweichen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren
Kieselsteinen kauften wir uns dann von der Mutter aus dem Laden. Denn
die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der
dazu kam, strte er uns.

Zwar fr gewhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch,
um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen
und erkundigte sich, wie das Spiel wre, und was es fr Regeln htte.
Und weil nun, wie das gewhnlich der Fall war, der Aeltere von den
Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der
Kleine, so sagte der Vater: Das ist ja abgeschmackt; natrlich ist da
der groe Bengel dem Kleinen voraus. Und dabei griff er ohne Weiteres
in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem
Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes
Gesicht und sah sich ganz ngstlich nach dem Bruder um, als ob er es
nicht annehmen wollte, weil er fhlte, da das doch alles Spiel
zerstrte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn fate und sagte:
Na, was besinnst Du Dich denn, Hnschen -- denn in Wirklichkeit hie
der Schnudri Hans -- da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an,
davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um.
Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu
und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr:
Das gilt ja nicht; das wei ich ja; ich habe auch nur ganz wenig
Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun. Und damit
lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was
ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen,
ganz verschchtert, als htte er ein Unrecht begangen, und wie er den
Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, da der Bruder mit
keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin,
da fragte er ganz kleinlaut: Wollen wir denn jetzt nicht weiter
spielen? Darauf aber schttelte der andere den Kopf und sagte: Nein!
Und ich will berhaupt gar nicht mehr spielen!

Und wie der Kleine das hrte, wurde er ganz still, und dann mit einem
Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und
steckte den Kopf in ihren Scho und sagte: Ich kann doch nichts dafr!
Ich kann doch nichts dafr!

Und der Andere -- der Andere -- wenn er damals gewut htte, der
Andere, was er jetzt wei -- da er den Ton, mit dem es heraus kam,
das: Ich kann doch nichts dafr! hren und wieder hren wrde, ein
Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in
so mancher, mancher schlaflosen Nacht -- dann wrde er gekommen sein
und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: Nein, nein, Du
kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will
Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu
tragen gegeben ist. Aber weil er das Alles damals nicht wute, kam er
nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn
rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: Sei doch nicht so
hlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grmt --
auch da kam er nicht, sondern schttelte den Kopf und lief zur Stube
hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein bser, verstockter. Denn
es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Futritt bekommen
hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehrt hatte: Natrlich ist
da der groe Bengel dem Kleinen voraus! und der Ton, mit dem das Wort
heraus gekommen war, der kalte, scheuliche Ton, der ihm jetzt auch
noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein
Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem Kaufmannsspiel, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch
andere: Pascher und Grenzsoldat, Jagd und Post und Reise, was der
Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen
gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die Post an Hindernisse
kam, schmi der Wagen um; und weil das immer die nmlichen Stellen
waren, wute der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden wrde,
und frchtete sich immer ein bichen, aber er freute sich doch noch
mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche
vor lauter Vergngen.

Das schnste von allen Spielen aber war das Matrosenspiel, das
konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der
Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald
hinaus. In dem Walde stand eine alte, groe Linde; und auf die
kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir
in die Nhe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: Alle Mann an
Bord! und dann krhte der Kleine hinter drein: Alle Mann an Bord!
und lief, so schnell er laufen konnte, da er an den Baum und hinauf
kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige
der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch fr den kleinen Jungen
zu hoch; darum mute ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war
und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und
an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hie es: Matrosen
in die Toppen! und der Schnudri krhte wieder nach. Dann wurde weiter
hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind
den Mastbaum packte und herber beugte und hinber, dann war das ein
herrliches Vergngen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und
aneinander schlugen, dann hie es: Die Taue knarren! und: Die Taue
knarren! wiederholte der Kleine. Es ist ein mchtiger Sturm -- es
ist ein mchtiger Sturm. Dann holten wir unsere Taschentcher hervor
und faten die Zipfel zusammen und hielten sie so, da sich der Wind
hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. Jetzt segeln wir!
sagte der Aeltere; jetzt segeln wir! sagte der Kleine. H -- wie das
geht! H -- wie das geht!

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal
den Baum hinauf, immer hher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am
schnsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so da
eine ziemlich groe Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander
drngten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajte.
Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer
ein bichen frchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten,
mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und
wenn er sich so an mich drckte, dann konnte ich sein Herz an meinem
Leibe schlagen fhlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck;
beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es
das Pendel einer Uhr gewesen wre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber
das Alles habe ich mir erst spter gesagt, als die Uhr abgelaufen war
und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich
ja selbst noch ein Kind, und daran, da ein Kind sterben knnte, daran
denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajte
saen und der Wind sie wiegte herber -- hinber, herber -- hinber,
dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: Wo fahren
wir denn jetzt? Denn er wute, da er so fragen mute, weil das zum
Spiel gehrte. Und dann sagte der Andere: Jetzt fahren wir an
Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol oder: Jetzt fahren wir nach
Ostindien. Und jedesmal wute der Schnudri, was er darauf zu sagen und
zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnrchen. Wenn es
hie: Nach Spitzbergen! dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn
frre, und rief: Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da
kommt ja schon ein Eisbr gelaufen! Den mssen wir schieen. Puff -- da
liegt er. Dagegen, wenn es hie, da wir nach Indien fhren, dann fing
er an zu schnaufen wie vor Hitze: Na ja, sagte er dann, da sehe ich
ja schon die groe Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der
Gromogul. Guten Morgen, Herr Gromogul, wie haben Sie geschlafen? Und
jedesmal, wenn er den Gromogul begrte, war ihm das so komisch, da
er lachte, lachte, da sein magerer, kleiner Krper an meinem Leibe
schtterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr
er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzhlte er
ihm, und Alles, was er erzhlte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor
Augen. Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean, hie es; der ist
so blau, da, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus,
als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt htte. Der ist so tief -- wohl
zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschn. Da
sind groe Wiesen, aber die sind nicht grn wie die hier oben, sondern
ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermnner spazieren und auf
die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen
sie da unten nach Fischen. Aber natrlich nicht mit Flinten; die wrden
ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spieen. Und die Spiee sind
ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen
wir aus, hie es weiter, und jetzt sind wir in China. Da laufen die
Chinesen herum, und die sind so gelb, da ihre Kpfe aussehen wie
Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze
Rosinen. Jetzt kommen wir an die groe Mauer. Und auf der groen Mauer
da laufen immerfort die Wchter auf und ab und lassen Niemanden heraus
und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole wei. Und die Parole,
die heit: >Plumpudding<.

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hrte, wurde er ganz schwach vor
Lachen und drckte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und
sthnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: Oh -- oh -- oh!

Und weil wir die Parole gewut haben, erzhlte der Andere weiter,
sind wir durch die groe Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in
einem Wald, der ist so gro, da er gar kein Ende hat; so gro wie ganz
Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann:
Lwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann
noch eines, das ist das merkwrdigste von allen, ein Thier, das es
sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn. Und jedesmal, wenn der
Kleine von dem Einhorn hrte, machte er ganz groe Augen und hrte ganz
lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als htte er
es eben erst gesehen: Das ist ein Thier ungefhr wie ein Pferd und
ganz wei. Aber nicht wie ein Schimmel so wei, sondern viel weier
noch, wie es sich gar nicht beschreiben lt. Auf der Stirn hat es ein
Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz
grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist
der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie
eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie
Mama welche um den Hals trgt. Unsere Mutter trug nmlich einen
Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzhlen, machte dem Anderen
solches Vergngen, da er oft gar nicht aufhren konnte und es manchmal
beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten
und alsdann -- was hast Du, was kannst Du -- machten, da sie nach
Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehrt hatte, war der Kleine
dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, da er es gar nicht
aushielt, sondern losschieen mute gegen irgend Jemanden. Das war dann
gewhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und
prustete vor Lachen: Mama, Mama, weit Du, wie die Parole heit, damit
sie Einen durchlassen durch die groe Mauer? >Plumpudding!
Plumpudding!<

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergngt war,
nahm sie ihn dann manchmal auf den Scho und lie sich noch mehr von
ihm erzhlen, und wenn sie dann hrte, was sich ihr Aeltester Alles
ausgedacht hatte, schttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich
nach ihm um und lchelte. Das war dann jedesmal so merkwrdig
anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so
schn, so -- so -- Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem
Schoe sa und ihr gerade erzhlte, was er von dem Einhorn gehrt
hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer.
Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er pltzlich sagte:
Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug? da merkten wir, da er da
war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der
Vater zu ihm sprach, fate er ihn wieder unters Kinn und sagte: Wer
hat Dir denn das Alles erzhlt, Hnschen? Darauf drehte der Schnudri
ganz ngstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte
die Achseln, wie wenn er sagen wollte: Na ja! -- Das ist doch die
Abgeschmacktheit in der Potenz, sagte er darauf zu dem Anderen, da
Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzhlst! Besser, als da Du
Dich mit Einhrnern und solchem Zeug abgiebst, wre es, wenn Du Dich
mit Deinen Rechnenaufgaben beschftigtest. Deine Censur im Rechnen und
Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing,
wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die
Thr wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf
geschlagen da. Er schmte sich. Aber nicht darber, da er im Rechnen
und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in
ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heies Feuer stieg sie in
seinem Innern auf und ging ihm ber den ganzen Leib, da er feuerroth
wurde von Kopf zu Fen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet,
sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da
drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen
entwickelte -- wenn ich berlege -- ganz hat er sich eigentlich nie
wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.

Denn das Schlimmste war, da er eigentlich nicht sagen konnte, warum er
sich schmte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenber
hie er ja immer der Groe. Aber er war noch nicht gro, war auch
noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzhlte von dem indischen Ocean, von
dem groen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwrtig
gewesen, da er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder
nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in
der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine
geheimnivolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem
kleinen Bruder erzhlte er es, und dem band er es auf die Seele: Du
darfst Niemandem davon sagen, hchstens der Mama.

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es
heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer
Unsinn! Darum schmte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um
sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenber stand;
er wute damals noch nicht, da gar nicht Alles Unsinn ist, was solch
einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzhlungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt,
in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem
Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein
Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich
gesagt habe; und er grmte sich, grmte sich.

Zwar am nchsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den
Baum, und als sie in der Cajte saen, wollte er wieder anfangen, zu
erzhlen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als
hrte er das von gestern: Das ist ja die Abgeschmacktheit in der
Potenz -- ganz deutlich, mit dem kalten, verchtlichen, grlichen Ton
-- und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom
indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die
graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und
als der kleine Bruder ganz schchtern fragte: Fahren wir denn heute
nicht? sagte er kurz und wild: Nein -- kann nicht mehr, und stieg
vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm
nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem
Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen -- da das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch
eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen
wre, htte er sich ja sagen mssen, da der Kleine gar nicht schuld
daran war. Der Mama hatte er es erzhlt, und das hatte er ihm ja selbst
erlaubt, und hatte nicht gemerkt, da der Vater hinzugekommen war. Weil
er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles
ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles htte er sich sagen
mssen, wenn er gerecht gewesen wre. Aber er war nicht gerecht. Er
hatte vom Vater das Temperament geerbt, das bse, heftige, whrend der
Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was
da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der
finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und
von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas
Schreckliches, so eine Art von Ha gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Ha, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel
gefhlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: da der Kleine dem
Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das
nmliche Temperament sprte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich
bse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; whrend der
Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament
von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als
der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere
Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch
immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel
ordentlicher, berhaupt in Allem viel grndlicher, so da es eigentlich
gar nicht zu verwundern war, da der Vater ihn lieber mochte als den
Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, da sie keine
Vernunftgrnde haben, um ihrem Gefhle aufzuhelfen, wenn es verwundet
wird. Und darum -- wer ein Kind in seinem Gefhle verwundet, der begeht
ein Verbrechen -- ein -- ein --

Und darum, weil der Junge fhlte, da sein Vater hlich gegen ihn war
und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch
den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der
Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei
sich: So -- also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe,
und nun bin ich Dir gut dazu, da ich Dir auch noch zu Gefallen sein
soll? Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich
daran hngen wollte, zog er die Hand zurck und gab sie ihm nicht. Wenn
der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder
einmal Schnudri nennen wrde, nannte er ihn Hans, und wenn er
wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in
die Cajte steigen und durch die Welt reisen wrden, bi er die Zhne
auf einander und spielte nicht und erzhlte ihm nichts.

Und nun wei ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewut
war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine wei ich, da
er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja
krank, und solche kranken Kinder -- das ist ja, als wenn sie schon vom
jenseitigen Licht etwas in den Augen htten, da sie wie kleine
Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl mglich darum,
da er wohl geahnt hat, was fr ein Wurm an dem Herzen des Bruders
fra. Und wenn er es gefhlt hat, was mu sie dann gelitten haben, die
arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fhlte, da er nicht schuld
war und nicht ndern konnte, nicht helfen!

Damals habe ich erfahren, da die Seelen der Menschen einander ansehen
knnen, ohne da sie die Augen, mit einander sprechen knnen, ohne da
sie den Mund brauchen; habe erfahren, da der Mensch fr den
Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann --
oder den Tod.

Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nhe wir aufblhen; und was man die
groen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende
aufblhen, whrend an dem gewhnlichen Menschen nur eine oder ein paar.
Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns
herberweht, so da wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es
damals gewesen, da der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines
Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er
sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschlo wie ein hartherziger
Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt,
die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und
tausendmal, da er krank war, der Kleine, und gestorben sein wrde so
wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich
geheimnivollen Stunde, wo uns die Dinge gegenber treten, so, wie sie
sind, wo kein Tageslrm die Stimme des Gewissens bertnt, und kein
Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewutsein
ber mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: Es ist nicht wahr,
was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bsen,
finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher,
kleiner Bruder! Und da er mir das spter ins Gesicht gesagt hat, der
Mann -- er -- der Eishacker -- so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht
hinein, ohne alle Rcksicht, das hat einen Ri zwischen uns gemacht,
ber den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben
vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in
Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, da der Kleine immer blsser wurde und
immer elender, da natrlich schlossen sie ihn immer zrtlicher in ihr
Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie
nach, woher es kommen mchte, da es so bergab mit ihm ging. Aber
zunchst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte
nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschlo er in
seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz
natrlich noch krnker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer,
wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der
Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann
zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Krper, und sein Gesicht wurde
ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie
das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jmmerlicher
Anblick, da die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum
kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wthend gegen den Anderen
losfuhr, da sie aufstand und sagte: Aber Graumann -- denn das war
merkwrdig, da sie ihn nie beim Vornamen nannte --, aber Graumann,
denk doch an Hnschen! Sieh doch Hnschen an! Und dann brach der Vater
in seinem Strafgericht ab und nahm Hnschen unters Kinn und streichelte
ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gnnte er darum doch kein gutes
Wort, so da alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in
ihre Arme nahm und ihn kte. Und dabei weinte sie -- weinte, -- denn
sie fhlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; da das etwas
Bses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter
immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, mu ihm
doch das Herz bergegangen sein, und er mu der Mutter erzhlt haben,
wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu
gekommen ist -- ich wei es nicht -- aber soviel ist sicher, er hatte
es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, mu ihm gleich die
Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, da das ganze Haus
erdrhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand
und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den
Kopf zur Erde senkte, da mu er sich jedenfalls gedacht haben, da es
ein bser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders
sprechen drfe, als mit uerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in
dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm
vorgestellt htte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder
that, vielleicht, da dann Alles geschmolzen wre, was sich in der
verrauchten Seele zu verhrten angefangen hatte, da Alles noch gut
geworden wre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als
wre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen
sollte. Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder!
Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher
nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht
hast, sprechen wir uns anders!

Und damit wies er uns hinaus. Und ich mute den Schnudri an der Hand
nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie
zitterte! Die Hand des Brderchens zitterte in des Bruders Hand! Und
der Bruder fhlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen
darber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine
Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen,
kleinen Geschpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern
nur Gefhl fr das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die
eigene Krnkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, da es der kleine
Bruder gewesen war, der ihm das eingerhrt hatte. Darum gewann der
Teufel Macht ber ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein
scheulicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie
brauchten, wenn sie Post und Reise spielten, und sprach kein Wort,
und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus
gekommen waren, sagte er: Wir wollen Post und Reise spielen, setz'
Dich ein. Und obwohl man dem Kleinen ansah, da er sich frchtete,
wirklich frchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere
befohlen hatte, und setzte sich still in das Wgelchen. Nur mit den
Hnden hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft.
Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei
sich: Das soll Dir doch nichts helfen. Darauf nahm er die Deichsel
des Wagens in die Hnde und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich
her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das
so ber Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing
der Kleine an zu merken, da das gar kein Spiel mehr war wie frher,
sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien,
ganz laut, ganz klglich. Aber der Andere that, als hrte er es nicht,
und pltzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit
einem Krach warf er den Wagen um, so da der kleine Kerl hinausflog und
mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an
der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwrdig lange Zeit,
da es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete,
da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der
Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er
mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niedertrchtig
er auch schon geworden war, so that ihm das Brderchen in dem
Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht
abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die
Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor
sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trsten wollte,
schttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht
kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wre und dem Anderen
eine Strafpredigt gehalten htte wegen seiner Schndlichkeit, so wre
es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der
immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wren die Gedanken
darin so trostlos gewesen, da kein Mund sie aussprechen konnte. Darum
blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu
sagen und wartete, bis da der Kleine von selbst aufstand und anfing,
nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander
her; der Kleine fate nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm
auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das
zwischen den Brdern war, redete eine Sprache -- eine Sprache --

Zu Hause natrlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch
heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange,
so wute auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft
immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht
mehr halten lt, sondern herausbricht. Denn fr gewhnlich hatte er so
kalte Augen und Zge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehrt
hatte, was geschehen war, wurden die Augen -- ganz grlich wurden sie,
-- die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke
die Mutter dazwischen gefahren wre -- mit einem Schrei kam sie
zwischen beide -- so glaube ich, er htte den Jungen am Halse genommen
und erwrgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und
wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar
war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: Solch ein
niedertrchtiger Lmmel! Und als der Junge das hrte und den Vater vor
sich stehen sah und fhlte, wie der Vater ihn hate, da kam etwas ber
ihn, -- als wenn er verrckt geworden wre in dem Augenblick -- als
wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen htte und pltzlich
heraus kam. Da verga er, da der Mann ihm gegenber sein Vater war,
da der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem
Streich in Grund und Boden htte schmettern knnen. Er hob beide Fuste
auf und ballte sie und stie damit in die Luft nach dem Vater hin und
schrie, -- so laut er konnte, schrie er: An dem Allen bist Du schuld!
Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele
haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu
nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen
genommen. Und hast gesagt, ich wre ein groer Bengel. Und hast sie an
den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzhlt habe von dem
Einhorn in dem groen Walde, das wre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und
darum kann ich ihm nichts mehr erzhlen. Und wei nicht mehr, was ich
mit ihm spielen soll. Und da das Alles so gekommen ist --

In dem Augenblick aber strzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine
Verzweifelte strzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hnde, beide
weiche Hnde, vor den Mund, -- ja -- es sind sechzig Jahre her, -- und
noch jetzt fhle ich, wie weich die Hnde waren, die sie dem Jungen vor
den Mund drckte. Und als der Junge die Hnde an seinem Gesicht fhlte,
fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fhlte, was er an dem kleinen
Bruder gethan hatte, und fhlte, wie grlich das Alles war, da er so
sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und
als er so zu heulen anfing, drckte die Mutter seinen Kopf an sich,
fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren
Shawl -- denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie
auch in der Stube immer einen Shawl -- ihren Shawl, den wickelte sie
frmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte.
Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil
sie ihn schtzen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das
Keuchen konnte ich hren, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich
drckte, so fest, so fest, so fest. Dann ri sie ihn fort, aus dem
Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, lie sie ihn
los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losliee, sondern
die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine
Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob
sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr
Kopf fiel hinten ber an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr
Gesicht wurde so bla, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wre,
und der Mund ging ihr halb auf, so da sie aussah wie eine Todte. Als
der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah,
wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie
die Augen auf, ri sie auf, und die Augen waren so verstrt, so
verstrt. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern
winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen
ihren Knieen, und umfate ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie
beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hnde auf seinen Kopf, faltete
die Hnde auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hnde drckte sie das
Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so
furchtbar, da ihr ganzer Leib sich schttelte und zuckte. Und whrend
sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so da
der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als
wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in
dem Augenblick gebetet fr die Seele ihres Kindes, fr die arme,
verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in
die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein wrde,
um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat
geahnt, was fr eine Zeit das fr ihn sein wrde, was fr ein Leben!
Was fr ein Leben!

Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehrt hatte, that sie die Hnde vom
Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu
sich herauf, so da sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte
sie: Weit Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Da Kindern,
die nach ihren Eltern schlagen, die Hnde aus dem Grabe wachsen? Wie
konntest Du denn nur die Fuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du
denn jetzt so? So hlich und bse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst
Du denn nicht, wie er sich grmt? Weil er Dich doch so lieb hat!
Hnschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm
sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so da er sich
Beulen an den Kopf schlgt. Weit Du denn nicht, da Du Deiner Mutter
das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn
Deine Mutter gar nicht ein bichen lieb?

Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche
Brust gedrckt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide,
ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und
doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft
athmete und ihre sanften, traurigen Worte hrte und daran dachte, wie
er sie da eben hatte sitzen sehen, so bla, beinahe als wenn sie todt
gewesen wre, und eine Ahnung ihm kam, da das Alles, was er da umfat
hielt, die Gte, die Liebe, die Mutter, da ihm das Alles einmal
verloren gehen knnte und er dann nichts mehr haben wrde, nichts, da
kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein
Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele
verhrtet hatte, all' das Bse, Schlechte, Niedertrchtige wurde noch
einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus
war er nicht schlecht, war es nicht, -- nur Futritte konnte er nicht
vertragen. Darum, statt da er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an,
bitterlich zu weinen, und kte die Mutter ins Gesicht, immer wieder
und noch einmal.

Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich
gesagt habe, da die Menschen daran aufblhen und warm und lebendig
werden, so mochte sie wohl fhlen, da es jetzt nicht gut gewesen wre,
wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern da es am besten war,
wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und kte ihn und
sagte nur: Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie frher mit
Hnschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein
lieber Junge?

Und darauf nickte der Junge, -- Alles wollte er thun, Alles.

Und alsdann ging sie in die Stube zurck und kam dann wieder heraus und
fhrte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie
inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine
Gesicht unter dem weien Verbande beinahe verschwand, sah das so
jmmerlich aus, so jmmerlich, da der Andere wieder zu weinen anfing.
Aber da sagte die Mutter: Hr' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist
Hnschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr,
Hnschen? Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der
Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und
sagte: Post und Reise will ich nicht wieder spielen. Und die Mutter
drckte ihn an sich, ganz vorsichtig, da sie ihm nicht wehe that, und
sagte: Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja
noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hnde, gebt
Euch die Hnde.

Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich frchtete, und es
zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm
sprach, vor dem er sich auch immer frchtete. Darum nahm die Mutter
seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte:
Komm her und gib Hnschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie
wieder weh thun. Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand
des Brderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheien.

Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen
hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Scho, und den Anderen winkte
sie heran, da er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit
dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um
den Anderen geschlungen, und so saen die Dreie, und keines sprach ein
Wort, so da eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag
gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht
angezndet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so
zwischen den beiden Brdern, ihren Kindern sa, mit dem Kopfe
zurckgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend -- wer wei, was
sie da Alles gedacht haben mag --, da schimmerte ihr Gesicht durch das
Dunkel ganz wei, fast schneewei, so da es dem Jungen, indem er zu
ihr aufblickte so erschien, als se da ein Engel zwischen ihnen, wie
er sich immer vorgestellt hatte, da die Engel aussehen mten,
schneewei von Kopf zu Fen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach
einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort
gewesen wre, weit fort, und nun zurck kme. Dann richtete sie den
Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen,
die linke auf des Anderen Haupt und drckte sie zueinander, da ihre
Stirnen sich berhrten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh'
that, und auf die beiden Kpfe drckte sie die Lippen, so da sie beide
zugleich berhrte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz
anders klang als gewhnlich, so wunderbar, so tief: Meine Kinder,
meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut
war und ohne Neid -- Menschen mssen nicht neidisch sein auf einander,
alle Menschen mssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle
Anderen, die mssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich
nicht lieb haben, kommen sie in die Hlle.

So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar,
so feierlich, da mir in dem Augenblick war, als sprche Gott selber
vom Himmel herab, so da ich das Wort nie wieder vergessen konnte,
sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in
den sechzig Jahren habe ich erfahren, da es die Wahrheit gewesen ist,
was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!

Von da an gingen die beiden Brder wieder mit einander spazieren, neben
einander und Hand in Hand, so da es aussah wie frher. Aber es war
doch nicht mehr, wie es frher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem
Anderen sagte, so war es doch so: sie frchteten sich vor einander. Der
Kleine -- das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was fr
eine feine Seele in dem Kinde war -- der Kleine zwar wollte den Anderen
vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und
bemhte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so
stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine pltzliche
Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er
unwillkrlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es frher nie
gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, da
der Kleine sich zwang, und da im Grunde seiner Seele das Mitrauen
sa. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein bses
Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit
ihm zu spielen, die sie frher gespielt hatten, weil er immer dachte,
da das Brderchen sich vor ihm frchten wrde. Und an das Erzhlen,
wie frher in der Cajte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf
seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.

Und trotz alledem -- wenn damals -- denn die Seele eines Menschen, in
der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestrzter Acker, wo es
nur darauf ankommt, was hineingest wird -- wenn damals ein Semann
gekommen wre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat
gestreut htte, aus der das Heil fr die Menschen aufgeht, einzig und
allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten
Zeugs, was so schne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung,
heilsame Strenge, und wie es heit -- es htte damals -- auch damals
noch, Alles -- aber --

Und die Gelegenheit war eigentlich so gnstig.

Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter
zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rckte die
Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare
Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die
krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich
gefhlt haben, lernen wieder fhlen, da sie schlielich doch Alles nur
durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern
heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch
eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.

Und so, als der heilige Abend heranrckte, ging es auch den beiden
Kindern, den verstrten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren
Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller,
zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezndet war,
lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller
Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war,
und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fnden, da der
Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.

Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straen der
Stadt spazieren. In den Straen war es ja jetzt viel schner, als da
drauen. Da waren die vielen Lden mit den herrlich erleuchteten
Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen.
Namentlich die Spielwaarenlden. Vor denen blieben die Beiden schier
stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen
Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Kpfen machten sie sich
frmlich ein Verzeichni, so da sie am nchsten Tage immer genau
wuten, was alles neu hinzu gekommen war.

Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken
und sie dem kleinen Bruder zu erzhlen. Wenn sie eine Eisenbahn im
Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste
hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange
Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so da den Kleinen das
Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drckte. Oder durch alle
Hauptstdte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich
bei einem ganz berhmten Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von
mindestens zwanzig Gerichten auftischen lieen. Und wenn sie alsdann
nach Haus gingen, sagte der Schnudri: Jetzt sieh nur, was ich fr
einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem
berhmten Hotel zu Mittag gegessen. Dabei zeigte er auf seinen Leib,
und der kleine Leib war so mager, so mager -- denn obschon der Kleine
jetzt wieder ganz vergngt geworden war, wollte es doch krperlich gar
nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.

Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenlden kamen und vor
das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja
geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mhe gaben, ihre
Aufregung zu unterdrcken; so ungeheuer war die Wirkung von dem
gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nmlich
eine Krassieruniform, Kra, Helm und Sbel, und sogar noch eine
Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da
wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie
betubt, gingen sie nach Haus.

Zu Hause aber -- wie das die Art des Kleinen war -- lief der Kleine
gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: Mama! --
Mama! -- Und dann kletterte er ihr auf den Scho und erzhlte ihr ins
Ohr, was sie da gesehen hatten von der Krassieruniform. Und dabei
zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so da die Mutter ihn wieder
an sich drcken mute und rege Dich nicht so auf, Hnschen, sagte, --
rege Dich nicht so auf.

Am nchsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt.
Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flsterte
ihm zu: Pa auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den
Krassiergeneral! Denn da die Uniform nur fr einen General sein
knnte, das stand fr den Kleinen fest.

Und von dem Augenblick an wurde die Krassieruniform geradezu der
einzige Gedanke in den Kpfen der Beiden, so da sie sogar des Nachts
davon trumten. Der Aeltere aber fate den Plan zu einem groartigen
Spiele, und als er es dem Schnudri erzhlte, wurde der ganz Feuer und
Flamme.

Mit einigen von ihren Schulkameraden -- natrlich sollten das nur ihre
besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle
festgestellt -- wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je
nachdem das Wetter sein wrde, zusammenthun zu einem Spiel Pascher und
Grenzsoldat. Sobald der Kleine das gehrt hatte, fing er vor Entzcken
an, auf einem Beine herumzutanzen. Famos! Und Du bist der General von
den Grenzsoldaten.

Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die
Krassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also
konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war
doch eigentlich zu schwach dafr und zu klein, whrend er sich im
Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Sbel durchs Feld galoppirte
und seine Soldaten gegen die Pascher anfhrte. Und dem Schnudri
leuchtete das auch gleich so ein, da ihm gar kein anderer Gedanke kam,
zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem
famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, da
er fragte: Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder
Grenzsoldat? Worauf der Andere erwiderte: Natrlich bist Du auch
Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der
Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem
General. Und wie der Kleine das hrte, wurde er ganz taumelig vor
Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den
Mund und machte tt! tt!, als wre es schon die Trompete. Und
obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jmmerliches war im
Vergleich zu der ganzen herrlichen Krassieruniform, die der Andere
bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es
schien ihm blo ganz natrlich, da der Andere die ganze Herrlichkeit
bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern
in dem kleinen Leibe war ein Gemth grer, als das manches
Erwachsenen, in dem armen, kranken Krper eine Seele, so schn, so
gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken,
ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!

Und so rckte nun der heilige Abend immer nher, und es waren bis zu
ihm nur noch wenige Tage, und tglich standen die Beiden vor dem
Kalender und zhlten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der
Aeltere sagte zu dem Schnudri: Siehst Du, sagte er, das sind jetzt
die krzesten Tage vom ganzen Jahr. Weit Du, warum sie so kurz sind?
Weil sie wissen, da sie eigentlich ganz berflssig sind und dem
heiligen Abend blo den Weg vertreten. Darum machen sie, da sie so
schnell aus der Welt kommen als nur mglich. Und wie der Schnudri an
den Spen des Anderen immer ein groes Vergngen empfand, so auch an
diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte
sich ausschtten vor Lachen: Mama, jetzt gib mal Acht, weit Du, wer
ich bin? Einer von den krzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz --
>guten Morgen< sagen sie und dann gleich darauf >gute Nacht.< Und
damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine
und lief davon. Aber es war merkwrdig -- die Mutter, die sonst immer
so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergngt sah, blieb heute
ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie
verweinte Augen htte, so da ich immer bei mir denken mute, sie htte
da still in ihrem Zimmer ber ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin
geweint. Worber denn nur? Und dann fiel es mir ein, da heute Morgen,
bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so
laut mit einander sprechen hren, beinah heftig, als wenn sie sich
zankten. Als die Thr aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch
die letzten Worte der Mutter gehrt: Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt
nicht! Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem
Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so
gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war,
da irgend etwas wieder abgeschmackt in der Welt war, da es in dem
Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich wei nicht --
aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz -- wie
ein Vorgefhl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz
erdrckte, so da er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich
bisher gefreut hatte.

Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden
sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo
aufgebaut wurde, drckten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine
immer am Schlsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der
Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem
Zimmer heraustrat, und als sie merkte, da der Schnudri durch das
Schlsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und
lchelte. Aber es war ein so schwaches Lcheln, gar kein recht
freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter stnden. Und wie
sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen,
als berlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um
ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm
allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und
endlich fing sie an, und man hrte, wie schwer es ihr wurde.

Heut ist nun Weihnachten, sagte sie, und das, was ich Euch neulich
gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank sa, nicht wahr, das hast Du
behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge
sein? Da Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und
Hnschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem
armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an.
Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr? Dann schwieg sie. Und es
war, als wenn sie eigentlich noch mehr htte sagen wollen, als ob sie
aber nicht recht gewut htte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn
sie sich davor frchtete. Und weil der Junge auch nicht wute, was er
erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf
und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide
Hnde und kte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drckte sie die Lippen
darauf, und es war ein so langer, langer Ku -- beinah, wie wenn man
Jemand kt, den man vor einer schweren Gefahr wei, oder von dem man
Abschied nimmt. Ja -- wie wenn sie Abschied nhme -- so war es. Denn
whrend ihm sonst immer zu Muthe war, als kte ihn das Leben selbst,
wenn die Mutter ihn kte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren
Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Fen.

Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und
kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der
Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine
Klingel, was so viel heien wollte als: Jetzt knnt Ihr kommen. Und
die Klingel, die tnte so kurz, so grell und gar nicht wie eine
freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter
die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.

Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle
Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein
Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war
ja von Natur lang und gro, heute aber sah es aus, als wre er noch
lnger gewesen als gewhnlich. Die Mutter lie die Hnde ihrer Jungen
los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinber, die Beiden aber
blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, da der Vater zwischen ihnen
und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte
sagen, und das that er denn auch. Bevor Ihr an Eure Tische tretet,
sagte er, wnsche ich, da Ihr Euch berlegt, was Weihnachten
bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr
zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im
Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anla zur Zufriedenheit gegeben
hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der
Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am
Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach mge dann ein Jeder sich
fr das nchste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlsse fassen,
damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es
htte sein sollen, dieses im nchsten Jahre anders und besser wird.
Und whrend er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte,
als sprche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz
ausschlielich an den Aelteren, an den Groen. Und unter seinen Worten
stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen ber ihn hin wie
ein eisiger Strom, und trotz der Wrme, die von dem brennenden Baume
kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht
und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die
schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren
unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas,
was immer da sein wrde, vor dem es kein Entrinnen gab.

Und nun kommt heran, sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.

Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum
frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten
sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwrdig,
da der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut
von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und
blitzte es; das war der Krassiergeneral, Kra, Helm und Sbel; auch
die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem
Tische. Solch ein Entzcken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe
ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. Der
Krassiergeneral, schrie er, der Krassiergeneral! Dann galoppirte
er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem
hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Scho und kte sie,
wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit
seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreien wollte. Er hatte eben
gar nicht an die Mglichkeit gedacht, da er die Uniform bekommen
knnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer gro; der Andere
wrde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht
bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bcher, die er fr die Schule
brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernnftige, in der vom
Einhorne nichts stand, dann noch einige ntzliche Gegenstnde -- und
weiter nichts. Von Spielsachen nichts.

Und vor dem Tische stand er nun, und das weie Tischtuch, das von den
paar Bchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weies,
leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er
konnte sich kaum entschlieen, eins der Bcher zu berhren. Endlich
that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah,
weil er sich frchtete und sich schmte. Denn die schreckliche Scham
von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in
ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder
schier nrrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz
sonderbares Gefhl, -- als gehrte er gar nicht mehr mit dem kleinen
Bruder zusammen, als wren sie gar nicht Brder mehr, als wre der
Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wre er
ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da drauen, ganz
allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm
durch den Kopf, als wenn schwarze Flgel ihm um die Ohren schlugen.
Darum fhlte er zunchst kaum einen Kummer, berhaupt nichts
Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betubung.

Und wie er so stand und gar nicht wute, was er mit sich anfangen
sollte, fhlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das
waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht
schob, das war wieder die Mutter, und sie flsterte ihm ins Ohr, so
leise, als ob Niemand auer ihm es hren sollte: Du bist mein lieber
Junge -- das weit Du -- nicht wahr? Aber er regte kein Glied, er
konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter
fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes
Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: Komm mit mir, der
Vater erwartet, da Du Dich bedankst, setzte er keinen Widerstand
entgegen, sondern lie sich fhren, ganz willenlos, ganz mechanisch --
ja -- mechanisch -- denn heute noch fhle ich, wie das war, als er die
paar Schritte da hinberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem
langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Fe eingeschlafen sind, so
da man sie gar nicht fhlt, sondern immer denkt, sie mten unten
Einem abbrechen wie Stcke Holz, so war das.

Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung
vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, lie
er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum,
sondern sagte nur: Nun? Darauf sagte die Mutter fr mich: Er will
sich bedanken. Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit
den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: Das glaube ein
Anderer. Alsdann, nach einiger Zeit lie er die Zeitung sinken, wandte
sich herum und sagte: Da Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich
Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst
Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, da dieses
Jahr mit einem gehrigen Defizit abschliet. La Dir das jetzt als eine
heilsame Lehre dienen fr das kommende Jahr und sorge dafr, da das
nchste Jahr besser abschliet. Und nachdem er das gesagt hatte, nahm
er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge
aber, als er hrte, da der Vater nicht weiter sprach, richtete das
Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, da
der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war
es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben wrde, vor
dem er solches Entsetzen empfnde wie vor dem Manne, der da sa, und
der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem
Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der
Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wre
das eine ganz andere Stube als frher, als wren das Menschen, die er
gar nicht kannte, und als wre das Alles, was er erlebte, ein
grlicher, grlicher Traum.

Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Kra
anlegten, den Sbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der
Krper des kleinen Jungen war viel zu mager und drftig fr die Sachen,
so da sie ihm alle nicht paten. Der Helm rutschte ihm beinahe ber
das kleine Gesicht, der Kra und das Sbelkoppel waren zu weit; die
Sachen waren eben auf einen greren Jungen berechnet. Und als er sah,
da der Kleine ein betrbtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer
des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine
Weihnachtsfreude.

Aber die Mutter wute der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar
alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar
Ballen unter den Kra, dann holte sie einen Hammer und einen runden
Nagel und schlug damit noch ein paar Lcher in den Riemen des
Sbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt
wurden, sa Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im
Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergngen, da sein Gesicht fast noch
heller glnzte als der Kra, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er
da stand -- unterm Weihnachtsbaum -- so froh, so glcklich, ohne eine
Ahnung, da Jemand es ihm mignnen knnte, weil er selbst von Neid
nichts wute, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach
sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brderchen, dem er seine Freude
nicht gnnte, -- seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein
sollte -- in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben -- der Andere --
die Canaille, der Satan, der Hund!

Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfllt gewesen,
da er noch an gar nichts Anderes hatte denken knnen. Erst nachdem er
sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er
ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schnes bekommen hatte. Und
als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er
ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und ber den Tisch hin
blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah.
Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen.
Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war,
da sie mit den Schulkameraden Pascher und Grenzer spielen wollten,
und da der Andere der General hatte sein sollen -- und nun war es so
gekommen, und das Alles war doch nicht mehr mglich.

Was sollte denn nun werden? Er wute sich keinen Rath. Er grmte sich
fr den Bruder -- das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die
Freude nicht unterdrcken, da er die Uniform bekommen hatte -- das sah
man ihm auch an. Und pltzlich, weil er den Drang fhlte, irgend etwas
zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu
sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Hnden trug. Die wollte er
ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem
Kleinen so gut gemeint, wie nur mglich, aber es kam zur unrechten
Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als
General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der
schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als
Krassiergeneral erscheinen wrde, kam es vor wie eine furchtbare
Beschimpfung, da er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da,
der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der
Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der
kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, ri er sie ihm aus der Hand,
-- wie ein bser Affe ri er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war
eine Wuth, ein Ha und ein Neid -- mit beiden Hnden packte er die
Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen
konnte, verbog er sie, so da sie einen Knick bekam und nicht mehr zu
gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so da die Eltern
nichts davon hrten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der
wurde leichenbla, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem
Augenblick aber kam dem Anderen das Bewutsein, was er gethan hatte,
und die erbrmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und
unwillkrlich sah er hinber, wo der sa, ob der auch nichts gesehen
htte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den
Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. -- Solch ein Kind war das!
Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei
hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb
ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder
an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, da Niemand sie
finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den
Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem
Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und
berhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht
mehr und freute sich nicht mehr, und so bla, wie er in dem Augenblick
geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den
ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der
Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen,
eine Angst --

Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich
immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel ber
seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach
ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so da er am ganzen Leibe
zitterte, als die Mutter ihm sagte: Jetzt, Hnschen, denk' ich, gehen
wir zu Bett! Und als sie ihm den Helm abnahm und den Kra und den
Sbel, fing er pltzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche
kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drckte und
fragte: Warum weinst Du denn, Hnschen? sagte er: Aber morgen gehrt
sie mir doch wieder? Darauf lchelte die Mutter, und als sie fhlte,
wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Scho: Wem soll
sie denn sonst gehren? Freilich doch gehrt sie Dir. Meinst Du denn,
es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen? Und so etwas Aehnliches war
es gewi, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drckte seinen
kleinen Kopf an die Mutter, und allmhlich hrte er auf, zu weinen.

In der Nacht aber -- die Brder schliefen nmlich in einem und
demselben Zimmer, und fr gewhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich
hingelegt hatten -- in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht
einschlafen, weil ihn die bsen Gedanken wach hielten. Und wie er so
wach dalag, merkte er, da auch der Kleine nicht schlief, sondern es
war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort
in Angst gewesen wre, da pltzlich etwas Schreckliches geschehen
wrde, da Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen wrde, so war
es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still
war, da mu in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thr aufgestanden und
zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, -- es kam von dem
Weihnachtszimmer ein Gerusch.

Im Augenblick also, wie das Gerusch kam, war der Kleine in seinem
Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und
ohne Schuh und Strmpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den
dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinber. Gleich
darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte
etwas, und da war es der Helm, der Kra, der Sbel, die ganze
Krassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett
legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint htte, da
er anders nicht sicher gewesen wre und doch Jemand kommen und sie ihm
fortnehmen wrde.

Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut
gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man
hren, wie es ihn schauderte und fror, da ihm die Zhne im Munde
klapperten. Und dieses Alles hrte der Andere, und weil das
Laternenlicht von der Strae ins Zimmer schien, konnte er es auch
sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er
zusammengeringelt wie ein bses Thier, und Alles, was er dachte, war
nur, da es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lcherlich.
Und wenn er voraus htte sehen knnen in die Zukunft, so wrde er
gewut haben, da einmal eine Zeit kommen wrde, wo er sein halbes
Leben dafr hingegeben htte, wenn er in der Nacht aufgestanden wre
und dem kleinen Bruder gesagt htte: Frchte Dich nicht! Ich will Dir
Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu frchten
brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gnnen
Dir ja Deine Freude. Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in
seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das
Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem
Kleinen gehrte und nicht ihm, dem Anderen.

Darauf nun, am nchsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war,
kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, da sie
zusammen Pascher und Grenzer spielen wollten. Der Schnudri hatte
seine Krassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer
stolz, sich so zeigen zu knnen. Fr den Anderen aber, als er sah, wie
die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen
und nicht ihn, fr den war das ein frchterlicher Augenblick. Sie
fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen:
Warum hast denn Du sie nicht gekriegt? Erklren konnte er ja nichts;
dazu htte er Dinge erklren mssen, die er selbst kaum verstand.
Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm
wieder die Scham ber den Leib, vom Kopf bis zu Fen, da er blutroth
wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen
htte, so da er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie
denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.

Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie
sich berathen wollten, aber Niemand wute etwas zu sagen. Alle sahen
auf die beiden Brder, namentlich den Aelteren, was der sagen wrde,
weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil
der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.

Endlich fragte Einer: Aber, wer soll denn nun General sein? Darauf
zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: Na, wer? -- Da steht er
ja. Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil
es ihm wie ein Hohn vorkam, da der Kleine der Anfhrer sein sollte und
weil er wute, da die Anderen es auch so aufnehmen wrden. Und so war
es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwchste
von Allen. Darum erschien es den brigen Jungen wie eine Beleidigung,
da er sie kommandiren sollte. Und auerdem erschien es ihnen berhaupt
ungerecht, da er solch eine schne Uniform bekommen sollte. Denn unter
den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, da der Kleine ein
verzogenes Muttershnchen wre, weil sie doch nicht wuten, da er
krank war. Oder, wenn sie es gewut htten, wrden sie vermuthlich doch
keine Rcksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen
wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stck krank, so gehrt es nicht
mehr zu ihnen. Aber Rcksicht darauf nehmen -- das giebt es nicht.

Darum, als der Andere gesagt hatte: Da steht er ja, wurde ein
allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt
hatte, sagte: Na, das wre mir auch ein schner General. Und wie er
das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und
der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er
merkte, da sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fhlte, da
er zu schwach war, um sie anzufhren. Und wie er so dastand und den
Kopf hngen lie, trat Einer auf ihn zu und sagte: Weit Du, was Du
thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem
Bruder geben; denn fr den pat sie doch viel besser als wie fr Dich.
Darauf stimmten alle die Uebrigen mit ja! ja! dem bei. Der Kleine
aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und
drckte die Hnde ber der Brust zusammen, wie um seinen Kra fest zu
halten, weil er doch um alle Welt die schne Uniform nicht hergeben
wollte. Der Andere aber, wie er gehrt hatte, was fr ein Vorschlag
gemacht worden war, und da der Schnudri die Uniform hergeben sollte
fr ihn -- mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: Jetzt will
ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist
der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also
machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen
entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig
Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt --
in der Mitte der Ebene war nmlich ein Hgel -- dann hat er gewonnen.
Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen,
und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.

Das war denn ein Vorschlag, der sofort zndete. Ein famoses Spiel! Ein
famoses Spiel! Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander.
Aber Hllenfeuer war es, und von dem Teufel angezndet, der einstmals
dem Kain zugeflstert hatte: Schlage deinen Bruder Abel todt. Wenn er
hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehren
drfen -- jawohl -- aber sie wuten, da er nicht hinaufkommen wrde,
da sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen wrden, den
armen, schwachen, kleinen Kerl.

Ein Spiel nannten sie das, -- und es war kein Spiel, sondern etwas
Ernsthaftes, Furchtbares, Grliches, ein Stck Menschenniedertracht,
die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil
sie sich schmt und frchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele;
Neid, hllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte,
whrend er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wlfe
verwandelte, in habgierige Bestien. Und da so etwas vorging, da er
pltzlich umgeben und umringt war wie von Wlfen, das mu er gefhlt
haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er
umhersah, so klglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem groen
Bruder, ob ihm der nicht zu Hlfe kommen wrde. Aber der -- von dem
ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr
und wahrhaftig der Teufel los, da er nichts Anderes mehr denken
konnte, als da die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte,
ihm nun fr einige Zeit wenigstens doch gehren wrde, doch!

Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und
wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht
mitgespielt htte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wre,
weit davon. Aber das Alles war nun nicht mglich, und die Jungen wrden
ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: Hier,
wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig
Schritt zurck. Dann wird gezhlt eins -- zwei -- drei -- und bei drei
fngst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher. Und
damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurck, und indem sie
gingen, zhlten sie laut ihre Schritte, bis da sie zwanzig gezhlt
hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zhlte ganz
laut eins -- zwei -- drei. Und im Augenblick, als das Drei heraus
kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen -- und Jeder schrie,
so laut er schreien konnte: Fangt den General! Fangt den General! Und
wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorbergegangen wre und es mit
angesehen htte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen ber die Kinder
denken, wrde er wahrscheinlich gesagt haben: Sieh' Einer, wie die
munteren Jungen sich amsiren, -- und nicht geahnt wrde er haben, da
das, was er fr ein Vergngen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um
Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen
sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine
vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten mu er gefhlt haben,
da es eine verlorene Sache war, da sie ihn einholen wrden. Wie er
das Geschrei hinter sich hrte, mu es ihm gewesen sein als kme eine
Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen wrde, so
da ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach
den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz
kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als
wenn er nein! nein! nein! schrie. Sie sollten ihm das nicht thun,
sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natrlich hrte Keiner darauf,
sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er
zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darber her, aber der Andere
stie sie alle fort; Keiner auer ihm sollte den Helm haben und die
Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem Hussah
weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein
toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem wei, was er
frher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beit.
Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken
konnte und fhlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen
hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer nher
hinter sich hrte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon
ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er pltzlich
stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich
zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drckte das
Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick
waren sie ber ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder ber den
Bruder.

Die Schnallen, mit denen der Kra an den Schultern des Kleinen fest
gemacht war, schnallte er auf. Das Sbelkoppel, das der Kleine um den
Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack -- rack -- rack. Alles mit
ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hnde vor
Leidenschaft flogen, wie ein Ruber, der Jemanden berfallen hat und
ausplndert. Und dann eben so rasch den Kra an die eigenen Schultern,
das Sbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Sbel herausgerissen.
Und hurrah -- jetzt war er der General! Und hurrah, jetzt hatten
sie einen Anfhrer, wie es sich gehrte. Jetzt konnten sie spielen.
Jetzt wollten sie spielen, Pascher und Grenzsoldat, gehrig, so da
man sich am Kragen kriegte und raufte und prgelte; denn sie waren Alle
wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde,
die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrckt, und schluchzte
und wimmerte, da der kleine Krper gegen den Erdboden stie. Aber --
ach was -- das Muttershnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er
wrde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und
nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spa mu doch Jeder
verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwrts, da wir zum
Spiel kommen! Fort -- denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, da sie
eine Art Grauen fhlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen --
ich wei es nicht -- aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war
es so, da sie fhlten, sie htten da etwas gethan, was sie lieber
nicht htten thun sollen, nicht htten thun sollen.

Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wthig wie nur
mglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich
kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hlserecken,
ein Fragen von Einem zum Anderen -- war denn der Kleine nicht
nachgekommen? Nein -- der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem
Hui ging es nach der Stelle zurck, wo vorhin, -- aber die Stelle war
leer. Er war nicht mehr da -- war fort -- wo denn hin? Und darauf, als
nach all' dem Lrm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz
lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus -- er glaubte -- er htte
gesehen, wie der Kleine ganz allein bers Feld gegangen wre -- nach
der Stadt zu -- nach Hause zu. -- Und da mit einem Mal -- wie wenn
Jemand in einem wsten Rausch gewesen ist und pltzlich zur Besinnung
kommt -- so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. Nach der
Stadt zu wre er gegangen? -- Ja! -- Als ob er eins getrunken gehabt
htte -- ganz taumelig -- und die Hnde am Kopf.

Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen ber den Leib und sauste und
brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die
Kehle war ihm wie zugeschnrt. Ohne ein Wort zu sprechen, knpfte er
sich den Kra ab, und den Sbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom
Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so
wthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten htte er sie
von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem
Kleinen sein Eigenthum. Also mute er sie dem Kleinen wieder bringen,
nach Haus. Und indem er das dachte -- nach Haus -- war ihm, als wenn
eine Hand in seiner Brust gewesen wre, mit langen, eisernen Fingern,
die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrckten, langsam
wie eine Schraube.

Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie
eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurck. Es war
ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine
Ahnung davon. Wie sie nun in die Nhe der Stadt kamen und die Stadt vor
ihnen lag und der graue Himmel ber den Dchern, den Ziegeldchern, auf
denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so da Alles
in einander verschwamm, so de, so grau in grau -- wie er das Alles sah
-- da war es ihm -- da berkam es ihn -- als wenn da etwas Todtes vor
ihm lge -- wie ein todtes Gesicht, das er frher gekannt, das ihm
zugenickt und gelchelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen
auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein wrde, nie
wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur -- wie ein groer, stummer,
todter Leib, so sah es aus, da er denken mute, so mte es aussehen,
wenn die Mutter vor Einem lge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu
Muth; und so stark fhlte er das, so furchtbar, da er nicht weiter
gehen konnte, sondern stehen bleiben mute. Und dabei schlugen der
Kra und der Helm und der Sbel, die er in den Hnden trug, an
einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne
Glocke. Und da war es ihm, als wre irgendwo, wo er sie nicht sehen
konnte, eine Uhr, eine groe Uhr, und als schlge die Glocke in der Uhr
mit einem Tone, wie er nie einen gehrt, so tief, so dumpf, so schwer.
Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, wei ich, wo
die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte -- in seiner Seele -- und
was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.

Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, da er am liebsten gar
nicht in die Stadt zurck und nach Hause gegangen wre, sondern in die
Welt, irgend wohin -- vielleicht noch lieber in den See, in das kalte
Wasser hinunter und den Tod. Ja -- so war ihm, so war ihm zu Muthe.
Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Hnden wie Blei lagen, weil
er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mute sie
doch zurck bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in
die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in
der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Strae kam
und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, da er
nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstrae
ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort,
die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betubt, wie ein verwildertes
Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurck getraut.
Essen und Trinken -- Hunger und Durst -- danach fragte er nicht, daran
dachte er nicht, davon wute er nichts. Erst als es dunkler und immer
dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der
Strae bleiben konnte in der Nacht, und weil er so mde geworden war,
da er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wre und
liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam,
leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die
Nhe von dem Hause kme, dann wrde darin ein Lrmen und Toben sein,
und bis auf die Strae hinaus wrde er die Stimme hren, vor der er
sich so frchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er
kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: Wo
steckt der Bengel? Wo bleibt er? Und als er nun an das Haus heran kam,
lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu
hren, kein Laut. Eigentlich htte ihm das ja lieb sein mssen -- aber
dennoch war es ihm nicht lieb, sondern -- er wute selbst kaum, warum
-- unheimlich, unheimlich.

Also klinkte er die Hausthr auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann
auf den Fuspitzen, wie ein Verbrecher schlpfte er hinein. Und im
Hause war Alles dunkel, und so, wie es drauen gewesen war, so war es
drinnen, ganz still Alles, da man keinen Laut hrte, fast todtenstill.

Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der
Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich ber den Flur nach dem
Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er
hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die
Thr ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der
nach der Kche fhrte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte
Kchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehrt haben
mochte, da Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die
Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war -- und wie
sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll
Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, da ich es malen knnte, so
genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, lie sie die Hand
herab und sagte -- und auch das, wie sie sprach, hre ich heute noch
ganz deutlich und genau -- und sagte -- kein Vorwurf war in dem Ton,
wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so
Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten --
und sagte: Wo bist denn Du gewesen? Weit Du denn nicht, was hier
geschehen ist? Und da Hnschen im Sterben liegt?

So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als wrde
ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen
Leib geschlagen und nagelte ihn am Fuboden fest. Und was man den
kalten Schwei nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.

Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern
hinein, aber da fate ihn die alte Kchin am Arm und sagte, und diesmal
sprach sie ganz hastig, ganz flsternd, ganz angstvoll: Nein, nein, da
darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und
Niemand darf hinein. Und dann, wie der Junge am Thrpfosten lehnte,
selber so starr und steif wie ein Stck Holz, machte sie die Thr zu
dem Zimmer auf, wo die Brder schliefen und leuchtete hinein und sagte:
Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu
machen.

Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da
sah er, da das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war,
und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was
damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden,
ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen
seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefllt;
nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem
kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich
nicht schlafen kann!

Dann bewegt es die Lippen, dann hr' ich's: Kann nicht mehr spielen
mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajte und den Arm um Dich
schlingen und zuhren, wenn Du erzhlst von dem groen Wald und dem
Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr -- nie mehr -- --

Die Erzhlung brach ab.

Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzhlung gekommen war, kam es
hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen
Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich sa, warf er die Arme,
auf die Arme fiel sein graues Haupt. O Bruder! O Brderchen! O armer,
kleiner Bruder!

Ein Sthnen durchschtterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den
Sturmwind schttelt, als wenn er ihn brechen wollte.

Und am nchsten Tage -- aber er vollendete den Satz nicht. Vom Stuhl,
auf den er niedergesunken war, sprang er auf. Aber das kann ich nicht
erzhlen! Kann ich nicht erzhlen! Im Zimmer strmte er auf und ab.
Wie er an der Thr stand, an der Thr des Zimmers, wo sie ihn hinein
getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und
nicht hinein konnte, weil die Thr von innen verriegelt war. Wie er an
der Thr klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis da wieder die alte
Kchin kam und ihn am Arme nahm und zurckzog und sagte: >Mach doch
keinen solchen Lrm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im
Haus.< Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der
Thre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thrnen, da ihm ein
Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter
wrgte. Und wie die alte Kchin immer wieder kam und versuchte, ihn von
der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern
auf den Kra zeigte und den Helm und den Sbel, die er den ganzen Tag
nicht aus den Hnden lie, und sagte: >Ich mu ihm doch seine Sachen
wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.< Worauf dann die Alte
sagte: >Ach la doch die Sachen; was soll er denn damit? Er wei ja von
nichts mehr etwas.< Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den
kleinen Bruder stand, und da er ihn vielleicht nie wieder sehen wrde.
Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht
mehr erzhlen! Was ich keinem Menschen erzhlt habe, das habe ich Ihnen
erzhlt. Aber das kann ich nicht, das knnen Sie nicht verlangen!
Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir.
Sprechen mu der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu
sich selbst spricht, das macht verrckt. Sprechen mu der Mensch zu
einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, --
Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, -- zu
Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin
die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind
sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist
es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hlle! In der
Hlle! Und das Wort ist wieder da -- hier in meinen Ohren -- das
grliche, das er nachher mir gesagt hat, der Mann von Stein, der Mann
von Eis -- >Daran, da Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran --
bist --<, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem
Manne entgegen warf, als er das sagte -- mit einem Gesicht -- wie ich
es nie an ihr gesehen -- so verzerrt, so -- so -- gar nicht mehr das
Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, sen Mutter -- wie sie den Arm
gegen ihn ausstreckte, ganz lang: >Es ist nicht Dein Kind nur, sondern
meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften -- das sollst Du
nicht! das darfst Du nicht! das -- das --<, und wie sie dann -- krach
-- zur Erde fiel, ganz starr, ganz wei, wie mit einem Schlage, bevor
Jemand sie aufzufangen vermochte, -- das Alles erzhle ich Ihnen nicht,
erzhle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzhlen, ein Mensch von
Fleisch und Blut, -- wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen --
kommen Sie mit --, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen,
was kein Mensch gesehen, -- kommen Sie mit.

Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach
dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, da dort bereits eine Lampe stand,
setzte er jene wieder nieder. Kommen Sie. Er schritt mir voran; ich
folgte ihm. Indem ich aufstand, fhlte ich, da mir die Glieder so
schwer geworden waren, da ich Mhe hatte, mich zu erheben.

In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenber, war ein Vorhang
von schwerem, dunkelgrnem Stoff. Es fiel mir ein, da man mir von
einem solchen erzhlt hatte.

Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug
er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der
beiden Brder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen
Lichte leise blinkend, hingen die Stcke einer Kinderuniform, einer
Krassieruniform, ein kleiner Helm, ein Kra, ein Sbel und eine
verbogene Trompete, -- wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig
Jahren.

Keiner Bewegung fhig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen
Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge
und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein
einziger, etwas wute, -- so hatte dieser Mensch sie festgehalten und
bewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen,
unglcklichen Herzen!

Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl;
auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das
Gesicht in die Arme gedrckt, so da das graue Haupt gerade vor mir
war. Eine unwillkrliche Regung erfate mich, ich beugte mich nieder
und drckte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er
nickte nur, und es sah aus, als htte er gesagt: Ja, nicht wahr? Ja,
nicht wahr?

Als ich sah, da er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich
fhlte, da er fr heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu
seinem Ohr. Lassen Sie mich jetzt gehen, sagte ich, aber wenn Sie
erlauben, komme ich wieder! Statt aller Antwort griff er nach meiner
Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: Komm
wieder! La mich nicht allein! Komm wieder!

Geruschlos verlie ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich
hinunter. Die Hausthr war geschlossen; ich mute den Vater der Kinder,
durch die ich heute die Bekanntschaft des alten Mannes gemacht hatte,
herausklopfen, damit er mir aufschlo. Am Nachmittag war ich gekommen
-- als ich ber die Brcke zur Stadt zurck ging, schlug es von den
Thrmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang ber das
Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mute ich denken, von der er mir
gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal,
Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brckengelnder
sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rcken
die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strmung getrieben, strmten
sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Huser
der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie
dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die
Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dmme gefunden -- wer schtzt
den Menschen wider den Menschen? Wer schtzt ihn gegen sich selbst? Der
Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem gttlichen
Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann
endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort,
das ich heute vernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren
qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es
Gebot fr jeden Einzelnen -- Flle das Herz Deines Nebenmenschen mit
Glck?

[Illustration]

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  Dichtungen von
  Ernst von Wildenbruch.


                                                           geh.    geb.
                                                          M. Pf.  M. Pf.

  #Der Astronom.# Erzhlung. 7. Aufl.                      2,--    3,--

  #Das edle Blut.# Eine Erzhlung. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Carl Rhling_. 59. Tausend.
      Kart. M. 1,50                                                2,20

  #Claudia's Garten.# Eine Legende. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Carl Rhling_. 13. Aufl.
      Kart. M. 1,50                                                2,20

  #Die Danaide.# Eine Erzhlung. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Herm. Vogel_. Kart. M. 1,50                 2,20

  #Francesca von Rimini.# Erzhlung. 2. Aufl.              2,--    3,--

  #Unter der Geiel.# Erzhlung. 6. Tausend.
      Kart. M. 2,20                                                3,--

  #Kinderthrnen.# Zwei Erzhlungen. (Der Letzte.
      -- Die Landpartie.) 18. Aufl.                        2,--    3,--

  #Lachendes Land.# Humoresken und Anderes.
      13. vermehrte Auflage der Humoresken               4,--    5,--

  #Eifernde Liebe.# Roman. 13. Tausend                     4,--    5,--

  #Lieder und Balladen.# 7. Aufl.                          4,--    5,--

  #Der Meister von Tanagra.# Eine Knstlergeschichte
      aus Alt-Hellas. 9. Aufl.                             2,--    3,--

  #Novellen.# (Francesca von Rimini. -- Vor den
      Schranken. -- Brunhild.) 7. Aufl.                    4,--    5,--

  #Neue Novellen.# (Das Riechbchschen. -- Die
      Danaide. -- Die heilige Frau. -- Das Wunder.)
      9. vermehrte Aufl.                                   4,--    5,--

  #Sedan.# Ein Heldenlied in drei Gesngen. 3. Aufl.       1,--    2,--

  #Vice-Mama.# Eine Erzhlung. 9. Tausend. Kart. 3 M.              3,60

  #Vionville.# Ein Heldenlied in drei Gesngen. 4. Aufl.   1,--    2,--

  #Tiefe Wasser.# Fnf Erzhlungen. 6. Aufl.               4,--    5,--

  #Der Zauberer Cyprianus.# Eine Legende. 4. Aufl.         3,--    4,--

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  Dramen von
  Ernst von Wildenbruch.


                                                           geh.    geb.
                                                          M. Pf.  M. Pf.

  #Der Frst von Verona.# Trauerspiel                      2,--    3,--

  #Das neue Gebot.# Schauspiel. 6. Aufl.                   2,--    3,--

  #Der Generalfeldoberst.# Trauerspiel. Neue Ausgabe       2,--    3,--

  #Gewitternacht.# Tragdie                                2,--    3,--

  #Harold.# Trauerspiel. 7. Aufl.                          2,--    3,--

  #Die Haubenlerche.# Schauspiel. 3. Aufl.                 2,--    3,--

  #Heinrich und Heinrichs Geschlecht.# Tragdie.
      12. Aufl.                                            3,--    4,--

  #Der neue Herr.# Schauspiel. 4. Aufl.                    2,--    3,--

  #Die Herrin ihrer Hand.# Schauspiel                      2,--    3,--

  #Der Junge von Hennersdorf.# Volksstck                  2,--    3,--

  #Jungfer Immergrn.# Volksstck                          1,--     --

  #Die Karolinger.# Trauerspiel. 18. Aufl.                 2,--    3,--

  #Knig Laurin.# Tragdie                                 2,--    3,--

  #Das heilige Lachen.# Mrchenschwank. 2. Aufl.           2,--    3,--

  #Christoph Marlow.# Trauerspiel. 2. Aufl.                2,--    3,--

  #Meister Balzer.# Schauspiel                             2,--    3,--

  #Der Menonit.# Trauerspiel. 5. Aufl.                     3,--    4,--

  #Die Quitzows.# Schauspiel. Neue Ausgabe mit
      Zeichnungen von _Hugo L. Braune_. 18. Aufl.          2,--    3,--

  #Die Tochter des Erasmus.# Schauspiel. 5. Aufl.          2,--    3,--

  #Vter und Shne.# Schauspiel. 4. Aufl.                  2,--    3,--

  #Willehalm.# Dramatische Legende                         2,--    3,--

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[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 14:
  "" zu "Ae" vereinheitlicht
  (so eine Art von Aehnlichkeit mit dem lteren)

  Seite 18:
  "" zu "Ae" vereinheitlicht
  (Ein Schaukelpferd oder so etwas Aehnliches)

  Seite 29:
  "" angefgt
  (Gut nennen Sie das?)

  Seite 39:
  "sie" gendert in "Sie"
  (Da werden Sie gesehen haben)

  Seite 41:
  "eineinander" gendert in "einander"
  (>Kinder, liebet einander<)

  Seite 42:
  "berfluthtete" gendert in "berfluthete"
  (Der vorberflieende Strom berfluthete das flache Gelnde)

  Seite 44:
  "iu" gendert in "in"
  (die beiden Anfhrer griffen in den Schnee)

  Seite 45:
  "nnd" gendert in "und"
  (ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange)

  Seite 69:
  "" verschoben
  (Schmeckt es Kinder? fragte er.)

  Seite 99:
  "sonstgar" gendert in "sonst gar"
  (ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt)

  Seite 102:
  "" angefgt
  (ist wieder einmal miserabel ausgefallen.)

  Seite 118:
  "uud" gendert in "und"
  (da er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen)

  Seite 123:
  "" verschoben
  (Post und Reise will ich nicht wieder spielen.)

  Seite 124:
  "dreie" gendert in "Dreie"
  (so saen die Dreie, und keines sprach ein Wort)

  Seite 144:
  "," eingefgt
  (eine ganz andere Stube als frher, als wren das Menschen)]






End of the Project Gutenberg EBook of Neid, by Ernst von Wildenbruch

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEID ***

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
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Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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