The Project Gutenberg EBook of Die Ursache, by Leonhard Frank

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Title: Die Ursache
       Erzhlung

Author: Leonhard Frank

Release Date: September 22, 2014 [EBook #46928]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE URSACHE ***




Produced by Jens Sadowski





                           21.-25. Tausend




                            LEONHARD FRANK
                             Die Ursache
                              Erzhlung


                                 1929
                      Im Insel-Verlag zu Leipzig

              Copyright 1915 by Insel-Verlag in Leipzig

                         Lisa Ertel gewidmet




1


Nach vierzehn unter der stndigen Beobachtung verbrachten Jahren, da er
eine entlarvte Illusion nach der andern fr eine Portion Seelenschmutz
hatte hingeben mssen, versprte der vermgenslose Dichter Anton Seiler
im Winter 1907, ohne die Ursache zu kennen, unvermittelt und heftig den
Drang, von Berlin in die kleine Stadt zu reisen, wo er als Sohn eines
Wagnergesellen auf die Welt gekommen war.

Die resultatlos verbrauchte Energie hatte sein Gesicht scharf gemacht
wie das eines gefhrlichen, rcksichtslosen Verbrechers. Alle Reisenden
im Abteil fhlten einen Widerstand, den Dichter mit in die Unterhaltung
zu ziehen. Und alle verstummten vor Verwunderung, weil ganz unerwartet
die scharfe Verbrechermaske seines Gesichts von einem traurigen Lcheln
zerbrochen wurde, als er dem im Seitengang stehenden kleinen Mdchen
zunickte.

In der Nacht vor dem Reiseentschlu hatte der Dichter von einem
bestimmten Schulausflug, durch den heimatlichen Laubwald, getrumt: der
gefrchtete Lehrer Mager geht voraus, wendet sich drohend um. Da
wechseln, wie damals, die fnf Rehe ber den Weg. Besonnte Morgendmpfe.
Vogelgeschrei. Die Frhlichkeit geht durch mit dem Achtjhrigen, ber
den gefhrlichen Lehrer weg, reit alle Schulkameraden mit. Von Ast zu
Ast mit dem Eichhrnchen in die Hhe fliegend, sitzt er auf dem letzten
wippenden Zweig der Baumkrone und singt lachend in wildem Glck zum
blauen Sommerhimmel hinauf. Tief unten staunen die Schulkameraden.
Pltzlich ist der Himmel tintenschwarz. Alle sitzen, Milch trinkend,
frhlich im Wirtshausgarten -- er allein steht vor dem Zaune. Der Lehrer
Mager hlt ein kirchturmgroes Milchglas in der Hand, in der anderen das
heie Herz des Dichters, stopft es ihm ins Gehirn und schliet den Kopf
wieder. Mit diesem ununterbrochen schmerzhaft zuckenden Druck hinter der
Stirn erlebt der Dichter viele peinigende Demtigungen spterer Jahre
traumhaft vergrert noch einmal.

Die Fingerngel tief in die Kopfhaut gekrallt, in dem Bemhen, das
Gehirn freizulegen und den Druck herauszureien, erwachte er, wute
nicht mehr, was er getrumt hatte.

Und fand sich etwas spter pltzlich auf dem Bahnhof, sah dann
stundenlang gedankenlos aus dem Fenster auf die vorbergleitende
Landschaft.

Tanten, Anfangsgrnde! hrte er wie aus weiter Ferne den ihm
gegenbersitzenden Herrn zwei Damen zurufen.

Ja, das ist keine Erziehung. Die Damen waren klein und trugen beide
Klemmer. Die vier kurzen Beine baumelten gleichmig ber dem
Kokosteppich.

Der Dichter war vergebens bemht, sich an seinen Traum zu erinnern.

Die eine Dame sagte: Wenns auch pedantisch ist, das ist ganz gut fr
den Jungen.

Ja, ich kann auch gar nicht anders. Anfangsgrnde sind die Hauptsache,
Tanten.

Ganz gut fr den Jungen!

Nein . . . es ist nicht gut fr den Jungen, sagte der Dichter
pltzlich und sah die Damen an.

Was meinen?

Nichts . . . Es ist eben auf keinen Fall gut fr den Jungen.

Der Schaffner rief etwas Unverstndliches. Der Zug fuhr langsam in die
Station ein.

Das Gesicht des Dichters war wieder gespannt und scharf.

Aus dem Gefhle heraus, da die Reisenden nicht nur weiterfuhren,
sondern immer an ihm vorbeigefahren waren, verlie er, ohne zu gren,
unsicher das Abteil und den Zug. Verlegen empfand er beim Durchqueren
der Bahnhofshalle den Kontrast zwischen seinen neuen eleganten
Lackschuhen und dem alten, fleckigen Anzug.

Auf der Treppe blieb er zurckweichend stehen vor dem bekannten Platz,
den Kirchtrmen, dem Geruch der Heimatstadt. Rasend schnell durchliefen
die Erinnerungen sein Gehirn: Armut, Prgel, Demtigungen, Schulqualen;
so da er den Kopf einzog und geduckt gegen die Stadt blickte. Dieses
bse Tier hat mir die Seele krank gemacht, flsterte er. . . . Nein,
ich habe kein Gepck.

Der Dienstmann trat wieder zurck zu seinen Kollegen; und der Dichter
fhlte sich geschlagen, als er die geringschtzig musternden Blicke der
Dienstmnner sah.

Ich habe doch lngst erfahren, da ich ohne Gepck kein Mensch bin,
sagte er, nachdem er sich die ganze Bahnhofstrae hinuntergeqult hatte
-- und schaukelte erschrocken gegen ein Schaufenster, denn er war der
Meinung, der schrg ber die Strae auf ihn zukommende Herr sei Herr
Mager, sein frherer Lehrer.

Ein Schuster, der ein Paar schwebende Rhrenstiefel an den Stulpen trug,
begrte den Herrn mit dem Titel Kanzleirat. Der trat, mit den Hnden
fuchtelnd, wtend und schnell von einem Fu auf den andern und
beschwerte sich. Der Schuster beugte sich hinab, drckte das Oberleder,
zuckte die Schultern -- gegen das Knarren sei nichts zu machen. Der
Kanzleirat fauchte speichelspritzend den Schuster an, schritt knarrend
davon.

Und dem Dichter, der auf der ganzen Reise vergebens darber
nachgegrbelt hatte, was ihn zwang, die Heimatstadt zu besuchen, war von
dem unvermittelten gierigen Ha auf seinen Lehrer die Denkfhigkeit
vollkommen niedergeschlagen worden.

Noch immer lehnte er gelhmt am Schaufenster und sah dem Kanzleirat
nach, den er fr seinen Lehrer gehalten hatte. Nur allmhlich stellte
sich die Denkfhigkeit wieder ein und mit ihr die vom Lehrer empfangenen
Demtigungen, die er in den vierzehn Berliner Jahren oft und kritisch
durchdacht hatte. Diese Gemeinheiten knnen nicht der Grund meines
unvermittelten Hasses sein, sagte er langsam.

Ist es denn aber mglich, da ein Mensch als Kind qualvolle Erlebnisse
hatte . . ., von denen er nichts mehr wei, die aber in seinem
Gefhlsleben ein dunkles Dasein weiterfhren und pltzlich einen
Haausbruch verursachen?

Der drckende Klumpen unter seinem Brustbein sprach dafr.

Aber was war es? Was? flsterte er, schlo die Augen und horchte, ohne
zu denken, nach innen -- glaubte pltzlich, Kaffeegeruch zu riechen,
sieht den Vater morgens die Wohnung verlassen, eine Frau, die zum
Fenster hinaus Karo ruft. -- Erinnerungsfetzen, welche er anfangs in
keinen Zusammenhang bringen konnte, die sich jedoch durch ein weiteres
Glied (der Hund fhrt klffend nach ihm) zu einem ganz bestimmten
Schultage verdichteten. Seine Beklemmung steigerte sich; er sieht die
Bankreihen, frohe Aufregung unter den Schlern. Pltzlich wurde er hei.
Wegen des Schulausfluges.

Schulausflug? flsterte der Dichter immer noch, als er schon die enge,
dumpfriechende Treppe zur Elternwohnung hinaufstieg. Belastet und
verwirrt blieb er vor der Gangtr stehen, ohne zu luten, weil er
fhlte, da er nahe daran war, die Ursache seines Hasses gegen den
Lehrer zu finden. Schulausflug durch den Wald . . . Wald. Da verlor er
das Gedchtnis, so gnzlich, da er nicht wute, wo er sich befand, als
der Vater die Tr ffnete und erstaunt zurckwich, weil ihm sein Sohn
tckisch . . . tckisch ins Gesicht sagte.

Ganz schnell rief der Dichter dem Vater zu: Wart, wart, wart! Und:
Ah! . . . Aha! Ja, ich wollte euch einmal besuchen.

Kommst du endlich einmal zu uns?

Ja, wegen des Lehrers . . . Vielleicht bin ich wegen des Lehrers
gekommen.

Wegen des Lehrers? . . . Gehe nur hinein, Anton, zur Mutter. Ich mu in
die Singprobe.

So? . . . Bist du immer noch Vorstand vom Gesangverein >Zwischen grnen
Bumen<?

Ja freilich! Der Vater lchelte freundlich und schttelte seinem Sohne
schnell die Hand zum Abschied, um rechtzeitig in die Singprobe zu
kommen. Gehe nur hinein zur Mutter.

Schweina trat er der Mutter entgegen.

Der stiegen die schnellen Trnen in die Augen.

Nun, Mutter, sagte er weich. Nein nein! Und er drckte das
Schluchzen zurck.

Das wei ich nicht, wie lange ich hier bleibe.

Die Mutter legte den alten Kopf in die Hand, an den Mund die kleinen
Finger, die von der Scheuerarbeit stumpf geworden waren.

An was denkst du denn, Mutter?

In diesem Bett schlft der Vater, deutete sie, und ich in dem.

Der Dichter sah umher im einzigen Zimmer, in dem nichts verndert war.
Nur der Stahlstich nach einer Kreuzigung von Rubens fehlte. Ich schlafe
eben wie frher neben dir auf dem Kanapee . . . Wo ist denn der
Christus?

Den hab ich fr eine Mark verkauft.

So, du hast den Christus verkauft? . . . Unsern Christus.

Ja. O Gott! Es ging nicht anders. -- Womit soll ich denn deine schnen
Schuhe putzen? Wir haben nur unsere Fettglanzwichse.

. . . Jetzt mu ich dich aber doch fragen, Mutter. Sag, bist du
wirklich so viel kleiner geworden? Er sah verwundert hinunter auf ihren
weien Scheitel.

Und sie lchelnd auf zu ihm. . . . Ich war doch nie grer.

Und das Leben knnte so schn und hell fr alle sein, dachte der
Dichter. -- Arbeit, Freiheit. Eine Frau mit weiem Gesicht und dunklen
Augen. Das Schlafzimmer . . . schn beleuchtet. Hast du's erfahren,
Mutter? Einsperren wollten sie mich, wegen meines Artikels.

Ja, ich habs gelesen . . . Ich hab ihn aber verstanden. Ich sag dir,
ich hab deinen Artikel ganz gut verstanden.

Unversehens wurde der Dichter heiter. Sie nannten mich einen
Weltverbesserer.

Ja, ja . . . Wenn der Vater nchstes Jahr wirklich die drei Mark
Wochenlohn mehr bekommt . . ., dann gehts uns auch besser. Dann wirds
schn sein.

Sechzig ist der Vater jetzt?

Oh! ins Siebenundsechzigste geht er.

Guter Gott, dann wirds schn sein, glaubt sie. Immer noch Illusionen,
immer noch, dachte der Dichter. Und sein Leben lag entlarvt und gemein
vor ihm. Dann wirds schn sein, sagte er zrtlich zur Mutter, in
pltzlicher, trauriger, ungeheurer Liebe, worauf die Mutter beglckt ihn
neben sich aufs Kanapee zog.

Und durch die nach vierzehn tdlich harten Jahren zum ersten Male wieder
empfundene Weichheit schritt aufrecht der Lehrer. Das Gesicht des
Dichters wurde spitzig.

Es klingelte.

So starr blickte der Dichter zur Wand, da er das Aufstehen der Mutter
nicht bemerkte, die lautlos aus dem Zimmer ging.

Schulausflug . . . durch den Wald, tastete er, den Atem angehalten,
und horchte dabei auf das Schimpfen der fremden Stimme in der Kche.

Wie ein junges Mdchen sieht sie jetzt aus, dachte der Dichter gerhrt,
als er seine Mutter ansah, die verlegen zurckkam. Bis zum weien
Scheitel stieg in ihr die Schamrte.

Seine Gedanken kehrten sofort zum Schulausflug zurck.

Die Milch . . .

Die Milch? unterbrach der Dichter entsetzt.

Weil ich die Milchrechnung nicht bezahlen konnte.

Halt! brllte er und sprang auf. Nein, still!! Mit der Hand hielt er
die Mutter weg und blickte starr auf das Schulerlebnis, das jetzt scharf
aufhellte. Sein ganzer Krper begann zu zittern, sein Gesicht verzerrte
sich wie das eines Verfolgungswahnsinnigen, den der Arzt in eine Krise
versetzt hat. Bebend klammerte er sich an die Mutter an -- der Traum
blitzte auf. Und seine weien Lippen formten die Worte: Weil ich bei
dem Schulausflug die zehn Pfennige nicht hatte, um das Glas Milch
bezahlen zu knnen . . .

Anton! Anton! O Gott! Was ist denn! Trink Wasser . . . Willst du ein
Glas Milch?

. . . lie mich der Lehrer nicht mit ins Wirtshaus gehen. Ich mute vor
dem Zaune stehen . . . vor allen Schulkameraden.

Er stie ein klagendes Wimmern aus.

Anton, komm doch zu dir! Ich geb dir Wasser . . . ein Glas Milch!

Da flehte der Dichter kindlich: Oh, bitte, Glas Milch . . . Mir auch
Milch.

Als die Mutter zurckkam, war die Krise vorber. Wunderbar lchelnd sa
er auf dem Kanapee und nahm, glcklich wie ein Knabe, die Milch aus der
Mutter Hand. Acht Jahre war ich alt, damals.

Was ist denn?

Ganz vergessen hatte ich es.

Was redest du?

Spter. Ich erzhle dirs spter. Er hob das Milchglas. Die ist nicht
bezahlt?

Jetzt warum redest du so . . . Das richt ich schon alles noch.

Mutter, Milch mu man bezahlen knnen . . . Sonst leidet man
zweiundzwanzig Jahre lang darunter.

. . . Dich versteh ich nicht mehr.

Er stellte das Milchglas auf den Tisch zurck, ohne getrunken zu haben.
Ihr seid also immer noch so furchtbar arm wie frher?

Oh, Anton! . . . Aber wenn der Vater jetzt die drei Mark mehr bekommt,
dann gehts uns besser. Wir sehn getrost in die Zukunft.

So wird man zum Weltverbesserer.

Das Brot soll jetzt auch um sieben Pfennige billiger werden . . .
Erinnerst du dich noch: als Junge bist du oft im Dunkeln mit einem Sack
an die Rckseite der Infanteriekaserne geschlichen.

Um billiges Kommibrot von den Soldaten zu kaufen.

Die wollen lieber Weibrot essen.

Und einmal haben die Soldaten einen Eimer voll Splwasser ber mich
geschttet, anstatt mir Brot zu geben.

Tropfna bist du nach Hause gekommen. Die Mutter legte dem Dichter die
Hand auf die Schulter und lachte. Wie ein Hund, der ins Wasser gefallen
ist. So na. Oh, und fettig warst du!

. . . Und der Vater hat mich geprgelt dafr.

Ja no, weil halt dein ganzer Anzug verdorben war. Der Dichter sagte
nachdenklich: Viele solche Sachen . . . Aber das eine, das mit der
Milch, habe ich nicht mehr gewut.

Trink sie doch!

Warum nicht!

Und ich mu jetzt ins Bett, Anton. Um fnf Uhr frh geht der Vater auf
die Arbeit. Ich richt dir das Kanapee zum Schlafen.

An der Fensterwand hing die Schwarzwlder Uhr. Sie legten sich nieder.

Der Perpendikel ging zwischen Mutter und Sohn hin und her.

So viele Familien es gibt, so viele Wohnungsgerche gibt es, dachte der
Dichter. Hier riechts nach Schwei und sem Stroh, flsterte er im
Halbschlaf, nach Vater.

Der kommt auch bald heim.

Das Kfiggitter ist aus Gold.

Was sagst du?

Nein, ich hab doch kein Gepck!

Schlfst du? Die Mutter horchte auf die Atemzge ihres Sohnes und
verlschte die Kerze.

                   *       *       *       *       *

Am andern Tage, beim Spaziergang durch das Heimatstdtchen, schienen dem
Dichter die Huschen kleiner geworden, zusammengeschrumpft, zur Hlfte
in die Erde gesunken zu sein.

Als er noch einmal durch die einzige Geschftsstrae ging, war er schon
im Bilde seiner Jugend. Nichts hatte sich verndert im Stdtchen. Nur
dreiig Meter Asphalt waren in der Geschftsstrae gelegt worden.
Unauffllig beobachtete er die Brger, die stehen blieben und sich
befriedigt ber den Asphalt unterhielten.

Der Dichter ging ins Caf, durchbltterte die neuesten Zeitungen und
fand, da er sie schon vor seiner Abreise in Berlin gelesen hatte. Wie
einen Automobilrennfahrer, dessen Motor auf der Strecke aussetzt, befiel
ihn Beklemmung, in dem Bewutsein, sich in einer Stadt zu befinden, die
drei Tage hinter der Welt herlebte.

Die de steigerte sich, da es ihn beim Rckweg wieder zur
Geschftsstrae zog, die ihm schon nichts mehr Neues bot.

Eigensinnig bog er in die Lochgasse ein. Die war dunkel und so eng, da
die Dachrinnen der krummen Huserreihen einander fast berhrten.

Erst als er schon vor dem Hause stand, dachte er daran, da auf seine
Frage hin die Mutter ihm gesagt hatte: Herr Lehrer Mager wohne jetzt in
der Lochgasse.

Frher wohnte er doch am Rennweg. Der Dichter las den Namen auf dem
Porzellanschild, blickte am Hause empor und fragte sich mitrauisch,
wieso denn erst jetzt, da er schon vor dem Hause stand, ihm einfiel, da
die Mutter gesagt hatte: der Lehrer Mager wohne in der Lochgasse.

Da erinnerte er sich, da er nach dem ergebnislosen Versuch in der
Eisenbahn, sich seinen Traum ins Gedchtnis zu rufen, flchtig daran
gedacht hatte, den Lehrer zu besuchen. Dieser wiederholten
Vergelichkeit wegen steigerte sich sein Mitrauen. Fehlt mir
vielleicht der Mut, den Lehrer zu besuchen, weil ich diese Angelegenheit
zweimal von mir wegschob?

Und pltzlich klopfte rasend sein Herz, bei dem Entschlu, die Treppe
hinaufzusteigen. Die Angst des Schulknaben war ihm in die Brust
gesprungen. In Gedanken stand er vor dem Lehrer: achtjhrig. Und mute
die Augen schlieen und die Hnde tastend vorstrecken, um ein Minimum
von Selbstbeobachtung erbrigen zu knnen.

Aber ich bin doch dreiig Jahre alt, sagte er laut, las grbelnd den
Namen auf dem Schild, klinkte die Haustr auf -- da stiegen Jahre und
Erfahrung von ihm weg in die Luft. Als Schulknabe schlich der Dichter
angstbehangen aus der dunklen Lochgasse.

Es ist mir also unmglich? fragte er und blieb stehen, in der sonnigen
Geschftsstrae. Bring die Furcht nicht heraus aus mir? . . . Ist das
mit allem empfangenen Leid so? fragte er ganz langsam. Dann trge der
Mensch alle erlittenen Demtigungen mit sich herum? Bis ins hohe Alter.
Sein ganzes Leben wrde davon bestimmt?

Gott, ich fahre sofort nach Berlin zurck. Was geht mich der Lehrer
an, sagte er und ging in der Richtung seiner Elternwohnung, um Abschied
zu nehmen.

Im Spiegelglas eines Schaufensters sah er sein Gesicht -- ein trotziges
Schulknabengesicht. Verblfft starrte er es an, so da es sich unter
seinem Blicke zu einem verblfften Mnnergesicht verwandelte.

Mit Trotz ist nichts erledigt, flsterte er.

Und ohne da er bewut den Willen dazu hatte, wandte er sich um und
eilte, dicht an den Huschen entlang, fluchtartig direkt zum Bahnhof.




2


Den Sack mit Ihren Sachen habe ich auf den Speicher getragen, sagte
die Berliner Wirtin und blieb kampfbereit im Vorzimmer stehen. Mein
neuer Zimmerherr hat die zwei Groen vornehinaus gemietet. Und da hat er
Ihre Kammer dazu gewollt.

Ich hatte ja nicht gekndigt. Der Dichter blickte unausgesetzt aufs
Flurfenster, gegen das die harten Schneeperlen prasselten.

Mein neuer Herr hat gleich fr zwei Monate vorausbezahlt.

In vierzehn Tagen bekomme ich ganz bestimmt zwanzig Mark. Damit htte
ich Ihnen meine Schuld bezahlt.

Die zwanzig Mark sollen Sie jetzt schon . . . ich wei gar nicht, wie
lange Sie die schon bekommen sollen. Es ist ja mglich, da Sie einmal
zwanzig Mark bekommen . . . Mein neuer Herr bezahlt mich im voraus.

Ich bezahle auch.

Sie sagen immer: ich bezahle . . . Es ist ja mglich.

Aber Sie stehen der Sache skeptisch gegenber, rief frhlich der
eintretende neue Zimmerherr und reichte seinen Zylinder der Wirtin,
deren fettige Hnde die Schrze erst eifrig rieben.

Whrend sie den Zylinder vorsichtig hielt, zog der neue Herr seinen Pelz
aus. Und verbeugte sich: Doktor Wiener.

Der Dichter sah gleich wieder zurck aufs schneebeschlagene Flurfenster.
-- Was hab ich hier noch zu suchen? Meinen Sack und fort!

Von Ihnen wei ich alles, alles, Herr Seiler. Sie kenne ich wie meinen
Bruder, sagte Doktor Wiener und ttschelte der erschreckenden Wirtin
beruhigend die Schulter. Sein Tonfall sank: Was wollen Sie, warum soll
denn der Mensch nicht plappern? Doktor Wieners gesundrotes, hbsches
Gesicht lachte ununterbrochen. Sein blondes Schnurrbrtchen sprhte
Frische und Glanz.

Der Dichter dachte: entweder fort, oder ein gleichgltiges Gesicht
machen!

Also, in einem Vierteljahr bernehme ich das Sanatorium meines alten
Herrn, sehen Sie, und bis dahin praktiziere ich noch in der Klinik. Da
bin ich fast den ganzen Tag nicht zu Hause. Sie knnen demnach ruhig in
der Kammer wohnen, Herr Seiler. Darum handelt sichs doch . . . was?

Wenn Sie denken, stotterte der Dichter und suchte, trotz seiner
Verlegenheit, herauszubekommen, was fr ein Parfm vom Doktor
ausstrmte. Ich knnte ja ein ganz anderes Zimmer suchen gehen.

Ganz anderes? . . . berhaupt, bei dem Wetter! Papperlapapp! Sie
bleiben hier, schnitt der Doktor das Gesprch ab. Ist gut geheizt bei
mir?

Jaaa, freilich, angenehm durchwrmt.

Ist ja groartig! rief der Doktor, ohne die Wirtin anzusehen, die
neben ihm herlief und beteuernd auf ihn einredete.

Na, da holen Sie halt Ihren Sack wieder runter! sagte sie, nachdem der
Doktor in seinen Zimmern verschwunden war.

Und als der Dichter neben seinem Sack in der Kammer sa, dachte er
darber nach, ob er auf eigene oder auf des Doktors Rechnung die Kammer
bewohne.

Wo waren Sie denn heute nacht wieder? Sie stand unter dem Trrahmen.

Nirgends. Gar nirgends!

Das geht nicht. Die Leute im Haus . . . Und berhaupt!

Der Dichter wandte sein einziges Mittel an, die Wirtin in Bewegung zu
setzen: blickte ihr wortlos in die Augen, die abschweiften, wieder auf
den Dichter sahen, in die Ecke.

Dann hrte er sie in der Kche schimpfen.

Melancholisch hob er die zwei Zipfel in Nasenhhe -- der Sack spie alte
Schuhe aus, einen Haufen schmutzige Wsche, Kerzenstummel,
Manuskriptfetzen.

Es klopfte -- und Doktor Wiener trat auch gleich ein, im Hausanzug von
wattierter Seide.

Der Dichter schleuderte den Sack -- eine Kaffeemhle fiel auf den
Wschehaufen und polternd auf die Dielen.

Donnerwetter! Hier bei Ihnen ists kalt.

Kalt.

Oho, man fats tief auf. Der Doktor setzte sich auf die
Schreibtischecke.

Der Dichter dachte gereizt, vorhin hat er ber mich verfgt. Haben Sie
schon einmal darber nachgedacht, weshalb Ihre Existenz so groartig
glatt ist, whrend Millionen Menschen ihr Leben in Dreck und Elend
verbringen mssen?

Oho!

-- Er verschanzt sich hinter sein lustiges Oho. Und dabei sind Sie
vielleicht noch besser als viele andere. Aber Ihr Oho gengt nicht
. . . Glauben Sie nicht, da man hin und wieder auch von diesen Dingen
reden kann, ohne deshalb ein tiefer August sein zu mssen?

Der Doktor senkte den Blick vor dem erbitterten Gesicht. Natrlich
traurig, da es so viel Elend auf der Welt gibt.

Denken Sie darber nach. Wer das nicht tut, ist ja wirklich ein
Schurke.

Aber ich bitte Sie, Herr Seiler!

Der Dichter trat ganz nahe an den Doktor heran. Sein Gesicht verzog sich
in Selbstverachtung. Ich empfinde die Not der Allgemeinheit vielleicht
nur deshalb, weil ich selbst aus Not ein Schwein geworden bin . . .
Materielle Not verursacht Seelennot, versaut die Seele.

Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar, versuchte der Doktor,
sich aufzuraffen.

Weil ich Ihnen erlutert habe, wieso wir beide Schweine sind? Ich, weil
ich mein Leben lang alle mglichen demtigenden Schweinereien beging, um
nicht zu verhungern, und Sie, weil Sie nicht darber nachgedacht haben,
weshalb zahllose Menschen vor Elend krepieren oder zu Halunken werden?
. . . Es hat kein Mensch das Recht, eine glatte Existenz zu haben.

Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar.

Ich kenne einen Menschen, der nicht schlechter ist als Sie und
ausgerechnet hat, da er vierzehn Jahre lang jhrlich drei- bis fnfmal
Mittagessen hatte.

Man siehts Ihnen an. Sie sollten Eisen nehmen.

Der Dichter unterdrckte seinen Zorn und lchelte wirklich. Um mir
Appetit zu machen, den ich nicht stillen kann. Da sah er, da der
Doktor mit Verlegenheit kmpfte, und der Gedanke, den Doktor um Geld zu
bitten, verursachte auch ihm Verlegenheit. So sahen sie einander an.

Da rede ich groe Worte, und zum Schlu schrumpft das Ganze zu dem
Verlangen zusammen, Sie anzupumpen.

Aber ich bitte Sie, der Selbsterhaltungstrieb gibt Ihnen recht . . .
schlielich. Lassen Sie mal gut sein. Kommen Sie rber zu mir. Sie sind
mein Gast. Fertig!

Der Dichter rief wtend: Warum sagen Sie nicht wieder: Papperlapapp!

Und der Doktor lchelte zufrieden, warf das Kinn zur Brust, die Arme
seitwrts. Der Kampf ums Dasein . . .

Ist eine von den Menschen erfundene Gaunerei! Der Planet kann alle
erhalten, die er hervorbringt.

Planet! Planet! Ihnen fehlts nur an gesundem Menschenverstand, sagte
der Doktor und legte dem Dichter die Hand vterlich auf die Schulter.

Der trat flammend zurck. Und der Zorn in seinen Augen wurde sichtbar zu
Hohn. Er sagte deutlich: Da erlaubt sich eine kleine Minderheit, den
Verstand von Abermillionen so krank zu machen, da sie in ihrem Elend am
Ende schon glauben, das Elend msse sein. Und fr diese die Erde
verdunkelnde Niedertracht nimmt die Minderheit den gesunden
Menschenverstand in Anspruch.

Der Doktor lachte: Das haben Sie hbsch gesagt. Und rief frhlich: Es
kommt eben auf die Kraft an. Der Strkere setzt sich durch . . . Und das
ist ganz in Ordnung.

Auf Kosten der Unterdrckten mit Brutalitt sich durchsetzen, ist nicht
in Ordnung, sagte der Dichter und ging zu seinem Sack.

Wieso Brutalitt?

Er hatte die Kaffeemhle aufgehoben und drehte beim Sprechen. Die
Herren des Lebens knnten sich sagen: die Unterdrckten haben Augen wie
wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das
Leben zu genieen.

Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . . Ich hab ihn
nicht! Er lie die Kaffeemhle senkrecht auf den Wschehaufen fallen
und sah den Doktor an.

. . . mu Ihnen doch sagen, da ein gebildeter Mensch feiner
organisiert ist und demzufolge andere Bedrfnisse hat als . . . unsere
Wirtin.

Hn? . . . Das Genuverhltnis darf sich differenzieren zwischen sthet
und Klosettreiniger? . . . Der Herr und sthet des Lebens ist ein
unsthetischer Verrter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergit,
da auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das
mte die Minderheit eigentlich demtig machen, wie?

Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenber.

Ach nein, ich bin ganz einfach.

Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die
Hfte. Wie wollen Sie denn dem Tchtigen und Glcklichen, der ein
sorgenloses Leben fhrt, klarmachen, da er nicht viel mehr wert ist als
der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler. Seine Finger
zappelten ber dem Kopfe. Nein nein nein! Das Leben ist anders.

Der Dichter schwieg.

Der Doktor sagte: Hier ists frchterlich kalt, und zog frstelnd
seinen Hausrock ber der Brust zusammen. Trinken Sie einen Kognak bei
mir.

Da sah der Dichter mit einem Blick von Berlin in seine Heimatstadt --
dem Lehrer Mager direkt ins Gesicht. Und der Doktor sah die starren
Augen des Dichters an, die nicht mehr in der Kammer waren.

Kommen Sie mit hinber.

Einen Likr?

Ja, oder alten Kognak.

Die Augen kehrten zurck in die Kammer zum Doktor. Der Dichter schauerte
zusammen.

Und als er dem Doktor in den durchwrmten, eleganten Salon folgte, blieb
er im Trrahmen stehen, damit die Wrme in die kalte Kammer strme.

Schlieen Sie, es geht kalt herein.

Der Dichter ffnete die Tr ganz, ging sehr langsam zum Wschehaufen
zurck und tat, als suche er etwas.

Die Kammer fllte sich rasch mit Wrme.

Wissen Sie, sagte er und blieb wieder in der offenen Tr stehen, Ihr
warmer Salon und meine kalte Kammer illustrieren gut das Besprochene.

Aber machen Sie nur schon endlich zu!

Ich sagte Ihnen ja, da wir beide schmutzig sind . . . Ich mache
allerhand kleine Schweinereien -- schinde Wrme; und Sie geben
freiwillig keine ab. Er schlo die Tr.

Ach deshalb! Bitte, ffnen Sie doch, ich nehme eine Decke um, sagte
der Doktor und machte ein abweisendes Gesicht.

Die Stimme des Dichters wurde immer strker. Seit Jahrtausenden
verlangt der Mensch brllend, stinkend demtig, sthnend, irrsinnig, da
der Planet ihn ernhre . . . Ich hasse die Reprsentanten all derer, die
das verhindern.

Da habe ich mir etwas aufgeladen, dachte der Doktor und sagte
unfreundlich: Na na, nicht so laut! Er zndete das Nachtlicht an. Der
gesunde Menschenverstand sagt einem doch, da es Unterdrckte und
Unterdrcker geben mu. So ist das Leben . . . Trinken Sie doch Ihren
Kognak! Er machte weitere Vorbereitungen zum Schlafengehen.

Und der Dichter hielt sich fr hinausgeworfen. Er sagte gedemtigt:
Arbeiten mu ich auch noch heute, verlie hastig das Zimmer und schlo
die Tr.

Ah, Sie wollen schon gehen, schade.

Hat er wieder ber mich verfgt. Starr blickte der Dichter auf den
Wschehaufen. Und whrend er den Zettel entfaltete, den die Wirtin auf
den Muschelschreibtisch gelegt hatte, flsterte er: Gegen Doktor
Wieners kommen wir nicht auf, kommen wir nicht auf, nie auf . . . wenn
wir etwas von ihnen brauchen.

Wie immer nach solchen Erlebnissen, schien es ihm unmglich zu sein,
Wrde in sein Leben zu bringen, und der Ekel vor sich selbst versetzte
ihn in letzte Hoffnungslosigkeit.

Wenn Sie nicht bezahlen, mssen Sie morgen ausziehen. Herr Doktor
Wiener hat sowieso die Kammer mitgemietet, schrieb die Wirtin.

Vor Hunger begann sein Magen wieder zu schmerzen. Es wurde ihm bel vom
Geruch der alten Wsche; er schob sie unters Bett.

Beim Schein zweier Kerzenstummeln versuchte er zu arbeiten.

Der Wunsch nach des Doktors Kognak qulte ihn. Whrend er schrieb,
beschftigte ihn ununterbrochen die Frage, von wem er etwas Geld
bekommen knne fr die Miete. Es fiel ihm nur das Straenmdchen ein,
das er einmal kennen gelernt hatte.

Ohne da er sich dessen bewut geworden war, hatte er auf den
Manuskriptrand geschrieben: Kann denn ein Mensch sich von einer Hure
Geld geben lassen? Hurengeld. Nachtgeld. Beinegeld. Schogeld. Mnner,
Mnner -- Schweinegeld . . . von den guten Mdchen?

Geben wrde sie es mir . . . Sie ist ja ein gutes Luder.

Wie wohl der gesunde Menschenverstand darber denkt, flsterte der
Dichter und trat zur verschlossenen Tr. Herr Doktor! Hren Sie! Herr
Doktor! . . . Glauben Sie, da ein Mann, der noch etwas auf sich hlt,
von einer Hure Geld annehmen kann?

Der Doktor fuhr im knarrenden Bett in die Hhe und schrie erschrocken:
Hallo! . . . Ist wer da!

Glauben Sie, da ein anstndiger Mensch sich von einer Hure Geld
schenken lassen kann?

Von einer . . . was?

Hure!

Hren Sie, eigentlich schlafe ich schon.

Man knnte sich ja sagen: schlielich hat auch die Hure Augen! schrie
der Dichter.

Gott, mag der Kerl sich meinetwegen aushalten lassen, rief der Doktor
rgerlich. Das ist ja nichts Neues.

Und der Dichter flsterte: Dann wrden wir eben einander wert sein,
meint er . . . Fr den gesunden Menschenverstand ist die Lsung einfach.
Aber ich, aber wir, wir, wir alle, wir betteln noch lieber die Hure an
als den gesunden Menschenverstand.

Automatisch griff er nach Mantel und Hut und verlie das Haus.

Es war gegen zwlf Uhr nachts. Der Kurfrstendamm war fast menschenleer
und unwirklich hell vom Schnee.

Der Dichter sah auf den Bettler, der, gegen die Gartenmauer gelehnt, im
Schnee sa und eintnig die Ziehharmonika spielte.

Ein berelegant gekleidetes Straenmdchen warf ein Geldstck in den Hut
des Bettlers, der sein Spiel unterbrach und ein anderes Lied zu spielen
begann:

   Die Liiiiiebe ist das Schnste,
   Das Schnste auf der Welt.

Das Straenmdchen blieb stehen, schimpfte wtend zum Bettler zurck.

Weshalb verhhnen sie denn Ihre Wohltterin mit diesem Liede? fragte
der Dichter.

Und der Blinde richtete die leeren Augenhhlen fragend in die Hhe.

Ein vages Glcksgefhl ergriff den Dichter. Das Schnste auf der
Welt, sang die Ziehharmonika. Und als er das elegante Mdchen eingeholt
hatte, sagte er: Sie, er ist blind.

Das gewohnheitsmige Anbietungslcheln erschien auf ihrem gepuderten
Gesicht.

Wir haben uns getuscht, er ist blind, sagte er eindringlich. So
etwas macht der nicht. Der gehrt ja zu uns.

Lchelnd nahm er sie bei der Hand und scherzte: Der gesunde
Menschenverstand brchte das fertig. Glauben Sie nicht?

Sie begann, ihn abschtzend zu mustern.

Da ging er schnell davon, bis zum Platz, wo das ihm bekannte
Straenmdchen wohnte. Aus dem Nachtcaf unten im Hause klang die
neueste Operettenmelodie.

Sie ffnete selbst. Ihr weiseidener Schlafrock stand vorne offen. Und
als sie den Dichter erkannte, fuhr sie ungeniert fort, prfend ihre
linke Brustwarze zu drcken. Seit einer Woche habe ich Schmerzen. Sehen
Sie . . . den blauen Fleck.

Er versuchte zu scherzen: Was haben Sie denn da wieder angestellt?

Das hab doch ich nicht angestellt. Lachend zog sie ihn ins rote
Zimmer. Auch die Ampel war rot. Und das unberhrte rote Himmelbett war
geffnet.

Pltzlich lag sie wie eine mde Katze zusammengerollt auf der Ottomane.
Ihre Kniekehlen ruhten im Ellbogengelenk. Das macht der immer.

Was?

Mit meiner Brust . . . Und danach verlangt er immer etwas ganz
Unglaubliches von mir . . . Meinetwegen.

Der Dichter sah in die Ecke. -- Und da will ich Geld von ihr verlangen.
Es gibt Sachen, die unmglich sind.

Gott, nein.

Was! Hab ich etwas gesagt?

Sie lag noch immer reglos.

Der Dichter kannte ihre Geschichte. Vor einigen Monaten hatte er sie
total betrunken auf der Strae gefunden. Sie war von ihren Eltern
fortgejagt worden, weil ein Reichstagsabgeordneter sie verfhrt und sie
sich geweigert hatte, ihn als den Vater ihres Kindes zu nennen. Der
Dichter wute, da der Abgeordnete weiter in ihrem Elternhause
verkehrte.

Das Instrument wickelt er dann immer in ein Beinkleid seiner Schwester
. . . Und mir legt er zwanzig Mark auf den Tisch.

Wer?

Der Abgeordnete.

Der . . . kommt noch zu Ihnen?

Warum nicht?!

Und dabei rhrt sie sich nicht, dachte der Dichter entsetzt. Aber
wirklich, nicht aus Neugierde. Wie alt waren Sie . . . damals?

Ich? Sechzehn.

Der Dichter sagte pltzlich: Soll ich Sie heiraten?

Und ich wute damals gar nichts von diesen Sachen. Wahrhaftig, ich lge
nicht.

Sie hlts fr so unmglich, da sie glaubt, ich htte gescherzt, dachte
er.

Und wute pltzlich mit seinen Hnden nichts anzufangen. Es war, wie
wenn sie nicht zu ihm gehrten, als er sagte: Ich brauche sehr
notwendig zwanzig Mark. Knnen Sie mir die vielleicht geben? . . . Aber
ich habe nicht gescherzt, vorhin. Wirklich nicht.

Da stand sie auf.

Und der Dichter sah befangen in ihr erstauntes Gesicht, das aber sofort
den Ausdruck automatischer Lustigkeit annahm. Lachend sagte sie: Ich
habe momentan gar nichts.

Er lie die Hnde sinken. Sein Gesicht verschlo sich. Darf ich? sagte
er, griff nach der Zigarette und dachte geqult -- jetzt glaubt sie
dasselbe wie der gesunde Menschenverstand.

Es klopfte -- die Wirtin streckte den behaubten Kopf herein. Es kommt
ein Herr. Sie schlo die Tr leise wieder.

Sichtbar stieg dem Mdchen das Blut in die Wangen, als sie den Dichter
ansah.

Der lchelte unnatrlich.

Gehen Sie ins Nebenzimmer . . . Ich kann Ihnen das Geld dann gleich
geben. Dabei sah sie ihm gerade auf die Augen, ohne ihm in die Augen zu
sehen.

Schon eine lange Minute stand er im Nebenzimmer, als ein sehr groer,
brnetter Herr im Frack zum Mdchen ins rote Zimmer trat. Er schwankte
kaum bemerkbar. Auffallend an ihm war, da sein linkes Auge fast um
einen Zentimeter tiefer im Gesicht stand als das rechte. Das Klirren des
fr ihn bestimmten Geldes ri dem Dichter die Luft aus den Lungen.

Dann hrte er das heftige Armen im roten Zimmer und prete die Fuste an
die Schlfen. Er rhrte sich nicht mehr.

Bis das Mdchen die Tr ffnete.

uerlich und innerlich zerwhlt, stierte er auf das verwhlte
Himmelbett.

Das Mdchen wusch sich die Hnde.

-- Ich nehme das Geld nicht. Ich brauche es gar nicht. Es war nur ein
Scherz -- wollte er sagen.

Hier, sagte sie, whrend sie die Hnde trocknete. Sie zwanzig . . .
ich zwanzig, und schob ihm das Goldstck hin.

Da sank ihm die Unterlippe schlaff herab. Alles an ihm wurde schlaff.
Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer.

Ohne Widerstand zu leisten, lie er sich direkt zum Bahnhof gehen, um
wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknuel seiner
Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen
Selbstbewutseins, seines ruinierten Lebens zu finden sein mten.

In der Eisenbahn trumte er: ein gewaltiger Zug junger Menschen zieht
gleich ihm nach den verhaten Heimatstdten, die Kindheit zu
durchforschen nach dem Messer, das ihnen allen die Sehne der Kraft
durchschnitten hat.




3


Um acht Uhr frh kam er an, verstrt, mit brennenden Augenlidern.

Morgennebel und Dmmerung hingen noch in den Gassen. Der Dichter sah
nach Osten, wo zart und strebend die Morgenrte stand.

Geradeswegs ging er in die Lochgasse. Der Gedanke hatte sich in ihm
festgesetzt und alles andere verdrngt: Lehrer Mager msse sein Unrecht
einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das wrde ihm die Kraft zur
Reinigung geben, zu einem neuen, rckgratvollen Leben.

Und als er die steile, muffige Treppe hinaufstieg, erlebte er die
Vershnung im voraus; er dachte, der Lehrer, der schon damals erwachsene
Shne gehabt hatte, werde jetzt ein weihaariger, gebeugter Mann mit der
Einsicht und Gte des Alters sein, mit dem sich auszushnen leicht
fallen msse.

Die alte Wirtschafterin lie ihn ins niedere, mit geerbten
Familienmbeln vollgestopfte Arbeitszimmer eintreten.

Und der Dichter blickte entgeistert zum Lehrer hin, der am Schreibtisch
stand, aufrecht wie ein Pfosten, zh, mit noch dunkelrotem Haarkranz:
vollkommen unverndert.

Die Mundwinkel voller Wut und hmisch in die Wangen zurckgezogen, las
er den Aufsatz eines Schlers. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei
Ste blauer Schulhefte, korrigierte und unkorrigierte.

Der Dichter stand im Dunkel an der Tr. Der Lehrer hatte ihn noch nicht
bemerkt. Er setzte sich und korrigierte mit roter Tinte den Aufsatz,
wobei sein Gesicht in dem Gemisch von Wut und hmischer Freude erstarrt
blieb, vom Schein der Petroleumlampe getroffen.

Der Teufel. Der Teufel.

Wie? . . . Sind Sie schon zurck, Josephine?

Ich wollte Sie einmal besuchen, flsterte der Dichter sehr leise. Er
zitterte am ganzen Krper so stark, da auf dem Biedermeiertisch, an dem
er sich festhalten mute, die bemalte Kaffeekanne schepperte.

Der Lehrer klappte das korrigierte Heft entschlossen auf den Sto.

Jetzt bemerkte er den fremden Menschen in seinem Zimmer. Der Schreck ri
ihn vom Stuhl auf in halbe Kniebeuge. . . . Wer! Wer sind Sie! . . .
Was wollen Sie denn hier!

Ich bin ein frherer Schler von Ihnen. Sie waren mein Lehrer. Ich
heie Anton Seiler.

Seiler? . . . Seiler? Haben Sie gestottert in der Schule?

Eine Blutwelle verdunkelte dem Dichter den Blick.

Und als er wieder sehen konnte, bemerkte er am schrecklichen Lcheln des
Lehrers, da dieser sich erinnerte. Am selben Lcheln, mit dem der
Lehrer, wenn der Dichter stotternd stecken geblieben war, ihn der
ganzen, belustigten Klasse ausgeliefert hatte.

Der wird mich nicht um Entschuldigung bitten, sagte der Dichter zu sich.
Und glaubte krperlich zu fhlen, wie in seinem Innern die letzte
Mglichkeit zur Rettung erlosch. Da stand er wie ein Schulknabe, in
kraftlosem Ha.

Die Haushlterin kam und reichte dem Lehrer einen Hundertmarkschein:
Der Bcker kann ihn auch nicht wechseln.

Zwei Schulknaben waren hinter ihr eingetreten. Sie blieben an der Tr
stehen.

Guten Morgen, Herr Lehrer, wir wollen die Hefte abholen, sagte der
Grere, schulmig singend.

Und der Kleine, der neben dem andern nur bis zur Brust reichte, nahm,
unter dem starren Blick des Lehrers errtend, erst jetzt die Mtze ab.
Langsam zog der Lehrer den Blick zurck. Einen Moment, sagte er zum
Dichter.

Vorsichtig, und mit allen Sinnen aufnehmend, begann der Kleine sich
umzusehen; er war zum ersten Male bei seinem Lehrer in der Stube.

Wie wenn er sich als Knaben erblickte, sah der Dichter mit tiefer,
schmerzlicher Rhrung den Kleinen an, die Augen, denen Angst den Blick
bestimmte, den schon vom Leid gezeichneten Mund, die zartmodellierte,
schneeweie Kinderstirn.

Da lchelte der Kleine zum Dichter hin; augenblicklich verschwand das
Lcheln, als der Lehrer sich bewegte.

Und der Dichter hatte das bestimmte Gefhl, da die Seele gelchelt
hatte und in Schrecken erstarrt war.

Das Kratzen der Feder verschrfte die drckende Stille.

Der grere Junge empfand sie nicht; er schneuzte sich laut und stand
dabei fest und sicher auf seinen nach innen gerichteten Fen.

Der Lehrer erhob sich, ebnete den Heftesto, stellte ihn senkrecht. Der
groe Schler warf seine Mtze resolut unter die Achselhhle und trat
aus dem Dunkel in den Lichtkreis. Zgernd und sehnschtig nherte sich
auch der Kleine.

Aus der Schreibtischlade nahm der Lehrer zwei Himbeerpfel, gab einen
dem groen Schler. Und als er den Kleinen erkannte, entstand in seinem
Gesicht wirkliches Staunen, das langsam zum hmischen Lcheln wurde. Ah
. . . der Weigand kommt, die Hefte holen?

Energisch legte er den zweiten Apfel wieder in die Schreibtischlade
zurck, suchte das eben korrigierte Aufsatzheft des Kleinen aus dem Sto
heraus. Da geh mal her!

Das Herz des Dichters begann rasend zu klopfen.

Du . . . schmst dich also nicht, auch noch zu mir zu kommen?

Der Kleine verschluckte den Speichel.

Sein mit roter Korrigiertinte verschmiertes Heft lag geffnet auf dem
Schreibtisch. Wortlos blickte der Lehrer einige Male vom Heft zum
Schler, streckte die gekrmmte Hand aus. Sein Blick zwang den Kleinen,
das Ohr der Hand entgegenzuneigen.

Mit einem Ruck zerrte er den Schlerkopf zum Heft und stie des Kleinen
Gesicht darauf.

Vorgebeugt blickte der Dichter auf diese Szene seiner Jugend, eiskalt,
als wre sein Leben in des Kleinen Krper bergegangen.

Immerzu stie der Lehrer des Schlers Gesicht aufs Heft und rief dabei:
Regen mit ch! Essen mit ! Keule mit u! Und mit zwei mm schreibst du
Amen? Amen!

Er schleuderte ihn zur Wand. Der Kopf schlug gegen die Trvertfelung.
Der Kleine richtete sich wimmernd auf. Sein furchtbares, leises Weinen
klang in die Stille. Der grere Schler stand ruhig wie ein Soldat.

Und des Lehrers glhendes Gesicht bebte. Du Frechling wagst es, zu mir
zu kommen? . . . Antworte!

Antworte!

Ich wollte auch einmal die Hefte tragen. Das Schluchzen verschlug ihm
die Stimme.

Wtend rieb der Lehrer mit dem Siegelring an seinem Finger des Kleinen
Stirn: Was . . . hast du . . . denn da . . . drinnen!

Der Dichter sa wie eine Leiche und starrte in kaltem Entsetzen auf das
rote Malzeichen, das auf der schneeweien Kinderstirn leuchtend
hervortrat.

Das Mal, das Mal auf seiner Stirn wird nie mehr vergehen. Sie haben ihn
gezeichnet, sagte der Dichter tonlos und laut. Und wenn es
verschwindet, uerlich, dann ist es ihm ins Gehirn getreten . . . und
der Gezeichnete trgt das Mal in der Seele, sein Leben lang.

Da begann neben dem Hause drhnend und gewaltig die Kirchenturmglocke zu
luten. Die Stube erzitterte. Der Kleine stand mit ausgebreiteten Armen,
eine Hand fluchtbereit am Trdrcker, die Augen entsetzt offen, wie ein
Gekreuzigter an die Wand gepret. Die Striemen leuchteten auf seiner
Stirn. Alle vier standen.

Der Lehrer klappte das Lineal auf den Schreibtisch. Der grere Schler
packte den Sto Hefte energischer.

Und als die Knaben gegangen waren, sagte der Lehrer:

Den ganzen Tag rger in der Schule und in den wohlverdienten
Ruhestunden den Lmmeln die Fehler korrigieren! Er setzte sich und sah
den Dichter an.

Was sagen Sie dazu?

Die Kirchenglocke schlug noch einige Male an und verklang.

Wie viele Knaben haben Sie gezeichnet ins Leben geschickt?

Wie denn, gezeichnet? . . . Ich unterrichte seit fnfundvierzig Jahren.
Es sind viele, viele, die ich vorbereitet habe frs Leben. Und wenig
Dank! Glauben Sie mir. Seine beiden Hnde fuhren whlend in der
Schreibtischlade herum.

Erinnern Sie sich noch, der Dichter sprach ganz langsam, an einen
Schulausflug in den Gutenbergerwald . . . Da war ein Schler wild und
frhlich.

Durch den Laubwald nach Reichenberg?

Stieg auf Bume, lachte und sang.

Damals, als ich der Klasse die Hnengrber im Walde zeigte und
erklrte.

Der Schler war ich.

Und Sie waren sonst immer so verkrmpelt und still. Ich entsinne mich.

Und im Wald pltzlich so wunderbar glcklich und wild.

Der Lehrer bemerkte den Mrderblick des Dichters nicht.

Und als wir zum Wirtshaus kamen . . . lieen Sie mich nicht mit
hineingehen, weil ich die zehn Pfennige nicht hatte, um ein Glas Milch
kaufen zu knnen.

Ja, zu laut und ungebrdig waren Sie im Wald.

Ich mute vor dem Wirtshaus stehen bleiben, am Zaun.

Richtig, noch dazu waren Sie der einzige, der kein Geld hatte.

Diese Demtigung vor allen Schulkameraden traf mich damals ins Herz.

Der Lehrer sah abweisend dem Dichter in die furchtbaren Augen.

Ich war vorher so frhlich gewesen . . . Und trage vielleicht seitdem
das Mal . . . das Mal!! erhob sich die Stimme des Dichters, und langsam
erhob sich auch der Krper vom Stuhle, das glhende Mal in . . . meiner
. . . Seele! Die ganze Kraft seines Krpers ging in des Dichters
wrggespreizte Hnde ber, die dem zur Wand zurckweichenden Lehrer
folgten.

-- -- -- Der Adamsapfel glitschte noch einmal unter des Dichters Daumen
weg, eine Sekunde lang lockerten sich die Wrghnde -- dann drckten die
Daumen den Adamsapfel tief in den Hals hinein.

Die chzenden - und e-Laute verebbten.

Solange der Krper an der Wand zu Boden glitt, lie der Dichter die
Hnde am Hals des Toten.

Als er sich aufrichtete, sah er in der verwhlten Schreibtischlade den
Himbeerapfel liegen, den der Kleine nicht bekommen hatte. Ein
irrsinniges Lcheln der Befriedigung entstellte des Dichters Gesicht,
als er den Apfel nahm und einsteckte.

Da erblickte er den Hundertmarkschein.

Und hatte momentan eine Vision -- vom Mittelpunkt eines fernen Landes
reichte bis zu ihm ein gewaltig auseinandergezogenes Gummiseil, das er
sich um den Leib knpfte, worauf das Gummiseil mit ihm, ber Stdte und
Meer, durch die Luft ins fremde Land zurckschnellte.

Da nahm er den Hundertmarkschein und steckte ihn ein. Den Blick in eine
unwirkliche Ferne gerichtet, ging er gefhllos und bereit aus der Stube.

Der Gottesdienst war aus. Die Kirchenglocken luteten zusammen. Viele
vermummte Menschen verlieen die Kirche und punktierten schwarz die
Schneeflche des Marktplatzes.

Der Dichter blieb stehen, schlenkerte die Hnde, als wolle er den Mord
abschtteln, ging ein paar Schritte, schlenkerte wieder die Hnde.

Und hielt beim Weitergehen die Arme steifgebogen von sich weg.

Seine Hand zuckte zurck vom Klingelzug der Elternwohnung, so da nur
ein Glockenton erklang.

Jesus! . . . Du bists. Die Mutter lief schnell voraus ins Zimmer und
warf die Decke bers ungemachte Bett.

Die Atmosphre der Elternwohnung schlug ihn vollends nieder.

Hn? machte er wie ein Betrunkener und lie die Hnde von den zur Brust
hochgenommenen Armen gleich Seehundsflossen kraftlos hngen.

Kind! was ist denn!

Hn? Den Mund schlaff offen, sah er bld umher.

Bis die kleine Mutter ihm in den Blick kam. Da schrie er mit biblisch
furchtbarem Entsetzen der Mutter zu: Mutter! Ich hab ihn umgebracht!
Und flchtete, vom Teufel verfolgt, wild brllend aus dem Zimmer.

Wie ein Kind fhrte sie ihn an der Hand wieder zurck. Was machst du
mir fr Sachen! Du mut ins Bett. Bist ja krank . . . Ich mach dir kalte
Umschlge. Geschftig lief sie zum Bett.

Mutter, ich hab den Lehrer umgebracht, sagte er automatisch. Halts
aus.

Da sah sie es ihm vom Gesicht ab und warf die Hnde in den Nacken. Ihr
erster Schrei war kurz, wortlos. Aus den folgenden Schreien hrte er die
immer wiederkehrenden Worte: Sag nein! Sag nein!

Nein, sagte er, und ein Engel gab ihm ein Lcheln dazu. Nein,
Mutter. Und als er ihren zuckenden Krper umfangen hielt, ihren
Scheitel streichelte und dabei ber ihn wegsah, rang er sich die letzte
Kraft ab, um die Worte sagen zu knnen: Es war nur ein Scherz.

Mtterchen, sang er zart, und in seinem Gesicht arbeitete Qual gegen
Lcheln.

Warum hast du mir diesen Schrecken eingejagt? Und ich dumme Frau hab
dir geglaubt . . . Jetzt, jetzt, jetzt mut du was essen. Sie huschte
in die Kche.

Und er lautlos aus der Wohnung und, von der Straenmitte weg, dicht an
den Huschen entlang.

Aber ausgesehen hast du, wie wenns wirklich wahr wr, rief sie aus der
Kche. Und trat, in der Hand den mehlbestaubten Kochlffel, ins Zimmer.
Weit du, so bin ich in meinem ganzen Leben nicht erschrocken, sagte
sie lchelnd. Und richtete den Blick suchend ins Leere.

Whrend der Dichter vor dem Postamt stand.

Die Welt hatte sich fr ihn vollkommen verndert. Sein bisheriges Leben
war scheinbar von ihm fortgezogen. Es war ihm, als stnde er pltzlich
auf der anderen Seite des Planeten. Schwere, ganz neuartige
Gefhlsklumpen waren in ihm entstanden, mit denen er sich
auseinanderzusetzen hatte.

Nur das Erlebnis mit dem Straenmdchen griff aus seinem alten Leben
herber. Eine Art Abrechnungsbedrfnis bestimmte ihn, ins Postamt
einzutreten und die zwanzig Mark nach Berlin an das Mdchen zu senden.

Am Nebenpult sagte ein junger Bursche: I streun jetz e bile am Wasser
rum.

Da wute der Dichter unvermittelt, da er ein verlorener Mann war, und
sah irr dem Burschen nach, der sorglos pfeifend das Postamt verlie.

Alle fnfzehn Polizeidiener und der Wachtmeister des Stdtchens standen
in der Bahnhofshalle, um den Mrder abzufangen. Weiber, still gewordene
Kinder lieen sich nicht wegjagen. Die verstrte Haushlterin des
Lehrers stand beim Wachtmeister.

Und als der Dichter die Bahnhofshalle betrat, grau und unscheinbar,
deutete sie zurckweichend auf ihn.

Die Schutzleute hoben die fnfzehn langen Pistolen. Und ber des
Dichters lastbehangenes Gesicht huschte ein schmerzliches Lcheln.

Die Hnde den Fesseln entgegengestreckt, trat er verloren in den
Schutzmannskreis, der um ihn zusammenschlug.

An . . . ton Sei . . . ler, buchstabierte der Wachtmeister aus den
Papieren des Dichters, geboren in . . . Ja, sind Sie denn von hier?

Ja, ich bin hier geboren.

Dann kanns nur der Sohn vom Wagner Seiler sein, rief eine Alte, die
einen Flanellbettkittel anhatte.

Und der Dichter sagte: Eine halbe Stunde Hoffnung war alles, was ich
ihr noch geben konnte.

Als er, gleich einem einziehenden Zirkus vom halben Stdtchen begleitet,
durch die Bahnhofstrae gefhrt wurde, zweigte die Alte im
Flanellbettkittel ab und brachte der Mutter die Nachricht.




4


rgerlich bltterte der Untersuchungsrichter in den Akten, schlug die
Mappe zu.

Der Dichter hatte den Mord zwar sofort eingestanden, aber der
Untersuchungsrichter kam doch seit Tagen nicht vorwrts, denn der
Dichter redete immer wieder von einem Glas Milch, das mit schuld daran
sei, da er den Lehrer umgebracht habe.

Des Untersuchungsrichters blondbehaarter Zeigefinger drckte auf den
Taster. Man soll mir den Anton Seiler bringen, sagte er zum
eintretenden Diener. Und zu sich selbst: Zum letzten Mal!

Resolut schlug er die Aktenmappe wieder auf und begann, mit dem
Taschenmesser die Kruste an seiner Schreibfeder abzuschaben.

Die Hnde vor den Leib gefesselt, wurde der Dichter hereingefhrt. Sein
Gesicht war bla und faltenlos. Die Oberpartie seines Kopfes -- Augen,
Stirn -- hatte sich stark vergrert. ber den Brauen waren modelliert
hervortretende Hcker entstanden, wie manche Menschen sie haben, die
jahrelang angestrengt denken.

Nur das Schaben des Untersuchungsrichters war hrbar.

Und als er sich mit dem Schreibsessel Seiler zudrehte und nervs sagte:
Geben Sie doch schon zu, da Sie den Lehrer umbrachten, um zu dem
Hundertmarkschein zu kommen, antwortete der Dichter gedankenabwesend
erst nach einer Pause:

Nein, das war es nicht.

Des Untersuchungsrichters Hand fuhr zur linken Brustseite; er war
herzkrank. Einigermaen handgreiflich mssen doch auch Sie . . .
Ihrerseits motivieren knnen, weshalb Sie Ihren alten Lehrer erwrgt
haben. Man geht doch nicht einfach hin und erwrgt ohne Grund einen
Menschen. Sie sahen den Schein liegen . . . und da geschah die Sache,
glauben Sie mirs . . . So etwas ist schon manchem vor Ihnen passiert.

Ich habe Ihnen schon gesagt, da die Ursachen meines Verbrechens weit
zurckliegen.

Bleiben Sie mir um Himmels willen nur mit Ihrem Glas Milch vom Leibe!
Er nahm die Hnde weg von den Schlfen. Gut, nicht des Geldes wegen!
Also gut, nehmen wir an, es war Ihnen nicht nur um den Geldschein zu
tun. Sein Stimme wurde klein und schnell: Aber doch in der Hauptsache!
Nicht wahr?

Der Dichter war wieder weit weg mit seinen Gedanken, so da er eine
Weile nicht antwortete und nur den Schlu seiner Gedankenreihe
aussprach: Nein, denn die Hauptsache bei jedem Verbrechen sind immer
die Ursachen.

Schlielich -- wir sind doch Mnner --, was solls denn sonst gewesen
sein? Was hat er Ihnen denn getan? Der Richter stie die Hnde
beteuernd vor.

Getan? . . . hat er mir nichts . . . anderes, als was die meisten
Menschen, die meisten Erwachsenen den Kindern antun.

Na also! Nichts hat er Ihnen getan. Jetzt sind Sie wenigstens
vernnftig.

Er hat mich ruiniert.

Des Richters Kopf zuckte in die Hhe. Ja aber wodurch denn!

Das habe ich Ihnen schon gesagt.

Na?

Weil er mich damals nicht mit in die Wirtschaft gehen lie.

Glauben Sie, ich sitze hier, um mich von Ihnen zum Narren machen zu
lassen! brach die Emprung aus dem Richter hervor. Seine Hand fuhr zum
Herzen. Acht Jahre waren Sie damals alt! wie? . . . Und als
einunddreiigjhriger Mann gehen Sie hin und ermorden Ihren Lehrer, weil
er Ihnen, als Sie ein Kind waren, eine kleine Strafe auferlegt hat
. . . Unsinn, was?

Weil er mir das Mal ins Gehirn gebrannt hat.

Was fr ein Mal?

Das mich ruiniert hat . . . weil ichs seitdem im Gehirn habe . . . Und
solange ich lebe.

Die Milch, wie? sagte der Richter beiend.

Der Wrter konnte ein Lcheln nicht unterdrcken.

Es war vielleicht nicht nur das allein schuld daran. Vieles hnliche
zusammen . . . Ich erwarte ja nicht, da Sie mich verstehen, und ich
mchte auch nichts mehr sagen.

So. Der Richter brauchte eine Weile, ehe er sich wieder beherrschte.
Weshalb haben Sie nun eigentlich den Schein genommen . . . nach Ihrer
Meinung?

. . . Ich glaube, um fliehen zu knnen . . . Ich htte ja das Geld gar
nicht genommen, wenn ich nicht diese Erscheinung gehabt htte . . . Das
Gummiseil.

Ein Gummiseil hatten Sie? fragte der Richter gleichgltig und lauerte.

Aus einem fremden Land ging ein auseinandergezogenes Seil aus Gummi bis
zu mir . . . Ich knpfte mich daran, und das Seil schnellte mit mir
bers Meer . . . durch die Luft ins fremde Land.

Auch der Schreiber ri die Augen auf.

Und der Richter brachte erst nach einer langen Pause hervor: Teufel
auch! . . . Eine fixe Flucht . . . Und die Ankunft? Haben Sie sich auch
Ihre Ankunft berlegt mit dem Gummiseil, dort in dem Land? Teufel
nochmal!

Deshalb nahm ich das Geld.

Whrend Ihrer ersten Anwesenheit in der Heimatstadt standen Sie doch
auch schon vor des Lehrers Haustr; weshalb sind Sie da nicht
hinaufgegangen?

Weil ich Angst vor meinem Lehrer hatte.

Als Dreiigjhriger! . . . Angst vor Ihrem Lehrer? . . . Na, hren
Sie! Der Richter zndete sich eine schwarze Zigarre an.

An dieser Angst ist ja eben auch das Mal schuld . . . An allem.

Seien Sie so freundlich! Sehen Sie, ich kann mit Ihrem Mal wirklich
nichts anfangen . . . Und nach Berlin zurckgekehrt, dachten Sie sich
den ganzen Plan aus.

Nein, ich wollte mich ausshnen mit dem Lehrer.

So, ausshnen, sagte der Richter ruhig. Und anstatt dessen ermorden
Sie ihn . . . Ihr gesunder Menschenverstand mu Ihnen doch sagen, da
das Unsinn ist.

Des Dichters Augen sahen in der Ferne die Kammer.

Ausshnen -- und anstatt dessen ermorden? Das mssen Sie mir erklren.

Das zu erklren . . . ist kompliziert. Dazu fehlen die
Voraussetzungen.

Mir, wie?

Der Dichter zuckte bedauernd die Schultern und schwieg.

Und der Richter tauchte die Feder wtend ins Tintenfa. Dabei lchelte
er.

Zu allem kam auch noch das Entsetzliche mit dem Schulknaben, begann
der Dichter von selbst. Ich mute mit ansehen, wie die gleiche Ursache
meines Elends dem Knaben ins Gehirn geschleudert wurde. Da empfand ich,
da der Lehrer ein Reprsentant der Seelenzerstrer war . . . und mein
Ha erwrgte ihn.

Erwrgte ihn, schrieb der Richter auf. Und dann, dann nahmen Sie den
Hundertmarkschein.

Dann, ja, dann nahm ich den Schein.

Na, sehen Sie. >Nach der Tat nahm ich den Schein<, schrieb er auf.
Nicht wahr? . . . Also, um das Geld zu bekommen, geschah die Sache
. . . Reue und Aufrichtigkeit kann Ihnen nur ntzen. Was Sie mir sagen,
ist ja auch noch nicht absolut verbindlich fr Sie . . . Und dann
wollten Sie natrlich so schnell wie mglich fliehen.

Auch wegen meiner Mutter.

Aber durch einen hbschen Zufall waren smtliche fnfzehn Polizisten
auf dem Bahnhof, sagte der Richter zu sich selbst.

Und der Dichter sagte traumhaft: Ich wollte gar nicht zum Bahnhof. Auf
den Berg wollte ich steigen und noch einmal auf die Stadt hinuntersehen
. . . Und dann immer weiter wandern.

Das notierte der Richter und lie den Dichter abfhren. Aber auch ein
Glck, da er zum Bahnhof zu diesen fnfzehn Kamelen gelaufen ist,
sagte er zum Schreiber und begann, das Protokoll fr die Reinschrift zu
diktieren, denn sonst knnten wir diesen kaltbltigen Erzhalunken jetzt
auf der ganzen Welt suchen . . . Solche Gummiseile fehlten uns gerade
noch! Was meinen Sie?

                   *       *       *       *       *

In der Zelle stand der Dichter reglos an der Mauer. Seine Gedanken und
Gefhle umkreisten die Mutter; seit der Verhaftung litt er nur unter der
Qual seiner Mutter.

Der Wrter horchte neugierig am Beobachtungsfenster der Zellentr, als
der Dichter vor sich hin sagte: Welch hartes Herz . . . hartes Herz mu
Christus gehabt haben, da er rufen konnte: Was geht mich dieses Weib an,
ich kenne es nicht.

Vergebens versuchte der Dichter, sich zu dieser Selbstlosigkeit um aller
Menschen willen emporzuzwingen. Schweifte er auch nur eine Sekunde lang
von diesem Gedankengang ab, sank er sofort wieder in die Einzelbeziehung
-- in die mchtige, dunkle Blutliebe zur Mutter zurck.

Blutketten sind grausam schwer zerreibar, Blutketten, flsterte er.
Und sehnte sich mit der ganzen Kraft seines Wesens nach Befreiung von
diesen Gefhlsfesseln, um ganz allein und bereit sein zu knnen.

Seine dumpfe Liebe lie es nicht zu. Aus ihr heraus sagte er: Wenn die
Mutter strbe . . . vorher, das wre wunderbar.

Diesem Gedanken hing er nach, dachte ihn zu Ende. Sein Gesicht wurde alt
und klar.

Da trat der Gerichtspsychiater ein.

Und fhlte dem Dichter den Puls, fragte ihn noch einmal dasselbe wie bei
der ersten Untersuchung, um eventuelle Widersprche feststellen zu
knnen.

Nein, meine ganze Familie ist gesund.

Ich? . . . Hchstens Schwchezustnde wegen Unterernhrung.

Der Wrter stand bei der Tr.

Geschwister, alle gesund? Keines gestorben?

Gestorben? Nein. Meine Schwester hat Selbstmord begangen.

Das haben Sie mir das letzte Mal verschwiegen . . . Weshalb tat sie
denn das, bitte?

Man nimmt an, sie sei verunglckt -- beim Baden ertrunken . . . Ich
glaube, sie tat es aus Scham, weil der Lehrer ihr die Rcke hinten
hochgehoben und sie auf den nackten Krper geschlagen hat, mit seiner
Hand . . . vor der ganzen Klasse.

Und deshalb? . . . Im allgemeinen ist das fr ein Kind kein Grund, sich
das Leben zu nehmen . . . Eine Krankheit lag nicht bei ihr vor?

Nein . . . Ein bichen empfindsam sind wir Geschwister.

Ein Lehrer tat das?

Ja, Herr Lehrer Mager.

. . . Derselbe? Er strich sich vom Nacken weg ber den Kopf, bis zum
Mund. Dann glitt die Hand am glnzenden, schwarzen Vollbart entlang, und
der Mund ffnete sich nachdenklich.

Da war sie dreizehn Jahre alt. Sie lief vom Schulhaus weg und sprang in
den Flu. Seit einiger Zeit denke ich mir, da sie wegen dieser
Demtigung in den Flu gesprungen ist.

So mir nichts, dir nichts sollten Sie das aber doch nicht annehmen. Das
erste Mal redeten Sie kein Wort von dieser ganzen Sache . . . Vielleicht
ist ihr die Puppe hineingefallen oder die Mtze . . . Wie Kinder sind --
sie springt nach, will sie herausholen und ertrinkt . . . Das andere
wre nicht normal.

Furchtbar normal, Herr Doktor, furchtbar normal! . . . Ein Jahr spter
kam . . . ich zum Herrn Mager in die Klasse.

Und bei sich haben Sie keine besonderen Erscheinungen beobachtet?

Ich wei nichts . . . Meine Mutter sagt, da ich als Junge mit offenen
Augen geschlafen habe.

Das knnen ja . . . Sie selbst nicht wissen. Und sonst? Ich bin ganz
normal, Herr Doktor. Will sagen, ich bin nicht irrsinniger als zum
Beispiel Sie . . . und Millionen andere.

Wie meinen?

Da neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig sind. Und der
brige ganz kleine Prozentsatz Menschen, von denen man im Leben sagt,
sie seien verrckt, unzurechnungsfhig, weltfremd, sich am schrfsten
dem Normalzustand des Menschen genhert haben.

Aber pardon!

Es ist auch nur eine Ansicht von mir.

Das heit, Sie wollen sagen, da Sie so ein Normaler sind.

Der Dichter errtete.

Knnen Sie mir als Arzt sagen, ob es mglich ist, da meine Mutter
wegen meines Unglcks schnell stirbt?

Der Arzt strich sich den Bart. Alte Leute sterben nicht so schnell
wegen eines . . . seelischen Unglcks. Darber knnen Sie beruhigt
sein.

Stirbt nicht? rief der Dichter entsetzt.

Wnschen Sie, da Ihre Mutter stirbt?

Das wre wunderbar, sagte der Dichter und streckte dem Arzt die Hnde
betend hin.

Wenn Ihre Mutter strbe?

Ja . . . Ich bin nicht Christus.

Wegen seines pltzlichen Simulationsverdachtes kniff der Arzt die Augen
zu. Nehmen Sie sich halt ein bichen zusammen, sagte er, leise
ironisch.

Ich kann nicht. Ich kann ja nicht! Ich bin nicht Christus! Ich kann
nicht so vollkommen selbstlos sein; ich mu die Mutter lieben.

Er bemerkte den gesteigerten Verdacht auf dem Gesicht des Arztes nicht.
Ich bin nicht Christus!

Na, darber sprechen wir spter, sagte der Arzt skeptisch. Zeigen Sie
mal . . . Lunge, Herz.

Dann kontrollierte er noch die Sehnen- und Hautreflexe und verlie die
Zelle.

                   *       *       *       *       *

Dem Burschen fehlt nichts! rief er dem Untersuchungsrichter entgegen.
Zh wie eine Katze in ihren besten Jahren.

Was sagte ich Ihnen!

Nur da er selbst behauptet, ganz normal zu sein -- die typische
Meinung aller Irrsinnigen --, spricht etwas frs Gegenteil.

Hallo! Wissen Sie, was das bei dem sein wird? Ein . . . sozusagen ein
Dreh. Dieser Kerl ist nmlich ein ganz abgebrht intelligenter Halunke.

Er hat sich sogar ein sehr hbsches Simulationsmoment zurechtgedacht.

Der Richter hob die Augenbrauen.

Er versichert mir nmlich konstant, er sei nicht Christus.

Na, ein ziemlich durchsichtiger Kohl . . . Der wei ganz gut, da
Irrsinnige behaupten: Knig, Christus, Kaiser zu sein, Mutter Gottes.
Und da dreht er den Spie einmal um. Eine neue Nuance.

Der Arzt lachte. Neue Nuancen sind aber auch ntig; denn es ist heute
doch nicht mehr so ganz einfach, einen Psychiater hinters Licht zu
fhren.

Und das Glas Milch? Hat er Ihnen das nicht auch zu trinken gegeben?

Diesmal nicht; bei der ersten Untersuchung. Aber als ich ihn hbsch in
die Realitt des Lebens zurckfhrte, da wurde er arrogant . . . Heute
wieder hat er mir verklausuliert erklrt -- ich sei irrsinnig und er
normal.

Groartig . . . Wirklich.

Wer verteidigt ihn denn?

Der Richter winkte lchelnd ab: Der kleine Schallmann.

O weh, Offizialverteidiger?

Und was fr welcher . . . Der arme Kerl.

Wer?

Wenn Sie wollen . . . alle beide. Der kleine Schallmann und sein Klient
auch, schlielich . . .

Ja, es ist ein Elend.

Beide zuckten bedauernd die Schultern. Sie reichten sich die Hand.




5


Schon vor zwei Stunden hatte Doktor Wiener vom Zeugenzimmer aus
beobachtet, wie der gefesselte Dichter aus dem Untersuchungsgefngnis
ber den Hof gefhrt worden war zur Verhandlung.

Ein Gang trennte Schwurgerichtssaal und das mit einer gepolsterten Tr
versehene Zeugenzimmer. Kein Laut klang herber.

Da steht man auf einmal mitten im Brennpunkt einer Tragdie.

Die dicke Wirtin sah ihren Zimmerherrn verstndnislos an, machte aber
eine zustimmende Handbewegung.

Und whrend drben weiter verhandelt wurde, fuhr der Doktor fort:
Schlingt das Leben knapp neben mir . . . in dunkler Nacht einen Knoten,
und der soll nun mit unserer Hilfe entwirrt, ich mchte sagen,
durchhauen werden. Dabei sphte er unauffllig in die Ecke zum
eleganten, schwarzen Seidenkleid, von dem sich das bleiche Gesicht des
Straenmdchens vorteilhaft abhob.

Die Wirtin machte ihre zustimmende Handbewegung. Das Mdchen rhrte sich
nicht. Ihre gleichmig atmende Brust lie den Reiher auf ihrem Hute
erzittern.

In geteiltem Interesse blickte der Doktor auch manchmal vom Mdchen weg,
aus dem Fenster, zum Gesicht eines Untersuchungsgefangenen hinber, das
von den Gitterstben durchkreuzt blieb, und immer wieder las er in der
Zeitung nach, da die Verhandlung des wegen Raubmordes angeklagten
Dichters heute beginne und Doktor Wiener als Zeuge geladen sei. Sein
Herz klopfte so unruhig, da er sich endlich doch, Blick zur Decke
gerichtet, den Puls fhlte. Vergebens versuchte er, sich seines
Gesprches mit dem Dichter zu entsinnen, und sagte lchelnd: Wie meinte
er denn das vom Planeten, sah das Straenmdchen an, zuckte die
Schultern: Planet?

Die Wirtin beugte sich vor, die Hand berzeugend zum Doktor gestreckt,
sah ihn eine Weile schweigend an und flsterte: Mir war er immer
unheimlich, worauf die Hand sofort wieder mit der anderen gefaltet ber
dem Leibe lag.

Die beiden Schler standen beim Ofen; der kleine machte ein Gesicht, als
she er sich von tausend Hmmern bedroht.

Dasselbe Gefhl hatte der Dichter im groen Schwurgerichtssaal. Die
Blicke aller Zuschauer und der Geschworenen waren auf ihn gerichtet; er
war die Antwort schuldig geblieben.

Auch der Offizialverteidiger sah zu ihm auf, wollte ihm helfen und
schlo den Mund wieder. Der Gerichtsstenograph spitzte einen Bleistift
lang an und legte ihn zu den fnf andern.

Sie wollen uns also nicht sagen, weshalb Sie es getan haben?

Doch, alles! Es ist nur sehr schwer. Er wandte sich um zum berfllten
Zuschauerraum, wieder den Richtern zu. Da verlie alle Kraft sein
Gesicht: die Augen sahen die Mordszene. Wenn das meine Hnde nicht
getan htten! Seine Lippen waren wei geworden. Den Oberkrper
zurckgebogen, blickte er auf seine Hnde hinunter.

Er macht Theater, dachte der Staatsanwalt.

Winzig und verloren stand der Dichter, erdrckt von der machtvollen
Feierlichkeit.

Ganz unvermittelt vernderte sich seine Erscheinung vollkommen: er sah
aus, als stehe er allein in seiner Kammer, grbelnd ber eine Idee. Sein
Gesicht belebte sich. Ich leide unter diesem entsetzlichen . . .
Unglcksfall ungefhr so, wie ich als Kind gelitten habe unter den
qualvollen Sonntagsspaziergngen mit der Familie.

Wie denn! Einen Spaziergang kann man doch kaum mit einem Mord
vergleichen. Der Vorsitzende blickte erstaunt von einem Beisitzer zum
andern.

Der Dichter erwiderte, mit einem eigensinnigen, verbohrten
Gesichtsausdruck: Man mu das miteinander vergleichen. Nicht nur diese
Spaziergnge . . . mein ganzes Leben. Es gipfelt ja in diesem
Unglcksfall.

Der Vorsitzende lehnte sich zurck. Einen Unglcksfall nennen Sie Ihre
Tat?

Man knnte ihn mit dem Bergrutsch vergleichen, den ich zufllig einmal
mit angesehen habe. Der Dichter sprach langsam und schien die Worte
erst vom Boden abzulesen. Das Erdinnere hat eine notwendige Bewegung
gemacht . . . Bewegung gemacht, wie aus Schlaf erwachend, und vom
niederstrzenden Gerll sind einige Menschen erschlagen worden . . . Bei
mir verursachte die Summe aller qualvollen Erlebnisse, von denen das
eine zweiundzwanzig Jahre lang in mir geschlafen hat, einen pltzlichen,
unabwendbaren Haausbruch . . . und dabei ist der Lehrer umgekommen. Wie
bei einem Erdbeben, das die Stadt einreit und die Bewohner begrbt.

Der Lehrer ist also nur verunglckt, nach Ihrer Ansicht? . . . mit der
wir hier nichts anzufangen wissen . . .

Ja. Meine Hnde wurden nur als Mordwerkzeuge gebraucht.

. . . nichts anzufangen wissen; denn erstens sind Sie keine Erdkugel,
Ihr Mord kein Beben . . . und zweitens berhaupt.

Fr mich deckt sich das vollkommen. Er sah den Vorsitzenden klar an
und sagte laut: Deshalb geht mich mein Mord, den ich vor mir selbst nie
verantworten kann . . ., diesem Gericht gegenber nicht mehr an als euch
und jeden anderen Menschen.

Der verblffte Vorsitzende geriet in Unruhe, die sich auf die
Geschworenen fortpflanzte und einer vagen Unsicherheit wich,
hervorgerufen durch schnell und bestimmt gegebene Antworten des
Dichters, der von seiner Ansicht nicht abzubringen war.

Der Staatsanwalt hatte scharf hingehorcht und nahm sich vor, diese
Wendung des Angeklagten nicht aufkommen zu lassen. Er hatte eine hohe,
reine Stirn und kluge Augen.

Auf diese Weise knnen viele, scheinbar unbegreifliche, Verbrechen
verstanden werden, bemerkte der Dichter in sachlichem Tonfall.

Der Vorsitzende raffte sich auf und erinnerte, unter Assistenz des
Staatsanwaltes, den Dichter daran, da seine Mittellosigkeit dem Gericht
bekannt sei und er wegen eines offenbaren Raubmordes hier stehe. Ihre
phantastischen Abschweifungen werden Ihnen also nichts ntzen. Sie sind
arm, der Lehrer ist tot . . . und das geraubte Geld fand man bei Ihnen
. . . Stimmt das?

Herzbeklemmung zwang den Dichter, die Augen zu schlieen.

Da schienen ihm Richter und Geschworene eine lange Reihe steil auf den
Schwnzen sitzender Riesenraben zu sein. >Ich stehe der starr gefgten
Macht des Gesetzes klein und rettungslos gegenber,< Und whrend er
automatisch Ja und Nein und auch einige Male Ich wei nicht
antwortete, dachte er: denen kann ich niemals erklren, wie es kam; denn
sie erdrcken mich mit ihrer Logik, die nur an der Oberflche des
Geschehens ihre Schlsse findet . . . und dadurch recht behlt.

Sie geben also zu, da Sie den Lehrer gettet haben, um Ihre Lage zu
verbessern.

Nein, das gebe ich nicht zu.

Aber ja doch! Sie haben doch eben Ja gesagt.

Ich habe Ja gesagt? Ich dachte an etwas ganz anderes.

Sie mssen aber auf meine Fragen achten, sagte der Vorsitzende ruhig.
Gleichzeitig mit ihm hatte der Staatsanwalt etwas gerufen; und aus der
Rekonstruktion der vorhergegangenen Fragen und Antworten mute der
Dichter erkennen, da er tatschlich Ja gesagt hatte.

Gewi hat er nicht Ja gesagt! rief der Verteidiger pltzlich. Und
wurde zornig, weil alle ihm ansahen, da er log.

Ich mchte festgestellt haben, da er nicht Ja gesagt hat.

Haben Sie Ja gesagt?

Ja, antwortete der Dichter gereizt dem Vorsitzenden.

Der Staatsanwalt fragte: Was verhinderte Sie, whrend der ersten
Anwesenheit in der Heimatstadt Ihr Vorhaben auszufhren?

>Alles hoffnungslos. Sie gehen gar nicht auf mich ein.< Langsam sagte
er: Es ist nicht Gleichgltigkeit, da ich Ihnen darauf nicht
antworte. Und empfand den Wunsch, berhaupt nicht mehr zu reden. Oder
etwas herauszubrllen.

Da sah er zum ersten Male das klare Auge eines Geschworenen, das
interessiert und klug auf ihn gerichtet blieb. Die andere Augenhhle war
leer. Des Dichters Beklemmung wich sofort. Das ist das wahrhaftige Auge,
dachte er. Die Hoffnung auf Rettung zog mchtig in ihn ein.

Er wandte sich an den Einugigen, in dessen schmales Gelehrtengesicht
der Geist viele Falten gezeichnet hatte, sprach hei und dringend:
Verstehen Sie mich -- erst nachdem ich schon da war, bei meiner Mutter
im Zimmer war, erinnerte ich mich an das Schulerlebnis. Ganz pltzlich.
Es hat also volle zweiundzwanzig Jahre lang . . . heimlich in mir
gesteckt und mich, wie ich jetzt ganz bestimmt wei, aus seinem dunklen
Versteck heraus gezwungen, in die Heimatstadt zu fahren.

Mit einem einfachen Lcheln: Daran knnen Sie ja doch genau erkennen,
da ich mir nicht sagte: jetzt fahre ich heim, bringe den Lehrer um und
nehme ihm sein Geld . . . Denn, Sie verstehen? in Berlin wute ich ja
gar nicht, weshalb ich eigentlich zum Bahnhof lief und in den Zug stieg
. . . steigen mute!

Nur zur Aufklrung! Der Vorsitzende sprach geschftsmig. Wollen Sie
damit sagen, da dieses Erlebnis, das, nehmen wir einmal probeweise an,
Sie gezwungen hat, zu reisen, Sie auch veranlate, den Lehrer
umzubringen?

Nein, sagte der Dichter fest.

Und der Vorsitzende: Gut.

. . . Denn ein demtigendes oder sonst qualvolles Jugenderlebnis kann
nicht mehr so gefhrlich sein, nachdem man sich daran erinnert hat.
Zuerst war ich sehr erregt, sehr erregt. Dann wurde ich nur recht
traurig und wollte mich mit dem Lehrer ausshnen. Er sollte sich ein
bichen entschuldigen bei mir, und alles wre gut gewesen.

Und brachten Sie ihn um, weil er das nicht tat?

Auch deshalb nicht . . . Und auch nicht gerade, weil er den Kleinen in
meiner Gegenwart geprgelt hat.

Sondern? . . . Weil Sie sahen, wie die Haushlterin dem Lehrer einen
Hundertmarkschein reichte.

Nein, nein, das ist nebenschlich . . .

Wie ein Mensch, der im Alptraum verfolgt wird, sich aber nicht vom
Platze bewegen kann, empfand der Dichter der Fesseln wegen drckende
Hilflosigkeit, wollte fortwhrend die Hnde gebrauchen, die von den
Ketten wieder zusammengerissen wurden. Aus Angst, sich nicht klar genug
auszudrcken, wurde er sehr erregt.

Jetzt wre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein wenig folgen wrden. Er
wandte sich an den Einugigen: Schon ein einziges vergessenes
Jugenderlebnis hat also die Macht, mich eines Morgens von Berlin in die
Heimatstadt zu schicken. Ich mu gehorchen. Wei absolut nicht, weshalb.
Hab vierzehn Jahre lang, bis zu diesem Morgen, gar nicht daran gedacht,
zu reisen. Hatte keine Lust. Kostet Geld . . . Wenn nun schon das Eine
so eigenmchtig mit mir umspringen kann, dann mu ich mir sagen -- und
das ist der glhende, tragische Punkt --, da die ohne Zweifel zahllosen
schndlichen Kindheitserlebnisse zusammen, die vergessen und verdeckt in
einem Menschen sitzen, ihn gegebenenfalls zu ihrem Werkzeug fr jede
Tat, welche es auch sei, machen knnen.

Da legte der Dichter die Hnde auf die Brust. Ich sa beim Lehrer, der
mich jahrelang geqult hatte und jetzt vor meinen Augen den Kleinen
schndete, da wirkten pltzlich alle diese vergessenen Erlebnisse
eigenmchtig zusammen und erwrgten ihn.

Er lie die Hnde sinken, sagte noch: Pltzlich begeht man das
Schrecklichste; denn der eigene Wille ist fortgezogen.

Gut, begann der Vorsitzende, da ein Mensch, wenn er zerstreut ist,
manchmal etwas tut, irgendeine Dummheit begeht, ohne zu wissen, wie und
was, ist uns bekannt . . .

Aber, unterbrach ihn ein groer, vollbltiger Geschworener gereizt,
da er in der Zerstreuung einen Menschen umbringt, na, das ist ja
. . . das ist Unsinn.

. . . aber, da Sie wegen dieses, wei Gott vor wieviel Jahren
vergessenen Schulausfluges in die Heimatstadt gereist sind . . . wo
steht das geschrieben? Und wo steht geschrieben, da Sie sozusagen
. . . mit Hilfe! noch anderer Erlebnisse gar jemand ermordet haben? Das
glaubt Ihnen kein Mensch auf dieser Welt, auch wenn Sie nicht das Geld
geraubt htten . . . Ebensowenig, wie man glauben wird, da Sie mit
Hilfe anderer, ausgezeichneter, herrlicher Erlebnisse den Ermordeten
wieder lebendig machen knnen.

Der Vorsitzende sttzte beide Hnde auf das Pult, die Ellbogen seitwrts
gespreizt. Jetzt uern Sie sich einmal, wollen Sie sich denn mit
diesen . . . diesen Geschichten verteidigen? Oder was wollen Sie?
. . . Verteidigen?

Verlegen scharrte der Dichter mit dem Fue, sah in die Ecke, die
Geschworenen an. Ja, ich . . . versuche, Ihnen das Ereignis zu
erklren.

Unvermittelt kam wieder Entschlossenheit in sein Gesicht. Glauben Sie
mir, sagte er zum Einugigen, wirklich, es kann vorkommen, da ein
dreiigjhriger Mann in seinem Zimmer sitzt, ganz ruhig bei der Arbeit,
da hrt er im Nebenzimmer einen Mann schimpfen und die geschlagene Frau
ngstlich kreischen. Pltzlich packt ihn eine rtselhafte,
besinnungslose Wut: er hat den unbegreiflichen Drang, hinberzustrzen
und den Mann zu erwrgen. Hinterher kann er seinen Richtern nur sagen,
da der Zank -- das Weinen der Frau im Nebenzimmer -- ihm diese Wut
verursacht hat, und wei nicht, da er sich wegen eines hnlichen
Zankes, der aus dem Schlafzimmer seiner Eltern kam, vor fnfundzwanzig
Jahren im Kinderbettchen voller Grauen aufrichtete, in Ha gegen seinen
Vater, der die geliebte Mutter schlug. Seine Richter glauben ihm dann
nicht, weil er, wenn er zur Besinnung kommt, vielleicht einen Mantel
mitnimmt, einen Apfel einsteckt oder einen Hundertmarkschein, um fliehen
zu knnen . . . Bei mir liegt die Sache ganz hnlich. Sie verstehen mich
doch?

Der Einugige notierte sich etwas und sah ruhig wieder den Dichter an,
der das fr eine bejahende Antwort nahm und freudig und hingerissen dem
Vorsitzenden zurief: Ich will mich damit ja nicht entschuldigen! Ich
bin so furchtbar schuldig geworden! Aber doch nicht wegen des Geldes,
nicht wegen . . . dieses Geldes! Glauben Sie das nicht! Mein Mord wurde
von solchen Erlebnissen verursacht . . . Einmal lie mich der Vater --
weil ich meine Schiefertafel zerbrochen hatte und er, der Arbeiter, der
abgerackerte Arbeiter, verstehen Sie doch! eine neue kaufen sollte --
das eichene Lineal holen; ich mute die Hose ausziehen. Dann schnallte
er mich auf den Stuhl fest und . . . vor der ganzen Familie. Das tat er
. . . Am andern Tag strzte ich heulend zu Boden, nur weil ein Kamerad
von mir ganz zufllig das Wort >Lineal< gebrauchte. Ich heulte wie
tobschtig, rannte aus der Stadt hinaus, stundenlang auf den Feldern
umher, und zndete vor Qual und Hoffnungslosigkeit eine Scheune an. Sie
brannte ab . . . Viele Jahre wute ich nicht, weshalb ich die Scheune
angezndet habe . . . Wenn man gerecht ist, ganz gerecht, mu man sagen,
da nicht ich . . . sondern mein Vater der Brandstifter war.

Man knnte ja auch sagen, der Urgrovater, der schon lngst verwest
ist! Das Gesicht des vollbltigen Geschworenen blhte sich auf, da die
Augen verschwanden.

Sofort wandte der Dichter sich wieder an den Einugigen, sah ihn
eindringlich an. Weil mir das alles so klar geworden war, fuhr ich dann
noch einmal in meine Heimatstadt, in der Hoffnung, mich an vieles zu
erinnern -- an die furchtbaren Demtigungen, die mich ruiniert haben.
Ich hoffte, ihnen mit meinen Erfahrungen, mit dem Verstand meiner
dreiig Jahre, ihre bse Macht ber mich endlich nehmen zu knnen
. . . Alle Menschen sollten wieder einmal in ihre Heimatstadt
zurckkehren. Das habe ich sogar getrumt. Er bewegte die Hnde in
groem Bogen von links nach rechts: Einen ganzen Zug Menschen!

Nun, und sind Ihnen solche Erlebnisse eingefallen? fragte der
Vorsitzende.

Mir? Nein . . . nein, es sind mir keine eingefallen.

Wie denn! . . . Dann sollten Sie uns doch aber das alles nicht
erzhlen. Weshalb nur?

Der Dichter schickte einen hilfesuchenden Blick zum Einugigen hin, zum
Vorsitzenden. Weil das so wichtig ist. So wichtig!

Aber nein doch! Es sind Ihnen ja keine eingefallen.

Des Dichters Mund blieb offen stehen.

Nun?

Die ganze Stadt ist mir eingefallen . . . Und da ist auch ein
unheimlicher Hohlweg, ein Mensch verschwindet . . . In dem Hohlweg mu
mir etwas Furchtbares geschehen sein. Aber ich wei nicht, was. Wei
nicht, was. Glauben Sie mir doch. Um Gottes willen!

Fieberhaft suchte er nach noch einem Beispiel, whrend der Vorsitzende
sich nicht um ihn kmmern konnte, weil er die Vernehmung der Zeugen
vorbereitete.

Da sah er das Auge des Geschworenen verlangend auf sich gerichtet,
machte verzweifelt einen Schritt zu ihm hin: Es kann doch auch
vorkommen, da ein Mann immer wieder trumt: er ist ein Kind und mu
sich verkriechen in die Zimmerecke, aus Angst vor seinem Vater, der ihn
grlich und verchtlich ansieht. Und es hilft ihm nichts, da er seinem
Vater zuruft: ich habe doch seither die groe Brcke aus
Eisenkonstruktion gebaut . . . Solange er lebt, frchtet sich der
berhmte Brckenbauer im Traume vor seinem Vater . . . Mich hat der
Vater einmal die ganze Nacht auf den langen, dunklen Gang hinausgesperrt
. . . Ich kam zu spt nach Hause, weil ich zugesehen hatte, wie ein
Ertrunkener aus dem Wasser gezogen wurde. Das war eine arge, lange
Nacht. Seitdem frchte ich mich im Dunkeln wie ein Kind . . . Erst
vorgestern, am Dienstag, trumte ich wieder: in unbeschreiblicher Angst
stehe ich auf dem dunklen Gang -- der Ertrunkene kommt die Treppe herauf
und langsam auf mich zu, entsetzlich lautlos . . . Ich kann nicht in die
Wohnung flchten. Selbst jetzt trume ich das, in einer Zeit, da ich
mich in so groer Not befinde. Man sieht daran, da ein solch grliches
Kindheitserlebnis strker ist als alles.

Sonnig scheint Ihre Kindheit ja nicht gewesen zu sein, aber mit Ihren
Trumen knnen wir uns wirklich nicht abgeben, sagte der mit den
Zeugenakten beschftigte Vorsitzende, die sind nun einmal Schume.

Der Angeklagte versuchte immer wieder, den eindeutigen Tatbestand mit
vagen Geschichten zu verschleiern, notierte sich der Staatsanwalt fr
seine Schlurede.

Es sind ihm ja nun doch welche eingefallen, sagte der Verteidiger.
Ich mache Sie darauf aufmerksam . . . Auf den Ertrunkenen.

Und der Dichter blickte in pltzlicher Hoffnungslosigkeit so verloren im
Saale herum, da er von der Vereidigung der ersten Zeugin nichts
bemerkte.

Sie stehen unter Kontrolle?

Im Zuschauerraum wurde es ganz still.

Das Straenmdchen senkte den Kopf.

Da senkte auch der Dichter den Blick.

Sie wurde nicht vereidigt.

Am weitesten vom Dichter entfernt stand der Kleine; seine Stirn war
wieder schneewei geworden. Die Zuschauer begannen sich zurechtzusetzen.
Der Offizialverteidiger handhabte, nachdem er eine Weile streng zum
immer noch notierenden Staatsanwalt hingesehen hatte, ebenfalls seinen
Bleistift. Er trug ein Monokel. Auch die Geschworenen bewegten die
Oberkrper, bis sie richtig saen. Es war sehr warm im Saal.

Bei Ihnen wohnte der Angeklagte?

Mir war er immer unheimlich, sagte die Wirtin sofort.

So? . . . Weshalb denn?

. . . Bezahlt hat er mich auch nicht.

Der Staatsanwalt schriebs auf und machte den Geschworenen noch einmal
deutlich, da der Grund der Reise und die Ermordung des Lehrers in des
Dichters stndiger Geldlosigkeit zu finden sei.

Der Vorsitzende fragte die Wirtin, ob der Dichter schon vorher
irgendwelche uerungen mit Bezug auf den Mord getan habe, da er ihr
unheimlich erschienen sei. Sie geriet, zur Belustigung der Zuschauer,
ins ungehemmte Erzhlen hinein, aufgebracht und endlos, bis der
Vorsitzende Halt! rief, weil die Richter das tgliche Leben des
Dichters nunmehr genau kannten.

Frh, wenn ich aufstand, ging er zu Bett. Zugetraut hab ich ihm alles
. . . Denn man wute ja nie, was er eigentlich macht, sagte sie noch
nachtrglich, mit einem rgerlichen Blick auf den Dichter, wobei ihre
Unterlippe befriedigt vorscho.

Doch, ich habe gearbeitet, antwortete der Dichter gereizt.

Wir hrten aber eben, da Sie den ganzen Tag geschlafen haben.

Er schwieg.

Der Vorsitzende sagte schulterzuckend: Arbeiten mssen alle Menschen.

Und die Wirtin rief: Das hab ich ihm auch gesagt.

Sie drfen nur reden, wenn Sie gefragt werden.

Ihr sich emprt ffnender, sprechbereiter Mund klappte lautlos wieder
zu, weil der Richter vorgriff: Wie denn! Nur wenn Sie gefragt werden.

Da sagte der Einugige: Der Angeklagte ist doch der Autor jener
bekannten Artikelserie . . . Das war doch eine schwere, langwierige
Arbeit fr Sie, nicht wahr? Der Verteidiger ffnete ruckartig den Mund.

Der Staatsanwalt rief schnell: Ich bin bereit, diese . . . Arbeiten
hier verlesen zu lassen, wenn die Verteidigung glaubt, da diese
volksverhetzenden Schriften den Angeklagten entlasten knnen.

Der Vorsitzende sah fragend den Verteidiger an, der den Blick senkte.
Und pltzlich auf einen Papiersto schlug: Ich habe hier noch andere
Arbeiten von ihm . . . Grandiose Dichtungen!

Es wurde gelacht. Der Dichter errtete.

Und der Verteidiger sagte, er wolle keineswegs die Verhandlung
hinausziehen durch Verlesen. Aber ich mu darauf bestehen, da er
gearbeitet hat. Jawohl!

Der Vorsitzende lchelte ein wenig.

Sie hatten am Abend vor der Tat ein lngeres Gesprch mit dem
Angeklagten? Sagen Sie uns mglichst genau, was er gesprochen hat.

Doktor Wiener schwieg: er hatte damals den Dichter nicht ganz
verstanden.

Vorsitzender und Staatsanwalt fragten abwechselnd und wren zu keinem
Resultat gelangt, wenn nicht der Dichter selbst in unmittelbarer
Aufwallung dazu geholfen htte, so da pltzlich der Satz durch den Saal
klang: Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brllend, stinkend
demtig, sthnend, irrsinnig, da er atmen drfe, ohne unntige Qualen.

Sie sahen ihn erschrocken an. Und der erleichterte Doktor Wiener konnte
ergnzen: Ich hasse die Reprsentanten all derer, die das verhindern.

Der Verteidiger las einen hnlichen Satz aus einem Manuskript des
Dichters vor, bezweckte nichts damit, denn das vom Staatsanwalt klug und
schlagfertig durchgefhrte Geplnkel endete mit dessen nachsichtigem
Lcheln und sichtbarer Verwirrung des Offizialverteidigers.

Der Vorsitzende fragte: Sind Sie etwa der Meinung, Lehrer Mager sei so
ein Reprsentant gewesen?

Kein Mensch im Saal konnte sich erklren, auf welche Weise der Kleine an
diese Stelle gelangt war. Erschrocken sahen alle zu, wie der Dichter die
Hnde auf des Kleinen Kopf legte, da die Ketten vor dessen Gesicht
hingen.

Der Dichter sagte: Ich habe da einen Zeugen, da der Lehrer ein
Reprsentant der Seelenzerstrer war. Dieses Kind wird ein Elender
bleiben, sein Leben lang . . . Betrachten Sie mich als sein lteres
Abbild.

Der Kleine, mit den Ketten vor dem schneeweien Gesicht, rhrte sich
nicht, bis ihn der Gerichtsdiener auf den Befehl des Vorsitzenden hin am
Arme vom Dichter wegfhrte wie einen Gefangenen.

Im Zuschauerraum wurde es wieder ruhig, als der Vorsitzende den Dichter
sachlich zurechtwies und der Staatsanwalt des Ermordeten Leben
ausfhrlich schilderte, ihn zum Schlu einen sich aufopfernden,
pflichttreuen Mann nannte.

Noch whrend dieser Rede hatte der Dichter die gefesselten Hnde nach
dem seitwrts stehenden Tischchen ausgestreckt. Und als der Staatsanwalt
geendet hatte und der Dichter immer noch schwieg, mit deutenden Hnden,
folgte der Vorsitzende der Richtung, nahm den schon ganz verrunzelten
Himbeerapfel, der beim Verhafteten gefunden worden war, vom Tisch und
fragte, was damit sei.

Der wird eine furchtbare Wirkung haben, dieser nicht geschenkte Apfel.
Das ganze Erlebnis trgt das Kind im Gehirn. Und noch nach zwanzig
Jahren wird es seine Handlungen mitbestimmen.

Sehen Sie, das knnen wir doch heute noch nicht kontrollieren. Der
Vorsitzende machte eine Handbewegung, als habe er dem Dichter ganz
berflssigerweise ein Geschenk gemacht. Das hier ist nur ein Apfel
. . . Weshalb haben Sie den eigentlich eingesteckt? Seine fnf
Fingerspitzen hielten den Apfel.

Oh, den wollte ich haben! sagte der Dichter rasch, mit sonderbar
funkelnden Augen.

Im Zuschauerraum wurde gelacht.

Als ich ihn einsteckte, dachte ich -- jetzt hat ihn der Kleine doch
bekommen. Ich dachte -- jetzt habe ich das Glas Milch doch bekommen.

Auch die Geschworenen blickten ihn fragend an.

Das ist doch furchtbar einfach! Wenn ich zwanzig Jahre frher die Milch
bekommen htte, htte ich mir den Apfel ja nicht zu nehmen brauchen
. . . und stnde heute vielleicht nicht hier.

Wie denn! Wenn Sie in Ihrem Leben ein Glas Milch mehr getrunken
htten? Der Vorsitzende lchelte den rechts von ihm sitzenden
Geschworenen zu. Deren Antwortlcheln sprang auf die links Sitzenden
ber, bis zum Staatsanwalt. Der Einugige sah zornig vor sich hin.

Freilich! Dann wre der Lehrer ein besserer Mensch gewesen und ich
sicher ein besserer geworden . . . Er hat mir doch, whrend ich zu ihm
in die Schule ging, in anderer Form viele tausend Glser Milch
verweigert. Und nicht nur er -- viele andere haben mich gedemtigt,
gepeinigt und dadurch schwach und bse gemacht. Deshalb stehe ich hier.
Aber ich glaube, da vor allem der Lehrer mich fr sptere Demtigungen
so sehr empfnglich gemacht hat . . . Denken Sie an, wenn ich damals
nicht vor dem Wirtshaus htte stehen mssen, htte ich vielleicht eine
Woche spter, als die Soldaten, anstatt mir Brot zu geben, Splwasser
ber mich geschttet haben, noch geflucht und geschimpft. So aber habe
ich geschwiegen, glaubte schon, mit mir drfe man alles machen . . . Das
ist ja das Furchtbare, da ich nicht geschimpft habe, sondern ganz still
weggegangen bin.

Wie auf Kommando bewegten alle Geschworenen gleichzeitig die Oberkrper,
um sich wieder zurechtzusetzen.

Und der Vorsitzende sprach die Prgelszene in der Lehrerstube jetzt doch
ausfhrlich durch. Unter allgemeiner Heiterkeit. Denn der grere
Schler erzhlte, da aus dem zerdrckten Kleinen auch mit Gte und
Vterlichkeit nicht ein Wort herauszubringen war, da dieser Regen mit
ch und anstatt Amen -- Ammen geschrieben habe.

Die Geschworenen lchelten und dachten an ihre Jugendzeit zurck.
Gerichtshof und Zuschauer sympathisierten miteinander. Eine Weile lie
der Vorsitzende die Heiterkeit durchgehen, dann spitzte er lchelnd den
Mund unterm Schnurrbart, als wolle er sagen -- wie Sie sehen, verstehe
ich einen Spa, aber dazu sind wir nicht hier; und da im Zuschauerraum
auch dann noch gelacht wurde, rief er erstaunt: Wie denn!

Niemand verstand recht, weshalb der Einugige sich vom Dichter noch
einmal auf das genaueste die Reihenfolge der Vorgnge in der Lehrerstube
darstellen lie. Wiederholt fragte er eindringlich, ob die Tat --
sofort, nachdem die Knaben die Stube verlassen hatten, geschehen sei,
oder ob der Dichter vorher noch ber den Schulausflug gesprochen -- und
den Lehrer dann erst umgebracht habe.

Und als der Dichter das bei immer strker werdender Herzbeklemmung
bejahte, auf die nochmalige Bitte hin, sich genau zu erinnern, wieder
leise und bestimmt Ja sagte, blickte ihn der Einugige so furchtbar
ernst an, da der Dichter whrend der folgenden stummen Zwiesprache mit
dem Einugigen am ganzen Krper kalt wurde.

Der Staatsanwalt notierte sich die Worte Vorsicht! Affektmord.

Dann betonte er kurz und klar die Harmlosigkeit der Prgelszene.

Und der Vorsitzende fragte den greren Schler: Jetzt sage du uns
einmal . . . hast du Angst gehabt, zu deinem Lehrer in die Schule zu
gehen?

Ich hab gar keine gehabt.

Gabs viel Keile, wie?

Hiebe?

Der Vorsitzende lachte. Ja ja, Hiebe . . . Aber das macht doch einem
strammen Jungen nichts aus, was?

Nein. No, und ich hab ja keine bekommen . . Im Kopfrechnen Eins,
Rechtschreiben Eins bis Zwei, Deutscher Aufsatz . . .

Hast also gute Noten gehabt?

Deshalb hab ich ja auch immer die Hefte tragen drfen . . . Ich hab die
Notenbcher alle noch.

Nun, und du?

Der Kleine wurde kreidewei.

Du hast doch auch keine Angst gehabt, wie?

Sags uns nur . . . Angst gehabt?

Die Trnen schossen ihm in die Augen. Er schttelte verneinend den Kopf.

Wird schon alles noch besser werden, sagte der Vorsitzende und
lchelte den Kleinen freundlich an. Aber ja doch!

Er sah in die Untersuchungsakten, dem Dichter gro ins Gesicht. Sie
gaben an, Ihre Schwester habe sich ertrnkt, weil Herr Lehrer Mager sie
. . . nennen wir es: geqult hat. Es liegt mir daran, jetzt auch diese
Sache voll und ganz aufzuklren . . . Glauben Sie, da der Lehrer auf
Ihre Familie besonders schlecht zu sprechen war?

Besonders? Nein. Er hat vermutlich alle Schler, die zu ruinieren
waren, ruiniert . . . Das heit, drei oder vier ausgesprochene
Prgelknaben hatte er doch, aber zu denen gehrte ich nicht einmal
. . . Einen davon -- er war der Sohn eines Optikers, dick und winzig
klein -- den maltrtierte er so, da Sie mir einfach nicht glauben
werden, wenn ich es Ihnen beschreibe . . . Tglich, bei jeder
Gelegenheit, mit dem Rohrstock auf den kurzgeschorenen, weiblonden
Kugelkopf, ins rosige Gesicht, wahllos ins Gesicht! . . . Einen Bauern,
der ein kleines Ferkelchen so verhaut, wrde man einsperren wegen
Tierqulerei.

Ja aber! In so einem Fall geht ein Junge doch nach Hause und sagt: Du,
hr mal, Vater . . . so und so.

Der Dichter lchelte schwach. Gewhnlich wagt ein Junge nicht, sich
beim Vater ber den Lehrer zu beklagen.

Und . . . was wurde aus dem Jungen?

Den habe ich krzlich aufgesucht, extra aufgesucht . . . Er hat jetzt
einen Schnurrbart. Das Geschft seines verstorbenen Vaters fhrt er
weiter, erhlt seine jngeren Geschwister. Sehr geachteter Mann . . .
Ich frage ihn: Denkst du noch manchmal daran, wie dich der Lehrer
behandelt hat?

>Der Lehrer Mager? Dem begegne ich fters. Wir unterhalten uns hie und
da miteinander<, sagte er und bediente dabei seine Kundschaft -- zwei
Gymnasiasten, die einen Photographenapparat kaufen wollten. >Das war ein
tchtiger Lehrer. Man hat etwas bei ihm gelernt . . . Ja, ja, jetzt sind
wir keine Kinder mehr. Sorgen haben wir jetzt. Nun, das Geschft geht
ja.<

Dem hats also nicht geschadet.

Nein, sagte der Dichter lchelnd und sah dabei den blinkenden
Optikerladen.

Und Ihre Schwester . . . Glauben Sie nicht auch, da die Sache in die
ffentlichkeit gekommen wre, wenn die Schwester sich wegen des Lehrers
ertrnkt htte? Doch sicher!

Ach, da der Lehrer die Schuld haben knnte, daran dachte kein einziger
Mensch in der Stadt. In einer kleinen Stadt wagt man gar nicht, an so
etwas zu denken. Da ist ein Lehrer etwas so unangreifbar Hohes . . . wie
er sein sollte . . . Ich selbst bin ja erst seit kurzer Zeit der
Meinung, da meine Schwester durch das Verhalten des Lehrers in den Flu
geschickt worden ist.

Nach allem, was wir von dieser Sache hier gehrt haben, vom Angeklagten
selbst gehrt haben, ist er durch nichts zu dieser Meinung berechtigt,
sagte der Staatsanwalt ruhig.

Und der Vorsitzende: Je nun, mir scheint auch, da Sie da etwas
vorschnell urteilen . . . Herr Doktor Wiener, versuchte der Angeklagte
an jenem Abend auch von Ihnen Geld zu leihen?

Das nicht . . . Wrme.

Der Vorsitzende sah verstndnislos drein.

Ich wollte sagen -- er lie die Zwischentr absichtlich offen, damit
aus meinem Salon Wrme in seine Kammer strmen konnte.

Ein unterdrcktes, glucksendes Lachen ertnte.

Den Dichter streifte der Wunsch, erklren zu knnen, weshalb die
hinterlistige Art, wie er vom Doktor Wrme genommen hatte, auch eine
Folge seiner gedemtigten Jugend sei.

Und die Wirtin rief: Die Kammer ist so klein, da sie ganz warm wurde,
wenn er nur seine Kerze brennen lie.

Die Zuschauer lachten offen heraus.

Liebe Frau, nur wenn Sie gefragt werden!

Das Lachen steigerte sich.

Und der Vorsitzende lie noch einmal den Saal nicht rumen.

Doktor Wiener antwortete zgernd: Doch, er gebrauchte auch das Wort
>Anpumpen<.

Der Vorsitzende fragte den Dichter: Sie hatten also an jenem Abend gar
kein Geld?

Der Staatsanwalt stellte das ausdrcklich fest.

Und da gingen Sie zu diesem . . . Mdchen.

Da der Vorsitzende whrend der Vernehmung des Straenmdchens die
Zuschauer drauen haben wollte, erklrte der Verteidiger, da volle
ffentlichkeit im Interesse des Dichters liege.

Der Staatsanwalt dachte, da hat er wo etwas aufgeschnappt.

Die Zuschauer muten hinaus.

Das Straenmdchen erwiderte: Ich hatte gerade selbst kein Geld.

Bedrohte er Sie, als Sie ihm nichts gaben?

Und wieso gaben Sie ihm dann doch?

Ich bat ihn, im Nebenzimmer zu warten.

Unter steigender Erregung der Geschworenen mute das Mdchen den Hergang
mit allen Einzelheiten erzhlen, wobei der Dichter einem Blick seines
Verteidigers begegnete und dachte: er verachtet mich, wie kann er mich
da verteidigen.

Und als das Mdchen unvermittelt gefragt wurde, wie lange der Dichter
ihr schon Zuhlterdienste leiste, glaubte er, zum ersten Male ganz
hoffnungslos, es werde ihm unmglich sein, den Ring, den Vorsitzender
und Staatsanwalt um ihn zogen, zu sprengen.

Auch einige Geschworene fragten das Mdchen.

Bis sie endlich verwirrt sagte: Er ist doch kein Zuhlter, und an der
ganzen Geschworenenreihe staunend entlang blickte.

Der Vorsitzende erklrte ihr: Sie mssen die Wahrheit sagen, obgleich
Sie nicht vereidigt sind. Aber ja doch! Und brachte nach langem,
eindringlichem Fragen aus ihr heraus, da sie den Dichter schon seit
einem Jahre kenne und da er damals zu ihr gesagt hatte, er wolle sie
heiraten.

Sehr ernst geworden, sahen die Geschworenen in den leeren Zuschauerraum.

Und der Vorsitzende sagte sofort: Es ist doch auffallend, da ein
Mdchen wie Sie einem Menschen nur so Geld gibt, ihn sogar warten lt
im Nebenzimmer, bis sie das Geld sozusagen . . . verdient hat.

Da sah sie ihn verchtlich an. Doch ganz schnell vernderte sich ihr
Gesicht; die ganze Krperhaltung drckte schroffe Gleichgltigkeit aus.
Ist mir einerlei.

Was ist Ihnen gleich?

Alles natrlich!

Ich frage Sie, was Sie momentan dachten, das Ihnen gleich sei.

Mit einem ganz kleinen, starken Lcheln: Alles, meine Herren! Sie
setzte sich.

Der Staatsanwalt betonte die Unglaubwrdigkeit der nicht vereidigten
Zeugin. Und der Dichter sah zu, wie eine Schar Tauben vom
gegenberliegenden Dachfirst aufflog, ihn umkreiste und sich wieder in
die Frhlingssonne niederlie. Ein Tauber blhte sich und stolzierte
wippend einer Taube nach, die immer wieder davonrannte.

Von was haben Sie denn nun eigentlich in Berlin gelebt, all die Jahre?
fragte der Vorsitzende, als die wiedereintretenden Zuschauer stillsaen.

Der Dichter sagte: Das ist schwer zu erklren . . . Ich wei es selbst
nicht.

Und antwortete nachdenklich noch einmal: Ich kanns wirklich selbst
nicht sagen.

Der Vorsitzende lie Augen und Hand verwundert fragen.

Und der Staatsanwalt formulierte kurz seine Ansicht dahin, da die
Geldquelle bei diesem oder bei irgendwelchen anderen Straenmdchen zu
suchen sei. Der Heiratsantrag ist der schlagendste Beweis dafr.

Kurzum . . . es ging Ihnen offenbar sehr schlecht?

Also. Da fahren Sie in Ihre Heimatstadt . . .

Weil mir so furchtbar zumute war.

Besuchen unvorsichtigerweise Ihre Eltern, ein Kaffeehaus und, wie sich
vorhin herausstellte, den Optiker, nicht wahr?

Ja.

Dieser unliebsamen Zeugen wegen reisen Sie, obwohl Sie schon vor des
Lehrers Tr standen, mit dem nchsten Zug wieder zurck nach Berlin.

Sie wuten nicht, da der Angeklagte verreist war?

Keine Ahnung habe sie gehabt, antwortete die Wirtin aufgebracht, sah den
Dichter an, den Vorsitzenden: Und mein Herr Doktor hatte ja auch die
Kammer mitgemietet.

Nachdem Sie Ihrer Wirtin beigebracht hatten, gar nicht verreist gewesen
zu sein, gehen Sie zu dem Mdchen, lassen sich zwanzig Mark fr die
Reise geben und fahren in derselben Nacht wieder in Ihre Heimatstadt,
schleichen -- diesmal ohne Zeugen -- ungesehen durch die noch dunklen
Gassen direkt in die Lehrerswohnung. Eine Stunde spter wird der Lehrer
vor seiner durchwhlten Schreibtischlade gefunden. Das geraubte Geld bei
Ihnen . . . Was knnen Sie dazu sagen?

Whrend der ganzen Rede hatte der Dichter den Vorsitzenden in kaltem
Entsetzen angeblickt; nur stockend konnte er hervorbringen: Es ist
alles so weit entfernt vom Tatschlichen, was Sie und der Herr
Staatsanwalt von mir sagen, da ich kein Wort mehr mitreden kann.

Sie hatten offenbar weitaus mehr vorzufinden erwartet, bei Ihrem
Lehrer, der als sparsamer, vermgender Mann bekannt war.

Da stemmte der Dichter die Handballen unter die Achselhhlen, da die
Kette ber seiner Brust spannte, brllte: Ihr lgt! und stie dabei
die Hnde nach vorn, wandte sich um zu den vielen Hunderten, wie auf
einem Riesenprsentierteller liegenden Gesichtern: Alle Menschen, die
im Saale sind, mssen bemerken, da das Gericht nur eine Seite sehen
will und alles dahin zusammentrgt. Und zum Gerichtshof: Man will mich
viel schlechter machen, als man selbst glaubt, da ich bin. Man lgt!
Und mein Verteidiger verachtet mich.

Der Vorsitzende hatte die Hand erhoben. Der Dichter sah an ihm vorbei,
lodernd zum klarblickenden Auge des Geschworenen:

Gelogen wird in den Gerichtsslen! Am tatschlichen Geschehen
vorbeigesehen! Die Ursachen liegen tief. Man will sie nicht sehen. Man
will nicht! . . . Weil man sonst erkennen mte, da man mitschuldig
ist.

Die zwei Gerichtsdiener an seinen Seiten drehten die Kpfe auf ihn zu,
scharf ins Profil; ihre Augpfel lagen in der Nasenecke. So blieben sie
griffbereit stehen.

Auffallend ruhig sagte der Einugige: Ich sehe keinen Beweis dafr, da
dieser Mann den Lehrer wegen des Hundertmarkscheins gettet hat. Die
Grnde, die er dafr angibt, erscheinen mir viel glaubhafter . . . Sie
erscheinen mir jetzt glaubhaft.

Der Vorsitzende unterbrach: So etwas knnen Sie . . . nur im
Geschworenenzimmer uern.

Scheinbar zu allen sprechend, sagte der Staatsanwalt zum Einugigen --
und berzeugung pulste krftig in seinen Worten: Da knnte ja jeder
Mensch mit Recht seinen Lehrer ermorden . . . jeder Sohn seinen Vater!

Noch eine Sekunde lang hielt die neue Ansicht, die sich der Einugige
erst im Laufe der Verhandlung erkmpft hatte, der des Staatsanwaltes
stand. Dann wurde sie von dessen schlagkrftigem Ausruf wieder
zertrmmert.

Er senkte ratlos den Blick.

Der Vorsitzende sagte, pltzlich nachdenklich und ernst: Knnen Sie
selbst denn daran glauben, da Sie Ihren Lehrer deshalb umgebracht
haben, weil er Sie vor zweiundzwanzig Jahren . . . sagen wir: falsch
behandelt hat? . . . Wirklich, wir knnen damit nichts anfangen.

Er allein ist ja nicht an meinem Unglck schuld, sagte der Dichter
unwillig.

Und trotzdem haben Sie ihn umgebracht.

Da reckte der Dichter pltzlich die gefesselten Hnde senkrecht empor.
Der Dunst der Schulen, der falschen Erziehung, der Eltern, Frmmelei,
der Lge, des ganzen stinkenden europischen Moralgeschwrs bildet
furchtbar drohend das Wort >Ursache< weithin sichtbar am Himmel. Der
europische Mensch ist zum kranken, tckischen, reienden Tier geworden.
Gott, die Menschenliebe, die Gte, die Wahrheit zogen sich entsetzt
zurck vor dem vom Wahnsinn gezeichneten europischen Gesicht!

Ein Geschworener beugte sich zu seinem Nebenmann. Bei mir hat er sich
oft Zigaretten gekauft . . . In meinem Eckladen.

Der Vorsitzende betrachtete den Dichter sinnend.

Der lie die Hnde sinken, fiel zusammen und begann mit noch bebender
Stimme: Auf allen Wegen starren dem Menschen offen und versteckt
Messerspitzen entgegen, denen er nicht ausweichen kann . . . Trotz aller
Anstrengung konnte ich mich nie erinnern, was mir in dem Hohlweg
widerfahren ist . . . Ich trumte fters von einer Leiche, die in dem
Hohlweg lag. Sie war schon ganz verwest. Ameisen krabbelten ihr in Augen
und Ohren hinein, aus Mund und Nase heraus. Die Leiche lachte
frchterlich, weil die Ameisen sie kitzelten . . . Aber ich wei
bestimmt, da keine Leiche im Hohlweg lag . . . Etwas Grauenhaftes mu
mir da geschehen sein.

Der Vorsitzende hatte den Dichter fortwhrend grbelnd angesehen. Jetzt
richtete er sich auf. Auch die Geschworenen bewegten sich.

Mittagspause, sagte der Vorsitzende unerwartet, stand auf. Wir
unterbrechen bis drei Uhr, sagte er, mit der Uhr in der Hand.




6


Die Zuschauer gebrauchten List und Ellenbogen, um schneller durch die
Flgeltr hinaus auf den Gang zu kommen, den der Dichter passieren
mute.

Ein scharfes Witzwort fiel. Man lachte flchtig, drngte energisch
weiter. Und mauerte sich an den beiden Wnden entlang, vollkommen still
geworden. Denn des Staatsanwaltes schwarze Robe erschien ganz unerwartet
und bewegte sich feierlich durch die Menge.

Auf ihn zu kam, vom Treppenabsatz herunter, ein kleiner Referendar, mit
einem Klemmer und Leberflecken im zerhauenen Gesicht. Es hat sich noch
ein Belastungszeuge gemeldet.

Ah! Wer? Wo ist er?

Eine Zeugin. Sie hat angegeben, da der Schreinermeister, der seinem
Sohne die Augen zuleimte, ihn in diesem Zustand auch blofig auf die
heie Herdplatte gestellt hat . . . Dann heizte der Meister tchtig
nach.

Also nichts Neues zum Fall Seiler.

Nein. Da kann man dir ja gratulieren. Sichere Sache!

Ein komplizierter Fall.

Der kurzsichtige Kleine kroch in die Staatsanwaltsrobe hinein.

Wieso? Ist es nicht ganz klar erwiesen, da er es wegen dieses
Hundertmarkscheins getan hat?

Sie verschwanden, von allen Blicken verfolgt, in dem kalkweien,
menschenleeren Seitengang. Der Staatsanwalt sah auf den Kleinen
hinunter, zum Fenster hinaus. Das eben scheint mir jetzt sehr, sehr
fraglich zu sein, nach allem . . . Eigentlich schon nicht mehr
fraglich. Nein, nein, verzeihe! Wirklich, so in der Eile kann ich dir
das nicht erklren. Das Ganze ist zu . . . weit du, zu . . .
eigenartig.

Nmlich die eigene Frau des Schreinermeisters will gegen ihn zeugen.
Interessant, wie?

Platz machen! rief der Polizist.

Platz da! Platz! der auf der andern Seite.

Der Dichter wurde durchgefhrt. Der Offizialverteidiger lief mit
winzigen Schrittchen ber ihn vor, wieder zurck und geriet so in
Verwirrung, da er beim Weitergehen die ungewohnte, lange Robe hob wie
eine Frau den Rock.

Niemand lachte. Des Dichters Gesicht und Augen sahen erloschen aus.

Der Staatsanwalt trat vor ihm in die Fensternische zurck, sah ihm nach.
Gefhrlicher Geist . . . Kompliziert die Sache.

Wirklich? Nicht wegen des Hundertmarkscheins getan?

Der Staatsanwalt schttelte energisch den Kopf.

Ja . . . ja, aber wieso.

Schwer zu sagen. Er zog die Uhr, wollte sich verabschieden.

Kann man ihn dann berhaupt nicht zum Tode verurteilen?

Kann ich dir nicht sagen, weil ich es selbst nicht wei.

Das ist ja, das ist mir ja ganz neu . . . Und fr morgen? Fr diesen
Schreinermeister hast du also alles beisammen?

Hab ich. Bis auf die neue Zeugin . . . Ich mu schnell heim. Hab
Hunger. Guten Appetit.

Die Menge flutete ausweichend um die beiden herum, machte den gekalkten
Seitengang schwarz.

Der Verteidiger hatte keinen Appetit.

Er war in der Zelle beim Dichter, dessen Suppe aus verkochtem Brot, mit
einer matten Haut berzogen, kalt geworden auf dem Klapptisch stand.

Der Dichter dachte darber nach, weshalb er nicht das leiseste
Verhltnis mehr zu seiner Mutter empfand. Auch sich selbst war er so
gleichgltig geworden, da er nur noch ein gedankliches Interesse daran
hatte, sich diesen Zustand unkrperlicher Ruhe zu erklren. Es war ihm,
als trenne ihn ein ungeheurer Luftzwischenraum von seinen bisherigen
Gefhlen und der Mutter. Er lehnte reglos an der Fensterwand.

Der Verteidiger hatte die ganze Zelle fr sich, lief schnell auf und ab.
Mein Rat ist . . . reden Sie nicht mehr von diesen Dingen da, von
Kindern und so weiter. Das rgert uns alle nur. Wahrhaftig, mich auch.
Sie sagen: irgendwo auf der Welt liegt eine verweste Leiche in einem
Hohlweg und Ameisen . . . Nun, und wenn schon? Er blieb stehen. Ntzt
Ihnen das was? Nein . . . Weil kein Mensch mit einer lachenden Leiche
was anfangen kann. Und lief weiter.

Der Dichter redete nichts, hob ein Notizzettelchen auf, das dem
Verteidiger aus der Tasche gefallen war, und reichte es ihm.

Danke. Er stopfte es in die Tasche zu den andern, holte noch einmal
eine Faust voll Notizen hervor und stie sie nervs wieder in die
Tasche. . . . Europisches Geschwr! Wahnsinn! und was noch alles!
Kranke, tckische Europer, die sich zerfleischen . . . Nun und die
Chinesen?

Den Kopf schulterwrts geneigt, lauschte er bei der Tr, trat zum
Dichter. Wenn Sie eingestehen, da Sie Ihrer Armut . . . dieses dummen
Hundertmarkscheins wegen den Lehrer gettet haben . . . vielleicht,
vielleicht kann Sie das retten, ich meine, vor dem uersten . . .
Armut, Not, Elend und so weiter, arbeitslos. Lassen Sie mich nur
machen!

Wegen des Hundertmarkscheins habe ich es aber nicht getan. Das wei
jetzt sogar der Staatsanwalt. Er rgerte sich, weil er geredet hatte.

Der Verteidiger lauschte. Also, denen im Gerichtssaal knnen Sie das ja
weiszumachen versuchen, ist Ihr gutes Recht, obschon es nicht klug war
. . . aber mir gegenber ist das glatter Unsinn. Sie sagten sich -- Geld
ist Geld. Ich brauche welches . . . Glauben Sie denn, ich knnte das
nicht verstehen?

Schritte nherten sich. Der Verteidiger steckte schnell die Daumen in
die Westentaschen und ging auf und ab, mit gleichgltigem Gesicht.

Der Schlieer trat ein, nahm die Hand zur Mtze und meldete, da er den
Dichter in den Verhandlungssaal zurckbringen msse.

Ich wei doch, was ich wei߫, sagte der Verteidiger noch.

                   *       *       *       *       *

Der Dichter stand wieder an seinem alten Platze vor der Anklagebank und
hatte den Eindruck, auer ihm sei kein Mensch fortgewesen.

Frisches Interesse kam in die Augen der Geschworenen und Zuschauer,
nachdem der Vorsitzende den Gerichtspsychiater gebeten hatte, seine
Meinung zu uern.

Wesentliches, begann er, in bescheidener, korrekter Haltung, habe ich
meinem schriftlichen Gutachten nicht hinzuzufgen.

Nur der Einugige bemerkte, da bei diesen Worten die Angstspannung das
Gesicht des Staatsanwaltes verlie.

Da der Angeklagte versuchen werde, den Proze auf . . . auf
phantastisch-intellektuelles Gebiet hinberzuleiten, war vorauszusehen,
insofern das, wie ich bei mehrfacher Untersuchung und whrend lngerer
Beobachtung erkennen konnte, seinen psychischen Anlagen und vor allem
dem Drange entspricht, durch kmmerlich motivierte Behauptungen vom
Kernpunkte der Tat abzulenken . . . So versicherte er mir zum Beispiel,
da neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig und nur die
sogenannten weltfremden oder verrckten normal seien . . . Die moderne
psychiatrische Wissenschaft steckt jedoch beileibe nicht mehr derart in
den Kinderschuhen, da es dem zu Beobachtenden durch x-beliebige wirre
Aussprche gelingen knnte, den untersuchenden Arzt zu tuschen. Es gibt
im Gegenteil heute schon nahezu mathematisch genaue Sttzpunkte, von
denen aus der Arzt mit relativ groer Sicherheit das wahre Seelenbild
des Kranken nachzuzeichnen vermag.

Der stumme Kampf zwischen dem Vorsitzenden, der den Doktor die momentane
Entwicklungsstufe der modernen psychiatrischen Wissenschaft nicht
darstellen lassen wollte, und dem Staatsanwalt, der durch Unterbrechung
etwas zu verlieren frchtete, wurde von dem darauf aufmerksam gewordenen
Psychiater bereitwillig beendet.

Der Grovater des Angeklagten war ein Mllerbursche, der eine
sonderbare Leidenschaft fr Musik hatte, nmlich viele Jahre lang
regelmig seinen Wochenlohn mit Zigeunern verjubelte, die ihm
aufspielen muten. Er wurde deshalb der wilde Beethoven genannt. Soll
ihm auch zum Verwechseln hnlich gesehen haben. Er, sowie auch des
Angeklagten Schwester, haben Selbstmord begangen, aus Motiven, die nicht
klar festgestellt werden konnten . . . Wenn auch des Angeklagten Eltern
soweit gesund sind, mu somit doch angenommen werden, da er etwas
erblich belastet ist.

Whrend der Herr Psychiater sein Gutachten abgibt, darf er, wenn irgend
mglich, nicht unterbrochen werden, sagte der Vorsitzende ruhig zum
Staatsanwalt, der sprechbereit aufgestanden war.

Jahrelange Unterernhrung und seine lebenslangen Anstrengungen, sich
bei nur Volksschulbildung geistigen Besitz zu erwerben, haben des
Angeklagten Nervenkraft ruiniert und damitdie so ntigen
staatsbrgerlichen moralischen und sittlichen Hemmungen beseitigt.

Der Dichter sah den Psychiater gro und still an, als der fortfuhr: So
da gewisse Anzeichen einer geistigen Erkrankung -- der dementia praecox
-- ins Bild passen.

Was ist das? fragte der Zigarettenhndler den neben ihm sitzenden
Geschworenen.

Der wute es auch nicht.

Der Psychiater kam ihnen zu Hilfe: Es handelt sich um eine beginnende
leichte Verbldung . . . Das Ganze spricht aber hchstens fr eine
moralische Minderwertigkeit, die Verantwortung nicht ausschliet.

Der Staatsanwalt rckte seine Mappe gerade, sah auf. Nach Ihrer
Anschauung ist der Angeklagte also voll und ganz fr seine Tat
verantwortlich zu machen.

Und der Dichter sagte, pltzlich gereizt: Nach meiner Anschauung ist
Ihre moderne Psychiatrie eine seelische Hochstapelei, die mit exakter
Wissenschaft ganz und gar nichts gemein hat.

Der Vorsitzende wies ihn streng zurecht.

Und der Arzt antwortete dem Staatsanwalt: Da es sich beim Angeklagten
um einen ausgesprochenen Grenzfall handelt, kann ich mich nicht
entscheiden, ob infolge seiner vererbten und erworbenen Anlagen
mildernde Umstnde in Frage kommen drften. Doch wrde ich, gesetzt, ich
mte mich entscheiden, eher Nein sagen als Ja. Er verbeugte sich.

Und der Verteidiger rief in das durch Stellungwechseln der Zuschauer
verursachte Gerusch hinein mit verzweifelt dnner Stimme: Zuerst sagen
Sie, Sie knnen sich nicht entscheiden, und dann entscheiden Sie sich
doch! Das kann jeder! Ich auch.

Worauf der Psychiater ein Gesicht machte wie ein Mensch, der ans
Verfolgtwerden gewhnt ist.

                   *       *       *       *       *

Kurz und scharf lie der Staatsanwalt in seiner Schlurede den Gang der
Verhandlung noch einmal aufhellen, streifte fters mit einem Blick seine
Frau, die ein helles Frhlingskleid von unbestimmter Farbe trug, eine
groe, weinrote Schleife seitwrts am Halse, und die Atmosphre von
Jugend und Gepflegtsein um sich verbreitete.

Beim Erwhnen der Not und der stndigen Geldlosigkeit wurde seine Stimme
milder, wieder laut und bestimmt bei der Arbeitsscheu und den
Beziehungen zum Straenmdchen, und als er das Auffinden des erwrgten
Lehrers vor der durchwhlten Schreibtischlade und des geraubten Geldes
beim Dichter in einem gut gebauten, effektvoll gesteigerten Satz
zusammengefat hatte, wirkte die ruhige Selbstverstndlichkeit seines
Tonfalls sehr berzeugend bei der Schlubitte, die Schuldfrage nach
vorstzlichem, berlegtem Raubmord zu bejahen.

Whrend der Worte des Staatsanwalts, der Dichter habe moralisch zwei
Menschenleben auf dem Gewissen -- denn die treue Haushlterin des
Lehrers sei vor Schreck erkrankt und gestorben --, hatte der
Offizialverteidiger das Monokel abgenommen.

An diesem Ausspruch klammerte er sich an bei seinem
Verteidigungsversuch, behauptete, man knne nicht ohne weiteres
annehmen, da dem Dichter auch noch die Schuld am Tode der Haushlterin
beizumessen sei, wurde sehr erregt und fand das Monokel nicht. Nervs
setzte er seinen Zwicker auf und durchbltterte eine Zeitung:

Ich mu erklren, da er gearbeitet hat. In der heutigen Nummer ist
sogar etwas von ihm abgedruckt. Ist denn Dichten keine Arbeit? . . .
Hier!

In seiner Ratlosigkeit las er vor:

   Wenn ich gestorben bin,
   Wird mein Kind an einem sonnigen
   Gartenzaun entlang streifen, sich niedersetzen,
   Gefhlvoll und klug
   Die Welt betrachten:
   Die Ritzen zwischen den Steinen,
   Kfer, die auf den Dolden sitzen.
   Groe Last wartet auf dich,
   Mein Kind,
   Und Weinen.
   Du mut es tragen
   Wie alle.
   Mge die gute Besitzerin des Gartens
   Meinem Kind
   Durch die Stbe
   Eine Hand voll Pflaumen reichen!

Noch eine Weile blieb es still im Saal. Der Verteidiger sah erstaunt
auf, ffnete den Mund, schlo ihn wieder. Aber ist denn das nicht
schn?

Der Staatsanwalt ging bei seiner Entgegnung auf ihn nicht ein, hob noch
einmal hervor, da der Dichter der unliebsamen Zeugen wegen nach Berlin
zurckgefahren sei, gleich in der folgenden Nacht wieder in die
Heimatstadt. Ungesehen schlich er diesmal durch die noch dunklen Gassen
zum Lehrerhaus . . . Bei der ausgezeichneten Intelligenz des
Angeklagten, der sogar durch seine phantastisch-theoretischen
Abschweifungen einen dnnen Faden Logik ziehen konnte, kann dieses
Vorgehen nur als planvolle berlegung gedeutet werden. Darber, da der
Angeklagte seinen Lehrer, dessen ganzes Leben wirklich nichts als Mhe
und Arbeit war, deshalb ermordete, weil dieser ihm vor zweiundzwanzig
Jahren ein Glas Milch verweigert hat, will ich wirklich nicht sprechen.
Er sah mit einem ruhigen Blick an der nickenden Geschworenenreihe
entlang und schlo:

Mit ausschlaggebend fr Ihren gerechten Wahrspruch mu das scharf
hervortretende Motiv sein, da der Angeklagte seinen alten Lehrer, der
ihn frs Leben vorbereitete, wegen einer Geldsumme, wegen eines
Hundertmarkscheines ermordet hat.

Er glaubt es nicht und sagt es doch, dachte der Dichter.

Ich sage es aus meiner tiefsten berzeugung heraus . . . er hat es
nicht wegen dieses dummen Hundertmarkscheins getan! rief der
Verteidiger heftig.

>Und der glaubt das nicht und sagt es doch.<

Der Vorsitzende wippte sich nach vorn, schlug die Aktenmappe zu, sah den
Dichter an. Wollen Sie noch etwas sagen . . .? Wenn Sie noch etwas
sagen wollen . . .

An Stelle des Dichters schien ein fremder Mann zu sprechen. Sein Gesicht
war alt und klar. Wenn ich noch von mir und im Sinne des Staatsanwaltes
sprechen wollte, wrde ich sagen: er schiebt mir ein falsches Motiv
unter. Ich wei aber, da es ein Motiv in diesem Sinne gar nicht gibt.
Denn fr den Menschen besteht ein Motiv nicht so wie fr den Hund, der
eine Wurst stiehlt, weil er Hunger hat; sondern fr ihn ist das Motiv --
der Impuls -- ein Glied der eisernen Ursachenkette seines ganzen Lebens
. . . Deshalb ist nur allein derjenige gerecht, der nicht nach den an
der Oberflche liegenden Motiven urteilt, sondern die Ursachen zu den
Motiven sucht und dann verurteilt . . . wenn er es dann noch kann.

Der Vorsitzende sagte gtig: Sehen Sie, es liegt nicht in Ihrem
Interesse, jetzt noch so ins Allgemeine abzuschweifen . . . Sie sollten
nur an sich denken.

Fr mich habe ich kein Interesse mehr, sagte der Dichter, mit aus
weiter Ferne kommender, vom Wind gereinigter Stimme. Fr mich halte ich
meine Verteidigungsrede nicht.

Die Stze folgten einander pausenlos und immer schneller.

Wie denn! Andere zu verteidigen, haben Sie keinen Grund.

Dieser Meinung bin ich nicht.

Das bleibt Ihnen berlassen. Aber Abschweifungen mchte ich Ihnen nicht
erlauben.

Was Sie so nennen, ist kein Abschweifen. Ich habe noch etwas zu sagen.

Nun?

Ich sage, da allen Menschen die Ursachen des Verbrechens ins Gehirn
geschleudert werden, in einem Alter, in dem sie sich noch nicht dagegen
wehren knnen, solange sie Kinder und einer eigenen gedanklichen Kritik
noch nicht fhig sind . . . So werden die Menschen schuldig, ohne
schuldig zu sein.

Alle Menschen sind sich doch aber darber einig, da die Kindheit die
schnste Zeit ihres Lebens war, sagte der vollbltige Geschworene.

Der Vorsitzende: Ich kann Sie wirklich nicht mehr in dieser Weise
weitersprechen lassen.

Und leidenschaftlich der Dichter: Wo soll ich denn die mit meinem Leben
erkaufte Einsicht noch uern, wenn nicht hier in diesem Saale? Seine
Ruhe war Erregung gewichen.

Ein von Mann zu Mann weitergegebener Blick halben Zugestehens lie den
Vorsitzenden sich noch einmal zurcklehnen.

Und whrend hinten die Zeitungsberichterstatter stenographierten fr die
wartenden Schnellpressen, sprach der Dichter:

Die Erlebnisse -- die ersten Ursachen zu spteren Verbrechen --
erscheinen nur den Erwachsenen klein. Das Kind empfindet sie riesenhaft
gro, wird furchtbar getroffen und erschttert. Denn sein ihm
angeborener, unbedingter Glaube an das Leben . . ., seine Naivitt
bekommt die erste Wunde. Das macht das Kind unsicher und empfnglich fr
neue Verbrechensursachen, an denen es, noch unverwundet, vielleicht
vorbeigegangen wre . . . Ich habe das an mir erfahren.

Immer noch freundlich, bemerkte der Vorsitzende, hier sei doch nicht von
Kindern die Rede.

Natrlich von Kindern!

Aber nein doch! Von Ihnen.

Der Dichter sagte hartnckig: Von Kindern!

Der Vorsitzende sah die Geschworenen an, als wolle er sagen: hren wir
diesem wunderlichen, armen Menschen halt noch eine Weile zu, und lehnte
sich zurck. Bitte!

Die falsch und bse behandelten Kinder erleben groe Qualen, pltzliche
Schrecken . . . und werden doch nicht irrsinnig, wie mancher erwachsene
Mensch, wenn ihn ein Unglck unvermittelt trifft . . . Die Natur pariert
hier den Sto . . . sie lt das Kind vergessen. Sonst gbe es mehr
irrsinnige Kinder als irrsinnige Erwachsene. In allen Stdten wrden
ganze Straenzge Kinderirrenhuser sein.

Was wollen Sie eigentlich! . . . Kinderirrenhuser? Das sage ich
. . . Aber nichts bleibt ohne Wirkung. Furchtbar ist das Vergessen. Denn
alle bsen Erlebnisse leben, ohne da es das Kind wei, in ihm weiter,
werden mit ihm gro, bestimmen alle seine Handlungen . . . Wenn ich
nicht vergessen htte, was mir in dem Hohlweg geschehen ist, wrde ich
vielleicht ein ganz anderer Mensch geworden sein.

Der Verteidiger schttelte mibilligend den Kopf.

Also, Sie wissen doch, da es bei mir steht, Ihnen das Wort zu geben
und zu nehmen . . . Sie mssen zusehen und nicht mehr von diesen Dingen
sprechen.

In versteinerter Hartnckigkeit tastete er seinem Gedankengange nach,
zog suchend das Gesicht in Falten, da sich die Augen fast ganz
schlossen, sprach sehr langsam: Diese den Menschen klein scheinenden
Ursachen wachsen mit den Menschen, werden eigenmchtig . . . werden
eigenmchtig, und zu der Zeit, da das von ihnen . . . besessene Kind
anfngt, kritisch zu erleben, ist es schon vollkommen den Ursachen zum
Bsen ausgeliefert . . . Das gilt fr jeden. Daher kommt es auch, da
fast alle Menschen im Traume die schwersten Verbrechen begehen. Was
jeder einzelne -- Christus, das junge, unschuldige Mdchen, die groen
Dichter, meine Richter und Sie, Herr Staatsanwalt, -- schon an sich
erfahren haben. Diese Menschen begehen Verbrechen deshalb nur im Traume,
weil gnstige Erlebnisse, welche die Kraft der Reinigung besaen, sich
ihnen zufllig in den Weg gestellt haben oder weil sie selbst die groe
Kraft der Gte, die innere Kraft zur Reinigung in sich tragen, oder aber
wie Sie, meine Herren Richter und Anklger, durch machtverleihende
Klassenprivilegien vor den zahllosen Ungeheuern, die den Armen treffen,
geschtzt sind. Ihr eigenes Verdienst ist es nicht, da -- Sie die
Richter sind und ich der Mrder . . . Es knnte schrecklich leicht
umgekehrt sein.

Der Staatsanwalt machte eine unwillige Kopfbewegung, seine Frau sah ihn
erschrocken an, und der Vorsitzende rief aufgebracht: Haben Sie noch
etwas zur Sache vorzubringen?

Ohne da er es rgte, verstrkte sich das Gerusch der unaufmerksam
gewordenen Zuschauer. Ein rotbckiger junger Mann, der neben der Frau
des Staatsanwaltes in der ersten Bankreihe sa, antwortete seinem
Nachbar: Nein, in die Kreissge bin ich gekommen. Drei Finger hats mir
weggerissen . . . mitsamt dem Daumen, und zeigte seine verbundene Hand.
Sie roch stark nach Karbol.

Ein schnes Unglck!

Im Gegenteil, ich bin froh . . . Jetzt bekomme ich, solange ich lebe,
drei Mark monatlich Unfallversicherung.

Und die Hand?

. . . Aber alle die Unglcklichen, welche infolge grerer
Empfindsamkeit, Empfnglichkeit und bergroer Armut tiefer infiziert
sind und vom Schicksal keine heilenden Erlebnisse geschenkt bekommen
haben, werden als willenlose Werkzeuge der eigenwilligen Ursachen zum
Bsen . . . dem Leben ausgeliefert. Da mssen sie nun fr Handlungen
einstehen, die sie gar nicht selbst tun. Denn der Mensch ist nur der
Hammer, die Ursache aber die Faust, die den Hammer schwingt . . . und
ihn manchmal auf den Schdel eines Nebenmenschen niedersausen lt.

Gellend rief er: Fast alle Verbrechen werden von der falschen
Erziehung, der verlogenen Moral, den unsittlichen sozialen Verhltnissen
verursacht. Alle Seelen sind verwundet. Die ganze Welt riecht nach
Karbol! . . . Man mu daran arbeiten, da die Ursachen der Verbrechen
beseitigt werden; denn sonst wird weiter eingesperrt, gekpft, noch in
hunderttausend Jahren. Der Satz blieb in der Luft stehen. Alle lasen
ihn.

Und der Dichter fragte in malosem Staunen: Sind denn die Menschen dazu
da?

Geschworene schttelten begriffsstutzig den Kopf. Der Vorsitzende legte
seine Uhr entschlossen vor sich hin.

Der Dichter sagte: Ich kenne einen Irrsinnigen, der reist seit Jahren
in der ganzen Welt umher -- nach Odessa, Rom -- und sucht sich selbst.
Den haben die Ursachen so in der Gewalt, da er sich -- sein wirkliches
Wesen -- ganz verloren hat . . . Jetzt sucht er sich selbst, sein Leben
lang. Das gilt fr uns alle. Keiner ist, wie er ist . . . Einem
verderbenbringenden Wasserwirbel, trichterfrmig, riesengro, gleichen
die sozialen Verhltnisse. Oben fahren die Reprsentanten, die Sttzen
der Gesellschaft im groen Kreise geschtzt und gleichmtig langsam die
Bahn ihres Lebens ab.

In Klubsesseln, ertnte es von ganz hinten aus dem Zuschauerraum.

Das Gelchter brach jh ab, als der VorsitzendeRuhe! brllte, und zum
Dichter: Jetzt ists genug!

Es war vollkommen still geworden. Man sieht sie Importen rauchen,
sagte noch jemand nachtrglich.

Der Kontakt war hergestellt zwischen dem Publikum und seinem Sprecher.

Der sah nicht mehr gefesselt aus, stand gro und kalt im Saal, sprach
hart. Aber unten wird der Trichter eng, immer enger, und das Wasser
rast im Kreis! Unten werden die Menschen herumgewirbelt, gegeneinander
geschleudert. Eine ungeheure Reibung findet statt -- der furchtbare
Kampf ums nackte, nackte Leben! . . . Die falsche Moral, einem
unaufhrlich quellenden, giftigen Nebel gleich, erfllt den Trichter,
verwirrt die Seelen, verdeckt die natrlichen Wege. Millionen zwingt
man, die Armut da unten zu ertragen, im Elend zu verblden und
unterzugehen! Andere Millionen Unglckliche drngen hinauf, wo die
Kreise gro sind, wo das Leben ist. Aber die Oberen und der Rhythmus des
furchtbaren Wirbels drcken nach unten. Und dieser Wunden schlagende
Rhythmus der sozialen Verhltnisse ist nur durch Verbrechen zu
unterbrechen . . . Dann wird verurteilt und gekpft.

Aber das ist ja krasseste Phantasie. Das anzuhren, haben wir nicht die
Zeit.

Da rief der Dichter, pltzlich wieder flammend: Mein Leben ist
verloren, diese fnf Minuten sollen mein sein.

Die Kpfe der zwei Gerichtsdiener zuckten scharf ins Profil, auf ihn zu.

Ein dunkler Tumult hatte sich im Zuschauerraum erhoben; die scharfe
Stimme des Vorsitzenden ging darin unter. Er wollte schon den Befehl
geben, den Saal zu rumen.

Eines Tages, sagte der Dichter, und es wurde ganz still, . . . stoen
die in diesem Wirbel empfangenen Ursachen einen Strahl Gift ab . . . und
dies, nur dies ist des Menschen Motiv zum Verbrechen, zum Mord. Denn ich
sage Ihnen: das Motiv ist nur das vorletzte und die Tat nur das letzte
Glied der Ursachenkette. Seine Stimme wurde tonlos:

Schuld? . . . So ist der Mensch geworden, weil sein Vater so war, seine
ganze Umgebung: verwirrt, arm, gedemtigt, verwundet und deshalb bse.
Schuld ist das ganze Menschengeschlecht. Am Einzelnen bricht die Schuld
aller nur aus!

Deshalb rufe ich euch an, ich rufe euch alle an, ich schreibe euch
mitten ins Herz hinein: verachtet fernerhin nicht die, so in
Zuchthusern ihr Leben verbringen mssen oder unterm Richtbeil sterben.
Sie leiden und sterben fr euch, durch euer aller Schuld.

Und Sie, Herr Staatsanwalt, Anklger und deshalb Schuldigster dieser
Welt! selbst Sie sind so unschuldig wie jene, denn auch Sie wurden den
Ursachen ausgeliefert, die Sie zum Staatsanwalt, die Sie schuldig
machten.

Ja, ich bin fertig. Runde Flecken brannten auf seinen Backenknochen.

                   *       *       *       *       *

Im Geschworenenzimmer hing ein Christus und sah schmerzlich auf die
zwlf hinunter.

Der vollbltige Obmann war ein Frbereibesitzer, ein schwerer Herr, fast
ohne Hals; entsprechend klang seine Stimme: Dem kann wohl kein Gott
mehr helfen. Vorsichtig nherte er seiner Nase eine blaue Emaildose und
mute die Augen schlieen vor dem starken Duft. Dann atmete er auf. Es
roch nach Staub im Zimmer.

Der Einugige hatte seine Ruhe vollkommen verloren. Alle saen. Nur er
lief im Zimmer schnell auf und ab.

Da ist nichts wegzudeuteln, antwortete der Nachbar dem Obmann, der
wieder die Dose seiner Nase nherte. Feierliche Verlegenheit der
neuartigen Situation gegenber lie das Schweigen fortbestehen.

Da fielen ein paar Stichworte. Und die Geschworenen begannen angeregt
die Hauptpunkte noch einmal durchzusprechen.

Mitten hinein sagte der Zigarettenhndler pltzlich:

So ein ruhiger, bescheidener Mensch. Bei mir hat er sich oft seine
billigen Zigaretten gekauft. Ist auch manchmal schuldig geblieben. Ganz
schchtern . . . Und jetzt so was.

Ja, sagten nacheinander einige sinnend. Dann schwiegen wieder alle.

Ein Alter stand auf, ffnete das Fenster der Sonne, setzte sich sofort
wieder auf den steifen Stuhl, und hinter seinem kahlen Kopfe breitete
der unbewegliche Adler an der Lehne wieder die hlzernen Flgel aus.
Einen Menschen ermorden, sagte der Kahle, hundert Mark rauben und
einen Teil davon nach der Tat an jemand senden -- auch dieses Moment
spricht . . . psychologisch betrachtet, glatt dafr, da die ganze Sache
lange vorher berlegt war . . . Sofort nach der Tat, nota bene!

Man nickte. Der Zigarrenhndler sagte etwas. Und auf Befragen des
Obmanns hin wiederholte er: So ein schchterner Mensch!

Der Einugige sagte: Die Sache stimmt nicht, und lief gleich wieder
weiter umher, unruhig wie ein Mann, der sich groer Verantwortung bewut
ist, aus der Berufsttigkeit herausgerissen und pltzlich vor eine Sache
gestellt wurde, die er nicht bersieht. Man brauchte Zeit . . . viel
Zeit.

Alle blickten interessiert, der kahle Psychologieprofessor erstaunt auf
ihn.

Der Einugige sagte noch einmal: Vorher berlegt? Lange vorher? . . .
Nein.

Da fgten die anderen den Beweis dafr, da es kein Affektmord sei,
schnell und eindeutig zusammen.

Davon ist nichts wegzudeuteln, schlo der Kahle bestimmt, zuckte
bedauernd die Schultern, sah den Einugigen fest an.

Der rief: Das ist es ja. Wei der Teufel! Aber noch keine fnf Minuten
lagen zwischen Affekt und Tat.

Ja, will ich schon erklren. Man mu diesem . . . Dichter doch glauben,
da er gegen seinen Lehrer etwas hatte. Pardon, ihn hat dieses
Jugenderlebnis eben angegriffen. So etwas gibts. Einen anderen htte es
vielleicht kalt gelassen. Auf jeden Fall kann man das ebenso annehmen
wie das Geldmotiv . . . glaube ich. Sitzt er bei seinem Lehrer in der
Stube . . . kommen die zwei Schler -- die Geschichte kennen Sie ja --,
er mu die Prgelei mit ansehen. Der Einugige lief beim Sprechen
fortwhrend umher; die Blicke der Geschworenen folgten ihm von Ecke zu
Ecke. Und diese Szene, kann man schon glauben, erregte seinen Ha. Wenn
. . . jetzt die Sache vor sich gegangen wre . . . sofort, dann htten
wir einen Affektmord.

Erstaunt sahen die Geschworenen den Einugigen an, weil er sich an die
Stirn schlug.

Aber dieser Mensch, ich mchte sagen . . . sammelt seinen Zorn, hlt
dem Lehrer erst noch den bewuten Schulausflug vor und bringt ihn dann
erst um. Also berlegt. berlegt! . . . Daran ist vielleicht nur seine
verfluchte Blutarmut schuld.

Bitte, gewi. Ich, als Arzt, wei das. Ein vollbltiger Mensch greift
gewhnlich zu im Affekt. Zu viel Kopf, Gedanken. Wei der Teufel . . .
zu viel berlegung!

Der Obmann sagte: Also auch in diesem Falle wre es kein Affektmord.
Das meinen Sie doch, wie? Alle stimmten ihm bei.

Widerstrebend auch der Einugige. Wenn er es auch nicht wegen des
Geldes getan hat . . . Mord bleibt Mord. Irrsinnig ist er nicht.

Der kahle Psychologieprofessor wandte sich von jetzt ab achtungsvoll
fast nur an den Einugigen.

Der lief umher, die Hnde auf dem Rcken. Htte er nur ein viertel
Pfund Blut mehr in seinem ausgemergelten Krper gehabt, dann bekme er
ein paar Jahre und htte Zeit, sich ber seine Ursachentheorie klar zu
werden. Er sah den Obmann an: Jetzt -- Kopf. Ich sehe keine andere
. . . gesetzliche Mglichkeit. Ich sehe keine. Sehe keine! und lief
weiter.

Niemand wute etwas zu sagen.

Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind? unterbrach ein
gedankenabwesender Geschworener das Schweigen. Er war viel jnger als
alle anderen. Sie sahen ihn verstndnislos an.

Er errtete, lchelte ein wenig und erzhlte eine Geschichte. Damals sei
er noch Reisender gewesen in seiner Branche. Da mute ich meine Touren
meistens zu Fu machen.

Unwillkrlich hrten sie ihm zu. Der Einugige lief mit gesenktem Kopf
umher.

Da holte mich ein sonderbarer, ein ganz sonderbarer Wagen -- schon mehr
ein Karren -- auf der Landstrae ein. Ich war mde, dunkel wurde es auch
schon. Kurz und gut, der Fuhrmann lie mich aufsitzen. Der pfiff
manchmal, leise und unheimlich, und kitzelte dabei sein schwarzes
Pferdchen mit dem Peitschenstiel beim Nacken. Nun, vor der Stadt stieg
ich ab . . . >Wissen Sie denn auch, mit wem Sie gefahren sind?< fragt er
mich.

>Ich bin der Scharfrichter.<

Ich sage Ihnen, meine Herren . . .

Htte er es gleich getan, im ersten Zorn . . . Zu wenig Blut,
unterbrach der Einugige.

Der junge Geschworene war beleidigt. . . . Da brauchte er ja nur ein
ganz anderer Mensch zu sein, dann wrde er jetzt vielleicht in einem
. . . in einem Postbureau sitzen und gar nicht daran denken, einen
Menschen umzubringen.

Einige lchelten. Der kahle Psychologieprofessor nicht. Auch die anderen
wurden gleich wieder ernst und fhlten momentan einen schwereren Druck
in der Brust. Der junge Geschworene sa vorgebeugt, sagte langsam: Es
ist wirklich nicht leicht. Und als er sich seufzend aufrichtete,
setzten sich auch die anderen gerader.

Dann se er vielleicht in einem Bureau . . . wenn er ein anderer
Mensch wre, wenn er . . . in anderen Verhltnissen aufgewachsen wre,
wie zum Beispiel . . . wir. Der Einugige blieb zum ersten Male stehen,
an der Stirnseite des Tisches, gegenber dem Obmann. Der . . . der
Dichter meint, er sei so geworden, wie er ist, wegen dieser Ursachen.
Sei ihnen gegenber ganz machtlos . . . also schuldlos.

Der Obmann sagte: Auf dieses Thema sollten wir . . . sollen wir uns
denn darauf einlassen? Verzeihung, was meinen die Herren? schlo er
ngstlich.

Kaum! Unmglich! wurde gerufen. Die meisten machten emprte Gesichter.
Einer rief wtend: Das Ganze ist ja Unsinn, und sah sich erschrocken
um, weil er wtend geworden war.

Der Psychologieprofessor blickte, die Hand am Kinn, nachdenklich ber
den Christus weg zur Decke. Da knnte ja wirklich jeder Mensch jeden
Menschen umbringen . . ., der Herr Staatsanwalt hat recht.

Natrlich, das ist Unsinn . . . diese Ursachen, sagte der
Zigarettenhndler, lie aber seine Unterlippe unzufrieden hngen. Er
war so ein einfacher Mensch, nett eigentlich.

Der junge Geschworene wiederholte: Unmglich, die haben mit dem
praktischen Leben nichts zu schaffen. Nicht wahr?

Aber der Einugige sprach schon. Diese Ursachen bestehen ja . . . im
Groben. Nur hat seine Theorie einen Ri: ein Vater hat zwei Shne, beide
haben eine vollkommen gleiche Erziehung. Und doch wird der eine ein
brauchbarer Mensch -- Landpfarrer etwa --, der andere ein bsartiger
Verbrecher.

Die Stimme des Einugigen wurde eindringlich, hartnckig; es schien, als
wolle er sich selbst von etwas berzeugen, gegen seine innere Stimme:
Der Urquell des Bsen ist nicht in Erlebnissen zu suchen, sondern in
der Natur. Die Natur selbst ist bs und gut. Und die Quelle, die
Urquelle des Bsen und Guten -- des Moralischen -- liegt hinter dem
Kreise des vom Menschen Erkennbaren . . . Kain und Abel.

Das hatte er wie im Selbstgesprch gesagt. Durch ein Stuhlrcken wurde
er erschreckt, sah verstrt die Geschworenen an. Da kehrte die
Hartnckigkeit in sein Gesicht zurck. Weshalb die Quelle des Bsen --
dieses unerforschbar Mystischen im Leben -- gerade diesen und diesen und
jenen Menschen schuldig werden lt, werden wir nie wissen. Aber
verantworten mu sich der Schuldige den Mitmenschen gegenber, die sich
schtzen mssen, so gut sie knnen. Die Welt ist unvollkommen . . . Wer
die Ursachen des Bsen in der bestehenden Ordnung sucht und sieht, kann
nicht anklagen, nicht verurteilen. Etwas Ungelstes blieb in seinem
Gesicht zurck.

Der Psychologieprofessor sagte zu ihm: Die Theorie des Angeklagten
bedeutet offenbar nichts anderes als Revolution. Der Himmel behte uns
vor Verantwortungslosigkeit. Er wartete darauf, was der Einugige dazu
sagen wrde, und sah ihm erstaunt ins wei gewordene Gesicht, sah, wie
die Rte zurckkehrte und es im Gesicht zu arbeiten begann.

Sich Geld geben lassen . . . von einer Prostituierten! Da hrt doch
eigentlich alles auf, sagte der junge Geschworene. Sie heiraten
wollen!

Alle schwiegen, beobachteten jede Bewegung des Einugigen und
unausgesetzt forschend sein Gesicht.

Der Akt der einstimmigen Verurteilung des Dichters zum Tode ging fast
ohne Worte vor sich.

Auch der Zigarettenhndler sah den Einugigen dabei an, die Unterlippe
mrrisch nach auen gerollt, und nachdem der mit hastigem Entschlusse
fr Mord gestimmt hatte, tat er es ebenfalls, worauf sein Mund sich
zufrieden schlo.

Als die Mnner sich schon erhoben hatten, sagte der Kahle noch zum
Einugigen: Diese Theorie der vergessenen Kindheitserlebnisse ist eine
erst vor wenigen Jahren aufgekommene neue Richtung. Modernste
Seelenanalyse. Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin
zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine,
da wir nicht viel wissen; aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu
wissen. Und das ist die groe Gefahr. Groe Gefahr. Wo diese Theorie mit
der Praxis zusammentrifft . . ., gibts immer ein Unglck. Seine Hand
zuckte zurck in die Hfte.

Schnell fate er den verstrten Einugigen beim rmel. Ganz privat, als
Psychologe, mchte ich Ihnen eine Frage vorlegen . . . Glauben Sie
nicht, da der Angeklagte mit der ganzen Intensitt seines Wesens sich
vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat . . .
nachtrglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige
entfernte Mglichkeit barg, fr das Verbrechen nicht verantwortlich
gemacht zu werden?

Die Geschworenen waren schon durch die Flgeltr gegangen.

Der Kahle bekam keine Antwort und lief den anderen schnell nach.

Zgernd betrat der Einugige als Letzter den Saal.




7


Der Dichter wartete auf die Revision.

Muskellos hatte er nach der Verhandlung den Saal verlassen, sich in der
Zelle auf die Pritsche gesetzt, langsam, gestorben. Die Schritte des
Wrters verhallten.

Da glimmte im Dunkel einer ungeheuren Ferne ein Lichtchen auf, zog als
immer riesenhafter werdende Flamme auf ihn zu. Und der Dichter wurde
wieder lebendig, brach los von der Pritsche, stand. Da wird alles
anders kommen, bei der Revision, rief er, sprach weiter, erregt und
begeistert mit den Hnden mit, dachte alles herbei und schritt dazu
schnell vom Fenster zur Tr, hin, her.

Oft stand er mit einem Ruck. Die Augen halb geschlossen, umfate er
einen Punkt des kommenden Revisionsprozesses, lief weiter, unaufhrlich.
Tagelang.

Nur in seinen Trumen wurde das Urteil entsetzlich an ihm vollstreckt.
In den folgenden Nchten wieder. In einer Nacht siebzehnmal; dabei sah
er auf dem Dache des Justizgebudes als Lichttransparent das Wort
Training verlschen -- aufleuchten.

Sofort nach dem Erwachen fuhr er in die Strflingskleider. Und rannte
beschftigt und ausgefllt auf und ab.

Kam ihm, wenn er eben fensterwrts schritt, von der Tr her der Gedanke
in den Rcken, in Wirklichkeit hingerichtet zu werden, befand er sich
augenblicklich mitten im Revisionsproze. Und verteidigte sich glnzend,
siegte, und der Vorsitzende rief erstaunt: Weshalb haben Sie das denn
nicht schon das erste Mal gesagt? Wenn die Sache so liegt, ja dann -- --
--. Der Dichter war nachsichtig zu den Richtern, erklrte ihnen alles.

Aber als der Verteidiger eintrat, wagte der Dichter nicht, ihn zu
fragen.

Er fragte ihn noch immer nicht.

Wie zu erwarten war, wurde die Revision verworfen. Der Verteidiger
sagte auch noch: Es tut mir leid.

So? sagte der Dichter.

So? sagte er, nachdem der Verteidiger schon gegangen war, und zuckte
dabei mit dem Kopf nach vorne.

Entkrftet sa er auf der Pritsche. Das glaube ich nicht, sagte er und
zog den langen Speichelfaden wieder in den Mund zurck. Dann zog er ihn
nicht mehr zurck.

Ein Tag wurde so lang wie ein Menschenleben. Der Dichter blieb hocken.
Die Zeit stand. Das Herz tat dumpf weh, als wre jeder Herzschlag ein
drckendes Berhren von einem Hammer aus Gummi.

Und in der Nacht schlief er nicht.

Langsam kroch die Morgendmmerung in die Zelle. Er konnte nicht durch
sie hindurch atmen. Im Halbschlaf schien sie ihm ein riesengroes, sich
schwer bewegendes, graues Tier zu sein.

Zugleich mit ihr kam der Geschworene lautlos durch die verschlossene
Tr, stellte sich in die Ecke und blickte mit seinem einen Auge
unverwandt den Dichter an.

Gut, da Sie kommen, sonst htte ich Sie heute noch besucht, sagte der
Dichter. Denn meinen Traum von heute nacht mu ich Ihnen erzhlen.

Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Meine Frau hat mir den Traum ganz
falsch erzhlt. Sie sagte, es sei eine Eiche gewesen.

Nein, nein, der Lehrer sagte ja selbst, da es eine Buche ist. Sonst
htte der ganze Schulausflug keinen Sinn fr Achtjhrige. Eher fr
Achtzigjhrige. Alle standen im Wald beim Hnengrab. Ich stieg auf die
Buche, bis in die oberste Spitze. Aber die dnnsten Zweige trugen mich
noch. Ich sah direkt in die Sonne, und sie blendete mich nicht. Ich war
wild-glcklich, lachte und sang. Da nahm die gewaltige, dunkle Hand mein
Herz, stopfte es mir ins Gehirn und schlo meinen Kopf wieder. Von jetzt
an fhlte ich das Netz in meinem Gehirn. Die schwarze Kreuzspinne sa in
der Mitte. Kam ein Gedanke ins Netz, dann strzte die Spinne auf ihn los
und saugte seinen Sinn aus. Diese zahllosen, ausgesaugten
Gedankenleichen verursachten mir einen unaufhrlichen Druck hinter der
Stirn, mit dem ich viele Jahre lang durch eine ungeheuerliche Einsamkeit
schwankte. Sie wurde immerzu zerrissen von Kampf- und Notschreien. Und
pltzlich geschah das Schrecklichste -- mein Wille ging von mir weg,
ohne mich zu gren. Ich hatte kein Empfinden und gar kein Fleischgefhl
mehr; es war mir, als htte ich Nebel im Gehirn -- da packte mich so
eine besinnungslose Kinderwut, und ich erwrgte im Traum meinen Lehrer
. . . Was sagen Sie dazu?

Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen
haben, weil Sie ihm zu bse sind, sagte der Einugige. So habe ich es
auch meinem Dienstmdchen erklrt.

Ihrem Dienstmdchen htten Sie das nicht sagen sollen . . . Die erzhlt
es dem Vorsitzenden fr die Revision.

In meinem Hause verkehren viele Willen, auch der Ihre. Deshalb mute
ich es doch dem Mdchen erzhlen fr den Revisionsproze.

Dann bin ich verloren.

Ja, da Sie im Traum den Lehrer . . . noch einmal umbrachten, sind Sie
natrlich verloren; denn daran bemerkt auch der Vorsitzende, da das
Bse in Ihnen ist . . . Gegen das Bse knnen Sie gar nichts tun. Ihr
wirklicher Wille hat sich neben meinem Hause eine Villa gebaut. Und Sie
grt er nicht einmal mehr. Seine Frau hat ein weies Gesicht und dunkle
Augen. Das Schlafzimmer . . . schn beleuchtet.

Und ich werde hingerichtet? schrie der Dichter und fuhr aus dem
Schlafe, denn die Zellentr ffnete sich.

Der Wrter lie den Einugigen eintreten und blieb an der Tr stehen.

Der Dichter sprang auf von der Pritsche. Traumschnell war er in die
Wirklichkeit zurckgekehrt, sah den Einugigen an und dachte ganz
langsam: Judas Ischariot kommt zu mir? . . . Verstanden und doch
verraten! Sind Sie schon lnger da? fragte er mitrauisch.

Und der Einugige senkte den Blick. Nein, ich bin eben erst gekommen,
sagte er und dachte -- er vergleicht mich mit Judas Ischariot.

Tagelang hatte er sich eingeschlossen, um darber klar werden zu knnen,
weshalb er den Drang nicht zu berwinden vermochte, den mit seiner Hilfe
zum Tode verurteilten Menschen in der Zelle zu besuchen.

Auch jetzt, da er bedrckt vor dem Dichter stand, htte er noch nicht
sagen knnen, weshalb er gekommen war.

Habe ich Ihnen meinen Traum nicht erzhlt? . . . Ich habe eben im Traum
den Lehrer noch einmal umgebracht . . . Was ist das? In Wirklichkeit
wrde ich es doch nicht tun. Auch damals habe nicht ich es getan. Der
Dmon fhrte die Hnde. Ich bin unschuldig . . . Ihr ermordet mich!

Der hat sich diese Theorie nicht angeeignet, um sich durch sie zu
retten, dachte der Einugige. Der Psychologieprofessor hat unrecht.

Da stieg zum ersten Male klar die Frage in ihm auf, ob er vielleicht
unrecht damit getan habe, einen Menschen dem Tode zu berliefern.

Bin ich deshalb gekommen? hatte er gefragt, ohne es zu wollen.
Erschrocken blickte er den Dichter an, auf dessen verwstetem Gesicht
diese Frage hhnisch beantwortet stand.

Ich habe umsonst gelebt, denn einstimmig wurde ich verurteilt. Ihre
Stimme hat mein Leben nutzlos gemacht . . . Verstanden und doch
verraten! Ein furchtbares Verbrechen.

Der Kampf zwischen den beiden ging nur um diesen einen Punkt. Noch
einmal stieg Kraft im Dichter auf, fr diesen Kampf.

Da trat ein Mann ein. Das ging alles ohne Worte vor sich. Bei den
Schlfen begann er. Dann scherte er von der Stirn weg mit seiner
Maschine einige Bahnen bis zum Wirbel. Zuletzt scherte er den Nacken.
Ganz kahl. Und ging.

Es fhlte sich khl an, als der Dichter seinen Nacken berhrte. Die
Mglichkeit, mit dem Einugigen zu kmpfen, war weg. Sein Herz wurde
gro vor Angst, fllte die ganze Brust aus.

Da verzog langsam Hohn sein Gesicht. Die Hand im Nacken, den Blick auf
den Einugigen gerichtet, fragte er bse lchelnd: Wieviel wiegt denn
so ein abgeschlagener Menschenkopf? Mit allem Fleisch daran? Mit den
Lippen? Wenn er noch warm ist . . . Vier Kilo? Fnf Kilo vielleicht?

Der Wrter drehte sich zur Wand, stauchte aus einem Flschchen
Schnupftabak auf seinen Daumen, und whrend er ihn geruschvoll in die
Nase schaffte, sagte der Dichter bewut grausam: Die Kopfkugel strzt
. . . in den Kasten, schlgt auf . . . Dann kollert sie und bleibt
liegen. Macht noch eine Viertelsdrehung und liegt still . . . im Profil.
Im Profil. Er nahm die Hand weg vom Nacken und betrachtete seine
Finger, sah den Einugigen an. Ob dann die Augen zu sind? Oder sind sie
offen? Blind? Oder sehen Sie noch eine Sekunde lang? . . . Lang! Sie
mssen das doch wissen, Sie haben mich ja verurteilt . . . zum Tode.

Der Einugige machte eine Bewegung zur Tr hin.

Bleiben Sie noch! rief der Dichter, so flehend, in Angst vor dem
Alleinsein, da der Einugige stehen blieb. Und die Verwandlung des
Hohnes zum furchtbarsten Entsetzen beobachten konnte.

Man sagt, da das Gehirn so eines Kopfes noch eine Weile . . .
funktioniert. Denkt? Der abgeschlagene Kopf lebt noch eine Weile? Denkt
seinen letzten Gedanken zu Ende? Oder kann man einen Gedanken . . . mit
dem Beil entzwei schneiden? Ein Beil kann das nicht! . . . Sie sind zu
mir gekommen, um mir zu helfen. Und knnen es nicht.

Der Einugige sah wie ertappt auf.

Und der Dichter schrie: Knnen nicht helfen! Nicht helfen! . . . Zu
spt!

Beide Hnde an den Hinterkopf gepret, schrie er: Mit ungeheurer
Kraftanstrengung denkt der abgeschlagene Kopf seinen angefangenen
letzten Gedanken zu Ende und brllt allen Menschen lautlos ihre Schande
ins Gesicht . . . Auch Ihnen! Rache! brllt er. Rache! brllt der Mund.
Und die Gerechten, die herumstehen, hren es nicht.

Auch der Wrter nahm seinen Schritt zum gefhrlich und wild aussehenden
Dichter wieder zurck und stand mit dem Einugigen still, als der
Dichter mit ganz vernderter Stimme vibrierend ruhig sagte: Ich aber
wei -- was ein gesetzlich abgeschlagener Menschenkopf spricht, wird nie
verhallen, wird furchtbar gehrt. Seine Worte treiben Roheit und Rache
in die Herzen der Menschen hinein. Ins Sgemehl geflossenes Menschenblut
spricht zum noch pulsierenden Blut. Denn alles Menschenblut ist gttlich
miteinander verwandt. Und deshalb wird der Mord, den die Gesetzesmnner
an mir begingen, sich tausendfltig rchen. Wird tausend Morde
erzeugen.

Weit du das? Der abgeschlagene Menschenkopf ist ein furchtbar
mchtiger, gefhrlicher Kopf. Denn er wird den Menschen ewig sichtbar
bleiben, wie er im Profil im Kasten liegt. Die Bestie im Menschen wird
mit den gesetzlich abgeschlagenen Menschenkpfen gefttert . . . Das ist
die Rache des Hingerichteten.

Sein Gesicht war vom Fleisch abgefallen und spitzig geworden.

Der Einugige brach sich los von seinem Bann, dachte mde: die Hose ist
ihm ja viel zu lang, und erstarrte wieder, als der Dichter sagte: Die
Gerechten, die herumstehen, glauben, ein abgeschlagener Menschenkopf sei
ein abschreckendes Beispiel.

Glauben Sie das auch? fragte er, nherte sich dem Einugigen und
blickte ihn an wie die Katze den Vogel, der sich nicht zu rhren wagt.
Ich sage dir, mein Blut, wenn es das Sgemehl rot macht, wird das Blut
aller Menschen zur Rache zwingen. Zwingen! Denn es ist nur ein Blut.

Da warf er die Arme in die Hhe, da sie in einem Bogen wie ber die
ganze Welt hin verharrten. Prophetisch hell rief er: Und als der erste
Menschenkopf gesetzlich abgeschlagen war, wurde es vor Rache dunkel auf
der Erde, denn allen Menschen trat das Blut in die Augen, da es sich
wieder vereinigen wollte mit dem gesetzlich vergossenen Blut.

Pltzlich tat er einen wilden Schritt zur Tr hin.

Der Wrter sprang auf ihn zu. Und lie die Hnde wieder sinken, als der
Dichter haerfllt sagte: Gehen Sie noch nicht? . . . Verrterchen,
sagte er leise und verchtlich.

Da verlie der Einugige wortlos die Zelle.

Der Dichter wandte sich langsam, gezogen, zum Fenster, sah auf den
ruhigen Sonnenflecken am Boden und dachte, pltzlich ganz abwesend: Die
Sonne ist mir ein wunderbarer Vogel, der gestorben daliegt.

Der Wrter fragte: Also, wollen Sie sie sehen?

Hier liegt sie und ist gestorben.

Ich meinte, Ihre Mutter ist drauen.

Da machte er eine Bewegung, als versuche er, einer Kanonenkugel
auszuweichen.

Und rief in Entsetzen: Ich kann doch meine Mutter nicht sehen!

Sie steht drauen.

. . . Ich mu doch meine Mutter noch einmal sehen.

Ein kleines Frauchen.

Meine Mutter kann ich doch jetzt nicht ansehen!

Jetzt ist sie einmal da . . . Hat die weite Reise gemacht. Des Wrters
Hnde sanken wieder langsam zu den Schenkeln.

Wann . . . sterbe ich denn?

Ja . . . das wei ich noch nicht.

. . . Einmal noch mu ich doch meine Mutter sehen.

Mit langgezogenem O schrie er dem Wrter nach: Halt! Unmglich!

Da stand sie unter der Tr, mit ihrer schwarzen Mantille, einem
Kapotthut, der mit Bndern unterm Kinn festgebunden war. Wie ihre
vergrerte Photographie, die der Dichter schon als Kind gekannt hatte.
Nur das gestickte Reisesckchen war nicht mit auf dem Bilde.

Das kann doch auch der Teufel nicht wollen, dachte er und wollte
zurckweichen, ging auf sie zu, da sie sich ihm nherte.

Ja, was soll ich sagen, sagte sie, hielt ihm die kleine, abgestumpfte
Hand hin, und er sah die neuen, ganz besonderen Falten an, die sich in
diesen Wochen in ihrem Gesichte gebildet hatten. Auch ihre Kopfhaltung
und ihr klagender Blick drckten aus, da die Hoffnung, ihm helfen zu
knnen, in Machtlosigkeit und Qualen gestorben war.

Bist mde? -- Das ist nicht das Richtige, dachte er sofort.

Ja, ich setz mich ein bichen daher. Sie drckte erst vorsichtig auf
die Pritsche und setzte sich dann auf die Ecke.

Wie gehts dem Vater?

Da sah sie wieder auf die Hnde in ihrem Scho. Och, wenn der nur seine
Zeitung hat . . . Gren lt er dich. Die Trnen tropften nacheinander
auf die braunen Handrcken hinunter.

Gr . . . gr ihn auch! Er konnte nicht weinen.

Er hat g'sagt: hundert Mark htten wir auch noch fr dich aufbringen
knnen.

So, sagten seine Lippen.

Gelt, deswegen hast du's nicht getan, sagte sie tonlos. Er war ja nie
sehr g'scheit, solang ich ihn auch kenn . . . Ich glaub, es ist halt
dein Schicksal. Es konnt halt nicht anders sein. Denn ich wei doch, da
du nicht schlecht warst . . . Aber an Gott glaub ich nimmer. Hab
gebetet. Umsonst. Auf die Handrcken tropften ununterbrochen langsam
Trnen, die sie manchmal mit der Handflche abwischte, ohne hinzusehen.

Die Leute sagen, oft tts was helfen, wenn man sich vor den Wagen des
Kaisers wirft.

Er beobachtete ihr Weinen und wartete darauf, da sich wieder der
Tropfen von den Wimpern lse und falle, wunderte sich, da ihre Stimme
nicht gebrochen klang, und dachte, sie hat sich schon daran gewhnt,
whrend des Weinens zu sprechen.

Aber der Kaiser ist verreist. Ganz weit in Dnemark . . . Das ist im
Norden.

Allmhlich hatte sich im Dichter der das Weinen verhindernde Druck
verteilt.

Einen Brief hab ihm ich geschrieben . . . Aber ob ihn der Kaiser kriegt
hat?

Da fiel sein Gesicht in ihren Scho. Die angesammelten Trnen vieler
Jahre kamen in Flu, getrieben und gestoen von brllendem Heulen.

Einige Male strich sie schnell ber seinen Hinterkopf und hielt sofort
wieder den zuckenden Krper fest.

Den beiden gegenber lehnte der Wrter an der Wand, die Hnde auf dem
Rcken, und sah zu Boden.

Ganz kahl geschoren hast du dich? sagte sie und streichelte im Kreis.

Mit einem Ruck hob er das verheulte Gesicht: Geh jetzt, Mutter, geh
jetzt! Und stand auf.

Dann geh ich halt, sagte sie erschrocken und sah ihn an.

Geh! klagte er.

Jesus, ich geh. Sie lief gleich zum Reisesckchen, sah ihren Sohn an
und sagte ngstlich: Aber die Pritschen sollen ja so hart sein,
ffnete das Sckchen und zog ein kleines, weies Kissen heraus. Legst
dein Kopf da drauf . . . Es ist ganz frisch berzogen . . . Ich geh
schon.

Mit letzter Gewalt zwang er sich, ruhig das Kissen zu nehmen.

Dann halt adj . . . Jetzt sterb ich halt auch. Da lchelte sie
wunderbar.

Der Wrter wippte sich los von der Wand.

O du gute Mutter, o du gute Mutter, konnte der Dichter sagen und auch
lcheln.

Och, du lieber Gott, sagte sie unter der Tr, du lieber Gott, und
trippelte hinaus.

Er sah auf die verschlossene Tr, setzte sich auf den Boden. Da, da,
da. Bei jedem da sank sein Kopf tiefer zwischen die Kniee.
Tatataratata.

So blieb er hocken.

                   *       *       *       *       *

Der Einugige lief in den Gngen des Zuchthauses umher und kmpfte mit
sich, um seinen Entschlu zu fassen, bevor er hinaus in die Helle trat.
Manchmal blieb er stehen mit seinen Gedanken und sagte immer wieder
dieselben Worte: O ja, natrlich, ich mu mich entscheiden -- ein Lump
mit leichtem Gewissen werden oder die Konsequenz ziehen . . . Die
Konsequenz, wiederholte er langgezogen.

Seitdem er die Zelle verlassen hatte, deckte sich sein scharf zu denken
fhiges Gehirn glatt mit einem neuen, tiefen Verantwortungsgefhl, das
der Dichter angesprochen und herausgefordert hatte. Er schob die
Tatsache, da er dem Gesetze nach dem Dichter gegenber im Recht blieb,
als vollkommen nebenschlich zur Seite und war bemht, sich klar sein
Problem zu stellen.

Die andern Elf sind berzeugt, im Recht zu sein. Dann sind sie ja fr
sich im Recht . . . Gut fr sie. Aber ich, ich habe da etwas erkannt
. . . nur ein bichen zu spt, ein bichen zu spt. Wrde jetzt nicht
mehr dazu helfen, da im Namen des Rechtes von einem Menschen . . .
einem Menschen der Kopf heruntergeschnitten wird . . . im Namen des
Rechtes. Hab aber dazu geholfen. Was ist da zu tun? He?

Automatisch blieb er vor des Oberstaatsanwaltes Tr stehen. Umsonst. Es
wird zu spt sein. Und trat ein.

Ja, das vom Herrn Verteidiger eingereichte Begnadigungsgesuch ist
abgelehnt. Bitte.

So?

Nein! Da ist nichts mehr zu machen.

Und wenn . . . wenn aber . . .

Schon mit der hflichen Abschiedsverbeugung: Und wenn die ganze Welt
einstrzt.

Dann ist . . . meine eingestrzt. Die gelte Tr schlo sich sanft
hinter dem Einugigen. Keine Hilfe mehr?

Die Mutter trat aus der Zelle. Wo ist denn der Nausgang, Herr?

Er blickte sie abwesend an, nickte langsam: Gibt keinen. -- Ich, fr
mein Persnchen, fhle mich ein bichen schuldig, da der hingerichtet
wird . . . Da der hingerichtet wird --.

Gehts da naus?

Ja, da hinaus. Sie sind die Mutter? Wie?

Och, du lieber Gott. Ihr jetzt schlaffes Reisesckchen streifte am
Boden, als sie den dmmerigen Gang entlang trippelte.

Nur nicht ausweichen, das ist die Mutter. Er fhlte, wie die Last sich
vergrerte, und ging neben der Mutter her.

Auch noch auf der Strae, wo die Automobile sausten.

Wenn sie stehen blieb, um einen bergang zu gewinnen, blieb auch er
stehen. Und der bleibt zurck in der Zelle . . . bis ihm der Kopf
abgeschnitten wird. Das soll abschrecken. Zweck. Hauptzweck. Da empfand
er tief, da Roheit nie das Gegenteil, sondern wieder Roheit erzeugt und
deshalb nicht abschrecken kann. Wird tausend Morde erzeugen, hat er
gesagt. Und tausend ungerechte Richter . . . Ungerechte Richter. Das ist
mein Fall, sieh mal.

Soll ichs Ihnen tragen?

Sie gab ihr Reisesckchen nicht her; nahms zur Brust hoch.

Und wie stehts da mit dem andern Hauptzweck, nmlich, da die
Gesellschaft sich schtzen mu? . . . So gut sie kann, habe ich gesagt,
dachte er und sah in die Luft. Da Roheit -- Roheit, und
Hinrichtungsmorde -- Hinrichtungsmorde erzeugen?

Jemand grte ihn tief; er bemerkte es nicht. Die Ursachen des Bsen,
der Roheit, der Morde wegrumen, hat er gesagt, denn sonst wird
weitergekpft, noch in hunderttausend Jahren . . . Und jetzt wird er
gekpft. Und ich? . . . Ich bin sein Judas Ischariot. Er fhlte eine
schmerzliche Heiterkeit in sich entstehen, wie Menschen sie empfinden,
die endlich entschlossen sind, etwas Unabwendbares, Schweres
auszufhren.

So sah er auf die Mutter hinunter.

Die humpelte eilig quer ber den Asphalt. Das Auto kam in voller Fahrt
auf sie zu. Der Chauffeur wich nach rechts aus, sie gleichfalls. Die
Gummi schleiften und rauchten, als er den Wagen scharf nach links ri --
whrend sie gleichfalls nach links sprang und er zugleich mit ihr wieder
die rechte Seite zu gewinnen suchte. Hin. Her. Zuletzt konnte sie nur
noch den Oberkrper nach links und nach rechts schwenken, immer in der
Richtung des zickzackfahrenden Autos -- da setzte der Einugige auf sie
zu, und sie schwebte am Leibe des Einugigen knapp vor dem Auto in
Sicherheit.

Jetzt erst schrieen die Passanten erschrocken auf. Und der Wagen war
schon um drei Huser weiter, ehe ihn der Chauffeur zum Stehen bringen
konnte.

No, jetzt so was, sagte sie. Sofort kehrten ihre Gedanken zum Sohn
zurck. Sie murmelte: Och, du lieber Gott, und wollte weitergehen, da
wurden ihre Kniee weich.

Der Einugige rief nach dem Auto. Der Chauffeur entschuldigte sich.

Ja, mit so was fahr ich nicht.

Er mute eine Droschke nehmen.

Jetzt wr ich tot, sagte sie im Wagen. Wrs vorbei.

Hab ich zum Ersatz seine Mutter gerettet . . . Nein, nein, das ist ganz
ohne Belang. Ganz ohne Belang, sagte er und machte eine Handbewegung.

Wr ich tot . . . Mir wrs lieber.

Er dachte -- schon allein deshalb.

Sind Sie einer vom Gericht, Herr?

Da haben Sie ihm Unrecht getan. Groes Unrecht, wiederholte sie, als
sie, vom Einugigen halb getragen, die Treppe zu seinem Arbeitszimmer
hinaufstieg.

Das wei ich besser. Sie sa im Lehnstuhl, das Reisesckchen vor den
Fen. Ich hab ihn doch aufgezogen, Herr. Sie besann sich, whrend er
auf der Spiritusflamme zwei Eier fr sie kochte, und sagte: Wissen Sie,
wie er ist? . . . Ritterlich ist er, ritterlich.

Ich auch, dachte er und lchelte wie ein Knabe von hundert Jahren.

Das Arbeitszimmer stand voll Reagenzglser, Mezylinder, Kolben,
Apparate, Bakterienbrutfen, unter denen die blauen Gasflmmchen
gleichmig brannten. Hinter einer spanischen Wand stand ein groer
Rntgenapparat. Der Gelehrte beschftigte sich hauptschlich mit
bakteriologischen Experimenten und fhrte nur nebenher seine Arztpraxis
weiter. Es war warm wie in einem Bad und roch nach Medizin.

Der Einugige sah in den Kochtopf, sah den Dichter. Das Wasser warf
schon Blschen.

Wenn Sie die Eier mit kaltem Wasser zugesetzt haben, dann sind sie
wachsweich, wenns Wasser kocht, ja . . . Och Gott.

Mit diesem Bewutsein weiter Menschen behandeln, essen, spazieren
gehen? Ein Gefhl lief ihm durch den ganzen Krper. Er machte eine
bejahende Verbeugung vor der Konsequenz. Seine Stimme geben, ist
leicht, geht schnell, ist Leichtsinn . . . aber mit dem Beil einem
angeschnallten, wehrlosen Menschen auf den Nacken schlagen -- -- --. Zum
mindesten mte jeder, der einen Menschen zum Tode verurteilt, bereit
sein, den Kopf auch selbst abzuhauen mit dem Beil . . . Aber da wre er
kein Mensch, und es wre genau so richtig, wenn der Hinzurichtende
. . . ihm den Kopf abschlge . . . Und dann, das wird ja ganz zur
Nebensache -- ob der Dichter mit seiner Auffassung recht hat oder der
Staat mit seiner. Auf keinen Fall darf einem Menschen gesetzlich der
Kopf . . . der Kopf abgeschlagen werden . . . gesetzlich.

Jetzt sterb ich halt auch . . . Ich hab ihn doch geboren. Htt ihn
nicht in die Welt setzen drfen, Herr.

Sieh mal an, sagte er glanzvoll, wie wunderbar sie das Problem der
Verantwortung lst. Wieder lief ihm ein Gefhl durch den Krper, das
den letzten Widerstand auflste. Dann wurde er ruhig.

Whrend sie die Eier a, schrieb er auf einen Zettel, kein Mensch habe
das Recht, einem Menschen den Kopf herunterschlagen zu lassen. Das sei
ihm furchtbar klar geworden. Er wolle mit dem Bewutsein, einem Menschen
den Kopf heruntergeschlagen zu haben, nicht weiterleben.

Sie war aufgestanden. Und hatte ihr Sckchen in die Hand genommen. Was
mach ich denn? Was mach ich denn? fragte sie vor sich hin.

Er beauftragte seinen Diener, die Mutter zur Bahn zu bringen.

Unter der Tr sagte sie: Och, du lieber Gott. Was mach ich denn . . .
krieg ich denn den Zug noch?

Sie wirds vielleicht weiterschleppen, sagte er, als sie gegangen war,
noch ein paar Jahre, und ging zum Giftschrank, nahm die
Morphiumschachtel heraus.

Gedankenabwesend ffnete er den Brutofen, in dem er Thyphusbazillen
zchtete, und schraubte, als er auf dem im Ofen hngenden Thermometer
bemerkte, da die Temperatur zu hoch war, noch die Gasflmmchen kleiner.

Er fand keinen zweiten Lffel, suberte den, mit dem die Mutter Eier
gegessen hatte, lie Wasser in das Glas laufen. Automatisch
kontrollierte er noch einmal die Temperatur im Brutofen, nahm eine
Zuchtplatte heraus und betrachtete das gefrbte Bakterienbild, schraubte
die Gasflmmchen wieder um eine Kleinigkeit hher.

Als er dann, mit der Schachtel in der Hand, vor sich hin sah, empfand er
nicht das leiseste Krpergefhl, gab mit dem Lffel das Morphium ins
Wasser, trank es aus und setzte sich in den Lehnstuhl.

Das Herz begann stark zu klopfen. Er legte beruhigend die Hand darauf,
schlo langsam die Augen; die Atemnot ging schnell vorber. Eine
wunderbare Freude zog in ihn ein, verband ihn mit dem Dichter, der ihn
in freudigem Staunen ansah.

Ihre Unterhaltung war, jenseits aller Logik, blitzend und neu. Sie
allein standen leuchtend hell, von schwerem Dunkel umgeben. Ihre hellen
Hnde sprachen mit. Da sahen sie einander noch einmal herzlich an, mit
einem jenseitigen Lcheln der ungeheuersten Liebe. Dann empfand der
Einugige sanften, wiegenden Frieden und schlief ein.

                   *       *       *       *       *

Zur selben Zeit, da der Wrter das Essen in die Zelle brachte, wurde der
Einugige tot in seinem Lehnstuhl gefunden.

Er wei vielleicht gar nichts davon, flsterte der Dichter im Rcken
des Wrters, aber ich sehe es seinem Gesicht an, da er denkt: zu was
denn dem noch Essen geben.

Auch an der Art, wie er das Geschirr auf den Tisch stellte und auf die
Tr zuging, glaubte der Dichter zu bemerken, da der Wrter es fr
berflssig halte, ihm noch Essen zu geben.

Der Wrter war schon sehr alt und sprach selten ein Wort.

Wann . . . ist es denn?

Was?

. . . Wann?

Morgen frh.

Morgen . . . frh?

Essen Sie, das ist Blumenkohlsuppe. Meine Frau hat sie gekocht.

Blumenkohlsuppe.

Essen Sie! Die ist gut. Der Wrter ging.

Der Dichter sah auf die Suppe hinunter, zum Fenster, auf die Suppe
hinunter. Die esse ich morgen frh, sagte er und lachte schallend.
Entsetzt schnellte er herum: Was! War da jemand? Da zog er den Kopf
ein, stand eine Weile so, ohne zu atmen, und brllte mit der Luft, die
endlich aus seinem Munde fuhr: Ich werde nicht irrsinnig! stellte sich
mit dem Gesicht gegen die Wand und sagte zu sich und zur Wand: Ich
werde nicht irrsinnig. Ich werde nicht irrsinnig. Seine Kinnbacken
mahlten.

Mit all seiner Kraft, mit angespannten Muskeln zwang er sich, die
Blumenkohlsuppe zu essen.




8


Es war drei Uhr frh. Fr sechs Uhr war die Hinrichtung angesetzt.

Die Zelle war schmal wie ein Gang. Die Machtlosigkeit hatte den Dichter
an die Mauer gestellt. Bauch, hochgestreckte Arme und die gespreizten
Hnde gegen die Mauer gepret, den Kopf tief im Nacken, sah er empor,
ri die Arme herunter, schnellte herum, sank in Kniebeuge und begann zu
schreien.

Den Krper allmhlich aus der Kniebeuge in die Hhe drckend, schrie er
immer lauter, ging zum Brllen ber, brllte einen Ton, solang ein
Atemzug reicht, wild, jammervoll, und brach jh ab, gereckt auf den
Fuspitzen stehend, die Finger fast bei der Decke.

Der Priester trat ein.

Der Dichter strzte auf ihn zu, in die Kniee. Die gefalteten Hnde vor
der Brust verkrampft, sagte er: Helfen.

Der Priester sagte: Der liebe Gott. Er hilft, und kniete auch nieder.

Schweigend und unbeweglich knieten sie einander gegenber, da ihre
gefalteten Hnde sich berhrten.

Was denn? fragte der Dichter irr.

Der liebe Gott.

Gott? . . . weg! brllte er. Keine Zeit! Keine Zeit! . . . Helfen!
. . . Hn? Und sprang auf. Regungslos sah er zur Wand, ohne etwas zu
sehen, hatte die Empfindung, als berzogen sich seine Augen mit einem
milchigen Hutchen. Und blickte nach innen. Sah eine hgelige
Flulandschaft: es ist Sommer, frheste Morgendmmerung. Dmpfe steigen
vom Wasser auf, von den Wiesen. Ein Flo gleitet langsam fluabwrts.
Der Fler, nur in Hose und Hemd, mit breiter, vorgewlbter Brust, lt
den Fahrbaum ins Wasser gleiten und geht, Brust gegen ihn gestemmt, ein
paar Schritte mit. Bis er hochgehoben wird und, mit der Brust auf der
Fahrbaumkrcke liegend, frei in der Luft schwebt. Dabei singt er laut in
den erwachenden Morgen hinein.

Der Dichter blickte auf das Bild aus seiner Jugend. Pltzlich sang er
schallend das Flerlied:

   Der Flu ist meine Eisenbahn,
   Die Stmme das Kupee.
   Ich lege bei den Wiesen an,
   Wo ich ein Mdchen seh.

   Schwarz mu sie sein!
   Braun kann sie sein!
   Und wenn eine Blonde am Ufer steht
   Und wenn sie auch nicht mit dem Sacktuch weht
   -- -- -- Ich falle ein.

Heilige Maria, Mutter Gottes, du bist die Gebenedeite unter den
Weibern, betete der erschrockene Priester lauter und flehend.

He? lachte der Dichter wild. Denn verflucht ist die Frucht aller
Weiber!

Da lag er vor dem Priester auf dem Bauche wie ein Knabe, der Verstecken
spielt, und fragte kindlich, ob der Priester die Kleider mit ihm
wechseln wolle.

Unvermittelt wurden seine Sinne wieder klar. Und als er aufgestanden
war, glnzten seine Augen mild, wie wenn ein Lichtschein auf l fllt.
Jetzt ist es drei Uhr, sagte er unendlich traurig, vier Uhr
vielleicht? Vier Uhr? . . . Ich sehe alles. Ich kann Huser denken,
einen grenden Mann, einen Kfer, ein Kind, das Butterbrot it . . .
Und um sechs Uhr? Was ist dann? Sag, was ist dann? Ruhe? . . . Ruhe ist!
etwas. Wird gar nichts sein? Gar nichts? . . . Ich werde um sechs Uhr
ermordet! Da bin ich doch schon tot. Jetzt schon tot! Lebe . . . und bin
schon tot. Unverhoffter Mord ist wunderbarste, himmlische Gte . . . Ich
werde um sechs Uhr ermordet!

Er sah durchs Fenster zum schon leise dmmernden Himmel und sagte: Die
Jesus Christus ermordet haben, waren gtig. Gtig verhhnten sie ihn:
wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz, und wir wollen dir
glauben . . . Eine Hoffnung hhnten sie ihm hinauf zum Kreuz. Er hat
hoffen drfen bis zum letzten Augenblick. Ich sehne mich nach seinen
Qualen . . . Ich werde um sechs Uhr ermordet!

Pltzliche Wut ri ihn herum. Zum betenden Priester, der entsetzt
zurckwich: Gehen Sie! sagte er verhalten drohend.

Der Priester streichelte dem Dichter vorsichtig, milde den Arm.

Gehen Sie! brllte er einige Mal schnell hintereinander, die Fuste an
die Schlfen gepret. Keine Zeit! Zeit!

Der Priester erhob sich unschlssig, suchte nach einem Grue, fand
keinen. Und ging ohne Gru. Vor der Tr sagte er verwirrt: Guten
Morgen.

Der Dichter stand einen Augenblick in fassungslosem Staunen, das jh ein
Grauenschauer verdrngte, als die Tr ins Schlo gefallen war. Ratlos
sah er an der Wand aufwrts zur Decke, an der Lngswand entlang zum
Fenster, ohne den Krper mitzudrehen, bis er das Gleichgewicht verlor
und fast gestrzt wre. Dann setzte er sich, legte die Arme verschrnkt
auf den Tisch und lie langsam den Kopf darauf nieder.

Es war noch kein Ton zu hren im ganzen Gebude. Keine Uhr schlug. Der
Nachthimmel war schon grauer geworden.

Die Todesfurcht hielt des Sitzenden Rcken krumm gebogen. Die Luft
hinter ihm, der Gefngnishof, die ganze Erde hob das Beil und hielt es
erhoben.

Die Augen stier offen, legte er ganz langsam den Kopf mit der Wange auf
die Tischplatte, um die Stellung zu probieren. Der Gedanke, die Wange
msse furchtbar geprellt werden, lie ihn den Kopf schnell auf die
andere Seite legen und so den Hieb erwarten. Der Hieb kam nicht. Da
brach erleichternder Schwei aus, weil der Hieb nicht kam. Und der
Dichter war berzeugt, da der Hieb berhaupt niemals kommen werde, da
einem Menschen der Kopf nicht abgeschlagen werden wrde.

Den ganzen Kopf abhacken? Da es doch . . . Goethe gibt und
Straenbahnen. Das kann nicht sein. Kein Mensch gibt sich dazu her, mit
dem Beil einen Menschenkopf herunterzuschlagen. Da wrde ja niemand
dabei zusehen wollen. Was wrden die Mtter und Frauen von den Menschen
sagen, die dabei zusehen. Was wrden die zuschauenden Zeugen fr Vter
sein zu ihren Kindern . . . Es wird ganz anders vor sich gehen. Auf
einmal werde ich tot sein.

Als er aufstand und sich das in den Kopf gestiegene Blut verteilte,
packte ihn wieder die Gewiheit.

Es war ganz still. Der Dichter wute nicht, ob es noch eine Stunde, zwei
Stunden, einige Minuten bis dahin waren. Was denn? fragte er. Es blieb
still. Da sah er zum Fenster. Der Ausschnitt des Fensters, von den
Gitterstben durchkreuzt, war rosenrot. Unbeweglich blickte er auf das
unbewegliche Rosenrot.

Ganz von fern, noch kaum hrbar, erklang ein Rderknirschen, wurde
deutlicher, zum eintnigen Klappern eines Wagens auf dem Pflaster; er
konnte den Hufschlag der schweren Pferde unterscheiden. Fast unter
seinem Fenster hielt der Wagen, in dem die Hinrichtungsgegenstnde
waren. Er hrte die Pferde einige Mal stampfen. Dann war es still. Eine
Mnnerstimme sagte etwas. Er hrte ein Brummen als Antwort, das Abladen,
und flsterte: Die unschuldigen Pferde -- die unschuldigen Menschen.
Mit einem furchtbaren, wortlosen Schrei schnellte er herum:

Der Wrter trat ein. Und brachte dem Dichter etwas Strkendes zu
trinken. Eine Auswahl auf einem Tablett: Tee, Schokolade und eine halbe
Flasche Wein. Unterm Arm trug er ein frisches, noch warmes Weibrot.
Trinken Sie lieber Rotwein? . . . Das brauchen Sie nur zu sagen.

So? sagte der Dichter und bewegte sich, rckwrts gehend, bis zur
Fensterwand, prete sich dagegen an wie ein Kind, das nicht essen will.
Ich soll das trinken? sagte er, ohne die Hnde von der Wand zu lsen.
Jetzt nahm er eine weg und deutete: Da hinein? Zum Mund? . . . Und
spter? Was wird damit?

Der Wrter go das Glas voll Wein, hielt es gegen das Licht und stellte
es auf das Tablett.

Pltzlich wurde dem Dichter die Schdeldecke kalt. Er griff sich an den
Hals. Mit beiden Hnden befhlte er das Fleisch. Den Hals
durchschneiden? Den ganzen Hals? . . . Diese dicke Stange Fleisch
durchhacken?

Der Wrter legte das Brot gerade. Es ist noch warm, sagte er.

Den Kopf . . . wegschneiden? Den ganzen Kopf! . . . Mit den Augen
. . . Die ganzen, lieben Augen? Das . . . kann . . . nicht . . . sein.
Nein nein nein nein nein! Da lag er auf den Knieen und umklammerte die
des Schlieers.

Der machte sich los und sagte, das sei bald vorber. Er solle sich halt
zusammennehmen, da helfe alles nichts.

Schnell schob er das Tablett in die Tischmitte, weil der schwankend
aufstehende Dichter es sonst mit seiner Achsel heruntergeworfen htte.

So? Hilft nichts? Etwas zog seinen Blick zum Fenster. Die Sonne griff
um die Eisenstbe herum, legte sich aufs Fenstersims und platzte auf das
Nickeltablett; ein dnner Strahl blitzte an der Wand herunter, schrg
ber den Zellenboden und verfing sich in der Ecke.

Wie . . . viel . . . Uhr . . . ist es denn . . . jetzt?

Dreiviertel sechs . . . Trinken Sie vielleicht doch lieber Rotwein?

Sechs! Da verwirrte sich in seinem pltzlich hei werdenden Gehirn der
Begriff von _Uhr_ und _Ur_, von Ursache und Zeit. Er sagte in entsetztem
Staunen: Ursache ist . . . Uhrsache. Langegezogen, immer wilder
anschwellend, brllte er: I . . . . . . . . . i!

Seine Wangen wurden sichtbar schmal, denn seine Augen ffneten sich
weit. Er sagte nachdenklich: Zeit . . . Uhr . . . Ursache, dachte
angestrengt nach, und sein Gesicht begann zu strahlen, als habe er nach
vielen Jahren endlich eine Lsung gefunden. Verklrt sah er den
Schlieer an: Das ist ja wunderbar. So wunderlich einfach -- Zeit und
Uhr gibt Ursache, rief er. Ah! . . . Zeitursache!

Er trat zur Wand, streichelte schmeichelnd den Sonnenstreifen, bewegte
den Zeigefinger hin und her und sagte: Zeitursache . . .
Schwarzwlderuhr . . . Perpendikel dikel dikel tom.

Glauben Sie, da gegrtete Schmerzen fett sind? Er hob das kleine,
weie Kissen vom Boden auf und hielt es dem Schlieer hin: Legen Sie
dann dem seinen Kopf da drauf und schicken Sie ihn meiner Mutter als
Paket. Die Pritschen sollen ja so hart sein . . . Zeitursache.

Der Schlieer sah auf die Uhr und ging zur Tr, blieb stehen, und ein
schon einmal entsendeter Blick schien wieder in seine Augen
zurckzufahren, als er den Dichter ansah. In dreiig Jahren mein
Siebzehnter . . . Irrsinnig wurden sie doch alle in der letzten Nacht
. . . bevor sie hingerichtet wurden. Er ging noch einmal zur Pritsche
zurck, klappte sie in die Hhe. Der eine frit eine ganze Gans auf aus
Irrsinn, der andere beichtet -- aus Irrsinn, der dritte tobt, einer ist
still wie ein Kind -- auch nur aus Irrsinn. Und der hier findet sich ein
Wort und glaubt, das hilft ihm . . . Vielleicht hilfts ihm. Er verlie
die Zelle.

Gegrtete Schmerzen sind fett. Aber was ist das: eine nackte Negerin
reitet auf einem schneeweien Pferd, und neben ihr reitet ein nacktes
weies Mdchen auf einem schwarzen Pferd. -- Das kann man sich gar nicht
gleichzeitig vorstellen.

Geht nicht? Negerin auf Schimmel, deutete er und kniff die Augen
zusammen, nacktes weies Mdchen auf Rappen. Ja, natrlich, das ist
Zeit . . . ursache. Erleichtert atmete er auf.

Da sahen seine Augen die allen bsen Ursachen entstiegene einfache
Stadt. Wunderbar breite Straen, rosa Marmorhuser, von ziselierten
Sulen flankiert, mit flachen Dchern. Weite Pltze von ungeheurer
Flachheit und herrlicher Sulenarchitektur. Viele Statuen nackter
Mdchen stehen auf hohen Postamenten. Eine Schar vierzehnjhriger
Mdchen mit nackten, sonnenbraunen Oberkrpern, Knierckchen und
Sandalen radeln die glatte Strae hinunter, mit lachenden Backen, und
verschwinden. Die Strae ist leer. Leises silbernes Singen ertnt.

Er lchelte selig. I streun jetz e bile am Wasser rum.

Der Schlieer trat wieder ein. Mit ihm ein zweiter Schlieer, der
Priester, der Staatsanwalt, noch eine Anzahl Menschen, so da die
schmale Zelle pltzlich voller schwarzgekleideter Mnner war. An der Tr
stand der junge Offizialverteidiger mit frischem Gesicht, den glnzenden
Zylinder in der Hand.

Der Dichter stand auf, machte den Eingetretenen eine hfliche
Verbeugung, lchelte, ging auf sie zu und streckte ihnen beide Hnde
herzlich zum Empfang hin.

Die Schlieer drehten sie nach hinten und legten Handschellen daran.

Der Dichter lie es lchelnd geschehen, sprach unterdessen seitwrts zum
Staatsanwalt gewandt: Bitte, entschuldigen Sie nur, das damals . . .

Der Staatsanwalt verbeugte sich und sagte errtend: Bitte?

Nein nein! Entschuldigen Sie . . . Sie sind natrlich vollkommen
unschuldig. Das Ganze ist ja nichts weiter als Zeitursache.

Er wies mit schiefgeneigtem Kopf fragend zur Tr und ging voran.

Durch die Gnge, die von roten Gasflammen schwach erleuchtet waren.
Niemand sprach ein Wort. Nur das vielfige Getrampel war hrbar.

Der Dichter mute die Augen schlieen; niemand sah, da er ber die
Frhlingssonne heiter lchelte, die den ganzen Gefngnishof erhellte.

Der kahle Psychologieprofessor strich sich ber den Kopf, als er aus der
Tr in den Hof trat, und setzte seinen Zylinder auf; denn es war trotz
des Sonnenscheins morgenkhl. Er war der einzige von den Geschworenen,
der sich als Zeuge fr die Hinrichtung gemeldet hatte.

Whrend der Urteilsverlesung blickte der Dichter interessiert das Beil
auf dem in der Sonne stehenden Block an, der einen blauen Schlagschatten
warf. Wo das fnfzig Pfund schwere Beil am Ende des langen, wei
gescheuerten Buchenstiels begann, war es schmal, dann lud es in edlem
Schwunge halbmeterbreit aus.

Der Priester kniete in der Nhe des Blockes und betete leise, tief zur
Erde gebeugt.

Der Scharfrichter, im Frack und wei behandschuht, nahm das Beil vom
Block, hing es in sein Ellbogengelenk und stellte sich wieder gegenber
den reglos und schwarz im Halbkreis stehenden zwlf Zeugen auf.

Da sah der Dichter, da der Block eine Hhlung hatte fr das Gesicht,
damit nur der Hals des Hinzurichtenden aufliege, und sagte nachdenklich:
Die Nase mu ihm trotzdem zerquetscht werden.

ber seine Stirne wetterleuchteten ferne Gedanken.

Mit einem Ruck wandte sich der Psychologieprofessor gerade noch zeitig
genug um und verlie eilig die Richtsttte.

Fr ihn stellte sich ein Gefangener als Ersatzzeuge ein -- dumpfes
Gepolter ertnte aus einer Zelle des zweiten Stockes, wo ein wegen
Doppelmordes angeklagter Strfling mit einem Riesensatz versuchte, das
Fenstergitter zu haschen, und immer wieder zurckfiel. Bis es ihm
endlich gelang. Sein brtiges Gesicht zitterte vor Anstrengung, da er
sich stndig in ausgefhrtem Klimmzug halten mute, um die Hinrichtung
mit ansehen zu knnen.

Frauen knnen verlangen, da sie auf dem Rcken liegend hingerichtet
werden . . . und Mnner auf dem Bauch, dachte der Dichter.

Alle hatten die Zylinder abgenommen.

Jetzt? fragte der Dichter neugierig, als die Gehilfen auf ihn
zurraten.

Tiefes Nachdenken verschnte seine Augen. Ich mchte wissen, ob die
Herren auch heute mittag den Suppenteller gewohnheitsmig mit der
zusammengerollten Serviette auswischen werden.

Die Gehilfen packten den Dichter an den Schultern. Er sah sie erstaunt
lchelnd an, weil sie ihm weh taten. Dann preten sie sein Gesicht in
die Hhlung.

Er roch etwas Ssuerliches, bekam keine Luft mehr. Pltzlich wurde er
noch einmal klar, wute, was mit ihm geschehen sollte. Da sammelte sich
alle Kraft seines Lebens in den Schultern. Die Helfer wurden hin und her
geschleudert. Sein Gebrll zischte aus der Hhlung heraus. Ein Helfer
glitschte aufs Knie; seine Lippen verschwanden vor Kraftanstrengung.

Alle Zeugen sahen zu, rhrten sich nicht.

Der Scharfrichter nahm das hocherhobene Beil wieder zur Brust. Es war
dem Dichter gelungen, das Gesicht aus der Hhlung herauszubringen --
sein wortloser Brllton prallte gegen die Gefngnismauern. Die Helfer
knallten sein Gesicht wieder in die Hhlung zurck, da der Nacken
krachte. Das Gehirn des Dichters begann im Kopfe zu kreisen, schnellte
einen letzten Gedanken ab. Er wollte noch berlegen, ob der Mensch
vielleicht nur aus Gewohnheit bse sei. Ist alles nur Gewohnheit?

Da strzte das Blut schon vom Halsstumpf weg, in groem Bogen sich
selbst nach, entsetzt, als wolle es sich wieder in den Krper
zurckholen. Das Sgemehl wurde rot.

Der Kopf fiel in den Kasten, kollerte und blieb liegen, machte noch eine
Viertelsdrehung und lag still, im Profil.

Erschrocken hoben die Zeugen die Gesichter, horchten auf den gurgelnden
Ton, den das Stimmband des Dichters noch abgab. Der Ton klang wie ein
Wort.

Da zuckten alle Kpfe nach der Seite herum und in die Hhe, wo das
Gesicht des immer noch im Klimmzug hngenden Doppelmrders zitterte. Der
rief noch einmal: Bravo! Dann verschwand das Gesicht.

Die Zeugen blickten den Rumpf des Dichters an, der am Block kniete. Der
Halsstumpf spie in der Mitte Blut aus, stoweise, wie ein verkmmerndes
Springbrnnchen, trieb groe rosa Blasen.

Der Kopf lag einen Meter weit entfernt schmal und bla in der Mitte des
Kastens. Die Augen glnzten noch blau.

Der Helfer griff mit beiden Hnden nach dem Kopf, zog eine langsam
wieder zurck, fate so spitz wie mglich nur das Ohr und hob den
schweren Kopf daran hoch, legte ihn an die Stirnwand des Kastens. Der
andere Helfer schleppte den Rumpf herbei. Zusammen paten sie
Schnittflche an Schnittflche, da ein blutiger Schaumkranz hervorquoll
und der Dichter wieder ganz war.

Der Staatsanwalt setzte zuerst den Zylinder auf. Dann zogen alle
schweigend die Zylinder voreinander, verbeugten sich tief.

Sie verlieen einzeln die Richtsttte.

                               Gedruckt
                  in der Roberg'schen Buchdruckerei
                              in Leipzig

                            Leonhard Frank

                           Die Ruberbande
                                Roman
                    25. Tausend. In Leinen M. 6.--

Mit Recht hat dies Buch den Ruhm des Verfassers begrndet. Die
Sachlichkeit der Darstellung steht in feinem Gegensatz zur Romantik des
Geschilderten; die viel verzweigten Empfindungen der heranwachsenden
Seelen, die rmlichkeit der Umgebung und die Bewegtheit des Stadtbildes
sind in wunderbaren Zusammenklang gebracht. Am plastischsten wirkt die
Gestalt des Oldshatterhand, fast wie ein Brckenheiliger weist sie
bedeutungsvoll in hhere Sphren hinber.

                                                Der Deutsche Buch-Club

                   Das Ochsenfurter Mnnerquartett
                                Roman
                    20. Tausend. In Leinen M. 6.--

Von allen meinen Bchern wurde am ungerechtesten behandelt >Das
Ochsenfurter Mnnerquartett<. Es ist mein schnstes Buch. Es ist das am
wenigsten gekaufte meiner Bcher. Die Schuld liegt wahrscheinlich an mir
selber: die Buchhndler erklren, der Titel sei schlecht und schrecke
die Frauen ab. Sie wissen nicht, da Kenner von diesem heiteren Buch
sagen, es enthalte die schnste Liebesgeschichte der modernen
Literatur.

                                                        Leonhard Frank

                             Die Ursache
                         Drama in vier Akten
                  Geheftet M. 2.50, gebunden M. 3.--

                            Karl und Anna
                       Schauspiel in vier Akten
                  Geheftet M. 2.50, gebunden M. 3.50

                      Im Insel-Verlag zu Leipzig





End of the Project Gutenberg EBook of Die Ursache, by Leonhard Frank

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE URSACHE ***

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