The Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen, Zweiter Band, by 
Clemens Brentano and E. T. A. Hoffmann and Heinrich Zschokke

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Title: Deutsche Humoristen, Zweiter Band

Author: Clemens Brentano
        E. T. A. Hoffmann
        Heinrich Zschokke

Release Date: November 9, 2014 [EBook #47318]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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    Hausbcherei

    der Deutschen Dichter-Gedchtnis-Stiftung

    Vierter Band

    [Illustration]

    6. bis 10. Tausend

    Hamburg-Groborstel Verlag der Deutschen Dichter-Gedchtnis-Stiftung
    1905




    Deutsche Humoristen

    Zweiter Band

    Clemens Brentano

    E. Th. A. Hoffmann

    Heinrich Zschokke

    [Illustration]

    6. bis 10.
    Tausend


    Hamburg-Groborstel
    Verlag der Deutschen Dichter-Gedchtnis-Stiftung
    1905




    Inhaltsverzeichnis
    zum 1. Bande der
    Deutschen Humoristen
    (Hausbcherei Band 3).


    Vorwort.

    =Vischer=, Friedr. Theodor: Humor. Gedicht.

    =Rosegger=, Peter: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen sa.

    =Rosegger=, Peter: Wie wir die Grtelsprenge haben gehalten.

    =Raabe=, Wilhelm: Der Marsch nach Hause.

    =Reuter=, Fritz: Woans ick tau 'ne Fru kamm.

    =Roderich=, Albert: Nemesis.




    Inhaltsverzeichnis
    zum 3. Bande der
    Deutschen Humoristen
    (Hausbcherei Band 5).


    =Hoffmann=, Hans: Eistrug.

    =Ernst=, Otto: Die Gemeinschaft der Brder vom geruhigen Leben.

    =Eyth=, Max: Der blinde Passagier.

    =Bhlau=, Helene (Madame al Raschid Bey): Die Ratsmdel gehen
      einem Spuk zu Leibe.




Inhaltsverzeichnis

zum 2. Bande der Deutschen Humoristen.


    Vorwort                                                    7

    =Brentano, Clemens=: Die mehreren
    Wehmller oder ungarische Nationalgesichter            9--98

    =Hoffmann, E. Th. A.=: Die Knigsbraut.
    Ein nach der Natur entworfenes
    Mrchen                                              99--191

    =Zschokke, Heinrich=: Die Nacht in
    Brczwezmcisl                                        193--222




Vorwort.


Der 3. Band der Hausbcherei (Deutsche Humoristen 1. Band) hat so
beraus groen Anklang gefunden, da kaum drei Monate nach Erscheinen
die erste Auflage von 5000 Exemplaren auf die Neige ging, die
Herstellung einer zweiten Auflage mithin sofort notwendig wurde. So
hat denn die Deutsche Dichter-Gedchtnis-Stiftung beschlossen, aus
der deutschen humoristischen Literatur noch weitere Schtze in ihre
Hausbcherei aufzunehmen und die Sammlung Deutsche Humoristen
zunchst um zwei weitere Bnde zu vermehren.

Der vorliegende 2. Band zieht drei schne Stcke aus der Literatur des
beginnenden 19. Jahrhunderts hervor, der 3. Band ist zeitgenssischen
Dichtern gewidmet.

    =Hamburg=,
    15. Juli 1904.

    =Deutsche Dichter-Gedchtnis-Stiftung.=




Clemens Brentano:

Die mehreren Wehmller oder ungarische Nationalgesichter.


=Clemens Brentano= wurde am 8. September 1778 in Ehrenbreitstein
geboren, sollte wider Willen Kaufmann werden, besuchte spter eine
hhere Schule und fhrte von 1797 an ein Leben, das ihn unstt durch
viele deutsche Lande trieb. Er starb am 28. Juli 1842 in Aschaffenburg.

Reiche dichterische Begabung, lebhafte Einbildungskraft, Gefhlstiefe
verleihen seinen Werken einen eigenen Reiz, der nur zuweilen durch
den Mangel an Beharrlichkeit beeintrchtigt wird, der manches schn
Begonnene verflachen oder zerflieen lt. Sein schnstes Werk ist die
Geschichte vom braven Kasperl und dem schnen Annerl, ein Vorbote
unserer Dorfgeschichten. Auch das reizende Mrchen Gockel, Hinkel und
Gackeleia wird noch heute gern gelesen. Um die deutsche Literatur
hat sich Brentano durch die gemeinschaftlich mit Achim von Arnim
unternommene Herausgabe von Des Knaben Wunderhorn, einer Sammlung
der schnsten deutschen Volkslieder (1806, seitdem vielfach gedruckt),
unsterbliche Verdienste erworben.

Seine Erzhlung Die mehreren Wehmller zeigt den sprhenden Witz, den
die Zeitgenossen an ihm bewunderten. Die Lebhaftigkeit der Zeichnung
wird durch den Reichtum lustiger Einflle erhht; aber auch die
Vorliebe fr das Seltsame, die alle Romantiker kennzeichnet, tritt
stark hervor.

    E. S.




Die mehreren Wehmller oder ungarische Nationalgesichter.


Gegen Ende des Sommers, whrend der Pest in Kroatien, hatte Herr
Wehmller, ein reisender Maler, von Wien aus einen Freund besucht,
der in dieser sterreichischen Provinz als Erzieher auf dem Schlosse
eines Grafen Giulowitsch lebte. Die Zeit, welche ihm seine Geschfte
zu dem Besuch erlaubten, war vorber. Er hatte von seiner jungen
Frau, welche ihm nach Siebenbrgen vorausgereist war, einen Brief
aus Stuhlweienburg erhalten, da er sie nicht mehr lnger allein
lassen mge; es erwarte ihn das Offizier-Korps des dort liegenden
hochlblichen ungarischen Grenadier- und Husaren-Regiments sehnschtig,
um von seiner Meisterhand gemalt sich in dem Andenken mannigfaltiger
schner Freundinnen zu erhalten, da ein naher Garnisonswechsel
manches engverknpfte Liebes- und Freundschaftsband zu zerreien
drohte. Dieser Brief brachte den Herrn Wehmller in groe Unruhe,
denn er war viermal so lange unterwegs geblieben als gewhnlich, und
dermaen durch die Quarantaine zerstochen und durchruchert worden,
da er die ohnedies nicht allzuleserliche Hand seiner guten Frau,
die mit oft gewsserter Tinte geschrieben hatte, nur mit Mhe lesen
konnte. Er eilte in die Stube seines Freundes Lury und sagte zu ihm:
Ich mu gleich auf der Stelle fort nach Stuhlweienburg, denn die
hochlblichen Grenadier- und Husaren-Regimenter sind im Begriffe von
dort abzuziehen; lesen Sie, der Brief ist an fnf Wochen alt. Der
Freund verstand ihn nicht, nahm aber den Brief und las. Wehmller lief
sogleich zur Stube hinaus und die Treppe hinab in die Hauskapelle, um
zu sehen, ob er die neununddreiig Nationalgesichter, welche er in
l gemalt und dort zum Trocknen aufgehngt hatte, schon ohne groe
Gefahr des Verwischens zusammenrollen knne. Ihre Trockenheit bertraf
alle seine Erwartung, denn er malte mit Terpentinfirnis, welcher
trocken wird, ehe man sich umsieht. Was brigens diese neununddreiig
Nationalgesichter betrifft, hatte es mit ihnen folgende Bewandtnis:
sie waren nichts mehr und nichts weniger als neununddreiig Portrts
von Ungarn, welche Herr Wehmller gemalt hatte, ehe er sie gesehen. Er
pflegte solcher Nationalgesichter immer ein halb Hundert fertig bei
sich zu fhren. Kam er in einer Stadt an, wo er Gewinn durch seine
Kunst erwartete, so pflegte er ffentlich ausschellen oder austrommeln
zu lassen: der bekannte Knstler, Herr Wehmller, sei mit einem reich
assortierten Lager wohlgetroffener Nationalgesichter angelangt und
lade diejenigen unter einem hochedlen Publikum, welche ihr Portrt
wnschten, untertnigst ein, sich dasselbe, Stck vor Stck zu einem
Dukaten in Gold, selbst auszusuchen. Er fgte sodann noch, durch wenige
Meisterstriche einige persnliche Zge und Ehrennarben, oder die
Individualitt des Schnurrbarts des Kufers unentgeltlich bei, fr die
Uniform aber, welche er immer ausgelassen hatte, mute nach Magabe
ihres Reichtumes nachgezahlt werden.

Er hatte diese Verfahrungsart auf seinen Kunstreisen als die
befriedigendste fr sich und die Kufer gefunden. Er malte die Leute
nach Belieben im Winter mit aller Bequemlichkeit zu Haus, und brachte
sie in der schnen Jahreszeit zu Markte. So geno er des groen
Trostes, da keiner ber Unhnlichkeit oder langes Sitzen klagen
konnte, weil sich jeder sein Bildnis fertig nach bestimmtem Preise,
wie einen Weck aus dem Laden, selbst aussuchte. Wehmller hatte
seine Gattin vorausgeschickt, um seine Ankunft in Stuhlweienburg
vorzubereiten, whrend er seinen Vorrat von Portrts bei seinem Freunde
Lury zu der gehrigen Menge brachte. Er mute diesmal in vollem Glanze
auftreten, weil er in einer Zeitung gelesen: ein Maler Froschhauer
aus Klagenfurt habe dieselbe Kunstreise vor. Dieser aber war bisher
sein Antagonist und Nebenbuhler gewesen, wenn sie sich gleich nicht
kannten, denn Froschhauer war von der entgegengesetzten Schule; er
hatte nmlich immer alle Uniformen voraus fertig, und lie sich fr die
Gesichter extra bezahlen. -- Schon hatte Wehmller die neununddreiig
Nationalgesichter zusammengerollt, in eine groe weite Blechbchse
gesteckt, in welcher auch seine Farben und Pinsel, ein paar Hemden,
ein Paar gelbe Stiefelstulpen und eine Haarlocke seiner Frau Platz
fanden; schon schnallte er sich diese Bchse mit zwei Riemen, wie einen
Tornister, auf den Rcken, als sein Freund Lury hereintrat und ihm
den Brief mit den Worten zurckgab: Du kannst nicht reisen, soeben
hat ein Bauer hier auf dem Hofe erzhlt, da er vor einigen Tagen
einen Fureisenden begleitet habe, und da dieser der letzte Mensch
gewesen sei, der ber die Grenze gekommen, denn auf seinem Rckwege
hierher habe er, der Bote, schon alle Wege vom Pest-Cordon besetzt
gefunden. Wehmller aber lie sich nicht mehr zurckhalten. Er schob
seine Palette unter den Wachstuchberzug auf seinen runden Hut, wie
die Bcker in den Zipfel ihrer gestrickten spitzen Mtzen eine Semmel
zu stecken pflegen, und begann seinen Reisestab zusammen zu richten,
der ein wahres Wunder der Mechanik, wenn ich mich nicht irre, von
der Erfindung des Mechanikus Eckler in Berlin war, denn er enthielt
erstens: sich selbst, nmlich einen Reisestock; zweitens: nochmals
sich selbst, einen Malerstock; drittens: nochmals sich selbst, einen
Mestock; viertens: nochmals sich selbst, ein Richtscheit; fnftens:
nochmals sich selbst, ein Blaserohr; sechstens: nochmals sich selbst,
ein Tabakspfeifenrohr; siebentens: nochmals sich selbst, einen
Angelstock; darin aber waren noch ein Stiefelknecht, ein Barometer,
ein Thermometer, ein Perspektiv, ein Zeichenstuhl, ein chemisches
Feuerzeug, ein Reizeug, ein Bleistift und das Brauchbarste von allem:
eine approbierte hlzerne Hhneraugenfeile angebracht; das Ganze
aber war so eingerichtet, da man die Masse des Inhaltes, durch den
Druck einer Feder, aus diesem Stocke wie aus einer Windbchse seinem
Feind auf den Leib schieen konnte. Whrend Wehmller diesen Stock
zusammenrichtete, machte Lury ihm die lebhaftesten Vorstellungen
wegen der Gefahr seiner Reise, aber er lie sich nicht halten. So
rede wenigstens mit dem Bauer selbst, sprach Lury. Das war Wehmller
zufrieden und ging, ganz zum Abmarsche fertig, hinab. Kaum aber waren
sie in die Schenke getreten, als der Bauer zu ihm trat und ihm den
rmel kssend sagte: Nu, gndiger Herr, wie kommen wir schon wieder
zusammen? Sie hatten ja eine solche Eile nach Stuhlweienburg, da ich
glaubte, Euer Gnaden mten bald dort sein. Wehmller verstand den
Bauer nicht, der ihm versicherte: da er ihn mit derselben blechernen
Bchse auf dem Rcken, und demselben langen Stocke in der Hand, nach
der ungarischen Grenze gefhrt habe, und zwar zu rechter Zeit, weil
kurz nachher der Weg vom Pest-Cordon geschlossen worden sei, wobei
der Mann ihm eine Menge einzelne Vorflle der Reise erzhlte, von
welchen, wie vom Ganzen, Wehmller nichts begriff. Da aber endlich der
Bauer ein kleines Bild hervorzog mit den Worten: Haben Euer Gnaden
mir dieses Bildchen, da in Ihrer Bchse keinen Platz fand, nicht zu
tragen gegeben, und haben es Euer Gnaden nicht in der Eile der Reise
vergessen? ergriff Wehmller das Bild mit Heftigkeit. Es war das Bild
seiner Frau, ganz wie von ihm selbst gemalt, ja, der Name Wehmller
war unterzeichnet. Er wute nicht, wo ihm der Kopf stand. Bald sah er
den Bauer, bald Lury, bald das Bild an. Wer gab dir das Bild? fuhr
er den Bauer an. Euer Gnaden selbst, sagte dieser. Sie wollten
nach Stuhlweienburg zu Ihrer Liebsten, sagten Euer Gnaden, und den
Botenlohn sind mir Euer Gnaden auch schuldig geblieben.

Das ist erlogen! schrie Wehmller. Es ist die Wahrheit! sagte der
Bauer. Es ist nicht die Wahrheit! sagte Lury, denn dieser Herr ist
seit vier Wochen nicht hier weggekommen und hat mit mir in einer Stube
geschlafen. Der Bauer aber wollte von seiner Behauptung nicht abgehen
und drang auf die Bezahlung des Botenlohns oder die Rckgabe des
Portrts, welches sein Pfand sei, und dem er, wenn er nicht bezahle,
einen Schimpf antun wolle. Wehmller ward auer sich. Was? schrie
er, ich soll fr einen andern den Botenlohn zahlen oder das Portrt
meiner Frau beschimpfen lassen, das ist entsetzlich! Lury machte
endlich den Schiedsrichter und sagte zu dem Bauer: Habt ihr diesen
Herrn ber die Grenze gebracht? Ja! sagte der Bauer. -- Wie kommt
er denn wieder hierher, und wie war er die ganze Zeit hier? erwiderte
Lury. Ihr mt ihn daher nicht recht tchtig hinber gebracht haben,
und knnt fr so schlechte Arbeit keinen Botenlohn begehren. Bringt ihn
heute nochmals hinber, aber dermaen, da auch kein Stmpfchen hier
in Kroatien bleibt, und lat euch doppelt bezahlen. Der Bauer sagte:
Ich bin es zufrieden, aber es ist doch eine sehr heillose Sache; wer
von den beiden ist nun der Teufel, dieser gndige Herr oder der andre?
Es knnte mich dieser, der viel widerspenstiger scheint, vielleicht gar
mit ber die Grenze holen; auch ist der Weg jetzt gesperrt, und der
andre war der letzte. Ich glaube doch, er mu der Teufel gewesen sein,
der bei der Pest zu tun hat. -- Was, schrie Wehmller, der Teufel
mit dem Portrt meiner Frau? Ich werde verrckt! Gesperrt oder nicht
gesperrt, ich mu fort, der scheulichste Betrug mu entdeckt werden.
Ach, meine arme Frau, wie kann sie getuscht werden! Adieu, Lury, ich
brauche keinen Boten, ich will schon allein finden. Und somit lief er
zum offenen Hoftore mit solcher Schnelligkeit hinaus, da ihn weder der
nachlaufende Bauer, noch das Geschrei Lurys einholen konnte.

Nach dieser Scene trat der Graf Giulowitsch, der Prinzipal Lurys, aus
dem Schlo, um auf seinen Finkenherd zu fahren. Lury erzhlte ihm die
Geschichte, und der Graf, neugierig, mehr von der Sache zu hren,
bestieg seinen Wurstwagen und fuhr dem Maler in vollem Trabe nach. Das
leichte Fuhrwerk, mit zwei raschen Pferden bespannt, flog ber die
Stoppelfelder, welche einen festeren Boden als die moorichte Landstrae
darboten. Bald war der Maler eingeholt. Der Graf bat ihn aufzusitzen
mit dem Anerbieten, ihn einige Meilen bis an die Grenze seiner Gter zu
bringen, wo er noch eine halbe Stunde nach dem letzten Grenzdorf habe.
Wehmller der schon viel Grund und Boden an seinen Stiefeln hngen
hatte, nahm den Vorschlag mit untertnigstem Dank an. Er mute einige
Zge alten Slibowitz aus des Grafen Jagdflasche tun, und fand dadurch
schon etwas mehr Mut, sich selbst auf der eignen Fhrte zu seiner Frau
nachzueilen. Der Graf fragte ihn: Ob er denn niemand kenne, der ihm
so hnlich sei, und so malen knne wie er? Wehmller sagte: Nein!
und das Portrt ngstige ihn am meisten, denn dadurch zeige sich eine
Beziehung des falschen Wehmllers auf seine Frau, welche ihm besonders
fatal werden knne. Der Graf sagte ihm: Der falsche Wehmller sei
wohl nur eine Strafe Gottes fr den echten Wehmller, weil dieser alle
Ungarn ber einen Leisten male. So gbe es jetzt auch mehrere Wehmller
ber einen Leisten. Wehmller meinte: Alles sei ihm einerlei, aber
seine Frau, seine Frau, wenn sie sich nur nicht irre. Der Graf stellte
ihm nochmals vor, er mge lieber mit ihm auf seinen Finkenherd und dann
zurckfahren; er gefhrde, wenn er auch hchst unwahrscheinlich den
Pest-Cordon durchschleichen sollte, jenseits an der Pest zu sterben.
Wehmller aber meinte: Ein zweiter Wehmller, der zu meiner Frau
reist, ist auch eine Pest, an der man sterben kann, und er wolle so
wenig als die Schneegnse, welche schreiend ber ihnen hinstrichen, den
Pest-Cordon respektieren, er habe keine Ruhe, bis er bei seiner Tonerl
sei. So kamen sie bis auf die Grenze der Giulowitschschen Gter, und
der Graf schenkte Wehmllern noch eine Flasche Tokaier mit den Worten:
Wenn Sie diese ausstechen, lieber Wehmller, werden Sie sich nicht
wundern, da man Sie doppelt gesehen, denn Sie selbst werden alles
doppelt sehen. Geben Sie uns so bald als mglich Bericht von Ihrem
Abenteuer, und mge Ihre Gemahlin anders sehen, als der Bauer gesehen
hat. Leben Sie wohl!

Nun eilte Wehmller, so schnell er konnte, nach dem nchsten Dorf, und
kaum war er in die kleine dumpfigte Schenke eingetreten, als die alte
Wirtin, in Husaren-Uniform, ihm entgegenschrie: Ha, ha! da sind der
Herr wieder zurck, ich hab es gleich gesagt, da Sie nicht durch den
Cordon wrden hinber gelassen werden. Wehmller sagte: da er hier
niemals gewesen und da er gleich jetzt erst versuchen wolle, durch den
Cordon zu kommen. Da lachte Frau Tschermack und ihr Gesinde ihm ins
Angesicht, und behaupteten steif und fest: er sei vor einigen Tagen
hier durchpassiert, von einem Giulowitscher Bauern begleitet, dem er
den Botenlohn zu zahlen vergessen; er habe ja hier gefrhstckt und
erzhlt: da er nach Stuhlweienburg zu seiner Frau Tonerl wolle, um
dort das hochlbliche Offizier-Korps zu malen. Wehmller kam durch die
neue Besttigung, da er doppelt in der Welt herum reise, beinahe in
Verzweiflung. Er sagte der Wirtin mit kurzen Worten seine ganze Lage;
sie wute nicht, was sie glauben sollte, und sah ihn sehr kurios an.
Es war ihr nicht allzu heimlich bei ihm. Aber er wartete alle ihre
Skrupel nicht ab, und lief wie toll und blind zum Dorfe hinaus und dem
Pest-Cordon zu.

Als er eine Viertelmeile auf der Landstrae gelaufen war, sah er
auf dem Stoppelfeld eine Reihe von Rauchsulen aufsteigen, und ein
angenehmer Wachholdergeruch dampfte ihm entgegen. Er sah bald eine
Reihe von Erdhtten und Soldaten, welche kochten und sangen; es war ein
Hauptbiwak des Pest-Cordons. Als er sich der Schildwache nherte, rief
sie ihm ein schreckliches: Halt! entgegen und schlug zugleich ihr
Gewehr auf ihn an. -- Wehmller stand wie angewurzelt. Die Schildwache
rief den Unteroffizier und nach einigen Minuten sprengte ein Szekler
Husar gegen ihn heran und schrie aus der Ferne: Wos willstu, +quid
vis+? Wo kommst her, +unde venis+? An welchen Ort willst du, +ad quem
locum vis+? Bist du nicht vorige Woche hier durchpassiert, +es tu non
altera hebdomada hic perpassatus+? Er fragte ihn so auf Deutsch und
Husarenlateinisch zugleich, weil er nicht wute, ob er ein Deutscher
oder ein Ungar sei. Wehmller mute aus den letzten Worten des Husaren
abermals hren, da er hier schon durchgereist sei, welche Nachricht
ihm eiskalt ber den Rcken lief. Er schrie sich beinah' die Kehle
aus, da er gerade von dem Grafen Giulowitsch komme, da er in seinem
Leben nicht hier gewesen. Der Husar aber lachte und sprach: Du lgst,
+mentiris+! Hast du nicht dem Herrn Chirurg sein Bild gegeben, +non
dedidisti Domino Chirurgo suam imaginem+? Da er durch die Finger
gesehen und dich passieren lassen, +ut vidit per digitos et te fecit
passare+? Du bist zurckgekehrt aus den Pest-rtern, +es returnatus ex
pestiferatis locis+! Wehmller sank auf die Kniee nieder und bat, man
mge den Chirurgen doch herbeirufen. Whrend dieses Gesprches waren
mehrere Soldaten um den Husaren herum getreten, zuzuhren; endlich
kam der Chirurg auch, und nachdem er Wehmllers Klagen angehrt, der
sich die Lunge fast weggeschrieen, befahl er ihm, sich einem der Feuer
von Wachholderholz zu nhern, so da es zwischen ihnen beiden sei,
dann wolle er mit ihm reden. Wehmller tat dies, und erzhlte ihm die
ganze Aussage ber einen zweiten Wehmller, der hier durchgereist
sei, und seine groe Sorge, da ihn dieser um all sein Glck betrgen
knne, und bot dem Chirurgen alles an, was er besitze, er mge ihm
nur durchhelfen. Der Chirurg holte nun eine Rolle Wachsleinwand aus
seiner Erdhtte, und Wehmller erblickte auf derselben eines der
ungarischen Nationalgesichter, gerade, wie er sie selbst zu malen
pflegte, auch sein Name stand drunter, und da der Chirurg sagte: Ob
er dies Bild nicht gemalt und ihm neulich geschenkt habe, weil er ihn
passieren lassen? gestand Wehmller: Er wrde nie dies Bild von den
seinigen unterscheiden knnen, aber durchpassiert sei er hier nie, und
habe nie die Gelegenheit gehabt, den Herrn Chirurgen zu sprechen. Da
sagte der Chirurg: Hatten Sie nicht heftiges Zahnweh, habe ich Ihnen
nicht noch einen Zahn ausgezogen fr das Bild? Nein, Herr Chirurg,
erwiderte Wehmller, ich habe alle meine Zhne frisch und gesund, wenn
Sie zuschauen wollen. Nun fate der Feldscher einigen Mut; Wehmller
sperrte das Maul auf, er sah nach und gestand ihm zu, da er ganz
ein anderer Mensch sei; denn jetzt, da er ihn weder aus der Ferne,
noch von Rauch getrbt ansehe, msse er ihm gestehen, da der andere
Wehmller viel glatter und auch etwas fetter sei, ja, da sie beide,
wenn sie nebeneinander stnden, kaum verwechselt werden knnten; aber
durchpassieren lassen knne er ihn jetzt doch nicht. Es habe zuviel
Aufsehens bei der Wache gemacht, und er knne Verdru haben. Morgen
frh werde aber der Cordon-Kommandant mit einer Patrouille bei der
Visitation hierher kommen, und da liee sich sehen, was er fr ihn
tun knne. Er mge bis dahin nach der Schenke des Dorfes zurckkehren,
er wolle ihn rufen lassen, wenn es Zeit sei. Er solle auch das Bild
mitnehmen und ihm den Schnauzbart etwas spitzer malen, damit es ganz
hnlich werde. Wehmller bat: in seiner Erdhtte einen Brief an sein
Tonerl schreiben zu drfen, und ihm den Brief hinber zu besorgen. Der
Chirurg war es zufrieden. Wehmller schrieb seiner Frau, erzhlte ihr
sein Unglck, bat sie um Gotteswillen, nicht den falschen Wehmller
mit ihm zu verwechseln und lieber sogleich ihm entgegen zu reisen. Der
Chirurg besorgte den Brief und gab Wehmllern noch ein Attestat, da
seine Person eine ganz andere sei, als die des ersten Wehmllers, und
nun kehrte unser Maler, durchgeruchert wie ein Quarantaine-Brief, nach
der Dorfschenke zurck.

Hier war die Gesellschaft vermehrt. Die Erzhlung von dem
doppelten Wehmller hatte sich im Dorf und auf einem benachbarten
Edelhof ausgebreitet, und es waren allerlei Leute bei der Wirtin
zusammengekommen, um sich wegen der Geschichte zu befragen. Unter
dieser Gesellschaft waren ein alter invalider Feuerwerker und ein
Franzose die Hauptpersonen. Der Feuerwerker, ein Venetianer von
Geburt, hie Baciochi, und war ein Alles in Allem bei dem Edelmanne,
der einen Bchsenschu von dem Dorfe wohnte. Der Franzose war ein
Monsieur Devillier, der, von einer alten reichen Ungarin gefesselt,
in Ungarn sitzen geblieben war; seine Gnnerin starb und hinterlie
ihm ein kleines Gtchen, auf welchem er lebte, und sich bei seinen
Nachbarn umher mit der Jagd und allerlei Liebeshndeln die Zeit
vertrieb. Er hatte gerade eine Kammerjungfer auf dem Edelhofe besucht,
der er Sprachunterricht gab, und diese hatte ihn mit dem Hofmeister
des jungen Edelmanns auf seinem Rckweg in die Schenke begleitet, um
ihrer Herrschaft von dem doppelten Wehmller Bericht zu erstatten. Die
Kammerjungfer hie Nanny und der Hofmeister war ein geborener Wiener,
mit Namen Lindpeindler, ein zartfhlender Dichter, der oft verkannt
worden ist. Die berhmteste Person von allen war aber der Violinspieler
Michaly, ein Zigeuner von etwa dreiig Jahren, von eigentmlicher
Schnheit und Khnheit, der, wegen seines groen Talents, alle
mglichen Tnze ununterbrochen auf seiner Violine zu erfinden und zu
variieren, bei allen groen Hochzeiten im Lande allein spielen mute.
Er war hierher gereist, um seine Schwester zu erwarten, die bis jetzt
bei einer verstorbenen Gromutter gelebt und nun auf der Reise zu ihm
durch den Pest-Cordon von ihm getrennt war.

Zu diesen Personen fgte sich noch ein alter kroatischer Edelmann,
der einen einsamen Hof in der Nhe der trkischen Grenze besa; er
bernachtete hier, von einem Kreistage zurckkehrend. Ein tiroler
Teppichkrmer und sein Reisegeselle, ein Savoyardenjunge, dem sein
Murmeltier gestorben war, und der sich nach Hause bettelte, machten die
Gesellschaft voll, auer der alten Wirtin, die Tabak rauchte und in
ihrer Jugend als Amazone unter den Wurmserschen Husaren gedient hatte.
Sie trug noch den Dolman und die Mtze, die Haare in einem Zopf am
Nacken und zwei kleine Zpfe an den Schlfen geknpft, und hatte hinter
ihrem Spinnrad ein martialisches Ansehen. Diese bunte Versammlung
sa in der Stube, welche zugleich die Kche und der Stall fr zwei
Bffelkhe war, um den lodernden niedern Feuerherd, und war im vollen
Gesprch ber den doppelten Wehmller, als dieser in der Dmmerung
an der verschlossenen Haustre pochte. Die Wirtin fragte zum Fenster
hinaus, und als sie Wehmller sah, rief sie: Gott steh' uns bei! Da
ist noch ein dritter Wehmller; ich mache die Tr nicht eher auf, bis
sie alle drei zusammen kommen! Ein lautes Gelchter und Geschrei des
Verwunderns aus der Stube unterbrach des armen Malers Bitte um Einla.
Er nahte sich dem Fenster und hrte eine lebhafte Beratschlagung ber
sich an. Der kroatische Edelmann behauptete: er knne sehr leicht
ein Vampir sein oder die Leiche des ersten an der Pest verstorbenen
Wehmllers, die hier den Leuten das Blut aussaugen wolle. Der
Feuerwerker meinte: er knne die Pest bringen, er habe wahrscheinlich
den Cordon berschritten und sei wieder zurckgeschlichen. Der Tiroler
bewies: er wrde niemand fressen. Die Kammerjungfer verkroch sich
hinter dem Franzosen, der, nebst dem Hofmeister, die Gastfreiheit und
Menschlichkeit verteidigte. Devillier sagte: er knne nicht erwarten,
da eine so auserwhlte Gesellschaft wie die, in der er sich befinde,
jemals aus Furcht und Aberglauben die Rechte der Menschheit so sehr
verletzen werde, einen Fremden wegen einer bloen Grille auszusperren;
er wolle mit dem Manne reden. Der Zigeuner aber ergriff in dem
allgemeinen, ziemlich lauten Wortwechsel seine Violine und machte ein
wunderbares Schariwari dazu, und da die ungarischen Bauern nicht leicht
eine Fiedel hren, ohne den Tanzkrampf in den Fen zu fhlen, so
versammelte sich bald Horia und Klotzka vor der Schenke, -- was so viel
heit: als Hinz und Kunz bei uns zu Lande, -- die Mdchen wurden aus
den Betten getrieben und vor die Schenke gezogen, und sie begannen zu
jauchzen und zu tanzen.

Durch den Lrm ward der Vizegespann, des Orts Obrigkeit, herbeigelockt,
und Wehmller brachte ihm seine Klagen und das Attestat des Chirurgen
vor, versprach ihm auch, sein Portrt unter den Nationalgesichtern
sich aussuchen zu lassen, wenn er ihm ein ruhiges Nachtquartier
verschaffe und seine Persnlichkeit in der Schenke attestiere. Der
Vizegespann lie sich nun die Schenke ffnen und las drinnen das
Attestat des Herrn Chirurgen, das er allen Anwesenden zur Beruhigung
mitteilte. Durch seine Autoritt brachte er es dahin, da Wehmller
endlich hereingelassen wurde, und er nahm, um der Sache mehr Ansehen zu
geben, ein Protokoll ber ihn auf, an dem nichts merkwrdig war, als
da es mit dem Worte Sondern anfing. Indessen hatten die Bauern den
musikalischen Zigeuner herausgezerrt und waren mit ihm unter die Linde
des Dorfes gezogen, der Tiroler zog hinterdrein und jodelte aus der
Fistel, der Savoyarde gurgelte sein Escoutta Gianetta und klapperte
mit dem Deckel seines leeren Kastens den Takt dazu bis unter die Linde.
Monsieur Devillier forderte die Kammerjungfer zu einem Tnzchen auf,
und Herr Lindpeindler gab der schnen Herbstnacht und dem romantischen
Eindrucke nach. So war die Stube ziemlich leer geworden. Wehmller
holte seine Nationalgesichter aus der Blechbchse, und der Vizegespann
hatte bald sein Portrt gefunden, versprach auch dem Maler ins Ohr:
da er ihm morgen ber den Cordon helfen wolle, wenn er ihm heute
Nacht noch eine Reihe Knpfe mehr auf die Jacke male. Wehmller dankte
ihm herzlich und begann sogleich bei einer Kienfackel seine Arbeit.
Der Feuerwerker und der kroatische Edelmann rckten zu dem Tisch, auf
welchem Wehmller seine Flasche Tokaier Preis gab. Die Herren drehten
sich die Schnauzbrte, steckten sich die Pfeifen an und lieen es sich
wohl schmecken. Der Vizegespann sprach von der Jagdzeit, die am St.
Egiditage, da der Hirsch in die Brunst gehe, begonnen habe, und da er
morgen frh nach einem Vierzehnender ausgehen wolle, der ihm groen
Schaden in seinem Weinberge getan, zugleich lud er Herrn Wehmller
ein, mitzugehen, wobei er ihm auf den Fu trat. Wehmller verstand,
da dies ein Wink sei, wie er ihm ber den Cordon helfen wolle, und
wenn ihm gleich nicht so zu Mute war, gern von Hirschgeweihen zu
hren, nahm er doch das Anerbieten mit Dank an, nur bat er sich die
Erlaubnis aus, nach der Rckkehr das Bild des Herrn Vizegespanns in
seinem Hause fertig malen zu drfen. Der kroatische Edelmann und der
Feuerwerker sprachen nun noch mancherlei von der Jagd, und wie der Wein
so vortrefflich stehe, darum sei das Volk auch so lustig; wenn der
unbequeme Pest-Cordon nur erst aufgelst sei, aller Verkehr sei durch
ihn gestrt, und der Cordon sei eigentlich rger als die Pest selbst.
Es wird bald aus sein mit dem Cordon, sagte der Kroate, die Klte
ist der beste Doktor, und ich habe heute an den Eicheln gesehen, da es
einen strengen Winter geben wird; denn die Eicheln kamen heuer frh und
viel, und es heit von den Eicheln im September:

    >Haben sie Spinnen, so kmmt ein bs Jahr,
    Haben sie Fliegen, kmmt Mittelzeit zwar,
    Haben sie Maden, so wird das Jahr gut,
    Ist nichts darin, so hlt der Tod die Hut.
    Sind die Eicheln frh und sehr viel,
    So schau, was der Winter anrichten will:
    Mit vielem Schnee kmmt er vor Weihnachten,
    Darnach magst du groe Klte betrachten.
    Sind die Eicheln schn innerlich,
    Folgt ein schner Sommer, glaub' sicherlich;
    Auch wird dieselbe Zeit wachsen schn Korn,
    Also ist Mh' und Arbeit nicht verlor'n.
    Werden sie innerlich na befunden,
    Tut's uns einen nassen Sommer bekunden;
    Sind sie mager, wird der Sommer hei,
    Das sei dir gesagt mit allem Flei.<

Diesen September waren sie aber so frh und hufig, da es gewi bald
kalt, und der Frost die Pest schon vertilgen wird. Ganz recht, sagte
der Vizegespann, wir werden einen frhen Winter und einen schnen
Herbst haben; denn tritt der Hirsch an einem schnen Egiditag in
Brunst, so tritt er auch an einem schnen Tage heraus, und wenn er
frh eintritt, wie dieses Jahr, so naht der Winter auch frh. ber
diesen Wetterbetrachtungen kamen sie auf kalte Winter zu sprechen, und
der Kroate erzhlte folgende Geschichte, die ihm vor einigen Jahren im
kalten Winter in der Christnacht geschehen sein sollte, und er beschwor
sie hoch und teuer. Aber eben, als er beginnen wollte, schallte ein
groer Spektakel von der Linde her. Lindpeindler und die Kammerjungfer
strzten mit dem Geschrei in die Stube: auf dem Tanzplatze sei wieder
ein Wehmller erschienen. Ach, schrie die Kammerjungfer, er hat mich
wie ein Gespenst angepackt und ist mit mir so entsetzlich unter der
Linde herumgetanzt, da mir die Haube in den Zweigen blieb. Auf diese
Aussage sprangen alle vom Tisch auf und wollten hinausstrzen. Der
Vizegespann aber gebot dem Maler sitzen zu bleiben, bis man wisse, ob
er oder der andere es sei.

Da nherte sich das Spektakel, und bald trat der Zigeuner lustig
fiedelnd, von den krhenden Bauern begleitet, mit dem neuen Wehmller
vor die Schenke. Da klrte sich denn bald der Scherz auf. Devillier
hatte den grauen Reisekittel und den Hut Wehmllers im hinausgehen
aufgesetzt und ein altes blechernes Ofenrohr, das in einem Winkel lag,
umgehngt, die furchtsame Kammerjungfer zu erschrecken. Nanny ward
sehr ausgelacht, und der Vizegespann befahl nun den Leuten, zu Bette
zu gehen. Da aber einige noch tanzen wollten und grob wurden, rief er
nach seinen Heiducken, setzte selbst eine Bank vor die Tre, legte
eigenhndig einen frechen Burschen ber und lie ihm fnf aufzhlen,
auf welche kleine Erfrischung die ganze Ballgesellschaft mit einem
lauten: +Vivat noster Dominus Vicegespannus!+ jubelnd nach Hause
zog. Nun ordnete sich die brige Gesellschaft in der engen Stube, wie
es gehen wollte, um Tisch und Herd, auf Kbeln und Tonnen und den zur
Nachtstreue von der Wirtin angeschleppten Strohbndeln. Devillier lie
einige Krge Wein bringen, und der erschrockenen Kammerjungfer wurde
auf den Schreck wacker zugetrunken. Man bat dann den Kroaten, seine
versprochene Geschichte zu erzhlen, welcher, whrend Wehmller in
schweren Gedanken an sein Tonerl Kpfe malte, also begann:


Das Pickenick des Katers Mores.

Erzhlung des kroatischen Edelmannes.

Mein Freihof liegt einsam, eine halbe Stunde von der trkischen
Grenze, in einem sumpfigten Walde, wo alles im herrlichsten und
fatalsten berflu ist, zum Beispiel: die Nachtigallen, die einen immer
vor Tag aus dem Schlafe wecken, und im letzten Sommer pfiffen die
Bestien so unverschmt nah und in solcher Menge vor meinem Fenster,
da ich einmal im grten Zorne den Nachttopf nach ihnen warf. Aber
ich kriegte bald einen Hausgenossen, der ihnen auf den Dienst pate
und mich von dem Ungeziefer befreite. Heut' sind es drei Jahre, als
ich morgens auf meinen Finkenherd ging mit einem Pallasch, einer guten
Doppelbchse und einem Paar doppelten Pistolen versehen, denn ich hatte
einen trkischen Wildpretdieb und Hndler auf dem Korne, der mir seit
einiger Zeit groen Wildschaden angetan und mir, da ich ihn gewarnt
hatte, trotzig hatte sagen lassen: er stre sich nicht an mir, und
wolle unter meinen Augen in meinem Walde jagen.

Als ich nach dem Finkenherde kam, fand ich alle meine ausgestellten
Dohnen und Schlingen ausgeleert, und merkte, da der Spitzbube mute
dagewesen sein. Erbittert stellte ich meinen Fang wieder auf. Da strich
ein groer schwarzer Kater aus dem Gestruche murrend zu mir her,
und machte sich so zutunlich, da ich seinen Pelz mit Wohlgefallen
ansah, und ihn liebkosete mit der Hoffnung, ihn an mich zu gewhnen
und mir etwa aus seinen Winterhaaren eine Mtze zu machen. Ich habe
immer so eine lebendige Wintergarderobe im Sommer in meinem Revier,
ich brauche darum kein Geld zum Krschner zu tragen, es kommen
mir auch keine Motten in mein Pelzwerk. Vier Paar tchtige lederne
Hosen laufen immer als lebendige Bcke auf meinem Hofe, und mitten
unter ihnen ein herrlicher Dudelsack, der sich jetzt als lebendiger
Bock schon so musikalisch zeigt, da die zu einzelnen Hosenbeinen
bestimmten Kandidaten, sobald er mckernd unter sie tritt, zu tanzen
und gegeneinander zu stutzen anfangen, als fhlten sie jetzt schon ihre
Bestimmung: einst mit meinen Beinen nach diesem Dudelsack ungarisch zu
tanzen. So habe ich auch einen neuen Reisekoffer als Wildsau in meinem
Forste herumlaufen. Ein prchtiger Wolfspelz hat mir im letzten Winter
in der Gestalt von sechs tchtigen Wlfen schon auf den Leib gewollt;
die Bestien hatten mir ein tchtiges Loch in die Kammertre genagt, da
fuhr ich einem nach dem andern durch ein Loch ber der Tre mit einem
Pinsel voll lfarbe ber den Rcken, und erwarte sie nchstens wieder,
um ihnen das Fell ber die Ohren zu ziehen. Aus solchen Gesichtspunkten
sah ich auch den schwarzen Kater an, und gab ihm, teils weil er schwarz
wie ein Mohr war, teils, weil er gar vortreffliche Mores oder Sitten
hatte, den Namen Mores. Der Kater folgte mir nach Hause und wute sich
so vortrefflich durch Musefangen und Vertrglichkeit mit meinen Hunden
auszuzeichnen, da ich den Gedanken, ihn aus seinem Pelze zu treiben,
bald aufgegeben hatte. Mores war mein steter Begleiter, und nachts
schlief er auf einem ledernen Stuhle neben meinem Bette. Merkwrdig war
es mir besonders an dem Tiere, da es, als ich ihm scherzhaft einigemal
bei Tag Wein aus meinem Glase zu trinken anbot, sich gewaltig dagegen
strubte, und ich es doch einst im Keller erwischte, wie es den Schwanz
ins Spundloch hngte und dann mit dem grten Appetit ableckte. Auch
zeichnete sich Mores vor allen Katzen durch seine Neigung, sich zu
waschen, aus, da doch sonst sein Geschlecht eine Feindschaft gegen das
Wasser hat. Alle diese Absonderlichkeiten hatten den Mores in meiner
Nachbarschaft sehr berhmt gemacht, und ich lie ihn ruhig bei mir aus
und ein gehen, er jagte auf seine eigene Hand, und kostete mich nichts
als Kaffee, den er ber die Maen gern soff.

So hatte ich meinen Gesellen bis gegen Weihnachten immer als
Schlafkameraden gehabt, als ich ihn die zwei letzten Tage und Nchte
vor dem Christtage ausbleiben sah. Ich war schon an den Gedanken
gewhnt, da ihn irgend ein Wildschtze, vielleicht gar mein trkischer
Grenznachbar, mge weggeschossen oder gefangen haben, und sendete
deswegen einen Knecht hinber zu dem Wildhndler, um etwas von dem
Mores auszukundschaften. Aber der Knecht kam mit der Nachricht zurck,
da der Wildhndler von meinem Kater nichts wisse, da er eben von
einer Reise von Stambul zurckgekommen sei, und seiner Frau eine
Menge schner Katzen mitgebracht habe; brigens sei es ihm lieb, da
er von meinem trefflichen Kater gehrt, und wolle er auf alle Weise
suchen, ihn in seine Gewalt zu bringen, da ihm ein tchtiger Bassa
fr sein Serail fehle. Diese Nachricht erhielt ich mit Verdru am
Weihnachtsabend, und sehnte mich um so mehr nach meinem Mores, weil
ich ihn dem trkischen Schelm nicht gnnte. Ich legte mich an diesem
Abend frh zu Bette, weil ich in der Mitternacht eine Stunde Weges nach
der Kirche in die Metten gehen wollte. Mein Knecht weckte mich zur
gehrigen Zeit. Ich legte meine Waffen an und hngte meine Doppelbchse
mit dem grbsten Schrote geladen um. So machte ich mich auf den Weg,
in der kltesten Winternacht, die ich je erlebt; ich war eingehllt
wie ein Pelznickel, die brennende Tabakspfeife fror mir einigemal ein,
der Pelz um meinen Hals starrte von meinem gefrornen Hauch wie ein
Stachelschwein, der feste Schnee knarrte unter meinen Stiefeln, die
Wlfe heulten rings um meinen Hof, und ich befahl meinen Knechten: Jagd
auf sie zu machen.

So war ich bei sternheller Nacht auf das freie Feld hinausgekommen
und sah schon in der Ferne eine Eiche, die auf einer kleinen Insel
mitten in einem zugefrornen Teiche stand und etwa die Hlfte des Weges
bezeichnete, den ich zum Kirchdorfe hatte. Da hrte ich eine wunderbare
Musik, und glaubte anfangs, es sei etwa ein Zug Bauern, der mit einem
Dudelsack sich den Weg zur Kirche verkrzte, und so schritt ich derber
zu, um mich an diese Leute anzuschlieen. Aber je nher ich kam, je
toller war die kuriose Musik; sie lste sich in ein Gewimmer auf, und
schon dem Baume nah hrte ich, da die Musik von demselben herunter
schallte. Ich nahm mein Gewehr in die Hand, spannte den Hahn und
schlich ber den festen Teich auf die Eiche los: was sah ich, was hrte
ich? Das Haar stand mir zu Berge; der ganze Baum sa voll schrecklich
heulender Katzen, und in der Krone thronte mein Herr Mores mit krummem
Buckel und blies ganz erbrmlich auf einem Dudelsack, wozu die Katzen
unter gewaltigem Geschrei um ihn her durch die Zweige tanzten. Ich
war anfangs vor Entsetzen wie versteinert, bald aber zwickte mich
der Klang des Dudelsackes so sonderbar in den Beinen, da ich selbst
anfing zu tanzen und beinahe in eine von Fischern gehauene Eisffnung
fiel. Da tnte aber die Mettenglocke durch die helle Nacht; ich kam
zu Sinnen und scho die volle Schrotladung meiner Doppelbchse in den
vermaledeiten Tanzchor hinein, und in demselben Augenblicke fegte die
ganze Tanzgesellschaft wie ein Hagelwetter von der Eiche herunter und
wie ein Bienenschwarm ber mich weg, so da ich auf dem Eis ausglitt
und platt niederstrzte. Als ich mich aufraffte, war das Feld leer, und
ich wunderte mich, da ich auch keine einzige von den Katzen getroffen
unter dem Baume fand. Der ganze Handel hatte mich so erschreckt und
so wunderlich gemacht, da ich es aufgab, nach der Kirche zu gehen;
ich eilte nach meinem Hofe zurck und scho meine Pistolen mehreremal
ab, um meine Knechte herbeizurufen. Sie nahten mir bald auf dieses
verabredete Zeichen; ich erzhlte ihnen mein Abenteuer, und der eine,
ein alter erfahrener Kerl, sagte: Sein Ihr Gnaden nur ruhig, wir
werden die Katzen bald finden, die Ihr Gnaden geschossen haben. Ich
machte mir allerlei Gedanken, und legte mich zu Hause, nachdem ich auf
den Schreck einen warmen Wein getrunken hatte, zu Bett.

Als ich gegen Morgen ein Gerusch vernahm, erwachte ich aus dem
unruhigen Schlaf, und siehe da: mein vermaledeiter Mores lag -- mit
versengtem Pelz -- wie gewhnlich, neben mir auf dem Lederstuhl. Es
lief mir ein grimmiger Zorn durch alle Glieder. Passaveanelkiteremtete!
schrie ich, vermaledeite Zaubercanaille! bist du wieder da? und
griff nach einer neuen Mistgabel, die neben meinem Bette stand.
Aber die Bestie strzte mir an die Kehle und wrgte mich; ich schrie
Zetermordio. Meine Knechte eilten herbei mit gezogenen Sbeln, und
fegten nicht schlecht ber meinen Mores her, der an allen Wnden
hinauf fuhr, endlich das Fenster zerstie und dem Walde zustrzte,
wo es vergebens war, das Untier zu verfolgen; doch waren wir gewi,
da Herr Mores seinen Teil Sbelhiebe weg habe, um nie wieder auf dem
Dudelsacke zu blasen. Ich war schndlich zerkratzt, und der Hals und
das Gesicht schwoll mir grlich an. Ich lie nach einer slavonischen
Viehmagd rufen, die bei mir diente, um mir einen Umschlag von ihr
kochen zu lassen, aber sie war nirgends zu finden, und ich mute nach
dem Kirchdorfe fahren, wo ein Feldscher wohnte.

Als wir an die Eiche kamen, wo das nchtliche Konzert gewesen war,
sahen wir einen Menschen darauf sitzen, der uns erbrmlich um Hilfe
anflehte. Ich erkannte bald Mladka, die slavonische Magd; sie hing
halb erfroren mit den Rcken in den Baumsten verwickelt, und das Blut
rann von ihr nieder in den Schnee; auch sahen wir blutige Spuren von
da her, wo mich die Katzen ber den Haufen geworfen, nach dem Walde
zu. Ich wute nun, wie es mit der Slavonierin beschaffen war, lie sie
schwebend, da sie die Erde nicht berhrte, auf den Wurstwagen tragen
und festbinden, und fuhr eilend mit der Hexe nach dem Dorf. Als ich
bei dem Chirurg ankam, wurde gleich der Vizegespann und der Pfarrer des
Ortes gerufen, alles zu Protokoll genommen, und die Magd Mladka ward
ins Gefngnis geworfen. Sie ist zu ihrem Glck an dem Schu, den sie
im Leibe hatte, gestorben, sonst wre sie gewi auf den Scheiterhaufen
gekommen. Sie war ein wunderschnes Weibsbild, und ihr Skelett ist nach
Pest ins Naturalienkabinett als ein Muster schnen Wachstumes gekommen;
sie hat sich auch herzlich bekehrt und ist unter vielen Trnen
gestorben. Auf ihre Aussagen sollten verschiedene andere Weibspersonen
in der Gegend gefangen genommen werden, aber man fand zwei tot in ihren
Betten, die andern waren entflohen. -- Als ich wieder hergestellt
war, mute ich mit einer Kreis-Kommission ber die trkische Grenze
reisen. Wir meldeten uns bei der Obrigkeit mit unserer Anzeige gegen
den Wildhndler, aber da kamen wir schier in eine noch schlimmere
Suppe, es wurde uns erklrt: da der Wildhndler nebst seiner Frau und
mehreren trkischen, serbischen und slavonischen Mgden und Sklavinnen
von Schrotschssen und Sbelhieben verwundet zu Haus angekommen, und
da der Wildhndler gestorben sei mit der Angabe: er sei, von einer
Hochzeit kommend, auf der Grenze von mir berfallen und so zugerichtet
worden. Whrend dies angezeigt wurde, versammelte sich eine Menge
Volks, und die Frau des Wildhndlers mit mehreren Weibern und Mgden,
verbunden und bepflastert, erhoben ein mrderliches Geschrei gegen uns.
Der Richter sagte: er knne uns nicht schtzen, wir mchten sehen, da
wir fortkmen. Da eilten wir nach dem Hofe, sprangen zu Pferde, nahmen
den Kreis-Kommissar in die Mitte, ich setzte mich an die Spitze der
sechs Szekler Husaren, die uns begleitet hatten, und so sprengten wir,
Sbel und Pistole in der Hand, frh genug zum Orte hinaus, um nicht
mehr zu erleiden als einige Steinwrfe und blinde Schsse, eine Menge
trkischer Flche mit eingerechnet. Die Trken verfolgten uns bis ber
die Grenze, wurden aber von den Szeklern, die sich im Walde setzten,
so zugerichtet, da wenigstens ein paar von ihnen dem Wildhndler in
Mohammeds Paradies Nachricht von dem Erfolge werden gegeben haben. Als
ich nach Hause kam, war das erste, da ich meinen Dudelsack visitierte,
den ich auch mit drei Schroten durchlchert hinter meinem Bette liegen
fand. Mores hatte also auf meinem eigenen Dudelsack geblasen, und war
von ihm gegen meinen Schu gedeckt worden.

Ich hatte mit der unseligen Geschichte noch viele Schererei. Ich wurde
weitlufig zu Protokoll vernommen; es kam eine Kommission nach der
andern auf meinen Hof und lie sich tchtig aufwarten; die Trken
klagten wegen Grenzverletzung, und ich mute es mir am Ende noch
mehrere Stcke Wild und ein ziemliches Geld kosten lassen, da die
Gerichtsplackerei endlich einschlief, nachdem ich und meine Knechte
vereidigt worden waren. Trotzdem wurde ich mehrmals vom Kreis-Physikus
untersucht: ob ich auch vllig bei Verstand sei, und dieser kam nicht
eher zur vlligen Gewiheit darber, bis ich ihm ein paar doppelte
Pistolen und seiner Frau eine Verbrmung von schwarzem Fuchspelz und
mehrere tchtige Wildbraten zugeschickt hatte. So wurde die Sache
endlich still, um aber in etwas auf meine Kosten zu kommen, legte ich
eine Schenke unter der Eiche auf der Insel in dem Teich an, wo seither
die Bauern und Grenznachbarn aus der Gegend sich Sonntags im Sommer
viel einstellen und den ledernen Stuhl, worauf Mores geschlafen, und an
den ich ein Stck seines Schweifes, das ihm die Knechte in der Nacht
abgehauen, genagelt habe, besehen. Den Dudelsack habe ich flicken
lassen, und mein Knecht, der den Wirt dort macht, pflegt oben in der
Eiche, wo Mores gesessen, darauf den Gsten, die um den Baum tanzen,
vorzuspielen. Ich habe schon ein schnes Geld da eingenommen, und wenn
mich die Herrschaften einmal dort besuchen wollen, so sollen sie gewi
gut bedient werden. --

Diese Erzhlung, welche der Kroat mit dem ganzen Ausdrucke der
Wahrheit vorgebracht hatte, wirkte auf die verschiedenste Weise in
der Gesellschaft. Der Vizegespann, der Tiroler und die Wirtin hatten
keinen Zweifel, und der Savoyarde zeigte seine Freude, da man noch
kein Beispiel gehabt habe, ein Murmeltier sei eine Hexe gewesen.
Lindpeindler uerte: es mge an der Geschichte wahr sein, was da
wolle, so habe sie doch eine hhere poetische Wahrheit. Sie sei in
jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis
und der trkischen Barbarei ausdrcke; sie sei durchaus fr den Ort,
auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch, und darum
dort wahrer als irgend eine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber
es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte, und
Devillier leugnete ihm gerade ins Gesicht, da Lafontaine irgend eine
seiner Fabeln jemals fr eine wahre Familiengeschichte ausgegeben habe.
Lindpeindler schwieg und wurde verkannt.

Nun aber wendete sich der Franzose zu der Kammerjungfer welche sich
mit stillem Schauer in einen Winkel gedrckt hatte, sprechend: Und
Sie, schne Nanny, sind ja so stille, als fhlten Sie sich bei der
Geschichte getroffen. Wie so, getroffen? fragte Nanny. Nun,
ich meine, erwiderte Devillier lchelnd, von einem Schrote des
kroatischen Herrn. Sollte das artigste Kammerktzchen der Gegend nicht
zu dem Thee dansant eingeladen gewesen sein? -- Das wre ein Fehler
des Herrn Mores gegen die Galanterie, wegen dessen er die Rache seines
Herrn allein schon verdient htte. Alle lachten, Nanny aber gab dem
Franzosen eine ziemliche Ohrfeige und erwiderte: Sie sind der Mann
dazu, einen in den Ruf zu bringen, da man geschossen sei, denn Sie
haben selbst einen Schu! Und dabei zeigte sie ihm von neuem die fnf
Finger. Worauf Devillier sagte: Erhebt das nicht den Verdacht, sind
das nicht Katzenmanieren -- Sie waren gewi dabei; Frau Tschermack, die
Wirtin, wird es uns sagen knnen, denn die hat gewi nicht gefehlt. Ich
glaube, da sie die Blessur in der Hfte eher bei solcher Gelegenheit
als bei den Wurmserschen Husaren erhalten. Alles lachte von neuem und
der Zigeuner sagte: Ich will sie fragen. Der Kroate fand sich ber
die Unglubigkeit Devilliers gekrnkt und fing an, seine Geschichte
nochmals zu beteuern, indem er seine pferdehaarne, steife Halsbinde
ablste, um die Narben von den Klauen des Mores zu zeigen. Nanny
drckte die Augen zu, und indessen brachte der Zigeuner die Nachricht:
Frau Tschermack meine, Mores msse es selbst am besten wissen. Er
setzte mit diesen Worten die groe, schwarze Katze der Wirtin, welche
er vor der Tre gefangen hatte, der Kammerjungfer in den Scho, welche
mit einem heftigen Schrei des Entsetzens auffuhr. Eingestanden!
rief Devillier. Aber der Spa war dumm, denn Nanny kam einer Ohnmacht
nah. Die Katze sprang auf den Tisch, warf das Licht um, und fuhr dem
armen Wehmller ber seine nassen Farben; der Vizegespann ri das
Fenster auf und entlie die Katze, aber alles war rebellisch geworden;
die Bffelkhe im Hintergrunde der Stube rissen an den Ketten, und
jeder drngte nach der Tre. Wehmller und Lindpeindler sprangen
auf den Tisch und stieen mit dem Tiroler zusammen, der es auch in
demselben Augenblicke tat, und mit seinen ngelbeschlagenen Schuhen
mehr Knopflcher in das Portrait des Vizegespanns trat, als Knpfe
darauf waren. Devillier trug Nanny hinaus. Der Kroate schrie immer:
Da haben wir es, das kommt vom Unglauben! Frau Tschermack aber,
welche mit einem vollen Weinkrug in die Verstrung trat, fluchte stark
und beruhigte die Khe. Der Zigeuner griff wie ein zweiter Orpheus
nach seiner Violine, und als Monsieur Devillier mit Nanny, die er am
Brunnen erfrischt hatte, wieder hereintrat, kniete der kecke Bursche
vor ihr nieder und sang und spielte eine so rhrende Weise auf seinem
Instrumente, da niemand widerstehen konnte und bald alles stille ward.
Es war dies ein altes zigeunerisches Schlachtlied, wobei der Zigeuner
endlich in Trnen zerflo, und Nanny konnte ihm nicht widerstehen, sie
weinte auch und reichte ihm die Hand. Lindpeindler aber sprang auf den
Snger zu, und umarmte ihn mit den Worten: O, das ist gro, das ist
ursprnglich! Bester Michaly, wollen Sie mir Ihr Lied wohl in die Feder
diktieren? Nimmermehr! sagte der Zigeuner, so was diktiert sich
nicht. Ich wte es auch jetzt nicht mehr und wenn Sie mir den Hals
abschnitten; wenn ich einmal wieder eine schne Jungfer betrbt habe,
wird es mir auch wieder einfallen. Da lachte die ganze Gesellschaft,
und Michaly begann so tolle Melodien aus seiner Geige herauszulocken,
da die Frhlichkeit bald wieder hergestellt wurde, und Devillier den
Kroaten fragte: ob Mores nicht diesen Tanz aufgespielt htte? Herr
Lindpeindler notierte sich wenigstens den Inhalt des extemporierten
Liedes; es war die Wehklage ber den Tod von tausend Zigeunern. Im
Jahr 1537 wurde in den Zapolischen Unruhen das Kastell Nagy-Ida in
der Abanywarer Gespannschaft mit Belagerung von kaiserlichen Truppen
bedroht. Franz von Perecey, der das Kastell verteidigte, stutzte aus
Truppenmangel tausend Zigeuner in der Eile zu Soldaten, und legte sie,
unter reichen Versprechungen von Geld und Freiheiten auf Kindeskinder,
wenn sie sich wacker hielten, gegen den ersten Anlauf in die ueren
Schanzen. Auf diese vertrauend hielten sich diese Helden auch ganz
vortrefflich; sie empfingen die Belagerer mit einem heftigen Feuer, so
da sie umwendeten. Aber nun krochen die Helden bermtig aus ihren
Lchern und schrieen den Fliehenden nach: Geht zum Henker, ihr Lumpen!
Htten wir nur Pulver und Blei, so wollten wir euch anders zwiebeln!
-- Da sahen sich die Abziehenden um, und als sie statt regulierter
Truppen einen frechen Zigeunerschwarm auf den Wllen merkten, ergriff
sie der Zorn; sie drangen in die Schanze und sbelten die armen Helden
bis auf den letzten Mann nieder. Diese Niederlage, eine der traurigsten
Erinnerungen der Zigeuner in jener Gegend, hatte Michaly in der Klage
einer Mutter um ihren Sohn, und einer Braut um ihren gefallenen
Geliebten besungen. --

Devillier sagte nun zu dem Kroaten: Damit Sie nicht lnger meinen
Glauben an den Hexenmeister Mores in Katzengestalt bezweifeln, will ich
Ihnen eine Geschichte erzhlen, bei welcher ich selbst geholfen habe,
ein paar Hundert solcher Zauberer zu tten. Ein paar Hundert! riefen
mehrere in der Gesellschaft. Ja! erwiderte Devillier, und das will
ich eben so getrost beschwren, als unser Freund den musizierenden
Katzen-Kongre.


Devilliers Erzhlung von den Hexen auf dem Austerfelsen.

Vor mehreren Jahren, da ich als Leutnant zu Dnkirchen in Garnison
lag, geno ich der vertrauten Freundschaft meines Majors, eines alten
Gasconiers. Er war ein groer Liebhaber von Austern, und zu seiner
Majorschaft gehrte der Genu von einem groen Austerfelsen, der hinter
einem Lustwldchen einen halben Bchsenschu weit vom Ufer in der See
lag, so da man ihn bei der Ebbe trocknen Fues erreichen konnte, um
die frischen Austern vom Felsen zu schlagen. Da der Major eine Zeit
her bemerkt hatte, da in den meisten zu Tage liegenden Austern nichts
drinnen war, konnte er sich gar nicht denken, wer ihm die Austern aus
den Schalen hinwegstehle, und er bat mich, ihn in einer Nacht mit
Schiegewehr bewaffnet nach dem Austerfelsen zu begleiten, um den
Dieb zu belauern. Wir hatten kaum das kleine Gehlz betreten, als uns
ein schreckliches Katzengeheul nach der See hinrief, und wie gro war
unser Erstaunen, als wir den Felsen mit einer Unzahl von Katzen besetzt
fanden, die, ohne sich von der Stelle zu bewegen, das durchdringendste
Jammergeschrei ausstieen. Ich wollte unter sie schieen, aber mein
Freund warnte mich, indem es gewi eine Gesellschaft von Zauberern und
Hexen sei, und ich durch den Schu ihre Rache auf uns ziehen knnte.
Ich lachte und lief mit gezogenem Sbel nach dem Felsen hin; aber
wie ward mir zu Mute, da ich unter die Bestien hieb, und sich doch
keine einzige von der Stelle bewegte. Ich warf meinen Mantel ber
eine, um sie ungekratzt von der Erde aufheben zu knnen, aber es war
unmglich, sie von der Stelle zu bringen, sie war wie angewurzelt. Da
lief es mir eiskalt ber den Rcken, und ich eilte, zu meinem Freunde
zurck zu kommen, der mich wegen meiner tollkhnen Expedition tchtig
ausschmlte. Wir standen noch, bis die Flut eintrat, um zu sehen,
wie sich die Hexenmeister betragen wrden, wenn das Wasser ber sie
herstrmte. Aber da ging es uns wie unserm kroatischen Freund, als die
Kirchglocke das Katzen-Pickenick auf der Eiche unterbrach. Kaum rollte
die erste Welle ber den Felsen, als die ganze Hexengesellschaft mit
solchem Ungestm gegen das Ufer und auf uns losstrzte, da wir in der
grten Eile Reiaus nahmen.

Am andern Morgen begab sich der alte Major zum Gouverneur der Festung,
und zeigte ihm an: wie die ganze Festung voll Hexen und Zauberern
sei, deren Versammlung er auf seinem Austerfelsen entdeckt habe. Der
Gouverneur lachte ihn anfangs aus und begann, als er ernsthaft Truppen
begehrte, diese Zauberer in der nchsten Nacht niederschieen zu
lassen, an seinem Verstande zu zweifeln. Der Major stellte mich als
Zeugen auf, und ich besttigte, was ich gesehen, und die wunderbare
Erscheinung von Unbeweglichkeit der Katzen. Dem Gouverneur war die
Sache unbegreiflich, und er versprach, in der nchsten Nacht selbst
zu untersuchen. Er lie allen Wachen andeuten, ehe er in der Nacht mit
uns und 100 Mann Voltigeurs ausmarschierte, keine Rcksicht darauf
zu nehmen, wenn sie schieen hrten. Als wir dem Gehlze nahten,
tnte dasselbe Katzengeschrei, und wir hatten vom Ufer dasselbe
eigentmlich-schauerliche Schauspiel: den lebendigen, heulenden Felsen
im Mondschein ber der weiten unbegrenzten Meeresflche. Der Gouverneur
stutzte, er wollte hin, aber der Major hielt ihn mit ngstlicher Sorge
zurck. Nun lie der Gouverneur die hundert Mann von der Landseite den
Felsen umgeben und zwei volle Ladungen unter die Hexenmeister geben,
aber es wich keiner von der Stelle, wenngleich eine Menge Stimmen
unter ihnen zu schweigen begannen. Hierber verwundert, lie sich
der Gouverneur nicht lnger halten, er ging nach dem Felsen, und wir
folgten ihm; er versuchte, eine der Katzen wegzunehmen, aber sie waren
alle wie angewachsen. Da entdeckte ich, da sie alle mit einer oder
mehreren Pfoten, manche auch mit dem Schwanz in die fest geschlossenen
Austern eingeklemmt waren. Als ich dies angezeigt, muten die Soldaten
heran und sie smtlich erlegen. Da aber die Flut nahte, zogen wir uns
ans Land zurck, und die ganze Katzen-Versammlung, welche gestern so
lebhaft vor der ersten Woge geflohen war, wurde jetzt von der Flut
mausetot ans Ufer gesplt, worauf wir, den guten Major herzlich mit
seinen Hexen auslachend, nach Hause marschierten.

Die Sache aber war folgende: Die Katzen, welche die Austern ber alles
lieben, zogen sie mit den Pfoten aus den Schalen, und das gelang nicht
lnger, als bis sie von den sich schlieenden Muscheln festgeklemmt
wurden, wo sie sich dann so lange mit Wehklagen unterhielten, bis
die Austern, von der Flut berschwemmt, sich wieder ffneten und
ihre Gefangenen entlieen; und ich glaube, bei strenger Untersuchung
und weniger Phantasie wrde unser Freund bei seinem Katzen-Abenteuer
ebensogut lauter Fisch-Diebe, wie wir Auster-Diebe entdeckt haben.


Baciochis Erzhlung vom wilden Jger.

Nachdem die Aufklrung dieses Ereignisses die Erzhlung des Kroaten
in ihrer Schauerlichkeit sehr gemildert hatte, kam man auf allerlei
Jagdgespenster zu sprechen, und Lindpeindler fragte: ob einer in der
Gesellschaft vielleicht je den wilden Jger gesehen oder gehrt habe?
Da sagte der Feuerwerker: Mir kam er schon so nahe, da ich das Blanke
in den Augen sah, und wenn die Jungfer Nanny sich tapfer halten und
die ganze ehrsame Gesellschaft wenigstens so lange daran glauben will,
bis die Geschichte zu Ende ist, so will ich sie erzhlen. Nanny
erwiderte: Erzhle nur, Baciochi, du kennst mein Temperament und wirst
es nicht zu arg machen. Erzhlen Sie, fiel Devillier ein, wenn
wir die Geschichte auch am Ende fr eine Lge erklren, so soll Ihnen
bis dahin geglaubt werden; und bald waren alle Stimmen vereint, den
Feuerwerker einzuladen, welcher alle aufforderte, sich an ihre Pltze
zu setzen und seiner Erzhlung einen eigentmlichen theatralischen
Charakter zu geben wute. Alle saen an Ort und Stelle; er machte eine
Pause, steckte sich eine Pfeife Tabak an und schlug mit der Faust so
unerwartet heftig auf den Tisch, da die Lichter verlschten und alle
laut aufschrieen.

Meine Feuerwerke fangen immer mit einem Kanonenschu an, sagte er,
erschrecken Sie nicht, und in demselben Augenblicke brannte er
mehrere Sprhkegel an, die er aus Pulver und vergossenem Wein in der
Stille geknetet hatte, und sagte: Stellen Sie sich vor, Sie wren
bei meinem groen Feuerwerk in Venedig, welches ich am Krnungstage
Napoleons dort abbrannte. Es muten mir einige Krner prophetischen
Schiepulvers in die Masse gekommen sein. Kurz gesagt: als der Thron
und die Krone und das groe Notabene: NB, Napoleon Bonopartes Namenszug
im vollen Brillantfeuer, von hunderttausend Schwrmern und Raketen
umzischt, kaum eine Viertelstunde von einer hohen Generalitt und dem
verehrten Publikum beklatscht worden waren, fing mein Feuerwerk an,
ein wenig zu frsteln. Es platzte und zischte manches zu frh und zu
spt ab, eine gute Partie einzelne Sonnen und Rder brannten mir in
einer Scheune nieder, die dabei das Dach verlor. Das Schauspiel war so
grandios angelegt, da man diesen ganzen kunstlosen Scheunenbrand fr
seinen Triumph hielt, man klatschte und paukte und trompetete; schnell
lie ich alle meine brigen Stcke in die Lcken stellen und von neuem
losfigurieren. Aber der Satan fuhr mir mit dem Schwanze drber, und
die ganze Pastete flog auf einmal in die Luft. Die Menschen fuhren
grlich auseinander, Gerste brachen ein, alle Einzunungen wurden
niedergerissen, die Menge strzte nach den Gondeln, die Gondelfhrer
wehrten ab, die Brger prgelten sich mit den franzsischen Soldaten,
meine Kasse wurde geplndert; es war eine Verwirrung, als sei der
Teufel in die Schweine gefahren, und diese strzten dem Meere zu.

Unsereins kennt sein Handwerk, man ist auf dergleichen gefat, mein
persnlicher Rckzug war gedeckt. Ich lie nichts zurck als alle
meine Schulden, meine Reputation und meinen halben Daumen. Meine
selige Frau, welcher der Rock am Leibe brannte, ri mich in die
Gondel ihres Bruders, eines Schiffers, und der brachte mich an einen
Zufluchtsort, worauf wir am folgenden Morgen die Stadt verlieen. Als
wir das Gebirge erreichten, nahten wir uns auf Abwegen einer Kapelle,
bei welcher ich mit meinem liebsten Gesellen Martino verabredet
hatte wieder zusammenzutreffen, wenn wir durch irgend ein Unglck
auseinandergesprengt werden sollten. Mein gutes Weib hatte ein Stck
von einer Wachsfackel, die bei der Leiche unseres seligen Tchterleins
gebrannt hatte, in der Tasche, und pflegte, wenn sie nhte, ihren
Zwirn damit zu wichsen. Aus diesem Wachs hatte sie whrend unseres
Weges die Figur eines Daumens geknetet, und hngte dieselbe, nebst
einem Rosenkranz von roten und schwarzen Beeren, den sie auch sehr
artig eingefdelt hatte, dem kleinen Jesulein auf dem Scho der Mutter
Gottes in der Kapelle, als ein Opfer, an das Hndchen, und wir beteten
beide von Herzen, da mein Daumen heilen und wir glcklich ber die
Grenze in das sterreichische kommen mchten. Wir lagen noch auf den
Knieen, als ich die Stimme Martinos rufen hrte: +Sia benedetto il
San Marco!+ Da schrie ich wieder: +E la Santissima vergine Maria!+
wie wir verabredet hatten, und lief mit meinem Weibe vor die Kapelle.
Da trat uns Martino in einem tollen Aufzug entgegen. Er hatte bei
dem Feuerwerke den Meergott Neptun vorgestellt und in seinem vollen
Kostm Reiaus genommen. Er hatte den Schilfgrtel noch um den Leib,
einen Wams von Seemuscheln an und eine Binsenpercke auf; sein langer
Bart war von Seegras; auf der Schulter trug er den Dreizack, auf
welchem er ein tchtiges Bauernbrot und drei fette Schnepfen, die er
mitsamt dem Neste erwischte, gespiet hatte. Nach herzlicher Umarmung
erzhlte er uns, wie ihn seine Kleidung glcklich gerettet habe. Die
Strickreiter seien ihm auf der Spur gewesen, da habe er sich in das
Schilf eines Sumpfes versteckt, und sein Schilfgrtel machte ihn da
nicht bemerkbar. Als er stilleliegend sie vorbeireiten lassen, htten
sich die drei Schnepfen sorglos neben ihm in ihr Nest niedergelassen,
und er habe sie mit der Hand alle drei ergriffen. Das Brot hatte er von
einem Kontrebandier um einige Pfennige gekauft, der ihm zugleich die
nchste Herberge auf der Hhe des Gebirges beschrieben, aber nicht eben
allzu vorteilhaft; denn der ganze Wald sei nicht recht geheuer, der
wilde Jger ziehe darin um und pflege gerade in dieser Herberge sein
Nachtquartier zu halten.

Wohlauf denn! sagte ich, so haben wir heute Nacht gute Gesellschaft.
Ich htte den Kerl lange gern einmal gesehen, um seinen Jagdzug recht
natrlich in einem Feuerwerke darstellen zu knnen. Mein Weib Marinina
aber, welche, um ja nichts zu versumen, alles miteinander glaubte,
machte ein saures Gesicht zu der Herberge. Das konnte aber nichts
helfen, wir muten den Weg whlen; er war ganz entlegen und sicher
und ein Schleichweg der Kontrebandiers, mit welchen Martino einige
Bekanntschaft hatte.

Die Nacht brach herein, es nahte ein Gewitter, und wir muten uns auf
den Weg machen. Martino machte unsere Wanderschaft etwas lustiger, er
bergab meiner Marinina die Schnepfen und sagte: Rupft sie unterwegs,
damit wir in der Herberge dem wilden Jger bald einen Braten vorsetzen
knnen. Und nun marschierte er mit tausend Spen in seinem tollen
Habit wie ein vazierender Waldteufel voraus. Ich folgte ihm auf dem
schmalen Waldpfad und hatte meinen halben Daumen, der mich nicht
wenig schmerzte, meistens in dem Mund, und hinter mir zog -- da
Gott erbarm! -- meine selige Marinina und rupfte die Schnepfen unter
Singen und Beten. ber der rechten Hfte war ihr ein ziemliches Loch
in den Rock gebrannt, und sie schmte sich vorauszugehen, da Martino,
der seinen Witz in allen Nestern auszubrten pflegte, an ihrer Ble
nicht rgernis nehmen mchte. Der Weg war steil, unheimlich und
beschwerlich; der Sturm sauste durch den Wald, es blitzte in der
Ferne, Marinina schlug ein Kreuz ber das andere. Aber die Mdigkeit
vertrieb ihre Furcht vor dem wilden Jger immer mehr, von welchem
Martino die tollsten Geschichten vorbrachte. Es ist gut, sagte er,
da wir selbst Proviant bei uns haben; denn, wenn wir mit ihm essen
mten, drften wir leicht mit dem Schenkel eines Gehngten oder mit
einem unmarinierten Pferdekopf bewirtet werden. Fasset Mut, Frau
Marinina, schaut mich nur an, rger kann er nicht aussehen! Unter
solchen Gesprchen hatten wir die Gebirgshhe erstiegen und waren
ein ziemliches Stck Wegs in den wilden finsteren Wald geschritten,
da hrten wir ein abscheuliches Katzengeheul, und kamen bald an eine
Htte mit Stroh und Reisern gedeckt; alte Lumpen hingen auf dem
Zaun, und an einer Stange war ein groes Stachelschwein ber der Tr
herausgesteckt als Schild. Da sind wir, sagte Martino, wie glaubt
Ihr, da dies vornehme Gasthaus heie? Zum Stachelschwein! sagte
ich. Nein! erwiderte Martino, es hat mehrere Namen. Einige nennen es
des Teufels Zahnbrste, andere des Teufels Pelzmtze, andere gar seinen
Hosenknopf. Wir lachten ber die nrrischen Namen. Die Katze sa vor
der Tr auf einem zerbrochenen Hhnerkorb, machte einen Buckel gegen
uns und ein Paar feurige Augen und hrte nicht auf zu solfeggieren. In
dem Hause aber rumpelte es wie in einem Raspelhause und leeren Magen.
Nun schlug Martino mit der Faust gegen die Tr und schrie: Holla,
Frau Susanne, fr Geld und gute Worte Einla und Herberge; Eure
Katze will auch hinein. Da krhte eine Stimme heraus: Wer seid Ihr
Schalksknechte zu nachtschlafender Zeit? und Martino, der in Reimen
wie ein Improvisator schwatzen konnte, schrie: Ich bin ja der Rechte
und komme von weit! Nun keifte die Stimme wieder: Wenn die Katze
nicht drauen wr', ich lie Euch nimmermehr ein! Und Martino sagte:
Ihr denket so zrtlich ungefhr wie Euer Schild, das Stachelschwein.
Marinina war in tausend ngsten; sie bat immer den Martino, die alte
Wirtin nicht zu schelten, sie sei gewi eine Hexe und werde uns nichts
Gutes antun. Da ging die Tr auf, ein schwarzbraunes, zerlumptes, sonst
glattes und hbsches Mgdlein, glnzend und schlank wie ein brauner
Aal, leuchtete uns aus der Kche mit einer Kienfackel ins Gesicht,
und war nicht wenig erschrocken, als Martino in seinem wilden Aufzug
ihr rasch entgegenschritt und, indem er drngend sie verhinderte, die
Tr wieder zuzuschlagen, ihr sagte: Brauner Schatz, mach' uns Platz!
Menschen sind wir, schnes Kind; hier hast zum Zeichen diesen Schmatz!
und somit kte er sie herzlich; wir drangen indessen hinein. Die
kleine Braune aber sagte: Und wenn Du auch nicht der Satan selbst
bist, so knnt Ihr heute hier doch nicht bleiben; meine Gromutter
ist sehr brummig, sie frchtet, das Waldgespenst komme heute Nacht,
und da nimmt sie keine Gste, um die Herberge nicht in bsen Ruf zu
bringen; unsere Kammer, wo wir schlafen, ist eng, und sie rckt schon
alten Hausrat vor ihr Bett, um das Gespenst nicht zu sehen, welches
oft quer durch unsere Htte zieht. Martino aber erwiderte: Eben in
dieser Kammer wollen wir schlafen, und eben dieses Waldgespenst wollen
wir mit gebratenen Schnepfen bewirten; wir sind des wilden Jgers
Kchengesinde! Und somit packte er ein Bund Stroh auf, das in der
Ecke lag, und marschierte in die Kammer; wir kamen nach, trotz aller
Zeremonien, welche die nubraune Jungfer machen wollte.

Es war gar keine alte Gromutter in der Htte; das Mdchen log uns
etwas vor. Martino breitete das Stroh an die Erde, und Marinina,
furchtsam und mde, legte sich gleich, mit dem Gesicht, ber das sie
noch ihre Schrze deckte, gegen die Wand gekehrt, nieder und rhrte
sich nicht. Martino begab sich mit den Schnepfen wieder in die Kche,
in welcher die braune Jungfer schmollend und brummend zurckgeblieben
war, und ich sah mich einstweilen in der Stube um. Eine Kienfackel
brannte in der Mitte; sie war in einen Krbis festgesteckt, der
neben schmutzigen Spielkarten auf einem breiten Eichstumpfe lag,
welcher als Tisch und Hackstock diente, und fest genug stand, denn er
steckte noch mit allen seinen Wurzeln in der Erde, welche ungedielt
der ganzen Htte ihren Grund und Boden gab. Ein paar Bretter, auf
eingepfhlte Stcke befestigt, waren die unbeweglichen Sitze. Die Wnde
bestanden aus Flechtwerk, mit Lehm und Erde verstrichen, und einzelne
hereinragende ste bildeten mancherlei Wandhaken, an denen zerlcherte
Krbe, Lumpen, Zwiebelbndel, Hasen-, Hunde-, Katzen- und Dachsfelle
hingen, auch einige zerbrochene Garten-Werkzeuge. Auf einem derselben
aber sa ein gruliches Tier, eine ungeheure Ohreule, welche gegen die
Kienfackel mit den Augen blinzte und sich in die Schultern warf, wie
ein alter Professor, der soeben den Theriak erfunden hat. In einem
ausgebauten Winkel der Stube lag auf zwei Baumstcken die Bettstelle
der Gromutter, die sehr dauerhaft in einer ausgehhlten Eiche bestand,
an der die Rinde noch sa. Sonst war das Bett wohl bedacht, denn seine
schmutzigen Federkissen lagen so hoch aufgebauscht, da die niedere
Httendecke, aus der das Stroh herabhing, weder hoch noch hart gefallen
wre, wenn sie einstrzte; aber, sich noch zu besinnen, schien sie
unentschlossen hin und her zu schwanken. Der Hausrat, von welchem das
Mdchen gelogen hatte, da die Gromutter ihn vor das Bett rcke,
bestand in einer zerbrochenen Tr und einer alten Tonne, mit welcher
wahrscheinlich der Lrm gemacht worden war, den wir in der Htte
hrten. Sie waren beide vor den Bett-Trog der Gromutter gerckt.
Auer allem diesen sah man nichts als eine sehr baufllige Leiter, die
an einem Loch in der Ecke lehnte, durch welches ich einige Hhner oben
gackern hrte, die das Gerusch unserer Ankunft erweckt hatte; die
Katze nicht zu vergessen, welche auf einer alten Trommel hinter der Tr
schlief. Eine Geige, ein Triangel und ein Tamburin hingen an der Wand,
und neben ihnen ein zerrissener bunter tiroler Teppich. Ich hatte kaum
alle diese Herrlichkeiten betrachtet, als Martino hereintrat und zu
mir sagte: Meister, ich habe alle Schwierigkeiten geebnet und wei,
wo wir sind. Wir hausen bei einer alten Zigeunerin, welche auer ihren
Privatgeschften, der Wahrsagerei, Hexerei, Dieberei, Viehdoktorei,
auch eine Hehlerin der Kontrebandiers macht. Die Kleine drauen ist ihr
Tochterkind, das auf der hohen Schule bei ihr ist, und der Gromutter
Tod abwarten soll, um hinter einen Topf voll Gold zu kommen, von dem
sie immer spricht, ohne doch je zu sagen, wo sie ihn hin versteckt
hat. Das hat mir das Mdchen alles anvertraut. Ich habe ihr Herzchen
gerhrt, sie ist kirre wie ein Zeisig, und wenn wir wollen, lt sie
die Gromutter und den Goldtopf im Stich, luft morgen mit uns und
verdient uns das Brot mit Purzelbumen, deren sie ganz wunderbare
schlagen kann. Fr all dies Vertrauen habe ich ihr versprechen mssen,
zu glauben, da der wilde Jger heute Nacht wirklich durch die Htte
zieht, wir sollen uns nur um Gotteswillen ruhig halten. Die Gromutter
wird in kurzer Zeit zurckkommen; sie ist mit Lebensmitteln zu einem
Zuge Schleichhndler gegangen, der ber das Gebirge zieht. Der wilde
Jger, sagt sie, treibe um Mitternacht durch die Stube, und wenn
wir uns ruhig hielten, werde er uns kein Haar krmmen, sonst aber
riskierten wir Leib und Leben. Ich denke aber, wir wollen es mit ihm
versuchen. Nun legte er meinen Prgel und seinen Dreizack neben uns
auf das Stroh nieder und fuhr fort: Es ist beinahe elf Uhr, die Kleine
hat es an der Sanduhr gesehen; die Schnepfen wei sie nicht am Spiee
zu braten, sie hat sie mit Zwiebeln gefllt in einen Topf gesteckt,
und wenn wir die Schnepfensuppe gegessen, sollen wir das Fleisch mit
Essig und Olivenl als Salat verzehren; Wein mu hier in der Kammer ein
Schlauch voll sein. Da suchte Martino herum und fand unter einigen
alten Brettern ein tiefes Loch in der Erde, das als Keller einen alten
Dudelsack voll Wein enthielt. Er zog ihn heraus, wir setzten die zwei
Pfeifen an den Mund und drckten den vollen Sack so zrtlich an das
Herz, da uns der se Wein in die Kehle stieg. Nie hat ein Dudelsack
so liebliche Musik gemacht. Wir labten uns herzlich. Ich weckte meine
Marinina, und sie mute auch eins drauf spielen. Dazu verzehrten wir
unser Brot und einige Zwiebeln aus dem Vorrate, der an der Wand hing,
und streckten uns, in der Erwartung des Weiteren, zur Ruhe auf das
Stroh.

Marinina schlief fest ein. Ich betete mit Martino noch eine Litanei;
dann legten wir uns neben unsere Waffen bequem, und Martino sagte:
Lat uns nun ruhen; mir ist so rund und so wohl, da mir das Blut
in den Adern flimmert; wer den wilden Jger zuerst sieht, stt
den andern, dann springen wir mit unsern Trstern ber ihn her und
schlagen den Kerl zu Brei; ich habe noch einen Schwrmer in der
Tasche, den will ich dem Schelm unter die Nase brennen. Ich freute
mich an seinem frischen Herzen; wir empfahlen uns dem Schutze des
heiligen Markus und lauschten dem Schlaf entgegen, der uns den Rcken
hinaufkroch und uns schon hinter den Ohren krabbelte. Nun ward alles
muschenstill. Der Donner rollte fern, der Sturm hatte sich in den
Waldwipfeln schlafen gelegt, die ihn mit leisem Rauschen einwiegten.
Die Kienfackel knisterte, Grillen sangen, die Katze schnurrte auf
der Trommel, welche, von dem Ton erschttert, das ferne Donnern zu
begleiten schien, Marinina pfiff durch die Nase, denn sie hatte sich
einen Schnupfen geholt, in der Kche knackte das grne Holz im Feuer,
die Schnepfensuppe sauste im Topf, und unsere braune Kchin sang mit
einer klaren und starken Stimme, wie ich noch keine Primadonna gehrt,
folgendes Lied:

      Mitidika! Mitidika!
    Wien ng quatsch
    Ba nu, Ba nu n'am tsche fatsch,
    Waja, waja, Kur libu,
    Ich bin ich, und du bist du;
    Ich, spricht Stolz,
    Du, spricht Lieb'!
    Wer sich scheut vor Galgenholz,
    Wird im grnen Wald zum Dieb.

      Mitidika! Mitidika!
    Wien ng quatsch.
    Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,
    Singt die Magd, so kocht der Brei,
    Singt das Huhn so legt's ein Ei,
    Er, spricht Schimpf,
    Sie, spricht Fremd';
    Fehlen mir gleich Schuh' und Strmpf',
    Hab' ich doch ein buntes Hemd.

      Mitidika! Mitidika!
    Wien ng quatsch
    Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,
    Hr', was pocht dort an der Tr?
    Drauen schrei'n sie nach Quartier.
    Ist's der Er?
    Ist's der Sie?
    Mach' ich auf wohl nimmermehr,
    Nur du Lieber, du schlfst hie.

      Mitidika! Mitidika!
    Wien ng quatsch
    Ba nu, ba nu n'am tsche fatsch,
    Waja, waja Kur libu,
    In dem Topf hat's nimmer Ruh';
    Saus und Braus,
    'Rab und 'rauf',
    Kchenteufel drinnen haus':
    Da es mir nicht berlauf'.

Als der Feuerwerker den Anfang dieses Liedes: Mitidika! Mitidika!
gesagt, nahm der Zigeuner Michaly seine Violine und sang es unter den
lieblichsten Variationen der Gesellschaft vor: Alle dankten ihm, der
Feuerwerker aber sagte: Michaly, du sangst das nmliche Lied, wie
die kleine Braune, und hast eine hnlichkeit mit ihr in der Stimme.
Kann sein, sagte Michaly lchelnd. Aber erzhl' nur weiter, ich
bin auf den wilden Jger sehr begierig. Ich hob a a Schneid' uf den
soakrische Schlankl, sagte der Tiroler. Alle drangen auf die weitere
Erzhlung, und der Feuerwerker fuhr fort:

Als die Kleine das Lied sang, ward sie von einem Schlage gegen die Tr
unterbrochen: Mitidika! rief es drauen mit einer rauhen, heiseren
Stimme. Gleich, Gromutter! antwortete sie, ffnete die Tr und
erzhlte ihr von den Gsten. Die Gromutter brummte allerlei, was ich
nicht verstand, und trat sodann zu uns in die Stube. Ihr Schatten sah
aus wie der Teufel, der sich ber die Leiden der Verdammten bucklicht
gelacht, und wre er nicht vor ihr her in die Stube gefallen, um einen
ein wenig vorzubereiten, ich htte geglaubt, der Alp komme, mich zu
wrgen, als sie eintrat. Sie war von oben und rings herum eine Borste,
ein Pelz und eine Quaste, und sah darin aus wie der Oberpriester der
Stachelschweine. Sie ging nicht, lief nicht, hpfte nicht, kroch nicht,
schwebte nicht, sie rutschte, als htte sie Rollen unter den Beinen,
wie groer Herren Studiersthle. Wie die kleine flinke Braune hinter
ihr drein und um sie her schlpfte, um sie zu bedienen, dachte ich:
So mag des Erzfeindes Gromutter aussehen, und die Schlange, ihre
Kammerjungfer.

Mache mir das Bett, Mitidika! sagte sie, und wenn ich ruhe, kannst
du die Gste besorgen. Whrend das Mdchen die Kissen aufschttelte,
begann die Alte sich zu entkleiden, und ich wei nicht zu sagen, ob
ihre Kleidung oder ihr Bett aus mehreren Stcken bestand. Sie zog einen
Schreckenswams, eine Schauderjacke und Zauberkapuze um die andere aus,
und die ganze Wand, an der sie die Schalen aufhngte, ward eine Art
Zeughaus. Ich dachte alle Augenblicke: noch eine Hlse herunter, so
liegt ein bichen Lung' und Leber an der Erde, das frit die Katze auf,
und die Gromutter ist all; keine Zwiebel hutet sich so oft. Bei jedem
Kissen, welches die Kleine ins Bett legte und aufschttelte, brummte
die Alte und legte es anders, und befahl ihr dann, es ganz sein zu
lassen und ihr ein Rauchbad zu geben: sie msse in einen Ameisenhaufen
getreten haben, das Gewitter mache alles Vieh lebendig. Da setzte
sich die Alte auf die zerbrochene Leiter und hngte die tiroler Decke
ber sich, und die Junge zndete Kruter unter ihr an und machte
einen scheulichen Qualm, den sie uns, da sie von neuem anfing, die
Federbetten hin und her zu werfen, in dicken Wolken auf den Leib jagte,
als gehrten wir auch zu den Ameisen, die vertrieben werden sollten.

Es sah ziemlich aus, als wenn man eine Hexe verbrennte oder einen
ungeheuren Taschenkrebs ruchre, als die Alte so ber dem Dampfe wie
eine Mumie, in den bunten tiroler Teppich gehllt, auf der Leiter
sa. -- Da sieht man, Wastl, sprach der Zigeuner zu dem Tiroler,
wozu ihr die Teppiche fabriziert: um die Hexen darin zu ruchern.
Potz Schlackri, erwiderte Wastl, wonns daine sakrische ziganerische
Gromuetta is, so lo is poassira, i bin gawis, es mga a Legion
Spodifankerl aus ihr raussi floga sein, un du bist a ains dervo. Die
Gesellschaft lachte ber Wastls Antwort, und die Kammerjungfer, wie
auch Lindpeindler, baten den Feuerwerker: er mge machen, da die Alte
ins Bett komme, die Schnepfen knnten bergar werden. Ganz recht,
sagte Baciochi, das meinte Martino auch, denn als der sie in der Decke
zappeln sah, wie Hunde und Katzen, die in einen Sack gesteckt sind,
und der Rauch zu dick zu werden begann, sprang er vom Stroh auf, trat
vor die Alte hin und sagte: Hochverehrte Frau Wirtin, ich versichere
Euch im Namen Eurer Gste, da wir kein Rauchfleisch zu essen bestellt
haben, und da wir auch von keinem verpesteten Orte kommen, um eines so
kostbaren Rauchkerzchens zu bedrfen; seid so gtig, dem Wohlgeruch ein
Ende zu machen, wir mssen sonst mit all den Ameisen, die euch plagen,
davon laufen.

Da fing die Alte eine weitlufige Gegenrede an und sagte: Schicksale
und Verhltnisse haben mich so weit gebracht. Martino aber nahm keine
Vernunft an, packte die Alte mit beiden Hnden, und warf sie von der
Leiter in ihre Federbetten. Sie zappelte wie eine Meerspinne, aber er
wlzte ein Federbett ber sie, und sang ihr ein Wiegenlied mit so viel
gutem Humor vor, indem er sie mit beiden Hnden festhielt, da sie
endlich selbst mitlachte und sagte: Nun, legt Euch nur wieder nieder,
htte ich doch nicht gedacht, heute von einem so lustigen Gesellen
zu Bette gebracht zu werden. Mitidika, gib den Kavalieren zu essen!
und somit kriegte sie den Martino beim Kopf, und gab ihm unter groem
Gelchter einen Ku. Profiziat! sprach dieser, schlaf wohl, du
allerschnster Schatz! und legte sich mit einem sauern Gesichte wieder
neben mich.

Gott sei Dank, Martino, da sie weg ist! flsterte ich. Hast du
gewacht, Meister? sprach der Schelm. Leider Gottes! erwiderte ich,
du hast ein Kunststck gemacht; sie raucht wie ein nasses Feuerwerk;
fr einen Hutmacher wre sie ein sauberes Gestell, alle seine Mtzen
daran aufzuhngen, er brauchte keinen Nagel einzuschlagen. Ich werde
mich wohl huten mssen, da sie mich gekt hat, sagte Martino.
Warum? fragte ich. Ei, entgegnete er, ich werde sonst die Augen
nie wieder zukriegen knnen und die Zhne immer blecken wie ein Mops;
die Haut ist mir vor Schrecken zu kurz geworden.

Unter diesen Scherzreden hrten wir die Alte einschnarchen. Mitidika
ging ab und zu, und verbaute leise das Bett der Alten mit der Tonne und
mit der Tre; die Kchentre lie sie auf, da der Dampf hinaus zog.
Dann zupfte sie den Martino bei den Haaren und flsterte: Komm hinaus,
deine Schnepfen sind gar, ich habe die Brhe abgegossen, ich mu das
Feuer lschen, die zwlfte Stunde naht, denn fhrt der wilde Jger mir
durch das Feuer, steckt er uns die ganze Htte an.

Martino ging hinaus, und ich streckte den Kopf nach der Tr und
hrte ihre Scherzreden. Mitidika sagte: Ich habe dir deine Vgel
trefflich gekocht und dir auch Kruter an die Suppe getan, was
gibst du mir nun? -- Geben? sagte Martino, ich will dich mit
der Mnze bezahlen, welche hier zu gelten scheint, und in der mich
deine Gromutter bezahlte; einen Ku will ich dir geben. Das lt
sich hren, erwiderte sie, aber die Gromutter gab dir ein altes
Schaustck, das kann ich nicht brauchen, die Mnze ist verschlagen.
Auch du bist verschlagen, Schelm! erwiderte Martino, ich will dir
kleine Mnze geben, wenn du herausgeben und wechseln kannst; wrst
du nur nicht so schwarz! Und du nicht so wei, sagte sie. Ich
werde dir einen Schein geben, einen Wechsel schwarz auf wei, aber
gib mir keine Scheidemnze! sagte sie. Die kriegst du morgen frh
beim Abschied, erwiderte Martino, fate sie beim Kopfe, kte sie
herzlich, und sagte: Ich habe dich lieb und bleibe dir treu. Ei so
lge, da du schwarz wirst! sprach sie. Dann wre ich deinesgleichen
und es knnte etwas daraus werden, sprach Martino, und schenkte ihr
eine Nadelbchse von Elfenbein und Ebenholz, die er bei sich trug. Das
Mdchen dankte und sprach: Sieh, wie artig schwarz auf wei zusammen
aussehn; bleib bei uns, wenn die Alte stirbt, finden wir den Goldtopf
und kontrebandieren. Ja, auf die Galeere! sprach Martino. Ich gehe
mit auf die Galeere! sagte sie; pitsch, patsch! geht das Ruder, und
ich singe dir dazu. Das wollen wir berlegen, meinte Martino, es
ist eine zu glnzende Aussicht um Mitternacht.

Da traten sie mit der Suppe und den Schnepfen herein, und stellten
sie auf den Eichenblock. Die Suppe tranken wir aus dem Topf, ich
wollte meine Marinina nicht wecken und lie ihr Teil in die warme
Asche setzen, die Vgel wollten wir morgen frh verzehren. Nun begann
sich der Sturm in dem Walde wieder zu heben, und das Gewitter zog mit
Macht heran. Ach Gott! sagte Mitidika, lege dich nieder, Martino,
und schlafe ein; hrst du das Wetter? Der Jger blst sein Horn, er
wird gewi bald kommen; lege dich nieder, gleich, gleich! Dabei sah
sie ngstlich in der Stube umher. Nun, nun, was fehlt dir? fragte
Martino, und sie sagte: Schlafen sollst du und das Angesicht von mir
kehren, denn ich mu mich entkleiden und schlafen gehn, und das sollst
du nicht sehen; ach, dreh dich um, Blanker! Bravo! sagte Martino,
es freut mich, da du so auf Zucht hltst, putze nur den Kien aus,
bei der Nacht sind alle Khe schwarz, selbst die schwarzen. Ja,
sagte sie, auch die blanken Esel! Dreh dich um, ich bitte dich, ich
will den Kien schon lschen, wenn es Zeit ist. Da drehte sich der
ehrliche Martino um. Gute Nacht, Mitidika! sagte er. Gute Nacht,
Martino! sprach sie.

Nun breitete sie sich eine bunte wollene Decke an der Erde aus neben
dem Eichenblocke, stellte einen halben Krbis voll Wasser darauf, holte
einen kleinen zierlichen Kasten gar heimlich hinter der Trommel hervor
und setzte ihn neben sich auf die Bank, wobei sie sich ngstlich nach
uns umsah. Ich blinzte durch die Augen und schnarchte, als lge ich im
tiefsten Schlafe. Mitidika traute und schlo das Kstlein leise auf,
musterte alle die Herrlichkeiten, die darin waren, und suchte sich
einen Raum aus, die Nadelbchse des Martino bequem hinein zu legen.

Ihr knnt euch meine Verwunderung nicht denken, als ich in dieser
wsten Zigeuner-Herberge die Kleine auf einmal in einem so zierlichen
und reichgefllten Schmuckkstchen kramen sah. Es sah nicht ganz so
aus, als sei ein Affe hinter die Toilette seiner Herrschaft geraten,
auch nicht, als richte der Satan einen Juwelenkasten ein, um einem
unschuldigen Mdchen die Augen zu blenden; aber eine indianische
Prinzessin, welche die Geschenke eines englischen Gouverneurs mustert,
mag wohl so aussehen. Als sie so die Perlen- und Korallenschnre, die
brillantenen Ohrringe und die Zitternadeln durch die schwarzen Hnde
laufen lie, konnte ich vor Augenlust gar nicht denken, da dies
gestohlenes Gut sein msse. Nun stellte sie mehrere Kristall-Flschchen
mit Wohlgerchen und Salben aus dem Kstchen auf den Block, zog feine
Kmme und Zahnbrsten hervor und begann sich zu putzen und zu schmcken
wie die Nacht, die mit dem Monde Hochzeit machen will. Sie nahm die
kleine von buntem Stroh geflochtene Mtze von ihrem Kopf, und ein Strom
von schwarzen Haaren strzte ihr ber die Schultern; sie gewann dadurch
ein reizendes und wildes Ansehen, wenn ihre weien Augpfel und die
blanken Zhne aus den schwarzen Mhnen hervor funkelten. Sie kmmte
sich, schlngelte sich goldene Schnre in die Zpfe, die sie flocht
und kunstreich wie eine Krone um das schne runde Kpfchen legte. Sie
wusch sich das Gesicht und die Hnde, putzte die Zhne, beschnitt
sich die Ngel und tat alles mit so unbegreiflicher Zierlichkeit,
Anmut und hinreiender Schnelligkeit der Bewegungen, da es mir vor
den Augen zitterte und bebte. Als sie die brillantenen Ohrringe in
den kleinen schwarzen Muschel-hrchen befestigte und die glitzernden
Zitternadeln in den Flechtenkranz steckte, und die Korallen und
Bernsteinschnre um das braune Hlschen legte, und dabei hin und her
zuckte wie ein Wunderwerkchen, gingen mir die Augen ber. Sie bego
sich mit Wohlgerchen, rieb sich die schwarzen Patschchen mit duftendem
l und steckte sich ein blitzendes Ringlein um das andere an die
schlanken Fingerchen. Nun stellte sie einen Spiegel auf und bleckte
die Zhnchen so artig hinein, es ist nicht zu beschreiben. Und bei
allem dem donnerte und blitzte es drauen, und ihre Eile ward immer
grer. Ich verstehe mich auf Lichtwirkungen in der Nacht, aber ich
habe mein Lebtag kein solches Feuerwerk gesehen, kein Blitzen auf so
schnem dunkeln Grund, als das Spiel der Diamanten und Perlen auf ihr;
denn sie war ein wunderschnes, frei, khn, scheu und zchtig bewegtes
Menschenbild.

Flchtig packte sie nun alle Gerte wieder in das Kstchen, steckte
noch eine handvoll weies Zuckerwerk in das Mulchen und knupperte wie
eine Maus, sah mit scheuen Blicken um sich her, ob wir auch schliefen,
whrend sie das Kstchen wieder unter die alte Trommel stellte. Die
schwarze Katze, die auf derselben schlief, erhob sich dabei und machte
einen hohen Buckel, als wundere sie sich ber sie, da sie ihr mit den
funkelnden Hnden ber den Rcken strich. Nun brachte sie ein feines
Hemd von weier Seide, legte es ber den Arm und fing an, ihr Mieder
aufzuschnren, wobei sie uns den Rcken kehrte. Es sah aus, als werfe
sie Kuhndchen aus, wenn sie die Nestel zog. Nun aber schlpfte
sie in die Kche und trat in wenigen Minuten wieder herein in einem
schneeweien Rckchen und einem Mieder von rotem venetianischem Sammet.
So stand sie mitten auf der Decke und betrachtete ihren Staat mit
kindischem Wohlgefallen. Der Donner rollte heftiger, Martino wachte
auf. Mitidika fate den Teppich mit beiden Hnden ber die Schultern,
stie mit dem Fue die Kienfackel aus, wickelte sich schnell ein wie
eine Schmetterlings-Larve, ein heller Blitz erleuchtete die Kammer, sie
scho wie eine Schlange an die Erde nieder und krmmte sich zusammen.
Martino hatte sie im Leuchten des Blitzes noch gesehen, aber er wute
nicht, was es war; er sprach: Meister, saht Ihr etwas? Ich war aber
so erstaunt, da ich stumm blieb. Da sprach er: Mitidika, schlfst
du? aber sie schwieg, Martino drehte sich um und schlief auch wieder.

Meine Gedanken ber das, was ich gesehen, lieen mich nicht ruhen, der
wunderbare Schmuck in dem Besitze der kleinen, braunen Bettlerin, und
da sie ihn jetzt so sorgsam und heimlich angelegt, befremdete mich
ungemein. Alles kam mir wie Zauberei vor. Sie erwartet ein Waldgespenst
und schmckt sich wie eine Braut. War dies gestohlenes Gut, ist sie
eine verkleidete, versteckte Prinzessin, warum geht sie in dieser
Pracht schlafen, und warum wickelt sie sich mit aller Herrlichkeit
in den alten Teppich ein? Sollte alles dies geheim sein, wie war es
mglich, da wir sie morgen frh doch in ihrem Putze finden muten? So
lag ich nachsinnend; das Gewitter war in vollem Grimm ber uns, und das
Licht der zuckenden Blitze zeigte mir fters das Bild der Mitidika,
welche wie eine Mumie, in den Teppich gehllt, an der Erde ausgestreckt
lag. Als ich aber durch das wilde Wetter ein Horn schallen hrte, stie
ich Martino an und flsterte ihm zu: Halte dich bereit, ich glaube,
der wilde Jger ist im Anzuge. Wir hrten das Horn nochmals und
Pferdegetrapp und Gewieher, und ich bemerkte, da Mitidika aufstand.
Ich kroch aber quer vor die offene Kchentr, und als sie mit dem Fu
an mich anstie, glaubte sie umgegangen zu sein und wendete sich nach
einer andern Seite: Martino stand auf, die Haustr ffnete sich, und
es trat eine Gestalt mit raschem Tritte durch die Kche auf uns zu.
Ich fate sie bei den Beinen, da sie niederschlug, und Martino drosch
so gewaltig auf ihn los, da der wilde Jger zetermordio zu schreien
begann. Mitidika, Hilfe, Hilfe! man mordet mich! schrie er. Ha,
ha! Herr wilder Jger, schrie nun Martino, wir haben dich! Und so
zerrten wir ihn in die Stube herein und machten die Tre zu.

Der Lrm ward allgemein; der Kerl wehrte sich verzweifelt. Meine
Marinina erwachte und schrie: Jesus, Maria, Josef! Licht her, Licht
her, was ist das, o Baciochi, Martino! Die Alte fuhr aus ihren Betten
auf, warf die alten Bretter um, die vor ihr standen, und schrie:
Mrder, Hilfe, Mitidika! Dabei wurden die Hhner auf dem Boden
rebellisch, die Trommel kollerte brummend durch die Stube. Mitidika
allein lie sich nicht hren. Martino, schlage Feuer! rief ich, und
drckte meinen fremden Gast fest in die Gurgel, da er sich nicht
rhren konnte. Da stie Martino einen Schwrmer in die glhende Asche
des Herdes, der leuchtend durch die Kammer zischte und dem ganzen
Spektakel ein noch tolleres Ansehen gab. Mein Gefangener fing von
neuem an zu ringen, und indem ich ihn gegen die Wand drckte, trat ich
gegen einige Bretter, die auswichen, ich warf ihn nieder. Ein groer
Bock, der hinter den Brettern geruht hatte, sprang auf und fing nicht
schlecht an zu stoen, und ich warf meinen wilden Jger so krftig zur
Erde, da er keinen Laut mehr von sich gab. Martino brachte nun eine
brennende Kienfackel herein, und wir sahen die ganze Verwirrung. Der
wilde Jger war ein schner, schlanker Kerl in galanter Jagduniform.
Er rhrte sich nicht. Der Gedanke, da ich ihn gar totgedrckt htte,
fuhr mir unheimlich durch die Glieder, ich strzte zur Kche nach
Wasser. Martino fate die Alte, die fluchend und schreiend aus dem
Bette gesprungen war, und warf sie wieder in die Federn mit den Worten:
Schweig still, Drache! wir wollen dir kein Haar krmmen; wir haben
nur den wilden Jger abgefangen. Nun trat ich mit einem Eimer Wasser
hinein und go ihn pratsch! ber den leblosen wilden Jger; da sprang
er wie eine nasse Katze in die Hhe.

Das Wasser, das kalte Wasser, schrie hier Devillier aufspringend,
war das Allerfatalste! Und die ganze Gesellschaft sah ihn verwundert
an. Nun, was schauen Sie, fuhr er fort, soll ich lnger schweigen?
Habe ich nicht schrecklich ausgehalten und mich hier in der Erzhlung
nochmals mihandeln lassen? Baciochi wute nicht, was er vor Erstaunen
sagen sollte ber Devilliers Unterbrechung. Dieser aber sprach heiter:
Ja, Herr Baciochi, ich war der wilde Jger, mich habt Ihr so krftig
zugedeckt, ich habe es von Anfang der Geschichte gewut und htte gern
geschwiegen, aber das kalte Wasser lief mir wieder erweckend ber den
Rcken. Da ward die ganze Gesellschaft vergngt, der Feuerwerker
reichte Devillier die Hand, und dieser sagte: Es freut mich, Euch
wieder zu sehen, alles ist lngst vergessen, nur Mitidika nicht!
-- Das will ich hoffen, meinte der Zigeuner ernsthaft, ich bitte
mir das Ende der Geschichte aus. Da tranken alle lustig herum, und
Devillier trank die Gesundheit der Mitidika, wozu Michaly einen Tusch
geigte und Lindpeindler das hochpoetische freie Leben der Zigeuner
pries, der Vizegespann meinte jedoch: sie htten nicht die reinsten
Hnde. Die Kammerjungfer aber fragte: Wo hat sie nur den Schmuck
hergehabt? Der Tiroler sagte: Den wilda Jaaga hobts maisterli
zuagdeckt! und alle drangen, Devillier mge weiter erzhlen.

Wohlan! sagte dieser: Ich hatte damals Geschfte mit der
Contrebande, und manche andere politische Berhrungen diesseits und
jenseits auf der Grenze. Ich dirigierte den ganzen Schleichhandel
und forschte auf hhere Veranlassung dem Orden der Carbonari nach.
Auf meinen Streifereien hatte ich Mitidika kennen gelernt und mich
leidenschaftlich in dies schne, unschuldige und geistvolle wilde
Naturkind verliebt. In bestimmten Nchten besuchte ich sie. Der
Schmuck, den Ihr, Baciochi, sie anlegen sahet, war ein Geschenk von
mir. Sie hatte den Glauben der Alten an den wilden Jger benutzt, um
sich unentdeckt einige Stunden von mir unterhalten zu lassen. Wenn
ich kommen sollte, schmckte sie sich immer wie eine Zauberin; ich
setzte sie dann auf mein Pferd und brachte sie nach einer Hhle,
eine Viertelstunde von ihrer Htte, welche das Warenlager meines
Schleichhandels war. Da sa sie in einem mit dem feinsten englischen
bunten Kattun ausgeschlagenen Raume mit mir, und ergtzte mich und
meinen verstorbenen Freund mit Tanz, Gesang und freundlicher Rede.
Gegen Morgen ging sie zurck, einen Bndel Holz in die Kche tragend,
und wurde von der Gromutter wegen ihres Fleies gelobt.

Ich liebte sie unaussprechlich um ihrer Tugend und Schnheit, und
ihr ganzes Wesen war so wunderbar, und bei allem Mutwillen und aller
kindlichen Ergebenheit so gebieterisch, da ich nie daran denken
konnte, ihre Unschuld auch nur mit einem Gedanken zu verletzen. O, sie
war gar nicht mehr wie ein Mensch, sie war wie eine Zauberin, wie ein
Berggeist, wenn sie in dem Edelsteinschmucke vor uns tanzte, sang,
lachte und weinte. Ich kann sie nie vergessen. In der Nacht, wo Ihr
und Martino mich so hlich zerprgeltet, ging die ganze Herrlichkeit
zu Ende. Anfangs hielt ich meine Angreifer fr italienische Gendarmen,
die mir auf die Spur kamen; als wir uns aber erklrt hatten, nahm mir
die Entdeckung vom Gegenteil allen Zorn hinweg, und unsere erste Sorge
war: wo Mitidika hingekommen sei. Die alte Zigeunerin jammerte auch
nach ihr, wir suchten alle Winkel aus und fanden sie nicht, bis die
Alte die Leiter vermite. Baciochi sagte: zur Tre knne sie nicht
hinausgekommen sein, er habe davor gelegen. Da machte uns der Regen,
der durch das Loch in der Decke hereinstrmte, aufmerksam. Martino
kletterte auf den Schultern Baciochis hinan und fand die Leiter.
Aber Mitidika, welche die Leiter nach sich gezogen, war durch das
Strohdach hinausgeklettert und nirgends zu finden. Ich eilte nach der
Tr und vermite mein Pferd, nun war ich gewi, da sie nach meinem
Schlupfwinkel entflohen sein msse und war ruhig. Ich durfte diesen
weder an Baciochi noch an die Zigeunerin, die nichts von meinem
Verhltnisse mit Mitidika wute, verraten und suchte deshalb noch
lange mit. Das Wetter war aber so abscheulich, da wir bald wieder
zurckkehrten, und die Alte jammerte nicht mehr lange, da hrten wir
Hufschlag, und Mitidika strzte in ihrem ganzen Schmucke mit wilder
Gebrde in die Stube auf mich zu: Geschwind fort, geflohen! schrie
sie. Die italienischen Gendarmen streifen in der Nhe, Euren Freund
haben sie mit einem ganzen Zuge Schleichhndler gefangen; es ist ein
Glck, da hier der Spektakel losging, ich bin aus Angst durch das Dach
geschlpft, dadurch habe ich die Gefahr zuerst entdeckt. Geschwind
fort! Wohin? schrie ich und Baciochi. Martino und Marinina, die
sich auch vor der Entdeckung frchteten, folgten alle mit mir der
treibenden Mitidika zur Tre hinaus. Sie schwang sich auf mein Pferd,
ich hinter sie, und so sprengten wir beide nach unserem Schlupfwinkel,
unbekmmert um Euch, Herr Baciochi, und die Eurigen.

Ja, sagte der Feuerwerker, Ihr rittet nicht schlecht, und wir hatten
in dem wilden Wetter bles Nachsehen, brigens war es Euch nicht zu
verargen, da Ihr uns nicht eingeladen mitzugehen, wir hatten Euch
schlecht bewillkommt. Ich will mein Lebtag an den Mordweg denken. Meine
Marinina ward krank und starb zwei Monate nachher in Kroatien. Gott
habe sie selig! Martino lie sich bei der sterreichischen Artillerie
anwerben und war neulich mit in Neapel, wenn er noch lebt. Ich fand
mein Brot, Gott sei gelobt! bei unserem gndigen Herrn. Es freut mich,
da Ihr so gut davon gekommen. Aber was ist denn aus der braunen
Mitidika geworden?

Ja, wer das wte! sagte Devillier; wir kamen vor der Hhle an und
zogen das Pferd herein. Sie war voll Sorge um mich, wusch mir meine
Kopfwunden und Beulen mit Wein und bewies mir unendliche Liebe. So
brachten wir die Nacht in steter Angst und Sorge zu. Gegen Morgen hatte
sie keine Ruhe mehr, sie verlangte nach der alten Mutter; sie beschwor
mich, sogleich die Hhle zu verlassen und zu fliehen. Das Schicksal
meines Freundes erschtterte mich tief, ich war entschlossen, ihn
aufzusuchen. Sie schwur mir ewige Treue. Ich versprach ihr, wenn ich
sie nach einiger Zeit hier wieder fnde, sie zu meiner Frau zu machen.
Sie lachte und meinte: sie wolle nie einen Mann, der kein Zigeuner sei,
und nun auch keinen Zigeuner; sie wolle gar keinen Mann. Dabei scherzte
und weinte sie, tanzte und sang sie noch einmal vor mir, und als ich
sie umarmen wollte, schlug sie mich ins Gesicht und floh zur Hhle
hinaus. Ich verlie den Ort gegen Abend.

Als ich vom Tode meines Freundes gehrt hatte und zu Mitidika
zurckkehrte, war ihre Htte abgebrannt; ich ging nach der Hhle, sie
war ausgeplndert. Auf der Wand aber fand ich mit Kohle geschrieben:
Wie gewonnen, so zerronnen! Ich behalte dich lieb, tue, was du kannst,
ich will tun, was ich mu. Ich habe das holdselige Geschpf durch
ganz Ungarn aufgesucht, aber leider nicht wiedergefunden; hundert
Mitidikas sind mir vorgestellt worden, aber keine war die rechte.
Es gibt auch nur eine, sagte hier Michaly, und wird alle tausend
Jahre nur eine geboren. Kennt Ihr sie? sprach Devillier heftig.
Was geht es Euch an, erwiderte Michaly, ob ich sie kenne? Habt Ihr
nicht die Ehe ihr versprochen und doch eine Ungarin geheiratet? Sie
hat Euch Treue gehalten, bis jetzt, sie ist meine Schwester, und ich
wollte sie abholen, da die Gromutter in Siebenbrgen gestorben, wo sie
sich mit Goldwaschen ernhrten, der Pest-Cordon hat mir aber den Weg
abgeschnitten.

Da ward Devillier uerst bewegt. Er sagte: Ich habe sie lange gesucht
und nicht gefunden, sie hatte mir ausdrcklich gesagt, sie werde nie
einem Blanken die Hand reichen, und nun auch keinem Zigeuner; nur in
der Hoffnung, sie wieder zu sehen, blieb ich jetzt in Ungarn, und ich
wrde nicht die Mittel gehabt haben, hier zu bleiben, wenn ich die
alte Dame nicht geheiratet htte, die mir jetzt mein schnes Gtchen
zurckgelassen. Knnt Ihr mich mit Mitidika wieder zusammenbringen,
so will ich sie gern heiraten und ihr alles lassen, was ich habe.
Das ist ein nicht zu verachtender Vorschlag, Michaly, sagte der
Vizegespann, schlagt das nicht so in den Wind, Ihr habt Zeugen!
Michaly aber lachte und sprach: Mitidika wird nicht an dem Stckchen
Erde kleben, sie wird nicht in einem gemauerten Hause gefangen sein
wollen und sich um Abgaben und Zinsen zerqulen. Wer nichts hat, hat
alles. Es war immer ihr Sprichwort: Der Himmel ist mein Hut; die Erde
ist mein Schuh; das heilige Kreuz mein Schwert; wer mich sieht, hat
mich lieb und wert.

Das ist echt zigeunerisch gesprochen, sagte der Vizegespann, drum
bleibt ihr auch immer vogelfreies Gesindel. Michaly nahm seine Geige
und wollte ein Lied auf die Freiheit singen, aber der Nachtwchter
blies zwlf Uhr und mahnte die Gesellschaft zur Ruhe. Lindpeindler
hatte mit dem Feuerwerker und der Kammerjungfer, welche durch die
erwachte Neigung Devilliers fr Mitidika sehr gekrnkt worden war,
denn sie spitzte sich selbst auf ihn, noch eine Viertelstunde nach
dem Edelhof. Als sie sich der Gesellschaft empfahlen, bot Devillier
der Zofe seine Begleitung an. Sie sagte aber: Ich danke, ich mchte
das werte Andenken an die unbeschreibliche Mitidika nicht stren.
Damit machte sie einen hhnischen Knicks und verlie die Stube mit
Lindpeindler, der diese Nacht als eine der romantischsten seines
Lebens pries. Der Kroate, der Tiroler und der Savoyarde waren bereits
eingeschlummert, und der Vizegespann lud Wehmllern, der mit seiner
Arbeit ziemlich fertig war, wie auch den Zigeuner und Devillier zu
sich in sein Haus ein. Sie nahmen es mit Freuden an, da sie dort doch
ein Bett zu erwarten hatten. Frau Tschermack, die Wirtin, ward bezahlt
und schlo die Tre mit der Bitte zu: wenn sie lnger hier blieben,
nochmals eine so schne Gesellschaft bei ihr zu halten.

Vor Schlafengehen wuten Devillier und der Zigeuner den Vizegespann
zu bereden, am andern Morgen den Cordon mit durchschleichen zu drfen,
denn Michaly und Devillier sehnten sich ebensosehr nach Mitidika, die
jenseits war, als Wehmller nach seiner Tonerl. Sie schliefen bis zwei
Uhr, da packte der Vizegespann jedem eine Jagdflinte auf, und sie
zogen, als Jger, einem Waldrcken zu. Aber kaum waren sie hundert
Schritte vor dem Dorf, als sie seitwrts bei den Cordon-Piketten
verwirrtes Lrmen und Schieen hrten, und bald einen Husaren, dem das
Pferd erschossen war, querfeldein laufen sahen, welcher auf das Anrufen
des Vizegespanns schrie: +Cordonus est ruptus cum armis in manibus a
pestiferatis loci vicini!+ Der Cordon ist mit bewaffneter Hand von
den Pestkranken des benachbarten Ortes durchbrochen!

Als der Vizegespann dies hrte, lie er seine Gesellschaft im Stich und
lief ber Hals und Kopf nach dem Dorfe zurck, um seine Bauern unter
die Waffen zu bringen. Wehmller und der Zigeuner schrieen: Gott sei
Dank, nun lat uns eilen! Devillier besann sich auch nicht lange,
und sie liefen spornstreichs nach dem verlassenen Pikett-Feuer hin,
wo sie Bauern beschftigt fanden, unter groem Geschrei das Brot und
die andern Vorrte zu teilen, welche das Pikett zurckgelassen hatte.
Als sie sich nherten, kam ihnen ein Reiter entgegen und schrie:
Steht, oder ich schiee Euch nieder! Sie standen und warfen die
Waffen hinweg. Sie wurden gefragt: wer sie seien? Und als sie erklrt,
sie wollten ber den Cordon, und der Reiter ihre Stimme vernommen,
strzte er vom Pferd und fiel dem Zigeuner und Devillier wechselweise
um den Hals, und schrie immer: Michaly! Devillier! Ich bin Mitidika!
Vor Freude des Wiedersehens ganz zitternd, ri das Mdchen sie in
die Erdhtte des Piketts, wo sie dieselbe in mnnlicher Kleidung,
mit Sbel und Pistole bewaffnet, erkannten, und sie wollte eben zu
erzhlen anfangen, als sie Wehmllern scharf ansah und zu ihm sprach:
Bist du noch immer hier, Betrger? ich meinte, du seiest gestern zu
deiner angeblichen Frau nach Stuhlweienburg gereist. Alle sahen
bei diesen Worten auf den bestrzten Wehmller; dieser sperrte das
Maul auf vor Verwunderung. Ich? fragte er endlich, ich, gestern
zu meiner angeblichen Frau? Ja, Du! sagte Mitidika. Du, der Du
Dich Wehmller nennst, und es nicht bist; Du, der Du deine Frau nicht
einmal kennst. O, das ist um rasend zu werden! schrie Wehmller.
Welche tollen Beschuldigungen, und das von einer wildfremden Person,
die ich niemals gesehen. Unverschmter Gesell! schrie Mitidika, Du
kennst mich nicht? Hast du mir nicht seit mehreren Tagen mit deinen
Liebes-Versicherungen zugesetzt? Hat der wirkliche Wehmller dir
nicht deswegen schon ins Gesicht bewiesen, da du Wehmller nicht sein
knnest, weil der rechte Wehmller an niemand denkt als an sein liebes
Tonerl? Der rechte Wehmller? schrie nun Wehmller, wo haben Sie
den je gesehen? er wenigstens kennt Sie nicht. Kennt mich nicht?
erwiderte Mitidika, und reist mit mir? Ich werde verrckt! schrie
Wehmller, nun ist gar noch ein Dritter auf dem Tapet; wo sind die
zwei andern? Geschwind, ich will sie sehen, ich will sie erwrgen!
Den Dritten lgst Du hinzu, versetzte Mitidika, der echte wird
nicht weit von hier sein; ich will ihn holen, da sollst du beschmt
werden. Nun lief sie schnell zur Htte hinaus. Dieser Wortwechsel war
so schnell und heftig, und die Veranlassung so wunderbar, da Michaly
und Devillier nicht Zeit hatten, dem verblfften Maler zu bezeugen, da
er seit gestern in ihrer Gesellschaft sei und unmglich der sein knne,
welchen Mitidika kannte.

Sie waren eben noch beschftigt, den weinenden Wehmller zu trsten,
als eine ganz hnliche Figur, wie er selbst, in die Htte trat; bei
dem erloschenen Feuer war es unmglich, jemand bestimmter zu erkennen.
Kaum hatte Wehmller sein Ebenbild in derselben Gestalt und Kleidung
erkannt, als er wie eine Furie darauf losstrzte; der andre tat ein
Gleiches, und beide schrieen: Ha, ertappe ich dich bei Deiner
Buhlerei unter meinem ehrlichen Namen! Sie rissen sich wie zwei Hhne
herum. Devillier und Michaly brachten sie mit Gewalt auseinander,
und Mitidika fhrte den dritten Wehmller herein. Wie gro war die
Bestrzung aller, da nun wirklich drei Wehmller zugegen waren. Nein,
das ist zum verzweifeln! rief der Wehmller, den Mitidika mitgebracht
hatte, da ist noch einer! Herr Jesus! schrie nun unser Wehmller,
Tonerl, bist du es, bist du hier, Tonerl? Franzerl, lieber
Franzerl? schrie der andere, und sie sanken sich als Mann und Frau in
die Arme. Da wurde es dem einen Wehmller, den Devillier festhielt,
nicht recht wohl, und er sank vor Schreck zur Erde. Michaly schrte
nun das Feuer wieder an, da man sehen konnte, und Mitidika bezeugte
die grte Freude, da Tonerl, die in einem ganz hnlichen Kleide,
wie ihr Mann, von Stuhlweienburg mit ihr diesem entgegen gereist
war, ihn endlich gefunden habe, nachdem sie zu ihrem groen Schrecken
von dem falschen Wehmller in dem Dorfe, das man wegen Pestverdacht
eingeschlossen, sehr geplagt worden war, ohne sich ihm als Wehmllers
Weib zu entdecken, denn sie war auf einen alten Pa ihres Mannes
gereist.

Sie hatten sich kaum von der ersten Freude erholt, als Mitidika sagte:
Wir mssen doch den falschen Wehmller, der die Sprache verloren
hat, wieder zu sich bringen. Da aber ihr Rtteln und Schtteln ganz
vergeblich war, sagte sie: Ich habe ein untrglich Mittel von der
seligen Gromutter gelernt; das Herz ist ihm gefallen, wir wollen es
ihm wieder heraufziehen. Da nahm sie ein Schoppenglas und gab es
Michaly nebst einem Endchen Licht, -- das sie am Feuer anzndete, --
und einem Scheibchen Brot. Aha, ich wei schon, sagte Michaly, und
ffnete dem Ohnmchtigen die Weste ber dem Magen, setzte ihm das
Licht, auf der Brotscheibe befestigt, auf den Leib und stlpte das
Glas darber. Das brennende Licht, welches die Luft unter dem Glase
verzehrte, machte ihm den Leib, wie in einem Schrpfkopf in das Glas
aufsteigen. Die ganze Gesellschaft lachte ber dieses zigeunerische
Kunststck, und der falsche Wehmller kam bald zu Sinnen. Der echte
ging auf ihn zu und sprach: Wer sind Sie, der auf eine so unverschmte
Weise meinen Namen mibrauchte? Da antwortete der Patient, welchen
Devillier und Michaly an der Erde festhielten: Was Kuckuck habe ich
auf dem Leib? Es ist, als wollten Sie mir den Magen herausreien; tun
Sie mir die vermaledeite Laterne vom Leib, eher sage ich kein Wort;
ich bin Wehmller und bleibe Wehmller! Gut, sagte Mitidika, wenn
du noch nicht bei Sinnen bist, wollen wir dir etwas Ses eingeben.
Recht, sagte Michaly, Katzenkot mit Honig, Zigeunertheriak. Auf
dieses Rezept bekam der Patient andere Gesinnung und sprach: Um
Gotteswillen, lat mich aufstehen, ich will alles bekennen! Ich bin der
Maler Froschauer von Klagenfurt.

Das habe ich gleich gedacht, sagte Wehmller, jetzt habe ich Sie
in meinen Hnden, ich kann Sie als einen Falsarius bei der Obrigkeit
angeben, aber ich will gromtig sein, wenn Sie mir einen krperlichen
Eid schwren: da Sie auf ewige Tage resignieren, ungarische
Nationalgesichter in meiner Manier zu malen. Das ist sehr hart,
sagte Froschauer, denn ich habe ganz darauf studiert und mte
verhungern; den Eid kann ich nicht schwren. Er ist noch hartnckig!
sagte Michaly; geschwind den Zigeunertheriak her! Und da Mitidika
sich stellte, als wolle sie ihm etwas eingeben, entschlo er sich kurz
und schwor alles, was man haben wollte; worauf sie ihn loslieen und
ihm die Laterne vom Leibe nahmen.

Die Freude und der Mutwille ward nun allgemein. Aber der Tag nherte
sich, und Mitidika rief eben die Cordonbrecher zusammen, um mit ihrem
erbeuteten Proviante sich dahin zurck zu ziehen, wo sie hergekommen
waren. Aber der Vizegespann kam mit dem Kroaten, dem Feuerwerker,
dem Gutsbesitzer und einigen Heiducken und Panduren herbei und
brachte die freudige Nachricht, da sie gar nicht ntig htten,
sich zurckzuziehen, denn der Cordon-Kommandant habe soeben bekannt
gemacht: nur durch Miverstndnis sei das Dorf, in dem sie vierzehn
Tage blockiert waren, in den Cordon eingeschlossen worden. Es solle
ihnen deshalb verziehen sein, da sie den Cordon durchbrachen, wenn sie
dagegen auch keine Klage ber den Irrtum erheben wollten. Der Cordon
habe sich schon nach einer andern Richtung bewegt. Der Gutsbesitzer
besttigte dies und lud die Gesellschaft, von der ihm Baciochi, Nanny
und Lindpeindler so viel Interessantes erzhlten, smtlich nach seinem
Edelhof ein.

Die Bauern und Zigeuner, die unter der Anfhrung Mitidikas den Cordon
durchbrochen hatten, waren hoch erfreut ber diese Nachricht, dankten
ihrer Anfhrerin herzlich und kehrten singend nach ihrer Heimat zurck.
Michaly aber nahm seine Violine und spielte lustig vor der Gesellschaft
her, die dem Edelmanne folgte. Unterwegs gab es viele Aufklrungen und
Herzensergieungen. Devillier und Mitidika hatten ihre Neigung bald
zrtlich erneuert und gingen Arm in Arm, dann aber folgten die drei
Wehmller, Tonerl in der Mitte, und die anderen gingen hinterdrein ber
das Stoppelfeld. Mitidika sagte, da sie Tonerl in Stuhlweienburg
kennen gelernt, die, sehr bekmmert ber das Ausbleiben ihres Mannes,
eine Reisegesellschaft nach Kroatien gesucht, und da sie selbst,
nach dem Tode ihrer Gromutter, zu ihrem Bruder Michaly habe ziehen
wollen, htten sie sich entschlossen, zusammen zu reisen in mnnlicher
Kleidung. Frau Tonerl sei in einem Habit ihres Mannes und sie als
ungarischer Arzneihndler gereist, bis sie in dem Dorfe pltzlich von
dem Cordon eingeschlossen worden seien, wo sie auch Froschauer, unter
dem Namen Wehmller, ganz in derselben Kleidung vorgefunden, was die
arme Tonerl nicht wenig erschreckt habe. Nach vierzehn Tagen sei die
Ungeduld und der Mangel der Einwohner, die wohl Hunger aber keine Pest
gehabt, ber alle Grenzen gestiegen, und so habe sie sich an ihre
Spitze gesetzt und den Cordon durchbrochen; das sei ihr aber gar leicht
geworden, denn die Cordonisten wren, aus Furcht angesteckt zu werden,
gleich ausgerissen, als sie mit ihrem Haufen unter ihnen erschien.

Nun mute Froschauer erzhlen. Er war eigentlich ein guter Schelm und
sagte: Lieber Herr Wehmller, ich will Ihnen die Wahrheit sagen;
der Spa kostet mich 25 Dukaten und meine Braut. Ich bin der Maler
Froschauer von Klagenfurt, und liebe die Tochter eines Fleischhauers;
das Mdchen aber whlte immer zwischen mir und einem wohlhabenden
Siebmacher, der auch um sie freite. Er setzte dem Vater des Mdchens
in den Kopf: es sei in den kaiserlichen Erblanden kein Maler, der eine
Frau ernhren knne, und der berhaupt Genie habe, als der Wehmller
in Wien, der die ungarischen Nationalgesichter male, und der so und
so gekleidet gehe; dabei hrte er nicht auf, von Ihnen und Ihrer
Arbeit zu reden, so da der alte Fleischhauer und seine Tochter mir
endlich erklrten: sie wrden den Siebmacher vorziehen, wenn ich
Ihnen in Ungarn den Rang nicht abliefe. Und nun wettete ich mit dem
Siebmacher: da ich ihm in Jahr und Tag das Mdchen abtreten und noch
25 Dukaten dazu geben wollte, wenn ich Ihnen den Rang nicht ablaufen
knne. Ich reiste nach Wien und nach Ungarn, forschte nach allen Ihren
Bildern und warf mich so in Ihre Manier, da man unsere Bilder nicht
mehr unterscheiden konnte. Da ich nun erfuhr, da Sie die Reise nach
Stuhlweienburg machen wrden, wo Sie noch nicht gewesen, und sich
auf dem Gute des Grafen Giulowitsch vorbereiteten, benutzte ich die
Gelegenheit, Ihnen vorzukommen, denn ich wute durch einen Freund bei
der Hof-Kriegs-Kanzlei, da die dortigen Regimenter verlegt werden
wrden. Mit einem Vorrate von Nationalgesichtern in einer Blechbchse,
und ganz gekleidet wie Sie, machte ich mich nun als neuer Wehmller
auf, und als ich auf der Grenze an der Maut ein Pckchen liegen sah,
An Herrn Wehmller, wenn er durchreist, berschrieben, ward es mir
von den Mautbeamten ausgeliefert. Es war dies das Bild Ihrer Gemahlin,
welches sie auf ihrer Reise in einem Posthause hatte liegen lassen,
ich nahm es mit, um es ihr einhndigen zu lassen, habe aber vergessen
es dem Boten abzunehmen, der es trug, als er mich durch den Cordon
brachte; denn meine Eile war gro, und ich triumphierte schon, da ich,
indem der Cordon Sie aussperrte, Ihnen gewi zuvorkommen wrde. Aber
wie war mir zu Mute, da ich mich mit Ihrer Frau, als einem zweiten
Wehmller, den ich auch nicht fr den echten erkannte, weil er von der
Malerei gar nichts verstand, eingesperrt sah. Bald ward ich aber von
der Khnheit und Schnheit Mitidikas, die es kein Hehl hatte, da sie
eine verkleidete Jungfer sei, so hingerissen, da ich gern auf meine
Braut und Wehmllerschaft resigniert und alles gleich eingestanden
htte, aber Ehrgeiz und die 25 Dukaten hielten mich zurck. Ihr
Erscheinen fuhr mir aber so durch alle Glieder, da ich die Besinnung
verlor; die fatale Laterne auf dem Magen und der angedrohte Theriak
haben mich gnzlich hergestellt, und nun bleibt mir nichts brig, als
Sie herzlich um Verzeihung zu bitten, mit dem Vorschlage: mich in Ihren
Unternehmungen zum Kompagnon zu machen. Sie knnen meine Arbeiten
untersuchen, und gehen Sie den Vorschlag ein, so glaube ich, da wir
einen solchen Vorrat von Nationalgesichtern anfertigen, da unser Glck
begrndet ist, wenn wir redlich teilen.

Das lt sich hren! sagte Wehmller. Die ganze Geschichte macht
mir jetzt Spa, und wenn ich meine Tonerl nicht so lieb htte, so
mchte ich, um es Ihnen wett zu machen, nach Klagenfurt reisen und Ihre
Fleischerstochter und die 25 Dukaten Ihnen wegschnappen, aber so geht
es nicht. Da umarmte er Tonerl herzlich und ward mit Froschauer eins:
da er ihm, wenn er seine Arbeiten untersucht, ein eigenhndiges Attest
schreiben wolle: da er ihn in allem sich gleich achte; gewnne er dann
seine Wette, so knne er sein Mdchen heiraten und sich mit ihm auf
gleichen Vorteil vereinigen. Ja, sagte Tonerl, da habe ich doch eine
Gesellschaft an Frau Froschauer, wenn Ihr herumzieht.

So ward der Friede gestiftet, und sie kamen auf dem Edelhof an.
Die Kammerjungfer und Lindpeindler standen unter der Tr und waren
in groem Erstaunen ber die drei Wehmller, noch mehr aber ber
Mitidika. Schnell liefen sie, der gndigen Frau und dem jungen Barone
die interessante Gesellschaft anzukndigen, und diese trat, von dem
Edelmanne gefhrt, in eine gerumige Weinlaube, wo die Hausfrau bald
mit einem guten Frhstck erschien, und alle die Abenteuer nochmals
berichtet werden muten. Der Tiroler und der Savoyarde stellten sich
auch ein, und der Edelmann bat alle, bei der Weinlese ihm behilflich zu
sein, was zugesagt wurde.

Am Abend, als noch viel ber die drei Wehmller gescherzt worden war,
wollte Devillier der Gesellschaft eine Geschichte erzhlen, die er
selbst erlebt, und bei welcher die Verwechselung zweier Personen noch
viel unterhaltender war -- als der Graf Giulowitsch und Lury, sein
Hofmeister, mit seinen Eleven bei dem Edelmanne zum Besuche kamen. Sie
freuten sich ungemein, den guten Wehmller zu finden und die Aufklrung
seines Abenteuers zu hren. Die Erzhlung Devilliers ward aufgeschoben,
aber nach dem Abendessen mute die schne Mitidika all ihren Schmuck,
den sie einst von Devillier empfing, anlegen; die Edeldame half ihr
selbst bei ihrer Toilette, denn Nanny, die Kammerjungfer, wurde
unplich. So geschmckt trat das braune Mdchen wie eine Zauberin vor
die Gesellschaft; der Tiroler breitete seine Teppiche aus, und das
reizende Geschpf tanzte, schlug das Tamburin und sang -- wozu Michaly
sie begleitete -- so ganz wunderbar hinreiend, da alles vor Erstaunen
versteinert war. Sie schlo ihren Tanz damit, da sie den Teppich
pltzlich erfate, sich schnell in ihn einpuppte und an die Erde
niederstreckte, wie damals in der Htte. Ein lebhaftes Beifallklatschen
rauschte durch den Saal. Devillier aber kniete vor ihr, weinte wie ein
Kind und wurde ausgelacht. So schied die Gesellschaft fr diesen Abend
auseinander. Die Erzhlung, welche Devillier versprochen, eine andere
des Tirolers und eine des Savoyarden unterhielten an den folgenden
Tagen, und ich werde sie mitteilen, wenn ich Lust dazu habe.




E. Th. A. Hoffmann:

Die Knigsbraut.


=Ernst Theodor Wilhelm= (durch einen Druckfehler in =Amadeus=
verwandelt) =Hoffmann= wurde am 24. Januar 1776 in Knigsberg geboren
und war im preuischen Justizdienst (zuletzt in Warschau) ttig, bis er
durch den Zusammenbruch des preuischen Staates 1806 brotlos wurde. Als
Musikdirektor half er sich durch, bis er 1816 wieder als Rat bei dem
Kgl. Kammergericht in Berlin angestellt werden konnte. Er starb am 24.
Juli 1822 an der Rckenmarksschwindsucht.

Seine Dichtungen sind fast alle von dem Humor durchzogen, mit dem er,
untersttzt durch seinen scharfen Verstand, den Menschen und Dingen
die lcherlichen Seiten absah. Aber wie er im Leben bei all seiner
beruflichen Tchtigkeit wild, ungebunden, ein Nachtschwrmer war -- so
spielt auch in seinen Werken das Abenteuerliche, das Phantastische,
das Unheimliche die grte Rolle. Grauenerregend ist die Schilderung
der Spukgestalten, die in so vielen seiner Schriften vorkommen. Dabei
ist Hoffmann kein Meister der Sprache, sein Ausdruck ist ungelenk; nur
ihre unnachahmliche Anschaulichkeit verleiht seinen Schilderungen eine
solche Lebendigkeit, da man glaubhaft versicherte, er htte sich vor
seinen eigenen Spukgestalten gefrchtet.

Die Knigsbraut ist viel freundlicher gehalten als die meisten
anderen Hoffmannschen Erzhlungen; das Dmonische spielt aber selbst in
die hier geschilderte Philisterwelt hinein.

    E. S.




Die Knigsbraut.

    Ein nach der Natur entworfenes Mrchen.
    (Aus den Serapionsbrdern).


Erstes Kapitel.

    In dem von verschiedenen Personen und ihren Verhltnissen Nachricht
    gegeben, und alles Erstaunliche und hchst Wunderbare, das die
    folgenden Kapitel enthalten sollen, vorbereitet wird auf angenehme
    Weise.

Es war ein gesegnetes Jahr. Auf den Feldern grnte und blhte gar
herrlich Korn und Weizen und Gerste und Hafer; die Bauerjungen gingen
in die Schoten, und das liebe Vieh in den Klee; die Bume hingen so
voller Kirschen, da das ganze Heer der Sperlinge, trotz dem besten
Willen, alles kahl zu picken, die Hlfte brig lassen mute zu
sonstiger Verspeisung. Alles schmauste sich satt tagtglich an der
groen, offnen Gasttafel der Natur. -- Vor allen Dingen stand aber in
dem Kchengarten des Herrn Dapsul von Zabelthau das Gemse so ber die
Maen schn, da es kein Wunder zu nennen, wenn Frulein nnchen vor
Freude darber ganz auer sich geriet. --

Ntig scheint es, gleich zu sagen, wer Beide waren, Herr Dapsul von
Zabelthau und Frulein nnchen.

Es ist mglich, da du, geliebter Leser, auf irgend einer Reise
begriffen, einmal in den schnen Grund kamst, den der freundliche
Main durchstrmt. Laue Morgenwinde hauchen ihren duftigen Atem hin
ber die Flur, die in dem Goldglanz schimmert der emporgestiegenen
Sonne. Du vermagst es nicht, auszuharren in dem engen Wagen, du
steigst aus und wandelst durch das Wldchen, hinter dem du erst, als
du hinabfuhrst in das Tal, ein kleines Dorf erblicktest. Pltzlich
kommt dir aber in diesem Wldchen ein langer, hagerer Mann entgegen,
dessen seltsamer Aufzug dich festbannt. Er trgt einen kleinen grauen
Filzhut, aufgestlpt auf eine pechschwarze Percke, eine durchaus graue
Kleidung, Rock, Weste und Hose, graue Strmpfe und Schuhe, ja selbst
der sehr hohe Stock ist grau lackiert. So kommt der Mann mit weit
ausgespreizten Schritten auf dich los, und indem er dich mit groen,
tief liegenden Augen anstarrt, scheint er dich doch gar nicht zu
bemerken. Guten Morgen, mein Herr! rufst du ihm entgegen, als er dich
beinahe umrennt. Da fhrt er zusammen, als wrde er pltzlich geweckt
aus tiefem Traum, rckt dann sein Mtzchen und spricht mit hohler,
weinerlicher Stimme: Guten Morgen? O mein Herr! wie froh knnen wir
sein, da wir einen guten Morgen haben -- die armen Bewohner von
Santa Cruz -- soeben zwei Erdste, und nun giet der Regen in Strmen
herab! -- Du weit, geliebter Leser, nicht recht, was du dem seltsamen
Manne antworten sollst, aber indem du darber sinnest, hat er schon
mit einem: Mit Verlaub, mein Herr! deine Stirn sanft berhrt und in
deinen Handteller geguckt. Der Himmel segne Sie, mein Herr, Sie haben
eine gute Konstellation, spricht er nun ebenso hohl und weinerlich
als zuvor und schreitet weiter fort. -- Dieser absonderliche Mann war
eben niemand anders als der Herr Dapsul von Zabelthau, dessen einziges
ererbtes rmliches Besitztum das kleine Dorf Dapsulheim ist, das in
der anmutigsten, lachendsten Gegend vor dir liegt und in das du soeben
eintrittst. Du willst frhstcken, aber in der Schenke sieht es traurig
aus. In der Kirchweih ist aller Vorrat aufgezehrt, und da du dich
nicht mit bloer Milch begngen willst, so weiset man dich nach dem
Herrenhause, wo das gndige Frulein Anna dir gastfreundlich darbieten
werde, was eben vorrtig. Du nimmst keinen Anstand, dich dorthin zu
begeben. -- Von diesem Herrenhause ist nun eben nichts mehr zu sagen,
als da es wirklich Fenster und Tren hat, wie weiland das Schlo des
Herrn Baron von Tondertonktonk in Westfalen. Doch prangt ber der
Haustr das mit neuseelndischer Kunst in Holz geschnittene Wappen
der Familie von Zabelthau. Ein seltsames Ansehen gewinnt aber dieses
Haus dadurch, da seine Nordseite sich an die Ringmauer einer alten
verfallenen Burg lehnt, so da die Hintertre die ehemalige Burgpforte
ist, durch die man unmittelbar in den Burghof tritt, in dessen Mitte
der hohe, runde Wachtturm noch ganz unversehrt dasteht. Aus jener
Haustr mit dem Familienwappen tritt dir ein junges, rotwangiges
Mdchen entgegen, die mit ihren klaren blauen Augen und blondem Haar
ganz hbsch zu nennen, und deren Bau vielleicht nur ein wenig zu
rundlich derb geraten. Die Freundlichkeit selbst, ntigt sie dich ins
Haus, und bald, sowie sie nur dein Bedrfnis merkt, bewirtet sie dich
mit der trefflichsten Milch, einem tchtigen Butterbrot und dann mit
rohem Schinken, der dir in Bayonne bereitet scheint, und einem Glschen
aus Runkelrben gezogenen Branntweins. Dabei spricht das Mdchen,
die nun eben keine andere ist als das Frulein Anna von Zabelthau,
ganz munter und frei von allem, was die Landwirtschaft betrifft, und
zeigt dabei gar keine unebenen Kenntnisse. Doch pltzlich erschallt
wie aus den Lften eine starke, frchterliche Stimme: Anna -- Anna!
Anna! -- Du erschrickst, aber Frulein Anna spricht ganz freundlich:
Papa ist zurckgekommen von seinem Spaziergange und ruft aus seiner
Studierstube nach dem Frhstck! -- Ruft -- aus seiner Studierstube?
frgst du erstaunt. Ja, erwidert Frulein Anna oder Frulein nnchen,
wie sie die Leute nennen, ja, Papas Studierstube ist dort oben auf
dem Turm, und er ruft durch das Rohr! -- Und du siehst, geliebter
Leser! wie nun nnchen des Turmes enge Pforte ffnet und mit demselben
Gabelfrhstck, wie du es soeben genossen, nmlich mit einer tchtigen
Portion Schinken und Brot nebst dem Runkelrbengeist hinaufspringt.
Ebensoschnell ist sie aber wieder bei dir, und dich durch den schnen
Kchengarten geleitend, spricht sie so viel von bunter Plmage,
Rapuntika, englischem Turneps, kleinem Grnkopf, Montrue, groem Mogul,
gelbem Prinzenkopf und so fort, da du in das grte Erstaunen geraten
mut, zumal, wenn du nicht weit, da mit jenen vornehmen Namen nichts
anderes gemeint ist als Kohl und Salat. --

Ich meine, da der kurze Besuch, den du, geliebter Leser, in Dapsulheim
abgestattet, hinreichen wird, dich die Verhltnisse des Hauses, von
dem allerlei seltsames, kaum glaubliches Zeug ich dir zu erzhlen im
Begriff stehe, ganz erraten zu lassen. Der Herr Dapsul von Zabelthau
war in seiner Jugend nicht viel aus dem Schlosse seiner Eltern
gekommen, die ansehnliche Gter besaen. Sein Hofmeister, ein alter
wunderlicher Mann, nhrte nchstdem, da er ihn in fremden, vorzglich
orientalischen Sprachen unterrichtete, seinen Hang zur Mystik, oder
vielmehr besser gesagt, zur Geheimniskrmerei. Der Hofmeister starb
und hinterlie dem jungen Dapsul eine ganze Bibliothek der geheimen
Wissenschaften, in die er sich vertiefte. Die Eltern starben auch,
und nun begab sich der junge Dapsul auf weite Reisen, und zwar, wie
es der Hofmeister ihm in die Seele gelegt, nach gypten und Indien.
Als er endlich nach vielen Jahren zurckkehrte, hatte ein Vetter
unterdessen sein Vermgen mit so groem Eifer verwaltet, da ihm
nichts brig geblieben, als das kleine Drfchen Dapsulheim. Herr
Dapsul von Zabelthau strebte zu sehr nach dem sonnegebornen Golde
einer hheren Welt, als da er sich htte aus irdischem viel machen
sollen; er dankte vielmehr dem Vetter mit gerhrtem Herzen dafr,
da er ihm das freundliche Dapsulheim erhalten mit dem schnen,
hohen Wartturm, der zu astrologischen Operationen erbaut schien,
und in dessen hchster Hhe Herr Dapsul von Zabelthau auch sofort
sein Studierzimmer einrichten lie. Der sorgsame Vetter bewies nun
auch, da Herr Dapsul von Zabelthau heiraten msse. Dapsul sah die
Notwendigkeit ein und heiratete sofort das Frulein, das der Vetter
fr ihn erwhlt. Die Frau kam ebensoschnell ins Haus, als sie es
wieder verlie. Sie starb, nachdem sie ihm eine Tochter geboren.
Der Vetter besorgte Hochzeit, Taufe und Begrbnis, so da Dapsul auf
seinem Turm von alle dem nicht sonderlich viel merkte, zumal die Zeit
ber gerade ein sehr merkwrdiger Schwanzstern am Himmel stand, in
dessen Konstellation sich der melancholische, immer Unheil ahnende
Dapsul verflochten glaubte. Das Tchterlein entwickelte unter der Zucht
einer alten Grotante, zu deren groer Freude, einen entschiedenen
Hang zur Landwirtschaft. Frulein nnchen mute, wie man zu sagen
pflegt, von der Pike an dienen. Erst als Gnsemdchen, dann als Magd,
Gromagd, Haushlterin, bis zur Hauswirtin herauf, so da die Theorie
erlutert und festgestellt wurde durch eine wohlttige Praxis. Sie
liebte Gnse und Enten, und Hhner und Tauben, Rindvieh und Schafe ganz
ungemein; ja selbst die zarte Zucht wohlgestalteter Schweinlein war ihr
keineswegs gleichgltig, wiewohl sie nicht wie einmal ein Frulein in
irgend einem Lande ein kleines weies Ferkelchen mit Band und Schelle
versehen und erkieset hatte zum Schotierchen. ber alles und auch weit
ber den Obstbau ging ihr aber der Gemsegarten. Durch der Grotante
landwirtschaftliche Gelehrsamkeit hatte Frulein nnchen, wie der
geneigte Leser in dem Gesprch mit ihr bemerkt haben wird, in der Tat
ganz hbsche theoretische Kenntnisse vom Gemsebau erhalten; beim
Umgraben des Ackers, beim Einstreuen des Samens, Einlegung der Pflanzen
stand Frulein nnchen nicht allein der ganzen Arbeit vor, sondern
leistete auch selbst ttige Hilfe. Frulein nnchen fhrte einen
tchtigen Spaten, das mute ihr der hmische Neid lassen. Whrend nun
Herr Dapsul von Zabelthau sich in seine astrologischen Beobachtungen
und in andere mystische Dinge vertiefte, fhrte Frulein nnchen, da
die alte Grotante gestorben, die Wirtschaft auf das beste, so da,
wenn Dapsul dem Himmlischen nachtrachtete, nnchen mit Flei und
Geschick das Irdische besorgte.

Wie gesagt, kein Wunder war es zu nennen, wenn nnchen vor Freude ber
den diesjhrigen, ganz vorzglichen Flor des Kchengartens beinahe
auer sich geriet. An ppiger Flle des Wachstums bertraf aber
alles andere ein Mohrrbenfeld, das eine ganz ungewhnliche Ausbeute
versprach.

Ei, meine schnen, lieben Mohrrben! so rief Frulein nnchen ein
Mal ber das andere, klatschte in die Hnde, sprang, tanzte umher,
geberdete sich wie ein zum heiligen Christ reich beschenktes Kind.
Es war auch wirklich, als wenn die Mhrenkinder sich in der Erde
ber nnchens Lust mitfreuten, denn das feine Gelchter, das sich
vernehmen lie, stieg offenbar aus dem Acker empor. nnchen achtete
nicht sonderlich darauf, sondern sprang dem Knecht entgegen, der,
einen Brief hoch emporhaltend, ihr zurief: An Sie, Frulein nnchen,
Gottlieb hat ihn mitgebracht aus der Stadt. nnchen erkannte gleich
an der Aufschrift, da der Brief von niemandem anders war als von
dem jungen Herrn Amandus von Nebelstern, dem einzigen Sohn eines
benachbarten Gutsbesitzers, der sich auf der Universitt befand.
Amandus hatte sich, als er noch auf dem Dorfe des Vaters hauste und
tglich hinberlief nach Dapsulheim, berzeugt, da er in seinem ganzen
Leben keine andere lieben knne als Frulein nnchen. Ebenso wute
Frulein nnchen ganz genau, da es ihr ganz unmglich sein werde,
jemals einem andern als dem braunlockigten Amandus auch nur was weniges
gut zu sein. Beide, nnchen und Amandus, waren daher bereingekommen,
sich je eher desto lieber zu heiraten und das glcklichste Ehepaar
zu werden auf der ganzen weiten Erde. -- Amandus war sonst ein
heiterer, unbefangner Jngling; auf der Universitt geriet er aber
Gott wei wem in die Hnde, der ihm nicht nur einbildete, er sei ein
ungeheures poetisches Genie, sondern ihn auch verleitete, sich auf
die berschwenglichkeit zu legen. Das gelang ihm auch so gut, da er
sich in kurzer Zeit hinweggeschwungen hatte ber alles, was schnde
Prosaiker Verstand und Vernunft nennen, und noch dazu irriger Weise
behaupten, da beides mit der regsten Phantasie sehr wohl bestehen
knne. -- Also von dem jungen Herrn Amandus von Nebelstern war der
Brief, den Frulein nnchen voller Freude ffnete und also las:

    Himmlische Maid!

  Siehest du -- empfindest du -- ahnest du deinen Amandus -- wie er
  selbst Blum' und Blte vom Orangenblthauch des duftigen Abends
  umflossen, im Grase auf dem Rcken liegt und hinaufschaut mit Augen
  voll frommer Liebe und sehnender Andacht! -- Thymian und Lavendel,
  Rosen und Nelken, wie auch gelbugigte Narzissen und schamhafte
  Veilchen flicht er zum Kranz. Und die Blumen sind Liebesgedanken,
  Gedanken an dich, o Anna! -- Doch geziemt begeisterten Lippen die
  nchterne Prose? -- Hr', o hre, wie ich nur sonettisch zu lieben,
  von meiner Liebe zu sprechen vermag.

        Flammt Liebe auf in tausend durst'gen Sonnen,
          Buhlt Lust um Lust im Herzen ach so gerne,
          Hinab aus dunklem Himmel strahlen Sterne
          Und spiegeln sich im Liebestrnenbronnen.

        Entzcken, ach! zermalmen starke Wonnen
          Die se Frucht, entsprossen bittrem Kerne,
          Und Sehnsucht winkt aus violetter Ferne,
          In Liebesschmerz mein Wesen ist zerronnen.

        In Feuerwellen tost die strm'sche Brandung,
          Dem khnen Schwimmer will es keck gemuten,
          Im jhen, mchtgen Sturz hinabzupurzeln.

        Es blht die Hyacinth' der nahen Landung;
          Das treue Herz keimt auf, will es verbluten,
          Und Herzensblut ist selbst die schnst' der Wurzeln!

  Mchte, o Anna, dich, wenn du dieses Sonett aller Sonette liesest,
  all' das himmlische Entzcken durchstrmen, in das mein ganzes Wesen
  sich auflste, als ich es niederschrieb und es nachher mit gttlicher
  Begeisterung vorlas gleichgestimmten, des Lebens Hchstes ahnenden
  Gemtern. Denke, o denke, seste Maid, an deinen getreuen, hchst
  entzckten Amandus von Nebelstern.

  N.S. Vergi nicht, o hohe Jungfrau, wenn du mir antwortest, einige
  Pfund von dem virginischen Tabak beizupacken, den du selbst ziehest.
  Er brennt gut und schmeckt besser als der Portoriko, den hier die
  Bursche dampfen, wenn sie kneipen gehn. --

Frulein Anna drckte den Brief an die Lippen und sprach dann: Ach wie
lieb, wie schn! -- Und die allerliebsten Verschen, alles so hbsch
gereimt. Ach wenn ich nur so klug wre, alles zu verstehen, aber das
kann wohl nur ein Student. -- Was das nur zu bedeuten haben mag mit den
Wurzeln. Ach gewi meint er die langen roten englischen Karotten, oder
am Ende gar die Rapuntika, der liebe Mensch!

Noch denselben Tag lie es sich Frulein nnchen angelegen sein, den
Tabak einzupacken und dem Schulmeister zwlf der schnsten Gnsefedern
einzuhndigen, damit er sie sorglich schneide. Frulein nnchen wollte
sich noch heute hinsetzen, um die Antwort auf den kstlichen Brief zu
beginnen. -- brigens lachte es dem Frulein nnchen, als sie aus dem
Kchengarten lief, wieder sehr vernehmlich nach, und wre nnchen nur
was weniges achtsam gewesen, sie htte durchaus das feine Stimmchen
hren mssen, welches rief: Zieh' mich heraus, zieh' mich heraus --
ich bin reif -- reif -- reif! Aber wie gesagt, sie achtete nicht
darauf. --


Zweites Kapitel.

    Welches das erste wunderbare Ereignis und andere lesenswerte Dinge
    enthlt, ohne die das versprochene Mrchen nicht bestehen kann.

Der Herr Dapsul von Zabelthau stieg gewhnlich mittags hinab von seinem
astronomischen Turm, um mit der Tochter ein frugales Mahl einzunehmen,
das sehr kurz zu dauern und wobei es sehr still herzugehen pflegte, da
Dapsul das Sprechen gar nicht liebte. nnchen fiel ihm auch gar nicht
mit vielem Reden beschwerlich, und das um so weniger, da sie wohl
wute, da, kam der Papa wirklich zum Sprechen, er allerlei seltsames,
unverstndliches Zeug vorbrachte, wovon ihr der Kopf schwindelte. Heute
war ihr ganzer Sinn aber so aufgeregt durch den Flor des Kchengartens
und durch den Brief des geliebten Amandus, da sie von beiden
durcheinander sprach ohne Aufhren. Messer und Gabel lie endlich Herr
Dapsul von Zabelthau fallen, hielt sich beide Ohren zu und rief: O des
leeren, wsten, verwirrten Geschwtzes! Als nun aber Frulein nnchen
ganz erschrocken schwieg, sprach er mit dem gedehnten weinerlichen
Tone, der ihm eigen: Was das Gemse betrifft, meine liebe Tochter,
so wei ich lngst, da die diesjhrige Zusammenwirkung der Gestirne
solchen Frchten besonders gnstig ist, und der irdische Mensch wird
Kohl und Radiese und Kopfsalat genieen, damit der Erdstoff sich mehre
und er das Feuer des Weltgeistes aushalte wie ein gut gekneteter Topf.
Das gnomische Prinzip wird widerstehen dem ankmpfenden Salamander,
und ich freue mich darauf, Pastinak zu essen, den du vorzglich
bereitest. Anlangend den jungen Herrn Amandus von Nebelstern, so habe
ich nicht das mindeste dagegen, da du ihn heiratest, sobald er von der
Universitt zurckgekehret. La es mir nur durch Gottlieb hinaufsagen,
wenn du zur Trauung gehest mit deinem Brutigam, damit ich euch
geleite nach der Kirche. -- Herr Dapsul schwieg einige Augenblicke
und fuhr dann, ohne nnchen, deren Gesicht vor Freude glhte ber und
ber, anzublicken, lchelnd und mit der Gabel an sein Glas schlagend
-- beides pflegte er stets zu verbinden, es kam aber gar selten vor
-- also fort: Dein Amandus ist einer, der da soll und mu, ich meine
ein Gerundium, und ich will es dir nur gestehen, mein liebes nnchen,
da ich diesem Gerundio schon sehr frh das Horoskop gestellt habe.
Die Konstellationen sind sonst alle ziemlich gnstig. Er hat den
Jupiter im aufsteigenden Knoten, den die Venus im Gesechstschein
ansiehet. Nur schneidet die Bahn des Sirius durch, und gerade auf dem
Durchschneidungspunkt steht eine groe Gefahr, aus der er seine Braut
rettet. Die Gefahr selbst ist unergrndlich, da ein fremdartiges Wesen
dazwischen tritt, das jeder astrologischen Wissenschaft Trotz zu bieten
scheint. Gewi ist es brigens, da nur der absonderliche psychische
Zustand, den die Menschen Narrheit oder Verrcktheit zu nennen pflegen,
dem Amandus jene Rettung mglich machen wird. O meine Tochter (hier
fiel Herr Dapsul wieder in seinen gewhnlichen weinerlichen Ton), o
meine Tochter, da doch keine unheimliche Macht, die sich hmisch
verbirgt vor meinen Seheraugen, dir pltzlich in den Weg treten, da
der junge Herr Amandus von Nebelstern doch nicht ntig haben mge, dich
aus einer andern Gefahr zu retten als aus der, eine alte Jungfer zu
werden! -- Dapsul seufzte einigemal hintereinander tief auf, dann fuhr
er fort: Pltzlich bricht aber nach dieser Gefahr die Bahn des Sirius
ab, und Venus und Jupiter, sonst getrennt, treten vershnt wieder
zusammen. --

So viel als heute sprach der Herr Dapsul von Zabelthau schon seit
Jahren nicht. Ganz erschpft stand er auf und bestieg wieder seinen
Turm.

nnchen wurde andern Tages ganz frhe mit der Antwort an den Herrn von
Nebelstern fertig. Sie lautete also:

    Mein herzlieber Amandus!

  Du glaubst gar nicht, was dein Brief mir wieder Freude gemacht
  hat. Ich habe dem Papa davon gesagt, und der hat mir versprochen,
  uns in die Kirche zur Trauung zu geleiten. Mache nur, da du
  bald zurckkehrst von der Universitt. Ach, wenn ich nur deine
  allerliebsten Verschen, die sich so hbsch reimen, ganz verstnde!
  -- Wenn ich sie so mir selbst laut vorlese, dann klingt mir alles so
  wunderbar, und ich glaube dabei, da ich alles verstehe, und dann ist
  alles wieder aus, und verstoben und verflogen, und mich dnkt's, als
  htt' ich blo Worte gelesen, die gar nicht zusammen gehrten. Der
  Schulmeister meint, das msse so sein, das sei eben die neue vornehme
  Sprache, aber ich -- ach! -- ich bin ein dummes, einfltiges Ding! --
  Schreibe mir doch, ob ich nicht vielleicht Student werden kann auf
  einige Zeit, ohne meine Wirtschaft zu vernachlssigen? Das wird wohl
  nicht gehen? Nun, sind wir nur erst Mann und Frau, da kriege ich wohl
  was ab von deiner Gelehrsamkeit und von der neuen vornehmen Sprache.
  Den virginischen Tabak schicke ich dir, mein herziges Amandchen.
  Ich habe meine Hutschachtel ganz voll gestopft, soviel hineingehen
  wollte, und den neuen Strohhut derweile Karl dem Groen aufgesetzt,
  der in unserer Gaststube steht, wiewohl ohne Fe, denn es ist, wie
  du weit, nur ein Brustbild. -- Lache mich nicht aus, Amandchen,
  ich habe auch Verschen gemacht, und sie reimen sich gut. Schreib
  mir doch, wie das kommt, da man so gut wei, was sich reimt, ohne
  gelehrt zu sein. Nun hre einmal:

    Ich lieb' dich, bist du mir auch ferne,
    Und wre gern recht bald deine Frau.
    Der heitre Himmel ist ganz blau,
    Und abends sind golden alle Sterne.
    Drum mut du mich stets lieben
    Und mich auch niemals betrben.
    Ich schick' dir den virginischen Tabak
    Und wnsche, da er dir recht wohl schmecken mag.

  Nimm vorlieb mit dem guten Willen; wenn ich die vornehme Sprache
  verstehen werde, will ich's schon besser machen. -- Der gelbe
  Steinkopf ist dieses Jahr ber alle Maen schn geraten, und die
  Kruppbohnen lassen sich herrlich an, aber mein Dachshndchen, den
  kleinen Feldmann, hat gestern der groe Gnsericht garstig ins Bein
  gebissen. Nun -- es kann nicht alles vollkommen sein auf dieser Welt
  -- hundert Ksse in Gedanken, mein liebster Amandus, deine treueste
  Braut, Anna von Zabelthau.

  N.S. Ich habe in gar groer Eil' geschrieben, deswegen sind die
  Buchstaben hin und wieder etwas krumm geraten.

  N.S. Du mut mir das aber bei Leibe nicht bel nehmen, ich bin
  dennoch, schreibe ich auch etwas krumm, geraden Sinnes, und stets
  deine getreue Anna. --

  N.S. Der Tausend, das htte ich doch bald vergessen, ich vergeliches
  Ding. Der Papa lt dich schnstens gren und dir sagen, du seist
  einer, der da soll und mu, und wrdest mich einst aus einer groen
  Gefahr retten. Nun, darauf freue ich mich recht und bin nochmals
  deine dich liebendste, allergetreueste Anna von Zabelthau. --

Dem Frulein nnchen war eine schwere Last entnommen, als sie diesen
Brief fertig hatte, der ihr nicht wenig sauer geworden. Ganz leicht
und froh wurde ihr aber zu Mute, als sie auch das Couvert zu stande
gebracht, es gesiegelt, ohne das Papier oder die Finger zu verbrennen,
und den Brief nebst der Tabaksschachtel, auf die sie ein ziemlich
deutliches M. v. N. gepinselt, dem Gottlieb eingehndigt, um beides
nach der Stadt auf die Post zu tragen. -- Nachdem das Federvieh auf
dem Hofe gehrig besorgt, lief Frulein nnchen geschwind nach ihrem
Lieblingsplatz, dem Kchengarten. Als sie nach dem Mohrrbenacker
kam, dachte sie daran, da es nun offenbar an der Zeit sei, fr
die Leckermuler in der Stadt zu sorgen und die ersten Mohrrben
auszuziehen. Die Magd wurde herbeigerufen, um bei der Arbeit zu
helfen. Frulein nnchen schritt behutsam bis in die Mitte des Ackers,
fate einen stattlichen Krautbusch. Doch sowie sie zog, lie sich ein
seltsamer Ton vernehmen. -- Man denke ja nicht an die Alraunwurzel und
an das entsetzliche Gewinsel und Geheul, das, wenn man sie herauszieht
aus der Erde, das menschliche Herz durchschneidet. Nein, der Ton, der
aus der Erde zu kommen schien, glich einem feinen, freudigen Lachen.
Doch aber lie Frulein nnchen den Krautbusch wieder fahren und rief
etwas erschreckt: I! -- wer lacht denn da mich aus? Als sich aber
weiter nichts vernehmen lie, fate sie noch einmal den Krautbusch,
der hher und stattlicher emporgeschossen schien als alle anderen,
und zog beherzt, das Gelchter, das sich wieder hren lie, gar nicht
achtend, die schnste, die zarteste der Mohrrben aus der Erde. Doch
sowie Frulein nnchen die Mohrrbe betrachtete, schrie sie laut auf
vor freudigem Schreck, so da die Magd herbeisprang und ebenso wie
Frulein nnchen laut aufschrie ber das hbsche Wunder, das sie
gewahrte. Fest der Mohrrbe aufgestreift sa nmlich ein herrlicher
goldner Ring mit einem feuerfunkelnden Topas. Ei, rief die Magd, der
ist fr Sie bestimmt, Frulein nnchen, das ist der Hochzeitsring, den
mssen Sie nur gleich anstecken! -- Was sprichst du fr dummes Zeug,
erwiderte Frulein nnchen, den Trauring, den mu ich ja von dem Herrn
Amandus von Nebelstern empfangen, aber nicht von einer Mohrrbe! --
Je lnger Frulein nnchen den Ring betrachtete, desto mehr gefiel er
ihr. Der Ring war aber auch wirklich von so feiner zierlicher Arbeit,
da er alles zu bertreffen schien, was jemals menschliche Kunst zu
stande gebracht. Den Reif bildeten hundert und hundert winzig kleine
Figrchen in den mannigfaltigsten Gruppen verschlungen, die man auf den
ersten Blick kaum mit dem bloen Auge zu unterscheiden vermochte, die
aber, sahe man den Ring lnger und schrfer an, ordentlich zu wachsen,
lebendig zu werden, in anmutigen Reihen zu tanzen schienen. Dann aber
war das Feuer des Edelsteins von solch ganz besonderer Art, da selbst
unter den Topasen im grnen Gewlbe zu Dresden schwerlich ein solcher
aufgefunden werden mchte. Wer wei, sprach die Magd, wie lange der
schne Ring tief in der Erde gelegen haben mag, und da ist er denn
heraufgespatelt worden, und die Mohrrbe ist durchgewachsen. Frulein
nnchen zog nun den Ring von der Mohrrbe ab, und seltsam genug war es,
da diese ihr zwischen den Fingern durchglitschte und in dem Erdboden
verschwand. Beide, die Magd und Frulein nnchen, achteten aber nicht
sonderlich darauf, sie waren zu sehr versunken in den Anblick des
prchtigen Ringes, den Frulein nnchen nun ohne weiteres ansteckte
an den kleinen Finger der rechten Hand. Sowie sie dies tat, empfand
sie von der Grundwurzel des Fingers bis in die Spitze hinein einen
stechenden Schmerz, der aber in demselben Augenblick wieder nachlie,
als sie ihn fhlte.

Natrlicherweise erzhlte sie mittags dem Herrn von Zabelthau, was ihr
Seltsames auf dem Mohrrbenfelde begegnet, und zeigte ihm den schnen
Ring, den die Mohrrbe aufgesteckt gehabt. Sie wollte den Ring, damit
ihn der Papa besser betrachten knne, vom Finger herabziehen. Aber
einen stechenden Schmerz empfand sie wie damals, als sie den Ring
aufsteckte, und dieser Schmerz hielt an, solange sie am Ringe zog, bis
er zuletzt so unertrglich wurde, da sie davon abstehen mute. Herr
Dapsul betrachtete den Ring an nnchens Finger mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit, lie nnchen mit dem ausgestreckten Finger allerlei
Kreise nach allen Weltgegenden beschreiben, versank dann in tiefes
Nachdenken und bestieg, ohne nur ein einziges Wort weiter zu sprechen,
den Turm. Frulein nnchen vernahm, wie der Papa im Hinaufsteigen
betrchtlich seufzte und sthnte.

Andern Morgens, als Frulein nnchen sich gerade auf dem Hofe mit dem
groen Hahn herumjagte, der allerlei Unfug trieb und hauptschlich
mit den Tubern krakeelte, weinte der Herr Dapsul von Zabelthau so
erschrecklich durch das Sprachrohr herab, da nnchen ganz bewegt
wurde und durch die hohle Hand hinauf rief: Warum heulen Sie denn so
unbarmherzig, bester Papa, das Federvieh wird ja ganz wild! -- Da
schrie der Herr Dapsul durch das Sprachrohr herab: Anna, meine Tochter
Anna, steige sogleich zu mir herauf. Frulein nnchen verwunderte
sich hchlich ber dieses Gebot, denn noch nie hatte sie der Papa auf
den Turm beschieden, vielmehr dessen Pforte sorgfltig verschlossen
gehalten. Es berfiel sie ordentlich eine gewisse Bangigkeit, als sie
die schmale Wendeltreppe hinaufstieg und die schwere Tr ffnete, die
in das einzige Gemach des Turmes fhrte. Herr Dapsul von Zabelthau
sa, von allerlei wunderlichen Instrumenten und bestaubten Bchern
umgeben, auf einem groen Lehnstuhl von seltsamer Form. Vor ihm stand
ein Gestell, das ein in einen Rahmen gespanntes Papier trug, auf dem
verschiedene Linien gezeichnet. Er hatte eine hohe, spitze, graue Mtze
auf dem Kopfe, trug einen weiten Mantel von grauem Kalmank und hatte
einen langen weien Bart am Kinn, so da er wirklich aussah wie ein
Zauberer. Eben wegen des falschen Bartes kannte Frulein nnchen den
Papa anfangs gar nicht und blickte ngstlich umher, ob er etwa in einer
Ecke des Gemaches vorhanden; nachher, als sie aber gewahrte, da der
Mann mit dem Barte wirklich Papachen sei, lachte Frulein nnchen recht
herzlich und fragte: ob's denn schon Weihnachten sei, und ob Papachen
den Knecht Ruprecht spielen wolle?

Ohne auf nnchens Rede zu achten, nahm Herr Dapsul von Zabelthau ein
kleines Eisen zur Hand, berhrte damit nnchens Stirne und bestrich
dann einigemal ihren rechten Arm von der Achsel bis in die Spitze des
kleinen Ringefingers herab. Hierauf mute sie sich auf den Lehnstuhl
setzen, den Herr Dapsul verlassen, und den kleinen beringten Finger
auf das in den Rahmen gespannte Papier in der Art stellen, da der
Topas den Zentralpunkt, in den alle Linien zusammenliefen, berhrte.
Alsbald schossen aus dem Edelstein gelbe Strahlen rings umher, bis das
ganze Papier dunkelgelb gefrbt war. Nun knisterten die Linien auf und
nieder, und es war, als sprngen die kleinen Mnnlein aus des Ringes
Reif lustig umher auf dem ganzen Blatt. Der Herr Dapsul, den Blick von
dem Papier nicht wegwendend, hatte indessen eine dnne Metallplatte
ergriffen, hielt sie mit beiden Hnden hoch in die Hhe und wollte sie
niederdrcken auf das Papier; doch in demselben Augenblick glitschte
er auf dem glatten Steinboden aus und fiel sehr unsanft auf den
Hintern, whrend die Metallplatte, die er instinktmig losgelassen,
um womglich den Fall zu brechen und das Steibein zu konservieren,
klirrend zur Erde fiel. Frulein nnchen erwachte mit einem leisen Ach!
aus dem seltsamen trumerischen Zustande, in den sie versunken. Herr
Dapsul richtete sich mhsam in die Hhe, setzte den grauen Zuckerhut
wieder auf, der ihm entfallen, brachte den falschen Bart in Ordnung und
setzte sich dem Frulein nnchen gegenber auf einige Folianten, die
bereinander getrmt. Meine Tochter, sprach er dann, meine Tochter
Anna, wie war dir so eben zu Mute? was dachtest, was empfandest du?
welche Gestaltungen erblicktest du mit den Augen des Geistes in deinem
Innern? --

Ach, erwiderte Frulein nnchen, mir war so wohl zu Mute, so wohl,
wie mir noch niemals gewesen. Dann dachte ich an den Herrn Amandus
von Nebelstern. Ich sah ihn ordentlich vor Augen, aber er war noch
viel hbscher als sonst und rauchte eine Pfeife von den virginischen
Blttern, die ich ihm geschickt, welches ihm ungemein wohl stand. Dann
bekam ich pltzlich einen ungemeinen Appetit nach jungen Mohrrben und
Bratwrstlein, und war ganz entzckt, als das Gericht vor mir stand.
Eben wollte ich zulangen, als ich wie mit einem jhen, schmerzhaften
Ruck aus dem Traum erwachte.

-- Amandus von Nebelstern -- virginischer Kanaster -- Mohrrben --
Bratwrste! -- So sprach Herr Dapsul von Zabelthau sehr nachdenklich
und winkte der Tochter, die sich entfernen wollte, zu bleiben.

Glckliches, unbefangenes Kind, begann er dann mit einem Ton, der
noch viel weinerlicher war als sonst jemals, da du nicht eingeweiht
bist in die tiefen Mysterien des Weltalls, die bedrohlichen Gefahren
nicht kennst, die dich umgeben. Du weit nichts von jener berirdischen
Wissenschaft der heiligen Kabbala. Zwar wirst du auch deshalb niemals
der himmlischen Lust der Weisen teilhaftig werden, die, zur hchsten
Stufe gelangt, weder essen noch trinken drfen als nur zur Lust, und
denen niemals Menschliches begegnet; du stehst aber auch dafr nicht
die Angst des Ersteigens jener Stufe aus, wie dein unglcklicher Vater,
den noch viel zu sehr menschlicher Schwindel anwandelt, und dem das,
was er mhsam erforscht, nur Grauen und Entsetzen erregt, und der noch
immer aus purem irdischem Bedrfnis essen und trinken und -- berhaupt
Menschliches tun mu. -- Erfahre, mein holdes, mit Unwissenheit
beglcktes Kind, da die tiefe Erde, die Luft, das Wasser, das Feuer
erfllt ist mit geistigen Wesen hherer und doch wieder beschrnkterer
Natur als die Menschen. Es scheint unntig, dir, mein Dmmchen,
die besondere Natur der Gnomen, Salamander, Sylphen und Undinen
zu erklren, du wrdest es nicht fassen knnen. Um dir die Gefahr
anzudeuten, in der du vielleicht schwebst, ist es genug, dir zu sagen,
da diese Geister nach der Verbindung mit den Menschen trachten; und da
sie wohl wissen, da die Menschen in der Regel solch eine Verbindung
sehr scheuen, so bedienen sich die erwhnten Geister allerlei lustiger
Mittel, um den Menschen, dem sie ihre Gunst geschenkt, zu verlocken.
Bald ist es ein Zweig, eine Blume, ein Glas Wasser, ein Feuerstahl oder
sonst etwas ganz geringfgig Scheinendes, was sie zum Mittel brauchen,
um ihren Zweck zu erreichen. Richtig ist es, da eine solche Verbindung
oft sehr ersprielich ausschlgt, wie denn einst zwei Priester, von
denen der Frst von Mirandola erzhlt, vierzig Jahre hindurch mit
einem solchen Geist in der glcklichsten Ehe lebten. Richtig ist es
ferner, da die grten Weisen einer solchen Verbindung eines Menschen
mit einem Elementargeist entsprossen. So war der groe Zoroaster ein
Sohn des Salamanders Oromasis, so waren der groe Appollonius, der
weise Merlin, der tapfre Graf von Cleve, der groe Kabbalist Bensyra
herrliche Frchte solcher Ehen, und auch die schne Melusine war nach
dem Ausspruch des Parazelsus nichts anders als eine Sylphide. Doch
demunerachtet ist die Gefahr einer solchen Verbindung nur zu gro,
denn abgesehen davon, da die Elementargeister von dem, dem sie ihre
Gunst geschenkt, verlangen, da ihm das hellste Licht der profundesten
Weisheit aufgehe, so sind sie auch uerst empfindlich, und rchen
jede Beleidigung sehr schwer. So geschah es einmal, da eine Sylphide,
die mit einem Philosophen verbunden, als er mit seinen Freunden von
einem schnen Frauenzimmer sprach, und sich vielleicht dabei zu sehr
erhitzte, sofort in der Luft ihr schneeweies, schn geformtes Bein
sehen lie, gleichsam um die Freunde von ihrer Schnheit zu berzeugen,
und dann den armen Philosophen auf der Stelle ttete. Doch ach --
was spreche ich von anderen? warum spreche ich nicht von mir selbst?
-- Ich wei, da schon seit zwlf Jahren mich eine Sylphide liebt,
aber ist sie scheu und schchtern, so qult mich der Gedanke an die
Gefahr, durch kabbalistische Mittel sie zu fesseln, da ich noch immer
viel zu sehr an irdischen Bedrfnissen hnge, und daher der gehrigen
Weisheit ermangle. Jeden Morgen nehme ich mir vor zu fasten, lasse
auch das Frhstck glcklich vorbergehen, aber wenn dann der Mittag
kommt -- o Anna, meine Tochter Anna -- du weit es ja -- ich fresse
erschrecklich! -- Diese letzten Worte sprach der Herr Dapsul von
Zabelthau mit beinahe heulendem Ton, indem ihm die bittersten Trnen
ber die hagern, eingefallenen Backen liefen; dann fuhr er beruhigter
fort: Doch bemhe ich mich gegen den mir gewogenen Elementargeist
des feinsten Betragens, der ausgesuchtesten Galanterie. Niemals
wage ich es, eine Pfeife Tabak ohne die gehrigen kabbalistischen
Vorsichtsmaregeln zu rauchen, denn ich wei ja nicht, ob mein zarter
Luftgeist die Sorte liebet und nicht empfindlich werden knnte ber
die Verunreinigung seines Elements, weshalb denn auch alle diejenigen,
die Jagdkanaster rauchen, oder Es blhe Sachsen, niemals weise und
der Liebe einer Sylphide teilhaftig werden knnen. Ebenso verfahre
ich, wenn ich mir einen Haselstock schneide, eine Blume pflcke, eine
Frucht esse oder Feuer anschlage, da all mein Trachten dahin geht, es
durchaus mit keinem Elementargeist zu verderben. Und doch -- siehst du
wohl jene Nuschale, ber die ich ausglitschte und rcklings umstlpend
das ganze Experiment verdarb, das mir das Geheimnis des Ringes ganz
erschlossen haben wrde? Ich erinnere mich nicht, jemals in diesem nur
der Wissenschaft geweihten Gemach (du weit nun, weshalb ich auf der
Treppe frhstcke) Nsse genossen zu haben, und um so klarer ist es,
da in diesen Schalen ein kleiner Gnome versteckt war, vielleicht um
bei mir zu hospitieren und meinen Experimenten zuzulauschen. Denn die
Elementargeister lieben die menschlichen Wissenschaften, vorzglich
solche, die das uneingeweihte Volk wo nicht albern und aberwitzig,
so doch die Kraft des menschlichen Geistes bersteigend, und eben
deshalb gefhrlich nennt. Deshalb finden sie sich auch hufig ein bei
den gttlichen magnetischen Operationen. Vorzglich sind es aber die
Gnomen, die ihre Fopperei nicht lassen knnen und dem Magnetiseur,
der noch nicht zu der Stufe der Weisheit gelangt ist, die ich erst
beschrieben, und zu sehr hngt an irdischem Bedrfnis, ein verliebtes
Erdenkind unterschieben in dem Augenblick, da er glaubte, in vllig
reiner, abgeklrter Lust eine Sylphide zu umarmen. -- Als ich nun dem
kleinen Studenten auf den Kopf trat, wurde er bse und warf mich um.
Aber einen tiefern Grund hatte wohl der Gnome, mir die Entzifferung
des Geheimnisses mit dem Ringe zu verderben. -- Anna! -- meine Tochter
Anna! -- vernimm es -- herausgebracht hatte ich, da ein Gnome dir
seine Gunst zugewandt, der, nach der Beschaffenheit des Ringes zu
urteilen, ein reicher, vornehmer, und dabei vorzglich fein gebildeter
Mann sein mu. Aber, meine teure Anna, mein vielgeliebtes, herziges
Dmmchen, wie willst du es anfangen, dich ohne die entsetzlichste
Gefahr mit einem solchen Elementargeist in irgend eine Verbindung
einzulassen? Httest du den Cassiodorus Remus gelesen, so knntest du
mir zwar entgegnen, da nach dessen wahrhaftigem Bericht die berhmte
Magdalena de la Croix, btissin eines Klosters zu Cordua in Spanien,
dreiig Jahre mit einem kleinen Gnomen in vergngter Ehe lebte, da
ein gleiches sich mit einem Sylphen und der jungen Gertrud, die Nonne
war im Kloster Nazareth bei Kln, zutrug; aber denke an die gelehrten
Beschftigungen jener geistlichen Damen und an die deinigen. Welch
ein Unterschied! Statt in weisen Bchern zu lesen, ftterst du sehr
oft Hhner, Gnse, Enten und andere jeden Kabbalisten molestierende
Tiere; statt den Himmel, den Lauf der Gestirne zu beobachten, grbst
du in der Erde; statt in knstlichen horoskopischen Entwrfen die Spur
der Zukunft zu verfolgen, stampfest du Milch zu Butter und machest
Sauerkraut ein zu schndem winterlichem Bedrfnis, wiewohl ich selbst
dergleichen Speisung ungern vermisse. Sage! kann das alles einem
feinfhlenden philosophischen Elementargeist auf die Lnge gefallen? --
Denn, o Anna! durch dich blht Dapsulheim, und diesem irdischen Beruf
mag und kann dein Geist sich nimmer entziehen. Und doch empfandest
du ber den Ring, selbst da er dir jhen, bsen Schmerz erregte,
eine ausgelassene, unbesonnene Freude! -- Zu deinem Heil wollt' ich
durch jene Operation die Kraft des Ringes brechen, dich ganz von dem
Gnomen befreien, der dir nachstellt. Sie milang durch die Tcke des
kleinen Studenten in der Nuschale. Und doch! -- mir kommt ein Mut,
den Elementargeist zu bekmpfen, wie ich ihn noch nie gesprt! -- Du
bist mein Kind -- das ich zwar nicht mit einer Sylphide, Salamandrin
oder sonst einem Elementargeist erzeugt, sondern mit jenem armen
Landfrulein aus der besten Familie, die die gottvergessenen Nachbarn
mit dem Spottnamen Ziegenfrulein verhhnten, ihrer idyllischen
Natur halber, die sie vermochte, jeden Tages eine kleine Herde weier,
schmucker Ziegen selbst zu weiden auf grnen Hgeln, wozu ich, damals
ein verliebter Narr, auf meinem Turm die Schalmei blies. -- Doch du
bist und bleibst mein Kind, mein Blut! -- Ich rette dich; hier diese
mystische Feile soll dich befreien von dem verderblichen Ringe!

Damit nahm Herr Dapsul von Zabelthau eine kleine Feile zur Hand und
begann an dem Ringe zu feilen. Kaum hatte er aber einigemal hin und her
gestrichen, als Frulein nnchen vor Schmerz laut aufschrie: Papa --
Papa, Sie feilen mir ja den Finger ab! So rief sie, und wirklich quoll
dunkles dickes Blut unter dem Ringe hervor. Da lie Herr Dapsul die
Feile aus der Hand fallen, sank halb ohnmchtig in den Lehnstuhl und
rief in aller Verzweiflung: O! -- o! -- o! -- es ist um mich geschehn!
Vielleicht noch in dieser Stunde kommt der erzrnte Gnome und beit mir
die Kehle ab, wenn mich die Sylphide nicht rettet. -- O Anna -- Anna!
-- geh -- flieh! --

Frulein nnchen, die sich bei des Papas wunderlichen Reden schon
lngst weit weg gewnscht hatte, sprang hinab mit der Schnelle des
Windes. --


Drittes Kapitel.

    Es wird von der Ankunft eines merkwrdigen Mannes in Dapsulheim
    berichtet und erzhlt, was sich dann ferner begeben. --

Der Herr Dapsul von Zabelthau hatte eben seine Tochter unter vielen
Trnen umarmt und wollte den Turm besteigen, wo er jeden Augenblick
den bedrohlichen Besuch des erzrnten Gnomen befrchtete. Da lie sich
heller, lustiger Hrnerklang vernehmen, und hinein in den Hof sprengte
ein kleiner Reiter von ziemlich sonderbarem, possierlichem Ansehen. Das
gelbe Pferd war gar nicht gro und von feinem zierlichen Bau, deshalb
nahm sich auch der Kleine trotz seines unfrmlich dicken Kopfs gar
nicht so zwergartig aus, sondern ragte hoch genug ber den Kopf des
Pferdes empor. Das war aber blo dem langen Leibe zuzuschreiben, denn
was an Beinen und Fen ber den Sattel hing, war so wenig, da es
kaum zu rechnen. brigens trug der Kleine einen sehr angenehmen Habit
von goldgelbem Atlas, eine ebensolche hohe Mtze mit einem tchtigen
grasgrnen Federbusch und Reitstiefel von schn poliertem Mahagoniholz.
Mit einem durchdringenden Prrrrrr! hielt der Reiter dicht vor dem Herrn
von Zabelthau. Er schien absteigen zu wollen, pltzlich fuhr er aber
mit der Schnelligkeit des Blitzes unter dem Bauch des Pferdes hinweg,
schleuderte sich auf der andern Seite zwei-, dreimal hintereinander
zwlf Ellen hoch in die Lfte, so da er sich auf jeder Elle sechsmal
berschlug, bis er mit dem Kopf auf dem Sattelknopf zu stehen kam. So
galoppierte er, indem die Fchen in den Lften Trochen, Pyrrhichien,
Daktylen u. s. w. spielten, vorwrts, rckwrts, seitwrts in allerlei
wunderlichen Wendungen und Krmmungen. Als der zierliche Gymnastiker
und Reitknstler endlich still stand und hflich grte, erblickte man
auf dem Boden des Hofes die Worte: Sein Sie mir schnstens gegrt
samt Ihrem Frulein Tochter, mein hochverehrtester Herr Dapsul von
Zabelthau! Er hatte diese Worte mit schnen rmischen Unzialbuchstaben
in das Erdreich geritten. Hierauf sprang der Kleine vom Pferde, schlug
dreimal Rad und sagte dann, da er ein schnes Kompliment auszurichten
habe an den Herrn Dapsul von Zabelthau von seinem gndigen Herrn, dem
Herrn Baron von Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz, und
wenn es dem Herrn Dapsul von Zabelthau nicht unangenehm wre, so wolle
der Herr Baron auf einige Tage freundlich bei ihm einsprechen, da er
knftig sein nchster Nachbar zu werden hoffe. --

Herr Dapsul von Zabelthau glich mehr einem Toten als einem Lebendigen,
so bleich und starr stand er da an seine Tochter gelehnt. Kaum war ein
Wird -- mir -- sehr erfreulich sein mhsam seinen bebenden Lippen
entflohen, als der kleine Reiter sich mit denselben Zeremonieen, wie er
gekommen, blitzschnell entfernte. --

Ach, meine Tochter, rief nun Herr Dapsul von Zabelthau heulend und
schluchzend, ach, meine Tochter, meine arme unglckselige Tochter, es
ist nur zu gewi, es ist der Gnome, welcher kommt, dich zu entfhren
und mir den Hals umzudrehen! -- Doch wir wollen den letzten Mut
aufbieten, den wir etwa noch besitzen mchten! Vielleicht ist es
mglich, den erzrnten Elementargeist zu vershnen, wir mssen uns
nur so schicklich gegen ihn benehmen, als es irgend in unserer Macht
steht. -- Sogleich werde ich dir, mein teures Kind, einige Kapitel aus
dem Laktanz oder aus dem Thomas Aquinas vorlesen ber den Umgang mit
Elementargeistern, damit du keinen garstigen Schnitzer machst. -- Noch
ehe aber der Herr Dapsul von Zabelthau den Laktanz, den Thomas Aquinas
oder einen andern elementarischen Knigge herbeischaffen konnte, hrte
man schon ganz in der Nhe eine Musik erschallen, die beinahe der zu
vergleichen, die hinlnglich musikalische Kinder zum lieben Weihnachten
aufzufhren pflegen. Ein schner, langer Zug kam die Strae herauf.
Voran ritten wohl an sechzig, siebzig kleine Reiter auf kleinen gelben
Pferden, smtlich gekleidet wie der Abgesandte in gelben Habiten,
spitzen Mtzen und Stiefeln von poliertem Mahagoni. Ihnen folgte eine
mit acht gelben Pferden bespannte Kutsche von dem reinsten Kristall,
der noch ungefhr vierzig andere minder prchtige, teils mit sechs,
teils mit vier Pferden bespannte Kutschen folgten. Noch eine Menge
Pagen, Lufer und andere Diener schwrmten nebenher auf und nieder, in
glnzenden Kleidern angetan, so da das Ganze einen ebenso lustigen als
seltsamen Anblick gewhrte. Herr Dapsul von Zabelthau blieb versunken
in trbes Staunen. Frulein nnchen, die bisher nicht geahnt, da es
auf der ganzen Erde solch niedliche schmucke Dinge geben knne als
diese Pferdchen und Leutchen, geriet ganz auer sich und verga alles,
sogar den Mund, den sie zum freudigen Ausruf weit genug geffnet,
wieder zuzumachen. --

Die achtspnnige Kutsche hielt dicht vor dem Herrn Dapsul von
Zabelthau. Reiter sprangen von den Pferden, Pagen, Diener eilten
herbei, der Kutschenschlag wurde geffnet, und wer nun aus den Armen
der Dienerschaft herausschwebte aus der Kutsche, war niemand anders als
der Herr Baron Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz. -- Was
seinen Wuchs betraf, so war der Herr Baron bei weitem nicht dem Apollo
von Belvedere, ja nicht einmal dem sterbenden Fechter zu vergleichen.
Denn auerdem, da er keine volle drei Fu ma, so bestand auch der
dritte Teil dieses kleinen Krpers aus dem offenbar zu groen, dicken
Kopfe, dem brigens eine tchtige, lang gebogene Nase sowie ein Paar
groe, kugelrund hervorquellende Augen keine ble Zierde waren. Da der
Leib auch etwas lang, so blieben fr die Fchen nur etwa vier Zoll
brig. Dieser kleine Spielraum war aber gut genutzt, denn an und fr
sich selbst waren die freiherrlichen Fchen die zierlichsten, die man
nur sehen konnte. Freilich schienen sie aber zu schwach, das wrdige
Haupt zu tragen; der Baron hatte einen schwankenden Gang, stlpte auch
wohl manchmal um, stand aber gleich wieder wie ein Stehaufmnnchen
auf den Fen, so da jenes Umstlpen mehr der angenehme Schnrkel
eines Tanzes schien. Der Baron trug einen enge anschlieenden Habit
von gleiendem Goldstoff und ein Mtzchen, das beinahe einer Krone zu
vergleichen, mit einem ungeheuren Busch von vielen krautgrnen Federn.
Sowie der Baron nun auf der Erde stand, strzte er auf den Herrn Dapsul
von Zabelthau los, fate ihn bei beiden Hnden, schwang sich empor bis
an seinen Hals, hing sich an diesen, und rief mit einer Stimme, die
viel strker drhnte, als man es htte der kleinen Statur zutrauen
sollen: O mein Dapsul von Zabelthau -- mein teurer, innigst geliebter
Vater! Darauf schwang der Baron sich ebenso behende und geschickt
wieder herab von des Herrn von Dapsuls Halse, sprang oder schleuderte
sich vielmehr auf Frulein nnchen los, fate die Hand mit dem
beringten Finger, bedeckte sie mit laut schmatzenden Kssen, und rief
ebenso drhnend als zuvor: O mein allerschnstes Frulein Anna von
Zabelthau, meine geliebteste Braut! Darauf klatschte der Baron in die
Hndchen, und alsbald ging die gellende, lrmende Kindermusik los, und
ber hundert kleine Herrlein, die den Kutschen und Pferden entstiegen,
tanzten wie erst der Kurier zum Teil auf den Kpfen, dann wieder auf
den Fen, in den zierlichsten Trochen, Sponden, Jamben, Pyrrhichien,
Anapsten, Tribrachen, Bachien, Antibachien, Choriamben und Daktylen,
da es eine Lust war. Whrend dieser Lust erholte sich aber Frulein
nnchen von dem groen Schreck, den ihr des kleinen Barons Anrede
verursacht, und geriet in allerlei wohlgegrndete konomische Bedenken.
Wie, dachte sie, ist es mglich, da das kleine Volk Platz hat in
diesem kleinen Hause? -- Wre es auch mit der Not entschuldigt, wenn
ich wenigstens die Dienerschaft in die groe Scheune bettete, htten
sie auch da wohl Platz? Und was fange ich mit den Edelleuten an, die in
den Kutschen gekommen und gewi gewohnt sind, in schnen Zimmern sanft
und weich gebettet zu schlafen? -- Sollten auch die beiden Ackerpferde
heraus aus dem Stall, ja wre ich unbarmherzig genug, auch den alten
lahmen Fuchs herauszujagen ins Gras, ist dennoch wohl Platz genug
fr alle diese kleinen Bestien von Pferden, die der hliche Baron
mitgebracht? Und ebenso geht es ja mit den einundvierzig Kutschen!
-- Aber nun noch das rgste! -- Ach du lieber Gott, reicht denn der
ganze Jahresvorrat wohl hin, all diese kleinen Kreaturen auch nur
zwei Tage hindurch zu sttigen? Dies letzte Bedenken war nun wohl
das allerschlimmste. Frulein nnchen sah schon alles aufgezehrt,
alles neue Gemse, die Hammelherde, das Federvieh, das eingesalzene
Fleisch, ja selbst den Runkelrbenspiritus, und das trieb ihr die
hellen Trnen in die Augen. Es kam ihr vor, als schnitte ihr eben der
Baron Corduanspitz ein rechtes freches, schadenfrohes Gesicht, und das
gab ihr den Mut, ihm, als seine Leute noch im besten Tanzen begriffen
waren, in drren Worten zu erklren, da, so lieb dem Vater auch sein
Besuch sein mge, an einen lngern als zweistndigen Aufenthalt in
Dapsulheim doch gar nicht zu denken, da es an Raum und allen brigen
Dingen, die zur Aufnahme und zur standesmigen Bewirtung eines solchen
vornehmen, reichen Herrn nebst seiner zahlreichen Dienerschaft ntig,
gnzlich mangle. Da sah aber der kleine Corduanspitz pltzlich so
ungemein s und zart aus wie ein Marzipanbrtchen und versicherte,
indem er mit zugedrckten Augen Frulein nnchens etwas rauhe und
nicht zu weie Hand an die Lippen drckte, da er weit entfernt sei,
dem lieben Papa und der schnsten Tochter auch nur die mindeste
Ungelegenheit zu verursachen. Er fhre alles mit sich, was Kche und
Keller zu leisten habe; was aber die Wohnung betreffe, so verlange er
nichts als ein Stckchen Erde und den freien Himmel darber, damit
seine Leute den gewhnlichen Reisepalast bauen knnten, in dem er
mitsamt seiner ganzen Dienerschaft, und was derselben noch an Vieh
anhngig, hausen werde.

ber diese Worte des Baron Porphyrio von Ockerodastes wurde Frulein
nnchen so vergngt, da sie, um zu zeigen, es kme ihr auch eben
nicht darauf an, ihre Leckerbissen Preis zu geben, im Begriff stand,
dem Kleinen Krapfkuchen, den sie von der letzten Kirchweih aufgehoben,
und ein Glschen Runkelrbengeist anzubieten, wenn er nicht doppelten
Bitter vorziehe, den die Gromagd aus der Stadt mitgebracht und als
magenstrkend empfohlen. Doch in dem Augenblick setzte Corduanspitz
hinzu, da er zum Aufbau des Palastes den Gemsegarten erkoren, und hin
war nnchens Freude! -- Whrend aber die Dienerschaft, um des Herrn
Ankunft auf Dapsulheim zu feiern, ihre olympischen Spiele fortsetzte,
indem sie bald mit den dicken Kpfen sich in die spitzen Buche rannten
und rckwrts berschlugen, bald sich in die Lfte schleuderten, bald
unter sich kegelten, selbst Kegel, Kugel und Kegler vorstellend u. s.
w., vertiefte sich der kleine Baron Porphyrio von Ockerodastes mit
dem Herrn Dapsul von Zabelthau in ein Gesprch, das immer wichtiger
zu werden schien, bis beide Hand in Hand sich fortbegaben und den
astronomischen Turm bestiegen.

Voller Angst und Schreck lief nun Frulein nnchen eiligst nach dem
Gemsegarten, um zu retten, was noch zu retten mglich. Die Gromagd
stand schon auf dem Felde und starrte mit offnem Munde vor sich her,
regungslos, als sei sie verwandelt in eine Salzsule wie Loths Weib.
Frulein nnchen neben ihr erstarrte gleichermaen. Endlich schrieen
aber beide, da es weit in den Lften umherschallte: Ach mein Herr
Jemine, was ist denn das fr ein Unglck! -- Den ganzen, schnen
Gemsegarten fanden sie verwandelt in eine Wstenei. Da grnte kein
Kraut, blhte keine Staude; es schien ein des, verwstetes Feld.
Nein, schrie die Magd ganz erbost, es ist nicht anders mglich, das
haben die verfluchten kleinen Kreaturen getan, die soeben angekommen
sind -- in Kutschen sind sie gefahren? Wollen wohl vornehme Leute
vorstellen? -- Ha ha! -- Kobolde sind es, glauben Sie mir, Frulein
nnchen, nichts als unchristliche Hexenkerls, und htt' ich nur ein
Stckchen Kreuzwurzel bei der Hand, so sollten sie ihre Wunder sehen.
-- Doch sie sollen nur kommen, die kleinen Bestien, mit diesem Spaten
schlage ich sie tot! Damit schwang die Gromagd ihre bedrohliche Waffe
hoch in den Lften, indem Frulein nnchen laut weinte.

Es nahten sich indessen jetzt vier Herren aus Corduanspitzes Gefolge
mit solchen angenehmen, zierlichen Mienen und hflichen Verbeugungen,
sahen auch dabei so hchst wunderbar aus, da die Gromagd, statt, wie
sie gewollt, gleich zuzuschlagen, den Spaten langsam sinken lie, und
Frulein nnchen einhielt mit Weinen.

Die Herren kndigten sich als die den Herrn Baron Porphyrio von
Ockerodastes, genannt Corduanspitz, zunchst umgebenden Freunde an,
waren, wie es auch ihre Kleidung wenigstens symbolisch andeutete, von
vier verschiedenen Nationen, und nannten sich: Pan Kapustowicz aus
Polen, Herr von Schwarzrettig aus Pommern, Signor di Broccoli aus
Italien, Monsieur de Roccambolle aus Frankreich. Sie versicherten in
sehr wohlklingenden Redensarten, da sogleich die Bauleute kommen und
dem allerschnsten Frulein das hohe Vergngen bereiten wrden, in
mglichster Schnelle einen hbschen Palast aus lauter Seide aufbauen zu
sehen.

Was kann mir der Palast aus Seide helfen, rief Frulein nnchen
laut weinend im tiefsten Schmerz, was geht mich berhaupt euer Baron
Corduanspitz an, da ihr mich um alles schne Gemse gebracht habt, ihr
schlechten Leute, und alle meine Freude dahin ist. Die hflichen Leute
trsteten aber Frulein nnchen und versicherten, da sie durchaus gar
nicht Schuld wren an der Verwstung des Gemsegartens, da derselbe im
Gegenteil bald wieder in einem solchen Flor grnen und blhen werde,
wie ihn Frulein nnchen noch niemals und berhaupt noch keinen in der
Welt gesehen.

Die kleinen Bauleute kamen wirklich, und nun ging ein solches tolles,
wirres Durcheinandertreiben auf dem Acker los, da Frulein nnchen
sowohl als die Gromagd ganz erschrocken davon rannten bis an die Ecke
eines Busches, wo sie stehen blieben und zuschauen wollten, wie sich
dann alles begeben wrde.

Ohne da sie aber auch nur im mindesten begriffen, wie das mit rechten
Dingen zugehen konnte, formte sich vor ihren Augen in wenigen Minuten
ein hohes prchtiges Gezelt aus goldgelbem Stoff mit bunten Krnzen
und Federn geschmckt, das den ganzen Raum des groen Gemsegartens
einnahm, so da die Zeltschnre ber das Dorf weg bis in den
nahgelegenen Wald gingen und dort an starken Bumen befestigt waren.

Kaum war das Gezelt fertig, als der Baron Porphyrio von Ockerodastes
mit dem Herrn Dapsul von Zabelthau hinabkam von dem astronomischen
Turm, nach mehreren Umarmungen in die achtspnnige Kutsche stieg,
und nebst seinem Gefolge in derselben Ordnung wie er nach Dapsulheim
gekommen, hineinzog in den seidenen Palast, der sich hinter dem letzten
Mann zuschlo.

Nie hatte Frulein nnchen den Papa so gesehen. Auch die leiseste Spur
der Betrbnis, von der er sonst stets heimgesucht, war weggetilgt
von seinem Antlitz; es war beinahe, als wenn er lchelte, und dabei
hatte sein Blick in der Tat etwas Verklrtes, das denn wohl auf ein
groes Glck zu deuten pflegt, das jemandem ganz unvermutet ber
den Hals gekommen. -- Schweigend nahm Herr Dapsul von Zabelthau
Frulein nnchens Hand, fhrte sie hinein in das Haus, umarmte sie
dreimal hintereinander und brach dann endlich los: Glckliche Anna
-- berglckliches Kind! -- glcklicher Vater! -- O Tochter, alle
Besorgnis, aller Gram, alles Herzeleid ist nun vorber! -- Dich trifft
ein Los, wie es nicht so leicht einer Sterblichen vergnnt ist!
Wisse, dieser Baron Porphyrio von Ockerodastes, genannt Corduanspitz,
ist keinesweges ein feindseliger Gnome, wiewohl er von einem dieser
Elementargeister abstammt, dem es aber gelang, seine hhere Natur
durch den Unterricht des Salamanders Oromasis zu reinigen. Aus dem
geluterten Feuer ging aber die Liebe zu einer Sterblichen hervor,
mit der er sich verband und Ahnherr der illstersten Familie wurde,
durch deren Namen jemals ein Pergament geziert wurde. -- Ich glaube
dir, geliebte Tochter Anna, schon gesagt zu haben, da der Schler
des groen Salamanders Oromasis, der edle Gnome Tsilmenech -- ein
chaldischer Name, der in echtem reinen Deutsch so viel heit als
Grtzkopf -- sich in die berhmte Magdalena de la Croix, btissin eines
Klosters zu Cordua in Spanien, verliebte, und wohl an die dreiig Jahre
mit ihr in einer glcklichen, vergngten Ehe lebte. Ein Sprling
der sublimen Familie hherer Naturen, die aus dieser Verbindung sich
fortpflanzte, ist nun der liebe Baron Porphyrio von Ockerodastes, der
den Zunamen Corduanspitz angenommen, zur Bezeichnung seiner Abstammung
aus Cordua in Spanien, und um sich von einer mehr stolzen, im Grunde
aber weniger wrdigen Seitenlinie zu unterscheiden, die den Beinamen
Saffian trgt. Da dem Corduan ein Spitz zugesetzt worden, mu seine
besonderen elementarisch-astrologischen Ursachen haben; ich dachte noch
nicht darber nach. Dem Beispiel seines groen Ahnherrn folgend, des
Gnomen Tsilmenech, der die Magdalena de la Croix auch schon seit ihrem
zwlften Jahre liebte, hat dir auch der vortreffliche Ockerodastes
seine Liebe zugewandt, als du erst zwlf Jahre zhltest. Er war so
glcklich, von dir einen kleinen goldnen Fingerreif zu erhalten, und
nun hast du auch seinen Ring angesteckt, so da du unwiderruflich
seine Braut geworden. -- Wie, rief Frulein nnchen voll Schreck
und Bestrzung, wie? -- seine Braut? -- den abscheulichen kleinen
Kobold soll ich heiraten? Bin ich denn nicht lngst die Braut des Herrn
Amandus von Nebelstern? -- Nein! -- nimmermehr nehme ich den hlichen
Hexenmeister zum Mann, und mag er tausendmal aus Corduan sein oder aus
Saffian! -- Da, erwiderte Herr Dapsul von Zabelthau ernster werdend,
da sehe ich denn zu meinem Leidwesen, wie wenig die himmlische
Weisheit deinen verstockten irdischen Sinn zu durchdringen vermag!
Hlich, abscheulich nennst du den edlen elementarischen Porphyrio von
Ockerodastes, vielleicht weil er nur drei Fu hoch ist, und auer dem
Kopf an Leib, Arm und Bein und anderen Nebensachen nichts Erkleckliches
mit sich trgt, statt da ein solcher irdischer Geck, wie du ihn dir
wohl denken magst, die Beine nicht lang genug haben kann der Rocksche
wegen? O meine Tochter, in welchem heillosen Zustande bist du befangen!
-- Alle Schnheit liegt in der Weisheit, alle Weisheit in dem Gedanken,
und das physische Symbol des Gedankens ist der Kopf! -- Je mehr
Kopf, desto mehr Schnheit und Weisheit, und knnte der Mensch alle
brigen Glieder als schdliche Luxusartikel, die vom bel, wegwerfen,
er stnde da als hchstes Ideal! Woraus entsteht alle Beschwerde,
alles Ungemach, alle Zwietracht, aller Hader, kurz alles Verderben des
Irdischen, als aus der verdammten ppigkeit der Glieder? -- O welcher
Friede, welche Ruhe, welche Seligkeit auf Erden, wenn die Menschheit
existierte ohne Leib, Stei, Arm und Bein! -- wenn sie aus lauter
Bsten bestnde! -- Glcklich ist daher der Gedanke der Knstler, wenn
sie groe Staatsmnner oder groe Gelehrte als Bste darstellen, um
symbolisch die hhere Natur anzudeuten, die ihnen inwohnen mu vermge
ihrer Charge oder ihrer Bcher! -- Also! meine Tochter Anna, nichts
von Hlichkeit, Abscheulichkeit oder sonstigem Tadel des edelsten der
Geister, des herrlichen Porphyrio von Ockerodastes, dessen Braut du
bist und bleibst! -- Wisse, da durch ihn auch dein Vater in kurzem die
hchste Stufe des Glcks, dem er so lange vergebens nachgetrachtet,
ersteigen wird. Porphyrio von Ockerodastes ist davon unterrichtet, da
mich die Sylphide Nehahilah (syrisch, so viel als Spitznase) liebt, und
will mir mit allen Krften beistehen, da ich der Verbindung mit dieser
hheren geistigen Natur ganz wrdig werde. -- Du wirst, mein liebes
Kind, mit deiner knftigen Stiefmutter wohl zufrieden sein. -- Mge ein
gnstiges Verhngnis es so fgen, da unsere beiden Hochzeiten zu einer
und derselben glcklichen Stunde gefeiert werden knnten! -- Damit
verlie der Herr Dapsul von Zabelthau, indem er der Tochter noch einen
bedeutenden Blick zugeworfen, pathetisch das Zimmer. --

Dem Frulein nnchen fiel es schwer aufs Herz, als sie sich erinnerte,
da ihr wirklich vor langer Zeit, da sie noch ein Kind, ein kleiner
Goldreif vom Finger abhanden gekommen auf unbegreifliche Weise. Nun war
es ihr gewi, da der kleine abscheuliche Hexenmeister sie wirklich in
sein Garn verlockt, so da sie kaum mehr entrinnen knne, und darber
geriet sie in die alleruerste Betrbnis. Sie mute ihrem gepreten
Herzen Luft machen, und das geschah mittels eines Gnsekiels, den
sie ergriff und flugs an den Herrn Amandus von Nebelstern schrieb in
folgender Weise:

    Mein herzliebster Amandus!

  Es ist alles rein aus, ich bin die unglcklichste Person auf der
  ganzen Erde und schluchze und heule vor lauter Betrbnis so sehr,
  da das liebe Vieh sogar Mitleid und Erbarmen mit mir hat, viel mehr
  wirst du davon gerhrt werden; eigentlich geht das Unglck auch dich
  ebensogut an als mich, und du wirst dich ebenso betrben mssen!
  Du weit doch, da wir uns so herzlich lieben, als nur irgend ein
  Liebespaar sich lieben kann, und da ich deine Braut bin, und da
  uns der Papa zur Kirche geleiten wollte? -- Nun! da kommt pltzlich
  ein kleiner garstiger gelber Mensch in einer achtspnnigen Kutsche,
  von vielen Herrn und Dienern begleitet, angezogen und behauptet, ich
  htte mit ihm Ringe gewechselt und wir wren Braut und Brutigam!
  -- Und denke einmal, wie schrecklich! der Papa sagt auch, da ich
  den kleinen Unhold heiraten msse, weil er aus einer sehr vornehmen
  Familie sei. Das mag sein, nach dem Gefolge zu urteilen und den
  glnzenden Kleidern, die sie tragen, aber einen solchen greulichen
  Namen hat der Mensch, da ich schon deshalb niemals seine Frau
  werden mag. Ich kann die unchristlichen Wrter, aus denen der Name
  besteht, gar nicht einmal nachsprechen. brigens heit er aber auch
  Corduanspitz, und das ist eben der Familienname. Schreib' mir doch,
  ob die Corduanspitze wirklich so erlaucht und vornehm sind, man wird
  das wohl in der Stadt wissen. Ich kann gar nicht begreifen, was dem
  Papa einfllt in seinen alten Tagen, er will auch noch heiraten,
  und der hliche Corduanspitz soll ihn verkuppeln an eine Frau, die
  in den Lften schwebt. -- Gott schtze uns! -- Die Gromagd zuckt
  die Achseln und meint, von solchen gndigen Frauen, die in der
  Luft flgen und auf dem Wasser schwmmen, halte sie nicht viel, sie
  wrde gleich aus dem Dienst gehen und wnsche meinetwegen, da die
  Stiefmama womglich den Hals brechen mge bei dem ersten Luftritt zu
  St. Walpurgis. -- Das sind schne Dinge! -- Aber auf dich steht meine
  ganze Hoffnung! -- Ich wei ja, da du derjenige bist, der da soll
  und mu, und mich retten wirst aus groer Gefahr. Die Gefahr ist da,
  komm, eile, rette

    deine bis in den Tod betrbte, aber getreueste Braut
    Anna von Zabelthau.

  N.S. knntest du den kleinen gelben Corduanspitz nicht herausfordern?
  Du wirst gewi gewinnen, denn er ist etwas schwach auf den Beinen.

  N.S. Ich bitte dich nochmals, ziehe dich nur gleich an und eile zu
  deiner unglckseligsten, so wie oben, aber getreuesten Braut Anna von
  Zabelthau.


Viertes Kapitel.

    In welchem die Hofhaltung eines mchtigen Knigs beschrieben,
    nchstdem aber von einem blutigen Zweikampf und andern seltsamen
    Vorfllen Nachricht gegeben wird.

Frulein nnchen fhlte sich vor lauter Betrbnis wie gelhmt an allen
Gliedern. Am Fenster sa sie mit bereinander geschlagenen Armen und
starrte hinaus, ohne des Gackerns, Krhens, Mauzens und Piepens des
Federviehs zu achten, das, da es zu dmmern begann, wie gewhnlich von
ihr zur Ruhe gebracht werden wollte. Ja, sie lie es mit der grten
Gleichgltigkeit geschehen, da die Magd dies Geschft besorgte und
dem Haushahn, der sich in die Ordnung der Dinge nicht fgen, ja sich
gegen die Stellvertreterin auflehnen wollte, mit der Peitsche einen
ziemlich derben Schlag versetzte. Der eigne Liebesschmerz, der ihre
Brust zerri, raubte ihr alles Gefhl fr das Leid des liebsten
Zglings ihrer sesten Stunden, die sie der Erziehung gewidmet, ohne
den Chesterfield oder den Knigge zu lesen, ja ohne die Frau von Genlis
oder andere seelenkennerische Damen zu Rate zu ziehen, die auf ein Haar
wissen, wie junge Gemter in die rechte Form zu kneten. -- Man htte
ihr das als Leichtsinn anrechnen knnen. --

Den ganzen Tag hatte sich Corduanspitz nicht sehen lassen, sondern war
bei dem Herrn Dapsul von Zabelthau auf dem Turm geblieben, wo sehr
wahrscheinlich wichtige Operationen vorgenommen sein muten. Jetzt
aber bemerkte Frulein nnchen den Kleinen, wie er im glhenden Schein
der Abendsonne ber den Hof wankte. Er kam ihr in seinem hochgelben
Habit garstiger vor als jemals, und die possierliche Art, wie er
hin und her hpfte, jeden Augenblick umzustlpen schien, sich wieder
empor schleuderte, worber ein anderer sich krank gelacht haben
wrde, verursachte ihr nur noch mehr Gram. Ja sie hielt endlich beide
Hnde vors Gesicht, um den widerwrtigen Popanz nur nicht ferner
zu schauen. Da fhlte sie pltzlich, da jemand sie an der Schrze
zupfe. Kusch, Feldmann! rief sie, meinend, es sei der Hund, der
sie zupfe. Es war aber nicht der Hund, vielmehr erblickte Frulein
nnchen, als sie die Hnde vom Gesicht nahm, den Herrn Baron Porphyrio
von Ockerodastes, der sich mit einer beispiellosen Behendigkeit auf
ihren Scho schwang und sie mit beiden Armen umklammerte. Vor Schreck
und Abscheu schrie Frulein nnchen laut auf und fuhr von dem Stuhl
in die Hhe. Corduanspitz blieb aber an ihrem Halse hngen und wurde
in dem Augenblick so frchterlich schwer, da er mit einem Gewicht
von wenigstens zwanzig Zentnern das arme nnchen pfeilschnell wieder
herabzog auf den Stuhl, wo sie gesessen. Jetzt rutschte Corduanspitz
aber auch sogleich herab von nnchens Scho, lie sich so zierlich und
manierlich, als es bei einigem Mangel an Gleichgewicht nur in seinen
Krften stand, nieder auf sein rechtes kleines Knie und sprach dann mit
einem klaren, etwas besonders, aber nicht eben widerlich klingenden
Ton: Angebetetes Frulein Anna von Zabelthau, vortrefflichste Dame,
auserwhlteste Braut, nur keinen Zorn, ich bitte, ich flehe! -- nur
keinen Zorn, keinen Zorn! -- Ich wei, Sie glauben, meine Leute htten
Ihren schnen Gemsegarten verwstet, um meinen Palast zu bauen? O
Mchte des Alls! -- Knnten Sie doch nur hineinschauen in meinen
geringen Leib und mein in lauter Liebe und Edelmut hpfendes Herz
erblicken! -- Knnten Sie doch nur alle Kardinaltugenden entdecken,
die unter diesem gelben Atlas in meiner Brust versammelt sind! -- O
wie weit bin ich von jener schmachvollen Grausamkeit entfernt, die
Sie mir zutrauen! -- Wie wre es mglich, da ein milder Frst seine
eignen Unterta -- doch halt! -- halt! -- Was sind Worte, Redensarten!
-- Schauen mssen sie selbst, o Braut! ja schauen selbst die
Herrlichkeiten, die Ihrer warten! Sie mssen mit mir gehen, ja mit mir
gehen auf der Stelle; ich fhre Sie in meinen Palast, wo ein freudiges
Volk lauert auf die angebetete Geliebte des Herrn!

Man kann denken, wie Frulein nnchen sich vor Corduanspitzes
Zumutung entsetzte, wie sie sich strubte, dem bedrohlichen Popanz
auch nur einen Schritt zu folgen. Corduanspitz lie aber nicht
nach, ihr die auerordentliche Schnheit, den grenzenlosen Reichtum
des Gemsegartens, der eigentlich sein Palast sei, mit solchen
eindringlichen Worten zu beschreiben, da sie endlich sich entschlo,
wenigstens etwas hineinzugucken in das Gezelt, welches ihr denn doch
ganz und gar nicht schaden knne. -- Der Kleine schlug vor lauter
Freude und Entzcken wenigstens zwlfmal hintereinander Rad, fate dann
aber sehr zierlich Frulein nnchens Hand und fhrte sie durch den
Garten nach dem seidnen Palast.

Mit einem lauten Ach! blieb Frulein nnchen wie in den Boden
gewurzelt stehen, als die Vorhnge des Einganges aufrollten und sich
ihr die Aussicht eines unabsehbaren Gemsegartens erschlo von solcher
Herrlichkeit, wie sie auch in den schnsten Trumen von blhendem Kohl
und Kraut keinen jemals erblickt. Da grnte und blhte alles, was nur
Kraut und Kohl und Rbe und Salat und Erbse und Bohne heien mag, in
funkelndem Schimmer und solcher Pracht, da es gar nicht zu sagen. --
Die Musik von Pfeifen und Trommeln und Cymbeln ertnte strker, und die
vier artigen Herrn, die Frulein nnchen schon kennen gelernt, nmlich
der Herr von Schwarzrettig, der Monsieur de Roccambolle, der Signor di
Broccoli und der Pan Kapustowicz, nahten sich unter vielen ceremonisen
Bcklingen.

Meine Kammerherrn, sprach Porphyrio von Ockerodastes lchelnd, und
fhrte, indem die genannten Kammerherrn voranschritten, Frulein
nnchen durch die Doppelreihe, welche die rote englische Karottengarde
bildete, bis in die Mitte des Feldes, wo sich ein hoher prchtiger
Thron erhob. Um diesen Thron waren die Groen des Reichs versammelt,
die Salatprinzen mit den Bohnenprinzessinnen, die Gurkenherzoge
mit dem Melonenfrsten an ihrer Spitze, die Kopfkohlminister, die
Zwiebel- und Rbengeneralitt, die Federkohldamen u. s. w., alle in
den glnzendsten Kleidern ihres Ranges und Standes. Und dazwischen
liefen wohl an hundert allerliebste Lavendel- und Fenchelpagen umher
und verbreiteten se Gerche. Als Ockerodastes mit Frulein nnchen
den Thron bestiegen, winkte der Oberhofmarschall Turneps mit seinem
langen Stabe, und sogleich schwieg die Musik und alles horchte in
stiller Ehrfurcht. Da erhob Ockerodastes seine Stimme und sprach sehr
feierlich: Meine getreuen und sehr lieben Untertanen! Seht hier an
meiner Seite das edle Frulein Anna von Zabelthau, das ich zu meiner
Gemahlin erkoren. Reich an Schnheit und Tugend, hat sie euch schon
lange mit mtterlich liebenden Augen betrachtet, ja euch weiche, fette
Lager bereitet und gehegt und gepflegt. Sie wird euch stets eine treue,
wrdige Landesmutter sein und bleiben. Bezeigt jetzt den ehrerbietigen
Beifall, sowie ordnungsmigen Jubel ber die Wohltat, die ich im
Begriff stehe euch huldvoll zuflieen zu lassen! Auf ein zweites
Zeichen des Oberhofmarschalls Turneps ging nun ein tausendstimmiger
Jubel los, die Bollenartillerie feuerte ihr Geschtz ab und die Musiker
der Karottengarde spielten das bekannte Festlied: Salat-Salat und grne
Petersilie! -- Es war ein groer, erhabener Moment, der den Groen des
Reichs, vorzglich aber den Federkohldamen Trnen der Wonne entlockte.
Frulein nnchen htte beinahe auch alle Fassung verloren, als sie
gewahrte, da der Kleine eine von Diamanten funkelnde Krone auf dem
Haupte, in der Hand aber ein goldnes Scepter trug. Ei, sprach sie,
indem sie voll Erstaunen die Hnde zusammenschlug, ei du mein Herr
Jemine! Sie sind ja wohl viel mehr, als Sie scheinen, mein lieber Herr
von Corduanspitz? -- Angebetete Anna, erwiderte Ockerodastes sehr
sanft, die Gestirne zwangen mich, bei Ihrem Herrn Vater unter einem
erborgten Namen zu erscheinen. Erfahren Sie, bestes Kind, da ich einer
der mchtigsten Knige bin und ein Reich beherrsche, dessen Grenzen
gar nicht zu entdecken sind, da sie auf der Karte zu illuminieren
vergessen worden. Es ist der Gemseknig Daucus Carota der Erste, der
Ihnen, o seste Anna, seine Hand und seine Krone darreicht. Alle
Gemsefrsten sind meine Vasallen, und nur einen einzigen Tag im Jahre
regiert nach einem uralten Herkommen der Bohnenknig. -- Also,
rief Frulein nnchen freudig, also eine Knigin soll ich werden und
diesen herrlichen, prchtigen Gemsegarten besitzen? Knig Daucus
Carota versicherte nochmals, da dies allerdings der Fall sei, und
fgte hinzu, da seiner und ihrer Herrschaft alles Gemse unterworfen
sein werde, das nur emporkeime aus der Erde. So was hatte nun
Frulein nnchen wohl gar nicht erwartet und sie fand, da der kleine
Corduanspitz seit dem Augenblick, als er sich in den Knig Daucus
Carota den Ersten umgesetzt, gar nicht mehr so hlich war als vorher,
und da ihm Krone und Scepter sowie der Knigsmantel ganz ungemein
artig standen. Rechnete noch Frulein nnchen sein artiges Benehmen und
die Reichtmer hinzu, die ihr durch diese Verbindung zu teil wurden,
so mute sie wohl berzeugt sein, da kein Landfrulein hienieden eine
bessere Partie zu machen im stande sei als eben sie, die im Umsehn eine
Knigsbraut geworden. Frulein nnchen war deshalb auch ber alle Maen
vergngt und fragte den kniglichen Brutigam, ob sie nicht gleich in
dem schnen Palast bleiben, und ob nicht morgenden Tages die Hochzeit
gefeiert werden knne. Knig Daucus erwiderte indessen, da, so sehr
ihn die Sehnsucht der angebeteten Braut entzcke, er doch gewisser
Konstellationen halber sein Glck noch verschieben msse. Der Herr
Dapsul von Zabelthau drfe nmlich fr jetzt den kniglichen Stand
seines Eidams durchaus nicht erfahren, da sonst die Operationen, die
die gewnschte Verbindung mit der Sylphide Nehahilah bewirken sollten,
gestrt werden knnten. berdem habe er auch dem Herrn Dapsul von
Zabelthau versprochen, da beide Vermhlungen an einem Tage gefeiert
werden sollten. Frulein nnchen mute feierlich geloben, dem Herrn
Dapsul von Zabelthau auch nicht eine Silbe davon zu verraten, was sich
mit ihr begeben; sie verlie dann den seidnen Palast unter dem lauten,
lrmenden Jubel des durch ihre Schnheit, durch ihr leutseliges,
herablassendes Betragen ganz in Wonne berauschten Volks.

Im Traume sah sie das Reich des allerliebsten Knigs Daucus Carota noch
einmal und schwamm in lauter Seligkeit. --

Der Brief, den sie dem Herrn Amandus von Nebelstern gesendet, hatte
auf den armen Jngling eine frchterliche Wirkung gemacht. Nicht lange
dauerte es, so erhielt Frulein nnchen folgende Antwort:

    Abgott meines Herzens, himmlische Anna!

  Dolche, spitze, glhende, giftige, ttende Dolche waren mir die
  Worte deines Briefes, die meine Brust durchbohrten. O Anna! Du
  sollst mir entrissen werden? Welch ein Gedanke! Ich kann es noch
  gar nicht begreifen, da ich nicht auf der Stelle unsinnig
  geworden bin und irgend einen frchterlichen, grausamen Spektakel
  gemacht habe! -- Doch floh ich ergrimmt ber mein todbringendes
  Verhngnis die Menschen, und lief gleich nach Tische, ohne wie sonst
  Billard zu spielen, hinaus in den Wald, wo ich die Hnde rang und
  tausendmal deinen Namen rief! -- Es fing gewaltig an zu regnen, und
  ich hatte gerade eine ganz neue Mtze von rotem Sammt mit einer
  prchtigen goldnen Troddel aufgesetzt. Die Leute sagen, da noch
  keine Mtze so mir zu Gesicht gestanden als diese. -- Der Regen
  konnte das Prachtstck des Geschmacks verderben, doch was frgt die
  Verzweiflung der Liebe nach Mtzen, nach Sammt und Gold! -- So lange
  lief ich umher, bis ich ganz durchnt und durchkltet war und ein
  entsetzliches Bauchgrimmen fhlte. Das trieb mich in das nahgelegene
  Wirtshaus, wo ich mir excellenten Glhwein machen lie und dazu
  eine Pfeife deines himmlischen Virginiers rauchte. -- Bald fhlte
  ich mich von einer gttlichen Begeisterung erhoben, ich ri meine
  Brieftasche hervor, warf in aller Schnelle ein Dutzend herrliche
  Gedichte hin und, o wunderbare Gabe der Dichtkunst! -- beides war
  verschwunden, Liebesverzweiflung und Bauchgrimmen. -- Nur das letzte
  dieser Gedichte will ich dir mitteilen, und auch dich, o Zierde der
  Jungfrauen, wird wie mich freudige Hoffnung erfllen!

    Winde mich in Schmerzen
    Ausgelscht im Herzen
    Sind die Liebeskerzen,
    Mag nie wieder scherzen!
    Doch der Geist, er neigt sich,
    Wort und Reim erzeugt sich,
    Schreibe Verslein nieder.
    Froh bin ich gleich wieder,
    Trstend in dem Herzen
    Flammen Liebeskerzen,
    Weg sind alle Schmerzen,
    Mag auch freundlich scherzen.

  Ja, meine se Anna! -- bald eile ich, ein schtzender Ritter, herbei
  und entreie dich dem Bsewicht, der dich mir rauben will! -- Damit
  du indessen bis dahin nicht verzweifelst, schreibe ich dir einige
  gttliche trostreiche Kernsprche aus meines herrlichen Meisters
  Schatzkstlein her; du magst dich daran erlaben.

         *       *       *       *       *

    Die Brust wird weit, dem Geiste wachsen Flgel?
    Sei Herz, Gemt, doch lust'ger Eulenspiegel!

           *       *       *       *       *

    Liebe kann die Liebe hassen,
    Zeit auch wohl die Zeit verpassen.

           *       *       *       *       *

    Die Lieb ist Blumenduft ein Sein ohn Unterla,
    O Jngling, wasch den Pelz, doch mach ihn ja nicht na!

           *       *       *       *       *

    Sagst du, im Winter weht frostiger Wind?
    Warm sind doch Mntel, wie Mntel nun sind!

         *       *       *       *       *

  Welche gttliche, erhabene, berschwengliche Maximen! -- Und wie
  einfach, wie anspruchslos, wie krnig ausgedrckt! -- Nochmals also,
  meine seste Maid! Sei getrost, trage mich im Herzen wie sonst. Es
  kommt, es rettet dich, es drckt dich an seine im Liebessturm wogende
  Brust dein getreuester

    Amandus von Nebelstern.

  N.S. Herausfordern kann ich den Herrn von Corduanspitz auf keinen
  Fall. Denn, o Anna! jeder Tropfen Bluts, der deinem Amandus
  entquillen knnte bei dem feindlichen Angriff eines verwegenen
  Gegners, ist herrliches Dichterblut, der Ichor der Gtter, der
  nicht verspritzt werden darf. Die Welt hat den gerechten Anspruch,
  da ein Geist wie ich sich fr sie schone, auf alle mgliche Weise
  konserviere. -- Des Dichters Schwert ist das Wort, der Gesang.
  Ich will meinem Nebenbuhler auf den Leib fahren mit tyrtischen
  Schlachtliedern, ihn niederstoen mit spitzen Epigrammen, ihn
  niederhauen mit Dithyramben voll Liebeswut -- das sind die Waffen
  des echten, wahren Dichters, die immerdar siegreich ihn sicher
  stellen gegen jeden Angriff, und so gewaffnet und gewappnet werde ich
  erscheinen und mir deine Hand erkmpfen, o Anna!

  Lebe wohl, nochmals drcke ich dich an meine Brust! -- Hoffe alles
  von meiner Liebe und vorzglich von meinem Heldenmut, der keine
  Gefahr scheuen wird, dich zu befreien aus den schndlichen Netzen, in
  die dich allem Anschein nach ein dmonischer Unhold verlockt hat! --

Frulein nnchen erhielt diesen Brief, als sie gerade mit dem
brutigamlichen Knig Daucus Carota dem Ersten auf der Wiese hinter
dem Garten Haschemnnchen spielte und groe Freude hatte, wenn sie
sich in vollem Lauf schnell niederduckte und der kleine Knig ber sie
wegscho. Aber nicht wie sonst, steckte sie das Schreiben des Geliebten
ohne es zu lesen in die Tasche, und wir werden gleich sehen, da es zu
spt gekommen.

Gar nicht begreifen konnte Herr Dapsul von Zabelthau, wie Frulein
nnchen ihren Sinn so pltzlich gendert und den Herrn Porphyrio von
Ockerodastes, den sie erst so abscheulich gefunden, liebgewonnen
hatte. Er befragte darber die Gestirne; da diese ihm aber auch keine
befriedigende Antwort gaben, so mute er dafr halten, da des Menschen
Sinn unerforschlicher sei als alle Geheimnisse des Weltalls und sich
durch keine Konstellation erfassen lasse. -- Da nmlich blo die
hhere Natur des Brutigams auf nnchen zur Liebe gewirkt haben solle,
konnte er, da es dem Kleinen an Leibesschnheit gnzlich mangelte,
nicht annehmen. War, wie der geneigte Leser schon vernommen, der
Begriff von Schnheit, wie ihn Herr Dapsul von Zabelthau statuierte,
auch himmelweit von dem Begriff verschieden, wie ihn junge Mdchen in
sich tragen, so hatte er doch wenigstens so viel irdische Erfahrung,
um zu wissen, da besagte Mdchen meinen, Verstand, Witz, Geist, Gemt
seien gute Mietsleute in einem schnen Hause, und da ein Mann, dem
ein modischer Frack nicht zum besten steht, und sollte er sonst ein
Shakespeare, ein Goethe, ein Tieck, ein Friedrich Richter sein, Gefahr
luft, von jedem hinlnglich angenehm gebauten Husarenleutnant in der
Staatsuniform gnzlich aus dem Felde geschlagen zu werden, sobald es
ihm einfllt, einem jungen Mdchen entgegen zu rcken. -- Bei Frulein
nnchen hatte sich nun zwar das ganz anders zugetragen, und es handelte
sich weder um Schnheit noch um Verstand; indessen trifft es sich wohl
selten, da ein armes Landfrulein pltzlich Knigin werden soll, und
konnte daher von dem Herrn Dapsul von Zabelthau nicht wohl vermutet
werden, zumal ihn auch hier die Gestirne im Stich lieen.

Man kann denken, da die drei Leute, Herr Porphyrio von Ockerodastes,
Herr Dapsul von Zabelthau und Frulein nnchen, ein Herz und eine Seele
waren. Es ging so weit, da Herr Dapsul von Zabelthau fter, als sonst
jemals geschehn, den Turm verlie, um mit dem geschtzten Eidam ber
allerlei vergngliche Dinge zu plaudern, und vorzglich pflegte er nun
sein Frhstck jedesmal unten im Hause einzunehmen. Um diese Zeit kam
denn auch Herr Porphyrio von Ockerodastes aus seinem seidenen Palast
hervor, und lie sich von Frulein nnchen mit Butterbrot fttern.
Ach, ach, kickerte Frulein nnchen ihm oft ins Ohr, ach, ach, wenn
Papa wte, da Sie eigentlich ein Knig sind, bester Corduanspitz.
-- Halt' dich, Herz, erwiderte Daucus Carota der Erste, halt' dich,
Herz, und vergeh' nicht in Wonne. -- Nah, nah ist dein Freudentag! --

Es begab sich, da der Schulmeister dem Frulein nnchen einige Bund
der herrlichsten Radiese aus seinem Garten verehrt hatte. Dem Frulein
nnchen war das ber alle Maen lieb, da Herr Dapsul von Zabelthau sehr
gern Radiese a, nnchen aber aus dem Gemsegarten, ber den der Palast
erbaut war, nichts entnehmen konnte. berdem fiel ihr aber auch jetzt
erst ein, da sie unter den mannigfaltigsten Krutern und Wurzeln im
Palast nur allein Radiese nicht gewahrt hatte.

Frulein nnchen putzte die geschenkten Radiese schnell ab, und trug
sie dem Vater auf zum Frhstck. Schon hatte Herr Dapsul von Zabelthau
mehreren unbarmherzig die Bltterkrone weggeschnitten, sie ins Salzfa
gestippt und vergnglich verzehrt, als Corduanspitz hereintrat. O,
mein Ockerodastes, genieen Sie Radiese! so rief ihm Herr Dapsul
von Zabelthau entgegen. Es lag noch ein groer, vorzglich schner
Radies auf dem Teller. Kaum erblickte Corduanspitz aber diesen, als
seine Augen grimmig zu funkeln begannen und er mit frchterlich
drhnender Stimme rief: Was, unwrdiger Herzog, Ihr wagt es noch, vor
meinen Augen zu erscheinen, ja Euch mit verruchter Unverschmtheit
einzudrngen in ein Haus, das beschirmt ist von meiner Macht? Habe ich
Euch, der mir den rechtmigen Thron streitig machen wollte, nicht
verbannt auf ewige Zeiten? -- Fort, fort mit Euch, verrterischer
Vasall! Dem Radies waren pltzlich zwei Beinchen unter dem dicken
Kopf gewachsen, mit denen er schnell aus dem Teller hinabsprang;
dann stellte er sich dicht hin vor Corduanspitz und lie sich also
vernehmen: Grausamer Daucus Carota der Erste, der du vergebens
trachtest, meinen Stamm zu vernichten! Hat je einer deines Geschlechts
einen solchen groen Kopf gehabt als ich und meine Verwandten? --
Verstand, Weisheit, Scharfsinn, Courtoisie, mit allem dem sind wir
begabt, und whrend Ihr Euch herumtreibt in Kchen und in Stllen und
nur in hoher Jugend etwas geltet, so da recht eigentlich der +diable
de la jeunesse+ nur Euer schnell vorberfliehendes Glck macht, so
genieen wir des Umgangs hoher Personen, und mit Jubel werden wir
begrt, sowie wir nur unsere grnen Hupter erheben! -- Aber ich
trotze dir, o Daucus Carota, bist du auch gleich ein ungeschlachter
Schlingel wie alle deinesgleichen! La sehen, wer hier der Strkste
ist! -- Damit schwang der Radiesherzog eine lange Peitsche und ging
ohne weiteres dem Knig Daucus Carota dem Ersten zu Leibe. Dieser
zog aber schnell seinen kleinen Degen und verteidigte sich auf die
tapferste Weise. In den seltsamsten, tollsten Sprngen balgten sich nun
die beiden Kleinen im Zimmer umher, bis Daucus Carota den Radiesherzog
so in die Enge trieb, da er gentigt wurde, mit einem khnen Sprung
durchs offne Fenster das Weite zu suchen. Knig Daucus Carota,
dessen ganz ungemeine Behendigkeit dem geneigten Leser schon bekannt
ist, schwang sich aber nach und verfolgte den Radiesherzog ber den
Acker. -- Herr Dapsul von Zabelthau hatte dem schrecklichen Zweikampf
zugeschaut in dumpfer, lautloser Erstarrung. Nun brach er aber heulend
und schreiend los: O Tochter Anna! -- o meine arme, unglckselige
Tochter Anna! -- verloren -- ich -- du -- beide sind wir verloren,
verloren. -- Und damit lief er aus der Stube und bestieg so schnell,
als er es nur vermochte, den astronomischen Turm. --

Frulein nnchen konnte gar nicht begreifen, gar nicht vermuten, was
in aller Welt den Vater auf einmal in solch grenzenlose Betrbnis
versetzt. Ihr hatte der ganze Auftritt ungemeines Vergngen verursacht,
und sie war noch in ihrem Herzen froh, bemerkt zu haben, da der
Brutigam nicht allein Stand und Reichtum, sondern auch Tapferkeit
besa, wie es denn wohl nicht leicht ein Mdchen auf Erden geben mag,
die einen Feigling zu lieben im stande. Nun sie eben von der Tapferkeit
des Knigs Daucus Carota des Ersten berzeugt worden, fiel es ihr erst
recht empfindlich auf, da Herr Amandus von Nebelstern sich nicht mit
ihm schlagen wollen.

Htte sie noch geschwankt, den Herrn Amandus dem Knige Daucus dem
Ersten aufzuopfern, sie wrde sich jetzt dazu entschlossen haben, da
ihr die ganze Herrlichkeit ihres neuen Brautstandes einleuchtete. Sie
setzte sich flugs hin und schrieb folgenden Brief:

    Mein lieber Amandus!

  Alles in der Welt kann sich ndern, alles ist vergnglich, sagt
  der Herr Schulmeister, und er hat vollkommen Recht. Auch du, mein
  lieber Amandus, bist ein viel zu weiser und gelehrter Student, als
  da du dem Herrn Schulmeister nicht beipflichten und dich nur im
  Mindesten verwundern solltest, wenn ich dir sage, da auch in meinem
  Sinn und Herzen sich eine kleine Vernderung zugetragen hat. -- Du
  kannst es mir glauben, ich bin dir noch recht sehr gut, und kann
  es mir recht vorstellen, wie hbsch du aussehen mut in der roten
  Sammtmtze mit Gold, aber was das Heiraten betrifft -- sieh, lieber
  Amandus, so gescheit du auch bist und so hbsche Verslein du auch
  zu machen verstehst, Knig wirst du doch nun und nimmermehr werden,
  und -- erschrick nicht, Liebster -- der kleine Herr von Corduanspitz
  ist nicht der Herr von Corduanspitz, sondern ein mchtiger Knig,
  namens Daucus Carota der Erste, der da herrscht ber das ganze
  Gemsreich und mich erkoren hat zu seiner Knigin! -- Seit der Zeit,
  da mein lieber kleiner Knig das Inkognito abgeworfen, ist er auch
  viel hbscher geworden, und ich sehe jetzt erst recht ein, da der
  Papa recht hatte, wenn er behauptete, da der Kopf die Zierde des
  Mannes sei und daher nicht gro genug sein knne. Dabei hat aber
  Daucus Carota der Erste -- du siehst, wie gut ich den schnen Namen
  behalten und nachschreiben kann, da er mir ganz bekannt vorkommt --
  ja, ich wollte sagen, dabei hat mein kleiner kniglicher Brutigam
  ein so angenehmes, allerliebstes Betragen, da es gar nicht
  auszusprechen. Und welch einen Mut, welche Tapferkeit besitzt der
  Mann! Vor meinen Augen hat er den Radiesherzog, der ein unartiger,
  aufsssiger Mensch zu sein scheint, in die Flucht geschlagen, und
  hei! wie er ihm nachsprang durchs Fenster! du httest das nur sehen
  sollen! -- Ich glaube auch nicht, da mein Daucus Carota sich aus
  deinen Waffen etwas machen wird, er scheint ein fester Mann, dem
  Verse, sind sie auch noch so fein und spitzig, nicht viel anhaben
  knnen. -- Nun also, lieber Amandus, fge dich in dein Schicksal
  wie ein frommer Mensch, und nimm es nicht bel, da ich nicht deine
  Frau, sondern vielmehr Knigin werde. Sei aber getrost, ich werde
  immer deine wohlaffektionierte Freundin bleiben, und willst du
  knftig bei der Karottengarde, oder da du nicht sowohl die Waffen
  als die Wissenschaften liebst, bei der Pastinakakademie oder bei dem
  Krbisministerium angestellt sein, so kostet dich's nur ein Wort,
  und dein Glck ist gemacht. Lebe wohl und sei nicht bse auf deine
  sonstige Braut, jetzt aber wohlmeinende Freundin und knftige Knigin

    Anna von Zabelthau

    (bald aber nicht mehr von Zabelthau, sondern blo Anna).

  N.S. Auch mit den schnsten virginischen Blttern sollst du gehrig
  versorgt werden, du kannst dich darauf festiglich verlassen. So wie
  ich beinahe vermuten mu, wird zwar an meinem Hofe gar nicht geraucht
  werden, deshalb sollen aber doch sogleich nicht weit vom Thron
  unter meiner besondern Aufsicht einige Beete mit virginischem Tabak
  angepflanzt werden. Das erfordert die Kultur und die Moral, und mein
  Daucuschen soll darber ein besonderes Gesetz schreiben lassen.


Fnftes Kapitel.

    In welchem von einer frchterlichen Katastrophe Nachricht gegeben,
    und mit dem weitern Verlauf der Dinge fortgefahren wird.

Frulein nnchen hatte gerade ihr Schreiben an den Herrn Amandus von
Nebelstern fortgesendet, als Herr Dapsul von Zabelthau hereintrat und
mit dem weinerlichsten Ton des tiefsten Schmerzes begann: O meine
Tochter Anna! auf welche schndliche Weise sind wir beide betrogen!
Dieser Verruchte, der dich in seine Schlingen verlockte, der mir wei
machte, er sei Baron Porphyrio Ockerodastes, genannt Corduanspitz,
Sprling jenes illstren Stammes, den der berherrliche Gnome
Tsilmenech im Bndnis schuf mit der edlen corduanischen btissin,
dieser Verruchte -- erfahr' es und sinke ohnmchtig nieder! -- er ist
selbst ein Gnome, aber jenes niedrigsten Geschlechts, das die Gemse
bereitet! -- Jener Gnome Tsilmenech war von dem edelsten Geschlecht,
nmlich von dem, dem die Pflege der Diamanten anvertraut ist. Dann
kommt das Geschlecht derer, die im Reich des Metallknigs die Metalle
bereiten, dann folgen die Blumisten, die deshalb nicht so vornehm sind,
weil sie von den Sylphen abhngen. Die schlechtesten und unedelsten
sind aber die Gemsegnomen, und nicht allein, da der betrgerische
Corduanspitz ein solcher Gnome ist, nein, er ist Knig dieses
Geschlechts, und heit Daucus Carota! --

Frulein nnchen sank keineswegs in Ohnmacht, erschrak auch nicht
im allermindesten, sondern lchelte den lamentierenden Papa ganz
freundlich an; der geneigte Leser wei schon warum! -- Als nun aber
der Herr Dapsul von Zabelthau sich darber hchlich verwunderte und
immer mehr in Frulein nnchen drang, doch nur um des Himmels Willen
ihr frchterliches Geschick einzusehen und sich zu grmen, da glaubte
Frulein nnchen nicht lnger das ihr anvertraute Geheimnis bewahren zu
drfen. Sie erzhlte dem Herrn Dapsul von Zabelthau, wie der sogenannte
Herr Baron von Corduanspitz ihr lngst selbst seinen eigentlichen
Stand entdeckt, und seit der Zeit ihr so liebenswrdig vorgekommen
sei, da sie durchaus gar keinen andern Gemahl wnsche. Sie beschrieb
dann ferner all die wunderbaren Schnheiten des Gemsreichs, in das
sie Knig Daucus Carota der Erste eingefhrt, und verga nicht, die
seltsame Anmut der mannigfachen Bewohner dieses groen Reichs gehrig
zu rhmen.

Herr Dapsul von Zabelthau schlug einmal ber das andere die Hnde
zusammen, und weinte sehr ber die tckische Bosheit des Gnomenknigs,
der die knstlichsten, ja fr ihn selbst gefhrlichsten Mittel
angewandt, die unglckselige Anna hinabzuziehen in sein finstres,
dmonisches Reich. --

So herrlich, erklrte jetzt Herr Dapsul von Zabelthau der aufhorchenden
Tochter, so herrlich, so ersprielich die Verbindung irgend eines
Elementargeistes mit einem menschlichen Prinzip sein knne, so sehr
die Ehe des Gnomen Tsilmenech mit der Magdalena de la Croix davon ein
Beispiel gebe, weshalb denn auch der verrterische Daucus Carota ein
Sprling dieses Stammes zu sein behaupte, so ganz anders verhalte es
sich doch mit den Knigen und Frsten dieser Geistervlkerschaften.
Wren die Salamanderknige blo zornig, die Sylphenknige blo
hoffrtig, die Undinenkniginnen blo sehr verliebt und eiferschtig,
so wren dagegen die Gnomenknige tckisch, boshaft und grausam; blo
um sich an den Erdenkindern zu rchen, die ihnen Vasallen entfhrt,
trachteten sie darnach, irgend eines zu verlocken, das dann die
menschliche Natur ganz ablege und, ebenso migestaltet wie die Gnomen
selbst, hinunter msse in die Erde und nie wieder zum Vorschein komme.

Frulein nnchen schien all das Nachteilige, dessen Herr Dapsul von
Zabelthau ihren lieben Daucus beschuldigte, gar nicht recht glauben zu
wollen, vielmehr begann sie noch einmal von den Wundern des schnen
Gemsreichs zu sprechen, ber das sie nun bald zu herrschen gedenke.

Verblendetes, rief aber nun Herr Dapsul von Zabelthau voller Zorn,
verblendetes, trichtes Kind! -- Trauest du deinem Vater nicht so viel
kabbalistische Weisheit zu, da er nicht wissen sollte, wie alles, was
der verruchte Daucus Carota dir vorgegaukelt hat, nichts ist als Lug
und Trug? -- Doch du glaubst mir nicht; um dich, mein einziges Kind, zu
retten, mu ich dich berzeugen, diese berzeugung verschaffe ich dir
aber durch die verzweifeltsten Mittel. -- Komm mit mir! --

Zum zweitenmale mute nun Frulein nnchen mit dem Papa den
astronomischen Turm besteigen. Aus einer groen Schachtel holte Herr
Dapsul von Zabelthau eine Menge gelbes, rotes, weies und grnes Band
hervor, und umwickelte damit unter seltsamen Ceremonien Frulein
nnchen von Kopf bis zu Fu. Mit sich selbst tat er ein gleiches, und
nun nahten beide, Frulein nnchen und der Herr Dapsul von Zabelthau,
sich behutsam dem seidnen Palast des Knigs Daucus Carota des Ersten.
Frulein nnchen mute auf Gehei des Papas mit der mitgebrachten
feinen Schere eine Naht auftrennen und durch die ffnung hineingucken.

Hilf Himmel! was erblickte sie statt des schnen Gemsegartens,
statt der Karottengarde, der Plmagedamen, der Lavendelpagen, der
Salatprinzen und alles dessen, was ihr so wunderbar herrlich erschienen
war? -- In einen tiefen Pfuhl sah sie hinab, der mit einem farblosen
ekelhaften Schlamm gefllt schien. Und in diesem Schlamm regte und
bewegte sich allerlei hliches Volk aus dem Scho der Erde. Dicke
Regenwrmer ringelten sich langsam durcheinander, whrend kferartige
Tiere, ihre kurzen Beine ausstreckend, schwerfllig fortkrochen. Auf
ihrem Rcken trugen sie groe Zwiebeln, die hatten aber hliche
menschliche Gesichter, und grinsten und schielten sich an mit trben
gelben Augen, und suchten sich mit den kleinen Krallen, die ihnen dicht
an die Ohren gewachsen waren, bei den langen krummen Nasen zu packen
und hinunter zu ziehen in den Schlamm, whrend lange nackte Schnecken
in ekelhafter Trgheit sich durcheinander wlzten und ihre langen
Hrner emporstreckten aus der Tiefe. -- Frulein nnchen wre bei dem
scheulichen Anblick vor Grauen bald in Ohnmacht gesunken. Sie hielt
beide Hnde vors Gesicht und rannte schnell davon. --

Siehst du nun wohl, sprach darauf der Herr Dapsul von Zabelthau
zu ihr, siehst du nun wohl, wie schndlich dich der abscheuliche
Daucus Carota betrogen hat, da er dir eine Herrlichkeit zeigte, die
nur ganz kurze Zeit dauert? -- O! Festkleider lie er seine Vasallen
anziehen und Staatsuniformen seine Garden, um dich zu verlocken mit
blendender Pracht! Aber nun hast du das Reich in Neglig geschaut,
das du beherrschen wirst, und bist du nun einmal die Gemahlin des
entsetzlichen Daucus Carota, so mut du in dem unterirdischen Reiche
bleiben und kommst nie mehr auf die Oberflche der Erde! -- Und wenn --
ach -- ach! was mu ich erblicken, ich unglcklichster der Vter! --

Der Herr Dapsul von Zabelthau geriet nun pltzlich so auer sich, da
Frulein nnchen wohl erraten konnte, es msse noch ein neues Unglck
im Augenblick hereingebrochen sein. Sie fragte ngstlich, worber
denn der Papa so entsetzlich lamentiere; der konnte aber vor lauter
Schluchzen nichts als stammeln: -- O -- o -- To--ch--ter -- wie --
si--ehst -- d--u a--u--s! Frulein nnchen rannte ins Zimmer, sah in
den Spiegel und fuhr zurck, von jhem Todesschreck erfat. --

Sie hatte Ursache dazu, die Sache war diese: eben als Herr Dapsul von
Zabelthau der Braut des Knigs Daucus Carota die Augen ffnen wollte
ber die Gefahr, in der sie schwebe, nach und nach ihr Ansehen, ihre
Gestalt zu verlieren und sich allmhlich umzuwandeln in das wahrhafte
Bild einer Gnomenknigin, da gewahrte er, was schon Entsetzliches
geschehen. Viel dicker war nnchens Kopf geworden und safrangelb ihre
Haut, so da sie jetzt schon hinlnglich garstig erschien. War nun auch
Frulein nnchen nicht gar besonders eitel, so fhlte sie sich doch
Mdchen genug, um einzusehen, da Hlichwerden das allergreste,
entsetzlichste Unglck sei, das einen hienieden treffen knne. Wie oft
hatte sie an die Herrlichkeit gedacht, wenn sie knftig als Knigin mit
der Krone auf dem Haupte in atlassenen Kleidern, mit diamantnen und
goldnen Ketten und Ringen geschmckt, in der achtspnnigen Karosse an
der Seite des kniglichen Gemahls Sonntag nach der Kirche fahren und
alle Weiber, des Schulmeisters Frau nicht ausgenommen, in Erstaunen
setzen, ja auch wohl der stolzen Gutsherrschaft des Dorfs, zu dessen
Kirchsprengel Dapsulheim gehrte, Respekt einflen werde; ja! -- wie
oft hatte sie sich in solchen und andern exzentrischen Trumen gewiegt!
-- Frulein nnchen zerflo in Trnen! --

Anna -- meine Tochter Anna, komme sogleich zu mir herauf! so rief
Herr Dapsul von Zabelthau durch das Sprachrohr herab. --

Frulein nnchen fand den Papa angetan in einer Art von
Bergmannstracht. Er sprach mit Fassung: Gerade wenn die Not am
grten, ist die Hilfe oft am nchsten. Daucus Carota wird, wie ich
soeben ermittelt, heute, ja wohl bis morgen Mittag nicht seinen Palast
verlassen. Er hat die Prinzen des Hauses, die Minister und andere Groe
des Reichs versammelt, um Rat zu halten ber den knftigen Winterkohl.
Die Sitzung ist wichtig und wird vielleicht so lange dauern, da wir
dieses Jahr gar keinen Winterkohl bekommen werden. Diese Zeit, wenn
Daucus Carota, in seine Regierungsarbeit vertieft, auf mich und meine
Arbeit nicht zu merken vermag, will ich benutzen, um eine Waffe zu
bereiten, mit der ich vielleicht den schndlichen Gnomen bekmpfe und
besiege, so da er entweichen und dir die Freiheit lassen mu. Blicke,
whrend ich hier arbeite, unverwandt durch jenen Tubus nach dem Gezelt
und meld' es mir ungesumt, wenn du bemerkst, da jemand hinausschaut
oder gar hinausschreitet. -- Frulein nnchen tat, wie ihr geboten,
das Gezelt blieb aber verschlossen; nur vernahm sie, unerachtet Herr
Dapsul von Zabelthau wenige Schritte hinter ihr stark auf Metallplatten
hmmerte, oft ein wildes verwirrtes Geschrei, das aus dem Gezelt
zu kommen schien, dann helle, klatschende Tne, gerade als wrden
Ohrfeigen ausgeteilt. Sie sagte das dem Herrn Dapsul von Zabelthau, der
war damit sehr zufrieden und meinte, je toller sie sich dort drinnen
untereinander zankten, desto weniger knnten sie bemerken, was drauen
geschmiedet wrde zu ihrem Verderben. --

Nicht wenig verwunderte sich Frulein nnchen, als sie gewahrte, da
der Herr Dapsul von Zabelthau ein Paar ganz allerliebste Kochtpfe
und ebensolche Schmorpfannen aus Kupfer gehmmert hatte. Als Kennerin
berzeugte sie sich, da die Verzinnung auerordentlich gut geraten,
da der Papa daher die den Kupferschmieden durch die Gesetze auferlegte
Pflicht gehrig beobachtet habe, und fragte, ob sie das feine Geschirr
nicht mitnehmen knne zum Gebrauch in der Kche? Da lchelte aber
Herr Dapsul von Zabelthau geheimnisvoll und erwiderte weiter nichts
als: Zur Zeit, zur Zeit, meine Tochter Anna; gehe jetzt herab, mein
geliebtes Kind! und erwarte ruhig, was sich morgen weiteres in unserm
Hause begeben wird. --

Herr Dapsul von Zabelthau hatte gelchelt, und =das= war es, was dem
unglckseligen nnchen Hoffnung einflte und Vertrauen.

Andern Tages, als die Mittagszeit nahte, kam Herr Dapsul von Zabelthau
herab mit seinen Kochtpfen und Schmorpfannen, begab sich in die Kche
und gebot dem Frulein nnchen nebst der Magd hinauszugehen, da er
allein heute das Mittagsmahl bereiten wolle. Dem Frulein nnchen legte
er es besonders ans Herz, gegen den Corduanspitz, der sich wohl bald
einstellen werde, so artig und liebevoll zu sein als nur mglich.

Corduanspitz oder vielmehr Knig Daucus Carota der Erste kam auch
wirklich bald, und hatte er sonst schon verliebt genug getan, so
schien er heute ganz Entzcken und Wonne. Zu ihrem Entsetzen bemerkte
Frulein nnchen, wie sie schon so klein geworden, da Daucus sich ohne
groe Mhe auf ihren Scho schwingen und sie herzen und kssen konnte,
welches die Unglckliche dulden mute trotz ihres tiefen Abscheus gegen
den kleinen abscheulichen Unhold.

Endlich trat Herr Dapsul von Zabelthau ins Zimmer und sprach: O mein
vortrefflichster Porphyrio von Ockerodastes, mchten Sie sich nicht
mit mir und meiner Tochter in die Kche begeben, um zu beobachten, wie
schn und wirtlich Ihre knftige Gemahlin alles darin eingerichtet hat?

Noch niemals hatte Frulein nnchen in des Papas Antlitz den hmischen,
schadenfrohen Blick bemerkt, mit dem er den kleinen Daucus beim Arm
fate und beinahe mit Gewalt hinauszog aus der Stube in die Kche.
Frulein nnchen folgte auf den Wink des Vaters.

Das Herz kochte dem Frulein nnchen im Leibe, als sie das herrlich
knisternde Feuer, die glhenden Kohlen, die schmucken kupfernen
Kochtpfe und Schmorpfannen auf dem Herde bemerkte. Sowie der Herr
Dapsul von Zabelthau den Corduanspitz dicht heranfhrte an den Herd, da
begann es strker und strker in den Tpfen und Pfannen zu zischen und
zu brodeln, und das Zischen und Brodeln wurde zu ngstlichem Winseln
und Sthnen. Und aus einem Kochtopfe heulte es heraus: O Daucus
Carota! o mein Knig, rette deine getreuen Vasallen, rette uns arme
Mohrrben! -- Zerschnitten, in schndes Wasser geworfen, mit Butter und
Salz gefttert zu unserer Qual, schmachten wir in unnennbarem Leid, das
edle Petersilienjnglinge mit uns teilen! Und aus der Schmorpfanne
klagte es: O Daucus Carota! o mein Knig! rette deine getreuen
Vasallen, rette uns arme Mohrrben! -- In der Hlle braten wir, und so
wenig Wasser gab man uns, da der frchterliche Durst uns zwingt, unser
eignes Herzblut zu trinken. Und aus einem andern Kochtopf wimmerte es
wieder: O Daucus Carota! o mein Knig! rette deine getreuen Vasallen,
rette uns arme Mohrrben! -- Ausgehhlt hat uns ein grausamer Koch,
unser Innerstes zerhackt und es mit allerlei fremdartigem Zeug von
Eiern, Sahne und Butter wieder hineingestopft, so da alle unsere
Gesinnungen und sonstige Verstandeskrfte in Konfusion geraten, und wir
selbst nicht mehr wissen, was wir denken! Und nun heulte und schrie
es aus allen Kochtpfen und Schmorpfannen durcheinander: O Daucus
Carota, mchtiger Knig, rette, o rette deine getreuen Vasallen, rette
uns arme Mohrrben! Da kreischte Corduanspitz laut auf: Verfluchtes
dummes Narrenspiel! schwang sich mit seiner gewhnlichen Behendigkeit
auf den Herd, schaute in einen der Kochtpfe und plumpte pltzlich
hinein. Rasch sprang Herr Dapsul von Zabelthau hinzu und wollte den
Deckel des Topfs schlieen, indem er aufjauchzte: Gefangen! Doch mit
der Schnellkraft einer Spiralfeder fuhr Corduanspitz aus dem Topfe in
die Hhe und gab dem Herrn Dapsul von Zabelthau ein paar Maulschellen,
da es krachte, indem er rief: Einfltiger, naseweiser Kabbalist,
dafr sollst du ben! -- Heraus, heraus, Ihr Jungen allzumal!

Und da brauste es aus allen Tpfen, Tiegeln und Pfannen heraus wie
das wilde Heer, und hundert und hundert kleine fingerlange garstige
Kerlchen hakten sich fest an dem ganzen Leibe des Herrn Dapsul von
Zabelthau und warfen ihn rcklings nieder in eine groe Schssel und
richteten ihn an, indem sie aus allen Geschirren die Brhen ber ihn
ausgossen und ihn mit gehackten Eiern, Muskatenblten und geriebener
Semmel bestreuten. Dann schwang sich Daucus Carota zum Fenster hinaus,
und seine Vasallen taten ein gleiches.

Entsetzt sank Frulein nnchen bei der Schssel nieder, auf der der
arme Papa angerichtet lag; sie hielt ihn fr tot, da er durchaus nicht
das mindeste Lebenszeichen von sich gab. Sie begann zu klagen: Ach,
mein armer Papa -- ach, nun bist du tot, und nichts rettet mich mehr
vom hllischen Daucus! Da schlug aber Herr Dapsul von Zabelthau die
Augen auf, sprang mit verjngter Kraft aus der Schssel und schrie
mit einer entsetzlichen Stimme, wie sie Frulein nnchen noch niemals
von ihm vernommen: Ha, verruchter Daucus Carota, noch sind meine
Krfte nicht erschpft! Bald sollst du fhlen, was der einfltige,
naseweise Kabbalist vermag! -- Schnell mute Frulein nnchen ihm
mit dem Kchenbesen die gehackten Eier, die Muskatenblten, die
geriebene Semmel abkehren, dann ergriff er einen kupfernen Kochtopf,
stlpte ihn wie einen Helm auf den Kopf, nahm eine Schmorpfanne in die
linke, in die rechte Hand aber einen groen eisernen Kchenlffel und
sprang so gewaffnet und gewappnet hinaus ins Freie. Frulein nnchen
gewahrte, wie Herr Dapsul von Zabelthau im gestrecktesten Laufe nach
Corduanspitzes Gezelt rannte und doch nicht von der Stelle kam. Darber
vergingen ihr die Sinne.

Als sie sich erholte, war Herr Dapsul von Zabelthau verschwunden, und
sie geriet in entsetzliche Angst, als er den Abend, die Nacht, ja
den andern Morgen nicht wiederkehrte. Sie mute den noch schlimmern
Ausgang eines neuen Unternehmens vermuten.


Sechstes Kapitel.

    Welches das letzte und zugleich das erbaulichste ist von allen.

In tiefes Leid versenkt sa Frulein nnchen einsam in ihrem Zimmer,
als die Tr aufging und niemand anders hineintrat als der Herr Amandus
von Nebelstern. Ganz Reue und Scham, vergo Frulein nnchen einen
Trnenstrom und bat in den klglichsten Tnen: O mein herzlieber
Amandus, verzeihe doch nur, was ich dir in meiner Verblendung
geschrieben! Aber ich war ja verhext und bin es wohl noch. Rette mich,
rette mich, mein Amandus! Gelb seh' ich aus und garstig, das ist Gott
zu klagen, aber mein treues Herz habe ich bewahrt und will keine
Knigsbraut sein! --

Ich wei nicht, erwiderte Amandus von Nebelstern, ich wei nicht,
worber Sie so klagen, mein bestes Frulein, da Ihnen das schnste,
herrlichste Los beschieden. -- O spotte nicht, rief Frulein
nnchen, ich bin fr meinen einfltigen Stolz, eine Knigin werden zu
wollen, hart genug bestraft! --

In der Tat, sprach Herr Amandus von Nebelstern weiter, ich verstehe
Sie nicht, mein teures Frulein! Soll ich aufrichtig sein, so mu
ich bekennen, da ich ber Ihren letzten Brief in Wut geriet und
Verzweiflung. Ich prgelte den Burschen, dann den Pudel, zerschmi
einige Glser -- und Sie wissen, mit einem racheschnaubenden Studenten
treibt man keinen Spa! Nachdem ich mich aber ausgetobt, beschlo ich,
hierher zu eilen und mit eignen Augen zu sehen, wie, warum und an wen
ich die geliebte Braut verloren. -- Die Liebe kennt nicht Stand, nicht
Rang, ich wollte selbst den Knig Daucus Carota zur Rede stellen und
ihn fragen, ob das Tusch sein solle oder nicht, wenn er meine Braut
heirate. -- Alles gestaltete sich hier indessen anders. Als ich nmlich
bei dem schnen Gezelt vorberging, das drauen aufgeschlagen, trat
Knig Daucus Carota aus demselben heraus, und bald gewahrte ich, da
ich den liebenswrdigsten Frsten vor mir hatte, den es geben mag; denn
denken Sie sich, mein Frulein, er sprte gleich in mir den sublimen
Poeten, rhmte meine Gedichte, die er noch nicht gelesen, ber alle
Maen und machte mir den Antrag, als Hofpoet in seine Dienste zu gehen.
Ein solches Unterkommen war seit langer Zeit meiner feurigsten Wnsche
schnstes Ziel; mit tausend Freuden nahm ich daher den Vorschlag an. O
mein teures Frulein! mit welcher Begeisterung werde ich Sie besingen!
Ein Dichter kann verliebt sein in Kniginnen und Frstinnen, oder
vielmehr es gehrt zu seinen Pflichten, eine solche hohe Person zur
Dame seines Herzens zu erkiesen, und verfllt er darber in einigen
Aberwitz, so ergibt sich eben daraus das gttliche Delirium, ohne das
keine Poesie bestehen mag, und niemand darf sich ber die vielleicht
etwas seltsamen Geberden des Dichters wundern, sondern vielmehr an
den groen Tasso denken, der auch etwas am gemeinen Menschenverstande
gelitten haben soll, da er sich verliebt hatte in die Prinzessin
Leonore d'Este. -- Ja, mein teures Frulein, sind Sie auch bald eine
Knigin, so sollen Sie doch die Dame meines Herzens bleiben, die ich
bis zu den hohen Sternen erheben werde in den sublimsten gttlichsten
Versen. --

Wie, du hast ihn gesehen, den hmischen Kobold, und er hat --
so brach Frulein nnchen los im tiefsten Erstaunen, doch in dem
Augenblick trat er selbst, der kleine gnomische Knig, hinein
und sprach mit dem zrtlichsten Ton: O meine se, liebe Braut,
Abgott meines Herzens, frchten Sie ja nicht, da ich der kleinen
Unschicklichkeit halber, die Herr Dapsul von Zabelthau begangen,
zrne. Nein! -- schon deshalb nicht, weil eben dadurch mein Glck
befrdert worden, so da, wie ich gar nicht gehofft, schon morgen
meine feierliche Vermhlung mit Ihnen, Holdeste! erfolgen wird. Gern
werden Sie es sehen, da ich den Herrn Amandus von Nebelstern zu
unserm Hofpoeten erkoren, und ich wnsche, da er gleich eine Probe
seines Talents ablegen und uns eins vorsingen mge. Wir wollen aber in
die Laube gehen, denn ich liebe die freie Natur, ich werde mich auf
Ihren Scho setzen, und Sie knnen mich, geliebteste Braut, whrend
des Gesanges etwas im Kopfe krauen, welches ich gern habe bei solcher
Gelegenheit.

Frulein nnchen lie, erstarrt vor Angst und Entsetzen, alles
geschehen. Daucus Carota setzte sich drauen in der Laube auf ihren
Scho, sie kratzte ihn im Kopfe, und Herr Amandus von Nebelstern
begann, sich auf der Guitarre begleitend, das erste der zwlf Dutzend
Lieder, die er smtlich selbst gedichtet und komponiert und in ein
dickes Buch zusammengeschrieben hatte.

Schade ist es, da in der Chronik von Dapsulheim, aus der diese ganze
Geschichte geschpft, diese Lieder nicht aufgeschrieben, sondern
nur bemerkt worden, da vorbergehende Bauern stehen geblieben und
neugierig gefragt, was fr ein Mensch denn in der Laube des Herrn
Dapsul von Zabelthau solche Qualen litte, da er solch entsetzliche
Schmerzenslaute von sich geben msse.

Daucus Carota wand und krmmte sich auf Frulein nnchens Scho und
sthnte und winselte immer jmmerlicher, als litte er an frchterlichem
Bauchgrimmen. Auch glaubte Frulein nnchen zu ihrem nicht geringen
Erstaunen zu bemerken, da Corduanspitz whrend des Gesanges immer
kleiner und kleiner wurde. Endlich sang Herr Amandus von Nebelstern
(das einzige Lied steht wirklich in der Chronik) folgende sublime Verse:

    Ha! wie singt der Snger froh!
    Bltendfte, blanke Trume,
    Zieh'n durch ros'ge Himmelsrume,
    Selig, himmlisch Irgendwo!
    Ja du gold'nes Irgendwo,
    Schwebst im holden Regenbogen,
    Hausest dort auf Blumenwogen,
    Bist ein kindliches So So!
    Hell Gemt, ein Herz so so,
    Mag nur lieben, mag nur glauben,
    Tndeln, girren mit den Tauben,
    Und das singt der Snger froh.
    Sel'gem fernem Irgendwo
    Zieht er nach durch gold'ne Rume,
    Ihn umschweben se Trume
    Und er wird ein ew'ges So!
    Geht ihm auf der Sehnsucht Wo,
    Lodern bald die Liebesflammen,
    Gru und Ku, ein traut Zusammen
    Und die Blten, Dfte, Trume
    Lebens, Liebens, Hoffens Keime
    Und --

Laut kreischte Daucus Carota auf, schlpfte, zum kleinen, kleinen
Mohrrbchen geworden, herab von nnchens Scho und in die Erde hinein,
so da er in einem Moment spurlos verschwunden. Da stieg auch der graue
Pilz, der dicht neben der Rasenbank in der Nacht gewachsen schien, in
die Hhe; der Pilz war aber nichts anders als die graue Filzmtze des
Herrn Dapsul von Zabelthau, und er selbst steckte darunter und fiel dem
Herrn Amandus von Nebelstern strmisch an die Brust und rief in der
hchsten Ekstase: O mein teuerster, bester, geliebtester Herr Amandus
von Nebelstern! Sie haben mit Ihrem krftigen Beschwrungsgedicht meine
ganze kabbalistische Weisheit zu Boden geschlagen. Was die tiefste
magische Kunst, was der khnste Mut des verzweifelnden Philosophen
nicht vermochte, das gelang Ihren Versen, die wie das strkste Gift dem
verrterischen Daucus Carota in den Leib fuhren, so da er trotz seiner
gnomischen Natur vor Bauchgrimmen elendiglich umkommen mssen, wenn
er sich nicht schnell gerettet htte in sein Reich! Befreit ist meine
Tochter Anna, befreit bin ich von dem schrecklichen Zauber, der mich
hier gebannt hielt, so da ich ein schnder Pilz scheinen und Gefahr
laufen mute, von den Hnden meiner eigenen Tochter geschlachtet zu
werden! Denn die Gute vertilgt schonungslos mit scharfem Spaten alle
Pilze in Garten und Feld, wenn sie nicht gleich ihren edlen Charakter
an den Tag legen wie die Champignons. Dank, meinen innigsten heiesten
Dank, und -- nicht wahr, mein verehrtester Herr Amandus von Nebelstern,
es bleibt alles beim alten rcksichts meiner Tochter? -- Zwar ist sie,
dem Himmel sei es geklagt, um ihr hbsches Ansehen durch die Schelmerei
des feindseligen Gnomen betrogen worden, Sie sind indessen viel zu
sehr Philosoph, um -- O Papa, mein bester Papa, jauchzte Frulein
nnchen, schauen Sie doch nur hin, schauen Sie doch nur hin, der
seidne Palast ist ja verschwunden. Er ist fort, der hliche Unhold
mitsamt seinem Gefolge von Salatprinzen und Krbisministern und was
wei ich sonst alles! -- Und damit sprang Frulein nnchen fort nach
dem Gemsegarten. Herr Dapsul von Zabelthau lief der Tochter nach, so
schnell es gehen wollte, und Herr Amandus von Nebelstern folgte, indem
er fr sich in den Bart hineinbrummte: Ich wei gar nicht, was ich von
dem allen denken soll; aber so viel will ich fest behaupten, da der
kleine garstige Mohrrbenkerl ein unverschmter prosaischer Schlingel
ist, aber kein dichterischer Knig, denn sonst wrde er bei meinem
sublimsten Liede nicht Bauchgrimmen bekommen und sich in die Erde
verkrochen haben.

-- Frulein nnchen fhlte, als sie in dem Gemsegarten stand, wo keine
Spur eines grnenden Hlmchens zu finden, einen entsetzlichen Schmerz
in dem Finger, der den verhngnisvollen Ring trug. Zu gleicher Zeit
lie sich ein herzzerschneidender Klagelaut aus der Tiefe vernehmen,
und es guckte die Spitze einer Mohrrbe hervor. Schnell streifte
Frulein nnchen, von ihrer Ahnung richtig geleitet, den Ring, den sie
sonst nicht vom Finger bringen knnen, mit Leichtigkeit ab, steckte
ihn der Mohrrbe an, diese verschwand, und der Klagelaut schwieg.
Aber o Wunder! sogleich war auch Frulein nnchen hbsch wie vorher,
wohlproportioniert und so wei, als man es nur von einem wirtlichen
Landfrulein verlangen kann. Beide, Frulein nnchen und Herr Dapsul
von Zabelthau, jauchzten sehr, whrend Herr Amandus von Nebelstern ganz
verdutzt dastand, und immer noch nicht wute, was er von allem denken
sollte. --

Frulein nnchen nahm der herbeigelaufenen Gromagd den Spaten aus
der Hand und schwang ihn mit dem jauchzenden Ausruf: Nun lat uns
arbeiten! in den Lften, aber so unglcklich, da sie den Herrn
Amandus von Nebelstern hart vor den Kopf (gerade da, wo das +Sensorium
commune+ sitzen soll) traf, so da er wie tot niederfiel. Frulein
nnchen schleuderte das Mordinstrument weit weg, warf sich neben dem
Geliebten nieder, und brach aus in verzweifelnden Schmerzenslauten,
whrend die Gromagd eine ganze Giekanne voll Wasser ber ihn
ausgo, und Herr Dapsul von Zabelthau schnell den astronomischen Turm
bestieg, um in aller Eile die Gestirne zu befragen, ob Herr Amandus von
Nebelstern wirklich tot sei. Nicht lange dauerte es, als Herr Amandus
von Nebelstern die Augen wieder aufschlug, aufsprang, so durchnt, wie
er war, Frulein nnchen in seine Arme schlo, und mit allem Entzcken
der Liebe rief: O mein bestes, teuerstes nnchen! nun haben wir uns ja
wieder! --

Die sehr merkwrdige, kaum glaubliche Wirkung dieses Vorfalls auf das
Liebespaar zeigte sich sehr bald. Beider Sinn war auf eine seltsame
Weise gendert.

Frulein nnchen hatte einen Abscheu gegen das Handhaben des Spatens
bekommen, und herrschte wirklich wie eine echte Knigin ber das
Gemsreich, da sie dafr mit Liebe sorgte, da ihre Vasallen gehrig
gehegt und gepflegt wurden, ohne dabei selbst Hand anzulegen, welches
sie treuen Mgden berlie. Dem Herrn Amandus von Nebelstern kam
dagegen alles, was er gedichtet, sein ganzes poetisches Streben
hchst albern und aberwitzig vor; und vertiefte er sich in die Werke
der groen, wahren Dichter der ltern und neuen Zeit, so erfllte
wohltuende Begeisterung so sein Inneres ganz und gar, da kein Platz
brig blieb fr einen Gedanken an sein eignes Ich. Er gelangte zu
der berzeugung, da ein Gedicht etwas anderes sein msse als der
verwirrte Wortkram, den ein nchternes Delirium zu Tage frdert, und
wurde, nachdem er alle Dichtereien, mit denen er sonst, sich selbst
belchelnd und verehrend, vornehm getan, ins Feuer geworfen, wieder
ein besonnener, in Herz und Gemt klarer Jngling, wie er es vorher
gewesen. --

Eines Morgens stieg Herr Dapsul von Zabelthau wirklich von seinem
astronomischen Turm herab, um Frulein nnchen mit Herrn Amandus von
Nebelstern nach der Kirche zur Trauung zu geleiten.

Sie fhrten nchstdem eine glckliche, vergngte Ehe; ob aber spter
aus Herrn Dapsuls ehelicher Verbindung mit der Sylphide Nehahilah noch
wirklich etwas geworden, darber schweigt die Chronik von Dapsulheim.
-- -- --




J. H. D. Zschokke:

Die Nacht in Brczwezmcisl.


=Johann Heinrich Daniel Zschokke= wurde am 22. Mrz 1771 als Sohn
eines wohlhabenden Tuchmachers in Magdeburg geboren, ging nach kurzer
Hauslehrer- und Theater-Ttigkeit und nach dem Besuch der Universitt
Frankfurt a. O. 1796 nach der Schweiz, wo er bald ein zweites Vaterland
fand. Die wechselvollen politischen Umbildungen der damaligen Zeit
stellten ihm, der von gemeinntzigem Sinne beseelt war, mannigfache
bedeutende Aufgaben, denen er sich mit grtem Eifer unterzog. Seine
groen Verdienste um die Schweiz und namentlich um den Kanton Aargau,
in dem er sich niedergelassen hatte, wurden durch bertragung vieler
mter und Wrden an ihn geehrt. Nachdem er seine letzten Lebensjahre
den stets mit Eifer betriebenen schriftstellerischen Arbeiten gewidmet
hatte, starb er am 27. Juni 1848 auf seinem Landsitz Blumenhalde an der
Aar.

Zschokke ist ein Volksschriftsteller ersten Ranges: klar, gediegen, von
energischem und lebendigem Vortrag. Die Abenteuer der Neujahrsnacht,
Addrich im Moos, Die Branntweinpest, Das Goldmacherdorf sind
einige seiner bekanntesten Erzhlungen, neben denen eine groe Zahl
volkstmlicher Geschichtswerke und die bekannten Stunden der Andacht
stehen. Auch durch Herausgabe allgemeinverstndlicher Zeitschriften
(namentlich des trefflichen Schweizerboten) hat sich Zschokke
verdient gemacht. Da er bei der von ihm entwickelten gemeinntzigen
Ttigkeit groen Stils auch durch seine Dichtungen wirken wollte,
kann nicht wunder nehmen; tatschlich haben auch nicht nur die beiden
letzten der obengenannten Erzhlungen tiefgreifenden Einflu gebt.
Aber er moralisiert nicht nur. Wenn er ernste Mahnungen geben will,
wie das hufig geschieht, wei er sie dem Leser freundlich ans Herz
zu legen, und er ist der Erzhlung schwankhafter Ereignisse, wie Die
Nacht in Brczwezmcisl zeigt, durchaus nicht abgeneigt.

    E. S.




Die Nacht in Brczwezmcisl.


1.

Fahrt nach Brczwezmcisl.

Ich zweifle gar nicht, das Jahr 1796 mag wohl manche schreckliche Nacht
gehabt haben, zumal fr die Italiener und Deutschen. Es war das erste
Siegesjahr Napolon Bonapartes und die Zeit von Moreaus Rckzug. Damals
hatte ich in meiner Vaterstadt auf der Universitt die akademischen
Studien beendigt; war Doktor beider Rechte, und htte mich wohl
unterstanden, den Proze smtlicher europischer Kaiser und Knige mit
der damaligen franzsischen Republik zu schlichten, wenn man mich nur
zum Schiedsrichter verlangt htte.

Ich war indessen blo zum Justizkommissar einer kleinen Stadt des
neuen Ostpreuens ausersehen. Viel Ehre fr mich. Mit dem einen Fu
schon im Amte, mit dem andern fast noch im akademischen Hrsaale,
heit seltenes Glck. Das dankte ich der Eroberung oder Schpfung
eines neuen Ostpreuens und dem Falle Kosciuszkos. Man macht es zwar
dem hochseligen Knige -- wir andere Christen sterben nur schlechtweg
selig, und die Bettler vermutlich nur tiefselig; man sagt, im Tode
sind wir einander alle gleich, ich beweise im Vorbeigehen das
Gegenteil! -- also man macht ihm zwar zum Vorwurf, an einer schreienden
Ungerechtigkeit teilgenommen zu haben, da er ein selbstndiges Volk
verschlingen half; aber ohne diese kleine Ungerechtigkeit, ich mchte
sie gar nicht schreiend nennen, wren tausend preuische Musenshne
ohne Anstellung geblieben. In der Natur wird eines Tod das Leben des
andern; der Hering ist fr den Magen des Walfisches, und das gesamte
Tier- und Pflanzenreich, auch das Steinreich, wenn es nicht zuweilen
unverdaulich wre, fr den Magen des Menschen da. brigens lt sich
sehr gut beweisen, da ein Mdchen, welches seine Ehre, und ein Volk,
welches seine Selbstndigkeit berlebt, an ihrem eigenen Unglcke
schuld sind. Denn wer sterben kann, ist unbezwingbar, und eben der Tod
ist der feste Sttzpunkt eines groen, ruhmreichen Lebens.

Meine Mutter gab mir ihren besten Segen, nebst Wsche und Reisegeld;
und so reiste ich meiner glnzenden Bestimmung nach Neu-Ostpreuen
entgegen, von dem die heutigen Geographen nichts mehr wissen,
ungeachtet es doch kein Zauber- und Feenland war, das auf den Wink
eines Oberon entsteht und verschwindet. Ich will meine Leser mit
keiner langen Reisebeschreibung ermden. Flaches Land, flache Menschen,
schlechte Postwagen, grobe Postbeamte, elende Straen, elender
Verkehr, und nebenbei jedermann auf seinen Misthaufen stolz, wie ein
Perser-Schah auf seinen Thron. Es ist einer der vortrefflichsten
Gedanken der Natur, da sie jedem ihrer Wesen ein eigenes Element
anwies, worin es sich mit Behaglichkeit bewegen kann. Der Fisch
verschmachtet in der Luft, der polnische Jude in einem prunkvollen
Damengemache.

Also kurz und gut, ich kam eines Abends vor Sonnenuntergang nach, ich
glaube, es hie Brczwezmcisl, einem freundlichen Stdtchen; freundlich,
obgleich die Huser ruig, schwarz, die Straen ungepflastert, kotig,
die Menschen nicht suberlich waren. Aber ein Kohlenbrenner kann in
seiner Art so freundlich aussehen, wie eine Operntnzerin, deren
Futriller von Kennern beklatscht werden.

Ich hatte mir das Brczwezmcisl, meinen Berufsort, viel schrecklicher
vorgestellt; vermutlich fand ich's gerade deswegen freundlicher.
Der Name des Orts, als ich ihn zum ersten Male aussprechen wollte,
hatte mir fast einen Kinnbackenkrampf zugezogen. Daher mochte meine
heimliche Furcht vor der Stadt selbst stammen. Der Name hat immer
bedeutenden Einflu auf unsere Vorstellung von den Dingen. Und weil
das Gute und Bse in der Welt weniger in den Dingen selbst, als in
unserer Vorstellung von ihnen liegt, ist Veredlung der Namen eine wahre
Verschnerung des Lebens.

Zur Vergrerung meiner Furcht vor der neuostpreuischen Bhne meiner
Rechtskunst mochte auch nicht wenig der Umstand beigetragen haben, da
ich bisher im Leben noch nicht weiter von meinem Geburtsorte gekommen
war, als man etwa dessen Turmspitze sehen konnte. Ungeachtet ich wohl
aus den Lehrbchern der Erdbeschreibung wute, da die Menschenfresser
ziemlich entfernt wohnten, erregte es doch zuweilen mein billiges
Erstaunen, da man mich unterwegs nicht ein paarmal totschlug, wo
Ort und Zeit dazu gelegen waren, und weder Hund noch Hahn um mein
pltzliches Verschwinden vom Erdball gekrht haben wrden. Wahrhaftig,
man gewinnt erst Vertrauen auf die Menschheit, wenn man sich ihr, als
Fremdling und Gast, auf Gnade und Ungnade berlt! Menschenfeinde sind
die vollendetsten, engherzigsten Selbstschtlinge; Selbstsucht ist eine
Seelenkrankheit, die aus der Stetigkeit des Aufenthalts entspringt. Wer
Egoisten heilen will, mu sie auf Reisen schicken. Luftvernderung tut
dem Gemte so wohl als dem Leibe.

Als ich mein Brczwezmcisl vom Postwagen hinab zum ersten Male erblickte
-- es schien in der Ferne ein aus der Ebene steigender Kothaufen zu
sein; aber Berlin und Paris stellen sich mit ihren Palsten dem, der
in den Wolken schifft, wohl auch nicht prchtiger dar -- klopfte mir
das Herz gewaltig. Dort also war das Ziel meiner Reise, der Anfang
meiner ffentlichen Laufbahn, vielleicht auch das Ende derselben,
wenn mich etwa die in Neuostpreuen verwandelten Polacken, als
Sldner ihrer Unterdrcker, bei einem Aufruhr niederzumachen Lust
bekommen haben wrden. -- Ich kannte dort keine Seele, als einen
ehemaligen Universittsfreund namens Burkhardt, der zu Brczwezmcisl als
Obersteuereinnehmer, aber auch erst seit kurzem, angestellt war. Er
wute von meiner Ankunft; er hatte mir vorlufig eine Wohnung gemietet
und das Ntige zu meinem Empfange angeordnet, weil ich ihn darum
gebeten. Dieser Burkhardt, der mir vorzeiten ein ganz gleichgltiger
Mensch gewesen, mit dem ich auf der Universitt wenig Umgang gehabt,
den ich sogar auf Anraten meiner Mutter gemieden hatte, weil er unter
den Studenten als Sufer, Spieler und Raufer berchtigt war, gewann
in meiner Hochachtung und Freundschaft, je nher ich an Brczwezmcisl
kam. Ich schwor ihm unterwegs Liebe und Treue bis in den Tod. Er war ja
der einzige von meinen Bekannten in der wildfremden polnischen Stadt;
gleichsam der Mitschiffbrchige, welcher sich auf dem Brette aus den
Wellen an die wste Insel gerettet hatte.

Ich bin eigentlich gar nicht aberglubisch; aber doch kann ich mich
nicht enthalten, dann und wann auf Vorbedeutungen zu halten. Wenn keine
erscheinen wollen, mache ich mir sie. Ich glaube, man tut dergleichen
im Miggang des Geistes; es ist ein Spiel, das fr den Augenblick
unterhaltend sein kann. So nahm ich mir vor, auf die erste Person
acht zu haben, die mir aus dem Tore der Stadt entgegenkommen wrde.
Ich setzte fest, ein junges Mdchen sollte mir zum glcklichen, ein
Mann zum blen Vorzeichen dienen. Ich war noch nicht mit der Anordnung
der verschiedenen mglichen Zeichen fertig, als ich schon das Tor
vor mir sah, aus welchem eine, wie es schien, sehr wohlgebaute junge
Brczwezmcislerin hervortrat. Vortrefflich! Ich htte mit meinen von
dem preuischen Postwagen pflichtmig zerstoenen und zermalmten
Gliedern hinabfliegen und die polnische Grazie anbeten mgen. Ich fate
sie scharf ins Auge, um mir ihre Zge tief einzuprgen, und wischte
meine Lorgnette -- denn ich bin etwas kurzsichtig -- vom letzten
Sonnenstubchen rein.

Als wir aber einander nher waren, bemerkte ich bald, die Venus von
Brczwezmcisl sei etwas hlicher Natur, zwar schlank, aber schlank
wie eine Schwindschtige, drr, eingebogen, mit platter Brust. Auch
das Gesicht war platt, nmlich ohne Nase, die durch irgend einen
traurigen Unfall verloren gegangen sein mochte. Ich htte geschworen,
es wre ein Totenkopf, wenn nicht seltsamerweise zwischen den Zhnen
ein Stck Fleisch hervorgehangen htte. Ich traute meinen Augen kaum.
Als ich's jedoch nher durch die Brille betrachtete, merkte ich wohl,
die patriotische Polin streckte vor mir zum Zeichen des Abscheus die
Zunge heraus. Ich zog geschwind den Hut ab, und dankte hflich fr das
Kompliment. Das meinige war der Polin vermutlich so unerwartet, als mir
das ihrige. Sie nahm die Zunge zurck und lachte so unmig, da sie
fast am Husten erstickte.

Unter diesen scherzhaften Umstnden kam ich in die Stadt. Der Wagen
hielt vor dem Posthause. Der preuische Adler ber der Tr, ganz neu
gemalt, war, vermutlich von patriotischen Gassenbuben, mit frischen
Kotflecken beworfen. Die Klauen des kniglichen Vogels lagen ganz
unter Unrat begraben, entweder weil das vielgepriesene Raubtier
mit den Klauen ebensoviel als mit dem Schnabel zu sndigen pflegt;
oder weil die Polen zu verstehen geben wollten, Preuen habe am
Nordostpreuischen so viel erwischt, als der gemalte Adler zwischen den
Pfoten trage.


2.

Die alte Starostei.

Ich fragte den Herrn Postmeister sehr hflich nach der Wohnung des
Herrn Obersteuereinnehmers Burkhardt. Der Mann schien nicht gut zu
hren, denn er gab keine Antwort. Da er sich aber bald darauf doch mit
dem Brieftrger unterhielt, so schlo ich aus seiner Stummheit, er
wollte mich durch die weltbekannte Postgrobheit berzeugen, da ich
in der Tat nirgendwo anders, als an einem der wohleingerichtetsten
Postbureaus sei. Nach der sechsten Anfrage fuhr er mich heftig an, was
ich wolle? Ich fragte zum siebenten Male dasselbe, und zwar mit der
verbindlichsten Berliner oder Leipziger Artigkeit.

In der alten Starostei! schnauzte er mich an.

Um Vergebung, wenn ich fragen darf, wollen Sie mir nicht geflligst
sagen, wo ich die alte Starostei finde?

Ich habe keine Zeit. Peter, fhre ihn hin!

Peter fhrte mich. Der Postmeister, der zum Antworten keine Zeit
hatte, sah, die Pfeife rauchend, zum Fenster hinaus, auf der Strae
mir nach. Vermutlich Neugier. Bei aller mir angebornen Hflichkeit
war ich doch im Herzen ergrimmt ber die unanstndige Behandlung.
Ich ballte in meiner Rocktasche drohend die Faust und dachte: Nur
Geduld, Herr Postmeister, fllt Er einmal der Justiz in die Klauen,
deren wohlbestallter kniglicher Kommissar ich zu sein die Ehre habe,
so werde ich Ihm seine Flegelhaftigkeit auf die allerzierlichste Weise
einpfeffern! Der Herr Postmeister sollen zeitlebens meiner Rechtskniffe
gedenken.

Peter, ein zerlumpter Polack, der mich fhrte, verstand und sprach
das Deutsche nur sehr gebrochen. Mein Gesprch mit ihm war daher
so verworren und schauderhaft, da ich es in meinem Leben nicht
vergessen werde. Der Kerl sah dazu abscheulich aus mit seinem gelben,
spitznasigen Gesicht und dem schwarzen, struppigen Haar, ungefhr wie
es unsere nord- und sddeutschen Zierbengel zu tragen pflegten, wenn
sie schn tun wollten. Statt des Tituskopfes zeigten sie uns gewhnlich
die Nachbildung eines struppigen Weichselzopfes.

Lieber Freund! sprach ich, whrend wir langsam im tiefen Kote
wateten, will Er mir doch wohl sagen, ob Er den Herrn Burkhardt kennt?

-- Die alte Starostei! antwortete Peter.

Ganz recht, bester Freund! Er wei doch, da ich zum Herrn
Obereinnehmer will?

-- Die alte Starostei!

Gut! Was soll ich aber in Seiner alten Starostei?

-- Sterben!

Das hole der Teufel! Das kommt mir nicht in den Sinn.

-- Mausetot! sterben!

Warum? Was habe ich verbrochen?

-- Preue! Kein Polack!

Ich bin ein Preue!

-- Wei gut!

Warum denn sterben? Wie meint Er's?

-- So und so und so! -- Der Kerl stie, als htte er einen Dolch in der
Faust. Dann zeigte er auf sein Herz, chzte und verdrehte grlich die
Augen. Mir ward bei der Unterredung ganz bel. Denn verrckt konnte
Peter nicht sein, er sah mir ziemlich verstndig aus, und Wahnsinnige
hat man doch nicht leicht zu Handlangern auf der Post.

Wir verstehen uns vielleicht nicht vollkommen, scharmanter Freund!
fing ich endlich wieder an. Was will Er mit dem Sterben sagen?

-- Totmachen! Dabei sah er mich wild von der Seite an.

Was? Tot?

-- Wenn Nacht ist!

Nacht? Die nchste Nacht? Er ist wohl nicht bei Trost?

-- Gar wohl Polak, aber Preue nicht!

Ich schttelte den Kopf und schwieg. Offenbar verstanden wir beide
einander nicht! Und doch lag in den Reden des trotzigen Kerls etwas
Frchterliches. Denn der Ha der Polen gegen die Deutschen, oder was
dasselbe sagen wollte, gegen die Preuen, war mir bekannt. Es hatte
schon hin und wieder Unglck gegeben. Wie, wenn der Kerl mich warnen
wollte? Oder wenn der dumme Tlpel durch seinen bermut eine allen
Preuen bevorstehende Mordnacht verraten htte? -- Ich ward nachdenkend
und beschlo, meinem Freunde und Landsmann Burkhardt das Gesprch
mitzuteilen, als wir vor der sogenannten Starostei ankamen. Es war ein
altes, hohes, steinernes Haus in einer stillen, abgelegenen Strae.
Schon ehe wir dahin kamen, bemerkte ich, da die, welche vor dem Hause
vorbergingen, scheue, verstohlene Blicke auf das grauschwarze Gebude
warfen. Ebenso tat mein Fhrer. Der sagte nun kein Wort mehr, sondern
zeigte mit dem Finger auf die Haustr und machte sich ohne Gru und
Lebewohl davon.

Allerdings war mein Eintritt und Empfang in Brczwezmcisl nicht
gar anmutig und einladend gewesen. Die ersten Personen, welche
mich hier begrten, die unhfliche Dame unter dem Tor, der grobe,
neuostpreuische Postmeister und der kauderwelsche, verpreuete Polack
hatten mir Lust und Liebe sowohl zu meinem neuen Aufenthaltsorte, als
zu meinem Justizkommissariat verbittert. Ich pries mich glcklich,
endlich zu einem Menschen zu gelangen, der wenigstens mit mir schon
einmal dieselbe Luft geatmet. Zwar hatte Herr Burkhardt bei uns zu
Lande nicht des besten Rufes genossen; allein was ndert sich nicht
im Menschen mit dem Wechsel der Umstnde? Ist die Gemtsart etwas
anderes, als das Werk der Umgebungen? Der Schwache wird in der Angst
zum Riesen; der Feige in der Schlachtgefahr zum Helden; Herkules unter
Weibern zum Flachsspinner. Und gesetzt, mein Obereinnehmer htte
bisher fr seinen Knig alles eingenommen, fr sich selbst aber keine
bessern Grundstze angenommen gehabt: noch besser immer ein gutmtiger
Zecher, als das schwindschtige, nasenlose Gerippe mit der Zunge;
besser ein leichtsinniger Spieler, als ein grober Postmeister; besser
ein tapferer Raufer und Schlger, als ein mivergngter Polacke.
Burkhardts letztgenannte Untugend gereichte ihm vielmehr in meinen
Augen zum grten Verdienst; denn -- unter uns gesagt -- mein sanfter,
bescheidener, schchterner Charakter, den Mama oft hochgepriesen,
konnte mir unter den Polen beim ersten Aufstande zum schmhlichsten
Verderben gereichen. Es gibt Tugenden, die an ihrem Orte zur Snde,
und Snden, die zur Tugend werden knnen. Es ist nicht alles zu allen
Zeiten das gleiche, ungeachtet es das gleiche geblieben.

Als ich durch die hohe Pforte in die sogenannte alte Starostei eintrat,
geriet ich in Verlegenheit, wo mein alter, lieber Freund Burkhardt zu
finden sei. Das Haus war gro. Das Kreischen der verrosteten Trangeln
hallte im ganzen Gebude wieder; doch veranlate das niemanden,
nachzusehen, wer da sei? Ich stieg die breiten Steintreppen mutig
hinauf.

Weil ich links eine Stubentr bemerkte, pochte ich fein hflich an.
Kein Mensch entgegnete mit freundlichem Herein! Ich pochte strker.
Alles stumm. Mein Klopfen weckte den Widerhall im zweiten und dritten
Stocke des Hauses. Ich ward ungeduldig. Ich sehnte mich, endlich dem
lieben Seelenfreunde Burkhardt ans Herz zu sinken, ihn in meine Arme
zu schlieen. Ich ffnete die Stubentr, trat hinein und sah mitten im
Zimmer einen Sarg. Der Tote, der darin lag, konnte mir freilich kein
freundliches Herein zurufen.

Ich bin von Natur gegen die Lebendigen sehr hflich, noch weit mehr
gegen die Toten. So leise als mglich wollte ich mich zurckziehen,
als ich pltzlich bemerkte, der Schlfer im Sarge sei kein anderer,
denn der Obersteuereinnehmer Burkhardt, von welchem nun selbst der Tod
die letzte Steuer eingezogen. Da lag er, unbekmmert um Weinglas und
Karten, so ernst und feierlich, da ich mich kaum unterstand, an seine
Lieblingsfreuden zu denken. In seiner Miene lag etwas dem menschlichen
Leben so Fremdes, als htte er nie mit demselben zu schaffen gehabt.
Ich glaube wohl, wenn eine unbekannte allmchtige Hand den Schleier
des Jenseits lpft, das uere Auge bricht und das innere hellsehend
wird, da mag das irdische Leben winzig genug erscheinen, und alle
Aufmerksamkeit nur dorthin streben.

Betroffen schlich ich aus der Totenstube, in den finstern, einsamen
Hausgang zurck. Jetzt erst berfiel mich ein solches Grausen vor dem
Toten, da ich kaum begreifen konnte, woher ich den Mut genommen, dem
Leichnam so lange ins Antlitz zu schauen. Zu gleicher Zeit erschrak ich
vor meiner eigenen Verlassenheit, in der ich nun lebte. Denn da stand
ich hundert Meilen weit von meiner teuern Vaterstadt, vom mtterlichen
Hause, in einer Stadt, deren Namen ich nie gehrt hatte, bis ich ihr
Justizkommissar werden sollte, um sie zu entpolacken. Mein einziger
Bekannter und kaum erst von mir adoptierter Herzensfreund hatte sich im
vollen Sinne des Wortes aus dem Staube gemacht, und mich ohne Rat und
Trost mir selbst berlassen. Die Frage war: wohin soll ich mein Haupt
legen? wo hat mir der Tote die Wohnung bestellt?

Indem kreischten die rostigen Trangeln der Hauspforte so
durchdringend, da mir der Klang fast alle Nerven zerri. Ein windiger,
flchtiger Kerl in Bedientenlivree sprang die Treppe herauf, gaffte
mich verwundert an und richtete endlich das Wort an mich. Mir zitterten
die Kniee. Ich lie den Kerl nach Herzenslust reden; aber der Schreck
hatte mir in den ersten Minuten zum Antworten die Sprache genommen.
Ohnehin hatte ich auch schon vorher die Sprache nicht gekonnt, die
dieser Bursche redete, denn es war die polnische.

Als er mich ohne Zeichen der Erwiderung vor sich stehen sah, und sich
nun ins Deutsche bersetzte, welches er so gelufig, wie ein Berliner,
sprach, gewann ich Kraft, nannte meinen Namen, Stand, Beruf und alle
Abenteuer seit meinem Einzuge in die verwnschte Stadt, an deren Namen
ich noch immer erstickte. Pltzlich ward er freundlich, zog den Hut ab
und erzhlte mir mit vielen Umstnden, was hiernach in lblicher Krze
folgt:

Nmlich er, der Erzhler, heie Lebrecht; sei des seligen Herrn
Obersteuereinnehmers Dolmetsch und treuester Diener gewesen bis
gestern Nacht, da es dem Himmel gefallen, den vortrefflichen Herrn
Obersteuereinnehmer aus dieser Zeitlichkeit in ein besseres Sein zu
befrdern. Die Befrderung wre freilich ganz gegen die Neigung des
Seligen gewesen, der lieber bei seinem Einnehmerposten geblieben wre.
Allein als er sich gestern mit einigen polnischen Edelleuten ins
Spiel eingelassen, und beim Glase Wein in ihm der preuische Stolz
und in den Polen der sarmatische Patriotismus wach geworden, htte es
anfangs einen lebhaften Wort-, dann Ohrfeigenwechsel gesetzt, worauf
einer der Sarmaten dem seligen Herrn drei bis vier Messerstiche ins
Herz gegeben, ungeachtet schon einer derselben zum Tode hinreichend
gewesen wre. Um allen Verdrielichkeiten der neuostpreuischen Justiz
auszuweichen, htten sich die Sieger noch in derselben Nacht, man wisse
nicht wohin, entfernt. Der Selige habe noch kurz vor seinem Hintritt in
die bessere Welt fr den erwarteten Justizkommissar, nmlich fr mich,
einige Zimmer gemietet, eingerichtet, Hausrat aller Art gekauft, sogar
eine wohlerfahrene deutsche Kchin gedungen, die jeden Augenblick in
den Dienst eintreten knne, so da ich wohl versorgt sei. Beilufig
bemerkte der Erzhler Lebrecht, da die Polen geschworene Feinde der
Preuen wren, und ich daher an Kleinigkeiten mich gewhnen msse, wie
diejenige gewesen, welche mir die stumme Beredsamkeit der Dame unterm
Tor ausgedrckt habe. Er erklrte zwar den Peter fr einen albernen
Tropf, der mir ohne Zweifel nur den Tod des Herrn Obersteuereinnehmers
habe anzeigen wollen, wofr ihm ein hinlnglicher Vorrat an Worten
gefehlt; daher mge ein beiderseitiges Miverstndnis entstanden sein:
doch wolle er, der Erzhler, mir nichtsdestoweniger geraten haben,
vorsichtig zu sein, weil die Polen in einer wahrhaft stillen Wut wren.
Er selber, der Lebrecht, sei fest entschlossen, sich sogleich nach
Beerdigung seines unglcklichen Herrn aus der Stadt zu entfernen.

Nach diesem Berichte fhrte er mich die breite steinerne Treppe hinab,
um mir meine neue Wohnung anzuweisen. Durch eine Reihe groer, hoher,
der Zimmer brachte er mich in einen gerumigen Saal; darin stand ein
aufgeschlagenes Bett, von gelben damastenen alten Umhngen beschattet;
ein alter Tisch mit halbvergoldeten Fen; ein halbes Dutzend staubiger
Sessel. Ein ungeheuerer, mit goldenem Schnrkelwerk umzogener,
blinder Spiegel hing an der Wand, deren gewirkte, bunte Tapeten, auf
welchen die schnsten Geschichten des Alten Testamentes prangten,
halbvermodert, an manchen Stellen nur noch in Fetzen herabhingen. Knig
Salomo auf dem Throne, um zu richten, hatte den Kopf verloren, und dem
lsternen Greise in Susannens Bade waren die verbrecherischen Hnde
abgefault.

Es schien mir in dieser Einde durchaus nicht heimisch. Ich htte
lieber ein Wirtshaus zum Aufenthalt gewhlt, und -- htte ich's nur
getan! Aber teils aus Schchternheit, teils um zu zeigen, da ich mich
vor der Nhe des Toten nicht frchtete, schwieg ich. Denn ich zweifelte
nicht daran, da Lebrecht und wahrscheinlich auch die wohlerfahrene
Kchin mir die Nacht Gesellschaft leisten wrden. Lebrecht zndete
behende zwei Kerzen an, die auf dem goldfigen Tische bereit standen;
schon fing es an zu dunkeln. Dann empfahl er sich, um mir kalte Kche
zum Nachtessen, Wein und andere Bedrfnisse herbeizuschaffen, meinen
Koffer vom Posthause holen zu lassen und der wohlerfahrnen Kchin von
meiner Ankunft und ihren Pflichten Anzeige zu machen. Der Koffer kam,
das Nachtessen desgleichen. Lebrecht aber, sobald er sein ausgelegtes
Geld von mir empfangen, wnschte mir gute Nacht und ging.

Ich verstand ihn erst, als er verschwunden war, so schnell machte sich
der Kerl, nach eingestrichener Zahlung, davon. Ich sprang erschrocken
auf, ihm nachzugehen, ihn zu bitten, mich nicht zu verlassen. Aber
Scham hielt mich wieder zurck. Sollte ich den elenden Menschen zum
Zeugen meiner Furchtsamkeit machen? Ich zweifelte nicht, da er in
irgend einem Zimmer seines ermordeten Herrn bernachten werde. Aber
da hrte ich die Angeln der Hauspforte kreischen. Es drang mir durch
Mark und Bein. Ich eilte ans Fenster und sah den Burschen ber die
Gasse fliegen, als verfolgte ihn der Tod. Bald war er im Finstern
verschwunden; ich mit dem Leichnam in der alten Starostei allein.


3.

Die Schildwache.

Ich glaube an keine Gespenster; des Nachts aber frchte ich sie. Sehr
natrlich. Wer wollte auch alles mgliche glauben? Aber man hofft und
frchtet leicht alles mgliche.

Die Totenstille, die alten, zerlumpten Tapeten in dem groen Saal, das
Unheimliche und Fremde, der Tote ber meinem Haupte -- der Nationalha
der Polacken -- alles trug dazu bei, mich zu verstimmen. Ich mochte
nicht essen, ungeachtet mich hungerte; ich mochte nicht schlafen,
so ermdet ich auch war. Ich ging ans Fenster, um zu versuchen, ob
ich im Notfalle auf diesem Wege die Strae gewinnen knne; denn ich
frchtete, mich in dem gewaltigen Hause und in dem Labyrinth von Gngen
und Zimmern zu verirren, ehe ich den Hausflur erreichte. Allein starke
Eisenstbe verrammelten den Ausweg.

In dem Augenblicke ward alles in der Starostei lebendig; ich hrte
Tren auf- und zugehen, Tritte nah und fern schallen, Stimmen
dumpf ertnen. Ich begriff nicht, woher pltzlich dies rege Leben
und Treiben. Aber eben das Unbegreifliche versteht man immer am
schnellsten. Eine innere Stimme warnte mich und sprach: Es gilt dir!
Der dumme Peter hatte die Mordanschlge der Polacken verraten --
rette dich! Ein kalter Fieberschauer ergo sich durch meine Nerven.
Ich sah die Blutdrstigen, wie sie untereinander die Art meines Todes
verabredeten. Ich hrte sie nher und nher kommen. Ich hrte sie
schon in den Vorzimmern, die zu meinem Saale fhrten. Ihre Stimmen
flsterten leiser. Ich sprang auf, verriegelte die Tr, und in
demselben Augenblicke versuchte man, die Tr von auen zu ffnen. Ich
wagte kaum zu atmen, um mich nicht durch das Gerusch meines Atemzuges
zu verraten. An der Sprache der Flsternden vernahm ich, da es Polen
waren. Zum Unglck hatte ich gleich nach Empfang meiner Berufung zum
Justizkommissariat so viel polnische Worte gelernt, da ich ungefhr
auch verstand, man spreche von Blut, Tod und Preuen. Meine Kniee
bebten; kalter Schwei rann mir von der Stirn. Noch einmal ward von
auen der Versuch gemacht, die Tr meines Saals zu ffnen, aber es
schien, als frchte man, Gerusch zu machen. Ich hrte die Menschen
sich wieder entfernen, oder vielmehr davon schleichen.

Sei es, da die Polacken es auf mein Leben, oder nur auf mein Geld
abgesehen hatten; sei es, da sie ihre Anschlge ohne Lrmen ausfhren,
oder den Versuch auf andere Weise erneuern wollten; ich beschlo
sogleich, mein Licht auszulschen, damit sie es nicht von der Strae
erblicken und mich daran erkennen mchten. Wer stand mir gut dafr, da
nicht einer der Kerle, wenn er mich wahrnahm, durchs Fenster scho?

Die Nacht ist keines Menschen Freundin, darum ist der Mensch ein
angeborener Feind der Finsternis, und selbst Kinder, die noch nie von
Geistererscheinungen und Gespenstern gehrt haben, scheuen sich im
Dunkeln vor etwas, was sie nicht kennen. Kaum sa ich im Finstern da,
die ferneren Schicksale dieser Nacht einsam erwartend, so stiegen vor
meiner erschrockenen Einbildung die abscheulichsten Mglichkeiten auf.
Ein Feind oder ein Unglck, das man sehen kann, sind nicht halb so
entsetzlich, als solche, denen man sich blindlings berliefern mu,
ohne sie zu kennen. Umsonst suchte ich mich zu zerstreuen; umsonst
beschlo ich, mich auf das Bett zu werfen und den Schlaf zu suchen.
Ich konnte nirgends ausdauern. Das Bett hatte den widerlichen Geruch
von Leichenmoder; und sa ich im Zimmer, so erschreckte mich von Zeit
zu Zeit ein Knistern in meiner Nhe, wie von einem lebenden Wesen. Am
meisten schwebte mir die Gestalt des ermordeten Obersteuereinnehmers
vor. Seine kalten, steifen Gesichtszge erschienen mir so grausenhaft
beredt, da ich endlich alle meine beweglichen Gter darum gegeben
htte, wre ich nur im Freien, oder bei guten, freundlichen Leuten
gewesen.

Die Geisterstunde schlug. Jeder Schlag der Turmuhr erschtterte mich
bis ins Innerste. Zwar schalt ich mich selbst einen aberglubischen
Narren, einen furchtsamen Hasen, aber mein Schelten besserte mich
nicht. Endlich, sei es aus Verzweiflung oder Heroismus, denn diesen
qualvollen Zustand konnte ich nicht lnger ertragen, sprang ich auf,
tappte durch die Finsternis den Saal entlang zur Tr, riegelte sie auf,
und war entschlossen, sollte es auch mein Leben kosten, ins Freie zu
gelangen.

Als die Tr aber aufging -- Himmel, welch ein Anblick! Ich taumelte
erschrocken zurck, denn solch eine Schildwache hatte ich da nicht
erwartet.


4.

Die Todesangst.

Beim dunkeln Scheine einer alten Lampe, die seitwrts auf einem
Tischchen stand, sah ich mitten im Vorzimmer den ermordeten
Obersteuereinnehmer im Sarge, wie ich ihn den Abend vorher oben gesehen
hatte; und diesmal noch dazu deutlich mit den Blutflecken im Hemde, die
das erste Mal von einem Leichentuche verdeckt gewesen waren. Ich suchte
mich zu fassen; mir einzureden, diese Erscheinung sei Gaukelei meiner
Phantasie; ich trat nher. Aber als mein Fu an den Sarg am Boden
stie, da es dumpf tnte, und es schien, als rege sich die Leiche,
als versuche sie, die Augen aufzuschlagen, da schwand mir fast alles
Bewutsein. Ich floh mit Entsetzen in meinen Saal zurck und strzte
rcklings auf das Bett nieder.

Indem entstand am Sarge ein lautes Gepolter. Ich mute beinahe glauben,
der Obersteuereinnehmer sei vom Tode erwacht; denn es war ein Gerusch
eines sich mhsam Erhebenden. Ich vernahm ein dumpfes Sthnen. Ich sah
bald darauf im Dunkeln die Gestalt des Ermordeten mitten in der Tr
meines Saales stehen, sich an den Pfosten haltend, langsam in den Saal
hineinschwanken oder taumeln, und im Dunkeln verschwinden. Whrend
mein Unglaube noch einmal versuchte, alles zu leugnen, was ich gehrt
und gesehen hatte, widerlegte ihn das Gespenst, oder der Tote, oder
Lebendiggewordene schauderhaft genug. Denn dieser, so lang, breit und
schwer er war, lagerte sich auf mein Bett, und zwar ber meinen Leib,
mit seinem kalten Rcken ber mein Gesicht, so da mir kaum Luft genug
zum Atmen blieb.

Ich begreife noch zur Stunde nicht, wie ich mit dem Leben davon kam.
Denn mein Schreck war wohl ein tdlicher zu nennen. Auch mu ich
in einer langen Ohnmacht gelegen haben. Denn als ich unter meiner
frchterlichen Last wieder die Glocke schlagen hrte und meinte,
es werde ein Uhr sein, das erwnschte Ende der Geisterstunde, der
Augenblick meiner Erlsung -- da war es zwei Uhr.

Jeder denke sich meine grliche Lage. Rings um mich Moderduft,
und der Leichnam auf mir atmend, erwrmt, rchelnd, wie zu einem
zweiten Sterben; -- ich selbst halb erstarrt, teils vor Schrecken
und Entkrftung, teils unter der zentnerschweren Last. Alles Elend
in Dantes Hlle ist Kleinigkeit gegen einen Zustand, wie diesen. Ich
hatte nicht die Kraft, mich unter dem Leichnam hervorzuarbeiten, der
zum andern Mal auf mir sterben wollte; und htte ich die Kraft gehabt,
vielleicht htte mir der Mut gefehlt, es zu tun, denn ich sprte
deutlich, da der Unglckliche, welcher nach der ersten Verblutung
seiner Wunden vermutlich nur eine schwere Ohnmacht bekommen hatte,
dann fr tot gehalten und auf gut polnisch in einen Sarg geworfen
worden war, erst jetzt mit dem wahren Tode rang. Er schien sich
nicht ermannen, nicht leben, nicht sterben zu knnen. Und das mute
ich auf mir selbst geschehen lassen! ich mute das Sterbekissen des
Steuereinnehmers sein!

Manchmal war ich geneigt, alles seit meiner Ankunft in Brczwezmcisl
Vorgefallene fr einen Teufelstraum zu halten, wenn ich mir meiner
Not in ihrer groen Mannigfaltigkeit nur nicht allzu deutlich bewut
gewesen wre. Und doch wrde ich mich zuletzt berredet haben, die
ganze Schreckensnacht mit ihren Erscheinungen sei Traum und nichts
als Traum, wenn nicht ein neues Ereignis, ein empfindlicheres, als
jedes der vorhergehenden, mich von der Wahrheit meines vollen Wachens
berzeugt htte.


5.

Tageslicht.

Es war nmlich schon Tag -- ich konnte es zwar nicht sehen, denn
der sterbende Freund drckte mir mit seinen Schulterblttern die
Augen fest zu -- aber ich konnte es am Gerusche der Gehenden und
Fahrenden auf der Strae erraten -- da hrte ich Menschentritte und
Menschenstimmen in dem Zimmer. Ich verstand nicht, was man redete; denn
es war polnisch. Aber ich bemerkte wohl, da man sich mit dem Sarge
beschftigte. Ohne Zweifel, dachte ich, werden sie den Toten suchen
und mich erlsen. -- So geschah es auch, aber auf eine Weise, die ich
nicht vermuten konnte.

Einer der Suchenden schlug nmlich mit einem spanischen Rohr so
unbarmherzig auf den Verstorbenen oder Sterbenden los, da derselbe
pltzlich aufsprang und auf geraden Beinen vor dem Bette stand.
Auch auf meine Wenigkeit waren vom berma des spanischen Rohrs
so viel Hiebe abgefallen, da ich mich nicht enthalten konnte,
laut aufzuschreien und schnurgerade hinter dem Toten zu stehen.
Diese altpolnische und neuostpreuische Methode, Leute vom Tode
aufzuerwecken, war zwar bewhrt -- dagegen lie sich nichts einwenden,
denn die Erfahrung sprach laut dafr; allein auch so derb, da man fast
das Sterben dem Leben vorgezogen htte.

Als ich mich aber beim Tageslicht recht umsah, bemerkte ich, da
das Zimmer voll Menschen war, meistens Polen. Die Hiebe hatte ein
Polizeikommissar ausgeteilt, der beauftragt war, die Leiche des
Fremdlings beerdigen zu lassen. Der Steuereinnehmer lag noch immer
tot im Sarge, und zwar im Vorzimmer, wohin ihn die betrunkenen
Polacken gestellt hatten, weil es ihnen befohlen worden war, den Sarg
in das ehemalige Pfrtnerstbchen zu tragen. Sie hatten aber mein
Vorzimmer anstatt des Pfrtnerstbchens gewhlt, und einen ihrer
betrunkenen Kameraden als Wache bei der Leiche gelassen, der vermutlich
eingeschlafen, von meinem Gerusch in der Nacht erweckt, instinktmig
zu meinem Bett gekommen war und da seinen Branntweinrausch
ausgeschlafen hatte.

Mich hatte die gottlose Geschichte so arg mitgenommen, da ich in ein
hitziges Fieber verfiel, in welchem ich die Geschichte der einzigen
schrecklichen Nacht sieben Wochen lang trumte. Noch jetzt -- Dank
sei der polnischen Insurrektion! ich bin nicht mehr Justizkommissar
von Brczwezmcisl -- kann ich an das neuostpreuische Abenteuer kaum
ohne Schaudern denken. Doch erzhle ich's gern; teils mag es manchen
vergngen, teils manchen belehren. Es ist nicht gut, da man das
frchtet, was man doch nicht glaubt.




Hausbcherei

der Deutschen Dichter-Gedchtnis-Stiftung.


_Bis Dezember 1904 sind erschienen folgende Bnde:_

  Bd. 1. =Heinrich von Kleist=: Michael Kohlhaas. Mit Bildnis Kleists,
    7 Vollbildern von Ernst Liebermann und Einleitung von Dr. Ernst
    Schultze. Preis gebunden 90 Pfg. _6.-10. Tausend._

  Bd. 2. =Goethe=: Gtz von Berlichingen. Mit Bildnis Goethes von Lips
    und Einleitung von Dr. Wilhelm Bode. Preis gebunden 80 Pfg.

  Bd. 3. =Deutsche Humoristen.= _Erster Band_: Ausgewhlte
    humoristische Erzhlungen von Peter Rosegger, Wilhelm Raabe, Fritz
    Reuter und Albert Roderich. 221 Seiten stark. Preis gebunden 1
    Mark. _6.-10. Tausend._

  Bd. 4. =Deutsche Humoristen.= _Zweiter Band_: Clemens Brentano, E.
    Th. A. Hoffmann, Heinrich Zschokke. 222 Seiten. Preis gebunden 1
    Mark. _6.-10. Tausend._

  Bd. 5. =Deutsche Humoristen.= _Dritter Band_: Hans Hoffmann, Otto
    Ernst, Max Eyth, Helene Bhlau. 196 Seiten. Preis gebunden 1 Mark.
    _6.-10. Tausend._

  Bd. 6/7. =Balladenbuch.= _Erster Band_: Neuere Dichter. 495 Seiten.
    Preis gebunden 2 Mark.

  Bd. 8. =Hermann Kurz=: Der Weihnachtsfund. Eine Volkserzhlung. Mit
    Einleitung von Prof. Sulger-Gebing. 209 Seiten. Preis gebunden 1
    Mark.

  Bd. 9. =Novellenbuch.= _Erster Band_: C. F. Meyer, Ernst von
    Wildenbruch, Friedrich Spielhagen, Detlev von Liliencron. 194
    Seiten. Preis gebunden 1 Mark.

  Bd. 10. =Novellenbuch.= _Zweiter Band_ (Dorfgeschichten): Ernst
    Wichert, Heinrich Sohnrey, Wilhelm von Polenz, Rudolf Greinz. 199
    Seiten. Preis gebunden 1 Mark.


    Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder gegen vorherige Einsendung
    des Betrages oder Nachnahme durch die Kanzlei der Deutschen
    Dichter-Gedchtnis-Stiftung in Hamburg-Groborstel (fr Mitglieder
    -- s. folgende Seite -- portofrei).




[Illustration]

Deutsche Dichter-Gedchtnis-Stiftung.

(Goldene Medaille der Weltausstellung St. Louis 1904.)


Die Stiftung, deren =Zweck= es ist, hervorragenden Dichtern durch
Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des deutschen Volkes
zu setzen, begann ihre =Ttigkeit= i. J. 1903 damit, da sie an
500 Volksbibliotheken je 20 Bnde verteilte, unter denen sich z. B.
Fontanes Grete Minde -- M. v. Ebner-Eschenbachs Gemeindekind --
eine Auswahl der Deutschen Sagen der Brder Grimm -- Roseggers Als
ich noch der Waldbauernbub' war -- ferner die umstehend genannten 3
ersten Bnde der Hausbcherei befanden. Im J. 1904 wurden 40 Werke
(23 Bnde) in je 750 Exemplaren zum gleichen Zwecke angekauft.

Abzge des =Werbeblatts=, des =Aufrufs=, der Satzungen, des
Jahresberichts u. s. w. werden von der Kanzlei der Deutschen
Dichter-Gedchtnis-Stiftung in Hamburg-Groborstel gern bersandt.

Die Stiftung erbittet besonders jhrliche, aber auch einmalige
Beitrge; erstere sollen nicht zum Kapital geschlagen, sondern
fortlaufend mit den Kapitalzinsen ausgegeben werden. =Fr jhrliche
Beitrge von mindestens 2 Mk.= oder einmalige von mindestens 20 Mk.
gewhrt die Stiftung durch bersendung einer ihrer eigenen Ausgaben
(nicht der angekauften Werke) Gegenleistung. Wer 25 Mark Jahresbeitrag
zahlt, erhlt auf Wunsch alle im gleichen Jahre erscheinenden Bnde der
Hausbcherei.

Die =Beitrge= werden in jeder Hhe entgegengenommen von der Deutschen
Bank und ihren smtlichen Zweiganstalten und Depositenkassen
-- der k. k. Postsparkasse, Wien, auf Konto Nr. 859112 -- der
Schweizerischen Volksbank, Bern, und ihren smtlichen Zweiganstalten
und Depositenkassen -- dem Kassenwart der Stiftung, Dr. Ernst Schultze,
Hamburg-Groborstel.

Alle =Briefe=, =Anfragen= u. s. w. werden an den Genannten oder mit der
Aufschrift Deutsche Dichter-Gedchtnis-Stiftung, Hamburg-Groborstel
erbeten.

       *       *       *       *       *

    Druck von Grimme & Trmel in Leipzig.




Weitere Anmerkungen zur Transkription


Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.

Die als Trennung verwendeten Verlagssignets und verzierten Linien
wurden entfernt.

Korrekturen:

  S. 5 (Inhaltsverzeichnis): _Brczwczmcisl_ zu _Brczwezmcisl_:
    Die Nacht in _Brczwezmcisl_

  S. 13: _auf_ zu _aus_:
    wie einen Weck aus dem Laden,

  S. 60: _nnd_ zu _und_:
    ... der ganzen Htte ihren Grund _und_ Boden gab.

  S. 65: __ ergnzt ( auf S. 52):
    Da es mir nicht berlauf'.

  S. 80: _dir_ zu _die_:
    Gendarmen, _die_ mir auf die Spur kamen;

  S. 88: _Gesellchaft_ zu _Gesellschaft_:
    da er seit gestern in ihrer _Gesellschaft_ sei ...

  S. 92: _nud_ zu _und_:
    Nanny _und_ Lindpeindler so viel Interessantes erzhlten,

  S. 125: _vielleichst_ zu _vielleicht_:
    in der du _vielleicht_ schwebst,

  S. 140: _wollen_ zu _Wollen_:
    Wollen wohl vornehme Leute vorstellen?

  S. 148: _Namen_ zu _Name_:
    ... die unchristlichen Wrter, aus denen der _Name_ besteht,

  S. 174: _das_ zu _da_:
    _da_ Frulein nnchen wohl erraten konnte,

  S. 175: _dimantnen_ zu _diamantnen_:
    mit _diamantnen_ und goldnen Ketten und Ringen geschmckt,





End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen, Zweiter Band, by 
Clemens Brentano and E. T. A. Hoffmann and Heinrich Zschokke

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

