The Project Gutenberg EBook of Alfried Krupp, by Herman Frobenius

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Title: Alfried Krupp
       Ein Lebensbild

Author: Herman Frobenius

Editor: Gustav Diercks

Release Date: November 9, 2014 [EBook #47322]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                           Mnner der Zeit.

             Lebensbilder hervorragender Persnlichkeiten
               der Gegenwart und jngsten Vergangenheit.

                           Herausgegeben von

                         ~Dr.~Gustav Diercks.


                             Zweiter Band.

                           _Alfried Krupp_.




                            Alfried Krupp.


                            Ein Lebensbild

                                  von

                           Herman Frobenius.


                        Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da
                        bleibt der Segen nicht aus.

                                                Kaiser Wilhelm~I.~

                        Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein,
                        dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.

                                                      Alfried Krupp.


                         Dresden und Leipzig.

                      _Verlag von Carl Reiner._

                                1898.


[Illustration]




Inhalt.


                                                            Seite

     I. Das vterliche Erbe                                     1

    II. Lehrjahre                                              17

   III. Der erste Erfolg und seine Verwerthung                 33

    IV. Ein kniglicher Bundesgenosse                          50

     V. Die erste Feuerprobe                                   70

    VI. Kampf und Sieg                                         91

   VII. Neue Kmpfe                                           117

  VIII. Unheimliche Gegner                                    132

    IX. Schwere Jahre                                         155

     X. Neue Aufgaben und neue Erfolge                        180

    XI. Die letzten Triumphe und die letzte Enttuschung      196

   XII. Das Ende des Siegers                                  218

[Illustration]




~I.~

Das vterliche Erbe.


Im selben Frhjahr, in welchem Napoleon Bonaparte sich anschickte,
seine sieggewohnte Armee dem Verderben in Rulands unermelichen
Gefilden entgegenzufhren und damit seine tyrannische, fast ganz
Europa umfassende Herrschaft dem ersten, bis in die Grundfesten sie
erschtternden Stoe aussetzte, im selben Frhjahr erblickte der Mann
in dem Stdtchen Essen das Tageslicht, dessen geniale Schaffenskraft
das starke Werkzeug schmieden sollte, welches 58 Jahre spter der
deutschen Armee zur Vernichtung des herrschschtigen Neffen, des
letzten Napoleoniden, diente. Dasselbe Jahr, welches als Wendepunkt in
der Geschichte der deutschen Nation sie eintreten lie in eine Periode
der krftigsten Entwickelung, des ungeahnten Aufschwunges, es gab
ihr auch mit der Geburt des Meisters die Waffen, um den bermthigen
Erbfeind zu Boden zu schlagen und dem Vaterland die langersehnte
Einheit zu erkmpfen.

Am 12.April 1812 ward Alfried Krupp geboren.

Mitten in Deutschlands wichtigstem Steinkohlengebiet, in dem reizlosen,
aber fruchtbaren, hgelbekrnzten Thale der Ruhr, dort wo er mit
seines Lebens schwerer Arbeit auch seine ans Wunderbare grenzenden
Erfolge errang, in dem kleinen Stdtchen Essen stand seine Wiege. Ja!
klein, auffallend klein war noch der Ort mit seinen 4000 Einwohnern
trotz des vollen Jahrtausends, auf das es seine Geschichte rckwrts
verfolgen konnte. In jener Zeit der Geburt des ersten Deutschen
Reiches, als das weite Erbe des groen Karl der Schauplatz der
blutigen, lndergierigen Bruderkriege war, welche mit der endgltigen
scharfen Trennung der gallischen und germanischen Volksstmme einen
Abschlu fanden, damals ward Essen gegrndet. Und ebenfalls ein
Alfried war es, der Bischof Alfried von Hildesheim, welcher mit der
Erbauung des alten Mnsters den Mittelpunkt fr die neue Ansiedelung
formte; beraus langsam entwickelte sie sich, bis nach Verlauf eines
Jahrtausends der zweite, grere Alfried, der, obgleich Protestant,
den Namen des Schutzpatrons erhielt, die schlummernden Krfte zu
neuem, schaffensreichem Leben zu erwecken wute und nicht nur seine
Vaterstadt einem pltzlichen, berraschenden Wachsthum zufhrte (die
Einwohnerzahl betrug in seinem Todesjahre an 68000), sondern ihr die
erste Stelle unter den Fabrikorten derjenigen groen Industrie errang,
welche unter seiner Fhrung die Uebermacht des Auslandes siegreich
berwand und die erste Bresche legte in die britische Weltherrschaft.
Wie ein welterschtternder Heroldsruf wirkte dieser Sieg des Essener
Fabrikherren auf den deutschen Handel und auf die deutsche Industrie
und, wie er dem Heere die starke Waffe schmiedete zur Wiedergewinnung
der seit 1000 Jahren der deutschen Nation zustehenden, heimtckisch
vor 3 Jahrhunderten ihr geraubten linksrheinischen Lande, so fhrte
er durch die selbstgeschaffene Bresche im friedlichen Wettkampf
Deutschlands Handel und Industrie Schritt fr Schritt vorwrts
in Gebiete, welche Britannien bisher als seine alleinige Domne
zu betrachten sich angemat hatte. So erweiterte sich die von
Alfried Krupp voll gelste Lebensaufgabe aus der des patriotischen
Waffenschmiedes, welche sich auf Strkung der Wehrkraft des Vaterlandes
und auf den Schutz seiner Grenzen richtete, zu der eines Bahnbrechers
fr die Idee eines greren Deutschland, und er verstand in weiser
Umsicht die beiden Wege zu betreten, welche diese zum Ziele fhren
mssen: Zusammenschlu der vaterlndischen Krfte durch friedliche
Lsung der sozialen Aufgaben und Ueberflgelung der auslndischen
Industrie durch intensivste Entwickelung und Ausbeutung der Technik und
Wissenschaft, sowie durch sorgsamste und gewissenhafteste Pflege der
Reellitt in allen Industriezweigen.

Klein, auerordentlich klein und unscheinbar, wie seine Vaterstadt
im Jahre 1812, sind die Anfnge seiner so gewaltig sich erweiternden
Wirksamkeit. Aber die Keime zu der groartigen Entwickelung waren
bereits vorhanden, ebenso, wie in der Vaterstadt die Anfnge der
Industrie, welche sie gro machen sollte, weit zurckdatiren. Schon im
16.Jahrhundert wurde hier Kohlenbergbau betrieben und die Gewinnung
von Eisenerzen erlangte zeitweise eine gewisse Bedeutung in dem bis
1803 ein Freies Reichsstift bildenden Essener Territorium. Sie gab
im vorigen Jahrhundert Veranlassung zur Entstehung der Eisenwerke
Neu-Essen, St. Antony und Gute Hoffnung, deren letzte fr die Familie
Krupp und fr deren Wirken im Gebiete der Eisentechnik eine groe
Bedeutung gewann. Auch die Waffenfabrikation war in Essen nichts
Ungewohntes; denn seit 2 Jahrhunderten bis in den Anfang des unseren
bildete die Gewehrfabrikation einen wesentlichen Zweig der brgerlichen
Erwerbsthtigkeit.

Eng verknpft mit der Geschichte der Stadt ist von jeher die der
Familie Krupp. Schon im Jahre 1560 wird ein Kaufmann des Namens
genannt, welcher durch Aufnahme des niederlndischen Flchtlings
Alexander van Huissen eine Familie in Essen einbrgerte, welche
in ihren Nachkommen von groer Bedeutung fr die Begrndung der
niederrheinischen Eisenindustrie werden sollte. Im Jahre 1664 spielte
ein Matthias Krupp als Sekretair der Stadt eine groe Rolle im
ffentlichen Leben und von 1703 bis 1734 stand ein anderer Ahnherr,
Arnold mit Namen, als Brgermeister an der Spitze der stdtischen
Verwaltung. Vom Jahre 1760 an sind die Vorfahren Alfried Krupps in
fortlaufender Linie bekannt, Friedrich Jodocus, Sekretr der Stadt,
ward in diesem Jahre mit einer von ihm gemutheten und Sekretarius
benannten Kohlenzeche belohnt. Er wie sein einziger Sohn, Peter
Friedrich Wilhelm, starben noch vor Beginn des neuen Jahrhunderts,
soda im Jahre 1800 nur die beiden Wittwen, die ltere Amalie,
geborene Ascherfeld und die jngere Wittwe Petronella, geborene
Forsthoff, sowie deren Sohn Friedrich Krupp, welcher am 17.Juli 1787
geboren worden war, die Familie reprsentirten.

Diese erfreute sich zweifelsohne damals eines recht guten Wohlstandes,
denn die jngere Wittwe bewohnte ein von ihrem Manne 1791 erbautes
stattliches, mit den Namenszgen F.W.P.Krupp und P.Forsthoff, sowie
dem Kruppschen Wappen (eine um einen Baum sich windende, krupende
Schlange) geschmcktes Haus (Flachsmarkt Nr. 9); Frau Amalie Krupp aber
besa die Mittel, um am 12.April 1800 von ihrem Schuldner Pfandhfer,
dem Besitzer der St. Antony- und Gute Hoffnungs-Htte die letztere
beim Zwangsverkauf fr 12000 Thaler zu erwerben. Mithin erschlo
sich am selben Tage, an welchem 12 Jahre spter der geniale Erbe der
vterlichen geistigen Hinterlassenschaft geboren wurde, fr dessen
Vater Friedrich das Feld der Thtigkeit, auf dem er die erste Anregung
erhielt zu seinen schpferischen Ideen und weit hinausschauenden Plnen.

Frau Amalie, eine thatkrftige und geistig bedeutende Frau, bernahm
selbst die Leitung des Eisenwerkes und suchte seine Ergiebigkeit durch
Verbesserungen zu steigern; ihrem Enkel aber gab sie die Gelegenheit,
sich dort als Httenmann auszubilden. Der Jngling ergriff den Beruf
mit voller Begeisterung. In seinem Geist reifte unter der Anregung
der tglichen Beschftigung der Gedanke, welcher ihm zum Leitstern
wurde fr sein ganzes, nur gar zu bald im Dienste der Idee geopfertes
Leben. Die Eisentechnik Deutschlands war zurckgeblieben, durch England
weit berflgelt, und immer mehr wurde der Bedarf an werthvolleren,
besseren Erzeugnissen, wie Maschinentheilen und Gerthen, auch im
Vaterlande allein aus den englischen Fabriken gedeckt, immer mehr
aber drckte das auf die heimische Industrie, je mehr die Maschinen
sich vervollkommneten und je allgemeiner ihre Anwendung in allen
Berufskreisen voraussichtlich wurde. Fr eine ganze Reihe von
Werkzeugen und Gerthen verlangte die fortschreitende Industrie
ein ganz besonders feinkrniges, hartes und widerstandsfhiges
Eisenmaterial, und dies verstanden nur die englischen Fabriken
in ihrem Gustahl herzustellen. Daher ist es leicht erklrlich,
da sich in Deutschland allerorten die denkenden und strebsamen
Httenleute mit Studien und Versuchen abmhten, um das Geheimni der
Gustahl-Fabrikation zu ergrnden. Und dieses Verlangen ist es auch,
welches in Friedrich Krupp, durch seine Beschftigung auf der Gute
Hoffnung-Htte in Sterkrade mchtig angeregt, zur heien Flamme wurde,
die sein Vermgen und seine Gesundheit verzehrte, whrend sie fr die
deutsche Industrie zum Heerdfeuer wurde, an dem sich ihre Thtigkeit
in mchtigem Aufschwung entwickelte, und zum Freudenfeuer des endlichen
Sieges ber die britische Industrie.

Das fleiige, unermdliche Streben des Jnglings lohnte die Gromutter
am 27.Juni 1807 -- kurz vor Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres --
durch Schenkung des Werkes, und als sich im August des folgenden Jahres
Friedrich Krupp mit Therese Wilhelmi aus Essen verheirathete, geschah
es noch auf der Gute Hoffnung-Htte; den huslichen Heerd wollte er
sich neben dem flammenden Ofen errichten, der ihm den Gustahl liefern
sollte. Wie weit er damals mit seinen Versuchen bereits gediehen
war, ist nicht bekannt. Jedenfalls erschien es ihm selbst wohl noch
nicht mglich, in kurzer Zeit damit ein vollwerthiges Resultat zu
erreichen, denn dann wrde er nicht darein gewilligt haben, da bei
einer sich bietenden gnstigen Gelegenheit am 14.September 1808 die
Gute Hoffnung-Htte verkauft wurde (nachdem die Schenkung, unbekannt
aus welchem Grunde, schon am 15.Mai 1808 rckgngig gemacht worden
war). Begrndet wird der Verkauf durch die mehr und mehr hervortretende
Unmglichkeit, mit der nahe gelegenen Antony-Htte zu konkurriren,
obgleich die preuische Regierung durch Zuwendung von Auftrgen die
Gute Hoffnung-Htte zu untersttzen suchte. Es ist interessant, da
unter dem Kaufakt sich die Namen der Begrnder der niederrheinischen
Eisenindustrie vereinigt finden, denn die Kufer waren Heinrich
Huyssen, Gerhard und Franz Haniel und Gottlob Jacobi. Mit letzterem,
einem sehr tchtigen Htteningenieur, begegnete sich Friedrich Krupp in
dem Bemhen, das Geheimni der Gustahl-Fabrikation zu ergrnden.

In Essen, wohin der junge Ehemann nach Verkauf der Htte seinen
Wohnsitz verlegte, trat er in einen durchaus neuen Wirkungskreis,
indem er das von seiner Mutter gefhrte grere Spezereigeschft im
Oktober 1810 auf seinen Namen bernahm. Aus dieser Zeit datirt also die
_Firma Friedrich Krupp_, die sich freilich zunchst mit einem Artikel
beschftigte, der den spteren Fabrikaten derselben Firma so fremd wie
mglich ist, sie handelte vornehmlich mit Kaffee.

Nicht lange duldete es den jungen Eisentechniker in diesem Geschft;
alles Streben seines Herzens war auf die Gustahl-Fabrikation gerichtet
und unwrdig erschien ihm eine Thtigkeit, welche hierfr keinen Raum
bot, es drngte ihn, seine ganze geistige, wie krperliche Kraft,
seine Zeit und seine Mittel ganz ausschlielich diesem einen Zweck zu
widmen. Um seine Versuche fortsetzen zu knnen, bedurfte er eines,
wenn auch noch so kleinen Eisenwerkes; und so sehen wir, da er
bereits am 7.Dezember 1811 ein in der Gemeinde Altenessen gelegenes
kleines Gtchen, die Walkmhle, ein Anwesen von etwa 5 Morgen
Ausdehnung, ankauft, um hier einen Reckhammer, sowie ein Schmelz- und
Cementirgebude zu errichten; ein kleiner das Gelnde durchflieender
Bach gab die erforderliche Wasserkraft. Hier sollte das Material, der
Gustahl, erzeugt werden, und in dem Stdtchen Moers, auf dem linken
Rhein-Ufer, damals also noch im franzsischen Gebiet, sollte eine
neu errichtete Feilenfabrik die fr das Ausland bestimmten Waaren
herstellen, um den Zoll fr diese zu ersparen. Es war wohl zuviel auf
einmal angefangen, so richtig das Unternehmen auch erscheinen mu, denn
diese Feilenfabrik hat nicht lange bestanden.

Mit Fertigstellung der Gebude im Herbst 1812 lste Friedrich Krupp
sein Spezereigeschft auf, um alle Mittel disponibel zu machen fr das
eine Ziel, das er sich gesteckt hatte. Im Geburtsjahr seines Sohnes
Alfried konnte er also die geschftliche Mittheilung machen, da die
Firma Friedrich Krupp von jetzt ab alle Sorten feinen Stahl, auch
Gu-, Rund- und Triebstahl zu liefern im Stande sei.

Der Zeitpunkt, mit welchem mithin die Krupp'sche Gustahl-Fabrik ins
Leben trat, war fr das Unternehmen auerordentlich gnstig, denn
durch die Napoleonische Kontinentalsperre war seit 1806 jede Einfuhr
englischer Stahlwaaren abgeschnitten und die Bestnde in den letzten
Jahren verbraucht worden; die in voller Entwickelung begriffene
Eisen- und Stahl-Kleinindustrie im westlichen Deutschland gerieth
mehr und mehr in Verlegenheit, denn es mangelte einerseits an dem zu
verarbeitenden, bisher aus England bezogenen Material, anderseits an
den von dort gelieferten Stahlwerkzeugen. Allerorten wurden deshalb
von Technikern und Chemikern Versuche ber Versuche gemacht, einen
Ersatz des englischen Fabrikates zu erzeugen, und wer mit Erfolg diesen
Weg beschritt, konnte, wie es schien, eines reichen Lohnes sicher
sein, da er das dringendste Bedrfni der Industrie befriedigte. Wenn
sich aber die vielfachen Versuche, Gustahl herzustellen, trotz der
thatschlich erreichten Kenntni des Geheimnisses fast alle spurlos im
Sande verliefen, wenn auer Krupp keiner der patentirten Erfinder ein
nennenswerthes Resultat erzielte, so liegt dieses in der eigenartigen
Natur des Gustahls wie jeder fr bestimmte Zwecke auf einen hohen
Grad der Leistungsfhigkeit entwickelten Eisenlegirung. Es ist
nicht die Kenntni der chemischen Zusammensetzung und das einmalige
glckliche Gelingen der Herstellung hinreichend, um die Garantie fr
eine stetige Produktion eines gleich leistungsfhigen Materials zu
bieten; denn die Rohmaterialien sind so verschieden und die geringsten
Unterschiede in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Zusammenmischung
von einem so bedeutenden Einflu auf die Eigenschaften der aus ihnen
gewonnenen Eisenlegirung, da erst ein langjhriges Studium und
Probiren, verbunden mit der minutisesten Prfung und Untersuchung
der Rohmaterialien und mit der peinlichsten Genauigkeit bei ihrer
Verhttung zu einem einigermaen richtigen Urtheil ber das jedesmal
zu erwartende Resultat und schlielich zu jener Sicherheit im Betriebe
fhren konnte, welche der Legirung die fr bestimmte Zwecke zu
erreichenden Eigenschaften bei der Auswahl der Materialien zuzufhren
imstande ist.

Es ist hieraus erklrlich, warum nicht mit der einmaligen gelungenen
Erzeugung eines guten Gustahlblockes fr Friedrich Krupp alle
Schwierigkeiten berwunden waren; wie er Jahr fr Jahr seines Lebens
der emsigen Arbeit opfern mute, um das theoretisch Gefundene und
praktisch als richtig Bewiesene fr die Fabrikation auch nutzbar zu
machen und die geeignete Beschickungsart fr die einzelnen Zwecke des
Fabrikates zu finden. Ein Leitmotiv fr alle seine Versuche hat ihm den
richtigen Weg gewiesen und hat in gleicher Weise seinen Sohn von Erfolg
zu Erfolg gefhrt: Ohne gutes Eisen kein guter Stahl; fr das beste
Erzeugni, das er erstrebte, konnte er auch nur das beste Rohmaterial
brauchen. Und der Mangel an letzterem war es hufig, der seine
Fortschritte hemmte. Ein zweites aber, was die Fabrikation grerer
Gustahlstcke unbedingt erfordert, sind die Werkzeuge, mit denen diese
durchgeschmiedet oder gewalzt werden mssen, um die Gleichmigkeit
und Dichtigkeit des Gefges zu erhalten, welche das Material zu den
hchsten Leistungen befhigen. Es fehlten ihm die Mittel, um sich groe
Hmmer und Walzwerke zu beschaffen und erst nach langen Jahrzehnten der
langsamen Entwickelung aus den kleinen Anfngen heraus gelang es dem
Sohne, durch Konstruktion und Ausfhrung der mchtigen Hmmer, welche
die Welt in Staunen setzten, seinen Stahlblcken die von keinem Anderen
je erreichte Gte und Leistungsfhigkeit zu geben. Friedrich Krupp
hatte noch in keinem seiner Fabrikgebude eine Dampfmaschine, mit dem
Hammer, den er 1818 in Alten-Essen anlegte, konnte er Gustahl nur bis
zur Strke von 3 Zoll durchschmieden und, um Platten zu walzen, mute
er das Walzwerk von Franz Dinnendahl in Spillenburg in Anspruch nehmen.

Die ungeheuren Schwierigkeiten, welche Friedrich Krupp aus der Natur
der Gustahlfabrikation selbst erwuchsen, sind hieraus ersichtlich.
Hierzu kamen aber noch andere unglckliche Umstnde, welche einer
raschen Entwickelung seines Werkes hindernd in den Weg traten. Gleich
im zweiten Jahre nach dem Beginn der Gustahl-Fabrikation war es seine
Verbindung mit einem Mechaniker, Namens Nicolai, welche sehr ungnstige
Folgen hatte. Nicolai hatte ein preuisches Patent (vom 5.Mai 1815)
auf Gustahl erhalten, der dem besten, bis jetzt bekannten englischen
Gustahl in Rcksicht der Gte gleichgefunden wurde. Damit war
aber nicht gesagt, da er auch die Fhigkeit und Erfahrung fr die
Fabrikation besa, wie bereits erlutert wurde. Er war ein Beispiel
der fr die Praxis unbrauchbaren Erfinder, und Krupp sah sich binnen
Kurzem gezwungen, den Gesellschaftsvertrag mit ihm wieder zu lsen,
mute aber hierbei eine bedeutende Entschdigung zahlen und wurde
wegen des Nicolaischen Patentanspruches in einen Proze verwickelt,
der allerdings zu seinen Gunsten entschieden wurde, aber erst 1823
zum Abschlu kam und in den zwischenliegenden Jahren eine Quelle von
Verlegenheiten, Verlusten und Verdrielichkeiten wurde.

Zu den wichtigsten und besten Erzeugnissen der Fabrik zhlten
gusthlerne Mnzstempel und -Walzen. Sie waren binnen Kurzem nicht
nur in Berlin und anderen deutschen Mnzprgeanstalten, sondern auch
in Wien und Petersburg in Gebrauch. Gelegentlich deren Lieferung hatte
Friedrich Krupp mit dem preuischen Generalmnzdirektor Goedeking
freundschaftliche Beziehungen angeknpft und trug sich mit der
Hoffnung, durch dessen Vermittelung die Untersttzung der Regierung
in Form eines greren Kredits zu gewinnen. Denn seine Fabrik mute
nothwendigerweise erweitert werden, um den gesteigerten Anforderungen
gerecht werden zu knnen, und er glaubte von der Regierung eine
Entschdigung fr die bedeutenden Verluste beanspruchen zu knnen, die
ihm aus der Patentirung des leistungsunfhigen Nicolai erwachsen waren.
Seine rastlose Energie lie ihm aber nicht die Ruhe, jahrelang auf eine
Entscheidung zu warten, und so begann er 1818 mit dem Bau eines neuen
Fabrikgebudes im Westen der Stadt Essen, wo es fr ihn bequemer zu
erreichen war, da er mit seiner Familie noch in der Stadt wohnte. Am
18.Oktober 1819 konnte zum ersten Male in dem neuen Werk geschmolzen
werden, es ist der Geburtstag der jetzigen Gustahlfabrik, deren
weitlufige Anlagen sich mit der Zeit an diesen ersten verhltnimig
kleinen und bescheidenen Kernbau anschlieen und in stetiger
Erweiterung zu einem der grten Etablissements der Welt auswachsen
sollten.

Im Anfang sah es freilich noch wenig hoffnungsvoll aus, denn von den
projektirten 60 Schmelzfen konnten zunchst nur 8 fertig gestellt
und mit Noth in Betrieb erhalten werden. Da aus jedem Tiegel 25 Pfund
Gustahl gegossen wurden und binnen 24 Stunden zweimal geschmolzen
werden konnte, war das Maximum der Tagesproduktion 400 Pfund. Welche
bescheidene Zahl gegenber den Massen, welche in spteren Jahren
erzeugt wurden, und welche sich z.B. im Jahr 1881 auf die tgliche
Herstellung von 130000 Pfund Gustahl bezifferte! Die Schwere der Gsse
konnte bis zum Tode Friedrich Krupps auf 40 Pfund gesteigert werden.
Was ist das im Vergleich zu dem Block, welcher 1873 auf die Wiener
Weltausstellung gesandt wurde und das stattliche Gewicht von 105000
Pfund erreichte! Und auch dieser Block war aus kleinen Tiegeln gegossen
und in derselben Weise, wie jene ersten kleinen Gustcke.

Mit der Aufopferung seiner letzten Mittel hatte der energische Mann
diese Erweiterung seiner Fabrik ins Werk gesetzt und keiner seiner
Freunde und Verwandten hatte ein Verstndni fr diese Aufopferung
seines guten Vermgens im Dienste einer Idee, deren hohe Bedeutung
ihrem kurzsichtigen Blick vollstndig entging. Sie machten ihm
nur Vorwrfe, anstatt ihn zu untersttzen und suchten ihn zu
bereden, die Sache aufzugeben und sein frheres Geschft wieder zu
ergreifen, wozu sie ihm bereitwilligst die hilfreiche Hand boten.
So stand er allein und verlassen im Kreise seiner Mitbrger und
Berufsgenossen, unverstanden von Allen, die ihn htten untersttzen
knnen, unverstanden auch von den magebenden Personen, welche die
fr das Vaterland so wichtige Industrie mit Staatsmitteln htten
ber die mhsamen Anfnge hinwegbringen knnen. Und doch war er so
durchdrungen von der Bedeutung seines Unternehmens, so berzeugt von
der Entwickelungsfhigkeit seiner Idee, so siegesgewi, wenn er nur die
Mittel erlangen konnte, seine Erzeugnisse zur Geltung zu bringen, da
er keinen Augenblick schwankend wurde, lieber sich und seine Familie in
Noth und Sorgen zu strzen, als an seiner Lebensaufgabe zu verzweifeln.
Nach allen Seiten blickte er nach Hilfe, selbst die Grndung einer
staatlichen Gustahlfabrik in Ruland brachte er in Anregung, und
durch gutachtliche Prfungen suchte er seinem Fabrikat allgemeine
Anerkennung zu verschaffen. So unterzog der in groem Ansehen
stehende Verein zur Befrderung des Gewerbefleies in den Knigl.
preuischen Staaten seinen Gustahl einer grndlichen Untersuchung
und verffentlichte 1822 sein Urtheil, in dem er bekundet, da Herr
Friedrich Krupp in Essen a.d. R. durch langjhrige Versuche und groe
Aufopferungen es soweit gebracht hat, da sein Gustahl im Allgemeinen
den Vorzug vor dem englischen hat..... Sein Fabrikat ist von der
Abtheilung fr Manufakturen und Handel in Berlin sorgfltig untersucht
und dahin beurtheilt worden, da es an Brauchbarkeit und innerer Gte
dem besten englischen Stahl gleich zu achten, ja in mehrfacher Hinsicht
ihm vorzuziehen ist.

So wie ihm hier eine Anerkennung gewissermaen amtlichen Charakters
zu Theil wurde, so war auch aus der stetig zunehmenden Zahl der
Bestellungen zu erkennen, da die neuen Fabrikate mehr und mehr Boden
gewannen. Selbst aus der Fabrik von Cockerill bei Lttich und der
englischen Mnze in Hannover kamen Bestellungen. Sie konnten nicht
bewltigt werden, denn die Erweiterung des Betriebes htte neue
Kapitalien erfordert, und woher diese nehmen? Nirgends mehr ffnete
sich ein Kredit. Von der Hand in den Mund mute der Fabrikant leben
trotz des nicht zu verkennenden Aufschwunges seines Werkes, und ein
einziger Unglcksfall konnte pltzlich das mhsam errichtete Gebude
zu Sturze bringen, gerade jetzt, wo die Hoffnung auf ein glckliches
Gedeihen aufzublhen begann.

Es ist nicht zu verwundern, da Friedrich Krupp einerseits seine
eiserne Willenskraft, welche allein ihn die ungeheuren Schwierigkeiten
immer wieder berwinden lie, in unnachsichtiger Strenge gegen sich
selbst, wie gegen Andere zum Ausdruck brachte, da er anderseits, aus
einer schwierigen Lage in die andere geworfen, von Sorgen gemartert
und bisweilen beinahe verzweifelnd am Erfolge, oft finster und trb
gestimmt erschien. Fr seine Familie -- und die einzige treu ihm zur
Seite ausharrende, in vollem Verstndni seinen Plnen folgende Seele
war seine Frau -- mag er herzlich wenig Zeit brig gehabt haben, und
auch ihr gegenber zeigte sich die Thatkraft in dem festen Beharren bei
seiner Idee; er trug kein Bedenken, ihr nicht nur seine eigene, sondern
auch seiner Kinder Lebenskraft dienstbar zu machen und nthigenfalls
zum Opfer zu bringen.

Ein Bild der in eherner Arbeit unermdlichen Thatkraft, des in seinen
Leistungen nie ganz sich gengenden ehrgeizigen Pflichtgefhls, der
ber die Nichtigkeiten des Lebens und seiner Bedrfnisse hoch sich
erhebenden Begeisterung fr eine groe Idee, der vor keinem Opfer
zurckscheuenden, durch keine Sorgenlast zu hemmenden, durch keinen
Mierfolg entmuthigten Energie, so stand der Vater vor den Augen seiner
Kinder als ein leuchtendes Beispiel, als ein strenger Lehrmeister schon
in den ersten Jahren ihrer individuellen Entwickelung. So ward ihr Auge
geschrft zur klaren Auffassung der Verhltnisse, ihr Gemth gehrtet
gegen verweichlichende und beunruhigende Regungen, ihr Begehren auf
hohe Ziele gerichtet und ihre Bedrfnilosigkeit durch Entbehrungen
gefrdert, so ward ihr Geist entflammt fr die groe Aufgabe, der sie
die Eltern in eintrchtigem Streben jeden Genu, jede Freude, jeden
Athemzug ihres Lebens opfern sahen.

Und gegen alles Erwarten schnell kam der schwere Schicksalsschlag, der
die Kinder mitten hineinstellte in den Kampf des Lebens. Friedrich
Krupp erkrankte im Jahre 1823, gerade als die endliche Entscheidung
des Prozesses Nicolai eine gnstige Wendung seiner Verhltnisse
eingeleitet hatte. Eine Kur in Schwalbach brachte Linderung seiner
Leiden, aber bereits Ende 1824 wiederholten sich die Anflle, welche
auf eine hochgradige Ueberanstrengung des Nervensystems zurckzufhren
waren, in so heftiger Weise, da er 10 Monate lang arbeitsunfhig war.
Welche Folterqualen fr den Mann, auf dessen energischer Thtigkeit
ganz allein die Hoffnung einer weiteren gnstigen Entwickelung beruhte,
da er sich zum thatlosen Zuschauen verurtheilt sah und sich nicht
verbergen konnte, da von Tag zu Tag sein Werk zurck, da es dem
Zusammenbruch entgegen ging.

Die Lage wurde kritisch; das Haus in der Stadt mute aufgegeben werden
und die Familie bezog 1825 ein kleines, zur Fabrik gehrendes Haus,
das in den letzten Jahren fr einen Werkmeister errichtet worden war.
Es ist ein rmliches einstckiges Fachwerks-Gebude, neben der Thr in
der Front beiderseits nur ein Fenster, im Giebel deren zwei mit grnen
Lden, darber beiderseits ein einfenstriges Giebelstbchen, kaum Raum
genug fr die Eltern und die vier Kinder bietend, eine Arbeiterwohnung
im strengsten Sinne des Wortes, und was in diesem Hause fr
angestrengte, sorgenschwere, aber auch segensreiche Arbeit geleistet
wurde, das hat die Welt nach Jahrzehnten mit Staunen wahrgenommen,
dessen werden sich aber auch die Nachkommen des ersten Bewohners stets
mit tiefbewegtem, dankbarem und immer aufs Neue ermuthigtem Herzen
erinnern. Noch heute steht inmitten der Riesengebude der Fabrik, in
seiner ursprnglichen bescheidenen Form dieses Stammhaus, in dem
Friedrich Krupp noch einmal Hoffnung schpfte, sein Leiden berwinden
und dem drohenden Zusammensturz seines Werkes mit Energie Einhalt
gebieten zu knnen. Kurz und trgerisch war die Hoffnung. Mitten in
neuen Arbeiten, in der Lsung neuer Aufgaben, raffte ihn der Tod dahin.
Er starb am 8.Oktober 1826 an der Brustwassersucht. Was er erstrebt
hatte, schien verloren, was er erreicht, schien vernichtet. In Noth
und Sorge, ohne alle Mittel lie er seine Familie zurck, in der
Blthe seiner Jahre berwltigt durch die Aufgabe, der er sein Leben
und das Wohl der Seinen geopfert hatte. An seinem Grabe standen die
frheren Freunde und Genossen ohne ernste Theilnahme; sie hatten es ihm
ja vorausgesagt, da er einem Hirngespinnst in thrichter Weise sich
opferte; nur ein mitleidiges Lcheln hatten sie fr die Wittwe und die
unerwachsenen Kinder, die er im Elend zurckgelassen hatte. Sie ahnten
nichts von dem reichen Erbe, das er ihnen vermachte, da er sie durch
eine Schule gefhrt hatte, welche sie zur strengsten Pflichterfllung
und zum Einsetzen aller Kraft an hohe Ziele vorbereitet hatte, sie
sahen nicht den unscheinbaren Keim blhender Entwickelung, den er
in seinem Werke eingepflanzt hatte und der sich zum Riesenbaum
ausgestalten sollte, in dessen Schatten Deutschlands Industrie fr
seine Weltbedeutung sich zu entfalten Schutz fand.




~II.~

Lehrjahre.


Ein vierzehnjhriger Knabe stand Alfried am Grabe seines Vaters, und
in den tiefen Schmerz hinein, welcher sein Herz mit Thrnen erfllte,
in die bangen, schweren Gedanken, welche mit ungewohnter Last sein
Haupt beschwerten, klangen anstatt der Tne warmen Mitgefhls die
Aeuerungen des frostigen Mitleids wie ein schneidender Miton,
seinem thrnenverschleierten Blick entging nicht das Achselzucken
der klugen Leute, welche es nicht fr der Mhe werth hielten, ihre
Schadenfreude zu verbergen. Und die Thrnen versiegten in heiligem
Zorn, das schmerzgebeugte Haupt erhob sich in stolzem Bewutsein
der groen Aufgabe, welche der Knabe von heute ab als Nachfolger
seines Vaters diesen kleinen Seelen gegenber zu vertheidigen, in
ihrer ganzen vollberechtigten Bedeutung zur Anerkennung zu bringen
berufen war. So verlie Alfried Krupp das frische Grab seines Vaters,
nicht in verzweifelndem Kleinmuth des Kindes, sondern im muthigen
Selbstvertrauen des werdenden Mannes, so ward er, der vierzehnjhrige
Knabe, der Chef der Firma Friedrich Krupp, durch das im Tiefsten ihn
verletzende Gebahren seiner Mitbrger am Grabe des Vaters, zu dem Manne
der eisernen Energie, des rcksichtslosen Zielbewutseins, des tiefsten
Verstndnisses fr die Lebensnoth seiner Mitmenschen, wie er in seinem
ganzen Leben sich bewiesen hat.

Er war kein Musterschler gewesen; denn im Oktober 1825 hatte er erst
die Quarta erreicht, als sein Vater es fr nothwendig erachtete, ihn
in seinen Freistunden zur Mitarbeit in der Fabrik heranzuziehen. Die
Entlassung eines untreuen Buchhalters und eines unzuverlssigen Faktors
hatten ihm den Gedanken nahe gelegt, mit Hilfe seines ltesten Sohnes
alles Geschftliche allein zu besorgen und hierdurch die Fabrik von
einer immerhin ins Gewicht fallenden Ausgabe zu entlasten.

Ostern 1826 nahm er ihn ganz aus der Schule, konnte aber seine
ursprngliche Absicht, ihn bei dem Mnz-Wardein Noelle auf der
Dsseldorfer Mnze seine Lehre durchmachen zu lassen, nicht ausfhren,
da ein neuer Krankheitsanfall ihm seine Hilfe im Geschft unentbehrlich
machte. Krperlich gebrochen, besa er doch noch seine volle geistige
Frische, um die jetzt wichtigste Aufgabe zu erfllen, seinen Sohn in
alle Zweige des Geschftes einzufhren. Nach seiner Anweisung mute
Alfried die Beschickung und sonstige besonders wichtige Werkarbeiten
bernehmen, mute er in wenigen Monaten alles das erlernen, was ihn
nicht nur zu einem geschickten Httenmann geeignet machte, sondern was
als Ergebni der Versuche und Studien des Vaters ihm berliefert werden
mute, damit er seiner hohen Aufgabe gewachsen wre, dessen Erfindung
weiter zu frdern und auszubeuten.

Das waren offenbar Dinge, welche den Anlagen und Neigungen des Knaben
bedeutend mehr zusagten, als die Schulwissenschaften. Es ist nur
aus einem vollen Verstndni der ihm zufallenden Lebensaufgabe und
aus einer hohen spezifischen Begabung heraus verstndlich, da es
dem Knaben gelang, des Gelehrten vollstndig Herr zu werden, so
vollstndig, da er auf des Vaters Errungenschaften ohne Weiteres
weiter zu bauen im Stande war, als er nach sechs Monaten Lernzeit auf
seine eigenen Fe gestellt wurde.

Als seine Schulkameraden nach der Tertia versetzt wurden, ward den
schwachen Schultern des vierzehneinhalbjhrigen Knaben die schwere
Last auferlegt, als Chef der Firma eine Fabrik weiterzufhren, welche
zusammenzubrechen drohte, als Haupt der Familie die Mittel zu schaffen,
um seine Mutter und drei Geschwister zu ernhren. Er wollte und konnte
sich dem nicht entziehen, denn es war das heilige Vermchtni seines
Vaters. Noch im Oktober des Jahres 1826 verffentlichte die Wittwe in
den Zeitungen eine Empfehlung:

Den geschtzten Handlungsfreunden meines verstorbenen Gatten beehre
ich mich die Anzeige zu machen, da durch sein frhes Hinscheiden das
Geheimni der Bereitung des Gustahls nicht verloren gegangen, sondern
durch seine Vorsorge auf unseren ltesten Sohn, der unter seiner
Leitung schon einige Zeit der Fabrik vorgestanden, bergegangen ist und
da ich mit demselben das Geschft unter der frheren Firma Friedrich
Krupp fortsetzen und in Hinsicht der Gte des Gustahls, sowie auch
der in meiner Fabrik daraus gefertigten Waaren nichts zu wnschen brig
lassen werde.

Die Gegenstnde, welche in meiner Fabrik gefertigt werden, sind
folgende: Gustahl in Stangen von beliebiger Dicke, desgl. in gewalzten
Platten, auch in Stcken, genau nach Abzeichnungen oder Modellen
geschmiedet, z.B. Mnzstempel, Stangen, Spindeln, Tuchscheerbltter,
Walzen u.dergl., wie solche nur verlangt und aufgegeben werden, sowie
auch fertige Lohgerberwerkzeuge.

Gustahlfabrik bei Essen, im Oktober 1826.

                  Wittwe Therese Krupp, geb. Wilhelmi.

Wie stand es nun mit der Fabrik? Friedrich Krupp war es trotz aller
Schwierigkeiten immer noch gelungen, sein Geschft in voller Ordnung
zu hinterlassen und seine kaufmnnische Ehre voll zu wahren. Aber
Schulden waren natrlich vorhanden, und sie berstiegen beinahe den
Werth des Vermgens. Die Gte des Kruppschen Gustahls ward berall
anerkannt; die Bestellungen waren aber in den letzten Jahren immer
drftiger eingelaufen, da die Krankheit des Chefs eine pnktliche
Ausfhrung zur Unmglichkeit gemacht hatte. Die Zahl der stndigen
Arbeiter war auf vier Mann heruntergegangen. Kredit war jetzt
naturgem noch viel schwieriger zu erlangen als zu Lebzeiten des
Vaters. So galt es, unter den ungnstigsten Verhltnissen gewissermaen
von vorn wieder anzufangen, auf's Neue eine Kundschaft zu erwerben,
nachdem das Vertrauen in die Leistungsfhigkeit der Fabrik erschttert
war. Betriebsmittel, Rohmaterial, neue Arbeitskrfte und Kredit zu
schaffen, wo kein irgend nennenswerther Fonds dafr zur Verfgung
stand. Wieviel schwerer war die Aufgabe fr Alfried jetzt, wo Englands
Gustahlfabrikate wieder als bermchtige Konkurrenten berall in den
Weg traten, als damals fr den Vater, wo das Vermgen noch vorhanden
und durch die eigenen Erzeugnisse einem auf dem ganzen Kontinent
schwer empfundenen Bedrfni entsprochen werden konnte. Diesen
Mngeln gegenber standen aber die gut und fr einen viel greren
Betrieb ausreichenden Fabrikgebude als eine wichtige, unentbehrliche
Errungenschaft des Vaters und die frische Arbeitskraft eines ber
Nacht zum Jngling gereiften Knaben, der mit Begeisterung und
hoffnungsfreudig ans Werk ging und, ber die ersten Versuche hinweg,
gleich ein vollwerthiges Material auf den Markt bringen konnte.

Es bedurfte freilich seiner ganzen Krper- und Geisteskraft, um auch
nur die nothwendigsten Bedrfnisse fr die Familie zu schaffen, denn
auer der Schwester Ida waren ja zwei jngere Brder, Hermann und
Friedrich, zu ernhren, zu kleiden, zu unterrichten. So stand er, mit
nur zwei Arbeitern zur Seite, von Tagesgrauen bis zur einbrechenden
Nacht am Ambos und vor der Esse, und wenn er den ber alle Maen
angestrengten jungen Krper hinaufgeschleppt hatte in die kleine
Giebelstube, dann begann noch die geistige Arbeit, dann mute er der
zweiten, nicht weniger wichtigen Berufsaufgabe gengen als Ingenieur
und Kaufmann. Denn nicht stillstehen durfte er auf dem vom Vater
errungenen und ihm berkommenen Standpunkt der Fabrikation und deren
Verwerthung; jene zu vervollkommnen und fr diese immer neue Gebiete zu
entdecken und zu erobern, darauf mute er ja unablssig seine Gedanken
richten.

Und wie schlimm stand es mit seiner Vorbildung fr diese Aufgabe! Woher
sollten ihm die kaufmnnischen, die technischen und wissenschaftlichen
Kenntnisse, die Fertigkeit in fremden Sprachen kommen, ihm, dem aus der
Quarta des Gymnasiums, mitten aus seinem Bildungsgang herausgerissenen
Schler. Und ohne alles das ging es doch nicht, alles das mute er
nachholen, mute er mit todmdem Krper in nchtlicher Arbeit sich
anzueignen suchen. Welche bermenschliche Aufgabe! Und da er sie
lste, da er seiner genialen Erfindungsgabe die unentbehrliche
wissenschaftliche Basis gewann, da er die franzsische und
englische Sprache sich vollstndig zu eigen machte, da er zu einem
hervorragenden Geschftsmann sich entwickelte, das zeugt von einer
auerordentlichen Begabung, vor allem aber von einer pflichtbewuten
nie erlahmenden Energie ohne Gleichen bei einem Menschen in diesen
Lebensjahren. Was ihn darin untersttzte, das war die tiefempfundene
Verehrung fr den Vater, die glhende Begeisterung fr die
Weiterfhrung von dessen Lebenswerk und, wie er selbst bekannte, die
heilige Entrstung ber das hhnische Mitleid seiner Mitbrger, das ihm
am Grabe des Vaters so tief in die Seele geschnitten hatte.

Als eine gar nicht zu berschtzende Hilfe stand ihm aber seine Mutter
zur Seite, eine kluge, energische und thatkrftige Frau, welche jetzt
des Sohnes schwere Arbeit und emsiges Streben mit derselben Frsorge
und demselben theilnahmsvollen Verstndni umgab, wie sie sie bisher
dem Gatten gewidmet hatte. Sein Erbtheil von ihr nannte Alfried, wenn
er mit hchster Verehrung und inniger Piett der Mutter gedachte, den
ihm innewohnenden rastlosen und unermdlichen Flei.

Er selbst schilderte diese schwere Zeit in einem Briefe: Ich sollte
laut Testament fr Rechnung meiner Mutter die Fabrik fortsetzen, ohne
Kenntni, Erfahrung, Kraft, Mittel und Kredit. Von meinem vierzehnten
Jahre an hatte ich die Sorgen eines Familienvaters und die Arbeit
bei Tage, des Nachts Grbeln, wie die Schwierigkeiten zu berwinden
wren. Bei schwerer Arbeit, oft Nchte hindurch, lebte ich oft blo
von Kartoffeln, Kaffee, Butter und Brot, ohne Fleisch, mit dem Ernst
eines bedrngten Familienvaters, und 25 Jahre lang habe ich ausgeharrt,
bis ich endlich bei allmhlich steigernder Besserung der Verhltnisse
eine leidliche Existenz errang. Meine letzte Erinnerung aus der
Vergangenheit ist die so lange drohende Gefahr des Unterganges und die
Ueberwindung durch Ausdauer, Entbehrung und Arbeit, und das ist es, was
ich jedem jungen Manne zur Aufmunterung sagen mchte, der nichts hat,
nichts ist und was werden will.

Langsam freilich, erschreckend langsam nur konnte es vorwrts gehen
mit der Fabrik, wenn auch Alfried und seine Mutter sich mit der
Befriedigung der uersten Bedrfnisse begngten, wenn auch der
Fabrikherr persnlich jede Gesellenarbeit mit verrichtete und jeden
Groschen nur zu Gunsten des Geschftes verausgabte. Wie manchmal mute
er sich sorgen, selbst nur die kleine Summe fr die wchentliche
Lhnung seiner paar Arbeiter rechtzeitig zu beschaffen; fr seine
eigene Arbeitsleistung blieb ihm nichts brig. Fnfzehn Jahre lang,
sagt er in einem Aufruf an seine Arbeiter am 24.Juli 1872, habe
ich gerade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn auszahlen zu
knnen. Fr meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts,
als das Bewutsein der Pflichterfllung. So brachte er es bis zum
Jahre 1832 erst auf 10 Arbeiter, die im folgenden sogar auf 9 wieder
herabgingen. Und dabei dachte er Tag und Nacht auf Verbesserungen
seiner Fabrikate und weitere Ausnutzung seines Gustahls; dabei suchte
er in sonntglichem Unterricht bei seinem Oheim, dem Kaufmann Karl
Schulz, die kaufmnnische Buchfhrung und sonstige kaufmnnische
Wissenschaften sich anzueignen; dabei ergriff er selbst den Wanderstab,
um als Reisender fr sein Geschft seine Fabrikate an den Mann zu
bringen. Von Hof zu Hof zog er auf der aus dem Mrkischen in's
Bergische fhrenden Enneperstrae, wo die Reckhmmer ihre heie
Arbeit betrieben, um Auftrge auf Hammersttel einzusammeln, jede
Lieferung neu gefertigter Mnzstempel brachte er selbst nach Dsseldorf
in die Mnze, um sofort die Bezahlung empfangen zu knnen; denn der
Geldmangel steigerte sich manchmal bis zur Sorge, das Porto fr
eingehende Briefe zu decken.

Nach einem Jahrzehnt dieses heien, oft verzweiflungsvollen Ringens
gelang es endlich Alfried, den ersten wichtigen Erfolg zu erringen. Er
hatte eine Lffelwalze in Gustahl hergestellt, bestimmt zum Gebrauch
bei Herstellung von Lffeln in Gold und Silber und erhielt auf diese
nicht nur in den deutschen Staaten, sondern auch in England, Frankreich
und Oesterreich ein Patent. Die Walze ward auerordentlich vortheilhaft
von den Lffelfabrikanten gefunden und in England dem Erfinder eine so
ansehnliche Geldsumme fr das Patent gezahlt, da er sich nicht nur
von den lstigsten Schulden befreien, sondern auch den Betrieb seines
Werkes wesentlich erweitern konnte. Die erste schreckliche Periode der
oft unheimlichen Angst und der beinahe bermenschlichen Anstrengung war
damit berwunden; mit gehobenem Muthe sah der Jngling einer besseren
Zukunft entgegen.

Der Gedanke lag nahe, die neue Erfindung auch in Deutschland weiter
auszunutzen, wozu es jedoch grerer Anlagekapitalien bedurfte.
Krupp wandte sich an das angesehene Bankhaus v.d. Heydt, Kersten &
Co. in Elberfeld, und dieses zeigte sich auch nicht abgeneigt, eine
Verbindung mit ihm einzugehen behufs Fabrikation der Lffelwalzen in
groem Mastabe. Jedoch trat bald das Bestreben hervor, weniger dem
Erfinder zu Hilfe zu kommen, als vielmehr seine Erfindung im Interesse
des Bankhauses auszunutzen. Man weigerte sich nmlich, ihm Kapital
zur Verfgung zu stellen und verlangte die Grndung eines Werkes in
Elberfeld, welches den Namen des Geldleihers tragen sollte, so da
also der Erfinder mit seiner Person ganz zurcktrat und der weiteren
Entwickelung seiner eigenen Fabrik geradezu entgegengearbeitet wurde.
Auf solche Bedingungen konnte dieser natrlich nicht eingehen, die
Verhandlungen zerschlugen sich, die Beziehungen zu dem Bankhause
scheinen aber Mistimmungen bei dessen Chef hinterlassen zu haben,
welche er in seiner spteren Stellung als Handels- bezw. Finanzminister
noch nicht berwunden hatte. Wenigstens glaubte Krupp die seiner Firma
zu Theil werdende Behandlung Seitens des preuischen Ministers hierauf
zurckfhren zu mssen.

Besseren Erfolg hatte er in Oesterreich mit dem Bestreben, seine
als vorzglich anerkannten Mnzstempel zur Einfhrung zu bringen.
Allerdings galt es dort einen heftigen Kampf gegen die Intriguen und
Chikanen der sterreichischen Konkurrenten, welche mit allen zulssigen
und unzulssigen Mitteln dem Eindringen des auslndischen Fabrikanten
entgegenarbeiteten. Monatelang mute Krupp wiederholt in Wien sich
aufhalten, um seinen Erzeugnissen nach manchem schweren Verdru zum
Siege zu verhelfen. Aber leicht kann es nicht gewesen sein, denn sein
schnes schwarzes Haar bleichte in diesen Jahren, und er pflegte
spter zu sagen, die Farbe seiner Haare habe er in Wien gelassen.
Bei dieser Gelegenheit mag es ihm zum Bewutsein gekommen sein, da
gegen die, ihre an und fr sich ja durchaus berechtigten Interessen
vertheidigenden sterreichischen Metallfabrikanten auf die Dauer
nur dadurch wrde Stand zu halten sein, da er auf sterreichischem
Boden festen Fu fate. Zur Grndung einer eigenen Fabrik daselbst
fehlten ihm die Mittel, es blieb also nur der Ausweg, mit einem
sterreichischen Kaufmann nahe persnliche Beziehungen herzustellen.
Er fand einen solchen in Alexander Schller, einem geborenen Drener,
welcher seit 1833 in Wien eine Grohandlung besa. Mit diesem vereint
grndete Alfred Krupp im Jahre 1844 in Berndorf bei Leobersdorf eine
Metallfabrik unter der Firma Krupp und Schller. Die technische Leitung
bernahm Krupp's jngerer Bruder Hermann. Bald blhte die Fabrik zu
einem Werk ersten Ranges empor und ward dadurch erweitert, da Hermann
Krupp in Gemeinschaft mit Schller auch eine Bessemer-Stahlfabrik,
Aktiengesellschaft in Ternitz, und eine Nickelfabrik zu Losoncz in
Ungarn grndete.

In auffallendem Maae begann die Essener Fabrik sich in diesen Jahren
zu entwickeln; whrend ihr Areal im Jahre 1838 nur 2,87~ha~ umfate
(weniger als in Friedrich Krupp's letzten Lebensjahren), war es
1844 auf 4,53~ha~ angewachsen und die Arbeiterzahl stieg im Jahr
1843 auf 99, im folgenden auf 107 und 1845 sogar auf 122 Kpfe. Es
ist hieraus ersichtlich, wie unablssig der Fabrikherr bemht war,
die Werkanlagen zu erweitern, die Leistungsfhigkeit der Fabrik zu
steigern, wie selbstlos er jede Verbesserung der Einnahmen lediglich
in deren Interesse verwendete und sein persnliches Wohlbehagen deren
Frderung stets hintanstellte. Es ist hier der eigenthmliche Zug in
Krupp's Geschftsleitung bereits deutlich erkennbar, welcher bis in die
letzten Lebensjahre zu der mchtigen Entwickelung der Gustahlfabrik
so wesentlich beitrug, von den Einnahmen, so bedeutende Hhen sie auch
erreichten, nie etwas zu kapitalisiren oder im persnlichen Interesse
zu verwenden, sondern stets zu Verbesserungen und Erweiterungen der
Fabrikanlagen zu benutzen. Stetig wuchsen mit der Eroberung neuer
Produktionsgebiete, in deren Auffinden Krupp unermdlich war, auch die
Anforderungen bezglich Beschaffung der Rohmaterialien, bezglich der
Rumlichkeiten und maschinellen Anlagen fr ihre Ver- und Bearbeitung,
bezglich der Bedrfnisse der wachsenden Arbeitermasse. Da waren
stets dringende Wnsche zu befriedigen, und der Gedanke scheint Krupp
nie gekommen zu sein, seine persnlichen Bedrfnisse einmal denen
der Fabrik voranzustellen oder einen ausfhrbaren Erweiterungsbau
aufzuschieben, um eine Summe fr sich und seine Familie zu
kapitalisiren. Seine Fabrik erschien ihm stets die beste Kapitalsanlage
und selbst die eigene Arbeitskraft und seine werthvollsten Erfindungen
hielt er fr am besten belohnt und verzinst, wenn er sie lediglich
in den Dienst der Fabrik stellte. Wie er in dem ersten Dezennium
unter dem Zwang der Noth jeden Pfennig fr diese hatte ausgeben
mssen, so geschah es weiter mit den groen Summen, die er spter
vereinnahmte, und dabei half ihm sein unerschtterliches Vertrauen in
die Ausbeutungs- und Entwickelungsfhigkeit der vterlichen Erbschaft,
sowie sein Bewutsein einer unerschpflichen Erfindungsgabe und nie
erlahmenden Arbeitskraft auch den Zeiten ernster wirthschaftlicher
Krisis ohne Reservefonds entgegenzutreten und sie siegreich zu
berwinden.

Hierbei kam ihm eine zweite Geschftsregel wesentlich zur Hilfe,
welche auch ein charakteristisches Merkmal seiner Geschftsfhrung von
Anfang an gewesen ist, und in dem Bestreben basirt, alle Bedrfnisse
der Fabrik mglichst selbst mit deren eigenen Mitteln zu befriedigen.
Was an Werkzeugen erforderlich war, suchte er selbst herzustellen
und sparte damit den sonst in die Taschen anderer Fabrikanten
flieenden Verdienst. Dieses System der Selbstfabrikation hat er
stetig durchgefhrt und in einem so groartigen Mastabe entwickelt,
wie es sich wohl nirgends wiederholen mchte, wie es allerdings auch
nur mittelst der Einfhrung dieser Regel von Anfang an und mittelst
der enormen hierfr verfgbar zu machenden Geldmittel ausfhrbar war.
In Zeiten der Krisis war er aber hierdurch fast ganz unabhngig von
anderen Lieferanten und entging allen durch solche etwa auszubenden
Pressionen und seinen Kredit gefhrdenden Manahmen.

Unermdlich war Krupp eifrigst bemht, seine Kenntnisse zu erweitern
und als geeignetstes Mittel hierzu suchte er die zahlreichen Reisen
auszunutzen, die er im Geschftsinteresse unternehmen mute.
Namentlich war es in England, in dem Lande des Welthandels und der
ausgedehntesten Industrie, wo er offenen Auges beobachtete und
forschte, wo ihm die Gewiheit wurde, da sich fr sein vorzgliches
Material auch ein weiter Wirkungsbezirk erschlieen mte; er selbst
uerte spter, da er hier erst einen Begriff davon bekommen habe,
welch einen umfassenden Markt eine gute Sache sich erwerben kann.
Weniger hoch schlug er das an, was er in technischer Beziehung, als in
geschftlicher, in Grobritannien lernte. Aber seinen groen Gegner
und Konkurrenten auf dem Gebiete der Eisentechnik lernte er grndlich
kennen und abschtzen; er fand mit klarem Blick den Punkt, wo er den
Hebel einzusetzen habe, um ihn aus dem Sattel zu heben, und diesem
nchsten Ziele steuerte er mit aller Energie zu.

Wesentlichen Vortheil zog er aus seinen Reisen fr seine
Sprachkenntnisse, indem er in der englischen wie in der franzsischen
Sprache sich vollkommene Fertigkeit erwarb. Dabei wute er aus seinem
Verkehr mit den bedeutendsten deutschen Technikern, aus dem eifrigen
Studium der fachwissenschaftlichen Litteratur, aus allem dem Neuen
und Entwickelungsfhigen, das er mit scharfem Auge entdeckte, eine
praktische Verwerthung fr seine Fabrik zu ziehen und erfreute sich
im Kreise seiner Berufsgenossen bald einer angesehenen Stellung dank
der Entwickelung seines Werkes, seiner geschftlichen und technischen
Kenntnisse, sowie seiner zunehmenden Erfolge auf dem Gebiete der
Eisentechnik.

Im Jahre 1844 ward ihm die erste grere ffentliche Anerkennung zu
Theil, indem ihm fr seine Fabrikate auf der Berliner Ausstellung
vaterlndischer Gewerbserzeugnisse die goldene Medaille verliehen wurde.

Eine ernste Krisis brachte das Jahr 1848 dem aufblhenden Werke.
Der wirthschaftliche Rckgang, welcher in Folge der unglcklichen
politischen Verhltnisse in allen Kulturstaaten sich geltend machte,
drohte auch der Gustahlfabrik verhngnivoll zu werden. Die
Arbeiterzahl mute auf 72 Kpfe vermindert werden, und nur ein groes
persnliches Opfer konnte ber die Nothwendigkeit hinweg helfen, noch
eine grere Anzahl entlassen zu mssen. Krupp lie das gesammte
ererbte Silberzeug der Familie einschmelzen, um mit den hierdurch
geschafften Baarmitteln der Fabrik ber die schwerste Zeit hinweg
zu helfen. Seitdem ward im Hause Krupp niemals wieder Silbergerth
benutzt. Nach Alfrieds Bestimmung durfte fortan nur Neusilbergerth
beschafft und zwar aus der Fabrik des Bruders in Berndorf bezogen
werden.

Von kurzer Dauer war die Krisis. Im folgenden Jahre konnten wieder
107 Arbeiter beschftigt werden, und ihre Zahl stieg von da an ganz
auerordentlich, so da sie im Jahre 1850 auf 237 und 1852 auf 340 sich
belief. Der Grund ist einerseits wohl in dem allgemeinen mchtigen
Aufschwung zu suchen, welchen die ganze vaterlndische Industrie noch
1848 im Kampfe gegen die der Franzosen und Englnder nahm. Wenn wir
aber sehen, wie Alfried Krupp gerade in den ersten Reihen der Kmpfer
sich auszeichnete, wie er allen anderen voran eilte, um dem Auslande
auf dem Weltmarkte den Rang abzugewinnen, so mssen es wohl noch
besonders gnstige Ereignisse sein, welche dem jungen Adler die Flgel
lsten und ihm den Impuls gaben zum muthigen Fluge himmelan.

Und das Jahr 1848 bezeichnet allerdings einen auerordentlich
wichtigen Wendepunkt nicht nur in der Entwickelung seiner Fabrik,
sondern vor allem in dem eigenen Werdegang Krupps. Bisher war er noch
immer gebunden gewesen durch die Verpflichtung, als Chef des Hauses
die Interessen seiner Geschwister ebenso gut wie die seinigen zu
wahren, und er war zu pflichttreu, als da er sich zu Wagnissen htte
hinreien lassen, welche das Vermgen der Geschwister etwa durch seine
Schuld gefhrdet htten; er war an groe Vorsicht in allen seinen
Unternehmungen gebunden. Nun war im Jahre 1844 der Bruder Hermann
ausgeschieden und 1848 trat auch der zweite Bruder Friedrich aus dem
Verbande; Alfried bernahm vom 24.Februar ab die Fabrik auf seine
alleinige Rechnung. Die hierbei nothwendige Vermgensauseinandersetzung
mag auch nicht ohne Einflu auf die erwhnte wirthschaftliche Krisis
gewesen sein.

Mit diesem 24.Februar ward er nun frei von jeder Rcksichtnahme auf
anderweitige Interessen, er hatte nur noch _eine_ Verantwortung, die
vor sich selbst und vor dem idealen Bild seiner Lebensaufgabe, das
er tief in der Brust trug. Diesem Treue zu wahren, dessen hellen
Glanz durch keine Handlung zu beeintrchtigen, ihm zum Siege und zur
allgemeinen Anerkennung zu helfen, das ward allein die Richtschnur
seiner Handlungen. Das lste ihm die Flgel, da er nun nicht mehr
ngstlich abzuwgen brauchte, ob er fr einen neuen Versuch, eine
verheiungsvolle Erfindung die nthigen Geldmittel, vielleicht ohne
Erfolg, opfern drfte, da er nur unter dem einen Gesichtspunkt zu
handeln hatte: Bringt es mich weiter zum Ziele, wenn es gelingt? Nun
konnte er wohl gewagte Wege einschlagen, die ein anderer ihm zu folgen
sich scheute, von denen er ihn vielleicht abzuhalten suchte, weil er
nicht in gleicher Weise klar das Ziel vor Augen sah, wie Alfried und
gleichen brennenden Drang und Wagemuth empfand, sich ihm zu nhern.

Man darf nicht auer Augen lassen, da jeder weitere Schritt im
Bereiche der Eisentechnik, jeder Versuch, das Material in ein neues
Gebiet einzufhren, nicht nur ein sorgfltiges Studium, Berechnungen,
Experimente, sondern die Beschaffung, hufig die Erfindung neuer
maschineller Einrichtungen, Werkzeuge und baulicher Anlagen erfordert,
wodurch hohe Ausgaben veranlat werden, lange bevor ein Erfolg,
eine Einnahme aus den neuen Erzeugnissen zu gewrtigen ist. Denn
selbst, wenn die Versuche bald zu einem gnstigen Ergebni fhren
-- und wie viele mgen erst nach hufigen Verbesserungen und hohen
Geldopfern dahin gelangen -- gilt es noch, dem Neugeschaffenen auch
die Anerkennung zu verschaffen. Im Kampfe mit der Konkurrenz mssen
erst andere minderwerthige Erzeugnisse besiegt und verdrngt werden,
denn nicht immer sind die Abnehmer so schnell von den Vortheilen der
neuen Produkte zu berzeugen. Welche Erfahrungen hat Alfried Krupp
in dieser Beziehung machen mssen, welche tiefwurzelnde Ueberzeugung
von der Mehrwerthigkeit seines Gustahles gehrte dazu, welches durch
Jahre und Jahrzehnte hindurch mit hartnckiger Konsequenz durchgesetzte
Beharren auf dem als richtig erkannten Wege, um endlich den Sieg zu
erringen ber Kurzsichtigkeit, Sonderinteressen und Anfeindung! Das ist
Alles nicht ohne schwerwiegenden Einflu gewesen auf die Entwickelung
seines Charakters, das war aber auch nicht durchfhrbar, wenn er nicht
die volle Unabhngigkeit in seinem Handeln geno, die ihm gestattete,
stets rcksichtslos Alles einzusetzen, um das ihm vorschwebende Ziel zu
erreichen.

Deshalb ist das Jahr 1848 von entscheidender Bedeutung fr seine
Entwickelung; es bezeichnet den Abschlu der Lehrjahre und den Beginn
einer neuen Periode, in welcher der Meister mit khnem Sprunge sich an
die Spitze der einheimischen Industrie stellte und von Erfolg zu Erfolg
sie zum endgltigen Siege ber die des Auslandes fhrte.




~III.~

Der erste Erfolg und seine Verwerthung.


Das erste Unternehmen, das in diese Jahre fllt, ist sehr
charakteristisch. Es entspricht dem leitenden Grundsatz des
Vaters: Ohne gutes Eisen kein guter Stahl! und gleichzeitig der
Geschftsregel des Sohnes: Die Fabrik mu sich ihre Bedrfnisse
selbst herstellen. Das wichtigste Bedrfni ist unstreitig das
Rohmaterial. Seine schwierige Beschaffung war dem Vater oft ein groes
Hemmni gewesen. Um ein dem in England (Sheffield) benutzten mglichst
gleichwerthiges Material zu besitzen, hatte er das Siegerlnder
Renneisen, ein aus dem Erz in kleinen Schachtfen reducirtes, also
recht kostspieliges Schmiedeeisen verwendet und durch Cementirung,
d.h. Erhitzen in Kohlenstaub, ihm den nothwendigen Kohlenstoffgehalt
zugefhrt, auf diese Weise den Rohstahl aus dem Schmiedeeisen
hergestellt. Das nochmalige Schmelzen dieses Rohstahls in Thontiegeln
hat ja nur den Zweck, ein selbst von den kleinsten Schlackenresten
befreites, durch und durch gleichmiges Material zu gewinnen. Aus dem
Rohstahl sind erstere durch Hmmern und Walzen nie ganz zu entfernen --
und die kleinen Schlackenkrnchen sind, zumal fr ganz kleine und dnne
Stahlgegenstnde, wie Uhrfedern, Messer von stark beeintrchtigender
Wirkung --; der aus einem teigigen Zustande entstandene Rohstahl
besteht anderseits aus verfilzten und zusammengeschweiten Fasern
verschiedener Hrte, es fehlt ihm die Homogenitt, welche erst die
grte Leistungsfhigkeit garantirt. Die Art und Weise des Schmelzens
und Gieens mit dem Tiegel, sowie die schwierige und fr den Proze
einflureiche Herstellung dieser hatte Friedrich Krupp selbstndig
gefunden, das Material des Rohstahles aber auf die angedeutete Weise
gewonnen.

Alfried Krupp fhrte ein neues, von dem bisherigen ganz abweichendes
Verfahren ein, indem er selbst in Puddelfen nicht nur das
Schmiedeeisen aus Roheisen erzeugte, sondern in denselben Oefen durch
ein vorzeitiges Abbrechen des Entkohlungsprozesses auch den Rohstahl
fertigte. Um den letzten Schritt zu thun, nmlich auch das Roheisen in
eigenen Hohfen zu erblasen, fehlten freilich noch die Geldmittel, er
ward einer spteren Zeit vorbehalten.

Sein zweites Augenmerk war auf die Herstellung schwererer,
umfangreicherer Gustcke aus Tiegelstahl gerichtet. Die Erfindung des
Homogenstahls war aus dem angedeuteten Bedrfni hervorgegangen, kleine
Gegenstnde von auerordentlicher Haltbarkeit und Leistungsfhigkeit
zu erzeugen, wozu der gewhnliche Stahl nicht tauglich war. Bei
der Fabrikation solcher verhltnimig kleiner Stcke war die
Stahlindustrie in England stehen geblieben. Alfried Krupp erkannte aber
mit scharfem Blick, da der Homogenstahl auch fr grere Gegenstnde
von Bedeutung sein msse, welche einer besonderen Beanspruchung aus
Festigkeit und Hrte zu entsprechen htten. Und gerade die dreiiger
und vierziger Jahre erffneten ihm eine Perspektive in weite Gebiete,
in welchen der Gustahl zur vollsten Anerkennung seiner Vorzge kommen
mute, wenn es gelang, ihn in groen Stcken zu erzeugen. Es waren
ja die Jahrzehnte, in welchen die Dampfmaschine ihren siegreichen
Einzug hielt in alle europischen und berseeischen Lnder; seit 1835
liefen die ersten Lokomotiven auf europischen Schienengeleisen, und
von Jahr zu Jahr vermehrten sich die Eisenbahnen, deren Linien bald
den ganzen Erdtheil mit einem eng gemaschten Netz berziehen sollten;
schneller noch hatten sich die Dampfschiffe auf den Weltmeeren und den
groen Strmen eingebrgert. Hier galt es berall einen Fortschritt
zu erzielen durch leistungsfhigere und haltbarere Eisentheile, als
sie bisher aus Schmiedeeisen hergestellt wurden. Hier war der Gustahl
am Platze und, ihm diesen zu erobern, war Krupp unablssig bemht.
Hier war das Gebiet, auf welchem die englische Industrie berflgelt
werden konnte, wo der deutschen alle Aussichten auf einen erfolgreichen
Wettbewerb sich ffneten.

Eine gnstige Gelegenheit, um in den offenen Kampf einzutreten,
fand sich bereits 1851 in der ersten internationalen Industrie-
und Kunst-Ausstellung zu London. Das Hauptstck der Krupp'schen
Ausstellung war ein roher Gustahlblock von ca. 2000~kg~ Gewicht.
Auf einem englischen Stck Gustahl von nahezu 1000 Pfund, erzhlt
ein Fachbericht, soll sich der Ausdruck ~Monsterpiece~ finden;
dem gegenber stellte Krupp seinen Block von dem viereinhalbfachen
Gewicht und gewann damit sofort den ersten Platz unter smmtlichen
Gustahl-Fabriken der Welt; er hatte geleistet, was die gesammte
Eisenindustrie in Staunen versetzte, was man fr eine Unmglichkeit
gehalten hatte. Kein Wunder, da die Eisenindustriellen von weit
herzukamen, um sich von der Wahrheit zu berzeugen, da einige
englische Bltter einen Betrug witterten und die Schmiedbarkeit
des Gublocks ernstlich in Frage stellten. Krupp begegnete solchem
Mitrauen, indem er ein Stck herausschneiden, ins Schmiedefeuer
bringen und auf dem Ambos nach allen Seiten ausschmieden lie. Wie hoch
diese eine Leistung in ihrer Bedeutung fr die Eisenindustrie geschtzt
wurde, ergiebt sich daraus, da Krupp als Einziger mit der Council
Medal ausgezeichnet wurde.

Charakteristisch sind seine weiteren Ausstellungsgegenstnde. Neben
Walzen von einer Politur, wie nur ein glasharter Stahl sie zu erreichen
gestattet, standen da Trag- und Sto-Federn und -- eine Eisenbahnachse
von zhestem Material. Da seine Mnzwalzen vertreten waren, ist
selbstverstndlich; waren sie doch selbst in England schon vordem als
beste anerkannt und eingefhrt. Auer einem Kra aus Gustahl war auch
ein Sechspfnder-Geschtz ausgestellt, das spter noch Erwhnung finden
wird.

Den in London errungenen Sieg war Krupp bemht sofort auf das
energischste auszunutzen, und auf dem gewonnenen Terrain weiter
Fortschritte zu machen. Er bekam durch zahlreichere Bestellungen
die Mittel, um seine Fabrik, namentlich durch Aufstellung eines
neuen 2000~kg~ schweren Hammers, zu vervollstndigen und konnte im
Jahre 1852 die Leistung auf 1450000 Pfund Gustahl (gegen 1120000
Pfund im Jahre 1851) steigern. Sein Hauptaugenmerk richtete er jetzt
auf die Herstellung von Achsen. Die Einfhrung des Gustahls fr
Eisenbahnwagenachsen hatte sofortiges Verstndni gefunden und ihm
eine starke Lieferung fr die Ostbahn eingetragen. Hatten sie doch
schon seit 2 Jahren in der Borsigschen Maschinenfabrik zu Berlin
die schrfsten Erprobungen mit Erfolg berstanden; sie fanden bald
allgemein Eingang und die Produktion stieg namentlich in den sechziger
Jahren so gewaltig, da 1865 bereits ber 11000 Stck geliefert wurden.

Aber auch die Verwendbarkeit fr Schiffsachsen war ohne Weiteres
einleuchtend, und bald liefen Bestellungen fr die Rheindampfschiffe,
sowie fr die des Oesterreichischen Lloyd in Essen ein. Man erkannte in
allen Betrieben, wo die Achsenbrche an Fahrzeugen und Maschinen bisher
hufig genug strend geworden waren, die groen Vortheile, welche das
Kruppsche Material bot, und so reihten sich auch bald die Achsen an
Frder- und Wasserhaltungsmaschinen in diese Fabrikate ein.

Krupp's aufmerksam sphendes Auge fand aber bald noch einen anderen
wichtigen Bestandtheil des neuen Befrderungsmittels, der Eisenbahn,
welcher durchaus einer Verbesserung bedurfte, und seine unermdliche
Erfindungsgabe schuf in genialer Weise Abhilfe. Es sind die Radreifen,
die Bandagen der Eisenbahnrder, welche bis dahin aus Schweieisen oder
Stahl durch Zusammenschweien hergestellt, an der Schweistelle nur
zu leicht brchig wurden und unzhlige Unglcksflle herbeifhrten.
Das Problem bestand also darin, einen geschlossenen Reifen ohne
jede schwchere Stelle, ohne Naht oder Schweiung zu erzeugen. Und
dies gelang Krupp auf eine einfache Weise, welche er zuerst durch
Experimente mit einem Bleiring, nicht grer als ein Fingerring,
erprobte. Was mit dem Bleistck ausfhrbar war, mute auch mit seinem
homogenen Tiegelstahlblock sich ermglichen lassen. Einen Barren vom
Gewicht des zu fertigenden Radreifen versah er mit zwei Durchbohrungen,
schnitt den zwischen beiden befindlichen Metalltheil mit der Sge
durch und gewann hierdurch eine Oeffnung, gro genug, um einen Keil
einzustecken und den Barren auseinander zu treiben. Durch allmhliche
Verstrkung des eingetriebenen Dornes ward die Oeffnung immer mehr
erweitert und das allseitig ihn umgebende Metall zum Ring geformt,
wobei jede stellenweise Schwchung durch sorgfltige Behandlung
vermieden werden konnte. Am 21.Mrz 1853 erhielt der Fabrikant auf
diese in ihrer Einfachheit geniale Erfindung ein auf 8 Jahre lautendes
Patent von der preuischen Regierung, dessen Ausbeutung ihm endlich die
Mittel gewhrte, sich von allen aus schweren Zeiten noch restirenden
Verbindlichkeiten frei zu machen und die finanzielle Mglichkeit zu
gewinnen fr andere besonders wichtige Versuche, welche ihm am meisten
am Herzen lagen und doch erst mittelst bedeutender Geldopfer in dem
wnschenswerthen greren Maastabe ausgefhrt werden konnten, es sind
die Versuche in der Geschtzkonstruktion, welche spter im Zusammenhang
zur Darstellung kommen werden. Die Erfindung der Radreifen, welche
sofort durch Patente in allen Kulturstaaten geschtzt wurde, bildete
lange Zeit den ergiebigsten Zweig der Fabrik und brachte Gewinne ein,
wie sie fr die damalige Zeit beinahe unerhrt waren. Begann doch der
Eisenbahnbau in Europa und Amerika gerade in diesem Jahrzehnt sich
mchtig zu entwickeln -- die im Betriebe befindlichen Strecken betrugen
1860 105758 Kilometer gegen nur 38568 im Jahre 1850 -- und der Bedarf
an den allein haltbaren Krupp'schen Radreifen steigerte sich von Jahr
zu Jahr, da nicht nur die europischen, sondern auch die amerikanischen
Eisenbahnen sie einfhrten. Die Jahresproduktion stieg in Folge dessen
bis zu einem Maximum von 65000 Stck.

Die reichlich ihm zuflieenden Mittel gaben Krupp auch die Mglichkeit,
einen Gedanken zur Ausfhrung zu bringen, der ihm schon lange am Herzen
lag. Seine auf Frderung des geistigen und leiblichen Wohles seiner
Arbeiter gerichteten Bestrebungen hatten sich bisher nur von Fall zu
Fall bethtigen knnen. Aus den selbst berstandenen schweren Noth-
und Sorgen-Jahren hatte er aber einerseits die Ueberzeugung gewonnen,
da nur durch feste Institutionen die Mglichkeit geschaffen werden
knnte, den Bedrfnissen der Arbeiter auch in ungnstigen Zeitluften
gerecht zu werden, sie in Krankheit und Arbeitsunfhigkeit gegen Mangel
zu schtzen; anderseits war es ihm zu einem tiefempfundenen Bedrfni
geworden, seinen Untergebenen ein besseres Loos zu schaffen, als es
ihm selbst durch Jahrzehnte zu Theil geworden war. Aus allen seinen
an die Arbeiter gerichteten Verffentlichungen leuchtet das tiefe
Verstndni hervor, welches er fr ihre Lage, fr ihre Bedrfnisse
in leiblicher und geistiger Beziehung hatte, und welches ihm aus der
eigenen schweren Jugend erwachsen war. Es ist sicher anzunehmen, da er
die Vortheile nicht bersah, welche seiner Fabrik aus der Verbesserung
der Lage der Angestellten erwuchsen, da sie mit Herz und Verstand an
eine Gemeinsamkeit sich wrden fesseln lassen, in welcher sie Schutz
gegen Noth und Hilfe in allen Unglcksfllen zu gewrtigen hatten.
Es entging ihm sicher nicht, da allen Regungen von Unzufriedenheit
wrde vorgebeugt, jeder Beeinflussung von auerhalb am besten wrde
begegnet werden knnen, indem man den Arbeitern Vertrauen zur Frsorge
der Leitung, Zufriedenheit mit ihrer Lage und Sicherheit der Zukunft
gegenber verschaffte. Und so mu man die Weisheit bewundern, mit
der Krupp zuknftige Gefahren voraussah und ihnen mit allen Mitteln
vorzubeugen verstand, wie er ohne andere Anregung, als die seines
Herzens und seines Nachdenkens im Bereiche seiner Wirksamkeit die
soziale Frage zu lsen vermochte, bevor man anderswo daran dachte. Es
ist aber sicher, da sein Herz, sein aus der eigenen Vergangenheit
erwachsenes Verstndni fr die Noth des Arbeiters den ersten Impuls
dazu gab; und da seine nimmer ermdende und nach weiteren Hilfsmitteln
sich umschauende Frsorge dieser Quelle und nicht der einer klugen
Berechnung entsprang, hat er auch stets die richtigen Wege gefunden,
in Zeiten der Gefahr den rechten Ton anzuschlagen verstanden, der im
Herzen des Arbeiters Widerhall fand, und seine ernsten Bemhungen meist
reich gesegnet gesehen.

Seine erste Frsorge galt selbstverstndlich den durch Krankheit und
Todesfall herbeigefhrten Nothstnden, und sobald ihm nach der Londoner
Ausstellung die Verfgung ber grere Einknfte erlaubte, die Pflicht
eines stetigen Zuschusses fr solchen Zweck zu bernehmen, grndete
er -- im Jahre 1853 -- eine Hilfskasse in Fllen von Krankheit und
Tod, in die jeder Meister und Arbeiter je nach seinen Einknften eine
gewisse Summe zu zahlen hatte, whrend Krupp selbst sich zur Zahlung
der Hlfte des Gesammtjahresbeitrages seiner Arbeiter verpflichtete.
Diese am 5.September 1855 mit einem definitiven Statut versehene Kasse
sicherte ihren Mitgliedern im Krankheitsfalle rztliche Hilfe und
Untersttzung mit Heilmitteln, sowie vom dritten Tage der Erkrankung
ab eine Gelduntersttzung und im Todesfalle den Hinterbliebenen
einen Beitrag zu den Beerdigungskosten. Aber auch die Bildung eines
Pensions-Fonds fr arbeitsunfhige Mitglieder wurde sofort ins Auge
gefat und die Ueberschsse der Kasse hierfr bestimmt.

Dies war der Anfang der Wohlfahrtseinrichtungen, welche Krupp mit der
weiteren Entwickelung seiner Fabrik zu einem System ausbaute, wie es in
seiner Vielseitigkeit und Vollkommenheit einzig in der Welt dasteht. Es
sei dies schon hier im Zusammenhange vorgefhrt, um ein bersichtliches
Gesammtbild dieses beraus wichtigen Zweiges seiner Thtigkeit zu
gewinnen.

Das schnelle Anwachsen der Fabrik, deren Arbeiterzahl 1858 das erste
Tausend, 1861 das zweite, 1863 das vierte, 1864 das sechste und 1872
das zehnte Tausend berschritt -- hatte eine Reihe von Uebelstnden im
Gefolge, denen im Interesse der Arbeiter abgeholfen werden mute. Mit
den Arbeitern kamen nicht nur ihre Familien, deren Kpfe mehr als das
Doppelte betrugen, sondern auch zahlreiche Krmer, Handwerker und dgl.
nach der Stadt Essen, so da deren Einwohnerzahl in den oben genannten
Jahren die Ziffern von 17, 20, 25, 31 und 51 Tausend berschritt.
In gleicher Geschwindigkeit wuchsen natrlich nicht die Huser aus
der Erde, und die Folge war ein immer drckenderer Wohnungsmangel,
Steigerung der Miethspreise und Vertheuerung der Lebensmittel.
Unzhlige Handeltreibende berschwemmten die Arbeiterviertel, zumeist
kleine Winkelgeschfte, die sich an den Wegen ansiedelten, welche
der Arbeiter zwischen seiner Wohnung und der Fabrik zu gehen hatte.
Schlechte Waaren wurden ihm zu hohen Preisen, aber gegen Kredit,
angeboten und er verfiel dem Schuldbuch und dem Wucher. Anderseits
schossen die kleinen Wirthshuser wie Pilze aus der Erde und verlockten
den Arbeiter, seine unbehagliche, berfllte Wohnung mit der Kneipe
zu vertauschen und seinen mancherlei Aerger und Verdru dort mit Bier
und Schnaps hinabzusplen. Es waren dieselben Verhltnisse, wie sie
in jeder Industriestadt mit deren schnellem Emporblhen beobachtet
werden konnten, wie sie die Arbeiter zur Vergeudung ihres Erwerbes,
zur Verschuldung und zum Verschleudern ihres rmlichen Besitzes, zu
huslichem Unfrieden und Unbehagen, zu allgemeiner Unzufriedenheit,
zu rohen Raufereien und zu redeseligen Kneipensitzungen veranlaten,
wie sie den Boden vorbereiteten fr die Whlereien staatsfeindlicher
sozialdemokratischer Agitatoren.

Hier mute Abhilfe geschaffen werden, hier mute die soziale Frage,
zu welcher die Form der Produktionsweise, der Indienststellung groer
Arbeitermassen bei einem immer anwachsenden Fabrikbetrieb hindrngte,
soweit es mglich war, gelst werden, ohne letzteren zu gefhrden
und zum Zweck, ihn auf die Dauer berhaupt zu ermglichen. Es war
so schlimm, da im Stadtbezirk zum heiligen Geist auf 124 Huser
2962 Einwohner, auf jedes kleine Arbeiterhaus also 24 Personen kamen.
Zwei Mittel nur konnten Abhilfe gewhren: Schaffung von Wohnungen zu
billigem Miethszins und Zufhrung aller Bedrfnisse zu entsprechenden
Preisen und in guter Qualitt, um die Arbeiter aus den Hnden der
Spekulanten und Wucherer zu reien.

Letzteres Mittel brachte Krupp, als das fr die wirthschaftliche
Existenz nothwendigste und am schnellsten durchzufhrende, zuerst
zur Anwendung. Er schuf Konsumanstalten und zwar allmhlich in einem
solchen Umfange, da der Arbeiter alle seine Bedrfnisse innerhalb der
Fabrik befriedigen konnte und da diese auch daselbst soweit als irgend
mglich hergestellt wurden. Das entsprach dem Kruppschen Grundsatz der
Selbstfabrikation. So entstand 1856 eine Menage, zunchst fr 200
Mann, es war ein erster Versuch. 1858 folgte eine Bckerei, deren
Brot zum Selbstkostenpreis gegen beim Lohn zu verrechnende Marken
abgegeben wurde. Im Jahre 1868 ward eine Konsumanstalt fr Kolonial-
und Spezereiwaaren. 1869 eine Dampfmhle, 1871 Kaffeebrennerei
und Lagerhaus sowie eine Verkaufsstelle fr Schuhwaaren nebst
Schusterwerkstatt fr Reparaturen errichtet. Im Jahre 1872 kam hierzu
eine Selterswasser-Fabrik, Schneiderei, Manufakturwaarenlager,
Bierhallen und ein Gasthaus, 1874 eine Zentral-Verkaufsstelle, wo
auch Mbel, Betten, Nhmaschinen etc. auf Lager gehalten wurden,
1875 endlich auch Schlachterei und Fleischverkauf. In allen diesen
Anstalten werden die Bedrfnisse dem Arbeiter zum Selbstkostenpreise,
aber nur gegen Baarzahlung verabfolgt. Sie wurden binnen Kurzem von den
Arbeitern gewrdigt, da ihnen die gebotenen Vortheile nicht entgingen;
die Benutzung stieg von Jahr zu Jahr und die Winkelgeschfte in der
Nhe der Fabrik wurden verdrngt.

Aber auch der Wohnungsfrage trat der Fabrikherr nher. Nachdem er 1860
mit dem Ankauf und Neubau eigener Wohnhuser begonnen hatte, legte er
im Jahre 1863 seine erste Arbeiterkolonie Westend mit 160 Wohnungen an.
Diese erweiterte er 1871 durch 10 Doppelhuser zu 60 und 8 Doppelhuser
zu 48 Wohnungen, baute eine neue Kolonie Nordhof mit 162 Wohnungen,
legte in dieser eine Kochanstalt mit groem Speisesaal im Erdgescho
und Schlafrumen in den oberen Geschossen fr unverheirathete Arbeiter
an und gab der Kolonie eine Feuerwehr mit Spritzenhaus und eine
eigene Verkaufsstelle der Konsumanstalt. Gleichzeitig erbaute er
eine dritte Kolonie inmitten von Lndereien sdlich der Stadt, wobei
er Gelegenheit hatte, die Huser mehr in lndlichem Charakter mit
Stallungen und kleinen Grten herzustellen. Diese Kolonie, Dreilinden,
umfat 18 massive Huser mit 72 Wohnungen. Schon im folgenden Jahre
ward der Bau von zwei neuen Kolonien, Schederhof und Kronenberg, in
Angriff genommen, erstere mit 82 dreistckigen massiven Husern und
492 Wohnungen, letztere mit 1248 Wohnungen in 208 massiven Husern.
Nach deren Vollendung verfgte die Fabrik ber 3277 gute und gesunde
Familienwohnungen, in denen mehr als 15000 Menschen Platz finden
konnten.

Die Wohnungen sind, den verschiedenen Verhltnissen der Arbeiter und
Beamten entsprechend, mit 2 bis 6 Rumen versehen und werden an die
Bediensteten zu einem verhltnimig geringen Miethzins vergeben;
eine 2rumige Wohnung mit Keller zu 90-108, eine 3rumige zu 120 bis
162, eine 4rumige zu 180-200 Mark. Die Miethe wird den Arbeitern
am 14tgigen Lohne gekrzt. Dagegen ist der Ankauf eines Hauses in
den Kolonien diesen nicht gestattet. In den Bergwerksdistrikten hat
Krupp seinen Arbeitern die Erwerbung eines Hauses mit Garten- oder
Ackerland vielfach erleichtert, dieses erschien aber unmglich in
der dichtbevlkerten nchsten Umgebung von Essen, wo die Wohnungen
zur Verfgung der Fabrik erhalten werden mssen, whrend ein Verkauf
wahrscheinlich die Arbeiter verdrngt und fremde Elemente in die
Kolonien gebracht haben wrde.

Das nchste Erforderni war ein Krankenhaus. Zu einem solchen gab der
Feldzug 1870/71 den Ansto, da Krupps Patriotismus ihn veranlate, auf
eigene Kosten ein Lazareth von 100 Betten zu errichten, in dem whrend
des Krieges 356 verwundete und erkrankte Soldaten behandelt wurden.
Diese aus 3 Pavillons, einem Verwaltungs- und Oekonomiegebude und
einigen kleineren Gebuden bestehende Anstalt ward am 1.Mai 1872 der
Leitung des Anstaltsarztes als Krankenhaus der Fabrik bergeben. Um
einer Epidemie, wie sie nach dem Krieg von 1866 in Gestalt der Cholera
die Stadt Essen heimgesucht hatte, begegnen zu knnen, ward im Sommer
1871 der Bau eines Epidemienhauses auf einem noch wenig angebauten
Gelnde nordwestlich der Stadt in Angriff genommen und 6 Baracken
mit je 4 Krankenslen, Wrter-, Wasch- und Badestube errichtet. Es
sollte diese Anstalt erst im Jahre 1882 zur Verwendung kommen, als
gelegentlich einer Pocken-Epidemie der stdtischen Verwaltung zwei
Baracken eingerumt wurden. Ein zweites Epidemie-Lazareth wurde 1884
sdlich der Stadt bei Altendorf erbaut.

Hygienischen Zwecken dient ferner eine 1874 errichtete Badeanstalt, ein
gleichzeitig aufgestellter Desinfektionsapparat, sowie die Einsetzung
einer Sanitts-Kommission, welcher unter anderem auch die Fhrung einer
Krankheits- und Sterblichkeitsstatistik obliegt. Hiermit ist eine
Organisation des ganzen Betriebes in hygienischer Beziehung verknpft,
welche fr Ueberwachung und Pflege des allgemeinen Gesundheitszustandes
die erforderliche Garantie bietet. Es tritt hierin ebenso wie in der
Administration der groartigen Konsum-Anstalten das organisatorische
Talent Alfried Krupps zu Tage, welches an keinem Punkte nur das
Erforderliche zu schaffen, sondern auch gleichzeitig dem ganzen,
allmhlich ins Ungeheure anwachsenden Organismus so einzupassen wute,
da unter seinem Alles berwachenden Auge doch jeder einzelne Betrieb
sich selbstndig und ohne einen anderen strend zu beeinflussen, regeln
und gesund entwickeln konnte.

Es bleiben noch die Manahmen kurz zu erwhnen, die Krupp im Interesse
der wissenschaftlichen Ausbildung und Fortbildung fr seine Arbeiter
fr nothwendig erachtete. Als sich die neugebauten Kolonien zu
bevlkern begannen, zeigte sich die Nothwendigkeit, fr den Unterricht
der Jugend zu sorgen, und Krupp gab ihnen eine Volksschule. Sie ist
simultanen Charakters und besteht aus je 8 Knaben- und Mdchen-Klassen
unter einem Rektor und 19 Lehrern bezw. Lehrerinnen, deren eine Hlfte
evangelischer, die andere katholischer Konfession ist. Der Unterricht
wird unentgeltlich ertheilt und alle Kosten werden von der Firma
getragen. Im Jahre 1876 ward das erste Schulhaus mit 8 Lehrslen und 4
Zimmern erbaut, im Jahre 1882 zwei weitere Gebude mit 4 Lehrslen und
4 Klassenzimmern neben verschiedenen anderen Rumen hinzugefgt. Auer
dieser in eigenen Gebrauch genommenen Anstalt wurden aber der Gemeinde
Altendorf Schulgebude mit 20 Schulzimmern fr deren Volksschulen
beider Konfessionen unentgeltlich zur Verfgung gestellt, im Interesse
der in der Gemeinde wohnenden zahlreichen Angestellten der Fabrik, und
bei den verschiedenen allmhlich von der Firma erworbenen Htten und
Gruben wurde dem Bedrfni durch Ueberlassung geeigneter Rume, durch
Erbauung von Schulhusern oder durch jhrliche Beitrge abgeholfen.

Die Fortbildungsschulen, wie sie in Essen 1860 und in Altendorf 1874
eingerichtet wurden, untersttzte Krupp durch Zuschsse und legte
seinen Lehrlingen die Verpflichtung des Besuches auf. Da er solche
in der Fabrik annahm, und seinen Meistern und Betriebsfhrern dadurch
einen groen Zuwachs an Arbeit verursachte, hat sich nicht weniger fr
die Gustahlfabrik durch die Heranziehung tchtiger Handwerker und
Arbeiter in Spezialitten, als auch in hohem Maae fr die Lehrlinge
selbst als ntzlich und segensreich erwiesen, denn sie erhalten eine
grndliche Fachausbildung, und werden an exakte Arbeit und eine
regelmige Lebensfhrung gewhnt.

Wie fr die Ausbildung der heranwachsenden Knaben zu tchtigen
Arbeitern, sorgte der Fabrikherr aber auch fr eine sachgeme
Erziehung der Mdchen durch Industrieschulen, welche 1875 in den drei
Kolonien fr schulpflichtige Kinder mit Unterricht im Stricken, Hkeln
und Nhen eingerichtet wurden. Fr Frauen und Mdchen ber 14 Jahre
ward gleichzeitig eine Industrieschule gegrndet, welche fr Zwecke des
Hauswesens und zur Frderung der Erwerbsfhigkeit in allen weiblichen
Handarbeiten gegen ein sehr miges Schulgeld (z.B. Kleidermachen,
Dreimonatskursus von tglich 3 Stunden fr 10 Mark) eine grndliche
Ausbildung verschafft.

Schlielich bleibt noch die Grndung eines Lebensversicherungsvereins
zu erwhnen, durch welche Alfried Krupp die Wohlfahrtseinrichtungen fr
seine Beamten und Arbeiter im Jahre 1877 wesentlich ergnzte. Er schlo
mit acht Lebensversicherungsgesellschaften Vertrge ab, um dadurch
besondere Vortheile fr seine Angestellten zu erlangen, nahm alle
schon bisher mit verschiedenen Gesellschaften geschlossenen Vertrge
in den neuen Vertrag auf und stiftete dem neuen Verein persnlich ein
Grundkapital von 50000 Mark, das er gelegentlich der goldenen Hochzeit
des Kaisers Wilhelm~I.~ 1879 durch ein weiteres Geschenk von 6000 Mark
vermehrte.

In Folge des Krankenversicherungsgesetzes vom 15.Juni 1883, welches
die Vereinigung von Pensionseinrichtungen mit den Krankenkassen nicht
zult, mute die Kranken- und Sterbekasse umgestaltet werden. Es
entstand eine Kranken- und eine Pensionskasse mit getrennter Verwaltung
am 1.Januar 1885. Krupp begngte sich aber nicht damit, den nunmehr
gesetzlich vorgeschriebenen Forderungen zu gengen; so wie er mit
seiner Krankenkasse bereits vor 30 Jahren der gesetzlichen Einfhrung
zuvorgekommen war, bernahm er nun Leistungen fr diese, welche ber
die gesetzlich vorgeschriebenen weit hinaus gehen. So betrgt die
Verpflegungsfrist bei Personen, welche ber 5 Jahre auf dem Werke
in Arbeit sind, 26 Wochen, und neben dem eigenen Krankengeld wird
fr jedes Kind unter 15 Jahren ohne Verdienst ein Zusatz-Krankengeld
von 5% des Verdienstes gewhrt. Auch wurde allmhlich das Ziel zu
erreichen gestrebt, nicht nur den Mitgliedern sondern auch ihren
Familienangehrigen nach Mglichkeit kostenfreie rztliche Behandlung
zu verschaffen und zu all diesen Zwecken auer den jhrlichen nach
den Mitgliederbeitrgen geregelten Zahlungen Seitens der Firma noch
bedeutende Mittel durch Schenkung berwiesen.

Ueberblicken wir dieses ganze wohldurchdachte und weitverzweigte System
von Wohlfahrtseinrichtungen, so mssen wir dem Worte des Ministers von
Puttkamer beistimmen, welcher bei einem Besuche der Essener Fabrik sie
als einen klassischen Boden in sozialistischer Hinsicht bezeichnete.
Hier bedurfte es nicht der staatlichen Regelung des Verhltnisses
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Wahrung der Interessen und
der Wohlfahrt der letzteren; hier waren die Zwecke des Krankenkassen-,
Unfallversicherungs- und Altersversicherungsgesetzes lngst erreicht,
bevor der gesammten Arbeiterwelt durch kaiserliche Botschaft diese
Segnungen sozialpolitischer Manahmen verkndigt wurde. Aus dem
warmen mitfhlenden Herzen Alfried Krupps heraus waren lngst diese
Institutionen entstanden und durch ihre fr Arbeiter und Fabrik gleich
segensreichen Wirkungen der Beweis fr ihre Durchfhrbarkeit erbracht,
den Sozialpolitikern die Wege gewiesen, auf denen sie eine Lsung der
sozialen Frage anzustreben im Stande seien. Alfried Krupp ist der
Bahnbrecher und Fhrer auf diesem fr unsere Zeit so auerordentlich
wichtigen Gebiet und er konnte es sein, weil er selbst die ganze Noth
des Arbeiters durchgemacht hatte und weil seine hohe Begabung und seine
unermdliche Thatkraft ihm die Mittel in reichem Mae verschafften,
um seine humanen und weisen Ideen zum Segen seiner Arbeiter ins Leben
zu rufen. Aus eigener Kraft, aus eigener Erfahrung, aus eigenem
Bedrfni und mit selbst erkmpften Mitteln hat er dieses groe Werk
vollbracht, welches allein gengt, um ihm eine der ersten Stellen unter
Deutschlands grten Mnnern zu sichern.

Meine Fabrik soll, wie jedes gewerbliche Etablissement, zunchst das
uere Wohlergehen aller ihrer Angehrigen sichern. Bei so gesichertem
Erwerb und Frieden in seinem Hause kann Jedermann seines Daseins froh
werden.

Wie himmelweit verschieden lautet dieser sein ausgesprochener und durch
sein ganzes Leben bethtigter Grundsatz gegenber den lediglich auf
Geldgewinn gerichteten Spekulationen so vieler Industriellen, welche
im Streben, die Konkurrenten durch Preisermigungen zu berflgeln,
die Produktionskosten herabzudrcken suchen und erst durch Gesetze
des Staates dazu gezwungen werden mssen, ihre darbenden Arbeiter
wenigstens bei Krankheit und Arbeitsunfhigkeit nicht hilflos im
Stich zu lassen. Wie anders wrde es in den Industriebezirken unseres
Vaterlandes aussehen, wenn Alle dem leuchtenden Beispiele Alfried
Krupps folgen und, frei von persnlicher Habgier, vor allem ein Herz
fr das uere Wohlergehen ihrer dienenden Mitmenschen beweisen wollten!

Auch Alfried Krupp sollten freilich die Erfahrungen nicht erspart
werden, da das giftige Unkraut des Unfriedens durch staatsfeindliche
Elemente unter seinen Arbeitern ausgeset wurde, aber wir werden sehen,
wie machtlos an dem auf dem Fundament echter Humanitt errichteten
Gebude der Ansturm abprallte.




~IV.~

Ein kniglicher Bundesgenosse.


Alfried Krupp hatte auch nach dem Ausscheiden seines Bruders Friedrich
das kleine Huschen seiner Eltern bewohnt. Noch lebte ja seine Mutter,
die ihm bisher mit ihrem Flei und ihrer Thatkraft treu zur Seite
gestanden hatte und mit Befriedigung die Vorbereitungen mit ansah,
welche zum ersten groen Erfolge fhrten. Diesen selbst, den Triumph
der Londoner Ausstellung von 1851, sollte sie nicht mehr erleben;
sie starb am 3.August 1850. Einsam und allein blieb Alfried in dem
kleinen Huschen zurck. Und das Gefhl des Verlassenseins in den
bisher von der Hand seiner treuesten Gefhrtin und Mitarbeiterin
verwalteten Rumen mag den Ansto gegeben haben, da er, der bereits
ber Hunderte von Arbeitern gebot, endlich sich entschlo, die kleine,
drftige Wohnung aufzugeben und ein einfaches zweistckiges Gebude,
das er dicht daneben erbaute, im Jahre 1852 zu beziehen. In dieses Haus
fhrte er am 19.Mai des folgenden Jahres seine junge Gattin, Bertha,
die Tochter des Steuerraths Eichhoff zu Kln; hier erblhte ihm an
der Seite einer anmuthigen und intelligenten Frau ein neues, bisher
unbekanntes Glck; hier ward ihm am 17.Februar 1854 sein Sohn -- und
es sollte der einzige bleiben -- Friedrich Alfred geboren. Wie wohl er
sich in dem Familienleben fhlte, erhellt aus der Wandlung, welche sein
geselliger Verkehr von dem Tage seiner Vermhlung an erlitt. Bisher
in den besseren Kreisen seiner Vaterstadt ein durch seinen Humor und
seine treffenden Aeuerungen beliebter und hufiger Gast, entsagte er
pltzlich dieser ihm lieb gewordenen Gewohnheit. Er hatte keine Zeit
mehr dazu. Die geschftlichen Arbeiten, die durch neue Aufgaben immer
wieder angeregten Studien und erforderlichen Versuche nahmen mehr
und mehr seine Zeit so in Anspruch, da er sich mit der Geselligkeit
begngen mute, welche Verwandte und eine stetig zunehmende Schaar von
Gsten ihm bot, wenn er seinem Bedrfni folgen und auch der Gattin und
dem Sohne sich widmen wollte.

Es ist ja natrlich, da mit der Steigerung seiner Erfolge auch die
Zahl der Besucher der Fabrik sich mehrte. Da waren die Mnner vom
Fach, deutsche und auslndische Techniker und Ingenieure, neben ihnen
Knstler, Gelehrte und hohe Staatsbeamte; als seine bahnbrechenden
Erfolge in der Geschtzkonstruktion hinzukamen, begannen die
Besuche der Offiziere aus aller Herren Lnder, welche das bestellte
Armeematerial zu prfen und abzunehmen, oder den Schieversuchen auf
Krupp's Schiepltzen beizuwohnen hatten. Bald aber waren es auch
die Chefs der obersten Kriegs- und Marineverwaltungen, Feldherrn
und Generale, endlich die Oberhupter der Staaten selbst, Knige
und Kaiser, welche die gastliche Schwelle berschritten und selbst
ihre hohen Gemahlinnen an dem interessanten Besuch der berhmten
Gustahlfabrik Theil nehmen lieen. Es ist hoch bedeutsam, da es der
Prinz von Preuen war, der sptere Kaiser Wilhelm~I.~, welcher als
erster die Reihe der frstlichen Gste erffnete, indem er am 15.Juni
1853, kurz nach Krupps Vermhlung, gelegentlich einer militrischen
Inspicirungsreise die Gustahlfabrik besuchte. Es ist ein Zeichen,
wie aufmerksam der groe Monarch von jeher Alles beobachtete, was
fr das Vaterland eine Bedeutung zu gewinnen versprach; und es ist
von eminentem Werth fr die sptere Entwickelung der deutschen
Wehrkraft, da deren Reorganisator persnliches Interesse fate fr
die Fabrik, welche ihm die leistungsfhigsten Kampfmittel zu erzeugen
berufen war. Das Interesse und die Anerkennung, welche er schon 1853
Krupps Unternehmen entgegenbrachte, gab die Basis fr die spter ihn
durchdringende Ueberzeugung von dem Werth der Krupp'schen Geschtze,
welche ihn veranlate, seinen persnlichen Entschlu zu Gunsten
ihrer Einfhrung in die preuische Armee zur Geltung zu bringen. Im
Jahre 1861 wiederholte der Knig von Preuen den Besuch, nachdem
General Totleben (1857), der Erzherzog Johann von Oesterreich und
der Kriegsminister v.Waldersee (58) in Essen gewesen waren; und von
da an erschien es, als wenn das Haus des Kanonenknigs Krupp mit
aufgenommen sei in die Zahl der Frstenhfe, welche jeder Herrscher auf
seinen Reisen aufzusuchen fr eine Pflicht hielt.

Im Kreise seiner Gste erschien Alfried Krupp jederzeit als der
heitere ~sociable~ Lebemann. Seine Erscheinung machte von vornherein
auf jeden Besucher einen gewaltigen Eindruck. Zu stattlicher Hhe
wuchs seine schlanke, edel gebaute Figur empor, ein Krper aus Sehnen
und Muskeln, wie ihn die harte Arbeit zur Reife gebracht hatte und
wie allein er der bermenschlichen Beanspruchung in jugendlichem
Alter gewachsen war; frei und aufgerichtet trug er das mit einem
Vollbart umrahmte und mit lockigem Haar bedeckte Haupt, aus dessen
feingeschnittenen und doch markigen Zgen die Augen klar und
durchdringend heraus blickten. Mit gewinnender Liebenswrdigkeit kam
er Jedermann entgegen und bte seine Gastfreiheit gegen hoch und
niedrig Geborene mit derselben offenen Freude an Geselligkeit; mit
groer Sprachgewandtheit fhrte er in deutscher wie in fremder Zunge
(auch italienisch lernte er noch) die Unterhaltung, ohne jemals die
Bescheidenheit entbehren zu lassen, als ein Kennzeichen seines tiefen
grndlichen Wissens. So machte er auf Jedermann einen imponirenden und
doch geradezu hinreienden Eindruck.

Wie bereits erwhnt wurde, hatte sich Krupp bereits seit geraumer Zeit
die Ueberzeugung aufgedrngt, da der Gustahl nicht nur im Gebiete der
Ziviltechnik, sondern ganz besonders in dem des Waffenwesens berufen
sei, eine ganz bedeutende Rolle zu spielen. Eine gleiche Haltbarkeit
und Widerstandsfhigkeit gegenber der Beanspruchung durch die im
Lauf der Schuwaffe explodirende Ladung kann kein anderes Material
aufweisen. Der Gustahl bot deshalb das Mittel, um durch Steigerung der
Ladung der Schuwaffe eine bedeutend hhere Wirkung zu verschaffen,
und seine Anwendung mute eine weitere Entwickelung des Waffenwesens
ermglichen, mute dem mit den leistungsfhigeren Kriegswaffen
ausgersteten Heere eine groe Ueberlegenheit ber seine Gegner
verschaffen. Der Patriotismus trieb ihn an, sein vorzgliches Material
der Armee seines Vaterlandes dienstbar zu machen.

Seit den zwanziger Jahren beschftigte man sich aller Orten mit der
Aufgabe, die Leistungen der Handfeuerwaffen zu steigern, indem man
dem Gescho einen dichteren Anschlu an die Seelenwand des Rohres
gab, wodurch der Sto der Pulvergase besser ausgenutzt, dem Gescho
eine grere Geschwindigkeit und stetigere Flugbahn gegeben werden
sollte, um mit grerer Tragweite der Waffe gleichzeitig eine bessere
Trefffhigkeit zu erreichen. Man erkannte in der Anbringung von
gekrmmten Fhrungsrinnen in den bisher glatten Seelenwnden das hierzu
geeignete Mittel und suchte nach Einrichtungen, um das Gescho bei der
Entzndung der Ladung in diese Rinnen einzupressen und diesen folgend
durch den Lauf zur Mndung zu treiben. Es entstanden die gezogenen
Gewehre, zuerst Vorderlader, dann berall -- zuerst in Preuen basirt
auf Dreyse's Erfindung -- Hinterlader. Das Zndnadelgewehr kam
1847 zur Einfhrung, whrend in anderen Lndern die von Mini 1849
erfundene Geschokonstruktion die gezogenen Vorderlader wesentlich
vervollkommnete. Es ist leicht verstndlich, da die Wandung des
Gewehrlaufes in wesentlich hherem Grade auf Festigkeit und Haltbarkeit
beansprucht wird, wenn das Gescho durch die Pulvergase gewaltsam in
die Zge eingepret wird, als wenn es mit Spielraum durch den Lauf
gleitet; deshalb glaubte Krupp auf die Verwendung des Tiegelgustahls
aufmerksam machen zu mssen. Er schmiedete eigenhndig 2 Gewehrlufe
aus seinem vorzglichen Material hohl aus und bersandte sie dem
preuischen Kriegsministerium im Jahre 1843. Die preuische Regierung
stand aber seit geraumer Zeit mit Dreyse in Beziehung und hatte
ihm erst vor zwei Jahren die Mittel zur Errichtung einer greren
Gewehr- und Gewehrmunitions-Fabrik gewhrt. Man war sich bewut,
mit der Annahme des Dreyseschen Zndnadelgewehrs allen anderen
Staaten erheblich voraus zu sein, und bei dem Kriegsministerium ward
deshalb Krupps Sendung nicht eines Blickes gewrdigt. Man schickte
sie unerffnet mit dem Bemerken zurck die preuische Waffe sei so
vollkommen, da sie keiner Verbesserung mehr bedrfe. Hatte man mit
dieser Antwort auch bezglich der Konstruktion Recht, da die Dreysesche
Erfindung das Vollkommenste damaliger Zeit allerdings war, so lie
man doch ganz auer Augen, da es sich nicht hierum, sondern um das
Material handelte, da man die Zndnadelgewehre durch Verwendung des
Gustahls dennoch ganz wesentlich htte verbessern knnen.

Charakteristisch ist es fr das Zartgefhl und den Patriotismus Alfried
Krupps, da er dies Schreiben spter vernichtete, um zu verhindern,
da ein die Kurzsichtigkeit damaliger magebender Kreise in Preuen
so blosstellendes Aktenstck einmal an die Oeffentlichkeit kme.
Anderseits mute ihm aber Alles daran liegen, seine Gewehrlufe einer
grndlichen Prfung unterzogen zu sehen, um auf deren Ergebnissen
weiter arbeiten zu knnen. Er schickte sie deshalb nach Paris an
Marschall Soult, den damaligen Kriegsminister Louis Philipp's. Hier
wurden nun thatschlich Versuche angestellt, welche ein vorzgliches
Resultat ergaben. Und erst durch das Bekanntwerden der gnstigen
Meinung, welche Krupp's Fabrikat in Frankreich sich gewonnen hatte,
sah man sich nun auch in Berlin veranlat, die Gustahllufe beim
Zndnadelgewehr zu erproben. Bis auf einige kleine Bestellungen blieb
aber diese Meinungsnderung fr den Fabrikanten ganz erfolglos, da
sein Erzeugni nicht durch Patent geschtzt war und sofort durch die
Konkurrenten bernommen und ausgebeutet wurde.

Handelte es sich bei den Gewehrlufen um verhltnimig nur kleine
Stcke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten mglich war, so
mute sich dies vllig zu seinen Gunsten verndern, wenn der Gustahl
auch fr Geschtzrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der
die Blcke in der erforderlichen Gre zu erzeugen im Stande war. Und
auf die Geschtzfabrikation wandte er nun sein Auge.

Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten,
Vorderladergeschtze aus Bronze. Krupp dachte zunchst noch nicht
daran, an der Konstruktion, wie sie gebruchlich war, etwas zu
ndern, sondern hielt nur sein Material fr vortheilhafter, weil
die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dnner, das Rohr also
viel leichter und das Geschtz beweglicher gestaltet werden konnte.
Zunchst hielt er nicht einmal fr nthig, das Rohr ganz aus Gustahl
herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der
schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das
Kernrohr aus Gustahl und umgab dieses mit Gueisen. Solch ein
Mantelrohr besa der Dreipfnder, welchen er 1847 nach Berlin schickte,
wo er -- wiederum bezeichnend -- ziemlich unbeachtet liegen blieb,
bis 1849 die von der Artillerie-Prfungskommission angestellten
Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten,
ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch
ein Mantelrohr besa der Sechspfnder, welcher 1851 auf der Londoner
Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und spter, als Geschenk
an den Knig von Preuen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand.
Solch ein Mantelrohr besa auch der Zwlfpfnder, welcher 1854 nach
den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen
Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden
Schieversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militrischen
Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe
Bedeutung des Krupp'schen Gustahls fr die Artilleriewaffe sowohl
als fr die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem
Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, da die
Gustahlrohre mehr leisten wrden, als die besten Bronzerohre, da ihre
Einfhrung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den grten
Vortheil gewhren, da ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie
Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen
Kriegsbedrfnisses unabhngig vom Auslande machen werde. Er hob aber
auch hervor, da eine frher oder spter doch nothwendig werdende
Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl,
wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt
wrden, Gelegenheit gbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu
bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges
etc. unglaublich zu frdern.

Bevor dieses -- in der Zukunft so voll bewahrheitete -- gnstige
Urtheil in magebenden Kreisen, namentlich Preuens, so weit
sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wnsche durch
die Einfhrung der Gustahl-Geschtze erfllt zu sehen, brauchte
es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstnde zu
besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen
Jahren nicht. Die Ausstellung in Mnchen 1854 brachte ihm nicht
nur die goldene Denkmnze, sondern als Merkmal Allerhchster
Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik vom Knig von
Wrttemberg die grere goldene Medaille fr Kunst und Industrie.
Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzglichkeit von dorthin
gelieferten Probegeschtzen vom Knig von Bayern das Ritterkreuz
des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von
Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom Knig von
Preuen den rothen Adlerorden ~IV.~ Klasse.

In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der fr die Gustahlgeschtze
gewonnenen Freunde immer noch an dem zhen Widerstand der Vertheidiger
der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie,
des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des gnstigen Ausfalles der
wiederholt mit Krupp'schen Geschtzen angestellten Versuche, sich
nicht entschlieen konnte, die Ueberlegenheit des Gustahls ber die
Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp'scher Kanonen in die
Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber,
Direktor der Geschtzgieerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in
Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler's polytechnischem Journal:
Zum Glck braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schieversuche, um
festzustellen, welches Geschtzmaterial das bessere sei, und wenn das
engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt
es das weitere Vaterland. Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so
richtig es gegenber den preuischen Behrden sein mochte, unbillig in
Bezug auf die hohen Persnlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets
ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in
einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in
taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Knigs Friedrich Wilhelm~IV.~
(die erwhnte Dekoration und eine Schenkung fr das Essener
Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preuen erfolgt
sein drfte) als eine berreiche Anerkennung zu erwhnen.

Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an
Widerstandskraft berragten, da z.B. die Wandstrke des Dreipfnders
nur 32,7 gegenber 62,8~mm~ (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte,
ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr ber, indem er das
ganze Rohr einschlielich der zur Lagerung in der Laffete nthigen
Schildzapfen aus Gustahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfndige
Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der
damals neu eingefhrten franzsischen bronzenen Granatkanone, sandte
er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser
Napoleon~II.~ 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwhnt
werden, da auch hier wieder ein Gustahlblock, aber dieses Mal 5000
Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851,
die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf
dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt
behandelt und nicht anders als ~la sacre tte carre d'Allemand~
genannt.

Die Herstellung der Massivrohre war der nchste Vorlufer der
allgemeinen Einfhrung der Gustahlgeschtze in den europischen
Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwlzung
eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von
Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer grere Fortschritte zeitigte
und in dem Gustahl das unbedingt erforderliche Material von hoher
Leistungsfhigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen
ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschrnkte sich, wie wir sehen
werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die
Anpassung an die Form, die in jedem Staate fr brauchbar erachtet
worden war; nicht lange aber begngte er sich mit dieser sozusagen
subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb lie ihn selbst nach neuen
und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen,
und bald stand er als genialer Meister fhrend an der Spitze der
Geschtzingenieure.

Die Feldartillerie war durch die Einfhrung der gezogenen
Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer
mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe fr die Schlacht ganz
wesentlich beeintrchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine
Schuweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die
Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie
vermochten also nur noch auf die greren Entfernungen -- ber 600~m~
-- zu schieen, denn wenn die feindlichen Schtzen ihnen nher standen,
wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen
1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der fr so werthvoll erachtete
Karttschschu kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie
nicht zu einer unntzen Last der Armee herabsinken, so mute sie ihre
Leistungen betreffs Schuweite, Treffsicherheit und Geschowirkung
mchtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es
nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschtz durch eine Fhrung
des an die Rohrwnde gepreten Geschosses die grere Leistung zu
erreichen, also gezogene Geschtze zu konstruiren. Gerade wie bei dem
Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und
gerade wie bei jenem war es die bei Weitem strkere Beanspruchung des
Materials, die die Verwendung des Gustahls in den Vordergrund drngte.

Den Vorderladern gehrte auch die franzsische, von Napoleon selbst
konstruirte und trotz aller Widersprche und Bedenken eingefhrte
Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschtze, in der
Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das
Bronzerohr war fr ein Feldgeschtz zu schwer, und den ersten ins Auge
springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr
darin, da es nur 535 (gegen 620)~kg~ wog. Eine Kommission stellte
aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, da das Material in
jeder Beziehung dem Geschtz eine groe Ueberlegenheit ber das
Bronzerohr gewhre. Es wurden weitere Gustahlblcke bestellt und in
Straburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus
jedem Rohr abgegebenen Schssen noch keine Vernderung der Seelenwand,
eine Gewaltprobe, -- 35 Schu mit 6~kg~ Ladung und 6 Kugeln --,
vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich,
lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Ruland, Holland,
Wrttemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit
Krupp's Geschtzen angestellt wurden, denselben Beweis fr ihre jedes
andere Material bei Weitem bertreffende Leistungsfhigkeit. Nur ein
in England gemachter Versuch mit einem 68pfndigen Mantelrohr, das
zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungnstiges Resultat, weil
man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhltnissen operirte. Man
wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umstnden
behaupten.

Die erste grere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856-59 im Ganzen
36 Stck Zwlf- und Vierundzwanzigpfnder geliefert wurden. Alle diese
Geschtze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die
Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische
Httenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort
kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen.
Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einflu, indem Wahrendorff
zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiberzug der Kugel
den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zgen versah, in
welchen das cylindrokonische Gescho aber mit Spielraum gefhrt wurde,
worauf Wahrendorff auch die Fhrungszge bernahm, den Spielraum aber
gnzlich beseitigte. Es ist leicht verstndlich, da die Geschofhrung
Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Gescho, mit
Spielraum laufend, von vorn einfhren kann, und in dieser Gestalt fand
sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem
Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften
Geschtze waren ebenso wie die sterreichischen von 1863 gezogene
Vorderlader.

In Folge der -- auch mit gezogenen Gustahlzwlfpfndern nach System
Lahitte 1856 ausgefhrten -- befriedigenden Versuche machte die
franzsische Regierung nun thatschlich eine Bestellung bei Krupp
auf 300 solche Geschtze. Wre sie zur Ausfhrung gekommen, so ist
kaum zu bezweifeln, da auch fr die Zukunft Krupp der Lieferant der
franzsischen Geschtze geblieben wre, da keine franzsische Firma
sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen
auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein
Grund zu finden, der ihn htte abhalten sollen, diese Lieferungen
dauernd zu bernehmen. Dann htten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz
gleichwerthiges Geschtzmaterial uns gegenber gehabt, und der
einzige Vortheil htte darin bestanden, da Krupp mit dem Ausbruch
des Krieges seine Thtigkeit fr Deutschlands Gegner eingestellt und
diesen dadurch fr den weiteren Verlauf des Krieges in eine groe
Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschtze versetzt htte.
Aber da wre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler
Geschftsfreund eingetreten. Ein gtiges Geschick bewahrte aber unser
Vaterland vor dieser groen Gefahr. Die in Frankreich herrschende
Geldkrisis veranlate die Regierung, ihre Bestellung rckgngig zu
machen, und spter bot die nicht unberechtigte Besorgni vor einer
gewissen Abhngigkeit von einer auslndischen Fabrik und die Rcksicht
auf die eigene Metallindustrie ein Hinderni, die zerrissenen Fden
wieder anzuknpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne
Probegeschtze zum Zweck der Kenntninahme der in Essen gebauten
Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Spter wies der Fabrikant
bekanntlich jede geschftliche Beziehung zur franzsischen Regierung
von der Hand.

In Preuen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen
Hinterladern nach der Wahrendorff'schen Idee, also mit gepreter
Geschofhrung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem
6pfndigen Feldgeschtz begonnen. Es zeigte sich, da die Seele
des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hngenbleibende
Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte,
wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gustahl Abhilfe
verschaffen, weil er Herstellung eines gengend langen und nicht zu
schweren Rohres gestattete, welches die Mngel des Ausschieens und
Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt,
welcher in der Folge die preuische Heeresverwaltung in immer innigere
Beziehung zur Gustahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier
Sechspfnder-Gustahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856
geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr gnstige Schieresultate
ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prfungskommission:
Der Gustahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material,
das durch kein anderes zu ersetzen ist.

Weitere Versuche, die bezglich Konstruktion des Verschlusses, der
Geschosse und ihrer Znder angestellt werden muten, zogen sich bis
zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur
der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschlieen, auch
nur dem Antrage der Artillerie-Prfungs-Kommission auf Einstellung von
16 Gustahl-Sechspfndern, zu vier Batterien formirt, in die Armee
beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgefhrtes
Probeschieen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei,
die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschtze fr abgeschlossen zu
erklren und gegenber den Fortschritten, welche bei allen Grostaaten
mit Einfhrung gezogener Geschtze gemacht wrden, energisch mit der
Herstellung des neuen Geschtzes vorzugehen; er ging aber auch gleich
einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso
von der Vorzglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit
berzeugt war; er korrigirte eigenhndig in der ihm zur Unterschrift
vorgelegten Allerhchsten Kabinetsordre (vom 7.Mai 1859), welche die
schleunigste Beschaffung der Geschtze verfgte, die Zahl einhundert
in dreihundert. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres groen
Kaisers zu danken, da er durch seinen Entschlu den von anderer Seite
immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als
nothwendig und fr seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur
Ausfhrung brachte.

Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang
der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gustahl der
vaterlndischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren
recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem
Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch sprlich zuflossen
und fr die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht
wurden, da ihre Verwendung fr Geschtzkonstruktionen, die nichts
einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch
auch nicht alle, oft recht khnen, neuen Unternehmungen glcklich
aus und gaben doch selbst in den fnfziger Jahren noch materielle
Verluste wiederholt Anla zu ernsten Sorgen Angesichts eines so
energischen Geschftsbetriebes, der nicht zgerte, jeden Gewinn zur
Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die
Ueberzeugung gewonnen hatte, da er berufen sei, seinem Vaterlande
ein Arsenal der vorzglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses
Ziel mit hartnckiger Ausdauer und benutzte die Ertrgnisse seiner
Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit
Geschtzrohren weiter zu fhren. Er selbst uerte einmal im Jahre
1858 einem Artillerieoffizier gegenber: Er habe bereits 1847 das
erste Stahlgeschtz fr Preuen geliefert und immer noch nicht sei
man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte,
so drfe er keine Geschtze gieen, denn das Untersuchen, Prfen
etc. halte immer sehr lange auf. Mit Humor fgte er hinzu, fr den
Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten;
denn deren Artillerie prfe nicht so lange, wie die preuische
Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien.
Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner
Erfindung zu ntzen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige
Nebenbeschftigung der Geschtzanfertigung.

Eine persnliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den
Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29.Januar den Rothen
Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschlu dieser Periode in
seinem Leben ist aber gewissermaen der Besuch zu betrachten, welchen
der Regent als Knig ihm zu Theil werden lie, als er im Jahr 1861 von
Compigne zurckkehrte, wo er am 6.Oktober den Besuch des Kaisers
Napoleon erwidert hatte.

Kurz vorher hatte sich in dem Gustahlwerke ein wichtiges Ereigni
vollzogen, der neue Dampfhammer Fritz war am 16.September in
Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits frher auf die Wichtigkeit
groer schwerer Hammerwerke fr die Bearbeitung starker Gustahlblcke
hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle
bisherigen Grenverhltnisse so weit berragte, da sein Unternehmen
in technischen Kreisen fr unausfhrbar gehalten wurde, wagte Krupp
einen khnen Schritt ber die Grenzen hinaus, welche man allgemein fr
unberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000
Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000~kg~: ein Stahlprisma
von 3,7~m~ Lnge, 1,5~m~ und 1,25~m~ Dicke, das 4~m~ ber der
Erde aufgehngt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch
durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den
Millimeter abzumessende Entfernung ber dem Ambos eingestellt werden
kann. Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten
Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz
einnahm, langsam in die Hhe stieg, um im nchsten Augenblick mit
furchtbarer Vehemenz auf einen mchtigen Gustahlblock niederzufallen,
sprangen die zunchst stehenden Personen entsetzt zurck. Krupp
war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrckt
die groartige Kraftuerung beobachtete -- er war vom Beginn der
Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, da
er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maae erfreute. (D.Baedeker:
A.Krupp.)

Dieser Riesenhammer ward als neueste Errungenschaft dem Knig am
9.Oktober vorgefhrt, als er in Begleitung des Kronprinzen Friedrich
Wilhelm und des Kriegsministers von Roon, seinem treuen Arbeitsgenossen
in der schweren Arbeit der Armee-Reorganisation, die Gustahlfabrik
besuchte und volle 4 Stunden ihrer Besichtigung widmete. Das Schmieden
eines Blockes von 15000 Pfund Gewicht und 15 Fu Lnge ward dem Knig
vorgefhrt, im Stahlgiehause ein anderer von ca. 18000 Pfund aus
ungefhr 300 Tiegeln gegossen und im Eisengiehause der knigliche
Namenszug in riesiger Gre hergestellt. Der Knig hielt nicht mit der
Anerkennung der Kruppschen Leistungen zurck, uerte sein Erstaunen
ber die groartige Erweiterung dieses Etablissements, hob dessen
edlen vaterlndischen Zweck neben seiner gewerblichen Bedeutung
hervor und fgte das fr ihn selbst so charakteristische Wort hinzu:
Seine vor 8 Jahren gehegten Erwartungen sehe er weit bertroffen,
wie es sich denn berall zeige: wo das Herz auf dem rechten Flecke
sitze, da bleibe der Segen nicht aus. Dem Fabrikherrn gegenber fand
seine Anerkennung in der Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath einen
angemessenen Ausdruck (die Verleihung des Kommerzienrath-Titels war
bereits am 3.April 1858 durch Knig Friedrich Wilhelm~IV.~ erfolgt).
Jenes knigliche Wort gewinnt aber erst seine Bedeutung, wenn man
die damalige politische Lage sich vergegenwrtigt. Napoleon hatte
durch verlockende Versprechungen den Herrscher Preuens fr seine
schlecht verhllten unheilvollen Absichten zu gewinnen gesucht. Es
war ihm nicht gelungen, und Knig Wilhelm kehrte mit dem Bewutsein
aus Frankreich zurck, da dem Vaterlande von dort in der nchsten
Zukunft schwere Strme drohten. All sein Denken war seit Jahren auf die
Durchfhrung der fr dringend nothwendig erkannten Neugestaltung der
Armee gewidmet. Angesichts der von ihm klar vorausgesehenen schweren
Kmpfe, welche Preuen bevorstanden, berzeugt von der Wirksamkeit
der geplanten Reformen, fand er auer bei Roon bei keinem seiner
Minister Verstndni und thatkrftige Untersttzung, sah er eine
seinen Plnen geradezu feindliche Partei in der Volksvertretung immer
mehr Raum gewinnen, und mute alle Hoffnung auf deren siegreiche
Durchfhrung allein auf seine eigene und des treuen Roon Energie und
Widerstandskraft basiren. Den groen Kmpfer fr Deutschlands Gre und
Einheit, Bismarck, hatte er sich ja noch nicht gewonnen. Da kam dieses
Wort: Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da bleibt der Segen
nicht aus! so recht aus dem tiefsten Vertrauen zur guten Sache und
zu Gottes Beistand heraus, das ihn in dieser Zeit der schweren Sorge
um des Vaterlandes Zukunft erfllte und ihm Kraft verlieh, an seiner
Aufgabe gegen alle Widersacher treu festzuhalten. Da mag ihm aber
auch der Einblick in die groartig sich entwickelnde Industrie Krupps
die Hoffnung gefestigt haben, da sie zur Rstkammer werden wrde,
um Preuens Heere fr die bevorstehenden schweren Kmpfe mit Waffen
von bisher unerreichter Leistungsfhigkeit zu versehen; da ward ihm
das Vertrauen zu dem genialen Schpfer dieser Kriegsmittel gestrkt,
da er in ihm eine krftige Sttze fnde, der seine besten Krfte mit
so groen Opfern bisher der Idee gewidmet hatte, der vaterlndischen
Armee die unberwindlichen Waffen zu schmieden; da ward die Einfhrung
der Gustahlgeschtze fr ihn ein integrirender Bestandtheil der
Heeresorganisation; er hatte Krupps Lebensaufgabe und patriotisches
Streben verstanden und, was er 1859 aus eigenster Initiative gethan,
das war er von nun an gewillt, auch weiter durchzufhren. Dem Manne
dort, der das Herz so wie er selbst auf dem rechten Flecke sitzen
hatte, sollte die Untersttzung des Knigs nicht fehlen, um das Werk
durchzufhren, die vaterlndische Armee durch Ausrstung mit den
leistungsfhigsten Waffen zur strksten und gefrchtetsten der Welt zu
machen; es gab kein besseres, kein nothwendigeres Mittel, um der Welt
den Frieden zu erobern und um dem Vaterlande zu einer gedeihlichen
Entwickelung seiner industriellen und kommerziellen Krfte zu
verhelfen.




~V.~

Die erste Feuerprobe.


Mit dem Jahre 1860 trat Krupp in die Periode seiner groartigsten
Erfolge ein, und deren erster sollte wiederum in London seinen
Schauplatz finden. Im Mittelpunkte des bermchtigen Industriestaates
sollte Krupp den Sieg erringen, in einem seiner wesentlichsten und bis
dahin immer noch fr unerreichbar gehaltenen Produktionszweige. Es war
die zweite Londoner Weltausstellung im Jahre 1862, auf welcher der
durch Krupp gefhrten deutschen Eisen-Industrie einstimmig die erste
Stelle eingerumt werden mute.

Die Fabrik in Essen hatte sich in diesen Jahren mchtig entwickelt,
sie beschftigte im Jahre 1860 1690, zwei Jahre spter bereits 2464
Arbeiter, ihre Produktion an Gustahl stieg auf 8 Millionen (1860)
und 13 Millionen Pfund (1862). Die Organisation des Betriebes mute
wesentliche Aenderungen erfahren, um den durch Reisen hufig entfernten
und durch die Inachtnahme der Einzelheiten bermig beanspruchten
Chef zu entlasten, und die Art und Weise, wie Krupp es verstand,
allmhlich aus der Beschftigung mit den Details herauszutreten, um
sich ungestrter der Leitung des ganzen Werkes widmen zu knnen, wie er
die einzelnen Zweige seiner Fabrik zu trennen, in dem erforderlichen
Maae selbstndig zu machen verstand, ohne doch das gegenseitige
Ineinandergreifen jemals zu beeintrchtigen, das zeugt von einem
Organisationstalent, wie es umsichtiger und erfolgreicher kaum gedacht
werden kann. Bis 1862 war er mit einem Prokuristen ausgekommen; alle
Fden liefen noch direkt in seine Hand, alle Einzelheiten wurden
von ihm persnlich berwacht. Am 12.Juli 1862 aber begann die
Kollektiv-Prokura ins Leben zu treten, welche zunchst aus 2, von
1865 aus 3, von 1867 ab aus 4 Herren bestand und bei seinem Tode sich
bis zu 7 Mitgliedern vermehrt hatte. Diese bildeten ein Kollegium von
gleichberechtigten Ressortchefs, und jedem war in seinem Bezirk eine
gewisse Selbstndigkeit bezglich des Betriebes eingerumt, anderseits
aber fr jede irgend belangreiche Maregel die Zustimmung des
Kollegiums und fr jedes Schriftstck die Mitunterschrift wenigstens
eines Kollegen zur Bedingung gemacht. Spter, wie es scheint vom
Jahre 1879 ab, erhielt die Prokura auch einen Vorsitzenden, einen
Prsidenten dieses Ministeriums in Krupps Staate, fr welches er mit
auerordentlicher Findigkeit und Menschenkenntni die tchtigsten
und zuverlssigsten Mnner mit technischer, kaufmnnischer oder
juristischer Bildung zu gewinnen wute. So lste er die schwere
Aufgabe, durch allmhliche Ausgestaltung eine Verwaltungsmaschine ins
Leben zu rufen, deren einzelne Theile so vortrefflich selbstthtig
in einander greifen und den gemeinsamen, auf seinen eigenen Ideen
beruhenden, Zwecken dienen, da der gewhnliche ruhige Gang der
Geschfte nur durch ganz gewaltige Strungen beeinflut werden knnte.
So sehr dieses Werk den Stempel seiner Individualitt trgt, war es
doch so wenig auf seine Person und die Nothwendigkeit deren Existenz
zugeschnitten, da er aus dem Leben treten konnte, ohne da der ganze
Organismus im Geringsten gestrt und die Weiterentwicklung seines
Werkes aufgehalten oder gar in Frage gestellt worden wre.

Den Mittelpunkt der Krupp'schen Ausstellung in London nahm wieder ein
massiver Gustahlblock ein, dessen auf 40000 Pfund gesteigerte Masse
aus nicht weniger als 600 Tiegeln gegossen war; er war aber diesesmal
mittelst seines mchtigen Dampfhammers in der Mitte zerbrochen, um die
Bruchflche zu zeigen, und diese war, wie Lothar Bucher berichtete, so
eben in Farbe und Gefge, so vollkommen frei von Aescheln und ungaren
Stellen, als wenn die Masse nicht Stahl wre, sondern Zucker oder ein
anderer Stoff, den man auskochen und filtriren kann. Daneben standen
zum ersten Male mchtige Seeschiffachsen fr die groen Dampfer des
Norddeutschen Lloyd und hochpolirte Walzen, blank wie Diamant. Die
Englnder hatten nichts, was an diese Leistungen heranreichte; sie
hatten kleinere Massen von Gustahl ausgestellt, aber sich gehtet
den Bruch zu zeigen; und sie gaben eine Schiffsachse von hnlichen
Dimensionen nur um deshalb fr Stahl aus, damit das englische Publikum
in seinem Selbstgefhl nicht irre werde; die Sachverstndigen wuten,
da sie nur aus Eisen bestand. Auch nahmen die Times keinen Anstand,
Krupps Sieg vorurtheilsfrei anzuerkennen. Sie schlossen ihren Artikel
ber die auerordentlichste und wichtigste Sammlung, derengleichen
frher noch nie gesehen worden mit den Worten: Wir wnschen Krupp
Glck zu der berragenden Stellung, die er in der Welt als Erzeuger der
gresten und fehlerlosesten Massen von Gustahl einnimmt, aber nicht
zu seinem Platz in der Ausstellung. Wessen Fehler ist das? Offenbar
stehen Talg, Spielwaaren und Eingemachtes sehr hoch in der Achtung der
Kommissarien Ihrer Majestt. Die stiefmtterliche Behandlung, welche
bei Anweisung des Raumes die Ausstellungskommission, mignstig genug,
Krupp zu Theil werden lie, hatte seinen Sieg nicht hindern knnen,
und, was der groe Nationalkonom List vor mehr als 30 Jahren ersehnt
und erhofft hatte, die Erzeugnisse deutscher Intelligenz, deutschen
Fleies und deutscher Beharrlichkeit mit denen der ersten Kulturstaaten
der Welt den siegreichen Wettkampf erffnen zu sehen, das begann sich
zu erfllen; mit dem Triumph auf dem Gebiete der Eisentechnik rckte
das bisher unmglich Erschienene in den Bereich des Erreichbaren, und
neuer Muth ergo sich ber alle Industriezweige, Krupp nachzueifern,
gleich ihm den Kampf aufzunehmen und mit gleicher Hingabe und
Beharrlichkeit die Palme des Sieges zu erringen zum eigenen Gewinn und
zu des Vaterlandes mchtiger Kraftentfaltung.

Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenstnden Krupps befanden
sich auch fnf Hinterlader-Rohre von 3,75 bis zu 9'' Kaliber. Sie
hatten aber weder Zge noch Verschlu-Vorrichtungen; ersteres um
die Feinheit des Metalls an der spiegelreinen Politur der Seele zu
zeigen; letzteres, um die Verschlu-Konstruktion nicht ffentlich
bekannt werden zu lassen. Mit diesen Geschtzen betrat nmlich
Alfried Krupp den Weg der eigenen Geschtz-Konstruktion. Bisher
hatte er, wie wir sahen, das Material den jedesmaligen Formen und
Konstruktionsweisen der Lnder angepat, fr welche er lieferte oder
ausstellte, beziehungsweise hatte er nur die rohen Rohre ohne alle
Einrichtungen geliefert. So namentlich fr Preuen, wo man den --
bisher geheim gehaltenen -- Verschlu Wahrendorff's, den sogenannten
Kolbenverschlu, angenommen hatte und in Spandau anfertigte. Die
Konstruktion dieses Geschtztheiles stie auf groe Schwierigkeiten,
hauptschlich bezglich seiner Dichtung gegen die Pulvergase, und auch
der Kolbenverschlu war nicht einwandfrei. Indem nun Krupp selbst
sich dieser Frage widmete, selbst einen neuen Verschlu erfand, trat
er aus dem Gebiete des Material-Erzeugers, des Gustahl-Fabrikanten
heraus und versuchte seine Krfte als Geschtz-Konstrukteur. Es ist
eine neue wichtige Etappe in der Entwickelung des merkwrdigen Mannes,
der fr Alles, was er anfate, auch eine ganz spezielle Begabung,
Geschicklichkeit und Erfindungskraft zu besitzen schien. Auf diesem
Felde des Geschtz-Konstrukteurs waren ihm seine bedeutendsten Erfolge
vorbehalten, durch welche er erst die Geschtze auf diejenige Stufe
der Leistungsfhigkeit erhob, fr welche seines Vaters Erfindung,
der Tiegelgustahl, bei voller Ausntzung seiner vorzglichen
Eigenschaften, die Vorbedingung bildete.

Die neue Erfindung, ein einfacher Keilverschlu, ward in London
patentirt -- ein halbes Jahr frher als der des Englnders Broadwell
-- und dem preuischen Kriegsministerium in einer Sammlung von
Verschlssen zur Prfung vorgelegt. Es bedurfte aber einer geraumen
Zeit, bevor Krupps Vorschlag zur Annahme gelangte und zwar auch
dann in einer nicht unwesentlich verbesserten Gestalt. In der
Zwischenzeit sollten erst die in der preuischen Armee eingefhrten
Gustahl-Geschtze ihre Feuerprobe im Kriege durchmachen und eine durch
die Benutzung eines unzweckmigen Verschlusses verursachte Krisis
bestehen. Vor Schilderung dieser wichtigen Entwickelungsperiode, welche
noch einmal alle Gegner des Krupp'schen Gustahlgeschtzes in Bewegung
setzte, ist noch ein Punkt zu errtern, welcher gelegentlich der
Londoner Ausstellung 1862 zur Sprache kam.

Die allgemein Platz greifende Einfhrung leistungsfhigerer gezogener
Geschtze, theils Vorder- theils Hinterlader, entwerthete ebenso die
gemauerten Deckungen der Vertheidigungsgeschtze (in Kasematten)
namentlich bei den Kstenbefestigungen, als sie auch eine Vernderung
im Bau der Kriegsschiffe mit sich brachte. In beiden Fllen sah man
sich genthigt, zum Eisenschutz mittelst Panzerplatten zu greifen,
und mit dem Beginn der sechziger Jahre wurde neben der Entwickelung
des Geschtzwesens auch die Konstruktion von Panzerdeckungen
eingeleitet. England ging naturgem voran, da es einerseits seine
zahlreichen Ksten- und Hafenbefestigungen gegen die neuen schweren
Schiffsgeschtze sichern, anderseits seiner Kriegsflotte den
Panzerschutz baldigst verschaffen mute, um nicht in seiner Herrschaft
zur See gefhrdet zu werden. In den Eisenfabriken des Inselreiches
ward von jetzt an die Frage der Panzerfabrikation, zunchst in Form
von starken gewalzten Eisen- und Stahl-Platten emsig studirt, und auf
seinen Schiepltzen folgte eine Reihe von Versuchen der anderen. Auch
in Preuen begannen solche bereits im Jahr 1861. Der heftige Kampf
zwischen Geschtz und Panzer nahm seinen Anfang, welcher sich bis in
die neueste Zeit fortgesetzt hat und mit der Entwickelung eines neuen
Geschtzsystems auch eine vollstndige Umwlzung des Befestigungswesens
herbeigefhrt hat.

Krupp's scharfem Auge entging es nicht, welche Bedeutung das Eisen in
fortifikatorischer Beziehung gewinnen werde; er war rasch entschlossen,
auch auf diesem neuen Gebiet mit seinem Gustahl den Kampf aufzunehmen
und kndigte deshalb am Schlu seines Ausstellungs-Kataloges an,
da die Firma mit der Errichtung von Walzwerken zum Walzen von
Gustahlschienen und Platten beschftigt sei, zu deren Produktion das
Werk schon binnen Kurzem gerstet sein werde. Unter Anderem sollen
mittelst 2000 Pferdekraft Walzen von 15Fu Bahnlnge betrieben werden,
um groe Platten bis zu 1Fu Dicke und selbst noch dicker, z.B. zur
Panzerung von schwimmenden Batterien oder Festungswerken, zu walzen.
Diese Walzwerke wurden auch in dieser Zeit gebaut und gleichzeitig
ein Bessemerwerk zur Ausfhrung gebracht, da der, allerdings dem
Tiegelgustahl in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften nachstehende,
Bessemer-Stahl fr die Massenverwendung von Schienen, Blechen und
Platten ein sehr gutes Material liefert. In der Folge ward auch die
Fabrikation von Stahl-Eisenbahnschienen, welche mit der Erffnung
seines Schienen-Walzwerkes Krupp eigentlich erst in Deutschland
einbrgerte, zu einem der bedeutendsten Fabrikationszweige. Die
Stahlschienen verdrngten auf Grund ihrer viel lngeren Dauer bald
die gebruchlichen Schienen aus Gu- oder Schmiedeeisen und wurden
in immer grerer Zahl gearbeitet, bis die jhrliche Leistung auf
150000 Tonnen gesteigert wurde. Auch das Plattenwalzwerk ward im Jahre
1864 in Betrieb gesetzt, aber auffallender Weise zur Herstellung von
Panzerplatten zu Befestigungszwecken bis zum Tode Alfried Krupp's
niemals benutzt.

Erst nach diesem ist durch die Erfolge der seitdem erzeugten
Krupp'schen Panzerplatten die Richtigkeit seiner Voraussetzung, da
er auch auf diesem Gebiete alle andern Fabriken schlagen werde, voll
erwiesen worden; denn die Krupp'schen Platten haben trotz aller
hochgradigen Anstrengungen der Ingenieure aller Staaten und trotz der
vielen in diesem Zweige der Technik gemachten genialen Erfindungen,
dank des auch bei dem Nachfolger Alfrieds nie rastenden Strebens nach
Vervollkommnung und der auf grndlichster wissenschaftlicher Basis
fortgesetzt angestellten Versuche und Prfungen, immer wieder den Sieg
davongetragen und der Fabrik auch in dieser Beziehung die erste Stelle
unter allen Konkurrenten gesichert.

Es ist, wie gesagt, auffallend, da Alfried Krupp den Gedanken,
Panzerplatten anzufertigen, in der Folgezeit vllig aufgegeben zu
haben scheint, da er niemals bei irgend einer Platten-Lieferung sich
betheiligt hat und erst in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens der
Aufgabe wieder nher trat, Panzerschutz-Konstruktionen zu entwerfen.
Es ist um so auffallender, als in diesem Fabrikat Deutschland
lediglich auf England angewiesen war, seine Panzerkonstrukteure und
Ingenieure also in der Lage der oft recht hemmenden Abhngigkeit
von dem Inselreiche waren. Nimmt man hinzu, da auch die dortige
Panzer-Industrie noch vllig in den Kinderschuhen steckte, da man es
1864 noch fr die hchste Leistung hielt, Platten von 300 Kgr. Gewicht
zu walzen, also bei einer Strke von 25~mm~ etwa 1,50 Quadratmeter,
und bedenkt man, da Krupps Massengsse sich bereits 1862 auf Blcke
von 20000 Kgr. erhoben, da er allein im Besitz des Geheimnisses und
der Kunst war, das Material in vollwerthigster Gte bis zu solchen
Massen in einheitlicher Strke zu formen, so folgt ohne Weiteres, da
es ihm spielend leicht geworden sein mte, alle Konkurrenz durch
Herstellung groer und starker Platten zu schlagen und dem Vaterlande
die erste Stelle in der Panzerkonstruktion zu sichern. Da letzteres
trotz Krupps Zurcktreten von diesem Gebiet doch der Fall war, da
gerade Deutschland trotz der hierdurch herbeigefhrten Schwierigkeiten
die Fhrung in der ganzen Entwickelung der Panzerbefestigung bernommen
hat, das ist anderen Mnnern zu danken, Maximilian Schumann, der die
genialen Ideen, und Hermann Gruson, welcher die technischen Kenntnisse
dazu bot. Aber vielleicht war es eine weise Fgung, da Krupp sich
von diesem Gegenstand fern hielt, da er auch kein Verstndni
fr Schumanns Ideen gehabt zu haben scheint und da er seine zur
gemeinsamen Arbeit bittend ausgestreckte Hand zurckwies. Vielleicht
war dies nothwendig, damit noch andere Krfte neben denen Krupps zur
Entwickelung kmen und durch schwere Arbeit und Widerstnde hindurch
sich rngen, um auch anderen Ideen, anderen Materialien zur Anerkennung
und zur Bethtigung ihrer Leistungsfhigkeit zu verhelfen. Vielleicht
war es den hchsten Zwecken dienlicher, da Krupp seine geniale
Erfindungsgabe, seine Thatkraft und seine Mittel auf die Ausbildung
lediglich der Kriegswaffe beschrnkte, um das hchste ihm Erreichbare
zu leisten, whrend die Aufgabe Anderen vorbehalten blieb, die Mittel
zu finden und zu vervollkommnen, welche gegen die immer sich steigernde
Wirkung der Kruppschen Geschtze einen unverwundbaren Schutz zu bieten
bestimmt sind; vielleicht mute sogar eine gewisse Beeinflussung des
Verhltnisses dieser Personen zu einander, gewissermaen der Natur
ihrer sich gegenseitig befehdenden Ideen und technischen Erzeugnisse
entsprechend, sich entwickeln, um beide technische Zweige die
bedeutende Hhe der Entwickelung erreichen zu lassen, auf welcher
angekommen, sie wohl sich vereinigen durften.

Im Jahre 1864 sollten die ersten Gustahl-Geschtze ihre Feuerprobe vor
dem Feinde bestehen. Und wie durchaus nothwendig eine solche war, um
ihre grere Leistungsfhigkeit den alten glatten Geschtzen gegenber
zu beweisen, ergiebt sich aus einem Blick auf die Schwierigkeiten,
welche die Frage der Neubewaffnung der preuischen Feldartillerie in
den vorhergehenden Jahren nur so langsam fortschreiten lieen.

Nachdem durch den Entschlu des Prinz-Regenten 1860 in jedes
Feld-Artillerie-Regiment 3 Batterien zu je 8 gezogenen 9~cm~
Kanonen eingestellt worden waren, bestanden neben diesen noch je 9
Batterien glatter Geschtze, nmlich 6Pfnder-, 12Pfnder-Kanonen
und 7Pfnder-Haubitzen zu gleichen Theilen. Da diese glatten
Geschtze den Anforderungen wenig gewachsen waren, darber war man
sich wohl einig, und als die Reorganisation der Armee im Jahre 1860
in allen Waffen ein neues reges Leben und verstndnivolles Streben
nach Vervollkommnung und Zusammenwirken erweckte, da konnte auch die
Artillerie nicht zurckbleiben. Ein krftiger Pulsschlag durchbebte den
ganzen Organismus, wirkte auf Ausscheidung der ihm anhaftenden Mngel
und auf eine Entwickelung aller Krfte, um hinter den anderen Waffen
nicht zurckzubleiben in der Schlagfertigkeit, in der Verwendbarkeit
und in der Wirkungsfhigkeit. Da man hierzu andere Geschtze brauchte,
sah man ein, aber, in welcher Zahl gezogene und glatte Geschtze, in
welchen Kalibern sie einzufhren seien, darber gingen die Ansichten
weit auseinander.

Man ist jetzt wohl geneigt, diese Frage sehr einfach und schnell dahin
zu beantworten, wie sie nach den verschiedenen Uebergangsstadien
entschieden worden ist: Natrlich nur gezogene Hinterlader, das sind
ja die wirksamsten und verwendbarsten Geschtze! Aber so einfach lag
die Sache nicht. Man mu sich vergegenwrtigen, da durch die erfolgte
Einfhrung der gezogenen Geschtze die Taktik, die ganze Fechtweise
der Armee auf das einschneidendste umgestaltet worden ist, und heute
wrden wir die gezogenen Geschtze nicht entbehren knnen, weil auf
ihrer Verwendung die ganze neue Taktik beruht. Die alte Fechtweise, und
in dieser steckten doch die Artilleristen von 1860 noch vollstndig
drin, entsprach der Wirkung der glatten Geschtze, und diese war
auf die kleineren Entfernungen, mit denen man zu rechnen gewohnt
war, eine dem gezogenen Geschtz berlegene. Der Schrapnellschu des
letzteren war noch nicht ausgebildet, mit den Granaten hatte man auf
grere Weiten eine viel bedeutendere Wirkung, aber der Karttschschu
fehlte ihnen ganz. Und so ist es verstndlich, da man der Meinung
zuneigte, beide Geschtzarten seien wohl geeignet, sich gegenseitig zu
ergnzen, die glatten wrden dem Kampf auf nhere Entfernung am besten
gengen, whrend die gezogenen, in mglichst stabiler Aufstellung (als
Positionsgeschtze), auf weitere Distanzen von besonderem Werthe seien.

Die am 27.Dezember 1860 unter Vorsitz des Prinzen Carl eingesetzte
Kommission fr die Neuorganisation der Artillerie entschied sich
dementsprechend dahin, da jedem Artillerie-Regiment neben 48 gezogenen
Gustahl-Hinterladern noch 42 glatte Bronze-Kanonen (kurze 12Pfnder)
und 6 glatte Bronze-Haubitzen zuzuertheilen seien. Die gezogenen
Geschtze sollten also verdoppelt werden, und auf ihre Vermehrung
drngte die Einfhrung gezogener Vorderlader in Frankreich, wo sie
bereits im Feldzug 1859 zur Verwendung gekommen waren. Zugleich brachte
aber die Einfhrung leichterer (4Pfnder) Kaliber in fast allen Armeen
die Frage in den Vordergrund, ob neben dem 9~cm~ nicht auch ein
leichteres Geschtz einzustellen sein wrde. Dies fhrte zur Bestellung
von 2 8~cm~ Rohren bei Krupp, nach deren Lieferung im Mrz 1861 eine
Reihe von Versuchen begann. Am 6.Januar 1862 wurde die Einstellung von
je 4 8~cm~ Kanonen in jede Artillerie-Brigade vom Kriegsministerium
verfgt, um einer einjhrigen Erprobung unterworfen zu werden. Bei
der Artillerie-Prfungs-Kommission gingen aber die Urtheile ebenso
auseinander, wie bei den Truppen, und der General-Inspekteur,
Generallieutenant von Hahn, suchte sogar seine Ansicht zur Geltung zu
bringen, da die bereilte Einfhrung der Hinterlader sehr zu bedauern
sei, da hierdurch die Prfung gezogener Vorderlader ganz verhindert
worden sei.

Wieder war es Knig Wilhelm, welcher -- bereits am 1.Mai 1862 -- seine
Ueberzeugung und seinen festen Willen, sie zur Geltung zu bringen,
in die Waagschale warf, indem er befahl, da ein 8~cm~ Feldgeschtz
nach Abschlu der Konstruktion in die Armee eingefhrt werden solle.
Im Dezember 1863 waren die Versuche so weit erledigt, da aus den
bisherigen Versuchs-Geschtzen eine Batterie zu 8 Kanonen und 8 Wagen
gebildet und bei der Garde-Artillerie-Brigade eingestellt werden
konnte. Die Einfhrung des nunmehr festgestellten Modells an Stelle
der bisherigen Haubitzen ward am 18.April 1864 mit der Forderung der
energischsten Beschleunigung befohlen. Da aber die Herstellung des
Materials geraume Zeit in Anspruch nahm, konnte die Umwandlung der je
drei Haubitz-Batterien in vier 8~cm~ Batterien zu 6 Geschtzen erst
bis zum Herbst 1865 ausgefhrt werden.

Beim Ausbruch des dnischen Krieges war, weil die Einfhrung der 8~cm~
Kanonen noch nicht durchgefhrt worden war, jedes Artillerie-Regiment
mit 4 gezogenen 9~cm~-, 4 kurzen 12Pfnder-Batterien zu 6 und 3
Haubitzbatterien zu 8 Geschtzen ausgerstet; die 6 reitenden Batterien
hatten kurze 12Pfnder.

Mit einer solchen Mischung von verschiedenen Feldgeschtzen trat die
preuische Armee in den Feldzug ein: das kombinirte Armeekorps hatte
neben 72 glatten Bronzegeschtzen 30 gezogene Gustahl 9~cm~ Kanonen
und die erwhnte Batterie von acht 8~cm~ Kanonen. Das verschiedene
Verhalten der glatten und gezogenen, der Bronze- und Gustahl-Geschtze
im Kampf sollte aber die Ueberlegenheit der letzteren klar vor Augen
fhren.

Es war bei Missunde, wo zum ersten Male die Gustahl-Kanonen in
grerer Anzahl (24) in Thtigkeit traten. Wir finden sie dann bei
Ballgaard an der Alsener Fhrde, bei der Beschieung von Fridericia und
beim Angriff auf die Dppelstellung. Ueberall bewiesen sie ihre groe
Wirksamkeit und der General von Hindersin, welcher bald nachher als
zweiter General-Inspekteur der Artillerie der Waffe zu ihrem mchtigen
Aufschwung verhalf, berzeugte sich durch eigenen Augenschein von der
gewaltigen Ueberlegenheit der gezogenen ber die glatten Geschtze.
Wenn ich in dieser Richtung nicht Alles thue, so motivirte er
spter seine Bemhungen um die mglichste Vermehrung der gezogenen
Geschtze, was in meiner Macht steht, und Preuen mit drei Viertel
glatter Feldgeschtze in einen groen Krieg verwickelt wird gegen eine
Macht, die nur gezogene Geschtze fhrt, so wird es wahrscheinlich
eine Hauptschlacht verlieren. Der Verlust einer Hauptschlacht aber
kann die Zertrmmerung und Vernichtung des Vaterlandes herbeifhren.
Wenn ich daher das Geringste in der Einfhrung der gezogenen Geschtze
versume, so kann durch meine Versumni der Untergang des Vaterlandes
verschuldet werden. Dieser Gedanke liegt wie ein Alp auf mir und lt
mich nicht schlafen.

Die Zukunft hat gelehrt, mit welchem Recht der General den gezogenen
Geschtzen eine so hohe Bedeutung beima, da er sich ihre Einfhrung
gewissermaen zur Lebensaufgabe machte. Waren sich doch auch die
hheren Truppenfhrer, welche aus Schleswig-Holstein zurckkehrten,
wohl bewut, da dieser Feldzug nur das Vorspiel gewesen war zu
weit ernsteren Kmpfen, und tnte doch durch den frohen Siegesjubel,
mit dem sie in Berlin einzogen, gar deutlich die Mahnung, sich nicht
einzuwiegen in Selbstzufriedenheit und Siegesgewiheit, sondern in
ernster Arbeit die zu Tage getretenen Mngel zu beseitigen und sich zu
rsten zu neuen um Vieles schwierigeren Aufgaben.

Wenn man zu deren Lsung die gezogenen Geschtze als eines der
wichtigsten und unentbehrlichen Mittel zu erkennen anfing, so ist es
allerdings nicht der Gustahl, welchen man in seinen vorzglichen
Eigenschaften bereits als einziges anwendbares Material erachtete.
Schwere Kmpfe sollte dieser noch mit der Bronze bestehen, bevor
er endlich siegreich den Nebenbuhler berwand. Es war das gezogene
Geschtz zunchst als solches, der Hinterlader in seiner Konstruktion,
den man als vortheilhaft erkannt hatte. Da der Hinterlader erst
durch die ausschlieliche Herstellung in Krupps Gustahl seine volle
Wirksamkeit entfalten wrde, davon war man noch nicht berzeugt, weil
an die weitere enorme Steigerung der Kraftentfaltung noch Niemand zu
denken wagte.

Hatte man doch auch gezogene Hinterlader in Bronze mit ins Feld
genommen, nmlich eine grere Zahl schwerer Belagerungsgeschtze. Fr
solche war von Anfang an die Zweckmigkeit der Konstruktion anerkannt
worden, whrend man an die Hinterlader-Feldgeschtze nur mit dem groen
Bedenken herantrat, da sie nicht einfach genug seien und schwierig zu
handhaben. Bei dem Belagerungsgeschtz, das in seiner Batterie fest
steht und langsam feuert, lt man sich zeitraubende und schwierige
Manipulationen eher gefallen. Es ist dieses Bedenken jetzt kaum mehr
verstndlich, da ja die Bedienung des Hinterladers einfacher und
rascher ist, als beim glatten Geschtz. Aber die Macht der Gewohnheit,
und der merkwrdige Verschlu, zu dem man kein rechtes Vertrauen fassen
konnte, das stand im Wege.

Nun ist es bemerkenswerth, da auch auf dem Gebiet der schweren
Belagerungsgeschtze der Feldzug 1864 den Ansto zum ersten Schritt auf
dem Wege gab, welcher spter auch hier zur ausschlielichen Annahme
des Gustahls in Preuen fhrte. Die bronzenen Geschtze hatten doch
nicht allen Erwartungen entsprochen, und es wurden bei Krupp fnf
72Pfnder und drei 36Pfnder bestellt, alle im fertigen Zustande
nach angegebener Konstruktion, whrend die Feldgeschtze noch alle in
Spandau gebohrt, gezogen und mit Verschlu versehen wurden.

Die vorgeahnten kriegerischen Verwickelungen lieen nicht lange auf
sich warten. Der Krieg von 1864 trug im Schoo die Keime, aus denen
sich das neue deutsche Reich mchtig gestalten sollte; aber groe
politische Fortschritte sind auf dem Wege friedlicher Entwickelung
kaum denkbar. Sie bedrfen des Bewutseins der Kraft, und dieses
Selbstvertrauen wird nur gewonnen durch deren Erprobung im Kampfe;
nur durch die ihnen zum Bewutsein gebrachte Ueberlegenheit knnen
anderseits die widerstrebenden Nachbarmchte veranlat werden, Raum zu
geben fr grere Machtentfaltung, ihre Anerkennung dem gesteigerten
Einflu auf die Gestaltung der Weltlage nicht zu versagen. In
hervorragendem Mae gilt dieses fr Deutschland, dessen politisches
Gefge den auswrtigen Mchten von jeher Angriffspunkte genug geboten
hatte, um den Hebel zur Lockerung des ganzen kunstvollen Bauwerkes
anzusetzen. Es galt, die Einzelinteressen zu vereinigen auf einen
groen Gesichtspunkt, die einzelnen Bestandtheile zusammenzuschmeien
zu dem einheitlichen Organismus, welcher allein das nothwendige Ma
der Kraftentfaltung erreichen konnte, das ihm eine achtunggebietende
Stellung unter den Weltmchten errang. Dazu bedurfte es heftiger
Kmpfe, des blutigen Ringens mit den Verfechtern der veralteten
unbrauchbaren Staatsformen, um der neuen Gruppirung der Krfte, der
Neugestaltung des Reiches Raum zu schaffen, und eines um noch Vieles
ernsteren, gewaltigeren Ringens mit derjenigen Europischen Macht,
welche sich in ihrer angematen vorherrschenden Stellung gefhrdet
glaubte durch den aus langem ohnmchtigen Schlummer erwachten deutschen
Riesen.

Dem Kriege von 1864 folgten mit der von dem Preuischen Knig ebenso
wie von seinen groen Staatsmnnern vorhergesehenen Nothwendigkeit die
Kriege von 1866 und 1870.

Knig Wilhelm hatte, in eintrchtiger schwerer Arbeit mit seinem
Kriegsminister unentwegt das Ziel im Auge behalten, das Werkzeug
zu formen und zu krftigen, mit dem allein diese schweren Krisen
berwunden werden konnten. Die Reorganisation der Armee war trotz aller
Widerstnde einer einseitig verrannten Mehrheit der Volksvertretung
durchgefhrt worden und vornehmlich auch ihrer Bewaffnung ein ernstes
Interesse zugewendet worden. Mit dem Zndnadelgewehr besa die
Infanterie eine in jenen Jahren allen anderen weit berlegene Waffe
und auch in den Kruppschen Gustahl-Hinterladern Geschtze, welchen
keine andere Armee gleichwerthige gegenberstellen konnte. Und doch,
so vorzglich die ersteren sich im Kriege mit Oesterreich bewhrten,
soviel sie zum Siege beitrugen, um eben soviel blieben die Geschtze
hinter den Erwartungen zurck. Das hatte aber seine guten Grnde.

Erst 1865 konnten die 8~cm~ in die Armee eingestellt werden und,
dem Grundsatz folgend, stets eine starke Reserve fr unbrauchbar
werdende Geschtze zurckzuhalten, auch nicht die ganze Zahl, welche
Krupp lieferte. Es ist Hindersin zu danken, da er beim Ausbruch
des Krieges es durchsetzte, auch die Reservegeschtze schleunigst
noch einzustellen, indem er hervorhob, da es fr die zu erwartende
Entscheidungsschlacht darauf ankomme, mglichst viele Hinterlader
zur Verfgung zu haben. Gewannen wir diese, so brachte fr die
nachfolgenden kleineren Gefechte der etwaige Verlust unbrauchbar
gewordener keinen Nachtheil.

Es ist aber aus der ganzen Art, wie die Beschaffung und Einstellung
der gezogenen Geschtze erfolgte, zu ersehen, da an eine grndliche
Kenntni und Beherrschung der neuen Waffe durch die Truppe und
ihre Offiziere im Jahre 1866 nicht zu denken war. Gerade bei der
einschneidenden Umgestaltung der Taktik, welche die gezogenen Geschtze
herbeifhren muten, ist es nur natrlich, da dieser groe Schritt
nicht auf einmal in kurzer Zeit gethan werden konnte, da eine Zeit des
Ueberganges eintreten mute, in der das alte glatte Geschtz seinen
Werth verlor und das neue gezogene noch nicht seiner Natur entsprechend
ausgenutzt werden konnte. Und gerade in diese Uebergangszeit fiel
der Krieg von 1866. Es giebt keinen schlagenderen Beweis fr die
Nothwendigkeit, mit der Verwendung eines Kriegsinstrumentes die Armee
bei Zeiten grndlich vertraut zu machen. Die beste Waffe erweist sich
als schwchlich in der Hand des Neulings und Ignoranten.

Whrend die sterreichische Armee mit gezogenen Geschtzen, vom besten
System der Vorderlader, durchweg bewaffnet war, hatte die preuische
Armee neben ca. 60 Prozent Hinterladern noch 40 Prozent glatte
Geschtze. In Bhmen stand sie mit 474 gezogenen, 318 glatten Kanonen
gegen 776 gezogene und 34 (schsische) glatte; auf dem westlichen
Kriegsschauplatz gar mit 42 gezogenen und 36 glatten gegen 174 gezogene
und 172 glatte. Auf beiden Seiten war die Enttuschung gleich gro. Man
hatte erwartet, da die Wirkung der gezogenen Geschtze beim Kampfe
groer Artilleriemassen als ein sehr bedeutsames Kampfmittel sich
geltend machen, da die Artillerie eine groe Rolle in der Feldschlacht
spielen werde, also genau das, was sich 1870 als vollberechtigt
erweisen sollte. Aber 1866 ergab sich zwar die vollstndige Ohnmacht
der glatten gegen die gezogenen Geschtze; sie muten ihnen in allen
Fllen das Feld rumen und konnten vielfach gar nicht zur Verwendung
kommen; -- aber im Kampf gegen einander, der meist auf sehr groe
Entfernungen gefhrt wurde, thaten letztere sich auerordentlich wenig
Schaden. Das lag an der mangelhaften Ausbildung des Personals und an
der falschen Verwendung der Kanonen.

Fr die Artillerie-Truppe ergab sich mithin aus den Erfahrungen
dieses Krieges die Nothwendigkeit einer grndlicheren Ausbildung
einerseits, einer weiteren Prfung der schlecht bewhrten Waffe aber
anderseits. Die glatten Feldgeschtze muten als ganz unbrauchbar
allerdings beseitigt werden, aber eine ernste Krisis folgte auch fr
die Kruppschen Hinterlader. Und zwar war es nicht nur das System, fr
welches ja Krupp keine Verantwortung traf, sondern auch scheinbar das
Material, dessen Gte in Frage gestellt wurde. Von den 8~cm~-Rohren
mit Keilverschlu waren nmlich mehrere ohne vorherige Anzeichen und
ohne nachweisbare Fehler des Materials besessen zu haben, gesprungen.
Damit war der Glaube an die Haltbarkeit des Gustahls ernstlich
erschttert, seine Gegner schlugen daraus Kapital zu Gunsten der
Bronze und erreichten, da in Preuen aufs Neue Versuche mit einem
bronzenen 9~cm~-Rohr angestellt wurden; seine Konkurrenten wuten
die Unglcksflle geschftig in ihrem Interesse zu verwerthen und das
Mitrauen zu Krupps Fabrikaten immer aufs Neue dadurch anzuregen,
soda er sich noch im Jahre 1879 gezwungen sah, den bertriebenen
Behauptungen in einem Schriftstck entgegenzutreten, das er am
11.Februar an alle Mitglieder des englischen Unterhauses versandte. Er
legte hierin klar, da von fast 18000 gelieferten Geschtzen bisher nur
22 gesprungen seien, hiervon entfielen aber 17 auf die Geschtze alten
Systems, welches 1870 verlassen wurde, und nur 5 Flle auf die 11600
seitdem angefertigten Geschtze.

Zunchst war es aber eine Lebensfrage fr die Geschtzfabrikation
des Gustahlwerkes, die Ursachen zu ergrnden fr die im Kriege
1866 vorgekommenen Unglcksflle. Krupp glaubte sie in dem wenig
zweckmigen Verschlu, dem Wesener'schen Doppelkeil-Verschlu, welchen
die Rohre in Spandau erhalten hatten, gefunden zu haben, und da es
trotz aller Versuche nicht gelang, die hiermit versehenen Rohre zu
verbessern, entschlo er sich zu dem groen Opfer, die smmtlichen vor
2 Jahren gelieferten 8~cm~-Rohre zurckzunehmen und durch 300 neue
Rohre mit genderter Verschlu-Konstruktion zu ersetzen. Dies war
geboten durch das Geschftsinteresse, denn die mangelhafte Einrichtung
konnte bei jedem dieser Geschtze ein Springen veranlassen. Jeder
weitere derartige Unglcksfall konnte aber seinen Kredit wesentlich
schdigen. Bei der Ausdehnung, welche die Geschtzlieferungen bereits
angenommen hatten und bei den hiermit verbundenen Kapitalopfern fr
die nothwendigen Werkanlagen war ein Rckgang der Geschtzlieferungen
mit hohen Gefahren fr die Fabrik verbunden, ganz abgesehen von der
Enttuschung, welche Krupp persnlich in seinen auf eine weitere
Entwickelung gerade dieses Industriezweiges gesetzten Erwartungen
getroffen htte.

Zu einer bedeutenden Vergrerung seiner Fabrik war Krupp in den Jahren
1863-64 namentlich durch die umfassenden Bestellungen der russischen
Regierung veranlat worden. Sie hatte mit dem 1859 eingefhrten
bronzenen Vorderlader-Feldgeschtz schlechte Erfahrungen gemacht und
wandte sich 1863 dem Gustahl zu, indem sie 88 Stck achtzllige und
16 Stck neunzllige gezogene Vorderlader, 1864 aber 234 Hinterlader
in allen Kalibern probeweise bestellte. Die Geschtzfabrikation
stieg dank dieser und der Lieferungen fr deutsche Staaten 1864 auf
817, im Jahre 1866 aber erreichte sie gar die Zahl von 1562, weil
Ruland die Krupp'schen Feldgeschtze mit dem von ihm konstruirten
Rundkeilverschlu angenommen hatte. Es mu wohl, wenigstens theilweise,
auf das durch die Unglcksflle im Kriege veranlate Mitrauen
zurckgefhrt werden, da in den folgenden Jahren sich ein sehr
fhlbarer Rckgang bemerklich machte. Die Bestellungen betrugen 1867
720, 1868 588, 1869 nur 205 Stck, und begannen erst nach 1870 (427
Stck) mit Einfhrung einer vernderten Rohrkonstruktion mchtig zu
steigen.

Die Erweiterung des Betriebes hatte aber auch den Wunsch nahe gelegt,
mit der Rohmaterialienbeschaffung sich unabhngig zu machen von
auswrtigen Lieferanten; und da zur Errichtung von Hohfen die Lage
der Fabrik bei Essen wenig geeignet war, so ergriff Alfried Krupp die
sich ihm bietende Gelegenheit, vom preuischen Bergfiskus die Sayner
Htte zu erwerben. Er kam damit wieder einen wichtigen Schritt weiter
in der prinzipiellen Ausbildung des Selbstfabrikations-Systems, das er
unentwegt im Auge behielt.

Die Erweiterungen und Neuanlagen der Fabrik, sowie der Ankauf der Htte
waren aber mit groen Geldopfern verbunden, so da es wohlverstndlich
ist, da Krupp bei dem Hereinbrechen der kritischen Jahre nach
1866 nicht nur den Entschlu fate, die an Preuen gelieferten 300
8~cm~-Rohre zurckzunehmen, sondern da er auch alles daran setzte,
durch weitere technische Fortschritte dem Gustahl seine Stellung zu
wahren. Er selbst war nicht irre geworden an dessen Vorzglichkeit und
glaubte seine Eigenschaften noch lange nicht hinreichend ausgenutzt. Es
mute aber eine neue Bahn beschritten werden, um das gesteckte Ziel zu
erreichen, das hatten die Unglcksflle von 1866 ihm klar gezeigt.




~VI.~

Kampf und Sieg.


Die Mierfolge der gezogenen Geschtze auf dem Schlachtfelde riefen
die malosesten Angriffe gegen diese hervor und namentlich wurden die
Hinterlader einer heftigen Kritik unterzogen. Aber die magebenden
Personen lieen sich ebensowenig wie die Artillerie-Waffe hierdurch
beirren. Noch im Jahre 1866, am 6.Oktober verfgte Knig Wilhelm die
Bewaffnung der reitenden Batterien mit den gezogenen 8~cm~-Kanonen,
und binnen Kurzem waren smmtliche glatte Geschtze nicht nur aus der
preuischen, sondern aus allen Armeen Deutschlands verschwunden. Die
Artillerie aber hatte zu deutlich empfunden, da das glatte Geschtz
dem gezogenen gegenber gnzlich entwerthet, da die erwartete Wirkung
auf geringe Entfernungen eine Illusion gewesen sei, den modernen
weitschieenden Gewehren gegenber. Sie suchte mit Recht die Grnde fr
die Mierfolge der Waffe in deren ungengender Kenntni und Ausnutzung,
vor allem in der falschen Verwendung auf dem Schlachtfelde. Ihr ganzes
eifriges Streben ging darauf hinaus, die Natur und Leistungsfhigkeit
des neuen Geschtzes zu studiren und sich im richtigen Gebrauch rastlos
zu ben. Wie recht sie damit hatte und wie zielbewut sie ihre Pflicht
erfate, zeigen die glnzenden und berraschenden Erfolge des nchsten
Krieges.

Da die Unglcksflle von 1866 das Vertrauen in das System der
Hinterlader nicht zu erschttern brauchte, hatte man aus dem
eigenthmlichen Umstande gefolgert, da nicht ein einziges
9~cm~-Rohr, sondern nur 8~cm~-Rohre gesprungen waren, weshalb wohl
die Unzweckmigkeit des bei diesem vernderten Verschlusses die
Schuld tragen mute. Mit diesem theoretischen Nachweis war aber das
Mitrauen in der Truppe nicht zu berwinden, welcher die Gustahl-Rohre
unheimlich erschienen, da sie ohne irgend ein vorhergehendes Merkmal
der Mangelhaftigkeit zerspringen knnten. Man deutete immer wieder auf
den Vorzug der Bronze hin, deren Rohre zwar auch bersten und zerreien
knnten, aber niemals pltzlich und unvorhergesehen, sondern immer nach
vorangehenden deutlichen Anzeichen.

Hierdurch sah sich die General-Inspektion der Artillerie veranlat, mit
pflichtmiger Gewissenhaftigkeit einen neuen Versuch zu machen, ob ein
leistungsfhiges Hinterlade-Feldgeschtz aus Bronze sich herstellen
lasse. Sie lie ein 9~cm~-Rohr konstruiren, das nach Mglichkeit dem
Gewicht des Gustahlrohrs und seiner Laffete entsprechen sollte.
Und siehe: Die Schieergebnisse, welche seit 1867 mit diesem
Geschtz erreicht wurden, waren gnstig. Die Versuche, nun auch mit
8~cm~-Rohren, wurden fortgesetzt und es vollzog sich allmhlich eine
vollstndige Wandlung zu Gunsten der Bronze. Eigenthmlich, da zur
selben Zeit, wo in Folge dessen Preuen nahe daran war, Krupps Gustahl
den Rcken zu wenden, in Oesterreich die umgekehrte Ansicht zur Geltung
kam, da die bronzenen Feldgeschtze abgeschafft werden mten, weil
Gustahl unzweifelhaft der Bronze vorzuziehen sei.

Die Gefahr, nicht durch die Beschaffenheit des Materials, sondern durch
eine fehlerhafte Konstruktion, ohne Krupps Verschulden hervorgerufen,
war sehr gro, da man auf einen falschen Weg gerieth, da man sich der
werthvollsten Kriegswaffe beraubte und ihren genialen Erzeuger, der
sein ganzes Vermgen und Knnen in dieser Zeit an die Vervollkommnung
der Waffe gesetzt hatte, in eine uerst schwierige Lage brachte. Der
Ausbruch des Krieges 1870/71 wandte die Gefahr ab.

Gleich in den ersten Gefechten machte sich die Ueberlegenheit des
franzsischen Chassepot-Gewehrs geltend. Unsere Infanterie, die in
lobenswerther aber schlecht angebrachter Tapferkeit ihre Angriffe in
gleicher Weise wie 1866 ohne Vorbereitung durch die Artillerie zu
machen versuchte, erlitt enorme Verluste und mute jeden Sieg ber die
Feinde, welche in schnen Stellungen sie empfingen, mit Strmen von
Blut erkaufen. Aber ebenso scharf trat von Anfang an die Ueberlegenheit
der deutschen ber die franzsische Artillerie hervor. Die Verhltnisse
von 1866 erschienen geradezu umgekehrt. Binnen Kurzem war es die starke
Hilfe der Artillerie, ohne welche die Infanterie keine Erfolge erringen
konnte, war es ihre in die Wagschale geworfene Kraft, welche den
Charakter der meisten Schlachten bestimmte.

Und es basirte dieses Uebergewicht nicht allein in dem
Zahlenunterschied -- die deutsche Armee verfgte im August
ber 1260 gegen 924 Geschtze --, sondern vorwiegend in deren
Leistungsfhigkeit und der Geschicklichkeit, mit der die Artilleristen
sie zu verwenden verstanden. Die Taktik der modernen Feldartillerie
hat auf den franzsischen Schlachtfeldern ihre Erprobung und ihre
weitere Entwickelung gefunden. Es wird von Interesse sein, einige
Zeugnisse aus beiden Heerlagern einander gegenber zu stellen, um
einen Begriff zu bekommen von dem groartigen Erfolg und von dem
berwltigenden moralischen Eindruck, welchen die Wirkung der deutschen
Gustahl-Kanonen hervorriefen.

Prinz Kraft zu Hohenlohe-Ingelfingen, damals Kommandeur der Artillerie
des Gardekorps, berichtet in einem Briefe ber das Eingreifen seiner
Batterien bei St.Privat: Eine dichte Masse feindlicher Infanterie kam
mit Energie von der Gegend von Amanvillers auf uns zu. Als sie ber
die Hhe auftauchte, erreichten sie die Probeschsse mit 1900 Schritt
und die 30 Geschtze machten Schnellfeuer. Ein dichter Pulverqualm,
von den platzenden Granaten erzeugt, hllte die feindliche Infanterie
ein. Aber nach kurzer Zeit tauchten die Waffen mit den Rothhosen
diesseits daraus hervor und kamen nher. Das Feuer ward eingestellt.
Ein Probeschu mit 1700 Schritt bezeichnete den Punkt, auf den man sie
heranmarschiren lie, und so ging es weiter auf 1500, 1300, 1100 und
900 Schritt. Trotz der entsetzlichen Verheerungen, welche die Granaten
unter ihnen anrichteten, blieben diese braven Truppen im Avanciren.
Aber auf 900 Schritt war die Wirkung gar zu mrderisch, sie wandten
sich zur Flucht, von unseren Granaten begleitet, so weit wir sie sehen
konnten. Hier haben wir es mit einem Infanterieangriff zu thun, der
durch bloes Artillerie-Feuer abgewiesen ist. Ich habe einige Jahre
spter einen Adjutanten des Generals Ladmirault gesprochen, der den
Befehl zu diesem Gegensto gebracht und den Angriff mitgemacht hatte.
Es waren zwei Infanterie-Regimenter dazu beordert. Der franzsische
Offizier sagte nur: ~Il tait impossible de russir. Vous n'avez pas
ide qu'est-ce que cela veut dire, que de devoir avancer dans le feu
de votre artillerie.~ Die Infanterieangriffe wiederholten sich aus
derselben Richtung her. Es haben im Ganzen deren drei stattgefunden,
die letzten beiden wurden aber nicht mit solcher Energie unternommen,
wie der erste. Sie erstarben schon auf 1500 Schritt von uns. Auch
eine Kavalleriemasse war vor diesen Infanterie-Angriffen aufgetaucht,
um den Vertheidigern von St.Privat Luft zu schaffen. Sobald einige
Probeschsse die Entfernung gemessen hatten, sprengten die massenhaft
einschlagenden Granaten unseres Schnellfeuers die Kavallerie
auseinander und sie verschwand dahin, wo sie hergekommen war.

Noch bezeichnender sind die Berichte desselben Generals ber die
Schlacht bei Sedan: Eine feindliche Batterie, so erzhlt er, ganz
mit Schimmeln bespannt, trabte von Fond de Givonne her auf Givonne zu
und wollte zwischen diesem Dorfe und dem bois de la Garonne Stellung
nehmen. Sobald sie auf der Hhe sichtbar war, richteten die drei
Batterien der 1.Garde-Infanterie-Division ihre Geschtze dahin. Die
Batterie brach vollstndig zusammen, die Trmmer blieben liegen. Sie
that keinen Schu. Einer zweiten und dritten Batterie ging es ebenso.
In einer bald nach dem Feldzuge erschienenen franzsischen Broschre
las ich: ~l'Empereur lui-mme essaya de placer trois batteries au
sortir du Fond de Givonne. Elles furent crases sans coup frir...~
Je lnger man auf derselben Stelle stand, desto sicherer traf man.
Einmal sah man Bewegung oben rechts im Ardenner Walde. Die Fernglser
lieen Kavallerie erkennen, welche nach Verdun zu ber eine Lichtung
des Waldgebirges zu zweien ritt. Die Batterien schossen sich darauf
ein. Mit Aufsatz von mehr als 4000 Schritt glaubte man zu treffen. Bei
der groen Entfernung zweifelte ich an einer ersprielichen Wirkung
und wollte das Feuer inhibiren, aber die sichtbare Unruhe bei der
feindlichen Kavallerie zeigte, da wir getroffen hatten... Da mit
der Wegnahme des Bois de la Garonne die vollkommene Niederwerfung des
feindlichen Heeres besiegelt sein werde, war klar ersichtlich. Aber der
Angriff mute erst vorbereitet werden. Zu diesem Zwecke theilte ich
die ganze vor uns liegende Waldlisire in Abschnitte und wies jeder
Batterie ihr Theil zu. Sie mute dann immer mit dem ersten Geschtz
den vorderen Waldesrand treffen und jedes folgende Geschtz mute mit
derselben Richtung, aber mit je 100 Schritt Elevation mehr, feuern. So
wurde die ganze Waldlisire und der Wald bis in einer Tiefe von 500
Schritt mit Granaten berst. Die Sprengstcke gingen noch weiter.
Lie sich aber irgend etwas vom Feinde auerhalb des Waldes sehen, so
richteten sich alle Geschtze mit vernichtender Wirkung dagegen. Unsere
Ueberlegenheit ber den Feind war in dieser Periode der Schlacht an
dieser Stelle so erdrckend, da wir gar keine Verluste mehr hatten.
Die Batterien schossen wie auf dem Schieplatze nach der Scheibe.
Endlich schien der Moment zum Angriff gekommen, die Angriffsbefehle
waren ertheilt, eine Salve aus smmtlichen Geschtzen sollte das Signal
zur Ausfhrung sein. Die Salve krachte Punkt 2 Uhr, die Infanterie
stieg den Berg hinan. Mit fieberhafter Spannung richteten wir unsere
Blicke nach dem Walde, ob dessen Rand wieder so viele Opfer kosten
werde, wie die Lisire von St.Privat. Aber der Widerstand war hier
fast Null. An den meisten Stellen kamen die vllig entmuthigten
Franzosen unseren Truppen mit dem Rufe entgegen: ~piti, piti, nous
ne pouvons plus, nous sommes crass par le feu de votre artillerie.~

Und nun diesen Schilderungen eines preuischen Artilleristen
gegenber die Aeuerung eines Generals des Mac Mahon'schen Korps: Was
aber das Schlimmste ist, da unsere Artillerie in beklagenswerther
Weise derjenigen der Preuen, sowohl was das Kaliber, als was die
Zahl betrifft, nicht gewachsen ist. Unsere 4pfndigen Geschtze,
hbsche Spielzeuge in einer Ausstellung, haben nirgends auch nur
einen Augenblick vor den 12Pfndern (es sind die 9~cm~-Kanonen
gemeint) der Preuen Stand halten knnen; Tragfhigkeit, Sicherheit
und Schnelligkeit des Schusses, Alles ohne Vergleich, ist bei unsern
Feinden berlegen. Whrend unsere Artillerie sich nie halten konnte,
verlie die preuische ihre Stellungen nur, um zu avanciren; sie schien
von der unseren nie getroffen zu werden und bewegte sich mit derselben
Kaltbltigkeit und derselben Prcision, wie auf dem Exerzierplatze.

Diese Leistungen der deutschen Artillerie hatten das unbedingte
Vertrauen zu ihrer Feuerwaffe zur Voraussetzung. Und in der That
hatte nicht nur diese allen Erwartungen bezglich der Konstruktion
entsprochen, sondern auch das Verhalten des Materials hatte bei
einer bisher noch beispiellosen Beanspruchung alle Befrchtungen
auf das glnzendste widerlegt. Von den 9~cm~, die theilweise seit
1861 im Gebrauch waren, hatten einzelne schon ber 2000 scharfe
Schsse gethan; aber vllig unbrauchbar waren nur zwei Rohre durch
starke Ausbrennungen geworden; eine zeitweise Unbrauchbarkeit hatten
Verletzungen am Verschlusse bei 16 Rohren herbeigefhrt. An den
8~cm~-Rohren, die meist zwischen 400 und 500 Schssen gethan hatten,
waren 25 durch Ausbrennung am Verschlutheil vllig unbrauchbar, 57
zeitweise unbrauchbar geworden. Aber gesprungen -- und das hatte man ja
in erster Linie gefrchtet -- war kein einziges Rohr. Hiermit war fr
Deutschlands Feldartillerie die Materialfrage endgltig entschieden.
Der Gustahl hatte sich so glnzend bewhrt, da von der Verwendung
der Bronze ferner ganz abgesehen wurde. Auf diesem Gebiet waren alle
Hindernisse beseitigt, soda Krupp freien Raum erhielt, seine neuen
Vervollkommnungen zur Geltung zu bringen.

Bevor wir dem Meister auf dem neuen Wege folgen, mssen wir einen
Augenblick verweilen, um noch einmal rckwrts zu schauen auf die
letzten Jahre der Entwickelung. Denn Manches hat sich verndert und
manches wichtige Ereigni ist nicht ohne Folge geblieben auf ihn
selbst, seine Lebensfhrung und seine Eigenart.

Nachdem Krupp im Jahre 1860 seine bescheidene Wohnung mit dem
Gartenhaus, einem in Villenstil innerhalb der Fabrik errichteten
Gebude vertauscht hatte, entschlo er sich im Jahre 1864, dem
geruschvollen Treiben sich und seine Familie zu entziehen. Er hatte
ein kleines Landbesitzthum an der Ruhr erworben und das auf einem
waldumkrnzten Hgel gelegene Bauernhaus zu einem Wohnhaus umgebaut.
Erst spter trat an dessen Stelle die herrschaftliche Villa, welche,
in weithin das Fluthal beherrschender Lage, zum wrdigen Wohnsitz der
Krupp'schen Familie gestaltet wurde, den ersten bescheidenen Namen
Hgel aber bis heutigen Tages behielt. Wenige Tage vor dem Umzug auf
den Hgel, am 28.Oktober 1864, ward Krupp noch ein bemerkenswerther
Besuch zu Theil. Der preuische Ministerprsident, Herr von Bismarck,
hatte vom 7. bis 24.Oktober eine Reihe glcklich unbeschftigte
Tage in Biarritz zugebracht, war am 25. in Paris gewesen und auf der
Heimreise einer Einladung Krupps gefolgt, in dessen Gartenhaus er
einen Abend in heiterster Stimmung verbrachte, um andern Tages nach
Berlin weiter zu fahren.

Die folgenden Jahre hatten weitere hohe Besuche gebracht, von denen die
des Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 17.April und des Knigs Wilhelm
am 16.Oktober 1865 hervorzuheben sind. Der Knig wurde auf der im
selben Jahre erffneten eigenen Eisenbahn der Fabrik von Borbeck aus
nach dem festlich geschmckten und illuminirten Etablissement gebracht
und bernachtete in dem nun fr hohe Gste eingerichteten Gartenhaus.
Der gtige Monarch pflegte niemals mit leerer Hand zu kommen, und so
suchte er dieses Mal seinem Wirth durch Verleihung des Kronenordens
~II.~ Klasse ein Zeichen seiner Huld und Anerkennung zu geben. Wenige
Tage darauf, am 20.Oktober, langte der Kronprinz zum zweiten Male
in Essen an, fhrte dieses Mal aber auch die Kronprinzessin und die
anderen Tages eingetroffene Knigin Augusta durch die Rume der Fabrik.
Das Jahr 1865 brachte auch einen Besuch des Prinzen Alexander, welcher
im Jahre 1867 und 1868 wiederholt wurde. 1866 waren Prinz Adalbert,
1867 Prinz Karl von Preuen, beide in Begleitung ihrer Gemahlinnen in
der Gustahlfabrik. Letztere trafen aber deren Besitzer nicht an; er
war in Nizza.

Im Winter von 1866 zu 67 machten sich bei Alfried Krupp zum ersten
Male die Einwirkungen der krperlichen und geistigen Ueberanstrengung
geltend, denen er seit seinem vierzehnten Lebensjahre unausgesetzt
sich nicht entziehen konnte. Von diesen vierzig Jahren hatte er
fnfundzwanzig in Noth und Sorge, im Kampf und Ringen um seine
und seiner Familie Existenz verbringen mssen; und als der erste
durchschlagende Erfolg ihn freier in die Zukunft schauen lie, als
die krperliche Anstrengung sich verminderte, da kam eine Periode
des emsigsten Schaffens auf geistigem Gebiete, da muten immer neue
Unternehmungen gewagt, neue Verwendungen des Materials ersonnen und
erprobt, immer neue Widerstnde und Mierfolge berwunden werden, erst
auf dem Felde der Friedenserzeugnisse, dann der Kriegswaffen. Und als
das Ziel, das Krupp mit diesen verfolgte, erreicht zu sein schien,
als seine Geschtze in Preuen endlich zur Einfhrung gelangt waren,
da kam der Krieg von 1866 mit seinem artilleristischen Mierfolg.
Wie niederschmetternd muten diese Kritiken, welche seine Geschtze
nicht nur bezglich der Konstruktion, sondern auch bezglich des
Materials auf das heftigste angriffen, auf den Mann wirken, der in
diesem Zweige seiner Industrie, in diesem mit Liebe und allen Opfern
gepflegten Kinde seiner Thtigkeit seine hchste Lebensaufgabe erblickt
hatte. Dieses Material, von dessen stetig vorzglicher Gte er so
berzeugt war, sollte unbrauchbar, sollte unzuverlssig sein! Krupp
hatte die hchste Idee von dem Erbe seines Vaters, er stellte es von
vornherein ber jedes andere Erzeugni der Metallurgie, und nur dieser
unerschtterliche Glauben an seinen Gustahl und an die Mission, welche
ihn mit dessen Ausbeutung betraut hatte, war der Halt und das Fundament
gewesen, mit und auf welchem er sein Leben diese 40 Jahre hindurch
aufgebaut hatte, ein festgefgtes Gebude. Und nun sollte dieser
Grund unsicher, diese Sttze unhaltbar sein, nun sollte der ganze
Bau zusammenstrzen, ohne die erhoffte und mit Zuversicht erwartete
Weiterentwickelung zu finden? Wie schrecklich, wie kaum auszudenken
war dieser Gedanke fr einen Mann wie Alfried Krupp. Sein ganzes
Selbstbewutsein, sein Stolz, seine Kenntnisse, seine Ueberzeugung
bumten sich dagegen auf und riefen ihm zu: Nein! Sie sind alle
Thoren! Sie sind blind und thricht. Du weit es besser und du wirst
und mut sie eines Besseren belehren! Und nun das eifrige Suchen nach
der Quelle der Unglcksflle, nicht mit Angst und Ungewiheit, aber
mit dem heien Drang aller Welt es vor Augen zu fhren, wie falsch sie
geurtheilt habe. Und als sie gefunden war, der schnelle Entschlu,
diese unglckliche Konstruktion, die ihm aufgenthigt worden, die gar
nicht sein eigenes Geisteserzeugni war, ganz zu beseitigen. Es wurde
frher als ein im Geschftsinteresse gebrachtes Opfer bezeichnet,
da Krupp die 300 8~cm~-Rohre zurcknahm und durch andere ersetzte.
Gewi war es das! Aber im tiefsten Grunde waren die Motive zu diesem
Entschlu doch andere, sie lagen viel tiefer, sie waren nicht einfach
berechnender Natur, sondern Krupp war in tiefster Seele so emprt
ber diese Geschpfe seiner Fabrik, welche ihm diesen grimmigsten
Schmerz angethan, da er sie aus der Welt schaffen, sie auf jeden Fall
beseitigen mute. Wenn er nur in geschftlicher Erwgung gehandelt
htte, so wrde es nahe gelegen haben, bei der preuischen Regierung
vorstellig zu werden, da es besser sei, die unzuverlssigen Rohre zu
verwerfen, und da er unter billigen Bedingungen erbtig sei zu einem
Umtausch gegen neue, obgleich er an der mangelhaften Konstruktion nicht
die Schuld trage. Aber von einem solchen Versuch ist nichts bekannt.
Es ist ein freier, rascher Entschlu, der bei Krupps energischem, vor
nichts zurckscheuendem Charakter wohl erklrlich ist. Diese Kanonen
hatten seine heiligsten Ideale beleidigt, seine Erfolge in Frage
gestellt, die Weltstellung seines Gustahls ernstlich gefhrdet: mit
der Schroffheit, welche sein Wille in diesem ihm wichtigsten Punkte
anzunehmen begann, sagte er: Weg damit!

Gleichzeitig begann aber mit groem Eifer die Weiterentwickelung der
eigenen Kruppschen Geschtzkonstruktionen; es ist wohl keine Frage,
da die mit der preuischen 8~cm~-Kanone gemachten Erfahrungen
einen Ansto gaben, selbstndig fr dieses Geschtz ein besseres
zu konstruiren, und so ist der Herbst und Winter 1866 fr Krupp
unzweifelhaft von so heftigen Gemthsbewegungen und geistigen
Anstrengungen begleitet gewesen, da eine Einwirkung auf sein
krperliches Befinden nicht Wunder nehmen kann.

Es kam hierzu noch Eins, nmlich die Vorbereitung auf die 2.Pariser
Weltausstellung, welche im Jahre 1867 stattfinden sollte. Sie war
doppelt wichtig nach dem Sto, den der Gustahl soeben erlitten hatte,
mit doppelter Sorgsamkeit mute ihre Beschickung ins Auge gefat
werden. Die geistige und krperliche Abspannung, welche sich im Winter
geltend machten, zwangen Krupp dazu, seine unermdliche Thtigkeit zu
unterbrechen und in einem milderen Klima Erholung zu suchen. Er weilte
ziemlich lange Zeit in Nizza, dem Ort, den er auch spter wiederholt
mit Vorliebe und gutem Erfolg aufsuchte.

Auf der Pariser Ausstellung wollte Krupp zum ersten Mal mit seiner
neuen Rohrkonstruktion, mit einem Ringrohr, auftreten.

Man hatte bereits in mehreren Staaten Versuche angestellt, durch
Herstellung des Geschtzrohres nicht aus einer Masse, sondern aus
mehreren zylinderfrmigen Lagen ber einander eine Verbesserung der
Waffe herbeizufhren. Das von ihnen angewendete Material und das
Geschtzsystem waren aber von ganz anderer Art; Krupp mute daher,
als er den Gedanken aufgriff, ganz selbstndig vorgehen, und die
Konstruktion der Gustahl-Ringrohre ist deshalb als sein eigenstes Werk
zu betrachten.

Das Verfahren besteht darin, da auf das -- in der Wandung schwcher
gehaltene -- zylindrische Geschtzrohr ein anderer angewrmter
und dadurch erweiterter Gustahlzylinder aufgebracht wird, welcher
beim Erkalten sich zusammenzieht und auf den inneren Zylinder
zusammenpressend wirkt, weil sein innerer Durchmesser im kalten
Zustande um etwas geringer ist als der uere des umschlossenen
Geschtzrohrs. Giebt man auf diesen ueren noch einen dritten
Zylinder, so wird der erste noch mehr zusammengepret, und die
Ausdehnung, welche der zweite erlitt, gemigt. Alle Theile des so
entstandenen Geschtzrohrs werden aber, wie leicht verstndlich,
beim Abfeuern des Schusses in eine Spannung versetzt, welche von
innen nach auen sich verringert, und in dem Ringrohr begegnet nun
dieser Sto der Pulvergase einer in gleicher Richtung abnehmenden
Widerstandsfhigkeit des Materials. Die im innersten Theile ganz
bedeutend gesteigerte Widerstandskraft vermag also viel greren
Ladungen Stand zu halten, als beim alten Massivrohr. Und da ferner der
Laderaum den strksten Sto erhlt, die Kraftuerung nach der Mndung
zu abnimmt, so hat man es in der Hand, eine Verstrkung des Rohres
durch Ringe genau im Verhltni der nothwendigen Widerstandskraft, am
strksten am Laderaum und schwcher werdend von hier an, vorzunehmen.
Es ist auch ohne Weiteres verstndlich, da man den hinter dem
Laderaum liegenden Theil des Rohres, welcher lediglich zur Aufnahme
des Verschlusses dient, schwcher halten kann, als bei Rohren frherer
Konstruktion blich war, und da der Verschlutheil in Folge dessen
kleiner, leichter und bequemer zu handhaben wird. Es wurde bereits
erwhnt, da Krupp im Jahre 1862 in London einen von ihm konstruirten
Keilverschlu patentiren lie. Diesen hatte er in den folgenden Jahren
wesentlich vervollkommnet und im Jahre 1865 sich den so entstandenen
Rundkeilverschlu patentiren lassen, welcher in der Folgezeit auch von
der Preuischen Regierung angenommen und seitdem bei allen Kruppschen
Hinterladern angewendet worden ist.

Die Pariser Ausstellung 1867 gab Krupp willkommene Gelegenheit, seine
Ringkanone ffentlich vorzufhren und er glaubte nicht mit Unrecht,
den Eindruck durch die Wahl eines mglichst groen Kalibers steigern
zu knnen. Nicht weniger als 14 Monate ward an dem Riesengeschtz
gearbeitet, das bei 35,5~cm~ Seelendurchmesser ein Gewicht von
ungefhr 1000 Zentnern erreichte. Und ihm zur Seite lag ein Block,
800 Zentner, fr eine Schiffskurbelwelle bestimmt. Fr diese beiden
Objekte hatten besondere, auf 8 Rdern ruhende Eisenbahnwagen gebaut
werden mssen und, da sich die Eisenbahngesellschaften weigerten, diese
Monstrewagen mit ihrer unerhrten Ladung in gewhnlichen Gterzgen zu
befrdern, mute ein Separattrain sie nach Paris bringen.

Krupps Ausstellung war sehr gnstig untergebracht, zwischen den beiden
im Halbkreis emporfhrenden Treppen des stattlichen Marmorbaues,
welchen die Berliner Bauknstler und Handwerker aufgefhrt hatten. Das
Geschtzrohr lag in einer gleichfalls von ihm entworfenen sthlernen
Laffete und nahm in Verbindung mit einer Anzahl kleinerer Geschtze
die allgemeine Aufmerksamkeit, vor allen aber die des Kaisers Napoleon
in Anspruch. Die Franzosen gaben ihrer Bewunderung unverhohlen
Ausdruck und zgerten nicht, der Firma Krupp namentlich auf Grund der
groartigen maschinellen Hilfsmittel, welche allein diese Erzeugnisse
zu liefern ermglichten, den ihr gebhrenden Platz an der Spitze der
gesammten Eisen-Industrie der Welt einzurumen. Am meisten imponirte
aber den Franzosen, da dieses Alles die Schpfung eines einzigen
Mannes sei. Bedenke man, uerte sich eine groe pariser Zeitung,
da die Essener Httenwerke nicht etwa das Werk und das Eigenthum
einer mchtigen Finanzgesellschaft, sondern da sie durch das Genie und
die Mittel eines einzigen Mannes geschaffen sind! Kam es nur darauf
an, Geschtze von groer Gewalt und Tragweite zu fabriziren und auf
die Behandlung des Stahles zu diesem Zwecke, so knnte ohne Zweifel
die groe Wichtigkeit des Essener Werkes bestritten werden. Aber in
den anderen Industriezweigen, wo die Superioritt des Stahls anerkannt
ist, in der laufenden Fabrikation der Schienen, der Reifen, der Rder,
der Achsen, welche die franzsischen Eisenwerke ausfhren knnen, in
der Herstellung der Theile riesiger Maschinen, welche diese Anstalten
in relativen Gren ausfhren knnen, ist der Vorrang des preuischen
Werkes so unbestreitbar, da nicht nur Ruland, Frankreich und
Deutschland seine Produkte um die Wette kaufen, sondern auch England
davon bedeutende Quantitten verwendet fr seine Eisenbahnen oder fr
die ungeheuren Maschinentheile seiner mchtigen Dampfschiffe. Der groe
Hammer des Herrn Krupp wiegt 50000~kg~; Frankreich besitzt einen
solchen von 15000~kg~ bei den Herrn Petin Gaudet, einen von 12000~kg~
in Creusot; die schwersten Hmmer in England bersteigen nicht das
Gewicht von 15000~kg~.

Bei dem groen Interesse, welches man in Frankreich den Kruppschen
Geschtzen zuwandte, lag fr ihn die Hoffnung nahe, seinen Gustahl
auch fr die franzsische Artillerie eingefhrt zu sehen. Dieses
geschah nicht, trotzdem sich Krupp ernstlich darum bemhte.

Man hat von der einen Seite ihm einen besonderen Ehrenkranz zu winden
gemeint, indem man die Behauptung aufstellte, er habe das Liebeswerben
Frankreichs stets zurckgewiesen und aus ahnungsvollem Patriotismus
ihm keine Geschtze geliefert; anderseits hat Henri Bordier in seinem
1872 in Paris erschienenen Buche ~L'Allemagne aux Tuileries de 1850
 1870~ unter den Bettelbriefen Deutscher an Napoleon~III.~
auch einen Brief Krupps aufgenommen, um ihn in die Klasse der ihrer
nationalen Wrde vergessenden Deutschen herabzudrcken, welche
den franzsischen Kaiser mit Schmeicheleien bestrmten. Eins ist
so wenig berechtigt, wie das andere. Krupp war in jenen Jahren
Frankreich gegenber lediglich der Geschftsmann, welcher in seinem
Vaterlande noch um die Sicherung seines Absatzes kmpfen mute und
gar keine Ursache hatte, nicht den Markt fr seine Erzeugnisse in
allen kultivirten Lndern zu suchen. Von speziell preuischen oder
deutschen Konstruktionen war noch keine Rede; denn man hatte hierselbst
Krupps Vorschlge kaum erst in Erwgung gezogen, kaum kennen gelernt,
geschweige denn, sie, wie spter geschah, angenommen und weiter
entwickelt. Krupp war mithin vllig Herr seiner neuen Konstruktionen,
Ringrohr und Rundkeilverschlu. Kein Mensch verargte es ihm, da er
eine Bestellung Rulands aus 25 achtzllige und eine neunzllige
Ring-Kanone 1866 annahm und bis 1867 an Feldgeschtzen nicht weniger
als 601 Stck nach Petersburg lieferte. Von denselben Geschtzen
konnte er wohl auch Zeichnungen in Paris vorlegen, ohne des Mangels an
Patriotismus angeklagt oder gar als zudringlicher Bettler bezeichnet
werden zu mssen.

Thatschlich hat Krupp im Jahre 1868 zwei Broschren ber
Schieversuche der franzsischen Regierung bersandt. Ziemlich
gleichzeitig lief ein Bericht des Militrbevollmchtigten in Berlin,
des Obersten Stoffel in Paris ein, in welchem dieser die unbedingte
Ueberlegenheit der preuischen ber die sterreichischen und auch
ber die franzsischen Feldgeschtze betonte: das Material der
preuischen Feldartillerie, sagte er, ist dem unsrigen sowohl in
Bezug auf Treffsicherheit, wie auf Schuweite und Feuer-Schnelligkeit
bedeutend berlegen. Aber gleichzeitig berichtete er von den starken
Anfeindungen, welche die Gustahl-Geschtze zu erfahren hatten und
glaubte annehmen zu knnen, da die preuische Armee-Leitung nur durch
das Vorhandensein der bereits beschafften Gustahl-Rohre verhindert
werde, sich zur Bronze zu bekennen.

Dem General Le Boeuf, welchem die Broschren Krupps zur Begutachtung
berwiesen wurden, fand in dieser letzten Bemerkung des Obersten
Stoffel sowie in der Thatsache der Unglcksflle von 1866 willkommene
Grnde, um das Aktenstck bei Seite zu schieben, ohne dem Kaiser
darber vorzutragen. Er hielt die Gustahlgeschtze fr zu theuer, war
berzeugt von der Vorzglichkeit der franzsischen Feldgeschtze und,
wenn er auch die Superioritt Krupps in der Stahlfabrikation nicht
leugnen konnte, so glaubte er, der eigenen Industrie Zeit verschaffen
zu mssen, jenen einzuholen und dem Staate bessere Kriegswaffen zu
liefern.

So war zum zweiten Male die Gefahr fr Deutschland abgewendet
worden, da in dem groen Kampfe mit der gallischen Nation auer
dem berlegenen Gewehr ihm auch ein gleichwerthiges Geschtz
gegenberstnde. Es war Frankreichs Geschick, das eine ewige
Gerechtigkeit ihm fgte, da es, befangen in Selbstberschtzung, die
dargebotene starke Waffe zurckwies, welche in der Hand des Feindes
wenige Jahre darauf dazu diente, seinen Hochmuth zu brechen und seine
Anmaung zu Boden zu werfen.

Noch einmal im Jahre 1868 suchte Alfried Krupp die Aufmerksamkeit
des franzsischen Kaisers auf seine Erzeugnisse zu lenken. Es ist der
Brief, welcher ihm als Bettelbrief von Henri Bordier angerechnet
worden ist, und welchen er am 29.April mit einer Sammlung Zeichnungen
von verschiedenen seiner Fabrikate Napoleon bersandte. Es war eine
einfache Geschftsempfehlung, wie sich aus seinem Wortlaut ergiebt:

~Sire, encourag par l'intrt que sa Hauteur Votre Majest a prouv
pour un simple industriel et les rsultats heureux de ses offerts et
de ces sacrifices inous, j'ose de nouveau m'approcher  Elle avec la
prire de vouloir daigner d'accepter l'atlas ci-joint qui reprsente
une collection de dessins de divers objets excuts dans mes usines.
Je me livre  l'esprance que surtout les quatre dernires pages qui
reprsentent les canons en acier fondu que j'ai excuts pour les
divers hauts gouvernements de l'Europe, pourraient attirer un instant
l'attention de V.M. et excuseront mon audace. Avec le plus profond
respect, avec la plus grande admiration, je suis de V.M. le plus
humble et le plus dvou serviteur.~

                                  ~Fried. Krupp.~

Und die Antwort hierauf? Sie ward am 21.Mai ertheilt und lautete:

~L'empereur a reu avec beaucoup d'intrt l'atlas que vous lui avez
adress et S.M. a donn l'ordre, de vous remercier de le lui avoir
communiqu et de vous faire connatre qu'elle dsire vivement le succs
et l'extension d'une industrie destine  rendre des services notables
 l'humanit.~

Das waren nur nichtssagende Phrasen, aber der lebhafte Wunsch des
franzsischen Kaisers sollte schrecklich sich an ihm und seinem Lande
erfllen. Die Beziehungen Krupp's zu Frankreich waren hiermit fr immer
abgebrochen.

Um aber Alfried Krupp's persnliche Stellungnahme zum franzsischen
Herrscherhaus des Weiteren zu charakterisiren, um zu zeigen, da er
lediglich durch das geschftliche Interesse mit Ueberwindung seiner
persnlichen Gefhle sich zu dem Versuch bestimmen lie, in Beziehungen
zur franzsischen Regierung zu kommen, mu noch ein Ereigni Erwhnung
finden, welches in dieselbe Zeit fllt.

Am 23.Januar 1868 bersandte Krupp seine Broschren, vom 20.Februar
datirt der Bericht des Obersten Stoffel, am 11.Mrz 1868 verwies
Le Boeuf die Broschren in's Archiv; am 29.April endlich sandte
Krupp seinen Atlas an Napoleon. Am 20.Mrz besuchte dessen Vetter,
Prinz Napoleon Bonaparte, bekannt unter dem Namen Jerme nach seinem
Vater, dem ehemaligen Knig von Westfalen, die Gustahlfabrik. Er kam
inkognito unter dem Namen eines Grafen von Meudon, und begleitet von
zwei franzsischen Offizieren in brgerlichem Kleide. Da Krupp von
dem Schicksal seiner Broschren unterrichtet gewesen sei, ist nicht
anzunehmen; auch spricht seine Sendung vom 29.April dafr, da er die
Hoffnung nicht aufgegeben hatte, geschftliche Beziehungen anzuknpfen.
Trotzdem weigerte er sich, als ihm eine Andeutung von des Prinzen
Absicht gemacht wurde, entschieden, ihn in der Fabrik zu empfangen.
Hier kamen also seine persnlichen patriotischen Gefhle zur Geltung,
und selbst auf die Gefahr hin, seine geschftlichen Erwartungen stark
zu schdigen, konnte er sich zu keinem Entgegenkommen entschlieen. Als
der Prinz dennoch auf der Rckreise von Berlin in der Fabrik erschien,
konnte er ihm unmglich die Thr weisen, zumal jener sich auf eine
Aufforderung des Kronprinzen von Preuen berief; aber er hielt sich ihm
persnlich ganz fern und beauftragte einen Prokuristen mit der Fhrung.
Bei dieser Gelegenheit lie der Prinz -- ein scharfer Beobachter -- die
bekannten Worte fallen: ~Mais c'est donc un tat dans l'tat; jamais
en France on ne laisserait passer cela!~, eine Bemerkung, ber welche
Knig Wilhelm, als Krupp sie ihm spter erzhlte, herzlich gelacht hat.
Die Angabe Jerme's, da der Kronprinz ihn nach Essen eingeladen habe,
erwies sich brigens spter als eine Erfindung.

Am selben Tage mit dem Prinzen Napoleon traf der trkische Gesandte
Aristarchi Bey in Essen ein. Mit der Trkei hatte Krupp bereits seit
1863 Beziehungen und in diesen Jahren bedeutende Geschtzlieferungen
dorthin auszufhren. Der Sultan wurde in der Folge einer der besten
Abnehmer der Gustahlgeschtze.

Die wichtige Entwickelungsperiode zwischen dem deutsch-sterreichischen
und dem deutsch-franzsischen Kriege brachte dem Fabrikanten der
Gustahl-Geschtze noch auf einem anderen Gebiete, als dem der
Feldgeschtze eine ernste Krisis. Aber auch aus dieser ging er nicht
nur als Sieger hervor, sondern gab auch wiederum den Ansto zu einem
hochwichtigen weiteren Schritte in der Vervollkommnung des deutschen
Geschtzsystems. Es bilden die zu besprechenden Vorgnge ein Beispiel
des untrennbaren Zusammenhanges und der gegenseitigen Beeinflussung
aller einzelnen Faktoren des Geschtzwesens, und sie gewhren uns einen
interessanten Einblick in die schwierigen vielgestaltigen Aufgaben,
welche von dem modernen Artillerie-Konstrukteur zu bewltigen sind.

Wir erwhnten bereits, da die preuische Armeeleitung nach dem
dnischen Feldzuge einige Gustahl-Geschtze greren Kalibers
beschaffte, weil die Bronzerohre in mancher Beziehung nicht gengt
hatten. Auer den Belagerungs- und Festungsgeschtzen bedurfte man
aber, seitdem eine krftige Entwickelung der Flotte und ein besserer
Schutz der deutschen Hfen und Ksten (seit 1867) ins Auge gefat
wurde, noch schwerere Geschtze fr die Armirung der in Angriff
genommenen Panzerschiffe und Kstenbefestigungen. Fr diese, gegen
Panzerziele mit uerst gesteigerter Wirkung auszustattenden Geschtze
erschien der Gustahl von vorn herein als das am besten zu verwendende
Material. Es war daher nicht nur das 35,5~cm~-Geschtz der Pariser
Ausstellung, welches Krupp dem Knig von Preuen zum Geschenk machte,
sofort in einem Kieler Strandfort Brauneberg aufgestellt, sondern
25 Stck Sechsundneunzigpfnder, sowie 50 Zweiundsiebenzigpfnder
in Bestellung gegeben. Die der Fabrik vorgeschriebene Konstruktion
war aber noch mit dem in Preuen gebruchlichen Doppelkeilverschlu
ausgestattet und nur die Sechsundneunzigpfnder besaen Ringrohre. Von
der fr alle Kaliber gleich vortheilhaften Ringkonstruktion hatte man
sich wohl noch nicht berzeugen knnen.

Um dem Gescho die nothwendige Durchschlagskraft gegen 8 Zoll starke
Schiffspanzer zu geben, war verlangt worden, da es mit einer
Anfangsgeschwindigkeit von 408~m~ in der Sekunde den Lauf verlassen
msse. Bei dem ersten Schieversuch mit dem Sechsundneunzigpfnder,
welcher im Frhjahr 1868 bei Tegel stattfand, gelang es aber nicht,
die Geschwindigkeit hher als bis 361~m~ zu bringen, obgleich man die
Pulverladung bis 25~kg~ steigerte. Bei einem in Gegenwart des Knigs
Wilhelm am 31.Mrz vorgenommenen Probeschieen ward die achtzllige
Panzerwand nicht durchschlagen. Also das Gustahlgeschtz leistete
nicht, was man erwartet hatte und dessen man unbedingt benthigte. Man
beschlo also, bei Armstrong einen eisernen Vorderlader von gleichem
Kaliber zu bestellen und ein Vergleichsschieen zu veranstalten.

Krupp glaubte den Grund fr die geringe Leistung seines Geschtzes zu
wissen. Er selbst hatte bei den mit russischem Pulver angestellten
Versuchen wesentlich gnstigere Resultate erzielt. Dieses bestand
aber aus sechskantigen Prismen von 25~mm~ Hhe mit 7 Durchbohrungen,
whrend das preuische Geschtzpulver aus lauter kleinen Krnern von
wenigen Millimetern Gre sich zusammen setzte. Nach dem heutigen
Standpunkt der Wissenschaft ist es ganz klar, warum das preuische
Geschtzpulver so wenig leistete. Die Entzndung des Pulvers erfordert
immer einige Zeit und zwar desto mehr, je mehr einzelne Krner zu
entznden sind. Bei groen Ladungen werden, zumal wenn die Entzndung
von einem Endpunkt beginnt, die zuerst entzndeten kleinen Krner
bereits durch ihre Explosion zur Wirkung gelangen, d.h. das Gescho
heraustreiben, bevor alle Krner in Brand gesetzt wurden. Ein um so
grerer Theil der Krner wird also unverbrannt mit herausgeschleudert
werden, je grer die Ladung ist. Bei den um so vieles greren Krnern
des russischen prismatischen Pulvers wird die Entzndung aller Krner
viel schneller und andererseits die Verbrennung, und demnach Wirkung
jedes Kornes viel langsamer erfolgen. Die Durchbohrungen sorgen dafr,
da es nicht allzulangsam geschieht.

Krupp war davon berzeugt, da die geringe Leistung nur der Anwendung
des preuischen Schiepulvers zuzuschreiben sei und reiste nach
Berlin, um vor dem Vergleichsschieen seiner Bitte, russisches Pulver
anwenden zu wollen, in einer Audienz (23.Mai) beim Knig Nachdruck zu
verleihen. Der Vorschlag stie aber jedenfalls bei dessen technischen
Berathern auf so energischen Widerstand, da er nicht zur Ausfhrung
kam, obgleich man der Firma Armstrong die Vergnstigung gewhrte, das
vorgeschriebene englische und nicht preuisches Pulver anzuwenden.
Der Erfolg war, da das Armstrong-Geschtz am 2.Juni in Bezug auf
Durchschlagskraft entschieden den Sieg davontrug.

Dieses Ergebni war fr die Krupp'schen schweren Hinterlader von
kritischer Bedeutung. Man zog ernstlich in Erwgung, ob man das
Gustahl-Geschtz nicht von der Verwendung gegen Panzer ganz
ausschlieen und die auerdem um vieles billigeren Armstrong-Kanonen
dafr einstellen msse. Sie kosteten nur 12000 gegen 30000 Thaler.
Das schwere Gustahl-Geschtz erschien fr die Marine untauglich;
die Nothwendigkeit, der norddeutschen Marine in krzester Frist
eine krftige Armirung zu geben, gestattete nicht, etwaige
Verbesserungsversuche abzuwarten; es blieb nichts brig, als
die Panzerschiffe mit englischen Geschtzen auszursten. Ein um
die Entwickelung des deutschen Geschtzsystems hochverdienter
Offizier, Generallieutenant v.Neumann, damals Prses der
Artillerie-Prfungskommission, mute in Folge seines energischen
Eintretens fr die Gustahl-Geschtze den Abschied nehmen.

Zu gleicher Zeit hatte auch Ruland dasselbe neunzllige Geschtz
Krupp's erprobt, mit Anwendung seines prismatischen Pulvers vorzgliche
Ergebnisse erhalten und in Folge dessen 62 solche Geschtze bestellt.
Es ist wahrscheinlich, da Krupp in der Audienz am 23.Mai diese, einen
gewissen politischen Charakter tragende, Lieferung zur Sprache brachte,
da er einerseits die Allerhchste Genehmigung zu ihrer Ausfhrung
erhielt, anderseits des Knigs Aufmerksamkeit auf die so wesentlich
anders ausgeschlagenen Versuche an der Newa lenkte. Er reiste noch im
Juni von Berlin nach Petersburg und erreichte hier von der Regierung,
da sie dem in artilleristischen Kreisen hoch angesehenen General
Majewski den Auftrag ertheilte, ber die russischen Schieversuche
ausfhrlich nach Berlin zu berichten.

Bei Knig Wilhelm fand dieser Bericht offenes Gehr; er befahl eine
Erneuerung des Vergleichsschieens unter Anwendung prismatischen
Pulvers und einer vernderten, der Zentral-Zndung. Gleichzeitig ward
anstatt des Geschosses mit dickem Bleimantel von der Fabrik eine
Stahlgranate mit gehrteter Spitze und dnnem Bleimantel verwendet,
und bei dem am 7.Juli stattfindenden Versuch feierte Krupp einen
glnzenden Erfolg. Die 8 zllige Panzerwand ward von dem Krupp'schen
Geschtz mit Kraftberschu durchschlagen, in einen 9 zlligen Panzer
drang seine Granate tiefer ein, als das Armstrong-Gescho, und als man
hierauf zu Dauerversuchen schritt, bekam das englische Geschtz bereits
beim 138. Schu einen Ri, whrend das deutsche nach 676 Schu erst
dadurch unbrauchbar wurde, da eine Granate in dem Rohre krepirte.
Weitere Schieversuche mit kleineren Kalibern ergaben gleich gnstige
Resultate: die achtzllige Kanone leistete dasselbe wie Armstrong's
Neunzller.

Damit war der Sieg des deutschen Geschtzes ber das englische
endgltig entschieden. Mit der eklatanten Niederlage, so schrieb
ein damaliger Berichterstatter, welche England gleichzeitig auf dem
Gebiete der Geschtz-, Gescho- und Pulver-Industrie erlitten hat,
ist dasselbe unwiderruflich von der ersten Stelle, welche es gerade
fr diese Industriezweige seit lnger als anderthalb Jahrhunderten
behauptet hat, herabgestiegen und wird nicht minder unwiderruflich
diese Stelle fernerhin an Deutschland berlassen mssen. Und zur
selben Zeit erklrte der belgische Artilleriekapitn, Nicaise,
eine Autoritt auf dem artilleristischen Gebiet, nachdem er den
englischen in Shoeburyness angestellten Panzer-Schieversuchen
beigewohnt hatte, die Vorderladungsgeschtze und vornehmlich das
englische Woolwich-Geschtz fr endgltig berwunden durch Krupp's
Gustahl-Hinterlader, welchen er als das Geschtz der Zukunft
bezeichnete. Und trotz aller Anstrengungen, welche die englische
Geschtz-Industrie gemacht hat, ist es dabei geblieben.

Allerdings sind die im Gebiete der Geschtz-, Gescho- und
Pulver-Industrie gleichzeitig errungenen Siege nicht durchweg als
Verdienste Alfried Krupp's zu bezeichnen. Denn die Geschosse, welche
auch in England den Panzerzielen gegenber als die besten, besser als
die Stahlgeschosse, sich bewhrten, waren nicht aus Krupp's Fabrik,
sondern Hartgu-Granaten von Hermann Gruson. Dieser gewann mit diesem
seinem ersten Erfolge den ersten festen Grund und Boden, auf dem er mit
ungeahntem Erfolge die Reihe seiner Hartgu-Konstruktionen aufzubauen
begann. Er wurde mit seinen Granaten ein gefhrlicher Rivale Krupp's,
und erst nach Einfhrung einer neuen Hrtungsmethode gewannen die
Stahlgranaten wieder den Vorrang. Da hatte aber Gruson lngst in seinen
Panzern ein reiches Feld der Thtigkeit erobert. Und auf dieses folgte
ihm, wie wir bereits sahen, Alfried Krupp, zunchst wenigstens, nicht.
Er stand vielmehr Gruson's Schutzwaffen mit seinen Geschtzen als
Angriffswaffen gewissermaen feindlich gegenber, indem er in jeder
Weise seine Geschtze und Geschosse zu vervollkommnen suchte, um die
festesten Panzer zu durchdringen oder zu zerschmettern.

Gebhrt aber Krupp auf dem Gebiet der Geschtz-Konstruktion
allein das Verdienst, mittelst seiner Ringkonstruktion Rohre von
der erforderlichen Widerstandsfhigkeit erzeugt zu haben, um die
groen Pulverladungen verwenden zu knnen, welche die erstrebte
Kraftsteigerung nthig machte, so ist es ihm auch anzurechnen,
da er die Widerstnde zu berwinden wute, welche der Einfhrung
verbesserter Pulversorten in Deutschland entgegengestellt wurden. Er
hat hierdurch die Aufmerksamkeit aus diesen Theil des Geschtzwesens
gelenkt, welcher so auerordentlich wichtig ist und in der Folge eine
so eminente Bedeutung fr die Entwickelung der Artillerien aller Lnder
gewonnen hat. Da dann Deutschland nicht hintenan hinkte, sondern
sich an die Spitze der Bewegung stellte, das hat Krupp im Jahre 1868
glcklich angebahnt, wie er sich auch fernerhin thtig auf diesem Felde
betheiligt hat.

So hatte diese Periode von 1866 bis 1870, welche mit so groen
Enttuschungen begonnen und so viele schwere Krisen mit sich gebracht
hatte, doch in den endlich errungenen groen Erfolgen nur dazu
beigetragen, dem Gustahl und Krupps genialer Verwendung seines
Materials in allen Gebieten reiche Anerkennung und eine Stellung
zu verschaffen, welche nunmehr nicht so leicht mehr zu erschttern
schien. Freilich hatte sie auch seine Krfte in einer Weise in Anspruch
genommen, da zum ersten Male der sthlerne Krper der Ruhe und langer
Erholung bedurfte. Das war der Preis des glnzenden Sieges.




~VII.~

Neue Kmpfe.


Die gnstigen Erfolge des neunzlligen Ringgeschtzes, welche ihm
1868 die Richtigkeit seiner Ideen erwiesen hatten, veranlaten Krupp,
durch Anwendung der gleichen Prinzipien auch die Leistungsfhigkeit
der Feldgeschtze weiter zu entwickeln. Sie besaen eine zu stark
gekrmmte Flugbahn der Geschosse, ihre Wirkung konnte wesentlich
gesteigert werden, wenn man es erreichte, da sie flacher das Gelnde
bestrichen, und hierzu war eine Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit
nthig. So gut wie bei dem schweren Panzergeschtz war diese aber auch
beim Feldgeschtz durch strkere Ladung grberen Pulvers zu erreichen,
und die hierdurch bedingte grere Widerstandsfhigkeit des Rohres
wurde mit der Ringkonstruktion ermglicht. So verfolgte Krupp seit
1868 bereits diesen Gedanken und beschftigte sich mit der Erzeugung
eines seinen Ideen entsprechenden Feldgeschtzes. Bei den Versuchen
erwies sich die hlzerne Laffete nicht haltbar genug fr die starke
Ladung und veranlate die Konstruktion einer sthlernen Laffete.
Endlich entging ihm nicht die Wichtigkeit, welche die Herstellung eines
Einheitsgeschtzes haben mute. Wenn es gelang, ein solches fr alle
Aufgaben gengend herzustellen, so war damit eine auerordentlich
werthvolle Vereinfachung des Munitionsersatzes, der Ausbildung, kurz
des ganzen Systems verbunden. Wenn er auch mit diesem Gedanken nicht
durchdrang, wenn es ihm auch damals nicht gelang, ein solches Geschtz
zu konstruiren, so hat die sptere Zeit ihm doch Recht gegeben. Was man
damals nicht fr durchfhrbar erachtete, es wurde spter ermglicht,
nachdem die groen damit verbundenen Vortheile sich allgemeine
Anerkennung verschafft hatten. Wie es groen genialen Mnnern meist
ergeht, sie sind mit ihren Ideen dem allgemeinen Verstndni zu weit
voraus, und wenn man nach zeit- und kostspieligen Umwegen zu demselben
Ziele gekommen ist, das sie auf krzerem Wege anstrebten, dann ist es
Einem meist ganz unverstndlich, warum man nicht seinen Intentionen von
vorn herein folgte.

Es ist allerdings auch hier eine Kehrseite vorhanden. Der geniale
Erfinder hat meist nur die groen Hauptpunkte im Auge und, wenn er von
der Energie eines Alfried Krupp beseelt ist, so drngt er ungestm auf
die Verwirklichung seiner Ideen, ohne auf alle die Nebendinge gebhrend
Rcksicht zu nehmen, welche fr denjenigen grndlich erwogen werden
mssen, der die praktische Durchfhrung und Verwendung zu verantworten
hat. Macht und veranlat letzterer Umwege, so lt er doch auch Zeit
gewinnen, um die Idee grndlich ausreifen zu lassen, sie von allen
Seiten zu prfen und fr die Verwendung zweckmig auszugestalten. Das
Gewicht, welches hiermit dem khnen Fluge des Genies angehngt wird,
ist meist eine Nothwendigkeit fr die grndliche Ausgestaltung seiner
Ideen. Wir finden dieses durchaus auch bewahrheitet bei Krupps neuester
Idee, dem leistungsfhigeren Feldgeschtz.

Im Anfang des Jahres 1870 glaubte Krupp seine Versuche abschlieen
zu knnen, bersandte am 9.Februar dem preuischen Kriegsministerium
eine Druckschrift Krupps 4pfndige (8~cm~) Feldkanonen, Konstruktion
1869 mit 1700' (533,5~m~) Anfangsgeschwindigkeit und stellte
zwei Geschtze mit Kartuschen zur Verfgung, unter Wahrung des
Eigenthumsrechtes und mit der Bedingung, die Konstruktion und die
Versuche geheim zu halten.

Bei der Artillerie-Prfungskommission, welcher die Kruppschen
Vorschlge zur Begutachtung berwiesen wurden, war aber der Gedanke
eines in der neuen Richtung weiter entwickelten Feldgeschtzes nichts
Neues. Die Versuche mit dem Neunzller hatten ganz hnliche Ideen
angeregt wie bei Krupp, und auf der durch seine Erfolge gebildeten
Basis war man bereits seit 1868 mit hnlichen Versuchen beschftigt.
Man begegnete sich also auf demselben Felde. War das fr Krupp gnstig
oder ungnstig? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Jedoch ist es
wohl nur menschlich, wenn man annimmt, da Krupps bereits fix und
fertig vorgelegtes Projekt kein groes Vergngen erregte, da man doch
selbst gerade auf dem besten Wege zu sein glaubte, selbstndig das
gleiche Ziel zu erreichen. Und es waren tchtige Leute, welche daran
arbeiteten.

Es waren aber noch weitere Grnde, welche ein gemeinsames
Zusammenarbeiten mit Krupp, zunchst wenigstens, erschwerten.

Der Zweck der Versuche war beiderseits derselbe, Steigerung der
Geschogeschwindigkeit und Verstrkung des Rohrs, um die Ladung
vermehren zu knnen. Der Ausgangspunkt war aber fr beide verschieden.
Da die preuische Feldartillerie soeben mit Gustahlgeschtzen neu
bewaffnet war, galt es, entweder diese leistungsfhiger zu machen oder
verstrkte Rohre selbst aus vorhandenem Material billig herzustellen.
Hierzu war Bronze wohl verwendbar, da sie neuerdings wesentlich bessere
Resultate ergeben hatte, nachdem man das Guverfahren vervollkommnet
hatte. Kurz vorher war ja auch die Herstellung von Bronze-8~cm~-Kanonen
verfgt worden. An die Verwerfung der neuen Gustahlgeschtze und
Neuausrstung nach Krupps neuestem Vorschlag wagte man gar nicht zu
denken.

Diese Gesichtspunkte lagen dem Gustahl-Fabrikanten natrlich gnzlich
fern. Wollte und mute er doch gerade dem wieder zu Ansehen kommenden
Bronzegeschtz gegenber sein Gustahl-Geschtz zu einer Stufe der
Leistungen erheben, da er jenes fr immer aus dem Felde schlug. Fr
ihn galt es also auch keine mige Kraftsteigerung der vorhandenen
Stahlgeschtze, wie sie die Kommission erstrebte und wie sie auch mit
Bronze erreichbar war, sondern die Neukonstruktion eines Geschtzes,
welches das uerste Maa der Kraftuerung erreichte. Nach Steigerung
der Anfangsgeschwindigkeit strebte man seit 1868 in allen Staaten, aber
mehr als 400~m~ in der Sekunde war meist nicht zu erreichen. Krupp
berbot sie alle mit seinen 530~m~.

Unter diesen Umstnden ist es erklrlich, wenn die Kommission dem
Kruppschen Geschtz nicht mit Begeisterung entgegenkam und wenn die
Berichte ber die am 21.Mai und 9.Juli ausgefhrten Schieversuche
(der letzte bereits mit einem umgenderten Geschtz) ber eine groe
Zahl Mngel sich verbreiteten, welche hierbei zu Tage getreten waren.
Die Hauptsache muten sie doch anerkennen: Die Geschogeschwindigkeit
betrug auf 50~m~ vor der Rohrmndung noch 507,9~m~. Anderseits war
allerdings auch nicht zu leugnen, da das Geschtz noch in vielen
Beziehungen der Verbesserung bedurfte, da es in der vom Fabrikanten
vorgeschlagenen Form fr den Gebrauch sich noch nicht eignete.

Die Mobilmachung unterbrach die Versuche und erst nach Beendigung
des Feldzuges konnten sie wieder aufgenommen werden. Ein wichtiger
Differenzpunkt war nun beseitigt, es konnte die Bronze nicht mehr in
Frage kommen, auch war nun ein Ersatz der gesammten Ausrstung durch
neue Geschtze nicht nur mglich, sondern sogar dringend erwnscht,
nachdem die alten ihre Schuldigkeit im uersten Mae gethan hatten.
Krupp konnte nun ein weitgehendes Entgegenkommen erwarten und sich der
Hoffnung hingeben, da man nach neuer Prfung seines Vorschlages und
nach etwa nthig erscheinender Verbesserung seiner Konstruktion die
Neubewaffnung nach Krften beschleunigen werde. Auch hatte er, wie
bei frheren Anlssen, den allerhchsten Bundesgenossen auf seiner
Seite, denn der Kaiser verfgte, berzeugt von der Nothwendigkeit
einer Neuausrstung der Feldartillerie, am 7.April 1872, da zur
beschleunigten Beschlufassung hierber gleichzeitig mit den bei der
Artillerie-Prfungskommission fortzusetzenden Versuchen bei zwei
Armeekorps durch besondere Versuchskommissionen Versuche mit den neuen
8~cm~ Kanonen angestellt wrden.

Die Artillerie-Prfungskommission fate aber ihre Aufgabe ganz
anders auf, als Krupp dieses voraussetzte. Durchdrungen von der
Verantwortlichkeit ihrer Entschlieungen fr die Armee und von der
groen Wichtigkeit der Annahme eines neuen Geschtz-Systems fr die
weitere Entwickelung der Artilleriewaffe, unterzog sie nicht allein
Krupp's Geschtz einer Prfung, sondern that dieses lediglich unter
dem Gesichtspunkte, ob es geeignet sei, in das neu zu schaffende
Geschtz-System sich einzureihen. Fr ein solches stellte sie aber
zunchst (am 13.Februar 1872) Konstruktionsgrundstze fest, erwog die
verschiedenen in Versuch zu nehmenden Kaliber, Laffeten und Protzen und
gab fr alle Theile besondere Direktiven! Whrend sie demnach selbst
die Konstruktion in die Hand nahm, -- allerdings basirt auf die Krupp
schlielich zu verdankenden bisherigen Vervollkommnungen -- setzte sie
die Versuche mit dessen Geschtz fort.

Dieses Verfahren stand in direktem Gegensatz zu Krupp's Erwartungen. Es
behagte ihm wenig, da man ihm lediglich die Stellung des Fabrikanten
zuwies und ihm als Konstrukteur so wenig Achtung bewies. Er mute
eben hier einen neuen Kampf durchkmpfen. Denn bislang war die
preuische Artillerie-Prfungskommission immer die Behrde gewesen,
welche Konstruktion und Einrichtung der Geschtze allein entschied
und entwickelte, ja sogar die Herstellung in den Staatsfabriken
selbst bewirkte. Als man den Gustahl in Verwendung nahm, dessen
Erzeugung man Krupp berlassen mute, hatte man zuerst nur die Rohre
in unfertigem Zustande von ihm gekauft und in Spandau bearbeiten und
fertig stellen lassen. Spter hatte man ihm auch dieses bertragen,
aber ihm Zeichnungen gegeben und jede Einzelheit vorgeschrieben. Als
nun Krupp selbst als Konstrukteur austrat und sehr glckliche Ideen
hatte, mute man diese wohl anerkennen, anderseits aber konnte man
mit Recht eine langjhrige Erfahrung in der Einrichtung der Geschtze
fr den Feldgebrauch fr sich in Anspruch nehmen, welche Krupp
fehlte und die sich in vielerlei Mngeln zeigte, die seinen eigenen
Konstruktionen anfangs anhafteten. Eine grndliche Durcharbeitung
seines Projektes und eine vielseitige Verbesserung war nothwendig, weil
bei aller Vorzglichkeit der Grundideen doch die nur aus langer Praxis
gelufigen Rcksichten auf die Verwendbarkeit in der Truppe nicht zur
Geltung gekommen waren. Bei diesem Kampfe, den Krupp als Konstrukteur
durchzufechten hatte, mute er also viel lernen, vor Allem auch seinem
Etablissement erst die Krfte gewinnen, welche in dieser Hinsicht seine
Ideen grndlich auszugestalten im Stande waren.

Fat man aber ins Auge, was dieser energische Mann aus eigener Kraft
geschaffen hatte, was er fr Erfahrungen mit den preuischen Behrden
gemacht hatte, wie er die Einfhrung seines Gustahls nur mit uerster
Anstrengung und erheblichsten Opfern in die preuische Artillerie
durchgesetzt, wie er noch vor wenig Jahren an der Hartnckigkeit,
mit der man auf Verwendung eines veralteten Pulvers bestand, beinahe
mit seinen Ringkanonen gescheitert wre; bedenkt man ferner, da er
sich vollbewut war des auerordentlichen Antheils, welchen seine
trotz der Widerstnde eingefhrten Feldgeschtze an den Erfolgen des
letzten Krieges hatten, so ist es wohl verstndlich, da er in dem
planmigen Vorgehen der Artillerie-Prfungskommission eine Abneigung
gegen seine Geschtze und einen Versuch erblickte, seinen Vorschlag
bei Seite zu schieben. Um die Benutzung seines Materials konnte ihm
nicht mehr bange sein, also das geschftliche Interesse, die Furcht,
da ihm die Lieferung entgehen knnte, kam keinesfalls zur Sprache. An
eine Schdigung seiner materiellen Interessen, -- und er ist dessen
beschuldigt worden, da er eine solche frchtete -- dachte der Mann
nicht, der Jahre lang jede Ersparni nur dazu verwandt hatte, um des
Vaterlandes Vertheidigung seinen Gustahl dienstbar zu machen; aber
er fhlte sich in seinem wahrlich berechtigten Stolz und Selbstgefhl
als Geschtzkonstrukteur zurckgesetzt. Die Schroffheit, die als
nothwendige Kehrseite mit seiner Alles berwindenden Energie verbunden
war und sich durch die vielerlei Erfahrungen von dem Knabenalter an
immer strker entwickelte, mit dem vorschreitenden Lebensalter immer
mehr hervortrat, sie kam auch hier zum Ausdruck. Von beiden Seiten
machte man sich Vorwrfe und gab man Veranlassung zu Vorwrfen. Der
Sache ward damit wenig gedient.

Kaiser Wilhelm dauerte es zu lange. Am 15.Oktober 1872 erlie er
folgende Kabinets-Ordre: Ich habe aus den ber die allseitig als
nothwendig anerkannte Neubewaffnung der Feldartillerie Mir gehaltenen
Vortrgen und eingereichten Berichten ersehen, da durch die zu
diesem Zwecke bei der Artillerie-Prfungskommission stattfindenden
Versuche in anerkennenswerther Weise angestrebt wird, ein nach
Mglichkeit vollkommenes Feldartillerie-Material fr die Armee zu
erhalten; inde habe Ich auch den Eindruck gewonnen, da in dem
Bestreben, ein auf eine lange Zeit hinaus allen Bedrfnissen des
Feldkrieges gengendes Geschtzsystem zu konstruiren, ins besondere
administrativen Rcksichten ein zu groes Gewicht beigelegt und dabei
den gegenwrtigen, zu einer Entscheidung drngenden Zeitverhltnissen
zu wenig Rechnung getragen wird. Ich mu es als durchaus wnschenswerth
bezeichnen, da die schwebenden Versuche baldigst zum Abschlusse
kommen, und bestimme Ich hierdurch, diese derart zu beschleunigen,
da mir am 1.April k.J., als zur Einfhrung in die Feldartillerie
geeignet erachtet, je nach den erzielten Resultaten, entweder ein
Einheitsgeschtz oder je ein leichtes und ein schweres gezogenes
Feldgeschtz mit Laffete und Protze vorgefhrt werden kann.

Allerdings ward am 1.April 1873 auch ein neues (7,85~cm~) Geschtz
dem Kaiser vorgestellt, aber zur Einfhrung war es nicht geeignet, denn
die Kommission war noch mit keinem Haupttheil bisher zum Abschlusse
gekommen.

In diesem Winter (72/73) hatte Krupp wieder eine neue Rohrkonstruktion
vorgelegt, welche sich fr das Feldgeschtz geeigneter erwies, als das
Ringrohr, nmlich ein Mantelrohr. Bei diesem werden 2 Gustahlzylinder
so bereinander geschoben, da sie im strkst beanspruchten Rohrtheil,
vom Laderaum bis zu den Schildzapfen sich berdecken und hier die
gleiche Verstrkung erzeugen, wie die Ringe des Ringrohres. Der innere
Zylinder bildet nach vorn den langen Rohrtheil, der uere verlngert
sich nach hinten, um den Verschlu aufzunehmen. Dieses Rohr ward bei
der endlich 1873 getroffenen Entscheidung endgltig angenommen; fr
beide, auf 9,15~cm~ und 7,85~cm~ normirte Kaliber gleichzeitig
Krupp's Verschlu mit einer Aenderung des Dichtungsringes. Dagegen ward
Laffete und Protze von der Kommission konstruirt, erstere allerdings
in Stahlblech nach Krupps Vorschlag und allein mittelst von ihm neu
hergestellter maschineller Einrichtungen ausfhrbar. So sehen wir
endlich 1874 die neuen Geschtze fertig, ein Kompromi zwischen den
wetteifernden Parteien, dessen Lwenantheil aber immerhin Krupp
verblieb, so sicher das Rohr das wichtigste Stck an einem Geschtz ist.

Ganz anders endete der Kampf, den er in einem anderen Staate
durchfocht, um sein neues Geschtz zur Einfhrung zu bringen. Dieses
war in Oesterreich, wo die Frage des neuen Feldgeschtzes einen
ganz eigenartigen Verlauf nahm. Nachdem man sich 1871 berzeugt
hatte, da man an der Bronze nicht festhalten knne, versuchte man
1873 verschiedene Stahlrohre, nmlich zwei solche aus einheimischen
Fabriken, die sich aber als unbrauchbar erwiesen, und mit Kruppschen
Rohren. Letztere fielen zur vollen Zufriedenheit aus und so trat man in
Beziehung zur Firma und setzte die Versuche bis zum Herbst 1874 fort.

Die Oesterreicher hatten hierbei den groen Vortheil, da die
preuischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, da
mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklrt
waren, welche bei ihrem Feldgeschtz nicht anders, als bei den
preuischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich
durch alle Konstruktionsnderungen im Zusammenarbeiten mit der
Artillerie-Prfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung
des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das
alles kam den sterreichischen Geschtzen zu Gute, an denen alle von
Krupp allmhlich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht
werden konnten mit Ausschlu der von der Artillerie-Prfungskommission
selbst hinzugethanen Vernderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein
geistiges Eigenthum betrachtete.

Bei der Uebersendung der Probegeschtze (das erste Rohr langte im
Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig
mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte
Krupp vollstndige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum
zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6.Mai 1873 um
Kostenberechnung und Lieferzeit fr 2000 Geschtze gefragt wurde,
erwiderte er, da er fr die gelieferten und noch zu liefernden
Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschdigung
beanspruche, wohl aber glaube, sich der Erwartung hingeben zu drfen,
da die Lieferung smmtlicher Feldkanonenrohre ihm schlielich
bertragen werden wrde, wenn die K.K. Feldartillerie auf Grund der
Versuchsergebnisse zur Einfhrung von Gustahlgeschtzen bergehe.

Im Mrz und August 1873 wurde das erste 8,7~cm~ Rohr erprobt, hierauf
von Krupp noch 3 Geschtze sammt Laffeten, Granaten und grobkrnigem
Geschtzpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27.Oktober
1873 vorgenommenen Schieversuche hatten allgemein befriedigt
und am 22.Januar 1874 bestellte daraufhin das Militr-Komitee
noch 4 komplette 8,7~cm~-Geschtze, sowie ein 7,8~cm~- und ein
7,5~cm~-Geschtz mit allem Zubehr. Die am 26.August 1874 gemachten
Schieversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit ber alle im
Vergleich geprften Geschtze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht
weiter.

Oesterreich htte die Beschaffung der 2000 Feldgeschtze, welche
Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, groe finanzielle
Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung wrde eine so
bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inlndische
Eisenindustrie bei der herrschenden Geschftsstille die Beschaffung
des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebhrende Hilfe in ihrer
bedrngten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte,
um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium
glaubte, einen Antrag der inlndischen Industriellen, versuchsweise
Stahl-Ringrohre herstellen zu drfen, nicht abweisen zu knnen und
htte mit diesem Entschlu eine groe Verlegenheit hervorgerufen, da
eine wirkliche Geschtz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte
und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst htte geschaffen werden
mssen, wenn nicht ein glcklicher Zufall darber hinweggebracht
htte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth;
im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius
gelieferten Stahlbronze-Rohr.

Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darber gesonnen,
diesem Material eine grere Hrte zu geben; die Verbesserungen des
Gusses in Coquillen, die schnelle Abkhlung durch Wasser, der Zusatz
von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebni gefhrt.
Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch,
durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch
das Geschtzrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg
brachte den sterreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher
endlich zum Ziele fhrte. Whrend er den ueren Schichten des Rohres
durch scharfe Abkhlung nach dem Gu einen groen Hrtegrad verlieh,
erreichte er dasselbe fr die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung
der Durchbohrung von 80 bis auf 87~mm~ mittelst hindurchgetriebener
konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach
hnlich wie die Spannung des Gustahls beim Ringrohr der explodirenden
Pulverladung gegenber.

Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875
2588 Schsse aus, ohne an Treffsicherheit einzuben. Nachdem auch eine
grere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewhrt hatte,
wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius fr
die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der
Geschtze, ihr Verschlu, Gescho, die Laffete, Richtmaschine, kurz
alles den Krupp'schen Geschtzen nachgebildet. Dessen noch im September
1874 wiederholtes Drngen, wegen der Bestellung der Gustahlgeschtze
zu einem Entschlu zu kommen, hatte das sterreichische Ministerium
ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unbercksichtigt
gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der
deutsche Fabrikant Entschdigung fr sein Eigenthumsrecht an deren
Konstruktion verlangte, soll sich das sterreichische Ministerium
folgendermaen geuert haben: Die Monate lang auf dem Steinfelde
stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gustahlrohren haben zu
Verbesserungen in der Konstruktion gefhrt, woran das technische und
administrative Militr-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es
ist unverkennbar, da die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten
Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen
vorgenommen werden. Der Pester Lloyd bemerkte zu der Frage: Die
Vernderungen, die Krupp nach den Direktiven des sterreichischen
Militr-Komitees an den Gustahlrohren vorgenommen hat, bilden
keineswegs mehr _sein_ geistiges Eigenthum; u.A. rhrte der Flachkeil
nicht von Krupp her.

Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da
bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee's stattgefunden hatte,
und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von
2000 Feldgeschtzen ward ihm seitens der sterreichisch-ungarischen
Delegationen am 9.Oktober 1875 eine Entschdigung von 160000fl.
zugebilligt.

So ward in Oesterreich der Gustahl von der Stahlbronze verdrngt,
soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Fr die schweren
Geschtze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die
Gustahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26~cm~ Kaliber von Krupp angenommen,
und auch in der Folge wurden diese schweren Geschtze von ihm bezogen,
da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfhigkeit
herstellen konnte.

Wiederum ist es eigenthmlich, da in Preuen die -- in Spandau
seit 1875 auch hergestellte -- Hartbronze gerade bei den schweren
Geschtzen, nmlich zu Belagerungsgeschtzen, Verwendung fand,
whrend die Feldartillerie dem Gustahl treu blieb. Dem Essener Werk
erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal
ein gefhrlicher Feind, nachdem sie bereits endgltig berwunden
zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gustahl noch zu thun im
Stande war, ergiebt sich daraus, da fast das ganze Arsenal der
Belagerungsgeschtze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschtze
gebildet wurde; da war die 9- und 12~cm~-Kanone, welche 1876, der
schwere Zwlfpfnder, welcher 1880, der 15- und 21-~cm~-Mrser, welche
1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingefhrt wurden. Nur fr
das schwere 15~cm~-Rohr glaubte man den Gustahl beibehalten zu
mssen. Die Grnde fr diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das
Material stand in groen Massen dank den in groer Zahl erbeuteten
franzsischen Geschtzen zur Verfgung. Die rapide Entwickelung,
welche das Geschtzwesen durch immer neue technische Erfindungen
und Vervollkommnungen nahm, lie voraussehen, da in kurzer Zeit
die geschaffenen Geschtze durch andere Staaten berholt und wieder
unbrauchbar sein wrden. Gustahlrohre waren in diesem Falle, nachdem
sie mit soviel hheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos,
whrend die Bronzegeschtze immer ihren Materialwerth behielten. Die
thatschliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die
Bronzegeschtze waren aber auerdem bezglich ihrer Leistungsfhigkeit
und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen gengend; nur ein Fehler
machte sich bemerkbar, da der Laderaum unter der Einwirkung der
explodirenden Ladungen Vernderungen erlitt, und dieses war schlielich
auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der
Einfhrung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mute man die
Hartbronzerohre zunchst mit einer Stahlseele versehen und ging bei
Neukonstruktionen wieder zum Gustahl ber. Aber diesen endlichen und
wohl endgltigen Sieg seines Materials ber den hartnckigen, immer
wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr
erleben.

Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbue durch die
Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung
von Bronzegeschtzen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits
1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12~cm~-, 15~cm~- und
18~cm~-Rohre fr starke Ladungen herzustellen, so da fr diesen Staat
nur die schwere Schiffsarmirung in Gustahl zu liefern blieb. Whrend
in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mchtiger Aufschwung der
Geschtz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender
Rckgang sich fhlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nmlich
von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmhlich auf 2931 Stck; fr die
nchsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn
des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrstung fr die russische
Feldartillerie, 1800 Geschtze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher
in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glcklicheren Periode nach
berstandenen schweren Jahren bezeichnet.




~VIII.~

Unheimliche Gegner.


Whrend die Kriegsjahre 1870/71 fr die meisten industriellen
Unternehmungen Deutschlands eine naturgeme Arbeitsstockung mit
sich brachten, so da die Fabrikherren nicht ungern die zu den
Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand
sich Alfried Krupp im Gegentheil genthigt, nicht nur den Ausfall
an Arbeitskrften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl
sogar ber die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und
erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die frheren Bestellungen
an Geschtzmaterial schleunigst zum Abschlu zu bringen und die von
Berlin neu eingehenden dringenden Auftrge so rasch zu erledigen, da
die Geschtze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken
knnten. Unter den neu bestellten 323 Stck befanden sich nicht weniger
als 149 schwere Rohre vom 12~cm~ bis zum 26~cm~-Kaliber, ein Beweis,
da die letzte Spur des Mitrauens in die Gustahlringrohre berwunden
war.

Aber Krupp's nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich
bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen
Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise
zu bethtigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und
wichtige Persnlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr,
wie mit dem Geschtz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein
Ballongeschtz, mit einem Rohr von nur 150~kg~ Gewicht, und mit einer
leichten Rderlaffete, so da ein Mann es vllig meistern und bedienen
konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder
Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite
von einer Meile in horizontaler, 2000 Fu in senkrechter Richtung.
Das Gescho -- eine ca. 3 Pfund schwere Granate -- sollte das Gas des
Ballons zur Entzndung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen
Miniatur-Geschtzen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum
Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind
sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen
Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten
Arbeit ihn noch Zeit gewinnen lieen fr Erfindung eines nicht
unwichtigen Hilfsmittels.

Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzge des Gustahls so hell
beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher
Erreichte weit berholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die
Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten
sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Hhe. Auch die Zunahme
der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870,
im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873
die gleiche Hhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, da in den
letztgenannten Jahren ein Hhepunkt der Entwickelung erreicht war.

Es wurde bereits frher erwhnt, wie Krupp diesen Aufschwung
vor allem dazu benutzte, um durch die groartige Anlage von
Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu
schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen
einen Abschlu zu geben sich bemhte. Daneben vernachlssigte er
den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen
und Betriebs-Anlagen immer grere Unabhngigkeit zu geben. Er
vervollstndigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner
und Mlhofer Htte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshtte
bei Neuwied am 24.Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die
Johanneshtte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf
monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohfen brachte.
Von groer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen.
Nachdem er bereits 1868 smmtliche 1000 Kuxe der Zeche Hannover
angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den grten Theil
der Frderung der Zechen Graf Beust, Ernestine und Friedrich
Ernestine, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.

Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besa, war
doch sein Bemhen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezglich der
Beschaffung der besten Eisenerze unabhngig zu werden, und hierzu
bot sich im Jahre 1872 eine gnstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich
bedeutende Konzessionen vorzglicher Eisenerzlager bei Bilbao in
Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen
Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jhrlichen Import
von 300000 Tonnen fr seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Befrderung
der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem
Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn
angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche
es nach Rotterdam befrdern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von
den Schwankungen der Konjunkturen unabhngig gemacht, und der Vortheil
zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges
der rheinisch-westflischen Industrie ein Mangel an Arbeitskrften
eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise fr Roheisen und
Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Befrderung der Erze
von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umstnden zu sichern,
lie Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen.
Vier derselben, fr eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im
Frhjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen Essen, Friedrich
Krupp, Orconera und Sayn. Ein fnfter Dampfer Hochfeld ward 1878
in Dienst gestellt.

Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner
Geschtz-Konstruktionen beschftigte, desto mehr empfand Krupp die
Nothwendigkeit, mit den Schieversuchen sich gleichfalls, unabhngig
von denen der Gromchte, auf eigene Fe zu stellen. Bisher hatte
er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die
Geschtze anzuschieen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse
zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschowirkung am Ziel u.s.w.
gewann man aber bei den uerst beschrnkten Raumverhltnissen keine
Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die
anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschokonstruktion,
Znder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren
nur auf einem Gelnde von groer Ausdehnung mit Nutzen ausfhrbar.
Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen groen Schieplatz zu Visbeck
bei Dlmen an, welcher mit einer nutzbaren Lnge von 6200~m~ allen
Anforderungen zu gengen schien. Freilich gelang es dem Besitzer
selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschtzen eine so gesteigerte
Wurfweite zu geben, da der Schieplatz nicht mehr ausreichte.

Ueber dieser und anderen groartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht
eine ganz kleine bauliche Manahme Krupps zu bersehen, welche ein
helles Licht auf seine Gemthstiefe und seine Charakterentwickelung
wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen
beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er
seinen Gustahl, nirgends in seiner Vorzglichkeit erreicht, auf den
verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich
vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein
wirkliches Monopol errungen sah -- da gab er seinem Bedrfni, den
Blick mit Vorliebe zurck zu lenken auf die kleinen Anfnge und auf
die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mute, einen
deutlichen Ausdruck, indem er am 14.Januar 1872 aus dem sdenglischen
Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen
Spitze er eigenhndig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte.
Dieser lautete:

  Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im
  Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermgen
  der Erfindung der Gustahlfabrikation ohne Erfolg und auerdem seine
  ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige
  einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe
  von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826
  am 28.Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo
  ich in der Dachstube hunderte von Nchten in Sorge und fieberhafter
  Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und
  nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich
  die Erfllung der khnsten Hoffnungen erlebt habe -- kleine Haus
  mu, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie
  nthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa
  verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es
  ursprnglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein
  Fenster wie frher und alle Fenster Laden mit einem herzfrmigen
  Luftloch darin. Fr den Fall, da Wnde darin versetzt und Thren
  und dergleichen verlegt sein mchten, wnsche ich baldigst eine rohe
  Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Mbel, Treppe,
  Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fu- und Stuhlleisten,
  Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau,
  wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an
  die massive Wand, etwa 24'' vom alten Hause entfernt und da wird
  dieser ursprngliche sdliche Giebel des alten ersten massiven
  Fabrikgebudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten
  Gieerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt
  nmlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebudes. Sollte der
  Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn ntzlich werden, so habe ich
  nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschftliche
  Bestimmung haben. Ich wnsche, da dasselbe so lange erhalten bleibe,
  als die Fabrik bestehen wird und da meine Nachfolger so wie ich, mit
  Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung
  des groen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften
  Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflen, es mge warnen das
  Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wnsche auf
  der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn
  nicht eine andere Bestimmung die gegenwrtige aufheben mchte, aus
  demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken
  bitte ich dieses Blatt aufzuheben.

  Torquay, den 14.Januar 1872.

                                            (gez.) Alfred Krupp.


Welch tiefe Piett spricht aus dieser Verfgung! Nicht verschwinden
sollen die Spuren der rmlichen Vergangenheit zwischen den mchtigen
Gebudekomplexen der Fabrik, sondern mit peinlicher Sorgfalt, bis auf
die kleinsten Bestandtheile, sollen sie erhalten werden, eine stete
Mahnung fr sein Geschlecht, nicht sich zu berheben im Glck und nicht
zu verzagen im Unglck, nicht zu lassen von dem ernsten Streben, das
den Grnder beseelte und seinen Sohn aus diesem drftigen Anfang sein
imposantes Werk herauszugestalten befhigte. Er schmt sich nicht der
rmlichen Vergangenheit, nein! Mit berechtigtem Stolze stellt er sie
neben die Riesenerfolge seiner Energie, seiner genialen Schaffenskraft,
deren beredte Zungen, die dampfenden Essen, die sausenden Maschinen,
die riesigen Hmmer, rings dieses kleine Haus umgeben. Und den
Tausenden seiner Arbeiter bietet er den Beweis, da er nicht anders
gelebt, nicht anders mit der Noth gerungen hat, als sie selbst, da er
einer der Ihren war und ihre Sorgen versteht, da er neben ihnen am
Ambos stand und mit seiner Arbeit dieses ganze Werk erschuf, das die
Mitwelt mit Staunen erfllt.

Und gerade dieses Hinweises sollte er bald bedrfen.

Bereits in den sechziger Jahren hatte die sozialdemokratische Agitation
unter Leitung von Tlcke, Hasenclever und Dreesbach im Essener Revier
Fu zu fassen gewut. Die Erfolge waren zwar noch nicht gro, denn bei
der Reichstagswahl am 7.September 1867 hatte Hasenclever im Ganzen
3419 Stimmen, bei der Nachwahl 1868 nur 3280 Stimmen erhalten und im
Jahre 1871 brachte es der Lassalleaner v. Schweitzer nur auf 1425
Stimmen; aber Angriffspunkte boten dennoch die Essener Verhltnisse
mancherlei, die eine immer wachsende Agitation einzuleiten gestatteten.
Namentlich herrschte unter den Bergleuten eine gewisse Ghrung. Die
Kohlenproduktion hatte einen enormen Aufschwung genommen, wie sich
aus der Zunahme der Frderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergiebt.
Whrend 1867 von 49400 Arbeitern 10 Millionen Tonnen im Werthe von
55,7 Mill. Mark gefrdert wurden, waren es 1871 12,7 Mill. Tonnen
bei 64200 Arbeitern, und 1872 sogar 14,4 Mill. Tonnen bei 68500
Arbeitern. Der Werth der Jahresproduktion war aber auf 91 bezw. 123,5
Mill. Mark gestiegen, also von 5,3 auf 8,6 Mark pro Tonne, und die
Bergleute glaubten, da ihre Lhne, welche von 2,55 Mark auf 3,31 Mark
erhht worden waren, nicht hinreichend gestiegen seien. So bot sich
den sozialdemokratischen Agitatoren willkommene Gelegenheit, um in
ffentlichen Versammlungen die Lohnfrage, die damals immer zunehmende
Wohnungsnoth zu diskutiren und schlielich die Bildung eines Komitees
zu veranlassen, das am 1.Juni 1872 im Namen der Belegschaften von 26
Zechen eine Erhhung der Lhne um 25%, Einfhrung der achtstndigen
Arbeit u.s.w. verlangte. Auf die Ablehnung der Forderungen Seitens
der Zechenverwaltungen erfolgte am 26.Juni ein Massenstreik, indem
die Belegschaft von 40 Zechen, mehr als 15000 Bergleute, die Arbeit
verweigerte. Das war ein Ausfall von tglich 300000 Ctr. Kohlen, und so
wie alle anderen Fabrikanten der Gegend, wurde Krupp durch den volle
sechs Wochen anhaltenden Streik auf das empfindlichste betroffen. Denn
eins seiner wichtigsten Rohmaterialien war ihm entzogen. Es ist nicht
unwahrscheinlich, da die Agitatoren gehofft hatten, mittelst dieser
Kohlen-Noth Zugang zu den bisher ihnen wenig geneigten Arbeitern der
Gustahlfabrik zu finden, da die Unzufriedenheit eintreten mute, wenn
Krupp gezwungen wurde, seine Betriebe ganz oder zum Theil einzustellen.
Je mehr feiernde Arbeiter, desto mehr Angriffspunkte fr die Agitation
und Verhetzung gegen die Arbeitgeber.

Aber sie hatten sich in Krupp vollstndig verrechnet. Einerseits
hatte er, den Streik voraussehend, rechtzeitig seine Gegenmaregeln
getroffen; anderseits wute er seinen Einflu auf seine Arbeiter sich
vollkrftig zu erhalten. Am 11.Juni lasen die Arbeiter, berall in
der Fabrik angeheftet, eine Bekanntmachung:

  Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gustahlfabrik
  geuerten Besorgni, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den
  Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmlert werden
  mchte, kann ich mittheilen, da die Gustahlfabrik groe Opfer nicht
  gescheut hat, um die Fortfhrung des Betriebes unter allen Umstnden
  sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist fr die Kohlenzufuhr gesorgt.
  Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht fr
  Monate. Meine Arbeiter knnen also, mge auch eine andere Klasse
  von Arbeitern sich _ein sicheres Unheil_ bereiten, trotzdem getrost
  in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den
  Bauten von Werksttten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie
  vor alles seinen Gang gehen.

Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es
kostete recht groe Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr
aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt,
dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen.
Trotzdem ermdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals
verbunden, die ultramontanen Whler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich
die jngeren, in diesen Jahren in groer Masse neu eingestellten, zu
bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge
des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff
er das Wort, indem er am 24.Juli folgenden Aufruf erlie:

  _An die Arbeiter der Gustahlfabrik!_ Vor 45 Jahren stand ich in
  den ursprnglichen Trmmern dieser Fabrik, dem vterlichen Erbe,
  mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn fr Schmiede
  und Schmelzer war damals von 18 Stber auf 7 Sgr. erhht, der
  ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fnfzehn Jahre lang habe
  ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen
  zu knnen, fr meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter
  nichts, als das Bewutsein der Pflichterfllung. Bei dem Wechsel
  der allgemeinen Verhltnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der
  Fabrik erhhte ich allmhlich die Lhne, als Regel immer freiwillig
  jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben.
  Eine ntzliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele
  stehen noch bevor, die uersten Krfte sind bis heute angespannt
  worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen
  Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle
  Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich
  dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen.
  Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen knnen. Fraget sie,
  was im Jahre 1848 fr die Arbeiter geschehen ist. Die spteren
  Opfer der Kriegsjahre sind brigens Allen bekannt. Wer berechnet
  die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk
  so gro gemacht. Ich wei es, da ich Euer Vertrauen verdiene
  und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich
  warne, bevor ich Anla habe, ber Untreue und Widerstreben mich
  zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und
  Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mibrauch
  von religisen und sittlichen Denksprchen dem groen Arbeiterstande
  zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch
  falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes
  untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um
  dann mit ihrem Einflu im Trben zu fischen. Man erkundige sich
  nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem huslichen und
  sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeitrge der Arbeiter fr mndlichen
  und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere
  Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die _Essener Bltter_ unter
  Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der
  Verwaltung meiner Fabrik zu verdchtigen und bringen zum Zweck des
  Aufhetzens gestern die Nachricht, da die Konferenz gezwungenermaen
  fr eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhhung bewilligt
  habe.

  An diese und hnliche plumpe Lgen bser Gegner knpfe ich nun
  folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse
  wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die
  Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen
  fortfahren, die Fabrik zu fhren im Geiste meiner Grundstze und
  so lange fr meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vor in
  bewhrter Treue als die Angehrigen des Etablissements betrachten
  werde. Da ich tglich meine Stellung an Andere bertragen kann und
  da irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und
  Opferwilligkeit mich nicht bertreffen wrde, unterliegt wohl keinem
  Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, da ich aus Durst nach Gewinn
  der Mhe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines
  solchen Geschftes fr eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann
  wei, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschtzt habe.
  Jedermann mge aber auch versichert sein, da eine Verkennung meiner
  Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe fr sie auszurotten im Stande
  sein wrde. Jedermann sei berzeugt, da ich in meinen Beschlssen
  nicht wanke, da ich wie bisher Nichts verheie ohne Erfllung.
  Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwrung
  gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem
  braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer
  migen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren
  -- in einem so gnstigen Maae, wie nirgend wo anders in der Welt.
  Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf
  ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten
  Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit
  sich nicht begngen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu
  kndigen, um meiner Kndigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher
  Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit
  der Versicherung, da ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr
  sein und bleiben will.

                                        Alfred Krupp
                              in Firma: Fried. Krupp.

Dieser Aufruf ist auerordentlich charakteristisch fr Krupps Sinnesart
und fr seine Auffassung des Verhltnisses zwischen ihm und seinen
Arbeitern. Er htte das, was nachher erfolgte, auch gleich thun knnen,
ohne ein Wort zu verlieren, nmlich die aufrhrerischen, unzufriedenen
Elemente aus der Fabrik entfernen. Aber er wollte das in Anspruch
genommene absolute Regiment in seinem Staate nicht auf Anwendung der
Gewalt und Forderung eines blinden Gehorsams grnden, sondern auf
das patriarchalische Verhltni des gegenseitigen Vertrauens, der
unentwegten Treue. Mit dem vollen Bewutsein konnte er sich rhmen,
diese treue Gesinnung seinen Untergebenen zu jeder Zeit bewahrt und
in der opferfreudigen Frsorge fr ihr Wohl auch bewhrt zu haben. Er
hielt dieses stets fr seine Pflicht, und wie er die seinige erfllte,
so konnte er auch die volle Pflichterfllung von seinen Arbeitern
verlangen. Mit vollem Recht konnte er darauf hinweisen, da die
angeblich auf eine Verbesserung ihres Looses gerichteten Bestrebungen
des Lassalle, Marx und Liebknecht durch die praktische Bethtigung,
wie sie in der Fabrik Platz gefunden hatte, lngst berholt seien. Vor
allen deutschen und auerdeutschen Arbeitgebern hatte er sich stets
als den wahren Arbeiterfreund bewiesen. Es braucht nur daran erinnert
zu werden, da er im Jahre 1872 mit enormen Geldopfern durch Erbauung
der Kolonien Schederhof und Kronenberg fr 15000 Menschen gesunde und
billige Wohnungen schuf und die Beschaffung aller Lebensbedrfnisse
nach Krften erleichtert hatte. Wo fand sich etwas derartiges
wiederholt? Aber er wollte Herr bleiben auf seinem Grund und Boden,
er gestattete keiner anderen Macht, irgend einen Einflu auf seine
Entschlieungen zu gewinnen. Ein guter und frsorglicher, aber ein
absoluter Regent wollte er bleiben. Und seine Mahnung hatte Erfolg. Der
Friede blieb in der Fabrik -- frs erste wenigstens -- gewahrt.

Ein groartiges Bild ihrer Leistungsfhigkeit entwickelte diese im
Jahre 1873 gelegentlich der Weltausstellung in Wien. Der Gustahlblock,
welcher wiederum den Mittelpunkt bildete, erreichte dieses Mal
das Gewicht von 105000 Pfund und war aus 1800 Tiegeln gegossen.
In Gestalt eines achtkantigen Prismas von 4~m~ Lnge und 1,5~m~
Strke, wie er mit dem Dampfhammer Fritz hergestellt worden war,
sollte er die Schmiedbarkeit des Gustahls selbst in so ungeheuren
Dimensionen beweisen. Durch weiteres Ausschmieden sollte der Block
spter zu einem Geschtzrohr von 37~cm~ Bohrungsdurchmesser benutzt
werden. Whrend diesen Block einerseits die verschiedenartigsten
Gegenstnde der Friedenstechnik, Achsen, Rder, Kurbeln, Federn,
Walzen, Kuppelstangen aus Tiegelgustahl, Schienen und Weichen aus
Bessemer Stahl umgaben, vergegenwrtigte anderseits eine ansehnliche
Reihe von Geschtzen die Leistungen Krupps auf dem Gebiete der
Kriegstechnik. Neben den Feldkanonen machten sich die fr Marinezwecke
und Kstenzwecke brauchbaren Geschtze geltend, welche von der 12~cm~
bis zur 30~cm~-Kanone in 9 verschiedenen Gren bezw. Laffetirungen
vertreten waren. Daneben wird auch eine 28~cm~ Haubitze erwhnt,
wahrscheinlich eine Vorluferin der 1875 von Krupp konstruirten und mit
Erfolg erprobten Haubitze gleichen Kalibers. Auch zwei Laffetenwnde,
aus Gustahl gepret, kamen hier zum ersten Male zur Vorfhrung, wie
sie von da ab die genieteten Laffeten der Feldgeschtze ersetzen
sollten und der Erfindungsgabe Krupps ihre Herstellung verdankten.
Einen Begriff von den Gren- und Gewichtsverhltnissen einzelner
Ausstellungsgegenstnde giebt der Umstand, da sowohl der Gustahlblock
als das schwerste Geschtz die Verwendung von je zwei der Firma
gehrigen Eisenbahnwagen mit je 6 Achsen und 1000 Ctr. Tragkraft
erfordert hatte.

Alle Anstrengungen der bedeutendsten fremdlndischen Eisenwerke
vermochten Krupp nicht mehr aus seiner berragenden Stellung zu
verdrngen, welche in der Verleihung der hchsten Auszeichnung, des
Ehrendiploms, durch die Ausstellungs-Jury und des Komthurkreuzes des
Franz-Joseph-Ordens seitens des Kaisers Franz Joseph ihre gebhrende
Anerkennung fand.

Gerade im Jahre der Wiener Ausstellung lag ein Vergleich zwischen dem
erreichten hchsten Standpunkt der Fabrik und zwischen den kleinen
beinahe drftigen Anfngen ihrem Besitzer auerordentlich nahe, denn
am 24.Februar waren es 25 Jahre seit seiner Uebernahme des Werkes
auf eigene Rechnung. Nichts kann seine Sinnes- und Denkweise klarer
beleuchten, als seine Stellungnahme gegenber diesem Jubilumstage. Es
war ja nur erklrlich und selbstverstndlich, da er als ein Freudentag
von dem gesammten Personal der Fabrik erwartet wurde, da die Tausende,
deren Herzen mit Verehrung und Dankbarkeit fr ihren genialen, und bei
aller Strenge stets wohlwollenden und frsorglichen Brotherren erfllt
waren, danach verlangten, ihm ein Zeichen ihrer Treue in irgend einer
Form an diesem Tage zu widmen. Aber, sich anfeiern zu lassen, das
entsprach so ganz und gar nicht der schlichten und stolz-bescheidenen
Natur dieses Mannes; er hatte kein Verstndni fr das behagliche und
selbstgefllige Weihrauchschlrfen, wie es namentlich den Emporkmmling
auszeichnet, und in Vorahnung des Gewitters, das ihm drohte, richtete
er bereits einige Tage vor dessen Ausbruch an seine Freunde mit dem
Ausdruck innigsten Dankgefhls die Bitte, nachdem er vernommen, da
man mehrseitig durch Besuch, Schrift, Rede oder andere Zeichen
wohlwollender Gesinnung eine Epoche seiner Vergangenheit zu feiern
beabsichtige, dergleichen verhindern zu wollen, weil er ihrer Beweise
der Gesinnung nicht bedrfe und nicht in der Lage sei, Andere wrdig
zu empfangen und zu erwidern, auch keine Ausnahme machen drfe. Diese
Kundgebung schlo er mit den Worten: Ich melde hiermit fr unbestimmte
Zeit meine Abwesenheit an, und entzog sich damit zugleich jedem
Versuch einer Huldigung. Die Angestellten muten sich damit begngen,
ihrem Herrn ein Album mit ihren Photographien in Gestalt eines massiven
eichenen Schreibpultes als Andenken an den 24.Februar 1873 zu
berreichen.

Ihm selber aber war es doch ein wichtiger Gedenktag, und auf seine
Weise wollte er ihn begehen; nicht im Trubel und Gedrnge einer Unmasse
festlicher Gste, nicht im strahlenden Nebelgewlk verherrlichender
Reden und Lobpreisungen, sondern allein mit den Bildern der
Vergangenheit, sich Rechenschaft ablegend ber sein Thun seit jenen
Tagen, da der Vater ihm sein Erbe bergeben hatte. Und dabei lenkte
sein Blick sich auf das kleine Haus, wo er am Krankenlager belehrt und
Mitwisser geworden war des groen Geheimnisses, dessen Erforschung
der Vater Gesundheit und Leben geopfert hatte, wo ihm die Mutter als
treue Genossin im harten Kampf zur Seite gestanden hatte, um des Vaters
Erbtheil zur Anerkennung zu bringen. Da ward sein Herz dankerfllt und
begehrte, auch allen den Seinen, die jetzt mit Hand und Kopf halfen,
dieses Erbe, den Gustahl, zum allgemein begehrten Hilfsmittel auf
allen technischen Gebieten zu gestalten, ihnen allen Zuversicht und
Lebensmuth durch dieses, das Beispiel seines Lebensganges zu heben.
Da nahm er ein Blatt mit der Zeichnung des kleinen, im vorigen Jahre
wiederhergestellten Elternhauses und schrieb darunter die in ihrer
Einfachheit ergreifenden Worte:

  Vor fnfzig Jahren war diese ursprngliche Arbeiterwohnung die
  Zuflucht meiner Eltern. Mchte jedem unserer Arbeiter der Kummer
  fernbleiben, den die Grndung dieser Fabrik ber uns verhngte. 25
  Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmhlich
  die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der
  Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Mge dieses Beispiel
  Andere in Bedrngni ermuthigen, mge es die Achtung vor kleinen
  Husern und das Mitgefhl fr die oft groen Sorgen darin vermehren.

  Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt _Arbeit
  Segen_, dann ist Arbeit Gebet.

  Mge in unserem Vaterlande Jeder, vom Hchsten zum Geringsten mit
  gleicher Ueberzeugung sein husliches Glck dankbar und bescheiden zu
  begrnden und zu befestigen streben; dann ist mein hchster Wunsch
  erfllt.

          Essen, Februar 1873.

                                         Alfred Krupp.

          25 Jahre nach meiner Besitzbernahme.

Dieses Blatt mit Bild und Schrift lie er in dem kleinen Elternhaus
anbringen, ein bleibendes Denkmal dieser seiner charakteristischen
Feier seines Jubilums.

So deutlich sich in diesem Krupps Wohlwollen fr seine Arbeiter nun der
Wunsch ausspricht, da sie in gemeinsamer treuer Arbeit mit ihm und im
Vertrauen zu ihm ihr husliches Glck zu begrnden streben sollten,
so wenig behagte Anderen dieses von ihm immer wieder gefestigte
Einvernehmen mit seinen Angestellten. Hatte man schon im vorigen Jahre
unter diesen Unzufriedenheit und Mitrauen zu verbreiten gesucht, so
lie man sich auch in der Folge durch Krupp's schlagfertiges Vorgehen
nicht entmuthigen. Die Whlarbeit ward nur jetzt von einer andern
Seite und mit mehr Geschick eingeleitet; man hatte Bundesgenossen von
besonderer Strke gewonnen, nmlich die ultramontanen Hetzer gegen den
Protestanten Krupp.

In Essen war im Jahre 1869 ein christlicher Arbeiterverein begrndet
worden, welcher unter Leitung der Kaplne Klausmann, ~Dr.~Mosler und
~Dr.~Litzinger innerhalb zweier Jahre zu 2000 Mitgliedern angewachsen
war und auch mittelst seines Organes die Essener Bltter gegen die
1870 nach Essen berufenen Jesuiten auftrat. Es kam zu Zwistigkeiten
zwischen diesem Verein und den von den Jesuiten gegrndeten und
sehr schnell anwachsenden Arbeiterkongregationen, welche bis in den
Reichstag ihre Wirkung geltend machten. In Folge der Einwirkung der
Weltgeistlichkeit, welche fr die Jesuiten eintrat, wurden 1871 die
Kaplne Litzinger und Klausmann versetzt, Mosler suspendirt und im Mai
1872 der bisherige Vizeprses des Aachener Arbeitervereins Kaplan Laaf
nach Essen behufs Uebernahme der Leitung des dortigen Arbeitervereins
entsandt. Der Redakteur der Essener Bltter, ein vom Sozialdemokraten
zum Christlich-Sozialen bekehrter frherer Metalldreher der Krupp'schen
Fabrik, Namens Sttzel, mute die stark nach Lassalle'schen Lehren
schmeckende Waare, welche Kaplan Laaf zu verbreiten begann, mit seinem
Namen decken. So hatte Krupp mit Recht diese Zeitung in seinem Aufruf
vom 24.Juli 1872 als Hetzblatt bezeichnet.

In ein neues Stadium traten die konfessionellen Verhltnisse im
August 1872, wo sich bei der am 22. stattfindenden Schlieung der
Jesuiten-Niederlassung deutlich zeigte, wie weit die Einwirkung der
Jesuiten und die demagogische Agitation des Kaplan Laaf bereits in
der Terrorisirung der katholischen Arbeitermassen gefhrt hatte.
Mit Steinwrfen und Demolirungen suchte der fanatisirte Pbel gegen
die Schlieung zu protestiren. Die Ausweisung der Jesuiten diente
den Agitatoren nun zu einem neuen wirksamen Verhetzungsmittel.
Die Sozialdemokraten bemchtigten sich der Waffe, welche die
konfessionellen Streitigkeiten ihnen boten, und begannen mit dieser
einen neuen Angriff auf die in ihrem imposanten Widerstande ihnen
besonders verhate Gustahlfabrik.

Der Erfolg war ein von Krupp selbst am wenigsten erwarteter. Ihm, dem
protestantischen Fabrikherren, war es niemals in den Sinn gekommen,
bei der Annahme seiner Arbeiter nach deren Konfession zu fragen und nun
mute er in Erfahrung bringen, da aus einzelnen Betriebsabtheilungen
pltzlich die zum Theil ihm persnlich wohl bekannten protestantischen
Arbeiter verschwanden, um katholischen Platz zu machen. Dieses
veranlate ihn zu folgendem Aufruf, den er am 1.November an seine
Angestellten erlie.

  Neben den Bestrebungen, welche bereits an manchem Orte das
  gegenseitige Wohlwollen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu
  beiderseitigem Nachtheile strten, droht seit einiger Zeit ein Unheil
  von noch tieferer Bedeutung. Kirchliche Zwietracht untergrbt den
  Frieden. Mge jeder das Seinige thun, verderbliche Folgen abzuwehren
  berall, wo es ihm mglich ist. Meinen Blick lenkt die Sorge um
  das Gemeinwohl auf die Fabrik. Dieselbe soll wie jedes gewerbliche
  Etablissement zunchst das uere Wohlergehen aller ihrer Angehrigen
  sichern. Bei so gesichertem Erwerb und Frieden in seinem Hause kann
  Jedermann seines Daseins froh werden. Jeder brave und fhige Mann ist
  ohne Ansehen seiner Heimath oder seines Glaubens in unserem Verbande
  willkommen und hat gleichen Anspruch auf Schutz und Anerkennung.
  Alte und Pensionirte werden bezeugen, da es bisher hier so gehalten
  wurde, und ebenso mu es auch ferner bleiben, denn jeder Unbefangene
  wird die Ueberzeugung theilen, da nur Unparteilichkeit Frieden sen
  kann, und niemand wird bezweifeln, da Arbeit nur da Segen bringt, wo
  Ordnung, Einigkeit und Friede regieren. Es darf daher keine Aeuerung
  politischer oder kirchlicher Zwiste innerhalb des Verbandes der
  Fabrik geduldet werden und ergeht deshalb diese Warnung:

      Niemand kmmere sich um die Meinung und den Glauben desjenigen,
      der ordentlich und brav ist und seine Pflicht thut. Wer
      zuwiderhandelt, _wer seine Stellung mibraucht zur Beeinflussung
      oder gar zum Nachtheile seiner Kameraden oder Untergebenen um
      der Meinung oder des Glaubens willen, der hat zu erwarten, da
      er als Friedensstrer beseitigt wird,_ -- er mge der geringste
      Tagelhner oder ein angesehener Vorgesetzter sein -- ohne
      Rcksicht darauf, ob die eine oder die andere Stelle nicht
      besetzt werden knnte, ob selbst ganze Werke vorbergehend auer
      Betrieb gestellt werden mten.

  Besonders leid wrde es mir thun, wenn Leute, welche bisher treue
  Dienste geleistet haben, betroffen werden sollten. Ich habe jedoch
  in 47jhriger Erfahrung im Allgemeinen nur Treue und Friedfertigkeit
  zu rhmen gehabt und vertraue daher, da zum Besten fr uns alle
  diese Warnung beachtet wird und somit Friede und Eintracht wie bisher
  erhalten bleibt. Dann werden auch die im Bau begriffenen Werksttten
  der Bestimmung gem bald besetzt, und die der Vollendung entgegen
  gehenden neuen Kolonien und Ortschaften mit zufriedenen Bewohnern
  bald gefllt sein.

  Gustahlfabrik, den 1.November 1873.

                                    (gez.) Alfred Krupp
                                in Firma. Fried. Krupp.

Aus dem Wortlaut dieser Ermahnung ist ebenso wie aus der sie
veranlassenden Entlassung evangelischer Arbeiter in einzelnen
Betriebsabtheilungen zu entnehmen, da nicht nur in den unteren
Gebieten der Angestellten, sondern ziemlich weit in die Kreise der
Vorgesetzten hinauf die konfessionelle Zwietracht ihre zersetzenden
Einflsse geltend machte. Die Strenge, mit welcher Krupp vorging,
ist deshalb wohl motivirt, da er unter allen Umstnden Frieden und
Eintracht in seiner Fabrik erhalten wollte und diese mit vollem Recht
allein bei der Duldsamkeit in religiser Beziehung fr erreichbar
hielt. Es war ein nothwendiger Akt der Nothwehr, zu welchem er
schritt, um fr seinen Theil das Seinige beizutragen zur Sicherung des
Gemeinwohls, indem er diejenigen unnachsichtlich entfernte, welche
an Stelle der bisher gebten Toleranz die Verfolgung Andersglubiger
glaubten ben zu drfen. Frieden und Vertrauen wurden dadurch
untergraben, Unzufriedenheit erregt und den zersetzenden Agitationen
Thor und Thr geffnet. Bald genug sollten Zeiten kommen, welche
mit den wirthschaftlichen Schwierigkeiten, die den Fabrikbesitzern
erwuchsen, auch den Arbeitern die Gefahr vor Augen fhrten, die die
Geschftsstockung ihnen brachte, und welche die ernste Mahnung an Alle
richteten, in Eintracht zusammenzustehen, und nicht in Migunst sich
zu bervortheilen. Die Jahre des Aufschwungs der Industrie, wie sie
dem franzsischen Kriege gefolgt waren, hatten zu einer Entwickelung
der Etablissements und zu einer Ueberproduktion gefhrt, welche einen
empfindlichen Rckschlag nach sich ziehen muten. Gleichzeitig waren
mit der vermehrten Nachfrage die Lhne der Arbeiter stark in die
Hhe gegangen und die Preise der Rohmaterialien, Eisen und Kohlen,
in noch strkerem Maae gestiegen, so da sie zu den Preisen der
Fertig-Fabrikate gar nicht mehr im Verhltni standen. Als nun der
Absatz der Waaren ins Stocken gerieth, als die meisten Werke ihren
Betrieb einschrnken und dadurch vertheuern muten, da konnte die
Gustahlfabrik sich der gleichen Einwirkung in geschftlicher Beziehung
nicht entziehen und nur die gerade in diesen Jahren recht bedeutenden
Geschtzlieferungen hielten den starken Ausfllen auf den Gebieten
der Friedensartikel jetzt die Waage. So erntete Krupp jetzt fr die
Opfer, die er frher der Entwickelung der Waffenfabrikation in seiner
Fabrik gebracht hatte, den wohlverdienten Lohn. Sie gestattete ihm
im Jahre 1874 die Arbeiterzahl von 11690 und selbst im folgenden
Jahre noch 10200 Kpfe. Aber durch die groartigen Neuerwerbungen und
Neuanlagen der letzten Jahre, welche, wie frher erwhnt, nicht nur
der Selbstndigkeit und Leistungsfhigkeit des Etablissements, sondern
in hervorragendem Grade auch seinen Angestellten zu Gute kamen, waren
sehr bedeutende Kapitalien festgelegt worden. Krupp hatte, seinem alten
Grundsatz getreu, wiederum nichts kapitalisirt, sondern seine enormen
Einnahmen im Interesse der Fabrik wieder verwendet. In den Jahren der
fortschreitenden Entwickelung war mittelst der zunehmenden Produktion
auch der Gewinn gewachsen und die Amortisation der fr Neuanlagen
verwendeten Kapitalien rasch vor sich gegangen. Nun aber stockte das
Geschft, die neuangelegten Betriebserweiterungen konnten nicht benutzt
und ausgenutzt werden. Die Kapitalien lagen todt, ohne Zins zu bringen,
und zum ersten Male seit langen Jahren sah sich Alfried Krupp wieder
ein Mal einer wirthschaftlichen Krisis gegenber. Allerdings war sie
leicht zu berwinden, denn dem Verlangen der Firma, eine Anleihe von
30 Millionen gegen Verpfndung ihrer smmtlichen industriellen Anlagen
und Bergwerke aufzunehmen, ward mit grter Bereitwilligkeit begegnet.
Im April 1874 ward sie perfekt unter der Bedingung einer Rckzahlung
innerhalb 10 Jahren zum Kurse von 110 und bis dahin zum Zinsfu von
5%. Man erinnere sich, da zu gleicher Zeit 4 Dampfer fertig wurden,
der Schieplatz zu Visbeck erworben und die Arbeiter-Kolonien erbaut
worden waren, um den Bedarf so groer Geldmittel zu verstehen. Denn
es berrascht zunchst, da Krupp zu einer so groen Anleihe sich
entschlieen mute, wenn man die Zahlen betrachtet, welche bis zu
dieser Zeit immer im Steigen begriffen waren und einen bisher noch
nicht erreichten Hhepunkt der Entwickelung zu bezeichnen scheinen. Das
Areal der Gustahlfabrik bei Essen erreichte, abgesehen von allen nicht
in unmittelbarem Zusammenhang damit stehenden auswrtigen Besitzungen,
die Ausdehnung von rund 307~ha~ gegen 230~ha~ im Jahre 1872, die
Arbeiterzahl blieb 1874 nur wenig hinter dem Maximum von 1873 zurck.
Aber in der Produktion zeigte sich eine Abnahme, sie betrug 1874 nur
110000~t~ gegen 125000~t~ im Vorjahre, und Krupp's weitschauendem
Blick entging es nicht, da ein weiterer Rckgang mit Bestimmtheit
zu erwarten war; als ein kluger Wirthschafter benutzte er die noch
gnstigen Verhltnisse, um Kapitalien flssig zu machen, welche er
wahrscheinlich in den nchsten Jahren nur mit noch greren Opfern
bekommen htte.

       *       *       *       *       *

So schliet diese Periode des Aufschwunges der Fabrik mit einem Schritt
der weisen Frsorge. Der geniale Geschftsmann verhehlte sich nicht,
da die nchste Zeit schwere Gefahren -- sowie fr die ganze deutsche
Industrie -- so auch fr ihn und sein Werk im Schooe trug: die
wirthschaftlichen Schwierigkeiten wrden sich zunchst noch steigern,
der Absatz der Erzeugnisse noch weiter zurckgehen, die Thtigkeit der
Fabrik und damit die Arbeiterzahl beschrnkt werden mssen; anderseits
waren in den sozialdemokratischen und ultramontanen Bestrebungen
ihm Feinde erstanden, welche voraussichtlich nicht durch den einmal
abgeschlagenen Angriff sich wrden einschchtern lassen, sondern ihre
heimliche Whlarbeit immer auf's Neue beginnen, um sein Verhltni
zu seinen Untergebenen zu untergraben. So fest und unverzagt er, im
Bewutsein seiner stets im vollsten Maae erfllten Pflicht gegen seine
Untergebenen, den weiteren Unternehmungen dieser Gegner entgegensah,
so wenig durfte er die Bedeutung ihrer unheimlichen im Verborgenen
rastlos betriebenen Arbeit unterschtzen. Dieser Feind war, weil in
seinen Mitteln rcksichtslos und gewissenlos, in seinen Erfolgen
unberechenbar, viel schlimmer als die geschftlichen Krisen, welche
auch zu bestehen sein wrden. Denn im gegenseitigen Vertrauen mit
seinen Arbeitern glaubte er letztere bei der stetig gleichbleibenden
Gte seiner Erzeugnisse wohl berwinden zu knnen. Wenn aber das
Werkzeug, wenn seine Angestellten, ihn im Stiche lieen, dann stand
alles auf dem Spiele. Deshalb richtete er in den nchsten Jahren sein
Augenmerk unablssig auf Mittel, welche ihm zur Belehrung seiner
Untergebenen, zur Krftigung ihrer Gesinnung, zur Erhaltung ihrer Treue
dienen knnten und versumte so auch im Interesse des Staates, des
Gemeinwohls nichts, um den kommenden Gefahren vorzubeugen.




~IX.~

Schwere Jahre.


Mit der ersten, dem Geschftsrckgang entsprechenden Maregel ging
Krupp sofort vor. Es war die fr seine Arbeiter empfindlichste und
doch im allseitigen Interesse voraussichtlich nicht zu umgehende;
deshalb entschied er sich fr ihre sofortige Ergreifung, um eine
klare Situation zu schaffen. Er setzte smmtliche, in den letzten
Jahren unmig gestiegenen Lhne herab und kndigte diese Maregel mit
folgender offenen und ehrlichen Begrndung seinen Angestellten an:

  Vergangene Jahre, welche allen Fabriken und Bergwerken
  so auergewhnliche Arbeit brachten, haben den Arbeitern
  auergewhnliche Lhne zugefhrt. Diese scheinbar glckliche Zeit
  hat in das Gegentheil sich umgewandelt: _Arbeit ist jetzt wenig
  geboten_ und _Entlassungen_ werden auf allen Werken vorgenommen.
  Auch die Gustahlfabrik war zum ersten Male in dem Falle, eine
  grere Anzahl von Leuten entlassen zu mssen. Da die Lhne nicht
  im Verhltni stehen zu den erreichbaren Verkaufspreisen, so wird
  fr alle Zweige der Fabrik eine _Ermigung der Lhne_ nothwendig
  eintreten mssen, solange, bis ein richtiges Verhltni zwischen
  Selbstkosten und Verkaufspreisen wieder hergestellt sein wird. Diese
  Ankndigung geschieht hiermit im Voraus, damit Niemand pltzlich
  berrascht werde. Ueber das Maa und die Dauer dieser Lohnermigung
  lt sich heute nichts sagen; sie hngt von den Zeitverhltnissen
  ab. Bei Durchfhrung dieser Ermigung hofft die Firma indessen es
  zu ermglichen, da alle ihre Werke in voller Kraft fortarbeiten
  knnen. Es wird ihr dabei zur grten Befriedigung gereichen, wenn
  alle treuen Arbeiter -- trotz der ungnstigen Zeitverhltnisse
  ruhig und ohne Sorgen fr ihre Zukunft -- fortdauernd beschftigt
  bleiben knnen, und sie wird nach wie vor bestrebt sein, denselben
  die Vortheile der Beschaffung aller Lebensbedrfnisse in mglichst
  erweitertem Mae zuzufhren. Ich bedaure diese Nothwendigkeit der
  Lohnherabsetzung, verbinde damit aber die bestimmte Erklrung, da
  jeder Ausdruck von Unzufriedenheit als Kndigung anzusehen ist.

  Essen, Gustahl-Fabrik, den 28.Dezember 1874

                                            (gez.) Fried. Krupp.

Die groe Bedeutung der Wohlfahrtseinrichtungen mute in den nun
folgenden knapperen Jahren den Arbeitern recht fhlbar werden. Sie
sind nicht ohne Berechtigung in der Bekanntmachung hervorgehoben,
denn soeben war die groe Central-Verkaufsstelle erffnet worden,
welche auer den Ladenrumen fr Kolonial-, Manufaktur-, Schuh-,
Eisenwaaren und Hausgerthen ein Reservelager fr Manufakturwaaren,
eine Schneider-Werkstatt, eine Speise-Anstalt und Wohnungen fr
das Personal, ferner Lagerkeller fr Wein, Bier, Leder-, Woll- und
andere Waaren, ein Lager von Mbeln und Nhmaschinen enthlt; und die
Bckerei war durch einen Neubau mit 12 Backfen und 3 Knetmaschinen
erweitert worden. So war Krupp angesichts der kommenden wirthschaftlich
ungnstigeren Jahre bei Zeiten darauf bedacht, seinen Arbeitern deren
Ueberwindung nach Mglichkeit zu erleichtern. Anderseits zeigte die
stetig zunehmende Beanspruchung der Konsumanstalten, da die Arbeiter
auch die ihnen hieraus erwachsende Erleichterung und Wohlthat wohl
auszunutzen wuten. Die Gesammt-Einnahme der Konsumanstalten, welche
1871/72 sich auf 1445500 Mk. belief, stieg von Jahr zu Jahr und
bezifferte sich 1874/75 auf 3230000 Mk., beinahe  Million mehr als im
Vorjahr, wo doch die Arbeiterzahl wesentlich hher gewesen war.

Ob die Frsorge Krupps auch von seinen Arbeitern durchweg gewrdigt
und anerkannt wurde, ist fraglich. Es entging ihm nicht, da mit den
zunehmenden wirthschaftlichen Schwierigkeiten die sozialdemokratische
und sozialistisch-ultramontane Agitation immer mehr Boden in der
Gustahlfabrik fand, um ihre giftige Saat auszustreuen. Gespart
hatten die Arbeiter in den verflossenen fetten Jahren nichts, die
Unzufriedenheit nahm mit den knappen Lhnen und der beschrnkteren
Lebensfhrung zu. Als er sich umsah nach Hilfsmitteln, um dem
heranschleichenden Gegner des Mitrauens, des Treubruchs zu begegnen,
da fiel Krupp eine kleine Schrift in die Hand, welche ein anderer
erfahrener Fabrikbesitzer, Friedrich Harkort in Wetter an der Ruhr,
soeben unter dem Titel Arbeiter-Spiegel herausgegeben hatte. Sie war
ihm aus der Seele geschrieben, er lie sie sofort in mehreren tausend
Exemplaren abdrucken, und mit folgendem, selbst verfatem Vorwort im
Februar 1875 an seine Arbeiter vertheilen:

  Ein Rckblick auf das verflossene halbe Jahrhundert erweist einen
  so groen Wechsel in der Lage des Arbeiterstandes zwischen damals
  und jetzt, da Betrachtungen ber die nchste und fernere Zukunft
  und ber die Mittel, zum Nutzen derselben Beistand zu leisten, wohl
  eine Pflicht geworden sind fr jeden Betheiligten und Berufenen.
  Der Umschwung der letzten zehn Jahre zeigt abwechselnd Noth und
  Wohlstand, niedrigen Lohn und nie dagewesene Hhe desselben. Auerdem
  trat aber die auffallende Erscheinung zu Tage, da _mit dem Steigen
  der Lhne die Unzufriedenheit zunahm_ und da zur Zeit, als Jedermann
  Fortdauer der bestehenden gnstigen Verhltnisse htte wnschen
  sollen zum Besten aller Betheiligten -- Arbeiter und Arbeitgeber,
  -- sogar Einstellung der Arbeit auf manchen Werken erfolgte, um
  durch Druck auf den Arbeitgeber noch hheren Lohn zu erpressen.
  Man trachtete sogar dahin, durch Entziehung des Bedarfs an Kohlen
  auch den Stillstand der Gustahlfabrik zu erzwingen, als solche fr
  lange Zeit im Voraus dringende Arbeit, vorzugsweise fr den Staat
  bernommen hatte. Durch groe Opfer ist damals dieses Unglck,
  welches doch am hrtesten die Arbeiter der Fabrik betroffen haben
  wrde, abgewendet worden. Nicht Freunde der Arbeiter haben dies
  veranlat. Es waren ihre eigenen Feinde, die von der Untersttzung
  des zum Theil verleiteten Arbeiterstandes leben und an die Spitze
  desselben sich zu schwingen hoffen. Unter dem Schein der Frsorge
  wollen sie die Arbeiter ruiniren, um zu ihren selbstschtigen,
  ruberischen Zwecken aus der Kraft solcher Hilfsloser sich willige
  Werkzeuge zu schaffen, wenn der Zeitpunkt zum Umsturz der Ordnung
  ihnen gnstig erscheint.

  Erfllt von solchen Sorgen fr das Wohl des Arbeiterstandes entdecke
  ich eine Schrift: Arbeiter-Spiegel von Friedrich Harkort, welche
  ich der Beherzigung empfehle, weil sie die Lage der Arbeiter, die
  Ursachen der Beschwerden, ihr Recht und ihr Unrecht klar schildert
  und den richtigen Weg zeigt, der allein zum dauernden Wohlergehen
  und zur Zufriedenheit fhrt. Der Name des Verfassers brgt dafr,
  da er nur diese uneigenntzige Absicht befolgt. Schon vor fnfzig
  Jahren hat derselbe Mann und jetzt hochbetagte Greis viele Arbeiter
  beschftigt; er war derjenige, der vor ca. 45 Jahren zuerst den
  Puddlingsproze in Deutschland und zwar in Wetter a.d. Ruhr
  einfhrte trotz Kosten, Mhe und Gefahr. Hunderttausende von Menschen
  haben jetzt in Deutschland ihr Brod von dieser so wichtig gewordenen
  Industrie. Damals, als ich noch wenige Arbeiter beschftigte,
  habe ich seinen Unternehmungsgeist bewundert und verdanke ihm und
  anderen groen Beispielen die Anregung zu eigenem Streben. Wenn ein
  Mann, der seit dem Rcktritte aus der gewerblichen Thtigkeit sein
  Leben durch Sinnen, Wort und Schrift so reichlich dem Wohle der
  arbeitenden Klassen und namentlich der Volksbildung gewidmet hat,
  eine Schrift wie diese verffentlicht, so darf dieselbe wohl als
  ein Gru an seine Schtzlinge, als ein am Lebensabend geschriebenes
  Vermchtni angesehen und geehrt werden, und deshalb empfehle ich
  mit gleicher Wrme fr das Wohl des Arbeiterstandes die erwhnte
  Schrift zur allgemeinen Kenntni und Beherzigung. Der Kern der
  Schrift ist ein Beweis, da Flei, Treue, Migkeit, Sittlichkeit
  und Ordnung im Hauswesen und in der Familie die sicheren Grundlagen
  des Wohlergehens und der Zufriedenheit sind, und da diese Tugenden
  selbst Schutz bieten in schlechten Zeiten, da dagegen trotz aller
  Fhigkeit, trotz aller List und feindseliger mchtiger Vereinbarungen
  am Ende Unbotmigkeit, Unordnung, Unsittlichkeit selbst bei
  zeitweise erpretem hohem Lohn ins Verderben strzen. Das Schicksal
  der Arbeitseinstellungen in England hat Unglck gebracht ber
  Hunderttausende, die jetzt ohne Arbeit sind und zum Theil bleiben
  werden. Die treu bewhrten guten Leute wird man selbst in schlechten
  Zeiten mit Vorzug und Opfern schtzen -- die schlechten, welche auf
  kein Mitgefhl rechnen knnen, wird man bei der nchsten Gelegenheit
  entfernen. Und so wird es auch auf der Gustahlfabrik gehalten sein
  und bleiben.

  Aber Flei, Treue und Geschicklichkeit bei der Arbeit verbrgen
  allein noch nicht den dauernden Werth des Mannes. Er mu auch durch
  seine _Fhrung auerhalb der Fabrik_, durch sein _Hauswesen_ und
  durch die _Erziehung seiner Kinder_ sich Achtung erwerben und das
  Vertrauen zu seiner Bestndigkeit. Man wird zum Nutzen des groen
  Ganzen auch hierauf mit Sorgfalt die Beobachtung richten.

  Ich begleite diese Zeilen noch mit einer Bemerkung, welche durch die
  Zeitumstnde hervorgerufen wird. Ich wnsche nmlich, da auf allen
  Werken der Gustahlfabrik bis in die fernsten Zeiten _Friede_ und
  _Eintracht_ herrsche _zwischen den Konfessionen_, wie dies bisher
  stattgefunden. Nach einer 48jhrigen Thtigkeit als Arbeitgeber
  bekenne ich mit Freuden, da ich, obgleich protestantisch, von
  Anfang an immer in der Mehrzahl katholische Arbeiter und Meister
  hatte, und da ich niemals einen Unterschied bemerkte in der Treue;
  vielmehr habe ich der treuen Hingebung einer namhaften Zahl von
  ihnen aus allen Konfessionen zum groen Theile das Gelingen meiner
  Unternehmungen zu verdanken. Am Abend meines eigenen Lebens uere
  ich die Hoffnung, da es ferner so bleiben mge. Ich wnsche auch,
  da die Kinder aller Konfessionen in den Schulen und auf den
  Spielpltzen, welche ich ihnen errichtete, sich befreunden, damit
  sie spter als Mnner, jeder nach seiner Kraft und Befhigung, auf
  den Werken der Fabrik in Gemeinschaft und in gutem Einvernehmen
  ihren Beruf erfllen und ihr Brod erwerben. Denn Einigkeit ist die
  Bedingung der allseitigen Zufriedenheit und des Segens der Arbeit.
  Wer dieselbe zu stren wagen mchte, sei er jung oder alt, stehe
  er hoch oder niedrig, der soll entfernt werden. Ich hoffe aber, da
  solcher Fall niemals bei uns eintreten wird, da vielmehr Jedermann
  auch in dieser Beziehung sich bestreben wird, die Wohlfahrt Aller zu
  befestigen.

  Mit diesem warmen Wunsche schliee ich.

    Februar 1875.                             Alfred Krupp.

Auch in diesem Schriftstck betont Krupp wieder den konfessionellen
Frieden. Es sind seine schlimmeren Feinde, die Hetzkaplne,
welche die durch den Kulturkampf irre gewordenen Arbeiter gegen
ihren protestantischen Fabrikherrn zu erregen suchen. Es ist der
groe Kampf des parittischen preuischen Staates, der sich hier
in den kleineren Verhltnissen des auf parittischer Grundlage
aufgebauten Etablissements widerspiegelt. Mittelst der Phrasen
von Arbeiterausbeutung und Bereicherung der Besitzer konnten die
staatsfeindlichen Elemente an Krupps Arbeiter nicht heran. Diese hatten
in guten und bsen Zeiten doch zu gut ihres Herrn Frsorge kennen
gelernt, als da sie dagegen die Vorspiegelungen der Agitatoren in
gutem Glauben gern vertauscht htten. Sie konnten bei der gegenwrtigen
traurigen Lage aller wirthschaftlichen Verhltnisse es nirgend besser
haben, als in der Gustahlfabrik. Die sozialdemokratischen Whler,
deren Hetzereien am meisten Anknpfungspunkte in den verflossenen
Jahren des industriellen Aufschwunges gefunden hatten, schoben
aber jetzt ihre sozial-ultramontanen Genossen ins Vordertreffen,
die Agitation ward vom Geldbeutel auf das Gewissen bertragen, um
das Vertrauen zu dem Unglubigen zu untergraben und konfessionelle
Streitigkeiten zu erregen. Auf diese Weise ward der Grund und
Boden vorbereitet, auf welchem spter die Saat der politischen
Unzufriedenheit desto besser Wurzel schlagen konnte. Wenn auch zur
Zeit Krupps Ermahnungen mit bestem Erfolg gekrnt zu sein schienen,
so sollten doch die spteren Ereignisse ihn von dem tiefbetrbenden
Erfolge berzeugen, welchen die stetige und unermdliche Whlarbeit
seiner unheimlichen Feinde errungen hatte; er fand nicht mehr bei
Allen den alten Glauben an sein Wort, das alte Vertrauen zu seiner
Fhrerschaft; sie gingen andere Wege als ihr Herr und Meister.

Als in dem folgenden Jahre die Auftrge weiter zurckgingen, als die
Arbeiterzahl der Gustahlfabrik von 9741 im Januar 1876 auf 8322 im
Dezember vermindert werden mute und auch die Zahl der Grubenarbeiter
von 6839 auf 6111 Mann herabsank, glaubte Krupp eine Maregel einfhren
zu mssen, welche lediglich auf eine Lohnverbesserung seiner Arbeiter
hinzielte, jedenfalls aber von seinen Gegnern in anderem Sinne
ausgebeutet wurde. Bislang war eine grere Zahl von Feiertagen --
meist Festtage der katholischen Kirche -- in der Fabrik gebruchlich
gewesen, wodurch die evangelischen mit den katholischen Arbeitern zur
Unthtigkeit und hierdurch zum Verlust des Arbeitslohnes an diesen
Tagen gezwungen worden waren. Krupp legte die Sache dem Generalvikar
von Mnster zur Begutachtung vor und erst, als er von dieser Seite die
Antwort erhielt, da keine Bedenken gegen sein Vorhaben zu erheben
seien, sofern den katholischen Angestellten nur der Besuch der Messe
ermglicht werde, verfgte er am 3.Januar 1876 Folgendes:

  Die ungnstigen Zeitverhltnisse, welche eben so nothwendig fr den
  Arbeitgeber groe Verluste, wie fr den Arbeiter Schmlerung der
  Einnahmen herbeifhren, veranlassen die Firma, um diesen Uebelstnden
  im beiderseitigen Interesse entgegen zu arbeiten, folgende Regel
  aufzustellen:

  1. Es soll die Arbeit in Zukunft auer an den Sonntagen nur an den
  gesetzlichen Feiertagen ruhen, nmlich: Neujahrstag, Charfreitag,
  Ostermontag, Bettag, Christi Himmelfahrtstag, Allerheiligentag,
  Pfingstmontag, Weihnachtsfest.

  2. An allen anderen Tagen, an denen bisher nicht gearbeitet
  worden, u.a. am: h.Dreiknigstag, Fastnachtsmontag, Lichtmetag,
  Mariaverkndigungstag, Maikirmemontag, Frohnleichnamstag, Peter- und
  Paulstag, Mariaempfngnitag, Herbstkirmemontag, soll in Zukunft
  gearbeitet werden.

  3. Um den katholischen Arbeitern die Anhrung der Messe an den unter
  2 genannten Feiertagen zu erleichtern, hat sich die Firma an die
  Ortsgeistlichkeit gewandt. Insoweit es zeitweilig nicht mglich sein
  mchte, da frh genug Messe gelesen wird, soll denjenigen Arbeitern,
  welche am Morgen des vorhergehenden Tages darum bitten, Urlaub zur
  Anhrung der 6 Uhr-Messe gegeben werden, Fortbleiben ohne Urlaub
  wird inde, wie in jedem anderen Falle, zur Aufrechterhaltung eines
  geordneten Betriebes nach Magabe des Arbeiterreglements bestraft
  werden.

  Gustahlfabrik, den 3.Januar 1876.

                                                      Fried. Krupp.

Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser
Maregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um
Aufhebung der Verfgung. Krupp antwortete hierauf, da er glaube,
dem religisen Bedrfni der Katholiken gengt zu haben, indem er
die Anhrung der heiligen Messe ermglicht und Schritte gethan habe,
um dies noch zu erleichtern. Befragte wrdige katholische Geistliche
htten wegen Beengung des Gewissens und der religisen Ueberzeugung
keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mibruchliche
Gewohnheit beseitigt. Welchem bsen Schein setzten sich bei Denkenden
diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an
diesen Tagen feiern wollten! Sie verlren dadurch nichts, erwirkten
aber fr die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, groen
Verlust. Dabei drfe auch nicht vergessen werden, da auf der Fabrik
viele Evangelische in Arbeit stnden, die mitfeiern mten, wenn
die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit
unterschrieben htten, wisse, da ein in die Woche fallender Feiertag
der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze,
Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen
durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit,
wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden msse, wenn die
Fabrik berhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma
werde daher nicht aufgehoben werden. Vor 50 Jahren, so fhrt Herr
Krupp fort, trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und
gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter
wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen lie, um
nur keine Arbeiter entlassen zu mssen. Rechnend auf die Einsicht und
Treue besonders meiner lteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und
ausfhrlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte.
Mge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande
bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschlieen.

Die Verfgung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in
demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und
sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gustahlfabrik
gegen Krupp Stimmung zu machen.

Den Bemhungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung
des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp
auch groe Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in
Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie
in wrdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstck der Sammlung
bildete eine 35,5~cm~ Kanone in Kstenlaffete, ein Rohr von 8~m~
Lnge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit,
dieses Monstre-Geschtz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte
der eigene Dampfer Essen der Firma gengt, um neben den eigenen
Ausstellungsgegenstnden die von noch 27 anderen deutschen Firmen
zu verladen und die Geschtze hatten im untersten Schiffsraum gut
untergebracht werden knnen. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und
die Befrderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Flu
eingelaufen war, verursachte eine beinahe unberwindliche Arbeit. Die
groen Krhne der Allison'schen Werft reichten fr diese Last nicht
aus; der groe Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete
auf dem Schiff mitgefhrt worden war, mute auf dem Deck aufgestellt
werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht
horizontal herausgehoben werden; man mute es erst mittelst Hebebumen
quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun
erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie fr diesen Zweck nicht
bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises
Heben, Untersttzen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und
abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen
kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war
das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.

Neben den 6 ausgestellten Geschtzen standen Friedensartikel in
groer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine
Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war aus _einem_
massiven Tiegelgustahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden,
sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere
Schiffswelle 9 Tonnen. Auer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren
aber zwei eiserne Rder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt.
Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweien eines
schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, da die Breite
des Bandes fr Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in
entsprechender Weise wechselte. Diese Rder wurden auch fr die
Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.

Es ist merkwrdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der
Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte,
Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenstnden, unter denen nur 9 --
nmlich auer den 6 Geschtzen 3 Tragesttel fr Gebirgsartillerie --
als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:

Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint
es, fr Krupps Riesenkanonen, die Killing Machines, wie man sie
genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk,
das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist
das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher Mission?
Wenngleich Herr Reuleaux spter sein allgemeines Urtheil ber die
deutsche Ausstellung: Billig und schlecht dahin abgeschwcht hat,
da wenigstens die deutsche Eisengroindustrie die amerikanische
an Tchtigkeit bertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen
brigen als berlegen darstelle und des Weiteren sagt: Krupps
Leistungen bedrfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines
Kommentars, so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht,
was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem
von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen
aufgenommenen geflgelten Worte der vaterlndischen Industrie
geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so htte er wohl in Erwgung
ziehen mssen, da die friedlichen Werke der anderen Nationen auch
die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rulands, Brasiliens und
Amerikas enthielten, mit denen der deutsche Kanonenknig doch wohl
die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.

Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen
zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden
Zlle auf Eisenfabrikate am 1.Januar 1877 schien dazu bestimmt,
der vaterlndischen Eisen-Industrie den Gnadensto zu geben. Viele
Werke muten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank
zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im
Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem
Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast
gleicher Masse der Frderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an
Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch
die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in
vollstem Mae nutzbar zu machen, auf eine mchtige Steigerung der
Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie
immer mehr beschrnkt und hiermit die Mglichkeit genommen, von
diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren
feiernder Arbeiter, und muten Volkskchen errichtet werden, um die im
Winter 1876/77 berhandnehmende Noth zu lindern.

Dem gegenber ist es auffallend, da die Gustahlfabrik im Laufe des
Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und
da sie allein an Gustahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr,
whrend allerdings die in den Bergwerken beschftigten Arbeiter auf
die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Grnde sind in vermehrten
Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienen zu suchen.
Allein fr die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800
Geschtze zu liefern, da der russisch-trkische Krieg die mangelhafte
Konstruktion ihrer Feldgeschtze klar gelegt hatte. Auerdem waren
aber auch fr Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan
namhafte Bestellungen auszufhren; der orientalische Krieg hatte
vielfach die Verbesserung des Geschtzwesens nahegelegt. In Folge
dessen war in der Fabrik vollauf Beschftigung und die Stadt Essen
empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gustahlwerk erwuchs, in
vollstem Mae.

Obgleich Krupp nun auch nicht ermdete in der Frsorge fr seine
Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Grndung einer
Lebensversicherungs-Anstalt und Erffnung einer neuen Privatvolksschule
seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollstndigte, mute er doch zu
seiner Bekmmerni sehen, da die sozialdemokratischen Agitatoren auf
seinem Gebiet wieder Fu faten und ihren verderblichen Lehren Eingang
zu verschaffen wuten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10.Januar
1877 wurde mit allen Krften gewiegelt und gehetzt, so da der
ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Sttzel und der speziell
sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und da
bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Sttzel mit
11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.

Krupp hatte bis dahin auf politischem Gebiete sich vollstndig neutral
verhalten. Ebenso wie er in religiser Beziehung keinen seiner
Angestellten glaubte irgendwie beeinflussen oder der einen Konfession
vor der andern irgend ein Vorrecht einrumen zu drfen, hatte er auch
nach dem politischen Glaubensbekenntni niemals gefragt und weder
direkt noch indirekt irgendwie in die Bewegung eingegriffen. Er sah
jetzt, da er dem gesunden Menschenverstand seiner Arbeiter zuviel
zugetraut hatte, da sie von den Lehren der staatsfeindlichen Partei in
ihrem Unverstand gefangen genommen, da sie mit allen denkbaren Mitteln
ins sozialdemokratische Lager hinbergezogen wurden und da hieraus
dem Staate, der Gesellschaft und dem Frieden seiner Fabrik groe
Gefahren erwuchsen. Er erkannte seine Pflicht, die Unverstndigen zu
belehren und einen anderen besseren Einflu den gegnerischen Hetzereien
gegenber zur Geltung bringen zu mssen. Er verfate deshalb eine
Brochre, welche am 15.Mrz als Manuskript gedruckt, unter dem Titel
Ein Wort an die Angehrigen meiner gewerblichen Anlagen erschien und
folgendermaen lautete:

  Ich richte diese Worte an die Angehrigen meiner gewerblichen
  Anlagen, der Gruben und Httenwerke, vertraulich und ausdrcklich
  beschrnkt auf den Verband von Arbeitern, Meistern und Beamten. Sie
  betreffen meine eigene Hausordnung und sind nicht bestimmt fr das
  groe Publikum. Ich verwahre mich deshalb ausdrcklich dagegen,
  Grundstze, Verfahren und Entschlieung anderer Arbeitgeber hiermit
  berhren oder beeinflussen, oder auf irgend welchen Zeitungskampf mit
  streitlustigen Gegnern mich einlassen zu wollen. Das Urtheil darber,
  ob meine Mahnung zeitgem, ob sie eine erkannte Pflicht ist, ob
  Eigennutz sie mir eingegeben oder Wohlwollen, das klar zu stellen
  berlasse ich getrost der Zukunft. Von Jedem, Mann und Frau, auch von
  den weniger Gebildeten, will ich verstanden sein. Darum spreche ich
  einfaches deutliches Deutsch. In hnlicher Weise richtete ich an Euch
  das letzte Mal die Mahnung zu Frieden und Vertrglichkeit trotz jeder
  Glaubensverschiedenheit -- und, wie ich glaube, nicht ohne Erfolg.
  Heute trete ich noch einmal an Euch heran in einer ebenso ernsten
  Frage. Die Gefahr, um die es sich handelt, ist zwar noch nicht
  drohend, und ich vertraue, da der gesunde Geist des Volkes sie bei
  Zeiten abwenden werde. Dennoch will ich heute schon mich aussprechen,
  weil ich glaube, Euch ntzen zu knnen und weil ich nach 50jhriger
  Dienstzeit nicht darauf rechnen darf, heute Versumtes spter noch
  nachzuholen. Wohl aber rechne ich auf das alte Vertrauen. Trotz
  wiederholter Warnung scheint sich unter einem Theile von Euch der
  Geist der _Sozialdemokratie_ einschleichen zu wollen. Dieser Geist
  aber ist verderblich, und jeder Verstndige mu ihn bekmpfen, der
  Arbeiter so gut wie der Arbeitgeber. Da Ihr dies erkennen mchtet,
  das ist mein Wunsch und Streben.

  In der mildesten Form geht die Lehre der Sozialisten dahin, das
  Eigenthum des Einzelnen zu beschrnken, es ihm theilweise zu nehmen.
  Die Gesammtheit oder grere Genossenschaften sollen es besitzen
  und der einzelne Arbeiter Antheil am Gewinn haben. So soll die
  Lage der Arbeiter verbessert werden, sie wird aber nur dadurch
  verschlechtert. Nehme man z.B. an, da ich aus meinem Besitz sogar
  freiwillig zurcktrte und die Leitung meiner Werke dem Belieben der
  Gesammtheit berlassen wre. Aus der bisherigen oberen Verwaltung
  und von den wirklich Eingeweihten und Befhigten wrde schwerlich
  auch nur Einer der neuen Herrschaft sich unterordnen. An Stelle der
  Erfahrung, welche allein im Stande ist, durch geschickte Leitung
  der Fabrikation und Verwaltung die Werke zu erhalten und ber die
  Gefahren ungnstiger Zeitumstnde hinwegzufhren, wrden daher gar
  leicht zweifelhafte unbewhrte Krfte treten und damit das Ganze dem
  Untergange bald zutreiben. Das braucht wohl Niemand nher erklrt
  zu werden. -- Aber selbst angenommen, da man Leute finden wrde,
  welche die Werke zu fhren im Stande wren, welche in Preis und
  Qualitt die bisher uns vorbehaltene Leistung ausfhren wrden, mit
  der mchtigen fremden Industrie zu konkurriren und sie zu berflgeln
  -- selbst in diesem Falle wrde dennoch die Fabrik aus Mangel an
  Arbeit untergehen mssen, folglich ferner Niemandem mehr Nahrung
  geben, denn die Waare mu nicht nur gemacht, sie mu auch verkauft
  werden. Der inlndische Verbrauch ist aber nicht gro genug, um alle
  unsere Werksttten zu beschftigen, und ohne eine ununterbrochene,
  vereinte, volle Thtigkeit ist das Werk nicht lebensfhig. Der grte
  Theil der Arbeiten mu also in fremde Lnder verkauft werden und geht
  ber die ganze Erde. Diese Ausnahmestellung und seine Gre verdankt
  das Werk dem alten Ruf, der Bekanntschaft und dem Vertrauen, welches
  die Verwaltung sich seit dem Beginn der Fabrik vor und nach erworben
  hat. Ohne dieses an Personen gebundene Vertrauen fllt der ganze
  Weltverkehr weg. Kein Staat und keine Regierung wrde das Werk als
  das alte ansehen, wenn es unter die Herrschaft der Sozialisten kme,
  an Stelle des Vertrauens wrde Mitrauen treten, und dadurch allein
  schon wrden alle Besteller von Kriegs- und Friedensbedarf, Staaten
  und Private, ferngehalten werden.

  Die neuen Volksbeglcker werden sich brigens auch nicht mit diesem
  bloen Anfange der Umwlzung begngen, sie werden weiter gehen
  von Stufe zu Stufe. Was eine fleiige, sparsame Familie, was eine
  Generation ehrlich erworben hat, soll der Faule, Liederliche sich
  aneignen drfen und der Unfhige dem Tchtigen gleich gestellt
  werden. Von selbst mssen dann diese Volksbeglcker, welche um jeden
  Preis ihre Plne durchfhren wollen, dazu kommen, alles Eigenthum
  und Erbe, jeden Thron und jede feste Staatsgewalt beseitigen zu
  wollen. Viele gestehen es offen oder versteckt zu, da sie auch
  die Religion und die Ehe aufheben wollen, damit aber wrde Ordnung
  und Zucht, Scham und Sitte verschwinden. Was Jahrhunderte an Gutem
  geschaffen, veredelt, geheiligt haben, soll vernichtet werden --
  vernichtet natrlich mit Feuer und Schwert. Das ist das Ende, zu
  welchem diese Lehre fhrt. Die vielbesprochene Pariser Kommune,
  ihre Schreckenswirthschaft mit Mord, Brandstiftung und Zerstrung
  war ein Beispiel der Ausfhrung solcher verwilderter Anschauungen.
  Dabei begann auch schon bald, was sich berall frher oder spter
  wiederholen wrde, der Kampf der Leiter und Wortfhrer unter sich
  um die Oberherrschaft. Diese zu erlangen, ist eben das verborgene
  Streben vieler, die jetzt noch fr den gemeinsamen nchsten Zweck,
  fr den Umsturz der bestehenden Ordnung in Staat und Haus, vereint
  kmpfen und spter kein Bedenken tragen werden, die verleitete
  Masse ihrem Eigennutz zu opfern. Freilich drfen wir uns sagen,
  da in unserm Vaterlande eine Umwlzung solcher Art von vornherein
  scheitern wrde an der Soliditt aller bestehenden Verhltnisse und
  Ordnungen, an der Macht des Staates. Aber ich hege die Zuversicht,
  da es deren nicht einmal bedrfen wird, um uns vor jenem Aeuersten
  zu bewahren. Die Mehrzahl der Leute, welche fr die Sozialdemokratie
  gewonnen sind, bleiben nur dabei, weil sie keine Ahnung haben von
  den verbrecherischen und verderblichen Zwecken derselben. Der Mann,
  der tglich um sein Brot sich abmht, ist zwar geneigt, auf die
  Verheiungen eines besseren Looses zu hren und mchte es glauben,
  wenn ihm mheloser Genu des Lebens versprochen wird. Aber die groe
  Mehrheit steht zu hoch in Bildung und Rechtsgefhl, um solchen
  Bethrern dauernd zu folgen. Darum werden deren Bestrebungen schon
  an dem gesunden Sinne des Volkes scheitern. _Das_ kann ihm nicht
  verborgen bleiben: die Plne der Sozialisten sind unausfhrbar in
  sich selbst und eine Thorheit, denn die Welt lt es sich einmal
  nicht gefallen, da jeder Unterschied in Stellung und Werth von
  Menschen und Dingen, da alles Bestehende, das Gute und Bewhrte, auf
  Kosten von Recht und Gesetz vertilgt werde, damit Verbrecher aus den
  Trmmern ihre Lese halten.

  Ich verlasse nun dieses hliche Bild und so unerquickliche
  Betrachtungen, um zu einem anderen Gegenstande berzugehen und zwar
  zu der Geschichte meiner Werke, damit Ihr einsehen mget, aus welchen
  Grnden und mit welchem Rechte ich nicht ein Haar breit nachgebe in
  meinen Forderungen, welche den Schlu dieser Ansprache bilden werden.
  Es ist bekannt, da im Jahre 1826 die verfallene Gustahlfabrik ohne
  Vermgen mir zur Fhrung anvertraut wurde. Mit wenigen Leuten fing
  ich an, sie verdienten mehr und lebten besser als ich; so ging es
  fast 25 Jahre fort mit Sorgen und mhevoller Arbeit, und als ich
  dann eine grere Zahl von Leuten beschftigte, war dennoch mein
  Vermgen geringer, als was heute mancher Arbeiter der Gustahlfabrik
  besitzt. Es waren alle sehr brave Leute, mit denen ich die Arbeiten
  begonnen und durchgefhrt habe. Allen, von denen viele bereits in
  die Ewigkeit hinbergegangen sind, habe ich meinen vollen Dank fr
  ihre Treue bewahrt. Jene aber, die ich von der Heerde, vom Pflug, als
  tchtige Handwerker, als Arbeitslose von allen Professionen, oder als
  Kinder von Wittwen angenommen habe, traten bereitwillig bei mir ein,
  weil sie ihr Loos verbesserten, und sie haben in den meisten Fllen
  auch dafr ihren Dank gern ausgedrckt. Mancher von ihnen ist ein
  wohlhabender Mann geworden. (Viele Aeltere, Meister und Arbeiter, die
  zum Theil schon vor ca. 46 Jahren bei mir eingetreten sind, genieen
  schon seit lange ihre Pension; andere arbeiten noch mit voller
  Kraft und alter Treue.) Den Leuten, die ich gebraucht habe, habe
  ich ihren Lohn gezahlt, meistens ihre Stellung verbessert und nach
  gesetzlichen Bestimmungen den Kontrakt verlngert oder sie entlassen.
  Mancher verlie die Fabrik, um anderswo sich zu verbessern, der
  eine ist gegangen und ein anderer hat die Stelle wieder besetzt,
  und wo ursprnglich 3 Mann beschftigt waren, standen spter 15000.
  Im Laufe der Zeit haben mehr als 100000 Mann solchen Wechsel auf
  meinen Werken durchgemacht, und es ist ganz natrlich, da solcher
  Ab- und Zugang fortdauern wird. Jeder Mann hat nach seiner Kraft und
  Fhigkeit seinen Lohn erhalten, und anstatt eines Jeden konnte in den
  meisten Fllen auch ein Anderer hingestellt werden.

  Es ist bisher Keinem eingefallen, nach Empfang des vereinbarten
  Lohnes noch einen Anspruch zu erheben an den Gewinn. Fr diesen
  Anspruch treten aber heutigen Tages gelehrte Volksbeglcker mit
  den schnsten Redensarten auf, und diese haben wesentlich zu den
  bethrenden sozialistischen Lehren gefhrt. Der Arbeiter hat die
  Erfindungen nicht gebracht. Er wird nicht betroffen von den Kosten
  und Verlusten, welche der Fabrikant fr Versuche und Anlagen zu
  tragen hat. Fr die Arbeit erhlt er seinen Lohn. Es kann keine Rede
  davon sein, da irgend Jemand einen besonderen Anspruch behalte,
  auer solchem, der in Steigerung des Lohnes und des Gehaltes besteht
  und immer nur Folge grerer Leistungen ist. Das ist Sache der freien
  Vereinbarung. Die Erfindungen und dazu gehrenden Produktionen habe
  ich eingefhrt; der Arbeiter darf aber nicht die Frucht verlangen von
  der Thtigkeit Anderer, das ist gegen das jedem Menschen eingeborene
  Rechtsgefhl. Wie Jedermann vertheidige auch ich mein Eigenthum; wie
  mein Haus, so ist auch meine Erfindung mein und die Frucht derselben,
  sie mag Gewinn sein oder Verlust. In seinem Lohne hat der Arbeiter
  den greren Antheil am Ertrage. Denn durchschnittlich betrgt in
  guten Zeiten der Lohn mehr als drei Viertel des ganzen Werthes der
  Fabrikate, der Rest mu Zinsen, Entwerthung, Verwaltungskosten,
  verlorene Posten und dergleichen decken. Dann erst kommt der Gewinn.
  In schlechten Zeiten aber, wo der Arbeitgeber oft nichts verdient,
  vielleicht viel verliert, behlt der Arbeiter immer noch seinen
  Lohn. Der Arbeiter, der in guten Zeiten Antheil am Gewinn verlangen
  mchte, mte doch auch in schlechten Zeiten, wo zugesetzt wird, den
  Verlust theilen, und doch verlangt er auch dann vollen Lohn. Daher
  ist es nothwendig, da der Arbeitgeber in guten Jahren mehr verdient,
  als er gebraucht. Gerade wie der Landwirth, mu er auf Wechselflle
  vorbereitet sein. Beide haben oft die Kosten fr die Saat und keine
  Ernte. Hat die Fabrik in guten Jahren ihr Kapital nicht vergrert,
  so knnte sie in schlechten Jahren nicht bestehen und mte die
  Arbeiter entlassen. -- Das ist bisher in grerem Mae nicht nthig
  gewesen, sie hat, wenn Alles darnieder lag, dennoch die Arbeit
  fortgesetzt, auf Vorrath fabrizirt oder mit Verlust verkauft, um die
  Leute zu ernhren und ihren Heerd warm zu halten. Wie ich den Verlust
  allein tragen mu, so ist auch der Gewinn mein von Rechtswegen, denn
  ich habe ihn erworben mit meiner Kraft und meiner Sorge. Ich habe das
  Bewutsein, da diese Werke ein Segen sind fr das Land und fr die
  Arbeiter. Sie sind das umsomehr, weil _mein Interesse mir empfohlen
  haben wrde, dieselben im Auslande zu errichten, wo ich frher und
  mehr Anerkennung und Absatz gefunden habe und grere Vortheile haben
  wrde_.

  Um die Lage meiner Arbeiter zu verbessern, war ich von jeher zunchst
  darauf bedacht, ihnen ein mglichst sorgenfreies Dasein fr die
  Zeiten zu verschaffen, in denen sie selbst nicht mehr arbeiten
  knnten. Ihr selbst wit es am besten, wie es mit Kranken, Invaliden
  und ausgedienten Arbeitern bei uns gehalten wird. Dann habe ich den
  Arbeitern Wohnungen gebaut, worin bereits 20000 Seelen untergebracht
  sind, habe Schulen gegrndet, Schenkungen verliehen und Einrichtungen
  getroffen zur billigen Beschaffung von allem Lebens- und Hausbedarf.
  Ich habe mich dadurch in eine Schuldenlast gesetzt, die abgetragen
  werden mu. Damit dies geschehen kann, mu Jeder seine Schuldigkeit
  thun in Frieden und Eintracht und in Uebereinstimmung mit unseren
  Vorschriften. Die jetzt allgemein verbreitete Geschftsstille hat
  bereits viele Fabriken, Htten und Gruben unseres Landes empfindlich
  berhrt. Geringe Preise haben geringe Lhne zur Folge gehabt, und bei
  einigen Werken ist schon vollstndiger Mangel an Arbeit und dadurch
  Stillstand eingetreten. In den verschiedenen Klassen der Gesellschaft
  giebt es Leute, die irrthmlich die Besserung ihrer Lage von der
  Aenderung der Verfassung, der Regierung und der Gesetze erwarten,
  dabei aber das Wesentlichste vernachlssigen, was in ihrer eigenen
  Gewalt liegt. Flei, Ordnung und Sparsamkeit ist der erste und
  sicherste Schutz gegen die beklagte Noth, und wo sie fehlen, helfen
  auch die beste Regierung und die besten Gesetze nichts. Umwlzungen
  jeder Art sind ebenso verkehrte Mittel zur Besserung der Lage, als
  wenn man ein Haus wegen einzelner Fehler abbrechen wollte. Dann wird
  man obdachlos. Man verbessert und reparirt und erhlt das Bestehende.

  Die augenblickliche Noth hat ihre Hauptursache in den bertriebenen
  Unternehmungen der vergangenen Jahre, in einer allgemeinen Verirrung.
  Der Arbeiter hatte aber fr sich dabei zunchst nur einen hheren
  Lohn erzielt, und wenn er von demselben nicht so viel erbrigt hat,
  da er damit ber die schlechte Zeit sich hinweghilft, so hat er
  damals seinen groen Lohn, der schlielich die Arbeitgeber hufig
  ruinirte, leichtsinnig vergeudet und nun sich selbst Vorwrfe zu
  machen. Das kann er nur ausgleichen durch Sparsamkeit, Ordnung und
  Flei. Mit Gewalt und Umwlzungen geht das nicht. In den siebenziger
  Jahren haben wir das Beispiel erlebt, da trotz der nie dagewesenen
  Hhe der Lhne Bergleute ihre Gruben verlieen, und ebenso Arbeiter
  die Fabriken, um die Besitzer zu unmglichen Erhhungen der
  Lhne zu zwingen. Das hat keinen Segen gebracht und hat auch nur
  zurckgefhrt werden knnen auf Verfhrungen Fremder, die auch jetzt
  noch fortfahren, Aufregung hervorzubringen. -- Ich erinnere daran,
  da Bergwerke still gelegt wurden, um dadurch auch meine Fabrik zum
  Stillstand zu zwingen, und da nur mit Aufwand groer Kosten dies
  Unheil von meinen Leuten abgewendet wurde, indem ich sogar bis von
  Saarbrcken Kohlen bezog. England ist gro und mchtig geworden
  durch Industrie, die Arbeiter haben dann Vereine gegrndet und die
  Arbeit eingestellt, um hhere Lhne zu erpressen. Dadurch ist zum
  groen Theil die Arbeit von England auf das Ausland bergegangen.
  Die deutsche Industrie hat von diesem Fehler der englischen Arbeiter
  Nutzen gehabt. Das ist auch eine Warnung! Die Nachahmung des
  schlechten Beispiels wrde auch unsere Industrie ins Ausland treiben.
  Unter den schwierigsten Umstnden habe ich den Muth gehabt, fr meine
  Leute einzutreten und behalte ihn auch in der jetzigen schweren Zeit.
  Ich hoffe, da wir sie berwinden werden, da wir Arbeit behalten
  werden. Alle Krfte werden dafr nach allen Seiten aufgewandt. --
  Das sollten die Arbeiter dankbar anerkennen, und diejenigen, welche
  tglich fr diesen Zweck Sorge und Mhe aufwenden, durch freundliche
  Dienstfertigkeit aufmuntern fr den schweren Beruf. In welchem Maae
  die Gustahlfabrik noch weiter von der Geschftsstille betroffen
  werden wird, das lt sich noch nicht voraussehen, wenn auch fr die
  nchste Zeit Arbeit beschafft ist. Jedermann mge vorbereitet sein
  auf die Ereignisse.

  In frheren Zeiten, wo die Lhne auch verhltnimig sehr viel
  niedriger standen als jetzt, waren die Arbeiter mit bescheideneren
  Ansprchen glcklicher und zufriedener und kannten nicht den
  verderblichen heutigen Aufwand fr Kleidung und Durst. Ich gebe Euch
  nun diesen Rath: Lat Euch nicht blenden durch schne Worte und
  erwartet das Heil nicht von solchen, die einen neuen mhelosen Weg
  zur Volksbeglckung gefunden haben wollen. Die Angelegenheiten des
  ganzen Vaterlandes sollen Jedem wichtig und theuer sein, aber dazu
  hilft gar nichts das Kannegieern, das Schwatzen ber politische
  Angelegenheiten, das ist nur den Aufwieglern willkommen und strt die
  Pflichterfllung. Eine ernste Beschftigung mit der Landespolitik
  erfordert mehr Zeit und tiefere Einsicht in schwierige Verhltnisse,
  als Euch zu Gebote steht. Das Politisiren in der Kneipe ist nebenbei
  sehr theuer, dafr kann man im Hause Besseres haben. Nach gethaner
  Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der
  Frau und den Kindern. Da sucht Eure Erholung, sinnt ber den
  Haushalt und die Erziehung. Das und Eure Arbeit sei zunchst und vor
  Allem Eure Politik. Dabei werdet Ihr frohe Stunden haben. Mit dem
  Laufe der Zeit, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird Alles besser. Wer
  zurckblickt in die Vergangenheit, mu sich berzeugen, da groe
  Fortschritte gemacht worden sind zum Besten Aller und vor Allem
  auch der arbeitenden Klasse. Schlechte Zwischenzeiten mssen durch
  treues Zusammenhalten der Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber berwunden
  werden. Aber vor 50 Jahren lebte kein Arbeiter so gut in Nahrung,
  Wohnung und Kleidung, als heute. Keiner wird tauschen wollen mit dem
  Loose seiner Eltern und Vorfahren. Was ich nun hiermit ausgesprochen
  habe, mge Jedem zur Aufklrung dienen und deutlich machen, was
  er zu erwarten hat von Handlungen und Bestrebungen im Dienste des
  Sozialismus. So sehr ich auch wnsche, da meine Arbeiter statt der
  verfhrenden Schriften nur ntzliche belehrende lesen, so kann ich
  doch Niemand dazu zwingen. Die Neigung zum Guten und Schlechten
  zeigt nur den Geist der Leser und kann nicht ohne Folgen bleiben.
  Jeder mu die Folge seiner Handlungsweise tragen. Man erwrmt keine
  Schlange an seiner Brust, und wer nicht von Herzen ergeben mit
  uns geht, wer unseren Ordnungen widerstrebt, kann nicht im Kreise
  unserer Arbeiter bleiben. Denn wo mit Wohlwollen und Gerechtigkeit
  das Regiment gefhrt wird, mu auch Strenge gehandhabt werden gegen
  solche, die das gute Einvernehmen und den Frieden zum Nachtheile
  der groen Gemeinschaft stren wollen. Wie dies seither mein fester
  Wille gewesen, so ist dies auch eine ausdrckliche Bestimmung
  meines letzten Willens. Statt der zeitweise gebten Nachsicht wird
  daher auch, wie hier angekndigt, Strenge eintreten mssen, wenn die
  Ordnung dies fordert. Mge sich also Niemand durch bisher erfahrene
  Nachsicht verleiten lassen, auf unrechtem Wege zu beharren.

  So schliee ich mit den besten Wnschen fr Alle.

                                                 (gez.) Alfred Krupp.

Ich habe geglaubt, trotz seiner Lnge dieses hochbedeutsame
Schriftstck in seinem ganzen Umfang mittheilen zu mssen, weil
es einmal ein schnes Beispiel giebt von Krupps rechtlicher und
schlichter, dabei durchaus auf das Praktische gerichteten Denkweise,
weil es ferner zeigt, wie er in berzeugter Beharrlichkeit das
patriarchalische Verhltni zu seinen Arbeitern festhlt und gegen alle
Beeinflussung zu vertheidigen sucht, und weil es endlich ein seltenes
Dokument ist fr seine politischen Ansichten. Die Ueberzeugung, da
seinen Angestellten zum Politisiren Zeit und tiefere Einsicht fehle,
da sie in Arbeit und huslichen Pflichten ihre Politik zu finden
htten, bertrug er in gewissem Sinne auch auf seine eigene Person.
Sein Haushalt war die Fabrik mit dem ganzen zahlreichen Personal, seine
Arbeit die Fhrung der deutschen Eisenindustrie im erfolgreichen Kampfe
mit der des Auslandes. Gelang es ihm, durch eine tchtige erzieherische
und segensreiche Organisation der Verwaltung seiner Werke, sowie
durch krftige Abwehr der zersetzenden Elemente eine festgefgte,
auf Ordnungsliebe und Pflichterfllung gegrndete Gemeinschaft
herzustellen und anderseits durch stetige Vervollkommnung und absolute
Zuverlssigkeit seiner Erzeugnisse der vaterlndischen Industrie ihre
anerkannt fhrende Stellung zu sichern, so war er sich bewut, dem
Vaterlande einen unschtzbaren Dienst zu leisten und hierdurch seine
politische Mission fr den Staat in vollstem Sinne zu erfllen. Was
er seinen Arbeitern sagte, wandte er also auch auf sich selbst an:
zu weiterer Antheilnahme an der Politik hatte er keine Zeit und Kraft
brig.

Eine Aeuerung ber Politik suchte er in konsequenter Weise auch stets
zu vermeiden und schob selbst eine Errterung der sozialistischen
Lehren so lange von sich, bis der Organismus seines Gemeinwesens
dadurch ernstlich gefhrdet wurde. Nun aber begngt er sich nicht mit
Mahnungen und Warnungen, sondern geht gleich direkt auf den Kernpunkt
los, welchen er in der Lehre der Kathedersozialisten erblickt:
Der Arbeiter ist an dem Ertrag eines industriellen Unternehmens
zu betheiligen. Er erblickt hierin eine Ungerechtigkeit und eine
Undurchfhrbarkeit, weil der Arbeiter nicht gezwungen werden kann, an
den Verlusten in gleicher Weise wie an dem Gewinn sich zu betheiligen,
denn er kann die Arbeit jederzeit verlassen, er ist nicht an das
Unternehmen gefesselt, wie der Besitzer und Arbeitgeber. Und diese
seine Ansicht spricht Krupp unumwunden aus; er wei sie in klarer Weise
zu begrnden und seine berechtigten Ansprche denen der Sozialisten
gegenber zu behaupten.

Gerade dieser Theil der Schrift mute weit ber die Grenzen der
Fabrik hinaus Aufsehen erregen; die Zeitungen brachten lange Auszge
daraus, und in allen Kreisen der staatserhaltenden Ordnungsliebe ward
ihr allgemeiner Beifall gezollt. Die sozialdemokratischen Agitatoren
waren eifrig bemht, den fhlbaren Eindruck, welchen die Broschre
auf die Arbeiter, namentlich in Essen, gemacht hatte, abzuschwchen
und begannen, in lrmenden Versammlungen diese zu diskutiren. Diesem
Unwesen machte Krupp aber, soweit seine Macht reichte, energisch ein
Ende. Er kndigte Anfang April 30 Arbeitern, welche hauptschlich die
Agitation betrieben hatten, ihre Stellung. Wenngleich die Essener
Freie Zeitung diese Zahl gleich zu 120 anwachsen lie und einen Aufruf
zur Untersttzung der Mrtyrer erlie, hatte das fr die Fabrik
keine weiteren Folgen. Der Friede und das gute Einverstndni mit den
Angestellten war wieder hergestellt.

Es kam das Jahr 1878 mit seinen schmachvollen Mordversuchen, welche
zwei Sozialdemokraten am 11.Mai und 2.Juni gegen den verehrtesten
und verehrungswrdigsten Regenten seiner Zeit, gegen Kaiser Wilhelm,
verbten. Nun mute endlich den sozialdemokratischen Verhetzungen,
die man in verblendeter Gleichgltigkeit immer weiter sich hatte
ausbreiten lassen, mit Ernst entgegengetreten werden. Dem neuen
Reichstag fiel diese Aufgabe zu, und die staatserhaltenden Elemente
hatten im ganzen Reiche die triftigste Veranlassung, ihre Meinung bei
den Wahlen der Abgeordneten zur Geltung zu bringen. Jetzt trat die
Frage an den angesehensten und einflureichsten Mann von Essen, an
Alfried Krupp, heran, ob er die Vertretung des Wahlkreises bernehmen,
ob er zu Gunsten einer fr den Staat so auerordentlich wichtigen
Aufgabe aus seiner politischen Zurckhaltung heraustreten und fr
die Staatsinteressen sowie fr die Arbeiterinteressen im Reichstage
eintreten wollte. Es gab keinen Mann, der mehr Vertrauen genossen und
der mehr Aussicht htte, gegen den sozial-ultramontanen Kandidaten
Sttzel den Sieg zu erringen. Mnner wie Lwe und Berger, Kreutz und
Stumm lieen sich fr ihre Industrie-Bezirke gewinnen, aber es erschien
ein Reform-Reichstag auf dem Gebiete der sozialen und wirthschaftlichen
Gesetzgebung ohne den erfolgreichen Vorgnger Alfried Krupp kaum
denkbar.

Die Vertrauensmnner-Versammlung am 26.Juni und die ffentliche
Whlerversammlung am 7.Juli whlte einstimmig Krupp zum Kandidaten
der regierungsfreundlichen Parteien; es handelte sich darum, auch die
ultramontanen Whler zu gewinnen und man glaubte dessen sicher zu sein,
wenn er sich bereit erklrte, die Wahl anzunehmen. Aber er enthielt
sich jedes Zeichens der Zustimmung; die Gegenpartei wute daraus Gewinn
zu ziehen, indem sie die Aufstellung der Krupp'schen Kandidatur als
gegen seinen ausdrcklichen Willen geschehen hinstellte; Sttzel,
welcher sich vollstndig dem Programm der Zentrumspartei unterworfen
hatte, ward von den Ultramontanen gewhlt und ging aus der Wahl am
28.Juli mit 14527 Stimmen, mit 113 Stimmen ber die absolute Mehrheit,
als Sieger hervor. Die liberalen und nationalen Stimmen betrugen
13882 gegen 2693 im Jahre 1871 und 6634 im Jahre 1877, aber das war
ein geringer Trost: kirchlicher Fanatismus und politischer Unverstand
hatten gesiegt.

Soll man Krupp aus seiner Zurckhaltung einen Vorwurf machen? Er ist
zu verstehen aus seinem an der einmal gewonnenen und ausgesprochenen
Ueberzeugung zh festhaltenden Charakter. Seine Arbeit wollte er
allein als seine Politik betrachten. Zu der Uebernahme einer weiteren
Aufgabe konnte er sich selbst unter den vorliegenden schwerwiegenden
Verhltnissen nicht entschlieen, fhlte sich vielleicht auch bei
seinem Alter von 66 Jahren den vermehrten Anstrengungen nicht mehr
gewachsen.




~X.~

Neue Aufgaben und neue Erfolge.


Gerade dieses letzte Jahrzehnt seines Lebens stellte Krupp die Aufgabe,
seine Befhigung zum Geschtz-Konstrukteur -- nachdem er einmal
als solcher den Wettkampf aufgenommen hatte -- auch durch weitere
Fortschritte zu bethtigen. Da war nicht nur seinem Gustahl in der
Stahlbronze ein einflureicher Gegner erstanden, sondern da ward auch
seiner Konstruktion der Rohre, des Verschlusses und der Laffeten von
den tchtigsten Konstrukteuren der Krieg erklrt, da galt es zu zeigen,
ob seine Ideen entwicklungsfhig, ob sie auch gesteigerten Ansprchen
durch weitere Vervollkommnungen zu entsprechen im Stande seien. Und
wenn Alfried Krupp am Abend seines Lebens des Sieges sich noch freuen
durfte, so war es gerade die Unbezwingbarkeit seiner ersten Ideen,
welche ihm dazu verhalf und die Ueberlegenheit dieses Mannes ber
seine Gegner klarlegte, die von einem Konstruktionsprinzip zum andern
sprangen im vergeblichen Versuche, ihn zu berflgeln.

Die neuen Aufgaben und erhhten Forderungen lagen zunchst auf dem
Gebiete der schweren -- Belagerungs- und Schiffs-Geschtze. Die immer
zunehmende Strke der Schiffspanzer bedingte fr diese, namentlich
fr die Kstengeschtze eine grere Durchschlagskraft, um die
feindliche Flotte in respektvoller Ferne zu halten; Krupp entsprach
dieser Aufgabe durch Konstruktion einer 35,5~cm~ Ringkanone, wie
sie 1876 zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt wurde. Mit einer
lebendigen Kraft von 6633 Metertonnen bertraf dieses Riesengeschtz
das soeben in England fertig gestellte 81 Tons-Geschtz (ein 36,8~cm~
sthlerner Hinterlader), welches nur 6484 Metertonnen an lebendiger
Kraft erreichte. Man konnte annehmen, da Krupp's Geschtz den Panzer
des damaligen strksten englischen Schiffes Inflexible (60,96~cm~)
noch auf 1800~m~ Entfernung durchschlagen wrde.

Die Kstenvertheidigung stellte aber noch eine zweite Aufgabe. Es
erschien ausfhrbar, die feindlichen Schiffe durch eine Durchschlagung
ihres Decks kampfunfhig zu machen; jedoch bedurfte man hierzu eines
Wurfgeschtzes, welches auf grere Entfernungen mit der hinreichenden
Treffsicherheit ausgestattet war, um das verhltnimig ungnstige
-- weil sich bewegende und nicht sehr groe -- Ziel auch zu treffen.
Der von der deutschen Admiralitt zu diesem Zwecke zunchst ins Auge
gefate 21~cm~-Mrser gengte in letzterer Beziehung nicht, und Krupp
konstruirte deshalb 1875 selbstndig eine 28~cm~-Haubitze, mit der auf
dem Schieplatz in Visbeck sehr gnstige Resultate erzielt wurden.
Das Geschtz erreichte bei 45 Elevation eine Wurfweite von 7500~m~,
also einer deutschen Meile. Das Geschtz ward in der Folgezeit noch
wesentlich verbessert, erhielt namentlich durch eine schwerere und
lngere Granate eine grere Durchschlagskraft und erreichte bei dem
Schieversuch 1879 eine Schuweite von 7870~m~.

Auch die 35,5~cm~-Kanone machte nach 1875 wesentliche Vernderungen
durch, erhielt bei kleinerem Gewicht eine grere Rohrlnge von
8,80~m~ und erreichte bei den Schieversuchen in Meppen 1878 eine
Schuweite von 10000~m~; ein gleiches Maa auch die gleichzeitig
vorgefhrte 28~cm~-Kanone. Diese Schieversuche im Jahre 1878 sind
deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie zur ersten Erprobung des neu
eingerichteten Schieplatzes in Gegenwart zahlreicher Gste dienten.

Je mehr sich Krupp mit der selbstndigen Konstruktion der Geschtze
beschftigte, desto mehr mute er danach streben, alle von ihm und
seinen Technikern gemachten Verbesserungen und Neukonstruktionen auf
eigenen Schiepltzen einer grndlichen Prfung zu unterwerfen, sich
in dieser Beziehung also von den Schiepltzen der Staaten und ihren
dort schaltenden Komitees und Prfungskommissionen ganz unabhngig
zu machen. Nur dieses konnte ein selbstndiges weiteres Studium und
die selbstndige Ausbeutung der von ihm erreichten Verbesserungen
gewhrleisten. Selbst der Schieplatz bei Dlmen und ein im Jahre
1877 gepachteter bei Bredelar gengten den Zwecken nicht mehr, da die
Wirkungssphre der neuen Geschtze stetig sich steigerte. Deshalb
erwarb Krupp 1877 ein umfangreiches fast ganz ebenes Gebiet bei
Meppen in der Provinz Hannover und richtete dieses zu dem mchtigen
Schieplatz ein, welcher seitdem durch die dort stattfindenden
hochwichtigen Versuche und durch seine nirgend bertroffenen
Einrichtungen so groe Berhmtheit erlangt hat.

Ein besonderes Schienengeleise von 3500~m~ Lnge verbindet die
Station Meppen der Westflischen Eisenbahn mit den Etablissements des
Schieplatzes. Dieser selbst erstreckt sich mit 16800~m~ Lnge durch
Haide und Bruchland und wird nur durch drei sehr wenig begangene Wege
quer durchschnitten. Bis zur Entfernung von 12 Kilometer erstrecken
sich beiderseits elektrische Drahtleitungen von dem Geschtzstand zu
den Unterstnden der Sicherheitsposten, welch' letztere auch mittelst
Signalmasten sich verstndigen knnen. Den Geschtzstand bildet eine
fr die verschiedenen Geschtzarten und Kaliber eingerichtete lange
Betonbettung, ber welcher ein Laufkrahn sich bewegt zur Hebung
und Frderung der schweren Rohre, whrend drei Schienengeleise zu
deren Heranfhrung dienen. Neben dem Hauptempfangsgebude und einem
Beobachtungsthurm, von dem man das ganze Vorfeld bersehen kann, steht
ein mchtiger Laffetenschuppen zur Aufbewahrung von Rohren, Laffeten,
Protzen und Geschossen schwersten Kalibers, ein Telegraphenhaus
und zwei Wohngebude fr das Aufsichtspersonal. Ferner fehlen
ein Sicherheitsstand fr Panzerschieversuche, Pulvermagazin und
Laboratorium natrlich nicht, um alle Bedrfnisse zur Hand zu haben.
Durch seine Ausstattung mit allen Messungs- und sonstigen Apparaten
bertrifft der Schieplatz in Meppen bisher noch alle staatlichen --
geschweige denn privaten -- derartigen Anlagen, selbst diejenigen
Englands.

Zu einem ganz bestimmten Zwecke, auf den wir noch zurckkommen, hatte
Krupp bereits einmal, im Jahre 1871, vor geladenen Gsten -- Vertretern
aller europischen Staaten mit Ausnahme Frankreichs, sowie von
Japan, Brasilien und Argentinien -- auf dem Schieplatz von Bredelar
einen greren Versuch vorgefhrt. Er wiederholte diese Einladung im
Jahre 1878, um den neuen Schieplatz bei Meppen wrdig einzuweihen
und seine neuesten -- oben bereits erwhnten -- Konstruktionen
den Artillerie-Offizieren aus aller Herren Lnder vorzufhren.
Einschlielich eines vorangehenden Versuches in Bredelar verweilten
die militrischen Gste vom 27.Juni bis 3.Juli, durch Friedrich
Alfred Krupp von einem Etablissement zum andern, von einem Schieplatz
zum andern geleitet, eine internationale Versammlung, welche ihrem
liebenswrdigen Gastgeber zu doppeltem Danke verpflichtet waren;
denn whrend sie einerseits ihr Wissen und ihre Kenntni durch die
Vorfhrung der neuesten Geschtzkonstruktionen bereicherten -- woraus
allerdings dem Fabrikherren auch Geschftsvortheile erwachsen muten
-- kamen bei dieser Gelegenheit viele bedeutende Persnlichkeiten
verschiedener Nationalitten in Berhrung miteinander, es ward im
Meinungsaustausch manche Verbindung angeknpft, welche in der Folge
zu einer Frderung der gemeinsamen Wissenschaft beigetragen hat. In
dieser Beziehung sind diese groartigen Versuche Krupps -- denen spter
auch Gruson nachahmte -- von groem Werthe fr die Entwickelung der
artilleristischen und fortifikatorischen Fragen geworden, und das ist
Alfried Krupp zu danken, selbst wenn er diesen Punkt nicht im Auge
hatte.

Schon im nchsten Jahre wiederholte er seine Einladung, um dieses
Mal vom 5. bis 9.August 1879 ein neues Riesengeschtz, die 40~cm~
Ringkanone vorzufhren, welche mit einem 10~m~ langen Rohr das
der 35,5~cm~-Kanone noch um 1,20~m~ berragte. Andere Staaten
hatten nicht gezgert, die Leistungsfhigkeit ihrer Schiffs- und
Kstenartillerie gleichfalls durch Vergrerung der Kaliber und
Vermehrung der Durchschlagskraft zu steigern; denn bei dem Kampf
zwischen Schiffspanzer und Geschtz waren zunchst die Grenzen --
Tragfhigkeit der Schiffe fr die immer gesteigerten Lasten -- noch
nicht erreicht worden. Gerade hierfr aber erschienen die Kruppschen
Geschtze immer am vortheilhaftesten; denn whrend sie in ihren
Leistungen die gleichkalibrigen englischen wesentlich bertrafen,
hinter den noch greren (45,08~cm~) italienischen aber wenig
zurckblieben, waren sie ganz bedeutend leichter. Die 40~cm~-Kanone
wog 72, die englische 40,6~cm~-Kanone 81,2 und die italienische
45,08~cm~-Kanone 101,05 Tonnen. Nicht mit Unrecht schrieb daher ein
amerikanischer Berichterstatter am 25.Oktober 1879: Die Ergebnisse
der bei Meppen ausgefhrten Versuche sind charakteristisch. Die
Krupp'schen Geschtze besitzen die gleiche Durchschlagskraft wie
die vorhandenen Woolwich-Kanonen von doppeltem Gewicht, so da
man knftighin Schiffe, welche die englischen Geschtze ihres zu
bedeutenden Gewichtes wegen nicht zu fhren vermgen, mit den
leichteren und wirksameren deutschen Kanonen bewaffnen wird. Daraus
mu man also die fr Amerika sehr beachtenswerthe und fr England
sehr niederschlagende Folgerung ziehen, da ein lediglich auf seine
eigenen Hilfsquellen angewiesener deutscher Fabrikant im Stande
gewesen ist, nach verhltnimig kurzen Versuchen schwere Geschtze
herzustellen, welche den in der englischen Artillerie eingefhrten
bei Weitem berlegen sind, und deren Leistungen die bis dahin von
der Unbertrefflichkeit ihrer Kanonen berzeugten Konstrukteure von
Woolwich genthigt haben, in aller Eile eine Reihe neuer Versuche zu
beginnen, um den ihnen angebotenen Wettstreit aufzunehmen und womglich
siegreich durchzufhren.

Die englischen Woolwich-Geschtze hatten gerade in jenem Jahre einen
empfindlichen Sto durch das Zerspringen eines Vorderladers auf dem
Thunderer erlitten, und bei dem hierauf neu entsponnenen Streit ber
Hinter- und Vorderlader hatten die Gegner der ersteren auch wieder
die Unglcksflle von 1866 hervorgeholt, um nachzuweisen, da auch
die Krupp'schen Hinterlader ein solches Migeschick treffen knne wie
ihr Woolwich-Rohr. Krupp konnte in einer hierauf antwortenden Schrift
(die bereits erwhnt wurde) nachweisen, da von den 5 Geschtzrohren
des nach 1870 eingefhrten Systems, welche gesprungen waren, eins in
Folge eines Dauerversuches -- also beabsichtigt -- und vier in Folge
von Sprngen in den Seelenwnden und daraus entstehenden Klemmungen,
also durchaus nicht unvermuthet und ohne vorherige Anzeichen, gerissen
waren, und doch nur auf je 2500 Geschtze ein einziges fehlerhaftes.

Auer dem neuen 40~cm~-Geschtz und der 35,5~cm~-Kanone wurde
bei den Schieversuchen des Jahres 1879 eine ganze Reihe anderer
Geschtze, die lange 15~cm~-Kanone, die 21~cm~ Festungs-Haubitze,
der 15~cm~-Mrser, die 24~cm~-Kanone in Kstenlaffete, und die
8,7~cm~-Pivot-Schiffskanone probirt. Den Schlu bildete aber eine
Vergleichsbeschieung von zwei verschiedenartigen Panzerplatten,
und hiermit betrat Krupp wiederum ein neues Gebiet. Wenngleich
diese ersten Panzerschieversuche ganz bestimmten, eng begrenzten
Zwecken dienten, sind sie doch als Anfang der langen Reihe wichtiger
Panzerschieversuche zu betrachten, deren Schauplatz der Schieplatz
bei Meppen in spteren Jahren werden sollte.

Am 17.Februar des Jahres 1876 hatte Krupp fr den preuischen Staat
ein Patent auf ein 15~cm~-Geschtz ohne Rcklauf fr Panzerbatterien
erhalten, und der bereits erwhnte Schieversuch am 7. und 8.November
1877 auf dem Schieplatz bei Bredelar hatte den Zweck, den Vertretern
aller Mchte diese neue Erfindung vorzufhren. Die Anregung dazu hatten
jedenfalls die Konstruktionen von Maximilian Schumann und Hermann
Gruson gegeben. Ersterer hatte im Jahre 1866 einen festen gepanzerten
Geschtzstand zur Erprobung gebracht und letzterer einen gleichen,
aber in Hartgu konstruirten im Jahre 1869 auf dem Tegeler Schieplatz
vorgefhrt. Der leitende Gedanke fr beide Konstrukteure war die
Sicherung eines Festungsgeschtzes gegen die in steter Steigerung
begriffene Wirkung der gezogenen Geschtze durch Umgebung mit einem
eisernen Gehuse, welches vorn lediglich durch die mglichst klein
zu gestaltende Schiescharte durchbrochen und hinten vllig in den
Wall hineingebaut war. Drei Theile waren hierbei neu und von gleicher
Wichtigkeit: das eiserne Gehuse, welches durch Gestalt und Material
im Stande sein mute, dem feindlichen Feuer einen mglichst langen
Widerstand zu leisten; die Scharte, welche so klein zu machen war, da
keine Geschosse oder Sprengstcke zwischen Rohr und Schartenumrahmung
in das Innere gelangen konnten; und hiermit in unmittelbarem
Zusammenhang eine derartige Laffetirung des Geschtzes, da Seiten-
und Hhenrichtung genommen, sowie geladen werden konnte selbst bei der
minimalen Schartengre. Die Laffete mute also so konstruirt sein, da
der Drehungsmittelpunkt fr alle Bewegungen des Rohrs mglichst in der
Scharte lag und da diese womglich niemals unverschlossen blieb, da
also der Rcklauf des Geschtzes mglichst ganz beseitigt wurde.

Grusons Hartgu hatte sich ganz besonders geeignet erwiesen, um das
Gehuse herzustellen. Das Gueisen gestattete, ihm eine allseitig
abgerundete Form zu geben, auf welche das feindliche Gescho meist
schrg auftreffen und abgleiten mute. Die sorgfltige Auswahl der
Eisensorten und die von Gruson zur Meisterschaft entwickelte Kunst des
Coquillen-Gusses lieen es erreichen, da der Panzer an der Auenflche
auerordentlich hart wurde, so da die Geschosse daran zerschellten,
whrend im Innern das Eisen eine hinreichende Elastizitt und
Festigkeit behielt, um nicht in Folge des starken Stoes zu zerbrechen,
wie gewhnliches Gueisen es thun wrde. Die Art und Weise, in welcher
der Hartgupanzer seinen Zweck erfllt, ist mithin eine ganz andere,
als beim Schmiedeeisen oder Walzeisen-Panzer, wie er in den 60er und
70er Jahren in England hergestellt und allgemein verwendet wurde.
Whrend der Hartgu mit der harten Auenflche das Eindringen des
Geschosses verhindert, also undurchdringlich ist, lt das Walzeisen
das Gescho wohl eindringen, setzt ihm aber soviel Widerstand entgegen,
da seine lebendige Kraft beim Eindringen allmhlich aufgezehrt wird.
Deshalb muten die Walzeisen-Panzer immer dicker gemacht werden, je
grere Durchschlagskraft man den Geschossen gab, whrend die Strke
der Hartgupanzer wiederum in Verbindung mit der einer Platte zu
gebenden Masse so gro zu whlen war, da der empfangene Sto keine
Verschiebung oder Zertrmmerung nach sich ziehen konnte.

Minimalschartenlaffeten mit Rcklaufshemmung waren von Schumann wie von
Gruson konstruirt worden. Der Hartgustand hatte seiner zweckmigen
Form wegen ber den Schumannschen den Sieg davon getragen. Beide
Konstrukteure hatten sich hierauf der Erfindung von Panzer-Drehthrmen
zugewendet und Schumann legte im Jahre 1878 dem preuischen
Kriegsministerium seine Entwrfe vor, welche ein ganz neues Prinzip
der Rcklaufshemmung einfhrten, indem das Geschtz mit dem Bodenstck
gegen einen Hauptbestandtheil der Panzerkonstruktion gesttzt wurde
und in Folge dessen den Rcksto auf diese bertrug, ohne selbst
aus der Scharte sich zu bewegen. Ungefhr zu dieser Zeit nherte er
sich auch Alfried Krupp, indem er ihm seine Ideen mittheilte und ihn
fr diese zu interessiren suchte. Eine Verbindung beider genialer
Mnner wrde zur Ausfhrung der Schumannschen Plne in dem denkbar
besten Material gefhrt haben und wahrscheinlich viel schneller die
Entwickelung der deutschen Panzer-Formen gezeitigt haben, als es durch
die Verbindung mit Gruson erreicht wurde, denn Schumann hatte durchaus
keine Neigung zum Hartgu, und so bedurfte es erst vieler gegenseitiger
Zugestndnisse und Kompromisse zwischen ihm und Gruson, mit dem er sich
1882 vereinigte, bevor ein wirkliches Zusammenarbeiten mglich war.

Aber Krupp ging auf Schumanns Vorschlge nicht ein. Es ist kaum
anzunehmen, da er fr die Entwickelungsfhigkeit seiner Ideen kein
Verstndni gehabt htte; aber -- er hatte bereits selbst begonnen,
sich mit demselben Gegenstande zu beschftigen, er hatte bereits selbst
seine ganz bestimmten Ideen in Ausfhrung genommen und hielt sie fr
gut, vielleicht fr besser als die Schumannschen. Jedenfalls hatte er
keine Neigung, auf dem eingeschlagenen Wege sich beirren zu lassen,
und so hat er auch Nichts von den Schumannschen oder Grusonschen
Prinzipien sich in der Folgezeit angeeignet, sondern ist mit einer
gewissen Hartnckigkeit seiner eigenen Idee treu geblieben, wenngleich
er ihr nicht zu der gehofften Anerkennung und allgemeineren Verwerthung
verhelfen konnte.

Seinen Panzerstand setzte Krupp aus Platten zusammen, deren vordere
und seitliche schrg gestellt wurden zur Vermeidung gnstiger
Auftreffwinkel. Das Rohr erhielt einen kugeligen Kopf und wurde mit
diesem in die gleichfalls kugelfrmige Schartenffnung so gelagert,
da es sich um diesen Kugelkopf bewegte und nicht aus der Scharte
herausgestoen werden konnte. Whrend Schumann das Rohr mit dem
Bodenstck aufsttzte, hngte es Krupp gewissermaen an der Mndung
auf, und allgemein nahm man an, da das Rohr unter dem starken Rcksto
abreien wrde. Aber das vorzgliche Material des Tiegelgustahls
hielt auch diese Probe aus, und von einem Zerreien des Rohres hat man
niemals gehrt.

Whrend spter auch der Versuch gemacht wurde, einen Drehthurm fr das
Kugelkopf-Geschtz zu konstruiren, fhrte Krupp zunchst nur den festen
Panzerstand aus, welchen er zum ersten Male 1877 ffentlich erprobte.
Hierbei ward sowohl aus dem Panzerstand auf eine Scheibe, als von zwei
Geschtzen (von 12 und 15~cm~ Kaliber) gegen den Panzer gefeuert. Ein
zweites Schieen, aber nur aus dem Panzerstand, fand am 28.Juni 1878
auf dem Schieplatz bei Bredelar statt und in dritter Stelle folgte die
Beschieung der Frontplatte des Panzerstandes im Vergleich mit einer
Hartguplatte am 8.August 1879.

Letztere hatte offenbar den Zweck, die Ueberlegenheit der Kruppschen
ber die Grusonsche Panzerplatte und der Stahlgeschosse ber die
Hartgugeschosse vor Aller Augen zu beweisen. Es ist durchaus
verstndlich, da der Mann, welcher lediglich in der begeisterten
Ueberzeugung von der Alles bertreffenden Vorzglichkeit der
vterlichen Erfindung eine Welt voll Gegner und Widerstnde berwunden
hatte, auf den Hartgu, auf das so minderwerthige gemeine Gueisen mit
stolzer Verachtung herabblickte, da er nicht begreifen konnte, wie man
in Verblendung diesem schlechten Material Vertrauen entgegenbringen,
wie man die daraus gefertigten Panzerbauten als brauchbar erachten
knne. Es mute ein Leichtes sein, die ganze militrische Welt davon
zu berzeugen, da sie sich in einem Irrthum befnde. Wie leicht Krupp
diese Sache nahm und -- wie wenig Erfahrung er noch hatte auf dem
Gebiete der Panzer-Versuche, geht aus der Art und Weise hervor, wie er
sein Vergleichsschieen in Szene setzte.

Er hielt es nicht fr nothwendig, sich von Gruson eine Platte
schicken zu lassen; er meinte offenbar, das knne doch Jeder, eine
Hartguplatte herstellen, und -- lie sie in der eigenen Fabrik
gieen. Das war ein schwerer Irrthum, denn die Fabrikation der
Hartguplatten, wie sie Gruson fr die grndlichste Erprobung nun
bereits seit Jahren gefertigt hatte, verlangt genau in derselben
Weise eine zweckentsprechende Auswahl der Rohmaterialien und eine
sorgfltige Behandlung beim Gu, wie der Krupp'sche Tiegelgustahl;
ohne genaueste Kenntni aller Bedingungen, ohne jahrelange Versuche
und Einbung aller Arbeiter ist das Eine so wenig wie das Andere
in zuverlssiger Gte herzustellen. Ferner aber stellte er neben
einander seine Schartenplatte und ein Segment eines Hartguthurmes,
wovon jene eine Strke von 508~mm~ hatte und ber der Scharte noch
durch eine aufgeschraubte Schartenblende von 600~mm~ Dicke und
900~mm~ Durchmesser verstrkt war, whrend die Hartguplatte 625~mm~
stark war. Da er beide mit demselben Geschtz bescho, nmlich mit
der 25,5~cm~ Panzerkanone, so htte er die eigene Panzerplatte um
Vieles schwcher nehmen mssen; denn das bedurfte berhaupt keines
Beweises, da eine 50~cm~ starke Walzeisenplatte durch ein 25,5~cm~
Gescho weder durchschlagen, noch ernstlich gefhrdet werden konnte;
anderseits ist das Verhltni der gegen gleiches Gescho anzuwendenden
Hartgustrke der Walzeisenstrke gegenber viel grer als 6 zu 5. Es
zeigt sich in dieser Anordnung die vllige Unerfahrenheit Krupps auf
dem Gebiete der Panzerschieversuche, denn die auf dieser Grundlage
erzielten Ergebnisse, mochten sie noch so vorzglich sein, waren
nichts weniger als einwandfrei; und auf werthlose Resultate konnte es
ihm nicht ankommen. In der That ging -- nicht anders mglich -- die
Walzeisenplatte vllig unversehrt aus der Beschieung hervor: aber
auch die Hartguplatte zeigte nur ein paar Oberflchensprnge, wie
sie sich bei diesem Material immer zeigen, ohne es fr die eigenartige
Verwendung weniger brauchbar zu machen. Fr diejenigen, welche
den preuischen Schieversuchen gegen Hartgupanzer nahe standen,
hatten die Ergebnisse durchaus nicht das Beunruhigende, was einzelne
Referenten daraus folgerten, da nmlich die in Hartgu ausgefhrten
Fortifikationen nun als werthlos erwiesen seien.

Scheinbar hatte Krupp mit seinem Panzergeschtz einen groen Erfolg,
denn die Konstruktion hatte, dank dem vorzglichen Material, die
Erwartungen bertroffen. Thatschlich war es ein Mierfolg; denn die
gegen Gruson gerichtete Spitze war wirkungslos und eine weiterreichende
Verwerthung des neuen Konstruktionsprinzips, so geistreich es war,
blieb aus. Hier rchte sich der Fehler, den Krupp begangen hatte, als
er nicht von vorn herein mit seinem Gustahl den Kampf aufgenommen
hatte auf dem Gebiete der Panzerfabrikation und Panzerkonstruktion.
Erst geraume Zeit spter gelang es der Firma, in ersterer das Versumte
nachzuholen und dann den dem Krupp'schen Fabrikat gebhrenden ersten
Rang in der Panzerfabrikation sich zu erobern.

Anders liegt die Sache mit der Erprobung der Stahl- und
Hartgu-Granaten. Letztere hatten sich in den 70 Jahren bei allen
Schieversuchen den Stahlpanzer-Geschossen berlegen gezeigt und
waren allgemein als beste Panzer-Geschosse anerkannt worden. Krzlich
schien es aber, als wenn der Englnder Sir J.Whitworth mit einer
neuen, knstlich gehrteten Stahlgranate im Begriff wre, ein dem
Hartgugescho ebenbrtiges Stahlgescho zu fabriziren. Dieses mute
Krupp natrlich zur uersten Anstrengung anregen, er erfand eine neue
Hrtungsmethode und wenngleich die mit dieser hergestellten Granaten
am 8.August 1879 keinen unbedingten Sieg ber die Hartgu-Granaten
erfochten, so kann dieser Tag doch als der Ausgangspunkt fr die neue
Geschofabrikation Krupps angesehen werden. Mit der ihm eigenen zhen
Ausdauer gelang es ihm, seinen gehrteten Gustahl-Granaten die erste
Stellung und hiermit wiederum einen glnzenden Erfolg zu erringen.

Auch auf dem Gebiet der Feldartillerie war er unermdlich, um weitere
Vervollkommnungen zu erzielen und konnte bereits in Philadelphia 1876
zwei neue Feldgeschtze und mehrere Gebirgsgeschtze ausstellen, welche
durch Gewichtserleichterung und Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten
als ein Fortschritt bezeichnet werden muten. Im Jahre 1879 brachte er
noch ein viel leichteres Feldgeschtz zur Ausfhrung, das mit Rcksicht
auf einen besonders mangelhaften Zustand der Straen namentlich fr
die auereuropischen Staaten bestimmt war; denn auch fr solche in
allen Erdtheilen waren ja die Krupp'schen Geschtze mehr und mehr zur
unentbehrlichen Waffe geworden.

Die Frchte aller dieser Anstrengungen wollten sich so schnell nicht
einstellen. Bis zum Jahre 1880 schwankte die Arbeiterzahl zwischen
8 und 9 Tausend, blieb also hinter den Zahlen der ersten Hlfte des
Jahrzehnts um 2 bis 3 Tausend zurck, und auch die Produktion nahm
nur langsam zu. Jedoch gelang es, die schweren Bedingungen, unter
denen Krupp vor fnf Jahren die Grundschuld von 30 Millionen Mark auf
sein gesammtes Besitzthum aufgenommen hatte, im Jahre 1879 dadurch
wesentlich zu erleichtern, da behufs Konvertirung der noch nicht
ausgeloosten Obligationen eine Anleihe im Betrage von 22 Millionen
Mark zu gleichen Bedingungen aufgenommen wurde. Der Tilgungstermin war
dadurch bis zum 1.April 1899 verlngert worden. Es erschien geboten,
dieses Arrangement zu treffen, um in der immer noch schwierigen Lage
des Werkes grere Mittel flssig erhalten zu knnen und nicht durch
starke Rckzahlungen die Einnahmen fortlaufend zu belasten.

Die Ausstellung in Dsseldorf gab 1880 Gelegenheit, ein glnzendes
Bild von der Leistungsfhigkeit der Fabrik zu geben. Es ist hierbei
besonders die Vorfhrung einer Schiffswelle von 11551~kg~ Gewicht
erwhnenswerth, weil diese dem Postdampfer Frisia entnommen war, auf
welchem sie von 1872 bis 1877 im Gebrauch gewesen war und in dieser
Zeit 66 Millionen Umdrehungen bei einer durchlaufenen Gesammtreise
von 262000 Seemeilen gemacht hatte, ohne die geringsten Spuren
einer Abnutzung zu zeigen. Hiermit war ein vorzglicher Beweis der
Leistungsfhigkeit und Dauerhaftigkeit des Materials erbracht, der noch
durch das Zeugni des Herrn Adolf Godeffroy aus Hamburg bekrftigt
wurde, da andere von der Firma gelieferte Achsen noch einer strkeren
Beanspruchung sich gewachsen gezeigt htten, wie z.B. eine 1871
gelieferte Doppelkurbelachse, welche auf der Vandalia 111803000
Umdrehungen gemacht hatte. Von einer Konkurrenz mit Krupp war bereits
bei dieser Ausstellung keine Rede mehr; er stand auerhalb des
Wettbewerbes.

Im Jahre 1877 verlebte der Kaiser Wilhelm den Sedantag in der
Gustahlfabrik. Mit groem Gefolge traf er auf der Reise zu den
Manvertagen in der Rheinprovinz in Essen ein; eine Ausstellung der
Maximal-Produktion eines Tages ward ihm in der Fabrik vorgefhrt; um
1000 verschiedene Granaten, die wie ein Teppichbeet gruppirt waren,
schlangen sich 160 Radreifen, 120 Lokomotiv- und Waggonachsen,
160 Eisenbahnrder, 430 Eisenbahnfedern und 1800 Schienen, welche
die ganze Ausstellung wie eine Mauer umfaten; die im Jahre 1865
gegrndete Feuerwehr gab eine Festvorstellung und zu dem Festmahle in
Villa Hgel sangen die Arbeiter die Wacht am Rhein, ein wrdiger
und alle Anwesenden tief bewegender Abschlu eines bedeutungsvollen
und groartigen Tages. Einige Monate spter (am 17.Dezember) traf
der Kronprinz in Essen ein, und im Jahre 1878 besuchte der Enkel
des greisen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preuen, zum ersten Male
den Kanonenknig, von dessen Sohn Alfred Friedrich er bei der
Besichtigung gefhrt wurde.




~XI.~

Die letzten Triumphe und die letzte Enttuschung.


Mit dem Jahre 1881 begann fr Alfried Krupp die letzte und durch immer
sich steigernde Erfolge hervorragende Periode seines ereignireichen
Lebens. Er hatte die Hhe erklommen, unermdliches Streben,
begeisterte Auffassung seines Berufes, unentwegtes Vertrauen auf die
Unbertrefflichkeit des vterlichen Erbes, geniale Erfindungskraft,
weise und praktische Geschftsfhrung, echt patriarchalische Frsorge
fr seine Arbeiter und ein auf die Strkung der vaterlndischen
Wehrmacht unablssig gerichteter Patriotismus hatten ihn dahin
geleitet. Der einzelne Mann hatte mit seiner Kraft seinem Werke eine
Bedeutung und Ausdehnung zu geben vermocht, wie sie kein, selbst mit
den grten Mitteln untersttztes Unternehmen auf dem Gebiete der
Eisen-Industrie hatte erreichen knnen.

Neue Fortschritte bezeichnen noch in diesen seinen letzten
Lebensjahren die Neukonstruktionen der langen Geschtzrohre und der
Schnellfeuerkanonen. Bei dem im Jahre 1882 veranstalteten groen
Probeschieen bei Meppen ward das erste schwere Geschtz von 35
Kaliberlnge, eine 30,5~cm~-Kanone von 10,7~m~ Rohrlnge, vorgefhrt.
Es ward damit die Anwendung grerer Ladungen und schwererer
Geschosse, also eine bedeutende Steigerung der Wirkung beabsichtigt und
erreicht. Zur selben Zeit brachte Krupp ein neues Pulver zur Anwendung,
welches auf seine Anregung hergestellt worden war, und das sich wegen
seines geringen Gasdruckes fr groe Ladungen viel geeigneter erwies,
als das bisherige Schiepulver. Dieses braune Pulver ist als ein
Vorlufer der spter verwendeten rauchschwachen Pulver zu betrachten,
und seine Einfhrung trug wesentlich zur sachgemen Entwickelung der
langen Geschtzrohre bei.

Im Jahre 1885 folgte dem 30,5~cm~ ein von Italien bestelltes
40~cm~-Rohr von 35 Kaliberlnge, welches die stattliche
Lngenausdehnung von 14~m~ erreichte. Die im Jahre 1886 mit diesem
Riesengeschtz unter Anwendung des braunen Pulvers unternommenen
Schieversuche ergaben eine Anfangsgeschwindigkeit von 556-572~m~ und
eine Anfangsenergie von 16500 bis 17510 Metertonnen. Eine andere neuere
Pulversorte lie sogar 579~m~ bezw. 17945 Metertonnen erreichen, das
sind Leistungen, an deren Mglichkeit man bis dahin kaum geglaubt
hatte. Selbstverstndlich hatte Armstrong sich beeilt, ein Geschtz
zu konstruiren, welches das Kruppsche noch bertreffen sollte; es war
ein Rohr von 41~cm~ Kaliber und 36 Kaliber lang, welches bei einer
Anfangsgeschwindigkeit von 651~m~ bis zu 18000 Metertonnen lebendige
Kraft erreichte. Danach schien es allerdings wirksamer zu sein. Eine
Vergleichung der Leistungen zeigt aber, da das Krupp-Geschtz an der
Mndung eine schmiedeeiserne Platte von 1040~mm~ Strke, auf 1000~m~
Entfernung noch von 970~mm~ Strke, das Armstrong-Geschtz an der
Mndung nur eine Platte von 1016~mm~ und auf 914~m~ Entfernung eine
solche von 889~mm~ Strke zu durchschlagen vermochte. Das Krupp'sche
Geschtz war also doch noch berlegen, und hierzu kommt als weiterer
Vorzug die unbedingt grere Dauerhaftigkeit seines Materials.

Italien hatte 4 der 40~cm~-Kanonen fr Spezia bestellt. Der Transport
machte aber besondere Schwierigkeiten wegen Lnge und Gewicht der Rohre
(121 Tonnen). Es wurde ein besonderes Fahrzeug von fast 23~m~ Lnge
gebaut, das aus 2 Wagen mit je 8 Achsen und einem beide verbindenden
Rohrlager bestand. Da aber jeder der Wagen die Lnge von 11,36~m~
hatte, mute er mit Rcksicht auf die Krmmungen der Bahn in der Mitte
mit einer drehbaren Plattform versehen werden, hierauf ruhten die Enden
des Rohres. Die Schweizer Bahnen hielten ihre Eisenbahnbrcken zum
Theil nicht fr tragfhig genug, um die kolossale Last von 218 Tonnen
eines beladenen Wagens darauf befrdern zu knnen. Deshalb sandte Krupp
die vier Rohre nach Antwerpen, von wo sie mittelst Dampfer nach Spezia
transportirt wurden.

Es ist bemerkenswerth, da diese Geschtze paarweise in zwei
Grusonschen Hartguthrmen aufgestellt wurden und da bei einer 1886
vorgenommenen Beschieung durch ein Armstrong-43~cm~-Geschtz mit
Krupp'schen Stahlgranaten eine Platte dieser Thrme sich vollstndig
bewhrte, d.h. fr einzelne Treffer dieses grten Geschtzes auf
krzeste Entfernung (85~m~) unzerstrbar ist und folglich auf
Gefechtsdistanzen vom Schiffe aus nicht wesentlich beeintrchtigt
werden kann.

Die Frage, ob Krupp oder Armstrong der Vorrang gebhre, welche
ja namentlich bezglich der berseeischen Lnder fr beide von
groer Bedeutung war, wurde im Jahre 1885 von dem argentinischen
Oberstlieutenant Sellstrm einer Besprechung unterzogen, in der er
neben technischen Vorzgen der deutschen Geschtze betont, da Krupp
stetig an seinem System festgehalten habe, whrend Armstrong bei dem
wiederholten Wechseln und Schwanken zwischen Vorder- und Hinterlader
nicht den gleichen Grad der Sicherheit fr die Gte seiner Rohre in
Anspruch nehmen knne, wie jener; da Krupps Feldgeschtze von allen
Mchten angenommen, Armstrongs im eigenen Lande verworfen seien; da
Krupp alle seine vor Zeugen abgehaltenen Schieversuche verffentliche,
whrend Armstrong eine kluge Reserve beobachte; da Krupp sich seine
Blcke aus dem Rohmaterial selber herstelle, whrend Armstrong sich
auf Privatlieferanten verlassen msse. Er ist deshalb der Ansicht, da
noch viele Jahre vergehen werden, bevor die englischen Stahlgeschtze
dieselben Garantien bieten werden, wie diejenigen von Krupp, die bis
in die kleinsten Details in der Fabrik selbst, unter der Aufsicht von
Spezialisten, angefertigt werden, wie sie keine andere Fabrik der Welt
besitzt.

England hatte bis zum Jahre 1868 einige Geschtzrohre von Krupp
bezogen. In den Jahren 61/62 hatte man Versuche mit drei solchen
vorgenommen, hierauf Armstrong im Jahre 1864 8 zehnzllige und 20
achtzllige Rohre bestellt, und im folgenden Jahre 64 vorgearbeitete,
54 fertige Kanonen verschiedener Kaliber bezogen. Endlich waren
im Jahre 1868 30 Neunzller, 10 Achtzller und 20 Siebenzller in
vorgearbeitetem, und 6 zehnzllige Kanonen in fertigem Zustande
nach England geliefert worden. Seit diesem Jahr, in welchem Krupps
Konstruktionen sich den englischen so wesentlich berlegen gezeigt
hatten, waren weitere Bestellungen ausgeblieben, aber zahlreiche
Offiziere wurden zur Essener Fabrik entsandt und wohnten den
Schieversuchen bei, whrend man immer aufs Neue vergebliche Versuche
machte, Krupp bei seinem weiteren Fortschreiten zu berholen, als er
seine Rohre durch vernderte Konstruktion verbesserte, als er durch
ihre Verlngerung, durch schwerere Geschosse und Anwendung neuer
Treibmittel die Anfangsgeschwindigkeiten um hunderte von Metern und
die Perkussionskraft auf das Doppelte des alten Maaes von 1868
steigerte. Einen letzten Versuch machte man noch im Jahre 1886, indem
man das beste Material: Stahl, die beste Konstruktion: Mantelrohrsystem
nach Krupp und, wie man meinte, das beste Verschlusystem: De Bange,
annahm. Die Resultate waren derartig, da ein Berichterstatter das
Urtheil fllte: Einer allgemeinen Schtzung nach werden die englischen
Geschtze ~c~/86 den englischen Geschossen etwa dieselbe Leistung
geben, mit denen man bei den Krupp'schen Geschtzen im Jahre 1876
einen Abschlu machte -- und damit ist fr die nchsten Jahre der
Vergleich der englischen und Krupp'schen Kanonen erledigt. Gern htte
man auch ein neues Krupp'sches Rohr nach Woolwich genommen, um es dort
zu probiren, vielleicht um es zu seziren, und eventuell in Konkurrenz
zu stellen. Das scheint aber dem deutschen Fabrikanten nicht behagt
zu haben, sich den nicht unbeeinfluten Resultaten einer solchen
Konkurrenz auszusetzen, denn er verlangte, sein eigenes Personal
dabei in Thtigkeit zu sehen und -- machte bei gnstigem Ausgang
eine namhafte Bestellung, 2 Millionen Pfund Sterling, zur Bedingung.
Die Konkurrenz unterblieb. Krupp war jetzt in der Lage, derartige
Bedingungen seinem frheren Nebenbuhler zu stellen, und auch den
Entfall der zur Bedingung gemachten Bestellung konnte er verschmerzen.
Hatten doch die Verhltnisse sich so gnstig gestaltet, da der
ganze Betrag der Anleihe von 1879 bereits zum 1.April 1886 hatte
zurckgezahlt werden knnen.

Einen gleichen Triumph wie ber den englischen Rivalen, sollte Krupp
auch noch ber einen franzsischen Nebenbuhler erleben. Es war dort im
Jahre 1878 fr die Feld-Artillerie ein neuer Verschlu von De Bange
eingefhrt worden, der sich durch groe Einfachheit auszeichnete und
auch fr groe Kaliber zweckmig erschien. Er bestand aus einer
sthlernen Verschluschraube, deren Gewinde auf drei symmetrisch zur
Achse liegenden Zonen unterbrochen war derart, da der Bruchtheil einer
Umdrehung gengte, um das Schlieen zu bewirken. Hierzu kam noch ein
Dichtungsring aus Asbest und Talg, welcher in neuem Zustande vorzglich
funktionirte. Bei einem Schieversuch zwischen einer Krupp'schen und
einer franzsischen Feldkanone, welcher Ende 1884 in Belgrad stattfand,
traf erstere das Migeschick, da in Folge mehrerer kleiner Unflle
bei der Schnellfeuer-Probe Strungen eintraten und das franzsische
Geschtz die 30 Schu in 23 Minuten abgab, whrend das Krupp'sche
deren 30 brauchte, wohingegen bezglich Trefffhigkeit und Wirkung
letzteres mehr geleistet hatte. Dem groen Siegesgeschrei, welches man
in Frankreich erhob, begegnete Krupp durch das Verlangen eines zweiten
Vergleichsversuchs, und bei diesem erreichte am 6.Mai 1885 sein
Geschtz mit Leichtigkeit die 30 Schu in 16 Minuten; es hatte also in
jeder Beziehung seine Vorzge bewiesen. Trotzdem wurde vom serbischen
Kriegsministerium die Fabrik vormals Cail & Cie. in Paris, welche die
vom Obersten De Bange erfundene Geschtzkonstruktion ausfhrt, mit der
Lieferung der neuen Feldgeschtze beauftragt, und die franzsische
Presse begann auf Grund dieses Ausganges mit groem Eifer Reklame
fr die franzsische Firma zu machen. Die Agence Havas scheute sich
nicht, ihren Lesern folgende Erzhlung vorzufhren: In Betreff der
de Bange'schen Riesenkanone erhalten wir aus Serbien eigenthmliche
Berichte. Die ehemalige Fabrik Cail hat bei der Lieferung fr die
serbische Artillerie ber ihren gefrchteten Mitbewerber den Sieg
davon getragen. Die nheren Umstnde, welche bei dieser Entscheidung
in Betracht kamen, gereichen der serbischen Regierung sowohl als auch
der Gediegenheit der franzsischen Industrie zu groer Ehre. Der Oberst
De Bange hatte 6 Millionen, Krupp 11 Millionen verlangt. Kaum hatte
Krupp von dem Preise seines Nebenbuhlers gehrt, so ging er mit seiner
Forderung auf 5 Millionen Francs herunter. Herr de Bange, durch den
serbischen Kriegsminister hiervon in Kenntni gesetzt, erklrte, da
sein Haus in ehrlicher Weise seine 10% an dem Handel verdiene und sich
auf irgend einen Abschlag nicht einlassen knne. Daraufhin bedachte
sich die serbische Regierung keinen Augenblick, der Fabrik Cail, trotz
des hheren Preises, ihren Auftrag zu bergeben. Um Krupp die Lieferung
zum Preise von 5 Millionen zu ermglichen und dadurch seinen Weltruf
zu behaupten, wollte ihm die deutsche Regierung einen Zuschu von
anderthalb Millionen bewilligen. Der franzsischen Industrie ist es
brigens gelungen, das Uebergewicht Krupp's ins Wanken zu bringen, denn
wiederum sind zwei Auftrge, einer von der rumnischen und einer von
der mexikanischen Regierung Krupp entgangen und St.Chamont und dem
Creuzot zugedacht werden.

Krupp sah sich gezwungen, die wahre Sachlage durch folgende Antwort
festzustellen:

  Da zu erwarten bleibt, da Bswilligkeit fr weitere Verbreitung
  der _Lgen_ der Agence Havas sorgen werde, sehe ich mich veranlat,
  hierdurch ausdrcklich zu erklren, da die ganze Darstellung der
  serbischen Angelegenheit von Anfang bis zum Ende erfunden ist. Ich
  bin berhaupt gar nicht in der Lage gewesen, einen Gesammtpreis
  anzugeben, da mir nicht bekannt war und bis heute nicht bekannt
  ist, was die serbische Regierung bestellen will. Ich konnte also
  auch gar nicht in die Lage kommen, den Preis von 11 Millionen auf
  5 Millionen Francs herabzusetzen, ganz abgesehen davon, da meine
  Preise fest sind und jedes Feilschen ein fr alle Mal ausgeschlossen
  ist. Da der serbische Kriegsminister in dem genannten Berichte
  mit in die Erzhlung hineingebracht ist, was wohl kaum Billigung
  in Belgrad finden wird, so sehe ich mich genthigt, ausdrcklich
  darauf hinzuweisen, da der genannte Minister, dem die Krupp'schen
  Detailpreise bekannt sind, die und die Preise de Bange's als ungefhr
  gleich bezeichnet hat. Fr die vielleicht bereits zu Gunsten des
  franzsischen Geschtzes gefallene Entscheidung waren lediglich
  Zahlungsmodalitten ausschlaggebend, welche de Bange in Verbindung
  mit dem Komptoir d'Escompte, dessen beherrschender Einflu auf die
  serbischen Finanzen genugsam bekannt ist, eingehen konnte, welche
  aber meines Erachtens jede andere Konkurrenz von vornherein ausschlo
  und mich zum Abbruch der Verhandlungen veranlate, sobald ich davon
  Kenntni erhielt. Da die Resultate bei den in Serbien ausgefhrten
  Proben mit Geschtzen verschiedener Systeme und Konstruktionen
  die Ueberlegenheit meines Geschtzes klar ergaben, werden
  Fachleute aus den Verffentlichungen in militrwissenschaftlichen
  Zeitschriften ersehen haben; hier mag es gengen, zu konstatiren, da
  artilleristische Grnde es nicht waren, wenn de Bange die Bestellung
  zugewiesen wird. Was die beiden als Triumph der franzsischen
  Industrie bezeichneten Bestellungen anbetrifft, so beschrnken sich
  dieselben auf zwei Probekanonen fr Rumnien, die hauptschlich nur
  bestellt wurden, weil die Fabrik St.Chamond erklrte, es sei nthig,
  die zwei Kanonen zusammen mit einem dort bestellten Probethurm zu
  fertigen, und auf Feldkanonen fr Mexiko, deren Lieferung ich nicht
  bernehmen wollte, weil die persnlichen Ansprche des Vermittlers
  nicht mit meinen Geschftsprinzipien in Einklang zu bringen waren.
  Der erstere Auftrag ist im vorigen Jahre, der zweite vor mehreren
  Jahren ertheilt worden. Also auch in dieser Richtung ist die
  Erzhlung der Agence Havas ungenau.

Es ist dem nur noch hinzuzufgen, da das ganze Belgrader Probeschieen
nur eine Komdie war, denn die Geschtzbestellung bei der Gesellschaft
vormals Cail & Cie. bildete einen Theil der Bedingungen, unter welchen
in diesem Jahre das bei der Gesellschaft sehr interessirte Pariser
Finanz-Institut, das ~comptoir d'escompte~, fr die serbische Regierung
eine Anleihe im Betrage von 40 Millionen Francs abschlo. Wie schlecht
die serbische Regierung bei ihrer Annahme der Geschtze System de
Bange gefahren war, ergab sich aus den bedenklichen Niederlagen, die
dieses kurz darauf erfuhr. Innerhalb zweier Wochen ereigneten sich
3 schwere Unglcksflle mit solchen Geschtzen in der franzsischen
Armee, wobei 1 Offizier und 2 Kanoniere getdtet, 4 verwundet wurden.
Aehnliche Vorkommnisse hatten, wie nun bekannt wurde, bereits frher
stattgefunden und schon eine ganze Zahl von Menschenleben gefordert.
Der Verschlu erwies sich als praktisch unbrauchbar.

Noch einmal -- in seinem letzten Lebensjahre -- sollte Krupp einen
heien Kampf entbrennen sehen zwischen den verschiedenen rivalisirenden
Geschtzsystemen; aber er brauchte keinen Finger zu rhren; die
tchtigsten Federn des Landes, in dem der Streit ausgefochten wurde,
bernahmen es, seinem System den Sieg zu sichern und gleichzeitig
in glnzender Weise die Ueberlegenheit dieses seines Lebenswerkes
allen anderen Systemen gegenber mit objektiver wissenschaftlicher
Grndlichkeit zu beweisen. Es war in Belgien, wo gelegentlich der
Erbauung der beiden Maasfestungen Stimmen in groer Anzahl laut
wurden, um theils fr die Herstellung der zahlreichen Geschtze in
eigenen Etablissements, theils fr die Annahme des Systems de Bange
zu agitiren. Welche Mittel man hierbei anwandte, zeigt die Behauptung
eines militrischen Schriftstellers, des Lieutenant Malengreau: es
beweist nur, da Krupp im Stande ist, seine Geschtze durch Tiegelgu
herzustellen, und da er es auch thut, wenn er Zeitungskorrespondenten
empfngt, was jedoch nicht alle Tage vorkommt. Und selbst ein
so bedeutender franzsischer Schriftsteller, wie Oberstlieutenant
Hennebert verstieg sich zu der Behauptung: Jedermann wei, da der
deutsche Kaiser, die kaiserliche Familie, die Hauptpersonen am Hofe und
der Frst Bismarck ausschlielich Aktionre des berhmten Hauses an
den Ufern der Ruhr sind... Das Ziel, welches man sich in Deutschland
gesteckt hat, besteht in der Hemmung des Aufschwunges der franzsischen
Industrie.

Wohlthuend berhrt dagegen die sachliche und objektive Klarlegung
der Frage, mit welcher der Hauptmann E.Monthaye vom belgischen
Generalstab fr Krupps System eintrat. Seine Untersuchung fhrt zu
der unbedingten Anerkennung und einwandfreien Kritik der Krupp'schen
Geschtze. Ausgehend von einer Besprechung der verschiedenen zur
Verwendung kommenden Metalle hebt er die Vorzge des Tiegelgustahls
hervor und zitirt das Urtheil des Chemikers Fremy: Wenn Krupp dazu
gelangt ist, den Kriegsmaschinen jene Vollkommenheit zu geben, welche
man an ihnen kennt, so geschah dies, weil er seit einer langen Reihe
von Jahren ihre Fabrikation auf eine wirklich wissenschaftliche
Grundlage stellte. In seiner Fabrik wird nichts dem Zufall berlassen;
Chemiker analysiren fortwhrend die Grundstoffe und die hergestellten
Erzeugnisse; das wissenschaftliche und industrielle Element ist eng
mit dem militrischen Element verbunden; Artillerie-Offiziere sind der
Fabrikation zugetheilt und verfolgen alle Einzelheiten; erhebliche
Summen werden auf neue Versuche verwandt, die mit den verschiedenen
Legirungen, die sich fr die Geschtzfabrikation eignen, gemacht
werden; jedes untersuchte Metall erhlt gewissermaen seine Akten,
die seine chemische Zusammensetzung, seine Vortheile und seine Mngel
ergeben. Mit Recht wird hervorgehoben, da Krupp allein im Stande
ist, sich das grte Vertrauen fr seine Fabrikate zu erwerben,
weil er selbst sich die Materialien in dieser wohlberwachten
wissenschaftlichen Weise zubereitet, whrend in Frankreich und England
die zu verarbeitenden Blcke von Privaten gefertigt und geliefert
werden. Nachdem Monthaye hierauf die Verschlusysteme einer kritischen
Untersuchung unterworfen hat, bespricht er die ballistischen Leistungen
und weist nach, da die neuen Krupp'schen Geschtze denen von de Bange
durchweg vorzuziehen sind. Er schliet sein Buch mit den Worten:
Der gegenwrtige Eigenthmer der Kruppschen Fabrik ist ein Greis
von 74 Jahren, dessen eiserne Gesundheit und Thatkraft jedoch dem
Alter und der Krankheit trotzt. Er ist noch heute der Mittelpunkt
von allen den ausgedehnten Unternehmungen, deren Ausgangspunkt die
Essener Gustahlfabrik ist. Man hat ihn den Kanonenknig genannt,
wie man den verstorbenen Van der Bilt den Eisenbahnknig nannte.
Dieser ehrende Beiname ist ohne innere Bedeutung fr den groen
amerikanischen Finanzmann, der sich begngte, die Antheile der als gut
und gewinnbringend bekannten Linien zu kaufen, ohne je in seinem Leben
einen einzigen Kilometer Eisenbahn gebaut zu haben, er kommt dagegen
mit vollem Recht Herrn Krupp zu, da er selbst nicht nur eine Artillerie
geschaffen hat, sondern auch das Metall, aus dem sie hergestellt wird.

Es erscheint kaum noch nthig, eines anderen Schriftstellers Pertinax
zu erwhnen, welcher in hnlicher Weise die Ueberlegenheit Krupps
gegenber De Bange, Armstrong und Whitworth nachweist; gengt doch die
Thatsache, da das Krupp'sche Geschtz bis 1887 das einzige war, das in
den europischen und amerikanischen Kriegen seit zwei Jahrzehnten seine
vollkommene Leistungsfhigkeit durch alle Wechselflle zahlreicher und
anstrengender Feldzge bewiesen hatte.

In der That gab es auer Frankreich, England und Serbien keinen Staat
von einiger militrischer Bedeutung, der sich nicht mehr und mehr den
Kruppschen Geschtzen zugewandt htte; weit ber die Grenzen Europas
hinaus beeiferten sich die Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas, ihre
Flotten und Kstenbefestigungen mit den Kruppschen Panzergeschtzen
zu armiren und ihre Armeen mit seinen Feldgeschtzen auszursten. Es
ist eine gewaltige Anzahl von Rohren, die bis zum Todestage Alfried
Krupps aus seiner Werkstatt hervorgegangen waren, mehr als 23000
Stck waren in seinen Journalen verzeichnet, und es giebt keine
Geschtzfabrik der Welt, welche auch nur annhernd diese Zahl erreicht
htte. So hatte der Meister das hohe Ziel erreicht, das er sich in
den Trumen seiner Jugendjahre gesteckt hatte, sein Lieblingsgedanke,
den Tiegelgustahl bei den strksten Kriegswaffen zur Anwendung und
Anerkennung zu bringen, hatte sich voll und ganz erfllt, eine That
seiner unermdlichen siegesgewissen Thtigkeit und Schaffenskraft. Alle
Gegner sah er noch an seinem Lebensabend berwunden, mit lauter Stimme
verkndeten auf fast allen Schiepltzen der Erde die Erzeugnisse
seines Geistes den Ruhm des vterlichen Erbes, des Tiegelgustahls.
Und am Bord der Yacht des deutschen Kaisers, der Hohenzollern,
prangten zwei Exemplare, welche ein beredtes Zeugni ablegen von der
tief patriotischen Gesinnung, von der begeisterten Verehrung Krupps fr
seinen Frsten, der ihm im schweren Kampfe ein so verstndnivoller
und treuer Bundesgenosse gewesen war. Es hatte ihm gar nicht schn und
kostbar genug werden knnen, dies Geschenk, das des Kaisers Gnade 1882
von ihm anzunehmen sich entschlo, und als Kunstwerke ersten Ranges,
von bedeutenden Knstlern entworfen, in Gravir- und Tauschir-Arbeit
ausgefhrt, mit herrlichen Silberornamenten bedeckt, bilden diese 2
8,7~cm~-Kanonen eine Zierde des kaiserlichen Schiffes, wie sie einzig
und unbertroffen dasteht.

Das stetige Aufblhen der Fabrik findet seinen Ausdruck in der seit
1880 immer sich steigernden Zahl der Arbeiter, die 1887 12674 allein
in Essen betrug, und in der Zunahme der Produktion, welche 1885 210000
Tonnen erreichte. Die Gesammtzahl der von der Firma beschftigten
Arbeiter betrug nach der Aufnahme im Juli 1888 20960 Mann und die ganze
vom Werke abhngige Bevlkerung 73769 Seelen.

An diesem Aufschwung war aber ebensowohl die Friedens- wie die
Kriegstechnik betheiligt. Besonders auf dem Gebiete der Stahlschienen
fr Eisenbahnbedarf hatte die Fabrik groe Erfolge zu verzeichnen.
Schon im Jahre 1881 war eine stetige Zunahme der Lieferungen zu
verzeichnen, ohne da aber der gesteigerten Nachfrage durch eine
Preiserhhung geantwortet wurde. Besonders machte eine von England
aus erfolgte Bestellung auf Stahlschienen Aufsehen. Bei einem
Konkurrenz-Ausschreiben fr die Lieferung von 8000 Tonnen Schienen fr
die Hull-Barnley-West-Riding-Junction-Railway erhielt die Firma Krupp
den Zuschlag, weil ihre Preise erheblich niedriger waren, als die der
englischen Fabriken.

Von viel grerer Bedeutung aber waren die im Jahre 1886 errungenen
Siege. Mit hmischer Freude hatte man in England der Auflsung des
internationalen Schienenkartells entgegengesehen, die am 15.April
erfolgte. Aber man sollte sich bitter tuschen. Am selben Tage
fand eine von der italienischen Mittelmeer-Eisenbahn-Gesellschaft
ausgeschriebene Verdingung auf 27800 Tonnen Stahlschienen statt,
bei welcher Krupp mit der Gesellschaft Cockerill und den Acires de
France, gegenber den englischen Stahlindustriellen Balckow und Cammell
Sieger blieb. Hierauf kam eine erste Lieferung nach China; sie betrug
nur 1500 Tonnen Stahlschienen fr die Kaipingminen, war aber von
Wesenheit, weil es sehr fraglich war, ob die deutsche Industrie in dem
Lande Eingang finden werde, das die Englnder fr den Produktenmarkt
bisher vollstndig beherrschten. Mit der Erringung dieser Lieferung
verschaffte Krupp der vaterlndischen Industrie Eingang in China. Noch
mehr Aufsehen machte der Sieg, den Krupp bei der am 20.Dezember 1886
in Melbourne abgehaltenen Verdingung der britischen Kolonialregierung
von Victoria in Sd-Australien davontrug. Es handelte sich dieses
Mal um nicht weniger als 48000 Tonnen Stahlschienen und 2000 Tonnen
Stahllaschen, und einen Beweis fr ihre Leistungsfhigkeit fhrte
die Fabrik im folgenden Monat, indem sie auer dieser auch noch eine
Lieferung von 5000 Tonnen Stahlschienen fr die Swedish and Norwegian
Railway Company bernehmen konnte.

Schien es, als wenn die 80er Jahre sich nicht genug thun knnten,
um den greisen Fabrikherren durch Erfolge zu erfreuen, so sollten
ihm doch auch Erfahrungen nicht erspart werden, welche ihm an seinem
Lebensabend trbe Stunden bereiteten und die Ohnmacht selbst eines
so festen und unbeugsamen Willens gegenber einer fr echte oder
falsche Ideale entflammten Menge zum Bewutsein brachten. Es war
bereits bei der Reichstagswahl 1881, bei welcher er die Annahme der
Kandidatur auf das bestimmteste ablehnte, weil ihm schon die Kraft
fehle, den Berufspflichten zu gengen und wo er sich vergebens fr
den in Vorschlag gebrachten General-Feldmarschall Grafen v.Moltke
verwandte. Er erlie folgenden Aufruf an die Arbeiter und Beamten der
Gustahlfabrik.

  Der Generalfeldmarschall Graf v.Moltke ist in Vorschlag gebracht
  worden zur Wahl fr den Reichstag. Selbst verhindert, diesen
  Ehrenplatz einzunehmen, der mir von mancher Seite zugedacht war,
  bekenne ich gerne die groe Ueberlegenheit dieses jetzt empfohlenen
  Kandidaten in Einsicht und Erfahrung fr alle vorkommenden Fragen und
  Interessen. Wenn der Graf v.Moltke die Wahl annimmt, so kann man dem
  Kreise gratuliren, denn neben dem allgemeinen Interesse werden dann
  auch die Privatinteressen des Kreises an dem Einflusse gebhrenden
  Antheil haben. Es ist nicht nothwendig, da unser Vertreter ein
  Kohlen- oder Eisenmann sei, um fr das Wohl der Bevlkerung, welche
  mit Berg- und Httenwesen verbunden ist, geneigtes Ohr zu haben und
  dafr zu reden und zu wirken. Jedermann im Lande kennt den Grafen
  v.Moltke als den wohldenkenden mchtigen Geist, der fr die Heere
  Deutschlands die Wege zum Ziele zu finden wute. Derselbe wird vor
  allem auch an dieser Stelle seine Bedeutung behaupten. Wer daher aus
  dem Verbande der Angehrigen der Fabrik ihm die Stimme geben wird,
  der wird nicht nur sich selber ntzen, sondern auch mir einen Wunsch
  erfllen.

                                                    Alfred Krupp.

Es gelang trotz dieser Untersttzung durch Krupp den Anstrengungen der
nationalen Partei nicht, ihrem Kandidaten den Sieg zu verschaffen.
Der ultramontane Kandidat siegte in der Wahl am 27.Oktober mit einer
Mehrheit von ber 4000 Stimmen.

Viel wichtiger war die Wahl im Jahre 1887, die durch die Auflsung des
Reichstages nothwendig geworden war, und viel nher stand ihr dieses
Mal Alfried Krupp, weil sein Sohn, der berall beliebte 33 Jahre alte
junge Fabrikherr Friedrich Alfred mit seiner Zustimmung die Kandidatur
angenommen hatte. Gro waren die Hoffnungen der nationalen Parteien,
da es sich bei diesem Wahlkampf nicht um eine Parteisache, sondern
um hervorragend vaterlndische Gesichtspunkte handelte, von deren
Behandlung unzweifelhaft die Sicherung des Friedens abhing. Man hoffte,
da die Anhnger des Zentrums von der Aufstellung eines besonderen
Kandidaten Abstand nehmen und mit den nationalen Parteien zusammengehen
wrden, nachdem der Papst Leo~XIII.~ in unzweideutiger Weise den
deutschen Katholiken empfohlen hatte, fr das Septennat einzutreten.
Man hoffte endlich, da gerade die Kandidatur des jungen Krupp, als des
in jeder Hinsicht geeignetsten Vertreters der gesammten Interessen des
Kreises viele Schwankende auf die Seite der nationalen Sache fhren
werde. Als jedoch die grte Zahl der katholischen Whler, beeinflut
durch die Zentrumspresse, wieder ihren ultramontanen Kandidaten
aufstellte und durch das abermalige Hervorzerren der konfessionellen
Gegenstze der Ausgang zweifelhaft wurde, ergriff Alfried Krupp das
Wort und erlie folgende Erklrung:

  _Ansprache an die Angehrigen meiner Gustahlfabrik und der meiner
  Firma Fried. Krupp gehrenden Berg- und Httenwerke._

  Vor 60 Jahren war ich geschftsfhrender Mitarbeiter der damals so
  kleinen Gustahlfabrik; wir waren Unser zusammen acht, heute zhlt
  die Fabrik mit ihren Berg- und Httenwerken gegen 20000 Arbeiter.

  Wir haben von jeher treu zu einander gestanden, die Sorge
  fr Wohlfahrt, Recht und strenge Unparteilichkeit gegen alle
  Konfessionen wurde vergolten durch Diensteifer und Anhnglichkeit.
  Die gegenwrtige groe Verwaltung befolgte bisher, wie sie es auch
  knftig thun wird, dieselben Grundstze. So erklrt sich das Gedeihen
  des ganzen Werkes und der angehrigen Familien, auch die Beruhigung
  versorgter Wittwen und Kinder der Verstorbenen.

  Mit dem Bewutsein, das allgemeine Vertrauen ehrlich verdient zu
  haben, folge ich nun dem Drange, noch ein Mal an den jetzigen
  groen Kreis unserer Angehrigen einige Worte zu richten, wie
  solches in frheren Jahren bei anderen wichtigen Veranlassungen ja
  fter geschehen ist und mit Erfolg belohnt wurde. Damals berhrten
  die Fragen die Sicherheit und den Frieden, das einseitige innere
  Interesse der Fabrik und der Familie allein; meine heutige Ansprache
  betrifft dagegen das groe Interesse des ganzen deutschen Reiches,
  welches ja auch das Unsere ist.

  Kurz, mit Uebergehen der bekannten Ereignisse, will ich hier der von
  Seiner Majestt dem Kaiser befohlenen Neuwahl von Mitgliedern zum
  Reichstage gedenken und Betrachtungen daran schlieen.

  Von dem Geiste der Majoritt des nchsten Reichstages wird die Frage
  abhngen, ob Krieg oder Frieden. Stehen wir einig und stark da, so
  wird Frankreich es nicht wagen, uns zu berfallen. Zeigen wir uns
  uneinig und schwach, so ist der Krieg unabwendbar, und wre es dann
  nicht unmglich, da bei ungengender Militrmacht die deutsche
  Armee, trotz ihrer geschichtlich unvergleichlichen Grothaten, der
  Uebermacht wrde weichen mssen, und dann das Innere des Reiches, mit
  Krieg berzogen, entkrftet, verheert und das Ganze vielleicht wieder
  zerrissen werden knnte.

  Da jeder nicht verblendete Staatsbrger ohne Unterschied der Stellung
  doch nur das Verlangen haben kann, das Letztere zu verhten, so
  sollten Alle sich vereinen, dem Aufruf Seiner Majestt des Kaisers
  zu folgen durch Wahl einsichtsvoller, vaterlandsliebender Mitglieder
  zum Reichstag, damit die Militr-Vorlage, welche allein den Frieden
  sichern kann, zum Gesetz erhoben werde.

  Dann allein ist das Reich geborgen.

  So wie wir, haben auch alle anderen Fabriken, Berg- und Httenwerke
  und die verschiedensten Gebiete von Gewerbe, Handel und Verkehr, Alle
  im ganzen Lande, dasselbe Interesse.

  Wir gehen bei Frieden einer gnstigen Zeit entgegen und ich war
  von guter Hoffnung fr die Zukunft erfllt. Was ntzen aber alle
  Auftrge, wenn Arbeit und Transport durch Krieg gehemmt werden!
  Dann knnen ja auch unsere Werke zerstrt werden, wenigstens mu
  man sich auf Entlassungen, selbst bis zur vlligen Einstellung der
  Arbeit, vorbereiten. Dann aber wrde an Stelle des Erwerbs die Noth,
  das Pfandhaus und der Wucherer treten, denn meine Mittel und die
  Untersttzungskassen wrden bald erschpft sein.

  Zum Besten Aller kann ich nur wnschen, da Niemand sich verleiten
  lasse, Theil zu nehmen an der Schuld eines solchen Unglcks in
  Folge einer regierungsfeindlichen Wahl. Thut aber jedermann seine
  Schuldigkeit, so werde ich alle Mittel freudig aufbieten, die
  Thtigkeit auf allen Werken zu vermehren, neue Anlagen auszufhren
  und mehr Leuten den Lebensunterhalt zu verschaffen.

  Mge doch die ganze Nation von dem Verlangen erfllt werden, da
  Alle in tiefer Dankbarkeit gegen Seine Majestt den Kaiser, fr
  die Hingebung seines ganzen Lebens zum Heil des Landes, seinem
  Winke gehorchen, seinem erhabenen Vorbilde fr Pflichterfllung und
  Vaterlandsliebe folgen.

  Es ist meine Pflicht gegen den Staat und gegen meine Angehrigen,
  gewissenhaft zu rathen und zu warnen vor Verirrung und ihren Folgen.
  Bei Unterlassung dieser Aeuerungen mchte ich beschuldigt werden
  knnen, staatsfeindliche Bestrebungen zu dulden in unserem Verbande;
  darber soll aber kein Zweifel bestehen.

  Ich habe bekanntlich zwar niemals mit den ffentlichen Fragen der
  Gemeinde-, Staats- und Reichsverfassung, Gesetzgebung und dergleichen
  mich befassen drfen, weil meine Werke meine geringe ganze Kraft
  bedurften; heute darf ich aber der Mitwirkung zur Lsung einer
  Lebensfrage fr das deutsche Reich mich nicht entziehen, ebenso hat
  auch mein Sohn _Fried. Alfred Krupp_ die ihm angetragene Kandidatur
  fr den Kreis Essen nur zu dem Zweck angenommen, im Falle seiner Wahl
  die gedachte Regierungs-Militrvorlage zu untersttzen.

  Schlielich empfehle ich zugleich hiermit ebenso dringend auch allen
  auf meinen entfernten Berg- und Httenwerken in Westfalen, Rheinland
  und Nassau thtigen Wahlmnnern diesen Rath zu beherzigen und in
  gleichem Sinne zu wirken.

  Essen, im Februar 1887.

                                                    Alfred Krupp.

        _Begleitende Erklrung der Ansprache._

  In der Befrwortung der Militr-Vorlage unterlasse ich jede
  Berhrung von politischem Zwiespalt, weil ja in diesem Falle alle
  Staatsbrger dasselbe Interesse haben und zwar die Verhtung des
  Krieges, vor Allem des Krieges im Lande.

  Der Krieg von 1870 gegen Frankreich war ein Triumphzug der deutschen
  Armee, auf gleichen Erfolg wre jetzt nicht zu rechnen.

  Ein kurzer Krieg im Lande selbst kann mehr Opfer verlangen, als
  die theuerste Rstung whrend zehn Jahren. Die Kosten fr diese
  aber wrden unvergleichlich gering sein gegen den Verlust durch
  Verwstungen bei einem Kriege im Lande. Der Aufwand fr solche
  Rstung wrde den Erwerb smmtlicher Staatsbrger von 3 Tagen im
  Jahre _nicht_ berschreiten, dagegen wrde im Frieden der Segen auf
  dem ganzen Lande ruhen.

  Es wre daher Leichtsinn, wegen eines verhltnimig geringen Opfers
  die Gefahr eines Krieges heraufzubeschwren.

  Die Zahl meiner Werke und der auf denselben beschftigten Arbeiter
  ist zwar zur Hlfte thtig fr Kriegsmaterial und der Unterhalt der
  Letzteren und ihrer Familien hngt ab von dieser Thtigkeit, indessen
  brauchen wir dazu keinen Krieg im deutschen Lande, sondern wie
  Jedermann im ganzen Reiche, den Frieden. Mgen unsere Wahlmnner dies
  beachten.

                                                    Alfred Krupp.

So sehr sich Krupp in dieser Ansprache bemhte, seine Arbeiter zu
belehren ber die groen nationalen Interessen, die allein bei der
diesmaligen Wahl in Frage kamen, so wenig konnte er damit aufkommen
gegen die ultramontanen Agitatoren, welche unbedenklich Unterstellungen
und Erfindungen aller Art gegen die Regierung in's Treffen fhrten,
indem sie von einem drohenden Branntweinmonopol, Abschaffung des
allgemeinen Stimmrechtes u.dgl., redeten und gegen die Kandidatur des
jungen Krupp mit allen Mitteln der konfessionellen Hetzerei Propaganda
machten. Noch ein Mal ergriff der greise Krupp das Wort, indem er zwei
Tage vor der Wahl seine Arbeiter ermahnte:

                          In letzter Stunde.

  Zu meinen ehrlichen und treuen Arbeitern habe ich die Hoffnung,
  da meine an sie erlassene Ansprache nicht miverstanden worden
  ist. Sie ist aber von anderer Seite mideutet worden. Man scheint
  eine Kluft zwischen meinen katholischen und meinen evangelischen
  Arbeitern schaffen zu wollen. Dies ist ein schamloser Versuch. Mir
  war der katholische Arbeiter stets ebenso lieb als der evangelische.
  Ich war nie unduldsam in Religion wie andere Arbeitgeber, welche
  nur Arbeitern einer bestimmten Konfession Lohn und Brod geben. Ich
  verlange stets nur, da jeder Arbeiter seine Schuldigkeit thue. Ich
  wnsche nicht, da man mich zwingt, diesen Grundsatz zu verlassen.
  Die Frage, welche dem neu zu whlenden Reichstag vorzulegen ist,
  nmlich die der Annahme der Militr-Vorlage, ist keine religise
  und hat mit der Konfession nichts zu thun. Wer sie vom Standpunkte
  der Religion aus beurtheilt und danach auf Euch einzuwirken sucht,
  mibraucht und schndet die Religion. Ich habe immer geglaubt, da
  meine Arbeiter getreue Unterthanen seiner Majestt des Kaisers
  und Knigs sind. Ich verliere diesen Glauben, wenn meine Arbeiter
  einem den Absichten der Kaiserlichen Regierung feindseligen
  Reichtagskandidaten ihre Stimme geben sollten. Habe ich aber ein Mal
  diesen Glauben verloren, so fehlt mir das Vertrauen in die Zukunft.
  Jeder erinnere sich vor der Wahl dessen, was er Kaiser und Reich
  schuldet. Die Pflichten gegen das Vaterland sind dieselben, mag Einer
  katholisch oder evangelisch sein. Ich aber vertraue, da jeder meiner
  Arbeiter seiner Pflichten gegen das Vaterland, gegen Kaiser und Reich
  eingedenk sein wird.

  Essen, 19.Februar 1887.

                                                    Alfred Krupp.

Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der
letzten, einen wrmeren Ton anschlgt, als bei seinen frheren, immer
belehrenden und vterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden
Verffentlichungen fr seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem
tiefen patriotischen Gefhl, da sie ihrem Fhrer untreu werden
knnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen
handelt. Er fhlt die ernste Pflicht, seinem kniglichen Herren, der in
schweren Jahren ihm seine Untersttzung gewhrte, seine Treue, seine
Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autoritt
in die Wagschale wirft fr den Sieg der Regierung. Es ist eine hhere
wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den frheren,
nur die inneren Verhltnisse der Fabrik berhrenden Angelegenheiten,
und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist
als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, da seine
Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschlieen, und als wenn
er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das
Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein frsorgliches Herz
bewahrt, der fr ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche
Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis
eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethrten
Menge weniger, als die Lgen und Verleumdungen der konfessionellen
Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Sttzel ihre Stimme, als dem
Sohne ihres Wohlthters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte
jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp
erhielt.

Wie tief schmerzlich mute die bittere Erfahrung fr den greisen Mann
sein, da seine Kraft nicht gengt hatte, um diese Entscheidung zu
wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine groe
Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs
ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an
der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thtig
betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu
entfernen und die von jenen beeinfluten Essener Zeitungen aus dessen
Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren
gehssigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst
seine zuweitgehende Duldung in der schndlichsten Weise gegen ihn
ausgebeutet wurde.

Zu spt! Der mchtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Lnder
der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen
ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der
Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mchtigsten
Frsten ebenso wie die gediegensten Mnner der Wissenschaft als
wnschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einflu im engen
Gebiete der Heimath, da er den Streitern fr des Vaterlandes Wohl zum
Siege verhelfen konnte. Es war ein groer Kontrast gegen die ungeheuren
Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die
letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14.Juli nachmittags
ereilte ihn der Tod.




~XII.~

Das Ende des Siegers.


Als Alfried Krupp im Jahre 1864 seine Wohnung auf dem Hgel bei
Bredeney nahm, war er um eine Wegstrecke von anderthalb Stunden dem
Fabriklrm entrckt. Aber es verging kaum ein Tag, wo man ihn nicht
in frher Morgenstunde diesen Weg zurcklegen sah, hoch zu Ro, in
jugendlich elastischer Haltung, unter der dunkelgrauen Klappmtze
hervor mit lebhaft scharfem Blick frei hinausschauend in die Welt,
in dem eng anschlieenden Jaquet und den hohen Reitstiefeln eher als
lndlicher Grundbesitzer denn als Herr der groen Gustahlfabrik zu
erachten. Die weie Farbe des Vollbartes und des welligen Haupthaars
schien nur den Eindruck der Lebenskraft und leistungsfhigen
Mnnlichkeit zu erhhen, den diese hohe stattliche Gestalt hervorrief.
Dann stieg er ab vor dem kleinen Elternhause, wo er sein Breau hatte,
ebenso wie vom Jahre 1882 ab sein Sohn Friedrich Alfred, seitdem
dieser am 29.April in die Prokura eingetreten war. Er durchschritt
die Werksttten, um sich persnlich von dem Fortgang der Arbeiten,
von der Ausfhrung dieses und jenes neuen Auftrages zu berzeugen,
und dort kannte er alle schon lngere Zeit beschftigten Arbeiter
persnlich von Angesicht, weigerte er ihnen nicht Rath und Hilfe,
wenn sie ihn mit einem Anliegen angingen; dort war aber anderseits
Alles in heiligem Respekt vor dem scharfen Auge, dem keine Unordnung
und Nachlssigkeit entging. Denn, so treu er dem zu helfen suchte, der
seiner Pflicht nachkam, so unnachsichtlich traf den andern Strafe, der
den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht unbedingt sich fgen wollte.
Und mit vollstem Rechte, da die Leitung dieses groartigen Organismus
ohne peinlichste Aufrechterhaltung der Ordnung eine Unmglichkeit
war, und nur mit ihrer strengen Durchfhrung dies regelmige
Zusammenarbeiten aller Theile erreicht werden konnte, das jeden
Beschauer der Kruppschen Fabrik zur staunenden Bewunderung veranlat.
Man denke nur an den einzigen Akt eines Gusses mittelst Tiegeln, wobei
das Gelingen lediglich davon abhngt, da der Strahl des flssigen
Stahls, welcher in die Gurinne fliet, auch nicht auf einen Augenblick
unterbrochen wird, sondern in stetem Zusammenhang bleibt. Und doch
wird er durch den Inhalt von lauter einzelnen Tiegeln, je durch 2 Mann
herangetragen, gebildet, deren Zahl sich bei groen Gssen bis zu
mehreren Tausenden steigert. Welche peinliche Einbung und Innehaltung
der Ordnung gehrt dazu, da jeder der Hunderte von Arbeitern, die
bei diesem Akt thtig sind, sich stets am richtigen Platz befindet,
um kein Drngen, kein Ueberhasten und auch kein Zusptkommen eines
Tiegels auch nur um ein Zehntel Sekunde zu veranlassen. Hngt doch das
Gelingen -- und welchen Werth reprsentirt solch ein Gu! -- lediglich
hiervon ab. Und das ist es, was kein anderes Werk nachmachen kann,
wozu gewissermaen die Entwickelung des Kruppschen Werkes aus den
kleinsten Anfngen, die Ausbildung und allmhliche Vermehrung eines
alten Arbeiterstammes nothwendig war. Mag man andernorts auch in der
wissenschaftlichen Grundlage der Fabrikation, in der Untersuchung und
Zusammensetzung der Rohstoffe Krupp nachahmen und erreichen; dieser
mit ihm und seinem Werk herangebildete und seitdem immer nur neu zu
ergnzende Kern tchtiger Meister und Arbeiter in allen Betrieben ist
nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Diese Organisation und Heranbildung
aller Krfte ist lediglich Alfried Krupps eigenstes Werk, und wenn wir
ihn zu jeder Zeit alles aufbieten sehen, um mit diesen seinen alten
Arbeitern in Eintracht zusammenzustehen, so ist es im Grunde genommen
nur ein Ausflu der Lebensaufgabe, welche er sich gestellt hatte.
Er wute und erkannte immer mehr, da er, um sie zu erfllen, nicht
einen jeden Arbeiter brauchen konnte, da im Gegentheil das Hchste
mit dem Tiegelgustahl nur dann zu erreichen war, wenn ihm ein durch
und durch gefgiges und selbst in den schwierigsten Fllen nicht
versagendes Instrument zur Hand sei, und das waren seine Angestellten,
seine Arbeiter. Deshalb sind auch seine Wohlfahrtseinrichtungen nicht
lediglich als ein Werk seines guten Herzens und seiner Menschenliebe
zu betrachten. Da ihm beides in hohem Maae zu eigen war, hat er in
hundert Fllen bewiesen, wo er namentlich den Nthen seiner Vaterstadt
zu Hilfe kam. Die Einrichtungen seiner Fabrik gehen aber aus hheren
Gesichtspunkten hervor; sie erschienen ihm eine Nothwendigkeit, um
seine Lebensaufgabe durchzufhren. Es galt, hierfr nicht irgendwelche
Arbeiter, sondern die von ihm herangebildeten und organisirten Arbeiter
stets zur Hand zu haben. Je grer aber die Fabrik und je schwieriger
die Lebensverhltnisse in Essen wurden, desto mehr war zu frchten,
da an Stelle eines bleibenden, ein immer wechselnder Arbeiterbestand
treten wrde, wie ja berall zu beobachten ist, da auf kleinen
Betrieben die Arbeiter besser ausdauern, als bei greren. Es galt,
sie zu fesseln, ihnen so gnstige Lebensbedingungen zu bieten, da
sie sich wohl fhlten und ihre Zukunft besser in Krupps Fabrik, als
sonst wo gesichert sahen. Um sich sein nothwendiges Werkzeug zu
erhalten und immer vervollkommnen zu knnen, schuf Alfried Krupp seine
Wohlfahrtseinrichtungen. Da er aber sie in richtiger Weise schuf, da
er die Punkte stets herausfand, wo er eingreifen mute, um die Lage
der Arbeiter zu bessern und zu sichern, das ist das Verdienst seines
mitfhlenden und durch die eigenen Erfahrungen belehrten Herzens.

Wenn wir ihn also auf diesem Gebiete der Lsung der sozialen Frage
als Wegfhrer vorangehen sehen, so ist es nicht der Beschftigung
mit humanen oder sozialen Aufgaben zuzuschreiben; es hat ihm keine
Absicht ferner gelegen, als die, ein Wohlthter der Menschheit oder
des Arbeiterstandes als solcher zu werden. Es ist nicht Grbeln und
nicht Empfindsamkeit, was ihn leitete, sondern eine groe Idee, die
ideale Aufgabe seines Lebens, das Erbe seines Vaters zur Anerkennung,
zur weitreichendsten Verwerthung zu bringen. Wie Alles, was er that,
hierauf zurckzufhren ist, so zeitigte auch die Lsung der sozialen
Aufgabe als eine schne, aber nebenschliche Frucht auf diesem Baume,
ein glnzender Beweis des hohen Werthes der idealen Gter.

Als Alfried Krupp das 70. Lebensjahr berschritten hatte, begann sich
doch allgemach das Alter fhlbar zu machen. Mit regem Eifer verfolgte
er zwar noch die Weiterentwickelung seines Werkes; mit gewohntem
Arbeitsdrang brachte er noch in schlaflosen Stunden der Nacht seine
Gedanken und Plne in Worten und Zeichnungen zu Papier, so da auch
jetzt weder dieses noch seine groen Bleistifte neben seinem Bette
fehlen durften; und diese Zettel wanderten noch immer frh Morgens
zur Fabrik, um in kurzen Worten und Skizzen des Meisters Verfgungen
bekannt zu geben; aber er selbst bestieg immer seltener sein Pferd,
um nach Essen zu reiten, und selbst seine Besuche im Wagen wurden in
den letzten Jahren zu einer Seltenheit; er entbot sich die Beamten zur
Villa Hgel, wenn es etwas zu besprechen gab. Es mute ihm schon
recht schwer werden, wenn dieser Mann der unermdlichen Thtigkeit
sich an seine Wohnung fesseln lie. Als es ~Dr.~Schweninger gelang,
seinen Sohn Friedrich Alfred von einem langjhrigen asthmatischen
Leiden zu befreien, wandte er sich 1885 an ihn auch mit der Bitte,
seine zunehmenden Gebrechen zu behandeln. Obgleich er nun einer
grundstzlichen Vernderung der bisherigen Lebensweise sich unterwerfen
mute, folgte er den Rathschlgen Schweningers mit Pnktlichkeit und
Gewissenhaftigkeit in der ausgesprochenen Hoffnung, da er ihn noch
zwanzig Jahre halten werde. Er hing am Leben und war mit seinen Plnen
noch lange nicht zu Ende; fate er doch noch im letzten Lebensjahre den
Plan zum Bau einer mchtigen hydraulischen Presse, welche, nach seiner
Idee ausgefhrt, noch den Riesenhammer Fritz an Leistungen bertreffen
sollte. Auch schien die neue Lebensweise einige Zeit sich vorzglich
zu bewhren; er fhlte sich erfrischt und gekrftigt. Aber im Frhjahr
1887 machte sich ein schnellerer Verfall der Krfte bemerklich, seit
Juni fesselte ihn die zunehmende Schwche ans Bett und am Nachmittag
des 14.Juli schlummerte er sanft zu einem anderen Leben hinber.

Ein Mann von der Weltbedeutung Krupps konnte nicht aus dem Leben
gehen, ohne da die wissenschaftlichen und militrischen Kreise aller
Kulturstaaten ihm Gedchtnikrnze in Nekrologen und anerkennenden
Abhandlungen widmeten; ohne da die Frsten und groen Staatsmnner
ihm Palmzweige und Krnze aufs Grab legten und dem hinterbliebenen
Sohne ein gndiges, theilnehmendes Wort sandten; ohne da die Stadt
Essen ihrer sehr berechtigten Trauer um ihren grten Brger einen
gebhrenden Ausdruck gab; ohne da endlich die Angestellten der Fabrik
eine groartige Trauerfeier veranstalteten. Unter den zahlreichen
Telegrammen seien nur zwei, als besonders werthvoll, hervorgehoben,
weil sie eine Anerkennung durch die beiden Persnlichkeiten enthalten,
welche um unser deutsches Vaterland die hchsten Verdienste sich
erworben haben, welche fr ewige Zeiten als Grnder des deutschen
Reiches im Herzen jedes echten Deutschen leben werden. Es ist ein
Telegramm des Kaisers Wilhelm~I.~:

                             _Mainau_, 14.Juli 1887.

  Dem Herrn Friedrich Alfred Krupp in Essen, Ruhr.

Fr Ihre Mittheilung aufrichtig dankend, spreche Ich Ihnen Meine
aufrichtige Theilnahme aus bei dem Hintritt Ihres Vaters, denn Sie
wissen, wie hoch Ich denselben geschtzt habe, da er sich mit Kunst
einen europischen Namen erworben hat und fr unser eigenes Vaterland
von unendlicher Wichtigkeit gewesen ist.

                                    Wilhelm, ~Imperator Rex.~

und eins des Frsten Bismarck:

                        _Varzin_, den 15.Juli 1887.
        Herrn Friedrich Alfred Krupp, Essen.

Bei meiner Ankunft hier finde ich Ihr Telegramm von gestern, aus dem
ich mit herzlicher Theilnahme ersehe, welchen schweren Verlust Sie und
mit Ihnen die Industrie erlitten, die Ihr Herr Vater in seinem Leben
zur ersten in der Welt erhoben hat.

                                                         v. Bismarck.

Am 17.Juli fand eine Trauerfeier im engeren Kreise auf Villa Hgel
statt; um Mitternacht nahm aber die Feuerwehr des Werkes die entseelte
Hlle ihres Herrn und Meisters in Empfang, um sie bei dsterem
Fackelschein zur Fabrik zu geleiten. Im kleinen Elternhause ward sie
nach dem Willen des Verstorbenen aufgebahrt. Schauerlich still war es
in den mchtigen, weithin sich erstreckenden Gebuden der Fabrik um
diese Stunde geworden; die Feuer waren gelscht und rauchlos starrten
die schwarzen Schlote zum Himmel; still standen die Dampfmaschinen,
keins der tausende von Rdern drehte sich, kein Ambos ertnte unter
dem Schlag des Hammers; die Fabrik trauerte um ihren Herrn, sie stand
still und lauschte dem, was sich nun in dem kleinen Hause begeben
wrde. In langen Reihen aber stellten sich am Vormittag die Tausende
der Arbeiter im Festkleide lngs der Trauerstrae auf, lang wallten
von den Kaminen und Giebeln die schwarzen Trauerflaggen herab, trbe
schimmerten die Gasflammen durch die mit Flor umhllten Laternen.
Hundert der ltesten Arbeiter trugen dem Sarge die Palmen und Krnze
voraus, welche auf dem Wagen nicht Platz fanden, und so bewegte sich
nach 10 Uhr der Zug unter feierlichen Klngen langsam durch das Spalier
der nach ihren 26 Betrieben geordneten Arbeiter hinaus aus dem Bereich
der Rume, die wie ausgestorben erschienen, seitdem der Odem des
groen Mannes entflohen war, welcher ihnen Leben eingeathmet hatte.
Es bedarf kaum der Erwhnung, da neben dem Prinzen Heinrich~XIII.~
von Reu-Kstritz, welcher als Vertreter des Kaisers erschienen war,
Abgesandte zahlreicher hoher Behrden, der industriellen Krperschaften
und Vereine sowie die smmtlichen Honoratioren der Stadt Essen dem
Sarge folgten; auch der Bischof ~Dr.~Kopp von Fulda, welcher zufllig
in Essen weilte, sowie der katholische Pfarrer Beising betheiligten
sich. Die Rede des Superintendenten Grber gab den Gefhlen Ausdruck,
welche die Einwohner der Stadt Essen erfllte, indem er sagte: Fr
uns war er nicht nur der auerordentliche Mann, nicht nur fr uns der
Frst der Industrie, der Ruhm unserer Stadt, der Grnder des Welt
berhmten Werkes, das er mit tiefer Einsicht, mit rastloser Thtigkeit,
mit khnster Energie aus den geringsten Anfngen zu grtem Erfolge
gefhrt, uns war er mehr: ein Wohlthter den unzhligen Vielen, welche
ihr ganzes Lebensglck ihm verdanken, ein Vater seiner Arbeiter, fr
deren Wohl er sorgte. Und nicht anders sprach der Vorsitzende der
Prokura Geh. Finanzrath Jencke im Namen der Beamten und Arbeiter:
-- -- Den wir hier begraben, er war uns ein Vorbild in jeder
Beziehung, ein Mann von unermdlicher, fleiiger, unerschtterlicher
Thtigkeit und Beharrlichkeit, von auerordentlicher Energie,
Gewissenspflicht und groer Strenge gegen sich selbst; der Mann, den
wir hier begraben, war bahnbrechend fr die Industrie, er hat Erfolge
errungen, die anerkannt werden auch ber die Grenzen des engeren
Vaterlandes hinaus, er war das Beispiel eines glhenden Patrioten,
dem kein Opfer zu gro war fr sein Vaterland. Das aber ist es nicht,
was ich an dieser Stelle auszusprechen beabsichtige: das Leben des
Verstorbenen gehrt der Geschichte an. So lange die deutsche Nation
besteht, so lange wird auch sein Name unvergessen bleiben. Seltene
Mnner, die das Jahrhundert nur einmal hervorbringt, das sind und
bleiben Marksteine in der Geschichte des Volkes. Was ich an dieser
Stelle sagen mchte, ist das Bekenntni des Dankes, den Tausende und
Abertausende empfinden, welchen er nicht nur Arbeit und Brot gegeben,
sondern denen er ein Vater gewesen ist; es war nicht Eigennutz,
noch weniger vermeintliche Wahrnehmung eigener Interessen, was den
Entschlafenen bestimmte, schon vor Jahrzehnten mit seinem weiten Blick
der Strmung der Zeit weit vorauseilend, in umfassendem Maae dafr
zu sorgen, da der Arbeiter ein Heim habe, da er in Krankheit und
Unglck nicht in Noth gerathe und im Alter nicht verlassen, hilflos und
elend dastehe, sein Herz war es, welches ihn trieb, der Noth und dem
Elend zuvorzukommen, sein Herz war es, welches ihn trieb, das Leben
derer, welche fr ihn, mit ihm und unter ihm arbeiteten, freundlich zu
gestalten, sein Herz veranlate ihn, die Thrnen der Wittwen und Waisen
zu trocknen....

Die Frsorge des Entschlafenen fr seine Arbeiter, welche Herr Jencke
mit so beredten Worten hervorhob, gab sich auch in seinem frstlichen
Vermchtni kund; am 3.August verkndete ein Maueranschlag, da
der jetzige Besitzer in Uebereinstimmung mit einem von seinem
entschlafenen Vater gehegten Wunsche ein Kapital von einer Million
Mark fr eine Stiftung ausgesetzt habe, deren Ertrge ausschlielich
den Arbeitern der Fabrik und der dazu gehrenden Werke und den
Angehrigen dieser Arbeiter zu Gute kommen sollten. Der Stadt Essen
aber ward eine halbe Million fr wohlthtige und gemeinntzige Zwecke
ausgesetzt. Der Beweis ist hierdurch sicherlich dafr erbracht, da
Krupp ein mitfhlendes Herz fr die Noth und volles Verstndni fr
die Bedrfnisse seiner Mitbrger und Arbeiter hatte, da er auch
ber das Grab hinaus noch dazu beitragen wollte, fr zuknftige
Unglcksflle und Nothlagen Frsorge zu treffen; aber trotzdem glaube
ich das Motiv der Herzensgte dem der idealen Auffassung seiner
Lebensaufgabe unterordnen zu mssen. Letztere war gewissermaen der
starke Stamm, welcher in der weit ausladenden Krone seines Lebenswerkes
sich entfaltete, welcher den verschiedenen Zweigen, ob sie ins
Gebiet der Friedens- oder Kriegstechnik oder in das der sozialen
Fragen hineinragten, die Nahrungssfte zufhrte, sie mit Blthen
und Frchten sich schmcken lie. Seine reichen Naturanlagen, seine
Schaffenskraft und seine Erfindungsgabe, seine Unermdlichkeit und
seine Beharrlichkeit, seine Vaterlandsliebe und sein warmes Mitgefhl
fr seine Nchsten, das waren die starken Wurzeln, die dem Baum den
festen Halt gewhrten in den brausenden Strmen, wenn diese seine
Zweige zu brechen und ihr Wachsthum zu schdigen drohten, die dem Stamm
dienstbar waren zur Gewinnung und Aufspeicherung der Lebenssfte, deren
die Krone bedurfte.

Er war eben ein ganzer Mann, bei dem nichts aus der groen Idee,
die ihn beherrschte, herausfiel, und der Alles, selbst das
Besterscheinende, zu thun unterlassen haben wrde, wenn es ihm mit
seiner groen Lebensaufgabe nicht vereinbar dnkte. Es ist hieraus zu
erklren, da er sich der Politik stets vllig fern gehalten hat, so
fern, da er selbst die Gefahren der politischen Agitation unter seinen
Arbeitern fast zu spt erkannte. Mit der Politik hatte sein Lebenswerk
nichts zu thun, und whrend einerseits er keine Zeit hatte, sich damit
zu beschftigen, htte sie anderseits seiner internationalen Industrie
nur Hemmnisse bereiten knnen. Er bedurfte aber der Freiheit, auf der
ganzen Erde, um dort seinem Gustahl zur Anerkennung zu verhelfen,
wo es ihm gerade am ehesten gelang. Vergebens hatte er, seinem ihm
angeborenen Patriotismus folgend, lange Jahre nach Verstndni in
seinem engeren Vaterlande gestrebt; er mute anderwrts festen Fu zu
fassen suchen, wo man ihm mit weniger Zweifeln und Schwierigkeiten
begegnete, da er die alte Erfahrung auch an sich machen mute, so gut
wie Dreyse und Maximilian Schumann, da der Prophet am wenigsten gilt
in seinem Vaterlande. Deshalb trug er nicht das geringste Bedenken,
seine in Preuen schnde abgewiesenen Gewehrlufe nach Frankreich zu
schicken und auch seine Feldgeschtze Napoleon~I.~ zu empfehlen.
Da ihm die alte Feindschaft nicht weniger im Blute gelegen haben
sollte, als jedem anderen ehrlichen Deutschen, ist nicht anzunehmen;
aber der Patriotismus htte ihm hier nur im Wege gestanden; es galt,
fr seine Waffen zunchst eine Anerkennung zu finden. Wie htte
er denn weiter schaffen, dem Vaterlande seine Geschtzausrstung
in so vollendetem Mae schmieden knnen, wenn er fr immer in der
Ecke stehen blieb, wohin die entscheidenden Behrden ihn zu drngen
schienen? Einen Boden mute er zunchst suchen, der als Nhrboden fr
die weitere Entwickelung sich eignete, wenn er seiner Lebensaufgabe
gerecht werden wollte. Und fand er ihn im Vaterlande nicht, dann mute
eben der Patriotismus vor der Hand beiseite gestellt werden, denn
er war hinderlich. Wir sehen ihn dann sofort wieder in seine Rechte
eingesetzt, als durch Frankreichs Neuerungen die einheimische Regierung
sich bewogen sah, mit Krupps Stahlgeschtzen endlich Ernst zu machen.
Von da ab existirte Frankreich fr Krupp nicht mehr. Das Vaterland bot
ihm nun, was er brauchte.

Grundstzlich hielt er sich aber auch allen handelspolitischen Fragen
fern, suchte wohl mit weiser Voraussicht sich und seine Unternehmungen
unabhngig zu machen von ungnstigen Konjunkturen, wie sie aus
politischen Verhltnissen folgen mochten, vermied aber sorgfltig, sich
in diese einzumischen oder gar sie zu beeinflussen. Als er im Juni 1877
beim Kaiser eine Audienz in Ems gehabt hatte, verbreitete sich das
Gercht, er habe bei dem Monarchen die Einfhrung von Schutzmaregeln
im Interesse der sehr bedrngten Stahl- und Eisen-Industrie befrworten
wollen. Wie wenig dieses seiner Abneigung gegen politische Thtigkeit
entsprach, ergiebt sich aus dem Dementi, mit dem er diesem Gercht
entgegentrat. Herr Krupp, so hie es darin, hat berhaupt seit Jahr
und Tag mit Sr. Maj. dem Kaiser kein Wort ber die allgemeine Lage der
Industrie gesprochen.

So vermied er auch in Fragen, bei denen seine Ansichten von denen der
magebenden Personen im Staate abwichen, grundstzlich jede Agitation.
Als im Anfang der achtziger Jahre das Projekt des Kanals zwischen
Dortmund und Ems debattirt wurde, fand es eigenthmlicher Weise in
einigen Gro-Industriellen lebhafte Gegner. Der Geh. Kommerzienrath
Stumm und W.Funcke-Hagen traten mit Wort und Schrift gegen den Kanal
auf und gingen hierin mit Schorlemer-Alst Hand in Hand. Auch Krupp
glaubte aus eigener Anschauung und dem Studium englischer Schriften von
der Fehlerhaftigkeit der Kanle gegenber den Eisenbahnen berzeugt zu
sein und unterhielt auf dieser Grundlage gleicher Gesinnung auch mit
dem Fhrer der Zentrumspartei trotz aller Abweichung der politischen
und kirchlichen Anschauungen ein freundschaftliches Verhltni; aber
er uerte sich in einem Schreiben an Dietrich Baedeker: Ich lasse
mich auf einen Kampf nicht ein, halte aber die Augen auf und habe seit
Ursprung der Idee Erkundigungen eingezogen aus England und Amerika,
habe auch davon Bericht erstattet an betreffende Spitzen und an solche,
die nicht ein Nebeninteresse verfolgen. Hierauf beschrnkte er
sich, und als im Jahre 1885 die Kanalvorlage zum zweiten Male an den
Landtag gelangte, that er auch keinen Schritt, welcher irgendwie ihrem
Durchdringen htte hinderlich sein knnen, so fest er auch noch immer
an der Ueberzeugung von der Schdlichkeit der Kanle festhielt.

Als knorrige Auswchse an dem einheitlichen Stamm der idealen
Lebensanschauung Krupps erscheinen solche Eigenthmlichkeiten, wie
die Verkennung des Werthes des Dortmund-Ems-Kanals, und wie sein
Verhltni zu Maximilian Schumann. Dagegen ist die beinahe feindliche
Stellungnahme gegen den Hartgu-Fabrikanten Gruson durchaus aus seiner
Begeisterung fr seine Lebensaufgabe, aus seiner Ueberzeugung von der
Ueberlegenheit des Gustahls und der Minderwerthigkeit des Hartgusses,
und endlich aus der Emprung zu verstehen, da die Granaten aus solchem
Material eine Zeit lang eine so hervorragende Stellung einnehmen
konnten.

Mit den edlen starken Eigenschaften, die den genialen Mann zur
Durchfhrung seiner groen Lebensaufgabe befhigten und die sich auf
seinem erfolgreichen Lebenswege immer thatkrftiger und bewuter
entwickeln, sind andere schroffere Charaktereigenschaften unvermeidlich
verwachsen, wie den glatten Flchen des geschliffenen Edelsteins die
harten Kanten, welche, demselben Stoff entspringend, doch nicht durch
leuchtendes Farbenspiel erfreuen, sondern sich der berhrenden Hand
empfindlich fhlbar machen.

Als sei er aus demselben Material geschmiedet, das ihm des Vaters
Erbe berlieferte, aus festem Gustahl, so steht seine Gestalt,
einheitlich und sich treu vom ersten bis zum letzten Tage seines
Lebens, vor uns, nicht von einem Stoff, der einer verschnernden
Zuthat bedarf oder durch eine Verzierung gewonnen htte -- und in dem
stolzen Bewutsein dieses seines Wortes durfte ein Mann wie Alfried
Krupp das Adelsprdikat, welches des Knigs Huld bereits 1864 ihm
verleihen wollte, dankend ablehnen, ohne miverstanden zu werden.
Fr den Namen Krupp hat eben der Adel keine Bedeutung mehr, nachdem
ihm sein Trger einen frstlichen Glanz auf dem ganzen Erdenrund
erworben hat. Und hoch hielt dieser Mann aus Stahl Zeit seines Lebens
in unentwegter Treue, in nie verzagendem Glauben das Banner, auf das
er seine Lebensaufgabe in leuchtenden Buchstaben geschrieben hatte.
Unbefleckt hat er seinen Glanz bewahrt in guten und bsen Zeiten, mit
Selbstverleugnung und Anspannung seiner letzten Kraftuerung hat er
es in den Kampf getragen und wie ein Heiligthum es zu halten gewut in
den Tagen des Triumphes und des Sieges. Schritt er mit Khnheit und
gewaltigem Wagen der vaterlndischen Industrie voraus im friedlichen
Kampf um den Weltpreis, gab ihm sein edles Streben die rechten Mittel
und Wege an die Hand, um den Schlssel zur Lsung der sozialen Frage zu
finden, schuf seine Erfindungsgabe und Thatkraft der deutschen Armee
die starken Waffen, welche ihr zum Siege helfen sollten, so knnen wir
mit Stolz es sagen: einem echt deutschen Mann von festestem Gefge
verdanken wir diese unvergelichen Geschenke und dieser selbst als
echter Deutscher seine Erfolge dem unerschtterlichen Glauben an sein
ideales Ziel.


             Druck von H. _Klppel_, Gernrode (Harz).




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    | Anmerkungen zur Transkription                                |
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    | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen  |
    | gebruchlich waren, wie:                                     |
    |                                                              |
    | 12 Pfnder -- Zwlfpfnder                                   |
    | 8cm -- 8 cm                                                  |
    | 8 cm Kanone -- 8 cm-Kanone                                   |
    | Adler-Orden -- Adlerorden                                    |
    | Alten-Essen -- Altenessen                                    |
    | anderen -- andern                                            |
    | Arbeiter-Kolonien -- Arbeiterkolonie                         |
    | Armee-Leitung -- Armeeleitung                                |
    | Armstrong's -- Armstrongs                                    |
    | Artillerie-Offizier -- Artillerieoffizier                    |
    | Artillerie-Waffe -- Artilleriewaffe                          |
    | auf's -- aufs                                                |
    | Aufschwunges -- Aufschwungs                                  |
    | Brod -- Brot                                                 |
    | Central-Verkaufsstelle -- Zentral-Verkaufsstelle             |
    | Doppelkeil-Verschlu -- Doppelkeilverschlu                  |
    | Eisen-Industrie -- Eisenindustrie                            |
    | Erwerbes -- Erwerbs                                          |
    | Feld-Artillerie -- Feldartillerie                            |
    | General-Inspekteur -- Generalinspekteur                      |
    | Geschtz-Fabrikation -- Geschtzfabrikation                  |
    | Geschtz-Konstruktion -- Geschtzkonstruktion                |
    | Geschtz-System -- Geschtzsystem                            |
    | Gruson's -- Grusons                                          |
    | Gustahl-Fabrik -- Gustahlfabrik                            |
    | Gustahl-Geschtz -- Gustahlgeschtz                        |
    | Haubitz-Batterien -- Haubitzbatterien                        |
    | Gute Hoffnungs-Htte -- Gute Hoffnung-Htte                  |
    | in's -- ins                                                  |
    | Industrie-Bezirke -- Industriebezirke                        |
    | Infanterie-Angriffe -- Infanterieangriffe                    |
    | Kabinets-Ordre -- Kabinetsordre                              |
    | Kohlen-Noth -- Kohlennoth                                    |
    | Komitee's -- Komitees                                        |
    | Konsum-Anstalten -- Konsumanstalten                          |
    | Krupp'sche -- Kruppsche                                      |
    | Maa --  Ma                                                 |
    | Neu-Erwerbungen -- Neuerwerbungen                            |
    | Panzer-Schieversuche -- Panzerschieversuche                |
    | Prinz-Regenten -- Prinzregenten                              |
    | Ring-Kanone -- Ringkanone                                    |
    | Sekretr -- Sekretair                                        |
    | Weiterentwickelung -- Weiterentwicklung                      |
    |                                                              |
    | Die folgenden nderungen wurden vorgenommen:                 |
    |                                                              |
    | Alle Das tironische und durch et ersetzt (etc.)          |
    | S. 3 St. Antoni in St. Antony gendert.                  |
    | S. 4 St. Antonie in St. Antony gendert.                 |
    | S. 5 Sterkrate in Sterkrade gendert.                    |
    | S. 6 Antoni-Htte in Antony-Htte gendert.              |
    | S. 30 hiebei in hierbei gendert.                        |
    | S. 37 Nath in Naht gendert.                             |
    | S. 48 von Puttkammer in von Puttkamer gendert.          |
    | S. 59 Armeeen in Armeen gendert.                        |
    | S. 74 Vorbebedingung in Vorbedingung gendert.           |
    | S. 80 Schrapnelschu߫ in Schrapnellschu߫ gendert.        |
    | S. 86 , vor 318 eingefgt.                               |
    | S. 91 , hinter ebensowenig entfernt.                     |
    | S. 92 Oestreich in Oesterreich gendert.                 |
    | S. 94 Amervillers in Amanvillers gendert.               |
    | S. 99 Borbek in Borbeck gendert.                        |
    | S. 108 beaucup in beaucoup gendert.                     |
    | S. 115 Shoebourne߫ in Shoeburyness gendert.             |
    | S. 127 einem in einen gendert.                          |
    | S. 138 Lasalleaner in Lassalleaner gendert.             |
    | S. 141 gezwungenermaaen in gezwungenermaen gendert.   |
    | S. 142 meinen in meinem gendert.                        |
    | S. 143 Lasalle in Lassalle gendert.                     |
    | S. 148 Lasalle'schen in Lassalle'schen gendert.         |
    | S. 157 Hilfsmiteln in Hilfsmitteln gendert.             |
    | S. 162 Ueberzeuzeugung in Ueberzeugung gendert.         |
    | S. 178 entgegentreten in entgegengetreten gendert.      |
    | S. 178 Versammlnng in Versammlung gendert.              |
    | S. 192 Withworth in Whitworth gendert.                  |
    | S. 203 Franks in Francs gendert.                        |
    | S. 207 zngewandt in zugewandt gendert.                  |
    | S. 209 Reichtagswahl in Reichstagswahl gendert.         |
    | S. 210 utzen in ntzen gendert.                        |
    | S. 224 smmtkichen in smmtlichen gendert.              |
    | S. 229 Baedecker in Baedeker gendert.                   |
    | S. 229 Centrumspartei in Zentrumspartei gendert.        |
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THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
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1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
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freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

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1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

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from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
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1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
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work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

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distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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