The Project Gutenberg EBook of Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster
Band, by Max Dauthendey

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Title: Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Author: Max Dauthendey

Release Date: August 16, 2014 [EBook #46593]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKENGUT AUS MEINEN ***




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                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                              Erster Band




              Ein vollstndiges Verzeichnis der Schriften
                           _Max Dauthendeys_
                   findet man am Schlusse des Bandes




                            Max Dauthendey

                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                              Erster Band

                            [Illustration]

                        Albert Langen, Mnchen


                Copyright 1913 by Albert Langen, Munich




Vor ein paar Tagen sagte ich zu meiner Frau: "Ich fhle noch nicht die
ntige Andacht zu dem neuen Buche, das ich schreiben will."

Und whrend ich dies sagte, erinnerte ich mich dabei an jene japanische
Dichterin, die, um die ntige Weihe fr ein groes Werk zu empfangen,
sich in einen Tempel einschlieen lie und nachts in dem einsamen
Tempelraum auf dem Deckel eines Gebetbuches die Niederschrift ihrer
dichterischen Eingebungen begann.

Der deutsche bersetzer ihres Buches, der diesen Vorfall in der
Einleitung berichtet, fgte hinzu: "Wo wre heutzutage in Europa der
Dichter zu finden, der eine hnliche Vorbereitung fr ein Buch ntig
fnde?"

Wie wenig kannte doch der Mann die Dichterherzen aller Zeiten!

Wo groe Werke entstanden, sind auch die Mnner, die diese schufen,
immer mit herzklopfender Andacht an ihr Schaffen herangetreten.

Wenn sich die Dichter auch nicht in die Sakristeien der Kirchen
zurckgezogen haben, so ist doch immer jeder ihrer geistigen
und ernsten Arbeiten eine seelische und krperliche Kasteiung
vorausgegangen.

Jeder knstlerische Schpfungsakt wird durch Entsagungsakte
vorbereitet. Der Beispiele sind viele, und wer die Geschichte der
Zeiten verfolgt, wird immer wieder auf diese Vorbereitungen stoen,
Vorbereitungen voll innerster Andacht, die jedem bleibenden Werk
vorangehen mssen.

Als ich nun meiner Frau neulich gestehen mute, da ich mich noch
nicht andchtig genug fhle, das neue Buch zu beginnen, das meine
Kameraden und mich in der Zeit der neunziger Jahre (1890-1900) in
unseren Begegnungen und im Ringen um neue Ideale schildern soll, und
als ich sagte, da ich noch nicht die Weihe zur Mitteilung dieses
Lebensabschnittes htte -- dessen Aufzeichnungen eine Art Fortsetzung
meines letzten Buches "der Geist meines Vaters" werden sollten --, da
ahnte ich in meiner Niedergeschlagenheit nicht, auf welche seltsame
Weise mir mein Schicksal die Weihe zu dieser Arbeit erteilen wrde.

Seit zwei Jahren ungefhr trage ich den Wunsch, dieses Buch zu
schreiben, mit mir herum.

Seit das erste Jahrzehnt unseres neuen Jahrhunderts vollendet war
und ich bei mir bemerkte, wie schnell wir uns von einem vergangenen
Jahrhundert entfernen, und wie viele Lebensuerungen in die
Vergessenheit sinken und verloren gehen knnen, wenn sie nicht in
schriftlicher Erinnerung aufgespeichert und damit der Nachwelt
wieder zugnglich gemacht werden, -- seit ich also wahrnahm, da
auch das letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts bereits in
meiner Erinnerung zu verblassen begann, drngte es mich, das starke
Dichterleben dieser neunziger Jahre, das reich an neuen Idealen, reich
an groen Geistern war, in Aufzeichnungen fr mich festzulegen.

Ich kann in diesem Buche, sagte ich mir, nur den bescheidenen Teil, der
vom Jahrhundertende mit meiner Person zusammenhngt, wiedergeben. Aber
es werden sich daraus fr den Leser von selbst anziehende Fernblicke
auf die ganze Dichterwelt der neunziger Jahre ffnen, und mancher junge
Dichter findet vielleicht dann ein besseres Verstndnis fr seine
eigene Zeit, wenn er einen Ausschnitt aus jener, die deutsche Dichtung
so umwlzenden Vergangenheit nacherlebt.

Aber nicht blo den jungen Dichtern und Denkern sei dies Buch gewidmet,
das ihnen einiges von ihren Kameraden erzhlen will, -- vor allem
dem deutschen Volk, das einen kleinen Einblick gewinnen soll in
die Arbeitsernsthaftigkeit, in das mrtyrerhafte Leiden und in die
weltfernen Freuden, zwischen denen sich das Leben der oft verkanntesten
Shne des Volkes, das Leben der jungen Dichter und Denker, bewegt.

Den Wunsch, Andacht zu diesem Buche zu bekommen, trug ich besonders
heftig nach der Drucklegung meines letzten Buches, im Herbst 1912, mit
mir herum.

Aber ich war, teils zu zerstreut von alltglichen Sorgen, teils
fortgerissen vom uerlichen Leben und vom Krieg, der im Balkan sich
abspielte, unaufmerksam fr meine Vergangenheit geworden, da mir
stndlich blutende Wirklichkeit vor Augen stand.

Ich hatte mir gewnscht, dieses Buch in den zum Niederschreiben von
Erinnerungen so angenehmen Wintertagen zu beginnen und es bis Frhjahr
vielleicht vollendet zu haben.

Und nun war schon die Weihnachtszeit gekommen, und ich stand
unzufrieden am Fenster und ftterte hungernde Vgel, und unter den
Hungernden sah ich auch als grauen Vogel meine Seele hin und her
fliegen.

Aber sie war scheu. Frchtete sie den Wirklichkeitsblick meiner Augen?
Sie wollte sich nicht in mir niederlassen und mir nicht von der
Vergangenheit vorsingen.

Die Sperlinge, Amseln und Finken, die auf die Fensterbank kamen, wurden
satt, aber meine Seele blieb hungrig, und meine Hnde nahmen tglich
unruhigere Bewegungen an, und meine Augen lasen nur die hastigen
Kriegsnachrichten der Zeitungen und nahmen sich nicht die Ruhe, in mir
selbst zu lesen.

So feierte ich ein unglckliches Weihnachtsfest. Ich war so viel
zwischen dem fernen Balkan, dem Kriegsschauplatz, und meinem Zimmer
hin und her geflogen, da ich den Flu unter den Fenstern, den alten
Main, nicht mehr rauschen hrte, dessen Rauschen mir sonst in wachen
Nachtstunden viele Betrachtungen aus der Stille der Vergangenheit
herbeigeholt hatte.

Ich fragte mich oft: ist meine Heimat vor den Fenstern verschwunden? Es
war, als stnde mein Zimmer irgendwo in einer seelenlosen Fremde.

Viel zu viel hatte ich bei den Zeitungen meine Stunden verbracht, und
Wirklichkeitslrm hatte sich in meine vier Wnde eingenistet, so da
das Buch, das ich der Vergangenheit widmen wollte, unmglich in dieser
seelenlosen Umgebung aufwachsen konnte.

Oft trug ich mich mit dem Gedanken, fortwandern zu mssen in ein
abgeschiedenes Gebirgsdorf, in ein Berghaus in tiefem Schnee, wohin
keine Zeitung und kein Briefbote kommen konnte, in Einsamkeit, wo die
Gegenwart sich leicht in Vergangenheit umwandeln kann.

Aber nein, sagte ich mir, ich will noch das neue Jahr erwarten.
Die Heimatluft ist mir noch nie untreu gewesen. Immer gab sie mir
Arbeitsfrieden, wenn ich nur recht eindringlich danach verlangte. Warum
sollte ich dieses Mal auswandern mssen?

Und ich blieb und ftterte weiter die Vgel an meinem Fenster und sah
in die schnen blauen Wintertage, die zu dieser Weihnachtszeit mild wie
Mrztage waren.

Drei Tage vor Neujahr wanderte ich am letzten Sonntagnachmittag des
alten Jahres mit meiner Frau ber die Nordseite des Nikolausberges, um
ber dem Berg fort das kleine Haus im Guckelsgraben aufzusuchen, das
ich mir in diesem Jahr hatte bauen lassen, und das im Frhjahr meine
Wohnung werden sollte.

Viele Leute sagen, im Winter sei in der Natur drauen nicht viel zu
sehen. Aber ist denn nicht der Winter zu sehen? Auch wenn kein Schnee
liegt, so ist das Winterbild doch erschtternd und die Tragik des
scheinbaren Weltstillstandes.

Ich habe einen gelben Hund. Er ist nicht klein und nicht gro. Er hat
auch keine bestimmte Rasse. Es ist ein gelber kurzhaariger Pintscher,
mit schner weier Zeichnung. Jeder aber, der ihn sieht, ruft
unwillkrlich aus: "Ach, der Bauernhund!"

Man soll sich nicht wundern, da ich von der Landschaft pltzlich auf
meinen Hund berspringe. Man wird bald den Zusammenhang verstehen.

Meine Frau wei, wie gern ich mit allen Sinnen die Landschaftsbilder
geniee, wenn wir spazieren gehen. Ehe wir nun an diesem Nachmittag
ausgingen, riet sie, den Hund zu Hause zu lassen, denn sie bedachte,
wie sehr mich das Tier stren wrde, da dieser Bauernhund immer Hasen
jagen will.

Er hatte uns schon auf manchem Spaziergang gergert, wenn er
fortstrzte, "Has, Has" bellend und auf kein Rufen und Pfeifen und
Schelten hrend.

Es tat mir aber an diesem Tag leid, den Hund zu Hause zu lassen, und
so hatten wir ihn bei uns. Meine Frau nennt ihn Sudel, ich nenne ihn
Dusel, woraus man ungefhr seine Art erraten kann.

Er hat nmlich den Glcksdusel, dieser Hund. Es gelingt ihm alles, was
er will, und ich habe oft scherzend gesagt, da er bei den Gttern
besser angeschrieben steht als mancher Mensch.

Bis auf die Berghhe folgte Dusel heute meinem zurechtweisenden Ruf
"Zurck" und hielt sich dicht in der Nhe meines linken Fues. Als
wir auf die Bergflche kamen, die wir berschreiten sollten, um nach
dem Guckelsgraben hinunterzugelangen, da ging Dusel mit hochgehobener
witternder Schnauze, weil der Westwind uns entgegenstand und
wahrscheinlich dem wildgierigen Kter ganze Ladungen von Hasenwitterung
in die Nasenlcher trieb.

Ich konnte es endlich nicht mehr mitansehen, wie das Tier, gleichsam
geblendet vom Wildgeruch, mit zwinkernden Augen schnuppernd in die
Luft blinzelte und der Atem ihm erschauerte und stockte. Mit den
Vorderpfoten ging er wie blind tastend und stieg immer viel zu hoch
durch die Luft, weil sein Hundegeist schon weit fortsprang hinter den
Hasenvorstellungen her.

Ich sagte zu meiner Frau, da ich den Hund am liebsten querfeldein
laufen lassen mchte. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie das
Tier seine gesunden Naturinstinkte bei meinem barschen Zurufen "Zurck"
unterdrcken mute.

"Ach," meinte meine Frau, "wenn du den Hund jetzt laufen lt, sehen
wir ihn heute nicht wieder. Dann kommt er vor Abend nicht heim."

Aber wie wir noch sprachen, hatte der Hund sich schon von uns entfernt
und stand, eine Fhrte aufstbernd, krftig schnuppernd zwanzig
Schritte querfeldein bei einer Dornenhecke.

Ich rief ihm zu. Da sah sich Dusel lachend um, wedelte lustig mit
seinem geringelten Schweif und fuhr wieder mit der Nase eine Erdfurche
ab.

Da der Hund mich anlachte und nicht kam, rgerte mich. Und die
Vorstellung, da er vielleicht jetzt in nchster Sekunde fortstrzen
wrde und dann erst in unabsehbarer Zeit heimfinden wollte, dieser
Gedanke machte mich heftig.

Ich wollte dem Tier zeigen, da ein Hund vom Menschen abhngig ist, und
da es nicht umgekehrt ist. Und ich dachte, wenn ich ihm einen Schlag
mit meinem Spazierstock gbe, so wrde er, zahm gemacht, auch den Rest
des Weges hinter mir hergehen.

Ich rief und rief nochmals aus Leibeskrften und hob drohend den
Stock. Da gehorchte Sudel auch endlich und kam in weitem Bogen
herangesprungen. Nun htte ich ihn nicht schlagen sollen.

Aber ich dachte: ein Denkzettel wird dir und mir ntzen, und dann
schlieen wir Frieden. Wie nun mein zuschlagender Stock durch die Luft
fuhr, wich der Hund geschmeidig aus, und da ich ihn nicht traf und
mein Krpergewicht in den Schlag gelegt hatte, so wankte ich bei dem
verfehlten Stockhiebe.

Aber die Drehung meines Armes beim heftigen Zuschlagen ri mich, als
ich in die Luft haute, so unglcklich herum, da ich mir mein rechtes
Bein im Kniegelenk blitzschnell ausrenkte.

Der gewaltige Schmerz dieser pltzlichen Verrenkung und die Angst, da
ich das Bein vielleicht gebrochen htte, durchfuhren mich jhlings.
Auch konnte ich auf dem sehr schmerzenden Bein nicht mehr stehen, und
ich sank im Feld zusammen, als wenn man mich niedergeschossen htte.

Dann folgte viel Aufregung. Meine Frau, die glaubte, da ich mein
Bein gebrochen htte, weil ich bla und schmerzverzerrt am Boden lag,
zerschlug ihren Regenschirm an dem Hund und jammerte ber den frechen
Sudel, der ebenfalls bei den Schirmschlgen heulte.

Dieses geschah ungefhr um drei Uhr nachmittags. Zwei Stunden brauchten
wir, bis wir in die Nhe des nchsten Hauses kamen. Auf meinen Stock
und auf meine Frau gesttzt, arbeitete ich mich mhsam auf einem Bein
bergab. Das rechte Bein war ganz unbrauchbar geworden, auch nachdem ich
es wieder selbst eingerenkt hatte.

Das Bein war wie eine tote Masse, tot insofern, als ich es nicht
bewegen konnte. Es schmerzte brennend. In den steinigen Hohlwegen des
Berges war jeder Schritt eine Marter. Den Weg htte man mit gesunden
Fen gut in zehn Minuten bergab zurckgehen knnen.

Wir kamen erst nach zwei Stunden zu jenem Gutshof, auf welchem ich
viele Tage meiner Jugendzeit verlebt hatte, und welchen ich im Buch
"Der Geist meines Vaters" genau beschrieben habe.

Mein gelber Dusel, welcher nur einen Augenblick zu mir gekommen war,
als ich hingestrzt, war dann blindlings der nchsten Hasenfhrte
nachgejagt und spurlos verschwunden. Wir hrten ihn manchmal noch in
der Ferne "Has, Has" klffen. Whrend der zwei Stunden, die wir zum
Abstieg des verhltnismig kleinen Weges brauchten, hetzte der Hund
die Hasen kilometerweit hin und her, unbekmmert um die Menschenwelt.

Da ich kaum noch weitergehen, meine Frau mich aber kaum mehr sttzen
konnte, so wurde beschlossen in den Gutshof am Berg einzutreten und
dort eine Droschke abzuwarten, die aus der Stadt heraufgeholt werden
sollte.

So lag ich denn bald auf einem Liegestuhl, den man in den Gartensaal
gerckt hatte, dicht bei dem groen Weihnachtsbaum. Ich war seit drei
Jahren nicht mehr in dem Gutshause gewesen, und whrend ich auf
den Wagen wartete und die Frau des Hauses meiner Frau und mir zur
Unterhaltung die Lichter des Weihnachtsbaumes anzndete, fielen mir
Stunden ein, die ich vor dreiundzwanzig Jahren an diesem Ort erlebt
hatte.

Auf einem Regal bei der Tr stand eine Photographie von mir, und als
eine der Damen sich erhob, stie sie zufllig an mein Bild, das dort
auf einer kleinen Staffelei stand. Die Photographie rutschte zur Seite
und zeigte eine andere, die auch auf derselben Staffelei Platz hatte.

Es war das Bild eines jungen Philosophen, eines Freundes von mir. Ein
junger Mann, der die blasse Stirn in die Hand sttzt. Diese Aufnahme
hatte ich vor dreiundzwanzig Jahren selbst gemacht. Und es war mir
nun, als seien die dreiundzwanzig Jahre, die zwischen jetzt und damals
lagen, wie dreiundzwanzig Sekunden vorbergegangen.

In dem Gartensaal hatte sich seitdem fast nichts gendert. Menschen
waren zwar im Hause gestorben, Junge waren erwachsen, und Erwachsene
waren alt geworden. Aber die Luft des Saales war dieselbe geblieben.
Die Fenster, die Tren, die Lampe, die Gartenterrasse drauen und die
Aussicht auf die Stadt Wrzburg, -- dies alles wollte mir sagen, da es
Lebendes gibt, das nicht Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft kennt.

Ich hatte das schmerzende Bein auf den Liegestuhl legen mssen und
sprte einstweilen in dieser Lage keine Schmerzen mehr. Ich wute
zwar, ich hatte ein Bein, das schmerzte, sobald ich aufstehen wrde.
Aber augenblicklich war mein Bein unwirklich, und es schien mir nicht
zu gehren.

Und so war es auch mit meiner Gegenwart in diesem Gartensaal. Sie
schien mir nicht zu gehren. Dieses Zimmer gehrte nur der Zeit vor
dreiundzwanzig Jahren.

Dann kam der Wagen. Der fuhr meine Frau und mich und mein Bein in die
Stadt. Dusel hatten wir verloren.

Aber dafr hatten wir eine andere dritte Persnlichkeit mitbekommen,
und das war mein krankes Bein, dessen Kniesehnen verzerrt und zerrissen
waren, und das bei mir lebte hochgeschwollen, steif, schmerzhaft
brennend und das mir die Freude am Gegenwartsleben strte, so da
ich, um nicht an das Bein denken zu mssen, zu Hause gern in die
Vergangenheit flchtete.

Am Tag nach dem Sturz sagte ich vom Bett aus, darin ich liegen mute,
zu meiner Frau: "Die Schmerzen haben mich andchtig gemacht. Ich kann
dir jetzt das neue Buch diktieren."

Da nickte meine Frau und meinte: "Das war mein erster Gedanke, als
ich dich so schlimm hinstrzen sah und dir ansah, da du dich schwer
verletzt hattest. Wenn er fr nichts anderes gut ist, dieser Sturz,
dachte ich mir, so ist er vielleicht dafr gut, da er dir die rechte
Andacht zu dem neuen Buch gibt, die du so sehr herbeisehntest.

Denn ich mute mich mitten in meinem Schrecken blitzschnell erinnern,
da du vor ein paar Tagen sagtest: 'Ich habe noch nicht die rechte
Andacht zum Schreiben!'" --

Und so war es auch. Ich mute nun wochenlang das Bett hten und
Eisbeutel auf das kranke Bein legen. Gleich am ersten Mittag, als
alle Glocken der Stadt an mein Fenster kamen, sie die seit Wochen zur
Mittagsstunde das Trauergelut fr unseren verschiedenen Regenten
Luitpold von Bayern besorgten, sagten diese:

"Hast du es jetzt endlich begriffen, da wir jeden Mittag nicht blo
zum Trauergelut ausgeschickt waren? -- Jahresringe, wie solche jedes
Jahr den Bumen wachsen, Jahresringe wachsen auch uns Glocken in unserm
Erz. Wenn wir luten, knnen wir alle vergangenen Jahre herluten. Wir
versuchten es, dir jeden Mittag zum Vergangenheitsrausch, in den du
versinken wolltest, die Einleitung zu singen. Du warst aber immer auf
Kriegsschaupltzen und wer wei wo. Jetzt bist du endlich heimgekehrt.
Liege nun still, dann wollen wir dich hineintragen in das vergangene
Jahrhundert, in die neunziger Jahre, die du wiedersehen mchtest."

Ich nickte nur und nicke den Glocken jeden Mittag zu, wenn sie um zwlf
Uhr kommen und um ein Uhr gehen. Die uralten Glocken aus den uralten
Trmen meiner Heimatstadt Wrzburg berauschen mich, wenn sie in groem
Schwarm die Stadt umkreisen. Bei ihrem Gelute wogt mein Blut, die
Gegenwart lst sich auf, und ich sehe die versunkenen Stunden meiner
Jnglingsjahre, als schaute ich durch die Fenster versunkener Stdte
in Rume, die einmal auf der Oberflche der Erde standen und die
fortgeschwemmt wurden samt ihren Bewohnern von der Flut der Zeit.

Mein krankes Bein, das mich ans Bett verankert hat, zwingt nun nicht
blo mich, sondern auch die Zeit um mich, die immer wie in Nebeln
entgleiten will, zum Stillstand. Ich kann jetzt mit Mue und Andacht
die Vergangenheit, die einmal lebendig war, wie es mein Fleisch und
Blut sind, betrachten. Und ich will den Schemen, die mich locken,
nachgehen und sie anreden. Sie sollen die Gesprche wiederholen, die
schnen, die ernsten, die jugendbetrten, die einsam traurigen und die
weltumarmenden meiner Jnglingsjahre.

       *       *       *       *       *

Da ist ein Augustnachmittag, der sich zuerst an mich herandrngt,
und der wegen einer Stunde, deren Gedanken die Welt des Unmglichen
erstrmen wollten, sich bedeutungsvoll aus der Reihe der Jahre
vorschiebt. Aber voraus springen noch ein paar starke Augenblicke, die
der seltsamen Stunde Vorlufer waren.

       *       *       *       *       *

Es war in jener Zeit, als ich gegen meinen Vater noch nicht
auszusprechen wagte, da ich Schriftsteller werden wollte, teils aus
Scham, diesem allerpersnlichsten Wunsch laute Worte geben zu mssen,
teils aus Verlegenheit, weil ich nicht wute, wie man Schriftsteller
oder gar Dichter werden sollte.

Denn die Weltordnung will es, da keiner das Dichten erlernen kann.
Und es wird auch nirgends, auf keiner Schule der Welt, versucht, diese
Kunst zu lehren.

Wohl bedarf der Dichter der Schulung, aber die mu er sich selbst
erringen und selbst geben. Seine Hochschule und Werkstatt, in der er
arbeitet, ist sein Herz.

Keine von den anderen Knsten erfordert so sehr die Hochschule des
Herzens wie das Dichtertum. Und ich behaupte, da dem jungen Dichter in
seinen Entwicklungsjahren das schwerste Los der Welt zuteil wird.

Er ist da wie eine Raupe, die unter Wrmern kriecht. Whrend die Wrmer
aber Wrmer bleiben, soll die Raupe ein Schmetterling werden.

Und wenn der junge Dichter auch ahnt, da ihm Flgel wachsen, -- sein
Herz, das keine Beweise hat, mu schweigen, mu zweifeln, mu in die
Einsamkeit flchten, mu der Familie, den Freunden, die seine Ahnungen,
seine Hoffnungen, seine Plne nie ganz teilen, entfliehen. Er mu
sich dem Rufe der Undankbarkeit, der Untreue, der Wetterwendigkeit
aussetzen, wehrlos gefoltert von den Anklagen, die er zu Wldern von
Dornen anwachsen sieht, durch die er hindurch soll.

Den jungen Dichter knnen keine Lehrer zur Dichtung leiten, keine
Bcher, keine weisen Mnner, keine klugen Frauen, kein Zorn der
Welt, kein Ha der Welt. Er erreicht in seiner Kunst nichts durch
Verbindungen, durch Empfehlungen, nichts durch das Erbe seiner Vter,
nichts durch das Vermgen oder den Rang der Familie, -- er ist
blogestellt, auf sich angewiesen, auf sich selbst beruhen mssend,
aus seiner Unerfahrenheit heraus immer an sich selbst glauben mssend,
immer ein einzelner, ein in und ber den Dingen stehend Geborener, --
ein weltferner Kamerad.

Er mu drei Welten bewltigen: die Welt des ueren Miterlebens,
die Welt der inneren Beschaulichkeit und die Welt seiner geistigen
Schpfungen und soll sich immer in und ber den Dingen behaupten.

Und aus diesem ewigen "Von Natur aus anders sein mssen" als die
anderen, daraus erwachsen dem jungen Dichter die Berge voll Dornen, und
die Kammern des Lebens scheinen ihm oft mit Folterwerkzeugen angefllt.

Der Dichter ist auch nie alt und nie jung zu nennen. Er ist, so lange
er lebt, Kind, Mann und Greis in einer Person.

Die Kindesnatur gibt ihm immer wieder neues Vertrauen zum Miterleben.
Das Weltbetrachten und das "ber den Dingen stehen", das ihm angeboren
ist, gibt ihm schon in jungen Jahren die Ruhe, die Tiefe und die
Weisheit des Greises. Und seine Schpfungen machen ihn zum tatkrftigen
Mann, zum Erzeuger hoher ewiger Werte.

Der Dichter wird innerlich fertig geboren. Er entwickelt sich innerlich
nie. Sein Herz ist ein Diamant, der nicht feuriger und nicht blinder
wird.

Er ist von allen Menschen der Mensch, der im Gleichgewicht geboren
wurde; in jenem Gleichgewicht, das die anderen erst durch Leben
und Alter erlangen, oder es nie erlangen, aber diesem Gleichgewicht
bewut oder unbewut zustreben. Denn jedes echte Gedicht mu aus
einer Herzensmelodie geboren werden, und eine Melodie ist nur
entstehungsmglich dort, wo Harmonie, das ist Gleichgewicht, herrscht.

Ein Dichterherz ist das harmonischste Herz der Welt. Und deshalb knnen
im letzten Grunde die Wlder und Berge aus Dornen, die Lebenskammern,
die voll Folterwerkzeuge starren, dem jungen Dichter nichts anhaben. Er
ist der Mann im Feuerofen, er ist der Mann in der Lwengrube, er kann
wie Dante die Kreise der Hlle und die Kreise des Himmels durchwandern.
Er ist der Unverletzbare, er ist der Prophet, der auf dem Feuerwagen
in den Himmel fhrt. Er ist der Gesetzgeber, der die Lebensgesetze aus
erster Hand der Schpfung empfngt. Er mu sich plndern lassen wie
Hiob und wird doch sein hohes Lied anstimmen und ber seinen Tod noch
weitersingen ohne Mund, ber die Jahrtausende wie Homer.

Seht dagegen die anderen Menschenshne an! Allen, die auf den
Erdstraen arbeiten, ist ihr Weg bekannt. Alle erhielten Schulen und
Fhrer, Lehrer und Gesetze fr ihren Beruf, nach denen sie sich richten
konnten, um rechtschaffene Meister zu werden.

Der Handwerker hat seine Lehrjahre und seine Meister, die ihn
unterweisen. Der Geschftsmann hat seine Handelsschule und das
Geschft, die ihn zur Selbstndigkeit vorbereiten. Die Ingenire und
die Architekten haben ihre Hochschulen, die rzte, die Richter, die
Geistlichen, die Lehrer finden ihren Bildungsweg an Lehrschulen
und Universitten. Den Offizieren, den Diplomaten, -- allen ist ihr
Lebensplan vom Staate und im Staate eingerichtet.

Ja, selbst den anderen Knstlern, den Bildhauern, Malern, Musikern,
stellt der Staat heute Akademien und Konservatorien zur Verfgung. Er
erteilt ihnen Titel und Rnge. -- Fr alle geistigen Arbeiter, die
sich dem Gesamtwohl der Nation widmen, hat der Staat einen Platz, ein
Auge, eine freigiebige Hand, eine Wrde brig. Nicht so fr den jungen
Dichter.

Die einen strt das Kindliche an der Dichternatur, das alles miterleben
mchte. Die anderen strt das Greisenhafte an der Dichternatur,
das tiefe und aufrichtige Betrachten und Sichversenken in die
Lebenszustnde. Und die Dritten macht das khne Mnnliche kopfscheu,
das in der Dichternatur unerschpflich sprudelt, und von dem man keinen
Weg voraussehen kann, und das die Brgerruhe verblfft, schwindlig
macht und abschreckt. Die Vorsichtigen sehen den Dichter unvorsichtig
auf einem geflgelten Rosse reiten. Whrend der Brger Pferde artig auf
der Erde rennen und am Abend mde sind, rauscht ber sie fort, noch
unter den Sternen, der Dichter als unermdlicher Sehnsuchtsreiter. --

       *       *       *       *       *

Um das Jahr 1890 hatte ich heimlich angefangen, manches kleine Gedicht
zu schreiben, kleine balladenartige Gedichte, Empfindungsergsse, die
sich in nichts unterschieden von den tausend Reimereien, die jeder ein
wenig gebildete, schreib- und lesefhige Mensch zustande bringen kann,
und die man nicht Gedichte nennen darf, nicht Dichtungen. Reimverfasser
dieser Art sind vom wirklichen Dichter, der den Namen Dichter mit Wrde
tragen darf, so weit entfernt, wie es ein Schaukelpferd, ein Spielzeug,
vom Schulpferd und Rennpferd ist.

Ich wute, da mir viel fehlte, aber wute keine Richtung zu finden. Da
lernte ich in dieser Zeit einen jungen Studenten kennen, mit welchem
ich nach der Tanzstunde, die wir damals besuchten, manche Stunde
nachts plaudernd in den Straen der Stadt spazieren ging oder in einem
Kaffeehause sa.

Unsere Bekanntschaft war dadurch entstanden, da jener junge Mann,
der Medizin studierte, mich ganz unvermittelt gefragt hatte, ob ich
schreibe. Die Frage erstaunte und verblffte mich. Und der Frager
sagte, als ich zustimmte, er habe an meiner Kopfform erkannt, da
ich knstlerisch ttig sein msse, da ich mich mit Phantasiearbeit
beschftigen msse.

Ich vertraute ihm an, da ich einige Verse geschrieben htte, aber
da ich das noch keine Dichtung, keine Phantasiearbeit nennen knne.
Aber seit dieser Frage unterhielten wir uns fters, und er versuchte
mich, da er zum Philosophieren neigte, fr die Gedankenwelten der
verschiedenen Philosophien zu begeistern.

Meine Empfindungswelt kam mir zwar reicher vor als alte Gedanken,
ber die wir zusammen sprachen. Aber ich hrte doch gerne seiner mir
fremden Welt zu, lie mir von ihm Schopenhauer vorlesen und hrte seine
Errterungen an, in denen er manches Mal die Wortfechterei der ganzen
Philosophie verhhnte. Ich las ihm dagegen den Schriftsteller, den ich
damals mir als Vorbild gewhlt hatte, den Dnen J. P. Jacobsen, vor,
und ich war erfreut, da jener junge Philosoph meiner Begeisterung fr
Jacobsens "Niels Lyhne" beistimmte und auch auf meine Gedanken einging,
so wie es sich fr richtige Freunde gehrt. Jeder von uns hatte ein
waches Ohr fr die Empfindungswelt des anderen, ohne seine eigene Welt
zu verleugnen oder zu verlassen.

Bei einem Abendspaziergang dann auf dem Steinberg erinnere ich mich
deutlich der Augenblicke eines groen Umsturzes, den ein einziger Satz
aus dem Munde meines neuen Freundes in mir hervorbrachte. Ich war
bisher nicht mehr und nicht weniger fromm und religis gewesen als
andere junge Leute meiner Zeit. Ich war naturehrfrchtig und liebte
auerdem die heiligen Personen des Alten und Neuen Testamentes, so
wie man alte Familienberlieferungen liebt, deren Echtheit man nicht
bezweifelt.

Ich liebte die Weihnachtsheimlichkeit mit ihrer Mettenstunde, mit
ihren Krippenliedern und ihrem Krippenspiel. Ich liebte die Karwoche
mit ihrem wehmtigen Karfreitagsleid und wandelte so mit den Festtagen
durchs Jahr, denn nur die Kirchenfeste erinnerten mich noch an die
Religion, die man mich in der Schule gelehrt hatte.

Gott konnte fr mich ebensogut Wirklichkeit wie eine schne Vorstellung
sein. Niemand konnte ergrnden, wohin die Toten gehen, niemand konnte
ergrnden, woher das Leben gekommen war.

Warum sollte es mir daher einfallen, ber Gott, der eine uralte
berlieferung war, nachzugrbeln, oder gar diesen Gott abzusetzen.
Fragte mich denn jemand, ob ich die Welt haben wollte, wie sie war?
Fragte mich denn jemand, ob ich meinen Vater haben wollte, wie er war?
Warum sollte ich nicht ebensogut Gott bestehen lassen, da ihn doch die
Vter hatten bestehen lassen und deren Vter?!

Auf jenem Abendspaziergang aber auf dem Steinberge, als die Sterne
am Nachthimmel wie ein Silberregen glitzerten, kam mir in der Nhe
meines immer gedankenvollen Freundes der leichte Ausruf auf die Lippen:
"Schade, da man sterben wird und niemals erfahren wird, wer diese
Haufen Sterne geschaffen hat."

Es war jene Frage, die man so oft nachts an den Himmel richtet, die
jeder junge Mensch einmal fragen mu. Eine Frage, die mehr einen leisen
Stoseufzer bedeutet, der aus dem angenehmen Unterbewutsein kommt,
da das Unerklrliche an der Welt das Kstlichste ist, da es s ist,
sich in dieser Unerklrlichkeit nur als eine Krume auf dem ungeheueren
Welttisch zu fhlen, als eine Wenigkeit, die im Verhltnis zu den
riesenhaften Weltrumen gar nicht in Frage zu kommen scheint.

Man geniet bei diesem Seufzen in einem Atemzug des Himmels
Riesenrume, in denen keine Menschenmacht mitzureden hat. Man geniet
sie als eine Freiheit, als ein Aufatmen vom Menschendruck unserer
menschenvollen Erde.

Der junge Philosoph antwortete mir, und ich hrte in seiner Stimme ein
spttisches Verachten:

"Wer sagt Ihnen denn, da die Sterne einen Schpfer brauchten?
Die Sterne sind Atome, die immer waren. Wir knnen das jedenfalls
geradesogut annehmen, wie wir annehmen, da sie einen Schpfer haben
sollten. Beweise haben wir weder fr das eine noch fr das andere
Vorstellungsbild.

Die Vorstellung von einem Schpfer kennt keine Freiheit des
persnlichen Ich-Bewutseins. Whrend, wenn ich mir vorstelle,
da alles sich selbst schafft und sich selbst vernichtet, das
Ich-Bewutsein gewahrt und erhht wird.

Es bleibt jedem natrlich berlassen, sich einen Schpfer vorstellen
zu wollen oder nicht. Nur wird der Klgere, der schpferische Mensch,
sich gegen eine solche Vorstellung struben, die sein Ichbewutsein von
einem Schpfer abhngig macht. Ich, fr meinen Teil, stelle mir lieber
vor, da die Welten sich selbst schufen; da mir scheint, da diese
Vorstellung dem Verstand des Zeitgeistes, in dem ich aufgewachsen bin,
mehr zusagt." -- So sprach mein Freund zu mir.

Ich wei heute nicht mehr, was ich ihm antwortete. Ich wei nur,
da ich mich zuerst heftig strubte, auf die uralte Vorstellung von
Gott und dem Schpfer oder Weltgeist, wie mein Vater immer gesagt
hatte, kurzerhand zu verzichten und jedem Wesen eigene Schpferkraft
zuzusprechen.

Mein Freund lachte nur und sagte: "Ich nehme Ihnen ja nichts, wenn ich
Ihnen zumute, den Schpfer wegzudenken und an seine Stelle allgemeine
Schpferkraft zu setzen. Ihr Schpfer ist so unbeweisbar wie meine
Atomkraft. Ich setze nur an Stelle des Nichts, an das Sie glauben, ein
anderes Nichts.

Ihr Bild vom Schpfer verhlt sich brigens zu meiner Atomkraft,
die ich mir als Urkraft vorstelle, wie ein lportrt zu einem
Photographieportrt. Das lbild ist das knstlerische, aber auch das
ungenauere Bild. Die Photographie ist das unknstlerische, aber das
realistisch genauere Bild."

In den nchsten Tagen war es mir schwer, mit meinem Freunde
weiterzusprechen. Ich litt unter dem Verlust, den er mir zumutete,
indem ich das knstlerische Bild von Gott und der Schpfung aus meinem
Herzen ausrotten, und an Stelle der alten berlieferungen mechanische
Vorgnge der Atome annehmen sollte, die mir zwar glaubhaft schienen,
aber mich stimmungs- und vorstellungsarm machten.

So weh ums Herz, dachte ich, mu es den letzten Griechen und Rmern
gewesen sein, als sie die Tempel schlieen und Abschied nehmen
sollten von den schnen und vertrauten Bildsulen ihrer erdachten
Gttergestalten und von den Zeremonien, den gewohnten, mit denen sie
die Feste dieser Gtter feierten, die ihnen von ihren Vtern und
Vorfahren seit Jahrhunderten berliefert waren und Familieneigentum
geworden waren und persnliches Eigentum und Welteigentum, beinahe wie
die Bume, wie der Himmel, wie der Regen und die Sonne, ohne die sie
sich ihre Lebensjahre nicht vorstellen konnten.

Ich hatte in jener Sternennacht, da mein philosophischer Freund meinem
Herzen den Umtausch vorschlug, an Stelle des Schpfers, an Stelle
des persnlichen Gottes die verallgemeinerte und wissenschaftliche
Atomkraft zu setzen, im blulichen Zwielicht der Sterne auf die
trmereiche Stadt Wrzburg vom Steinberg hinuntergesehen, ber meine
kirchenppige Vaterstadt hin, und ich trug dieses Bild der vielen
Kirchen noch in den nchsten Tagen neben meinen verwirrten Gedanken mit
mir.

Und so wie die letzten Griechen und Rmer gefragt haben werden, als
man an Stelle ihrer Gtterreligion den einfachen alleinigen Gott der
Christen, den einzigen Weltregenten, setzen sollte: "Wozu waren also
alle die Tempel, die da Jahrhunderte gebaut waren, gut? Haben wirklich
unsere Vter durch Jahrhunderte nur einem schnen Schein gehuldigt?"
So fragte ich mich, wenn ich im Geist das prunkreiche Bild der
Kirchenstadt Wrzburg vor mich hinstellte und es mit der de des Wortes
Atom verglich.

Meinen Freund, welchen ich absichtlich in den nchsten Tagen mied, und
der, wenn ich ihn traf, es ebenfalls vermied, von neuem das Gesprch
der Entgtterung meines alten Himmels aufzunehmen, er konnte endlich
die Verstimmung, die so sichtlich zwischen uns getreten war, nicht
lnger unbekmpft lassen.

Zur Abendstunde zwischen sechs und sieben Uhr holte er mich meistens
in der Wohnung meines Vaters ab, und wir gingen durch die Stadtanlagen
rund um den Ring der Stadt und am Main entlang, bis wir, wieder an dem
Ausgangspunkt zurckgekommen, uns voneinander verabschiedeten, -- wenn
der junge Student nicht zum Vorlesen und Klavierspielen fr den Abend
bei mir eintrat und zu Besuch blieb. Er spielte auch manches Mal mit
meinem Vater Schach oder plauderte mit meiner jngsten Stiefschwester.

Aber in diesen Tagen der Umwlzung der Gottbegriffe in mir forderte
ich ihn nicht mehr auf, nach dem Spaziergang zu uns in die Familie
zu kommen. Er war fr mich jetzt nicht mehr blo Mensch und Freund,
sondern er schien mir ein weltfernes Wesen geworden, hnlich einem
jener Atome voll Atomkraft, das selbstschpferisch walten konnte.
Ich war aber mit dieser persnlichen Atomgttlichkeit noch zu wenig
vertraut, um ihr zu vertrauen.

Und gegenber den altgeweihten menschlichen Gottesvorstellungen
erschien mir mein Freund mit seiner selbstherrlichen Atomkraft wie
eine Dynamitpatrone, mit der ich noch nicht umzugehen verstand, und
die ich meinem Vater nicht ins Haus bringen wollte. Jedenfalls wollte
ich selbst erst ber den Ersatz der Atomkraft, die den persnlichen
Weltschpfer verdrngen sollte, klar werden, ehe der junge Philosoph,
vielleicht nach einer Schachpartie, meinen Vater oder meine Schwester
in die Atommchte einweihen wrde.

Denn, wenn auch mein Vater mir immer an Stelle des persnlichen,
alttestamentarischen Gottes einen neutestamentarischen geistigen
Gott, einen Weltgeist, gesetzt hatte, so war doch diese Vorstellung
fr mich immer noch poetischer Natur gewesen. Der Weltgeist, der
ber allem schweben sollte, alles durchdringen sollte, war wie ein
Riesenweltadler, der mit seinem Flgelschlag das Leben anfachte, und
dessen Flgelschlag man aus dem Leben aller Dinge spren konnte.

Die Weltgeistvorstellung war fr mich bis dahin immer noch eine
Einheit gewesen, zu der man aufschauen konnte, die ber dem Weltall
schwebte und atmete, wie ein groes Welt-Ich. Jetzt sollte aber auf
einmal dieser Weltgeist so wenig da sein wie der alttestamentarische,
persnliche, menschenhnliche Gott und so wenig wie die griechischen,
gyptischen oder assyrischen Gtter.

Jedes Stubchen, das in der Sonne flog, sollte ein schpferisches Ich
sein und nichts Mchtigeres ber sich kennen. Es sollte es selbst sein,
es sollte Urkraft sein. Alle Legenden des Weihnachtsfestes, des Oster-
und Pfingstfestes, die Poesie der Bibel und der Kirchen sollte ich
verlassen und gegen Atomleben eintauschen!

Fast hate ich diesen Entgtterer, der mir in diesem jungen Philosophen
zum Freund geworden war. Es war, als kehrte er meine uralte Vaterstadt
aus und kehrte mit den Kirchen die traulichen Winkel, Huser und Gassen
fort, und statt der trmereichen Stadt lag nun am Main eine leere
Atomwste.

Nicht einmal mehr das Bild eines grnen gras- und baumreichen Tales,
wie es vor der Entstehung der Stadt am Main gewesen war, konnte ich
jetzt dort vor mir sehen. Denn auch die Wlder, die da frher waren,
die Grser, die unschuldigen blumigen Mainwiesen, die vor zweitausend
Jahren die Ufer sumten, auch sie wurden ein Atommehl, farblos,
formlos.

Und eine grenzenlose Verlassenheit befiel mich bei diesen ersten
Anfngen meiner Atomkraftvorstellung, die ich an Stelle der
bilderreichen Bibelereignisse und der Schpfung setzen sollte.

Es war an einem hellen Frhlingsabend, als mich mein Freund wieder
einmal abholte. Und auf dem Wege durch die Stadtanlagen sagte ich
seufzend zu ihm: "Ich glaube nicht, da wir uns weiter verstehen." Er
hatte mich nmlich gefragt, warum ich in letzter Zeit so schweigsam
sei, ob ich rger in der Familie htte.

"Es ist vielmehr," klagte ich, "ich habe rger mit allem, was Sie
neulich abends auf jenem Berge mir erklrten. Ich streite in mir
hin und her. Wenn ich nachts am Fenster stehe und den mir sonst so
altlieben Sternhimmel bewundern will, fllt mir ein, da das nur ein
Haufen Atome sein soll, ber dem kein Weltgeist waltet, kein Gottgeist,
der vershnlich dem Ganzen seinen Willen gibt, den Stempel des Guten
und des Bsen.

Diese verantwortungslose Atommasse, die ich vor mir sehen soll, strt
mich sehr. Bei den Frhlingsblten der Stadtanlagen sehe ich bald
nicht mehr die frhlichen Farben, das Lila des Flieders, das Goldgelb
des Lwenzahns, die weien Sterne des Schlehdorns, sondern ein
gleichgltiges Atommeer arbeitet da rund um mich, dessen Farben keinen
Sinn haben, dessen Dfte keine Wollust mehr ausstrmen.

Denn wenn der Duft aus den Frhlingsbschen zu mir kommt, so sind das
nur wieder Atome, die meine Atome anrhren. Das ganze Leben wird de
bei dieser wissenschaftlichen Atombetrachtung."

Mein Freund lachte kurz auf. "Aber das ist ja ein groes
Miverstndnis," erklrte er eifrig. "Sie drfen sich die Atome nicht
als Punktmasse vorstellen, die ziellose Krfte hat. Jedes Atom ist ein
Lebewesen und erlebt Freude, jedes Atom erlebt Leid.

Wenn vorher nur ein einziger groer Schpfer ber all den Dingen
dastand -- die die Menschen flschlich die toten Dinge nennen --, so
tauschen die, die den Schpfer ausschalten und allen Dingen eigene
Schpferkraft, eigene Verantwortung, eigene Freude, eigenes Leid
zusprechen, dadurch eine Welt von Leben ein gegen die Welt der toten
Dinge, die vorher den Menschen umgeben sollte.

Vorher, bei der Vorstellung des fernen Schpfers, den wir berhaupt
nie zu sehen bekommen sollten, da waren die Menschen unendlich einsam
und sahen sich durch den sogenannten Weltgeist, der ber den Dingen
schweben sollte, von der Schpfung unendlich getrennt und lebten in
einer eiteln Einsamkeit. Denn die Menschen kamen sich flschlich unter
allen Geschpfen als die einzigen Erleuchteten vor, da sie ganz allein
einen Funken vom Weltgeist, den sie die menschliche Seele nannten, zu
besitzen glaubten.

Doch mit der Annahme, da alle Dinge Selbstschpfer sind, da die
Atome der sogenannten toten Dinge, die Atome der Pflanzen, die Atome
der Tiere, die Atome der Berge, der Meere, der Wolken, die Atome des
Lichtes, eben solche beseelten Wesen sind wie die beseelten Atome des
Menschen, -- bei dieser Annahme ist der Mensch stndlich und tglich
von ewigem Leben umringt und braucht nicht erst auf seinen Tod zu
warten, um als Seele in ein ewiges Seelenleben berzugehen.

Jedes Atom ist ein ewiges Ich mit Verstand und Gefhl. Tote, leblose,
gefhllose Dinge gibt es im Weltall des ewigen Lebens, in dem sich
unser Leben abspielt, nicht. _Alle Dinge kennen sich, alle Dinge fhlen
sich, alle Dinge verstehen sich._"

"Aber" entgegnete ich, "das haben die Dichter schon lngst in den
Mrchen gesagt, in den Mrchen, wo die Schneeflocke redet, wo der
Frosch am Brunnenrand mit der Knigstochter spricht, wo die Vgel im
Walde mit den Menschen reden. Der Bach und der Regen und der Wind und
der Baum, -- alle reden dort. Und dieses Mrchen der Dichter, das soll
Wahrheit sein?" unterbrach ich den jungen Philosophen.

"Jawohl," sagte er. "Die Dichter sind die einzigen, die von jeher
das Weltall in seinem Urbau erkannt haben. Sie fhlten immer die
Einheit und Beseeltheit aller Dinge, der lebenden und 'toten' Dinge
persnliches Leben."

Wir waren an das Mainufer gekommen, wo die Sonne hinter fernen
Waldbergen untergegangen war. Die Hgel lagen da wie Haufen blaugrauer
Asche, und die roten Abendwolken standen darber wie Feuerbrnde ber
Opferaltren.

Noch einmal machte mein Herz, den alten berlieferungen treu geblieben,
einen Anlauf, und es verteidigte die Bilder der Engelschre, die
wir Menschen uns in die Wolken versetzen und das Bild des groen
alttestamentarischen Gottes mit dem weien wehenden Bart, der in den
Sternenmantel der Jahrtausende gehllt, immer weise richtend, ber den
Chren der Engel thronen soll, das Gute zu sich ziehend und belohnend,
das Bse fortstoend und verdammend.

Und die Abendglocken der dunkelbeschatteten Stadt, die zu den feurigen
Wolken hinaufluteten, schienen mir recht geben zu wollen. Der schwere
Glockenklang, der mit unseren Schritten auch von den Pflastersteinen
widerhallte, ging durch meinen Krper und whlte in meinem Blut alle
alten berlieferungen der Bibelgeschichte auf.

Da wurde meine Stimme ein wenig pathetisch, als ich zu dem jungen Mann
an meiner Seite sagte: "Nein, ich kann ihn nicht absetzen, den alten
groen Gott. Ich kann mir den Himmel nicht leer denken, nur mit den
Atomen der Wolken angefllt. Ich will Dichter werden, und es mu mein
Dichterrecht sein, mir beliebig die Welt mit Gestalten ausfllen zu
drfen.

Mit Atomkrften -- und auch wenn die Atome beseelt sein sollen -- kann
ich knstlerisch nichts anfangen. Es ist, als rauben Sie, Philosoph,
mir aus meinem Puppentheater die Puppen, und als sollte ich nun auf
leerer Szene nur mit der Leere der vier Windrichtungen ein Stck
auffhren."

Wieder lachte der junge Philosoph auf, und seine Stimme wurde pltzlich
nicht mehr von Gedanken getragen. Sie klang ganz irdisch nchtern
und knapp, wie die Stimme eines Arztes, der einen phantasierenden
Fieberkranken anredet.

"Ja, knnen Sie sich denn nicht selbst gengen? Warum mssen denn die
Wolken Arme und Beine haben und Engel tragen? Warum mu denn berall
der Mensch den Menschen hindenken in Regionen, wo es keine Menschen
geben kann? Warum sollen die Dinge rundum nicht ihr eigenes Leben leben
drfen?

Lassen Sie doch das Leben aller Dinge einmal zu sich herankommen! Diese
Geduld hatte bis jetzt noch keiner von euch Dichtern. Immer mt ihr
gleich alles ins Menschliche verwandeln. Das Weltalleben aber liegt
voll von unaufgedeckten Poesien.

Sobald man den Schpfer absetzt und jedes Geschpf als seinen eigenen
Schpfer einsetzt, dann wird eine groe Flle von lebenbejahenden,
lebenbejubelnden und lebengrndenden Dichtungen entstehen.

In den Mrchen lieet ihr bis jetzt die Muse nur Hochzeit machen wie
die Menschen. Ihr stelltet euch dann dabei einen Musepfarrer vor, der
das Prchen zusammentat.

Um die Blumen leben zu lassen, mt ihr ihre Lebensgeister in
menschengestaltige Elfen verwandeln. Und ber Riesen und Zwerge
kommt ihr immer noch nicht hinaus. Immer mu eure Phantasie von
kronentragenden Knigen, hochzeitmachenden Prinzessinnen und
verwunschenen Prinzen handeln.

Dieser abgentzte Plunder mittelalterlicher Lebensbefangenheit, dem
wir keine neuen Seiten abgewinnen knnen, wird von selbst fortfallen,
sobald die Weltschnheit, das Weltgefhl und das Weltleben mit
dem kleinsten Grashalm, mit dem Schatten eines Blattes, mit dem
geringfgigsten Leben, _so wie es ist und nicht anders_, zu euch reden
darf.

Verwandelt nicht immer die Gestalten der Dinge, die an sich selbst
jede ihre Schnheit haben. Die Muschel, der Stein, der Staub und ihre
Figuren, ihre Lebensbewegungen, wenn sie im Licht aufblinken -- alle
die Weltalleben an sich selbst sind schn und bieten eine Flle von
Poesie, wenn der Mensch ihre Rhythmen auf sich wirken lt. Lernt die
Abendwolke genieen, so wie sie ist, als ein schwebendes Leben und seht
sie nicht als eine erhhte Kirchenbank fr Engel an.

Der Dichter der Zukunft, der dieses fertig bringt, das Weltalleben
in seinen wahren Schnheiten, in seinen erregten Lebensuerungen
unverwandelt wiederzugeben, dieses wird der Dichter der neuen Zeit
werden, die jetzt anbricht, und die die alte Zeit abstoen wird, wie
ein altes abgetragenes Kleid."

Ich begann aufzuhorchen. Das war ein Ausspruch! Meine Lust, ein
Dichter zu werden, fhlte sich nun in Mitleidenschaft gezogen, und es
war mir klar: das, was ich vorher an Versen geschrieben hatte, war
nur eine weiche Schwrmerei und eine Schwelgerei auf altromantischen
ausgetretenen Wegen gewesen.

Ich wute zwar noch nicht, wohin mich ein Glaubenswechsel fhren wrde,
und ob er mir wirklich einen Ersatz bieten wrde. Aber ich war jung
genug, um mich von der Lust anlocken zu lassen, alle bisherigen Wege,
welche die Dichtkunst der christlichen Zeitspanne berliefert hatte,
khn zu verlassen und einen Sprung ins Unbekannte tun zu wollen.

Gtter- und Ritterromantik sollte weit zurckbleiben. Dafr wollte ich
die Romantik des bisher unentdeckten Landschaftslebens, das Reden der
Dinge an sich, ohne da sie menschliche Verkrperungen eingingen, ohne
da sie Mrchengestalten annehmen sollten, begeistert aufdecken in ganz
neuen Dichtungen.

So sicher und bestimmt, wie ich es heute in Worten niederschreibe, kam
natrlich nicht jene Eingebung durch meinen Freund ber mich. Mein
waches ueres Auge war noch hilflos, aber innere unbewute Blicke
redeten zu meinem Herzen, ungefhr so, wie in frheren Zeiten ein
ferner unentdeckter Weltteil einem Kolumbus Unruhe bereitet haben mag
und ihn innerlich gerufen hat, zu ihm zu kommen und unbekanntes Land zu
suchen, zu finden und der bekannten Welt anzugliedern.

Wir waren am Main entlang gegangen, die Stadt zur Linken, den Main zur
Rechten. Und drben ber dem Flu, aus dem Tal, das der Marienberg,
auf dem die alte Festungsburg steht, mit dem Nikolausberg bildet,
aus diesem zu fernen Waldhhen eilenden Tal kam eine Flut von gelbem
Abendlicht. Und die Sdfenster des Festungsschlosses und die goldenen
Kreuze der Kapelle auf dem Nikolausberge gegenber und der sanfte
Mainspiegel darunter schienen zu brennen, als wren dort berall
Freudenfeuer angezndet. Und die roten Wolken am Himmel standen
zerpflckt ber der Stadt wie groe rote Blumenstrue, die auf die
Dcher niederregneten.

War all das Licht umher meine Feststimmung, die aus meinem Herzen in
den Raum hinausgetreten war? -- Jedenfalls fhlte ich mich wie ein
Knig, gekrnt von dem Entschlu, Herr ber ein groes unbekanntes
Reich zu werden. Und so wie der Abendstrahl dort aus dem Tal die mir so
altgewohnte Stadtumgebung verwandelte und in zndendem Licht zeigte,
so da ich fr einen Augenblick kaum das alte Heimatpflaster mehr
erkannte, so durchstrahlte mich der zndende Gedanke einer geistigen
Umwandlung, die jetzt in mein Empfindungsleben einziehen sollte, vom
Scheitel bis zur Sohle, als brchte dieser Augenblick mir neues Blut.

Der junge Philosoph an meiner Seite glaubte, da mich neue Zweifel
bestrmten, und seine Stimme schlug pltzlich wie in volle Verachtung
um, als er kurz zu mir sagte:

"Und brigens ist es gar nicht wahr, da, ehe wir in jener Sternennacht
auf dem Steinberg auf Atomkraft zu sprechen kamen, Sie sich noch immer
einen Gottvater mit einem weien Bart vorstellten oder Engelsscharen
auf den Wolken oder hnliches.

Sie haben lngst nicht mehr glauben knnen, da menschenhnliche Wesen
den luftleeren Weltraum bevlkern knnen. Sie leisten mir nur jetzt
Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt,
die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als
eigener Schpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden knnen.

Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes
Geschpf Selbstschpfer ist und keinen anderen bersichstehenden
anerkennt als sein eigenes Gefhl und seinen eigenen Verstand und als
Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerstnden des Lebens
sammelt -- diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein,
weil sie verantwortungsreicher ist.

_Man mu seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden
werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist
nicht mehr Geschpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist,
sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller
zuknftiger Leben._

Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit
Schwche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen
Schpferkrfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen
Schpfer zusprachen.

Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhllt Ihnen nichts mehr vom
Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht hher setzen, als sich selbst.
Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die
Sie in sich selbst tragen.

Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie
Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als
ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Krfte an, je nachdem
wir mde oder weniger mde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich,
angemessen den Krften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder
ist Schpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Krfte rundum antworten nur auf Krfte, die zu erwecken jeder ein
eigener Schpfer sein mu. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz
eines einzigen hheren Wesens. _Wir besitzen alles und uns besitzen
alle._" --

Wren Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, htten die
Berge zu wandern begonnen, und htte der Mainflu, an dessen Ufer wir
gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wre als heier
Geiser in den Himmel gerauscht -- ich htte mich nicht betubter fhlen
knnen als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den
wuchernden berlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen,
erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es
wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen
lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen
liebgewordenen Lasten des Gedankengestrppes der Jahrhunderte flogen
wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits,
da nun ein ewiger Tag anbrechen wrde, ein Tag ewiger Krfte, ein Tag
von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermdlichkeit
und fern aller Wehleidigkeit.

Groe handelnde Freuden und groe handelnde Schmerzen wrden ber
mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtnten
Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein
willenloses Werkzeug nennen durften eines hheren Willens ber mir.

"_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._" Dieses war das Wort, mit
dem man Herzen und Berge ffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein
Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang
nach Eitelkeiten lt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn
voll erfat: "_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._"

Man arbeitet fr alle, und alle arbeiten fr einen. Unter diesem
Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle
zusammen Schpfer dieser Schpfung, und auch ich war nur im Leben, um
Mitschpfer an der Schpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hgel dort ber dem Flu, die Wolke am Himmel,
der Flu, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die
Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den ther schossen, die
Wlder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand,
das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, ber den
ich ging, die Bltenbltter der Linden, die vor mir im Winde von den
Bumen flogen, -- sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schpfer und
Geschpfe, sagte ich zu mir.

Der verdammende Bibelspruch: "Im Schweie deines Angesichts sollst du
arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen," -- dieses Spruches Fluch
wird ohnmchtig werden auf den ckern derer, die sich nicht mehr zu
Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoenen stempeln wollen, die sich
der Erde Mitschpfer nennen, Mitschpfer an der Weltallarbeit und an
der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis
an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. --

Ich war still stehen geblieben und hatte ber den Main gestarrt und
hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob,
stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der
Guttenbergerwald hinstreckt, ein groer funkelnder Stern, die Venus.

Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den
richtigen Wert geben? Es war mir, als sprche das eine feine Stimme aus
dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.

Ich wute damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht
sogleich antworten.

Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe
geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurckdenken kann, immer
vorgestellt, da das Liebesgefhl zu erleben das Lebenswerteste sein
mte.

Nicht die Sttigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tgliche
Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit
wnschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des
Liebesgefhls verzichten mte.

"Alles wirst du strker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat.
Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom
huldigen mut, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen
unverkrzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden,
die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu
Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefhle machen.

Und auch das Liebesgefhl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst
keinen Gott hher stellen als das Herz der Frau, die du auserwhlen
wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schpferin
begren, wie sie dich als einen Schpfer begren mu.

Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Ttigkeit, in der sie am
Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Ttigkeit gleicht,
doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie
das, was du leistest." -- So redete ich mit mir.

"Sind Sie nun beruhigt?" fuhr mein Freund fort, als ich ihn lchelnd
ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand fr die neue
Empfindungswelt, die er mir anbot.

"Es leuchtet mir ein," sagte ich, "da die alte Welt, die Bilderwelt
der Kirchen und Bibelideale, von den Knstlern so ausgeschpft ist
wie ein Jahr, das ausgereift und lngst abgeerntet worden ist. Ich
ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen
sollten, neue Felder der Phantasie.

Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich mu
mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthllten.

Ich wnschte, da die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten
Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemchtigte, anhalten mchte.
Ich frchte aber, wenn ich Ihnen heute 'gute Nacht' gesagt habe,
werden in den nchsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht
abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstrmen."

"Das macht nichts," sagte der junge Philosoph. "Sie werden noch oft
zweifeln mssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen.
brigens wird das nicht einmal ntig sein. Ich glaube, Sie selbst
werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf
abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu
finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.

Dafr ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwrts will, mu jetzt
diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehen bleibt und auch nicht
rckwrts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen
mssen, da es fr das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als
den Weg fortgesetzter Aufklrung.

Auch die Dmmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden
mitgehen mssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach
keinen andern Weg zum Vorwrtsgehen brig lt, als diesen einen
Erkenntnisweg, der da heit: _wir alle sind Schpfer an der stets
fortschreitenden Schpfung, die wir Leben nennen._ ber dem Einzelnen
gibt es keinen einzelnen Schpfer, sondern wir selbst besitzen alles,
und alle besitzen uns."

       *       *       *       *       *

Diese Spaziergangsstunden waren dem August-Nachmittag vorausgegangen,
von dem ich jetzt weiterfort erzhlen will, und der dann zur Folge
hatte, da ich mich dann uerlich beinahe von meinem Freunde lossagte,
obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.

Man mu bedenken, da wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig
Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.

Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jngling die meiste Zeit und
den grten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein
Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner
Meisterschaft in irgend welcher Ttigkeit in Beschlag genommen worden
ist. Man lt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoen.
Man ist noch nirgends fr immer fest verkettet, man ist in jenen
Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch
keinen Wurzelplatz gefunden hat.

       *       *       *       *       *

Man sollte nun meinen: nach jener Aufklrung, bei der wir uns beide zu
unseren uersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam ber der
Erde im ther des Weltraums gesprochen hatten, htte es nie mehr fr
uns mglich sein knnen, in alltglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gesprch jenes Abendspazierganges hier
niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden.
Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit
des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde
schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrckt, und ich gebe heute,
nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gesprch unserer Geister wieder
als das ungelenke und unbeholfenere Gesprch unserer Lippen, das ich
natrlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, da ich den neuen Aufklrungen meines
Freundes keinen hartnckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit,
welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wre, mehr entgegensetzen
konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neuglubigen
bereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhngnisvolle
Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, uerlich
prfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brcke gemacht wird, so derb
gedachten wir auch einen raschen uerlichen Beweis von der Macht der
neuen Weltanschauung liefern zu knnen.

Ich hatte meinem Freund gesagt: "Angenommen, da der Mensch gleiche
Schpferkraft hat wie der Schpfer, den wir uns frher ber das Weltall
gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, da die Wunder,
die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist,
Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote
auferstehend, -- da eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen
geleistet werden knnten."

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frhlingsabend auf, nachdem ich,
losgetrennt von meinen alten berlieferungen, sozusagen zwischen der
alten und neuen Welt vagabondierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an
der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen
genossen hat, -- bis der Leib sich an das neue Licht gewhnt, hat es
noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch
nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, da ich noch nicht
in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung
auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.

Darber war ich unglcklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher
gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche
Vorwrfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet-
und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.

Ging ich an den schnen alten ehrwrdigen Kirchen vorbei, so sagte ich
mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die
Andchtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in
der Luft anbeten.

Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von
meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle
schienen mir bedauerlich, da sie eine groe Null als ihren Herrscher
ausgerufen hatten.

Es ging mir wie in jenem Mrchen, in dem es heit, da ein Knig bei
einem Festzug im Hemd durch die Straen gegangen ist und es allen
Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, da der
Knig nur ein Hemd anhabe. Denn der Knig behauptete, ein kostbares
Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen.
Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind,
das einen Knigsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen
hat: "Aber der Knig hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel
an!" --

So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenber. Ich htte
gern in alle Kirchentren hineingerufen: "Ihr guten Leute, die ihr da
kniet, steht doch auf und geht heim und versumt die Zeit zur Arbeit
nicht und versumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versumt
nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschpfer seid.
Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist
sein eigener Gott."

So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen,
die nur jener Freund mit mir teilte, fhlte ich mich aber nicht wohl,
ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten
wollte. Und da mir von allen Menschen niemand brig blieb als dieser
junge Philosoph -- mit dem ich mich pltzlich allein, wie von der
ganzen Menschheit getrennt sah, nachdem ich auf seine Gedankengnge
eingegangen war --, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte
gern durch die Menschenschwrme gehen, die Menschheit erlebend und
liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen
Sonderling vorstellen.

Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern
sddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von
einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschlo, fast
niemanden.

Er arbeitete in seinen Muestunden an der Atomkraftlehre, die er spter
niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen
ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.

Zu Anfang war es wohl wunderschn, wenn wir uns abends trafen und als
zwei verkappte Weltumstrzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten
vorbergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes
merkwrdig, als da der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht
eine kluge regelmige Linie zeigte, auerdem ein Augenglas trug und
auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel
auch nichts auf als der berstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an
unserer Kleidung war nichts Aufrhrerisches. Mein Freund trug, solange
ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, whrend
ich meistens schwarze Stoffe trug und mich hchstens durch eine etwas
gewhltere Krawatte auszeichnete.

Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es
war selbstverstndlich, da Religionsunterschiede nie zwischen uns zu
Tage traten, da wir uns ber jede Religion erheben wollten.

So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war,
sich zu uns gesellte, keinen Augenblick ber seine Religion nach
und fhlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue
Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen
uns zugehrig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir
alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen
beantwortet.

Das Seltsame war aber, da jeder von uns dreien aus einer
strengglubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der
strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehrt, und in meines
Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.

Der junge Philosoph hatte eine uerst strenge Mutter, die jeden
Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brder vor dem Schulbesuch in
die Frhmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche
zweimal besuchen mssen, morgens und nachmittags. Ebenso mute er jeden
Monat zur Beichte gehen, und die uerst scharfe Mutter, die nie mit
schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den
Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was
die Kirche betraf, von ihren Shnen forderte.

Auch spter noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie
eben so streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann
erst zum Studium auf die fremde Universitt gehen lassen, als er
ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und
dieser junge Mann, der so aufklrend und auf meine alten religisen
berlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmig -- um seine
Mutter nicht belgen zu mssen, wenn er in den Ferien heimkam und ber
den Kirchenbesuch ausgefragt wurde -- jeden Sonntag vormittag eine
katholische Kirche der Universittsstadt.

Als ich ihn fragte, wie er das fertig brchte, in die Kirche zu gehen,
sagte er: "Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer
oder in der Kirche ber meine Atomlehre nachgrble. Meine Mutter
belgen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und wrde ich nicht in
die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, da sie mich nicht
weiterstudieren lassen wrde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin
das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewhnt und habe
meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewlbe
und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur
versprochen, _in die Kirche zu gehen_. Fr meine _Gedanken in der
Kirche_ aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafr htte
ich ihr auch keines geben knnen."

Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf
dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte
die Erziehung seiner Shne dieser etwas gewaltttigen Mutter ganz
berlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte
von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hren. Es htte
dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich
an seinen Vater gewendet htte.

Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den
Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: "Warst
du heute vormittag spazieren?", da war seine stete und mich immer
wieder verwundernde Antwort: "Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das
mut du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen
Medizinstudierenden der beste Kirchengnger der ganzen Universitt."

Er sagte das lachend. Und ich schttelte den Kopf und erstaunte immer
wieder. Ich htte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen
nicht aufbringen knnen, so glaubte ich immer und uerte das zu ihm.

Da sagte er zu mir: "Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause
deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Knstler werden lassen will. Und
du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest
in seinem Geschft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen
dein Vater keine Ahnung hat.

Du gehst folgsam in sein Geschft, aber deine Gedanken sind nicht dort,
denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter
den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen
und bst einen Beruf aus, bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz
anderen Gedanken nachhngst." --

Der Dritte von uns gehrte einer strengjdischen Familie an und war
aus einer der jdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Wrzburg
gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte
ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander
saen, kennen gelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt,
und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich
es etwas eintnig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der
Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.

Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig
betrieb, da er sie zum Physikum-Examen bentigte, hatte der Philosoph
jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge,
im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die
Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.

berall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den
Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkrper seien
fr den Weltraum nichts als Atome von ungeheurem Umfang. Und mit
der Annahme vom Kreisen der Atome wre auch der Magnetismus und die
Elektrizitt, deren fernwirkende Kraft bisher unerklrlich war, leicht
erklrbar. Ebenso wren die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das
Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome
verstndlich.

Und der junge Denker wollte die Vorgnge der Chemie und Physik nun auf
die einfachste Weise erlutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts
weniger als "_vom Wesen aller Dinge_" handeln sollte.

Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden
bertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und
konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen:
der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der
andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen
kritischere Einwnde machen konnte als ich. Ich war schon ganz
beranstrengt von den chemischen und physikalischen Vortrgen, die mir
der junge Denker auf allen Spaziergngen gehalten hatte.

Auch war ich, um mir eine persnliche Schriftsprache anzueignen und mir
das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewhnen,
auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergnge und alle Beobachtungen
an Menschen und alle Gesprche mit Menschen aufs knappste zu Hause in
Notizbchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah
bald ein, wieviele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt,
wieviele feine, unauffllige und doch wichtige Menschenzge und
wieviele vorberflatternde Ausdrcke in der Sprechweise der Menschen
mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt
nichts zu klein war und zu unbedeutend, als da es nicht eindrucksvoll
gewesen wre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprchen.

Bald huften sich Ste von dicken Notizheften bei mir an, und wenn
ich manchmal darin bltterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch
jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden
Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen
Notizbchern standen natrlich ganz unzusammenhngende Beobachtungen,
herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.

Es waren das meistens bungen, wie ungefhr Kinder in der Fibel zuerst
Silben lesen und Silben schreiben lernen, ehe sie ganze Worte, Stze
oder Aufstze bilden drfen. Ich schulte dabei mein Gedchtnis fr die
Vorgnge um mich, und zugleich eignete ich mir ein schnelles Fhlen,
Auffassen und ein schnelles Bezeichnen jener Vorgnge durch solch
tgliches Niederschreiben an.

Diese Notizbcher hatten aber nichts mit einem Tagebuch gemeinsam.
Es handelte sich darin nicht um zusammenhngende, fortlaufende
Geschehnisse. Ich beschrieb manchmal nur den Gang eines Menschen, der
mir zufllig aufgefallen war, oder Gewohnheitsgesten eines Sprechenden,
oder nur ein paar Bume im Regen, das Abendlicht ber den Dchern der
Stadt, das Windgerusch in der Nacht in einem Garten und so weiter.
Vielleicht manches Mal nur das Gefhl, den der Hndedruck eines
bestimmten Menschen mir gab, das Gefhl eines Kopfnickens nur oder das
eines flchtigen Blickes, den ich von Vorbergehenden auffing, und der
mir tiefe Seelenzustnde zu enthllen schien.

Ich bte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flchtiges in
bezeichnenden, nachdrcklichen Worten festzuhalten. Und deshalb
wurde es mir allmhlich auf den Spaziergngen schwerer, dem jungen
Philosophen in allen seinen Gedankengngen ber Chemie und Physik zu
folgen.

Der neue Freund, den mir der Denker zugefhrt hatte, und den ich
zum Unterschied von uns beiden Sprechenden und Errternden, da er
wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhrend war, den
Schweigsamen nennen will, -- dieser neue Freund war mir jetzt eine
wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprchen der
vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes
Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte
sich vorstellen, da, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mute,
da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise
pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte
Chopin oder Grieg, whrend der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte,
nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.

So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner
Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.

Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden
Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen
Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich
mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton
aller meiner Liederbcher und Prosabcher wurde, die in den letzten
zweiundzwanzig Jahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine,
die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden
Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten
Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schpfer
und Geschpf fhlt und nicht blo sklavische Unterordnung unter
berlieferte Begriffe kennt.

Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bcher und ich selbst seien
nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt,
wenn ich auf meine Bcher zurckblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu
wollen, den _dichterischen_ Verknder einer neuen menschenbefreienden
Weltanschauung nennen kann.

Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der
Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch
japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur
einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in bersetzungen zu
uns gekommen sind.

Ich erhielt fters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen
die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und
Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911
herausgab. Ich mu aber immer wieder und diesmal ffentlich erklren:
ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein
weniges, was in bersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel
aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner
Reise um die Erde, durch ganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war
es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich
der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fhlt
man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich
die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr hnlich, so
ist es ein leichtes, das ganze Gebrdenspiel einer fremden Rasse,
ihre Wnsche, Bedrfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer
Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu knnen, so wie man es zu
Hause bei dem vaterlndischen Volk tut.

Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverstndnis, die mir im Ohr und im
Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide
durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen
und ben konnte, als wenn ich alten berlieferungen und ausgetretenen
Gefhlswegen nachgegangen wre, sind mir auf meiner kurzen Reise
durch Asien die Kulturen der morgenlndischen Vlker leicht vertraut
geworden, so da viele Kritiker behaupteten, ich mte jahrelang
asiatische Studien betrieben haben vor, whrend oder nach meiner Reise.

Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahe kam, liegt doch nur in
dem Weltallverstndnis, das in jenem Satze enthalten ist: _wir besitzen
alles, und uns besitzen alle, und ber uns ist kein anderer Besitzer_.
Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden
Menschen zum natrlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball
und der Himmel hervorbringen.

Wenn ein Dichter sich von alten beengten berlieferungen befreit hat
und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hlt seinen eigenen
und sich mitbeteiligt fhlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen
von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurckkehrend zur
engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann
Gedanken und Gedichte in Flle zufliegen.

Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schpfer ber sich nicht
mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt;
die meisten, die die alten berlieferungen ablegten, gehen ziellos
umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glck anerkennend. Die
Einsicht aber, da der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar
von einander sind und ebenso das Glck aller und ihr eigenes Glck
zusammengehren, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben,
wird ihnen schwer, weil sie nicht _alle Leben als ihren festlichen
Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen
wollen_.

Dieser Besitz beschrnkt sich nicht blo auf die kurzen Menschenjahre,
sondern es ist gemeint, da der Besitz sich auch erstreckt auf alle
Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heit, auf alles
Leben, dem wir immer angehrt haben, angehren und angehren werden,
und auf alle Schpferkraft im Weltall.

Jedes Menschenleben ist hnlich einem Knstler. Dieser verfertigt ein
Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstck; und ist eines seiner Werke
beendet, so ist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein
neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.

So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen
Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls,
von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht ber
uns, kein Schpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schpfer
und unser Richter. _Diese Anschauung macht frei und verantwortlich
zugleich._

Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die
Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!

Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich
erklre: _wir alle sind lngst Besitzer der gttlichsten Seelenruhe,
des Nichtseins_, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen. _Wir sind
aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustnde sind untrennbar
von einander in uns verschmolzen._ Wir wandern nicht anders von Leben
zu Leben, als der Knstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern
vollbringt. Der Geist jedes Schaffenden steht hinter allen seinen
Werken in gttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unseren
Leben.

Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die
Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk
ttig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit
gttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.

Und nun will ich an Stelle des Wortes _Werk_ das Wort _Fest_ setzen.
Der Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das
Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, so lange es
sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr gengt, ihn das Fest
seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird
ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.

Das heit, jedes Lebewesen kann sich unbewut oder bewut sterben
lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms
heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schpfer war,
z. B. den Krper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit
neuer unerschpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder
Schpferlust nennen, neue Gestalt geben.

Jeder wird nach dieser Ausfhrung verstehen, da diese Art
Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar hnlich jener
bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist, _aber da sie aus
Schpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie
ist festlich_. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher
Anschauung und buddhistischer Anschauung.

Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales,
dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupteten, da wir
_gezwungen_ von Leben zu Leben gehen mssen, wenn wir uns nicht durch
steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch
fortgesetzte Abttung des Lebenswillens uns zum Nirwana, zur hchsten
Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das
Weiterleben, wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die
Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.

Der Geist des Abendlnders dagegen gibt die Lebenslust nicht auf.
Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben
als eine _Aufgabe_ an, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene
trumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europischen
Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendlnder kann sich
unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts
mehr vorstellen, da er immer krftig lebensttig ist und unermdliche
Lebensttigkeit ber unendliche Ruhe setzt.

Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt,
wenn wir die edelsten Regungen des morgenlndischen Geistes und
die des abendlndischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklrung
zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt: _Wir
sind immer ungezwungen Schpfer und Geschpfe gewesen und werden
es immer sein_, das heit: wir sind immer im Besitz _ewiger_ und
_endlicher_ Krfte gewesen. _Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns
ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene
Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schpferlust nach neuen Werken
und Festen greift._

Wir sind ewige Besitzer der Schpferkraft seit allen Zeiten. Wir und
alle kleinsten und grten Lebewesen sind immer ewige Besitzer einer
ewigen Ruhe, _die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel
zu erreichen brauchen. Und wir sind auerdem die ewigen Besitzer des
Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir
selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schpferlust heraus._

Christus, der groe Weise und groe Mensch der weien Halbkugel, sagte:
"Ihr sollt nicht sorgen fr den morgigen Tag, das heit, euch nicht
zu viel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt fr euch wie fr die
Lilien auf dem Felde."

Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns
gehrende unsterbliche Schpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund,
der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschtterlich ist, vor der unser
jeweiliges endliches Leben weniger als den millionsten Teil eines Atoms
bedeutet. Diese Schpferkraft wohnt in uns wie in allen, die mit uns
in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste
mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schpferkraft mssen wir uns
bewut werden, um uns nicht blo als die schwachen Geschpfe und als
Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu
fhlen.

Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana
zu. _Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein._

In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem
Nichtsein ein. Wir fhlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere
Weltferne zurck, in das Apogum, wie die Griechen sagten, in das
Nirwana, wie es die Asiaten nennen.

Aber wenn wir dann zum Lebensfest und zum Lebenswerk zurckkehren, zum
irdischen Atmen, zum Ttigsein und Handeln in irgendwelcher Gestalt,
in der wir eben unser Lebensfest feiern, dann hat uns auch stets die
Rckkehr entzckt, die Rckkehr von der Weltferne in die Weltnhe.

Denn beides ist unser ewiger Besitz, und keines von beiden wollen wir
missen. _Die Weltferne ist das ewig festlich Unabnderliche in uns, die
Weltnhe das ewig sich festlich Verndernwollende in uns._

       *       *       *       *       *

Und nun, ehe ich endlich jenen seltsamen Augustnachmittag beschreibe,
mu ich noch eine Erklrung abgeben.

Jeder Mensch hat nur zwei Hnde bekommen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei
Nasenlcher und im Halse zwei Rhren, eine fr die Luft- und eine
fr die Speiseaufnahme. Alle diese Zugnge zum Krper bedingen ein
bestimmtes Krperleben, ein bestimmtes Sinnesleben, das, solange wir
als Menschen leben, unverrckbar der Ausfhrung unseres Lebenswerkes
und unseres Lebensfestes bestimmte Grenzen setzt.

Das Lebenswerk und das Lebensfest wrde natrlich anders ausfallen,
anderen Erlebnissen unterworfen sein, wenn wir zum Beispiel mit dem
Leib eines Vogels, mit Flgeln, Schnabel und Fukrallen geboren wren.
Ebenso wren wir, als Blume oder Baum festgewurzelt, als Stein
festliegend oder als Wasser fortflieend, als Feuer auflodernd oder
als Rauch fortschwebend, einer anderen Lebensbewegung, einer anderen
Lebensttigkeit, einem anderen Lebenswerk und einem anderen Lebensfest
hingegeben.

Da aber jedes Lebewesen nicht blo der _Weltnhe_, sondern auch der
_Weltferne_ angehrt, da unzertrennbar von einander das Gefhl der
_Weltnhe_ und das Gefhl der _Weltferne_ in jedem Atom vereint wohnen,
sowohl im Rauchatom, als im Feuer, als im Wasser, wie in der Blume und
im Baum, ebenso wie in der Menschengestalt, so sind im Grunde alle
Lebewesen _eine_ Kraft, _eine_ Schpfung.

Festliche Ruhe, festliche Ttigkeit, an ihnen hat jedes Atom teil,
ebenso an der Lust der Weltferne wie an der Lust der Weltnhe. Die
Gestalten des Lebens gehren sowohl der Weltnhe, welche Ttigkeit
bedeutet, und zugleich der Weltferne, welche eine Erhebung ber das
Leben bedeutet, an.

Die Gestalten sind die Geschpfe, das Gefhl der Weltferne in den
Gestalten ist der Schpfertrieb, das ewige Leben.

Mit unseren jeweiligen Sinnen knnen wir immer nur _ein_ Leben leben,
_ein_ Fest feiern, das sich in der Weltnhe abspielt. Aber von der
Weltferne aus, zu der wir uns stndlich ber unser endliches Leben
erheben knnen, weil wir im letzten Urgrund bei ihr untrennbar wohnen,
knnen wir bei grndlicher Vertiefung alle endlichen Leben berschauen
oder uns in sie hineinversetzen, ohne unsere eigene Gestalt, in der
wir augenblicklich arbeiten und Feste erleben, sterben lassen zu mssen.

Wenn es in der Bibel heit: siehe, die Stimme Gottes sprach zu ihm im
Traum, oder wenn Buddha sagt: ich ging in einem Traum von Leben zu
Leben, so ist das nicht ein auer uns stehender Gott und Schpfer,
dessen Stimme wir gehrt haben wollen, oder der uns im Traum von Leben
zu Leben gefhrt hat, sondern: _es ist die Weltferne in uns, die zur
Weltnhe in uns spricht_.

Wir sind es, die im Traum zu uns selbst sprechen. Wir sind es, die uns
im Traum und in der wachen Ahnung Bilder, gewesenes und kommendes Leben
zeigen knnen.

Wir selbst, vermge der Schpferkraft in uns, die von der Weltferne aus
zur Weltnhe spricht, sind allwissend.

Unsere Weltferne steht nicht blo ber uns, sondern sie lebt im
Mittelpunkt aller Weltleben berhaupt.

Wir fhlen, wie die Radien eines Lebens tun, den Mittelpunkt und die
Peripherie des Kreises zugleich. Alle Leben finden sich zusammen in der
Weltferne auf einem Punkt, sowie alle Radien sich im Mittelpunkt des
Kreises treffen. Auf der Peripherie, in der Weltnhe, leben alle Leben
voneinander getrennt in der Welt der ttigen Erscheinungen.

Im Mittelpunkt, in der Weltferne, zu der wir uns in jedem Augenblick
erheben knnen, sind wir Besitzer und berschauer des ganzen Weltalls,
gleichwie der Kreismittelpunkt mit allen Radien Fhlung hat. Auf
der Peripherie aber, wo sich unser Gestaltenleben abspielt, dort
entsteht die krperliche Weltnhe, das Fest des endlichen Lebens,
whrend zugleich unsere Weltferne in ewiger Ruhe, im Mittelpunkt des
Lebens, die Erscheinung aller Leben, die wir im Augenblick oder nach
Jahrhunderten erleben, immer um sich kreisen lt, betrachtet und das
Fest der Ewigkeitsruhe geniet.

_Wir sind also in jedem Lebensaugenblick da und fort von uns._ Und wenn
unser endliches Leben aufhrt, so hrt doch nie unser Mittelpunktsleben
im Weltall auf. Wir nehmen vom Mittelpunkt aus sofort neue Fhlung mit
einem neuen Punkt auf der Peripherie.

Unerschpflich ist das Leben in der Peripherie, unerschpflich die
Schpferkraft unseres gemeinsamen Mittelpunktes im Weltall. Da wir
immer Weltnhe und Weltferne, Peripherie und Mittelpunkt in jeder
Sekunde zugleich erleben, _so sind wir alle allwissend, allgegenwrtig,
allfhlend_.

Wir tragen immer in uns alle jene gttlichen Eigenschaften, die wir,
frher unaufgeklrt, immer nur _einem Schpfer ber uns_ zusprachen.

Wir Menschen waren bisher nicht mutig genug, uns unseren gewaltigen
Lebensinhalt, den, da wir Mitbesitzer der Weltallschpfung, der
Weltallgedanken, der Weltkraft sind, klar zu machen.

Wir hielten uns nur fr ohnmchtige Peripheriewesen, nur von der
Weltnhe lebend. Wir trennten uns, unaufgeklrt, in unseren Worten und
Gedanken vom groen Schpfungsfest. Wir wollten nie verantwortlich,
nie grndlich den Anlauf zur Selbsterkenntnis unseres ewigen Daseins
nehmen.

Es war uns so wie einem, der nur immer seine Fe sieht und seine Hnde
und seinen Unterleib, der sich aber nicht einzugestehen wagt, da er
auch einen Kopf besitzt, weil er diesen Kopf bisher nicht sehen konnte
und deshalb nicht an das Empfinden glaubte, das ihm sagte, er besitze
einen ihm unsichtbaren Kopf, der fr ihn denkt, riecht, schmeckt, hrt,
sieht, das heit wahrnimmt.

Aber nun haben wir den Mut, wir Menschen von heute, zur Erkenntnis.

Es bleibt uns nichts anderes brig, als endlich zu erkennen, da der
Weltkopf, den wir fhlen, aber nicht sehen, nicht einem Schpfer ber
uns gehrt, sondern uns selbst.

Wir haben bei der neuen Erkenntnis nichts getan, als endlich
vollstndig unsere Weltallgestalt festgestellt.

Wir glauben jetzt ganz unserem Gefhl, das uns schon im Christentum als
Mitbesitzer der Weltferne, des Weltkopfes, erklrte, indem es uns den
vagen Begriff Seele einrumte. Aber man setzte ber diese Seele damals
noch eine Weltseele, einen Weltschpfer. Die Seele aber ist unsere
Weltferne, die nichts ber sich erlebt, auch keinen Weltschpfer. Denn
sie selbst ist schon im Vollbesitz der Ursprungskraft, der Weltallruhe
und der Schpferkraft.

_Wir Menschen sind, wie alle Leben, Schpfer und Geschpf, von uns
geschaffen und von allen und jedem Leben des Weltalls. Und wir sind
zugleich Mitschpfer von allen und jedem Leben des Weltalls._

Mancher wird nun vielleicht nach den vorangegangenen Erklrungen
tricht sagen: wenn wir behaupten, die Schpferkraft eines
Weltschpfers zu besitzen, mten wir dann nicht unser Leben
fortwhrend bewut ndern knnen? Es mte uns ein kleines sein, aus
Steinen dann Brot zu machen oder uns im Magen satt zu fhlen, wenn
wir es nicht sind, oder Berge fortwandern heien, Wasser in Feuer
verwandeln usw. Es mte uns leicht sein, so knnte ein Tor sagen, ein
willkrliches Spiel mit den Lebensgestalten und Lebenserscheinungen zu
spielen.

Wer so fragt und so spricht, hat aber nicht begriffen, da die
Weltferne und die Weltnhe sich in uns ewig das Gleichgewicht halten.
Das heit, ein unsinniges Spiel mit sinnlosen Verwandlungen in der Welt
der sinnvollen Erscheinungen, in der Welt der sinnvollen Weltnhe, ist
durch das Gegengewicht der ewig weisen und ewig ruhenden Weltferne in
uns unmglich gemacht. Die Weltferne in uns lt die Weltnhe keine
chaotischen Zuckungen machen. Wir selbst stehen ewig weise ber der
Torheit.

Das ewige Wechselleben in der Weltnhe wird in Zucht und Gleichgewicht
gehalten durch die unerschtterlichste Ruhe der Weltferne in uns.

Denn als Schpferkraft wirken immer zwei Regungen: erstens die
verankerte Ruhe und Betrachtung, die das berschauen vermittelt, und
zweitens die Ttigkeit, geleitet von jenem berschauen, die das
Lebenswerk oder Lebensfest gestaltet und in Szene setzt.

Aber wenn Ruhe und Weisheit an unserer Ttigkeit beim Lebenswerk
teilnehmen, -- wie kann dann berhaupt Bses geschehen, da doch die
weise waltende Weltferne in uns von unserer Weltnhe unzertrennlich
ist? Man sollte meinen, Bses knnte nie mglich sein.

Nun mt ihr, die ihr das fragt, einen Standpunkt so hoch einnehmen,
da ihr auch die hohe Antwort auf diese Frage verstehen lernt.

Bis jetzt nahmt ihr Menschen meistens alle an, da das Leben eine Plage
ist. Die Asiaten sprechen von der Lebensqual und von dem Fluch aller
Leben. Die Abendlnder sprechen vom Jammertal, von der Hoffnung auf
Erlsung und, wenn es hoch kommt, von der Lebensaufgabe, die man zu
vollenden habe.

Darber hinaus hat sich noch kaum eine Lehre erhoben, keine Lehre der
beiden Erdhlften.

_Das Leben ist aber ein Fest und soll ein Fest sein._ Das Leben ist
auch dem Elendsten immer festlich gewesen.

Bedenkt doch, da die Se des Lebens in euerer Vorstellung das
Paradies hat entstehen lassen, da sie den Mohammedanern lustige Grten
vorgaukelt voll sinnenfroher Frauen, den Christen einen melodischen
Himmel voll singender Harmonien und den Asiaten das groe selige
Ruhebett des Nirwana.

Wie festlich teuer ist uns Menschen alles Erleben, wie kstlich
festlich! Wir schaffen uns Bilder vom Leben noch ber den Tod hinaus,
um das Erleben nie zu entbehren.

Das Leben ist ein so gewaltiges Fest, da nur, wenn wir uns
bereitwillig die hchste Schpferkraft und damit zugleich die hchste
Verantwortung zuerkennen, wir das ganze Fest genieen knnen. Sonst
wird es uns gehen wie einem Drfler, der nie Musik, nie Bilder, nie
Tanz, nie Geist und Anmut gesehen hat und der beim Eintritt in einen
festlichen Gesellschaftssaal alle fr Narren halten wrde, die sich
dort rhythmisch bewegen. Er wre zuerst geblendet vom Fest und wrde
nichts als einen Wirrwarr sehen. Er wrde an der Schwelle stehen
bleiben und hchstens ausrechnen, wieviel Umstnde das ganze Fest dem
Wirt und den Eingeladenen gemacht hat.

Und derselbe Drfler, in ein Theater gefhrt, wrde, wenn er auf der
Bhne mitspielen sollte, linkisch oder frech werden. Und da ihm der
berblick ber das Stck fehlte, das zu spielen wre, und ber die
Gestalt, die er darin zu verkrpern htte, wrde er sich gergert
fhlen, wenn er sich nicht einzufgen gelernt hat, wenn er keine Lust
zum Spielen mitgebracht hat.

Und er wrde die Festvorstellung, bei der er mitwirken sollte und bei
der er Freude geben und Freude ernten sollte, verwnschen und sie als
eine _Plage_ verfluchen. Und er wrde vielleicht seine Gestalt und
seine Rolle wegwerfen aus Unverstand, und weil er keine Ahnung hat, da
er zu einem Fest, zu einer Lust beitragen soll.

Er wrde jammern, unglcklich sein. Und wenn er ein ernster Mann
ist und ein entschlossener Mann, so wird er hchstens die Rolle auf
Zureden aufnehmen und weiterspielen und immer von seiner _Aufgabe_
sprechen, aber nicht von einem _frhlichen Werk_ oder gar von _einem
Fest_.

Mit dieser Erklrung ist aber noch nicht erklrt, warum Gutes und Bses
da sein knnen, wenn Weltferne und Weltnhe immer weise herrschen. Der
eigenen Schpferkraft Weisheit in uns ist so hoch, da sie versteht,
da alle Geschpfe, alle Handlungen, gute und bse, notwendig sind, um
Erscheinungen zu schaffen und Lebenswechsel.

Dem Guten wird deshalb ewig das Bse gegenberstehen mssen, dem Tag
die Nacht, dem Frieden der Krieg, dem Aufbau der Verfall, dem Anfang
das Ende. Diese Notwendigkeit sieht die Weisheit der Weltferne in
uns ein, und es wird ihr deshalb nicht einfallen, dem Wechsel dieser
Gegenstze, der sich in unserer Weltnhe gestaltend und vernichtend
ausdrckt, einseitigen Einhalt zu tun und nur Gutes zu schaffen und zu
verlangen.

Trte im Peripherieleben, im Leben der Weltnhe, im Leben der
Erscheinungen, ewiger Tag ein, ewig Gutes, ewige Freude ohne Schmerz,
ewiger Frieden, so wrde das den Stillstand des Festes bedeuten, das
wir so sehr lieben, und dessen Stillstand ganz unmglich ist, da unsere
ewige Schpferkraft am ewigen Werke ist.

Ohne Weltnhe wre keine Weltferne mglich, und beide sind undenkbar
ohne die unerschpfliche Kraft, die jedem Atom innewohnt. _Wir sind
Besitzer der Allmacht und der Ohnmacht. In diesem Wechsel von Ewigkeit
und Endlichkeit befindet sich unser endliches und ewiges Leben in
jedem Augenblick._

_Wir sind die Weisheit und das Verbrechen an der Weisheit. Wir sind das
Gute und das Bse, wir sind der Tag und die Nacht, der Frieden und der
Krieg. Alles das besitzen wir, mit all dem handeln wir, und alles das
handelt mit uns._

Wir spielen alle diese Krfte aus, wie der Kartenspieler all seine
verschiedenen Karten ausspielt. Jedem Spiel aber liegen Regeln
zugrunde. So auch schreibt die Weltferne der Weltnhe ihre Regeln
vor, damit das Spiel in Ruhe gefhrt werden kann. Da die Karten immer
wechseln, das heit, aufs Leben bertragen, der eine mal die, der
andere andere Eigenschaften seiner jeweiligen Lebensgestalt einsetzen
kann, so wird das Lebensspiel, so wie jedes Kartenspiel, immer wieder
anders ausfallen, trotz der feststehenden Grundregeln, die das Spiel
regieren.

Wir selbst haben das Schpfungsspiel erfunden und spielen es, da
es unendlichen Wechsel bietet, unendlich weiter. Manche hnliche
Kartenzusammenstellungen kehren zufllig wieder. Das erweckt dann den
Schein, als ob ein Spiel wiederkehre. _Aber es ist kein Spiel gleich
dem andern, kein Leben, das wiederkehrt, ist gleich dem andern._

Um die urewigen _Gesetze_ des Spieles dreht sich der urewige _Wechsel_
des Spieles, und das Ganze ist von der Feststimmung der Spielenden
durchdrungen. Wie ein Spiel Scharfsinn fordert, bung, Ausdauer, Glck,
so fordert das jedes Leben.

Der Elendeste aber fhlt noch im elendsten Augenblick, wenn er
vielleicht vom endlichen Leben gewaltttig scheidet, die Feststimmung,
die auch das endliche Leben der Weltnhe und nicht blo das unendliche
Leben der Weltferne durchschwingt. --

Glaubt mir, ich habe fnfundvierzig Jahre jetzt nicht nur ein Leben auf
Rosen gelebt. Ich habe gelitten, gezagt, den Tod gewnscht und selbst
durch den Ha und durch das Verfluchen des Lebens hindurch immer noch
die Kstlichkeit und die Feststimmung des Lebens schimmern sehen.

Ich habe gehungert und gedarbt. Ich habe gestritten und habe geweint.
Ich habe mich ohnmchtig, gedemtigt, in den Schmutz gezogen, verlassen
und verloren gefhlt, _aber ich mte mich unehrlich, taub, blind und
gefhllos nennen, wenn ich das Leben nicht trotzdem, im Rckblick und
im Vorwrtsschauen, in jedem Augenblick als ein Fest ansehen mte_.

Alles dieses hatte ich ntig zu sagen, und es berkam mich die Lust zu
dieser Aussprache.

Ehe ich die Geschehnisse aus meiner eigenen Weltnhe weitererzhle,
wollte noch einmal meine Weltferne dazwischen reden, und ich mute ihr
das Wort geben.

       *       *       *       *       *

Noch ein Schluwort ber die Einfhrung in diese neue Weltanschauung,
_die sagt, da das Leben ein Fest ist und ein Fest sein will_.

Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit
noch nichts von Gott oder dem Schpfer wutet, von dem man euch spter
erzhlte.

Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestrzt ich war, als man
mir sagte, da etwas Strkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein
strkerer Herr als mein Vater es war, eine strkere Macht als meine
beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause
gewesen, ehe diese Erklrung der Elternohnmacht ber mich kam! Und
wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, da, wenn ich einmal gro
sein wrde, vom Vater fortkme und meine eigene Frau haben wrde,
ein Gottherr, der schon ber meinen Vater regiert hatte, immer noch
da wre, auch wenn meine Eltern tot wren, und da er ewig wie ein
Aufpasser ber mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie ber allen
Menschen.

Ich empfand das demtigend. Das Erhabenste in mir fhlte sich
gedemtigt; _das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das
Erhabenste dnkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht
vertraute, da es unantastbar wre._ Es fhlte sich beleidigt und
erniedrigt, einen Aufpasser ber sich haben zu mssen. Es war mir, als
drfte ich mich keinen freien unendlichen Gefhlen mehr hingeben, da
meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, da immer nur von meiner
"niedrigen" Endlichkeit gesprochen wurde.

Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit
der Bitte um tgliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller
Vorstellung entrckten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden
aufsuchen zu mssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte,
was ich ntig habe, schenke mir mein Vater, und dafr schenke ich ihm
meine Liebe und werde leben, wie er es wnscht und werde spter mir
selber helfen knnen.

Fr das Brot, fr den Rock, fr die Wohnung, fr Gesundheit und
Wohlergehen, fr die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen
Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso
morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, da er alles, was
ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also
Schwchlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind fr sich.

Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverstndlich, und ich tat
es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schpfer
etwas angenommen hatten, so hatten _sie_ bereits gedankt. Die ganze
Beterei war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.

Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte?
Warum mute er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso
meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde
Herr sich mir nicht? Es war mir unverstndlich, was seine ewige
Unsichtbarkeit fr einen Sinn haben sollte.

Es hie, er knne mich fortwhrend sehen, nur ich knne ihn nicht
sehen. Ich gewhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer
umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stnde und
ich ihn ertappen knnte.

Und als meine Mutter, wie ich fnf Jahre alt war, starb und man mir
sagte, sie wre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie htte es
dort viel schner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn
bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so ntig hatten?

Und als man mir antwortete: nichts ist bestndig, nichts ist wirklich,
da hatte ich oft das Gefhl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon
verschwunden, whrend ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich
sah vorsichtig durchs Schlsselloch, ob das Nebenzimmer noch da
wre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und
weder zum Frhling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter
wiederkehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr
Platz am Etisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am
Nhtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der
Dmmerstunde, und ihr Platz in der Kche leer war am Herd und im Flur
am Wscheschrank und im Sommer unter dem groen Nubaum und auf der
Gartenterrasse, -- da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfabares
ereignet.

Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mchtiger als mein
Vater. Sonst htte mein Vater meine Mutter von ihm zurckgefordert,
und es wrden ihre Pltze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem
Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem
sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine
Heuchelei, die man mich da lehrte.

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort,
an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren
selbst. War es wirklich so schn dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja,
warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht
sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, da sie es jetzt schner habe, wenn sie
meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es
dann wirklich bei dem Fremden schner haben und glcklich sein? Meine
Mutter war fr mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine
Mutter, sondern eine khle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo
man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns
Kinder ber besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf
mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht
werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich
auf seinen Scho nahm und mir mit Trnen in den Augen versicherte:
"Deine Mutter hat uns nicht vergessen," da stie ich unter Schluchzen
hervor: "Warum holst du sie denn nicht endlich?" Und mein groer
starker Vater mute wimmernd zugeben, da es einen Strkeren und
Greren gbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe,
nicht mehr hergeben wollte.

Fr einen Augenblick sank da die Hochachtung fr meinen Vater in meiner
Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem
Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war strker als er,
und meine Mutter war bei dem Strkeren. Ich wollte mich nur an den
Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch viel Unverstndlichere, etwas, das mich ganz
verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater,
der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, htte
hassen mssen, wie ich folgerte -- er faltete meine kleinen Hnde in
seinen groen Hnden und sagte: "La uns zusammen zum Herrn beten. Dann
kommen wir der Mutter nher."

Ich lie ihn beten und lie ihn meine Hnde falten und sah ihm mit
offenem Munde zu, wie er sich demtig gegen jenen unsichtbaren,
gewaltttigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewut htte, was
Narren und ein Narrenhaus sind, so wrde ich vielleicht gedacht haben:
wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in
welchem frher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet
hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. --

Aber wie einfach, glckselig und menschenwrdig wre mir die Welt
erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt --
die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt -- die tiefnatrliche
Erklrung gegeben htte: "Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da.
Nicht blo wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so
lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle
haben dir etwas zu sagen, alle knnen dir irgendwie helfen. Wir, die
du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar
von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir
bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben knnen die Gestalten verndern,
wenn wir es mde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein.
Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt.
Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein
Blitz, vielleicht werden wir Singvgel, vielleicht werden wir zusammen
eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir
ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht
sind wir ein Stck Brot, das du it, vielleicht ein Schluck Wasser, den
du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein
Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.

Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden knnen,
und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund
zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, whrend wir am Tisch
und am Bett bei dir sitzen.

Und du kannst berall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh,
du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich
darum vor keinem Leben frchten. Und kommt eine giftige Schlange in den
Garten, und sie beit dich, und du willst nicht sterben, du willst noch
Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht ber dich haben, und
jemand wird dir von dem Gifte helfen knnen, vielleicht dein Vater,
vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.

Bist du aber wirklich der Menschengestalt mde, vielleicht durch eine
tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglck, da du dein
Unglck in anderer Gestalt vergessen mchtest oder durch das Alter
deiner Gestalt mde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt
ablegen knnen, ohne dir Gewalt antun zu mssen. Und dann werden alle
Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir
gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen
knnen, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir
festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich
gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden
und neu zu erscheinen.

Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Flei und Sorgfalt
aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik
und die Menschenstimmen und alle Stimmen berhaupt haben deine Ohren
ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat,
irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.

Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut
zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und
ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und
deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswrme.

Und als du fertiggebildet warst im Schoe deiner Mutter, da hatte dich
deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt
sie Beschwerden und neun Monate wnschte sie Tag und Nacht, da du gut,
stark und ttig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein
Vater und deine Brder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich
leben, es sind.

Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer
oder Schmerz bereiten mu, so mut du bedenken, da du auch manchen
Dingen weh tun mut und manchen Trauer bereiten mut, denn das Leben
besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.

Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und
Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel
kann es festlich bestehen.

Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge,
zu denen du mit den Hnden und Fen, mit den Augen und Ohren, mit
deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich
nhern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer
andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken
unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme ber den Flu
hinberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken
kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der
Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten ber die cker
der Erde gehen kann.

Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen
kann, ohne da die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tr
in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im
Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen,
so leben wir alle in zwei Welten zugleich.

Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge.
Dort wohnt _alle unsere Kraft zusammen_. Dort gibt es dann nicht Vater,
nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann _eine_ Strke. Dort
sind tausend Mnner wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und
dort sind Mann und Frau so eng umarmt, da sie _eine_ Kraft sind, ohne
Anfang und ohne Ende, _eine starke Schpfer- und Liebeskraft_. Und dort
in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns
versenken, wenn wir uns in hohen Gefhlen erheben und erhaben fhlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch
zu klein und mut erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in
die Weltnhe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben,
bis deine Menschengestalt so krftig fertig geworden ist, da du den
Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen.
Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefhrtin
jenes Weges zur inneren Welt fr dich von ihren Eltern geboren und
auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du gro genug bist und
du ttig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu knnen, und
wenn du weise und krftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst
und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit
ihrer Lebenswrme zusammenlegen zu knnen. Dann wirst du mit ihr das
Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich
geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt." --

Htte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf
meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen
kommen und gehen, natrlich und mich zum Leben vorbereitend, also
geantwortet, dann wren mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche
Miklnge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart
geblieben.

Und htte man noch betont: _Das Leben ist ein weises Fest_. Du sollst
es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben
lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und ttig, Freude aufnehmend
und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, da
das Weltfest so mchtig ist, da es in seinem Wechsel von Freude und
Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und da es deine grten
Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mut, um
in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu knnen, um weiterkmpfen
zu knnen. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben
und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mut, zwischen
Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nchten wach liegen mut,
mache dich geduldig, mache dich demtig. Hasse deine Schmerzen nicht.
Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu
einer Verjngung deines Krpers, helfen zu einer Verjngung deiner
Schpferkraft.

Sei darum gtig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich
verjngen will. Sei verstndig und gehorsam seinen Mahnungen zur
Verjngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklrt von der
Hoffnung der Verjngung und Genesung.

_Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Krfte aller
Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und
alle Leben verstehen dich._

Denn es ist nur ein Schein, da du getrennt, scheinbar einsam oder
verlassen umhergehst. Du bist nicht blo der Mensch, den du im Spiegel
siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt in _allem_ Leben, und
alle Erscheinungen und Gestalten sind _in dir_.

Bedenke immer: du hast die grte Macht, und hattest sie seit Tausenden
und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein
Schpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.

_Durch deine uere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt
unwirklich zugleich. Und durch deine Schpferkraft verwandelst du die
uere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig
leben._

Und dieses, o Mensch, genieend und festlich zu verstehen, dazu wird
dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an
allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir,
da du wirklich und unwirklich zugleich bist.

Und wenn dich die Wirklichkeit ermdet, wirst du an der Unwirklichkeit
ausruhen knnen. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermdet, wirst du zur
Wirklichkeit zurckkehren knnen.

Aber du brauchst nicht zu frchten, da du die Menschengestalt, die du
augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im
Weltfest ist, da du diese immer ablegen sollst und sterben sollst,
wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.

Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt
hin auf die Erde und lt beide ausruhen, damit sie sich nicht so
schnell abntzen. Denn du hast beide lieb und gnnst ihnen, Krfte zu
sammeln.

Und wenn du einmal gro bist und grere Ttigkeit hast, als ein Kind
sie hat, und grere Krfte hergeben mut und deshalb auch wieder
grere Krfte und grere Ruhe sammeln mut, ob du nun als Mann oder
als Weib geboren bist, sieh, die Nchte knnen dann nicht lnger
gemacht werden, um dir grere Erholung zu geben. _Aber die Ruhe um
dich kann tiefer gemacht werden._

Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden fr deine mnnlichen Krfte,
oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden fr ihre weiblichen
Krfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben,
werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Krper werden sich
einander wie ihre Lippen den tiefen Ku der Liebe geben, und sie werden
das Lebensfest der Liebe feiern.

_Und sie werden fr Augenblicke tiefer ausruhen knnen als je, so tief,
als htten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt._

Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht blo in der Weltnhe
wieder und nicht blo in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer
Schpferkraft eins geworden, in der Schpferkraft, in der sie am Tage
getrennt gearbeitet hatten auf Erden.

Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens
und der hchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem
Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe
der Ewigkeit und hchstes Schaffen der Ewigkeit ttig.

Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen mglich und eine Einkehr in deine
Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermdet, ohne da du sterben
mut und die Gestalt wechseln sollst.

Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder
verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich
gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schpfungen, die
jeden an die Schwelle der inneren Welt fhren knnen.

Das sind die Werke der Knstler, Lied und Gedicht, ein Bild,
eine Bildsule und die Musik, Aussprche der Weisheit und stille
Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen
empfangen sollst.

Ein Gedicht, ein Gemlde, eine Bildsule, ein Musikstck -- das
sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der
Wirklichkeit und zum Vorbereiten fr dein Fest der Lebensttigkeit und
fr das Fest der Liebe.

Diese knstlerischen Schpfungen sind in die Tagesttigkeit gestreut
wie die Trume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage
an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder
des inneren Lebens, whrend deine Nachttrume Augenblicksbilder deines
ueren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.

Kunstwerke und Trume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter
Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Trume sind Echos der
ueren Welt. --

Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn
jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze
Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.

Lerne die Regeln des ueren Lebens, das sind die Staats- und
Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln
des inneren Lebens werden bereits in dir dmmern, bis du erwachsen
bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen
kannst und berblick erhltst ber das groe herrliche Fest, das wir
alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schpfer und Geschpfe
bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden
sind. --

       *       *       *       *       *

Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des
Elternhauses verkndet wird, da es unwirkliche und wirkliche Krfte
besitzt, da sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, da es festlich an
der Seite der Eltern das Fest der Ttigkeit, das Fest des Wachsens
zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und
Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu
einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfabares Reich
eingegangen, wo es schner ist, und haben nicht ihr Kind in einer
hlicheren Welt zurckgelassen, sie sind immer dagewesen und werden
immer da sein in des Kindes eigener Schpferkraft und in der Kraft
seiner Lebensgespielen um ihn -- fr dieses Kind, dem das Leben als
ein ewiges weises Fest erklrt wurde, gibt es keinen Tod, fr dieses
Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; fr dieses Kind gibt es keine
Hlichkeit ohne Schnheit.

Fr dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht
seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewutsein seiner
unerschpflichen Schpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen
Daseins, im Wissen, da es vor tausend Jahren war, schpferisch wie
heute, festlich wie heute, und da es in Tausenden von Jahren immer
noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles tglich
gehrt hat, geduldig, demtig und lchelnd, stolz, frisch und frhlich,
mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die
Liebe sehen.

Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in
ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine
Menschengestalt festlich auf Erden fhren und aus ihm festlich wirken.

Welch ein unerschpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter
Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von
einem sogenannten hheren Wesen unterjocht fhlen wird und von keiner
Erbsnde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl
der mit ihm Lebenden richtet -- das zu ermessen, bleibt jedem Herzen
gegeben, das sich aufmacht und sich als Schpfer und Geschpf fhlen
will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, -- eine Feier
von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergnglichkeit
und Unvergnglichkeit, ein unerschpfliches Fest, bei dem jeder
zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit
anderen Ttigkeiten und Genufhigkeiten, jeder in anderen Wrden und
anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft
von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.

Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den Knig
spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung
den Bettler machen mu, und der, der den Gesunden und der, der den
Kranken darstellen mu, und der, der den Witzigen und der, der den
Dummen spielen soll -- die sollen verstehen, da hinter jeder Rolle
ihre Schpferkraft steht, die sich in der nchsten Festvorstellung
sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen,
da sie nur als augenblickliches Geschpf die Rolle im Feste
spielen. Und da sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel-
und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden
von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener
Schpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfllen,
als festlich ttig zu sein, um festlich feiern zu knnen.

Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? -- Wenn mich
das ein Erwachsener fragen wrde, einer, dem man nicht als Kind vom
Lebensfest erzhlt htte, so wrde ich ihm sagen: "Du brauchst nicht
erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein
willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, da du
es nicht fhltest, da du festlich geboren bist, festlich auch in den
tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem grten krperlichen Leid.

Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders
sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewutsein deiner
Festlichkeit und deiner Schpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft
bewut, macht es euch alle bewut, da Geburt, Liebe und Tod zusammen
eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten,
da ihr ewig und unerschpflich die unsterbliche Schpferkraft selbst
seid."

Macht dieses euch bewut, sagt es einer dem andern; macht es den
Kindern bewut, ruft es den Leidenden und den Kranken in die
Erinnerung; sagt es euch selbst, wenn ihr die Liebsten um euch sterben
seht, wenn ihr selber leidet und sterben wollt; sagt es in eurer
Todesstunde euch und denen, die ihr beim Sterben verlassen mt.

Sagt dieses auch den Hochmtigen, den Tyrannischen, den sich
bermchtig Aufmachenden; sagt es den Gedemtigten, den Erniedrigten,
den Lebensmden: Alles gehrt ihnen im Weltall und nichts. _Alles
sollen sie als Gast genieen und alles als Gastgeber hergeben beim
unerschpflichen Fest ihrer Schpferkraft._

Wenn ihr euch umseht in der Welt, -- in jeder Handlung, in jeder
Lebensgestalt fhlt ihr berall Schpferkraft, nicht blo in den
Menschen. Alle Gestalten sind gestaltgewordene Schpferkraft. Ihr mt
die Tiere nicht dumm nennen, die Steine nicht gefhllos nennen, die
Bume und Pflanzen nicht als unverstndige Wesen ansehen.

Ja, selbst die Dinge, die ihr aus eurer Schpferkraft, aus eurem Geist,
aus den Gestalten der Erde zusammenfgt, den Tisch und den Stuhl, den
ihr euch gezimmert habt, das Bett und den Schrank, eure Werkzeuge und
eure Maschinen, -- vom Augenblick, wo ihr sie schuft und sie benennt,
sind es Wesen von eurem Geist geworden, lebende Gebilde eurer ewigen
Schpferkraft.

Denn auch die toten Dinge haben durch euch ueres Leben und innerstes
Leben erhalten. Ihre Gestalt wird wie eure Gestalt abgentzt und
abgelegt, aber ihre Schpferkraft geht nicht verloren, und diese Dinge
werden sich aus euch wiedergestalten.

Denn auch die toten Dinge sind zum Feste gekommen, auch sie leben
festlich. Auch sie werden krank, auch sie werden mde, denn auch sie
arbeiten fr euch, indem sie euch ntzen, auch sie werden alt wie
ihr, auch sie haben ihre bestimmten Festgesetze, die aber natrlich
grundverschieden von denen der Menschengestalt sind.

Wenn ihr euch tief zu eurer inneren Welt zurckzieht oder euch zu
ihr erhebt, so knnt ihr das Lebensgesetz, die Schpfungsidee, den
Schpfungsgenu, die jeder Gestalt zugrunde liegen, verstehen, _denn
ihr wit im Grunde alles_.

Ihr drft aber die Dinge um euch nicht mit euren Menschengesetzen
messen. Ihr sollt nicht sagen: "Schrank, sprich Menschenworte, wenn du
lebst, wie ich. Dann will ich dir dein Leben glauben."

Ihr knnt nicht sagen: "Tisch, bewege dich mit deinen Beinen vorwrts
wie ein Tier. Dann werde ich dir glauben, da du lebst."

Ihr sollt nicht sagen: "Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir
glauben, da du lebst."

So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: "Fri Fleisch und weine
Trnen!" Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn
leblos.

So knnt ihr nicht zum Baume sagen: "Trage beliebige Frchte, wenn ich
es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hrst und
dich mir verstndlich machen willst." Oder: "Baum, fliege fort wie ein
Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg."

Ihr werdet nicht zum Pferde sagen knnen: "Wenn du menschenhnlich
bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Fen dein Leben
lang."

Und zum Vogel drft ihr nicht sagen: "Du kannst nicht so klug und so
festlich sein wie wir, weil du nicht in Husern mit vielen Zimmern
wohnst, weil du keine Menschengensse kennst, keine Menschenbcher,
keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst."

Darauf mu euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel,
zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: "Wenn du fliegen knntest,
Mensch, von Ast zu Ast, so wrdest du zwischen Blten erfahren, in
welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blten, die fr dich, Mensch, klein
sind, sind fr mich, den kleinen Vogel, so gro, da, wenn sie in
deiner Welt wren, sie im Verhltnis zu dir so gro wie dein Kopf sein
wrden und noch grer, ja, manche Blumen wren so gro wie du selbst.

Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen
mhlsteingroer Blten! Wenn du dann fliegen drftest; wenn du in den
ther hinaufsteigen knntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen
von dir selbst, so wie dich deine Fe ber die Erde tragen, aber
nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang
in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und
Wirklichkeit entfernen zu knnen, getragen von dem Liebesdrang im ther
ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine
Liebe auch deinen Krper ber alle Dinge erhebt.

Welch ein Fest, Mensch, wrdest du dann fhlen! Wrdest du nicht gerne
die Bcher, die Sle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?

Tu es, und nimm im nchsten Leben die Gestalt einer Lerche oder
die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu
tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich
mein Vogeldasein ermden sollte und mich ein innerer Wunsch zur
Menschengestalt hindrngen sollte.

Meine Schpferkraft ist auch deine Schpferkraft. Du kannst mir
nachfhlen, auch ich kann dir nachfhlen. Wir sind verschieden und doch
nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich
leben, da wir beide im ueren Leben scheinbar getrennt sind, im
inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und
derselben ewigen Schpferkraft."

So wrde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein
Verstand ihn fragen wrde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes
Lebewesen, wenn du willst, dir ihr ueres Leben verschieden von
deinem erklren, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.

Ihr steht alle zusammen in Fhlung, in Verstandes- und Gefhlsfhlung,
geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, die
_eine_ einheitliche Schpferkraft, die im ueren und inneren Leben das
ewige Schpfungsfest feiert.

_Keine Schpferkraft steht ber euch; die Kraft liegt in euch. Alle
Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten
deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das groe Fest zerfllt in
viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schpfungsfest,
das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart
und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschpft habt und immer
mitschpfen werdet._

Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es fr einen Sinn, dieses
ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das
Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genu ist, wird dieser Genu nicht
eintnig?

So frage ich dich zurck: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du
vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser
kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfllt? Wie kannst du denn da mit
dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschpflichen Lust
der Schpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lgen straft?

Dieses soll dir aber nicht genug Erklrung sein. Ich will dich gar
nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und
dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu drfen. Ich will dir
nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich
so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest,
auf der Hhe deiner Schpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles
dir gelingen wrde und dein Krper noch stolz war, dein Blut spielend
durch deine Adern lief, dein Rcken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine
Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz
voll Wohlbehagen -- wrdest du da gesagt haben: Es ist eintnig, ein
Mensch zu sein?

Und wenn dir in der Flle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib
gegenberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach
dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor
Sehnsucht herrlich demtig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir,
Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch,
da dann dieser Augenblick eintnig war?

Glaube mir auch, da, wenn du diesen Augenblick wieder erleben wrdest,
in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er
wre in keiner Lebensgestalt eintnig. Der Liebesaugenblick ist bei
allen Gestalten ein Augenblick von unerschpflichster Seligkeit und
Lebenslust und hchster Lebenshhe.

Ob du in einer Blte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist
Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermnnchen
bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder
ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepret in Kalk- oder
Sauerstoffverbindung, -- wo und wie du dich auch mit deinem Weib
gestaltet hast, berall wirst du den Lebenshhepunkt auf dem Gipfel
deiner Kraft im _Liebesaugenblick_ finden, in der Liebesumarmung, wobei
du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer ueres so dicht
zusammenlegt, da ihr in der Schpferkraft eins seid.

_Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schpferkraft selbst. In
diesem letzten Augenblick der hchsten Liebesvereinigung, des tiefsten
Ineinandersinkens erlebt ihr ein greres Sichselbstvergessen als im
Tod und zugleich ein hchstes Sichselbstbettigen, einen strkeren
Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, strker, als es eure
eigene Geburt fr euch war und alles, was ihr im Leben tatet._

Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller
Lebewesen hchstes Fest ist, hher als das Geburtsfest und hher als
das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, knnt ihr, wenn
auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg
zur Verstndigung mit allen anderen Gestalten finden. _Denn in der
Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, -- der Liebe streben alle
Leben im Weltall zu._

       *       *       *       *       *

_Auer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine hhere Seligkeit, fr
jede Gestalt bedeutet die Liebe die hchste Lebenshhe, sie ist fr
alle Leben das einzige Lebensziel, die hchste Lebensfestlichkeit, die
das Weltall kennt._ --

Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schrnke, der
Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Sthle! Wo ist das Liebesfest
und der Schpfungsakt bei den toten Dingen?

Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter
des Schrankes. Ihr habt doch gehrt, da alle Dinge zu euch Vater
und Mutter sein knnen. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der
Schrank ein zugehriges Stck zum Menschen ist, so mute er auch von
einem Menschen zuerst fr das Menschenleben geboren werden.

_Denn, seht, Wnsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind._ Der
Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behlter
fr meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich
diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins
Herz, so da er ein Herzenswunsch wird. Dort la ihn rufen und sich
sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.

Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es
mit allen Wnschen tun mu, wenn sie etwas erreichen wollen.

Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der lngst fr diesen Wunsch
vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist fr eine Frau. Und Gedanke
und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die
Schpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.

Und der Mensch nahm die Bretter, die er aus einem Baumstamm gesgt
hatte, und seine Hnde setzten die Bretter zum Schrank zusammen. Und
siehe, Wunsch und Gedanken, vereinigt im Herzen, freuten sich ber ihr
Geschpf, den Schrank, den sie geschaffen.

Und als der Leib seine Kleider dann in den Schrank legte, war der
Wunsch befriedigt, und auch der Gedanke war befriedigt. Und der Kopf
nickte auf dem Leib, und Wunsch und Gedanke, beide sahen ihr Werk, den
Schrank, an und freuten sich festlich.

Und so, aus Wunsch und Gedanken, aus dem Liebesakt von beiden im Herzen
des Menschen, wurden alle Dinge geboren, die der Menschenleib nicht
vorfand, und die der Wunsch und der Gedanke fr das Menschenleben
schaffen muten. Doch das Leben solcher geschaffenen Dinge kann
natrlich nicht seinen Zweck ndern, und es endet, wie alle Leben, bei
der Zweckerfllung. Wir knnen nicht zum Schrank sagen: "Sei du heute
die Treppe des Hauses oder gib uns heute Licht wie die Lampe."

Erfllen die Dinge ihren Zweck gut, so sind sie gutgeratene Dinge und
knnen lange leben.

Der Zweck eines Gegenstandes ist sozusagen das innere Leben des
Gegenstandes. Der Zweck bedingt die Gesetze des Gegenstandes, unter
denen derselbe leben soll, und von denen seine uere Gestalt bedingt
ist. Die Gegenstnde leben darum innerlich und uerlich, wie die
Menschen, die auch fr ihre Menschengestalt ihre Gesetze und ihren
Zweck von ihrer Weltferne fr ihre Weltnhe vorgeschrieben bekommen
haben.

Da der Schrank sozusagen ein Glied ist am Menschenleben, so kann er
nicht sich selbst und keine neuen Schrnke erzeugen; denn dein Arm an
dir bringt auch keine neuen Arme hervor, dein Kopf setzt keine neuen
Kpfe zwischen deine Schultern, weil er ein Glied an dir ist; die
Glieder selbst pflanzen sich nicht an dir fort. So pflanzt sich auch
kein Schrank fort, der ein Glied deines Menschenlebens bedeutet, da du
ihn dir fr deinen Leib geschaffen hast.

Und Glieder des Menschenlebens sind alle Gegenstnde, die du dir zum
Leben schaffst, wie der Schrank, wie der Stuhl, wie der Tisch, wie
die Lampe, wie dein Haus, wie dein Kleid, wie alle Maschinen und alle
Kunstwerke, die du dir zur Erhaltung deines Leibes und deines Geistes
erschaffen hast, das heit, zum Fest deines Menschenlebens, deines
inneren und ueren Daseins.

Du wirst jedoch, wenn dein Arm seinen Zweck erfllt, aber sich nicht
an dir fortpflanzt, nicht behaupten wollen, dein Arm sei kein lebendes
Wesen, er sei ein totes Ding. Er besteht aus lebenden Schpferatomen so
gut wie die Bretter des Schrankes. Sie sind ja gewachsen, die Bretter,
als der Baum wuchs, dem sie angehrten.

So ist dein Arm gewachsen vom Mutterleibe an bis zum Tage, wo dein
Wachstum stillstand. Aber da er jetzt nicht mehr weiterwchst, dein
Arm, und da die Bretter des Schrankes nicht mehr weiterwachsen, sind
sie deshalb doch nicht tot.

Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und
das Holz zu grn ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das
Fleisch deines Armes fr Wrme und Klte empfindlich ist, so ist das
Fleisch des Schrankes, das heit, seine Bretter sind fr Wrme und
Klte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mrbe wird
und lahm und mde und die Frische und die Lebenslust einbt, so geht
es mit dem Schrank. Sein Holz wird mrbe, und das Holz kann Krankheiten
bekommen durch Feuchtigkeit und Nsse. Wucherungen entstehen, so wie in
deinem Fleisch, so auch im Holz.

Und nicht blo dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die
Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Grtner,
die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt
haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein,
Eisen und Erde knnen krank, mde, mrbe und untauglich werden. Und
wenn sie von den Menschen zu Gegenstnden verarbeitet waren, dann
knnen sie, wenn sie mde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben,
nicht ihren Zweck mehr erfllen.

Da aber mit den Gegenstnden -- die wir nur mit erweiterten Gliedern
unseres Menschenlebens vergleichen knnen, wenn wir sie in ihrer
Gestalt betrachten und verstehen wollen -- also nur ein Teil von uns,
ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig,
wenn wir diese Gegenstnde sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen
sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres,
eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als
der Verlust einer ganzen Menschengestalt.

Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, da Lebensatome,
Lebenskrfte, mit den Gegenstnden oder mit den Gliedern, die wir
verlieren, um uns verschwinden, so knnen wir, wenn wir uns auf einen
hheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Krfte
dieser Gegenstnde oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome
und ihre Atomkrfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar
aufhren, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit
fort. Die Schpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den
Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat,
diese gibt dem Schrank hnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es
gegeben hat.

Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und
Gedanke gehrt wie der Mensch im letzten Grunde der Urschpferkraft
aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun
Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schrnke,
ausdenkt.

Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, da
nicht blo der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere,
Pflanzen, Bume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen
und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so knnen sie und auch die
"toten" Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut
wie der Vogel den Menschen berzeugen kann, wenn letzterer sich in des
Vogels Leben vertieft, wie schn es dieser in der Luft hat, so knnen
auch die Gegenstnde im Zimmer zum Menschen berzeugend reden und
knnen von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter,
ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.

Und diese Gedanken und Gefhle, die dir, Mensch, beim Anblick toter
Dinge im Herzen zu reden beginnen, _das ist die Sprache der stummen
Dinge_. Hre darum deinen Gedanken und Gefhlen zu, wenn du vor der
Welt und ihren Dingen sitzt. _Die Gedankensprache und Gefhlssprache
ist die Weltallsprache._

Der Gedanke und das Gefhl sind die Stimme, mit denen die Gestalten
des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen
Gegenstnde, sich deinem Herzen und seiner Schpferkraft verstndlich
machen wollen.

Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit
Gefhlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe
bitten, da du ttig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir
selbst helfen, da du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir
droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, da sie mde sind und
sterben wollen und die Gestalt wechseln mchten. Mal wollen sie dir
in ihrer Ttigkeit gefallen und deinem Gefhl mit ihrer Farbe und mit
ihrer Linie mitteilen, wie schn, stark und ewig das Lebensfest ist.

_Sage darum niemand, da nicht im Menschenleben die ganze Welt zu uns
kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen knnen._ Die Gedanken
sind die Klnge und Worte der Festlichkeit, und das Gefhl gibt die
Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick
anders umgibt.

_Gedanken und Gefhle sind die Sprache, die die Weltalleben
untereinander verbindet._ Glaubt nicht, da nicht jedes Tier denken und
fhlen kann. Jedes Gras denkt und fhlt; jeder Baum, jeder Stein, die
Berge, die Wolken, der Flu, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken
und fhlen. _Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefhle zu, alles
steht untereinander immer in ewiger Fhlung, denn alles Leben ist eine
und dieselbe Schpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe uere und
innere Welt._

Eine groe unendliche Lebensfhlung waltet im Weltall, und die
uersten Sterne der Milchstrae sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie
deine Freunde in Amerika oder China, nicht blo mit Telephon, Telegraph
oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefhlen, mit dir sprechen.

Wir wissen jetzt, da wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem
Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hren, noch
von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die "Telegraphie ohne
Draht" Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefhle, hinleiten
knnen. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer
eines solchen Gedankenbertragungsapparates, da es Besitzer der
Schpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt,
handelt und empfindet.

Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehrt ein Gehirn.

Wer an die Schpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht
vorstellen, da jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume
gibt es eigentlich kein gro und klein und auch keine Zeit. Es
gibt nur Unendlichkeit in den Grenbegriffen dort und Ewigkeit in
Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden
sein!

In jedem Atom knnen auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum
sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhltnis zum Menschen die letzte
Kleinheit bedeutet. Aber im Verhltnis zur Ewigkeit ist das Atom noch
ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkrften, voll Weltempfinden,
eine Weltschpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.

       *       *       *       *       *

Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich
aufzuklren, der wird klrende Worte wie ltropfen in seinem unruhigen
Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden,
auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und berblick Fu fassen kann.

Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird
die Unruhe nicht Fu fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen
Dmmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper
Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von frheren
falschen Idealen unbefriedigt, von frheren halben Lsungen angewidert;
der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die
Geduld besitzt, es in Ruhe auszukmmen. Und er wird sich Schmerzen
bereiten aus einer unntigen Ungeduld heraus. Darum gnnt euch Geduld,
diesem Buch zuzuhren.

Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklrung, die
sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat,
vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht htte ich, da ich weniger
Unruhe begegnen wrde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr
weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum.
Ich mchte, da es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr
Verinnerlichung und mehr Verstndnis fr die Weltleben, fr Naturleben
und fr Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom
Lebensfest geerntet wird.

Der Kapitn des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir,
als die Anker in Nagasaki Grund faten: "Herr Dauthendey, so lange Sie
jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein
Kind schreien hren und niemals sehen, da ein Tier geschlagen wird."

Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit
behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern,
unendliche Geduld zu ben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es
ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verstndigen will,
unendliche Geduld zu ben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl
beim Kind als beim Tier. Und fr alle Leben, mit denen man in Beziehung
treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig mglichen
Verkehrsmittel, die angewendet werden mssen, weil sonst berhaupt
keine Verstndigung mglich ist, keine bertragung von Gedanken und
Gefhlen dieser lautlosen, aber berall den Verkehr ermglichenden
Weltsprache.

Denkt euch einem Franzosen oder einem Englnder gegenber, dessen
Sprachen ihr noch nicht gelufig versteht, so knnt ihr doch bei Geduld
und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen.
Denn es ist durchaus nicht ntig, die Sprache der verschiedenen
Vlker oder der Tiere, der Vgel oder aller Dinge in ihren Lauten
auszuklgeln.

Es ist auch nicht ntig, die Zeichensprache der windbewegten Bume, der
Grser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergrnden. Es ist
auch nicht ntig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten
bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.

Dieses Deuten berlat denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des
Weltallebens widmen wollen.

Ihr alle aber knnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn,
ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit
ber euch selbst breitet und den Gedanken und Gefhlen so den Zutritt
lat, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen
Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.

Hrt, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht,
hrt auf die Gedanken und Gefhle, die in euch aufsteigen, die zu eurem
inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem ueren Ohr auf die Sprache und
Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkrlichen
Gedanken und Gefhlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens
miterleben.

Hrt auf die Gedanken, die euch bertragen werden von den euch fremden
Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefhlswelt, die die allgemeine
Weltsprache ist, und wit es: _auch eure Gedanken und Gefhle dringen
ein in die anderen Leben um euch_.

Ihr braucht dabei nicht an das Wort "Gedankenlesen" zu denken. Ihr
sollt gar nichts an eurem Wesen ndern, um die Welt zu verstehen.
Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit und _Lebensfestlichkeit_
unausgesetzt ber euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben
zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert,
so wie ihr es nie erwartet habt, da dieses mglich wre zu erleben.

Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die
Welt zu horchen. Gerade mitten in der Ttigkeit, wenn ihr euerer
Beschftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein
Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer
Arbeit, manches Mal ein Urteil ber eure Vergangenheit, manches Mal
einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.

Nur _der Glaube_ an die Weltallsprache sei euch gegeben, denn das
_innere Wissen_ habt ihr alle lngst selbst gehabt. Freunde mt
ihr sein mit allen Lebewesen, mglichst geduldige, vertrauende und
liebevolle Freunde, mit allen Gegenstnden um euch, mit allen Lebewesen
um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und
zusprechen.

Glaubt nicht, da ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote
Dinge zu Feinden machen knnt. Ihr knnt euch die ganze Welt zu
Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die
Gedankensprache der Welt nicht hren wollt. Dadurch werdet ihr dann
viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die
ganze uere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der
ihr gelebt habt, abzulegen, frher vielleicht abzulegen, als ihr es
vorhattet, und mt euch verwandeln, um eurem Ha und dem Ha der Welt,
den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.

Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen
Verhltnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt
zu Freunden zu machen und das Weltfest genureicher zu feiern, als ihr
es vorher tatet, _denn ihr seid immer Schpfer eurer Zustnde_.

Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, da ihr an einem weise gefeierten
Fest teilnehmt, knnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch
freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch,
wenn er Gastgeber oder Gast ist, knnte seine Lust darin finden, eine
Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben!
Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest
erscheinen wollte, wrde er sich bald hinausgewiesen fhlen und wrde
erst wiederkommen drfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt
zeigen kann.

Wohl mag es vorkommen, da einer sich den rauhen Spa machen will, sich
Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als
Feststrer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben mssen,
weil wir Gestalten innerer Schpferkraft sind, weil Leben aus Licht
und Schatten, Freude und Leid bestehen mu und nur der Wechsel das
festliche Leben erzeugt.

Darum setze ich hinzu: _die groe festliche Weltallschpfung wird
nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine
Weltanschauung die Schpfung gebessert hat. Denn die Schpfung ist
nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel
von Tag und Nacht, von innerer und uerer Welt, von tiefster Ruhe und
hchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schpferlust._

Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung ber die
Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert,
nichtssagend, mrbe, alt und brchig geworden ist, weil ihre Zeit um
ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltberblicke aus neuen
Aufklrungen heraus fr die Menschheit fordert, und die frheren
Weltanschauungen fr uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr uerste
Weltberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng
werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen
verndert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren knnen, so
wechseln auch die Weltberblicke der Menschheit, die sie sich ber das
Leben machen mu.

Die Gtterlehre der Griechen und Rmer, die Gtterlehre der alten
Germanen und Kelten, die Gtterlehre der Egypter, die Gtterlehre
der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Vlker, die
jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet
haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, da
das damals scheinbar Unerschtterliche erschttert werden konnte,
absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen knnen, wenn ich ihm jetzt die
Entstehungsgeschichte meiner Bcher und die Richtung meiner
Lebenswege schildern werde, da ich alle Kraft, alle Arbeit,
Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem
Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefhl schpfen konnte.

Aber man mge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der
Rede des Pharisers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und
sagte: "Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohlttig
gewesen."

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt
niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde,
herauslesen, keinen bermut und keine berhebung ber alle die, welche
anders denken.

Es fllt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht
begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich
ans Dunkel gewhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den
sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom
Dunkel zum Licht gewhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung
fr die wrmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder
als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder
nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos
betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine
unheilbare Krankheit -- denn alle diese Anschauungen habe ich aus
dem Munde lebender Menschen gehrt --, wer eine von diesen genannten
Anschauungen vertritt, der mge doch wenigstens seinem heranwachsenden
Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise
Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und
Freundlichkeit unternimmt, da er einen greren Vorteil davon haben
wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die frheren
Kinder waren, weltverstndiger und dadurch edler. Und weltverstndige
und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glck, Ehre
und Vergngen bereiten als eingeschchterte, verheuchelte oder in
Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel
des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, da sie Schpfer und Geschpfe
zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und da ihre
augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist,
sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: "Wir erinnern uns nicht und knnten nicht
antworten, wenn wir pltzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei
Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht
und erlebt?" -- So ist es auch mit unserem frheren Leben. Wir kennen
es uerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben,
die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

_Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben._ Schon die
Sekunde, whrend ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der
ueren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer
anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich
wird, bis ihr ausgedacht habt.

Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und
unwirklich zugleich. _Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut
zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und
alle Lebewesen._

Alle Leben gehren einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und
deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige
Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist
hoch und niedrig zugleich.

Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich,
denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist
hoch und niedrig zugleich, vergnglich und unvergnglich, wirklich und
unwirklich.

Und sagt euren Kindern weiter: "Liebe Kinder, wenn ihr das begreift,
da alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und
ungreifbar, einer inneren und einer ueren Welt angehrig zugleich
ist, so mt ihr nicht den Schlu ziehen, als wre die Welt und das
Leben ein kreisender Unsinn.

Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein." Deshalb ist es wie jedes
Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe fr das Mdchen und das
Schaukelpferd fr den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein
anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und
wenn ihr spielt, eifrig, glcklich und lebensvoll, dann fhlt ihr euch
festlich.

_Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mchtiges
Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter
festlich erleben wollen._ Die verschiedenen Gestalten des Lebens,
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstnde, Lichtstrahlen und
Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die
Schpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.

Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden
erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser
wechselndes Erleben bei diesem Feste.

Und in jeder Gestalt sind drei groe Hauptfreuden zu erleben mglich,
und alle drei Freuden gehren wie die Geschpfe, wie die Schpferkraft
auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.

Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben
trittst, das ist die _Ttigkeit_, krperliche und geistige _Ttigkeit_.

Die _Ttigkeit_ ist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloe
Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit. _Ttigkeit_, geistige und
krperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil
wird; und diese Freude tglich zu vergrern, wird jedem eine Lust
sein.

Denn die _Ttigkeit_ kann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie
Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen. _Die Ttigkeit anderer
betrachten und die Ttigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des
Kindes._

Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite groe Festfreude
begegnen: _die Liebe_, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen.
Auch die _Liebe_ gehrt einer wirklichen und einer unwirklichen Welt
an, so wie die _Ttigkeit_ einer geistigen und krperlichen Welt
angehrt. _Ttigkeit_ und _Liebe_ sind dann die beiden groen Freuden
im _Lebensfest des Erwachsenen_, im Lebensfest des Mannes und der Frau.

Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht
der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem
Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine
Verklrung ber euch, ein Rckblick ber das Sattgewordensein in diesem
Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr ttig
wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenu ber euch.

Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt
die dritte Freude, die letzte groe Festfreude ber euch: das ist die
Freude an der _Weisheit_. _Wissend_ und _weise_ werdet ihr ber das
Fest zurckschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt
ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjngt.

Und auch die _Weisheit_ ist wirklich und unwirklich zugleich, und
darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. Die _Weisheit_ ist eine hohe
Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im hchsten
Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird.
_Die Weisheit ist die Freude des satten Alters._ --

Aber ber eurem ueren und eurem inneren Leben, die wirklich und
unwirklich zugleich sind, ist _wirklich allein eure_ Schpferkraft.
_Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer
Eigentum. Sie fhrt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens.
Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und
vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum
Geschpf und Schpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer
unendlicher Besitz und lt euch ein unendliches Fest feiern, ohne
Mdigkeit, ohne Eintnigkeit, ein unendliches Schpferfest._ --

Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet,
das seid ihr selbst. Nicht blo euer Kleid schuft ihr euch, eure
Schpferkraft durchstrmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten
Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ngstlich
sein.

_Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz._ Ihr braucht
nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz.
Eure Schpferkraft umschliet es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen
und in den Hnden haltet.

_Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mit allen Leben verkettet._ Wie
euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn
besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere
Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschpf in die Welt. Und euere
Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schpferkraft
ist. Das heit: _Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, --
ihr seid Geschpf und Schpfer zugleich._

       *       *       *       *       *

Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir
ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklrt. Bewut und
unbewut wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt,
in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg
zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor
mir feststellen.

Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen,
der mir im Frhling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene
mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst
wie einen Keim wachsen gefhlt, und jetzt berragt sie mich wie eine
Weltenesche, und ich sitze unter schtzenden Gedanken, gelehnt an den
festen Stamm meines gefestigten Schpfungsbaumes und fhle mich im
innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.

Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ich noch die Reste der
Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen
und vor Augen hatte, und ich will erzhlen, wie es mir da erging.

Auf jenem Abendspaziergang, im Frhling 1890, gab mir mein Freund mit
den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstck meines heutigen
Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, da es sich durch fast
dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.

Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, da sich
das Goldstck von selbst, ohne da ich damit wucherte, zu vermehren
begann, und ich merkte, da das Gold, wenn ich in meine Tasche griff,
meine Hand mehr und mehr anfllte, da kam die lcherliche Gier ber
mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast
und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig
war und dem selbstverstndlichen Wachsen des geistigen Goldes mit
Selbstverstndlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die
wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu
strmischer Bereicherung anzufeuern.

Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun
dem Leser so lange schuldig bin, da er lngst das Recht hat, sie
ungeduldig von mir zu fordern.

Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung
auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich
nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einen Augenblick, an
dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mchtig
an trichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem
Freunde im Angesicht der Stadt Wrzburg durchlebte.

       *       *       *       *       *

Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke,
halb auf der Mauerbrstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt,
die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem
Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen,
und sollte ber den Sonntag bleiben.

Zwei Wege fhren von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf
einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum
Sptnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, whrend
ich mich im Landschaftszeichnen ben wrde.

Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger
Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spt in der
Nachmittagsstunde drckend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich
dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Tler und die Stadt im Tal
lagen noch breit im glhenden Nachmittagsonnenschein.

Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, ber
den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte
sich hier leicht Herr der ganzen Welt fhlen.

Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zum Landschaftszeichnen von
der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich
hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: "Ich finde,
wir ntzen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst
diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und
ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wre es nicht einfacher,
wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prfen, -- ich
meine von ihnen besonders den Gedanken, da wir Schpfer und Geschpf
zugleich sind und keinen einzelnen Schpfer ber uns haben, -- wre
es nicht mglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, da wir uns dann auch
im alltglichen Leben als Schpfer gebrden mten, so da man alle
diese Wunder spielend vollbringen knnte, welche zum Beispiel Christus
vollbracht haben soll?"

So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schpfer nicht im weitesten
und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, da ein weiser
Schpfer seine Schpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht
willkrlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe
an seinen Werken ttig war.

Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat,
einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schpfungskraft geben
zu wollen, indem er ganz unntze und unntige nderungen an dem
vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkr walten
lt und pltzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen
hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die
Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um
sich zu beweisen, da er tun kann, was er will, weil er Schpfer ist.
So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.

So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund
ausfhren sollte als sichtbare Beweise fr die neue Weltanschauung,
weil diese sagt, da wir Schpfer und Geschpf zugleich sind.

"Da ich Geschpf bin, habe ich immer gewut. Nun will ich auch an mir
erfahren, da ich Schpfer bin," so hatte ich zu ihm gesprochen. "Wenn
du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschpf, und der
Schpfer lebt dann doch ber dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder
beweise dir selbst deine Ohnmacht."

Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas
ganz Unfabares -- das sah ich ihm an --, da ich mich nicht reich
genug fhlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die
allmhlich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem
ich im Innersten zustrebte, schpferisch wirken sollten.

"Du wirst das Schpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So
geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im
Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an
Lebensverstndnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts
zu tun. Wunder sind billige Verblffungen fr das gedankenlose Volk und
nicht ntig fr den Denker."

"Gut," sagte ich ungeduldig, "dann rechne ich mich zum gedankenlosen
Volk. Denn, was heit unumschrnkte Schpferkraft anderes, als da
du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist bers Wasser
gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser
in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen
seiner Jnger, so sagt man. Und er tat dies, um sie glubig fr seine
Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.

Du willst, da ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schpfer beiseite
legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schpfungskraft
erklren soll. Beweise mir dieses, da wir Mitschpfer sind,
durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder la die Wolken,
die da weiterziehen, pltzlich stillstehen. Tue irgend etwas
Auergewhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung
zweifeln und will ihr erster Jnger und erster Verknder werden."

Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekrnkt, halb
beleidigt und zuletzt rgerlich. Dann aber nderte sich pltzlich sein
Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig
spttisch und klug.

"Darauf war ich wirklich nicht gefat," meinte er immer noch lachend,
"da du darauf verfallen knntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir
noch nie berlegt, ob Wunder ntig sind, um die neue Weltanschauung,
die die _Mndigsprechung der Menschheit_ umfat, zu beweisen. La mich
berlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen."

Und er schnitt kurz das Gesprch ab und sprach von etwas anderem, als
wenn er meine Frage vergessen wollte.

Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, da ich es lcherlich
fnde, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schpfer
zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher
geleistet hat.

"Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung
eingedrungen," antwortete er mir kurz. "Die schpferischen Leistungen
werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie
erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der
Weltvertiefung.

Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden mssen, einen
neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und grere Verinnerlichung
aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt
stellten, da nur der Mensch ein gotthnliches Geschpf sei, Tiere aber
unvernnftige Wesen wren und nicht gotthnliche Geschpfe, und da
Pflanzen und Steine und alle Gegenstnde und Wolken und Licht fr den
Menschen tote Dinge bedeuten.

Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der
_Menschenseele sprach_, aber die die _Schpfung_ rundum als _seelenlos_
behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst
du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die _Kameradschaft aller
Lebewesen_ gegenberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklrt habe, ist alles
von Schpferkraft durchdrungen, alles aus uerem und innerem Leben
entstanden, und alles lebt ein ueres und ein inneres Leben, das
heit, _alles ist Geschpf und Schpfer zugleich und lebt so seit
Unendlichkeit und in Unendlichkeit_.

Dieser Friedensspruch, den die Vershnung aller Leben mit sich bringt,
die Gleichstellung aller Krfte, die Aufstellung, da jedes Ding
dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung
und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht
ausgesprochen und nicht bewut erlebt wurde, diese Weltanschauung wird
gegen die frhere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den
alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklrt dir nur,
wer du bist. Sie erklrt, da du Schpfer und Geschpf bist, das heit,
da du von dir abhngig bist, von dir und deiner Schpfung. Sie sagt
dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heit,
_du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus
Gesetzen entsteht eine Schpfung. Und als Geschpf bist du abhngig
von dir selbst als Schpfer, und es ist selbstverstndlich, da du
als Schpfer deine Schpfung liebst, wie du dich selbst liebst._ Ohne
Drohung, ohne da ein 'du sollst' und du 'mut' einer fremden Macht
ber dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener
Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich
als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natrlichen
Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen
natrlichen Ansprchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein knftiges Leben nach
dem Tode. _Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil
in jedem Augenblick zu._ Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie
dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in
allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklrt dir: _du warst, du bist und
wirst sein Mitgenieer und Mitschpfer_.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schpferkraft, hast dich,
Geschpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schpfung. Und
mssen dich, Geschpf, Sorgen bedrngen oder Leiden oder Strafen, weil
du die Schpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann
erlst du dich als Schpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst,
indem du dich, Geschpf, verschwinden lt und dich in einer andern
Gestalt aufleben lt. Von ttiger Freude zu ttiger Freude wanderst
du. Dein Wesen ist die unerschpfliche Schpferlust und Schpferkraft,
dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heit: _Ttigkeit,
Liebe und Weisheit in Unendlichkeit_."

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge
Philosoph, heftig auf mich ein. Ich lie ihn reden und hrte nur
verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und
ich war ein Tor, dessen Schatten erst ber die Schwelle der
Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch drauen vor der
Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort
Schpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag,
uerlich vor mir aufleben lassen.

Und ich sagte plump zu meinem Freund: "Du verschanzt dich hinter vielen
Worten, weil du ohnmchtig bist. Du redest von dem Wort Schpfer und
bist nichts als ein ohnmchtiges Geschpf. Ich glaube dir nicht mehr.
Es kann manches gut an deinen Erklrungen sein, aber seit Wochen hast
du mich jetzt totmde gemacht mit deinen immerwhrenden Wiederholungen
von Schpfer, Geschpf und Schpferkraft.

Ich will und mu von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft
bin ich berzeugt. Zeige mir jetzt auch uere Kraft." Und ich fgte
noch, ihn reizen wollend, hinzu: "Der neue Freund, den du mir neulich
vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht
als Schpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhngiges Geschpf."

Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der
junge Philosoph nicht lngst als Schpfer bewiesen, indem er die
"_Weltauffassung von morgen_" ausdachte; so nannte ich die neue
Weltauffassung jetzt.

Aber ich bersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder
begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.

"Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen
wollen," sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, "wenn ich dir
nicht ein Wunder zeige."

"Nein," entgegnete ich, "ich werde mich fr irregefhrt halten, wenn du
kein Wunder vollbringen kannst."

Da sah er mich rasch an, und es war mir, als htte ich ihn aufs
uerste gereizt.

"Also," sagte er pltzlich unvermittelt, "ich werde es mir nochmals
berlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nchstens wiederkomme, doch
einige Wunder vollbringen."

Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten
uns mit einem kurzen Kopfnicken.

Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.

Nun sa ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich
schon, da ich den an uerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so
berlegenen Freund mit den heftigen Wnschen nach Wundern in die Enge
getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder
war es eine ganze Woche -- ich erinnere mich heute nicht mehr so
genau, -- seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war fters
am Sptnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater tglich
besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit
meinem Vater Schach gespielt.

Mit Spannung sah ich ber die cker hinunter, ob ich nicht seinen Kopf
bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbumen am unteren
Weg auftauchen sehen wrde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte
mir erzhlt, da er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte,
und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei.
Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte
gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht ber
unseren Freund bringen.

Da hrte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und
als ich mich ber die Mauerbrstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut
angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch,
da eine Vernderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig,
sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als
sonst. Er hielt ein weies Taschentuch in der Hand, mit dem er sich
unausgesetzt die Handflchen rieb.

Ein leichtes Gefhl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefhl
von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu qulen, denn ich hatte
blitzschnell begriffen, da der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem
Freund jetzt strker Fu gefat hatte als in mir vorher; das sah ich
seiner Vernderung an.

Ich sagte mir dann rasch, da ich alles wieder rckgngig machen
msse. Es war, als htte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung
kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf
alle Wunder verzichten, damit er seine ruhige gelassene Haltung bei
blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurckgewnne.

Ich sah auf einmal ein, da er recht hatte, wenn er behauptete, da
seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken wrde, und da man
nicht uerliche Verblffungswunder von ihr verlangen sollte.

Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die
Handflchen rieb, whrend er den letzten Rest der Wegstrecke am
Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm
entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben,
um ihn beobachten zu knnen, und ich wurde mehr und mehr erschttert.

Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Glser mit dem Taschentuch,
und ich sah, da seine Augen fieberten.

Er kam nher; er zwang sich zu lcheln, als wir uns begrten, aber
sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst,
nicht gefestigt und unerschtterlich. Seine Augen flackerten, als wren
sie von einem Fieber entzndet.

Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns berlegte,
so schien es mir, um eine Gesprchseinleitung zu finden. Aber
das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Hnden des jungen
Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn
er nicht seine Augenglser putzte, so rieb er sich die Handflchen.
Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Fen stehen. Er stand bald
auf dem linken, bald auf dem rechten Fu, und ich fhlte mich immer
schuldbewuter werden.

Pltzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite
an und sagte: "Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?"

Da wurde ich wie erlst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte
rasch: "Ich bitte dich, vergi diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar
keine Wunder. Ich verlange nur, da du derselbe Mensch wieder bist, der
du frher warst." Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da
immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der
rechten in die linke Hand zurck.

"Du wunderst dich," sagte er und fing meinen Blick auf, "da ich so
unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen knstlich ein Fieber
gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und
Zigaretten geraucht, um mich aufzurtteln."

Whrend er dies sagte, befhlte er seinen Puls und stellte befriedigt
fest, da das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte
Hand hin, damit ich auch seinen Puls fhlen sollte. Das wollte ich aber
gar nicht tun. Mein Herz klagte pltzlich, als lge es irgendwo wie ein
verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstrt
sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die lngst bewiesen ist.
Denn sie ist dadurch bewiesen, da sie den festlich stimmt, der sie
ernst berlegt.

Ich wute mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein
unnatrliches Gelchter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief
es in mir eilig und ratlos.

"Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne
Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befat hat. Darum
habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet," fuhr er fort. "La
uns mal eine Probe machen.

Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann
ber die Stadt, ber das ganze Maintal, hinber auf die Berge da
drben." Und er deutete auf den sogenannten "Kugelfang" hin, auf die
Hhenflche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Wrzburg,
die mit Trmen und Dchern reich im Tal ausgebreitet liegt. "Du mut
aber fest an die Mglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir
zweifeln," fgte er hinzu.

Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, da ich nicht mittun wollte, und
rief aus: "Nun, das ist noch schner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet
habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen
Rckweg. Jetzt will _ich_ die Wunder haben," behauptete er. "Willst du
nun daran glauben oder nicht, da ich das Wunder fertig bringe?"

Ich verstand, da er sich fest vorgenommen hatte, mich zu berzeugen,
und da ich ihn nicht abbringen wrde von seinem Vorsatz, Wunder wirken
zu wollen.

"Ach," sagte ich, "ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es
nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwhrend deine Handflchen
mit dem Taschentuch reibst?"

"Das will ich dir gleich erklren. Das tue ich, um die
Elektrizittskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen
Handflchen sich ansammeln fhle, an die Hautoberflche zu bringen,
um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne
herzustellen, mit jenem Berge da drben, zu dem ich mich jetzt durch
die Luft bewegen will."

Da mute ich ihm antworten: "Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz
anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, da du dich in einen
Fieberzustand versetzen mtest. Auch nicht, da du dich vermittelst
Elektrizittskrften und Magnetismus auf den Berg ber das Tal hinweg
versetzen willst. Sondern ich dachte, da dein einfacher Wunsch allein
im gesunden alltglichen Krper das Wunder vollbringen wrde, das du
deiner Schpferkraft zu tun befiehlst."

Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem
irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war
oder ob er scherzte.

"Du bist aber anspruchsvoll," hhnte er ein wenig. "Ich habe noch nie
Wunder vollbracht und kann natrlich nicht sofort mit dem Wunsch allein
arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal bung habe, wird das mglich
sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung
versprechen. -- Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen," fuhr er
fort. "Sieh da, der Stein an der Terrassenbrstung ist noch warm von
der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.

Lege deine beiden Hnde flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe
tun. Dann bentzen wir die Erdkrfte. Aber du mut stark mit mir
wnschen, denn ich glaube, da dein Wunsch nach Wundern, weil er
zuerst entstand, der krftigere ist. Ich glaube, da dein Wunsch mich
eher hinberheben wird auf den Berg als der meinige."

Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natrlich rhrte sich sein Krper
nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darber, denn es war
alles schon so unheimlich, da, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet
htte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren htten.

Nachdem wir eine Weile ber das Tal hinber auf den Berg gestarrt
hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hnde
zitterten. "La es doch gut sein," sagte ich. "Ich glaube jetzt, da es
keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an."

Da wurde er aber bse, fuhr mich heftig an und rief gergert: "Eben
habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fhlte schon meine Hnde zittern,
ich fhlte schon, da ich in die Luft aufsteigen wrde. Wenn du aber
ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind
keine Wunder mglich."

Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder
dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu
ihm: "Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir knnen ja ein
andermal einen neuen Versuch machen. Fr heute finde ich es genug."

Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich
hatte seine uere Ruhe angenommen, und er trug meine Wunderbegierde
zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein
junger Dichtersmann, der Mrchen in der Welt erleben mchte und
Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen
als zum Wirklichen lockt.

Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der
Terrassenbrstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut
auf und ging langsam voraus. Ich fhlte, da ich meinen Freund auf
andere Gedanken bringen mute, damit der Fieberzustand ihn verlassen
knne.

Er folgte mir zgernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen
den Fingern zerknitternd.

Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklrte
er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizitt aus
seinen Haaren ungehindert ausstrmen knne.

Allmhlich fing ich an, fast Verachtung fr seinen Zustand zu
empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans
Lcherliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen,
sonst so gern unauffllig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu
verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!

Eine Viertelstunde spter sa ich unterhalb der Steinbrche, die hher
hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwldchens, und
ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, whrend mein Freund
hinter meinem Rcken unstet umherging und kleine Steine aneinander und
aufeinander klopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand,
grollte dort hinter einem Wald, immer nher herankommend.

"Hrst du," sagte der Unruhige, "das ist meine Elektrizitt, die das
Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich ber
unsere Kpfe ziehen. Ich fhle, wie ich mit Elektrizitt geladen bin."

Ich lie ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach
dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich.
Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben,
da seine sonst weie Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen
neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.

Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein
Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefate Rheinkiesel daran,
die stellten eine Rose dar. "Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in
Diamanten verwandeln," sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte
geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.

Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und nher. Der Himmel hatte sich
verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht ber uns angekommen.

"Ich frchte fr meinen Strohhut," sagte ich nachlssig, um abzulenken,
und blickte zum Himmel.

Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum
erstenmal mitgebracht hatte, und rief: "Jetzt ist der Augenblick da,
wo ich dir beweisen will, da ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter
dort und die Elektrizitt in mir treffen so gnstig zusammen wie
vielleicht niemals wieder. Wnsche nun mit mir, da diese Glaskiesel
sich in Diamanten verwandeln sollen."

Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm
achselzuckend nach und wnschte, da die Rheinkiesel, die er
unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln
mchten. "Du wirst sehen," sagte er eifrig, "dieses Mal wird ein Wunder
geschehen."

Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: "Du sollst dich
nicht vor dem Gewitter frchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich
werde es nach der anderen Seite des Berges schicken."

Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den
Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die
Erde, wie lebendig geworden, sich zu schtteln und zu brllen. Die
Steine zitterten, und in den Bschen hinter uns sprang ein heulender
Wind auf. Die dnnen Bume des jungen Akazienwldchens legten sich
schrg und begannen alle laut zu pfeifen.

Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz
ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: "Wir werden hier
erschlagen. Schnell fort!"

"Wie schade," rief er mir nach, "da du dich so frchtest! Das ist ja
gar kein Gewitter. Das ist meine Schpferkraft! Bleibe! Ich werde dir
dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen."

Ich lief aber schon fort, whrend er das sagte. Und ich tat, als wren
mir meine Zeichenmappe und auch mein neuer Strohhut im Augenblick
wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es
begann eben mit talergroen Tropfen zu regnen.

Mit groen Stzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur
einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, da mein Freund, immer das
Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.

Im Gutshof unter der Haustre erwartete ich ihn. Er kam aber
nicht eilig, sondern kam gemchlich unter den groen Regentropfen
dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den
Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden
Schultern lief, meinte er, er wre gar nicht na geworden.

Jetzt begann ich mich ber all die Torheit laut zu rgern, und
ich hielt ihm seine Selbsttuschung vor. Er aber sagte, er habe
Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen knne. Er sei jetzt ganz
frei von der Elektrizitt, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn
den Donnerschlag und den Blitz, die htte er mit seinen Krften
hervorgebracht. Das Gewitter wre nur Schein und Einbildung von mir
gewesen.

"Jawohl," sagte ich, "und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz
na ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnt hat, nennst
du das auch Einbildung?"

"Das ist nur in deinen Augen so," entgegnete er mir. "Ich sehe keinen
Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich htte auch kein Regen
eingeholt, wenn du mir vertraut httest und nicht vorausgelaufen
wrest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille
war, da der Regen mich nicht berhren sollte."

"Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,"
hhnte ich ein wenig.

"Du bist immer so ungeduldig," klagte er. "Wrest du nicht
fortgelaufen, wre der Kiesel lngst ein Diamant. Der Stein hat sich
aber wieder zurckverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht
unterbrochen hast."

Ich wollte: "Unsinn" sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm
einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht na wrde. Er
behauptete fortgesetzt, er wrde nicht na, er wrde den Schirm nicht
aufspannen.

"Denn wenn man von der Weltanschauung _keinen Nutzen_ haben soll,"
lachte er, "dann ist ja die ganze Sache langweilig."

Ich war erschttert ber den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da
tat, und ich htte aufweinen mgen. Seine Rede schnitt mir ins Herz.
Er sprach von Nutzen und Vorteil. Whrend er frher nichts als die
Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft
jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran,
das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.

Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien
mein Freund pltzlich unter der Tr, und rief aus: "Ah, du hast
einen eisernen Ofen im Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen
Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt
htte, htte ich mein Waschwasser in klnisches Wasser verwandeln
knnen."

Ich wurde ganz traurig und ich lie ihn reden. Er aber stellte einen
Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte
mit der einen Hand den Ofen berhren. Meiner anderen Hand reichte er
den Zipfel seines Taschentuches hin.

Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizitt ganz
gesttigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschssel gegossen und
hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine
linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.

"Nun ist der Strom hergestellt," triumphierte er. "Soll ich nun das
Wasser in Rosenwasser oder in klnisches Wasser verwandeln?"

Ich mute beinahe auflachen. Aber er bat mich instndig, meine
Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in
Rosenwasser zu verwandeln.

Pltzlich rief er: "Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht
isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!"

Dagegen strubte ich mich, und er lie es dabei bewenden, da ich die
Stiefel anbehalten durfte.

Unser Anblick wre fr einen pltzlich Eintretenden uerst komisch
gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis
zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund
schwebte das weie Taschentuch.

Nach einer kleinen Weile sagte er: "Jetzt ist es genug. Jetzt mu die
Verwandlung fertig sein." Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stck
Fliepapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem
durchtrnkten Papier und behauptete, da es einen schwachen Rosengeruch
habe.

"Ja," stimmte ich bei, "es riecht nach Rosen im Zimmer." Das war
auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das
offene Zimmerfenster strmte der feine Atem der Rosenbsche aus dem
tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran
erinnern, da dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins
Zimmer kam, denn ich war mde von der Narretei.

Er sagte dann ganz ernst: "Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich
nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das
ich meine Krfte verschwendet habe, und die Elektrizitt war nicht mehr
stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu
knnen. Schade, da ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe.
Wenn es ber das Haus gezogen wre, htten wir seine Kraft mit zur
Bereitung des Rosenwassers verwenden knnen."

Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und
der Abend breitete sich friedlich ber Felder und Grten aus.

Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund
das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt
den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand, in dem
er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich frchtete, er wrde
unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder
ausdenken.

Vor dem Burkardustor war damals ein groer Zimmerplatz am Mainufer.
Dort lagen lange Baumstmme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem
Rasen. Als wir an dem Platz vorberkamen, stand der Mond mit schwach
leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dmmrig geworden, und das
Mondlicht begann auf den glatten Stmmen des Zimmerplatzes zu glnzen.

Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er
nach dem Mond und sagte: "Warte einen Augenblick! Ich will doch noch
versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen."

Ich wollte nicht hinhren und sagte: "Mein Vater wartet mit dem
Abendbrot auf mich. Ich mu eilen, um auf den Berg zurckzukommen."

Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert.
Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da,
aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben,
whrend ich an dem Bach -- der damals noch nicht berbrckt war -- an
einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wunderschtigen von weitem zusah und
nun wirklich von Herzen wnschte, es mge ihm gelingen, vor mir in den
Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen
mten.

Es wurde dmmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen
Augenblick schien es wirklich, als wre mein Freund im Dunkel
verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.

Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte
dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurck und bewegte
wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: "Es wird
mir gelingen, ich wei es ganz gewi. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn
es Vollmond ist, wird der Mond krftig genug sein, mich zu sich zu
ziehen."

Dann nahm er ganz vergngt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf
dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs
atmete ich auf, als wre ich einem Zauberer entronnen.

War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem
Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War
es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich
nur als Mensch zu fhlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen
vornehmen?

Als wre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem qulenden Schlaf,
so befreit fhlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand
der Schattenri des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt
leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar
vereinzelte Sterne.

War es nicht Wunder genug, zu wissen, da man lebte?

Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren
einander hnlich, und doch wute ich, die Lichtpunkte oben am Himmel
waren riesige Weltenkrper, und auf der Terrasse unten stand nur eine
kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot
wartete.

War das nicht Wunder genug, da riesige Welten klein wie Lampen werden
konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?

_Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder!_
Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrcken. Damals geno
ich es ohne umfassendes Wort.

       *       *       *       *       *

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer
Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und
mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen
htte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wre ihm nicht
geffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter
liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen,
habe auch kein Essen zu sich genommen und wnsche nur in Ruhe gelassen
zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Tre, da er jedesmal
von drinnen herausrufe, da er nicht gestrt sein wolle.

Das, was ich da hrte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzhlte in
kurzen Zgen dem Schweigenden die Vorgnge des Nachmittags: da unser
Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im
gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.

"Er mu uns ffnen," sagte ich. "Er darf nicht sich selbst berlassen
bleiben, sonst verfllt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht
zu spt." Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der
Wohnung des jungen Philosophen.

Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das
altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet
hatte, war es in dem groen Treppenraum still, und nur unsere Schritte
hallten auf der gerumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit
einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine
Tre von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, da dort auf den
Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschttet war.

Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, da
dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmdchens geschehen wre;
denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit
einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht mglich, da das
Wasser im Becken vielleicht bergelaufen war, wenn der Beckenabflu
verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.

Vorsichtig ber die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertr.
Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlssel
steckte, also mute unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals
und versuchten durchs Schlsselloch zu sphen, und ich sehe uns da
noch heute vor der groen weilackierten Tre beratschlagen, immer
ngstlicher werdend, weil wir nicht mehr wuten, was wir zu tun hatten.

"Vielleicht ist er eingeschlafen," meinten wir dann und wir
beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es
ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer
eindringlicher die groen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal
schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr ber die
Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen ber die Wasserseen zurck bis
zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das
Gelnder angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und
berlegten.

Whrend wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunterhorchten und immer
hofften, der junge Philosoph mge ausgegangen sein und wrde pltzlich
nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die
Hhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns
am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, da es jetzt wie ein
flieender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.

Wir sahen beide unwillkrlich nach der weien Zimmertr und verstanden
nun, da die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.

"Was ist das wieder fr ein Streich?" entfuhr es dem Schweigenden.

Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im
Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: "Es ist ihm nichts
Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ngstigen. Er macht
nur neue Wunderversuche."

Jetzt hrten wir auch, da einige Gefe im Zimmer, Eimer und
Waschschssel, klirrten, als wrden sie zur Seite gerckt. Unsere Laune
heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Tre und riefen
lachend, da wir eintreten wollten.

"Es ist offen," rief drinnen die Stimme unseres Freundes.

Rasch drckten wir die Tre auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt.
Wir sahen eine Wasserflche, weit ausgebreitet ber den ganzen
Zimmerfuboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der
Nase, lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergngt lachend.

Er erklrte uns, da er noch einmal Versuche gemacht htte, sich und
diesmal auch das ganze Zimmer vollstndig zu isolieren, damit er
dadurch neue Elektrizitten in seinem Krper ansammeln knne, die er
heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte
auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht
und sich Kaffee und Tee bereitet.

Als wir durch das Wasser hindurch zu ihm an sein Bett traten, sahen
wir erst, da er im Gesicht seltsam zerschunden war. Er hatte sich
die Backenknochen, die Stirnecken, Nase und Kinn so sehr mit dem
Taschentuch gerieben, da diese Stellen wie offene rote Wunden
leuchteten. Und umgeben von diesem Kranz von Rte, glnzten unheimlich
funkelnd seine Augenglser.

Aber das Vergngen, da wir ihn lebend antrafen und auch scheinbar
noch bei Verstand, berwog den Schrecken dieser Eindrcke,
und wir versuchten mit Lachen und Scherzen und Plaudern seine
Wundersucht ins Komische zu ziehen und sie als harmlos und spahaft
hinzustellen, und brachten es auch fertig, ihn zu berzeugen, da
diese Nervenberspannung, hervorgebracht durch Hungern, Rauchen und
Teetrinken, ihn nur schwcher und nicht strker mache.

Er befahl uns zwar mehrmals, ihn allein zu lassen, vorgebend, er wolle
schlafen. Aber wir lieen uns nicht so leicht abweisen. Da wir nun
ins Zimmer eingedrungen waren, wollten wir es nicht so bald wieder
verlassen, bis wir ihn gesund und vernnftig gemacht htten.

Wir riefen das Dienstmdchen. Ihr sagten wir, der Wasserhahn wre offen
gewesen, und das Wasser wre von drauen hereingeflossen. Da der junge
Philosoph selber Eimer um Eimer geholt und in sein Zimmer ausgegossen
hatte, das wre ihr natrlich nie eingefallen auszudenken. Aber man
sah es ihr an, da sie auch nicht verstehen konnte, wie das Wasser von
drauen hereingeflossen war.

Whrend viele Hnde nun die Flut hinausbefrderten und der junge Mann
im Bett sich rgerte, da man ihn nicht in Ruhe lie, lief einer von
uns fort und kaufte Essen ein, und wir berredeten den Freund, Nahrung
zu sich zu nehmen, was er dann auch tat. Wenn er von Wundern reden
wollte, fingen wir beide an, der Schweigsame und ich, zu schmunzeln
und dann zu lachen. Und besonders der Schweigsame verstand es gut, mit
gesundem Spott des andern ungesunde Wunderlust lcherlich zu machen.

Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem
er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er
seit Tagen knstlich vermittelst Tee und Tabak von sich fern gehalten.
Er mute uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu
denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nchsten Tag wieder
besuchen wrden.

Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nchsten
Mittag um zwlf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder
vernnftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die
erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte
Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht htte.

       *       *       *       *       *

Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich
das Sprechen mit ihm ber Atomkraft und ber die neue Weltanschauung
verleidet, und es war mir lieb, da mein Freund, der erst vorhatte,
den Ferienkurs in Wrzburg zu besuchen, sich entschlo, zu den Ferien
heimzureisen, um in der Universittsstadt, in der er geboren war,
Ferienkollegs zu belegen.

Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder
derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn
immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen,
und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, da er nicht mehr so
ausschlielich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der
Atomkraft nachgrbeln konnte. Aber das will nicht sagen, da er die
neuen Gedanken bei Seite gelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor
und lie sie nicht los und legte sie auch ein Jahr spter in einem
Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche lie er sich nie mehr
ein.

Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener
deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als
er spter selbstndiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre
immer mit neuen Erklrungen chemischer und physikalischer Vorgnge
weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie
immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.

Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben
der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so
Selbstverstndliches vor, da er sich nicht weiter Mhe gab, darber
etwas niederzuschreiben.

Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue
Weltanschauung zu einer Mndigkeitssprechung der Menschheit aus. Und
die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war
fr mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin
auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest berzeugt
bin, da sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen,
denn das Weltfestlichkeitsgefhl liegt im Menschen eingeboren, _es
ist keine Lehre, sondern ein natrlicher Zustand, den jeder an sich
erkennen kann_.

Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie
bewut und unbewut bei allen Begegnungen mit Dichtern, Knstlern und
geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.

Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflchlichkeit
oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden,
in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit
weitererzhlen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am
auffallendsten bei mir zutage trat, im nchsten Abschnitt dieses Buches
schildern.

       *       *       *       *       *

Noch immer liege ich nach dem Sturz mit steifem, schmerzendem Bein im
Bett. Aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, da ich Wochen am
selben Fleck gelegen habe. Es ist mir, als htte ich keinen Augenblick
still gelegen, denn ich bin Meilen ber Meilen in das Jahr 1890
zurckgewandert.

Ich erlebte nach dem Sturz in den wenigen Minuten im Gartensaal
des Gutshofes, als ich meine und meines Freundes Photographie dort
stehen sah, blitzartig jenen Augustnachmittag wieder und die wirren
Wunderversuche des jungen Philosophen.

Die Glocken schweigen jetzt mittags, denn die Zeit des
auergewhnlichen Trauergelutes fr den verstorbenen Prinzregenten
ist abgelaufen. Die Glocken haben mich gut in die alten Zeiten
hineingesungen, so da ich sie im Geiste immer weiter singen hre, auch
wenn sie mittags nicht mehr luten und nicht mehr melodisch brausend
mein Zimmer umkreisen.

Kaum aber kann ich noch glauben, da ich bereits im Jahre 1913 lebe,
denn ich habe auf der Erde noch keinen Schritt in diesem Jahr getan.
Nur meine Gedanken marschierten.

Dreiundzwanzig Jahre, die mich vom Jahre 1890 trennen, sind
verschwunden, als wenn sie nie gewesen wren. Ist das nicht auch eine
Festlichkeit, keinen Schritt mit seinen Fen in der Gegenwart tun zu
knnen und im Geist bei den Geistern alter Jahre Spaziergnge zu machen
mit frischen Jnglingsgliedern?

Und ist das nicht auch eine Festlichkeit, da ich bei den Erinnerungen
die Schmerzen der Gegenwart ganz vergessen und mein Buch beginnen
konnte?

Das ist ein groes festliches Wunder, da die Zeit des Menschen
Wunsch gehorchen mu, und da der Mensch der Gegenwart Schmerzen in
Vergessenheit verwandeln kann.

Es ist mir das eine neue Besttigung dafr, da das Leben in Leid und
Freude ein Fest ist.

Und ich mu es immer wiederholen: _Das Leben ist unter allen Umstnden
ein Fest._

_Fr den Armen und fr den Reichen, fr den Lebenden und fr den
Sterbenden ist es festlich, wenn wir es nicht blo mit ueren, sondern
auch mit inneren Krften erleben und uns Schpfer und Geschpf zugleich
fhlen wollen._

       *       *       *       *       *

Mein Lebenslauf in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war
folgender:

Nachdem ich mein Vaterhaus Weihnachten 1891 verlie, flchtete ich
fort aus den Brgerkreisen zu den "hundertjhrigen" Mnnern. Ich meine
damit diejenigen Dichter und Denker, denen ich teils in Bchern, teils
in der Wirklichkeit begegnete, jene, die reif und weise geboren sind,
wenn sie auch noch einen jungen trichten Krper haben, jene, die
einen bestimmten Grad von Unsterblichkeit besitzen, auch ehe sie ihr
Lebenswerk vollendet haben.

Bis 1890 war ich im alten geistigen Deutschland aufgewachsen, im
Deutschland von Schiller und Goethe, im Deutschland der Idealisten. Ich
hatte noch keine Ahnung, da dieses nicht mehr das heutige geistige
Deutschland war, trotzdem ich empfand, da die Gedichte, die ich bisher
gelesen, wie ein alter vererbter Familienschmuck wirkten, und da sie
auf ihrem Glanz und in ihrer Sprache bereits eine dicke Patinaschicht
trugen. Und auch alle die Gedichte der spteren Romantiker brachten
eine se Friedlichkeit mit, wie die alten Mahagonischrnke sie
ausstrmten, in denen jene Bcher ihre Behausung hatten.

Krner und Kleist, Hauff und Mrike, Uhland und Rckert, Heine
und Klopstock, ihre Bcher waren gtig und ehrwrdig und von der
Vergangenheit geheiligt und gaben dem Zimmer, in dem sie standen, eine
glckliche Ruhe und eine Weltferne. Und dieses wunderte mich nicht,
denn sie waren aus alter Zeit. Aber da die neueren Schriftsteller, die
der sechziger und der siebziger Jahre, einen sen Vergangenheitshauch
in ihre Sprache legten, als wren ihre Bcher unter der Feder alt
geboren, whrend die Worte noch tintenna waren, das fiel mir
unangenehm auf. Die Schriftsteller der achtziger Jahre dagegen, die,
statt mit Tinte, mit Tier- und Menschenblut zu schreiben schienen,
wirkten auf mich erlsend.

Ich hrte eines Tages zwei Herrn in Wrzburg vor mir auf der Domstrae
zueinander sagen: "_Zola_, dieses Schwein, sollte in Deutschland
verboten werden." Und ich wurde stutzig, denn die Gesichter derer, die
das sagten, waren derart emprt, da ich sofort begriff: wenn diese
Brgerleute sich so aufregten, dann wrde jener Schriftsteller --
dessen Name ich oft gehrt, aber von dem ich noch kein Buch gelesen --
sicher sehr ernsthaft sein.

In denselben Tagen war auch die Welt erfllt vom Geschrei ber Tolstois
"Kreuzersonate". Und es hatten sich, wie fr und gegen Wagners Musik,
Streiter fr und gegen die "Kreuzersonate" in allen geistigen Kreisen
des Landes aufgemacht.

Khler lassend, aber auch aufrhrerisch, wirkte das Auftreten
Bjrnsons, der in seinem Buch "Der Handschuh" zum erstenmal die
Forderung aufstellte, da der junge Mann seine Keuschheit bis zum
Hochzeitstage ebenso streng bewahren msse, wie das junge Mdchen.

Die Erde schien in jenen Tagen dem geistig Miterlebenden im tiefsten
Geiste stndlich zu erzittern. Dem sicheren Gesellschaftsleben
war auerdem in dem noch unsicher schwankenden Geist des neue
Menschenrechte fordernden Sozialismus ein Gespenst erstanden, und
nur die Dichter wurden vorerst angelockt von der noch unbedichteten
Zyklopenwelt des Arbeitertums.

Bei verweichlichten Gemtern mute jedes Buch dieser neuen Gattung
einen Schrecken erzeugen. Das Wohlbehagen des Brgergeistes wurde
gewaltig gestrt durch die neuen Armuts- und Arbeitergestalten, die,
ungewaschen und ungekmmt, verhungert und ungehobelt, in Fabrikluft
schwindschtig und elend geworden, aber mit unverheuchelt ehrlichen
Lebens- und Liebestrieben versehen, das Erbarmen und die Bewunderung
der Dichter gefunden hatten.

In Deutschland konnten darum damals gute Brger Zola auf offener Strae
ein Schwein nennen! Auch Gerhart Hauptmann und Holz und Schlaf, die
drei ersten deutschen Verknder des Wirklichkeitslebens in Dramen und
Romanen, waren von der sogenannten guten Gesellschaft noch gechtet,
als knnten sie mit ihren Bchern die Leprakrankheit in Haus und
Theater verbreiten.

Auerdem war da noch der Philosoph Nietzsche aufgetaucht. Ich sah zum
erstenmal in der "Gesellschaft" -- die M. G. Conrad mit mchtigem
Sturm und Drang stark und mutig begrndet hatte -- das Bild Nietzsches,
des Dichterphilosophen, im Lesesaal der Wrzburger "Harmonie" im Jahre
1891, und zugleich war da ein begeisterter Aufsatz mit einer kurzen
Angabe aller seiner Werke und mit der Nachricht, da der groe Mann
geistig umnachtet bei seiner Mutter in Naumburg lebe und wahrscheinlich
nie mehr die Klarheit seiner Gedanken zurckerhalten werde.

Ich eilte vom Lesesaal sogleich zur Stubertschen Buchhandlung und
verlangte dort Nietzsches Werk "Also sprach Zarathustra". Niemand
in der Universittsbuchhandlung kannte den Namen des deutschen
Philosophen. Man bestritt sogar, da ein Philosoph dieses Namens in
Deutschland lebe oder gelebt habe. Man behauptete, ich mte mich
im Namen geirrt haben. Man lchelte und schrieb den Namen, den der
Universittsbuchhndler und die ihn umgebenden Herren noch nie gehrt
hatten, nur ungern auf.

Man wird sich das heute kaum vorstellen knnen, heute, wo jeder
einigermaen gebildete Student Nietzsches Namen so gut kennt, wie ein
Musiker Richard Wagner kennt.

"Den Philosophen Nietzsche, den Sie verlangen, kennen wir nicht.
Nehmen Sie doch die Werke eines anderen," so riet man mir in jener
Buchhandlung. "Einen Philosophen Nietzsche gibt es gar nicht, und wir
werden uns nur lcherlich machen, wenn wir nach Leipzig schreiben.
Bestellen Sie doch ein Werk von Kant oder Spinoza. Bei diesen Namen
sind wir sicher, da wir Ihnen die Werke verschaffen knnen."

Ich dankte fr den billigen Rat und wollte gehen. Da ersuchte man mich
gndigst, den Namen noch einmal aufzuschreiben. Drei Tage spter bekam
ich aus Leipzig das Buch.

Nietzsche war bereits geistig gestorben, aber sein Werk stand vollendet
da. Ist es dann nicht erstaunlich, da damals blo die geistigen
oberen Zehn, die sich um M. G. Conrads "Gesellschaft" sammelten, den
Namen Nietzsche kannten und im Besitz seiner Werke waren? Whrend
fnfzig Millionen Deutsche, die ahnungslos das Kommen und Gehen eines
deutschen Geisteszyklopen miterlebt hatten, so wenig von ihrem groen
Zeitgenossen wuten und so wenig an seiner Arbeit beteiligt waren, wie
wenn ein fernes Sonnensystem im Weltall untergegangen wre, von dessen
Glanz und dessen Erlschen nur einige Sternwarten der Erde Kunde hatten.

Und ich frage mich: woran liegt dieses auffallende Unbeteiligtsein
der gebildeten Massen an der Entwicklung groer Mnner und ihrer
Geistesarbeit? Erst wenn ein Lebenswerk vollendet ist, erst wenn manche
Geister irrsinnig werden vor beranstrengung und vor Qual ber den
Unverstand und die Teilnahmlosigkeit, auf die sie stndlich stoen
mssen, erst dann wird die heutige Gesellschaft in breiteren Massen
auf sie aufmerksam. Selten aber werden junge einsame Geisteshelden von
ermutigenden Zurufen, von der Spannung und Erwartung eines ganzen
Volkes durchs Leben getragen. Jene jungen Mnner sind die einsamsten
Shne ihres Landes, und, wie ich schon zu Anfang dieses Buches sagte,
sie mssen durch Wlder von Dornen wandern.

Heute wei ich mir die Teilnahmlosigkeit der Nation zu erklren.
Der Hauptgrund, da das Verachten oder bersehen starker junger
Mnner in einem Volke mglich ist, beruht auf einer unglcklichen
Weltanschauung der Menschheit. Wrden die ungeheuren Krfte und die
ungeheure Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft graugewordenen Idealen
zuwendet, dem Weltfestlichkeitsideal zugewendet, so wrde eine grere
Festlichkeit des Geisteslebens das Vlkerleben verklren, und die
Schwungkraft des Geistes aller Gesellschaftskreise wrde sich erhhen.
--

Khnheit und umwlzende Neuheit waren die Kennzeichen aller bedeutenden
Bcher der achtziger und der neunziger Jahre. Diese neuen Werke
wirkten, wenn man sie mit den auf einer alten Weltanschauung fuenden
Werken der Klassiker verglich, wie Dynamitpatronen im Bcherschranke.

Zugleich mit dem umwlzenden Geist des Schrifttums waren in jener
Zeit die Frauen teilweise der Madonnenhaltung mde geworden, und auch
der Geist der Frau wollte am ffentlichen Leben teilnehmen. Die Zeit
grte, und es wogten im Geistesleben jener Tage zwei Strudel auf und
nieder. Knstlerbewegung und Frauenbewegung, beide von Schpferkraft
angefeuert, hielten die ffentliche Meinung in Atem.

Von der Republik Amerika kam dazu das Wort _Arbeit_ wie ein festliches
Schlagwort herber, und Europa echote: "Arbeit," und der Arbeiter wurde
zum Ritter in der Phantasie der Dichter. Und die Frau wollte nicht
zurckbleiben und wollte zur Arbeiterin werden. Sie, die vorher nur im
Hause Mutter und Dame gewesen war, sie suchte sich jetzt auch einen
Wirkungskreis auer dem Hause.

Ich mu gestehen, da ich im Jahre 1890 noch herzlich wenig von all
diesen geistigen Umwlzungen, die in der Welt vorgingen, wute. Ich
hatte bis zu meinem dreiundzwanzigsten Jahr von Gefhlsfragen und
von Geistesfragen, die das Weltbild von Jahrzehnt zu Jahrzehnt,
von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrtausend zu Jahrtausend
umgestalten mssen, nur eine Ahnung bekommen aus der Geschichtsstunde
der Schule oder aus den Gesprchen meines Vaters ber Politik. Sonst
aber war die Welt bisher fr mich scheinbar vollkommen gewesen,
unerschtterlich nach biblischen Vorbildern aufgebaut, die vom Staate
gutgeheien und von den Dichtern mit Phantasie durchdrungen und
besungen worden waren.

In der Privatier- und Universittsstadt Wrzburg sah man nicht das
Elend und den Ha der Armen gegen die Reichen, der in Fabrik- und in
Bergwerksgegenden damals zuerst aufschrie. Denn die Kaufmanns- und
Rentierbevlkerung, die Beamten, Professoren und Offiziere, dazu die
unbekmmerte Studentenschaft gaben dem Stadtbild, bei Weinbergen und
altersgrauen Kirchen, den Frieden einer Lmmerhrde.

Das Wort Streik kannte man nur aus Zeitungen. Auch von der
Frauenbewegung und Dichterbewegung kamen damals nur die Echos in
Zeitschriften oder Zeitungen zu den stillen Gestaden meiner Vaterstadt.
--

Auer einer wrzburger Zeitung hatte ich kaum einmal in einem
Kaffeehause eine andere Zeitung in der Hand gehabt, bis ich von dem
einen meiner beiden Freunde, von dem Schweigenden, eines Tages auf
das Berliner Tageblatt aufmerksam gemacht wurde. Ich hre noch seine
Worte, als er sagte: "Im Feuilleton dieser Zeitung ist immer von einer
Literatur die Rede, die nichts mit der alten Zeit zu tun hat. Diese
Kreise, die in einem neuen Geist schreiben, solltest du aufsuchen."

Ich hatte jene Literatur bereits aus der Zeitschrift "_Die
Gesellschaft_" kennen gelernt, aber ich war wie jeder Anfnger scheu
und wollte erst meine eigenen Krfte sammeln und meine Eigenart
ausgeprgt haben, ehe ich mit jenen fremden Kreisen in Verbindung
trat, die mir vielleicht zumuten wrden, ihre Eigenart anzunehmen. Und
ich war ngstlich, mein schriftstellerisches Ich zu hten, bis es mir
soweit ausgebrtet schien, da es eine Persnlichkeit bekommen hatte.

So lie ich es beim Lesen und Wiederlesen von Jacobsens Niels Lyhne
beruhen. An diesem Buche bildete ich zuerst meine Schreibweise, und
zugleich kam mir Niels Lyhnes Weltanschauungskampf, der zwischen dem
Glauben an den alten Gott und dem Glauben an die Menschenvernunft
schwankte, nahverwandt vor. Denn auch ich wog, hnlich wie Niels
Lyhne, noch immer die alte und meine neue Weltanschauung stndlich ab,
schwankend zwischen der qualvollen Lehre der Erbsnde, der Verdammnis
und der Belohnung nach dem Tode, und jener festlichen Denkweise, die
mir erlaubte, mich Schpfer und Geschpf eines ewigen Weltfestes zu
fhlen, zurckgefhrt auf die Atomkraft aller Dinge.

Und so wie die Bcher der deutschen christlichen Klassiker nicht mehr
in der Mauserzeit meiner Weltanschauungen auf mich wirken konnten, da
sie mir in der grenden Zeit zu christlich gottergeben vorkamen, so
konnte ich auch selbst nicht mehr den Wunsch hegen, hnlich dichten zu
wollen wie die Dichter der alten Weltanschauung, die da in Reihe und
Glied die Familienbcherschrnke eines jeden deutschen Hauses fllten
und den eisernen Geistesbestand meiner Zeit darstellten.

Solche Bcher kamen mir damals vor wie die jahrhundertalten
Festungswerke der Stadt Wrzburg, die schweigend behaupteten, fr alle
Jahrhunderte gut und ntzlich zu sein und den Feind, den Erbfeind
abwehren zu knnen. Sie sahen auch sehr trutzig drein, diese prchtigen
Wlle, die von den klgsten Geistern ihrer Zeit zur Abwehr ausgedacht
waren und stattlich und unerschtterlich schienen, als knnten sie noch
Jahrtausenden trotzen.

Das Stadtleben aber, das sie schtzen wollten, engten sie mit
der Zeit so ein, da die Bevlkerung, die weiterwuchs und immer
licht- und luftbedrftiger wurde, durch Raummangel jeden Tag
verheerende Krankheiten ausbrechen sehen konnte, hervorgerufen durch
Menschenanhufungen.

Und dieselben Wlle, die dem Feind wehren sollten und ihre Brger
retten vor dem Tod durch Feindeshand, sie wren schuld geworden, da
der Tod sich von selbst in der Stadt geboren htte, wren sie nicht
niedergelegt worden. Denn sie waren jetzt nicht mehr die Verteidiger,
sondern die Feinde der Brger, deren Kindern und Kindeskindern sie den
Lebensatem und die Lebensfrische unfreiwillig raubten.

Ebensolche Wlle schienen mir die vorsichtig gehteten Geistesgter der
Vergangenheit und einer alten Weltanschauung zu sein. Die neuen Bcher
dagegen, wenn sie vielleicht auch nicht bleibende Grundsteine zu neuen
Mauern waren, so brachen sie doch wie Dynamitpatronen Breschen in das
veraltete Geistesbollwerk der europischen Nationen.

Die neuen Schriftsteller, die diese aufrhrerischen Bcher schrieben,
wurden aber zur damaligen Zeit noch vom Adel sowohl als vom Brger und
vom ganzen Volk, gleich den Gechteten, fr vogelfrei erklrt. Das Wort
"Schweine!" war noch das mildeste, das man ihnen nachwarf.

Und so wie sich damals Familien und Freunde in der Musik ber Richard
Wagner zerkriegten, so entspannen sich in der deutschen Dichtung ber
Gerhart Hauptmann und die Jngsten geistige Brgerkriege, die in allen
Gesellschaftskreisen mit heftigem Dafr und Dagegen ausgefochten
wurden, -- gar nicht zu sprechen von Nietzsche, dessen Name noch
lange in Brger- und Volkskreisen so unbekannt blieb, wie er es jenem
Universittsbuchhndler in Wrzburg im Jahre 1890 gewesen.

Auch Nietzsches Buch "Jenseits von Gut und Bse" schlug wie mit Keulen
an die guten alten Bcherschrnke. Und es war eigentlich kein Wunder,
da an der Provinzuniversitt der Name eines solchen Umwerters aller
Werte noch unbekannt blieb, auch nachdem der Zyklopengeist dieses
Denkers bereits aufgehrt hatte, dem Leib zu gehorchen.

Es war so viel Grstoff in jener Zeit, so viele groe Mnner waren an
der Arbeit, da, wer sich nach Geistesnahrung sehnte, reichlich genhrt
wurde.

Zu jedem Weihnachtsfest gab Ibsen ein neues Drama heraus. Bjrnson und
Tolstoi behaupteten groe Wahrheiten. Und Strindberg, der damals noch
an der Zchtung seiner gewaltigen Eigenart arbeitete, stand in der
Mitte seines Lebens und hatte noch seine mchtigsten Arbeitsjahre vor
sich.

Liliencron fing eben an seine strmischen und weltfrhlichen Lieder zu
singen. Er trat erst mit vierzig Jahren als Dichter auf.

Die meisten der Genannten haben sich aber heute auch schon in jene
alten Bcherschrnke eingebrgert, und sie sind die Klassiker der
zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden; das deutsche Volk
hat sie bereits in Gnaden aufgenommen, dasselbe Volk, das sich damals
gegen ihren neuen Geist gewehrt hat.

Das Deutschland der blauen Ritterromantik und einer bleichschtigen
Griechentumverehrung ist in jenen Jahren abgelst worden von jenen
Mnnern, die tapfer und furchtlos gegen Geistesverweichlichung weiter
Brgerkreise wie junge Ritter mit den Arbeitern Schulter an Schulter
kmpften. --

Ich wollte mit diesen letzten Zeilen kurz eine Erinnerung des
Geistesgesichtes jener Umsturzzeit geben. Ich habe auch nicht alle
Geisteshelden jener Zeit genannt, sondern nur einige Schriftsteller
und wollte nur das Zusammenwirken jener Titanen dem Leser in
Erinnerung rufen, damit er Fu fassen kann und meinen Weg leichter
miterleben kann, den ich ihn jetzt durch die Jahre nach 1890 bis zur
Jahrhundertwende fhren will.

Ich habe im ersten Teil des Buches bereits gesagt, da sich Ste von
Notizbchern bei mir ansammelten, da ich die tglichen Spaziergnge,
Gesprche und so weiter im Jahre 1890 niederschrieb und die
Eindrcke in neuen Vergleichen festzuhalten versuchte. Es waren dies
bungen, wie ein Maler sie beim Aktmalen und der Musiker sie bei der
Kompositionslehre vielleicht hnlich vornehmen mu.

In meinen ersten Prosaversuchen hielt ich mich nicht an die alte
Erzhlungskunst der Klassiker, sondern an die neue Erzhlungskunst,
die mit Jacobsens "Nils Lyhne" mir zum erstenmal bekannt geworden
war. Diese Kunst verweilte nicht blo am Wege, um notwendige Dinge
zu schildern, die dem Fortgang der Erzhlung ntzlich waren. Auch
vertiefte sie sich nicht in _moralisierende_ Betrachtungen zum
Beispiel beim Ansehen eines Sternhimmels, einer Blume, des Meeres
und so weiter, wie es die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit
Vorliebe getan. Sie beschrieb auch nicht die Dinge nur der Schnheit
halber, sondern es war ihr darum zu tun, knstlerisch Leben zu geben,
vertieftes Weltsehen, das in den leisesten Bewegungen eines Blattes,
eines Baumes, das im Summen einer Biene und in der Zeichnung eines
Gesichtes festliche Erlebnisse findet. In alles Weltalleben vertiefte
sich mehr als in irgendeinem Jahrhundert diese neue Schreibart. Die
frheren Zeiten beschrieben ein Frauengesicht nur, um seine Schnheit
zu schildern, oder um festzustellen, da jene Frau gut oder bse sei.

Nun aber enthielt man sich jedes Urteils. Die Neuen zeichneten ihre
Personen, wie ein Maler sein Modell zeichnet, das ihn anregt, und dem
Schuld oder Unschuld desselben gleichmig knstlerisch anziehend ist.
Man lud keinen Fluch mehr auf die Handlungen des Menschen und bte
keine offensichtliche Belobung ihrer guten Eigenschaften.

In dieser Weise schrieb Jacobsen seinem "Niels Lyhne", der fr eine
ganze Reihe von jungen Schriftstellern der neunziger Jahre gleichsam
als die Schpfungsgeschichte einer neuen Schreibkunst galt. Jacobsen,
der Naturwissenschaftler, der Botaniker, fate die Menschen so
behutsam wie Pflanzen an, die Menschen seiner Bcher, und schilderte
ihre leisesten Handlungen mit einem feinen Beobachten, als galt es,
Pflanzensorten zu bestimmen.

Seine durchaus nie verdammende oder beschnigende Art glich der Art
eines Arztes und nicht der eines Richters. Wie ein Arzt, der, seelen-
und krperkundig, die Fehler nachsichtig Schwchen nennt und die
Schnheiten nicht berschtzt, sondern auch diese mit Augen betrachtet,
welche die Vergnglichkeit aller Lebensformen nur zu gut kennen, und
der darum nicht bermig begeistert und nicht bermig verurteilend
auftreten kann, so war Jacobsen als Schriftsteller.

Seine Art gewann damals rasch die Herzen vieler der jngeren
aufwachsenden Dichter. Die Seelenkunde in den neuen Bchern schien ein
groer Fortschritt zu sein gegenber der moralisierenden Schreibart der
Vergangenheit und gegenber dem einfachen Richtertum, das selten ber
gute und bse Helden hinausgekommen war. --

Die meisten jungen Dichter der achtziger Jahre muten mit einem
Doktortitel versehen in die Welt treten. Denn das Wort Dichter stand
tief gesunken im Ansehen des Volkes, und die komische schmachtlappige
Dichterfigur, die Wilhelm Busch im Dichter Bhlamm geschaffen hat,
spukte immerfort in den Gehirnen der Dichter, die, berfttert von
verweichlichter Lyrik, deutlich ihren Ekel und Spott zur Schau trugen,
wenn man von jemandem sagte, er dichte.

Heute ist es ein wenig besser geworden. Man ahnt wieder, da die
Dichter ernste Mnner sind, arbeitsame, krftige Naturen voll
Wirklichkeitssinn. Man ahnt wieder, da das Wort "Dichter" nicht mit
dem Wort "Schmachtlappen" verwechselt werden darf, und da wirkliche
Dichter Kraftnaturen des inneren Lebens bedeuten, so wie groe
Feldmarschalle, groe Diplomaten und groe Herrscher Kraftnaturen des
ueren Lebens darstellen.

Wenn ein Dichter leiser auftritt als ein anderer Mann, wenn er
trumender umhergehen mu, so ist es, weil er das wirkliche Leben
uerlich rascher aufgenommen hat als die anderen, blitzartiger,
und weil in ihm die Gedanken und Gefhle dann tosen. Diesem inneren
Gewitter seiner Gedanken und Gefhle mu er nachhngen und mu
uerlich oft verstummen und sich selbst zuhren.

Jeder wirkliche Dichter wird demtig gemacht von der Wucht, Ehrlichkeit
und Eindringlichkeit seiner Gedanken und Gefhle, die ihm die Melodie
des Lebens schon offenbaren, wenn die andern nur erst Lrm und Wirrnis
sehen. Andere werden vielleicht demtig gemacht durch Niederlagen,
durch Notlagen, Enttuschungen und durch gewaltsame Demtigungen von
auen. Der Dichter wird demtig gemacht von seiner Dichterstimme, die
ihn fortwhrend begleitet, als trge er die Weltorgel in sich, auf der
er den Lrm der ueren Ereignisse in innere Tne auflst.

Die Zerstreutheit eines Dichters, seine geistige Abwesenheit, der
scheinbare Hochmut, der ber seiner Haltung oft unbewut liegen kann,
die Ungeduld und der scheinbare Grenwahnsinn und sein Stolz -- alles
sind Zustnde, wie sie die andern Menschen vielleicht kaum zehnmal
in ihrem Leben kennen lernen, ein Zustand, wie ihn ein Feldmarschall
whrend einer Schlacht empfinden mu, wenn diese noch zwischen Sieg
und Niederlage schwankt. Der Dichter ist in jedem Augenblick auch
hnlich einem Erfinder, der nahe daran ist, der Welt eine Entdeckung
zu offenbaren, und den nur noch fnf Sekunden von dem Recht trennen,
darber aufgeklrt zu werden, ob er sich in seinen Voraussetzungen
geirrt hat oder nicht.

In diesem steten Schpferzustand, in diesem ununterbrochenen
Schpfungsfieber bewegt sich das Leben des Dichters vom ersten
Gedicht bis zum letzten. Er erledigt das uere Leben blitzartiger,
vorausfhlend und vorauswissend, wo die andern erst an der Tr des
ueren Ereignisses stehen. Aber die Verinnerlichung, in der er zum
zweitenmal die ueren Erschtterungen in sich lautlos nachleben und
in Worte und Rhythmen bringen mu, ist ihm wichtiger und scheinbar
wirklicher.

Ein Dichter im Verkehr wirkt deshalb immer unbequem, rtselhaft und
ungelenk. Er scheint nur mit dem einen Fu mitzutanzen, whrend die
andern mit beiden Beinen Lebensgaloppaden ausfhren.

Ein ernster Dichter wird immer den Frauen und den Mnnern
ungesellschaftlich vorkommen, denn whrend sie ihn noch im Gewande oder
in den Melodien seiner letzten Werke sehen und ihn darber befragen
mchten, hat seine innere Welt lngst neue Tne angeschlagen, und er
kann den Fragenden nicht einmal mehr antworten, da er fortgerckt und
tief benommen ist von dem neuen Schpfungsfieber, das ihn gepackt hat,
und das hnlich ist dem Fieber bei einer wogenden Schlacht.

Es wrde keinem vernnftigen Menschen einfallen, von einem
Feldmarschall beim Hhepunkt einer Schlacht Aufmerksamkeit fr andere
Ereignisse als die mit der Schlacht zusammenhngenden zu verlangen. Ein
anderes Verhltnis besteht aber zwischen Welt und Dichter.

Der Dichter, der nur fr die Schlacht in seinem Inneren Ohr hat,
wird meistens als unvernnftig angesehen, wenn er sich in seiner
Hingerissenheit nicht zugleich auch in seiner ueren Welt so fest
behaupten kann wie die andern. Er gilt als dumm und bld, wenn er sich
dort nicht helfen kann, wo die anderen sich spielend helfen.

Er gilt der Welt als frech und anmaend, wenn er Ansprche an die
Mitwelt stellt, die ihm vom Standpunkt seiner Schpferkraft aus klein
scheinen, whrend die anderen den scheinbar Lebensunbeholfenen und
scheinbar Lebensblden bescheiden und anspruchslos und mglichst
verzichtend haben wollen, da er von seiner inneren Welt reichlich
entschdigt sei, wie sie triumphierend behaupten.

Als ob jeder Knstler die uere Welt nicht immer reichlich ntig hat,
um zur inneren zu kommen!

Der Gedanke, da ein Dichter nur eine Dachkammer bentige, und da
nur die Not ihm Dichtertrume gibt, lebte besonders zur Bltezeit
der alten Weltanschauung eingewurzelt im deutschen Volke. Heute
ist es aber bereits besser geworden, wenn auch die Dichter noch
lange nicht vom Staat Pfrnden beziehen wie die Kirchenbeamten oder
Gehlter wie die hohen Staatsbeamten. Und doch wre dieses eigentlich
selbstverstndlich, denn der Dichter, der Maler, Bildhauer und Musiker,
sie sind die hchststehenden geistigen Beamten des Staates, und sie
sind durch ihr Schaffen neuer geistiger Gter hher an Wrde und Rang
als die grten politischen Fhrer jedes Volkes. Die Knstler sind die
reichsten Festgeber des festlichen Daseins der Menschheit, und dafr
hat ihnen jeder Staat zu danken.

Ich setze diese Erklrung und Verteidigung der Knstler hierher, weil
ich eben jene Zeiten erlebt habe, in denen Gedicht und junge Dichter
bei der menschlichen Gesellschaft niedriger im Wert standen als im
Mittelalter die Scharfrichter und ihr Handwerk. Aber wer grndlich
verachtet wird wie der Henker, dem wird doch noch von den anderen ein
_volles_ Gefhl zuteil, das Gefhl des Abscheus.

Aber in jener Zeit, die ich meine, hatte man fr den jungen Dichter in
den Gesellschaftskreisen entweder ein mitleidiges Achselzucken, oder
ein solch junger Geist wurde kurzweg als eine Lcherlichkeit angesehen,
die nicht einmal mit ernstem Spott verfolgt wurde; er war fr die
Gesellschaft Luft und hatte kaum Daseinsberechtigung. --

       *       *       *       *       *

Durch die neue Weltanschauung war ich aus dem Gleichgewicht der
griechischen Rhythmen und einlullenden gutmtigen Melodien der alten
Dichterwelt aufgerttelt worden, und die Trochen und die Jamben und
der Hexameter, alle die uns von den Griechen berkommenen Versmae,
schienen mir undeutsch, zu feierlich und nicht auf die heutigen
Lebensuerungen und Lebenszerrissenheiten anwendbar, mit denen der
Arbeitsgeist uns Menschen einer neuen Welt umgibt.

Ich sagte mir: unter dem herrlichen blauen Himmel Griechenlands wurden
alle jene Versmae aus dem Sinn eines angeborenen Gleichgewichts
geboren. Die Sdsonne und das Sdblut des Mittelmeervolkes muten dem
inneren Leben der Dichter dort einen mchtigeren Rausch und Schwung
geben, ein hheres Pathos, welches zu uns gebracht, in unser deutsches
Klima und bei unserer khleren Rasse ewig unnatrlich wirken wird und
unwahr.

Unser Leben in Deutschland, das fast ein halbes Jahr Winter kennt,
den kurzatmigen Sommer hat, und das zugleich von einer neuzeitlichen
Emsigkeit durchdrungen ist und die Aufmerksamkeit auf ganz andere
Lebensgesetze richten mu, als es die Griechen vor zweitausend Jahren
taten, dieses Land mu ein eigenes Versma, seine eigenen Rhythmen
haben. Dieses Versma mu sich dem inneren Leben, den zarteren
Menschen, dem bewlkteren Himmel und den grbelnden Trumen, den
rauschenden Laubwldern unseres Landes anpassen.

Die Natur jedes Landes -- Landschaft, Himmelsstrich und Sprache -- gibt
ihren Dichtern ein bestimmtes Versma ein.

Die Lnder der Zypressen und Pinien, die Lnder des heien Sdweines,
die sdlichen Lnder, wo keine Singvgel nisten, knnen nicht in
demselben Verstakt dichten wie deutsche Haine, deutsche Wiesen und
Buschlandschaften voll fliegender Snger und khler lauschiger
Grashgel.

Nach dieser Erkenntnis war es mir vorerst unmglich, daran zu denken,
Gedichte zu schreiben, da ich nicht im alten Versma schreiben
wollte und zur Eingebung des neuen noch nicht gekommen war. Auerdem
lag nichts zur Dichtung Aufmunterndes in der Haltung des damaligen
Zeitgeistes, wie ich es vorher erklrt habe.

Und so stellte ich mich auf den Standpunkt, da es vorlufig unmglich
sei, Gedichte zu schreiben in einer Zeit, die voll Maschinenlrm
und Reiselrm war und mit Triumphen und neuen Wahrheiten der
Naturwissenschaft protzte.

Ich wollte mich deshalb zuerst nur in einer neuen Erzhlerkunst
ausbilden, ausgehend von haarscharfster Beobachtung und genauester
Wiedergabe der zartesten Lebenseindrcke. Dann hoffte ich, es wrde
sich vielleicht mit der Zeit die Sehnsucht und die Kraft zum Dichten
in mir wieder verstrken und Dichterlust eines Tages von selbst
hervorbrechen. Was ich aber im Lrm aller Neuheiten, die jetzt auf mich
einstrmten, vorlufig stark bezweifelte.

Ja, ich ging damals so weit in meinem Urteil, und war darin nicht der
einzige meiner Zeit, Dichtung und Dichten fr eine Unmnnlichkeit zu
erklren. Dichtung schien mir, war heutzutage nur noch mglich fr
junge Mdchen, Schler, ltere Tanten und Greise.

Der zeitgeme Mann sollte auf die altmodische Sigkeit gedichteter
Gedanken verzichten und das Prosawort handhaben lernen und seine
Gedanken durch die Kraft einer neuen Prosa vermitteln. --

Aber dieselbe Sehnsucht, sich von einer alten berlebten Welt zu
trennen, die damals die Dichter erfat hatte, die hatte alle Knstler
erfat.

Die Musiker, unter Wagners Fhrung, sagten sich von der alten Lehre
des Kontrapunktes frei. Und die deutschen Maler packte die Sehnsucht,
die Heimat in Licht und Farben wiederzugeben. Und die Dunkelmalerei
der alten Schule und das Sichbrsten mit dem Malen von sogenannten
Charakterkpfen und Ideallandschaften wurde ebenfalls mehr und mehr
beiseite gelassen, und die Freilichtmalerei feierte ihre ersten
strmischen Feste.

Man malte mit Wei in Wei, wo man vorher nur Braun in Braun gegeben
hatte, und man malte Bunt in Bunt, lustig befreit von den schematischen
Farbenlehren akademischer Abtnungen.

Und man malte das Hlichste und das Eintnigste, sowie man auf der
Bhne den Armeleutestand und auch das Hliche zu Wort kommen lie und
sich bemhte, Pathos und Pose mglichst von den Brettern zu verbannen.

Die Schauspieler fingen an das Versesprechen zu verachten, weil der
geistige Zuschauer den Versstcken nicht mehr zuhren wollte und
bersttigt von Pathos und Pose war und einen Wirklichkeitshunger
abends ins Theater brachte, der entstanden war aus dem neuen wachsenden
Grostadtlrm und aus dem Bedrfnis nach Kraftbettigung und
Wirklichkeitslust.

Die ganze Kunstwelt war in jenen Jahren vielleicht mit einem Maskenball
zu vergleichen, bei welchem pltzlich das Zeichen zur Maskenabnahme
gegeben wird. Und wo vorher sich nur Larven angesehen hatten, sah man
pltzlich wirkliche lebende Gesichter wieder, lebende Gesichter in den
Bchern, auf den Bildern und auf der Bhne.

Die Knstler begrten frhlich diese Umwandlung, die Rckkehr zum
Leben ohne Larve, whrend die breite Brgermasse sich nicht recht
an die entlarvten Gesichter gewhnen wollte und nur seufzend,
rckwrtsschauend, schwerfllig und gezwungen dem neuen Zug der Zeit
Folge leistete.

Viele uere Umstnde trafen da noch zusammen, die den
Wirklichkeitssinn bei den Knstlern wachriefen und die auch die Brger
mitrissen. Das neue ungewohnte schnelle Reisen und Orte wechseln
knnen, durch das damals ausgebaute Eisenbahnnetz ber ganz Europa,
machte die Menschen wirklichkeitsfroh, und ebenso die Erfindung
und Anwendung des reinlichen und verblffend hellen elektrischen
Lichtes; dessen alle Winkel ausleuchtende Klarheit lie nachts keine
Gespensterfurcht und keine berflssig wuchernde Romantik mehr
aufkommen.

In der Wissenschaft legte die Bakterienlehre die Ohnmacht und Macht
des Menschen klar, dem winzigsten und dem Auge unsichtbaren Lebewesen
gegenber. Und weiter kamen dazu die aufsehenerregenden ersten Versuche
der Hypnose, die in allen Gesellschaftskreisen mit Eifer besprochen
und begutachtet wurden. Die bei diesen Versuchen sich befestigende
berzeugung, da der Mensch keine ihn durch Gut und Bse leitende Seele
habe, sondern da durch den Willen eines strkeren Menschen der Wille
des Schwcheren so ausgeschaltet werden kann, da dem besten Menschen
in der Hypnose Bses zu tun befohlen werden kann, dieses alles half mit
am Aufbau einer neuen Weltauffassung.

Auch ein amerikanisches Buch mu ich noch erwhnen, das in jenen Jahren
in hunderttausend Exemplaren von Hand zu Hand ging. Das war Bellamys
"Rckblick aus dem Jahr 2000". Es war ein Buch, das erstaunlich den
Wnschen und Sehnschten der Zeit entgegenkam, indem es scheinbar
alle Wnsche des letzten Standes mit den Wnschen der hheren Stnde
so verschmolz, da ein Idealstaat dem Leser des Buches gar nicht so
unmglich erschien und es manche Ungeduldige fr mglich hielten, im
neuen Jahrhundert diesen Staat noch zu erleben.

Ich will und kann hier nicht alles aufzhlen, was in jenen
Jahren bei der Neuheit des Maschinenlebens, bei der Neuheit des
naturwissenschaftlichen Denkens, bei der Neuheit des raschen Reisens
und des pltzlich sich schnell Verstndigenknnens durch Telegraph und
Telephon mit nie dagewesener Macht die Menschen von alten Vorurteilen
entkettete, das abgezirkelte Gesellschaftsleben entkrftete und
Bewegung und Denkfreiheit in Kunst und Leben herstellte. Diesem neuen
Zeitgeist, den zuerst die Knstler erfat hatten, arbeitete aber der
altmodische Brgergeschmack entgegen.

Die Brgerkreise sehnten sich, kaum ein wenig aufgerttelt vom neuen
Zeitgeist, scheinbar nach den Dunkelheiten des Mittelalters, so wie
einer, den durch eine aufgerissene Tr die Sonne blendet, die Hand zum
Schutz ber die Augen legt oder sich nach dem Zimmerdunkel umsieht und
sich erst allmhlich an die pltzliche krasse Helle gewhnen will.

Es blhte und wuchs bei den Brgern in jenen Tagen in Deutschland
allgemein die kindische Lust nach sogenannten altdeutschen
Stuben mit Butzenscheiben, diese Lust, die man spter hhnend
Butzenscheibenromantik nannte. Bei jeder Gelegenheit wurden in
den Stdten altdeutsche Festzge veranstaltet, wo die Leute, die
im Zeitalter der Zeitungen, Eisenbahnen und der Sozialdemokratie
aufgewachsen waren, pltzlich als Faustritter, Zunftmeister,
Ritterfrulein und Ehrenjungfrauen sich gebrdeten. Als sei die
Gegenwart nicht Maskenspiel genug, wollte man auch noch am hellen Tage
die Gegenwart mit der Vergangenheit maskieren.

Jedes neue Haus mute damals wenigstens _einen_ altdeutschen Turm
bekommen oder ganz unntige Zinnen, und die Mode des Altdeutschen
tobte sich auch bei allen Gebrauchsgegenstnden in der lebhaftesten
Weise aus. Es ist brigens heute noch nicht viel anders. Nur ist die
Maskerade der Butzenscheiben von der Maskerade der Biedermeierei
verdrngt worden.

Die Bhnen- und Romanschriftsteller hatten sich noch zu Anfang der
achtziger Jahre so romantisch altdeutsch benommen, da schon deshalb
Gerhart Hauptmann fr jeden ernster empfindenden Deutschen nicht blo
als Geist einer neuen Zeit, sondern auch als Erlser vom altdeutschen
Massenwahnsinn begrt werden mute. --

So lagen die Dinge der geistigen Welt, als ich im Frhjahr 1892 nach
Mnchen kam, wo die groen Brauereien eben ihre prunkenden Bierpalste
zu bauen begannen. Da las ich im gleichen Frhjahr in den Zeitungen,
da sich vom Glaspalast, dem groen Ausstellungspalast der Maler,
eine Malergruppe trennen wolle, die nichts mehr zu tun haben wollte
mit akademischen Grundstzen. Dieser Gruppe Mitglieder strebten
die Freilichtmalerei und die Freiheit fr jede Eigenart fern aller
Schablone an. Auf Wunsch des Prinzregenten hatte man sich aber noch
einmal geeinigt und wollte sich noch nicht vom Glaspalast trennen,
sondern die neue Malergruppe, die sich Sezession nannte, sollte im
Glaspalast einige Sle fr sich erhalten.

Wenn ein Bienenvolk schwrmen will, beginnt es im Bienenkorb laut zu
summen, also summte es damals wtend in allen Bierlokalen der Stadt
Mnchen. Man ereiferte sich fr und wider den Streit, der unter den
Malern im Glaspalast ausgebrochen war. So wie man vorher fr und gegen
Wagner gewesen, so stritt man jetzt fr und gegen die Sezessionisten.

Das Kaffeehaus Luitpold war eben erst erffnet worden und galt als das
prchtigste Grostadtkaffeehaus Deutschlands. Das Leben in prunkhaften
Kaffeehusern hatte damit fr Mnchen seinen Anfang genommen, und
die Brger wollten wichtiger genommen sein, seit sie ihren Kaffee
mit ihren Frauen auf rotem Samtsofa bei vergoldeten Sulen und in
Oberlichtrumen einnehmen durften. berhaupt, das Brgerleben wurde
tglich feister, und das Sprichwort "nur Lumpen sind bescheiden" wurde
in Brgerkreisen zum Erziehungswort.

Bahnbrechend im Geistesleben in Mnchen war aber damals nicht blo
die Sezession, sondern ebenso ein Hufchen Schriftsteller, die wie
weltferne Kameraden dem, in altdeutscher Maskerade protzenden Brgertum
die maskenlose, ehrliche und erschtternde Wirklichkeit in Romanen und
Dramen darbieten wollten.

Ich erinnere mich besonders gut an einen literarischen Abend auf der
Isarinsel in dem Gasthaus "Isarlust", das, wenn ich nicht irre, ein
paar Jahre vorher zur Zeit der ersten Elektrizittsausstellung gebaut
worden war. Dort in einem Saal war von jener Schriftstellergruppe ein
Vorleseabend veranstaltet worden, der mich zum erstenmal in die Nhe
von wirklichen Dichtergeistern brachte.

Ich kann kaum ausdrcken, mit welcher heiligen Scheu und mit welcher
hchsten Seelenspannung ich mich auf den Weg zu jener Vorlesung
machte, und wie geweiht ich mir vorkam, die Gesichter neuzeitlicher
Schriftsteller sehen zu drfen, ich, der bis dahin nur in Wrzburg in
engster Familie, fern von allem ffentlichen Leben, aufgewachsen war.

Mir war, als sollte ich einen neuen Olymp kennen lernen. Ich hatte bis
jetzt nur Bcher aus jener neuen geistigen Welt zu Freunden gehabt, nur
Geschpfe, aber keine Schpfer. Auer mit meinen beiden studierenden
Freunden hatte ich bisher mit niemandem einen Gedankenaustausch erlebt,
abgesehen natrlich von den Gesprchen meines Vaters, dessen Geist mir
bis dahin die Unterhaltung von hundert Leuten hatte ersetzen knnen.

Als ich in jenen Vortragssaal eintrat, lie ich mich scheu und
beklommen auf der letzten Sitzreihe nieder, reich beglckt, dort sein
zu drfen, wo Frische und neue Geisteslust die Luft, wie mir vorkam,
leichter und zum Atmen selbstverstndlicher machte.

Der Saal war ungefhr zu dreiviertel von Zuhrern gefllt. Max Halbe
las sein Drama "Jugend" aus der Handschrift vor. Dasselbe war noch
nicht aufgefhrt. Nach ihm lasen Johannes Schlaf, Ludwig Scharf und
noch andere, deren Namen ich mich heute nicht mehr entsinne.

Ich hatte von dem, was vorgetragen wurde, da die Schallkraft des Saales
schlecht war, auf meiner letzten Sitzreihe, wo ich einsam sa, zwar nur
halbe Stze und halben Sinn aufgefat, aber ich war doch ehrfrchtig
gestimmt worden, als htte ich Stimmen aus einer anderen Welt sprechen
hren. Und deshalb blieb mir jener Abend fr immer unauslschlich in
der Erinnerung.

Doch eigentmlicherweise kam in mir nicht die Kraft auf, an einen jener
Dichterkameraden heranzutreten, mich vorzustellen und die Hand zum Gru
zu reichen. Wohl war der Wunsch da, mich unter jene Mnner zu mischen
und mich mit und bei ihnen frei und fern der Brgerwelt zu bewegen.

Aber, wie ich schon vorher sagte, war es in jenen Tagen allgemein,
da jeder Dichter in jenen Jahren entweder den Doktortitel fhrte und
auf eine Universittsbildung zurcksehen konnte oder da er doch das
Abiturientenexamen gemacht hatte. Ich aber, da ich Maler hatte werden
wollen, hatte nur eine Realschule besucht und nur mit Mhe und Not das
Zeugnis zum Einjhrigfreiwilligendienst erlangt.

Dem geistigen Wissen meiner besten Freunde, dem Denker und dem
Schweigenden, die Studierende der Universitt waren, konnte ich meine
knstlerischen Veranlagungen entgegenstellen, und es konnte dadurch
gleiche Wertstellung im Verkehr herrschen.

Den Dichtern aber, denen ich in jener Vorlesung zum erstenmal begegnet
war, htte ich nur knstlerische Anfnge bieten knnen. Es waren von
mir bisher nur in der "Gesellschaft" und in der "Wiener modernen
Rundschau", den beiden damals einzigen Blttern des neuzeitlichen
Schrifttums, ein paar Novellen erschienen. Mein erster Roman "Josa
Gerth" lag nur in der Handschrift fertig und sollte erst zum Herbst
1892 erscheinen.

Ich hatte also noch kein Buch aufzuweisen, um mich vor den bereits
anerkannten jungen Dichtern als Geisteskamerad auszuweisen.

Meine Familienangehrigen hatten mir auerdem, wenn ich davon
gesprochen, Schriftsteller zu werden, oft vorgehalten, da ich
nicht die ntigen Vorkenntnisse zu diesem Beruf bese, und da
der knstlerische Drang zwar gut und schn sei, aber da er kein
berzeugender Beweis dafr wre, da ich im Schriftstellerberuf
vorwrts kommen knne.

Auch war ich in einer Universittsstadt aufgewachsen, in welcher der
junge Studierende alle Hochachtung geno und dagegen der knstlerisch
Begabte herzlich wenig beachtet wurde. Wenn man noch keine groen Werke
aufweisen konnte, erschien man dort als anfangender Dichter mehr als
lcherlich und wurde ohne Universittsbildung nicht ernst genommen.

"Glauben denn diese Leute," so mute ich manchmal zu meinen Freunden
sagen, "Homer habe gyptisch oder Persisch oder Hebrisch studiert? Hat
man je von einem Dichter der alten Zeit verlangt, da er ein Examen
machen mute in fremden Sprachen und in Wissenschaften? Gengte es
nicht, da er die Begeisterung und das angeborene Knnen eines Dichters
besa?

Haben die indischen und arabischen Dichter und die alten deutschen
Barden Universittskenntnisse besessen? -- Dichterfeuer, dichterische
Vorstellungskrfte und tiefstes Gefhl fr den Weltrhythmus, nur
angeborene Krfte besaen jene alten Dichter alter Vlker. Die
Professoren konnten ihnen nichts lehren. Nur das groe Leben war immer
ihr Lehrer gewesen, und ebenso war ihnen Lehrer der Lebensernst und die
Lebensfreude."

Und meine Freunde gaben mir stets recht. Aber was half mir das, wenn
die Brgerkreise, in denen sich mein tgliches Leben abspielte,
unaufgeklrt und befangen waren in dem, was sie Bildung nannten.

Diese Kreise glaubten, da sie selbst die Bcher und die Professoren zur
Bildung ntig hatten, der Dichter msse den brgerlichen Weg erst gehen
und sollte nachher seinen eigenen knstlerischen fortsetzen. Mit dem
Satz: "Heutzutage ist es einmal so", lehnten die meisten Leute jener
Zeit jedes hhere Verstndnis fr die freie angeborene Schpferkraft
des Dichters ab, die doch ber jede Universittsbildung erhaben ist.

Einige studierte Verwandte von mir, Vettern mit Staatsanstellung,
warfen mir sogar den Ausruf hin: "Wie willst du denn Bcher schreiben
knnen, wenn du lateinische und griechische Fremdwrter, die in der
deutschen Sprache eingefhrt sind, nicht ableiten kannst? Du wirst dich
mit falschen Ausdrcken nur lcherlich machen!"

Ich sagte ihnen zwar: "Fr die, denen ein Fremdwort mehr wert ist
als ein deutsches Wort, das ich an Stelle der Fremdwrter mglichst
immer setzen werde, fr die, die glauben, da die deutsche Sprache
nur schn ist, wenn sie sich mit lateinischen und griechischen
Ausdrcken schmckt -- als ob man eine Menschenhand geschmckt mit
falschen Brillanten hinreicht --, fr die, die fremdklingende Worte den
deutschen, einfachen deutlichen Worten vorziehen -- fr diese Leute
will ich gar nicht schreiben."

"Es ist gar nicht zu vermeiden," antworteten jene darauf, "da man
fremde Ausdrcke anwenden mu. Die deutsche Sprache reicht nicht fr
alle Begriffserklrungen aus."

"Gut," sagte ich, "dann werde ich der deutschen Sprache neue Worte
geben. Denn es ist das Recht jedes wirklichen Dichters, seine
Muttersprache zu bereichern, und es ist seine Pflicht, Fremdworte
auszumerzen und an ihrer Stelle Worte mit heimatlichem Klang der
Heimatsprache zu erschaffen."

Man lachte und zuckte die Achseln und sagte, die Erfahrung wrde es mir
schon lehren, da ich Unmgliches wolle. Und mein Vater, beeinflut
von den Reden jener studierten Verwandten, setzte mein Taschengeld
monatlich so knapp an, da ich ohne die Hilfe meiner Freunde htte
verhungern mssen. Denn er wollte mich durch die Entbehrungen, die ich
mir auferlegen mute, zwingen, von dem Vorhaben, Dichter zu werden,
abzulassen, nach Hause zurckzukehren und mein Leben einem sicheren
Geschftsberuf zu widmen.

Auch dieses Gefhl, da ich mich noch nicht durch das Schreiben
erhalten konnte und nur von der Gnade meines Vaters leben mute und
nichts besa, um auch mal frhliche Feste feiern zu knnen, das hielt
mich damals davon ab, mich jenem Dichterkreis in Mnchen zu nhern, und
ich wartete bessere Zeiten ab, um dann Anknpfung zu finden.

Die Entbehrungen zu ertragen, fiel mir leicht. Trotzdem ich in Wrzburg
in einem wohlhabenden Hause aufgewachsen war und es mir nie an
irgend etwas gefehlt hatte, empfand ich die Einschrnkungen jetzt im
Verhltnis zur geistigen Freiheit, die ich geno, als fast gar nicht
vorhanden.

Es wre mir komisch vorgekommen, wenn mich jemand als rmer angesehen
oder mich bedauert htte und mir gesagt htte, ich htte zu Hause bei
meinem vermgenden Vater reicher gelebt und besser, weil sorgloser.

Ich kam mir in jenen meinen rmsten Tagen nie arm vor, und das Gefhl,
ich besitze alles und alle besitzen mich, und das Gefhl, Mitteilhaber
an allem Reichtum der Welt zu sein, war mir von jeher angeboren.

Ich konnte deshalb meinen Sorgen immer nur schwer glauben, bis sie
dicht vor mir standen und nicht mehr abzuweisen waren; dann kamen sie
mir erst wirklich vor. Unverstndige Leute nennen dies Leichtsinn. Ich
nenne es _Sorgenblindheit_. Und sie ist der angeborene sechste Sinn
aller Knstler.

Denn wie knnten die Dichter Melodien und Lieder finden, die Maler sich
an Farben, die Bildhauer sich an Formen freuen, die Musiker an Tnen,
wenn sie sich nicht die Sorgenblindheit als sechsten Sinn geschaffen
htten, der ihnen Schutz bietet, wie l, das man in die Maschinen
trufelt, damit sich die Rder nicht hei laufen.

Und ohne die ldrse der Sorgenblindheit wrde der eindrucksfhige
Knstler tausendmal am Wege, lange vor seinem Ziele, sorgengebrochen
zusammenstrzen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, die zu jener Zeit in
Mnchen die Universitt besuchten, halfen mir in edelster Weise. Ohne
ihre Mithilfe wre ich vielleicht doch gezwungen gewesen, ins ppigere
Vaterhaus zurckzukehren. --

In dem vegetarischen Speisehaus "Thalysia" in der Landwehrstrae, in
welchem ich mittags ein krgliches Reis- oder Linsenkotelett a, fand
ich damals seltsame Menschen, von deren Anwesenheit auf der Erde ich
vorher nichts geahnt hatte. Es waren Theosophen.

Diese Menschen mit blassen Gesichtern und groen vergeistigten Augen
wirkten auf mich so befremdend, wie wenn man von einem zoologischen
Garten in die Grotte eines Aquariums eintritt und hinter Glasscheiben
im Wasser die Pflanzen der Tiefsee und die geschmeidigen Gestalten der
Meeresfauna bei knstlicher Sauerstofferhaltung leben sieht.

Mir schien, jene Theosophen hatten die Geschmeidigkeit von Fischen
oder Pflanzen, die schlank im reinen Wasser leben. Ihre Sehnsucht war,
den Indiern hnlich zu werden, und die Lotosblume, jene auf dem Wasser
ruhende, keusche Reinheitsblume, war auch ihnen wie den Indiern das
hchste Lebenssymbol.

Aber die Indier, aus dem reichen heien Himmel, aus dem reichen heien
Tropenleben geboren, kamen sich zu khlen, wenn sie sich zur Lotosblume
neigten. Die Indier kommen aus dem Reich wildester Begierden und wollen
hnlich werden der Blume, die in Ruhe ber khlen Wassern schwebt.
Es ist natrlich, da sie sich aus dem natrlichen Sonnenbrand ihres
Landes, aus ihres edelsteinschweren Landes ppigkeit nach khlender
Einfachheit sehnen und dann bei der Weltflucht und der Weltentsagung
anlangen. So wie der von der Sonne berhitzte gern zum Schatten
flchtet. Dagegen jene Theosophen kamen, aufgewachsen im nebelgrauen
Deutschland, in einem kargen Klima, auf einer Sorgenerde, zu der
Lotosblume wie die Fische angeschwommen.

Und sie sahen wie Fische zur Lotosblume hinauf, zu ihr, die in
einer hheren Welt lebte, zu ihr, die in der reinen Sonnenluft
atmete, whrend sie selbst nur in den blulichen Dmmerungen einer
Wasserschicht ihr Dasein hatten.

Diese Theosophen, schien mir, sehnten sich aus der Kargheit
eines phantasielosen Daseins nach der Phantasieblume des Lebens.
Ihre Gedankenschicht, in der sie immer schwammen, schien mir der
Wasserschicht hnlich zu sein, auf der die Lotosblume schwimmt. Sie
selbst aber schwammen immer um die Wurzel der Blume und sahen den
Lotoskelch nur von unten.

Denn diese Mnner, die ich da sah, waren nicht durch den Weltbrand
hindurchgegangen und hatten sich nicht, um sich vom Leben zu khlen,
ans Wasser des Gedankenfriedens niedergesetzt wie die Indier. Sie
haten die Wirklichkeit, ehe sie sie erlebt hatten, weil sie zu schwach
und zu khl geboren waren und die Wirklichkeit nie ihr Reich gewesen
war.

Sie lebten immer in ihren Gedankengewssern, in denen sie geboren
waren, wie der Fischlaich. Und sie sprachen von dem Begierdereich wie
Kinder, die vom Liebesleben der Erwachsenen in ihrem Kindheitsreich nur
eine verzerrte Ahnung erhalten knnen.

Diese Menschen, unter denen ich Reis und Gemse a -- weil mein Geld
nicht fr Fleischspeisen reichte, da ich mir nur abends ein wenig
Wurst gnnen durfte -- diese schlanken, durchsichtigen Menschen, die
meistens in Schriften und Bchern lasen, whrend sie kauten, wren
mir aber in meiner Armut beinahe doch als eine trstliche Umgebung
vorgekommen, da sie nach geistiger Erhebung und nach Gedankentiefe
strebten, wenn nur nicht die graue Lebensschwche aus ihren grauen
Adern geklagt htte.

Ich lernte dort bald einen jungen Maler kennen, der wie ich aus Not
in die "Thalysia" verschlagen war, und dieser erzhlte mir vom Maler
Dieffenbach, welcher zu jener Zeit bei einem Dorf im Isartal sich
ein Atelierhaus gebaut hatte. Dies Haus war aus schwarzen Teerpappen
zusammengenagelt. Und mit mannshohen gelben Buchstaben stand an dem
Giebel der schwarzen Halle das Wort: "Humanitas" geschrieben.

Man konnte Dieffenbach damals fters in den Straen Mnchens begegnen,
wenn er in die Stadt kam, um Besorgungen zu machen. Bart und Kopfhaar
reichten ihm fast bis an den Grtel. Er trug eine lange Kutte und
ging in Sandalen, und die ganze Stadt kannte ihn, den verrckten
Malereinsiedler vom Isartal, wie ihn die Leute nannten.

Die meisten Theosophen, die ich damals sah, trugen langes schlichtes
Christushaar, das im Nacken weit ber den Rockkragen fiel und nicht gut
zum zweckmigen geradlinigen Mnneranzug des neunzehnten Jahrhunderts
stimmte. Das trumerische langherabfallende Haar stand im Widerspruch
zu den knappen nchternen Linien des Anzugs des Arbeiterzeitalters.

Da brigens die Theosophen und ihre Anhnger, die vom gedankenvolleren
Norddeutschland in das lebensppigere Sddeutschland gekommen waren,
eigentlich im scharfen Widerspruch zur derben bayerischen Landesseele
standen, das fiel mir auf. Aber so wie die Fische am liebsten an heien
Tagen an der Oberflche des Wassers weilen und sich der warmbltigen
Welt ber ihnen behaglich nahe fhlen wollen, ohne doch ihre Wasserwelt
aufgeben zu mssen, so schien es mir auch bei jenen Lotossehnschtigen
zu sein. Man merkte, da sie sich im derberen Mnchen, wo das Dasein
mehr dem Leibe als der Seele zugewendet ist, wohler fhlten als im
gedankenschtigeren Norddeutschland.

Eigentlich war mir die Gedankensehnsucht dieser Menschen, die etwas
Mitleiderregendes hatte, nicht unangenehm. Wenn diese Mnner nur nicht
alle selbst so mitleiderregend gewesen wren und so weltabgewendet,
dann htte ich mich gern mit ihnen unterhalten und mich ihnen nhern
wollen. Aber da sie der Wirklichkeitswelt, ohne nur von derselben
gekostet zu haben, blindlings und vorurteilsvoll den Rcken wendeten
und die gesunden Derbheiten des Daseins nicht ebenso zu beherrschen
gelernt hatten oder beherrschen lernen wollten wie die Seelenwelt, und
da sie aus dem Wirklichkeitskampffest, das sie nur vom Hrensagen
kannten, flchteten wie Krieger, die pltzlich der Schlacht den Rcken
wenden und sich unter eine Schanze setzen und sagen, es wre unntz
zu kmpfen, denn einmal mte ja doch diese Erde vergehen und alle
ihre Gensse, und gegen die Vergnglichkeit des Leibes knnte auch
diese Schlacht nicht ankmpfen, und deshalb sollte man nur seine Seele
befriedigen -- das hat mich von ihnen abgestoen, und ich fand es weder
der Mhe wert, noch fr mich von irgendwelcher Notwendigkeit, an jener
Seelenberzchtung Anteil zu nehmen.

So wie der derber werdende Brgerstand, der damals immer breiter das
mittelalterliche Rittertum und seine Romantik nach Anleitung Makarts
in Wien in ppigen Samt- und Stoffausschmckungen der Rume in Orgien
der derbsten Geschmacklosigkeiten feierte, und dem die Tapezierer die
Fenster und die Tren mit dunklen orientalischen Teppichen schwlstig
bekrnzen durften, so entgegengesetzt bertrieben zum sinnenrohen
Treiben wirkte die Leere und die reizlose Klarheit, mit der jene Gruppe
von Theosophen, die ich tglich sah, das sinnliche Leben betrachtete.

Die Brger waren bertrieben in der Gestaltung des ueren Lebens,
die Theosophen bertrieben in der Flucht zum inneren Leben. Die einen
hatten zuviel Weltnhe, die anderen zuviel Weltferne. Die einen arteten
in Weltppigkeit aus, die anderen in Weltfremdheit. Die meisten
Brger wnschten nur Feste der Sinne zu feiern, die Theosophen nur
Feste der Seele. Und beide Menschengruppen schienen mir entrckt der
Weltnatrlichkeit, der einfachen Weltselbstverstndlichkeit. Sie
feierten nicht das selbstverstndliche Fest natrlicher Schpferkraft,
die inneres und ueres Leben, Weltnhe und Weltferne in mglichstem
Gleichgewicht erlebt.

Weder weltverwildert sein noch weltentfremdet werden ist dem
groen weisen Fest des Lebens gnstig. Weder Lebensberhitzung
noch Lebenserkltung ist das Ideal des Lebensfestes. Eine emsige
Lebensfestlichkeit, die aber nicht das Leben schulmeisterlich verrenken
will, wie es die Seelensehnschtigen gern mchten, und die ebensowenig
zur Lebensgier anspornen will, diese natrliche Lebensfestlichkeit fand
ich damals selten unter den Gesichtern der Strae, aber ich fand sie
immer bei den Dichtern jener Zeit.

Alle die Dichter, die ich noch spter kennen lernte, und alle, die
ich bereits aus ihren Werken kannte, alle sogenannten "Modernen"
enthielten sich mglichst, seelisch schulmeisterlich zu wirken oder
stumpfsinnig einseitige Lebensppigkeit zu pflegen. Es war ein markiger
festlicher Ernst in fast jedem neuen Buch, das damals aus der Gruppe
der "Modernen" erschien.

Aus allen diesen Grnden fhlte ich mich nicht hingezogen, Verkehr mit
jenen Theosophen anzuknpfen. Ich las nur manchmal in ihrer Zeitschrift
"Sphinx", die in dem vegetarischen Speisehaus auf den Tischen lag, und
plauderte dort mit einigen Malern.

Am Tage besuchte ich gern die Museen. Ich lie mich bei der Betrachtung
dort von keiner Kunstgeschichte leiten, sondern gab mich nur den
Eindrcken hin, die die Bilder auf mich ausbten, und ordnete fr mich,
je nach der Strke oder Schwche dieser Eindrcke, die Meister der
verschiedenen Jahrhunderte nach meinem eigenen Gutdnken.

Und dabei fiel mir auf, wieviel Geistesqualen und wieviel
Geistesentsagung aus den gemalten Gesichtern aller christlichen
Jahrhunderte sprach. Dagegen frei und gesund und festlich trugen die
griechischen Statuen in der Glyptothek ihre Mienen. Von Gedanken- und
Krpergesundheit aufrecht gehalten und natrlich selbstbewut, trugen
jene festlichen Menschen der Heidenzeit ihren Leib.

In der alten Pinakothek dagegen sprachen die Menschengesichter der
christlichen Zeiten, die ich da auf den Gemlden sah, von einer
Bedrckung, durchdrungen von einer, wie mir schien, unaufrichtigen
Bescheidenheit und einer eingebildeten Demut. Und jene Maler der
Renaissance, die die Gestalten der biblischen Geschichte nackt
darstellen, malten, gereizt vom Fleischton, die enthllten Krper
meistens in einer lsternen Beleuchtung. Und nur bei ganz wenigen alten
deutschen Malern, wie bei Holbein und Memmlinger, war das Fleisch
streng, aber abgettet behandelt.

Auch diese Bilder konnte ich nicht lieben. Die Krper waren von diesen
Malern dargestellt, als she man erfrorene Bume im Sommer, whrend bei
den italienischen und niederlndischen Meistern das Fleisch der nackten
Menschen zu ppig strotzte, zum Beispiel bei Michelangelo und Rubens,
als htte das Fleisch ohne Geist wuchern drfen und wollte Orgien
feiern.

Ich traf auch hier wieder dasselbe Gefhl, das mich immer bei der
Betrachtung der alten Weltanschauung begleitet hat: die Eindmmung der
Lebenslust zur Lebensentsagung erzeugt wuchernde Phantasiegebilde,
die nichts mehr mit edler Schnheit gemein haben. Nur eine natrliche
Weltauffassung, eine selbstverstndliche Weltanschauung, die den
Menschen zum Schpfer und Geschpf erhebt und das Weltalleben einfach
festlich ansieht, kann auf allen Gebieten der Knste festliche und
natrliche Schnheit schaffen.

Die Griechen, die den Menschen nicht mit einer Erbsnde belasteten, die
ihn frei aufwachsen lieen, denen die Gtter des Olymps nichts anderes
waren als Personen gewordene Menschengesetze, sie schufen festliche
Schnheiten.

Der griechische Olymp, sagte ich mir, war nichts anderes als eine
hhere Menschengesellschaft, eine erdichtete Versammlung hchster,
schnster und weisester Menschen, die man wegen ihrer Vollkommenheit zu
Menschenoberhuptern ernannt hatte.

Die Gtter waren anspornende Beispiele, um zu zeigen, wie hoch sich der
Mensch entwickeln kann bei fortgesetzter Geistes- und Krperzucht.

Und jeder wei, es war beim griechischen Volke nicht ausgeschlossen,
da mutige Naturen, Menschen, die sich auf Erden auergewhnlich
hervortaten, oder Menschen, die auergewhnlich vollkommen zur Welt
kamen, als Gtter in die Versammlung des Olymps aufgenommen wurden,
manche sogar nur wegen ihrer uerlichen krperlichen Vorzge, andere
wegen ihrer geistigen und krperlichen Heldentaten.

Den lebenden Menschen von damals wurde also besttigt, da die
Mglichkeit in ihnen lag, Schpfer und Geschpf zugleich sein zu
knnen. Und diese Mglichkeit, ein Gott sein zu knnen, krnte das
Menschendasein der Griechen.

Und da sie ebensogut durch Krpervorzge als durch Geistesvorzge
Gtter werden konnten, herrschte im Volkssinn jener Tage ein edles
Bestreben nach Krper- und Geistesgleichgewicht auf Erden, das uns
heute, wie wir alle wissen, noch aus griechischen Kunstwerken unendlich
erhebend anredet. -- Aber warum mute jenes Ideal vergehen, wenn es
bereits festliches Leben darstellte?

Deshalb mute es vergehen, weil es doch noch nicht das
selbstverstndlich _allumfassende_ Festliche war. Weil die Tierwelt,
die Pflanzenwelt, die Welt der toten Dinge von den Griechen noch nicht
als ihr Ich, als ihre eigene Schpferkraft angesehen wurden.

So wie die Mrchen des Mittelalters, um die Natur belebt zu sehen,
menschliche Figuren in das Landschaftsleben hineindichteten, so taten
dies in noch hherem Mae die Sagen der Griechen. Wo wir Elfen,
Hexen, Kobolde dichteten, dichteten sie Dryaden, Faune, Nymphen und
Halbgtter. Nie aber lebten in den griechischen Dichtungen der Baum,
das Tier, die Quelle, die Wolke als Naturleben.

Es mute in der Vorstellung der Griechen immer jedes Leben erst eine
menschliche Verkrperung eingehen und deshalb war das griechische
Lebensfest nicht vollkommen zu nennen. Die griechischen Dichter
konnten nicht eine Abendstimmung auf sich wirken lassen, nicht einen
Baum rauschen hren, nicht die Meereswelle sehen, ohne bei diesem
Natureindruck sofort eine menschliche Gestalt hinzuzaubern, die
Nymphe, den Pan oder einen ihrer Gtter.

Und dieses Umgestalten will die neue Weltanschauung nicht mehr tun.
Sie will das Fest feiern, wie es ist. Sie will die einfache Musik des
Windes und der Welle, des Regens und der Wlder, das festliche Leben
der Tiere, Vgel und Insekten einfach festlich erleben.

Der "Mensch von morgen" hat Sehnsucht, in die Nhe aller Wesen zu
kommen, deren Lebensfest er noch nicht bewut mitgefeiert hat. Er
hat sich jetzt genug Geduld, Ruhe und Ernst angeeignet, um in die
Festlichkeit der anderen Lebewesen dichterisch einzudringen, ohne da
er notwendig hat, in der Vorstellung die Krper der Tiere und Pflanzen
fortzuwerfen und ihnen Menschengestalten aufzudrngen.

_Der Weltblick des "Menschen von morgen" will sich erweitern, und mit
dem Weitblick vergrert sich die Lebensfestlichkeit._

In der Kunst, die menschliche Gestalt darzustellen, darin haben die
Griechen wohl hchste Lebensfestlichkeit erreicht. Aber im Hinblick auf
das Weltalleben waren sie beschrnkt und unaufgeklrt. Diese Aufklrung
und diese Festlichkeiten des Menschengeistes zu erleben, blieb spteren
Jahrtausenden vorbehalten, unserer Zeit und der Menschheit von morgen.

Wer aber behauptet, die Knstler seien nicht an eine Weltanschauung
gebunden, sie dichten, musizieren, malen und bildhauern einfach das,
was ihnen gefllt, dem mchte ich antworten, da die Schpfungen der
Knstler immer abhngig waren von der Weltanschauung, die die Nation
hegt und die Zeit, der ein Knstler angehrt.

Die Knstler der Japaner, der Chinesen, der Indier, die die Tiere
und Menschen, Landschaft und Pflanzen seit Hunderten von Jahren mit
tiefster Kenntnis und knstlerischer Liebe umfassen und darstellen
knnen, sind von der buddhistischen Weltanschauung beeinflut, die
alle Wesen gleich achtet. Die Lebenstreue und die Feinheit, mit der
jene asiatischen Knstler die feinsten Lebensregungen in der Natur
in grozgigen Linien auf ihren Bildern einzufangen verstehen, die
Knappheit und Krze und Anschaulichkeit ihrer Gedichte, die wenig
ermdend nie den dichterischen Eindruck bertreiben, sondern das
Erlebte und Tiefste in sparsamer Krze hinzusingen verstehen, ebenso
die wunderbare Einfalt ihrer in Naturlauten summenden trumerischen
und unaufdringlichen Musik, die nicht zum Anfllen steinerner
Hallen, sondern zum Einwiegen des Menschenohres berechnet ist, diese
Kunstausbung nhert sich der festlichen Anschauungsweise des gesamten
Weltallebens.

Wie wenig dagegen leisteten infolge ihrer engen Weltanschauung
in der Kunst die Mohammedaner. Nur in der Architektur, in der
Raumausschmckung und in der Ausschmckung von Waffen und huslichen
Gerten sind sie Meister gewesen. Aber nirgends im mohammedanischen
Kunstleben wird das Naturleben oder Menschenleben, das vielgestaltige,
dargestellt, wie dieses bei den buddhistischen Vlkern, bei den Indern,
Chinesen und Japanern der Fall ist.

Und seht die christliche Zeit des Abendlandes. Die Knstler des
Mittelalters, sie malten und bildhauerten, musizierten und dichteten,
aufs strkste beeinflut von der christlichen Weltanschauung, und jene
mittelalterlichen Knstler konnten nur das hervorbringen, was sich um
die Kirche und den Kirchengeist der damaligen Zeit bewegte. Nie kamen
die christlichen Knstler jener Zeit den Knstlern der buddhistischen
Weltanschauung gleich. Aber den mohammedanischen Knstlern waren die
christlichen wieder an vielseitiger Entfaltung berlegen.

Von der jdischen Kunst sind uns zwar Bcher und Lieder berliefert,
aber in der darstellenden Kunst leisteten die Juden nichts, da die
Weltanschauung dieses Volkes die bildnerische Kunst nicht zu pflegen
erlaubte.

Und es ist wohl als sicher anzunehmen, da bei den Juden damals in
Palstina Knstler geboren wurden, ebenso wie in den brigen Lndern
der Erde, denn wenn dieses Volk auch hauptschlich ein Handelsvolk ist,
so ist das kein Beweis, da nicht Kunstliebe und Knstler unter ihnen
leben.

Das groe Handelsvolk, die Englnder, haben den groen Dichter
Shakespeare hervorgebracht und andere Knstler. Bei den Juden htten
sich in alter Zeit wohl auch Bildhauer ausgebildet, so wie bei den
gyptern und Griechen, wenn die jdische Weltanschauung das Aufstellen
von Kunstwerken erlaubt htte.

Ich wollte hiermit denen antworten, die da glauben, der Knstler drfe
immer zu allen Jahrhunderten und bei allen Vlkern tun und lassen, was
er wolle. _Der Knstler war aber immer an die Weltanschauung seiner
Zeit gebunden_, auch wenn diese ihm ungnstig gesinnt war, _anpassen
mute er sich immer der Weltanschauung seiner Zeit_.

Ich erinnere nur an die Madonnenmaler, an die Knstler des
Mittelalters, die gar keine himmlischen Gesichter erdachten, sondern
schne Mdchen des Volkes, die sie herzlich und sinnlich anregten, und
von denen manche eines Knstlers auserkorenen Liebste war, die er in
Holz oder Stein oder Farben im Kunstwerk herstellte, wonach das dann
auf die Altre als Mutter Gottes oder als irgendeine Heilige in die
Kirche kam. Des Knstlers Liebesideal wurde so oft zum Anbetungsideal
einer Kirchengemeinde.

Ebenso wei man, da die vielen Gedichte, die die Mnche fr die
Madonna, fr ihre himmlische Braut, und die Nonnen an Christus, fr
ihren himmlischen Brutigam schrieben, stark durchsetzt waren von
weltlichen Liebeserinnerungen und unbewut oder bewut aus heien
Liebeserinnerungen und Liebessehnschten entstanden, die jene Mnner
und Frauen aus der Welt mit in die stillen Klster brachten.

Wenn jene aus der Welt flchtenden Menschen Mnche und Nonnen
wurden und sich hinter die Klostermauern zurckzogen, schrieen ihre
Welterinnerungen auf, und ihr heies Gedenken an genossene oder
entsagte Lust verwandelte sich oft in die inbrnstigsten und schnsten
Liebeslieder, in denen sie ihren eingekerkerten Sinnen Luft machten.
Diese Knstler muten ffentlich eine Gottheit verehren unter dem Druck
der Weltanschauung ihrer Tage; in Wahrheit aber verehrten sie das
festliche Leben, dem sie sich entzogen hatten.

Als dann eine freigeistige Zeit anbrach, kam auch die groe Zeit
fr die Portrtmaler, wobei dieselben ihre Menschen nicht mehr als
Heilige und Madonnen verkleiden muten. Sie folgten der befreiteren
Weltanschauung ihrer Zeit und malten, so gut sie konnten, auch
Landschaften, in denen aber erst immer noch Menschenfiguren als Beigabe
herumstanden.

Zu dem vielseitigeren Genieen reiner Landschaften, reiner
Naturstimmungen und zum Malen aller Leben ist erst unsere heutige
Zeit mit der aufgeklrteren Geistesrichtung gekommen. Aber sie
bt diese Kunst noch nicht so sichtlich reichhaltig und durch
Menschengeschlechter geschult, wie es die buddhistischen Maler Asiens
vermgen, welche die Insekten, fliegende Vgel, alle Blumen und
Grser und alle Naturstimmungen mit wenigen, kennzeichnenden Strichen
wunderbar knstlerisch darstellen.

Lat aber allen europischen Vlkern einmal die Weltanschauung von der
Festlichkeit des geringsten Daseins bewut werden, die berzeugung von
der Bedeutung der unendlichen Schpferkraft, die in jedem Geschpf
liegt, die nicht nur den Menschen seelenvoll nennt, sondern, seelenvoll
und dem Menschen gleichgestellt, das letzte Lebewesen, dann wird erst
ein groes knstlerisches Aufblhen und damit ein inniges Vertiefen in
alle Weltleben in der Dichtung, der Malerei, der Bildhauerei und der
Musik einsetzen, so da dann die Welt offensichtlich zu einer Festwelt
wird.

Denn ihr sollt nicht sagen, die Japaner und die Chinesen und die
meisten Asiaten erzeugen nur deshalb so viele Kunstwerke, und jeder
ihrer Gebrauchsgegenstnde ist nur deshalb von einem Kunstgedanken
zum Leben gebracht, weil diese Vlker ein angeborenes greres
Kunstverstndnis und strkeren knstlerischen ausbenden Sinn mit auf
die Welt gebracht haben.

Das ist es nicht. Das ist eine bequeme Tuschung, mit der ihr euch
selbst herabsetzt, weil ihr euch in Europa nicht grndlich in aller
Weltallfestlichkeit erkannt habt, weil ihr euch nicht grndlich
vertrauen wollt und noch teilweise in einer kunstfeindlichen, weil
weltfeindlichen Weltanschauung befangen seid.

Die Knstler aller Zeiten waren wohl immer durchdrungen von der
Festlichkeit aller Leben. Es waren nur die Volksmassen, die den
Knstlern den Zwang einer beengenden Weltanschauung auflegten. Aber
auch die Vlker sind im letzten Grunde immer von der Festlichkeit des
Daseins berzeugt gewesen, es fehlte ihnen nur die Reife und die Kraft
des Eingestndnisses.

Die Kunstseele ist in allen Vlkern und zu allen Zeiten immer dieselbe
gewesen. So wie das Sonnenlicht jeden Tag rund um die Erde geht und
berall Sonnenlicht ist, wenn ihr es nur zu euch kommen lat und euch
nicht vor dem Licht versteckt und das Licht nicht verbaut, und so wie
die Erde unter euren Fen euch rund um die Weltkugel gleichmig
trgt und berall dieselbe Erde unter euren Fen bleibt, so seid ihr
Menschen, wandelnd zwischen Sonne und Erde berall auf der Welt,
durchdrungen von der Lust am Betrachten, am Zuhren und Wiedergeben der
Welteindrcke, durchdrungen von der Weltallfestlichkeit, geboren.

Und aus diesem festlichen Empfinden heraus, das berall dem
Menschenleben bei allen Vlkern angeboren ist, entstehen auch berall
die drei Kunstarten: Dichtung, Bildnerei und Musik. Nur schwchende
Weltanschauungen und enge Weltberblicke knnen teilweise das festliche
Weltbetrachten dem Menschenherzen verkrzen, so da die knstlerische
Wiedergabe beschrnkt wird.

Setzt aber einmal bei allen Vlkern eine festliche Weltanschauung ein,
so werdet ihr sehen, da alle Vlker hchste knstlerische Krfte
besitzen, und da das Menschenleben sich zu einem harmonischen Fest
auch in knstlerischer Hinsicht gestalten wird.

       *       *       *       *       *

Halb bewut und halb unbewut gab ich mich damals in den Mnchner
Museen diesen Betrachtungen hin. Aber heute erst kann ich sie in Worten
niederschreiben. Ich wute damals nicht, was mich so eifrig zu den
heidnischen antiken Kunstwerken hinzog, aber mich doch im allerletzten
Grunde auch unbefriedigt lie.

Ich wute auch nicht, was mich an den Gemlden der christlichen Bilder
bedrckte, und was mich daran, abgesehen vom malerischen Knnen jener
Meister, unbehaglich, unbefriedigt lie. Ich stand vor groen Werken
der Malkunst, aber die Maler selber, das sagten ihre Werke, waren nicht
Besitzer einer freien und natrlich festlichen Weltanschauung gewesen.

Darum fand ich mehr Freude drauen in der Natur, bei Spaziergngen, wo
das Leben der Wlder und Berge, des Himmels und der Flsse von keinem
kurzsichtigen Zeitgeist erschaffen war, dort im Freien herrschte das
Weltallfest vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Die
Kunstwerke des Christentums konnten mir nicht dieselbe Festlichkeit
geben, wie sie mir die Natur gab. Nur die Statuen des heidnischen
Griechentums trugen hnliche Lebensfestlichkeit zur Schau wie die immer
festliche Landschaft.

Es war mir aber damals auch noch unmglich, mein Handeln und mein
Denken zusammen Hand in Hand gehen zu lassen, da die Gedanken nicht so
klar wie heute vor mir standen, also, der Gedanke noch nicht so sicher
die Tat leiten konnte.

Ich wute noch nicht, wie ich die Welt in Worten knapp durchgeistigt
und verkrpert, ohne Anlehnung an die alte christliche Weltanschauung,
in Gedichten wiedergeben sollte, und war oft recht verzweifelt und von
Ungeduld geschttelt.

Ich konnte auch niemanden um Rat fragen, mein philosophischer Freund
hatte mir nur sagen knnen: "Verla die alte Weltanschauung! Sei
ehrlich zu dir selbst. Du und wir alle haben sie im Grunde schon lngst
verlassen. Du findest den Weg zu neuen dichterischen Schpfungen von
selbst. Sei nur mutig!" --

Verlassen hatte ich die alte Welt. Aber ich tappte noch im unklaren
und hatte keine neue vor mir. Denn die Wirklichkeitswelt, in der die
anderen Dichter damals arbeiteten, die Alltagswelt, die Welt der
Taglhner und Proleten, die von ihnen mit Vorliebe damals aufgesucht
wurde, die schien mir nur ein Nebenweg am Hauptweg zu sein, der
eingeschlagen werden mute, ein Vermittlungsweg zum Hauptweg.

Ich versuchte diesen Weg ein Stck zu gehen, und ich schrieb in
Mnchen, um mir zu beweisen, ob ich mit photographischer Treue das
Wirklichkeitsleben wiedergeben knnte, damals ein Drama in zwei
Akten, betitelt "Das Kind", das mit allzu deutlicher Deutlichkeit den
Seelenzustand eines jungen Mdchens wiedergab whrend einer Nacht des
Abschieds von ihrem Brutigam, und das sich am Morgen nach dem Abschied
aus dem Fenster strzt.

Das Stck war kra, erschtternd, aber es lste keine innere Erhebung
in mir aus. Nur die Achtung vor wirklichkeitsgetreuer Schilderung
blieb als Endgefhl in mir brig. Und ich sah ein, da uere
Wirklichkeitswiedergabe nur eine Schulung fr einen Schriftsteller sein
konnte, aber da sie nicht hchstes Kunstideal werden durfte. Das Stck
wurde spter im Jahr 1900 vom Mnchner Schauspielhaus angenommen. Aber
ich zog es zum Erstaunen des Direktors vor der Auffhrung zurck. --

Das Osterfest 1892 kam heran, und ich ging an einem Karfreitag, erfllt
von den Erinnerungen alter Osterzeiten, durch die Kirchen Mnchens
und kam in eine hohe alte Kirche, die war dunkel und wirkte wie ein
gerumiger Keller. Und die Menschenmenge, die zu dem einen Eingang
hineindrngte, Kopf an Kopf, und die Kirche durchquerte und zu einem
anderen Eingang hinausdrngte, schob mich vorwrts.

Alle groen Gemlde ber den Altren und die Altre selbst und die
Altarstufen waren, wie das immer in der Karwoche ist, mit tiefvioletten
Tchern zugedeckt. Und durch die Weihrauchwolken sah ich die Pyramiden
der Kerzen aufragen, deren unzhlige spitze Flmmlein mir den Eindruck
von goldenen Dornen machten.

Vom Weihrauch halb verhllt, stand der in Spitzengewnder gekleidete
Priester am Altar, und als ich einen Augenblick zurcksah ber die
Menge, die mich vorwrts schob, stach durch die offene hohe Kirchentr
das blauweie Tageslicht grell in das dunkle Kirchengewlbe herein,
als stahlblauer Strahl und war wie ein mchtiges helles Schwert ber
den Kpfen der Menge. Und die Menschen, die Kopf an Kopf da drngten,
erschienen mir wie ein Heerwurm, der unter dem blanken drohenden
Schwert durch die Kirche zog.

Einen Augenblick schien es mir, als ich den Weihrauch aufsteigen sah,
als htten die Kerzen das violette Tuch, das ber dem Altarbild hing,
angezndet, und als rolle das Tuch feurig brennend und rauchend ber
den Kpfen der Menge hoch.

Ich ging dann nach Hause und schrieb den visionren Eindruck dieses
Karfreitagkirchenbesuches in kurzer Skizze, die ich "Auferstehung"
betitelte, nieder. Ich gab den Eindruck so wieder, wie ich ihn
eben erzhlt habe, nur ein wenig mehr ausgearbeitet, in heftigeren
Farbeneindrcken und in knappen, etwas gehackten Stzen.

In jenen Tagen in Mnchen -- das mu ich noch vorher bemerken -- hatte
ich mir manches Mal ein Buch in der "Bibliothek der Modernen" geliehen.
Diese Bibliothek war im Hause des Schriftstellers Schaumberger, und
dort im Hausgang war ich im Vorbergehen den Dichtern O. J. Bierbaum
und Ludwig Scharf vorgestellt worden.

Einige Tage spter erhielt ich von O. J. Bierbaum die Aufforderung,
eine kleine Arbeit fr den "Musenalmanach" 1892-1893 einzusenden.

Nichts schien mir geeigneter fr diesen Zweck als die kleine Skizze
"Auferstehung", die kaum zehn Druckzeilen gro war, und die ich fr
meine erste und beste Leistung auf dem neuen Weg beschreibender Prosa
hielt.

Ich dachte mir aber, da wahrscheinlich Hunderte von Schriftstellern
zu Beitrgen fr den Musenalmanach aufgefordert worden waren, und da
das, was ich geschrieben hatte, so wenig war, da es in dem Buchband
kaum zehn Menschen auffallen wrde. Mir persnlich sollte diese
kleine Skizze die Linie zeigen, die ich einschlagen wollte. Nicht
Wirklichkeitsschilderung, sondern in Vision umgesetzte Wirklichkeit
wollte ich von jetzt ab geben.

Ich hatte damals noch keine Ahnung von Kritik und Kritikern berhaupt.
So wie es nirgends in der Bibel steht, da Gott bei seiner Schpfung
an eine Kritik derselben gedacht habe, so wenig war mir der Gedanke
gekommen, da ich je eine gedruckte Kritik ber mich lesen wrde. Ich
selbst hatte nie Kritiken ber Bcher gelesen, so wie ich auch bis
dahin nur uerst selten eine Tageszeitung in die Hand genommen hatte.

Ich dachte, Dichtungen werden schweigend geliebt oder schweigend
abgewiesen, und ich wute noch nicht, da das meiste, was geschrieben
wird, auch ffentlich besprochen wird.

Da in den Zeitschriften Bcherbesprechungen gebracht wurden, in jenen
modernen Zeitschriften, in welchen die neuen Dichter sich vereinigt
hatten, um auf neue Wege hinzuweisen, das schien mir natrlich.
Da aber die Zeitungswelt, die Augenblickswelt, die doch keine
Zeit zum Sichvertiefen haben konnte, Geistesarbeit zu kritisieren
sich berechtigt fhlte, in derselben Weise, als ob man das Wetter
beschrieb und Tagesvorgnge besprach, da Geistesarbeit unter die
Augenblicksvorgnge gerechnet werden knnte, das war mir ganz unbekannt
und unverstndlich.

Im Herbst desselben Jahres, als ich dann spter von Mnchen nach Berlin
gezogen war, erhielt ich eines Tages von meiner Familie aus Wrzburg
eine Nummer des "Berliner Tageblattes" zugesandt. Im Feuilleton war
der Bierbaumsche "Musenalmanach" fr 1892-1893 breit besprochen. Aber
mein Erstaunen wuchs aufs hchste, als ich meinen Namen an die Spitze
des Aufsatzes gestellt sah und die Worte am Eingang der Kritik las:
"Da tut ein Max Dauthendey seine milde Hand auf und schenkt uns eine
Auferstehung."

Ich begriff zuerst nicht, da der Artikel von Hohn strotzte. Man hatte
zugleich meine Skizze wortwrtlich abgedruckt, und man geielte mit
bissigem Spott die neue verrckte Schreibart. Die fr eine Tageszeitung
auch wirklich nicht am Platze gewesen wre. So schwer denkbar wie
es ist, da Botticelli Skizzen fr eine illustrierte Tageszeitung
gezeichnet haben wrde, so wenig pate natrlich die Skizze eines neuen
Wegesuchers in den Alltagsstil einer Zeitung.

Da ich zur Mitarbeit aufgefordert worden war und meine Skizze als
Geschenk dem "Musenalmanach" gegeben hatte, hatte ich die Einfalt, zu
glauben, da die Welt auch meine Arbeit als Geschenk annehmen msse und
nicht als eine Herausforderung zum Meinungszweikampf.

Grausam und ungerecht fand ich diesen unerwarteten Angriff auf meinen
mit tiefstem, heiligstem Ernst ausgearbeiteten kleinen ersten Versuch,
Wirklichkeit und Unwirklichkeit vereinigen zu wollen. Ohne nach der
alten Figurenwelt von Engeln und Teufeln zu greifen, hatte ich die
Visionen eine Kirchenstimmung, eine Karfreitagsphantasie, versuchsweise
wiedergeben wollen.

Da meine Welt nicht die Welt von heute war, wurde mir aus jener
Kritik hier grndlich zum erstenmal ffentlich besttigt. Aber mutlos
oder kopfscheu machte mich diese Erkenntnis nicht. Und so breit, wie
ich heute das Ereignis beachte, tat ich es damals nicht. Es war eine
flchtige Sekunde des Unbehagens, die aber doch so stark war, so da
ich sie nach langen Jahren noch in mir aufgezeichnet finde. -- Und ich
erzhle dieses nur, weil es meinen ersten neuen Versuch betraf, der mir
am Herzen lag.

Der Gedanke, die Natur phantastisch, doch ohne Verwandlung der
Naturleben in Menschengestalten, wiederzugeben, beschftigte mich
damals in Mnchen, seit ich den ersten Versuch, die kleine Skizze
"Auferstehung", geschrieben hatte, unausgesetzt.

Eines Sonntags wohnte ich im Mnchner Hoftheater einer Vorstellung des
Byronschen "Manfred" bei, und Ernst von Possart spielte den "Manfred."
Von meinem Platz aus auf einem der Rnge konnte ich immer sehen, wie
die Versenkung sich ffnete, und wie einer der Erdgeister oder einer
der Feuergeister aus dem Bretterloch aufstieg. Das strte mich sehr.
Wohl war die Sprache des Dichters schn, aber auf dem Heimweg vom
Theater sagte ich mir, ich htte das Stck lieber gelesen und htte mir
dann die Gestalten der Elemente mchtiger und unbegrenzter vorstellen
knnen.

Es wirkte komisch, wenn da in grauen Kattunstoffe eingewickelte
Menschen auf der Bhne herumliefen wie Gugelmnner, und wenn man sich
vorstellen sollte, diese Vermummten sollen die verkrperten Elemente
der Erde sein. So drftig und so beschrnkt war mir noch nie die
Gestaltung der Elemente vorgekommen. Die Schuld lag nicht an der Bhne,
nicht an der Darstellung, sondern am Dichter, der sich htte hten
mssen in seinem Drama ungeheuere Elemente in der Form von Menschen
auftreten zu lassen.

Mein neuzeitlicher aufgeklrter Natursinn strubte sich fortwhrend
gegen die Annahme, da verkleidete Menschen Elemente darstellen
sollten. Ich ging unbefriedigt nach Hause, und ich sagte zu meinen
Freunden: "Ich mchte ein Drama schreiben, in welchem die Elemente
auftauchen wie die Bilder im Gehirn eines Menschen. In dem Drama mchte
ich Gletscher, Meer, Wste als unsichtbare Chre singen lassen."

Jedenfalls stieg mir an jenem Abend unklar die Idee auf, da, wenn
ein Drama ohne Menschen auch eine Ungeheuerlichkeit wre, es doch
keine Unmglichkeit sein mte. Heute wei ich, da das alles nur
Vorbereitungsgedanken fr meine knftige Lyrik waren, in welcher ich
dann mit Vorliebe Liebes- und Landschaftsleben verschmolzen habe, ohne
den Landschaftsdingen Menschengestalten zu geben.

Als die Universitt Osterferien hatte, fuhr ich mit dem einen meiner
Freunde, dem Schweigenden, ins Gebirge nach Tirol, und wir stiegen zum
Achensee hinauf. Zu beiden Seiten des Weges lag noch hoher Schnee,
besonders hoch beim See an den kalten Nordseiten der Berge.

Der Ausflug whrte nur zwei Tage, aber ich erinnere mich noch deutlich,
als wre es gestern, einer Sekunde, die ich auf dem See erlebte,
und die in mir blitzartig die Gestaltung eines Dramas ohne Menschen
schaffen sollte.

Wir saen am Sptnachmittag in einem Boot, mein Freund ruderte. Wir
waren an einer Seeseite gewesen, wo streckenweise der Schnee auf
groen Wiesenflchen geschmolzen war, und dort waren, in der heftigen
Frhjahrssonne, Gruppen von rosa Alpenhyazinthen emporgeschossen, die
da wild und ppig wucherten.

Wir hatten einen groen Strau davon gepflckt, der lag neben mir auf
der Bootsbank. Ich hielt das Steuer und lag halb ber den Bootsrand
gebeugt und starrte in die herrliche smaragdgrne Tiefe des Bergsees
und freute mich an dem feuerblauen Schatten, den unser Schiff und wir
selbst ber die Seeflche zeichneten. Mir schien, wir schwammen mit dem
Boot ber einen ungeheueren Kristallberg.

Stellenweise konnte man die schlangenartigen Figuren der Seegewchse
goldig am Grund aufblinken sehen oder Felsblcke, die wie Goldklumpen
spukartig aus dem grnen Wassergrund heraufsahen. Und versunkene
Baumstmme waren da unten, unheimlichen Tierkrpern hnlich, mit grnen
und blauen Gliedern, die schienen mehr unwirklich als wirklich zu sein.

Ich lie von Zeit zu Zeit einen Bltenbschel des rosa
Hyazinthenstraues, daran ich einen kleinen Stein gebunden, in die
Seetiefe gleiten, und es erstaunte mich immer wieder, wie die rosa
Blumen in einiger Tiefe blau und dann weilich wurden und versanken,
als fielen sie durch verschiedenfarbige Tinten.

Und ich stellte mir dann vor, wie meine Blumen nun da unten liegen
muten und sich nach der Sonne und nach den Wiesen oben sehnen wrden,
und da der Seegrund sie nun nie mehr loslassen wrde, und da sie zu
Stein werden muten neben dem Stein, der sie hinuntergezogen hatte in
die grne Glaskammer des Sees.

Als ich mde war vom Hinunterschauen, sah ich drben ber dem
Seeufer einige schneebedeckte Berge Tyrols, und wenn auch keine
Gletscher zu sehen waren, so bildete ich mir doch ein, so starr wei
mten Gletschergipfel unberhrt den ewigen Schnee tragen wie jene
verschneiten Berge.

In demselben Augenblick ging die Sonne unter, und die Schneegipfel
frbten sich, als wchsen auf ihnen vor meinen Augen Felder von rosa
Alpenhyazinthen. Es war aber nur die Abendsonne, die die uersten
Erdzacken aufglhen lie.

Und dieses feierliche Schauspiel, dem ich im Boot, schwebend ber der
Seetiefe, im lautlosen Abend zusah, das prgte sich so stark in mich
ein, da ich es dichtend nachgestalten wollte, so wie es gewesen.

Und nach Mnchen zurckgekommen, dachte ich mir aus, ich wollte
ein Drama schreiben, in welchem kein Mensch auftreten sollte, wie
ich das schon einmal gesagt habe. Nur einzelne Menschenstimmen und
Menschenchre und Musik hinter der Bhne sollten die Verwandlungen
begleiten.

Und ich wollte zuerst hinter der Szene eine groe Stimme singen lassen.
Das sollte die Stimme der menschlichen Sehnsucht sein. Und unsichtbare
Chre des Weltalls sollten ihr antworten.

Und die Sehnsucht sollte hinuntertauchen in die Meerestiefe, in die
Pflanzengrten dort unten, wo die Perlen in ihren Schalen singen und
tausend Jahre reifen. Und das Bhnenbild sollte den farbigen Meergrund
zeigen.

Und die Sehnsucht, keine Ruhe in der Meerestiefe findend, sollte dann
zum Gletscher eilen, zum ewigen Schnee. Und auf der Bhne sollte das
Eis der Gletscherfelder aufglhen in der Abendsonne, und Chre der
Stimmen des ewigen Schnees sollten antworten, so wie die Scharen der
Perlen in der Meerestiefe der Sehnsucht geantwortet hatten.

Und die Sehnsucht sollte, auch dort keine Ruhe findend, vom Gletscher
zur Wste eilen und dem Sand und den Sandmeilen zusingen. Und der im
heien Wind aufwirbelnde Sand sollte in Chren der Sehnsucht antworten.

Und die Sehnsucht sollte endlich heimkehren, heimgetrieben, nachdem sie
nicht Ruhe gefunden, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in der Hhe
des ewigen Schnees, nicht in der Hitze der Wste.

Dann sollte im Abend ein Frhlingsgarten voll Blten als letztes Bild
dastehen und ferne Geigen unter den Blten singen. Chre der Blten
und die Mondstimme in der Frhlingsnacht und die Chre der Blumendfte
sollten singen, und die Sehnsuchtstimme des Menschen sollte ihr letztes
Lied finden und sich sagen: da sie nirgends auf Ruhe traf und auch
das Weltall ihr geantwortet habe, da nirgends Ruhe sei, so wre die
einzige Weisheit die, das Leid aller und die Liebe aller mitzuerleben,
mitzujubeln und mitzuleiden. --

Ich wollte mich nun fr dieses Drama vorbereiten. Schneeberge
hatte ich gesehen. Auch die Seetiefe des Achensees konnte mir eine
Vorstellung geben vom Meeresgrund. Nur ber die Wste wute ich noch
nichts. Und ich verschaffte mir Bcher mit Wstenbeschreibungen.

Aber sie gefielen mir nicht. Ich konnte keine Stimmung aus ihnen
erhalten. Und da erinnerte ich mich, wie ich als Knabe oft im heien
Mainsand auf einer Insel im Flu nach dem Bade gelegen hatte. Und
dieses ferne erlebte Bild des trockenen Julisandes mit der senkrechten
Sonne am Himmel, gab mir mehr Wstenvorstellung, als das Lesen von
wissenschaftlichen Wstenreisen in Bchern es vermocht htte.

Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bis ich die Stimmen dieses Dramas
in Versen schreiben konnte. Das geschah im Jahre 1894, als ich zum
zweiten Male in einem einsamen Pfarrhof an der Westkste Schwedens
mehrere Monate zubrachte. --

Ich hatte jetzt in Mnchen fast alle Wagnervorstellungen besucht, den
Nibelungenring gehrt und war auch einige Jahre vorher in Bayreuth
gewesen, wo ich bei einem Abstecher von Wrzburg aus den "Parsifal"
gehrt hatte.

Wagners neue heftige Musik hatte mein junges erregbares Blut tief
erschttert. Aber Wagners Dramengestalten, die Gtterfiguren in
Menschengestalten, erschienen mir in der Darstellung auf der Bhne
unmglich und kindisch und nicht so berzeugend, wie es fr unsere
neuzeitlichen Vorstellungen ntig gewesen wre, um in mir volle Andacht
zu erwecken.

Ein dicker Tenor, der den Wotan spielte, oder eine ppige Sngerin,
die die verklrte Gestalt der Freja oder die gewaltige Gestalt einer
Walkre darstellen sollte, verrgerte meine Aufmerksamkeit jedesmal,
so da ich meistens die Augen im Theater schlo und nur den singenden
Stimmen der Musik zuhrte und auf das Bhnenbild, das ich mir in der
Phantasie viel schner vorstellen konnte, gern verzichtete.

Ich war also aus innerem Antrieb und nicht aus Neuheitssucht auf den
Gedanken gefallen, teils durch die Manfredvorstellung, teils durch die
Wagnervorstellungen herausgefordert, einmal ein Drama zu schreiben, in
welchem nur Chre und Landschaftsbilder von der Bhne wirken sollten.
Aber es sollte dieses durchaus nicht eine neue Dramengattung werden.

Ich wollte nur einmal eine Bhnenphantasie geben, die, ohne menschliche
Figuren zu verwenden, erhebend wirken sollte. Ich hatte in der
Wagnerschen "Walkre" in Mnchen auch gesehen, wie mit Dampf und
bengalischen Flammen eine knstliche Branddarstellung erzeugt wurde,
und ich stellte mir vor, da die Landschaftsbilder meines Dramas, der
Meeresgrund, der Gletscher und die Wste nicht nur einfach nchtern
auf der Bhne dargestellt werden durften, sondern sie mten, wie von
Wolken getragen, erscheinen, auftauchen und in Wolken verschwinden wie
Gedankenbilder im Gehirn eines Menschen. Und um dieses zu ermglichen,
sollte Dampf aus den Versenkungen aufsteigen und sollten so auf der
Bhne Wolken erzeugt werden.

So wie in einem menschlichen Gehirn die Vorstellungsbilder bald
klarer, bald unklarer wie aus Wolken aufzutauchen scheinen und dabei
Stimmen der Gedanken sprechen oder singen, so sollten die Bhnenbilder
in diesem Operndrama "Sehnsucht" sein. Und ich hatte die jedenfalls
etwas waghalsige Khnheit, an die Spitze meines Dramas, als ich es
schrieb, die Worte zu stellen: "Die Bhne stellt das Gehirn eines
Menschen dar."

Die eilige Kritik, welche heutzutage den Dichtern ihren Wert schnell
zu- oder abspricht und sie bei Lebzeiten schon untereinander in
Rangordnungen dem deutschen Volke vorfhrt, und die nicht Rcksicht
nimmt, ob der Dichter jung ist und sich entwickelt, sondern die ihn mit
fnfundzwanzig Jahren vielleicht sogar an toten Dichtern mit, welche
achtzig Jahre geworden sind -- diese hastige Kritik, die in dieser
erstaunlich voreiligen Weise an den lebenden und sich entwickelnden
jungen Dichtern oft schweres Unrecht begeht, konnte mir dann zwanzig
Jahre hindurch diesen Jugendausspruch nicht verzeihen: "Die Bhne
stellt das Gehirn eines Menschen dar". Und man frischte diesen Satz in
unzhligen Kritiken ber mich jedes Jahr wieder auf.

Meine zuknftige Welt, die ich in mir tglich weiterbildete -- und
deren erste Anfnge mir heute noch ebenso heilig sind wie damals, weil
sie ehrlich und echt gemeint waren und nicht aus Verblffungssucht
entstanden -- hat man verhhnt und verlacht, und man hat nie einen
Augenblick daran denken knnen, da alles, was ich damals schrieb,
begrndet war von dem Drang, eine neue Weltanschauung in der Dichtung
zur Geltung zu bringen. Alle diese jungen Versuche aber zielten auf die
Schpfung einer mir eigenen Lyrik hin, die ich doch erst spter geben
konnte.

Den Dichter kann man nicht anspornen zum Blhen und ihn nicht hindern,
wenn seine Dichtung blht. Man kann nur die natrliche Verbindung
zwischen Leserkreis und Dichter zeitweilig schdigen.

       *       *       *       *       *

Mein Freund, der junge Philosoph -- der in Mnchen in jener Zeit
neben seinem Studium bereits mit der ersten Niederschrift ber die
Atomkraftlehre eifrig beschftigt war -- schlug mir im Frhjahr 1892
vor, die Pfingstreise, die er zu seiner Erholung htte unternehmen
sollen, und wozu ihm seine Mutter Reisegeld geschickt hatte, an seiner
Stelle zu machen. Was ich mit Dank gerne annahm, und um die Pfingstzeit
nach Venedig reiste.

Von dieser Reise sind mir zwei kleine Begebenheiten in Erinnerung.

Ich war am Abend von Mnchen abgereist, und als ich morgens im Bahnzug
ber den Brenner kam, begann ich, bereits von der Station Franzensfeste
ab, unausgesetzt den Himmel zu prfen, gespannt aufschauend, ob
derselbe bald italienische Blue zeigen wrde. So sa ich in grauem
Morgendmmern, bis wir zur Grenze nach Ala kamen, stundenlang das
Gesicht nach oben gerichtet. Obgleich mein Nacken mich schmerzte und
ich den Kopf kaum noch zurckbiegen konnte, so war doch die Begierde,
den italienischen Himmel zu sehen, strker als die Unbequemlichkeit.

Aber leider stellte sich die Blue des Himmels nicht so mchtig ein,
wie ich sie von allen italienischen Bildern in Erinnerung trug. Doch
weit entfernt enttuscht zu sein, freute ich mich, da ich mich nicht
blind vom Reisefieber fortreien lie und mich nicht selbst belog. Und
ich war stolz darauf, da ich trotz aller Reisebegeisterung feststellen
konnte, da der italienische Himmel, wenigstens auf der Fahrt bis
Venedig, nicht blauer war als zwischen Wrzburg und Mnchen.

Diese Erkenntnis, die zwar fr einen jungen Italienreisenden etwas
Schmerzliches hatte, befriedigte mich aber, weil ich mir sagte: ein
neuzeitlicher Schriftsteller mu die Dinge sehen, wie sie sind, und
er darf nicht blo die gehrte Fabel der Dinge sehen, die die andern
gefabelt haben.

Ich erzhle dies nur als kleinen kennzeichnenden Zug der Schulung zur
Wirklichkeitsbeobachtung, von der ich und meine Zeit damals fanatisch
durchdrungen und besessen waren.

Das glitzernde Venedig, das bunt wie eine indische Stadt an den
Spiegeln der Kanle und an dem Spiegel eines sonnigen Frhlingshimmels
lag, stimmte mich sehr glcklich.

Diese wirkliche und unwirkliche Stadt, deren Palste wasserentstiegen,
wie aus Meerschaum und Perlmutter gebaut, irisfarben beim Widerschein
der leichten Wellen beleuchtet sind, beseligte mich. Ich fhlte mich,
vom Norden wie aus einer grauen Wste gekommen, als htte ich eine
sonst unerreichbare Fatamorgana erreicht.

Ein krpergewordenes Meeresspiegelbild erschien mir Venedig mit
seinem blendenden, marmorgepflasterten weien Markusplatz und
mit den silbrigen indischen Kuppeln der Markuskirche und mit den
Schaufensterreihen voll mit Juwelen und glitzernden Glaswaren unter den
Bogengngen des Platzes.

Am Abend vor dem Himmelfahrtstage, als alle Glocken luteten, trat
ich in einer Seitenstrae in eine Kirche ein. Darinnen jubelte eine
klingende Musik, wie ich sie vorher nur in Operetten gehrt hatte.
Scharen von jungen Mdchen und Frauen des Volkes, mit Spitzentchern
ber den schn frisierten Kpfen, saen dort bis dicht an die
Altarstufen auf Sthlen. Und der Priester und die Chorknaben bei
Blumen, Lichtern und dem weihrauchreichen Altar bewegten sich lebhaft
und frhlich, als wre die Messe, die sie lasen, eine Volksvorstellung.

Ich sah in der ersten Sitzreihe Frauen bequem und gemtlich ihre
kleinen Fe -- die in seidenen Stckelschuhen steckten, als wren sie
zu einem Ball gekommen -- auf die obersten Altarstufen aufstellen. Und
ich bemerkte eine, die mit ihren bereinandergelegten Fuspitzen den
messelesenden jungen Priester, der den Rcken gegen die Menge wendete,
mit der Fuspitze leicht an seinen Fersen streichelte. Sie zeigte
keck, da sie den jungen Mann liebte und ihm ihre zrtlichen Gefhle
mitteilen wollte. Sie hielt den Fcher halb vor das Gesicht, und ihre
schwarzen Augen blinzelten schelmisch ber den Fcherrand zum Kopf des
Priesters hin.

Wahrscheinlich wartete sie auf den Augenblick, da der junge
Geistliche, um die Menge zu segnen, sich umwenden mute.

Auf den Kirchenemporen jubelten Sngerchre, helle und dunkle Stimmen
durcheinander. Und es herrschte ein freies und ungebundenes Leben in
dieser Abendkirche, deren Tren weit offen standen und die Stimmen
der Frucht- und Eisverkufer und das Glockengewoge von der Strae
hereinlieen.

Das junge Mdchen, das zum Priester die Fuspitzen hinstreckte, die
klingelnde Operettenmusik und alle auf ihren Sthlen schaukelnden und
singenden Besucher der Kirche -- diese Frhlingsabendstimmung in einer
Kirche habe ich zwanzig Jahre nicht vergessen knnen. Ich hatte nie
vorher hnliches erlebt und habe es nie nachher wieder erlebt.

Hier hatte zum erstenmal die Andacht etwas natrlich
Frhlingsfestliches. Dabei mu ich gestehen, da die Festlichkeit auch
ein wenig berreizt an Gedankenlosigkeit und Leichtsinn streifte. --

Ich war aber der sdlichen Slichkeit der Farben und Formen Venedigs
nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt
vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe bel, als
htte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und
ich sehnte mich von der groen schwlen Perlenmuschel im Meeresbilde
fort nach dem Festland und nach erquickender grner Landschaft. Ich
sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefhl, fort von
dem auf lautlosen Wasserstraen gleitenden Verkehr, von den Straen, in
denen keine Wagen drhnen, keine Hunde bellen, in denen immer stilles
und glattes Wasser steht, als wren das polierte Sonntagsstraen ohne
Verkehr.

Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abntzung
meiner Krfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf
sonnenwarmem Wasserspiegel. --

Nach Mnchen zurckgekommen und die farbigen venetianischen Eindrcke
noch im Gedchtnis, freute ich mich, nach der Erffnung des
Glaspalastes tglich nun die Ausstellung besuchen zu knnen und die
ersten Bilder der Sezession zu sehen.

Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plnen
und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergngen mit meinen
zwei Freunden besprach, so prgten sich bald die auf der Ausstellung
gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein
Gedchtnis, da ich sie stndlich wie neue Kameraden empfand. Und
ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im
Beschreiben zu ben, einige der Bilder der Sezession in knappen
dichterischen Worten wiederzugeben.

Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von
Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewhlt hatte. Diese
Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfnge zu der kleinen
Prosagedichtsammlung "Ultraviolett", deren weiteren Inhalt ich
hauptschlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in
einsamen Granitwsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im
folgenden Frhjahr weilte.

Den Winter 1892-1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum
erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fhlung.

Mein Roman "Josa Gerth", mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei
Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewutsein, mein erstes
Buch der ffentlichkeit gegeben zu haben, fhlte ich mich mutiger und
getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte:
_dieses Buch gewidmet einem Toten_. Dem toten Dichter und meinem
Dichtermeister, dem Dnen J. P. Jacobsen -- dessen Schreibart ich mir
zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil
frei zu machen -- hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, da
nur ich allein es wute, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking,
eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt.
Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen
lassen, hatte ich meiner Romangestalt mglichst die hnlichkeit meines
dnischen Prosameisters zu geben versucht.

Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Wrzburg im Herbst 1891
beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem
Vaterhaus geschieden war. -- Diese Trennung habe ich bereits im "Geist
meines Vaters" ausfhrlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein
Monatsgeld etwas erhht, so da ich in weniger groer Bedrngnis, aber
immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir
zugleich angedroht, da ich nur bis zu den nchsten Ostern vterliche
Hilfe erhalten wrde und dann auf eigenen Fen stehen mte.

Einstweilen aber lag Ostern noch fr mich hinter tausend Jahren, und
ich versuchte, so wenig wie mglich an das Ende der Gnadenfrist meiner
Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller
Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in Mnchen das Buch "Sensitiva
Amorosa" von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten
bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gtig beobachteter
Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorberwandelnder
Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei
einem Gut in Schonen daher; die andere sa auf einer Bank am Meer
und sah lebensbetroffen ber den Sund; und andere traten auf in der
schicksalsreichen, stimmungsvollen stergade Kopenhagens.

So ungefhr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die
bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere
Menschenschicksale zart und verstndnisvoll behandelte, erinnerte
mich an Jacobsens Art. Und als ich hrte, da Hanson, mit der
Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in
Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische bte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast
menschenleeren Lnder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine
reinere und keuschere Luft zu haben, einen strkeren rcksichtsloseren
Geist, verbunden mit schrferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen
Vlker dort oben, auerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich
damals mehr als das von verweichlichten ppigen Kulturen schlaffe,
sinnense Sdeuropa.

Kunstformen und knstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren
mir alle zu sehr beeinflut von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter
Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Hllenwahn der Gttlichen
Komdie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir
hlich vor, da er sich in seinem groen Gedicht zum Richter seiner
Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen
Hand, so schien mir Dante in der Gttlichen Komdie mehr fanatisch
beschrnkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den
Schlu: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu
jeder weiteren knstlerischen Entwicklung unfhig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Vlker mit unverbrauchten
Geisteskrften. Und jedes neue Buch, das vom Norden ber die deutsche
Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien
von Lnderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer
rauhen Wirklichkeit gegenberstanden, stark geworden waren auf noch
jungfrulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen muten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdrfer und
Einzelgehfte an weltentrckten Ksten, und wenn ich ans Reisen dachte,
sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Sttten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten
Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung,
und das war der, da ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola
Hanson besuchte. Alles weitere fdelte dann mein Schicksal von selbst
ein, und ich kam pltzlich nach dem Norden, wo ich die nchsten Jahre
meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann
auch spter ein Mdchen fand, das meine Frau wurde. --

Die deutschen jungen Mdchen zerfielen damals fr mich in zwei
Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschrnkter,
gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen
Geistesfreuden -- auer den Grenzen christlicher Auffassung und der
Familienkunstbegriffe -- unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen
Mnnern gegenber wohl jugendlich und krperlich lieblich, aber geistig
stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige
Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum
auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen vllig ungebildeten
Eindruck. Ich spreche hier natrlich von der groen Masse. Vereinzelte
geistig wacherzogene Mdchen mag es immer in Deutschland gegeben
haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang
befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung mnnlichen
Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung
abstoend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten,
dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des
weiblichen Krpers mglichst bersehen wissen. Sie taten sich etwas
zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und
sie whlten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit
Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glcklicherweise zu
einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer
neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse
natrliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhlt von unnatrlicher
Familienverbldung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden.
Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen
Lnder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Sdeuropa erkannte
ich aber natrlich nicht frher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort
wurde mir der Unterschied schnell bewut. Fast alle jungen Mdchen
waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natrlicher geistiger
Frische.

Die Haushaltungsarbeit schlo nicht das tiefere Wissen und die geistige
Aufklrung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich
hnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht
die kleinsten Haushaltungsarbeiten fr unwert.

Die Mdchen in Schweden waren von ihren Mttern und Vtern und von
den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen
dort, trotz der Rauheit des Landes, frhlich und festlich aufwachsen,
so freigeistig erzogen, da sie liebende Frauen, geistige Kameraden
und tchtige Familienmtter im Hause eines verstndigen Mannes werden
konnten.

Die meisten jungen nordischen Mdchen hatten durch ihre geistige
und krperliche Erziehung einen europischen, vorurteilslosen
Weltblick erhalten. Sie waren auch glhende Vaterlandsverehrerinnen,
treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebruche und verstndige
Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die
meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hlfte des Jahres in
freier Luft, bei Seen und Wldern, an Ksten und auf Inseln verbracht
hatten, waren sie krperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den
Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht blo auf
stdtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln
und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, whrend
die langen Winternchte den Bchern und dem Familienleben in der Stadt
gewidmet waren.

So wurde ich angenehm berrascht, ernsteren und geistig klareren
und krperlich gesunderen Frauen und Mnnern in Schweden zu begegnen
als in irgendeinem sdlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite
Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mdchen hatten mit Freundinnen
Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stck Welt und fremde Menschen
zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren
Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und
man mute ihnen Urteile und Gedankenaussprche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen ffneten und einen Satz sagten,
sprachen sie nicht Gelesenes aus Bchern nach, sondern gaben ein
unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rcksichtslos,
war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und uerst schlicht und
ernst gemeint.

Dieses war in groen Zgen das Wesen der Nordlnderinnen, die ich in
kleinen und groen Stdten, auf Pfarrhfen und Bauernhfen in manchen
Jahren kennen lernte.

Aber bis ich das Mdchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte,
vergingen noch zwei Wanderjahre.

       *       *       *       *       *

In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine groe
nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Bjrnson wurde
uns nher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Auerdem
machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen
verblffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den
Arbeiten Munchs in Christiania gehrt und den jungen Knstler
aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die
Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen
Akademieprofessoren, die bei der ffnung der Kisten anwesend waren,
dermaen erschrocken ber die neue Malart des Norwegers, da sie nicht
einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung
verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmhlich die
angebotene Gastfreundschaft kndigten.

Der Norweger aber wute sich zu helfen und wute sich zu rchen. Er
mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstrae, also an der damals
verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk
eines Prachtgebudes leerstehenden groen Ladenraum, lie seine
Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene
Faust dort aus. Natrlich wollte Berlin den Maler sehen, den die
Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten fr und gegen Munchs
neue nordische Malerei, die alle berlieferungen bersprungen hatte,
die nicht mehr gewollte Schnheit sah und nicht nach der Farbenskala
vorgeschriebener Farbentne malte, sondern die die Welt in Linien
und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren
phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Knstlers
erschttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange
in Europa unverstanden, und ich habe spter oft in Paris bei
den Jahresausstellungen der "Independants" beobachtet, da das
Brgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des
Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem
Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und
Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst spter genieen lernte!

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mute ich mich auch
vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte
mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es
erst, ich mchte sagen, entziffern mu, so war daran nicht Munch, nicht
der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrcken nicht gewachsenes
Auge, das in alten berlieferungen eingeschult war und noch nicht mit
der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fhlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die
Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten
zuerst hnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie
gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in
der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den
mchtigen Verkrzungen und den fortstrzenden Verkrmmungen, die das
Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber
deren Eindruck nicht zum festen Bewutsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrcke
zum Bewutsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser
vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnckig an seinen eigenen
altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemlde Munchs
so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europern
neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster
und tiefster Weise erffnen, aber lange fr Wirrwarr, linienverrenkt,
farben- und formenunmglich angesehen wurden. --

Die selbstzufriedenen, unknstlerischen und lebensunwilligen
Menschen, die, in der Torheit eines beschrnkten Ichs befangen, die
Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern knnen, sind
Schdlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe
wie einen zu kurzen Mastab der Weiterentwicklung aller Knste
entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und
Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Knstler die
groen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel
seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund
und blutig reien mu auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der groen Tafel
des Lebensfestes, sind die, die beschrnkterweise allem neuen
Lebensfestlichen mitrauen, die schelten und unverstndlich schielen
auf die anderen Festlichen.

Doch knnen sie nicht die unendliche Schpferlust hindern, und
lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden bergehen, bleibt
jenen Strern doch nichts anderes brig, als dem Fortgang des Festes
nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre
Trgheitswiderstnde berwindet. --

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft,
ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal
vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich
auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mdchengestalt, die
einem weien Runenstein hnlich dastand und ber die kahlen Steinfelder
fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im
Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein
aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrcke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in
mir eine heftige Sehnsucht nach den Ksten jener urgermanischen Leute,
bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprnglicher zu leben
schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft
abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur
Wlder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier
aufgezhlt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprnglichen
machtvollen Naturwlder; es waren gezchtete Baumherden, bei denen der
Frster und sein Hund, hnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht
und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwlder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren
staatliche Holzgeschfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer
Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerflle in die
Wlder hineintrumen konnte, waren bei uns lngst vorber. Die Brger
hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte
Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen
Wlder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus
der Vergangenheit zurckrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich
mich nach krftigster urweltlicher Ursprnglichkeit, und die fehlte in
dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prchtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das
nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete
die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre
trumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Lnderstrecken hinhalten
durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergrndlich hellen,
gedankenreichen Sommernchten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer
wieder dasselbe Haus, das kahl, unschn, nchtern, in einem Garten lag,
dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Strme hatten den
Bumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster
und vom Mondlicht grell getncht auf einem freien Platz im Garten,
wild beleuchtet, als wrde es von den Bumen und von Sturmstimmen hell
angeschrien. Und im Garten stand das weigekleidete Mdchen wieder,
schmal und wei wie eine dnne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer
Orchidee ber dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mdchen, einige
Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mdchengestalten, die
der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder prete,
unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem groen Garten so klein, da ihre Gesichter
im Gemlde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man
sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe
Irrlichtflammen strebten sie vorwrts, dem Sturm, der durch den Garten
jagte, entgegen. Es war, als hrten sie alle zusammen in der groen
Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bumen glich den Maschen
eines Netzes, in denen die Mdchengestalten wie kleine gefangene Fische
hingen. Das grelle Haus aber ber dem Gartenplatz war wie ein Spuk,
vor dem die Mdchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten.
Sie wuten noch nicht, da ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle
gefangen hielt. --

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde
der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und
vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Ksten
des Nordens verbinden zu lassen, immer krftiger in mir.

Und als ich einige Monate spter -- nachdem ich oft als Gast im Hause
Ola Hansons aus- und eingegangen war -- mit einem jungen schwedischen
Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwnschter als die
Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen
Westkste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei
seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer
Pensionre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber fr mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach
den nordischen Lndern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin
einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einflu auf meine
Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden
Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan
George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine
Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht
gut mglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die ffentlichkeit
zu treten, und noch nicht einmal an die breitere ffentlichkeit; sie
wurden damals erst in den Kreisen der jngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den
frher genannten Grnden, und mich ganz der Entwicklung eines neuen
Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift "Die
freie Bhne", die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und
da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die
Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus
jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller
Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe
meinen Roman "Josa Gerth", der eben erst erschienen war, Richard Dehmel
zum Lesen gegeben. Ich hrte zum erstenmal den Namen, den er fr sich
so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt
htte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts
wute.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein
Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube fhrte. Ich hatte den Namen
des Besuchers nicht verstanden, und ich sa mit dem Fremden vor einem
groen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie
gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fhlte. Die Haltung des
Fremden war sinnend und gedankenvoll, so da mir jedes Wort im Halse
stecken blieb.

Der fremde Besucher hatte einen groen dunkelblauen Kragenmantel an --
wie sie damals getragen wurden --, in dem er wie in einer Tarnkappe
verborgen sa. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr
durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er
murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht,
was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein
und leise zu sprechen -- was meinen Vater und meine Umgebung oft zur
Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu
fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich
nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen
innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit
einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergrndliche
Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts
anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen htte. Er murmelte
etwas von "erstaunlicher Ausdrucksweise" und von sehr "farbig".

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als
gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weies totstilles
Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.

Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen
Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem
Fremden. Der Zeitbegriff hrte beinahe auf, und es war die Stille um
uns, von der es in der Bibel heit: Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Dann erhob mein Besuch das furchenreiche Gesicht, das er meistens gegen
die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, da ich
ihn auch einmal besuchen wrde. Und er nannte eine Strae und seine
Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.

Wir reichten uns die Hnde, und dann ging der Besuch fort, von dem ich
immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen
war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir
miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.

Drauen ber Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe
fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch
fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt
worden.

Einige Tage spter, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufllig
mitten im Gesprch aus Przybyszewskis Mund der Satz: "Richard Dehmel
wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?"

"Nein," sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel
keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht
gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte
ich eigentmlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden
lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans
Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er
war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender
gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet
war.

Darnach wieder, bei einem spteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir
dieser: "Richard Dehmel behauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich
soll Ihnen sagen, er erwarte, da auch Sie ihn bald besuchen."

Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an
Stanislaus Przybyszewski stellte, da jener Mann mit dem durchfurchten
Gesicht Richard Dehmel gewesen war.

Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole,
wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der
mich besucht hatte, ohne da er es wute oder wollte, in eine andere
Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich
Richard Dehmel gesehen htte, keine Ahnung davon, da mein unbekannter
Besuch Richard Dehmel gewesen sein knnte.

Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem grostdtischen
Hause in der eben fertig gebauten Elssser Strae im Treppenhaus auf
einem schnen stattlichen Messingschild den Namen ~Dr. phil.~ Richard
Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der
wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in
diesen Renaissancebau hineindenken.

Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch
die Flgeltr nach einer Weile ein schmaler feingliedriger schlanker
Mann von ungefhr dreiig Jahren hereinkam und mich begrte, da konnte
ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen
gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau
gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wieder
erkennen.

Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen
im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur
Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von
Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwhltes Knstlergesicht,
ber das ich erstaunte, weil es fr seine jungen Jahre schon mchtig
lebenserschttert schien.

Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte
noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir
unvergelichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht "Christus
der Knstler" vorlas. Wir saen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch,
und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und
hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.

Auf meinem Stuhl war mir, als htte man denselben mit mir mitten in
eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die
Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd
zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: "Begreifst du nun,
du elender Nichtigkeitswurm, da der Glaube an die Dichtung Dichtung
schaffen kann und Dichter gebren kann, auch wenn das Zeitalter von
Prosa, Naturwissenschaft und Nchternheit strotzt!

Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schpfung. Wie konntest du so
armselig sein und nicht mehr glauben, da auch die Neuzeit Gesnge
anstimmen mu! Da auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und
des elektrischen Lichtes Snger haben will und mu, die in Reimen, in
begeisterten Versen und ewigen Liedern Verknder der Menschengefhle
sein mssen!

Kleinmtiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du
glaubtest, die Zeit der nchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen
Gefhle verdrngt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, da
keiner mehr Ruhe finden knne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du
glaubtest, uerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen
wolltest und nur zum erzhlenden Wort deine Krfte sammeln wolltest!

Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur
hchsten Menschenhhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst
zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Glubigen, der vor der
Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei
hindurch an Lied und Dichtung inbrnstig glaubt!"

Da kam eine Trne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte
und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er
die Trne, die ich gerne versteckt htte, und wir schttelten uns die
Hnde, und er sagte:

"Habe ich das wirklich fertig gebracht mit meinem Gedicht, da du
weinen mutest?"

"Ja," sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewhlten
Gedanken erklren, die mich pltzlich umgewandelt hatten von einem
dichtungsunglubigen in einen dichtungsglubigen Menschen.

Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder
fr Lied und Gedicht ber mich kommen lie, der ist nie wieder von mir
gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend.
--

Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark
hinreienden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls
in mir die neue berzeugung, da der Wunsch, Dichtungen in Versen und
Gesngen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der
Wirklichkeitskunst, die auf den Bhnen in jenen Jahren Feste feierte,
nicht unmglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich
ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz
unmglich, da deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur
die Erzhlungskunst und die Bhnenkunst allein weiterleben sollten.

Die Begegnung mit Stefan George wurde durch seine Zeitschrift
eingeleitet. Ich erhielt im Winter 1892-1893, in jener Zeit, da Dehmel
und ich eben befreundet wurden, eines Tages das Heft einer Zeitschrift
zugesendet, welche den Titel fhrte "Bltter fr die Kunst". Das zuerst
ins Auge fallende an jenem Heft war die anspruchslose Einfachheit der
Ausstattung, die angenehm berhrte. Aber als ich die Einleitung und die
Gedichte darin lesen wollte, fand ich mich zuerst nicht zurecht, der
Schreibweise wegen; alle Hauptwrter waren klein geschrieben. Das war
mir zuerst fremd, schien mir aber nur eine Gewohnheitsfrage zu bedeuten.

Der Inhalt dieser Bltter aber trennte sich noch strker als die
Schreibweise vom damaligen Zeitgeist. Mitten in der eben strmisch
eroberten Welt der Wirklichkeit trat der Geist der "Bltter fr die
Kunst" fr die Welt der reinen Unwirklichkeit ein. Er hielt sich an
den Geist der alten Romantiker. Nur war seine Sprache, der Neuzeit
angemessen, gewhlter. Aber die Dichter des Kreises der "Bltter fr
die Kunst" hatten gar nichts mit der Butzenscheibenromantik gemein, die
ihre Vertreter in Viktor Scheffel und Julius Wolf gehabt hatte.

Doch die Dichter der "Bltter fr die Kunst" schienen immer noch
der Anbetung der Menschenseele ergeben zu sein. Neben der ewigen
Menschenseele schien es fr sie noch eine unbelebte tote Welt zu geben
und eine unverstndigere Tier- und Pflanzenwelt, auf die man ein wenig
lssiger herabsah. Die man sich aber nicht als Kameraden oder gar als
Geist von gleichem Geist dachte.

Ich war mir aber damals selbst noch nicht klar, wie eine Verjngung
in der Dichtung zu erreichen war. Nur das war mir klar, da eine
Verjngung nur aus der neuen Weltanschauung heraus entstehen konnte,
aus dem Satz: wir besitzen alle und alle besitzen uns. Das heit:
_Menschen, Pflanzen und Tiere und alle Dinge sind eine Seele und ein
Leib, alle fhren wirkliches und unwirkliches Leben zugleich, alle
genieen dieselben Leiden des Hungers und dieselben Seligkeiten der
Liebe und dieselbe Schpferkraft des ewigen Lebens._

_Nichts im Weltall ist grer, als der Mensch es ist. Nichts ist
kleiner, als der Mensch es ist._ -- Dieses zu wissen, machte mich aber
noch nicht fhig, ganz und gar nach der neuen Weltanschauung zu leben,
zu handeln und zu schaffen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, studierten jetzt auf
verschiedenen Universitten Deutschlands weiter, und ich erschien mir
in der Millionenstadt Berlin mit meiner festlichen Weltanschauung, die
noch nicht einmal meinen ganzen Menschen durchdrungen hatte, die nur
einstweilen meinen Verstand und meine Begeisterung gepackt hatte, wie
ein kleines Atom, wie eine winzige Lebenszelle, die sich erst aufbauen
wollte zu einem neuen organischen Leben.

Mich freiwillig trennend von den vielen alten berlieferungen, die
mir vorkamen wie Zeug- und Papierblumen, wie berbleibsel alter
Jahrhunderte, hatte ich nur einstweilen die neuen Gedanken in mein Herz
gest und fhlte, da sie aufgehen wollten. Ich mute nun geduldig
warten wie ein Ackersmann.

Wohl versuchte ich einige Male, in Gesprchen mit Schriftstellern und
Dichtern auf die Weltanschauung von der Atomkraft und auf die Gedanken
vom ewigen Lebensfest, von der festlichen Beseelung aller lebenden
und aller sogenannten toten Dinge hinzuweisen und jene Freunde zu
berzeugen. Aber meine Erklrungen waren hilflos.

Ich hatte auch noch keine Beweise, um den mir befreundeten Dichtern an
neuen Gedichten meine Weltanschauung zu erlutern. Und so mute ich,
immer wieder ohnmchtig gemacht von der Umgebung, die keine Ahnung
hatte, was ich sagen wollte, einsam in mich zurcksinken, vertrauend,
da die Saat in mir im stillen, wenn ich glubig bliebe, den Gedanken
vom groen Lebensfest ganz von selber reifen wrde und mir Beweise
geben wrde fr die Mglichkeit, mit meiner festlichen Weltanschauung
eine neue Dichtungsweise zu finden.

Nachdem ich in jenem Heft der "Bltter fr die Kunst" wegen des alten
romantischen Geistes, der darinnen zutage trat, nicht viel Erbauung
finden konnte, legte ich es auf die Seite und hatte es beinahe
vergessen.

Da erhielt ich eines Tages die schriftliche Aufforderung, dem
Herausgeber ein Gedicht als Beitrag zu senden.

Ich hatte nach einem Bilde Munchs, das sich "Der Kopf des Ertrunkenen"
nannte, einen ganz winzigen Versuch zu einem Gedicht unternommen.
Jenes Bild stellte ein blaues Teichwasser dar, aus welchem der Kopf
eines Ertrunkenen ragte. Im Wasserspiegel schwammen die Widerscheine
weier, lieblicher Frhlingswolken, und ein silberweier Schwan glitt
hinter dem Menschenkopf friedlich, und sich gleichfalls wie eine
Frhlingswolke auf der durchsichtigen Flche spiegelnd, vorber.

Schwan, Wolken, Teichspiegel und Frhlingssonne lebten festlich, ohne
da der Schrecken des Todes, der aus dem Kopf des Ertrunkenen starrte,
sie im Frhlingsfrieden strte. Die ungeheure Macht des Malers, den
Frhlingsteich im Licht darzustellen und dabei den Menschen und seinen
Untergang so nebenschlich zu behandeln, wie es sonst nur der Mensch
der Natur gegenber zu tun gewohnt ist, nebenschlich auf seine
Mitwesen herabzusehen, -- diese Auffassung erschtterte mich, und ich
schilderte das Munchsche Bild und seine Tragik in ein paar kurzen
Zeilen in einem Gedicht.

Dieses kleine Gedicht schickte ich den "Blttern fr die Kunst". Einige
Tage darnach erhielt ich eine briefliche Einladung, mich zu einer
Besprechung ber einige Fragen, die sich auf meine Gedichteinsendung
bezogen, im Caf Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und der
Dichter Stefan George kommen wollten.

Es war dieses im Februar 1893, als ich mich bereits mit dem Gedanken
trug, nach Schweden zu reisen und dort in der Einsamkeit eines
schwedischen Pfarrhauses das Drama "Sehnsucht", das im Hirn eines
Menschen spielen sollte, und das ich erst im Plane bei mir trug, zu
schreiben.

Als ich mich zu jener Besprechung um halb zehn Uhr abends im oberen
Saal im Caf Bauer einfand, begrte mich dort der Herausgeber, er war
im Zylinder und englischem Gehrock erschienen, und er sagte mir, Herr
Stefan George wnsche mich wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem
Gedichte vermieden werden sollten, zu sprechen.

Das verwunderte mich ein wenig. Dann kam nach einer Weile ein
schlanker, gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleideter
Herr, mit ausgeprgten, starken Gesichtszgen, die einem Kardinal
gehren konnten, an den Tisch.

Ich kam mir in meinem alltglichen Straenanzug ein wenig berrumpelt
vor von dem gezchteten Auftreten beider Herren. Wir sprachen ber
einige, wie es mir schien, ganz belanglose Dinge, ber die Stellung von
Satzzeichen, und Stefan George meinte, er wnsche in meinem Gedicht die
Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur blich sei, an den Anfang
der Stze zu stellen.

Ich sagte, er mge das mit meinem Gedichte so halten, wie er es in den
"Blttern fr die Kunst" eingefhrt habe. Auf die Satzzeichen mchte
ich nicht zu groe Bedeutung legen, wenn nur der Sinn des Ganzen nicht
gestrt wrde. Und damit war unsere Besprechung bald beendet, und wir
trennten uns.

Von Stefan Georges Dichterkraft und Eigenart erhielt ich erst aus
spteren Heften der "Bltter fr die Kunst" einen umfassenden
Eindruck. Aus den Gesprchen bei jener Begegnung nahm ich nur den
angenehmen Gedanken mit nach Hause, da es also wirklich neue Mnner in
Deutschland gab, die ihr Leben fr die Dichtkunst einsetzen wollten und
dieses mit Eigenwillen taten.

Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in
seiner Art, sich damals von der Prosavergtterung jener Tage abhoben,
mu man sich erinnern, welche groe Bewegung in jenen Jahren in Berlin,
im Drama und Roman, die literarischen Kreise im Atem hielt. Auf der
Bhne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran
waren, eine vllige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in
der Schauspielkunst berhaupt hervorzurufen. Man hatte die "freie
Bhne" gegrndet. Die "Wiener moderne Rundschau", eine neuzeitliche
Monatsschrift, die neben M. G. Conrads "Gesellschaft" die Gedanken und
Krfte der naturalistischen Geistesbewegung frderte, war eingegangen
und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung,
ebenfalls unter dem Titel "Neue freie Bhne".

Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als
erster im Entstehen lebhaft untersttzt hatte, war an seinen modernen
Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bcherkaufende Publikum
wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern
zurckgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.

An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blhte in Berlin der S.
Fischersche Verlag fr Deutschland auf, der sich damals von allen
Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur
verdient gemacht hat.

Mnner wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen
in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen
Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig
auftretende neue nordische Prosakunst.

Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal
auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein
Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen
angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem berkleinen Mund unter dem
riesengroen Schdel drang nicht ber das kleine Tischchen vor ihm
fort, und die Zurufe des Publikums "lauter, lauter" wollten nicht enden.

Alle Leute legten sich, um Strindberg hren zu knnen, mit den Kpfen,
soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wchsen den Horchenden
die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder,
nur ein kleines Wrtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser
aber lispelte, als sprche er zu dem Blttchen Papier allein, und im
totenstillen, menschengefllten Saal konnte jeder nur das unhrbare
Zwiegesprch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den
Augen aufnehmen.

Jedem anderen htte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen,
aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrcke,
festzustellen, da Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit gengte,
die vielhundertkpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die
Rufe "lauter, lauter", die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und
eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der
betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand
mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken
das Podium verlie.

Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schpfungsgewalt eines neuen
Mannes hat mich gerhrt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die
Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.

Ich hatte nie vorher einer hnlichen Wirkung der Macht einer
Persnlichkeit beigewohnt. Und man htte nach dem Eindruck, den
Strindberg machte, annehmen knnen, da dieser Mann in Ruhe, und sich
in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungeqult htte verbringen
knnen.

Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in
Friedrichshagen bei Ola Hanson hrte, da Strindberg sich von aller
Welt verfolgt fhle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine
Erscheinung allein eine Menschenmasse andchtig zu machen und sie zu
bannen, befand sich auf steter klglicher Furcht vor allem Weltalleben.

Er glaubte, da alle Dinge und alle Menschen ihm schaden wollten. Seine
Freunde und auch die Frauen, die er liebte, mute er immer wieder
anklagen und mute fliehen und unheimlichste Geheimnisse berall im
Weltall wittern, dort, wo doch nur die ungeheure Festlichkeit des
arbeitskrftigen und liebeskrftigen und weisen ewigen Lebens herrscht.

Strindbergs Riesengehirn erschien mir, nachdem ich von seiner Angst
gehrt hatte, wie ein Riesenlabyrinth, in welchem ich jenes Mannes
Gedanken durch unentwirrbare Gnge flchten sah, zusammenfahrend und
erschreckend vor dem eigenen Schatten, vor dem eigenen Licht.

Der groe Mann prallte vor jedem vershnlichen Lichtstrahl
unvershnlich zurck. Er brauchte die Dunkelheit und das Verdammen der
Mitwelt, um sich mchtig zu fhlen, weil seine Krfte nicht friedliche
Herrscher in einem vershnlichen Licht, als der Besitz aller und alle
besitzend, verweilen wollten.

Es war an einem Sptnachmittag, als ich einmal nach Friedrichshagen
kam. Damals bestand Friedrichshagen noch aus Reihen kleiner Huschen,
in denen sich nur Erdgeschowohnungen und darber Giebelzimmerwohnungen
befanden. Vor jedem dieser Huschen war ein kleiner Vorgarten mit einem
dnnen Eisenzaun nach der Strae hin.

Hier drauen, zerstreut in diesen winzigen Wohnungen, lebten viele der
groen Geister jener Zeit. Geistige Bergwerksarbeiter, die nach den
Goldadern in Gedankengruben suchten, nach ungeprgtem Golde. Gold,
das heute aus ihrer Hand genommen, als Mnze im Volk von Hand zu Hand
wandert. Da lernte ich Wilhelm Blsche kennen, da besuchte ich an einem
Abend Max Halbe. Da wohnten Gerhart Hauptmann und auch Bruno Wille und
mancher andere.

Als ich an jenem Tage zum Hause Ola Hansons kam, bog vor mir ein
Brieftrger in den Vorgarten ein und gab einem Herrn, der ihn hinter
dem Zaun erwartete, einige Briefe. Ich erkannte sofort Strindberg,
trotzdem ich ihn noch nie in der Nhe gesehen hatte. Ich mute wieder
staunen ber den ungemein kleinen Mund, der in keinem Verhltnis zu der
riesigen Schdellast stand. Strindberg studierte die Adressen seiner
eben empfangenen Briefe und sah nicht auf, als ich am Zaun vorber in
das Haus trat, um bei Ola Hanson anzuklopfen.

Spter im Gesprch sagte Frau Laura Marholm zu mir: "Wissen Sie schon,
da Strindberg bei uns wohnt? Er ist seit ein paar Tagen in Berlin."

"Ja," sagte ich, "ich glaube, ich habe ihn eben am Gartengitter
gesehen. Der Brieftrger brachte ihm die Post."

Einen Augenblick war Frau Marholm ganz verblfft. Dann wurde sie
zornrot und sagte, sich zum Lachen zwingend, zu ihrem Mann:

"Da siehst du, was ich dir sagte, Strindberg ist auf jedermann
argwhnisch! Er will seine Post selbst in Empfang nehmen. Er traut
nicht seinen besten Freunden." --

Und dieser Ausspruch wurde mir spter noch in viel strkerer Weise von
Eduard Munch in Paris besttigt. Einige Jahre spter forderte mich
Munch einmal auf, in seinem Atelier seine neue Holzschnittart fr ein
Mappenwerk anzusehen. Und als er unter anderen Bildern den Portrtkopf
Strindbergs hervorholte und ihn mir zeigte, sagte er und deutete dabei
auf die Atelierwand:

"Hier nebenan hat bis gestern Strindberg gewohnt. Er ist aber jetzt
ganz verrckt geworden. Sehen Sie, was er mir geschrieben hat! Diese
Postkarte bekam ich heute frh von ihm. Lesen Sie!"

Strindberg schrieb auf einer Postkarte an Munch: "Jedermann wei, da
man auf physikalischem Weg auch durch eine Mauerwand hindurch ein Licht
ausblasen kann. Ich bin sicher, da Sie mich tten wollen. Aber ich
werde das zu verhindern wissen. Sie sollen nicht mein Mrder werden."

Munch lachte, als ich kopfschttelnd gelesen hatte. "Was," sagte er,
"ist er nicht ganz und gar verrckt? Er war schon immer ein wenig
verrckt, aber jetzt ist er ganz und gar verrckt. Er meint, da ich
ihn durch die Wand tten will, als wenn ich gar nichts anderes zu tun
htte."

Strindberg konnte trotz seines Riesenwissens, trotz seines
Riesengehirns, nicht zum Weltgleichgewicht kommen und kam mir wie ein
mittelalterlicher Ber vor. Seine Geiel war der Menschenargwohn
und die Menschenfurcht. Bald war er der Welt zu fern, verloren in
Weltnebeln, bald war er der Welt zu nah, so da ihm eine weibliche
Fliege wie ein Elefant vorkam. Er war unglcklich, weil er nicht
festlich lcheln konnte ber das Summen einer Fliege und die andern
Leben im Geist nicht festlich nachleben wollte.

       *       *       *       *       *

Im Mrz 1893 reiste ich zum erstenmal nach Schweden. Auf dem Wege
nach Warnemnde waren schon die Felder leicht grn. Der Schnee war
fortgeschmolzen, aber die dunkle Erde und die helle Sonne standen noch
unvermittelt nebeneinander. Dann, nrdlich von Gothenburg, an der
schwedischen Kste, war das Meer noch eine Eisebene und das Land ein
Schneeland.

Ein Kstendampfer, der mich nach Fjellbacka, einem Fischerdorf an der
Kste der Provinz Bohusln, als Fahrgast aufgenommen hatte, machte
seine erste Frhlingsfahrt. Einige tausend Meter voraus dampfte der
Regierungseisbrecher, um dem Passagierschiff den Weg zu bahnen.

Die Fahrt ging sehr langsam, weil unser Dampfer um nicht an die Rnder
des scharfen Eises anzustoen, sich nur ganz vorsichtig in der Mitte
der engen Eisschollengasse vorwrts bewegen konnte. Deshalb brauchten
wir bei dieser Winterfahrt die doppelte Fahrzeit, die im Sommer
dasselbe Schiff ntig hatte, um nach Fjellbacka zu kommen.

Ich wute von Schweden aus meiner Geographiestunde kaum noch die
Hauptstadt zu nennen. Wir in Bayern verwechselten damals, wie ich das
fters spter noch erlebte, fortwhrend Christiania und Stockholm
miteinander. Und zwischen Schweden und Norwegen gab es fr uns keinen
groen Unterschied. Es waren eben Nordlnder, Nebellnder, von denen
wir seit der Edda und spter seit Gustav Adolf nichts mehr gehrt
hatten.

Erst seit neuester Zeit, und das waren kaum fnf, sechs Jahre her,
hrte man vom geistigen Leben, das dort oben erwacht sei. Man hatte uns
Ibsen, Bjrnson und Strindberg in bersetzungen vermittelt. Von den
Lndern selbst aber, wie man sonst dort lebte, wute man zu Anfang der
neunziger Jahre in Sddeutschland recht wenig. Man hrte nur, da die
Englnder seit einigen Jahren im Sommer die Fjorde und die Gletscher
dort oben aufsuchten, und da sie das Reisen im Norden dem Reisen in
der altmodisch gewordenen Schweiz vorzogen.

Besonders Schweden, von dem man nur den Wasserfall des Trollhttan als
rauschende Sehenswrdigkeit nannte, lag hinter neunundneunzig Nebeln
den Blicken des Deutschen, und besonders denen des Sddeutschen
entrckt. Ich erinnere mich auch, als ich Schweden schon mehrere Jahre
kannte, spter bei einem Vortrag ber nordische Kunst von einem Pariser
Schriftsteller die Worte gehrt zu haben "~les pays imaginaires~",
wobei der Vortragende mit groer Geste in die Luft deutete und mit den
Worten "Fabellnder" Dnemark, Schweden und Norwegen bezeichnete. Den
Parisern auch lag damals Japan nher als der nebelferne Norden.

Ich selbst hatte von Schweden in den letzten Jahren nur den Namen
Strindbergs nennen hren, und aus frheren Jahren war mir von
schwedischer Dichtung nur Tegner und seine "Fritjofs Saga" bekannt.

In Kopenhagen aber, in Dnemark, war ich geistig strker zu Hause.
Andersens Mrchen und mein Prosameister J. P. Jacobsen hatten mich
mit Stadt und Land vertraut gemacht. Norwegisches Volk kannte ich aus
Ibsens "Peer Gynt", aus Bjrnsons "Arne", aus Kiellands "Novellen",
Griegs Musik und Munchs Bildern.

Norwegen und Dnemark waren mir deshalb viel bekannter als Schweden,
das ich nur in Strindbergs "Leute von Hems" und Ola Hansons "Sensitiva
Amorosa" ein wenig aus der Dmmerung unklarer Vorstellungen hatte
auftauchen sehen. Denn das Buch "Gsta Berling" von Selma Lagerlf,
das Schwedens Land und Menschen mir htte nahe bringen knnen, war in
Deutschland noch nicht bekannt, und ich las es erst ein Jahr spter in
Stockholm.

Da sich an der schwedischen Westkste die Stadt Gothenburg befand,
das war aus meinem Geographiegedchtnis bereits verschwunden gewesen.
Ich sah im Geist an der schwedischen Westkste nur hinter Nebeln
verschanzte Fischerdrfer und vereinzelte Gutshfe liegen.

Aber es schien auch anderen Leuten so wie mir zu gehen. Denn als ich
ein paar Wochen spter eine Bchersendung nach Hause zu schicken
hatte und zum Einpackpapier einige Gothenburger Zeitungen verwenden
mute, erhielt ich die erstaunte Rckfrage aus Deutschland, ob es denn
in Schweden oben auch Zeitungen und Schnellpressen gbe. Man konnte
sich eben von dem seit Gustav Adolfs Zeiten verschollenen Land in den
neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wenig Vorstellung machen. --

Ich war ber Kopenhagen-Helsingr gereist, hatte in der Nacht den
dunklen Giebel des Hamletschlosses Helsingr ber dem Nachtmeer ragen
sehen, war ber den Sund nach Helsingborg gekommen und von dort in
einem Bahnzug -- dessen Wagen stark nach Heringen rochen -- durch
eine de Schneelandschaft am Meer entlang nach einer Tagesreise nach
Gothenburg gekommen.

Ich war in Gothenburg noch nachts auf den Dampfer gegangen, und ich
fhlte mich unter der Obhut des jungen Schweden -- der nur ein paar
Jahre lter war als ich -- in dem neuen Lande sehr gut eingefhrt. Ich
sehnte mich vorlufig nicht nach dem glnzenden Berlin zurck, das noch
vor meinen Augen flimmerte, wenn ich sie schlo.

Ich hatte Deutschlands Grenzen frher nur drei Mal verlassen. Einmal
war ich ein Vierteljahr in der franzsischen Schweiz in Genf gewesen,
um mich im Franzsischen zu vervollkommnen. Das war im Frhling 1889.
Im gleichen Jahr, im Herbst, war ich ein Vierteljahr bei Verwandten
in Ruland, in St. Petersburg, zu Besuch gewesen. Und die dritte
Auslandsreise war der kleine Pfingstausflug im Jahre 1892 von Mnchen
nach Venedig.

Ich erwhne dieses, damit der Leser nicht vermuten soll, ich htte
in meinem Erstaunen, das mich nun auf meiner Weiterreise in Schweden
packte, keine vergleichenden Anhaltspunkte mit anderen Lndern gehabt
und wre vielleicht deshalb so bermig durch Schwedens Kste in
Verwunderung gesetzt worden.

Ich befand mich nun auf dem kleinen Kstendampfer, der langsam in der
schmalen Wassergasse durch das gefrorene Meer dem Regierungseisbrecher
nachfolgte. Am Abend des ersten Tages, als die Sonne unterging, waren
wir in der Nhe der Insel Smgen, wo der Dampfer fr die Nacht anlegen
mute.

Die gelblichen Felsen, die dort senkrecht aus dem Meer standen, waren
von breiten roten Streifen bestrichen. Es war dies der rote Rost groer
Eisenadern, die sich ber die Granitmauer verzweigten. Im Abendlicht
sahen die Felsen wie blutige riesige Fleischstcke aus, die da auf dem
weien Riesenteller des gefrorenen Meeres lagen.

Als es dunkel war und kein Mond am Himmel, erkletterten der Schwede
und ich im Finstern einen Steinweg zwischen den Holzhtten Smgens
und kamen bis zu einer Felsenplatte, auf welcher der groe eiserne
Leuchtturm wie ein ungeheures Eisenrohr festgeschraubt stand. Dort ber
der kleinen freien Klippenanhhe leuchteten die Sterne, jeder einzelne
so gro ber dem Meer, als wren sie nah wie winzige Monde. Es war, als
stnden dort im dunklen Weltraum tausend zuckende Leuchttrme, deren
weie Feuer auf- und niederblinkten.

Ich sprte kaum die Eisklte der Nacht. Ich erinnere mich, da ich
erstaunt war, als ich mich mit der Hand an den eisernen Turm sttzte
und derselbe kalt war. Das mchtige erhabene Gefhl, das vor den groen
Himmelslichtern ber dem lautlosen gefrorenen Meer in mir anschwoll,
war wie eine unergrndliche Wrmewelle. Die schien aus einer Sonne zu
kommen, die ich nicht sah, und war in mich gedrungen, und ich fhlte
mich krperlich verschmolzen mit Stein und Sternen und mit ihnen
unzertrennbar zusammengehrig.

Gedanken meiner neuen Weltanschauung, die ich vorher nur in meinem
Gehirn wie aufklrendes Sonnenlicht empfunden hatte, waren jetzt zum
erstenmal hier in der ungeheuren Einfachheit und Gre der Winternacht
am Meer mit der Ahnung der ewigen Wrme, die sie geben konnten, auch
in mein Blut eingedrungen. Ich fhle noch heute, wenn ich daran denke,
die wohltuende warme Zufriedenheit, die jene Nachtlandschaft im Eis und
beim Glanz der tausend groen Weltkrper meinem Herzen gab.

Sonst, in Wrzburg oder Berlin, war der Sternhimmel ber den Husern
immer eine ferne fremde Nachtwelt gewesen. Die war scheinbar edler und
reiner als die Tagwelt und hatte mich nur wehmtig sehnschtig stimmen
knnen. Dort aber, in Schweden auf Smgen, fhlte ich jeden Stern so
nah, als wre er auf meinem Kopf gewachsen, und die Nacht hatte nichts
Fernes und Fremdes mehr. Sie war mir zugehrig wie mein Mantel am
Leib es war, wie das kleine Kstenschiff, in dem ich nachher schlafen
sollte. Sie war viel grer, als ich sie jemals gesehen hatte, die
Sternennacht, und war dabei doch heimlich und gemtlich, wie sie nur
denen wird, die nichts mehr hineingeheimnissen knnen oder wollen. Sie
wurde zu einer vertraulichen Stube, in der ich seit ewigen Zeiten zu
Hause war.

Es war mir aber auch zugleich, als knnte ich am Fue jenes
Leuchtturms, von der Klippenanhhe ber den fernen totstillen Meerrand
fort, hinter die Meerlinie sehen, und da lagen in der Nacht in
Deutschland helle groe Stdte. Und dort in abendbeleuchteten Straen
kreiselten die Lichter der Wagen und Fenster und Gedanken. Und jede
Stadt war ein Lichterhaufen auf der dunklen Landkarte Deutschlands,
und der grte Lichterhaufen war Berlin. Und wie kleine Phosphorpunkte
sah ich dort denkende Menschen durcheinander rennen. Da waren Dichter
und Maler und Musiker. Das Echo ihrer Worte war noch fern ber dem
Meer wach. Aber alles, was die Menschen dort in den Lichterhaufen
ausgrbelten, und was sie mit Licht im Hirn zusammentrugen, schien mir
nicht so gtig, nicht so freundlich und einfach festlich zu sein wie
die reine kluge Luft in diesem reinen guten Frieden auf der kleinen
schwedischen Fischerklippe.

Ich dachte mir: wenn der Morgen kommt, wirst du auch in Schweden am
Land in einem alltglichen Pfarrhaus, im Spinnwebenalltag, von neuem
die Erhabenheit dieser Nacht einben und den Eindruck vielleicht nicht
einmal mehr erinnern.

Am nchsten Morgen, als ich schon ziemlich zeitig auf Deck kam,
erstaunte es mich, da das hohle Tuten der Sirenenpfeife des Schiffes,
die nur im Nebel Stimme bekam, scheinbar von vielen Schiffen rundum
beantwortet wurde. Das Meer war mit dickem Nebel bepackt, und das
gellende Geheul der Dampfpfeife schien mir hnlich dem Gebrll
mchtiger sagenhafter Nebelkhe. Und als ob ein Leitstier im Dunkeln
brllte und rundum die Kuhherde antwortete, so wurde die Dampferstimme
vielfach im Nebel wiederholt.

Nachdem ich lange diesem Gebrll gelauscht hatte, wichen die
Nebelberge, und dunkle Felsenumrisse standen da. Unzhlige, aus dem
Meer gewachsene Inseln schienen wie eine groe Stadt zu sein, wie
viele Huserblocks. Und das Meer ging zwischen den steingewlbten
Inselklippen in sich kreuzenden Wasserstraen hin. Und der kleine
fortschleichende Dampfer schien still zu stehen. Aber die Inseln und
die dmmerigen Gassen zwischen den Felsenwnden der Inseln schienen zu
wandern. Und die schmalen Seewege wurden immer hnlicher den Gassen
einer groen Stadt, immer dunkler. Zuletzt waren wir tief in die
Stadt aus Inselklippen eingedrungen und hatten nur ber uns, wie in
richtigen Straen, einen schmalen Streifen Himmel, und unsere Stimmen
hallten wie aus groen Gewlben von den kahlen Inselwnden zurck.

Und nun wute ich auch, da nicht Schiffe, sondern die Echos dieser
Inseln und Inselgassen das Sirenengeheul unseres Schiffes vorhin hinter
dem Nebel beantwortet hatten. Jede Felsenwand hatte den Dampferruf der
andern Felsenwand weitergegeben. Die alten Bewohner der Mauergassen,
Tausende von Mwenfamilien, saen in langen Reihen und in Nischen und
auf den Felsenstufen an den steilen Wnden und sahen uns still an.

Wuten die stummen Vogelreihen, da es bald Frhling wurde, da der
ihnen altbekannte kleine Kstendampfer nach langer Winterpause zum
erstenmal wiederkehrte? Sie waren nicht scheu, die groen silberblauen
Vgel. Aus ihren dunklen Mauerwohnungen ugten sie uns, die Kpfe
schief legend, nach.

Und diese silbernen Vogelscharen, die ich nie vorher in solchen Massen
gesehen hatte, und die Inselgassen, in denen unsere Menschenstimmen
weiter redeten, wenn die Reisenden oder der Kapitn an Bord laut
sprachen, und auch die Steine rundum, alle waren mir vertraute Gter,
als wre ich von Kindheit an ihr Besitzer hier. Die fremde Inselwelt
war mir so lieb vertraut, als htte ich die Vgel hier immer gefttert,
als mten sie bei meinem Ruf mir aus der Hand fressen.

Die Felsenstimme, die aus den harten Klippen aufgeweckt wurde, kam wie
aus meiner eigenen Brust. Mir war, als knnte ich erzhlen, was diese
Steinklippen den Winter ber gedacht hatten, whrend hier kein Dampfer
gegangen war. Es war die reine kluge Luft, der reine kluge Frieden, die
hier nichts Trennendes zwischen mich und die Umgebung legte und mich
allwissend stimmte.

Dann kamen wir an einen groen weiten Meerplatz zwischen Kste und
Inseln. Der Wasserplatz war wei zugefroren, als wre er mit einer
einzigen kilometergroen Marmorplatte gepflastert. Rote Holzhuschen,
in den Schnee geduckt, standen rot bemalt am Rand des Meerplatzes auf
Pfhlen und erschienen mir wie Nrnberger Spielzeug. Diese Meerbucht
wurde von der offenen See durch die Inseln getrennt. Die roten Huser
am Rand der buckeligen Schneekste bildeten den Fischerort Fjellbacka,
wo der Kstendampfer anlegen sollte, und wo wir den Dampfer verlassen
sollten.

Von jeder verschneiten Insel rundum lste sich dann ein kleiner
schwarzer Punkt, vor welchem noch ein kleinerer Punkt herzueilen
schien. Jeder Punkt war ein Mann, der von einer Insel bers Meereis
herbeisprang zum Dorf Fjellbacka hin, und der mit dem Fu vor sich her
ein Fchen stie, das ber die Eisflche rollte. Das Fchen, erklrte
man mir, enthielt Fische, die spter auf den Kstendampfer verladen
werden sollten.

Auch der groe Meerplatz hier, der zugefrorene, wirkte wie eine
lautlose Riesenstube, auf deren weier Diele die Mnner herbeiliefen,
weil Gste ins Haus gekommen waren. Wunderbar behaglich wirkte diese
winterstille Landung.

Dann am Land fhrte ein Schlitten, der vom Pfarrhof geschickt war,
den jungen Schweden und mich mehrere Meilen in das verschneite Land
hinein, hie und da an einem Einzelgehft vorbei. Ich sah nur wenige
Bume auf dieser Fahrt und eine einzige Windmhle. Sonst waren berall
schneebedeckte Steinbuckel, nirgends ein Wald. Es schien mir, als fuhr
der Schlitten nur auf leeren Eishgeln bergauf, bergab.

Schon begann ich zu bereuen, da ich das lebensfrische Berlin mit
dieser toten Eiswste vertauscht hatte. Ich wre am liebsten mit dem
Dampfer zwischen den Inseln ewig weitergefahren. Denn was konnte
mich in dem Pfarrhause anderes erwarten als Religionsgesprche und
Tagesklatsch und Weltnachrichten, whrend ich doch so gern tiefer in
die Urwelt eingedrungen wre. Blicke, wie ich sie am Abend vorher von
Smgen beim Leuchtturm und heute morgen in den Klippengassen hatte --
wo nur Mwenfamilien wohnten und die Steinbrust meiner Menschenstimme
antwortete und ich die stille Landung in der gefrorenen Meerbucht
erlebte, von diesen Blicken ersehnte ich mehr zu bekommen. Und sollte
ich zu alltglichen Menschen zurckgefhrt werden, so wollte ich aber
auch dann gleich lieber wieder nach Berlin zu den geistig regsamen
Menschen kommen.

Ich war noch jung und voreilig und schwankenden Eindrcken leichter
preisgegeben, da ich auf kein Kapital von Erfahrungen zurckschauen
konnte.

Ein wenig entmutigt sa ich neben dem Schweden, der nur ein gebrochenes
Deutsch sprach, der sich freute, mir seine Heimat zu zeigen, und der
whrend der Fahrt lebhaft seinen Kutscher befragte nach allem, was er
von seinem Vaterhaus wissen wollte.

Der Schwede erklrte mir, da all die waldlosen Hgel, die ich da
ringsum sah, und an denen unser Schlitten hinaufkletterte, um dann
wieder an der anderen Seite zu Tal zu fahren, da diese Buckel in
alter Zeit Inseln gewesen waren, an welchen die Wikinger mit ihren
Booten damals landen konnten, und bei denen sie mit den Schiffen in
den Meergassen hindurchgefahren sind, so wie es der Dampfer heute
zwischen den Schren drauen getan. Das Meer aber war von Jahrhundert
zu Jahrhundert weiter zurckgetreten, so war das Land nach Westen hin
gewachsen und war allmhlich aus dem Meer gestiegen. Wir flogen also
eigentlich im Schlitten hier ber verschneiten Meeresboden.

Mehr als die Erklrung, da ich in der Urprovinz der alten Wikinger war
-- die Provinz Bohusln fhlt sich vor allen schwedischen Provinzen
mit Recht stolz, weil sie auf tausendjhrige Menschenvergangenheit
zurcksieht -- mehr als diese Erklrung befriedigte mich der Gedanke,
da ich auch hier im Schlitten immer noch auf meerverwandtem Boden war
und die Hgel des Landes als Brder der Meerinseln ansehen durfte,
jener Inseln, in deren Nhe mir auf der Herreise so wohl gewesen war.
Wrden mir jetzt -- so dachte ich -- die Menschen mit alltglichem
Gesprch in den Ohren liegen, so brauchte ich im Pfarrhaus dann nur
an das Fenster zu treten und wrde dann meine Augen mit den Hgeln
sprechen lassen und wrde die Schiffe der Wikinger auf die Steinfelder
kommen sehen, als wre da noch Meerwasser rund um die Hgel.

Ich mu noch kurz berichten, da der junge Schwede, der da neben mir
im Schlitten sa, kein alltglicher Mensch war. Er hing zwar keinen
philosophischen Gedanken nach, aber aufgewachsen als Sohn dieser
Bohuslnschen Provinz, von Mutterseite von altschwedischem Adel
stammend und von Vaterseite stark gemacht durch Wikingerblut, hatte
er das Leben bisher als ein Riesenabenteuer angesehen und es immer
festlich gestimmt aufgesucht. Auch die Unruhe der alten Wikinger hatte
er ererbt, und so war er schon durch die halbe Welt gereist, trotzdem
er erst siebenundzwanzig Jahre zhlte.

Aber den Beginn seiner weiten Reisen hatte er nicht mit den
gewhnlichen Verkehrsmitteln, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen,
ausgefhrt, sondern ein kleines Ruderboot hatte ihm gengt. Und in
seinem Kahn war er, alle Gefahren verachtend, der Westkste Schwedens
entlang bis nach Kiel gerudert. Dort hatte er sich vom Ruderklub feiern
lassen und war dann weitergerudert nach Holland und war endlich in
Calais gelandet.

Diese seine auergewhnliche Reise, die mehrere Sommermonate dauerte,
hatte in der damaligen Sportswelt Aufsehen erregt. Die groen Zeitungen
brachten sein Bild, und von den Zeitungen aufgefordert, beschrieb er
seine Reiseeindrcke.

Mehrmals hatte ihn unterwegs beinahe der Meerirrsinn erfat. Viele
Nchte mute er auf dem Meere bernachten. In anderen Nchten war er
bei Leuchttrmen gelandet oder auf Leuchtschiffen, wo die Mnner den
Meerentstiegenen erstaunt und ehrfurchtsvoll aufgenommen hatten. In
London, wo er zuletzt hinkam, stellte man sein kleines Boot, das so
viele Mhseligkeiten mit seinem Herrn geteilt hatte, zur Besichtigung
aus. Aber als er die Rckreise antreten wollte, waren die Strme in der
Nordsee zu schwer. Er nahm dann die Aufforderung einer Zeitung, nach
Amerika zu gehen und Amerikabriefe zu schreiben, an.

Als ich den jungen Schweden und Weltfahrer bei Ola Hanson in
Friedrichshagen in Berlin an einem Abend kennen lernte, war er eben
von Amerika nach Europa zurckgekehrt und sollte nach Hause reisen,
nach Schweden, um dort sein Buch ber Amerika in seinem Vaterhaus, im
Pfarrhaus zu Bohusln, zu schreiben.

Er hatte als Kind, angeregt dadurch, da er seinen Vater jeden Sonntag
predigen hrte, zuerst Lust gehabt, selbst Prediger zu werden. Wie er
mir erzhlte, war er als kleiner Knabe oft auf einen Stuhl gestiegen
und hatte vor den Dienstboten des Hauses gepredigt. Dann aber hatte ihn
das Meer doch strker angelockt als die Kirche, und er hatte schon, als
er fnf Jahre alt war, von alten Fischern in Fjellbacka Unterweisung
im Segeln bekommen und hatte dann von seinem Vater ein eigenes kleines
Boot erhalten, auf dem er bald eigenmchtig von Insel zu Insel
steuerte.

Da Gothenburg in regem Schiffsverkehr mit England steht und sich der
junge Schwede, als er lter geworden, Schriftsteller zu werden sehnte,
lieen ihn seine Eltern spter hinber nach England, nach Hull, reisen,
wo er in einer Zeitungsredaktion beschftigt wurde. Zurckgekehrt von
England, pflegte er eifriger den Rudersport als die Schriftstellerei
und unternahm kurz danach die abenteuerliche Ruderfahrt im eigenen
Boote ber die Nordsee und machte dann die Rundreise durch Amerika. --

Jener junge Mann hatte also viel Welt und Wirklichkeit erlebt und
sich mutig durch Meer- und Hungerstrme durchgeschlagen, als ich ihn
kennen lernte. Und wir wurden gute Kameraden. Aber nicht blo, weil er
das Leben grozgig nahm, sondern hauptschlich deswegen wurden wir
Freunde, weil er einer jener wenigen damals war, die an der berzeugung
festhielten, da die Dichtkunst ber Prosa und Dramatik erhaben sei,
wenn auch augenblicklich der Zug des Zeitgeistes verchtlich auf
Gedichte und gereimte Dichtungen herabsehen wollte.

Dieses Vertrauen fr die Dichtkunst bei ihm zu entdecken, das war mir
ganz berraschend gewesen. Der Gedanke, einen Gleichgesinnten gefunden
zu haben, machte mir ihn besonders wert. Ich war erfreut, da ein Mann,
der die Wirklichkeit und stets die Wirklichkeit vor Augen gehabt hatte,
in seinem Innern die Dichtung, die damals die verachtetste Kunst in
Deutschland war, hochhielt.

Er hatte eben erst auf seiner Rckreise von Amerika den hollndischen
Dichter Gorter, den ich damals nicht einmal dem Namen nach kannte, in
Holland aufgesucht. Gorters Gedichte und dessen Gedichtbuch "Mai" waren
ihm Heiligtmer geworden.

In jener Dichtung "Mai" ist der Frhling als ein kleines Mdchen
beschrieben, das auf einem Kahn durch die Kanle Hollands fhrt. Und
die Dichtung erzhlt in schlichten und reichen Bildern, durchdrungen
von weiser Innerlichkeit, was das kleine Mdchen, das "Mai" heit,
erlebt. Er erzhlte mir auerdem, da Gorter den einfachen Beruf eines
Lehrers ausbe, und da er eine schne Gesprchsstunde bei ihm in
seinem Hause erlebt habe, aber da Gorter sehr traurig gewesen, da ihn
sein Lehrerberuf qule.

Auch hatte der Schwede Walt Whitmans groen Band "Grashalme" aus
Amerika mitgebracht. Auch von diesem Dichter wute ich nichts Genaues.
Ich hatte nur seinen Namen flchtig nennen hren, denn in Deutschland
war er damals so gut wie nicht bekannt.

Mit diesem Freund, der jetzt in sein Vaterhaus, nach beinahe
zweijhriger Abwesenheit, zurckkehrte, flog ich im Schlitten ber die
Hgel der wei verschneiten schwedischen Provinz Bohusln, wo jetzt
Ende Mrz der Schnee noch viele Fu hoch ausgebreitet lag.

Es war aber nicht blo die Lust an der Dichtung, die uns beide zu
Freunden gemacht hatte, sondern auch die Lust am Wirklichkeitsleben.
Aber darin, fand ich, war der Schwede mir berlegen. Er kannte eine
Welt von Bedrfnissen, die ich nur vom Hrensagen genossen hatte. Er
liebte schne Frauen, gute Getrnke, erlesene Speisen, gute Zigarren,
neue Kleider und auerdem alle neuzeitlichen Bequemlichkeiten. Wohl
waren meine Sinne ebenso wach fr alle diese Gensse wie die seinigen,
aber die Gelegenheit hatte sich mir noch nicht so geboten wie ihm, die
Welt der weltmnnischen Gensse aufzusuchen und zu pflegen.

Es erstaunte mich gleich zu Beginn der Reise, mit welch ausgesuchter
Feierlichkeit er sich im Hotel zu Tische setzen konnte und mit
welcher Ruhe und Grndlichkeit er die Speisekarte untersuchte. Ebenso
verblffte es mich, da den schweren Mahlzeiten sofort Kaffee, Likr
und Zigarren folgen muten, oder da vormittags vor der Mahlzeit ein
Magenbitter oder irgendein Bolzgetrnk zur Anregung des Appetits
genossen werden mute.

In meines Vaters Haus war gut gekocht und gut gelebt worden. Aber ich
hatte in all den Jugendjahren keine Zeit gefunden, den Gaumengenssen
nachzuhorchen, und ich wre wahrscheinlich noch lange nicht auf den
Gedanken gekommen, die Leibesgensse zu pflegen, htte ich nicht in
jenem Schweden einen Meister des Genieens gefunden. Ein gedeckter
Tisch schien ihm ein Altar zu sein, an dem er fr eine Stunde einen
Gottesdienst abhalten konnte. Und die Wrde, die Ruhe und die Andacht,
mit der er das Zerlegen des Bratens, das Salzen der Speisen, das
Betrachten der aufgetragenen Schsseln vornehmen konnte, machten, da
man die Mahlzeit in seiner Nhe fr eine heilige Handlung halten mute.
Und ich mute bei seiner Art an die alten Helden Homers denken, die
einst mit derselben schnen Umstndlichkeit und Andacht die Hnde zum
lecker bereiteten Mahle erhoben hatten.

So lie ich es mir gern gefallen, lnger, als ich es frher getan, beim
Essen und bei Essensfragen zu verweilen, und gewhnte es mir an, mir
den Schweden darin als Vorbild zu nehmen. Denn ich merkte, da es mir
gar nicht schdlich war, den Krper mehr zu beachten, als ich es frher
getan, und ihm Gensse zu gnnen, zu denen ich vorher mir nicht Zeit
und Ernst genug eingerumt hatte.

Ich begriff auch bald, je lnger ich in Schweden war, da es in einem
so ruhigen und verhltnismig menschenleeren Lande jedem Menschen
von der Natur leichter gemacht wird, mehr Zeit fr sich und seine
Lebensansprche zu finden. Im hohen Norden mag es auch die vernichtende
Klte sein, die den Menschen zwingt, den Krper widerstandsfhiger
aufzubauen und ihm breiteres Behagen zu bieten.

Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite,
mit der jeder einzelne Mensch seine Lebensttigkeit nahm, diese Art tat
mir wohl. Ich war als Bayer gewhnt, den Krper ebenso gewichtig zu
nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders
bei den Berlinern damals vermit hatte, die mehr im Gedanklichen
aufgingen.

Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum
ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst
in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers
murren mag, dem pltzlich reinste Gemsekost verordnet wird. Man stelle
sich vor, da ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin
in eine Schnee- und Granitwste verschlagen war, in ein groes weies
Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr
ticken hrte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete
den ganzen Tag vor sich hin in einem mchtigen Wohnzimmer, dessen viele
Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem
Sdfenster die Sonne hinter groen Blumenstcken herein, und ich mchte
sagen, da es mich nicht verwundert htte, wenn ich in der Stille
dieses einsamen weltfernen Zimmers auch pltzlich das Vorwrtsrcken
der Schatten der Blumenstcke, die die Sonne ber die Diele zeichnete,
laut und deutlich gehrt htte, ebenso laut wie die laut marschierende
Uhr.

Im Hause befanden sich unten groe Erdgeschowohnrume und darber
unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der
Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische
Liebegott, alt und weibrtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die
Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.

Ich hatte nie vorher in einem Holzhause gewohnt, und die
unwahrscheinlich dnnen Wnde, die doch keinen Laut hereinlieen, weil
es drauen noch stiller als drinnen war, diese dnnen Wnde machten mir
das Haus noch unwirklicher, als wre es eine Erscheinung, gleichsam
als wohnte ich in Eierschalen und knnte das Haus leicht zerbrechen und
knnte in der Stille drauen krperlos aus diesem unkrperlichen Haus
fortschweben.

Die lteste Tochter des Pfarrers, ein Mdchen von vierundzwanzig
Jahren, und eine Gesellschaftsdame fhrten mit Hilfe mehrerer Mgde
den Haushalt. Das Brot wurde im Hause gebacken. Die Milch kam aus
den Stllen. Fische brachten die Fischer von Fjellbacka. Zu den
Festtagen des Jahres wurde ein Kalb oder ein Schwein geschlachtet und
eingesalzen. Die Hauptnahrung waren Fische, Milch, Grtze und Brot.
Die Mutter des Schweden, die Frau des Hauses, lebte im Winter mit den
jngeren Tchtern und einem jngeren Sohn in der Stadt Gothenburg, wo
die Kinder in die Schule gingen. Sie kam mit diesen nur im Sommer und
zu den Festtagen in das Pfarrhaus.

Der Begriff, da Menschen mit Fleisch und Blut dieses einsame Haus
bevlkerten, der kam mir dort, wenn ich allein in einem von diesen
totstillen Zimmern stand, leicht abhanden. Denn drauen sah ich jetzt,
in den Tagen im April, wo der Schnee, zu groen Stcken zerrissen, von
der Sonne weggeleckt war, keine Ackererde, keinen Grasboden, sondern
berall nur Granit, berall steinerne Granitbuckel. Als trge das Land
eine eiserne Rstung, so unbeweglich starrte der graublaue Granit mich
von allen Himmelsgegenden her an. Alle Hgel rundum, von denen der
Schnee verschwand, waren gewlbte Granitkuppeln, ebenso wie es die
Inseln im Meere drauen waren, die ich auf der Herfahrt gesehen, und
zwischen denen meine Stimme wie in Kellergewlben gehallt hatte.

In diesem steinernen Schweigen war es mir zuerst, als sei ich
in einen ungeheuren Kerker geraten. Die Leute, bei denen ich zu
Gast war, schienen meine Kerkermeister zu sein. Da ich noch nicht
Schwedisch konnte, konnte ich nicht an den Gesprchen und an der
harmlosen Unterhaltung teilnehmen. Im Haus bemhte man sich zwar, das
Schuldeutsch, das jeder in Erinnerung hatte, aufzufrischen und mit
mir deutsche Stze zu radebrechen. Aber man kam oft eine Stunde lang
nicht ber zwei Stze fort, und die Unterhaltung stockte meistens im
Gelchter ber die deutsche Aussprache. Zum Beispiel verkndete mir die
Tochter des Hauses eines Tages auf einem Spaziergang, da sie sieben
Greise im Stalle htten und zu Ostern einen Greis schlachten wrden.
Sie verwechselte das schwedische Wort "gris", das Schwein bedeutet, mit
dem deutschen Wort "Greis".

So hrte ich denn wie ein lebendig Begrabener auf das Leben
rundum, ohne ihm nher kommen zu knnen. Aber um so schrfer wuchs
die Aufnahmefhigkeit meiner Augen und Ohren, je lnger ich zu
unfreiwilligem Schweigen verdammt war. Und es ist mir heute, als seien
meine Sinne in jenem Hause dort fr alle Zeiten geschrft worden. Und
vor allem lernte ich Landleben kennen. Ich, der vorher nur von Stadt zu
Stadt gezogen war und das Land nur in der engsten Heimat kennen gelernt
hatte, freute mich, hier Land- und Meeresleben und Dichtungsleben
zusammen genieen zu knnen.

Denn oft lange Vormittage saen der junge Schwede und ich in dem groen
Wohnzimmer bei der tickenden Uhr und versuchten Gorters hollndische
Verse zu bersetzen und ebenso Walt Whitmans englische Verse. Und der
Eifer ging mir dabei ebensowenig aus wie dem Schweden der Rauch seiner
kostbaren Zigarre.

Gegen Ende April konnten wir die Zimmer verlassen. Der heftige
nordische Frhling setzte ber Nacht ein. Auf vielen der Granitbuckel
trieb das purpurne Preiselbeerkraut, das die Hgel bedeckte, rote
Bltter, und ferne Hgel standen tagsber wie blutbergossen in der
Sonne.

Der alte Pfarrer, der alte Liebegott mit weiem Bart, hatte mich
fters in seinem kleinen Wagen bei seinen berlandfahrten mitgenommen,
zu Krankenbesuchen oder zu Besuchen in anderen Pfarrhusern. Und ich
hatte mich immer wieder wundern mssen ber die Einsamkeit und ber den
Granit, die auf Meilen ber Meilen hier nirgends ein Ende nahmen.

Wo sich zwischen zwei Granitbuckeln ein wenig Humuserde angesammelt
hatte, da hatte auch meistens an dem Rand des Erdfleckchens und im
Schutz des Granithgels ein Menschenprchen sein Holzhuschen gebaut.
Nirgends im Lande war ein Dorf. Die ganze Provinz schien ein einziges
weites Dorf zu sein. Nur lagen die Huser nachbarlich meilenweit
auseinander. Und auf diesen Meilenstraen fuhr der alte Pfarrer mit
seinem alten Wgelchen, mit seinem alten zwanzigjhrigen Gaul, als
Hirte in dieser Einsamkeit tagelang umher.

Die kleinen rotgetnchten Bretterhtten mit den weien schmucken
Fenstervierecken und der weien Trleiste saen zwischen grauen Granit
geduckt und tauchten wie rote Gesichter aus ihren Winkeln in der Ferne
auf, wenn wir durchs Land fuhren. Eine einzelne Birke oder ein vom Wind
schief gewehter Ebereschenbaum schmckten karg die ununterbrochenen
Steinwellen des Granithgellandes.

Hier kam der Wind nicht wogend und weich ber cker und rauschende
Halme, er prallte von Stein zu Stein und zerplatzte an den
Granitkuppeln. Und als ich einmal im Frhlingstauwetter, gegenber dem
Pfarrhause auf der nchsten Anhhe, die nur dreimal so hoch wie das
Haus war, stand und auf die ferne Meeresstimme lauschte, die jetzt
aus dem Eis mit der Brandung aufgewacht war, und die man auch mehrere
Meilen von der Kste her immer wie ein fernes Gewitter donnern hrte,
da sah ich die kleinen Schneewasser, die in den Granitsenkungen von der
Bergkuppel herunterrieseln wollten, vom Winde senkrecht aufgestellt, so
da sie, hnlich kleinen Springbrunnen, mehrere Fu hoch in Strahlen
zur Hhe zerspritzten.

Dort oben auf einem anderen Hgel in der Nhe des Pfarrhauses zeigte
mir der junge Schwede eines Tages einige mannshohe Steine, die da,
einen Kreis bildend, einst vor tausend Jahren von Menschenhand
aufgerichtet wurden. Hier hatten die Wikinger den Ratring gehalten,
und an jedem Stein stand einst ein Huptling angelehnt, wenn die
ltesten unter freiem Himmel berieten. Die Mnner besprachen hier ihre
Kriegszge. Und der unerschtterliche Steinboden unter ihren Fen und
der unerschtterliche Himmel ber ihnen machte auch ihre Ratschlsse
fest und unerschtterlich und ihr Vorhaben, das sie hier planten. Die
aufgerichteten Steine, die treuen Sttzen jener Mnner, standen nun
noch nach tausend Jahren hier, unangetastet von der Zeit.

Als wir beiden jungen Mnner uns jeder an einen der Steine anlehnten,
mgen die greisen Blcke sich gewundert haben, wie leichtbeweglich die
Mnner einer anderen Zeit geworden waren. Und vielleicht haben sie erst
daran gemerkt, da ber ihnen tausend Jahre vergangen waren.

Und wieder oben auf einer anderen Granitkuppel beim Pfarrhause zeigte
mir der junge Schwede eine groe Steinplatte, darauf neun kleine
Schiffe eingeritzt waren. Als frher das Meer bis an diese Steinplatte
reichte und der Granithgel eine der vielen Inseln in der Meeresflche
gewesen ist, war hier ein alter Landungsplatz der Wikinger. Neun Boote
landeten hier. Wenn damals die Frauen hier saen und die neun Boote
abends erwarteten, die von einem Kriegszug oder Fischzug heimkehren
sollten, dann deckten sie mit den Hnden die Zeichnungen der Boote auf
der Steinplatte zu. Und fr jedes Boot, das in die Bucht einlief, zog
sich eine Frauenhand von den gezeichneten Booten zurck. So wuten
sie, ehe die Boote noch landeten, ob alle heil heimgekommen und keines
untergegangen war.

Tiefer im Lande waren auf anderen Steinplatten unter Dornbschen
noch mchtigere Granitzeichnungen zu sehen. Da zeigte man mir eine
eingeritzte Bootszeichnung, die war so gro wie ein liegender Mensch,
und der Drachenkopf am Kiel und die Schilde der Krieger im Boote und
viel Runenschrift waren ausfhrlich mit viel Schmucklinien in den Stein
eingegraben.

Die Runen spielten auch immer noch eine Rolle hier im Lande. Die Kinder
lernten die Runenzeichen in der Schule und die Tchter im Pfarrhause
hatten Bergstcke, in deren Holz sie sich von ihren Bekannten
Erinnerungsworte in Runenschrift einritzen lieen.

Die Tchter des Pfarrers waren frisch und gewandt, und die jngste
ritt oft frh morgens in ihren Ferien in weiten Reithosen auf
ungesatteltem Pferd ins Land hinein. Und wenn sie hei und mit offenem
geringeltem Haar zurckkam und schnell ins Haus springen wollte, um
sich umzukleiden, weil sie sich ihrer Reittracht vor mir schmte, kam
sie mir in ihrem Gemisch von Wagehalsigkeit und Mdchenverschmtheit
noch begehrenswerter vor als sonst. Aber sie war erst fnfzehn Jahre
alt, und ich war nur ein junger Dichtersmann, zwar reich an vielen
Plnen, aber sonst kapitalarm. Und ich wute, da ich hier noch nicht
ans Freien denken durfte.

Der junge Schwede und sein Vater saen am Sptnachmittag oder abends
meistens jeder in einem Schaukelstuhl und rauchten ihre Zigarren,
und der Alte lie sich von seinem Sohn ber dessen Rundreise und
ber die Amerikafahrt berichten. Der Alte war einmal als junger
Student Hauslehrer in Brasilien gewesen. Er kannte also auch die
Welt ein bichen, und er schmunzelte behaglich und frischte bei den
Reiseerinnerungen seines Sohnes seine eigenen Reiseerinnerungen auf.

In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache
unterhielten, ging ich drauen auf den Steinwegen umher und wunderte
mich, wie beweglich jetzt im Frhling sogar das unbewegliche Steinland
wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz
ber alle Hgel und Berge gerieselt kamen, und berall hrte man die
Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bche lngst
versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hgel dunkelblau und trocken, aber
ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst
nur ein kleiner Hgel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen
Hgeln ein einziger sonniger Hgel. Und er wuchs, whrend ich wanderte,
und rollte ber die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen
Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und
wanderte wie ich, und ich htte mich nicht gewundert, wenn ich ihm
dann spter in einem der stillen Steintler an einer Wegecke ganz
nah begegnet wre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die
da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tlern,
wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so
allmhlich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden,
mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem
ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann
und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und
verstanden uns, und nher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in
den einsamen Steinhgeltlern in Bohusln, wo wir Kameraden waren und
im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte.
Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und
wenn ich mit einer der Tchter spazieren ging, sprachen die jungen
Mdchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nhe der Wohnung des
Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fue eines Hgels und am Rande
eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mdchen noch leiser
und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frhlingsabend der
Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in
jedem Frhjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es
immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede -- der neben der Schriftstellerei auch Botanik
pflegte -- hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon
als Knabe hatte er in jedem Frhjahr die Birke mit seinem Messer
angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich
den Birkensaft in den Mund trufeln lassen und hatte oft so der Birke
Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine
Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwrmerisch gestimmt.
Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergngen heimkam,
wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren
es die allerwinzigsten Blten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der
steinernen Welt im Vorfrhling noch nicht. Stiefmtterchen, deren Blte
nicht grer als eine Linse war, kleine blhende Brenmoose und die
kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die
nicht grer als ein groer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese
winzigsten Blumen wohl, aber ich htte, an die deutsche Flora gewhnt,
diese fast unsichtbar blhenden Pnktchen nicht Blumen nennen knnen
und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, da er einen
Strau von groen Blten nach Hause bringen wrde, wie ich sie aus
deutschen Wldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrhling, nachdem der Schnee
so pltzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne
die Steine wrmte, am liebsten saen, weil man von dort die ferne
Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote
krallenartige Blte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne
oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser
Blte war eine kleine Rhre und sah klebrig glnzend aus. Ein solches
Rhrchen krmmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene
Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der
frher Meeresboden war, und erinnerte an den verkmmerten Rest einer
einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute
gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in
der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen
saen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie
vor unseren beweglichen Schatten zurck und schossen wie kleine Pfeile
davon.

Die kahlen Granithhen, deren es Tausende bis tief ins Land hinein gab,
zeigten wenig scharfe Ecken oder Kanten. Man sah ihnen allen an, da
das Meer sie einst rund gewaschen hatte in mehrtausendjhriger Arbeit.
Und dieses, da da rundum im Land nicht zackige Felsen waren, sondern
zu Kuppeln geschliffene, glattgerundete Hhen, an denen man noch
den Gang der groen Meereswellen, die sich einst hier berstrzten,
deutlich eingeprgt und eingewaschen sehen konnte, dieses vom Meer
einst umsplte und jetzt verlassene Granitgekrse, das jetzt statt des
Wassers Sonnenlicht und Wrme auf sich leben fhlte, gab dem Gesicht
der Landschaft ein unheimliches Gemisch von alter versteinerter
Sturmpracht und unendlicher himmlischer Friedlichkeit.

Wenn Westwind war und man das Ohr auf einen Steinbuckel legte, hrte
man in ihm das meilenferne Meerdonnern, das fern in Fjellbacka an die
Kste gezogen kam, und das deutlich den Steinen tief im Lande Stimme
gab. Es war, als kehrten die alten brausenden Erinnerungen in die
fernen Granitmeilen der Hgel und Tler zurck. Und man wrde sich
nicht gewundert haben, wre pltzlich das wirkliche Meer angestrzt
gekommen in die hgeligen Granitwsten, die in der Frhlingssonne nicht
auf Blten, sondern auf weien Meerschaum zu warten schienen.

Hinter dem Pfarrhause, einige hundert Schritte fort im Tal, lief ein
Bach am Rande eines verwachsenen Obstgartens. Woher der Bach kam und
wohin er lief, wute ich nicht. Er kam vielleicht aus irgend einem
der alten Eichenwlder, die ein paar Meilen weiter drinnen im Lande,
urwaldhnlich, in ppiger bemooster Herrlichkeit, ohne Forstaufsicht,
vorweltlich wuchsen. In dem kleinen Tal hatte das stille Wasser im
Verein mit Abend- und Morgennebeln seit Jahrhunderten den Granit mrbe
gemacht und hatte Humus und Waldabflle in all den Zeiten reichlich
angeschwemmt und hatte mitten im Granit ein paar Wiesen und Gartenerde
geschaffen.

Und die Wrmeausstrahlung des Granites, der sich in der Sonne schnell
erhitzte und nachts noch warm blieb, machte, da im Frhling in jenem
Tal am Bach entlang die Wiesen ber Nacht blitzrasch aufblhten, so da
sie fast nicht natrlich, sondern wie pltzlich knstlich hingestellt
aussahen. Halme und Wiesenblumen schossen in acht Tagen hoch. Da waren
Schierlingpflanzen, Sauerampfer, Salbei, die da eilig in den Himmel
wuchsen, ppiger als auf irgendeiner anderen Ackerwiese. Und die
Wiesenkruter dufteten in der reinen Steinluft nach reinstem Honig und
nach starken Gewrzen. Das Grn und die siebenfarbige Blumenschar waren
hier leuchtender und selbstherrlicher als auf irgendeiner Wiese der
Erde.

Eingerahmt von den dunklen, am Tage noch nachtblauen Granithgeln,
die auf der Sonnenseite wie altes Silber schimmerten und rtliche und
lila Schatten warfen, wirkten die wachen Wiesen wie ein greller Spuk,
unwirklich in dem unwirklichsten Land, das ich je gesehen habe.

Eines Tages hatte ich lange mit dem alten Pfarrer ber Deutschland
gesprochen. Der alte Herr hatte einmal vor Jahren in Halle und
Leipzig studiert. Und wie ich mich so recht an die deutsche Heimat
zurckerinnerte, da fiel mir erst auf, wie fremd hier um mich alles
war. Ich war im Gesprch mit dem alten Herrn in Gedanken in deutschen
Straen bei deutschen Lauten, auf deutschen Wegen, an ckern,
Kornfeldern hingewandert und sah mich dann zurckgekehrt vor einem der
Erdgeschofenstern des groen Wohnzimmers im schwedischen Pfarrhof
stehen und sah drauen zwischen den rotgetnchten Stallungen und den
rotgetnchten Futtermagazinen den blauen granitbuckligen Felsenboden,
den keine Menschenhand hier bewltigen konnte. Granit berall in
mannshohen Buckeln und in tiefen Furchen. Der Granit machte auch noch
den inneren Hof zwischen den Stallungen und dem Wohnhaus kraus. Wie
ein zu Stein erstarrter Wasserfall stand der Granit vor den Fenstern,
in steinerstarrten Strudeln, unerbittlich dem Menschen trotzend, hie
und da roten Eisenrost zeigend und offenliegende Eisenadern. Furchtbar
gerstet und fremdartig starrte so das Land rund die wohnlichen
Holzbauten und mich deutschen Menschen an.

Wenn es Abend wurde, und die Sonne hinter den nchsten Steinkuppen
schwand, lie sie den staubreinen Himmel zwar noch lange glashell
leuchten, aber die stumme Steinlandschaft verwandelte sich,
sonnenverlassen, rasch in eine dunkle Kohlenlandschaft, die schien
geformt aus riesigen Schlackenmassen voll Hhen und Tlern. Fast
angstvoll sah ich dann immer auf die ungewohnte Verwandlung. An jenem
Abend, nachdem ich im Gesprch mit dem alten weibrtigen Herrn weit in
Deutschland geweilt hatte und er mich fragte, wie es mir in Bohusln
gefiele, mute ich unwillkrlich ausrufen:

"Fremder knnte ich mich nicht fhlen, wenn man mich pltzlich von
einer Erdlandschaft in eine Mondlandschaft versetzt htte."

Und ich bat, man mge mir eine Landkarte zeigen, damit ich mich
berzeugen knnte, da ich wirklich nur eine bis zwei Tagesreisen von
Deutschland entfernt war. Denn ich hatte, solange ich jetzt in Schweden
war, noch keinen genauen Begriff davon, unter welchem Breitegrad ich
eigentlich lebte. Und wenn man mir gesagt htte: "Sie sind ganz nah am
Nordkap," so htte ich vielleicht erstaunt gefragt: "Ach, bin ich nicht
weiter von Deutschland fort?" Denn die Landschaft hier im Vorfrhling
erinnerte wirklich mehr an Landschaften auf dem Mond als an Erdgebiete.

Auf der Karte sah ich dann zwar zu meinem Erstaunen, da die
bohuslnsche Kste nur am Skagerak lag, dessen Meereswellen von
Schottland und von der Nordspitze Dnemarks, von Skagen herberkommen.
Ich war also mitten in mir bekannter Geographie und war noch nicht
einmal in Norwegen und hatte doch, der Landschaft nach, geglaubt, ich
befnde mich schon am uersten Ende der Welt oder vielleicht gar nicht
mehr auf der Erde.

Ich hatte in den ersten Tagen gefrchtet, mit dem Pfarrer ber
Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so
einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag.
Es herrschte da jene echte selbstverstndliche Lebensandacht. Die
Wrde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso
unerschtterlich wie die Weltallwrde der Granithgel drauen. Denn
dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art
aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tgliche Amtsarbeit,
durchdrungen von ernster menschlicher Gte.

Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter -- die
dort schneidender als irgendwo sein konnten -- ferne, verstecktgelegene
Armeleutehuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen,
da irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen.
Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, da
da Kinder ins Haus kamen, um die Sprche und Gebote des Katechismus
aufzusagen.

Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Geblk des
Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube
lag, und dort vor der Tr, unter dem schiefen Dach, saen an jedem
Mittwoch schiefgebckte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer
der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen
hatten, und junge Mdchen, die der Verfhrung eines Burschen
nachgegeben hatten und sich nun Mtter werden sahen, ehe sie noch mit
dem Burschen einen Hausstand gegrndet hatten. Diese Verfehlungen
gegen Haustreue und Gesellschaftssitte muten vom Pfarrer dadurch
gergt werden, da die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs
zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das
betreffende Gebot, das sie auer acht gelassen hatten, sich einprgen
muten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum
besseren Verstndnis ihrer Lebensstellung sagen lassen muten.

Der junge Schwede machte sich an jedem Mittwoch immer ein besonderes
Vergngen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu
rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf
und ab zu gehen, wo die benden Frauen und Mdchen der Fischer oder
Mgde der nchsten Gter auf der langen Bank verlegen beieinander saen
und auf den Pfarrer warteten.

Freitags war der Begrbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes
dort wute ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster
sitzend, von meinem Buch zufllig aufsah, hrte ich fern am
Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithgeln ging, einen
Schlitten klingeln. Als dann das Gefhrt am Pfarrhaus vorbeikam,
bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen groen Platz im
Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der
Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hgel, wo die Kirche lag.

Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem
ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder
ein Schlitten an, und als er nher kam, sah ich, da dieser Schlitten
auch einen Sarg mit sich fhrte. Und auf einem dritten Weg aus einer
dritten Richtung hrte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und
nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob
er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg
auch auf dem dritten Schlitten.

Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in
jedem Schlitten saen, die in ihre Taschentcher weinten, so konnten
die Srge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen
Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie
ausgebrochen.

Ich hrte dann aber im Pfarrhaus, da jeden Freitag der Beerdigungstag
war. Da die Leichen in dem khlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause
aufgebahrt liegen drfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen
Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.

Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt.
Diese fielen aber meistens in die wrmere Jahreszeit und nicht in
die Schlittenzeit, indessen die Srge natrlich auch in der wrmeren
Jahreszeit nicht ausblieben.

Am Samstag und Sonntag sah ich dann immer von meinem Giebelzimmer
aus, auf den verschiedensten Wegen, ber den Hgeln Bauernfuhrwerke
auftauchen, deren Kutscher schon von ferne beim Anblick des Pfarrhofs
lustig mit der Peitsche knallten. Gewhnlich fuhren zwei, drei kleine
Wagen hintereinander; und alle Peitschen knallten, und die Rder
sprangen hoch ber den Steinboden, und die Wgelchen hpften mehr, als
da sie fuhren, und die Insassen hielten ihre Hte und ihre Tcher am
Kopf fest. Nur lachende Leute kamen an diesen Tagen in den Pfarrhof.
Sie wurden an der Haustr des Pfarrhauses ausgeladen und stiegen zum
Pfarrer ins Studierzimmer hinauf, wo sie ihre Traupapiere abholten, um
nachher zur Kirche zu fahren.

Oder ein anderer Trupp lachender Leute begegneten mir auf der
Haupttreppe. Sie trugen ein kleines weinendes Kind auf weien Kissen
oder in dicke Reisedecken gehllt. Das Kindchen hatte stundenlang
im offenen Wagen reisen mssen, um seinen Vornamen im Pfarrhause zu
erhalten und seine Aufnahme in die Gemeinde. Auch die Srge hatten
oft stundenlang reisen mssen, um ihre Toten bei der Kirche zur Ruhe
zu bringen. Ebenso muten die Brautpaare von allen Windrichtungen
stundenweit herreisen, um sich ihren Segen zum Ehestand beim alten
weihaarigen Liebegottpfarrer zu holen. Alles dieses war seit alters
her so eingerichtet und wurde befolgt.

Des Pfarrers stattliches Landkirchlein lag hinter einigen Granithgeln,
eine kleine Viertelstunde entfernt vom Pfarrhause. Das Kirchenhaus
war ein schner vielhundertjhriger behbiger Granitbau mit gotischem
Gewlbe und erinnerte an altschottische Kapellen. Ganz einsam lag
das Gebude in der Landschaft. Auf einer erhhten Erdflche, die den
Friedhof bildete, stand diese schmucke silbergraue Kirche und hatte
weite Fernsicht ber das narbige steinerne Hgelland. Das Kircheninnere
hatte hnlichkeit mit einem trutzigen Burgsaal. Die Sonne ging den
ganzen Tag rund um diesen groen Kirchensaal, der einfach weigetncht
war und doch einen festlichen Eindruck machte. Die Sonne sah auf ihrem
Rundgang zu allen Fenstern in den Saal hinein.

Im Kirchhof drauen standen als Grabsteine viele mannshohe
aufgerichtete Granitblcke, und einige dieser Steine
zeigten neuzeitliche Drachenzeichnungen, alte aufgefrischte
Wikingererinnerungen.

Eines Sonntagmorgens fragte mich der junge Schwede, ob ich nicht einmal
seinen Vater predigen hren wollte. Ich hatte lngst gefrchtet, da
einmal im Pfarrhaus dieses Ansinnen an mich gestellt werden knnte. Und
als ich fragte, ob der Pfarrer den Wunsch selbst ausgesprochen htte,
ob der Vater den Sohn beauftragt habe, mich zur Kirche zu fhren,
lachte der Gefragte und meinte, sein Vater kmmere sich nicht darum,
was ich glaube oder nicht glaube, denn ich gehrte ja nicht zu seiner
Gemeinde. Der alte Herr wisse recht gut, da jeder nach seiner Art
selig werden drfe.

Wir gingen dann zur Kirche. Der Gottesdienst hatte schon begonnen, und
der junge Schwede ffnete deshalb vorsichtig und langsam die Tre,
erst nur ein wenig, um zu horchen, weil wir bei einer Pause eintreten
wollten.

Dicht bei der Tre hrte ich aus dem Innern des Steinhauses eine laute
Predigerstimme. Aber das schien nicht die Stimme des Pfarrers, nicht
die Stimme eines gesunden, wrdevollen und ruhigen Menschen zu sein.
Diese Stimme klagte in den jmmerlichsten Lauten, chzte, sthnte
und krmmte sich, als winde sie sich, um aus einem Menschenkrper zu
entschlpfen, der sie qulte. Und die Stimme nselte dabei, so da ich
ihr nicht glauben konnte, da ihre Qual echt sei. Es schien mir, als
jammere sie den Jammer eingebildeter Leiden; Leiden, die sie mit einer
gewissen Wollust aufzhlte. Die Stimme war wie die eines eingebildeten
Kranken, der atemlos eine Krankheit nach der anderen an sich zu
finden beteuert, und der sich und andere berreden mu, an diese
Krankheiten zu glauben, weil er getrieben ist von einer unerklrlichen
Notwendigkeit, fortgesetzt mit Krankheiten, die nicht vorhanden sind,
sich und andere zu beschftigen.

"Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rstiger
Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht," sagte ich tief erstaunt
zu dem jungen Schweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos
drauen vor der Kirchentr gelauscht hatte. "Das ist doch nicht seine
natrliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und wrdevoll im
Hause mit uns spricht."

Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft
predigen hren, und er begriff nicht recht, da ich die Stimme des
alten Herrn nicht wiederfinden konnte.

"Das ist er nicht! Das ist ganz unmglich," behauptete ich. "Das ist
ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem
anderen Prediger ablsen lassen."

"Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder," meinte nun der
Sohn ernst werdend.

"Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht," sagte ich, "dieser Stimme
will ich jedenfalls nicht zuhren. Diese Stimme kommt mir so unwahr und
so unmenschlich vor, da ich dem Menschen nicht zuhren will, der diese
Stimme hat. Wie kann man bei schnem Frhlingsonnenschein so wimmern,
wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme
unvernnftig. Der Frhling lacht auf den Steinen, und die Steine selber
sehen in der Sonne so festlich aus, da ich es eine Snde finde, wenn
ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequltes Gewimmer
aufschlgt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und
meine Menschenwrde plagt."

"Es ist aber _doch_ mein Vater," lachte jetzt wieder der Schwede, der
meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es pltzlich gewaltig
unterhielt, da sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. "Das ist
seine Amtsstimme," sagte er. "Mit dieser Stimme mu er zu den Bauern
und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht
den Worten, die er zu sagen hat."

"Dann knnen die Worte nicht wahr sein," meinte ich und murmelte diesen
Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die
Trspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergngt wieder zurck und
sagte:

"Natrlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich
die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute
selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen."

Und wir gingen und wanderten, immer noch ber den alten Herrn und seine
Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten
lachend ber das frhlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das
so aufrichtig und unverhllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher
Wrde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur _eine_ tiefe
Weltallsprache und nur _eine_ festliche Lebensstimme kannte.

Spter zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr
grogeistig genug, unsere Aussprache ber seine zwei Stimmen, die wir
vor der Kirchentr hatten, und die ihm sein Sohn erzhlte, lachend und
humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklrung
meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich htte geben mssen,
enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung
beschftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder
aufdrngen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg
ich ber meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner
Lebensunerfahrenheit lteren und in ihren Brden und Gedanken wei
gewordenen Mnnern gegenber nicht frwitzig benehmen wollte, aber
hauptschlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung
zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Krper durchkosten und
anwenden wollte.

Ich schwieg aber nicht bewut, ich fhlte nur unbewut: die Zeit wird
kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens
vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe
dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten
sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in
mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, da man glcklich,
weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen
knnend, auch zu den ltesten und zu den jngsten Leuten wird sagen
knnen: "Seht, ich wei einen Weg, einen Gedankengang, der alle
Handlungen des Menschen, die Ttigkeit und die Ruhe, die Freude und
das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen
Jahrhunderten der Menschheit mglich gewesen ist.

_Sich Schpfer und Geschpf fhlen, ob man nun Handwerker oder Dichter
ist, Mann oder Frau, Knig oder Knecht, sich zu fhlen als Besitz
aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken_.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie
jene Gtter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet
ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfhlend, allweise sein. Ihr
werdet allmilde, allgtig und gestreng sein, mit euch und allen Leben.
Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung
eine natrliche Schnheit geben. _Und ihr werdet euch alle nicht mehr
erniedrigen mssen, mit Doppelzungen zu reden_."

       *       *       *       *       *

In den nchsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum
erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentre umgekehrt war und mich
von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach
und sagte mir, da ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme
erschrocken wre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich
hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten drfen als den
mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden
Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis
zur Schulentlassung hatten verbringen mssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen
Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentre die Drachenzeichnungen
alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen
empfingen und einem mchtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit
in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht
des ungebndigten Landes und bei der Nhe des ungebndigten
freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende
Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung
einfgte. So da ich schon davon allein, vom Klang des jammernden
Predigttones, bedrckt worden wre, auch wenn ich gar nicht die schne
vornehme und krftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her
gekannt htte. --

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die
Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund,
Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und
abgelegt werden knnen durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine
zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das
Weltamt, und keines darf das andere an Wrde berbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und
zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie
die Amtsarbeit auer dem Hause, die Wrde verbreiten soll in das Leben
der Menschenmassen.

Aber es war auer der Stimme auch der Schrecken ber die Lehre von der
Erbsnde und ber die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im
Frhsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentr
berfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe
und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und
sehnschtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme
schien die Tagessonne auslschen zu wollen.

Ich versuchte es in den nchsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause
fters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise
unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl
im groen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von
jenem Sonntagmorgen her wie ein trber Spuk noch im Geiste stand,
in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem
Wikingerhuptling hnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.

Es war mir das aber ganz unmglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief
und gewichtig, verstndig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte
sich auf einer allmenschlichen Gte und Wrde, und in seinen blauen
blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie
der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen
weien Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und
sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig untersttzte, dann war das
ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Wrden seit vielen
Jahren beherbergt hatte, fr mich mehr festliche Kirche als die Kirche,
zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen
Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mute
und zu Gespenstern predigen mute.

Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrngt von neuen Tagen
und neuen fremdartigen Eindrcken.

       *       *       *       *       *

Eines Tages, als wir auf der Hhe beim Pfarrhaus standen, der junge
Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie
Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand
silbern erscheinen lie, da sagte mein Freund zu mir:

"Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und
Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot
und segeln mehrere Tage."

Es war nun Mitte Mai, und berall zwischen den Steinen grnte es, und
die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grnen Wimpeln, und die
Sonne lie sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken
mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der
Hand ber das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im
hellen Maisonnenschein behauptete, heute wre noch Sturm auf dem Meer.
Aber morgen wrde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage
gestrmt habe.

Da fhlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich.
Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei
klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte
noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fhlte, da der Wind
scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren
Himmel auf dem Granithgel standen. Also mute es drauen auf dem Meer
bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.

Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen,
die man am Horizont wie den weien Dampf aus einer Kanone ber dem
sonnenglnzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an
unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat
es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein
wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.

Am nchsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht
hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus gefhrt. Alles
schlief noch. Die Mgde hatten vergessen, uns Milch ins Ezimmer zu
stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns
einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den
Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.

Um zur Milchkammer zu kommen, mute man durch die groe Mdchenkammer
gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand
ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wnden befanden sich
in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, da sie
kaum den ppigen Leib der Stall- und Kchendirnen fassen konnten,
die da schliefen. Die Mdchen lieen die nackten Arme auf die Dielen
herunterhngen, schne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie
sie dem schwedischen Volke eigen ist.

Die lautlose Kammer im dmmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzge
der drei krftigen Geschpfe gutmtig auf- und niedergingen, war wie
ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprnglich, naturwchsig und festlich
irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mgde, die da den
Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.

Whrend ich noch unter der Tre stand, ging der Schwede in die
Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht
enthalten, im Vorbergehen mit einem Lffel einige Tropfen Milch
einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestrte ffnete
die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst fr zwei
Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rckte auch die Arme
nicht von der Stelle. Sie lchelte ein wenig, schlo die Augen und
atmete weiter.

Wir schlossen wieder vorsichtig die Tr, und nachdem wir die Milch
lachend getrunken hatten, verlieen wir das Haus und kletterten auf den
Wagen.

Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zgel gab
und, uns grend, sich zurckzog und der Wagen mit Lrm den Hof
verlie, sahen wir hinter den Erdgeschofenstern der Mgdekammer alle
drei Mgde hinter den Scheiben stehen. Sie drckten ihre Nasen an das
Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.

Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen
Schweden behagten auch die Landmdchen mehr als die Stadtfruleins.
Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spttisch ber Stadtdamen
und lobte die gesunden einfachen Bauernmdchen seines Landes, deren
Stallgeruch ihm angenehmer war als die berfeinerten Wohlgerche der
Stdterinnen.

Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris
gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. "Sie sind nur
eine Firnismasse und keine Menschen," behauptete er. "Es sind Wesen mit
Schminke und Puder maskiert, verstandesmige, geldgierige Geschpfe,
deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von
allen natrlichen, einfach menschlichen und warmen, gtigen Gefhlen."
Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe
ihn diese Stadt geekelt.

Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hrte diese uerungen
mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur
loben hren. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische;
dem Widerwillen, der die beiden Vlker wie Hund und Katze in den
tiefsten Instinkten einander nie natrlich befreundet macht, wenn nicht
gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefhl war
ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des
jungen Schweden.

Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an
der Kste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu
weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu
knnen. Nun fand ich Fjellbacka frhlinghaft wieder. An der steil
zum Meer abfallenden Hauptstrae standen die schmucken Holzhuschen
frisch wei und gelb und blablau und rot bemalt, und in den winzigen
Vorgrten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grnten sparsame
Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen
als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, hnlich dem
Schluck Wasser, der in der Wste den Wert von Menschenleben hat.

Fjellbacka heit: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhuschen kleben
hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen
Felsenwand, die dort zum Meer abfllt. Im Dorf sind winzige Gchen,
und manches Huschen ist nicht viel hher als ein Mensch. Manches
Fischerhaus hat nur eine Kche und eine Stube, aber glnzt von
Sauberkeit innen und auen. Die Gassen sind von Felsen natrlich,
hckerig gepflastert, und jeder Schritt mu erklettert werden ber
kleinen und groen Granitbuckeln, die auch hier wie berall in Bohusln
in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den
Umfang einer ganzen Provinz behauptet.

Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten
wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hlzernen
Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf
Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzhlige kleine Boote
der Fischer und Hndler von Fjellbacka angeseilt.

Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das
Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weie blinde
Eisflche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit
kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten
bunten Fischerboote zurckspiegelten, als wre das Wasser mit gelben,
roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter drauen wurde das
Meer ein dunkelgrner Abgrund.

Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle
Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufllen. Ich hatte das
Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelflche gesehen und ganz
vergessen, da es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor
einigen Wochen war mir die Meeresoberflche, die vereist gewesen, wie
ein weier Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von
Tiefe gesprochen und von keiner Unergrndlichkeit, vor der ich jetzt
staunte.

Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines
Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein groer Genu, sich
vorzustellen, da wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserflche
hin ber Abgrnde, in denen alle Mglichkeiten des Todes lauerten,
schweben sollten.

Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen
Meerplatz bei der Kste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie
von hintereinanderliegenden Hgeln begrenzt wird, das Meer hat hier
durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemtliches. Man war
hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.

Ungefhr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein
winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fu hoch ber den
Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch
steht, sondern wo nur ein paar Holzgerste zum Trocknen von Fischen
errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im
letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist
damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten
aufgerannt und untergegangen.

Dieses erzhlte mir der Schwede, whrend wir jetzt im schnsten
Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorberkreuzten. Und es war mir
wunderbar, auszudenken, da Steine aus dem Meere wachsen und da neue
Welten sich bilden, und da das hundertjhrige kleine Inselchen noch
wie ein Kind im Verhltnis zu den groen Inseln drauen war und doch
schon hundert Menschenjahre zhlte.

Und auszudenken, da da einmal, wo wir jetzt ber Abgrnden, mit
Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser
verschwunden sein wrde und berall Land auferstehen wrde!

Da dann da Menschen gehen und Huser bauen wrden, wo jetzt Wasser
war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so
wrden Menschen hier walten, und niemand wrde sich dann der Menschen
von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand wrde
an uns beide denken knnen, niemand an diesen Tag, an dem wir hier
Wirklichkeit waren.

Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hnde, die jetzt eben
in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die
die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der
Windrichtung anpassen muten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen
muten, um unsere Leben ber die Abgrnde zu bringen, die unter uns
lagen.

Und auszudenken, da unsere Schatten und der Schatten des Schiffes,
die als schwarze gezeichnete Flecken ber die grne Wasserflche
mitfolgten, nicht krperloser waren als die Krpermasse des Bootes und
unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, da das Holz des
Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Krper
aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in
nichts voneinander unterschieden. Sie wrden, wenn hier das Wasser
verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhusern darin
geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer
von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im
Grunde krperlose Schatten.

Und diese Betrachtung, die sicher tglich an verschiedenen Orten der
Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese
Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde
leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des
Sichhineinfindenmssen in die lstige Vergnglichkeit.

Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als
eine persnliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen
jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, da er strker wre als
sie.

Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die
Vergnglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in
all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu
Ende zu denken ist.

Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres
Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind
aus der Vergnglichkeit hergekommen, aus der Unergrndlichkeit, und
gehen in die Unergrndlichkeit. Wir gehren also dem Unergrndlichen
immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen.
_Aber wir gehren ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur
Wirklichkeit kommen konnten_.

Da einmal fr uns die Mglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben
zu kommen, so knnen wir ruhig annehmen, da diese Mglichkeit schon
tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir mssen
verstehen lernen, da wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit
gekommen sind, und da wir viele tausende Male immer wieder dieselbe
Mglichkeit finden werden. Die Unergrndlichkeit, der Tod, hlt uns
nicht fr ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig
festhlt.

So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die
alten gypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem
neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen
Erkenntnis, da jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des
ganzen Weltalls so gut in sich trgt, in seiner ihm angeborenen
Unergrndlichkeit, wie er auch die Schwchen seiner kleinen
Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trgt.

Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schlieen mt.
Ihr mt lernen, mit weisem Lcheln eurem Verschwinden nachzusehen.
Ihr mt es feiern lernen, da eure kleine Wirklichkeit vergeht und
immer wieder vergehen mu, und mt wissen, _da ihr immer besteht
als unvergnglich_, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar
verlat; das Festspiel des wirklichen Lebens behlt euch immer.

Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle,
dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der
ich heute die Segelfahrt geniee, sie werden in abertausend Jahren
verschollen sein, dann werdet ihr lchelnd sagen:

Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genureich, und es gibt
noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und
in denen wir wieder aufleben werden.

Ein schner Tag, eine schne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen
nicht weniger schn, weil sie vergnglich ist. Denn jedes
Menschen Unergrndlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine
Unergrndlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem
Boot, und die viel tiefer ist als alle Hhe ber dem Boot.

Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz
aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut
aus dem Wasser neben mir herauf, sie drhnt aus dem Holz des Bootes,
sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge
meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und
alle Dinge rundum unergrndlich ansieht.

_Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen
mchtet, der ihr nachseufzen mchtet, da doch die herrliche erhabene
Unergrndlichkeit -- die ihr besitzt, und die euch besitzt -- weitaus
groartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen
beleuchtet_!

_Darum seufzt nicht ber die unwirkliche Vergnglichkeit. Nichts strt
euer groes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem
Fest, immer und ewig_. --

       *       *       *       *       *

An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen
wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten.
Die vielen Mwenvlker, die im Winter dagewesen, waren jetzt
fortgeflogen. Sie sind im Sommer drauen, sagte mir der Schwede, auf
den uersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brten. Nur hie
und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der
geheimnisvollen Gassen.

Ich mute an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwnden in
den Wasserlufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges
Venedig! Whrend wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwnden
fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwnde auf und purpurbraune
getrmte Riesenblcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom
feuerblauen Frhlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dmmerigen
Inselgassen hell berdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige
Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grnem Schattengrund, als wre das
Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefllt.

Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkolo an, der die Menschenstimme
zurckgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer
Felsenspalte ein verlassenes Birkengebsch im Morgenwinde.

Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen
unbekannten Leben: die Gedanken und Gefhle der Fische, die Gedanken
des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die
Gedanken und Gefhle vorberstreichender lautloser Vogelpaare, die
Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten
uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und
verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der
Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand
zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte,
angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte
uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.

Solchen innersten Zusammenknften der Gedanken- und Gefhlswelt, die
der Wald oder der Flu, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und
Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergrndlichen
Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die
Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die
natrlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen
Menschen, die fhlen und wissen, da nicht der Mensch allein dem
Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.

Keine bewuten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung
und jenes Klgerwerden klar. Aber der ganze Mensch fhlt sich, wenn
er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung,
die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurckgekehrt,
lebensbestrkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch
lebensklger und lebensreicher zu den Mitmenschen.

Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das
wrmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also
in der Natur strken. Es sind die unbewuten Unterhaltungen und
Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergrndlichkeit des
Menschen mit der Unergrndlichkeit der anderen Lebewesen zu einem
groen Schpfergefhl vereinigt. Wobei das Geschpf Mensch, ohne da
es sterben mu, totenstill und wunschlos wird und in Fhlung tritt mit
seiner Unermelichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.

Nicht blo dem hher gebildeten Menschen, auch dem geistig
tiefstehenden, ist es unbewut innigstes Bedrfnis, von Zeit zu
Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im
Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefhl dem
Urweltgefhl der Naturleben bewut oder unbewut hinzuhalten und so fr
Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. -- Der Dichter aber, der
aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergrndlichkeit
mit der Unergrndlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein
tiefstes Menschengefhl, sein Liebesgefhl zu einem Menschen, in die
Natur hinaustrgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines
unermelichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der
Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefhl hintrug,
die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne
und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder
erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen lt und seine
Unergrndlichkeit mit ihrer Unergrndlichkeit umgibt.

Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder
Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten tglich
wechselnd vorberschreiten, so werden sie -- wenn ein Dichter immer mit
dem gleichen warmen Liebesgefhl von seiner Geliebten kommt, oder wenn
er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht
kommt, oder wenn er beglckt von ihr in Freude kommt -- so werden sie
immer wieder, wenn er mit seinem unergrndlichen Liebesgefhl die
anderen unergrndlichen Leben betrachtet, fr jede seiner Stunden, die
er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen
Perle schenken.

Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da
kein bestimmtes Versma, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das
Versma seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem
Dichter das Liebesgefhl tglich in neuen Versmaen zusingen, so da
er eine tausendtnige Stimme erhlt, und jeden Tag eine neue Melodie.
Und spter sieht der Dichter auf einen unermelichen Melodienreichtum
zurck. --

In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Huser mammutartige
Klippenblcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und
vereinzelt, manchmal eine Menschenhtte hingestellt, ein gelbes oder
rotes Holzhaus eines Fischers, mit weien Tr- und Fensterleisten,
schmuck und freundlich. Ein solch einsames Huschen wirkte aber wie
verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den
glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.

Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das
Holzgebude stand etwas vom Wasserspiegel abgerckt, ein paar Schritte
fort auf Steingerll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf
Pfhlen vor sich. Sonst wre es unmglich gewesen, an den steil ins
Wasser abfallenden Felsenwnden zu landen.

Grabesstille war auf dem kleinen Gerllplatz. Das gelbe Huschen und
ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wren
sie von einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig
standen die Gebude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts
rhrte sich rund um die Hauswnde.

Nur ein paar Gerllsteine klapperten unter unseren Fen und waren wie
Wchter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus
der Haustre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.

Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, da er des
Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.

Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie
uns hineinfhrte, waren mir Tisch und Sthle, Schrank, Spiegel und Sofa
und die Bilder der Knigsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener
Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.

Ich wrde aber eher erwartet haben, da eine Wikingfrau im
selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewlbe gefhrt htte, wo
nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen htten.

Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den
Inselgassen und mute mich erst wieder damit zurechtfinden, da ich in
meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen
den Klippen hier gewesen, da, als wir das Boot angelegt hatten, es mir
schien, als htte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und
als htte ich viele Leben gelebt.

Ich war auf der Herfahrt, ber den Bootsrand schauend, in der
Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als
ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle
neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Mwe den Mwen
nachgeflogen hinaus zu den Brutsttten. Ich war ein Birkenstrauch
gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne
auf meinen Blttern spielen lassen.

Und ich war unzhlige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein
brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten
Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich
bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der
Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser bersplt,
unsichtbar geworden fr die Oberwelt.

Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt
hatte, so da es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der
Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Mbel
mich niedersetzen hie, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor
Tausenden von Jahren verlassen hatte.

Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener
Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte
sich unzhlige Male in das Drachenschiff eines Wikinghuptlings
verwandelt. Denn diese Wasserlufe, durch die wir kreuzten, hatten
frher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von
Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hatten damals
die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Mnner in sich
verschluckt und konnten sie zurckrufen, wenn wir an sie dachten in der
Totenstille.

Dieses gewesene Leben frherer Menschen, das ich auch gewesen bin und
wir alle gewesen sind, tnte mit seiner Unergrndlichkeit von fern in
meinem Bewutsein an, so da ich die Gegenwart nur noch verschollen
fhlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir
geworden.

Und so werden auch wir Heutigen einmal ber die Zukunftswelt Macht
haben, wenn wir Groes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprgt
wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten
fr Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen knnen, indem wir
Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen
drfen, und unsere Menschengestalt wird auch fr Augenblicke durch
zuknftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten knnen. Denn
die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen
Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles
Weltalleben. --

Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzhlte uns, da ihr Mann
nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der
Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann
fr uns Kaffee. Jede einzelne alltglichste Handlung in diesem einsamen
Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergrndlichen Stille
dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung
wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen knstlerischer Ruhe.

Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Kche auf dem ganz neuzeitlichen
eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka
gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst
unschne Gueisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschn
wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, lie die Funken
knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hnde der
Frau.

Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes
Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und
war beteiligt am Wohl des Huschens und verschwand nicht hinter
dem tausendfachen leeren Lrmen des Tages, wie die Dinge in den
menschenreichen Stdten heutzutage hinter dem lrmenden Menschenleben,
dem beranspruchsvollen, verschwinden mssen und nur stumme Sklaven
sein drfen, statt mitlebende Freunde und Berater.

Da wenig Gert im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen
Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen lie. Die Sthle
und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Hnden
sie kannten.

Da waren im Huschen auch keine groen hallenden, toten Rume, die
totgeborenen Geschpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Stdten nur
seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefhl zuliebe erstehen lt.

Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefhl, so wenig wie der
Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurckgespiegeltes Gefhl.
Eitelkeit ist hinter allen Gefhlen immer nur eine Gefhlsleiche, und
ihr Anblick erkltet und lt kein warmes Leben aufkommen. --

Dieses Huschen war fr seine Bewohner nicht mehr als eine Nuschale
um einen Nukern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte
der Mensch an Gerten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die
Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und
verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.

Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen
Kaffeekanne -- die das stndige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist --
go sie uns den Kaffee in die uns anlchelnden ehrwrdigen Tassen. Und
ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfu stellte sie den
Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem
Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier
gehrt wie das Salz.

Ehe die Frau aber das alles brachte, hrten wir zuerst eine Ziege
im Holzschuppen neben dem Huschen meckern, und der Schwede sagte
lchelnd: "Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch fr den
Kaffee zu melken."

Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbi, dieser Kaffee
vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird
und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nicht mit
Wein oder Bier aufwarten knnen, wie in den sdlichen Lndern.

Whrend wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau hflich ans
Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gste nicht durch aufdringliches
Zuschauen zu stren. An der Wand unter einem Glaskstchen sah ich die
in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen
Fischersleuten findet. Gewhnlich haben einige mnnliche Angehrige
solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermnner auf
Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr
Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen
Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.

Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann -- wie
mir der Schwede bersetzte --, da dieses Boot der eine ihrer beiden
ertrunkenen Shne angefertigt habe.

Sie sagte das einfach und sah mich an und hrte jetzt erst von dem
jungen Pfarrerssohn, da ich ihre Sprache nicht verstnde. Aber das
hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am
Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit
dem Meer drauen wechselte, da sie mir das Unglck erzhlte, wie es
vor Jahren ihre Shne betroffen.

Und als ich zuhrend unwillkrlich nickte, weil ich begriffen hatte,
da das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm
gekentert war, und da dabei die jungen Leute ertrunken waren, da sah
die Frau mich pltzlich ganz entgeistert an und wute nicht recht, ob
sie jetzt gar Deutsch gesprochen htte, oder ob ich pltzlich bei ihr
Schwedisch gelernt htte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie
wollte sehen, ob sie mich auch verstnde.

Solche Einfalt, welche glubig ist und nichts fr unmglich hlt,
konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.

Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin
lagen, waren trb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher
gewtet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Strme
immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der
Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.

Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast
unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Shnen sprach, und
weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nmlich oft ihre Shne in
der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder
fortgehen. Die Mtzen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tr
am Nagel, und die Frau brstete sie tglich ab. Auch die Bcher, in
denen die Shne gelernt hatten, standen suberlich abgestaubt auf einem
Wandbrett.

In den ersten Tagen nach dem Unglck hatte die Mutter wohl manchmal
geweint, aber dann waren die toten Shne wiedergekommen. Sie hrte sie
oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hrte morgens
zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerstet hatten, ihre Zurufe.

Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und
sprach ein paar Worte ins Leere. Aber da niemand da war und da beide
Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das strte sie gar
nicht. Der Todesfall der Shne war ihr nur wie eine kurze Krankheit
gewesen.

Vom Tod waren fr die Mutter beide Shne lngst wieder genesen. Sie
kamen auch oft herein und sagten der Mutter, da es Zeit sei, die Ziege
zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr
ntzlich waren. "Es sind gute Shne," meinte sie und nickte mir zu. --

Diese ihre innersten Gedanken aber erzhlte uns die Frau nicht. Die
hrten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurckkamen, von
Leuten, denen es der Mann jener Frau erzhlt hatte.

Da ich meine Verwunderung darber aussprach, da die Frau die Mtzen
der ertrunkenen Shne immer am Trnagel hngen haben wollte, und
weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie msse dadurch tglich
von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklrte man mir in
Fjellbacka, da die Frau immer ihre ertrunkenen Shne kommen und gehen
sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fhle.

Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle,
die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des
Todes, da sie seine Geschpfe kaum noch von den Geschpfen des Lebens
zu trennen vermgen. --

Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und
kein Lufthauch die Segel antrieb -- so da wir die Leinwand vom
Mast abnehmen und abwechselnd rudern muten --, als wir da in den
spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten,
an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden
jungen siebzehn- und achtzehnjhrigen Burschen ertrunken waren, da
wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserstrmung tot.

Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie
buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da
waren die tiefen Gassen wie groe Grfte. Da war unser Boot, das ohne
Segel mhsam vorwrts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von
den Felswnden eine eisige Klte ber uns.

Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien
nicht vorwrts zu rcken.

Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger
geworden zu sein und schienen uns irre zu fhren in ihrem Labyrinth,
denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden
waren nicht mehr wie am Vormittag unergrndliche vorberkreiselnde
Jahrtausende. Es waren schwere unvergngliche Stunden geworden.

"Um diese Stunde mgen sie hier untergegangen sein," sagte der Schwede,
und er meinte die Shne der Fischerfrau.

Da hrte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: "Ja." Aber ich sah
mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran,
uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das
Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo
ihre Shne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das
innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins
Boot gekommen.

Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr "Ja" sagen. Hier um diese
Stunde mute die Mutter, so lange sie in ihrem Huschen lebte, viele
Male des Tages unbewut mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle
kreisen, und dann zog sie die Shne beide mit Mutterkrften von dem
untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen ber das Wasser heim. Und
die Shne folgten ihr in die Htte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk
vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. --

       *       *       *       *       *

Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren
wir nach einer groen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des
Oberlotsen bernachtet hatten, am anderen Tag zur uersten Insel im
Skagerak weitersegelten.

Diese letzte bewohnte Insel heit Vderbod, das bedeutet Wetterschutz.
Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel
hatte einen mchtigen Leuchtturm, und auer dem Leuchtturmwrter, der
ein alter abgedankter Kapitn war, befanden sich nur noch ein zweiter
Leuchtturmwchter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese
Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhhe, alle
drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall fr eine Kuh.

Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwrfel aus dem Meer.
Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn
die drei Bewohner hatten unser Kommen lngst bemerkt, und sie hiten
uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.

Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man
hatte das Gefhl, als wrde einen der Meerwind forttragen. Da oben war
kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das
kleinste Krutlein, sondern nur eine Steinflche und in ihr eingehauen
einige ghnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.

Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Kste lag im Abend auer
Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige
graue Wlkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Kste, auf dem
pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob
diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.

Unendlich toste das Meer hier drauen. Ich fhlte mich anfangs betubt
auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir,
als sprchen die Felsenplatten, ber die ich trat, vor Sehnsucht zart
werdend, vor Sehnsucht nach der Kste, mit meinen Fen, bei jedem
Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wuten nicht, was sie tun
sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Fen berhrt wurden,
die vom riesigen Mutterfestland kamen.

Es war etwas wie Ratlosigkeit ber dem kahlen Inselstein, der nie
Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen.
Aber es war eine freundliche, aus Beglckung stammende Ratlosigkeit.

Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitn, dessen Krperchen
flach und drr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedrrt
wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des
zweiten Wchters, und der Wchter selbst.

Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schttelten sie uns
abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden
Hnden. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und
Armen, und sie lachten, und sie bckten sich, und sie schlugen die
Hnde zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei
zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und
sie schttelten sich selber gegenseitig die Hnde, denn es war ihnen
ganz wunderbar, da sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Mnner
an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst whrend des ganzen
Jahres nur das traurige Geschft zu verrichten hatten, Leichen von
Schiffbrchigen, die vorberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre
Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote
Menschen fanden sich hier selten ein.

Im Frhjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der
Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat fr das nchste
halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttrme an der
Kste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar
Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen
wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frhjahr zu den Gezeiten ein
unglcklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die
Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie
oder ein paar Zurufe in der Nacht gehrt und sahen am nchsten Morgen
Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar
Schiffsbretter.

Diese Klippe war ein Unglcksblock, dster umstanden von
jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer.
So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, da der groe Felsenwrfel
Tag und Nacht bebte.

Mir aber schien es, als htten die Wellen den Felsen eben erst
hergetragen und als knnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich
war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz
noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, da das Leben
mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmglichkeiten
schienen mir mglich.

Ich selbst fhlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war
schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.

Die Kuh im Stall brllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und
aus einer Felsenspalte krhte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit
seinen Hennen lebte. Die Tiere begrten uns wie die Menschen verwirrt
und aufgeregt.

Es waren da keine Bume ber unseren Kpfen, kein Grashalm am Wege.
Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte
geschliffene Felsenplatte zu Fen und darber unendliche Luft.

Die Felsenflche war nicht grer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber
die Huser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade ber den Platz.
Kam und ging. Und drauen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle
aufrecht und bumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten
zusammen einen weien Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die
unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.

Bei den Leuten hier auf der Klippe muten wir bernachten. Es war gegen
sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir htten nicht mehr
genug Segelwind gefunden, um die Kste zu erreichen. Auch wre es zu
dunkel in den Inselgassen geworden, und wir htten vielleicht nicht
zurckgefunden.

Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefhl,
als wenn wir ins Meer fallen knnten. Denn das Meer, das so riesenhaft
ringsum lag, bte eine mchtige Anziehung aus von allen Seiten. Am
liebsten htte man sich flach auf die Steinflche gelegt und mit dem
Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefhl frei zu
werden.

Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden
Rhythmus empfunden. Und erst als die Insel, auf der wir jetzt
waren, uns nher gekommen war, waren wir aufgestrt worden durch den
betubenden Lrm, durch den Gischt und die berstrzende Flut, durch
die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das
gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetubenden Lrm
mehr und mehr umfing.

Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben
zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen,
konnte man nicht reden, sondern man mute schreien und lachen. Man
schrie und lachte mit dem Hllenlrm rundum. Erst als im Haus die Tren
geschlossen waren, wurde es mglich, die Menschenworte zu verstehen.

Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitn plauderte mit uns
zrtlich und kindisch vergngt, wie ein Knabe, dem man zwei junge
Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Sthle an
den Tisch, so viele Sthle als er hatte, als wren nicht blo zwei
Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.

"Die Einsamkeit hat ihn etwas nrrisch gemacht, den Alten," sagte
der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitn von seinen Zigarren
an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen
nach Westindien und von Havanna zu erzhlen. Und er erzhlte, er wre
auch viele Male im "echten" Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta
und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen
und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Sdamerika,
war teils mit groen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er
kannte alle Ksten der Erde.

Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt,
und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn
Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage ntzlich zu
verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand
so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hnde steckten nach alter
Seemannsgewohnheit in den Taschen.

Vierzehn Schiffbrche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er
verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen
diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt
Feuerturmwchter hier drauen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im
Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslrm,
der hier rund um die Steine war, und er hrte den Lrm schon fast gar
nicht mehr.

Obwohl bei jedem Tr- und Fensterffnen das Meeresgeschrei
hereinstrzte, als wenn drauen ein ewiger Mord und Totschlag wre,
war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb
eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen
Jahresgehalt fr den Einkauf neuer groer Standuhren auszugeben. Die
Wnde waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher
Zeit, und ihr Rderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitn hatte
seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen,
ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.

Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den
Wnden sen und schnurrten, und im dmmerigen Abend sahen auch alle
die vielen weien Zifferbltter weien dickbackigen Katzengesichtern
hnlich.

Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mchtigen Hummer und
gerucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine
Schssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollstndig
geruchlosen Luft hier drauen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und
kein grnendes Maienholz duftete, und Huser und Menschen vom Wind
stndlich ausgepeitscht wurden, so da kein Geruch an den Kleidern und
den Wnden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.

Es roch whrend der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach
Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte.
Und man hatte das Gefhl, als wren die angerichteten Speisen alle
nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bhne in
Theaterstcken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas
Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war
gleich null.

Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie
kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und
Fisch unterschieden sich nur durch den strkeren oder schwcheren
Salzgeschmack. Man a und schmeckte nichts und war eigentlich um
einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hrte
nur Lrm, immer wieder Lrm, nie einen gesteigerten und nie einen
verminderten Lrm. Man horchte auf den unendlich vielen Lrm und hrte
doch nichts und kam sich vor wie einer, der an bestndigem Ohrensausen
leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehr.

Trat man an ein Fenster, da sah man drauen nichts als eine Linie
zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und
sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als
dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts
als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren
Leere hingezogen. Und man wute nicht, was man am Fenster mit den Augen
anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen.
Und man mute einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier
bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die
Fenster aufri, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in
deren Mitte eine einzige dnne Linie.

Da auch die Steine vor der Tre keinen Duft hatten, so schienen hier
alle Sinne berflssig zu sein. Man htte ebenso gut als Leichnam hier
ankommen knnen. Man htte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne
gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier drauen berflssig!
Das schien der Hllenlrm rundum jedem Ankmmling zuzuschreien. Hier
wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es
aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getse der Brandung und
des Windes.

Und man wird verstehen, da die Menschen hier alle etwas verrckt
wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie muten deshalb
abgelst werden. Sonst lsten sie sich eines Tages selbst ab und
strzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei,
um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lrm nicht berschreien
knnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lrm
hrte pltzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen
Stille.

Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor,
da sie den Lrm nicht hrten. Aber das sagten sie nur, weil sie den
Lrm hren muten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlrm
war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch
und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab fr sie keine Nachtruhe.
Wenn die Leute hier schliefen, war der Lrm doch in ihren Ohren, und
die Ohren durften nie schlafen. Und der Lrm zerrttete allmhlich die
Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblcke absprengte.

Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine
Betten Platz, wie in anderen Husern, und man schlief in groen
Schubladen, die unter Schrnken nachts herausgezogen wurden, und worin
nur die Hlfte des Krpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man,
weil der Lrm den Geist nur zur Hlfte schlafen lie, sollte auch der
Krper nur ein halbes Bett haben.

Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden
auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem
Meeresgerusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im
Zimmer und hinter den Wnden ihre Pendel rastlos arbeiten lieen. Als
mten sie hier die Zeiten anfertigen, die ber das Weltall verteilt
werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf
los.

Die Frhlingsnchte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das
hatte ich an der Kste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen
Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier
drauen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es
whrend der ganzen Nacht bereits so hell, da man um Mitternacht am
Fenster htte lesen knnen.

Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder
Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel
war gelbgrnlich, so wie die Bltter der Pflanzen leuchten, die in
Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwlf Uhr nachts
im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort,
als she man die Sonne bla unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr
kam die Sonne schon wieder wie eine groe Elfenbeinkugel aus dem Meer
empor. bernchtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen
Teig, einem groen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen
Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag
kahl und verlassen da drauen, als bettelte sie selbst um Licht.

Eine Stunde spter entzndete sie sich ganz allmhlich. Aber der Himmel
blieb noch lange hellgrn, als mte er den Klippensteinen nachts hier
drauen im Meer den grnen Schein der Kstenwlder ersetzen, das Grn
jener Wlder und Bume, nach denen die Steine im Frhling zu hungern
schienen, das Grn, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.

Wohl sind die Nchte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer
Schnheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nchte,
nicht wie eine Verschnerung, sondern wie eine Entstellung der Natur.
Sie waren wie Einugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen
Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getteten Blick vom Licht
dieser hellen Nchte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle
als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man sa nicht
ruhig in seinem Krper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist
erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten
Krften unsicher gemacht wurde.

Ich wnschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen,
da die Berserkerwut, die frher unversehens bei den nordischen Vlkern
einzeln und in Massen ausbrach, und da auch der groe Wanderzug, der
die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach
Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nchten angeregt wurde, die
keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternchten mit bermigem
Lichtbesitz auch bermigen Machtbesitz vorspiegelten und die Mnner
in die Meerrume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die
Sonne jene Nchte aufzuhellen schien.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen rckte der kleine vertrocknete Kapitn, whrend er
alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine
Kirche besuchen zu drfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, da er
gerne mit uns hinber zur Kste segeln wollte.

Wir dachten nicht weiter darber nach, ob ihn auch noch etwas anderes
zur Fahrt nach der Kste locken knnte, und der junge Schwede sagte zu
mir:

"Wenn der Kapitn mitfahren will, dann ist es nicht ntig, da wir
gleich in den Vormittagsstunden zurckkehren. Dann knnen wir auch
erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der
Kapitn, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen,
und wir brauchen nicht zu befrchten, von der Nacht berrascht zu
werden.

Den Vormittag knnen wir dann damit ausfllen, da wir erst noch hinaus
nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da
Steine drauen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende
von Mwen jetzt nisten."

Wir segelten dann in den Morgenstunden ber das blauschwarze
Morgenmeer, das uns mit weikpfigen kleinen Wellen
entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes
Gebi.

Das Boot glitt spielend in die Wassertler und wurde auf halber
Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs,
in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers
wurde immer mchtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen
Skagerak. Das Meer berspritzte uns, und wir kamen in die Nhe von
hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich ber unterirdischen
Klippen wie Geisire weischumend aufbumten.

Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter
wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger
und gefahrloser, einfacher und natrlicher fhlte sich mein Herz
werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der
Unergrndlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien
mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverflschter und
unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des
verflschten Menschenlebens entfernte.

Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback
mitgegeben. Das Frhstck wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln
gelandet waren, verzehren. Aber wir wuten nicht, wohin wir uns wenden
sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhhen,
keine Klippen, sondern lagen wie flache groe Steinlinsen, jede in
einem weien Brandungskranz.

Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier drauen
gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je hher
die Sonne stieg, die es blauer frbte, wie ein stahlblauer Garten,
in welchem die Brandungen wie rauschende weie Bltenbume standen.
Weien Palmen hnlich, schumten die verschiedenen Meerspringbrunnen
ber den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die
Schaumwellen und waren hnlich wirren weiblhenden Hecken.

Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenther
war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie
ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns
zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.

Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Gren der
Gefahren verflchtigten das wirkliche Dasein derart, da man sich ber
Tod und Leben gleichmig erhaben fhlen mute.

Von der Kste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der
wir bernachtet hatten, war nur als ein weies Schaumpnktchen fern
im schwarzblauen Meer zu sehen. Wre unser Boot in einen Meerstrudel
gekommen, deren es viele rundum gab, so wren wir im Kreis getrieben,
mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der
Gurgel eines Tieres. Nirgends htte man es bemerkt, und niemand htte
Rettung bringen knnen.

Aber darber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns
eingeladen, und wir fhlten uns als sein Gast, und wir genossen
das Bewutsein der Gefahr und waren ganz Aug' und Ohr fr die
Meerfestlichkeit ringsum.

Endlich nherten wir uns einer der Inseln, nachdem wir eine Lcke in
der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lcke in der weien
Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot
zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die
Mglichkeit, da die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir
ein paar Steine gelegt hatten, lockern wrden. Und wir muten uns
bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem
Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot
vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer
Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie
ein ovaler Steinfuboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie
ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwste
lag und bei Sturm im Meer verschwand.

Schon als wir uns der Insel nherten, hatte sich ein Klagegeschrei
erhoben, und viele Mwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem
ersten Schritt auf dem Stein brauste pltzlich die Luft um unsere
Kpfe, als schlge der Meerschaum haushoch und weiflockig wie ein
dickes Schneegestber ber uns zusammen. Es waren Tausende der
brtenden Mwenprchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von
tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendes
und rauschendes groes Federgespenst alle zusammen oben im ther
ber der Insel hngen. Sie chzten und sthnten. Sie verfluchten uns
und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stieen gellende
langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken,
uns Eindringlinge zu vernichten.

Niemals, so lange Mwen hier gebrtet hatten, waren zwei Menschentiere
aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir
ihren Urweltfrieden, an dem nie gerttelt wurde, so lange Mwen denken
konnten.

In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprngen, die sich ber die
Inselplatte hinzogen, hatten die Mwenscharen dort in den getrockneten
Tang unzhlige, unauffllige, graugrne Eier gelegt. Die tausend
Mtter, die da, abwechselnd mit den tausend Vtern, gebrtet hatten,
besprachen sich jetzt ber uns im Himmel unausgesetzt fliegend und
durcheinanderkreischend in dichtem Knuel, und besprachen alles, was
wir taten.

Sie sahen uns beim Frhstcken und beim schnellen Baden zu. Und als wir
dann auf den sonnengewrmten Steinplatten auf dem Rcken lagen und uns
von der Sonne trocknen lieen, da erst lieen sich die Aufgescheuchten
in Gruppen bei uns nieder. Denn da wir uns sonnen wollten, verstanden
sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer
stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen
schlief, bis der Mittag vorber war.

Wie ich dann Mvenprchen bei Prchen all die silbergrauen schnen
Vgel beieinander sitzen sah, da fhlte ich, da wir Menschen uns
nicht so gut auf das Glck verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel,
jeder mnnliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen,
und ein wenig Tang in einer Felsenspalte gengt ihnen fr das ganze
Leben als Brutplatz. Und die Mwenfrau und der Mwenmann brten beide
abwechselnd, und beide lehren spter den jungen Mwenkindern zu fliegen
und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!

Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor
ihrem Liebesglck aufzubauen! Eine Hlle von Unnotwendigkeiten setzen
sie sich in den Weg, die das Lebensglck schwcht, das in der hchsten
Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. --

Die Steinflche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Strmen
von den groen Wellen berrollt, und es konnte sich auch im Sommer
ereignen, da bei pltzlichen Wetterstrzen der Seegang mchtig hoch
wurde, so da die brtenden Mwen fliehen und ihre Eier im Stiche
lassen muten.

Am Himmel waren viele Wolken aufgestiegen, und trotzdem wir heute
nichts hnliches befrchteten, konnten wir uns doch nicht einiger
Unruhe erwehren. Das Klagegeschrei der Mwenmtter war in uns so tief
eingedrungen, da wir am liebsten mitgeklagt htten. Es war, als
knnten uns die Schreie allmhlich selber in Mwen verwandeln; und
wre pltzlich jeder von uns ein weier Vogel geworden, es htte uns
nicht erstaunt. Im Geist flogen wir mit den Scharen immer ber dem
Inselstein hin und her und schrieen mit.

Derart verhexend wirkte in der Meereinsamkeit die Aufregung auf dem
Mwenbrutplatz, da wir beinahe Unruhe hatten, unsere Vernunft fr
immer verlieren zu knnen. Denn verwirrend und irremachend war das
Angstgeschrei und das Gechze und das Gesthne, das aus den Rissen und
Steinspalten zu uns kam. Wir wuten zwar, da dort Vgel versteckt
saen, aber es klang, als seufze und sthne die sich grmende
Brutsttte selbst, und wir eilten endlich, fortzukommen von dem Stein,
auf dem wir von tausend Verwnschungen berschttet wurden.

Zurckgekommen nach Vderbod, nahmen wir dort den Kapitn ins Boot,
der uns gleich zurief, es wrde heute noch schlechtes Wetter geben.
Zugleich donnerte es schon drauen am Meeresrand.

Der Wind war gnstig, und wir segelten stundenlang eiligst der Kste
zu. Einige dunkle Wolken holten uns aber doch ein und sandten uns
einige kurze Regenschauer auf den Rcken. Wir erzhlten unterwegs dem
Kapitn, da wir vorhin auf einer der Mweninseln mit dem Segelboot
angelegt hatten.

Der Meergreis schttelte mimutig den Kopf und meinte, das htten
wir nicht tun sollen. Die Brutpltze darf man nicht stren. Das sind
heilige Pltze, sagte er, und auerdem ist es mit so viel Gefahr
verbunden, auf jenen Inselflecken zu landen und loszukommen, da
deshalb schon niemals einer dort hingeht.

"Wenn ich gewut htte, da Sie dort landen wollten, htte ich Sie
vorher gewarnt. Denn die Tiere wollen, wenn sie in Familie sind, allein
sein und mgen bei ihren Wochenbetten keine Menschen sehen."

Der Kapitn, als er dies sprach, stellte Menschen und Tiere ganz
selbstverstndlich auf gleiche Vernunftsstufe. So wie es die Leute, die
viel im einsam Freien leben, zu tun gewohnt sind, und wie es auch das
Natrliche ist.

"Ich freue mich," hatte der junge Schwede zu mir gesagt, "den Kapitn
ans Land bringen zu knnen. Er hat seit zwei Jahren die Kste nicht
mehr besucht. Und er roch nur manchmal den Frhling auf seiner Klippe
drauen, wenn zufllig ein scharfer Ostwind vom Lande wehte, der ber
alle Wlder Schwedens gegangen war."

Der Alte wurde, je mehr wir uns den Inselgassen nherten, schweigsam
und schnupperte immer mit der Nase in die Luft. Er roch Land. Und als
der Wind im Abend abflaute, rhrte er unermdlich die Ruder und wollte
sich nicht ablsen lassen.

Wie eng und still kam uns das Meer in den Inselgassen vor! Wie
wohlbekannte Gnge in einer Stadtwohnung, in die man abends heimkommt
nach einem Tagesausflug. Das Wasser lag im Abendlicht goldgelb
ausgegossen. Auf einem Stein sa, wie ein einzelner Mann, ein groer
dunkler Seeadler. Er ruckte mit dem Kopfe hin und her und hob sich mit
den dunklen Schultern vom hellgelben Himmel ab.

"Ich wohne hier," meinte der Adler. "Ich bin hier zu Hause," sagte er
mit seinem Kopfnicken. "Wir wissen es schon auf allen Inseln," fuhr
er fort, "ihr habt die Mwen drauen gestrt. Hui, hui, wer wird die
Brutsttten betreten!" Und die Luft durchfegend flog er fort.

Die dunklen Felsen in den Gassen sahen uns tiefgrndig an. Und eine
Steinwand sagte zur anderen: "Habt ihr den Donner heute nachmittag
drauen gehrt? Die da vorberfahren, die haben die Brutsttten
gestrt! Die Mwen haben es berall hin ausgeschrieen. Bis zu den
Wolken haben sie gerufen. Und beinahe wre Wettersturz und Sturm
gekommen. Aber dann nahmen die beiden Jungen den Alten mit ins Boot,
und dadurch waren sie geschtzt vor jedem Unwetter. Der Alte ist heilig
wie die Brutsttten. Er ist ein alter Freund dem Meer und allem, was in
und um das Meer ist."

In einer anderen greren Gasse, wo das Meer immer noch goldig war,
weil die Felswnde weiter auseinander lagen, da hrten wir pltzlich
zwei schrille Pfiffe. Hundert Schritte vom Boot entfernt waren in
der Goldflche des Wassers zwei Kpfe aufgetaucht, zwei dunkle
menschenhnliche Kpfe.

"Seehunde!" flsterte der junge Schwede. Und der alte Kapitn nickte
vergngt und ruderte. Wieder ein blitzartiger Pfiff, und die beiden
Seehundkpfe verschwanden.

"Hm, hm," sagte der Kapitn, "da sie sich so weit hereinwagen heute,
die Seehunde! Die halten sich doch sonst immer drauen bei den
Mwenbrutsttten auf!" Und er schttelte verwundert den Kopf. Es war,
als kannte er jedes Tier hier im Meer im Umkreis um seine Klippe.

"Die beiden Burschen sind uns nachgeschwommen," sagte er endlich nach
einer Weile wieder. "Seehunde sind neugierig. Sie haben mich seit zwei
Jahren nicht ans Land fahren sehen und muten sich berzeugen, ob es
wahr ist, da ich ans Land segle. Denn alle Inseln wissen es wohl
bereits, da ich ans Land will, und da Sie beide die Mwenbrutsttten
gestrt haben, das wissen auch schon alle hier herum."

Der Alte lachte gutmtig und nickte, als wollte er noch viel mehr
erzhlen. Aber er mute jetzt fters in seine Hnde spucken, um die
Ruder fester zu packen, und da blieb ihm nicht allzuviel Atem zum
Erzhlen brig.

In Fjellbacka, am Land, schttelte der kleine Greis uns die Hand und
sagte, er wrde hier bei Freunden bernachten und kme morgen zum
Sonntag in die Kirche und ins Pfarrhaus.

       *       *       *       *       *

Und das tat er auch. Am nchsten Mittag kam der Kapitn zum Pfarrhaus
getrollt. Der junge Schwede hatte seinem Vater von unserer Fahrt
erzhlt. Dieser kannte den Alten lngst. Als der Pfarrer zugleich
hrte, da wir eine Mwenbrutsttte aufgesucht hatten, wurde auch er
pltzlich ganz ernst und schttelte verwundert den Kopf.

Da kam ich mir mit einemmal ganz unwissend vor und hatte das Gefhl,
als wren wir, der Schwede und ich, gestern, als wir auf jener Insel
bei den Mwenmttern im Boot angelegt hatten, wie zwei tppische junge
Jagdhunde gewesen, die in ein Zimmer hereinspringen und nicht wissen,
wo sie sind, und friedliche Leute erschrecken.

Der alte Pfarrer sagte: "Brutsttten darf man nicht stren. Das tut man
nicht." Und als ich ihn fragte, was uns htte geschehen knnen, sagte
er kurz: "Das wei ich nicht. Aber die Leute im Lande, die Fischer,
behaupten, es stre die Seefahrt und den Fischfang."

"Wir sind auch schon gestraft worden," sagte der junge Schwede. "Wir
haben zuerst Angst vor einem Unwetter gehabt, und auf der zweiten
Hlfte des Weges schlief der Wind ganz pltzlich ein, und wir haben
rudern mssen, und wenn der alte Kapitn nicht mitgerudert htte,
wrden wir das Land zum Abend nicht erreicht haben und htten zur Nacht
auf dem Wasser liegen mssen."

Und ich mute viel darber nachdenken. Wenn man durch einen
Kanonenschu in den Himmel versucht -- und es auch erreicht hat --,
Wolken und Gewitter zu erzeugen, so, sagte ich mir, konnte auch die
unendliche Masse Mwen, die ber unseren Huptern mit kreisendem Flug
stundenlang im hchsten ther gelrmt und mit den Flgeln geschlagen
hatten, recht wohl in dem schwlen Maienmittag ein Gewitter erzeugt
haben. Denn um uns fortzuscheuchen, schrien die Mwen ganz besondere
Rufe, Ketten von wirbelnden Rufen. Es hrte sich an, als rauschte ein
lrmendes Feuer mit spitzen Stichflammen in den Himmel, so heftig war
das Pfeifen und Flgelschlagen zur Mittagsstunde im Luftkreis ber uns
gewesen.

Und ich sagte mir weiter, wir werden von Haus aus als zu schlechte
Nachbarn der Tiere, Pflanzen und Mitwelt erzogen. Wir lernen
vielen Kram, aber wir lernen nicht, freundlich und geduldig die
Lebensgewohnheiten der Tiere im Auge zu haben, wie Gewohnheiten unserer
Hausnachbarn, die wir achten sollen. Wir sind nur Kameraden mit den
Menschen, aber nicht Kameraden mit dem Weltalleben. Und wie reich,
innig und festlich wre unser Dasein, wenn wir verstndige Kameraden
allen Leben wrden und nicht in unserer Unvernunft und unserer Ungeduld
uns verleiten lieen, uns hherstehender vorzukommen als Tiere und
Pflanzen. Solcher Hochmut ist unfruchtbar und unkameradschaftlich und
lt uns Menschen in den Augen des brigen Weltalls lcherlich und
beschrnkt erscheinen.

Wie roh und beschrnkt mssen wir beide den Mwen vorgekommen sein,
als wir nicht die einfachsten Anstandsgesetze achteten und Mtter,
welche Kinder zur Welt brteten, in ihren Wochenstuben aufstrten.
Wir taten, als wenn die Lebenserzeugung nur bei den Menschen die
Mtter im schwangeren Zustand heilig sprche. Als ob die Tiermtter
in demselben Zustand nicht auch heilig zu sprechen wren von unserer
aller Schpferkraft, die allen Handlungen bestimmte Grundgesetze
vorgeschrieben hat.

Ich mute noch den ganzen Sonntag ber dieses letzte Ereignis
nachdenken. -- Der alte Kapitn war vom Pfarrer zu Tisch geladen
worden, und er sa mir da bei Tisch gegenber wie ein lebender Vorwurf
meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern
und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz lie
nicht los, mit ihm im stillen darber zu sprechen.

Und er antwortete mir vieles im stillen zurck, der kleine vertrocknete
mumienhafte Kapitn. uerlich aber befand er sich mit sich wie in
einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grnes Blatt und keinen grnen
Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.

Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wre gekommen, um die
Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte
noch etwas. Die Glocke lutete dann, und als alle zur Kirche gegangen
waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch
auf die Moosbank zu setzen, staunte ich ber die ab- und zufliegenden
Elstern, die in den Erlenbumen an der Sdseite des Gartens gar keine
Ruhe gaben. Auch sah ich ber den langen Gartenweg mehr Eichhrnchen
als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger
unter den eben erblhten Apfelbumen und ber den Kpfen der
hochgeschossenen Pfingstrosen.

Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei
Katzen des Hauses entgegen, die weie, die schwarze und die graue. Sie
gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stmmchen der
jungen Bume hin und hopsten nach rckwrts. Sie waren also besonders
vergngt und zufrieden. Wren junge Vgel irgendwo gelegen, die aus
dem Nest gefallen waren, und htten diese die Katzen angelockt, so
wre ihr Gang geduckt, zielbewuter und bei meinem Anblick scheu und
bestrzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemtlich spazieren,
erzhlten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch
nicht deutlich hrte, weil ich noch zu berrascht war.

Das Auge mu fhlen und nicht blo sehen, wenn man mit dem Weltalleben
Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wnsche mssen verstummen
knnen. So wie man nicht ohne bung fremde Sprachen sprechen kann, so
mu man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffllig Selbstzucht an
sich ben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.

Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die
Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ngstlich und auch nicht
aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wren sie in angeregtestem Gesprch.

Nun jagte auch ein groer weier Vogel tief ber den Garten, eine Mwe.
Das war selten, da im Sommer eine Mwe so weit ins Land hereinflog.
Und ich mute an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten
Kapitn nachgeschwommen waren. War nun auch diese Mwe ihm neugierig
nachgeflogen?

Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein
paar Goldkfer, die an den Blten hingen, blitzten mich goldgrn
an, und ich mute an die Fenster des Klippenhauses in jener grnen
Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mute
bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der drauen um die
Mwenbrutsttten in dickem Kranze schwamm.

Ich habe eine Weile so vor mich hingetrumt und dachte: Wie wunderbar
einschlfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frhlingsfeucht
wre, mte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasbschung auf
dem Rcken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den
Bienen einschlfern zu lassen.

Dann lutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie
schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber da Zeit
vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der
Bume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an.
Die Schatten zogen alle, lnger geworden, sichtbar nach einer Richtung
quer ber den Garten fort.

Im Pfarrhof bei den Stallgebuden hrte ich dann die Bauernwagen von
der fernen Kirche fortrollen, und der junge Schwede kam von seinem
Zimmer herunter, wo er geraucht und Mittagsruhe gehalten hatte. Er
streckte unter der Haustre seine Glieder und lachte und nickte mir zu.

"Der alte Kapitn wird genug Kirche heute bekommen haben," rief er. Und
wir lachten und plauderten unter der Haustr ein wenig von dem alten
Meerkauz.

Dann kam der alte Pfarrer, von einigen Mnnern der Gemeinde begleitet,
in den Hof. Wir fragten ihn, ob der Kapitn sich schon verabschiedet
habe, weil wir ihn nicht sahen.

"Ach nein," lachte der alte Herr gutmtig, "er war gar nicht in der
Kirche. Er schlft wahrscheinlich noch im Garten."

Und jetzt erinnerte ich mich, da der Kapitn frher vom Tisch
aufgestanden war und sich entschuldigt hatte, da er ein Schlfchen tun
mchte, da ihn die ungewohnte Landluft und der Geruch des Frhlings
mde gemacht htten. Wir waren im Gesprch gewesen und hatten seine
letzten Worte halb berhrt und glaubten, er sei zur Kirche gegangen.

"Er wird sich zu Tode erklten," meinten die Damen des Hauses, die
dazugekommen waren.

"Ach, nun verstehe ich alles," sagte ich zu dem jungen Schweden.
"Der ganze Garten hat es mir erzhlen wollen, da der Alte, der zwei
Jahre kein Grn und keine Blumen gesehen hat, sich zum Schlaf dort
niedergelegt habe. Deshalb schnatterten die Elstern so laut, sie
machten aufmerksam auf den Schlafenden unter den Bumen. Und die drei
Katzen strichen so verwunderlich hopsend herum und erzhlten es mir,
ihr Behagen ausdrckend, da einer im Garten schlafe, von dem die Erde
sage, da man ihn nicht stren drfe.

Auch die Eichhrnchen hatten sich ihn angesehen, den Meergreis,
der selbst so behende und zwerghaft war wie die Eichhrnchen. Und
der nach Meerluft roch und nach Fischen, wie die Katzen behaglich
hinzugefgt hatten. Und eine Mwe hat im Flug mit dem Schnabel auf ihn
gedeutet. Und die grnen Goldkfer an den Pfingstrosen hatten mir
verstndnisinnig zugeblinkt. Und alle meinten, mir den Schlfer zu
zeigen, der ein Stck Meerwelt in das Garteninnere brachte."

Dann fanden wir ihn auch, als wir vorsichtig gingen und suchten, auf
der Grasbschung am Gartenrand. Unter einem Haselnustrauch lag der
kleine alte Mann auf dem Rcken. Er hatte seinen Kapitnsuniformrock
ausgezogen und ihn unter seinen Kopf gelegt und hatte sich mit seiner
Kapitnsmtze Stirn und Augen zugedeckt. Aber den Mund hielt er
weit offen, und seine Hnde hielt er ber der Brust gefaltet. Die
schwielenreichen alten Finger, die vierzehn Schiffe gesteuert und
gefhrt hatten, waren fest ineinander gehakt. Sein offener Mund atmete
die langentbehrte Garten- und Landluft und die langentbehrte Stille in
seinen alten meergebeizten Krper ein.

Wir konnten es nicht bers Herz bringen, ihn zu wecken und zu stren.
"Aber wenn er sich erkltet?" meinte ich einen Augenblick.

"Der ist wie aus Seehundleder," sagte der junge Schwede. "Den bringen
Erde und Wasser nicht um. Er hat vierzehn Schiffbrche erlebt und ist
nicht umgekommen; da wird ihm doch die Erde im Schlaf nichts antun
knnen und antun wollen."

"Und wenn er an diesem Schlaf sterben sollte," sagte ich, "so hat er
wenigstens die Befriedigung, da er noch einmal einen Landschlaf in
Ruhe und ohne irrsinniges Meergeschrei und Brandungsgebrll genossen
hat."

Und wir lieen den Alten schlafen, trotzdem die Schatten des Gartens
ihn khl zudeckten. Alles schien auch dem Alten den verdienten
Landschlaf herzlich zu gnnen.

Und der Schlaf im Grnen ist dem Kapitn nicht schlecht bekommen. Nur
darin bekam er ihm vielleicht nicht gut, da er, als er aufgestanden,
dem Pfarrer und uns erklrte, er mge nicht mehr aufs Meer hinaus. Er
she gar nicht ein, warum er seinen alten Knochen nicht endlich am Land
Ruhe gnnen sollte.

Und wirklich kndigte er nach diesem Landbesuch der Regierung seinen
Leuchtturmplatz und mietete sich bei Freunden in Fjellbacka ein. Aber
das Land wute nichts mehr mit ihm anzufangen, und der kleine Meergreis
starb bald ganz schnell weg, als wre er nur ans Land gekommen, um in
den Tod hinberzuschlafen. --

Jene mehrtgige Meerfahrt bedeutete fr mich auch zugleich den Abschlu
meines Aufenthaltes im Pfarrhause. Denn der Sommer, der jetzt kam und
Gste und Besucher und Leben in die Einsamkeit brachte, trieb mich, der
ich Ruhe zu Gedanken und Arbeiten liebte, zum Fortwandern an.

Ich war selbst erstaunt, da die mchtige Einsamkeit, die mich zuerst
bei der Ankunft, im Gegensatz zum lebhaften Berlin, an jenem Pfarrhause
erschreckt hatte, mir jetzt zur unentbehrlichen Lebensbedingung
geworden war.

Auch der junge Schwede wunderte sich nicht wenig, als ich ihm eines
Tages sagte, ich fnde das Haus, in dem Sommergste kamen und gingen,
zu lebhaft geworden, und da ich mich nach der Zurckgezogenheit und
totstillen Einsamkeit, wie ich sie hier in den ersten Wochen nach der
Ankunft aus Deutschland genossen hatte, sehnte.

Er erwiderte mir, da er das ganz unbegreiflich fnde, da ich doch
zuerst ber die unendliche Winterstille im Pfarrhause erstaunt gewesen
wre und behauptet htte, es wohnten keine Menschen, sondern nur eine
tickende Uhr im Hause.

Ich mute ihm recht geben; aber nicht darin, da ich mich an den
Sommerlrm in seinem Vaterhause so gut wrde gewhnen knnen wie an die
Winterstille.

Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so mchte
ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stnde dann einzig in
seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich mchte deshalb nicht
das Haus im Sommer beobachten, wie es immer hnlicher allen anderen
Familienhusern wrde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir
allgemein und gewhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als
ein auergewhnliches Erlebnis, so erhaben und mchtig wie es gewesen,
fr alle Zeiten im Gedchtnis behalten.

Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt
wurde und das Klavier hinaus hinter grne Hecken in die Steinfelder
gebracht wurde und die Tchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel
Gelchter den Auszug des Klavieres unter den freien Himmel begleitet
hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran,
mich von dem Mdchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im
Pfarrhause zu verbringen. --

Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends
mehr fand ich die unergrndliche Ruhe, die majesttische Einsamkeit,
wohin ich mich auch wendete, -- nicht auf dem Lande, nicht in den
Stdten, auch nicht bei den Buchenwldern Dnemarks am Isefjord, die,
auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie groe Parkanlagen vorkamen im
Vergleich zur Urweltnatur Bohuslns. Das Meer schien mir bei Dnemark
ein Tmpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.

Die dnischen Kornfelder, ber denen die Windmhlen einfrmig sich
auf- und niederdrehten, kamen mir einfltig, ntzlich und langweilig
vor nach der prchtigen Granitdsterkeit der nordischen Steinprovinz,
in der die Hgel wie versteinerte Walroherden gelagert waren, wie
versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich
war vor den Fenstern des Bohuslnschen Pfarrhauses die Umgebung
gewesen. Aber dort in Dnemark, wo die Sommerausflgler und die
wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere
einen fortwhrend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose
Bildungssucht, wie sie ber allen Vlkern Europas jetzt liegt, da wurde
ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so gro, als wre ich wirklich
wieder vom Mond auf die Erde zurckgekehrt.

Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben
zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswrdige und ungemein trauliche
Kopenhagen, eine der feinfhlendsten Stdte unter den Stdten und
die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jacobsen, konnte mich nach
der erquickenden Zeit in Bohusln nicht zum Bleiben verlocken. Wohl
wanderte ich in der dnischen Hauptstadt gern in Jacobsens Fustapfen
und war gern bei Andersens alter trstlicher Mrchenwelt, die jeder
Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzhlt. "Die Galoschen
des Glckes," "die kleine Seejungfrau," "die Schneeknigin" begleiteten
mich bei jedem Schritt und lieen mich der Vergangenheit nachhngen.
Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrcke,
wie ich sie in Bohusln stndlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.

Wre ich lter gewesen, wrde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt
haben. Man mu aber zuerst das Ziel mglichst erreicht haben, das man
sich setzte, und mu selbst schon zur Vergangenheit hinneigen, um
wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu
knnen.

Oder man mu, altgeworden, mit einem Chaos von mchtigen Erlebnissen
angefllt sein, dann sucht man gern stille trumerische Landschaft oder
idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrcke wie eine Sammlung
zu sichten und zu ordnen.

Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach
Wrzburg kam, schien mir die Rckkehr dorthin verfrht. Zwar geno ich
den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum
meiner altfrnkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides
im Wege zu sein fr meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur
Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln,
war noch nicht gekommen.


_Ende des ersten Bandes_


Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche typografische Fehler sowie Zeichensetzungsfehler wurden
korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Gedankengut aus meinen Wanderjahren.
Erster Band, by Max Dauthendey

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKENGUT AUS MEINEN ***

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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
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