Project Gutenberg's Memoiren einer Grossmutter, Band II, by Pauline Wengeroff

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Title: Memoiren einer Grossmutter, Band II
       Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert

Author: Pauline Wengeroff

Release Date: July 17, 2014 [EBook #46307]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                  MEMOIREN EINER GROSSMUTTER




                       Pauline Wengeroff


                  Memoiren einer Grossmutter

             Bilder aus der Kulturgeschichte der
             Juden Russlands im 19. Jahrhundert


                            Band II


                        [Illustration]


                            BERLIN
                   Verlag von M. Poppelauer
                             1910




         Alle Rechte, besonders das der bersetzung
                in fremde Sprachen vorbehalten.




Inhaltsverzeichnis.


                                                               Seite

   1. Vorwort                                                      1

   2. Zweite Periode der Aufklrung                                5

   3. Meine Verlobung                                             28

   4. Das Brautjahr                                               47

   5. Ankunft in Konotop. Hochzeit                                64

   6. Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern                     77

   7. Die Wandlung                                                99

   8. Weitere Schicksale                                         115

   9. Alexander II.                                              129

  10. Zwei Worte sagte meine kluge Mutter                        134

  11. Kowno                                                      136

  12. Wilna                                                      147

  13. Helsingfors                                                152

  14. Petersburg                                                 165

  15. Die gefhrliche Operation. -- Die Reform in der Kche      174

  16. Die dritte Generation                                      179

  17. Der Tod meines Mannes                                      213




Vorwort.


Ermutigt durch die Anerkennung, die der erste Band gefunden hat, gehe
ich mit freudigem Bewutsein an die Herausgabe des zweiten Bandes meiner
Memoiren.

Dem Vorhaben gem, treu und ungeknstelt die Vergangenheit zu
schildern, wie sie noch heute in -=meinem Herzen=- und -=meiner
Erinnerung=- lebt, will ich hier den Faden meiner Erzhlung
weiterspinnen und Bilder entschwundener Zeiten vorbeiziehen lassen. Ich
will nicht daran denken, da es ein Buch werden soll. Ich setze mich
wieder an den alten gemtlichen Platz und erzhle: Von meiner Verlobung,
vom Brautjahr, von der Hochzeit und all dem, was noch nachher kam.

Die Aufzeichnungen dieses Bandes stehen teilweise noch unter dem Zeichen
des jugendlichen Frohsinns, der mich in meiner Braut- und
Vermhlungszeit umfing, des ehelichen Glckes, das noch in jenes goldene
Zeitalter fiel, in dem die jdischen Familien und Ehen fest gefgt waren
und aufgebaut auf dem Boden der Liebe, der Treue und der Freundschaft.

Aber die alten Zeiten schwanden und mit ihnen manches Schne und Groe
des jdischen Lebens. Neue Zeiten kamen, die neue Sitten brachten.
Andere Saiten wurden angeschlagen, und allmhlich bildeten sich neue
Werte. Der Zeitgeist zerri das patriarchalisch-beschauliche jdische
Familienleben und hhlte eine Kluft zwischen den Alten und den Jungen.

Aber ich danke Gott, da es ihm gefiel, mich bis zu diesem Tage zu
erhalten, und da es mir vergnnt war, die Stunde schlagen zu hren, die
so groe Wandlungen im jdischen Leben brachte, das Wiedererwachen der
Zionsliebe, das Ringen um die volksverwaiste Jugend. Gleich an dem
ersten Klang erkannte das alte Herz die groe jdische Melodie, die so
lange geschwiegen und einst so tief und so weit ertnte...

       *       *       *       *       *

Zieht nun hinaus, ihr Bltter in die Welt. Ihr waret mein trstender
Schatz, da sich Gewitterwolken um meine Heimat ballten. Wolken, aus
denen grausig die Gespenster des Mittelalters lugten. Einsam und
verlassen zog ich in ein gastliches Land. Bei meinen Schwestern Kthe
und Helene in Heidelberg fand die wandermde Greisin ein Heim. Die Liebe
endet nimmer. Ich hatte Helene einst in schwerer Krankheit gepflegt,
hatte ihren Kummer getragen gleich wie den meinen. Nun nahm sie die
Einsame auf. Eine Heimat wurde mir der groe, viereckige Tisch in ihrem
Zimmer, auf dem meine Zettel lagen, die armseligen Reste eines reichen
Lebens. Aber der milde Glanz vergangener Tage lag ber ihnen. Die
Erinnerung hob die steinernen Male von den Grften der Zeiten und weckte
die Vergangenheit zu neuem Sein. Es waren wundersame Stunden. Weit du
noch, Helene? Wie oft lachten wir in den Unmut der Gegenwart hinein in
seligen Gedanken! Und ach, die Trnen, die dummen, wie oft umflorten sie
unsere Blicke...

Zieht nun hinaus, ihr Bltter, in die Welt! Aus der Liebe seid ihr
geworden, die Liebe hat euch behtet in meinen Wanderjahren. Bringt nun
auch die Liebe zum alten Volkstum meinen jungen Brdern und
Schwestern!...

Ob ihr die Kraft habt zu diesem beglckenden Segen -- ich wei es nicht.
Aber ich mchte es so gerne hoffen. Und ich darf es vielleicht hoffen,
ohne darum schon als eitel zu gelten, weil ein Mann, der meine
Erinnerungen liebte, mir den Mut der Hoffnung gab. -=Dr. Gustav
Karpeles=-, der so frh dahinging, dieser gtige und kenntnisreiche
Mann, schrieb mir die folgenden Briefe, den letzteren Brief noch kurz
vor seinem Tode. Ich setze sie hierher, und mag ihm selbst nur seine
Liebenswrdigkeit gegen eine Greisin die Feder gefhrt haben.


                       Berlin W., den 25. 1. 06. Kurfrstenstr. 21/22.

                Sehr geehrte gndige Frau!

     Ich habe Ihre Arbeit sofort mit dem grten Interesse gelesen.

     Fr eine einmal wchentlich erscheinende Zeitschrift sind, wie
     gesagt, Ihre Memoiren nicht zu verwenden, da diese in einem so
     groen Werk vllig ertrinken wrden. Dagegen wre es wnschenswert,
     wenn diese interessanten Zeit- und Kulturbilder in Buchform
     erschienen.

     Das Kapitel ber Dr. Lilienthal bin ich brigens gern bereit, in
     der Allgemeinen Zeitung des Judentums abzudrucken, und wenn Sie
     damit einverstanden sind, bitte ich Sie, es mir freundlichst
     retournieren zu wollen.

                       In vorzglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener

                                                gez. Karpeles.

       *       *       *       *       *

                   Berlin W., den 3. April 1909. Kurfrstenstr. 21/22.

                Sehr geehrte gndige Frau!

     Ich habe auch Ihr neues Manuskript mit groem Interesse gelesen und
     finde, da der zweite Band mindestens so interessant ist wie der
     erste, ja zum Teil noch viel interessanter. Ich bin auch berzeugt,
     da derselbe viel gelesen werden wird.

     Wenn ich auch selbstverstndlich nicht wieder ein Vorwort dazu
     schreiben kann, was ja ausgeschlossen ist, so will ich doch in der
     A. Z. d. J. und im Jahrbuch fr jdische Geschichte und
     Literatur darber berichten und das Werk empfehlen, wo ich nur
     kann.

     Mit den besten Wnschen und Gren bleibe ich Ihr verehrungsvoll
     ergebener

                                                gez. Karpeles.




     Motto:

                          Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters;
                          Wenn meine Kraft schwindet, verla mich nicht;
                                                     Psalm 71, 9.

                          Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
                          Und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir.
                                                     Psalm 51, 13.


Zweite Periode der Aufklrung.


In dem ersten Bande meiner Memoiren habe ich von dem bedeutungsvollen
Auftreten Dr. Lilienthals in Litauen erzhlt, von seiner hinreienden
Wirkung auf die Jugend, von seiner kulturellen Mission der
bevorstehenden Chederreform, von den ersten Anfngen der beginnenden
Aufklrung. Die Jugend, die bisher ausschlielich den Talmud studiert
hatte, war von den neuen Gedanken begeistert und arbeitete mit einem
heiligen Ernst an der eigenen geistigen Entwicklung. Ihr Ideal war die
Vereinigung der allgemeinen Bildung mit dem Talmudstudium. Erst
Lilienthal hatte dieses Verlangen, die engen Grenzen des alten Wissens
zu erweitern und von dem Apfel der Erkenntnis zu kosten, zum
sichtbaren Durchbruch gebracht.

Neben Lilienthal war es der Begleiter und Sekretr von Montefiore, Louis
Loewe, der whrend seines Aufenthaltes in Ruland berall die
Gelegenheit ergriff, die jdische Jugend von der Notwendigkeit der
europischen Bildung zu berzeugen. Seine Worte fanden einen
machtvollen Nachhall, denn Loewe war zugleich ein im westeuropischen
Sinne gebildeter Mann -- und ein guter Talmudist: In ihm waren die
idealen Forderungen der damaligen Jugend erfllt. Loewe war wie kein
zweiter geeignet, den neuen Werten Geltung zu verschaffen. War er doch
der Begleiter Montefiores. Und es konnte nicht fehlen, da die fast
abgttische Verehrung, die diesem grozgigen und tapferen Philanthropen
in allen Lndern, wo Juden wohnten, zuteil ward, ihren Glanz auch um
Loewe breitete. Wen Montefiore seiner stndigen Begleitung wrdigte, der
durfte offen sprechen. Er hatte nichts zu frchten, und jeder hatte die
Gewiheit, da sein Wort einer reinen berzeugung entwuchs und nur der
Sicherung und Adelung des Judentums gelten konnte.

Es war im Jahre 1846. Ein kaiserlicher Ukas war erschienen, nach dem
alle im Bereiche von fnfzig Werst von der russischen Reichsgrenze
wohnenden Juden vertrieben werden sollten. Das war fr viele Tausende
Familien der Ruin.

Hier setzte die Arbeit Montefiores ein. Sie ging zum Siege. Die
Ausfhrung der drakonischen Bestimmungen wurde zunchst wenigstens
verhindert.

Es geschah nicht zum ersten Male, da Montefiore sich seiner
Glaubensgenossen annahm. Bei allen Juden Europas war die Erinnerung an
jene denkwrdige Reise nach Egypten noch lebendig, wo Montefiore das
entsetzliche Blutmrchen zerstrt, die Bedrngten geschtzt hatte und
die Ehre des jdischen Namens vor der Welt hatte wiederherstellen
knnen.

Fast mehr noch als ber den Erfolg seiner Arbeit in Ruland waren die
Juden erfreut ber die ehrenvolle Behandlung, die das wrdige
Greisenpaar erfuhr. In jeder greren Stadt wurde Montefiore von einem
hohen Beamten empfangen, der ihn bis zur nchsten Station begleitete.
Die Herren -=muten=- so handeln. Auf Gehei der Regierung! Mochten sie
auch ihren Ingrimm schlecht verhehlen.

Selbst am kaiserlichen Hofe wurde das Ehepaar wohlwollend empfangen, und
die Hflinge behandelten Sir Montefiore, den englischen Sheriff, mit
Ehrerbietung.

Kaiser Nikolaus I. war bei der letzten Audienz sehr huldvoll und
versprach Montefiore, seinen Glaubensgenossen gegenber nachsichtiger zu
handeln, bemerkte aber zum Schlu: Wenn doch viele Juden in meinem
Lande Ihnen, mein Herr, hnlich wren! und riet Sir Moses Montefiore,
die Juden von Litauen und Polen auf seiner Rckreise genauer kennen zu
lernen.

Auf der Rckfahrt wurden Sir Moses Montefiore und seiner Gemahlin
seitens der Juden die grten Ehren erwiesen. Jede grere Stadt
bereitete ihnen einen feierlichen Empfang. Der Rabbiner und die
vornehmen Juden, denen sich angesehene Mnner, Delegierte anderer
Stdte, anschlossen, gingen den Gsten eine groe Strecke Weges zu Fu
entgegen, um sie zu bewillkommnen. Leider konnten sie sich nicht
unmittelbar mit dem Ehepaare verstndigen, denn Sir Moses Montefiore und
Lady Judith sprachen nur englisch. Als Dolmetscher diente ihr Begleiter
Dr. Loewe. Ihr Hauptaugenmerk wandten sie berall dem Leben der Juden
zu, das sie durch viele wohlerwogene Fragen bis in alle Einzelheiten zu
ergrnden suchten. Wirtschafts- und Kulturstand reizten sie in gleicher
Weise.

Dabei verhehlten sowohl das Ehepaar Montefiore wie Dr. Loewe nicht, da
sie das Aussehen und das ganze Gebaren der Juden peinlich berhrte. Dr.
Loewe sprach es immer wieder aus, da die Annahme westeuropischer
Bildung fr die russischen Juden ein absolutes Erfordernis sei. Wenn
der Messias kommt und das jdische Reich wiederhergestellt wird, dann
drfen die Juden nicht hinter anderen Vlkern zurckstehen. Die jdische
Jugend mu sich bilden, um fr die brgerliche Freiheit vorbereitet zu
sein.

Unsere Stadt hat das hohe Paar auf dieser Reise freilich nicht berhrt.
Eine Deputation wurde aber abgesandt unter der Leitung des Rabbiners Reb
Jankew Mer Padower, um Montefiore die Wnsche und den Dank auch unserer
Gemeinde zu berbringen. Mein Vater wre der erste gewesen, welcher zu
dieser Deputation htte gehren mssen. Leider hielt ihn eine Krankheit
zu Haus fest. Aber im Geiste folgte er jedem Schritt der hohen
Reisenden; denn fast jeden Tag erhielt er eingehende Berichte. Es waren
festliche Stunden in unserm Hause, wenn diese Berichte einliefen. Ich
sehe noch den wunderbaren Glanz der Seligkeit in seinen Augen, wenn er
mit den Tischgenossen, mit uns Kindern, die einzelnen Ereignisse
besprechen konnte. Besonders lebhaft stehen noch in meiner Erinnerung
jene denkwrdigen acht Tage, welche die hohen Gste in Wilna verlebten.
Von Petersburg her war dem Generalgouverneur Mirkowitsch eine Mitteilung
zugegangen, wodurch schon nach auen hin dieser Reise eine ganz
besondere Bedeutung gegeben war.

Von der fnften Poststation vor Wilna erhielt auch die jdische Gemeinde
durch eine Estafette Nachrichten vom Nahen der gttlichen Gesandten,
wie die russischen Juden damals das Ehepaar Montefiore nannten.

Eine freudige Erregung ergriff die jdische Bevlkerung Wilnas. Die
Gemeinde bereitete den vornehmen Gsten in dem reichen Hause des
bekannten Reb Michel Kotzen eine bequeme Wohnung und sorgte fr eine
reichhaltige, streng koschere Verpflegung.

Die angesehensten Brger der Stadt, mit dem Rabbiner und Stadtprediger
an der Spitze, fuhren den Gsten bis zur nchsten Poststation entgegen.
Tausende Juden versammelten sich in der Wilnaer Vorstadt Schnippeschock,
um schon hier die Erwarteten mit Jubel zu empfangen. Und als der Wagen
endlich in Sicht kam, da erscholl aus tausend Kehlen zugleich ein
begeisterter Ruf: B'ruchim haboim b'schem Adaunoj! (Gesegnet seien
die Nahenden im Namen Gottes!) Es klang so mchtig stark, da die Luft
weithin erzitterte. Der Rabbiner segnete die Angekommenen in deutscher
Sprache und der Stadtprediger in hebrischer. Die ltesten der Gemeinde
berreichten ihnen ein Gelegenheitsgedicht, das den Titel Hakarmel
fhrte. Das Greisenpaar war von diesem Empfang zu Trnen gerhrt und
dankte der Gemeinde herzlich. Das Volk drngte sich so dicht an den
Wagen, da er nur ganz langsam vorwrts kommen konnte. -- Die Polizei
war nicht mehr imstande, die Ordnung aufrecht zu erhalten, denn auch sie
wurde von der groen Menschenmenge fortgerissen. So, von vielen
Zehntausenden begleitet, kam der Zug in Wilna an. Die Straen waren
berfllt, sogar auf den Dchern sah man viele Leute. Die Kaufleute
verlieen ihre Geschfte. Die Handwerker ihre Werkstatt. In der ganzen
Stadt war eine festtgliche Stimmung.

Das war Mittwoch, der 14. April 1846!

Am nchsten Tage stattete Sir Montefiore in Begleitung von Dr. Loewe
dem Generalgouverneur einen offiziellen Besuch ab. Hier wurde er mit den
grten Ehren empfangen. Er verhandelte mit dem Generalgouverneur mehr
als zwei Stunden ber jdische Angelegenheiten und begab sich dann zu
den hheren Militrbeamten.

In den nchsten Stunden erwiderten die Exzellenzen den Besuch der
jdischen Gste. Der Generalgouverneur lud das ehrwrdige Paar
Montefiore zu einem ihnen zu Ehren veranstalteten Bankett ein. Hflich
dankend lehnte Montefiore die Einladung ab, weil er als Jude nichts bei
ihnen genieen drfe. Der Generalgouverneur bat ihn, mit Frchten,
Konfitren und Tee vorlieb zu nehmen und lie nicht ab, bis Sir Moses
Montefiore ihm entgegenkam.

Am Freitag waren schon am frhen Morgen die Strae und das Haus, wo
Montefiores wohnten, von einer groen Menschenmenge umlagert, denn es
hie: Sir Moses Montefiore werde alle Wohlttigkeitsanstalten ohne
Unterschied der Nationalitt aufsuchen. Der Polizei kostete es groe
Mhe, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, hauptschlich in den
Straen, wo die Anstalten sich befanden. Ein Schwarm von Armen
verschiedenen Alters und Glaubens folgte dem Gast, der unterwegs groe
Summen Geldes verteilte.

Als Sir Montefiore in seine Wohnung zurckkehrte, erwartete ihn eine
berraschung: Die angesehensten Brger der Stadt hatten, der damaligen
Sitte entsprechend, den Gsten zum Sabbath die feinsten Weine und Kuchen
gesandt.

Am Vorabend wollte das fromme Ehepaar zum Gebet in die Synagoge, konnte
aber im Gedrnge nicht vorwrts kommen und war gezwungen umzukehren.

Am Sonnabend morgen war das Gedrnge in den Straen Wilnas nicht
geringer. Man mute daher Sir Montefiore und Lady Judith auf einem
Seitenwege in die Synagoge fhren, aber auch hier wurden sie von der
Menge fast auf Hnden getragen. In der Synagoge fanden sie ein
auserwhltes, aus Juden und Christen bestehendes Publikum vor, das sich
hier auf besondere Einladung eingefunden hatte. In der Vorhalle der
Synagoge wurden sie vom Synagogenvorstand begrt. Zehn junge, schne,
wei gekleidete Mdchen streuten vor ihnen Blumen. Eines von ihnen trat
hervor und bewillkommnete sie mit einem Gedicht, das die Reise des
wohlttigen Paares besang.

Im Betraum selbst wurde fr sie ein besonderes Gebet gesprochen.

Sonntags fuhr das Ehepaar Montefiore zu dem Bankett beim
Generalgouverneur. Es schien, als ob es nicht dieselben Menschen wren,
die gestern so bescheiden und einfach in der Synagoge gekleidet waren.
Sir Montefiore sa stolz aufgerichtet, in der roten, reich mit Gold
gestickten Sheriffsuniform, an der Seite einen groen, mit Brillanten
besetzten Degen, auf dem Kopfe einen mit Straufedern geschmckten Hut,
neben ihm Lady Judith in der prchtigsten Kleidung einer englischen
Hofdame.

Der hohe polnische Adel war in den Empfangszimmern des
Generalgouverneurs bereits versammelt, als die englischen Gste
eintrafen. Der Hausherr empfing sie in der Vorhalle. Ein polnischer
Graf, der an diesem Bankett teilnahm, behauptete, da die Ohrringe der
Lady Judith den Wert aller Gter der anwesenden Magnaten berstiegen.
Ein anderer wieder konnte die hhnische Bemerkung nicht unterdrcken,
warum man denn so viel Wesen von einer Jdin mache.

Im Laufe des Abends lud der Generalgouverneur Sir und Lady Montefiore zu
einer Vorstellung im Theater ein, die ihnen zu Ehren gegeben wurde, um
dem aus allen vier Gouvernements zu den Wahlen versammelten polnischen
Adel Gelegenheit zu geben, das wrdige Greisenpaar kennen zu lernen.

Whrend der folgenden Tage sprachen viele angesehene Leute bei Sir
Montefiore vor, um mit ihm ber die Angelegenheit der Juden in Ruland
zu beraten, hauptschlich ber den im nchsten Jahre bevorstehenden
Zusammentritt einer jdischen Kommission in St. Petersburg. Viele Juden
waren aus der Provinz nach Wilna gekommen, um an diesen Beratungen
teilzunehmen.

Und bis zur letzten Stunde ihres Aufenthaltes in Wilna herrschte diese
freudige, gehobene Stimmung. Die Juden verlebten jene Woche in dem
erhebenden Bewutsein, da diese beiden von Gott gesegneten Menschen in
ihrer Mitte verweilten. Unter Trnen und Bezeugungen der Dankbarkeit
nahmen die Juden Abschied von dem Greisenpaar. Noch unterwegs an der
Landesgrenze feierten Montefiores mit einer Truppe jdischer Soldaten
das Osterfest.

Die Verehrung fr das Greisenpaar stieg bis zur Vergtterung. Tausende
von ihren Bildern wurden hergestellt, und jeder Jude sah es fr eine
Ehre an, sich auch ein solches Bild anzuschaffen. Noch jetzt, nach mehr
als fnfzig Jahren, findet man dieses Bild in guten jdischen Husern an
der groen Wand ber dem Sofa angebracht, und in den jdischen Herzen
haben sich jene Tage unvergelich eingeprgt.

Nach zahlreichen Gefahren und groen Strapazen trafen Montefiores in
London ein und wurden hier in einer feierlichen Audienz von der Knigin
Viktoria empfangen. Die Knigin schlug Sir Montefiore zum Ritter, und
als er zu ihren Fen kniete, berhrte sie, die bliche Zeremonie
vollziehend, seine Schulter mit dem Degen, und rief ihn an: Steh auf,
Ritter von Jerusalem, Moses Montefiore! Und der Saal, in dem die
Zeremonie stattfand, war mit zahlreichen Fahnen geschmckt, die alle die
Inschrift Jerusalem trugen.

Ich erinnere mich, bei dieser Gelegenheit einmal eine deutsche
bersetzung[1] aus einer englischen Zeitung, eine Episode aus der
Mdchenzeit der Knigin Viktoria gelesen zu haben. Vor vielen Jahren
ging eines schnen Morgens in London ein kleines Mdchen mit ihrer
Erzieherin spazieren. Sie kamen an einem groen, reichen Hause, das von
einem Garten umgeben war, vorbei. Durch das Gitter sah man eine
prchtige rote Rose, die so wunderbar schn war, da sie unter allen
anderen Blumen hervorragte. Das Kind ergtzte sich an der Blume und
wollte sie endlich pflcken. Doch rasch ergriff die Erzieherin das
Hndchen des Kindes, um es an der Ausfhrung seiner Absicht noch
rechtzeitig zu verhindern. Das kleine Mdchen fgte sich ohne Murren dem
Willen seiner Mentorin und setzte, ohne das Gesicht zu verziehen, den
Spaziergang weiter fort. Als es nach Hause kam und in sein Zimmer trat,
fand es zu seiner grten Freude einen Strau roter Rosen vor. --
Das kleine gehorsame Mdchen war niemand anders als die sptere Knigin
Viktoria von England und der Spender des Straues war der spter von ihr
zum Ritter ernannte Moses Montefiore.

Bei dem Aufenthalt in Wilna war es auch, als Louis Loewe in einer mit
Argumenten und Zitaten des Talmuds reich verzierten Rede der zahlreichen
Menge in der Synagoge bewies, da die jdische Tradition das Erlernen
der Wissenschaften und fremden Sprachen weder ausschliet, noch verpnt.
--

Da in diesen Zeiten Moses Mendelssohn ein Fhrer der Verirrten werden
mute, begreift sich leicht. Seine deutsche Bibelbersetzung und seine
philosophischen Werke hatten die jdische Jugend dem deutschen Geiste
und der deutschen Sprache nher gebracht. Bisher kannte sie die Bibel
nur als ein religises Buch -- jetzt tauchten vor ihr neue
Gesichtspunkte auf. Man fing an, dieses Buch der Bcher mit weltlichen
Augen zu betrachten. Der Nimbus der Unantastbarkeit schwand. Die Kritik
setzte ein.

Es war eine Revolution der jungen Geister!

Die lteren nannten diese Jugend jetzt in dem Sinne Berliner, wie man
sie Ende der dreiiger Jahre Apikorsim (Abtrnnige) hie. Mehr noch
als dem lebendigen Lilienthal galt ihr Ingrimm dem toten Philosophen,
den sie nach seiner Geburtsstadt den Dessauer nannten.

Die deutsch-russischen Werke, die treifenen Bchelach wurden von den
Alten nur widerwillig geduldet: ehe der Sabbath begann, muten sie,
ebenso wie jeder Rest der Wochenarbeit, weggerumt werden. Den ganzen
Sabbath hindurch blieben sie versteckt.

Allein bei dem immer mchtigeren Drange der Jugend zur Aufklrung
konnten diese Maregeln nicht lange bestehen. Mochten die Eltern sich
noch immer bsern (rgern), sie muten schlielich nachgeben.

Die neuen Aufklrungsideen des Berolinismus konnten natrlich in dem
Teile Litauens, der an Kurland mit seiner deutschen Kultur grenzt, die
besten Frchte tragen. Aus dieser Gegend ging auch ein Mann hervor, der
in der Geschichte der jdischen Aufklrung in Ruland keine geringe
Rolle gespielt hatte -- der erste jdische Student in Ruland -- L.
Mandelstamm. Als siebzehnjhriger Junge begeisterte er sich bereits an
Mendelssohn und 1844 folgte er dem Beispiel seines Vorbildes und
bersetzte die Bibel. Ins Russische. In Ruland herrschte noch zu jener
Zeit das Verbot, ber heilige Dinge russisch zu schreiben; und
Mandelstamms Bibelbersetzung konnte zuerst nur im Auslande erscheinen.
Erst 1869 erschien sie auch in Ruland.

Nachdem Lilienthal nach Amerika gegangen war, hatte Mandelstamm die
Stellung des gelehrten Juden im Ministerium fr Volksbildung erhalten.
Ihm fiel die Aufgabe zu, den von dem Kultusminister Uwaroff und
Lilienthal gemeinsam ausgearbeiteten Plan der Reformation des
Schulwesens durchzufhren und die Leitung der neubegrndeten Schulen zu
bernehmen. Den neuen Zielen dienten die Wrterbcher Mandelstamms, aus
denen ganze Generationen von Jeschiwabachurim die Anfnge der
russischen Sprache lernten.

Die Kenntnis der Werke fremder Nationen lie die Jugend an der eigenen
Religion rtteln und schtteln; und allmhlich schwand aus dem jdischen
Leben die Piett fr die althergebrachte Tradition fr die Gesetze und
Bruche. Die Prophezeiung: Das Wort Gottes wird hintangesetzt und die
heilige hebrische Sprache vernachlssigt werden, hatte sich
bewahrheitet.

Meine Familienchronik hlt auer meinen beiden Schwgern, von denen ich
bereits im ersten Bande erzhlte, noch die Erinnerung an zwei junge
Leute fest, die von den neuen Ideen mitgerissen waren. Der eine war mein
lterer Bruder E. Epstein, der andere der Gatte meiner Schwester K., A.
S. Beide waren begabte, wibegierige, fleiige junge Mnner; sie
gehrten in Brest, wo der Kreis der Gebildeten schon ziemlich gro war,
zur Elite der Stadt. Sie verbrachten nur noch ihre Jnglingsjahre an den
Talmudfolianten aber der Melamed war nicht mehr ihr einziger Lehrer.
Das Talmudstudium wurde von ihnen nur in bestimmten Stunden betrieben,
nicht mehr wie in der guten alten Zeit meiner lteren Schwger Tag und
Nacht. Dennoch hatte mein Schwager gemeinsam mit meinem Bruder unter der
Leitung des Vaters und eines Melameds das Lernen sogar noch einige
Jahre nach der Verheiratung fortgesetzt. Es war schon die Zeit, da die
Lilienthalsche Bewegung in breitere und tiefere Schichten drang. Jetzt
durfte man es wenigstens wagen, die fremden Bcher zu studieren; und
die jungen Leute in Brest nutzten diese Mglichkeit nach jeder Richtung
aus. Sie veranstalteten Versammlungen, in denen man deutsche Klassiker,
wissenschaftliche Werke, besonders aber die der alten Griechen las.
Allmhlich wurden auch Frauen zu diesen Zusammenknften zugelassen.

Alle Eltern mibilligten diesen Eifer, denn bei dieser Gelegenheit wurde
so manche jdische Sitte verletzt. So fanden oft die Zusammenknfte am
Sonnabend statt, worin die Eltern schon eine Entweihung des Sabbaths
sahen. Und so gab es wieder Hader und rger im Familienleben; und
manche tragikomische Szene spielte sich vor meinen Augen ab: der ewige
Kampf der Alten und Jungen, wenn auch nicht immer der gleiche.

Wenn ich so heute rckschauend die kleinen rgernisse wieder bedenke, so
mu ich doch gestehen, da die Alten wohl wuten, was sie taten. Mit
uerlichkeiten fing die Revolution an. Wir Jungen mochten nichts daran
finden. Die Alten aber erkannten, da auch nur der leisesten Vernderung
in der Tradition, der ueren Gehabung eine Revolutionierung des inneren
Menschen folgen msse. Ich mu lcheln und bin doch wieder ernst
gestimmt, wenn ich an die Entrstung denke, mit der meine Eltern die
Versuche meiner Schwester zurckwiesen, den Bann der alten Tracht zu
durchbrechen. Es war in den vierziger Jahren. Da kam die wunderliche
Mode der Krinoline auf. Bei uns freilich wurde dieses Monstrum noch auf
eine sehr primitive Art hergestellt. In einen Kattunrock machte man
unten einen breiten Saum und zog einen Rohrreifen ein. Ein zweiter
Reifen, der auch umsumt wurde, folgte etwa einviertel Meter hher. Nach
vielem heiem Bemhen war meine Schwester Kathy glcklich in den Besitz
eines solchen Monstrums gekommen. Eines Morgens -- wir saen
stillvergngt im Ezimmer -- tauchte pltzlich ein Fa in unserem Zimmer
auf und darin steckte Kathy. Meine Mutter machte groe Augen: Was hast
du da fr ein Fa angezogen? Und ohne sich auf irgendeine weitere
Debatte einzulassen, befahl sie, da das bauschige Ding sofort zu
verschwinden habe. Meine Schwester fing heftig zu weinen an; denn sie
war sehr empfindlich. Aber sie blieb noch eine Weile stehen, ohne sich
zu regen. Da rief ihr die Mutter zu: Soll ich dir beim Auskleiden
vielleicht behilflich sein? -- Das gengte. Weinend lief Kathy in ihr
Zimmer, wohin meine Mutter ihr folgte, bemchtigte sich des fatalen
Rockes, ri die Rohrreifen heraus, knickte sie schneckenartig zusammen
und brachte sie nach der Kche. Auf dem Herde war ein gutes Feuer, und
der Dreifu stand darauf. Die Flammen griffen gierig nach der neuen
Mode. Sie hatte in unserm Hause wenigstens den Vorteil, da sie das
Wasser in der Kasserolle schneller zum Kochen brachte.

Nicht viel besser erging es meiner Schwester Eva. Sie hatte sich nach
der damaligen Mode eine Manischka, eine Art Jabot, aus weiem Musselin
angefertigt und erschien also angetan am Freitag Abend am Etisch. Meine
Eltern waren aufs hchste entrstet. Mein Vater sagte emprt: Du siehst
wie eine Goje aus. Wie kann eine jdische Tochter ein Kleid tragen, das
an der Brust durchsichtig ist! Meine Schwester wagte noch einige
Bemerkungen, da sie ja keine bse Absicht gehabt und nur geglaubt
htte, das neue Kleidungsstck stehe ihr so gut zu Gesicht. Aber eine
Diskussion gab's weiter nicht. Das Jabot mute sofort abgelegt werden
oder E. durfte nicht an den Tisch kommen. Fr diesen Sabbath war die
Stimmung im Hause zerstrt. Aber das Wort der Eltern hatte doch noch die
Kraft, diese modernen Versuche der Jugend zu unterdrcken.

Bezeichnend fr die noch unerschtterte elterliche Autoritt war auch
eine Episode, die ich hier erzhlen mchte. Das ist sicher kein
welthistorisches Ereignis. Und doch spiegelt sich ein gut Stck
Kulturgeschichte der Juden darin. Es war an einem Sabbath-Nachmittag.
Das Sabbathschlfchen, das als Auneg Schabbes zu den obligatorischen
Genssen des Sabbaths im Ghetto gehrte, hatte man bereits hinter sich.
Die meisten Juden ergingen sich nun, die Stimmung der abendlichen
Dmmerung genieend, auf der groen Chaussee. Die Mnner natrlich
streng gesondert von den Frauen; und es war also, wie es in der Bibel
heit: Gehst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken. -- Gott wei, wie
viele Jahrhunderte schon dieser Brauch im Judentum herrschte! Nun traf
es sich, da mein Schwager A. Sack mit seiner Frau seine Mutter besuchen
wollte. Da wagte der junge Mann, in dem die Strme der Zeit mchtig
wogten, eine unerhrte, revolutionierende Tat: er wollte diesen Besuch
gemeinsam mit seiner Frau machen. Freilich bis zu der Vermessenheit
wagte sich selbst dieser Strmer und Drnger nicht, etwa durch die
belebtesten Straen gehen zu wollen. Also richtig, sie verlieen
zusammen das Haus und muten an den Fenstern unseres Ezimmers
vorbeigehen, wo zufllig mein Vater seinen Nachmittagstee trank. Er sah
die beiden Snder, und der Zorn packte ihn. Er klopfte hastig an die
Fensterscheiben und rief in befehlendem Tone meiner Schwester zu: Du
gehst sofort zurck. Dein Mann kann allein gehen. Fr jdische Frauen,
und gar fr meine Tchter, pat es sich nicht, dicht beieinander und
noch am hellen Tage zu spazieren. -- Mein Schwager war natrlich sehr
aufgeregt. Aber er wagte es doch nicht, offenen Widerstand zu leisten.
Er ging allein seines Weges. Und meine Schwester, die wieder in das Haus
zurckgekehrt war, folgte ihrem Gatten erst, als sie annehmen konnte,
da er bereits an seinem Ziele angelangt war.

Aber diese autoritative Stellung meines Vaters, der selbst die
Gewissensfragen niederzudrcken wagen konnte, wurde allmhlich
erschttert. Nach schweren inneren Kmpfen mute er schlielich
erkennen, da der Zaun um die jdische Religion durchbrochen war; und er
war trostlos, sehen zu mssen, da sein teuerstes Kleinod, die Religion,
die er in allen Strmen des Lebens gehtet und verteidigt hatte, jetzt
verhhnt wurde, da der Sabbath und die Feiertage ihrer Weihe beraubt
und zum Werktage wurden. Mahnungen und laute Proteste verhallten
wirkungslos gegen den Zeitgeist. Was Wunder, da schlielich beiden
Teilen, den Alten und den Jungen, das gemeinsame Leben auf die Dauer
unertrglich wurde. Sowohl meinen Bruder, wie den Schwager Sack hielt es
nicht mehr im Hause. Es trieb sie hinaus in die groe, weite Welt. Sie
hatten beide noch keine grere Stadt als Brest gesehen. Aber sie
hofften in der Fremde vorwrts zu kommen. Sie beluden sich nicht mit
allzu schwerem Gepck; aber sie nahmen viel ehrliches Streben mit, einen
leichten Kindersinn, starkes Selbstvertrauen, edle Vorstze und einen
unerschtterlichen Glauben an die Menschheit und an die Zukunft. Mit
diesen gediegenen Reiseutensilien ausgestattet, rissen sie sich nicht
ohne Schmerz und Kampf von Weib und Kind los und folgten ihrem dunklen
Drange, der sie mchtig fortzog. Sack verlor auch im spteren Leben
nicht die Kraft der modernen berzeugungen und die Kenntnisse der alten
jdischen Kultur. Er blieb durch sein Leben ein Kmpfer fr die
Aufklrung. Die neue Zeit mit allen ihren kulturellen Inhalten zu
ergreifen, galt sein unermdliches Bestreben. Er stand hoch ber dem
geistigen Niveau seiner Umgebung. Aber seine gemtvolle Art und sein
sprhender Geist schlossen jede berhebung aus. Ein inniger Ton
herrschte in seinem Hause, und daran konnten seine ueren Erfolge
nichts ndern. Sein edler Charakter, seine Menschenliebe, seine
Opferfreude zeichnen ihn vor vielen aus. Der Titel Exzellenz, den
Alexander III. dem verdienten Direktor der Petersburger Diskontobank
verlieh, fgte seinem Wesen keine neue Note zu. Der Geist, der in seinem
Hause herrschte, verschwebte nicht, als der arbeitsfrohe Mann starb. Er
lie seiner Frau -- meiner Schwester Kathy -- das schne Vermchtnis,
von ihrem Gute immer den Armen, den Ringenden, den Verzagenden zu geben.
Von ihrer stillen Klause ging viel Edelmut aus. Nahe und Ferne --
Knstler und Gelehrte wissen davon zu sagen. Ich aber darf davon
schweigen....

Die Liebe war der ganzen Familie ein Teil, die Liebe, so auch der
Bildung entraten kann. A. S.' ltere Schwester war zwar kein Kind der
Moderne. Das alte jdische Haus hatte sie erzogen zur Stille der Seele.
Wie sie voller Gehorsam und Selbstverleugnung ihrer vielfordernden
Mutter gegenberstand, so innig zrtlich war sie zu ihren Stiefkindern.
Sagt nicht die Volkslegende, da der Platz der Stiefmutter im Paradiese
leer steht? Ich glaube, er ist jetzt besetzt...

-- Wie schnell die Zeiten wandern: man konnte diesen Zug mit
berraschten Augen an den Brdern des S.schen Hauses verfolgen.

Mute der lteste noch um die Anerkennung der Aufklrung ringen, bei
seinen jngeren Brdern galt die Beschftigung mit der Bibel und dem
Talmud nur noch als Zugabe zum neuen Programm. Sie wandten ihre ganze
Mhe und ihren ganzen Flei meistenteils auf das Studium der fremden
Sprachen[2].

       *       *       *       *       *

hnlich und doch anders war das Leben meines Bruders Ephraim geartet.
Ich mag dieses Kapitel nicht schlieen, ohne in wehmtiger Ergriffenheit
noch zu sprechen von seinen Schicksalen, seinen Wanderungen und seinen
-- Wandlungen.

Mein Bruder Ephraim glich mehr meiner Mutter als unserm Vater. Der
Vater war herbe und streng. Die Mutter war weich und schwrmerisch.
Ihr hing er mit ganzer Seele an. Er war der einzige Sohn im Hause. Der
Trger des Namens, der Kaddisch. Was Wunder, da Vater und Mutter und
wir Schwestern ihn alle verzogen! Der ernste Sinn meines Vaters fhrte
ihn frh in die heiligen Hallen der Bibel ein. Er war noch nicht zehn
Jahre, da kannte er schon einen groen Teil der fnf Bcher auswendig.
In seinem elften Jahre war er im Gedankenkreise der Propheten heimisch.
In ihrer Wucht, in ihrer Schwermut, in der Innigkeit und Gre ihrer
religisen Welt fand er seine geistige Nahrung. Und es war sein
hchstes Entzcken, wenn er in der Synagoge den Prophetenabschnitt
vorlesen konnte. In seiner wunderbaren Stimme lag die ganze Romantik
eines schwrmerisch-seligen Knaben. Andchtig lauschten die Hrer.
Aber mein Vater war voller Stolz, und die Gewiheit eines Erben seiner
nationaljdischen berzeugung war in ihm. Als Ephraim zwlf Jahre
wurde, erschlo sich ihm die Welt des Talmud. Nebenher aber lernte er
die russische und deutsche Sprache und sang mit kstlicher Freudigkeit
die Lieder der fremden Vlker. Dabei war er durchaus kein Stubenhocker.
Der Ernst seines Studiums hatte niemals die frohe Kindlichkeit
verdrngt. Unter seinen jugendlichen Kameraden war er der lustigsten
einer. Und voll purzelnder Einflle war sein Spiel. Seine Laune konnte
den Trbsten erheitern. Wie oft muten wir Schwestern ber ihn, mit
ihm lachen! Schmollend bse und doch belustigt nannten wir ihn den
Kppeldreher. Wirklich, er konnte jedem den Kopf verdrehen.

So wuchs er heran, zwar freier werdend in seiner Auffassung des
Judentums. Denn dem Geiste der Lilienthalschen Epoche konnte sich eben
kein junges Gemt entziehen. Aber die Kraft seiner tiefen Religiositt
war unerschtterlich. Da trat in sein Leben ein Ereignis, das sein
Schicksal werden sollte. Die Eltern drngten darauf, da er sich
verheirate. Ihre Wahl traf auf unsere Cousine. Er liebte sie nicht, und
sie ihn auch nicht. Aber der Wille der Eltern bestand. Der Grovater
wollte nicht, da das Vermgen zerstreut wrde. So mute Ephraim denn,
ob er wollte oder nicht wollte, das Mdchen heiraten. Nach der Geburt
seines ersten Kindes ging Ephraim nach Nordamerika. Er hatte die
Zustimmung seiner Frau. Aber es war doch das unglckliche Leben, das ihn
aus der Heimat drngte. Und an Zwiespalt mit den Eltern fehlte es auch
nicht: die Aufklrung hhlte zwischen dem Vater und dem Sohne eine tiefe
Kluft.

Auszug nach Amerika! Es war eine Wanderung aus dem Lande der
Knechtschaft. Dort in der Freiheit wollte er ein neues Leben beginnen,
schaffen und studieren, um seine ganze Kraft und seinen seelischen
Reichtum an neuen Zielen zu erproben. Die berfahrt war schrecklich.
Neun Wochen in einem Segelschiff! Fast vier Wochen in eisiger Klte, den
Strmen des Kanals ausgesetzt. Einsam und verlassen war er nun im
fremden Lande: und seine Geldmittel waren geschwunden. Von seiner Hnde
Arbeit konnte er nicht leben. Er hatte ja nichts gelernt, um sich
durchzusetzen. Er versuchte es mit dem Handel. Er versuchte es mit
Fabrikarbeit. Aber das war kein Leben fr den geistig angeregten Mann.
Da leuchtete seiner Nacht ein Hoffnungsstern: Lilienthal. Derselbe
Lilienthal, der in der Brester Jugend die Kultursehnsucht erregt hatte,
lebte jetzt in New York. Ephraim ging zu ihm. Er erzhlte ihm die
Geschichte seines Leides. Aber es war ein kalter Empfang, der das weiche
Gemt des jungen Lebensstrmers vollends verwirrte. Was ein hartes Wort
alles kann! Ein gtiges Wort: wie anders htte sich das Leben meines
Bruders in der Zukunft gestaltet! Er fing wieder mit grober Arbeit an.
Der Landbau war ja den jungen Kmpfern als das hchste Ideal gezeigt
worden. Er ging auf eine Farm. Zu einem Christen, der ihn freundlich
aufnahm. Bald konnte er sich eine eigene kleine Farm erwerben, die
ungefhr zwlf Meilen von New York entfernt war. Hier in dem neuen
Kreise fgte er sich ganz in die neuen Lebensgewohnheiten ein. Er ging
in die Kirche. Er lauschte der Predigt. Besonders war es die Rede eines
Geistlichen, dessen Worte von Snde, Strafe, Reue und Vergebung ihn
mchtig packten. Von der jdischen Gesellschaft hielt er sich ganz fern.
Die Predigt war eigentlich seine einzige geistige Erholung. Da fand er
einen Freund. Einen Jugendgefhrten aus seiner Heimat Brest, der nach
vielen Wanderungen in Amerika als Blasinstrumentenmacher gelandet war.
Dieser Freund hatte das Judentum verlassen, und er wute Ephraim zu
bestimmen, die Taufe zu nehmen. Das war ein folgenschwerer Schritt. Man
wurde auf ihn aufmerksam. Seine reichen Kenntnisse der biblischen und
talmudischen Literatur sollten nutzbar gemacht werden. Er gab seine Farm
auf, wurde Theologe und wanderte bald als Prediger von Stadt zu Stadt.
Mit groem Erfolge konnte er sein Studium beenden. Noch whrend seiner
Seminarstudien rief er seine Frau und sein Kind aus Ruland zu sich. Sie
kamen. Aber es war bei aller ueren Friedlichkeit doch keine
Gemeinschaft. Es gibt eben im Leben sensitiver Menschen so manches
Verbogene, das nie gerade gerichtet werden kann, und so manche Lcke,
die sich nie fllt. Seine Freunde drngten meinen Bruder, da er sein
Leben der Judenmission widme. Er fand sich dazu bereit. Aber nur unter
der Bedingung, da er zuvor Medizin studieren drfte. Seinem Willen
wurde entsprochen; und nach weiteren drei Jahren konnte er sein
rztliches Studium abschlieen. Er wurde nach der Balkanhalbinsel
gerufen, wo er in mehreren Stdten einige Jahre verlebte. Seine
Missionsarbeit hatte keinen Erfolg. Und als ihm die Mittel fr eine
Missionsschule versagt wurden, trennte er sich bald von dieser Ttigkeit
und bte fortan nur die medizinische Praxis aus. Unter Juden, Trken,
Bulgaren und Griechen fand er eine groe Klientel. Im Beginne der
sechziger Jahre erhielt mein Bruder die Nachricht, da nach dem Tode des
Grovaters ihm und seiner Frau mehrere tausend Rubel zugefallen seien.
Sein Familienleben war auch in der Trkei nicht glcklicher geworden als
in Amerika; und so kam ihm die Erbschaft gerade recht, seine
unbezwingbare Sehnsucht zu erfllen. Er wollte seine Geschwister
wiedersehen. Und seine Mutter. Die Geschwister konnten vielleicht
verzeihen. Die Mutter kannte keine Verzeihung. In einer Stadt
Deutschlands traf man sich. Das Wiedersehen war qualvoll,
herzzerreiend. Die alte Mutter fiel dem Sohne zu Fen und schwur, da
sie nicht eher aufstehen wrde, als bis der Sohn wieder zum Glauben
seiner Vter zurckkehrte und nie wieder whrend ihres Lebens nach
Amerika ginge. Mein Bruder gab das Versprechen. Er blieb in Deutschland
und wurde ein Jude, der getreu die Satzungen seiner Religion
beobachtete. Die Sohnesliebe siegte. Er blieb eine kleine Zeit mit
Mutter und Vater in Deutschland. Sie fhlten sich glcklich. Sie hatten
ihr Lebensziel erreicht. Ihr Sohn gehrte wieder zu ihnen. Es war, als
wren sie in ihrem hohen Alter noch mit einem Kinde beglckt worden. Ehe
aber die Eltern heimkehrten, hatten sie noch eine schwere Aufgabe. Die
innerlich lngst zerbrochene Ehe meines Bruders wurde nach jdischem
Rechte geschieden. Die Frau behielt das eine Kind; das andere war
inzwischen gestorben. Mein Bruder ging nach Wien, um sich weiteren
medizinischen Studien zu widmen. Indessen kam es, da unsere alte Mutter
das Zeitliche segnete. Ephraim war nun frei. Er konnte wieder an die
Rckkehr nach Amerika denken. Inzwischen war der Krieg sterreichs gegen
Italien ausgebrochen. Mein Bruder machte die Seeschlacht bei Lissa unter
Admiral Tegetoff als Korvettenarzt mit. In einem englischen Epos besang
er dann diese Schlacht. Tegetoff nahm die Widmung dankend an, und der
Kaiser belohnte den dichtenden Arzt mit einer Ehrengabe von 600 Florin.
Nun kehrte mein Bruder nach Amerika zurck, wo er an einer Reihe
Universitten als Professor der Sprachen wirkte. Bald nahm er indes
wieder seine Praxis auf, ging nach Chikago, wo er noch heute
Mitredakteur des American Journal of Clinical medicine ist. Er hatte zum
zweiten Male in Cincinnati geheiratet. Sieben Kinder sind aus dieser Ehe
entsprossen. Trotz seiner 81 Jahre ist er rstig ttig, und seine
Mitbrger halten ihn in Ehren.




Meine Verlobung.

     Station Ratomke bei Minsk, am 20. Juli 1898, unter der Eiche auf
     der kleinen Bank im Walde niedergeschrieben. Erinnerungen an meine
     Verlobung im Jahre 1849.


Der Zufall fgte es, da ich gerade heute auf die Schatulle stie, in
der meines Mannes und meine Briefe aus unserer Verlobungszeit aufbewahrt
liegen. Ich ffnete sie, bltterte nachdenklich in den vergilbten
Papieren, und ehe ich es merkte, umfing mich die ganze glckliche
Vergangenheit. Ich verga meine Umgebung und las -- Die Eiskruste,
welche das Leben um mein Herz gebildet hat, fhlte ich allmhlich
schmelzen, die Jugend stieg in mir auf und mit ihr all die Gefhle, die
ich einst durchlebte, so frisch, so lebhaft, als wenn es gestern gewesen
wre. Vergessen waren die Gegenwart, alle Sorgen, alle Leiden, die ich
in den siebenundvierzig Jahren durchgemacht habe -- ich war wieder
die sechzehnjhrige Pessele in ihrem trauten Heim, von Eltern und
Geschwistern umgeben.

Und ein Bild nach dem anderen stieg plastisch in meiner Erinnerung
empor: Die letzten Zeiten eines sorglosen Daseins; die Schule, das
fleiige, eifrige Lernen; dann das neuerwachende Gefhl, das so
pltzlich und unerwartet in mein Leben trat -- die junge Liebe --
Trume -- Hoffnung -- Sehnsucht -- Verlobung -- Hochzeit --

Sie lassen mich nicht los, all die lieben Erinnerungen, und der Wunsch
wird in mir rege, alles das, was ich einst erlebte, niederzuschreiben
fr meine Kinder zum Andenken an ihre Mutter.

       *       *       *       *       *

Nach der Vermhlung meiner lteren Schwester E. F. hatte ich noch mehr
als frher in unserer Wirtschaft zu besorgen. Auer der Wirtschaft aber
lernte ich sehr viel, ich wurde immer fleiiger, als ob mir eine innere
Stimme sagte, da ich nicht mehr lange im vterlichen Hause werde
schaffen knnen. Ich besuchte mit noch einigen Mdchen eine
Privatschule, wo wir in der russischen und deutschen Sprache
unterrichtet wurden. Unser Lehrer war ein lterer Herr, namens David
Podrewski. Sein schiefer Mund erschwerte ihm hufig die Aussprache
mancher harten russischen Worte, weshalb wir ihn nicht immer verstehen
konnten. Von den beiden Sprachen war ihm in der Tat nur die deutsche
gelufig; seine Kenntnisse in der russischen Sprache waren sehr
mangelhaft. Zwei Rubel monatlich fr dreistndigen tglichen Unterricht
-- das war sein Honorar.

Ich hatte eine groe Freude an Bchern. Da uns aber in jenen Zeiten
keine Kinderbibliothek zur Verfgung stand, so las ich alles, was mir
unter die Finger kam: Mrchen, allerhand Erzhlungen in Jdisch-deutsch,
Gdules Josef, Zenture, Wenture (Abenteuergeschichten), Bobe-meisses,
(Bowe-Korelewitsch). Am meisten aber fesselten mein Gemt die reichen
phantastischen, orientalischen Mrchen von Tausend und eine Nacht.

Diese Lektre befriedigte mich nur bis zu meinem elften Jahre; spter
wurde Robinson Crusoe mein Lieblingsbuch und noch spter Zschokke und
Schiller, dessen erster Band mit seinem poetischen Inhalt von uns
Mdchen gesungen und auswendig gelernt wurde. Dieses Interesse fr
Schiller teilten wir mit der gebildeten jdischen Jugend jener Tage, die
sich an diesem groen Dichter begeisterte und seine Werke fleiig
studierte. In die erdrckende, dumpfe Atmosphre des Ghetto drang wie
ein Frhlingshauch Schillers Poesie, und die Juden bewunderten all die
Pracht und Schnheit, die vor ihnen so pltzlich auftauchte. Bei den
Juden spielte Schiller eine wichtige Rolle, sowohl in ihrem Leben, wie
in ihrer Literatur. Als die jdische Jugend die Werke des Auslandes zu
lesen anfing, griff sie zuerst zu Schiller; an ihm begeisterte sie sich
und bildete ihre Kenntnisse der deutschen Sprache aus. Schiller lernten
die Mnner auswendig, gleich uns jungen Mdchen. Und bald gehrte die
Kenntnis der Schillerschen Werke mit zum Studienprogramm eines
gebildeten Juden; er lernte den Talmud und Schiller und zwar den
letzteren in der gleichen Methode wie den Talmud. Es wurde jeder
wichtige Satz einzeln durchgenommen und laut ber ihn nachgedacht;
Fragen und mgliche Antworten folgten einander, es wurde diskutiert,
solange bis man die befriedigende Lsung fand und den angeblich tiefen
Sinn, der -=hinter=- den Worten stecken sollte. In jener Zeit erschienen
auch zahlreiche bersetzungen ins Hebrische, verfat von den besten
jdischen Dichtern, die sich alle an Schiller versuchten. Die Ursache
dieser Popularitt ist im Wesen der Schillerschen Poesie zu suchen,
ihrem intellektuellen Charakter, in dem Ernst, dem Pathos, in seinem
Idealismus, der alles Geschehene unter dem Gesichtswinkel des Sittlichen
betrachtet.

In der Schule war's, wo ich zum erstenmal ein russisches Buch, eine
Sammlung Gedichte von Gribojedow und Schukowsky, in die Hand bekam.
Manches Gedicht dieser Sammlung rhrte mich bis zu Trnen, und eine
Erzhlung in Prosa, die Lebensschilderungen eines Einsiedlers, der sich
Wadim nannte und sein Freund Gostomisl -- diese beiden Helden alter
russischer Vergangenheit, mute ich immer wieder und wieder lesen und
heute noch, nach Verlauf von 65 Jahren, wei ich die ganze Geschichte
auswendig.

Monate vergingen seit der Hochzeit meiner Schwester, und ein Tag glich
dem andern; ich ahnte gar nicht, wie nahe der Tag war, der diesem
gleichmigen und ruhigen Leben ein Ende machen sollte. Als ich eines
Morgens auf unserem Balkon sa und mit den Schulaufgaben zu tun hatte,
nherten sich mir meine Eltern. Die Mutter fate mich am Arm, befahl mir
aufzustehen, drehte mich herum und unterzog meine ganze Gestalt einer
Prfung; dabei lchelte sie liebevoll und wechselte mit dem Vater
verstndnisvolle Blicke.

Obwohl ich dieses Verhalten meiner Eltern nicht verstand, wurde ich
instinktiv unter ihren Blicken rot; ich wagte jedoch nicht, eine Frage
an sie zu richten. Die Mutter sah meine Verlegenheit, streichelte mir
zrtlich die Wange und entfernte sich im Gesprch mit dem Vater. Ich
blieb auf meinem Platz zurck, nachdenklich und regungslos. Was sollte
das sonderbare Benehmen der Eltern bedeuten? Lange qulte mich die
Frage, bis ich eine Erklrung zu finden glaubte: Ich hatte an diesem
Sommermorgen 1848 ein blaues Sommerkleid an, das meiner Mutter sehr
gefiel, und wahrscheinlich wollte sie mich in diesem Kleide dem Vater
zeigen, der uns Kinder stets hbsch gekleidet zu sehen wnschte.

So harmlos waren die Gedanken und Gefhle der Kinder zu jener Zeit, als
ihre Eltern sich bereits mit Heiratsplnen fr sie umhertrugen.

Seit jenem Morgen aber vernderte sich das Benehmen aller Hausgenossen
mir gegenber; man schenkte mir viel mehr Aufmerksamkeit als sonst, und
es fiel mir auf, da Vater, Mutter und Geschwister mich oft mit eigenem
Interesse betrachteten. Erst in den nchsten Tagen erfuhr ich die
Ursache dieser sonderbaren Aufmerksamkeit. Mein Vater hatte einen Brief,
der einen Heiratsantrag fr mich enthielt, zustimmend beantwortet.
Dieser Brief rhrte von dem Rebben (Talmudlehrer) her, der sich auf der
Suche nach einer Braut fr seinen Schler befand.

Ganz nach der patriarchalischen Sitte hatten die Eltern meines Mannes
den Rebben des erwachsenen Schlers in die Welt geschickt, eine Braut zu
suchen. Die Schadchonim (Heiratsvermittler) zeigten ihm an, wo man
hbsche Mdchen aus guten Familien finden knnte.

Der Rebbe, der sich an meinen Vater schriftlich wandte, war bereits in
einigen Stdten, hatte aber bisher die Gewnschte nicht gefunden. Und
nun kam er nach Brest, um in unserem Hause eine Braut fr seinen
Schler zu erlangen.

Die Eltern des betreffenden jungen Mannes waren reiche Leute und suchten
fr ihre Shne Frauen aus vornehmen jdischen Familien. Der vornehme,
reiche Jude jener Zeit war immer bestrebt, eine Bas Towim, d. h. die
Tochter eines talmudisch Gebildeten, fr seinen Sohn zu finden.
Andererseits scheute er keine Mhe und kein Geld, einen ebenso
gebildeten Talmudisten seiner Tochter zum Manne zu geben. Die
Talmudwissenschaft und ihre Pflege war fr den damaligen Juden der
Hauptinhalt seines Lebens, die einzige Quelle seiner Weisheit und
geistigen Entwicklung.

Alles im Hause geriet in Aufregung. Jedermann wute, wer der Fremde war,
und welche Absichten ihn zu uns fhrten. Ich allein wagte nicht daran zu
denken. Meine lteren Schwestern fanden sich mit ihren Mnnern zum
Familienrate ein, und der ltere Schwager bernahm die Vermittlung
zwischen meinen Eltern und dem Bevollmchtigten meiner knftigen
Schwiegereltern. Der Familienrat beschlo, den Rebben zum Tee
einzuladen. Niemand aber fand es fr richtig, mich davon zu
unterrichten. Am Mittagstisch sprach man von diesem Ereignis nur in
Andeutungen. Die Eltern waren freudig gestimmt. -- Meine Aufregung aber
steigerte sich mit jeder Minute, und das arme Herz, in dem die Ahnungen
deutlicher und deutlicher aufstiegen, drohte zu zerspringen. Die ganze
Zeit am Tisch mute ich mich zusammennehmen, um nicht in Trnen
auszubrechen.

Nach Tisch ging ich aus. Ich mute allein sein mit meinen Gedanken, mit
all den neuen, ungekannten Gefhlen, die so pltzlich in mir erwachten,
und meinem jungen Leben einen ganz neuen Inhalt gaben. Ich befolgte
nicht den Rat meiner Schwestern, die mir zuredeten, ein schnes Kleid zu
nehmen, sondern behielt mein blaues Kleidchen mit der schwarzseidenen
Schrze an. Er sollte mich sehen, so wie ich jeden Tag bin, wie die
Meinigen und wie ich selbst mich sah.

Als ich gegen Abend nach Hause zurckkehrte, hie es, der fremde Herr
sei bereits eingetroffen, wre aber verhindert, zum Abendtisch zu
bleiben. Da er mich aber sehen mute, veranlate mich mein Vater, die
brennenden Kerzen in sein Arbeitszimmer zu bringen, wo die beiden Herren
sich befanden. Ich gehorchte, nahm beide Leuchter mit den brennenden
Kerzen und ging in das Arbeitszimmer meines Vaters. Es war ein kurzer
Weg. Aber mir kam diese Zeit wie eine Ewigkeit vor. Wie viele Gedanken
rasten da in diesen wenigen Minuten durch meinen Kopf. Ein Sturm erhob
sich in meiner Brust; das Herz schien still zu stehen. uerlich aber
sah ich ganz ruhig aus. Ein leises Klopfen, und ich stand auf der
Schwelle dieses Zimmers, wie auf der Schwelle eines neuen Lebens.

Da mich das Licht blendete, hob ich die Kerzen in die Hhe, ber den
Kopf, und stand so da, in ihrem vollen Lichte -- und harrte. Da
ertnte aus dem uersten Winkel des Zimmers die Stimme meines Vaters,
der mit dem fremden Herrn auf dem Sofa sich unterhielt. Ich folgte
seiner Stimme, immer noch die Kerzen ber meinem Haupte haltend.

Der Mann erhob sich vom Sofa, und mein Vater stellte mich ihm vor: Das
ist mein Pessele. Ich fhlte ein Paar groe, kluge, schwarze Augen
forschend auf mich gerichtet. Es war ein prfender, durchdringender
Blick, der mir sogleich sagte, da des Rebben Reiseziel hier erreicht
war. Ich errtete unter diesem Blick und war nicht imstande, ein
einziges Wort zu sagen. Meine Schchternheit und Verwirrung war so gro,
da ich noch immer die Kerzen ber meinem Kopfe hielt, bis mich mein
Vater darauf aufmerksam machte. Ich stellte die Leuchter auf den Tisch,
blickte noch einmal den Herrn an und entfernte mich lautlos aus dem
Zimmer.

Im Speisezimmer harrten meiner schon alle Angehrigen, die mich sogleich
mit Fragen bestrmten. Ich bat sie aber instndig, ber die ganze
Angelegenheit gar nicht zu sprechen, weswegen ich unaufhrlich
ausgelacht und geneckt wurde.

Nach einer Stunde verabschiedete sich Herr Brim (so hie der Rebbe) von
meinen Eltern, und trat noch an demselben Abend seine Rckreise nach
Konotop (800 russische Werst von unserer Stadt) an.

Bald kam aus Konotop ein Brief an, in welchem der Rebbe meinem Vater
berichtete, er htte alles nach seinem Wunsch geordnet, und Herr
Wengeroff werde mit seinem Sohne und ihm selbst in den nchsten Tagen
die groe Reise antreten. Wir sollten mit meinem zuknftigen Brutigam
in einem 15 Meilen weit von uns entfernten kleinen Stdtchen Kartuskaja
Berjosa zusammentreffen und, wenn wir einander gefielen, dort gleich die
Verlobung feiern.

Mein Mdchenherz kannte die Gefhle der Liebe noch kaum; pltzlich wurde
es aus seinem Schlummer gerissen. Nie geahnte Bilder strmten auf mich
ein. In der Dmmerstunde sa ich jetzt oft und trumte von der Liebe,
von dem Manne, der mein Lebensgefhrte werden sollte, und unserem
gemeinsamen Schicksal...... Es waren stille, lichte Trume, die ich
damals in der Dmmerstunde jeden Abend trumte; denn mein tiefglubiges
Gemt erhoffte alles Gute fr die Zukunft. --

Ich suchte die Einsamkeit. Ich wollte allein sein mit meinen Trumen,
die ich so lieb gewann. Aber allein war ich nie, denn das Bild meines
Zuknftigen verlie mich nicht, und in meiner Phantasie nahm er die
verschiedensten Gestalten an: Einmal war er blond, mit hellen Augen, ein
anderes mal schwarz, und ein Paar dunkle, tiefe schne Augen sahen mich
voll Liebe an. Ich errtete vor mir selber: so beschmten mich meine
Trume, aber ich hatte sie so lieb, lieb ber alles. --

Manchmal, wenn ich so im Garten sa, in meine Trume verloren, stimmten
die Mdchen, die die Gartenarbeit verrichteten, neckende, schmeichelnde
Liedchen fr mich an. Am liebsten hrte ich das Lied von dem schnen
Mdchen, das von vornehmen Rabbinern stammte:

    Schejn bin ich, schejn,
    Schejn is mein Numen;
    Ich kim doch haraus
    Von lauter Rabunim.

    Auf dem Dach sitz ich,
    Von der Snn schwitz ich,
    Bloe Socken trog ich,
    Tausend Toler vermog ich.

    Kawe in die Kriglach,
    Met in die Flaschen,
    Tausend Toler...
    In die Taschen. --

       *       *       *       *       *

Die Vorbereitungen zu meiner Verlobung waren groartig. Ich erhielt sehr
schne Sachen. Es wurde beschlossen, da die jngst vermhlte Schwester
mit ihrem Manne, der ltere Bruder, Schwester Kthy und der ltere
Schwager Samuel Feigisch uns begleiten sollten.

Vierzehn Tage lang whrte die Reise der Wengeroffs bis zu dem
vereinbarten Stdtchen. Endlich war das Ziel ihrer Reise erreicht, und
sie setzten uns durch eine Estafette davon in Kenntnis. Wir reisten ab
und erreichten bereits am nchsten Tage in der Nacht Kartuskaja Berjosa.

Es war der 15. Juni 1849 -- ein Datum, das sich tief in mein Herz
eingeprgt hat und das ich nie vergessen werde.

Im Gasthaus, in dem wir Quartier nahmen, wurde uns gesagt, die
Wengeroffs wohnten im Gasthaus uns gegenber; eine kleine, enge Gasse
liege nur dazwischen, und der Wirt versicherte uns, wir knnten von
unseren Fenstern auch in die ihrigen hineinschauen, zumal von dem
Stbchen, das fr mich hergerichtet wurde. Ich begab mich auf mein
Zimmer, ordnete die Sachen und versumte nicht, obwohl ich sehr mde
war, den Musselinvorhang zu lften, um einen verstohlenen Blick ins
Nachbarfenster zu werfen. Eine heimliche Stimme in meinem Herzen
schmeichelte mir leise, da von der anderen Seite das gleiche Manver
fters erfolgt sein mute. Endlich bermannte mich die Mdigkeit, und
ich schlief fest ein.

Am nchsten Morgen weckten mich laute Stimmen aus dem Schlaf, die aus
dem Nachbarzimmer meiner Eltern herrhrten, und die ich unwillkrlich
hren mute. Die heftige Debatte zwischen meiner Mutter und meinem
Schwager berhrte -- nach damaliger Sitte sehr eingehend -- die
materielle Seite der bevorstehenden Verlobung: Mitgift, Geschenke,
Juwelen usw. Man war ber diese Fragen nicht einig und redete hin und
her. Erst mein Vater machte dem Streit ein Ende, indem er versicherte:
Wenn nur die Talmudkenntnisse des jungen Mannes gut sind, wird sich das
andere schon machen lassen.

Und nun rstete sich mein Vater zu dem Akt, der mein Schicksal
eigentlich erst entscheiden sollte -- nmlich den zuknftigen
Schwiegersohn in seinen Talmudkenntnissen zu prfen; denn der Grad der
Talmudkenntnisse war zu jenen Zeiten fast ausschlaggebend dafr, in
welche Familie der junge Mann hineinzuheiraten wrdig sei. Kein Wunder.
Denn ausschlielich der Talmud war es, der als geistige Nahrung der
damaligen jdischen Jugend zugnglich war und auf sie veredelnd und
verfeinernd wirken konnte. Zu anderen Wissensquellen fhrte die meisten
kein Weg.

Nun ging mein Vater zu den Wengeroffs. In freudiger Stimmung kehrte er
zu uns zurck; erging sich in den schmeichelhaftesten uerungen ber
den jungen Mann und lobte berschwenglich seine talmudischen Kenntnisse.

Von dem alten Wengeroff war er ebenfalls ganz eingenommen. Kurz, er
wollte die Angelegenheit nicht verzgern und war entschlossen, noch an
demselben Tage die Verlobung zu feiern. Wir beide, ich und mein
Zuknftiger sollten noch vor dem offiziellen Verlobungsakt miteinander
bekannt werden. Zu diesem Zweck wurden Vater und Sohn zu uns eingeladen.

Als ich ins Speisezimmer hineinkam, waren meine Angehrigen schon dort
versammelt. Nach einigen Minuten trat ohne jede Meldung ein schner,
ltlicher Herr ein, begleitet von einer jugendlichen, aber mchtigen
Gestalt. Alle erhoben sich und gingen auf die beiden zu. Ich konnte mich
vor Aufregung kaum aufrechthalten. Wir setzten uns. Ich suchte mich zu
beherrschen, um nach der damaligen Sitte ein Gesprch mit dem Vater
meines Zuknftigen anzuknpfen. Es fand sich bald so reichlicher
Gesprchsstoff, da die Unterhaltung allgemein wurde.

Die Meinigen sprachen das sogenannte Russisch-deutsch, whrend die
beiden Wengeroff einen litauisch-jdischen Jargon gebrauchten und auch
den nur mangelhaft. Es stellte sich heraus, da ihnen die russische
Sprache viel gelufiger war, und deshalb unterhielten wir uns weiterhin
meistens russisch. Bald war der kleine Kreis so vertraut miteinander,
als htte man sich seit Jahr und Tag gekannt.

Allmhlich entfernten sich die jungen Leute in das Nachbarzimmer, mein
Zuknftiger schlo sich ihnen ebenfalls an, und zuletzt forderte mich
meine Schwester Kathy auf, den anderen zu folgen. Hier wurde die
Etikette beiseite geschoben. Wir setzten uns zwanglos nebeneinander und
selbstverstndlich kam ich in die Nhe meines Brutigams. Kaum saen wir
eine Weile nebeneinander, als das Zimmer leer wurde -- alle
entfernten sich, um uns beide ungestrt zu lassen. Dieses Benehmen
rgerte mich dermaen, da ich nicht fhig war, ein einziges Wort
hervorzubringen, und ich schwieg verlegen. Da fing aber mein
Zuknftiger an zu reden. Zitternd vor Bewegung sprach er zu mir von
seinen Gefhlen, von Liebe, Treue, von unvergnglicher Seligkeit. Viel
mehr als seine Worte sagten mir seine Augen.

Aber zwei junge Leute vor ihrer Verlobung durften nicht zu lange
miteinander allein bleiben. Es klopfte leise an der Tr, und Schwester
Kathy kam uns abzuholen.

Im groen Zimmer warteten alle auf uns, um die Verlobung zu feiern. Nach
der althergebrachten Sitte, die bei den frommen Juden noch heute gilt,
wurde ein Schriftstck, die Tnom aufgesetzt, worin genau verzeichnet
stand, wieviel Vermgen mein Brutigam und ich mitbekommen, wann die
Hochzeit stattfinden sollte usw. Nachdem dieses Dokument laut vorgelesen
worden war, zerschlug man ein Gef. Diese Sitte war ein Symbol fr die
Zerbrechlichkeit des irdischen Daseins. Und eine Mahnung.

Man gratulierte einander. Wein und Sigkeiten wurden gereicht. Es
begann ein lustiges, munteres Treiben. Man speiste gemeinschaftlich zu
Mittag, und mein Brutigam wich nicht von meiner Seite. Am Nachmittag
waren wir alle zum Tee bei den Wengeroffs eingeladen, wo uns am
brodelnden Samowar und reich gedecktem Teetisch in gemtlicher
Unterhaltung die Zeit verging. Mein Vater uerte den Wunsch, sein
zuknftiger Schwiegersohn solle die deutsche Sprache lernen, weil sie in
unserem Lande aus gesellschaftlichen Rcksichten unentbehrlich sei, und
sowohl der Schwiegervater wie sein Sohn erkannten die Berechtigung
dieses Wunsches an.

Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manver wie bei uns: der Jugend
wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer
nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Brutigams.
Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte.
Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein lterer
Schwager trat fr mich ein, und sie erlaubte es schlielich. Als ich am
Arme des Schwagers im Zimmer meines Brutigams erschien, wurde er vor
Freude ganz nrrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie
und Anhnglichkeit, und wir schlrften vom Kelche der Glckseligkeit mit
vollen Zgen. --

    Ach wenn sie ewig grnen bliebe,
    die schne Zeit der jungen Liebe!

Es wurde spt -- nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer
und flsterte mir zu, da es unpassend sei, so lange beim Brutigam zu
verweilen, und ich fhlte in ihrem Ton eine leise Mibilligung meines
Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer
Wohnung fhrte, hrte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff,
der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die
Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrern.

So streng wurden wir damals erzogen. So behteten uns unsere Mtter,
nicht etwa aus Mitrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als
ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, ber ihren
Tchtern zu wachen. Es war Zartheit und Frsorge, die unserer Naivitt
zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher
List. Die Mtter von heute, wenn sie diese Zeilen lesen, drften sich
vielleicht in jene guten alten Zeiten zurcksehnen.

Am folgenden Tage erwachte ich glcklich, freudestrahlend; und ohne jede
Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trbte sich
meine Freude, als ich erfuhr, da wir noch an demselben Tage nachmittags
die Rckreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem
Brutigam in die betrbten Gesichter schauten, fhlten sie Erbarmen, und
die Abreise wurde bis zum nchsten Morgen verschoben.

Wir jubelten vor Freude. Die lteren strten uns Junge nicht. Wir
unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen
lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glcklichsten
Stimmung zu den Unsrigen zurck. Den brigen Teil des Tages verbrachten
wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor
unsere polnisch-jdischen Lieder, mein Brutigam seine russischen, und
so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen
bermannte uns die Mdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.

Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen.
-- Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte
in Seligkeit.

Der Leser wird den Umfang der Umwlzung gemerkt haben, die sich in der
kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jdischen
Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren
Brutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der
Hochzeitszeremonie. Sie strubte sich zwar dagegen, indem sie sich
weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen
hatte. Doch gengte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige
zu zhmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute
gegenberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Hndedruck zwischen
ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit
meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und
ausschlielich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.

Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des
jdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die
urwchsigen jdischen Familiensitten fremde, nichtjdische Elemente ein.
Noch eine Generation, und die alte jdische Sitte mutet wie ein lngst
verklungenes Mrchen an.

Am folgenden Tage stand ich sehr frh auf, und in dumpfer, trber
Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor
der Tr, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs
kamen, um gemeinsam mit uns das Frhstck einzunehmen. Als ich meinen
Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Trnen.
--

Wir hatten uns noch so viel zu sagen und schwiegen beide.

Am Frhstckstisch sprachen nur die lteren. Die Jugend schwieg
beklommen. Die Stunde der Trennung kam. Man erhob sich vom Tisch. In
diesem Augenblicke konnte ich mich nicht lnger beherrschen und, als
mein Brutigam mich beim Abschied umarmte, -- eine fr jene Zeiten
unerhrte Tat -- da brach ich in ein heftiges Weinen aus. Die Eltern
waren gerhrt und erlaubten uns, eine ganze Strecke allein
vorauszugehen. Die brige Gesellschaft und der Wengeroffsche Wagen
folgte. Ein Zwischenfall verlngerte unser Zusammensein: Ich entdeckte
pltzlich, da mir die neugeschenkte prchtige Uhr und Kette fehlten.
Das gab Anla, einen Teil des Weges zurckzugehen, um das Verlorene zu
suchen. Wir fanden beides wieder, und alle behaupteten, es sei von guter
Bedeutung fr uns.

Wir erreichten die Unsrigen und stiegen in die Wagen. Noch ein letzter
Blick, und rasch entfernten sich die Wagen voneinander. Ich drckte mich
in eine Wagenecke und versank in trbe Gedanken. Mir war, als schwinde
das Teuerste, Schnste und Erhabenste meines Lebens von mir. Ich litt
unsglich in meinem Schmerz. Die Schwester versuchte mich zu beruhigen.
Da ward mir pltzlich bewut, da ich das Innerste meines Herzens
verraten hatte. Ich schmte mich meiner Schwche. Das half. Ich wurde
immer ruhiger und trstete mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Meine Eltern aber suchten mich mit dem Versprechen zu beruhigen, da wir
mit meinem Brutigam noch einmal vor der Hochzeit zusammenkommen wrden.
So legte sich denn der Trennungsschmerz. Frisch und munter kamen wir zu
Hause an.

Bald besuchten uns Verwandte, Freunde und Bekannte und gratulierten uns
herzlich. Ich zeigte die kostbaren Geschenke, eine groe Perlenschnur,
lange Brillantohrringe, Kette mit Uhr. Zugleich mute ich versichern,
da ich mich, wie der damalige Ausdruck lautete, gottlob sehr glcklich
fhle.

In der Wahl der Geschenke, die man Kalle- und Chossen-Matones (Braut-
und Brutigamsgeschenke) nannte, folgte man gewhnlich nicht nur dem
persnlichen Geschmack, sondern richtete sich hauptschlich nach der
allgemein herrschenden Sitte. Gewisse Geschenke wurden als unumgnglich
betrachtet, und jede Kalle und jeder Chossen, auch die rmsten, muten
sie erhalten. Auch der rmste Chossen bekam zur Hochzeit vor allem einen
Talles (Gebetmantel) und einen Kittel (Totenhemd), den der jngere
Mann ausschlielich am Jom-Kippur, der ltere, der schon erwachsene
Kinder hat, auch an den Sederabenden anlegt. Wenn die Kalle arm war, so
wurde fr sie gesammelt, zu allererst fr einen Talles fr ihren
Chossen. Zu den Geschenken gehrte noch ein Mtzchen aus Silberfden;
zur Verlobung eine Uhr ohne Kette (die Herren trugen damals ihre Uhren
an schwarzen seidenen Schnren, welche die Braut gewhnlich selbst
verfertigte). Ich erinnere mich noch jetzt an das Kettchen, das meine
Schwester fr ihren Verlobten gemacht hatte -- es war sehr kunstvoll
geflochten, mit kleinen bunten Glasperlchen verziert.

War die Kalle ein reiches Mdchen, so erhielt der Chossen noch zur
Hochzeit einen Streimel -- eine Mtze aus dem kostbarsten Pelz -- und
eine silberne Puschkele (Schnupftabakdose).

Der Kalle schenkte man vor allem zur Hochzeit ein Gebetbuch, Korben
Minche genannt.

Unter den Geschenken der sogenannten Balbatimtchter (Tchter von
wohlhabenden Leuten), welche oft nicht mehr als 100 Rubel Mitgift
hatten, befand sich stets ein Kanek -- ein Halsband aus schwarzem
Sammet, reihenweise mit kleinen, echten Perlen besetzt; die Perlen
muten -=echt=- sein; das Vermgen der Mechutonim (Schwiegereltern)
konnte nur ihre Gre bestimmen. Am Kanek waren als Anhngsel einige
Dukaten befestigt, oder bei den reichsten einige grere goldene Mnzen,
im Werte von 15 Rubel, oder noch grere Mnzen, an der drei Knigskpfe
im Profil zu sehen waren und die einen Wert von 30 Rubel hatten. Man
nannte diese Geldstcke -=Schaustck=-. Ferner erhielt die Braut zwei
Schleierlach aus feinem, weien Nesselzeug, die man auf dem Kopfe
trug. Bei den reichen Partien schenkte man der Braut Brillanten,
hauptschlich Ohrringe, Perlenschnre und eine goldene Kette, aber ohne
die Uhr -- die als Brautgabe erst in den vierziger Jahren aufkam. Diese
Kette trug man oft beim Ausgehen ber den Straenkleidern, wie ich es im
ersten Bande geschildert habe. Sie wurde mit einer Nadel an der Brust in
phantastischen Formen befestigt.

Diese Geschenke machten nicht die Verlobten einander, sondern sie wurden
von den zuknftigen Schwiegereltern den Brautleuten am Tage der Hochzeit
berreicht. Gegen 12 Uhr mittags brachte der Baddchen, begleitet von
der Musik, die Geschenke ins Haus der Braut.

In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze
Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer bertriebenen
Empfindsamkeit mag diese so sehr minutise Vereinbarung seltsam anmuten,
vielleicht gar peinlich berhren. Und doch darf man sagen, da die
genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle
Mistimmungen, Znkereien und Feindseligkeiten zwischen den
beiderseitigen Familien zu vermeiden.




Das Brautjahr.


Ich kehrte in mein Alltagsleben zurck. Es war mir peinlich, als Kalle
(Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehrigen, von meinem
Brutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und
erfllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt
hauptschlich die Wirtschaft; denn meine ltere Schwester hatte kein
Interesse dafr und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten,
Psalmensingen und Lesen von heiligen Bchern, wie Menojres Hamoer und
Nachlas Zwi.

Dabei lernte ich fleiig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest
an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die
russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten.
Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und
Lebenslust war in mir, solch ein Glcksgefhl bermannte mich; es teilte
sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.

Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater
freudestrahlend aus der Stadt zurck und bergab mir einen versiegelten,
an mich adressierten Brief mit den Worten: Da hast du einen Brief,
gewi von deinem Brutigam. Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich
einen Brief; mit zitternden Hnden ffnete ich ihn und las folgendes:

     Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein,
     einzige Seele meine!

     Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewi zu Haus, bin
     schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir
     (neben Dir), und ich habe gehrt Deine se, liebe Rede! O, wie
     glcklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, da nach zwei
     Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich mssen
     weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten
     (entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure,
     einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir
     ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen,
     und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es
     ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich
     frcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du
     kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein
     mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche
     ich wel lesen Deine Gefhle zu mir. Oh, da wet mich neugeboren
     machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher
     (schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern.
     Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergngen und as
     ich wel noch erhalten Deine se Briefe mit Deine Worte!

     Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt).
     Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort
     gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des
     Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir
     baklert (berlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als
     ich wollt gefohren jene Zeit. --

     Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergngen zu erfreien mich mit
     Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.

     Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher
     (schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!

                                           Chonon Wengeroff.


     P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet
     ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum,
     wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. --

     Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen,
     wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch
     a mol gesund, wie es wnscht Dir Dein

                                             Dich liebender
                                                         Chonon.

                                       8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.

     Ich schreib dem Adre of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos
     geheien. --


Grenzenlos war meine Verwirrung, whrend ich diese zrtlichen
Herzensergsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des
Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Trnen in den
Augen bat ich sie, die Bitte meines Brutigams, ihm oft zu schreiben,
erfllen zu drfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen
Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und fr die beiden Menschen
bezeichnend war. So gro war ihre Freude, da ihre Pessele einen auf
ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, da sie nachsichtiger
wurden und wirklich ihre Erlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so
fing unsere Korrespondenz an.

Die Briefe meines Brutigams hab ich stets als mein Teuerstes
aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfnfzig Jahren, sind sie alle in
meinem Besitz. Manchmal blttere ich in den vergilbten Papieren,
beschwre die schne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den
Strahlen des einst erlebten Glckes.

Ich zgerte nicht mit der Antwort, bat aber meine Eltern stets, einige
Worte zuzuschreiben, was ihre Zustimmung bedeuten sollte. Denn in jenen
Zeiten konnte es als Frivolitt gelten, wenn ich allein mit meinem
Brutigam den Briefwechsel gefhrt htte.

Ein trauriger Zwischenfall trbte mein Glck. Meine jngste Schwester
Helene erkrankte pltzlich an einem gefhrlichen Nervenfieber. Sie war
schon von den rzten aufgegeben, als pltzlich Besserung eintrat, und
unsere liebste kleine Schwester war uns von Gott wiedergeschenkt. Und
das kam so: Als mein Schwesterchen leichenbla und ohne Bewutsein so
dalag, versuchten die rzte ein letztes Mittel. Das Kind wurde in ein
kaltes Bad gelegt, in dem es zehn Minuten blieb. Dann wurde es wieder in
das gut vorgewrmte Bett gepackt. In der Erregung des Augenblicks hatte
man eine heie Wrmflasche vergessen. Das Kind lag auf der Flasche. Es
bildete sich eine tiefe Brandwunde. Das war ein Glck fr das Kind. Die
rzte meinten, ohne diese Wunde wre es zugrunde gegangen. Ich glaube,
das hing mit den damaligen medizinischen Anschauungen zusammen. Man
liebte es ja einst, bei gefhrlichen Krankheiten die Methode des
Haarseiles anzuwenden. Die eiternde Wunde -- so meinte man -- zge
die Krankheit aus dem Krper. Langsam, aber stetig machte die Genesung
Fortschritte. Aber das Kind blieb doch noch monatelang ans Bett
gefesselt. Ich mute zugleich mit meiner jngeren Schwester die
Pflichten einer Pflegerin versehen, weil es dem leidenden Kinde
angenehmer war, Anverwandte statt einer fremden Pflegerin in seiner Nhe
zu haben. Tag und Nacht war ich bei ihr. Ich hatte ein Lager neben ihrem
Bette und, da sie selbst nicht langen konnte, fhrte ich ihr die Speisen
zum Munde. Es war eine bse Zeit fr mich. Nur die Briefe meines
Verlobten strkten meinen Mut und gaben mir neue Kraft.

Aber auch fr mich sollte eine Prfungszeit kommen. Ich bekam es so
durch die Blume zu hren, da die Eltern den hufigen Briefwechsel mit
meinem Brutigam jetzt nicht mehr billigten, denn nach ihrer Meinung
wre die Sache, d. h. mein ganzer Brautstand berhaupt nicht ganz
sicher. Mein Schmerz war grenzenlos. Tage und Nchte brachte ich in
Trnen zu. Ich forschte nach der Ursache der Verstimmung, konnte aber
lngere Zeit nichts erfahren. Endlich erbarmte sich meiner der jngere
Schwager und erzhlte mir, mein Brutigam wre bei unseren Eltern
verleumdet und als Ausbund aller bsen Eigenschaften bezeichnet worden.
Ich litt unsagbar. Der Vater grmte sich. Die Stimmung im Hause war sehr
gedrckt. Endlich schrieb der Vater nach Homel, einem Stdtchen bei
Konotop, wo ein Verwandter von uns, Reb Eisek Epstein, wohnte, und bat
ihn, sich genau nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Bald langte eine
Antwort an, welche die Haltlosigkeit aller Verleumdungen erwies. Die
Familie Wengeroff, schrieb unser Verwandter, wre eine vornehme und der
junge Mann ein braver Mensch und guter Talmudist. Diese Nachrichten
dmpften den Sturm in unserem Hause. Die dunklen Wolken zerstreuten
sich. ber meinem Leben strahlte wieder der helle, klare Himmel.

Ich jubelte auf. Meine Liebessehnsucht wurde noch mchtiger. Unser
Briefwechsel hufiger. Die Geschwister neckten mich und lachten, wenn
ein Brief kam. Aber sie freuten sich mit mir.

Das Leben im Elternhause ging seinen gewohnten Weg. Der Winter nahte
seinem Ende, und der Frhling kndigte sich in diesem Jahre sehr zeitig
an. Meine Schwester erholte sich gut und konnte bereits das Bett
verlassen. Unsere Mutter traf groe Anstalten zur Herstellung meiner
Aussteuer. Leinewand, seidene und wollene Stoffe. Spitzen wurden
bezogen. Man beriet, whlte, kaufte ein. Es war ein hastiges Treiben.

Auch mich zog man oft zu Rate. Aber ich uerte meine Meinung stets nur
schchtern und errtend.

Die Wsche wurde auerhalb des Hauses angefertigt, die Kleider aber
daheim genht. Nicht Schneiderinnen, sondern Schneidergesellen
arbeiteten daran. Es waren alles junge Burschen, die zufllig zugleich
dem Synagogenchor angehrten. Whrend der Arbeit sangen sie oft und gern
Lieder, meistenteils religisen Charakters, wie Purimspiele,
Ahasverusspiel, Josephspiel. Das letztere war ihr Lieblingsspiel, das
sie sehr oft wiederholten. Sie verteilten die Rollen untereinander und
sangen folgendermaen:

                                1.

                            -=Jacob:=-

     Ich bin der Bum vn der ganzer Welt, n' duhs
     Seinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)
     Drum bitt ich den Ojlom (_Publikum_),
     Soll a Bissele schweigen.

                                2.

     Schon zwei Johr bin ich vn Hus ojsgezojgen,
     n nitchasw'schulem (_gottbewahre_) vn mein Parnusse wegen
                                                    (_geschftshalber_),
     Nur vn die Zores (_Leiden_), wus is mir gekmmen entgegen,
     La la la, la la la, lalalalala la la.
     Mein Shn Schimen, mein Shn Schimen,
     Di bist doch mein bester Shn,
     Di bist doch mein liebster Shn,
     Sug'sche (_sage doch_) mir die Wuhrheit,
     Sug'sche mir die Wuhrheit,
     Wie (_wo_) is er, wi is er, mein Shn Josefl?

                          -=Die Shne:=-

     Vuter (_Vater_), lieber Vuter sieer,
     Wir weien nit, wi er is.
                           (Wiederholung.)

                            -=Jacob:=-

     Mein Shn Riwen (_Ruben_), mein Shn Riwen,
     Du bist doch mein bester Shn
     Du bist doch mein liebster Shn,
     Dir wellen doch tun alle loiben,
     Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,
     Wo is er, wo is er, mein Shn Josefl?

                          -=Die Shne:=-

     Vuter, lieber Vuter sieer,
     Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (_Gesicht_),
     As mir hoben ihn verkuft zu die Midjonim.

                            -=Jacob:=-

     Willt ihr mir das Leben schenken,
     Sollt ihr mir ihn bald brengen.

Joseph wird hineingefhrt; Jacob gert in freudige Ekstase. Joseph
singt:

     Ich hob viel Schuff (_Schafe_) n' viel Rinder,
     Ich hob a Frau mit zwei Kinder,
     Einer heit Menasse, der andere heit Ephraim,
     Hoben sie mich gemacht zum Groien in dem Land Mizraim
     La, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.

       *       *       *       *       *

Auch das kleine lustige Liedchen eines Schneiders sangen sie mit
Vorliebe:

    Sitz ich mich, a Fissele iber a Fi
    Un sing mir a Liedele zucker-si.
    N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, --
    Wohin er kummt, verdient er Geld!
    As die Jolden (_lustige Jungen_) wollten sich wellen beklren,
    Wollten sie alle Schnaiders weren. --

Manchmal sangen sie Lieder, die mir und meinem Brautstand galten. Einige
von diesen Liedern leben noch ganz frisch in meiner Erinnerung:

    Kalele, Kalele, wein, wein, wein,
    Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein (_Meerrettich_)
    Wellen sech die Trren gieen
    Bis die Zehen.
    Sitz ich auf ein Stein
    Nemt mich on a groi Gewejn
    Alle Medelach Kales werden
    Ich nebech nejn. --

       *       *       *       *       *

                             -=Oder:=-

    Nemmt der Bucher (_Jngling_) die Mojd (_Mdchen_) far der Hand,
    mejnt er die Welt is sein,
    Git (_gibt_) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dnnen Seid.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dnnem Seid,
    Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,
    Di sollst mir die Stern zhlen, wus in Himmel wet sein.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir die Stern zhlen, wus in Himmel wet sein,
    Di sollst mir dem Jam ausschppen mit a Krigele dilein (_klein_)

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschppen mit a Krigele dilein
      (_klein_),
    Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.

                           -=Die Mojd:=-

    Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,
    Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

                          -=Der Bucher:=-

    Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.
    Di sollst mir sieben Kinder huben n a jinge Frau zi sein. --

Auch die Wrterin Mariasche neckte mich mit einem Lied, wenn sie sah,
da ich froh und glcklich im Hause herumlief oder wenn sie mich in
irgendeinem Winkel vertrumt antraf:

    Oj, weih, wie kenn men leben
    Schwh'r und Schwieger kowed (_Ehre_) obzugeben.
    Steih ich auf spt
    Sogt main beise Schwieger:
    Ich lieg wie a Nweile (_faule_)
    Bis halben Tog in Bett!

    Oj, weih, wie kenn men leben
    Schwh'r und Schwieger kowed obzugeben!
    Geh ich gich (_schnell_), sogt sie, ich zerrei die Schich,
    Geh ich pameilach (_langsam_), sogt sie, ich bin freilach --
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Back ich greie (_grosse_) Challes
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich stell ihr gor b'dalles (_ruiniere sie_)
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Back ich kleine Challes
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich zieh auf ihr dem Dalles
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

    Geih ich ongeton schein,
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich mach ihr gor gemein (_arm_).
    :|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:

    Geih ich ongeton mie (_hsslich_),
    Sogt main beise Schwieger,
    As ich tu ihr on a Bsch (_Unehre_).
    Oj, weih etc. --

       *       *       *       *       *

                             -=Oder:=-

    Tochter du liebste, Tochter du main,
    'ch wel dir lernen wie ba (_bei_) a Schwieger zu sain:
    As die Schwieger wet gaihn vun weiten,
    Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.

    Tochter du liebste, Tochter du main,
    'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:
    As die Schwieger wet geihn vn Schul,
    Sollstu ihr trogen antkegen (_entgegen_) a Stuhl.

    Tochter du liebste etc.
    As die Schwieger wet geihn zum Tisch,
    Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.

       *       *       *       *       *

Immer nher rckte die Zeit meiner Trennung vom Elternhause -- eine
Aussicht, die mein Glck strte. Vor der Abreise nach Konotop sollte
ich noch nach Warschau gehen, um von Verwandten, vor allem aber vom
Grovater Abschied zu nehmen und den Segen zu meiner Vermhlung zu
erhalten.

Es war Anfang August 1849. In jener Zeit existierte noch die
polnisch-russische Grenze bei dem kleinen Stdtchen Terespol, das vier
russische Werst von Brest entfernt lag. Diese Reise unternahm ich mit
meinem Vater. Aber vor der Grenze war er gezwungen, mich zu verlassen;
und ich mute selbst alle Grenzformalitten erledigen. Es war mein
erster selbstndiger Schritt. Ich mu gestehen, mein Mut war nicht gro.
Als ich in das Bureau kam, wo ich meinen Pa vorzuzeigen hatte, fhlte
ich mich sehr beklommen. Trnen kamen mir in die Augen. Am liebsten
htte ich geschluchzt wie ein kleines Kind. Ich schmte mich dieser
Schwche und versuchte mich zu beherrschen. Im Bureau lie man mich ein
Dokument unterzeichnen: wieder eine selbstndige Tat! Endlich befand ich
mich auf der anderen Seite der Grenze. Hier wurde ich von unserem Freund
Reb Jossele erwartet, der mich zu seiner Familie in das kleine Stdtchen
Terespol brachte. Am nchsten Tage kam mein sehnschtig erwarteter
Vater, und wir reisten gemeinsam nach Warschau.

Unser Aufenthalt in Warschau dauerte acht Tage. Der Grovater empfing
mich mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tanten und Onkel behandelten
mich die ganze Zeit mit groer Zrtlichkeit. Ich erhielt von allen
hbsche Hochzeitsgeschenke und vom Grovater ein Silberstck und -- den
Segen.

Es war ein Augenblick, den ich nicht vergessen kann: Grovater stand in
der Mitte des Salons. Mit klopfendem Herzen nherte ich mich ihm und
beugte das Haupt in demtiger Ergebung. Er legte seine Hnde auf meinen
Scheitel und sprach laut den Segen mit bewegter, zitternder Stimme.
Feierliche Stille herrschte im Zimmer. Nur die Tanten schluchzten leise.
-- Mir war so ernst zumute, so traurig. Hier erst fhlte ich so
recht, welche ernste Wendung mein Leben nehmen sollte. Bangen Herzens
verabschiedete ich mich von meinem lieben, ehrwrdigen Grovater; denn
der Gedanke wollte mich nicht verlassen, da ich ihn zum letztenmal in
meinem Leben sah.

Nachdenklich und ernster, als ich gekommen war, kehrte ich nach Hause
zurck. Die Aussteuer war fertig. Meine Mutter packte all die schnen
neuen Sachen mit Liebe und Sorgfalt in einen massiven, groen, mit
Eisenblech beschlagenen Koffer ein. Auer der Wsche erhielt ich
folgende Sachen:

     1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide -- ein Streifen
     moir antique und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen
     Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;

     2. ein Kleid aus Mousseline de laine -- dunkelblau und wei
     kariert; fufrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem
     Sattel, in der Mitte Grtel, lange griechische rmel;

     3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne
     garniert; schmale, lange rmel mit Samtmanschetten;

     4. ein schwarzes Taftkleid -- Mantine genannt -- ohne jede
     Garnitur;

     5. ein Kleid aus grnem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schnen
     Mustern garniert;

ferner: 2 Schlafrcke:

     einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weien Spitzen,

     einen anderen aus Teefteek (trkischem Stoff); ganz lose
     verfertigt -- Rubaschka (Hemdchen) genannt.

Ferner: 3 Mntel:

     eine Mandaronka -- so wurde die damalige bliche Regenmantelform
     genannt -- aus dunkelblauem Tuch;

     eine Ziganka -- grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stck einfach
     am Halse und an den rmeln zusammengerafft; garniert mit rotem,
     seidenem Band und grauen Quasten;

     eine Algierka -- ein langer Mantel mit griechischen rmeln,
     empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene
     Schnre befestigt, die ber die Schultern auf den Rcken mit zwei
     groen Quasten lose herabfielen.

Ferner 2 Tageshauben:

     eine aus Blondenspitzen mit blauem Band -- fr Feiertage, die
     andere einfacher fr jeden Tag

     und dazu sechs Morgenhubchen in koketten Formen.

Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weien Tllspitzen garniert -- zur
Trauung! --

Alles war also bereitet, und man machte Anstalten zu der groen Reise.
Ich war mir selbst berlassen und hatte Zeit, von allem, was mir lieb
war, Abschied zu nehmen. Es waren schwere Tage fr mich -- ein
Durcheinander von Gefhlen und Empfindungen tobte in meinem Inneren.
Bald brachte mich der Gedanke an das Wiedersehen mit meinem
Heigeliebten in solch eine strahlende Freude, da jeder, der mir in den
Weg kam, lcheln mute. So glcklich sah ich aus. Bald kamen mir Trnen
in die Augen, und ich schluchzte leise in irgendeinem Winkel, vom
Trennungsschmerz bermannt. Bald aber lachte ich schon wieder und lachte
vor Seligkeit und Glck.

Den letzten Sonntag vor der Abreise hatte ich noch Abschiedsbesuche bei
Verwandten, Freunden und Bekannten zu machen -- ich erfllte diese
Pflicht in Begleitung einer lteren Frau, Reisele genannt, die in der
ganzen Stadt als Sarwerke[3] bekannt war und allen jdischen Bruten in
Brest als Ehrenbegleiterin diente.

Es kam der vorletzte Tag. Wir saen alle beisammen am Mittagstisch, als
meine ltere Schwester auf mein ungewhnlich blasses Aussehen aufmerksam
wurde. Auch die anderen bemerkten es, und der Vater forderte mich
zrtlich besorgt auf, ihm die Ursache meiner Sorgen zu sagen. Es war ein
Traum, der mich qulte: Mir trumte, ich wre ganz allein in der
kleinen, engen Gasse, durch die ich einst als kleines Mdchen tglich
mit dem Behelfer zum Cheder gegangen war. Pltzlich raste ein groer,
schwarzer Ochse in wilden Sprngen auf mich zu. Ich bebte vor Schrecken,
denn der Ochse mit seinen Riesenhrnern kam immer nher. Ich
suchte mich zu verbergen, konnte aber keinen Winkel finden, lief nach
rechts und links. Doch das schwarze Ungeheuer folgte mir berall. Ich
war endlich ganz erschpft vor Angst und Mdigkeit und ergab mich meinem
Schicksal. Da tauchte pltzlich im Halbdunkel des engen Gchens ein
kleines Mnnchen auf. Es trug einen seidenen schwarzen Kaftan mit Grtel
und hoher Zobelmtze. Sein Gesicht war ganz runzlig. Es hatte die Zge
meines Grovaters. Sein Gesicht umrahmte ein ungewhnlich langer grauer
Bart, der bis zu den Knien reichte. Das Mnnchen nherte sich mir, nahm
mich an der Hand und sagte, indem es einen Seitenblick auf das Ungeheuer
warf: Komm mit mir, frchte dich nicht! Vertrauensvoll und dankbar
ging ich mit ihm. Nach einer Weile aber blieb er stehen, lie meine Hand
los, wies mir den geraden Weg und verschwand ganz pltzlich meinen
Blicken. Mit einem Male war auch das Ungeheuer nicht mehr da. Am ganzen
Krper zitternd, erwachte ich und konnte den Eindruck dieses schweren
Traumes gar nicht mehr loswerden. Alle hrten mir mit Spannung zu. Am
meisten bewegt aber war der Vater. Als ich mit dem Erzhlen zu Ende war,
erhob er sich rasch vom Tisch und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo
er in einem Buch nachbltterte. Freudestrahlend kam er zurck und rief
mir zu: Sei ruhig, meine Tochter, du wirst Kinder haben, die viel
lrmen werden.

Ich wurde schamrot und wagte niemanden anzuschauen. Die Meinigen lachten
und neckten mich und wollten mich zum Aufschauen zwingen. Ich aber
verharrte bis zum Schlu des Mittagmahles in der gleichen Haltung.

Fr den nchsten Tag war unsere Abreise bestimmt. Schon stand unser
Reisewagen vor dem Hause. Es war ein langes, mit Leder berzogenes und
mit kleinen Fenstern und Vorhngen versehenes Fuhrwerk, Frgon
genannt. Drei Postpferde waren davorgespannt. -- Die Aufregung im Hause
erreichte ihren Hhepunkt. Man lief hin und her. Man raffte noch
mancherlei zusammen und packte es in den Wagen: es gab noch sehr viel zu
tun in dieser letzten Stunde vor der Abreise. Der Wagen war also auen
und innen stark beladen, sollten wir doch vierzehn Tage unterwegs
bleiben. Deshalb nahmen wir groen Vorrat von Backwerk, geruchertem
Fleisch, gesalzenen Sachen mit, ferner eine ganze Kiste mit Cognak, Rum,
Schnaps, Wein, Tee und Zucker. Das mute ja reichen fr uns alle. Diese
Nahrungsmittel fanden Platz in einer groen, viereckigen, mit weiem
Fell berzogenen und mit Blechstreifen beschlagenen Kiste, Pogrebez
genannt. Fnf bequeme Sitze wurden fr die Reisenden hergerichtet.

Ich konnte mich gar nicht vom Hause trennen. Da rief der Vater in
befehlendem Tone: Genug, genug! und entschlossen half er mir zuerst in
den Wagen. Es folgte meine Mutter, die jngere von mir innig geliebte
Schwester und der achtjhrige Bruder. Ein kurzer, echt russischer Befehl
pascholl! (los), und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unter den
Trnen, Wnschen und Segenssprchen der Zurckgebliebenen fuhren wir ab.
Ich schluchzte wie ein kleines Kind: der Wagen rollte immer schneller.
Durch Trnen hindurch sah ich alte vertraute Straen schwinden, Huser,
in denen ich jahrelang ein- und ausgegangen, um liebe Freunde zu
besuchen, Menschen, denen ich solange jeden Tag begegnet. Meine
Lieblingspltzchen zogen an mir vorbei. Und hinter mir verschwand, um
nie zurckzukehren, die schne Zeit der sorglosen, glcklichen ersten
Jugend. --

Es war im Jahre 1850, den 5. August.




Ankunft in Konotop. Hochzeit.


Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe
wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir
die Hlfte unseres Weges zurckgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir
waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein
Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und
summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem
Summen, im vertrauten Geplauder vergaen wir unsere unangenehme Lage.

Der Hochzeitstag rckte immer nher heran, und wir waren noch so weit
von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop
und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darber
untrstlich und trug diese achttgige Verzgerung noch lange meinen
Eltern nach, muten doch die groen Vorrte an Geflgel und anderen
Speisen bei der heien Jahreszeit verderben.

Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und
gelangten endlich nach der vorletzten Station, Baturim.[4] Hier brachte
uns ein Bote die Nachricht, da uns der Schwiegervater in Gesellschaft
einiger Herren auf der nchsten Station erwarte.

Mein Herz schlug strmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich
fhlte, da gleich dem ersten Worte ein Trnenstrom folgen mte. Ich
war ja am Ziele meiner schnsten Trume: in einer Stunde sollte meine
Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. -- Ich wagte kaum zu denken an
solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mdchen vom Schicksal beschieden
wird.

Wir Mdchen machten Toilette. Ich whlte ein Kleid, das mir sehr gut
stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen
Glcke erzhlte. -- Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter.
Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der
Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor
Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir
unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war
nicht vielversprechend: lauter kleine Htten mit Strohdchern. Meine
Schwester war fast entsetzt ber den Dorfcharakter des Stdtchens. Mir
aber war alles gleichgltig. Was ging mich damals die Stadt an! Es
schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende
Feuersule in der Nacht vor den Israeliten in der Wste und bannte alle
trben Gedanken.

Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Strae. Rechts und links die
gleichen strohbedeckten Htten. Endlich kamen wir an einen weiten
Platz, wo das erste groe, vornehme, steinerne Haus mit einem grnen
Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie
Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch
das Einfahrtstor und machte vor einem groen Balkon, der ganz mit
Menschen besetzt war, Halt.

Meine zuknftige Groschwiegermutter kam mir entgegen, kte mich und
bergab mir ein ses Brot. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck,
den diese Frau auf mich machte. Dagegen wute die Tante, die Stiefmutter
meines Brutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu
gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und
zrtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des lteren
Bruders meines Brutigams und seine jngere Schwester vorgestellt. Von
dieser wute ich bereits soviel Gutes und Liebes, da ich sie wie eine
lngst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber ber all diese Menschen
hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den
Nchsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so hei gesehnt hatte.
Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch
das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glckstrahlend mein
Brutigam. Unsere Begrung war stumm: es bedurfte wirklich keiner
Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofr noch kein
Dichter den Ausdruck gefunden hat. --

Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen
sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ltere Schwgerin wich
nicht von der Seite meiner Mutter, die jngere nicht von der meinigen.
Mein Brutigam mute, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater
Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es
aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir
einige liebe Worte zuzuflstern.

Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich,
muten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr gro
war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was groen Beifall
erregte. berhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der
lustigen Hochzeitsgesellschaft.

Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Brutigam sa wieder mit den
lteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke
konnten wir uns verstndigen.

Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Mdigkeit trennte ich mich
von meinem Brutigam und allen Anwesenden. -- Als ich mit meiner
Schwester in unserem Logis allein zurckblieb, tauschten wir noch
allerlei Bemerkungen und Beobachtungen ber die Gesellschaft aus, die
wir soeben verlassen hatten. Pltzlich ffnete sich die Tr, und im
Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine,
untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen
lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz
eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen
Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, knstliche Rosen
mit noch grelleren, grnen Blttern befestigt waren, die ihr tief ins
Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Krper mit zwei bunten
Schrzen bedeckt -- darunter ein viel lngeres weies Hemd mit
bauschigen, buntgestickten rmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte
Perlen, Messingmnzen und groe Ringe in den Ohren. Schuhe und Strmpfe
fehlten, und die nackten Fe lieen an Reinlichkeit viel zu wnschen
brig. Es war das Dienstmdchen, das uns frisches Wasser brachte und
sich nach unseren Wnschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese
wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor
berraschung und brachen pltzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen
aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mdchen fort war und plauderten
vergngt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Ccilie
strmisch und rief aus: Du bist glcklich und wirst sehr glcklich
sein, Schwester! Auch ich glaubte an mein Glck. Das Herz war so voll,
schlug so strmisch. Ich htte die ganze Menschheit in jener Stunde
umarmen knnen. Vom Glcksgefhl bermannt, in se Trume eingewiegt,
schlief ich ein.

Als ich am nchsten Morgen erwachte, war der Vater bei den
Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von
drben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und
als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst
den Ziganka, und wir verlieen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir
zum Frhstck erwartet.

In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine
Schchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer
zurckziehen. Zweimal lieen wir uns dies nicht sagen und waren lustig
und ausgelassen.

Die Schwiegermutter und die zuknftige Schwgerin uerten den Wunsch,
meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stck fr Stck mit
Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei
dieser Besichtigung groen Beifall. ber einen Gegenstand in der Wsche
waren sie aber sehr erstaunt, nmlich ber die Unterrcke, denn als ich
nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer
meiner Schwester Eva fehlte dieses Stck Wsche. In der kurzen Zeit seit
der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem
Hause eingefhrt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine
Unterrcke, sondern das Kleid direkt ber dem Hemd. Unterrcke zu
tragen, wurde schon als christlich betrachtet. Nur im Winter hatten
die Frauen dicke Flanellunterrcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an.
-- Selbstverstndlich wute man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von
diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so
folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es
die Jdinnen in Konotop leicht ber sich, ein neues, modernes
Kleidungsstck in ihre Toilette aufzunehmen.

Kulturell hauptschlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit
hinter Brest zurck. Von der Mode wute man hier nicht viel. Meine
Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straen ging,
angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen fr tonangebend
in ganz Konotop.

Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gste aus Petersburg, einen
Bruder und Schwager meiner knftigen Schwiegermutter. Sie kamen whrend
des Mittagessens an. Es waren zwei hbsche, vornehm aussehende Herren.
Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostme, eine Art Reiseanzug, und
breitrandige weie Strohhte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer
abnahmen, so da sie mit bloem Haupt sitzen blieben, whrend die
brigen Herren bestndig ein kleines, schwarzes Samtkppchen
aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie,
ungezwungene Benehmen seiner Gste strte ihn um so mehr, als die
Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligise Stimmung verbreitete.
Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald
den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hte auf
und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.

Nach dem Mittagessen verlie ich die Gesellschaft, denn nach den
althergebrachten Gesetzen mute ich mich vor meiner Hochzeit der
rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die
unertrglichsten Qualen, und meine Feinfhligkeit wurde dabei auf eine
harte Probe gestellt. Die religisen Formalitten in der Mikwe (dem
rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man
putzte mir sorgfltig die Ngel und zum Schlu mute ich nach der
Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung
erfllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm
behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!

Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mdchen
allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar
gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer
versammelt, und die gnstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An
diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig
voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut
von meinen Mdchentrumen Abschied.

Am nchsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, da es der bedeutendste
Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle groe Toilette. Ich legte
das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen,
weien Schleier auf. Weie Handschuhe, Fcher und ein zierliches
Spitzentaschentuch ergnzten meinen Anzug. Man warf mir den
Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer
gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus
brachte. Die beiden Schwgerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von
den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrt. Erst
nach einiger Zeit erschien mein Brutigam, umgeben von zahlreichen
Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes
sollten Braut und Brutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am
meisten voneinander entfernt bleiben.

Ohne jede Feierlichkeit fhrte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht
einmal der bei uns gebruchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich
mute an die Hochzeit meiner Schwester zurckdenken --: wie feierlich
war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater
und Mutter unter Klngen einer rhrenden Musik die Braut in den Saal
hineinfhrten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte
des Salons auf einem Teppich befand, niederlieen --. Mir wurde
traurig bei dieser Erinnerung, und ich versprte eine leise
Enttuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum rger, als
ich erfuhr, da die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort
herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer groen Bretterscheune
stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An
eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir muten uns fgen. Zu
unserer Beruhigung versicherte man uns, da eine Hochzeit in Konotop nie
anders gefeiert wrde, wenn auch die prchtigsten Rume zur Verfgung
stnden.

In der Scheune nahmen wir auf Sthlen Platz, whrend die Menge sich auf
Bnken niederlie. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tnen an, und
in die Scheune tanzte in wilden Sprngen, sich im Kreise drehend, eine
alte Frau herein. Hoch berm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und,
lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:

Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow! Dabei ermunterte sie die
Musik, weiter zu spielen.

Ich und meine Schwester hatten noch nie hnliches erlebt. Unser
Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir
gar nicht widerstehen konnten. Die Schwgerin merkte es und beeilte
sich, uns diese Szene zu erklren: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede
Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen
Weise berreicht wurde. Diese Erklrung machte die Sache nicht weniger
komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie
wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, da jedesmal
der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.

Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten in der Scheune zu
Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das
Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme
sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der fr die Braut
einen zweiten Vershnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller
ihrer bisherigen Snden anflehen msse. Trnen entflossen unaufhaltsam
meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete...
Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute
Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die
anwesenden Mdchen nherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab,
lsten das Haar, das zu kleinen Zpfchen geflochten war, damit die ganze
Frauengesellschaft an dem Auflsen der Haare teilnehmen knnte, und
breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung.
Da erschien der Brutigam im Kreise der Herren, nahm das weie
Seidentuch, das ber einer mit Hopfenblumen gefllten Platte
ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit
meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in
derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva
ausfhrlich beschrieben habe. -- Dann wurde mein Brutigam zur Synagoge
gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin gefhrt, wo der Akt
der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermhlten
unter lustigen Musikklngen den Rckweg an. Ich sah den Weg nicht, da
mein dichtes seidnes Tuch ber den Augen mich wie blind machte.

Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurck, wo ich endlich
das seidene Tuch auf einen Augenblick lften durfte, um meinen Mann zum
erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den
wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jdischen Sitte hatten wir
bis zu dieser Stunde gefastet.

Whrend des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem
das ganze Stdtchen teilnahm, sa ich am Damentisch und mein Mann am
Herrentisch. Die Schewa broches, die sieben Segenssprche, welche der
Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier
wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus
besonderem Anla sogar whrend des ganzen Honigmonats, beobachtet werden
mu. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht
aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson
w'kaloh) gehrte zu den grten Mizwaus, d. h. gottwohlgeflligen
Handlungen.

Am nchsten Morgen erschien die mit einer Schere bewaffnete Frau, und
auf Befehl meiner Mutter schnitt sie mir das Haar ab. Man lie mir zum
Andenken noch etwas vom Stirnhaar zurck. Aber auch dieses verdeckte die
Percke.

Die Percke war bereits ein Fortschritt; meine letztverheiratete
Schwester hatte nur eine festanliegende Kopfbedeckung aus Stoff und
einem haarfarbenen Bande erhalten.

Die Operation war zu Ende. Ich warf einen Blick in den Spiegel und war
entsetzt, ber mein verwandeltes uere. Mein Mann trstete mich aber
liebevoll und versicherte, da ich ebenso nett wie frher aussehe. So
beruhigte ich mich allmhlich. In der kunstvoll gearbeiteten Percke
mit einem koketten Hubchen, im hbschen Seidenkleid erschien ich, von
Mutter und Schwiegermutter gefhrt, im Saale. Ich gefiel allgemein in
meiner neuen Tracht, und es fiel so manche Bemerkung, die mich errten
lie. Mein Mann wich nicht von meiner Seite.

Die letzten vier Wochen vor der Hochzeit wurde ich dermaen behtet, da
ich buchstblich keinen Schritt allein machen durfte. Ein Aberglaube
herrschte sowohl im Volke, wie unter der damaligen jdischen
Intelligenz, da die bsen Geister in den letzten vier Wochen, die man:
kupferne, messingne, silberne und goldene nennt, besonders aber in der
letzten, von der Braut Besitz ergreifen und leichten Zugang zu ihr haben
knnten, wenn sie allein sei. Aus diesem Grunde wurde eine Braut, sowohl
am Tage, wie bei Nacht, bis nach der Chuppe keinen Augenblick allein
gelassen. Nach der Chuppe verloren die bsen Geister die Macht. Nun
hrte auch meine Angst vor den Geistern, die ich berall auf mich lauern
sah, auf, und ich freute mich meiner Freiheit.

Einige Tage vergingen in Lust und Freude. Ich fhlte mich heimisch in
den neuen Lebensbedingungen und dachte nicht mehr mit solcher Angst an
die Trennung von den Eltern.

Roschhaschonoh war vor der Tr, und meine Eltern wollten fort. Aber die
Wengeroffs lieen sie nicht fahren. Sie nahmen die herzliche Einladung
an, und wir verlebten gemeinsam die Feiertage. Aber nach den Feiertagen
traten sie ihre Rckreise nach Brest an, und wir nahmen Abschied
voneinander auf einige Jahre.

Und so kam ich als Gattin eines heigeliebten, aber mir noch unbekannten
Mannes in ein fremdes Land, unter fremde Leute, fremde Sitten und mute
mich in all dem Neuen mit meinen achtzehn Jahren zurechtfinden. So haben
die Eltern in jenen Zeiten ihre unvorbereiteten, fast ahnungslosen
Kinder verheiratet und, obwohl sie sie zrtlich liebten, hegten sie
keinen Zweifel und keine Bedenken. Mit Zuversicht in Gottes Beistand
bergaben sie die Kinder ihrem Schicksal. So nahm denn mein geregeltes
jdisches Eheleben seinen Anfang...




Vier Jahre im Hause der Schwiegereltern.


Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein
kleines Stdtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte
Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.

Die Hauptbevlkerung in Konotop bildeten Christen -- Kaufleute, Beamte
und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten,
waren hauptschlich Getreidehndler und Schankwirte. Mein
Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der Otkupschczik von
Konotop. In jener Zeit bergab die Regierung einem reichen Kaufmann --
Russen, Juden oder Griechen -- kontraktlich das Monopol auf Branntwein
und alkoholische Getrnke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionr
Otkupschczik verpflichtet, auer der Kaution, die in liegenden Gtern
und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die
Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, hchstens zwei
Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die
Regierung zurck. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionr. Diese
Verpachtung war fr den Staat sehr eintrglich -- der Gewinn wurde auf
hundert Millionen Rubel jhrlich berechnet, eine Summe, die, wie es
allgemein hie, ausschlielich fr die Armee verwendet wurde. Aber auch
die Konzessionre hatten, wenn die Geschfte normal gingen, ihren guten
Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes
seitens der Behrden, fhrten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft
groe Gesellschaften, bei denen ppig geschmaust und getrunken wurde.
Die schnsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehrten
ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.

Mein Schwiegervater besa, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession.
Den Genu von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der
Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die
oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Glschen, um
ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon grere Dosen, um
in den Ruhepausen seine Krfte zu strken. Den grten Absatz fand
aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu
betuben. Die Schnkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit
seine Schritte lenkte, wo er seinen Wodka trank, bald traurige, bald
lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.

Der verfhrerische Schnaps war in den Stdten viel teurer als auf dem
Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine
Rogatka (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein Straschnik (Wchter mit
einem groen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust
und dnnem Eisenstock in der Hand) war der Hter der Grenze. Mit diesem
Stock durchstberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem
Bauern oder dem Kaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der
Unglckliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu
Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen
Verbrecher; und er entging nie einer groen Geldstrafe.

Mit solchen glcklichen Zufllen rechneten die Konzessionre von
vornherein. Sie bestritten teilweise die groen Ausgaben fr das
Personal, fr die zahlreichen Aufseher zu Fu und zu Pferde. Aber trotz
der zahlreichen Hter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze
Sendungen von 20 bis 30 Fssern auf Umwegen durch Schluchten, durch
Wlder in finsteren strmischen Winternchten in die Stdte befrdert.
Da kam es nicht selten zu erbitterten Kmpfen zwischen den bewaffneten
Htern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab
es bei diesen Zusammensten Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen
wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebude gebracht; und nun begann
der Proze. -- Die Angestellten kannten keine Ausnahme -- jeder, der
durch die Grenze kam, mute sich einer Revision unterziehen. Und so
behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rulands barfu
nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der
unermelich reichen Kirche Peczerskaia Lawra die berreste vieler
Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen
Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Flschchen Branntwein,
das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Mnner
des Landes befanden, zu ihrer Strkung und zur Einreibung der wunden
Fe bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen
fortgenommen. Nur selten lie man die Pilger ungestraft ihres heiligen
Weges gehen.

Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so
vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa
hundertfnfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als
Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene
Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden
Mystizismus und der Romantik gegen den khlen Rationalismus. Nicht in
Klgeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines
Bibelwortes, nicht in unaufhrlichem Brten ber dem Talmud, nicht in
den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frmmigkeit. Mit
Herz und Gefhl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst,
Ekstase mssen den Menschen allem Materiellen entrcken und ihn in die
geistigen Hhen zu der Sphrenharmonie emporheben. So lehren die
Chassidim. Nach ihren spteren Lehren knnen immer nur wenige -- durch
absolute Vergeistigung eine hhere Erleuchtung, eine gttliche
Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter
Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht
gettet, sondern erhht und gesteigert werden. Der Gottesdienst mu
freudig und jauchzend verrichtet werden, und berall mu Schnheit sein.
Die Schnheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und
reit seine Anhnger zur Entzckung hin. Und so pilgern die Chassidim
bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und
Gebete zu sagen, sondern um in der Frmmigkeit zu leben und seine
Schnheit zu genieen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhnger
wollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den
Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten
Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm.
Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten
eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor
gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzhlt ein chassidischer Weiser,
Rabbi Leib: Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem
Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hren, sondern um
zu sehen, wie er seine Strmpfe ab- und anlegt.

In einem anderen chassidischen Buche wird erzhlt: Nie ist der
Grovater aus Spale[6] Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig
mit ihm vereinigt, wie whrend seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.
Er besa dann die natrliche Leichtigkeit und Frhlichkeit eines
vierjhrigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem wrden sofort die
Gefhle der Bue und Reue wach. Das Herz fllte sich mit Freude, und
die Augen wurden trnenvoll. Rabbi Scholem war einst beim Grovater
aus Spale. Voll Ekstase sa er in einer Zimmerecke, whrend in einer
anderen der Grovater sa. Nach dem Essen richtete pltzlich der
Grovater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen knne. Nein,
antwortete Rabbi Scholem. Dann sieh, wie der Grovater tanzt. Der
Grovater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen
herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: Seht, seht,
wie der Grovater tanzt! Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und
Rabbi Scholem sprach zu den Anwesenden: Glaubt mir, seine Gliedmaen
sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit
empor, vereint sich mit der Gottheit. Am anderen Tage sa Rabbi
Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Grovater.

Auch fr die Naturschnheiten haben die Chassidim groes Verstndnis;
und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus
Bratzlaw erzhlt wird, er habe die hchsten Stufen der Gttlichkeit
erklommen, weil er in Feldern und Wldern umherirrte, gemeinsam mit der
Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Hhlen Psalmen hersagte und
ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem groen, weiten See umherfuhr.

Der Rebbe ist die Verkrperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott
am reinsten offenbart. Mu es da nicht selbstverstndlich sein, da man
das Leben des Rabbi loslst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst
der rmste Chossid hlt es fr seine vornehmste Pflicht, fr den
Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem
Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.

Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim fhren. Sie weihen ihren
Krper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in hchster
Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Hufige Waschungen,
mehrmalige Bder am Tage, besonders in flieenden Gewssern, ganz
gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.

Trotz all den frommen bungen mu doch bemerkt werden, da die
litauischen Chassidim viel nchterner sind und dem praktischen Leben
mehr Verstndnis entgegenbringen als die polnischen. Sie sind besonnene
Kaufleute, gute Familienvter und treue Ehemnner. Ihre ganze
weltentrckte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen
heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu
ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewiheit der
Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stck Papier zu
legen, das alle Wnsche fr das kommende Jahr enthlt, und man kann
getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische
Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es
hiee, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die
tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bruche zu erkennen suchen. So
entsinne ich mich, da vor dem furchtbaren Tage der Vershnung, an dem
der Allmchtige ber Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen
ebenso wie in den misnagdischen Husern groe Wachslichte angefertigt
werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht frher in das
Wachs gelegt, als bis aus den Fden die Namen eines jeden lebenden
Familienangehrigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen
den Lebenden und den Toten ist ja nur ein uerer Unterschied.

Reicher an Bruchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der
polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch -- in diesen aufgeregten
Tagen -- der Chassidismus gerade in Polen die grte Zahl seiner
Anhnger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten
Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der
polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde
schwebte und in seiner Verklrtheit dem praktischen Alltag entrckt
schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schnheit
aus. So heilig war das Gebet, da es erst aus der Seele emporsteigen
konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht
beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmhten
darum die zeitlichen Grenzen, die fr das Gebet vorgeschrieben waren,
sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht
aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mute ein Glschen Wein -- des
Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden -- nachhelfen.
Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt
erfllt mit guten und bsen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an.
So erschien ihnen die Frau als ein Dmon, der die Menschen verfhrt und
in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als
zwischen zwei Frauen hindurchgehen.

Das Verhltnis der brigen Judenheit -- der Misnagdim -- zu den
Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und
Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten,
weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptschlich die Talmudverehrung.
Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud
und schpfen ihre Weisheit und Begeisterung aus -=ihren=- heiligen
Bchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg fr dieses feindliche
Verhltnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim
ber die Chassidim:

    :|: Wer geht in Schl arayn?:|:
    Unsere heilige Idelach.
    :|: Wer geht in Schenk arayn?:|:
    Unsere Kotzker Chassidimlach.
    :|: La, la, la, la, la, la:|:
    :|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:

Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter
des Misnagid, sah und hrte hier viel Neues und mute mich allmhlich an
manches Fremde gewhnen.

Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause
verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der
bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jdischen
Familien gab, so bildete sich allmhlich der Verkehr mit Nichtjuden aus,
der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge
Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten
meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche knftige Berhmtheit
Rulands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der sptere
Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew,
Mescenzow und noch andere, die spter als Schriftsteller oder auf
militrischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen
sich unvermerkt auch christliche Sitten ins Schwiegerelternhaus ein.
Es entstand ein Gemisch von echt jdischer Religiositt und
nichtjdischen Gebruchen.

Allmhlich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewhnen und schlo
mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines
Mannes an. Sie bemhten sich alle, mir ber den Schmerz der Trennung
von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen.
Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft
bernahm ich. So war das Teeeingieen des Morgens und Abends, das je
zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfllung
dieser Pflicht im Hochsommer whrend der groen Hitze. Nach vollendeter
Arbeit war ich triefend na. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein
Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mrrischer Mann, mit
mir die liebevollsten Gesprche fhrte und sich stets nach meiner
Gesundheit erkundigte.

Zwei Menschen im Hause waren am meisten ttig: der Schwiegervater und
die Gromutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau
eine groe Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand
vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu
den schmackhaftesten Leckerbissen wute sie alles herzurichten. Sie war
ein besonderer Knstler im Einkochen der mannigfachsten Frchte, denen
sie dabei ihr natrliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt
waren ihre Knischi, Pastetchen, die sie mit Gnseschmalz, Grieben,
Gnseleber, auch mit in Gnseschmalz gedmpftem Sauerkohl zu fllen
pflegte. Ihr Meisterstck aber auf dem Gebiete stellten ihre
Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weien Honig und go ihn nebst
etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rhrte alles mit einem
Holzlffel gut durcheinander und lie die Masse ein wenig abkhlen. Dann
nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute groe Haselnsse
hineingeknetet wurden, zwischen beide Hnde und rieb, zog, drckte ihn
so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflchen
ablste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer
Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.

Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag
kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Untersttzung zu holen. Sie war der
Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den
Armen stets zur Seite. Tglich fast sah man die alte Frau von einer
Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurckkehren. Der eine wollte von
ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner
Tochter. Ein dritter klagte ihr ber Schmerzen in der Brust. Eine Frau
bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in
Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit
guten, verstndigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not grer
war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der
Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins
Kontor, um sich hier ber verschiedene geschftliche Angelegenheiten zu
informieren. Hastig kehrte sie zurck, warf ihren Mantel um und eilte zu
der Wchnerin.

Sie leistete rztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie
verfgte ber eine groe Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen
mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem
Husten lie sie whrend eines ganzen Monats das folgende Getrnk nehmen:
Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers muten zusammen
gut aufgekocht werden. Dieses auerordentlich nahrhafte Getrnk
krftigte die Leute sehr bald und der Husten lie nach. Zur Nachkur
mute der Kranke se Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange
geschttelt wurde, bis sich an der Oberflche kleine Krmel Butter
zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgefhrt, so war sie meistens
erfolgreich. -- Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz lie
sie vier bis sechs Wochen lang einen groen Kelch einer Abkochung von
Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und
Schwindelanfllen war ihr souvernes Mittel der Aderla, wobei ein
Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fubeschwerden lie sie Bder von
durchgekochten grnen Pappelblttern machen. Sehr hufig empfahl sie
auch Bder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei
bevorzugte sie jene zerriebenen Heubrckel, wie sie sich in der Scheuer
bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bder galten ihr brigens
auch als ein treffliches Mittel fr kranke und schwchliche Kinder. Als
allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte
sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der
kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit
einer Scheere ffnete und mit Buchnersalbe -- eine Art auf Leinwand
gestrichener Zugsalbe -- lngere Zeit offen hielt. Bei skrofulsen
Kindern empfahl sie, Bder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu
machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijhrigen Kindern bei
Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und
Mandelentzndungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in
heies Wasser und massierte die Drsen vom Munde her. Die Kinder machten
dabei natrlich einen groen Lrm; und ich sehe noch die Alte, wie sie
durch Schnalzen und Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen
suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem
heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei
meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes
gebar ich ein Mdchen, das in seinem ersten Jahre -- es wurde noch an
der Brust ernhrt -- pltzlich zu krnkeln anfing. Es wurde immer
blasser, immer schwcher und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre
Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer
mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie
werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel,
und es sei nicht unmglich, da das Kind unter Umstnden dabei zugrunde
gehen knnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen
wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse
wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man
den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine
Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe.
So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit
einem groen Kchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei
auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der
einen Hand hielt sie das Kpfchen fest, mit der andern bedeckte sie
immer wieder das Krperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden
Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten rteten sich die Wangen des
blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen ffneten sich
und mit schwacher Stimme rief es mich: -- Mamm', Mamm'. Nun nahm die
Alte das Kind aus den Ochsenmagen, badete es und legte es in die Wiege.
Nach einem halbstndigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit
jener Stunde, von der an es sich immer krftiger und krftiger
entwickelte, a es mit bestem Appetit und ich kann versichern, da
dieser Appetit auch heute noch meine Tochter -- sie ist nun schon 55
Jahre alt -- nicht wieder verlassen hat.

Man kann von der Gromutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, da sie
eine groe Praxis besa. Natrlich hatte sie auch in der Nacht keine
Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein
Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden
durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreienden Frau unentbehrlich
war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen Beileniu zu
rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie
fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhltnissen angepat.
Sie trug groe, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine
schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige
Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu
denen sie hinkam, so gro, da sogar Windeln fr das Neugeborene
fehlten; da berlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie ri
ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte
selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die
Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die
Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurck
und erzhlte hufig und gern von ihren Erlebnissen.

Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die
Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weien Hemd
beschenkt. Meine Groschwiegermutter besa viele solcher Hemden, deren
Annahme sie aus Zartgefhl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode
aufbewahrt. Verlobte sich im Stdtchen ein armes Mdchen, oder war die
Not irgendwo so gro, da sogar Wsche fehlte, dann wurde die Kommode
geffnet und der Vorrat hervorgeholt.

Wenn ich jetzt die russisch-jdischen Mdchen betrachte, die zahlreich
und wissensdurstig die Universittsauditorien und Kliniken fllen und
der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg
ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die
sich in ihrem kleinen beschrnkten Kreise ein Bettigungsfeld schuf und
das soziale Empfinden in diesen edlen Formen bettigte. So sehe ich den
Entwicklungsgang der jdischen Frauen als eine lange ununterbrochene
Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas
Zuflliges, Pltzliches und Neues im jdischen Leben an.

Es knnte dem Leser etwas vag vorkommen, da ich an ein einziges
Beispiel anknpfend zu solch allgemeinen Schlssen gelange. Aber die
Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausfhrlich geschildert habe,
war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden
viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzhlen.
-- Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nchtlichen Ausflgen ging
sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze
Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschfte.

Gewhnlich stand sie um fnf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele
Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens
besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Kchin und
ging dann in die Synagoge.

Ihre persnlichen Bedrfnisse waren sehr gering. Sie a wenig und
einfach. Fr die Gste aber mute stets ein reichbesetzter Tisch
hergerichtet werden, was in jenen Zeiten in -=jedem=- reichen, vornehmen
jdischen Hause blich war.

Die Bevlkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle
Bekannten und Freunde brachten ihr die grte Achtung entgegen. Ihr
Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei
ihrem Manne und uns Kindern.

Trotzdem sie aber die Macht besa, lie sie dies niemals jemanden
fhlen. Nichts von Egoismus und Selbstberschtzung war in dieser Frau,
keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religise
Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den
Willen Gottes -- das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. -- Da diese
Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue
hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen
gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in
ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der
russischen Sprache anhielt.

Ihr Gatte, ein hageres Mnnchen mit blitzenden, gutmtigen Augen, war
ihr ganz ergeben und fgte sich, weil er wute, da sie ihm in jeder
Hinsicht berlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschfte
ttig. Das entscheidende Wort fhrte jedoch seine Frau. Wohl konnte er
gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand frchtete
ihn, weil man sein weiches Gemt kannte. Er war tief ergriffen von allem
menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten
abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rhren. Im
gewhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim
Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch.
Seine ganze Gestalt vernderte sich in dem Augenblick, da er die ersten
Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, da
man staunen mute, wo dieser winzige Krper sie hernahm. Der Ton seines
Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine
weltentrckte Verzckung. Der kleine gebckte Mann wurde gro, so gro
und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.

Mir persnlich war er sehr gewogen und spter, als mein Erstgeborener
einige Monate zhlte, kam der Urgrovater jeden Morgen vor Tagesanbruch
zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine
erkannte ihn stets und streckte ihm die Hndchen entgegen. Er nahm ihn
aus der Wiege, hob ihn hoch ber den Kopf und sang dabei: Haisurki,
haisurki...

Das Kind lachte laut, zappelte vergngt in der Luft und fuhr mit den
Hndchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.

Diese Szene wiederholte sich regelmig jeden Morgen. Halbschlummernd
hrte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde
mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.

Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis war und mir erzhlt
wurde, knpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann
infolge einer Denunziation ins Gefngnis gebracht. Die tief erschtterte
Frau schreckte vor keiner Gefahr zurck, um ihrem Mann Trost und Mut zu
bringen. Sie besuchte ihn hufig im Gefngnis, als Soldat verkleidet --
eine Tat, die, wre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht
htte.

Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen
jdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen
Revolution teilnahmen und unerschrocken fr die gute Sache kmpfen. Aber
zu jener Zeit war Ruland noch in tiefen Schlaf versunken, und fr eine
jdische Frau gab es damals noch keine andere Mglichkeit, ihren
heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen
Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre
Mission erfllt.

Munter trug meine Groschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe
Alter gesund und rstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie
noch schn -- eine Gestalt von mittlerer Strke, ein ovales Gesicht,
kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund
mit blendend weien Zhnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog;
ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche
entfernen lassen mute.

Ihr ganzes Trachten und ihre Mhe galten ihrem Sohne, meinem
Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen,
ihrer Sorgen und Wnsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr
brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehrte dem
Sohne, dem lichten Stern ihres mhevollen Lebens.

Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit nher kennen zu
lernen, weil er sehr oft auf Geschftsreisen ging; und wenn er nach
Hause zurckkehrte, nahmen ihn auch die Geschfte ganz in Anspruch. Er
war ein kluger Mann mit groen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen
jedermann und seiner Frau gegenber der liebenswrdigste Kavalier und
geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich
herrschschtige Gattin war von ihrer Allwissenheit berzeugt. Die
allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose
Vergtterung ihres Mannes untersttzten sie noch mehr in ihrem
Selbstbewutsein. Sie besa Kenntnisse des Hebrischen, was ihren Stolz
noch vergrerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in
Konotop, sondern in ganz Klein-Ruland damals zur Seltenheit gehrte.

Sie stand sehr spt auf. Wenn sie im Ezimmer erschien, suchten entweder
meine ltere Schwgerin oder ich ihr das Frhstck mit aller
Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre
Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmdchen und
Bediente erhielten ihr Teil sogleich whrend des Frhstcks. Nach dem
Frhstck nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Frstin
gleich ihr ganzes Hab und Gut bersah und beherrschte. Und alle im
Hause, mnnliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer
Stimme.

Auer einem Schwager und seiner Frau, der Schwgerin Kunze, einer
ungewhnlich guten und schnen Frau, waren die brigen Mitglieder des
Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.

Das war die Umgebung, in der ich mein neues Leben lebte. Es war ein
vornehmes jdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das,
was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuben und zu
entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und
Verehrung der Eltern -- Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden
hoffen und die hier mit groem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung
und Verehrung empfand ich fr meine Schwiegereltern deshalb, weil sie
Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie
standesgem erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschfte grndeten.

Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschnte nicht
jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir
im Schwiegerelternhause gar nchtern vor. Es strte meine Andacht, da
am Tisch von Geschften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt
sich mit seinem Vater ber neu gekaufte Pferde, ihre guten und
schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute -- mein
Mann machte es nicht anders -- schliefen oft aus Langeweile bei Tisch
ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet
weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand.
Man erfllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war;
man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue
Weise. Kam ein Geschftsbrief am Sabbath an, so ffnete ihn der
Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.

Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich
heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwrdigen Rabbi!
Nichts verriet in ihm den Geschftsmann, und weder Freitag abends, noch
den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort ber geschftliche
Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden
beiseite gelegt und erst am Abend geffnet. Im Wengeroffschen Hause war
man nchterner. Die stille, verklrte, fromme Begeisterung, die an
Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst
erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein
Elternheim: ebenfalls groe Rume, kostbares Mobiliar, schnes
Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, hufige Gste...

Ich las in Konotop sehr viel, hauptschlich russisch. Die deutschen
Bcher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest
mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, -- und jetzt kamen die
russischen Bcher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die
Reihe. Ich las die Journale Moskauer Nachrichten, die Nordbiene usw.
und unterrichtete meinen Mann, der uerst lerneifrig war, in der
deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden
Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, ber
groen Folianten gebckt. Beim Tagesanbruch verlieen sie erst das
Studierzimmer.

Hufig sa er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen
Schemel, von oben bis unten in einen groen Lappen, Plachte, gehllt,
das Haupt mit Asche beschttet und tat Goles abrichten d. h. das Joch
des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden
Juden einer bt.

Seit unserer Verlobung erfllte meinen Mann mehr und mehr eine
mystisch-religise Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen
Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmhlich in dem
schwrmerischen Jngling den heien Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des
Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort msse er vom
Rebben eine erschpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rtsel
erhalten. Dort wollte er seine Jugendsnden bekennen und um Abla
bitten.

Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, -- was
sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern gefhrt hatte. Nun verfiel er nach
so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen
Stimmungen.

Eines Morgens -- es war Purim -- whrend ich in der Wirtschaft ttig
war, kam mein Mann zu mir in die Kche und erzhlte mir freudestrahlend,
aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem lteren Bruder in
Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter
verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses.
Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur
Antwort ein kurzes, aber vielsagendes Ja.

Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei
krftigen Pferden zur Abreise bereit.




Die Wandlung.


Ich wei nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein
Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich wei nur, da ein Jngling voll
Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verlie und zu dem Rebben
wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht
besitzt, den Schleier von den groen Geheimnissen zu heben... und da er
ernchtert zurckkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem
anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglnzt am Rande einer
reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unhnlich dem Bilde
seiner Trume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich
ber sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die
Inbrunst, die er im letzten Jahre den religisen Gebruchen und
Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all
dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, da es mit dem Menschen
verwachsen und in sein Blut bergegangen zu sein schien. Nicht
pltzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein -- nur allmhlich und
leise, so leise, da man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete
immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort.
Ja, sogar das nchtliche Sitzen und Arbeiten ber den Folianten hrte
nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen
versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts tuschen... Das
war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht
mehr das inbrnstige, heie Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in
welcher sich der Mensch Gott nahe fhlt und mit ihm redet ... Nein, es
war eine tote Erfllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann
war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von
Enthusiasmus und religiser Begeisterung zur vollkommenen Ernchterung
war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten
Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligises Gemt
erfate sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich
ahnte schon damals all die Kmpfe, die mir in den nchsten Jahren
bevorstehen sollten.

Die Erfllung der religisen Pflichten ohne die religise berzeugung
wurde meinem Manne auf die Dauer lstig. Er fing allmhlich an, sie zu
vernachlssigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung
zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als
mein Mann sich den Bart schneiden lie. Die Eltern waren darber
ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwrfe, auch
wegen der Vernachlssigung anderer religiser Gebruche, die sie bisher
stillschweigend geduldet hatten.

Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich
beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter
wachsen zu lassen. Er fhlte sich verletzt, wollte nichts davon hren,
erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die
Unterwerfung unter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich fr mein
zartfhlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglcks trbte sich...

In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und
Schwiegereltern ging in Erfllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war
der erste Enkel und Urenkel mnnlichen Geschlechts. Die Freude war gro.

Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir
darber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der
kreienden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, da
niemand im Hause auer der Hebamme und der ltesten Frau von der
bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende
Niederkunft bekannt, so war man sicher, da sie lange dauern wrde und
gefhrlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreiende um den Etisch
herumgefhrt. Dann mute sie dreimal ber die Schwelle ihres Zimmers hin
und her gehen. Alle Schlsser an den Schrnken, Kommoden und Tren,
sogar die Hngeschlsser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle
Knpfe an der Leibwsche der Kreienden wurden aufgeknpft, alle Knoten
wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des
Volkes, mte auch das Kindchen leichter entbunden werden.

Die Wchnerin wurde natrlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage
bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit gerstetem Weibrot. Am zweiten
Tage begann die spezifische Wchnerinnenschwelgerei. Schon frh am
Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam
jene Trianke an die Reihe, jene Haferschleimsuppe, von deren
Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach.
Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein
Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust strken und heilen. --
Nach weiteren zwei Stunden mute ich eine fette Hhnersuppe mit etwas
Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine Trianke. Die war aber
wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige
Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen
Auszug von Gewrzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnu, Kaneel, Nelken,
Zimt, Feigen, Johannesbrot bergossen. Ein Glas von diesem Nektar -- und
man schlief kstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der
mit Tee krftig bekmpft wurde. Natrlich fehlten Butterzwiebacke nicht.
Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum
Vorabend wieder Hhnersuppe mit Huhn. -- Diese Schwelgerei dauerte acht
Tage. In besonderen Fllen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es
war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein
ziemlich groer Topf mit Hhnerknochen gefllt war, d. h. solange die
Wchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hhnern verzehrt hatte, war
sie immer noch als Wchnerin zu betrachten.

Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines
Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem Behelfer (Hilfslehrer)
zu mir ins Zimmer, um die erste Parsche (Teil) des Krias Schema
(Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen
Juden zur Behtung des Neugeborenen vor den bsen Mchten. Die Kinder
erhielten jedesmal nach dem Gebet Rosinen, Nsse, pfel und Kuchen und
der Behelfer nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.

Zu dem gleichen Zweck der Behtung des Neugeborenen wurde bei den Juden
kabbalistische Gebete, Schemaus genannt, ber dem Kopfe der Wchnerin
an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tr und ein drittes
zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem
Bri߫ (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behtet -- man nannte
sie die Wachnacht. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der
Mohel das Messer in einer Scheide und hufig ein kabbalistisches Werk
zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des
Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte
gewhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er wei schon, was kommen wird.
Lchelte er aber im Schlaf, so hie es, da der Malach (gute Engel)
mit ihm spiele.

Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl,
wie es bei den vornehmen Juden vor einem Bri und einer Hochzeit Sitte
war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener Schames in die
Armengegend und lud die Armen formell ein -- sogar die Straenbettler
wurden mit zur Wachnacht gebeten. In einem groen Raume des Hauses,
das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische
auf, an denen die Gste Platz nahmen. Zuerst wurden die Mnner und dann
gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der
Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine Bulke
(Weibrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stck Lekach
(Lebkuchen); sodann folgten Fische oder Heringe, Braten und Grtze.
Groe Krge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der
Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gste. Vor einer
Hochzeit kamen auch die Braut und der Brutigam zu der Armen und nahmen
die bliche Gratulation -- Maseltoff -- entgegen. Die Armen benahmen
sich gewhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen
Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hnde. Dann wurde
das Gebet gesprochen. Am Schlu wurde mit M'sumon gebenscht -- es
waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als
zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Mnner unter Segen- und
Dankessprchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen
erhielt noch jeder Arme ein Almosen.

Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gste von auswrts: den Vater
meiner Groschwiegermutter -=Reb Abraham Selig Selensky=- und seine Frau
aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiser, sehr alter Mann,
der alte -=Selensky=-, der sich in Poltawa einer sehr groen Popularitt
erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschftseifer
nicht hinderte, den Talmud stets fleiig zu studieren und die religisen
Pflichten streng auszuben. Seine vier Shne erhielten bereits
europische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und
es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen.
Der lteste unter ihnen war ungewhnlich sprachkundig, der zweite
Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jngste ein berhmter
Talmudist. Dieser Talmudist war dermaen fromm, da er sich nicht dazu
entschlieen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen. Er trug
ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu
werden.

Doch ich wollte ja vom Bri sprechen. Schon frh am Morgen traf die
Hebamme ihre Vorbereitungen fr das Bad. Denn das Baden vor der
Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird
sehr frhzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das
Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst wrde in der damaligen
Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren
immer eine groe Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein
verdienstliches Werk, ber das Kind zwei Hnde voll Wasser zu schtten.
Bei dieser Prozedur lieen die Frauen eine Silbermnze in das Wasser
gleiten. Sie war fr die Hebamme bestimmt.

In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon frh um
10 Uhr zwei groe Kerzen in hohen Leuchtern angezndet. Auf einem
besondern Tisch sind die Utensilien des Bri hergerichtet. Eine Flasche
Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben
Eierschale fassen mu, ein Teller voll Sand, eine Bchse mit Puder, das
aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten
Gste an. Der Mohel ordnet an, da das Kind jetzt gewickelt werden soll.
In den reichen Husern wurde fr diese Windeln die feinste Leinwand
verwendet. Das Kind erhlt ein Mtzchen auf den Kopf, wird in ein
seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner
Seide zugedeckt. Fr das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz
bestimmte Methode blich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. Die
Hndchen des Kindes wurden gerade an die Krperseiten angelegt und mit
je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte
Hemdchen wurde ber dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum
hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine groe Windel gepackt, um die
ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde,
da das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Fchen blieben frei, damit
dem Kinde nicht zu hei wrde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr
der Blutung gbe.

Wehmtig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer fr sein Volk
darbringen sollte. Ich prete es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm
mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ltesten und wrdigsten
Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren
Armen und reichte es dann der nchststehenden Frau, die es auch mehrmals
hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind
von Arm zu Arm, bis es schlielich der Gevatterin berreicht wird. Sie
tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor
sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird,
rufen die Herren ihm ein Boruch Habo Gesegnet sei der Kommende zu. Der
Gevatter (Quatter) bernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik
(Syndikus), der, in einen groen Tallis gehllt, auf einem Lehnstuhl
Platz genommen hat. Seine Fe stehen auf einem Holzschemel. Dann
spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den
Schutzengel der Beschneidung, den wunderttigen Schirmer der Juden in
Not und Fhrde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche
Beschneidung. Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und whrend der Mohel
den Segen ber den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hrt man
noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt,
wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die
Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, da bei den einzelnen Akten nach der
Beschneidung beim Segen ber den Wein, beim Namengeben und beim
Schlugebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu drfen,
ausgezeichnet wird. -- Die Zeremonie endet damit, da der Gevatter das
Kind wieder der Gevatterin berreicht. Glckstrahlend nimmt dann die
Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der
Mutter Brust wieder seine genureiche Ruhe finden. Er ist nun in den
Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die
Gste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese
Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.

Ist die Beschneidung glcklich vorber, -- und ich erinnere mich
eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles -- dann ist die Macht der
bsen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde
geheilt. Diese glckliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl
gefeiert. Und bald konnte nun die mtterliche Sorgfalt sich ganz der
krperlichen Pflege ihres Kindes widmen.

Es war ganz selbstverstndlich, da damals jede Mutter ihr Kind selbst
stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal
einige Tropfen zur Seite abgedrckt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen
die ersten Tropfen vergiftet haben knnten. Die Entartung der
Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutter
zu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund.
Sie tat Weibrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stckchen Zucker,
nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Lppchen und band es
mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende
Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von
der zumeist alten und erfahrenen Wrterin auf ein groes Kissen gelegt.
Dann wurde der Leib mit Provencerl tchtig eingerieben, das linke
Fchen mit dem rechten Hndchen ber dem Buchlein des Kindes so
zusammengedrckt, da Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das
gleiche Manver wurde mit dem linken Hndchen und dem rechten Fchen
vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den
Krper gelegt. So wurde das Kind in die Hhe gehoben und fr einen
Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind
auf den Bauch gelegt, Rcken und Fchen zart gestrichen. Mochte das
Kind auch aus Leibeskrften geschrien haben, es wurde still.

Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes
Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und
Fuende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die
Wrterin das Kind in die Kche, schaukelte es zunchst auf den Hnden,
und hob es dann fr ein paar Minuten ber den Herd in den Schornstein,
wobei sie unverstndliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde
ruhig, vorausgesetzt, da die Wrterin nicht vorher vergessen hatte,
Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in
ihre Hand zu schtten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen.
Manchmal gengte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu
beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bsen Blick, der
besonders dann zu frchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind
betrachteten. Ein anderes unfehlbares Mittel war, da die Mutter sich
auf ein Knie niederlassen mute, whrend das Kind dreimal zwischen den
Beinen hin und her geschoben wurde.

Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn
einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwrts, blieb es mager und
schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose:
Rippkchen. Die Rippen des Kindes fingen zu drren an. Ich glaube, das
mu wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit
bezeichnet. Diese Kinder weinten natrlich sehr viel. Und um der Ursache
dieser Unruhe zu begegnen, wuten die wohlweisen Weiber ein krftiges
Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das
man in jenen Zeiten die Wsche zu wickeln pflegte, legten dieses
Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten
dicken Brett, mit dem man ansonstens ber das umwickelte Rollholz fuhr,
neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die
richtigen Beschwrungsworte wute. Die bsen Geister liefen dann davon.

Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach
den noch so feierlich gesprochenen Beschwrungen nicht ruhig wurden. Die
Wrterin berlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige
Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rcken. War diese Diagnose
gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kind wurde gebadet,
abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen
Roggenbrot fest auf dem Rcken des Kindes hin und her gerieben, wobei
ein Teil der Rckenhrchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb
sie nur mit der Handflche den Rcken des Kindes weiter, bis die kleinen
Hrchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die
Kinder ruhig.

Fr ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende
Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen
Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in
einen groen, verschliebaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel
geffnet. So machte man es tglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch
pflegte man das Kind alle Woche zu wgen. Wenn das Kind gesunden sollte,
so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel
des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde
entgegen, da es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte:
Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond,
Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.

Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwhnt. Gab die
Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die
Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst
aufhrte und mde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber
doch festlicher Tag. Die grobe Abhngigkeit des Kindes wurde da gelst.
Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein
Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte
und ging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in
die Diele, das bedeutete: die Pente zerschneiden. Die Fesseln waren
von den Fchen des Kindes genommen.

       *       *       *       *       *

Gleichzeitig mit dem Bri meines Sohnes fand noch eine groe religise
Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Ccilie lie seit
einem Jahre eine Sefer Thora schreiben, wofr sie mehrere hundert
Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher
sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner
Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Stdtchen groen
Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der
Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiser Jude, der mit Beten und
Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt
war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.

Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man
holte die Chuppe (Baldachin), stellte sie in einem groen Saal auf.
Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hnde zu
nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach
der Synagoge -- der Rabbiner voran, und ihm folgten die Wrdigsten und
ltesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mdchen mit brennenden Kerzen
in silbernen Leuchtern. Selbst die Mdchen in diesem Zuge durften nicht
mit entbltem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung
setzte, ertnte die frhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch
erschallte durch die Straen. Unter seinen Klngen hpfte der ganze Zug
im Tanz. Lebhaft tanzten die Mnner, leidenschaftlich in die Hnde
klatschend. Hinterher hpften die Frauen und Mdchen. Alle zusammen
jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schne Tat der frommen
Frau.

So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend
dauerte, verrichtete die groe Menge gleich dort das Minchagebet.

Die Einweihung der Thora gehrte zu den feierlichsten Handlungen. In
einem jdischen Stdtchen war es ein Ereignis, das man nicht leicht
verga. Ich erlebte es zum erstenmal. Es machte auf mich einen groen
Eindruck. Aus einem Fenster sah ich dem Zuge zu und bedauerte sehr, ihn
nicht mitmachen zu knnen.

Nach diesen Feierlichkeiten verreisten unsere Gste aus Poltawa.
Jedermann nahm seine Pflichten wieder auf. Das Leben im
Schwiegerelternhause ging seine gewohnten Wege. Ich erholte mich
allmhlich. Das Mutterherz schwelgte in neuen Seligkeiten. Ich verga
die Sorgen der letzten Zeit, als ich das Bblein anschaute, das kleine
winzige Wesen, das noch so ruhig schlummerte, nichts hrte, nichts sah
und nichts von der jungen Mutter wute, die stundenlang an seiner Wiege
stand, ihn anblickte, ihm zulchelte und von seinem knftigen Glck und
seiner Gre trumte. -- Monate vergingen, und mein lieber herziger Bub
-- er war blond und hatte blaue Augen, ganz verschieden von dem
Wengeroffschen Typus -- wurde immer grer, er gedieh zu einem
krftigen, gesunden Kinde. Mit jedem Tag wuchs meine Freude an ihm...
Welchen neuen Inhalt erhielt mein Leben! Meine Liebe teilte sich jetzt
zwischen meinem Mann und dem Kinde, und wahrlich, beide kamen nicht zu
kurz dabei! Selbstverstndlich war der Kleine der Liebling des ganzen
Hauses.

Da unser Eheleben noch zrtlicher, unsere gegenseitige Anhnglichkeit
und treue Liebe durch dieses Kind noch intensiver wurde, brauche ich das
noch zu sagen?

Es verging die Zeit, und unser Sohn wurde zwei Jahre alt. Seine geistige
Entwicklung eilte der krperlichen weit voraus. Er war ber sein Alter
aufgeweckt und klug. Ich war mit meinem Manne stolz auf unseren
Erstgeborenen. Wir schmiedeten groe Plne fr seine Zukunft.

Aber es gefiel Gott anders, und er nahm ihn zu sich, diesen unseren
Liebling... Vom ununterbrochenen Wachen an seinem Krankenbette mde,
verlie ich das Lager meines kranken Kindes. Im Nebenzimmer legte ich
mich kraftlos auf das Sofa und versank in einen schweren Schlaf. Mir
trumte, ich wre im Ezimmer; durch die geschlossenen Lden dringe
etwas Licht hinein; im Zimmer herrschte Halbdunkel. Trotz der
geschlossenen Lden konnte ich doch alles, was drauen vorging,
wahrnehmen. Ein groer schwarzer Hund heulte furchtbar, den Kopf ganz in
den Nacken werfend, und hinter ihm stand eine Anzahl Musikanten; sie
spielten auf Geigen, die mit schwarzem Tuch berzogen waren und die sie
verkehrt in den Hnden hielten. Erstaunt fragte ich sie, warum sie auf
diese Weise spielten, und erhielt die dstere Antwort: Heute mssen wir
so spielen... Ich erwachte in Angst und Schrecken und strzte in das
Krankenzimmer. Doch man lie mich nicht mehr zu meinem Kinde. --
Es war nicht mehr das meine! -- Weit, weit von mir, in die
Himmelshhen ging es und nahm mein junges, verzweifeltes Mutterherz auf
immer mit sich.

Es war der erste schwere Schicksalsschlag, der mich traf, und erst die
beiden Kinderchen, die mir Gott in den nchsten Jahren schenkte,
trsteten mich ein wenig und linderten meinen Schmerz.

Inzwischen hatte sich der Konflikt zwischen meinem Gatten und seinen
Eltern noch zugespitzt. Mein Mann fand keine Freude mehr daran, mit dem
Rebben gemeinsam den Talmud zu studieren. Er holte die groen Folianten
(Gemores) zu sich in unsere Wohnung und lernte selbstndig. Er sah es
gern, wenn ich mit einem Buch oder einer Handarbeit neben ihm sa, und
wenn er mde wurde, lasen wir dann zusammen in einem deutschen Werke.
Dieses Talmudstudium verlor aber ganz den frheren religisen Charakter
und wurde bei meinem Manne mehr zum Philosophieren, zu einer kritischen
Betrachtung und Prfung und spielte nicht mehr die Hauptrolle in seinem
Leben. Er widmete sich jetzt mehr dem Erwerbsleben und unternahm sogar
mit meiner Mitgift selbstndige Geschfte, wobei er aber das ganze Geld
verlor. In den kaufmnnischen Angelegenheiten hatte ich bei ihm keine
Stimme; meine Ratschlge nannte er Einmischung und wollte von ihnen
nichts hren. Er war der Meinung, da eine Frau, besonders aber die
seinige, keine Begabung in dieser Richtung besitze und empfand meine
Einmischung als eine Erniedrigung fr sich. Diese Meinung war damals bei
den meisten Juden Kleinrulands verbreitet, besonders aber bei den
Konzessionren, die in ihrem Dnkel sich als Selbstherrscher fhlten und
keine Ratgeber dulden wollten.

Wohl keinem meiner Geschwister ist das Lied von der Wanderung so oft und
so vernehmlich an der Wiege gesungen worden wie mir. Die vier Jahre,
welche wir im Schwiegerelternhause verleben sollten, waren um; und nun
hie es, ein selbstndiges Leben beginnen. Die Schwiegereltern besorgten
fr uns ein Geschft, ebenfalls eine Konzession auf Branntwein, und wir
muten nach einer anderen Stadt bersiedeln.

Eines Morgens stand eine groe, bequeme Equipage vor dem Hause zur Reise
fertig und noch ein Wagen mit Lebensmitteln daneben. Die Abschiedsstunde
war gekommen. Begleitet von Segenssprchen, bestiegen wir, mein Mann,
ich, zwei Kinder und zwei Bediente, unseren Wagen, und fort ging es in
die Welt, den neuen Schicksalen entgegen.

So verlieen wir nach vierjhrigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir
das patriarchalische jdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir
verlieen es fr immer.


Weitere Schicksale.

Luben hie der Ort, in dem wir unsere selbstndige Existenz begrnden
wollten. Die jdische Bevlkerung in diesem zu Kleinruland gehrenden
Stdtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop;
zumal in der ueren Lebensweise, den Gebruchen und Sitten nherte sie
sich mehr der europischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem
berlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle.
Man fhrte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebruchen
der groen Mehrheit der christlichen Bevlkerung. Es gab dort keine
Talmudisten, keine groen jdischen Gelehrten, nicht einmal eine groe
Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiositt, die die Aufklrung mit
sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und
ein Aufgehen in fremder Art.

Es existierte in Luben eine kleine jdische Gemeinde, deren Mitglieder
ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige
Aristokratie betrachteten.

In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die
Schwiegereltern unseren Bedrfnissen und Ansprchen entsprechend
eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner
ziemlich groen Wirtschaft zurecht und fhrte sie mit Sachkenntnis. Mein
Mann bernahm das Geschft, fr das er, wie sich erwiesen hat,
Fhigkeiten besa.

Nun war die Rcksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann
durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tgliche Beten
in Tallis und Tefillin hrte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud
dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der
Stadt, welcher hufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte
dieses Interesse, wie ich schon frher bemerkte, einen rein
wissenschaftlichen Charakter angenommen.

Die berhmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem
Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von
Verwandten, Freunden und Bekannten hrten gar nicht auf. Dreimal tglich
war der Tisch reichlich fr acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast
nie eine Mahlzeit ohne Gste. Unsere Wirtschaft vergrerte sich von Tag
zu Tag. Sie wurde freilich viel zu gro fr unsere Verhltnisse. Die
Schwiegereltern machten uns schwere Vorwrfe wegen dieser
Verschwendung.

Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen. Mit diesen Worten trat mein
Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein
Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war:
Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig
und wir haben nichts bei uns. Mein Mitleid und mein Schreck waren
grenzenlos, und ich berhufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, da
der Bote in der Kche wartete, warf hastig etwas ber und lief zu ihm
hinaus. Von dem berbringer des Briefes, einem jungen Buerlein, erfuhr
ich, da der jdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war,
Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen
der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter
fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese
Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nchsten Tages unterwegs zu
bleiben gezwungen waren. Heute Abend, fgte das Buerlein hinzu, kann
sie schon hier sein.

Ich berlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine
Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes
gekochtes Huhn, Butter, Kse, etwas Likr und Mandeltorte, die meine
Schwester, wie sie mir nachher erzhlte, sofort an unsere Kindertage, an
die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher fr seine
Mhe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.

Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das
Ntige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervse, freudige Ungeduld gar
nicht verlassen wollte. Am liebsten htte ich den Wagen anspannen
lassen, um meiner Schwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es
war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden
in Ruland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte,
durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der
Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern
lassen...

Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen fr die
lieben Gste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere
Begrung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen
wir spt zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das fr sie bequem
eingerichtete Zimmer, kte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit
uns morgen zu frhstcken. Als wir am nchsten Morgen zum Tee
erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine
Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache,
konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verlie uns. Wir beide blieben
noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen.
Wir vergaen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der
Vergangenheit. -- Dann kehrte mein Mann vom Geschft zurck. Wir
speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis
spt in die Nacht hinein. -- Das Fragen und Erzhlen hatte kein
Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjhrigen
Trennung!

Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins
auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und
meinem Manne gemeinsam das Frhstck einzunehmen. Da umarmte sie mich
und bat befangen, in ihrem Zimmer allein frhstcken zu drfen, und als
ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen:
Ich habe auer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock)
gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne. Obwohl ich diese fr
die damaligen Jdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand,
bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er
erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am
Frhstckstisch vollstndig angekleidet. So rcksichtsvoll blieb er die
ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwgerin vom ersten Tage ihrer Ankunft
an stets die grte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in
der Ordnung, da ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einrumte, auch
wenn die vornehmsten Gste zugegen waren. Ihr fnfjhriges Tchterchen
wurde von uns allen zrtlich geliebt und gepflegt.

Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von
unserer lteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, da sie uns in
den nchsten Tagen besuchen wrde. Wieder umfing mich eine ungeduldige,
freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer
noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe
wuchs. Eine Mglichkeit der schnellen Verstndigung in die Ferne wie
heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes brig, als geduldig
zu warten, bis sie uns eines Tages berraschte. Strmisch war die Freude
des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete
allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhltnis
zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemtlicher und
unbefangener als seine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und
scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an
Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amsieren.

Zu den Belustigungen, die Luben whrend des Aufenthalts meiner Schwester
Marie bei uns bot, gehrte auch das Theater, das regelmig einmal im
Jahre zur Zeit des groen Jahrmarkts in unser Stdtchen kam. Dieses
Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in
einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebude diente hier, wie auch
sonst in Provinzstdten, eine Scheune. Die Wnde schmckte man mit
bunten Bettchern. Aus Brettern wurde eine Erhhung, die Bhne,
hergestellt. Bnke, Sthle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja
selbst einzelne Kleidungsstcke lieferten die wohlhabenden Bewohner von
Luben. Dafr hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine
Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es gengte, wenn man vor
der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres
hineingelassen zu werden. Ein Leuchter; drei Kattundecken; zwlf
Sthle; ein Rock, hrte man die Gste rufen. Gleich zog sich der
geliehene Kattunvorhang zurck, und der Gast konnte seinen Platz
einnehmen.

Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewhnlich um neun Uhr abends
beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die
Wrdentrger des Ortes gewartet wurde.

Whrend der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschlielich aus
jdischen Musikanten -- Klesmorim -- bestehend. Da diese mit dem
Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, da die Gste
von ihren Sitzen aus den Musikanten ihre Wnsche zuriefen: Jankel,
spiel a Polke! Dann wieder a Walzer usw. Jankel erfllte
selbstverstndlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den
des seinigen, so da die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft
kam es vor, da es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater
verlieen.

Das Theater war ein Ereignis im Stdtchen. Man begrte es immer mit
groer Freude und besuchte es jeden Abend. Von den Juden ging nur die
Jugend ins Theater. Die Alten und Frommen besuchten es nie, lieen aber
die Jugend gewhren und schwiegen weise dazu.

Da wir zu den Wohlhabendsten des Stdtchens gerechnet wurden und sehr
viele Gegenstnde geliehen hatten, so berlie man uns mehrere Pltze.
Wir gingen fast jeden Abend dorthin in groer, lustiger Gesellschaft und
amsierten uns kstlich.

Wir hatten in dieser Zeit viel Besuch; an den drei tglichen Mahlzeiten
nahmen bis fnfzehn Personen teil. Dabei wurde streng auf Koscher
geachtet; Milch- und Fleischgeschirr waren voneinander geschieden sowohl
im Gebrauch, wie auch beim Abwaschen.

Am Freitag abend wurden nach dem jdischen Gebrauch fr jeden Herrn zwei
ganze Brote (Challes) zur Mauze seinem Gedeck beigelegt; und die
Zahl der Herren in jenen lustigen Wochen war nicht gering... da gab es
viel zu tun!

Marie blieb einige Wochen bei uns und verlie uns sehr entzckt ber die
gastfreundliche Aufnahme. Die Solidaritt zwischen den Angehrigen einer
Familie gehrte zu den grten Tugenden, die sogar unter dem Einflusse
der ganzen Sturm- und Drangperiode, die so manche gute Sitte des
jdischen Familienlebens zerstrte, bestehen blieben, wenn auch nicht in
dem hohen Mae wie vorher. Wie alle Ethik bei den Juden, wurzelte sie in
den religisen Gesetzen, in denen es heit: Du sollst dich deinem Blute
nicht entfremden.

Und so blieb Kathy, da sie wegen des Krimkrieges nicht zu Haus bleiben
konnte, vierzehn Monate unser Gast -- lange, lange Monate, in welchen
die arme Frau viel Leid und Kummer durchgemacht hat.

Tage und Wochen vergingen. Ihre Niederkunft stand nahe bevor. Die
Gromutter meines Mannes, von deren rztlichen Kenntnissen und
Fhigkeiten ich ausfhrlich gesprochen habe, erbot sich, zu uns nach
Luben herberzukommen. Im November erhielten wir die Nachricht, da die
opferwillige Frau auf dem Wege zu uns war. Der bse Zufall wollte es,
da nicht Frost und Schnee, wie sonst um diese Zeit in Ruland, sondern
regnerisches Wetter herrschte, und statt einer bequemen, schnellen Fahrt
im Schlitten mute die alte Frau den beschwerlichen Weg in der
Postkibitka machen, einer hchst primitiven Kutsche ohne Federn. Nach
zweitgigen Reisestrapazen langte sie bei uns an, ermdet und erschpft.
Zum Glck war sie in einen Riesenpelz gehllt, der sie vor Erkltung
bewahrte.

Der neue Familiensprling lie nicht lange auf sich warten. Es war ein
Sohn. Nach dem Bri reiste die Groschwiegermutter fort. Kathy erholte
sich allmhlich, wir kehrten zu unserm normalen Leben zurck. Nach wie
vor verging keine Mahlzeit ohne Gste. Der Keller und der Geflgelhof
waren stets voll und boten den Gsten die schmackhaftesten
Leckerbissen. Das Geflgel war in Luben zu jener Zeit sehr billig. Ich
glaube, es ist nicht ohne Interesse die damaligen Preise anzufhren: es
kostete ein Truthahn 15 Kop. = ca. 35 Pf., eine Gans 30 Kop. = 65 Pf.,
ein groes fettes Huhn 30 Kop. = 65 Pf.

Das Jahr 1855. Eine wichtige Epoche fr das russische Reich, die Epoche
des Krimfeldzuges. Die Zeitungen, die dreimal in der Woche nach Luben
kamen, brachten unaufhrlich die schrecklichsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze. Eine Niederlage folgte der anderen. Die russische
Armee, in der der unglaublichste Wirrwarr herrschte, hatte viele
Schwierigkeiten, denen sie nicht gewachsen war, zu berwinden, wie den
Transport des Militrs, der Munition, des Proviantes. In den endlosen
Steppen der Krim fand man im Frhjahr so manche Militrabteilung, die im
Winter zu Fu nach dem Kriegsschauplatze befrdert worden war, vom
Schneesturm verschttet, erstarrt, erfroren. Der russische Adel, die
Gutsbesitzer und die Kaufmannschaft rsteten ganze Regimenter auf eigene
Kosten aus, die Ratniki genannt wurden. Aber es waren nur
undisziplinierte, ungeschlachte Bauern, die man auf dem
Kriegsschauplatze nur als Kanonenfutter verwerten konnte.

Wenn einmal die russische Armee ausnahmsweise einen Sieg davontrug
oder ein General wie Malakoff auf eine geniale Idee verfiel[7], so
war es nur ein momentaner Triumph, der die vollstndige Niederlage
nicht verhindern konnte. Es war nicht nur ein Kampf feindlicher Heere,
sondern der Kampf zweier Systeme; und der Sieg gehrte dem neuen,
besseren, vervollkommneten, das alle Errungenschaften der europischen
Kultur in den Kampf begleiteten.

Die Stimmung im russischen Volke wurde immer dsterer. Nur denen, die
schon lngst im stillen gegen das bisherige Regime murrten, war diese
Niederlage eine traurige Genugtuung. Denn nur durch uere
Erschtterungen, glaubten sie, knnte das gewaltige Reich von seinen
Schden geheilt werden.

       *       *       *       *       *

Im April wurde ich wieder Mutter. Mein Shnchen erhielt den Namen Simon.
Ich erholte mich sehr rasch.

Der Frhling kndigte sich in diesem Jahre mit ungewhnlicher Hitze an.
Und dazu brachten die Zeitungen die Schreckensnachricht, da auf dem
Kriegsschauplatz und in seiner Umgegend die Cholera zu wten anfinge,
und sie mahnten die Bevlkerung zur Vorsicht im Essen und Trinken.

Ich hatte von dieser Krankheit nur eine dunkle Erinnerung von meiner
Kindheit her. Eine furchtbare Angst packte mich, so da keine
Vernunftgrnde imstande waren, mich zu beruhigen. Wie ein Gespenst
verfolgte mich der Gedanke an die Seuche. Er wurde zu einer
Zwangsvorstellung, von der ich mich gar nicht befreien konnte. Meine
Gesundheit litt sehr darunter. Melancholisch, niedergeschlagen ging ich
im Hause umher.

Und nun wollte das trotzige Schicksal, da ich in nahe Berhrung mit der
schrecklichen Krankheit kommen sollte. -- Es war gegen Ende Mai, als
wir von der Tante meines Mannes eine Einladung erhielten, sie in
Kremenschuk, wo sie wohnte, zu besuchen. Wir nahmen unser ltestes Kind
Lise mit auf die Reise nach dem Sden. Wir wurden dort mit groer Freude
empfangen. Am vierten Tage unseres Aufenthaltes versammelten sich viele
Verwandte und Bekannte, um mich, die angeheiratete Nichte, kennen zu
lernen. Es war sehr lustig, und die Zeit verging uns auf die angenehmste
Art. Am nchsten Morgen trat die Tante zu uns ins Schlafzimmer und
kndigte uns an, da die Seuche schon in Kremenschuk eingezogen sei, und
mit Trnen in den Augen erzhlte sie, da manches Mitglied der gestrigen
munteren Gesellschaft sich nicht mehr unter den Lebenden befinde. Mein
Entsetzen war grenzenlos. Wir rafften unsere Sachen zusammen, und in
einigen Stunden verlieen wir traurig und tief erschttert die Stadt.

Auf der ersten Poststation lie man uns nicht mehr ins Wartezimmer
hinein. Wir vernahmen von dorther das Sthnen und Schreien eines in
Schmerzen sich krmmenden Cholerakranken. So muten wir fr die Nacht
drauen im Freien lagern. Es war eine Juninacht, warm und kurz. Um zwei
Uhr morgens ging die Sonne auf. Doch uns kam diese Nacht wie eine
Ewigkeit vor. Meine Angst und Beklommenheit steigerten sich noch, als
mein Tchterchen Lisenka ber Magenschmerzen zu klagen anfing. Mit
zitternden Hnden gab ich dem Kinde Medikamente, die wir von der Tante
mitgenommen hatten. Gegen hohes Entgelt erhielt ich von den Bauern ein
wenig warmes Wasser, womit ich dem Kinde Pfefferminztee bereitete, und
bangenden Herzens erwartete ich den kommenden Tag. Endlich bekamen wir
Pferde und setzten die Reise fort. Das Kind fhlte sieh besser. Die
Schmerzen lieen nach, und als wir abends zu Hause eintrafen, war es
wieder ganz munter.

In Luben erfuhren wir, da die Cholera auch hier bereits wtete. Der
Arzt kam und verordnete strenge Dit. Noch an demselben Abend erkrankte
meine Schwester ganz unmittelbar und pltzlich, nachdem sie noch einige
Augenblicke vorher an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte. Ich war vor
Angst einfach wie besessen, brach zusammen und mute ins Bett gebracht
werden. -- Meine Schwester genas. Aber ihr Kindchen, das sie selber
nhrte, steckte sie an, und es starb nach einem Tage furchtbarer
Schmerzen.

Die Seuche verbreitete sich von Sebastopol ber das ganze Land mit
Riesenschritten, und tausende Menschen fielen ihr zum Opfer. Und es
waren gar viele Verwandte und Freunde dabei.

Kein Wunder! Es konnte bei den damaligen hygienischen Verhltnissen
nicht anders sein, bei dem vollkommenen Mangel aller Vorsichtsmaregeln.
Wie gnstig muten die Bedingungen fr die Verbreitung der Cholera in
den -=fnfziger=- Jahren des 19. Jahrhunderts gewesen sein, wenn noch
jetzt, 1908, die Cholera den ganzen Sommer, Herbst und bis spt in den
Winter hinein wtet und ihr so viele Menschen wie Fliegen auf der Strae
zum Opfer fallen. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen, ein
Zeitraum, in welchem gerade die westeuropische Kultur nach dieser
Richtung so groe Fortschritte gemacht hat. Aber zwischen Westeuropa und
Ruland besteht eine strenge Grenze, und der Fortschritt schleicht sich
in Ruland nur auf Schmugglerwegen ein: St. Petersburg besitzt noch
heute keine Kanalisation, und das Volk glaubt nicht an die kleinen
verderblichen Bakterien, die im klaren Wasser leben sollen.

Nicht ohne Interesse ist es, da unter den Juden die Epidemie ungleich
weniger verbreitet war als unter der brigen nichtjdischen Bevlkerung.
Ihr Leben war durch das Gesetz geregelt, war einfacher und entsprach mit
seinen zahlreichen Waschungen, den strengen Speiseverboten wesentlich
mehr allen hygienischen Forderungen.

Ich selbst litt furchtbar, wurde immer schwcher und lag tagelang
apathisch und melancholisch zu Bett. Mein Gemt war unter dem Eindruck
der letzten Erlebnisse erschttert.

Und so kam der Juli. Eines Tages erhielt meine Schwester die frohe
Nachricht von der Ankunft ihres Mannes. Wir freuten uns alle herzlich
auf sein Kommen; und diese freudige Erwartung brachte einen freundlichen
Schein in unser so dsteres Leben. Whrend der Anwesenheit unseres
Schwagers Abraham Sack, der ein munteres, heiteres Wesen besa, verlor
sich meine Schwermut ein wenig, und ich atmete freier auf. In den zehn
Tagen seines Aufenthaltes bei uns fhrten wir alle unser altes normales
Leben. Er verreiste voll Hoffnung auf eine Besserung seiner materiellen
Verhltnisse. Mit ihm verlie die Freudigkeit wieder unser Haus. Ich
verfiel von neuem in trbe, melancholische Stimmung. Meine Schwester
blieb zurck und wartete weiter und harrte von Tag zu Tag, von Woche zu
Woche auf Nachrichten. Sie litt unsglich und frchtete schon das
Schlimmste. Aber Gott hat Erbarmen. Je grer die Not, um so nher die
Hilfe. Der langersehnte Brief kam an. Er war an mich adressiert und
enthielt ein Schreiben fr mich, ein zweites fr Schwester Kathy. Mein
Schwager berichtete von der glcklichen Wendung in dem Gange seiner
Geschfte, die ihm nunmehr endlich gestatteten, seine Frau wieder zu
sich zu nehmen. Unsere Freude hatte keine Grenzen. Wir jauchzten den
ganzen Tag vor Glck, und meine Schwester vergo Trnen der Rhrung und
Dankbarkeit. Ich half ihr beim Packen, und in kurzer Zeit war sie zur
Abreise fertig. Ich begleitete sie mit meinem Mann bis nach Poltawa, wo
wir ihr halfen, eine elegante Equipage mit drei guten Pferden zu kaufen,
einen Kutscher und eine jdische Kchin mieteten und sie sodann
weiterbefrderten.

Meines Schwagers Hoffnungen hatten sich erfllt. Er war ein reicher Mann
geworden. Das war eine der groen Schicksalswendungen, die das
Kriegsjahr 1855 mit sich brachte, das Jahr, in dem das launische,
verschleierte Weib Fortuna das Rad der Menschenschicksale in Ruland in
rascherem Tempo rollen lie und mit einem mchtigen Sto alles Obere zu
unterst, alles Untere zu oberst kehrte.

Meines Schwagers Genius fhrte ihn immer hher und hher, sein
Selbstvertrauen gab ihm Beharrlichkeit in seinen Bestrebungen. Und auch
die Zeit war gnstig. Alexander II. hatte den Thron bestiegen. Eine neue
ra war angebrochen. Tchtige und ehrliche Menschen konnten sich jetzt
in Ruland auf allen Gebieten bettigen. --

-- Wir blieben in Luben bis 1859. In diesem Jahre bernahmen die drei
groen Otkupscheriki -- der Grovater und der Vater meines Mannes und
Herr Kranzfeld -- die Konzession auf die Akzise des Branntweinmonopols
-- eine Pachtung, die sich auf das ganze Gouvernement Kowno erstreckte.
In diesem Unternehmen erhielt mein Mann einen hohen Posten. Er wurde
Chef des Bureaus.

Mein Wanderlied konnte ich wieder singen. -- Wir liquidierten unser
Geschft in Luben, packten unser Hab und Gut zusammen und gingen nach
Kowno.

Ehe ich aber von meinen weiteren persnlichen Lebensschicksalen weiter
erzhle, will ich zuerst noch einmal vom Jahre 1855 sprechen, das nicht
nur im Leben ganz Rulands, sondern speziell fr die Juden den Beginn
einer neuen Epoche bedeutet. Es ist das Jahr der Thronbesteigung
Alexanders II.




Alexander II.


Und Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht! Die Sonne ging
golden auf und weckte mit ihren erwrmenden Strahlen alle verborgenen
Keime zur Blte und zum Leben: Alexander II. bestieg 1855 den Thron.
Dieser edle, feinsinnige Frst gemahnte an die Sprche des kniglichen
Psalmensngers (Ps. CXIII, 7, 8 und PS. CXVIII, 22):

     Er richtet empor aus dem Staube den Armen, aus dem Kehricht erhht
     er den Drftigen, da er ihn setze neben die Edlen, neben die Edlen
     seines Volkes.

     Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.

Alexander II. hat diese Worte tatschlich in Erfllung gebracht, indem
er hochherzig 60 Millionen leibeigner Bauern vom Frondienste befreite
und auch uns Juden die drckendsten Fesseln lste. Er ffnete uns die
Tore seiner Residenzen, so da ein Schwarm jdischer Jnglinge sich in
die Hauptstdte ergo, um an den Universitten den Durst nach
westeuropischer Bildung zu stillen.

In dieser glnzenden Periode geistiger Blte durfte und konnte sich der
geknechtete Geist der Juden wieder nach Herzenslust recken und strecken.
Der Jude nahm jetzt an der freudigen Aufregung des groen Volkes teil,
an dem Aufschwunge der schnen Knste, an der Entwicklung der
Wissenschaften und trug damit sein Scherflein zu dem geistigen Gut des
Landes bei. Die Wirkungen der Reform der vierziger Jahre zeigten sich
bereits nach zwei Dezennien. Es gab da schon eine Reihe jdischer
Professoren, rzte, Ingenieure, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, die
auch im Auslande Anerkennung fanden und ihrem Lande Ehre machten.

Fr die Emanzipation der Juden in Ruland sind Generalgouverneur von
Neuruland und Bessarabien Graf Alexander Strogonow und
Generalgouverneur von der Krim Graf Woronzow in den Jahren 1856-1858
energisch eingetreten[8]. Sie uerten ihre Meinung in der Antwort auf
die Anfrage der eingesetzten Kommission (der Vorsitzende dieser
Kommission war Graf Kisselew) zur Lsung der Judenfrage in Ruland wie
folgt:

Wenn die Juden auf das einheimische Volk einen schlechten Einflu
ausben sollten, so ist es doch nicht ratsam, sie im Nordwesten
Rulands, auf dem kleinen Teil des Einheimischen zu lassen. -- Unserer
Ansicht und Erfahrung nach wre es doch rationeller, diese wenigen
Millionen Juden Rulands auf das ganze groe Reich zu verteilen und sie
damit unschdlich zu machen. Ich bin auch nicht weit von der Meinung
entfernt, da unser einheimisches Volk von den Juden so manches Gute,
wie den Handel und die Enthaltsamkeit vom Trinken, Bescheidenheit im
Essen, lernen knnte. -- Es ist unrecht, unserer Meinung nach, diesem
historisch ltesten Volke alle Rechte zu rauben, die das einheimische
Volk besitzt, und zu gleicher Zeit alle Pflichten zu fordern, Geld
und Menschenmaterial zum Schutz und Trutz des Landes gegen die Feinde
aufzubieten! Nicht mit Strenge kann und soll man Fehler eines Volkes
aus dem Wege schaffen. Wir wollen wie die westeuropischen Staaten
den Juden erst die Gleichberechtigung geben, dann wird ihr angeblich
unmoralisches Wesen sich bessern knnen. Die Befreiung vom Drucke,
vom Elend wird schneller wie alle repressiven Mittel helfen. Sie
sind von allen hheren mtern im Lande ausgeschlossen, so mssen sie
notgedrungen zum Handel greifen, manchmal auch zum Betruge. Da sie
aber fleiig, befhigt, beharrlich in ihrem religisen alten Glauben
sind, kann niemand leugnen. Die Kommission antwortete, da sich in
den westeuropischen Staaten viel weniger Juden finden als in Ruland;
auch wren sie viel gebildeter. Hier habe man noch Schwierigkeiten, den
Juden die Bildung beizubringen.

Die Entwicklung der Dinge brachte es mit sich, da die Juden auch auf
dem Gebiete des Handels und der Industrie einen ungeahnten Einflu
gewannen. Niemals vorher und nachher kannten die Juden in St. Petersburg
ein so reiches und vornehmes Leben wie damals, da die Finanzgeschfte
in den Residenzen zum guten Teil in ihren Hnden lagen. Es entstanden
jdische Bankhuser. Es wurden Aktiengesellschaften gegrndet, die Juden
leiteten. Die Brsen- und Bankgeschfte nahmen unerwartete Dimensionen
an. Hier auf der Brse fhlte sich der Jude in seinem Element. Die Brse
schuf oft ber Nacht reiche Leute. Aber auch so mancher strzte in die
Tiefe. Diese Art geschftlicher Ttigkeit war in Ruland etwas Neues.
Von den Juden aber wurde sie geradezu genial erfat, selbst von denen,
deren Erzieher nur der Talmud gewesen. --

Gegen Ende der fnfziger Jahre erfuhr das alte Branntweinmonopol Otkup
eine Einschrnkung, die zugleich in mancher Beziehung eine Verbesserung
war. Hatten sich seit Beginn des vorigen Jahrhunderts viele Kaufleute,
Juden, Russen und Griechen, an diesem Geschft bereichert, so
entwickelte sich jetzt das Akzisesystem, das in dem vollstndigen
Branntweinmonopol der Regierung landete. Schon die Einfhrung der Akzise
machte das Geschft fr die Unternehmer unlohnend. Mit dem Monopol der
Regierung hrte die Privatinitiative vollstndig auf. Da wandten die
jdischen Kaufleute ihr Kapital anderen Erwerbszweigen zu und
entwickelten eine groe Ttigkeit besonders auf dem Gebiete der
Eisenbahnkonzessionen. Hier fand ihr nchterner und reger Geist ein
dankbares Feld. Groer Gewinn belohnte ihre Mhe und brachte groe
Kapitalien in ihre Hnde. Die vllig neue Beschftigung erheischte
freilich eine Lebensweise, die von der altgewohnten bedeutend abwich.
Die jdische Religion und die Tradition kamen ins Gedrnge. Mit dieser
Ttigkeit lie es sich eben kaum noch vereinen, da die jdischen
Angestellten wie einst das Studium des Talmuds pflegen und alle
religisen Vorschriften getreulich beobachten konnten. Die Bezeichnungen
Akzisnik, d. h. ein beim Otkup oder bei der Akzise Angestellter, und
Schmin-Defernik, das ist ein Angestellter beim Bahnbau (chemin de
fer), waren gleichsam Spitznamen geworden. Und die altjdische
Gesellschaft mute die Nichtbeachtung der berlieferten Gebruche bei
diesen jungen Leuten ebenso dulden wie bei den jdischen Bankbeamten,
die den Sabbath und die Feiertage zu ignorieren gezwungen waren und auch
nicht -=eine=- Stunde mehr am Tage dem Talmud widmen konnten und --
wollten.

Ein Volksliedchen gibt diesen Zustnden humoristischen Ausdruck:

    Un akzisne junge Lait
    Sainen varschait: (_ausgelassen_, _liederlich_)
    Golen (_rasieren_) die Brdelach
    Un reiten auf Ferdelach
    Geihen in Galoschen
    Un essen ungewaschen.

Aus dieser Zeit stammt auch ein Scherzlied Michael Gordons: Ihr seid
doch Reb Jd in Poltawa gewesen, das in einer launigen Melodie bald
weit ber die Grenzen Rulands bekannt wurde.




Zwei Worte sagte meine kluge Mutter.


Zwei Dinge kann ich gewi sagen: ich un mein >Dor< (Generation) wellen
gewi als Juden leben und sterben; unsere Einiklach (Enkel) wellen gewi
nicht als Juden leben und sterben. Nor wos von unsere Kinder wet weren,
kenn ich nit >raten< (erraten, voraussehen). Die beiden ersten
prophetischen Behauptungen haben sich teilweise erfllt, die dritte geht
auch in Erfllung, denn unsere Generation stellt eine Art Zwitterding
dar.

Hingerissen von dem unaufhaltsam vorwrtsdringenden Strom der neuen
westeuropischen Bildung, haben wir selbst im vorgerckten Alter uns
bemht, auf mannigfachen Gebieten der Wissenschaft und in fremden
Sprachen uns Kenntnisse anzueignen.

Whrend aber andere Vlker und Nationen von den modernen und fremden
Strmungen und Ideen nur aufnehmen, was ihrem Wesen entspricht und dabei
ihre Individualitt und Eigenart bewahren, lastet auf dem jdischen
Volke der Fluch, da es das Fremde und Neue sich fast nie anders
aneignet, als indem es sich vom Alten, von seinem Eigensten und
Heiligsten lossagt.

Wie wirbelten im Gehirn der jdisch-russischen Mnner die modernen Ideen
chaotisch durcheinander! Pltzlich, mchtig, unaufhaltsam drang der
Geist der sechziger und siebziger Jahre in das jdische Leben hinein und
zerstrte seinen bisherigen Charakter. Rcksichtslos sagte man sich vom
Alten los. Die alten Familienideale schwanden, ohne da neue aufkommen
konnten.

Bei den meisten jdischen Frauen jener Zeit hatten Religion und
Tradition derart ihr innerstes Wesen durchdrungen, da sie ihre
Verletzung fast wie einen physischen Schmerz empfanden und deswegen
einen schweren Kampf in ihrem engsten Familienkreis zu bestehen hatten.

In dieser bergangsperiode wurde der Mutter, der natrlichen Erzieherin
ihres Kindes, das Recht der Erziehung nur fr jene Zeit zugebilligt, in
der das Kind nichts als schwere Opfer und schwere Pflichterfllung
erfordert. Sobald aber die Zeit der geistigen Erziehung heranrckte, da
wurden die Mtter brutal beiseite geschoben, da endeten ihr Walten und
ihre Sorge um das Kind. Die Frau, die an den Traditionen noch mit jeder
Fiber ihres Wesens hing, wollte sie auch ihrem Kinde beibringen: die
Sittenlehre der jdischen Religion, die Traditionen ihres Glaubens, die
Weihe des Sabbaths und der Feiertage, die hebrische Sprache, das Lernen
der Bibel, dieses Buches aller Bcher, dieses Werkes aller Zeiten und
Vlker. Diesen ganzen Reichtum wollte sie in schnen und erhabenen
Formen ihren Kindern bergeben -- zugleich mit den Ergebnissen der
Aufklrung, zugleich mit dem Neuen, das die westeuropische Kultur
gebracht hatte. Aber auf alle Bitten und Einwnde erhielten sie von
ihren Mnnern stets die gleiche Antwort: Die Kinder brauchen keine
Religion! Vom Mahalten haben die jdischen jungen Mnner jener Zeit
nichts gewut, und sie -=wollten=- auch nichts davon wissen. In ihrer
Unerfahrenheit wollten sie unvermittelt den gefhrlichen Sprung von der
untersten Stufe der Bildung gleich zur obersten machen. Manche
verlangten von den Frauen nicht nur Zustimmung, sondern auch
Unterwerfung, -- sie verlangten von ihnen die Abschaffung alles dessen,
was gestern noch heilig war. Alle modernen Ideen, wie Freiheit,
Gleichheit, Brderlichkeit, in der Gesellschaft predigend, waren diese
jungen Leute zu Hause ihren Frauen gegenber die grten Despoten, die
rcksichtslos die Erfllung ihrer Wnsche forderten. Es gab erbitterte
Kmpfe innerhalb des bis jetzt so patriarchalischen und beschaulich
dahinflieenden Familienlebens. Gar manche Frau wollte nicht nachgeben.
Sie lie ihrem Manne volle Freiheit auerhalb des Hauses, verlangte aber
im eigenen Hause die Ehrung der alten, lieben Bruche. Da dieses
Doppelleben nicht auf die Dauer mglich war, begreift sich leicht. Der
Zeitgeist siegte in diesem Kampfe; und blutenden Herzens gaben die
Schwcheren nach. Wie das so kam bei den anderen und bei mir, davon will
ich in den nchsten Kapiteln erzhlen.


Kowno.

Ich war sehr froh, da das Schicksal uns 1859 wieder nach Litauen
brachte, wo das Leben grozgiger, inhaltreicher, und die Juden
intelligenter waren. Wir siedelten uns in Kowno an, das damals ein
kleines, schnes Provinzstdtchen war. Juden bildeten den Stamm der
Bevlkerung. Sie sprachen hier ein Gemisch von Hebrisch und Deutsch.
Das preuische Grenzstdtchen Tauroggen war nicht fern. So kam es wohl,
da ihre ganze Lebensweise von deutscher Art nicht unwesentlich
beeinflut wurde.

Whrend in den brigen Stdten Litauens die jdische Tradition noch
vllig unberhrt blieb, hatte sich in Kowno allmhlich der Zwang der
berlieferung gelockert. Als wir nach Kowno kamen, war die Aufklrung
dort in vollem Gange, und die neuen Ideen fanden ihre begeisterten
Vertreter. Es herrschte in den vorgeschrittenen jdischen Husern,
zumeist bei den reichen Kaufmannsfamilien, deren Vter und Shne in
geschftlicher Verbindung mit Deutschland standen und hufig ber die
Grenze kamen, der Abfall. Man behielt eigentlich nur noch die koschere
Kche bei.

Der Sabbath wurde von den Mnnern nicht mehr heilig gehalten und
unterbrach den Eifer der Geschfte nicht. War der Jude frher nach den
Worten Heines durch die ganze Woche ein Hund, der sich erst am Sabbath
als Prinz und am Sedertisch des Pesach als Herrscher entzauberte, so
lebten die Mnner der zweiten Generation eigentlich das ganze Jahr wie
die Hunde; ohne Ruhe und Rast, immer in Sorgen und Arbeit. Der Geist
stieg nicht empor in himmlische Sphren, und der Krper raffte nicht
mehr in der strengen Ruhe des Sabbaths seine in der Arbeit der Woche
verlorenen Krfte zusammen. Es war eine seltsam gemischte unruhige
Stimmung am Sabbath. Die Frauen, die ja ihrer ganzen Natur nach zher am
Alten hngen, pflegten ja noch am Freitag Abend Sabbathlichte anzuznden
und das Gebet zu sprechen. Aber der aufgeklrte Herr Gemahl steckte sich
seine Zigarette daran an, und ihr sonst so friedliches Gesicht verzog
sich zu einem schmerzlichen Lcheln. Mit derselben Herzlichkeit, mit der
der Hausherr einst die Sabbathengel begrt hatte, hie er jetzt seine
Freunde willkommen, um mit ihnen Prfrence zu spielen. Der
Kidduschbecher stand zwar mit Wein gefllt auf dem Tisch. Aber niemand
nippte daran. Er war zu einem Symbol geworden. Aber die gefllten
Pfefferfische -- so weit ging die Abtrnnigkeit nicht, um auch sie vom
Freitag-Abendtisch zu verbannen. Die Barches blieben auch erhalten. Nur
da eben die Dienerin sie fein suberlich geschnitten auf dem Brotkorb
servierte. An die Stelle der Sabbathlieder, der Semiraus, traten
Humoresken, Anekdoten -- das ganze Gebiet des jdischen Witzes. Das
Kartenspiel aber durfte sich weit ber die Mitternacht hinziehen. Denn
keine Chewra t'hillim erwartete die Herren am frhen Morgen zum Gebet.
Und die christlichen Bedienten konnten ruhig schlafen gehen. Denn der
Sabbath hinderte die Mnner nicht, die Kerzen selbst zu lschen. Am
Samstag stand man frher auf als gewhnlich. Es war ein Tag vor dem
Sonntag, und da gab es im Geschft besonders viel zu tun. Aber auch am
Sonntag wurde fleiig gearbeitet. Denn ein letzter Rest nationalen
Trotzes hielt doch alle ab, diesen Tag etwa festlich zu begehen.

Selbstverstndlich war auch der Verkehr der beiden Geschlechter
miteinander ein wesentlich anderer geworden. Man veranstaltete
Tanzabende, an denen nicht nur die Jugend, sondern auch die
verheirateten Frauen und Mnner unserer Generation teilnahmen. Da junge
Mdchen von solchen Zusammenknften in Herrenbegleitung nach Hause
gingen, war ganz selbstverstndlich geworden; und es ergab sich bei
diesen Sitten von selbst, da in den Husern, wo erwachsene Mdchen
waren, auch junge Herren verkehrten. -- Auch in den Gesprchen herrschte
ein freierer Ton. Jene Innigkeit, mit der man einst die Eisches chajil
(die Heldenfrau) besungen hatte, wurde verdrngt von der aufflackernden
Begeisterung fr die Operettendiva, die gerade das Tagesgesprch hergab.
Der Zynismus war der neuen Generation nicht fremd geblieben.

Das Talmudstudium hrte natrlich in diesen fortschrittlichen Kreisen
vollstndig auf. Nur hier und da setzte ein Romantiker, der vom Alten
nicht lassen konnte, sein Talmudstudium weiter fort und lie auch seine
Kinder im Talmud unterrichten. Bei den Gebildeten kam das nur selten
vor.

Sogar unter den ganz Frommen sahen manche Eltern die Notwendigkeit der
europischen Bildung fr ihre Kinder ein und erlaubten ihnen, in der
Residenz zu studieren. Eines aber forderten sie von ihren Shnen
unbedingt: sie sollten koscher essen. Diese absonderlichen
Verhltnisse werden durch manche Anekdote illustriert.

So geschah es einmal, da sehr fromme Eltern ihren Sohn zum Studium nach
Petersburg sandten. Ein christlicher Freund, der nach einiger Zeit in
die Residenz fuhr, sollte nun nachforschen, ob der Sohn wirklich sein
Versprechen halte. Nach seiner Rckkehr beruhigte er die Eltern und
versicherte sie, da der Sohn nur koscher speise -- er selbst war bei
ihm zum Mittagstisch. Was haben Sie denn bekommen? fragten die Eltern
interessiert. -- Einen Hasen, antwortete der Freund, aber er war
koscher, denn Ihr Sohn erzhlte mir, da er vom jdischen Schlchter
(Schochet) geschlachtet sei.

Die Zustnde, von denen ich hier spreche, waren natrlich nur fr die
Schichten bezeichnend, die man so gemeinhin die oberen zu nennen
pflegt. Wer wei, an welche Stelle sie rcken, wenn einst die gerecht
waltende Geschichte die Rangordnung feststellen wird!... Allein
gewaltige Kulturumwlzungen whlen nicht gleich das ganze Volkstum auf
und durcheinander. An der Kruste mgen die Prozesse des kulturellen
Abbaues und des Anbaues schneller und sichtbarer vor sich gehen. In der
Tiefe vollzieht sich das Umsetzungswerk oft berhaupt nicht, meist in
seltsamen Formen. Immer aber ungleich zgernder!

So war es auch in Kowno!

       *       *       *       *       *

In jener Zeit lebten und wirkten in diesem aufgeklrten Kowno in einem
anderen Teile der Stadt, drben ber der Brcke des Flusses Wilja,
Menschen, die in ihrem ganzen Leben und Treiben unter dem Einflu der
vernderten Verhltnisse gerade auf die entgegengerichtete Bahn gedrngt
wurden. Und sie fanden getreue Mitwanderer in den Juden der kleinen
Stdtchen des Gouvernements. Sie landeten in der Askese. Es waren kleine
Leute, aber groe Menschen! Gro in ihrem Talmudwissen, in ihrer
Hochherzigkeit, Nchstenliebe und in der grten Tugend, der
bescheidenen Selbstlosigkeit. Ihre Ansprche auf Essen, Trinken und
Kleidung setzten sie auf das geringste Ma herab. Ihre idealen Ziele
aber waren riesengro. Das Forschen, Schaffen, Grbeln in dem Talmud
betrieben sie jetzt mit gesteigerter Gier Tage und Nchte hindurch.

Zunchst bestand diese Asketengruppe nur aus zehn Personen. Sie
berwachten unermdlich das junge, heranwachsende Proletariat,
beobachteten ihr Lernen und ihr Leben und wiesen sie mit guten und
strengen Worten zurecht. Mit gleichgestimmten, wrdigen Mnnern
grndeten sie spter einen Verein, der sich die Predigt der Askese zur
heiligen Aufgabe stellte. Jeder Lebensgenu schien ihnen verchtlich.
Diese Welt war ihnen nichts anderes als eine bergangsstufe zu einem
besseren, hheren, reineren Sein. Jeder Schritt, jede Handlung am Tage
sollte deshalb wohl berlegt sein. Und dreimal des Tages msse man Gott
anflehen, da er die unwillkrlich begangenen Snden, selbst des
Lauteren, vergebe.

Das jdische Proletariat in seinem Getto, zermrbt vom Kampfe ums
Dasein, drngte sich um diese Prediger. Besonders aber wurden die jungen
Talmudisten und die Orimbocherim fr diese Bewegung begeistert,
hingerissen. Diese Strafpredigten fanden zuerst in der Dmmerstunde
statt, und die Synagoge war von alten und jungen Zuhrern berfllt wie
am Vorabend zum Jomkippur. Alle weinten und flehten ob ihrer Snden aus
tiefster Seele zu Gott.

An der Spitze dieser Bewegung stand der berhmte Reb Israel Salanter
(Liebkin), dessen Seelengre an Hillel heranreichte. Er war hart gegen
sich und voll unsglicher Liebe gegen andere. Er kmpfte fr die
Einfachheit der Sitten. Aber die Askese sollte nie in einer Zerstrung
des Lebens ausarten. Es war im Jahre 1855, da die groe Choleraepidemie
durch das Land verheerend zog. Das Volk fastete, um Bue zu tun, denn
die unheimliche Krankheit galt als Gottesgeiel. Da Rabbi Salanter aber
frchtete, da das Volk durch die selbstauferlegten Entbehrungen Schaden
leiden knnte, trat er nach dem Morgengebet am Jomkippur in der Synagoge
mit einem Stck Kuchen in der Hand auf den Almemor und a vor allem
Volke davon. Durch dieses Beispiel wollte er das Volk zu gleichem Tun
ermuntern. R. Salanter war ein echter Lehrer des Volkes. Waren doch
wunderbare Menschen seine Erzieher gewesen: Reb Hirsch Broide und Reb
Sundel.

Von den Tugenden des Reb Broide wei ich folgende Geschichten: Die
ungepflasterte Strae, an der er mit seiner alten Mutter lebte, hatte
einst ein schwerer Regengu aufgeweicht. Reb Broide wute, da die alte
Mutter trotzdem ihren tglichen Synagogengang nicht unterlassen wrde.
So machte er sich des Nachts daran, den Weg mit Ziegelsteinen
auszulegen, da seine Mutter trockenen Fues in die Schul' gehen konnte.
Ein anderes: Es erregte seine Verwunderung und war ihm zugleich ein
Schmerz, da die Bettler ihn gar nicht aufsuchten. Er meinte, daran
knnte nur das Schlo an seiner Tr Schuld haben: es war zu fest. So
entfernte er es eines Tages ganz. Der Gute: er ahnte nicht, da die
Bettler genau wuten, wie arm er selbst war. Sie mieden sein Haus, um
ihn nicht zu beschmen.

Reb Sundel pflegte seine Studien in Feld und Wald, in Gottes freier
Natur zu betreiben. Einmal bemerkte er, wie sein Schler Salanter hinter
ihm her kam. Er wandte sich zu ihm mit klugen Worten und schlo mit dem
Satz: Israel, beschftige dich mit Strafpredigten und frchte Gott.
Diese Worte gruben sich dem Jngling tief in die Seele und bestimmten
sein ganzes Leben. Sein Amt[9] in Wilna legte er bald nieder, um seiner
idealen Bestimmung nicht untreu werden zu mssen.

Wenn die Chassidim gegen die Schwermut eiferten, so wandte sich
sein Wort gegen den bermut der Freude. Der Chassidismus lehrte,
Gott mit Freude zu dienen, die Strafprediger dagegen forderten,
Gott im Ernste zu dienen. Die Schwermut hemmt die hhere Eingebung,
behaupten die Chassidim. Die Freude fhrt zum Leichtsinn, entgegnen
die Strafprediger. Die Tat bringt die Erlsung, lehrte Rabbi Salanter,
und er wurde nicht mde, die Gemeinde zu Werken der Liebe aufzurufen.
Wohlttigkeit und Reue sind die Sttzen der Welt. Wenn ein Mensch nur
eine Stunde am Tage in der Reue zubringt und ein einziges Mal vor
Verleumdung sich durch die Reue htet, hat er schon eine groe Tat
vollbracht. Die Wirkung seiner Rede war berwltigend. Aber der Reiz
dieser reinen Persnlichkeit war wie ein Zauber. Man wird es begreifen,
da das Rabbinat von Litauen durch das Anwachsen der Bewegung in
Schrecken geriet. Man frchtete, da die Predigt der Askese zu einer
Sektenbildung fhren knnte, die das Judentum streng verbietet. So
gingen die Rabbiner zu den Strafpredigern selbst und traten ihnen
entgegen. Das gab oft verwunderliche Kmpfe, fr die die Aufklrung
freilich nur Spott hatte. Lebten doch in Kowno die ersten Adepten der
Lilienthalschen Bewegung.

Unter ihnen war eine der markantesten Erscheinungen der jdische Dichter
-=Abraham Mapu=-, der dort ein bescheidenes Leben fhrte und durch
Unterrichten in der russischen und deutschen Sprache sein Brot
verdiente. Er war ein stiller, anspruchsloser Mensch, seinem ganzen
Wesen nach ein Lehrer, der erst in seinem kleinen Studierstbchen
auflebte und zu jenem Mapu wurde, den die jdische Welt als ihren
-=ersten=- groen hebrischen Belletristen ehrt. Eine wunderbare Seele
lebte in diesem so unscheinbaren Gettojuden. Aus den schmalen, krummen
Gchen des Ansiedlungsrayons mit all ihrem Elend und ihrer Armut, aus
der dumpfen schwlen Atmosphre des Gettolebens trug ihn seine Phantasie
in die groe, glnzende Vergangenheit seines Volkes, und voll
Begeisterung schrieb er seinen ersten Roman: -=Ahawath Zion=-[10], die
Zionsliebe, und zeigte dem jdischen Leser an diesen Schilderungen den
Kontrast zwischen ihrem gegenwrtigen trostlosen Dasein und der
ehemaligen Pracht und Gre des jdischen Lebens auf dem eigenen Boden.

Diesem Romantikerwerk folgte ein wuchtiger, satirischer Tendenzroman:
-=Ajit Zabua=-, ein grimmer Protest gegen die althergebrachten Formen
der jdischen Art. -=Ajit Zabua=- begeisterte die Jugend und emprte
die Alten. Es erhob sich ein Sturm gegen Mapu und sowohl er wie sein
Werk wurden verpnt, verspottet, verfolgt. Aber Mapu fand seine
begeisterten Anhnger unter der jdischen Jugend. Er war ein Kmpfer fr
die Aufklrung der Juden. Aber er kmpfte mit ganz neuen, bisher nie
gebrauchten Mitteln -- mit echter Poesie. Er gab der Jugend -=neue=-
Gedanken. Er wies ihnen neue Wege, erffnete ihnen neue Horizonte und
Lebensmglichkeiten. So manches Talent wurde durch ihn angeregt und zu
hebrischen Dichtungen begeistert.

Wir hatten oft Gelegenheit, den versonnenen Mann in unserem Hause zu
sehen. Er gab meinem ltesten Sohne Unterricht im Deutschen und
Russischen. Aber er stellte sich auch zu einem gemtlichen
Plauderstndchen ein. Mein Mann verehrte ihn sehr; und es war immer eine
Lust, der angeregten Unterhaltung zu lauschen.

Unser Leben in Kowno gestaltete sich anfnglich sehr angenehm. Mein Mann
fhlte sich hier in seinem Element, und obwohl mich die neuen Sitten
zuerst befremdet hatten, so gefiel mir doch mit der Zeit die
Geselligkeit und der freie, einfache, zugleich doch vornehme und
harmlose Verkehr der beiden Geschlechter miteinander. Meine Verlegenheit
schwand allmhlich, und ich nahm gerne teil an den oft veranstalteten
Jours-fix, beobachtete, schaute zu und amsierte mich auch. Je nach der
Stimmung.

Ich trug noch immer meinen Scheitel. Alle brigen Frauen, auch die
lteren in unserem Kreise, hatten sich lngst davon befreit. Ich fhlte
mich unbehaglich. Aber der Gedanke lag mir fern, dem Beispiel anderer
Frauen zu folgen, obwohl ich wute, da mein eigenes Haar mich nur
schmcken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so forderte mein Mann die
Entfernung des Scheitels. Ich msse mich den Sitten der Gesellschaft
anpassen, um mich nicht dem Spotte auszusetzen.

Ich erfllte seinen Wunsch jedoch nicht und trug die Percke noch lange
Jahre.

Geschftlich ging es uns in Kowno nicht gut. Es war die Zeit (1859), in
der es in Russisch-Polen und Litauen im Volke zu gren anfing. Der
polnische Aufstand bereitete sich vor. Die Geistlichkeit begann unter
dem Volke die Abstinenz (trezwost) zu predigen -- also eine Agitation
gegen den Branntwein; und da der Gewinn unseres Geschftes an einen
ausgiebigen Branntweinverbrauch gebunden war, so drohte uns jetzt der
Ruin. Die monatliche Pachtsumme von 120000 Rubel, welche die
Konzessionre der Staatskasse zu zahlen verpflichtet waren, konnten sie
bald nicht mehr entrichten. Die drei Familien: Kranzfeld, Gorodezki und
Wengeroff, die an dem groen Unternehmen teilnahmen, wurden materiell
vernichtet. Mein Mann htte wohl noch seine Existenz als Angestellter
leidlich sichern knnen. Aber sein Grovater wollte nicht, da er in
einem Geschft, in dem er einmal Herr war, eine abhngige Stellung
annehme. Er gehorchte und wurde brotlos.

Die politische Propaganda in Polen ri auch die jdische Jugend mit sich
fort. Sie nahm Teil am Aufstand, als ob es ihre eigene Sache und ihr
Vaterland wre, fr das sie kmpften. Ungehrt verhallten die Warnungen
des berhmten Rabbiners Meisel in Warschau, der die Juden beschwor, zur
jdischen Fahne, d. h. der Thora, zurckzukehren: sie gingen in den
Kampf -- fr Polen!

Sie wurden aber in ihren Hoffnungen betrogen. Das strkere Ruland
siegte. Kosaken jagten durch Polen, und ihre Nagaikas schonten die Juden
nicht. Aber sie muten noch mehr erdulden. Sie, die ihr junges Blut
vergossen hatten und unerschrocken, opfermutig in den Reihen der
Kmpfenden gestanden, blieben die Verachteten. Man lie sie fhlen, da
sie -=nur Juden=- seien. Wieder einmal hatte das jdisch-polnische
Sprichwort sich bewahrheitet: Jak bida, to do Zyda, po bidzie za drzwi
Zydze -- Wenn die Not kommt, geh zum Juden, Not vorbei -- Jude raus!

Das Frhjahr kam. Es wurde wieder still im Lande. Aber es war nicht die
Ruhe im Genusse erfllter Wnsche und Forderungen, die lchelnde Ruhe
des Sieges. Es war jene unheimliche Stille, die in stummen Worten von
Entsetzen, von Blut und Verbannung erzhlt.

Und wir -- wir standen vor dem Nichts. Nun hie es, von neuem anfangen
und Brot suchen. Zum Glck bot sich meinem Manne bald eine Beschftigung
beim Telegraphenbau in Wilna. Er zgerte nicht lange und ging dorthin.
Ich blieb mit den drei Kindern vorlufig in Kowno zurck. Nach kurzer
Zeit konnten wir ihm nach Wilna folgen.


Wilna.

Wilna, die einstige Residenz Litauens, war damals eine groe Stadt mit
imposanten Staats- und Privatgebuden, einem alten Rathaus, einem
Theater und groartigen, meistenteils gotischen, katholischen Kirchen,
unter denen sich die Ostrobrama durch besondere Pracht und durch ein
Portal von hohem knstlerischen Wert auszeichnete. Durch dieses Tor
durfte weder Christ noch Jude mit bedecktem Haupte gehen. Oft sah man
dort die Glubigen im Vorbergehen auf die Knie fallen. Die meisten
frommen Juden vermieden es, diesen Weg zu gehen, obwohl sich das Tor im
Mittelpunkt der Stadt befindet.

Dank der reichen Magnaten, die auf ihren Gtern in der unmittelbaren
Nhe Wilnas wohnten und kommerzielle Verbindungen mit der Stadt
pflegten, blhte die Industrie in der Residenz.

Die Stadt trug zu jener Zeit noch ganz den polnischen Charakter; berall
herrschte die polnische Sprache und die ganze Lebensweise war durch
polnische Sitten bestimmt!

Aber es wurde anders: Nach dem polnischen Aufstande im Anfange der
sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde Generalgouverneur
von Wilna der berchtigte Murawiew. Mit beispielloser Grausamkeit
hat dieser Mann das Polentum in seinem Bezirk auszurotten und das
ganze Land zu russifizieren versucht. Er war gefrchtet, aber er
frchtete sich auch. Er lebte in seinem Palast wie ein Gefangener.
Selbst der Schornstein in seinem Arbeitszimmer war vermauert. Er
schlief in seinem Arbeitszimmer und dort wurde auch vor seinen Augen
auf einer Spiritusmaschine sein Essen bereitet. Er lebte in solcher
Abgeschiedenheit, da das Gercht sich bilden konnte, er existiere
berhaupt gar nicht. Er war ein Gespenst des Schreckens, eine mythische
Person. Eine kleine Episode. Jdische Arbeiter besserten das Dach
seines Palastes aus. Dabei unterhielten sie sich ber die Frage,
ob es berhaupt einen Gouverneur Murawiew gbe. Die Antwort mute
gefunden werden. Und als sie gerade oberhalb des einzigen Fensters
des Murawiewschen Arbeitszimmers zu tun hatten, lieen sie an einem
starken Seil den Lehrjungen herunter, damit er durch das Fenster in das
Zimmer hineingucken knne. Als der Junge nun vor dem Fenster schwebte,
erblickte ihn der Gouverneur, der im ersten Moment furchtbar erschrak.
Denn er glaubte, da auf raffinierte Weise ein Attentat geplant sei.
Er schlug Lrm. Der ganz entsetzte Lehrjunge wurde abgeschnitten. Als
Murawiew den zitternden, halbwchsigen Knaben nun vor sich stehen sah,
mute er lachen und er entlie den Kleinen ruhig, ohne ihn die Ruten
kosten zu lassen. -- Hufig kam es allerdings nicht vor, da Murawiew
Milde walten lie. Die Henkersknechte kamen unter seiner Herrschaft
nicht zur Ruhe. Es war ein fast alltgliches Ereignis, da unter
Trommelwirbeln unglckliche Menschen zum Richtplatz gefhrt wurden.
Immer fand sich dabei eine groe Menschenmenge ein, die von Schmerz
und Mitleid, oft auch von Wut und Ingrimm ergriffen, den armen dem
Tode Geweihten das Geleit gaben. Wir saen eines Morgens am Teetisch,
als dumpfe Trommelklnge uns aufschreckten. Ans Fenster eilend, sahen
wir auf einem von einem einzigen Pferde gezogenen primitiven Wagen
drei Mnner zur Richtstatt fahren. Das Gefhrt bestand aus einem auf
vier Rdern ruhenden Brett. Darauf stand eine Bank mit einer Lehne und
einer Tafel, auf der die Namen der sogenannten Verbrecher verzeichnet
waren. Dieses Fahrzeug nannte man den Pranger. Es bewegte sich durch
die Straen bis zu dem groen Marktplatz, wo ein Galgen errichtet war,
an dessen Fue das Fahrzeug halt machte. Die Henkersknechte muten die
schon vor Furcht halbtoten Delinquenten sttzen, um sie zum Gerst zu
fhren. Dort wurden ihnen Scke ber die Kpfe und die Schnur um den
Hals geworfen und mit einem einzigen Zuziehen der Schnur wurde die
Hinrichtung aller drei vollzogen. Mit Schaudern und Entsetzen sehe ich
noch heute die baumelnden Krper in Todeszucken vor mir und werde den
Anblick wohl nie vergessen knnen. -- Da unter der Herrschaft dieses
Gestrengen und in der Erinnerung an die zahllosen Opfer des polnischen
Aufstandes das erregte Volk in trber Stimmung lebte, begreift
man leicht. Alle -- Christen und Juden -- trugen Jahre hindurch
Trauerkleider. Es galt als ein Verbrechen, selbst bei festlichen
Gelegenheiten, im Theater oder bei Konzerten in hellen Kleidern zu
erscheinen. Wagte es aber jemand, so konnte er sicher sein, da sein
Anzug von einem polnischen Patrioten mit Petroleum begossen wurde.

Als wir nach Wilna hinkamen, hatte die Stadt noch ihr altes Geprge.
Politisch eine Stadt des stolzen Polentums; kulturell -- so weit es die
Juden betrifft -- eine Hochburg jdischer Geistesaristokratie.

Die jdische Gesellschaft in dieser Stadt, die das jdische Athen
von Litauen genannt wurde, bestand aus vielen vornehmen, reichen
und meistenteils noch sehr konservativen Familien und aus einer
kleinen Gruppe Fortgeschrittener -- den Vertretern der neuen Ideen.
Diese Aufgeklrten verhielten sich aber kleinlaut und wagten nicht,
wie in Kowno, rcksichtslos gegen die Tradition aufzutreten. Denn
hier in Wilna besaen die Alten die Autoritt. Ihren Fhrern, wie
Reb Elia, dem Wilnaer Gaon, Reb Akiba Eiger, hat die Nachwelt den
Ehrentitel der Patriarchen beigelegt. Diese Namen lebten in ihrem
ganzen Glanze in der Erinnerung der Juden fort. Wilna, die Sttte
der Talmudgelehrsamkeit, die Stadt der groen Gemeinde mit ihren
zahlreichen Lehrhusern (Bothemidraschim) und dem berhmten Schulhof,
wo Hunderte alter und junger Mnner Tage und Nchte den Talmud
studierten -- dieses Wilna wirkte erdrckend auf die Modernen; und
sie wagten sich nicht mit ihrer aufgeklrten Irreligiositt in die
ffentlichkeit.

Die neue Umgebung bte einen sehr gnstigen Einflu auf meinen Mann aus;
und ich freute mich zu sehen, wie er ohne Zwang, nur innerem Bedrfnis
folgend, sich wieder dem Talmudstudium zuwandte und auf dem Irrwege, den
er betreten hatte, ein Stck zurckging. Er unterrichtete jetzt selbst
unseren Sohn Simon in der hebrischen Sprache, las mit ihm die Bibel und
die Mischnah, was er in Kowno nie getan htte; er beschlo auch, den
Jungen in die Rabbinerschule zu geben.

Hier in Wilna traf ich mit meiner Schwester Helene, die ich whrend des
Brautjahres gepflegt und noch leidend zurckgelassen hatte, zusammen.
Sie lebte hier als verheiratete Frau mit ihrem Manne und ihren Kindern.
Die Freude des Wiedersehens war gro, aber sie whrte nicht lange.

Unsere pekuniren Verhltnisse wurden von Tag zu Tag schlimmer; bis sich
mein Mann entschlieen mute, anderswo eine Beschftigung zu suchen. Er
ging allein nach Petersburg, wo er bei unserem Schwager Sack, der dort
in reichen Verhltnissen lebte, brderlich aufgenommen wurde. In diesem
Hause verkehrten Kaufleute groen Stils; und durch ihre Vermittlung fand
sich bald fr meinen Mann eine Beschftigung. In der Festung der
Hauptstadt Helsingfors am Finnischen Meerbusen, in Sweaborg, sollte eine
Kaserne gebaut werden. Bei diesem Unternehmen erhielt mein Mann eine
gute Anstellung. Im Mrz 1866 ging er dorthin, und noch im Frhjahr
desselben Jahres folgte ich ihm mit den Kindern nach Helsingfors.

Da wir in Helsingfors in der Festung wohnen sollten, erwachte in mir die
Sorge um den Unterricht fr meine beiden lteren Kinder, und ich
beschlo, sie nach Mitau zum Rabbiner zu bringen. Ich wandte mich
schriftlich an ihn. -- Er ging auf alle Bedingungen ein und versicherte
mich in seinem Antwortschreiben, die Kinder wrden in seinem Hause eine
durchaus moderne, europische Bildung erhalten. Diese Aussicht
beunruhigte mich aber, und ich schrieb ihm wieder, ich hoffe, da er
trotz der modernen Erziehung eine koschere Kche fhre, andernfalls
knnte ich ihm die Kinder nicht anvertrauen. Ich erhielt einen
befriedigenden Bescheid und ging an die Ausfhrung meines Planes. Ein
seltsamer Zufall vereitelte jedoch mein Vorhaben: Ich setzte mich mit
den beiden Kindern in einen falschen Zug, stieg ein paarmal um und kam
statt nach Mitau in eine mir vllig unbekannte Stadt, und erfuhr zu
meinem groen rger, da ich mich Wilna nher als dem Ziel meiner Reise
befand. Dieser Zufall war entscheidend, und meine Kinder kamen nicht in
die Schule zum Mitauer Rabbiner. -- Kleine Ursachen, groe Folgen.

Der verabredete Termin des Zusammentreffens mit meinem Mann, der uns
nach Petersburg entgegenkommen sollte, rckte heran. Es blieb mir keine
Zeit brig. Ich trat daher sogleich die Rckreise nach Wilna an. Bald
trafen wir in Petersburg zusammen. Ich erzhlte meinem Mann die
Geschichte mit den falschen Zgen. Er lachte und freute sich, da wir
nun doch alle beisammen blieben. Am nchsten Tage bestiegen wir den
Dampfer, der uns nach Helsingfors bringen sollte.

Und wiederum blhte die Hoffnung auf bessere Zeiten.




Helsingfors.


Wir gelangten nach der Festung Sweaborg. Fremdes Volk, fremde Sitten und
Gebruche. Eine fremde Sprache! Ich verstand weder Finnisch noch
Schwedisch und konnte mich mit der einheimischen Dienerschaft nur durch
Vermittelung des einzigen russischen Angestellten verstndigen. Aber
schon nach Verlauf von zwei Monaten gelang es mir, mit Hilfe der
Ollendorfschen Methode so viel zu erlernen, wie ich notwendig brauchte.

Trotz des rauhen Nordens und des siebenmonatlichen strengen Winters
lebte hier in Helsingsfors ein munteres, lebenslustiges, intelligentes
Volk, Schweden und Finnen. uerlich sind diese beiden Nationen leicht
voneinander zu unterscheiden. Whrend die Finnen, Mnner wie Frauen,
einen robusten vierschrtigen Typus mit blondem Haar, Kartoffelnase und
kleinen uglein darstellen, sind die Schweden hochgewachsen mit feinen,
edlen Gesichtszgen, wundervollem, starkem, blondem Haar und gesunden,
groen, weien Zhnen. Die Bevlkerung lebte hier sehr bescheiden.
Trotzdem die Lebensmittel sehr billig waren, bestand ihre Mahlzeit
gewhnlich aus Hering, gekochten Kartoffeln und Schwarzbrot. Dieses
Schwarzbrot wurde nach der Landessitte sowohl vom Volk wie von der
Brgerklasse im Herbst gebacken und ein Vorrat fr den ganzen Winter
vorbereitet. Es hatte eine runde Form; in der Mitte war ein Loch. Man
zog sie alle auf eine Schnur und hngte sie so zum Trocknen auf. Diesem
trocknen Schwarzbrot, so behauptet die Bevlkerung, verdankt sie ihre
gesunden, schnen, weien Zhne.

Auch die Wohlhabenden in der Stadt fhrten eine uerst bescheidene
Lebensweise, und ihre Mahlzeiten waren auch nicht viel ppiger. Dafr
wurde aber in anderer Hinsicht geradezu Luxus getrieben: im Punkte
Bildung und Vergngungen kannte man in Helsingfors keine Sparsamkeit.
Die Stadt, die nur zwanzigtausend Einwohner hatte, besa zwei Theater,
drei Leihbibliotheken, komfortable Hotels und zahlreiche Cafs.

Es war ein freies, stolzes Volk, das hier lebte, stolz besonders den
Fremden -- Russen -- gegenber, die es rssene Pergele (Russenteufel)
nannte. Wenn man einem Bettler ein Almosen gab, so drckte er wohl
dankbar dem Geber die Hand. Ein Droschkenkutscher aber lehnte fast immer
das Trinkgeld stolz ab.

Auch geistig war die Bevlkerung fortgeschritten, interessierte sich
fr das, was in der groen Welt vorging. Nie kehrte ein Bauer, der die
Ware in die Stadt brachte, ohne seine Zeitung Soimele (Finnland)
aufs Land zurck.

Unsere Wohnung war in einer Kasematte und bestand aus vier kleinen,
dunklen Rumen, deren Wnde aus mchtigen, wohl zwei Meter dicken
Granitsteinen zusammengefgt waren. Wunderlich war unser Schlafzimmer.
Es hatte ein Fensterbrett, auf dem ein Tisch und Sthle Platz hatten.
Freilich war es fr andere Zwecke bestimmt. Whrend eines Krieges sollte
da ein weniger friedliches Mbel stehen: eine Kanone! Aber einen Vorzug
hatte dieses Schlafzimmer: von dem Fenster gab es eine herrliche
Aussicht auf den Finnischen Meerbusen mit seinen dunklen, waldigen
Ufern. Hier war mein Lieblingspltzchen. Hier pflegte ich mit den
Kindern zu sitzen, bei einer Handarbeit auszuruhen. Hier konnte ich
trumen, stundenlang auf das weite Meer schauen und seinem ewigen,
geheimnisvollen Murmeln lauschen.

Wir wohnten in der unmittelbaren Nhe des Kommandanten und der
Offiziere, mit denen wir auch bald bekannt wurden und die bald in
unserem Hause verkehrten.

Einer von ihnen erklrte sich bereit, meinen lteren Sohn in der
russischen Sprache zu unterrichten. Mein Mann warf sich eifrig auf das
Studium des Finnischen und Schwedischen und machte bald so groe
Fortschritte, da er sich der beiden Sprachen in geschftlichen
Angelegenheiten bedienen konnte. Daneben lernte er mit der Tochter
englisch. Die beiden lteren Kinder besuchten eine franzsische Schule
in der Stadt. Jeden Tag muten sie ber das Meer fahren.

Ich war stolz, so viel Wibegier bei meinem Manne und der
heranwachsenden Jugend zu sehen, stolz, glcklich und doch zugleich
auch traurig, denn der Lerntrieb erstreckte sich nicht auf das, was mir
vor allem heilig und wert war.

Hier in Helsingfors lebten wir fern von allem Jdischen. In diesem Lande
bestand nur eine kleine Gemeinde alter Soldaten, die noch seit der Zeit
Nikolaus I. das Privilegium, hier zu wohnen, besaen. Sie hatten eine
kleine Synagoge und einen sogenannten Rabbiner, der zugleich Schochet
(Schchter) war.

Eine Gemeinde Nikolajewsker Soldaten. Das sagt fr die Eingeweihten
genug. In den zwanziger Jahren hatte man die Juden auf alle mgliche
Weise zum Heeresdienst, der fnfundzwanzig Jahre dauerte, herangezogen.
Herangeschleppt! Galt doch infolge der Hrte und Lnge der Dienst fr
schlimmer als der Tod. Was Wunder, da die ausgemergelten Juden sich in
diesen Abgrund nicht bei Lebzeiten schleudern lassen wollten. Da man
aber fr die Ergreifung eines flchtigen jdischen Jnglings -- sie
waren oft nicht lter als zwlf oder dreizehn Jahre -- 20-30 Rubel
bezahlte, so fanden sich natrlich auch unter den Juden Subjekte, die
ein Geschft daraus machten, mglichst viel solchen Sndengeldes zu
verdienen. Nherte sich so ein Chapperl[11] zum Beispiel einer
Schneiderstube, so kam schnell ein guter Freund, um die Schneiderjungen
zu warnen -- und alles floh rascher als vor der Pest, wo sich nur ein
Versteck bieten wollte. Die Ergriffenen nannte man mit dem russischen
Wort Pojmeniky, (Ergriffene).

In einem kleinen Volksliedchen heit es:

    Sitzen Schneider arim Tisch
    Oj, oj, oj nhen

    Kimmt a giter Briderl
    n sagt die Chapperlach gehen!

Die Zahl dieser Volkslieder ist unendlich gro. Eine Reihe geradezu
ergreifender Stcke ist in der trefflichen Sammlung von Gnzburg und
Marek zusammengestellt. Einige mchte ich aus meiner Erinnerung hierher
stellen.

    Wie es is bitter,
    Meine liebe Mitter,
    :|: A Schiffele auf'n grnem Gros:|:
    Asoj is bitter, meine liebe Mitter,
    M' tt doch mir chappen,
    :|: Wie a Hs:|:
    Nit wejn i nit schrei,
    Meine liebe Mitter,
    :|: Nit ich bin dos allein.:|:
    Nemmt mir, un vor meinem Herzen
    :|: Setz ich mir anieder und wein.:|:
    Wie es is bitter, meine liebe Mitter,
    :|: A Bumele ohn Ritter (_Zweige_).:|:
    Asoj is bitter, meine liebe Mitter
    M' tut doch mir machen
    Far a Moskowiter.

Ein anderes Lied lautet:

    As och n' Weih zu jdische Kinder,
    Sint sei hoben gesehen die Like Liwone[12].
    Vn jener Zeit un hoben sei

    Kein gt's, n' kein N'chome[13]
    As me fhrt jdische Kinder zim Priom[14],
    Tt doch zittern die N'schome[15].
    Drm beten mir dir Reboine schel oilom[16]
    Du sollst ns geben far unser Zar[17] a stickele Nichome.

    Bitter is doch nser leben asoj wie der Toit
    As mir darfen essen dem Jewonischen Broit[18]
    As mir darfen gehen in schatnes[19] gekleid't,
    Dus is doch nsere bittere Noit.
    Der wos im Himmel, der versteht. Gott Gott worm bist
                                       di dir vn ns pourisch[20]!
    Du weit doch as mir nit kennen nicht hitten deine geseres[21]
    Dus is doch unsere bittere Breres[22],
    Drim betten mir dir Reboine schel oilom
    Du sollst ns moichel sein[23] auf nsere Aweres[24].

    Deine Struf tn mir doch M'kabel-b'ahwe[25] anzunehmen
    As me tt ns Bort un Pees arobnehmen
    Tt doch uns in Harzen klemmen
    As mir tn sich allein var ns schemen;
    Drm beten mir dir Reboine schel oilom
    Di sollst ins vin gules arois nehmen.

    Wer wet nser Herausnehmer n nser Ausleser sein
    As mir seinen tief in goischke Hnd arein,
    Dus is doch nser Schmarz n Pein,
    Drm beten mir dir Reboine schel oilom
    Di sollst nser Herausnehmer n Ausleser sein.

    Silber in Gold tn doch die sdatozikes[26] var ns legen
    As der Prijomschick[27] soll sugen mir tn var Soldaten ja
                                                       toigen (taugen)
    Asoi tt doch vn nsere Vaters un Mtters nit trckenen sere Oigen.
    Schabossim n Jomim toiwim tn sei tun varbringen.
    Chaleschen[28] tt doch nser Harz vn dem groien Gerasch[29]
    In der Heim hoben mir doch gehat vn Cholev n vn Dwasch[30]
    As m' leint den bitteren Ukas[31]
    Tor sach kein junger Mann nit weisen auf der Ga.

    Toit wnschen mir sich gewi, as mir darfen sich bucken
                                                 zum Naczalniks[32] F
    As der Naczalnik tt a Geschrei Paschol[33] mssen mir es
                                                 annehmen far zuckers.

    Jom Noroim[34] tun mir doch schauffer[35] blosen
    As men leient op dem bitteren ukas tien mir doch zilaufen
                                                          wie die Hasen
    Af Felder n af Wlder tn mir sich zuspreiten wie di Grasen,
    Drum beten mir dir Reboine schel oilom
    Du sollst ns vn goles[36] araus losen.

Sich dieser Gesere zu entziehen, gab es nur fr die Reichen das
bekannte Mittel -- die Rubel --, fr die Armen aber nur einen Weg: Da
nur die Nichtverheirateten zum Militrdienst ausgehoben wurden, muten
die Knaben eben schon im frhesten Jugendalter verheiratet werden. Nicht
selten fhrte man die Kleinen vom Spielplatz hinweg unter die Chuppe.

Damals war es auch, da sich im Volke das Gercht verbreitete, die
Regierung wolle jdische Mdchen in die Staatsfabriken nehmen.
Vielleicht war dieses Gercht entstanden, um die zgernden Eltern von
Mdchen gefgig zu machen. Sie waren natrlich jetzt um so schneller
bereit, ihre unerwachsenen Tchter mit unerwachsenen Knaben zu
verheiraten.

Diese Chapperei wurde bei den Juden Behules genannt.

Es war ein geradezu unnatrlicher Zustand. Und in jener Zeit ist auch
wohl der Grund gelegt worden fr die Degeneration eines groen Teils der
russischen Judenheit. Diese halbwchsigen Mdchen wurden -=Mtter=-.
Mtter von Kindern, deren Vter noch halbe Kinder waren. Aber die armen
Eltern brachten auch diese Opfer. Der Mensch mochte gefhrdet sein! Aber
der Glaube, das Judentum durfte nicht leiden!

War es doch unvermeidlich, da der Heeresdienst die Beachtung all der
jdischen Bruche, dieses heiligen Erbes, ausschlo. Das waren noch die
Glcklicheren, denen es beschieden war, in Stdte mit einer jdischen
Gemeinde zu kommen, wo sie wenigstens mit ritueller Kost von der
Gemeinde versorgt wurden.

Nur einen Vorteil gewhrten diese schweren Militrjahre: Waren diese
jdischen Soldaten nicht den unerhrten Anstrengungen und den
Brutalitten ihrer halbvertierten Vorgesetzten erlegen und hatten sie
mit heilem Krper die fnfundzwanzig Jahre ihres Dienstes berstanden,
so durften sie berall in Ruland wohnen. Dieser Vorzug brachte sie
bisweilen in gnstigere Verhltnisse, so da sie nicht selten spter
reiche Leute wurden. Aber der grte Teil von ihnen hat es nicht so weit
gebracht.

In einer Gemeinde Nikolajewsker Soldaten mute ich nun leben. Nach
Wilna--Helsingfors!

Ich hatte groe Mhe, unter solchen Bedingungen eine rituelle Kche zu
fhren: Das Fleisch mute stets aus der Stadt geholt werden und ich
selbst mute die Kche besorgen, weil ich mich auf eine christliche
Kchin nicht verlassen wollte. Und wie sich erst die Schwierigkeiten vor
Pesach huften, kann nur eine religise Frau und eine gute, echt
jdische Wirtin begreifen.

Aber ber alle diese Schwierigkeiten hinweg half mir der heie Wunsch,
die Tradition fr die Kinder zu erhalten und vor allem die Liebe, die
warme, treue Liebe zu meinem Manne. Nicht umsonst sagt das Volk: Mit
einem geliebten Manne auch bers Meer.

Wir suchten nach einem jdischen Lehrer fr die lteren Kinder, konnten
aber keinen finden. So kam es, da mein Mann selbst dem lteren Sohne
Unterricht erteilte. Aber er war kein Lehrer, hatte wenig Geduld und
verga sich oft. Du Esel, was wird aus dir werden? schrie er ihn oft
an, wobei es nicht selten zu Handgreiflichkeiten kam. Auf das Kind
konnte diese Behandlung nicht ermunternd und anspornend wirken; die
Stande wurde ihm zur Qual. Ich mute oft dazwischen treten und die
Aufregung besnftigen. Der Unterricht hrte bald auf, und wir bemhten
uns, einen jdischen Soldaten, der in der Festung wohnte, als Lehrer zu
engagieren. Aber leider wollte er auf unseren Vorschlag nicht eingehen.

Dieser jdische Soldat, der uns vom Kapitn Sommer als ein Heiliger
geschildert wurde, war eine so ungewhnliche und interessante
Erscheinung, da ich von ihm etwas ausfhrlicher sprechen mu. Religis,
bescheiden, schweigsam und still fhrte er ein fast asketisches Leben.
Sowohl seine Vorgesetzten wie auch seine Kameraden sprachen von ihm als
von einem gttlichen Manne. Er wurde von allen mit besonderer
Auszeichnung behandelt. Trotz der bevorzugten Behandlung, die er erfuhr,
vernachlssigte er aber nie die Dienstpflichten, erschien stets
pnktlich auf dem Exerzierplatz und war eifrig im Dienst. Die brige
Zeit verbrachte er ber Taldmudfolianten gebckt, in seinem eigenen
Kmmerchen, das ihm bewilligt worden war.

Seine Nahrung bestand in Schwarzbrot, Kwas (einem kohlensauren,
alkoholfreien Getrnk), Kartoffeln und Hering. Aus religisen Grnden a
er nie aus dem gemeinsamen Kessel. Am Sabbath erhielt er Urlaub, nach
der Stadt zu gehen, um dort einmal ordentlich zu essen.

Seine Talmudkenntnisse waren tief und bedeutend; und nicht selten sa
mein Mann bei ihm, von dem niemand etwas Nheres wute, der nie etwas
von seiner Herkunft verraten wollte, in seinem winzigen, ungeheizten
Stbchen und diskutierte mit ihm. Mein Mann zhlte diese Stunden auf der
einsamen Insel zu den interessantesten. Er kehrte von dort stets in
guter Laune zurck und erzhlte mir voll Bewunderung von diesem einsamen
Menschen, der als Arkadius Petrow im Regiment bekannt war.

Den Unterricht meines Sohnes bernahm er nicht, er schlug unsere Bitte
ab, mit der Begrndung, da es ihm zu viel Zeit rauben wrde.

       *       *       *       *       *

Es vergingen ein und ein halbes Jahr. Friedlich und angenehm flo unser
Leben unter dem kalten und abgelegenen Himmelsstrich dahin.

Der Bau der Kaserne nherte sich seinem Ende, und mein Mann sah sich
nach einer anderen Beschftigung um.

Er ging nach St. Petersburg. Ich blieb wieder einmal allein mit den
Kindern zurck -- Es war Dezember -- kurze, finstere Tage, welchen
jene strmischen nordischen Winternchte folgten. Es war eine traurige
Zeit fr mich!

Am Tage blieb mir nicht viel Zeit zum Nachdenken brig. Da war ich
beschftigt mit der Wirtschaft und den Kindern. Aber in den Nchten, in
den endlosen, einsamen Nchten lag ich stundenlang mit weitgeffneten
Augen und horchte auf das Sausen des Windes, auf das Heulen der
hungrigen Wlfe, die der wilde Sturm widerstandslos von den
festgefrorenen Ufern ins Meer jagte. Die Stimmen wurden mir inzwischen
so vertraut, da ich mit ihnen plauderte und ihnen mein Weh und Leid
klagte -- Und tausendstimmig kam die Antwort -- Zuerst ein
Gemurmel wie Klagen, Weinen und Sthnen -- so herzzerreiend, da ich
darber mein eigenes Weh verga. Allmhlich beruhigte sich die See und
pltzlich entstiegen den Tiefen tausend lustige, frhliche zarte Tne
und erklangen durch die Lfte wie silberne Glocken.

So ging die Zeit dahin. Endlich, nach einigen Wochen -- wie ewig lang
kann eine Woche sein! -- kehrte mein Mann aus Petersburg froh und
zufrieden zurck, denn er war dort in einem neubegrndeten Bankhaus
als Leiter angestellt worden. Wir blieben aber noch bis zur endgltigen
Vollendung des Baues der Kaserne in der Festung Sweaborg.

Der Frhling kam.

Am dritten Tage des Peach segnete mich Gott mit einer Tochter, die ich
Sina nannte. Es waren schwere, schwere Stunden.

Die Kaserne wurde fertig; sie sollte von der Festungsbehrde bernommen
werden. Zu diesem Zwecke kamen aus Petersburg die beiden Teilhaber des
Unternehmens: Herr Hessin und Herr Klonski, ein lterer Herr, der meinen
Mann nach guter, patriarchalischer Sitte mit du ansprach. Trotzdem
mein Mann damals 35 Jahre zhlte, nahm er keinen Ansto an dieser
ungezwungenen Anrede, denn der Respekt vor dem Alter war ihm in Fleisch
und Blut bergegangen.

Heute wre ein solches Benehmen einem jungen Menschen gegenber fast
ausgeschlossen. Ein Blick wrde den freien Alten belehren, da er den
der -=Jugend=- gebhrenden Respekt verga.

Mein Mann ging nach Petersburg. Wieder einmal blieb ich allein mit den
Kindern, lange, unendlich lange, zehn Monate.

Whrend dieser Zeit wurde mein ltester Sohn Barmizwah. Er erhielt
Tefilin, die er von nun an jeden Tag zum Beten anlegte. Sein Eifer im
Lesen steigerte sich mehr und mehr, und ich mute meine Zustimmung
geben, da er jeden Tag in der Konditorei der Stadt Zeitungen lesen
durfte. Die Besucher dort waren immer verwundert, da so ein kleiner
Junge die russischen, deutschen und franzsischen Bltter so flink
durchlesen konnte; er erzhlte mir alle Neuigkeiten.

Und wieder einmal stand ich mit meinen Kindern reisefertig da. Wir
bestiegen den Dampfer, der uns nach Petersburg bringen sollte, und
machten es uns in der Kajte bequem. Auf mein Verlangen wurde uns dort
das Mittagessen serviert -- es war eine ppige Mahlzeit, die wir aber
nur halb genieen konnten, denn die Fleischspeisen, die ja nicht koscher
waren, geno ich nicht, und ein Blick von mir gengte, da auch die
Kinder sie unberhrt lieen.

Wir waren 24 Stunden unterwegs und gelangten ermdet nach Petersburg.

       *       *       *       *       *


Petersburg.

In den siebziger Jahren unter der Regierung Alexanders II. war
Petersburg in seiner hchsten Blte. Der Hauptteil von Petersburg, wo
das bewegteste und eleganteste Treiben herrscht, ist der Newsky Prospekt
und die Morskaja. Hier entwickelte sich vor unseren Augen Tag und Nacht
das russische Straenleben, in dem sich die ganze russische Natur
widerspiegelt. Um jede Tageszeit ein anderes Bild, stets ganz eigenartig
und sehr interessant.

Acht Uhr morgens. In den Straen von St. Petersburg dominiert die
Jugend, die aus allen Enden der Stadt in ihre Schulen eilt. Die
Schulzeit in ganz Ruland beginnt um 9 Uhr und whrt bis 3 Uhr
nachmittags, nur mit einer einstndigen Unterbrechung von zwlf bis
eins.

Da eilen die kleinen und groen Gymnasiasten in ihren Uniformen in Grau
und Silber. Die Studenten in Schwarz und Blau mit goldnen Knpfen, die
breitrandigen Mtzen keck auf die Seite geschoben. Die Mdchen in ihren
schlichten braunen Kleidern mit schwarzen Schrzen, die, aller Mode
spottend, nach einer streng vorgeschriebenen Fasson angefertigt sind...
uerlich alle gleich aussehend. Sowohl die Schler wie die Schlerinnen
haben einen Ranzen, der nach Vorschrift der Schulbehrde auf dem Rcken
getragen werden mu.

Unterwegs einander begrend, laute Reden fhrend, eilen sie aneinander
vorbei, jeder seinem Ziele zu, lustig, bermtig.

Die Lastwagen, die des Morgens die elegantesten Straen durchziehen,
lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Den mit Kot und Schmutz bedeckten
Wagen zieht ein groes, plumpes Pferd, das seit Jahr und Tag keine
Reinigungsbrste auf seinem Fell versprt hat. Die zentnerschwere Last
mit einer zerlumpten und zerfetzten Plane bedeckt. Wagen und Pferd
warten nur auf den wohlttigen Regen, der sie einmal von dem Schmutz
befreit. Ganz dem Wagen und dem Pferde angepat ist der ungepflegte
Kutscher mit seiner grnen Mtze und dem an den rmeln zerrissenen
Schafpelz, der ihm zugleich als Kleid und Schlafdecke dient.

Zwlf Uhr mittags. Von der Peterpaulkirche schlgt die Stunde, von der
Festung ertnt ein Kanonenschu. Die Leute auf dem Newsky-Prospekt
ziehen mechanisch die Taschenuhren hervor, um sie zu richten. Die
Straen bieten wieder ein anderes Bild: Gouvernanten, Bonnen, die
russischen Nianias (Kindermdchen) und die ausgeputzten Ammen in ihrer
Nationaltracht fhren die Kinder durch den schnen breiten Newsky
spazieren.

Um vier Uhr nachmittags beginnt in Petersburg der Korso, der besonders
im Winter ein prchtiges Bild bietet. Was fr ein Luxus kommt bei diesen
Fahrten zum Vorschein! Die herrlichsten Schlitten, die seltensten
Rassepferde, die ausgesuchtesten Toiletten und kostbarsten Pelze drfen
da Revue passieren.

Der Korso bewegt sich vom Nikolaibahnhof durch den Newsky, die groe und
breite Morskaja bis zur Poztelujewbrcke. Der Weg ist so breit, da
drei Schlittenreihen bequem nebeneinander fahren knnen. Alles
prchtige, weite Schlitten (hauptschlich Privatschlitten), innen mit
Schafpelz und Teppichen ausgeschlagen, ein schwarzes Brenfell als
Decke. ber die Pferde sind blaue, rote, grne, manchmal weie Netze
gebreitet. Silbernes Geschirr. Der Kutscher ist meist von ungewhnlichem
Umfang, da sein gepolsterter Mantel (Jarmak) von Schulter zu Schulter
fast einen Meter breit ist. Es ist ein Oberkleid, festgeknpft mit einem
roten, grnen, blauen oder weien Grtel, entsprechend der Farbe des
Netzes. Dieses Oberkleid deckt den Kutscher und nimmt die Hlfte des
Schlittens ein, so da es aussieht, als se der Kutscher auf den Knien
seiner Herrschaften. Auf dem Kopf eine vierkantige gepolsterte,
rotsamtne Mtze, mit Pelzbesatz und Goldschnur geschmckt. Weie oder
gelbe lange Handschuhe mit Stulpen ergnzen diese so eigenartige Tracht
der Petersburger herrschaftlichen Kutscher.

In den Schlitten Damen und Herren, in die kostbarsten Pelze eingehllt.
Hier und da saust mit einer unheimlichen Schnelligkeit ein Lichatsch
vorbei -- ein Einspnner mit einem kleinen Schlitten, nicht grer als
ein Sessel. Man sieht nicht mehr als einen Biberpelz, darber ein
kleines kokettes Pelzmtzchen.

Das Publikum fhrt so nahe aneinander vorbei, da nicht nur kurze Gre
ausgetauscht werden knnen, auch Fragen und Antworten fliegen hinber
und herber. Man verabredet Rendezvous und tauscht Komplimente aus.

Der glitzernde, knirschende Schnee, das Wiehern der Pferde, das leise
Rauschen der seidenen Stoffe, das Lachen und Plaudern des Publikums, die
Pracht und der Luxus der Schlitten und seiner Insassen -- das gibt ein
Bild, das nicht nur den Fremden, sondern auch den Einheimischen stets
von neuem fasziniert.

       *       *       *       *       *

Mit der bersiedelung nach Petersburg ging ich einer Zukunft entgegen,
die an Ereignissen und Vernderungen die Vergangenheit, die Gegenwart
und alle Erwartungen bertraf.

Das Milieu, in das wir in Petersburg kamen, bestand aus vornehmen,
gebildeten Leuten, bei denen meistenteils Reichtum und Luxus herrschten,
und die ein fast sorgloses Dasein fhrten. Trotzdem die Petersburger
jdische Gesellschaft eine groe, prchtige Synagoge besa und zwei
Rabbiner hatte, -- einen modernen studierten und einen orthodoxen --
trennte sie doch vieles von jdischer Sitte und jdischer Tradition. Die
Vornehmen bernahmen gar manche fremde Tradition und feierten fremde
Feste, wie Weihnachten. Von den eigenen Feiertagen hielt man nur noch
zwei Feiertage: Jom Kippur und Peach. Aber sie wurden modern
gefeiert. Manche kamen ruhig in einer Equipage in die Synagoge und
speisten am Jom Kippur whrend der Pausen.

Das Peachfest hielt sich selbst in den vorgeschrittensten Kreisen. Es
blieb ein Fest der Erinnerung. Freilich nicht an den Auszug aus gypten,
sondern an die eigene Kindheit in den kleinen litauischen Stdtchen. Der
Sederabend wurde gefeiert, aber auf eine sehr abgekrzte Art. Sogar die
getauften Juden mochten sich vom Sederabend nicht trennen.
Veranstalteten sie auch kein besonderes Mahl in ihrem eigenen Hause, so
lieen sie sich doch gern in ihren Bekanntenkreisen bei den -- noch
nicht Getauften einladen. Es sah recht feierlich aus. Die Hausfrau im
hchsten Staat, die Kinder sorgsam angezogen, die Gste in Frack und
weier Binde. Den Tisch schmckte ein Sto Mazzaus, die auf einem
Tablett aufgehuft waren. Eine Schssel mit Eiern, mit grnem Salat und
Radieschen war hergerichtet. An gutem Wein fehlte es natrlich nicht.
Und doch zogen die Herren meistens den Zmukim (Rosinenwein), vor, der
sie so stark an das Elternhaus erinnerte. Von Gebeten und der ganzen
Reihe alter, symbolischer Bruche nahm man Abstand. Das Gesprch dauerte
zwar auch bis Mitternacht. Aber es galt nicht dem Auszug aus gypten,
sondern Tagesfragen, Zeitungsneuigkeiten, Brsengeschften. Das Mahl war
recht reichhaltig und fing natrlich mit den Eiern an, die in Salzwasser
genossen wurden. Dann folgten gefllte Pfefferfische, Fleischbrhe mit
schmackhaften Klchen und Putenbraten. Es war ein gemtliches Souper
mit einigen Eigenheiten, mehr aber nicht. Mit dem Sederabend hatte es
eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Auf dem Tisch lag keine
Haggadah, sie lag irgendwo in einer alten Holzkiste friedlich bei den
vergilbten Talmudexemplaren, der Bibel und alten hebrischen Bchern.
Die Fragen wurden nicht gestellt. Die Hnde hatte man sich zu Hause mit
parfmierter Seife gewaschen. Und beim Weintrinken legte man weiter kein
Gewicht darauf, ob es gerade nur vier Becher waren. Natrlich trat das
Prfrencespiel an die Stelle des Benschens.

Was ich hier schildere, waren die neuen Sitten einer feinen, dnnen
Oberschicht der Petersburger Juden.

Die Mehrheit jedoch war der alten hergebrachten Religion, der Tradition
treu geblieben, und darunter waren nicht wenige, die zur Elite der
jdischen Gesellschaft gehrten.

In dieser Umgebung zu leben und von ihrem Einflu unberhrt zu bleiben,
erforderte eine Charakterstrke und eine religise Festigkeit, wie sie
mein Mann leider nicht besa. Mich htte es unberhrt gelassen, mich
htte mein starker Glaube, meine Erziehung und die religise Innigkeit,
mit der ich an jdischer Sitte hing, vor der Untreue bewahrt. Ja, stolz
wre ich umhergegangen unter all den Schwachen. Stolz und glcklich, da
ich noch im Besitz all des innigen Reichtums war, den jene lngst
verloren hatten. Und ich htte sie wegen ihrer Armut bedauert.

Und doch hatte ich gerade hier in Petersburg, wo die Juden sich von so
vielen jdischen Bruchen lossagten, oft Gelegenheit zu beobachten, wie
stark das Zusammengehrigkeitsgefhl trotz allem unter den Juden
entwickelt war: Wenn Juden irgendwo in der Provinz in einem Streit mit
der Behrde unterlegen waren, so wandten sie sich nach Petersburg um
Untersttzung; und niemals sparte die Petersburger jdische Gesellschaft
Geld und Zeit, um die Sache ihrer Stammesgenossen zu vertreten. Man
appellierte und setzte die hchsten Instanzen in Bewegung, damit den
bedrngten Juden ihr Recht werde; und dieser Eifer war allen natrlich
und selbstverstndlich. Nicht umsonst ist ja das Solidarittsgefhl der
Juden in der ganzen Welt sprichwrtlich geworden. Sogar die meisten
getauften Juden machten dabei keine Ausnahme. Ja, es gehrte geradezu
zum guten Ton in der Petersburger jdischen Gesellschaft, wohlttige
Anstalten fr die Juden zu grnden, wo Hunderte von Kindern Unterkunft,
Erziehung und Bildung erhielten. --

Es ging bei uns hnlich zu wie in so vielen anderen Familien, in denen
der Kampf um die Tradition gekmpft wurde. Der Mann, der Verdienende,
der die Pflicht hat, die Seinigen zu versorgen, besitzt auch das grere
Recht, er ist der Herr im Hause, er kann bitten, darf aber auch
fordern, hie es dort. Auch mein Mann -=bat=- zuerst, und als er damit
sein Ziel nicht erreichte, -=forderte=- er die Erfllung seiner Wnsche.
Er wurde despotisch und verlor jedes Ma.

Mit seinem schlichten, ruhigen, ehrlichen Wesen, mit dem grenzenlosen
Vertrauen, das er den Menschen entgegenbrachte, pate er nicht hinein in
das Grostadtleben, in dessen Hasten und Streben und Ringen. Trotz
seiner Kenntnisse und Fhigkeiten ging es ihm in pekunirer Hinsicht
nicht gut, und in dem Riesenunternehmen, an dem er teilnahm, konnte er
nicht vorwrts kommen. Das schmerzte und qulte ihn. Denn frisch noch
lebten in seiner Erinnerung die Zeiten, da er ein groer Herr war, reich
und vornehm. Wenigstens in seinem Hause, im eigenen Familienkreise
wollte er Entschdigung haben fr diese Ungerechtigkeit. Hier wollte er
ganz Herr sein -- und er war es auch im vollsten Sinne. Es gengte
nicht, da ich ihm volle Freiheit auerhalb des Hauses lie. Ich mute
mich selbst und mein Haus reformieren.

Zuerst waren es Kleinigkeiten, aber liebe, vertraute Kleinigkeiten, die
mir ans Herz gewachsen waren, von denen ich mich trennen mute. Aber
damit waren die Umstrzler noch nicht zufrieden. Es wurde weiter
gefordert; und rcksichtslos wurden die Grundlagen unseres bisherigen
Lebens -=zerstrt=-.

Hier in Petersburg war es, wo ich gleich am Anfang unseres Aufenthaltes
den Scheitel abnehmen mute. Hier war es, wo ich nach heftigstem
Widerstand die koschere Kche abschaffte und allmhlich -=eine=- schne,
alte Sitte nach der anderen aus meinem Hause vertrieb. -- Nein,
ich vertrieb sie nicht, ich begleitete jede von ihnen bis zur letzten
Pforte meines Hauses mit Schluchzen und Weinen. Blutenden Herzens lie
ich sie hinausziehen und schaute ihnen lange, lange nach -- und
war so traurig, als wenn ich das Teuerste zu Grabe brchte. Was litt ich
damals, welche Seelenkmpfe habe ich durchmachen mssen! Ich ahnte
nichts davon in meiner Jugend, als ich noch so glcklich das
beschauliche, ruhige, stolze, patriarchalische Leben in meinem
Elternhause lebte. Trotzdem ich meinen Mann so hei und treu liebte wie
in der ersten Zeit unseres Zusammenlebens, konnte und durfte ich nicht
widerstandslos nachgeben. Fr mich und fr die Kinder wollte ich das
teure Gut erhalten und kmpfte einen Kampf um Sein oder Nichtsein.

Das ganze Leben in Petersburg war dazu angetan, da selbst tausend
verschiedene Erlebnisse immer wieder auf das eine Problem des Judentums
zusammenliefen. Was hat mir die Gymnasialzeit meines Sohnes fr Sorge
und Herzeleid gebracht! Simon war Schler des vierten Gymnasiums. Eines
Tages wurden die Knaben in die Kapelle des Gymnasiums zu einem
Gottesdienst gefhrt. Vor den Heiligenbildern knieten alle nieder. Mein
Sohn nur blieb stehen. Der Klassenaufseher forderte ihn auf, sofort
niederzuknien. Mein Sohn lehnte es entschieden ab: Ich bin ein Jude.
Und mein Glaube verbietet mir, vor einem Bilde zu knien. Wtend ging
der Aufseher. Nach dem Gottesdienst wurde Simon gerufen: er war
entlassen. Morgen sollte er sich seine Papiere holen. Das war eine bse
Kunde. Auch diese Sorge noch! Ich eilte zu den Popetschitjel, flehte,
jammerte. Mein Sohn htte ja nicht die Schuldisziplin miachten wollen.
Er wollte nur der Erziehung treu sein, die er im Elternhause und in der
Rabbinerschule genossen. Achtung vor der Autoritt der Eltern sei auch
ein wichtiges Erziehungsmoment. Wo sie aufhrt, beginnt vielleicht das
Laster. Aber Frst Liwin blieb hart. Ich konnte nicht mehr sprechen. Der
Schmerz drckte mir die Kehle zu. Trnen auf Trnen quollen aus meinen
Augen. Sah ich doch das Lebensglck meines Sohnes zerstrt. Ich lief
hinaus. Aber kaum hatte ich das Vorzimmer erreicht, da rief mich der
Frst zurck. Dieses Gymnasium sollte er verlassen. Aber er wollte doch
dafr sorgen, da er in ein anderes aufgenommen wrde. Und so geschah
es. Ich fand wieder die Ruhe und geno mit tiefem Behagen die Freude
ber die stolze Handlung meines Sohnes. Das war Blut von meinem Blute.
Aber durfte ich unter den fremden Einflssen hoffen, da die Kinder
immer der Art der Mutter folgen wrden? Sie wurden grer. Sie begriffen
auf ihre Weise, was in ihrer Umgebung vorging und -- stellten sich
manchmal auf die Seite des Vaters. So war ich oft vereinsamt: Der Mann,
die Gesellschaft gegen mich. Ich unterlag. Aber niemand ahnte die Tragik
jener Tage, die ich damals durchlebte.

Nur ein paar vergilbte Bltter, denen ich mein Leid damals vor
achtunddreiig Jahren in einer Verzweiflungsstunde anvertraut hatte,
sind stumme, starre Zeugen meiner Leiden -- Ich fge hier jene
Worte, die ich am 15. April 1871 schrieb, bei, denn sie scheinen mir von
allgemeinerem Interesse zu sein, geben sie doch dem Schmerz und dem
verzweifelten Kampf Ausdruck, den nicht nur ich allein, sondern so
manche Frau und Mutter in dieser schweren bergangsperiode des jdischen
Lebens zu ertragen hatten.




Die gefhrliche Operation. -- Die Reform der Kche.


... Das Geschwr ist so gro geworden, da es mich zu ersticken droht!
Was tun? Wo Rat holen? Woher die Krfte zum Kampf nehmen? O, lieber
Gott, schenke mir Seelenstrke, die Operation ohne bleibenden Schaden
ertragen zu knnen! Ich fhle mich zu schwach, das zu berstehen. Es ist
ein Kampf auf Tod und Leben. Ich habe mich in den eigenen Krften
verrechnet und glaubte nicht, da diese letzte Reform mich in solche
Bangigkeit und in so starkes Zerwrfnis mit mir selber hineinstrzen
wrde. Warum fllt es mir so schwer, meine bisherigen Grundstze zu
berwinden? Ich glaube, meine anhngliche Natur ist daran schuld. Die
Verehrung und Liebe fr meine Eltern sind bei mir unzertrennlich mit der
Verehrung ihrer religisen Sitte verbunden. Es berkommt mich die
Verzweiflung, wenn ich an die Notwendigkeit meines Handelns denke, von
der mein knftiges Heil, meine Ruhe und Zufriedenheit, selbst das Glck
meiner Kinder abhngen soll. Es wird sicher eine tiefe Wunde in die
Herzen meiner Eltern schlagen. Ich war ihnen bisher eine liebe Tochter.
Nun haben sie volles Recht, mir zu fluchen -- Ja, ich verstehe ihren
brennenden Schmerz. Ich bin selbst Mutter!

Aber wo sind meine eigenen Grundstze? Ja, sie sind da. Seit fnfzehn
Jahren kmpfe ich, sie zu erhalten. Sie sind mir ans Herz gewachsen, in
Fleisch und Blut bergegangen. Nun sind sie aber der Strenfried und
Ansto fr alle Meinigen geworden, an ihnen zerschellt jeden Augenblick
alle Zrtlichkeit, alle Achtung und Liebe. -- Und was mich so
unglcklich in meinem jetzigen Zustand macht, ist das Verhltnis meines
Mannes zu mir. Er hat es nie verstanden, oder sich nie die Mhe gegeben,
mich anders zu betrachten, wie ein fr sich notwendiges Ding. Er ist nie
auf den Gedanken gekommen, da ich meine eigenen Grundstze,
Gewohnheiten habe, da ich bereits von Haus aus zu ihm mit Erinnerungen,
ja sogar mit gewissen Erfahrungen kam; und da die mannigfachen
Lebensumstnde meine Standhaftigkeit ausgebildet und gefestigt haben. Er
gab sich nicht die Mhe, sich meinem inneren Wesen zu nhern und es zu
erkennen. Er fordert von mir vor allem Unterwrfigkeit und Verleugnung
meiner Grundstze. Nein, mein Freund, diesen deinen letzten Wunsch ohne
Murren zu erfllen, bin ich nicht imstande. Dazu httest du mich
allmhlich vorbereiten sollen, dann wre es mir vielleicht nicht so
tdlich schwer geworden! Da es aber nicht geschah, da du meinem inneren
Leben fremd bliebest, wurde meine Anhnglichkeit an die Eltern und das
Pflichtgefhl ihnen gegenber von Tag zu Tag strker. Ich schuf mir eine
eigene Welt in mir, von der ich mich jetzt so schwer trennen kann. O,
Gott im Himmel, nur du kannst unparteiischer Zeuge meiner Leiden sein!
Wem soll ich klagen! Verstehst du mich, mein Mann? Legst du mir meine
Konsequenzen nicht als eine Hartnckigkeit aus, kannst du nicht darin
etwas Hheres, Edleres sehen, als Eigensinn? Und die Kinder? Die sind ja
noch zu jung -- sie werden aber schon auf deine Seite kommen. Sie
sind ja Kinder ihrer Zeit!

Das Messer ist geschrft. Ich mu mich entscheiden. Die Operation soll
vor sich gehen, denn ich ersticke! Nur bitte ich um Zeit, damit ich den
Kampf zuerst mit mir selbst auskmpfe und meine geistigen Krfte sammle.
O, wer hilft mir? Niemand! Zurck also in meine eigene Welt, in mein
Herz, in die Gesellschaft meiner Gedanken, in die Welt meiner
Vergangenheit, die eine inhaltreiche Geschichte ist, und in die
undurchdringliche Zukunft. Ich will dieses furchtbare Opfer auf dem
Altar meines huslichen Herdes darbringen. Eher darf ich nicht sagen,
da ich meine Pflicht als Frau und Mutter erfllt habe, bis ich auch
diesem Wunsch der Meinigen nachgegeben habe. Was ist mein Leben ohne
Liebe, ohne Anhnglichkeit und in einem immerwhrenden Streit mit den
Nchsten? Nach jedem Auftritt wegen dieser unheilvollen Frage sehe ich
den Tod vor Augen. Die Bitterkeit, die ich stets dabei empfinde, knnte
drei Leben, und nicht nur eines vergiften! Daher, ihr Henker, schrft
die Messer, ich bin fertig. Ich will mit dieser Tat dem ewigen Spotten
ber die Religion in meinem Hause ein Ende machen. Lieber begehe ich
selbst das Schreckliche und rette mit dieser Handlung die wahre
Grundlage der Religion, den Glauben. Ich darf vielleicht nicht lnger
zgern, wenn ich das Schlimmste verhindern soll. -- Heutzutage mu man
ein Hillel und kein Schamai sein[37].

O, Schweres, namenlos Schweres hast du mir, Gott, auferlegt! Ich lebe
ja in der schwersten bergangszeit, in der wir jdischen Frauen ohne
alle persnlichen Rechte in den Ehestand getreten sind, in der unsere
Mnner sich als unsere Herren oder Diener, nie aber als unsere Freunde
betrachten. O, totes Papier, fhlst du es nicht, welche Worte ich hier
niedergeschrieben habe? Es wird mir schrecklich zumute. Meine Sinne
schwinden. Meine Hand versagt ihre Dienste. Ich werfe das Papier weit
von mir. Soll ich wnschen, da es jemandem einmal in die Hnde kommt?

       *       *       *       *       *

So wurde denn in meinem Hause die treifene Kche eingefhrt. Fr dieses
Opfer, das ich den Meinigen brachte, forderte ich die Erfllung eines
Wunsches: Einundfnfzig Wochen im Jahre mute ich so leben, wie sie es
haben wollten, eine Woche, die der Peachfeiertage, sollte mir gehren.
Und niemand sollte mir im Wege stehen, diese Feiertage ganz so zu
feiern, wie ich es von Hause aus gewohnt war. Und dabei blieb es.

Ein guter Freund beeilte sich natrlich, meinem Vater von dieser Reform
in meinem Hause Mitteilung zu machen. Mein Vater hrte ihn ruhig an,
schwieg weise eine Weile und sagte dann. Wenn meine Pessele es getan
hat, so mute sie es tun.

       *       *       *       *       *

Zu diesen religisen Kmpfen im Hause kam noch der Kampf ums Dasein. Die
geschftlichen Angelegenheiten meines Mannes blieben dauernd
unerfreulich. Weder als Bankangestellter, noch als Brsenmakler hatte er
Glck. Er fhlte sich niedergeschlagen und mde, denn das schlechte
Petersburger Klima bte einen bsen Einflu auf seine Gesundheit aus.
Die Kinder wurden gro. Ihre Erziehung forderte Mittel, die die unseren
berstiegen. Unsere materiellen Verhltnisse hielten nicht Schritt mit
den Bedrfnissen, die noch durch unseren Verkehr von Tag zu Tag grer
wurden. Ich hatte so manche schwere Stunde durchzumachen. Aber ich tat
mein Mglichstes, um vor den Kindern und den Fremden unsere materielle
Lage zu verbergen. Die Hoffnung auf bessere Zeiten verlie mich nie. Ich
arbeitete und arbeitete, da das Glck, sollte es einmal kommen, keine
verelendete Familie vorfnde. Diese Hoffnung gewann mit der Zeit in
meiner Phantasie Form und Gestalt -- ich sah vor unserer Wohnung das
Unbestimmte, das Wunderbare, das uns die frohe Nachricht bringen sollte,
harren und leise unsere Tr ffnen --

Aber es ffnete sie gar so leise und langsam --

Es bedeutete eine glckliche Wendung fr uns, als meinem Manne die
Stellung eines Vizedirektors der Kommerzbank in Minsk angeboten wurde.
Wir berlegten nicht lange, packten unser Hab und Gut zusammen und
siedelten nach Minsk ber.

Das war gegen Ende 1871.

Endlich wich die materielle Sorge von uns. In kurzer Zeit erhielt mein
Mann die Stelle des Direktors, und von nun an fhrten wir wieder ein
reiches, vornehmes Leben in Minsk.




Die dritte Generation.


Und es kam die dritte Generation, die weder Gott noch den Teufel
frchtete. Die allerhchste Huldigung brachte sie dem eigenen Willen
entgegen und erhob ihn zu einer Gottheit. Dieser Gottheit wurde
Weihrauch gestreut. Ihr wurden Altre errichtet; und ohne Scheu, ohne
Rcksicht wurden ihr die heiligsten Opfer dargebracht. Es war die Tragik
und das Verhngnis dieser Jugend, da sie ohne Tradition aufgewachsen
war. Unsere Kinder erhielten keine Eindrcke von den Erinnerungen des
historischen, selbstndigen Judentums. Fremd blieben ihnen die
Klagelieder am Tischo b'Ab, fremd die in den dreimal tglich
verrichteten Gebeten lebende Sehnsucht nach Zion, dem Lande der groen
Vergangenheit, fremd der Rhythmus der jdischen Feiertage, nach welchem
stets einem traurigen ein freudiger folgt. Sie fand nirgends Anregungen
-- diese Generation. Sie wurden Atheisten.

Vielleicht mag mancher jugendliche Leser glauben, da ich die
Verhltnisse gar zu trbe sehe. Ist meine Erinnerung getrbt und decken
dunkle Flore meine Augen?! O nein. Ich bin ein getreuer Chronist. Mein
lichter Blick sieht nur die tiefen Schatten, weil sie wirklich die Wege
der neuen Jugend ber und ber decken.

Die dritte Generation! Zeigt mir das Glck, zeigt mir den Adel eurer
Moral -- und ich will mich vor euch beugen!...

... Allmhlich sahen die Vter, die jdischen Brauch und jdische Sitte
aus der Erziehung der Kinder entfernt und sie ausschlielich im modernen
aufklrerisch-europischen Sinne hatten bilden lassen, ihren
verhngnisvollen Fehler ein. Sie selbst, wenn sie sich auch von Religion
und Tradition abgewandt hatten, blieben doch im Grunde ihres Herzens
Juden. Gute Juden im nationalen Sinne dieses Wortes, stolz auf ihre
Vergangenheit; denn in ihnen lebten noch die Erinnerungen ihrer
Kindheit. Aber ihre Kinder hatten diese Erinnerungen nicht mehr; ihre
eigenen Eltern, hauptschlich die Vter, waren daran schuld. Und nicht
selten kam es, da feiner empfindende Jnglinge, die ihre innere Armut
erkannten, die Eltern anklagten!

Es gab zwar eine Mglichkeit, die Mngel der huslichen Erziehung
einigermaen zu ersetzen: durch einen geordneten Religionsunterricht in
den ffentlichen Schulen. Tchtige Lehrer htten so leicht das Interesse
der Jugend der groen jdischen Vergangenheit zuwenden, ihre
Aufmerksamkeit auf die alte hebrische Poesie, die Geschichte der Juden
lenken und auf diese Weise in ihnen die stolze Gewiheit erwecken
knnen, da sie einem Volke angehrten, dessen Kultur und Geschichte
alt, inhaltsreich, erschtternd sind. Dann htte die jdische Jugend
sich nicht gleich bei der ersten Berhrung mit der Schuljugend anderen
Stammes verloren. Sie htte nicht das Gefhl der Erniedrigung gehabt,
das ihnen jede Erinnerung an die jdische Abstammung brachte. Sie htte
sich nicht mit solcher Wut von ihrem eigenen Volke abgewandt, ihre
Pflichten vergessen und ihre Krfte rcksichtslos in die Dienste der
anderen gestellt, wie sie es getan. -- Aber leider standen die
jdischen Religionslehrer nicht immer und nicht berall auf der Hhe
ihrer Aufgabe. Nur die allerwenigsten verstanden ihre Mission.

In den sechziger Jahren beginnt die Russifizierung der Juden durch die
Regierung. -- In der ersten Epoche der Aufklrung, in der Zeit des
Einflusses Mendelssohns, war die Unterrichtssprache in den jdischen
Schulen deutsch. Jetzt war die Stimmung eine andere geworden, die
Aufgeklrten kamen den Russifizierungstendenzen der Regierung
entgegen, weil sie von der Zukunft politische Freiheiten erwarteten und
die Vereinigung mit dem groen russischen Volke anstrebten. Die
Sprachenfrage war definitiv gelst, als die Regierung nach dem
polnischen Aufstand die russische Sprache in den jdischen Schulen
Litauens als obligatorisch eingefhrt hatte.

Danach ging man zu den Unterrichtsgegenstnden ber und verfolgte dabei
die gleiche Tendenz der Russifizierung. So wurde allmhlich das Programm
der jdischen Unterrichtsgegenstnde gekrzt zugunsten der
allgemeinen, d. h. russischen Bildung. Es kam so weit, da in den
Mdchenschulen der hebrische Schreibunterricht -=verboten=- wurde. --
Auch in dieser Hinsicht entsprach die Tendenz der Regierung dem stillen
Wunsche der jungen Generation und vor allem auch dem der jdischen
Lehrer, da der allgemeinen Bildung der Vorzug zu geben sei. Diese
Lehrer haben das Judentum schlielich auch aus den jdischen Schulen
gedrngt.

So war es kein Wunder, als die finstere, kalte, strmische Periode der
achtziger und neunziger Jahre fr uns Juden hereinbrach und unsere
Kinder in ihrem schwanken, gebrechlichen Schiffchen von der Hochflut
ergriffen und von den brausenden Wellen des Lebens bald nach oben, bald
nach unten geschleudert wurden, -- da sie ihr Schifflein in Sicherheit
bringen wollten.

Dieser sichere Hafen war -- die Taufe.

Das glaubten sie damals.

Da fiel es, das inhaltsreiche, schwere, schreckliche Wort, das wie eine
Seuche in das Innere des Judentums hineingriff und die Nchsten
auseinanderri. Nur ganz selten kam dieses Wort ber meine Lippen, weil
es mir zu nahe ging, mir zu tief ins blutende Mutterherz schnitt...

Nachdem das Furchtbare geschehen war, sprach ich darber auch mit den
Nchsten nicht.

Nur meinen Blttern habe ich es anvertraut, mit Trnen benetzt und
aufbewahrt tief, tief in der Erinnerung -- bis heute.

Aber heute will ich mich berwinden, heute will ich von jener finsteren
Nacht erzhlen... Und wie alles, was ich erlebe, so fgt sich mir auch
dieses Vorhaben, diese Aufgabe, in ein Bild: ich sehe mich selbst als
das Gromtterchen am Kamine sitzen -- und um mich herum die Jugend
von heute. Sie hren mir so gerne zu, wenn ich von den alten vergangenen
Zeiten des jdischen Lebens erzhle. Die Augen werden grer, sie
leuchten, die Kinder heben stolz die Kpfe und lauschen. O, Wunder des
Blutes! Die Kinder, deren Eltern sich vom Judentum abgewendet, kehren zu
ihm zurck. Sie sehnen sich nach ihm und nach der alten groen jdischen
Melodie, die sie nie gehrt. Das alles lese ich in den klugen Augen der
Kinder, und ihnen will ich das wunde Herz ffnen und von all dem Leid
und den Schrecknissen jener Nacht erzhlen ...

       *       *       *       *       *

Zwischen dieser modernen Schule, deren Fhrer berzeugt und systematisch
die Kinder dem Judentum entfremdeten, und der groen Masse der
orthodoxen jdischen Bevlkerung herrschte ein sehr feindliches
Verhltnis. Man wird das begreifen. Die hebrische Sprache sollte nicht
treulos verlassen werden. Alle erlaubten und unerlaubten Mittel muten
herhalten, um den hebrischen Unterricht zu ermglichen. Bestrafung und
Strafgelder -- ganz gleich, wenn nur das Ziel erreicht wurde. So
leichten Kaufes wollten sich die Alten nicht ergeben. Die Chedarim
bestanden fort, die arg verspotteten Melamdim knellten ihre Schler
weiter. Und mochte sich auch die Regierung einmischen; wie armselig war
diese Bevormundung gegen den heiligen Eifer der Frommen! Standen auch
die hheren Talmudschulen -- die Jeschiwaus -- unter der Kontrolle des
Ministeriums fr Volksbildung, so blieb die Aufsicht nur eine
theoretische. Die Regierungsgewalt drang nicht in die Stille der
Bethuser. Mit Zwang war eben wenig zu erreichen. Schlielich gab die
Regierung nach. Nicht zum mindesten, als sich 1863 die Gesellschaft zur
Verbreitung der Bildung unter den russischen Juden gebildet hatte und
nach berwindung einer Sturm- und Drangperiode mit vershnender Liebe
und Verstndnis fr den Wert des Althergebrachten ihre stille, aber
hartnckig durchgefhrte Arbeit betrieb. Freilich fand sie im Zeitgeist
eine kraftvolle Untersttzung. Die wohlhabenden Klassen sandten ihre
Kinder nur in die Kronsschule. Der Cheder blieb eigentlich nur den
Kindern des Proletariats. Aber ganz wurde auch bei den Reichen in der
Folge das Studium der hebrischen Sprache nicht vernachlssigt. Der
Melamed kam fr einige Stunden in der Woche ins Haus. Gymnasium und
Universitt: das waren jetzt die Ziele. Und es war schon eine auffllige
Ausnahme, wenn ein Reicher seinen begabten Sohn in eine Jeschiwah gab.

In diesen Jahren der inneren Wandlung, in der Zeit der siebziger Jahre,
tauchten in Ruland alle mglichen geflgelten Worte, wie Nihilismus,
Materialismus, Assimilation, Antisemitismus, Dekadenz, auf. Sie
beherrschten das letzte Viertel des XIX. Jahrhunderts und hielten sowohl
die jdische wie die nichtjdische Jugend in Ruland in einer
unaufhaltsamen Bewegung, in -=einer=- Aufregung. Es erschien der Roman:
Vter und Shne von Turgenjew, in dem das Wort Nihilismus zuerst
geprgt wurde. Die begeisterte Jugend fand in dem Helden dieses Romans
in der Folge das Echo ihrer Anschauungen und Bestrebungen, und sie
ergnzte und formte das, was noch fehlte, nach dem Vorbild des Basarow.
Der Kampf mit den Eltern wurde immer rcksichtsloser und erbitterter.
Mehr und mehr entfernte sich die jdische Jugend von den Eltern. Ja, es
war nicht selten, da die Kinder sich ihrer schmten. In ihren eigenen
Eltern sahen sie oft nichts anderes als den Geldbeutel, der ihnen die
Mittel zur Befriedigung ihrer Wnsche verschaffen mute. Die Eltern
achten? Weshalb? Achten kann man ja nur den, der an Bildung hher
steht. Die Ergebenheit, Dankbarkeit, Piett der frheren Zeiten waren
aus dem jdischen Leben spurlos verschwunden, als seien sie niemals der
Stolz und der Glanz des jdischen Hauses gewesen. Im Eifer, das Alte zu
strzen, alles Vorhandene skeptisch zu prfen, zu kritisieren, die
eigene Individualitt zu behaupten, kannte die junge Generation keine
Grenzen mehr, und nicht selten kam es vor, da ein solcher Philosoph
(Mdchen nicht ausgenommen), ausgestattet mit allen Sentenzen Franz
Moors, seine Geburt den Eltern zum Vorwurf zu machen wagte, wenn es ihm
einmal im Leben nicht nach Wunsch erging. Solch ein Wesen neuester
Formation uerte sich beispielsweise gndig: Wenn ich sehe, da meine
Mutter und ein Fremder sich gleichzeitig in Gefahr befinden, so rette
ich zuerst meine Mutter! -- Als ob es anders sein knnte. -- Das
ist ein kleiner Beleg dafr, wieweit die Jugend der achtziger und
neunziger Jahre vom natrlichen Empfinden entfernt war, da sie erst
beweisen zu mssen glaubte, was so selbstverstndlich sein sollte, was
im Blut liegt und zum Instinkt geworden ist.

Wenn ich die Szenen zwischen Eltern und Kindern der vierziger und
fnfziger Jahre als tragikomisch bezeichnet hatte, so waren die
Auftritte in vielen jdischen Familien der achtziger und neunziger Jahre
rein tragisch.

Die jdische Jugend verlor sich in fremder Art. Assimilation bis in den
Kern war ihr Losungswort. Im jdischen Leben ging alles durcheinander,
es herrschte ein wahres Tohuwabohu. Aber der Geist Gottes schwebte
nicht ber der Oberflche.

Das war die allgemeine Stimmung und die Verfassung der jdischen
Jugend, als die finstere, kalte, strmische Periode ber ihr Leben und
ihr Schicksal hereinbrach --

Wajhi hajaum! Und es war ein Tag am 1. Mrz 1881, an dem die Sonne,
die in den fnfziger Jahren ber dem jdischen Leben aufgegangen,
pltzlich erlosch: Alexander II. wurde am Ufer des Kanals Mojka in St.
Petersburg erschossen! Die Hand, die den Befreiungsakt fr sechzig
Millionen Leibeigene unterzeichnet hatte, wurde starr. Der Mund, der das
groe Wort der Befreiung ausgesprochen, verstummte auf ewig. Und das vom
Volke erwartete Heil rckte in weite, weite Ferne.

In einer Sitzung hatte die Minsker Stadtduma beschlossen, zwei Mnner
aus ihrer Mitte als Delegierte nach Petersburg zu senden, um dort auf
das frische Grab des humanen Kaisers einen Kranz niederzulegen.

Man whlte den Brgermeister der Stadt, H. Golinewitsch, und meinen
Mann; die Gemeinde fertigte eine Vollmacht mit den Unterschriften aller
Mitglieder aus, und sie reisten ab.

Es geschah zum erstenmal, da Juden an einer solchen Trauerkundgebung
teilnahmen.

       *       *       *       *       *

Und es kamen andere Zeiten -- andere Lieder erklangen -- Das
Schlangengezcht, das sich bisher nicht ans Tageslicht gewagt hatte,
kroch jetzt aus den Smpfen hervor: der Antisemitismus brach los und
drngte die Juden zurck in das Getto. Ohne viel Umstnde verschlo man
ihnen die Pforten der Bildung. Der Jubel der fnfziger und sechziger
Jahre wurde zu Kines[38], die Hoffnungen auf die Zukunft zu den Klagen
Jeremias --

Den Juden wurde der letzte Rest ihrer bisherigen Freiheiten genommen.
Beschrnkungen ber Beschrnkungen, die mit zeitweisen Verschrfungen
und Milderungen noch bis heute fortdauern und deren Ende nicht abzusehen
ist. Das Wohnrecht der Juden wurde mehr und mehr eingeengt. Der
Aufenthalt in Petersburg und anderen Stdten Rulands wurde ganz
verboten oder nur bestimmten Kategorien von Juden gestattet, z. B. den
Kaufleuten erster Gilde, die dafr eine sehr hohe Gebhr an die
Regierung bezahlen muten und denen, die in Ruland ein akademisches
Diplom erworben hatten.

Die akademische Bildung selbst aber wurde den Juden immer mehr
erschwert, indem man zur Aufnahme in die Gymnasien nur eine geringe
Anzahl zulie und die wenigen, die dann trotz aller Hindernisse das
Gymnasium absolviert hatten, bei der Einschreibung in die Hochschulen
nochmals durchsiebte. Es ist begreiflich, da diese Hrten eine arge
Korruption bei Juden und Russen zeitigen muten. Alle nur denkbaren
Mittel wurden von den Juden angewandt, um ihren Kindern den Eintritt in
die Gymnasien und Universitten zu ermglichen und die brutalen Gesetze
zu umgehen. Kam es doch spter sogar so weit, da jdische Eltern fr
unbemittelte christliche Kinder das Schulgeld bezahlten, nur um so
die Zahl der christlichen Schler zu erhhen und dann ihre eigenen
Kinder noch in die Schule bringen zu knnen. Denn es durfte nur ein
bestimmter Prozentsatz Juden aufgenommen werden.

Geld und Protektion spielten vereint die grte, ja oft einzig und
allein eine Rolle bei der Entscheidung ber die Aufnahme jdischer
Schler. Welche Demoralisation sogar bei den kleinen Kindern diese
Zustnde im Gefolge hatten, lt sich leicht denken. Oft fragten die
kleinen Kandidaten einander schon bei Beginn der Prfungen: Wieviel
gibt dein Vater...? Und welche Erbitterung mute das in die
Kinderherzen tragen, da die Reichen noch allenfalls manches fr sich
erlangen konnten, whrend die Armen ganz zurckstehen muten. -- Das
Geld war das Recht!

Und wenn es nun schon nach unendlichen Mhen gelungen war, einen
jdischen Knaben bis zur Reifeprfung zu bringen, und wenn er diese
sogar mit der hchsten Auszeichnung bestanden hatte, dann war er doch
noch keineswegs sicher, auch in die Hochschule aufgenommen zu werden.
Abermals trat die Prozentnorm in Wirksamkeit. Da die Zahl der
jdischen Studenten ebenfalls wieder abhngig war von der der
nichtjdischen Studierenden, so muten beim Eintritt in die Universitt
wieder viele, viele Juden zurckbleiben. Und die Wahl des Berufes war
und ist fr den jdischen Jngling in Ruland keine Frage der Neigung
und Fhigkeit oder der Absichten der Eltern, sondern einzig und allein
des blinden Zufalls, der einige wenige zult und die meisten ohne Wahl
und ohne Rcksicht ausscheidet. Aus keinem andern Grunde, als weil sie
Juden sind.

Wie in der Schule, so im Leben.

Die Atmosphre um die Juden wurde dster und gewitterschwer. Sie wurden
auf Schritt und Tritt auch von der niedrigsten Schicht der Bevlkerung
verspottet und verfolgt. So erinnere ich mich einer fr jene Zeiten
charakteristischen Episode, die mein Mann in Minsk erlebte. Als er
einmal auf der Strae ins Gedrnge geriet, hrte er pltzlich neben sich
einen kurzen Befehl: Jud', fort vom Wege! Er wandte sich um und
erblickte einen Russen, aus dessen Zgen das Gift des Hasses quoll. Die
Strae wimmelte von Juden. Da erhob mein Mann unzweideutig seinen
Spazierstock und rief dem Antisemiten laut zu: Was fllt Ihnen ein, so
verchtlich zu reden; die Strae ist doch fr jeden frei --! In
einem Augenblick war er von Juden umringt, die in ihrer Wut sofort Rache
an diesem Menschen nehmen wollten. Der Antisemit machte sich aber
schleunigst aus dem Staube.

Einige Tage nach diesem Vorfall lie der Gouverneur Petrow meinen Mann
zu sich bitten und begrte ihn mit folgenden Worten: Wie ich hre,
sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht
wollen Sie berhaupt meinen Posten bernehmen? Mein Mann bedankte sich
hflich und versicherte dem Gouverneur stolz und mit vornehmer Ruhe, er
sei mit -=seiner=- Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden
und verlange keine andere.

Nur die hohe Stellung meines Mannes und seine Verbindungen in der
Beamtenschaft verhinderten einen schlimmen Ausgang dieses Vorfalles.
Jeder andere wrde ihn schwer gebt haben.

Solche und hnliche Episoden wiederholten sich immer hufiger. Sie waren
die Vorboten jener blutigen Ereignisse, die nicht mehr lange auf sich
warten lieen.

Und Pogrom war das neue Wort, das die achtziger Jahre geprgt
hatten... Die Juden von Kiew, Romny, Konotop und anderen Orten muten
zuerst das Furchtbare erleben; sie waren die ersten, die wehrlos von den
wilden Massen des heimischen Pbels berfallen und auf die roheste Weise
niedergemacht wurden. Die Zeitungen, hauptschlich aber Privatbriefe,
brachten ausfhrliche Nachrichten ber das Vorgefallene und verbreiteten
eine unglaubliche Panik --

Das war der Anfang... Ein vielfaches Echo erscholl aus allen Enden
Rulands. Unter den Juden herrschte Niedergeschlagenheit und die
Verzweiflung.

Doch verharrten sie nicht lange in dieser trostlosen Starrheit und
rafften alle ihre Krfte zusammen, um sich gegen den Feind zu wehren.
Sie sahen ein, da Gott ihnen nur dann helfen wrde, wenn sie sich
selbst helfen -- und sie trafen Maregeln und Vorbereitungen fr
die Zukunft, unerschrocken, mutig, an die Worte aus der Megilath Ester
denkend: Kaascher -- owadeti, owodeti -- Sowieso sind wir verloren,
daher wollen wir uns doch wehren!

In der Stadt Minsk herrschte eine dstere Stimmung. Der Handel stockte.
Die Juden verlieen ihre Geschfte. Man sah sie durch die Straen eilen,
hastig, unruhig, mitrauische Blicke um sich werfend. Sie waren auf
ihrer Hut und htten im Falle eines Pogroms verzweifelt gekmpft. Die
Luft war geladen. Jeden Augenblick erwartete man die Explosion.

Die jdischen Marktweiber, die zu mir ins Haus kamen, erzhlten voll
Schrecken und Entsetzen von den Roheiten und den Drohungen der Bauern,
die zweimal wchentlich ihre Ware zum Minsker Markt brachten. Die Bauern
sprachen ffentlich von einem baldigen berfall und von der Ermordung
aller Juden.

Mein Mann brachte ebenfalls Schreckensnachrichten aus seiner Bank, die
Kinder aus der Schule. Die judenfeindliche Stimmung wuchs mit jedem
Tage. Und es kam dahin, da sogar kleine Straenbengel sich
erdreisteten, die Fensterscheiben bei den angesehensten Familien von
Minsk mit Steinen einzuwerfen und den Juden verchtliche Worte und
Schimpfreden nachzurufen.

Einmal wurde an der Entreetre unserer Wohnung, die zu ebener Erde lag,
stark geklopft. Das Mdchen ffnete die Tr und sah erstaunt einen
kleinen Gassenjungen vor sich. Dreist, mit einem frechen,
herausfordernden Gesichtsausdruck, ohne die Mtze zu ziehen, fragte er
nach dem Namen der Herrschaft. Als das Mdchen ihm unseren russisch
klingenden Namen und unseren russischen Vornamen nannte, wiederholte er
noch einmal ungeduldig seine Frage: Ich will wissen, ob hier Juden oder
Christen wohnen! Nachdem er die gewnschte Antwort erhalten, schrie er
wtend in die Wohnung hinein: Judenpack, na, warum protzt ihr denn mit
russischen Namen -- und lief davon.

In allen Schichten der Bevlkerung glimmte der Ha gegen die Juden, die
sich unter den feindlichen, gehssigen Blicken wie unter geschliffenen
Messern bewegten.

Die Juden in Minsk rsteten sich zum Kampf und ihre Huser wurden
Kriegszelte. Jeder nach seiner Art, wie es ihm am leichtesten war: einer
besorgte sich starke Stcke -- Drongi genannt --, der andere mischte
Sand und Tabak, um dieses Zeug dem Pogromgesindel in die Augen zu
werfen. Jungen von acht Jahren, Mdchen von zehn nahmen Teil an den
schrecklichen Vorbereitungen, waren mutig, unerschrocken auf den
Straen. Es kam, da ein solcher Held seiner besorgten Mutter zurief:
Sei ruhig, wenn die Kazappes kommen, uns zu tten, so hab ich auch ein
Messer! Bei diesen Worten griff er in seine Tasche und holte sein
kleines Messer, das er fr zehn Kopeken gekauft hatte, hervor.

Im eigenen Hause fhlte man sich nicht mehr sicher. Die christliche
Dienerschaft, die seit lngerer Zeit bei uns im Dienst war, wurde
pltzlich unhflich und herausfordernd, so da wir uns vor diesen
Hausfeinden zu sichern gezwungen waren. Jeden Abend, nachdem die
Dienerschaft zur Ruhe gegangen, nahm ich alle Messer und Hmmer aus der
Kche und verschlo sie in einem Schrank in meinem Schlafzimmer, und
ohne da es die Dienerschaft merkte, richtete ich jede Nacht vor der
Eingangstr eine Barrikade aus Kchenbnken, Sthlen, einer Leiter und
anderen Mbelstcken auf. Dabei lchelte ich wehmtig, denn ich glaubte
nicht, da wir uns im Falle eines Pogroms auf diese Weise wehren und
retten knnten. Doch ich baute diese Barrikade immer von neuem, und
frhmorgens stand ich als die erste auf, um alles wieder in Ordnung zu
bringen, damit die Dienerschaft unsere Angst nicht merke.

Doch zu einem Pogrom kam es in Minsk nicht. Diese Stadt wurde
zuflligerweise, oder vielleicht nicht zuflligerweise, verschont.

So gab es in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz
Ruland wtete, fr einen Juden nur zwei Wege: entweder auf alles, was
ihm jetzt schon unentbehrlich geworden war, im Namen des Judentums zu
verzichten -- oder die Freiheit und alle Mglichkeiten, wie Bildung,
Karriere, d. h. die Taufe. -- Und Hunderte von den aufgeklrten
Juden gingen den letzten Weg. Aber die Meschumodim dieser Zeit waren
nicht Tuflinge aus Trotz (l'hachis), sie waren auch nicht, wie die
Marannen in frherer Zeit, die in Kellern ihren Gottesdienst abhielten,
diese Meschumodim waren Verneiner alles Religisen -- sie waren
Nihilisten --.

-- Es komme der grte Zadik und sage, da er den Mut und das
Recht htte, von einem jungen Menschen, der ohne jede Tradition, fern
vom Judentum aufgewachsen, zu fordern, er solle im Namen dieses ihm
unbekannten und leeren Begriffes auf alles verzichten, was die Zukunft
ihm bieten knnte, auf Glck, Ehre, Namen. Zu fordern, da er diesen
Versuchungen widerstehe und sich in die Finsternis und Enge eines
Provinzstdtchens zurckziehe und ein armseliges Dasein friste. Er sage,
ob er das Recht und den Mut dazu htte, denn -=ich hatte ihn nicht=-!

Und so gingen auch meine Kinder den Weg, den so viele andere gingen. Der
erste, der uns verlie, war Simon.

Als wir es erfuhren, schrieb mein Mann unserem Kinde nur folgende Worte:
Es ist nicht schn, das Lager der Besiegten zu verlassen.

Seinem Beispiele folgte mein Herzenskind Wolodia, der sich nicht mehr
unter den Lebenden befindet. Nachdem er die Maturittsprfung in Minsk
glnzend bestanden hatte, reiste er nach St. Petersburg, um dort an der
Universitt sein Studium zu beginnen. Er erschien in der
Universittskanzlei und wies seine Papiere dem Beamten vor, der ber die
Aufnahme zu entscheiden hatte.

Fr die Juden herrschten groe Beschrnkungen. Es wurden nur diejenigen
aufgenommen, die eine goldene Medaille bei der Abgangsprfung erhalten
hatten, und auch von diesen nicht alle, sondern nur bis zu zehn Prozent
der Gesamtzahl der Studenten. Der Beamte gab die Papiere meinem
Sohne mit den barschen Worten zurck: Das sind nicht Ihre Papiere!
Als mein Sohn ihn erstaunt ansah, fgte er noch besttigend hinzu:
Sie haben sie irgendwo entwendet; Sie sind ja Jude und in Ihren
Zeugnissen steht kein jdischer, sondern ein russischer Name >Wladimir<
verzeichnet. Noch an demselben Tage mute der tiefgekrnkte, in seiner
Wrde verletzte Jngling St. Petersburg verlassen, denn als Jude
durfte er, ohne Student zu sein, dort keine vierundzwanzig Stunden
verbleiben. Noch einige Male mute der Junge in dieser Angelegenheit
nach Petersburg reisen, stets mit dem gleichen Erfolg, bis er den
verhngnisvollen Schritt tat -- und sogleich in die Liste der
Studenten eingetragen wurde. Und hnlich erging es auch manchen anderen
Kindern.

Die Taufe meiner Kinder war der schwerste Schlag, den ich in meinem
Leben erlitten habe. Aber das liebende Herz einer Mutter kann so viel
ertragen -- ich verzieh und schob die Schuld auf uns Eltern.

Allmhlich verlor dieses Leid fr mich die Bedeutung eines persnlichen
Erlebnisses, immer mehr wurde es zu einem Nationalunglck. Ich
betrauerte nicht nur als Mutter, sondern auch als Jdin das ganze
jdische Volk, das so viele edle Krfte verlor.

Aber es haben sich in jener finsteren Periode nicht alle aufgeklrten
Juden zu den Fremden verirrt -- es waren unter ihnen viele, die den
Weg zum Judentum zurckfanden und die unter dem Einflu der letzten
Ereignisse sich zusammenschlossen. Ja, es entstand als Reaktion auf den
Antisemitismus die Gesellschaft der Chowewe Zion (Palstinafreunde),
gegrndet von Dr. Pinsker, Dr. Lilienblum und anderen.

Nach den Ereignissen der letzten Zeit war mein Mann lange
niedergeschlagen, verkmmert und erst als sich ihm Gelegenheit bot,
seine Krfte in den Dienst des jdischen Volkes zu stellen, kam von
neuem ein Geist freudigen Schaffens ber ihn.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann in Ruland die
Arbeiterfrage in den Vordergrund zu treten und gewann allmhlich an
Bedeutung und Interesse.

Bei den Juden galt seit Jahrhunderten die Arbeiterklasse, die
grtenteils aus Unwissenden bestand, als niedere Klasse, und kein
Wunder, da sie von einem Volke, das die Bildung am hchsten ehrt, bei
dem die geistige Aristokratie alles gilt, gering geschtzt wurde.
Redensarten, wie: Er versteht >Chumisch< (die 5 Bcher Moses) wie ein
Schuster, wie ein Schneider usw. haben sich eingebrgert und wurden
sehr oft angewandt. Es kommt noch heute in jdischen Familien nicht
selten vor, da der Vater in die Heirat seiner Tochter oder seines
Sohnes nicht einwilligen will, wenn er erfhrt, da in der Familie
Schneider oder Schuster sind. Trotz aller modernen Ideen gilt noch heute
bei der groen Mehrheit auch der aufgeklrten Juden der Jiches[39]
sehr viel.

Nun drang in die Finsternis, in die dumpfen, dunklen Behausungen dieses
dritten Standes ein lichter Strahl und weckte auch diese
Zurckgebliebenen zum neuen, schneren Leben. Auch unter ihnen begann
eine geistige Grung.

Diesen Tendenzen des Proletariats kam das vermgende, vornehme Judentum
entgegen und schonte keine Mhe und kein Geld, seine Bestrebungen zu
untersttzen.

Die neuen Ideen fanden in unserem Hause eine begeisterte Aufnahme, und
mein Mann fate den Plan, eine dreiklassige Gewerbeschule fr Knaben in
Minsk zu begrnden. Gedacht, getan! Ojmer w'oje, wie der Hebrer
sagt.

Er zog den Rabbiner Chaneles zur Mitarbeit heran und ersuchte die
jdische Gemeinde, von der Taxe auf Koscherfleisch eine bestimmte
Geldsumme zu dem Unternehmen beizusteuern. Das brige notwendige Geld
sollten Mitglieder durch monatliche Beitrge zusammenbringen.

Mit welchem Eifer ging mein Mann an die Arbeit! Jede freie Stunde
widmete er jetzt der heiligen Sache. In dieser Schule sollten anfangs
die folgenden Handwerke gelehrt werden: Schlosserei, Tischlerei,
Schmiederei. Daneben sollte auch in den Elementarfchern Unterricht
erteilt werden, dem Programm der Volksschulen entsprechend.

Man mietete ein Haus und richtete es mit dem Notwendigsten ein. Meinem
Mann gelang es zu seiner groen Freude, das Inventar sehr billig und oft
umsonst zu erhalten.

Die jdische Bevlkerung von Minsk war sehr zufrieden. Von den
wohlhabenden Juden erklrte sich jeder bereit, mit einer Geldgabe das
gute Werk zu frdern. Nicht ohne Grund sagten unsere Weisen schon:
Jisroel rachmonim bne rachmonim -- Die Kinder Israel sind barmherzig
und Kinder der Barmherzigen.

Es wurde ein Vorstand aus den fortschrittlichen vornehmen Juden der
Stadt gewhlt, die meinen Mann zum Vorsitzenden ernannten.

Alles war bereit, und man begann mit der Aufnahme der Kinder. Den Vorzug
hatten Waisenkinder und Kinder sehr armer Eltern. Es wurden ber sechzig
Knaben angenommen.

Man richtete Internate fr die ganz Armen und Obdachlosen ein; zuerst
aen die Kinder bei den Brgern der Stadt -- jeden Tag wurden sie bei
anderen Leuten untergebracht. Doch mit der Zeit fanden sich Mittel, um
eine Kchin zu mieten, und die armen Kinder bekamen dreimal tglich in
der Schule zu essen. An Wochentagen waren die Mahlzeiten sehr einfach,
doch frisch und gesund -- Suppe, ein Stck Suppenfleisch, Grtze. Aber
am Freitag abend und am Sabbat wurde der Tisch festlich gedeckt und die
Kinder bekamen ein echt jdisches traditionelles Mahl. Am Sabbat wurde
nicht gearbeitet. Es war ein Festtag, an dem die Knaben auch in ihrer
Synagoge beteten.

Diese Schler, meistens Kellerbewohner waren magere, blasse Kinder, mit
groen, klugen, schwarzen Augen. Sie waren natrlich nur schlecht
gekleidet. Aber sie arbeiteten und lernten mit Lust. Ich kam fters in
die Schule, um mich an dem Anblick der arbeitenden Kinder zu erfreuen.

Es verging kein Tag, ohne da mein Mann die Schule besucht und
mindestens eine Stunde dort verweilt htte. Rabbiner Chaneles
beschftigte sich sehr viel mit dieser Anstalt und unterrichtete selbst
die Kinder unentgeltlich in der Bibel und in anderen Fchern.

So verging ein Jahr. Die Schule hatte gute Erfolge. Mein Mann und
Rabbiner Chaneles veranstalteten einen offiziellen Akt, um den
Jahresbericht ber ihre Ttigkeit abzustatten.

Man lud zu dieser Feierlichkeit den Gouverneur Petrow ein und mehrere
Regierungsbeamte, die Direktrice des Mdchengymnasiums, Madame
Buturlina, und die Lehrer der oberen Klassen, wie auch die vornehmsten
Damen und Herren der jdischen Gesellschaft.

Mein Mann las den Bericht vor, und die ganze Gesellschaft folgte mit
wahrem Interesse seinen Ausfhrungen. Es geschah zum erstenmal, da in
den Rumen einer -=jdischen=- Schule Juden und Christen eintrchtig und
in feierlicher Weise die Angelegenheiten des heranwachsenden jdischen
Proletariats besprachen.

In der groen Tischlerwerkstatt waren die Schler -- Knaben im Alter von
11-13 Jahren -- versammelt; sie erweckten durch ihr elendes uere in
den Gsten das wrmste Mitleid.

Als der offizielle Teil des Aktes vorbei war, wandte ich mich an die
reichen Damen und sagte ihnen, da es unsere heilige Pflicht sei, fr
das tgliche Brot und eine angemessene Bekleidung dieser armen Knaben zu
sorgen. Meine Aufforderung hatte den gewnschten Erfolg.

Am nchsten Tage lud ich einige Damen zu mir, und wir berieten unser
Vorhaben. Wir bildeten vor allem einen Damenverein; ferner sandten wir
einige hundert Briefe an die jdischen Damen mit der Bitte, unserem
Verein beizutreten. Wir baten sie gleichfalls um neue oder abgetragene
Wsche und Kleidungsstcke, wie auch um kleine Geldspenden fr unsern
Zweck.

Schon in den nchsten Tagen kamen ganze Sendungen Kleidungsstcke. Fr
das Geld, das wir zu diesem Zweck erhielten, kaufte ich den Kindern
wollene Handschuhe und sogenannte Baschliki -- Kapuzen. Alles, was an
Stoffen in meinem Hause war, wurde zusammengesucht, und die Bonne meiner
Kinder sa mehrere Tage an der Nhmaschine und verfertigte die
Baschliki. Ich empfand eine wahre Freude, wenn ich whrend meines
Spazierganges den Kindern in warmen Mtzen und Handschuhen begegnete. An
diesen Kapuzen erkannte das Volk die Angehrigen dieser Schule, die man
in der ersten Zeit Wengeroffs Werkstatt nannte.

Die Beitrge der Mitglieder liefen pnktlich in die Schulkasse ein, und
wir hatten nun die Mglichkeit, den Kindern auer den Mahlzeiten in der
Schule auch neue, gediegene Kleidung aus grauem, starkem Baumwollstoff
zu verschaffen.

Es war eine groe Genugtuung fr meinen Mann, als einige Generationen
von Lehrlingen, die die Schule mit einem Diplom verlassen hatten,
berall, wo sie angestellt wurden, als gute Handwerker gelobt und
anerkannt wurden. Diese ersten Handwerker zerstreuten sich im ganzen
Lande; viele gingen aus Litauen nach Groruland, wo sie als Handwerker
das Wohnrecht erhielten. Es waren die ersten jdischen Handwerker im
nordwestlichen Ansiedelungsrayon, die eine systematische Ausbildung
sowohl in ihrem Fach, als auch in der Bibel und in den Elementarfchern
wie Lesen, Schreiben, Rechnen genossen hatten.

Die Zeiten waren noch so nahe, in denen der Handwerkerlehrling vor allem
bei seinem Meister als Hausknecht dienen mute und jahrelang hungerte
und darbte, bis er etwas vom Handwerk lernte. Jetzt konnte er in
gesunden Verhltnissen sich ruhig und systematisch zum guten Arbeiter
heranbilden.

Unter solchen gnstigen Bedingungen blhten die Kinder auf. Sie lernten
eifrig und machten groe Fortschritte.

Doch das Budget reichte leider nicht aus. Unser Damenverein beschlo,
die Brger von Minsk auf angenehme Weise zu Beitrgen heranzuziehen und
veranstaltete ein Herbstfest, an dem auch viele Nichtjuden, sogar der
Gouverneur, teilnahmen. Das Fest brachte uns an zweitausend bis
dreitausend Rubel, und wir veranstalteten seitdem jeden Herbst von neuem
diese Feste, stets mit groem Erfolge. Wir brauchten aber fr unsere
Zwecke immer mehr Geld, und nicht selten beglich mein Mann das Defizit
aus seiner eigenen Tasche.

So existierte die Schule schon etwa acht Jahre unter der Leitung meines
Mannes. Ein gelungener Tanzabend brachte in die Kasse des Damenvereins
ber dreitausend Rubel. Bei der nchsten Sitzung machte mein Mann den
Vorschlag, bei dieser Kasse eine Anleihe zu machen, da die groe Kasse
leer sei -- dieser Antrag stie auf Widerspruch. Mein Mann legte,
dadurch gekrnkt, das Prsidium nieder. Es war ein Schlag sowohl fr
meinen Mann wie fr mich -- uns wurde ein wichtiger Lebensinhalt
geraubt.

Aber gottlob prosperierte die Schule auch ohne uns; sie entwickelte sich
mit jedem Jahre und existiert bis auf den heutigen Tag.

In dieser Zeit kam ein groes Unglck ber die Stadt. Es brach ein Brand
aus, der mehr als zwei Millionen Rubel Schaden anrichtete. Unsere
Wohnung samt allen Mbeln und neuen Schrnken, voll mit kostbaren
Kleidern und Pelzen, wurde vernichtet. Wir waren froh, mit dem Leben
davonzukommen. Durch Flammen und Rauch bahnten wir uns mit den Kindern
den Weg nach einem entlegenen Teil der Stadt, wo unsere Freunde wohnten,
die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Der Schrecken jener Nacht
erschtterte mich sehr. Ich wurde sehr krank und mute zur Kur ins
Ausland reisen. Ich nahm die Kinder nach Wien mit.

Die Gewerbeschule hatte nur wenig durch diesen Brand gelitten.

       *       *       *       *       *

Ich kehrte erst nach drei Jahren nach Minsk zurck. Wir bezogen unser
eigenes Heim, das mein Mann in unserer Abwesenheit hatte bauen lassen.
Ich brachte aus Wien eine ganz neue Einrichtung mit; und unser Haus sah
vornehm und gemtlich aus. Unser Leben gestaltete sich sehr angenehm.

Nicht lange nach meiner Rckkehr erschien bei mir eine Frau Kaplan, eine
sehr gescheite Dame, eine Gabbete, die fr die Not des jdischen
Volkes groes Verstndnis hatte und auch einen starken Drang, dieser Not
abzuhelfen. Sie schlug mir die Grndung einer Gewerbeschule fr Mdchen
vor, einen Plan den ich mit Begeisterung aufnahm. Ich drckte dankbar
ihre Hand, und damit war unser Bund geschlossen.

Und von diesem Augenblick an fhlte ich, wie mein Leben wieder einen
Inhalt, eine intensivere, ich mchte sagen religise Frbung erhielt.

Wir gingen sofort an die Arbeit. In den nchsten Tagen mietete Frau
Kaplan eine Wohnung fr die Schule. Wir whlten dann ein Damenkomitee
aus jungen Frauen und wandten uns ebenso, wie bei der Begrndung der
Knabenschule, an die jdischen Brger von Minsk mit der Bitte, sich mit
Beitrgen an dieser Sache zu beteiligen. Fr die ersten Ausgaben jedoch
veranstaltete ich ein Liebhabertheater. Die Einnahme brachte etwa die
Hlfte der ntigen Summe.

Und nun fhrten uns jeden Tag die Bewohner der Mansarden, der Keller der
entlegensten Teile der Stadt ihre acht- bis zehnjhrigen Tchterchen zu
und baten, sie in die Schule aufzunehmen. Wir kauften auf Abzahlung drei
Nhmaschinen, engagierten eine Schneiderin mit einem Gehalt von zwanzig
Rubeln monatlich, eine Wschenherin mit zehn Rubeln monatlich und eine
Korsett- und Miedernherin mit dem gleichen Gehalt. Wir kauften mehrere
hundert Meter vom einfachsten Kattun, alles ntige Nhzeug, einige
Pltteisen, Scheren usw.

Der Tag, an dem wir diese bescheidene Anstalt erffnen sollten, rckte
heran. Wir fanden uns alle zur bestimmten Stunde in den Schulrumen ein.
Frau Kaplan, die selbst die Schneiderkunst mehrere Jahre in Knigsberg
gelernt hatte, schnitt von einem groen Stck Stoff mehrere einzelne
Teile ab und verteilte sie unter die versammelten Mdchen, und der
Unterricht in den drei Klassen nahm seinen Anfang.

Es whrte nicht lange, so meldeten sich mehrere Damen und junge Mdchen
bei uns und boten ihre Dienste an. Die jungen Mdchen erteilten den
Kindern unentgeltlichen Unterricht in der russischen Sprache und im
Rechnen; auch ein Melamed fr den Unterricht im Hebrischen wurde von
uns engagiert, der tglich unterrichtete, whrend die Lektionen in der
russischen Sprache nur zweimal wchentlich stattfanden.

Aber das vernachlssigte wilde uere unserer Schtzlinge gab uns keine
Ruhe, und unser nchster Wunsch, sie anstndig gekleidet zu sehen, ging
bald in Erfllung.

Schon nach kurzer Zeit hatten wir die Genugtuung und Freude, unsere
sechzig Mdchen sauber gewaschen, mit kurzgeschnittenen Haaren in
einfachen, reinen Kleidchen und Schrzen bei ihrer Arbeit fleiig
beschftigt zu sehen.

Auf meinen Vorschlag hin wurden diesen Kindern des Volkes die kernigen,
praktischen Lebensregeln unserer Weisen: Pirke Abot (Sprche der
Vter) beigebracht.

Ich war oft bei diesen Vorlesungen zugegen, und es bereitete mir viel
Freude zu sehen, mit welchem Interesse und Verstndnis die Kinder diesen
Ausfhrungen folgten.

Dank der warmen Teilnahme der Brger der Stadt Minsk, die mit Spenden
und Beitrgen unsere Schulkasse untersttzten, waren wir bald imstande,
nicht nur fr den Unterricht der Mdchen, sondern auch fr die Ernhrung
dieser armen, ausgehungerten Wesen zu sorgen.

Die Kinder lernten sehr schnell und verfertigten bald ntzliche
Kleidungsstcke. Im Verlauf eines Jahres brachten sie es so weit, da
vornehme jdische und christliche Damen ihre Toiletten in unserer
Werkstatt anfertigen lieen.

Im Herbst des ersten Jahres veranstalteten wir zugunsten unserer Schule
ein Fest, das uns zweitausend Rubel brachte. Die Feste wurden zu einer
stndigen Einrichtung bis auf den heutigen Tag.

Beide Gewerbeschulen, die fr Knaben und die fr Mdchen, existierten
lange Zeit ohne alle Privilegien und Rechte. Doch gelang es uns mit der
Zeit, fr beide Schulen gewisse Rechte vom Ministerium fr
Volksaufklrung zu erlangen, so das Wohnrecht in Groruland. Das
Zeugnis, das der Handwerker nach Absolvierung der Schule erhielt, gab
ihm das Recht, in ganz Ruland sein Gewerbe auszuben. Ich selbst habe
eine Weinherinnenprfung bestanden, als ich nach Jahren das Wohnrecht
in Kiew erlangen wollte.

Von jetzt ab standen unsere Minsker Schulen unter dem Schutz und der
Aufsicht der Direktion der Volksbildung. Die Regierung protegierte diese
Schulen von Anfang an, weil sie durch die Einfhrung der russischen
Unterrichtssprache auch hier ihre russifizierenden Tendenzen frdern
konnte.

Zehn Jahre nach der Begrndung der Mdchenschule veranstalteten wir eine
Ausstellung der von unseren Schlerinnen verfertigten Gegenstnde. Das
vornehmste Publikum der Stadt, Juden und Christen, fanden sich ein, und
sogar der Gouverneur, Frst Trubetzkoi, beehrte uns mit seiner
Gegenwart. -- Es war wieder ein schner Tag in meinem Leben!

Die Mdchen, vor kurzem noch verarmte, elende, verwilderte Kinder,
standen jetzt in dem festlich geschmckten Ausstellungsraum da, schmuck,
rein, gesund und umgeben von den Hchsten und Vornehmsten der Stadt, die
ihre Arbeiten bewunderten und lobten.

Den Armen und Zurckgesetzten gab unsere Schule die Mglichkeit, redlich
und anstndig ihr Brot zu verdienen, sie gab ihnen Gesundheit, Frische,
Jugend und vor allem die menschlichen Rechte. Vielleicht kommt bald der
groe Tag wieder, wo die jdischen Bal meloches, Arbeitsleute, auf
gleicher Stufe mit den Gelehrten des Volkes stehen werden. Wie in den
Zeiten unserer Tanam und Amoram, wo Rabbi Jochanan Schuhmacher, Rabbi
Jizchok und R. Jehuda Schmiede, R. Joseph Zimmermann, R. Schimon Weber,
R. Hillel Holzhauer, R. Hunna Wasserschpfer, R. Jichah Khler, R. Jose
und R. Chanina Schuhflicker auf ffentlichem Markt, R. Nehunja
Brunnengrber waren. Ihr Handwerk hinderte sie nicht, talmudische
Vortrge zu halten...

Mit Trnen im Auge sah ich unsere jdischen Kinder, und eine stille
Freude war in mir, denn ich wute in diesem Augenblick, da Gott unsere
Mhe und Arbeit gesegnet hat.

Trotz der groen Geldgaben, der monatlichen Beitrge unserer Mitglieder
und der Ertrgnisse der Feste reichten unsere Mittel nicht aus, und wir
arbeiteten mit einem Defizit. Da kam zu uns die Nachricht, da Baron
Hirsch in seinem Testament mehrere Millionen Rubel fr die
Gewerbeschulen der russischen Juden hinterlassen htte. -- Es
klang wie ein Mrchen. Doch bald wurde es Tatsache. Aus Petersburg kam
zu uns ein Bevollmchtigter des Hauptkollegiums der Vertrauensmnner,
und nach Erledigung gewisser Formalitten erhielten beide Schulen eine
stndige Untersttzung -- jede einige tausend Rubel jhrlich --, die bis
auf den heutigen Tag bezahlt wird.

Nach Jahren begegnete ich manchmal fremden jungen Mdchen in der Strae,
die mich mit besonderer Freundlichkeit begrten und mit meinem Namen
ansprachen. Als ich sie dann etwas erstaunt nach ihrem Namen fragte,
erhielt ich zur Antwort: Madame Wengeroff, ich bin doch Riwke oder
Malke usw., aus der Werkstatt --, und ich brauchte eine gute Weile,
um in dem fast wohlhabend aussehenden Mdchen die kleine zerlumpte,
elende Riwkele zu erkennen!

       *       *       *       *       *

Der Proze der Europisierung der jdisch-russischen Massen ist, so sehr
er auch das alte Gefge des Gettos zerstrte und bei den Schwachen und
Widerstandslosen eine vollkommene Zerrttung herbeifhrte, im
wesentlichen doch nur als ein Umwandlungsproze zu betrachten. Wie
konnte es auch anders sein! Ein Geist, der seit Jahrhunderten in die
straffe Zucht des Talmuds genommen war, der ber den Alltag hinaus nach
dem hheren Gesetz strebte, der in hchster Anspannung zwischen Recht
und Unrecht zu scheiden sich gebt hatte; ein Gefhlsleben, das sich in
milden, verklrten und sinnigen Gebruchen ausgelebt und in den stillen
Grten der Haggadah von der Herbheit des Alltags seine Erholung gefunden
hatte --: der Reichtum dieser psychischen Werte konnte unmglich durch
die neue Bildung einfach verschttet werden. Im Blute liegende Kultur,
verfeinert und hher gezchtet durch die Jahrhunderte, suchte und fand
ein neues Gebiet ihrer Bettigung, eine neue Heimat in der Kunst.
Freilich waren es nur wenige, die Bildner von starker Qualitt wurden.
Aber die Tausende und Abertausende junger Schriftsteller, die um die
sechziger Jahre zum Lichte drngten, die vielen Empfinder, Nachempfinder
und Genieer all der knstlerischen Schpfungen Europas bewiesen immer
nur das eine: da wohl das Gebiet des persnlichsten, leidenschaftlichen
Interesses ein anderes geworden war; da aber die seelischen Antriebe
die gleichen waren wie seit Jahrhunderten. Wer die Dinge in dieser
Auffassung sieht, dem werden sich Erscheinungen wie Antokolski nicht
mehr als Wunder darstellen. Knstler gab es eben immer im Getto. Es
mute aber eine geistige Freiheit kommen, um den Schpferwillen zu
entbinden, die Knebel von den Hnden zu lsen. Antokolski war der Sohn
eines armen Schankwirtes aus dem Vororte Antokol bei Wilna. Schon frh
war seine ungewhnliche Begabung aufgefallen. Er schnitzte Holzfiguren,
machte Siegel, deren Griffe allerlei Gestalten wiedergaben. Noch als
kleiner Junge schnitzte er in eine Brosche aus Bernstein die Ganzfigur
des Generalgouverneurs Nasimow, die sprechend hnlich war, obwohl der
Knabe den Gouverneur nur mehrmals flchtig von der Ferne gesehen hatte.
Aufsehen erregte eine Holzschnitzerei, die die berraschung einer
Marannenfamilie in einem Keller beim Szederabend darstellte. Die ganze
Tragik dieser Situation war festgehalten. Der Tisch war umgestrzt, die
Haggadahs, das Geschirr, die Leuchter, die Kerzen, Weinflaschen alles
wirr durcheinandergeworfen. In einem Winkel standen die Mnner
aneinandergepret. An eine Wand war eine Frau gelehnt, einen Sugling
auf dem Arm haltend. Man fhlte, da sie nicht zu atmen wagte.

Es war klar, da dieses ungewhnliche Talent im Getto verkmmern mute,
wie so viele dort verkmmert waren. Da nahm sich ein Herr Gerstein in
Wilna des jungen Mannes an und verschaffte ihm, als er heranwuchs, die
Mglichkeit, nach Petersburg zu gehen. Das war eine lange Reise auf
einem Leiterwagen. Brot und Hering waren des Jnglings einzige Nahrung.
In Petersburg wurde der berhmte Schriftsteller Turgenjew auf ihn
aufmerksam, der ihn zu sich heraufzog, ihm die Bildung seiner Zeit
vermittelte und ihm den Weg zu den einflureichen Mnnern der Stadt
ebnete. Ich hatte das groe Glck, den jungen Meister kennen zu lernen,
als er an seinem gewaltigen Werke, Iwan Grosny, Iwan der Schreckliche,
arbeitete. Wegen des Umfanges der Arbeit hatte sich Antokolski an den
akademischen Rat um Gewhrung eines greren Ateliers gewandt. Aber ihm
wurde nur eine Mansarde im dritten Stock angewiesen, die nur auf einer
schmalen Hintertreppe zu erreichen war. Er mute sich mit dem schlecht
erhellten niedrigen Raume bescheiden. Aber das Werk wuchs und wuchs. Und
alle, die es werden sahen, wurden begeistert. Ich denke noch heute jener
fast leidenschaftlichen Erregung, die mich beim Anblick dieses Werkes
packte. Mein Schwager Sack, der mit Antokolski befreundet war, hatte mir
den Zutritt zu seinem Atelier ermglicht. Das Werk war noch im
Tonmodell. Aber mir war, als stand ich nicht vor einem toten Gebilde,
sondern vor dem Leben. Hinter der harten Stirn sah man die groen
Gedanken werden, die rcksichtslos auf ein Ziel lossteuern. Beide Arme
waren auf die Sessellehnen gesttzt, so da man glaubte, da Iwan jetzt
aufspringen mte; die Bibel, die auf seinen Knien liegt, wrde
herabgleiten, und bald wrde seine machtvolle Hand die Paliza, den
adlergeschmckten Stab erheben und seine Eisenspitze einem Aprichnick
(Gardist) durch Stiefel und Fu jagen.

Es war jedenfalls das gewaltigste Werk, das die Bildhauerei in Ruland
gezeitigt hatte. In allen Gesellschaften wurde davon gesprochen, bis
schlielich das Gercht von diesem Werke bis zu Kaiser Alexander II.
kam. Auch er wollte es sehen. Da fuhr den professoralen Stmpern der
Schrecken in die Knochen. Sie baten den jungen Knstler, das Modell in
einen greren Raum bringen zu lassen. Denn sie frchteten, der Kaiser
knnte ahnen, wie engherzig sie den jungen Knstler behandelt hatten.
Antokolski lehnte ab. Angeblich, weil er sein Modell nicht gefhrden
wollte. Auf der schmalen Treppe knnte es beschdigt werden. Aber auch
sein Knstlerstolz bumte sich auf. Sollte doch der Kaiser sehen, da
Groes auch im Niedrigen wachsen knnte. So wurde denn die Treppe hastig
mit echten Teppichen belegt und mit exotischen Pflanzen geschmckt. Der
Kaiser fhlte sich zwar auf diesen labyrinthischen Wegen, deren Ausgang
man nicht recht sah, unbehaglich. Aber als er in die Mansarde des
Knstlers trat, ri ihn das Werk in den Bann. Er reichte dem Knstler
die Hand, lobte ihn und dankte ihm. Bald darauf erhielt Antokolski den
Titel Professor.

       *       *       *       *       *

Ungleich grer war die Zahl der reproduzierenden Knstler. Die Musik
war ja im Getto immer beliebt. Wohl konnten die Klemorim nicht nach
Noten spielen, aber in ihr ungefges, wildes Spiel legten sie ihre ganze
Seele. Und sie wuten zu ergreifen. Die Chasonim hatten auch nie Musik
studiert. Allein ihr regelloser, den Sinn der Gebetsworte bis in die
letzten Feinheiten interpretierender Gesang gab doch Weihe, Andacht und
-- Zerstreuung. Es gab nicht viel Abwechslung im Getto. Und ein neuer
Chason -- und es gab solche, die von Stadt zu Stadt mit ihrer Truppe
wanderten -- war ein Ereignis. Er stillte auch jene Bedrfnisse, denen
heute Operetten und Konzerte dienen. Auch der Badchen, der Troubadour
der Familienfestlichkeiten, der mit seinen ernsten und lustigen
Grammen die Zuhrer in Stimmung brachte, war im letzten Grunde doch
auch ein Knstler. Verfolgt man die groe Schar der ausbenden Musiker,
die jetzt die ganze Welt berschwemmen, und wei man die verdrehten
Namen nur richtig zu stellen, so wird man bei den meisten Klemorim,
Chasonim, Badchonim unter ihren Vorfahren finden. Von einem, der jetzt
Musikmeister an der Kaiserlichen Oper in Moskau ist, will ich hier
erzhlen. Die Geschichte ist eben typisch.

       *       *       *       *       *

Es war an einem Nachmittag, als mein Freund N. Friedberg mit zwei
Jungen, von denen der ltere sieben, der jngere sechs Jahre zhlte, zu
mir ins Schreibzimmer trat und sie mir mit den Worten: Das sind die
Kinder von Badchen Fidelmann vorstellte. Es waren blasse, magere
Knaben, die mich mit ihren kohlschwarzen Augen wie Kaninchen
anblinzelten. Ich mchte, da sie Ihnen vorspielen. Sie wollen sie doch
spielen hren, und ich hoffe, dadurch Ihr Interesse fr sie zu
gewinnen. Gut, sagte ich, ich werde mein Mglichstes tun.
Unterdessen lief der ltere hurtig ins Vorzimmer, brachte die zwei
kleinen Geigen samt dem Notenheft, eine Schule, welche nur kleine,
polnische Lieder und Tnze enthielt, die mir gut bekannt waren. Der
ltere fiedelte mir kreischend eines und das andere davon vor; ich
horchte auf die bekannten Melodien und war froh, als das Spiel zu Ende
war. Nun begann der Jngere mit Eifer zu spielen -- seine uglein
funkelten, seine Gesichtszge belebten sich, und ich folgte ergriffen
den raschen Bewegungen der kleinen Hand und beobachtete sein
ausdrucksvolles Gesichtchen. Die Prfung war beendet. Ich sagte Herrn
F., da ich und meine Freunde fr das Unterrichtshonorar -- monatlich
acht Rubel -- gutsagen wrden. Somit wurden die Kinder in Frieden
entlassen, um schon am nchsten Tage mit dem Unterricht zu beginnen, den
sie hatten abbrechen mssen, da der Lehrer ein greres Honorar
verlangte. Mein Freund F., selbst ein hervorragender Musiker, entdeckte
bei dem Jngeren Talent. Die Jungen, besonders der kleinere, lernten
eifrig. Ich hatte meine Freude daran. Auer der Musik lie ich sie bei
dem jdischen Melamed in der Bibel, im Schreiben, im Russischen
unterrichten. Nachdem sie ein Jahr Unterricht gehabt, waren meine
Hausgenossen, die zuerst stets davonliefen, gern bei den Prfungen
zugegen. Selbst mein Mann fing an, sich fr das Spiel des Kleinen zu
interessieren.

Es pflegte oft zu geschehen, da der Kleine den Korb mit Lebensmitteln
zu mir in die Kche brachte, da die Mutter am Freitag keine Zeit hatte,
ihn mir selbst zu bringen. Ich schalt ihn deswegen, er solle sich nicht
unterstehen, durch die Gassen den Korb zu schleppen. Ich hoffe zu
Gott, sagte ich, da du ein groer, berhmter Mann werden und in
Kutschen fahren wirst und will nicht, da jemand dich mit dein Korbe
sieht. Er antwortete: Fr Euch, Madame Wengeroff, kann ich alles tun.
Drei Jahre waren vergangen. Der Kleine hatte gelernt, was sein Lehrer
ihm in der Musik bieten konnte. Da es einen andern in Minsk nicht gab,
beschlo ich gemeinsam mit Herrn F., ihn nach Petersburg zu senden. Ich
schrieb an meine Schwester, Exzellenz Sack, sie mge sich des Knaben,
von dem ich ihr schon bei meiner Anwesenheit in Petersburg erzhlt
hatte, annehmen.

Es mute Geld fr die Reise und die erste Zeit seines Aufenthaltes in
Petersburg beschafft werden. Wir veranstalteten ein Konzert, worin auch
mein Schtzling Ruwinke, spter Roman Alexandrowitsch auftrat. Das
Konzert hatte den gewnschten Erfolg. Nun trafen wir Anstalten zu seiner
Abreise.

An seiner Ausstattung beteiligten sich die verschiedensten Personen. Er
erhielt sogar eine silberne Uhr von Herrn Syrkin, seinem zweiten
Protektor, ber die er sich ganz nrrisch freute.

Als er Abschied nahm, ermahnte ich ihn, sich auch im Glck seiner alten
Mutter und all seiner Gnner in Dankbarkeit zu erinnern. Ich bat ihn
auch, bald ber seine Aufnahme in das Konservatorium zu berichten,
worauf er naiv sagte: Woher werde ich denn eine Briefmarke nehmen? Ich
gab ihm einen Rubel fr Briefmarken. -- Er hat ihn fr diesen Zweck
nicht verwendet.

Durch Vermittlung meiner Schwester und die Frsprache Anton Rubinsteins
erhielt er vom Gouverneur Grosser die Aufenthaltserlaubnis und
unentgeltliche Aufnahme ins Konservatorium. Er trat in die Violinklasse
von Professor Auer ein und studierte mit dem besten Erfolge so lange,
bis er seiner Militrpflicht zu gengen hatte. Vorher mute er noch eine
Gymnasialprfung ablegen, um nicht als einfacher Soldat zu dienen. Bei
dieser Vorbereitung kamen ihm die vornehmsten Studenten zu Hilfe; fr
seine brigen Lebensbedrfnisse sorgten Frau Sack und Frau Anna Tirk,
in deren Husern er oft mit groer Anerkennung spielte. Er trat in das
vornehmste Gardekrassierregiment ein und trug die malerische Uniform,
den reich mit Tressen besetzten Hut. Man rumte ihm zwei Zimmer in der
Kaserne ein und gab ihm einen besonderen Bedienten. Er wurde mit
Schonung von seinen Vorgesetzten behandelt und gewann durch sein Spiel
die Herzen der Obrigkeit. Um seinen tglichen bungen zuzuhren, kamen
die hchsten Herrschaften, und wenn es ihm einfiel, ihnen seine Laune zu
zeigen, verwies er sie ins Nebenzimmer.

Zur selben Zeit besuchte ein franzsisches Orchester Petersburg und gab
seine Konzerte bei Hof; nun galt es, ein Petersburger Orchester nach
Paris zu senden. Da wurde Roman Alexandrowitsch die Ehre zuteil, als
erster Geiger dabei zu fungieren. Noch im Militrdienste, in der
glnzenden Uniform, spielte er im Palais vor dem Prsidenten Carnot mit
groem Erfolge und bekam von ihm einen kostbaren Brillantring. Er
beendigte sein Studium im Konservatorium. Whrend der Militrzeit
konzertierte er in Petersburg, Dsseldorf und Berlin.




Der Tod meines Mannes.


Leise und tckisch schlich sich das Gespenst des Todes an unser Heim
heran. Mein Mann fhlte sich von Tag zu Tag schlechter. Es stellte sich
bei ihm ein Herzleiden ein, das die Aufregung im Geschft nur immer
verschlimmerte. Er sollte nicht mehr lange unter den Lebenden weilen.
Aber ich ahnte damals noch nicht, -=wie=- nahe sein Ende war.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde er still, milde und verfiel in
die mystische Stimmung der Jugendzeit, da er sich in die Lehren der
Kabbala vertiefte. Ich fhlte, wie er mich beneidete, da ich mir durch
alle Strme unseres Lebens mein glubiges Gemt erhalten hatte --

Er empfand die mystischen Regungen aber dennoch als eine Schwche. Und
er schmte sich ihrer im Stillen. Mich lie er jetzt gewhren und hatte
keinen Hohn mehr fr meine religise Auffassung und mein Tun. Ja es kam
sogar vor, da er an Feiertagen -- er selbst ging nicht beten -- zu mir
in die Synagoge kam, um, wie er sich verlegen entschuldigte, nach mir zu
sehen -- Seine Besuche hatten aber eine tiefere Ursache: es war
ein Zwang der Seele, der ihn ins Bethaus trieb. Die Atmosphre der
feierlich versammelten betenden Juden zog ihn an.

Er kam ins Schwanken. Die einmal eingefhrte Lebensweise mochte er nicht
ndern. Die Jugenderinnerungen wurden aber doch immer mchtiger, immer
strker und schlugen ihn in Bande. Die Tradition, die ihm im Blute lag,
war eben doch strker als aller moderne Sturm und Drang...

Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz
unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen
geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt
sich mit allen und spielte den liebenswrdigen Wirt. Es war schon spt
in der Nacht, als die Gste unser Haus verlieen. Pltzlich, wie
aufgewhlt von einem groen Schmerz, rang mein Mann die Hnde und rief:
Ach, sechzig jdische Kinder saen hier beieinander und aen treife!

Und so erfllte sich die Prophezeiung meiner Mutter! -- Diese Stimmung
gewann wieder Macht ber viele Mnner dieser Generation. Denn in den
heiligen Stunden, da sie sich selbst zu offenbaren wagten, fhlten sie
den Ri, der durch ihre Seele ging. Der Rausch verflog, die Erinnerungen
der Jugend rieben sich den Schlaf aus den Augen und heischten
schmeichlerisch ihr Recht. Das Alte nahm sie gefangen. Die neue Zeit
lockte.

Mein Mann wurde immer stiller und einsamer. Die einzige Leidenschaft
seiner letzten Lebensjahre war die Pflege der Blumen, die er mit
vterlicher Sorge betreute. In seinen Muestunden beschftigte er sich
auch gern mit der Holzschnitzerei und Kupferstecherei. Aber das tat
seinen Lungen nicht gut.

Bis zum letzten Augenblick seines Lebens vertrat er die Interessen
seiner Stammesgenossen. Sein Eifer kannte keine Grenzen, wenn es galt,
ihnen zu helfen, irgend etwas Ntzliches fr sie durchzufhren. Da half
nicht mein Warnen und Flehen. Er arbeitete dann ohne Rcksicht auf den
bedrohlichen Zustand seiner Gesundheit. Jedes jdische Ungemach traf ihn
wie ein eigenes. Und ein Unrecht, das anderen mehr als ihm galt, gab ihm
den Tod.

Der Brgermeister der Stadt Minsk war damals der Graf Czapski, ein
vornehmer, gebildeter Mann von echt europischer Kultur, dessen einziges
Ziel es war, Minsk zu europisieren. So fhrte er die Straenbahn ein,
lie ein prchtiges Schlachthaus bauen, die Straen pflastern u. a. m.
Er gab Hunderttausende Rubel fr diese Zwecke aus -- nicht nur vom
Gemeindegeld, sondern er legte auch groe Summen aus seiner eigenen
Tasche zu. Fr seine eigene Person war er einfach und sparsam. Sein
Essen und seine Kleidung waren schlicht, ja drftig. Doch rechnete Graf
Cz. bei der Ausfhrung seiner groen Plne nicht mit den Mitteln der
Brgerschaft, die in der Mehrheit arme Leute waren und die Ausgaben
nicht tragen konnten. Das Resultat seines Eifers war eine stdtische
Schuld von 200 000 Rubeln, und diese sollten selbstverstndlich die
Brger begleichen. Es war eine berschwere Last, die vor allem den Juden
aufgebrdet wurde. Mein Mann hielt es fr eine Ehrenpflicht, gegen
dieses Ansinnen anzukmpfen.

Er arbeitete genaue Aufstellungen fr die Ausgaben der letzten Jahre
aus, die seine Ausfhrungen sttzen sollten. So ausgerstet begab er
sich in die letzte Sitzung der Stadtduma -- deren Mitglied er seit 12
Jahren war. Trotz meiner Beschwrungen und verzweifelten Bitten!

Mein Mann hielt eine zweistndige Rede, die einen starken Eindruck
machte. Sie wurde in den Blttern abgedruckt und war das Tagesgesprch
in der Stadt. Aber schon am folgenden Tage brach er zusammen.

Am dritten Tage -- es war ein Freitag -- ging mein Mann zum letztenmal
in die Bank, kam aber bald zurck und lie unseren Hausarzt holen. Der
Arzt beruhigte uns, da es nur eine vorbergehende Schwche sei. Zwar
ahnte ich das Furchtbare schon, doch lie ich mich gern tuschen.

Mein Mann teilte mir mit, da er zum Abendessen einen Geschftsfreund
eingeladen htte und bat mich, gute jdische Fische vorzubereiten. Der
Abend verlief sehr gemtlich, die Kinder spielten auf Vaters Wunsch
Klavier und Cello. Die eleganten Rume waren festlich erleuchtet und
zum letzten Male herrschte in unserem Heim Sabbathstimmung.

Aber mein armer Mann hatte keine Ruhe, es hielt ihn nicht auf seinem
Platze. Er sprang auf und ging hastig in der Wohnung herum.

Er sah auf die spielenden Kinder, auf die schnen Rume, und ich merkte,
da in aller Unrast ein Hauch des Glckes ber seine flammenden Wangen
strich. -- Gott hatte ihm noch eine frohe Stunde vor seinem Hinscheiden
gegnnt.

Der Gast nahm Abschied von uns und lud mich ein, mit den Kindern zu ihm
nach Libau zu kommen.

Mein Mann begab sich, von seinem Diener begleitet, sofort in sein
Schlafzimmer. Die Kinder gingen zur Ruhe. Im Hause wurde es still. Nur
ich allein war noch im Ezimmer beschftigt.

Pltzlich ertnte schrill die Klingel aus dem Zimmer meines Mannes.
-- Das war die Glocke, die den kommenden Sturm ankndigte, der unser
ganzes bisheriges Leben zerstren und uns fr immer zerstreuen sollte
--.

Ich eilte in das Schlafzimmer und fand meinen Mann schon sehr verndert.
Der Arzt kam, verordnete Medikamente und trstete uns, so gut er es nur
vermochte. Doch blieb er gemeinsam mit mir die ganze Nacht am
Krankenbett. Mein Mann war unruhig, erwachte jeden Augenblick von seinem
Schlummer, und jedesmal, wenn er mich noch am Bette wachen sah, bat er
mich, zur Ruhe zu gehen: Schone dich, erhalte du dich wenigstens gesund
fr die Kinder...

Morgens fhlte sich der Kranke erheblich besser und verlangte
aufzustehen. Er kleidete sich an, trank seinen Tee, ging in sein
Arbeitszimmer, las in einem Buche und erteilte sogar einem
Bankprokuristen Anordnungen.

Und wieder schlich sich die Hoffnung in mein verzweifeltes Herz --
doch die verhngnisvolle Stunde nherte sich immer mehr und mehr. Mein
Mann fing von neuem zu klagen an. Die Unruhe in ihm erreichte den
Hhepunkt. Bald sa er, bald legte er sich wieder hin, um sich nach
einem Augenblick wieder hastig zu erheben. Die Uhr schlug sechs. --
Die entsetzlichste Stunde meines Lebens. Es war an einem Samstag, 18.
April 1892. Ich war neben meinem Mann, der sich auf ein Sopha
niedergesetzt hatte. ngstlich schaute ich ihm ins Gesicht, und mit
qulender Sorge beobachtete ich die winzigsten Vernderungen seiner
Zge. Das regte ihn auf, und er lie meine Fragen unbeantwortet. Ich go
ihm Tee auf die Untertasse, von dem er einen Schluck zu sich nahm.

So saen wir noch etwa fnfzehn Minuten nebeneinander, als er pltzlich
die Augen voll Schrecken weit aufri, den Atem schwer durch Mund und
Nase einzog und den Kopf in den Nacken warf. Die Krfte versagten ihm.
Er fiel zurck und blieb bewegungslos liegen.

Es wurde ganz still -- einen Augenblick herrschte im Zimmer jene
entsetzliche Ruhe, die entsteht, wenn Tausende Stimmen aus Verzweiflung
und in grenzenlosem Schmerz verstummen.

Halb wahnsinnig warf ich mich schluchzend ber meinen Mann. Ich hielt
seinen Kopf in beiden Hnden. Seine Augen waren schon geschlossen. Ich
rief laut seinen Namen. Mein ganzes Herz, meine ganze Liebe, alle
unsere lieben Erinnerungen legte ich in diesen Ruf. Ich glaubte, er
mte ihn noch einmal wecken. Noch einmal sollten seine Augen auf mir
ruhen, bevor er sie fr ewig schlo. Und er blickte auf. Aber es waren
nicht mehr die Augen meines geliebten Mannes. Verschwommen, glanzlos,
fremd war sein Blick, als ob er von weither kme, von dort vielleicht,
woher man nicht mehr zurckkehrt.

Die nchsten Stunden war ich bewutlos. Und dann -- das Erwachen! Eine
Leere tat sich vor mir auf, in der alle Trost- und Liebesworte der mich
umgebenden Kinder und Freunde und Verwandten ohne das leiseste Echo in
meinem Herzen verhallten.

Leer, leer, namenlos leer lag das Leben vor mir, das ich in jener Stunde
so gerne verlassen htte, um gemeinsam mit meinem Teueren, Geliebten den
anderen Weg zu gehen. In dieser Stunde begriff ich so gut die indische
Sitte, nach der die Frau des Toten zusammen mit ihm eingeschert wird.

Zehn alte Juden (ein Minjan) Batlonim verrichteten dreimal tglich an
der Leiche Gebete, und mein seliger Wolodia sagte Kaddisch.

Am Montag, um zwlf Uhr mittags, fand das Begrbnis statt.

Eine groe Menschenmenge versammelte sich um unser Haus. Viele Knaben,
die von den Gebethusern abgesandt waren, sangen Psalmen an der Leiche.
Man brachte Blumenkrnze, die aber auf mein Verlangen im Hause
zurckgelassen wurden.

Meine Kinder und ich -- wir zerrissen unsere Kleider an der Brust. Man
hob die Bahre und trug ihn hinaus -- den Mann, den Vater, den
Herrn dieses Hauses.

Auf dem Friedhof sprachen alle, die das Grab umstanden, Gebete. Aus der
Menge, in der sich die vornehmsten Juden und Christen befanden, trat der
Maggid, der Stadtprediger, hervor und hielt eine Leichenrede, die mit
den Worten schlo: Wenn er auch manche jdische Sitte in seinem Leben
vernachlssigt hat, so mu man doch an seinem Grabe laut gestehen: >Da
er ein Auhew Amau Jisroel war, da er sein Volk Israel liebte.<


Im gleichen Verlag erschien:

                  Memoiren einer Gromutter.

      Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands
                     im 19. Jahrhundert.

                              Von

                      Pauline Wengeroff.

          Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles.

                             Band 1.

         Preis broschiert M. 3.--. Leinwandband M. 4.--


Urteile der Presse:


=Berliner Tageblatt.=

Wenn man das Memoirenwerk eines russischen Autors zur Hand nimmt, das
russische Verhltnisse behandelt, ist man von vornherein darauf
gestimmt, eine Jobiade zu lesen, in der alles zu finden ist, nur keine
Freude und kein Sonnenstrahl. Diese Vorerwartung steigert sich noch,
wenn es sich um russisch-jdische Verhltnisse handelt, die ein
jdischer Verfasser schildert. Aber diesmal sind wir auf wunderbarste
und angenehmste Weise enttuscht. Das Werk der Pauline Wengeroff ist so
sonnig und innig, da es kein Leser unbefriedigt aus der Hand legen
wird. Insbesondere wird der jdische Leser seine reiche Freude finden an
der warmherzigen Piett, die das ganze Buch adelt. Die Schilderungen der
jdischen Feiertage nehmen den breitesten Raum ein; aber sie sind so
knstlerisch dargestellt und dabei von soviel Gemtswrme unterstrmt,
da man mit tiefer Ergriffenheit der alten Erzhlerin lauscht, als sei
sie unser aller Gromtterchen, das uns in stimmungsvoller Dunkelheit
wunderbare Mrchen erzhlt; Mrchen, die wir selber einmal geschaut und
erlebt haben, da wir jung waren... Das Herz feiert Reminiszenzen bei
dieser Lektre, und die Seele klagt um all das, was wir Modernen
verloren haben im Kampf ums bittere Leben -- alles, was tief und innig
war, und was das Leben einst zu einem ernsten Feiertag machte. Welch ein
naives, gemtreiches Buch, das keine andere Prtension hat als die, uns
den Spiegel der eigenen Vergangenheit vorzuhalten. Und doch gibt dieses
Memoirenwerk zugleich ein Kulturbild von unvergleichlicher Treue.


=Vossische Zeitung, Berlin.=

Ein merkwrdiges und, was noch mehr bedeutet, ein wertvolles Buch sind
diese von einer Greisin geschriebenen Memoiren, die durch die
Gewissenhaftigkeit und Ausfhrlichkeit, mit denen die von einem
staunenswerten Gedchtnis untersttzte Verfasserin zu Werke geht, einen
sehr schtzenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte der russischen Juden
whrend der Mitte des vorigen Jahrhunderts liefern. Der Leser wird in
das Familienleben, wie es sich in jener Zeit in einem reichen jdischen
Haus abspielte, eingefhrt und gewinnt durch die keine Einzelheit
vergessende Darstellung einen Einblick in die von tausend religisen
Vorschriften eingeengte, nur dem Studium des Talmuds dahingegebene und
jede weltliche Bildung abweisende Lebensfhrung auch der oberen Klassen
der orthodoxen Juden damaliger Zeit. Von der Wiege bis zum Grabe,
whrend der zahlreichen Fest-, Trauer-, Bu- und Fasttage des
Kalenderjahres mute der Jude auf die Erfllung der unzhligen
Vorschriften bedacht sein, die ihm der Talmud machte, und durch die sein
Essen und Trinken, seine Kleidung, sein Wachen und Schlafen, sein Beten
und Feiern, seine Lust und seine Trauer geregelt wurden. Das, was dem
Laien nur als Sitte erscheint, wurde bei diesem temperamentvollen Volke
auch zur Sittlichkeit. Innerhalb der strengen Gebundenheit, die jede
menschliche Empfindung einer Kontrolle unterwarf, wurde der Jude zur
Frmmigkeit, zur Selbstbeherrschung erzogen. Das Studium des Talmuds
gewhnte an logisches Denken, und die Gemeinsamkeit der zahlreichen
Religionsbungen entwickelte im Verein mit der Abgeschlossenheit des
Juden gegen die ihn umgebende christliche Welt den Familiensinn zu einer
Innigkeit, wie kaum je bei einem anderen Volke. Ergreifend ist die
Schilderung der auf Befehl Kaiser Nikolaus I. erfolgten Zerstrung des
Heimatsortes der Verfasserin, der Stadt Brest in Lithauen, an deren
Stelle eine Festung erbaut werden sollte. Selbst die Toten muten ihre
letzte Ruhesttte verlassen. Im Jahre 1838 kam es wie die erste Ahnung
einer neuen Zeit ber das in Unwissenheit und strengem Formelglauben
dahinlebende Volk, als die russische Regierung die Schulen einer
grndlichen Reform unterzog und mit der Aufgabe, westeuropische Bildung
unter den Juden zu verbreiten, den Minister der Volksbildung und den
Gelehrten Dr. phil. Lilienthal betraute. Zu dem Wert und Reiz des Buches
trgt die Darstellung nicht wenig bei. Schlicht und einfach, ohne
rethorischen Aufputz, ohne besonderes Pathos schreibt die Verfasserin
Gebruche und Einrichtungen, jedoch besitzt sie in hohem Grade die Gabe,
Erlebtes anschaulich zu machen und auch den fernstehenden Leser lebhaft
zu interessieren.


=Frankfurter Zeitung.=

Die Verfasserin, deren Jugend in die dreiiger und vierziger Jahre des
verflossenen Jahrhunderts fllt, entwirft ein sehr anschauliches Bild
vom Leben und Treiben in einer streng glubigen, jdischen Familie, die
zu den wohlhabendsten in der Stadt Brest-Litowsk zhlte. Schon nach
Durchsicht der ersten Seiten wird einem der Eindruck zuteil, da man
es mit einer photographisch treuen, dabei knstlerisch abgerundeten
Wiedergabe des Geschauten und Erlebten zu tun hat, da, mit einem
Wort, ein kulturhistorisches Dokument vorliegt. Solche Bcher sind
immer lesenswert. In diesem Falle kommt noch das Spezialinteresse
hinzu, welches die bis in die feinsten Details gehenden, dabei
keineswegs ermdenden Schilderungen der religisen Gebruche der
lithauischen Juden, den Religionsgenossen der Verfasserin, darbieten
knnen. Bedeutungsvoll ist das Kapitel, welches vom Beginn der
Aufklrungsperiode unter den russischen Juden handelt. Wie anderwrts,
so auch hier hat die Emanzipation der Geister neben mancherlei Freuden
auch ihre Leiden mit sich gebracht. Die Aufklrung hat, wie Dr.
Karpeles in seinem Geleitwort sagt, die Nebel, die bis dahin ber
dem russischen Judentum lagerten, durchbrochen, sie hat aber auch
die Juden, die bis dahin, gleichsam wie auf einer Insel inmitten des
slawischen Vlkerozeans eine Sonderexistenz fhrten, in Berhrung mit
feindlichen und hufig moralisch minderwertigen Elementen gebracht.
Im zweiten Bande, der hoffentlich bald dem ersten nachfolgen wird,
erfahren wir vielleicht einiges darber.


=Die Zeit.= Wien.

La Russie se recueille, Ruland sammelt sich, hat bekanntlich
Gortschakow nach dem Krimkriege gesagt. Dasselbe kann man vom Judentum
sagen, seitdem es von allen Seiten aus der Oeffentlichkeit verdrngt
ist. Zwar finden die reichen Juden noch immer Eingang in
aristokratischen Kreisen, wenn man ihr Geld braucht, und man lt sich
sogar auf eine Mesallianz mit ihnen ein, wenn es gilt, ein verblates
Adelswappen frisch zu vergolden. Auch lassen sich freisinnige Deutsche
die Stimmen der Juden bei den Wahlen gefallen. Aber es heit doch auf
der ganzen Linie: Gr mich nicht unter den Linden! Der Rckschlag
dieser Verdrngung uert sich bei den Juden in ihrer Besinnung auf sich
selbst, in verstrkter Pflege ihrer Memoirenliteratur und vermehrter
Schilderung der Vergangenheit des Judentums, besonders seines
Innenlebens. Eine solche Schilderung liegt in den Memoiren einer
Gromutter vor. Es ist ein liebenswrdiges Buch, das die Huslichkeit
und Lebensfhrung eines wohlhabenden russischen Juden in Brest aus dem
ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in anspruchsloser Weise
beschreibt. ber dem Hauswesen lagert der Hauch patriarchalischer
Frmmigkeit und angestammter Sitte. Von Sabbat zu Sabbat, von Festtag zu
Festtag bersteigen die Hausgenossen wie auf Brcken die Mhseligkeiten
und Beschwerden der Arbeitstage und erhalten sich in gehobener
Stimmung, die in der Innigkeit des Ehe- und Familienlebens, in strenger
Kinderzucht, in der Gastlichkeit und Wohlttigkeit zum Ausdruck kommt.
Es entfaltet sich hier ein Reichtum an geistigen Anregungen und
sittlichen Befriedigungen, der wohl imstande war, fr manche bittere
Erfahrung zu entschdigen. Auch an Seelenkmpfen fehlt es nicht, die
durch den Eintritt deutscher Bildungsversuche und die vernderte
Kleidertracht herbeigefhrt wurden. Die fesselnde Schilderung macht das
Buch zu einer ebenso anregenden wie belehrenden Lektre.

     Wien.                             Oberrabbiner Dr. M. -=Gdemann=-.


=Pester Lloyd.=

Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und
mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese
Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in
der stillen Dmmerung ihres einsamen Lebensabends schlicht erzhlt, was
sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren. Wahrlich, jeder
Versuch einer sachlichen Kritik und Wrdigung dieses Buches wre eine
Blasphemie. Solange wir unter dem Banne der Lektre stehen, kommt uns
die Erwgung gar nicht in den Sinn, ob diese Bltter vom rein
knstlerischen Standpunkt aus berhaupt eine literarische
Existenzberechtigung haben, und selbst wenn wir das Buch schon lange aus
der Hand gelegt, empfinden wir nur das Gefhl verehrungsvoller
Dankbarkeit fr diese feinsinnige Gromutter, die uns so gromtig aus
dem reichen Schatz ihrer abgeklrten Lebenserfahrungen teilnehmen lt.
Mit liebevollen, behutsamen Frauenhnden entrollt Pauline Wengeroff
heitere und ernste, aber immer gleich farbenprchtige Genrebildchen aus
dem jdischen Familienleben; Bilder, von denen jedes einzelne durch
seinen eigenartigen strengen Reiz unser Herz gefangen nimmt, die aber
dann in ihrer Gesamtheit sich zu einem imposanten Kulturgemlde runden.
Was die temperamentvolle Greisin da von Emanzipation der lithauischen
Juden erzhlt, mutet uns wirklich an wie ein Mrchen aus Gromtterchens
liebem Plaudermunde; aber ein ganz modernes Mrchen, vom
schicksalsschwangeren Feuergeiste unserer Zeit durchweht. Mit
zauberhafter Geschwindigkeit verdrngt die Morgenrte einer neuen Epoche
die Nebel des Ghetto. Manch liebliches Bild, das nur im Dmmer gedeihen
konnte, mu der unbarmherzigen Helle weichen. Aber wie zahlreich auch
die Opfer der bergangszeit gewesen sein mgen, der Platz an der Sonne
war den Juden damit nicht zu teuer erkauft. Schmerzlich s mu es fr
diese Gromutter sein, in diesen freud- und leidvollen Erinnerungen zu
whlen. Wahrhaft heroisch ist es jedenfalls, diese zarten Herzensblten
vor der groen, blasierten Menge auszubreiten. Aber wenn auch nur wenige
sich finden sollten, denen aus diesen vergilbten Blttern erquickender
Duft bis ins tiefste Gemt dringt, so werden diese wenigen um so
gespannter der weiteren Plaudereien der Gromutter harren.


=Tgliches Unterhaltungsblatt der Posener Neuesten Nachrichten.=

Den bisher ganz vereinzelten Memoirenwerken der jdischen Literatur
reiht sich hier ein Werk an, das uns einen tiefen, charakteristischen
Einblick in die groe bergangszeit der Aufklrungsperiode unter den
Juden Lithauens gestattet. Pauline Wengeroff ist eine der ersten, die
uns diesen Kulturschatz aufzeigt, und sie tut es mit so inniger Liebe
und Piett, mit so seltener Treue und Wahrhaftigkeit, mit mildem Humor
und feinem psychologischen Takt, da man mit grtem Interesse ihren
liebenswrdigen Schilderungen folgt. Wenn mau diesen ersten Band gelesen
hat, wird man mit um so lebhafterer Erwartung dem zweiten entgegensehen.


=Unterhaltungsblatt des Frnkischen Kurier.=

Die jdische Literatur besitzt nur sehr wenige Memoirenwerke. Aus dem
jdischen Leben in Ruland drfte nur ein einziges, die Zapiski
Jewreja von Gregor Isaakowitsch Bogrow, bekannt sein. Diesem Werke, das
einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben
der Juden in Ruland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erffnet hat,
schlieen sich die Memoiren von Pauline Wengeroff ebenbrtig an. Mit
inniger Liebe und groer Piett, mit seltener Treue und aufrichtiger
Wahrhaftigkeit, mit einem milden, verklrenden Humor und feinem
psychologischen Takt erzhlt sie wichtige Episoden aus einer groen
bergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklrung unter den Juden
in Ruland die Nebel, die bis dahin ber dem russischen Judentum
lagerten, zu durchbrechen begann.


=Essener Volkszeitung.=

Es ist ein Buch, das uns in breiter, behaglicher Form das Leben der
Juden in der Stadt Brest in Litauen vorfhrt. Die Verfasserin blickt
bereits auf siebzig Jahre zurck, und sie hat sogar die Eindrcke aus
ihrer frhesten Kindheit mit bewundernswerter Genauigkeit im Gedchtnis
behalten. Der vorliegende Band schildert die Zeit, wo die Juden noch
ungestrt nach ihren alten Sitten und Gebruchen und in ihrer eigenen
Tracht in Ruland leben konnten, sowie den Anfang des von der Regierung
eingeleiteten Reformwerkes. Eine Menge charakteristischer Einzelzge aus
dem Leben dieses Volkes finden wir hier mit gewissenhafter Sorgfalt
verzeichnet. Es sind ganz eigenartige kleine Kulturbilder, die auch fr
den Forscher von Wert sein werden und in denen nebenbei auch die Kenner
des jdischen Jargons eine reiche Ausbeute finden werden. Besonders
muten uns die Schilderungen des behaglichen, engumgrenzten
Familienlebens dieser Juden alten Schlages an, dies feste Zusammenhalten
der einzelnen Familienglieder, der Eltern und der Kinder, selbst wenn
diese schon selbst verheiratet waren. Jeder, der den ersten Teil dieser
interessanten und auch in der Form gut abgerundeten Memoiren gelesen
hat, wird der Fortsetzung mit Spannung entgegensehen.


=Breslauer Zeitung.=

Selten haben in kurzer Zeit so mchtige Wandlungen in einer
Bevlkerungsschicht stattgefunden als unter den russischen Juden
Litauens, jahrhundertelang wie bewegungslos, einem Bilde gleich
verharrend, hat ganz pltzlich eine gewaltige Umgestaltung dort Platz
gegriffen und gewitterartig Vernderungen geschaffen. Das Interesse fr
dieses Eckchen Unkultur und Kultur ist ein allgemeines geworden, und
insbesondere die Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt
waren, lieen die Augen der ganzen Welt sich nach jenen Gegenden
richten. Da interessiert es denn besonders, wenn ein Buch uns mit
Schilderungen bekannt macht, die noch von keinem Hauche der Neuzeit
berhrt wurden, und doch finden wir dort eine Flle von interessanten
Tatsachen, von Phantasie, dichterischer Begabung, eigenartiger Bildung
und sonderlicher Zustnde. Man wird deshalb mit groem Interesse das
Buch Memoiren einer Gromutter lesen und es gleich einem interessanten
alten Bilde auf sich wirken lassen.


=Ost und West, Berlin.=

Ein Buch der Erinnerungen. Wir haben diese stillen Dmmerstunden der
sabbatlichen Nachmittage alle selbst erlebt. Und glhend haben unsere
Kinderaugen zur Gromutter geblickt und Gromutters Trume zogen wie
wundersame Helden-Scharen in unsere Seelen ein.

Nicht als Erlebnis: -- als Traumgebilde voll blasser, milder Farben,
voll schwermtigen Dmmerglanzes knpft sich das Einst an das Heute. Und
so erscheint uns das Einst immer so reich an Frieden, selbst wenn es
noch so strmisch war und die blaue Blume der Romantik blht auf der
Sttte, die eines Ahnen Fu beschritt...

Eine Gromutter erzhlt von altem Leben und eine Welt der Stille,
idyllischer Enge und einer die Seelen befreienden Gebundenheit steigt
vor uns auf. Aber sie wrde wieder versinken. Die Enkel wachsen heran
und von Gromutters Erzhlungen bleibt nur se krperlose Erinnerung.
Das Wort verfliegt. Die Melodie nur bleibt. Akkorde, --

Ein sabbatlicher Sptnachmittag... Heimlich und verstohlen gleiten
scheue Sonnenstrahlen durch das dichte Netzwerk der Gardinen und
zeichnen matthelle, seltsam verstelte, verschlungene Linien auf den
dunklen Etisch.

In einem Winkel sitzt Gromutter in ihrem Lehnstuhl, und die Enkel
drngen sich an sie, und die Dmmerung hllt sie mit dunkeldichtem
Schleier ein...

Gromutter erzhlt von fernen Tagen; von Menschen, die ferne sind, weit,
weit, wo Gottes stille Himmel liegen; von einem Leben, das lngst
erstorben.

Gromutter erzhlt: Ein ses Behagen lt jedes Wort aufquellen; selige
Erinnerungen steigen lchelnd auf; und eine milde Trauer flutet weich um
die versunkene Vergangenheit und dmpft die Worte zu stiller Ergebung.

Gromutter erzhlt: Und Seufzer schleichen durch das Dunkel. Und die
Kinder lauschen und lauschen. Es ist wie ein Mrchen...

Es fehlt den Juden nicht der Sinn fr einstiges Geschehen. Der Zwang der
Tage, das Joch des Heute hielt nur immer die Seelen gefesselt. Die
Gromtter, die in den engen Stbchen ihre Gebete flstern, hteten --
frei von der Frohnde des Daseinskampfes -- den Schatz der Erinnerungen.
Und htten sie alle nur die Erzhlungen aufgeschrieben, denen im Dmmer
sabbatlicher Nachmittage ihre Enkel gelauscht, die Geschichte unseres
Volkes lge vor uns, festgefgt und durchglht von einem
Stimmungszauber, den niemals ein Historiker wird ahnen lassen knnen.

Das Wort war behende. Doch die Hand war schwach und welk... Und so trug
der Tod zugleich mit den Htern der Vergangenheit die Vergangenheit ins
Grab. Nicht was einst war und was einst geschah, bildet den intimen Reiz
der Geschichte. Das mag die Sorge des hockenden Chronisten sein, der wie
ein geiziger Wucherer die Einzelstcke aneinanderreiht und aufeinander
schichtet. In den Geschehnissen und Menschenschicksalen suchen wir das
Einzelschicksal. Wir kennen wohl die Wirkungen groer Ereignisse als
kompakte Gren; und der Philosoph wird aus diesen Werten den Weg der
Geschichte, die Richtung der Entwicklung, aus der Verworrenheit der
wirksamen Faktoren die Gesetzmigkeit, aus allen Brutalitten ringender
Mchte den Sinn, den Geist der Geschichte ableiten. Aber verhllt sind
uns die einzelnen kleinen Komponenten der geschichtsschreibenden Krfte:
wie der einzelne Mensch die Geschichte beeinflut und wie er von der
Geschichtsentwicklung beeinflut wird. Denn ein Nehmender und Gebender,
zugleich Schpfer und Geschpf, Baumeister und Baustein, Subjekt und
Objekt der Geschichte ist das Individuum. In diese wundersame Gewalt des
Werdens, des Wandelns, der ewigen Umformung lt uns die mikroskopische
Geschichtsforschung blicken. Diese Andacht zum Kleinen -- wie Grimm
sie genannt -- schafft und verinnerlicht die Weihe fr den wuchtigen
Schritt Gottes in der Geschichte. Die Sonne spiegelt sich in den
kleinsten Tautropfen und gigantischen Epochen der Vergangenheit in der
Seele des niedrigsten Zeitgenossen. Aus diesen Erkenntnissen ist
allmhlich der Sinn fr die Familienforschung erstanden, das Interesse
fr den Briefwechsel zwischen Menschen frherer Geschlechter, die Lust
an Memoirenwerken ... Gromutter erzhlt...

Das neuere jdische Schrifttum ist arm an solchen nachdenklichen
Erinnerungen und es kann wohl nicht anders sein. Familienforschung! Wie
kann Familienforschung den Sprsinn regen, wo in unserer Gemeinschaft
ngstliche Scheu die Kette der Geschlechter zerbrechen mchte? Ein jeder
mchte ein Autochthone sein -- gewachsen aus der Erde, geworden durch
eigene Kraft. Wir haben noch nicht den Mut, von der geduldigen
Mrtyrerkraft unserer Ahnen zu sprechen, noch nicht den Sinn, die stille
Schnheit ihres engen Seins zu rhmen. Wer mchte das Leben seines
Urahns erforschen, der mit dem Packen auf dem Rcken von Dorf zu Dorf
keuchte, mit alten Kleidern handelte -- und doch ein ganzer Mensch war:
unbarmherzig gegen sich, weil das Wissen um Gottes Barmherzigkeit in ihm
war... Wir haben noch nicht die Kraft der festwurzelnden Persnlichkeit,
den billigen Witz zu verachten, den der Tor ber das armselige,
erzwungene uere Leben unserer Ahnen machen knnte. Wir wagen noch
nicht laut zu sagen, da sie nur Knechte schienen und freie Menschen
waren, die in Not und Wanderelend danach rangen, wrdig zu werden der
Gnade, im Ebenbilde Gottes erschaffen zu sein. Wir haben uns noch nicht
emanzipiert von dem Hochmut der eben erst brgerlich Emanzipierten, ber
Sitte und Brauch unserer Ahnen, ber ihre Vorstellungen und Gedanken zu
lcheln. Wir haben die Phrase noch nicht berwunden -- die Phrase, die
unsere ganze Armut bloslegt: Moderne Menschen. Mit dieser Phrase wollen
wir das eiserne Band zerhauen, das uns an die Ahnen schmiedet. Bilden
wir uns ein -- und ist doch ein Strohhalm in der Hand eines Kindes.

Gromutter erzhlt. Von ihrer Welt! Wie weit wren wir, knnten wir
erst ohne ngstlich umherblickende Voreingenommenheit mit Gromutter
durch ihre Zeiten wandern. Sie fat uns gtig an der Hand und fhrt uns:
ein kleines Stdtchen, ein niedriges Huschen, sogar mit einer richtigen
Vortreppe -- also ein Herrensitz! -- ein paar winklige Gassen, ein
dunkles Cheder -- und da lebt man!

Man lebt da!...

Ein Jahr im Elternhause. Wir wandern von Fest zu Fest. Und der graue
Alltag wird licht, weil er eine Vorstufe der Feste ist.

Was ist eigentlich das Ziel unseres Lebens? Der Festtag.

Unser ganzes Leben ist nur ein Warten auf den kommenden Tag der Feier.

Aber unser Warten ist voll Pein und Ungeduld, qulerisch. Unsere
Hoffnung ist wirr und wildtreibend, zermrbend in der Angst des
Verschmachtens auf halbem Wege: Wann kommt uns die Stunde der Feier?
Vielleicht kommt sie uns niemals.

Gromutter lchelt: Ihr Armen. Zunchst freut man sich die ganze Woche
auf den Sabbat. Man braucht sich nicht zu sorgen: Kommt er? Kommt er
nicht?! Er kommt! Kommt der Sabbat, kommt die Ruhe. Und wer den Sabbat
so recht feiert, wei gar nicht, da es einen Alltag gibt. Wir heiligen
den Sabbat, glauben wir. Aber der Sabbat heiligt uns. Er weiht unser
Leben und Treiben; und Essen und Trinken wird Gottesdienst. Und so fllt
schon auf den Freitag -- den Torwart der Ruhestunden -- der milde
Abglanz des Sabbats. Die Arbeit am Freitag macht die Hand nicht mde.
Die Erdenlast ist von ihr genommen. Und gute Engel helfen beim Werke.
Darum schmecken die Fische am Freitag abend so kstlich. Sie haben den
Geschmack von -- jener Welt selbst wenn Vater sich nicht so besorgt in
der Kche umshe und die Sauce kostete. Beten, Ruhe und Essen -- dieser
Dreiklang schlingt sich zur Harmonie des Sabbats zusammen. Und wenn der
Tag zur Neige gegangen, begleitet wieder ein Mahl die Knigin Sabbat
in ihre Heimat.

Es singt in allen Festen die gleiche Melodie -- nur die Tonart wechselt
und der Rhythmus. Am Chanuka lt uns Gromutter die Reise durch das
ganze Jahr beginnen. Mit den Latkes -- den Honigflinsen -- fngt sie an.
Mit dem Pflichtruschchen am Simchas-thora hrt sie auf. Zwischen Lust
und Trauer pendelt das Leben hin. Wenn die Trauer die Seele gar zu fest
zu umschnren droht, lst ein Festtag die Schlingen. Und ein Trauertag
dmmt die ber die Borde schlagende Frhlichkeit ein. Nicht
kalendarisch-uerlich gehalten, sondern in ihrem spezifischen Charakter
hingenommen, nach ihrem Stimmungsgehalt gelebt, nach ihren gedanklichen
Inhalten begriffen -- wirken die jdischen Feste wie ein Regulator
menschlichen Treibens. Sie lsen die Verworrenheit unseres Seins in
geruhige Harmonien auf und gleichen das strmische Auf und Nieder aus
zum Wellenschlag eines friedlich hingleitenden Lebens. Und wundersam
haben sich Sitte und Brauch dem Sinn der Feste angeschmiegt.

Gromutter Wengeroff hat in ihren Memoiren, -- dem Ben-Sekunim, dem
Kind des Greisenalters -- mit unendlicher Liebe den Kranz der vielen
Bruche zusammengewunden, die die Feste schmcken und -- ihr Werk. Wenn
einmal die alte Formensprache unserer Volkssitten verstummt sein sollte,
wird der Ethnologe und Kulturhistoriker nach diesen Blttern das Leben
der Juden in alten Tagen wieder aufbauen knnen. Der husliche Herd --
der in der Kche steht -- ist der Mittelpunkt der Familie. Was dort
brodelt und kocht, dient nicht gedankenloser Genusucht und Vllerei.
Die Hausfrau beginnt ihre Arbeit nicht, eh da sie ein Gebet gesprochen
und ein Opfer dargebracht hat. Die Speisen sind den Festen angepat und
alle Zutaten sind zugleich -- Symbole! Speise und Trank, die den Krper
krftigen sollen, damit die Seele ungehemmt von irdischer Schwere ihren
Flug in die Hhe nehmen kann, sind selbst nur -- beseelte Materie. Sie
sind geweiht. Und wenn die Hausfrau nicht fast erdrckt wurde von der
Flle der Sorgen, der Pflichten, der religisen Gebote und der
Subtilitten, die der Brauch zum Zwange gesetzlicher Vorschriften
erhoben hat, so konnte nur der Gedanke, mit all der peinlichen Arbeit
hheren Zwecken, ja dem hchsten Zwecke zu dienen, die Last heiligen und
adeln -- und aus der Sphre des ermattend Krperlichen hinaus -- und
emporrcken.

In dieser in Gott und Judentum zentrierten Welt kann schlaffe
Bequemlichkeit nicht hemmend in den Weg der Pflichten treten. Je
getreulicher die Gebote erfllt werden, um so leichter wird das Leben
getragen. Je enger der Zaun der Gesetze, um so lichter und freier
schwingt sich die Seele zu Gottes Thron. Und gemeinsam wie der Flug in
die Hhe, rollt sich auch das brgerliche Leben ab. Der einzelne
versinkt nicht in der Gemeinschaft bis zur Unkenntlichkeit. Sein
individueller Wert wird gesteigert, sein individueller Charakter
ausgearbeitet durch die Gemeinschaft. In das Schicksal des einzelnen,
welche Phasen vom Glck zum Leid es auch durchlaufe, sind doch
Schicksalfden der anderen verwoben. Die Lebensbedingungen jedes
einzelnen Juden sind die der anderen Juden. Jeder braucht den anderen,
zum gemeinsamen Gebet in der Chewra, in der Trauerzeit, beim Mahle, in
den Scherzen des Purim, in der Lust des Freudenfestes. Und dieses
Aufeinanderangewiesensein in den Bedrfnissen eines hheren Lebens
verinnerlicht die Bande angeerbten Volkstums und gemeinsamer uerer
Geschicke und schafft auf einem weitab vom materialistischen Sozialismus
fhrenden Wege einen sozialen Bund von ganz spezifischer Prgung.

Eine idyllische Ruhe und der Frieden einer in ihren Sehnschten, ihrem
Gottvertrauen geeinten Menschengruppe ruhten ber jener Generation. Und
lsten wir selbst den Glorienschein auf, den die alte Gromutter um ihre
Jugendjahre legt, und wollten wir in Einzelzgen ergnzen, was die
vershnende und nivellierende Vergelichkeit des Alters verwischte, die
Grundlinien einer lieblichen Idylle verlren ihre Schrfe nicht. Die
Spiele der Kinder und das Sinnen der Alten erfllen nur eine enge Welt;
aber sie ist voller duftiger Trume, voll tiefer Beziehungen und in
jeder Spanne persnlich erobert und ganz zu persnlichem Besitze
geworden. Der Tag ist unendlich lang, so lang, da das gewhnliche
Ausma der Stunden seine Geltung verloren zu haben scheint. Aber Gefhl
und Begriff der Langeweile sind keinem bekannt. Es gibt keine toten
Stunden, weil jede Stunde ihr eigenes Leben hat. In grauer Frhe, da die
Nacht kaum an den kommenden Tag denkt, denken die Juden schon an ihr
Tagewerk. Wer wei, wie der Beruf die Stunden knebeln wird -- darum
schnell noch zum Talmudfoliant greifen, der von gestern noch
aufgeschlagen ungeduldig schon des Lerners harrt; darum schnell noch
in das Beth-Hamidrasch eilen, um in der Chewra Thillim im Zweisang die
lieben Psalmen zu sagen.

Das Leben ist so kurz -- und des Betens und Lernens ist so viel. Diesen
Gedanken heit es den Kindern zu berliefern. Sie knnen nicht frh
genug in den Cheder. In seiner Enge und seinem ewigen Dmmer wchst eine
heilige Weit. Und der erste Chederbesuch wird so der wahre Geburtstag --
der Menschenseele. Der rmste gibt sein letztes Gut hin, um sein Kind
nicht geistig verhungern zu lassen. Und es ist ein Brauch, der die ganze
Judenseele blolegt, ein Brauch von ergreifender Tiefe und unsagbarer
Innigkeit, da der Vater den jungen Chederbuben in einen Gebetmantel
gehllt zum Melammed trgt... Er zeigt ihm die strahlende Pracht der
Himmel und lehrt sie, sich den Weg zu Gott zu schlagen und mit den
Quadern der heiligen Buchstaben zu ebnen. Sonnig ist das Ziel. Aber die
Arbeit ist hart. Selbst die Spiele in den freien Zeiten sind noch
durchwebt mit den Seidenfden der Lehre, die das Halbdunkel des Cheders
gesponnen. Schon frhe lernt das Kind sich bescheiden. Denn das Ghetto
ist eine bescheidene Welt. In gedmpften Tnen klingt aller Sturm der
Seelen aus. Das ganze Sein ist voller Geheimnis. Und die Bangheit und
Scheu, die das Kind empfand, als es einmal in dem leeren Gotteshause vor
der heiligen Lade stand, trgt es allezeit mit sich und sie geben ihm
die stille Ergebenheit, wenn es einst vor den heiligen Fragen des Lebens
stehen wird... In diese festgefgte Welt mit ihrer eigenen Bildung, mit
ihrem schillernden Reichtum der Phantastik, mit ihrer geschlossenen
Lebensanschauung, in diese Welt der Trume und mystischverdmmerter
Ahnungen, in diese Welt der klaren Tage, der besonnenen Arbeit -- tritt
nun polternd mit groben Fen die neue Zeit! Kann aus den zerstampften
Schollen gleich herrliche Saat erblhen? Die Menschen sind zu gefestet,
als da die neue Zeit sie ganz zu zerbrckeln vermchte. Noch lachen sie
und spotten ihrer, und reien der Zeit ihre neuen Gaben aus der Hand.
Chausseen werden gebaut. Solange sich Menschen erinnern, waren zwei
Tage ntig, um den Weg von Brest nach Bobruisk zurckzulegen, nun kommt
Reb Zimel Epstein und erzhlt uns, er wird ihn auf eine Tagereise
verkrzen. Wer ist er? Gott? Wird er die brige Strecke Wegs in seine
Tasche stecken? Und Reb Zimel Epstein hat Recht. Indessen was
verschlgt's? Kann man mit Lampen, die heller und ruhiger brennen als
Kienfackeln, den Sabbatabend nicht lichtiger und geruhiger machen?...
Und kann man bei neuen Wegen nicht ein alter Jude bleiben?... Und doch:
auf neuen Wegen kommt die neue Zeit! Die Welt wird grer. Die Enge lst
sich. Die plumpen Wgelchen verschwinden. Es kommen die Karossen und
bald, bald wird das Dampfro die Wlder durchjagen. Jeder Tag bringt
neue Wnsche; und wie die Mauern des Ghetto zu wanken beginnen, so
kommen die Kinder des Ghetto ins Wanken. Die stille Harmonie wird
zerstrt. Sie scheinen wie Trunkene und wir lcheln ihres torkelnden
Ganges. Auf den Hintertreppen schleicht die Aufklrung in die Huser.
Sie verdstert mehr als sie erleuchtet -- denn es ist eine Aufklrung,
der -- russischen Regierung! ber dem Talmudexemplar liegt Schillers
Don Carlos und Posa sagt seine Leitartikel auf im Gemara-Nigen. Die
Jugend will dadurch die Eltern tuschen. Aber sie tuscht sich selbst:
Schiller wre ihnen unverstndlich, wenn er nicht gelernt wrde... Die
Eltern frchten die neue Zeit und sie beschwren den Missionar der
russischen Regierungsaufklrung, Lilienthal, bei der Sepher Thora zu
erklren, ob er die Juden zur Taufe fhren will. Sie frchten. Aber ihre
Furcht ist mehr ein Ahnen furchtbarer Entwicklungen. Was sie um sich
sehen, macht sie mehr stutzig, als erschrocken. Hier eine Szene, die die
schwangere Zeit kstlich zeichnet: Dem Schwager unserer Gromutter hatte
es die Naturwissenschaft angetan. Bei grauendem Morgen war er halb
entblt in den Garten gegangen. Die rechte Hand arbeitete krftig, sie
beseitigt die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die
mein Schwager -- nicht ohne Ekel! -- in ein kleines Kstchen mit einem
Glasdeckel warf. Die Mutter hatte ihn bemerkt und rief halb verwundert,
halb belustigt: Wos tust du do?

Gur nischt, gab er lakonisch zur Antwort.

Wos is do im Kstchen auf der Erd'? fragte die Mutter weiter.

Gur nischt, meinte der erregte Naturforscher.

Warum biste so frh do?, forschte die Mutter.

Frh! S'es gur nischt frh! antwortete der junge Mann, in der
Hoffnung, sich so aus der Affre zu ziehen... Die Mutter beugte sich
ber das Gitter und entdeckte nicht ohne rger ein Buch neben dem
Kstchen. Sie tritt nher. Der Naturforscher ergreift die Flucht. Meine
Mutter blickte in das Kstchen und entdeckte zu ihrem unbeschreiblichen
Erstaunen eine gewhnliche Fliege, einen Maikfer, ein Marienkferchen,
eine Ameise, einen Holzwurm... Sie traute ihren Augen nicht, und ihr
Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es htten tun knnen,
auf die Frage hin: Wozu braucht ein Mensch solches Gewrm?

Zu dem Gewrm, das den inneren Menschen zernagte, kam ein anderes
Unheil. Ein Ukas der Regierung verbot die jdische Tracht: der uere
Mensch mute reformiert werden. Sogar die Pejes, die dem Juden erst die
Gotthnlichkeit geben, sollten schwinden. Es gab erbitterte Kmpfe mit
den ausfhrenden Polizeiorganen. Aber schwerer waren die Kmpfe in der
Seele der Juden. Der Mantel fiel und der Herzog mute ihm folgen. Die
neue Tracht fhrte die Juden nicht in eine neue Welt hinein. Sie fhrte
sie nur aus ihrer alten Welt heraus. Das empfanden alle tiefer blickende
Mnner, das machte sie traurig und ihre Ohnmacht so unsglich qualvoll.
Als die Grber des alten Brester Friedhofs geffnet wurden und die
Leichen ihre Friedenssttte verlassen muten, weil die Stadt zu einer
Festung umgebaut wurde, war ein Wehklagen in der Gemeinde -- doch die
Toten fanden einen Ruheplatz. Aber die Seelen, die aus ihrer stillen
Welt hinausgezerrt wurden, die Seele der Jugend wurde heimatlos und
mute wandern in eine ungewisse Welt. Die Besten wurden schwankend. Die
Schwachen wurden haltlos. Sie wechselten die uere Tracht und wurden
uerlich.

    Schwarze Rcke, seidne Strmpfe,
    Weie, hfliche Manschetten
    Sanfte Reden, Embrassieren --
    Ach! Wenn sie nur Herzen htten.

Es sind nur die ersten Anfnge jener neuen Zeit, von denen unsere
Gromutter spricht. Mit verhaltenen Worten. Ihre ganze Innigkeit hat sie
ber das alte Ghettoleben gebreitet, von dem sie uns freilich nur einen
Bruchteil gibt. Wir lernen nur ein Haus mit allen seinen Freuden,
Erregungen und seinem Kummer kennen. Es ist ein reiches und vornehmes
Haus, in das wir als Gste eintreten. Und doch ist es nur ein Paradogma
fr das Treiben im Ghetto. Denn das Leben im Patrizierhaus ist seinem
Wesen und seiner Form nach nicht herausgehoben aus der Ghettoartung.

Htte und Herrensitz unterscheiden sich nur in den groben
uerlichkeiten der Lebensformen. Charakter und Inhalt der
Vorstellungsinhalte, die Skala der Gefhle und die zarten Bedrfnisse
der Seele: -- vielleicht, da sich darin eine individuelle
Differenzierung spiegeln knnte. Aber niemals die soziale! Dem Reichen
wird nur die Gnade, da er die Flle der Pflichten leichter und
unermdlicher tragen konnte. Und sein Dank fr diese Gnade war, da er
die Pflichten peinlicher beobachtete und ihre Kreise weiterzog!

Im Hause des Reichen zerbrckelte nicht das Judentum. Sitte und
berzeugung, Tat und Gebet, Alter und Jugend standen in Schnheit und
unbefleckt durch die grobe Not nebeneinander, das Haus zu einer Sttte
Gottes zu machen...

Gromutter erzhlt... Und eine Welt der Schnheit, des Friedens und
verjngender Heiterkeit steht vor uns auf. Und uns berflutet eine
Sehnsucht nach dem versunkenen Lande der Ganzen.

Nach all den Enttuschungen, die die Zivilisation bringt und die sie --
je empfindsamer und zarter wir werden -- uns immer herber wird fhlen
lassen, blicken wir in jene stille, abgestorbene Welt zurck und in
einsamen Stunden regt sich leise in uns ein Fragen, ob dort nicht die
blaue Blume der Romantik ihre Dfte um die Menschen hauchte.

Es war eine enge Welt. Aber sie war hoch und reichte bis an den
siebenten Himmel...

Die Menschen waren klein. Aber ihre Seelen waren voller Harmonie und
Einheit. Sie verschmachteten nicht im Genusse. Wunsch und Kraft, Wille
und Ziel, Leben und Lehre waren eines nur. Sie gaben den heiligen
Frieden, der nicht einmal ahnen konnte, da es auch eine Zerrissenheit
gibt.

                                             Dr. Th. -=Zlocisti=-.


=Allgemeine Ztg. d. Judentums. Berlin.=

Ein versonnenes Es war einmal klingt mit leiser Wehmut aus dem Buche
der feinfhligen Verfasserin. Wie bei einem Rembrandtschen Gemlde
blicken wir in das anziehende Helldunkel einer verflossenen jdischen
Kulturperiode, und das stechende Licht des Alltags schmerzt uns, wenn
wir das Buch schlieen. Denn was uns die Verfasserin aus der
Vergangenheit des vorigen Jahrhunderts so anspruchslos zu erzhlen wei,
ist mehr als das Leben einer vornehmen jdischen Familie in der
russischen Stadt; es ist berhaupt ein Mikrokosmos des guten Judentums
alten Schlages, ein Kleingemlde voll intimen Reizes, das uns moderne
Israeliten, die wir uns als Kinder der Welt so gro dnken, mit
Schmerz empfinden lt, wie klein wir geworden sind -- weil wir keine
eigene Kultur mehr haben. Man mag das Leben jener Juden, das nichts
anderes war, als ein von Anfang bis Ende des Jahres wunderbar sich
abrollender Gottesdienst, in gewissem Sinne beschrnkt nennen, in der
Beschrnktheit zeigt es die Meisterschaft. Das Gemlde ist etwas
Ausgeflltes und Ganzes, und wir nehmen einen wohltuenden Volleindruck
mit. Wir mgen es wohl im Sinne des Fortschritts begren, da endlich
in den patriarchalischen Dmmer das volle Licht der europischen Kultur
hereinbrach -- aber wir klagen auch mit der Verfasserin ber die
frchterlichen Zerstrungen, die die zersetzenden Strahlen anrichteten.
Wieviel jdische Lebenskunst, Poesie und Ethik ist zu Grabe getragen
worden! -- Mge das Buch der Gromutter, dem Dr. G. Karpeles ein
freundliches Geleitwort mitgegeben hat, nicht nur gelobt, sondern auch
gelesen werden! Es ist nicht nur fr liebe Enkelkinder bestimmt, die
spielend, besser vielleicht als es in den Religionsschulen geschehen
kann, in den Reiz und die Weihe des altjdischen Lebens eingefhrt
werden, es gibt auch den Erwachsenen einen interessanten Beitrag zur
Umwertung der Werte bei unseren Brdern im Nachbarreich. Und endlich
wird es jeden ernsten Juden gedankenvoll stimmen. Denn wenn wir auch mit
Koheleth sagen mssen: Sprich nicht, wie kommt es, da die vergangenen
Zeiten besser waren, nicht aus Weisheit fragst du, so erweckt es doch
das heie Verlangen nach der inneren Einheitlichkeit und
Geschlossenheit, wie sie die Vter kannten, die Sehnsucht nach neuen
jdischen Kulturwerten.

                                                             E. L.


=Jdische Zeitung. Wien.=

Wenn man das Buch aufschlgt, so findet man auf der ersten Seite das
Bild der Verfasserin: Ein altes, freundliches Gesicht mit klugen, milden
Augen, die schon von vornherein fr alles einnehmen, das die Verfasserin
sagen wird. In freundlichen Worten wird nun ein Bild aus dem jdischen
Leben eines wohlhabenden Brgerhauses in den vierziger Jahren des 18.
Jahrhunderts geschildert. Alles ist so unbeweglich still und atmet
Traulichkeit, innere Abgeklrtheit, starken Familiensinn und echtes
Menschentum. Es ist alles so licht und lieb, da man den Gedanken nicht
bannen kann, da die Verfasserin unbewut schner dargestellt hat, als
es wirklich gewesen ist, da sie ihre Kindheitstage, die jetzt vor uns
vorbeiziehen, mit dem Glorienschein der Poesie umgeben hat. Eines aber
erfahren wir unzweideutig daraus: Da das jdische Familienleben jener
alten guten Zeit innig und traulich war, da die Huser der Juden in
jener Zeit Kultursttten waren im besten Sinne des Wortes. Die
Schilderung des bergangsstadiums zum Haskalah erscheint uns minder
gelungen, wie berhaupt der ganze Aufbau des Buches eine mangelhafte
Technik verrt. Doch wir wollen mit der Verfasserin darber nicht
rechten, denn der herzliche Ton des Buches, der wie Mrchenzauber unsere
Herzen gefangen nimmt, entschdigt uns berreichlich. Wir wnschen dem
Buch die weiteste Verbreitung unter Alten und Jungen. Besonders ist das
Buch jungen Mdchen zu empfehlen, denn die jdische Innigkeit und der
jdische Familiensinn sind leider im Schwinden begriffen, und da kann
dies Bchlein dazu beitragen, da die zuknftigen Mtter unseres Volkes
weniger modern, dafr aber natrlicher und jdischer werden.


=Israelitische Monatsschrift, Breslau.=

Die Memoirenliteratur ist whrend der letzten Jahre in ihrer Bedeutung
fr die Geschichtswissenschaft voll erkannt worden. Von jdischen
Memoirenwerken, deren Zahl ohnedies gering ist, darf man nun allerdings
nur eine geringe Ausbeute fr die pragmatische Geschichte erwarten. Gab
es doch nicht allzuviele Persnlichkeiten unter den Juden, die an den
aktiven Tagesereignissen groen Anteil hatten, und auch unter diesen
nicht viele, die Zeit und Mue zur Niederschrift ihrer Denkwrdigkeiten
fanden. Um so grer ist aber dieser Gewinn, der aus dieser Literatur
fr das innere Leben und die Kulturgeschichte sich ergibt. In diesem
Sinne und mit dieser Beschrnkung ist auch das angezeigte Buch als
wertvolle Quelle, aus der mancherlei Belehrung und Aufklrung ber das
Leben unserer Glaubensbrder im Osten zu schpfen ist, anzusprechen.
Wo geschichtliche Vorgnge berichtet werden, so in der Darstellung
der Aufklrungsperiode, ist der Wert dieser Aufzeichnungen mehr
als problematisch; es berhrt eigentmlich -- um die einer Dame
gegenber gebotene Hflichkeit zu wahren -- wenn Verfasserin wiederholt
von dem scholastischen Gespinst und den vielen talmudischen
Spitzfindigkeiten spricht und damit ihre Legitimation fr die
Beurteilung jener so verhngnisvollen Epoche zu erbringen vermeint.
(Hierher gehrt auch die Feststellung, da viele Traktate des Talmud
mit den Worten omar abaja beginnen!). Wo dagegen die Verfasserin sich
auf das ihr liegende Gebiet der Detailmalerei und der Szenen aus dem
Volks- und Familienleben beschrnkt, liefert sie wahre Kabinettstcke
dieser Kleinkunst, die niemand ohne Vergngen und Nutzen lesen wird.


=Israelitisches Familienblatt, Hamburg.=

Diese Memoiren gehren zu den liebenswrdigsten Bchern, die seit langem
auf den jdischen Bchertisch gekommen sind. Das Gromtterliche wie das
Jdische darin verschmelzen sich zu einer warmen, trauten Herzlichkeit,
die eine blendende, poetische Darstellung, die man von diesem Werke
nicht erwarten darf, vollkommen ersetzt. Wir haben es aber auch mit
einer kulturhistorischen Gabe allerersten Ranges zu tun. Sie hlt in
getreuester, liebevollster Hingabe und Erinnerung fr die Nachwelt fest,
was jetzt bereits im Aussterben begriffen ist, das echt jdische Haus-
und Gemeindeleben unserer russischen Brder. Die Behauptung von einer
Trockenheit und Verkncherung des alten Judentums, von seelischer
Finsternis und Sklaverei unter dem Gesetz schmilzt vor dieser
Darstellung wie Schnee vor der Sonne. Wer dieses Buch liest, das in
jedem Buchstaben den Stempel der Wahrhaftigkeit trgt, mu sagen, da
unsere Grovter und Gromtter, die so lebten, ein solches rundes,
jdisches, von Festen wie von wunderbaren jdischen Ereignissen
durchzogenes Jahr, glcklich waren. Trotz allen ueren Druckes, trotz
ihrer Einfalt und Fremdheit von der modernen Kultur. Wir lernen aus
diesem Buch vieles wieder lieben, was wir bereits belchelt haben.
Besonders unseren Frauen kann es eine Offenbarung bedeuten.




Druck von C. Schulze & Co., G. m. b. H., Grfenhainichen.




Funoten:

[1] Die Welt 1900.

[2] Von diesen beiden Brdern wurde der eine ein Bibelforscher, der
folgende Werke verffentlichte: -=Die Religion Altisraels=- nach den in
der Bibel enthaltenen Grundzgen, dargestellt von -=Israel Sack=-.
(Leipzig und Berlin 1885. Verlag von Wilhelm Friedrich, Kgl.
Hofbuchhdl.)

-=Die altjdische Religion=- im bergang vom Bibeltum zum Talmudismus
von -=Israel Sack=-. (Berlin 1889. Verlagsbuchhandlung v. -=Ferd.
Dmmler=-.)

-=Monistische Gottes- und Weltanschauung.=- Versuch einer
idealistischen Begrndung des Monismus auf dem Boden der Wirklichkeit.
(-=Leipzig=- 1899. Verlag v. Wilhelm Engelmann.)

Der andere Bruder, Gregor Syrkin (Stiefbruder), ist ein hervorragender
Kenner der hebrischen Sprache und Literatur. Er schrieb ein Werkchen
unter dem Titel: Chesjaunaus Lajlo -- Traumbilder.

[3] Sarwerke -- eine Frau, die in besseren jdischen Husern whrend der
Feierlichkeiten serviert, Sigkeiten, Konfitren, Eingemachtes
vorbereitet.

[4] Das Stdtchen spielte in der Geschichte Kleinrulands eine Rolle. Es
war des Hetman Mazepa Residenz.

[5] Des Brutigams Eltern und Verwandten.

[6] Ein Ort in Polen, wo ein Heiliger wohnt, der unter dem Namen der
Grovater aus Spale bekannt ist.

[7] Malakoff-kurgan (Schanze). Auf Veranlassung des General Malakoff
fllte man unzhlige tausende Scke mit Sand und baute daraus eine
Schanze, indem man sie in Quadraten dicht aneinander legte. Die Kugeln,
welche vom feindlichen Lager herberflogen, blieben in den Scken
stecken.

[8] In jener glcklichen Zeit wurden auch Plne zur Gleichstellung der
Juden vorbereitet.

[9] Als Haupt einer Talmudschule.

[10] Der Roman ist auch in deutscher Sprache unter dem Titel Thamar
erschienen. Ein schmachvoller literarischer Diebstahl. Der bersetzer S.
Mandelkern gab das Werk unter seinem eigenen Namen heraus. Aber er
bersteigerte die Frechheit noch, indem er den Roman Mapu, dem
eigentlichen Verfasser, widmete!

[11] Ein Hascher.

[12] Mondfinsternis.

[13] kein Trost.

[14] Soldatenaushebung.

[15] Seele.

[16] Gott.

[17] Krnkung.

[18] Soldatenbrot.

[19] Wollenzeug mit Leinen genht.

[20] Sich entfernen, sich zurckhalten.

[21] Verordnungen.

[22] Wahl.

[23] Verzeihen.

[24] Snden.

[25] Gottergeben.

[26] Die die Soldaten der Regierung abliefern.

[27] Der die Soldaten annimmt.

[28] Ohnmchtig werden.

[29] Tumult.

[30] Milch und Honig.

[31] Befehl.

[32] Befehlshaber.

[33] Fort, weg!

[34] Die hohen Festtage.

[35] Horn.

[36] Exil.

[37] Zwei Gelehrte, die entgegengesetzte Richtungen vertraten: Hillel --
die milde, nachgiebige; Schamai -- die strenge.

[38] Klagelieder am Tischo b'Ab.

[39] Ahnenstolz.




Notizen des Bearbeiters:

gesperrter Text markiert durch:  -= ... =-

fett gedruckter Text markiert durch:  = ... =





End of the Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Grossmutter, Band II, by 
Pauline Wengeroff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER GROSSMUTTER ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
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