Project Gutenberg's Der Erbe. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Der Erbe. Erster Band.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: August 9, 2014 [EBook #46539]

Language: German

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  Der Erbe.

  Roman
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

  Erster Band.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  1867.




Inhaltsverzeichni.


                                             Seite
   1. Beim Frhstck                             7
   2. Die Bewohner von Schlo Wendelsheim       30
   3. Ein unbequemer Besuch                     56
   4. Die elende Familie                        79
   5. Beim Schlosser Baumann                   112
   6. Der alte Salomon                         133
   7. Rebekka                                  159
   8. Der Familienball                         182
   9. Am andern Morgen                         212
  10. Neue Spuren                              237
  11. Die beiden Verbndeten                   266
  12. Frau Mller                              287
  13. Vater und Sohn                           322




1.

Beim Frhstck.


Mama, dieser Lieutenant von Wendelsheim tanzt wirklich entzckend,
sagte Ottilie, als sie Morgens um zehn Uhr in einem allerliebsten
Neglig zur Mutter in's Zimmer trat, wo das Kaffeeservice noch auf dem
Tische stand. Ich kann Dir versichern, man fliegt ordentlich mit ihm
ber den Boden hin und wird gar nicht einmal mde.

Nun, mein Kind, erwiederte die Mutter, ich kann Dir versichern, da
_ich_ wenigstens mde geworden bin.

Aber Du hast gar nicht getanzt, Mtterchen.

Das fehlte auch noch, sthnte die Frau; das Herumsitzen ist so schon
arg genug -- und nun auch noch diese schreckliche Rthin Frhbach neben
mir! Ich sage Dir, ich habe meinem Schpfer gedankt, als es drei Uhr
schlug und wir mit Ehren fort konnten.

Arme Mama -- und ich habe mich so gut amsirt!

Junges Blut, nickte die Mutter; aber trink' Deinen Kaffee, Kind, denn
er steht schon eine ganze Weile und wird sonst kalt.

Ottilie hatte sich neben sie auf das Sopha gesetzt und trank; aber der
kleine Fu klopfte unter dem Tische noch immer leise den Tact eines der
erst vor wenigen Stunden beendeten Tnze -- ihre Gedanken waren noch
entschieden bei dem Balle! Und wer htte es ihr verdenken wollen? War
sie doch kaum zwanzig Jahr alt, in der Blthe ihrer Jugend, und der
Blick, der unter den langen Wimpern so glcklich hervorleuchtete, sah
nur Licht und Freude, denn kein dunkler Tag in ihrem jungen Leben warf
seinen Schatten auf der Zukunft Bahn.

Ottilie war die Tochter des Staatsanwalts Witte, eines seiner
Tchtigkeit sowohl als Rechtlichkeit wegen allgemein geachteten Mannes,
und das einzige, also auch das verzogene Kind im Hause. Von Herzen
lieb und gut, hatte ihr Charakter dadurch aber doch etwas Eigenwilliges
bekommen, was nicht der Fall gewesen wre, wenn sich der fast bermig
beschftigte Vater htte mehr um ihre Erziehung bekmmern knnen.
Leider konnte er das nicht, und sie wurde einzig und allein der Mutter
berlassen, die freilich nicht recht dazu pate, ein junges Mdchen
heranzubilden.

Die Frau Staatsanwalt Witte war, wie ihr Niemand absprechen konnte,
eine brave und tchtige Frau, und als sie vor langen Jahren ihren Mann
heirathete und Beide sich fast ohne Vermgen kmmerlich durch das Leben
arbeiten muten, da hatte sie bewiesen, da sie eine tchtige Hausfrau
sei, und mit den bescheidensten Ansprchen gesorgt und geschafft und
immer den Kopf oben behalten. Solchen gedrckten Verhltnissen war sie
auch gewachsen gewesen, und Witte htte sich dafr keine bessere Frau
wnschen knnen. Als er aber in seinem Berufe einen Namen bekam und viel
Geld verdiente, ja, spter sogar Staatsanwalt wurde und sie weit mehr
einnahmen, als sie gebrauchten, da fiel sie in einen Fehler, in den nur
zu viele Frauen fallen -- sie wurde auf ihren Mann stolz und beschrnkte
das nicht allein, wie es passend gewesen wre, auf die eigene Familie,
sondern suchte es der Stadt zu zeigen.

Von da an zog der Luxus in ihr Haus ein, und wenn Witte auch selber
viel zu vernnftig war, sie weiter gehen zu lassen, als er fr gut fand,
behielt sie doch in vielen Dingen -- des Hausfriedens wegen -- ihren
Willen und arbeitete sich mit den Jahren endlich in ein solches Gefhl
ihrer Wrde hinein, da Witte selbst oft und bedenklich darber den Kopf
schttelte.

In diesem Bewutsein ihrer Stellung wurde Ottilie erzogen, und leider
bekam sie von der eigenen Mutter fter als gut zu hren, wie hbsch
sie sei -- und wie vornehm, und da sie sich mit gutem Gewissen zu den
ersten Familien der Stadt, der sogenannten Crme der Gesellschaft,
zhlen drften.

Dadurch wurden viele Verbindungen mit frher befreundet gewesenen,
aber rmeren Familien abgebrochen und an deren Statt eine nhere
Bekanntschaft mit dem Adel gesucht, von dem Witte selber gar nichts
wissen wollte, aber die Frau Staatsanwalt desto mehr; und wenn sie auch
vielleicht nichts Derartiges uerte, so war sie doch jedenfalls im
Herzen fest entschlossen, ihre Ottilie -- komme was wolle -- dermaleinst
als Frau Baronin einhergehen zu sehen. Dann, wie sie oft im Stillen
seufzte, wollte sie gern sterben.

Da Ottilie selber gegen solche Andeutungen nicht gleichgltig blieb,
lt sich denken. Das Samenkorn hatte jedenfalls Wurzel geschlagen, und
es war nun jetzt die Frage, wie es gepflegt und genhrt werden wrde.

Wo ist denn der Vater? fragte Ottilie endlich. Hat er schon
getrunken?

O, schon seit einer vollen Stunde, sagte die Mutter; aber er wurde
mitten darin abberufen.

Der arme Papa, nicht einmal seinen Kaffee lassen sie ihn ruhig trinken!
Wer ist denn bei ihm?

Ich wei es nicht; ich glaube, es war in Sachen einer Scheidungsklage.
Es ist erstaunlich, wie das jetzt berhand nimmt. Denke Dir nur, Herr
von Lser lt sich auch von seiner Frau scheiden.

Ottilie war recht nachdenklich geworden und sah eine ganze Weile
still vor sich nieder. Endlich sagte sie: Es ist doch sonderbar und
eigentlich recht traurig, da Leute, die geschworen haben, in Freude und
Leid treu bei einander auszuhalten, auf einmal so andern Sinnes werden
und sich so unglcklich mit einander fhlen knnen. Ich bin gar nicht im
Stande, mich da hineinzudenken.

Gewi ist es traurig, sagte die Mutter achselzuckend, aber auch nur
wieder ein Zeichen, wie leichtsinnig und unberlegt viele Verbindungen
fr das ganze Leben geschlossen werden. Ein junges Mdchen sollte nie
vor dem achtundzwanzigsten Jahr heirathen.

Aber, Mama, lachte Ottilie, dann ist sie ja kein junges Mdchen mehr,
sondern eine alte Jungfer, und die bleiben regelmig sitzen. Wie alt
warst Du denn, als Du den Vater nahmst?

Was Du davon verstehst, Kind! sagte die Mutter ausweichend. Freilich
sind die Mnner selbst daran schuld, denn sie sollten vernnftiger sein,
als solchen jungen Dingern ihre faden Schmeicheleien vorzuschwatzen, wie
es der Herr Referendarius Blaufu etwa macht; Referendarius -- er kann
ein Greis sein, ehe er Assessor wird. Das ist die erste Giftsaat, und
nachher verlangen sie, da ein junges Geschpf, das dumm und unerfahren
genug war, um all' den Unsinn zu glauben, auch gleich nach der Hochzeit
all' die schnen Sachen vergessen und eine tchtige, nchterne Hausfrau
werden soll. Da war Dein Vater anders.

Wie war denn der, Mama? fragte Ottilie schelmisch.

Ja, das mchte ich auch wissen, sagte der Staatsanwalt, welcher in
diesem Augenblick in der Thr erschien und die letzten Worte gehrt
haben mute. Von was sprecht Ihr denn eigentlich?

Guten Morgen, Papa, rief Ottilie, ihm entgegenspringend. Wir sprachen
gerade von nichts Besonderem, ich und die Mama -- nur vom Heirathen.

Vom Heirathen? rief der Vater erstaunt aus, indem er seiner Tochter
die Backe zum Ku hinhielt -- Bldsinn! Du solltest doch gescheidter
sein, Therese, als solche Morgengesprche mit dem Kind zu fhren. Sie
kann noch nicht einmal eine Suppe kochen.

Hr' einmal, Dietrich, sagte die Mutter gereizt, ich denke, ich
wei selber gut genug, ber was ich mit dem Kind zu sprechen habe, und
brauche Deine Ermahnungen und Rathschlge nicht. Ich setzte ihr eben den
Ernst der Angelegenheit auseinander, und dagegen wirst Du hoffentlich
nichts einzuwenden haben.

Ja, Papa, lchelte Ottilie, und dann wurde der Vorschlag gemacht,
da sich ein junges Mdchen erst mit achtundzwanzig Jahren verheirathen
drfe, und auch darber abgestimmt; aber der Antrag blieb unentschieden,
denn die Stimmen waren getheilt.

Da hrst Du, sagte der Staatsanwalt, indem er ber die Brille weg nach
seiner Frau hinber sah, wie die Mamsell den Ernst der Angelegenheit
aufgefat hat -- = propos=, ist noch eine Tasse Kaffee fr mich da?

Gewi, Papa, die Menge.

Schn -- na und wie hast Du dich gestern amsirt, Tilchen? Wie war der
Ball?

Ach, himmlisch, Papa, rief das junge Mdchen, bei dem Capitel rasch
alles Andere vergessend; es war wundervoll, und ich werde den Abend in
meinem ganzen Leben nicht vergessen!

In der That? Also das heit, Du hast ununterbrochen getanzt und nicht
ein einziges Mal -- geschimmelt -- nicht wahr, so nennt Ihr das?

Nicht ein einziges Mal, besttigte ernsthaft Ottilie; ich habe alle
Tnze getanzt, die Extratouren noch gar nicht gerechnet, und freue mich
jetzt nur auf _unsern_ Ball. Nicht wahr, Papa, bei dem bleibt es doch
noch?

Der Staatsanwalt sthnte recht schmerzlich, denn er wute, was ihm da
bevorstand; seine Frau aber sagte wrdevoll:

Das ist ja schon Alles abgemacht und versteht sich von selbst. Wo
wir die vielen Einladungen erhalten haben, mssen wir uns ja einmal
revanchiren.

Auch dieser Kelch wird vorbergehen, nickte der Vater.

Ach, Dietrich, sagte die Frau, thu' nur nicht so; Du amsirst Dich
gewhnlich dabei am besten von Allen, und gestern hast Du auch den
ganzen Abend Whist gespielt.

Wenn Du das ein Amsement nennst, mit dem Rath Frhbach Whist zu
spielen, so hast Du Recht. Der Mensch hat keine Idee vom Spiel und thut
dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.

Und die Mama hat sich indessen so gut mit der Frau Rthin unterhalten,
lchelte Ottilie schelmisch.

Allerdings nicht so gut, wie Du Dich mit Deinem Lieutenant, rief die
Mutter, spotte auch noch, da ich Dir zu Liebe da geblieben bin!

Nicht bse, Mtterchen, nicht bse, es war ja gar nicht so gemeint!

Mit was fr einem Lieutenant? fragte der Vater.

Ach, mit Herrn von Wendelsheim, Papa; er tanzt so wundervoll, Du kennst
ja doch den Lieutenant von Wendelsheim?

Sollte es denken, sagte der Vater und nickte dabei still vor sich hin;
aber das ist so in der Welt: die fadesten Menschen haben es gewhnlich
am besten in den Fen.

Aber er ist gewi nicht fade, Papa; er spricht so interessant und
versteht Alles so aus dem Grunde.

So? sagte der Vater und sah dabei seine Tochter scharf an. In der
That? und ber was hat er mit Dir gesprochen, wenn ich fragen darf?

Ih nun, erwiederte Ottilie und wurde in dem Augenblick wirklich
feuerroth, eigentlich ber Alles. Ueber Concert und Theater, ber die
jetzigen Moden -- ber....

Pferde, ergnzte der Staatsanwalt trocken.

Er hat mir allerdings von dem wilden, prachtvollen Fuchs erzhlt, den
er jetzt reitet.

Und was er kostet....

Zweihundert Louisd'or.

Na ja, so ungefhr meine Gedanken.

Aber es soll ein prachtvolles Pferd sein! rief das junge Mdchen.

Nein, ich meine nicht das Pferd, ich meine den Reiter, sagte der
Vater; aber la gut sein. Er ist eben nicht anders, wie die meisten
Uebrigen, und zu einem Abend auf dem Ball mag er ausreichen. Doch ging
da nicht eben drauen die Thr?

In dem Augenblick klopfte es an.

Herein!

Bitte underthnigst um Escse, wenn ich etwa stren sollte! sagte eine
etwas scharfe Stimme, und ein Kopf mit rothen Haaren erschien -- etwa in
der Nhe des Schlosses -- in der Thr.

Ah, der Schuhmacher! rief Ottilie, whrend ein muthwilliges Lcheln
ber ihre Zge blitzte. Kommen Sie herein, Meister Heberger; Papa ist
gerade hier.

Mich allergehorsamst zu bedanken, sagte der Hfliche, indem er, wie er
schon vor der Thr gestanden hatte, in's Zimmer trat. Gelobt sei Jesus
Christus -- wnsche allerseits einen vergngten Morgen! Dabei blitzten
die kleinen, hellgrauen Augen rasch durch das Zimmer, um zu sehen, wer
sich hier befand, und auf den Spitzen der Zehen trat er dann weiter in
die Stube hinein.

Schuhmachermeister Heberger war in der That ein wunderlicher Bursche
und hatte seine Eigenthmlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt,
machte er bei seinem ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob
ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehre und er ihn nur aus Versehen
heute Morgen aufgesetzt habe. Der Krper war dnn und schmchtig, das
Gesicht aber, mit einem tchtigen Unterkinn daran, sah fett und glnzend
aus, mit breitem Mund und etwas aufgestlpter Nase. Das Haar trug er
glatt angekmmt = la= Napoleon =I.=, nur da es feuerroth war, und in
den Ohren kleine goldene Ringe. Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren
dabei immer in die Hhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn auerdem im
Leben lachen sehen. Die Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er
machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrbt wre
und nur zum Troste gen Himmel und nach oben blicke. Er stand auch in
der That im Geruche der Frmmigkeit und wrde nie an einem Sonn- oder
Feiertage die Kirche versumt haben, wo er sich dann jedesmal durch
seine gellende Stimme auszeichnete.

Er arbeitete brigens schon seit lngeren Jahren fr Witte's Familie,
und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden
und wrde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie
bat aber immer fr ihn, denn sie amsirte sich so vortrefflich ber sein
komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. Entschuldigen Sie,
Herr Geheimer Staatsanwalt, sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der
ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat, da
ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und
ich wnschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen.

_Ich_ habe Sie rufen lassen?

Ich war's, Papa, lachte Ottilie; Herr Heberger sollte mir ein Paar
starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng
gemacht hat, wollte ich gern, da er noch einmal Ma nhme.

Mit Plesir, mein Frulein, sagte Meister Heberger, indem er in die
Tasche griff und sein hlzernes Ma herausholte: wenn Sie sich nur
geflligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen.

Aber nicht wieder ber den Spann so eng, Meister, sagte das junge
Mdchen, indem es ihm den kleinen Fu hinhielt: die letzten Schuhe
haben mir hierherber wirklich Streifen gedrckt.

Soll nicht wieder vorfallen, meine Gndigste, soll gewi nicht wieder
vorfallen, versicherte Heberger. Also dicke Schuhe wollen Sie haben.
Vielleicht mit guten Pertsche-Sohlen?

Wie Sie es machen wollen. Aber ich frchte, die Guttapercha-Sohlen
lsen sich ab.

Knnen sie nicht -- knnen sie bosetief nicht; denn sie werden an
den Rndern so hermglichst verschlossen, da gar keine Luft zudringen
darf.

Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder, sagte die Frau
Staatsanwalt, als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon
nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte
es doch lnger halten, als die Sohlen.

Bei mir nicht, Frau Geheime Staatsanwalt, bei mir nicht, sagte
Heberger; denn ich arbeite meine Sohlen so, da sie gar nicht
zerreien knnen.

Sie sind unverbesserlich, Heberger, lachte Witte.

Danke ergebenst, sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das
Ma in die Tasche schob. Und wnschen Sie vielleicht Frangsemangs oben
drum herum?

Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knchel auch nicht zu
weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht gemessen.

Ist auch nicht nthig, das sagt mir schon der Instinct, mit Respect zu
melden; aber was ich noch fragen wollte: die Schnrbnder doch wieder
horizonticulr ber den Fu weg?

Ganz wie die vorigen.

Sehr schn. Und der Herr Geheime Staatsanwalt haben nichts auf dem
Herzen?

Nichts weiter, Heberger, als da Sie den Unsinn mit Geheimer lassen.
Wenn ich geheimer Staatsanwalt wre, knnten Sie es doch nicht wissen.

Bitte um Escse, Herr Ge--, Herr Staatsanwalt, sagte Heberger. Wie
der Herr Rath Blumfeder, der bei mir im Hause unten wohnt, geheimer
wurde, lie er es den Augenblick in die Zeitungen setzen.

Der Staatsanwalt lachte.

Also Sie befehlen nichts weiter?

Fr heute nichts; und vergessen Sie nicht, wieder die quittirte
Rechnung beizulegen, wenn Sie die Stiefel schicken. Sie wissen, da ich
keine Schulden haben will.

Sollen bedient werden, Herr Geheimer Staatsanwalt, sollen pnktlich
bedient werden. Habe indessen die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen!
Und damit drckte er sich wieder mit einem tiefen Bckling zur Thr
hinaus.

Das ist ein zu komischer Kauz, lachte Ottilie, als er die Thr
geschlossen hatte; und er braucht immer so drollige Ausdrcke. Wenn man
nur Alles behalten knnte, was er sagt.

Ein ganz durchtriebener Halunke ist er, darauf mchte ich meinen Hals
verwetten, sagte der Vater; und faustdick hat er es dabei hinter den
Ohren.

Ich wrde ihn eher fr dumm, als durchtrieben halten, meinte Frau
Witte.

Den verkaufe nur nicht fr dumm, nickte ihr Mann; umsonst liegt der
nicht jeden Sonntag in der Kirche.

Aber daraus willst Du ihm doch keinen Vorwurf machen? Es wre besser
fr Dich, wenn Du hufiger gingest.

Ich kann die Heuchler nicht leiden, sagte der Staatsanwalt, und da
sich der Schuhmacher nur fromm stellt, davon bin ich fest berzeugt.

Und was sollte er dabei haben?

Wer wei es. Seine Frau betreibt hier ein sehr eintrgliches Geschft
mit Kartenlegen, Krankheiten besprechen und anderem Unsinn -- wer kann
sagen, wie er sie dabei untersttzt? Die Polizei hat dem wrdigen Paare
nur noch nicht beikommen knnen; aber aus den Augen werden sie nicht
gelassen.

Und Ihr thut ihm gewi unrecht. Er ist so komisch, und wenn er sagt:
Herr Geheimer Staatsanwalt...

Das ist eine ganz gemeine Schmeichelei, erwiederte rgerlich der
Vater, wie es berhaupt eine Menge von Menschen an sich haben, Leuten,
mit denen sie verkehren, und besonders solchen, von denen sie etwas
erhoffen, einen hheren Titel beizulegen, als sie wirklich besitzen. Und
doch giebt es Schwachkpfe, die sich dadurch geehrt fhlen.

Du bist wirklich zu hart mit dem armen Heberger, Papa.

Glaube aber nicht, da ich ihm unrecht thue -- hol' ihn der Henker!
Ich, fr meinen Theil, wrde dem Burschen nie ber den Weg trauen. Aber
weshalb ich eigentlich herberkam: Ihr kennt doch Alle den Schlosser
Baumann, unsern frheren Nachbar? Du hast ja als kleines Mdchen auch
immer mit den Baumann'schen Kindern gespielt, und sein ltester Sohn
kommt manchmal hier in's Haus.

Ja, gewi, Vater, sagte Ottilie; er ist Werkfhrer beim Mechanikus
Obrich drben.

Wie viel Kinder hat der Baumann?

Ich wei es nicht, Vater, ich glaube aber vier.

Keine Tochter?

Doch, eine Tochter und, wenn ich nicht irre, drei Shne.

Und wie alt ist die Tochter?

Sie kann kaum ber fnf oder sechs Jahre alt sein.

Also keine ltere Tochter?

Ich wei es nicht. Weshalb, Papa?

Ach, es war nur so eine Frage; aber schicke doch einmal nachher die
Jette hinber und la ihn bitten, zu mir zu kommen. Ich mchte mir einen
neuen Schlssel zu meinem Schreibtisch machen lassen, denn den alten mu
ich verkramt haben; ich kann ihn nirgends mehr finden.

Ja, und ein anderes Schlo an unsern Vorsaal auch, Dietrich, sagte
die Frau; denn seit mir der Schlssel damals weggekommen ist, fehlt
mir alle Augenblicke etwas. Denke Dir nur, zwei von unseren schweren
Elffeln sind fort -- ich wollte Dir eigentlich gar nichts davon
sagen.

Ach, die werden sich schon wiederfinden; gestohlen knnen sie doch
nicht gut sein.

Aber ich wei nicht, wo; alle Kisten und Kasten habe ich schon
umgedreht, alle Winkel und Ecken durchsucht.

Nun gut, schicke nur einmal hinber zu dem Meister und la ihm sagen,
es wre mir angenehm, wenn er selber kommen knnte; ich htte etwas fr
ihn zu thun.

Aber unser Schlosser ist eigentlich Weller nebenan.

Baumann soll sehr geschickt sein, und mein Schlo ist etwas complicirt.
Wie alt kann sein Sohn, der Mechanikus, etwa sein?

Ich wei es nicht, Papa; vielleicht fnf- oder sechsundzwanzig Jahre.
Er trgt einen vollen Bart, da kann man es nie so genau sehen.

Hm, sagte der Vater und nickte still und nachdenkend vor sich hin,
das ist doch ein recht ordentlicher Mensch und der alte Baumann ein
braver und durchaus rechtlicher Mann.

Ich habe wenigstens noch nie das Gegentheil gehrt, sagte Frau Witte;
aber er ist entsetzlich roh. Doch pat das wohl zu seinem Geschft, und
so weit wir mit den Leuten in Berhrung kommen, lt man es sich schon
gefallen. Hchstens da sein Sohn einmal eine Arbeit herberbringt.

Ich denke, unser Schlosser ist Weller?

Nein, vom Mechanikus drben.

Und was habt Ihr fr Arbeiten beim Mechanikus?

Du lieber Himmel, Papa, sagte Ottilie ernsthaft, in einer Wirthschaft
fllt immer Allerlei vor. Bald ist einmal eine Lorgnette zerbrochen oder
ein Opernglas mu nachgesehen werden; neulich war erst das Thermometer
schadhaft geworden. Und der junge Baumann ist darin wirklich
auerordentlich aufmerksam und so gefllig; man kann es sich gar nicht
bequemer wnschen.

So? sagte der Vater, dem jedenfalls andere Dinge im Kopf herumgingen.
Aber ich habe zu thun, und wenn ich Euch rathen soll, so macht Ihr
auch Eure Toilette; denn es ist spt geworden und knnten doch einige
Ballbesuche kommen, mit denen ich wenigstens verschont bleiben mchte.
Vergi nur nicht, nach dem Schlosser zu schicken.

Der Vater ging in sein Zimmer hinber, und die Mutter hatte sich
noch behaglich in die Sophaecke gedrckt, um vorher in aller Ruhe das
Morgenblatt zu lesen. Ottilie schickte, dem Auftrage des Vaters folgend,
das Mdchen fort und schritt dann eben ber den Vorplatz hinber ihrem
eigenen Zimmer zu, als es klingelte. Sie ffnete selber, denn ein Besuch
konnte es noch nicht sein.

Ah, Herr Baumann, sagte sie, halb errthend, als sie den
Auenstehenden erkannte und wute, da sie eben erst ber ihn
gesprochen.

Frulein Witte, erwiederte der junge Mann, der in seiner Arbeitstracht
an der Treppe stand, ich habe mir erlaubt, Ihnen das Lorgnon selber
hinber zu tragen, da ich glaubte, da Sie es vielleicht brauchen
wrden. Ich hoffe, es soll jetzt besser halten, als frher; ich habe es
selber reparirt. Den Thermometer werde ich Ihnen auch bald bringen.

Ich danke Ihnen sehr, Herr Baumann, sagte Ottilie und wurde noch
verlegener, denn der junge Mann sah sie mit einem so eigenthmlichen
Blick an. Und was -- was habe ich Ihnen dafr zu zahlen?

Wie Purpur zuckte es ber das offene Gesicht des jungen Handwerkers und
er zgerte mit der Antwort.

Ich hoffe, sagte er endlich, Sie werden die Kleinigkeit nicht
erwhnen; es war eine Feierabends-Arbeit.

Aber das kann ich nicht annehmen, stotterte Ottilie; bitte, sagen Sie
mir, was ich schuldig bin.

Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen -- einen Groschen.

Einen Groschen? Die ganze Schale war zerbrochen!

Mein Frulein, ich mu selber am besten wissen, was meine Arbeit werth
ist. Ich habe nicht mehr verdient und kann also auch nicht mehr dafr
nehmen.

Aber ich kann doch nicht wagen, Ihnen einen Groschen...

Sie wollten mich ja absolut bezahlen, Frulein; ich bitte also deshalb
um einen Groschen.

Ottilie war jetzt noch viel verlegener geworden, als vorher; aber sie
konnte nun auch nicht mehr zurck. Sie wute wenigstens im Augenblick
nicht, wie sie sich helfen sollte, griff deshalb in die Tasche und gab
dem jungen Mann den Groschen, den er lchelnd und mit leisem Danke nahm.

Den werde ich mir zum Andenken aufheben, Frulein Ottilie, sagte er
dabei, drehte sich ab und sprang die Treppe wieder hinunter.




2.

Die Bewohner von Schlo Wendelsheim.


Drauen vor Alburg, kaum eine halbe Stunde Weges von der Stadt entfernt,
lag das Rittergut des Freiherrn von Wendelsheim in einem reizenden, von
prachtvollen Buchen und Linden bewachsenen Thale. Das alte Stammschlo
der Familie, die sogenannte Wendelsburg, stand allerdings auf dem
nchsten Felsenhgel, oder hatte vielmehr dort in frheren Jahrhunderten
gestanden, denn ihr Glanz war lange gesunken, und nur aus leeren
Fensterhhlen starrte sie jetzt in ihren Trmmern melancholisch und
unheimlich auf das freundliche Landschaftsbild zu ihren Fen nieder.

So stand die alte Wendelsburg aber schon lange. Ein Raubritter sollte
dort zuletzt gehaust und dermaen gewirthschaftet haben, da es der
Landesherr zuletzt nicht mehr mit ansehen konnte und durfte und seine
Mannen gegen das Diebesnest sandte. Die strmten es denn auch und
rumten grndlich auf. Was aus dem Herrn der Burg wurde, wei man nicht;
vielleicht fiel er in der Vertheidigung des Schlosses, vielleicht zog er
mit den Kreuzfahrern in das gelobte Land. Die Burg aber ward zerstrt;
die einzelnen, von den Mauern niedergeschleuderten Steinbrocken lagen
noch jetzt hier und da am Bergeshange in Schlucht und Ravine, und
nur die leeren Mauern der Wohngebude blieben stehen und fast ein
Jahrhundert lang unbenutzt.

Endlich lieen sich wieder Abkmmlinge jenes alten Geschlechts, die sich
mit den Reichsfrsten ausgeshnt haben mochten, dort nieder; aber nicht
in der alten Burg selber, die ihnen doch wohl zu steil und unbequem
liegen mochte. Auf dem schmalen Felsenkamm htte auch nicht einmal ein
Garten Platz gefunden, whrend das Thal selber wie gemacht zu einer
herrschaftlichen Wohnung schien. Dort bauten sich denn auch die Herren
von Wendelsheim an -- groartig, wie sich nicht lugnen lt, denn
einige Zweige der Familie waren enorm reich--, mit weiten Gehften,
Stallungen und einem palastartigen Wohngebude. Auch ein herrlicher
Park, gefllt mit edlem Wild, umschlo das Ganze, und ein Frst htte
sich dort behaglich fhlen knnen.

Ob nun aber schon der erste Erbauer durch die vielleicht zu groartigen
Anlagen in Schulden gerieth oder ob seine spteren Nachkmmlinge
das vorhandene Vermgen etwas scharf in Angriff nahmen, kurz, die
Wendelsheim, die von je her sehr viel Geld verbraucht, gingen in den
auf einander folgenden Geschlechtern zurck und schienen genthigt zu
werden, sich mehr und mehr einzuschrnken.

Wenn noch im vorigen Jahrhundert ein wahrer Tro von Dienern die inneren
Rume des groen Schlosses belebt hatte, wenn lustige Cavalcaden von
Herren und Damen drauen im Park dem edlen Waidwerk oblagen und manchen
braven Hirsch zu Tode hetzten, wonach dann bis spt in die Nacht
dauernde Gelage das Siegeswerk feierten, so wurden derlei Dinge jetzt
wohl auch noch ausgefhrt, aber nur =en miniature=. Der alte Freiherr
setzte sich, von einem einzigen Reitknecht und dem Revierfrster zu
Fue begleitet, auf einen alten Klepper, der das Schieen gut vertragen
konnte, und ritt pirschen, und Abends trank er dann, wenn auch gerade
keinen Humpen, so doch eine halbe Flasche Landwein, und legte sich frh
schlafen. Er konnte das lange Aufsitzen nicht mehr vertragen.

Auch mit dem Schlosse selber war eine sichtbare Vernderung vorgegangen,
und zwar nicht zum Besseren. Die groen Rumlichkeiten wurden nicht mehr
gebraucht, zwei Drittel der Stallungen standen schon ohnedies leer, und
das eigentliche, drei Etagen umfassende Schlo, das sonst wohl manchmal
bis unter den Giebel von Gsten und ihrer Dienerschaft angefllt
gewesen, zeigte den Zahn der Zeit in nur zu deutlichen Spuren. Es htte
auch in der That viel Geld und eine weit grere Dienerschaft, als sie
die jetzigen Besitzer hielten, erfordert, um die Gebude alle in Stand
zu halten -- und wozu? Die erste Etage mit den unteren Rumen fr Kche
und andere husliche Zwecke gengte vollkommen und stand noch in zwar
verblichener, aber doch alter Pracht. Von den brigen Gemchern wurden
aber nur wenige dann und wann zu Fremdenzimmern benutzt, und die
beiden Flgel blieben ganz leer; ja, zerbrochene und mit Spinngeweben
berzogene Fensterscheiben zeigten sogar, da sie gar nicht mehr
betreten wurden. Nur die oberen Etagen waren zu Kornbden eingerichtet
worden, und dazu besa der Verwalter den Schlssel. Die Herrschaft kam
nie mehr hinber, den alten Freiherrn ausgenommen, der manchmal
dort hinaufstieg, um den Kopf zu schtteln, da die aufgeschichteten
Getreidehaufen in ihrer Quantitt die Summe nicht reprsentirten, die er
nothwendig dafr brauchte.

Trotz alledem wurde die uere Form eines vornehmen Haushalts nach
besten Krften aufrecht erhalten. Der Freiherr von Wendelsheim war
allerdings zugleich Kammerherr des Knigs und als solcher, wenn auch im
Sommer selten in Anspruch genommen, doch verpflichtet, den Winter in
der Residenz zuzubringen. Dort machte er aber kein eigenes Haus, sondern
begngte sich mit seiner Dienstwohnung im Palais, whrend daheim auf
Schlo Wendelsheim seine unverehelicht gebliebene Schwester Aurelia die
Oberleitung der ganzen Wirthschaft mit eisernem Scepter fhrte.

Der Freiherr hatte zwei Shne, von denen der lteste -- jetzt fast
vierundzwanzig Jahre alt -- Lieutenant war, whrend der jngste -- ein
zarter Knabe von kaum etwas mehr als siebenzehn Jahren -- seines sehr
leidenden Krpers wegen in den letzten Jahren sogar seine Studien hatte
unterbrechen mssen und hier auf dem Schlosse, in der milden und freien
Luft, nur seiner Gesundheit lebte.

Aber es war eigentlich ein trauriges Leben auf Schlo Wendelsheim, und
besonders seit die Freifrau einige Jahre nach der Geburt ihres jngsten
Sohnes gestorben, schien es, als ob der Frohsinn die alten Mauern
grndlich verlassen habe und nur noch bei dem Freiherrn und dessen
Schwester das Bewutsein ihres Ranges und Standes mit Stolz und Hrte
genug zurckgeblieben wre, um eine dreifache Anzahl von Dienstleuten,
als sich jetzt im Schlosse befand, mrrisch zu erhalten und unbehaglich
zu machen.

Wenn aber auch die Vermgensverhltnisse des Freiherrn jetzt ziemlich
gedrckter Art waren und er bedeutende Schulden machen mute, um nur
standesgem leben zu knnen, so bekam er trotzdem berall geborgt
und wute auch, da sich sogar in allernchster Zeit seine
Vermgensverhltnisse, oder die des Hauses wenigstens, glnzend
verbessern, ja wie ein Phnix aus der Asche erstehen wrden.

Mit dem Geburtstage seines ltesten Sohnes, des Lieutenants nmlich,
der in kaum zwei Monaten fiel, wurde eine auerordentlich bedeutende
Erbschaft fr diesen fllig, die eigens dazu bestimmt worden, den alten
Glanz des Hauses Wendelsheim wieder neu zu beleben.

Der letzte Abkmmling einer der Hauptlinien hatte diese Erbschaft
ausgesetzt, aber mit einer eigenthmlichen Nebenbestimmung.

Beide Vettern, jener alte General von Wendelsheim und unser alte
Freiherr, hatten eigentlich nie in gutem Vernehmen mitsammen gestanden,
ja, sich sogar grndlich gehat, und dieser Gefhle auch nie gro Hehl
gehabt. Bruno von Wendelsheim aber, wie der General hie, war, bei einem
enormen Reichthum, unvermhlt geblieben, ja, sogar ein Weiberhasser, und
hing nur mit all' der zhen Liebe und Verehrung, deren er fhig war, an
seinem alten Stammbaum, an dem Glanze und Ruhme derer von Wendelsheim,
und doch drohte das ganze Geschlecht auszusterben, denn unser Freiherr
war damals der Letzte des Namens und, obgleich er schon fnf Jahre
vermhlt, noch ohne Lebenserben.

Da bezwang der alte General auf seinem Sterbebette den Ha, den er
gegen die Person des Vetters vielleicht gefhlt, und nur noch in ihm den
alleinigen Trger des Namens sehend, setzte er wenige Tage vor seinem
Tode ein Testament zu dessen Gunsten auf.

Er wute, in welch' zerrtteten Vermgensverhltnissen sich jener Zweig
der Familie schon damals befand, und wenn ihm auch nichts daran lag, dem
Vetter selber aus der Verlegenheit zu helfen, sollten doch die Erben des
Namens wenigstens nicht mit einer solchen Misre zu kmpfen haben. Das
Testament lautete aber vorsichtiger Weise nur auf einen mnnlichen Erben
des Hauses Wendelsheim, der aber auch erst wenn er das vierundzwanzigste
Jahr erreicht htte, die damals fr ihn verzinslich angelegte Summe von
zweihunderttausend Thalern ausgezahlt erhalten solle.

Bekam der Baron von Wendelsheim mehrere Shne, so blieb dieses Capital
trotzdem nur fr den ltesten bestimmt und ging erst nach dessen Tode,
wenn er ohne Shne starb, auf den zweiten ber. Bekam der Baron dagegen
keine Kinder, oder nur Mdchen, so sollte er nicht einen Pfennig von der
Summe erhalten, denn diese konnten den alten Namen nicht fortpflanzen.
Fnfzigtausend Thaler waren in diesem Falle einem sehr weitlufigen
Verwandten und damals sehr lockern Officier, einem Herrn von Halsen,
ausgesetzt, und mit dem Rest, von dem indessen Zins zu Zins geschlagen
wurde, sollte ein Stift fr adelige Fruleins gegrndet werden. Bekam
der Freiherr dagegen Knaben, so sollte er schon in so fern frher eine
theilweise Nutznieung der Zinsen haben, als er vom zwlften Jahre
des Erstgeborenen an jhrlich fr dessen Erziehung zweitausend Thaler
erheben konnte.

Freiherr von Wendelsheim wurde nach dem Tode seines Vetters mit dem
Inhalt dieses Testaments bekannt gemacht und allerdings sehr freudig
berrascht. Mit um so grerer Angst sah er aber nun auch dem Zeitpunkt
entgegen, der seine frohesten Hoffnungen verwirklichen sollte und
einzutreten versprach: nmlich die Geburt eines Kindes. Aber Alles hing
natrlich davon ab, da es ein Knabe sei, denn bei der Geburt einer
Tochter nderte sich in seinen Vermgensumstnden nichts; er blieb nach
wie vor auf seine eigenen, sehr reducirten Mittel angewiesen und ihm
schlielich, wenn kein Sohn nachkam, nichts weiter brig, als die
Tochter in das nmliche Stift zu thun, das sein Vetter mit dem ihm
entzogenen Gelde gegrndet haben wollte.

Damals soll er sich auch in einer furchtbaren Aufregung befunden haben
und halbe Nchte nicht vom Pferde gekommen sein. Aber er hatte sich
umsonst gengstigt. Die so hei ersehnte und gefrchtete Stunde brach
endlich an, und lauter Jubel weckte pltzlich mitten in der Nacht die
Dienerschaft, denn der erwartete Erbe, ein prchtiger, dicker Junge, war
erschienen und schrie lustig in die ihm noch fremde Welt hinein.

Das war ein Jubel im Hause: der Champagner flo und die Dienerschaft
bekrnzte am folgenden Morgen das ganze herrschaftliche Schlo mit
grnen Guirlanden und Blumen. Ja, der Schulmeister aus dem Dorfe
Wendelsheim rckte sogar mit der ganzen Schuljugend hinauf auf's Schlo,
lie die Jungen einen Choral absingen, als ob sie eine Leiche zu
Grabe trgen, und zog sich dann wieder, Taschen und Hut voll von noch
dampfenden, warmen Kuchen gestopft, in die Stille des Privatlebens
zurck.

Der Knabe wuchs und gedieh. Es war anfangs ein bildhbsches Kind
gewesen, aber er entwickelte sich spter etwas derber und knochiger,
wie man das ja wohl hufig bei auffallend hbschen Kindern hat, da
sie nicht immer halten, was sie versprechen. Die Eltern aber hingen mit
grerer Liebe an dem Knaben, als sich die Hoffnung, einen zweiten Sohn
und Erben zu erhalten, immer weiter hinausschob.

Da dabei im Publikum, mit der eigenthmlichen Erbschaft
zusammenhangend, anfangs ganz sonderbare Gerchte auftauchten, lt sich
denken. Auf die Aussagen verschiedener Leute im Schlosse fuend,
wurde behauptet, mit dem Erben sei nicht Alles so recht und richtig
zugegangen. Es wre eigentlich ein Mdchen gewesen, und der alte Baron
htte dafr gesorgt, da er sich die Erbschaft trotzdem sicherte.
Aber es war in all' den Gerchten keine feste Basis, und das Meiste
beschrnkte sich nur auf Hrensagen. Der Verdacht war allerdings da; man
traute dem Baron etwas Aehnliches zu, aber die Beweise fehlten, und
wie sich diese Gerchte ein paar Monate gehalten und das stehende Thema
aller Kaffeegesellschaften gebildet hatten, verschwanden sie, wie sie
gekommen. Zuletzt sprach kein Mensch mehr davon, und als sechs und ein
halb Jahr spter die Baronin noch einem zweiten Knaben das Leben gab,
zerfielen die auf jenes Gercht gegrndeten Suppositionen berhaupt in
Nichts.

Leider krnkelte von da ab die Baronin selber unaufhrlich, und wenn es
auch manchmal schien, als ob sie wieder hergestellt werden knne, war
das nur immer ein Aufflackern der Lebenskrfte. Benno hatte noch nicht
sein viertes Jahr erreicht, als sie ihrer unheilbaren Krankheit erlag.

Nun ist es allerdings ein sehr natrlich Ding, da Eltern nur zu sehr
geneigt sind, das jngste Kind etwas zu verwhnen und ihm anscheinend
ihre ganze Liebe zuzuwenden. Das Kleinste ist ja auch immer das
Niedlichste und erfordert die meiste Sorge und Pflege, und wir geben uns
am liebsten und hufigsten mit ihm ab. Auffallend war aber doch, wie
der Vater von dem Augenblick an, wo er seinen jngsten Sohn auf dem Arm
schaukelte, den Erstgeborenen vernachlssigte und sich fast gar nicht
um dessen Erziehung kmmerte. Das jngste und allerdings sehr zarte Kind
lie er fast nicht aus den Augen und wachte mit ordentlich mtterlicher
Sorgfalt ber ihn. Der Aelteste dagegen mochte thun, was er eben wollte,
er lie ihm ganz seinen eigenen Weg. Bruno wuchs demnach ganz allein,
seinen eben nicht glnzenden Anlagen berlassen, ziemlich wild und
ungehindert auf. Zur Musik zeigte er entschiedenes Talent, zu weiter
nichts, und als die Frage endlich an den Vater herantrat, was einmal aus
ihm werden sollte, wurde er in die groe Versorgungsanstalt fr adelige
Kinder, in ein Cadettenhaus gesteckt.

Benno, der zweite Sohn, wuchs indessen ebenfalls heran; aber es war in
der That nur ein Angstkind und sein kleiner Krper so empfnglich fr
die geringsten Einflsse, da es fast keine gesunde Stunde hatte. Ob man
es vielleicht mit allzu groer Pflege versehen, lt sich nicht sagen;
aber whrend Bruno drauen in Wind und Wetter herumtollte, wenn er
einmal nach Hause kam, des Vaters wildeste Pferde ritt, oder Nchte
durch drauen im Wald auf dem Anstande lag, mute Benno wie ein rohes Ei
vor jedem rauhen Luftzug gehtet werden.

Merkwrdig stach auerdem Benno's zarter, von lichtblauen Adern
durchzogener Teint, das bleiche Antlitz mit den groen, dunklen Augen
und den wirklich edlen Zgen gegen das krftige, sonnverbrannte Gesicht
des Bruders ab, der auerdem noch blaue Augen und eine etwas stumpfe
Nase hatte. Die beiden Brder sahen sich berhaupt gar nicht hnlich,
wenn sie sich auch herzlich lieb hatten, und waren auch in ihren
Neigungen ganz verschieden.

Bruno fand weniger Freude am Soldatenstande als an der Oekonomie,
fr welche er schon von frher Jugend an eine Vorliebe zeigte. Benno
dagegen, vielleicht auch durch seinen krnklichen Krper darauf
angewiesen, warf sich mit grter Liebe auf die Wissenschaften, und
darunter besonders auf physikalische und mathematische Werke. Er schien
auch dabei nur eine Leidenschaft seines Grovaters geerbt zu haben, der
sich ebenfalls mit der Mathematik viel beschftigt und eine Masse von
ihm benutzter Instrumente noch hinterlassen hatte.

So wuchsen die Brder heran, und der Zeitpunkt war schon auf wenige
Monate, ja, fast auf Wochen nahe gerckt, wo Bruno, als der lteste
Sohn oder Erstgeborene, die indessen durch Zins und Zinseszins
bedeutend angewachsene Erbschaft erheben sollte. Es schien ja auch allen
Bedingungen gengt, und Vater wie Sohn wnschten den Tag sehnlichst
herbei, denn beide hatten nicht gering auf ihn gesndigt. Du lieber
Gott, wie viel Geld braucht denn nicht allein ein adeliger Lieutenant,
wenn er auf der Welt nichts weiter zu thun, als einen alten Namen zu
reprsentiren hat!

Benno's Zustand verschlimmerte sich dagegen mit jedem Tage, und wenn
man gehofft hatte, da er in einem mehr reiferen Alter die
Krnklichkeitskeime abschtteln wrde, so zeigte sich leider nur zu
bald das Gegentheil. Der Arzt hatte die Krankheit fr einen Herzfehler
erklrt, und sie schien, anstatt sich zu heben, einen immer drohenderen
Charakter anzunehmen.

Sein Vater und selbst die Tante, oder das gndige Frulein, wie sie im
Schlosse genannt wurde, pflegten ihn allerdings nach besten Krften
und thaten, was sie ihn nur an den Augen absehen konnten, aber Benno
erwiederte die Liebe kaum, die sie ihm entgegenbrachten. Des Vaters
hastiger, unruhiger Charakter sagte dem kranken Knaben nicht zu, und
die Tante nun gar, die keinem Menschen auf der Welt, ihn vielleicht
ausgenommen, ein freundliches Wort gnnte, vermochte nicht ihn an sich
zu gewhnen.

Die Einzige im ganzen den Schlosse, bei deren Erscheinen ein Lcheln
seine Zge berflog, und der er traurig nachsah, wenn sie ging, war ein
junges Mdchen, eine weitlufige Verwandte, die seine Mutter noch als
kleines Kind zu sich genommen und der jetzt seine Hauptpflege bergeben
worden.

Kathinka von Stromsee, in ziemlich gleichem Alter mit Benno, dem
jngsten Sohne, war eigentlich dessen Cousine, wenn auch die Familie
Wendelsheim nie etwas von der Verwandtschaft wissen wollte. Ein
Neffe des alten Barons, der Sohn seiner lteren, lngst verstorbenen
Schwester, ein von Stromsee, hatte nmlich den furchtbaren Migriff
begangen, mit selbst keinem Vermgen, ein blutarmes, brgerliches
Mdchen zu heirathen, welcher Mesalliance dann glcklicher Weise nur
diese einzige Tochter entspro. Die beiden Eltern starben auch bald
nachher, und Frau von Wendelsheim setzte es gegen ihre Schwgerin durch,
die Waise in ihre Familie aufzunehmen.

Frulein von Wendelsheim war aber vom ersten Augenblick an gegen das
Kind gewesen und wrde ihren Bruder nach der Baronin Tod sicher bewogen
haben, die Kleine wieder fortzuthun, wenn sich nicht Benno so sehr
an sie gewhnt htte. Er war unglcklich, sobald er die kleine
Spielgefhrtin nur auf eine Secunde missen sollte, und der Baron selber,
der Alles fr den Knaben that, duldete deshalb nicht, da sie aus dem
Hause gestoen wurde.

Er blieb auch ziemlich gut mit ihr, aber Kathinka konnte sich dagegen
nicht rhmen, je nur einen freundlichen Blick selbst von der Tante
gesehen zu haben, die sie von Grund aus zu hassen schien, und doch hatte
ihr das Kind nie etwas zu Leide gethan. Es lag das freilich im Charakter
des gndigen Fruleins, und lie sich eben nicht ndern.

So blieb Kathinka allerdings im Schlosse, verlebte dort aber auch eine
traurige, trostlose Jugend. Zuerst nahm sie an den Unterrichtsstunden
Benno's Theil und war seine Gespielin, dann wurde sie seine Pflegerin,
ja, endlich nur die Krankenwrterin des armen, dahinsiechenden Knaben,
aber auch zugleich seine treueste Freundin und Vertraute.

War kein Mensch im Stande, ihn von seinen anstrengenden Studien und
Bchern wegzubringen, selbst nicht sein Vater, so brauchte Kathinka nur
ihren Strohhut aufzusetzen und zu sagen: Nun, wie ist's, Benno, wollen
wir einen kleinen Spaziergang machen? Ich mu nach unseren Rosen sehen,
dann warf er den Band, den er gerade in Hnden hielt, rasch bei
Seite, ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und schritt mit einem
glcklichen Lcheln an ihrer Seite durch die schattigen Laubgnge
des Parkes. Nach solchen Spaziergngen fhlte er sich auch immer viel
wohler, jedenfalls heiterer, und der darber befragte Arzt rieth ihm,
diese Zerstreuung unter jeder Bedingung zu erhalten. Er wisse nichts,
was wohlthtiger auf ihn wirken knne.

Benno, so jung er war, beschftigte sich sehr gern mit physikalischen
Arbeiten; er hatte sich auch mit Hlfe eines Technikers aus der Stadt
-- unseres jungen Bekannten Baumann--, der manchmal herauskam, um ihm
Anleitung zu geben, eine kleine Elektrisirmaschine selber gebaut und war
jetzt wieder dabei, um einen Luftballon mit Centrifugal-Fliegmaschine
herzustellen. Freilich konnte er die dazu nthigen feineren und sehr
genau zu arbeitenden Theile nicht allein bewltigen, und Fritz Baumann
half ihm da, wo es nur irgend seine Zeit erlaubte, mit wirklich
aufopfernder Geduld. Baumann hatte aber auch nicht allein bald den sehr
bsartigen und vielleicht drohenden Charakter von Benno's Krankheit
erkannt, sondern er fand in der That selber Freude an den oft sogar
geistreichen Versuchen des Knaben, und verbrachte manchen ganzen Sonntag
auf Schlo Wendelsheim. Die gndige Tante gestattete aber natrlich
nie, da er mit am Herrentische a -- der war nicht fr Brgerliche und
noch dazu fr Handwerker, sondern er wurde, wie auch Benno dagegen
bat, jedesmal auf den Verwalter angewiesen, gewissermaen an die
Marschallstafel.

Bei solchen Besuchen untersttzte er den kranken Knaben aber nicht
allein in seinen Arbeiten und experimentirte mit ihm, sondern er gab ihm
auch zugleich manche werthvolle Anleitung, wie er sich Kleinigkeiten mit
leichter Mhe herstellen konnte, und Benno fand eine unendliche Freude
daran.

So war er auch heute wieder herausgekommen, um Benno eine von diesem
selber entworfene und angefangene Arbeit zu bringen: einen Mechanismus,
der die genaue Bewegung des Mondes um die Erde darstellen sollte. Wie
er aber das Schlo betrat, hrte er eine scharfe, keifende Stimme; das
konnte nur die des gndigen Fruleins sein, und er blieb zgernd
stehen. Er wute nicht, sollte er trotzdem hinaufgehen oder lieber einen
gnstigeren Zeitpunkt abwarten, denn obgleich ihm die Tante gerade
nichts zu befehlen hatte, theilte er doch unwillkrlich die Furcht
oder Scheu vor ihr, die fast das ganze Schlo erfllte. Wie er noch
so dastand, kam Kathinka die Treppe herunter und glitt mit einem
schchternen Grue hastig an ihm vorber in die Wirthschaftsrume. Es
konnte ihm auch nicht entgehen, da sie geweint hatte oder noch weine,
wenn sie ihr Gesicht auch von ihm abdrehte. Ein einzelner fallender und
in der Sonne blitzender Tropfen verrieth Alles.

Armes Mdchen, murmelte er leise vor sich hin, Du hast auch einen
schweren Stand in diesem Hause, und ich mchte nicht an Deiner Stelle
sein! Da vornehme Leute nur so selten wissen, wie solch einem armen
Wesen unter fremden Menschen zu Muthe sein mu -- oder ob sie's wissen
und es nur nicht wissen wollen? Die Tante she mir etwa gerade danach
aus. Himmel, ist das ein Drache!

Er wollte langsam und ganz in seine Gedanken vertieft die Treppe
hinaufsteigen, denn das Keifen oben hatte aufgehrt, als einer der
Diener unten aus der Kche kam und ihm zurief, der junge gndige Herr
sei im Garten in der Weinlaube. Kathinka mute den Boten gesandt haben,
um ihm die Treppe zu ersparen. Er dankte dem Manne, der sich aber schon
nicht weiter um ihn kmmerte, denn was ging ihn der Handwerker an, und
schritt dann rasch in den Garten und der bekannten Stelle zu, wo er auch
Benno zwischen seinen Bchern und Instrumenten traf.

Benno's ganzes Gesicht leuchtete, als er ihn kommen sah, und Fritz
Baumann mute sich jetzt zu ihm setzen, damit er die gebrachte
Arbeit genau prfen konnte. Fritz erklrte ihm dabei eine kleine, nur
unwesentliche Aenderung, wie er sagte, die er fr nthig befunden und
die nur das Arbeiten des Werkes erleichtere, in Wahrheit es aber nur
allein mglich machte, und Benno war glcklich darber und schien auch
heute wohler und lebendiger, als seit langer Zeit. Er plauderte und
erzhlte dem jungen Manne noch von einer Menge seiner Plne und merkte
gar nicht, da Kathinka endlich mit seinem gewhnlichen Getrnk selber
herausgekommen war, um ihn dann zu seinem vom Arzte vorgeschriebenen
Spaziergange abzurufen.

Spazierengehen? Ja, liebe Kathinka, sagte Benno, recht gern, aber was
fange ich indessen mit diesem kleinen Kunstwerk an?

Kann das nicht so lange hier stehen bleiben?

Da mir der Grtnerbursche wieder, wie neulich einmal, seine dicken
Finger dazwischen steckt und etwas verdirbt, nicht wahr? rief Benno
rasch.

Dann will ich es lieber rasch hinauftragen, erbot sich das junge
Mdchen.

Meine liebe Kathinka, sagte Benno kopfschttelnd, das ist mein
Steckenpferd, und das vertraue ich nicht einmal Dir an. Wenn Du fielst
und es zerbrchst, wre mir die ganze Freude verdorben. Ich trage es
selber hinauf. Warten Sie hier nur einen Augenblick, Baumann; ich bin
gleich wieder bei Ihnen und bringe dann auch den Gartenschlssel mit,
da wir Sie hinten hinauslassen knnen; Sie ersparen dadurch einen
Umweg. Und ohne eine Einrede zu gestatten, nahm er mit sorglicher Hand
das Rderwerk und schritt rasch durch den Garten dem Schlosse zu.

Die beiden jungen Leute folgten ihm, Jedes seinen eigenen Gedanken
nachhangend, mit den Augen. Endlich sagte Baumann, aber fast mehr zu
sich selbst als der neben ihm Stehenden redend:

Armer junger Mann, so reich begabt, so gut und so unglcklich!

Ja, er ist wirklich gut und unglcklich, seufzte Kathinka, denn ich
frchte das Schlimmste fr ihn!

Und glauben Sie nicht, Frulein, da er geheilt werden knnte,
vielleicht durch eine Luftvernderung?

Ich wei es nicht; aber der Arzt sieht ihn immer so mitleidig an und
hat ihm in der letzten Zeit wieder so Vieles erlaubt, was ihm sonst
streng verboten war -- das ist kein gutes Zeichen.

Und Sie sind immer so gut mit ihm und geben sich so viele Mhe...

Ich wollte, ich knnte mehr fr ihn thun, sagte Kathinka herzlich,
und wenn er stirbt, werde ich ihn wie einen Bruder betrauern.

Und Sie Beide haben keine Mutter! sagte Baumann fast unwillkrlich,
denn er dachte an die rauhen Worte, die er vorhin im Schlosse gehrt,
bereute aber augenblicklich das Gesprochene, als er sah, welch ein
wehmthiger Ausdruck sich ber Kathinka's Zge legte. Er setzte auch
rasch hinzu: Ich habe Ihnen nicht weh thun wollen, liebes Frulein,
seien Sie mir nicht bse.

Gewi nicht, ich wei es, erwiederte Kathinka leise; aber da kommt
der Baron schon wieder zurck, fuhr sie rasch und augenscheinlich
erfreut, das Gesprch abbrechen zu knnen, fort. Wie schnell er mu
gegangen sein! Er fhlt sich heute doch viel krftiger! Gott gebe nur,
da es so bleibt!

Benno kehrte zurck. Er sah in der That heute viel wohler aus, als in
den letzten Tagen; sein sonst so bleiches, wachshnliches Gesicht hatte
Farbe, und das Auge einen viel gesunderen und natrlichen Glanz. Er
nahm auch ohne Weiteres, wie stets gewohnt, Kathinka's Arm und sagte
frhlich: So, und nun gehen wir langsam durch den Park der Hinterpforte
zu; von dort aus schneiden Sie den ganzen langen und hlichen Weg durch
das Dorf ab, Baumann, und haben gar nicht mehr so weit in die Stadt.
Aber wann kommen Sie wieder heraus?

Sobald ich irgend kann, Herr Baron, gewi.

Aber sptestens am Sonntag. Ich mchte Sie so gern dabei haben, wenn
ich meine kleine Maschine arbeiten lasse. Die Kathinka versteht eben
gar nichts davon und freut sich nicht halb so viel darber, als ich gern
mchte.

Ich freue mich, ja gewi, wenn ich sehe, da es Dir Freude macht,
Benno.

Ja, nur mir zu Liebe, sagte Benno mit einem fast noch kindlichen
Schmollen, aber nicht ber die Sache selber. Das habe ich wohl
gemerkt.

Aber ich verstehe es ja auch nicht, lieber Benno; ich bin solch ein
armes, unwissendes und dummes Ding.

Glauben Sie es ihr nicht, Baumann, das ist nicht wahr, sagte Benno
schnell. Sie ist gar nicht so dumm und versteht Manches so gut, da ich
selber oft darber erstaunt bin. Aber sie zankt immer mit mir, wenn ich
einmal ein wenig lange bei meinen Berechnungen gesessen habe, und will
mir nicht recht geben, da das meine grte Erholung ist.

Aber der Arzt hat es Ihnen doch auch verboten, sagte Baumann.

Ach was, der Arzt! rief Benno heftig. Der glaubt auch, da ich krank,
ganz gefhrlich krank wre! Aber es ist gar nicht wahr! Ich fhle mich
heute so wohl und leicht, da ich tanzen mchte!

Gott gebe, da es immer so bleibt!

Es wird schon. Sie sollen einmal sehen, Baumann, was wir Beide noch
Alles zusammen bauen werden, und wenn Sie erst selbststndig sind, haben
Sie auch nachher mehr freie Zeit. Nicht wahr, das geschieht bald?

In den nchsten Tagen, hoffe ich.

Das ist herrlich -- aber hier ist die Pforte. So, nun machen Sie,
da Sie wieder in Ihr Joch kommen, und tausend Dank noch fr Ihre
Freundlichkeit!

Er lie ihn hinaus und schlo die Pforte wieder, und als Baumann
zurckschaute, sah er, wie Benno, lebhaft plaudernd, am Arme seiner
jungen Fhrerin durch den Park schritt, und noch wie sie schon hinter
dem Gebsch verschwunden waren, hrte er sein frhliches Lachen.




3.

Ein unbequemer Besuch.


Der alte Freiherr von Wendelsheim ging eben in seinem Studirzimmer,
das er aber kaum je zu dem Zwecke benutzte, auf und ab und rauchte dazu
aus einer langen Pfeife mit Meerschaumkopf.

Es war eine hohe Gestalt, nur mit etwas schwammigem Oberkrper und
eben nicht besonders ansprechender Physiognomie, obgleich er einmal
ein schner Mann gewesen sein mute; aber das Alter rckte frh an ihn
heran. Die schon etwas in's Graue spielenden Haare wurden um die fast
zu flache Stirn schon dnn und sprlich, und die kleinen dunkeln Augen
kniff er, nach einer hlichen Gewohnheit, nur noch mehr zusammen. Er
sah auch nie den, mit dem er gerade sprach, fest an, sondern fuhr mit
den Blicken unstt ber dessen ganzen Krper oder bald da, bald dort
in die Stubenecken hinein, als ob er etwas suche. Uebrigens galt er fr
einen echten Cavalier von sogenanntem alten Schrot und Korn und war
jedenfalls ein ausgeschulter Hofmann, wenn er auch selbst dort manchmal
mit einer gewissen Derbheit coquettirte.

Allerdings sollte er frher viele gute gesellige Eigenschaften und
besonders einen trockenen, wenn auch etwas bittern Humor besessen haben;
jetzt war der freilich verschwunden oder doch wenigstens bei Seite
gestellt, denn er verlie das Schlo selten oder nie, so lange er seinen
Wohnsitz dort hatte, und in dem Schlosse, mit der bissigen Schwester zur
tglichen Gesellschafterin, mute der Humor wohl weichen, und wenn es
der vorzglichste gewesen wre. Man konnte aber auch nicht sagen, da
er gerade mrrisch oder verdrielich sei; er lie die Welt eben an sich
kommen und schien nur dem fast unmittelbar bevorstehenden Zeitpunkt
entgegen zu harren, wo die Erbschaft ausbezahlt und damit auch zugleich
die Schuldenlast getilgt wurde, die ihn jetzt zu Zeiten drckte.

Heute zogen sich aber, ganz ungleich anderen Tagen, finstere Wolken ber
seine Stirn, denn rechts in einem der Fauteuils lehnte sich, mit der
Reitpeitsche die Stiefelschfte klopfend, sein erstgeborener Sohn Bruno;
und sonderbarer Weise zeigte er sich gerade gegen den, von dem der ganze
neue Wohlstand seines Hauses ausgehen sollte, auf dem er allein basirte,
fast immer mrrisch und verschlossen, und Bruno konnte sich kaum
erinnern, je ein freundliches Wort von ihm gehrt zu haben. Auch heute
war er in nicht besserer Laune, und den Sohn, der eben erst eingetreten
sein konnte, denn er hatte noch die Mtze in der Hand, mit dem Blick nur
streifend, sagte er:

Und was wolltest Du eigentlich heute? Du sagtest doch neulich, Du
httest jetzt strengen Dienst und knntest nicht abkommen.

Freundlich ist die Frage gerade nicht, lchelte der Lieutenant, aber
doch etwas verlegen, denn er war sich bewut, da die Ursache seines
Besuches den Vater allerdings nicht besonders ergtzen wrde; aber --
ich will Dich auch nicht lange auf die Folter spannen, Vater, und Dir
rund heraussagen, was mich hergefhrt.

Geld, sagte der Alte trocken.

Geld allerdings.

Das konnte ich mir denken; aber wofr schon wieder?

Ich mu den Fuchs bezahlen.

Und was kostet der?

Zweihundert Louisd'or.

Bist Du wahnsinnig? rief der Vater, indem er vor ihm stehen blieb und
dabei eine alte, verrucherte Silhouette fixirte, die gerade ber ihm
hing. Und wer heit Dich jetzt ein so theures Pferd kaufen? Konntest Du
nicht warten?

Nein, denn wenn ich nicht rasch zugriff, htte ihn Graf Bentheim
gekauft; er hatte schon darauf geboten. Es ist ein prachtvolles Pferd.

Dann sieh' auch zu, wie Du ihn bezahlst, knurrte der Vater und setzte
seinen Spaziergang fort. Der Verkufer mag bis zum Termine warten; ich
habe kein Geld.

Das geht nicht, Vater, sagte Bruno ernsthaft, ich mu das Geld bis
sptestens morgen Abend sechs Uhr schaffen; denn ich habe mein Ehrenwort
gegeben und in der Stadt schon umsonst Himmel und Hlle aufgeboten, um
das Capital nur fr menschliche Zinsen zu bekommen.

Weshalb giebst Du Dein Ehrenwort in Geldsachen? sagte der Vater
finster. Jetzt sieh', wie Du es einlsest; ich kann Dir nicht helfen.

Und liee es sich denn gar nicht machen, die paar Wochen vor der Zeit
ein paar Tausend Thaler abschlglich von der Erbschaft zu bekommen?

Daran ist kein Gedanke; sie thun es nicht.

Hast Du es schon versucht, Vater? fragte Bruno nicht ohne Spott.

Sie knnen es auch nicht, fuhr der alte Freiherr fort, ohne die Frage
zu beantworten; denn das Testament lautet auf Auszahlung erst nach dem
zurckgelegten vierundzwanzigsten Lebensjahre meines Sohnes. Strbest
Du noch vorher, so mte der Zeitpunkt erst in Benno's Alter abgewartet
werden, und strbe auch er, was Gott verhten wolle, so wre die ganze
Erbschaft fr uns verloren.

Ein schmerzliches und doch bitteres Lcheln zuckte ber das Antlitz des
jungen Officiers, als er erwiederte: Du sagtest nur bei Benno, Vater,
was Gott verhten wolle.

Sei nicht kindisch! murmelte der Baron. Wenn ich das Geld htte,
solltest Du es haben; aber das ist nicht der Fall, also kann ich Dir
nicht helfen. Sieh', wie Du mit Deinem Glubiger ein Abkommen triffst.
Du mut doch auch Uebung und Erfahrung darin haben; vielleicht hilft Dir
auch die Tante -- versuch' es.

Sie knnte, wenn sie wollte, das wei ich, sagte Bruno finster, und
wenn es Benno gebrauchte, wrde sie sich keinen Augenblick besinnen; ich
selber bin ja aber bei Euch Beiden immer der Ausgestoene gewesen, der
lstig wurde, sobald er sich nur blicken lie.

Das hast Du Dir nur gedacht, kein Mensch weiter; geh' zur Tante, wenn
sie Dir helfen kann, thut sie es.

Ich will zu ihr gehen, weil ich mu, sagte Bruno aufstehend, aber ich
wei vorher, da es nutzlos ist; ich kenne meine steinerne Verwandte.
Und langsam schritt er aus dem Zimmer.

Der alte Freiherr folgte dem Sohne, als dieser ihm den Rcken drehte,
mit den Augen, und sein Blick haftete noch fest an der Thr, als diese
sich schon geschlossen. Aber es war ein hlicher Blick, mit nicht
einer Spur von vterlicher Liebe darin, ja die zusammengebissenen
Lippen bewegten sich sogar, als ob er eine Verwnschung hinter ihm drein
murmele; doch wurde kein Laut hrbar; nur seine buschigen Brauen zogen
sich zusammen, und fest auf einander hatte er die Zhne gebissen. Er
stand auch eine lange Weile so, bis drauen wieder ein Schritt auf dem
Gange laut wurde. Kehrte sein Sohn zurck? Nein, es war nur ein Diener,
der in der Thr stehen blieb und meldete: es sei eine alte Frau drauen,
die Frau vom Schuhmachermeister Heberger, die sage, der gndige Herr
htte sie herausbestellt, um ihm die Hhneraugen auszuschneiden.

Ich? rief der Freiherr und drehte sich pltzlich auf seinem Absatze
herum; das alte Weib ist wohl -- wie hie sie?

Die Heberger, Herr Baron; sie kam frher wohl manchmal heraus, ist
aber jetzt die langen Jahre nicht dagewesen.

Der Baron qualmte wieder, da eine dicke Rauchwolke ber ihm
emporwirbelte, und ging mit langen Schritten auf und ab, so da der
Diener im Stillen die Beobachtung machte, arg weh thun knnten dem Herrn
die Hhneraugen nicht, denn er trat wenigstens ganz herzhaft auf. Es
war auch fast, als ob er den auf ihn Wartenden ganz vergessen habe, bis
dieser endlich wieder fragte:

Wie befehlen der Herr Baron? Soll ich sie vielleicht wieder
fortschicken, da sie ein andermal....

La sie hereinkommen, Christoph, unterbrach ihn sein Herr; wenn sie
einmal da ist, mag sie meinetwegen nachsehen. Ich hatte gar nicht mehr
daran gedacht. Wo ist Benno?

Er geht unten im Garten mit dem Frulein spazieren.

Es ist gut; da Du mir nachher Niemanden hereinlt, bis wir fertig
sind!

Sehr wohl, Herr Baron.

Der Diener verschwand, und es dauerte nicht lange, so klopfte es leise
an die Thr, die sich auch fast augenblicklich auf das barsche Herein
des Freiherrn ffnete.

Sie entschuldigen, mein gndigster Herr Baron, wenn ich vielleicht
stren sollte, sagte die alte Frau, indem sie die Thr wieder
vorsichtig in's Schlo drckte; da Sie aber gewnscht hatten....

Ich habe gewnscht? rief der alte Herr, dessen Laune der Besuch
wahrlich nicht gebessert zu haben schien. Was wollt Ihr von mir, da
Ihr Euch mit einer Lge hier hereindrngt? Was habe ich noch mit Euch zu
schaffen?

Die alte Frau Heberger war eine hagere, etwas lange Gestalt. Sie
hatte schon eisgraue Haare, eine spitze Nase und etwas zusammengezogene
Lippen, auch zahllose Falten im Gesicht, aber ein Paar groe, kluge,
lichtblaue Augen, und ging auch sonst ganz nett und sauber angezogen. So
demthig sie dabei auftrat, lag aber doch in ihrem ganzen Wesen nichts
weniger als Schchternheit, ja fast wie mit einem leisen Anflug von
Spott erwiederte sie auf die rauhe Frage:

Ach, gndigster Herr Baron, Unsereins mu gar oft lgen; aber nicht
unserer selbst, sondern zuweilen nur der Herrschaften wegen, die wir
bedienen -- und was fr Dank haben wir nachher davon!

Was wollt Ihr? macht es kurz! fuhr der Freiherr sie an; ich habe
keine Zeit, mich lange mit Euch einzulassen.

Die Frau antwortete nicht gleich; sie horchte erst nach der Thr, als
ob sie sich vor einer Strung oder vielleicht vor einem Horcher
frchte. Endlich trat sie dem Freiherrn, der sie eben nicht freundlich
betrachtete, nher und sagte mit leiser, aber vollkommen deutlicher
Stimme:

Eigentlich hatte ich geglaubt, da der Herr Baron eine arme alte Frau,
die seinetwegen viel Ungelegenheiten gehabt, nicht ganz vergessen htte;
aber Du lieber Gott, es ist einmal so der Welt Lauf, und ich will Ihrem
Gedchtnisse zu Hlfe kommen. Ich bin die Frau Heberger, die alte
Kartenschlgerin aus der Stadt, und war frher, als die gndigste
Frau Baronin von einem so allerliebsten Knblein entbunden wurden, die
Hebamme bei der gndigen Frau.

Was soll der Unsinn? sagte der Freiherr finster. Eure Person habe ich
doch wohl nicht vergessen; ich denke, Ihr sorgtet schon dafr, da das
nicht geschah. Was wollt Ihr jetzt?

So, der Herr Baron erinnern sich also noch? lchelte die Frau. Nun,
dann kann ich kurz zur Sache kommen, und wir brauchen keine Umschweife
weiter zu machen. Sie wissen, Herr Baron -- aber Sie erlauben
vielleicht, da ich mich ein bischen auf den Stuhl da setzen darf, der
Weg ist weit hier heraus, und die alten Knochen wollen doch nicht mehr
so recht mit fort -- Sie wissen also, Herr Baron, da jetzt die Zeit
bald umgelaufen ist, wo Sie die groe Erbschaft antreten -- lieber Gott,
Unsereins kann sich so viel Geld fast nicht einmal denken--, und wenn
Sie das erst einmal haben, dann wird wohl das Gedchtni fr die arme
Hebergern ganz weg und verloren sein, und da wollte ich mir nur noch
einmal vorher erlauben, ganz gehorsamst nachzufragen, ob Sie uns nicht
mit einer Kleinigkeit auf die Fe helfen knnen. Der Verdienst ist
jetzt bei den harten Zeiten so schlecht, und, Du lieber Himmel, man thut
ja wohl, was man kann, und ist immer bei der Hand, aber der Neid der
Menschen macht Alles wieder zu nichte. Die Herren Aerzte, wenn sie auch
viele Krankheiten gar nicht curiren knnen, gnnen es doch einer armen
Frau nicht, da sie mit Krutern, die sie sich mhsam im Walde sucht,
und mit frommem Gebet die Bresten der Menschen lindert. Nichts als
Verfolgung und Anfeindung habe ich zu leiden gehabt die langen Jahre,
und seit der Zeit sogar, wo einmal das Kind der Frau Baronin Zhfel
starb -- du lieber Himmel, es war ein Wechselbalg und konnte nicht
leben--, da haben sie mir gar das Metier verboten, und ich mu nun
sehen, wie ich mich so rmlich durchschlage durch die Welt.

Und was habe _ich_ damit zu thun? sagte der alte Freiherr finster.

Nichts, Herr Baron, gar nichts, erwiederte die Frau seufzend; es ist
nur unser alltgliches Elend, das wir durch's Leben schleppen mssen.
Gott behte, da Sie damit zu thun bekmen! Wessen aber das Herz voll
ist, Sie wissen ja wohl, davon geht der Mund ber. Es thut mir auch
leid, Ihre werthvolle Zeit damit so lange in Anspruch genommen zu haben,
aber -- es ging eben nicht anders. Dazu sind wir Menschen ja auch da auf
der Welt, da wir einander helfen und beistehen sollen, und ich habe das
Meinige redlich gethan, Herr Baron, das Zeugni mssen Sie mir geben --
wie?

Ich habe Euch noch nicht das Gegentheil zum Vorwurf gemacht, sagte der
Freiherr finster; aber....

Das ist hbsch von Ihnen, nickte die Frau, und wieder zuckte das
spttische Lcheln um ihre dnnen Lippen, und ich werde es Ihnen
gedenken, so lange ich lebe; aber -- schne Worte verfliegen im Winde,
wie die Spreu, denn nur das Korn fllt auf den Boden und wiegt. Bis
jetzt kann Ihnen kein Mensch die Erbschaft streitig machen, Herr Baron
-- kein Mensch auf der ganzen Welt, und wird es auch nicht, denn eher
bisse ich mir die Zunge ab, ehe Ein Wort von der Geschichte ber meine
Lippen kme; aber leben wollen wir Alle, und selbst der arme Bauer lt
die Kinder, wenn er sein Korn einfhrt und den Segen in die Scheune
fhrt, ein paar einzelne Aehren lesen. Sie werden wahrhaftig nicht
weniger thun, Herr Baron.

Aber die Aehrenleser drfen erst auf das Feld kommen, wenn das Korn
eingefahren ist, sagte der Freiherr, der schon lange verstand, auf was
die Frau abzielte; das meinige steht noch drauen.

Aber fertig geschnitten, beim schnsten Wetter, und die Wagen zum
Einfahren bereit, nickte die Frau, nicht so leicht abgewiesen; ich
kann auch nicht lnger warten. Uebermorgen ist der Erste, und wir
mssen Hauszins bezahlen; die Rechnungen sind uns auerdem ber den Kopf
gewachsen, denn mein Mann war lange krank und konnte das Salz nicht zu
seinem Brot verdienen.

Macht es kurz -- was wollt Ihr? unterbrach der Baron sie rgerlich.
Ich sehe, das Ganze luft nur auf eine Gelderpressung hinaus. Ich sage
Euch auch, Frau, heute will ich Euch noch einmal zu Willen sein; aber
meine Geduld ist jetzt zu Ende -- das kann so nicht fortgehen, und kommt
Ihr mir dann noch einmal auf den Hof, so....

So? Der Herr Baron haben noch nicht ausgesprochen. Und ihre blauen
Augen hafteten in lauerndem Trotze auf ihm. Er begegnete aber dem Blicke
nicht.

Macht es kurz -- wie viel braucht Ihr? Aber ich schwre es Euch zu, es
ist das letzte Mal! Nachher thut Euer Schlimmstes. Was Ihr selber dabei
riskirt, wit Ihr besser, als ich es Euch sagen knnte.

Es ist nicht nthig, viel darber zu reden, lchelte die Alte. Wir
sind Beide nicht von gestern, Herr Baron, und wissen genau, wie weit wir
gehen knnen; nur das ausgenommen, da der eine Theil nichts oder doch
beinahe nichts dabei zu verlieren hat und der andere eben Alles.

Das ist nicht wahr, fuhr der Baron auf; Gott ist mein Zeuge, wie ich
bereue, jemals Euren Worten, Eurem Rathe gefolgt zu sein, und zehn-,
ja tausendfach trage ich jetzt an der Last, die ich mir damals ganz
unntzer, unnthiger Weise aufgeladen!

Unnthiger Weise, Herr Baron? Sie vergessen die Clausel.

Und habe ich nicht einen rechtmigen Erben fr mein Haus -- fr meinen
Namen?

Sie meinen den Baron Benno, nicht wahr? Armer Vater, sehen Sie denn
nicht, da das Kind nur ein wurmstichiger Apfel ist? Und sechs Jahre
mte er noch leben, um der Frist zu gengen.

Ich hoffe, da er noch sechzig leben soll! rief der alte Mann; denn
die Gefahr der Krankheit ist beseitigt. Heute noch war er krftiger
und gesunder als je. Seine Wangen bekommen wieder Farbe, sein Geist ist
frischer, sein Krper krftiger geworden, und wenn....

Der alte Freiherr horchte auf, denn ber den Gang kam ein hastiger
Schritt; kaum fnf Secunden spter wurde die Thr aufgerissen, und der
alte Christoph strzte mit einem ganz verstrten Gesicht herein.

Was giebt's? Was hast Du? rief ihn der Baron erschreckt an.

Ach, gndiger Herr Baron, stammelte der Alte, und schon sein Gesicht
kndete ein Unglck -- Sie -- Sie mchten doch einmal schnell in den
Garten kommen; der junge Herr Baron....

Benno? schrie der Freiherr in Todesangst.

Der junge Baron Benno hat pltzlich einen Blutsturz bekommen, und
Frulein Kathinka ist allein mit ihm.

Armes junges Blut! sagte die Frau, whrend der alte Herr fast starr
vor Entsetzen auf einem Stuhl zusammenknickte und einen Moment das
Antlitz in den Hnden barg. Aber es war auch nur ein Moment. Im nchsten
schon fuhr er wieder empor und griff mit wild verstrtem Blick nach
seinem Hut.

Ist schon Jemand fort nach einem Arzte?

Der Karl sattelt eben das eine Wagenpferd; der Schimmel lahmte heute
Morgen ein wenig.

Mein ltester Sohn ist mit seinem Fuchse hier; er soll augenblicklich
selber in die Stadt jagen und einen Arzt heraussenden.

Der Diener eilte fort, und der Baron wollte ihm nach, als sein Blick die
noch dort stehende Frau traf.

Aber jetzt -- jetzt kann ich nicht! rief er von Angst gepeinigt aus.

Nein, Herr Baron, sagte die Frau, mit dem Kopf schttelnd, jetzt
gewi nicht; ich komme wieder -- morgen oder bermorgen oder in acht
Tagen vielleicht -- wenn die sechzig Jahre vorber sind, setzte sie
leise murmelnd hinzu und verlie das Gemach und gleich darauf auch das
Schlo.

Der Diener hatte brigens den Unfall, der den armen jungen Mann
getroffen, nicht bertrieben. Als der Vater mit zitternden Gliedern,
aber festen Schrittes den Park durcheilte, fand er den Sohn auf dem
Rasen liegend, den Kopf an Kathinka's Kniee gelehnt, deren lichtes Kleid
von seinem Blute gerthet war. Er sah dabei todtenbla aus, und die
Augen hafteten mit einem ganz eigenthmlichen Glanz auf dem Nahenden.

Benno, mein armer Benno, was ist geschehen? rief der Baron, neben ihm
niederknieend und seine Hand ergreifend. Du bist gewi zu rasch mit ihm
gegangen, Kathinka, ich habe es Dir so oft verboten.

Der Kranke schttelte leise mit dem Kopf und hob mhsam die eine Hand;
dann sagte er leise: Nein, Kathinka ist nicht Schuld daran; es kam so
pltzlich -- ich -- fhlte mich so wohl und leicht -- wie lange nicht
mehr. Ich war so glcklich -- es ist so schn, gesund sein -- und ich
bin immer krank gewesen. Arme Kathinka, und wie Dein hbsches Kleid
aussieht -- aber ich konnte nicht dafr.

Mein lieber, guter Benno, sagte das junge Mdchen bittend, das hat
ja gar nichts zu sagen; sorge Dich nur darum nicht, das wscht sich ja
Alles wieder aus.

Der Vater hatte mit angsterfllten Blicken den Sohn betrachtet, und die
Worte schnitten ihm in's Herz. Nur erst, als Benno einen Versuch machen
wollte aufzustehen, wehrte er ihm.

Bleib' noch einen Augenblick, mein Kind, sagte er mit herzlicher
Stimme; die Leute werden gleich mit einem Stuhle hier sein, um Dich
hinaufzutragen -- ich bin ihnen nur vorausgeeilt. Du darfst Dich jetzt
nicht anstrengen, oder es knnte sich wiederholen.

Aber Kathinka wird mde mich zu halten, Papa.

Nein, gewi nicht, gewi nicht -- ich knnte noch eine Stunde so
knieen, rief diese; und dorthinten sehe ich auch schon die Leute
kommen. Du darfst Dich nicht anstrengen.

Nun werde ich wieder diese Woche nicht mit meiner Maschine fertig,
seufzte der Knabe -- ich soll auch gar keine Freude haben! Aber da
kommt auch Bruno -- den habe ich recht lange nicht gesehen.

Und weshalb bist Du nicht fort nach dem Arzt? rief diesem der Vater
entgegen. Was thust Du noch hier?

Was ich hier thue, Vater? rief Bruno erstaunt. Soll ich nicht selbst
nachsehen drfen, wie es dem Bruder geht?

Guten Tag, Bruno! sagte der Knabe, ihm matt die Hand
entgegenstreckend; ich bin wieder einmal krank geworden.

Mein armer Benno -- wie bla Du aussiehst! Soll ich Dich hinauf in Dein
Zimmer tragen?

Du wirst mir weh thun.

Ah, dort kommen sie ja schon mit einem Sessel, rief Bruno; so, das
ist recht, Kathinka, la ihn den Kopf ein wenig anlehnen. Habe nur einen
Augenblick Geduld, Benno, Du sollst gleich zur Ruhe und auf Dein Bett
kommen.

Der Knabe nickte ihm freundlich zu, und Bruno sprang jetzt selber fort,
um den gebrachten Stuhl so herzurichten, da sie den Kranken gut darauf
transportiren konnten. Da hinein setzten sie ihn dann, und whrend
die Dienerschaft herbeigerufen war, um ihn langsam und vorsichtig in's
Schlo zu tragen, ging Kathinka an der einen, Bruno an der andern Seite
und untersttzten ihn.

Indessen war auch Bruno's Fuchs gesattelt worden, und wie er den Bruder
nur erst einmal gut untergebracht wute, eilte er hinab, sprang, ohne
weder von Vater oder Tante Abschied zu nehmen, in den Sattel und ritt,
seinem feurigen Thier die Sporen eindrckend, in einem scharfen Trab aus
dem Schlohof hinaus und durch das Dorf.

Am letzten Hause des Dorfes stand eine Frau, die dem Reiter, als er
vorber brauste, freundlich und fast vertraulich zunickte. Bruno kannte
sie auch, es war die alte Heberger, die er sonst wohl oft in seines
Vaters Hause gesehen; er bemerkte auch vielleicht, da sie ihn
grte, sah wenigstens die Bewegung, hatte aber den Kopf so voll der
verschiedensten Dinge, da er gar nicht daran dachte, ihr auch nur
zu danken, sondern gleich darauf, ohne ihr nur den Kopf noch einmal
zuzuwenden, die breite Fahrstrae verlie und rechts ab in einen Fuweg
einbog, der nicht allein die Strecke bis zur Stadt etwas verkrzte,
sondern auch zwischen den Getreidefeldern einen weichen und elastischen
Rasenboden fr sein Thier gewhrte.

Die Heberger sah ihm mit demselben lachenden Gesicht, mit dem sie ihn
vorhin gegrt, nach, selbst wie er schon weit von ihr entfernt durch
die Kornfelder dahintrabte, bis er endlich eine kleine Erhhung berritt
und dann dahinter verschwand; und nun erst nickte sie still vor sich hin
mit dem Kopf und murmelte dabei:

Merkwrdig, merkwrdig -- und man lernt doch nie im Leben aus. Sonst
denkt man doch immer, es stke im Blute und wr' angeboren -- aber es
lt sich auch anerziehen, wenn es nur recht begonnen und durchgefhrt
wird. Ja, ja, Puppe, reite Du nur da so stolz auf Deinem hbschen Gaul,
als ob Du ein Knig oder Kaiser wrest, und gucke die alte Frau nicht
an, die den Staub von Deines Rosses Hufen schluckt. Und wenn die
alte Frau wollte -- doch sie will eben nicht und lt Dich so lustig
hinreiten, als ob Du wirklich alles das wrest, was Du Dir denkst. Nun,
vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo sie Dir in den Weg tritt --
und wie hflich Du dann werden wirst, mein Brschchen, wie erstaunlich
hflich!

Bruno von Wendelsheim trabte indessen, ohne auf die Alte auch nur einen
Gedanken zu wenden, scharf den Rasenpfad entlang, und das Herz war ihm
so voll und schwer, der Kopf that ihm so weh vom vielen Grbeln.

Benno, sein armer Bruder, er war viel krnker, als er es je fr mglich
gehalten -- und wer blieb ihm von all' seinen Verwandten, wenn der
Knabe starb? Sein Vater? Er hatte wohl rauhe und heftige Reden oder
Ermahnungen, nie aber ein Wort der Liebe von seinen Lippen gehrt. Seine
Tante? Er bi die Zhne fest auf einander, wenn er nur an das letzte
Begegnen mit ihr dachte, wo sie ihn ordentlich mit Hohn abgewiesen.
Hatte sie Liebe zu ihm? Wahrlich nicht! Und vor sich hin schttelte er
still den Kopf, wenn er daran dachte, wie gro der Ha gegen ihn sein
msse, da sie sich nicht einmal aus Klugheit freundlicher gegen ihn
benahm.

Seinem Fuchs hatte er dabei die Zgel gelassen; er mute bald in der
Stadt sein, einestheils seiner eigenen Angelegenheit wegen, anderntheils
aber auch, um den Arzt so rasch als nur irgend mglich nach Wendelsheim
hinauszusenden. Wie er so auf dem schmalen Weg dahin trabte -- und
der Fuchs war eigentlich halb mit ihm durchgegangen, denn der Reiter
bekmmerte sich gar nicht mehr um seine Fhrung--, machte der Weg,
gerade an einer niedern Stelle, wo das Korn auerordentlich hoch stand,
eine scharfe Biegung, und als Bruno dahinflog, sah er pltzlich einen
Fugnger vor sich, der auf dem weichen Rasen das nahende Pferd gar
nicht gehrt hatte und jetzt kaum noch Zeit genug behielt, um zur Seite
zu springen. So dicht an ihm vorbei aber scho der Fuchs, da Bruno den
Fremden, in dem er jetzt den jungen Baumann erkannte, noch mit dem
Knie streifte. Er versuchte auch sein Pferd einzuzgeln, um sich zu
entschuldigen; aber es war nicht mglich. Der Fuchs hatte das Gebi
zwischen die Zhne genommen und setzte in eine ordentliche Carrire ein,
da Kies und Rasenstcke hinter ihm emporstiebten. Bruno mute ihn eben
laufen lassen, und wenige Minuten spter erreichte er schon die Thore
der Stadt, wo er das wilde Ro erst wieder in seine Gewalt bekam.




4.

Die elende Familie.


In der Lindenstrae, aber ziemlich weit drauen, so da der Garten mit
seiner Rckseite schon an die dort beginnenden Felder stie, lag das
Grundstck des alten Majors a.D. von Halsen, der da mit einer alten
Verwandten, die ihm das Hauswesen fhrte, einem Grtner, einer Kchin
und einem alten Stubenmdchen wirthschaftete.

Das Haus selber war gro und massiv gebaut und in den oberen Rumen
wirklich herrschaftlich eingerichtet, der Garten parkhnlich, mit einem
groen Treibhause und dem kostbarsten Obst darin, und der Besitzer
galt fr reich, aber fr einen Sonderling, der sich hier von der Welt
vollkommen abzuschlieen schien. Er hatte es allerdings sehr gern,
wenn ihn Jemand besuchte und eine Stunde mit ihm verplauderte, denn die
Langeweile qulte ihn oft frchterlich; er selber aber machte nie einen
Besuch, auer in letzter Zeit hufig bei dem Staatsanwalt Witte, mit dem
er besonders viel und heimlich zu verkehren hatte.

Uebrigens fanden sich nur Wenige, die dann und wann das Lazareth,
welchen Namen das Haus schon in der ganzen Stadt erhalten, betraten,
denn es bot sehr wenig Anziehendes, und der Major selber, ohne die
geringste gesellschaftliche Tugend, war ein so unliebenswrdiger Gesell,
da man ihm immer lieber aus dem Wege ging, als ihn in seiner Hhle
aufsuchte. Es sah auch noch dazu selbst ungemthlich bei ihm aus.

Schon der Garten war wie ein Nonnenkloster mit einer zehn Fu hohen und
sehr dicken Mauer, in die nicht einmal eine Gitterthr einen Einblick
gestattete, umschlossen. Ebenso wurden alle nach der Strae fhrenden
Fenster, wenn nicht das Logis einmal gereinigt werden mute, fest
verhangen gehalten, und das Wohnzimmer des Majors selber, wo er
auch seine smmtlichen Besuche empfing, glich eher der Wohnung eines
Tagelhners oder rmeren Brgers, als der eines reichen Mannes aus den
hheren Stnden.

Die obere Etage war, wie schon erwhnt, sehr elegant eingerichtet, aber
nur wenige Menschen hatten sie einmal zufllig zu sehen bekommen und
sie wohl kaum je betreten. Das untere Zimmer dagegen, das, mit der
Kche dicht daneben, nach dem Garten zu hinausfhrte, zeigte nicht
die geringste Bequemlichkeit, einen alten, mit abgeschabtem Leder
berzogenen Lehnstuhl ausgenommen, noch viel weniger Eleganz. Die Wnde
waren nicht einmal tapeziert, sondern nur gemalt, die Dielen wei, mit
Sand bestreut. Ein groer Tisch aus Tannenholz stand in der Mitte, und
zwei hlzerne, zwei Rohrsthle und ein vereinzelter aus Kirschbaumholz
zierten die Ecken. Auch das Buffet war nichts weiter als ein lackirter
Holzschrank, und das Sopha unter dem kleinen, schwarz umrahmten Spiegel
so furchtbar hart und zusammengesessen, da man sich erst dann ausruhte,
wenn man wieder davon aufstand.

Als Verzierung befanden sich allerdings drei Lithographien in schwarzen
Rahmen im Zimmer, aber sie paten zu den Bewohnern. Die eine stellte ein
Schlachtfeld mit schrecklich Verstmmelten und Todten vor, die andere
das Martern und Verbrennen verschiedener Ketzer im Mittelalter, und
die dritte jenes bekannte Pferd, an welchem alle nur erdenklichen
Pferdekrankheiten mit Nummern angedeutet und darunter auch die Namen
genannt werden.

Nicht einmal Gardinen zeigten die Fenster, ein paar zerwaschene
Lappen ausgenommen, die oben darber angebracht waren und weit eher so
aussahen, als ob sie dort zum Trocknen aufgehangen wren. Ueberhaupt das
ganze Zimmer machte den Eindruck der Drftigkeit, und doch schien sich
der alte Major wunderlicher Weise nur gerade hier wohl und zufrieden zu
fhlen, wenn er das berhaupt je gethan htte. Er gehrte aber leider
zu jenen Menschen, die eigentlich die grte und jede Ursache gehabt
htten, gegen Gott dankbar zu sein, aber sich dabei allein fr schlecht
und nichtswrdig behandelt hielten, und nun schon darber, weil sie
keine gegrndete Ursache zur Klage auffinden konnten, rgerlich und
verdrielich durch das Leben sthnten.

Eine Verwandte von ihm, die verwittwete Frau von Bleheim, lebte mit in
dem nmlichen Hause, und ein besser zusammenpassendes Paar htte es auf
der Welt nicht geben knnen. Das mute sie auch allein bewogen haben,
dieses Lazareth zu ihrem Aufenthaltsort zu whlen, wo sie angeblich
dem Major die Wirthschaft fhrte, in Wirklichkeit aber nur mit ihm
sthnte und chzte.

Sie war allerdings schon ziemlich hoch in den Jahren und von krnklichem
Krper, und wrde mit dem Vermgen, das sie besa, recht gut und bequem
haben leben knnen, aber sie mochte nicht allein sein. Sie fhlte das
dringende Bedrfni, nicht allein bedauert zu werden, sondern auch
Jemanden zu haben, den sie bedauern konnte, dem es wenigstens nicht
besser ging, als ihr selber. Das Lamentiren gehrte mit zu ihrem Leben,
ja bildete fast ihre einzige Unterhaltung, und da sie gefunden, da sie
gesunden Leuten damit endlich lstig fiel und unertrglich wurde, so war
der alte Major ihre letzte Zufluchtssttte geworden. Dort konnte sie in
ihrer Leidenschaft grnen und blhen, und fand sogar in der Dienerschaft
Mitleidende.

Der Major sa auf seinem gewhnlichen Platz, dem alten Lehn- oder
Sorgenstuhl, hielt das Morgenblatt, seine einzige Lectre, in der Hand
und sthnte. Ihm gegenber, an einem in die Ecke geklebten dreieckigen
Schranke, stand Frau von Bleheim und nahm einiges Geschirr heraus.

Ach Du mein groer Gott, seufzte sie dabei vor sich hin, o Du mein
lieber Himmel!

Ah--h! sthnte der Major aus seiner Ecke. Aber was hast Du nur heute,
Rosamunde? Was fehlt Dir denn?

Mir? Ach du groer Gott, und das fragst Du auch noch? lautete die
Antwort. Alle Glieder sind mir wie zerschlagen, und mein Herz klopft
mir so furchtbar, da ich es ordentlich an den Rippen fhle!

Ach, was Du auch immer hast, chzte der Major, ewig winseln und
lamentiren! Was soll ich denn da sagen, wie mir zu Muthe ist?

Ich wollte nur, ich wre so gesund wie Du! seufzte die gndige Frau.

O du meine Gte, versndige Dich nicht! rief der Major und lie vor
Erstaunen ber den entsetzlichen Wunsch die Zeitung sinken. Sitz' ich
denn hier nicht in dem verdammten alten Stuhl mit allen Fehlern und
Leiden behaftet, wie das Pferd da drben an der Wand, und es fehlte
weiter nichts, als da ich numerirt wrde ber den ganzen Leib, um sie
nachher auch auf einer Tabelle neben einander zu haben! Du so gesund wie
ich, wnschest Du Dir -- es ist rein zum Todtschieen, wenn man nur so
etwas mit anhren mu!

Die alte Dame schwieg und sthnte nur leise weiter, als die Kchin,
mit einem dicken, weien Tuch um die Backen -- denn sie hatte ewig
Zahnschmerzen -- in's Zimmer trat, um die Schsseln herauszuholen.
Diese fate sie unter den linken Arm, mit der Rechten hielt sie sich die
Backe.

Ist der Christian noch nicht wieder da, Liese? fragte der Major, ohne
von ihren Schmerzen weitere Notiz zu nehmen. Der bleibt auch wieder
eine Ewigkeit! Kein Mensch kommt hieher, um Einen im Elend zu besuchen;
nur amsiren wollen sich die Leute, tanzen und vergngt sein, ja wohl,
aber an einen armen Mitmenschen denken sie eben so wenig, wie an ihr
einstiges Seelenheil!

Der Christian kann auch selber nicht fort, sagte die Liese mrrisch.
Der Rheumatismus ist ihm die Nacht wieder in's Kreuz geschlagen, und er
geht ja so krumm wie eine Tischbrste.

Ach, der hat auch immer was! sthnte der Major.

Ja wohl, sagte die Liese; es soll auch schon gar Niemand weiter krank
sein, wie Sie ganz allein. Wenn ich nur den Jammer hier im Hause nicht
mehr mit ansehen mte!

Na, meinethalben kann Sie gehen, fuhr da der Major auf, ich halte Sie
nicht, wenn Sie's hier gar so schlecht hat! Ich will Niemanden zwingen,
bei einem armen und kranken Manne zu bleiben; ich kann mich auch allein
in eine Ecke auf's Stroh legen und verrecken, wen kmmert's -- keinem
Teufel wrde ein Auge drum na werden! Ach Du lieber Gott, ist das ein
Elend auf der Welt!

Die Kchin, der schon seit zwanzig Jahren alle Tage wenigstens zweimal
der Dienst gekndigt wurde, verlie brummend das Zimmer, und die beiden
Verwandten waren wieder eine Zeit lang allein, bis die Thr endlich
aufging und der lang erwartete Christian hereintrat.

Christian pate vollkommen in die Gesellschaft. Er lahmte vollstndig,
trug dabei einen dicken, wollenen und sehr bunt gestopften Strumpf um
den Hals und hielt den Oberkrper ganz gebckt oder vielmehr krumm und
nach der rechten Seite hinbergezogen.

Na, Christian, sagte der Major, indem er den Kopf nach ihm hindrehte,
wie seht Ihr wieder aus -- wie ein wahres Jammerbild! Geht nachher nur
hinaus und stellt Euch in die Erbsen, denn weiter werdet Ihr doch wohl
keine Arbeit thun knnen!

Ja, Sie spotten noch, sagte Christian; wenn _Sie_ das Kreuz
htten...

Und ich tausche augenblicklich! rief der Major, schon von dem Gedanken
entrstet, da Jemand ein schlimmeres Kreuz haben sollte, als er selber.
Wenn Euch aber nur ein Finger weh thut, dann mchtet Ihr Euch gleich in
Baumwolle einwickeln! War der Staatsanwalt zu Hause, und kommt er? Ich
kann ja nicht ausgehen!

Ja, er kme gleich, knurrte der Mann, und ich glaubte, er wre schon
da; er ging mit mir zur Thr hinaus, und ich bin nur den Weg hieher
gekrochen, ich konnte nicht mehr fort -- da ist er auch schon.

Drauen ging in der That die Saalthr auf, und es pochte gleich darauf
an; aber es war nicht der Erwartete, sondern ein alter Freund des
Majors, der Rath Frhbach, wie er in der Stadt genannt wurde, der mit
einem sonoren: Nun, mein lieber Herr Major, wie geht's heute
Morgen? den Hut schon von drauen in der Hand, in das E-, Wohn- und
Empfangszimmer eintrat.

Rath Frhbach war einer von den Menschen, die der liebe Gott nur auf die
Erde gesetzt hat, um sich hier zu amsiren, aber etwa in der Art, wie
eine Stechfliege, die sich von dem Blute ihrer Mitgeschpfe nhrt und
dabei uerst wohl befindet. Allerdings war er nicht blutgieriger Art,
wenn er auch daheim ber seinem Schreibtische einen Cavallerie-Sbel und
eine Doppelflinte hangen hatte; aber er benutzte die beiden letzteren
so wenig wie den ersteren, und seine einzige sichtbare Beschftigung auf
der Welt war: seinen linken Arm auf den Rcken spazieren zu tragen und
Geschichten oder vielmehr Anekdoten ohne Pointe zu erzhlen. Von denen
stak er aber bis zum Rande voll, und man brauchte ihn nur anzutupfen,
so entlud sich schon das Eine oder Andere ber den nchsten, besten
Unglcklichen, ja, sie kamen sogar ohne Antupfen, er schwitzte
sie ordentlich aus, und konnte in dieser Eigenschaft, besonders
beschftigten Leuten, furchtbar werden. Dazu kam, da er sehr laut,
aber sehr langsam sprach -- er hatte immer Zeit--, und wo er einmal ein
Opfer fand, konnte man sich auch darauf verlassen, da er es festhielt
und zu wrdigen verstand. Leicht war er nie im Leben abzuschtteln.
Herr Rath wurde er ebenfalls in der ganzen Stadt genannt, und seine
Frau im natrlichen Weltlauf Frau Rthin, was sie den Dienstboten
gleich beim Anzuge selber sagte. Was fr ein Rath er aber sei, konnte
Niemand erfahren oder herausbekommen, und da der Mann das Interesse
auch wirklich nicht besonders in Anspruch nahm, so bemhte sich Niemand
deshalb. Herr Rath war auerdem krzer als Herr Frhbach.

Wie er nach Alburg kam, hatte er den Major, den er von Schwerin aus
kannte, wohl dann und wann gesprochen, aber selten aufgesucht. Dessen
Haus bot zu wenig Gensse, und er war in der Stadt noch nicht bekannt,
also auch nicht gefrchtet. Wie er sich aber erst einmal entwickelte,
einzelne Spaziergnger berfiel und sich an sie hing, ja, Leuten, die
ihm vertrauensvoll genaht, sogar auf's Zimmer rckte und ihnen so lange
Geschichten erzhlte, bis sie verzweiflungsvoll in Rock und Stiefeln
fuhren und einen wichtigen Ausgang vorschtzten, da fing es ihm an
schwerer zu werden, Opfer fr seine Anekdoten zu finden, und nun fiel
ihm der alte Major als passendes Lamm in die Hnde. Damit war denn auch
Beiden geholfen, denn der Major wollte nur erzhlen hren, was auch
immer, blieb sich gleich, ja er wute oft nicht einmal, von was
gesprochen wurde. Frhbach dagegen wnschte sich nur mitzutheilen, und
die alte Dame ging dann um Beide herum und seufzte oder machte drauen
der Liese Umschlge auf ihren Backen. Ein Topf mit Camillenthee kochte
wenigstens permanent das ganze Jahr und Winter und Sommer auf dem
huslichen Herde des Majors.

Ah, mein lieber Rath, sagte der Major, doch einigermaen enttuscht,
ja, wie soll's gehen -- wie es einem armen, kranken Menschen gehen
kann, dem der Tod schon im Nacken sitzt. Ich athme eben noch, das ist
etwa Alles, was ich von mir rhmen kann.

Bei Athmen, sagte der Rath, indem er seinen Stock und Hut, wie
gewohnt, in die Ecke stellte, fllt mir.... -- ach, ergebenster Diener,
Frau von Bleheim, freue mich, Sie so wohl zu sehen!

Wohl? Ach Du lieber Gott, ich kann die Glieder kaum fortschleppen!

Fllt mir eine komische Geschichte ein, fuhr der Rath fort, ohne auf
den Krankheitszustand der Dame weitere Rcksicht zu nehmen. Denken Sie,
ich sitze eines Abends noch spt an meinem Schreibtische und arbeite,
und meine Frau war schon zu Bett gegangen, denn sie ist kein Freund
vom langen Aufbleiben. Auf einmal, wie ich horche, um die Uhr drauen
schlagen zu hren -- wir haben eine Schwarzwlder Uhr, die immer auf dem
Gange hngt, weil es fr das Mdchen in der Kche bequem ist, wenn sie
sehen kann, welche Zeit es ist--, da athmete 'was im Zimmer, und zwar
lang und schwer. Nun sehen Sie, Herr Major, ich bin wahrhaftig
nicht ngstlicher Natur und habe ja auch immer meine Waffen ber dem
Schreibtisch hangen, wenn je einmal etwas vorfallen sollte, aber im
ersten Augenblicke lief mir's doch ordentlich kalt ber den Leib, und
mein erster Gedanke war: Da hat sich ein Kerl hereingeschlichen und
liegt unter dem Sopha. Ich nicht faul, meinen Sbel von der Wand und mit
der Lampe unter das Sopha geleuchtet; aber es lag nichts darunter. Ich
sehe mich im ganzen Zimmer um, und es war eigentlich nirgends mehr ein
Raum, wo sich ein Mensch htte verstecken knnen. Auf einmal hre ich
etwas klopfen, und zwar von meinem Schreibtische her, und wie ich mich
jetzt dorthin drehe, was ist da? Mein Hund, der verwnschte Jagdhund,
der sich hereingeschlichen haben mu, ohne da ich ihn bemerkte, und
der jetzt ganz vergngt, weil ich aufstand, mit dem Schwanze wedelte und
dabei gegen den Schreibtisch schlug.

Ja, sagte der Major, der indessen die ganze Zeit an den Staatsanwalt
gedacht hatte und ob der noch nicht kme, er wird wahrscheinlich noch
beschftigt gewesen sein.

Gott bewahre, versicherte der Rath, er hatte geschlafen und ich das
Athmen gehrt, und weil er unter dem Schreibtische lag, klang es so
curios, als ob es von dem Sopha herkme.

Wie geht es denn Ihrer Frau Gemahlin? sagte die gndige Frau.

Ah, ich danke Ihnen, Frau von Bleheim, recht gut! Es ist merkwrdig,
wie sich die Frau auf den Fen hlt, und immer thtig, immer auf dem
Zeuge, und doch den vielen Aerger dabei! Ich versichere Ihnen, mit den
Dienstboten ist gar nicht mehr auszukommen, wir haben nun in diesem Jahr
schon das fnfte Mdchen...

Da kommt er, sagte der Major, der indessen drauen einen Schritt
gehrt hatte. Gleich darauf klopfte es auch wieder, und auf sein rasches
Herein! trat der Staatsanwalt in's Zimmer.

Guten Morgen, Major, guten Morgen, gndige Frau! Ah, da ist ja auch der
Herr Rath Frhbach! Wie geht's, Rath?

O, ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, so ziemlich! Ich erzhle eben
der gndigen Frau...

Nun, lieber Major, Sie hatten mich rufen lassen, ich habe eben nicht
viel Zeit und noch einen Termin abzuhalten, den ich nicht gern versumen
mchte...

Wie es mir beinahe einmal gegangen ist, sagte der unverbesserliche
Rath Frhbach. Denken Sie, ich hatte in einer wichtigen Angelegenheit
-- es betraf das Vermgen einer Wittwe in Schwerin, deren Mann nach
Konstantinopel gegangen und an der Cholera gestorben war, und die Stadt
hatte die Sache zu besorgen -- einen Termin angesetzt bekommen, um elf
Uhr Morgens, und es verstand sich von selbst, da ich den einhalten
mute, wenn ich das Ganze auch nur aus Geflligkeit that. Ich ziehe mich
also an, und da es noch ein wenig frh war, schlendere ich langsam ber
die Promenade dem Rathhause zu. Unterwegs treffe ich aber den frheren
Minister von Bassefeld, einen alten Freund von mir, und ich bleibe
natrlich stehen; wir kommen in's Plaudern und erzhlen uns so einige
interessante Sachen aus frheren Zeiten. Wie ich aber noch so dastehe,
schlgt es ja wahrhaftig Elf, und ich hatte noch reichlich zehn Minuten
zu gehen. Ich sage Ihnen, so rasch bin ich in meinem ganzen Leben nicht
ausgeschritten! Der Minister lachte ordentlich, wie er mich fortlaufen
sah, aber ich kam doch noch eben zur rechten Zeit auf's Amt.

Witte hatte wie auf Kohlen gestanden und wiegte sich immer von einem Fu
auf den andern.

Knnten wir denn nicht vielleicht hinauf in eins der Zimmer oder in
den Garten gehen, sagte er jetzt, um unsere Sache abzumachen? Ich habe
nicht lange Zeit, Major....

Ach, Sie wollen etwas mit einander besprechen, sagte der Rath, ja,
dann will ich Sie lieber allein lassen. =A propos=, Herr Major, haben
Sie denn die Aepfelwein-Cur begonnen, die ich Ihnen das letzte Mal
anrieth? Sie glauben gar nicht, wie segensreich das auf die Eingeweide
wirkt. Ich fhle mich immer ungeheuer erleichtert danach und bin auch
berzeugt, da es eine Umwandlung im ganzen Blut hervorbringt....

Also was war es, Major? rief der Staatsanwalt, der ungeduldig wurde
und schon nach der Uhr sah. Ich mu wahrhaftig wieder fort, wenn Sie
nicht reden!

Rechtshndel, sagte Frhbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging,
mssen unter vier Augen abgemacht werden, und ein Dritter ist dabei das
fnfte Rad am Wagen. Also Adieu, lieber Herr Major -- leben Sie recht
wohl, Frau von Bleheim! Bald htt' ich auch noch vergessen, da ich
Sie von meiner Frau gren sollte, und wenn ich wiederkomme, bringe ich
Ihnen auch das Recept zu den Umschlgen mit; heute habe ich wirklich
nicht daran gedacht. Solche Recepte sollte man brigens immer bei sich
fhren, denn man wei nie, wie man Jemandem damit helfen kann. So ging
es mir einmal, da fuhr ich von Schwerin nach Wasmuhlen -- damals hatten
wir noch keine Eisenbahn -- (der Staatsanwalt lief, die Hnde auf dem
Rcken, im Zimmer auf und ab und sah nach der Decke hinauf), und in
Wasmuhlen, gleich im ersten Hause, wo ich abstieg, lag eine Frau, die
ich recht gut von frher her kannte, und hatte furchtbare Krmpfe, und
kein Arzt war aufzutreiben. Aber glcklicher Weise trug ich ein ganz
vortreffliches Recept fr solche Flle, das mir der berhmte Schnlein,
ein alter Jugendfreund von mir, einmal gegeben, bei mir in der
Brieftasche, ging gleich selber in die Apotheke, lie es zubereiten, und
die Krmpfe verloren sich. Aber die Herren haben zu thun -- also guten
Morgen allerseits! Wenn ich Zeit habe, komme ich vielleicht morgen
einmal wieder vor und sehe nach, wie es geht. Fangen Sie nur mit dem
Aepfelwein an, Major.

Herr Du mein Gott, rief der Staatsanwalt, als der Rath kaum die Thr
hinter sich zugedrckt hatte, ist das ein langweiliger Peter! Der
Mensch bringt Einen ja rein zur Verzweiflung! Ich begreife nicht, wie
Sie den, zu allen Ihren brigen Leiden, auch noch ertragen knnen,
Major!

Du lieber Gott, sagte dieser, es ist ein seelenguter Mensch, und
vertreibt mir manchmal eine Stunde die Zeit.

Schlgt sie todt, ja, nickte Witte; aber nun heraus mit der Sprache,
denn ich habe wirklich wenig Zeit.

Also vor allen Dingen, sagte der Major, haben Sie den Schlosser
Baumann gesprochen?

Ja, aber Ihre Nachricht, so weit es die Familie betrifft, war
vollkommen unbegrndet. Schlosser Baumann, auerdem ein anerkannt
rechtlicher Mann, der nie zu einer Schurkerei die Hand bieten wrde,
wohnt noch in dem nmlichen Hause, das er von seinem Vater ererbte,
und hat dort hinein vor etwa sechsundzwanzig Jahren geheirathet. In
derselben Kirche, in der er getraut wurde, sind auch seine smmtlichen
Kinder getauft; und ich habe selber das Kirchenbuch nachgesehen, und
Ihre Nachricht, die Sie mir gaben, ist vollkommen falsch. Seine ltesten
Kinder sind lauter Jungen, er hat nur ein einziges Mdchen von noch
nicht sieben Jahren. Der lteste Sohn ist Werkfhrer beim Mechanikus
Obrich, der zweite arbeitet mit dem Vater, der dritte ist bei einem
Tischler in der Lehre. Seine Kinder sind auerdem alle gesund und am
Leben geblieben, da also auch mit einem Todesfalle keine Schmuggelei
vorgefallen sein konnte. Wie kamen Sie berhaupt auf die Familie?

Weil die Heberger, die damalige Hebamme der Baronin Wendelsheim, die
Schwester von des Schlossers Frau ist, sagte der Major. Und wie ich
neulich zufllig hrte, da die Baumann ihr erstes Kind, ein Mdchen,
gleich wieder verloren htte, war doch nichts natrlicher, als nach
dieser Richtung hin Verdacht zu fassen.

Es ist aber, wie ich Ihnen sage, nicht wahr, denn ich habe mich selber
berzeugt. Ein blankes altes Weibergeschwtz, mit dem Sie keinen Hund
hinter dem Ofen vorlocken. Sie sind nun einmal auf die Ihnen entgangenen
fnfzigtausend Thaler verbissen und knnen die fixe Idee nicht los
werden, da bei der Geburt des Erben irgend eine Tuschung stattgefunden
haben msse. Aber so lange Sie dafr weiter nichts beibringen knnen,
als Ihre eigene Ueberzeugung, hilft Ihnen das gar nichts. Beweise mssen
wir haben, kalte, trockene Beweise, keine hitzkpfigen Verdchtigungen,
sonst will ich wenigstens mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.

Der Major hatte, beide geballte Hnde auf der Lehne seines Stuhles
liegend, still und verbissen zugehrt, und Witte in der That Recht, denn
der Major war eben jener, damals junge und etwas lockere Officier von
Halsen, der, im Falle der Baron von Wendelsheim ohne mnnlichen Erben
blieb, fnfzigtausend Thaler von der Erbschaft auf seinen Antheil
bekommen haben wrde, wobei sich natrlich denken lie, da er, mit
einem solchen einmal gefaten Verdacht, Alles aufbieten werde, um
sein Ziel zu erreichen. Er war auch in der That die langen, dazwischen
liegenden Jahre nicht mssig gewesen und bald auf dieser, bald auf
jener Fhrte laut geworden, aber immer ohne Resultat, bis er es
endlich aufgab. Nur das Heranrcken des entscheidenden Zeitpunktes, der
vierundzwanzigste Geburtstag des jungen Erben, rttelte ihn noch einmal
aus seiner Lethargie auf, um einen letzten, verzweifelten Versuch zu
machen, um dem alten Baron, den er rger als die Snde hate, den fetten
Bissen vor dem Munde wegzuschnappen.

Beweise, Beweise, knurrte er vor sich hin; wenn ich nur das verdammte
Wort gar nicht mehr hren mte. Aber Sie sollen auch Beweise haben, und
deshalb gerade lie ich Sie heute zu mir rufen.

Da wr' ich begierig, sagte Witte.

Wir haben, berichtete der Major, vor etwa sechs Monaten ein
Hausmdchen angenommen, mit dem wir die ganze Zeit sehr zufrieden waren.
Sie that ruhig und unverdrossen ihre Arbeit, und wir bekmmerten uns
auch gar nicht darum, wo sie frher in Dienst gestanden. Heute Morgen
nun wischt sie im Zimmer ab, und da mich die Langeweile plagte....

Aber das brauch' ich ja Alles nicht zu wissen!

Lassen Sie mich doch nur ausreden -- knpfe ich also ein Gesprch
mit ihr an und erfahre dabei, da sie, bald nach der Vermhlung des
Freiherrn von Wendelsheim, als Kammermdchen in Diensten der gndigen
Frau gestanden und drei Jahre bei ihr gewesen sei, also auch in der Zeit
ihrer ersten Niederkunft....

Hm, und weiter?

Nachher wurde sie schlecht behandelt -- sie behauptet, die gndige Frau
wre eiferschtig auf sie gewesen und habe sie pltzlich fortgeschickt.
Es mu jedenfalls etwas vorgefallen sein, denn sie spricht nur in den
bittersten Ausdrcken von allen Beiden und behauptet dabei, in jener
Nacht sei nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen.

Aber ich will gar nicht wissen, was sie behauptet. Welche _Beweise_
bringt sie dafr? Das Geschwtz haben wir schon seit vierundzwanzig
Jahren gehabt, und es konnte nachher doch Niemand auftreten und sagen:
ich wei etwas; es hie nur immer: ich vermuthe.

Ich fragte natrlich weiter, fuhr der Major fort, und sie erzhlte,
da an dem nmlichen Abend mit der Hebamme Heberger ein Mann, der etwas
unter dem Arm getragen habe, nicht vorn herein, sondern durch den Park
gekommen sei und sich dort aufgehalten habe; ja, der Grtner wollte
sogar gehrt haben, da es ein kleines Kind gewesen sei, denn es htte
geschrieen.

Und kann er das beschwren? fragte Witte. Und wenn er es selbst
beschwren knnte, was hlfe es? Aber weiter! Was sonst noch?

Da lief pltzlich der Ruf durch's Schlo, die gndige Frau habe einen
Knaben bekommen; der Freiherr kam selber heraus auf die Treppe und
schrie es den Leuten jubelnd zu, und dann wurde Hurrah geschrieen, und
Wendelsheim vertheilte Wein unter die Leute...

Und ist das Alles?

Aber die Heberger soll selber in der Zeit auf der dunkeln Treppe
gewesen sein, so behauptet die Frau wenigstens.

Ich will Ihnen etwas sagen, Major, rief der Staatsanwalt, ich werde
aus Ihrer ganzen Erzhlung nicht klug, denn Sie mengen alte Geschichten
und neu Erfahrenes bunt durch einander! Wir knnen die Sache deshalb
vereinfachen. Wo ist die Person?

Drauen in der Kche.

Rufen Sie sie herein.

Sie wird aber nicht in Ihrer Gegenwart reden wollen....

Und weshalb nicht? Sie braucht oder soll gar nichts weiter sagen,
als was sie selber gehrt und gesehen hat; ich will auch nichts weiter
wissen und kann nichts Anderes gebrauchen. Lassen Sie die Person nur
einmal hereinkommen.

Der Major griff nach der neben seinem Stuhl hangenden Klingel und zog
daran, und gleich darauf steckte die bezeichnete Frau den Kopf in die
Thr und fragte, was sie solle.

Kommen Sie einmal her, Frau Meier, sagte der Major.

Aber ich kann ja nicht, ich sehe so schrecklich aus!

Macht nichts, lachte der Staatsanwalt, wir sind alle Zwei ein paar
alte Knaben und haben unsere Herzen schon lange, der Eine verloren, der
Andere eingetrocknet. Wir wollen Sie nur bitten, uns ein paar Fragen zu
beantworten.

Fragen beantworten? wiederholte die Frau mitrauisch, indem sie, in's
Zimmer tretend, sich noch die Hnde an ihrer Schrze abtrocknete.

Sie haben frher bei der Frau Baronin Wendelsheim in Dienst gestanden,
wie?

Ja, nickte die Frau; das hab' ich ja schon dem Herrn Major erzhlt.

Schn. Sie waren also auch dort, wie der erste Knabe geboren wurde,
wie?

War ich auch. Aber weshalb?

Liebe Frau, sagte der Staatsanwalt ruhig, es handelt sich hier
nur darum, von Ihnen die Besttigung oder Nichtbesttigung eines alt
gefaten Verdachts zu bekommen. Sie selber haben natrlich gar nichts
damit zu thun, und es ist nur die Frage, ob Sie vielleicht irgend ein
Interesse dabei htten, etwas zu verschweigen, was mit jener Sache in
Verbindung steht.

Ich, sagte die Frau halb beleidigt, was sollte _ich_ fr ein
Interesse dabei haben? Ich bin mir nichts Schlechtes bewut und kann
jedem Menschen frei und offen in die Augen sehen.

Wollen Sie mir also das genau erzhlen, was Sie heute Morgen dem Herrn
Major erzhlt haben?

Die Frau zgerte. Was geht's mich an? sagte sie endlich. Was
Einen nicht juckt, soll man nicht kratzen. _Ich_ will mit der ganzen
Gesellschaft nichts weiter zu thun haben.

Das sollen Sie auch nicht, liebe Frau, sagte der Staatsanwalt ruhig;
aber wissen Sie, wer ein geschehenes Unrecht verheimlicht, nimmt
indirect selber Theil daran, er mag sonst noch so unschuldig sein.

Aber ich wei von keinem Unrecht, sagte die Frau; ich habe nur
erzhlt, was ich an dem Abend gesehen, und -- htte auch vielleicht mein
Maul besser gehalten. Ueber die Geschichte ist Gras gewachsen, und Todte
knnen doch nicht wieder lebendig werden.

Todte? fragte der Staatsanwalt, indem er sie scharf dabei ansah.

Nun, ich wei nicht, wie's damals gewesen ist, sagte die Frau,
vielleicht selber unwillig darber, da sie schon so viel gesprochen.
Dem Herrn Major hab' ich's aber einmal erzhlt, und wenn Sie's auch
wissen wollen, weshalb fragen Sie denn nicht den darum?

Da haben Sie recht, lenkte der Staatsanwalt ein, und die Hauptsache
wei ich ja nun doch; es war mir nur nicht glaublich, da der Freiherr
selber in der Nacht sein Kind htte forttragen knnen.

Das hab' ich auch nicht gesagt, Herr Major, rief die Frau rasch,
keine Silbe davon! Wie das Kind aber geboren war, lie die Heberger
damals die Wartefrau, eine Verwandte von ihr, mit der sie dicke
durchsteckte, oben allein bei der Wchnerin und der Tante und ging
in den Hof hinunter, so viel ist sicher, denn das habe ich mit meinen
eigenen Augen gesehen. Sie trug auch etwas unter dem Mantel und kam
ebenso zurck, und wir Alle haben viel darber gesprochen, denn so eine
Frau gehrt in der Zeit in das Wochenzimmer und nicht in den Hof. Die
Leute im Hause meinten auch damals, es sei gar kein Knabe gewesen,
sondern ein Mdchen, und der Herr Baron htte es nur so verkndet; aber
nachher stellte es sich doch heraus, da es ein prchtiger Junge war,
der ja auch gut gediehen und gro und stark geworden ist. Das wr'
Alles, was ich darber sagen knnte.

Und wer war der Mann, der damals mit jener Frau in den Park kam?

Und woher sollt' ich das wissen? sagte die Frau. Ich habe ihn gar
nicht einmal gesehen, und das Volk im Hause, oder vielmehr der Grtner,
meinte freilich, es wre der Schuster Heberger, der Heberger ihr Mann,
gewesen; aber wer kann's sagen! Dunkel war's ebenfalls und regnete die
ganze Nacht hindurch, und nachher kmmerte sich auch weiter Niemand
um ihn, denn in dem Regengu mochte natrlich Keiner mehr in den Park
gehen, da noch dazu unten in der Gesindestube eine Flasche Wein neben
der andern stand.

Das ist erklrlich, nickte der Staatsanwalt leise vor sich hin, und
kommt auch wohl eigentlich nichts darauf an, aber Sie meinten vorher,
Frau Meier, da Todte nicht wieder lebendig werden knnten. Was wollten
Sie eigentlich damit sagen?

Von Todten habe ich nichts gesprochen, sagte die Frau zurckhaltend.

Doch, Frau Meier, nickte der Staatsanwalt; aber es ist zu leicht
denkbar, da in einer so aufgeregten Zeit Manches von den Leuten nur so
obenhin gesprochen und vermuthet wird, ohne da irgend ein fester Beweis
dafr zu Grunde liegt. Wahrscheinlich bezieht sich das, was Sie sagten,
auch nur auf derartige Vermuthungen. Erinnern Sie sich vielleicht noch
einiger der damals gehenden Gerchte? Lieber Gott, setzte er hinzu,
als er sah, da die Frau noch unschlssig schwieg, es ist seitdem eine
lange Zeit vergangen und viel Wasser den Berg hinabgelaufen; es wre
kein Wunder, wenn Sie es vergessen htten, und kommt auch eigentlich
nichts darauf an, aber einen Grund mssen die Leute doch damals fr ihre
Behauptung gehabt haben.

Fr welche denn? sagte die Frau, die dem Gedankengang nicht folgen
konnte.

Nun dafr, meinte Witte ruhig da sie glaubten, der Mann, der das
Kind umgetauscht, habe das ihm berlieferte, also wahrscheinlich ein
Mdchen, umgebracht.

Die Frau sah ihn bestrzt an. Hatte sie denn das selber schon gesagt,
oder war das dem Manne mit der hohen, kahlen Stirn und den weien Haaren
selber so vorgekommen.

Ich wei es nicht, sagte sie endlich, durch das viele Fragen ganz
verwirrt gemacht, die Leute reden viel. Gesprochen wurde allerdings
davon, die damalige Wirthschafterin hatte ein bses Mundwerk und sagte
immer mehr, als sie verantworten konnte.

Und die meinte es auch?

Ganz hnlich so wenigstens, nickte die Frau; aber ich habe von Anfang
an dagegen gesprochen und glaub's auch nicht bis auf den heutigen Tag,
denn dazu kann eine Mutter nicht ihr Kind hergeben und ein anderes
annehmen und so lieb haben, wie die gndige Frau den Jungen gehabt hat.
Sie kte ihn nur immer in Einem fort und lie ihn gar nicht aus den
Augen, so lange sie ihn nur eben hten konnte, und der Baron selber
wute nicht vor lauter Freude, was er angeben sollte. Der freilich htte
sich auch nichts Besseres wnschen knnen; denn da er mit dem Knaben
eine groe Erbschaft machte, war ja schon damals berall bekannt.

Die Frau war in Zug gekommen, und Witte htete sich wohl, sie darin zu
stren. Nur erst als sie schwieg, sagte er, aber auch mehr zum Major
gewandt, als zu ihr:

Ganz richtig ist die Sache keineswegs gewesen, davon bin ich ebenfalls
berzeugt, aber die Frau Meier hat ganz recht; es ist Gras darber
gewachsen, und Alles, was sie uns da erzhlt hat, weiter nichts, als was
sich ein paar Monate nach der Entbindung eben die ganze Stadt heimlich
erzhlte, ohne irgend etwas beweisen zu knnen. Nur noch Eins, Frau
Meier. Sie erwhnten vorhin einer Wartefrau, die allein bei dem Kinde
geblieben, als die Frau Heberger fortging. Lebt die noch und wo ist
sie?

Ja, Du lieber Gott, sagte die Frau, wer wei das! Eine Zeit lang
war sie noch in der Gegend, nachher ging sie fort und, wie es allgemein
hie, nach Amerika, und spter soll sie sogar dort gestorben sein; die
Heberger erzhlte es wenigstens so in der Stadt. Sie hatte einen Vetter
in Amerika, und von dem wollte sie einen Brief erhalten haben.

Genau so, wie ich mir dachte, nickte der Staatsanwalt. Alles, was
irgend eine positive Aussage machen knnte, fehlt, und was uns bleibt,
sind nichts als wilde Gerchte und Vermuthungen; denn da die Frau
Heberger selber irgend welche Auskunft geben wrde, ist doch wohl nicht
denkbar.

Die? rief die Frau Meier. Die schlechte Person, die -- eher bisse die
sich die Zunge ab, ehe sie aus der Schule schwatzte! Und die wei
auch wohl, warum, denn umsonst trgt sie nicht an Sonn- und Feiertagen
seidene Kleider und echte Spitzen daran und einen Hut mit groen Federn
auf, damit sie ja nicht so aussieht wie Unsereins! Die ist mit allen
Hunden gehetzt, und ihr Mann auch, der alte Heuchler...

Na, Frau Meier, sagte der Major, der wohl einsah, da sie jetzt
Alles erzhlt hatte, was sie wute, dann gehen Sie nur wieder an Ihre
Arbeit; und als die Frau sich zurckzog, rief er triumphirend den
Staatsanwalt an: Na, was sagen Sie nun? Sind das keine Beweise? -- Er
schien auch seinen sonst so trostlosen Krankheitszustand rein vergessen
zu haben, denn whrend der ganzen Zeit hatte er nicht ein einziges Mal
gechzt oder gesthnt, sondern mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den
Worten der Frau gelauscht.

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ein paarmal im Zimmer auf und
ab gegangen. Jetzt sagte er kopfschttelnd: Beweise? Nicht die blasse
Spur. Dem alten Freiherrn traute ich allerdings eine solche Handlung
schon zu, und schlimmere Dinge sind wirklich vorgefallen; aber die Frau
hat auf der Gotteswelt nichts weiter gethan, als die alten Gerchte,
die damals Jahre lang wiedergekaut wurden, besttigt. Neues ist nichts
darin, als da die Wartefrau in dem Wochenzimmer, whrend die Heberger
hinausging, allein zurckgeblieben, und htten wir die Frau hier und
knnten sie zum Reden bringen, so mchten wir allerdings Genaueres
erfahren. Wenn sie aber todt oder nur nach Amerika ausgewandert ist, so
hilft uns das Alles nichts und wir sind so klug als vorher.

Wenn aber nun jener Mensch das kleine, neugeborene Mdchen wirklich
umgebracht htte?

So wre das allerdings ein scheuliches Verbrechen, sagte der
Staatsanwalt, ist aber gar nicht denkbar, denn irgendwo htte dann in
damaliger Zeit ein Kind gefehlt, und man wrde davon gesprochen und es
in jener Aufregung und dem allgemeinen Verdacht gegen den Baron gewi
mit dieser Sache in Verbindung gebracht haben. Nein; hat jene alte Frau
Heberger wirklich zu einem Verbrechen oder einer Betrgerei die Hand
geboten, so ist das Alles so schlau und geschickt angefangen, da nicht
einmal auf frischer That ein Beweis gefhrt werden konnte, wie viel
weniger denn jetzt, nach beinahe vierundzwanzig Jahren.

Und dann erbt also in den nchsten Wochen der Lieutenant das ganze
riesige Vermgen, und wir Anderen sind geleimt.

Allerdings, wenn er an dem Tage noch lebt, und gesund und krftig genug
sieht er dazu aus. Jetzt bitte ich Sie aber, Major, da Sie mich mit der
Sache ungeschoren lassen, denn Sie haben mich schon drei- oder viermal
darin vergebens auf den Trab gebracht.

Aber es ist doch Sache des Staates, einem solchen Verbrechen
nachzuforschen! rief der Major gereizt.

Jawohl, sagte Witte, wenn wir selber die Mglichkeit einer
Beweisfhrung einsehen oder irgend ein gegrndeter Verdacht vorliegt,
gewi; doch auf altes Weibergeklatsch, auf Hrensagen und blinde
Gerchte hin, nachdem beinahe ein Menschenalter verflossen ist, trete
ich nicht mit einer solchen Klage vor die Gerichte. Also gute Besserung,
Major! Und mit diesen Worten griff er wieder Hut und Stock auf und
verlie das Haus.




5.

Beim Schlosser Baumann.


Beim Schlosser Baumann wurde das Abendbrot auf den Tisch gestellt:
Kartoffeln in der Schale, krftiges Schwarzbrot, Butter, Kse und ein
Krug Bier dazu, denn Baumann arbeitete allerdings ganz tchtig und war
ein geschickter Mann, lie sich jedoch nichts abgehen und hielt etwas
auf seinen inneren Menschen. Aber er duldete auch nicht, da die Leute
schlechteres Essen bekamen, als er selber. Er verlangte ordentliche
Arbeit von ihnen, und wahrhaftig kein Feiern dabei, denn wie er selber
zugriff, muten auch die Anderen mit angreifen. Doch ordentliche Nahrung
sollten sie dazu in die Knochen haben, und dann hielten sie es auch mit
Vergngen aus und schlugen in der Schmiede nicht zu, als ob sie Nsse
knacken wollten.

Nur auf seinen ueren Menschen gab er nichts. Sonntags allerdings, wenn
er einmal mit der Frau ausging, zog er seinen langen, blauen Rock an und
band sich eine etwas unbequeme, hohe Cravatte um; in der Woche aber ging
er in Hemdsrmeln und mit dem Schurzfell und dazu ein schwarzes, kleines
Kppchen auf; ja, selbst wenn er Arbeit in der Stadt hatte und ausgehen
mute, wechselte er das nicht, wie auch die Frau dagegen redete. Es
schickte sich nicht fr einen Meister, sagte sie, da er wie ein Gesell
umherlief, und er solle doch etwas mehr auf seine Reputation sehen.
Aber Meister Baumann lachte dann nur immer und meinte: er she in seinem
Schurzfell ein ganz Theil besser und anstndiger aus, als sie selber mit
ihrer aufgedunsenen Crinoline, mit der sie dem Ambos nicht einmal mehr
drfe zu nahe kommen. Und dabei blieb es, denn Baumann, so seelensgut er
sonst sein mochte, hatte einen entsetzlichen Dickkopf in manchen Dingen,
und auch gerade nicht ganz Unrecht mit der Crinoline, die er seiner Frau
vorwarf.

Seine Frau war wirklich herzensgut und sorgte fr ihren Mann und ihre
Kinder, wie nur eine Mutter sorgen kann, und besonders an dem Jngsten,
einem Mdchen von sieben Jahren, hing sie mit unsagbarer Liebe; aber
sie besa einen Fehler: sie war ein wenig eitel, und zwar nicht mehr auf
ihre Schnheit, so hbsch sie auch vielleicht in frheren Jahren gewesen
sein mochte, aber auf ihr Aeueres, auf ihre Stellung im Leben, und
das Gefhl geht freilich durch alle Schichten der Gesellschaft, von hoch
herunter bis zum Niedrigsten. Meister Baumann versuchte nun allerdings
zuweilen, ihr den Dnkel, wie er es nannte, auszutreiben, und
argumentirte dann ganz einfach, da sie nichts als schlichte Handwerker
wren, die keinen Anspruch machten und an die kein Anspruch gemacht
wrde; aber darin gab sie ihm nie Recht. Er, ihr Mann, sei, wie
sie behauptete, ein geachteter Brger der Stadt, wenn auch nur ein
Handwerker, der sich sein Brot mit seiner Hnde Arbeit verdiene:
aber deshalb gerade knne sie nicht wie eine Tagelhnersfrau in einer
schlampigen Fahne umherlaufen, und wenn dem Tischler Behrens seine
Frau und dem Bcker Gluck seine in groen Crinolinen einherstolzirten,
so mchte sie einmal das Gesicht sehen, mit dem die sie angucken wrden,
wenn sie nur so zwischen ihnen herum liefe.

Baumann lachte bei solchen Argumenten, und die Sache war abgethan. Nur
wie sie einmal den Versuch machte, eine Schleppe zuzulegen, curirte
er sie grndlich gleich von vorn herein. Er sagte nmlich kein Wort
darber; wie aber Abends, nach einem stolz verlebten Sonntag-Nachmittag,
das Kleid im Schrank hing, nahm er eine Scheere, ging hin und schnitt
heimlich hinten alles Ueberflssige herunter. Gesprochen wurde auch
darber gar nichts. Die Frau fand das etwas arg zugerichtete Kleid --
denn Baumann war nichts weniger als ein Damenschneider--, reparirte es
wieder, so gut es gehen wollte, und gab dann jeden weiteren Versuch in
dieser Richtung auf.

Diese Eitelkeit hatte aber auch ihre guten Seiten, denn sie warf sich
auf die Erziehung der Kinder, fr die sie Alles anstrengte. Ein paar
Jahre nach ihrer Verheirathung hatte sie eine kleine Erbschaft gemacht,
und wie der Erstgeborene heranwuchs, wollte sie absolut, da er studiren
und ein gelehrter Mann werden solle. Dagegen aber legte Meister Baumann
entschieden Protest ein; denn wenn das Kind auch in den ersten Jahren
etwas krnkelte, entwickelte es sich doch spter vortrefflich, und der
Vater behauptete, da sein Sohn nichts Anderes werden drfe, als was der
Vater gewesen: ein ehrlicher und tchtiger Schlosser auch. Das bahne ihm
dann den Weg weiter, und habe der Junge Talent und Geschick, so knne
er es schon noch zu Allerlei bringen, denn das Schlosserhandwerk sei
in jetziger Zeit der Anfang zu allen mglichen ehrenvollen Laufbahnen
geworden.

Fritz, wie der Knabe getauft worden, trat denn auch bei ihm selber in
die Lehre, und der Erfolg bewies, da der Vater recht gehabt. Er zeigte
sich bald so auerordentlich fleiig und geschickt, da ihn der alte
Schlossermeister selber nach drei Jahren dem Mechanikus Obrich berlie,
um etwas Tchtiges aus ihm heranzubilden.

Der zweite Sohn, ein derber, prchtiger Junge, wurde ebenfalls
Schlosser, und der dritte, da er mehr Neigung zu Holzarbeiten verrieth,
kam zu einem Tischler in die Lehre. Mit dem Studiren, wie es die Frau
immer gehofft, war es also nichts, und die Knaben befanden sich auch
alle drei bei dem gewhlten Beruf vortrefflich.

Sag' einmal, Alte, begann der Meister, whrend er mit seiner Frau,
den Gesellen und einem Lehrling am Tisch sa und eben eine etwas heie
Kartoffel schlte -- Fritz war gleichfalls herber gekommen, hatte aber
schon gegessen und sich nur ein Glas Bier eingeschenkt, was es drben
nicht gab -- kennst Du denn den Staatsanwalt Witte oder seine Familie
nher?

Nher? sagte die Frau kopfschttelnd. Woher soll ich die Leute nher
kennen? Die Kinder haben frher oft mitsammen gespielt; ich bin aber nie
zu ihnen in's Haus gekommen. Weshalb denn?

O, ich meinte nur, sagte der Meister, whrend Fritz, ohne jede
scheinbare Veranlassung, ordentlich roth wurde und fast wie verlegen
aussah. Aber wie ich heute drben war, denn er lie mich eines
Schlssels zu seinem Schreibtisch wegen rufen, fragte er mich so
angelegentlich nach Euch Allen, und wie viel Kinder wir htten, und ob
es Jungens oder Mdchens wren, und ob uns keines gestorben sei, und
wie lange wir verheirathet seien, kurz, tausenderlei, was ihm doch
eigentlich verwnscht gleichgltig sein knnte.

_Ich_ kenne die Leute, Vater, sagte jetzt Fritz, indem er zugleich das
Bier an die Lippen hob; ich komme manchmal hinber, wenn wir etwas fr
den Staatsanwalt zu thun haben.

_Du_ kommst hinber? sagte der Vater erstaunt. Wozu?

Nun, wenn irgend eine gemachte Arbeit abgeliefert wird.

Na, das hat bei Euch der Werkfhrer zu thun? Bei uns thut's der Junge.

O, meinte Fritz, doch jetzt etwas verlegen, wenn einmal irgend etwas
sehr Zerbrechliches vorkommt, was man dem Jungen nicht gut anvertrauen
kann. Er ist gar so zerstreut.

So? sagte der Vater und nickte still lchelnd vor sich hin; ei, wie
besorgt der Fritz ist. Das junge hbsche Mdchen drben hast Du wohl
noch gar nicht einmal gesehen?

O doch, Vater, sagte Fritz rasch, und der Alte lachte.

Ja, kann ich mir denken; aber da la die Finger von, mein Junge. Das
ist nichts fr Unsereinen, und ein ehrlicher Handwerker soll sich auch
nicht einmal der Gefahr aussetzen, von dem vornehmen Volk abgewiesen zu
werden.

Aber wie Du nur gleich wieder bist, Vater, sagte die Frau; Fritz
ist ein ganz schmucker Bursche, und wer wei denn, ob sich der Herr
Staatsanwalt nicht gerade deshalb so genau bei Dir nach uns erkundigt
hat. Lieber Gott, er ist doch auch kein Prinz und sie keine Prinzessin.

Ne, Alte, da hast Du recht, sagte der Schlosser; aber Gleich und
Gleich gesellt sich doch immer besser, und ich denke, der Alte hat
sich da auch schon sein Part ausgesucht -- oder vielmehr das junge Blut
selber. Wie ich gerade hinber ging und anklopfen wollte, kam ein Herr
Lieutenant, der junge Baron Wendelsheim, aus der Stube, wo er den Damen
jedenfalls einen Besuch gemacht hatte, denn der Staatsanwalt war in
seinem Breau; und wie er Adjes sagte, kte er der Mamsell nicht allein
auf das zrtlichste die Hand, sondern sie wurde dabei auch ber und ber
roth und dachte gar nicht daran, sie wieder fortzuziehen, bis ich ihnen
wohl ein bischen in die Quere und nicht besonders gelegen kam.

Der junge Herr Baron von Wendelsheim? sagte die Frau und ihr Blick
flog wie forschend nach Fritz hinber.

Na, der Alte kt keinen hbschen jungen Mdchen mehr die Hand, lachte
der Schlossermeister, oder sie wrden sich wenigstens nicht besonders
viel daraus machen. Es war der zierige Lieutenant, der immer den --
Rcken so dreht, wenn er geht, wie ein coquettes Frauenzimmer -- wir
haben so ein eigenes Sprichwort dafr. Ich wei nicht, mein Geschmack
wr's nicht. Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch hat schon manchem
sonst vernnftigen Mdel den Kopf verdreht und Unheil angerichtet. Wei
der Himmel, wo's drin steckt; ich kann's nicht begreifen.

Nun, der Herr von Wendelsheim, sagte die Mutter, ist doch gewi ein
ganz sauberer, hbscher Mensch, und so vornehm sieht er immer aus!

Hbscher Mensch! lachte der alte Baumann; er sieht genau so aus, wie
unser Karl da, mit derselben aufgestlpten Nase -- nur dmmer; und die
Haare hat er sich bis hinten in die Halsbinde hinunter gescheitelt
-- weiter kann man's nicht sehen. Uebrigens wr' er eine ganz famose
Partie, das ist richtig, denn er mu ja nchstens die groe Erbschaft
heben; da giebt's nachher Geld wie Heu, und das knnen alle Menschen
gebrauchen, auch die Advocaten.

Und der machte bei Wittes Besuch? fragte die Frau.

Nun natrlich, und weshalb sollte er auch nicht? Ein Lieutenant hat
ja doch auf der Gotteswelt nichts weiter zu thun, und mit etwas mu der
liebe lange Tag todtgeschlagen werden.

Aber er war doch heute in Wendelsheim drauen, sagte Fritz.

Nun, das war etwa um zwlf Uhr, vielleicht wie er zurckkam. Aber woher
weit Du das?

Ich war selber drauen.

Du, in Wendelsheim? fragte die Mutter rasch und erstaunt. Was hattest
Du denn da zu thun?

O, ich bin oft drauen, sagte Fritz, bei dem kranken jungen Baron.
Heute brachte ich ihm eine Maschine hinaus, die wir zusammengestellt
hatten. Das ist ein liebenswrdiger junger Herr, aber nur leider immer
so krank und schwchlich. Ich frchte, ich frchte, er macht's nicht
lange mehr, was mir recht leid um ihn thun sollte.

Es ist doch eigenthmlich, sagte die Frau, da da weiter gar keine
Kinder sind. Wenn der nun auch noch stirbt, so erbt der Aelteste Alles.

Nun, und was hast Du darber zu seufzen? lachte ihr Mann. Und der
Herr Lieutenant wird ebenfalls nicht bse darber sein und schon wissen,
wohin er mit dem Gelde soll. Der bringt's bald unter die Leute, darauf
kannst Du Dich verlassen, denn Schulden hat er schon jetzt in der Stadt
wie Sand am Meere -- beinahe mehr noch, als sein Vater.

Gelobt sei Jesus Christus! sagte in diesem Augenblicke eine etwas
scharfe Stimme in der Thr.

Hol' Dich der Teufel! beantwortete Meister Baumann etwas rauh und
lsterlich den frommen Gru.

Aber Baumann, sagte die Frau, whrend der Schuhmacher Heberger,
ein kleines, schwarzes Buch unter dem Arm, und nicht im mindesten
zurckgeschreckt, das Zimmer betrat -- schmst Du Dich denn gar nicht?
Vor den Kindern und dem Lehrlinge solltest Du Dich doch wenigstens
geniren!

Ach was, sagte Baumann rgerlich, indem er sich das schwarze Kppchen
auf's eine Ohr schob: Dein Schwager soll auch die albernen Faxen
lassen, denn er mte doch nun nachgerade wissen, da er bei mir damit
an den Unrechten kommt!

Du bist und bleibst ein Heide, Bruder Baumann, sagte der Schuhmacher,
indem er nher zum Tisch trat und in den Bierkrug sah -- er war aber
geleert. Ein gutes Wort sollte auch eine gute Statt finden, und ich
thue keinem Menschen damit weh.

Nicht weh? sagte Baumann mrrisch. Sand willst Du den Leuten damit in
die Augen streuen, Du alter Heuchler Du, weiter nichts, denn im Herzen
bist Du ein so durchtriebener Strick, wie's nur einen auf der Welt
giebt! Und woher kommst Du jetzt?

Aus der Kirche, erwiederte Heberger ruhig.

Aus der Kirche? Am Werkeltag?

Aus der Abendstunde, die unser Herr Pastor hielt -- o, es war sehr
schn!

Und weshalb bist Du nicht dort geblieben? lachte Baumann, der den
kleinen Schuster kopfschttelnd betrachtete. -- Er sah auch in der That
komisch genug aus, denn er trug schwarze, ganz abgeschabte und an den
Knieen ordentlich glnzende Hosen, einen eben solchen, aber etwas zu
engen, besonders in den Aermeln zu kurzen Frack, eine weie Halsbinde
und Weste und einen wahrhaft monstrsen Seidenhut mit fuchsigem Deckel.
Die Kinder auf der Strae liefen ihm auch gewhnlich nach, und wenn er
dann stehen blieb und ihnen einen grimmigen Blick zuschleuderte, htte
man sich keine schnere Caricatur eines Menschen auf der Welt denken
knnen. -- Junge, Junge, wie Du so da stehst, knnte man Dich, bei
Gott, fr Geld sehen lassen -- es wr' der Mhe werth!

Bruder Baumann, sagte der Schuster mit Wrde, Du redest wie Du es
eben verstehst. Wenn ich in ein Gotteshaus gehe, mu ich mich auch
anstndig constimiren....

Und das nennst Du anstndig....?

Und kann nicht einhergehen, als ob ich zu Bier ginge, fuhr der
Schuhmacher unbekmmert fort.

Und was willst Du? sagte Baumann trocken.

Nichts von Dir, entgegnete Heberger mit scharfem Ton; nur meiner
Schwgerin Guten Abend sagen und dann den Staub wieder von meinen Fen
schtteln.

Na, dann schttele, lachte Baumann; je eher, desto lieber.

Aber Gottfried! bat die Frau.

Ach was, rief der Schlosser rgerlich, er soll sich betragen wie ein
anderer vernnftiger Mensch, nachher wird er auch so behandelt; aber die
Firlefanzereien duld' ich nicht in meinem Hause und will nichts davon
wissen!

Die Meisterin war praktischer Natur. Sie hatte dem Lehrjungen schon
ein Zweigroschenstck in die Hand gedrckt und mit dem Auge nach dem
Bierkrug hinber gewinkt, und der fuhr auch, ohne da der Meister auf
ihn Acht hatte, damit zur Thr hinaus.

Na, Onkel Heberger, sagte da Karl, dem es selber leid that, den
kleinen Mann so rauh behandelt zu sehen, so legen Sie doch wenigstens
ab und nehmen Sie sich einen Stuhl. Wie geht's zu Hause? Ist die Tante
wohl?

Danke, mein Sohn, sagte der Schuhmacher, indem er der Einladung Folge
leistete -- denn das Verschwinden des Bierkruges war nicht unbeachtet
von ihm geblieben -- leidlich wenigstens; sie hat aber heute wieder
ber Land gemut, um ein paar Patienten in Wendelsheim zu besuchen,
leider jedoch keine guten Nachrichten von dort mitgebracht.

Von Wendelsheim? rief Fritz schnell. Doch nicht vom Schlosse?

Ja, allerdings, nickte der Schuhmacher mit einem wehmthigen Blick
nach oben. Des Herrn Hand ruht schwer auf dem stolzen Baron; sein
zweiter Sohn, der Benno....

Es ist ihm doch nichts geschehen?

Er hat heute Morgen einen furchtbaren Blutsturz bekommen und liegt am
Tode.

O, Du groer, allmchtiger Gott! rief Fritz erschreckt aus. Aber
das ist ja gar nicht mglich. Ich bin selber noch heute Morgen bei
ihm gewesen, und als ich fortging, hrte ich noch, wie er sich laut
unterhielt und frhlich lachte.

Ganz richtig, sagte der Schuhmacher; nach dem Deschuneh war er in
den Garten spazieren gegangen, und da hat's ihm arrivirt. Er ist ja
auch elend von seiner Geburt an gewesen; seine ganze Constitution ist
corrumfhrt. Kurz und gut, er bekam pltzlich einen Blutsturz, und als
meine Frau, die unten zufllig im Dorfe war und davon hrte, hinauf
eilte, waren ihm schon die ganzen Extermitten kalt.

Ach, das ist ja schrecklich, sthnte Fritz; der arme junge Herr! Und
ich freute mich noch so, als ich fortging, da er so vergngt und heiter
war.

Ja, Du lieber Himmel, sagte der Schuhmacher, mit dem Menschen geht es
oftmals schnell zu Ende, und es wei Keiner, wann ihm sein Brot gebacken
ist. Aber was thut's, der Freiherr hat ja noch immer den einen Sohn, und
der erbt jetzt die ganze Bescherung. Es soll ein heidenmiges Vermgen
sein.

Der arme Vater! seufzte die Frau.

Ja, das kann nichts helfen, sagte Baumann; der Tod sieht nicht
auf Rang und Stand und kehrt bei Armen und bei Reichen ein. Wer mag's
ndern!

Wir mssen Alle sterben, sagte der Schuhmacher und schenkte sich von
dem Bier ein, das der Lehrling eben auf den Tisch stellte; der Gerechte
mit dem Ungerechten, und erst dort werden die Schafe und Bcke gesondert
werden.

Na, Schwager Heberger, lachte Baumann wieder, der die Familie
Wendelsheim viel zu wenig kannte, um greren Antheil an ihrem Verlust
zu nehmen, wie bei anderen fremden Menschen. Du kommst zu den Bcken,
darauf kannst Du Dich verlassen; denn Du hast schon hier auf Erden so
lange bei den Schafen gestanden, da Dir eine Vernderung ingrimmig Noth
thut.

Du redest, wie Du es verstehst, Bruder Baumann, sagte Heberger, indem
er sich noch einmal einschenkte. Was ich aber gleich sagen wollte,
Schwgerin, meine Frau lt Dich bitten, Du mchtest doch heute Abend
einmal zu ihr hinber kommen; sie htte Dir etwas zu sagen.

Und weshalb kommt sie da nicht her? fragte Baumann. Sie liegt ja doch
den ausgeschlagenen Tag auf der Strae.

Eben deshalb, erwiederte ruhig der Schuhmacher, weil sie so viel
herumzulaufen und bald da, bald dort eine Besorgni zu machen hat, so
mu sie die wenige Zeit im Hause zusammennehmen und uns doch auch etwas
zu essen machen. Vom Canditer knnen wir es uns nicht holen lassen und
von Confett leben.

Na, lachte Baumann, dazu seid Ihr Beide nicht hbsch genug.

Was hat sie denn? Ist was vorgefallen? fragte die Frau.

Nicht da ich wte, sagte Heberger kopfschttelnd; Du bist aber
auch so lange nicht bei uns gewesen, und wenn sie hieher kommt, kriegt
sie ewig mit Deinem Manne Streit.

Mit mir? sagte Baumann. Ich thu' ihr wahrhaftig nichts; aber sie soll
mir auch mit ihrem Kartenlegen und Prophezeien vom Leibe bleiben.

Na, Guten Abend denn miteinander! sagte der Schuhmacher, indem er
wieder aufstand; ich mu auch heim, sonst machen mir die verflixten
Jungen lauter dumme Streiche. Und nach kurzem Gru gegen die
Verwandtschaft nahm er sein Buch wieder unter den Arm, setzte den
riesigen Hut auf und stieg aus der Thr.

Baumann hatte ihm kopfschttelnd zu- und nachgesehen und lie den
Lehrjungen dann das Geschirr hinausrumen. Wie der drauen war, sagte er
finster: Kathrine, Du darfst mir's glauben, der Heberger, wenn er auch
Deine Schwester geheirathet hat und dadurch unser Schwager wurde, ist
ein Erzlump, und Deine leibliche Schwester -- bestrkt ihn nur darin.

Aber Gottfried!

Nein, nein, winkte ihr Mann mit der Hand, das ist der reine Betrug,
was die Beiden mitsammen treiben, und da sie nur noch Esel finden, die
ihnen glauben und Geld bezahlen, das einzige Unglck bei der Sache.

Aber sie hat schon so viel vorhergesagt, was eingetroffen ist.

Bah, komm Du mir nicht auch etwa mit dem Unsinn! Wenn der Zufall einmal
sein Spiel hat, wird es ausgebeutet, und wenn es nicht eintrifft, eben
nicht weiter davon gesprochen. Ueberhaupt, Kathrine, es thut mir leid,
da ich es sagen mu, denn es ist nun einmal Deine Schwester, aber der
Umgang mit ihr ist mir nicht lieb, und da Du lange Jahre fast gar
nicht mit ihr verkehrt hast, thut's mir leid, da das jetzt wieder von
Frischem anfangen soll.

Sie meint es gewi gut, sagte die Frau mit einem recht aus tiefer
Brust herausgeholten Seufzer. Aber Baumann schttelte auch dazu den
Kopf.

Mit sich, ja, das geb' ich zu, aber nicht mit anderen Leuten, sagte
er finster; sie hat kein gutes Herz, das steht ihr schon in den Augen
geschrieben, und wenn sie Einen damit ansieht, kommt es mir immer so
vor, als ob sie durch und durch bohrte, um Alles zu errathen, was man
denkt.

Du kannst sie nun einmal nicht leiden, Gottfried.

Ehrlich gesagt, nein, und kein Mensch in der ganzen Stadt. Niemand hlt
mit ihr Umgang, und wenn sie die vornehmen Weibsleute Nachts heimlich
besuchen, um sich von ihr die Karten legen zu lassen, oder wer wei was
sonst fr Mittel und Latwergen zu holen, so sitzt der augenverdrehende
Lump, der Heberger, nebenan in der Stube bei seinem Leisten und brllt
geistliche Lieder ab. Es ist rein zum Verrcktwerden, wenn man's nur mit
ansehen mu!

Aber kann ich's ndern, Gottfried? Ich habe auch schon dagegen
gesprochen...

Und sie hat auch keinen guten Einflu auf Dich ausgebt, Kathrine,
fuhr der Mann, finster vor sich hin mit dem Kopfe nickend, fort.
Das erste Jahr nach unserer Verheirathung warst Du ganz anders, bis
pltzlich Deine Schwester hieher zog und immer so viel mit Dir zu
erzhlen und zu schaffen hatte. Nachher war's aus, und wie viel hast Du
damals nicht geweint, und wenn ich Dich fragte, was Du httest, immer
nur gesagt, das Herz thte Dir so weh und Du wtest eigentlich selber
nicht, weshalb Du weinen mtest.

Aber, Gottfried, das ist gewi nicht so arg gewesen.

Nicht so arg? Wie Du damals mit Deiner Schwester fort warst, um die
Erbschaft zu heben, und wieder zurckkamst, sahst Du mehr todt als
lebendig aus, und ich glaubte schon, Du wrdest ganz ernstlich krank
werden. Der arme Junge, der Fritz, hatte auch darunter zu leiden, denn
der kam ganz von Krften -- na, er scheint sich doch wieder aufgefuttert
zu haben. Jetzt war auch die langen Jahre Frieden, und ich habe Deine
Schwester ber Jahr und Tag nicht einmal gesehen -- fangt mir deshalb
also nicht die alten Geschichten an, denn ich will von der Gesellschaft
nichts wissen, und wenn wir zehnmal mit einander verschwgert sind.

Wer wei denn, was sie von mir will? sagte die Frau, die bis dahin mit
im Schooe gefalteten Hnden vor sich nieder gestarrt hatte. Vielleicht
thut's ihr leid, da wir so gar nicht zusammenkommen, und hart kann
ich doch nicht gegen sie sein; sie hat mir ja noch niemals 'was zu Leid
gethan und bleibt doch immer meine Schwester.

Der alte Schlosser rckte wieder an seinem Mtzchen. Recht war's ihm
nicht, aber er konnte der Frau auch nicht so ganz unrecht geben und
litt eben -- was er nicht verhindern mochte. Er war aber doch rgerlich
geworden und mute sich ein klein wenig zerstreuen; da war denn freilich
das Beste, da er hinber in den Goldenen Stern ging und noch ein Glas
gutes Bier trank. Nachher verga er all' die unangenehmen Sachen und
bekam wieder eine glatte Stirn.




6.

Der alte Salomon.


Lieutenant Bruno von Wendelsheim hatte seine Dienstwohnung eigentlich in
der Kaserne; da ihm das aber aus mancherlei Grnden nicht recht pate,
so miethete er sich derselben gerade gegenber ein kleines
freundliches Parterre-Logis mit Stallung, und fhrte dort eine
Junggesellen-Wirthschaft, in der es manchmal auerordentlich vergngt
herging. -- Er sah aber heute Morgen nicht so vergngt aus. Es konnte
kaum zehn Uhr sein, und er kam schon erhitzt und mde, mit bestaubten
Stiefeln, von einem Gang zurck, warf Mtze und Handschuhe auf den Tisch
und ging mit unterschlagenen Armen und finster zusammengezogenen Brauen
in seiner Stube auf und ab.

Die Sache war aber auch unangenehm, denn da er, der Erbe eines so
ungeheuern Vermgens, ja eigentlich schon der Besitzer, da es sich nur
um Wochen handelte, jetzt seit drei Tagen fast vergebens in der Stadt
herumgelaufen sein sollte, um lumpige zweihundert Louisd'or zu bekommen,
schien fast unglaublich, lie sich aber nicht ablugnen, denn die
Thatsache stand fest. Aber er mute das Geld haben; er konnte sich nicht
so furchtbar blamiren, den Handel rckgngig zu machen -- der Verkufer
wre auch gar nicht darauf eingegangen--, und er zerbrach sich eben den
Kopf, wie er es am besten ermglichen knne, ohne zu riesige Procente
zu zahlen, als der Brieftrger drauen anpochte. Er kannte ihn schon am
Klopfen.

Der Herr Lieutenant wute recht gut, da ihm von daher keine Hlfe kam;
Correspondenz hatte er fast gar keine, und was ihm die Post in's Haus
schickte, waren beinahe nur eingesiegelte Rechnungen oder gar directe
Mahnbriefe. Er warf auch kaum einen Blick auf die drei oder vier
Couverts, die ihm der Bote auf den Tisch legte; aber pltzlich
haftete sein Auge auf einem der nicht so kunstgerecht wie die brigen
zusammengelegten Schreiben, und er brach es, wie er sich nur wieder
allein sah, rasch auf. Die Adresse trug nur seinen Namen und die
Wohnung -- die letztere sehr gewissenhaft angegeben -- und war mit etwas
schwerflligen Zgen, wie von der Hand eines Quartaners geschrieben.
Inwendig enthielt das Couvert aber keine Silbe weiter, sondern nur
einfach einen Fnfthalerschein.

Das ist aber doch merkwrdig, sagte der Officier, indem er
kopfschttelnd die wunderliche Sendung betrachtete; wieder eine
Fnfthaler-Note und kein Sterbenswort dabei, als die nmliche
Handschrift auf der Adresse -- und richtig, wieder mit einem Geldstck
petschirt! Wer mag denn nur in aller Welt mein sehr gromthiger, aber
leider, wie es scheint, sehr unbemittelter Protector sein, der mir von
Zeit zu Zeit so bedeutende Geldsendungen zukommen lt? Fnf Thaler! Du
lieber Gott, nicht einmal fnfhundert knnten mir heute helfen, und das
ist hchstens gengend zu einem Frhstck, um mir die Grillen aus dem
Kopfe zu jagen!

Noch whrend seines kurzen Selbstgesprches hatte er das Couvert nach
allen Seiten genau betrachtet, ob nicht irgendwo ein Stempel oder ein
anderes Zeichen auch nur auf die Spur des Absenders deuten liee,
aber umsonst. Es war noch dazu ziemlich ordinres Schreibpapier, mit
Packsiegellack geschlossen, mit einem Geldstck petschirt, und er
steckte kopfschttelnd den Fnfthalerschein in die Westentasche und warf
das Papier in die Ecke.

Was wollte er auch anders machen? Was konnte er thun? Irgend Jemand
liebte ihn oder schwrmte fr ihn und sandte ihm -- jetzt schon das
zehnte oder zwlfte Mal -- durch die Post, ohne irgend einen Werth auf
der Adresse anzugeben, einen Fnfthalerschein. Zurckschicken konnte er
denselben nicht, er wute ja nicht an wen, und das Geld auf die Strae
werfen? Es wre schade darum gewesen. Monate lang hatte er sich auch bei
frheren Sendungen den Kopf darber zerbrochen, wer nur mglicher Weise
der freundliche Geber sein knne, aber natrlich vergebens; denn der
Fall, da ihn Jemand Geld schickte, war so auerordentlich, da er jedes
Versuches spottete, ihn jemals zu entrthseln.

Aber die Zeit verstrich. Er hatte erst die Absicht gehabt, an dem Morgen
noch einmal nach Wendelsheim hinaus zu reiten, um zu hren, wie es
seinem Bruder ginge; aber er konnte heute unmglich, und hoffte ja auch,
da es doch nur einer jener Anflle gewesen, die der stets Krnkliche
von je gehabt und der dann wahrscheinlich auch eben so rasch
vorberging. Hier aber drngte ihn die Zeit; er pfiff seinem Burschen,
lie sich noch einmal sorgfltig abbrsten, zog seine Handschuhe an und
eilte dann, mit wahrlich schwerem Herzen einen Gang zu thun, den er gern
vermieden htte. Aber es ging eben nicht mehr, er mute, und wenn er
dort auch kein Geld bekam.... -- Er bi die Zhne auf einander und
schttelte die trben, bitteren Gedanken ab. Noch war es ja nicht so
schlimm.

Vor dem Hause begegnete er einer ltlichen Frau aus den geringeren
Stnden, die ihn freundlich, aber achtungsvoll grte. Er warf ihr einen
Blick ber die Achsel zu und hob dann die rechte Hand etwa zehn bis
zwlf Zoll, als ob er damit an die Mtze greifen wollte, kam aber noch
nicht einmal bis zum ersten Knopfloche der Uniform. Er kannte die Frau,
sie war ihm schon begegnet, aber er wute nicht, wer es sei -- mglicher
Weise seine Wscherin, die Geld von ihm haben wollte; er that viel
besser, sie vollstndig zu ignoriren.

Sein Weg fhrte ihn durch die nmliche Strae, in welcher, Nr.11 im
ersten Stocke, der Staatsanwalt Witte wohnte; aber sein Herz dachte
heute Morgen weder an ihn, noch an seine Tochter, und nur zufllig hob
er im Vorbergehen den Blick zu den Fenstern. Aber dort sa Ottilie
schon am Nhtisch bei ihrer Arbeit, lange jedoch nicht so beschftigt,
um nicht dann und wann das Auge nach der Strae hinabgleiten zu lassen.
Es war ja so interessant, zu sehen, wer vorberging. Sie hatte auch
schon mehrfach an dem Morgen Gelegenheit gehabt, zu gren, oder
vielmehr grend zu danken, aber noch nie so freundlich und so tief
dabei errthend, als diesmal. Man sah es ihr ordentlich an, da es
sie freute, ihren Tnzer von neulich Abend wieder zu erblicken, und
Wendelsheim selber, ordentlich erschreckt, da er sie fast bersehen
htte, grte auf das verbindlichste.

Dadurch aber, da er seine Aufmerksamkeit nach dem Fenster oben
richtete, lief er einer andern Gefahr in den Rachen, und zwar gerade
gegen den unvermeidlichen Rath Frhbach an, der ihn auch ohne weiteres
Sumen stellte.

Ah, mein lieber Herr Baron, auch schon auf der Promenade, und wie ich
sehe, sehr angenehm beschftigt? Ja, mein lieber junger Freund -- na,
ich gehe ein Stck mit Ihnen hier hinunter, denn ich habe doch nichts zu
versumen -- mein lieber junger Freund, was ich gleich sagen wollte
-- in meiner Jugend habe ich es auch nicht besser gemacht, und ich
war Ihnen ein verfluchter Kerl. Da lebte in Schwerin ein alter reicher
Rauchwaarenhndler, ein steinreicher Bursch, sag' ich Ihnen, aber
auch ein komischer Kauz, eine Art von Sonderling, der hatte eine
wunderhbsche Tochter, Rosine hie sie -- nein, warten Sie einmal,
das war eine andere; Rosine war die Nichte vom Ober-Appellationsrath
Breitnagel, mit der ich auch einmal verlobt sein sollte -- die Tochter
von dem Rauchwaarenhndler -- Herr Gott, fllt mir jetzt der Name nicht
mehr ein -- na, wenn sie das wte -- aber es bleibt sich gleich, ich
komme auch vielleicht noch darauf -- aber es ist rgerlich, wenn Einem
so ein Name fehlt, und man qult sich manchmal einen Tag damit herum,
ja, kann Nachts nicht davor einschlafen. Dieser Tochter also, Frulein
Therese -- Jesus ja, Therese, wie ich das auch vergessen konnte! --
machte ich damals furchtbar den Hof. Lieber Gott, ich war jung, sie war
jung, und wenn sich ein paar junge Leute gern haben -- warum nicht?
Ja, das war ein wunderhbsches Mdchen, und ich htte eine ganz gute
Speculation mit der Heirath gemacht.

Und warum heiratheten Sie sie nicht? fragte von Wendelsheim, der nur
mit halbem Ohr auf die Salbaderei hrte.

Wie ich mir's noch berlegte, sagte der Rath, war sie auf einmal
mit einem Lieutenant verlobt, und noch dazu mit einem weitlufigen
Verwandten von mir, den ich dort selber eingefhrt hatte.

Das war Pech, sagte der Baron; aber, = propos=, mein lieber Rath,
Sie sagten mir doch einmal, da Sie so etwas von einem Finanzmann
wren?

Ei, gewi, rief Rath Frhbach rasch, ich knnte Ihnen da Arbeiten
zeigen...

Bitte, ist gar nicht nthig; aber die Hauptaufgabe eines Finanzmannes
wre meiner Meinung nach die, lieber Rath, Geld in Zeit der Noth zu
schaffen, nicht wahr?

Und das vorhandene zu verwalten, ergnzte der Rath.

Whrend wir von dem letzteren Punkt vor der Hand absehen, fuhr der
Lieutenant fort, mchte ich Sie dann bitten, mir, gegen gute Interessen
natrlich, bis heute Abend zweihundert Louisd'or zu schaffen.

Rath Frhbach sah seinen Begleiter ber die Brille an und lchelte. Da
fllt mir eine Geschichte ein, sagte er.

Mein lieber, bester Rath, rief der junge Officier, jetzt wahrlich
nicht in der Stimmung, lange Geschichten anzuhren, alle Ihre
Erzhlungen helfen mir gar nichts, wenn Sie nicht Geld schaffen knnen!

Aber sie erlutern den Fall.

Der Fall ist schon so klar wie Krystall; ich brauche zweihundert
Louisd'or, um ein Pferd zu bezahlen. Haben Sie so viel?

Nthig, ja, lieber Freund, erwiederte Frhbach, sich ausnahmsweise
einmal kurz und bndig fassend, aber nicht baar.

Und knnen Sie mir dieselben auch nicht verschaffen?

Ich wte nicht wo.

Dann leben Sie recht wohl, nickte ihm der Lieutenant zu, indem er sich
dabei ohne weitere Umstnde von ihm frei machte und rechts ab in eine
der Seitenstraen bog. Rath Frhbach schien auch einen Moment nicht
bel Lust zu haben, ihm zu folgen, denn gewhnlich lie er seine
Schlachtopfer nicht so rasch wieder frei; aber bei nherer Ueberlegung
stand er doch davon ab. Der Lieutenant brauchte Geld, und solchen Leuten
geht man eher aus dem Wege, als da man sie aufsucht.

Der junge Baron kmmerte sich indessen nicht weiter um seinen Begleiter,
sondern schritt auf ihm allerdings wohlbekannten Pfaden zuerst eine
schmale Gasse entlang, tauchte dann rechts in einen Durchgang und
gerieth hier in ein Viertel der Stadt, das vorzugsweise Bekenner der
mosaischen Religion zu Insassen zu haben schien. Da war Laden neben
Laden, jeder einzeln aus einem kleinen, dunkeln Kfterchen bestehend und
mit Waaren vollgestopft, die man sich nicht bunter htte denken knnen.
Da standen alte Bettladen vor der Thr, mit schauerlichen, bunt gemalten
Lithographien darber; da hingen verrostete Flinten und zerbrochene
Pulverhrner, alte, getragene Kleider und Stiefel; da standen Porzellan
und Steingut friedlich neben eisernen Kochtpfen und Stutzuhren, da
lagen Messer und Gabeln, Terzerole, Kmme, Hosentrger und Gott wei was
Alles bei einander, und in den kleinen, wohl kaum je geputzten Fenstern
prangten zerknitterte Blumen, die vielleicht einst ein bildhbsches
Mdchen zuerst beim Tanze getragen, unechter Schmuck, Halsketten mit
Halbmonden und Kreuzen, und dazwischen war gewhnlich eine Tafel
von Pappe angebracht, auf welcher schreckbar aussehende, vergilbte,
zerbrochene Cigarren verknden sollten, da auch dieser Geschftszweig
-- und welcher nicht? -- hier vertreten wre.

Gleich daneben war ein Fleischerladen, nicht grer und nicht reinlicher
oder heller als die Rumpelbuden, mit kleinen Papieren auf das
Fleisch geheftet, auf welchen hebrische Zeichen standen. Auch
die Aushngeschilder waren in dieser wie in deutscher Sprache, und
entsetzlich schmutzige Kinder balgten sich auf der Gasse herum,
oder wurden von genau solchen Mttern aus irgend einem in allen
Regenbogenfarben schillernden Fenster des ersten Stocks zur Ordnung
gerufen.

Der Baron durchschritt auch die enge Gasse mit einiger Vorsicht,
besonders wenn sich irgendwo ein Fenster ffnete, denn er wute
aus Erfahrung, da die Bewohner dieser Spelunken gerade nicht sehr
whlerisch in den Gegenstnden waren, die sie zuweilen von oben herab
auf die Strae schtteten. Er selber aber, obgleich ein Officier in
diese Umgebung allerdings nicht pate, schien hier nicht die geringste
Aufmerksamkeit zu erregen. Es war eben nichts so Seltenes, da sich sehr
anstndig gekleidete Herren, in Uniform wie in Civil, in dieses Viertel
verloren, und wenn sie auch nichts von den da aufgestellten Waaren
gebrauchen konnten, wurde doch manches Geschft mit den Eigenthmern
derselben abgemacht. Wer konnte diesen verwehren, da sie auf Uhren oder
sonstige Pretiosen Geld verborgten! Und Mancher, der sich scheute, offen
in das stdtische Leihhaus zu gehen, suchte dringenden Bedrfnissen hier
ganz im Geheimen, wenn auch mit etwas greren Opfern, abzuhelfen.

Das aber galt doch nur fr kleine, unbedeutende Verlegenheiten,
wenigstens fr solche, die eine geringe Summe betrafen. Bruno von
Wendelsheim brauchte aber mehr, und kannte auch genau die Quelle, zu der
er gehen mute. Und trotzdem ging er den Weg mit schwerem Herzen, denn
gerade dem Manne gegenber fhlte er sich unbehaglich, gerade diese
Schwelle htte er nicht mit einem Ansuchen um Geld mehr berschritten,
wie er es frher so oft gethan, wenn ihm nur eben eine Wahl geblieben
wre; aber es half ihm nichts, er mute.

Die enge Gasse hatte er jetzt durchschritten, in welcher das Proletariat
dieser Bevlkerung zu leben schien. Hier kreuzte sie eine andere Strae,
und sie nahm von da ab einen andern Namen an und wurde breiter.
Die Namen der Schilder gehrten allerdings noch ganz entschieden
israelitischer Abkunft an; da gab es einen Oppenheimer und Hirsch, einen
Goldmeier und Levy, einen S und Rosenstengel, aber die Lden wurden
eleganter und die Huser reinlicher und sahen wohnlicher aus. Da
waren Ausschnittlden und Materialwaaren-Handlungen, rechts stand eine
Druckerei und gegenber wohnte ein Geldwechsler, aber ein Geschft
betrieb jedes Haus, und die unteren Rume nahm bei allen ein oder das
andere Verkaufslocal ein. Der junge Officier schritt aber immer noch
hindurch, bis er fast das Ende der Strae erreichte, und dort erst
betrat er gleich darauf einen Laden, der wohl auch eine wunderliche
Mischung von Dingen zeigte, aber sich nicht mit dem Abwurf des
gewhnlichen Lebens beschftigte.

Es war ein groes Kreuzgewlbe, mit einem dicken steinernen Pfeiler
in der Mitte, und sah allerdings so aus, als ob es weit eher zu dem
Refectorium eines Klosters, als zu seiner jetzigen Bestimmung gepat
htte. Der Hintergrund blieb auch dster, obgleich ihm vorn zwei hohe
Bogenfenster Licht gaben. Der ganze Raum zeigte sich aber mit Dingen
gefllt, die der Umgebung allerdings entsprachen und fast smmtlich
vergangenen Jahrhunderten zugehren muten. Da waren alte, wunderlich
geformte und gemalte Vasen, mit Silber und Elfenbein eingelegte
Kasten, riesige, echt beschlagene Trinkhrner, kostbare, aber ebenfalls
alterthmliche Waffen, chinesische und japanische Schnitzereien
und Lackarbeiten, prachtvolle, aber schon angerauchte alte
Meerschaumpfeifenkpfe, Bernsteinspitzen vom grten Umfange; dann
Rstungsstcke, mit Silber eingelegte Panzerhemden, Spazierstcke mit
mchtigen Amethysten oder anderen edlen Steinen als Knopf, Theebretter
mit kostbaren Malereien, Tabaksdosen mit in Brillanten eingelegten
Namenschiffern und Kronen, Thee-Service in Rococoform, kurz alles nur
Erdenkliche, was in dieses Fach schlug und aus allen Theilen der Erde,
von allen Vlkern hier versammelt schien.

Der Baron kannte den Platz, und als er ihn erreicht, war es fast, als ob
sein Fu einen Moment zgerte. Aber was half ihm unschlssiges Besinnen
-- da drinnen lag seine letzte Hoffnung, und es ntzte ihm wahrlich
nichts, den Entscheid nur hinauszuschieben. Wenn er jetzt auch
vorbeigegangen wre, weiter oben htte er doch umdrehen und hieher
zurckkehren mssen. So denn, die Zhne fest zusammengebissen, schritt
er auf die Thr zu, warf noch einen raschen Blick nach rechts und links
hinber, ob er nicht doch vielleicht zufllig jemand Bekanntes she, was
ihm wahrscheinlich nicht lieb gewesen wre, und trat dann schnell ein.

Der Laden war inde nicht leer von Besuchern, wie er anfangs geglaubt,
denn der alte Mann, der Eigenthmer desselben, stand ziemlich im
Hintergrund mit einer kleinen, corpulenten und wunderlich gekleideten
Gestalt. Das Geschft mute aber beendet oder gar nicht entrirt sein,
denn wie er jetzt entschlossen nach hinten schritt, hrte er nur noch,
da der alte Salomon sagte:

Nein, lieber Freund, thut mir leid, mache gern Geschfte, aber nicht
solche und mit unbekannten Leuten.

Der Kleine flsterte etwas dagegen; der Alte schttelte aber mit dem
Kopf und fuhr fort: Wrde Ihnen auch nichts helfen; derlei Sachen kaufe
ich nicht, ist auch nicht mein Geschft, als ich nur offen und ehrlich
handele mit guten, reellen Waaren. Sollte mich aber gar nicht wundern,
wenn Sie in der Strae weiter unten einen Kufer finden; _ich_ mag
nichts damit zu thun haben.

Dem kleinen Mann schien die Gegenwart eines Dritten nicht besonders
angenehm. Der Baron merkte auch, da er etwas in ein rothbaumwollenes
Tuch einschlug und dann unter den Arm nahm. Er erwiederte aber nichts
weiter, drehte sich ab und glitt dann an dem Lieutenant, an dem er einen
halbscheuen Blick hinaufwarf, vorber, der Thr zu. Dem Baron war es
auch fast, als ob er ihn gegrt htte, das konnte aber auch vielleicht
Verlegenheit oder allgemeine Hflichkeit gewesen sein, und berdies
fhlte er sich gerade nicht in der Stimmung, darauf zu achten oder den
Gru zu erwiedern. Er sah sich nach dem Davonschleichenden, der aber von
dem alten Hndler fest im Auge behalten wurde, bis er die Thr hinter
sich in's Schlo drckte, auch gar nicht um, und nun auf Salomon
zuschreitend, streckte er ihm die Hand entgegen und sagte freundlicher,
als er bis dahin ausgesehen:

Nun, wie geht's, alter Freund -- immer noch auf dem Zeug?

Gott der Gerechte, der Herr Baron! sagte der Mann mit einem eigenen,
fast wehmthigen Lcheln, die dargebotene Hand aber nehmend und
schttelnd. Hab' ich doch beinah' geglaubt, da Sie vergessen htten,
wo der alte Salomon wohnt. Es mu ein Menschenalter sein, da wir
einander nicht gesehen haben.

Nun so lange doch wohl nicht, Salomon, sagte der Baron halb verlegen,
ich dchte, es knnten kaum vier Wochen sein.

Wie Sie recht haben, sagte der Alte, sich mit dem dritten Finger der
linken Hand vor die Stirn klopfend. Aber das Gedchtni wird schwach,
Herr Baron, das Gedchtni wird schwach. 'sist ja wahr, vor vier Wochen
etwa, wo Sie mir die Ehre gaben, ein kleines Geschft mit mir zu machen.
Gott der Gerechte, wie schlecht die Zeiten seitdem geworden sind!

Und wie geht es Ihrer Frulein Tochter?

Danke der Nachfrage, Herr Baron -- aber wollen Sie nicht ein wenig
Platz nehmen bei einem alten Manne -- der liebe Gott sei gepriesen,
recht gut geht's ihr! Sie blht wie ein Rschen im Moos, und der Herr
hat mich Freude erleben lassen an dem Kind; nur in der letzten Zeit
ist sie leidend gewesen. Hat ihr nichts gefehlt im Krper, ist sie blos
gewesen schwermthig und betrbt, wie junge Mdchen haben ja manchmal
die Laune. Es ist ein gutes, liebes Kind, aber mit viel Gefhl, zu viel
Gefhl fr Unsereinen -- mge sie mir noch lange erhalten bleiben.

Sie erlauben mir doch vielleicht, da ich sie nachher begren darf?
sagte Wendelsheim, immer noch mit einer gewissen Empfindung, das, was
ihn eigentlich hieher gefhrt, so lange als mglich hinauszuschieben.

Der alte Mann zgerte einen Moment mit der Antwort; endlich sagte er,
still vor sich hin mit dem Kopf nickend: Sie hlt viel auf den Herrn
Baron und hat oft gesagt, er htte versprochen, einmal wieder zu kommen
und mit ihr zu musiciren. Wie hait? hab' ich gesagt -- der Herr Baron
hat zu thun, wird er nicht haben so viel Zeit, sich zu Dir herzusetzen
und Musik zu machen.

Es ist wahr, sagte der junge Mann, ich hatte ihr versprochen, bald
wieder zu kommen und ihr die Schubert'schen Lieder zu accompagniren; ich
hatte aber wirklich so viel zu thun...

Nu, wer hat nicht zu thun? sagte der alte Mann. Ist ein Kunststck.
Sie haben zu thun in Ihrer, wir in unserer Art; jeder Mensch hat zu thun
und kann nicht immer auf Zeitvertreib denken.

Ich hoffe aber, jetzt fter kommen zu knnen.

Versprechen Sie nichts, Herr Baron, besonders der Rebekka nichts, denn
man wei nicht immer, ob man's halten kann, und das Warten macht nachher
mde. Es giebt kaum was Schlimmeres auf der Welt, als warten.

Ja, sagte der Baron etwas zerstreut; aber -- was ich gleich sagen
wollte -- ich bin noch so weit in Ihrer Schuld, lieber Salomon...

Da giebt's ein Mittel, das zu ndern, lchelte der Alte.

Ein Mittel?

Nun, Sie zahlen eben.

Ja so, -- gewi -- das ist wahr -- aber...

Nun, ich habe Sie noch nicht gedrngt, erwiederte der Hndler. Unser
Contract lautet: bei Zurcklegung Ihres vierundzwanzigsten Jahres, wann
wird ausgezahlt werden die Erbschaft. Gott Abraham's, es ist viel fr
mich, aber Ihnen wird es dann nicht weh thun!

Aber wenn ich heute noch um weitere Vorschsse kme?

Heute? sagte der Alte, etwas verlegen auf seinem Stuhl umherrckend.
Der Herr Baron werden gewi einem alten Mann nicht mehr aufbrden,
als er tragen kann, und es sollte mir leid thun, Ihnen eine abschlgige
Antwort zu geben.

Aber ich mu heute Geld haben, Salomon! rief Wendelsheim, also
gedrngt und in die Enge getrieben. Ich brauche bis heute Abend sechs
Uhr zweihundert Louisd'or...

Gott der Gerechte, was ein Geld!

Die zu der bestimmten Frist zu zahlen, ich mein Ehrenwort gegeben habe.
Als Officier mu ich das einlsen oder meinen Abschied nehmen.

Wr' kein Unglck, sagte Salomon; wenn Sie die Hunderttausende
erben, was thun Sie mit der Lieutenants-Gage? Sie reicht nicht einmal zu
Taschengeld.

Aber ich bin auch zugleich beschimpft.

Es ist ein sonderbar Ding, sagte der alte Jude, langsam dazu mit dem
Kopf nickend, da sich die Menschen ein Wort so hoch hinstellen und
so verehren, und dann nachher doch so leichtsinnig damit umgehen. Ich
versteh's nicht und kann's nicht begreifen. Aber haben Sie vielleicht
fr einen guten Freund oder Verwandten, der in groer Noth und Gefahr
war, gutgesagt, Herr Baron, da Sie das viele Geld brauchen, oder haben
Sie -- Gott will's verhten! -- gespielt?

Nein, Salomon, sagte der Baron, gespielt habe ich nicht. Ich
versprach Euch ja bei dem letzten Anlehen, nicht zu spielen; aber --
mein Pferd war schlecht, ich mute ein anderes Thier haben, und der
englische Lord, der hier krzlich seinen Marstall verkaufte, hatte einen
so wundervollen Fuchs...

Fr zweihundert Lujedor? rief der alte Mann, seine Hnde vor
Verwunderung zusammenschlagend.

Es ist ein Spottpreis fr das Pferd, rief der Lieutenant, und ich
konnte es mir nicht entgehen lassen! Die Kaufbedingungen waren aber
baar Geld, oder letzter Zahlungstermin heute Abend unter Garantie. Mein
Ehrenwort wurde natrlich als solche genommen, und ich bekam das Pferd.

Zweihundert Lujedor fr ein Pferd, sagte Salomon noch immer
kopfschttelnd ber den Gedanken, und wenn Sie drauf sitzen und
es stolpert und bricht ein Bein, so sind die zweihundert Lujedors
mitgebrochen und kapores. Man sollt's nicht glauben, wenn man's nicht
mit eigenen Ohren hrte.

Und kann ich das Geld bekommen, Salomon?

Der alte Mann hrte nicht auf zu schtteln. Herr Baron, sagte er
endlich, Sie wissen, da ich Ihnen bin gefllig gewesen, wo ich konnte,
aber -- es hat Alles seine Grenzen -- auch mein Geldbeutel. Ich bin kein
armer Mann, der Herr hat meine Arbeit und meinen Flei gesegnet; aber
in den Waaren steckt viel Geld, und wenig Leute kommen, die kaufen. Wer
soll sorgen fr meine alten Tage, wenn ich's nicht thue? Keine Seele.
Was kmmert sie der alte Salomon!

Aber das Geld ist Euch doch sicher, Salomon.

Wei ich nicht, sagte der alte Mann entschlossen, denn es ist keine
Erbschaft wie sonst, sondern noch in den Hnden des Gerichts und an
Bedingungen geknpft.

Die aber in so kurzer Zeit gelst sind.

Wei ich wieder nicht, sagte der Alte. Der Herr Baron sind Officier,
und die Herren Officiere haben einen starken Begriff von Ehre. Es
darf Einer dem Andern aus Versehen auf den Fu treten und sich nicht
entschuldigen -- und, Gott der Gerechte, was fr ein Unglck! -- und sie
gehen hinaus und schieen mit geladene Pistolen auf einander. Der Herr
Baron kann in den paar Wochen auf dem theuern Pferd ausreiten und fallen
und den Hals brechen, und geb' ich das Geld, so bricht der Herr Baron
den Hals nicht, aber der alte Salomon bricht ihn.

Aber ich werde mich gewi in der Zeit sehr in Acht nehmen, Salomon. Ich
wei ja doch, was fr mich und die Meinen davon abhngt.

Ist recht schn von Ihnen, erwiederte der alte Mann, aber ich stecke
schon tief genug in der Geschichte drin, und mehr noch zu riskiren, wre
nicht klug gehandelt, selbst angenommen, da ich das Geld htte, was
aber, soll mir Gott helfen, nicht der Fall ist. Wenn Sie ein Haus
versichern bei einer Gesellschaft, so nimmt sie die Versicherung nur zu
einem bestimmten Werth, nicht mehr. Ich bin schon weiter gegangen. Als
ich habe nachgesehen meine Bcher am letzten Ersten, habe ich gefunden
groe Summen hinter dem Herrn Baron seinen Namen, und alle auf der
einen Seite -- war doch die andere blank und rein, eine wahre
Papierverschwendung. Auf die Seite geht noch viel, auf die andere nichts
mehr, oder der Salomon knnt's nicht verantworten vor Weib und Kind
und dem Gott seiner Vter, als ich will bleiben gesund -- das ist mein
letztes Wort.

Aber, Salomon, rief der Officier in Todesangst, ich habe keinen
Menschen weiter auf der Welt, von dem ich heute noch so viel Geld
bekommen knnte, und ich mu es haben, oder ich wei nicht, was ich
thue! Ihr treibt mich zur Verzweiflung, und mir bleibt nichts Anderes
brig als....

Drohen Sie nicht mit einer Sache, junger Mann, sagte der alte Jude
ernst, wo der Gedanke, noch nicht einmal ausgesprochen, schon Snde
ist vor dem Thron des Hchsten. Denken Sie an Ihren Vater, an Ihre todte
Mutter, denken Sie an die Leute, die Ihnen vertraut haben, wenn auch
ohne gegebenes Ehrenwort, doch mit gedachtem, und die Sie auf die Weise
nicht bezahlen knnen. Sie sind noch jung, und ein Fehler ist in Ihrem
Alter leicht wieder gut gemacht -- aber das mssen Sie selber thun --
ich nicht--, und doch verlangen Sie's von mir.

Der Officier sa vor ihm, die rechte Faust auf seinem Knie geballt, die
Augen stier und dster am Boden haftend. Ein Gedanke, wie ein Blitz,
scho ihm durch die Seele. Noch war Hoffnung. Rebekka, des Juden
Tochter, hatte ihn lieb, das wute er, und wenn er oft mit dem wunderbar
schnen Mdchen getndelt, traf ihn manchmal ein Blick aus ihren
schwarzen Augen, der ihm in die Seele schnitt. Er mied sie auch deshalb,
denn er war nicht schlecht, und wollte keine Neigung erwecken, die er,
wie er glaubte, doch nie erwiedern durfte. Aber jetzt galt es, ihn aus
einer wirklichen Noth zu erretten, und zwar einer Summe wegen, die er
ja in wenigen Monden schon mit reichen Zinsen zurckzahlen konnte und
wollte. -- Sie mute ihm helfen, den Vater zu erweichen, und sie that
es, denn mit dem Alten war, nach dem letzten Schwure, den er gethan,
kein Wort weiter zu reden, das wute er gut genug.

Ihr seid hart heute, Salomon, sagte er endlich, hart und zh, wie ich
Euch nie gefunden....

Schade fr mich, sagte der Alte strrisch.

Ich wei auch im Augenblick nicht, wie ich mir helfen soll, wenn Ihr
mich im Stiche lat. Ich mu Zeit zum Ueberlegen haben, und es ist das
Beste, da ich gehe....

Thut mir leid, sagte der alte Mann, den Herrn Baron umsonst den
weiten Weg haben machen zu lassen; aber soll mir Gott helfen, ich kann
nicht anders. Ich habe mehr fr Sie gethan, als fr einen andern fremden
Menschen auf der Welt; aber eine Grenze mu sein, und wir stehen dran.

Es ist mglich, Salomon, sagte der junge Mann, da wir uns jetzt
in lngerer Zeit nicht sehen. Erlauben Sie mir, Ihre Tochter noch zu
begren.

Der Alte zgerte. Gehen Sie, sagte er endlich; ihre Mutter ist oben,
ich kann jetzt noch nicht; es ist vier Uhr gerade, und ein Freund wollte
kommen, mit dem ich habe zu reden. Ich folge gleich nach, mu dann erst
zuschlieen die Ladenthr, denn viel Gesindel treibt sich hier herum.

Ich werde vorausgehen.

Der Herr Baron wissen ja den Weg, die Treppe ist etwas dunkel; erst
vier Stufen, dann ein Absatz und dann drei. Fallen Sie nicht.

Ich kenne ja die Treppe -- also auf Wiedersehen, Salomon! Und mit
schwerem Herzen schritt der junge Mann durch die Hinterthr ber den Hof
und dort dem schmalen Eingang zu, der zu dem eigentlichen Wohnhaus des
alten Mannes hinauffhrte.




7.

Rebekka.


Das Haus war von der Vorderseite, wenn auch massiv gebaut, doch
unscheinbar genug, denn den ganzen unteren Theil nahm der gewlbte
Laden ein, whrend die oberen Rume zu Speichern und Waarenlden benutzt
wurden und nicht einmal Fenster, sondern braune Laden zeigten. Eben so
schmal war der Hof; aber von dem Hintergebude an erweiterte sich das
Grundstck, das hinter diesem einen wohl von Mauern eingeschlossenen,
aber doch freundlichen und auch nicht ganz kleinen Garten besa. Auf der
Treppe herrschte allerdings kaum Dmmerlicht, und es erforderte einige
Geschicklichkeit, sich hinaufzufinden; oben aber verrieth eine sauber
angestrichene Glasthr die behbigere Wohnung, und das Licht fiel hier
durch ein Fenster von dickem Glase schrg auf den Vorsaal hinab, in dem
sich drei Thren ffneten.

Wendelsheim zog die Klingel; drinnen wurde der Vorhang etwas
zurckgeschoben, und er hrte die Stimme der Mutter.

Gott der Gerechte, der Herr Baron -- Rebekkchen, der Herr Baron kommt!

Zugleich wurde der Schlssel umgedreht und die Kette zurckgeschlagen,
und die alte Frau begrte den jungen Officier mit einem tiefen Knix.

Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?

Mit dem grten Vergngen, wenn Sie uns die Ehre anthun wollen.

Die Frau war wirklich die Hflichkeit selber, denn erstens wirkte der
Name eines Barons doch immer auf sie ein, und dann hatte sie den jungen
Mann, der sich frher in ihrem Hause eingefhrt und manche Stunde
dort in harmloser, geselliger Weise verbracht hatte, in der That
liebgewonnen.

Bruno schritt der Thr zu, wo er Rebekka wute, und als er dort
anklopfte und ein leises, kaum hrbares Herein! vernahm, sah er sich
pltzlich dem Mdchen gegenber, das schon seinen Namen drauen gehrt
hatte und jetzt, ihn erwartend, mitten in der Stube stand. Aber auf der
Schwelle blieb er wie gefesselt halten, denn mehr einer berirdischen
Erscheinung als einem menschlichen Wesen glich das wunderbar schne
Mdchen.

Ein langes weies Gewand, nur in der Mitte durch einen blitzenden Grtel
gehalten, umhllte ihre schlanke Gestalt. In vollen, ppigen Locken fiel
ihr das rabenschwarze Haar auf den Nacken nieder, und aus dem jetzt
nur durch die Erregung bleichen Antlitz sahen ihn ein Paar groe,
seelenvolle Augen an -- und diese Augen, dieser Blick, der ihn traf!

Rebekka, sagte der junge Officier, wirklich berrascht von dem
Anblick, denn so schn -- so ungewhnlich schn hatte er das Mdchen
noch nie gesehen -- wie freue ich mich, Sie wieder begren zu drfen!

Thun Sie das wirklich? sagte sie mit leiser, zitternder Stimme. O,
wenn ich das glauben drfte!

Er schritt auf sie zu und fate ihre Hand -- sie war kalt und bebte in
der seinigen; er hatte sie sonst nur auf diese Weise begrt, heute
hob er unwillkrlich die feinen Finger an seine Lippen und prete einen
heien Ku darauf.

Und wie lange sind Sie ausgeblieben, flsterte Rebekka mit einem
leisen, aber doch so freundlichen Vorwurf im Tone; wie hatte ich mich
darauf gefreut, da Sie Ihr Versprechen halten und mit mir die Noten
durchgehen wrden, die Sie mir geschickt.

Ich bekenne mich schuldig, mein Frulein, sagte der junge Mann, indem
er ihr voll in die klaren Augen schaute, whrend die ganze duftige
Gestalt des Mdchens vom Sonnenlicht wie bergossen schien; aber ich
frchte fast, da ich trotzdem noch -- zu oft gekommen bin.

Was Sie fr hliche Wortspiele machen, lchelte Rebekka, leicht
errthend. Wie kann man dahin, wo man gern gesehen ist, zu oft kommen?
Das verstehe ich nicht.

Und wenn es nun zu oft fr mich wre?

Das verstehe ich wieder nicht; wenn Sie gern kommen, und ich -- htte
das doch so gern geglaubt--

Sie sind so lieb und gut, Rebekka, sagte der junge Mann, da
Ihnen die Welt nur immer, wohin Sie schauen, Ihr eigenes Spiegelbild
zurckwirft. O, bleiben Sie so -- ich kann Ihnen nichts Weiteres
wnschen!

Sie sprechen heute wirklich in lauter Rthseln, sagte kopfschttelnd
das schne Mdchen. Aber wollen Sie nicht ablegen? Sie stehen da
so mitten in der Stube -- oder -- war das nur ein Besuch, den Sie im
Vorbergehen abmachen wollten, um vielleicht eine alte Verpflichtung
einzulsen?

Es wre mglich, da es -- ein Abschiedsbesuch sein sollte, erwiederte
Wendelsheim, aber wie scheu und halb abgewandt.

Ein Abschiedsbesuch? rief Rebekka erschreckt. Sie wollen fort?

Ich -- mu vielleicht -- doch diese kurze Stunde wollen wir uns nicht
verbittern; kommen Sie zum Instrument -- wo haben Sie Ihre Lieder, da
ich noch einmal Ihre liebe Stimme hre?

Ich werde nicht singen knnen, Herr Baron.

Es wird schon gehen; wenn Sie Musik hren, knnen Sie doch nicht
widerstehen.

Ich will es versuchen, hauchte das schne Mdchen leise und schritt
zum Flgel, den sie ffnete und einen Band mit Liedern vornahm, der
obenauf in ihrem Pult lag. Sie hatte sie ja tglich durchgespielt.

Bruno war ganz tchtig auf dem Instrument und begleitete besonders
vortrefflich, und das Mdchen sang dazu mit einer so vollen und so
glockenreinen Stimme und dabei einem so weichen, schmelzenden Ausdruck
in den Tnen, da es dem jungen Mann wirklich bis in alle Herzensfasern
drang und er genau aufpassen mute, um nicht selber aus dem Tact zu
kommen.

Die Mutter stand dabei, die Hnde gefaltet, und war glcklich. Pltzlich
sprang Wendelsheim in die Hhe.

Rebekka, sagte er, Ihre Tne dringen durch Mark und Bein, und es
ist manchmal, als ob sie Einem das Herz aus der Brust reien knnten.
Mdchen, wo haben Sie die wunderbare Stimme her?

Ach, ich mute mich heute so zusammennehmen, sagte Rebekka schchtern,
ich hatte solche Angst!

Angst -- und wozu Angst? sagte die Mutter. Der Herr Baron wei, wie
Du singst, und Du brauchst Dich vor ihm nicht zu geniren -- und vor
keinem Menschen. Aber glauben Sie, Herr Baron, da Sie der Einzige
sind, vor dem sie berhaupt den Mund aufthut, ihren Vater und mich
ausgenommen? Wenn Besuch da ist und wir bitten sie noch so schn, da
macht sie bald die, bald jene Ausrede, und wenn wir sie lange qulen,
geht sie ganz weg und kommt nicht wieder.

Weil ich mich nicht selbst begleiten kann, Mutter, sagte das junge
Mdchen tief errthend.

Ob Du nicht kannst, rief aber die Mutter, mit dem Kopf nickend, ob
Du nicht kannst, wenn Du willst! Sie sollten sie nur hren, Herr Baron,
wenn sie ganz allein ist, wie sie da spielt und dazu singt, da mir
alten Frau manchmal die Thrnen aus den Augen laufen.

Du lieber Himmel, sagte Rebekka seufzend, wir leben hier gar so
einsam in unserer kleinen, abgeschlossenen Welt. Die Musik ist da ja das
Einzige, das uns Ersatz bieten kann, und wie der Vogel drauen auf den
Zweigen sein Lied unbekmmert zwitschert, gut oder schlecht, wie es
gerade herauskommt, so singe auch ich -- aber nicht besser, Mtterchen,
gewi nicht besser.

Bruno hatte sich in seinem ganzen Leben noch nicht so befangen gefhlt.
Er war sich bewut, was ihn heute eigentlich hieher gefhrt -- in welche
gedrckte, peinliche Lage ihn sein Leichtsinn gebracht; aber er wre
nicht im Stand gewesen, zu dem Mdchen heute von Geld zu sprechen und
ihr Frwort bei dem Vater zu erbitten. Alles, was gut und edel in ihm
war und vielleicht lange da geschlummert hatte, oder auch durch das
schale Garnisonleben, seine Umgebung und tgliche Gesellschaft
betubt und unterdrckt gehalten worden, erwachte heute mit voller und
vielleicht nie geahnter Strke, und gute, ernstgemeinte Vorstze fr
sein knftiges Leben keimten in seinem Herzen frisch und gewaltig empor.
Er nahm Rebekka's Hand und sagte leise: Dann mu ich Ihnen um so viel
dankbarer sein, Rebekka, da Sie gerade in meiner Gegenwart die
Scheu ablegen. Sie haben mich recht glcklich damit gemacht, und die
Erinnerung an diese Zeit wird immer -- so lange ich noch lebe -- mir die
schnste und liebste sein.

So lange Sie noch leben -- Gott der Gerechte! lchelte die Frau.
Sollte man nicht glauben, wenn man Sie hrte, Sie wren ein Mann von
achtundachtzig Jahren, mit grauen Haaren und mit einem Stocke? So lange
Sie noch leben -- Sie fangen ja erst an, und der liebe Gott wird Ihnen
schon ein langes und freudiges Leben schenken. Wir werden uns wieder
sprechen.

Die beiden jungen Leute schwiegen, Jedes mit seinen eigenen Gedanken
beschftigt, und die Mutter sah Eines nach dem Andern verwundert an.

Nun, wie hait? lchelte sie endlich. Keine Musik? Keine
Unterhaltung? Wo bleibt da die Gesellschaft? Was hast Du nur, Bekkchen?
Hab' ich doch geglaubt, das Kind wre nur so still und schweigsam, wenn
sie allein wr'; jetzt macht sie's in der Gesellschaft gerade so.

Ich dachte eben -- Mutter -- der Herr Baron hat vorhin angedeutet, da
er nur hergekommen wre, um Abschied von uns zu nehmen.

Abschied? Gott soll's verhten, und wozu? Wollen Sie verreisen?

Wahrscheinlich -- auf einige Zeit wenigstens, sagte der Lieutenant
verlegen; es sind Geschfte, die mich dazu zwingen.

Aber Sie kommen hieher zurck? fragte Rebekka, und ihr Auge hing
forschend an den Zgen des jungen Mannes.

Was fr a Frag! sagte die Mutter. Hat der Herr Baron sein groes,
schnes Gut hier, und die Familie; wird er nicht zurckkommen!

Rebekka sah ihn angstvoll an, als ob sie die Besttigung dieses
Ausspruches in seinen Blicken lesen wolle; aber er wandte sich ab,
schritt zum Fenster und sah hinaus.

Es war eine wunderliche Scenerie, die sich hier dem Blicke zeigte, und
so pittoresk wie bunt gemischt. Unten vor dem Fenster lag der kleine
freundliche Garten, gegen die Umgebung von der Mauer scharf abgegrenzt
und selbst unnahbar; denn da man der Nachbarschaft nicht besonders
traute, bewiesen die auf dem oberen Rand des Steinwalles eingekitteten,
spitz und gefhrlich hervorragenden Glassplitter, die ein
Hinberklettern ganz unmglich machten. Unter dem Schutz derselben
blhte und grnte aber auch da unten eine kleine, vollkommen fr sich
abgeschlossene Welt, ein Rosenflor zum Beispiel, wie er nicht weiter
in der Stadt vorkam, und die Beete dabei so sorgfltig gepflegt, die
schmalen Wege so rein und sauber gehalten, der kleine Springbrunnen in
der Mitte, sein Wasser so rein und frisch und lustig emporpltschernd.
Und was fr ein lauschiges Pltzchen hatte der alte Salomon da unten
seinem Kinde gebaut! Dicht hinter dem Springbrunnen, khl und zugleich
geschtzt und versteckt, lag eine kleine Laube, deren Dach ein einziger
ausrankender Rosenbusch zu bilden schien; aber blhende Granat- und
Orangenbume, gemischt mit Vanille und hochstmmigen Fuchsien, bildeten
die Wnde, und mildes Dmmerlicht lag in dem kleinen, zauberisch schnen
Raum. Hob sich aber der Blick, dann traf er gleich darber hin auf einen
so schroffen, trostlosen Gegensatz, da er ordentlich staunend wieder
zurck zu jenem kleinen Paradiese flog, um sich zu berzeugen, da er
recht gesehen, und wirklich zwei Bilder so unmittelbar neben einander
stehen knnten, die das eine dem Himmel, das andere der Hlle glichen.

Dort, gleich rechts ber der Mauer nmlich, und nur durch wenige Grten
oder offene Hofpltze davon getrennt, erhoben sich die Hintergebude der
eigentlichen Judengasse, spitz und phantastisch genug, es ist wahr, mit
hohen Giebeln und rauchgeschwrzten Dchern; aber ordentlich Gespenstern
glichen die schmalen, fest in einander gedrngten Huser mit den leeren,
dsteren Augen, die berall hinausstarrten. Da war kein einziges fast
mit ganzem Rahmen oder Glas, keine weie Gardine zeigte auch nur an
einem Punkt, da dort gesittete Menschen hausten -- schmutzige Lappen
und Tcher, alte, wst aussehende Kleidungsstcke hingen berall heraus,
der Luft, als einziger Reinigung, ausgesetzt, und an jeder Wand zeigten
die Spuren niedergegossenen Wassers und Unraths den Zustand, der im
Innern herrschen mute.

Der junge Baron von Wendelsheim hatte auch frher wohl oft staunend und
kopfschttelnd zu jenen Hhlen hinbergeschaut, die ja doch ebenfalls
das umschlossen, was der Mensch seine Heimath nennt und wo er sich wohl
und glcklich fhlen soll, und dann immer nicht begriffen, wie Menschen
gerade dort freiwillig existiren konnten. Heute schweifte sein Blick
glanzlos, ohne das Paradies, ohne die Hlle dahinter auch nur zu sehen,
ber die Blumen, ber die rauchverbrannten Huser wie ber eine Leere
hin.

Sein Ehrenwort! -- er hatte es leichtsinnig, gedankenlos gegeben --
es war den Leuten gegenber, die ihn bei dem Kauf umstanden, mehr eine
Prahlerei gewesen, und die Folgen der Nichterfllung konnte er noch
nicht bersehen. Aber selbst das lag ihm jetzt weniger auf dem Herzen,
als die Trennung von dem Mdchen, das heute, erregt wie er war, einen
nie geahnten Einflu auf ihn ausgebt. Und was durfte sie ihm je sein?
Sie, die Tochter des alten Salomon, eine Jdin -- er, der Sohn eines
der adelstolzesten Huser im ganzen Reiche! Und konnte ihm das eine
Rcksicht auferlegen? Hatte ihn nicht gerade dieser Vater, so lange er
denken konnte, rauh und abstoend behandelt? -- Er fate die fieberheie
Stirn mit den Hnden. Die Gedanken, die ihm wild und toll durch das Hirn
zuckten, machten ihn fast schwindeln.

Fehlt Ihnen etwas, Herr Baron? sagte eine weiche Stimme an seiner
Seite. Soll ich Ihnen vielleicht ein Glas Wasser holen?

Ja, Kind, mit ein paar Tropfen Rum hinein, von dem guten, den der Vater
neulich auf der Auction gekauft hat.

Ich danke Ihnen, Rebekka, sagte der junge Mann freundlich; es war
nur -- ein heftiger Schmerz, der mir durch die Schlfe zuckte -- es ist
schon vorber.

Aber ich hole es doch, damit es nicht wiederkehrt, lchelte das junge
Mdchen -- Sie drfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr? Und dann
spielen Sie mir noch einige von den Mendelssohn'schen Liedern; es giebt
fr mich nichts Schneres auf der Welt. Das wird Sie auch ein wenig
zerstreuen, setzte sie leiser hinzu und huschte dann aus dem Zimmer.

Armes Kind, sagte die Mutter, die ihr nachsah und langsam dazu mit dem
Kopfe nickte -- jetzt ist sie noch so jung und heiter, und kennt keine
Sorgen und Schmerzen; und wie bald wird die Zeit kommen, wo sie an die
Thr klopfen und dann nicht mehr weggehen, man mag thun und machen, was
man will!

Gott mge sie ewig fern von ihr halten! sagte Bruno viel weicher,
als er sonst wohl dachte und fhlte, denn unwillkrlich traf ihn der
Gedanke, da er selber die Ursache sein knne, welche die erste Thrne
in des Mdchens Augen rief, den ersten wehen Schmerz in ihre Brust
einziehen lie.

Sagen Sie, Herr Lieutenant, rief da die Frau, deren Gedanken rasch
einen andern Flug nahmen, Sie haben ein so gutes und weiches Herz und
sind so ein braver Mensch, und tragen doch immer an Ihrer Seite einen
langen spitzen Degen, um Menschen damit todtzustechen -- Gott der
Gerechte, wenn ich mir denken mte, wo so eine Klinge in den Leib
geht!

Aber, liebe Frau Salomon, lchelte Bruno, der sich gewaltsam Mhe gab,
die alten Gedanken abzuschtteln, der Degen ist so weit ganz harmlos
und gehrt nur mit zu meiner Uniform. Eben so wenig aber, wie ich
die Epauletten ablegen drfte, darf ich auch die Waffe von der Seite
lassen!

Und mitten im Frieden -- wer thut Ihnen denn 'was? Und Sie wollen doch
auch Niemandem etwas zu Leide thun.

Aber der Soldat mu doch Waffen tragen!

Im Kriege, ja, wenn sie sich einander todtschlagen; aber wenn nun der
Salomon den ganzen Tag mit einem Schleppsbel herumgehen wollte,
und ber die Treppen rasseln, und unten im Laden das Porzellan damit
herunterschmeien -- Gott Abraham's, wie der Salomon damit aussehen
mte! Hat er sich doch neulich einmal zum Spa einen umgeschnallt und
ist damit auf und ab gegangen, aber nicht lange, denn er kam ihm gleich
zwischen die Fcher, und beinahe wr' er damit hingefallen. Htt' sich
knnen Schaden thun mit dem Sbel, und wr' ihm recht geschehen, warum
macht er solche Dummheiten auf seine alten Tage!

Bruno lachte, und auch Rebekka's liebes Gesicht klrte sich wieder auf,
als sie in diesem Augenblick in's Zimmer trat und ihren jungen Gast so
freundlich sah.

Und nun trinken Sie, sagte sie, ihm Glas und Flaschen hinschiebend;
es wird Ihnen gut thun und der Kopf Ihnen wieder klar werden.

Aber nur auf so lange, Rebekka, bis ich Ihnen wieder in die Augen
sehe.

Das Mdchen wurde ernst. Das ist nicht recht, Herr Baron, sagte sie.
Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal bei uns waren und mir so
viele Schmeicheleien sagten, wie sie wohl drauen bei Ihnen Sitte sind?
Damals bat ich Sie so herzlich, das nicht mit mir zu thun, und Sie
versprachen es mir und haben Ihr Wort ehrlich gehalten. Wollen Sie es
jetzt brechen?

Nein, Rebekka -- nein, wahrlich nicht, seufzte der junge Mann recht
aus tiefster Brust; es sollte auch bei Gott keine fade Schmeichelei
sein, es war ehrlich gemeint! Aber -- Sie haben recht, brach er kurz
ab, wir wollen wieder musiciren -- kommen Sie.

Und wollen Sie nicht erst trinken? Das Wasser ist so frisch.

Bruno folgte der Einladung; er go sich reichlich Rum hinzu und strzte
das Glas hinunter. Dann trat er zum Instrument und griff einzelne
Accorde.

Whrend Rebekka zu ihm ging und die Mutter sich auf einem der nchsten
Sthle niederlie, wurde nebenan leise und geruschlos die Thr
geffnet, und der alte Salomon trat ein; wie er aber die Musik hrte,
warf er erst einen Blick durch den Vorhang, der die beiden Zimmer
schied, hinein, glitt dann still zu dem nchsten Kanapee und lie
sich darauf nieder. Er regte sich dabei nicht und sah nur still
und unverwandt ein Bild an, das ihm gegenber hing -- das seiner
verstorbenen Mutter.

Der junge Officier prludirte eine Weile, aber nicht lange; er ging
bald in eine etwas schwermthige Phantasie ber, der er sich hingab und
darber seine Zuhrer fast verga.

Aber so ernst? sagte Rebekka endlich leise.

Sie haben recht, mein Frulein -- ich mu.... er horchte -- die Uhr
hob zum Schlagen aus -- er zhlte: es schlug fnf Uhr -- ich mu Ihnen
etwas Heiteres spielen, denn Sie sollen nicht sagen, da ich mit einem
Trauermarsch von Ihnen geschieden bin. -- Und jetzt spielte er einen
der wildesten Strau'schen Walzer von Anfang bis zu Ende durch. --
Nun, sagte er dann, klang der besser?

Der klang fast noch trauriger als das erste Stck, sagte das junge
Mdchen ernst und wandte sich dabei halb scheu zur Seite.

Aber ich wei nicht, was Du willst, Kind, rief die Mutter -- was
Lustigeres kann es ja doch gar nicht geben, und zuckt es doch sogar mir
alten Frau, die das Tanzen lange abgeschworen hat, in den Fen.

Bruno erwiederte nichts; wieder griff er einige Accorde, die sich
aber fast von selber zu einer Melodie gestalteten, und ohne da er
es vielleicht wute, klangen sie pltzlich zu Mendelssohn's: Es ist
bestimmt in Gottes Rath, zusammen. Er spielte es durch, beide Verse,
die letzten Tne so leise, da sie kaum hrbar durch das Zimmer klangen;
dann stand er langsam auf und griff nach seiner Dienstmtze, die oben
auf dem Instrument lag.

Rebekka stand ihm stumm und regungslos gegenber; ihr Gesicht war
marmorbleich geworden, da sich die rabenschwarzen, langen Wimpern der
niedergeschlagenen Augen deutlich und scharf in einem dunkeln Bogen auf
den Wangen abzeichneten. Jetzt schlug sie den Blick zu ihm auf; er war
mit Thrnen gefllt und schwamm darin wie zwei dunkle Diamanten, und o
-- wie zauberschn und lieblich sie war!

Rebekka! rief der junge Officier, seiner Sinne kaum mehr mchtig --
und Dich, Mdchen, Dich soll ich nie wiedersehen? Aber es mu sein --
die Zeit verfliegt, ich kann nicht lnger sumen! Leb' wohl, und wenn
Du....

Er vermochte nicht weiter zu reden, Thrnen erstickten seine Stimme;
aber er hatte auch das Uebermenschliche geleistet, und die Jungfrau an
sich ziehend, prete er einen heftigen Ku auf ihre Lippen. In demselben
Augenblick fhlte er sich aber auch von Rebekka's Armen in wilder
Leidenschaft umschlungen.

Bruno, flsterte sie, indem sie ihn fest an sich prete, wenn Du mich
verlt, sterbe ich.

Gott der Gerechte! rief die Mutter, die ebenfalls aufgesprungen war
und vor Verwunderung die Hnde zusammenschlug.

Herr Lieutenant, sagte da die kalte, ruhige Stimme Salomon's, es wird
Zeit, da Sie aufbrechen; es ist halb sechs Uhr vorber, und wir haben
noch unten ein kleines Geschft mit einander abzumachen.

Salomon, hauchte der junge Mann, sich verstrt, wie aus einem Traum
emporrichtend -- zrnen Sie mir nicht....

Ich habe gehrt, fuhr der alte Mann ruhig, aber doch mit bewegter
Stimme fort, was die Rebekka gesagt hat, und habe gehrt, was Sie
gesagt haben. Ich hatte anfangs geglaubt, Sie wollten ber 'was Anderes
mit dem Mdel sprechen. Es htt' Ihnen nichts geholfen, Herr Baron; aber
-- nehmen Sie mir den Verdacht nicht bel -- Sie sind ein Ehrenmann, und
ich hoffe, Sie werden nicht abreisen und das gegebene Ehrenwort derweil
auf mich bertragen.

Salomon!

Bitte, kommen Sie herunter, es liegt Alles bereit, und Dinte und Feder
steht daneben; wir brauchen keine zwei Minuten damit zu versumen. Sie
wissen doch um sechs Uhr.

Und er kehrt zurck, Vater?

Wird er zurckkehren, wenn er sein Wort hlt, und ich glaube, er thut's
-- meinetwegen -- und vielleicht auch Deinetwegen.

Salomon, wie soll ich Euch danken.

Ein Kunststck, lachte der alte Mann still vor sich hin, das wr'
leicht genug -- aber wir vertrdeln die kostbare Zeit. Er kommt wieder,
Rebekka, ich versprech' Dir's, und Du weit, _ich_ halte mein Wort.

Und ich auch, Salomon, so wahr sich ein Himmel ber uns wlbt! rief
der junge Officier leidenschaftlich, indem er das schne Mdchen noch
einmal an sich prete und einen leisen Ku auf ihre Stirn drckte. Der
alte Salomon seufzte tief auf, aber er sprach nichts mehr hinein, und
den jungen Mann nur bei der Hand nehmend, fhrte er ihn aus der Stube
hinaus, die etwas dunkle Treppe hinab in das Gewlbe.

Die Lden waren schon geschlossen; es brannte nur ein Licht auf dem
Tisch. Dort blieb der Mann stehen.

Der alte Salomon hat sich zum ersten Mal in seinem Leben verrechnet,
sagte er. Wie ich Ihnen das Geld verweigerte und Sie mich fragten, ob
Sie zu der Rebekka hinaufgehen drften, glaubte ich, da Sie das Mdel
um das Geld drngen wrden -- ich hatt' es gehofft, denn leider hab' ich
schon lange fhlen mssen, da sie mehr an Ihnen hing, als ihr und mir
gut war. Das aber htt' sie curirt und es wr' aus und vorbei gewesen
mit dem Baron und der Tochter des alten Juden. -- Es ist anders
gekommen. Die Liebe ist aufgeschlagen wie eine Flamme aus lodernder
Scheune -- und ob das ein himmlisches oder ein verderbliches Feuer wird
-- die Zeit mu es lehren.

Salomon -- haltet Ihr mich fr einen ehrlichen Mann?

Lieber Gott, sagte der Jude, wie hait -- Sie sind ein Baron und von
altem Adel, und wie es einmal werden soll, der Herr da oben wei es
-- doch es wird spt. Hier, Herr Baron, fuhr er fort, indem er mit
langsamen Zgen einen Wechsel ausfllte, Geld hab' ich nicht so viel im
Haus -- besonders kein Gold -- aber das Papier hier, mit dem Namen vom
alten Salomon darunter, ist in der ganzen Stadt so gut wie Gold. So,
und hier auf den Zettel schreiben Sie: von Isaak Salomon 200 Lujedor --
schreibe zweihundert Lujedor mit fnf Procent Zinsen geborgt erhalten zu
haben, bescheinigt -- und Ihren Namen darunter.

Salomon....

Es wird gleich sechs Uhr schlagen -- wozu das viele Reden -- wo ich
mein eigenes Kind riskire -- was liegt an dem Geld!

Ich werde Euch das nie vergessen!

Wr' mir auch nicht lieb, nickte der Alte, indem er den rasch
geschriebenen Schein gegen das Licht hielt und dann wegschlo. Und
jetzt leben Sie wohl! Warten Sie, ich lasse Sie gleich durch den Hof auf
die Strae, vorn ist zu.

Mein lieber, braver Salomon!

Auf Wiedersehen, Herr Baron, auf Wiedersehen!

Und der alte Mann drngte ihn selber hinaus auf die Strae; dann ging er
zurck in den Laden, schlo den Geldschrank und schob den Schlssel in
die Tasche, lschte das Licht aus, kniete neben dem Stuhl, an dem er
stand, nieder und betete da im Dunkeln, allein mit seinem Gott, hei und
brnstig.




8.

Der Familienball.


Am Mittwoch Abend war groe Gesellschaft beim Staatsanwalt Witte,
allerdings nicht zu dessen eigenem Vergngen, denn er hate nichts
mehr auf der Welt -- einen schlechten Proce ausgenommen--, als derlei
sogenannte Vergngungen oder Festlichkeiten, die das eigene Haus
schon auf drei, vier Tage vorher auf den Kopf stellen und jede eigene
Bequemlichkeit aus dem Fenster werfen. Er hatte auch gewnscht, da
sie das Ganze in einem Hotel arrangiren mchten, wo sich nicht allein
passendere Rumlichkeiten fanden, sondern auch die Leute darauf
eingerichtet waren, und er dann Abends, nach berstandenem Genusse,
augenblicklich wieder in seine alte Ordnung und Ruhe zurckkehren
konnte. Es kostete allerdings eine Kleinigkeit mehr -- und das
vielleicht nicht einmal. Wenn man aber all' die Unruhe und Aufregung und
die vielen fremden Leute rechnete, die man gezwungen war zur Bedienung
in das Haus zu nehmen, so konnte das gar nicht in Betracht kommen. Er
wurde jedoch im Familienrath berstimmt, denn Frau wie Tochter hatten
es sich einmal in den Kopf gesetzt, die kleine Festlichkeit auch in den
eigenen Rumen zu geben, selbst wenn diese etwas beschrnkt waren.

Ein Hotel -- dort war die Frau Staatsanwalt weiter nichts, als was ihr
Titel besagte, aber nicht die Hausfrau, und Ottilie nicht die Tochter
vom Hause. Man bewegte sich in fremden Slen genau so, als ob man wo
anders zu Gaste gewesen wre, und viele der Eingeladenen wurden sich am
Ende nicht einmal recht klar, wem sie die Einladung verdankten: dem, der
die Karten geschickt, oder vielleicht einem Andern, fr den er das nur
besorgt hatte; ja, es konnte eben so gut eine Actien-Gesellschaft
sein, wo sich Mehrere zusammengethan, um ihre Freunde und Bekannten
einmal abzufttern. Da lieber nicht -- die Frau Staatsanwalt erklrte,
da sie ihrem Manne den Gefallen gethan habe, die Freunde zu sich zu
bitten (sie hatte ihn nmlich bis auf's Blut geqult und immer wieder
erinnert und gebohrt, bis sie seine Einwilligung bekam), nun aber wolle
sie die Sache auch ordentlich in's Werk setzen, wie sich's gehre, und
nicht halb und stckweise.

Dabei blieb es natrlich, denn der Staatsanwalt war eben nur ein Anwalt,
kein Richter, besonders in seinem eigenen Hause, und hatte dafr das
Vergngen, da ihm schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festabend
sein Studirzimmer selber, aus Mangel an Raum, mit denjenigen Mbeln
vollgepfropft und verstellt wurde, die aus dem Salon und anderen
Nebenpicen ausgerumt werden muten, um Platz fr Seitentische und den
Tanzraum zu schaffen. Er protestirte allerdings dagegen und behauptete
thrichter Weise, da er zu seinen Bcher-Regalen freien Zugang haben
msse, weil er nicht wissen knne, welches er gerade brauche; aber
was half es ihm! Seine Frau bewies ihm, da die Sache nicht anders zu
arrangiren sei; er habe den Ball einmal gewollt, und nun msse er
auch die Folgen tragen. Mit einem Seufzer fgte er sich deshalb in das
Unvermeidliche.

Witte's Unglck war, da seine Frau fr den Adel schwrmte. Sie
behauptete selber, im vierten oder fnften Zweig ihres Stammbaumes aus
einer edlen Familie abzuleiten, aus welcher eine ihrer Vormtter -- Gott
vergebe es ihr -- einmal eine Mesalliance gemacht. Fr sie hatte denn
auch nur der Adel Werth, und sie begriff eigentlich manchmal in stillen
Stunden selber nicht, weshalb sie einen Brgerlichen geheirathet hatte.
Witte mute jedenfalls in seiner Jugendzeit zu unwiderstehlich gewesen
sein, und an der Sache war auch berhaupt nichts mehr zu ndern. Aber
sie suchte sich wenigstens ihre Umgebung am liebsten unter dem Adel auf,
und ihr Lieblingsgedanke blieb immer der: ihre Ottilie doch jedenfalls
wieder gesetzlich und berechtigt in die Kreise und den Rang einzufhren,
aus dem jene besagte Vormutter freiwillig und leichtsinniger Weise
ausgetreten, das heit, sie an einen Baron zu verheirathen.

Die eingeladenen Gste gehrten deshalb auch vorzugsweise diesem Stande
an. Es war allerdings nicht zu vermeiden gewesen, einige brgerliche
Appellations-, Gerichts- und Justizrthe wie mehrere Collegen Witte's
mit ihren Familien zu laden; aber adelige Namen, mit dem von jedesmal
deutlich ausgeschrieben, glnzten hauptschlich auf ihrer Liste, zu der
sie sich denn auch vielleicht nur aus diesem Grunde bewogen gefunden,
den alten Major von Halsen und Frau von Bleheim hinzuzufgen.
Sie brauchte Tnzer, also nicht den Major; aber der Major spielte
vortrefflich l'Hombre, und dazu hatte ihn sich Witte fr den Abend
ausersehen.

Da Lieutenant von Wendelsheim geladen war, verstand sich von selbst.
Witte hatte allerdings gegen ihn protestirt; denn wenn er auch den
Verdacht des Majors fr zu vage erklrte, um ihm besonders viel Glauben
zu schenken, war er doch in etwas mitrauisch geworden und wollte eine
nhere gesellschaftliche Bekanntschaft nicht provociren. Aber, lieber
Gott, er htte eben so gut von seiner Frau verlangen knnen, an dem
Abend des Balls in einem Kattunkleide zu erscheinen! Er wurde mit
Entrstung abgewiesen, ja der Lieutenant erhielt eine der ersten Karten,
und das Einzige, was der Rechtsanwalt erlangen konnte, war, noch einen
Referendar von seiner Seite einzuschmuggeln.

In der Ausschmckung und Arrangirung des Gesellschaftsraumes war
wirklich das Aeuerste geleistet, und die Zimmer sahen in der That gar
nicht mehr so aus, als ob sie zu einer stets benutzten Familienwohnung
gehrten. Da stand aber auch kein Sopha und kein Stuhl mehr auf
seiner alten Stelle, und der Secretr mit der Commode friedlich in der
Waschkche, whrend wieder Chiffoniren und Schrnke einen Platz auf dem
Trockenboden einnahmen und dort allerdings wunderlich genug aussahen.
Selbst das Heiligthum der Schlafzimmer war nicht unangetastet geblieben,
und als der Staatsanwalt Abends noch einmal hineinging, um seine etwas
derangirte Frisur ein wenig in Ordnung zu bringen, fand er statt des
sonst gewohnten Lagers an der nmlichen Stelle einen wahren Berg von
Matratzen und Kopfkissen, die fast zu Manneshhe aufgeschichtet
lagen. Aber er sagte kein Wort; nur einen tiefen Seufzer stie er aus,
arbeitete sich dann zwischen den beiden Nhtischen seiner Frau
und Tochter, die hier, wie in eifriger Unterhaltung begriffen,
zusammenstanden, durch, kam zu seinem Waschtisch, beendete die
gewnschte Operation und gelangte nach einiger Mhe wieder in's Freie
und hinaus, wo er wenigstens Raum hatte sich zu bewegen.

Aber jetzt bekam er auch keine Zeit mehr, um ein finsteres Gesicht zu
ziehen, ja, er mute im Gegentheil lcheln und sehr liebenswrdig sein,
denn die ersten Gste langten eben an, und seine Frau war mit ihrer
Toilette, die sie in der Tochter Zimmer beendete, richtig noch nicht
fertig geworden -- Damen werden das berhaupt selten. Sie hatte aber
freilich auch noch bis zum letzten Augenblick so entsetzlich viel zu
thun und anzuordnen gehabt, da ihr nicht ein Moment fr sich selber
blieb. Sie wollte auch, wie sie meinte, an das Fest und die Unordnung
im Hause denken, und so 'was passirte ihr nicht wieder, so lange sie ein
Wort da hinein zu reden htte.

Aber das war freilich in dem Moment Alles vergessen, wo sie den
hellerleuchteten, ja, von Lichtern ordentlich strahlenden Saal betrat
und nun nichts mehr hrte, als das Rauschen schwerer Kleiderstoffe
und s gelispelte Begrungsformeln, zwischen welche sich melodisch
manchmal das Klirren von einem Paar Sporen oder einer Sbelscheide
mischte.

Im Anfang ging das auch vortrefflich. Die ziemlich gerumigen Gemcher,
von geputzten, frhlichen Menschen belebt, sahen vortrefflich aus, und
Alles schien sich auerordentlich behaglich zu befinden; aber mehr und
mehr trafen ein -- es waren doch, wie das ja oft geschieht, etwas
mehr geladen, als man anfangs beabsichtigt hatte, und die Zimmer dabei
ebenfalls nicht so gro, wie man gedacht. Aber es half jetzt nichts, es
mute gehen, und ging, und nur die Gruppen standen ein wenig dicht, und
es hatte spter einige Schwierigkeit, um einen Raum zum Tanzen frei zu
bekommen. Dazu herrschte gleich von Anfang an, und durch die zahlreichen
Lichter noch vermehrt, eine drckende Schwle in den Rumen, so da die
Rouleaux beseitigt und die oberen Fenster geffnet werden muten, wonach
sich wieder einige alte Herren und Damen ber Zug beklagten. Allen
Menschen kann man es aber doch nicht recht machen, und da sich das junge
Volk bedeutend in der Majoritt befand, setzte es seinen Willen durch.

Der Staatsanwalt hatte aber auch fr sich etwas durchgesetzt, und
zwar auf sehr schlaue Weise, nmlich ein Spielzimmer, das zugleich zum
Rauch-Coup dienen sollte. Dagegen -- gegen das Rauchen nmlich
-- hatte die Frau Staatsanwalt sich mit Hnden und Fen gestrubt,
obgleich sich ein vollkommen passendes Stbchen am Ende der Wohnung
befand, das aber zu entfernt vom Speisezimmer lag, um zu anderen Zwecken
zu dienen und von ihr in Anspruch genommen werden konnte. Das Stbchen
war dabei nur einfach gemalt, und Ottiliens Mutter hatte ihren Mann
lange deshalb geqult, es einmal tapezieren zu lassen, damit man es zu
einem, wie sie sagte, anstndigen Fremdenstbchen herrichten
konnte. Der Staatsanwalt war aber aus verschiedenen Grnden nie darauf
eingegangen, jetzt wurde er weich. Er versprach der Gattin Wunsch zu
erfllen, wenn es ihm an dem Abend zur Disposition gestellt wrde, und
wie er die Einwilligung erhielt, wurde augenblicklich der Tapezierer
beordert, der in unglaublich kurzer Zeit die gemalte Wand mit einer
Tapete berklebte; dann kamen drei Spieltische hinein mit den nthigen
Karten und Marken, und -- Aschenbecher und Feuerzeuge mit zwei Kisten
ausgesuchter Havannah-Cigarren. Jetzt sah er dem Kommenden ruhig
entgegen; er wute einen Platz, wo er untertreten konnte.

In der Gesellschaft bewegte sich indessen noch Alles ziemlich wirr und
ungeordnet durcheinander, denn die Leute waren noch nicht recht mit
einander bekannt geworden. Thee wurde herumgereicht mit Backwerk, aber
man stand zu gedrngt, und wenn Jemand der einen Dame eine Verbeugung
machen wollte, so gerieth er dabei einer andern auf die Robe und mute
sich wieder entschuldigen. Doch das regulirt sich zuletzt Alles von
selber.

Wenn ein Schiff, zum Ueberlaufen mit Passagieren besetzt, in See geht,
so glaubt man anfangs gar nicht, da alle die Leute mit ihren zahllosen
Koffern und Kisten ein Unterkommen darauf finden knnen; aber
kaum einmal eine kurze Zeit in See, und sie werden so in einander
geschttelt, da noch viel mehr darauf Platz gefunden htten. Genau so
ist es in Gesellschaft. Anfangs stehen sich die Leute alle im Wege und
getrauen sich gar nicht, da oder dort hinber zu rcken. Aber das dauert
nicht lange, da gewinnen auch die Bldesten ihre freie Bewegung wieder,
und nur erst einmal in Bewegung, und die Masse vertheilt sich aus
eigenem Antrieb bald so zweckmig, da sie sogar noch Raum fr die hin
und her gehenden Diener lt.

Das Militr war besonders zahlreich vertreten, vorzglich der Stand
der Lieutenants, denn schon Hauptleute sind meist verheirathet und
auerordentlich schwer zum Tanzen zu bringen, whrend ein Major nur
in Ausnahmefllen springt. Lieutenant von Wendelsheim hatte sich denn
ebenfalls pflichtschuldigst eingefunden, denn wenn er sich auch nicht
gerade in der Stimmung fhlte, eben jetzt einer solchen Gesellschaft
beizuwohnen, mochte er auch nicht unhflich gegen eine Familie
erscheinen, die sich ihm immer so freundlich und aufmerksam gezeigt. So
leichtherzig, ja man knnte sagen, leichtfertig er sich aber auch sonst
bei solchen Gelegenheiten benommen, so still und zurckgezogen hielt
er sich heute, mischte sich fast gar nicht unter das rege Getmmel
des jungen Volkes, sondern hielt sich fast einzig und allein zu der
freundlichen Wirthin selber, die auch ber diese Aufmerksamkeit entzckt
schien und ihn mit ihrer Liebenswrdigkeit berschttete.

Aber das junge Volk lie nicht lange Ruhe. Ein kleines Gerst war fr
die Musici aufgebaut worden, und einige von diesen hatten sich dort
sehen lassen, um ihre Instrumente einzustellen. Ein paar Geigenstriche,
der Stimmung wegen, wurden dabei unvermeidlich, und der scharfe Ton
derselben wirkte wie ein Zauber auf die Tanznerven der Gesellschaft.

Zuerst wurden die jungen Damen unruhig und fingen an zu flstern und
zu zischeln, dann wagte einer oder der andere der jungen Herren den
allerdings lauten, aber doch aus sicherem Versteck hervorgestoenen Ruf:
Musik! so da man nicht genau bestimmen konnte, von welcher Ecke
er eigentlich zuerst erschallte. Da aber Ottilie selber bei der Sache
interessirt war und gewissermaen als Vice-Hausfrau fungirte, so wute
sie die Musici bald auf die Tribne zu bringen, und erst einmal dort,
verstand es sich von selbst, da sie ihre Instrumente in Thtigkeit
setzten.

Eigentlich hatte die Frau Staatsanwalt bestimmt gehabt, da der Tanz
erst nach dem Essen beginnen sollte; aber was half ihre kalte Berechnung
an einem so heien Abend. Die Leidenschaft siegte, und whrend
der Staatsanwalt selber sich seine Mannschaft fr das Rauch-Coup
zusammensuchte und dadurch ebenfalls dafr sorgte, da ein wenig mehr
Raum wurde, fing das junge Volk schon an, sich im Kreise zu drehen.

Wendelsheim hatte dabei schon aus schuldiger Artigkeit die Tochter des
Hauses zum ersten Tanze engagirt und keinen Korb bekommen, und Paar an
Paar schlo sich dem lustigen Reigen an, whrend es der Staatsanwalt
dagegen lange nicht so leicht fand, die Spieltische zu besetzen. So
gern nmlich viele Leute spielen, haben sie auch nur zu hufig den
Aberglauben dabei, da sie sich mssen dazu nthigen lassen, um nachher
zu gewinnen. Aber es gelang trotzdem, und er brachte, whrend er sich
selber fr das l'Hombre mit dem Major und dem Justizrath Bertling
engagirte, noch eine Whist- und eine Skat-Partie zusammen, wobei sich
dann noch etwa zehn oder zwlf ltere Herren der Hitze und dem Gewirr
der anderen Zimmer entzogen, um hier in aller Gemthlichkeit dem
Spiel zuzusehen und dabei ihr Glas Wein zu trinken und eine Cigarre zu
rauchen. Sie htten es sich nicht besser wnschen knnen.

Der alte Major war ein ungemein eifriger l'Hombrespieler und verga
merkwrdiger Weise von dem Moment an, wo er am Kartentische sa, seine
ganze Krankheit und sein sonstiges Elend. Zu anderen Zeiten sthnte und
jammerte er den ganzen Tag bald ber dies, bald ber das, was ihn im
Krper qulte und peinigte. Jetzt sthnte er allerdings auch -- denn
das war ihm nun einmal zur andern Natur geworden, und er konnte es
eben nicht mehr lassen--, aber keineswegs ber irgend ein
Krankheits-Symptom, sondern nur einzig und allein ber schlechte Karten,
die er, wie er uerte, immer unter der Wrde bekam. Auerdem aber
verlugnete er auch beim Kartenspiel seine sonstige Unausstehlichkeit
nicht und hatte bald da, bald dort etwas auszusetzen; aber er spielte
sehr gut, und man lie es sich deshalb gefallen.

So hatten die Herren, whrend im Saale schon flott getanzt wurde, ein
paar Stunden etwa gesessen, als die Frau Staatsanwalt selber einmal
hinberging, um ihrem Gatten anzuzeigen, da gegessen werden knne und
die Herren ihr Spiel auf kurze Zeit unterbrechen mchten. Sie ffnete
auch vollkommen athemlos die Thr, blieb aber wirklich vor Entsetzen wie
festgebannt auf der Schwelle stehen, als ihr eine fast undurchsichtige
blaue Dampfwolke entgegenquoll, in der sie nur in hchst unbestimmten
Umrissen einzelne sitzende und stehende Gestalten erkennen konnte.

Herr Du meine Gte! rief sie ordentlich erschreckt aus. Dietrich, wo
bist Du denn?

Hier, mein Kind, sagte der Verlangte, indem er sich wie ein graues
Nebelbild aus dem Qualm emporhob, oder vielmehr damit in die Hhe zu
steigen schien.

Aber weshalb, um Gottes willen, ffnen Sie denn kein Fenster? -- ich
begreife gar nicht, da Sie noch im Stand sind, die Karten zu sehen!

Das htten wir allerdings thun knnen, lchelte der Staatsanwalt
verlegen, aber wir waren so in unser Spiel vertieft....

Und drft' ich die Herren bitten, hinber zum Essen zu kommen -- es ist
Alles bereit.

Sehr wohl, gndige Frau! -- Den Augenblick! -- Letztes Spiel! und
mehrere andere derartige Ausrufe antworteten ihr, whrend die Frau
Staatsanwalt scheu wieder zurckwich und die Thr hinter sich schlo,
denn in der Atmosphre konnte sie nicht existiren, der Tabaksgeruch
htte sich ihr ja in Kleidern und Locken festgesetzt.

Begonnene Partien wurden jetzt beendet und, da der Tabaksqualm auch
einmal erwhnt worden und die Herren darauf aufmerksam gemacht waren,
auch die Fenster geffnet. Dann bereitete man sich vor, um hinber in
den Speisesaal zu gehen. Die l'Hombre-Partie war am ersten aus und das
Dreiblatt aufgestanden. Der Justizrath trat noch zu einem andern Tisch,
als der Major den Staatsanwalt unter den Arm fate und etwas mit sich
bei Seite fhrte.

Wissen Sie, Staatsanwalt, da ich wieder auf einer neuen Spur bin?
sagte er dabei leise.

Spur? Wohin? sagte Witte, der noch das letzte Spiel im Kopfe hatte,
das er mit den brillantesten Karten verloren.

Nun, in der Wendelsheim'schen Sache.

Mein lieber Herr Major, erwiederte der Jurist, ich frchte, Sie geben
sich, mit anerkennenswerther Thtigkeit, da ganz vergebene Mhe; denn
Sie werden zuletzt finden, da Sie auf Ihrer neuen Spur, genau wie auf
der alten, nur auf einem Holzweg sind. Die Sache ist eben ungreifbar,
sie bietet nirgends einen Halt, denn Alles, was wir bis jetzt davon
erfahren haben, sind eben weiter nichts als Verdachtgrnde und vage
Vermuthungen, und damit drfen wir nicht arbeiten. Bringen Sie mir
_einen_ haltbaren Beweis, nur einen einzigen, dann berlassen Sie das
Andere mir; denn wenn man erst das eine Ende von einem Faden hat, findet
man auch das andere. Aber sonst will ich mit der Geschichte nichts
weiter zu thun haben, schon des jungen Mannes selber wegen, der sogar in
diesem Augenblick mein Gast ist.

Hol' ihn der Teufel! knurrte der Major. Er ist so wenig ein Baron von
Wendelsheim, wie Sie und ich....

Wollen wir nicht zum Essen gehen? Die Herren scheinen ihr Spiel beendet
zu haben.

Und ich setz' es doch durch, sagte der Major, der, strrisch wie viele
alte Leute, sich einmal auf den Gedanken verbissen hatte und nun mit
menschlichen Mitteln nicht wieder davon abzubringen war. Ich bin kein
Advocat, aber ich wollte, ich wre einer geworden; denn wenn irgend ein
Haken an der Sache zu finden ist, _ich_ finde ihn, Staatsanwalt, _ich_
finde ihn -- soll mich der Teufel holen!

Der Staatsanwalt war froh, da er Gelegenheit bekam, sich von der ihm
lstig werdenden Unterredung zu befreien, und jetzt verschlang auch der
Zug der in die Ezimmer strmenden Menschen jedes weitere Gesprch,
denn das wogte nur so herber und hinber und erforderte die ganze
Aufmerksamkeit und Umsicht der Hausfrau, Allen nicht allein ihren Platz,
sondern sogar ihren bestimmten Platz anzuweisen. Frau Staatsanwalt
Witte war ihrer Aufgabe aber auch vollkommen gewachsen; sie hatte viel
unternommen, aber nicht zu viel, und nach kaum einer Viertelstunde,
wobei sich das junge Volk besonders gut amsirte, wenn es ein wenig
herber und hinber gestoen wurde, fand sich die Gesellschaft wirklich
untergebracht, und die Lohndiener konnten jetzt ungehindert in den
Gngen hin und wieder schieen, um die verschiedenen Speisen herum zu
reichen.

Ottilie war glcklich heute Abend -- Lieutenant von Wendelsheim, den sie
aber ausnahmsweise still und schweigsam fand, whrend er sonst gar nicht
genug erzhlen und plaudern konnte, hatte sich fast ausschlielich den
ganzen Abend durch mit ihr beschftigt und sie dann natrlich auch zu
Tisch gefhrt. Sie sa jetzt neben ihm und mute sich gestehen, da ihm
der Ernst viel besser stand, als das frhere, etwas fahrige Wesen. Ein
wenig galanter freilich htte er schon sein knnen, und sie erinnerte
sich nicht, da er ihr an dem ganzen Abend auch nur ein paar aufmerksame
Worte ber ihre gewi brillante Toilette gesagt, und beim Tanze selber
-- das fiel ihr eigentlich jetzt erst auf -- schien er ganz vergessen
zu haben, ihr seine Bemerkungen ber den Putz anderer Damen, worber
sie sich sonst so amsirt, mitzutheilen. Er war wirklich heute wie
ausgewechselt. Nicht einmal von seinem Fuchs hatte er gesprochen;
Ottilie mute ihn erst daran erinnern, und dann wute er so gut als gar
nichts ber ihn zu sagen. Wenn sie nur im Stande gewesen wre, heraus zu
bekommen, was eine solche Vernderung bei ihm hervorgebracht -- es wre
so interessant gewesen!

Ottilie war aber wirklich an dem Abend vollkommen zwischen das Militr
gerathen, denn an ihrer andern Seite hatte sie noch einen Lieutenant,
und dieser wute in der That, ber was er sich unterhalten sollte, denn
er lie das Gesprch mit seinen beiden Nachbarinnen auch nicht einen
Augenblick stocken.

Sage Ihnen, mein gndiges Frulein, schnarrte er, pomps heut' Abend,
auf Ehre -- wte nicht, wann mich so trefflich amsirt htte -- =
propos=, haben himmelblauen Aufsatz von Frau Professor Nestewitz schon
entdeckt? Himmlisch, im wahren Sinne des Worts -- genau so, wie Kolibri
auf Klatschrose! und in dieser Art weiter. Ottilie gerieth auch dadurch
ein paarmal ziemlich in Verlegenheit, denn eine Verwandte gerade jener
etwas auffllig gekleideten Professorin sa gar nicht so weit von
ihnen entfernt und htte eigentlich das Ganze hren knnen, und ihr
=vis--vis= war mit der Dame ebenfalls bekannt. Der Sohn des Mars schien
aber einmal im Gang und nicht aufzuhalten, und berfluthete seine
beiden schnen Nachbarinnen unaufhrlich bald mit solchen ziemlich
rcksichtslosen Beobachtungen, bald mit den berschwnglichsten
Schmeicheleien.

Sagen Sie, Herr Lieutenant, wandte sich endlich Ottilie, als sie nur
einen Augenblick Luft bekam, an ihren Nachbar zur Linken, denn sie war
entschlossen, in der Sache etwas klarer zu sehen, weshalb sind Sie
eigentlich heute so einsilbig? Fehlt Ihnen etwas, oder -- noch schlimmer
-- langweilen Sie sich?

Aber, mein gndiges Frulein, das ist ungerecht von Ihnen, sagte
Wendelsheim freundlich, mir auch nur fragweise einen solchen Vorwurf
zu machen, denn es wre schlimmer als undankbar, wenn das an Ihrer Seite
der Fall sein knnte.

Also fehlt Ihnen etwas? sagte Ottilie leicht errthend, denn das Wort
Ihrer war mit besonderer Betonung gesprochen worden.

Auch das nicht, lchelte Wendelsheim ausweichend. Wie wre das auch
mglich? Wir schwelgen ja hier im Ueberflu.

So meinte ich es nicht, sagte Ottilie, die fest entschlossen schien,
ihren Nachbar nicht so leichten Kaufs davon zu lassen. Fhlen Sie sich
vielleicht nicht wohl, oder drckt Sie ein geheimer Kummer?

Habe ich mich wirklich so ungeschickt benommen, da ich in den Verdacht
kommen konnte? fragte der Lieutenant.

Ungeschickt? O, gewi nicht, Herr von Wendelsheim! sagte Ottilie
rasch. Aber ich wei nicht, der Ausdruck in Ihren Zgen kam mir so
-- wie soll ich nur sagen -- so gedrckt, so wehmthig vor, und ein
paarmal, wenn Sie sich unbemerkt glaubten, starrten Sie so dster vor
sich nieder. Sie haben doch sicher und gewi keine Ursache, traurig zu
sein?

Und woher wissen Sie das, mein gndiges Frulein? sagte Wendelsheim,
indem er ihr so voll in die Augen sah, da sie die ihrigen verwirrt
abwandte. Wie mancher Mensch hat wirklich einen geheimen Kummer, in
dem ihm entweder kein Anderer beistehen kann, oder wo er es wenigstens
glaubt, die ganze Sorge auch vielleicht nur eingebildet ist, und er
trgt sie nur eine Zeit lang mit sich herum und hegt und pflegt sie, bis
er einsieht, da Alles, was er bis dahin fr ein Unglck gehalten, der
Vorbote seines Glckes gewesen...

Ottilie errthete tief. Ich will gewi wnschen, sagte sie endlich,
da das auch bei Ihnen der Fall ist; mein anderer Nachbar scheint aber
keinen solchen Kummer zu haben, denn er plaudert frisch von der Leber
weg.

Glckliche Menschen, sagte Wendelsheim, weil sie ihre eigene
Unbedeutendheit nicht fhlen; denn wenn sie einmal zur Selbsterkenntni
kmen, wre es vorbei -- gerade wie bei mir.

Also das wre Ihr Kummer? lchelte Ottilie. Da ist es doch ein wahres
Sprichwort, wenn man sagt: Wer keine Sorgen hat, macht sich welche,
oder er ist nicht zufrieden.

Ah, reden Sie von Sorgen? fiel hier der unverwstliche Nachbar ein,
der das Wort aufgefangen haben mute. Famoser Gedanke das, hier bei
diesem lucullischen Mahl und bei dem Wein von Sorgen zu reden! Halten
wohl meinem Kameraden da drben eine kleine moralische Vorlesung?
Sehr liebenswrdig, meine Gndige, denn ich frchte fast, er kann sie
nothwendig gebrauchen.

Ich drfte sie dann vielleicht zwischen den beiden Herren vertheilen?
lchelte Ottilie, die ihn gern bei dem Gedanken lassen wollte.

Bitte unterthnigst, meine Gndige, sagte abwehrend der junge Officier
-- kriegen Nasen genug auch ohne das -- auf Ehre! Wre auch rein
weggeworfene Mh' -- grndlich verloren gegangene Zerknirschung
verduftet, vollstndig verduftet, und nichts brig geblieben, als
namenlose Seligkeit und Verzckung -- auf Ehre! Schwimme in einem wahren
Taumel von Wonne, und wre grausam, daraus zu wecken!

Mit dem jungen Mann war kein ernstes Wort zu reden, noch weniger ein
vernnftiges, das fhlte Ottilie recht gut, und da dessen Nachbarin
sich, vielleicht ebenfalls des Geschwtzes mde, zur andern Seite
gewandt hatte, so blieb ihr, als Tochter vom Hause, nichts weiter brig,
als ihn artig anzuhren.

So verging die kurze, einer leiblichen Strkung gewidmete Zeit, denn die
jungen Damen, die berhaupt bei solchen Gelegenheiten, sehr zum Aerger
lterer Herren und Damen, nur sehr wenig essen und fast gar nichts
trinken, fingen schon wieder an unruhig zu werden und winkten Ottilien
zu -- wo das irgend unbemerkt geschehen konnte--, doch so bald als
mglich nur die Tafel aufzuheben.

Ottilie zgerte noch, denn sie wute nicht, ob es ihrem Vater recht
wre, der solche Gelegenheiten selten und nur hchst ungern zu kurz
abbrach. Die jungen Dmchen, berhaupt erfinderisch in solchen Dingen,
wuten aber ein anderes Mittel, das sich auch als vollkommen probat
bewhrte. Eine von ihnen flsterte nmlich dem nchsten Lohndiener, bei
dem sie ein Glas Wasser bestellt hatte, zu, die Musici aufzufordern,
einen Galopp zu spielen, und kaum erklangen die verfhrerischen Tne,
als auch kein Halten mehr in der Gesellschaft war. Der ltere Theil
derselben strubte sich allerdings noch und wollte Stand halten, aber
unter dem Tisch trippelten schon die kleinen Fe den Tact zu der
so lange ersehnten Melodie, und von da und dort her ertnte das
verrtherische und zndende Gerusch eines heimlich gerckten Stuhles.
Da glaubte der Staatsanwalt durch ein verzweifeltes Mittel die Tafel
noch etwas zu verlngern -- er wollte einen Toast ausbringen, rusperte
sich und stand auf. Wie er aber nur den Stuhl zurckschob, war es, als
ob ein Funke in ein Pulverfa geflogen. Im Nu folgten zwei Drittheile
der Gesellschaft seinem Beispiel; er wollte an ein Glas anschlagen, sah
sich aber schon in den Strudel hineingerissen. Noch hielt er das Messer
in der Hand, aber von allen Seiten preten die jungen Damen auf ihn ein
und wnschten ihm gesegnete Mahlzeit, und die Herren drckten ihm die
Hand. Es war eben nichts zu machen, er mute es aufgeben und trat mit
dem demthigenden Gefhl zurck, sich an seinem eigenen Tisch nicht
einmal satt gegessen zu haben.

Jetzt war aber kein Halten mehr. Die jungen Herren, Militr wie Civil,
griffen selber mit zu, um die Tische und Sthle bei Seite zu schaffen,
das Dienstpersonal konnte kaum schnell genug das Geschirr retten, da
es nicht mit in die Verwirrung hineingerieth, und in unglaublich
kurzer Zeit war, wenigstens im Saale selber, die Ordnung wieder so weit
hergestellt, da die Paare zum neuen Tanze antreten konnten.

Das war aber auch das Signal fr die lteren Herren gewesen, sich
wieder zu einer Tasse Kaffee und Cigarre in das kleine Hinterstbchen
zurckzuziehen und ihr Spiel fortzusetzen, denn da das junge Volk davon
nicht so bald mde werden wrde, lie sich voraussehen.

Dort in dem Stbchen fanden sie aber eine Heidenverwirrung vor, denn die
Frau Staatsanwalt hatte befohlen, sobald die Herren den Raum verlassen
wrden, smmtliche Fenster ebenso wie die Thr zu ffnen, damit der
Qualm einen Abzug finde und die Luft gereinigt wrde. Das war auch
in der That grndlich geschehen; aber der heftige Zug, der dadurch
entstand, hatte smmtliche Karten von den Tischen hinabgefegt und unter
einander geworfen, so da es einige Mhe kostete, um sie wieder in
Ordnung und spielfhig zu bekommen.

Als Witte noch einmal zur Kche zurckging, um von dort einen der
dienstbaren Geister einzufangen, der unter die Tische kriechen und die
Karten auflesen konnte, hrte er von da her ein schallendes Gelchter
und fand, als er, neugierig gemacht, hineinsah, den Schuhmacher
Heberger mitten in der Kche, wie er dort, mit einem Glas Wein in der
rechten erhobenen Hand, aufrecht stand und eine Rede hielt.

Bitte tausendmal um Escse, Herr Geheimer Staatsanwalt, sagte der
Schuhmacher, wie er nur seiner ansichtig wurde, und machte eine
tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, da Sie uns hier in einer kleinen
Conservation treffen! Da ich aber gerade ein Paar Schuh' fr das
unterthnigste Frulein Tochter gebracht habe, so sagte die Frau Geheime
Staatsanwalt, ich mchte so frei sein und ein Glas Wein auf ihr Wohl
leeren, und das wollten mit Dank begrnden....

Schon gut, Heberger, sagte der Staatsanwalt; haltet mir nur hier die
Leute jetzt nicht von der Arbeit ab, denn sie haben gerade viel zu thun.
Franz, springen Sie einmal hinber in's Spielzimmer und suchen Sie die
heruntergewehten Karten mit auf! Damit drehte er sich ab und schritt
dem kleinen Zimmer wieder zu.

Im Saale wurde indessen flott getanzt, und Wendelsheim hatte natrlich
zu dem ersten Galopp wieder seine Tischnachbarin aufgefordert. Ottilie
war dann von ein paar anderen Herren zu den nchsten Tnzen engagirt
worden, und der junge Officier benutzte die Gelegenheit, sich auf
einen der Sthle zurckzuziehen und dem Vergngen eine Weile ausruhend
zuzusehen. Er war nicht in der Stimmung, selber groe Freude daran zu
finden.

Jetzt schwebte Ottilie an ihm vorber, und ein freundliches Lcheln
glitt ber ihre Wangen, als ihr Blick den seinen traf. Er tanzte
nicht, weil sie nicht mit ihm tanzen konnte -- er war wirklich zu
liebenswrdig! Und doch, welch andere Gedanken zuckten ihm durch den
Sinn! Merkwrdig, dachte er, als sie, noch immer lchelnd, im Tanze
ihr Gesicht so drehte, da er das Profil zu sehen bekam, ob sie nicht
Aehnlichkeit mit Rebekka hat? Ganz die leise gebogene Nase und die
schwellenden Lippen; nur der seelenvolle Ausdruck der Augen, nur das
reizende Grbchen im Kinn fehlen ihr; auch ihr Teint ist lange nicht so
zart und wei, das Haar nicht so ppig und natrlich gelockt. Er konnte
sich nicht helfen: sein Blick mute sie immer und immer wieder suchen,
und so vertieft war er in den Gedanken, da er nicht einmal bemerkte,
wie er dabei sowohl von Ottilien als ihrer Mutter beobachtet wurde.
Er verga sich selber, und die Gedanken flogen hinber zu dem kleinen
sonnigen Stbchen in der Judengasse, zu dem Instrument dort und seiner
Sngerin, und die Gestalten vor ihm bewegten sich im Tacte der Musik
wohl sichtbar, aber ungesehen vor seinen Augen.

Wie aus einem wachen Traum fuhr er auch empor, als er pltzlich seinen
Namen genannt hrte und Ottilie vor sich sah, die ihm lchelnd und
errthend eine Verbeugung machte. Es war zum Cotillon angetreten, und
die Damen forderten ihre Tnzer selber auf. Was er sprach -- er wute
es selber nicht; er fhlte wohl, da er blutroth dabei wurde, aber ein
verlegener Lieutenant ist schon an und fr sich interessant, und Ottilie
fhrte ihre Beute im Triumph den Reihen zu.

Es war spt geworden, und der Cotillon, der mit seinen mannigfachen
Variationen ber eine Stunde dauerte, nherte sich seinem Ende. Aeltere
Damen, die als Ehrengarde mit ihren Tchtern oder Nichten hergekommen
und in irgend einer Ecke, des langen Harrens mde, sanft entschlummert
waren, wurden von ihren Nachbarinnen geweckt und rafften sich, wie sie
nur erst einmal wieder begriffen, wo sie waren und was man von ihnen
wollte, mit einem Gott sei Dank -- beinah' wr' ich eingeschlafen!
zusammen. Einzelne Paare und Gruppen hatten sich schon entfernt; auch
die Spielpartie war bei so vorgerckter Zeit aufgebrochen, obgleich sie
keine Strung von der Frau Staatsanwalt mehr zu frchten brauchte.

Drauen in der Garderobe suchten junge, decolletirte Damen nach ihren
Mantillen, und junge Herren drckten mit Lichtern umherwartenden
Dienstmdchen warm getanzte Zehngroschenstcke in die Hnde. Jetzt
verstummte aber die Musik, und Wendelsheim, bis zuletzt beschftigt,
empfahl sich der freundlichen Wirthin und ihrer Tochter, und war
dabei so herzlich und unbefangen, und drckte der Frau Staatsanwalt so
bedeutungsvoll die Hand, und schttelte die des Staatsanwalts
selber so ausnehmend dankbar, und kte die Ottiliens so zart und
ehrfurchtsvoll -- es war ordentlich, als ob er auf zeitlebens Abschied
genommen htte. Wie er aber das Haus verlie, huschte Ottilie, ihrer
fast unbewut, in ihr jetzt dunkles Schlafzimmer, um zu sehen, ob sie
nicht noch einmal seinen Schatten unten auf der Strae erkennen knne.
Dort kam er -- er ging quer ber den Weg -- ob er wohl noch einmal
stehen blieb und heraufsah? Wahrhaftig, dort hielt er mitten im Fahrwege
-- er schaute sich gewi nach den erleuchteten Fenstern um und suchte
_sie_. Jetzt blitzte etwas -- es war ein Funken, der strker zu glimmen
anfing. Ottilie lie enttuscht die Gardine fallen -- er zndete sich
eine Cigarre an. -- Das abscheuliche Rauchen!




9.

Am andern Morgen.


Am nchsten Morgen fand sich der Staatsanwalt zu seinem Leidwesen viel
frher geweckt, als ihm lieb war; denn die Nachwehen des gestern Abend
erduldeten Festes muten jetzt erst in allen Stadien durchgekostet
werden -- und es wurde ihm nichts geschenkt oder erspart.

Hauptursache des so frhen Alarmirens war natrlich die Nothwendigkeit,
das Logis wieder in Ordnung zu bringen, ehe der bliche Besuch an dem
Morgen kam, und wenn der mde Hausvater auch meinte: Der Besuch solle
zum Teufel gehen, so wute seine Frau doch besser, was sich schicke,
und handelte danach. Dienstleute waren deshalb auch schon auf sieben Uhr
frh bestellt worden, um die verschiedenen ausgestreuten Mbel wieder an
ihre alten Pltze zu schaffen; zu gleicher Zeit muten die smmtlichen
Stuben natrlich -- ohne Ausnahme -- na aufgewischt und wo nthig
gescheuert werden, zu welchem Zwecke eine Anzahl von alten Weibern schon
seit sechs Uhr frh, mit aufgestreiften Aermeln und sackleinene,
nasse Schrzen vor, auf den Knieen herumrutschten und dabei die
Familienverhltnisse ihrer Bekanntschaft besprachen.

Das aber verstand sich, als unausbleibliche Folge eines solchen
Genusses, von selbst, und der Staatsanwalt hatte es voraus gewut, ja es
sogar als Schreckbild -- freilich vergeblich -- seiner Ehehlfte schon
frher vorgehalten und gewissermaen prophezeit. Was er aber nicht
gewut hatte, das waren die unvorhergesehenen Flle, die bei
derartigen Gelegenheiten nie ausbleiben und dann im Stande sind, den
sonst ruhigsten Menschen zur Verzweiflung zu treiben.

Vier silberne Lffel fehlten und der schwere Deckel der silbernen
Zuckerdose mit einem massiven Engel darauf, der ein flammendes Herz
in der Hand hielt. Auerdem war ein Stck aus einer der guten
Porzellanschsseln, mit blau und goldenen Streifen, ausgebrochen,
drei englische Glser lagen ohne Fu auf dem Kchentische, und die
Fruchtschale von Krystall -- ein Leibstck der Frau Staatsanwalt,
denn sie hatte es erst zur Feier ihres Hochzeitstages im vorigen Jahr
bekommen -- war rettungslos geborsten und konnte jeden Augenblick
auseinandergehen.

Auerdem fehlten sechs Flaschen Wein; sie hatte sie selber
herausgegeben, gezhlt und aufgeschrieben, und wenn sie getrunken worden
wren, wie das freche Geschpf, die Kchin, behauptete, so htten
doch wenigstens die leeren Flaschen oder selbst deren Scherben da sein
mssen. Aber Gott bewahre -- keine Spur davon, und sie wute wohl,
wer sie fortgetragen, denn umsonst war sie nicht schon ein paarmal im
Dunkeln unten im Hausflur an einen langen Soldaten angestoen, den sein
Hauptmann doch sicher nicht dahin auf Posten gestellt hatte.

Und was nun auerdem von ebaren Dingen fortgeschleppt worden, wollte
sie gar nicht einmal rathen, denn das heilige Abendmahl konnte sie
darauf nehmen, da die Nutorte zum Beispiel zur groen Hlfte noch vom
Tisch abgetragen sei, und jetzt lagen nur noch zwei dnne Stcke auf dem
Porzellanteller -- und selbst auf denen fehlte das Eingemachte oben.

Aber das Alles verschwand trotzdem in dem einen Gefhl der Entrstung
ber den Silberdieb und der gnzlichen Rathlosigkeit, wie man desselben
habhaft werden sollte -- denn wer unter all' den fremden Dienstleuten
war es gewesen?

Mit dieser Nachricht wurde der Staatsanwalt auch geweckt. Er lag noch
und schlummerte sanft, trotzdem da die Nebenstube schon unter Wasser
gesetzt war und die Thr eben abgescheuert wurde. Sein Morgengru
lautete:

Weit Du's schon, Dietrich? -- vier silberne Elffel und den Deckel
zu der Zuckerdose, mit dem Amor, haben sie uns gestohlen, und die groe
gute Schssel ist zerbrochen und die Krystallvase -- vier englische
Glser und die Teller habe ich noch nicht einmal gezhlt; die
Maiweinbowle klingt mir ebenfalls verdchtig, wenn die nur nicht auch
'was gekriegt hat!

Gott sei mir gndig, sagte der Staatsanwalt, indem er sich, noch
schlaftrunken, im Bett emporrichtete, der Tag fngt gut an! Aber --
scheuern sie denn hier die Schlafstube?

Nein, das ist nebenan -- denke Dir nur...

Ich will Dir etwas sagen, Therese, unterbrach sie der Staatsanwalt,
indem er nach der neben seinem Bett liegenden Uhr sah und dazu mit dem
Kopf schttelte, wenn Du mir nicht den ganzen Morgen verderben willst,
so sei so gut und la mich vorher aufstehen und besorge mir eine Tasse
Kaffee; nachher wollen wir dann in Ruhe...

Ja, Kaffee, sagte die Frau, wir haben noch gar kein Feuer in der
Kche -- das sieht ja Alles aus wie Sodom und Gomorrha, und mu doch
erst gereinigt und aufgewaschen werden; aber vier silberne Elffel
fehlen, noch dazu von den schwersten, und der Deckel von der Zuckerdose
ist ebenfalls fort. Wenn da die Polizei nicht einschreitet, wozu ist sie
denn da?

Der Staatsanwalt erwiederte kein Wort; er seufzte nur aus tiefster Brust
und streckte das eine Bein aus dem Bett, wonach seine Frau ihm denn
wenigstens gestattete, sich unbelstigt ankleiden zu knnen. Durch die
Thr rief sie ihm aber noch zu:

Zieh' Dir nur auch gleich die Stiefel an, Dietrich; Du mut unverweilt
auf die Polizei und die Anzeige machen -- so 'was ist ja noch gar nicht
erlebt worden!

Das ist recht, murmelte der Staatsanwalt vor sich hin, indem er seine
verschiedenen Leiden, aber mit einer gewissen Resignation, aufsummirte:
Morgens vor Tag aufstehen, Stuben scheuern, keinen Kaffee,
Silber gestohlen, Geschirr zerbrochen, Waschtisch mit Nhtischen
verbarrikadirt, Stiefel anziehen und auf die Polizei laufen -- na, an
das Vergngen will ich denken!

Der Ausgang auf die Polizei diente brigens doch als Rettung aus diesem
Heidenwirrwarr der eigenen Wirthschaft. Vor allen Dingen ging er,
nachdem er sich angezogen, in das nchste Hotel und trank dort im
Speisesaale, bei offenen Thren und Fenstern, wobei alle Sthle auf
den Tischen standen und zwei Stubenmdchen einen furchtbaren Staub
mit Auskehren machten, seinen Kaffee. Dann machte er die Anzeige der
gestohlenen Sachen in der festen Ueberzeugung, da die Polizei eben
so wenig ber den Diebstahl herausbekommen wrde, wie er selber, und
nachher lief er hinaus auf die Promenade und rauchte seine Cigarre --
was sollte er jetzt in seiner Wohnung thun? Dort fing ihn Rath Frhbach
ab und erzhlte ihm sehr interessante Geschichten: eine von einem
Gummischuh, den er einmal nicht anbekommen hatte, aber nachher doch noch
-- von seinem Zusammentreffen mit dem frheren Handelsminister, der
so geheimnivoll gethan hatte, da er gleich merkte, es msse etwas
vorgefallen sein -- von einer berhmten Sngerin, mit welcher er
einmal zufllig in einer Droschke vom Bahnhofe gefahren -- von seinem
Schneider, den er abgeschafft und wieder angenommen htte, und noch
mehrere andere Erlebnisse, bis der Staatsanwalt endlich aus blanker
Verzweiflung eine Droschke anrief und irgend ein Haus in einer
entfernten Strae nannte, nur um Ruhe fr seine Gehrwerkzeuge zu
bekommen.

In seiner Wohnung herrschte indessen die Thtigkeit eines
Bienenschwarmes, und die Frau Staatsanwalt, darin besonders tchtig und
erfahren, setzte es auch durch, sie bis elf Uhr Morgens wieder wie ein
Puppenstbchen hergestellt zu haben. Es roch allerdings noch ein wenig
darin nach Seife, und ein feuchter Dunst lag auf dem Ganzen; aber es war
doch Alles wieder rein und stand auf seiner Stelle -- die Studirstube
ihres Mannes ausgenommen. Aber die hatte noch Zeit, da ja dort Niemand
hineinkam, als er selber. Die Schreiber nebenan saen indessen
schon wieder auf ihren Drehsthlen und copirten und excerpirten nach
Herzenslust.

So war es zwlf Uhr geworden und richtig schon hier und da ein Besuch
gekommen, der sich erkundigte, wie man geschlafen hatte und ob der
gestrige Ball gut bekommen wre. Bei den Meisten war dies auch nur eine
leere Hflichkeitsform, aber es fllte doch die Zeit aus, und das ist
bei vielen Menschen schon von groem Werth. Die Unterhaltung der Frau
Staatsanwalt drehte sich jedoch an diesem Morgen so ausschlielich um
das Thema der Schlechtigkeit der jetzigen Menschen im Allgemeinen und
silberne Lffel und Zuckerbchsendeckel insbesondere, da Ottilie,
der die ewige Wiederholung langweilig zu werden anfing, die jngeren
Damenbesuche in ihr eigenes Zimmer nahm -- nur die Herren wurden bei
Mama empfangen.

Gegen ein Uhr trat eine kleine Pause ein; die Frau Professor Nestewitz
war allein noch da und zeigte, da sie selber in der vorigen Woche den
Verlust dreier Theelffel zu beklagen gehabt, ein so warmes Interesse
an der Sache und so tiefe Entrstung, da sie die Frau Staatsanwalt,
als sie Abschied nahm, bis an die Treppe begleitete und dort die
Angelegenheit noch einmal von vorn und grndlich durchnahm.

Ottilie war allein im Zimmer, als sie hrte, wie das Mdchen einen neuen
Besuch brachte. Es war ein mnnlicher Schritt, und ihr Herz klopfte ein
wenig -- Lieutenant von Wendelsheim hatte auch gar so lange auf sich
warten lassen; als sie sich aber der Thr zuwandte, erschien nicht der
Erwartete, sondern Fritz Baumann auf der Schwelle, und zwar hielt er
den Thermometer in der Hand, den er schon vor einiger Zeit zur Reparatur
erhalten. Uebrigens konnte es ihr nicht entgehen, da er heute anders
aussah als gewhnlich, denn er war nicht in seinen Arbeitskleidern,
sondern in einem dunkeln, saubern Anzug, der ihm vortrefflich stand.

Fritz Baumann war berhaupt ein ganz hbscher Bursche -- oder Bursche
konnte man eigentlich kaum mehr sagen, denn er mute die Zwanzig schon
lange berschritten haben. Sein gutmthiges, offenes Gesicht mit den
klugen dunkeln Augen nahm auf den ersten Blick fr ihn ein, und der
kleine Schnurrbart, den er trug, gab ihm dabei etwas Mnnliches. Auch
seine Gestalt war schlank und edel, und er bewegte sich damit frei und
ungezwungen -- wenigstens wenn er drauen und unter seines Gleichen war.
Jetzt dagegen schien er etwas befangen, und es war fast, als ob er ganz
vergessen habe, da er eine gefertigte Arbeit trug und abgeben wolle,
denn er fand nicht gleich ein Wort zur Einfhrung. Ottilie half ihm
darber hin.

Ah, Herr Baumann, sagte sie freundlich, Sie bringen mir den
Thermometer wieder; das ist mir sehr lieb, denn -- Vater hat schon ein
paarmal danach gefragt.

Ja, mein Frulein, sagte der junge Mann, der dadurch wieder Luft
bekam, indem er ihr den Gegenstand reichte; er war gestern schon
fertig, da ich aber hrte, da Sie Gesellschaft htten, wollte ich nicht
stren.

Und Sie bemhen sich dabei immer selber.

Und soll ich das nicht? sagte Fritz herzlich. Wie selten wird mir
berhaupt Gelegenheit geboten, Sie zu sehen, und ich mchte doch so
gern, da Sie nicht vergen, wie wir als Kinder mit einander gespielt
und immer ungeduldig wurden, wenn Einer auf dem Platze fehlte!

Ottilie war blutroth geworden und stand verlegen, den Thermometer noch
immer in der Hand haltend -- er zeigte schon auf 30 Grad Raumur--, vor
dem jungen Manne. Wohl erinnerte auch sie sich der Zeit -- lieber Gott,
sie lag ja noch nicht einmal so bermig fern -- und sie wute auch
recht gut, da gerade Fritz immer ihr liebster Spielgefhrte gewesen und
sich ihrer am treuesten und mannhaftesten angenommen hatte, wenn irgend
Jemand ihr zu nahe treten wollte. Aber ihr Vater hatte damals -- sich
erst aus ziemlich rmlichen Verhltnissen wacker emporarbeitend -- noch
kein so groes Haus gemacht. Die Nachbarskinder standen ihr nher; jetzt
war sie in andere Kreise eingefhrt und schon seit Jahren nicht mehr
mit ihnen, auer einem flchtigen Gru, zusammengetroffen. Eigentlich
gehrte es sich auch gar nicht, da sie der junge Handwerker jetzt daran
erinnerte, denn er mute dies ja ebenfalls wissen, und die Spielzeit
ihrer Kinderjahre lag doch lngst hinter Beiden.

Auch Baumann fand nicht gleich ein Wort wieder, und zwar weniger
aus Verlegenheit, als weil ihn die Erinnerung zu jenen frhlichen,
glcklichen Stunden zurckfhrte, und er im Geist noch das kleine
hbsche Mdchen mit dem flatternden Lockenkopf und den vor Lust
gertheten Wangen jetzt in der aufgeblhten Jungfrau wiedersah.

Damals war es doch eine herrliche Zeit, fuhr er endlich leise fort,
und das einzige Bse nur bei der Sache, da Kinder eigentlich nie
wissen, wie glcklich, wie namenlos glcklich sie sind; sie knnten es
freilich sonst auch gar nicht ertragen.

Ja, das ist allerdings schon eine lange Zeit her, sagte Ottilie, die
doch wohl fhlte, da sie etwas darauf erwiedern msse; ich glaube, ich
war damals ein recht wildes Mdchen.

Ich sehe Sie noch vor mir, nickte Baumann, als Sie an jenem Morgen,
wie der Strom die ganzen Wiesen und Felder berschwemmt hatte, in den
Kahn gestiegen waren und, als dieser sich losri, drauen auf dem Wasser
mit der Strmung forttrieben.

Und Sie sprangen damals hinein, um mich an Land zu bringen.

Gefahr war nicht dabei, schttelte Fritz Baumann mit dem Kopf, denn
Sie htten doch an den Damm antreiben mssen; aber ich freue mich noch
darber, da Sie damals gar nicht weinten oder um Hlfe riefen, sondern
nur ruhig und trotzig im Boot standen.

Es war so ungezogen...

Wir sind Beide lter geworden, setzte der junge Mann nach einer Weile
hinzu -- unsere Wege liefen auseinander, und wir verbrachten unsere
Zeit getrennt. Sie zogen in ein groes, schnes Haus und wuchsen zur
Freude Ihrer Eltern heran; ich selber mute etwas Tchtiges lernen, um
mir einmal mein Brot zu verdienen und einen Hausstand zu grnden.
Ich wei nicht, Frulein Ottilie, ob es Sie vielleicht interessirt zu
erfahren, da ich jetzt meinen Zweck erreicht. Mein Meisterstck habe
ich schon vor einem halben Jahre gemacht und eingeliefert. Es ist nicht
allein sehr gnstig aufgenommen worden, sondern ich schickte es auch auf
die Londoner Ausstellung und bekam dafr die goldene Medaille. Ich bin
jetzt im Begriff Meister zu werden, und will mich in der Stadt hier, da
ein einziger Mechanikus wirklich nicht mehr all' die einkommende Arbeit
bewltigen kann, in nchster Zeit etabliren.

Ottilie schwieg und horchte nach der Thr; es war ihr, als ob sie
drauen wieder fremde Stimmen gehrt htte -- Lieutenant von Wendelsheim
war viel zu aufmerksam, als da er den schuldigen Morgenbesuch htte
versumen sollen -- wenn ihn wirklich sonst nichts hieher trieb, als
eben nur die kalte Artigkeit.

Das freut mich in der That, sagte sie und erglhte dabei wie eine
Rose, denn drauen unterschied sie jetzt deutlich die Stimme des
Erwarteten, der sich noch mit ihrer Mutter auf dem Vorsaal unterhielt.

Wie gut Sie sind, Frulein, sagte Fritz, der das augenscheinliche
Errthen einer ganz andern Ursache zuschrieb, noch immer wie frher.
Ich bin auch nicht mittellos; meine Mutter hat von einer Erbschaft, die
sie frher gemacht...

Die Stimmen drauen waren dicht vor der Thr.

Sie entschuldigen mich gewi heute, sagte Ottilie, wir werden so mit
Besuchen gedrngt...

Ja, ich glaube, es kommt sogar in diesem Augenblick Besuch, sagte
Fritz, jetzt selber aufhorchend -- in seiner Erregung hatte er gar nicht
darauf gehrt -- ich darf Sie dem nicht entziehen. Vielleicht findet
sich spter einmal eine passendere Zeit...

Gewi, gewi -- es wird mich immer freuen...

Die Thr wurde aufgemacht, aber es kam noch Niemand herein, denn die
Mutter wollte den Herrn Lieutenant in's Zimmer nthigen, whrend er
darauf bestand, der Dame den Vortritt zu lassen.

Fritz Baumann sah, da eine weitere Unterhaltung jetzt zu den
Unmglichkeiten gehre, und machte Ottilien nur eine stumme Verbeugung;
aber er traf ihr Auge nicht mehr, das an der Thr haftete, und verlie,
Frau Staatsanwalt Witte ebenfalls achtungsvoll grend, das Zimmer,
um nach Hause zurckzukehren. Er sah auch noch, da der Besuch der
Lieutenant von Wendelsheim war; aber Du lieber Gott, das gehrte einmal
zu den Lasten des hheren Lebens, da man es sich erst mit groen
Gesellschaften schwer machte und dann auch noch die Brde langweiliger
Hflichkeitsbesuche trug. -- Wenn er nur htte ahnen knnen, wie lstig
gerade Ottilie diesen Besuch ansah!

Wendelsheim hatte indessen, ohne den Fremden weiter zu beachten, whrend
ihm jedoch die Frau Staatsanwalt erstaunt nachsah, das Zimmer betreten;
er ging ohne Weiteres auf Ottilie zu, nahm ihre Hand, fhrte sie an
seine Lippen und sagte -- er war in diesem Augenblick wieder ganz
Lieutenant: Mein gndiges Frulein, ich schtze mich glcklich, Sie
heute Morgen so frisch und blhend begren zu knnen -- brauche also
gar nicht zu fragen, wie Ihnen die gestrige Anstrengung bekommen ist --
wie ich zu meiner Freude sehe, vortrefflich!

Sie sind sehr gtig, Herr Baron, sagte die Mutter, whrend das junge
Mdchen wie mit Purpur bergossen vor ihm stand. Aber wer war denn der
junge Herr eben, Ottilie? Den kannte ich ja gar nicht.

Der junge Baumann, sagte die Tochter, der den Thermometer hier
gebracht hat -- er zeigte jetzt fast Siedehitze--, er wollte ihn
selber abgeben, damit er nicht wieder zerbrochen wrde.

_Das_ war der Fritz Baumann? rief die Mutter aus. Herr Du meine Gte,
und er sah so anstndig aus, ich habe ihm eine ordentliche Verbeugung
gemacht -- ich kannte ihn gar nicht!

Er ist selbststndig geworden -- aber Ihnen ist der Ball ebenfalls gut
bekommen, Herr Baron?

Ausgezeichnet, mein gndiges Frulein; ich habe vortrefflich
geschlafen, aber die ganze Nacht von weiter nichts getrumt, als
miglckten Touren und allen mglichen Fatalitten.

Ob Einem das aber nicht immer so geht, sagte die Mutter; ich habe
getrumt -- aber wollen der Herr Baron sich denn nicht niederlassen, Sie
nehmen uns ja sonst die Ruhe mit -- ich habe getrumt, das Mdchen htte
den Rehrcken in die Kohlen fallen lassen und die Eistorten wren ganz
aus einander geschmolzen gewesen. Aber wissen Sie schon, da uns gestern
so viel Silberzeug gestohlen worden ist?

In der That, gndige Frau? Das bedauere ich ja unendlich!

Ja, denken Sie nur, wie ich die Lffel heute Morgen nachzhle --
gestern Abend war ich so mde, da ich die Augen nicht mehr aufhalten
konnte...

Aber, liebe Mutter, das interessirt ja doch den Herrn Lieutenant
nicht!

Bitte, mein gndiges Frulein, gewi...

Siehst Du wohl, Kind -- das wute ich auch vorher. Wie ich also die
Lffel heute Morgen nachzhle, fehlen richtig gerade vier von den
allerschwersten und der Deckel von der silbernen Zuckerdose, mit einem
Engel, einem Amor, massiv in Silber, oben drauf.

Aber wie ist das mglich?

Ja, das sage nun ein Mensch -- bei dem Staatsanwalt -- und dabei haben
wir Polizei im Ort, und reitende Gensdarmen, und einen Stadtrath und
Stadtverordnete! Aber ich will keinen Kopf wieder ruhig auf ein Kissen
legen, bis ich die Ruberbande herausgefunden habe und die Kerle am
Galgen sehe, denn den haben sie im reichsten Ma verdient! Der Deckel
rgert mich nur, und gleich vom ganzen Service weg; aber was macht sich
so ein schlechter Mensch daraus, wenn er Einem ein Service verdirbt --
die lachen noch darber!

Ich will nur hoffen, da Sie die Gegenstnde wiederbekommen!

Ja, es wre wirklich zu wnschen -- und das waren noch nicht einmal
die ersten; schon in voriger Woche sind uns einzelne Lffel abhanden
gekommen. Es mu auch ein Hausdieb sein, das lasse ich mir gar nicht
ausreden; denn ein anderer Mensch htte die Frechheit nicht, blos hieher
zu kommen, um Lffel zu stehlen und Deckel von Zuckerdosen.

Die Frau konnte das unselige Silberzeug nicht aus dem Kopf bekommen. So
oft auch Ottilie versuchte, dem Gesprch eine andere Wendung zu geben,
es blieb vergebens, whrend der Lieutenant zu viel Tact besa, um
nicht Alles ber sich ergehen zu lassen. Es war eben ja Besuch, der
bekanntermaen nicht unter die Vergngungen gezhlt werden darf.

Endlich kam ein Blitzableiter -- die Frau Appellationsgerichtsrthin
Nebeldamm, die denn allerdings die nmliche Sache noch einmal erfuhr,
nothgedrungen aber auch die Zuckerdose, auf welche der fehlende Deckel
gehrte, von Angesicht zu Angesicht sehen mute.

Die Frau Staatsanwalt fhrte sie hinber; sie htte gern den Lieutenant
ebenfalls gebeten, mitzugehen -- er wrde bei der Gelegenheit auch
gleich ihr Silberzeug beisammen gesehen haben. Aber der Schrank sah
leider noch ein wenig zu unordentlich aus; die Zeit heute Morgen war ja
nur so kurz und sie selber nicht im Stande gewesen, Alles wieder in der
gehrigen Ordnung wegzurumen.

Es war so wunderhbsch gestern Abend, sagte Ottilie, wie sie nur
erst einmal Luft bekam, auch ein Wort zu reden, und ich habe mich so
herrlich amsirt!

In der That, mein gndiges Frulein, erwiederte Bruno -- und wieder
fiel ihm die Aehnlichkeit zwischen ihr und Rebekka auf -- ich mu Ihnen
auch gestehen, da ich lange nicht so viel getanzt habe.

Aber zuletzt wurden Sie so still und nachdenkend; Sie mssen drei oder
vier Tnze versumt haben. Sie wurden gewi mde?

Nein, das nicht -- auf -- wirklich nicht, aber -- Sie wurden ja
engagirt.

Aber die anderen Damen wrden sich ebenfalls sehr gefreut haben,
von einem so guten Tnzer engagirt zu werden, lchelte Ottilie,
und Wendelsheim wurde so verlegen, da er nicht gleich wute, was er
erwiedern sollte.

Ihr Herr Vater ist wohl nicht zugegen? sagte er endlich.

Vater wird sehr bedauern, Sie heute Morgen nicht zu sehen, fuhr
Ottilie fort; er mute der unangenehmen Sache wegen in die Stadt und
ist noch nicht zurckgekehrt. Aber was sehen Sie mich immer so sonderbar
an? lchelte sie pltzlich. Trage ich irgend etwas Aufflliges an
mir?

Ich? -- Sie? Nein, gewi nicht! rief Wendelsheim. Entschuldigen Sie,
aber -- Sie knnen es mir auch nicht verdenken, setzte er rasch gefat
und galant hinzu; es ist etwas Seltenes, nach einer durchtanzten Nacht
eine junge Dame wieder so morgenfrisch zu finden, und thut den Augen
ordentlich wohl.

Ah, Sie knnen auch schmeicheln! Die Eigenschaft hatte ich noch nicht
bei Ihnen entdeckt.

Schmeicheln? Nein, gewi nicht, liebes Frulein! Ich hasse die faden
Schmeicheleien und glaube, ich darf dabei, um mit der Tochter eines
Anwalts zu reden, nicht schuldig plaidiren. Ich begreife auch wirklich
manchmal nicht, wie junge Damen etwas Derartiges gern anhren mgen.

Wer wei denn, ob sie es gern thun? sagte das junge Mdchen. Aber
was will man machen? Viele junge Herren kennen gar keine andere
Unterhaltung, und wenn man ihnen die abschneiden wollte, so ist es sehr
die Frage, ob sie nicht gnzlich stumm wrden.

Und wre das ein Verlust?

Fr sie selber jedenfalls. Aber nehmen Sie auch meine Frage nicht zu
ernst; ich hatte Ihnen den Vorwurf gewi nicht machen wollen. Doch
was ich gleich sagen wollte: ich habe Sie ja heute Morgen nicht hier
vorbeireiten sehen -- und gestern und vorgestern auch nicht, wie mir
jetzt einfllt.

Sie werden mich auslachen, sagte Wendelsheim, und mich inconsequent
nennen, aber ich besitze in diesem Augenblick nur noch mein altes Pferd,
das ich schonen mu, denn ich habe den Fuchs wieder verkauft.

Das wunderschne Thier!

Ich bekam ein gutes Gebot und -- er gefiel mir auch nicht besonders --
er war sehr unartig und scheute gern.

Aber Sie reiten sonst immer die wildesten Pferde!

Vielleicht bin ich vorsichtiger geworden, lchelte der Officier.

Ach, das wre recht zu wnschen, sagte Ottilie mit ordentlich
komischem Ernst, indem sie die Hnde dabei faltete.

Sie haben sich doch nicht etwa meinetwegen schon gesorgt, mein
Frulein? sagte der junge Mann freundlich. Es wrde mich sehr
glcklich machen, wenn ich das wte!

Ich war einmal Zeuge, wie der Rappe damals mit Ihnen durchging.

Ah, an jenem Tage, nickte der Baron, und es war, als ob eine Wolke
ber seine Stirn flge; ja, das war ein bses Thier -- aber, brach
er pltzlich ab, wir unterhalten uns richtig wieder von Pferden, das
Ungeschickteste, was ein Herr in Gegenwart einer Dame thun kann.

Ich glaube, ich habe selber davon angefangen.

Dann werde ich mich Ihnen dankbar zeigen und das Gesprch auf die
gestrigen Toiletten bringen. Wissen Sie, da ich lange nicht so
geschmackvolle Toiletten gesehen habe, wie gestern Abend?

Auch die der Frau Professor Nestewitz? lchelte Ottilie.

Die war allerdings nicht ganz geschickt gewhlt, sagte Wendelsheim
achselzuckend. Damen, die ber das jugendliche, ja nur ber das
jugendfrische Alter hinaus sind, sollten sehr vorsichtig darin sein,
nicht zu modern und in zu auffallenden Farben zu gehen; aber wie oft
wird das doch versumt, und die Trgerinnen sehen dann, anstatt pomps,
gewhnlich nur komisch aus.

Fr einen Lieutenant, lchelte Ottilie, entwickeln Sie ganz
achtungswerthe Kenntnisse in der Toilette.

Bitte, mein gndiges Frulein, von Kenntnissen kann da keine Rede sein;
das Ganze ist ja berhaupt nur Gefhlssache.

Vielleicht haben Sie sogar recht.

Mglich, aber dann ist es nur das Urtheil der Menge, das ich
ausspreche. Das gerade gefllt mir auch an Ihnen, da Sie sich immer so
einfach kleiden, Frulein; Sie glauben gar nicht, wie gut Ihnen so ein
hohes, dunkles, eng anschlieendes Kleid steht!

Soll ich Sie wieder denunciren? drohte Ottilie schelmisch mit dem
Finger.

Nein, Frulein Ottilie, sagte Wendelsheim treuherzig, indem er ihr die
Hand hinreichte, wahrhaftig nicht! Ich will Ihnen gern zugeben, da ich
frher nicht besser wie mancher der Uebrigen gewesen bin und entsetzlich
fades Zeug geschwatzt haben mag; aber ich glaube, ich habe mir das
abgewhnt, gebe mir wenigstens die grte Mhe, und Ihnen gegenber am
allerwenigsten wrde ich mich falsch zeigen.

Ich glaube Ihnen ja so gern, Herr von Wendelsheim, sagte Ottilie,
indem sie der ausgestreckten Hand begegnete; es war auch nur ein
Scherz, aber Sie wissen....

Das Gesprch ward hier abgeschnitten, denn die beiden lteren Damen
traten wieder in das Zimmer, und die Frau Appellationsgerichtsrthin,
nachdem sie erst die identische deckellose Zuckerdose selbst gesehen,
war so entrstet ber den Diebstahl, da sie kaum Worte genug dafr
finden konnte. Eine andere Unterhaltung wurde zur Unmglichkeit, und
nachdem Wendelsheim noch ein paar freundliche Worte mit dem jungen
Mdchen gewechselt, empfahl er sich und lie Ottilie mit einem ganzen
Herzen voll Seligkeit zurck.




10.

Neue Spuren.


Der alte Major von Halsen war ein wunderlicher Kauz und so obstinat
in seinem ganzen Wesen, wie unberechenbar in seinen eigenen Ansichten.
Jetzt, in diesem Augenblick, behauptete er etwas, und wenn irgend Jemand
dem widersprach, so konnte er in der Vertheidigung des Behaupteten fast
auer sich gerathen; kam aber nach einiger Zeit das Gesprch zufllig
auf denselben Gegenstand und irgend jemand Anderes stellte das als
Thatsache auf, was er frher selber Wort fr Wort verfochten, dann war
er auch im Stande, ganz entschieden auf die andere Seite hinber zu
springen und nun alle die Beweisgrnde gegen den aufgestellten Satz
hervor zu suchen, die frher gegen ihn selber angewendet worden.

Genau so machte er es in seiner ganzen Lebensweise, und whrend er sich
heute einredete, da er todsterbenskrank sei und vielleicht die nchste
Woche, den nchsten Tag nicht mehr erleben wrde, verga er pltzlich
einmal das imaginre Elend und hinkte so flott und rstig in der Stadt
umher, als ob er ein paar Jahrzehnte von seinem Alter abgeschttelt
htte und nie in seinem Leben krank gewesen wre.

Eine solche Haupttriebfeder erneuter Thtigkeit war die in Aussicht
gestellte Erbschaft jenes alten, lngst verstorbenen Freiherrn von
Wendelsheim, die aber, nach allen menschlichen Begriffen, schon
lange fr ihn verloren sein mute, da smmtliche an die letzte Linie
Wendelsheim gestellten Bedingungen am Vorabend ihrer Erfllung standen.
War das Geld aber erst einmal, und wenn auch nur fr eine einzige
Stunde, verfallen und ausgezahlt, dann htten ihm alle Processe der Welt
nichts mehr genutzt, und da er das wute, trieb es ihn ordentlich wie
mit einer feindlichen Macht vorwrts, um wenigstens jeden mglichen
Augenblick zu benutzen, sein Ziel zu erreichen und die Ansprche des von
ihm grndlich gehaten alten Freiherrn von Wendelsheim umzustoen.

Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, da in der Erbfolge des
Hauses faules Spiel getrieben sei. Wie er dazu gekommen, wer konnte
es sagen! Jedenfalls kannte er den Charakter des alten Kammerherrn von
frheren Zeiten her genau, um ihm etwas Derartiges zuzutrauen, und das,
mit dem damals unter den Leuten verbreiteten Gercht zusammengebracht,
mochte dann wohl bei ihm zur fixen Idee geworden sein, die ihn eben
nicht ruhen und nicht rasten lie. -- Den Staatsanwalt Witte, einen
scharfen und klaren Kopf, hatte er dabei seinen Ansichten zu gewinnen
gesucht, und die Mglichkeit eines solchen Falles, mit manchen sogar
dafr sprechenden Einzelheiten, machten diesen anfangs selber stutzen
und Interesse an der Sache nehmen. Wie sich aber mehr und mehr
herausstellte, da Alles, was der Major wute oder zu wissen glaubte,
nur eben auf leeren, unhaltbaren Gerchten, ohne irgend einen auch nur
annhernden Beweis, beruhte, zog er sich von dem Ganzen zurck und war
besonders unter keiner Bedingung dazu zu bringen, eine wirkliche Klage
zu erheben. Er wenigstens wollte sich nicht blamiren.

Der Major hing aber jetzt sogar fr kurze Zeit seine oft von ihm
ausgesprochene lebensgefhrliche Krankheit an den Nagel und beschlo,
selber der Sache auf den Grund zu gehen.

Einen neuen Sporn dazu fand er allerdings in der Frau Meier, die ihren
besondern Grund haben mute, jene Familie oder wenigstens den alten
Freiherrn zu hassen, und diese gab ihm auch bereitwillig, so weit ihr
Gedchtni ausreichte, eine Liste aller der Dienstboten, die zu jener
Zeit auf dem Gute in Dienst gestanden, whrend der Major nun seinerseits
alle Minen springen lie und keine Kosten scheute, um die namhaft
gemachten Personen wieder aufzufinden.

Dreiundzwanzig, ja fast vierundzwanzig Jahre sind aber eine lange Zeit,
und es gelang ihm nur bei sehr Wenigen. Viele waren gestorben oder
verschollen, Manche fortgezogen, Niemand konnte sagen wohin, und den
Namen der Hauptperson, der Amme, die damals angenommen worden, kannte
sie gar nicht oder konnte sich nicht mehr darauf besinnen. Einer aber,
der vielleicht Auskunft geben konnte, war der damalige Grtner, ein Mann
Namens Tettelberg, der sich schon vor lngerer Zeit in der Nachbarschaft
von Alburg angekauft haben und spter in die Stadt selber bergesiedelt
sein sollte. Diesen hatte auch der Major gemeint, da er erst krzlich
seine Wohnung ausgekundschaftet, als er am Ballabend dem Rechtsanwalt
von einer neuen Spur gesprochen. Aber auch das schien auf diesen seine
Wirkung verfehlt zu haben, und der Major beschlo deshalb, ihn selber
aufzusuchen. Er wollte wenigstens nichts versumen, was ihn zu dem
ersehnten Ziel fhren konnte.

Eines Morgens um zehn Uhr war er deshalb auch schon unterwegs, denn er
kannte den Platz genau, da es das nmliche Grundstck zu sein schien,
auf dem sein alter Bekannter Rath Frhbach wohnte. Er hatte auch anfangs
nicht bel Lust, den Rath selber mit in das Geheimni zu ziehen und
seine Meinung darber zu hren; aber der Mann sprach zu viel. Er
traute ihm nicht, da er es bewahren wrde, und hielt es deshalb fr
gerathener, lieber vorsichtig zu Werke zu gehen und nicht mehr als
unumgnglich nothwendig zu Mitwissern zu machen. Wer mochte denn
auch sagen, ob im andern Falle der alte Freiherr nicht Wind von den
Nachforschungen bekam und seine Maregeln danach nehmen wrde, whrend
er jetzt, in vollstndige Sicherheit eingewiegt, keine Ahnung irgend
einer ihm etwa drohenden Gefahr haben konnte und deshalb also auch der
Sache ruhig ihren Lauf lie?

Jene Wohnung lag allerdings eine ziemliche Strecke von seinem Hause
entfernt, und zu jeder andern Zeit wrde der Major die Zumuthung,
einen solchen Weg bei seiner Krperschwche zu Fu zurckzulegen, mit
Entrstung und einem entsetzlichen Sthnen abgewiesen haben. Heute
dachte er aber weder an Rheumatismus noch fliegende Gicht, und setzte
die alte Frau von Bleheim auf's uerste in Erstaunen, ihn, statt
hlflos in seinem Lehnstuhl, stramm und entschieden vor seinem Spiegel
zu finden, wo er sich den langen Schnurrbart auskmmte und an der
Cravatte zupfte. Er lie auch alle Einreden wegen noch zu frher
Tageszeit, Ostwind oder Regendrohen nicht gelten, nahm seinen Stock,
setzte seinen grauen Filzhut auf und hinkte rstig, wenn auch ein wenig
knochensteif, auf seine Entdeckungstour aus. Freilich mute er sich
dabei gestehen, da ihm nur sehr geringe Aussichten blieben, wenn sich
auch dieser Zeuge nicht bewhrte oder doch weiter nichts aufbringen
konnte, als ebenfalls Vermuthungen und Gerchte; aber er verlor deshalb
den Muth nicht, denn er war, wie er sich selber vorerzhlte, ein alter
Soldat, der vor Schwierigkeiten oder Hindernissen nicht zurckschrecken
drfe. Nein, im Gegentheil, je mehr ihrer sich zeigten, desto
hartnckiger hie es ihnen zu Leibe rcken.

Der Weg war brigens ziemlich weit, oder kam ihm wenigstens so vor, denn
der alte Grtner wohnte drauen vor der Stadt, eigentlich im letzten
Hause, und an seiner Hecke begannen die Felder und Wiesen; aber durch
die Anlagen ging es sich auch vortrefflich, und er hatte bald das
kleine, in grnen Bschen fast versteckte Haus herausgefunden,
in welchem der alte Tettelberg eine, allerdings sehr beschrnkte
Handelsgrtnerei angelegt und dort, ziemlich zurckgezogen von der Welt,
aber noch immer wacker arbeitend und selber schaffend, lebte.

Dicht neben ihm, auf dem nmlichen Grundstck in einer Parterrewohnung,
residirte Rath Frhbach, und der Major sah, als er den Garten betrat,
die ganze Familie, Mann, Frau und Kinder, auf der Weide, das heit,
alles von Frchten absuchend, was noch irgendwo an Busch oder Baum
hing. Da er ihnen aber jetzt nicht gern begegnen wollte, drckte er
sich seitab um das Haus herum, wo er Tettelberg's Behausung ebenfalls
erreichen konnte, und fand den alten Mann, der berhaupt nie ausging,
auch daheim.

Hren Sie einmal, Tettelberg, fing hier der alte Herr ohne weitere
Umschweife an, ich bin der Major von Halsen, mchte gern ein paar Worte
mit Ihnen ber eine alte Geschichte reden. Haben Sie einen Augenblick
Zeit?

Zeit, Herr Major? sagte der Mann. Wenn man erst einmal so alt ist,
hat man eigentlich keine mehr; aber das bischen Graben kann wohl eine
Viertelstunde warten; der Buckel thut mir so weh.

Donnerwetter, sagte der Major, graben Sie denn noch selber in Ihrem
Garten? Wie alt sind Sie?

Wird wohl so um die Zweiundsiebenzig herum sein, meinte der Alte;
ganz genau kann ich's nicht sagen, denn ich bin gerade an einem
Schalttag geboren und dadurch in der Rechnung etwas confus geworden.
Kommt aber auf ein paar Jahre nicht an, so lange man nur noch gesund
ist. Aber was war es denn, was Sie mir sagen wollten?

Knnen wir nicht einen Augenblick in's Haus gehen?

Ja, gewi. Bitte, treten Sie hier gleich ein; wir sind da ganz
ungestrt. Und dabei fhrte ihn der alte Grtner in eine dicht an ein
Treibhaus stoende Stube oder Kammer vielmehr, denn besonders wohnlich
sah es darin nicht aus. Nur ein hlzerner Tisch und ein paar eben
solche Sthle standen darin, und auf dem Tisch lagen Bindfaden,
Bast, Gartenerde, Blumentopfscherben und alles Mgliche ziemlich bunt
durcheinander. Der Alte fand aber eine Entschuldigung dafr nicht
nthig, rckte dem Major den einen Stuhl hin und setzte sich dann
auf den andern, wo er, beide Arme auf seine Kniee gesttzt, geduldig
erwartete, was der Herr von ihm wolle.

Der Major lie ihn nicht lange in Zweifel. Er rusperte sich allerdings
erst ein paarmal, denn er wute nicht gleich, wie er beginnen sollte.
Der harte Stuhl, auf dem er sa, genirte ihn ebenfalls; aber der Alte
sah ihm genau so aus, als ob er mit ihm von der Leber weg reden knne,
und da ihm das ebenfalls am besten pate, so that er es. Er erzhlte ihm
geradezu, welchen Verdacht er habe, da nmlich der alte Freiherr, da
die Erbschaft nur auf einen Sohn berging, ein ihm geborenes Mdchen
gegen einen Knaben eingetauscht haben knne, und zhlte ihm dann auch
die ihm wenigstens zu Ohren gekommenen Daten auf, die ihn darin nur
immer mehr bestrkten.

Der alte Grtner hrte ihm ruhig und ohne auch nur ein einziges Wort
hinein zu reden zu; nur manchmal nickte er leise mit dem Kopf, als ob er
das eben Gesagte besttigen knne. Als aber der alte Herr wrmer wurde
und auf die Mglichkeit hinwies, einen etwaigen Betrug zu entlarven,
da schttelte er ihn langsam und zweifelnd, und als der Major endlich
schwieg, sagte er:

Ja, lieber Herr, Vieles ist wohl so, wie Sie es da hergezhlt haben:
die Frau Meier hat recht, ich habe in jener Nacht den Mann im Garten
gesehen, und da er ein Kind getragen haben mu, glaube ich ebenfalls.
Jedenfalls schrie es genau so, und richtig ist mir und uns Allen die
Sache damals gleich nicht vorgekommen. Aber was hilft das? Die allein
darber reden knnten, werden sich hten, und was wir Anderen davon
wissen, ist nichts.

Sie meinen die alte Heberger?

Tettelberg schttelte mit dem Kopf. Nein, noch eine Andere -- aber es
ist auch ein hlich Ding, solche alte Geschichten wieder aufzurhren
und sich dann vor Gericht damit umherzutreiben. Ich wenigstens mchte
nichts damit zu thun haben, auch nichts darin beschwren, denn es ist
damals so viel darber unter dem Gesinde gesprochen worden, da man
wirklich gar nicht mehr recht wei, was man eigentlich selber gesehen
oder nur gehrt hat.

Aber von welch einer andern Person reden Sie?

Von der damaligen Amme des ltesten Sohnes.

Die ist aber mit ihrem Kinde nach Amerika gegangen.

Der Grtner schttelte wieder den Kopf. Nein, sagte er, sie wollte
hinber, ja, und die Kchin, die damals mit ihrer Zunge immer ein
wenig flink bei der Hand war, meinte, der alte Baron htte sie selber
fortgeschickt. Aber das Schiff verunglckte an der englischen Kste, die
Passagiere wurden jedoch gerettet und an Land gebracht, und jene Person
trat in England in Dienst und blieb dort wohl sechzehn oder siebenzehn
Jahre. In der Zeit mu sie sich aber etwas erspart haben, denn noch
gar nicht so lange her ist sie mit ihrer Tochter in die hiesige Gegend
zurckgezogen, nach Vollmers, von wo sie zu Hause war, und die Tochter
soll dort verheirathet sein.

Und wie alt ist die Tochter?

Nun, genau so alt, wie der erste Sohn des Herrn Barons. Sie mu jetzt
in's vierundzwanzigste Jahr gehen, denn gerade nach der Geburt dieses
Kindes trat sie ja als Amme in den Dienst der Herrschaft.

Und wer hat sie dahin gebracht?

Ja, wer soll das wissen! Aber sie war mit der Hebergerin dick
befreundet.

Und haben Sie das Kind einmal gesehen, Freund? Seien Sie mir nicht bse
ber mein vieles Fragen, aber die Sache ist in der That von der hchsten
Wichtigkeit.

Als Kind, ja, nickte der alte Mann. Sie wohnte damals, oder ihre
Mutter vielmehr, dicht neben meinem Bruder in Vollmers, und so lange der
noch lebte, kam ich manchmal hin. Nun ist er aber schon die langen Jahre
todt.

Und wie sah es aus?

Das Kind? O, es war ein allerliebstes Ding, erwiederte der alte Mann,
zart wie Wachs, und die Glieder so fein und zierlich! Ich wei auch,
da sie damals vielerlei redeten; aber, wie das so immer geht, die Leute
wurden's endlich mde, und wie die Mutter mit der Kleinen zu Schiffe
ging, sprach kein Mensch mehr davon.

Und wie heit das Kind?

Ja, wie sie jetzt heit, wei ich nicht einmal -- mit Vornamen Martha,
und ihre Mutter war eine verehelichte Mller. Jetzt hat die Tochter aber
einen Feldmesser geheirathet, und wenn ich den Namen auch schon gehrt
habe, kann ich mich doch nicht mehr darauf besinnen. Uebrigens erfhrt
man das leicht in Vollmers.

Und ist sie jetzt dort?

Kann ich auch nicht sagen; sie soll manchmal zum Besuch hinkommen. Sie
wohnt mit ihrem Mann eine Stunde weiter, in Rbhausen; aber die Mutter
treffen Sie jedenfalls.

Vollmers liegt etwa anderthalb Stunde entfernt....

Knapp; es giebt noch einen nheren Weg ber den Wald.

Tettelberg, wenn ich etwas in der Sache ausrichte, soll es Ihr Schaden
nicht sein.

Der Alte schttelte den Kopf. Wenn die Mllern noch ein solch'
resolutes Frauenzimmer ist wie frher, sagte er, so werden Sie wohl
unverrichteter Sache wieder zurckkommen. Ueberdies ist es auch ein bs
Ding, etwas Derartiges, was so lange geschlafen hat, wieder aufzurhren.
Wenn ich wie Sie wre, ging ich verwnscht vorsichtig dran, oder --
liee es am allerliebsten ganz zufrieden. Mit der Mllern ist nicht gut
spaen.

Wenn die Sache einen Haken hat, sagte der Major, so fass' ich sie,
darauf knnen Sie sich verlassen.

Manchmal bleibt man auch an so 'nem Haken hangen, meinte der Alte,
und ich knnte Ihnen da, wie mein Nachbar, der Herr Rath Frhbach,
sagt, eine Geschichte erzhlen. Mit dem Herrn Baron von Wendelsheim ist
ebenfalls nicht zu spaen; ich kenne den Herrn, und wenn der etwas davon
erfhre, hing er Ihnen den schnsten Proce an den Hals.

Proce? rief der Major, denn Processe waren ja gerade sein
Steckenpferd. Damit soll er nur kommen, weiter verlange ich gar nichts!
Dem wollen wir heimleuchten, dem alten Cujon und Schuldenmacher! Den
Henker auch -- kein Ziegel auf den Dchern von ganz Wendelsheim ist ja
noch sein eigen, und die ganzen langen Jahre borgt er nun schon auf
das Capital los, das sein Sohn einmal erben soll! Hab' ich recht oder
nicht?

Der alte Grtner zuckte die Achseln. Das sind Dinge, sagte er, von
denen ich nichts wei, und die mich nichts angehen, Herr Major, mchte
auch nichts damit zu thun haben. Auerdem mu ich Sie auch bitten, mich
nicht als Zeugen aufzurufen, wenn die Sache wirklich vor Gericht kommen
sollte.

Aber Sie knnen doch aussagen, was Sie gesehen haben?

Wenn ich etwas gesehen htte, ja; aber so war's dunkel und Regenwetter
noch dazu, und das wissen Sie wohl, im Dunkeln sind alle Katzen grau.

Ihr habt Alle solch eine Heidenangst vor den Gerichten, sagte der
Major, eben nicht besonders erfreut, da ihm der alte Grtner auch
wieder zwischen den Fingern durchschlpfen wollte; die beien Einen
doch wahrhaftig nicht, und Recht mu am Ende doch Recht bleiben!
Was knnen sie Euch thun, wenn Ihr bei der Wahrheit bleibt, heh? Gar
nichts!

Ich kann aber auch nichts ntzen, meinte der Alte, und habe im
gnstigsten Falle nur Lauferei und Aerger davon. Ich wollte berhaupt,
die Meier htte das Maul gehalten; da sie es aber in ihren jungen Jahren
nicht gethan, so war kaum zu erwarten, da sie in ihren alten damit
anfangen wrde.

Und wie kann ich am besten nach Vollmers hinaus? fragte der Major.
Eine Post geht wohl gar nicht hin?

Post? nein, sagte Tettelberg; aber ich glaube, der Herr Rath Frhbach
knnte Ihnen da die beste Auskunft geben; der fhrt manchmal hinber und
bezieht auch seinen Aepfelwein daher. In Vollmers pressen sie eine Menge
Aepfel, und der Wein schmeckt auch gar nicht so schlecht -- wer ihn eben
vertragen kann. Ich bekomme immer Leibschneiden danach.

Hm, so? sagte der Major, noch nicht recht mit sich einig, ob er den
Rath Frhbach zum Vertrauten gebrauchen knne. Der Mann hatte jedenfalls
viel in seinem Leben gesehen und durchgemacht und war auch vielleicht
praktischer Art -- er wute es nicht; aber er frchtete sich vor seinen
endlosen Geschichten, die wie die Bilder eines Kaleidoskops, immer und
ewig aus demselben gehackten Material bestehend, einen langweiligen
Stern darstellten. Da er brigens so unmittelbar neben seinem Hause war,
beschlo er, einmal hinber zu gehen. Die Familie traf er ja auch wohl
im Garten, und konnte dann, was er zu fragen hatte, im Vorbeigehen
abmachen.

Also, Tettelberg, sagte der Major, indem er dem Grtner die Hand
reichte, ich danke Ihnen vorlufig fr die ertheilte Auskunft, und wenn
ich von Vollmers zurckkehre und etwas ausgerichtet habe, komme ich noch
einmal heraus, und wir verabreden das Weitere.

Wird wohl weiter nichts zu verabreden sein, Herr Major, sagte der Mann
in der hartnckigen Weise alter Leute; wenn Sie sich denn absolut die
Finger verbrennen wollen, ich kann's nicht hindern. Durch Schaden wird
der Mensch klug, sagen die Leute; manchmal dauert's aber lange.

So wollen wir denn sehen, Tettelberg, da wir den alten Baron
klug machen knnen, nickte der Major, viel zu verbissen auf sein
Steckenpferd, um auch nur eines Haares Breite davon abzuweichen. Guten
Morgen! Und sich an seinem Stock emporrichtend, denn er war auf dem
harten Stuhl ganz steif geworden, humpelte er zur Thr hinaus wieder
in's Freie.

Drauen hinkte der Major zuerst einmal um das Haus herum, wo der Rath
wohnte, weil er ihn vorher da bei der Fruchtlese getroffen; aber der Weg
wurde ihm nicht so leicht gemacht, denn quer vor dem schmalen Gang, der
dorthin fhrte, hingen ein paar alte wollene Decken, die so schmutzig
aussahen, da sich der Major ekelte, nur daran zu streifen. Er wollte
auch schon umkehren, aber sein Bein that ihm weh. Er scheute den Umweg,
und vorsichtig mit dem Stock die eine Decke emporhebend, bckte er sich
mit einem leise gemurmelten Fluch darunter durch und fand sich jetzt
in dem Garten selber, aus dem aber die Familie verschwunden schien. Er
konnte wenigstens Niemanden mehr darin entdecken, als einen Jungen, der
eben an einem Birnbaum schttelte, um die letzten Birnen davon herunter
zu bekommen. Den rief er an; der Junge mochte aber wohl unter dem
falschen Baume gewesen sein und hatte kein gutes Gewissen, denn er sah
sich gar nicht einmal um, _wer_ ihn gerufen haben knne, sondern fuhr
gleich zwischen die nchsten Bsche hinein, hinter denen er verschwand
und nicht wieder zum Vorschein kam.

Dem Major blieb jetzt nichts weiter brig, als in das Haus selber zu
gehen und dort den Rath aufzusuchen, und er entschlo sich gerade nicht
gern dazu, blieb auch wirklich noch einmal stehen und berlegte sich
die Sache, als pltzlich ein Fenster geffnet wurde und die wohlbekannte
Stimme des Raths herausrief:

Ah, bester Major, wie haben _Sie_ sich einmal in diesen entlegenen
Winkel verloren? Wollen Sie denn nicht nher treten? Ich ziehe mich
gerade an und begleite Sie dann ein Stck.

Ei guten Morgen, mein lieber Rath! sagte der Major, dem jetzt
wenigstens die Wahl erspart worden. Werde so frei sein -- und den Weg
dahin einschlagend, betrat er gleich darauf das Haus.

Der Rath wohnte parterre und hatte ein ganz bescheidenes Schild an
seiner Thr, auf dem nur der Name Frhbach stand. Die Thr war auch
nicht verschlossen, und der Major gerieth in einen langen schmalen
Gang mit einer Unzahl Thren, aus welchen er nicht gleich die rechte
herausfinden konnte. An der rechten Seite war aber eine geffnet -- wie
er gleich darauf bemerkte, die Kche, und dort handirte ein weibliches
Wesen in einem sehr schmutzigen Ueberrock von verschossener Barge,
aber ohne Schrze, das er natrlich fr die Kchin oder das Hausmdchen
hielt.

Knnen Sie mir wohl sagen, liebes Kind, fragte er dieses, in welchem
Zimmer ich den Herrn Rath finde.

Gehen Sie nur gerade aus, lautete die Antwort, mein Mann ist in der
letzten Stube links.

Bitte, sagte der Major erschreckt, einen solchen Versto gegen
die Hflichkeit und die Frau vom Hause zugleich begangen zu haben.
Entschuldigen Sie, es ist hier so dunkel im Vorsaal.... Und damit
wandte er sich, immer still mit dem Kopf schttelnd, der bezeichneten
Thr zu. Er hatte aber die letzten Worte der Frau gar nicht mehr gehrt,
ging geradeaus und ffnete die dort befindliche Thr, schlo sie aber
eben so rasch wieder, denn er war in das Heiligthum eines Schlafzimmers
im Urzustand gerathen.

Hier herein, bester Freund! Hier herein! rief der Rath und stie seine
eigene Thr auf. Sie wren beinah' in das falsche Zimmer gefahren, heh?
Treten Sie nur nher, ich bin den Augenblick fertig -- na, wie geht's?
Das ist gescheidt, da Sie sich auch einmal bei mir sehen lassen!

Es thut mir leid, da ich Sie stre, bester Freund, sagte der Major,
der den Rath noch in schon seit einiger Zeit getragenen Unterhosen fand,
whrend seine brigen Kleidungsstcke im Zimmer umhergestreut lagen.

Mich stren? Nein, sicher nicht! lachte der freundliche alte Herr.
Sie sehen ja, da ich mich gar nicht stren lasse -- aber bitte, wollen
Sie nicht Platz nehmen?

Danke Ihnen, habe die ganze Zeit gesessen, sagte der Major, der in
der Stickluft des Zimmers, die so unangenehm nach Schwei roch, kaum zu
athmen vermochte. Wenn Sie erlauben, gehe ich einen Augenblick an das
Fenster, indessen ziehen Sie sich fertig an. Famoser Garten, das!

Ja, recht hbsch, sagte der Rath, whrend der Major das Fenster
ffnete.

Aber wer wohnt hier ber Ihnen?

Ueber mir? Ist augenblicklich gar nicht vermiethet -- zwei Treppen hoch
wohnt ein Beamter.

Hren Sie, lieber Rath, sagte der Major -- denn gerade vor dem Fenster
hingen die beiden wollenen Decken -- dem wrde ich dann aber nicht
erlauben, mir die beiden Schmierlappen da gerade vor die Nase zu hngen
-- Alles, was recht ist, aber....

Die beiden Decken? sagte Frhbach, zum Fenster hinaussehend. Das sind
ja meine eigenen -- in denen schlafe ich jede Nacht.

In _den_ Decken? sagte der Major, wirklich starr vor Schrecken.

Ja, sehen Sie, lieber Freund, fuhr der Rath fort, ich mu jede Nacht
tchtig schwitzen -- wenn ich nicht schwitze, leidet meine Verdauung,
und da ich genthigt bin, mit meiner Gesundheit sehr vorsichtig zu
sein....

Ob Sie noch frhstcken wollen, ehe Sie ausgehen, Herr Rath? sagte in
diesem Augenblick ein ziemlich sauber gekleidetes Dienstmdchen, das,
trotz der etwas derangirten Toilette des Hausherrn den Kopf in's Zimmer
steckte.

Frhstcken? Gewi! lautete die Antwort. Aber bringen Sie gleich
zwei Glser mit herein, Henriette, und zwei Teller und Messer und Gabeln
dazu!

Ich danke Ihnen wirklich, lieber Rath, sagte der Major, dem der ganze
Appetit vergangen war -- ist mir noch zu frh.

Noch zu frh? lachte der Rath. So? -- Da waren wir einmal in Schwerin
Im Mohren, fuhr er fort, whrend er sich die Unaussprechlichen anzog,
was mit einiger Schwierigkeit verbunden war, da ihm die Brille immer
dabei herunterrutschte, und der Geheime Regierungsrath Hesse -- er
wurde nachher Minister und hat eine bedeutende Rolle gespielt -- war
auch hereingekommen -- um nach einem Fremden zu fragen. Wir saen und
frhstckten -- frische Austern und alten Rheinwein dazu -- es
schmeckt eigentlich Morgens nichts besser als frische Austern und alter
Rheinwein--, und wie er hereinkam, riefen wir ihm zu und sagten, er
solle sich doch mit hersetzen; aber er meinte auch, es wre ihm zu frh.
Und glauben Sie, da er gefrhstckt htte? Gott bewahre!

Sagen Sie einmal, lieber Rath, fragte jetzt der Major, der nicht mit
Unrecht eine zweite, der ersten rasch folgende Erzhlung frchtete,
denn wenn der Mann im Zuge war, ging es Schlag auf Schlag, weshalb ich
eigentlich herkam: knnen Sie mir nicht sagen, wie ich am besten nach
Vollmers hinaus komme?

Nach Vollmers? rief Rath Frhbach erstaunt aus, indem er seinen
Besuch ber die Brille ansah. Ja, alle Wetter, Major, das wre ja ein
merkwrdiges Zusammentreffen! Aber was haben _Sie_ in Vollmers zu thun?
Aha, kommen Sie endlich auch auf meine Sprnge? Ja, Sie knnen mir's
glauben, es geht nichts in der Welt ber eine Aepfelwein-Dit, und wenn
ich den nicht die langen Jahre hindurch gebraucht htte, wre ich gar
nicht der Mann, der ich bin. Denken Sie sich, da kam vor etwa drei
Monaten, gerade als ich von Schwerin fortziehen wollte...

Aber Sie wollten mir wegen Vollmers sagen -- wie so ist das ein
merkwrdiges Zusammentreffen?

Rath Frhbach hatte _eine_ gute Eigenschaft: er war unerschpflich in
nichtssagenden Geschichten; sowie er aber unterbrochen wurde, verga er
augenblicklich, was er eben erzhlen wollte, und wenn er nicht gerade in
eine andere hineingerieth, blieb er bei der Sache.

Ja so, Vollmers, nickte er; das ist allerdings merkwrdig, denn ich
ziehe mich gerade an, um meine gewhnliche Fuhre dahin zu machen. Um
elf Uhr wollte ich fort, und wenn Sie mich begleiten, nehmen wir den
Einspnner zusammen.

Um elf Uhr -- das mu es aber gleich sein.

Es ist auch dicht hierbei. Jetzt frhstcken wir erst, und dann kann
die Henriette gleich hinber springen und den Wagen besorgen. Das wre
ja wundervoll, Major! So eine Stunde lang im Wagen allein zu sitzen und
den Mund nicht aufzuthun, ist fr mich immer eine Qual, denn mit dem
Kutscher lt sich leider gar nicht reden; er hrt so furchtbar schwer,
da man immer laut schreien mu, und das verdirbt jede Unterhaltung.
Also fahren wir?

Der Major war in allen seinen Bewegungen, sobald er nur erst einmal den
einen Punkt: seine Krankheit, berwunden hatte, ziemlich resolut. Jetzt
fand er das Eisen hei, jetzt mute es also auch geschmiedet werden.

Na, meinetwegen, Rath, sagte er dann, fahren wir zusammen; allein
getraue ich mir die Tour ohnedies nicht gern zu machen, des verdammten
Beines wegen, und meinen Grtner kann ich nicht gut mitnehmen -- das
ist ein ebenso alter, elender Krppel, als ich selber bin. Also basta --
bestellen Sie die Karre. Bis wann knnen wir wieder zurck sein?

Wann wir wollen, bester Freund. Wir essen drauen zu Mittag -- ich sage
Ihnen, ganz delicat. Heute giebt es dort Wildpretsbraten -- ich habe
mich schon danach erkundigt -- und einen ganz magnifiquen Selleriesalat,
und nach dem Essen, wenn wir unser Geschft beendet haben, setzen wir
uns wieder ein und kommen in aller Behaglichkeit zurck.

Also abgemacht.

Und da bringt die Henriette gerade das Frhstck -- so, mein Kind,
setzen Sie nur hieher, sagte der Rath, indem er auf dem Tisch, auf
welchem es wild genug aussah, ein wenig Platz machte und einen dort
liegenden Kamm, sein Rasirzeug mit der Seifenbchse und ein Paket frisch
angebrochenen Schnupftabaks ein wenig bei Seite schob. Da, so, das soll
nicht lange dauern. Aber wo haben Sie denn die Flasche?

Ich bringe sie gleich, Herr Rath.

Und dann springen Sie einmal zum Kutscher Behrens hinber, er sollte
nur gleich anspannen -- er wei schon -- und ein bischen Heu in den
Sitzkasten legen; wenn wir zurckkommen, packen wir ihn voll. Und nun,
lieber Major, seien Sie so gut, setzen Sie sich und langen Sie zu; wir
werden sonst flau, ehe wir hinauskommen.

Das Frhstck roch allerdings delicat und bestand aus einem sehr schn
braun gebratenen Fleischgericht und Brot.

Alle Wetter, sagte der Major, der jetzt selber Appetit bekam, was
haben sie denn da, Rath? Das riecht ja vortrefflich.

Ja, und schmeckt noch besser, nickte Frhbach, dessen Augen schon
in dem Vorgenusse funkelten; das ist auch mein Leibgericht: gebratene
Kuh-Euter.

Kuh-Euter? rief der Major entsetzt, indem ihm die schon aufgenommene
Gabel wieder aus der Hand fiel. Das ist ja ein schrecklicher Gedanke,
Rath! Sie essen Kuh-Euter?

Alles, rief der Mann, indem er sich ein tchtiges Stck auf den Teller
nahm und mit wahrer Wonne hineinbi -- Alles von der Kuh, bis auf die
Klauen und Hrner, aber das Euter und Gehirn am liebsten! Aber schenken
Sie sich ein, lieber Freund, schenken Sie sich ein, da Sie zu Krften
kommen.

Dem Major war der ganze Appetit vergangen, und er sehnte sich nach
einem Glase Wein. Aber auch der zog ihm die Backen zusammen; er war von
schnden Aepfeln gepret und herb und bitter.

Nun, wie schmeckt Ihnen der?

Na, wissen Sie, Rath, sagte der Major, dessen Hflichkeit doch nicht
so weit ging, einen Wein zu loben, der ihm in dem nmlichen Augenblicke
die Eingeweide zusammenzog, ich habe in meinem Leben schon besseren
getrunken.

Besseren? rief der unverwstliche Rath. Das gebe ich zu, wenigstens
solchen, der besser schmeckte, aber keinen gesunderen, darauf knnen Sie
sich verlassen, Major, keinen gesunderen! Der arbeitet Ihnen das Innere
heraus und macht Sie zu einem vollstndig neuen Menschen! Aber nun
trinken Sie auch und langen Sie zu.

Der Major a ein Stckchen Brot, um den Wein, und trank dann wieder
einen Schluck, um das Brot herunter zu bekommen. Er wre nicht im Stande
gewesen, ein Stck von dem Kuh-Euter auch nur an die Lippen zu bringen,
ja bei dem bloen Gedanken wurde ihm bel. Endlich waren sie fertig, und
der Wagen hielt auch schon vor der Thr.

Wie sie hinausgingen, klopfte der Rath an die Thr des Schlafzimmers.

Herzchen, sagte er zrtlich, knnen wir Dir Adieu sagen?

Ich bin noch nicht angezogen, Mnni, antwortete die Stimme der Frau
Rthin.

Na, denn leb' wohl, mein Schtzchen, erwiederte Rath Frhbach. Ich
komme bald wieder und bringe Dir auch etwas mit.

Aepfelwein, dachte der Major und fhlte, wie ihm die Zhne schon
wieder stumpf wurden. Dann gingen sie hinaus vor den Garten, wo der
Wagen hielt, und fort rollte das leichte Fuhrwerk die Strae entlang,
die nach Vollmers zu fhrte.




11.

Die beiden Verbndeten.


Der alte Major von Halsen war, als er an dem Morgen zum Rath Frhbach
kam, wie schon gesagt, gar nicht etwa gewillt gewesen, ihn zum
Vertrauten in der Erbschafts-Angelegenheit zu machen; aber Umstnde
verndern manchmal die Sache, und der Wagen schttelte ihn nach und nach
in eine andere Ansicht hinein.

Der verdammte Kasten hat, glaub' ich, gar keine Federn, sagte er, als
sie eine Weile auf einem Feldweg hingerasselt waren; er stt Einem ja
die Seele aus dem Leib.

Aber Sie glauben gar nicht, erwiederte der Rath, wie wohlthtig
das Schtteln auf die Verdauung wirkt, und ich spre den segensreichen
Einflu jedesmal. Sie wissen, ich leide daran. Da fuhr ich einmal
in Schwerin, wo ich etwas auf dem Lande zu besorgen hatte, mit einem
Leiterwagen, weil kein anderes Fuhrwerk zu bekommen war, und zu Fu war
mir der Weg zu weit, obgleich ich tglich meinen Spaziergang mache
und mich dann jedesmal in Schwei laufe -- ich mu das schon meiner
Gesundheit wegen thun -- etwa dritthalb Stunde ber einen Weg -- einen
Weg, sage ich Ihnen, Major, man kriegte Hhneraugen, wenn man nur den
Weg ansah. Wissen Sie, es war weicher Boden, wo sie an den sumpfigen
Stellen hatten Knppel hineinwerfen mssen, um bei nasser Witterung
die Wagen vom Versinken abzuhalten. Nun aber war es sehr lange trocken
gewesen und die alte Wagenspur so hart und fest wie Stein geworden. Da
ging es denn hinauf und herunter, da man die Zunge im Munde festhalten
mute, und wenn man einmal auf so eine Stelle mit Knppeln kam --
nein, ich versichere Ihnen, es stie einem geradezu den Hut vom Kopf
herunter!

Hren Sie einmal, Rath, sagte der Major, der nicht mit Unrecht
frchtete, auf dem ganzen Wege derartige Erzhlungen dulden zu mssen,
ich will Ihnen etwas sagen. Wissen Sie, weshalb ich heute nach Vollmers
fahre?

Sie? Nun, um den Aepfelwein einmal an der Quelle zu trinken. Ich habe
Sie ja lange genug darum gebeten, mich einmal zu begleiten.

Der Teufel soll Ihren Aepfelwein holen, knurrte der alte Soldat, er
liegt mir noch wie blanker Essig im Magen! Nein, ich habe einen andern
Zweck, und da Sie doch einmal ein Rath sind, so sollen Sie mir nun auch
einen Rath in einer Sache geben. Aber ich mu ein bischen vorsichtig
sprechen, sonst beit man sich, wei es Gott, auf dem verfluchten
Marterfuhrwerk einmal aus Versehen die Zunge ab.

Da fllt mir eine Geschichte ein, sagte der Rath.

Jetzt will ich Ihnen erst einmal eine erzhlen, sagte aber der Major,
fest entschlossen, den Rath nicht so schnell wieder zum Wort kommen zu
lassen. Sie haben mir versichert, der Kutscher hrt schwer.

Er ist halb taub. Sie mssen schreien, wenn Sie mit ihm reden wollen,
und das greift Einem die Lunge an.

Desto besser, denn er braucht auch gar nicht zu hren, um was es sich
hier handelt. Sie knnen doch verstehen, was ich sage?

Jedes Wort. Ich habe ein Ohr wie ein Luchs. Da kam einmal in
Schwerin....

Bitte, lassen Sie mich erst aussprechen, fiel ihm der Major in die
Rede, und Sie zu gleicher Zeit ersuchen, das, was ich Ihnen jetzt unter
vier Augen sage, vor der Hand noch als Geheimni zu behandeln.

Ein Geheimni, he? sagte der Rath und zog die Augenbrauen in die Hhe.

Es wird hoffentlich nicht mehr lange ein Geheimni bleiben, fuhr
der Major fort; aber vor der Hand und so lange wir nicht fest und
entschieden auftreten knnen, mu es jedenfalls als ein solches
betrachtet werden. Sie geben mir auch gewi recht, wenn Sie erfahren, um
was es sich hier handelt -- aber jetzt hren Sie.

Und nun erzhlte er dem allerdings genau aufhorchenden Rath zuerst
mit kurzen Umrissen den Stand der Familien-Angelegenheit des
Wendelsheim'schen Hauses, den Frhbach aber auch schon so ziemlich
kannte, und dann den Verdacht, den er selber gefat habe und jetzt, ja
in diesem Augenblick, bis zur Quelle verfolgte.

Frhbach unterbrach ihn dabei mit keinem Wort, so erstaunt war er ber
eine Erzhlung, die wirklich eine Pointe bot und zu dem Interessantesten
gehrte, was er in seinem ganzen Leben erlebt hatte. Nur Hm! und Es
ist die Mglichkeit! oder andere kurze Ausrufe lie er manchmal hren
und schttelte dabei, wie ber etwas Unglaubliches, den Kopf. Endlich,
wie der Major geendet hatte, warf er selber einige Fragen ein, die sich
aber merkwrdiger Weise auf den Gegenstand bezogen, und schien jetzt so
von der Wahrheit des Gehrten durchdrungen, da er darber ordentlich in
Ekstase gerieth.

Major, rief er und drckte das Knie des neben ihm Sitzenden, einen
besseren Gehlfen, als mich, htten Sie sich zu Ihrer Expedition nicht
aussuchen knnen -- das ist gerade mein Fach, und jetzt sollen Sie
einmal sehen, wie geschwind wir der Geschichte auf den Grund kommen; der
Madame wollen wir auf die Hacken treten!

Lieber Rath, wir werden ungemein vorsichtig zu Werk gehen mssen,
da wir eigentlich noch gar keine wirklichen Beweise in Hnden haben,
sondern nur einen, wenn auch sehr stark begrndeten Verdacht.

Eigentlich htten wir uns gleich einen Polizeidiener mitnehmen sollen,
sagte der Rath, der indessen nur seinen eigenen Gedanken gefolgt war.

Da der Alles gleich von vornherein verdorben htte, nicht wahr? rief
der Major. Wir knnen doch die Frau nicht arretiren!

Gott bewahre! schttelte Frhbach mit dem Kopf; denken nicht daran.
Aber Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck eine Uniform macht. Ich
bin mir doch wahrhaftig nichts Bses bewut, aber wenn selbst zu mir
ein Polizeidiener in's Zimmer tritt, fhrt's mir immer gleich in die
Kniekehlen. Denken Sie sich, da sitz' ich einmal in Schwerin...

Sind Sie denn in Vollmers bekannt und wissen Sie, wo jene Frau Mller
wohnt?

Ja, lieber Major, sagte der Rath, ich kenne zwei verschiedene Mller
in Vollmers. Erstlich heit unser Wirth so, von dem ich den Aepfelwein
beziehe, und dann giebt's auch noch einen Butter- und Ksehndler Mller
im Ort, von dem sich meine Frau immer Handkse bringen lt.

Aber der Mller ist lange todt.

Der Ksehndler? Nein, er war noch vorige Woche bei uns.

Nein, ich meine den Mann von dieser Mller; sie ist ja Wittwe.

Ja so, von der -- nun, die wird auch aufzutreiben sein; Vollmers
ist nicht so gro. Wenn Sie nur wenigstens wten, wie der Mann ihrer
Tochter heit; an einem solchen Namen hngt manchmal viel. Da lebte bei
uns in Schwerin...

Rath Frhbach hatte heute mit seinen Erzhlungen Unglck. In dem
nmlichen Augenblick, wo er wieder begann, that das Pferd einen Ruck,
wurde scheu und fing an zu galoppiren.

Na, das fehlte uns auch noch, rief Frhbach, sich erschreckt
festhaltend, da der alte, halbblinde Gaul mit uns durchgeht! Auf der
einen Seite sieht er nicht einmal die Grben.

Der Kutscher, der wohl ein wenig eingenickt war, griff aber die Zgel
auf, zog dem alten Gaul ein Paar mit der Peitsche ber und brachte ihn
bald wieder zu einem Verstndni seiner Lage, das er auch wohl kaum aus
den Augen verloren. Er hatte sich nur einmal in Bewegung setzen wollen,
oder auch vielleicht die schon ganz nahen Huser von Vollmers entdeckt,
wo er den Stall und dessen Futter kannte.

An eine weitere Unterhaltung war aber schon deshalb fr die beiden
Passagiere nicht mehr zu denken, weil hier das Pflaster begann und
selbst der gegen Derartiges sonst ziemlich unempfindliche Rath beide
Hnde auf den Sitz stemmte, um sich gegen allzu hartes Stoen zu
sichern. Der Major aber memorirte laut seine smmtlichen Flche, die er
auswendig konnte -- und es waren deren nicht gerade wenig--, bis sie
endlich vor dem niederen, mit rothen Ziegeln gedeckten Wirthshause
hielten und ein riesiges blaues Schild ber sich sahen, auf dem ein
feuerrother Engel abgemalt war, der eine rothe Trompete in der rechten
und ein rothes Bierkrgel in der linken Hand hielt. Welcher Gtterlehre
er angehrte, lie sich nicht bestimmen.

Rath Frhbach schien hier brigens ein alter Stammgast zu sein,
wenigstens wurde er so von dem Wirth empfangen, der mit dem
freundlichsten Gesicht von der Welt, sein Kppchen in der Hand, unter
der Thr stand und Hausknecht, Kellner und Stubenmdchen augenblicklich
herbeirief, um den Herren beim Aussteigen zu helfen und Mntel oder
sonstiges Reisegepck in das Haus zu tragen.

Nun, Herr Mller, wie gehen die Zeiten? sagte Rath Frhbach, als er
glcklich ausgestiegen war und dem Major, der mit seinem Bein nicht so
recht fort konnte, ebenfalls vom Wagen herunter geholfen hatte. Haben
doch 'was Ordentliches zu essen heute? -- Er schien auf eine besondere
Beantwortung der ersten Frage zu verzichten.

Nun, danke bestens, Herr Rath, sagte der gewissenhafte Gastgeber, es
geht ja immer so lala; meine Alte will nicht so recht fort -- hat immer
mit ihrem Magen zu thun.

Daran ist der verdammte Aepfelwein schuld! sagte der Major, eben nicht
in bester Laune.

Ein guter Freund von mir, stellte ihn der Rath vor, Herr Major von
Halsen.

Sehr angenehm, Herr Major -- sollen bestens bedient werden. Wann
befehlen die Herren zu speisen?

Was haben Sie denn? Das versprochene Wildpret fehlt doch nicht etwa?

Nein, gewi nicht, Herr Rath; habe es Ihnen ja besonders hineinsagen
lassen. Werde Ihnen doch keine Unwahrheit berichten. Aber die
Speisekarte liegt drinnen auf dem Tisch.

Der Rath nickte nur, denn eine weitere Unterhaltung war fr den
Augenblick, wo Wichtigeres ihnen bevorstand, unnthig geworden, und die
beiden Herren begaben sich in das untere Local, wo in einer der Ecken
ein Tisch schon gedeckt stand; denn wenn auch Vollmers an keiner
Poststrae lag, kamen doch eine Menge von Fuhrleuten vorber und kehrten
da ein, und Niemand lebt besser unterwegs, als ein Frachtfuhrmann.

Der Major htte sich nun gern selber nach der verwittweten Mller im Ort
erkundigt; aber bei ihm, als vollkommen Fremden, wrde das gleich von
vorn herein zu sehr aufgefallen sein, und er bat deshalb den Rath, das
fr ihn zu besorgen, und dazu war Frhbach auch der rechte Mann. Er
fragte berhaupt ununterbrochen, und in seiner cordialen Weise (es htte
eigentlich auch einen andern Namen dafr gegeben, denn er behandelte die
Leute gewhnlich anscheinend freundlich, aber immer von oben herunter)
fand er mit leichter Mhe einen Anknpfungspunkt.

Hren Sie einmal, Herr Mller, sagte Frhbach, als der Wirth mit
der Serviette unter dem Arm hinter ihnen am Tisch stand, ist denn
der Mller, der hier in Vollmers Butter und Kse verkauft, mit Ihnen
verwandt? Er schreibt sich wenigstens ebenso.

Bitte um Verzeihung, Herr Rath, sagte der Wirth mit Wrde,
jener Mller stammt gar nicht aus unserer Gegend; er ist aus dem
Mecklenburgischen hieher eingewandert.

Ih, sehen Sie einmal an, rief Frhbach, da sind wir ja Landsleute.
Waren Sie schon einmal in Mecklenburg, Herr Mller?

Nein, bedaure sehr, sagte der Wirth.

Na, da haben Sie gar nichts zu bedauern, meinte trocken der Major,
wenn Ihnen weiter kein Unglck begegnet ist.

Hm! sagte der Rath aber, der, ganz aus seiner sonstigen Sphre, wo er
nur im Allgemeinen wie ein Fisch im Ocean herumschwamm, heute einmal auf
ein besonderes Ziel lossteuerte. Ich dchte aber doch, Sie htten mir
einmal von Verwandten von Ihnen erzhlt, die hier noch im Orte leben.

Wte wirklich nicht, wer das sein sollte, sagte Herr Mller
achselzuckend. Es sind allerdings noch Zwei meines Namens hier im Ort:
der Bcker heit Mller und dann lebt hier eine verwittwete Mller, die
lange in England war; sie wollte einmal nach Amerika, aber das Schiff
wollte nicht, wie sie hier sagen -- doch ich bin mit allen Beiden nicht
im entferntesten verwandt. Lieber Gott, der Name kommt ja so hufig
vor!

Ja, da haben Sie recht, nickte der Rath. Hren Sie, Herr Mller,
der Hirschbraten ist wirklich delicat; ich habe lange nichts Zarteres
gegessen.

Freut mich, wenn er Ihnen schmeckt, Herr Rath.

Und noch eine Flasche Aepfelwein, bitte. Aber Sie trinken ja gar nicht,
Major.

Danke, habe mir ein Glas Bier bestellt und verzichte auf den Aepfelwein
-- kann das Zeug nicht vertragen.

Es ist die reine Muttermilch, sagte der Rath; aber was ich gleich
fragen wollte: also die Frau war so lange in England?

Die Mller? Ja wohl -- sie spricht auch das Englndische, und wenn
sie sich mit ihrer Tochter manchmal unterhlt, kann sie kein Mensch
verstehen. Das ist eine verflixte Sprache, und so geschwind geht's --
aber man mu es auch knnen.

Ach ja, ich dchte, davon htte ich gehrt, fuhr der Rath, heftig
dabei kauend, fort. Ist die Tochter nicht an einen gewissen Becker,
einen Telegraphen-Beamten, verheirathet?

Nein, Herr Rath, doch nicht; an einen sogenannten Geodten, einen
Herrn Melker, der jetzt in Rbhausen stationirt ist, um dort die
Zusammenlegung der Felder zu bewerkstelligen.

Ach ja, das ist recht, Melker hie er -- wie komm' ich denn nur auf
Becker? Aber es klingt hnlich. Da war einmal in Schwerin ein Mann, der
hie Beyer, aber mit einem e und y geschrieben; Gott, ich habe ihn noch
so genau gekannt -- ich brachte ihn spter als Schreiber beim damaligen
Regierungsprsidenten Utrecht, einem intimen Freund von mir, unter. Aber
da wohnte noch ein anderer Mann, ein Schuhmacher, Namens Bayer, mit a
und y, in der Stadt, und die Beiden wurden doch fortwhrend mit einander
verwechselt. So schickte ich einmal mein Mdchen zu dem Bayer mit einem
a, der gerade fr uns arbeitete, um ihn zu mir zu bestellen, weil er mir
das Ma zu einem Paar neuer Stiefel nehmen sollte; ich litt damals sehr
an Hhneraugen, und die alten Stiefel drckten mich. Aber das Mdchen
ging wahrhaftig zum Regierungsprsidenten hinauf und bestellte mir den
Schreiber, weil der schon ein paarmal bei mir im Hause gewesen war, und
nachher mute sie denn richtig noch einmal zu dem wirklichen Bayer mit
einem a gehen. Ueberhaupt, man glaubt gar nicht, was so ein einziger
Buchstabe im Namen fr einen Unterschied macht. Da war in Schwerin ein
Schneider...

Ich dchte, einen Geodt Melker htte ich auch einmal gekannt, fiel
hier der Major ein, denn der Rath ging wieder durch. Kommt er manchmal
hier herber?

Ach, habe ihn erst heute Morgen gesehen, sagte der Wirth; ich glaube,
er kam herber, um seine Frau abzuholen, die hier ein paar Tage bei
ihrer Mutter zum Besuch war.

In der That? sagte der Rath, dadurch wieder zur Gegenwart
zurckgerufen, da er sonst nur eigentlich in der Vergangenheit lebte.
Da knnten wir ja einmal nach dem Essen hinbergehen, Major, denn einen
Verdauungs-Spaziergang mssen wir doch machen. Wohnt sie weit von hier?

Nein, gleich dort hinter dem Garten, Herr Rath. Wenn Sie um die Ecke
vom Zaun herumbiegen, sehen Sie das kleine hbsche Huschen gleich vor
sich. Die Mller hat eigentlich das hbscheste Huschen im ganzen Ort.

So? Na, dann wollen wir nachher einmal da vorbeischlendern und es uns
ansehen -- also so ein hbsches Huschen. Sie ist da wohl reich?

Der Wirth zuckte mit den Achseln. Wer kann's wissen? sagte er. Sie
zeigt's wenigstens Niemandem und lebt einfach und zurckgezogen genug
-- hat aber auch, das mu wahr sein, keinen Pfennig Schulden im Ort.
Man bekommt sie jedoch wenig zu sehen. Sie sitzt fast immer im Hause und
nht, oder liest auch wohl in einem Buche; aber wahrhaftig, unterbrach
er sich rasch, als ein Wagen drauen vorbeirollte, da kommt gerade
die Tochter mit ihrem Manne an. Die fahren jetzt wieder nach Rbhausen
zurck. Nun haben Sie ihn verpat. Na, ein andermal trifft sich's
vielleicht besser.

Der Major war aufgesprungen und an's Fenster getreten. Ein leichter,
hbscher Korbwagen, vortrefflich in Federn hangend, rasselte vorber.
Ein sehr anstndig gekleideter Herr von vielleicht zweiunddreiig
Jahren fuhr, und neben ihm sa, ebenfalls stdtisch, aber sehr einfach
gekleidet, ein junges, allerliebstes Frauchen und lachte und plauderte
mit ihm.

Also das ist die Tochter? nickte der Major, sich wieder abwendend,
denn der Wagen bog in dem Augenblick um die Ecke. Sie sieht ja beinahe
aus wie eine Dame.

Ja, nickte der Wirth, ein sehr hbsches Weibsen ist es und eine gute,
tchtige Frau dabei. Die Mutter hat sich's aber auch 'was kosten lassen,
um sie zu erziehen, das mu wahr sein, und der Herr Melker das groe
Loos dabei gezogen.

Der Rath stie den Major heimlich an, blinzelte ihm ber die Brille zu,
flsterte: 'sist Alles in Richtigkeit! und setzte sich dann wieder zu
seinem Wildbraten nieder, um noch einmal von vorn zu beginnen. Er rhmte
sich nicht mit Unrecht, da er fr drei Mann essen und trinken knne.
Dem Major brannte aber jetzt der Boden unter den Fen, und wenn ihn
auch ein eigenes, unbehagliches Gefhl beschlich, sobald er daran
dachte, da die Entscheidung seines lange gehegten Zieles -- denn dies
war seine letzte Hoffnung -- so nahe sei und er zu dem Zweck einer
vollkommen fremden Person in das Haus rcken solle, so war er doch nicht
der Mann, von der einmal begonnenen Sache nun zurckzuschrecken. Je eher
sie abgemacht wurde, desto besser. Es dauerte freilich noch eine
Weile, bis er den Rath hinter dem Tisch vorbrachte, aber es gelang doch
endlich, und die Beiden schritten jetzt langsam erst eine Strecke durch
den Ort hinauf, um ihr Ziel nicht gleich zu verrathen, und dann der
bezeichneten Richtung zu, wo sie das kleine Haus auch bald in Sicht
bekamen.

Es war in der That ein freundliches Pltzchen, klein und beschrnkt
freilich -- wenigstens dem ueren Anschein nach--, aber
auerordentlich sauber gehalten, ordentlich beworfen und licht bemalt,
sowie mit grnen Jalousien versehen; auch schien das daranstoende
Grtchen sorgsam gepflegt, und selbst ber die Hecke herber schauten
blhende Rosenbsche. Das Ganze war in der That wie ein kleines Idyll,
und man dachte sich unwillkrlich ein reizendes, zartes Wesen, das
jetzt dort hinter den Blumen am Fenster an einer Stickerei arbeiten und
vielleicht einmal mit dem Lockenkopf hinausschauen msse.

Hinter den Blumen am Fenster war aber nichts als eine groe weie Haube
zu erkennen, die sich auch gar nicht regte, als die beiden Fremden
vorbergingen.

Hren Sie, Major, sagte der Rath, indem er von der Seite ber die
Brille hinberschielte, das erinnert mich an ein Abenteuer in Schwerin,
wo ich....

Thun Sie mir den einzigen Gefallen, unterbrach ihn der Major, und
erzhlen Sie mir jetzt nichts; ich fange auerdem schon an ganz nervs
zu werden. Wollen wir hinein?

Nun, versteht sich von selbst, sagte der Rath; wir sind einmal da
und mssen nun auch durch. Wie wollen Sie aber anfangen? Wir mssen doch
gewissermaen eine Introduction haben, nachher macht sich dann Alles
von selber. Knnten wir zum Beispiel nicht nach Herrn Melker fragen? Wir
wissen jetzt genau, da er nicht da ist.

Daran habe ich auch schon gedacht, sagte der Major; aber nachher?

Dann lassen Sie mich nur das Uebrige besorgen; ich knpfe mit allen
Menschen ein Gesprch an, wenn ich sie nur erst einmal fest habe, und
eine Einleitung zu unseren Fragen ist ja auch dadurch gegeben, da
Sie mit der Familie Wendelsheim, in der sie selber frher gedient hat,
verwandt sind. Fangen Sie zum Beispiel nachher einmal von der in der
nchsten Zeit flligen Erbschaft an, und wir sehen dann gleich, was
sie dazu fr ein Gesicht macht; ich werde sie indessen beobachten.
Donnerwetter, Major, zwei alte Knaben, wie wir sind, und mit allen
Hunden gehetzt, sollen es doch wohl in der Intelligenz mit einer alten
Frau aufnehmen knnen!

Und wenn sie nichts gesteht?

Sie braucht nicht direct zu gestehen, lieber, bester Freund,
versicherte ihm der Rath, und wird das auch auf keinen Fall, davon bin
ich schon jetzt vollkommen berzeugt, ohne sie nur einmal gesehen
zu haben. Ich verlange auch weiter nichts, als da sie sich nur ein
einziges Mal verschnappt, nur mit Einer Silbe, da sie sich nur einmal
widerspricht; dann haben wir sie fest, und da dann die Gerichte das
Andere aus ihr herausbekommen, darauf knnen Sie sich fest verlassen.
Sagen Sie mir nur um Gottes willen, weshalb Sie mit dem Allen erst jetzt
herausrcken, und nicht schon vor zwanzig Jahren, als die Sache noch
warm war, ihr zu Leibe gegangen sind?

Lieber, bester Freund, sagte der Major, das wre allerdings besser
gewesen; aber gerade in der Zeit, in der das Kind geboren wurde, befand
ich mich in Ruland, und als ich nachher zurckkehrte, waren die Leute,
die damals in Wendelsheim gedient, so in alle Welt zerstreut, da meine
Bemhungen vergeblich blieben. Erst jetzt, nachdem ber dem Ganzen
scheinbar Gras gewachsen, haben sie sich wieder eingefunden, und jetzt,
ja, ich kann wohl sagen, eigentlich in den letzten Tagen und so recht
vor Thorschlu, bin ich erst auf die richtige Fhrte gekommen. Aber es
ist selbst jetzt noch nichts versumt.

Gott bewahre, Gott bewahre, nickte der Rath; ein Heidenglck nur,
da Sie wenigstens jetzt noch auf die Spur kamen, denn ein paar Wochen
spter htten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen knnen!
Doch wir wollen umkehren -- jetzt hilft's nichts. Also die Zhne
zusammengebissen, Major, und fest vorwrts. Umbringen kann sie uns
nicht, und im schlimmsten Fall sind wir immer unserer Zwei!

Die beiden Verbndeten, die indessen eine Strecke auf der Strae
hinausgegangen waren, so da sie schon die Felder wieder vor sich sahen,
drehten jetzt um und schritten direct auf das Haus der Wittwe Mller zu,
dessen Pforte, da der Eingang durch den Garten fhrte, sie bald darauf
erreichten. Drauen war auch eine Klingel angebracht; die Glocke hing
inwendig am Pfosten, und der Rath streckte schon den Arm nach dem Griff
aus, als er pltzlich sagte:

Hren Sie, Major, wenn wir jetzt hier luten, steckt sie am Ende den
Kopf zum Fenster heraus und fertigt uns gleich auf der Strae ab. Das
wre Pech!

Vielleicht ist die Thr offen; fassen Sie einmal auf die Klinke.

Wahrhaftig, sagte der Rath, indem er die Klinke probirte, das war
ein guter Gedanke. Die Zugbrcke ist nieder, nun laufen wir Sturm, he,
Major? Also vorwrts marsch, ich sehe schon, ich mu die Leitung doch
wohl bernehmen!




12.

Frau Mller.


Die beiden Verbndeten traten in den Garten, den sie auf das fleiigste
gehalten und gepflegt fanden, und Keiner von ihnen dachte wohl daran,
da sie in diesem Augenblick gerade im Begriff standen, ihr Mglichstes
zu thun, diesen Frieden zu stren und die glckliche Besitzerin
desselben in das Zuchthaus zu liefern. Dem Rath war die Sache auch noch
viel zu neu, und er hatte sie sich, mit dem Reiz des Abenteuerlichen,
der sie umgab, noch gar nicht ordentlich zurechtlegen knnen, und der
Major, nur das Ziel vor Augen, dem er entgegenarbeitete, schien
Alles, was sich ihm in den Weg stellen wollte, gerade wie ein wilder
=steeple-chaser=, als gar kein Hinderni zu betrachten. Hier galt, wie
er sich die langen Jahre hindurch fest eingeredet, nur das Recht, und
einzig und allein das Recht, und der alte Baron, den er von Grund seiner
Seele aus hate, mute fr verbtes Unrecht bestraft werden. Da er
damit dann nachher Alle, die ihm dabei geholfen, mit hineinzog, daran
dachte der Major gar nicht, oder wenn er daran dachte, war es ihm
vollkommen gleichgltig. Vorwrts! Der Rath hatte ganz recht; das war
das einzige Wort, das jetzt fr sie galt, und mit festen, entschlossenen
Schritten ging er auf die grn gemalte Thr zu, die ihn noch von seiner
Beute trennte.

Diese fanden die beiden Herren aber nicht offen, doch war ebenfalls
ein Klingelzug dort angebracht, und ohne auch nur noch einen Augenblick
durch unntzes Zgern zu verlieren, zog der Rath daran.

Drinnen im Hause ging gleich darauf eine Thr, und es dauerte nicht
lange, so wurde innen ein Riegel zurckgeschoben und die Pforte
geffnet, wobei sie sich einer ziemlich robusten Dame in den besten
Jahren gegenber sahen.

Die Dame trug ein dunkelrothes Kattunkleid mit engen Aermeln, dazu eine
schneeweie Haube und eben solchen Halskragen, und sah berhaupt recht
sauber und adrett aus. Aber ihr Gesicht gefiel dem Major nicht; um
den Mund, auf dessen Oberlippe ein kleiner Anlauf zu einem Schnurrbart
sichtbar wurde, lag ein Zug, der etwa ausdrckte: Ich habe etwas
durchgesetzt in meinem Leben und kmmere mich den Henker um die Welt!
Die ziemlich starken Augenbrauen waren ihr dabei ber der Nasenwurzel
zusammengewachsen, und ein Paar groe blaue Augen sahen mehr forschend
als freundlich darunter vor. Aber nicht gerade unfreundlich sagte sie,
als sie die Fremden in ihrem Garten sah: Und mit was kann ich den
Herren dienen?

Sie entschuldigen, verehrte Frau, nahm hier der Rath das Wort, wie
ich gehrt habe, befindet sich gerade ein alter Bekannter von mir, Herr
Melker, bei Ihnen?

Das thut mir leid, sagte die Frau, mein Schwiegersohn ist eben
fortgefahren; meine Tochter war auf Besuch bei mir, und die hat er
wieder abgeholt.

O, das bedauere ich doch wirklich sehr, sagte Rath Frhbach, indem er
sich die Stirn mit einem riesigen seidenen Taschentuch abwischte, ich
htte ihn so gern gesprochen! Knnen Sie uns nicht vielleicht sagen,
wann er zurckkehren wird?

Thut mir leid, wei ich aber nicht, entgegnete ruhig die Frau.

Sie sind auch vielleicht nicht im Stande, uns zu sagen, wann er seine
Arbeiten dort beendet haben wird? fuhr Frhbach unverdrossen fort. Ich
habe selber ein Gut -- warten Sie, wo ist denn gleich die Liste... --
Und er nahm dabei sein Taschenbuch heraus.

Wollen denn aber die Herren nicht nher treten? sagte Frau Mller,
die jetzt nicht anders vermuthen konnte, als da es sich um einen neuen
Auftrag und Verdienst fr ihren Schwiegersohn handle. Sie stehen hier
so drauen auf dem Flur...

Wenn wir Sie nicht stren, verehrte Frau...

Bitte, ganz und gar nicht. Seien Sie so gut und kommen einen Augenblick
mit hier herein; ich bin ganz allein, und wenn ich Ihnen irgend eine
Auskunft geben kann...

Die Herren lieen sich natrlich nicht lange nthigen. Rath Frhbach
ging mit seinem gewinnendsten Lcheln voran, und der Major folgte ihm
dicht auf dem Fue.

Das Zimmer sah auerordentlich sauber aus; es war allerdings sehr
einfach mblirt, aber doch mit Geschmack, und die vielen Blumen
besonders, der frisch gestreute Sand und die Sonne, welche auf dem
Ganzen lag, gaben ihm etwas unendlich Freundliches. Die Frau selber
benahm sich dabei mit vielem Anstand; man sah es ihr an, da sie sich
hufig in gebildeten Kreisen bewegt haben mute, und die Art, wie sie
sich selber wieder auf ihren Stuhl niederlie und den beiden Herren
winkte, auf zwei anderen Sesseln Platz zu nehmen, hatte wirklich etwas
Vornehmes.

An Frhbach, whrend es dem Major imponirte, ging das aber vollstndig
verloren; er nahm mit seinem wohlwollendsten Lcheln Platz und begann
dann auch eine lngere Erzhlung (whrend er noch immer in seiner
Brieftasche herumsuchte), die sich einzig und allein um sein Rittergut
und die dort vorhandene Nothwendigkeit drehte, die Zusammenlegung der
Felder so rasch als irgend mglich in Angriff zu nehmen. Dadurch aber
gewann der Major Zeit, um seinen Schlachtplan zu entwerfen, und wenn
Frhbach einmal, was aber nicht so bald geschah, eine Pause machte, nahm
er selber das Gesprch auf und sagte:

Nicht wahr, Madame, Sie waren frher auch einmal -- es sind jetzt
freilich schon lange Jahre her -- in dem Hause meines Vetters, des
Freiherrn von Wendelsheim?

Ei gewi, erwiederte Frau Mller, die, wie sich bald herausstellte,
trotz ihres etwas absprechenden Wesens eine Unterhaltung liebte; sie
mute nur erst einmal warm werden. Also das ist ein Herr Vetter von
Ihnen? Ein lieber, braver Herr! -- Jawohl, ich war Amme dort im Hause,
gleich nachdem mir mein Tchterchen, die Martha, geboren war, und mein
Mann wollte es damals eigentlich nicht zugeben, aber lieber Gott, was
konnten wir machen -- die Frau Baronin war so leidend, auch immer so gut
mit uns gewesen, da muten wir ja zuletzt nachgeben, und meine kleine
Martha wurde unterdessen zu Hause mit Milch grogezogen. Das Kind ist
auch wohl dadurch ein bischen schwchlich und zart geblieben, aber
doch, Gott sei Dank, gesund und krftig, und ich habe mir spter keine
Vorwrfe zu machen gebraucht.

Die beiden Kinder sind also wohl so ziemlich in Einem Alter? fragte
der Major.

Ja, gewi, sagte Frau Mller, kaum achtundvierzig Stunden auseinander
-- ja, und es kam mir damals schwer genug an, den armen kleinen Wurm
allein zu lassen, aber der Herr Baron schickte seinen eigenen Wagen,
eine groe Glaskutsche, und es half nichts, ich mute hinein.

Mein Vetter, sagte der Major, der jetzt glaubte von einer andern Seite
angreifen zu mssen, war eigentlich bei seinen Leuten nicht besonders
beliebt. Seine Frau soll ein Engel gewesen sein, und sie hat auch, wie
ich Ursache habe zu vermuthen, viel ertragen; aber er selber hatte
immer etwas entsetzlich Stolzes und Hartes, und seine Familie kann davon
besonders erzhlen.

Wie es mit der Familie gewesen ist, wei ich nicht, sagte die Frau;
gegen mich und die Leute war er immer sehr gut, besonders gegen
mich und den kleinen Baron -- Du lieber Gott, er wute gar nicht vor
Seligkeit, was er mit dem Kind Alles anfangen sollte! Ordentlich mit
Gewalt haben wir's ihm manchmal wegnehmen mssen, so sprang und tanzte
er damit herum, und wollte sich gar nicht zufrieden geben, da die
gndige Frau Tante oft mit ihm zankte und bse wurde.

Die gndige Frau Tante?

Nun, dem gndigen Herrn seine Schwester, ein Frulein von Wendelsheim,
die auch, glaub' ich, jetzt noch immer im Hause ist. Das war aber ein
bitterbses Frauenzimmer, wir nannten sie nur immer den Beizahn, und
wenn sie damals schon wie ein Beizahn auftrat, so gnade Gott jetzt die
armen Dienstboten, die unter ihr stehen mssen!

Das gndige Frulein fhrte wohl den Oberbefehl im Hause? warf der
Rath eine Frage ein.

Ja, und fhrt ihn wahrscheinlich noch, nickte Frau Mller; denn sie
sah mir nicht danach aus, als ob sie sich irgend 'was aus den Hnden
winden liee. Sie bi eher.

Aber mit dem Kinde war sie gut?

Ich wei es nicht, sagte achselzuckend die Frau; manchmal, ja. Dann
aber betrachtete sie es auch wieder mit ganz finsteren Blicken und
konnte oft stundenlang kein freundliches Wort -- was berdies selten
genug aus ihrem Munde kam -- mit irgend einer Seele reden.

Der Rath warf dem Major einen bedeutungsvollen Blick zu; dieser aber,
ohne ihm zu begegnen, wenn er ihn auch gemerkt hatte, fuhr langsam fort:

Es ist sonderbar, aber es wurde damals viel ber das Kind gesprochen;
die Leute hrten nicht auf, sich die verschiedensten Sachen zu
erzhlen....

Natrlich, nickte die Frau, weil mit dessen Geburt eine groe
Erbschaft in Aussicht stand. Lieber Himmel, ber was reden die Leute
nicht, und ich bin damals auch oft gefragt und drangsalirt worden, habe
ihnen aber heimgeleuchtet, bis sie mich zufrieden lieen -- das Pack
das!

Die Erinnerung oder vielmehr Erwhnung jener miglckten Versuche schien
gerade nicht ermuthigend auf den Major zu wirken. Der zweite Sohn ist
jetzt recht leidend, sagte er nach einer kleinen Pause, man glaubt
kaum, da er noch lange leben wird.

Na, dem Beifrulein gnne ich das, meinte Frau Mller, denn sie soll
den zweiten Sohn fast vor Liebe aufgefressen haben, whrend sie sich um
den ersten wenig oder gar nicht bekmmerte -- und was fr ein draller,
derber Junge war das! Aber um den Vater sollte mir's leid thun. Lieber
Gott, die Mutter liegt ja schon so lange in ihrem kalten Grabe!

Und haben Sie den Aeltesten krzlich einmal gesehen? Er ist, wie Sie
wissen, Officier.

Die Frau schwieg, und wieder sah der Rath den Major an, diesmal aber zog
er die Augenbrauen hoch in die Hhe. Endlich erwiederte die Frau, die
indessen still vor sich niedergesehen:

Lange nicht, seit langer, langer Zeit. Du lieber Himmel, aus Kindern
werden Herren, und wenn die vornehm sind, was kmmert sie nachher eine
arme alte Frau, die sie frher mit ihren eigenen Sften genhrt! Sie
denken nicht mehr daran. Wenn der Herr Baron gewollt htte, wre er
schon lange einmal zu mir herausgekommen, denn da ich wieder hier
wohne, mu er doch wohl wissen; aber er kmmert sich nicht mehr um seine
alte Amme, die Mutterstelle an ihm vertrat, und wenn _er's_ aushalten
kann -- na, ich kann's auch.

Da scheint Ihr eigenes Kind mehr an Ihnen zu hangen, sagte der Rath,
der auch nach dieser Seite hin anzuklopfen wnschte.

Nun, fragte die Frau und sah ihn verwundert an, soll sie denn das
auch nicht? Hatte sie denn, bis sie sich vor Kurzem verheirathete,
irgend Jemanden sonst in der weiten Welt, der fr sie sorgte und mhte,
als mich? Alle Ursache fr sie, da sie an mir hngt, und es wre
unnatrlich, wenn sie anders sein wollte.

Ach, wenn Sie in jener Zeit in Schlo Wendelsheim waren, bemerkte der
Major, dann kennen Sie ja auch wohl eine Frau Heberger, die damals
dort aus und ein ging?

Die Frau Mller sah den alten Herrn etwas erstaunt an. Es mochte ihr
jetzt vielleicht zum ersten Mal auffallen, da berhaupt so viele Fragen
an sie gerichtet wurden, whrend Rath Frhbach, der diese Antwort mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit erwartete, um sich mit keinem Blick
zu verrathen, seine Dose hervornahm und der alten Dame eine Prise
offerirte.

Wenn diese gewut htte, da Rath Frhbach immer Morgens, ehe sein
Zimmer gereinigt wurde, den ber Tag beim Schnupfen auf die Matte
gefallenen Schnupftabak wieder sorgfltig zusammenschob und zurck in
die Dose that, so wrde sie die Prise wohl verweigert haben. Der Major
wute es wenigstens und schnupfte deshalb nie mit ihm. So aber nahm sie
dankend eine Prise an und sagte nach kleiner Weile:

Die Heberger? Gewi kenne ich die -- die schlechte Person! Aber
weshalb fragen Sie mich das? Wie kommen Sie berhaupt jetzt auf die
Heberger?

Lieber Gott, sagte der Major, doch halb verlegen, da wir gerade so
von alten Zeiten sprachen, fiel mir die Person wieder ein, weil sie
ja damals just so viel im Hause ein und aus ging und die stolze Frau
Baronin sie trotzdem nicht leiden konnte; das hab' ich wenigstens oft
und oft gehrt.

Das ist auch wahr, nickte die Frau, weil sie mit dem gndigen
Frulein immer durchsteckte, und der alte Baron mute wohl thun, was die
Beiden wollten. An mich durfte sie sich freilich nicht wagen, weil ich
das Kind hatte, und mit dem verstand der alte Baron keinen Spa; aber
die Anderen hat sie in der kurzen Zeit genug geschuhriegelt, und sie
haben's ihr auch gedacht. Aber was macht die sich daraus!

Die Heberger hat sich damals ein schn Stck Geld verdient, sagte der
Major.

Was geht's uns an, brach jedoch die Frau, jedenfalls mitrauisch
werdend, kurz ab; ich rede nicht gern ber die Zeiten, und mit fremden
Leuten gar nicht. Sie suchten ja aber vorhin ein Papier in Ihrer
Brieftasche, Herr -- ich wei noch nicht einmal Ihren Namen....

Frhbach, verehrte Frau -- Rath Frhbach, sagte der also Angeredete,
der seine Tasche schon lange wieder zurckgeschoben hatte, indem er
jetzt rasch und doch etwas verlegen danach griff. Aber das hat Zeit,
bis ich den Herrn Melker einmal selbst sprechen kann. Wir haben uns
hier angenehm unterhalten -- ich sage Ihnen, die Zeit ist mir nur so
dahingeflogen, und Sie wohnen auch hier wie in einem kleinen Paradies.

Ja, die Wohnung ist allerdings recht hbsch, nickte die Frau, nur
eigentlich fast ein bischen zu gro fr eine alleinstehende Wittwe;
aber, lieber Gott, es ist doch ein eigenes Haus, und man kann es sich
darin bequem machen.

Merkwrdig, da es mir noch nicht aufgefallen ist, meinte Frhbach,
und ich komme doch so oft nach Vollmers heraus -- ich trinke den
Aepfelwein so gern, er ist auch fr meinen Krper zum Bedrfni
geworden, ich knnte ihn gar nicht mehr entbehren. Leider scheint dieser
Jahrgang nicht so ausgefallen zu sein wie der vorige; der Wein suert
ein wenig, ist aber auch dafr, glaube ich, um so viel gesunder als der
vorjhrige. Das war aber in der That etwas Wunderbares, und ich denke
jetzt noch mit Schmerzen daran, da er vorber ist.

Nun, lchelte die Frau, freundlicher als bisher, wenn Sie denn so
fr unsern vorjhrigen Aepfelwein schwrmen, dann kann ich Ihnen die
Erinnerung daran vielleicht wieder auffrischen. Gsten sollte man doch
eigentlich etwas vorsetzen, und das ist gerade das Einzige, was ich im
Hause habe. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.

Damit war sie aufgestanden und verlie das Zimmer, whrend ihr der Major
kopfschttelnd nachsah. Mein lieber Rath, sagte er, als sie hinaus
war, aber mit etwas unterdrckter Stimme, ich frchte, ich frchte,
ich habe heute meine letzte Hoffnung zu Grabe getragen. Aus der Frau
bekommen wir auf die Weise heilig nichts heraus.

Lieber, bester Freund, rief Frhbach, der nur einen Augenblick
gewartet hatte, bis sie von der Thr weg sein konnte, indem er den
Arm des Majors ergriff und heftig drckte, kriegen wir nichts heraus,
meinen Sie? Wir _haben_ sie!

Haben -- wen?

Die Frau! Ist Ihnen denn entgangen, wie sie zusammenfuhr, als wir
den Namen der Heberger nannten? Sie erschrak sichtlich -- und jetzt
_klopfen_ wir nicht mehr auf den Busch, jetzt _schlagen_ wir drauf!

Begehen Sie um Gottes willen keine Unvorsichtigkeit! Ich mchte hier
nicht in Unannehmlichkeiten gerathen, die, wenn sie nachher bekannt
wrden, ohne da wir etwas erreicht htten...

Sehen Sie das Bild dort? fragte der Rath, mit dem Arm auf ein nicht
ganz schlechtes Oelgemlde deutend, das gegenber an der Wand hing und
ein junges, sehr hbsches Mdchen darstellte. Wollen Sie _noch_
einen Beweis? fuhr der Rath ganz in Eifer fort. Ist das nicht ein
entschieden vornehm adeliges Gesicht, und hat es auch nur die Spur
von der Frau Mller? Nein -- aber dem Baron von Wendelsheim sieht es
hnlich, wie aus den Augen geschnitten!

Aber das Bild ist vielleicht aus der Wendelsheim'schen Familie, sagte
der Major, es jetzt ebenfalls aufmerksam betrachtend. Aehnlichkeit
liegt allerdings darin, aber wir wissen ja gar nicht, ob sie das Bild
nicht einmal von der seligen Frau geschenkt bekommen oder auf irgend
einer Auction erstanden hat.

Das wollen wir bald herausbekommen, sagte Frhbach entschlossen;
jetzt aber lassen Sie mich nur machen. Ich habe Ihnen meine Hlfe
zugesagt, und Sie sollen sich mir nicht umsonst anvertraut haben. Die
Frau hat kein gutes Gewissen, darauf mchte ich meine Schnupftabaksdose
verwetten, und da sie jetzt den Aepfelwein holt, geschieht nur, um uns
mit guter Manier los zu werden. Aber ich will nicht Frhbach heien,
wenn ich sie nicht fasse, und zwar, ehe sie eine Ahnung davon hat, ganz
unvorbereitet, und Sie sollen erleben, wie sie bleich wird und zu Kreuze
kriecht!

Aber wir knnen ihr ein Verbrechen, fr das wir noch gar keine directen
Beweise haben, doch nicht auf den Kopf zusagen.

Auf den Kopf! erwiederte Rath Frhbach mit der Miene eines Mannes, der
zum Aeuersten entschlossen ist. Aber es blieb dem Major keine Zeit zu
weiteren Bemerkungen oder irgend einer Widerrede oder Abmahnung, denn
in demselben Augenblick wurde die Thrklinke wieder aufgedrckt, und
whrend sie schon das Klirren der Glser hrten, erschien Frau
Mller wieder mit einem irdenen Krug in der Hand und einem kleinen
Prsentirteller, auf dem drei Glser standen.

So, meine Herren, sagte sie freundlich, indem sie die Sachen auf den
Tisch stellte und dann zu einem kleinen Eckschrank trat, aus dem sie
Brot und frische Butter nahm. Langen Sie zu; es ist Alles, was das
Haus bietet, aber ein Gericht Gerngesehen, und daran darf man eben keine
groen Ansprche machen. Und nun kosten Sie einmal den Aepfelwein, Herr
Rath, und sagen Sie mir, ob Sie schon irgendwo in Ihrem Leben besseren
getrunken haben.

Whrend Frau Mller sprach, schenkte sie die Glser voll; Frhbach,
der sie indessen ber die Brille betrachtet hatte, schmunzelte
unwillkrlich, als ihm der wohlbekannte und geliebte Duft in die Nase
stieg. Er konnte es sich auch nicht versagen, das Glas an die Lippen zu
heben und zu kosten; aber famos! sagte er, unbertroffen! und leerte
es schon im nchsten Augenblick auf Einen Zug.

Der Major nahm das Glas nur ungern; es war ihm ein eben nicht angenehmes
Gefhl, von der Frau, hinter deren Rcken sie eben noch ihren Plan
geschmiedet, gastlich behandelt zu werden. Sie durften auch jetzt nicht
weiter in sie dringen, und da er die Einladung, doch auch ein Glas zu
kosten, nicht gut ablehnen konnte, hob er es an die Lippen und nippte
daran. Der Aepfelwein war allerdings ser als der bei Frhbach
getrunkene, immer doch aber nur ein sehr zweifelhaftes Gebru, dem inde
der Rath mit voller Hingebung zusprach, ja sich sogar, trotzdem da sie
eben vom Mittagessen kamen, noch ein tchtiges Stck Brot abschnitt und
es mit Butter bestrich, um es dazu zu verzehren.

Beim Kauen berlegte er sich seinen Feldzugsplan, dessen Ziel in nichts
Geringerem bestand, als die Festung, die nicht durch List bezwungen
werden konnte, zu berrumpeln und mit Sturm zu nehmen.

Werthe Frau Mller, sagte er deshalb, wie er nur den letzten Bissen
verschluckt und ein Glas Aepfelwein hintennach geschickt hatte, indem er
sich den Mund mit dem sehr oft gebrauchten Taschentuch wischte, dieses
dann immer kleiner zusammendrckte und zuletzt zurck in die Tasche
schob (dabei nahm er wieder die Dose heraus), allen Respect vor Ihrem
Aepfelwein, er ist wirklich vortrefflich, und ich habe in meinem Leben
keinen besseren getrunken. Unser voriges Gesprch schien Ihnen vorhin
nicht angenehm zu sein, was ich bedauere, aber ich mu doch noch einmal
darauf zurckkommen. Sie wissen nmlich nicht, da, wenn die Erbschaft
-- durch irgend eine gebrauchte List -- in falsche Hnde gerth... --
Vielleicht noch eine Prise gefllig?

Ich danke, sagte die Frau, rgerlich mit dem Kopf schttelnd. Was
geht mich die Erbschaft an? Ich kriege doch nichts davon! Ueberhaupt
will ich von der ganzen Wendelsheim'schen Geschichte gar nichts wissen!

Bitte, lassen Sie mich ausreden, sagte der Rath, denn als Frau
knnen Sie keine Kenntni von den in dieser Hinsicht furchtbar strengen
Gesetzen haben -- da also dann die, welche mit dazu beigetragen haben,
einen Betrug zu untersttzen, den schwersten, jedenfalls Leibes- und
vielleicht gar Lebensstrafen ausgesetzt sind.

Lieber Rath, sagte der Major, dem nicht ganz wohl bei der Einleitung
wurde, das Gesetz wird ja...

Bitte, lieber Major, entgegnete Frhbach, erlauben Sie mir, da
ich der Dame, die uns so freundlich aufgenommen hat, den Standpunkt
vollkommen klar mache; wir werden dann mit der grten Leichtigkeit zu
einem Verstndni kommen.

Die Frau Mller hatte ihn staunend angesehen, denn sie schien entweder
gar nicht zu begreifen, worauf hinaus der Rath arbeitete, oder wollte
es nicht; der Major, welcher sie mitrauisch von der Seite beobachtete,
wurde wenigstens nicht klug daraus. Frhbach aber, die linke Hand, in
der er die Dose hielt, auf den Rcken legend, mit der Rechten, zwischen
deren Fingern er noch eine Prise hielt, gesticulirend, fuhr, immer ber
die Brille weg, fort:

Da Sie vollkommen gut verstehen, worauf ich hindeute, verehrte Frau,
davon bin ich berzeugt. Die Welt hat sich eben nicht tuschen lassen,
denn zu Viele wuten um das Geheimni. Bis jetzt aber, wo es eben nicht
darauf ankam, lie man die Sache gehen; nun jedoch, da der Termin der
Erbschaft abgelaufen ist, wird es unmglich, die damalige Tuschung
lnger durchzufhren. Seien Sie also vernnftig, und gestehen Sie, was
Sie wissen -- Sie sind unter Freunden...

_Ich_ soll gestehen? sagte die Frau, die sich von ihrem Erstaunen noch
immer nicht erholen konnte, denn Frhbach brachte das Alles mit solcher
Salbung an. Aber was denn um Gottes willen?

Gut, rief jetzt der Rath, wie erbittert ber so viel Strrigkeit,
wessen Bild ist das, was da an jener Wand hngt? Das dort mein' ich!

Das dort? das Bild meiner Tochter -- und was haben _Sie_ denn?

Nein, rief der Rath mit erhobener Stimme, das ist nicht wahr! Wissen
Sie, wessen Bild das ist? Wissen Sie, was die Frau Heberger in der
Stadt schon gestanden und gebeichtet hat?

Die Frau war todtenbleich geworden und trat einen Schritt zurck, und
der Major selber erschrak ber die pltzliche Vernderung in ihren Zgen
-- die Augen starrten den Redenden stier und entsetzt an, der Mund war
halb geffnet, die eine Hand vorgestreckt. Rath Frhbach aber, dem das
ebenfalls nicht entging, fuhr, seinen Sieg verfolgend, triumphirend
fort:

Das ist das Bild der Tochter des Barons von Wendelsheim, dem Sie dafr
den Sohn untergeschoben haben, und wenn Sie jetzt, wo Sie noch unter
Freunden sind, Alles gestehen, so kann ich Ihnen die Versicherung...

Weiter kam er nicht. Alles Blut, das zuerst das Antlitz der Frau
verlassen hatte, scho dahin zurck, da es jetzt eine fast kupferrothe
Frbung annahm, und die Arme in die Seite stemmend, rief sie mit vor
Wuth fast erstickter Stimme:

Sie -- Sie alter grauhaariger Esel, Sie wollen ein Rath sein?!

Frau Mller! rief Rath Frhbach entsetzt.

Und deshalb ist das Lumpengesindel in mein Haus gekommen? schrie die
Frau, die jetzt erst ihre Zunge wiederzufinden schien. Nach meinem
Schwiegersohn erkundigen sie sich, weil sie wissen, da er nicht da
ist, und heimlich hinten herum kommen sie und fragen und bohren und thun
schn und unschuldig, um eine arme Frau in's Unglck zu strzen!

Aber, beste Frau Mller! fiel auch jetzt der Major ein, der aus all'
seinen Himmeln herausstrzte und nur allein den aufkochenden Zorn der
Gereizten zu besnftigen wnschte.

Pfui Teufel! rief aber die Frau Mller, die jetzt das Wort hatte und
es sich nicht so leicht wieder nehmen lie. Indianer und Trken und
Heiden, wenn sie mit einem andern Menschen gegessen und getrunken haben,
ben weder Hinterlist noch offene Feindschaft gegen ihn aus, sondern
behandeln sich als Brder -- aber das nennt sich Christen, und ist rger
als Trken und Heiden!

Aber, Frau Mller, ich versichere Ihnen... sagte der Major.

Sie brauchen mir nichts zu versichern! schrie die Frau, immer mehr in
Zorn gerathend. Was haben Sie berhaupt hier zu thun? Glauben Sie, da
ich mich in meinen eigenen vier Wnden ungestraft beleidigen lasse? Und
die Frau Heberger -- was geht das mich an, was die gestanden hat, oder
mchten Sie mir vielleicht damit drohen? Aber das wollen wir doch
einmal sehen, ob noch Recht und Gesetz im Lande ist und hlflose,
alleinstehende Frauen in ihrem eigenen Hause berfallen werden drfen,
das wollen wir doch einmal sehen! Den Augenblick gehe ich auf's Gericht,
und dann will ich wissen, ob das da das Bild meiner Tochter, meines
eigenen Kindes ist oder nicht, und ob jeder hergelaufene Lump, der sich
Rath nennt, herkommen und mich beschimpfen darf!

Aber, Frau Mller, sagte Rath Frhbach, allerdings etwas bestrzt ber
die Wendung, die sein fein angelegter Plan, bei dem er sich schon einen
Moment am glcklich erreichten Ziel geglaubt, pltzlich genommen, Sie
werden uns doch erlauben...

Gar nichts erlaube ich Ihnen, rief die Frau, gar nichts auf der Welt!
Je eher Sie sich aus meinem Hause scheren, desto besser, und wenn Sie
nicht gleich gutwillig gehen, dann rufe ich die Nachbarn zu Hlfe, da
die Ihnen Beine machen!

Der Major hatte sich schon, auf's uerste verlegen, whrend des letzten
Gesprches der Thr zu gedrckt und eigentlich nur auf einen gnstigen
Moment gewartet, um hinauszufahren, denn die ganze Sache war ihm
frchterlich fatal; er mochte nur auch nicht geradezu fortlaufen. Jetzt
aber fand er keine Veranlassung mehr, lnger zu zgern; die Thr war
ihnen deutlich genug und ohne ein Miverstndni mglich zu machen,
gewiesen worden.

Kommen Sie, Rath, das geht nicht lnger, sagte er, jetzt selber
rgerlich werdend, denn der Mann war nicht von der Stelle zu bringen. Er
stand, aber jetzt ebenfalls mit einem dicken rothen Kopf, immer noch die
Prise zwischen den Fingern, vor der Wthenden und schien nur auf einen
Moment zu passen, wo er wieder einfallen konnte. -- Nun gut denn,
wenn Sie allein dableiben wollen, meinetwegen -- ich gehe aber -- guten
Morgen, Madame!

Einen schnen guten Morgen, das wei Gott! rief die Frau. An den
Morgen werde ich denken, aber ich will Sie begutenmorgen mit Ihrer
Hflichkeit, oder mein Name ist nicht Barbara Mller! Vor Gericht sehen
wir uns wieder, und dort soll sich dann einmal herausstellen, ob ich
mich brauche in meinen vier Wnden berfallen und beschimpfen zu lassen,
und dort sollen Sie beweisen, was Sie gesagt haben, Sie -- Rath Sie,
oder wir wollen einmal aufpassen, was geschieht!

Frhbach hatte einen Blick nach dem Major zurckgeworfen, bemerkte aber
kaum, da dieser wirklich Ernst machte und schon halb aus der Thr war,
als er es auch fr gerathen fand, seinem Beispiele zu folgen. Etwas
mute er aber noch sagen, denn lautlos konnte er nicht abziehen.

Schn, verehrte Dame, nickte er, indem er sich die Brille festschob,
wobei er die vergessene Prise fallen lie und zugleich nach Stock und
Hut griff, wenn Sie es denn nicht anders wollen, mir kann's recht sein
-- empfehle mich Ihnen! setzte er aber rasch hinzu, denn der Zorn der
gereizten Frau war auf's hchste gestiegen, und sie fing an gegen ihn
vorzurcken; er wollte es nicht zum Aeuersten kommen lassen.

Ihnen kann's recht sein, so? Sie alter Schafskopf Sie! schrie die
Frau.

Frhbach wartete jedoch keine weiteren naturhistorischen Eigennamen ab,
er war viel schneller, als er sich sonst gewhnlich bewegte, aus der
Thr hinaus, und gerade noch zur rechten Zeit, denn dieselbe wurde im
nchsten Augenblick hinter ihm zugeschleudert, da die Fenster im ganzen
Hause zitterten. Die Stimme der gereizten Frau bertubte dabei noch den
Lrm. Der Major hielt sich auch gar nicht weiter auf, um seinen Freund
und Leidensgefhrten zu erwarten, sondern humpelte, so rasch es ihm
sein obstinates Bein erlaubte, die Strae hinab, so da der Rath tchtig
ausschreiten mute, um ihn wieder einzuholen. Aber er that das mit
Vergngen, denn er verlngerte mit jedem Schritt die Entfernung zwischen
sich und der schrecklichen Frauensperson, und hatte auch gar nichts
dagegen, da der Major rechts ab in eine Seitenstrae bog und nicht eher
einhielt, bis er die dort daranstoenden Kartoffelfelder erreichte. Da
blieb er stehen und sagte, sich zum ersten Mal nach dem Rath umsehend:

So, mein Herr Rath, da haben Sie uns mit Ihrem -- Maul htte er am
liebsten gesagt, aber das litt seine Hflichkeit nicht, darum ersetzte
er es mit -- Hitzkopf in eine schne Sackgasse hineingefahren.

_Ich_ habe Sie hineingefahren, mein bester Major? sagte der Mann,
indem er stehen blieb und sich den Schwei ber der Brille wegtrocknete.
Das nehmen Sie mir nicht bel; was habe _ich_ denn berhaupt von der
ganzen Geschichte, ehe Sie mich hieherbrachten, gewut? Gar nichts --
und wenn ich nur eine Ahnung gehabt htte, da sie auf so schwachen
Fen steht, ich wrde den Teufel gethan haben, meine Nase hinein zu
stecken!

Aber wer um Gottes willen hie Sie auch so mit der Thr in's Haus
fallen und die ganze Sache der Frau auf den Kopf zusagen? Ich bat Sie
doch, es nicht zu thun, und da konnten wir uns noch mit guter Manier aus
der Schlinge ziehen und einen ehrenvollen Rckzug sichern -- jetzt
sind wir mit Schimpf und Schande abgezogen und haben uns auf das
lcherlichste blamirt.

Das wei Gott, sthnte Frhbach, an die Situation werde ich mein
Leben lang denken! Wissen Sie aber, da es mir frher schon beinah'
einmal hnlich gegangen ist. In Schwerin damals....

Und damit ist die Geschichte noch nicht aus, unterbrach ihn der Major,
dem die letzte Drohung der Frau nicht aus dem Kopf ging. Passen Sie
auf, das rabiate Weib geht am Ende noch vor Gericht, und wir knnen ihr
nicht allein ffentlich Abbitte thun, sondern der ganze fatale Handel
kommt auch in's Publikum und, das Allerschlimmste, dem alten Wendelsheim
zu Ohren, der berhaupt keine Gelegenheit vorbeilt, um mir etwas
anzuhngen. Heiliges Donnerwetter, wenn ich nicht mit meinem elenden
Krper so an die Scholle gebannt wre, ich setzte mich heute Abend noch
auf die Bahn und fhre nach Neapel oder Griechenland!

Hm, sagte der Rath, der seinen Stock unter den Arm genommen hatte und
an dem seidenen Taschentuche eine reine Stelle suchte, an der er seine
Brille htte abwischen knnen (er fand aber keine und rieb sie dann
auf dem Aermel), sie wre es allerdings im Stande, aber sie wird sich
hten, Major; denn die Sache ist doch nicht ganz rein, sie hat einen
faulen Fleck. Bemerkten Sie, wie bla sie wurde, als ich sie nach dem
Bilde fragte?

Ja gewi, und ich dachte im ersten Augenblick ebenfalls, wir htten
sie; aber ich glaube jetzt, es war vor Wuth.

Mein lieber Major, lehren Sie mich die Menschen kennen, das war mehr
als Wuth, das war ein schlechtes Gewissen, und der nachher ausbrechende
Grimm nur ein Mantel, um es zu verdecken. Wir htten uns nicht
davon sollen einschchtern lassen, es war Maske; ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, nichts als Maske, und noch dazu plump durchgefhrt. Ich wre
auch nicht sogleich abgegangen, das versichere ich Ihnen, aber Sie waren
auf einmal zur Thr hinaus, und allein konnte ich da drinnen auch nichts
ausrichten.

Ich hatte genug, meinte der Major, und es fiel mir gar nicht ein,
mich lnger als unumgnglich nthig mit jenem alten Weib herum zu
zanken.

Wenn ich nur meiner ersten Eingebung gefolgt wre und mich ihr
als Polizeirath vorgestellt htte! Ich sage Ihnen, eines Tages in
Schwerin....

Weiter htte nichts gefehlt, rief der Major, da wir dann Beide in
Teufels Kche gekommen und am Ende gar noch eingesteckt wren! Hren
Sie, Rath, Sie haben gar keine Idee davon, welcher Gefahr Sie dadurch
entgangen sind, da Sie es nicht gethan.

Sie haben keine Courage, Major.

Allerdings nicht zu so faulem Kram, wo man sich den Rcken nicht
gedeckt wei. Ehrlich drauf, ja.

Na, ich dchte, wei es Gott, ich wre ehrlich draufgegangen, sagte
Rath Frhbach mit Selbstgefhl. Und was wird nun? Denn hier auf dem
Kartoffelacker knnen wir doch nicht gut stehen bleiben.

Haben Sie noch etwas im Ort zu besorgen?

Nichts als einige Flaschen Aepfelwein einzupacken. Hren Sie, Major,
der Aepfelwein bei der Alten war wirklich famos! Schade, da er von
einem solchen Cerberus bewacht wird.

Ich wollte, wir htten nichts davon getrunken, sagte der Major
mrrisch; darin hatte die Alte recht, es sah hlich aus, ich nippte
auch nur daran. Aber nun thun Sie mir den Gefallen und lassen Sie uns
machen, da wir fortkommen. Ich habe genug von Vollmers, und hoffe das
Nest in meinem ganzen Leben nicht wieder zu sehen.

Fr heute mu ich auch sagen, besttigte der Rath, da ich kein
groes Verlangen trage, lnger da zu bleiben, und ich mchte besonders
der aufgeregten Dame nicht noch einmal begegnen. Aber kommen Sie, Major,
wir brauchen ja nicht wieder an dem Haus vorbei zu gehen, sondern knnen
hier geradeaus die Strae halten. Mit einem ganz unbedeutenden Umweg
kommen wir dann zum Wirthshaus zurck.

Der Major lie sich nicht lange nthigen, und die beiden Herren kreuzten
bald darauf, mit einem scheuen Seitenblick nach links, ohne aber ein
Wort weiter darber zu erwhnen, die Strae, in welcher das Haus der
Frau Mller so still und friedlich lag, als ob da nie ein Sturm gewthet
htte.

Aber sie hatten damit, wie sie vielleicht whnten, noch nicht Alles
berstanden; denn wie sie in die breite Chaussee einbogen, die nach dem
Wirthshaus hinauffhrte, stand vor demselben und unter dem Schild mit
dem hellrothen Engel ein anderer, dunkelrother, in einer weien Haube --
der obere trug Locken -- und gesticulirte eifrig mit dem achselzuckend
vor ihr stehenden Wirth.

Beide Freunde blieben unwillkrlich mitten in der Strae stehen, als sie
gleichzeitig die Dame erkannten. Das hatte keiner von ihnen erwartet,
und selbst der Rath fhlte sich bei diesem Anblick unbehaglich. Aber ob
die Dame sie selber bemerkte und nicht wieder mit ihnen zusammentreffen
wollte, oder ob sie beendet hatte, was sie hieher gefhrt, sie machte
noch ein paar entschiedene Bewegungen mit dem rechten Arm -- in der
Entfernung konnten sie natrlich nicht hren, was sie sagte --
und wandte sich dann die Strae hinab, wo sie bald darauf in eine
Seitengasse einbog.

Das Frauenzimmer ist zu Allem fhig, sthnte der Major, als sie
wieder, Beide zugleich, ihren Weg verfolgten, denn das Hinderni war
beseitigt; jetzt hat sie sich dort nach unseren Namen erkundigt.

Und der Esel von Wirth wird ihr auch die genaue Adresse gegeben haben,
ergnzte der Rath. Es sieht ihm hnlich.

Nun, versteht sich von selbst, und in den nchsten Tagen steht die
Geschichte in der Zeitung. Mein lieber Rath, ich wollte, ich htte das
verdammte Vollmers in meinem ganzen Leben nicht gesehen.

Jetzt kann's nichts mehr helfen, bemerkte Frhbach ganz richtig; der
Stein rollt, und wir knnen ihn nicht mehr halten.

Ja, und Sie haben ihn in's Rollen gebracht.

Bitte, sagte der Rath, Sie haben mich darauf gestoen, oder es wre
mir nicht eingefallen, diese Madame Mller aufzusuchen. Aber da ist der
Hausknecht. Hren Sie, lieber Freund, sagen Sie doch dem Kutscher.... Wo
ist der Kutscher denn eigentlich?

Er sitzt drin in der Stube, erwiederte der Angeredete. Es ist ihm
nicht recht wohl; er hat Leibschneiden.

Der verfluchte Aepfelwein! bemerkte der Major.

Sagen Sie ihm, da er einspannen soll, befahl der Rath, der sich ber
das Leibschneiden vllig hinwegsetzte, wir wollen augenblicklich nach
Alburg zurckfahren. Ah, lieber Herr Wirth, unsere Rechnung, wenn ich
bitten darf!

Zu Befehl, Herr Rath, erwiederte der hfliche Mann, sein Kppchen
ziehend. Aber sagen Sie mir nur, setzte er dann mit unterdrckter
Stimme hinzu, was haben Sie denn um Gottes willen mit der Frau Mller
gehabt? Die war eben da....

Wir? Gar nichts. Was sollen wir mit ihr gehabt haben? fragte Frhbach
mit der unschuldigsten Miene von der Welt.

Na, dann wei ich nicht, was die Alte wollte, sagte der Wirth. Aber
sie fragte mich erst um die Namen der beiden Herren und schrieb sie
sich auf einen Zettel (der Major sah den Rath von der Seite an, seine
schlimmsten Befrchtungen besttigten sich), und dann hat sie geschimpft
und raisonnirt, da mir die Leute ordentlich zusammenliefen.

Aber ber was denn? fragte Frhbach.

Ja, Gott wei es! Von ihrer Tochter, und dem Baron Wendelsheim, und den
Gerichten, und eine Menge anderes Zeug, ich bin gar nicht daraus klug
geworden, und Ihnen gab sie erst Ehrentitel! Ja, die hat ein bses
Mundwerk, wenn sie einmal losgelassen wird, und wer nicht mu, soll sich
mit der ja nicht im Bsen einlassen. Sonst ist sie gut genug und legt
keinem Menschen 'was in den Weg, aber wenn sie erst einmal anfngt und
warm wird, dann hrt sie auch gar nicht wieder auf.

Wir mchten gern bezahlen, lieber Freund, sagte der Major, dem die
Sache peinlich wurde; drfte ich Sie bitten, uns zu sagen, was wir
schuldig sind?

Das half. Der Wirth schob mit einer Verbeugung ab, und whrend ihm der
alte Herr folgte und die Zeche berichtigte (inclusive zwlf Flaschen
Aepfelwein, die im Sitzkasten waren, und der Rath ging indessen, seinen
linken Arm auf den Rcken gelegt, drauen auf und ab), kam der Kutscher
mit den Pferden heraus und schirrte ein. Er sah elend aus, aber Frhbach
fhlte sich nicht in der Stimmung, Notiz von ihm zu nehmen, und wenige
Minuten spter rasselte das kleine Fuhrwerk wieder durch den Ort auf der
Strae nach Alburg hinaus.




13.

Vater und Sohn.


Die Bewohner von Schlo Wendelsheim hatten indessen eine ziemlich
traurige Zeit verlebt und verlebten sie eigentlich noch, denn des jungen
Baron Benno Zustand war in den letzten Wochen nicht allein nicht besser,
sondern eher bedenklicher geworden. Der Blutsturz wiederholte sich
allerdings nicht, aber ein solcher Grad von Schwche trat ein, da er
selten und dann nur auf kurze Zeit das Bett verlassen konnte.

Bruno kam jetzt hufiger heraus als frher, und sa manche Stunde bei
seinem Bruder, um ihm die Zeit zu vertreiben -- aber ber was konnte
er mit ihm reden? Musik trieb Benno nicht, seine Nerven hatten es von
Kindheit an nicht vertragen, und sonst wute Bruno eigentlich -- Pferde
und Dienstsachen ausgenommen -- ber nichts mit ihm zu sprechen.

Benno's liebste Unterhaltung oder vielmehr Gesellschaft blieb deshalb
auch jenes junge Mdchen, Kathinka, die, wo es nur immer ihre Zeit
erlaubte, bei ihm sitzen und ihm kleine Geschichten und Mrchen erzhlen
mute. Sie behandelte ihn dabei wie ein krankes Kind, strich ihm die
Haare aus dem Gesicht oder glttete ihm das Kopfkissen, zankte ihn aus,
wenn er nicht ruhig liegen oder die Medicin nicht nehmen wolle, brachte
ihm Blumen aus dem Garten und flocht ihm kleine Strue oder Krnze
daraus, die sie am Tage ber sein Bett hing, und pflegte ihn mit
einer Sorge und Liebe, da sie selbst das Herz der steinernen Tante
erweichte und diese etwas freundlicher oder doch weniger hart gegen sie
gestimmt machte.

Am glcklichsten aber war Benno, wenn ihn Fritz Baumann einmal besuchen
konnte; denn mit diesem lebte und webte er in seinen Arbeiten und Plnen
-- und was fr Plne hatte er sich nicht schon wieder ausgedacht, seit
er so still und ruhig liegen mute, und wie sehnte er die Zeit herbei,
wo er selber wieder mit Hand anlegen konnte, um sie thtig in's Werk zu
setzen!

Kathinka seufzte freilich wohl heimlich auf, wenn sie ihn so reden
hrte, denn ob auch selber noch jung, fhlte und sah sie doch recht gut,
da sein Leiden viel schwerer und ernster sei, als er selbst es glaubte;
aber sie sagte nie ein Wort dagegen, und wenn sie manchmal allein
mitsammen waren und er ihr wieder von all' den Maschinen erzhlte,
die er bauen wollte, und nchstens ein Wasserrad in Angriff zu nehmen
versprach, das ihnen aus dem groen Teiche das Wasser ber alle
Blumenbeete fhren sollte, dann freute sie sich selber mit ihm und gab
ihm die Pltze an, wo sie es vorzugsweise hinleiten wollten, und rief
oft ein Lcheln auf seine bleichen Wangen hervor und machte seine Augen
leuchten und blitzen.

Der alte Baron kam jetzt oft herber, setzte sich still in eine Ecke und
hrte den Beiden zu; aber die letzte Zeit hatte auch ihn sehr verndert,
denn je nher der Termin der Erbschaft rckte, der sich jetzt schon nach
Tagen zhlen lie, desto dsterer und in sich gekehrter wurde er, und
doch htte man gerade glauben sollen, da er die Zeit herbeisehnte, wo
er wenigstens von allen Geldsorgen befreit wurde und dann einmal wieder
nach langer schwerer Zeit frei aufathmen konnte. War es die Sorge um
den zweiten Sohn? Er htte Ursache dazu gehabt, denn ihm konnte dessen
hoffnungsloser Zustand kein Geheimni sein -- war es ein anderer Kummer,
der ihm am Herzen nagte? Aber er sprach mit Niemandem darber, am
wenigsten mit seiner Schwester, ja mied diese, wo er nur irgend konnte,
und hatte es denn auch geschehen lassen, da sie jetzt das ganze
Hauswesen dermaen in Hnden hielt, um als unumschrnkte Herrin darin
zu herrschen. Er selber war nichts weiter mehr im Schlosse wie ein
gewhnlicher Kostgnger, und fragte ihn ein Diener um die einfachsten,
ja ihn selber betreffenden Anordnungen, so wies er ihn jedesmal an
Frulein von Wendelsheim, die schon das Nthige darber bestimmen wrde.

Im Zimmer des kranken Kindes schien es ihm noch am wohlsten; aber
selbst das verlie er manchmal, wenn sein armer Knabe zu freundliche
Luftschlsser baute und von dem sprach, was er in kommenden Jahren
schaffen wolle. Dann stand er still und schweigend auf, und die groen
hellen Thrnen liefen dem alten Mann in den Schnurrbart hinein -- aber
er ging hinaus, da sie der Sohn nicht sehen sollte.

Bruno war nach der Zeit, wo er das Geld von dem Vater erbat und
unverrichteter Sache wieder heimreiten mute, in Wendelsheim gewesen,
hatte aber nie mehr, und zwar sehr zum Erstaunen des Vaters, ein Wort
von Geld oder neuem Bedarf erwhnt, und der alte Baron htete sich wohl,
selber davon anzufangen.

Heute kam er wieder -- er ritt seinen alten Schimmel -- und ging, wie
immer, zuerst in Benno's Zimmer hinauf, um zu sehen, wie es ihm gehe.
Er fand ihn krnker aussehend, als das letzte Mal, aber ein freundliches
Lcheln glitt ber die Zge des Leidenden, als er dem Bruder die Hand
reichte.

Wie geht es Dir, Benno? fragte dieser herzlich. Du siehst recht bla
aus.

O, gut heute, recht gut, sagte der Knabe. Kathinka hat mir eine so
wunderschne Geschichte von einem kranken Knigssohn erzhlt, den eine
gtige Fee geheilt und vollkommen gesund gemacht hat, und der ist dann
nachher so glcklich geworden und hat sein Volk noch viele Jahre regiert
-- ach, wenn es doch auch bei uns noch solche gute Feen gbe! Aber,
Bruno, Du thust mir ja weh, sieh' einmal, Du hast mir die Hand ganz roth
gedrckt.

Und kannst Du nicht ein wenig aufstehen und in den Garten oder nur an's
offene Fenster treten, Benno? Die Luft ist so wundervoll und mild; es
wrde Dir gewi gut thun.

Es will doch nicht recht gehen, Bruno, sagte der Knabe; wenn ich
aufstehe, sticht es mich immer so hier, und der Doctor hat es mir heute
Morgen streng verboten. Hast Du nichts von dem jungen Baumann gesehen,
Bruno? Er wollte mich heute besuchen -- er hat es mir fest versprochen
-- und mir etwas Neues mitbringen.

Nein, Benno, ich bin nicht den Fuweg geritten; er ist vielleicht schon
unterwegs. Aber regt Dich das nicht zu sehr auf, wenn Du ber solche
Sachen nachgrbelst und Dir den Kopf ber Rder, Hebel und Schrauben
zerbrichst?

Ach nein, Bruno, lchelte der kranke Knabe. In der Zeit, wo ich mich
damit beschftigen kann, fhle ich gar nicht, da mir etwas fehlt, und
mir wird dann so wohl und leicht zu Muthe. Baumann leidet auch nicht,
da ich selber mit anfasse. Er zeigt mir nur Alles, und wir besprechen
dann, wie wir es machen wollen. Er ist so geschickt und so freundlich
immer. Ich wollte, er wohnte nicht so weit entfernt von uns.

Wo ist der Vater, Kathinka?

Ich glaube, unten im Garten, Herr Baron. Er war vorhin hier oben, und
ich sah ihn spter dort drben unter den Linden auf und ab gehen.

Ich werde ihn aufsuchen; ich komme dann noch einmal zu Dir herauf,
Benno, ehe ich wieder fortreite.

Ja, Bruno und wenn Du Baumann sehen solltest, sage ihm doch, da ich so
auf ihn warte.

Ich schicke ihn Dir gewi gleich, verla Dich drauf.

Als Bruno mit schwerem Herzen den Bruder verlie und hinunter und durch
den Gartensaal ging, fand er dort seine Tante, die, ihre mageren Arme
fest zusammengelegt, auf und ab ging.

Frulein von Wendelsheim war nie, selbst nicht in ihren jungen Jahren,
hbsch gewesen; denn eine scharfe Nase, sehr dnne Lippen und schlechte
Zhne gaben ihren Zgen etwas Schroffes, Abstoendes. Im reiferen Alter
verschnerte sie sich natrlich nicht, und da sie sich auch nur sonst
ausnahmsweise liebenswrdig zeigte und besonders mit ihrem Bruder in
stetem Hader lebte, wunderte man sich allgemein, da sie trotzdem bei
einander aushielten. Auch die verstorbene Baronin hatte sich nie mit
ihr befreunden knnen und sogar manchen heftigen Auftritt mit ihr,
vorzglich nach der Geburt des ersten Sohnes gehabt, auch damals ihren
Gatten oft gebeten, ein Verhltni zu lsen, das nach keiner Seite hin
gengte. Die Dame besa auerdem durch die Erbschaft einer Tante ein
kleines Privatvermgen, mit dem sie recht gut htte unabhngig leben
knnen, aber zugleich eine solche Gewalt ber ihren darin schwachen
Bruder, da sie ihren Platz hartnckig behauptete und sogar schon nach
dem Tod der Baronin als unumschrnkte Herrscherin im Schlosse galt.
Sie befahl und ordnete an, und wenn sich Dienstboten ihrem Willen nicht
fgen wollten, gleichviel wie zufrieden ihr Bruder selber mit ihnen sein
mochte, so muten sie den Platz rumen -- und thaten's auch gewhnlich
gern, denn lange hielt es doch keiner von allen unter ihr aus.

Mit Bruno, dem ltesten Sohn, stand sie, wie schon erwhnt, auf keinem
guten Fu, obgleich der alte Pommer, der Kutscher, der Einzige, der noch
aus jener Zeit seine Stellung behalten hatte, behauptete, als kleines
Kind habe sie den Knaben sehr gern gehabt und ihn besonders verzogen.
Nach der Geburt des zweiten Sohnes nderte sich das aber, und Bruno
selber erinnerte sich nicht, so lange er wenigstens denken konnte, ein
freundliches Wort von ihr gehrt oder eine Liebkosung von ihr empfangen
zu haben. Als Kind fhlte er das natrlich nicht so schwer; als er aber
nach dem Tode der Mutter heranwuchs und sich vom Vater vernachlssigt,
von der Tante zurckgesetzt, ja oft ungerecht mihandelt sah, da ging
er oft still hinunter in den Park, setzte sich dort auf eine Bank in
dichtes Gebsch hinein und weinte sich recht herzlich aus. Aber er
gedieh trotzdem und vielleicht gerade dadurch so viel besser, da sich
Niemand viel um ihn bekmmerte, und als er an Jahren reifte und zu
begreifen begann, da er gerade, der Erbe des ganzen Besitzthums, des
ganzen Vermgens der Wendelsheim, eigentlich wie ein Ausgestoener oder
doch nur Geduldeter im Hause behandelt wrde, fing er an, rauhe Worte
mit gleichen zu vergelten. Er und die Tante hatten da manchen Strau,
bis sich zuletzt ein recht gesunder Ha zwischen Beiden entwickelte, den
Keiner vor dem Andern zu verbergen sich groe Mhe gab.

Sonderbarer Weise hatte dabei der herangewachsene Mann unter all' den
unfreundlichen Worten, die er als Kind und Knabe ertragen mute, eins
im Herzen bewahrt und nicht wieder vergessen knnen -- eins, das er als
Knabe von etwa elf Jahren gehrt, und das ihm wahrscheinlich nur deshalb
unter all' den tausend anderen in der Erinnerung blieb, weil er es nicht
begriff und damals schon oft und bitter darber nachgrbelte. Es war
gewesen, als er es zum ersten Male wagte, der Tante offen entgegen
zu treten. Er hatte irgend eins der zahllosen ihm gestellten Verbote
bertreten oder einem Befehl nicht gehorcht -- die Ursache war seinem
Gedchtni entschwunden, aber die Folgen blieben um so deutlicher darin,
wie es ja oft geschieht, da uns einzelne, oft unbedeutende Scenen
der Kinderzeit, manchmal bis in die ersten Jahre zurck, unvergessen
bleiben, whrend andere, viel wichtigere, gnzlich sich verwischen.

Er sah noch den Blick voll Ha und Zorn vor sich, mit welchem ihn die
Tante ansah, als er ihr sagte, da sie von den Leuten im Hause Beizahn
genannt wrde, er sich aber nicht mehr von ihr beien lassen wolle.

Und wer bist Du denn? hatte sie damals zu ihm gesagt. Was wrest
Du denn, wenn ich Dich nicht dazu gemacht htte? -- Er erinnerte sich
auch, sie damals um die Erklrung der Worte gefragt zu haben, ohne aber
eine Antwort darauf zu erhalten; sie schlug nur nach ihm, und als er ein
auf dem Tische liegendes Messer ergriff, schrie sie um Hlfe, und der
Vater gab ihm nachher drei Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot auf
seiner Stube mit so viel lateinischen Strafarbeiten, da er sie kaum in
der Zeit bewltigen konnte.

Von da ab war der Bruch mit der Tante vollstndig ausgesprochen, hatte
aber doch ein Gutes gehabt, denn sie wagte von dem Tag an nie wieder die
Hand gegen ihn zu erheben, und nur in dem Hirn des Knaben arbeitete der
Gedanke fort: Weshalb hat mich die Tante zu dem gemacht, was ich bin?
Was soll das heien? Er hatte aber Niemanden, gegen den er sich darber
aussprechen konnte -- seinen Vater wagte er nicht zu fragen, sein Bruder
war noch zu klein, sein Hofmeister ein strenger, finsterer Pedant, der,
wie leider nur zu viele Pdagogen, nichts auf der Gotteswelt in seinem
ganzen Leben gelernt hatte als Griechisch und Lateinisch, und fr
welchen deshalb auch weiter nichts existirte. Und die Tante selber? Es
lag ihm oft in ihrer Gegenwart auf der Zunge, aber er war viel zu
stolz und trotzig, um sie ahnen zu lassen, da er sich etwas zu Herzen
genommen, was ber ihre Lippen gekommen. Er hate sie, wie nur ein
mihandeltes Kind ein Wesen hassen kann, dem es keine Rechte ber sich
zugesteht und von dem es sich ungerecht und schlecht behandelt wei. Und
was hatte er ihr je gethan, das zu verdienen? Nichts, das er sich denken
konnte. So blieb denn die Erinnerung an jenen Morgen fest in seinem
jungen Herzen verschlossen, und wie viele Jahre auch mit ihren
frischeren Eindrcken darber hingingen, aus allen hervor wuchsen immer
wieder die da gehrten Worte: Wer bist Du denn? Was wrest Du, wenn ich
Dich nicht dazu gemacht htte?

Jetzt war er ein Mann geworden, und man htte denken sollen, die Tante
wrde sich, mit der Gewiheit, da er bald als Herr eines bedeutenden
Vermgens dastehen mute, freundlicher gegen ihn gezeigt und gesucht
haben, die alten Erinnerungen aus der Jugendzeit zu verwischen. Es
schien auch wirklich, als ob sie sich Mhe dazu gbe; aber es gelang ihr
trotzdem nicht. Selbst manchmal zwischen gleichgltigen Worten traf ihn
ein Blick aus ihren kleinen, blitzenden Augen so giftig, so voll Ha und
Zorn, da er sie dann oft staunend ansah. Er wute sich aber die Sache
nicht zu erklren denn lange schon war kein bses Wort mehr zwischen
ihnen gewechselt worden. Sie gingen nur einander aus dem Wege, wo sie
konnten -- und weshalb dann noch dieser unauslschliche Ha?

Als Bruno unten im Gartensaal die Tante traf und an ihrem ganzen Wesen
bemerkte, da sie nicht in besonderer Laune schien -- berdies ein sehr
seltener Fall--, wollte er auch mit einem kurzen Gru vorbergehen.

Guten Morgen, Tante! sagte er nur und schritt der Gartenthr zu.

Und wen suchst Du? fragte Frulein von Wendelsheim, ohne selbst den
Gru zu erwiedern.

Den Vater. Weshalb?

Du warst bei Benno oben?

Ja, Tante; er sieht heute recht krank und elend aus.

Und Du regst ihn nur immer noch mehr auf.

Ich rege ihn auf, Tante? Aber womit? Ich habe ihm nur guten Tag
gesagt und bin dann gleich wieder fortgegangen. Er verlangt nach dem
jungen Baumann.

Wenn der oben ist, kann er reden und erzhlen, und wenn ich zu ihm
komme, legt er sich hin und dreht das Gesicht der Wand zu.

Er bekommt manchmal pltzliche Schmerzen. Ich frchte, seine Krankheit
ist gefhrlicher, als wir ahnen.

_Du_ frchtest das? sagte die Tante, und wieder traf ihn solch ein
bser Blick aus ihren Augen.

Und weshalb sollte _ich_ es weniger frchten, weniger fhlen, Tante,
als Ihr? sagte Bruno erstaunt. Glaubst Du, da ich Benno weniger lieb
habe als Ihr -- wenn Ihr ihn auch mehr geliebt habt als mich?

Ich sagte das nicht, erwiederte finster die Tante und wandte sich von
ihm ab; Du drehst Einem die Worte im Munde herum. Ich glaube gar nicht,
da er so krank ist, sondern nur schwach und angegriffen, das meinte ich
-- aber da kommt der Vater.

Und damit lie sie ihn stehen, verlie den Saal und warf die Thr hinter
sich in's Schlo.

Bruno war stehen geblieben und sah ihr nach, und wieder tauchten jene
geheimnivollen Worte in ihm auf, die sie damals gesprochen; aber ein
anderer Gegenstand beschftigte seinen Geist -- was kmmerte ihn auch
die Tante!

Drauen durch die Glasthr sah er seinen Vater kommen, und etwa zwei
Schritt hinter ihm folgte der junge Baumann, der eine kleine, wunderlich
geformte Maschine in der Hand trug. Der alte Herr hatte sich aber
auf keine Unterhaltung mit dem Handwerker eingelassen; er wute
allerdings, da Benno mit groer Liebe an dem jungen Mann hing, und
Benno's wegen duldete er den Besuch, aber er sah ihn nicht gern und
machte auch nicht viel Umstnde mit ihm.

Gehen Sie hinauf, sagte er, als sie die Thr des Gartensaales
erreichten; Sie wissen den Weg. Benno ist oben und hat mich schon heute
Morgen nach Ihnen gefragt; aber bleiben Sie nicht zu lange. Sein
Kopf glht jedesmal, wenn Sie ihn verlassen haben; der Arzt hat jede
Aufregung streng untersagt.

Sehr wohl, Herr Baron, sagte der junge Mann ruhig; ich wre auch gar
nicht herausgekommen, wenn ich nicht geglaubt htte dem Kranken eine
Freude zu machen. Er hat mich gestern selber darum bitten lassen, und
ich sagte es deshalb zu.

Es ist gut, nickte ihm der Baron vornehm zu, und Baumann wollte mit
einem kurzen Gru an Benno vorber der Verbindungsthr zuschreiten, als
Bruno die Hand gegen ihn ausstreckte.

Herr Baumann, sagte er dabei, ich habe Sie noch um Entschuldigung
zu bitten, da ich Sie neulich mit dem Pferd anritt; aber ich konnte
wirklich nichts dafr. Der Weg war so eng und der Fuchs so ungezogen,
da ich nicht einmal im Stand war, ihn nachher einzuzgeln; er ging
frmlich mit mir durch.

Herr Lieutenant, sagte Baumann freundlich, ich sah, da das Pferd
wild war, und habe spter erfahren, wie gegrndete Ursache Sie hatten,
sich unterwegs nicht aufzuhalten. Ich erschrak allerdings im ersten
Augenblick; das aber war auch das ganze Unglck, das Sie angerichtet
haben. Reden wir nicht weiter davon. -- Und ihn grend, schritt er
den wohlbekannten Weg durch den Gartensaal dem Gange zu und die Treppe
hinauf zu Benno's Zimmer.

Guten Tag, Vater! sagte der Officier, als der junge Handwerker das
Zimmer verlassen hatte. Ich wollte Dich eben aufsuchen, um ein paar
Worte mit Dir zu reden.

Und was steht zu Diensten, wenn ich fragen darf?

Hast Du kein freundlicheres Wort fr mich, Vater?

Du wirst wieder Geld haben wollen, sagte der Baron mrrisch, und Du
weit, da ich nicht mehr im Stande bin, es Dir zu geben. Die Tausende
und Tausende, die ich die langen Jahre fr Dich ausgelegt, haben meine
Mittel erschpft, und es wird Zeit, da Du zurckzahlst, was Du mich
gekostet, aber nicht mehr verlangst.

Ich bin nicht um Geld gekommen, Vater, sagte der junge Officier ruhig,
ich brauche keins, und hoffe mich bis zu dem Tage, wo die Erbschaft
ausgezahlt wird, selber durchzubringen. Nachher magst Du von mir Ersatz
fr das Ausgelegte verlangen.

Und wie hast Du Dein Ehrenwort damals eingelst? Wo hast Du das Geld
aufgetrieben? -- wahrscheinlich die doppelte Summe dafr gezeichnet?

Ich habe es zu fnf Procent bekommen.

Zu fnf Procent? rief der alte Mann, ihn mit einem unglubigen
Kopfschtteln von der Seite ansehend.

Bruno aber, darauf nicht achtend, fuhr langsam fort: Allerdings bin
ich dafr, wenn auch vollkommen freiwillig, eine Verbindlichkeit
eingegangen, und um darber mit Dir zu sprechen, heute hier
herausgekommen.

Thu' mir den Gefallen und rede nicht in Rthseln und Bildern, sagte
der alte Herr mrrisch; ich habe den Kopf schon ohnedies zu voll, um
ihn mir noch damit zu zerbrechen.

Ich werde sehr deutlich sein, Vater, erwiederte Bruno, indem er sich
in einen Stuhl warf und den Kopf auf dessen Lehne in die Hand sttzte;
es bedarf auch dabei nicht der Umschweife, denn es betrifft nur eine
einfache Mittheilung, keine Frage oder Bitte.

Und die wre?

Ich werde heirathen.

In der That? sagte der Vater, doch etwas erstaunt, so bist Du endlich
vernnftig geworden. Aber wen, wenn ich fragen darf, da es, wie Du
sagst, doch blos eine Mittheilung sein soll?

Und trage ich die Schuld, Vater, da es so weit zwischen uns gekommen?
Was habe ich gethan, was verschuldet, da ich, so lange ich denken kann,
nur wie ein Fremder, Ueberlstiger zwischen Euch herumgehe?

Ich verstehe Dich nicht!

Du hast mich nie verstanden, sagte Bruno bitter, mich nie verstehen
wollen!

Der alte Baron warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn; denn so wenig
er daran gedacht haben wrde, etwas Aehnliches gegen ihn einzugestehen,
im Herzen fhlte er die Wahrheit des Vorwurfs, und war auch deshalb
nicht im Stande, ihn gleich und entschieden von sich abzuwlzen.

Du machst eine lange Vorrede, sagte er endlich; ich hoffe doch
nicht, da Du eine Wahl getroffen, deren Du -- deren ich mich zu schmen
brauchte. Aber ich glaube fast, der Verdacht ist unberechtigt, setzte
er rasch hinzu, denn Du kannst und mut wissen, was ich Alles mein
langes Leben hindurch gethan habe, um die Ehre unseres Hauses aufrecht
zu erhalten.

Die _Ehre_ unseres Hauses, wiederholte Bruno dster -- das heit den
ueren matten Glanz, den Anstrich -- wie aber war es inde im Innern?
Die Ehre des Hauses -- und wie stand es indessen mit dem Glck, dem
Frieden des Hauses, Vater? Ich hre und lese drauen manchmal von dem
Segen der eigenen Familie, dem Glck der Heimath. Was habe ich gethan,
da mir das Alles gestohlen wurde?

Was hast Du nur heute? sagte der Vater, unruhig werdend, indem er
den Sohn gro ansah. Wie bist Du so sonderbar, und was sollen diese
vollkommen unbegrndeten Anklagen? Wenn Du Dich nicht wohl in unserem
Hause fhltest, wer trug denn die Schuld, wir oder Du, der seine Zeit
drauen in wsten Gelagen verbrachte und sich und mich dadurch in
Schulden strzte?

Das ist recht, Vater, lachte Bruno bitter, mach' Du mir noch
Vorwrfe, da ich die Gesellschaft fremder Menschen suchen mute, weil
ich im eigenen Hause kein freundliches Gesicht zu sehen bekam und sogar
auf ewigem Kriegsfu mit der Tante lebte. Doch genug -- bergenug davon!
Die Zeit liegt Gott sei Dank hinter mir, und von dem Augenblick an, wo
ich die Erbschaft habe, denke ich mir meinen eigenen Herd zu grnden --
aber nicht hier in Wendelsheim, denn keine freundliche Erinnerung zieht
mich hieher zurck.

Nicht hier in Wendelsheim? rief der Vater rasch und erstaunt, ja fast
erschreckt. Und wohin sonst willst Du ziehen?

Fort von hier, Vater; ich habe meinen Abschied schon eingereicht und
die Versicherung erhalten, da er mir bewilligt wird.

Und wer ist die Dame, die Du Dir zur knftigen Gattin ausersehen?
sagte der Vater mit fast tonloser Stimme; denn zum ersten Mal fhlte
er, da der Sohn die ihm bisher auferlegten Fesseln wirklich abgestreift
habe und entschlossen sei, seine vollstndige Unabhngigkeit zu wahren.
Ich bin so fremd in Deinen Bekanntschaften, da ich nicht einmal auf
irgend Jemanden rathen kann.

Und doch hast Du gerade mir den Weg in die Familie gebahnt, Vater,
sagte Bruno, whrend ein eigenes trotziges, aber doch dsteres Lcheln
ber seine Zge flog. Ich liebe die Tochter des alten Salomon.

Bruno, schrie der Baron emporfahrend, indem er wirklich bleich vor
Schreck wurde, bist Du wahnsinnig geworden oder treibst Du Deinen Spott
mit mir? Die Tochter des alten Juden?

Die Tochter des alten Juden, wiederholte Bruno scharf und langsam;
ich bin nicht wahnsinnig, Vater, und treibe auch meinen Spott nicht mit
Dir -- habe es nie gethan.

Und meinen Namen willst Du beschimpfen?

Ist es nicht auch der meine? Ich sehe keinen Schimpf darin, ein braves
Mdchen zum Altar zu fhren.

Bruno, rief der alte Baron auer sich, Du weit nicht, was Du thust!
Unser Geschlecht ist bis jetzt rein und unbefleckt erhalten -- der alte
Stamm wenigstens--, und Du hast keine Ahnung, welche Opfer Einzelnen
von uns auferlegt wurden, um das durchzufhren. Willst Du gerade der
Erste sein, der einen schwarzen Strich durch unser Wappen zieht. Es
kann, es darf nicht sein, und ich werde es nie und nimmer dulden!

Du kannst es nicht hindern, Vater, sagte Bruno ernst und kalt; Du
hast Dir das Recht vergeben, ber mein Thun und Handeln zu bestimmen. Du
hast keine Liebe in meinem Herzen geset, Du kannst nicht erwarten, dort
Liebe zu ernten -- kannst mir aber auch nicht verdenken, da ich sie
dort suchte, wo sie mir von ganzer Seele entgegengebracht wurde. Du
kennst auch Rebekka nicht, fuhr er etwas weicher fort, als der alte
Mann wie gebrochen in einen Stuhl sank und sein Gesicht mit den Hnden
deckte; httest Du nur ein einziges Mal in ihr liebes, engelschnes
Antlitz geschaut, httest Du gesehen, wie lieb und gut sie mit mir ist,
Du wrdest begreifen, da ich das verga, was mir noch nie ein Segen,
nur ein Zwang gewesen.

Das kann, das darf nicht sein! rief der alte Baron, wieder von seinem
Stuhl emporspringend; die Erbschaft war von jenem alten Manne nur
deshalb unserem Hause zugewendet, um den Glanz des Namens aufrecht zu
erhalten, das Geschlecht nicht aussterben zu lassen.

Die Erbschaft lautet auf Deinen ltesten Sohn nach Zurcklegung von
dessen vierundzwanzigstem Lebensjahre; die Bedingung ist in wenigen
Wochen erfllt, erwiederte Bruno ruhig.

O, da ich so -- da ich so hart gestraft werden sollte, rief der
Baron die Hnde ringend, indem er in dem groen Saal rasch auf und ab
schritt -- so hart gestraft!

Wofr, Vater?

Der alte Mann war zur Glasthr getreten, lehnte seine Stirn an eine
der Scheiben und starrte in den Garten hinaus; aber er beantwortete
die Frage nicht. Bruno fhlte sich bengstigt: er war auf Vorwrfe und
Zornesworte gefat und entschlossen gewesen, denen kalt und entschieden
zu begegnen -- so weich, so gebrochen hatte er den Vater nicht zu finden
geglaubt -- so hatte er ihn nie gesehen. Langsam ging er auf ihn zu, und
die Hand auf seine Schulter legend, sagte er, freundlicher, als er bis
jetzt gesprochen:

Und was ist es denn weiter, Vater, da Du es Dir so arg zu Herzen
nehmen solltest? Der alte Salomon ist ein braver, rechtlicher Mann und
hat den Ruf in der ganzen Stadt; und was mich betrifft, ich ziehe fort
von hier, auf Jahre vielleicht, und wenn ich zurckkehre, ist die Sache
lngst vergessen und begraben. Hier bei Euch, fuhr er fort, als der
alte Mann ihm nichts darauf erwiederte und regungslos in seiner Stellung
blieb, knnte ich ja auch nicht einmal bleiben, denn ich mchte meine
Frau, und wenn sie einem der edelsten Geschlechter angehrte, nicht
unter ein Dach mit Tante Aurelia bringen -- Du weit selber recht gut,
da Ha und Unfrieden im Hause die nchsten Folgen davon wren.

Gottes Strafe -- Gottes Gericht! flsterte der Baron.

Aber von was redest Du, Vater? rief Bruno ordentlich erschreckt.
Wofr Gottes Strafe, wenn Du das eine Strafe nennst, da Dein Kind
endlich das Glck findet, das es so lange gesucht und -- leider nicht im
Vaterhause finden konnte?

Geh', sagte der alte Mann, indem er ihn mit der Hand langsam von sich
schob, ohne ihm aber sein Auge zuzuwenden, geh', Du bist mndig und
bald Dein eigener Herr. Was kmmert Dich auch der Name unseres Hauses,
auf das Du Schmach und Schande hufst? Ich will Dir nicht fluchen -- ich
darf es nicht; aber -- verlange nie meinen Segen zu einer Verbindung mit
der Judentochter -- er wrde Dir auch nichts ntzen, setzte er heiser
hinzu -- er wrde selber nur zum Fluche werden!

Die Worte des alten Mannes waren fr den Sohn rthselhaft; er begriff
nicht, welche mgliche Deutung er ihnen geben konnte. Ehe er aber im
Stande war eine weitere Frage an ihn zu richten, ffnete sich die Thr,
und Tante Aurelia, deren scharfer Blick, selber staunend, die Gruppe
berflog, stand auf der Schwelle.

Was ist da vorgegangen? sagte sie finster. Was hast Du wieder mit
dem Vater gehabt, Bruno? Das wei doch der Himmel, da Du das Haus nie
betrittst, ohne einen Verdru zu bereiten!

In der That, Tante? sagte Bruno, der ihr gegenber ganz wieder den
alten Groll erwachen fhlte und sich auch wenig deshalb sorgte, die ihm
verhate Verwandte zu schonen.

In der That, lautete ihre Antwort, ich erwarte es gar nicht anders.

Dann mchten heute Ihre Erwartungen vielleicht noch bertroffen werden
-- guten Morgen, Tante!

Staunend sah sie ihm nach; aber Bruno kmmerte sich nicht weiter um
sie. Ohne selbst noch einmal zu dem Zimmer des Bruders hinauf zu gehen,
schritt er nach dem Stall hinber, sattelte sich selber sein Pferd und
ritt dann in die Stadt zurck.


  Ende des ersten Bandes.

  Druck von _G. Ptz_ in Naumburg a. d. S.




Im Verlage von #Hermann Costenoble# in _Jena_ erschienen ferner folgende
neue Werke:

  #Hcker, Gustav#, _Geld und Frauen_. Erzhlungen. 3 Bde. 8. broch.
  3 Thlr.

  #Kleinsteuber, Hermann#, _Schach dem Knig_. Historischer Roman. 2
  Bde. 8. broch. circa 3 Thlr.

  #Mllhausen, Balduin#, _Der Meerknig_. Eine Erzhlung. 6 Bde. 8.
  broch. circa 6, Thlr.

  #Sacher-Masoch, Leopold von#, _Der letzte Knig der Magyaren_.
  Historischer Roman. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.

  #Wickede, Julius von#, _Eine Deutsche Brgerfamilie_. Nach einer
  Familienchronik bearbeitet. 3 Bde. 8. broch. 4 Thlr.

  #Bibra, Ernst Freiherr von#, _Erlebtes und Getrumtes_. Novellen und
  Erzhlungen. 3 Bde. 8. broch. 3 Thlr.

  #Ewald, Adolph#, _Nach fnfzehn Jahren_. Ein Strau Geschichten. 2
  Bnde. 8. eleg. broch. 3 Thlr.

  #Robiano, L. Grfin von#, _Anna Boleyn_. Historischer Roman. 2
  starke Bde. 8. eleg. broch. 3 Thlr.

  #Baker, Samuel White#, _Der Albert-Nyanza, das groe Becken des Nil
  und die Erforschung der Nilquellen_. Deutsch von _J. E. A. Martin_.
  Autorisirte Ausgabe. Nebst 33 Illustrationen in Holzschnitt, 1
  Chromolithographie und 2 Karten. Zwei starke Bnde. Eleg. broch. 5
  Thlr.

  #Deutsche Schtzen, Turner und Liederbrder# oder: _Was will das
  Volk?_ Zeitgeschichtlicher Roman




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung
wurde nicht in den Text aufgenommen.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden stillschweigend
korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 12:
  "das" gendert in "da"
  (und nachher verlangen sie, da ein junges Geschpf)

  Seite 15:
  "." eingefgt
  (und thut dabei den Mund den ganzen Abend nicht zu.)

  Seite 15:
  "," eingefgt
  (rief die Mutter, spotte auch noch)

  Seite 40:
  "gegrndeteten" gendert in "gegrndeten"
  (zerfielen die auf jenes Gercht gegrndeten Suppositionen)

  Seite 93:
  "Frhauf" gendert in "Frhbach"
  (sagte der unverbesserliche Rath Frhbach)

  Seite 94:
  "Frhauf" gendert in "Frhbach"
  (sagte Frhbach, indem er nach seinem Hut und Stock ging)

  Seite 119:
  "Ihnen" gendert in "ihnen"
  (bis ich ihnen wohl ein bischen in die Quere)

  Seite 120:
  "du" vereinheitlicht zu "Du"
  (Aber Du lieber Gott, das zweierlei Tuch)

  Seite 122:
  "sagt" gendert in "sagte"
  (Gelobt sei Jesus Christus! sagte in diesem Augenblicke)

  Seite 149:
  "," eingefgt
  (sagte der Baron halb verlegen, ich dchte)

  Seite 153:
  "," eingefgt
  (rief der Lieutenant, und ich konnte es mir nicht)

  Seite 160:
  "Salamon" gendert in "Salomon"
  (Und darf ich eintreten, liebe Frau Salomon?)

  Seite 171:
  "wir" gendert in "mir"
  (Sie drfen es mir nicht abschlagen, nicht wahr?)

  Seite 184:
  "den" gendert in "denn"
  (Dabei blieb es natrlich, denn der Staatsanwalt war eben nur)

  Seite 211:
  "Staasanwalt" gendert in "Staatsanwalt"
  (drckte der Frau Staatsanwalt so bedeutungsvoll die Hand)

  Seite 228:
  "," entfernt
  (mein gndiges Frulein)

  Seite 235:
  "Sie" gendert in "sie"
  (sagte Ottilie, indem sie der ausgestreckten Hand begegnete)

  Seite 285:
  "sie" gendert in "Sie"
  (htten Sie einpacken und mit langer Nase abziehen knnen)

  Seite 294:
  "." eingefgt
  (Sie bi eher.)

  Seite 302:
  "?" gendert in "!"
  (wie sie bleich wird und zu Kreuze kriecht!)

  Seite 311:
  "gegestiegen" gendert in "gestiegen"
  (der Zorn der gereizten Frau war auf's hchste gestiegen)

  Seite 312:
  "gegesagt" gendert in "gesagt"
  (Maul htte er am liebsten gesagt)

  Seite 316:
  "htte" gendert in "htten"
  (Ich wollte, wir htten nichts davon getrunken,)

  Seite 317:
  "fhlt" gendert in "fhlte"
  (selbst der Rath fhlte sich bei diesem Anblick unbehaglich)

  Seite 339:
  "Ist" gendert in "Ich"
  (Ich verstehe Dich nicht!)]






End of Project Gutenberg's Der Erbe. Erster Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ERBE. ERSTER BAND. ***

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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