The Project Gutenberg EBook of Gedankengut aus meinen Wanderjahren.
Zweiter Band, by Max Dauthendey

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Title: Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band

Author: Max Dauthendey

Release Date: August 16, 2014 [EBook #46594]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKENGUT AUS MEINEN ***




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                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                             Zweiter Band




              Ein vollstndiges Verzeichnis der Schriften
                           _Max Dauthendeys_
                   findet man am Schlusse des Bandes




                            Max Dauthendey

                              Gedankengut
                        aus meinen Wanderjahren

                             Zweiter Band

                            [Illustration]

                        Albert Langen, Mnchen


                Copyright 1913 by Albert Langen, Munich


                  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
  Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
         Einbnde von E. A. Enders, Grobuchbinderei, Leipzig




Im Januar 1894 reiste ich, von unbezwinglicher Sehnsucht getrieben, zum
bohuslnschen Pfarrhaus zurck. Aber die starken Eindrcke des ersten
Aufenthaltes, die in meinen Erinnerungen schlackenlos dastanden, hatten
sich so vergeistigt, da die Wirklichkeit jetzt nicht mehr die Hhe der
vergangenen Eindrcke erreichen konnte.

Ich blieb deshalb nur bis zum Frhjahr dort und reiste dann, ehe der
Schnee noch vollstndig weggetaut war, im April nach England, wo ich
mit einem amerikanischen Knstlerehepaar, -- Freunden des jungen
Schweden, mit denen er seit seiner Amerikareise im Briefverkehr stand
-- zusammentraf.

An diese neue Bekanntschaft knpfen sich dann Reihen neuer, mein
ueres Leben und meine Gedanken bestimmende Erlebnisse und eine
sptere Aufenthaltszeit in Paris und in Mexiko.

       *       *       *       *       *

Bei jenem zweiten Aufenthalt im Pfarrhause, bis zum Frhjahr 1894,
schrieb ich endlich jenes Drama ohne Menschen: "Sehnsucht," zu dem
ich in Mnchen, am Achensee und im Hoftheater whrend der Byronschen
Manfred-Auffhrung angeregt worden war. Aber ich hatte den Stoff
zu lange mit mir herumgetragen und hatte mich schon ber den
Ursprungsgedanken hinausentwickelt, und fand, da ich die Gesnge
der Sehnsucht, der Wste, des Meeres und der Gletscher nicht so
inhaltsschwer schreiben konnte, wie ich es gewnscht htte.

Oder stand ich vielleicht nicht genug ber der Sehnsucht und war ich
selbst zu sehnschtig an Geist und Leib geworden? Denn der Wunsch,
eine Frau zu finden, ein Mdchen, das liebend, huslich und geistig
kameradschaftlich um mich in einem kleinen stillen Haus walten sollte,
dieser Wunsch wurde, je lnger ich von der Heimat fort in der Fremde
leben mute, in mir immer dringender.

Aber die Erfllung dieses Herzenswunsches lag ganz im Blinden. Denn
ich konnte mich selbst nicht erhalten und wurde von meinem Vater
nur notgedrungen untersttzt. Mit einem Hirn nur voll Plne und mit
Aussicht auf zuknftige Werke konnte ich kein Geld erwerben.

Und mein Vater, der von Monat zu Monat drohte, mir den Unterhalt zu
entziehen, weil er mich dadurch auf seine Weise anspornen wollte,
fleiig zu sein, er gab mir keine sichere Hilfe, so da ich daraufhin
htte eine Frau an mich binden knnen. --

Schon bei meinem ersten Aufenthalt im Pfarrhause hatte ich im lautlosen
Verkehr mit den Naturdingen eine Reihe Gedichte geschrieben, von denen
jedes die Stimmung eines bestimmten Naturerlebnisses geben sollte.

Ein Gedicht hie "Amselsang", ein anderes "Faulbaumduft", eines
"Vollmond", eines "Morgenduft", eines "Wolkenschatten", eines
"Meerwassergeruch", eines "Regenduft". In diesen kleinen
Gedichtversuchen hatte ich gewagt, Empfindungsbilder, die whrend des
Mondaufganges oder beim Faulbaumduft, beim Regen, bei Wolkenschatten
oder beim Amselsang in mir auftauchten, beinahe wahllos und getreu
niederzuschreiben. Es waren gesteigerte, phantastische Bilder, die
dem alltglichen Leser sinnlos erscheinen muten, die sich mir aber
beim einsamen Erleben des Regens, des Mondaufganges und des Duftes von
Pflanzen und vom Meer in der bohuslnschen Granitwste aufgedrngt
hatten. Und so verwirrt diese Gedichtversuche beim ersten Eindruck
erscheinen mochten, es lag doch ein wahrheitsgetreuer Zusammenhang
zwischen Bild und Empfindung darin.

Aus jugendlicher Begeisterung und von der Aufgabe durchdrungen,
mglichst wirklichkeits- und empfindungsgem das Leben in der
durchlebten Bilderkette wiederzugeben, entstanden scheinbar form- und
sinnlose, abenteuerliche Gedichtversuche, die nichts anderes waren als
erste Schiefertafelbungen meiner spteren Lyrik.

Diese Gedichte, die in dem Band "Ultraviolett, einsame Poesien"
erschienen sind, knnen nur als Entwicklungsversuche gelten und haben
keinen Sinn fr die breite ffentlichkeit. Aber ohne diese Versuche
wre ich nicht zu meiner spteren Dichtungsweise gelangt, und wenn
man mich noch einmal in dieselbe Welt setzen wrde und in denselben
Zeitgeist, in dem ich aufwuchs, ich wrde nicht anders handeln knnen,
als ich es getan habe.

Auf den Titel "Ultraviolett" war ich durch einen Zufall gekommen. Bei
einer Durchreise durch Berlin hrte ich, da Paul Scherbart einen
Verlag grnden wollte, genannt: Verlag der Phantasten. Und ich war
aufgefordert, Beitrge zu schicken. Aber der Titel "Phantasten" gefiel
mir gar nicht. Er nahm der Phantasie die Wrde und kam mir fr die
Dichter entwrdigend vor.

Ich machte eines Morgens Scherbart einen Besuch und fragte ihn,
warum er denn das Wort Phantasten ntig habe. Wohl sei ich sehr
dafr, da die in den letzten Jahren durch den Naturalismus zu
kurz gekommene Phantasie wieder zu Ehren kommen sollte, da die
Phantasie der natrlichste Kern des dichterischen Geistes wre.
Aber das Wort Phantasten decke sich nicht mit dem ernsten Wert
derer, die ihre Dichtungen phantasievoll und fern vom nchternen
Wirklichkeitsabschreiben gestalten wollen.

"Sagen Sie mir einen anderen Titel, wenn Ihnen einer einfllt," meinte
Scherbart lebendig.

Nach kurzem Besinnen entfuhr mir das Wort "Ultraviolett".

Scherbart sagte: "Das versteht nicht jeder." Und ich mute ihm
zustimmen, da fr einen Verlag der Name zu unverstndlich sein konnte.

Aber als ich Scherbart verlassen hatte, hing ich auf der Strae dem
Gedanken noch weiter nach. Denn Scherbart hatte mich gefragt: "Wie
kommen Sie eigentlich auf das Wort 'Ultraviolett'?"

Dann hatte ich ihm erklrt, da mein Vater, der sich auf Optik
verstanden, durch seine Auseinandersetzungen ber die ultravioletten
Lichtstrahlen -- die bewiesenermaen im Weltraum leben, aber vom
Menschenauge nicht erfat werden knnen -- mir fr dieses unsichtbare
Licht eine groe innere Ehrfurcht erweckt habe. Eine heilige Scheu habe
sich immer bei der Vorstellung dieses Lichtes "Ultraviolett" in mir
geregt.

Auerhalb meines Augenkreises, sagte ich mir, war ein Licht entdeckt
worden, das nur berechnet, aber nicht genossen werden konnte. Und
es hatte mich bei der Vorstellung, da jene ultravioletten Strahlen
einsam im Weltraum leben mssen, ohne die Bewunderung des Menschenauges
genieen zu drfen, immer ein geheimnisvolles Wehgefhl durchschauert.
Das ultraviolette Licht erschien mir als das Einsamste unter den
einsamen Lebewesen.

Und da ich nun die Einsamkeit im Norden bewundern und schtzen gelernt
und gefunden hatte, da sie befruchtend auf meine Dichtung wirkte, sah
ich die Phantasie des Dichters, die fern vom Weltgetriebe reifen und
sich entwickeln mu, als den innigsten Gefhrten jenes ultravioletten
Lichtes an.

Ich wei, da dieses eine Jnglingsschwrmerei war, und da ich im
Grunde nicht das Alleinsein an sich meinte. Denn am liebsten htte ich
die Einsamkeit mit einem Weibe geteilt. Und in der Liebeseinsamkeit
wre ich nie auf den Gedanken verfallen, mich als Leidgenosse des
einsamen Lichtes Ultraviolett zu fhlen.

Aber ich war damals stolz -- wie jeder Asket stolz auf sein hrenes
Gewand, auf seine Geiel und auf seiner Geiel Wunde ist -- stolz, der
sehnschtige Gefhrte des lebensfernen Ultravioletts zu sein.

Und so beschlo ich, da der Titel nicht fr einen Verlag pate, wie
Scherbart gemeint hatte, denselben Titel "Ultraviolett" meiner Sammlung
Dichtungen zu geben, die ich teils in Mnchen nach Gemlden in der
Sezession und teils nach Natureindrcken in Bohusln niedergeschrieben
hatte.

In meiner Weltabgeschiedenheit hatte ich auch gefunden, da Gedichte
sich besser einprgten, wenn jedes Gedicht auf ein einzelnes Buchblatt
gedruckt war. So wie bei einem Gemlde auf der Rckseite der Leinwand
nicht noch ein Gemlde Platz findet, so fand ich es bel, wenn
nicht jedes Gedicht auf ein Blatt gedruckt war, hnlich wie bei
Handschriften, wobei man nur die eine Seite zu beschreiben pflegt. Und
in diesem Sinne lie ich mein Buch "Ultraviolett" drucken.

Die Annahme, da das Buch nur einigen Knstlern Anregung geben wrde,
bestimmte mich, dasselbe nur in hundert Exemplaren drucken zu lassen.
Damit ich aber mit den fnfzig Exemplaren, die ich verkaufen lie, da
ich die brigen fnfzig verschenkte, auf die Druckkosten kommen konnte,
lie ich den Preis fr jedes Buch auf fnfundzwanzig Mark ansetzen. --
Heute wird das Buch von den Antiquariaten fr achtzig Mark verkauft,
wie ich aus verschiedenen Katalogen in den letzten Jahren ersah.

Da sich in der Welt der Kritik kein kleines Geschrei erhob, als dieses
absonderliche Buch das Schaufensterlicht der Buchhandlungen erblickte,
wird sich jeder denken knnen, der ein wenig das literarische
Tagesleben kennt. Ich aber war damals ahnungslos wie Johannes der
Tufer in der Wste. Ich wute nicht, da ich eine vierfache Snde in
den Augen der Kritik begangen hatte.

Erstens: in einer Wirklichkeitszeit, in der "Wiedergabe des
Alltagslebens" das Losungswort der schreibenden Welt war, hatte ich
phantastische Poesie erzeugt. Man sagte, ich wolle mit diesem Buch die
Kritik an der Nase fhren und se heimlich daneben und verlachte alle
und alles.

Zweite Snde war: die Ausstattung des Buches, die nie dagewesene
Ausstattung des nur halb bedruckten Buches. Und auch diese Snde war,
wie die erste, doch nur eine Einfaltssnde von mir.

Die dritte Snde war der ungeheuerliche Titel "Ultraviolett", wobei
alle Kritiker den Nachdruck auf "Ultra" legten. Whrend ich aber doch
nie den lateinischen Ursprung des Wortes bedacht hatte, sondern nur
immer von der Wehmut des Gedankens und des Gefhls beherrscht war, da
jenes wirkliche und unwirkliche Licht dort an der uersten Grenze der
Weltallvorstellung aufs Einsamste lebte.

Meine vierte und auch nicht kleine Snde war, da ich bei allen drei
berspanntheiten auch noch als vierte einen berspannt hohen Preis
angesetzt hatte, der mir aber gar nicht zu hochgegriffen schien im
Verhltnis zu meinen Druckunkosten. Warum sollte ich nicht fr das Buch
fnfundzwanzig Mark verlangen drfen -- alle fnfzig Exemplare wurden
verkauft --, da ich doch gar keinen Gewinn fr mich beanspruchte,
sondern nur auf die Hhe der Druckkostensumme kommen wollte.

Ich merkte lange nicht, in welchem Grad ich mir durch dieses Buch
meine Zukunft verbittert hatte. Zwar die Knstler, die Maler, liebten
das Buch. Die Dichter bltterten darin verblfft herum, fhlten den
jugendlichen Drang des Dichtenden und waren gerhrt von der Askese
und der ehrlichen Weltfremdheit, die aus den Zeilen sprachen. Aber
die Kritiker sahen mich fr einen frechen Eindringling an, fr einen
wahnwitzigen Narren.

Zwanzig Jahre hindurch konnte ich in fast jeder Kritik, die ber meine
Art zu dichten geschrieben wurde, das Wort "Ultraviolett" wiederfinden.
Wie die Brandmarke, die man einem Galeerenstrfling ins Fleisch brennt,
rief man mir fortgesetzt das Abc-Buch meiner Lyrik in Erinnerung. Auch
als ich schon lngst ber die Anfnge des ersten Knnens hinaus war,
wollte man nur immer von meinen ersten Gehversuchen sprechen.

Wre ich nicht in einer Zeit der allgemeinen Mauserung der
Weltanschauung geboren, sondern wie die Dichter der frheren
Jahrhunderte in einer Epoche feststehender Ideale, dann wren diese
neuen Gehversuche nicht ntig gewesen. Aber gerade in der zweiten
Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts begann sich allgemein die
europische Menschheit von einer beinahe zweitausend Jahre alten
Idealwelt loszulsen.

Wie den Griechen und Rmern der Olymp eingestrzt war vor zweitausend
Jahren, so strzte uns der alttestamentarische Himmel ein nach beinah
zweitausendjhrigem Glauben. Und wer es ehrlich mit seiner Zeit meinte,
mute dem Erlschen alter Ideale Rechnung tragen und, im Dunkel
stehend, Gehversuche machen, Tastversuche, um zu fhlen, zu suchen, von
wo ein neues Licht der Zukunft fr Leben und Kunst leuchten wrde.

Solche Tastversuche waren fr mich mein Buch "Ultraviolett". Ich nehme
dieses Buch nicht anders in Schutz. Es ist nur ein Dichtungsversuch,
der mir in einer unklaren Zeit gentzt hat, der aber nie fr die breite
ffentlichkeit bestimmt war. --

Ich verweilte deshalb ausfhrlich beim Ursprung dieses Buches, nicht um
mich zu entschuldigen, sondern um mich und unsere Zeitforderungen zu
erklren. --

       *       *       *       *       *

Mein zweimaliger Aufenthalt im Norden, im bohuslnschen weltfernen
Pfarrhause, hatte zur Folge, da ich einsames und ursprnglichstes
Naturleben kennen gelernt hatte und dabei zugleich aus engen
Kulturverhltnissen alter deutscher Vergangenheiten losgekommen war,
so da ich jetzt nicht mehr leicht ausgetretene Wege einschlagen
konnte. Dieser zweimalige Aufenthalt in Schweden gab mir einen
greren Weltblick. Ein jahrelanges Auslandsleben folgte, wobei ich
Kunsteindrcke und vielseitiges Menschenleben aufnahm und Zeit und
Vermgen blindlings verschwendete, nie nach Nutzen und Einknften,
sondern nur nach Lebensbereicherung fragend.

Da ich mir damals das Erleben noch durch die stete Frage strte: wird
dieser Tag ein Gedicht bringen? Und da ich mich bei jedem Weg fragte,
ob ich auf ihm eine Dichtung erleben wrde. Dieses gehetzte Fragen kam
nicht aus meinem Innern. Es war teils von der ueren jugendlichen
Ungeduld, mich bettigen zu wollen, eingegeben, teils kam es aus dem
Ansporn, den mein Vater brieflich auf mich ausbte, indem er von
Vierteljahr zu Vierteljahr drngte, Neues von mir hren zu wollen.
Immer sollte ich ihn auf dem Laufenden halten mit Plnen und Hoffnungen
fr neue Bcher. Er glaubte wahrscheinlich, Faulheit knne mich hinter
seinem Rcken auffressen.

Man wollte zu Hause nicht dem harmonischen und angeborenen natrlichen
Entwicklungsflei, der jedem jungen Mann, der sich ernstlich ein Ziel
gesetzt hat, innewohnt, vertrauen und glauben. Und man spornte den von
selbst Fortschreitenden so an, als wenn er ein Eingeschlafener wre.

O wieviel Sorge kann solche bersorge anderer uns bereiten! Vertrauen
ist das Gefhl, auf das die Jugend ein unbedingtes Recht hat.

Unter diesen Umstnden war ich gezwungen worden zu fragen: Wird eine
Dichtung aus dieser Reise entstehen? Werde ich diese Reise literarisch
verwerten knnen? -- Aber erst nach der Reise um die Erde, in meinem
vierzigsten Lebensjahr, fhlte ich mich reif, Geschehenes und Gehrtes
in Prosa und Dichtungen ununterbrochen wiedergeben zu knnen. Dann
erst war es mir wieder zur zweiten Natur geworden, unbewut erleben
zu knnen, ohne dabei an literarisches oder dichterisches Verwerten
denken zu mssen.

       *       *       *       *       *

Bei meinem Sommeraufenthalt in Dnemark am Isefjord 1893 hatte ich den
Entwurf zu einer neuen Dichtung gemacht.

Dieser gab ich den Titel "_Die schwarze Sonne_". In dieser Dichtung
wollte ich im Gegensatz zur freudigen Sonne, die Sonne des Leides
darstellen. So wie die Nacht dem Tag folgt, sagte ich mir, so wandert
auch durch den Tag der Freuden der schwarze Strahl einer schwarzen
Sonne, und die von ihm Gezeichneten lie ich zu einer Leidensschar sich
zusammenschlieen. Es sollte dieser Zug von Leidenden ein Gegenstck
zum Bacchuszug sein, den ich auf dem groen Gemlde von Rubens in der
alten Pinakothek in Mnchen gesehen hatte.

Der Zug durchwandert die Heide. Nackte Mnner, nackte Frauen, nackte
Jungfrauen und Knaben, verwundet vom Leid, zusammengeschart im Leid und
doch sich ihr Leid nicht eingestehen wollend, aber jeder gezeichnet
vom Todeskeim, wandern und lagern abends im Wald. Die Strksten unter
ihnen, die reifen Mnner und Frauen pflcken schwarze Giftbeeren, und
Mnner und Frauen sterben in einer letzten Umarmung.

Die Mdchen, Knaben und Greise aber steigen morgens vom Wald an den
Felsenabhngen hinunter zum Meer und binden angeschwemmte Stmme
zu einem Flo zusammen. Sie besteigen das Flo. Sie haben sich mit
Waldkrnzen geschmckt. Das Meersalz hngt sich an ihre Lippen,
whrend sie singen. Und als die weie Sonne des Tages im Mittag steht,
schickt die schwarze Sonne des Leides aus der Tiefe des Meeres eine
groe finstere Welle herauf, die das Flo mit den bekrnzten Singenden
verschlingt. --

Der Einfall zu dieser Dichtung kam mir am Isefjord. Ich ging dort
einmal bei einem Feldspaziergang in trauriger Stimmung, geqult
von Einsamkeit und bedrngt von der Sorge um das tgliche Leben,
an einem Moor vorber. Vom Anblick der nachtschwarzen Moorerde
und des unheimlichen Moorwassers angezogen, und angelockt von
Todeslustgedanken, setzte ich mich am Rande des Moores nieder und
fhlte, wie die Dsterkeit, die mich bei frhlicher Stimmung vielleicht
erschreckt htte, mir jetzt in meiner Traurigkeit wohl tat.

Ich hatte bisher noch nie erlebt, da mich Dsteres angelockt htte,
und da ich mich bei Dsterem wohlgefhlt hatte, denn ich war immer
lebenswarm und lebensfrhlich gewesen. Nun aber sagte ich mir, als
ich am Moor sa und eine Wohltat von der Dsterheit der Landschaft
empfing: es mu zwei Sonnen geben. Eine Freudengesinnte, die dem
Freudiggestimmten gefllt, und eine Leidgesinnte, die dem Leidtragenden
wohltut. Und es war mir, als sah mich aus der Tiefe des Moores die
schwarze Sonne des Leides an und begrte in mir die Dsterheit meines
Kummers.

Die Dichtung "Die schwarze Sonne", die ich dann zu schreiben begann,
dichtete ich zum erstenmal in Binnenreimen, wobei ich, um das Echo des
Wanderns auszudrcken, die Reimworte mitten in die Zeilen stellte, um
so die im Takt schreitenden Schritte der Wandernden ertnen zu lassen.

In Kopenhagen schrieb ich den ersten Gesang dieser Dichtung, in London
den zweiten Gesang und spter in Stockholm den Schlu. Das ganze
Gedicht entstand im Laufe von ungefhr zwei Jahren. Ich hatte immer
groe Arbeitspausen zwischen den verschiedenen Gesngen eintreten
lassen mssen, da ich nur dann an dieser Dichtung weiterschreiben
konnte, wenn mich ein tiefes Leid grmte.

Auch dieses Epos, obwohl ich es spter -- noch vor zwei Jahren
-- in einer neuen Auflage erscheinen lie, zhle ich unter die
Entwicklungsschriften meiner Dichterlehrjahre, von welchen ich hier in
diesem Buche nebenbei berichten will.

Diese Jugendbcher waren ekstatische Ausbrche einer jungen Phantasie.
Ich hatte noch nicht die Geliebte gefunden, die der geistigen
Freudigkeit als Gegengewicht irdische Freudigkeit des Lebens gibt. Erst
spter, im Liebeserleben, wurde mein Dichten warmbltig, whrend meine
Dichtungen vorher, Nordlichtstrahlen hnlich, aus meinem Kopfe schossen
und mehr Spukwerk als Kunstwerk waren.

       *       *       *       *       *

Ich hatte in meiner Jugend immer einen heiteren und lebensfrhlichen
Sinn, und wenn ich morgens aufwachte, war ich nie grmlich und
ngstlich, immer von Hoffnungen und Lebenswrme bewegt. Alles Erlebte
war fr mich immer festlich gewesen trotz des unerbittlichen Ernstes,
der in meinem Vaterhause geherrscht hatte. Denn mein Vater war, als
ich zwanzig Jahre alt wurde, bald ein Greis von siebzig Jahren. Ich
fhlte mich oft ein wenig zu weise erzogen und kam mir damals etwas
greisenhaft und im Blute unbeholfen vor, besonders da ich nicht
wie andere junge Leute meines Alters Liebesgetndel und flchtige
Liebesverhltnisse pflegen konnte. Ich war immer von einer steten
Bangigkeit erfllt, die groe Leidenschaft versumen und verfehlen zu
knnen.

Meinen Vater und meine Mutter sah ich als Vorbild aufopferndster Liebe
an. Ich wre nur dann imstande gewesen, einem Mdchen von Liebe zu
sprechen, wenn ich es zu meiner Frau machen wollte.

Aber die Bedrckung, in meinen damaligen Verhltnissen keine Frau
ernhren zu knnen, und der Gedanke, da ich vielleicht jeden Tag
der Frau begegnen knnte, zu der ich htte sagen mgen: "Wir wollen
uns lieben," und fr die ich dann wohl Liebe, aber keine Mittel zum
Zusammenleben bereit haben wrde -- diese Erwgungen verfolgten mich
unausgesetzt und machten mich zurckhaltend der Welt gegenber, der
ich jeden Tag von neuem, seit ich mein Vaterhaus verlassen hatte, die
Hoffnung auf Lebensmglichkeit abringen mute.

Mein Vater drohte von Brief zu Brief, mir meinen monatlichen Unterhalt
zu entziehen, deshalb waren meine Sorgen nicht unbegrndet. Und
jeden Tag geno ich nur wie ein Mensch, der schnelle Blicke auf eine
Landschaft wirft, indessen immer unterirdisches Erdbeben grollt, das
ihn jeden Augenblick aufscheucht und ihm von seinem, in den nchsten
Sekunden mglichen, Untergang redet.

Da ich auch nicht die Leichtigkeit in mir fand, im Plauderstil
fr Tageszeitungen schreiben zu knnen, um mir dadurch Geldmittel
zu verschaffen, -- weil ich mich in einer geistigen Umwlzung
befand und bewut und unbewut einer neuen Dichtungsart zustrebte
und unzersplittert, aufmerksam fr den neuen Dichtungsgeist leben
mute, -- so war ich oft recht unglcklich in allen Reisetagen, und
trotz aller neuen Eindrcke, immer unglcklich umgeben von der mich
hilflosmachenden Tagessorge.

Es sollte mir natrlich in Kleidung, Auftreten und Haltung niemand
meine oft recht verzweifelte Lage anmerken. Und so trug mein Gesicht
meist ein Lcheln, das nur zur Hlfte Lebensfreudigkeit war, zur
anderen Hlfte aber eine Anstandsmaske ber meine Sorgen legen sollte.

       *       *       *       *       *

Ich hatte im Winter 1893, ehe ich zum erstenmal nach Bohusln kam,
eine kleine philosophische Betrachtung geschrieben, die ich "die Kunst
des Intimen" betitelt hatte. In Bohusln fgte ich dieser Schrift
einen zweiten Teil an, "die Kunst des Erhabenen". In der "Kunst des
Intimen" sprach ich von Jakobsens Schreibweise, von Ola Hanson und
von hnlichen, auch vom Maler Munch. Wogegen ich in der "Kunst des
Erhabenen" den vorgenannten Knstlern den Dichter Homer, Dante und
hnliche gegenberstellte. Ebenso verglich ich in der Malerei Michel
Angelo und die groen Italiener mit den alten Hollndern und den
Sezessionisten der Neuzeit. Und verglich in der Musik Beethoven und
Wagner mit Mozart und Grieg. Mit diesem berblick ber das Kunstleben
aller Zeiten wollte ich zeigen, wie die Anforderungen im Knstlertum
immer auf Erhabenes und Intimes zugleich gerichtet waren.

Von dieser Handschrift, die, ich glaube, nur fnfzig Druckseiten
aufwies, hoffte ich, da sie mir nebenbei auch eine kleine Einnahme
bringen mchte. Ein kopenhagener Rechtsanwalt, den ich kennen gelernt
hatte, und dem die Arbeit gefiel, legte die Druckkosten fr das Buch
aus. Der junge Schwede hatte die Handschrift ins Schwedische bersetzt,
und so erschienen diese Gedanken eines _Deutschen_ in _schwedischer_
Sprache bei einem _dnischen_ Buchhndler in Kopenhagen gedruckt.
Die deutsche Handschrift habe ich spter auf den Reisen verloren,
und die kleine Arbeit ist niemals anders als in schwedischer Sprache
erschienen. Ich erzhle dieses, um an manche Hoffnungen und Plne
zu erinnern, die man sich als junger Schriftsteller macht, und die
absterben wie Schlinge eines Baumes, die neben den Hauptsten
entstehen und verdorren mssen.

Whrend ich in Berlin im Winter 1893 jene Abhandlung ber "intime
Kunst" niederschrieb, war mir auch der Gedanke gekommen, da man intime
Schauspielbhnen einrichten mte, Bhnen in Zimmern oder Slen, die
nicht durch einen viereckigen Ausschnitt das Bhnenbild vom Zuschauer
getrennt zeigen, sondern den Zuschauern, -- welche zwanglos in
Gruppen im Saal verteilt sein mten --, den Eindruck geben sollten,
als erlebten sie nicht blo ein Schaustck, sondern ein intimes
Ereignis, an dem sie selbst teilnahmen. Durch das Nichtgetrenntsein
vom Bhnenbild sollten sich die Zuschauer enger mit den Erlebnissen
verkettet fhlen.

Auch hatte ich geglaubt, da die Schauspieler damals das Pathos noch
nicht ganz abgelegt hatten, es mten die Schriftsteller zuerst noch
selbst in einigen Schauspielen auftreten und die neue Spielart den
Schauspielern zeigen. Denn die intime Wirklichkeitskunst bahnte sich
zuerst in den Kpfen der Schriftsteller den Weg, und nur durch sie,
meinte ich, knnte dem Schauspieler das damals noch fast unbekannte
Wirklichkeitsspielen beigebracht werden.

Ich hatte ein Jahr vorher im Winter 1891, als ich noch zu Hause in
Wrzburg war, ein damals noch ziemlich unbekanntes Maeterlinksches
intimes Drama, "Der Eindringling" (~l'Intruse~) aus dem Buch
"Die Blinden" bersetzt. Von Maeterlink erhielt ich dann das
Einfhrungsrecht dieses Stckes fr Deutschland.

Ich machte dann Ende Winter 1892 mit Frau Marholm einige Besuche bei
verschiedenen Schriftstellern in Berlin und forderte sie auf, ein
"Intimes Theater" zu grnden. Ich fand offene Ohren. Es schien, als
sollten einige Auffhrungen zustande kommen, denn die Lust nach einer
intimen Bhne lag allgemein in der Luft.

Da es aber schon Frhjahr wurde, verschob man die Angelegenheit auf den
nchsten Winter. Doch war keine rechte Sicherheit zu erlangen, und
meine Reise nach Schweden und mein langjhriger Aufenthalt im Ausland,
brachen dann die verschiedenen Unterhandlungen ab.

Etwas mutlos hatte mich der Ausspruch des damaligen Vorstandes der
"Freien Bhne" gemacht, dem ich Maeterlinks Drama "der Eindringling"
in meiner bersetzung eingereicht hatte. Er meinte, da es jetzt keine
Zeit wre fr eine intime Kunst im Maeterlinkschen Sinne, die zu
zart und phantasieblau sei. Besonders, da eben Gerhart Hauptmann das
deutsche Publikum zu starker Nchternheitskunst bekehren wolle, wrde
Maeterlink keine Aufmerksamkeit wecken.

Und ich sah auch ein, da Berlin wirklich im Augenblick nicht der Boden
fr intime Phantasie und seelische Zartheit war, wie Maeterlink sie
bot. --

In Kopenhagen hatte ich auer der kleinen Handschrift "Die Kunst des
Intimen" und "Die Kunst des Erhabenen" auf eine Aufforderung der
Zeitung "Politiken" eine kleine Skizze geschrieben. Wie ich schon
vorher erzhlte, war ich damals noch nicht ganz frei von dem Wahn,
Phantasien schreiben zu mssen, in welchen ich -- als Gegensatz zu
den alten abgebrauchten Menschenverkrperungen in der Natur, wie
Elfen, Faune, Ungeheuer, Gnomen usw. -- die Natur ohne menschliche
Figurenwelt, einzig als Bild und Erlebnis fr sich, geben wollte.

So hatte ich in jener Zeitungsskizze farbig beschrieben, was das
Licht der Sommersonnenstrahlen erlebt, wenn es sich durch die Ritzen
geschlossener Fensterlden von den Kornfeldern in einen alten
Gobelinsaal eines dnischen Herrenhauses hineinstiehlt und dort bei den
alten verstaubten Mbeln einen Aufruhr von neuem Leben hervorbringt.

Die Kopenhagener Zeitung brachte die erbetene Skizze, zugleich mit
meinem Bild und einer Besprechung ber meinen Roman "Josa Gerth". Und
diese Zeitung war es, die zum ersten Mal das Wort "Farbendichter" auf
mich anwendete, das Wort, das nachher noch jahrelang mein Begleitname
in der literarischen Welt bleiben sollte. --

       *       *       *       *       *

Nach meinem zweiten Aufenthalt im Winter 1893-1894 im bohuslnschen
Pfarrhause reiste ich zu Anfang April 1894 von Schweden nach London.
Ich fuhr auf einem Kstendampfer vom schwedischen Hafen Uddevalla,
sdlich von Fjellbacka, ab und erreichte, die Nordsee berquerend, in
drei Tagen die Themsemndung.

Ich kann heute noch nicht den Eindruck vergessen, den mir die
englischen Fischerflotten machten, die da still lagen im Meer am
Themseeingang auf der groen Silberbank des Wassers, ber dem die
Vorfrhlingssonne bei silberbernderten Wolken blitzte. Die still
arbeitenden Boote sahen aus wie unzhlige dunkle Fische auf einer
weien Metallplatte.

Dieser Anblick der Vereinigung von Meer und stillen Meerarbeitern
lie mich noch einmal vor der Ankunft in London weit und frei
aufatmen. Es sammelt sich in jedem jungen Herzen ein beklemmendes
Gruseln an, wenn man zu einer fremden Weltstadt kommen soll. Es
gruselte mich, von London verschluckt werden zu knnen, von den dort
angestauten verschiedenen Lebensbegriffen und sich widerstreitenden
Lebensgefhlen. Und so geno ich noch einmal, wie im Abschiednehmen von
der Meereseinsamkeit, die mir in Schweden ein weiser Kamerad geworden
war, den letzten Meerblick, der mir so unendlich hell und friedlich mit
seinen Meerarbeitern einen unzerstrbaren Glckszustand zuspiegelte.

Es wurde Abend, als wir in London in den schmutzigen Dockwassern,
an ruigen dsteren Ausladehallen, im Finstern lautlos landeten.
Und mehr als die See am Mittag gebraust, toste jetzt rundum das
millionentrchtige London in der Nacht.

In einer Pension am Upper Wooburn Place, die in der Nhe des Britischen
Museums lag, und wo die Freunde des jungen Schweden, das amerikanische
junge Knstlerehepaar, lebten, nahm ich Wohnung.

Der Amerikaner hie James mit Vornamen, und seine Frau hie Theodosia.
Er war Neuyorker und sie aus San Franzisko, und beide hatten sich in
Frankreich auf dem pariser Montparnasse, dem Knstlerstadtteil der
pariser Amerikaner, kennen gelernt. Sie hatten sich eben in England
trauen lassen und lebten hier auf einem Zimmer der Pension, sorglos bei
Knstlersorgen.

In ihnen lernte ich nicht blo die Menschen eines neuen Zeitgeistes
kennen, sondern es sprach auch die Einfalt und Unverbrauchtheit des
jungen Erdteils, aus dem sie kamen, aus ihren Handlungen und ihren
Gedanken.

Bei unseren ersten Gesprchen erschien es mir, als unterhielt ich mich
mit Schulkindern. Die beiden amerikanischen Knstler hatten in allem
einen etwas belehrenden Ton, so wie Schulkinder untereinander reden,
die sich und ihre Gefhrten ganz richtig fr unerwachsene Menschen
halten. Da sie kein Deutsch sprachen, wurde unsere Unterhaltung auf
Englisch oder in schlechtem Franzsisch gefhrt, was den belehrenden
Ton bei den beiden erhhte.

Ich hatte noch nicht viel von Okkultismus gehrt und nicht viel von
Astrologie, nichts vom englischen mystischen Maler Blake und seinen
Geisterdichtungen, ebensowenig kannte ich Swedenborgs bersinnliche
Philosophie. Ich wute nichts von Geheimbnden. Ich wute nur, da
diese Art Gelehrsamkeit in Deutschland mittelalterliches Treiben
genannt wurde, und da sie mir auch immer aus der Ferne als solches
erschienen war. Ich glaubte nie an Wahrsagungen, nie an Aufstellung von
Horoskopen, noch an gyptische, arabische oder indische Sterndeuterei.
Das amerikanische Ehepaar aber nannte sich Adepten eines mystischen
Geheimbundes, ber den sie nicht reden durften.

James wollte Bildhauer werden, Theodosia Malerin, und deshalb waren
sie von Amerika nach Europa gekommen. Und als ich sie fragte, wozu sie
denn die mystische Lehre fr ihre Kunst ntig htten, so sagten sie
mir ganz richtig, jede Kunst brauche einen seelischen Inhalt, eine
geistige Bildungslinie. Und als ich sie fragte, ob ihr Geheimbund die
Freimaurerei sei, da lachten sie und meinten, da die Freimaurer weit
entfernt seien von dem Kreis, dem sie angehrten.

Das Zimmer, das sie bewohnten, war gerumig und bildete fr sie beide:
Schlafzimmer, Wohnzimmer, Ezimmer und Atelier. Bisher hatte ich noch
nie ein junges Ehepaar der gebildeten Stnde kennen gelernt, das, auf
einen so bescheidenen Raum angewiesen, so glcklich lebte wie diese
Amerikaner. Und wenn ich heute an jenes londoner Zimmer zurckdenke und
an das Kaminfeuer, an den londoner Nebel vor den Fenstervierecken und
an das ewige Teewasser, das auf den Kohlen des Kaminrostes den ganzen
Tag gekocht wurde, dann entzckt mich immer noch der bescheidene Geist
jener strebenden und sich gegenseitig anspornenden amerikanischen
jungen Eheleute.

An den Wnden ihres Zimmers waren mit Heftngeln unzhlige
Photographien an die Tapete gesteckt. Botticelli, dessen Ruhm damals
alle Amerikaner mit besonderer Vorliebe in Mode gebracht hatten, war
mit seinem Bild "Primavera" vertreten. Leonardi da Vincis "Mona Lisa",
einige Photos von Holzschnitten Albrecht Drers und verschiedene
Bilder von Michel Angelos Arbeiten waren hier zum Studium und zur
knstlerischen Augenlust ganz willkrlich an der Wand um den Kamin
verteilt.

Zuerst wollte ich nicht recht zuhren, wenn die Amerikaner mir die
Mystik der Darstellungen Michel Angelo's, die Mystik Leonardo da
Vincis und Albrecht Drers erklrten und immer von Mystik und Symbolik
bei allen alten Meistern sprechen wollten. Aber zwei Menschen gefunden
zu haben, die eine neue Weltanschauung in der Mystik suchten, die ein
neues Heil in gyptischer, arabischer und indischer Astrologie zu
finden glaubten, die berhaupt nach einem Sinn des Lebens fahndeten,
das fesselte mich an diese amerikanischen Knstler.

Und ich machte mich geduldig, um ihnen zuzuhren bei ihren ganz
unglaublichen mystischen Ergrndungen, die sie immer wieder von neuem
aus ihrem Geheimbund mit nach Hause brachten.

Ich htte gern etwas Nheres ber diese geheimen Versammlungen
erfahren. Sie aber sagten, ich wre noch viel zu unglubig und
zweifelnd und mte, blind ergeben, ohne Mitrauen, mich zuerst in
Astrologie und okkultistische Lehren vertiefen, und wenn ich dann von
dem heiligen Drang erfllt wre, ein Adept werden zu wollen, so wrde
ich ganz von selbst den Weg zu diesem Geheimbund finden.

Manchmal in den ersten Tagen fragte ich mich, ob ihr ganzes Gebaren
nicht vielleicht ein Knstlerscherz sei. Vielleicht wrden sie spter
ber mich belustigt lachen. Denn es schien mir ungeheuerlich, da zwei
aus dem Wirklichkeitsland Amerika, zwei aus dem Arbeitsland kommende
Neuzeitmenschen, in die Dunkelheiten der Astrologie, der Alchemie, der
Scholastik und Mystik zurckkehren wollten. Es war mir, als ob freie
Menschen um Ketten und Kerker bettelten.

Der Amerikaner Weisheit hatte aber nichts mit dem Wissen der Theosophen
gemein. Sie verneinten es lebhaft, als ich sie fragte, ob ihr Bund
etwas mit Theosophie zu tun htte.

Sie malten und bildhauerten in London nicht, sondern sagten, das
wrden sie wieder aufnehmen, wenn sie nach Paris zurckgekehrt
wren. Sie waren nur jetzt nach London gekommen, um sich in die
Geheimwissenschaften zu vertiefen und sich in jenem Geheimbund
unterrichten und belehren zu lassen.

Sie waren aber niemals dster gestimmt, immer frhlich und glcklich.
Nur hatte fr mich ihre Frhlichkeit etwas Krperloses. Sie konnten
sich nur immer bei bersinnlichen Gedanken aufhalten, hnlich wie es
jene Theosophen getan, denen ich in Mnchen begegnet war.

Sie lachten mich aus, als ich sie fragte, ob die Lehre, der sie
nachgingen, der Spiritismus sei. Ich wute damals noch zu wenig
von Okkultismus und erst spter erfuhr ich, da jene beiden einer
okkultistischen Gesellschaft angehrten.

Dadurch, da die Unterhaltungen mit jenen beiden Okkultisten immer halb
Englisch, halb Franzsisch gefhrt wurde, fhlte ich mich sehr aus
meinem Gleichgewicht gehoben und aus meinem Deutschtum fortgerckt, und
die Einsamkeit meiner Gedanken war dadurch in dem unendlichen London
unendlich viel grer, als sie im Pfarrhaus im Bohusln gewesen, wo
ich mit der Natur erquickenden Gedankenaustausch gepflegt hatte. Denn
die Gesprche ber Mystik bereiteten mir zuerst nur Qual. Es war mir,
wenn ich der Geistesrichtung jener Okkultisten folgte, als ginge ich in
den Spuren der schwarzen Sonne, die ich am Isefjord in Dnemark in das
schwarze Moor hineingedichtet hatte.

Das groe dstere London selbst erschien mir wie eine schwarze mchtige
Sonne. Als ich in jener Nacht, vom schwedischen Schiff kommend, die
finsteren Docks betrat und sofort in den Bauch der Erde steigen mute
und in rauchigen Tunnels, beinahe zwanzig Stationen weit, unterirdisch
reisen mute, um zum Upper Wooburn Place zu gelangen, da glaubte ich
durch die Eingeweide der Erde zu jagen.

Noch am Mittag desselben Tages war ich auf der Silberbank des Meeres
unter silbriger Sonne gewesen, war durch silbrige Luft in die Themse
eingefahren, an dem grnen Ufer von Greenwich und Richmond vorber,
und jetzt schien es nirgends mehr Meerfreiheit und lndliches Grn zu
geben. Seitdem ich da in der Unterwelt fuhr, war mir, als fhre ich in
die Erdfinsternis, von aller Natur und Natrlichkeit fort, als tauschte
ich klare Gedanken gegen dunkle Hirngespinste ein.

Seltsamerweise wirkte aber London, als ich es dann bei Tage sah, gar
nicht so himmelgetrmt und nicht so geschftshastig und grostadtgierig
wie Berlin in jenen Zeiten auf mich gewirkt hatte. Die vielen
Straenzge in London, in denen sich kleine Familieneinzelhuser
beraus schmucklos und einfach, ohne Schaufenster und, nur zweistckig,
aneinanderreihten, wirkten in ihrer Schlichtheit und Unaufflligkeit
und in ihrer gediegenen Ntzlichkeit, wenn auch eintnig, so doch
menschenwrdig.

Die londoner Geschftsstraen waren sachliche Arbeitsstraen, in denen
einem das Geldverdienen als eine Naturnotwendigkeit erschien, wobei
die Arbeit nicht fieberhaft war, sondern grndlich, stark und einfach
verrichtet wurde.

Durch eine im englischen Volk eingewurzelte und durch Geschlechter
eingefhrte klare Lebensordnung, der sich die ganze Stadt wie eine gut
arbeitende, nirgends von Willkr gestrte Maschine hingibt, wirkte
diese Millionenstadt mit den kleinen Familienhusern fast friedlich und
traulich wie ein Riesendorf.

Der Segen des Sichunterordnenknnens der einzelnen unter Vtersitte
und unter unumstliche gesellschaftliche Sitte wirkte bei einer
Millionenbevlkerung ungemein wohltuend. Und die tadellose Ordnung im
englischen Tagesleben umgab wie ein Schutz, wie die Weihe heiliger
Naturgesetze, den Fremdangekommenen. Auch der willkrlichste Mensch
wird vom englischen starken Ordnungsleben, das das riesige London, wie
einen sicher geleiteten Gutshof, tadellos arbeitend zusammenhlt, zur
Selbstzucht angespornt. Denn ohne Selbstzucht und Unterordnung des
einzelnen unter das Massengefge konnte hier wie berall im Weltall
keiner vorwrtskommen.

Der Englnder, der unausgesetzt Achtung oder Verachtung austeilt,
zchtet sich auch die Fremden, die zu ihm kommen, so wie er gewhnt
ist, den Lndern, die er erobert hat, und ihren Eingeborenen englische
Ordnung und englischen Lebenssinn beizubringen.

England hat es, wie man wei, mit dieser Ordnungsstrenge erreicht, da
rund um die Erde seine Sprache die Reise- und Weltsprache wurde. Dieses
von altersher feststehende, eingeschulte englische Wesen, das stolz auf
sich selbst beruht und sich alles Fremde kraftvoll unterordnet, fhlte
ich als wohltuende Macht vom ersten Schritte an, als ich englischen
Boden betreten hatte.

Als ich an jenem Ankunftsabend, der Untergrundbahn entstiegen, zum
Pensionshause am Upper Wooburn Platz kam -- das sich in nichts
unterschied von den tausend stillgeordneten Nebenhusern, und das
dadurch huslich und vornehm in sich zurckgezogen wirkte --, fhlte
ich mich schon in jener Strae durch die schweigende Ordnung wohl
aufgehoben.

Da war noch ein altmodischer Trklopfer auen an der Haustre, ein
Klppel, der auf eine Bronzeplatte fiel. Ein schlank gewachsenes
Dienstmdchen in schwarzem Kleid mit weien Manschetten, weiem Kragen
und weiem Hubchen ffnete und geleitete mich durch die Vorhalle, die
aber keinen kahlen Gang und kein kahles Treppenhaus aufwies. Selbst
diese nebenschlichen Hausrume waren traulich mit Hausgerten und
Bilderschmuck ausgestattet, und mir war, als sei ich in ein altes
Herrschaftshaus und in einen Kreis alter Familienberlieferungen
eingetreten.

Auch der berall sparsam verwendete Raum im Hause, wo eingebaute
Schrnke, Tapetentren und eingeschachtelte Kammern den Hausraum
ausntzten -- ich mchte sagen das Hausleben verinnerlichten und einem
den Wert von jedem Zoll des londoner Bodens deutlich in Erinnerung
brachten --, dieses Raumsparen erhhte den Reiz des Wohnens. Man befand
sich in einem solchen Hause wie in einer Schatulle, welche Geheimfcher
barg, und an der das sorgsam Durchdachte dem Eintretenden Vertrauen
einflte und ihm Besttigung vom Wert des Lebens gab. Sich beschrnken
mssen und sich klug und gewandt beschrnken knnen, sich fr das Leben
zchten mssen, das redete hier jeden, der das Leben ernst nehmen
wollte, wohltuend auf Schritt und Tritt an, innerhalb und auerhalb der
Huser Londons.

Da das englische Volk auf einer engen Insel lebt und in seinem
Vaterland jeden fubreit Erde liebt, da es sozusagen im Meer
verlassen lebt, auf sich allein angewiesen, umgeben von den ungeheuren
Meereshorizonten, die dieses Volk weltblickend werden lassen und es
zugleich hei heimatliebend machen, dieses wurde einem in London
tglich bewut gemacht. Und da dieses Meervolk, vom Festland getrennt,
im Gegensatz zu den Festlandvlkern sich eigenwilliger und im besten
Sinne eigensinniger entwickeln mute, das wurde mir tglich beim
Wandern und Beobachten englischer Eigenart und englischer Gediegenheit
von den londoner Straen erklrt.

So erstaunte es mich auch bald nicht, da hier im Mittelpunkt der
fnf Weltteile, hier wo man tglich grozgige Fhlung mit gypten,
Indien und mit dem fernsten buddhistischen Asien hat, eigenartige
Gedankenmischungen entstehen knnen. Gedankenmischungen, die,
ebensogut wie die neuzeitliche Wissenschaft, eine Fortsetzung in
der Entwicklung des Menschheitsgeistes hervorbringen knnen. Da die
Englnder im fernen Osten mit fremdem Volksgeist in steter Berhrung
leben, knnen asiatische alte Weisheiten echter und unverflschter
durch den gradlinigen Meerverkehr der Englnder nach London kommen, als
dieses in Deutschland oder in den anderen Festlndern der Fall ist, die
nicht so sehr im Mittelpunkt des Weltverkehrs stehen.

Bei uns in Deutschland ri die Wissenschaft im letzten Jahrhundert in
den Herzen und den Hirnen der Gebildeten alte Weltanschauungen ein,
aber sie baute keine neuen Ideale auf. In England aber, wo Vtersitte
unerschtterlicher feststeht als bei uns, reit man nicht so leicht
ein, sondern baut -- eingeschachtelten Rumen in den Husern hnlich
-- buddhistische, mohammedanische und altgyptische Ideenwelten
in die christliche Weltanschauung hinein. Und, in dem man nicht
blo Rohprodukte aus den asiatischen Kolonien in London einfhrt,
sondern auch die Geistesprodukte der unterworfenen asiatischen
Nationen, versucht man in England, Gedankenreiche aus der Vereinigung
fremder Weltanschauungen, zusammengeschmiedet mit der heimatlichen
Gedankenwelt, zu grnden.

Die Inder, die gypter, Asiaten und Afrikaner, denen der Londoner
tglich in seinen Straen und in den Gesellschaften, als zum englischen
Reich Zugehrigen, begegnet, konnte er auf die Dauer auch geistig
nicht unbeachtet lassen und mute ber ihr ihm fremdes Geistesleben
nachdenken.

So versteht sich meistens der Englnder heutzutage besser als irgend
ein Europer auf japanische und chinesische Kunstwerke, und die
englische Literatur ist reich an asiatischen bersetzungen und an
ernsten Werken schlichter getreuer Kunst- und Sittenschilderungen
asiatischer Vlker. Whrend die deutschen Reisewerke vielfach von
deutschem Gelehrtenwissen beleuchtet niedergeschrieben werden, sind
die vielen Werke der englischen Privatreisenden -- deren es natrlich
bei dem ungeheuren Weltverkehr englischer Schiffe Legionen gibt --
allmenschlicher, freundlicher und traulicher gehalten. Der Inhalt
dieser Werke ist mehr von allmenschlicher Bewunderung erfllt als von
geistiger berhebung.

Whrend in England durch den ungeheueren Welt- und Vlkerverkehr sich
neue Anschauungen den alten Anschauungen beimischen und Mglichkeiten
einer gedanklichen Umgestaltung zulassen, stocken in Deutschland seit
der Wirklichkeitserkenntnis der neunziger Jahre die Entwicklungen
zu neuen geistigen Idealen hin fast vollstndig. Man sprt von
der groen deutschen Flotte her noch keinen Vlkerweltverkehr und
Weltgedankenaustausch im deutschen Lande selbst.

Ich will aber nicht sagen, da in England in den breiten Volksmassen
groe gedankliche Umwlzungen erreicht worden sind. Doch praktische
Umwlzungen sind erreicht worden, wie zum Beispiel die von England
kommende Einrichtung der segenstiftenden Heilsarmee oder die von
England und Amerika kommende Lehre von der "Christlichen Wissenschaft",
der "~christian science~", die durch bewute geistige Erhhung die
Gesundheit des Krpers anstrebt.

In Deutschland selbst ist nichts der Art aus der Nation entstanden.
Man lebt bei uns noch von einem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn
befangen.

Aber ein Siebzigmillionenvolk sollte sich doch zu neuen geistigen
Hhen, zu neuen Idealen hin aufraffen. Immer noch befangen vom Geist
der achtziger und der neunziger Jahre, in denen die Knstler und
Gelehrten den Weg zur Wirklichkeit wiesen und zum Niederreien falscher
Ideale, verrannte sich jetzt die deutsche Welt in Wirklichkeitslust.

Die Zeit Goethes, die sich an den griechischen Gttern Erhebung holte,
die Zeit Walters von der Vogelweide, in der das Christentum noch ein
jung blhendes Ideal war, soll natrlich nicht wiederkommen. Aber die
Wirklichkeitslust, die heute herrscht, die ohne Geisteslust ist, sie
artet auf die Dauer in ein niederes Vergngen aus, bei dem die nach
neuem Geist sehnschtigen Menschen nicht ewig mittun knnen. Und die
Lust nach einer neuen Geisteserhebung schwebt berall in der Luft, so
wie am Ende des Winters die Sehnsucht nach dem Frhling da ist.

Dieses Streben nach einer neuen Weltanschauung, das ich bei dem jungen
amerikanischen Ehepaar schon vor zwanzig Jahren in London miterlebte,
besttigte es mir schon damals, da die naturalistische Kunst, die in
der Literatur in Deutschland in Gerhart Hauptmann ihren ersten grten
Vertreter fand, nicht die allein seligmachende Entwicklung in der
Dichtung bleiben wrde.

Eine Vereinigung von starker Wirklichkeit und hchster Geistigkeit,
eine festliche Weltauffassung vom festlichen Weltalleben und aus einer
sich demtig und doch allmchtig fhlenden Menschheit heraus wird eine
neue Festwelt fr die jungen Dichter entstehen.

       *       *       *       *       *

Weil im Weltalleben nichts zu klein und nichts zu dunkel ist, als
da es nicht Aufnahme in den Verstand und in das Gefhl einer neuen
Menschheit finden mte, so ffnete ich damals, nachdem ich den
ersten Widerwillen berwunden hatte, willig Herz und Ohr auch der
mittelalterlichen Welt, der gyptischen Magie, der assyrischen
Sternkunde, der indischen Adeptenlehre, der mittelalterlichen Alchemie
und hrte tage- und wochenlang den Auseinandersetzungen des jungen und
geistig entzckten amerikanischen Ehepaares zu.

Ich lie mir die dicken Bnde des Geisterdichters William Blake
vorlesen und deuten. Und war in Bohusln die Welt fr mich stark,
prchtig, natrlich klar und handgreiflich am Meer und beim Granit
und in dem wrdigen Pfarrhaus ausgebreitet gewesen, so gerade dem
entgegengesetzt, unklar, geisterhaft, aber doch nicht unnatrlich, bei
aller Finsternis nicht unglaubhaft, malte sich jetzt vor mir in jenem
kleinen londoner Zimmer die tastend begeisterte Dunkelwelt der Magie.

Ich glaubte zuerst, da jene beiden Menschen, die mich in die
Geheimwelt des Geisterlebens einweihen wollten, es ebenso auf
Wunderverrichtung abgesehen htten, wie ich und mein Freund, der junge
Philosoph, einige Jahre vorher, an jenem Augustnachmittag auf dem Gute
bei Wrzburg, Wunderwnsche gehabt hatten.

Ich sagte deshalb den Amerikanern, da ich lngst ber die Sehnsucht,
Wunder zu erleben, fortgekommen sei und deutete ihnen an, da meine
Weltanschauung darin bestehe, das grte und kleinste Leben im Weltall,
ebenso wie mich selbst, als festlich zusammengehrig anzusehen und
jedes Leben als seinen eigenen Schpfer und zugleich als Mitschpfer
des ganzen Alls zu betrachten. Ich sagte ihnen, das Weltall wrde von
mir als ein Festleben, als eine unendliche Festlichkeit angesehen, bei
der wir alle ewig in Freude und Leid mitfeiern und alle von neuem Leben
zu neuem Leben die Festgestalt wechseln und dabei alle alles besitzen
und zugleich der Besitz aller sind.

Da sagten die beiden Amerikaner: "Das ist im Grund dieselbe Lehre, die
wir meinen. Wir haben sie in einem Geheimbund erfahren, und Sie sind
mit Ihrem Freund, dem Philosophen, durch eigenes Nachdenken zur selben
Erkenntnis gelangt.

Wir glauben dasselbe. Wir glauben auch, da wir Menschen Wunder wirken
knnten, aber aus Weisheit das Schpfungswerk nicht durch trichte
Wundersucht stren wollen. Denn dann wren wir nicht mehr weise. Wir
glauben ebenso an die Festlichkeit des Lebens. Wir glauben aber auch,
da man sich die groen Krfte der Sterne ebenso zu Nutzen machen
darf, wie man sich Elektrizitt und Dampfkrfte zu Nutzen gemacht hat.

Denn es wird kein vernnftiger Mensch daran zweifeln knnen, da die
Sternenmassen, die sich im Himmelsraum bewegen, die sich bald einander
nhern, bald voneinander entfernen, in denen ganze Sonnensysteme
wandern, da diese Sonnen, die sich mit ihren Planeten umkreisen -- da
diese sich einander nhernden und sich entfernenden Weltkrpermassen
nicht untereinander Einflsse ausben mssen auf das Leben, das auf
ihnen besteht.

Die Riesenschwankungen, die die Annherungen solcher Massenungeheuer
gegenseitig erzeugen, bleiben nicht ohne Einflu auf die pflanzliche,
tierische, chemische und menschliche Welt, die sich auf den
verschiedenen Gestirnen befinden mag.

Darum sind die sich verschiebenden Stellungen der Sterne von Bedeutung
fr das kleinste Atomleben, also auch fr das Menschenleben auf
unserem Gestirn. Die Verschiebungen der Sterne bringen durch bedingte
Atomverschiebungen Vernderungen chemischer Prozesse hervor. Denn
die verschiedenen Gestirne stehen, wie jeder wei, auf verschiedenen
Verbrennungsstufen. Sie sind auerdem verschiedenartig zusammengesetzt.
Und angenommen, es wrden auch auf jedem Stern dieselben Elemente
vorhanden sein, so sind diese doch in verschiedenen Hitze- und
Abkhlungsstufen von verschiedenster Wirkung."

Diese letztere Erklrung sagte ich mir selbst, als die beiden
Amerikaner mir die Sterneneinflsse glaubhaft machen wollten. Ich
sagte mir: betrachtet man das Weltall als eine chemische Masse, in der
jedes Sonnensystem ein Molekl bedeutet, das sich wieder aus Atomen
zusammensetzt, und sieht man die Planeten jedes Sonnensystems als Atome
des Sonnensystemmolekles an, so kann man sich recht gut vorstellen,
da Aufruhr und nderungen in dieser chemischen Verbindung entstehen,
wenn zum Beispiel ein Komet, der ein Atom darstellt, sich einem
Molekl, einem Sonnensystem nhert, und dessen Bahn kreuzt.

Angenommen, es sei irgendein chemischer Stoff auf dem Komet
berwiegender ttig als auf dem Planeten, dessen Bahn der Komet kreuzt,
so wird er wie ein Grungskeim auf die vorher ruhige Bahn des Planeten
einwirken. Denn durch Strahlung kann der Komet kleinste Krperchen,
wie zum Beispiel Elektronen, aus der Ferne in das Sonnensystem
aufrhrerisch schleudern und vorbergehend Zersetzungsprozesse
erzeugen, die sich dann selbstverstndlich als Unruhen, als Erdbeben,
Strungen, Krankheiten des Wassers, Krankheiten der Luft, Krankheiten
der Erde, Strungen in der Elektrizitt, die sich also auch als
Krankheiten der elektrischen Strme auf jenem Planet fhlbar machen.
Die Lebewesen unseres Planeten, die Menschen zum Beispiel, wrden
dann unruhiger denken, unruhiger handeln, gestrt im Gleichgewicht,
kriegerischer gesinnt sein und fieberhafter und gewaltttiger werden.

Kriege, die sonst bei ruhigerem berlegen vermieden werden knnten,
werden bei dem gereizten Geisteszustand, in dem sich der ganze Planet
befindet, durch die Strahlenstrung, die er vom Kometen erhielt,
unvermeidlich werden, ebenso wie Miwachs, Erdkrankheit und Hungersnot
dann die Folge sein knnten.

Den denkenden Menschen mu es einleuchten, da die gesamte Sternenwelt
als eine Molekl-, Atom- oder Elektronenwelt gedacht, mit kreisenden
Moleklwelten, das heit Sonnensystemen, fortgesetzten Vernderungen
unterworfen ist, die je nach den Moleklverschiebungen, je nach den
Sternstellungen einsetzen.

Zu jeder Stunde der Nacht und des Tages ist die Sternstellung eine
andere rund um den Planeten Erde. Also sind die Wirkungen im Weltall
und auf der Erde, die chemischen Prozesse, die statthaben, stndlichen
Vernderungen unterworfen.

Sagen wir nun, die chemische Masse Jupiter, oder die chemische Masse
Venus, oder die chemische Masse Merkur entfernt oder nhert sich der
chemischen Masse Erde, so mssen unbedingt, wie bei dem Nahen eines
Kometen, Schwankungen bei allen Leben der Erde eintreten.

Nun sind aber nicht blo alle Sterne in verschieden starken
Elementzusammensetzungen zu denken. Sondern auch die verschiedenen
Pflanzen, die verschiedenen Tiere und die verschiedenen Menschen sind
aus verschiedenen Gewichtteilen jener Elemente zusammengesetzt. Nhert
sich nun ein Stern, der durch seine Zusammensetzung schdlich oder
gnstig wirken kann, so wird jedes Lebewesen auf der Erde sich bei
seiner Annherung glcklicher oder unglcklicher fhlen, glcklicher
oder unglcklicher handeln.

Und darum sagten die alten Astrologen: dieser ist ein glcklicher Tag
fr diejenigen, die zum Beispiel unter Jupiter geboren sind. Denn an
diesem Tag ist die chemische Zusammensetzung im Weltall durch die
Jupiterstellung, das heit durch Molekularvernderungen, die das Atom
Jupiter erzeugt, gnstig fr alle die, welche aus einer hnlichen
chemischen Zusammensetzung bestehen wie der Planet Jupiter.

Die ewig sich ndernden chemischen Prozesse, die sich einander
nhernden und sich voneinander entfernenden Sternmassen, die den
aus Elementen zusammengesetzten Krper des Menschen, der Tiere, der
Pflanzen und der ganzen Erde stndlich chemisch beeinflussen, so
wie auch sie wieder beeinflut werden, diese Sternwanderungen und
die dadurch entstehenden stndlich verschiedenen Sternmischungen,
diese stndlich wechselnden chemischen Prozesse lassen einem die
Sterndeutung, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende bei allen
Erdvlkern, bei Chinesen, Indern, Afrikanern, Azteken und Germanen
gebt wurde, als eine durchaus nicht bernatrliche Wissenschaft
verstehen.

Ein Astrologe kann also, wenn er die Geburtsstunde eines Menschen
wei und die Sternstellung jener Stunde, die er in den astronomischen
Aufzeichnungen bereits festgestellt findet, nachgeschlagen hat, jenem
Menschen die Zukunftsstunden, in denen ihn schdliche Einflsse
unvermeidlich treffen werden, aus dem astronomischen Kalender
berechnen. hnlich wie ein Chemiker voraussagen kann, welche Einflsse
einer bestimmten chemischen Mischung von Vorteil oder von Nachteil sein
knnen.

Der Astrologe hlt sich also an Sternenprozesse. Er ist sozusagen
der Kenner der Himmelschemikalien, angewendet auf die Chemie des
Menschenkrpers. Wie es kluge und unkluge Chemiker gibt, gibt es
natrlich auch kluge und unkluge Astrologen.

Die Indier, die Araber, die gypter, die unter wolkenloserem Himmel
geboren sind als wir, und die die Sterne in mehr Nchten des Jahres
studieren konnten als wir, haben in ltester Zeit, wie jeder wei,
die grten Fortschritte in der Beobachtung des Himmels gemacht. Auf
der Reise um die Erde wurde ich an einigen indischen Frstenhfen
in gerumige, besonders fr die Astrologie gebaute Hfe gefhrt, wo
groe gemauerte Instrumente verteilt waren, die heute noch, wie seit
urltester Zeit, den Messungen und der Sternenkunde dienten.

Ob es Wert hat, die beeinfluten Lebenstage, die guten oder bsen,
eines Menschenlebens aus den Sternen vorauszubestimmen, das wird jeder
bei sich selbst fhlen mssen. Nicht jeder trgt Verlangen, die Stunden
wissen zu wollen, die ihm schdlich oder gnstig sind.

So wie heutzutage der Bauer und der Luftschiffer und der Seemann,
ehe sie an die Arbeit gehen, das Voraussagen der Wetterwarten und
das Wetterglas gern in Anspruch nehmen, so mag es auch wohl Menschen
geben, die, so wie es die alten Griechen, gypter und Rmer taten,
die ihnen gnstigen Sternstunden wissen wollen, ehe sie sich zu
irgendeinem wichtigen Entschlu aufmachen. Da alle Dinge im Leben ihre
unreifen, ihre reifen und berreifen Stunden und ihre welken Stunden
haben, so wird der, der nicht selbst einen starken Instinktblick
hat, zu Hilfsmitteln greifen, die seine Instinkte untersttzen.
Der starke Instinktsmensch aber wird ohne Sterndeutung auskommen.
Ein starker Bauer, ein Flieger oder ein Seemann, welcher die
Wetterbestimmung im Instinkt und in der Erfahrung, sozusagen im Blut
sitzen hat, dieser Starke wird sich nicht um die nicht immer sicheren
Wetterwartenvoraussagungen kmmern. --

       *       *       *       *       *

Als ich nun in London tglich mit dem amerikanischen Ehepaar ber
Astrologie und andere okkultistische Wissenschaften eingehend
sprach, wendete sich mein Sinn, der sich vorher seiner zeitgemen
wissenschaftlichen Aufklrung und berwindung mittelalterlicher Mystik
gefreut hatte, diesen Gesprchen von Tag zu Tag aufhorchender zu.

Ich mute mir beschmt sagen, wir hatten in den deutschen Schulen
unserer Neuzeit, in denen ich aufgewachsen war, blindlings den ber
Astrologie nicht unterrichteten Lehrern die Verachtung der Astrologie
ablernen mssen. Wir Schler waren in diesem wie in vielen anderen
Weltanschauungsgedanken dumm gemacht worden von Unaufgeklrten, und
man verblieb gedankenlos sein Leben lang in dieser blinden Verachtung
stecken, die man flschlich fr die hhere Aufklrung einer neuen Zeit
gehalten hatte.

Die Lehrer hatten mit dem Satz: keiner kann die Zukunft wissen, die
Astrologie ist etwas bernatrliches, und mit bersinnlichem geben wir
neuzeitlichen Menschen uns nicht mehr ab, -- die Astrologie rasch
abgetan. Dieses mute ich den beiden amerikanischen Okkultisten zugeben.

Die beiden Amerikaner wiederholten mir fortwhrend: die Astrologie
ist keine bersinnliche Kraft. Es wird bei der Astrologie mit
natrlichen Krften hantiert. So natrlich wie man mit dem Zucker
sich den Tee versen kann und mit dem Salz den Tee ungeniebar
machen kann, so natrlich ist die Sterndeutung. Die Wetterkarte
der Wetterwarten und die Sternkarte der astronomischen Warten sind
anerkannte wissenschaftliche Tatsachen, und nur auf Tatsachen, nicht
auf bersinnlichkeiten oder bernatrlichkeiten, sttzt sich auch die
Astrologie.

Und da ich fr Lebensbeobachtung bin und fr Lebensbereicherung
eintrete, wurde mir, als ich alles dieses ruhig und es nicht blind
ablehnend berdachte, die Wissenschaft der Astrologie verstndlich. Ich
begriff, da sie ungefhr den Wettervorausberechnungen gleichkommt.

Der an Einflssen reiche Sternhimmel, den ich nachts ber mir sah,
angefllt mit Schicksalstrgern, war mir danach nicht mehr blo ein
Bild aus leuchtenden Weltbllen, die wie ein leeres Feuerwerkschauspiel
flimmern und nur durch ihr Licht ergtzen. Die Nachtbilder der Sterne
sehen jetzt immer prchtig ereignisschwanger in mein Fenster, wie die
Gesichter einer Menschenmenge, unter denen ich hier und dort Bekannte
begre, die beeinflussend auf mein Schicksal unbewut wirken, wie ich
auf sie unbewut wirken mu.

Leben, mit denen man in nchster Nhe, im Gesprch oder in Gedanken,
verkehrt, werden einem herzlich vertraut. Und so wurden mir nach dieser
Erkenntnis jetzt die Planeten herzlich vertraut. Sie wurden zu Nachbarn
meines Lebens, wie jene Vgel mir vertrauter sind, die in meinem Garten
nisten, als die, die nur am Himmel vorberfliegen.

Die Planeten Venus, Jupiter, Mars waren fr mich bisher nur Sterne
in der Sternmasse gewesen. Sie traten mir aber bei der Betrachtung
des nchtlichen Himmels nachbarlich nah, nachdem ich ihren
besonderen Einflu auf die Leben der Erde erfahren hatte. Sie sind
Familienmitglieder unserer Erde, sagte ich mir, Glieder unserer
Sonnenverwandtschaft.

Jene Mwen in Bohusln, deren Brutsttte ich besucht hatte, waren mir
damals auch von der Stunde an vertrauter geworden, da ich mich in ihr
Brutleben vertieft hatte, nachdem ich vom Kapitn und dem Pfarrer an
der Mwen Eigenleben erinnert worden war. Und beim Nachdenken darber,
da ich tlpelhaft gewesen und die Wochenstuben der Mwenmtter gestrt
hatte, war ich, nachdem ich mich mit den Gewohnheiten jener Vogelwelt
bekannt gemacht hatte, mehr zum innerlichen Kameraden jener Mwen
geworden, als ich es vorher gewesen. Wohl hatte ich die Mwen vorher
schon als Weltallkameraden gefhlt, aber ich war ihnen noch nicht als
Lebensnachbar nahegekommen. Und ebenso war es mir jetzt mit den Sternen
ergangen.

Damit, da man sich die Weltzusammengehrigkeit aller Leben im _Geiste_
klar gemacht hat, hat man nur den ersten Schritt zur Erkenntnis des
Weltallfestes getan. Der Geist, unsere Weltferne, besitzt aber auch
einen erdvertrauten Leib, der uns zur Weltnhe fhrt, deshalb mu man
die neue Weltanschauung _nicht blo geistig, sondern auch krperlich
erleben_ wollen, um zur Weltvertraulichkeit zu gelangen, die dann
der geistigen Feststimmung auch die irdische Feststimmung gibt. Denn
erst aus beiden Feststimmungen ergibt sich das warme allfestliche
Lebensgefhl des Menschen.

       *       *       *       *       *

Aber nicht blo vom geistigen Sichvertiefen des nach Lebensergrndung
strebenden amerikanischen Ehepaares hatte ich in London Gewinn. Auch
vom schlichten Alltagsleben, das sie fhrten, lernte ich neue Lebensart
kennen.

Der junge amerikanische Ehemann erleichterte seiner Frau, wo er konnte,
das Hauswesen, um sie zu schonen. Da er ihr nicht ein eigenes Haus
bieten konnte, war er doppelt sorgsam um sie. Und es war eine Freude zu
sehen, wie keine Handreichung, die er ihr tat, ihm erniedrigend vorkam
in bezug auf seine mnnliche Wrde.

Sie, die Schwchere zu schonen, war ihm Wrde. Wenn er sie glcklich
wute, dann fhlte er sich lebenswrdig und dachte nicht daran, seiner
Mnnlichkeit irgendeine andere Glorie aufzusetzen. Und in der Tat,
in der Hingabe zu ihr, in der Sorge um ihr Wohl, bewies er seine
Mnnlichkeit besser, als wenn er sich eigenliebend mit leerer Wrde
gebrstet htte.

An einer Straenkreuzung des Upper Wooburn-Platzes befand sich ein
Markt. Kein Markt im deutschen Sinne. Sondern da waren vier Lden
der vier Huserblocks, die die Straenkreuzung bildeten. Da waren
ein Bckerladen, ein Fleischerladen, ein Drogenladen, der zugleich
Fischhandlung war, und eine Gemse- und Sdfrchtehandlung. Es gab also
da alles zur tglichen Nahrung Ntige.

Der Drogist bot Geflgel und Fische, Marmeladen und sonst hundert
ebare Dinge feil. Die Grnwarenhandlung war reich an Gemsen aus den
Mittelmeergegenden und an Sdfrchten der englischen Kolonien. Der
Fleischerladen war appetitlich und zeigte frische Ware auf sauberem
Marmor, und der Bckerladen bot Backwaren und Teegebck aller Art.

Der junge amerikanische Knstler nahm jeden Morgen eine Handtasche und
kaufte alles Ntige fr die Mahlzeiten ein, und ich begleitete ihn
und staunte ber seine Kenntnisse. Die frischesten Gemsearten, die
besten Fleischstcke, die schmackhaftesten Fischarten verstand er im
Rohzustande ausgezeichnet auszuwhlen. Ich fand diesen Morgenweg immer
unterhaltsam und anregend.

Man hrte in der Fischhandlung von den letzten Fischzgen, vom
Meersturm, der die Hummernsendung verhindert hatte. Man hrte in der
Gemsehandlung von der Bananenernte, die in diesem Jahr in Ceylon
besonders gnstig gewesen sei, von den Ananassendungen, die eben aus
Westindien eingetroffen waren. Man hrte beim Metzger vom Viehstand und
von der Viehzucht in den verschiedenen englischen Provinzen, die London
versorgten, und man war whrend zwanzig Minuten ein bichen berall in
der Welt gewesen.

Wenn wir dann nach Hause kamen und der Amerikaner seine Einkufe der
Kchin der Pension gegeben, und diese die Dinge in die Kche, die im
Keller lag, hinuntergetragen hatte, und wenn spter zur Frhstckszeit,
um zwlf Uhr mittags, und zur englischen Mittagszeit, nach sechs Uhr
abends, alle eingekauften Sachen wohlzubereitet von der schmucken
Bedienung aufs Zimmer gebracht wurden, dann a man die Speisen
angeregter und belustigter, weil man ihren Ursprungsorten schon beim
Einkaufen nahegekommen war.

Nichts zu gering finden, auch in den kleinsten Dingen von Hand zu
Hand sich behilflich sein, ohne sich in falsche Wrde einwiegen und
behaupten zu wollen, dieses war es, was ich nie vorher Gelegenheit
hatte, in Deutschland zu beobachten. Und ich lernte in der Nhe der
jungverheirateten Amerikaner ein mir neues Tagesleben, denn das
Zusammenleben der beiden war innig und edel.

Der junge Mann hatte nie das Bedrfnis, in Kaffeehusern zu sitzen oder
Klubs zu besuchen. Er und seine Frau kannten viele Menschen in London
und gingen Sonntags zur Teestunde in verschiedene Huser, und ein- oder
zweimal in der Woche besuchten sie den okkultistischen Geheimbund, dem
sie angehrten. Die Hlfte des Tages oder ganze Tage verbrachten sie im
Lesesaal der britischen Sammlungen, da sie nach London gekommen waren,
um sich geistig zu vertiefen. Spter wollten sie dann wieder nach
Paris zu ihrer Atelierarbeit zurckzukehren.

Durch einen Bekannten, der ein Haus in Kensington besa, konnte ich
auch eine Einlakarte in den britischen Lesesaal erhalten. Denn man
darf nur, wenn man die Unterschrift eines londoner Hausbesitzers
vorzeigen kann, auf Genehmigung eines Einlagesuches rechnen.

Dort im grten Lesesaal der Welt sah ich zum erstenmal die mchtigen
groen Bnde in der Urschrift, die Albrecht Drer -- der Okkultist
gewesen -- ber Menschenkrpermae mit Bild und Text verfat hat. Auch
sah ich die groen Mappen Leonardo da Vincis, seine Urschriften ber
Festungsbaukunst, Entwrfe fr seine Belagerungsmaschinen und die
ersten Skizzen fr sein Meisterwerk "Mona Lisa", seltene Kunstdinge,
die ich spter nicht wieder Gelegenheit hatte zu genieen. Der junge
amerikanische Bildhauer studierte jene Albrecht Drerschen Bcher, und
ich bersetzte ihm die deutschen Texte ins Englische.

Auch die Bnde des englischen Geisterdichters Blake, der um 1810
gelebt hat, fesselten mich sehr. -- Die Okkultisten behaupten, es
sei nachweisbar, da alle die groen Meister der Italiener, ebenso
die Meister des mittelalterlichen Deutschlands, die Maler und auch
Goethe, viele Zeit ihres Lebens dem Studium der Kabbala gewidmet haben.
Deshalb seien dieser Mnner Werke von so bleibender Schnheit, weil
sie nicht blo ueren Sinnenreiz bieten wollen, sondern weil sie auch
die Geheimwelt der Urweisheit, deren Schlssel in der Kabbala liegt,
erfat haben.

Der englische Dichter und Maler Blake, der die Kabbalaweisheit
grndlich studierte, hat absonderliche Gedichtbnde gedichtet, die
voller Geisternamen wimmeln. In seinen Werken, die dickbndiger als
die Bibel sind, hat er eigentmlicherweise ber jede Zeile, die er
schrieb, Bilder dessen, was jede Zeile in Worten erzhlt, gezeichnet:
fliegende Geister auf Wolken, Sternen, Planeten, halb Tier-, halb
Menschenungeheuer. Die Seiten seiner Bcher sehen deshalb sehr
fremdartig aus, da jeder Gedanke nicht blo in Wortzeilen, sondern auch
in Zeilenbildern dargestellt ist.

Ich hatte frher von dem Kabbalawissen reden hren, hnlich wie von der
Astrologie, als von etwas Krausem, Unvernnftigem. Ich erfuhr aber,
da dieses Wissen so wohlbegrndet ist, wie die Astrologie es ist, die
jedem einzelnen notwendig oder unnotwendig erscheinen kann, so wie das
Wettervoraussagen.

Das Kabbalawissen dringt in die Tiefe und in den mchtigen geistigen
Erfahrungsgehalt ein, der aufgespeichert wurde von starken Gehirnen
aller Jahrhunderte, von Gehirnen, die ber das Alltagsleben hinaus
Weltergrndungen gesucht haben, wie es Salomon getan und die arabischen
Mathematiker und die indischen Brahmanen, wie der Kult der Griechen in
Delphi und der Isiskult der gypter.

Doch diese Ergrndungen, wenn sie auch fern vom Wirklichkeitssinn der
heutigen Wissenschaft zu liegen scheinen, sind einst mit nicht minder
hohem Wirklichkeitssinn erforscht und zusammengetragen worden.

Ein Mensch, der sich abends zu Bett legt, weil er am Tage Geld verdient
hat und mde wurde, und der dann fest schlft und morgens wieder
aufsteht und wieder Geld verdient und abends wieder einschlft -- er
wrde zum Beispiel nie beobachten knnen, da die Sternstellungen sich
nachts verndern. Und so werden ihm viele tausend andere Beobachtungen
entgehen, die ihm nicht zufllig auf dem Weg seines Geldverdienens
begegnen und sich ihm aufdrngen.

Deshalb aber darf dieser Mensch doch nicht behaupten wollen, weil er
tausend Beobachtungen nicht selbst erlebte, die es auerhalb seines
Berufsweges gibt, und die von anderen beobachtet werden knnen, welche
sich das Weltergrnden und Weltbeobachten zum Beruf gemacht haben, da
diese Dinge, die er nicht gesehen hat, berhaupt nicht bestehen.

Es wre wohl ein Unsinn, zu behaupten, da es keine Sterne gibt, weil
einer, welcher mit den Hhnern schlafen ginge, niemals den Sternhimmel
gesehen htte.

Und so darf auch ein kluger Mensch und ein Mensch, der sich Schpfer
und Geschpf zu gleicher Zeit fhlt, nicht blindlings nur auf sein
Gegenwartsleben pochen, sondern er mu auch die Werte der Vergangenheit
beobachten. Die Geheimwerte, die fremde Vlker, fremde Jahrhunderte
ergrndeten, mssen auch bei jedem klugen Geiste Beachtung und Aufnahme
finden. So wie wir die Taten der Geschichte wrdigen, mssen wir auch
die Gedanken der okkultistischen berlieferungen wrdigen lernen, die
nichts anderes sind als die Geschichtsereignisse des Denkens, Werte
aus der Geschichte stiller, geheimer Beobachtungen, aus der Geschichte
jener geheimen Wirklichkeiten, die scheinbar im Unwirklichen liegen und
immer wiederkehren und immer weiterleben.

Ich meine natrlich nicht, da jedermann sich in den Okkultismus
vertiefen kann. Aber diejenigen, die sich zum Geistesadel der Nation
zhlen wollen, sollten doch, ehe sie rasche Urteile fllen, fr die
sie keine Vorkenntnisse haben, erst selbst den alten berlieferungen
nachdenken, ehe sie tiefste Natrlichkeiten fr unsinnige
Unnatrlichkeiten ausgeben.

Wie weit diese Geheimlehren ntzlich sind und anwendbar aufs heutige
Leben, dieses soll jeder sich selbst beantworten. Wer die Astrologie
zu Rate ziehen will, dem sollte das unbeirrt und unbelacht freistehen.
Dann erst ist unsere Zeit, die sich so gern die aufgeklrte nennt,
wirklich wrdig, aufgeklrt genannt zu werden, wenn sie durch keinen
Spott mehr die Wege verstellt, die der jahrhundertalte Menschengeist
gegangen ist.

       *       *       *       *       *

Bei allen Gesprchen ber Mystik, die ich mit den beiden Amerikanern
pflegte und nach dem Tagesstudium im Lesesaal der britischen
Sammlungen, fhlte ich mich doch oft recht einsam. Und das Glockenspiel
einer Kirche, die in der Upper Wooburn Strae in jeder Stunde dieselbe
Melodie anschlug und abspielte, kam oft slich und fad in mein
stilles Zimmer und war wie in meinem Mund der langweilige Geschmack des
Oatmealbreis, den ich morgens zu meinem Tee a.

Ich sehnte mich sehr nach deutschem Wort und deutscher Laune, als mir
eines Tages das Dienstmdchen bei meiner Heimkunft vom Lesesaal eine
Visitenkarte reichte und sagte, der Herr, der die Karte abgegeben,
wnschte, da ich ihn besuche. Dieser Besucher war der deutsche Dichter
Frank Wedekind.

Von Frank Wedekind waren damals erst nur wenige Werke erschienen.
Ich hatte in Mnchen zwei Jahre vorher sein Drama "Frhlingserwachen"
gelesen. Die Schilderung einer grausigen Tragik, die heranreifende
Kinder in Schule und Haus von trichten Lehrern und kaltbltigen Eltern
erdulden mssen, hatte mich sehr erschttert. Wedekind selbst kannte
ich noch nicht. Als ich ihm dann meinen Gegenbesuch machte, sagte er
mir, er habe meine londoner Adresse durch Otto Julius Bierbaum aus
Berlin erhalten, die dieser wieder von Richard Dehmel erfahren hatte.

Wedekind und ich trafen uns danach fters im Piccadillyhaus, das damals
das einzige Kaffeehaus in London war, da es sonst nur Stehschenken,
Tee- und Likrstuben gab.

Wedekind war eben nach einem lngeren pariser Aufenthalt nach London
gekommen. Seine Launen, so schien es mir, schwankten zwischen
Weltbegeisterung und Weltverachtung.

Wenn ich aus den britischen Sammlungen kam oder von den
neuidealistischen Gesprchen der beiden Amerikaner und Wedekind traf,
war das ein seltsamer Gegensatz. Nachts in der Unionschenke, wo er
zu finden war, bekam man nur Einla, wenn man in einer bestimmten
Weise auf die Tr klopfte. Von auen war diese Schenke ein lichtloses
Haus, und innen fand man in einem langen Gastraum eine sehr gemischte
Kundschaft, Zirkus- und Varietknstler, und Wedekind bei einem Toddy.
Wenn er mir dann von seinen pariser Erlebnissen erzhlte, indessen
manches Mal neben uns eine Zirkustnzerin bermtig auf den Tisch
sprang und unter dem Hallo der Gste Cancan tanzte, dann war mir, als
sei ich vor ein lebendes hllenbreuglsches Bild geraten.

Die Hlle hier war eigentlich harmlos. Aber der Gegensatz zwischen
der nchtlichen Umgebung und meinen amerikanischen Freunden am Upper
Wooburn Platz war kra genug. Und ich, der ich bald ein Jahr lang in
Skandinavien nur stummes Meer und stumme Steinwelt gewhnt gewesen, war
etwas verwundert ber den berraschenden Szenenwechsel.

       *       *       *       *       *

Der Frhling kam. Man merkte ihn aber in der Weltstadt nur erst an den
Schaufenstern und an den Kunstausstellungen und an den ber Nacht von
den Grtnern hingezauberten Tulpenbeeten im Regentpark und Hydepark.
Jene Grogrten besuchte ich manchmal an den Konzerttagen, als eben die
londoner Geselligkeitszeit erffnet wurde. --

James hatte mich auf einen englischen Dichterkreis aufmerksam gemacht,
der sich um den mir damals unbekannten Dichter Oscar Wilde versammelte.
Der Amerikaner erzhlte mir, Oscar Wilde hielte tglich zur Teestunde
Empfnge ab in einem vornehmen Ausschank der Hydeparkstrae. Dieser
Dichter habe in diesem Frhjahr die Mode der grnen Rose aufgebracht
und trge immer eine solche im Knopfloch. Der Amerikaner selbst kannte
ihn nicht.

Aber da ich nichts von Oscar Wildes Dichtungen wute, dachte ich nicht
daran, ihn aufzusuchen, auch nicht, als ich im britischen Lesesaal
Wildes "Salome" gelesen hatte, die mir wie eine lsterne Entwrdigung
der alten guten Bibellegende vorkam. --

Ehe die Frhlingstage kamen, gab es noch ein paar schwere finstere
Nebeltage, wobei der londoner Nebel wie ein dicker gelber Qualm die
Mittage zur Nacht machte und in mir starke Sehnsucht nach Deutschland
erweckte.

In diesen Nebeltagen stellte mir das amerikanische Ehepaar den
irlndischen Dichter Yeats vor, der damals in London lebte und der, wie
sie, jenem Geheimbund angehrte. Auch dieser Mann hatte Verlangen nach
neuen Idealen.

Yeats glaubte fest an verschiedene Geisterreiche zwischen Himmel und
Erde, an Himmelsabteilungen, die von verschiedenen Geistergren
bewohnt seien. hnlich, wie der Dichter Blake sie in seinen Dichtungen
und Bildern dargestellt hatte. Yeats sagte mir: so wie es auf der Erde
Knige, Beamten, Kaufleute und Tagelhner gibt, so gibt es auch unter
den unmittelbaren Krften, unter den Astralleibern, die ihre Krper
nach dem Tod verlassen haben, Rangordnungen. Und die verschiedenen
Geister, die in verschiedenen Krpern gewohnt haben, werden nicht
pltzlich ein und derselbe Geist, sondern sind nach dem Tode ebenfalls
in verschiedene Rangordnungen eingeteilt.

Es gibt in den Geisterreichen, sagte Yeats, Kraftunterschiede so gut
wie in den Krperreichen. Er meinte, er habe das sichere Gefhl,
da die Geister seiner alten irischen Heimatgtter, die vor dem
Christentum hatten zurckweichen mssen, noch in der Luft ber Irland
lebten und zurckgerufen werden knnten. Im irischen Landvolk lebten
noch viele der alten Lieder und Sagen und wurden in den Winternchten
vor den Feuern der Kamine vielfach erzhlt und gesungen. Und Yeats
hatte sich mit einem anderen irischen Dichter verabredet, sie wollten
als Landsleute gekleidet von Dorf zu Dorf ziehen und den Glauben an
die alten irischen Gtter wieder erwecken, indem sie die irischen
Heldengeschichten und die Gtterlehren den Bauern erzhlten. --

Im Drury Lane Theater in London wurde in derselben Zeit ein Yeatssches
Stck gespielt, zu dessen Erstauffhrung der Dichter das amerikanische
Ehepaar und mich eingeladen hatte. Ich erinnere noch, da das Stck die
ganze literarische Welt von London anzog, und da Aubrey Beardsley, der
damals bekannt gewordene englische Maler, der eben sein "Yellow Book"
herausgegeben, den Theaterzettel gezeichnet hatte, und da also das
Stck ein knstlerisches Jahresereignis war.

Ich verstand aber von dem Schauspiel nichts und schrieb es der
Frhlingsluft zu, da meine Augen, whrend auf der Bhne gespielt
wurde, zufielen. Ich sehe nur noch in der Erinnerung eine Dame vor
einem groen Kaminfeuer in einem dunklen Gemach und hinter ihr ein
mondscheinblaues Fenster. Was die Dame mit Geistern und lebenden
Menschen sprach, kam aber nicht zu meinem Bewutsein.

Als ich wieder aufwachte, wurde geklatscht. Vorher, ehe wir zu jener
Vormittagsauffhrung ins Theater gegangen waren, hatte die Sonne
geschienen, und wir hatten einen Kreis der Yeatsschen Bekannten in
einer Frhstckstube neben dem Theater getroffen, wo vom "Yellow Book"
Aubrey Beardsleys das erste Exemplar herumgereicht worden war.

Dann nach dem Theater war es grauheller Sptnachmittag drauen auf der
Strae. Aus Frhlingswolken fiel Frhlingsregen, der mit lauwarmem
Wasser ber das londoner Pflaster lief.

Der Geist dieses eintnigen Frhlingsregens war neben mir in der Loge
gesessen und hatte mich eingeschlfert. Ich schmte mich ein wenig, als
der lange, blagesichtige, schwarzhaarige, irische Dichter uns fragte,
wie uns sein Stck gefallen habe. Ich wute ihm nichts zu antworten.
Als wir dann zu Hause im schlichten Zimmer der Amerikaner am Kamin
saen und auf das Kochen des Teewassers warteten, fingen wir wieder an
von den Geistern zu sprechen.

Hatte mich schon der Nebel herzschwach gemacht, der sich pltzlich
unerwartet wie ein dunkler Knebel ins Fenster steckte und mir den Atem
beklemmte, so taten dies der Frhling und die Gespenstergesprche noch
viel mehr. Und ich sehnte mich fort nach Deutschland, heftiger und
heftiger. Ein paar kleine Zuflle trieben mich dann ganz pltzlich zur
Abreise.

Eines Nachmittags war ich im Hydepark. Ich sa auf einem der
Pfennigsthle am Rotten Row; viele Zuschauer hatten sich beim
Nachmittagskorso niedergelassen. Leichte Landauer und schwere Kutschen,
gelenkt von schmucken Herrn oder Damen, und bespannt mit rassigen
Pferden, zogen ununterbrochen, als wre ein allgemeines Wettrennen,
vorber.

Ich hatte eine Zeitung gelesen und sah auf und bemerkte ein sehr
hbsches Gefhrt aus hellem Holz, dessen lebhafte Pferde von
einer jungen, sehr schnen Dame gefhrt wurden, die neben ihrem
Stallburschen auf hohem Kutscherbock sa. Dame, Wagen und Pferde
schienen zusammengehrig wie ein Geiger und seine Geige. Blitzend
jagte das schne Bild an mir vorbei. Ich bedauerte, da es so schnell
verschwunden war, und da ich die Dame nicht nochmals sehen konnte.

Da hre ich ein Knattern, ein unheimliches Rasseln. Zugleich springen
alle Leute, die neben mir sitzen, auf und steigen auf ihre Sthle,
um ber die Kpfe der Menschenmenge fortsehen zu knnen. Einen
Augenblick schauten alle gespannt nach einer Richtung. Ich konnte mich
nicht vor- und nicht rckwrtsbewegen, so schnell hatte sich eine
Menschenmauer gebildet. Aber an den Gesichtern der Kutscher, die an der
entgegengesetzten Seite des Rotten Rows in langen Reihen anhielten,
sah ich, da sich etwas sehr Schlimmes ereignet haben mute.

Da eilte auch schon durch die Menschenmenge von Mund zu Mund das
Gercht: ein Wagen sei an einem Prellstein aufgestoen und umgestrzt.
Die Dame, die gelenkt hatte, sei auf die Steine geschleudert worden.
Und einige Minuten spter wandten sich bleiche Gesichter um, und einer
sagte es dem anderen knapp und bestimmt: "Die junge Dame und ihr Diener
sind tot!"

Allmhlich wurde ich vom Menschenstrom nach jener Stelle gedrngt. Man
hatte die Leichen der Dame und des Stallburschen bereits fortgefahren.
Die Pferde an dem zertrmmerten Wagen wurden eben ausgespannt und
fortgefhrt. Die schnen Tiere zitterten noch und waren in ihrer
Erregung kaum zu bndigen. Das dnne, leichte Gefhrt aber lag
zersplittert wie ein Spielzeug bei den Prellsteinen. Dann wurden die
Trmmer rasch fortgeschafft und die Wagenreihen, die von den Polizisten
zurckgehalten worden waren, bewegten sich wieder mit ihren tnzelnden
Pferden festlich heran, und das Wagenschauspiel glitt von neuem
aufglnzend an mir vorber und ber die Unglcksstelle fort.

Ahnungslose Damen grten und nickten sich aus den Wageninnern zu und
wuten nicht, da soeben eine aus ihren Reihen verschwunden war wie
eine Geistererscheinung. Und ich fragte mich: welcher Unterschied
ist da zwischen Geistern und Wirklichkeit? Sind wir nicht alle ein
unwirklicher Spuk, da wir so schnell kommen und so schnell verschwinden
knnen? Warum soll einem dann die Geisterwelt nicht glaubwrdig sein?
Unser Erdenleben selbst ist doch nur eine flchtige Geisterwelt!

Und ich wurde sehnschtig, Ruhe zu finden von dem vielen Erleben und
vor den vielen Gedanken, die mir hier mein Leben zu denken aufgab. --

Dann kam ein Sonntag, an dem die beiden Amerikaner und ich bei einer
englischen Dame zum Frhstck geladen waren. Dieselbe wohnte weit von
uns in einem der entferntesten londoner Stadtteile. Wir sollten nur
bei schnem Wetter dorthin kommen, damit wir dann auch den kleinen
Hausgarten genieen knnten. Es war aber leicht nebelig am Upper
Wooburn Platz und es regnete auch ein wenig. Wir zgerten deshalb,
auszugehen. Dann aber entschlossen wir uns doch und gingen.

Gro war unser Erstaunen, als wir nach einigen Untergrundhaltestellen
aus der Erde ans Tageslicht stiegen, blauen Himmel fanden und bei jener
Dame hren muten, da es in ihrem Stadtteil den ganzen Vormittag ber
schnes Wetter gewesen wre und es dort keinen Tropfen geregnet habe.

London ist also so gro, da jedes Ende ein anderes Wetter haben kann,
sagten wir uns lachend. Und das Frhlingswetter jenes Stadtteils tat es
mir an. Ich kehrte nur in unser graues Viertel zurck, um bald darauf
meinen Koffer zu packen und dem grauen London und den amerikanischen
Freunden Lebewohl zu sagen.

Dann reiste ich ber Harwich und Hook of Holland nach Deutschland und
vorerst nach Berlin.

Es war der erste Juni, als ich durch Holland fuhr, wo die Kornfelder
schon hoch standen. Hie und da sah man kleine Segel ber den
Halmspitzen auftauchen. Das sah seltsam aus, Segelboote im Korn! Die
Kanle lagen von den hren verdeckt, und die Schiffe kamen lautlos mit
den weien Segeln ber den noch grnen Halmen daher.

Am liebsten wre ich aus dem Eisenbahnzug ausgestiegen und htte mich
hier an den Rand eines Kornfeldes gesetzt und in die rundgeballten
silbersonnigen Wolken gestarrt, die ber dem flachen Holland lebhafter
wirken als irgendwo. Und ich htte gern den Sommer hier vertrumt
und den Segelbooten nachgesehen. Denn ich war sehr stadtmde. Die
vielen Gesprche der letzten Monate und das knstliche Gedankenleben
im britischen Lesesaal und am Kamin der Amerikaner hatten mich
naturhungrig gemacht.

Und seit ich das junge amerikanische Knstlerehepaar bescheiden und
doch glcklich auf ihrem Pensionszimmer hatte hausen sehen, war der
Drang und die Sehnsucht, ein Mdchen zu finden, mit dem zusammen ich
den Frhling htte jetzt genieen knnen, den Sommer, den Herbst, den
Winter, -- so stark in mir geworden, da mich das leere Ansehen der
Landschaft ungeduldig machte und mir jeder Tag qualvoll vorkam, der
mich so ziellos der Weltbetrachtung preisgab, statt der Weltumarmung.
Und ich sehnte mich nach Weltwrme und sehnte mich nach der Nhe einer
geliebten Frau.

Ich hatte den Wunsch, mich verheiraten zu wollen, in London einmal zu
den Amerikanern ausgesprochen, und sie hatten mir geantwortet: "Wer
stark wnscht, zieht durch Wnsche die Wirklichkeit herbei. Aber,"
fgten sie hinzu, "Sie mssen sich ununterbrochen Ihren Wunsch klar
machen und ihn immer wieder wnschen. Dann gestalten Sie sich damit die
Zukunft, und Sie werden den Weg zu der Frau ganz von selbst finden, zu
der Frau, die Sie lieben. Denn diese ist ja bereits geboren und geht
irgendwo auf der Erde herum, unbewut sehnschtig nach Ihnen, so wie
Sie sich unbewut nach ihr sehnen. Richten Sie Ihr ganzes Denken auf
Ihren Wunsch, und Sie mssen jener Frau bald begegnen."

Und die beiden guten Menschen bedauerten lebhaft, da mir gar nicht
anders zu helfen wre als durch Geduld und starkes Wnschen. Und sie
wollten mit mir wnschen, da ich recht bald glcklich werden sollte.

Aber es ging auch in meinen Ohren immer die Rede mancher anderen
Menschen um: "Ein Dichter soll frei bleiben. Ein Dichter soll sich an
keine Frau binden. Der Dichter gehrt der Welt, und er zerstrt sich
als Dichter, wenn er einen Hausstand grndet."

Diese Aussprche erregten in mir manchen Zweifel gegen mein Wnschen.
Und die Zweifel, ob ein Dichter glcklich werden wrde, wenn er
eine Frau frs Leben an sich gebunden hat, bedrngten mich in jenem
Frhjahr, nachdem ich von London in Berlin angekommen war, so stark,
da die Zweifel krftiger wurden und mit dem Herzenswunsch tglich zu
ringen begannen. Und aus diesem Ringen zwischen Liebessehnsucht und
Zweifel entstand in jenen Monaten ein kleines Versdrama "Sun", das ich
in Berlin schrieb.

Eindrcke, die ich noch von Bohusln in mir trug, und die Seereise
nach England mit dem Blick auf die Fischerboote bei der Mndung der
Themse verdichteten sich zu einem Seebild. Und ich wollte in dem Drama
Menschen schildern aus dem Anfang der christlichen Zeit, da Christentum
und Heidentum noch im Volksgeist schwankend lebten.

Ich verlegte die Handlung an einen See in ein Pfahlbaudorf. Der junge
Fischer, den ich "Sun" nannte -- der Name ist das englische Wort fr
Sonne --, war ich selbst, und ich verkleidete mich in die Vorstellung,
ein Skalde, ein Volkssnger, in jenem Pfahlbaudorf zu sein.

Die Brder hassen Sun, weil sie glauben, da er ein Zauberer sei.
Sie sagen, er knne den See, die Fische und das Wasser behexen. Denn
Sun spricht mit allen Dingen. Auch nachts, wenn er im Mond auf der
Altane des Pfahlbaues sitzt, spricht er mit dem Mond, mit den Wellen
und mit den Mondschatten. Und am Tag neigt er sich zu den Grsern und
spricht mit dem Grase, spricht mit dem Holunderbaum, spricht mit der
Morgensonne. Und wenn er drauen im Boot liegt, ber den Bootsrand
gebeugt, fngt er keine Fische wie die anderen Leute, aber er spricht
mit den Fischen und mit den Wasserpflanzen.

Man sagte, er lege sich auch oft ins Boot zurck und sprche mit den
Wolken und berede den Wind. Aber es sind nicht Reden, wie sie andere
sprechen, die er da hlt. Er summt und singt, als wre er der Herr
aller Dinge oder, als gehre er mit allen Dingen zusammen. Lautlos kann
er stundenlang so still liegen. Dann hrt er allen Dingen zu und hrt
alles, behaupten seine Brder.

Und seine Brder beredeten den Mnch, der mit anderen Mnchen vor
Jahren an den See gekommen war und das Pfahlbaudorf bereits bekehrt
hatte, er, der Christenpriester solle Sun aus seiner Sippe austreiben.
Damit der Zauberer nicht die Fischzge stre und das Wetter nicht nach
Belieben bestimme.

Aber in der Zeit, da die Brder fortgegangen waren, um den Mnch zu
holen und die Sippe, schlich sich in Suns Haus die junge Tochter eines
anderen Pfahlbauers. Und sie traf den Skalden, der heimgekommen war vom
See, und sie verstand pltzlich, geweiht von ihrer Liebe zu ihm, den
Holunderbaum, der im Abend sang, und die Wellen und die Sonnenlichter.
Aller Dinge Sprache verstand sie vom Augenblick an, als der junge
Skalde seinen Arm um sie legte und sie an sich zog. Denn Sun liebte das
Mdchen seit langem.

Sie aber war gekommen, um ihn vor seinen Brdern zu warnen. Sie sagte
ihm, whrend heute die Hagelwolke ber den See niedergeprasselt sei
und er ungestrt auf dem See im Kahn weitergesungen habe, ohne sich
von Hagel und Sturm stren zu lassen, htten seine Brder ihn laut fr
einen Zauberer erklrt. Denn die Brder seien von Ha und Neid erfllt
ber seine Friedlichkeit und Ruhe.

Sie htten jetzt die Sippe aufgestachelt und waren fortgegangen, um den
Mnch zu holen, der das Zauberwesen aus Sun austreiben sollte. Und wenn
Sun nicht die Zauberei aufgeben wolle, sagten sie, wrde ihn die Sippe
hinaus in den Urwald zu den wilden Tieren jagen, und er drfe nicht
mehr unter christlichen Menschen wohnen. Das Mdchen bangte sehr fr
Suns Leben.

Whrend sie noch zu dem Geliebten so sprach, ging die Sonne vor dem
Hause unter, und eine Amsel sang. Und der junge Skalde lchelte nur und
sagte ihr, er frchte seine Brder nicht. Er treibe kein Zauberwesen.

Sie aber, die er umarmt hielt, und die in ihrer Liebe jetzt die
Abendrte ins Haus hereinsingen hrte, und die das Lied der Amsel
nicht blo als einen Ruf, sondern in Suns Nhe als ein Liebeslied
verstand, begriff, da der junge Skalde kein Zauberer war. Sie sah,
da er friedlich und festlich zu horchen verstand, und da alle Dinge
friedlich und festlich sangen, weil er sie ungestrt singen lie, wie
es seine lrmenden Brder nicht verstanden.

Als es rasch dunkel geworden war und die ngstliche nochmals den
Geliebten berreden wollte, da er freiwillig fliehen sollte, damit ihm
der Mnch und die Brder und die Sippe nichts Bses tun sollten, Sun
sich aber furchtlos weigerte und den herangehenden Leuten entgegenging,
blieb das Mdchen in seiner Nhe, um zu sehen, ob man ihm etwas antun
knne.

Mit Fackelbrnden in den Hnden kam das Volk im Abend heran und in
ihrer Mitte der Mnch. Der hob ein Holzkreuz in seiner rechten Hand auf
und trat vor den jungen Skalden hin und forderte Sun auf, er solle ihm
die bsen Geister nennen, mit denen er bei Tag und Nacht, im Mond, im
Sonnenschein und im Sturm Zwiesprache fhre. Denn man wisse, sagte der
Mnch, Sun sprche mit der Luft und mit dem Wasser, mit der Sonne und
mit den Bumen, mit lauter unvernnftigen und toten Dingen, die ihm
doch nicht antworten knnen. Es mten also Geister sein, die er aus
dem Nichts zu beschwren verstnde. Aber der Gottesgeist dulde keine
Gtter neben sich, und er, der Gottespriester, msse die unsauberen
Geister aus Sun austreiben.

Das ganze Volk aber stand schweigend und nickte zu der Rede des Mnches
und wartete darauf, da der junge Skalde sich nun ffentlich erklren
und sein geheimnisvolles Tun verantworten sollte.

Der junge Skalde sah friedlich lchelnd, still und ernst in alle
Gesichter der Leute, die ihn da alle aus Unverstand haten. Und Sun
sagte zum Mnch einfach, da er den Holunderbaum und die Wellen des
Sees und den Wind und die Wolken und die Sonne singen hre, und da
er auch allem Leben Lieder zusinge, denn sein Herz sei glcklich und
festlich. Und wie knne man das Lied der Blte und das Lied einer
Welle und das Lied einer Amsel als bsen Geist ansehen, da aller
Leben Sprache doch Lebensfreude sei, die er berall hre und die
wohltuend und glcklichmachend wre. Und er sagte noch, er antworte den
Lebensgeistern der Dinge in Liedern, die sein Herz ihm vorsingt. Und
er trage nichts Bses gegen die Sippe im Herzen und nichts gegen den
Mnch.

Da fuhr der Christenpriester wtend auf und schrie, der junge Skalde
wre bereits so besessen von bsen Geistern, da er nicht mehr die
bsen Geister von den guten unterscheiden knne. Denn nur Dmonen
wohnten in den toten Dingen der Natur. Und wenn der Skalde nicht
versprechen knne, die Zaubergesprche beim Hause und auf dem See
einzustellen, dann msse er die Sippe verlassen und wrde aus dem Dorf
zu den bsen Geistern des Waldes gejagt.

Da sagte Sun zu dem Mnch, da er das Singen niemals unterlassen
knne. Da er die Leben, die da um ihn leben, singen hre, und er es
nie lassen knne, die Lieder zu singen, die ihm von seinem Herzen
eingegeben wrden.

Nachdem der junge Sun so gesprochen, richtete er sich auf und schritt
aus der Htte und band sein Boot von dem Altan los und ruderte auf den
See in die Nacht hinaus. Der Mnch und das Volk verstanden nun, da Sun
sie freiwillig und fr immer verlassen hatte.

Und wie die Leute noch staunten und Suns Ruderschlgen nachhorchten,
die drauen in der Nacht vom See hereinhallten, da sprang aus der
dunklen Herdecke ein junges Mdchen hervor. Das drngte sich zwischen
den Leuten durch und sprang aus der Htte. Und alles Volk rief den
Namen des Mdchens. Und die Leute schrien auf, weil das Mdchen in den
See gesprungen war und nun dem fortrudernden jungen Manne nachschwamm.

Aber der Vater des Mdchens strzte aufgeregt auf den Altan hinaus
und rief zornig seine Tochter zurck. Doch nur das Echo der Berge
antwortete ihren Namen. Das Mdchen kehrte nicht um und folgte dem
Ausgestoenen. Da hob der Vater beide Fuste in die Luft und verfluchte
sein Kind und schleuderte hinter den Fliehenden her laut Fluch um Fluch
durch die Nacht.

Der Schauplatz des zweiten Teiles des Dramas ist dann ein Platz im
Urwald, in derselben Sommernacht. Im Wald leuchten ein paar verfaulte
Riesenstmme phosphorfarben, und Scharen von Leuchtkfern ziehen durch
die dunklen Bsche. Ein wenig Mond scheint durch die Baumwipfel, und
Sun und das Mdchen tasten flchtend vorwrts. Das Mdchen ist scheu
geworden im unheimlichen Dunkel des Waldes, und als Sun auf eine Eiche
steigt, um beim Mondschein ber den Wald fortzusehen und zu erfahren,
ob sie verfolgt werden, steht es zitternd und angstvoll bei der Wurzel
des Baumes. Der junge Mann, als er keine Verfolger sieht, deutet oben
in der Eiche auf die Sterne und auf den Mond und fragt hinunter, ob
seine Geliebte den Gesang der Sterne hre und das Lied der Mondnacht.

Das Mdchen aber hrt in seinen Ohren nur die wilden und drohenden
Flche, die sein Vater ihr nachgeschleudert, und es hrt im Walde
berall die Stimme seines Vaters. Als Sun von der Eiche steigt und den
Arm um die Geliebte legen will und sie zu sich ins Moos ziehen will, da
wehrt sich diese und flieht einige Schritte von ihm fort. Sie glaubt
ihren Vater hinter jedem Busch zu hren, berall ist sein Fluchen.

Da berredet Sun die Furchtsame nicht lnger, und er sagt nur, sie
solle sich bei der Birke niedersetzen. Er wolle dann, einige Schritte
von ihr entfernt, sich niederlegen, und er wolle ihr erzhlen, damit
sie sich nicht mehr frchte.

Das Mdchen aber hrt immer deutlicher die Flche und des Vaters
Stimme. Es wird immer unruhiger, und immer mehr Zweifel tauchen in ihm
auf, ob Sun nicht doch ein Zauberer sei. Und als sich die Zweifel in
ihm immer mehren, hrt es des Vaters Stimme lauter und verdammender und
hrt dazwischen des Mnches Stimme aus allen Bschen. Angstgepeinigt
springt die Erschrockene auf und strzt, den Skalden verdammend, zurck
auf dem Weg den sie gekommen, zurck zu den andern.

Sun aber glaubt nicht gleich an die Flucht des Mdchens. Doch als er
am Morgen den Platz leer findet und das Gras noch warm findet, wo die
Geliebte vorher geruht, ruft er und ruft. Aber er scheucht nur das
Wild im Walde auf. Als sein Herz dann bitter klagt, taucht die rote
Scheibe der Morgensonne in der Ferne bei den Wurzeln der Eichen auf,
und der Gesang der Morgensonne und der Gesang der Amsel versuchen Sun
zu trsten.

Er horcht und wird ernst und stark, und die Eichenstmme im Morgenwind
singen, und Sun gehorcht den Eichen und macht sich hart wie ihre
Stmme. Dann singt er vor sich hin, da er die Eichen verstanden habe,
da er, der Skalde, ewig einsam sein msse, einsam wie die Eichen im
Urwald. Und er geht aufrecht weiter in den Urwald und kehrt nicht mehr
zu seiner Sippe zurck. --

Dieses Drama dachte ich mir mit Musikbegleitung gespielt.

Nachdem ich es in Berlin niedergeschrieben hatte und dann zu einem
kurzen Besuch zu meinem Vater nach Wrzburg gereist war, kam ich mir
in der Heimat unverstanden, wie Sun im Pfahlbaudorf vor. Und ich
sehnte mich wieder heftig von den Menschen fort, da ich nicht wute,
wo ich das Mdchen finden sollte, das ich mir vorstellte. Ich sehnte
mich wieder nach der Urwelt Schwedens zurck, wo mir die Natur, die
unberhrte, mit ihren Wldern wohlgetan, wo keine Forstzhlung den
Wald kleinlich und zum Holzgeschft machte, wo die Welt ursprnglich
und herzlich war, so da ich mich an ihr vergessen konnte. Whrend ich
unter vielen Menschen meine Einsamkeit immer an mir nagen fhlte.

Der junge Schwede, der sich in Stockholm befand, schrieb mir, da er
auf Dalar bei Stockholm einen schnen Sommeraufenthalt wisse. Dorthin
reiste ich dann und wohnte auf einem Hof, der tief im Walde lag, und
dort schrieb ich einige der Landschaftsgedichte, die sich in meinem
kleinen Band "Reliquien", meinem ersten Gedichtbuch, finden. Das Buch
lie ich bei meinem spteren Aufenthalt in Mexiko drucken, und noch
spter, im Jahre 1900, kam es dann durch einen deutschen Verlag in
Neudruck an die breitere ffentlichkeit.

Ich sollte unbeirrt wnschen, hatten die Amerikaner gesagt, und
wrde dadurch in die Nhe des Mdchens kommen, das fr mich geboren
an irgendeinem Fleck der Welt lebte. Ich wnschte heftig. Und es hat
dieser Wunsch, der unbewut hinter allen meinen Wnschen stand, mich
in jenem Sommer nach Schweden gefhrt, wo ich im selben Herbst die
Bekanntschaft jenes Mdchens machte, die dann meine Lebensgefhrtin
wurde und es heute noch ist. Und viel spter, als ich die Amerikaner
in Paris wiedersah und ihnen dann meine Frau vorstellte, erinnerten
sie mich oft an die Stunden in London, da ich ihnen geklagt hatte --
wenn ich sie beide glcklich sah --, da ich doch bald die Frau finden
mchte, die fr mich bereits an irgendeinem Ende der Erde lebte und
wartete.

Und nie htte ich damals in London glauben knnen, da einige Monate
spter der Wunsch schon die Erfllung finden sollte.

       *       *       *       *       *

Mein Leben an der schwedischen Ostkste in diesem Sommer 1894, auf
einem Hof in den Wldern auf der Insel Dalar, war durchaus nicht
eigenartig und reizvoll, nicht mchtig und nicht erschtternd, nicht
so, wie ich es im Granitland Bohusln gefunden hatte. Wenn man diese
beiden schwedischen Ksten miteinander vergleicht, drcken sich ihre
Landschaftsunterschiede am besten mit den Worten aus: die Westkste
zeigt eine mnnliche Haltung, schroff, unerbittlich, trotzig. Die
Ostkste Schwedens dagegen wirkt weiblich, mit sanften Strnden, mit
ebenen groen Waldungen, mit Wiesen und vielen sanften bewaldeten
Inseln.

Meist grnen dort Tannen und Birken, dazwischen hier und da starke
Eichen. Auch viele Steinblcke sind in den Wldern verstreut, aber
nicht vergleichbar mit dem Granitpanzer Bohuslns. Das Meer ist an der
schwedischen Ostkste schmeichelnder. Es hat den schwachen Wellenschlag
eines Sackgassenmeeres. Es wirkt gezhmt und hat nichts von dem
titanenhaften Fluten, von den frischen, schaffenden und vernichtenden
Krften, die das Meer im Skagerak beleben. Die Ostkste ist ein Land
der Gutsbesitzer, und statt der Fische im Meer sind es dort die Khe
auf den Wiesen, die den Menschen versorgen mssen.

Diesen Unterschied fand ich zuerst reizlos. Aber die schwedische Gte
und Treuherzigkeit, die berall im Lande zu Hause ist, gefiel mir auch
in Dalar, und so blieb ich bis spt in den Herbst dort und sa noch,
als es regnete, drauen im Wald und machte Waldspaziergnge mit dem
Lehrer einer Schnitzereischule. Das Schulhaus lag mitten im Dickicht
und hatte viele Schler, welche da eifrig wie Waldwichtelmnner in
einem Holzhaus an Hobelbnken und Schnitztischen in Scharen arbeiteten.
--

Als die Tage dann kurz und dunkel wurden, zog ich Anfang Oktober nach
Stockholm. Ellen Key, die schwedische Philosophin, hatte damals einen
literarischen Salon in Stockholm, wo sich Sonntags die bekanntesten
schwedischen Schriftsteller trafen. Ich verkehrte gern bei der
liebenswrdigen Ellen Key, und an einem Sonntagabend lernte ich bei ihr
den jungen norwegischen lyrischen Dichter Sigbjrn Obstfelder kennen.

Ellen Key hatte in ihrem Salon zwischen den verschiedenen Sesseln ein
kleines Sthlchen stehen, das war einst ihr eigenes Kindersthlchen
gewesen. Auf diesem kleinen Stuhl sa Obstfelder an jenem Abend,
umgeben von einem Kreis von Herren und Damen. Er sprach so leise, da
sein Sprechen wie ein Wimmern war. Und als ich ihm ein wenig lebhaft in
irgendeiner Frage widersprechen mute, meinte Ellen Key, Obstfelder in
Schutz nehmend: man drfe das Lamm, wie sie ihn nannte, nicht so heftig
anreden.

Ich erzhle diese kleine Begebenheit nur, um den jungen Dichter zu
zeichnen, der sehr ernst, aber auch sehr empfindsam war, zugleich
aber krftig genug und eigentlich des Schutzes der Damen entraten
konnte. Aber sein Hang zu groer Traurigkeit gab ihm den Schein von
Hilflosigkeit. Und es war sehr gtig von Ellen Key gemeint, da sie dem
immer sorgenvollen und einem tiefen Weltschmerz nachhngenden, jungen
Norweger schtzend zu Hilfe kam.

Das Wesen dieses Dichters aber war das gerade Gegenteil von meinem
Wesen. Whrend ich allen Lebensregungen die festliche Seite abgewinnen
wollte und den festlichen Kern des Lebens immer betont haben wollte,
war Sigbjrn Obstfelder von einem wollstigen Nachhngen der
Traurigkeiten des Lebens beherrscht.

Diese Art stie mich ab, aber erregte zugleich immer wieder mein
Erstaunen, weil ich es kaum fr mglich halten konnte, da jene
Traurigkeit ernsthaft war. So kam ich fast auf den Gedanken, dieses
Traurigsein fr Einbildung zu halten, und es fesselte mich, zu
ergrnden, wie dieser junge Mann sich im Leben zurechtfinden konnte bei
all dem Leid, das er freiwillig aufsuchte.

Als man Obstfelder fragte, ob er sich in Stockholm wohl fhle, wisperte
er an jenem Abend etwas Unverstndliches. Dann erklrte einer in der
Gesellschaft, der ihm zunchst sa und die Worte verstanden hatte,
der junge Dichter habe gesagt, er fhle sich nirgends wohl. Als wir
beim Heimweg zusammen durch die Straen Stockholms gingen, erzhlte
mir Obstfelder, da er eine Witwe liebe, die rotverweinte Augen
habe und einen groen schwarzen Kreppschleier am Hut trage. Und er
sagte mir, da ihn die Trauer der Dame angezogen habe. Sie htten
beide gestern einen schnen Nachmittag verlebt. Er habe sie auf den
Kirchhof begleitet, an das Grab ihres Mannes, und habe den Kranz
tragen drfen. Das sagte er tieftraurig, einfach und ungesucht, als
wre das Traurigste das Begehrenswerteste fr alle Menschen. Mir wurde
unheimlich bei der Vorstellung, da ein Mann mit jungem warmen Blut
sich gern trauernden Menschen anschlo und Damen in Trauerschleiern
bevorzugte und am liebsten Spaziergnge zu Kirchhfen machte.
Obstfelder sagte mir weiter, als wre es das Selbstverstndlichste von
der Welt, er liebe es, in Stadtvierteln zu wohnen, wo ganz arme Leute
hausen, versorgte Gesichter armer Leute. Er suche sich als Wohnung
gern Huser aus, die so bekmmert aussehen wie ihre elenden Bewohner,
Huser, wo auf den Fensterbrettern ein paar kmmerliche Blumen stehen,
drftige Geranienstcke, die in alte Scherben und Porzellantassen
gepflanzt sind, wo Wschestcke vor den Fenstern zum Trocknen
aufgehngt sind und wo die grauen engen Treppenhuser, die nach Kalk
und Keller riechen, ausgetretene Treppenstufen haben. In solcher
Umgebung, die nie frei aufgeatmet hat, in der das Leben bedrckt aus
den Winkeln winselt, dort fhle er sich am wohlsten und zu Hause.

Ich hatte darnach geglaubt, da Obstfelder hilfsbedrftig sei, und
da ich in einer angenehmen Pension wohnte am Tegnerlund, in einem
schnen, reinlichen und gerumigen Hause, mit Aussicht ber die
grne freundliche Tegneranlage, so dachte ich, ich wrde dem jungen
Dichter etwas Gutes tun, wenn ich die liebenswrdige alte Dame, bei
der ich wohnte, bte, ihm einen billigen Mittagstisch zu geben. Aber
Obstfelder fand es dann viel zu sonnig, viel zu schn, viel zu hell und
viel zu freundlich bei jener Dame und sagte mir dieses, was ich ganz
unbegreiflich fand.

Und ich sagte ihm: "Sie finden genug Traurigkeit auch in hellen
freundlichen Husern. Glauben Sie doch nicht, da die reinlichen
Menschen, die in schnen Husern wohnen, nicht viele Traurigkeiten und
viele ungeweinte Trnen verbergen mssen. Die Dame zum Beispiel, die
jene Pension hat, in der ich wohne, ist von Kindheit an halb taub;
sie hrt nur, wenn man durch ein Hrrohr zu ihr spricht. Sie hat sich
ihr Leben lang nur mit Bchern unterhalten mssen, und sie ist zart
und vornehm und lautlos. Und wenn sie auch nicht einen Kreppschleier
trgt, so umgibt sie doch immer ein dunkler Schleier von Lebenswehmut.
Er ist nicht fr die Augen zu sehen, aber fr das Gefhl."

Whrend ich dieses sagte, rgerte ich mich dabei, da ich dem Dichter
der Traurigkeit mein freundliches helles Haus, in dem ich wohnte, von
der innersten Seite erklrte, und da ich ihm erst sagen mute, was
ich als etwas Selbstverstndliches empfand, da die Menschen, die zu
lcheln suchen, whrend sie trauern, nicht minder stark empfindende
Menschen sind als die, welche da offensichtlich weinen und traurig den
Kopf hngen lassen. Aber Obstfelders Drang zu Traurigkeiten hin mag
auch wohl darin begrndet gewesen sein, da sein Vater, der einst ein
tchtiger Bcker war, in seiner Armut im Brgerspital in Stavanger
Unterkunft gefunden hatte. Vielleicht wollte der Sohn nicht besser
wohnen als der Vater.

Sigbjrn Obstfelder war frher Ingenieur in Amerika gewesen und hatte
dann, zurckgekehrt von dort, den ihm verhaten Beruf aufgegeben.
Er erhielt, als ich ihn kennen lernte, vom norwegischen Staat ein
Jahresgeld, das aber so wenig war, da er nie richtig aufatmen konnte.
Der Fluch der meisten jungen Dichter ist es, da sie die weite Welt
erleben mchten und sich vertiefen mchten in die Leben ringsum, und in
Lebensnot wie vom Leben Ausgestoene jahrelang neben dem Lebensstrom
herschleichen mssen, von bitterer Armut erniedrigt.

Auf meiner Weltreise, als ich fern in Asien in Hongkong und Schanghai
und in Japan groen deutschen Kriegsschiffen begegnete, die auf dem
Weg zu den Kolonien nach der Sdsee waren oder dort in asiatischen
Gewssern nach China beordert lagen, dachte ich oft beim Anblick der
kostbaren Staatsfahrzeuge bei mir: wie wre es doch so einfach, wenn
auf diesen mchtig schwimmenden Staatskolossen, fr die das Volk
Millionen bezahlt hat, einige Kabinen fr Gelehrte, Knstler und
Dichter eingerichtet wren, um diesen freie Hin- und Rckfahrt nach
fernen Lndern zu ermglichen!

Und wie wre es einfach, wenn neben den Kasernen oder in den
Regierungsgebuden in unseren Kolonien, die doch auch vom deutschen
Volk bezahlt werden, ein Unterkunfthaus, eine Herberge fr Gelehrte,
Knstler und Dichter vom Staat eingerichtet wrde! Welche Unsummen
werden vom deutschen Volk an Beamte aller Art verwendet! Welche
Unsummen fr Kasernen und Schiffe! Es wrde bei den Millionen, die
dafr ausgegeben werden, nicht darauf ankommen, wenn der Staat den
jungen Knstlern des Landes auf den Panzerschiffen freie Fahrt und in
den Kolonien Unterkunftshuser mit freiem Aufenthalt zum Studium der
fremden Lnder gewhren wrde.

Und es wrde auch nicht groe Summe kosten, ein Taschengeld, hnlich
einem Beamtensold, den Studierenden zu jenen Reisen mitzugeben. Man
drfte aber nichts von ihnen fordern und nichts von ihnen erwarten nach
dieser Reise. Man mte ihnen Vertrauen und Glauben schenken, da das,
was man fr sie tte, sich zum Vorteil fr das Vaterland erweisen
wrde.

Denn manche Knstler, die gereist sind, konnten aus der Ferne nichts
mit nach Hause bringen als ein grndliches Heimweh und ein echtes
und tiefes Heimatserkennen. Es ist genug, wenn nur dieses erreicht
wird, da einer, indem er den richtigen Abstand von der Heimat
bekommen hat und beim Vergleich mit anderen Vlkern, die er besuchte,
seine Heimat aufrichtig beurteilen lernte, durchdrungen wird vom
Bewutsein, da niemals uere Schnheit ferner Weltteile dem echten
Mann die Heimatsscholle ersetzen kann. Ein Volk, das sich solch echte
Heimatknstler zchtet, tut sich selbst wohl, indem es immer den Dank
und die Gedanken dieser Knstler an sich fesseln wird. Und die Werke
dieser weitgewanderten Knstler werden tiefe, nutzvolle Arbeiten
werden, da sie dann aus tiefen Heimwehlebensstrmen geschpft sind.

Whrend jetzt viele der jungen Knstlerkrfte aus Lebenshunger das
Nachtleben der Grostdte und in ihrer Armut und Ratlosigkeit das
Herumsitzen in Kaffeehusern pflegen mssen, um wenigstens vor den
Schaufenstern des Weltlebens zu bleiben, da ihre Geldmittel nicht
zum Einhandeln groer Welteindrcke reichen, so wrden dagegen freie
Kriegsschiffsreisen die jungen Knstler reich befruchten knnen.

Man soll nicht spotten ber die Kaffeehauspoeten der heutigen Zeit, die
sich meistens aus jungen heranwachsenden, dichtenden Lebensanbetern
zusammensetzen. Man soll helfen, statt zu spotten. Das Volk,
jede Nation hat die Pflicht zu helfen. So gut wie ein Land seine
Landesgrenzen erweitert, indem es ferne Kolonien grndet, im selben
Verhltnis mu es auch die Weltblicke derer erweitern, die berufen
sind, das Leben knstlerisch festzuhalten in allen Zeitluften. Denn
nur die Knstler knnen die fernen Lnder dem Heimatland innerlich
nahebringen.

Es sollten auch die Staatseisenbahnen allen angehenden jungen
Knstlern, Gelehrten und Dichtern freie Fahrt durch ganz Deutschland
geben, und ebenso sollten die Nationen untereinander den Knstlern
diese freie Fahrt durch alle Lnder ermglichen.

Die schwedische Nation hat durch einen Schweden, der den Nobelpreis
stiftete, die Bewunderung ganz Europas geerntet. Dieses Volk geht auch
in der freien Eisenbahnreise der Knstler den Kulturvlkern mit groem
Beispiel voran. Die stockholmer Eisenbahnverwaltung erteilt jedes Jahr
einigen Knstlern, inlndischen wie auslndischen, freie Reise erster
Klasse vom sdlichsten bis zum nrdlichsten Grenzpunkt in Schweden. Ich
selbst erhielt vor einigen Jahren fr mich und meine Frau auf Anfragen
diese freie Fahrt durch ganz Schweden, und ich wei, da freies Reisen
auch anderen deutschen Schriftstellern gewhrt wurde.

Warum ist die deutsche Nation sich nur ihrer Pflicht bewut, ihre
Minister, ihre Offiziere, ihre Geistlichen besolden zu mssen?
Warum ist dieselbe Nation sich nicht ihrer Pflicht bewut, ihre
Knstler besolden zu mssen, die neue Seelenwerte hinterlassen?
Neue Seelenwerte schaffen die Geistlichen, die immer wieder die
Bibel erklren, nie, und die Geistlichen erhalten doch Besoldung und
Pfarrhuser vom Staat.

Die Stdte, die einen Knstler geboren haben, sollten es als eine Ehre
ansehen -- wenn sie es nicht als Pflicht betrachten -- dem Knstler,
der die Erdscholle, der den Menschenstamm, aus der er hervorgeht, in
seinen Werken verherrlichen wird, Haus und Garten zu bauen und ihn zu
erhalten.

So wie die Stdte Kasernen, Kirchen, Spitler, Rathaus, Post, Bahnhof
bauen knnen und sich Parke, Theater, Konzertsle hinstellen, so
sollten die Stdte doch zuerst bei dem jungen Knstler Heimatschutz
und Heimatsorge anwenden, der bei ihnen durch seine Geburt Heimatrecht
erlangt hat.

Ein bescheidenes Haus, ein bescheidener Garten, eine bescheidene
Einrichtung, gesundheitlich und sauber im Stand gehalten, eine
bescheidene Kchenkost sollte jeder Knstler in seiner Heimat fr
sich finden, neben dem freien Reisen durch die Lnder. Und lat dann
bei ihm seine Frau oder seine Familie, seinen Vater, seine Mutter,
oder eines seiner Geschwister weilen, die um ihn sorgsam sein wollen.
Denn bedenkt, da der Knstler immer im Geiste weltfern leben mu, um
echt im Geist und Gefhl zu schaffen. Und bedenkt, da ein Knstler
ein wenig Schutz um sich braucht, weil der Geist immer leichter zu
gefhrden ist als der Krper.

Ihr erlaubt doch euren Generlen und Offizieren, euren Ministern und
Beamten, euren Lehrern und protestantischen Geistlichen, da sie ihre
staatliche Wohnung haben, worin sie mit ihrer Familie hausen. Seid
nicht engherzig und gnnt euren Knstlern dasselbe, was ihr diesen
Mnnern, die der Staat bentigt, bietet.

Jede Stadt sollte eine Jahressumme aussetzen fr jeden ihrer Knstler,
der Geburtsrecht in ihr hat. Jede Stadt wird so die Heimatkunst und
dadurch die nationale Kunst bereichern helfen.

Der Knstler soll in seiner Heimatstadt seinen Erdfleck haben, sein
Stck Vaterland und sein Heimatdach, wo er zu jeder Zeit, wenn er,
bereichert von Wissen und Erleben, sich zurckziehen will, fr kurz
oder lang einen Ruheplatz zum Ergrnden und Ausarbeiten seiner
Eindrcke finden kann; einen Ruheplatz, wenn er krank ist, und einen
Ruheplatz, wenn er alt ist.

Die flchtige Hast, die viel unreifes Schreiben erzeugt und einen
Wust von Bchern gebiert, durch die das Volk kaum den Weg aus
nebenschlichen Werken zu hauptschlichen Werken finden kann, wird
wegfallen, sobald der Knstler immer wieder wei, da seine Stadt und
zugleich die ganze Welt frei vor ihm liegt. Wenn er wei, da er frei,
kostenlos wandern und zurckkehren darf, sobald er es verlangt, und
berall standesgeme Unterkunft findet.

Jeder Knstler mu wissen, da er unermeliches Vertrauen geniet,
weil er mit dem kleinsten Buch, mit einem einzigen Gemlde, mit einem
einzigen Musikstck Unermeliches, Hoheitsvolles seiner Heimat geben
kann, Hheres, als jemals Pfarrer, Lehrer und Beamte ihrer Heimat und
ihrem Volke zu geben vermgen.

Dann wird mancher Knstler nicht gezwungen werden, manchem
erniedrigenden brgerlichen Zeitgeschmack zu huldigen, des tglichen
Brotes und des Lebens zuliebe. Er wird stark werden durch die Heimat,
die er bis zu seinem Lebensende als sicheren Lebensgrundstein sprt.

Es sollten sich Vereine bilden, die Einzelhuser und Atelierhuser und
Unterkunftshuser den wandernden Knstlern bauen.

Die Echtheit eines solchen mit Bewutsein gepflegten Knstlertums
wird das nationale Leben eines Volkes so verinnerlichen, da davon
die Vlker, geistig gekrftigt und geistig erfrischt, sich in jeder
Beziehung tatkrftiger fhlen werden. Denn durch die Wrdigung des
Knstlers wird die hchste nationale Geist- und Gefhlsentfaltung
gepflegt. So wie Nationen bis jetzt fr ihre krperliche Erhaltung
sorgten, indem sie Handelsministerien, Kriegsministerien, Ministerien
der Kolonien und andere Ministerien gegrndet haben, mten sie
auch ein Knstlerministerium aus ttigen Knstlern grnden, das
an Bedeutung zum mindesten der Nation so wichtig sein mte wie
die Schulangelegenheiten, die kirchlichen und die militrischen
Angelegenheiten.

Aber zuerst mssen die Stdte und Orte beginnen, ihre schpferischsten
Shne, die Knstler, die in ihnen geboren sind, heimatlich und in
allen Ehren zu verpflegen. Die Stdte sollen sich aber nicht einfallen
lassen, dabei in einen Wetteifer zu verfallen und zu protzen mit dem
Wohltun, denn damit schdigen sie die knstlerische Ruhe ebensosehr
wie mit der Vernachlssigung der Knstler. Die Stdte sollen nicht
knstlerische Schlemmer und knstlerische Verschwender erziehen. Die
Stdte sollen den in ihren Mauern geborenen Knstlern unveruerliches
Hab und Gut auf Lebenszeit zur Verfgung stellen. Aber die Heimat
soll den Knstler nicht durch verderbliche ppigkeit verwhnen und
vernichten. --

Ich sprach diese Gedanken aus, die mir oft auf Reisen und zu Hause im
Herzen umgingen. Ich hatte die Knstlernot nicht blo bei Hunderten
von jungen heranwachsenden Knstlern in vielen Stdten Europas vor
Augen, auch meine eigenen Notstunden vergangener Jahre gaben mir diese
Gedanken ein. Hunderte von Gesprchen habe ich gehrt und hundertmal
rastloses Fragen, wie den jungen heranwachsenden Knstlern am besten
geholfen werden knne, damit sie die Welt in Tiefen und Weiten erleben
und doch, in der Heimat festwurzelnd, ihrer groen Lebensaufgabe, die
an sich mhevoll genug ist, ohne Armutsleiden gerecht werden knnten.

Ich will nicht sagen, da alle Knstler das Reisen ntig haben. Manche
werden zeitlebens ihre Scholle nicht verlassen wollen. Aber das werden
die wenigsten sein. Ich glaube, da jedem Knstler in der Jugend der
Drang innewohnt, wenn nicht alle Weltteile, so doch die Heimat auf
freien Reisewegen und die uerste Heimat, die Kolonien, ebenfalls auf
freien Reisewegen erleben zu wollen.

Und die Mittel, dieses zu erreichen, sind nicht so ungeheuerlich und
nicht so unmglich unerschwinglich fr ein Volk, wenn man den Plan
verfolgen wrde, fr die Knstler freie Reise auf den Staatsschiffen
und freie Reise auf den Staatseisenbahnen einzurichten, und wenn man
es durchsetzen wrde, mit Errichtung von Unterkunftshusern in den
Grostdten und mit Errichtung von Heimathusern in den Heimatsorten
den betreffenden Knstlern das Wandern und das Wohnen und die
Verpflegung zu erleichtern. --

       *       *       *       *       *

Der arme Sigbjrn Obstfelder starb schon bald. Er wurde nur einige
dreiig Jahre alt. Not, Gram, Unterernhrung machten, da er hinsiechte
und lebenswiderstandslos wurde, und die erste grere Krankheit,
die ihn traf, raffte ihn fort. Nachdem der Arme noch die Schrecken
einer unglcklichen Ehe erlebt hatte und von der Frau, die er liebte,
tgliche Verachtung ertragen mute, weil er sie nicht ernhren konnte,
wurde er todkrank und starb. Die Norweger sehen Obstfelder heute noch
als einen ihrer tiefsten Lyriker an, die die Neuzeit hervorgebracht.
Der Dichter des Elends und der Traurigkeit ist er gewesen und geworden
durch das Elend, das heutzutage jeden armgeborenen Dichter verfolgt. --

Die meisten Vlker haben ein Gesetz gemacht, das die Nutznieung der
Werke eines Knstlers nur bis dreiig Jahre nach seinem Tode den
Nachkommen des Knstlers gewhrt. Die Nationen, die sich also ein
Nationalrecht auf das Lebenswerk ihrer Knstler zugesprochen haben,
haben das Eigentum eines Menschen nach dreiig Jahren als vogelfrei
erklrt und als der Nation zugehrig. Die Vlker, die dieses Gesetz
gemacht und dieses Recht sich zueigneten, haben damit ffentlich
kundgetan, da der Knstler kein auer der Nation und auer dem
Volksinteresse stehender Mensch ist.

Und es ist darum nicht blo anstndig, sondern gerecht, zu fordern,
da das Volk, das sich durch den Knstler spter auf Jahrhunderte
bereichert fhlt, eine Vorausvergtung auf diese zu erwartende
Nationalbereicherung dem Knstler bei Lebzeiten zukommen lt. Und
zwar in der Weise, da die Nation dem Knstler die Arbeit und die
Aufnahme von Lebenseindrcken erleichtert. Jedes Knstlers Heimatstadt
soll angewiesen sein, den Knstler, der ihr einst Ruhm bringt und ihr
einen geistigen Besitz hinterlt, nicht blo gndig zu besolden,
sondern diese Stadt soll dem Knstler einen Ehrenunterhalt bieten. Denn
angeborenes Knstlertum berechtigt den jungen Knstler, einen Ehrensold
zu erwarten und zu empfangen.

Der Einwand, da soundso viele junge Krfte vielleicht der Nation
keinen Reichtum zurcklassen, indem nach ihrem Tode ihre Werke
vielleicht nicht einmal von dreiigjhriger Bedeutung sind, dieser
Einwand wird dadurch hinfllig gemacht, da ein einziger groer
Knstler jene hundert und mehr umsonst vom Staate ernhrte Knstler
aufwiegen wrde.

Goethes Geist ist in der deutschen Nation so selten wie Bismarcks Geist
und Moltkes Geist. Aber deshalb ernhrt man doch viele Offiziere und
Staatsbeamte, wenn diese auch keine Bismarcks und Moltkes werden,
und bietet ihnen Ehren und Unterhalt, Wohnung und Altersversorgung.
Und soviel wie diese Beamtenschar, die der Staat heute ernhrt,
Versorgungsgelder beansprucht und Wrdegelder, soviel wird im
Verhltnis nie der Knstler dem Staat kosten. Denn die echten Knstler
werden von der Natur vereinzelt geboren und knnen nicht durch Schulen
gezchtet werden wie Beamte und Offiziere! Also werden sie nie in
Massen da sein. Aber die Werte, die hundert von tausend Knstlern
hinterlassen, sind immer unschtzbarer und unbezahlbarer als die Werte,
die hundert Beamte von tausend Beamten auf Hunderte von Jahren der
Zukunftsentwicklung des Nationalgeistes schenken knnen.

Auerdem soll der Knstler -- und jeder echte Knstler wird es so
wollen -- nicht in Protzerei und Grotuerei vom Staate grogepflegt
werden. Sondern es soll ihm verholfen werden zur Bewegungsfreiheit
und Heimatsruhe, und es soll ihm Schutz vor Nahrungs-, Gesundheits-
und Verpflegungssorgen gewhrt werden. Dieses Wenige aber soll ihm
in gediegenster und ehrendster Weise zugesprochen werden. Denn des
Knstlers Leben, auch des jngsten knstlerischen Anfngers, bedeutet,
sowohl wie seine Werke nach seinem Tode, ein Ehrengut fr die Nation.

In den achtziger und neunziger Jahren, in jener Zeit, von der ich
hier in meinem Buch "Gedankengut" spreche, waren die Selbstmorde
unter den jungen Knstlern in schreckenerregender Weise an der
Tagesordnung. Das neue Grostadtleben, das da zum erstenmal von der
Maschinenwelt urpltzlich aufgebaut, im Glanz des neuen elektrischen
Lichtes, in der Eile des Reiseverkehrs und mit dem Einsetzen des
blendenden Nachtlebens, dastand, verwirrte manchen jungen Geist. Ebenso
kam dazu die ffentliche Unverhlltheit des bisher unterdrckten
Geschlechtslebens, das aus der Verkmmerung und Unterdrckung in
einen Geschlechtstaumel umschlug, der nichts mehr mit heiliger,
selbstverstndlicher, aus der Natur geborener Geschlechtsliebe zu tun
hatte.

Dieses Grostadtleben berreizte jhrlich viele aufwachsende und
ins Leben tretende junge knstlerische Talente mit seinen neuen
schwindelnden Freiheiten. Es ri die jungen Knstler aus dem
Heimatboden in nervenerschtterndes Getriebe, erweckte malose
Weltgier und Sinnenbegierde und erfllte die Knstlerherzen nur mit
viel Blendwerk und mit viel krankhaftem Verlangen aufgestachelter
Erwartungen.

Der Alkohol spielte dann als Hauptbetubungsmittel eine groe Rolle.
Die kufliche Straenliebe und die herzloseste Abenteuerjagd,
die das innerste Verlangen nicht stillen konnten, trieben die
zerrtteten Geister junger Knstler entweder ins Irrenhaus oder zur
Alkoholvergiftung an oder zum Selbstmord.

Wrden aber die jungen Knstlerkrfte, die da welthungrig in den
Weltstdten zusammenkamen, freie Wege, von Staat und Nation gebotene
freie Weltwanderwege gefunden haben, und wrden sie auch die
Versicherung gehabt haben, da bei der Rckkehr aus der Fremde ihnen
die Heimat immer einen Ehrenruheplatz zu bieten hatte, so wren nicht
die Verzweiflung, die Verirrung, der Selbstmord damals so alltglich
geworden.

Ein verrckter Maler, ein verrckter Dichter, ein Malerlump, ein
Dichterlump, ein armer Musikernarr -- so hrte man und hrt man
noch heute im Volk die jungen Knstler verchtlich nennen, sie, die
vielleicht nicht immer welterschtternde Werke hinterlassen werden,
die aber doch meistens alle ehrlich streben und auch mit dem kleinsten
Werk Festlichkeit verbreiten knnen und einen Hauch von seliger
Unwirklichkeit in die sich sonst heilaufende Wirklichkeit des Lebens
zu bringen vermgen.

Es ist nicht wahr und es ist eine Selbsttuschung, wenn eine Nation
behauptet, sie knne das Heer der jungen Knstler nicht ernhren.
Sie mu es knnen. So gut wie sie das Muskelheer, das Kriegsheer,
vaterlandsfreudig ernhrt, mu sie das Geistesheer _junger
schpferischer_ Knstler ernhren.

Die Nation mu die geistigen Frderer, die zur Erhhung der
Lebensfestlichkeit und zur Erhhung des Lebensmutes und zur geistigen
festlichen Erhebung dem Volk geboren sind, mit allen Krften und allen
Ehren von allen Sorgen des Alltagslebens befreien, damit jeder Knstler
sein ihm _angeborenes_ festliches Innere, seine ihm _angeborene_
geistige Schpferkraft in erschpfendstem Mae bettigen kann. Nur
dann darf sich eine Nation vollkommen lebenswrdig nennen, wenn sie
sich aufrafft und sorgt, da ihre Knstler, deren Werke sie spter als
Nationaleigentum beansprucht, bei Lebzeiten Anspruch haben drfen auf
wrdigste nationale Frderung.

Und wenn _Heimatgemeinde_ und _Staatsgemeinde_ Hand in Hand gehen
bei der Frderung der Lebensfrage ihrer Knstler, so wird eine Hilfe
gar nicht so schwer sein und unmglich, wie das bis zum heutigen Tag
allgemein angenommen wurde. Der Staat _allein_ kann nicht helfen.
Er hat auch nicht den Einblick in jede einzelne Knstlernatur. Die
Stadtgemeinde aber, die den Knstler geboren hat, trgt die erste
Verpflichtung zur ehrenvollen Erhaltung des Knstlerlebens, das in
ihren Mauern geboren wurde. Der Staat aber soll das Reisen der Knstler
zu Wasser und zu Land durch Reiseerleichterung und Einrichtung von
Unterkunftshusern ermglichen.

Wie schnell werden dann jene Kaffeehausliteraten ihre Arbeitswege
finden und nicht mehr, brtend und zeitvergeudend, ihre Jugend
vertrauernd, sich dem Spott des Publikums preisgeben mssen. Wenn jene
jungen Knstler frei reisen knnen, werden sie nicht mehr in ihrer
Traumseligkeit blo die Kaffeehuser aufsuchen mssen. Ihre Trume
werden durch weites Reisen grozgige Weltnahrung erhalten, und spter
dann, von der Weltwanderung zurckgekehrt, werden sie ihre Heimat
doppelt lieben knnen, werden mehr als in jedem anderen Land die
Schnheit der engen Heimat entdecken und werden herzliche Dichter und
weise Berater ihrem Volke sein knnen.

Wenn man aber sagen wrde, da es Jahrhunderte den Knstlern schlecht
gegangen ist und Jahrhunderte ihnen ohne Stadt- und Staatshilfe weiter
schlecht gehen soll, so ist das eine liederliche und unwissende
Antwort. Es ist, als wollte einer sagen: wir sind Jahrhunderte
ohne Eisenbahnen und ohne Telegraphie ausgekommen, wir haben uns
Jahrhunderte nicht gegen die Pocken impfen lassen mssen, und die
Menschheit hat doch gelebt, jede Neuerung ist ein Unsinn, weil die
Menschheit sich ohne Neuheit von selbst durchschlgt oder verdirbt!

_Kein ernstes Gehirn und kein ernstes Herz wird einer so
menschenunwrdigen Antwort zustimmen knnen_.

Natrlich ist nicht jeder, der einen Reim schreiben kann, ein Dichter.
Nicht jeder, der eine Zeichnung nachzeichnen kann, ist ein Maler, und
nicht jeder, der ein Instrument spielen kann, ist ein Komponist. Aber
jeder Stadt wird es mit der Zeit nicht schwer fallen, in ihren Mauern
ihre wirklich schpferischen Knstler zu entdecken und diese in den
Stadthaushalt aufzunehmen.

Bis zu seinem fnfundzwanzigsten Jahr, vielleicht auch noch frher,
wird es jedem Knstler mglich sein, den Beweis zu liefern, da
er etwas Eigenartiges schaffen kann. Von dann ab sollte er in die
Stadtobhut aufgenommen werden. Wenn nicht der Beweis so auffallend ist,
da er schon mit zwanzig Jahren die Aufnahme erlangen kann. Mit der
Aufnahme in den Stadtschutz mte dann zugleich die Aufnahme in den
Staatsschutz verbunden sein.

Und kann ein junger Knstler nicht mit fnfundzwanzig Jahren den Beweis
seiner Fhigkeit bringen, so bringt er vielleicht mit dreiig, mit
fnfunddreiig, mit vierzig Jahren den Beweis, da sein Leben ein
geistiges Heimatgut und damit ein geistiges Staatsgut bedeutet.

Der Gedanke, nicht ewig dem Elend preisgegeben zu sein, wird einem
jungen Knstler, wenn er auch noch nicht den Stadtschutz erlangt
hat, mutig und lebenszuversichtlicher machen und ihn vor den groen
Bekmmernissen schtzen, die seine geistigen Arbeiten benachteiligen.
Denn es ist eine traurige Niedertrchtigkeit, wenn unverstndige
Menschen den jungen Knstlern nachsagen, da, je mehr Not sie leiden
mssen, desto besser die jungen Geister arbeiten knnen.

Das ist gerade so unsinnig und roh gesprochen, als wollte ich sagen:
je weniger ich einen Garten pflege, desto mehr Blumen blhen und desto
mehr Frchte tragen die Bume dort.

Die Blumen und die Frchte, die sich unter Mhseligkeiten, ohne
Pflege im verwahrlosten Garten durchschlagen mssen durch Unkraut,
Insektenfra und auf vernachlssigtem ungedngtem Boden, die werden
recht kmmerlich ausfallen im Vergleich zu denen die auf einem gut
gepflegten Gartenstcke aufwuchsen.

Der junge Knstler, der sich zum Stadt- und Staatsschutz hin
entwickelt, wird in seiner Familie, bei seinen Verwandten und Freunden
Achtung erhalten! Und bis zu seinem fnfundzwanzigsten Jahr wird die
Familie nicht abstehen wollen, den jungen Knstler wie einen Studenten,
den sie danach versorgt wei, nach Krften zu untersttzen. Der junge,
sonst von seinen Verwandten unverstandene und beargwhnte Knstler
wird der Verachtung enthoben werden durch die Aussicht, da er nach
seiner ersten strkeren Arbeit dann fr die weiteren Arbeiten den
Schutz und die Ehrenversorgung der Nation finden wird.

Und sollte es wirklich vorkommen, da unverdientermaen einige halbe
Talente Unterkunft gefunden htten, so wre das Unglck nicht zu gro,
denn wie viele halbe Beamte und halbe Offiziere ernhrt nicht der
Staat seit Jahren. Grer ist das Verschulden der Nation, wenn sie die
Gesamternte der Kunst nicht heben und steigern will. Denn dadurch wird
die Lebensfestlichkeit, der Lebensmut und die Lebenskraft eines ganzen
Volkes und seine Weisheit und seine Gefhlswelt niedergehalten.

Was ntzt ein stehendes Heer, was ntzen alle Offiziere und Beamte,
die zum Kulturschutz da sind, wenn in dem Schutzwall, den das Heer
und das Beamtentum um die Geisteskraft des Volkes bilden soll, diese
Geisteskraft nicht zu gepflegtem Blhen gebracht wird. Denn die hchste
Blte der nationalen Geisteskraft war nie allein das Gelehrtentum eines
Volkes, sondern vor allem war es das Knstlertum.

Seht zurck auf die Jahrtausende, was von dem Leben der toten Vlker
heute noch fruchtbringend zu uns gekommen ist. Es sind das meistens
nur die knstlerischen Werke toter Nationen. Mit den Wissenschaften
vergangener Jahrtausende knnen wir nicht allzuviel mehr anfangen, und
nur einiges davon wirkt noch befruchtend, whrend die Dichter und die
Knstler untergegangener Nationen heute noch in ihren Werken immer
gefhlbefruchtend ewig unter uns weiterleben.

Wir knnen fast gar nicht daran glauben, wenn wir zum Beispiel ein
altes chinesisches Gedicht, ein indisches Lied, ein griechisches
Drama, eine gyptische oder griechische Bildsule nachempfinden, da
diese Geschlechter, aus deren Zeit diese Werke uns berliefert wurden,
vom Erdboden verschwunden sind. Diese Geschlechter haben nur ihren
Krper, aber nicht ihren Geist aufgegeben. Denn ihr Geist lebt in den
berlieferten Kunstwerken fruchtbringend und unberwindlich, alle
kommenden Zeiten zur Achtung zwingend und an die tote Zeit erinnernd.

Die Knstler sind die unsterblichen Atome der Vlker. Was diese Atome
taten oder sagten, behlt ewige Lebenswrme, wenn es echt gewesen.
Denn die Werke der Knstler bilden den Unsterblichkeitsbestand
untergegangener Vlker.

Und wenn der einzelne Mensch gern an ein Fortleben seines eigenen
Lebens und des Lebens seiner Lieben denken mchte, so wird er, wenn er
ein ernstes Wesen ist, auch an dem Fortleben seines Volkes, in dessen
Mitte sein Leben sich abspielte, beteiligt sein wollen und sich daran
beteiligen mssen.

Darum wird es Ehrenpflicht jedes Brgers sein, da er mit der
Erhaltung des Knstlertums und mit ehrenvoller Verpflegung der
Knstler zur Unsterblichkeit der Nation beisteuert. Ebenso, wie jeder
tchtige Brger zur nationalen Verteidigung mit seinem gesunden
Krper und seinen Steuern willig beitrgt. Es wird eine Steuer,
zum Nutzen der Knstler den verschiedenen Stnden des Volkes, der
Arbeiterklasse, der Beamtenklasse und der Kaufmannsklasse angepat,
das ganz selbstverstndliche und natrliche Mittel sein, zu dem die
veredelte und sich selbst achtende Nation greifen mu, um festliche
Daseinsberechtigung und knstlerische Unsterblichkeit zu erlangen.

       *       *       *       *       *

Als eines der vielen tausend Beispiele, die ich bringen knnte, um dem
deutschen Volk zu berichten, wie bitter und grausam ein junger Knstler
von der Verpflegungssorge geqult werden kann, will ich nur einen der
unglcklichsten Flle aus meinem eigenen Leben erzhlen.

Es war eines Tages in Paris. Meine Frau und ich waren schon wieder
von Mexiko zurckgekehrt, wo wir gehofft hatten, unter billigen
Lebensverhltnissen und fern von dem anspruchsvollen europischen Leben
uns niederzulassen und uns durchzuschlagen. Es war ein Rettungsversuch
gewesen, ein Fluchtversuch fort von der berkultur. Mit dem Rest meines
Vermgens hatte ich mir in Mexiko einen Tropengarten kaufen wollen,
dessen Ertrag uns ernhren sollte.

Diese und viele andere verzweifelte Versuche, Dichtung und
Lebensverdienst zu vereinigen, waren gescheitert, und mittellos
befanden wir uns wieder, nach Paris zurckgekehrt, in einem
bescheidenen Knstlerhotel im Stadtviertel Montparnasse. Wir wohnten
in einem kleinen Zimmer, das wirklich fr nicht mehr als fnf Schritte
Raum hatte. Aber wir waren verhltnismig unbesorgt, und ich
dichtete, und wir hofften auf die Hilfe von Verwandten, denen wir
geschrieben hatten.

Aber die Antwort blieb aus. Und eines Tages hatte ich kein Kupferstck
mehr in der Tasche. In Paris war es uns unmglich, in eine Wirtschaft
zu gehen und auf Stundung zu essen, und es blieb uns auch keine
Aussicht, von irgendwelcher Seite Hilfe zu bekommen.

Tonlos und die Verzweiflung einander nicht zeigen wollend, saen
wir, meine Frau und ich, in unserem kleinen Zimmer und hatten nicht
gefrhstckt und wuten, da wir weder Mittag- und Abendessen erhalten
wrden, und da wir wahrscheinlich auch, wenn wir nicht vorher
verhungert sein wrden, das Gasthaus bald verlassen mten, da wir die
Miete des winzigen Zimmers nicht zahlen konnten.

Wir hatten natrlich unzhlige Briefe geschrieben nach verschiedenen
Seiten, aber entweder abschlgige Antworten oder gar keine Antwort
erhalten. Und doch hatte ich viele Bekannte und viele Verwandte in
aller Welt und hatte auch mehrere Bcher verffentlicht, und man
wute, da ich kein zweifelhafter Anfnger mehr war, denn mein Name
war bereits unter die Namen der neuzeitlichen Literatur als bekannt
aufgenommen worden. Und doch war dieses Mal, wie so oft vorher und
nachher, keine Hand da, die uns Schutz bieten wollte. Denn niemand
fhlt einem Knstler gegenber, auch wenn dieser schon bekannt ist,
eine Verpflichtung, bevor derselbe nicht gestorben ist. Dann erst
setzt die Verpflichtung, ihn als Nationalgut zu ehren, die Huser,
in denen er gewohnt hat, mit Tafeln zu versehen, seine Notbriefe zu
verffentlichen, mit rhrender und leider mit recht nutzloser Sorgfalt
ein.

An jenem grauen Sorgentag, an dem die groe Stadt Paris mir
wie ein menschenleeres Meer vorkam, auf dem meine Frau und ich
vergeblich hilfesuchend hintrieben, fand ich, als ich gegen Abend
die Gasthaustreppe hinunterstieg, am Schlsselhalter neben der
Hausmeisterstube bei meiner Zimmernummer ein Telegramm fr mich
angesteckt.

Ich will das gefaltete Papier ffnen, als meine Frau im selben
Augenblick durch die Haustre von der Strae hereinkommt, da sie
auf der Post gewesen und meine Briefe fortgeschickt hatte. Sie
sieht das noch ungeffnete Telegramm in meiner Hand, erschrickt
und bittet mich dringend, es nicht zu lesen. Ich verstehe, da sie
irgendeinen Verwandten, von dem es mir peinlich wre, Hilfe anzunehmen,
telegraphisch um Hilfe angegangen hat, und da dieses nun die Antwort
sein mu, der meine Frau mich aber nicht aussetzen will, im Fall
dieselbe abschlgig ist.

So deutete ich mir den Schrecken in ihrem Gesicht. Und um sie nicht
zu qulen, gab ich ihr das Telegramm ungeffnet. Wir verlieen dann
zusammen das Gasthaus und gingen auf dem stillen Boulevard Raspail
hin. Und hier erzhlte sie mir unter Trnen, da ihr, nach all den
abschlgigen Antworten, nichts anderes briggeblieben war, als einen
ganz auergewhnlichen, aber notwendigen Ausweg zu whlen. Sie hatte am
Nachmittag ihrem Vater, der nicht mehr helfen wollte, nach Stockholm
telegraphiert, da ich pltzlich an einem Hirnschlag gestorben sei!
Und sie hatte ihn um _Beerdigungsgeld_ gebeten! -- Nun war es uns
ganz schauerlich zumute, als wir das Telegramm ffneten, das meines
Schwiegervaters Beileid enthielt und zugleich die Meldung, da tausend
Franken fr die Beerdigungskosten telegraphisch folgen wrden. Ich
war tief erschttert. Niemals ist mir eine Hilfe so schauerlich und
grauenhaft erschienen wie diese. Und doch mute ich meiner Frau recht
geben, als sie diesen einzigen Ausweg, den es fr uns gab, gewhlt
hatte.

Wir gingen zum Gasthaus zurck und warteten unter unheimlicher
Bedrckung und empfingen eine Stunde spter von der Post mein
Beerdigungsgeld. Und noch unheimlicher wurde dann die kleine Mahlzeit,
die wir in einer kleinen Knstlerwirtschaft, schweigend und mit Trnen
kmpfend, einnahmen. Wir waren von der Sorge schon so ernst gemacht
worden, da wir dieses Mal nicht mehr die Kraft hatten, uns von dem
empfangenen Geld mit jugendlicher Leichtigkeit zu sttigen.

Als wir zu unserem Gasthaus zurckkehrten, fanden wir dort andere
Beileidstelegramme von anderen Familiengliedern meiner Frau aus
Stockholm vor. Wir weinten, als lge wirklich ein Toter im Zimmer,
so sehr qulte uns noch der Schrecken und die Schmach der Not. Dann
muten wir, um die Sorge der Angehrigen nicht zu lang auszudehnen,
zurcktelegraphieren und melden, da ich wieder am Leben sei, und
zugleich schickten wir erklrende Briefe ab.

Aber mein Begrbnisessen, an dem ich selbst teilgenommen hatte,
und jene Notstunden, die meine Frau zu dieser verzweifelten Notlge
gezwungen hatten, stehen mir heute noch schaudervoll im Gedchtnis. Nur
die tausend jungen Knstler, die sich in hnlicher Lage befunden haben,
werden mir nachfhlen knnen. Aber den Fluch, der sich einem auf die
Lippen drngt, den man erbittert jener Generation zurufen mchte, die
nie ihre ganze Kraft eingesetzt hat, um sich der Kunstwerke, die ihr
ihre Knstler schenkten, wrdig zu erweisen -- diesen Fluch verschluckt
man am besten. Denn immer ist noch die Annahme mglich -- wenn auch die
Zeit zur Erkenntnis nationaler Pflichten bei den Vlkern damals noch
nicht reif war -- da eine bessere Zeit jetzt anbricht, die dem Stand
der Knstler gerecht werden mu. Diese Hoffnung trstet mich und macht
mir vergangene Schmerzen allmhlich vergessen.

Vorlufig, finde ich, benehmen sich die Nationen dem Knstlerstand
gegenber im Groen und Ganzen wie Ruber einem Wehrlosen gegenber.
Sie raubten einfach dreiig Jahre nach dem Tod des Knstlers den
Nachkommen das Eigentumsrecht der Arbeit des Verstorbenen. Dem sie
im Leben nichts gegeben haben, den sie in seiner Jugend bezweifelt
und verachtet haben, dem sie in seiner Jugend keine hilfreiche Hand
gereicht haben, keine Mittel und Wege geschenkt -- dem nehmen sie auch
noch das, was seinen Kindern und Enkeln gebhrt, das Eigentumsrecht der
vterlichen Arbeit.

Warum fallen nicht die Gter des Adels, warum fallen nicht die
erworbenen Vermgen der Reichen, warum fallen nicht die Geschfte
verstorbener Handelsherren nach dreiig Jahren der Nation zu?

Richard Wagner wnschte, da sein "Parcifal" nur in Bayreuth gespielt
wrde. Welche Kmpfe hat es jetzt der Familie Wagners gekostet, ihr
Eigentumsrecht nach dreiig Jahren verlngert zu erhalten! Dieser
Knstler wurde bei Lebzeiten von seinen Glubigern von Stadt zu Stadt
gejagt. Er mute sich verstecken, wurde in seinen Arbeitsjahren mit
Schande und Spott beworfen und steht jetzt als der Herold eines neuen
deutschen Musikgeistes, von ganz Europa gefeiert, an der Spitze der
deutschen Musikwelt und brachte seinem Volk vor anderen Vlkern Ruhm
und Ehre.

Und ging es Beethoven anders? Verkannt und versorgt plagte er sich sein
Leben lang. Nichts schenkte ihm die Nation. Aber er schenkte seinem
Volk seine Kraft, so da es sich nach seinem Tod das musikstolzeste
Volk nennen durfte. Die Nation selbst aber hat nichts fr Beethoven
getan, als er lebte.

Fr die Wehr des Landes sorgt man. Es kommt mir aber vor, als ob wir
dicke Gartenmauern bauen, indessen drinnen im Garten die besten Bume
und die besten Pflanzen hungern. Und was ntzen die Mauern, was ntzt
das Heer, wenn die Gartenleitung, wenn die Regierung die besten jungen
Pflanzen und jungen Bume nicht zu pflegen wei.

Neulich erst hat sich eine ausgezeichnete polnische Malerin, die,
tchtig und anerkannt, von den besten franzsischen Malern gerhmt
wurde, und deren Bilder von verschiedenen Museen angekauft wurden,
nach jahrelanger Mhseligkeit, verzweifelt gemacht von Nahrungssorgen,
in Warschau vor einen Eisenbahnzug auf die Schienen geworfen.

Die unglckliche Knstlerin war zu einem Besuch nach Hause nach Polen
gereist. Vielleicht hoffte sie bei ihren Verwandten Hilfe zu finden
oder in der Heimat berhaupt. Aber es scheint, Enttuschung dort hat
ihr den letzten Mut genommen. Und statt in den Zug zu steigen, der sie
wieder nach Paris, in die bittere Mhseligkeit fern von der Heimat
zurckfhren sollte, hat die arme verzweifelte Frau den Tod gewhlt und
sich vor die Lokomotive geworfen.

Und diese Malerin war kein halbes Talent. Es war ein groes Talent,
das mit ihr untergegangen ist. Und die Stadt Warschau htte stolz sein
drfen, eine solche Knstlerin geboren zu haben. Wenn die Nationen
stolz sind auf Vlkersiege, so sollten sie noch stolzer sein auf
Geistessiege.

In meiner Wohnung hngt ein Bild, das jene Frau gemalt hat. Sie war
in Paris Schlerin Carrires gewesen, und sie hatte sogar selbst mit
Carrire und einem anderen bedeutenden Pariser Maler eine Malschule
erffnet. Ich kannte sie gut, schon vom Tage an, an dem sie zum
erstenmal nach Paris kam, bis zu ihrem Tode, und ich wei genau, da
keine andere Sorge als die Sorge um den Lebensunterhalt jene Knstlerin
in den Tod getrieben hat.

Die arme bedeutende Frau bewohnte ein groes Atelier, und dieser Raum
war ihre Lebenssttte. Sie schlief auf einem kleinen Liegestuhl in
einem Winkel dieser Werkstatthalle. Aber man soll nicht denken, da
jenes Atelier bunt aufgeputzt war mit weibischem Schmuck. Der groe
Raum war nur ernste Werkstatt, war die echte Arbeitssttte eines echten
Knstlergeistes. Mit Ausnahme von einigen notwendigen Hausgerten
standen da nur noch eine alte Kommode, ein Klavier und ein paar Tische
und Sthle. Auerdem befanden sich nur Unmassen von Bilderrahmen,
aufgespannte Leinwanden, Staffeleien und ein kleiner eiserner Ofen in
dem arbeitsnchternen Raum.

Die zarte Gestalt dieser Knstlerin, deren groer Kopf auf einem
gebrechlichen lautlosen Krper lebte, sehe ich noch immer mit der
Palette in der Hand vor mir. Eine groe Palette, hinter der die
schmchtige Dame fast verschwand.

Ein paar armselige Tassen ohne Untertassen und ein einziger Teelffel,
der, wenn Besuch da war, herumgereicht wurde, machten ihre wenigen
Haushaltungsgegenstnde aus. Sie a tglich kaum mehr als ein Ei oder
einen Zwieback und sie trank Tee in der Abendstunde und Tee in der
Morgenstunde und Tee in der Mittagsstunde. Manchmal nur besuchte sie
mittags eine kleine Arbeiterspeisestube, wo sie einen Teller Suppe a
und ein Brot.

Sie war tief gebildet. Polnische Dichter und polnische Knstler und
franzsische Dichter und franzsische Maler fllten an Sonntagabenden
die rmliche pariser Malerwerkstatt, wenn die Polin Empfang hatte.
Dann reichte die Knstlerin in ihren wenigen Tassen den Tee herum,
schlicht und anspruchslos zwischen ihren Gsten sitzend. Das Echo
aller europischen Kunstbestrebungen und das Echo aller europischen
Dichtergeister lebte in den klugen Meinungen, die an jenen
Sonntagabenden in dem wenig erleuchteten riesigen Glasraum zwischen
jener Frau und ihren Gsten lebhaft ausgetauscht wurden.

Eine Schwester dieser Malerin studierte in Paris Chemie. Und ich
erinnere mich, da mir eines Tages die Knstlerin, als sie mich malte,
mit auergewhnlich lebhaften Augen erzhlte, ihre Schwester sei jetzt
in jener chemischen Abteilung in Paris beschftigt, in welcher man auf
knstlichem Wege Diamanten herzustellen versuchte.

"Ach," sagte sie lchelnd, halb ernst, halb spahaft, "wenn meine
Schwester es lernen wird, Diamanten zu machen --" und sie vollendete
den Satz nicht und malte weiter und sah mich nicht an, weil sie
schon erschrocken war, sich vielleicht verraten zu haben. Denn sie
wollte niemand wissen lassen, wie schlecht es ihr gehe. Sie sagte zu
jedermann, da ihr Vater sie untersttze. Aber spter erfuhr ich, da
sie dieses nur sagte, um nicht bemitleidet zu werden. Sie hoffte auf
die knstlichen Diamanten, trumerisch und belustigt!

Nie klagte sie in Worten, aber ihr demtig stilles feines Wesen klagte,
ohne da sie es selbst wute. So sagte sie einmal an einem eisigen
Wintertag lachend zu mir:

"Das groe Atelier heizt sich so schwer, und deshalb mu ich mich
nachts, um nicht zu frieren, in alle mglichen Teppichlappen und Jacken
und Schals einwickeln. Sie wrden mich gar nicht wiedererkennen, wenn
Sie mich einmal morgens so sehen knnten, wie vermummt ich da bin. Und
ich mu immer lachen, wenn ich mich morgens beim Aufstehen zufllig im
Spiegel sehe."

Die arme Knstlerin kehrte jeden Morgen ihre Werkstatt eigenhndig
mit den zierlichsten Hnden der Welt und heizte selbst den kleinen
groben Ofen, um das Geld fr die Bedienung zu sparen. Und dabei
hingen von ihr unsterbliche Werke im Luxembourgmuseum, und sie hatte
bereits verschiedene goldene Medaillen in londoner und pariser
Kunstausstellungen erhalten.

Ich finde, das polnische Volk htte weinen und trauern mssen tagelang,
nachdem sich jene begabte Frau in Warschau verzweifelt auf die Schienen
geworfen hatte. Die Lokomotive, die den zarten und von Entbehrungen
geheiligten Krper dieser Knstlerin rasch unter ihren Eisenrdern
zermalmt hat, sie, scheint mir, war barmherziger als das Volk, das eine
seiner besten Knstlerinnen hat hungern und darben lassen.

Haben denn die Knstler nicht genug mit der Bewltigung ihres
Gefhlslebens zu tun, mit der Bewltigung ihrer Weltbetrachtung, mit
der Erringung eines ruhigen Knstlerstandpunktes, von dem aus sie nie
dagewesene Werke aufbauen mssen! Warum sollen Knstler auch noch die
Nahrungssorgen bewltigen, sie, die von der Natur geboren sind zu
schenken, Hchstes und Erdentrcktes. Sie, die nicht wie die Beamten
und Offiziere in Wiederholungen und vorgeschriebenen Richtungen ihr
tgliches Amt erfllen knnen. Sie, die nach jedem vollendeten Werk
ein neues, ganz anderes, niedagewesenes Werk beginnen mssen. Sie,
die tiefste Sammlung, tiefste Verinnerlichung der Arbeitskrfte vom
Gedanken des Geldverdienens trennen mu, weil sonst das Knstlerwerk
unrein, unknstlerisch wird und nicht Ewigkeitswert erreicht und nicht
erhebende Kraft spenden kann.

Sie, denen das entstehende Kunstwerk sogar verbietet, an Ruhm und Ehre
zu denken, sie, die also nur auf sich hingewiesen, ohne Rcksicht
auf ihren Vorteil oder Nachteil, schaffen mssen und auch von der
Natur so geboren sind, um nur so schaffen zu knnen, sie, die nie den
Geldverdienst im Auge haben drfen, damit ihr Auge rein bleibt wie das
Auge eines Heiligen und eines Helden; sie, die so veranlagt sind, so
hilflos dem Verdienst gegenber -- ihnen sollte nicht die ganze Nation,
die spter jene knstlerischen Werke geniet und deren Eigentumsrecht
beansprucht und die durch die Knstler mit Ruhm bedeckt wird -- ihnen
sollte nicht die Nation einen wrdigen Platz in ihrer Mitte bei
Lebzeiten einrumen knnen?

Wenn es bis heute nicht in dem Ma geschehen ist, wie es geschehen mu,
so sind daran schuld der unaufgeklrte Zeitgeist und eine veraltete
Weltanschauung. Aber mit der Anerkennung der Festlichkeit des Lebens
werden die Vlker nicht anders knnen -- wenn sie ehrlich sein wollen
--, als dem nicht nach Geld streben drfenden Knstlertum freie
Entwicklungswege und freie Pflege zu bieten.

Das Volk hatte bisher die falsche Meinung, da das Knstlertum
mit der Leichtlebigkeit, dem Leichtsinn, der Verschwendung und der
Unzuverlssigkeit unzertrennlich zusammenhngen msse, ebenso wie mit
der Launenhaftigkeit. Die Leute zucken die Schultern ber den Knstler,
wenn sie manche seiner Handlungen nicht begreifen, und sagen zwar
entschuldigend: "Es ist eben ein Knstler. Der darf das tun. Ein wenig
leichtsinnig, ein wenig leichtlebig, ein wenig verschwenderisch, ein
wenig launisch, ein wenig unzuverlssig darf er schon sein. Es ist ein
Knstler." Aber man verachtet trotzdem die knstlerische Sorglosigkeit.

Ich frage: in welchem Stande fnden sich nicht obige Eigenschaften?
Wer kann mir einen Stand nennen, in welchem nicht leichtlebige,
leichtsinnige, verschwenderische, unzuverlssige und launenhafte Leute
zu finden wren? Gibt es nicht unter den Offizieren Schuldenmacher,
Spieler? Gibt es nicht unter den Kaufleuten, unter den Handwerkern
leichtlebige, unzuverlssige, verschwenderische Menschen?

Ich habe am Eingang dieses Buches gesagt, da dem Knstler, als
sechster Sinn, die Sorgenblindheit angeboren ist. Das will aber nicht
sagen, da er die Sorgen nicht sieht und von ihnen nicht mehr geplagt
wird wie jeder andere Mensch. Der Knstler hat von der Natur die Kraft
bekommen, ber die Sorgen hinweg in geistige Erhebung kommen zu knnen,
und so scheint es denen, die das nicht vermgen, als wre der Knstler
bei allen Sorgen leichtsinnig und sorgenlos. Aber da sein Beruf in der
Erdentrcktheit liegt, wird der Knstler doppelt schwer betroffen,
wenn er von seiner Arbeit, der weltentrckten, zur Wirklichkeit
zurckkehrt und statt des Lohnes die Nahrungssorge neben sich sitzen
sieht.

Das Volk besoldet seine Priester. Warum? Weil man sagt, sie dienen
einem Wesen, das sie nicht bar bezahlt; sie dienen einem Ideal. Und
was tun die Knstler anderes? Dienen sie nicht alle dem Kunstideal?
Schpfen sie nicht tglich aus der Unwirklichkeit neue Gefhls- und
Hoheitswerte? Und verdienen sie darum nicht, da ihr ihnen wenigstens
denselben Lohn gebt wie euren Priestern, wie euren Bischfen? --

Ich habe einmal einer Verschwendungsszene in einem Knstlerhaus
beigewohnt. Jener Knstler ist jetzt ein vielgefeierter Mann, und sein
Name ist berhmt. Aber dieses trug sich vor zwanzig Jahren zu, als er
noch jung war und erst an der Schwelle zur Berhmtheit stand.

Er hatte damals noch einen Brotberuf und konnte sich nur nebenbei mit
seiner Kunst beschftigen und litt sehr unter diesem Doppelleben. Eines
Abends, als ich sein Haus besuchte, fand ich seine Frau allein mit dem
jngsten Kinde auf dem Arme, und sie klagte mir, halb lachend, halb
weinend:

"Sehen Sie, was er wieder gemacht hat! Ist das nicht ein toller Mensch?
Gestern hat er seinen Monatsgehalt bekommen, und auf dem Heimweg kam
er an einer Teppichhandlung vorber, in welcher dieser kleine Teppich
ausgestellt war. Und denken Sie, dieser Teppich reizte ihn durch seine
Farbenzusammenstellung so sehr, da er sich nicht enthalten konnte, in
den Laden einzutreten und den Teppich zu kaufen. Und drinnen im Laden
fllt ihm ein wunderbares venezianisches Kelchglas, ein rubinfarbenes,
auf, und auch dieses mute er haben.

Und er legte fr beides seinen ganzen Monatsgehalt auf den Tisch. Er
lie sich dann den Teppich zusammenrollen und nahm das Rubinglas dazu
und kam vergngt, als wenn er das groe Los gewonnen htte, zu mir nach
Hause. Dann rollte er den Teppich hier mitten im Zimmer auf und ging
am Abend stundenlang jubelnd und entzckt, die Augen auf den farbigen
Teppich gerichtet, auf und ab, hin und her. Und dazwischen hielt er den
venezianischen roten Rubinkelch gegen das Lampenlicht und freute sich
wie ein Kind, dem man eine Blume geschenkt hat.

Warten Sie nur, er wird gleich nach Hause kommen. Dann werden Sie
selber sehen, wie er sich benimmt. Aber ich kann ihm nicht einmal bse
sein. Er freut sich zu sehr. Ach, sagen Sie nur, was macht man mit
solchem Menschen? Sie knnen sich vorstellen, da in einem Haushalt, wo
Kinder sind, der ganze Monatsgehalt nicht fr Teppichfreuden und fr
ein venezianisches Glas verwendet werden darf." So klagte die junge
ratlose Knstlerfrau.

"Sind Sie ohne Sorge," sagte ich, "es wird ein schnes Kunstwerk,
irgendeine knstlerische Eingebung aus dem Teppich und aus dem
Rubinglas Ihrem Manne gegeben werden."

"Ja, das sage ich mir auch," meinte die junge Frau aufatmend, "und das
trstet mich auch. Es ist ja eigentlich auch keine Verschwendung von
meinem Manne, da sich solche Ausgaben immer wieder bei ihm knstlerisch
umsetzen. Aber augenblicklich htten wir den Monatsgehalt ntiger
gehabt als den Teppich und das venezianische Glas."

Die Frau des Knstlers hatte verstndig als Knstlerfrau und verstndig
als junge Mutter gesprochen. Die Liebe zu ihrem Mann hatte ihr tiefes
Verstndnis fr seine Handlungen gegeben, und die Liebe zu ihren
Kindern gab ihr aber auch zugleich die laute Klage auf die Lippen. Man
hrte ihr aber an, sie wute nicht recht, durfte sie klagen oder nicht.
--

Tritt die Verschwendung in anderen Gesellschaftsklassen nicht in
wilderer Art auf? Die Verschwendung des Knstlers setzt sich stets in
neue Eingebungen um. Die Verschwendung aber in anderen Kreisen bleibt
barer Schaden, ohne da er sich in Gewinn umsetzt. Und wie klein sind
im Grund die Verschwendungen, die sich ernste Knstler leisten oder
geleistet haben, im Verhltnis zu dem Aufwand, den Offiziere, Beamte
und Kaufleute ber ihre Verhltnisse wagen!

Auch ist ein ernster Knstler immer mehr von seinem Gewissen geplagt
als irgendein anderer Mensch. Und die meisten Knstler, die ich
traf, haben weniger Luxusschulden gemacht als Schulden, die den
Lebensunterhalt betrafen.

Ich habe aber nie einen ernsten Knstler getroffen, der das Leben nicht
schwer genommen htte. --

Man knnte falscherweise annehmen, ich htte, wenn ich von ehrender
Versorgung sprach, die dem Knstler die Heimatstadt und der Staat
bieten sollten, gemeint, man sollte die Knstler uerlich auffallend
ehren. Dieses aber wre das schrecklichste Leid, was man dem stillen
Knstler antun knnte. Es gibt zum Beispiel nichts Strenderes fr den
echten Knstler, als wenn er mit Nachfragen, Aussprche zu fllen,
Vereinen beizutreten, Bild und Autogramme zu liefern und hnlichen
Verlangen geehrt wird. Mglichst unauffllig, mglichst unsichtbar und
mglichst unbeobachtet will und soll der ernste Knstler seine Werke
schaffen.

Wohl sehnt jeder Knstler sich nach Beifall und Widerhall und freut
sich, wenn seine Arbeiten ihm die Herzen seines Volkes zufhren. Aber
nicht in auffallender Ehrung und nicht auf seine Person soll und will
der echte Knstler die Anerkennung hingelenkt wissen.

Der Knstler will und soll immer hinter seinen Werken zurcktreten.
Nur auf diesem bescheidenen Platz wird er sich ewig fruchtbar fhlen.
Darum sichert ihm sein Leben, sichert ihm Wanderfreiheit, nehmt ihm die
Alltagssorge ab! Aber krnt ihn erst nach seinem Tode, zerrt ihn nicht
bei Lebzeiten aus seiner Verinnerlichung heraus in die verflachende
ffentlichkeit.

In alter Zeit, wenn in Japan der Kaiser in seiner Snfte durch die
Straen getragen wurde und reiste, da war es bei Todesstrafe verboten,
da ihn das Auge eines seiner Untertanen ansah, ihn, den Sohn des
Himmels. Die Menschen muten sich alle mit der Stirn auf die Erde
neigen, und niemand im Volk hatte je den Kaiser gesehen, und nirgends
durfte ein Bildnis von ihm hergestellt werden.

Der leitende Gedanke dabei war wohl der, da das Idealbild, das sich
das Volk von einem Sohn des Himmels im Geist gemacht hatte, nicht
zerstrt werden sollte, und auch der Kaiser selbst mochte nicht von
tausend Gaffern in seiner kaiserlichen Ruhe und Wrde gestrt werden.
Und dieses letztere wird jeder echte Knstler dem japanischen Kaiser am
besten nachempfinden knnen.

Wie strend sind heutzutage die Zeitungsumfragen, mit denen die
Knstler geplagt und gestrt werden. Nur eines Augenblicksreizes
wegen, nur um einen leeren Neugierreiz der Masse zu befriedigen, soll
der Knstler antworten. Der Knstler sollte immer ein unsichtbarer
Schpfer bleiben drfen. Und ich denke mir, der allerschnste Nachruhm
fr einen echten Knstler ist der, da sein Kunstwerk namenlos gro
bestehen bleibt, da er auf viele Zeiten und Vlker befruchtend mit
seinem Werke wirkt, aber da sein Leben hinter dem Werk verschwindet.
So da man in spten Zeiten nichts von ihm wei und sich ber seine
Herkunft streitet, da er so bescheiden und unauffllig gelebt hat, da
sein Leben verschwinden konnte hinter seiner starken Arbeit, hinter
seiner starken Schpfung, die erst sein eigentliches Leben, sein
unsterbliches, ewiges Dasein bedeutet.

Wir wissen von den Gesngen der "Edda" nicht mehr die Namen der
Dichter. Wir wissen vom "Nibelungenlied" nicht mehr, wer es gedichtet
hat. Wir wissen von vielen schnen alten Volksliedern nicht mehr, wer
sie gesungen hat. Kmmern wir uns darum, wenn wir die Mrchen von
"Tausend und eine Nacht" lesen, nach den Namen der arabischen Dichter
zu fragen? Wunderbare Werke reien uns so fort, da wir darber den
Dichternamen vergessen.

Und dieses, dnkt mir, ist die allerhchste Anerkennung fr einen
Dichter, wenn seine Werke so blind hinreiend die Menschen packen
knnen, da seine Werke selbstndige Welten wurden, und da nur des
Dichters Nation, da nur ihr Name an Stelle des Knstlernamens tritt.

Dieses Vergessen des Knstlers darf aber nicht aus Vergelichkeit, aus
Rcksichtslosigkeit, aus Geistesbeschrnktheit seines Volkes entstehen.
Sondern die Kraft seiner Schpfung mu den Knstler vergessen machen,
die Kraft der Hingabe an das Kunstwerk, die Kraft, die das Kunstwerk so
berwltigend gestaltet hat, da man den Dichter deutlich zu kennen,
zu sehen, zu hren glaubt und dabei ganz vergit, nach seinem Namen zu
fragen.

Nur so soll diese hchste Anerkennung entstehen. Man ist dann dem toten
Knstler viel nher und ist ihm nher noch als sein eigener Name ihm
gewesen ist. Man wird eins mit ihm in Krper und Geist, als wre man
selbst der Schpfer jener Kunstwerke.

Die Persnlichkeitsvergtterung, die heutzutage getrieben wird mit
lebenden Knstlern, ist, so wohlgefllig sie im Augenblick fr beide
Teile sein kann, im letzten Grunde kunstfeindlich. Nur die Kunstwerke
sollten gefeiert werden. Fr das Leben des Knstlers aber soll in
unaufflliger, ehrerbietiger Weise von Heimat und Staat gesorgt
werden. Des Knstlers Person aber soll nur dadurch geehrt werden, da
man den Knstler ungestrt, unbelstigt von vergtternder Neugierde,
unbelstigt von uerlichen, persnlichen Ehrungen sein Lebenswerk
vollenden lt. Denn der Widerhall, die Nachricht wie seine Werke
wirken, wird immer zu ihm dringen, und dies wird und soll ihm gengende
Befriedigung sein. Und das Bewutsein, da er stillschweigend, mehr und
mehr, als der Stolz seiner Stadt und als der Stolz seines Landes mit
anderen Knstlern zugleich gepriesen wird, mu ihm gengen, wenn er
sich ernst nimmt.

Heutzutage leben fast die meisten Knstler, aus ihrer Heimat
entwurzelt, einer Grostadtkunst ergeben. Denn ihr Weltdrang wurde
in den jungen Jahren nicht gengend befriedigt. Und statt da sie
von aller Welt Lebenseindrcke aufnehmen knnen, mssen sie in den
Kaffeehusern der Grostadt oder im Grostadtgetriebe Kreise bilden und
sich dort zusammenhalten, um sich leben zu fhlen.

Da die Nation den Heranwachsenden keine Hand zum Vorwrtskommen,
zum Weltbetrachten bot, nicht durch Reiseerleichterung, nicht durch
Unterkunftshuser, nicht durch Heimatsverpflegung, so bildeten sich
in den Grostdten unter den entwurzelten Knstlern jene kommenden
und gehenden, hastigen, neuheitswtigen Kunstrichtungen aus. Denn
die jungen Mnner wurden unruhig, angepeitscht vom beirrenden
Grostadtgetriebe, hastig im Ausdenken neuer Kunstwerte. Ich erlebte
eine ganze Reihe solcher kommender und schwindender Kunstrichtungen in
den jetzt bald fnfundzwanzig Jahren meiner Erfahrung.

Die Zeitbetrachtung aber wird in spteren Jahrhunderten nur
feststellen, da um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, hnlich
wie um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, eine sich neubildende
Weltanschauung die Knstler zu neuen Formen in der Dichtung, wie in der
Malerei und der Musik kommen lie.

Und dann wird auch dieses einmal vergessen werden, und es werden nur
einzelne Lieder, einzelne Kunstwerke dastehen, und man wird, um ihre
Entstehungszeit zu bezeichnen, sich kurz fassen, wie man von diesen und
jenen Volksliedern heute sagt: "Sie sind aus dem zehnten oder zwlften
Jahrhundert entstanden," oder, "sie sind um die Zeit Karls des Groen
entstanden." Dieses wird dann die reinliche Ausscheidung des Bleibenden
von dem Nebenschlichen sein. Von den Geburtswehen verschiedener
Kunstrichtungen wird man nichts mehr wissen oder nicht viel darnach
fragen. Das Kunstwerk allein soll wie ein kleiner oder groer Stern am
Himmel der Vergangenheit stehen.

Das Sichzusammenschlieen der Knstler, das Richtungen hervorbrachte,
die schnell auftauchten und schnell von neuen Richtungen abgelst
wurden, trat wohl niemals so stark auf als in den neunziger Jahren.
Die Wichtigsten aller dieser Richtungen aber blieben der Naturalismus
und die Neuromantik, die sich gegenseitig den Rang streitig machen
wollten. Zwei groe Gegenstze kmpften damals unter den Knstlern.

Der Naturalismus hat das Wirklichkeitserleben der Dichter geschult,
und dann kam spter wieder Schulung der Gedanken- und Phantasiewelt
hinzu, die man zu Anfang der neunziger Jahre vor lauter Schwelgen im
Wirklichkeitserkennen versumt hatte.

Ich glaube aber, da literarische Richtungen nie mehr so hastig
auftauchen werden wie damals, keine sich berstrzenden Richtungen
mehr einander ablsen werden, sondern da ein selbstverstndliches,
geistvolles Erzhlen und ein ganz selbstverstndliches Liedersingen,
jedem Land angepat und jeder Provinz angepat, im ganzen Reich
einsetzen wird, sobald Dichter und Volk wieder _eine_ feststehende
Weltanschauung bekommen haben.

Die christliche Weltanschauung war einmal ein knstlerisch
befruchtendes Ideal und hat einmal Knstler und Volk eng
zusammengefhrt. Und auch in heidnischer Zeit, als die Gtterideale
bestanden, sind Knstler und Volk einheitlich begeistert worden.

_So wird auch die Anschauung von der natrlichen Festlichkeit des
Lebens, von dem Bewutsein, da wir alles besitzen und alle uns
besitzen, zugleich mit der Erkenntnis, da wir im tiefsten Grunde
Schpfer und Geschpf, unwirklich und wirklich sind und Festgeber und
Gast des Lebensfestes sind, ein einheitliches knstlerisches Ideal
werden knnen._ Denn diese Weltanschauung wird in einem Volke oder in
allen Vlkern der Erde, wenn sie Fu gefat hat, die Herzen und die
Gehirne des Menschen festlich kunstfreundlich erwrmen und erleuchten.
Dann werden nicht mehr nach zwei, drei Jahren Kunstrichtungen
auftauchen, Knstler und Volk verwirrend.

Dann werden Knstler und Volk sich nicht mehr entfremdet sein. Dann
wird wieder stillschweigendes Einverstndnis zwischen Knstler und
Volk herrschen, wenn die Menschen -- welche die Festlichkeit des
Weltallebens und ihres eigenen Lebens anerkannt haben -- nicht mehr
nur die Welt als ein Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zum
besseren Leben betrachten, sondern Zeit zum Kunstgenu finden, und Zeit
haben werden zur _knstlerischen_ Vertiefung in alles Weltalleben.

Jedes so aufgeklrte Volk wird mit der dem Knstler angeborenen
Festlichkeit Schritt halten knnen, wenn es sich zu dem Standpunkt
aufschwingt, da alle Leben sich selbst belohnen und selbst bestrafen,
da alle Leben teilhaben an der Allmacht, an der Allwissenheit und
an der Unsterblichkeit des Weltallfestes, und da alle Leben, zu
festlichem Dasein zusammengekommen, Festlichkeit schaffen wollen. --

Wie es ein Schaden fr das Land ist, wenn Bauern und Landleute in
groen Massen die Drfer verlassen und, statt Landbau zu pflegen, einen
Stadtberuf whlen, so ist es ein Schaden fr die Kunst und fr das
Knstlertum, wenn Knstler in Massen ihre Heimatorte verlassen und sich
in den Grostdten ansammeln, weil sie glauben, dort ihren Welthunger
befriedigen zu knnen.

Gebt den Knstlern kostenlos Reisefreiheit zu Wasser und zu Land, gebt
dem Knstler sein Heimathaus in der Vaterstadt oder in ihrer Umgebung
und gebt ihm Unterkunftshuser -- in der Art von Klubwohnhusern in
den Weltstdten --, wo jeder Knstler freie Verpflegung findet. Und
er wird bei freier Reisemglichkeit gar nicht den Drang haben, in den
Weltstdten, die ihm im letzten Grund nur vorbergehend zusagen, sich
fr das ganze Leben dort niederlassen zu wollen. Das heit, wenn er
nicht selbst in einer der Grostdte geboren und dort zu Hause ist.

Die Mglichkeit, verschiedenste Lnder und Weltstdte kostenlos
besuchen zu knnen, und die Mglichkeit, kostenlos zur Bereicherung des
Weltberblickes groe Seereisen machen zu knnen, alles dieses wird den
Knstler nicht mehr heimatentwurzelt, sondern heimatsansssig machen,
wenn er, heimgekehrt von den Reisen, die Arbeitsruhe ersehnt.

Wir leben in einer Zeit, die mehr von berzchteter Grostadtdichtung
lebt als von wohlgepflegter Heimatdichtung, welche in verschiedenen
Landesteilen aus den verschiedenen Landschaften und verschiedenen
Landschaftseelen aufblhen knnte, die aber nichts mit beschrnkter
Lokaldichtung gemein haben soll.

Man stelle sich vor: eine Provinzbevlkerung wohnt um einen Flu oder
um einen See. Eine andere Bevlkerung ist hauptschlich auf Wald- und
Wiesenland angewiesen. Eine dritte Provinz ist eine Heidelandschaft.
Eine vierte liegt an der Meereskste, eine fnfte liegt im Binnenland,
in Bergen bei Bergseen, eine sechste kennt nur Gruben, Bergwerke,
Fabriken, eine siebente treibt Ackerbau und hat Weinland und
Hgellandschaft.

Wie verschieden ist die eine Bevlkerung von der anderen in jedem
Landkreise! Wie verschieden mssen die Mnner jeder Provinz denken
und arbeiten! Und wie verschieden wird die Frauenschnheit, die im
verschiedenen Menschenschlag, im verschiedenen Landeskreis auftritt,
vom Knstler besungen und wiedergegeben werden mssen.

Es haben wenige Knstler ihre Heimat so geliebt wie zum Beispiel
Fontane seine Mark liebte, und wie der Maler Hans Thoma sein badisches
Land liebt. Wie jeder weise Mensch seine Eltern und seine nchste
Familie nher fhlt als die Fremden, so wird in jedem Dichter die
Heimatliebe zugleich mit der Liebesleidenschaft zu dem Weib, das
er sich von irgendwo aus der Welt nach Hause geholt hat, am besten
die innigsten und herzlichsten Stimmungen und Bilder aus seiner
Dichterkraft auslsen.

Von allen groen Knstlern wissen wir, da sie gerne gewandert sind.
Ich erinnere nur an die Deutschen Walter von der Vogelweide, Drer,
Goethe. Und wie fruchtbar blhte Geist und Herz des Knstlers nach der
Wanderzeit. Denkt an Richard Wagner, denkt an Nietzsche. In den jungen
Jahren zogen sie alle hinaus und wechselten Ort um Ort. Aber der war
nie ein groer Knstler, der nicht endlich sehaft werden konnte. Und
glcklich der, der dann die Sehaftigkeit wieder in der Heimat finden
durfte. --

ber meinen Lebenslauf in meinen Wanderjahren berichtete ich zuletzt
von Stockholm, vom Winter 1894, von den Sonntagsbesuchen bei Ellen Key,
wo ich den norwegischen Lyriker Sigbjrn Obstfelder, den Dichter der
Traurigkeit, kennen gelernt hatte.

Eines Tages erzhlte mir Obstfelder, er habe bei seiner letzten
Sommerwanderung, als er mit seinem Geigenkasten durch die Berge
Norwegens zu Fu gereist war, eine junge schwedische Dame mit ihrer
Mutter kennen gelernt. Der Vater der jungen Dame sei ein Grokaufmann.
Obstfelder war jetzt fters im Winter in dem Landhaus jener Familie
drauen vor Stockholm zu Gast.

Im Laufe des Winters ergab es sich dann, da ich jene junge Dame durch
Obstfelder kennen lernte. Ich traf sie einige Male in einem stockholmer
Lesesaal, wo man fr zwanzig re stundenlang in einem lautlosen Zimmer
Zeitungen aus aller Welt lesen konnte, und wo auch Bcher zu leihen
waren. Spter war ich dann in ihrem Hause eingeladen und hatte die
Familie kennen gelernt.

Gleich nach der ersten Begegnung hatte ich, was mir sonst so schnell
noch nie vorgekommen war, ein Gedicht ber das schne Goldhaar jenes
Mdchens geschrieben. Ich merkte aber auch dabei, da ich zum erstenmal
in meinem Leben mehr als nur flchtig verliebt war. Ich fhlte
erstaunt, da die ernsteste Seite meines Gefhls angeschlagen war.

Unglubig und verwundert kmpfte ich zuerst gegen den befremdeten
Liebesernst an, der beinahe schmerzlich in mir wach geworden war.
Ich mute mir immer wiederholen: nur mit diesem Mdchen, bei welchem
scheuer, starker Geist und gesunder, keuscher Krper zusammenlebten
und mir nicht blo vom sen Verlieben sprachen, sondern vom tiefen
Zusammengehren, wrde ich gern tglich meine Zukunft teilen.

Und bei ihr, sagte ich zu mir, kann ich mir den Begriff Ehe vorstellen.
Vielen lieblichen, reizvollen, unterhaltenden und brennend berckenden
Frauengeschpfen war ich vorher begegnet. Manche hatte meine Sinne
gefesselt, manche meine Gedanken unterhalten, manche hatte mir schne
Trume gegeben. Und verschiedenste Liebesgefhle konnte ich mir bei all
den verschiedensten Mdchen vorstellen, jede war wie eine Farbe oder
eine Farbenabstufung gewesen. So wie man einmal ein schnes Blau liebt,
einmal ein feuriges Rot, einmal ein erfrischendes Grn, einmal ein
stolzes Goldgelb, so wie einzelne Farben belebend und entzckend wirken
knnen, so waren mir verschiedene Mdchen vorher nahe gekommen. Aber
wie man nicht nur _eine_ Farbe sein Leben lang ansehen mchte, so war
ich immer bei jeder Frau frher oder spter dem Gedanken ausgewichen,
eine von ihnen meinem Leben fr immer verbinden zu wollen.

Aber dieses schwedische Mdchen jetzt war die erste, die keiner
einzelnen Farbe hnlich war. Sie war, wie jeder Lebenstag, eine
Vereinigung aller sieben Farben. Ich konnte erschtterndes Rot in ihr
finden und besnftigendes Blau, das erquickende Grn und das machtvolle
Goldgelb. Ihr Herz war von der Natur warm und verstndig gebildet, so
da es nicht wie ein einfarbiges bengalisches Feuer mein Herz nur
festlich blendete, sondern ich fhlte mich in jenes Mdchens Nhe
festlich befriedigt und wute, nachdem wir uns kaum einige Stunden
gesehen hatten, da ihr Leben mir gehrte, und da das meine ihr
gehren mte.

Eigentlich wre es das Einfachste gewesen, wenn ich ihr dies alles
gleich gesagt htte. Aber die neue Liebeserkenntnis war, wenn ich
die Lippen ffnen wollte und sie zu ihr aussprechen sollte, mir
selbst noch so ungeheuerlich berraschend, da ich zauderte und immer
schweigend hinhorchte, ob ich nicht den Schall und die Aufregung dieses
Ereignisses in und um mich laut werden hren knnte.

Ich war bestrzt dumm wie Hans im Glck. Eines nur besttigte mir den
Hall des Ereignisses. Das war die Tatsache, da ich ber diese Frau
in den nchsten Tagen wieder ein Gedicht machen mute und wieder ein
Gedicht -- und so fort bis auf den heutigen Tag. Und dieses Besingen
ihrer Erscheinung war natrlich der Schall des laut gewordenen ernsten
Gefhles, das mich erschtterte.

Es war im Frhjahr 1895. Niemand auer dem jungen Schweden hatte ich
es gesagt, da ich mir meine zuknftige Frau in jenem jungen Mdchen
vorstellen konnte, das ich fters, bei verschiedenen Gelegenheiten,
bald in Gesellschaft anderer, bald zufllig allein im Lesesaal
wiedergesehen hatte. Der jungen Dame selbst hatte ich keine Andeutung
gemacht. Denn ich fand es ganz lcherlich, da ich junger Fremdling,
der ich nur von meines Vaters Gnade leben durfte und mich hilflos vor
einer ganz unklaren Zukunft befand, wagen sollte, an die Mglichkeit zu
denken, vor den Vater dieses Mdchens hinzutreten, um seine Tochter als
Frau zu verlangen.

Meine Verhltnisse hatten sich nicht gendert. Und in den Brgerkreisen
rechnete man es einem jungen Mann, der nicht Universittsstudent war,
bel an, wenn er in meinem Alter von siebenundzwanzig Jahren noch keine
anderen Einnahmen hatte als die Untersttzung von zu Hause.

Tglich fhlte ich mich gedemtigt von dieser Lebenseinrichtung, die
den jungen Dichter oder jungen werdenden Schriftsteller lieblos und
gedankenlos behandelt und ihm keine staatliche Lebensvergnstigung,
keine staatliche Frsorge fr sein weiteres Fortkommen und fr seine
Entwicklung bietet. Von Monat zu Monat mute ich in ausfhrlichen und
eindringlichen Briefen immer wieder meinen weiteren Unterhalt von
meinem Vater erbitten.

Wie htte ich da wagen sollen, in einem fremden Land in ein reiches
Kaufmannshaus einzutreten und um die Hand der Tochter zu freien! Wenn
ich auch auf ein spteres Erbteil von zu Hause rechnen konnte, so lag
mir das doch ganz fern, solange mein Vater lebte, etwas von seinem Tod
erhoffen zu wollen. Dieser Gedanke htte mir nicht geschmeckt, und ich
htte nicht gewagt, mich auf diesen Gedanken zu sttzen und den Vater
des Mdchens darauf hinzuweisen.

Im Frhjahr 1895 begegnete ich eines Tages, als ich in Stockholm in
einen offenen Trambahnwagen aufsprang, der jungen Dame, die bereits
eingestiegen war. Und ich sa neben ihr, sehr vergngt darber, sie
einmal ganz allein und nicht in dem lautlosen Lesesaal zu sehen, wo man
sich neben anderen Lesern immer nur ein geflstertes "Guten Tag" und
"Lebewohl" hatte zunicken knnen.

Es war elf Uhr vormittags, und die Sonne schien freundlich, als htte
sie uns beide zusammengefhrt, und als freue sie sich jetzt mit uns.
Drauen eilten whrend der Fahrt die sonnenbeleuchteten Huser vorber
und Stockholms Brcken, die Bildsulen der Knige, die Schiffe im
lebhaften Mlarenwasser und das vornehme Stockholmer Schlo, das wie
eine einzige Terrasse ber das stahlblaue Stromwasser herschaut.

Mir schien, ich hatte die schwedische Hauptstadt nie so glnzend und
frhlingsbewegt gesehen als jetzt an der Seite des jungen Mdchens,
die einen gtigen Hauch von Familienunschuld mit einer frischen,
neuzeitlichen Weltart in ihrem sicheren und freundlichen Wesen
vereinigte.

Ich war beglckt, da sie einiges ber mich wissen wollte, wenn es auch
nur kleine unbedeutende Fragen waren, die sie an mich richtete. Einen
Augenblick war es mir, als fhren wir beide ganz allein durch die Welt.
Und da kam es mir leicht ber die Lippen, ihr zu erzhlen, da ich ein
paar Gedichte ber sie geschrieben hatte.

Sie sah erstaunt und erfreut aus und fragte, ob sie die Gedichte lesen
drfte. Da aber wurde mir klar, da diese Gedichte die innerlichste
Liebeserklrung enthielten, der ich je in meinem Leben Wort gegeben
hatte. Und ich wute nicht recht, ob ich ja oder nein antworten sollte.
Indessen hielt der Trambahnwagen, und die junge Dame mute aussteigen.
Und im Aussteigen sagte sie nochmals:

"Bitte, bringen Sie doch die Gedichte in den Lesesaal mit."

Ich sagte rasch: "Nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken."

"Ich bitte, tun Sie es bald," rief sie mir noch zu und reichte mir die
Hand.

Aber kaum war ich im Wagen allein und kehrte wieder zu meinem
nchternen Sorgendasein zurck, da sagte ich mir: sie hat keine Ahnung,
was diese Gedichte sagen. Sie glaubt vielleicht, es sind nur ein paar
spttische oder schelmische Reimereien. Und ich nahm, als ich nach
Hause kam, die Gedichte und las sie noch einmal durch. Und whrend ich
las, war es mir, als se die junge Dame wieder neben mir, wie vorher
in dem Trambahnwagen.

Und da berstrmte mich ein warmes zukunftsglubiges Gefhl, und ich
sagte mir: mag werden, was will. Mag sie mich verlachen oder mag sie
erschrecken -- ich werde ihr die Gedichte schicken. Und ich schrieb
dieselben auf schne saubere weie Bltter. Aber schon whrend des
Schreibens schmte ich mich wieder, und mein Zimmer und ich selbst
wurden mir unheimlich.

Mein Blut wogte dann auf und nieder, als ich die Bltter in einen
Briefumschlag getan. Und als ich meinen Mantel anzog, um zum
Briefkasten zu gehen, war mir jede meiner Bewegungen fremd und neu.
Es wurde mir klar, die nchsten Tage muten etwas ganz Ungewohntes
bringen. Ich konnte mir aber nicht ausdenken, wie sich jenes Mdchen
benehmen wrde, wenn es die Gedichte empfangen hatte.

Entweder, sagte ich mir, war ich, wenn es die Gedichte gelesen hatte,
sein erklrter Brutigam vor meinem und seinem Herzen oder, wenn es
sich ablehnend und erschrocken benahm, mte ich gleich fort aus dieser
Stadt. Denn nach dem berreichen der Gedichte wrde es mir nicht
mglich sein, in denselben Straen zu gehen, wo die Geliebte tglich
ging, und in diesen Straen unter ihren Augen meine ihr offenbarte
Sehnsucht kalt zu machen und zu begraben.

So lange sie nichts von meiner Neigung wute und kein Wort, kein Blick,
kein Gedicht mich ihr verraten hatte, konnte ich in ihrer Nhe alle
meine Trume und meine Hoffnungen entstehen, kommen und gehen lassen
und war immer noch mein eigener Herr ber mein inneres Leben. Aber wenn
ich diesen Brief mit den Gedichten dem Briefkasten bergeben hatte, war
ich der Knecht einer Aufrichtigkeit geworden, die vielleicht verfrht
war oder vielleicht niemals jener Frau zu Bewutsein kommen sollte.

Ich ging dann am ersten Briefkasten vorber und sagte mir: es gibt mehr
Briefksten. Und ich ging an dem zweiten Briefkasten vorber und sagte
mir: du hast ja den ganzen Tag Zeit, den Brief in den Briefkasten zu
werfen. Und so kam ich zur Strae, in der die Stadtwohnung der Familie
jenes Mdchens war. Und da war wieder ein Briefkasten. Dieser war der
verfhrerischste von allen Briefksten.

Ich ging dort ein paarmal auf und ab; aber whrend ich von weitem das
Haus ansah, wo jene junge Dame ahnungslos in ihrem Familienkreis, bei
ihrem tchtigen Vater und bei ihrer tchtigen Mutter, von Sitte und
Wrde umgeben, wohnte, da befiel mich wieder die Scham vor meiner Armut.

Nein, niemals, sagte ich mir, werde ich mich lcherlich machen, und
ich werde in einem fremden Land nicht um ein fremdes reiches Mdchen
werben, ehe ich nicht genug besitze und frei und unbefangen das
Vertrauen der Eltern fordern kann.

Es war mir darnach nicht schwer, den Briefkasten zu meiden. Und ich
eilte, so schnell ich konnte, zu meiner Strae zurck. Und wenn
es mir auch unterwegs fters noch einen Ruck gab, und ich schnell
einen hastigen Griff in die Tasche tun wollte, um den knisternden
Briefumschlag mit den ehrlichsten Liebesgedichten in den nchsten
Briefkasten zu werfen, so kam ich doch glcklich in mein Zimmer zurck,
und dort verbrannte ich sofort in meinem Ofen den Briefumschlag mit den
Gedichtabschriften.

"Gottlob, welcher Torheit bist du entgangen!" sagte mein Verstand.
"Aber nein," weinte mein Herz, "nun ist es wieder alltglich um mich,
und alle Festlichkeit, die da htte entstehen knnen, ist im Ofen zu
Asche verbrannt. Warum qulst du mich so lange? Warum hast du nicht
mutig gewagt, was gewagt werden mu?"

"Oh," lachte mein Verstand roh. Und er schickte mir eine schamheie
Blutwelle ins Gesicht. "Wie lcherlich wrest du morgen vor dir
dagestanden, sowohl, wenn jene 'nein', als wenn sie 'ja' gesagt htte."

"Nein, nein, nein, Liebe ist nie lcherlich," schluchzte mein Herz. Und
ich lief aus dem Zimmer fort, um Luft zu schnappen. Denn ich wute mir
nicht mehr zu sagen, hatte ich vernnftig oder unvernnftig gehandelt.

Am nchsten Tag war ich aber doch zufrieden, da ich mich nicht
verraten hatte, denn ich hatte Herz und Verstand Frieden schlieen
lassen. Sie waren beide mit mir zu folgender berzeugung gekommen:
Ist diese Frau wirklich mein Schicksal, wie ich es so sehr ersehne,
dann wird mir dieses Schicksal nicht entgehen. Ich werde dann, wie ich
auch in bezug auf sie handle, immer recht handeln. Wenn ich auch meine
Gedichte vor ihr nicht enthllen darf, wird sie doch mit der Zeit ahnen
mssen, was ich fr sie empfinde.

"Habe Geduld und berlasse alles der Zeit und deinem Schicksal," sagten
Herz und Verstand zu mir, friedlich geworden.

Es war an diesem Tag der erste Mai, und die Sonne schien so frhlich
wie am Tage vorher, da ich der heimlich geliebten begegnet war. Und an
die frhliche Vormittagsonne, die in meinem Zimmer die Leere wrmte,
war seit der Begegnung der gestrigen Vormittagfahrt im Trambahnwagen
an dieses Vormittagsonnenlicht die Erscheinung des jungen Mdchens
gebunden. Es war mir, als se es jetzt wieder zwischen elf und zwlf
Uhr vormittags neben mir. Aber heute sa es an meinem Schreibtisch.

Nach dem Mittagessen sagte die liebenswrdige, aber halb taube, gtige
Pensionsdame zu mir, es msse mir etwas ganz besonders Angenehmes
begegnet sein, da ich heute einen so glcklichen Ausdruck htte. Und
eine ltere Freundin, die mit ihr, nachdem die Tischgste gegangen
waren, noch allein im Esaal geblieben war, drohte mir, schelmisch
lchelnd, mit dem Finger, als wollte sie sagen: Sie haben wohl ein
kleines Herzensabenteuer erlebt.

Durch die Balkontre, die gegen den Tegnerplatz hinsah und breit offen
stand, fiel der Maiensonnenschein glnzend in das groe Ezimmer, und
der lange Balkon vor den Fenstern lockte hinaus in die sonnige Luft. Da
bekam ich einen scherzhaften Einfall; ich drehte meinen Ring am Finger
um, so da der Stein des Ringes an die Handinnenseite kam und der Ring
dann nur als Goldreif wirkte. Ich deutete lachend auf den glatten
Goldreif und sagte halb ernst, halb scherzend zu den beiden lteren
Damen: "Ich habe mich heute verlobt."

Dieser Satz lag, seit der letzten Begegnung mit jenem jungen Mdchen
so sehr oft vorgesagt, in meinem Herzen und meinem Verstande da, da
die festliche Stimmung, der Sonnenschein und die auf ein Liebesereignis
hindeutenden Fragen der Damen mir spielend den Satz entlockten: "Ich
habe mich heute verlobt."

"Ach," riefen die beiden Damen frhlich erstaunt, fr Scherz und fr
Ernst bereit, "heute am ersten Mai haben Sie sich verlobt? Und das
erfahren wir jetzt erst?"

"Ja, es bleibt einstweilen noch Geheimnis," sagte ich lachend weiter.

"Das mssen wir feiern," meinte die Hausdame. Und sie lie gleich
den Kaffeetisch, an den wir uns eben setzen sollten, auf den Balkon
hinaustragen und lie eine auf Eis gestellte Flasche schwedischen
Punsch bringen.

Als wir in der Sonne saen, wollten aber die Damen wissen, wer jene
Dame sei, deren Ring ich an der Hand trge. Aber der Scherz wurde mir
nun beinahe zu ernst, und, in die Enge getrieben von der frhlich
festlichen Stimmung der Fragenden, die mit den Punschglsern auf das
Wohl meiner Braut anstoen wollten, wenn ich ihren Namen genannt htte,
blieb mir nichts brig, als lachend zu erklren, indem ich mit der
Hand auf die Sonne deutete, die mir so warm aufs Herz schien und so
frhlingshaft erregt zu uns ber das Balkongelnder sah: "Ich habe mich
heute mit der Maiensonne verlobt."

Die Damen, die gern Scherz liebten, waren ber den zahmen Einfall nicht
bse. Und sie glaubten vielleicht auch heimlich, ich wollte den Namen
meiner Herzensdame nicht nennen. Sie stieen dann frhlich mit den
Punschglsern auf das Wohl meiner Braut, der Maiensonne, an.

Mein Herz aber und mein Geist waren whrend dieses Vorgangs weit von
dem Balkon abwesend. Meine Hand spielte zwar mit dem Ring, mein Gesicht
lachte mit den Damen, meine Augen vergngten sich an der Maiensonne,
aber es fehlte mir mein Kern. Es fehlte meinem ueren Dasein in jenem
Augenblick mein innerstes Dasein. Und heute erst beim Rckblick wei
ich, wo in jener halben Stunde damals mein innerstes Leben geweilt hat.

Es war nicht in die Wohnung zu jenem jungen Mdchen gegangen. Mein
innerstes Leben war von jenem Balkon fort, allwissend gegen den Strom
der Zeit angeschwommen und hatte hellsehend ein Jahr vorausgeschaut
und war frei und frhlich geworden, weil es gerade ber ein Jahr am
nchsten ersten Mai jenes junge Mdchen und mich zusammen in einer der
Straen von Paris fand, wo wir eben unseren Verlobungstag feierten.

Und mein Herz wollte in mir aufjubeln, aber mein Leben durfte nicht
jenen Damen, die da so frhlich ahnungslos am weigedeckten Tisch bei
mir saen, zulachen, denn es sah allwissend noch anderes. Es sah, da
die Hausdame, die mich zuerst gefragt hatte, welches Glck mir begegnet
wre, nicht mehr am Tische sa, und da ihre Freundin in Trauer
gekleidet umherging.

Denn jene, die da vor mir lachte, sah nicht mehr die Maiensonne des
nchsten Jahres. Sie starb im Vorfrhling, und meine inneren Augen
sahen bereits ihren Platz am Tisch leer. Und mein innerer Jubel ber
meine Verlobung durfte nur scheu in mir antnen.

In diesem zweigeteilten Gefhl stand ich vom Kaffeetisch auf und
verabschiedete mich von den beiden Damen, auf deren Verlangen ich mich
auch zum Abschied vor der Maiensonne verbeugen mute. --

Als der Sommer kam und sich alle Welt aus der Stadt fort, auf Reisen,
aufs Land und in alle vier Windrichtungen zerstreute, reiste ich, um
mein Vaterhaus zu besuchen, nach Deutschland. Und zu Hause angekommen,
erzhlte ich dann meinem Vater, da ich mich gern in Schweden mit einem
jungen Mdchen verheiraten mchte. Er fand das gut, aber als er mich
fragte, wovon ich mit meiner Frau leben wollte, wurde es mir wieder
klar, da man als junger Dichteranfnger der Wirklichkeit schutzlos und
hilflos gegenbersteht.

Der Dichtergeist sagte zu mir: "Du darfst nicht ans Geldverdienen
denken, darfst nie mit der Dichtung Geld verdienen wollen, sonst
helfe ich nicht beim Dichten mit. Wenn dir deine Werke von selbst
Geld einbringen werden, so ist das gut und schn. Aber um des Geldes
willen dir zu dienen, dazu gebe ich mich nicht her. Ich will nicht
Knechtdienst tun."

"Denn ein Dichtergeist," fuhr die Stimme in mir selbstbewut fort,
"arbeitet nicht fr Taglohn. Er lt sich nicht rufen, er lt
sich nicht Kanzleistunden vorschreiben. Da er aus dem Reich der
Unwirklichkeit kommt, kann er sich nicht mit deiner Wirklichkeit, mit
deiner Hungerfrage, mit deiner Zeitfrage, mit deinen krperlichen
endlichen Lebensfragen beschftigen und nicht Rcksicht auf deine
Endlichkeit nehmen.

Der Dichtergeist ist der Hall deiner Ewigkeit, der in dir laut wird;
lauter im Dichter als in den anderen Menschen. Er erhebt deine Gefhle
ins Unendliche und will deinen Worten Rhythmen geben, nicht Zeitmae
der ntzlichen Zeit. Unwirkliche Zeit, Ereignisse der Vergangenheit
und Zukunft knnen dir in der Dichtung Gegenwart werden, wenn du den
Dichtergeist in seiner Unendlichkeit aus dir singen lt.

Willst du ihn aber zum Lastknecht, zum Gegenwartsknecht machen, der
deinen Magen ernhren soll und deinem Krper Behaglichkeit bringen
soll, dann treibst du diesen Geist aus dir aus. Dann bleiben nur
Reste von ihm in dir, und die werden nur halbe Werke leisten,
Endlichkeitswerke. Mit ihnen wirst du kein Glck machen, denn der
unbefangene Leser wird sie immer als Reste erkennen, und die Welt hat
das Recht, deinen ganzen Dichtergeist zu fordern."

"Aber ich kann mein begehrendes Herz nicht verstoen," sagte ich zum
Geist der Dichtung, der so zu mir sprach. "Ich liebe und will die
Geliebte ernhren knnen."

"Nimm dir Geduld," sagten Herz und Geist zu mir, "denn wir sind
unzertrennlich aneinander gebunden. Ohne Herz gibt es keinen
Dichtergeist. Er ist die Flamme, die nur vom liebenden Herzen gespeist
wird." --

Da mir mein Vater nicht raten und nicht helfen konnte und mir ebenfalls
von Geduld und Zeit sprach, und da ich die Hoffnung nicht sinken
lassen sollte, beschlo ich, nicht mehr nach Schweden zurckzukehren,
und war mde gemacht von der Aussichtslosigkeit, von der ich kein Ende
sah.

Und ich nahm mir vor, um meine Gedanken von meiner innersten Sehnsucht
abzulenken, eine Reise zu Fu nach Italien zu machen.

Ich wollte von Mnchen nach Rom wandern. Und da ich immer gern
Landschaften zeichnete, kaufte ich mir frische Farben und Papierblocks
und wollte unterwegs zeichnen und malen und diese Malereien am Weg
verkaufen und so bis nach Rom kommen.

Aber mein Schicksal lie mich von Mnchen nur bis Schliersee kommen.
In Schliersee wohnte damals in einem kleinen Bauernhause am Bergabhang
ber dem See der schwedische Schriftsteller Ola Hanson mit seiner Frau.
Und es kam mir die Lust an, diesen zuerst zu besuchen und dann erst die
Fureise nach Italien anzutreten.

Ich stieg in einem Schlierseer Gasthaus ab und suchte Ola Hansons Haus
auf. Die beiden alten Bekannten waren erfreut, mich nach so langer Zeit
wiederzusehen. Wir hatten uns seit meinem ersten Aufbruch nach Bohusln
nicht mehr gesehen, da jene von Friedrichshagen nach Oberbayern gezogen
waren und nicht mehr in Berlin lebten, als ich spter mehrmals dort
durchreiste.

In ihrer weigetnchten Bauernstube sa ich nun Abend fr Abend bei den
schwedischen Schriftstellersleuten, und mein Herz war glcklich, da
es von Stockholm erzhlen durfte, von Obstfelder und Ellen Key, von
Heidenstam und Geijerstam und Levertin und Josephson. Und whrend Tr
und Fenster der Bauernstube weit in die Sommernacht offen standen und
von den dunklen Matten ein paar Kuhglockenlaute antnten, wenn dort
schlafende Khe sich regten, erstaunte ich mitten im Erzhlen immer
wieder, da vor den Fenstern meine deutsche und bayerische Heimat lag,
da ich mich doch eben deutlich auf den stockholmer Straen hatte gehen
gefhlt.

Ich dehnte den Aufenthalt in Schliersee lnger aus, als ich mir
vorgenommen hatte. Je mehr ich mit Ola Hanson von Stockholm sprach,
desto mehr schwand Rom, das ich sehen wollte, und ich sah zuletzt
wieder als Reiseziel Stockholm vor mir liegen.

Aber dann sprach doch der Verstand dazwischen und sagte barsch: "Du
wirst nicht mehr Vermgen als vorher in den Taschen haben, um in
Schweden eine Frau heiraten zu knnen, wenn du jetzt wieder dorthin
umkehrst. Du bist von dort abgereist, weil dir das Vermgen fehlte, mit
dem du die zuknftige Frau ernhren sollst. Erinnere dich doch, wie du
im Mai in der stockholmer Strae an dem Briefkasten standest. Da war es
dir doch ganz bewut, da du ohne Geld nicht freien darfst." --

Eines Abends ging ich mit Herrn und Frau Hanson von ihrem Berghaus
hinunter nach Schliersee in den Garten des Gasthauses "Zur Post".
Sie hatten mir gesagt, da Hermann Bahr, der sich eben auf der
Hochzeitsreise befnde, mit seiner jungen Frau dort abgestiegen wre,
und da sie ihn treffen und mich ihm vorstellen wollten.

Ich sah und sprach dann auch Hermann Bahr an jenem Abend. Und am
nchsten Vormittag fuhr ich mit ihm und seiner jungen Frau in einem
Ruderboot auf den Schliersee hinaus. Als wir danach, er und ich,
nachdem seine Frau zum Gasthaus gegangen, um sich umzukleiden, ein
wenig auf der Landstrae spazierten, erinnere ich, da ich, auf Bahrs
Befragen, ihm eine lebhafte Schilderung meiner Eindrcke von Bohusln
gab und ihm erzhlte, wie mich das Leben in dem einsamen schwedischen
Pfarrhaus und meine Spaziergnge dort im schwedischen Granitland
dazu gebracht htten, die Dichtungen meines Buches "Ultraviolett" zu
schreiben.

Er verstand sehr wohl, da man den Regenduft und den Mondaufgang,
den Amselschlag und alle Naturerlebnisse lebhafter und bilderreicher
aufnehmen msse, wenn man an einer steinernen, weltfernen Kste, in
einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, mit feingewordenen
Ohren und Augen nichts anderes erlebte als das wenige, das sich in dem
steinernen Rahmen jener fremden Natur abspielte.

Und whrend ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in
Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, da mein ganzes Buch
"Ultraviolett" kein Herz besa; da alle diese Lieder herzleer wirkten
im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt ber das junge
schwedische Mdchen gedichtet hatte.

Wie anders wren jene Lieder geworden, die ich in Bohusln aus meiner
Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mdchen
mit mir ber die Steine der schwedischen Westkste gegangen wre! Die
Gedichte wren nicht blo Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern
Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.

Der Inhalt des Buches "Ultraviolett" erschien mir jetzt wie eine durch
Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue
Luftflamme war, aber die kein Feuer hatte, das einen Krper verzehrte.

Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust
zuliebe dichten wollte.

Nun war mir vllig klar: ich mute umkehren, nach Stockholm zurck und
nicht nach Italien wandern. Dieses Mdchen, das ich im Norden wute,
war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr
entzndet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlschen.
Es verfolgte mich jetzt ebenso sehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes
Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben
wrde.

Als ich dann am nchsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau
glcklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf
dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach
dort in ihrer Huslichkeit der Geist der Ehe, der Geist der Lust, einen
Hausstand zu grnden, stark auf mich ein, und ich erzhlte beiden, da
ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden
waren sehr erstaunt und freuten sich und wnschten mir Glck. --

Kaum aber nach Stockholm zurckgekehrt, wurde mir noch deutlicher als
vorher bewut -- da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not
gebracht hatte --, wie unmglich es mir sein wrde, da ich nur von
meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber
doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge
Mdchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich, da sie
verreist sei, aber ich war glcklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt
umherzugehen. Eines Tages aber hrte ich dann pltzlich von ihrer
Verlobung.

Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen
Reise fehlten fr mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der
Umstnde zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame
teilzunehmen. Danach htte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende
gemacht.

Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging,
meldete mir eines Tages das Dienstmdchen, da ein unheimlicher
Mann vor der Tre stnde, der mich zu sprechen wnsche. Es war der
polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise
Stimme und fremdlndisches uere dem Dienstmdchen Furcht eingejagt
hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von
Kristiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glcklich, durch
den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er
arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman "Satans Kinder".

Bei irgendeinem Bekannten saen wir nun immer, bei starken
Alkoholgetrnken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen
und Freunde, fast Nacht fr Nacht bis in die Vormittagstunden,
unendliche Reden fhrend und unendlich schweigen knnend, halb
schlafend, halb wachend, zusammen, immer neue Grogs brauend, immer neue
Zigarettenschachteln ffnend. Und mein Hirn tanzte bald, berreizt
von Nikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fhlte mich in jenen
Winterwochen weder krperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen
Nchten oft, als wren wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie
die Mnner jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie
schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der
anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.

Aber sobald wieder nachmittags die Straenlaternen angezndet waren
und berall knstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und
auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren
geistblitzenden verzerrten Gelchtern die lange Nacht ausfllend.

Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so
de Klavier wurde dann zu einer Hlle, die er mit wild tastenden
Hnden ffnete. Und die Tne fraen Ordnung und Gesetze und Gedanken
blindlings aus den Hirnen aller Zuhrer fort, und Tne, Menschen und
Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen
Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien
in den Tnen zu funkeln, wie der glhende Alkohol in den Glsern und
wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen,
die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und
herumhockten.

Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes
Planetenleben mehr an dem Nachthimmel drauen, der zu den Fenstern
auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schossen vor
meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den
Nachtraum.

Die Tne klirrten unter den weien gelenkigen Fingern des Spielenden,
und die Herzen klirrten in der Brust der Zuhrer. Und wie die Scherben
der zerbrochenen Grogglser am Boden, sahen die Augen der Frauen und
Mnner, Glassplittern hnlich, aus dem Tabakrauch. Der Geist, der
sekundenweise aus ihnen aufscho, hatte keine Geistesgewalt mehr,
sondern war nur ein Zucken und Verenden des Geistes. Des Morgens war
mein Herz voll Mattigkeit, und abends sehnte es sich doch wieder nach
dem Untertauchen in den Hexensabbat.

Endlich raffte ich mich im Januar auf, die Stadt zu verlassen, wo die
wirren Nchte mich fr die bekmmerten Tage betuben muten. Denn ich
schlief in diesen Wochen nicht einmal tagsber, sondern sehnte mich
unntz. Ich lag und dachte an mein Herz und stand erst zur Abendstunde
auf, gedankenmde und verqult.

Aber als ich das Geld zur Abreise bereit hatte, fehlte mir der Mut zur
Abreise, und ich gab das Reisen wieder auf. Denn auch in der dunkelsten
Zeit, in dem Wirrwarr jener Nachtstunden, stand wie der Geist meiner
guten Stunden, wie der gute Genius meiner Gedichte, hinter dem
Tabaksqualm, hinter den Betubungen, das Gesicht jenes Mdchens, das
ich liebte.

Und wenn ich morgens ber die menschenleeren Pflastersteine nach Hause
ging, sagte ich mir: ber diese Steine wird sie am Tage gehen! Und
dieser Gedanke gab mir ein wenig Befriedigung. Doch ich getraute mich
nicht, von den Steinen aufzusehen. Denn dann konnte ich sie, wenn
sie auch nicht auf der Strae war, im Geist deutlich am Arme ihres
Verlobten daherkommen sehen.

"Wir wollen alle reisen," sagte eines Tages Frau Przybyszewski. Und ich
sagte, ich wollte meinem Vater um Geld telegraphieren. Wir gingen dann
alle zusammen zum Telegraphenamt. Aber wie ich das Telegrammpapier vor
mir liegen hatte, sagte ich: "Ich werde niemals Geld erhalten, wenn ich
nicht einen triftigen Grund angebe."

Ich schrieb deshalb auf das Papier: "Bitte telegraphiere mir tausend
Mark wegen einer Frau." Aber dann wute ich nicht mehr weiter. Ich
meinte, mein Vater wrde vielleicht annehmen, da ich einen Ehrenhndel
htte. "Schreiben Sie dazu," sagte eine der Frauen, "werde sonst
verhaftet." Und ich schrieb dieses und schickte das Telegramm ab und
erhielt auch am Abend das Geld von meinem erschrockenen Vater, der
natrlich briefliche Aufklrung verlangte. So wildes Wesen trieb die
Verzweiflung mit mir, da ich nichts mehr bedachte, was ich tat.

Wir reisten am nchsten Tag von Stockholm ab. In Kopenhagen trennte ich
mich dann von Przybyszewski und seiner Frau und fuhr nach Paris.

Vorher hrte ich schon, da jene junge Schwedin in Stockholm ihre
Verlobung wieder gelst hatte, und ich atmete auf und durfte nun wieder
hoffend und frei an sie denken; doch wagte ich es kaum noch. --

In Paris hatte ich das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die
von London zurckgekehrt waren, in ihrem Atelier bald nach meiner
Ankunft aufgesucht und hatte ihnen von meiner Herzensnot erzhlt und
von meiner Hoffnung, da der Himmel mich vielleicht doch noch einmal
mit der jungen schwedischen Dame, die ich liebte, zusammenfhren wrde.

Die beiden Amerikaner machten mir groen Mut und sagten immer wieder,
mein Wnschen wrde sicher so stark wirken, da ich eines Tages noch
glcklich wrde.

Und Paris war die geeignete Stadt, in der ich am strksten meinem
Liebeswunsch nachhngen konnte, denn das Straenleben, die
Vergangenheit und die Gegenwart dieser Stadt sprechen ununterbrochen
von der Liebe, die diese Stadt erlebt, erlebt hat und erleben will.

       *       *       *       *       *

Als ich im Februar 1896 nach Paris kam, war vier Wochen vorher
Frankreichs bester Dichter, der Lyriker Paul Verlaine, gestorben. Und
die Zeitungen erzhlten tglich Zge aus seinem Leben. Man erfuhr, da
er sich von Krankenhaus zu Krankenhaus durchgeschlagen hatte. Aber
er war nicht so sehr krank gewesen als notleidend. Er hatte keinen
anderen Ausweg gesehen, um sich zu helfen, als da er sich bei den
verschiedenen Spitlern in der Armenabteilung krank meldete, nur um
Unterkunft und Verkstigung zu erhalten.

Ich wohnte auf der Hhe des "Quartier Latin" in einem Gasthof in der
Strae de l'Abb de l'pe, einer friedlichen kleinen Seitenstrae des
Boulevards St. Michel, die, wie man wei, die Hauptstrae des pariser
Studentenviertels ist.

In der stillen, freundlichen Gasse, durch welche fast nie ein
Wagen fuhr, waren auf der einen Seite sonnenbeschienene, helle,
hohe Gartenmauern, und am Gassenende stand eine alte Kirche,
die mit Abend- und Morgengelut die klsterliche Friedlichkeit
noch erhhte. Das Gchen war sehr still. Man sah nur immer das
menschenleere, sonnenbeschienene, saubere Pflaster unter den Fenstern.
Die Huser waren ein- und zweistckige, kleine, helle, vornehme,
weltabgeschlossene Einzelhuser. Manchmal verirrte sich einer der
Straenverkufer, mit singender Stimme ausrufend, unter die Fenster der
sauberen Gebude, aber sonst flogen dort nur die Sperlinge durch den
Sonnenschein.

In dem ruhigen Gasthof stiegen meistens auslndische Knstler ab und
einige ltere franzsische Studenten, die Prfungsarbeiten machten. Zur
Frhstcks- und Abendessensstunde sah man kluge, ernste, gedankenvolle
Kpfe in dem schmalen Esaal. Dieser Saal war schmal wie ein Hausflur.
Durch die Verglasung seiner einen Lngsseite sah man in den kleinen
dreieckigen Hausgarten, der mit hohen, dichtverwachsenen Efeumauern
und einem grnen Rasen eine wohltuende Oase fr das Auge war, wenn man
ermdet vom Weltstadtlrm und aus der wsten pariser Lebensjagd, aus
der Innenstadt, heimkehrte und sich zur Mahlzeit niedersetzte.

Da sah man manchmal auch im Gartengrn eine Katze kauern und sich bei
der Efeuwand sonnen, oder es flog eine Amsel herbei und spazierte auf
dem Rasen und flog dann ber die Mauer in einen Nachbarsgarten, von
wo sie, auf hohem Ahornzweige schaukelnd, ein Lied jubelte. Man wute
nicht mehr, lag dieses Stck grne Erde da drauen vor dem schmalen
Speisesaal in der Stadt Paris oder in einem friedlichen Kirchhof. Denn
dieses stille, kleine Gasthaus hatte die Macht, starken Frieden um sich
zu verbreiten, so wie l, das man auf strmende Wellen trufelt, das
Meer im Umkreis sanft macht.

Wenn ich nicht diese Stille in Paris tglich erlebt htte, ich htte es
nicht fr mglich halten knnen, da man solche Lautlosigkeit schaffen
kann mitten in einer Millionenstadt. Aber dieses ist die Kunst der
Pariser, vornehme Ruhe zu schaffen. Indem sie mit kluger Ausntzung
des kleinsten Erdflecks grne Gartenwinkel anlegen, in welche man
mit Einfachheit und Bescheidenheit nur Rasen und Efeu pflanzt und so
dem Auge lndliche Ruhe zufhrt. Man schachtelt also ins laute Paris
Ruhe in Ruhe ein. Und man gelangt so dort mitten in dem kochenden
Leidenschaftsherd, der die ganze Stadt wie einen ewig arbeitenden
Krater wogen und wallen lt, trotz aller berhitzter und gesteigerter
Lebenslust, zu einer fast unschuldigen Ruhe mit sich selbst.

In keiner Weltstadt sah ich auch jemals soviel Kleingewerbettigkeit.
Neben den groen, spiegelglnzenden, glsernen pariser Lden nistet ein
bescheidener und traulicher Kleinhandel. Alles darf und alles soll
leben knnen hier in dieser lebenswarmen Stadt! Es kommt einem vor,
als stnden diese Worte als Spruch am Eingang der meisten Straen.
Wie jahrhundertalte Wohnungen und Huser Raum fr viele Andenken
haben, Andenken an verschiedene Geschlechter, die hier lachten und
starben, so ist das pariser Straenleben durchwebt und durchlagert von
Versteinerungen verschwundener Zeitschichten.

Dieses gibt der Stadt etwas innig Rhrendes, etwas innig Rckstndiges
und knstlerisch Gedankenvolles neben der wahnwitzigen Vorwrtsjagd,
dem Vorwrtsstreben und dem lauten Dasein.

Nirgends sah ich noch soviel Katzen auf der Welt als in Paris. Da
die gypter die Katzen heilig sprechen konnten, wurde mir nirgends
verstndlicher als in Frankreich. Die pariser Katzen gehen wie die
Geister vergangener Geschlechter lautlos und gepflegt, geliebt und
geschtzt in allen Husern herum, in allen Lden, in allen Gasthusern.
Kein Mensch erschrickt vor ihnen, kein Mensch jagt sie, und sie
werden nicht blo geduldet, sondern gefeiert, weil der lebendige und
lebensschtige Pariser im letzten Grunde auch am Tier die Ruhe des
Benehmens als die hchste Lebenskunst feiert.

Der alte schwedische Maler Josephson, den ich auf Veranlassung von
Ellen Key noch vor meiner Abreise in Stockholm besucht hatte und der
fnfzehn Jahre seines Lebens in Paris verbracht hatte, sagte beim
Abschied zu mir:

"Also, Sie wollen nach Paris! Gren Sie die groe, starke Stadt von
mir, die groe, ruhige, vornehme Stadt."

"Ruhig?" fragte ich. "Die Stadt, in der man sich seit Jahrhunderten
betubt, innerlich und uerlich, die Stadt kann doch nicht ruhig sein?"

"Glauben Sie mir," meinte der alte Maler, "Paris ist die ruhigste Stadt
in Europa. Und wenn Sie dort hinkommen, rate ich Ihnen, nehmen Sie es
sich als ersten und letzten Grundsatz vor: bewahren Sie sich immer Ihre
Ruhe dort. Machen Sie mit Ruhe die Hast mit. Aber geben Sie Ihre Ruhe
nie auf. Dann wird Sie der Pariser schtzen, er, der so verchtlich auf
die unruhigen Fremden herabsieht."

Und als ich nun die Katze, das Symbol huslicher Ruhe, berall in Paris
gepflegt fand, mute ich immer an diese Worte des alten schwedischen
Malers denken. --

Drauen vor meiner sonnenstillen Gasse stand man, wenn man die breite,
sonnige Strae St. Michel kreuzte, vor den groen Eisengittern des
weiten Luxembourgparkes, dem Garten der Bildsulen der Kniginnen von
Frankreich und der Dichter.

Auf den Terrassen rund um den Platz eines groen Wasserbeckens stehen
die Bildsulen der hohen Frauen, und unter den Augen der steinernen
Kniginnen und in einem Kreis von Zuschauern lassen die pariser Kinder
dort im Frhlingsnachmittag ihre handgroen Segelschiffchen auf dem
Wasserspiegel kreuzen.

Aber auf einer anderen Seite des Schlogartens, im lauschigeren Teil,
wo die Singvgel in blhenden Bschen nisten und grner Rasen mit
Blumenhgeln und Zwergobstbumen abwechselt und unter schattigen, alten
Kastanien- und Ahornbumen noch Lauschigkeit und Heimlichkeit herrscht,
findet der Spaziergnger die Denkmler der Dichter.

Im Nebenflgel des Lustschlosses selbst, das nher zur Stadt hin liegt,
und darin jetzt die Senatoren von Paris ihre Sitzungen abhalten und
ihre Schreibstuben haben, ist die neuzeitliche Bildersammlung mit ihren
Kunstschtzen lebender oder erst jngst gestorbener Zeitgenossen.

Die Luxembourgsammlung wird als die Vorhalle zum Allerheiligsten, zur
Ewigkeitssammlung, dem Louvre, angesehen. Ein Kunstwerk, das eine
gewisse Anzahl von Jahren in der Luxembourgsammlung ausgestellt ist,
wird, wenn sein Kunstwert nach Jahren noch als ein Bleibender anerkannt
ist, dann erst der Louvresammlung einverleibt.

So sind der Luxembourggarten und seine Bildersammlung eigentlich das
Besitztum der franzsischen Jugend. In den Vormittagsstunden sieht
man im lauschigen Teil des Parkes manchen bcherlesenden Studenten.
Am Nachmittag gehrt der Baumschatten den Kindern, den Kinderfrauen
und den Tierfreunden, die die Vgel fttern und sich die Sperlinge so
zhmen, da diese ihnen die Brotkrumen von den Lippen picken.

Der Sptnachmittag aber lockt die Studenten und jungen Knstler mit
ihren zierlichen Freundinnen in Scharen von der Seite des Boulevards
St. Michel her auf den groen Musikplatz des Gartens, und bei
Musikspiel lebt das Liebesspiel in den Augen, in den Worten und
Gelchtern der Spazierenden. --

Jedem Fremden flt die groe Ordnung Achtung ein, die sowohl in
London als in Paris die Tagesarbeit und das Vergngen in bestimmte
Zeitabschnitte abteilt. Man mu das Uhrwerk dieser Stdte als Fremder
verstehen lernen und sich ihm anpassen. Das Leben dort wird von der
Ordnung wie ein Konzert von einem Kapellmeister geleitet. Es haben sich
bestimmte Ordnungsbegriffe gebildet, die von Geschlecht zu Geschlecht
festgehalten werden. Man spricht von der Stunde vor "der Spazierfahrt
ins Gehlz". Dann kommt die Stunde "der Erfrischungsgetrnke", die
Stunde vor dem "Gang ins Theater" und so weiter.

Die Strenge, mit der an althergebrachter Sitte festgehalten wird, macht
den Pariser stolz und ruhig mitten im Neuzeittrubel.

       *       *       *       *       *

Damals, im Jahre 1896, lebten und arbeiteten in Paris immer noch
Zola, Huysmans, Mallarm, von denen fr die Literatur tonangebende
Neuerungen ausgingen. Wie ich schon sagte, Verlaine war eben gestorben.
Auf dem Boulevard St. Michel lief ein lterer, etwas komischer, halb
verhungerter Literaturstudent im Gehrock und Zylinder umher, der den
Spitznamen Bibi hatte, und der unversehends mitten im Menschengewhl zu
einem herantrat, aus seiner hinteren Gehrocktasche eine Stiefelbrste
zog, den Zylinder hflich lftete und mit ernster Miene um die
Erlaubnis fragte, einem den Staub von den Stiefeln und vom Hosensaum
brsten zu drfen.

Man lie es sich gefallen und gab ihm eine Geldmnze dafr. Denn
jedermann wute, da Bibi bitterarm war. Aber auerdem wute man
auch, dieser drftige, drre Mensch, der nur flsterte und der im
Menschengedrng wie ein Schatten kam und schwand, er war der treueste
Anhnger Paul Verlaines gewesen. Und man behauptete spter, da er noch
zehn Jahre nach Verlaines Tod das letzte Hemd des Dichters an seinem
Leib trage und es, aus Verehrung fr den toten Meister, niemals ablege.

Gestalten von solch rhrender, wandelnder Lcherlichkeit lebten viele
im Gedrnge des Boulevards St. Michel. Zur Mitternachtsstunde tauchten
sie auf, und es war dann, als verkrperten sich in ihnen vergangene
Zeiten.

Man sah da auch ein altes Mtterchen. Sie verkaufte Oliven in l oder
gekochte rote Krebse, je nach der Jahreszeit, und man sagte, sie sei
eine Freundin des Dichters Musset gewesen. Sie war wohl neunzig Jahre
alt, und ihr Kopf wackelte, und manchmal machte sie einen Luftsprung,
wenn ihr auf einer Kaffeehausrampe von einem Studenten Geld zugeworfen
wurde. Dieser Hopser der Alten war die letzte Erinnerung aus ihrer
Tnzerinnenzeit, die sie einst am Ballett der Groen Oper erlebt hatte.

Diese Spukgestalten der Vergangenheit wurden von den Studenten sowohl
wie von ihren Freundinnen, die die nchtlichen Straen fllten,
geachtet und geliebt, man schtzte sie. Sie bildeten die Patina
der Strae. Alte Kenner des Lebens sahen ihnen ehrfrchtig und
behaglich schmunzelnd zu. Und die jungen Lebensneulinge betrachteten
diese berbleibsel toter Zeiten mit Scheu und mit leisem Anflug
von Selbsterkenntnis: das Leben vergeht, darum wollen wir es
festlich nehmen. Mehr Erkenntnis aber lebte noch nicht in den jungen
Nachtschwrmern des lateinischen Viertels.

       *       *       *       *       *

In diesem Stadtteil von Paris verbrachte ich vom Februar 1896 bis
Ende April die letzten Wintertage. Im Betrachten der groen fremden
Stadt und im Betrachten der nchsten Umgebung meiner Gasse, in der ich
wohnte, vergingen die Stunden schnell.

Und eines Sonntags, im Parke von Versailles, erstaunte ich, da in den
hohen Baumgngen und in den knstlichen Wasserlufen dort schon die
Frhlingssonne warm spielte.

Als ich ber die endlose Baumreihe, die sich von der Schlorampe
beinahe bis an den Erdrand hinzuziehen scheint, hinsah und mich die
frische, freie Luft ferner cker und Felder anwehte, knickte mein Herz
ein. Denn ich wurde pltzlich erinnert, da es auer dem knstlichen
Stadtleben, das ich bis jetzt in diesen pariser Wintertagen und in den
letzten Monaten in Stockholm fern von freier Natur gelebt hatte, auch
noch Wiesen, Wlder, Lnder, Erdteile und Meere zum Aufatmen gab.

Und die Luft sagte weiter, da ber dem Meer fern im Norden ein
Mdchen, das ich ersehnte, lebte, und da die Frische, die hier in
den stadtfernen Versailler Schlogarten ber cker hergekommen war
und nicht ber Hausdcher, mich an das ferne Land im Norden erinnern
wollte, an Bohusln, wo ich zuerst ohne Herz gedichtet hatte, und
an Stockholm, an meine Wohnung am Tegnerlund, wo ich meine ersten
Liebesgedichte herzlich gedichtet hatte.

Hier in Frankreich war ich bisher vor dem Neuen wie ein
Schlafwandelnder gegangen, und es war mir oft, als ob ich meine
Dichtung und meine Liebesgefhle zu jenem Mdchen in einem fern
vergangenen Leben erlebt htte.

Aber nun kam vom Erdrand junge Luft durch den langen Baumgang, ber den
langen Wasserlauf, zu den Treppen der Schlorampe von Versailles, und
eine groe Sehnsuchtswelle rhrte mich an. Die Vgel, die Amseln und
Finken, die da in den bltterleeren hohen Bumen des Parkes aufsangen,
wollten auch mich zum Aufsingen berreden. Und das Wasser blitzte unter
dem dunklen Gest, die Frhlingssonne glitzerte in den laubleeren
Kronen der Bume, und die weien groen Gtterbilder, die da am Fu der
breiten Treppe stehen, sprachen von der Gttlichkeit des Menschenleibes
und von der Festlichkeit, mit der die Heiden ehemals Himmel und Erde
herzlich und selbstverstndlich genossen haben.

Der groe leere Frhlingsgarten, der bereit stand zu erwachen, der
Knospen und Bltterschwrme bringen wollte und zu grnen Slen werden
wollte, darinnen sich die Menschen in Paaren ergehen sollten, dieser
Garten sagte: "Geh, hole dir dein Mdchen und komme wieder mit ihr.
Meine festlichen Wege sind nicht fr Einsame gedacht. Ich bin
ausgedacht zur Feier der Liebesgefhle. Auf meinen Wegen will ich der
Menschen Liebesgeplauder hren und will Menschen sehen, deren Herzen
nicht einknicken vor Weh und Einsamkeit, wenn sie an das Ende meiner
langen Baumgnge blicken.

Wenn es die kleine Amsel dort fertig bringt, sich ein Weibchen zu
finden und diesem ihr Lied zu singen, warum sollst du, junger Mensch,
es nicht fertig bringen, wie eine Amsel dein Weibchen zu finden und ihm
deine Lieder zu singen."

Alles dieses hrte ich laut in meinem Blut reden. Bei jedem Schritt,
den ich ber den feinen Sand in dem ebenen Garten tat, schluchzte mein
Herz und klagte meinen Verstand an und sagte:

"Sieh und hre, was der Garten spricht. So wahr als die Sonne, die
jetzt hier das leere Wasser in weies glnzendes Feuer verwandelt, die
Gartenbume und den Rasen tglich anruft, da sie blhen sollen, und
so wahr es ist, da dieser Garten der Sonne folgen mu und Bltter und
Knospen treiben wird, so wahr ist es, da ich dich anrufe und flehe:
hre auf dein Herz. Du kannst es nie betuben!

Ich rufe dich an wie die Sonne. Und dein Geist und dein Leib mssen mir
folgen. Du kannst die Liebe nicht ersticken. Das ferne Gesicht jenes
Mdchens, das du liebst, spiegelt sich in mir, in deinem Herzen, wie
die Frhlingssonne hier im Wasserlauf und verwandelt mich in weies
Feuer. Geh heim jetzt und liebe und singe." --

Und am Abend in Paris im hellgrauen Frhlingsabend, in dem kleinen
stillen Gasthof, schrieb ich mein erstes Gedicht seit Monaten und
wnschte inbrnstig wie nie diejenige herbei, von der heute im leeren
Versailler Schlogarten den langen Nachmittag das ganze Weltall zu mir
gesprochen hatte.

Seit drei Tagen aber befand sich die, die ich fern in Schweden glaubte,
in derselben Stadt wie ich. Das erfuhr ich am nchsten Tag, als ich
ihr, die mir wie vom Himmel gefallen schien, mitten in Paris begegnete.
--

       *       *       *       *       *

Ich ging meistens nach dem Frhstck, das ich zwischen elf und zwlf
Uhr einnahm, und das mein Mittagessen bedeutete, aus dem Gasthaus
fort, um dann im Luxembourggarten zu lesen, und trat gegen zwei Uhr in
ein Kaffeehaus ein, wo ich immer einige mir bekannte Knstler traf.
Manchmal sa ich im Caf ~Francois premier~ am Boulevard St. Michel. Da
war Verlaines Stammplatz gewesen, der jetzt auf dem Ledersofa unter den
mit Blumen bemalten Spiegeln fr immer leer blieb.

Der Kellner dort, der den Dichter noch vor einigen Monaten bedient
hatte, erzhlte, wenn er mir die Zeitungen brachte, gern von seinem
toten Dichtergast. Von ihm hrte ich auch ber den seltsamen kindlichen
Goldhunger, der den verarmten Bohmepoeten kurz vor seinem Tode noch
befallen hat.

Freunde hatten Verlaine ein kleines Zimmer gemietet, und dort fanden
sie ihn eines Tages, als er seine wenigen Tische, Sthle und Gerte und
alles, was in dem drftigen Stbchen sich um ihn befand, liebevoll mit
einer ganz gemeinen Goldbronzenfarbe bemalte.

Er, der selten Gold in die Hnde bekommen hatte, den der Hunger an die
Tren der Armenspitler getrieben hatte, und der in seinem Geist sich
so viele goldfeurige Leidenschaftshimmel in die Welt getrumt hatte,
wollte auch einmal die irdische Armseligkeit -- in der ihn seine stolze
reiche Nation darben und verkommen lie --, ehe er sterbend von ihr
schied, sichtbar vergoldet sehen.

Er konnte das Zimmer schon nicht mehr verlassen vor Entkrftung und
von stetem Elendsfieber gepeinigt, das seinen Krper zerrttet hatte.
Seine Freundin, die ihn zuletzt pflegte, kaufte ihm einige Flaschen
Goldbronze, seinen letzten Wunsch erfllend. Und halb kindlich, halb
spttisch schmunzelnd, vergoldete er in seiner Stube das graue und
abgestorbene Holzgert, die Stuhlbeine und die Tischbeine. Die blanke
Goldbronze mute dem kranken Dichter den fehlenden Sonnenschein in den
dunklen pariser Dezembertagen vortuschen, die Frhlingssonne hat der
Arme nicht mehr wiedersehen drfen.

Verlaine starb, und die pariser Brger bemerkten seinen Tod kaum. Nur
das Studentenviertel, nur die Knstler, erlitten bewut einen tiefen
Verlust mit seinem Hinscheiden.

Sollte man es fr mglich halten, da groe Geister so unbemerkt von
einer gebildetseinwollenden Brgerschaft und so ungefhlt leben und
gehen knnen? Das war doch nie bei den Griechen und Rmern der Fall,
da ein groer Mann in ihrer Mitte lebte, den nicht auch die ganze
Nation gekannt htte. Die Jagd nach dem Gold heute macht die Brger
geistesblind, blind gegen sich selbst, blind gegen ihre eigenen
tiefsten heiligsten Forderungen.

Der arme Dichter rief jenes Gold, das die Brger von ihm fernhielt, in
sein Sterbezimmer, und er zwang den Goldschein, ihm in sein leidendes,
abschiednehmendes Auge zu sehen. Und als ihn das Gold ungerhrt ansah,
lchelte er ihm im Sterben zu und vershnte sich auch mit ihm, seinem
Lebensfeinde. Das Gold, nach welchem Verlaine nie gestrebt, hatte ihn
vielleicht deshalb, weil der Dichter es nicht verehren wollte, gehat.
Das Gold, das ber alle brgerlichen Menschen Macht hat, hatte nicht
ber diesen Helden der Dichtung Macht bekommen, und nur in seiner
Sterbezeit spielte Verlaine mit dem Glanz des Goldes wie ein Kind. --

Da ich an jenem Tage, nach dem versailler Sonntag, keinen von meinen
Bekannten im Caf ~Francois premier~ getroffen hatte, ging ich in
das Kaffeehaus Lilas, das auf der Hhe des Studentenviertels am
Boulevard Montparnasse liegt. Dort war immer ein Kreis des jngsten
knstlerischen Frankreichs und des jngsten knstlerischen Auslandes,
nachmittags und abends, anzutreffen.

Ich befand mich auch nicht lange dort, da kam Eduard Munch und
setzte sich zu mir. Ich fragte ihn sogleich nach der Adresse einer
norwegischen Freundin jener jungen stockholmer Dame, die Munch
ebensogut wie ich kannte. Ich lie mir dann vom Kellner eine Postkarte
geben und schrieb an jene Dame nach Norwegen, denn bei ihr hielt sich
jetzt, wie ich erfahren hatte, die junge Stockholmerin zu Besuch auf.

Ich hatte noch nicht zwei Zeilen und noch nicht die Frage an die
Norwegerin, ob die junge Schwedin schon nach Stockholm zurckgekehrt
sei, ausgeschrieben, als sich die Glastre des Kaffeehauses ffnete und
Munch neben mir erstaunt ausrief: "Nein, sehen Sie, da kommt sie ja
schon selbst."

Verblfft sah ich auf und sah wirklich sie, zu der ich so ungeduldig
in diesem Augenblick nach Skandinavien hingedacht hatte, unter der
Tr eintreten. Ihr Gesicht, das ich gestern ganz fern am Ende der
versailler Baumgnge im Frhlingswinde in meinem Geist hatte aufwachen
sehen, kam mir nun vervielfacht aus den breiten Spiegelwnden, aus
allen Ecken und Enden der Glaswnde des pariser Kaffeehauses beweglich
und lebend entgegen.

Ich sah mich mit einemmal wie umringt von allen den Sehnsuchtsbildern,
die ich mir von jenem Mdchen gemacht hatte. Und es stand in der
Mitte aller dieser Spiegelgesichter wie der warme Kern aller meiner
Sehnschte, und erstaunt reichte es mir ber den Marmortisch die Hand
zur Begrung.

Die junge Schwedin war mit ihrer norwegischen Freundin kurz
entschlossen nach Paris gekommen. Sie war nach der raschen Verlobung
und Entlobung dieses Winters unruhig, mde und fliehend vor sich selbst
und ratlos geworden.

Sie kannte schon Europa von frheren Reisen. Ihr Vater hatte sie,
als sie achtzehn Jahre alt war, nach der Schweiz gebracht, in ein
Pensionat, wo sie fremde Sprachen gelernt hatte. Ein Jahr spter
war sie mit mehreren Freundinnen durch Italien gereist, nach Rom und
Neapel, und sie war dort eifrig durch die Bildersammlungen gewandert,
teils weil sie dieses unterhalten hatte, teils weil sie ihren Vater
beim Heimkommen mit dem Gesehenen unterhalten wollte. Auch Paris hatte
sie besucht und dann London. Und spter war sie in England auf dem
Lande einige Zeit in einem Pfarrhaus in Pension gewesen. Alles dieses
wute ich, und ihr pltzliches Erscheinen in Paris war mir erklrlich,
da ich auch wute, wie gern und leicht sie reiste. --

Am dritten Tage unseres Wiedersehens schien es mir endlich an der Zeit
zu sein, ihr zu erzhlen, warum ich ihr die Gedichte, welche meine
Liebe erklrt htten, in Stockholm nicht gegeben hatte. Ich wollte ihr
sagen, da ich nicht gewagt hatte, um sie zu freien. Aber jetzt htte
ich eingesehen, da mir nichts Schlimmeres begegnen knnte, als von ihr
getrennt zu leben.

Wenn ich ihr auch noch nichts zu bieten htte als meine Liebe und meine
Lust, ihr zeitlebens Liebeslieder zu schreiben, so meinte ich doch, es
wrde der Kampf gegen die Armut das kleinste bel sein.

Durfte doch der Amselmann das Amselweibchen besingen! Und wurden sie
nicht beide satt dabei und konnten ans Nestbauen denken?

Und diesen Mut wollte ich mir jetzt nehmen, und das Mdchen, das ich
liebte, wollte ich mir nicht mehr entgehen lassen, wollte nicht mehr
getrennt von ihm leben.

Ich stieg deshalb am dritten Tage mittags in einen Wagen und fuhr in
das entfernte Stadtviertel, wo die junge Dame in einer Pension wohnte,
und wo sie fr einen Monat ein Zimmer genommen hatte.

Ich holte sie dort ab, und wir gingen miteinander frhlich plaudernd
zum Frhstck, und darnach schlenderten wir durch die Louvresammlungen
und kamen zuletzt auch vor die groe Bildsule der Venus von Milo, die
im Erdgeschogewlbe des Louvreschlosses einen Raum fr sich hat.

Der heilige wunderbare marmorne Frauenleib, der da hochaufgerichtet,
stolz und gttlich allen Menschen zum Wohlgefallen geschaffen schien,
machte uns beide verstummen. Ich mute an den Dichter Heinrich Heine
denken, der sich als Totkranker vor dieses Bild hatte hintragen lassen
und der mit den Fingern sein Augenlid ffnen mute, das schon gelhmt
war, um nur nochmals vor seinem Tod die Venus bewundern zu knnen,
fr die er so viele Strophen gesungen hatte. Den kranken Dichter, den
halbtoten, erquickte noch einmal die Schnheit, die ein griechischer
Knstler vor mehr als zweitausend Jahren geschaffen hatte!

Nach zweitausend Jahren ist jene Kraft heute noch wirksam, mit der die
Knstlerhand den Marmor geformt, mit der ein menschlicher Geist, mit
der ein Mensch einen Gttinnenleib und eine Gtterkraft geschaffen
hatte!

Sind wir Menschen dann nicht Schpfer, Schpfer am Weltall, wenn wir
nach zweitausend Jahren noch mit unserer Hnde Werk und mit dem Werk
unseres Herzens ferngeborene Geister begeistern knnen und ihnen
Lebensmut und Lebensherzlichkeit einflen knnen, ihnen sogar noch
Gtterkraft in der Todesstunde geben knnen? -- Die griechischen Gtter
vergingen, aber der griechische Knstler lebte fortwirkend ber seine
Gtter!

Ich schickte ein kurzes Stogebet zum Liebesgeist, der vor zweitausend
Jahren den Marmor geschaffen hatte. "Segne mein Vorhaben!" bat ich.
"Groer Geist, wenn du ewig des Lebensfestes hchster Festgeist gewesen
bist, steh mir bei. La mich nicht mutlos werden. Segne uns beide!"

Oft habe ich spter an den seltsamen Zufall denken mssen, da
uns unser Weg ganz absichtslos in den Louvre und vor die Venus
gefhrt hatte. Der Anblick der starken Liebesgttin und die starke
Knstlerkraft, die aus dem Marmor jahrtausendestolz zu uns redete,
beschleunigte mein Vorhaben, und ich sagte der lang Begehrten meinen
Herzenswunsch.

Einige Stunden spter stellte ich bei einem Abendbesuch bei James und
Theodosia, den Amerikanern, meine Braut vor. Diese freuten sich und
triumphierten, weil sie mir vorausgesagt hatten: das, was man stark und
aufrichtig, im Innersten seines Wesens wnscht, zieht man zu sich heran
und schafft so selbst seinem Wunsch die Erfllung.

Die tatkrftigen Amerikaner schlugen uns vor, da wir, wie sie es getan
hatten, gleich nach England reisen sollten, um uns dort trauen zu
lassen. Das taten wir auch und reisten am nchsten Tage; und am fnften
Tage nach dem Besuch bei der Venus im Louvre waren wir schon vermhlt.

Bei unserer Trauung herrschte aber eine babylonische Sprachverwirrung.
Die junge Schwedin verstand wohl deutsch, konnte es aber noch nicht
sprechen. Ich verstand schwedisch, konnte es aber nicht sprechen. Und
von einem englischen Geistlichen, der weder schwedisch noch deutsch
verstand, wurden wir in der franzsisch sprechenden Stadt St. Helier,
auf der Insel Jersey, in einer wunderbaren alten englischen Kapelle in
franzsischer Sprache getraut.

Im Seebad Gorey auf derselben Insel, in dem schmucken englischen
Fischerdorf, das am Fue einer alten Normannenburg liegt, wohnten wir
whrend des Monats Mai bis Anfang Juni, von wo wir dann nach Paris
zurckkehrten. Denn ich bemerkte mit Schrecken, wie schnell man im
Glck das Geld ausgibt.

       *       *       *       *       *

Ich war einige Wochen vorher, ehe die junge Schwedin in Paris erschien,
noch in der schrecklichsten Notlage gewesen. Zwei Tage hatte ich fast
nichts zu essen gehabt und hatte kein Geld und keine Aussicht, welches
zu bekommen. Ich hatte Brief um Brief nach Hause geschrieben, aber
mein Vater wute nichts davon. Man wollte ihn mit meinen Briefen nicht
verstimmen und man legte dieselben, da er nicht wohl war und zu Bett
lag, ungeffnet auf seinen Schreibtisch, einen Brief zum anderen.

Das amerikanische Ehepaar streckte mir endlich das Heimreisegeld vor,
nachdem ich schon halb verhungert war. Ich hatte an einem Tag nur fr
einen Sou eine halbe Semmel gegessen und am anderen Tag nur ein Ei fr
meine letzten zwei Sous verzehrt und die Hlfte der Semmel vom Tage
vorher, die ich aufgehoben hatte. Um meine Krfte zu schonen, hatte ich
mich zuletzt tagsber aufs Bett legen mssen, weil ich mich nicht durch
Gehen im Straenlrm hungrig machen wollte.

Am dritten Tag konnte ich nicht mehr lnger in dieser elenden Weise
auf den Postboten warten, und als mich zufllig die beiden Amerikaner
besuchten und mich fragten, warum ich nicht ausgehen wollte, gestand
ich ihnen meine Hungersnot. Noch am selben Abend begleiteten sie mich,
nachdem sie mich gestrkt hatten, zum Bahnhof, und ich reiste zu meinem
Vater.

Dieser war mde von den dreijahrelangen Untersttzungen, die er mir
gegeben hatte. Er bedachte nicht, da die Schriftstellerei und die
Dichtung mehr Studienjahre in Anspruch nehmen als die Medizin und
die Jurisprudenz. Ich erlangte aber dann doch von ihm, nach einer
eindringlichen Auseinandersetzung, da er mir noch einmal einige
tausend Mark gab, wofr ich ihm dann versprach, wenn dieses Geld
verbraucht wre, fr mich selbst zu sorgen, so da mein Vater sich
darnach nicht mehr um mich kmmern sollte. Mit dieser Summe wollte ich
sparsam leben und hoffte auf baldige Bchereinnahmen. Ich wollte jetzt
in einem Winkel von Paris eifrig schreiben.

Aber weder mein Vater, noch ich, ahnte bei diesem Wiedersehen -- das
unser letztes war --, da ich sechs Wochen spter verheiratet sein
wrde. Ich hatte damals keine Ahnung, da das junge Mdchen, das ich
im stillen liebte, nach Paris kommen wrde. Und mit nur viertausend
Mark in der Tasche htte ich nicht gewagt, nach Stockholm zu reisen und
im Hause des Grokaufmanns um die Tochter zu bitten.

So war ich nach Paris zurckgekehrt und hatte mich ein wenig bei den
Spaziergngen im Luxembourggarten von dem letzten Hungerschrecken
erholt, als die junge Schwedin erschien und ich nun, ermutigt durch die
paar Banknoten in meiner Tasche, mich nicht lange besann und fr mein
Herz ein Weib wollte, da es ja auch der rmste pariser Straensperling
sich erlaubte, ein Weib von der Natur zu fordern. --

       *       *       *       *       *

Von der Englandreise nach Paris zurckgekehrt, mieteten wir jungen
Eheleute dann in der Rue Boissonnade, die eine Atelierstrae ist, von
einem Amerikaner, der zum Sommer aufs Land gezogen war, ein groes
ausgestattetes Maleratelier und ein Schlafzimmer.

Noch einige Zeit konnte ich meiner jungen Frau verbergen, da die Sorge
bald vor unserer Tr stehen wrde, und da ich nicht ahnte, wovon wir
dann weiterleben sollten.

Da unsere meisten pariser Bekannten jetzt im Hochsommer auf dem Lande
waren, war unser einziger Verkehr das amerikanische Ehepaar James und
Theodosia, die in der Nhe des Eiffelturmes an einer Avenue ein hoch im
Himmel gelegenes Atelier mit Kche und Schlafzimmer bewohnten.

Die alten okkultistischen Gesprche wurden bei den Amerikanern wieder
aufgenommen. Denn James und Theodosia hatten ihre kabbalistischen und
okkultistischen Studien nicht aufgegeben. Beide standen immer noch im
regen Briefverkehr mit ihren londoner Freunden. Eines Tages besuchten
wir auch in ihrer Gesellschaft in Neuilly den letzten Abkmmling eines
schottischen Knigs, der in Paris als gyptologe lebte und mit seiner
Frau ein hbsches Gartenhaus bewohnte, wo er Sonntags eine Unmenge
Damen und Herren empfing.

Ich sah bei ihm die Papyrusrollen des gyptischen Totenbuches, das
jener Gelehrte aus den Hieroglyphen ins Englische bersetzte.

Derselbe Gelehrte fhrte spter in Paris den alten Isiskultus wieder
ein, und seine Frau wurde Isispriesterin. Ich ersah das viele Jahre
spter aus illustrierten Zeitungen, die das Bild der beiden mit der
Nachricht von der Auffrischung des Isiskultus brachten.

Mit James und Theodosia besuchten wir in jenen Sommermonaten auch
fters die Gewlbe des Louvres, die die groen gyptischen Sammlungen
enthalten. Ich lernte dabei wieder viel Neues aus den Geheimlehren der
Okkultisten kennen. Sie erklrten mir, da es falsch sei, wenn man die
groen Porphyrbildsulen jener gyptischen Gtter, die Tiergestalt
zeigen, immer fr Tiergottheiten ansehen will.

Diese Steinbilder, halb Menschen, halb Tiere, die da in steifer
feierlicher Haltung aufrecht stehen oder sitzen, tragen nur Tiermasken
vor den Gesichtern: die Maske eines Ibisvogels oder die eines
Schakals oder die einer Tigerkatze. Die gypter stellten die Gtter
gern mit Tiermasken dar, um anzudeuten, da Tier und Menschen die
gleichen menschlichen Regungen besitzen, da alle Erdenleben ein und
dasselbe gttliche Leben erleben, und da das Unergrndliche hinter
verschiedenen irdischen Masken auftritt; und da nicht blo in der
Gestalt des Menschen, sondern auch in den Tieren alle ewigen Gefhle
des Weltalls sich vereinigten.

Auch wenn wir die Maske wechseln und im anderen Leben Katze, Schakal
oder Ibis werden, haben wir dieselben ewigen Gefhle in uns. Deshalb
wurden bei den gyptern Tiergesichte von Menschengestalten getragen
und umgekehrt. Die Sphinx zeigt einen Menschenkopf auf einem Tierleib.
Menschen und Tiere gehen im wechselnden Weltalleben ineinander ber.

Da ist keine Grenze gezogen zwischen dem Empfindungsvermgen der
beiden. Mensch und Tier, beider Krper, leben vom Hunger und von der
Liebe, sie erleben beide die hchsten Weltallfestlichkeiten Geburt,
Liebe und Tod. Und beide erleben Weltunergrndlichkeit. _Mensch und
Tier erschaffen sich aus der gleichen Wirklichkeit und der gleichen
Unwirklichkeit._ Mensch und Tier gehren der Endlichkeit und der
Unendlichkeit an, da sie dem Weltalleben angehren, das ein festliches
Verwandlungsspiel aus unendlicher Kraft bedeutet, worin sich alles mit
unendlichem Geist erschafft. Deshalb ist kein Tier von Natur geistloser
als der Mensch. --

Ich hrte sehr gern solchen Erklrungen ber die gyptischen Kunstwerke
zu, den Erklrungen ber das Symbol der Schildkrte, ber das Symbol
des Skarabuskfers und ber viele andere Gestalten des Tierreiches,
die der gypter tausendfach nachgebildet hat, um sie immer als
Gleichnisbild der Ruhe oder als Gleichnisbild der Seelenwanderung vor
Augen zu haben. hnlich wie die Christen sich das Lamm und die Taube
als Lebensgleichnisse in den Kirchen dargestellt haben.

Nicht blo hoher Geist sprach aus den gyptischen Kunstwerken; es
wirkte ebenso erhebend die edle vereinfachte Linie, in der die
gyptischen Knstler Menschenkrper und Tierkrper in Porphyr,
Granit und Alabaster dargestellt hatten. Mit kluger Beherrschung
arbeiteten einst gyptischer Meistergeist und Meisterhnde ernst und
mit gemessener Ruhe, so wie der Strahl der senkrechten Sonne, die
steil ber dem Nil steht und nur des Menschen wichtigste Lebenslinie
an Krper und Seele gro beleuchtet. Bei solcher Feierlichkeit der
Lebensauffassung verstummen alle nebenschlichen Fragen des Alltags,
und nur der reine stolze Weltallfestlichkeitsgedanke strmt von den
Kunstwerken auf den Beschauer. --

Wenn ich dann von den Louvregewlben wieder hinaus auf die pariser
Straen kam, nachdem wir uns lange in die gyptischen Bildwerke
vertieft und uns an ihnen ergtzt hatten und die Festlichkeit unseres
eigenen Daseins besttigt erhalten hatten vom festlichen Lebensgefhl
ferner Jahrtausende, so konnte ich mich mit meiner jungen Frau, die
sich gern mit mir in alles vertiefte, was mich knstlerisch erregte,
zuerst nicht gleich zurechtfinden in den Gegenwartsstraen von Paris.

Wie lppisch kamen mir zum Beispiel an den Mbeln, die da in den
Schaufenstern standen, die Rokkokolinien vor. Flchtig wirkend
wie Straengeschwtz im Vergleich zu den gyptischen monumentalen
Hausgerten. Im Vergleich auch zu den edlen griechischen Gerten, die
strengen Zweck und zarte, nur angedeutete Grazie und eine leichte kluge
natrliche Ausschmckung gezeigt hatten, und die wir ebenfalls vorher
im Louvre bewundert hatten.

Ich htte am liebsten die Augen geschlossen und wre mit meiner Frau
durch die Jahrtausende zurckgeeilt und htte mit ihr am liebsten
das untergegangene Theben am Nil und das verschwundene Athen Homers
aufgesucht. Denn wir nahmen die Liebe, die wir jetzt erlebten, hoch,
festlich und feierlich, und das Glck des Krpers wnschte auch das
Glck des Geistes.

Aber der Geist unserer Jahrhunderte, sagte ich mir, der Geist der alten
Weltanschauung heutzutage, verfolgte, hate und beschimpfte den Krper,
da er sich ihn mit einer Erbsnde belastet vorstellte. Der Menschenleib
war wegen seiner Vergnglichkeit vom christlichen Geist immer
verchtlich und herablassend behandelt worden. Aber die Glckseligkeit,
die der liebende Krper geben konnte, schien mir vollkommen
glcklichmachend zu sein. Wogegen man das nicht vom Zeitgeist sagen
konnte, der immer hochmtig mit zuknftiger Seligkeit handelte.

Man war in meiner Jugendzeit in den Brgerkreisen noch argwhnisch
gegen die selbstverstndlichsten Forderungen des lebenden Krpers. Und
man schmte sich in den Familien seiner natrlichen Liebesforderungen.
Man gestand sich wohl ein, da das Herz liebebedrftig sei, man
sprach von der Zusammengehrigkeit der Seelen. Aber man wollte gern
die Regungen des Krpers bei der Liebe bersehen wissen. Man fand aus
falscher Scham des Leibes natrliche Lebensbedingungen sndhaft.

In meiner Jugendzeit waren fast alle Mdchen bleichschtig. Und
ich erinnere mich, da man sie mit den verschiedensten Medizinen
gesund machen wollte. Aber das gesndeste Mittel, das darin besteht,
dem gereiften Krper die unerbittlichen Forderungen der Sinne zu
befriedigen, indem man die jungen Menschen so frh wie mglich,
sobald es ihre krperliche Sehnsucht fordert, sich verheiraten lt,
dieses kam gar nicht in Frage. Man tat, als wre der Krper nur ein
Seelenquler.

Wenn der Krper sich nicht krank meldete, wute man von seiten der
Erzieher damals whrend der Erziehungsjahre gar nichts von ihm. Man
sprach nur eindringlich zu dem jungen Menschen von der Seele, vom Gemt
und vom Herzen. Und diese an und fr sich erhabensten Dinge wurden
durch die bertriebene Anrufung dem Heranwachsenden so lstig gemacht,
da ein junger, krperlich reif werdender Mensch die Worte Seele, Gemt
und Herz zu verachten begann, ehe er noch ihren Sinn begriffen hatte.

Denn diese Worte, die eigentlich erst dem reifen zufriedengestellten
erwachsenen Krper in aller Innigkeit und Erhabenheit beim Erleben
verstndlich werden, wurden den Kindern, sowohl in der Religion von den
Lehrern, als in der Familie von den Eltern, so reichlich zugeteilt, da
ihnen die Ohren damit vom Schall dieser schnen Worte bel vollgestopft
waren.

Und wurden jene Menschen dann lter und reif, so steckten ihnen
die Ohren immer noch voll vom leeren Wortschwall, und sie wollten
keinen Anschlu an den Inhalt dieser Worte haben. Sie verlachten oder
wichen allen tieferen Werten des Lebens, allen tieferen geistigen
Erkenntnissen aus und fanden es berflssig, davon zu sprechen. Denn
man hatte von der Schulbank her und von der Familie her den Menschen
mit zu frhem Hinweisen auf geistige Lebenswerte vor hohen Worten
Ekel eingeflt. Der verachtete Krper rchte sich spter und griff
strmischer und rcksichtsloser und, aus dem Gleichgewicht gebracht
durch langes Darben, heftig nach dem Wirklichkeitsleben, und fern
von geistiger Vertiefung entschdigte man sich fr die zu frhe und
berppige Seelenlehre der Schul- und Erziehungsjahre.

Die Jahre, die man, eingesperrt in den Gefngnissen der Schule beim
Auswendiglernen geistesttender Plappereien, fern von den vier
belebenden Jahreszeiten, beinahe unterirdisch eingekerkert, hatte
verbringen mssen und die weiteren Jahre, die da in gemtstriefenden
Familienkreisen bei falscher Scham fortgesetzt werden muten,
entnervten die heranwachsenden jungen Mnner und jungen Mdchen meiner
Zeit.

Nervenkrankheiten aller Art brachen in Massen aus. Das Wort Hysterie
tauchte auf, und wie ein Aussatz fra diese Krankheit der Nerven um
sich und befiel viele gesundgeborene Menschengeister. Die natrlichen
Sinnentriebe des herrlichen und klug durchdachten Menschenkrpers,
die die Erzieher bei bertriebener Seelenzucht und bertriebener Mast
des Geistes einfach ableugneten und fr sndige, menschenunwrdige
teuflische Triebe erklrten, die nagten, von falscher Weltanschauung
vergewaltigt, verzweifelt in der Einsamkeit am klaren Geist vieler
junger Menschen.

Und die vorher herzlichen und natrlichen Triebe arteten dann in
herzlose Sinnensucht aus, die doppelt heftig in der Unterdrckung
wucherte. Und die Unschuld der Natrlichkeit und der Empfindung, in der
jeder Mensch und jedes Lebewesen sich im Weltall geschaffen hat, und
die Gesundheit der jungen Menschen wurden durch die Sinnenunterdrckung
angegriffen.

In allen Grostdten fand ich, da die Entnervung in
schreckenerregendster Weise in jenen Jahren unter den jungen Menschen
aller Stnde berhandgenommen hatte. Viele Mnner, die mit siebzehn,
achtzehn Jahren krperlich mnnlich entwickelt waren, ebensoviele
Mdchen, die schon mit sechzehn und siebzehn Jahren reif zur
Mtterlichkeit waren, und die eine natrliche kluge einfache Freude zum
Leben mitbrachten, wurden auf den ewigen Schulbnken und in verlogener
Familienunterdrckung matt gemacht und bermdet vom Warten.

Ihre Krper welkten bleichschtig, weil ihr krperlicher Liebessinn
hungern mute. Und weder ntzte den jungen Mdchen die Sorgfalt
der Familie, noch den jungen Mnnern die Pflicht des Berufes, diese
konnten nicht die seelische berreiztheit von den krperlich darbenden
jugendlichen Naturen abwenden.

Das Drama "Jugend" von Max Halbe wurde deshalb in den neunziger
Jahren mit so groer Begeisterung aufgenommen, weil es eines der
echtesten Zeitdramen war. Die einander begehrenden jungen Leute sahen
sich in diesem Drama in ihren natrlichsten Forderungen und in ihrem
unnatrlichen Leid widergespiegelt.

Und noch grimmiger und beinahe in grotesker Tragik bedichtete damals
die Seelen- und Krperqualen der reifwerdenden jungen Menschen in
seinem Drama "Frhlingserwachen" Frank Wedekind. Nur war man in den
Brgerkreisen jener Jahre noch nicht an Selbsterkenntnis so weit
vorgeschritten, da man das Erwachen des jugendlichen Krpers zur Liebe
und die daraus entstehende Tragik zwischen Schulzwang und Krperdrang
begreifen und ernst nehmen wollte.

Wedekinds tragischstes Drama fand erst zehn Jahre spter die groe
Anerkennung, die ihm gebhrte. Beschrnkte Polizeiverbote, die dem
starken Knstler Wedekind soviel grimmiges Unrecht getan haben, wurden
dann endlich aufgehoben, und das erschtterndste Schulkinderdrama, das
erschtterndste Erzieher- und Schlerdrama, das jemals geschrieben
worden ist, durfte endlich seine aufklrende Wirkung von der Bhne auf
die ffentlichkeit ausben. --

Im Mittelalter hat man vielen Erwachsenen das Leben zur Hlle gemacht,
indem man viele unschuldige Menschen in Massen fr Hexen und Zauberer
erklrte, weil man Krperlichkeit hate und verfolgte. Und in meiner
Zeit hatte man der Jugend die Jugend zur Hlle gemacht. Die Erwachsenen
hatten sich mehr oder weniger zu Sinnennatrlichkeit befreit, und die
Menschen verbrannten nicht mehr Unschuldige als Hexen und Zauberer.
Aber die ermdenden Schulen, die man eingerichtet, der Schulzwang und
der Erzieher Unverstndnis aller jugendlichen sinnlichen Regungen
gegenber, sie waren eine Hlle fr die Jugend geworden.

       *       *       *       *       *

Das Grauenhafte an der heutigen unvollkommenen Lebensfestlichkeit wurde
mir strker bewut, wenn ich so mit meiner jungen Frau durch Paris
ging und wir sehr zufrieden und glcklich waren. Wie erstaunt sieht
der Alltag den Glcklichen und Festlichen an, der Alltag, den die
europischen Menschen sich knstlich geschaffen haben.

In der natrlichen festlichen Weltalleinrichtung aber gibt es niemals
einen Alltag. Da ist auch jede Arbeit eine Lebensfestlichkeit. Es gibt
da nur lautere und stillere Festlichkeiten im Weltall, aber nirgends
einen Alltag. Der Schlaf noch ist eine stille Festlichkeit und das
Sterben auch.

Seht die Vgel an, wenn sie ihre Nester bauen. Seht die Tiere im Walde
an, wenn sie ihr Futter suchen, die Rehe und Hasen, wie vergngt sie
es tun, wie leicht und lchelnd und doch wie tiefernst dabei, ernster
als der gezchtetste Mensch und lchelnd wie nur der wohlerzogendste
Mensch.

Sagt nicht, da nicht das wildeste Tier lcheln kann. Das Wildschwein,
das mit seinen Jungen spaziert, grunzt behaglich und plaudert mit
seinen Kleinen, und das zwinkernde Behagen seiner Augen ist sein
Lcheln, das so herzlich aus des Wildschweins Lebensfestlichkeit kommt,
wie das Menschenlcheln einer Menschenmutter, die ihre Kinder spazieren
fhrt.

Als ich um die Erde reiste, erstaunte mich immer wieder an Asien, da
ich dort keinen Sonntag fand. Zuerst war mir das seltsam. Aber welcher
Gebildete in Europa hat nicht das Ghnen gelernt am Sonntag, weil
ihm eine Ruhe aufgezwungen wird, nach der sein Krper nicht verlangt
hat. Man hat Arbeitslust, und man soll alle sechs Tage an einem Tag
pltzlich nicht arbeiten. Man fhlt oft gerade den Drang und den Geist,
am Sonntag glckliche Geschfte abzuschlieen, und man darf sich nicht
beschftigen.

Dieses verbldende Sonntagsfeiern, das eigentlich nur eine
Angewohnheit, aber kein Festbedrfnis ist, fllt auf der anderen
Erdhlfte bei den buddhistischen Asiaten in Indien, China und Japan
weg. Und wenn ich mir vorstelle, jeder Mensch bei uns drfte die Ruhe
unserer europischen zweiundfnfzig Sonntage, die Ruhestunden dieser
Tage, in Minuten oder Stunden nach eigenem Gutdnken ber das ganze
Jahr hingestreut genieen, dann wrden viele Nervenkrankheiten, viel
Hast und bereilung, die Europa an den Abgrund frher Entnervung
fhren werden, und die jetzt schon einzelne Vlker vor die Frage der
Entvlkerung gestellt haben, fortfallen und einer ruhigeren Einsicht,
einer ruhigeren Beschaulichkeit und einer ebenmigeren sanfteren und
stndlich festlicheren Daseinsfreude Platz machen.

Etwas anderes ist es, wenn die Menschen, um ihre Gemeinschaft
untereinander zu spren und ihre Gemeinschaft mit der Natur zu
genieen, natrliche Jahresfeste feiern wollen. Es gibt genug
natrliche Jahresfeste: Vaterlandsfeste, das Fest der Sonnenwende, die
Feste der Frhlingswiederkehr, das Fest der Wiederkehr des Lichtes,
die Feste verschiedener Bltezeiten in Wald und Feld, Vollmondfeste
und Feste bei der Stellung besonderer Sterne, Feste bei gewisser
Planetennhe und Erntefeste. Diese Feste, davon sich auch einige in der
alten Weltanschauung finden, bieten gengende natrliche Ruhetage im
Jahr, gengende im Weltalleben begrndete Feste.

       *       *       *       *       *

Ich besuchte in jener pariser Zeit 1896/97 auch fters das eben erst
erffnete Museum Guimet, das beim Trocadero liegt, und darin ein
reicher Franzose ungeheure Schtze asiatischer Kunst angesammelt hat.
Chinesische und japanische Kunstgewerbegegenstnde waren da und groe
Gtterbronzen, viele vergoldete Buddhas, auf riesigen vergoldeten
Lotosblumen sitzend, und wunderbares asiatisches Lackgert fr Haus und
Tempel, ebenso eine reiche asiatische Bilder- und Porzellansammlung.

Hier erwachte die Lust zu meiner spteren Weltreise zum erstenmal, als
ich mich sehnte, des Friedens jener Vlker teilhaftig zu werden, die
da im kleinsten nicht blo Ntzliches tun, sondern ntzlich Schnes,
die als Buddhisten mit allem Weltalleben festlicher verkehren, weil sie
sich nicht hher stellen wollen und sich nicht hochmtig besser zu sein
dnken als die mitlebenden Lebewesen des Alls.

Ich sehnte mich, jene Vlker aufzusuchen, die so gesittet und klug
denken und sich jahrhundertelang knstlerisch geschult und bereichert
haben und knstlerischen Verkehr bten mit allen Weltalldingen durch
beschauliches Sichvertiefen in die Natur. Jene Vlker waren nicht
blo den Menschen, sondern auch den Pflanzen und den Tieren vor ihren
Fenstern und Tren vertrauliche Kameraden geworden, da sie herzliche
Bewunderer sind allen Lebens.

Die Volksmassen der Europer haben es hingegen hauptschlich nur zu
wissenschaftlichem Ergrnden und Bewundern des Lebens gebracht. ber
die Wissenschaft hinaus, zur Kunst, zur knstlerischen Vertiefung,
wohin alle Leute in Japan und China durch ihre buddhistische
Weltauffassung gekommen sind, davon sind unsere breiten Volksmassen
noch weit entfernt.

Nur eine Schar von knstlerisch Gebildeten und nur die Knstler weisen
in Europa von Jahr zu Jahr mehr darauf hin, mit dem Weltalleben
knstlerischen festlichen Verkehr zu pflegen, was seit der Heidenzeit
bei uns nicht mehr der Fall gewesen ist.

       *       *       *       *       *

Das Atelier in Paris, in dem meine Frau und ich wohnten, lag in einer
Sackgasse, in welcher sich viele Ateliers befanden, und wo fast nur
Knstler und Knstlerinnen hausten, Amerikaner, Franzosen, Deutsche
und Skandinavier. Dieser glasbedeckte Raum lag in einem freundlichen
sauberen Gartenhof und grenzte mit der Rckwand an einen groen
Klostergarten, dessen Bume wir nachts durch die Wand rauschen hrten,
und dessen singende Vgel uns morgens beim Erwachen ihre frohen
Gedanken gaben.

Die Mauer jenes Klostergartens lief auen am Boulevard Raspail entlang.
Sie war hoch, und ich habe nie in diesen Garten hineinsehen knnen. Er
ist fr meine Augen unsichtbar geblieben und baute sich nur vor meinen
Ohren in der Sonnenstille des Tages und in der Sommerstille der Nchte
auf.

Im Atelier war hoch oben unter der Decke ein kleines Luftfenster, das
nicht grer war als die Bltterhand einer Kastanie, und durch dieses
handgroe Viereck leuchtete die Sonne durch das Kastaniengrn herein zu
uns und gab einen Schimmer der Gartenwelt.

Nur drauen auf der Strae konnte man die Laubkronen der uralten hohen
Ulmen ber der langen Mauer sehen und die Singvgel, die von Krone zu
Krone flogen. Dieser Garten hinter jener Mauer war in jenem Sommer, den
wir in dem heien Paris verbrachten, nur eine Sommerfrische fr unsere
Ohren.

Manchmal stand ich frhmorgens um fnf Uhr auf, von dem Rauschen des
unsichtbaren Gartens aus dem Bett gelockt, und ging allein auf dem
leeren breiten morgenfreundlichen Boulevard Raspail nach dem eine halbe
Stunde von unserer Wohnung entfernt liegenden Park Montsouris. Dieser
liebliche Musebergpark hnelt sehr einer japanischen kunstvollen
Gartenanlage.

Es befindet sich dort ein groer glnzender knstlicher See von
knstlichen Hgelwegen, sprudelnden Quellen und kleinen Schluchten
umgeben. Auf dem pflanzenreichen Wasser tummeln sich viele hundert
verschiedene Wasservgel, bunte chinesische Enten, afrikanische rosa
Flamingos, schwarze australische Schwne und silberblaue Mwenarten der
Polarmeere. Der Garten hatte damals nur wenig hohe Bume, aber viel
blhendes Buschwerk.

Eines Morgens bemerkte ich dort ein vornehmes Gefhrt, das am Gitter
stand, aber ich beachtete es nicht besonders. Als ich dann hoch oben
auf den Hgelwegen spazierte, sah ich auf der gegenber liegenden
Seite des Sees zwei Frauen auf einer Bank mit heraufgezogenen
Beinen nebeneinander sitzen. Ich stand halb verdeckt hinter einem
Goldregenstrauch und blieb erstaunt stehen, um durch mein Hervortreten
auf den offenen Weg nicht die Aufmerksamkeit der seltsam kauernden
Frauen auf mich zu richten.

Ich war um diese frhe Stunde gewhnlich der einzige Spaziergnger
im Garten. Auer dem alten grauen Invaliden, in dessen Obhut die
Parkbewachung lag, der mich schon kannte und dem ich fters beim
Fttern der Wasservgel zusah und mit dem ich manchesmal plauderte, war
sonst kein Mensch zu sehen.

Die beiden Frauen hatten keine Hte auf und waren so schlicht und
schmucklos gekleidet, da ich sie im ersten Augenblick fr junge
Fabrikarbeiterinnen hielt, die da frhmorgens auf dem Wege zur Fabrik,
mit huslicher Nharbeit beschftigt, eine Weile den blhenden Park
genieen wollten.

Dann sah ich aber mit Erstaunen, da die Frauen, die dort lautlos, wie
zwei graue Muschen, mit hochgezogenen Beinen auf der Bank saen, zwei
vornehme Japanerinnen waren. Und der Invalide erzhlte mir spter, es
seien Damen der japanischen Gesandtschaft, die mit ihrem Wagen zur
frhen Morgenstunde den Park fters aufsuchten, und die lautlos, jede
mit einer Seidenstickerei in der Hand, ein Stndchen hier verbrachten.
Die Kleidung einer jeden von ihnen war ein unaufflliger japanischer
Kimono aus schiefergrauer Seide. Die Kpfe der Frauen waren schn
frisiert, und auer dem schwarzen glnzenden Haarknoten trugen sie
keinen Kopfschmuck.

Htten sie nicht nach asiatischer Sitte mit heraufgezogenen Beinen
auf der Bank gesessen, sie wren mir gar nicht aufgefallen, und ich
htte sie von weitem fr zwei schlichte Frauen aus dem Volk gehalten.
Unauffllig verschmolzen diese stillen Wesen mit dem Morgenleben der
Gartenwelt.

Diese vornehmen Damen aus der hohen japanischen Aristokratie waren
nicht aufflliger in ihrer Kleidung und in ihrem Gebaren als die
Amseln oder die Tauben, die im Rasen ab- und zuflogen. Eine zufriedene
vornehme Einheit trennte bei ihnen nicht Krper und Kleidung
voneinander. Ihre schlafrockartigen Kimonos waren fr die Krper
schlichte Behlter, wie das Federkleid es fr die Vgel, wie das Fell
es fr die Tiere ist.

Diese asiatischen Kleider waren gtige und selbstverstndliche Hllen
fr den Leib, die in grozgiger Linie die Gestalt nur andeuteten, die
Glieder schtzten, aber nicht allen Krperlinien nachliefen. Es war nur
Selbstverstndlichkeit und keine Selbstgeflligkeit in dieser klugen
Kimonokleidung, die, wie es schien, sowohl auf der Strae als hier im
Garten, sowie im Hause, vor allem Schlichtheit, edle Ntzlichkeit und
vornehme Haltung betonte.

Ich habe dann jene Damen nicht wiedergesehen. Vielleicht hat es sie
verscheucht, da sie sich im Park nicht mehr allein wuten, aber ich
habe dasselbe Bild spter oft in Japan wiedererlebt. Sowohl in der
Eisenbahn dort als im Geschftsleben war es die Unaufflligkeit,
die die wohlanstndige japanische Frau kennzeichnet. Nur die
Teehaustnzerinnen, die das Brgerstadtteil verlassen haben und ein
eigenes Stadtteil in Japan bewohnen, das abends fr die Besucher
geffnet wird, nur diese tragen auffallende feuerbunte Kleider, die
mit Blumen in Gold und Purpur bestickt sind. Und auch die kleinen
Kinder lt man in kunterbunten Kleidern eine uerliche Lebensfreude
ffentlich zur Schau tragen.

Der gebildete Mensch, der das innere Leben reich in Gemts- und
Seelenfarben erlebt, wird den ueren Farbenbehang gern vermeiden.

Nur das Kind, das noch nicht reif fr das Innenleben ist, und jene
Frauen, die ihr Leben daran setzen, allein den Sinnen zu schmeicheln,
die sollen zu den Farben greifen. Aber die husliche und im
Gleichgewicht zwischen Geist und Krper lebende Frau wird immer die
Schlichtheit dem grellen Auftreten vorziehen. --

Damals, nach meinen hufigen Besuchen in den Louvresammlungen und
in der asiatischen Sammlung Guimet, kam mir die Sehnsucht, gypten
und Griechenland zu besuchen, Indien, China und Japan. Griechenland
bereiste ich dann im zweiten Jahr meiner Verheiratung. Die anderen
Lnder sah ich erst zehn Jahre spter. Aber es war mir in allen diesen
zehn Jahren, bis ich die Weltreise in meinem achtunddreiigsten
Lebensjahre ermglichen konnte, ein stetes Bedrfnis, von asiatischen
Lndern zu hren. Von den Lndern, aus denen wir alle unsere Weisheit
und knstlerische Kultur erhalten haben, von jenen Lndern, die von
jeher ihren Hunger nach Kunst so selbstverstndlich befriedigt haben
wie den Hunger ihres Magens. Knstlerische Schnheit gehrt bei den
Asiaten zum Leben wie das tgliche Salz, ohne das der Mensch nicht
leben kann. --

       *       *       *       *       *

Teils angeregt durch die Kraft der Liebe, teils angeregt durch die
Gesprche kabbalistischer und okkultistischer Art schrieb ich in jenem
Sommer 1896, wo ich, eben verheiratet, in jenem Atelier in Paris
wohnte, das Epos "Phallus". Auch diese Dichtung zhle ich noch zu
meinen Jugendschriften.

Dieses Gedicht schildert, wie der Riese Zeit und die Riesin Leben,
nachdem sie neun Jahre sich geliebt hatten, den jungen Gott Phallus
schufen, den Gott der mnnlichen, lebenfortpflanzenden Kraft. Der
junge Gott, von den Menschen verkannt, wandert durch die Straen der
Stdte der menschenberfllten Welt und findet die Menschen in Kleidern
aus Sorgengarn gekleidet und mit Mtzen aus Maulwurfsfellen ber
den Ohren. Und sie wohnen in Backsteinhusern, deren Steine aus dem
Staub untergegangener Vlker gebacken sind, und die Menschenasche der
Jahrhunderte, die sich auf den Wegen der Erde angesammelt hat, erstickt
die Geister und Gedanken der kommenden Geschlechter.

Da tritt Phallus, nackt und herrlich geformt, unter diese im
Menschenstaub lebenden sorgengrauen Menschen. Die frische Weisheit der
Quellen, die starke Kraft der Wurzeln aller Bume, die Hrte aller
Metalle der Erde, die Brunst der Tiere und der Geist des Himmels haben
den jungen Gott grogezogen, als ihn Vater und Mutter liegen gelassen,
wo sie ihn geboren.

Er kommt in der Stadt in das hchste Haus, dessen Wnde nach allen vier
Windrichtungen sehen. Auf den Treppen und Gngen des Hauses findet
er Hunderte von Leichen junger Mnner, in deren leeren Augenhhlen
Schwrme von Fliegen nisten.

Phallus steigt ber die Leichen der Jugend und tritt in den grten
Saal jenes Hauses ein. Dieser Saal ist in der Mitte durch eine Glaswand
geteilt, und hinter dem Glase leben die letzten Tchter der Menschen,
von den Mnnern getrennt, in einem Spiegel.

Scharen sterbender junger Mnner, die sich die Stirn an der harten
Glaswand eingerannt haben, liegen vor diesem Spiegel verblutend auf den
Fliesen des Saales.

Phallus sieht staunend die Scharen der Sterbenden, die nicht zu den
Tchtern des Landes gelangen konnten, und er sieht auf die letzten
Tchter der Menschen, die hinter der Glaswand lcheln und sich
schmcken und unberhrt bleiben vom Massentod der jungen Mnner.

Da schttelt ein ungeheures Mitleid das Herz des jungen Gottes Phallus,
und da er nicht die unzerbrechliche eisige Glaswand zerschlagen kann,
die die jungen Mnner von den Frauen trennt, so stemmt er seine Arme
gegen das Dach des Saales, zerbricht die Decke und ruft die Sonne
herein, die dann mit ihrem Weltfeuer den groen Spiegel, in dem die
letzten Tchter der Menschheit wohnen, zerschmilzt.

Aber die jungen Mdchen lassen sich nicht durch des jungen Gottes
Gewalt fangen. Sie lachen hhnisch auf, und sie machen sich alle
unsichtbar. Denn sie hatten das Unsichtbarmachen erlernt, das der Gott
Phallus nicht kannte.

Der junge Gott, der schon glaubt, die Tchter des Menschen zu fassen,
steht allein im leeren Saal, wo das geschmolzene Glas seine nackten
Sohlen verbrennt. Er aber achtet nicht der Brandwunden. Er ruft laut
die Tchter der Menschen. Aber diese bleiben unsichtbar und fliehen ihn.

Doch die lebenskrftigen Rufe des Gottes erwecken die Scharen der
jungen toten Mnner, die auf den Treppen aufstehen und erstaunt
den weltkrftigen Gott vor sich sehen. Aber auch sie flchten alle
erschrocken vor seiner Kraft.

Phallus legt sich am Abend auf einen Berg zum Schlafen nieder. Der Berg
erglht von des Gottes Hitze und speit Rauch und Feuer und wird ein
Vulkan.

Die Mnner beschlossen, den schlafenden Gott zu binden und zu tten.
Doch Phallus schlft tief und glhend in glhenden Wolken, und keiner
der Menschen kann sich ihm nahen.

Der junge Gott wandert fort ber die Erde und besucht alle Geschpfe.
Und er schafft den Wolken Tchter, den Adlern Shne und den Eichen
Tchter, und die Sturmfrau gebiert von ihm Shne. Er bevlkert mit
seinen sagenhaften Gestalten die Erde, und allen seinen Geschpfen gibt
er silbernes klares Blut. Und mit Wohlgefallen begegnet er berall auf
den Bergen und in den Wldern seinen Geschpfen, die sich vermehren und
sich lieben.

Nur die letzten Menschentchter konnte Phallus nicht zur Liebe bewegen.
Das Menschengeschlecht ist am Aussterben. Die letzten Mnner der
Menschen schlafen einsam an trben Seen, und einsam in hohlen Bergen
liegen die Tchter der Menschen. Aber sie sind alle mit Kleidern aus
Sorgengarnen bekleidet und wissen nichts mehr vom nackten Menschenleib.

Einmal liegt Phallus in einer Nacht schlafend auf jenem rostigen Berg,
in dessen Innern die letzten Menschenfrauen wohnen. Sie, die kaltbltig
Denkenden, fhlen, wie sich der Berg erwrmt, und denken alle sofort,
da es nur der Gott Phallus sein knne, der in der Nhe ist und die
Steine erwrmt.

Sie erschrecken und teilen sich gegenseitig ihre Furcht mit. Phallus
aber hrt, auf dem Berg liegend, durch den erwrmten Felsen ihre feigen
Reden. Zugleich hrt er auch ber sich das Gesprch eines Adlerknaben,
der um die Tochter einer Wolke wirbt, und er hrt, wie jeder von beiden
stolz erzhlt, da sein Vater der Gott Phallus ist.

Als der Adlerknabe erfhrt, da die Wolkentochter silbernes Blut
besitze wie er, will er, da sie ihm das Blut in ihren Adern zeigen
soll. Sie soll mit ihm hinunter ins Tal an den Salzsee kommen, wo die
finsteren Mnner der Menschen, die letzten, um ein Feuer schlafen. Dort
soll sie sich vor das Feuer stellen, damit sie, durchleuchtet, ihm das
silberne Blut in ihrem Leibe zeige. Dann wollte er sie immer lieben,
immer kssen, wenn sie vom selben Stamme sei wie er.

Und Phallus sieht sich um und sieht, wie berall unter den Geschpfen,
die er geschaffen, rund auf der Erde die Liebe herrscht, nur nicht bei
den letzten Menschen.

Und wie der Gott noch auf dem Berge liegt und horcht, strzt pltzlich
einer der Gtterboten, mit Namen Hilferuf, herauf vom See und erzhlt
Phallus, indessen vor Schrecken die Wolken erstarren, da die
metallgierigen letzten Menschen unten am See zwei seiner Geschpfe, den
Adlerknaben und die Tochter der Wolke, gettet haben, um das Silber aus
ihren Adern zu fangen.

Phallus springt auf, und unter ihm schreit die erschrockene Erde.
Er flucht den letzten Menschen, und sein gewaltiger Gtterfluch
erschlgt die letzten unsichtbar fliehenden Mnner und Frauen. Das
Unsichtbarwerden ntzt ihnen nichts mehr. Die Menschheit verzehrt eine
rchende Nacht.

Dann steht Phallus auf der menschenleeren Erde allein. Sein Fluch hat
alles Leben vernichtet. Auch seine Geschpfe sind zu Asche verbrannt
unter dem furchtbaren Fluch.

Phallus weint sechs Tage, sechs Nchte. Seine Trne steht still am
siebenten Tag, und Phallus ruht auf verwitterter Erde.

Die Erde gibt ihm ihren weisen Rat. Der Einsame soll sich nach seiner
Herzlust ein Weib wnschen, wie es ihm sein Herz befiehlt. Denn einem
Herzwunsch mssen die Sonnen gehorchen.

Und Phallus wnscht und ruft seinen Herzschrei ins Weltall. Die beiden
Riesen Urklang und Urlicht, die die Sonnenfeuer schren und die Sterne
rollen, und die dem Urleib der Welt dienen, hren am Feuerherd den
Schrei, den Phallus auf Rat der Erde, die mit groer Weisheit zu ihm
gesprochen hatte, zu den Sonnen gerufen hat. Unter diesem Schrei
strzen betubt die ltesten Riesen des Weltalls, Urlicht und Urklang,
geblendet nieder. Und das Feuer der Sonne schrumpft ein, so da die
Sonne verdunkelt und die Erde aufschreit, weil ihre Tierherden und ihre
Wlder sterben.

Phallus bittet die Riesen, ihm das Weib zu geben, nach dem seine
Sehnsucht ruft.

Da beraten alle Sonnen, denn sie mssen zittern vor einem echten
Herzschrei, und sie mssen antworten. Und sie versprechen Phallus
einen neuen Stern zu bauen. Auf diesem wollen sie sein Weib, das sie
ihm erschaffen wollen, wandeln lassen. Dort auf dem rundesten Stern
soll er sie besuchen. Und sein Weib, geboren aus Himmel und Erde,
werde ihm heiter drei Shne gebren. Die Namen der Shne sind Bildner,
Pfeifer und Trumer.

Und die Sonne verspricht, Phallus Shnen drei Brute zu senden. Die
Namen der drei Brute sind: Lichtlust, Klanglust, Mr.

Die drei Shne des Phallus und die drei Tchter der Sonne sollen dann
der Erde neue Menschen schaffen, Menschen nach heiligen Maen, nach
Linien der Mutter.

"Und nun, Phallus, freue dich und entznde die verdunkelte Sonne mit
deiner Freude. Komm in den heiligen Garten, wohin alle Straen der Erde
mnden, und finde das Ende der schmerzlichen Welt. Dort unter Lauben
aus seltenem Laub finde dein Weib.

Ihre Brste sind wie ein Paar Honigpfel, und ihre Augen sind wie zwei
dunkle Teiche, auf deren Tiefe das Alter der Erde und das Alter der
Sonne geschrieben steht. Ihr Leib aber ist wie ein Garten, und ihre
Adern sind heie Bume. In ihrem Herzen mnden feurig alle Straen der
Erde. Bei ihr findest du das Ende der schmerzlichen Welt."

Und Phallus betrachtet sein Weib und nennt sie Herzfreude und umarmt
sie. Sie gebiert ihm drei Shne. Als die Shne heranwachsen, hren sie
ein Seufzen und ein Schluchzen im Schlaf in jeder Nacht. Sie klagen
dies dem Vater. Er erzhlt ihnen, da das die Erde sei, die sie klagen
hren. Die Erde wolle Menschen.

Da verlangen die Shne, da der Vater sie zur Erde bringe. Sie wollen
der einsamgewordenen Erde wieder neue Menschen erschaffen.

Der Vater aber sagt ihnen: "Wenn ihr einmal zur Erde gekommen seid,
knnt ihr nie mehr das Auge eurer Mutter fassen. Nie seht ihr wieder
solch rundes Auge."

Aber die Shne bestehen darauf, da der Vater sie zur Erde fhre.

Darauf erzhlt ihnen Phallus, da sie dort drei Jungfrauen der Sonne
finden werden. Diese Jungfrauen sollen sie zu Bruten nehmen.

Auch die Mutter umarmt ihre Shne zum Abschied und gibt ihnen
Ratschlge. Sie sagt ihnen, da auf Erden der Wurm Tod wohnt und
die Schlange Unheil. Und sie mten diesen beiden gttliche Gestalt
geben und mten dem Tod ein Lcheln und die eisernen Sohlen der
Notwendigkeit geben und das Unheil als einen in Ketten wandernden
Schattenknig ansehen. Sie werden auch auf der Erde die Mutter Erdlust
und ihre vier Tchter finden: Erdfeuer, Fleischlust, Blutbrand und
Grtellos. Sie sollen mit den Tchtern der Erde drei Nchte im Maimond
tanzen und drei Nchte im Herbstmond, und weiter ratet die Mutter den
Shnen:

"Und seid ihr auf Erden angekommen, nie backt dort Ziegel vom Staub
eurer Brder, nie nht von Maulwurffellen euch Mtzen. Schneller geht
nie als im Takt eurer Herzen, aber schaut tiefer als euer Auge."

Phallus fhrt die Shne zur Erde. Dort gibt er ihnen drei Hengste,
sthlerne Hengste, die vom Urblau geworfen wurden. Sie heien Eifer.
Und Phallus fttert sie mit Blitzen. Auf diesen Hengsten sollen
Phallus' Shne die Tchter der Sonne erjagen, die auf goldenen Stuten
vor ihnen fliehen.

Zwlf Monde jagen die Shne des Phallus hinter den Jungfrauen her, bis
sie sie erreichen und die Frauen ihnen frs Leben in Liebe zu Willen
sein wollen.

Und dann wird spter geboren: Rundherz, der erste rundherzige Mann, und
Rundherz, die erste rundherzige Frau. Und Goldklang und Goldwort. Diese
leben bei Bumen und Tieren glcklich wie Mutter Herzfreude im Urblau.
--

       *       *       *       *       *

Ich gab den Inhalt dieser Dichtung deshalb hier an, um an die
Gedankengnge zu erinnern, die durch jenes Buch gehen. Man wird
erkennen, wie sehr dieses Gedicht aus den Gefhlen und Gedanken jenes
Lebensabschnittes hervorgegangen ist, aus dem Leben meiner jungen Ehe
und aus dem Verkehr mit dem okkultistischen amerikanischen Ehepaar.
Aber im tiefsten Grunde natrlich war das Epos von meiner festlichen
Weltanschauung beeinflut worden.

Dieses Epos "Phallus", ebenso wie die "schwarze Sonne", deren
Entstehung ich schon frher beschrieb, das Buch "Ultraviolett", das
Drama "Sun" und das Drama "Sehnsucht", waren Arbeiten, die ich vom
fnfundzwanzigsten bis zu meinem dreiigsten Jahre schrieb.

Auerdem hatte ich in jenem Jahre 1896 von Gedichten einen kleinen Band
liegen, den ich teils im Herbste 1894 geschrieben hatte, teils stammen
die meisten dieser Gedichte aus dem Jahr vor meiner Verheiratung.
Dieses Bndchen von ungefhr hundert Gedichten war mir ein kleines
Heiligtum. Es waren darin meine ersten Liebeslieder, und ich hatte
mir vorgenommen, sie nie zu verffentlichen. Ich schmte mich, meine
innigsten Gefhle anderen zum Lesen zu geben, und ich sagte zu meiner
Frau, da diese Liebesgedichte erst nach meinem Tod erscheinen drften.

Ich wnschte Dichter zu sein, aber wollte nicht nach der ffentlichen
Anerkennung streben, da die Anerkennung von ihr, der ich meine Gedichte
schrieb, mich reichlich zufriedenstellte. Die bedichtete Liebe
gehrt nicht in die ffentlichkeit, so dachte ich damals. Liebe ist
jedes Menschen innerste Herzensangelegenheit, meinte ich. Und wenn
ich aufgefordert wurde von Zeitschriften und Zeitungen, eines der
Liebesgedichte zu senden, antwortete ich nicht.

Denn meine Liebe hatte noch die Schamhaftigkeit des jugendlichen
Alters. Sie war noch nicht die Liebe des ausgereiften Mannes. Ich
glaubte, da meine Liebesinnigkeit von der Welt belchelt werden
knnte. Ich hatte noch nicht die Weisheit im Fleisch, da man die Welt
in sich besitzt, und da das Echte, das einen bewegt, alle Echten auch
bewegt, und da alle in der groen Welt von der gleichen Innigkeit der
Freuden leben und von den gleichen Qualen der inneren Leiden.

Wer seine Freuden oder Leiden in einem Kunstwerk wiedergeben kann,
in einem Musikstck, in einem Bild oder in einem Gedicht, der gibt
damit im letzten Grunde nicht sich, nicht seine Innigkeit, nicht seine
Erschtterungen, sondern er gibt die Gefhlswelt aller. Darum ist es
eine falsche Schamhaftigkeit, Gedichte oder Kunstwerke, die aus dem
Liebesinhalt eines Lebens stammen, vor der ffentlichkeit verbergen zu
wollen.

Damals war meine Zurckhaltung nur insofern gerechtfertigt, als der
Band Gedichte, den ich "Reliquien" nannte, zu meinen Jugendgedichten zu
rechnen ist. Ich versuchte bei diesen Gedichten in den ersten Anfngen
eine neue Form und Krze, die ich erst spter sicherer handhaben
konnte. Und ich wollte weder die Innigkeit, noch die Neuheit belcheln
lassen.

Wieviel mu ein junger Knstler mit sich selbst durchkmpfen! In der
Dichtung kann nicht einmal ein Freund den Freund beraten. Keinen
Freundesweg, keinen Schulweg, keinen Staatsweg, nur den eigenen
Lebensweg, nur den eigenen Verantwortungsweg kann der junge Knstler
beim Schaffen gehen.

       *       *       *       *       *

Bei all dieser Verantwortung des innerlichsten Berufes wird dem jungen
Dichter nicht einmal uere Hilfe zuteil, keine Erleichterungen, die
ihm der Staat auf Reisewegen verschaffen knnte, keine Erleichterungen
durch Staat und Vaterstadt. Den jungen Dichtern, auf die spter einmal
nach Hunderten von Jahren die Nation angewiesen ist zurckzuschauen,
und die sie als die Frderer ihrer Geistesschtze und ihrer
Herzensbildung den Kindern und Kindeskindern nennen, wird von ihrer
Nation bei Lebzeiten keine Sorgfalt zuteil.

Keine Hand rhrt sich im Staatshaushalt, die heranwachsenden Dichter
zu pflegen, die innerlich ganz aufgenommen sind von ihrer geistigen
Entwicklung und von ihrem vertiefteren Empfindungsleben, in dem sie
untertauchen mssen, von der Oberflche des Alltags fort. Niemand
bedenkt, da Dichter nicht daran denken knnen und auch nicht
daran denken drfen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, um ihrer
knstlerischen Entwicklung nicht zu schaden.

Viele jener jungen Mnner mssen deshalb die verzweiflungsvollsten
Stunden und Tage durchmachen. Sie werden bitter davon gepeinigt, mitten
in der Welt des Verdienens verdienstlos dastehen zu mssen, trotzdem
sie unausgesetzt arbeiten, trotzdem es fr sie keine Ruhetage gibt.
Ich mchte auch sagen, keine Ruheaugenblicke gibt es fr sie, denn des
Knstlers Leben ist ein stndliches unausgesetztes Ringen, der inneren
Welt schpferischen Ausdruck zu geben.

Nie sind Knstler in einem Augenblick ihres Lebens ganz frei von
diesem Schpfungsfieber. Denn das Leben des Knstlers bewegt sich
im Verhltnis zum Leben der Gelehrten, Kaufleute und Handwerker in
fieberhaftem gesteigerten Zustand, und dieser ist viel gesteigerter als
der Fieberzustand, in dem ein Erfinder lebt.

Der Erfinder kmpft mit der Gestaltung neuer _Wirklichkeit_, die
Knstler aber mssen neue _Unwirklichkeit_ gestalten.

Verleger und Zeitschriften knnen einem jungen Dichter nicht viel
ntzen. Sie sind Geschfte, die fr ihren Vorteil arbeiten mssen.
Gedichte werden mit Kleinigkeiten bezahlt und nicht nach ihrer Gte
und nicht nach ihrem Inhalt und innerem Wert, nicht wie man Juwelen
abschtzt, fr die man nach Feuer, Glanz und Schliff die Preise
bestimmt.

Und doch bentigt jedes Volk Gedichte und Dichter, wie es Heldentaten
und Helden bentigt. Weil der Lebensgeist, die Lebensfreude und der
Lebenssinn erst im Kunstwerk seine Krnung findet. Und weil der
Nachwelt im Gedicht die Gefhlswelt der Vergangenheit bermittelt
werden soll. Kein Volk sollte es vernachlssigen, seinen jungen
Knstlern breiteste Lebenserleichterung zu bieten. Das Volk, das dieses
tut, bietet sich dann selbst ein hheres Leben.

       *       *       *       *       *

Nachdem ich einige Monate verheiratet war, kam das, was ich
schon vorausgesehen hatte, da das Geld, das mein Vater mir im
Frhjahr gegeben hatte, rasch zur Neige ging. Denn ich hatte damit
Hochzeitsreise und den Sommeraufenthalt in Paris bestreiten mssen.
Und als ich das Gedicht "Phallus" beendet hatte, wute ich genau, da
jetzt noch niemand dasselbe kaufen wrde, und da das, was man mir
vielleicht dafr bte, so wenig sein wrde, da man sich davon nicht
viel Lebenstage kaufen knnte. Erst fnf Jahre spter nahm dieses
Gedicht die Zeitschrift "Insel" fr einige hundert Mark.

Diese Ohnmacht, nichts verdienen zu knnen und doch die Zeit bei
unausgesetzter Arbeit zugebracht zu haben, zu wissen, da ich mich
zugleich in fortgesetzter geistiger Weiterentwicklung befand und eine
neue Weltanschauung verkrpern wollte, die tglich meine Gedanken und
mein Empfinden beschftigte -- alles dieses htte mich verfinstern
mssen.

Wohl wurde ich oft verdstert. Aber die junge Liebe, die ich erlebte,
war zu s und lie keine Verbitterung in mich dringen. Ich fhlte nur,
da die Welt nicht in Ordnung war. Und wenn ich mich auch schmte,
Freunde und Verwandte um Weiterhilfe immer wieder von neuem angehen
zu mssen, so sagte doch mein Inneres: es wird sich ganz von selbst
eines Tages beweisen, da die Hilfe, die man mir gab, nicht schlecht
angewendet war.

Im letzten Grund gab ich die Schuld, da ich bitten mute, der
ungengenden Gesellschaftsordnung, in der ich heutzutage lebte, und die
jeden jungen, sich entwickelnden Dichter ganz aus dem Auge lie und
ihn zum Bitten und Betteln zwang und ihn dem Mitleid und zuflliger
Untersttzung aussetzte. Sowie man frher nicht auf das Volk- und
Arbeiterwohl bedacht gewesen war, so war man jetzt noch nicht auf das
Knstlerwohl bedacht; aber diese Erkenntnis war schmerzlich, je klarer
sie mir wurde.

In Petersburg lebten noch Verwandte meiner Mutter und alte Freunde
meines Vaters. Und da ich meinem Vater hatte versprechen mssen, als
er mir die letzte Geldsumme gegeben, ihn nicht wieder um Untersttzung
anzugehen, so dachte ich an meine Verwandten in Ruland.

Traurig war es mir, meiner Frau jetzt erzhlen zu mssen, da ich schon
lange Sorgen fr die Zukunft in mir trug. Sie hatte stillschweigend
angenommen, da meines Vaters Untersttzung nicht ausbleiben wrde,
und begriff, als das nicht der Fall war, da ich nach Petersburg
reisen msse, um von dortigen Verwandten vielleicht eine dauernde
Untersttzung zu erhalten. Ich reiste dann nach Ruland, nachdem das
amerikanische Ehepaar meine junge Frau aufgefordert hatte, whrend
meiner Reisetage in ihrem Atelier Aufenthalt zu nehmen, wo ich sie also
in gutem Schutz wute.

Diese Reise, bei der ich nur fnf Tage von Paris abwesend war, war
eine der eigentmlichsten, die ich je erlebt habe. Es war mir ganz
bunt und seltsam zumute, aus Frankreich zu kommen, ber den Rhein,
nach Deutschland, mich verheiratet zu wissen und doch meine Frau,
welche Schwedin war, bei Amerikanern im Franzsisch sprechenden Lande
zurckgelassen zu haben.

In Berlin, am Bahnhof Friedrichstrae, als ich dort kurzen Aufenthalt
hatte, umarmten mich von allen Seiten aufs strmischste deutsche
Erinnerungen. Meinem Ohr, das so lange Schwedisch, Franzsisch und
Englisch gehrt hatte, war die geliebte deutsche Muttersprache wie
Musik. Jedes Wort am Bahnhof der deutschen Hauptstadt schmeckte mir wie
Honig und Milch, schmeckte nach Se und Einfachheit.

Mein Gehirn war nicht blo von Sorgen, sondern auch von der Fremde
bermdet. Das fhlte ich jetzt erst, wo die Heimatlaute ohne
Gehirnanstrengung in mein heies, von der Fremde gerdertes Herz wie
Tau fielen.

Du hast ein Land, sagte mein Blut. Du hattest vergessen, da du ein
Volk besitzt, Heimatgebruche, Heimattraulichkeit, Heimateinfachheit
voll Selbstverstndlichkeit, ein Volk, dem du angeboren, angewachsen
bist, das du nicht abschtteln kannst, das du bis in den Tod als deinen
Besitz fhlen sollst. So wie dein Krper dir gehrt, gehrt nur das
deutschsprechende Volk, nur das deutsche Wesen dir. Nur auf deutschem
Boden gehen deine Fe sicher. Nur in deutscher Luft atmet deine Brust
frei auf. Nur bei deutscher Landschaft wirst du echt dichten knnen.

Aber so klar, wie ich dieses heute schreibe, wurden mir damals die
auf mich einstrmenden Gefhle nicht bewut. Ich hegte noch den Wahn,
soweit Eisenbahnen, europische Sitte und europische Gedanken reichen,
mte auch ich mich als Knstler berall zu Hause fhlen knnen,
berall dichten knnen. Denn die frheren Jahre der Familienenge
lagen noch in meiner Erinnerung wie ein Zellengefngnis, in das ich
noch nicht wieder htte zurckkehren knnen. Die weite Welt schien
fr mich noch das Notwendigere zu sein und das Ntzlichere fr meine
Weiterentwicklung.

Aber ich war doch erstaunt, da ich solche Sigkeit in meinem Blut
empfand, als ich auf dieser Reise von der franzsischen Sprachgrenze
fort nach Deutschland gekommen war. Und es tat mir weh, da ich allein
war und meiner Frau nicht Deutschland und Berlin und deutsches Wesen
zeigen konnte.

Doch der schne Heimatrausch war kurz. Der Zug flog noch in der Nacht
von Berlin nach Knigsberg. Und am nchsten Mittag, als in Eydtkuhnen
an der Grenze struppige russische Packtrger, mit roten Hemdblusen,
weiten Pluderhosen und schweren Stulpstiefeln angetan, meine Koffer
durchs Zollamt trugen und ich den groen kupfernen Samowar in der
Bahnhofwirtschaft dampfen sah und ich auch der mir bereits aus einer
frheren Reise und aus Familienerinnerungen bekannten russischen Art
wieder begegnete, konnte ich nur schwer aus der alten Heimathaut in die
russische neue Haut schlpfen und mich anderen Gebruchen anpassen.

Doch sagte ich mir dabei, alle die wechselnden Bedrngnisse wollte ich
gern ertragen, wenn ich dann danach, mit Zukunftsunterhalt versorgt,
von Petersburg nach Paris beruhigt zu meiner Frau zurckkehren knnte.
Und ich hielt mich nur an diesen Gedanken.

Mein Schrecken war aber gro, als ich in Petersburg hren mute, da
die Schwester meiner Mutter, die ich besuchen wollte, in einem der
letzten Monate gestorben war. Auf ihre Hilfe hatte ich gehofft, denn
die anderen Verwandten standen mir nicht so nah und hatten fr sich
selbst zu sorgen.

Ich hatte die weite Reise unternommen, weil ich wute, da langes
Briefschreiben meine Lage nicht so gut wrde auseinandersetzen knnen.
Und nun war diese Reise umsonst! Man hatte mich vom Tod meiner Tante
nicht benachrichtigen knnen, da man meine Adresse nicht gewut. Ich
erfuhr nun den Tod der mir lieben Verwandten erst bei meiner Ankunft
in Petersburg. Damit war aber auch alle Hoffnung auf Hilfe tot.

Ich blieb kaum zwei Tage in Ruland. Dann fuhr ich wieder von einem
Ende Europas nach dem anderen Ende, nach Paris zurck.

Sehr niedergeschlagen reiste ich nochmals durch Deutschland, als wre
es ein fremdes Land. Eilig flog ich durch deutsche Meilen und durfte
nirgends aussteigen. Und es war mir seltsam, sowohl in Knigsberg,
als auch in Berlin und Kln, berall auf jedem Bahnsteig, wieder
denselben Gesichtern der Schaffner, der Zeitungsverkufer, der Kellner
zu begegnen. Dieselben Menschen standen da, berall, wo ich zwei Tage
vorher vorbergekommen war, in ganz Europa noch wie am selben Fleck.
Aber ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte die fremde russische Welt
in mir, den Schrecken der Todesnachricht, die Qualen der Enttuschung,
die Angst vor der Zukunft und fremde Petersburger Bilder. Ich war drei
Tage durch drei groe Vlkerheimaten gereist, zuerst hoffnungsfrhlich,
und kam nun verzweifelt denselben Weg zurck. Der Weg war derselbe.
Auch ich als Wanderer war uerlich derselbe. Aber mein Herz hatte
auf diesem riesigen europischen Weg noch mchtigere Wege durch viele
innere Welten zurckgelegt und war nicht bei mir.

Ich hatte zuerst die Heimatsehnsucht erfahren, das Heimatentzcken. Ich
hatte dann ferne Verwandte wiedergesehen, Vergangenheiten besucht, war
Toten begegnet. Ich hatte in neuen Familien Neugeborene gefunden, die
eben erst ihr Leben anfingen, die harmlos und hoffnungsvoll anzusehen
waren, wie ich es auf der Hinreise gewesen. Ich hatte auch gealterte,
enttuschte Gesichter gesehen, sowie ich selbst jetzt gealtert und
enttuscht geworden.

Als ich in Paris wieder auf dem Bahnhof ankam, waren fr die groe
Stadt auch nur ein paar Tage vergangen. Hier hatte sich nichts am
Stadtbild gendert. Dieselben Zollbeamten, dieselben Gesichter berall,
dieselben Gewohnheiten und derselbe Lrm auf den Straen.

Doch ich kam von neuen Gesichtern umgeben in diese Stadt zurck, mit
Gesichtern von ganz Europa, die aus mir heraussahen, die aus mir
sprachen, und die doch niemand an mir bemerken konnte. Ich schien mir
dabei, als ich ein paar Stunden spter am Abend mit meiner Frau und den
Amerikanern ber die Strae ging, gar nicht von dieser ueren Welt
hier fortgewesen zu sein.

Ich war auch nur uerlich in Paris angekommen. Innerlich war ich
noch lange nicht da. Und ich wute auch, da ich innerlich nie wieder
ganz ankommen wrde. Erfahrungen und innere Erlebnisse verwandeln
einen Menschen rasch und grndlich. Und man verwandelt sich nie wieder
zurck. Bei manchen Erlebnissen reist das Blut schneller als Sonne und
Erde, und das Herz eilt beiden im Altwerden voraus.

Oftmals habe ich spter dasselbe wieder erlebt, aber nie so auffallend
wie bei dieser Blitzfahrt, bei der ich binnen einer knappen Woche
zweimal Europa durchquerte. Trotz aller persnlichen Enttuschung
bewunderte ich aber die Kraft unserer heutigen Zeit, die es einem
einfachen Menschen ermglicht, solche Reisestrecken in Krze
zurckzulegen.

Wenn man bedenkt, welche Zeitdauer frher ein Reisewagen zu Goethes
oder Luthers Zeit nahm, so war diese meine Europafahrt, uerlich
angesehen, nur ein Reisespiel. Innerlich waren aber die Entfernungen
mit solcher Schnelle fast unmglich zu bewltigen. Ich war noch
wochenlang nach dieser Blitzfahrt wie betubt und frchtete noch
nachtrglich an einem Gehirnfieber von den Folgen der ueren und
inneren Erschtterungen zu erkranken. --

Jetzt kamen bittere Tage. Ich erinnere, da wir uns einmal nur aus
etwas Strkemehl, mit heiem Wasser aufgebrht, und mit dem Zusatz
von ein paar Krumen Kakao, die wir als Rest in einer Kakaobchse
fanden, zum Mittagessen einen braunen Brei in einem kleinen Tpfchen
ber einer Spiritusflamme anrhrten. Wir versuchten dabei zu lachen
und zu singen, trotzdem unser Blut ganz dnn vor Lebensangst war. Und
als die Spiritusflamme ausging, weil der Spiritus nicht mehr gereicht
hatte, konnte dieser braune Kleister, der nicht fertig gekocht war,
nicht einmal unsere Nahrung werden. Es wurde uns bel, als wir davon
versuchen wollten, und wir hungerten lchelnd weiter, immer hoffend,
da die Tre aufgehen msse. Wenn wir auch nicht einen lieben Gott
erhoffen konnten, der uns persnlich Hilfe brchte, und wenn auch kein
Abgesandter des deutschen Volkes zu erwarten war, so glaubten wir doch,
es msse irgend ein lieber Mensch hereinkommen, und hofften dieses
gern.

In dieser Not kam aber auch wirklich ein unerwarteter Helfer. Wir
bekamen ein Telegramm aus Havre, da mein Freund, der junge Philosoph,
der eben als Schiffsarzt aus Japan zurckkam, nachdem er vorher in
Brasilien gewesen war, in einer Stunde in Paris ankommen wrde.

Er kam und half dann, ohne sich zu verwundern. Und als er am nchsten
Tag wieder abreiste, weil sein Schiff von Havre weiterfuhr, hatten
wir wenigstens fr einige Zeit wieder das Hungergespenst verschwinden
machen knnen.

Einige Wochen spter, im Herbst 1896, sagte uns eines Tages ein
Telegramm, da mein Vater gestorben sei, und nun reiste ich zum
erstenmal mit meiner Frau nach Deutschland.

Ich mu aber noch berichten, da in jenen schweren pariser Sorgentagen
sich in mir immer mehr und mehr der Gedanke entwickelte, da ich mich
mit meiner jungen Frau vor der so anstrengenden und kostspieligen
und, wie mir immer schien, unntzen europischen Kultur zurckziehen
wollte, um irgendwo als Landmann oder Grtner, in der Natur, in einer
Landschaft, meinen Unterhalt zu suchen. Und ich machte jetzt oft mit
dem amerikanischen Ehepaar Plne dieser Art.

Die beiden Amerikaner hatten fters im Sommer in weltentlegenen
Bretagnedrfern gewohnt, hatten dort manches Mal ein kleines leeres
Fischerhuschen gemietet und waren gengsam mit wenigem Hausrat
ausgekommen. Sie fanden, da Fischnahrung und Brot zum Leben vollkommen
ausreichend wren. Man knne vielleicht nebenbei Geflgelzucht als
stndige Erwerbsquelle anlegen und wre dann nicht angewiesen auf
Kunsthndler und Verleger und auf Bitten um Untersttzung bei Freunden
und Verwandten.

Der Gedanke leuchtete mir ein. Es schien mir, als mte es nicht so
unmglich sein auf diese Weise, wenn auch bescheiden, so doch endlich
sorgenfreier zu leben. Ich wollte den Aufenthalt am Meer und die
Einsamkeit in groer Landschaft, auch bei anspruchsloser Nahrung,
mit Freuden whlen, wenn ich dadurch sorgenfrei werden wrde und
knstlerisch unabhngig arbeiten knnte.

Wir sagten uns, wir knnten mit Bchern und Zeitschriften, die wir
uns kommen lassen wollten, in einer Fischerhtte geistig an der Welt
beteiligt bleiben und wrden krperlich frisch bleiben durch einige
Landarbeit, und wrden dann freie stolze Knstler sein knnen, die
nicht mehr von Gnaden leben mten und dann auch nicht unter Demtigung
der geldverdienenden Kreise zu leiden htten.

Frher, wie ich noch nicht meine Lebensgefhrtin gefunden, hatte ich
nur vorbergehend die Landeinsamkeit vertragen. Herzunzufriedenheit und
Blutunruhe hatten mich immer wieder zum Suchen nach Menschen in die
Stdte und unter Menschen zurckgetrieben. Jetzt aber, da mein Herz
und mein Blut zufrieden waren, fehlte mir nichts als Ruhe vor ueren
Sorgen, damit ich meine volle Kraft der Dichtung widmen konnte; denn
die Heimatsehnsucht glaubte ich berall berwinden zu knnen.

Nach langen Besprechungen schlug ich den Amerikanern vor, nicht nach
der rauhen Bretagne zu gehen, sondern in ein wrmeres Klima, wo die
Frchte der Erde uns unter leichterer Landarbeit den Lebensunterhalt
geben wrden, und wo wir dann mehr Zeit fr die knstlerischen Arbeiten
behalten wrden.

Wir dachten an den Genfersee, wo es ppige Grten gibt und Weinland.
Aber die Erdarbeit schien dort zu hart fr uns Knstler zu sein und
zu viel Zeit zu beanspruchen. Dann dachten wir an die Riviera, an
Korsika, Spanien oder Sizilien. Und der Amerikaner schlug amerikanische
Sdstaaten vor, und seine Frau, Theodosia, die in der Nhe von San
Franzisko geboren war, schlug Kalifornien vor als das leichteste
Arbeitsland und als bestes Land fr Gartenfrchte.

Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in
Pacht nehmen und fleiig sein. Sowohl wir zwei Mnner als die beiden
Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Knstlerarbeit in einer schnen
Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wren, unsere Lebenstage
ruhig verbringen zu knnen, fern von berreizter Kultur, fern von der
die Kunstarbeit so strenden Geschftsgier unserer Zeit.

Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Huser, von deren Rente er
bisher knapp leben konnte, so da er wenigstens nicht mit der uersten
Not zu kmpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Huser verkaufen
zu lassen. Sein Grovater, mtterlicherseits, hatte die Tiffany
Glasfabrik in Neuyork gegrndet und war ein reicher Mann, und von ihm
erwartete James spter ein greres Erbe.

Ich selbst war hauptschlich dieser Landankaufsplne wegen, um zu ihrer
Ausfhrung eine grere Geldsumme von meinen russischen Verwandten
zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem
Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darber nachgedacht,
wie wir die Anlagesumme fr einen dauernden Landaufenthalt erlangen
sollten, als wir pltzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters
erhielten.

So sehr mich die Todesnachricht erschtterte, so war doch ein Aufatmen
in mir, das ich damals aber nicht gleich bewut fhlen wollte. Denn ich
fand es hlich und gemein, da der Tod meines, mir so lieben alten
Vaters mich in meiner bedrngten Lage aufatmen machen sollte.

Heute nach so langer Zeit wei ich es aber, wenn ich auch als Sohn
vom Verlust tief getroffen wurde, als Knstler fhlte ich, da das
Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte
verhelfen mssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, da mein
Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur
durch seinen Tod helfen konnte.

Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehre, in dessen Land ich
geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bcher schreibe: ist es
nicht erschtternd, da ein Knstler nicht auf gtigem Wege, nicht
auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines
Lebensunterhaltes erhalten kann. In einer Nation, wo so viele tausend
Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben
knnen, weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch
die Knstler leben knnen.

Die Knstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit
Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie
viele junge Knstler, die in den nchsten hundert Jahren unter den
Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden knnen, wie viele
werden, im Augenblick whrend ich dieses niederschreibe, in hnlicher
Weise wie ich es vor fnfzehn Jahren erlebte, aufatmen mssen, wenn der
Vater oder die Mutter stirbt. Und sie mssen es als schndlich fhlen,
da sie erst durch den Tod der liebsten Angehrigen, erst durch eine
Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu knnen.

Im wilden Hohn, der mich damals ber solche Tragik befiel, nannte
ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war
es mir grauenhaft zu denken, da ich mich von der Kraft meines toten
Vaters nhren mute, und da der Dichterberuf mich unter den jetzigen
Gesellschaftsgesetzen nicht ernhren konnte. Der Vaterlandsgeist
lt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die
Friedensoffiziere, die Knstler, vernachlssigen und bersehen. Dienen
sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schnheit dienen,
das heit dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der
Nation dienen?

Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch
unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhhe einbilden.

In den Tagen, whrend ich dieses schreibe, werden die hundertjhrigen
Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto
Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not
und Verzweiflung.

Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? --

       *       *       *       *       *

Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Wrzburg
kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt fr
immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum
Lebensunterhalt fr eine Person ausgereicht htte, fr zwei reichten
die Zinsen nicht.

Und auerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte,
konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen
Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein
neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.

Mit Ausnahme von der Musik, die es in Wrzburg gut hatte, wurden
damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen
ziemlich nebenschlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens,
Gerhart Hauptmanns, Bjrnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in
meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spren. Es gab dort keine
jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine
sezessionistischen Maler wie in Mnchen und Berlin.

Die deutschen Provinzstdte lebten hauptschlich von Viktor v.
Scheffels altdeutscher Romantik. Sie glaubten schon uerstes zu tun,
wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stck auffhrten. Auch mu man
bedenken, da Zeitschriften wie die "Jugend" und der "Simplizissimus"
im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegrndet wurden.
Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in knstlerischer Hinsicht,
spter auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und
Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefhl
beibrachte, war noch nicht ttig.

Die Provinzstdte Deutschlands, auch die, welche Universittsstdte
waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von
moderner Literatur hrte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein
geistigknstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen
Universittsstdte.

Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den
akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb muten die jungen Knstler
sich in den groen Stdten in Paris, Mnchen, Berlin zusammenhalten, um
im neuen Geist zusammen zu stehen gegen die brgerlichen Vorurteile,
die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen
Lebensschnheiten aufkommen lassen wollten.

Die jngsten Knstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen
Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen
Brgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Knstlern
gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der
sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrckte, der die Stirn hatte,
auch das Hliche lebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand,
den Arbeiterstand knstlerisch verehrungswrdig fand und ihn mit Liebe
in Bild und Wort schilderte.

Der zuerst unter den Knstlern lautgewordene, alles umarmende neue
Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verchtlich,
nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoend finden konnte, verblffte
alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten,
schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklrten
Knstlerherzen, die strmisch und mit Recht forderten, da auch
der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der
Kunstwrdigung teilhaftig werden sollte. Die Knstler behaupteten, da
eine Schnheit in der Arbeit liege, eine ernste Schnheit in jedem
Arbeiter, und da Schnheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu
finden sei.

Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schnheiten des Lebens
aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, da hinter uerer
Hlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die knstlerische
Erschtterungen hervorrufen knnen.

Die jungen Knstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber
die Brgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme
dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht
von ihren alten Schnheitsgrundstzen, die sie fr unerschtterlich
hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht
von schmerzlichen Schnheiten der Welt bereichern lassen.

Und doch hatten dieselben Brgerkreise ihr Leben lang immer ein
schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber
vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde,
da das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Knstlern
eine Erlsung aus dem Jammertal finden.

Und als die Knstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf
die Schnheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und
Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der
ganze Brgerstand entrstet: "Wir haben keine Kunst und keine Knstler
mehr! Die Jungen sind verrckt geworden. Sie wollen uns weismachen, da
Hlichkeit schn sei. Wir aber wollen uns an der Schnheit erholen.
Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlsung vom Elend bei den
Knstlern finden."

Und jene Entrsteten bedachten nicht, da die Schnheit und die
Festlichkeit des Lebens berall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden
und in den Freuden, im Schnen und im Hlichen, beim Knig und beim
Arbeiter und beim Bettler.

Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es
gelebt sein soll, mit groem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein
Mitleid angezchtet, womit sie allen Elenden knstlich begegneten. Und
dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen
nicht Natur und Natrlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.

Die Brger jener Tage lieen nur das _halbe_ Leben gelten. Nur der
_lichten_ Seite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten
sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der
Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und
der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen
knstlerischen Reiz abgewinnen.

Sie haten das Mssen und die Notwendigkeit der Arbeit. Sie sprangen
nicht lebensfroh zu bei der Arbeit. Arbeit war ihnen noch erniedrigend
und war ihnen nicht voll Weihe und Lust und war ihnen nicht etwas
Selbstverstndliches, Natrliches. Sie wuten nicht, wie es dem ganzen
Weltall natrlich ist, zu arbeiten.

Die Menschen von damals hatten sich ausgedacht, da die Arbeit
eigentlich ein Fluch wre, eine Plage, eine Qual, eine Demtigung. Und
sie hatten sich furchtbar geschdigt durch diese falsche Auffassung
dieses wichtigen Lebenspulses.

Arbeitet nicht die Sonne und dreht sie sich nicht immer und kommt und
geht ununterbrochen? Arbeiten nicht alle Sterne immer, die da kreisen
und seit Millionen Jahren ohne auszuruhen arbeiten? Arbeiten nicht alle
Pflanzen, die sich aufbauen und blhen und sich nhren mssen? Arbeiten
nicht die Bume, die da Frchte hervorbringen, vom Frhling bis zum
Herbst? Arbeiten nicht alle Tiere? Arbeiten nicht die Meere, die ihre
Strmungen haben, die Flsse, die unaufhaltsam vorwrts treiben?

Arbeitet nicht der Menschenleib stndlich mit seinem Herzen, mit
seinen Lungen, mit seinem Blut? Und warum wollt ihr Menschen eure
Hnde lahm liegen lassen und eure Fe nicht rhren, eure Gehirne
nicht anstrengen, euer Herz nicht fhlen lassen, da es dem ganzen
menschlichen Krper wohl tut, wenn er arbeitet.

Jeder Mensch soll natrlich nur nach seiner Veranlagung arbeiten. Nur
dann wird er der Menschheit ntzlich sein knnen, nur dann, wenn er
das tut, wozu er sich befhigt fhlt. Nichts soll er versuchen, was
auerhalb der Grenzen seiner Fhigkeiten liegt.

Aber im Kreis seiner Fhigkeiten wird er die Arbeit immer festlich
und glcklichmachend empfinden mssen. Das Mrchen, das die Arbeit
als einen Fluch ansieht, das ist ein irrefhrendes Mrchen. Denn ein
festliches Dasein ohne Arbeit gibt es nicht im Weltall.

Nur ein Mensch, der das Leben nie vollstndig ergrndet hat, nur
die Menschheit der frheren Jahrhunderte, die nicht wie wir bis zur
Erkenntnis der Festlichkeit des arbeitenden Daseins, der Festlichkeit
des arbeitenden Weltallebens durchgedrungen war, konnte sich nach
Himmeln ohne Arbeit sehnen. Himmel ewiger Ruhe sind Todeshimmel.

Hat es uns jemals geschmerzt, da wir atmen drfen? Wenn wir gesund
sind, wollen dann nicht Glieder, Blut und Geist ttig sein? Da kranken
Menschen Arbeit schwer ankommen mag, ist selbstverstndlich. Ihnen
kommt vielleicht auch das Atmen schwer an und das Leben berhaupt. Den
Gesunden aber wird immer das Leben ein Weltfest sein, ebenso wird ihnen
die Arbeit ein Fest sein, die ein Teil des Lebensfestes ist.

In meiner Jugend war in den reichen Kreisen die Ansicht magebend, da
Nichtstun hchste Lebensweisheit und Lebensschnheit sei. Niemand hatte
zwar jemals versucht, ewiges Nichtstun zu erleben, aber alle trumten
von diesem unmglichen Ideal, das ein falsches und bldes Ideal war.
Denn im fortgesetzten Nichtstun, das fhlt jeder bald, siechen Krper
und Geist dahin, und der Mensch verdirbt und verfault und wird Unrat.

Auch die Knstler wollte man damals zwingen, die Schnheit des
Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heit, man verlangte,
da sie eine ganz platte unmgliche Schnheitsharmonie in Farben und
Linien ausklgeln sollten und Ideallandschaften, Idealportrts schaffen
sollten, knstliche, unnatrlich ausgedachte Bilder voll verlogener
Schnheiten, die hnlich den wehleidigen Seelenschwrmereien waren,
in denen sich in Versen die Dichter einer slich romantischen Zeit
ergingen.

Bei diesen Kunstwerken knstlichster und ganz unknstlerischer Natur
wollten dann die vom Nichtstun schwrmenden Brgerherzen vom Alltag,
wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.

Da es aber fr den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, da der
vernnftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der
Festlichkeit des Genieens, dieses war erst nur den Knstlern jener
neunziger Jahre bewut geworden. Die Brger litten noch unter dem
eingeredeten Fluch der Arbeit.

Es war damals nicht daran zu denken, da Knstler und Volk, die sich in
ihren Forderungen nicht verstanden, sich gegenseitig achten knnten.
Der Brger verachtete den Knstler als nicht ernst zu nehmend, weil
der Knstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit
verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.

Der Knstler wieder verachtete den Brger, weil dieser von den
Kunstwerken nur knstliche, ausgedachte Schnheit ersehnte und nicht
die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfhlen wollte, die auch auf
der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den
Hlichen und bei den in Ru und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz
bereichert und knstlerisch erschttert.

Innere Schnheit der Lebensernstseite wiedergeben zu knnen, das
war die Errungenschaft der Knstler der neunziger Jahre, die sich
verchtlich von althergebrachter Schnheit fort der Wiedergabe neuer
Schnheitsoffenbarungen zugewendet hatten.

       *       *       *       *       *

Ich konnte also nicht daran denken, mich in meiner Vaterstadt
niederzulassen, weil ich noch bei meiner Jugend des knstlerischen
Verkehrs und der Anregung bedurfte und eines Gedankenaustausches,
den ich dort nicht gefunden htte. Und da sich weder die Stadt- und
Gemeindeverwaltung, noch der Staat damals um junge Dichter und Knstler
kmmerten, konnte ich auch nicht in Deutschland und nicht in der Heimat
auf Untersttzung rechnen und mute weiter den Plnen nachhngen, einen
Landaufenthalt zu suchen in einem gnstigen, mglichst warmen Klima,
wo die Gartenarbeit fr mich nicht zu hart sein wrde, und wo ich von
meinem Erbe Erde kaufen wollte.

Ich reiste deshalb vierzehn Tage nach dem Tode meines Vaters mit meiner
Frau nach Sizilien. Wir wohnten einige Wochen in dem berhmten schnen
Felsenstdtchen Taormina, das der ganzen Welt durch das besterhaltenste
griechische Theater bekannt ist.

Dort unter freiem Himmel in der Theaterruine sa ich grbelnd und
sah auf die Rauchsulen des nahen tna, aber ich fhlte mich nicht
zufrieden. Der alte Kulturboden Siziliens, auf welchem einem berall
die Spuren griechischer und normannischer Menschengeschlechter
begegneten, gab der Gegend rundum etwas Greisenhaftes, trotz aller
sdlicher Kraft. Alle Wege schienen dort ausgefahren zu sein. Aus den
Gesichtszgen des Menschenschlages, dem ich da begegnete, sprachen
einem verwischte afrikanische, europische, arabische Rassen an.

Ich sehnte mich nach Paris zurck.

Auch manche schne Hauskatze gyptischer Rasse, die auf den
Trschwellen und in den Gchen des Felsennestes Taormina im
Sonnenschein still und klug sa und mich vorbergehen lie, ohne
sich zu rhren, ohne sich zu ducken, erinnerte mich an das pariser
Leben. Diese Haustiere kauerten wie eingewachsen an den sizilianischen
Trschwellen, als wollten sie sagen: hier hat kein Fremder das Recht,
sich niederzulassen. Hier wirst du immer ein Fremder bleiben, und nur
als Gast darfst du kommen und gehen.

Es schien mir auch ganz unmglich, da ich hier auf dem sizilianischen
Kulturboden, der seit Jahrtausenden unter vielen Menschengeschlechtern
aufgeteilt war, einen Fleck fr mich finden knnte, und da ich als
Fremder die Sitte des eingeborenen Bauers nachahmen knnte. Hier war
kein knstlerischer Unternehmungsgeist mehr in der Luft. Nur wenn man
htte Fabriken grnden wollen und Groindustrie, wre es vielleicht
mglich gewesen, fortzukommen in diesem Lande. Aber auch das wre
sicher sehr schwer gewesen.

Als zu Ende Oktober an jedem Morgen die Meernebel wei vor den
Gasthausfenstern standen und mich an den grauen Norden erinnerten,
verstrkte sich in mir das starke Heimweh nach dem nrdlicheren Europa
und ebenso geschah das durch ein lebendes Bild, das ich immer vor Augen
hatte.

Wir wohnten in Taormina in einem sehr hbschen kleinen Gasthof an
der Hauptstrae, der viel von Knstlern besucht wurde, und dessen
Speisesaal bemalt war mit den Einfllen durchreisender junger Maler.
Von diesem Saal aus, dessen zwei Fenster auf die Strae sahen,
bemerkten meine Frau und ich tglich gegenber auf dem Altan des ersten
Stockwerks eines einfachen Hauses eine neunzigjhrige graue Alte. Die
sa dort, solange tags die Sonne schien, und hielt eine Kunkel in der
Hand und drehte vom Flachs zwischen ihren gekrmmten Fingern immer
fleiig den Faden.

Sie sa da schlicht und sah kaum von ihrer Arbeit auf. Um sie her auf
dem Gelnder der Altane trockneten Weintrauben. Tglich war die Sonne
am Himmel ber den Husern der Gasse, und tglich sa unter der Sonne
am Altan uns gegenber die arbeitende Alte, die nie von der Arbeit
aufsah. Wie die Altane fest an der Hauswand klebte, so lebte die alte
graue Frau in diesem Hause und an ihre Arbeit angeklebt.

Jene Arbeiterin schickte mich durch ihr ununterbrochenes, schlichtes
und bescheidenes ernstes Tun schweigend aus Sizilien fort. Ich sehnte
mich bei ihrem Anblick zurck nach dem stillen Atelier in Paris,
dahinter der unsichtbare Garten rauschte, und wo ich im Sommer fleiig
wie die Neunzigjhrige gearbeitet hatte, und ich sehnte mich auch nach
dem knstlerischen und fleiigen Paris, dessen groe Emsigkeit mir
immer eine innerliche Freude gewesen.

Mir fehlte hier in der Meer- und Felsenlandschaft das Gesumm des
groen Menschenbienenstockes der Weltstadt von dem Augenblick an, da
ich erkannt hatte, da ich hier nie in dem berlieferungsreichen Land
den Eingeborenen hnlich werden knnte, und nie unter ihnen wrde als
Fischer oder Landmann leben knnen. Nach dieser Erkenntnis trieb es
mich von Sizilien fort, vorlufig nach Paris zurck, wo ich vorher so
gut gearbeitet hatte.

So fuhren wir bald nach Neapel und nahmen ein Schiff nach Marseille und
waren zu Anfang November wieder in Paris.

Der Amerikaner und die Amerikanerin waren erstaunt, da wir schon
zurckkamen, denn sie hatten nach Sizilien nachkommen wollen. Aber ich
erklrte ihnen traurig, da wir den Plan, uns irgendwo in einem Lande
mit Landarbeit beschftigen zu wollen, aufgeben mten. Denn ich htte
eingesehen, da man nirgends der Bauer eines Landes werden knnte, nur
vielleicht in dem Lande, in dem man geboren war.

Und ich sagte: "Wir mssen uns ins Leben finden. Wenn die europische
Kultur uns auch qult, wir mssen uns einordnen in die europische Art
und Weise."

Da sich mein Gehirn auf der Sizilienreise an vielen neuen
Landschaftsbildern gesttigt hatte, waren mir die Wnsche nach
Landeinsamkeit vorlufig zurckgedrngt worden, was aber die beiden
Amerikaner gar nicht begreifen wollten.

Sie hatten ihr Atelier aufgegeben, und James verhandelte bereits ber
seinen Huserverkauf in Neuyork. Sie lieen mir beide deutlich durch
Ausdruck und Worte verstehen, da sie glaubten, das vterliche Erbe,
das ich erhalten, habe mich bequem gemacht. Und ich fhlte, da die
Freunde mich nicht mehr als Freund achten knnten, wenn ich nicht
festhielte an dem in den armen Tagen gefaten Entschlu, einer falschen
Kultur den Rcken zu kehren und von der Hnde Arbeit auf dem Lande zu
leben und so, bei Gartenarbeit und Geflgelzucht, ein von Verlegern und
Zeitschriften unabhngig arbeitender Dichter zu werden.

Sie hatten beide als Amerikaner keine Ahnung vom echten Bauernstand,
der aus den Unergrndlichkeiten des Heimatbodens aufgewachsen und mit
den Eigenarten des Erdstrichs, den er Jahrhunderte bearbeitete, dem
Scho seiner Heimaterde angehrt, und dessen Lebensart nicht von jedem
beliebigen Fremden nachgeahmt werden kann.

So wie die eingestammten Pflanzenarten, Steinarten, Tierarten eines
Landstriches nicht beliebig verpflanzt werden knnen, so stellt der
Bauer auf dem angestammten Boden eine erdgeheiligte Menschenart dar.
Der Fremde, der sich neben dem Bauer eines Landteiles niederlassen will
und von einer anderen Bodenart geboren wurde, er wird ewig dem Bauer
des Landes fremd bleiben. Und es mssen erst Jahrhunderte vergehen,
bis Kinder und Kindeskinder, vielleicht durch vielfache Blutmischung
mit den Eingeborenen, ihre fremde Art verloren haben und von dem
betreffenden Erdstrich als Zugehrige anerkannt werden knnen. Da hilft
kein Wille und kein Geist, die Anpassung wird nie knstlich erreicht.
Aber dieses begriffen die Amerikaner nicht.

Als Knstler brauchte ich die Heimat und die Zugehrigkeit zu
meinem angestammten Land. Das hatte mir die alte Kultur in Sizilien
eingegeben, sowohl die sizilianischen Katzen auf den Trschwellen, als
die alte arbeitende Frau auf der Altane in Taormina.

Das sagten mir auch jetzt in Paris die uralten Kleingewerbe, die auf
hundertjhrige berlieferungen zurckschauten, das sagten mir die
steinernen Kniginnen am Teich des Luxemburgparkes, das sagte mir das
uralte Schlo, der Louvre, und die Schlsser der pariser Umgebung, aus
deren ehrwrdigen Steinen mich die Geschichte des franzsischen Volkes
und sein Alter und seine Arbeitsttigkeit immer als den Auslnder und
den Fremden ansahen, und mir begreiflich machten, da ich als Deutscher
nach Deutschland gehrte.

Auch wenn ich meine blonde Frau betrachtete, redeten ihr Haar und ihre
helle Haut von germanischen Lndern und germanischer Heimat. Ihr Haar
war goldgelb wie das Tannenharz und ihr Auge silbrig grn wie leichte
Birkenbltter und ihre Haut wei rosig wie Birkenrinde, beschienen vom
Sonnenaufgang.

Es war nichts Romanisches in ihrem Wesen und an ihrem Aussehen, und
an ihrer Seite blieb das groe Paris fr mich immer wie ein groes
Gasthaus, in dem ich nur auf der Durchreise lebte. Denn germanische
Art verbindet sich in nichts mit der romanischen Art des franzsischen
Volkes. Auch das war gut fr mich zu erfahren. So konnte ich nie
ernstlich daran denken, nur zu versuchen, in Paris festen Fu zu fassen
und vom auslndischen Wesen beeinflut zu werden.

Aber meine Jugend spielte mir doch noch manchen Streich. Wre damals
das Vaterland dem heranwachsenden Knstler ein wenig entgegenkommend
gewesen, so htte ich nicht in Jugendunerfahrenheit und Lebensangst
noch groe, umstndliche, berseeische Umwege machen mssen, bis ich
endlich in der Heimat sehaft wurde. --

       *       *       *       *       *

In jenem Winter 1896/97, als ich mit meiner Frau am Boulevard
Montparnasse wohnte, hatten wir mehrere Zimmer in einem Gasthof
gemietet. Dabei war ein grerer Salon mit Klavier. Meine Frau
studierte bei einem der besten pariser Musikprofessoren ein wenig
Harmonielehre, da sie gern aus alten Musikwerken Melodien alter Vlker,
die sie sich abschrieb, sammelte und mir vorspielte, nachdem sie
dieselben fr Klavier umgesetzt hatte.

In unserem Salon sahen wir in jenem Winter des Abends viele Menschen
bei uns, meistens auslndische Maler und Schriftsteller, Skandinavier,
Polen, Russen und Russinnen, auer den beiden Amerikanern.

Wir hatten aber sonst unsere einfachen Lebensgewohnheiten nicht
aufgegeben und aen in der "Crmerie" der Madame Charlotte in der Rue
de la Grande Chaumiere, die unserem Hotel gegenberlag. Dieses war
damals die echteste Knstlerwirtschaft des Stadtviertels Montparnasse.

Dort waren auch Strindberg und Munch jeden Tag. Im Strindbergschen
Drama "Rausch" spielen ein paar Akte in jener urechten franzsischen
Knstlergarkche, ber deren Eingang geschrieben stand: "Rotschild ist
der Eintritt verboten. Wer nicht Schulden machen kann, bleibe drauen",
und hnliches.

Die Wnde des kleinen Raumes hatten keine Tapeten ntig. Sie waren
dicht behangen mit Hunderten von eingerahmten lbildern. Da fand sich
aber selten eine Anfngerskizze darunter, denn die eigenartigsten
Knstler, die besten von Paris, hatten hier gegessen und Schulden
gemacht und in jungen Jahren die Madame Charlotte mit einem guten
lbild bezahlt. Da waren selbst Bilder von van Gogh und Gauguin zu
sehen.

Zur Frhstcksstunde zwischen elf und zwei Uhr war dort bei Madame
Charlotte kaum ein Platz zu bekommen. Auf dem steinernen roten
Backsteinboden standen an zwei Wnden zwei einfache lange ungedeckte
Holztische, an denen ungefhr fnfundzwanzig Menschen Platz hatten.
Im Hintergrunde des Raumes war neben dem flaschenreichen Kredenztisch
die dunkle Kche. Durch die immer offene Kchentre sah man die vom
Herdfeuer beleuchtete starke Lothringerin "Madame Charlotte", die
selbst kochte und die ihren Sohn, einen spteren Kunsthndler, und die
Magd mit den Tellern zu den Gsten schickte.

Beim Eintritt in die "Crmerie" war jeder darber erstaunt, welch
buntgewrfelte Gesellschaft man dort antraf. Auer den Malern, die da
in Joppen schlicht von der Atelierarbeit kamen und schnell ihr Essen
schluckten und vorerst wenig Lust zum Sprechen hatten, waren da auch
viele Malerinnen, Damen der besten Gesellschaftskreise.

Ich kannte dort zwei russische Frstinnen aus Moskau, die ihre
Freundinnen mitbrachten. Einige hatten ihre Wohnung im Champs-Elyse,
und sie kamen fters mittags aus dem vornehmsten Stadtviertel
angefahren, den neuesten Pariser Frhlingshut auf dem Kopf. Manche
jener vornehmen Auslnderinnen kam gegen den Willen ihrer Verwandten,
wie man mir sagte. Sie aen einen Teller der wsserigen Suppe
und tranken ein Glas des sauersen Weines und wagten sich auch
an eines der rtselhaften Fleischgerichte, die Madame Charlotte
auftischte. Von denen man nie genau wute, ob sie frisch oder alt, vom
Pferdeschlchter, Hundeschlchter oder Katzenschlchter kamen.

Ein paarmal wurden wir krank nach diesem Essen. Aber wir gingen doch
immer wieder zu Madame Charlotte, weil die anderen spiegelglnzenden
Wirtschaften der Boulevards weder dem Geldbeutel noch dem Geist
zusagten.

Der Zigarettenrauch, der gegen zwei Uhr in dem kleinen kellerartigen
Raum schwebte, hing ber manchem Kopf, der einige Jahre nachher aus
diesem unbekannten Winkel hinter den zwei Tischen der Madame Charlotte
hervor in die ffentlichkeit trat und weltbekannt wurde.

Hier bei der kargen Mahlzeit wurden groe Trume getrumt,
knstlerische Plne entworfen, und die Augen in manchem sorgengrauen
Gesicht kmpften hier schweigend, in den Teller starrend und innerlich
schwere Lebensfragen betrachtend.

Da war kein gitarrenklimperndes Knstlertum in diesen vier Wnden zu
finden. Auch keine schwle lsterne pariser Luft drang hier ein. Es
kamen keine der pariser Straenmdchen zu Madame Charlotte herein. Auch
kein Modell wagte dort zu essen, wo die jungen Meister und Meisterinnen
aen.

Nur auslndische Damen der Brger- und Adelskreise, kluge
Amerikanerinnen, lebhafte reizvolle Russinnen, Polinnen, Rumninnen,
Irlnderinnen, Schweizerinnen und sterreicherinnen traf man an, von
denen manche mutig die Knstlerarmut dem reichen weichen Familienleben
vorgezogen hatten, und die nach Paris gekommen waren, um Welt und Kunst
zu erleben. Teils malten sie in Museen, teils in eigenen Ateliers, und
die jungen Maler begegneten ihnen mit Achtung und Hflichkeit.

Manche Knstlerehe wurde auch in dieser Garkche -- die Rotschild nicht
betreten durfte -- in ihren ersten Anfngen geschlossen. Und wie der
Feuerschein aus der dunklen Kche manchmal hellauf bis zur Decke schlug
und uns alle wie ein Blitz beleuchtete, so schlug das Blut manchem hei
ber dem Gehirn zusammen. Und es entstanden dort Tragdien, die spter
ihren erschtternden Abschlu an irgendeinem Weltende fanden. --

       *       *       *       *       *

Als im Frhjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet
waren, da ich mein Vermgen erhalten konnte, befiel mich von neuem der
Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich
mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, htte
ich wieder der Not entgegensehen mssen. Und dieses wollte ich doch
verhindern.

Ich hrte wieder aufmerksamer dem immer noch plneschmiedenden
Amerikaner zu. Diesem hatte ich erklrt, da ich seit jener Reise nach
Petersburg und seit der Heimfahrt zur Beerdigung meines Vaters mir klar
gemacht habe, da ich niemals ohne meine Muttersprache, ohne Deutsch
sprechen zu hren, mich auf die Dauer irgendwo fest niederlassen
knnte. Es sei mir bewut geworden, da ich nicht lange mehr im Ausland
leben knne und nicht daran denken knne, Deutschland fr immer zu
verlassen und mich in anderssprechenden Lndern anzukaufen.

Da schlug der Amerikaner mir vor, wir sollten alle nach den Sdstaaten
Nordamerikas ziehen, nach Neukarolina. In diesen Lndern gbe es
berall Deutsche, und es wrde mir nicht schwer fallen, fters Deutsch
sprechen zu hren, wenn ich Sehnsucht danach htte. Das Klima wre dort
uerst gnstig fr leichte Gartenarbeit.

Aber mir wollte der Vorschlag immer noch nicht gefallen. James aber
sagte, er wrde jedenfalls nach den Sdstaaten Amerikas reisen und
sich dort mit seiner Frau niederlassen. Er wollte zugleich in London
und Neuyork in Zeitschriften einen Aufsatz verffentlichen, der den
Vorschlag enthalten sollte, da junge verheiratete Knstler aller
Nationen sich auf einem Stck Land zusammenfinden sollten.

Sie sollten zusammen eine Arbeitsteilung vornehmen, wie es in
Ordensniederlassungen frher der Brauch gewesen. Jedes Knstlerehepaar
sollte ein kleines Arbeitshuschen erhalten, und man sollte den halben
Tag ber mit den Hnden arbeiten und die andere Hlfte des Tages
knstlerisch ttig sein. Es sollten sich so Maler, Musiker und Dichter
zusammenfinden. Des Abends sollten die, welche Lust nach Geselligkeit
hatten, im Sommer auf einem Rasenplatz, im Winter in einer Halle
zusammenkommen, Sportspiele spielen, Musik hren, Theaterauffhrungen
und Vortrgen und Vorlesungen von Dichtungen beiwohnen.

Der Amerikaner wollte amerikanische Mzene ausfindig machen, die
Geld zum Bau von Bibliotheken und zum Bau ntzlicher bescheidener
Gebulichkeiten, zum Bau von Werksttten und so weiter, hergeben
wrden. Die Gedichtwerke sollten in der Vereinigung jener Knstler
auf kleinen Handpressen selbst gesetzt und selbst gedruckt werden und
unter den Mitgliedern zur Verteilung kommen. Bei Jagd, Fischerei und
Gartenarbeit sollte der Krper Ttigkeit finden, und damit sollte
zugleich auch von allen Knstlern fr den gemeinsamen Unterhalt gesorgt
werden.

Es war eine selbstverstndliche Gewissenhaftigkeit vorausgesetzt, eine
gewisse Lebensreife und die Bedingung, da nur verheiratete Frauen und
Mnner, also nur Paare mit ihren Kindern, Aufnahme finden knnten.
Wie das gemeinsame Leben einer solchen Knstlervereinigung sich dann
entwickeln wrde, das sollte man der Zukunft berlassen. Es sollte kein
Zwang im Zuziehen und Fortziehen herrschen, und man wollte mit frohen
Hoffnungen das beste fr Kunst- und Krperleben erwarten.

Es war aber dabei nicht geplant, da die Knstler alle zusammen in
einem Dorf wohnen sollten. Man hoffte, da die amerikanische Regierung
ein greres Stck unbewohntes Land zur Verfgung stellen wrde, und
da einige Millionre sich finden knnten, die das amerikanische
Kunstleben heben wollten, indem sie dort den Knstlern Heimsttten
schaffen wrden.

Jeder Knstler sollte entfernt von den anderen wohnen, der eine an
einem Flu, der andere an einem Wald, der dritte auf einem Berg. Nur
am gemeinsamen Versammlungsplatz sollte man sich sprechen und sich
uneingeladen nie im Arbeiten stren.

Dieser Plan war von dem Amerikaner ausfhrlich ausgearbeitet worden.
Und er verffentlichte dann auch in Neuyork und London den Aufsatz ber
die amerikanische Knstlerkolonie, den ich ins Deutsche bersetzte und
einer deutschen Monatsschrift schickte.

Viele Knstler suchten damals Neuland, und in jenen Jahren grndete
sich die Worpsweder Vereinigung, die aber nur ein Zusammenwohnen
in derselben Landschaft, aber nicht, um freie Lebensmglichkeit zu
erlangen, ein Zusammenarbeiten kennt.

Der Drang nach Vertiefung und Abwendung von der Geschftshast und
Geschftsgier und vom geschmacklosen brgerlichen Unverstand ging als
tiefe Sehnsucht damals unter den jungen Knstlern Europas um. Und
so war das eigentlich gar nicht so absonderlich, was der Amerikaner
vorschlug.

Ich hatte nur den einen Einwand, der war, da ich am liebsten die
Knstlervereinigung auf deutschem Boden gesehen htte. Aber ich
verstand auch, da bervlkerte Lnder wie Deutschland fr den
Plan nicht geeignet waren, weil man nicht so leicht in unserem
verkehrsreichen Lande eine verkehrsfreie Landschaft htte finden knnen.

Ein zweiter Grund, der fr Amerika sprach, war der, da amerikanische
Millionre freigebiger sind und leichter ideale Bestrebungen
untersttzen wrden als deutsche reiche Leute.

Nur hatte ich von jeher einen Widerwillen gegen Nordamerika. Das
groe Land, in dem die Einwanderer in dem letzten Jahrhundert die
eingeborenen Stmme zurckgedrngt oder ausgerottet hatten, und auf
dem meine Phantasie keine anderen geschichtlichen Trume fand als
die Knabentrume aus dem Buch "Lederstrumpf", dieses Land, das nie
groe alte Baudenkmler, nie groe geschichtliche Ereignisse aus dem
Mittelalter oder der frhesten Vergangenheit fr uns aufzuweisen hatte,
gab meiner Einbildungskraft, wenn ich mich dort hinversetzte, nur leere
unbekannte Wlder und leere ungeschichtliche Grasflchen zu sehen, auf
denen sich nichts abspielte als das Geschftsleben der Eisenbahnzge,
die durchs Land hinliefen.

Als ich von dieser meiner Unlust gegen Nordamerika zu dem Amerikaner
sprach, so hatte er einen neuen Vorschlag bereit. Er meinte,
wir sollten nach Mexiko. Dort wrden wir genug Stimmung finden.
Dort gbe es alte Baudenkmler der Azteken, wunderbare Ruinen
verlassener Indianerstdte in tiefen Wldern. Auch sei das Klima, das
halbtropische, der Gartenarbeit gnstig. Man knnte dort leicht Grten
pachten und diese billig von Indianern bearbeiten lassen, wenn unsere
Krfte nicht ausreichen sollten.

Das alte Gold- und Abenteuerland Mexiko, mit der gewaltigen
Vergangenheit des Aztekenreiches, fesselte meine Einbildungskraft
und Aufmerksamkeit sofort. Und da ich mein geerbtes Geld in Paris
leicht und schnell schwinden sah und in der Heimat mir kein Vaterhaus
mehr stand, so sagte ich mir, ich msse fr einige Jahre meine
Heimatsehnsucht schweigen lassen. Ich hatte frher in Schweden und
in London gelebt und dort gedichtet, ich wrde also auch in Amerika
dichten knnen. Es wrde mir sicher gut tun, meinte ich, einige Jahre
ganz zurckgezogen vom alten Europa -- das ich, wie ich glaubte,
auswendig kannte --, in einem schnen tropischen Lande zu wohnen,
mir durch einen Garten Verdienst zu verschaffen und zugleich neue
Dichtungen zu schreiben.

Dann, wenn ich mal Heimweh bekme, knnte ich mit leicht verdientem
Gelde spter zurckkehren oder auch wollte ich, wenn ich die Heimat
vergessen knnte, in der Fremde bleiben.

Jedenfalls war jetzt, als der Frhling kam, meine Reiselust wieder
wach, und es wurde beschlossen, da wir nach Amerika, das heit nach
Mexiko reisen sollten.

Gedrngt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete,
getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte,
redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland,
die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu
mssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner
die Mithilfe bei der Grndung seiner Knstlervereinigung zugesagt
hatte, da ich an einer glcklichen Ausfhrung des Planes stark
zweifelte.

Wir machten dann fr diese Reise wochenlang Einkufe in Paris, und
die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Hnden wie welke Bltter.
Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkufen hinri.
Es war die innerste Sehnsucht vom angeborenen Europa Andenken und
knstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde der
Tropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.

Mit groen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten,
reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen
Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von
den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt
waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort
telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.

Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der
Bretagne nach Southampton, wo wir am nchsten Tag einen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort
wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach
Vera-Cruz im Golf von Mexiko.

Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrcken in
meinem Roman "Raubmenschen" so eingehend geschildert, da ich mir die
nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman
bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lstig fallen zu mssen.

Ich will nur in kurzen Zgen meine Gefhle wiedergeben, die mich nach
einigen Monaten zur Rckkehr nach Europa antrieben.

Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera-Cruz nach einer langen
Seereise das tropische Festland unter den Fen, kaum sah ich die
ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt, da wurde
mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied
schreiben.

Aber du hast doch in England, Dnemark und Schweden gedichtet, meinte
der trichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprngliche
Gefhl bevormunden will, und der dem Gefhl gegenber doch immer der
beschrnktere ist.

Des Verstandes Vorsicht lt den Menschen nie so tief und innig mit dem
Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefhl will. Und nur den strksten
Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefhl zu behaupten,
und dieses sind dann auch die knstlerischsten Menschen. Das unklare
Gefhl greift in seiner Unbewutheit immer sicherer zu und handelt
immer ehrlicher und glcklicher, als der sich brstende zielbewute und
von seiner Klarheit geblendete Verstand.

Sicher ist, da das Gefhl bei jedem Knstler die Oberhand behalten
mu, und da der Knstler nur deshalb der schpferischste unter den
Menschen ist, weil er immer das zielbewute dunkle Gefhl bei seinen
Schpfungen fr sich handeln lt und mit dem Verstand nicht dem Gefhl
dreinredet.

Aber, dieses zu tun, kann nur ein Knstler wagen; nur er ist reiner
Gefhlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefhl angeboren, mit
dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen
kann, als sie jemals der grte ausklgelnde Verstand mit aller
Berechnung zuwege bringen knnte. Nie sollte deshalb der Verstand
nichtknstlerischer Menschen an Kunstwerken des Knstlers Urteile ben
drfen. Jene Nichtknstler knnen mit allem hchsten Verstand nie das
harmonische Weltgefhl des Knstlers erfassen, das sein Werk geschaffen
hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefhl einem
Kunstwerk hinhalten, knnen sie allmhlich, mit Selbstbeherrschung
und Ausschaltung des unknstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefhlen
knstlerischen Schpfungen nahekommen.

So antwortete damals auch mein Gefhl in Mexiko meinem Verstand: er
habe unrecht zu verlangen, da ich in Mexiko dichten sollte, weil ich
in England, Dnemark und Schweden gedichtet htte.

"Du verstehst aber auch gar nichts," so sagte das Gefhl zu ihm.
"Begreifst du denn gar nicht, da Skandinavien und England germanische
Lnder sind, Deutschland hnliche Lnder. Tannen, Birken und Buchen
wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Lnder spricht
germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und
Erde sind sich hnlich in jenen nordischen Lndern.

Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand
Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie
ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh
diese kopfgroen Kokosnsse! Kannst du dir diese Nsse vergoldet am
Weihnachtsbaume vorstellen?

Ach -- und Weihnachten! Die schnen lautlosen Schneenchte! Die
langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrne Tanne! Und die
Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da
gespreizt zum Himmel ragen, als wren sie Pfauenfcher, aufgespannt
ber dem Haupt eines Gromoguls.

Glaubst du denn, da ich ohne Singvgel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken
und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der
mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo ber den
Dchern statt blinkende Schwalbenscharen ungeheuere Aasgeier die Gassen
umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Grten kenne.
Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um ber Papageien,
Jaguare und Alligatoren zu dichten?

Du hast mir immer von warmer Luft und schnen Blumen erzhlt, die
ich in den Tropen finden wrde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt,
denn du wolltest nicht darauf hren, wie ich in meinen Herzkammern
schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort!
Es gibt ein Unglck, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein
Vermgen, und du hast nichts davon.

Aber du natrlich, du warst der Verstand, der mich zurckwies, und
nanntest mich gefhlsduselig und sagtest, man mu sich im Leben hart
machen. Man mu ntzlich sein knnen und mu nicht immer das Gefhl
reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwrts, wenn der
Verstand das Gefhl beaufsichtigt. So sagtest Du, Verstand, zu mir.

O, htte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich
immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das
weit du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden. Beim
Leben lie ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich
dir auch da niemals recht.

Du, Verstand, mut es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in
meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstrst du uns beide." --

Nach diesem Gesprch meines inneren Lebens ffnete ich meinen Mund und
sagte zu meiner Frau:

"In diesem Lande bleibe ich nicht lang. Ich mchte schon am Ende der
Woche abreisen. Am liebsten mchte ich gleich aufs Schiff zurckkehren.
Denn dieses hier ist kein Land um deutsch zu dichten. Das sagt mir mein
Gefhl."

Es war mir, als htte ich nun schon meine Pflicht getan, indem ich mit
Amerika einen Versuch gemacht und gelandet war und Europa den Rcken
gekehrt hatte, wie ich es dem Amerikaner versprochen. Und es kam mir
schon nach den ersten hundert Schritten am Land vor, als wre ich nun
ledig aller heiligen Verstandespflichten und drfte nun wieder meinem
Gefhl gehorchen und gleich nach Europa umkehren.

Wir fuhren aber doch noch von Vera-Cruz nach der Hauptstadt Mexiko. Ich
erwartete dort auf der Post Briefe mit der mexikanischen Adresse des
amerikanischen Ehepaars zu finden. Aber es war keine Nachricht da, und
ich wute nicht, was ich nun im fremden Erdteil tun sollte.

Ich wendete mich an den deutschen Konsul und erkundigte mich ber
die Landesverhltnisse. Er meinte, das Innere des Landes sei
sehr gefhrlich fr Fremde. Es lebe da spanisches Gesindel in
Indianerdrfern, und wenn die bei einem etwas Geld vermuten, knne man
bei jedem Spaziergang leicht aus dem Hinterhalt erschossen werden. In
diesem ordnungslosen Lande krhe kein Hahn nach einem Toten. Den Mrder
fnde man niemals. Es gbe zu viel Morde hier. Und die Polizei htte zu
viel zu tun, wenn sie alle Morde verfolgen wollte, die sich drauen in
abgelegenen Gegenden ereigneten.

Wrden wir aber trotzdem im Lande Grten bebauen und unbehelligt leben
wollen, so mten wir wenigstens zusammen zehn Mnner und zehn Frauen
sein, und auch dann wre es sehr gefhrlich, wenn wir die Landessprache
nicht sprchen und nicht der katholischen Religion angehrten. Denn die
Spanier wren in Religionsfragen sehr streng und fanatisch.

Ich mute fr mich lachen, als ich diese Aufklrung auf dem Konsulat
empfing. Der Gedanke war uns vor der Reise nicht gekommen, erst
schriftlich anzufragen. Die ganze Reise war nun umsonst. Es war mir
aber doch angenehm, da der Amerikaner noch nicht angekommen war, denn
nun wrde ich schnell wieder abreisen knnen, dachte ich.

Ich hatte es auf einmal so eilig, nach Europa zurckzukehren, als
erwarteten mich dort die hellsten Freuden. Meine Frau aber meinte,
wir sollten doch erst ein wenig in Mexiko Ausflge machen, das Land
betrachten und die Ankunft der Amerikaner abwarten.

In den nchsten Tagen begegneten wir James und Theodosia auf der
Strae. Sie waren schon lange da und hatten uns berall gesucht.
James hatte sogar einen Empfehlungsbrief an den Prsidenten Porfirio
Diaz mit sich. Als meine Frau ihnen sagte, wir dchten wieder an die
Abreise, waren sie sehr erstaunt. Nachdem ich ihnen dann erzhlt hatte,
wie sehr der deutsche Konsul mir vom Bleiben abgeraten, fanden sie die
Warnungen bertrieben. Ich aber blieb dabei und sagte:

"Lieber bin ich Steinklopfer, Straenkehrer und Bettler an den
Kirchentren in Europa, als da ich in einem Land bleibe, dessen Natur,
dessen Palmen und Vulkane, dessen Agavenpflanzungen, Zuckerrohr und
Kaffeebume mir niemals ein deutsches Lied geben werden."

Da verstanden sie, da ich nicht bleiben wrde und gingen gergert von
uns. Ich war aber erstaunt, da sie sich rgern konnten, wo ich doch
als Knstler gefhlsehrlich zu Knstlern zu sprechen glaubte. Sie aber
maen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen
mich nicht.

Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen,
da ich mich wenigstens erst einige Wochen berzeugen sollte, ob ich
dem Lande keine Reize abgewinnen knnte. Ich sagte, das sei ganz
unntz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem
ich wute, da es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick,
bei der Landung in Vera-Cruz, begriffen, da ich meinem Gefhl recht
geben mute, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt
hatte, und das mir gesagt hatte, da ich hier niemals ein deutsches
Gedicht schreiben wrde.

Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tag in die Umgebung der
Hauptstadt auf Meilen ber die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete
Staubflchen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bume gab.

Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glhende Tropenland
am Meer, wo Vera-Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber
Hhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen
Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter
Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese
Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen
Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glhendes Klima und
ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos de,
und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die
Vulkanberge am Horizont.

Ich besuchte bald auch die reichen Grten und Plantagen der Halbtropen,
fand dort viele spanische Klster umgewandelt in neuzeitliche
Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die ppigen
Bananengrten, die Ananasgrten, die Kaffeegrten, die Zuckerrohrfelder
und die Baumwollenfelder.

Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der
Tropenppigkeit, der Gram, da es nirgends Wiesen mit heimatlichen
Blumen gab, nirgends Wlder, die da rauschten. Denn die Urwlder
rhrten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die
schweren Blttermassen in der Luft, und die Bume standen in der
Treibhausschwle aufgeblht. Da war kein liebliches Geflster von
Halmen und Grsern. Kreischende Vgel mit grellen Lauten nannte man
mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe
gellend, so da einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.

Die weischaftigen Knigspalmen standen zwar prchtig da, wie Sulen
aus Marmor und Alabaster. Sie verblfften mich erst; dann aber wute
ich nichts mit den fremdartigen Eindrcken und mit der Verblffung in
meinem Herzen anzufangen.

Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat -- nachdem ich
im Schlaf in Europa gewesen war --, schnrte sich mein Herz zusammen,
sobald ich statt Europer drauen Indianer in ihren weien Hemden
und ihren weien Hosen lautlos durch die Straen eilen sah. Und die
Dunkelgesichter und die fremden Bume und die spanisch-mexikanische
Architektur, alles erzhlte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit
durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.

Ich hatte Lndlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das
geschftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europischer Weltstdte
eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die
Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd
nach fabelhaftem Glck gedacht.

Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera-Cruz war mir das
Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck
fllte, aufgefallen. Da waren nur Glcksjger, Goldschmuggler, Mnner,
die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nrdlichen
Staaten nicht unterwerfen wollten, und die sicher nicht vor falschem
Spiel, betrgerischen Geschften, ja sogar nicht vor Raub und Mord
zurckscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern
an, da sie wie berhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf
Abenteuerreisen gewagt hatten.

Da war keine Ruhe bei ihnen und natrlich auch von knstlerischem
Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nhe.

Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera-Cruz
und Mexiko auf der zweitgigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach
der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko berall. Die Gold- und
Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplndert
waren, lockten immer noch die goldlsternen ordnungslosen Geister aus
dem Norden Amerikas.

Wenn auch viele von jenen Mnnern das Goldsuchen aufgegeben hatten
und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren
die Landesverhltnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man
der Ausrstung aller Mnner an, da sie immer noch gegen Mord,
hinterlistige berflle, heimtckischen Todschlag und gegen Raubgier
nicht blo in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen
Hauptstraen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko,
anzukmpfen hatten.

Ein Revolver gengte ihnen nicht in der Grteltasche. Auf der
Juwelierstrae und Hauptstrae der Stadt Mexiko standen die schwer
bewaffneten Gruppen morgens, mittags und abends zusammen, als wre die
Strae ein Rubermarkt. Die Mnnergrtel waren bepackt mit Revolvern
und Waffen aller Art. Die groen breitrandigen Filzhte, die Sombreros,
die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen
von einem Rinaldo Rinaldini.

In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso
und beim Billardspiel in den Kaffeehusern begegneten einem die mit
Revolvern und Waffen bespickten Gestalten berall. Sie waren immer mit
Waffen drohend beladen, als kmen sie eben von Raubzgen zurck oder
als htten sie sich zu einem Raubplan verabredet.

Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten pariser
Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet,
friedvoll und natursehnschtig in jenem Lande angekommen waren,
verwunderten uns nicht wenig ber die abenteuerliche Haltung der Leute
hier und ber ihr ruberisches Aussehen.

Mit dem Totschlger in der einen Hand, den Revolver im Grtel und eine
brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die
Polizisten an den Straenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den
Bumen der "Avenue des Columbus" Musterung ber das Heer der Polizisten.

Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich whrend meines
Aufenthaltes.

Ich erlebte es, da neunzehn Polizisten, bestochen und berredet vom
verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Hftling, der im
Nationalpalast eingesperrt war, am Nachmittag des Nationaltages in
seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstieen.

Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch
verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeiprsidenten frher
einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abb aus dem Wege schaffen
konnte. Jener Abb, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war
der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der
Polizeiprsident hatte heiraten wollen. Aber der Abb, der auch der
Beichtvater des Polizeiprsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der
Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem
Polizeiprsidenten gelst.

Jener Mann, der dem Polizeiprsidenten das Gift zu jenem
Mord verschafft hatte, erprete danach von ihm unausgesetzt
groe Schweigesummen. Als der Polizeiprsident nicht weitere
Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den
Mord an dem Abb dem Prsidenten der Republik mitzuteilen und den
Polizeiprsidenten durch diese Enthllungen zu vernichten.

Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als
der Prsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribne vorfuhr,
von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drngte sich jener
Mann, der das Polizeioberhaupt beim Prsidenten der Republik anzeigen
wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des
Prsidenten und seiner Generle auf sich zu lenken, einen faustgroen
Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.

Ein General warf sich dem Heranstrmenden entgegen, ebenso taten andere
Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher
laut rief, er habe groe Enthllungen ber die Polizei zu machen.
Man sah den Polizeiprsidenten selbst, der den Mann fortschleppen
lie, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem
Nationalpalast fahren. Der Polizeiprsident hatte seine Wohnung im
Nationalpalast, wo der Hftling eingesperrt wurde.

Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der
Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert
begrt, durch die Hauptstrae, die Calle San Francisco, an der
Spitze der Truppen in die Stadt zurck. Die Zeitungen brachten in
Extrablttern noch mittags, whrend des groen Nationalfestessens, die
Nachricht von dem glcklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines
Verrckten auf den Prsidenten der Republik.

Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen
an dem beflaggten Platz der Stadt den berfall auf den Prsidenten mit
angesehen.

Am Abend war groes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden
spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der
Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen
um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen whrend der ganzen Nacht zu ihren
Mandolinen alte wehmtige Indianerweisen, berlieferungen aus der
Aztekenzeit.

Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, sa unter den Bumen
und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen
Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes.
In weien Leinwandkleidern, in weier Hose und weiem Hemd die Mnner
und in blauen Leinwandrcken und in schwarze Tcher gehllt die Frauen,
so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergngten sich
sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht
im Mondschein vergessen drfen, da sie von Jgern, Hunden, tdlichen
Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos
gejagt dahinleben mssen.

Gegen Mitternacht, als ich heimging, hrte ich einige Schsse fallen.
Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein
langes einstckiges Gebude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich
kmmerte mich aber nicht um das Schieen und ging nach meinem
spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verlie und in die
Seitenstrae bog, da Scharen von Polizisten aus allen Straen nach dem
Nationalpalast liefen, und da auch die Massen der auf dem Rasengarten
des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich
gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den
Schssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.

In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten
Mnnern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein
kleiner Streit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder
da ein kleiner berfall statthatte. Und da es nicht weise ist, sich
unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und
schlenderte nach Hause.

Am nchsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und
dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, da in der Nacht
jener Anarchist, der den Prsidenten bei der Truppenschau angefallen
hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden
Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Mnner wren in
das Gebude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und
die neunzehn Maskierten htten mit neunzehn Messern -- die sie in dem
Leichnam stecken lieen -- den Verhafteten im Haftraum niedergestoen.
Auf einem Zettel, den sie zurcklieen, stand das Wort "Lynchjustiz"
geschrieben.

Die Pistolenschsse aber, die ich gehrt hatte, waren um Mitternacht
vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben
worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mrder in den Palast
drangen, htten sie den Polizeiprsidenten, der noch allein spt in
seinem Amtszimmer ttig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum
Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der
Nation, den Hftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben
ihres geliebten Prsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.

Der Polizeiprsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen.
Doch als sich die Mrder nicht hatten abhalten lassen und selbst den
Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt
auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft
abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse
aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.

Nach einigen Tagen aber stellte sich zum grten Erstaunen der Stadt
Mexiko heraus, da der Polizeiprsident selbst diesen Mord an dem
Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wute noch nicht, welcher Grund
den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der
Beweggrund wurde erst spter enthllt.

Die Leute, die auf des Polizeiprsidenten Pistolenschsse in den Hof
des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er
durch die Schsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die
Palasttore schlieen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen,
als wre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die
Polizei selbst berrascht worden vom Volkswillen.

Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem
Oberhaupt berredet waren, erklrte an einem der nchsten Tage, von
Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschftszimmer
einer der grten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.

Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Prsident
der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der
zuverlssigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen
erklrt, sie wten doch von jeher, da der Prsident der Republik nur
ungern ein Todesurteil unterschreibe, und da sie Diaz einen Gefallen
tten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentter vollstrecken wrden.
Er, der Prsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, da der
Mord einem Lynchverfahren, von Volksmnnern ausgefhrt, hnlich sehen
sollte.

Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, da sich der
Prsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen wrde,
wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils ber jenen
Anarchisten ersparen wrden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt
werden msse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie wrden
nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich
dem Prsidenten der Republik eine Geflligkeit erweisen.

Nachdem die Zeitungen diese Enthllungen des einen mitschuldigen
Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevlkerung der Hauptstadt
Mexiko von Entsetzen erfllt. Der Polizeiprsident wurde verhaftet,
ebenso die neunzehn Polizisten. Allmhlich kam auch heraus, warum
jener gettete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und
da auer der Vergiftung des Abb der Polizeiprsident noch viele
Schndlichkeiten begangen hatte.

Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehhlten Kuchen einen
geladenen Revolver ins Gefngnis, und er erscho sich dort, ehe
man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum
Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten die Bilder der neunzehn
Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der
Mrder wurden whrend meines Dortseins noch berall auf den Straen
verkauft.

In atemlosester Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang
die Enthllungen ber diesen auergewhnlichsten Mord verfolgt.
Auch ich las die Berichte ber diese unerhrten, schauderhaften
Polizeizustnde, und ich verstehe recht wohl, da manche, die meinen
Roman "Raubmenschen", darin ich diese Schreckenstat erzhle, gelesen
haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln
mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatschlich wahr und hat sich
whrend meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen
Augen abgespielt.

Da Mexiko das Land der mrderischsten Mglichkeiten ist, wurde mir
klar. Sobald ich von Juli bis Dezember gengende Eindrcke gesammelt
hatte, so da ich fr alle Zeiten wissen konnte, da ich dort niemals
lndlichen Frieden und knstlerische Ruhe finden wrde, reiste ich,
nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von
Mexiko nach Neu-Orleans gemacht hatte, von dort ber den Ozean zurck
nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.

Die Rckreise war so strmisch gewesen, da unser Schiff berfllig
war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste
stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden,
so da wir nur mit halber Fahrt vorwrts kommen konnten und statt zwei
Wochen sechs Wochen zwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in
unendlichen Ozeanstrmen zubrachten.

       *       *       *       *       *

Einige unserer Freunde in Paris, junge deutsche Maler, erwarteten uns
bei unserer Rckkunft am Bahnhof Saint Lazare. Und als sie meiner Frau
zum Willkommgru Blumen reichten und wir wieder durch das vornehme
bewegliche Paris fuhren, atmete ich tief auf. Hier war doch wieder
Gesittung! Hier war doch nicht mehr offensichtliche Ruberwillkr!
Mochten auch noch so viele Verbrecherleidenschaften im Dunkeln dieser
Weltstadt hausen, das uere Stadtgesicht war jedenfalls menschenwrdig.

In dieser Stadt herrschte vor allem das Lcheln der Frauen, das gndig
oder ungndig die Willen der Mnner lenkte, und die Frauenlust stand
hier hher als die Goldlust.

Von der gttlich knstlerischen Herrschaft der Liebe in all ihren
Sehnschten, vom wildesten und lsternsten Sinnentrieb an bis zum
zrtlichsten Sehnen nach dem Gunstblick der geliebten Frau, sprechen
Straen und Menschen in jedem Augenblick in Paris.

Paris trgt den Namen jenes Hirten, der den Apfel als Schnheitspreis
der Venus reichte, und der sich dadurch einstmals Juno und Pallas
Athene zu Feindinnen gemacht haben soll. Und es ist wohl kein bloer
Zufall, sondern ein dichterischer Einfall des Lebens, da diese Stadt
das schnste Venusbild der griechischen Liebesgttin zu sich in den
Louvre gerettet hat, das Bild der Venus von Milo, zu welcher jhrlich
Tausende von Europern gewallfahrtet sind und noch wallfahrten.

Die Reise nach Mexiko hatte mir aber doch nicht blo Verluste gebracht.
Es war eine groe innere Erkenntnis ber mich gekommen, die, da der
Erdteil Europa, in dem ich geboren war, mich lebenslnglich nicht
loslassen wird. Nirgends anders, in keinem anderen Weltteil, durfte
ich mir als Knstler Haus und Heim schaffen. Dies war mir ganz klar
geworden, und ich hegte nun keine berseeischen Niederlassungstrume
mehr.

Aber berlandtrume konnte ich doch nicht aufgeben. Der
unknstlerischen Grostadtgeschftigkeit und dem neuzeitlichen
Maschinenwesen, das ber Europa herrschte, glaubte ich nur entgehen zu
knnen, wenn ich mich in einen, an edelsten berlieferungen reichen
Winkel Europas zurckzog und dort vielleicht doch ein Hirtendasein
fhren konnte.

Es mte aber ein Land sein, sagte ich mir, wo ich Eichen, Buchen und
heimatliche Flora finden konnte. Kein Land der Palmen. Und ich glaubte,
da Griechenland, von wo wir Europer edelste Dichtung und herrliche
Kunstwerke und unsere Menschlichkeitslehre im reinsten knstlerischen
Sinn empfangen hatten, das rechte Land fr mich wre, um dort,
ungestrt vom Weltgetriebe, der Dichtung leben zu knnen.

In Athen und drauen vor Athen oder an irgendeiner griechischen
Meerbucht mte es mglich sein, einen Weinberggarten zu kaufen, dachte
ich mir, und dort wollte ich in einem bescheidenen Haus, unter mildem
Himmel, bei europischen Eichen und Wiesen wohnen.

Ich hatte schon in Schweden in den letzten Jahren mit Vorliebe
griechische Dramen gelesen, und ich fand sie viel festlicher und
feierlicher als die Gesellschaftsspitzfindigkeiten und die Nervenlust
der Ibsenschen Dramen, die damals die Begeisterung der Welt fr sich
hatten.

Als ich mit meiner Frau nach der Beerdigung meines Vaters im Jahr 1896
vor der Mexikoreise nach Sizilien gereist war, war ich auch durch
Karlsruhe gekommen. Richard Dehmel hatte mir brieflich von einem jungen
Dichter Mombert erzhlt, den ich doch kennen lernen sollte, und der
auch in Sddeutschland wohne. Ich sah dann A. Mombert in Karlsruhe
einen Nachmittag, und als ich ihm sagte, ich wollte mir auf die Reise
nach Sizilien Homers "Ilias" und "Odyssee" mitnehmen, da hatte er die
Liebenswrdigkeit, mir diese beiden Bcher anzubieten und sie mir beim
Abschied auf die Reise mitzugeben.

Auf dem Schiff zwischen Genua und Neapel las ich dann zum erstenmal in
der "Ilias", die ich noch nie gelesen hatte, und die ich nur fters
vorher in groen Prachtausgaben in der Hand gehabt und durchblttert
hatte. In den frheren Jahren war mir Homers Sprache viel zu
lebensfestlich gewesen, weil ich selbst noch vom Alleinsein bedrckt
und ohne Liebe lebte. Jetzt aber hatte ich in mir Herzensfestlichkeit
durch eine geliebte Frau gefunden, und Homers "Ilias" und "Odyssee"
wurden mir so leicht verstndlich, wie es nur sonst das deutsche
Nibelungenlied uns Deutschen ist.

Die sonnige Schiffbank auf dem kleinen sterreichischen Lloyddampfer,
der uns damals von Genua durch das Mittelmeer nach Sizilien trug, war
auch ein geeigneterer, um Homer zu lesen, Platz als die Schulbank. Das
Schiff, das zwischen blauem Wasser und blauem Himmel, einer weien
Sommerwolke hnlich, hinschwebte, lie mir beim Lesen die unermelichen
Rhythmen der "Ilias" so lebendig und krftig werden, da es mir
vorkam, als trge mich Gesang um Gesang durch die Blue. Das Rauschen
der Meereswellen vermengte sich mit dem Rauschen des Geistes und dem
Rauschen der Bilder und der edlen Gefhle, die Zeile um Zeile aus der
"Ilias" dringen.

Bei der Hinreise nach Mexiko aber las ich dann auf dem groen Ozean
die "Odyssee". Und die Abenteuer des mnnerttenden Odysseus und die
festlichen Schrecken, die der Held erlebte, hielten mich krftig und
aufrecht, als ich mich zwischen Neuyork, Havanna und Vera-Cruz auf
dem Goldsucherschiff von Abenteurergesindel umgeben fand. Unter den
Verbrecherblicken und Verbrechergedanken, die mich dort und nach meiner
Ankunft in Mexiko stndlich auf allen Straen umgaben, war mir das
Lesen Homers Bedrfnis geworden.

Auch hatte ich fr die Knstlerniederlassung nach Mexiko einige
Abgsse griechischer Reliefs, Verkleinerungen vom Parthenonfries und
eine Masse guter Photographien der besten griechischen Bildhauerwerke
der Louvresammlungen, in Kisten eingepackt, mit mir. Und griechische
Bilder und griechische Dichtung trsteten mich oft drben ber dem
Atlantischen Ozean in dem wilden Vulkanland Mexiko, wenn ich vor
Heimweh nach Europa zu verzweifeln meinte.

Durch den deutschen Konsul in Mexiko war mir auch ein Lehrer der
deutschen Schule bekannt geworden, der mir und meiner Frau in jenen
mexikanischen Monaten einigen griechischen Unterricht gab. Denn nachdem
ich Homer in deutscher Sprache gelesen hatte, wollte ich gern dieselben
Verse in griechischen Lauten nochmals hren. Aber der Unterricht war
nur kurz und wurde durch die Rckreise nach Europa bald abgebrochen.

       *       *       *       *       *

Am Abend des Karnevaldienstages waren wir, von Mexiko zurckkehrend,
wieder in Paris eingetroffen. Bei der Vorberfahrt am Opernplatz
bliesen vom ersten Stockwerk des Opernhauses ber die Menschenmenge
die Fanfaren, die die Erffnung des Maskenballes anzeigten. Es war mir
aber, als verkndeten die Trompeten zugleich das Ende des Winters, den
Beginn und den Einzug des Vorfrhlings und einen Willkomm fr uns in
Europa.

Ich verabredete mit meiner Frau, die von der langen ozeanischen
Sturmreise sehr erschpft war, da sie sich in ihrem Vaterhause
in Schweden ausruhen und sich dort aufhalten sollte, bis ich in
Griechenland Haus und Garten gefunden htte. Sollte ich aber dort auch
keinen geeigneten Platz entdecken, so wollten wir uns dann beide in
Wrzburg, in meiner Heimatstadt, treffen und wollten dort einstweilen
wohnen.

Wir waren dann noch einige Wochen bis Mitte April 1897 in Paris.

Am Tage, da ich meine Fahrkarte nach Griechenland bei der
"Schiffsgesellschaft des Mittelmeeres" in Paris bestellt hatte und
meine Frau eben nach Schweden abgereist war, begegnete mir auf dem
Boulevard St. Michel der Schriftsteller Karl Vollmller, den ich kurz
vorher kennen gelernt hatte. Als er hrte, da ich in zwei Tagen
nach Griechenland reisen wrde, sagte er mir, er wrde gern auch
nach Griechenland fahren. Er wolle nur an seinen Vater nach Hause
telegraphieren, und wenn dieser zustimmende Antwort gbe, wrde er mit
mir reisen. Wir fuhren dann einige Tage spter von Marseille nach dem
Hafen Pirus und machten die griechische Reise zusammen.

       *       *       *       *       *

Bei der Fahrt um den Peloponnes entzckte mich besonders die
rhythmische Berggestaltung dieses griechischen Landteiles. Die Berge
waren dort, als ob eine Hand die Berglinien in der Luft vorgezeichnet
htte, als wren die Wellen der Erde einst bezwingenden rhythmischen
Handbewegungen gefolgt und dann als zur Erde gewordener Rhythmus stehen
geblieben.

In zarten Morgensonnenfarben, in einem khlen Grn, das wie bereift
aussah, und in einem fleischigen goldigen Rosa erschienen auf
therblauem Meer diese ersten griechischen Landlinien des Peloponnes
vor meinen Augen. Und ich hoffte bei ihrem Anblick bestimmt, da hier
der Boden fr glcklichsten Dichterfrieden sein knnte, denn ich war
beglckt vom Anschauen der rosigen Kste.

Ich sa, vom tnenden Meer getragen, auf dem sauberen silberweien
Schiffsverdeck, halb hinhorchend auf den Arbeitstakt der
Schiffsmaschine, und baute mir in Gedanken ein Haus dort hinber an
eine der stillen weltverlassenen Meeresbuchten.

Vom Schiff aus gesehen, sprach jenes griechische Land keine andere
Sprache als meine Heimatlaute, die ich in der Brust trug, und kein
anderes Leben lebte an der nahen Kste als das Traumleben und die
Traumgeschichten, die ich vom stillen Schiffsdeck hinberschickte unter
die lbume dort.

Von jenen frhesten Morgenstunden an, als wir um den Peloponnes fuhren,
bis zum Abend und bis zum nchsten Morgen, solange die Reise bis Pirus
whrte, fllte sich mir das leere Schiffsdeck, auf welchem wir nur
vier Passagiere waren, mit allen Helden der "Ilias", mit allen groen
Geistern Athens.

Das Schiff war dann nicht mehr nur ein gewhnliches Dampfschiff; es
wurde hoheitsvoll ein Argonautenfahrzeug voll herrlich gersteter
Mnner, voll festlicher Gtterfrauen. Sie kamen in hellen Zgen wie
aufsteigender Meerschaum ber das trkisenblaue Meerwasser. Sie kamen
aus den fernsten lbaumhainen. Und als spt am Tage der Berge lange
Abendschatten sich dunkelgrn in das Meer hinaus bis an unseren
Schiffsbord hinlegten, da kamen immer mehr griechische Helden und
Heldinnen, griechische Gtter und Gttinnen, gefolgt vom frohen
singenden Volk, auf den Abendschatten, wie auf Brcken, ber die
Meerflut heran.

-- Nur wieder neun Jahre spter erlebte ich hnliches Entzcken,
als ich in einem hnlichen silberblauen Vorfrhlingslicht in der
japanischen Inlandsee fuhr, zwischen japanischen Ufern, in der Heimat
des naturseligsten Volkes der Erde. --

Als ich die Uferbilder und Meeresbuchtenlinien Griechenlands zum
erstenmal zwischen den Wimpern meiner Augen in mein Herz einziehen
fhlte, schienen sie unwirkliche Gefilde zu sein. So verklrt
schimmerte das Tageslicht von den melodisch geschweiften Bergen,
als wre die Kste von dem Licht einer geistigen, unirdischen Sonne
beschienen.

Jene Erde, die so viele Schritte ernster Helden einst gehrt hatte
und sich von Homer besungen fhlte, lag da vor mir, als htte sie
sich unter Homers Gesang verklrt -- wie eine Frau, die lautlos ein
Liebeslied immer wieder singt, das ihr der gestorbene Geliebte einst
gedichtet hat.

Und wie das Antlitz eines Menschen, der ein Gedicht wiederholt, das
er liebt, und dessen Auge zwischen irdischem und unirdischem Ausdruck
geteilt, verklrt in den Tag sieht, so sah Griechenland -- das Lied
Homers lautlos vor sich hinsingend -- mit seinen feierlichen Hhen an
jenem Tage, an dem ich vom Morgen bis zum nchsten Morgen im Meer an
der Kste vorberfuhr, in meine Augen und war eine heilige Geisterwelt,
eine heilige Dichterwelt.

Es schien keine Stunde nchterner Alltag an jenen Ufern zu sein. Eine
kstliche Festlichkeit begleitete mich an dieser Kste entlang bis zur
nchsten Morgenstunde, bis zum Augenblick, da das Schiff in Pirus
anlegte.

In Pirus, im Hafengetriebe, zwischen Hafenhallen und Haufen von
Fischerbooten, bei schmutzigen Fischerkneipen, bei den Khnen,
die, beladen mit gelben Orangen und grnen Zitronen, fremdartig
leuchteten, wute ich nicht mehr, als ich den Fu ans Land gesetzt,
da ich in Griechenland war. Es lag vor mir ein kleinstdtischer
lebendiger Mittelmeerhafen mit dem blichen Hafenlrm, mit Zollbeamten,
Fuhrleuten, Fischern. Nur die griechische Lebhaftigkeit, das fliegende
Verstndnis fr jeden Augenblick des Lebens, eine gewandte Eile und
eine bestrickende Geflligkeit, die den Nordlnder argwhnisch macht,
in ihnen war griechischer Geist zu fhlen.

Wir fuhren dann bald mit einem Wagen auf der alten Heerstrae hin, die
in einer geraden Linie, wie mit einem Lineal gezogen, nach Athen fhrt.
Ich hatte geglaubt, da hier Ende Mrz schon Frhlingsgrn zu finden
wre, und war nun erstaunt, da die Weingrten an den Wegseiten nur
braune Rebenstrnke und noch kein grnes Blatt zeigten.

Whrend der Fahrt sah ich immer geradeaus und wunderte mich, da ich
nirgends den Felsen der Akropolis entdecken konnte. In der breiten
Ebene, die sich zwischen zwei Bergzgen von Athen nach Pyrus ans Meer
zieht, htte ich geglaubt, den Berg und die Akropolis am Ende des
Tales, gro gegen den Himmel gezeichnet, sofort erkennen zu mssen.
Aber erst nah bei der Einfahrt in Athen sah ich, umgeben von hheren
Hgeln und verschwindend klein neben dem mchtigen Hymettosbergwall,
die Anhhe der Akropolis mit den Tempelresten. Aus der Ferne lie
diese Tempelruine noch nichts von ihrer Groartigkeit ahnen.

Das neue Athen, in das wir einfuhren, mit seinen brgerlichen
Husern der Neuzeit, mit seinen Schaufenstern, Straenbahnen, seinem
Kaffeehausleben, mit dem Getriebe unseres Jahrhunderts in der langen
Stadionstrae, war mir vom Anfang an im Wege. Ich wre am liebsten
drauen vor der neuen Stadt heimlich aus dem Wagen gestiegen und durch
die Felder in weitem Bogen um das neuzeitliche Athen gegangen, hinauf
zur Akropolis.

Am Tage vorher auf dem Meer war ich im Geist in einer stillen
Ruinenwelt angekommen, die sich Athen nannte. Ich hatte in Gedanken
nebenbei ein paar Gasthuser oder hnliche Huser in ehrfurchtsvoller
Entfernung, den Ruinen bescheiden Platz machend, gesehen und hatte
geglaubt, da die Fenster jener neuen Huser, so wie die Augen der
neuen Menschen dort, den ganzen Tag andachtsvoll trumend und vom
Bewundern der groen Vergangenheit der Ruinen bewegt, keine Zeit zu
eigenem Leben finden knnten.

Nun aber lrmte da eine sich selbstndig dnkende junge Stadt, eine mit
Trambahnen, elektrischen Maschinen, Telegraphen und Telephonen und mit
Motoren arbeitende, zeitgeme, laute, ehrgeizige Stadt.

Diesen Zeitlrm konnte ich noch nicht mit meinen, nur feierliche Ruinen
suchenden Wnschen vereinigen. Und ich war enttuscht und wnschte
mich wieder aufs griechische Meer zurck. Die Zeitungsverkufer
und die Lotterieverkufer, die auf unserem Wagentrittbrett
geschftig schreiend emporkletterten, whrend wir in die lebendigen,
gewerbetreibenden Morgengassen von Athen einfuhren, machten mich
endlich lachen. Und Humor stellte sich ein, und ich freute mich, doch
allmhlich von der Meerde wieder unter zappelnde Menschenkinder
gekommen zu sein.

Das unterhaltende sdliche Straenleben, die Kupferschmiede, die
Seiler, die Korbflechter, die Tpfer und das viele andere Kleingewerbe,
das da zusammengepackt in den Gassen nistet, war in seiner herzlichen
Irdischkeit reizvoll zu betrachten, und der Lrm, der mich zuerst
abstie, lockte bald vertraulich meine Ohren an. Eine arbeitende starke
Gegenwart, meine Gegenwartswelt, erfllte mich wieder, und ich lie die
feierlichen Trume weit zurck und fhlte mich trotzdem wohl.

Mein Reisegefhrte hatte von seinem Vater einige Empfehlungen an
griechische Geschftsleute, an den deutschen Konsul und an den
deutschen Archologen Professor Drpfeld mit sich. Von dem letzteren
erhielten wir bei einem Besuch einige gute Ratschlge fr unseren Ritt
durch den Peloponnes, den wir von Olympia aus nach Sparta unternehmen
wollten. Zuerst aber wollten wir vorher noch Delphi, Apollos heilige
Sttte, am korintischen Meerbusen sehen. Franzsische Gelehrte hatten
dort krzlich das groe Ruinenfeld der Heiligtmer wieder aufgedeckt. --

Morgens von sechs bis neun Uhr herrschte schon das lauteste Leben
zwischen den blendend weigetnchten Husern von Athen. Keine Stadt ist
mir je wieder so hell vorgekommen wie diese lichtdurchtrnkte weie
Neustadt Athen. Und trotzdem herrschte Dsterkeit in den Straen.

Denn in keiner Stadt sah ich jemals wieder so wenig Frauen, wie am
Nachmittag dort auf dem Schloplatz, whrend die Musik spielte.
Nirgends war eine griechische Dame, nirgends ein griechisches Mdchen
zu sehen. Nur manchmal fuhr ein weibliches Wesen in einem Wagen
vorber. Aber auf dem Schloplatz standen wie eine einzige schwarze
Masse, Schulter an Schulter, plaudernde Mnner von allen Altern.

Nie wieder sah ich ein hnlich einseitiges Dasein. Man knnte glauben,
es wrde hier Brse abgehalten unter freiem Himmel. Oder man konnte
denken, es sei eine Verschwrung im Gang. Whrend im heutigen Rom zur
Musikzeit in den Gartenanlagen des Monte Pincio die Rmerinnen aller
Gesellschaftskreise, zu Fu und zu Wagen, plaudernd mit und zwischen
den Herren erscheinen, sind in Athen zu den Musikstunden nur einige
Auslnderinnen am Rand des Platzes bei den Kaffeehusern zu sehen.
Es entsteht deshalb hier kein frhliches Gemisch, keine festliche
gesellige Woge. Wie eine zusammengepferchte Stierherde stauen sich die
Mnner stumpf und stolz um die Musik.

Ich habe hnliches nur im Hyde-Park in London gesehen, wenn ein
politischer Redner auf einen Stuhl gestiegen war und sich Hunderte
von Mnnern um ihn gesammelt hatten. Dort sah ich hnlich viel
schwarzbekleidete Rcken wie auf dem Schloplatz von Athen.

Eine ghnende Langweile ging von dieser Musik aus. Denn die plaudernden
und politisierenden eifrigen griechischen Mnner lieen die Musik, wie
es schien, nur in ihren Ohren verhallen. Die Frauen, die im Gehen und
im Lcheln wandelnde Musik sein knnen, fehlten hier den Augen der
Mnner, und das machte, da die Mnnerohren nur halb hinfhlten, und
da nur eine halbe Festlichkeit aufkam.

Es ist nicht gut, da der Mensch allein sei, sagt die Bibel. Und ich
mchte hinzufgen: es ist nicht gut, da der Mann ohne eine Frau Musik
hrt, da der Mann ohne eine Frau ein Gedicht liest, da der Mann ohne
eine Frau ein Bild betrachtet, da der Mann nur mit Mnnern spaziert.
Ohne die Frau kommt nur die halbe Welt der Kunstwerte und die halbe
Welt allen Lebens zum Mann. Ebenso knnen die Frauen die Welt und die
Knste nicht allein ohne den Mann ganz verstehen und ganz genieen.

       *       *       *       *       *

Als ich allein um die Erde reiste ohne meine Frau, merkte ich es zuerst
gar nicht, wie wenig ich eigentlich sah. Ich merkte es aber gleich,
wie viel ich sah, als ich heimkam von der Weltreise und meine Frau in
meinen Erzhlungen mit mir zusammenreiste.

Da erst wachten viele Blicke auf, von denen ich nicht gewut, da ich
sie aufgenommen hatte, und Bilder und Landschaften und Begebenheiten
kamen mir aus dem Unterbewutsein ins Bewutsein, als ich vor ihren
Augen noch einmal die Weltreise zu Hause in Gedanken dichtete.

Was ich fr mich allein erinnert htte, das wre kaum die Hlfte der
Eindrcke gewesen. Fr sie aber erinnerte ich noch eine Flle, die ich
im Unbewuten beim Reisen mit ihren Augen aufgenommen hatte, und die
verloren gegangen wren, wenn nicht ihr Auge mir dann zu Hause das
unbewut Gesehene geweckt htte.

Ich hatte auf der Weltreise unterwegs keine Notizen gemacht, was ich
niemals auf Reisen tue, hatte mich auch durch keine Bcher auf die
Reise vorbereitet, las auch nach meiner Heimkehr nicht die Briefe
durch, die ich unterwegs geschrieben hatte, sondern hielt mich nur an
mein und ihr Auge, an unsere inneren und ueren Augen, mit denen ich
die groe Reise nochmals nachreiste, so wie ich heute nach sechzehn
Jahren die griechische Reise wieder nachreise.

Von der Weltreise kam ich im Juli 1906 zurck, und erst im Juli 1907
begann ich mein Buch "Die geflgelte Erde", das jene Reise in Versen
beschreibt. Nur einige Photographien und Ansichtspostkarten und nur
kleine Geschenkerinnerungen, die ich von jedem Ort unterwegs fr meine
Frau mit nach Hause genommen hatte, nur diese winzigen Stckchen
Wirklichkeit halfen mir zwei Jahre lang nochmals die sieben Meere und
ihre Wunder in einer Dichtung aufleben zu lassen.

Ich fhlte mich whrend der Reise um den Globus auch keinen Augenblick
als Schriftsteller reisen. Wohl hatte ich jene Fahrt mit dem Gedanken
angetreten, spter einmal eine Dichtung ber die Wunder der Erde
schreiben zu wollen. Aber whrend der Reise enthielt ich mich jedes
Gedankens an das knftige Buch. Und ich glaube, ich bewahrte mir
dadurch einen mglichst unbefangenen innerlichen Blick, indem ich jedes
bertriebene berufsmige Schauen, jedes berufsmige Aufnehmenwollen
beim Reisen ausschaltete, wie ich das auch bei Erlebnissen immer zu tun
versuche.

Nur dann lassen sich die Empfindungen und die Gefhle breit und tief in
einem nieder, wenn man ihnen allmenschlich und zwecklos entgegenkommt.
Jeder Zweck macht die knstlerischen Gefhle taub und ffnet nicht die
Tiefen des Innenlebens im Menschen.

Aber ich habe gefunden, da es fr einen Schriftsteller einer
jahrelangen Selbstzucht bedarf, einer immer wieder erneuten Zucht des
Willens und einer immer wieder erneuten Zucht zur Ruhe und Geduld
bedarf, um das Leben mit offenem Gefhl tglich von neuem _in heiliger
Zwecklosigkeit_ empfangen zu knnen. Nur jenen Zweck soll der Dichter
hochhalten, den, dem Weltalleben nachzufhlen und nicht nur sein
eigenes Leben, sondern alle Lebenserscheinungen in das Herz einmnden
zu lassen.

Nur dann wird dem, der sich durch solches Weltallempfinden, durch
das gerechte und empfindende Betrachten aller Leben bereichert hat,
nicht blo das geistige, sondern auch das leibliche Gefhl der
Lebensunendlichkeit zu teil.

Die Lust an der Unvergnglichkeit der einzelnen Atome des Leibes
berbietet dann das leise Weh ber die Vergnglichkeit der Leibesform.
Denn das Gefhl der leiblichen Unsterblichkeit ist fr uns alle
erreicht, sobald wir das Weltall als unseren Leib und Besitz fhlen
lernten.

Als ich am Sptnachmittag des ersten Tages in Athen, am Theseustempel
vorbei, dessen ehemals weie Sulen jetzt wie gelbes Bienenwachs
leuchten, auf dem Weg bei den alten Amphitheatern zur Anhhe der
Akropolis hinaufwanderte und dann ber die breiten zerbrochenen
Freitreppen, auf dem mit Quadern bepflasterten Platz beim kleinen
Erechtheiontempel vor den ungeheueren Sulen des Parthenontempels
stand, da, schien es mir, waren das keine Ruinen, was ich vor mir sah.
Es waren Bauwerke noch im Aufbau begriffen.

Die Handwerksleute und die Architekten schienen den jungen Bauplatz
des herrlichen Zukunftbaues eben zur Abendstunde verlassen zu haben
und waren hinunter in die Stadt gegangen. Da lagen Sulen und Quadern,
die scheinbar noch am Mittag den Hammer und den Meiel der Steinmetzen
gesprt hatten. Und die steinernen Frauengestalten, die das Sims des
Erechtheion auf ihren Kpfen sttzen, waren von den jungen Bildhauern
vorhin erst mit den lebenden Frauen verglichen worden, die dazu Modell
gestanden hatten, vor dem inneren und ueren Auge der Knstler.

Jung, lebensvoll, wunderbar zeitlos waren die Formen und die
knstlerischen Linien der behauenen Steine. Die gerillten Sulen
standen jung aufrecht, als wre in ihren tiefen Rinnen nur erst ein Mal
ein Frhlingsregen herabgerieselt.

Nichts sprach hier von jahrtausendaltem Regen, von jahrtausendalten
Winden und Sonnenbrnden, die diese Steine erlebt hatten. Nur
neuzeitliche und zuknftigste Weltfestlichkeit tnte bei jedem Schritt
auf den Flieen des Parthenons in mein innerstes Ohr. Diesem Bauplatz
fehlten nur die Gerste; man mute annehmen, die Baugerste seien zu
frh abgenommen worden, ehe die Bauten noch ganz fertig waren. Einen
andern Eindruck empfing ich nicht. Das Wort Ruine kam nicht in meinen
Gedanken auf.

Welche stmperhafte Bauten waren dagegen die alten rmischen
Backsteinbauwerke des Forums in Rom! Welche stmperhafte,
geistesbeschrnkte, unharmonische Linien trugen nicht alle anderen
Steinbauten Europas! Hier an der Akropolis waren nicht blo geschickte
Menschenhnde und klug berechnende Gehirne an der Arbeit gewesen.
Hier hatten weltfestliche Herzen die Plne gezeichnet, weltfreudige
Hnde und Augen Meiel und Hammer walten lassen. Die aus den Gehirnen
eines Volkes von Dichtern geborenen menschenherrlichen Gtter hatten,
hnlich wie sie beim Kampf um Ilion die Krieger aneiferten, so hier
die Knstler bei ihrer Arbeit beseelt. Diese Tempel waren gedichtet,
waren jahrtausendalte Steingedichte. Und so wie jedes echte Gedicht
kein Alter, keine Zeit, keine Vergnglichkeit kennt, so standen
auch diese Bauten alterlos jugendlich in ihrer unvergnglichen
Selbstverstndlichkeit da.

Auch die Sulen, die gestrzt waren, sie wurden nicht zu Ruinenstcken.
Sie blieben Vollkommenheiten. Sie schienen in jedem Augenblick neu
aufwachsen zu wollen, da jeder einzelne Stein, jede Meiellinie
Unsterblichkeit ausstrahlte und berzeugendste Weltallfestlichkeit.

Wenn ich mir heute vorstelle, da dort auf der Anhhe der Akropolis,
um den freien Platz bei dem Parthenontempel, Flieger mit ihren
Flugmaschinen landen und wieder aufsteigen sollten und um jene
sogenannten Ruinen kreisen wrden, und wenn ich mir dieselben
Luftfahrzeuge aufsteigend und kreisend um alte deutsche Burgen denke
oder um das Schlo von Versailles, um den Londoner Tower, um das
Potsdamer Lustschlo Sanssouci -- nirgends in Europa wrden die
Flugmaschine und der Motor in ihrer edlen sthlernen Gelenkigkeit
und gestaltet von neuzeitlichem Erfindungsgeist sich so klar und
gleichberechtigt dem Geist der Baumeister anpassen als bei der
Akropolis. Hier knnte man glauben, die Ururenkel jener Bauleute
haben von ihren Vtern mit den Plnen der Tempel auch die Plne zu
den neuzeitlichen Flugmaschinen, die Plne zu den sthlernen Motoren,
ebenso wie die Plne der drahtlosen Telegraphie, die Plne zu den
Markoniapparaten und die Plne zu allen heutigen technischen und
elektrischen Erfindungen erhalten.

Wenn ich an Gotik-, Renaissance- oder Rokokobauten denke, selbst
wenn ich an den arabisch-maurischen Stil mit seiner weiblichen
Mrchenhaftigkeit denke, -- bei keiner dieser an sich harmonischen
Stilarten tritt das Geistige und das Krperliche in so klarer, edler
und einfacher Einheit auf. Dieser Baustil ist der Brudergeist unserer
sich in Arbeit und Festlichkeit und Selbstzucht benden Zeit. Jung
tritt einem dieser Neuzeitgeist entgegen aus allen alten Bauten
Griechenlands und besonders aus den alterlosen athenischen Bauten der
Akropolis und des Theseustempels.

Es scheint mir oft, als htten unsere Architekten in ihren neuesten
Bauten noch nicht dem aufgeklrten festlichen Zeitgeist voll Rechnung
getragen. Wohl wirkt die groe Vereinfachung in der heutigen
Architektur befreiend. Aber es fehlt noch die Selbstverstndlichkeit
der Formen.

Zu viel geschultes Wissen, zu wenig innerliche Freiheit gestalten
den heutigen Baustil. Es sind noch nicht alle Dumpfheiten alter
Weltanschauungen vollkommen berstanden. Es herrscht noch nicht in der
Architektur die selbstverstndliche einfache Weltallfestlichkeit, die
angeboren in uns lebt.

Den meisten unserer Bauwerke fehlt in der Linie noch die natrliche
Beherrschung, mit welcher zum Beispiel ein Vogel von Baum zu Baum
fliegt, mit der ein Reh aus dem Waldsaum tritt, mit der die Biene
arbeitet und die Forelle gegen den Bachstrudel schwimmt, mit der
das Buchenblatt sich aus seiner braunen Schutzkapsel entfaltet, mit
der jede Baumart ihre verschiedenen zackigen Bltter naturgefllig
hervorbringt.

Bauformen mssen so krperlich klug wie geistig klug sein und Nutzen
und Schnheit in unzertrennlicher klarer Einheit vereinigen.

Aber ich will nicht damit sagen, wenn ich die alten griechischen
Baudenkmale lobe, da man, wie man es zu Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts getan, zu Napoleon des Ersten Zeit und spter, die
griechische Sulenwelt nachgeahmt bei uns aufstellen soll.

Ich mchte nur darauf hinweisen, da, wenn wir eine befreite festliche
Innerlichkeit, mit der der Grieche das Alltagsleben in jedem Augenblick
auffate, auch bei uns wirken lassen wollen, so werden wir dann auch
zu geistig freieren Bauwerken, unserem Klima angepat, zu einem edlen,
unvernderbaren feststehenden Stil kommen.

Eine festliche Weltanschauung wird alle Knstler verinnerlichter und
vereinfachter arbeiten machen. Sobald das Leben von den europischen
Vlkermassen nicht blo als eine Pflicht oder gar als sndiges
Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zu einem besseren Leben
aufgefat wird, wird sich alles Menschenleben natrlicher und
knstlerischer gestalten als jemals.

Wenn die Vlker von der zweckmigen, daseinsklugen Weltfestlichkeit
aller Leben, also auch von der Festlichkeit der Menschenleben,
durchdrungen und berzeugt worden sind, wird der Kunstsinn festlich
befreit sein.

Ebenso wie die Griechen, so hat man auch lange Zeit die Japaner nur vom
Standpunkt einer schmachtenden Schnheitsschwrmerei aus bewundert.
Man verstand nicht, wie herrlich ntzlich in erster Linie alle Gebilde
sind, die diese beiden Vlker hervorbrachten, und die zuerst den Zweck
erfllen und bei wunderbarer Zweckdienlichkeit eine selbstverstndliche
Schnheit bieten.

Eine Bauernfrau im schlichten Arbeitskleid und jeder Arbeiter in seiner
Arbeitstracht, die zweckdienlich erfunden wurde, wirken knstlerisch
und zeitgem und sind nicht stimmungsstrend fr den Knstler.

Zweck und Geist verhhnend aber sind die heutigen, zerstckelten und
zusammengenhten, sinnlosen Modekleider der europischen Frauen.
Grauenhaft verirrt ist das europische Frauenkleid von heute und ist
nicht mehr die kluge ntzliche, schne irdische Hlle fr den schnen
irdischen Frauenleib.

Die Japanerin, die Chinesin, die Araberin sehen ihr Kleid noch mit
gesundem und klugem Natursinn als eine feierliche, zweckmige
Umhllung an.

Das europische, zweckwidrige, schnheitswidrige, unedle, unsinnig
zusammengestellte Modenungeheuer, das man nicht mit dem edlen Namen
Frauengewandung benennen darf, ist ein Ergebnis dumpfer, verjhrter und
berwundener Weltanschauung.

Und auch die europische Mnnerkleidung beengt den Krper, wirkt
zerstckelt und ist zeitraubend beim Anlegen. Sie besteht aus viel zu
viel einzelnen Teilen und Teilchen.

Der Menschenkrper aber soll eingehllt und nicht eingezwngt werden.

Wie man ein einziges Einpackpapier um einen Gegenstand wickelt, den man
einhllen und so geschtzt heimbringen will, so wird von Chinesen und
Japanern der Krper des Menschen bei der Kleiderfrage behandelt.

Man pret den Leib nicht ein und behngt ihn nicht mit zehnerlei Lappen
und Lppchen, nicht mit drckenden Knpfen und mit berflssigen
Litzen, Kragen, Krawatten. Der Asiate hllt den Leib wie einen
kostbaren Gegenstand weit und reichlich und doch sorgfltig ein, ohne
die Glieder herauszuschrauben oder sie zu beengen. Der Asiate lt
seinem Leib in der Hlle Bewegungsfreiheit, er behandelt seine Glieder
gtig und selbstverstndlich verstndig und liebevoll.

Man betrachte nur die Bilder der Japaner und Chinesen, die seit
Jahrhunderten die Frauen immer im gleichen Kleide zeigen. Jene Vlker
sind nicht mde geworden, dieses selbe Kleid immer wieder zu sehen.

Man nahm an dieser Kleidung nur kleine Abwechslungen in den
Stoffmustern vor, von Jahrhundert zu Jahrhundert kaum merkbar.
Unsere Frauenwelt aber ist von einer Kleiderkrankheit, von einer
Kleiderverwandlungssucht besessen. Teils bewirkt dieses die
kaufmnnische Gewinnsucht der Mnner, teils hysterische Eigenliebe der
Frauen, die sich gegenseitig zu unsinnigsten gehetzten Formen anspornen.

Wenn aber einmal Frau und Mann sich nicht mehr belgen und sich
nicht mehr als den Gipfel der Schpfung betrachten, sondern sich als
Weltallmitglieder sehen, dann wird die Eitelkeit edlere Wege gehen.
Diese aufgeklrten Menschen werden den Modeirrsinn verschmhen, und die
Krper mit natrlichen Gewndern zweckdienlich, vornehm und freudig
verhllen, statt den Leib mit Stckwerk berreizt, unbequem, unschn
einzupressen oder zu behngen.

Das chinesische Kleid, das weite Beinkleid, der rmelweite, hemdartige
chinesische Rock, knnte auch fr uns Europer eine Zukunftskleidung
werden. -- Die knftige Frau wird zugleich wie der knftige Mann
die Schpferkraft des ganzen Weltalls in ihrem Herzen als ewigen
verantwortlichen Besitz und als unendlichen festlichen Widerhall
fhlen. Diese dann nicht nur persnliche, sondern weltallfestlich
gestimmte Zukunftsfrau, die im Garten und in der Natur, in der
Gesellschaft, im Haus und bei der Arbeit, bei den Knsten und bei den
Weisheiten ihres Volkes freudig und befreit aufgewachsen ist, diese
wird sich ganz von selbst scheuen, sich unedler zu kleiden als die
Griechinnen es taten, unedler als die Frauen der sinnenweisen Vlker
Asiens es tun.

       *       *       *       *       *

Ich erlaubte mir die griechische Reise mit dieser Betrachtung zu
unterbrechen, da ich, wie ich nochmals wiederholen mchte, in diesem
Buch Gedankengut aus meinen Wanderjahren geben will und nicht nur
Ereignisse. Ich mchte im Anschlu an die europische Kleidungsfrage
daran erinnern, welches Aufsehen in den neunziger Jahren Tolstois
"Kreuzersonate" machte. Der Dichter eiferte in diesem Werk gegen
die Schamlosigkeit unserer Frauenkleidung, gegen die das Fleisch
ausstellenden Ballkleider und gegen das Stahlgerst, das damals den
Frauen die Rippen einprete und die Brste und Hften herausdrckte.

Wie recht hatte der groe Mann! Wie werden die europischen Frauen von
allen asiatischen Vlkern verachtet, weil sie der ffentlichkeit Reize
enthllen, die nur der Liebesstunde und dem Geliebten gehren sollen.

Das ist nicht Festlichkeit des Lebens, eine schamlose Ausstellung
der Reize. Das ist hurenhafte Festlichkeit. Und sie mag gut sein auf
dem Sinnenmarkt, dort wo die Frau ihren Krper verkaufen will, in den
Husern und Stadtvierteln der Freudenmdchen. Aber nicht einmal auf den
japanischen Mdchenmrkten wagt die Dirne Japans mehr als ihr Gesicht
und ihre Hnde ffentlich zur Schau zu stellen.

Wrden wir alle nackt gehen und wrden alle Sinnenverrichtungen wie
die Tiere unter freiem Himmel und vor allen Menschen ausben, das
wre unschuldiger und schamvoller als es diese berechnende, halbe
Enthllung auf den heutigen Bllen der Europer ist. Gebietet es die
Sonnenhitze, das Baden im Meer, die Hitze im heien Sden, da die
Frauen hnlich den Indierinnen nur halb verhllt gehen, so ist dann
dieses Sichenthllen natrlich und dort durch Zweckmigkeit geheiligt
und unschuldig zu nennen.

Aber in unserem kalten, khlen Klima, in unserer nchternen Winterwelt,
ist es Wahnsinn und Schamlosigkeit, wenn die Mnner sich gegenseitig
ihre Frauen in den Gesellschaften mit entblten Brsten und nackten
Armen zufhren.

Ich meine nicht, da die Frau ihr Gesicht verhllen soll wie die
Mohammedanerin. Das Gesicht soll niemand verstecken, aus dem Geist
sprechen soll und das Herz.

Die Chinesinnen und Japanerinnen gehen seit Jahrhunderten schlicht und
vornehm mit offenem Gesicht und schn frisiertem Kopf, ohne Hutaufputz,
auf ihren Straen umher und in ihrem Hause. Nur die Tnzerinnen und
die ffentlichen Mdchen kleiden sich in schreiende Farben.

Da dieses Volk in seinen nrdlichen Provinzen in hnlichem Klima lebt
wie wir, und wie wir bei Regen, Sonne und Schnee aufgewachsen ist, soll
man nicht glauben, da wir uns nicht auch an jenen Kleidertrachten ein
Beispiel nehmen drften. Denn jene Tracht der Chinesen und Japaner
eignet sich auch fr unsere europischen Witterungsverhltnisse und ist
fr unsere Mnner und Frauen ntzlicher und zweckdienlicher, als die
heutige europische Tracht es ist.

Wer es nur einmal in seinem Leben versucht hat, ein japanisches oder
chinesisches Kleid anzulegen, der wird den wunderbaren Genu nicht
vergessen knnen, den ihm diese schne, vornehme, kleidsame, gesunde
und behagliche Umhllung bereitet hat.

Sowohl die Anzge fr die Mnner als die Trachten fr die Frauen sind
in jenen Lndern fr beide Geschlechter aufs Sinnvollste ausgedacht.
Kein Druck eines Hakens oder Hornknopfes, keine Beengung und Ermdung
fhlt der Krper in dieser einfachen harmonischen und lebensfestlichen
Gewandung. In diesen Hllen bleibt der Mensch ein unbeengter Mensch.

Diese Kleider treiben den, der sie trgt, nicht an, mit sich selbst in
eitlem Unfrieden, in eitler Wechselsucht und unntzer Unbequemlichkeit
zu leben. Diese weiten Kleider in ihrer einfachen Schnheitslinie
bedeuten, weil sie zweckmig sind, beim Tragen und Anlegen eine
Kraftersparnis fr den Krper und fr das Leben eine Zeitersparnis.

Ich bin mir in Japan und China in meiner europischen Kleidung, die
beengend, ermdend und von den Schneidern unfrei ausgetftelt ist, mit
ihren vielen Knpfen und Knopflchern, mit der unmnnlichen Krawatte
und den vielen anderen Unbequemlichkeiten, belastet und ungeheuerlich
vorgekommen unter den schlicht und zweckmig, bequem und vornehm
umhllten Chinesen und Japanern. Ich erschien mir unfreudig und
unsinnig gekleidet.

Wir belchelten bisher nur das Fremde an der aus der Fremde kommenden
Tracht der Chinesen und Japaner. Aber wir versuchten niemals diese
Trachten auf ihren Lebenssinn, auf ihre Bequemlichkeit, Sparsamkeit,
Einfachheit und Zeitersparnis hin genau zu prfen. Man knnte sehr wohl
bei uns zur allgemeinen Erleichterung und zum allgemeinen Wohlbefinden
sowohl jene Trachten der asiatischen Mnner als die der asiatischen
Frauen zur Grundlage fr eine neue europische Tracht annehmen und
einfhren.

Schnelle Zeitungsschreiber verbreiten bei uns fortgesetzt die
Nachrichten, in Japan und China kleide sich jetzt die Bevlkerung
europahnlich. Dieses ist nur insoweit wahr, als es sich auf das
Militr, auf die Beamtenwelt und die mit Europa verkehrenden Diplomaten
bezieht. Das chinesische und japanische Volk aber, der chinesische
Handwerkerstand und der Bauernstand, von denen Millionen in Japan und
China leben, diese denken nie daran, ihre Kleidung, die ihre Urvter
ihnen so bequem, gefllig, sparsam und zweckdienlich erdacht haben,
aufzugeben.

Mein japanischer Reisefhrer, ein gebildeter Japaner, trug europische
Kleidung. Aber wenn er abends das Hotel betrat, so vertauschte er
gleich die ihn belstigende europische Tracht mit seiner schnen
unaufflligen, schlafrockartigen Gewandung.

Als ich ihn einmal fragte, warum er das tue, sagte er hflich: zum
Billardspielen wrde er auch zu Hause im Hotel die europische Tracht
anbehalten. Dazu sei sie sehr bequem, da der weite japanische rmel
das Billardspielen erschweren wrde. Aber sonst sei ihm die japanische
Tracht bequemer.

Ich mute lachen und ihm recht geben, wie ich in so vielem den
Asiaten recht geben mute, ihnen, die wir Europer in unserem grnen
Schuldnkel so oft miverstehen und ungefhlt und ungerecht und
unverstndig beurteilen. --

       *       *       *       *       *

Eines Abends bestiegen wir in Pirus ein Schiff, das uns in der Nacht
durch die Schleusen des Isthmus von Korinth und durch die korinthische
Meerenge am nchsten Morgen nach Itea bringen sollte. Itea ist eine
Landungsstelle am Fue der Bergmasse, auf welcher die Ruinenfelder des
heiligen Delphi ausgebreitet liegen.

In dieser Nacht schlief ich nur wenige Stunden und trumte wachend, am
Schiffsgelnder sitzend. Griechische und trkische Kaufleute, mit ihren
Familien, hockten schlafend, in Mntel und Decken eingewickelt, in der
warmen Frhlingsnacht auf dem Verdeck. Von der friedlich schlummernden
Menschenherde sah man im Mondschein nur Knule, und das Schiff
glitt mit den Schlafenden wie ein groes schwimmendes Bett durch das
mondglnzende Wasser.

Ich sa am Schiffsgelnder und beobachtete unseren Weg, der, als der
Schiffskrper in die hochgemauerten Schleusen kam, einer Fahrt durch
gemauerte Kellerrume glich. Der Mond ging treu am Himmel ber dem
Schiffsmast mit, es war auch, als snke er mit dem Schiff von Schleuse
zu Schleuse tiefer.

Wie wissen die Neuzeitmenschen sich die Wege zu krzen! Wie sind sie
unglcklich von der Endlichkeit aller Wege durchdrungen! Tausende und
tausende Jahre lang nahmen die Menschen das Leben breit, machten auch
Umwege, weil sie immer am Anfang und Ende der Wege zugleich waren.
Wir aber sehen heute nur das Ende aller Wege vor uns. Der Anfang ist
abhanden gekommen, der Weganfang fehlt, der sich immer wieder dem Ende
anschliet.

Eine Eintagsfliege lebt nicht krzer als ein Mensch, der hundert Jahre
alt wird. Die Fliege erlebt ihr Leben, das fr die Form des kleinen
Wesens so unendlich viel ist, wie es die hundert Jahre Menschenleben
fr die Form Mensch sind. Den Menschen fehlt das Kstlichste heute:
die Zeitlosigkeit. Das Gefhl fehlt, das uns sagt, da nicht blo das
Leben, nicht blo das Vorwrtsrennen erlebt werden soll, sondern da
Lebensbetrachtung ebenso wie Ttigkeit ein Allestun bedeutet, wenn sie
im Geist und im Herzen gepflegt wird.

Ein Europer von heute braucht eine Zeitung, wenn er nicht arbeitet.
Und wenn er die Zeitung fortlegt, braucht er einen Mund oder mehrere
Mnder, die ihn anreden. Und er braucht um sich Ohren, in die er wieder
hineinredet. Und die Europerin braucht Augen, die sie betrachten,
umschwrmen, beneiden. Sie braucht auch auf dieselbe Weise ihre eigenen
Augen.

Aber sich selbst brauchen wenige Europer und wenige Europerinnen. Und
von der Allwelt sind sie berzeugt, da mit ihr sich die Wissenschaft
gengend beschftigt; und von der Schnheit der Allwelt, von der
Innigkeit des Allebens wissen sie, da diese die Knstler beschftigt,
so wie sie wissen, da die Schuster sich mit dem Leder und die
Schreiner sich mit dem Holz beschftigen.

Wenn die Europer Stiefel anziehen oder Mbel hinstellen, tragen sie
den Stiefel nicht an ihrer Person, sie lieben sich das Mbelstck nicht
an wie ein Kind, das man adoptierte. Die neuen Stiefel sind fr die
anderen angezogen, die Mbel sind fr die anderen hingestellt, so wie
die Augen fr die anderen da sind.

Sich selbst haben jene, die so tun, nie gefunden. Darum kann man nicht
sagen, da sie sich verloren haben. Nur die wenigsten von ihnen wissen
heute, wer _sie_ sind und was _sie_ wollen. Sie wissen aber immer, was
_alle_ wollen.

Und sie verwechseln den Willen des anderen mit dem eigenen und halten
die Wnsche der anderen fr ihre eigenen. Sie hren nicht mehr mit
ihren eigenen Ohren, sie redeten niemals mit ihrem eigenen Munde. Sie
hren mit geliehenen Ohren, und mit geliehenem Mund reden sie.

Sie sind nur Schattenleben aller jener, die wie sie nur ein
Schattenleben fhren. So wie der Schatten hastiger dem Krper
vorausgleitet, spurlos, bald rechts, bald links, bald vor, bald zurck,
am Wege hinstreift, ohne eigentlich den Weg zu sehen, so sind die
Herzen jener Europer heute, die die Hast und die Eile lieben, wenn sie
auf den Wegen, an den Dingen vorberfliegend, achtlos hinflchten.

Immer sind sie wie Menschen, die, statt vom Berg mit den Fen
herunterzugehen, statt das Land mit den Fen zu fhlen, sich von
den Bergen auf dem krzesten Weg durch die Luft herunterstrzen. Die
_Eile_, der _krzeste_ Weg, das ist ihr _Lebenszweck_. Und sie glauben
ihr Leben zu bereichern, indem sie sich eilig mit Endlichkeitsgefhlen
anfllen und anpeitschen, da sie das Grte am Leben, das Wirklichste,
das dem Menschen angeborene Unendlichkeitsgefhl, nicht als
Wirklichkeit empfinden knnen.

Sie halten die Ewigkeit, die in uns ebenso wirklich liegt, wie sie in
jeder Minute drauen das Weltall unbegrenzt macht, fr eine billige
Einbildung. Sie bedenken dabei aber, kurzsichtig, nicht, da ihre
Endlichkeit, ihre Wirklichkeit, erst recht eine Einbildung wird,
sobald das Menschenleben nicht den unendlichen Widerhall in dem uns
angeborenen Unendlichkeitsgefhl findet.

Aber bei der Jagd nach Eile erhlt keine Gebrde, kein Erlebnis
Widerhall und gibt kein Wesen dem anderen Wesen den Rahmen der
Unendlichkeit. Statt einer Musik, statt einer Lebenshymne, die das
Schicksal jedes Menschen, zusammengesetzt aus Leid- und Freudetnen,
dem inneren Ohr, dem ewigen Ohr vorsingt; statt der ewigen Bilder, die
dem inneren Auge, dem ewigen Auge, des Menschen sich tglich hinmalen
wollen, bleibt dem Eiligen nur ein Tonlrm und ein Farbenfleckengefhl
im Sinn.

Die Menschen von heute haben die Lebensruhe eingebt, die jedem
Menschen die Erkenntnis gibt, da er im Innersten zugleich Herr und
Diener der Schpfung ist. Die Lebensruhe hat sich in eine Lebensflucht
verwandelt, und die meisten fhlen sich deshalb nur als Lebensknechte.

Einige glauben ihr Ich erst nach dem Tode in einem Himmel oder in einer
Hlle wiederzufinden, in einer ausgedachten Peinlichkeit oder in einer
erdachten berschwenglichkeit, fr die das Weltalleben keinen Raum hat,
und die ein weises Weltschpfertum nie ausklgelt.

Oder die, die sich aufgeklrt vorkommen, erwarten, da sie nach dem
Tode spurlos verschwinden. Und sie werden spurlos verschwinden, da sie
nie waren. Denn ihr Schattenleben ist noch kein Leben gewesen. Und sie
waren nur fliegende, hastige, fahrige Schatten auf Erden. Sie erkennen
dieses selbst, da sie finden, da sie spurlos verschwinden werden.

Diese Leben sind so verschieden von wirklichen Menschenleben, wie die
Zuckungen eines toten elektrisierten Frosches verschieden sind von den
Bewegungen eines lebendigen. Die hastigen Zuckungen der Eile jener
Gehirne geben jenen Menschen kein herzliches Leben, und es gehen von
ihnen auch keine herzlichen warmen Lebenswirkungen aus.

Nur durch _Sichzeitnehmen_, nur durch das _Verweilenknnen_,
durch das zeitlose _Sichvertiefenknnen_, nur durch geduldiges
_Umwegemachenknnen_ gelangt der Mensch zu seinen innersten Augen, zu
seinen innersten Ohren, zu seinem innersten Mund und auch zu seinen
innersten Hnden.

Aufnehmen und Wirken geschieht dann im Rahmen zeitloser Ruhe, im Rahmen
der dem Menschen angeborenen innersten Ewigkeit. Jede andere Art zu
leben, erzeugt geknsteltes Dasein. Warmbltiges Leben will Weile,
Geduld und Vertiefung.

Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht soviel Schaden unter den
Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.

Betrachtet die Ruhe, die in jedem Kinde wohnt. Wenn der Erwachsene
ein Kind nicht erschreckt durch ungeduldiges Antreiben zur Eile, und
das Kind noch nicht verdorben ist durch die verderbliche Eilelust der
heutigen Menschen, so handelt jedes Kind aus der Weltunergrndlichkeit
heraus, ruhig vornehm, bedchtig, sich Zeit lassend.

So wie ein wrdiger Greis, der zur Weisheit und zum weisen Rckblick
des Lebens gelangt ist, Ruhe verbreitet, trgt jedes Kind in sich ein
weises stilles Vorwrtsschauen, das sich nicht anders ausdrcken kann
als durch Ruhe. Ruhe, die ergrnden will und die mit vorsichtigen
Tastversuchen zu den ewigen Lebensregeln kommen will, die das Kind
innerlich unbewut als richtig erkennt. Zu diesem Erkennen will jedes
Kind seinen noch ungelenken Krper und das noch ungelenke Gehirn mit
Ruhe hinfhren; sobald es nicht durch Eile und Antrieb verwirrt wird,
gelingt jedem in Ruhe geleiteten Kinde die Lebenserkenntnis von selbst.

Immer habe ich gefunden, da die Schulknaben mehr innere Ruhe und
dadurch mehr innere Weisheit besaen, mehr innere Klugheit als der
vom heutigen Leben ungeduldig gemachte, gepeitschte und in seinem
Innenleben bereits zerrttete Lehrer.

Darin besteht die Heiligkeit der Jugend, da sie noch ein unzerrttetes
Innenleben kennt, das noch nicht schattenhaft geworden ist, wie das
Innenleben der Erwachsenen es heute ist. Ich glaube, innerlich knnen
die jetzigen erwachsenen Menschen, die durch den Wahlspruch: Zeit
ist Geld und Geld ist Leben, innerlich kurzsichtig und innerlich
schwerhrig geworden sind, von den Kindern leichter tiefer sehen und
tiefer hren lernen als von ihren eigenen, bereits verdorbenen Augen
und Ohren.

Und wie die Ruhe des Kindes aus des Menschen Urkraft kommt, so ist
die Ruhe des echten Knstlers aller Zeiten gewesen. Und wie die Ruhe
dieser beiden ist die Ruhe der Tiere, ist die Ruhe der Pflanzen, ist
die Ruhe aller Weltalleben einem ewigen Weisheitszustand unergrndlich
angeschlossen. Diesen natrlichen Weisheitszustand verjagt sich der
heutige, hastige, nach Zeit und Wegabkrzung und Endlichkeit gierige
Europer. --

Das griechische Volk, das eine so groe und edle Vergangenheit hat,
hat zwischen Athen und Sparta im Peloponnes, also um den Isthmus von
Korinth, seinen Handel jahrhundertelang walten lassen, und seine
Schiffahrt bedurfte nicht der Schleusen und des Durchschneidens einer
Landenge. Dieses Knstlervolk lebte festlich in Gttermenschenlust
und nahm sich Zeit zu seiner Festlichkeit. Den Griechen war ein
rascher kluger Blick eigen, ein rasches lebendiges Handeln, aber keine
jmmerliche berstrzte Eile. Keine jmmerliche, nervenzerrttende
Lebensjagd strte das groe Volk in seiner knstlerischen Hoheitszeit
beim Weltallfest. Darum, weil es Zeit zum knstlerischen Genieen
hatte, hatte es sich auch in Delphi und in Olympia groe Festpltze
geschaffen, dieses kleine unsterbliche Volk.

       *       *       *       *       *

Am frhen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen
Wasser an der Kste entlangglitt, stand das Parnagebirge, mit
silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft.
Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die
griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz
der Freundinnen der Knstler, der neun Musen, hingetrumt. Und was die
Knstler trumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es trumte es
nicht blo nach, sondern es lebte es nach. --

Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghhe, den Blick
gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz
des Dichtergottes.

In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen
Fhrer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren,
vergessen und unberhrt, von keinem Reisenden besucht werden wrde,
wenn nicht die Anziehung der groen Reste groer Knstlertrume, die
Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea
bringen wrde.

Auer kleinen Eidechsen am Wege und lbaumanpflanzungen begegneten
wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer
bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte
graubrtige Fhrer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier
geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen
Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte.

So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natrlich war,
nicht blo den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden
Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte
zurck. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten
wir die Wegstrecke von zwei- bis dreitausend Jahren zurck, mhelos und
einfach.

Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstrae, am Bergabhang,
bei Felsblcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten,
waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Htten
auftauchte, lngst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dnnen
Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr
Lebensgeist geworden als Lebensblut.

Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. "Felsengrber,"
sagte der Fhrer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus
Eisenbronze, der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring,
den er in einem Grabe dort gefunden hatte.

Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der
liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?

Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjhriges Krperchen
war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine
erste krperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte
Ringlein als einen Willkommgru Delphis an.

Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst krzlich, vor einigen
Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten frher auf entfernteren
Felsen gewohnt, auf den grn umwachsenen Schutthgeln, unter denen
das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstrzen zerstrte und
verschttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.

Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der
Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung
Wohnung und Bekstigung wie in einem Gasthaus. Er fhrte uns am
Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Strae hin,
die frher mit Tausenden von Bildsulen geschmckt war. Die Kunstwerke
waren dann von den rmischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach
Byzanz fortgeschafft worden.

Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen,
sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden
Ebene, unterhalb einer mchtigen Bergwand, das neuausgegrabene
ungeheure Trmmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen
auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen
die Amphitheater. Da standen noch die weien marmornen Sessel der
delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weien
Lwenklauen und mit feinen kleinen Lwenkpfen geschmckt.

Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifu sitzend,
in tiefer Betubung bersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte
sprach, war eingestrzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte
des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rtliche
Felsenstein aus dem weien Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten
phosphorgrn, aus welchen einst die Schwefeldmpfe gestiegen, die die
Priesterin in den Gtterschlaf versetzt hatten.

Und viele Dinge, die ich lngst vergessen hatte, waren wie
selbstverstndlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige
heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch
wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf
die Steine wie flssiger Kristall.

Da war, gut erhalten, das groe Stadion, viele hundert Fu lang, mit
den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.

Wie mu es hier einst den jungen Kmpfern hochgemut zu Sinn gewesen
sein, wenn sie mit gepflegtem Krper und gepflegtem Geist, mit
leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. --

Von der Hhe des Stadions hat man bergabwrts einen vollstndigen
berblick ber das ungeheure, von silbrig weien und blulich grauen
Steinmassen dicht bedeckte Trmmerfeld, welches vom alten Delphi einen
immer noch gewaltigen Eindruck gibt.

Man stelle sich im bayerischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen
oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer groen, hoch gelegenen
Bergmatte eine eingestrzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind
Stdte oder Drfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die
Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser
verlassenen Trmmerwelt.

So einsam, weltentrckt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt
blinkt in der Tiefe, wie eine groe Silberbarre, ein Stck des
Meeres aus den Abgrnden herauf. Vor den fernen und vor den nahen
Bergen stehen Wolken wie weie Marmorrampen und lassen ber sich
neue Berghhen im Himmel erscheinen. Hhen, die, von der Erde durch
Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben.
Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und
die Nhe verschwindet, und neue, unsichtbar gewesene Berge enthllen
sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmgliches und
Wirkliches arbeitet in der Hhe um Delphi vor dem Menschenauge.
Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.

Aus dem groen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des
Ruinenfeldes, zwischen lbaumwldern, Kastanien, Platanen, Eichen und
Birken abstrzt, aus diesem dunkelgrnen Abgrundkessel ziehen die
Wolken in Ballen wie ein grender Urschaum wei aus dem Talschlund.

Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier,
sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des
Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb
den Menschen das Mutterweltall nher als irgendwo auf der Erde.

Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge
verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt
gut vorstellen, da hier das Volk sich einst fortgerckt fhlte, und
da es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen
nahefhlen mute.

Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare
Hnde zu arbeiten scheinen, wie Hnde von tausend Knstlern, die da
im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses
immer arbeitende Gewlk um Delphi entzckte die phantasievollen
Griechen so sehr, da sie weie Massen Marmor ber Marmor jahrelang
herbeischleppten, und da sie silberweie Tempel und Schatzhuser und
silberweie Amphitheater und die silberwei gepflasterte, breite,
heilige Strae auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weies
Wolkenfeld entstehen lieen.

Nur die Erdbeben und die herabstrzenden Bergwnde und die Raubgier
fremder Eroberer konnten die ragenden, weien Tempel und diese
leuchtenden Tempelstraen in ein Trmmerfeld verwandeln, das jetzt
hell aufgelst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflchten
wollte.

Ich fand da Sulenreihen, die sahen von der Hhe des Stadions wie
Reihen hingezhlter Mhlsteine aus. Denn die Sulen jener Tempel waren
nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die,
hnlich wie Mnzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstrzen
auseinandergerollt waren. Sulen, die zwei Mnner kaum umfassen
knnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblten,
noch schn gegltteten Steinfubden der einstigen Tempelhallen.

Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen
hatte hier Tausende von Hnden von Geschlecht zu Geschlecht bei
atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der
Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die
erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.

Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem
griechischen Lande eine so mchtige Sttte bereitet, eine Sttte
weltfern und himmelnah, bei den Fen der Wolken, bei den Fen der
Sonne, bei den Wangen des thers und beim Nabel der Erde.

Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die
dreiigtausend Bildsulen, die Delphi geschmckt haben sollen, war hier
in Delphi auf der Berghhe fr die Menschen die Himmelsnhe gewesen,
und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und uere Leben
der Welt, dem Menschenherzen zu ffnen schienen.

Diese Bergmatte, die zweitausend Fu ber dem Meere liegt und hinter
der das Parnagebirge noch viele tausend Fu hher mit senkrechten
Bergwnden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel,
als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.

Die nahe graue Silbermasse des getrmten Parnagebirges konnte den
Gebeten und den Inbrnsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese
sonnenbeleuchtete hohe Gesteinwelt fhrte den Blick zu berirdischen
Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die
jedem Leben eigenen berirdischen Krfte.

Das Menschenherz, das auf der Hhe in Delphi schneller schlug und in
der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebrdet vor und war,
den Verwandlungen der Wolken nachtrumend, eigenen Verwandlungen,
Krftigungen und Lebensstrkungen leichter zugnglich.

Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen
Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche
Musik der Apollohymne -- deren Text man, auf Steinen eingegraben,
vor kurzem erst wiedergefunden hatte -- genieen durften, diese
Augen und Ohren fhlten sich unwillkrlich glcklich. Frieden und
Schnheit, von Knstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom
Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.

Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraen von
Unwirklichkeit erfllt und erschttert wurden, strkten hier beim
Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen
war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun
Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurck von Delphi, als stiegen sie
verjngt und brdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschften
zurck.

So knnen Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestrkend
Menschen und ganze Vlker innerlich erhhen.

       *       *       *       *       *

In einem Schuppen sah ich auch den kegelfrmigen Marmorblock, der den
Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden.
Dieser fast mannshohe Block war schn geglttet und zugespitzt, und
rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeielt Vgel, Blumen,
Trauben, die frhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem
Menschenherzen Genu bereiten.

Mein Reisegefhrte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen
Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften
aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine
Zeichnungen in unsere Skizzenbcher machen. Alles das war untersagt. Am
ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen
selbst durch die Ruinen gefhrt.

An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten
uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und
streng darauf achten muten, da nicht photographiert und nicht
gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen
gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht ber die Ruinenfelder
noch einige Jahre besaen, lieen damals Fremde nur ungern zur
Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte ber das neu
ans Tageslicht zurckgekehrte Delphi herausgegeben haben. --

In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen
fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines
Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel sa und die
Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weien Ton in groe Formen zu
kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und
unaufhrlich wieder neue Wolkenbilder auftrmte.

Es war heute nicht anders als in den Mondnchten vor zweitausend
Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben
mgen, der da ber dem Weltschlund, ber dem Nabel der Erde schwebte
wie ein Gedanke, der aus der Unergrndlichkeit glnzend auftaucht und
leuchtet.

Mein Reisegefhrte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei
Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte.
Ich hatte nicht gewut, was ich antworten sollte. Innerlich war
ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch
erschttert von der Fremdheit.

Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und berlegend in die
whlenden Wolkengebilde sah, die drauen wie eine Wolkenvlkerwanderung
ber den finsteren Bergtlern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald
seitlich vom Mond fortflchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf
geschttelt.

Ich grmte mich, weil ich nicht wute, wo ich mich niederlassen sollte.
Ich war todunglcklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort
Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser
weltfernen Berghhe, bei einer toten gestrzten Sulenwelt, bei den
Resten einer toten gestrzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.

Es war mir, als wenn ich mir zugemutet htte, ich sollte mein Haus
mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und
dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.

Hier in Delphi waren zwar keine ueren Schrecken wie in Mexiko. Hier
waren herrliche Vergangenheitstrume. Hier waren keine Ruber wie in
Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich
ruberhaft. Gegen die Gre und die Hoheit der ungeheuren griechischen
Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden
alle Krfte gezogen hatte, htte ich hier stndlich ankmpfen mssen,
dabei htte ich aber nicht Frieden finden knnen fr mich selbst, nicht
Frieden und Krfte fr neue Wege.

Es war hier, als sollte ich in den Grften bei den Srgen groer
Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und
zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener knstlerischen
Ahnen unserer heutigen europischen Kunstwelt beklemmten mir die
Luft und die Lebenslust meiner Gegenwart und meiner Zukunft. Meine
Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom
Werdenden und Zuknftigen wissen. Sie wurden immer zurckgerollt statt
vorwrts, und sie weilten in verklrter tausendjhriger Vergangenheit
und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.

Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben
locken knne, dann wrde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in
Griechenland zum Niederlassen locken.

Der knstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus
den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten
Heimat wirst du knstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern,
sondern im Heimkehren liegt dein Heil! --

Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner
Stirnhhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da
drauen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt
nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres
hinberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schnen Landschaft,
wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhuschen, wie ich es mir
immer, in lndlicher Stille fern von der Kultur, ertrumt habe.

Nach jener durchkmpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefhrten
sagen, da ich nicht in Delphi bleiben knne, und da ich mich nicht
weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben
wolle.

Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel
meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die
Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurckgekehrt waren, hatte
ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung
von meinem Reisekameraden erinnern lassen mssen. Dann erst, durch
das Erinnern, war im Abend Unruhe ber mich gekommen: fr welchen
Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat
hier in Delphi aufschlagen? -- Nun aber nach der gedankenstrmischen
wachen Nacht wute ich, da ich weiterreisen und weitersuchen wollte.

So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgesprche
gefhrt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan,
tat ich nicht wie ein Vergngungsreisender, sondern immer wie ein
Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.

Ich beneidete oft meinen Reisegefhrten, der neben mir sorglos und
frhlingsfrhlich eine schne Studien- und Vergngungsreise machte,
whrend ich, voll Enttuschungen von Mexiko kommend, die ernsten
Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner
Frau immer zwischen den Zhnen zerbi, als kaute ich an einer bitteren
Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. --

Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war
mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mhselig
und vorsichtig abwrts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief
voraus ber das vieltausendjhrige Pflaster der heiligen Strae. Es
war mir dann, als lachten meine Schritte frhlich, weil ich nicht oben
in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht
mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.

Und die riesigen alten Quaderplatten der Strae, ber die vielleicht
einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten
geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen
sich mit meinem Herzen, whrend ich eilig bergabwrts schritt.

"Deine Fe sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib," sagten die
Steine der heiligen Strae zu mir. "Darum wird auch das Brot des Landes
deinen Hunger nicht sttigen knnen, und das Wasser des Landes wird
deinen Durst nicht lschen knnen, und die Luft des Landes wird dir
keine Ruhe bringen knnen, dir Fremden. Mnner erstarken nur im Lande
ihrer Vter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von
der Heimat zur Heimat zurckfhren."

"Ihr Steine habt recht," sagte mein Herz. "Ihr fhlt zart und fein wie
nur warmes Blut fhlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes
Blut redet."

"Dann soll auch diese Reise umsonst sein?" schrie mein Verstand
dazwischen. Und es war mir, als gbe mir der Schreier einen
unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so da ich rot und bla vor Scham
wurde. "Soll dein Geld unntz verreist sein? Sollen dich deine Freunde
fr einen Narren erklren? Nein, wir kehren nicht um! Blut und Herz
sind immer weichlich unverstndlich. Wir mssen hier in diesem Lande
jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen?
Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnschtig
empfindsam sein. Ich bin hrter als ihr alten Steine. Und diese Fe
sollen vorlufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurckzulaufen."

"O unheiliger Verstand von heute!" rief es aus den Pflastersteinen der
heiligen Strae. Und mein Herz schwieg verschchtert.

So kmpfte und wogte es in mir. Kein Weg machte mich mde in meinen
Gliedern, aber die Unklarheit ber meine Zukunftswege machte mich mde
in meinem Herzen und am ganzen Leibe.

       *       *       *       *       *

Ein Dampfschiff brachte uns dann am Nachmittag hinber ans andere Ufer
der Meeresenge, und von dort fuhr uns ein Zug nach Patras. Aber hier
mu ich einen kleinen erlebten Scherz erzhlen, der das griechische
Volk gut kennzeichnet, das geneigt ist, immer in der Unbegrenztheit der
Phantasie zu leben.

Am Schalter des kleinen Bahnhofs, an dem wir Fahrkarten nehmen sollten
fr den Zug, der von Athen erwartet wurde und der uns nach Patras
bringen sollte, fragten wir -- uns in franzsischer und englischer
Sprache verstndigend -- den Schalterbeamten, ob wir, anstatt mit
diesem Zug zu reisen, der erst in einer Stunde von Athen hier erwartet
wurde, nicht mit einem frheren Zug fahren knnten.

Der Beamte nickte eilfertig und hflich. "Das ginge schon." Wir waren
erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er es uns nicht gleich
gesagt hatte, da es einen frheren Zug gab. Wir forderten natrlich
nun fr den frheren Zug Karten. Ungefhr nach zehn Minuten knnte der
Zug abgehen, sagte der Beamte. Er wrde uns dann die Karten auf den
Bahnsteig bringen.

Wir fanden es etwas eigentmlich, da man uns nicht gleich die Karten
geben konnte, aber wenn man viel reist, wundert man sich nicht mehr
laut, und so schwiegen wir, nickten und gingen dann plaudernd auf dem
Bahnsteig auf und ab.

Nach zehn Minuten, als der Mann noch nicht kam und auch kein Zug
sichtbar wurde, plagte uns Ungeduld. Wir warteten noch eine Weile und
gingen dann zum Schalter. Dort nickte uns der Beamte wieder zu und
sagte, er htte die Berechnung gleich fertig.

Wir begriffen nichts. Aber da wir in fremden Sprachen redeten, glaubten
wir, weiter geduldig sein zu mssen, und gingen wieder auf dem
Bahnsteig auf und ab.

Kurz darauf suchte uns der Beamte auf. Er hielt ein Aktenpapier in
der Hand und las davon ab, da der Fahrpreis fr den Zug nach Patras
vierhundertundfnfzig Francs betragen sollte. Wir mchten das Geld
hinterlegen, sagte er freundlich. Dann wrde er die Wagen von der
nchsten Hauptstelle telegraphisch bestellen, da hier keine Wagen fr
einen Extrazug vorrtig wren.

Wir sahen einander erstaunt an und muten natrlich hell auflachen.
Der Grieche hatte geglaubt, wir wnschten einen Extrazug zu nehmen,
weil wir vielleicht zu vornehm wren, um auf den athener Zug zu
warten. Denn fremde Reisende wurden damals, da nur wenig Auslnder in
Griechenland unterwegs waren, entweder fr reisende Prinzen oder fr
amerikanische Milliardre angesehen. --

       *       *       *       *       *

Der Hausdiener unseres Hotels in Athen, der fters Reisegesellschaften
durch den Peloponnes fhrte, hatte uns seine Visitenkarte an den
Hausdiener des Hotels in Olympia mitgegeben, denn dieser war ebenfalls
Reisefhrer.

Am nchsten Morgen kamen wir von Patras aus, wo wir bernachtet hatten,
in Olympia an. Dort nahmen wir den empfohlenen Fhrer und Maultiere und
ritten durch die Landschaft von Arkadien nach Sden gegen Kalamata.
Eine Tagreise vor Kalamata verabschiedete sich der Fhrer, der uns drei
Tage begleitet hatte, und an seine Stelle trat ein griechischer Bauer,
der uns nach Kalamata brachte, wo ein dritter Mann ihn ablste und uns
ber den Gebirgspa, immer noch auf Maultieren, nach Sparta fhrte.

In Sparta ruhten wir zwei Tage aus und nahmen dann einen Wagen nach
Tripolitza. Dieser Ort ist eine Stadt mit trkisch-griechischer
Bevlkerung. In Tripolitza bernachteten wir und fuhren am nchsten Tag
nach Nauplia und von dort nach Epidaurus, wo wir wieder bernachteten
und am Tage darauf mit einem Wagen nach Nauplia zurckkehrten.
Von Nauplia fhrte uns ein Eisenbahnzug nach Mykene, wo wir nur
einige Stunden beim Lwentor, im Palast des Agamemnon und am Grab
der Klytmnestra weilten. Dann fuhren wir mit der Eisenbahn, ohne
auszusteigen, ber Korinth nach Athen zurck.

Wir waren zwei Wochen auf dieser Rundreise von Athen nach Delphi und
durch den Peloponnes unterwegs gewesen, als wir zum Osterfest am
athener Bahnhof ausstiegen.

       *       *       *       *       *

Meine Aufmerksamkeit hatte sich hauptschlich, als wir nach Olympia
kamen, in Gedanken auf Arkadien gerichtet.

Die dunkelgrauen Ruinen von Olympia liegen versteckt, von kleinen
grnen Anhhen eingeschlossen, und die Landschaft umher hat nicht
das Grozgige, nicht das Erschtternde, nicht das sich unaufhaltsam
Verwandelnde wie die von kreisenden Wolkendmpfen umwanderte
hohe Gebirgsmatte von Delphi. Aber gewaltig, irdisch trotzig und
machthaberisch lagen in Olympia, beim lieblichen Herahgel, die
wuchtigen Sulen des Zeustempels. Und da stand auch noch der mchtige
Sockel, der einst das herrliche Laokoonbildwerk getragen, das jetzt in
den Sammlungen des Vatikans in Rom steht.

Auer den machtvollen Gebuderesten, die in dem kleinen Hgeltal
durch die deutschen Ausgrabungen aufgedeckt lagen, war um Olympia
nichts Reizvolles zu finden. Und ich sehnte mich, fortzureisen von
den grauen trben Steinmassen, die nicht festlich leuchteten, und die
in lieblicher Landschaft Trumern glichen, die sich auf grnen Rasen
hingelegt haben und gutmtig mit dem Erdboden verschmelzen wollen und,
von gtigem Grn und Sonne zugedeckt, davon trumen Erde zu werden.

In dem kleinen Hotel, das das einzige Haus in Olympia war, saen
an einem Ende des langen Mittagstisches neun deutschsprechende
Professorenfrauen. Sie waren auf einer Italienreise von Brindisi
herbergekommen und hatten zusammen einen Abstecher nach Griechenland
gemacht.

Damit wir den neun, unaufhrlich redenden Frauenzungen nicht
preisgegeben wren, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches
sitzend, in raschem pariser Franzsisch. Ich mu aber gestehen, auch
dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann ber mich. Mein Herz wimmerte
und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des
Zimmers kamen. Und ich wre gern zu den neun alten Damen hingerckt,
wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der
Sprecharbeit klapperten.

Ich war schon ganz mde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus.
Meine Ohren horchten darum entzckt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte
deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen
Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstrae, seit dem Begrbnis
meines Vaters und seit der Rckkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang,
nicht mehr unverflscht sprechen hren.

Als wir am nchsten Morgen frh um drei Uhr in Olympia vom Hotel
fortritten, vom Fhrer begleitet, um tief in den Peloponnes
hineinzuwandern, tat es mir leid, da die neun Professorenfrauen
noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen
Frauenstimmen hren durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen
olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehrten, die aber meinem
Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besnftigt hatten.

Es war in der ersten Hlfte des April, als wir durch den Peloponnes
ritten. Aber auer den unzhligen Anemonen, deren es feuerblaue,
rosenrote, rosige und schneeweie gab, fanden sich im jungen Gras der
khlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren
schwarze Staubfdengruppe aus der hellen Bltenkrone wie eine dunkle
groe Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in
dem Peloponnes, auf den Berghhen und im Talgrn.

Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren
und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblht sein wrden,
hatten einen unergrndlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer
kurzen Lebensfreude die mhseligsten Hhen, die unsere Bergpferde
erklettern muten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle
Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben
mehr, als die Menschen sich in einem hundertjhrigen Dasein freuen
knnen.

Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, da ich nicht in
bittere Verzweiflung ber mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde
immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von
mir fort, in Schweden, am uersten Ende Europas, im Norden weilte,
whrend ich hier am uersten Ende Europas, im Sden, auf einem Pferd
kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das
mich trug, gehrte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene
Vaterland eines untergegangenen groen Volkes.

Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines
Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blhte.
Auf den Wegen erzhlten die wochenjungen Anemonen von den Augen der
jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von
allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach
Olympia gezogen waren.

Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit.
Und der Himmel, unter dem sich die Blumen fr ein kurzes Hochzeitsfest
erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest
zugleich ist, besttigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der
Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antnend,
vorbergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume
am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend,
wenn es sich gerufen fhlt.

So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter
schnen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweien stattlichen
Birkenstmmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevlkert
waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. berall kamen unserem
Geist die Geister frhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit
entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll
seelenbevlkert.

Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorber.
Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem
kleinen haushohen Hgel in weitem Bogen und freiem Sprung von grner
Hhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser kstliche Wasserstrahl
kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es
wrde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den
Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben htten
und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frhlingsblau
vorbergezogen wren.

Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen
weigekalkten Bauernhuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und
patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter
Landmann, verbeugte sich unter der Tr. Er konnte uns kein Mahl bieten,
auch nicht fr Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und
getrockneten Feigen.

Ein Glschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir
kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und
kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saen vor
dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln
am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen,
das wir bei uns hatten.

Denn die kruterduftende Luft hier, die Luft aus den grnen Bumen und
die Luft aus der khlen Frhlingserde und aus dem khlen Frhlingsgras
erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete,
kam sich frisch genhrt vor. Diese Luft lie im Magen keinen Hunger
aufkommen.

Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals
habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen mssen. Und am Abend
jener Tage war ich nicht mde. Es war, als wrden wir hier vom Himmel
unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genhrt.

Einmal lieen wir uns abends in einer Hirtenhtte, wo wir die Pferde
eingestellt hatten und wo wir bernachten sollten, ein Huhn auftischen.
Der Hirte briet es uns am Spie ber einem kleinen offenen Feuer, das
auf einem Stein am gestampften Erdfuboden brannte. An dem mageren
Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenrhren und am Feuer
gedrrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen
schon bersatt. Es war, als nhrte einen schon der Geruch des Feuers,
der an dem drren Huhn haftete.

Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata
kein europisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein
Bergnest, das an einem abschssigen Gebirgshang mhsam von unseren
Pferden erklettert wurde. In der Abenddmmerung, als schon die Sonne
untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstdtchen,
zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hie Andritzina.

Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Hhe, bei
einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen knnen. Und wie wir
noch dort vor der Haustre auf- und abstampften, um die im unbequemen
Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter,
ein dsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener
einsamen Haustre ab.

Whrend er mit dem Hausherrn, der unter der Tre erschien, mit
griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht
verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand
den Sattel seines Pferdes rckte, da ihm an dieser Hand neben dem
kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.

Die Sonne war eben im trben Bergdunst untergegangen. Der
schwarzbrtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht
verstand, die dstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere
totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf
unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Rubereien,
wo man europische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst,
nachdem man groes Lsegeld gefordert, freigelassen hatte.

Ich trieb unseren Fhrer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn
jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns
wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen wrde. Ich sagte meine
Befrchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefhrten,
der sich gewundert hatte, da ich mein Pferd so eilig anspornte. Und
wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwrts, so da wir den
Fhrer weit hinter uns lieen.

Wir hrten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters,
der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir
in der Abenddmmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach
Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber,
wenn ich mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die ber den
kahlen Anhhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in
einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn
Reitern bildeten.

Mein Herz sagte einfach: "Das sind nur Reisende wie wir auch;
Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen
Marktflecken."

Aber ich sah unseren Fhrer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden
zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem
kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.

Nun wurde auch mein Reisegefhrte, er, der vorher keine Angst hatte,
von meinen Rubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich
auf diesen dsteren, abgeholzten, menschenleeren Hhen, auf welchen
selten ein verkmmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im
Abenddunkel stand, Rubergeschichten hinzudenken.

Wir hrten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern
und die Reiter, die die Pferde antrieben, schnalzten mit der Zunge.
Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf
diesen kahlen Berghhen kein Laut zu hren, keine Abendglocke, kein
heimziehendes Gefhrt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natrlich
keine Spur.

Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Krpers, erzhlte mir
immer lebhafter, was er ber das heutige Ruberwesen Griechenlands in
den Zeitungen gelesen hatte.

Mein Reisegefhrte konnte unseren Fhrer ebenfalls nicht mehr
entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, da er
wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurckgeblieben
war. Es war mir nun klar: der Fhrer hatte in Olympia ruberische
Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen,
benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von groen Gesellschaften
ausgefhrt und selten von einzelnen fremden Reisenden.

Die Ruber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten
Tages hereinbrche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lsegeld
zu erpressen. Deshalb war unser Fhrer, der Hoteldiener, bereits
zurckgeblieben, um, im Falle die Sache miglcken wrde, nicht Zeuge
der ruberischen Schandtaten gewesen zu sein.

Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das
durch sein Gefhl immer allwissend, immer ruhig und gleichmtig war,
beschwichtigend vor sich hinmurmelte: "Die friedlichen Handelsleute tun
euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanften dunkelnden Abend,
an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier
in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schnen Abendritt.

Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des
Fhrers neben den Pferden her. Du frchtest, ihr knntet von rckwrts
von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft
der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird
dich einfangen knnen, weil dich die Liebe begleitet."

"Schweig," befahl der Verstand dem Herzen. "In einem wildfremden Land,
und in einem Land wie diesem, ist es gefhrlich, im Abend zu trumen.
Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben."

Unsere armen Pferde aber wuten nicht, ob sie hinstrzen oder fortjagen
sollten, weil wir sie so unmig antrieben. Hinter uns wurden die Wege
immer dunkler. Nur auf der Hhe, auf der die Pferde auf gewundenen
Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber
noch nicht sahen, war noch mattes Dmmerlicht. Es war noch so hell, da
ich meinen Reisegefhrten neben mir und die Strae vor mir erkennen
konnte. Bergabwrts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in
Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.

Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwnden stehenden fernen
Htten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwrts, und bei den
ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, da wir
noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es fr die Ruber zu
einem berfall zu spt, da in diesem Ort, das wuten wir, sogar eine
Telegraphenstation war. Also wrden wohl auch Gemeindevorsteher und
andere anstndige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.

Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen
Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffllig
aufzugeben, damit man wissen sollte, da wir dort erwartet wrden,
und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen
Herbergen verschwinden lassen knnte.

In der spten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen
Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf
dem armseligen Telegraphenamt ab.

Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde
der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Fhrers
an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit
aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr
hatten erkennen knnen.

Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklrte immer
gesetzt und altklug: "Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes
beendet haben, sollst du mich nicht verlachen." --

In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten bernachteten wir.
Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und dsteren Hauses.
Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die
unteren Rume hinunter auf die Kpfe der Griechen sehen, die dort bei
einer Kerze zusammensaen.

Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns
hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir
ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht
gleich gewhnen konnten.

Die Weinkrge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt
wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengro, aus
rtlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur
Hlfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise fters solche
Krge in den Hausgngen der Bauernhuser in einer Ecke lehnen, und
diese geheiligten altvterlichen Krge schienen jedes neuzeitliche
Bauernhuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der
Herberge im kalten Abend angezndet worden war, schickte uns beienden
Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen
suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Mdigkeit und Rauch
betubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung
als in der Folge gefhrlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken
auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter
Volksstmmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen
waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen
und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend
Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten
mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte
mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so da ich einige Stunden
geglaubt hatte, ich wrde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen
Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre
verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddsterheit, seit der Mann mit
den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden
unter mir hier von Rubervorstellungen, die ich auch in den nchsten
Tagen nicht mehr ganz berwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir
das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah
ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie
unmglich war es dann erst fr eine europische Frau, fr meine Frau,
mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt
zu fhren.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die
Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt.
Und ich sagte mir vom nchsten Morgen an: ich will jetzt als
Vergngungsreisender, wie mein Reisegefhrte es ist, sorgenfrei ber
die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft
denken. Ich werde bei meiner Rckkunft nach Athen, vielleicht in der
Nhe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden,
wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschlu an war es mir, als legte ich ein schweres Gepck
ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten
fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien
bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen
betrachten mssen.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war
ich dem Ruberabenteuer dankbar, da es mich wenigstens in Gedanken
auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte.
Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich frhlich in die taufrische
Frhhelle.

Das alte verwitterte Bergstdtchen lag rosig verklrt auf seiner
wagehalsigen Hhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte
alltgliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen knnten, wenn
sie die goldglnzenden Scheiben ihrer Htten ber den Bergabhngen
ffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und frhlich, schienen
diese Menschen auf dieser Berghhe zu sein, so wie es die Vgel immer
im Vergleich zu erdgebundenen vierfigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Sden hin, drben ber den lilablauen Abgrnden
des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser
Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit
unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten,
so merkten wir doch noch nicht, da uns irgend etwas fehlte. Mein
Reisegefhrte hatte sich vom Fhrer einen Kranz getrockneter Feigen
kaufen lassen, und diesen hngte er ber den Arm. So zum Morgenimbi
Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bume wurden
immer sprlicher, und die Steinblcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt auer dem Hotelfhrer noch einen jungen griechischen
Hirten als Fhrer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand
-- an welchen oben eine Muschel geschnitzt war -- vor unseren Pferden
aufrecht und wegkundig einherschritt und uns ber die Bergpsse fhrte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu
finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen
Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weien marmornen Lwenkopf
sprudelte, zwei Hirten bei groen Hammelherden. Diese arkadischen
Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die
sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflten in der
Hand, und sie verwunderten sich so wenig ber unser Erscheinen,
so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, fr die sie ihre
Flten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende
Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft,
der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natrlichfestlichen
Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Stdte, der da, nur mit seinesgleichen beschftigt,
auch nur seinesgleichen als lebenswrdig betrachtet, hat diese Geste
verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten
mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und
unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer
des Weltallgebudes nennen knnten, die mit mehr Welt leben als jeder
Stdter, brachte kein berraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle
Platz, und sie setzten sich, einen Gru murmelnd, ein wenig weiter fort
in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, whrend wir den alten tausendjhrigen Lwenkopf
an der schn umfaten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser
erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten,
spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hrten nur noch die
Hammelherde ber eine ferne Gerllbschung fortziehen, deren Steine
unter den vielen Fen rasselten.

Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen
Hhe eine einsame prchtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von
Bass genannt. In der Nhe des Tempels ragte hier und da ein uralter
Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne ste, und
sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung
war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein,
aber die Strme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde
reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und
wie ein zerbrochenes Knochengerst stand die Tempelruine, von der Sonne
silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshhe.

Die Sulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung
und stolz in ihren Linien. Hinter den Sulen aber, im Tempel, lag ein
wstes Durcheinander von kantigen und brchigen Blcken, die einst der
Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mchtige Fernsicht
gegen Sden bis zu den letzten Auslufern des Peloponnes und bis
zum Mittelmeer hin. Da drunten in mchtigen Tlern, wo ppige
Pappelgruppen, Platanenwlder und Wiesenflchen mit blaudunklem
Grn und goldgelbem Grn wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner
Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, ber dem
weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den
laubreichen Tlern.

ber einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten
nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflte. Die Morgenluft
brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stcke einer lieblichen
weltvergessenen Melodie noch lange ber die Hhe nach.

       *       *       *       *       *

Von nun an nderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern
der Weg. Wir verlieen die Kahlheit und kamen in erdreicheres,
belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhngen, hinter
ppigen, gelbblhenden Ginsterbschen, der neugierige Kopf eines
langbrtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrn ber die Bsche
hinaufschnupperte. Es war, als she uns ein behaarter Faun mit spitzen
Ohren und schlauem Auge, halb von den Bschen verdeckt, an. Dann
verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben
Ginsterblten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gesttzt
am Wege oder eine Htte. Und beide, Haus und Mensch, standen
totenstill. Nur ihr fortrckender Schatten lag neben ihnen am Wege in
der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bass ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia
und Kalamata den Landschaftsweg schmckt. Auch die alten Stadtmauern
von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht
denselben entzckenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer
kahlen silbrigen Gebirgshhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von
Bass.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhtte, die auf dem
Trmmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kmmerlichen lbumen
stand. Hier sollten wir bernachten. Hier war es, wo man uns das
drftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste
warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.

Die Htte bestand aus zwei hhlenartigen Rumen. In dem einen Raum
kauerte die Hirtenfamilie in der Nhe des Feuers. Nur ein Stein am
Fuboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum
Trloch ins Freie.

In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken
auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen
die Mauersteine gesteckt war, hing ein lgeflltes Eisennpfchen.
Darinnen brannte mit dnnem Rauchflmmchen ein Docht. In den Winkeln
standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futterscke.

Die Einfachheit gefiel mir auerordentlich. Der harte gestampfte
Fuboden unter den Pferdedecken war zwar fr die vom Ritt mden Glieder
nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein gttlicher Armuternst in dem
Huschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gert gab.

Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter
vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde,
sie aen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der
Erde. In einem Haus, in dem man nichts besa als das Leben und die
Erde, hatte ich bisher noch nie bernachtet.

Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im
Herdrauch auf ihrer Trschwelle hockten und unserem Fhrer zuhrten.
Von der toten Stadt, die drauen rund um die Htte lag, stand keine
Sule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjhrige
Sonnenhitze und die kalten Nachtfrste hatten die Stadtreste lngst
wie mit Hmmern zu Steingerll zermrbt. Hier und da ragte am Rand
eines Steinfeldes ein kmmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere
Hirtenhtte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.

Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht
in Bchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in
meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.

Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt
hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren
Stiefelabstzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fuboden nicht so
ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfu
mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem
Fuboden, als teile die Erde meinen vom Ritt mden Knochen harte Pffe
aus.

Vorher waren in diesem Raum die Hhner eingesperrt gewesen, und die
zurckgebliebenen Hhnerflhe machten sich nun mit blutdrstigem
Vergngen ber uns Fremdlinge her.

Dazu rauchte das llicht so schrecklich, da wir Kopfschmerzen bekamen
und zu ersticken meinten. Wir waren noch zu ungttlich fr diese
gttliche Armut, in die wir so pltzlich aufgenommen worden waren.
Und der Krper, der immer langsamer als der Geist ist, wollte die
Kasteiungen dieser Nacht nicht willig ertragen und wurde strrisch.

Ich hatte meine Taschenuhr neben dem Reisebndel, das mein Kopfkissen
war, auf den Fuboden gelegt, aber in dieser Htte schienen die Stunden
nicht wandern zu wollen. Sie blieben hocken, und die Uhrzeiger vergaen
fortzurcken. In dieser Armut war ein ewiger Stillstand an Stelle der
Zeit zu spren.

So wie es kein Hausgert gab, schien auch hier keine Uhr ntig zu sein.
Die Nacht war eine einzige groe Stunde und der Tag eine einzige groe
Stunde, die sa bei der Armut, auf dem leeren gestampften Erdboden,
beharrlich zwischen den vier leeren Wnden der Htte. Und deshalb war
es gleich, was man in dieser Zeitlosigkeit erlebte.

Und da wir nicht schlafen konnten und einer den anderen sich in seinem
Httenwinkel herumwlzen hrte, riefen wir uns zu, da es vernnftiger
wre, in der Mondnacht weiterzureiten. Lieber wollten wir am Tage
versuchen, ungeplagt von Rauch und Hhnerflhen, auf einer weichen
Wiese in frischer Luft zu schlafen und die Nachtruhe nachzuholen.

Die Hirten, die noch nicht ihr Lager aufgesucht hatten, staunten nicht,
als wir im schnen Mondschein weiterreiten wollten. Nur unser Fhrer,
der eben schlafen gehen wollte, brummte ein wenig.

Wir ritten um Mitternacht von der Htte fort. Die schne erfrischende
Nacht machte uns eine Weile munter, aber das Mondlicht schlferte die
Augen bald wieder ein. Und als wir das Steinfeld der untergegangenen
Stadt verlassen hatten und unter Baumschatten an einem Bergabhang
ritten, wute ich bald nicht mehr, wie ich meine Augen vor Mdigkeit
offen halten sollte.

Der Mond schien den Schlaf durch die Baumbltter zu schicken. Die
weien Milchflecken des Mondlichtes am Weg, durch die wir ritten, waren
wie ein ber uns ausgegossener Schlaftrunk. Und der Schlaf duftete
aus den Bschen und sank aus den ruhenden Bumen herab auf uns, und
zeitweise frchtete ich, vom Pferde zu fallen, denn der wiegende Gang
des Tieres erhhte die Schlaflust.

Wir hrten aus einer Schlucht herauf, an der wir entlang ritten, ein
ununterbrochenes Rauschen. Ich wute nicht, kam das Gerusch von einem
Wasser oder vom Wind im Laub. Es war da im Finstern ein Lrm in einem
Tal, der ununterbrochen neben uns lebte. Der Weg senkte sich mehr und
mehr, und bald sah ich durch die Zweige ein breites Bachbett; das
andere Ufer lag in Finsternis, unbeleuchtet vom Mond.

Das Wasser vor mir schien endlos breit zu sein. Das schnelle Wasser
sprang ber Felsenblcke und zeigte viele buckelige Strudel, die im
Mondlicht silberschumend kreiselten.

Die Luft wurde immer frischer und feuchter, und dann stand mein Pferd
still. Der Weg endete vor dem wilden Wasser. Der Fhrer, der hinter uns
zurckgeblieben und wahrscheinlich auch im Gehen halb eingeschlafen
war, kam auf mein Rufen herabgerannt und sagte, da wir das Wasser
durchqueren mten.

Dann rief er durch die hohlen Hnde ber das Wasser hinber:
"~Compatriot!~" Drben sah ich bald Feuerschein aufleuchten, als wenn
man die Tre eines im Innern brennenden Hauses ffnete.

"Dort ist eine Mhle," erklrte der Fhrer, "und die Mllerknechte
werden uns hinberholen."

Es war nicht gerade behaglich, mitten in der Nacht durch ein
angeschwollenes, unbekanntes Frhlingswasser reiten zu mssen, wenn
man den Weg am Tage noch nie gesehen hatte.

Unsere Rufe waren beantwortet worden, und nachdem sich die Stimmen
eine Weile gegenseitig, ber das Wasserbrausen weg, zugeschrieen
hatten, erschienen Mnner im Mondschein, bis zu den Hften mitten im
Wasserschaum stehend, und sie winkten und schrieen von neuem.

Wir ritten vorwrts, den Pferden die Zgel freigebend, da die
Tiere die Furt suchten und behutsam die unter den Schaumstrudeln
liegenden bergangssteine mit den Hufen fanden. Indessen schrieen die
Mllerknechte, und die Felsen echoten, und die Wasserwirbel johlten und
zischten betubend. Es war als ritten wir durch einen berkochenden
Hexenkessel.

An den mondhellen Stellen sah ich neben mir die rasende Flut
vorbeischieen. Dann empfingen uns die Mllerknechte bei den tiefsten
Strudeln und stemmten sich gegen die Pferde und schoben diese und uns,
die wir mit hochgezogenen Beinen im Sattel saen, da das Wasser bis an
den Sattel reichte, durch die nchtige Wasserwildnis.

Drben empfing uns die vorweltlichste Mhle. Die Mhlenhtte war
niedrig, aus mchtigen Eichenstmmen roh zusammengefgt, und drinnen im
einzigen Raum prasselte ein mchtiges Feuer und brannte lichterloh. Um
die Flammen saen Mnner, die uns zunickten.

Diese Mhle mit dem brllenden Wasser vor der Tr, am gestampften Boden
das hochwallende prunkvolle Feuer darinnen, das mit ungeheurem Leben
den Raum fllte, die alten verwitterten Mllerknechte, alles zusammen
erinnerte mich mit einem Male an Odysseus Abenteuer bei den Zyklopen.

Die Nacht drauen unter der offenen Tr, mit dem hochgehngten Mond,
mit der johlenden Wasserstimme, schien einer der einugigen Zyklopen
zu sein, der jeden Augenblick hereinkommen konnte, um am Feuer
niederzusitzen und einen von uns Menschen, die wir hier als Gefhrten
des Odysseus Unterkunft nahmen, zu verzehren.

Nachdem wir unsere Kleider an der Feuerwrme getrocknet hatten, war
die Nacht schon am Verschwinden. Und als wir in die Morgendmmerung
hinaustraten, um wieder auf den Pferden aufzusitzen, da war alles
verwandelt und alltglich. Da war nichts Besonderes ringsum, als
ein mit gurgelndem Hochwasser angeschwollenes Bachbett, ein plumpes
hlzernes Mhlenhaus und stumme schattige Baumgruppen davor, die sich
vom morgengrauen Himmel abhoben.

Der Zyklopenspuk war verschwunden, das Feuer fortgeflogen, und wir
ritten gemchlich auf einer breiteren Strae unter den Bumen wieder
weiter in die Berghhen hinauf.

       *       *       *       *       *

Am Sptnachmittag desselben Tages kamen wir noch nach dem Hafenort
Kalamata am Mittelmeer. Hier waren dunkle Orangengrten am Meerufer,
voll reifer Frchte, reichbeladen wie Apfelbume im August.

Nach zwei Ruhetagen ritten wir ber einen hohen Gebirgspa, an
Abgrnden vorbei, in das dstere und khle Tal von Sparta. Den
Spartanern war wenig Sonne gegnnt. Ganz nahe der neuen Stadt, die
hauptschlich aus Kasernen besteht, erhebt sich im Osten und Westen ein
mchtiger Bergwall. Die Sonne kommt spt in das Tal hinunter und geht
am hohen Nachmittag schon zeitig aus dem Tal fort. Sparta liegt dem
heien Wind von Sden und dem eisigen Wind von Norden offen.

Lachendes Licht und von allen Windrichtungen spielende Lfte umgeben
das Auge Hellas': Athen. Aber wie menschenunfreundlich dagegen das
dstere Tal um Sparta.

Die Ritte vorher durch Arkadien und von Kalamata bis Sparta waren mir
wertvoller als die anderen Wege nachher, die wir teils im zweispnnigen
Wagen, teils mit der Eisenbahn zurcklegen muten.

Der Weg durch Arkadien an den Wiesentlern und dem Strahl der
rauschenden Quellen vorbei, und der Aufenthalt bei weltabgeschiedenen
Hirten auf den Berghhen blieben mir so festlich in Erinnerung wie
einst Jahre vorher die Frhlingstage und Segelfahrten an der Westkste
Schwedens, in Bohusln, und wie die einsamen Ritte und Wege zu den
Aztekenpyramiden und Vulkantlern Mexikos.

Als wir Arkadien verlassen und spter von Sparta einen Wagen
genommen hatten, um die berhmten Ruinen von Thyrinx, Epidaurus und
Mykene zu erreichen, fhlte ich mich wieder den gutbrgerlichen
Menschen zurckgegeben, nachdem wir bisher in Arkadien von den edlen
Armutgttern der Hirten mit nur Luft und Sonnenschein genhrt worden
waren.

Wir wohnten von nun ab wieder in kleinen griechisch-europischen
Gasthusern, wanderten in Tripolitza, dem gewerbetreibenden
Provinzstdtchen, durch die lange Gasse der Leinwandhndler, durch
die Gasse der Kupferschmiede, durch die Gasse der Tpfer und durch
die Gasse der Seiler. Jede Gasse war von einem Handwerk bewohnt, und
die Meister jeder Gasse, die da in ihren kleinen offenen Werksttten
arbeiteten, waren sich gute Nachbarn.

Sie saen wie eine Gemeinde in ihrer Gasse, und jede Gasse hatte einen
anderen Handwerkergott ber sich, fr den die Meister und Gesellen in
Ehre und in Zucht arbeiteten, und der ihnen Kufer und tgliches Brot
ins Haus schickte.

Hier lebten die Menschen fr die Menschen, wie Wrmer bei den
Wrmern. Ihre Arbeit adelte sie, ihre Herzen waren gut, aber sie
waren lebensgengstigter und lebensgeknechteter als die Herzen jener
weltfernen Hirten in Arkadien, die sich mit der Mutter Erde begngten
ihr Leben lang und der Erde nichts gaben und ihr nichts nahmen als den
menschlichen Herzschlag vom ersten Lebenstag bis zum letzten.

In bedrfnisloser Seligkeit waren die Hirten Arkadiens freie Mnner
in ihrer Armut, whrend die Handwerker in Tripolitza, die mit einem
Auge nach den Kufern sphen muten und die nur mit dem anderen bei
der Arbeit blieben, in ihren Gassen nur mit halbem Herzschlag, nur mit
halber Ruhe an der Erde saen.

Mein Herz sehnte sich bald nach der feierlichen Armutsstille, nach
der sorglosen Bedrfnislosigkeit Arkadiens zurck. Aber dann wurde es
von groen Ruinen getrstet, die es auf der Weiterreise mit alter
festlicher Vergangenheit unterhielten.

Bei dem Stdtchen Nauplia, in dessen Nhe einst die alte Burg von
Thyrinx gelegen, bestiegen wir die Reste der grimmigen Feste, deren
Mauern aus so ungeheuren Felsblcken gebildet sind, da man heute noch
nicht versteht, wie jene Zyklopenmauern haben entstehen knnen. Hier
waren keine Sulen, keine schnbehauenen Bildwerke. Hier war nur die
irdische Kraft, der Mnner Trotz und der Mnner Strke vergangener
Zeiten zu bewundern.

Und auch in Mykene, wo noch das Lwentor an der Burg des Agamemnon
steht und die Grundmauern der Sle und Kammern auf leichter Anhhe
bei einer sonnigen sandigen Ebene lagen, war Trotz und Kraft in den
Steinmauern, die von unendlichem Machtbewutsein der Menschen sprachen,
die zu allen Tagen sich untereinander das Leben abtrotzen muten, und
die sich immer leichter gegen die Elemente und gegen wilde Tiere wehren
konnten als gegen das Raubtier Mensch.

Von Nauplia ritten wir in zwei Tagereisen nach Epidaurus hin und
zurck. In einem lieblichen Hgelwinkel lagen noch die schnen weien
marmornen Mauern der Hallen und Sulengnge und die Badebecken des
alten Heil- und Badeortes der Griechen. Der Gott der rzte, der Gott
skulap, hatte hier seinen Weiheort, wo einst warme Quellen die Kranken
Griechenlands herbeilockten.

Der kleine Bergwinkel war mit weiem Marmor bepflastert. Die Ruinen
leuchteten, wie aus Schnee gebildet, unter dem jungen Grn vieler
Bume, die den Ruinenplatz umgaben.

Da waren noch die Wandelgnge fr die Genesenden; die Sulen waren zwar
umgestrzt, aber die Pflasterplatten noch gut erhalten. In den Nischen
standen noch die marmornen Halbrundbnke, auf denen die Kranken geruht
haben. Und jeder Bank gegenber stand ein mchtiger Marmorsockel,
darauf sich einst eine Bildergruppe aus Marmor befunden hat, deren
Anblick die Sterbenden und die Genesenden erquicken konnte.

Immer gingen in diesem Lande die Knstler als oberste Herren allen
Lebensbettigungen zur Seite. Dem Menschen, der in Delphi seelische
Erhebung gesucht hatte und Heilung von seinen Sorgen, waren die
Kunstwerke dort am Wege vom Meer zur Parnahhe, so wie die Kunstwerke
hier in Epidaurus, wo die Krperkranken am warmen Erdenatem Linderung
der Krperschmerzen suchten, Trster und Beglcker des Menschenherzens
gewesen.

Die Festlichkeit, die jedes Knstlerherz angeboren mit auf die Welt
bringt, umgab feierlich nicht blo Athen, die Hauptstadt des Geistes,
sondern auch die nationalen Wallfahrtsorte Griechenlands, Delphi,
Olympia und Epidaurus.

In den Bderanlagen in Epidaurus waren noch die Rhrenleitungen und
auch die groen gemauerten Wasserbecken sichtbar und gut erhalten, in
denen viele Kranke zugleich hatten baden knnen. Es standen da noch
Steine mit Inschriften, sowie Altre.

Aus Frsorglichkeit fr die Kranken waren da keine Treppenstufen
bei den Tempeleingngen angebracht. Damit die Bahrentrger die
Schwerkranken, ohne sie zu stoen, auf ihren Betten in den Tempel
bringen konnten, waren, statt der sonst blichen vier, fnf
Tempelstufen, schrg gelegte Steinplatten aus Marmor da, die sanft zur
Hhe der Tempeleingnge anstiegen.

Unter einigen Bumen nahe der Anlage befand sich noch das herrliche,
besterhaltenste Theater Griechenlands, dessen Sitzreihen, khl und
vor der Sonne geschtzt, hier im Bergwinkel in lauschigem grnen
Hgelversteck zu betrchtlicher Hhe anstiegen.

Dieses Theater sah wie neu aus, als htten die Zuschauer gestern
erst ihre Pltze nach einer Vorstellung verlassen. Und doch weilten
zweitausend Jahre hier im Halbrund bei mir, als ich dort auf den
Marmorstufen sa. Diese Sitzreihen hatten viele Menschengeschlechter
in der Ferne vorberwandern fhlen, seit das letzte Wort von dem Altar
gesprochen wurde, der da unten, festlich gebildet von Knstlerhand, in
der Mitte der marmornen Bhne stand.

Wo ist das Gebude, dachte ich, das Theater, in Berlin, in London, in
Petersburg, in Paris, in Neuyork, das nach zweitausend Jahren noch
wie neu wirken wrde? Das so edel, einfach und erhaben in seiner
Einteilung, in der Vereinigung von Zuschauerwelt und Darstellerwelt
ist, da es noch ein Vorbild sein kann knftigen Theatern?

Mein Reisegefhrte sprach unten auf dem Steinplatz der Bhne bei dem
Altar einige Stze, und ich verstand oben auf der fernsten Sitzreihe
in dem muschelfrmigen Halbrund auch das schwach geflsterte Wort.

Ich glaube, da die Einheit des angewendeten Materials im griechischen
Theaterrund -- denn es ist zum Bau nur Stein verwendet worden --
den Klang melodisch und ungestrt zu einem einzigen Hall fr das
Menschenohr sammelt. Auch der einheitliche Holzbau in chinesischen und
japanischen Theatern frdert den Schall, der nicht zerstckelt und
zerstrt klingt. Whrend unsere Theater, die eine Zusammensetzung aus
Eisen, Holz, Stein, Kalkbewurf bilden, den Schall, der von der Bhne
kommt, nicht einheitlich weiterschwingen knnen.

Ich glaube, da diese Einheit des Materials wichtiger ist als alle
akustischen Berechnungen. Man stelle sich vor, da wir uns eine
Ohrmuschel zusammensetzen wrden aus Steinchen, Eisenteilen, Ton und
Holzstckchen. Wie unmglich wrde der Klang in diesem Ohr einheitlich
gefat werden knnen!

Als ein groes Ohr ist aber der muschelartige Zuschauerraum jedes
griechischen Theaters gedacht, dessen Halbrundform ganz unerllich
ist unter freiem Himmel, wo die Gerusche der Bume, der Winde und
des Naturlebens das Bhnengesprch noch besonders beim Auffangen des
Schalls stren knnen. Unsere menschliche Ohrmuschel aber ist auch
nichts anderes als ein amphitheaterartiges Halbrund aus einheitlichem
Material, das vom Lebensdrama den Schall aufnimmt.

An dieses mute ich immer denken, so oft ich in Griechenland, in
Delphi, in Olympia, in Epidaurus und in Athen eines der groen alten
Theater besuchte und mich die gute Schallverteilung in dem weiten
steinernen Halbrund unter offenem Himmel immer wieder zum Staunen
brachte und zum Vergleichen aufforderte mit heutigen europischen
Theatern. --

Wir ritten von den Bderanlagen noch einige Stunden weiter fort in
ein Fischerdorf am Meer, wo wir bernachteten. Als wir gegen Abend
in den Ort kamen, hing an einigen Trpfosten an einem Nagel ein
frischgeschlachtetes Lamm. In der Hauptgasse an mancher Tr stand
der lndliche Hausherr bei seinem Osterlamm. Es war Karfreitag, und
der Lammbraten fr das Osterfest wurde berall vorbereitet, und die
Familie, die Kinder und die Frauen, stand andchtig und spielend und
plaudernd um den Vater, der das geschlachtete Tier abhutete.

Unser Reisefhrer, der neben den Pferden herlief, erklrte uns, da
die Landleute hier nur einmal im Jahr Fleisch zu sehen bekmen, zum
Osterfest. Man kann sich leicht die Erwartung vorstellen, mit der die
Augen der Familienmitglieder das geschlachtete Lamm am Trpfosten
betrachteten.

In Einfachheit lebten die Menschen hier friedlich, und die unbewute
Bedrfnislosigkeit machte ihre Gebrden schlicht und frei von Begierde.
Das Meer vor der Tre speiste sie tglich, ebenso der Feigenbaum und
das kleine Kornfeld hinter dem Haus.

Auer einigen Holzhockern fand sich fast kein Hausrat bei den meisten
Leuten. Der Herdstein am gestampften Fuboden in einer Zimmerecke gab
dem Haus das natrlichste Gert. Ruhe und Wrme kamen von diesem edlen
Stein, der in schlichter Ntzlichkeit nur eine Aschenhhlung zeigte,
und der seit Homers Zeiten keine andere Form angenommen hatte.

Wie in den japanischen leeren Zimmern, wo nur eine Blumenvase in einem
Winkel oder ein Bild der einzige Schmuck sind und nirgends ein Gert
zu finden ist, so war es hier bei den griechischen Landleuten. Eine
wohltuende Leere herrschte in den Husern. Der Sinn der Frauen richtete
sich nur auf das Notwendigste, ebenso der Sinn der Mnner. Und ihr
Auftreten und ihre Rede blieben in dieser Bedrfnislosigkeit wrdevoll
und einheitlich.

Und diese Griechen im Peloponnes gingen auch, von alter Vergangenheit
geadelt, so wrdevoll frei und gesittet aufrecht, kstlich harmonisch
im Geist und im Herzen, viel edler als das Landvolk in Italien,
das erhitzter, begierdevoller und unklarer hinlebt. Unendliche
unvergngliche Hoheit sprach aus der Haltung der griechischen
Landleute, die ich da am Wege und auf den Trschwellen bei einsamen
Bauernhusern antraf.

Nur einmal fand ich im Gebirge flchtige Unbescheidenheit, das
war auf dem Wege nach Kalamata. Es war in frher Morgendmmerung,
nachdem wir die Mhle verlassen hatten, hoch im Gebirge, als wir auf
eine Hirtengesellschaft stieen. Mehrere Hirten hausten dort mit
ihren Weibern und Kindern in Zelten. Es war noch grauer Morgen vor
Sonnenaufgang, als wir, nach einem mhevollen Aufstieg, auf einem den
Gerllplatz jenen Menschen begegneten. Wir htten gern ein wenig Milch
getrunken und beauftragten unseren Fhrer, bei den Hirten zu fragen, ob
sie uns Milch verkaufen wollten.

Es war aber noch nicht gemolken worden, da die Herde noch abseits
zerstreut im Gestein schlief. Unser pltzliches Erscheinen machte
die Hirten starr. Da wir vor Sonnenaufgang erschienen, das hat die
drftigen Leute so verwundert, da sie zum mindesten glaubten, der
Knig von Griechenland wre mit seinem Gefolge unterwegs. Sie redeten
uns mit "Frst" und "Prinz" an, und sie glaubten dabei, es wrde ber
ihre Zelte Gold regnen.

Sie forderten fr eine kleine Schale Milch, die sie endlich
herbeibrachten, Gold und Gold und wieder Gold. Schlielich muten wir
die Leute durch den Fhrer zurechtweisen und ihnen Vernunft zureden
lassen. Sie meinten aber, wenn man aus Athen kme, msse man vom Knig
kommen, und der Knig sei Besitzer von goldenen Schlssern, und wohin
der Knig gehe oder ein Kniglicher, msse er auch Gold mitbringen.

Und die Frauen der Hirten, die nur ihre Kpfe aus den Zeltfalten
heraussteckten, und die Kinder, die unter dem Zeltsaum
herauskrabbelten, alle begehrten Gold fr den Napf Milch. Ich glaube
heute, da sie eben aus dem Schlaf aufgewacht, waren sie noch nicht ganz
von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit zurckgekehrt.

Denn so lange diese Einsamen lebten, ist sicher noch nie jemand vor
Sonnenaufgang, wie aus der Erde gewachsen, vor ihrem Zelte erschienen,
geradenwegs aus Athen kommend. Sie begngten sich jedoch endlich mit
einigen Frankenstcken, die sie gern annahmen, wobei sie immer noch das
Wort "Gold" murmelten und sich zurckgesetzt fhlten, weil von dem vom
Himmel gefallenen Morgenbesuch nur Silber und kein Gold kam.

Aber dann, als wir weiter ritten, und je weiter wir uns von ihnen
entfernten, desto frhlicher dankten sie uns, und ehe wir ganz
verschwanden, riefen sie uns lange Danksprche nach. So kindlich
handelten diese Leute, wenn in ihnen unerwartet Begierden erweckt
wurden, denen ihr Herz nicht gewachsen war, und die eigentlich nicht
ernst gemeint waren. Denn nur ihre Trume schrieen nach Gold.

Wir Fremde aber sind fr diese weltfremden Hirten keine richtigen
Fremden aus dem kniglichen Athen gewesen, da wir nicht knigliches
Gold auf unsere Wege regnen lieen. Jene Hirten wollten ihre Trume
erleben.

Es war nur dieses eine Mal hoch im Gebirge, da wir dem ausgesprochenen
Goldverlangen begegneten. Gewhnlich waren die Anforderungen
zufriedengestellt bei landesblicher Preiseinhaltung.

Noch heute sehe ich gern im Geist die einfachen lndlichen
Huslichkeiten, in die wir in Griechenland am Wege kurze Einblicke
bekamen.

Bei Epidaurus sa an einer Landstrae auf der Hausschwelle eine Frau,
die von einer mit Hanf umwickelten Kunkel, die sie auf ihre eine Hfte
sttzte, den Garnfaden drehte. Auf einer Bschung seitlich vom Hause,
unter einem groen Platanenbaum, stand aufrecht eine andere Frau; sie
hielt auch eine Kunkel im Arm und arbeitete wie die erste.

Und am Rande eines groen steinernen Brunnentroges, aus dem unsere
Pferde getrnkt wurden und in den das Wasser aus dem Felsen sickerte,
sa eine dritte Frau und hielt gleichfalls eine hanfumwickelte Kunkel
und arbeitete. ber den drei Frauen stand der Frhlingshimmel, und
der Frhlingssonnenschein machte den Himmel hinter dem Haus und durch
die Bltter des Platanenbaumes leuchten, als wre dort ein glsernes
Fenster, das ins Weltall hinaussah.

Von dem hellen Weltraum drauen kam seligste Einfachheit, weise
Lebensfreude, Lebensernst und Lebensruhe; und nicht das Licht allein,
sondern diese dreifache Seligkeit beschien und bewachte die drei
stillen, ihre Hanffden drehenden Frauen.

Da war keine Hast, keine Unruhe, kein wild erwartetes Morgen, keine
sinnlose Eile um den Brunnen, um den Platanenbaum und um das Haus.
Und solche, von unbewuter Menschenweisheit geschmckte, natrlich
festliche Landschaftsbilder, fand ich viele auf jener Reise durch den
Peloponnes. Sie erquickten den Wandernden mehr als ein erfrischender
Schluck Wasser aus der klarsten Quelle.

Wo die Quellen des Weltalls ungestrt, fern von gepeitschter Lebensjagd
und frei von sinnlosen Bedrfnissen, friedlich rinnen drfen, dort ist
immer fr das knstlerische Herz das Weltallfest vollkommen. Denn der
Knstler trgt in sich das ursprnglichste Herz und sehnt sich nach
harmonischer Ursprnglichkeit auf allen Lebenswegen.

Whrend ich reitend, von meinem Bergpferdchen herab, solche Bilder, die
in Weltallruhe eingerahmt waren, in mich aufnahm, wurde mir zugleich
die Sehnsucht nach der Heimat und nicht nach der Fremde von solchen
Blicken gestrkt. Ich sah mit Neid, wie die einfachen Landleute alle,
ebenso wie die Handwerksleute der Stdte, an ihrem Stck Erde hingen,
und mit Frieden an der ihnen angeborenen Erdscholle ihr Stck Brot aen
und ihre Hnde still bei der Arbeit rhrten.

Je mehr ich Einblick bekam in die fremden Huslichkeiten am fremden
Wege, desto mehr wurde in mir der Glaube bestrkt, da auch mir als
Knstler nur die Heimat fortgesetzt Frieden und Kraft geben konnte.

Ich erinnerte mich daran, da ich auch auf den frnkischen Landstraen
und auch bei den bayrischen Bergen und Seen und auf deutscher
Heimaterde berall dieselbe edle Einfachheit der Sitten, dieselbe
Arbeitsvertiefung beim Volk, dieselbe Schlichtheit der Gebrden, die
Helligkeit alter vergangener Gebruche und auch edle Bedrfnislosigkeit
finden knnte.

Es gibt bei uns auch genug knstlerische Bilder am Wege und ebenso
genug unbewutes Verschmelzen mit dem Weltall. "Du findest es daheim
in den Bauernstuben, in den Handwerkerstuben, in den Studierstuben",
sagte mein Herz ernst zu mir und zeigte meinen Gedanken warme runde
Heimatsbilder, viele und freundliche, buntfarbig wie die verschiedenen
Anemonenblumen auf den griechischen Wiesen.

Aber noch schmte ich mich vor mir selbst und vor meinem
Reisegefhrten, der mich bei jedem Aufenthalt in den griechischen
Landschaften, in den Bergen, bei den Ruinen, in den Tlern und am Meere
immer gefragt hatte, wo ich mich denn jetzt im Peloponnes niederlassen
wollte. Und immer wieder hatte ich antworten mssen: "Hier nicht."

Und dann waren wir wieder weiter geritten. Ich glaubte zuletzt, da
ich schon vorher in Mexiko keine Heimat gefunden hatte, und ich nun
einmal in Griechenland war, ich mte wenigstens eine lange Zeit hier
in diesem Lande ausharren, um mich nicht vor mir und meinen Freunden
qualvoll lcherlich zu fhlen.

Als wir im Eisenbahnzug am Tag vor dem Ostersonntag nach Athen fuhren,
und ich erklrt hatte, nirgends im Peloponnes bleiben zu wollen, sagte
ich deshalb, noch einmal mein Herz verleugnend, ich wollte mir in der
Nhe von Athen ein Weinberghaus suchen.

       *       *       *       *       *

In Athen wurde uns dann bekannt, da drauen ein einsames verlassenes
kleines Klostergebude am Fue des Hymttos liege. Dieses hie Csaria.
Jenes Haus war einmal in ltester Zeit unter Kaiser Hadrian ein
Lustschlchen gewesen. Spter ist es ein Kloster geworden. Das Gebude
war jetzt noch Eigentum eines groen Klosters in Athen. Wir muten in
jenem Kloster die Schlssel fr Csaria holen. Wir wollten das Haus
besichtigen, das man mir verpachten sollte.

Der kurze Augenblick in jenem groen griechischen Kloster, in dem wir
die Schlssel verlangten, ist mir unvergelich.

Nach einem viereckigen sonnigen Hof hin lagen die offenen Zellen
der Mnche. Groe schattige Bume standen mchtig und ruhig bei
den Zellentren. Die dicken Stmme der Bume waren wie groe Urnen
anzusehen. Aus diesen quollen die Bltterkronen, als wchse der Friede
hier Blatt an Blatt aus der Erde.

Die Zellentren standen offen, und ich sah in jedem kleinen
weigetnchten viereckigen Raum einen Betpult und ein schmales Bett. An
der Wand hing ein Holzkreuz, und in einer Nische stand ein Wasserkrug.
Kstliche heilige Einfachheit herrschte hier.

Einige Mnche mit langen grauen Brten saen im Hof unter den Bumen
und lasen, und ein alter stattlicher Mnch mit weiem Haupthaar und
weiem Bart gab uns vertrauensvoll die Schlssel.

Wie schade ist es, dachte ich, da wir Knstler nicht in solcher
Einfachheit mit unseren Frauen leben wie die Mnche hier. Diese leben
wie jene drei Frauen, die ich im Peloponnes mit ihren Flachskunkeln
in der Hand, im Frhlingstag arbeitend, unter einem Ahornbaum, in
der Haustr und am Brunnen fand, und die mir wie an den Quellen der
Ewigkeit sitzend sind erschienen.

So mten wir Mnner, in uerer Einfachheit den Mnchen hnlich, und
unsere Frauen, jenen drei Wockenspinnerinnen hnlich, im herrlichsten
Frieden leben knnen, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, den
Vorbildern aller Gtterbegriffe hnlich, wenn wir uns zur edelsten
Bedrfnislosigkeit entschlieen knnten.

Sauberkeit und Ordnung am Krper, in der Kleidung und im Hause
mten die Grundbedrfnisse bleiben bei tglicher Arbeit. Und die
Quellen des Weltallfriedens und der knstlerischen Freuden wren dann
unerschpflich.

Welche festliche knstlerische Beobachtung des Weltalls, welch
festliches Miterleben mit Pflanzen, Tieren und Menschen wre jenen
Menschenherzen mglich, jenem Mann und jener Frau, die in solch
uerster Schlichtheit ihr tgliches Leben fhren wollten!

Spter, auf meiner Weltreise, traf ich diese Schlichtheit in Asien bei
Millionen Menschen, sowohl im warmen Indien, als in dem in gemigter
Zone liegenden Japan. berall fand ich diese mbelleeren, aber von
knstlerischen Gedanken erfllten, kleinen Wohnungen, in welchen
als erster Schmuck die peinlichste Sauberkeit herrschte und die
feinfhligste Lebensordnung.

Zwischen leeren Wnden saen in jenen Lndern gefhlvoll fleiige
und allem Weltalleben klug nachfhlende Menschen. Und die Leere der
japanischen Zimmer war so reich wie die Leere des blauen Himmels es
ist, die nie langweilt.

Die Japaner hatten die Mae der Hhe, Breite und Tiefe ihres Hauses
klug und fhlend um die Menschenfigur ausgedacht, so da das Zimmer wie
eine Schachtel zum Verpacken eines kstlichen Kunstwerkes wurde, eine
Schachtel, die gerade so viel Raum bietet, als der Gegenstand Schutz
braucht.

Das kleine Gebude von Csaria lag bei einer winzigen Kapelle. Die
stammte noch aus den ersten Jahren des Christentums. Die Kreuze und
die Bilder darinnen waren ungemein liebevoll, einfltig und rhrend
kindlich glubig gearbeitet. Das einstckige Haus neben der Kapelle
wurde von einigen Hirtenfamilien bewohnt. Aber hier herrschte
Verwahrlosung berall. Die Dielen waren so zerrissen, da man durch die
Stockwerke hindurchsehen konnte, und das Gesindel, das da hauste, war
nicht vertrauenerweckend. Die Hirten beim Hause trugen Gewehre ber den
Schultern, Revolver und Dolche in den Grteln. So standen sie zwischen
ihren Herden und schossen nach Vgeln und Feldmusen und benahmen sich
bei unserem Erscheinen, als mten sie uns mit ihren Bchsen das Echo
vom Hymttosgebirge hren lassen.

Hinter dem Haus zog ein ungeheuerer Bergabhang hinauf, der seit
Jahrhunderten schon abgeholzt war und kahl und sonnenverbrannt in die
Lfte starrte.

Einige Schritte von der Trschwelle fort, unter drftigen Laubbumen,
sickerte aus einem alten marmornen Widderkopf eine Quelle. Dort bei
einem groen alten Trog knieten Weiber, alte Mnner und Kinder; die
wuschen unter viel Geschnatter und Geschimpf ihre Wsche.

Es fhrte kein eigentlicher Weg zu diesem Haus. Wir hatten von der
groen Landstrae quer durch Felder einen Pfad suchen mssen. Ich
hatte geglaubt, ein einsames einfaches leeres Klosterhaus zu finden,
und war erstaunt ber die uns mitrauisch begrende, verwilderte
Hirtengesellschaft, die da, bchsenknallend und freche Reden fhrend,
das verwahrloste Haus wie eine Ruberhhle erscheinen lie.

Da war kein Garten, kein Wald in der Nhe, nur drftiges Buschwerk
war da und ein heier steinerner Bergabhang und flache Felder davor.
"Wollen Sie hier auch nicht bleiben?" fragte mich mein Reisegefhrte.
"Nein," sagte ich, "hier erst recht nicht." "Was wollen Sie dann tun?"
--

Die Frage war leicht gestellt, aber ich mute in meiner Brust einen
schweren Kampf kmpfen, um die Antwort zu finden, die ich mir selbst
geben sollte. Ich kam mir gedemtigt vor, weil ich so viele Plne
gemacht hatte, und weil nun alle meine Gefhle und Gedanken, wenn ich
aufrichtig zu mir war, nichts mehr von jenen Plnen wissen wollten.
Mein Herz drngte nur heftig nach der Vereinigung mit meiner Frau und
mit meiner Heimat.

Wir gaben die Schlssel von Csaria dann wieder im Kloster ab. Der
weibrtige Mnch nickte, als er hrte, da ich nicht daran denken
wollte, dort zu wohnen, und er fand es ganz in der Ordnung, da ich
wieder nach Hause reisen wollte. Herrlich friedlich war es in mir nach
diesem Entschlu. Auf dem Rckweg vom Kloster nach Athen beleuchtete
die Abendsonne vor uns den fernen Akropolishgel. Der lag goldrtlich
ber den blauschattigen Feldern und verdunkelte sich mehr und mehr,
als wollte er vor meinen Augen verschwinden und wollte sich in einen
frnkischen Hgel, in den Marienberg, der das Schlo ber der Stadt in
Wrzburg trgt, verwandeln.

Von den Bergwnden des Hymttos hallten Kuzchenschreie und Eulenrufe
in der Abenddmmerung.

"Eulen nach Athen tragen", fuhr es mir durch den Sinn. Ich hatte,
wie das Sprichwort sagt, gehandelt. Die Eulen waren meine unruhig
flatternden Plne gewesen, die ich umsonst nach Athen getragen. Ich
lie sie jetzt fr immer fortfliegen, und sie riefen mir von Csaria
zum letztenmal nach. Aber ich kehrte ihnen den Rcken und ging im
weichen Staub der Landstrae weiter.

Dabei machte ich in meiner Zufriedenheit die Wahrnehmung, da jener
alte Staub der athenischen Straen einen wunderbar sen Geruch hat.
Wie Wohlgeruch aus alten Rucherurnen, so stieg ein Duft von der Erde
hier auf. Ich fragte mich, ob sich der Staub am Boden hier noch an jene
Abende erinnert, da die Griechen kstliche Rauchopfer vor den edlen
Menschengestalten ihrer Heimatgtter auf den Hausaltren anbrannten.
Nirgends auf der Welt fand ich wieder, da der Erdstaub so s,
getrockneten Blumen hnlich, duftete wie hier auf den Landstraen um
Athen.

Befreit vom Ballast unmglicher Plne, kam ich jetzt nach Athen reicher
zurck, als ich fortgegangen war. Ich nahm mir nun vor, nur noch einige
Tage die Schnheiten Athens zu sehen, und dann auf krzestem Weg nach
meiner frnkischen Heimat, nach Deutschland zurckzukehren. Dort wollte
ich meine Frau erwarten, und dann wrden wir endlich in der Heimat
unsere Heimat finden.

Ich besuchte am nchsten Nachmittag noch Eleusis, denn dort waren
alljhrlich zum Osterfest alte Ostertnze auf dem Marktplatz zu sehen.
Eleusis ist nach einer kurzen Bahnfahrt von Athen aus erreichbar. Die
Bahn luft am Meer entlang neben der alten heiligen Strae der Pilger.

Als wir nachmittags durch die kleine Provinzstadt wanderten, hing
an verschiedenen Husern das gebratene Osterlamm an einem Nagel am
Trpfosten. Der Hausherr stand daneben mit einem Messer und schnitt
Bratenstreifen ab, die er unter seiner Familie austeilte.

Aus einer Tre trat ein Hausvater freundlich lachend auch an uns
Fremdlinge heran und reichte jedem von uns ein Stckchen Lammbraten
zum Ostergru. Wir muten es aus seinen Hnden annehmen und es mit
den Hnden zum Munde fhrend verzehren, wie es nach uraltem Brauch
die Landbewohner in Griechenland tun, die keine Tischgerte anwenden,
hnlich wie es bei uns einst im Mittelalter noch Sitte war.

Vor allen Tren saen die Leute in Gruppen und aen frhlich das
Osterfleisch. Es hatte sie alle das festliche Osterlicht auf die
Straen gelockt. Munter und unterhaltend lachten, plauderten und
grten sich die Nachbarn vor den kleinen Husern.

Gegen zwei Uhr versammelten sich auf der einen Seite des Marktplatzes
die jungen Mdchen der Stadt, auf der anderen Marktseite die jungen
Mnner. Die Mdchen hatten die Haare in zwei lange Zpfe geflochten,
und die bnderdurchflochtenen Zpfe reichten ihnen bis auf die Fersen.
Viele bunte Seidenbnder waren in die Zpfe geschlungen, und mit
eingeflochtenen schwarzen Roschweifen waren die Zpfe auch knstlich
verlngert worden.

Jedes Mdchen fate mit gekreuzten Hnden nach den Hnden ihrer
beiden Nachbarinnen, und ebenso taten die Burschen. Und nach einer
uralten Melodie, die die Mdchen und die Burschen sich zusangen und
beantworteten, bewegten sich die beiden breiten Reihen von jeder
Seite des Marktplatzes einander entgegen, und die vielen Fe tanzten
langsam, rhythmisch vor und zurck, je nach dem Takte des einfachen
Liedes.

Das Lied war feierlich und leicht klagend, und seine Melodie bewegte
sich nur in ein paar Tnen. Aber die wunderbare Einfrmigkeit und
Einfachheit des uralten Tanzes und des Osterliedes, das schon die Vter
und Vorvter bei der Wiederkehr des Frhlings hier auf dem Marktplatz
getanzt und gesungen hatten, war unergrndlich festlich stimmend auch
fr die Ohren eines Fremden.

Ich nahm das Lied als Abschiedsgru von Griechenland in meinen Ohren
mit nach Deutschland. Und ich summte es noch lange gern vor mich
hin auf den Feldwegen daheim, als meine Frau und ich uns wieder
zusammengefunden hatten und auf dem Gut bei Wrzburg wohnten, am
Nikolausberg, wo einst meine Mutter gestorben ist.

       *       *       *       *       *

Es war im Mai 1898, als ich dann nach langen Irrfahrten in der mir
angeborenen Heimat gelandet bin. Zwei Jahre waren wir, meine Frau und
ich, von Hotel zu Hotel und von Land zu Land gezogen und hatten es noch
nie zusammen erlebt, auf altem Erinnerungsboden zu wohnen, in eigener
Kche ein nach persnlichem Geschmack hergerichtetes Mahl auf dem Feuer
zu haben, am huslich gedeckten Tisch zu essen und vor den Tren Wege
zu gehen, die nicht ins Unbekannte, ins Unklare fhrten.

Hier kannte ich die Ziele eines jeden Feldwegs und jeder Landstrae.
Ich konnte meiner Frau unterwegs berichten, was uns erwartete, wenn wir
vom Haus am Berg aus nach Osten, nach Westen, nach Norden oder Sden
gingen.

Die Hhne, die im Gutshof krhten, waren Heimathhne, deren Laute
ich mit mir in der Fremde herumgetragen hatte. Und immer, wo ich auf
den Reisen in den Wanderjahren einen Hahn hatte krhen hren, war
das Bild jenes Gutshofes in mir aufgestiegen. Und Hahnenschreie, wo
ich sie auch hrte, hatten mir immer zugerufen, heimzukommen in die
Vaterstadt, dorthin, wo ich einst sprechen, gehen, denken, handeln und
trumen gelernt hatte. Die Huser kannten mich alle noch, sie, die mit
ihren Fensterscheiben immer am gleichen Fleck standen und die Menschen
betrachteten, die in ihnen heranwuchsen und von ihnen fortgingen.

Wenige von den Fortgehenden aber waren wiedergekommen, und wenige
nickten ihnen zu.

Ich fhlte bei meinen Wegen durch die Stadt, da diese Huser, die mir
bei meinem Kinderspiel und bei meinem Schulweg zugesehen hatten, die
meine Jnglingsgedanken mitgedacht hatten, und die mich nun mit meiner
Frau zusammen bers Pflaster wandern sahen, da diese Huser mein
Besitz waren. Sie waren durchdrungen und in Besitz genommen von den
Gedanken meiner frher hier verlebten Jahre.

Und als ich nun so hinging, war mir, als steckten die verschiedenen
Huser an ihren Ecken, Tren, Gesimsen, Dchern, Hauswinkeln,
Dachrinnen, Fhnchen heraus, beschrieben mit bunten Stzen, alten
Gesprchsresten, alten Gedankenstzen und alten Vorstzen.

Pflichten und Erinnerungen standen dort bunt, mal rot, mal gelb, mal
blau hingeschrieben auf die beweglichen Wimpeln, die da, nur fr
mein inneres Auge sichtbar, die ganze alte Stadt reich und lustig
schmckten. Da war Kindertorheit und Jnglingsernst, Jnglingstorheit
und Mannesernst, Mannestorheit und der Ernst lieber Toten fr mich
durch alle Gassen verbreitet.

Grundzufrieden war ich dann, wenn ich hinaus vor die Stadt zum Berg
zurckkehrte und in der Ferne am Hgelabhang den Giebel des Hauses sah,
unter dem meine Frau und ich jetzt lebten. Die Sonne, die wir dort oben
auf- und untergehen sahen, kam nicht mehr aus dem Unbekannten, denn
auch die Landschaft hier war mein Besitz, sowie es die Gassen der Stadt
und die Huser waren.

Wo berm Maintal, auf fernen ckern, morgens die Sonne in der
Frhdmmerung hergewandert kam, da war ich oft mit meinen Fen
selbst gewandert, und ich kannte die Ortschaften und die Waldstrecken
und die Namen der Orte und der Berge so gut wie die Namen meiner
Familienangehrigen. Die Sonne kam also nicht aus dem Grenzlosen,
Atemlosen, Namenlosen jeden Morgen zu mir.

Ich kannte auch ihren Tagesweg. So weit mein Auge nach Sden und
Westen sehen konnte, kannte ich von mittags und bis zum Abend, und
bis zu ihrer Untergangsstunde, die Landwege, die Waldwege, die das
Himmelsfeuer durchwanderte, so genau wie die Sonne selbst. Und ich
wute, was ihr Licht rundum tagsber zu arbeiten hatte. Ich kannte die
groen Kornstrecken, die verschiedenen Weinlagen, die Obstpflanzungen
und die Baumschulen, wo die Sonne berall tchtig zu tun bekam, um
Frucht reifen zu lassen.

Und die arbeitende Stadt im Tal, wo gefahren und gebaut, geboren,
geliebt und gestorben wurde, kannte ich innen und auen und wute,
wie die Sonne dort die verschiedenen Straen zu den verschiedenen
Tagesstunden beleuchtete und erwrmte oder mit khlen Schatten bedeckte.

Ich sah auch ber den Bergen dem Mainflu nach, der, in Windungen
flieend, die Sonne auf seinem Wasserrcken spiegelnd, weit bis nach
Norden strahlte. Und ich sa stundenlang auf dem Gutshof an der
Terrassenecke bei der Fahnenstange, wo ich vor vielen Jahren mit
meinem Freunde gestanden, und wo wir wunderlustig gewesen, und freute
mich jetzt, heimgekommen zu sein aus der Unendlichkeit. Denn ich
hatte damals nicht die Liebe gekannt, nur Lebensplne und noch keinen
Lebensbau. Und hier an dieser Terrassenecke, wo ich damals meinen
Freund zum Wunderwirken an jenem Augustnachmittag erwartet hatte, wurde
mir jetzt klar, da ich auch krperlich und nicht blo geistig in meine
festliche Weltanschauung hineingewachsen war.

Jeder Morgen, der ber der Stadt im Tal aufging, der den Tau auf den
Kleefeldern vor dieser Terrasse blulich aufblitzen lie, redete nicht
mehr vom Gedanklichen des Lebens, nicht mehr von Hoffnungen und Plnen,
sondern von der innerlichsten Innigkeit jedes Tages.

Wenn die Giebelfenster des Gutshauses in den Morgenstunden blitzten,
wenn die Fliederbume, die altgekrmmten, an der Terrassenmauer blhten
oder abblhten; wenn das Finkenprchen, das in der groen Kastanie
nistete, sein Nest bauend, ab- und zuflog, wenn die Pfauenhenne
oben am Berg, unter einem Busch versteckt, wochenlang brtete und
der Pfau einsam auf der Terrassenmauer stolzierte und schrie, da er
Regen erwartete; wenn Tren im Hause zuschlugen, Ketten der Pferde
und der Khe in den Stllen rasselten; wenn nur ein Strohhalm der vom
Einfahren, der letzten Ernte vom Vorjahr drauen am Weg an den wilden
Rosenbschen hngen geblieben war, dem Vorbergehenden zuwinkte,
-- dann war alles das nicht ein zwischen Himmel und Erde geborener
vorberflatternder flchtiger Augenblick.

Sondern: das Licht und die Schatten, die Gerusche und die Ruhe, die
Tagesfarben und die Dunkelheit der Nacht, die Gerche, die Klte und
die Wrme kamen mir wie Rhythmen der Zufriedenheit meines Herzens vor
und kamen mir knstlerisch zum Bewutsein. Jeder Augenblick brachte die
Anfnge von Gedichten, Liedern und Geschichten mit.

Und wenn ich mir nur ein wenig Zeit nahm und in mich hineinhorchte,
dann konnte ich ein neues Liebeslied singen und konnte es ihr, der
geliebten Frau, bringen, die, ohne da sie mit den Lippen oder mit den
Augen danach fragte, mit dem Herzen darauf wartete.

Ein wenig am Berg hinauf, vom Haus fort, steht ein groer stattlicher
Nubaum. Unter diesem Baum sa ich jetzt oft in den Vormittagstunden
und schrieb mir manches Lied auf, und dann kam meine Frau vom Hause her
mit einem Krbchen und brachte mir, wie eine Maurerfrau ihrem Maurer,
Frhstck auf meinen Arbeitsplatz und setzte sich zu mir unter den
Schatten des Nubaums. Dann aber glaubte ich erst recht nicht mehr, da
irgendein Mensch das Leben anders als festlich ansehen konnte.

In jenen Jahren, die ich im Sommer auf jenem Gut und im Winter in
meiner Landeshauptstadt, in Mnchen, mit meiner Frau verbrachte,
schrieb ich zwei Liedersammlungen, die ich dann als mein erstes reifes
Gedichtbuch unter den Titeln "Die ewige Hochzeit" und "Der brennende
Kalender" erscheinen lie. Mit diesem Buch beginnt die Dichtungsarbeit
meiner Mannesjahre. Die vorbereitende Zeit der suchenden Jahre war fr
meine Dichtung beendet, als man das neue Jahrhundert schrieb.

Wenn ich auch noch manche Reise im ersten Jahrzehnt des neuen
Jahrhunderts und die Weltreise im Jahr 1905-1906 rund um die
Erde machte, so ist doch nie mehr in mir der Gedanke oder der
Wunsch aufgestiegen, mich irgendwo fr immer in der Fremde fest
niederzulassen. Alle weiteren Reisen unternahm ich aus dem Bedrfnis,
Lnder und Vlker zu sehen. Aber die Heimat stand mir bei allen Reisen
immer wieder als Endziel vor Augen.

Und die Heimat gab mir die Verinnerlichung und die rechte
Lebensandacht. Nur auf den Wegen, auf denen man in der Jugend
gewandert, kann man im Mannesalter aus dem Chaos der Eindrcke
das Hauptschliche vom Nebenschlichen trennen, das Wichtige vom
Unwichtigen und die knstlerische Linie eines jeden in der Fremde
erlebten Eindruckes finden. Die Heimat mit ihrer ernsten und von den
besten jugendlichen Vorstzen durchwrmten Sonnenluft verbrennt die
unntzen Stoffe, deren Wichtigkeit und Unwichtigkeit man in der Fremde
nur schwer unterscheiden kann.

Man baut auf dem Jugendboden, auf dem man geboren, auf dem man aus dem
Unergrndlichen, aus dem Unendlichen zur Endlichkeit, sich einst selbst
geschaffen hat, am fruchtbringendsten und sichersten das weitere Leben
auf, nachdem man sich aus der Fremde gengend Weisheit geholt hat.

Ich erinnere mich noch eines Morgens, da ich mit meiner Frau in dem
Atelier in der Rue Boissonade, eben jung verheiratet, in Paris wohnte,
als zum erstenmal die Heimatsehnsucht in mir ausbrach. Es war an jenem
Hochsommermorgen, an dem ich, frh aufgestanden, allein durch mein
stilles Stadtviertel zum Park Montsouris ging, zu jenem Park, in dem
ich die beiden vornehmen Japanerinnen eines Morgens antraf.

Auf dem Hinweg beim Bronzedenkmal des mchtigen Lwen von Belfort war
an einer Straenecke in der frhen Morgenstunde ein Geflgelmarkt. In
Holzkfigen eingepfercht, steckten die Hhne und die Hennen ihre roten
Kmme zwischen den Gitterstbchen durch, und einige Hhne krhten im
Sonnenschein.

Beim Anblick und bei dem Geruch der Hhner und beim gewaltigen und doch
melodischen Krhen der Hhne tauchten die wrzburger Heimatberge vor
mir auf.

Und es war mir, als mte um die Straenecke der Weg nicht zum Park
Montsouris, sondern zu jenem Gutshof fhren, wo ich in meiner Kindheit
mit meiner Mutter zusammen die ersten Hahnenschreie gehrt hatte, wo
ich zum erstenmal Korn und Klee hatte wachsen sehen, wo meine Mutter
dann gestorben war und mir die Mutter Erde als ihre Stellvertreterin
hinterlassen hatte.

Dort in der Ferne bei den Hecken, dort bei Steinbruch und Hgeln, am
Kleeacker und am Kornfeld, wo ich als mutterloses Kind gewandert war,
fehlte mir meine gestorbene Mutter nie.

Die warme Gte der cker, die immer am selben Fleck stillstehenden
alten Bume, die nur ihren Schatten ein wenig wandern lieen, weiche
taumelnde Schmetterlinge und summend arbeitende Bienen, gtig duftende
Krutlein, reifende kleine Erdbeeren und reifende Brombeeren, die
Lerchen im blauen Himmel, die Finken und Ammern im Gebsch, die
Schnecken am Weg und die weien Sommerwolken ber den Baumkronen
am Himmel, die Ameisen, die ber meine Stiefelspitzen liefen, die
knallende Peitsche des pflgenden Bauers, die wiehernden Pferde im
Acker -- sie alle waren mir Liebkosungen der Mutter Erde. Sie waren
meinem Lebenssinn erquickend und festlich. Im Sonnenschein, im Regen,
im Wind, im Gewitter, in allen Stunden und in allen Wandlungen aller
Jahreszeiten, war es mir auf dem Heimatberg, als htte ich in allen
Natureindrcken Hunderte von Mttern gefunden, die lieb und zutraulich
mit mir plauderten, mit mir spielten, mich belehrten, mir die Zeit
vertrieben und mir Lebenslust gaben.

Und bei jenem Hahnenschrei, dem ich in Paris an jenem Morgen bei den
hohen Weltstadthusern nachhorchte, riefen jetzt alle diese hundert
Mtter vom Heimatberg aus der Ferne her. Deutlich wie die Sonne in
jenem Augenblick ber Paris und Wrzburg zugleich leuchtete, so
deutlich sah ich durch jenen Hahnenschrei von Paris nach Wrzburg, von
meinen Mannesjahren zu meinen Jugendjahren zurck.

Und ein tiefes Heimweh wurde mir zum erstenmal bewut. Dieses Heimweh
war schon lange irgendwo in meinem Dasein wie eine offene blutende
Wunde gewesen. Es war mir, als htte ich pltzlich Blut an meinen
Fingern entdeckt, und wute jetzt erst, da ich verwundet war. Und ich
erschrak. Seit jenem Hahnenschrei habe ich die Wunde des Heimwehs nie
mehr aus den Augen gelassen.

Noch einmal spter, auf der Rckreise von Mexiko, als wir bei einem
vierwchigen Orkan die ungeheuren einsamen Wasser des atlantischen
Ozeans kreuzten, riefen mir, wenn der Sturm sich mittags fr einige
Stunden etwas legte, um am Abend mit doppelter Wildheit einzusetzen,
einige Hhne, die bei der Schiffskche in Kfigen als lebender
Mundvorrat eingesperrt waren, mit heiligem Krhen die Heimathgel der
Vaterstadt ber die Wasserberge her.

Und es war mir, als lge mitten im Urweltgebrause des Ozeans irgendwo
ganz nah das freundliche sonnenbeleuchtete Maintal mit den Trmen der
Vaterstadt und mit den Weinbergen. Ich glaubte bei den Hahnenschreien,
das Schiff knne mitten im Sturm jeden Augenblick friedlich zu Hause
landen.

Ich verga immer wieder die ungeheuren Meilenstrecken, die zwischen mir
und Europa lagen, und ich und die Heimat waren einander so nah, wie es
mir meine Hand vor meinen Augen war, sobald mitten im Sturmtag jene
Schiffshhne krhten.

Se Zuversicht erfllt den, fr den es kein anderes Weltall gibt als
das Herz. Im Herzen gibt es nicht Raum und nicht Zeit, sondern nur
herznahes Gefhl. ber Raum und Zeit fort zeigt dir dein Herz deinen
ewigen Besitz.

Als ich in spteren Jahren einsam um die Erde reiste und meine Frau in
Europa zurcklassen mute, da war nicht ein Tag, nicht eine Stunde in
den sieben Reisemonaten und auf den sieben Meeren bei allen Wundern
der Welt, an denen mir nicht mein Herz berall das Gesicht und die
Gestalt von ihr zeigte, die ich vermite.

berall in der Fremde deutete das Herz zuerst auf seinen Besitz, und
dann lie es erst meine Augen die Bilder der Fremde wie mit vier Augen
genieen, mit den Augen von ihr, die in der Heimat zurckgeblieben, und
mit meinen reisenden Augen. --

       *       *       *       *       *

Wenn ich jetzt morgens oder abends auf meinem Berg stehe, kann mir die
Sonne keine entwurzelnde Sehnsucht mehr von Osten herbringen, und sie
zieht meine Augen abends nicht nach Westen ber unbekannte Grenzen in
die Leere fort. Ich bin zufrieden, endlich in der Heimat angekommen zu
sein.

Ich sehe gern in mich hinein, wie in einen Brunnen, auf dessen Spiegel
ganz unten das Bild der Sonne wie eine Mondscheibe tanzt. Und neben ihr
tanzen auch am Tage alle Sterne. Und ich kann in meinem Innern nicht
mehr Tag und Nacht voneinander trennen. Es sind alle Zeiten und alle
Rume in der Lebensseligkeit des Heimgekehrten.

Die Nachtstunde, die den Flu unter meinen Fenstern lauter rauschen
lt, ist nicht dunkler als die Mittagsstunde, die die Glocken ber
der Stadt luten lt. Der Wintertag, der den Schnee ans Fenster
treibt, ist dir nicht klter als der Sommertag, der das Kornfeld gilbt,
sobald du angekommen bist beim innersten Wesen aller Dinge, bei der
Schpferkraft des Liebesgefhls, das die Krone aller Gefhle ist.

Du dachtest zum Beispiel, die Sonne scheint, und du und deine Geliebte,
ihr mchtet in das Grne unter die Bume gehen. Aber es regnet im
nchsten Augenblick, und, unter der Tre stehend, streckst du die Hand
aus und fhlst die Regentropfen. Du weit aber bald nicht mehr, da
du den Wunsch hattest, unter die Bume zu gehen, weil die Wolken den
Wunsch hatten zu regnen, und die Sonne den Wunsch hatte auszuruhen, und
weil du nichts Lieberes unter den Bumen gesehen httest als die Augen
jener, die du liebst, und die mit dir auf der Trschwelle steht.

Aug' in Aug' mit ihr qult dich nichts. Und ihr lat beide wunschlos
den Regen fallen, denn keine anderen Wege sind von Wichtigkeit und von
uerstem Wert als der Weg von Blut zu Blut bei Zweien, die sich lieben.

Diese Wunschlosigkeit in der Liebeslust und in der Heimatlust zu
erkennen, zu pflegen, zu erhalten, das hat Lebenssinn.

Wenn zwei Liebende sich befriedigen, werden ihre Sinne berall
allgegenwrtig im Weltall. Auch wenn die beiden ihr Haus nicht
verlassen, auch wenn sie an dem kleinsten Erdfleck Seite an Seite
leben. Sie sind berall allgegenwrtig und allklug, weil sie Besitzer
der Urkraft des Lebens sind, der Liebeskraft, aus welcher das Weltall
entsprungen und aus welcher alle Leben immer wieder entspringen.

       *       *       *       *       *

Seit ich diese se Weisheit erfahren, wendete sich mein Sinn in der
Dichtung dem Besingen und Preisen dieses edelsten und schpferischsten
Gefhles aller Gefhle zu.

Die mir liebsten Gedichte, die ich von anderen Dichtern lese, sind die
Gedichte, die das erhhte Gefhl, das Liebesgefhl, mit seinen tausend
und abertausend Stimmungen, gesteigert aus Sehnsucht, Zweifel und
Erfllung verknden und die zugleich die Natur besingen.

Als ich von Griechenland zurckgekehrt war, kam mir eine kleine neue
Ausgabe der Geschichten von "Tausendundeine Nacht" in die Hnde. Ich
hatte einige der Geschichten frher schon in Sammelbnden gelesen, aber
niemals gewut, da in diese Geschichten die schnsten Liebeslieder
eingestreut sind. Denn man hatte in den frheren Ausgaben jene kurzen
Lieder nicht mitgedruckt.

Diese kleinen arabischen Lieder aus "Tausendundeine Nacht" wurden
dann meine Lehrer. Ich mute sie lesen und immer wieder lesen und sie
ihr, die ich liebe, immer wieder vorlesen. Und dann wurden die Verse
noch schner, wenn ich sie von Herz zu Herz hinsagte. Dann waren sie
nicht blo geistvoll, rhythmisch und innig. Dann waren sie wie von
ihr und mir geboren. Dann hatten sie ihre und meine Augen und hatten
Menschenhnde und Menschenstimme und waren nicht mehr kleine gedruckte
Gedichte, sondern wurden lebende Wesen.

Wie die Amsel, die auf die Fensterbank geflogen kommt, die vorher
irgendwo unsichtbar gesungen hatte, und die von der Fensterbank sich
einsingt in die Menschenbrust, wo ihr Lied wohnen bleibt, so zahm
wurden die kleinen Gedichte, und so wunderbar verschwanden sie in uns
und sangen dort fort und fort.

Aus den kleinen Reclambnden von "Tausendundeine Nacht", in welchen ich
diese schnsten, nur den Liebenden verstndlichen Lieder, die mit der
Liebe leiden und jubeln knnen, gefunden hatte, schnitt ich alle diese
Gedichte heraus und klebte sie in ein dauerhaftes, in Leder gebundenes
Buch.

Und diese Gedichte, deren Dichter tot und verschollen sind, deren
Namen ich nicht kenne, deren Lebenszeiten ich nicht kenne, waren
meine Lieblingsgedichte in jenen Jahren. Jene toten Dichter und die
von ihnen geliebten Frauen gingen als gute Freunde bei uns umher, und
ich versuchte ihnen nachzutun und zu dichten in ihrem Sinn kurz und
eindringlich. --

       *       *       *       *       *

_In Japan gilt ein gutes Gedicht als hchste nationale Leistung in
Friedenszeiten._ Von Japan, wo der Kaiser und die Kaiserin jhrlich mit
dem Volk sich um einen Preis in der Dichtung bewerben, von Japan, das
unsere Maschinenkunst und unsere Kriegskunst angenommen hat, knnen wir
Europer diese Friedenskunst erlernen.

_Kunstwerke bedeuten dort Heldentaten in Friedenszeiten. Mit mglichst
wenig Worten in der Dichtung eindringlich viel sagen, mit mglichst
wenig Linien und Farben viel in der Malerei ausdrcken, mit wenig Tnen
in der Musik Unendliches geben_ -- dieses htten wir in der nchsten
Zukunft von den Knstlern des Ostens zu lernen.

Auch die Art, wie Kunstwerke zu genieen sind, und da sie nur in einer
Art genossen werden knnen, dies wollen wir von jenen lernen, die seit
Hunderten von Jahren die Knste inniger pflegten als wir.

Ein Gedicht des Kaisers wird in Japan fnfmal vorgelesen, ein Gedicht
der Kaiserin dreimal, ein Gedicht eines Brgerlichen zweimal.

Wenn ich dieses berichte, so bin ich nicht der Meinung, da gerade
diese Unterschiede nachahmenswert sind. Sondern ich will nur darauf
hinweisen, da ein Gedicht nicht vom einmaligen Vorlesen, wie es bei
unseren ffentlichen Vorlesungen geschieht, verstanden oder voll
aufgenommen werden kann. Wie man den edlen Wein langsam auf der Zunge
kosten mu, um seine Blume festzustellen, so ist es mit einem edlen
Gedicht, es will langsam und nachdenklich aufgenommen sein. Und zum
langsamen Kunstgenieen mu das europische Publikum erst erzogen
werden.

Zweimal und mehr mu jedes gute Gedicht gelesen werden, ehe sein Sinn
und seine Schnheit im Herzen des Zuhrers keimen knnen. Ein gutes
Gedicht kann immer wieder anders und neu, innerlich und uerlich,
im Gefhlssinn und im Wortlaut, genossen werden. Ein Gedicht ist
unerschpflich, unergrndlich wie das Himmelsblau, wie das Meerblau,
wie ein Menschenauge, wie ein Sternhimmel. Bei allen diesen Leben
knnen wir von unendlichen Lebenswerten trumen, so auch bei dem
Gedicht und bei jedem Kunstwerk, wenn wir es langsam und fters auf
uns wirken lassen. --

Ich erinnere, da man mir einmal, als ich Kind war, kleine Holzformen
geschenkt hatte, die, in feuchtem Sand gepret, hbsche Sandkuchen
gaben. Diese Sandkuchen bereitete ich auf einem Brett und freute mich
ihrer Figuren. Aber wie erstaunt war ich, da die Figuren, sobald die
Sonne das Brett beschien, in kleine Sandhufchen zerfielen.

Ich fand diesen Zerfall unerhrt, und er grmte mich jedesmal
bitterlich. Wenn die Figuren noch so schn scharf geschnitten in
Schneckenform und Sternform vor mir lagen, nach ein paar Stunden waren
sie in formlose Sandhufchen zerkrmelt.

Ich sann damals vergebens darber nach, wie ich die Form im Sand
festhalten knnte. Meine Lust und meine Kraft waren grndlich beleidigt
von der unberwindlichen Vergnglichkeit, die mir da beim Spiel
entgegenarbeitete, ohne da ich sie hindern konnte.

Und ich grbelte nach und meinte, es mte da doch etwas geben, was nie
zerfallen drfte, etwas, das ewig seine Form behalten mte. Und ich
sagte mir, da ich, wenn ich gro sein wrde, keine Arbeit tun mchte,
die zerfallen knnte. Ich wollte mich nicht von der Vergnglichkeit
krnken lassen. Wenn meine Arbeit, die ich mit aller Lust getan,
spurlos verschwinden sollte, so wrde mir das Leben keinen Spa machen.

Derart grbelte ich als Kind betrbt vor den kleinen Sandhufchen, aber
ich wute nicht, was ich tun mte und was von allem auf Erden immer
unzerstrt fortdauern knnte.

Als ich erwachsen war, fand ich, da von allem das Liebesgefhl das
Unvergnglichste und Ursprnglichste ist und bleibt. Das Weltall
verjngt sich immer wieder durch Liebe. Liebe ist die Schpferkraft
des Alls. Wenn du von Liebe singst, knnen die Menschen der kommenden
Zeiten dein Lied miterleben, und das Lied wird nicht veralten, sobald
du es vom tiefsten Gefhl durchdrungen dichtetest.

So wie du ein vielhundertjhriges kleines Liebeslied von Walter von der
Vogelweide, das Lied "Tantaradei", heute noch beim Lesen erlebst, als
dichtete es nicht ein Toter, sondern dein Herz, so werden alle Lieder,
die das tiefe Liebesgefhl besingen, warm bleiben wie ein lebender
Krper, auch wenn das Herz, das das Lied gesungen, lngst ein Hufchen
zerkrmelter Staub ist.

       *       *       *       *       *

Solche Erkenntnisse waren in anderen Zeiten unntig, weil sie
Selbstverstndlichkeiten gewesen sind. Die Menschen anderer
Jahrhunderte haben sich nie ber die Liebeskraft Gedanken machen mssen
und nie der Liebe Schpferkraft betonen mssen.

Aber dieses war anders im letzten Jahrzehnt des neunzehnten
Jahrhunderts, wo man achselzuckend von Liebesdichtern, Liebesliedern
und von jeder selbstverstndlichen Liebesinnigkeit sprach. Die
Menschen damals und viele auch heute noch meinten, das Liebesgefhl
wre dichterisch so grndlich ausgebeutet worden, da man nicht mehr
darber dichten, nichts mehr darber sagen knne.

Denn viele schlechte seichte Romane und weichliche, aber nicht
leidenschaftsstarke Liebeslieder waren in der letzten Hlfte des
neunzehnten Jahrhunderts so reichlich verbreitet worden, da man
derartige Bcher und Gedichte gut genug fr schwache Frauen fand, aber
nicht ausreichend zur Erquickung fr den Mann.

Der Wert jener schwchlichen Liebesliteratur war aber im letzten Grunde
fr Mnner wie fr Frauen, welche vom Gedicht echte Empfindung und
keine Empfindsamkeit erwarteten, gleich Null. Und so verbreitete sich
die irrtmliche Ansicht, da die Liebesdichtung sich ausgelebt habe.

Und man meinte, da die Liebesdichter nur Sonne -- Wonne und Herz --
Schmerz reimen knnten. Diese Ansicht wre wohl zutreffend gewesen,
wenn die Dichter schwache, idealistisch empfindsame Naturen geblieben
wren, deren es so viele vor dem Umwerten aller Werte gab, ehe
in den achtziger Jahren knstlerische Selbstzucht einsetzte, die
sowohl die Musiker und die Maler, wie die Dichter packte und allen
europischen Lndern neues Kunstleben gab. In Deutschland waren es
Liliencron, Dehmel, Stefan George, Wedekind, die die Liebe in neuer
Weise verkndeten, teils in gesteigerter Leidenschaft, teils in
berraschenderer Ausdrucksweise, mit treffenderem und gewagterem neuen
Bilderreichtum und mit neuen Vergleichen.

Aber erst dem neuen Jahrhundert blieb es vorbehalten, die neue
Liebesnote dieser Dichter und ihre knstlerische Schnheit
anzuerkennen. In den zehn Jahren von 1890-1900, in welche Zeitspanne
meine Wanderjahre fallen, und ber die ich hier meine Gedanken
niederlegte, kmpften jene Dichtergeister noch um ihren Lorbeer. Die
Kritik und die Volksmeinung schlug damals mit Disteln nach denen, die
das Liebesfeuer in der Dichtung nicht untergehen lassen wollten, und
die die Verknder der herzlichen Leidenschaft blieben.

Sptere Jahrzehnte werden sich kaum vorstellen knnen, welches Kmpfen
um die selbstverstndlichsten Gefhle die Dichter und alle Knstler der
neunziger Jahre durchmachen muten.

Denn unter den Brgern herrschte damals eine allgemeine Abkehr in der
Kunst von den Liebesempfindungen fort. Man wollte nur Tagesfragen
bedichtet wissen, Soziales, Politisches, Philosophisches. Und
dasselbe forderte man von Roman und Drama, in denen es sich immer um
Entwicklung von Problemen und nicht um das Aufeinanderprallen von
leidenschaftlichen Gefhlen handeln sollte.

Jetzt neigt die Zeit wieder dem Gedichtelesen zu und dem
Leidenschaftlichen in der Dichtung. Die verschiedenen neuen Dichter
haben ihre verschiedenen neuen Formen gefunden, und das bedichtete
Liebesgefhl darf wieder seinen selbstverstndlichen ersten Platz
einnehmen, und der bedichtete Gedanke erhlt den zweiten Platz, wie es
zu allen Zeiten frher selbstverstndlich war.

Wre die Welt immer in harmonischem Gleichgewicht erlebt worden,
htte man nicht Gtterlehren ber Gtterlehren seit Tausenden von
Jahren gegrndet und eingerissen, dann wrde das Menschengeschlecht in
festlicher Selbstverstndlichkeit das Dasein erleben und immer wieder
erlebt haben. Aber Gtterfurcht und Menschenfurcht haben das, dem
Menschen ebenso wie allen Leben, angeborene Weltfestlichkeitsgefhl
getrbt.

Die Menschen haben ergrnden wollen, anbeten wollen, hinein
geheimnissen wollen, _da wo nichts anderes herrscht als das
geheimnislose, freie und in sich selbst andchtige Weltalleben, bei
dessen Festlichkeit wir alle zusammen Anbeter und Angebetete, Schpfer
und Geschpf zugleich sind_. So wie im Liebesverhltnis zwischen Mann
und Frau jeder Anbeter und Angebeteter zugleich ist.

Alle Leben, die ihr um euch seht, die Leben der groen Sterne und der
kleinsten Atome, sie schreiben ihre Lebenszeile. Und die Weltallrune,
an der alle Leben schreiben, an der wir alle leidenschaftlich
mitschreiben, sie zu entziffern, braucht es keiner Wissenschaft -- nur
Liebesgefhl.

Wer das Liebesgefhl erkannt hat, wer sich als Mann mit seiner Frau
als Angebeteter und Anbeter zugleich fhlt, dem offenbart sich die
Weltallgeheimschrift in ihrer unendlichen Klarheit, ohne Wissen und
ohne Denken, im einfachen herzlichen Festlichkeitsgefhl.

Und die Frau wie der Mann sind in diesem Gefhl gleichwertig klug,
gleichwertig weise, und sie gewinnen in der Liebeserkenntnis alles
Wissen aller Unendlichkeiten ohne Grbeln.

_Die Furcht vor Gttern und die Furcht vor Menschen wird auf der
Welt fr alle Zeiten berwunden sein, sobald die Menschheit wieder
die Weisheit der Weltallfestlichkeit annimmt, die den Vlkern im
Urzustand bereits Eigentum war._ Bei selbstverstndlichem Welternst
und selbstverstndlicher Weltfestlichkeit wird die im Liebesgefhl
selbstbewut gewordene Menschheit nie mehr verarmen.

       *       *       *       *       *

Ich will in einigen Stzen noch einen berblick geben zum Verstndnis
jener Weltanschauung, die ich fr die kommende halte:

     _Die Anschauung von der Weltfestlichkeit befiehlt dir nichts. Sie
     lt dich als freigeborener Mensch, nur der eigenen Verantwortung
     unterworfen, frei handeln, nachdem sie dir festgestellt hat, wer
     du bist, und gesagt hat: du bist der Besitz aller, und du selbst
     besitzt alles._

     _Daraus ziehe dann jeder ernste Mensch selbst die Schlsse
     fr seine Verpflichtungen und seine Ansprche an die
     Lebensfestlichkeit._

     _Die lebensfestliche Weltanschauung sagt dir: dein Lebensheil
     liegt in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Dein Heil erwartet
     dich nicht erst nach dem Tode. Denn du warst, du bist und du wirst
     ewiger Mitgenieer, Miterleber und Mitschpfer des Weltalls sein.
     Du trgst die Ewigkeit in dir. Du bist kein schwaches Geschpf.
     Du bist Schpfer und Geschpf immer zugleich gewesen und wirst es
     bleiben in Unendlichkeit._

     _Du brauchst nicht auf deine Erlsung zu warten. Du hast dich mit
     allen Leben zugleich selbst geschaffen, und du erlst dich von
     Leben zu Leben selbst, von ttigem Fest zu ttigem Fest._

     _Dein Wesen ist Schpferkraft; Ewigkeit ist dein Weg; und
     Seligkeit ist dein Urzustand._

     _Du nimmst Strafe und Lob von dir selbst und von allen, die mit
     dir leben, in Empfang. Aber deine Strafe und dein Lob, beide sind
     nicht ewig, so wie es deine Gestalt nicht ist, in der du Strafe
     und Lob erlebst._

     _Du verwandelst dich von Leben zu Leben, denn du willst immer
     schaffen, und dieses ist deine Lust und deine Seligkeit._

Sind jemals unter frheren Weltanschauungen Verbrechen,
Schlechtigkeiten, Kriege und Kmpfe abgeschafft worden? Nein. -- Und so
wird auch diese Weltanschauung nicht die notwendigen Verwandlungen,
nicht den Lebenswechsel, abschaffen knnen oder abschaffen wollen.
Begierden, gute und bse, werden mit jedem neuen Menschen, mit jedem
neuen Tier, mit jedem neuen Lebewesen neu geboren.

Das Wasser, das vom Himmel regnet, verdampft wieder in den Himmel
zurck. Es stirbt mit jedem Lebewesen aus dem Leben ein Herd von
Begierden. Aber mit jedem Neugeborenen kommt ein neuer Begierdeherd ins
Leben.

_Das Leben wird nicht besser und nicht schlechter, denn es war seit
Ewigkeit festlich in seinem Wechsel von Licht und Schatten, in seinem
Wechsel von Schuld und Unschuld eine Festlichkeit._

Aber, wenn ihr Menschen die Verantwortlichkeit des Lebens in Zukunft
auf euch selbst nehmt, wenn ihr wit, da ihr euch schafft, da
ihr eure Leiden wollt wie eure Freuden; da es nichts Besseres fr
euch gibt als das, was ihr schon besitzt, -- diese Erkenntnis von
der Weltfestlichkeit wird euch das Leben aufmerksamer, inniger,
teilnehmender aber auch sanfter, ruhiger und verzichtender im Wandel
von Leben zu Leben genieen machen. Diese Erkenntnis wird euch
aufrichten. Denn ihr wit nun, ihr seid im tiefsten Grund allwissend
und allgegenwrtig. Ihr seid der Herr eures Glckes und eures Unglcks.
Ihr seid Schpfer und Geschpf der Weltschpfung. Und alle, die ihr um
euch seht und hrt und fhlt, sind es mit euch.

_Welch eine Feststimmung bringt euch dieses Bewutsein, da ihr Herr
und Genosse der Ewigkeit und aller Leben seid!_

_Keine tote Welt, keine toten Dinge, keine Einsamkeiten bedrcken euch
mehr. Ihr wit, euer Leben liegt von euch gewnscht, erschaffen und
erhalten auf dem Weg der Ttigkeit, der Liebe und der Weisheit, von
Leben zu Leben, ewig vor euch._

Wenn ihr nun in euren Zimmern und auf allen Wegen, wo ihr unterm Himmel
weilt, wit, da ihr sogar mit allen Gegenstnden Gedanken, Eingebungen
und Erhebungen, unbewut und bewut, austauschen knnt und zugleich
wit, ihr seid von allen Leben, auch von den sogenannten toten Dingen,
verstanden und gefhlt, und es wird euch von ihnen geantwortet, -- _so
werdet ihr mehr von euch sehen als je, mehr fhlen und mehr erleben
als je, und ihr werdet der Welt mehr Augen, mehr Hnde, mehr Ohren und
mehr Herzen geben, und auch der sogenannten toten Welt um euch, der
ihr frher aus Unverstndnis das Leben abgesprochen habt. Und dieses
bewute oder unbewute Verstehen- und Sprechenlernen mit allen Dingen
bedeutet sowohl eine ntzliche als eine knstlerische Bereicherung
eures Daseins. Unerschpfliche Lebenseindrcke und Lebenserregungen
sind euch damit erschlossen, wenn ihr euch als den Besitz aller fhlt
und zugleich wit, da ihr alles besitzt._

Jetzt sind es bald dreiundzwanzig Jahre, da ich diese Erkenntnis
mit mir trage. Aus meinen Wanderjahren wird jeder ersehen, wie
schwer es mir war, mich an das neue Licht zu gewhnen, und wie ich
das Festlichkeitsgefhl noch nicht besa, als ich es nur im Geiste
aufgenommen hatte, und wie die Erkenntnis vom Fest des Lebens erst
allmhlich von meinem Krper Besitz ergriff. Mir war es zuerst, wie es
Aladdin ergangen ist in jenem Mrchen, als der Berg Sesam sich ffnete,
und der junge Mann die Haufen von kopfgroen Edelsteinen vor sich im
Dunkeln leuchten sah. Ich wute nicht, wo ich zuerst zugreifen sollte,
bis die Weltanschauung selbst von mir Besitz nahm.

Die da glauben, der Mensch allein fhre ein inneres Leben, nur er
sei fhlend, nur er sei klug und gerecht, denen erwchst ein Stolz,
der blind und unzugnglich gegen die anderen Leben im Weltall macht.
_Wer sich dnkt, mehr und besser zu sein, edler als die Tiere und die
Pflanzen und die Erde und alle Dinge, weil er ein Mensch ist, dieser
Mensch hat dadurch, da er so denkt, den Anschlu an die Welt und an
sich selbst an seinen eigenen Urzustand eingebt._

Als Kinder haben wir den Anschlu an die Welt unbewut mitgebracht.
Aber mit zu kurzem Weltverstehen schneiden wir spter den Anschlu ab
an unsere eigene angeborene Ewigkeit, den Anschlu an die angeborene
Weltallfestlichkeit, den feierlichen Anschlu zum Verstndnis aller
Leben, die auerhalb der Menschheit liegen.

_Nichts weiter als den uns angeborenen und nur zeitweise verloren
gegangenen Anschlu an das Weltall, an des Weltalls festliches Leben,
will ich mit meinem "Gedankengut aus meinen Wanderjahren" in den Lesern
dieses Buches erwecken und ins Bewutsein zurckrufen._

       *       *       *       *       *

In den siebzig Tagen und Nchten, whrend ich das Zimmer nicht
verlassen konnte und ich dieses Buch bedacht und geschrieben habe,
kam tglich nach Sonnenuntergang der Venusstern, der in diesem Winter
ungewhnlich stark leuchtend war, in das dunkle Fensterviereck
meines Zimmers. Der Stern hat mit seinem begeisterten Licht treu zu
meinen Gedanken gehalten und mir Kraft und Ausdauer gegeben, sie
niederzuschreiben. Der Stern stand wie ein geschliffener Stein im
Dunkeln, funkelnd wie das Ziel meiner Gedanken.

Ich stelle mir vor, ich htte den blitzenden Punkt in einen Ring fassen
knnen und htte diesen der Frau an den Finger gesteckt, die mit ihrem
Leben mein Herz in der Hand hlt, dann wrde sie nun ans Ende der
letzten Zeile dieses Buches den Ringstein, den Venusstern, als Siegel
aufdrcken, als Besttigung der erlebten Wahrheiten meiner Worte.

Mge der Liebesgeist und der lebensstrkende Glanz dieses Sternes durch
diese Bltter leuchten und im Namen aller Leben, aller Sterne und im
Namen unserer Erde diesem Buch das Geleit geben.

  _Wrzburg_, Ostern 1913

            _Max Dauthendey_




_Werke von Max Dauthendey_


                        Der Geist meines Vaters
            Aufzeichnungen aus einem begrabenen Jahrhundert
                Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark


                             Raubmenschen
                                 Roman
     Geheftet 5 M. 50 Pf., geb. in Leinen 7 M., in Halbfranz 9 M.


                     Die acht Gesichter am Biwasee
                     Japanische Liebesgeschichten
     Geh. 3 M. 50 Pf., in Pappband 5 M., in Halbfranz 6 M. 50 Pf.


                                Lingam
                          Japanische Novellen
 Geh. 2 M. 50 Pf., geb. in Leinen 3 M. 50 Pf., in Halbfz., 5 M. 50 Pf.


                          Die geflgelte Erde
           Ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere
              Geheftet 10 Mark, in Leinen 12 Mark 50 Pf.


                               Weltspuk
                      Lieder der Vergnglichkeit
                              2. Auflage
        Geheftet 2 M., gebunden 3 M. 50 Pf., in Halbfranz 5 M.


                   In sich versunkene Lieder im Laub
                              2. Auflage
            Geheftet 2 Mark 50 Pf., gebunden 3 Mark 50 Pf.


                             Lusamgrtlein
                      Frhlingslieder aus Franken
            Geheftet 2 Mark 50 Pf., gebunden 3 Mark 50 Pf.


             Die ewige Hochzeit -- Der brennende Kalender
                              2. Auflage
                   Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark


                           Der weie Schlaf
                       Lieder der langen Nchte
                   Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark


                  Bnkelsang vom Balzer auf der Balz
         Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, auf Btten 10 Mark


                    Die Spielereien einer Kaiserin
         Drama in vier Akten, einem Vorspiel und einem Epilog
          2. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark 50 Pf.


                           Der Drache Grauli
                                 Drama
                   Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark


                          Die Heidin Geilane
                               Tragdie
                   Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark


     Wir bitten, den Sonderprospekt (mit dem Bild des Dichters und mit
     Abdruck der Besprechungen) zu verlangen


                    Albert Langen, Verlag, Mnchen


Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche typografische Fehler sowie Zeichensetzungsfehler wurden
korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Gedankengut aus meinen Wanderjahren.
Zweiter Band, by Max Dauthendey

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDANKENGUT AUS MEINEN ***

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