The Project Gutenberg EBook of Die Jobsiade, by Carl Arnold Kortum

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Title: Die Jobsiade
       Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen

Author: Carl Arnold Kortum

Commentator: Friedrich Schnettler

Release Date: December 9, 2014 [EBook #47608]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JOBSIADE ***




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                            Die Jobsiade.


              Ein komisches Heldengedicht in drei Teilen
                                 von
                       Dr. Carl Arnold Kortum.

               Mit einer literarhistorischen Einleitung
                                 von
                        Friedrich Schnettler.

                        Mit 70 Illustrationen.

                               Leipzig
               Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




             Der Jobsiadendichter Dr. Carl Arnold Kortum.


Fast ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem die _Jobsiade_, natrlich
nur der erste, abgerundete und abgeschlossene Theil, 1784 im Druck
erschien; in vielen Tausenden von Exemplaren ist das komische
Heldengedicht verbreitet, mehr als drei Generationen haben sich an dem
grobkrnigen Humor erfreut, aber ber die Lebensumstnde des Dichters
ist im groen Publikum wie in seiner zweiten Vaterstadt, der Kreisstadt
_Bochum_ in Westfalen, wenig bekannt. Man wird dem Fremden dort auf
Befragen das _Wohnhaus_ des Dichters zeigen, welches durch eine im Jahre
1876 daran angebrachte Marmortafel kenntlich gemacht ist, und vielleicht
auf das _Grab_ desselben auf dem alten Theile des sogenannten
Todtenkirchhofes. Damit hat aber die Kunde ber Leben, Meinungen und
Thaten des Jobsiadendichters auch in seiner Vaterstadt so ziemlich ein
Ende.

Das Wohnhaus des Dichters, auf der oberen Marktstrae gelegen, trgt die
Nr. 23 und charakterisirt sich durch seine Bauart und Giebelverzierungen
als aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts stammend. Die Inschrift der
Marmortafel lautet:

^In diesem Hause -- lebte, dichtete und starb -- der Knigl. Hofrath --
und doct. medicinae -- #Carl Arnold Kortum,# -- geboren den 5. Juli
1745, -- gestorben den 15. August 1824.^

Angebracht ist diese Tafel von den Berufsgenossen des Dichters, wohl zu
verstehen von den Berufsgenossen in dessen _rztlichem_ Berufe, nicht in
der _Dichtkunst_, und verdienen die Bochumer Aerzte fr diesen Act der
Piett alle Anerkennung.

Der Name des Dichters wird meistens falsch angegeben; derselbe heit
nicht #Kortm#, sondern #Kortum#. Nicht allein die Encyclopdien,
sondern auch wissenschaftliche Werke haben die erste, _falsche_ Form des
Namens. Der Irrthum beruht auf einer Verwechselung mit dem Namen des
bekannten _Historikers_ Joh. Friedr. _Kortm_, geboren den 24. Februar
1788 zu Eichhorst in Mecklenburg-Strelitz, gestorben am 4. Juni 1858 als
Professor der Geschichte an der Universitt Heidelberg.

_Carl Arnold Kortum_ wurde am 5. Juli 1745 von protestantischen Eltern
zu _Mhlheim_ an der Ruhr geboren, wo sein Vater eine kleine Apotheke
besa. Dieser starb schon frh, aber die Mutter, eine geborene _Maria
Helene Severin_ aus Bochum, setzte das Geschft des Verstorbenen fort,
und da sie obendrein ein ziemliches Vermgen mit in die Ehe gebracht
hatte, so konnte sie ihrem Sohne eine sorgfltige Erziehung geben. Nach
Kortums eigener Aussage, welche in der Form seines Namens einen weiteren
Anhalt findet, stammte seine Familie aus Friesland; dieselbe habe dort
einst ein ausgedehntes und reiches Grundvermgen besessen, sei aber
durch widrige Umstnde um Ansehen und Besitz gekommen, in Folge dessen
verzogen und zum Stande und Broderwerb des kleinen Brgers herabgedrckt
worden.

Die Liebe und Sorgfalt, mit welcher die Mutter der Erziehung des kleinen
Carl Arnold oblag, fand in den ersten Jahren wenig Belohnung; alle Sorge
und Mhe scheiterte an den geringen Anlagen des Knaben und man
verzweifelte schon daran, ihm auch nur das Alphabet und damit die
Grundlage aller Wissenschaft beibringen zu knnen. Was der Mutter und
vielen Andern nicht gelingen wollte, gelang endlich durch den
glcklichen Einfall eines damals in Mhlheim lebenden Candidaten Namens
Grabow. Derselbe fand den Schlssel zu dem Geiste des Knaben dadurch,
da er auf das sogenannte ^letterbanket^ der Hollnder verfiel; er
lie nmlich aus Kuchenteig Buchstaben bilden, und spendete diese
gebackenen Buchstaben dem Knaben als se Belohnung, wenn er wieder
einen Buchstaben begriffen und behalten hatte. Es kam nunmehr ein ganz
anderes Leben in den Knaben; er bekam Muth und Selbstvertrauen und hatte
sich bald in einen solchen Eifer zum Lernen hineingegessen, da er
ungewhnlich rasch lesen lernte und seine Mutter ihm bald nicht genug
Bcher mit Fabeln, Mrchen und allerhand Kindererzhlungen verschaffen
konnte.

Der verstorbene Vater des Dichters hatte gewnscht, da der Knabe
studiren und zur Universitt bergehen sollte. Im Herbst 1753 kam der
Knabe daher, acht Jahre alt, auf die protestantische Lateinschule seiner
Vaterstadt; da sich dieselbe aber in einem jmmerlichen Zustande befand,
sah sich die Mutter genthigt, ihn von da fortzunehmen und in die
katholische Schule des Ortes zu schicken, wo das Lateinische grndlich
betrieben und das Franzsische ebenfalls gelehrt wurde. Mit fnfzehn
Jahren wurde Carl Arnold Schler des Gymnasiums zu _Dortmund_, wo er bei
einem Onkel von vterlicher Seite Wohnung und Pflege fand. Ein Sohn
dieses seines Hauswirthes ist Karl Georg Theodor Kortum, den Pierers
Universal-Lexicon ^s. v.^ Kortum flschlich als Sohn unseres
Jobsiadendichters bezeichnet. Derselbe, 1765 zu Dortmund geboren, starb
am 9. Februar 1847 als Physikus in Stollberg bei Aachen.

Am Gymnasium zu Dortmund gehrte unser C. A. Kortum zu den tchtigsten
Schlern, und waren es nach F. W. Ebeling vorzglich _zwei_ Lehrer,
welche einen nachhaltigen Einflu auf denselben ausbten, der Rector
Gotthilf August _Hofmann_ und der Professor _Pilger_. Letzterer gab sich
Mhe, den jungen Studiosus fr den geistlichen Stand zu bestimmen, aber
vergeblich, denn die Lust und Liebe zur Medizin als zu seinem
Brodstudium hatte der Jngling in der vterlichen Apotheke zu tief
eingesogen; trotzdem blieb ihm zeitlebens eine gewisse Vorliebe fr
theologische Dinge anhaften. Der Rector Hofmann, ein fr seine Zeit sehr
verdienter Schulmann (gestorben 1770), war zwar ebenfalls Theologe, aber
nach der obigen Quelle zugleich ein warmer Freund der Dichtkunst, deren
Nutzen und Werth er in mehreren lateinischen und deutschen
Schulschriften zu erweisen versuchte. Derselbe weckte in seinem Schler
die Liebe zu den schnen Wissenschaften und beklagte nur unaufhrlich,
da derselbe in allen seinen freien Arbeiten einen ungemeinen Hang zur
Satire verrieth. Er warnte ihn, seinen beienden Witz zu unterdrcken
und seine Spottlust zu zgeln, durch welche er sich nur Feinde und
Unannehmlichkeiten im Leben schaffen werde; dabei hatte der Lehrer
selbst aber eine satirische Ader, fluthete von Sarkasmen vllig ber und
war sogar in einer literarischen Fehde ffentlich als Satiriker
aufgetreten. So wenig ein Lehrer, der den ganzen Tag die Pfeife nicht
erkalten lt, seinen Schlern das Unpassende und Schdliche des
Rauchens begreiflich machen kann, so wenig war auch Rector Hofmann
geeignet, dem jungen Kortum die Freude an lachendem Witz und scharfem
Spott zu verleiden.

Mit tchtigen Kenntnissen ausgerstet bezog Kortum 1763, achtzehn Jahre
alt, die Universitt _Duisburg_, um Medicin zu studiren. Hier, in der
Vaterstadt des bekannten Geographen Mercator (Kremer), welche 1609 mit
der Clevischen Erbschaft an die Kurfrsten von Brandenburg gefallen war,
hatte der groe Kurfrst 1655 eine reformirte Universitt gegrndet,
welche 1802 theilweise und 1818 ganz und frmlich aufgehoben wurde. In
der medicinischen Fakultt waren es besonders zwei Mnner, die Bedeutung
und Ruf hatten: Johann Gottlieb _Leidenfrost_ (1715-1791) und Christian
Arend _Scherer_ (1714-1777). Beide standen auf der Hhe der
medicinischen Wissenschaft ihrer Zeit, und hat der junge Kortum
namentlich die Fustapfen des ersteren dadurch betreten, da er sich
gleich ihm bemhte, populre Kenntnisse ber das Wesen des menschlichen
Krpers und dessen rationelle Behandlung zu verbreiten. Die 1779 in
Wesel und Leipzig bei F. J. Rder und J. S. Heinsius erschienene Schrift
Kortums: Anweisung wie man sich vor alle _ansteckende Krankheiten_
verwahren knne, fr solche die nicht selbst Aerzte sind -- gibt den
grtenteils noch jetzt richtigen Ansichten Leidenfrost's einen
populren Ausdruck und scheint vielfach auf dessen Vorlesungen zu
beruhen.

Nach drei Jahren bestand Kortum glcklich seine rztliche Prfung,
erwarb sich durch eine 1766 gedruckte Dissertation ber die Epilepsie
den Doctortitel und lie sich, nachdem er noch ein halbes Jahr in Berlin
hauptschlich Anatomie und Chirurgie studirt hatte, in der
liebgewordenen Musenstadt _Duisburg_ als Arzt nieder. Kaum 23 Jahre alt,
verheirathete er sich hier 1768 mit _Margaretha Ehinger_ aus Bochum und
erwarb sich wegen seiner gediegenen Kenntnisse, einiger
glcklicher Aufsehen erregender Curen, sodann aber wegen seines
leutseligen Benehmens, seiner geistreichen Unterhaltung und seiner
gesellschaftlichen Talente rasch eine ausgedehnte Praxis. Die Zahl der
von ihm in Duisburg behandelten Kranken soll sich in einem Jahre auf 600
belaufen haben. In einer Zeit, wo tchtige Aerzte noch selten waren, wo
Charlatane, Dorfbader und Feldscherer fast noch allein das Feld
behaupteten und ungestraft an dem gesunden Krper unserer Vorfahren ihre
unvernnftigen Quacksalbereien und bedenklichen Hundecuren versuchen
durften, waren wissenschaftlich gebildete Aerzte gesuchter als
heutzutage, und schon bald bewarben sich die Stdte Wesel, Lennep und
Hagen um Kortum als Arzt; in Rees wurde ihm gar das Kreisphysicat
angeboten. Seine Mutter und Gattin waren aber beide aus Bochum, und wol
deren Vorliebe fr ihre Vaterstadt war es, die den jungen Arzt bewog,
sich im Jahre 1770 in _Bochum_ niederzulassen. Bochum wurde seine
_zweite_ Vaterstadt, und bis zum Ende seiner Tage, lnger als ein halbes
Jahrhundert, blieb er derselben treu.

Klein und beschrnkt war dieser Wirkungskreis, und es ist nicht ohne
Interesse, den Dichter selbst ber die einfach-spiebrgerlichen
Verhltnisse seines neuen Wohnortes zu vernehmen. In einer
hinterlassenen Schrift: Bochumer Nachrichten, welche von der
Westflischen Volkszeitung in Bochum im ersten Jahrgange 1872
verffentlicht wurde und welche, wie aus dem Inhalte zu schlieen ist,
im Winter von 1789 auf 1790 entstanden sein mu, uert sich Kortum an
verschiedenen Stellen wie folgt:

Augenblicklich (im Jahre 1789) wohnen berhaupt 366 Familien in der
Stadt; die Personenzahl betrgt 1474 Seelen, ausgenommen die hier im
Dienst stehenden Soldaten. Hierunter sind 294 Mnner, 385 Frauen, 332
Shne, 348 Tchter, 11 Gesellen, 17 Knechte, 1 Junge und 86 Mgde. Von
diesen sind 983 ber und 491 unter zehn Jahren alt. Zum Militrstande
gehren noch besonders 47 Personen, deren Weiber und Kinder
eingerechnet.

Die Einwohner der Stadt sind meist starke, untersetzte Leute. Man
trifft hier wenig Krppel und im Verhltni der Einwohnerzahl sehr viele
alte Leute beiderlei Geschlechts. Siebenzig- und Achtzigjhrige sind
durchaus nicht selten. Die einfache Lebensordnung, die hier gefhrt
wird, ist neben der gesunden Luft die Hauptursache des auerordentlich
gnstigen Gesundheitszustandes. Der gemeine Mann nhrt sich nur von
Brod, Butter und Gemse; Fleisch wird von ihm nur selten genossen, noch
seltener Fische; Gewrze fallen fast ganz fort. Kaffee wird viel
getrunken, aber sehr dnn; derselbe macht mit einem Butterbrode oft die
Mittagsmahlzeit, fast immer die Abendmahlzeit der Familie aus, die
vertraulich beim Scheine des Herdfeuers um den Kaffeekessel (Wippop)
oder Milchnapf sitzt. Der Hausvater raucht dabei wol sein Pfeifchen
Klnischen Tabak, und wenn er bei Vermgenden in Arbeit steht, trinkt er
auch wol ein Glas Branntwein oder eine Kanne Bier. In solchem Falle it
er auch besser, bekommt Speck und sonstiges Fleisch und Pfannkuchen, und
ist dann vergngt wie ein Frst.

Die Brger ernhren sich grtentheils vom _Ackerbau_. Fast jeder
wohlhabende Brger hat eigen Feld; doch nur wenige haben eigene Pferde
und Ackergerthe. Sie lassen vielmehr von Bauern aus den benachbarten
Ortschaften entweder fr Geld oder gegen die Hlfte des Ertrages den
Acker bearbeiten.

Ein anderer Nahrungszweig ist die _Viehzucht_. Jeder Brger, er sei
vornehm oder gering, hat eine oder mehrere Khe; die rmsten haben
wenigstens eine Ziege. Da die Brger im Sommer auf der Vde frei Vieh
treiben knnen, so ist ihnen das Vieh wohlfeil zu halten. Im Jahre 1719
war der ganze Viehstand in der Stadt 24 Pferde, 402 Khe und 2 Ziegen.
Nach der Zeit hat der Viehstand abgenommen, denn jetzt (1789) sind nur
vorhanden 287 Stck Rindvieh, aber 42 Ziegen und 27 Pferde. Schafe
werden gar nicht gehalten.

Auch das _Kohlenbergwerk_ nhrt manchen Brger. Einige haben an den
Bergwerken selbst Antheil, Andere arbeiten an denselben, Andere fahren
auf Sturzkarren, Schiebkarren, Schleppen und Tragkrben Kohlen zum
Verkauf in die Stadt oder holen dieselben fr andere Leute.

Die Classe der vornehmen Leute besteht aus kniglichen Beamten,
Geistlichen, Gelehrten, Kaufleuten, Knstlern und Handwerkern. Die
brigen geringeren Brger sind Tagelhner, welche sich mit Dreschen,
Steinbrechen, Holzhauen, Futterschneiden u. dgl., so wie durch Hilfe
beim Ackerbau, Branntweinbrennen, Brauen und sonstigen wirthschaftlichen
Arbeiten ernhren.

Als im Jahre 1753 die Grafschaft Mark in _Landgerichte_ bestellt wurde,
erhielt auch Bochum ein solches (1878 leider nicht. D. V.) und wurden
dazu 1 Landrichter, 2 Assessoren, von denen der jngste zugleich das Amt
eines Actuars mit verwalten mu, nebst einem Gerichtsschreiber
angeordnet. Zu diesem Landgerichte gehrt nicht allein das Amt Bochum,
sondern auch das Amt Hattingen und Blankenstein. Das Landgericht hat zur
Vollziehung der Befehle zwei Gerichtsdiener. Die Sitzungen werden in
einem Zimmer des Rathhauses abgehalten.

Es geht zur Zeit (1789) hier noch _kein Postwagen_, wol aber kommt von
Cleve ber Duisburg die reitende Post Donnerstags und Sonntags hier an,
und des Mittwochs und Sonnabends eine Fupost von Lnen, welche
desselben Tages wieder abgeht. An eben den Tagen kommt ein Postbote von
Essen, geht hier durch nach Dortmund, und kehrt des anderen Tages
zurck. Nach Hattingen geht auch ein Postbote Mittwochs und Sonnabends;
auerdem sind noch besondere Postboten zur Ueberbringung etwaiger Briefe
an die nahegelegenen Drfer.

Es waren demnach die philisterhaften Verhltnisse eines kleinen
Landstdtchens, in welche der geistig und krperlich rege junge Arzt
hineingezwngt war; aus ihnen ist die Jobsiade hervorgewachsen und aus
dem Mangel an geistiger Anregung, den der reich angelegte und rastlos
thtige Dichter doppelt fhlen mochte, erklrt sich die Entstehung und
mancher Zug der Jobsiade. Der kleine Gesichtskreis gengte seinem regen
Geiste nicht, und da er die kleinlichen Verhltnisse nicht ndern
konnte, machte er sich in Wort und Schrift darber lustig. Ferner
erklrt sich hieraus, abgesehen von der natrlichen Anlage, seine
ungemeine Vielseitigkeit und seine groe schriftstellerische
Fruchtbarkeit.

Mochte Bochum, welches bei der Volkszhlung am 1. Dezember 1875 eine
ortsanwesende Bevlkerung von 28,562 Seelen hatte, zur Zeit der
Entstehung der Jobsiade aber auch nur kaum anderthalb tausend Seelen
zhlen: das alte Bochum brachte noch _Originale_ hervor, kernige,
gesunde, zufriedene Menschen, die sich als Brger _eines_ Gemeinwesens
fhlten, sich bestens vertrugen, und mit allerhand lustigen Streichen
und Einfllen aufzogen. Die leichtlebige und vergeliche Gegenwart hat
kaum noch eine Ahnung davon, welch' originelle Menschen die Vter und
Grovter der jetzigen Generation oft gewesen; nur mancher gute Einfall,
manche gelungene Fopperei, mancher kstliche Eulenspiegelstreich klingt
noch in die Jetztzeit hinber. Und von diesem gesunden Sinne, dieser
biederen Derbheit und urwchsigen Originalitt, vor Allem aber von dem
grobkrnigen Humor des alten Bochums trgt die Jobsiade auch gar manchen
Zug.

Unter rastloser Thtigkeit als Arzt und Schriftsteller verlebte Kortum
in Bochum in Wohlstand und Ansehen seine Tage, umringt von Kindern,
Enkeln und Urenkeln. Allerdings war sein Familienglck nicht ungetrbt;
drei geliebte Kinder sanken vor ihm in das Grab, und der 1807 erfolgte
Tod seines Sohnes, auf den er so groe Hoffnungen gesetzt hatte und der
ihm bereits nach glnzenden Studien als Gehilfe in seinem Berufe zur
Seite stand, brach seine Lebensfreudigkeit und machte den sonst so
heiteren Mann mrrisch, verschlossen und bitter. Von diesem Sohne, der
als zweiter Bergarzt unter seinem Vater wirkte, stammt das im zweiten
Theile, Kap. 32, Vers 10 erwhnte Gesundheitsbchlein fr Bergleute.
Bei Gelegenheit seines 50jhrigen Doctorjubilums im Jahre 1816 erhielt
er vom Knige Friedrich Wilhelm III. den Titel Kniglicher Hofrath; im
Jahre 1818 feierte er seine goldene Hochzeit und im Jahre 1820 im engen
Freundeskreise die Erinnerung an seine 50jhrige rztliche Wirksamkeit
in Bochum. Gebeugt von der Last seiner Jahre, lebensmde und verbittert
starb er, im 80. Lebensjahre stehend, am 15. August 1824, wie es
scheint, nach schmerzlichem Krankenlager. Darauf deutet wenigstens auf
seinem Grabmonumente der Satz: ^Non mihi mors gravis est -- posituro
morte dolorem^, zu deutsch: Der Tod wird mir nicht schwer, der ich
durch den Tod den Schmerz ablege. Ihn berlebten seine Gattin, seine
Tochter, sieben Enkel und zehn Urenkel. Noch jetzt leben Nachkommen von
ihm in Bochum.

Was seinen Ruhm begrndet hatte und in gesunden Tagen sein Glck gewesen
war, seine Ader zu Witz und Humor, wurde ihm in den letzten Jahren
seines Lebens zum Fluche. Er war ein strebsamer, tchtiger Student
gewesen und als junger Arzt gesucht und berhmt; er hatte sich
zeitlebens bemht, auf der Hhe seiner Wissenschaft zu bleiben, aber die
Arzneikunde war gegen Ende des vorigen und namentlich im ersten Viertel
dieses Jahrhunderts mit Riesenschritten vorwrts gegangen, und ehe er es
sich versah, war er zurckgeblieben und wurde von jngeren Krften
berflgelt. Der immer sichtlicher hervortretende Mangel an Vertrauen zu
seiner Geschicklichkeit krnkte und verbitterte ihn und untergrub seine
Berufsfreudigkeit und Heiterkeit. Aus dem Jngling, der sich ber Alles
lustig machte, war ein Greis geworden, der sich ber Alles rgerte, und
ein Convolut von hinterlassenen Papieren geschftlicher Art, welches die
Bochumer Gymnasialbibliothek aufbewahrt, zeigt keine Spur von dem
Charakter und lachenden Humor, den man bei dem Dichter der Jobsiade
voraussetzen sollte. Er hielt alle Menschen fr undankbar und falsch,
erblickte berall hmische Gegner und bsartige Feinde, verkannte die
Liebe und Achtung, die ihm von Angehrigen und Fremden reichlich bezeugt
wurde, und war in seiner bissigen Laune sich selbst zur Qual und Anderen
zur Last geworden. Gewi fiel ihm daher der Tod nicht schwer, der ihn
dem Lebensberdru und der Selbstqual entrckte.

Die _Grabsttte_ des Dichters auf dem ruhigen, schattigen alten
Kirchhofe macht einen wrdigen, ernsten Eindruck, und doch wird man
davor stehend unwillkrlich an die launigen Verse erinnert, mit denen
Kortum von der langen Reihe derer, die der drre Knochenmann schon
geholt, auf den Tod des Nachtwchter Jobs bergeht:

   Summa Summarum, weder vorn noch hinten
   Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden,
   Da Freund Hein etwa irgendwo leer
   Bei Jemand vorbergegangen wr'.

   Und was er brigens noch nicht gefressen,
   Wird er doch in der Folge nicht vergessen;
   Sogar leider, lieber Leser, auch _dich_,
   Und was das Schlimmste ist, sogar _mich_!

Das _Grabmonument_ bildet in seinem Haupttheile einen Wrfel aus
Sandstein, der auf einem verzierten Sockel ruht und von einem
dachartigen Gesimse bedeckt wird. Oben auf dem Denkmal steht eine mit
einer Schlange umwundene Urne. Das Monument zeigt auf der _Vorderseite_
die Inschrift:

                     ^Hoc sub monumento quiescit
                             C. A. Kortum
                        Dr. medic. pro meritis
                   nominatus consiliarius aulicus.
         Natus die 5. Juli 1745. Mortuus die 15. Aug. 1824.^

                     Hier ruht die irdische Hlle
                     des ^Dr. medic.^ und Hofrath
                            C. A. Kortum.
           geb. den 5. Juli 1745, gest. den 15. Aug. 1824.

Darunter befindet sich als Symbol der medizinisch-chirurgisch-poetischen
Thtigkeit des Verstorbenen eine Leyer, und kreuzweise darber gelegt
das Emblem der Aerzte und Apotheker, der Aesculapstab.

_Rechts_ von dem Beschauer steht die oben schon verdeutschte Inschrift:

                     ^Non mihi mors gravis est,
                       posituro morte dolorem.
                         Sirach, 22. v. 11.^
                   Man soll nicht so sehr trauern.

Unter der Inschrift befinden sich zwei Palmbschel.

An der _linken_ Seite findet der Verehrer des Dichters die Worte:

                       ^Per aspera ad astra!^
                     Offenbarung. Joh. 14. v. 13.
                        Selig sind die Todten,
                      die in dem Herrn sterben.

Wenn der deutsche Spruch jedesmal die Uebersetzung des lateinischen sein
soll, so wrde man damit allerdings als Quartaner oder Quintaner
schlecht durchkommen, denn ^Per aspera ad astra^ heit wrtlich:
Durch Mhen zu den Sternen. -- Unter dieser Inschrift befindet sich
eine Sanduhr.

Auf der _hinteren_ Seite des Denkmals befinden sich als Symbol der
Trauer zwei umgekehrte Fackeln und darber die Worte:

                 ^Deploratus ab uxore, filia, septem
                          nepotibus decemve
                            pronepotibus.^

                     Um ihn trauern seine Gattin,
                  seine Tochter, seine sieben Enkel
                          und zehn Urenkel.

In der Nhe des hier beschriebenen Grabdenkmals liegen drei Verwandte
des Dichters, seine _Tochter_ Henriette _Dring_ geborene Kortum,
geboren den 1. Mrz 1770, gestorben 5. Februar 1839, deren Schwiegersohn
Constantin _Brinkmann_, geboren 9. Mrz 1796, gestorben 9. Juni 1841,
und dessen gleichnamiger Sohn, also ein Urenkel Kortums, Constantin
Brinkmann, geboren 21. November 1821, der als junger Apotheker eines
jhen, unerwarteten Todes, wahrscheinlich durch Gift, gestorben ist. Es
heit von ihm auf der Grabinschrift nicht ohne Phrasenschwall: Er starb
am 21. April 1851, ein frh gefllter, lebenskrftiger Baum.
Geistesverwandt mit seinem Urgrovater _Dr. Kortum_, dem bekannten
Gelehrten, dessen spte Lebensjahre der hoffnungsvolle Enkel noch
erheiterte, ruht er nun an dessen Brust. Das Grabmal des lichtvollen
Vorfahren berschattet ihn, der Geist desselben geleite ihn zu den
Thoren der ewigen Auferstehung!

Nach Darlegung der ueren Lebensumstnde des Jobsiadendichters wollen
wir nunmehr denselben als _Schriftsteller_ betrachten, und dabei seine
Versuche und Leistungen auf dem Gebiete der _Poesie_ von seiner
anderweiten literarischen Thtigkeit trennen.

Doctor _C. A. Kortum_ begann seine fruchtbare schriftstellerische
Thtigkeit bereits frh und schrieb ber die verschiedensten,
heterogensten Materien. Die meisten Arbeiten fallen in die Zeit von 1775
bis 1790, sind aber bis auf die Jobsiade so ziemlich alle der
Vergessenheit anheimgefallen, obschon sich nicht lugnen lt, da
manche derselben in der damaligen Zeit anregend und frdernd gewirkt
haben. In den Jahren 1776 und 1777 erschienen in Bremen: Der _Kaffee_
und seine Stellvertreter; -- Der _Thee_ und seine Stellvertreter; --
Grundstze der _Bienenzucht_. Ueber letzteres Werkchen uert sich der
Verfasser in seinen Bochumer Nachrichten etwas rgerlich wie folgt:

Einzelne Brger treiben auch Bienenzucht, doch mehr zum Vergngen als
Nutzen. Es knnte dieser Nahrungszweig sehr verbessert und verdienstlich
gemacht werden. Ich habe durch meine im Jahre 1776 herausgegebenen
>Grundstze der Bienenzucht< Anla genug dazu gegeben, aber es fehlt an
gutem Willen und hherer Ermunterung.

In das medicinisch-pdagogische Gebiet fllt Kortums _Mrtyrer der
Mode_; derselbe erschien 1778 _anonym_ zu Wesel bei F. J. Rder. Es ist
dies eine kleine, durch den weiten Druck auf 75 Seiten ausgereckte
Satire auf die damals und noch jetzt grassirenden Modethorheiten und
Lebensgewohnheiten vornehmer Stnde, z. B. das Schnren, Ammenwesen,
Erziehung oder besser Vernachlssigung der Kinder durch fremdes Personal
u. dgl. Der arme Mrtyrer all dieser Moden, der von den ersten Anfngen
seines Daseins bis zum Grabe bei all diesen Modekrankheiten schlecht
genug wegkommt, erzhlt sein Elend selbst. Der Verfasser hat dem
Schriftchen nicht ohne Humor kurz und gut folgende Vorrede an die
Leser vorgesetzt:

Es wre zwar Mode, Ihnen erst ein Compliment zu machen und dann zu
sagen, was vor hinreichende Grnde ich gehabt habe, diese Geschichte
herauszugeben. Allein, zu dem ersten bin ich nicht aufgelegt, und das
andere werden Sie schon selbst am Ende der Geschichte lesen. B-ch-m,
1778.

Durch die letzte Bezeichnung verrth sich der Verfasser zur Genge;
nebenbei gesagt fllt diese bndige Vorrede zwei ganze Seiten.

Im Jahre 1779 erschien seine oben schon berhrte
populr-wissenschaftlich gehaltene Anweisung wie man sich vor alle
_ansteckende Krankheiten_ verwahren knne, und 1782 im Verlage der
Helwingischen Universitts-Buchhandlung zu Duisburg die von _Lavater_
angeregte Schrift: Anfangsgrnde der _Entzifferungskunst_ deutscher
Zifferschriften. Beide sind je 114 Seiten stark; die erstere ist fr
den damaligen Stand der medizinischen Wissenschaft bezeichnend und die
letztere ist ebenfalls noch jetzt lesenswerth, sehr instruktiv und
verrth eine groe Uebung und Sicherheit in der immerhin geistig
anregenden Spielerei, Ziffer- und Zeichenschriften zu entrthseln. --
1789 erschien zu Duisburg die _Verteidigung der Alchemie_, welche
bereits im Jahre 1791 in Aachen eine zweite Auflage (oder einen
Nachdruck) erlebte. Einen glcklichen Griff that endlich der
Arznei-Doctor, wie er sich meistens betitelt, in seiner Skizze einer
_Zeit- und Literaturgeschichte_ der Arzneikunst von ihrem Ursprunge bis
zum Anfange des 19. Jahrhunderts, welche 1809 zu Unna erschien und 1819
eine zweite Auflage erlebte.

Das Verzeichnis dieser seiner _gedruckten_ Schriften, noch mehr aber
eine Uebersicht seines _handschriftlichen_ Nachlasses zeigt die
ungemeine Vielseitigkeit und Polymathie des Jobsiadendichters. Medicin,
Pdagogik, Jurisprudenz, Naturkunde, Geschichte und Alterthumsforschung,
Landwirtschaft, Technologie, Illustrationskunde u. s. w. sehen wir
vertreten, und wenn das vorige Jahrhundert, wo die einzelnen
Fachwissenschaften noch nicht den riesigen Umfang von heutzutage hatten,
den studirten Leuten auch eher den Luxus einer solchen Vielwisserei
gestattete, so mu man doch ber die geistige Regsamkeit und den
Bienenflei des Mannes fglich erstaunen. Namentlich zeigen auch die
oben schon berhrten, 1872 durch Clemens _Ising_ aus dem
handschriftlichen Nachla zum Druck befrderten _Nachrichten_ vom
ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt _Bochum_, wie rhrig und
eifrig der Autor sich umgesehen, Umfrage gehalten, gesammelt und
gesichtet haben mu.

Den Ruhm und die Unsterblichkeit seines Namens hat Kortum jedoch auf
einem Gebiete errungen, wo er sie selbst wol nicht erwartet hatte, auf
dem Gebiete der _Poesie_, der komischen Muse. Wie nach seiner
Naturanlage zu erwarten stand, fallen in dieses Gebiet auch seine
_ersten_ schriftstellerischen Versuche. Gebeten, fr die in Wesel
erscheinende Zeitschrift Der Gemeinntzige und fr die
Niederrheinischen Unterhaltungen Beitrge zu liefern, verffentlichte
er in denselben zunchst Anekdoten und scherzhafte Gedichte. Spter
folgten, zum Theil selbstndig: Lobschrift auf Herrn Ich.; --
Komische Lebensbeschreibungen; -- Die seltsamen Begebenheiten der
Kinder des Medon und Sincer, ein Mrchen nach dem Geschmack des vorigen
Jahrhunderts; -- Saadi oder der Lebensbalsam, eine arabische
Erzhlung; -- Lebensgeschichte eines Carobuben; -- Alles kleinere
Sachen zum Theil moralisirenden Inhalts in humoristisch-satirischer
Behandlung. Den Mrtyrer der Mode (Wesel, 1778) kann man fglich auch
hierher rechnen.

Die _magische Laterne_, in dreimal dreiig Vorlesungen erschien 1784
zu Wesel; in dem ersten Dreiig fhrt der Autor Charakterfiguren von
Stnden, Berufsclassen und moralischen Eigenschaften, wie Geizige,
Stutzer, Modenrrin u. s. w. vor; im zweiten Dreiig erscheinen Personen
und Vorflle aus der biblischen Geschichte des alten Testaments, und im
dritten Dreiig will der Verfasser zeigen, was zu uns'rer Zeit
geschah. Er fhrt darin als _lebende_ Zeitgenossen vor: Joseph II.,
Friedrich d. Gr., Katharina II., erwhnte die Reise von Papst Pius VI.
nach Wien 1782, den nordamerikanischen Freiheitskampf 1777-1783, die
heldenmthige Vertheidigung Gibraltars durch Elliot 1779-1782, das
Auffliegen Montgolfier's 1783 u. s. w. Wenn daher ein Berufsgenosse des
Jobsiadendichters, Dr. _Mller_, im Jahre 1878 einen Neudruck des
kleinen Zeitspiegels in Knittelversen veranstaltet hat (Frankfurt a. M.,
Druck von G. Horstmann) und als eigenen Versuch unter der Ueberschrift
Fnfzig Jahre spter eine Darstellung des Krieges von 1870/71 anfgte,
so ist das ein colossaler historischer Schnitzer und wre Hundert Jahre
spter beinahe richtig gewesen. Auch schtzt sich der Herausgeber in
der Vorrede glcklich, die magische Laterne gleichsam neu entdeckt zu
haben, irrt sich in dem Geburtsjahre Kortums um etwa 30 Jahre, ebenso in
dem Geburtsorte, schreibt den Namen flschlich Kortm und ist der
Neudruck durch viele sinnstrende Druckfehler entstellt. Dem
Jobsiadendichter selbst aber wre vielleicht ein Dienst damit erwiesen
worden, wenn die Laterne vergessen geblieben wre. -- Weitere poetische
Erzeugnisse Kortums, welche allerdings erst nach der Jobsiade
erschienen, sind: _Adams Hochzeitsfeier_, ein komisches Gedicht,
(Wesel, 1788), und _Elisabeth Schlunz_, ein Anhngsel zur Jobsiade,
(Hamm, 1819).

Keins dieser vielen Geisteskinder hat jedoch den Verfasser berlebt,
alle fielen bald nachher der verdienten Vergessenheit anheim, und nur
ein einziges sichert dem fruchtbaren Schriftsteller fr immer einen
Namen in der deutschen Literatur, die allberhmte _Jobsiade_ oder, wie
der Titel der ersten Ausgabe ausfhrlich und genau lautete:

                     Leben, Meynungen und Thaten
                Von _Hieronimus Jobs_, dem Candidaten,
              Und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb,
         Auch endlich als Nachtswchter in _Sulzburg_ starb.

   Vorne, hinten und in der Mitten
   Gezieret mit schnen Holzschnitten.
   Eine Historia lustig und fein
   In neumodischen Knittelverselein.

Der in diesem Titel inhaltlich resumirte _erste_ Theil der Jobsiade
bildet ein abgeschlossenes Ganzes und erschien im Jahre 1784 _anonym_ in
Mnster und Hamm bei Philipp _Perrenon_. Der Druck war jedenfalls schon
im Jahre 1783 vollendet, wenigstens trgt das in meinem Besitze
befindliche Handexemplar des Dichters dessen eigenhndige
Namenszeichnung und darunter die Jahreszahl 1783. Das Titelbild von dem
besungenen Helden zeigt die Unterschrift: _Hieronimus Jobs_,
lutherischer Candidat der Theologie und Nachtswchter zu _Sulzburg_ in
Schwaben ^Aetat: XL.^ Aus dem _Sulzburg_ der ersten Ausgabe ist in
spteren Ausgaben _Schildburg_ geworden, welches an die bekannten
Streiche der Schildbrger von Schilda (Schildau) bei Torgau, dem
schsischen Abdera, erinnern oder diesen Ort bedeuten soll. Dem Autor
ist es brigens nie eingefallen, sein Werk als grotesk-komisches
Heldengedicht zu bezeichnen; in der ersten Ausgabe fehlt jede weitere
Bezeichnung, und erst spter, als die ferneren Theile erschienen, gab er
allen drei Theilen den Gesammttitel: Die _Jobsiade_, ein komisches
Heldengedicht in drei Theilen. Die Bezeichnung burlesk wrde ziemlich
richtig sein, denn die Dichtung erhebt sich nicht ber die niedere
Komik.

Verleitet durch den Beifall, den dieser erste Theil der Jobsiade, zwar
nicht ohne anfnglichen Tadel und Widerspruch, schlielich gefunden,
fgte der Dichter noch einen _zweiten_ und _dritten_ Theil hinzu; durch
einen hchst unwahrscheinlichen Hokuspokus lie er den im ersten Theile
als Nachtwchter verstorbenen Hieronimus wieder aus dem Grabe
hervorgehen und machte aus dem mirathenen Taugenichts erst einen
musterhaften Pastor und dann gar einen reichen Dorfdynasten. Alle drei
Theile erschienen unter dem gemeinsamen Titel Jobsiade 1799 zu
Dortmund in dem Mallinckrodt'schen Verlage. Die dritte Auflage besorgte
Kortum im Jahre 1806, und von der vierten, welche in seinem Sterbejahre
1824 erschien, hat er noch die Revision des ersten Theiles selbst
vorgenommen. Neben diesen rechtmigen Ausgaben erschien noch zu
Lebzeiten des Dichters eine Menge von Nachdrucken.

Geben wir zur Beurtheilung der Jobsiade zunchst das Wort dem
Literarhistoriker _Heinrich Kurz_. Derselbe sagt darber, Band III. p.
307a: Groen Beifall fand und findet noch immer die Jobsiade und zwar
mit vollem Recht. Denn wenn sich die Dichtung auch nur im niedrigsten
Grade des Niedrigkomischen bewegt, so hat auch dieses seine _volle
Berechtigung_, wenn der Dichter es nur mit vollem Bewutsein beherrscht
und durchfhrt. Und da dieses hier der Fall ist, wird Niemand
bezweifeln wollen, der das Gedicht gelesen hat. Die Jobsiade verdient
schon deshalb Anerkennung, weil in ihr Alles zusammenklingt: Charaktere,
Begebenheiten, Darstellung, Sprache, Versma, Alles bewegt sich im
gleichen Gebiete des Niedrigkomischen; nirgends wird der allgemeine
Charakter unterbrochen oder gestrt. Aber was der Jobsiade noch
greren, wahrhaft _poetischen Werth_ gibt, das ist die _Wahrheit_, die
ihr zu Grunde liegt. Wenn auch im burlesken Gewande, ist das Leben der
deutschen Spiebrger und Philister, der deutschen Gelehrten und
Pedanten in einer noch gar nicht so lange verschwundenen Zeit
meisterhaft und in der vollsten Wahrheit geschildert; ja selbst das
burleske Gewand ist keine Andichtung des Verfassers, sondern dem Leben
abgelauscht. Es ist freilich schade, da der Dichter noch einen Theil
(resp. zwei) hinzufgte, in welchem Jobs, der scheintodt im Grabe
gelegen, ins Leben zurckgerufen wird, nun ein neues Dasein beginnt und
ein Muster von einem Pastor wird; allein abgesehen davon, da man diese
Fortsetzung als selbstndiges Ganzes betrachten mu, und die poetische
Einheit und Wahrheit des ersten Theiles dadurch also nicht
beeintrchtigt wird, so mchten wir darin eine treffliche Satire auf die
damaligen Dramen erblicken, in denen das Tragische durch einen
unpoetischen Umschwung oder an den Haaren herbeigezerrte innere
Unmglichkeiten zu glcklichem Ende gefhrt wurde. Wie der erste Theil,
so ist brigens die Fortsetzung reich an glcklichen Einzelheiten, und
wenn auch keine dem in seiner Art classischen Examen oder dem eben so
trefflichen Briefe des Candidaten Jobs gleichkommt, so sind doch manche
Stellen uerst glcklich, so z. B. die Verspottung der damals
herrschenden Empfindsamkeit.

Gleich gnstig urtheilt ber die Jobsiade _W. Lindemann_ in seiner
Geschichte der deutschen Literatur, Buch XI., der sie geradezu als das
eigentliche und einzige komische Heldengedicht der neueren deutschen
Literatur bezeichnet. Auch er hlt die Fortsetzung fr eine Schdigung
des ersten Theils; durch dieselbe gehe das komische Interesse auf
Nebenpersonen ber.

Nicht zum geringsten Theil verdankt der Verfasser diese Wirkung dem
gewhlten _Versmae_ und der _Illustration_ der einzelnen Scenen durch
die allerklotzigsten und unbeholfensten Bilder. Die drollige Willkr,
mit welcher der Verfasser seine seitdem oft, jedoch selten mit Glck
nachgeahmten Knittelverse allen rhythmischen Gesetzen zum Hohn handhabt,
die Naivitt, mit der er den Leser schadlos hlt, indem er erklrt:

   Es werden zwar in den Reimen manche Strophen
   Auf zu wenigen Fen hinkend angetroffen,
      Es sind aber auch manche Strophen wieder dafr
      Lnger, und mit zu viel Fen laufend allhier,

der glckliche Griff, mit welchem er hufig durch die Wahl eines
verkehrten Casus oder einer falschen Form dem ausgedrckten Gedanken
einen komischen Beigeschmack gibt und ihn so gleichsam zur erheiternden
Caricatur umwandelt, das Alles verleiht den mitten aus dem Leben
gegriffenen und lebenswarm dargestellten Vorgngen, auer dem
_inhaltlichen_ Interesse, auch noch den packenden Reiz der _originellen
Form_. In richtigem Salondeutsch ausgedrckt, wrde mancher Gedanke ohne
Eindruck an dem Leser vorberziehen; im Gewande der Kortum'schen
Knittelverse aber prgt er sich dem Gedchtni unauslschlich ein und
bleibt darin haften fr immer.

Ein Pendant zu dem gewhlten Versmae bilden die _Illustrationen_. Eine
Jobsiade, auf Velinpapier gedruckt und mit feinen Holzschnitten
versehen, wre gar keine richtige Jobsiade mehr; sie verlre viel von
ihrer Wirkung und ihrem eigenthmlichen Reize. Wer erinnert sich nicht
mit Freuden des Autors, der wie ein zweiter Evangelist Lucas an seinem
altmodischen Schreibtisch sitzt, seinem Bchlein den vterlichen Segen
gibt und eine lange irdene hollndische Pfeife vor sich liegen hat, oder
der Schaar schnatternder Enten, die als Gevatterinnen bei der Senaterin
Jobsen Kindbettvisite machen, oder des steifen Reiters, der dem
Reitersmann auf den Tabakpckchen von Bnniger oder A. B. Reiter gleicht
wie ein Ei dem andern und obendrein oft angebracht ist, wo er pat wie
Pilatus in's Credo? Wie bezeichnend und hochkomisch ist nicht die
Darstellung, wie es mit Jobsens Gelehrsamkeit beim Abgange von der
Universitt bewandt war, fein artig in gegenwrtigem Kupfer
vorgestellt: ein leerer Rahmen ohne Inhalt? Wie stolz und dreist sieht
der Hahn in die Welt, der in dem neuen A-B-C-Buche von Hieronimus Jobs
ein Nest mit einem groen Ei hinter sich hat, gleichsam als htt' er es
selbst gethan, wie glotzugig verkndet die Nachteule den nahen Sturm
in Ohnewitz, wie bezeichnend ist nicht der geschwtzige Papagei als
Einfhrung in das Kapitel, in dem Amalie ihren nicht sehr erbaulichen
Lebenslauf erzhlt: ein langes Kapitel, weil eine Frauensperson
spricht; accurat hundert Verse? Gleich gelungen sind die Portrts der
beiden Advocaten Schluck und Schlauch, die Silhouette und daran
geknpfte physiognomische Studie von Frulein Esther, und das Titelbild
zum dritten Theile, die beiden Liebenden in der Laube, wo sie tranken
des Mondes Silberschein und das Flimmern der lieben Sternelein, ist der
reinste Hohn auf die verliebte Mondscheinschwrmerei.

Die Bilder hat der Verfasser offenbar selbst entworfen; brigens sind
die kleinen, egal groen, mit Eckstein, Schppen und Herz versehenen
Bildchen mit den Beischriften Hogier, Hector, Judith so wie die
inschriftslosen Bilder von dem jungen Baron und Esther ursprnglich
Clichs von damaligen rohen Spielkarten.

Der Beifall, den die Jobsiade im groen Publikum fand, wurde anfangs von
den Kritikern und Recensenten nicht allgemein getheilt; berhaupt ist
Kortum, wie viele Stellen der Jobsiade zeigen, auf diese Herren herzlich
schlecht zu sprechen. Namentlich wute ein Recensent in der Allgemeinen
Deutschen Bibliothek, (LIV. 72 ff.) nicht Worte genug zu finden, um
diese Migeburt, diesen Bastard der Komik, diese heillose Reimerei
gebhrend an den Pranger zu stellen. Alles sei darin zu finden, heit
es, nur nicht Witz, Ironie, scherzhafte Laune, Satire und treffende
Charakteristik; berhaupt sei eine grblichere, pbelhaftere Darstellung
in der ganzen deutschen Literatur nicht zu entdecken. Wahrscheinlich war
dieser grimmige Recensent ein Berufsgenosse des verunglckten Studiosus
Hieronimus, der durch solche malose und einseitige Kritik den seinem
Stande vermeintlich angethanen Schimpf recht krftig auswetzen wollte.
Das erste Kapitel des zweiten Theiles, welches als Vorrede anzusehen
ist, ergeht sich ausfhrlich ber die Aufnahme, die der erste Theil
gefunden. Eine sehr schmeichelhafte Besprechung findet sich im damaligen
Reichsanzeiger, Jahrgang 1787, Nr. 123, Seite 1331. Wie Alles, was
ber das gewohnte alltgliche Geleise hinausgeht, sich nicht ohne
Widerspruch Bahn bricht, so errang auch die Jobsiade, welche so ganz von
dem hergebrachten Genre der znftigen Poesie abwich, den allgemeinen
Beifall nicht ohne Anfeindung. Gerade die gnstige Aufnahme aber, welche
der erste Theil trotzdem fand, war die Veranlassung, da der Dichter die
weiteren Theile folgen lie; vielleicht mochte er, lter und ruhiger
geworden, dabei auch beabsichtigen, Manches wieder gut zu machen, was er
im ersten Theile am Stande der Theologen gesndigt hatte.

Ueber seine _Absicht_ bei der Abfassung der Jobsiade sagt der Dichter im
ersten Kapitel des dritten Theiles, er habe ein Scherflein dazu
beitragen wollen, verdrieliche, trbe Stunden zu verjagen, habe
nebenbei ntzliche Winke und Kleinigkeiten zu verbreiten gesucht, und
wo ich Dummheit und Bosheit fand, gab ich wol 'nen Hieb en passant.
Trotz mancher anstigen Stellen ist die Jobsiade im Grunde moralisch
und moralisirend. Kortum will durch seine Satire bessern; er moquirt
sich ber Leben und Leute, weil er sie anders wnscht; er sucht dem
spiebrgerlich gengsamen Philisterthum, welches ihn langweilte, wie
dem sich spreizenden Pedantenthum, das ihn rgerte, den Garaus dadurch
zu machen, da er beide in ihrer Lcherlichkeit hinstellte; seine
komische Muse ist die eines launigen Sittenrichters, der durch beienden
Spott bessern will. Wenn er dabei oft zu unverblmt die nackte Wahrheit
sagt, so mu man bedenken, da die Jobsiade keine Lectre fr junge
Mdchen ist und sein soll, und ferner seinen _Stand_ und sein
_Zeitalter_ bercksichtigen. Seinen Stand, denn der Beruf des Arztes
bringt es oft mit sich, da er ber delikate Verhltnisse kein Blatt vor
den Mund nimmt, und sein Zeitalter, denn das vorige Jahrhundert war
allerdings nicht prde, aber trotzdem wol moralisch gesunder und besser
wie die zimperlich thuende, blasirte Gegenwart.

Mag der gelehrte, ideale Aesthetiker die Jobsiade kritisiren, weil ihr
derber Witz nicht salonfhig ist, mag der Moralist mit Recht Manches
daran auszusetzen haben: die Jobsiade ist ein _Volksbuch_ geworden, sie
ist das versifizirte Lesebuch, in dem man Alles finden kann, und jedes
andere Volk wrde auf solch' reiches Produkt der Komik stolz sein; hat
doch der Candidat Jobs, der unter allgemeinem Schtteln des Kopfes von
dem gelahrten Consistorio in Schwaben examinirt wurde, selbst in
_Amerika_ vor der Yankee-Kritik sein Examen ruhmvoll bestanden. In
amerikanisch-englischen Knittelversen erschien er als:

   ^The life, opinions, actions and fate^
   ^Of Hieronimus Jobs, the candidate,^
   ^And how he whilome won great renown^
   ^And died as night-watch in Schildebourg town.^

Ferner hat das Buch der Malerei Stoff zu mancher bedeutenden
Kunstleistung gegeben; es sei hier nur an die drei groen Oelgemlde des
Malers _Hasenclever_ erinnert Jobs im Examen, Jobs als Schulmeister,
und Jobs als Nachtwchter, die sich smmtlich unter Nr. 33, 34 und 35
in der Gemlde-Galerie des Herrn _Raven_, Wallstrae 93, zu _Berlin_
befinden.

Zum Schlu kommen wir noch auf die interessante Frage: Sind die in der
Jobsiade vorkommenden Personen und Geschichten lediglich dichterische
Erfindung oder liegen ihnen _wirkliche Persnlichkeiten_ und
_Thatsachen_ zu Grunde? Jedenfalls steht zunchst fest, da nach dem
Erscheinen des ersten Theiles sich manche Personen getroffen fhlten und
dem Dichter das mit altbochumer Offenheit vorgeworfen wurde. Dafr
spricht auch die Entschiedenheit, mit welcher Kortum sich in den
Einleitungskapiteln der beiden letzten Theile gegen die Insinuation
verwahrt, er habe berall satirisirt oder gar personalisirt. Er
behauptet.

   Nun kann ich aber, bei meiner Treu und Ehren!
   Jedermnniglich laut und offen erklren,
      Da ich von persnlicher Beleidigung frei,
      Und fr Niemand das Bchel anstig sei.

   Wer sich also in Zukunft etwa wrde vergessen
   Und mir absurde Absichten beimessen,
      Den erklre ich hiermit rund
      Fr einen et cetera und bsen Leumund!!

Wenn wir nun auch dem Dichter diese Erklrung, die er mit zwei !! am
Ende bekrftigt, auf das Wort glauben, so ist doch zu bedenken, da alte
Leute in Bochum versichern, den leibhaftigen Hieronimus Jobs und dessen
Brder noch gekannt zu haben, und da ein in denen Studiis
verunglckter Bochumer Bruder Studio Namens _Boi_, zu besagtem
Hieronimus Portrt gesessen habe. Kortum habe den Namen desselben
rckwrts gelesen, die krperkrftige Gestalt und viele Meinungen und
Thaten seien aber diesem verbummelten Studenten abgelauscht. Als
Stammhaus des weiland Hieronimus Jobs wird das Haus auf der oberen
Marktstrae Nr. 8, den alten Bochumer noch jetzt als _Flgel-Boi_'sches
Haus bekannt, mit aller Bestimmtheit bezeichnet. Ferner soll in dem arg
mitgenommenen Doctor Schneller ein rztlicher Concurrent des Dichters
versteckt, und in den beiden Advocaten Schluck und Schlauch auf damalige
Personen angespielt sein. Uebrigens schonte _Kortum_ auch seinen eigenen
rztlichen Stand keineswegs, wofr die Dichtung zahlreiche Belege
bietet.

Die obige Versicherung des Dichters und diese Angaben lassen sich aber
sehr gut vereinigen. Man schildert nur das lebenswahr und frisch, was
man selbst innerlich oder uerlich erlebt und durchgemacht hat. Wer
sich von der geistigen Werkstatt eines Dichters eine Vorstellung machen
kann, wird wissen, da derselbe seinen rein erfundenen Gestaltungen
entweder Zge, Einzelheiten, wirklich erlebte und bekannte Vorflle
unterlegen mu, oder da er umgekehrt zur Unterlage, gleichsam zum
Gerippe eines Charakters sich eine bestimmte Person nimmt, diese
idealisirt, nach Anlage des Charakters freie Erfindungen anfgt, kurz
Gestalten liefert, die einzelne bekannte Zge tragen, trotzdem aber
vllig geistiges Eigenthum des Dichters sind. In beiden Fllen sagt der
oberflchliche Leser, das soll _der_ und _der_ sein, und wenn er Zge
oder zufllige Aeuerlichkeiten von sich selbst zu finden glaubt und im
empfindlichen neunzehnten Jahrhundert lebt, kommt er wol gar dazu, den
armen Poeten zu verklagen. Jedenfalls aber darf Bochum, in dem die
Originale noch nicht ganz ausgestorben, stolz darauf sein, ein Original
wie Hieronimus Jobs hervorgebracht zu haben.

_Bochum_ in Westfalen.

                                               #Friedrich Schnettler.#

[Illustration: Hieronimus Jobs, lutherischer Candidat der Theologie und
Nachtwchter zu Schildburg in Schwaben.]

                     Leben, Meinungen und Thaten
                                 von
                           Hieronimus Jobs,
                                 dem
                             Candidaten,

              und wie Er sich weiland viel Ruhm erwarb,
          auch endlich als Nachtwchter zu Schildburg starb.

   Vorn, hinten und in der Mitten
   Geziert mit schnen Holzschnitten,
      Eine Historia lustig und fein
      In neumodischen Knittelverselein.




                            Erster Theil.


                           Hieronimus Jobs,
         lutherischer Candidat der Theologie und Nachtwchter
                      zu Schildburg in Schwaben.




Erstes Kapitel.

Vorrede, und der Autor hebt an, die Mhr von Hieronimus Jobsen seliger
zu beschreiben, und er gibt seinem Bchlein den vterlichen Segen.


[Illustration]

    1. Euch und mir die Zeit zu vertreiben,
       Geneigte Leser! will ich itzt schreiben,
         Eine extrafeine Historiam
         Von _Hieronimus Jobs_ lobesam.

    2. Mit welchem sich in seinem Leben
       Viel gar Wunderbares hat begeben
         Und welcher sowol in Glck als Gefahr
         Ein rechter curioser Hieronimus war.

    3. Zwaren wre Vieles von ihm zu sagen,
       Der Leser mchte aber nicht Alles knnen tragen,
         Und Papier und Raum wre fr der Meng'
         Seiner Abenteuer zu eng.

    4. Zwaren wei ich von ihm viele Data;
       Ich erzhl' aber nur die _vornehmsten_ Fata,
         Und was er von seiner Geburt an
         _Merkwrdiges_ hat gethan.

    5. Weil ich nun die preiswrdige Gabe
       Zu dichten vom Sanct Apoll erhalten habe,
         So habe, statt da man sonst in Prosa erzhlt,
         Dafr einen sehr schnen Reim erwhlt.

    6. Wenn ich aber nach rechtem Ma und Ehle,
       Gleich nicht Alles, wie's sich ziemt htte, erzhle,
         So wei doch der _geneigte Leser_ schon,
         Da man so was nennt _Volkston_.

    7. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen
       Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen,
         Drum lieb' ich so sehr die Poesie
         Und erzhl' Alles in Reimen hie.

    8. Man brauchet gar nicht darob zu spotten,
       Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Boten,
         Bleiben gewi noch weit zurck
         Hinter den Versen aus meiner Fabrik.

    9. Ich habe mich zugleich emsig bemhet,
       Wie der _geneigte Leser_ mit Augen siehet,
         Da das Bchlein, wie sich's gebhrt,
         Mit schnen Figuren wrde geziert.

   10. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen,
       Hab' sie also anderswoher oft genommen,
         Doch passen selbige von ohngefhr,
         Wie man findet, genau hierher.

   11. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemchte,
       Knnen jedoch, wie ich fast gedchte,
         Noch immer, wie jene gut genug,
         Durch die arge Welt helfen das Buch.

   12. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten,
       So sind die Verse ja auch nicht die reinsten;
         Und darum ist's ja lblich und gut,
         Da eins mit dem andern harmoniren thut.

   13. Nun, mein Bchlein, ich will's nicht hindern,
       Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern;
         Manches Bchel, nicht besser als du,
         Eilt ja jhrlich den Messen zu!

   14. Hiemit will ich frmlich nun legen,
       Kraft meiner Finger und von Autors wegen,
         Als dein zrtlicher Vater gar mildiglich
         Meinen Segen, liebes Bchlein! auf dich.

   15. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren,
       Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren,
         Und was etwa noch sonst fr Noth
         Denen gedruckten Bchelchen droht!

   16. Du mssest in- und auerhalb Schwaben,
       Deinem Vaterlande, viele Leser haben;
         Damit Schrift, Papier und Druckerei
         Nicht, Gott behte mich! verloren sei.

   17. Allen und Jeden, die lesen und bezahlen,
       Melde meinen Gru zu tausend Malen,
         Und jedem hochweisen Herrn Recensent
         Vermelde insonders mein Compliment.

   18. Sag' ihnen, doch demthig, wie sich's gebhret,
       S' htten gepriesen und gerecensiret
         Manches geringe Bchlein hoch,
         Viel elender geschrieben als du noch.




Zweites Kapitel.

Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem
nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte.


[Illustration]

    1. Eh' ich weiter gehe, mu ich etwas melden
       Von den beiden Eltern unsers Helden,
         Auch noch ein oder anders Wort,
         Von seinem wahren Geburtsort.

    2. Und zwar war es ein Stdtlein in Schwaben,
       Wo seine Eltern gewohnet haben,
         Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr
         _Erster_ ehrwrdiger Rathsherr war.

    3. Er war reich, hatte Schafe, Khe und Rinder,
       Auch auer unserm Helden noch viele Kinder,
         Sowol von mnnlich- als weiblichem Geschlecht,
         Und lebte brigens schlecht und recht.

    4. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel,
       War aufrichtig im Leben und Wandel,
         Und sowol im Rathhaus als daheim fromm,
         Dabei auch ein groer Oekonom.

    5. Er war von Religion ein chter Lutheraner,
       In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer,
         Weil er berhaupt weder _Kartes, Wolf_ oder _Kant_
         Noch sonst eigentlich Philosophie verstand.

    6. Jedoch hatte er ein wenig studiret
       Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret,
         Wute folglich in so weit viel mehr
         Als sonst gewhnlich ein hochweiser Rathsherr.

    7. Er lieh gern Drftigen und Elenden,
       Wenn sie Etwas hatten zu verpfnden,
         Nahm hchstens zwlf Procent davon
         Und war sehr dick und klein von Constitution.

    8. A brigens und trank nach Appetite
       Und bei seinem phlegmatischen Geblte,
         Rauchte er manche Pfeife Tabak,
         Und fand am Zeitungslesen Geschmack.

    9. Doch oft litte er von berlaufender Galle
       An einem starken podagrischen Anfalle,
         Doch hinderte ihn dieses niemals nicht
         Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht.

   10. Die Mutter war von ehrsamem Stande,
       Die beredtsamste Frau im ganzen Schwabenlande,
         Gro und hager und tugendsam
         Und so sanftmthig als ein Lamm.

   11. Doch, wie es in den allermeisten Ehen
       Leider! nicht selten pfleget zu geschehen,
         Hatte sie im Hause dann und wann,
         Bei Gelegenheit, die Hosen an.

   12. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken,
       Zuweilen kleine Hndel und Geznken;
         Im brigen aber liebte sich
         Dieses theure Paar gar zrtlich.

   13. Sie hatten nun seit etlichen Jahren
       Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren,
         Doch geschahe es abermals zur Hand,
         Da sich Frau Jobs wieder schwanger befand.

   14. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe,
       Da die Zeit ihrer Entbindung sich nahe:
         So machte gedachte Frau Jobs alsbald
         Zur Niederkunft die gehrige Anstalt.

   15. Ehe ich aber nun weiter hier dichte,
       Erzhl' ich erst eine besondere Geschichte,
         Oder einen Traum dieser Frau vielmehr,
         Welcher allerdings gehrt hieher.

   16. Die Erfahrung lsset manches Mal sehen,
       Da die Trume gewi nicht zu verschmhen,
         Lieber Leser! das glaube mir,
         Du siehst davon ein Exempel hier.

   17. Einst nmlich lag Frau Jobsen im Bette,
       Und es kam ihr im Traum vor, als htte
         Sie ein gewaltiges groes Horn,
         Statt eines kleinen Kindleins, geborn.

   18. Dieses Horn nun tnte und krachte
       So mchtig, da sie darob erwachte,
         Und sie hat, seitdem sie erwacht,
         Oefters darber nachgedacht.

   19. Eine Frau, welche sie ber die Deutung gefraget,
       Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget:
         Es zeige deutlich der Traum an,
         Da ihr Kind werde ein gewaltiger Mann.

   20. Und da seine Stimme ihn wrde ernhren,
       Er wrde sie als Pfarrer lassen hren;
         Denn das beweise klrlich und schn
         Das groe Horn mit seinem Getn.

   21. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren,
       Die Zukunft wird die Bedeutung wol lehren,
         Wenn das Kind zu seinen Jahren wchst.
         Ich schreite nun wieder zum Text.

   22. Die Mutter legte nun Windel und Hemder
       Zurechte, und am dreiigsten September
         Wurde dieselbe zu rechter Zeit
         Durch die Geburt eines Knbleins erfreut.

   23. Welch ein Vergngen gab dies dem Vater!
       Himmel! wie freute sich der Senater!
         Und wie sprang er nicht, als er da
         Das artige Bblein zur Welt sah.




Drittes Kapitel.

Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam,
und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat.


    1. Frau Jobsen war also, wie eben gesprochen,
       Mit dem jungen Jbslein in den Wochen,
         Er selbst lag eingewickelt neben ihr da,
         Schlief, und wut' nicht, wie ihm geschah.

    2. Wie voll Jubel Alles im Hause gewesen,
       Das lt sich nicht Alles genau lesen;
         Verwandte und Nachbarn nahmen am Heil
         Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil.

    3. Tglich war in der Wochenstube Lrmen,
       Als wenn im Maimonate Bienen schwrmen
         Und es ging immer sum, sum, sum
         Ums Wochenbette lustig herum.

    4. Es waren jetzt genau drei Tage,
       Seitdem die Mutter im Wochenbette lage,
         Als zum Kaffee auf den Nachmittag,
         Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach.

[Illustration]

    5. Und zwaren von allen diesen Madamen,
       Die auf den Kaffee zu Frau Jobsen kamen,
         Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus
         Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus.

    6. Der Vater des Jbschens war ihr Vetter;
       Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter
         Und von dergleichen Sachen mehr,
         Die wichtig sind in das Kreuz und die Quer.

    7. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbetterin befinde?
       Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde:
         Ob's mit Appetit den Futterbrei
         Gensse und fein stille sei?

    8. Man that ihm hierauf nach der Reih' die Ehre,
       Hob es auf, rhmte seine Gre und Schwere,
         Und bewunderte einmthig weit und breit
         Seine mehr als gemeine Artigkeit.

    9. Meine hochgeehrte Frau Base!
       Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase,
         Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Mann,
         Ich seh's ihm an seinem Gesichte an.

   10. Habe neulich ein schnes Buch gelesen,
       Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen,
         Welches von der Kunst Physiognomei
         Handelt, und was davon zu halten sei;

   11. Darin stunden schrecklich viele Gesichter,
       Gelehrte, dumme, fromme Bsewichter,
         Silhouetten von feiner und schlimmer Gestalt,
         Auch Kpfe von Thieren, jung und alt.

   12. Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen,
       So glaub' ich daraus zu verstehen,
         Da ein solches verkehrtes Gesicht
         Viel zuknftiges Genie verspricht.

   13. Und wollte schier gewi versichern:
       Das Kind geht einst um mit Bchern;
         Und ist wol gar zum Pfarrer bestimmt,
         Wenn es knftig zu Jahren kmmt.

   14. Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen,
       Da es einst werde die Kanzel besteigen.
         (Notabene: Der kleine Jobs schrie hier just,
         Gerade als wenn er es htte gewut.)

   15. Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte,
       Sie gehren aber nicht an diesen Orte.
         Alle Frauen fielen mit groem Geschrei
         Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei.

   16. Nachdem nun die Visite war zu Ende,
       Reichten sie alle der Frau Jobsen die Hnde,
         Dankten fr alle genossene Ehr'
         Und gingen hin, wo sie gekommen her.

   17. Die Wchnerin bekam zwar vom Lrm Kopfschmerzen,
       Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen;
         Zumal da diese im Ruf stand,
         Als wre ihr was von der Magie bekannt.




Viertes Kapitel.

Wie das Kindlein getauft ward, und wie es _Hieronimus_ genannt ward.


    1. Als noch einige Tage waren vergangen,
       Schien das Kind die Taufe zu verlangen,
         Indem es immer erbrmlich schrie
         Und seiner Mutter machte viel Mh'.

    2. Es half davor weder Brust noch Sppchen
       Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpppchen,
         Sondern es rief in einem fort,
         Da Niemand hren konnt' sein eigen Wort.

    3. Man machte drum in Senator Jobsens Hause
       Anstalten zum Kindtaufenschmause
         Und schleppte der Speisen mancherlei
         Zum morgenden Tractamente herbei.

    4. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen
       Zum Nachtische bereitet und gebachen,
         Auch an Wein, und Tabak und Bier
         War gewi kein Mangel hier.

    5. Gevattern, Freunde und Verwandte,
       Hebamme, Nachbarn und Bekannte
         Stellten sich darauf artig und fein,
         Zur gehrigen Stunde ein.

    6. Auch Kster und Pfarrer mit dem Formulare,
       Wie leicht zu gedenken ist, da ware;
         Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat
         Sich zeitig dabei eingefunden hat.

    7. Es waren auch sonst noch viele Gste
       Auf diesem groen und hohen Feste,
         Und ich sag' es zu Jobsens Ehr':
         Es ging Alles fein ordentlich her.

    8. Jedoch that sich ein Disput erheben,
       Was man dem Kind fr einen Namen wollt' geben:
         Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans,
         Diez, Jost, Hermann oder Franz.

    9. Von diesen sonst schnen Namen allen
       Wollte keiner allgemein gefallen,
         Und es wrde gewi noch zuletzt
         Haben nicht geringe Hndel gesetzt.

   10. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre,
       That den Ausspruch, da es rathsam wre,
         Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen,
         Was am Geburtstag mcht' fr ein Name stehen.

   11. Es ward also, ohne weiter zu fragen,
       Vom Kster der Kalender aufgeschlagen,
         Und man fand darauf ohne Mh'
         Den Namen des heiligen Hieronimus hie.

   12. Solcher kluger Rath hat gleich Allen,
       Sowol Gevattern, als Eltern gefallen;
         Und man fate also in pleno den Schlu,
         Das Kind sollte heien Hieronimus.

   13. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet,
       Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet,
         Und zwar nach dem gewhnlichen Fu,
         Und nun hie das Kind _Hieronimus_.

   14. Alles Uebrige ging ruhig und schne,
       Pfarrer und Kster thaten sich recht bene,
         Und es wurde fast die halbe Nacht
         Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht.




Fnftes Kapitel.

Womit sich das kleine Kind Hieronimus beschftiget hat.


    1. So lang Hieronimschen in Windeln geblieben,
       Hat er sich die Zeit damit vertrieben,
         Da er schlief, a, sog oder trank,
         Oder zuhrte der Mutter Wiegengesang.

    2. Und zwar schlief, a, sog und trank er nicht minder,
       Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder;
         Wurde dabei recht fleiig gewiegt,
         War aber bei dem allen noch nicht vergngt.

    3. Sondern lrmte schier oft ganze Tage
       Und erhub in der Wiege bittere Klage,
         Als wenn ihn was Groes htte geqult,
         Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt.

    4. Einige kluge Leute wollten behaupten,
       Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten,
         Da etwa eine Behexerei
         (Mit Respect zu melden) im Spiele sei.

    5. Drob ward oft der Arzt herbeigefhret
       Und die Hebamme consuliret,
         Und manches Rhabarbartrnklein
         Auch wol Mohnsaft gegeben ein.

    6. Er war also seiner Mutter fast beschwerlich,
       Inde befand er sich dabei gar herrlich,
         Wuchs, und ward mit jedem Augenblick
         Fett, gro, mchtig, stark und dick.

    7. Vater und Mutter hatten also beide
       An diesem lieben Kinde viele Freude,
         Und gaben manchen herzlichen Ku
         Ihrem kleinen Hieronimus.

    8. Mehr hab' ich von den ersten drei oder vier Jahren
       Des kleinen Jbschen nicht knnen erfahren.
         Beschliee also dies Kapitel hiemit
         Und thue zum folgenden den Schritt.




Sechstes Kapitel.

Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er
in die Schule ging.


    1. Von den andern Kinderjahren unsers Helden
       Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden,
         Sintemal die Laufbahn des Lebens sein
         Bishero gewesen noch eng und klein.

    2. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken
       Eben nichts Sonderliches anzumerken;
         Jedoch blieb immer, so lang er noch jung,
         Essen und Trinken seine Hauptbeschftigung.

    3. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben,
       Spielte lieber mit Mdchen als mit Knaben,
         Zankte und neckte auch oft beim Spiel
         Und machte der losen Streiche viel.

    4. Auch lernte er ohne sonderliche Mhe
       Lgen, Fluchen und Schwren frhe,
         Und hat dadurch in der Nachbarschaft
         Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft.

    5. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne,
       A Obst, Rosinen und Mandelkerne,
         Und kaufte fr sein bekommenes Geld
         Die leckersten Sachen von der Welt.

    6. Mit seinen Geschwistern konnt' er sich nicht vertragen,
       Aber sein Vater that ihn nie schlagen,
         Und seine Mutter, die gute Frau,
         Nahm auch selten Alles so genau.

    7. Auch war er viel grer als andre Kinder,
       Keiner seinesgleichen sprang und lief geschwinder,
         Und kein einziger war so stark als er,
         Und wer ihn erzrnte, den nahm er her.

    8. Da es ihm nun nicht fehlte an Krfte,
       So verrichtete er manche Hausgeschfte,
         Holte zuweilen Futter frs Vieh
         Und unterzog sich der Oekonomie.

    9. Oder er ritte die Pferde in die Trnke,
       Oder er holte Bier aus der Schenke,
         Brachte auch manches frische Ei,
         Aus dem Hhner- und Gnsstall herbei.

[Illustration]

   10. War auch sonst ein guter dummer Junge,
       Hatte dabei eine starke krftige Lunge,
         Und predigte oft auf der Bank aus Scherz.
         Dies alles ging seinen Eltern ans Herz.

   11. Denn sie sahen mit innigstem Vergngen
       Solche Talente im Hieronimus liegen,
         Und dachten sehr oft in ihrem Sinn,
         Da stecket gewi ein Pfarrer in.

   12. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte,
       Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte,
         Und an ehmals gehabten Traum,
         Wute sich fr Freude zu lassen kaum.

   13. Denn Alles schien sich zusammen zu schicken
       Und die Sache natrlich auszudrcken;
         Und wenn sie dieses erwoge, so war
         Der knftige Pfarrer hier offenbar.

   14. Er wurde also und dergestalten
       Fleiig zur Schule angehalten,
         Welches doch Hieronimo bel gefiel,
         Denn er war viel lieber beim Spiel.

   15. Und die Bcher waren ihm zuwider,
       Er warf sie oft auf die Erde nieder,
         Und bei dem Lumpen A, B, C, D,
         That ihm immer der Kopf weh.

   16. Zwar der Prceptor that sich bemhen
       Ihn zu allem Guten zu erziehen,
         Und er und die Ruthe in Compagnie
         Arbeiteten fleiig an seinem Genie.

   17. Dieser Mann hatte vorzgliche Gaben
       Zu erziehen muthwillige Knaben,
         Und auf ihre Hosen und Rock
         Spielte sehr oft sein mchtiger Stock.

   18. Nach vielem Bemhen und sauerm Schweie
       Gelang's des Mannes herkul'schem Fleie,
         Und Hieronimus buchstabirte bald,
         Als er ohngefhr war zehn Jahr alt.

   19. Wie alt er aber eigentlich gewesen,
       Als er fertig das Deutsche konnte lesen,
         Das wei ich eigentlich in der That
         Nicht so genau und accurat.

   20. Da er nun zu grern Jahren gekommen,
       Ward er aus der Deutschen Schule genommen,
         Und, um zu lernen das Latein,
         Geschickt in die Lateinische Schule hinein.

   21. Wie es ihm nun daselbst ergangen,
       Und was er Gutes sonst angefangen,
         Dieses stell' ich dem Leser hier
         In dem folgenden Kapitel fr.




Siebentes Kapitel.

Wie der Knabe Hieronimus in die Lateinische Schule kam, und wie er da
nicht viel lernte.


[Illustration]

    1. Hieronimus, um weiter zu studiren,
       Fing nun an ^Mensa^ zu decliniren,
         Trieb auch sonst jedes nthige Stck
         Aus der lateinischen Grammatik.

    2. Lernte danebst manche Vocabel auswendig,
       Inde ging doch Alles sehr elendig;
         Denn das verwnschte Lauselatein
         Wollte nicht in seinen Kopf hinein.

    3. Beim Conjugiren und beim Syntaxis,
       Und bei der lateinischen Praxis
         Da war vollends der Henker los,
         Und er bekam manchen Rippensto.

    4. Denn der Rector, als ein Hypochondriacus,
       Schonte gar nicht den Hieronimus,
         Und prgelte oft, als wre er toll,
         Dem armen Knaben das Leder voll.

    5. Bei dieser peinlichen Lehrmethode
       Grmte sich der Junge fast zu Tode,
         Und wnschte oftmal in seinem Sinn
         Den mrr'schen Rector zum Henker hin.

    6. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen
       Fr die Schlge, welche er von ihm genossen,
         Und der Mann hatte manchen Verdru
         Ob dem muthwilligen Hieronimus.

    7. Denn seine Papiere und groe Percke
       Ri er ihm incognito oft in Stcke,
         Und that auch sonst noch dem braven Mann
         Alles gebrannte Herzeleid an.

    8. Auch brachte er seine Schulkameraden
       Viel und manchmal in bittern Schaden,
         Weil er sich mit keinem vertrug
         Und sie fters zu Boden schlug.

    9. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Bcher
       Waren vor seinem Muthwillen sicher,
         Und er spielte viel Schabernack,
         Meistens von bsem Nachgeschmack.

   10. Wenn auch einer etwa sich bel betragen,
       Tht er ihn gleich beim Rector verklagen;
         Dann ging's ber den armen Buben her
         Und er freuete sich drob sehr.

   11. Der Schule brigens berdrssig
       Ging er zu Hause grtentheils mig,
         Und so verstrich allmhlich die Zeit
         In unntzlicher Unthtigkeit.

   12. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen,
       Denn das wollte ihm nimmer behagen.
         Und beim barbarischen Typto, Typteis,
         Kam Hieronimus ber und ber in Schwei.

   13. Er dachte also klglich: das sei ferne,
       Da ich solch kauderwelsches Zeug lerne;
         Und was nun noch das Hebrische betrifft,
         Dieses floh er vollends als Gift.

   14. Er machte also gar wenig Progressen.
       Auer im Lgen, Schwren, Trinken und Essen,
         Auch etwa in Erfindung eines Fluchs
         Ward der Knabe fein stark und wuchs.




Achtes Kapitel.

Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rector und mit andern Freunden zu
Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten.


    1. Nachdem nun der Knabe achtzehn Jahre
       Und noch etwas darber alt ware,
         Auch wirklich schon eines halben Kopfs
         Grer war, als der alte Hans Jobs;

    2. Fingen die Eltern an nachzusinnen,
       Was nun ferner mit ihm zu beginnen,
         Denn es war jetzt die hchste Zeit
         Und die Sache von uerster Wichtigkeit.

    3. Vor Allen that man den Rector fragen,
       Was derselbe vom Knaben mchte sagen,
         Und wozu er das meiste Geschick
         Haben mchte zum knftigen Glck.

    4. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln
       Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln,
         Drum sagte er ihnen gleich rund heraus:
         Aus dem Knaben wird nichts Rechtes aus.

    5. Das Studiren ist wahrlich nicht seine Sache;
       Drum ist's am klgsten gethan, man mache
         Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm,
         Oder thu' ihn sonst wo zum Handwerke hin.

    6. Ich habe es mannichmal in den Schulstunden
       Zu meinem hchsten Leidwesen gefunden,
         Da in ihm nichts Besonders sitzt,
         Welches einem ehrsamen Publico ntzt.

    7. Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen,
       Wie leicht zu schlieen ist, heftig verdrobsen;
         Drum hrten sie solche mit Verachtung an,
         Und hielten den Rector fr 'n dummen Mann.

    8. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen,
       Und die Sache vernnftiger ^pro et contra^ erwogen,
         Und 's ging in der Versammlung gerade so her,
         Als wenn der alte Jobs zu Rathhause wr'.

    9. Nmlich, nach etwa drittehalb Stunden
       Ward ein Mittel zur Vereinigung funden:
         _Man stellte weislich auf 'n neuen Termin
         Die Sache zur nhern Erwgung dahin._




Neuntes Kapitel.

Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath
gefraget ward, welche die Kunst ^Chiromantia^ verstand.


    1. Die Gesellschaft war nun kaum in Frieden
       Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden,
         So fhrte das Glck von ohngefhr
         Eine alte Zigeunerin her.

    2. Sie war von einem uralten Stamme,
       Urgalindine war ihr Name,
         Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland,
         Und die Mutter ehemals als Hexe verbrannt.

    3. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen
       Deutlich in den Strichen der Hnde lesen,
         Sagte auch manches so deutlich vorher,
         Als wenn's wirklich schon geschehen wr'.

    4. Manches Mdchen hat sie recht sehr erfreuet,
       Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet,
         Und den Brutigam so klrlich genannt,
         Als htte sie ihn schon lngstens gekannt.

    5. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben
       Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben,
         Und erfreuete solche oft;
         Denn die Onkels starben unverhofft.

    6. Manchen fast verzweifelnden Ehegatten,
       Welche, leider! bse Weiber hatten
         Und den Tod derselben gerne sahn,
         Kndigte sie nahe Erlsung an.

    7. Manchem Stutzer, der krftig gerochen
       Nach Jasmin und Pomade, hat sie versprochen,
         Trotz aller seiner Lcherlichkeit,
         Dennoch dummer Schnen Gewogenheit.

    8. Ihre Rede wute sie stets also zu fgen,
       Da sie immer gereichten zum Vergngen;
         Doch half eine kluge Zweideutigkeit
         Ihr manchmal aus der Verlegenheit.

    9. Jedem verkndigte sie eine besondere gute Mre,
       Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre,
         Armen Schluckern einen Haufen Geld,
         Alten Matronen das Himmelszelt.

   10. Sie verstund noch viel mehr andere Knste;
       Aber ihre groe und seltene Verdienste
         Machten sie nicht von Hschern frei,
         Denn sie stahl ein wenig nebenbei.

   11. Kurz! man fand nirgends ihresgleichen,
       Endors Hexe htte ihr mssen weichen,
         Wenigstens in Lgen und Chiromantie
         War keine Zigeunerin klger als sie.

   12. Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen,
       Ist sie zu ihr hinaus gekommen,
         Und hielte wol an des Hauses Thr
         Folgende kurze Rede an ihr:

   13. Meine geliebte Frau Urgalinde,
       Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde,
         Um ihm zu sagen gutes Glck
         Von seinem zuknftigen Geschick.

   14. Sie werden hoffentlich die Gte haben;
       Und mir es sagen, was von dem Knaben
         Hieronimus eigentlich zu machen ist
         Ohne Trug und arge List.

   15. _Madame_, antwortete sie, _das soll geschehen,
       Lasse sie mich nur seine Hnde sehen;
         Dann sag' ich als eine aufrichtige Frau
         Ihm sein knftiges Schicksal genau._

   16. Man lie also den Hieronimus holen,
       Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen,
         Seine rechte Hand zu reichen dar,
         Welche etwas beschmutzet war.

   17. Die Zigeunerin mit forschendem Blicke
       Erkundete nun alle und jede Stcke,
         Ma die Flchen und Linien auch,
         Alles nach Chiromanten Gebrauch.

   18. Darauf ward sie einen Augenblick stille,
       Endlich gleich einer Delphischen Sibylle
         Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn
         Und hub folgende Prophezeiung an:

   19. _Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe,
       Nach der Kunst, die ich grndlich verstehe,
         Dein ganzes knftiges Schicksal. Mein Sohn!
         Deines Halses gewaltiger Ton_

   20. _Wird manchen frechen Bsewicht schrecken,
       Manchen schlafenden Snder wirst du aufwecken,
         Dermaen, da die ganze Stadt
         An deiner Rede Erbauung hat._

   21. _Fromme und Bse wirst du bewahren,
       Sie warnen fr Leibes- und Seelen-Gefahren
         Und ber Jung und Alt, Gro und Klein
         Ein munterer getreuer Hter sein._

   22. _Jedermann wird deine weisen Lehren
       In dieser Stadt dereinst ffentlich hren,
         Und wenn dann dein geffneter Mund spricht,
         So antwortet dir Keiner nicht._

   23. _Ich darf es fr dieses Mal nicht wagen,
       Dir ein mehrers von deinem Geschicke zu sagen,
         Es ist auch dieses dermalen genug,
         Nun gehe hin, mein Sohn, und sei klug._

   24. Hier endigte sich Urgalindinens Rede;
       Sowol Mutter als Vater waren beede,
         Ob dem, was itzo geprophezeit,
         Sehr zufrieden und hchlich erfreut.

   25. Denn in ihren Gedanken war er
       Ganz gewi ein knftiger Pfarrherr,
         Wenn anders die Weissagung trfe ein;
         Denn wie knnte es deutlicher sein?

   26. Urgalindine ist drauf weggegangen,
       Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen.
         Man saget, als sie linksum gemacht,
         Habe sie ber Eltern und Sohn gelacht.

   27. Nunmehr wurde dem Rector zum Possen
       Sowol vom Herrn Jobs als Frau Jobs beschlossen,
         Da der geliebte Hieronimus
         Werden sollte ein Theologus.

   28. Es wird also nach Akademien
       Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen,
         Wenn wir vorhero haben gesehn,
         Was noch bei seinem Abschied geschehn.




Zehntes Kapitel.

Wie Hieronimus von seinen Eltern und Geschwistern Abschied nahm und nach
der Universitt verreiste.


[Illustration]

    1. Ehe man den Hieronimus lie gehen,
       Wurde er erst im Ueberflu versehen
         Mit Kleidern, Wsche, Bchern und Geld
         Und was man sonst zum Studiren nthig hlt.

    2. Es ward gefolglich auf diese Weise
       Alles bereitet zur nahen Abreise;
         Aber beim Abschied ging's bitter und schwer
         Auf einer und der andern Seite her.

    3. Der gute alte Jobs, der dicke Senater,
       Weinte laut, wie im Mai ein Kater,
         Und reichte schluchzend den Abschiedsku
         Seinem theuern Sohne Hieronimus.

    4. Gab ihm auch den vterlichen Segen:
       Fahre wohl auf allen deinen Wegen
         Und studire fleiig, mein Sohn,
         Damit wir haben Freude davon!

    5. Wenn dir etwa knftig etwas fehlet
       Und vielleicht ein Geldmangel qulet:
         So schreibe nur immer khnlich mir;
         Was du verlangst, das schicke ich dir.

    6. Hieronimus wurde, wie sich's gebhret,
       Ob des Vaters Rede hchlich gerhret,
         Und versprach fters zu schreiben hin,
         Wenn ihm der Beutel wrde dnn.

    7. Mit der Mutter ging es noch schlimmer,
       Sie erhob ein jmmerliches Gewimmer,
         Und durchdrungen vom herbesten Schmerz
         Drckte sie den lieben Sohn lange ans Herz.

    8. Endlich trat sie auf einige Augenblicke
       Mit Hieronimus ein wenig beiseite zurcke,
         Und reichte ihm noch ein Pcklein dar,
         Worinnen verschiedenes Geld war.

    9. Dieser fromme, mtterliche Segen
       That den Hieronimus inniglich sehr bewegen,
         Und er steckte, unter lautem Gewein,
         Das erhaltene Pcklein ein.

   10. Nun kamen seine Geschwister an die Reihe,
       Denen er, unter erbrmlichem Geschreie,
         Allen nach einander die Hand gab
         Und nunmehr reisete Hieronimus ab.

   11. Der lieben Eltern Trauern und Klage
       Whrte noch nachher verschiedene Tage
         Und dem guten Vater schmeckte schier
         Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier.

   12. Bei der Mutter war die Betrbni am grten,
       Und man vermochte fast nicht sie zu trsten,
         Doch bei den Schwestern und Brdern war,
         Wie ich vernommen, weniger Gefahr.




Eilftes Kapitel.

Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im
Wirthshause einen vornehmen Herrn fand, Herr von Hogier genannt, welcher
ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war.


[Illustration]

    1. Hieronimus also nunmehro wegreitet,
       Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet
         Bis zu dem nchsten Stdtelein,
         Da steigt er dann i'n Postwagen ein.

    2. Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen,
       So truge derselbe doch groes Verlangen
         Nach der geliebten Universitt,
         Wo es tglich so lustig ergeht.

    3. Kaum hatte er nun Schildburg verlassen
       Und er sich befand auf der Landstraen,
         Als er Vater, Mutter, Geschwister verga,
         Und sich hchlich ergtzte, da

    4. Er nunmehr, als ein freier Studente,
       Ba sich tglich vergngen knnte,
         Und des mrrschen Rectors Prgel und Lehr',
         Dem Himmel sei Dank! entloffen wr'.

    5. Vorzglich freuete er sich nicht wenig
       Und dnkte sich reicher als ein Knig,
         Wenn ihm das Geld im Sinne kam,
         Das er von Hause mitte nahm.

    6. Vor Allem vergngte ihn besonder
       Das liebe Pcklein, welches er von der
         Hochbetrbten Frau Mutter empfing,
         Als es ans bittere Scheiden ging.

    7. Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte,
       Zog er das Pcklein hervor und zhlte
         Das Geld, welches drin enthalten war,
         Und fand mit innigster Freude baar

    8. Mehr als dreiig verschiedene Stcke,
       Alle von Silber, gro, schwer und dicke,
         Gulden und Thaler mannichfalt
         Meistens von Geprge rar und alt.

    9. Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet,
       Und zum Nothpfennige aufbewahret,
         Denn sie war eine weidliche Frau
         Klug und sparsam, oder vielmehr genau.

   10. Zuweilen mute ihm auch imgleichen
       Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen
         Zum Zeitvertreib von den Victualien,
         Womit ihn die Eltern zur Reise versehn.

   11. Als nun unter diesen Gedanken und Dingen
       Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen:
         So gelangte er endlich sehr mde und matt
         Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt.

   12. Allhie befand sich nun der Postwagen,
       Der ihn nach der Universitt sollte tragen;
         Selbiger war aber zu dieser Zeit
         Noch nicht vllig zur Abfahrt bereit.

   13. Hieronimus lie nun vor allen Dingen
       Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen,
         Welchem sein Knecht das Futter gab,
         Und band den schweren Mantelsack ab.

   14. Er hat aber auch nicht vergessen,
       Sich zu erlaben mit Trinken und Essen,
         Und so ward er bald darauf am Tisch
         Wieder gestrket, munter und frisch.

   15. Es war auch da ein fremder Herr logiret,
       Mit einer groen Percke und reich schameriret,
         Welcher aus fernen Lndern kam,
         _Herr Baron von Hogier_ war sein Nam'.

   16. Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre
       Und erkundete freundlich, wer er wre.
         Hieronimus antwortete drauf behend:
         Gndiger Herr! ich bin ein Student

   17. Zu Hochdero Diensten, und ich ziehe
       Gleich itzo nach der Akademie
         Um zu studiren spt und frh
         Die Wissenschaft der Theologie.

   18. So! dazu wnsch' ich Ihnen viel Glcke!
       Antwortete der Herr mit der groen Percke;
         Aber nehmen Sie sich wol in Acht,
         Da Sie nicht werden in Schaden gebracht!

   19. Ich hab' auch hohe Schulen vormals gesehen
       Wei wol, wie's da pflegt zu ergehen,
         Mancher junge Bursche wird da ums Geld,
         Durch das verwnschte Spielen geprellt.

   20. Und viele, anstatt fleiig zu studiren,
       Lassen sich zu Ausschweifungen verfhren,
         Und verbringen die kostbare Zeit
         In aller erdenklicher Liederlichkeit.

   21. Ich selbst habe fters in jngern Jahren
       Die traurige Wahrheit davon, leider! erfahren,
         Nehmen Sie also sich fleiig in Acht,
         Und denken sie dran, ich hab' es gesagt!

   22. Hieronimus versetzte: Lieber Heere!
       Ich danke viel fr die weise Lehre,
         Und werde Ihren trefflichen Unterricht
         In meinem Leben vergessen nicht.

   23. Uebrigens mu ich Euer Gnaden sagen,
       Das Spielen thut mir zwar sehr behagen,
         Hab' die Ehre zu versichern doch,
         Wenn ich spiele, spiel' ich nicht hoch.

   24. Niedrige Spiele la ich passiren,
       Denn so kann man eben nicht verlieren,
         Und man vertreibet sich doch die Zeit
         Sehr angenehm und mit Artigkeit.

   25. Wir, zum Exempel, knnten nun Beide,
       Blos zum Zeitvertreib und zur Freude,
         Etwa ein kleines Spielchen auch thun.
         Erwidert der Herr mit der Percke nun.

   26. Hieronimus, gleich im Augenblicke,
       Fand den Vorschlag des Herrn mit der Percke,
         Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm,
         So lange bis der Postwagen km'.

   27. Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten,
       Der Wirth brachte alsbald neue Karten
         Fr seine beiden Gste heran,
         Und nunmehr fing man zu spielen an.

   28. Anfangs ward niedrig pointiret,
       Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht verfhret,
         Fing nun hher zu setzen an,
         Weil er die ersten Spiele gewann.

   29. Nun aber wendete sich das Glcke
       Zum Herrn von Hogier mit der groen Percke,
         Als welchem itzo in jeglichem Spiel
         Immer die Karte gnstiglich fiel.

   30. Das Geld, welches Hieronimus zur Reise
       Bestimmt hatte, ging auf diese Weise
         Bald hin, und da er noch weiter verlor,
         Zog er nun auch das Pcklein hervor.

   31. Aber das Glck warf stets noch gnstige Blicke
       Auf den Herrn mit der groen Percke,
         Und mit einem jeglichen neuen Satz,
         Entstand im Pcklein ein leerer Platz.

   32. Und in weniger als dreiviertel Stunden
       War der mtterliche Segen ganz verschwunden,
         Und der Herr mit der groen Perck'
         Hatte Alles gewonnen, Stck vor Stck.

   33. Denn, da der Herr mit der groen Percke
       Ihn listiger Weise beim Spiele bercke,
         Das merkte der gute Hieronimus nicht --
         Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht.

   34. Es wr ihm endlich gar noch eingefallen
       Auch seinen Mantelsack loszuschnallen,
         Und er htte das drin erhaltene Geld
         Auch noch auf die unglckliche Karte gestellt.

   35. Doch, zu des Hieronimus grtem Glcke
       Und zum Leidwesen des Herrn mit der Percke,
         Blies grade itzo der Postillon
         Und Hieronimus fuhre davon.

   36. Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke
       Auf den Herrn mit der groen Percke,
         Und mit einigem Ungestm
         Nahm er nunmehr Ade von ihm.




Zwlftes Kapitel.

Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schne
fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sackuhr stahl.


    1. Wie's dem Hieronimus im Postwagen
       Ferner erging, will ich nun sagen,
         Denn er kam so noch nicht los,
         Sondern hatte wieder einigen Ansto.

    2. Er dachte hieselbsten fters zurcke
       An den Herrn mit der groen Percke,
         Und es fiele ihm itzo erst ein,
         Er msse ein Spitzbube gewesen sein.

    3. Das mtterliche Pcklein ging ihm sehr zu Herzen
       Und er konnte dessen Verlust nicht verschmerzen.
         Seufzte, und wnschte in seinem Sinn
         Den Herrn mit der Percke zum Henker hin.

    4. Er murmelte sogar unverstndliche Tne,
       Jedoch eine neben ihm sitzende Schne,
         Welche er anfangs bemerkte kaum,
         Ri ihn bald aus dem schwermthigen Traum.

    5. Sie schien alt zu sein etwa zwanzig Jahre,
       Schn von Gesicht, schwarz von Augen und Haare,
         Und rosenroth von Wangen und Mund,
         Dabei auch von schnem Wuchse, und

    6. Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen,
       Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen;
         Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz
         Alsbald nach des traurigen Hieronimi Schmerz.

    7. Wobei sie denselben freundlich anlachte;
       Dies Lcheln that gute Wirkung und machte,
         Da er, da er dichte neben ihr sa,
         Seinen Verlust des Pckleins verga.

    8. Er gerieth auch wirklich fast in Entzcken,
       Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken
         So viel treffliche Reize fand,
         Gefhrlich vor sein bischen Verstand.

    9. Es hatte noch keine halbe Stunde gewhret,
       Als er schon die Lieb', in bester Form, ihr erklret,
         So bndig, als je ein Held im Roman
         Die Brunst seiner Schnen erklren kann.

   10. Sie schien nicht ungern ihn anzuhren,
       Und that ihn gar nicht im Vortrage stren,
         Hieronimus ward also endlich so frei
         Und rckte nher zu ihr herbei.

   11. Ich wei nicht, ob sonst noch etwas passiret,
       Was, laut zu sagen, sich nicht gebhret,
         Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit
         In ser, vertraulicher Zrtlichkeit.

   12. Als sie endlich zur Poststation gekommen,
       Hat sie freundlich von ihm Ade genommen,
         Wohin sie sich aber nachhero gewandt,
         Das soll uns knftig werden bekannt.

   13. Da indessen nach einigen Stunden,
       Seitdem die Schne vom Wagen verschwunden,
         Hieronimus nach der Sackuhr mal sah,
         War auch diese verschwunden und nicht mehr da.

   14. Dieser abermalige fatale Possen,
       Hat den guten Hieronimus mchtig verdrossen,
         Denn er dachte alsbald daran,
         Da die Schne den Diebstahl gethan.

   15. Inde war nun fr den guten Knaben
       Weiter nichts brig, als Geduld zu haben,
         Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein
         Hinfro etwas vorsichtiger zu sein.

   16. Er hat sich dabei feste vorgenommen,
       Sobald er auf die Universitt gekommen,
         Um Geld und um eine neue Uhr
         Seinen Eltern zu schreiben nur.

   17. Er ist endlich, ohne weitere Unflle,
       Angelangt glcklich an Ort und Stelle,
         Folglich war unser Hieronimus
         Nunmehro ein Academicus.




Dreizehntes Kapitel.

Wie Hieronimus auf der Universitt gar fleiig die Theologie studiren
tht.


    1. Als nun Hieronimus arriviret,
       Ist er, stante Pede, immatriculiret
         Und ward also sofort allhie
         Ein Studiosus der Theologie.

    2. Sintemal sich nun auf Universitten
       Aus mancherlei Landen, Orten und Stdten
         Viele Studenten finden ein,
         Junge und alte, gro und klein.

    3. Gleichergestalten und imgleichen fanden
       Sich auch hier solche aus allerlei Landen
         Und jhrlich kamen noch viele herbei,
         Um zu studiren Mancherlei.

    4. Zum Exempel: die Theologiam,
       Jura, Medicin und Philosophiam,
         Und was man sonst fr gute Knste hlt,
         Zum Fortkommen dereinstens in der Welt.

    5. Die meisten aber, anstatt zu studiren,
       Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren
         Und lebten lustig und guter Ding,
         Indessen die edle Zeit verging.

    6. Hieronimus, dem's Studiren zuwider,
       Mengte sich bald unter die lustigen Brder
         Und betrug sich in kurzer Zeit schon so,
         Als wre er lngstens gewesen do.

    7. Denn so gut als der beste Academicus
       Lebte er tglich in Floribus,
         Und es wurde manche liebe Nacht
         In Sausen und Brausen zugebracht.

    8. Wein, Tabak und Bier war sein Leben,
       Er that dabei die Stimme hoch erheben,
         Wenn er mit lautem und starkem Klang
         Das ^Gaudeamus igitur^ sang.

    9. Als ein wahres Muster fideler Studenten
       Verfuhr er bei Allen, die ihn kennten,
         Und lebte immer fein burschikos:
         Sein drob erhaltener Ruhm war gro.

   10. Jene drei verhate Geschwister:
       Hscher, Pedellen und Philister,
         Hat Hieronimus als ein Held
         Oeftermalen jmmerlich geprellt.

   11. Mehrmals hat er sie periiret,
       Oder sie sonst lsterlich vexiret,
         Ansonsten sich noch gezeiget auch,
         Alles nach Renommistengebrauch.

   12. Des Sommers ist er fleiig ausgeritten,
       's Winters beim Schnee gefahren auf Schlitten,
         Und keine Ergtzlichkeit berhaupt
         Hielte Hieronimus fr unerlaubt.

   13. Mehrmals ist er auch zum Vergngen
       Nach den benachbarten Drfern gestiegen,
         Allwo er dann meistens auf dem Land
         Manche gutwillige Schne fand.

   14. Die Fenster hat er oft nchtlich eingeschlagen,
       Jungen Fchsen angethan viele Plagen,
         Spielte Wrfel, Karten und Billiard
         Und also nicht sehr gelehrt ward.

   15. Im Raufen und Schlagen fand er Vergngen,
       Tglich that er in der Schenke liegen,
         Ging aber auch, alle zwei Monat einmal
         Zur Abwechselung in den Collegiensaal.

   16. Wenn er muthwillige Schulden gemachet,
       Hat er die Glubiger ausgelachet.
         Auch ihnen gespielet manchen Betrug,
         Sonst auch gemachet der Streiche genug.

   17. Kleider und Bcher that er versetzen
       Und sich dafr mit Schmausen ergtzen,
         Kurz zu sagen zu seiner Zeit
         Uebertraf ihn Keiner an Lustigkeit.

   18. Zwar mute er oft ins Carzer gehen,
       Ist ihm auch sonst noch wol Strafe geschehen,
         Htt' auch beinahe einmal zum Lohn,
         Fast bekommen die Relegation.

   19. Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben
       Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben,
         Doch waren die Briefe so eingericht't,
         Da sie seine Auffhrung merkten nicht.

   20. Zu unsers Hieronimus groem Lobe
       Kommt im folgenden Kapitel eine Probe
         Von dieser curiosen Correspondenz!
         Beschliee also das itz'ge eilends.




Vierzehntes Kapitel.

Welches die Kopei enthlt von einem Briefe, welchen nebst vielen andern
der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben tht.


[Illustration]

    1. _Sehr geliebteste Eltern!_
                    Ich melde,
       Hiebei, da es mir fehlet an Gelde,
         Habet also die Gewogenheit
         Und schicket mir bald eine Kleinigkeit.

    2. Nmlich etwa 20 bis 30 Ducaten,
       Denn ich wei mich kaum mehr zu rathen,
         Weil es alles so knapp geht hier,
         Drum sendet doch dieses Geld bald mir.

    3. Alles ist hier ganz erschrecklich theuer,
       Tisch, Stube, Wsche, Licht und Feuer,
         Und was sonst etwa vorfllt noch,
         Drum schicket die 30 Ducaten doch.

    4. Kaum begreift ihr die starke Ausgabe,
       Welche ich auf der Universitt habe
         Fr so viele Bcher und Collegia,
         Ach wren doch die 30 Ducaten schon da!

    5. Ich studire tglich recht fleiig.
       Sendet mir doch nchstens die 30
         Ducaten, so bald als mglich ist, her,
         Denn mein Beutel ist jmmerlich leer.

    6. Wsche, Schuhe, Strmpfe und Kleider,
       Friseur, Nhterin, Schuster und Schneider,
         Tinte, Federn, Bleistift, Papier,
         Kosten viel, schickt die Ducaten mir!

    7. Das Geld, welches ihr hoffentlich bald sendet,
       Wird, ich schwr' es euch, gut angewendet.
         Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich
         Sehr genau und hchst kmmerlich.

    8. Wenn andre Studenten saufen und schwrmen,
       So entziehe ich mich allem wilden Lrmen,
         Und schliee mich mit den Bchern allein
         Auf meiner Studirkammer weislich ein.

    9. Auer den nthigen Kosten und Speise
       Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise
         Und trink vor'n Durst kaum einmal Thee,
         Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh.

   10. Andre Studenten, die lderlich prassen,
       Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen,
         Und sagen: da geht der Knicker einher,
         Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon wr.

   11. Manchen Verdru sie drob schon mir machten,
       Ich thu aber ihre Sptterei verachten,
         Und was man von meiner Frmmigkeit spricht.
         Verget doch die 30 Ducaten nicht!

   12. Tglich hab' ich mich zehn ganze Stunden
       In den Collegiis bisher eingefunden,
         Und wann dann diese Collegia aus,
         Studir' ich in brigen Stunden zu Haus.

   13. Die Professors sind trefflich mit mir zufrieden,
       Und rathen fast, mich nicht so zu ermden
         In meinen bestndigen Studiis
         Philosophicis und Theologicis.

   14. Es mchte sich zwar nicht geziemen
       Mich gegen euch, liebe Eltern! selber zu rhmen,
         Doch sage und versich'r ich euch frei,
         Da ich der fleiigste von Allen sei.

   15. Oft will mir von allen gelehrten Dingen
       Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen,
         Und manchmal wird mir gar wunderlich.
         (A propos! die Ducaten erwarte ich.)

   16. Ja, liebe Eltern! ich lese schier bestndig
       Und strap'ziere meine Sinnen sehr elendig,
         Und meistentheils wird sogar die Nacht
         Mit tiefem Meditiren zugebracht.

   17. Nchstens gedenk' ich auf die Kanzel zu steigen,
       Und mich einmal im Predigen zu zeigen;
         Ich disputir' mich auch im Collegium
         Ueber gelehrte Materien tapfer herum.

   18. Vergesset doch nicht die Ducaten zu schicken,
       Damit ich sie schier baldigst mge erblicken.
         Ihr bekommt einst dafr in meiner Person
         Einen hochgelehrten und klugen Sohn.

   19. Da ich auch ein _Privatissimum_ gesonnen
       Zu halten und wirklich schon begonnen,
         Welches 20 Reichsthaler kosten thut:
         So erwart' ich auch diese wohlgemuth.

   20. Auch thu ich euch, liebe Eltern! zu wissen,
       Da ich jngst meinen Rock sehr zerrissen,
         Also fget zu obigen Geldern doch
         Zwlf Thaler zum neuen Rocke noch.

   21. Habe auch neue Stiefel sehr nthig,
       Es ist auch kein Schlafrock mehr vorrthig,
         Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut
         Auch andre Kleidungsstcke caput.

   22. Da ich nun dies alles nicht kann entbehren,
       Wollt ihr mir noch a part 4 Louisd'or verehren,
         Welche alsdann zur Nothdurft mein
         Vielleicht mchten hinreichend sein.

   23. Ich bin auch krzlich todtkrank gewesen,
       Und kaum mit genauer Noth wieder genesen,
         Doch versich're ich euch mit Hand und Mund
         Da ich itzo sei wieder ziemlich gesund.

   24. Der Medicus, welcher mich curiret,
       Hat dafr 18 Gulden aufgefhret,
         Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei,
         Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei.

   25. Damit nun Arzt und Apotheker kriegen
       Das Ihre, werdet ihr gtigst fgen,
         Diese ein und vierzig Gulden dazu.
         Seid brigens wegen meiner Gesundheit in Ruh.

   26. Die Aufwrterin, welche mich that laben
       In der Krankheit, mchte auch wol was haben.
         Drum sendet noch sieben Gulden dafr
         Und addressirt's mit dem brigen an mir.

   27. Fr Citronen, Geleen und Confituren,
       Zur Strkung kranker und schwacher Naturen,
         Steht auch noch als ein kleiner Rest,
         Acht Gulden bei dem Conditor fest.

   28. Diese bemeldte Posten allzumalen
       Mchte ich gerne nchstens richtig bezahlen,
         Denn ich liebe Ordnung und hte mich
         Vor allen Schulden sorgfltiglich.

   29. Ich traue also zu euern milden Hnden,
       Da sie mir Alles, nebst den 30 Ducaten senden,
         Sobald als euch es mglich wird sein.
         Noch fllt mir eine Kleinigkeit ein:

   30. Vor 15 Tagen hatte ich's Ungelcke,
       Und fiel hoch von der Treppe zurcke,
         Als ich ging ins Collegium,
         Und stie mir den rechten Arm fast krumm.

   31. Der Chirurgus verlanget derohalben
       Zwlf Thaler fr Balsam, Pflaster und Salben,
         Spiritus und sonstige Schmiererei;
         Drum thut auch diese zwlf Thaler noch bei!

   32. Doch, damit ihr euch nicht alteriret,
       Ich bin, Gottlob! ganz wieder curiret
         Und geh' mit gesundem Arm und Bein
         Tglich in das Collegium ein.

   33. Nur habe ich einen sehr schwachen Magen,
       Die Aerzte, die ich consulirt habe, sagen,
         Das kme vom vielen Sitzen her,
         Und weil ich so erstaunlich fleiig wr.

   34. Sie haben mir dieserhalben angerathen:
       Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten,
         Des Morgens zu trinken statt des Thee,
         Das wre gut fr's Magenweh.

   35. Leget also noch bei zwei Pistolen,
       Um dafr Burgunder und Wrze zu holen;
         Gewi, liebe Eltern! ich trinke es nur
         Blos zur verordneten Magencur.

   36. Endlich habe ich noch einige Schulden
       Von etwa 30 bis 40 Gulden,
         Schicket mir also auch, ohne Fehl,
         Liebe Eltern! dies Bagatell.

   37. Knnte ich, neben bei, fr andere Ausgaben
       Auch etwa noch ein Dutzend Louisd'or haben,
         So kme mir dieses recht bequem,
         Und wre mir wirklich auch angenehm.

   38. Wenn ihr euch brigens gesund befindet
       Und nchstens im Briefe mir verkndet,
         So wird mir dieses erfreulich sein,
         Schliet aber auch ja das Geld mit ein.

   39. Hiemit will ich also mein Schreiben beschlieen,
       Meine Geschwister thu ich freundlich gren
         Und verharre hierauf zum Schlu
         Euer gehorsamer Sohn
                    _Hieronimus_

   40. Ich setze noch eilig zum Postscripte:
       Meine hochgeehrte und sehr geliebte
         Eltern! ich bitte kindlich,
         Schicket doch bald das Geld an mich.

   41. Denn, lieber Vater! ich legte 14 franzsische Kronen
       Zurck, sie bis zur uersten Noth zu schonen,
         Allein zum grten Schmerz und Verdru
         Stahl mir solche gestern ein Anonymus.

   42. Ich wei, ihr ersetzt mir, ohne drum zu bitten,
       Den Schaden, den ich unschuldig erlitten,
         Denn Ihr, als ein hochvernnftiger Mann,
         Begreift leicht, da ich solchen nicht tragen kann.

   43. Ich werde inde mglichst dafr sorgen,
       Da der Anonymus heute oder morgen
         Zu eurer Beruhigung und Satisfaction
         Bekomme den hanfenen Strick zum Lohn.




Funfzehntes Kapitel.

Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs
auf vorgemeldeten Brief.


    1. Was hierauf des Vaters Antwort gewesen,
       Das soll man gleichermaen nun lesen:
         _Mein herzvielgeliebtester Sohn!_
         Dein Schreiben hab' ich erhalten schon,

    2. Und deine Gesundheit und Wohlergehen
       Mit Vergngen aus demselbigen ersehen,
         Jedoch vergngt es mich eben nicht,
         Da dein Brief wieder von Geld spricht.

    3. Es sind noch nicht drei Monate vergangen,
       Da du hundert und fnfzig Thaler empfangen,
         Fast wei ich nicht, wo in der Welt
         Ich hernehmen soll alle das Geld.

    4. Ich hre gern auch, da du studirest
       Und dich fleiig und ordentlich auffhrest,
         Aber hchst ungern vernehme ich von dir,
         Da du 30 Ducaten forderst von mir.

    5. Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben,
       (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben)
         Da, wenn man auf der Universitt
         Sparsam ist, nicht so viel nthig htt'.

    6. Zwaren ist es wol gewi und sicher,
       Man hat nicht umsonst Collegia und Bcher,
         Jedoch bekommt man fr solche Summ'
         Manches Buch und Collegium.

    7. Tisch, Stube, Wsche, Licht und Feuer
       Kann auch unmglich sein so theuer,
         Auch Federn, Bleistift, Tinte, Papier
         Kaufst du fr wenige Groschen g'nug dir.

    8. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne,
       Da du dich von bser Gesellschaft ferne
         Hlt'st, und auf der Studirstube sitzst
         Und bei den geliebten Bchern schwitzst;

    9. Auch daneben nur Thee thust trinken:
       Indessen will's mir wahrscheinlich dnken,
         Da, wenn man ber den Bchern ruht
         Und Thee trinkt, nicht 30 Ducaten verthut.

   10. Wenn dich Andre einen Knicker schelten,
       So mag dir dieses gleich viel gelten;
         Doch, wer so viel Geld verschwendet als du,
         Dem kommt der Name Knicker nicht zu.

   11. Weil du brigens von deinem Fleie schreibest,
       So rathe ich, da du fein dabei verbleibest,
         Damit das Geld und die edle Zeit
         Angewandt werde in Ntzlichkeit.

   12. Doch mut du dich nicht so sehr angreifen
       Und im Kopf so viel Gelehrsamkeit hufen,
         Denn es trifft, leider! mannichmal ein,
         Da groe Gelehrte meist Narren sein.

   13. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefallen,
       Drum be dich fleiig darin vor allem;
         Aber, bei vieler Disputation
         Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn!

   14. Wozu auch das Privatissimum ntzet,
       Wenn man schon zehn Stunden im Collegio sitzet,
         Das begreif' ich um destoweniger wol,
         Da es 20 Reichsthaler kosten soll.

   15. Doch lasse ich's vor allen andern passiren:
       Denn das Geld, welches du zum Studiren
         Gebrauchest, gebe ich gerne her,
         Und wenn's auch noch dreimal so viel wr.

   16. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen,
       So kannst du freilich einen neuen nicht missen;
         Jedoch das Tuch wrde suprafein
         Fr die verlangten zwlf Thaler sein.

   17. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren,
       Mu nicht mit kostbaren Kleidern stolziren;
         Drum wre ein etwas grberes Tuch
         Zum neuen Rocke dir gut genug.

   18. Auch fr noch sonstige Kleidungsstcke
       Willst du, da ich vier Louisd'or schicke,
         Nmlich fr Schlafrock, Pantoffel und Hut,
         Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut.

   19. Wenn ich aber solches allzumalen
       Posten fr Posten sonders soll bezahlen,
         Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein!
         Die verlangten dreiig Ducaten sein?

   20. Ich habe es mit Mitleiden gelesen,
       Da du jngsthin todtkrank gewesen;
         Aber du hast nicht wol gethan,
         Da du viele Arznei gewendet an.

   21. Denn ich habe oft und viel erfahren,
       Da, besonders in den jngeren Jahren,
         Die sich selbst berlane Natur
         Mehr wirkt, als die beste Mixtur.

   22. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien,
       Sind fast theuer zum Verabscheuen,
         Und wie mir dnken sollte, so ist
         Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ.

   23. Da auch eine Wrterin, wie ich gelesen,
       In der Krankheit bei dir ist gewesen;
         So reichte fr diese Aufwrterin,
         Statt sieben, ein einziger Gulden hin;

   24. Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen,
       Liebesdienste andrer Art dir erwiesen,
         Denn, lieber Sohn! ich schliee dies
         Schier aus den sieben Gulden gewi.

   25. Was auch nun den Conditor anlanget,
       Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget,
         So wre gewesen ein Thaler genug,
         Und du warest gewilich nicht klug.

   26. Denn Citronen, Confituren und Leckereien
       Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen,
         Aber ein Hafer- oder Gerstentrank
         Nutzet weit mehr, wenn man ist krank.

   27. Es ist nicht gut, da du bist gefallen
       Von der Treppe, drum sorge ja fr allen,
         Da du hinfro nicht wieder fllst,
         Denn die Cur betrget viel Gelds.

   28. Dein Wundarzt hat dich recht hergenommen,
       Denn fr zwlf Thaler, wie ich vernommen,
         Heilt unser berhmter Stadtbalbier
         Einen Arm- oder Beinbruch schier.

   29. Doch freut's mich, da dein Arm wieder curiret;
       Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel peroriret,
         So mu der Arm geschmeidig und fein
         Beim Klopfen und Gestusmachen sein.

   30. Ich mu dich ferner auch herzlich beklagen
       Wegen deinem sehr schwachen Magen;
         Mein Magen ist, leider! auch nicht viel ntz,
         Weil ich sehr fters zu Rathe sitz.

   31. Inde thut Burgunder mit Gewrzen
       Dich nur unnthig in Kosten strzen;
         Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein,
         Das soll sehr gut fr den Magen sein.

   32. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden
       Haben, zur Bezahlung einiger Schulden;
         Ich sinne nun hin, die Kreuz und die Queer,
         Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her?

   33. Du hast ja schon Alles specificiret
       Und Posten fr Posten zum hchsten aufgefhret,
         Und vierzig Gulden, bei meiner Seel!
         Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell.

   34. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pistolen
       Zu andern Ausgaben fr dich herbei holen;
         Es wre dir vielleicht zwar angenehm,
         Mir aber kommt's hchst unbequem.

   35. Denn mit den verlangten 30 Ducaten
       Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen,
         Dieses letztere Dutzend Louisd'or
         Kommt mir also als Ueberflu vor.

   36. Auch mit dem Ersatz der dir gestohlnen 14 Kronen
       Httest du mich billig sollen verschonen,
         Denn, wahrlich! der Ersatz schmerzet mir
         Weit mehr, als der angebliche Verlust dir.

   37. Da du brigens zu meinem Troste willst verlangen,
       Man solle den Dieb ^sans faon^ drum aufhangen,
         Dieses wre gewi gar nicht christlich,
         Vielleicht bessert der Anonymus einst noch sich.

   38. Ueberhaupt mu ich dir im Vertrauen sagen:
       In unsern heutigen aufgeklrten Tagen
         Ist Gottlob! die heilige Justiz
         Nicht wie ehemals so scharf und spitz.

   39. Und um den Raub solcher Kleinigkeiten
       Braucht Keiner mehr die doppelte Leiter zu beschreiten,
         Wenigstens in unserm klugen Schildburg
         Gehen viel grere Diebe frei und frank durch.

   40. Wenn du knftig Gelder willst aufsparen,
       So rathe ich, solche vorsicht'ger zu bewahren;
         Denn auf keinem Dinge in der Welt
         Wird so allgemein speculirt als auf Geld.

   41. Ich und deine Mutter verstehn es besser,
       Wir bewahren unsre Baarschaft hinter Riegel und Schlsser
         Und geben sowol bei Tag als bei Nacht
         Darauf sehr sorgfltig und ngstiglich Acht.

   42. Doch um deinen Geldmangel zu stillen,
       Will ich noch einmal dein Verlangen erfllen,
         Und ich sende die Gelder mancherlei
         Im versiegelten leinenen Sacke hiebei.

   43. Jedoch mu ich dir hienebst andeuten,
       Es sind heur gar nahrlose Zeiten,
         Und es fllt mir wahrlich gar schwer,
         Alle Gelder zu nehmen woher.

   44. Mit dem Handel gibt's nur Kleinigkeiten,
       Denn es ist kein Geld unter den Leuten,
         Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab,
         Drum sind meine Einknfte so knapp.

   45. Ich werde es also sehr gerne sehen,
       Wenn du von der Universitt thust gehen,
         Zumalen da du, zu dieser Frist,
         Gewilich schon ausgelernet bist.

   46. Denn wenn du noch lnger alda bleibest
       Und das kostbare Studiren forttreibest,
         So werde ich noch zum armen Mann
         Und keine Gelder mehr schaffen kann.

   47. Wir werden dich hier mit groem Verlangen
       Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen,
         Besonders freut deine Mutter sich
         Auf deine Zuhausekunft inniglich.

   48. Ich mchte dir gern etwas Neues schreiben,
       Es thut aber Alles hier beim Alten bleiben;
         Ich bin indessen frh und spat
         Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath.

   49. Da haben wir, in Pleno, thun dichten,
       Um verschiedene Aenderungen einzurichten,
         Damit in der hiesigen Polizei
         Alles fein sauber und ordentlich sei.

   50. Deine Mutter hat an Zhnen viel ausgestanden;
       Aber ein groer Wundarzt aus fremden Landen
         Vor einigen Tagen hier kam
         Und die bsen Zhne wegnahm.

   51. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier,
       Es ist der Procurator Herr Geier,
         Die Sache ist schon gekommen sehr weit,
         Und die Gertrud ist schon ziemlich breit.

   52. Unser Pfarrer ist immer krnklich,
       Man hlt seinen Zustand fr bedenklich,
         Strbe einst dieser rechtschaffene Mann,
         So wrd'st du vielleicht unser Pfarrer dann.

   53. Unsers reichen Nachbars sein Lieschen
       Vermeldet dir ein herzliches Grchen,
         Das Mdchen wird wirklich artig und fein
         Und knnte einst deine Frau Pfarrerin sein.

   54. Endlich gren dich allesammt wieder
       Deine smmtlichen Schwestern und Brder,
         Sie freuen sich ber dein Wohlergehn
         Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehn.

   55. Ich beharre brigens
                    Dein treuer Vater
       Hans Jobs, ^pro tempore^ Senater.
         N. S. Dein Schreiben mir zwar gefllt,
         Aber verschone mich weiter mit Geld.




Sechszehntes Kapitel.

Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimat reisete,
und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im
gegenwrtigen Kupfer vorgestellt.


[Illustration]

    1. Sintemal man nicht ewig auf Universitten
       Bleiben kann, so war's endlich vonnthen,
         Da nach verflossener drei Jahren Zeit,
         Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit.

    2. Um seiner Eltern Verlangen und Willen,
       Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfllen,
         That er Alles zu dieser Frist,
         Was zum Abmarsche nthig ist.

    3. Zwar brauchte er nicht viel einzupacken;
       Denn auer Stiefeln, Degen, Weste und Jacken,
         Und was man an seinem Leibe sonst sah,
         War nicht 's mindeste Gerthe da.

    4. Nach Bchern brauchte man gar nicht zu fragen,
       Denn diese thaten ihm niemals behagen,
         Und auer einer einzigen Predigt nur
         Besa er nicht die geringste Scriptur.

    5. Ein Freund hatte ihm selbige verehret
       Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret,
         Damit er doch einmal ohne Beschwer
         Zu Hause knnt' predigen, wenn's nthig wr.

    6. Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen,
       Wie er sich daheim den Eltern knnt' zeigen,
         Damit man nicht auf diese Manier
         Den kahlen Zustand der Sache erfhr.

    7. Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen,
       Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen,
         Da ihm Alles gestohlen wr
         Auf seiner Reise gen Hause her.

    8. Auch thaten einige Seufzer entstehen;
       Armer Hieronime! wie wird's dir ergehen,
         Wenn man dich einmal examinirt?
         Denn du hast nichts gelernt noch studirt.

    9. Zwar hat's ihm herzlich gereut und verdrossen,
       So da er fast Thrnen darob vergossen,
         Weil er fr alle Kosten und Zeit
         Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit.

   10. Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken,
       Wnschen, Seufzen, Jammern und Krnken
         Brachten ihm itzo keinen Gewinn,
         Denn die Zeit war einmal dahin.

   11. Um also seine Grillen zu verlieren,
       Lie er formaliter invitiren
         Seine Freunde auf der Universitt,
         Und gab ihnen den Schmaus zum Valet.

   12. Hier wurde dann tapfer nochmal geschmauset,
       Getrunken, gelrmet und gesauset,
         Bis endlich der traurige Morgen kam
         Und Hieronimus Abschied nahm.

   13. Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen
       Und erregte ihm fast herbe Schmerzen,
         Ja, er hat wirklich laut geweint
         Und im Arm seiner Freunde gegreint.

   14. Eh er aber sein Ade genommen,
       Ist er vorher zum Professor gekommen,
         Dieser hat ihm fr baares Geld,
         Ein academisch Zeugni zugestellt.

   15. Es ist zwar nicht gar lblich gewesen,
       Doch Hieronimus, ohne es zu lesen
         (Denn es war gesetzt in Griechisch und Latein)
         Steckte es in den Schubsack hinein.

   16. Ich lasse ihn also nach Hause reisen,
       Und vorher will ich noch dem Leser weisen
         Im oben bevorstehenden Kupferblatt,
         Wie's um seine Gelehrsamkeit gestanden hat.




Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder
angelanget ist.


[Illustration]

    1. Als einst nach eingenommener Mittagsspeise
       Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise)
         Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl sa
         Und die politische Zeitung las;

    2. Inde Frau Jobs einiger Sachen wegen
       In der Kche ein kleines Lrmen that erregen,
         Auch sonst einige Ordnung gemacht
         Und keine Seel an was Bses gedacht;

    3. Kam ein stolzer Reiter mit starken Schritten
       Auf der Strae eilig daher geritten,
         Und gleich hrten sie, Knall und Fall
         Vor der Hausthr einen Karbatschenschall.

    4. Ob diesem fast frchterlichen Knallen
       Lie Jobs die Zeitung aus der Hand fallen,
         Und die Pfeife selbst war in Gefahr;
         Frau Jobs aber verstummte gar.

    5. Aber aus diesem recht panischen Schrecken
       That sie der Reiter bald aufwecken;
         Weil er, im vlligen Reisestaat,
         Zu ihnen in die Stube trat.

    6. Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen,
       Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen,
         Bis endlich der gute Vater da
         In ihm seinen lieben Hieronimus sah.

    7. Es fehlt mir schier an allen nthigen Dingen,
       Die gewaltig groe Freude zu besingen,
         Welche der fromme Senator empfand,
         Fast entging ihm aller Verstand.

    8. Auch die Mutter konnte sich nicht fassen,
       Noch vor Freude Hnd' und Fe lassen,
         Als sie eben itzt und nunmehr
         Sah, da es Hieronimus wr.

    9. Fast htten im Ueberma der Freude
       Klare Thrnen geweinet alle beide,
         Und das Willkomm! und dem Himmel sei Dank!
         Und so weiter, whrete lang.

   10. Es waren auch darauf nicht minder
       Des Senators Jobsens brige Kinder
         Alle zusammen bei der Hand,
         Und kein einziges hat ihn gekannt.

   11. Es war recht spahaft anzusehen,
       Wie sich die Kinder thaten begehen:
         Eins hielt ihn fr'n groen Herrn,
         Welcher gekommen wr von fern;

   12. Das andere hielt ihn, wegen dem Degen
       Und der brigen gefhrlichen Kleidung wegen,
         Fr einen, der Kinder im Sack steckt,
         Besonders wurden die jngsten erschreckt.

   13. Aber sehr lustig ging es mit der Esther,
       Unsers Hieronimi allerjngsten Schwester,
         Denn sie hielt ihn noch lange hernach
         Fr'n fremden Oheim von Gengenbach.

   14. In den drei Jahren, die er dort verschlendert,
       Hatte sich seine Person sehr verndert,
         Und er war dick geworden am Bauch,
         Sein Bart ziemlich gewachsen auch.

   15. Es war also eben kein Wunder zu nennen,
       Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen,
         Besonders, da sein Studentenhabit
         Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth.

   16. Ein sehr groer Hut mit einer Feder,
       Hosen und Weste von gelbem Bocksleder,
         Ein kurzes Collet von grauem Tuch
         Verstellte den Hieronimus genug.

   17. Dabei kam ein mchtig groer Degen,
       Welcher, der mehreren Sicherheit wegen,
         Sowol zum Stich, als Hiebe im Streit
         Eingerichtet war spitz und breit.

   18. Imgleichen die martialische Miene,
       Welche Tod und Wunden zu drohen schiene;
         Die Haare hingen struppicht am Kopf
         Und den Nacken drckte ein dicker Zopf.

   19. Diese und mehr seltsame Kleidungsstcke
       Zogen bald auf sich des Vaters Blicke,
         Denn ein sittsames schwarzes Kleid
         Htte den Alten weit mehr erfreut.

   20. Auch wollte des Hieronimus briges Betragen
       Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen,
         Weil bei dem Hieronimus fort und fort
         Flche erfolgten auf jedes Wort.

   21. Er gab ihm also deutlich zu verstehen,
       Da er nun anders sich mchte begehen,
         Denn ein junger Theologus
         Msse leben nach geistlichem Fu.

   22. Als er kurz darauf nach dem Koffer gefraget,
       Hat Hieronimus alsobald gesaget
         Und dabei krftig geschworen: da er
         Vom Postwagen jngst ihm gestohlen wr'.

   23. Diese Nachricht, da er den Koffer verloren,
       Klang unangenehm in des Vaters Ohren
         Und er fing zu knurren drob an,
         Htte es nicht die Mutter gethan.

   24. Denn sie hielte den Alten zurcke,
       Sprach, das ist ja ein Ungelcke,
         Woran unser lieber Sohn nicht schuld;
         Er ergabe sich also in Geduld.

   25. Indessen verbreitete auch das Gerchte,
       Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte
         Ueberall in dem Stdtelein aus
         Und wlzete sich von Haus zu Haus.

   26. Der ganzen Brgerschaft schien dran gelegen,
       Und berall that sich Verwunderung erregen,
         Und wo ein Mensch nur den andern sah,
         So hie es: Hieronimus ist wieder da.

   27. Es wurde brigens angenehm und freudig
       In Senator Jobsens Hause allerseitig
         Der Rest des brigen Tages verbracht
         Und weiter nicht an den Koffer gedacht.

   28. Hieronimus labte sich an Trank und Speise
       Weidlich, denn er war matt von der Reise,
         Rauchte dabei auch ohne Beschwer
         Des Vaters groen Tabaksbeutel leer.




Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes
Kleid und eine Percke bekam, und wie er auf der Kanzel zum ersten Mal
predigte, u. s. w.


    1. Als nun der andere Morgen vorhanden
       Und alles im Hause war aufgestanden
         Und beim Frhstck und Kaffeetisch
         Jeder sich befande munter und frisch,

    2. Hub der Vater an zu discuriren:
       Mein lieber Sohn! es will sich gebhren,
         Da deine bisherige Kleiderei
         Anders in Zukunft beschaffen sei.

    3. Vorab mut du den schrecklichen Degen
       Von deiner Seite, von nun an, legen,
         Weil ein Geistlicher niemals nicht
         Anders als mit der Bibel ficht;

    4. Auch das graue Collet und die lederne Weste
       Nebst Hosen, Stiefeln und dem brigen Reste,
         Wie auch den mchtigen Federhut;
         Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut.

    5. Denn wenn Jemand diesen Anzug she,
       Mchte er billig denken: o wehe,
         Das knnte eher ein Krassier
         Sein, als ein knftiger Pfarrer hier!

    6. Wisse auch, da eine runde Percke
       Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke;
         Denn diese lsset ehrwrdig und wohl,
         Ein struppichtes Haar und Zopf lt toll.

    7. Ich habe also mir vorgenommen,
       Um zu lassen den Schneider kommen,
         Damit dir dieser ein schwarzes Kleid
         Und einen Mantel noch mache heut.

    8. Auch ist der Perckenmacher bestellet,
       Damit er, wenn es dir gefllet,
         Zu deines Kopfes knftiger Zier
         Eine Percke bringe dir.

    9. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben,
       Es ist aber auch nthig daneben,
         Da du hinfro nicht mehr so fluchst,
         Sondern auch geistlich zu leben suchst.

   10. Hieronimus hrte zwar etwas sprde
       Seines alten Vaters vernnftige Rede,
         Doch lie er sich endlich ebenfalls
         Alles gefallen und bereden all's.

   11. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch vergangen,
       Im schwarzen Kleide und Percke prangen,
         Es war auch ein weies Krgelein da,
         Gemacht von der Mutter ^manu propria^.

   12. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu'n Fen,
       That er nun den Eltern kund und zu wissen,
         Da er, zu predigen in dieser Livrei,
         Am knftigen Sonntag gesonnen sei.

   13. Er hat sich auch treu des Versprechens entledigt,
       Und am folgenden Sonntag gepredigt,
         Und ohne einen sonderlichen Ansto
         Ward er glcklich der Predigt los.

   14. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehret,
       Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret,
         Diese kam ihm vortrefflich zur Hand,
         Weil er sie ganz auswendig verstand.

   15. Sie war gar vortrefflich componiret,
       Mit vielen erbaulichen Sprchen gezieret,
         Und so voll vom gelehrten Tand,
         Da sie Hieronimus selbst nicht verstand.

   16. Auch sein uerer Anstand war prchtig,
       Seine Arme und Hnde bewegte er mchtig,
         Und der Stimme starker Tenor
         Drang den Zuhrern stattlich ins Ohr.

   17. Es wurde brigens von vielen hundert
       Zuhrern seine Predigt bewundert,
         Viele stieen die Kpfe an
         Und sagten: das gibt ein ganzer Mann!

   18. Wer Henker htte das denken sollen,
       Da so was einst htte werden wollen
         Aus des Jobsens dummen Hieronimus?
         Er erregt ja Verwundernu!

   19. Auch waren alle Verwandten gegenwrtig,
       Gafften Hieronimus an, der so fertig,
         Als htte er lngst gestanden im Amt,
         Sie erbauen konnte allesammt.

   20. Aber, ich vermag nicht das Entzcken
       Der beiden guten Eltern auszudrcken,
         Denn sie hielten nun beiderseits
         Ihn fr den grten Redner bereits.

   21. Als nun der Gottesdienst verrichtet,
       Ward ein gro Freudenmahl angerichtet,
         Und in Senator Jobsens Haus
         Kamen alle Verwandten zum Schmaus.

   22. Da hat man, whrend dem Mittagsessen,
       Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen,
         Und man trank fters zu dieser Zeit
         Aus groen Glsern seine Gesundheit.

   23. Es ward auch zu denselbigen Stunden
       Von der ganzen Versammlung fr gut befunden,
         Da bei obwaltenden Umstnden nunmehr,
         Zu des Hieronimus grerer Ehr,

   24. Er es nchstens msse wagen
       Und sich zum Candidaten lassen schlagen,
         Damit er in optima Forma hie
         Werde Candidatus Ministerii.

   25. Zwar wre es dieserhalb wol vonnthen
       Vorerst vors Examen hinzutreten,
         Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit
         Htte dieses keine Schwierigkeit.

   26. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwchlich
       Wre, so knnte Hieronimus gemchlich
         Und ohne allen Zank und Geschrei
         Antreten die erledigte Pfarrei;

   27. Wenn es nmlich bald glcklich gelnge,
       Da der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge,
         Denn seine krnkliche Constitution
         Liee dieses fest hoffen schon.

   28. Hieronimus vermochte so viel Grnden und Flehen
       Nunmehro nicht lnger zu widerstehen,
         Er gab also, obgleich ngstlich genung,
         Dazu seine Einwilligung.

   29. Er leerete brigens zwar mit Vergngen
       Manches groes Glas in starken Zgen,
         Doch wenn er ans knft'ge Examen gedacht,
         So hat ihm dieses ein Grausen gemacht.

   30. Endlich suchte er seine traurigen Grillen
       Durch einen tchtigen Rausch zu stillen,
         Obgleich sein Mifallen der alte Jobs
         Bezeigte, durch ernsthaftes Schtteln des Kopfs.




Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zum Candidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei
erging.


    1. Inde ist es beim Entschlusse geblieben,
       Und nach wenigen Wochen hat man verschrieben
         Die ganze hochehrwrdige Klerisei
         Zu Hieronimus Examen herbei.

    2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre,
       Des nahen Examens zu Muthe ware,
         Und sein gemachtes ngstliches Gesicht,
         Dies alles begreift der Leser nicht.

    3. Es wre also solches zu schildern vergebens.
       Die frchterlichste Stunde seines Lebens,
         Nahte nunmehro endlich herzu;
         Ach! du armer Hieronimus, du!

    4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen
       Der geistlichen Herrn, welche zum Examen
         Aus jeder Gegend der Schwbischen Welt
         Am bestimmten Tage sich eingestellt.

    5. Der erste war der _Herr Inspector_,
       In der Lehre stark wie ein andrer Hector,
         Ein stattlicher dickgebauchter Mann;
         Man sah ihm gleich den Inspector an.

    6. Seine Verdienste schafften ihm diese Wrde;
       Er trug brigens seines Amtes Brde
         Geduldig und mit gar frohem Muth
         Und a und trank tglich gut.

    7. Nach ihm kam der _geistliche Assesser_,
       Ein Mann von Person zwar etwas grer,
         Doch an Krper und Waden dnn
         Und von etwas mrrischem Sinn.

    8. Er triebe nebst der geistlichen Sache
       Verschiedene Stcke aus dem konomischen Fache
         Und trank nur Bier und schlechten Wein,
         Denn seine Einknfte waren klein.

    9. Auch Herr _Krager_, ein Mann von hohen Jahren,
       In den Kirchenvtern sehr wohl erfahren,
         Die er, so oft die Gelegenheit kam
         Seinen Satz zu erweisen, hernahm.

   10. Auch Herr _Krisch_, ein Mann von guten Sitten,
       Ungemein stark in Postillen beritten;
         Wobei er sich so gut und noch besser befand
         Als der beste Pfarrer im Schwabenland.

   11. Auch Herr _Beff_, ein weidlicher Linguiste,
       Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe,
         Im Vortrag ein ewiges Einerlei,
         Doch niemals gegen Orthodoxei.

   12. Auch Herr _Schrei_, stark in der Rede,
       Weder in Gesellschaft noch auf der Kanzel blde,
         Lebte brigens munter und frisch
         Mit seiner Kchin exemplarisch.

   13. Auch Herr _Plotz_, ein Mann wie ein Engel,
       Er hatte zwar in der Jugend viele Mngel,
         Nachdem er aber sein Amt trat an,
         Ward er ein gar frommer Mann.

   14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine
       Von allen Lastern und bsem Wesen reine,
         Und strafte zur Zeit und zur Unzeit
         Alle und jede, doch nach Gelegenheit.

   15. Auch Herr _Keffer_, nie mde in Lehr' und Strafen,
       Er nahm sich treulich an seiner Schafen,
         Doch fande sich in der Heerde sein
         Mancher hartnckige Bock mit ein.

   16. Oft war er, um sie zurechte zu fhren,
       Er deshalb genthiget zu processiren,
         Denn er verstand die Jura, in der That,
         So gut als der beste Advocat.

   17. Auer diesen obengenannten kamen
       Noch mehr geistliche Herren zum Examen,
         Die ich nicht alle Mann fr Mann
         Sogar genau mehr nennen kann.

   18. Als nun die ganze geistliche Schaare
       Der hochehrwrdigen Herren beisammen ware,
         So setzten, ^praemissis praemittendis^,
         Sich alle um einen groen Tisch.

   19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen
       Vor die smmliche Gesellschaft der weien Kragen
         Und scharrete ihnen demthig den Gru.
         O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

   20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores
       Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores
         Und fragten ihn bald, ob er auch htt'
         Ein Zeugni von der Universitt?

   21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstnde,
       Gab das Attest in des Inspectors Hnde,
         Welcher dasselbe alsbald dann lu;
         O weh dir! o weh dir! Hieronimus!

   22. Es war zwar, wie oben schon angefhret,
       In Latein und Griechisch concipiret,
         Folglich zu lesen ein schweres Stck;
         Doch verstand zu allem Ungelck

   23. Der Inspector etwas von den Sprachen,
       Um hier die nthigste Dollmetschung zu machen;
         Denn fr jeden andern geistlichen Herr
         War die Uebersetzung zu schwer.

   24. Damit nun hier nichts mge fehlen,
       Will ich dem geneigten Leser erzhlen,
         Was eigentlich in dem Attestat
         Von Wort zu Wort gestanden hat.

   25. Zuerst Name und Titel vom Professer
       Und in drei Buchstaben etwas grer
         Wnschte er, durch ^L. B. S.^ dem
         ^Lectori Benevolo Salutem^!

   26. _Sintemal und immaen drei Jahre
       Und einige Wochen hieselbst ware
         Herr Hieronimus Jobsius
         Als Theologi Studiosus;_

   27. _Derselbe aber abzureisen nunmehro
       Ernstlich ist gesonnen, und dero-
         halben um ein schriftlich Attestat
         Mich geziemendermaen bat:_

   28. _So habe ich nicht unterlassen knnen,
       Ihme solches schriftliches Zeugni zu gnnen:
         Da derselbe alle viertel Jahr
         Bei mir einmal im Collegio war._

   29. _Ob er sich sonst des Studirens privatim beflissen,
       Wird ihm wol sagen sein eigen Gewissen,
         Dann in diesem schriftlichen Bericht
         Behaupte und zeuge ich solches nicht._

   30. _Und von seinem sonstigen Betragen
       Wre zwar nicht viel Gutes zu sagen,
         Allein die christliche Liebe will,
         Da ich davon schweige still._

   31. _Uebrigens wnsch' ich ihm auf alle Weise
       Hiedurch eine glckliche Abreise,
         Und der gtige Himmel leite ihn
         Knftig zu allem Guten hin!_

   32. Was man fr groe Augen gemachet,
       Und da Herr Hieronimus nicht gelachet,
         Als man den Inhalt fand dergestalt,
         Ein solches begreifet der Leser alsbald.

   33. Inde ist es fr diesmal geschehen,
       Da man die Sache hat bersehen,
         Und man redete von dem Attest
         Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best'.

   34. Denn die Herren dachten weislich zurcke,
       Da sie auch wol viele lustige Stcke
         Auf Academien getrieben vor dem;
         Man schritte also weiter ^ad rem^.

   35. Der Herr _Inspector_ machte den Anfang,
       Hustete viermal mit starkem Klang,
         Schnuzte und rusperte auch viermal sich
         Und fragte, indem er den Bauch strich:

   36. _Ich, als zeitlicher ^pro tempore^ Inspector,
       Und der hiesigen Geistlichkeit Director,
         Frage Sie: ^Quid sit Episcopus?^_
         Alsbald antwortete Hieronimus:

   37. Ein Bischof ist, wie ich denke,
       Ein sehr angenehmes Getrnke
         Aus rothem Wein, Zucker und Pomeranzensaft
         Und wrmet und strket mit groer Kraft.

   38. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes;
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   39. Nun hub der _Assessor_ an zu fragen:
       _Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen,
         Wer die Apostel gewesen sind?_
         Hieronimus antwortete geschwind:

   40. Apostel nennet man groe Krge,
       Darin gehet Wein und Bier zur G'nge,
         Auf den Drfern und sonst beim Schmaus
         Trinken die durstigen Bursche daraus.

   41. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   42. Nun traf die Reihe den Herrn _Krager_
       Und er sprach: _Herr Candidat! sag' Er,
         Wer war der heilige Augustin?_
         Hieronimus antwortete khn:

   43. Ich habe nie gehrt oder gelesen,
       Da ein andrer Augustin gewesen,
         Als der Universittspedell Augustin,
         Er citirte mich oft zum Prorector hin.

   44. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   45. Nun folgte Herr _Krisch_ ohn Verweilen
       Und fragte: _Aus wie vielen Theilen
         Mu eine gute Predigt bestehn,
         Wenn sie nach Regeln sollte geschehn?_

   46. Hieronimus, nachdem er sich eine Weile
       Bedacht, sprach: die Predigt hat zwei Theile,
         Den einen Theil Niemand verstehen kann,
         Den andern Theil aber verstehet man.

   47. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   48. Nun fragte Herr _Beff_ der Linguiste:
       _Ob Herr Hieronimus auch wol wte,
         Was das hebrische Kbbuz sei?_
         Und Hieronimus antwortete frei:

   49. Das Buch, genannt Sophiens Reisen
       Von Memel nach Sachsen, thut es weisen,
         Da sie den mrrischen Kbbuz bekam,
         Weil sie den reichen Puff frher nicht nahm.

   50. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   51. Nun kam auch an den Herrn _Schreie_,
       Den Hieronimus zu fragen die Reihe,
         Er fragte also: _Wie mancherlei
         Die Gattung der Engel eigentlich sei?_

   52. Hieronimus that die Antwort geben:
       Er kenne zwar nicht alle Engel eben,
         Doch wr ihm ein blauer Engel bekannt
         Auf dem Schild an der Schenke, zum Engel genannt.

   53. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   54. Herr _Plotz_ hat nun fortgefahren
       Zu fragen: _Herr Candidate! wie viel waren
         ^Concilia oecumenica^?_
         Und Hieronimus antwortete da:

   55. Als ich auf der Universitt studiret,
       Ward ich oft vor's Concilium citiret,
         Doch betraf solches Concilium nie
         Sachen aus der Oeconomie.

   56. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   57. Nun folgte Herr _Keffer_, der geistliche Herre,
       Seine Frage schien zu beantworten sehr schwere,
         _Sie betraf der Manicher Ketzerei,
         Und was ihr Glaube gewesen sei?_

   58. Antwort: Ja, diese einfltigen Teufel
       Glaubten, ich wrde sie ohne Zweifel
         Vor meiner Abreise bezahlen noch,
         Ich habe sie aber geprellet doch.

   59. Ueber diese Antwort des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   60. Die brigen Fragen, welche man proponiret,
       Lasse ich hier aus Mangel des Raums unberhret;
         Denn sonst machte das Protocoll
         Wol mehr als sieben Bogen voll.

   61. Sintemal man noch Vieles gefraget,
       Worauf Hieronimus die Antwort gesaget
         Auf obige Weise Stck vor Stck
         Aus Dogmatik, Polemik und Hermeneutik.

   62. Imgleichen sonst noch manche Sachen
       Aus der Kirchenhistoria und Sprachen,
         Und was man einen geistlichen Mann
         Sonst wo zur Prfung noch fragen kann.

   63. Ueber alle Antworten des Candidaten Jobses
       Geschah allgemeines Schtteln des Kopfes,
         Der Inspector sprach zuerst: hem! hem!
         Drauf die andern ^secundum ordinem^.

   64. Als nun die Prfung zu Ende gekommen,
       Hat Hieronimus einen Abtritt genommen,
         Damit man die Sache nach Kirchenrecht
         In reife Ueberlegung nehmen mcht':

   65. Ob es mit gutem Gewissen zu rathen,
       Da man in die Klasse der Candidaten
         Des heiligen Ministerii den
         Hieronimum aufnehmen knn'.

   66. Es ging also an ein Votiren,
       Doch ohne vieles Disputiren
         Ward man einig alsobald:
         Es knne zwar dermal und solchergestalt

   67. Herr Hieronimus es gar nicht verlangen,
       Den Candidaten-Orden zu empfangen,
         Jedoch aus besondrer Consideration
         Wollte man stille schweigen davon.

   68. Es hat auch wirklich in vielen Jahren
       Kein Fremder davon etwas erfahren,
         Sondern Jedermann hielt frh und spat
         Den Hieronimum fr einen Candidat.




Zwanzigstes Kapitel.

Wie der Autor gar demthiglich um Vergebung bittet, da das vorige
Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, da das gegenwrtige
Kapitel desto krzer sein sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik lnger
ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbeschadet der Geschichte,
wol htte wegbleiben knnen.


[Illustration]

    1. Ich bitte um Verzeihung alle, die mich lesen,
       Da voriges Kapitel so lang gewesen,
         Dabei soll auch dieses Kapitelein,
         Lieber Leser! desto krzer sein.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Wie Vater Jobs der Senator dem Hieronimo eine Strafpredigt halten tht,
und wie er vor Verdru stirbt.


    1. Nun htte man sollen das Lrmen sehen,
       Was da in Jobsens Hause geschehen,
         Weil es, wie gesagt, nicht allerding
         Mit dem Examen nach Wunsche ging.

    2. Aber was that denn des Hieronimi Vater?
       Lieber Leser! du magst wol fragen: was that er?
         Er gerieth drob in gar groen Grimm,
         Und sagte zu seinem Sohne: du Lm-

    3. mel! hab' ich drum so viel angewendet
       Und ganze Hnde voll Geld verschwendet,
         So da fast worden zum armen Mann,
         Und habe itzt nur Verdru daran?

    4. Httest du fleiiger gestudiret
       Und dich rechtschaffener aufgefhret,
         So wrst du itzo nunmehro hie
         Ein Candidatus Ministerii!

    5. Und bekmest bald eine gute Pfarre;
       Aber du bist nun ein ungelehrter Narre,
         Der nichts von der Theologie versteht
         Und sein Leben lang brodlos geht!

    6. Deine Mutter und ich hofften beide
       An dir zu erleben viele Freude,
         Und nun haben wir bittern Verdru
         Ob dich bsen Hieronimus!

    7. Alles was du vormals mir geschrieben,
       Als httest du die Studia getrieben,
         Und wrest von allen der Fleiigste,
         Sind lauter Lgen, wie ich nun seh.

    8. Auch was du vom Privatissimo
       Und zehn Stunden im Collegio,
         Von der Professoren Zufriedenheit,
         Vom Theetrinken in der Einsamkeit;

    9. Item, von den vielen gelehrten Dingen,
       Wovon dir der Kopf wollte zerspringen,
         Vom Meditiren bis in die Nacht
         Und sonst noch etwa hast vorgebracht;

   10. Auch da dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen
       Geschwchet und verdorben gewesen,
         Das alles ist, wie sich's nun befind't,
         Nichts gewesen, als Lgen und Wind.

   11. Htte ich doch ehmals unsers frommen
       Rectors guten Rath angenommen,
         Der es deutlich genug sagte mir:
         Es wrde niemals etwas Gutes aus dir!

   12. So wre das viele Geld ersparet
       Und manches Kapital rund bewahret,
         Das du, bser, unntzer Knecht!
         Auf der Universitt verzecht.

   13. So war ungefhr die Predigt beschaffen,
       Die der Alte hielte, den Sohn zu bestrafen,
         Und er htte im ersten Affect,
         Fast den Hieronimus mit Prgeln bedeckt.

   14. Weil indessen Zrnen und Schelten
       Fr die Gesundheit zutrglich ist selten,
         So fiel auch den guten alten Mann
         Gleich eine heftige Krankheit an.

   15. Denn er litte oft in gesunden Tagen
       Vom schmerzlichen Podagra viele Plagen;
         Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh
         Disponirten den Krper dazu.

   16. Nun aber verlieen ihn pltzlich die Schmerzen
       Und das Podagra trat ihm zum Herzen,
         Und nach vierundzwanzig Stunden Zeit
         Wanderte er aus der Zeitlichkeit.

   17. Alles im Hause rang nun die Hnde
       Und des Klagens und Jammerns war kein Ende,
         Da Hieronimus selbst sogar
         Kaum darber zu trsten war.

   18. Der Leser mchte vielleicht ghnen,
       Wenn ich diese traurigen Scenen
         Nher beschrieb, ich lasse drum nun
         Den Senator Jobs in Frieden ruhn.




Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus beinahe ein Informator eines jungen Barons geworden wre.


    1. Obgleich nunmehro schon vierzehn Tage
       Der alte Senator Jobs im Grabe lage;
         So dachte doch noch dann und wann
         Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann.

    2. Hieronimus bekam indessen sein Futter
       Bisher noch zu Hause von der Mutter,
         Und htte in solchem Miggang
         Zugebracht gerne sein Leben lang;

    3. Wenn ihm nicht wre der Vorschlag geschehen,
       Sich nunmehro anderswo umzusehen,
         Wo er in der Zukunft bequem
         Seinen Unterhalt gebhrlich hernhm.

    4. Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen,
       War dem armen Schelm gnzlich benommen,
         Nachdem die gelernte Predigt einmal
         Gehalten war auf den Drfern berall.

    5. Sintemal nun manche groe Geister
       Ihr Glcke gemacht als Hofmeister,
         So fiel es auch dem Hieronimus ein,
         Irgendwo Hofmeister zu sein.

    6. Das Glck schien ihm nicht ungeneiget,
       Denn es hat sich ohngefhr gezeiget
         Nach etwa dreier Monate Zeit
         Fr ihn eine schne Gelegenheit.

    7. Denn ein benachbarter Herr von Adel
       Suchte einen Informator ohne Tadel,
         Fr billige Kost und acht Gulden Lohn
         Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn.

    8. Religion, Sitten, fnferlei Sprachen,
       Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen,
         Philosophie, Physik, Geographie,
         Mathematik, Historie, Poesie,

    9. Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten
       ^Et caetera^, waren blos die Kleinigkeiten,
         Welche fr die acht Gulden Lohn
         Lernen sollte der junge Baron.

   10. Es lieen also Ihro Gnaden
       Den Candidaten Hieronimus zu sich laden,
         Und fragten: ob er fr die acht Gulden Lohn
         Uebernehmen wollte die Information?

   11. Hieronimus antwortete: Gndiger Herre!
       Das Informatoramt ist sauer und schwere,
         Und es wren acht Gulden schier
         Viel zu weniges Lohn dafr;

   12. Doch, um Eure Gnaden zu gefallen,
       Entschliee ich mich sofort zu allen,
         Und nehme den jungen Herrn Baron
         Gleich in meine Information.

   13. Der Handel war also nun getroffen,
       Bis sich zuletzt wider alles Verhoffen
         Noch eine kleine Schwierigkeit fand,
         Welche bloserdings darin bestand:

   14. Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen
       Die erforderliche Probe knne machen,
         Welche fr die acht Gulden Lohn
         Lernen sollte der junge Baron?

   15. Da hat sich aber balde gewiesen,
       Da Hieronimus von allen diesen
         Sachen selbst nichts gewut, die von
         Ihm lernen sollte der junge Baron.

   16. Er ward also in Frieden entlassen,
       Und zog wieder heim seine Straen,
         Und verwnschte die Information
         Zum Henker, mit dem jungen Baron.

   17. Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere,
       Ob ein andrer aufzutreiben wre,
         Welcher fr die acht Gulden Lohn
         Uebernhme die Information.

   18. Ob er fr die acht Gulden bis zu heutigen Stunden
       Einen solchen gelehrten Informator gefunden,
         Ist etwas, das ich nicht sagen kann,
         Es geht mich auch in der That nichts an.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herrn, welcher
eine Kammerjungfer hatte, mit Namen Amalia, und wie er sich gut
auffhrte bis im folgenden Kapitel.


    1. Unter allen Stnden, die da werden
       Angetroffen auf unserer Erden,
         Ist, zweifelsohne, wie bekannt,
         Der Wittwenstand der betrbteste Stand.

    2. Wo der Mann, als das Haupt des Weibes,
       Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes
         Und um die ganze Haushaltung schlecht,
         Und nicht das Geringste geht zurecht.

    3. Die Einknfte werden nach und nach vermindert,
       Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert,
         Und gleich wie in einem Jammerthal
         Ist Angst, Noth, Elend berall.

    4. Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren,
       Denn sie merkte, da gleich in den ersten Jahren
         Alles im Hause den Krebsgang ging,
         Und sie arm an zu werden fing.

    5. Hieronimus nun hat dazu freilich
       Das Seinige beigetragen getreulich,
         Denn er lebte in miger Ruh,
         A gut und trank noch besser dazu.

    6. Indessen ward doch nun auf die Dauer
       Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer,
         Und ihr Hieronimus gereichte fast
         Der Oekonomie zur grten Last.

    7. Er hat es auch selbst eingesehen,
       Da es nicht lnger gut werde gehen,
         Und erkundigte sich also weit und breit
         Um eine andre Gelegenheit.

    8. Wie nun gewhnlich die Dummen und Frommen
       Am allerbesten in der Welt fortkommen,
         So bot auch bei einem Edelmann
         Sich abermal fr ihn eine Stelle an.

    9. Dieser Herr lebte auf dem Lande
       In einem trefflichen ruhigen Stande,
         Und verzehrte als ein biedrer Cavalier
         Seine groen Einknfte mit Plsir.

   10. Er that in seiner Jugend einige Zge
       Im damaligen siebenjhrigen Kriege,
         Doch lag er meistens in Garnison
         Und schonte so viel mglich seine Person.

   11. Inde ward er bald dieses Lebens mde,
       Denn er hate Krieg und liebte Friede,
         Und hielt folglich als ein tapfrer Mann
         Unterthnig um seinen Abschied an.

   12. Jedoch fand er noch immer viel Vergngen,
       Oft zu reden von verschiedenen Siegen,
         Und wie er einmal von ohngefhr
         Auf der Flucht beinahe gefangen wr'.

   13. Uebrigens war er geneigt zu spaen,
       Scho auch wol auf der Jagd einen Hasen,
         Trank bei der Tafel Burgunderwein
         Und lebte ohne Gemahlin allein.

   14. Er war also, in soweit, ein Junggeselle,
       Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle,
         Eine Kammerjungfer, die frh und spat
         Die nthigen Bedrfnisse besorgen that.

   15. Er sparte als Greis den Rest seiner Krfte
       Und bekmmerte sich um keine Geschfte,
         Sondern ein treues Bedienten-Paar
         Besorgte, was zu besorgen war.

   16. Der eine war ein schlauer, alter,
       Treubefundener Hausverwalter,
         Und der andre Herr Bediente war
         Ein also genannter Secretar.

   17. Der Verwalter war noch am Leben
       Und befand sich beim Dienste nicht uneben,
         Denn er sorgte klug und weislich
         Wenig fr'n Herrn und viel fr sich.

   18. Der Secretar war vor einigen Tagen
       Weil er todt war, zu Grabe getragen,
         Und also und dergestalt fand
         Sich diese wicht'ge Bedienung vacant.

   19. Nun war der Verwalter ein alter Bekannter
       Von Hieronimi Eltern, und darum wandt' er
         Als ein treuer dienstfertiger Mann
         Alle Mh' fr Hieronimus an,

   20. Und hat ihn sehr krftig recommandiret,
       Ihn darauf in Persona prsentiret
         Bei der Jungfer und beim alten Herrn
         Als einen fhigen Secretrn.

   21. Es hat auch seine Person fr allen
       Der Kammerjungfer nicht bel gefallen,
         Drum versprach sie ihm steif und fest
         Bei dem Herrn zu reden das Best'.

   22. Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser
       Als der vorige Schreiber, sein Antecesser;
         Denn Hieronimus war stark und lang,
         Der vorige aber war mager und krank.

   23. Alldieweil er nun, wie gesaget,
       Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget,
         So gab auch der alte Herr sofort
         Dazu sein Fiat und adliges Wort.

   24. Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen,
       Mute er sogar diesmal mit ihm speisen,
         Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm'
         Nach geendigter Mahlzeit zu ihm:

   25. Seine Pflicht soll darin bestehen,
       Da Er nach Vieh und Gesinde mu sehen,
         Und als der geheime Secretr
         Schreibe, was etwa zu schreiben wr'.

   26. Wird Er nun diese seine Amtspflichten
       Als ein braver Schreiber ausrichten;
         So geb' ich Ihm dafr alle Jahr
         Vierzig harte Reichsthaler baar.

   27. Gefllt Ihm diese Bedingung, so bleib Er
       Bei mir, ^sub titulo^ als Hausschreiber,
         Und ich verspreche Ihm, wenn Er treu,
         Noch manche Accidenzien dabei;

   28. Doch mu Er niemals probiren,
       Mit der Kammerjungfer zu haseliren;
         Denn solchen Unfug leide ich durchaus nicht,
         Das sage ich Ihm trocken ins Gesicht.

   29. Der letzverstorbene Hausschreiber
       Sah gerne Mdchen und junge Weiber,
         Und es ward mir sogar kund,
         Da er mit meiner Jungfer gut stund.

   30. Ich htte ihn prostituiret
       Und ohne viele Umstnde cassiret;
         Weil er aber klein war und schwach,
         So sah ich ihm noch den Fehler nach.

   31. Das Mdchen ist zwar schlau und witzig;
       Aber dabei verzweifelt hitzig,
         Und wie mir gar manchesmal ducht,
         Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt.

   32. Vor fnf Jahren, unvermuther Weise,
       Traf ich sie an auf einer Reise;
         Und ihr lustiges Wesen gefiel mir,
         Machte also meine Jungfer aus ihr.

   33. Er wird brigens, ohne zu fragen,
       Leicht schlieen, was ich hiemit will sagen;
         Denn einmal vor allemal sage ich nu,
         Halte Er mit Amalien nicht zu!

   34. Hieronimus wre nicht klug gewesen,
       Wenn er nicht, ohne viel Federlesen,
         Auf obige Bedingung geworden wr'
         Sehr gern der geheime Secretr.

   35. Er trat also sein Amt an geschwinde,
       Und sah tglich nach Vieh und Gesinde,
         Schrieb auch auf fters und viel,
         Was etwa zu notiren vorfiel.

   36. Zum Exempel: eingekommene Pchte,
       Ausgegebenes Lohn fr Mgde und Knechte,
         Der geschossenen Hasen und Rebhhner Zahl,
         Oder wenn man den Herrn bestahl;

   37. Oder was der Hausadvocat bekommen,
       Oder der Richter extra genommen,
         Oder was auf dem Markte inde
         Man gelset an Butter und Ks'.

   38. Oder wenn etwa der Hausschneider
       Der frommen Amalia ihre Kleider
         Unten und oben weiter gemacht,
         Oder die Kuh ein Kalb gebracht.

   39. Oder wenn die Jungfer Unplichkeit wegen
       Zur Ader gelassen, oder krank gelegen,
         Oder ein Huhn geleget ein Ei;
         Ausgaben und Einknfte mancherlei.

   40. Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren,
       So lie der alte Herr, all's Schreibens unerfahren,
         Dem Herrn Secretr auch diese Mh',
         Und Hieronimus besorgte treulich sie.

   41. Mit Hilfe von Talanders Briefsteller
       Ward er in Briefen fertiger und schneller,
         (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit)
         Als je ein Schulmeister in der Christenheit.

   42. In den brigen Stunden ging er mig,
       A, trank und schliefe berflssig,
         So, da er dieses Secretariat
         Sich lebenslnglich gewnschet hat.




Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie dem Secretr Hieronimo curiose Sachen vorkamen, und er weggejagt
wurde.


    1. Geneigter Leser! unsre alten Vorfahren
       Waren gewi keine dummen Narren,
         Sie hatten vielmehr oftermal
         Einen klugen und gesunden Einfall.

    2. Und sie haben in ihrem Leben
       Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben,
         Mancher stets wahr befundener Spruch,
         Zeiget noch ihre Weisheit genug.

    3. Es ist auch itzo fast in allen Landen,
       Unter andern ein altes Sprchwort vorhanden,
         Dessen Gewiheit und Wahrheit man
         Noch tglich vor Augen sehen kann.

    4. Nmlich: _wenn Einer soll knnen tragen
       Eine Last von lauter guten Tagen,
         So mu er mit sehr starkem Gebein
         Von der Natur versehen sein._

    5. Dieses alten Sprchworts Wahrheit
       Zeiget sich auch mit groer Klarheit
         Im gegenwrtigen Kapitel, schon frh,
         An dem Exempel Hieronimi.

    6. Dieser lebte gleich einem Frsten,
       Brauchte weder zu hungern, noch zu drsten,
         Schlief frh ein und erhub sich spt
         Nach ruhigem Schlaf vom Federbett.

    7. Es mangelte ihm folglich an keinem Stcke;
       Doch es war, zu seinem Ungelcke,
         Bewutermaen die Jungfer da,
         Welche er tglich verliebt ansah.

    8. In ihren Mienen und ganzem Wesen
       Schien er deutlich zu knnen lesen,
         Da sie in ihn den Secretr
         Ebenfalls sterblich verliebet wr'.

    9. Oft auch, wenn er sie ganz nahe
       Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe,
         So that der Gedanke bei ihm entstehn,
         Als htt' er sie vormals mehr gesehn.

   10. Trotz dem Verbote des alten Herren
       Wagt' er's nun, ihr die Liebe zu erklren,
         Und so wurden sie bald so vertraut,
         Als wren sie Brutigam und Braut.

   11. Doch, in Gegenwart des alten Herren,
       Schien er ihrer gar nicht zu begehren,
         Und er nahm sich vor allem Verdacht
         Weislich und, so viel mglich, in Acht.

   12. Aber, ohne desselben Willen und Wissen,
       Brachte in allerlei Scherzen und Kssen
         Manches geheimes Stndelein um
         Amalia mit dem Hieronimum.

   13. Dieses des Hieronimi gutes Betragen
       That dem Mdchen trefflich behagen,
         Denn fr die leere Schmeichelei
         Des Herrn hielt sie der Schreiber frei.

   14. Er bekam auch dafr viel schne Dinge,
       Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe,
         Tcher, Manschetten, Strmpfe, Handschuh,
         Halsbinden, Mtzen und mehr dazu.

   15. Einst hatte er bei ihr, von Amts wegen,
       Ein Schreibergeschfte abzulegen,
         Und da reichte sie ihm sogar
         Ein frtreffliche Sackuhr dar.

   16. Er hat sie gar dankbarlich angenommen,
       Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen,
         Rief er: Potz tausend Element!
         Diese Sackuhr habe ich gekennt.

   17. Amalia ward zwar betroffen,
       Doch gestund sie ihm sofort offen-
         herzig, sie habe von einem Student
         Sie ehmals erhalten zum Prsent.

   18. _Wie's doch so wunderlich pflegt zu gehen,
       Das kann man itzo deutlich hier sehen,_
         Erwiderte Hieronimus; _sicherlich!
         Dieser Studente war ich._

   19. Und nunmehr haben sich beide besonnen,
       Da schon vor fnf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen,
         Und aus der gestohlnen Sackuhr
         Machte die Jungfer itzt Schnack nur.

   20. Und sie haben beide herzlich gelachet
       Und ber den Possen sich lustig gemachet,
         Da nunmehr in die rechte Hand
         Sich die vermite Uhr wieder fand.

   21. Uebrigens war es kein sonderlich Wunder,
       Da die Jungfer nicht im Hieronimus jetzunder,
         Als Candidaten und Secretr,
         Den vorigen Studenten kannte mehr.

   22. Indessen machte diese lcherliche Affaire,
       Da sich beide von nun an noch desto mehre,
         Zum Possen des alten Edelmanns,
         Geliebet haben von Herzen ganz.

   23. Ihr Umgang ward also auf die Dauer
       Tglich vertrauter und genauer,
         Und ihr Lffeln und Buhlerei
         Trieben sie fast offenbar und frei.

   24. War die Jungfer im Keller und Garten,
       So that der Herr Schreiber ihr aufwarten,
         Und in Kche, Kammer und Stall
         Folgte er nach ihr berall.

   25. Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflichtwegen,
       Den alten Herrn mute wrmen und pflegen:
         So brach sich Hieronimus den Schlaf ab,
         Und ihr nchtliche Visiten gab.

   26. Auch bei dem Schreiben und Notiren
       That Amalia ihm treulich assistiren,
         Und befand sich ohne Unterla
         Bei ihm, wo er stand oder sa.

   27. Sie gab ihm auch manch schnen Leckerbissen
       Von des Herren Tafel heimlich zu genieen,
         Und vom Klberbraten und Wildpret
         Bekam er immer die Nieren und Fett.

   28. Sie brachte ihm noch dabei unter-
       weilen manche Flasche Burgunder
         Heimlich aus dem Kellerhaus,
         Und Hieronimus trank sie aus.

   29. So verstrichen in lauter Wollust die Tage
       Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage,
         Da kein hochwrdiger Herr Prlat
         Jemals besser gelebet hat.

   30. Es konnte sich aber dergestalten
       Dies Leben nicht lange so verhalten,
         Denn der alte gndige Herr
         Merkte den Handel mehr und mehr.

   31. Und anstatt da er sonst gelachet,
       Hat er nun saure Gesichter gemachet,
         Und er gab deutlich genug zu verstehn,
         Die Sache msse nicht lnger so gehn.

   32. Zum Ueberflu fhrte er noch in aller Gte
       Dem Herrn Secretren zu Gemthe,
         Da, wenn er Amalien nicht knftig vermied,
         So ertheilte er ihm den Abschied.

   33. Hieronimus versicherte auf seine Ehre,
       Da nichts Schlimmes vorgegangen wre,
         Und er wollte lieber hinfort
         Mit Amalia reden kein einziges Wort.

   34. Wenn Er das thut, so kann Er bleiben,
       So lange Er will, und bei mir schreiben
         Lebenslang, als mein Secretr!
         Erwiderte nun der alte Herr.

   35. Obgleich nun seit diesem Augenblicke
       Hieronimus die verliebten Tcke
         Mit der Jungfer heimlicher trieb,
         Und desto fleiiger notirte und schrieb:

   36. So hat sich dennoch nach einigen Tagen
       Ein sonderlich Abenteuer zugetragen,
         Als der alte Herr, Abends spt,
         Schlaflos sich herumwlzte im Bett.

   37. Und dewegen, wie er wol zu thun pflegte,
       Einen Besuch bei Amalien ablegte,
         Damit sie durch ihre Freundlichkeit
         Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit.

   38. Da geschah alsbald ein gro Wunder;
       Denn er fand daselbsten itzunder,
         Da schon Hieronimus, der Secretar,
         Bei der Jungfer im Bettlein war.

   39. Himmel! Tausend Element! Potz Velten!
       Da ging es an ein Fluchen und Schelten,
         Und es wurde noch in derselbigen Nacht
         Hieronimus aus dem Hause gejagt.

   40. Es half hier weder Bitten noch Flehen,
       Das Abenteuer war nun einmal geschehen,
         Und selbst die Kammerjungfer sogar
         Gerieth fast drob in groe Gefahr.

   41. Doch ihre listigen Schmeicheleien
       Thaten sie diesesmal noch befreien,
         Aber dem unglcklichen Candidat
         Zu helfen, war nun weiter kein Rath.




Fnfundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine
Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr
weglief.


    1. Die von Amalien erhaltenen Gaben,
       Hemder, Ringe, Schnallen ^et caetera^ haben
         Zwar wol noch eine kurze Zeit
         Den Hieronimus aus der Noth befreit.

    2. Nachdem aber Alles verkauft und verzehret,
       Was ihm die gute Jungfer hatte verehret,
         So mute er wieder ^nolens volens^,
         Zur Vermeidung Hungers und Elends,

    3. Und um nicht vor Kummer zu sterben,
       Sich um eine neue Versorgung zu bewerben,
         Und sich desfalls irgendwo nun
         In eine gute Bedienung thun.

    4. Nun lebte auf einem einsamen Schlosse
       Eine verwittibte Dame, die eine groe
         Also genannte Betschwester war,
         Sie war alt und hatte schon graues Haar.

    5. Brachte darum mit Beten und Singen,
       Und lauter andern geistlichen Dingen,
         Als eine sehr groe Heiligin,
         Schon einige Jahre des Lebens hin.

    6. Sie litte nicht die allermindeste Snde
       An und bei ihrem smmtlichen Gesinde,
         Und versammelte sie tglich zweimal,
         Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal.

    7. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise
       Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise,
         Und hielte viel vom Fasten und Kastei'n
         Und von einem halben Nsel Branntewein.

    8. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien
       Sich besser lt trinken und kasteien,
         Auch berhaupt in Gesellschaft
         Man singen kann mit grerer Kraft:

    9. So hatte sie schon lngst sich umgesehen,
       Einen frommen Menschen auszusphen,
         Welcher ihr, sowol spt als frh,
         Mcht' leisten geistliche Compagnie.

   10. Es waren nun zwar viele frommen
       Miggnger zu ihr gekommen,
         Und hatten, wie sich's ziemt und gebhrt,
         Die geistlichen Dienste geofferirt;

   11. Aber bisher hatte keiner von allen
       Das Glcke gehabt, ihr zu gefallen,
         Denn bald schien ihr der eine zu alt,
         Bald der andre zu jung noch, und bald

   12. War einer zu mager, bald einer zu schwchlich,
       Bald einer ein Krppel, oder sonsten gebrechlich,
         Bald einer stumm, taub, scheel oder blind,
         Oder ein hliches Weltkind.

   13. Hieronimus that es endlich wagen,
       Seine Dienste ihr anzutragen
         Als geistlicher Assistent, und, siehe da!
         Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah.

   14. Denn er war weder krank noch schwchlich,
       Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich,
         Weder zu jung und weder zu alt,
         Auch eben nicht von magrer Gestalt.

   15. Seine halbgeistliche Kleidung und Percke
       Gefiel auch der Alten im Augenblicke,
         Und er versicherte derselben geschwind,
         Da er wre kein Weltkind.

   16. Er mute also bei so gestalten Sachen
       Die erste Probe noch heute machen,
         Und er wohnte mit groem Geschrei
         Der frommen, singenden Versammlung bei.

   17. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen,
       Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen
         Und that alles mit besonderm Anstand,
         Da die Dame Vergngen drin fand.

   18. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer
       Tagtglich dann immer fester und steifer,
         Und ihr ohnedem geistlicher Sinn
         Mehr und mehr erbauet durch ihn.

   19. Sie lie sich auch von dem frommen Candidaten
       In allen ihren Handlungen leiten und rathen,
         Und so ward in kurzer Zeit hier
         Hieronimus der Liebling von ihr.

   20. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge,
       Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge:
         So bersah sie doch immer dies
         Als eine menschliche Schwachheit gewi.

   21. Er brauchte auch, ^pro poena^, solchergestalten
       Das sonst eingefhrte Fasten nicht zu halten,
         Sondern er bekam vielmehr zum Trost
         Lauter leckere und gesunde Kost.

   22. Champagner, Kaffee und Chocolade,
       Liqueurs, Mandelmilch, Limonade
         Bekam der fromme Hieronimus,
         Auch tglich zu trinken im Ueberflu.

   23. Er lebte also, mit einem Worte,
       Sehr vergngt an diesem heiligen Orte,
         Wo er blos nur a und trank,
         Und zuweilen las und sang.

   24. Das Schlimmste war, da er der frommen Dame
       Fast gar nicht aus den Augen kame;
         Denn sie hatte zu bilden im Sinn
         Einen recht frommen Menschen aus ihm.

   25. Wenn er bei ihr im Canapee sae
       Und aus einem frommen Buch was vorlase:
         So streichelte sie das fromme Schaf,
         Und rief entzckt aus: das ist brav!

   26. Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen,
       Wenn sie mit einander ein Lied sangen,
         Und so lagen sie Arm in Arm,
         Und sangen so rhrend, da Gott erbarm!

   27. Bei einem so vertraulichen Wandel,
       Merkte zuletzt Hieronimus den Handel,
         Da es der alten Dame nun
         Um etwas mehr, als Singen zu thun.

   28. Ob dieser so wichtigen Entdeckung
       Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung.
         Und ob solcher groen Gefahr
         Sa er da fast sprachlos und starr.

   29. Als er sich von der ersten Bewegung
       Erholet, dachte er, mit vieler Regung,
         An das vormals genossene Glck
         Mit der schnen Amalie zurck.

   30. Diese war schn, lieblich und ohne Mngel,
       Die Dame hingegen hlich, wie ein schwarzer Engel,
         Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau,
         Kurz, eine unertrgliche Frau.

   31. Nun htte er sich sollen drcken
       Und in die Umstnde einstweilen schicken,
         Und die Sache mit der alten Frau
         Nicht eben nehmen so genau;

   32. Allein dies wollte ihm nicht passen,
       Er hatte also freiwillig sie verlassen,
         Und so blieb dann hinfort die Dame allein
         Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein.




Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abenteuer hatte, und wie er
einmal in seinem Leben eine kluge That verrichtet hat.


    1. Hieronimus, ehe und bevoren
       Er die Abreis' von der alten Wittwe erkoren,
         Hat mit einem Beutel voll Geld sich schn
         Aus dem Kasten der Dame versehn.

    2. Denn dafr, da er gesungen und gebetet,
       Und von frommen Dingen geredet,
         Und die Caressen gehret an,
         Mute er billig ja etwas han.

    3. Mit diesem Gelde that er nun wandern
       Von einer schnen Stadt zur andern,
         Und indem er also herumgeirrt,
         Lernte er kennen manchen Wirth.

    4. Traf er etwa hin und wieder
       Schne Quartiere und lustige Brder,
         Oder eine gute Wirthin im Haus,
         So ruht er gemeinlich einige Tage aus.

    5. Es hat sich aber einsmals begeben,
       Da er auf seiner Wanderschaft gar eben,
         Als es schon war Nachmittags spat,
         In einer groen Schenke abtrat.

    6. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwaben,
       Man konnte viel fordern und wenig haben,
         Und der Wirth war ein redlicher Mann,
         Schrieb gerne mit doppelter Kreide an.

    7. Da waren ebenfalls, grade heute,
       Noch angekommen zwei fremde Leute,
         Welche Hieronimus, der Kleidung nach,
         Fr reisende Handelsmnner ansach.

    8. Zwaren hat gleich einer von ihnen
       Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen,
         Wenn nur ein groes Pflaster nicht
         Verstellet htte das halbe Gesicht.

    9. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen
       Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen,
         Und in kurzem richtete drauf
         Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf.

   10. Denn der Mann mit dem Pflaster im Gesichte
       Erzhlte manche spahafte Geschichte,
         Theils geschehen, und theils erdacht,
         Worob sich Hieronimus fast krank gelacht.

   11. Auch Hieronimus hat ihnen erzhlet
       Seine Begebenheit, und nichts verhehlet,
         Wie es alles gegangen wr' her,
         Als er war bei der Betschwester.

   12. Sie haben ber diese wunderlichen Sachen
       Ebenfalls recht herzlich mssen lachen,
         Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit,
         That mit dem eroberten Gelde breit.

   13. Nachdem nun lustig und guter Dinge
       Der Tag dermaen zu Ende ginge;
         So eilte Hieronimus Abends spt,
         Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett.

   14. Er war kaum in tiefen Schlaf begraben,
       Als sich die beiden Herren zu ihm begaben,
         Und sie nahmen fein suberlich
         Den Beutel mit dem Gelde zu sich.

   15. Als Morgens spt Hieronimus erwachte,
       Und gar nun nicht an was Bses gedachte,
         So fand er, beim Ankleiden von ohngefhr,
         Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer.

   16. Zwaren sahe er hier anfnglich
       Die Sache nicht eben fr verfnglich,
         Sondern als eine Kurzweile an,
         Welche die lustigen Kaufleute gethan.

   17. Als er aber nach ihnen fragte,
       Und der Herr Wirth ihm sagte:
         Es wren schon in aller Frh
         Diese Herren stille gereiset von hie.

   18. Da gehub er an zu lamentiren
       Und groen Jammer und Klagen zu fhren,
         Und fr Ungeduld blieb frwahr,
         In dem Kopfe kein einzig Haar.

   19. Ob seinem ngstlichen Klagen und Harmen
       That sich der fromme Wirth bald erbarmen,
         Und hat fr Alles, was er verzehrt,
         Weiter nichts, als seinen Rock begehrt.

   20. That ihm dabei den Rath ertheilen,
       Sich nun nicht lnger mehr zu verweilen,
         Denn ohne baares Geld htte hier
         Niemals ein fremder Gast Quartier.

   21. Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren,
       Wie sich die Sachen in der Welt verkehren,
         Und wie sich manchesmal unverhofft
         Das menschliche Glck verndert oft.

   22. Noch gestern besa er reiche Beute
       Und der Wirth hie ihn Herr, aber heute
         Jug ihn fort, ohne Rock und Geld,
         Der fromme Wirth in die weite Welt.

   23. Er konnte nun, mit Mue, unterwegen
       Seinen klglichen Zustand berlegen,
         Und er wnschte sich fast im Augenblick
         Zu der Betschwester auf dem Schlosse zurck.

   24. Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte,
       Und ihre Person sich vorstellig machte,
         So berkam ihn ein Grausen schier,
         Und er verlangte nicht wieder zu ihr.

   25. Schon einige Tage hatte er mit rohen Rben
       Auf seiner Reise den Hunger vertrieben,
         Und wie ein irrender Ritter sich
         Beholfen elendig und kmmerlich.

   26. Gleichwie nun, wenn die Noth ist am grten,
       Das nahe Glck einen pflegt zu trsten;
         So war auch dem armen Hieronimus da
         Nunmehro bald wieder Hilfe nah.

   27. Denn er hrte am vierten Nachmittage
       In einem Wldchen, das am Wege lage,
         Ein erbrmliches lautes Geschrei,
         Und dieses lockte ihn bald herbei.

   28. Er ist schnell an die Stelle gekommen,
       Woher er das Jammergeschrei vernommen,
         Und es entdeckte sich ihm alsbald
         Eine Scene von traur'ger Gestalt.

   29. Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden,
       Den brt'gen Kutscher ohnmchtig auf der Erden,
         Eine junge Dame, welche hie
         Ganz erbrmlich heulte und schrie;

   30. Auch einen reichgekleideten Herren,
       Bemht, sich gegen zwei Ruber zu wehren,
         Welche, wie's schiene, waren fest
         Entschlossen, ihme zu geben den Rest.

   31. Schon erkannte mein Held in einiger Weite
       In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute,
         Er eilte also, wie eine Furie,
         Mit aufgehobenem Stocke auf sie.

   32. Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel?
       Rief er, und zerschlug den Scheitel
         Des einen Rubers mit starker Hand,
         Und streckt' ihn also todt in den Sand.

   33. Mit eben solchen krftigen Schlgen
       Ging er drauf dem andern Ruber entgegen,
         Welcher aber sogleich versucht,
         Sich zu erretten mit der Flucht.

   34. Hieronimus wollte zwar ohn' Verweilen
       Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen,
         Allein der Ruber, schnell wie der Wind,
         Floh aus seinen Augen geschwind.

   35. Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen,
       Wie freudig sich der Herr und die Dame betragen,
         Als die augenscheinliche Lebensgefahr
         Nunmehro glcklich vorber war.

   36. Sie haben beide ihn gar freundlich gegret,
       Und die schne Dame htte ihn fast geksset,
         Wenn sie htte gescheuet nicht
         Sein lange nicht gewaschnes Gesicht.

   37. Es war auch kein Lobspruch zu erdenken,
       Welchen sie ihm nicht thaten schenken,
         Denn als ihren Erretter sahn
         Sie nun den lieben Hieronimus an.

   38. Sie nthigten ihn mit freundlichem Muthe
       Mitzureisen nach ihrem adligen Gute,
         Wo man mit Gaben mancherlei
         Wrde belohnen die erwiesene Treu.

   39. In seinen so kmmerlichen Umstnden
       Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Hnden,
         Und sofort, ohne weitere Bitt',
         Entschlo er sich gleich zu reisen mit.

   40. Er half den verwundeten Kutscher noch tragen,
       Und sie legten denselben in den Wagen,
         Und in des erschlag'nen Rubers Rock
         Bestieg nunmehr Hieronimus den Bock.

   41. Ehe er aber noch aufgestiegen,
       Suchte er, und fand mit Vergngen
         Seinen Geldbeutel beinahe noch voll
         In des erschlagenen Rubers Camisol.

   42. Das sonderbarste von der ganzen Geschichte,
       Betraf des Todten sein Angesichte;
         Denn es war kein Pflaster mehr da,
         Und, als ihn Hieronimus genau besah,

   43. Erkannte er in ihm, im Augenblicke,
       Den Herrn von Hogier mit der groen Percke,
         Welcher ihn einstmals um vieles Geld
         Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt.

   44. So nahm dann dies Abenteuer behende
       Fr unsern Helden ein erwnschtes Ende,
         Und gleich dem Ritter von der traur'gen Gestalt,
         Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald.

   45. Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schlieen,
       Thu ich dem Leser kund und zu wissen,
         Dies sei die einzige rhmliche That,
         Die bisher Hieronimus verrichtet hat.




Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus vergngt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister
ward, in einer Schule von kleinen Knblein und Mgdlein.


[Illustration]

    1. Derjenige Herr und die junge Dame,
       Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame,
         Waren ein liebes artiges Paar,
         Welches krzlich erst getrauet war.

    2. Der Herr hatte unter sein adliges Gebiete
       Drfer und Schlsser von mancherlei Gte,
         Aber im Drflein _Ohnewitz_
         War eigentlich sein Rittersitz.

    3. Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen,
       That er oft mit ihr kleine Reisen,
         Denn er hielte groe Freundschaft
         Mit allen in seiner Nachbarschaft.

    4. Damalen hatte er auch eben
       Einem benachbarten Edelmann den Besuch gegeben,
         Und wurde bei der Rckkehr im Wald
         Angegriffen von den Rubern bald.

    5. Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden,
       Da er da lag fast ohne Odem;
         Drauf forderten sie mit Ungestm
         Sein Geld und sonstige Sachen von ihm.

    6. Sie rissen ihn auch aus dem Wagen
       Und fingen an auf ihn loszuschlagen;
         Als auf das ngstlich Geschrei der Dam'
         Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam.

    7. Diese Geschichte erzhlten sie unter-
       wegens ihrem Erretter, der nun munter
         Daher fuhr mit gar leisem Schritt,
         So gut es der gehabte Schrecken litt.

    8. Hieronimus hat ihnen gleichfalls erzhlet,
       Wie ihn das Schicksal bishero gequlet,
         Und so gelangten sie, wie der Blitz,
         Endlich an zu Ohnewitz.

    9. Hier verga man bald alles Leiden,
       Lebete herrlich und in Freuden,
         Und fr den ehrlichen Hieronimus ward
         Gesorget auf die liebreichste Art.

   10. Neue Kleider, Essen und Trinken,
       Wein, Tabak, Braten und Schinken
         Waren da, alles in Ueberflu,
         Zum Dienste unsers Hieronimus.

   11. Nach einigen so vergngt verstrichenen Wochen
       Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen,
         Fr seinen zuknftigen Unterhalt
         Zu sorgen ferner bester Gestalt.

   12. Nun ist auch grade dazumalen
       Ein absonderlicher Umstand vorgefallen,
         Welcher fr unsern Hieronimus gar
         Sehr erwnscht und gelegen war.

   13. Nmlich, die Ohnewitzer Bauern haben
       Eine Schule fr kleine Mgdlein und Knaben,
         Und der Herr, als des Dorfes Patron,
         Hatte darber die Collation.

   14. Das A, B, C, D zu studiren,
       Und zu lernen Lesen und Buchstabiren,
         Waren alleinig die Studia,
         Welche man hieselbsten treiben sah.

   15. Alle Gelegenheiten, mehrers zu lernen,
       That der Herr Patron weislich entfernen,
         Denn ein Bauer, welcher gelehrt
         Ist, wird hochmthig und hchst verkehrt.

   16. Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der
       Bauer schon versteht seinen Kalender
         Und sein Katechismus-Bchlein,
         So bildet er sich schon was Rechtes ein.

   17. Hat er sich nun noch hher verstiegen,
       So lt er gemeiniglich die Arbeit liegen,
         Und dann sieht's hchst elendig und kraus
         Mit den Pchten und Abgaben aus.

   18. Auer dreiig Thaler Fixum trug dies Dienstchen
       Dem Herren Schulmeister noch manches Gewinnstchen
         An Eiern, Butter, Hhnern und Gns
         Und manchem hnlichen Accidens.

   19. Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause,
       Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause
         Und bekam dann fr die Gratulation
         Noch ein Geschenk, nach Proportion.

   20. Nun hat es sich damals just begegnet,
       Da der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet;
         Und also war man weislich bedacht,
         Da ein neuer wrde gemacht.

   21. Sobald dies der Herr Patron gehret,
       Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret;
         Und folglich trat Hieronimus dann
         Das Amt des Dorfschulmeisters an.

   22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben
       Ihm kein sonderliches Vergngen geben,
         Denn er hielte von Miggang mehr,
         Als von solcher beschwerlicher Lehr'.

   23. Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse
       Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse,
         Und sich nach geendigter Schule erquickt;
         So hat er sich in das Lehramt geschickt.

   24. Und sich nunmehr ernstlich vorgenommen,
       Seinen Pflichten mglichst nachzukommen,
         Damit er nun lebenslang hinfort
         Bleiben mchte an diesem Ort.

   25. Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen
       Einige wichtige Aenderungen zu machen,
         Weil er im hiesigen Schulstand
         Viele eingerissene Fehler fand.

   26. Er fing auch, nach langem Deliberiren,
       Wirklich an, manches zu reformiren,
         Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl,
         Wie der geneigte Leser bald hren soll.




Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein Autor ward, und wie er ein neues A-b-c-Buch heraus
gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gndigen Herrn hart
verklagt ward.


    1. Gleich bei dem Antritt der Schulregierung,
       Fand Hieronimus, mit uerster Rhrung,
         Da das eingefhrte A-b-c-Buch
         Nicht fr Kinder sei falich genug.

    2. Denn da bisher die Mdchen und Knaben
       Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben,
         So nahm Hieronimus hier und da
         Darinnen verschiedene Fehler wahr.

    3. Nachdem er nun bei sich zu Rathe gegangen,
       Hat er zu veranstalten angefangen,
         Unter folgendem Titel, davon
         Eine nagelneue Edition:

[Illustration]

    4. _Neues A-b-c-Buch, verbessert
       Und mit verschiedenen Zustzen vergrert
         Von dem Autor Hieronimus
         Jobs, Theologi Candidatus._

    5. Zu den schon lngst bekannten Buchstaben,
       Welche wir im Alphabete haben,
         Setzte er noch das _fft_,
         Imgleichen das _sch_, und _sp_.

    6. Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten,
       Und mehr andre solche Kleinigkeiten,
         Lie er hingegen, weislich und klug,
         Aus dem nagelneuen A-b-c-Buch.

    7. Er fgte aber unterdessen nicht minder,
       Zur Ergtzung der lernenden Kinder,
         Ein Nestlein mit einem groen Ei
         Dem ungesporneten Hahne bei.

    8. Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingefhret,
       So ward es von den Bauern recensiret,
         Und gab zu einem grimmigen Streit
         Die allererste Gelegenheit.

    9. Denn es wollte keinem einzigen von allen
       Recensenten die Einrichtung gefallen,
         Und sie sahen alle, Mann fr Mann,
         Die Aenderung als hchst gefhrlich an.

   10. Selbst den allerklgsten unter ihnen
       Hat's beim neuen A-b-c-Buch geschienen,
         Als htte Hieronimus dadurch gezeigt,
         Wie sehr er zur Autorsucht geneigt.

   11. Wie wenn im Sommer von schwlen Dften
       Ein Ungewitter entsteht in den Lften,
         So geht vor dem Donner ordinr
         Erst ein gelindes Murmeln vorher.

   12. Gleichermaen entstund unter den Leuten
       Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten
         Und es zoge sich bald darauf
         Ein Gewitter ber Hieronimus auf.

   13. Er konnte nun zwar in Worten und Werken
       Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken,
         Doch verlie er, den Bauern zum Trutz,
         Sich auf des gnd'gen Patron seinen Schutz.

   14. Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen,
       Da sie lnger nicht gesonnen zu schweigen;
         Denn sie sprten je lnger, je mehr,
         An dem Schulmeister neues Beschwer.

   15. Sie traten also smmtlich zusammen,
       Und der Kster verfertigte in ihrem Namen
         Eine Klagschrift in folgendem Ton:
         _Hochwohlgeborner, gndiger Patron!_

   16. _Wir smmtliche Bauern und Kossathen_
       In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten
         Nehmen in aller Unterthnigkeit
         Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit.

   17. Sintemal sich derselbe leider vergangen,
       Und verschiedene Neuerungen angefangen,
         Alles unter dem nichtigen Vorwand,
         Zu verbessern den hiesigen Schulstand.

   18. Sich auch dabei nicht so auffhret,
       Wie's einem frommen Schulmeister gebhret,
         Sondern vielmehr, ofte und viel,
         Uns Bauern gibt ein bses Beispiel.

   19. Um von den Punkten, worber wir queruliren,
       Nur die vornehmlichsten anzufhren,
         So hat er ^pro primo^ und erstens sich
         Unterfangen eigenmchtiglich,

   20. Ein neues A-b-c-Buch zu verfassen
       Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen,
         Da doch der Sporen, zu jeder Frist,
         Ein wesentlich Stck des Hahnes ist.

   21. Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret,
       Weil er das Alphabet hat vermehret;
         Denn _fft_, _sp_ und _sch_,
         Steht wider alle Gewohnheit da.

   22. Auch, obgleich die Hhne niemals pflegen
       Hhnereier in Nester hinzulegen,
         So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn,
         Gleichsam als htt' es der Hahn gethan.

   23. Nun knnen solche Dinge beim Studiren
       Die Kinder leicht auf Irrthmer fhren,
         Und ein neues A-b-c-Buch ist berhaupt
         Eine Neuerung und unerlaubt.

   24. ^Pro secundo^ lassen wir nicht unberhret,
       Da von Alters her ein Eselskopf eingefhret,
         Welchen in unsrer Schule zur Bu'
         Jedes muthwillige Kind tragen mu.

   25. So hart und empfindlich nun diese Strafe
       Sonst demjenigen war, den sie trafe,
         So trugen die Kinder doch gern und mit Lust
         Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust.

   26. Herr Jobs ist aber nicht damit vergnget,
       Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefget
         Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz,
         Und so ist es nun ein Esel ganz.

   27. Wie jmmerlich inde die Kindlein klagen,
       Wenn sie den ganzen Esel mssen tragen,
         Und stehen da gleichsam zum Spectakel so,
         Ist kaum zu glauben. ^Pro tertio^

   28. Thut Herr Jobs mit mchtigen Ohrfeigen
       Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen,
         Und einige Knaben sind wirklich schon
         Taub und gehrlos worden davon.

   29. ^Pro quarto:^ sind die Kinder der rmern Bauern,
       Ob der vielen Prgel, hchlich zu bedauern;
         Denn, wegen Ansehen der Person,
         Kriegen sie meist doppelte Portion.

   30. ^Pro quinto:^ sucht er in den Taschen
       Der Kinder nach, ob sie auch naschen,
         Und findet er Aepfel und Nsse allhie,
         So nimmt er sie weg und isset selbst sie.

   31. ^Pro sexto:^ ist von seinem sonstigen Betragen
       Noch allerlei Besondres zu sagen,
         Denn mit des Schulzen Einliegers Frau
         Lebt er, wie es heit, gar zu genau.

   32. Auch besucht er fast tglich die Dorfschenke
       Und geniet da allerlei hitziges Getrnke,
         Hat auch oft bis um Mitternacht
         Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht.

   33. Wir htten zwar noch mehrere Klagen
       Allerunterthnigst vorzutragen;
         Denn es sind noch viele Gravamina
         Neben den schon erwhnten da.

   34. Wollen sie aber diesmal nicht berhren,
       Sondern nur unterthniglich suppliciren:
         Da Sie, lieber gndiger Herr!
         Uns geben einen andern Schulmeister.

   35. Beharren brigens _Eure Hochwohlgeborne Gnaden_
       Allerunterthnigste Bauern und Kossathen.
         Im Dorfe Ohnewitz gegeben.
         N. N. N. N. N. N.




Neunundzwanzigstes Kapitel.

Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herrn Patron eine gndige
Resolution bekamen, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie
mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Canzlei-Stil.


    1. Es war nun durch zwei Deputaten
       Die Klagschrift bergeben an Ihro Gnaden,
         Und vom hochgedachten Herrn Patron
         Erfolgte folgende Resolution:

    2. _Wir haben mifllig wahrgenommen_
       Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen,
         Wasmaen ihr gar groe Beschwer
         Fhrt ber euern Schulmeister her.

    3. Ob _Wir_ nun gleich hchst ungerne sehen,
       Da solche Streitigkeiten bei euch entstehen;
         So haben _Wir_ doch nach der Breite und Lng'
         Erwogen eurer Beschwerden Meng'.

    4. Knnen inde bis dato nicht finden,
       Da Beklagter Schuld sei groer Snden,
         Und da man mit Recht, ber die Sach'
         Ein solches groes Allarm mach'.

    5. Zwaren ist es dermalen nicht ohne,
       Herr Jobs hat in seiner Schule schone
         Ein neues A-b-c-Buch eingefhrt
         Und _Uns_ unterthnigst dedicirt.

    6. Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget,
       Einiges drin weggelassen, einiges beigefget,
         Jedoch leuchtet es gar nicht ein,
         Wie dieses so schdlich knne sein.

    7. Denn obgleich hier der Hahn die Sporen
       Aus Versehen des Kupferstechers verloren,
         So kann man bei der zweiten Edition,
         Den Fehler leichtlich verbessern schon.

    8. Auch die wenigsten Recensenten heutiger Zeiten
       Merken in den Bchern auf solche Kleinigkeiten,
         Sondern die guten lieben Herrn
         Uebersehen solche kleine Fehler gern.

    9. Was betrifft die zugefgten Buchstaben,
       So stehn selbige schon in ltern Ausgaben;
         Wenigstens _fft_, _sp_ und _sch_
         Dienen als Varianten da.

   10. Es scheint zwar sich weniger zu schicken,
       Bei dem Hahn ein Ei auszudrcken;
         Doch braucht drum das Ei vom Hahn
         Eben nicht zu werden weggethan.

   11. Denn vom Ei gleich aufs Legen zu schlieen
       Wre unvernnftig und gegen Gewissen;
         Denn es beweiset weiter nichts in der That,
         Als bei Menschen der Titel und's Prdicat.

   12. Ueberdem wei man ja auch gar eben,
       Da Hhne sich oft mit Eierbrten abgeben,
         In ^hoc casu^ wre also, traun!
         Der Hahn eigentlich ein Kapaun.

   13. Wenn ihr ^pro secundo^ proponiret:
       Da Herr Jobs einen ganzen Esel eingefhret,
         So hat er, _Unsers_ Bednkens, dran
         Als ein vernnftiger Mann gethan.

   14. Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder,
       Als da sowol ihr selbst als eure Kinder,
         Alte und junge, gro und klein,
         Leibhaftig vollkommene Esel sein.

   15. ^Pro tertio:^ wegen der Schlge an die Ohren,
       Worber einige Knaben ihr Gehr verloren;
         Halten _Wir_ es gar nicht fr gut,
         Da euer Schulmeister solches thut.

   16. Auch was ihr ^pro quarto^ zu klagen findet,
       Halten _Wir_ in so weit fr gegrndet,
         Denn ein Richter und Schulmann
         Mu niemals sehn die Person an.

   17. Sondern Arme sowol als Reiche
       Verdienen, wenn sie bse sind, gleiche Streiche,
         Und man mu zu jeglicher Zeit
         Strafen mit Unparteilichkeit.

   18. Jedoch, wenn er die Kinder visitiret
       Und ihnen das Obst aus der Tasche entfhret:
         So zeigt er, ^pro quinto^, artig und wohl,
         Da ein Kind in der Schule nicht naschen soll.

   19. Weil auch die Kinder im zarten Magen
       Nicht zu viel Aepfel und Nsse knnen vertragen,
         So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut,
         Wenn er selbst alles verzehren thut.

   20. Was ihr da noch, ^pro sexto^, klaget,
       Und von des Schulzen Einliegers Frau saget,
         ^Item^ von der Schenke und Kartenspiel,
         So wre zwar dies von Herrn Jobs zu viel.

   21. Indessen ist es _Unser_ gndiger Wille,
       Da man von solchen Dingen schweige stille,
         Denn wer davon etwas saget noch,
         Der soll zur Strafe zwei Tage ins Loch.

   22. Uebrigens sollen smmtliche Beschwerden
       Knftig genauer untersuchet werden,
         Wenn von der vorhabenden Reise _Wir_
         Glcklich sind retourniret allhier.

   23. Bis dahin befehlen _Wir_, bei Hals und Kragen!
       Euch ruhig und stille zu betragen.
         _Gegeben auf Unserm Rittersitz._
         Resolution fr die Bauern in Ohnewitz.




Dreiigstes Kapitel.

Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Aufruhr entstand und allerlei
Wunderzeichen vorhergingen, und wie Herr Hieronimus mit Prgeln u. s. w.
fortgetrieben wurde.


    1. Und diese Resolution machte durchgehends
       Im ganzen Dorfe viel Aufsehens,
         Und es entstand berall herum
         Unter den Bauern ein mchtig Gebrumm.

    2. Denn sie sahen itzo offenbare,
       Da der Patron Jobsens Gnner ware,
         Und da nichts auszurichten mit Glimpf
         Und sie schwuren also zu rchen den Schimpf.

    3. Dieser wichtigen Ursache wegen kamen
       Sie oftmals in der Schenke zusammen,
         Und berlegten bei Tabak und Bier,
         Wie die Sache anzugreifen allhier.

    4. Sie haben auch smmtlich alsobalden
       Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten,
         Und kein's von ihnen, weder gro noch klein,
         Ferner geschickt in die Schule hinein.

    5. Aber die Vernnftigsten von den Bauern
       Riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern,
         Da alsdann alle mannichfalt
         Gebrauchen knnten Ernst und Gewalt.

    6. Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen
       Smmtlich gut und thunlich geschienen,
         Und man bestimmte dazu nunmehr
         Die Zeit, wenn der Patron verreiset wr'.

    7. Zwar wurden alle diese Anstalten
       Noch zur Zeit hchst geheim gehalten,
         Bis endlich der erschreckliche Tag kam,
         Da die Unruhe den Anfang nahm.

    8. Ehe aber dieses alles geschehen,
       Sind zu Ohnewitz groe Zeichen gesehen,
         Wie denn vor wicht'gen Begebenheiten sich
         Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich.

    9. So hat zum Exempel eine kleine Weile
       Vorhero eine sehr groe Eule
         Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht,
         Ein erschrecklich Geschrei gemacht.

[Illustration]

   10. Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten,
       Als er aus der Schenke kam, die Glocke hren luten,
         Auch fiel der sehr alte Schornstein
         Auf der Schule mit Geprassel ein.

   11. Auch hat des Ksters Kuhe geboren
       Ein Kalb mit ungewhnlich langen Ohren,
         Auch viel Hunde fhrten zum Theil
         In dem Dorfe ein grlich Geheul.

   12. Auch sah man hier und da Irrlichter,
       Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter,
         Auch trug sich's zu, im hellen Mittag,
         Da des Mllers Esel ein Bein brach.

   13. Dieses alles schiene anzuzeigen,
       Da sich bald etwas werde ereigen;
         Doch merkte man da erst die Gefahr,
         Als schon alles erfllet war.

   14. Nun war es gerade ein Mittwochen,
       Da der Aufruhr endlich ausgebrochen
         Und jeder Bauer, um Glocke acht,
         Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht.

   15. Es war recht grulich anzusehen,
       Wie sich ein jeder mit Waffen versehen,
         Prgel und Flegel in groer Zahl
         Hatten die Zusammenverschwornen all'.

   16. Alles ward nun in dem Dorfe rege,
       Und man weissagte Tod und Schlge,
         Und jeder Hund und jeder Hahn
         Fing zu bellen und zu krhen an.

   17. Auf der Haide, die beim Dorfe ware,
       Versammelte sich die ganze Schaare,
         Und nun gingen sie in Procession
         Nach des Schulmeisters Wohnung schon.

   18. Ihnen folgten zu beiden Seiten
       Viele Kinder, welche sich sehr freuten,
         Da sie nunmehro wrden heut
         Vom bsen Schulmeister befreit.

   19. Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette,
       Als wenn alles sicher gestanden htte,
         Bis da pltzlich der ganze Schwarm
         Hereinbrach mit groem Allarm.

   20. Aber sobald er vom Schlaf erwecket,
       Hat er sich darob heftig erschrecket,
         Weil er nun erst den Hochverrath
         Wider ihn gesprt und gemerket hat.

   21. Ohne ihm viele Zeit zu lassen,
       That man ihn gleich derbe anfassen,
         Und zur genauen Noth erlaubte man,
         Da er sich vorhero kleidete an.

   22. Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten,
       Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten,
         Sagte ihm auch manches Scheltwort,
         Und jug mit Prgeln unsern Held fort.

   23. Also war dieser Handel geschlichtet,
       Und die Expedition glcklich verrichtet,
         Und mit einem lauten hu! hu!
         Eilte man nun der Schenke zu.

   24. Jeder behauptete itzt steif und feste,
       Er habe bei der Sache gethan das Beste,
         Und jeder wollt' nun beim Branntewein
         Der greste Held gewesen sein.

   25. Jedoch einige, anstatt sich zu freuen,
       Wollte nun der Handel schier gereuen,
         Und es ahneten sie gleichsam von fern
         Brchte und Loch bei der Rckkunft des Herrn.




Einunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerlande ein neues Abenteuer
hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komdie antraf. Sehr
freundlich zu lesen.


    1. Wie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden
       Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden,
         Froh ist, da nur ein Maul voll Haar,
         Und weiter nichts, diesmal verloren war.

    2. So wute sich auch in seinem grten
       Ungelcke Hieronimus damit zu trsten,
         Und war froh, da er eben mit hei-
         ler Haut den Bauern entgangen sei.

    3. Zwar hat, seitdem er sich von Ohnewitz entfernet,
       Er mit seinem eigenen Schaden gelernet,
         Wie gar sauer, elend und schwer
         Es im Schulamte gehet her.

    4. Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben
       Wieder Bcher im Druck herauszugeben,
         Denn blos und allein von Autorsucht
         Rhrte sein Unglck und jetzige Flucht.

    5. Inde, da der Patron nach dem Bayerlande
       Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen befande,
         So wollte auch Hieronimus dort bei ihm
         Schutz suchen vor der Bauern Grimm.

    6. Er hat sich also nicht lange besonnen,
       Sondern auch seine Reise dahin begonnen,
         Jedoch hielte bald seinen Lauf
         Ein neues Abenteuer auf.

    7. Denn er hat, wider alles Verhoffen,
       Auf der Reise ein Hinderni angetroffen,
         Als er just in einer groen Stadt
         Einige Tage ausgeruhet hat.

    8. Hier, um seine melancholischen Grillen
       Einigermaen zu dmpfen und zu stillen,
         Fiel es ihm einmal des Abends ein,
         Zu gehen in die Komdie ein.

    9. Er ward bald unter den Schauspielerinnen
       Einer wohlgeputzten Schnen innen,
         Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar,
         Seine ehmals geliebte Amalia war.

   10. Himmel! wie ward er da entzcket,
       Als er selbige so unvermuthet erblicket!
         Fast wre das ganze Parterre davon
         Gerathen in schreckliche Confusion.

   11. Sie hatte kaum ihre Rolle geendet,
       Als er sich sofort zu ihr gewendet,
         Und nun gab's manchen Freudenku
         Zwischen ihr und dem Hieronimus.

   12. Beide waren begierig zu vernehmen,
       Durch welchen Zufall sie hier zusammen kmen,
         Hieronimus eilte drum bald mit ihr
         Hchst vergngt ins sichre Quartier.

   13. Da hat erst Amalia alles vernommen,
       Was ihm Wunderbares vorgekommen,
         Seitdem ihn damals, in der Nacht,
         Der alte Herr hatte fortgejagt.

   14. Und wie's ihm mit der frommen Dame gegangen,
       Und was sie gedachte mit ihm anzufangen,
         Und wie man ihm nachhero einmal
         Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl.

   15. Und wie er im Wald einen Ruber getdtet
       Und einem Gndigen das Leben gerettet,
         Und er darauf zu Ohnewitz gar
         Ein Schulmeister geworden war.

   16. Und das Unglck, welches ihn betroffen,
       Und wie er jetzt, wider alles Verhoffen,
         Sie in der Komdie gefunden allhier,
         Dies alles erzhlte er weitluftig ihr.

   17. Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren,
       Von ihr alle Begebenheiten zu hren,
         Und die Schne erzhlte darauf
         Ihm folgendermaen ihren Lebenslauf.




Zweiunddreiigstes Kapitel.

Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzhlen that.
Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accurat
hundert Verse.


    1. _Amalia Ripsraps_ ist eigentlich mein Name.
       Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame
         Und das Tageslicht zuerst gesehn,
         Ist die berhmte Stadt N. N.

    2. Mein Vater war dort ein Advocate,
       Welcher viele Processe zu fhren hatte,
         Sintemal er die Jura aus dem Grund
         Und das Chicaniren verstund.

[Illustration]

    3. Auch die allerverworrensten Rechtssachen
       Wute er noch weit verworrener zu machen,
         Und durch manche List und Rank
         Zoge er kurze Processe lang.

    4. Seine Geschicklichkeit that erretten
       Manchen guten Schelm von Galgen und Ketten;
         Und ein grade zu gehriger Zeit
         Von ihm angerathener falscher Eid

    5. Machte manchen muthwilligen Betrger
       Ueber seinen ehrlichen Gegner zum Sieger,
         Und half theils manchen aus harter Noth,
         Theils manchen armen Teufel vom Brod.

    6. Er hate herzlich Frieden und Vertrge,
       Und riethe viel lieber in alle Wege,
         Auch bei der geringsten Kleinigkeit,
         Zum Processe und Rechtsstreit.

    7. Seine Clienten lie er immer tanzen
       Durch alle mgliche rechtliche Instanzen,
         Bis dann endlich selbige zuletzt
         Ihren letzten Heller zugesetzt.

    8. Uebrigens diente er mit mglichsten Treuen
       Seinen sich ihm anvertrauenden Parteien,
         Jedoch nahm er auch dann und wann
         Von der Gegenpartei Geschenke an.

    9. So erwarb er sich ein ziemliches Vermgen;
       Was andern ein Fluch war, war ihm ein Segen,
         Und wenn andre gezankt und gekriegt,
         Zog er den Vortheil und war vergngt.

   10. Meine selige Mutter war die Tochter
       Von einem ehemaligen reichen Pachter,
         Der, weil er sehr gerne geprocessirt,
         Sich und sein Vermgen geruinirt.

   11. Mein Vater hatte ihm als Advocate
       Gedient mit seinem getreuen Rathe,
         Und er truge dafr zum Lohn
         Die artige Tochter des Pachters davon.

   12. Sie hatte schon viele ausgeschlagen,
       Welche sich, sie zu freien, angetragen,
         Als sich noch ihr Vater im Wohlstand
         Und bei gutem Vermgen befand.

   13. Jedoch als sich die Actien verschlimmert,
       Hat sich keiner mehr um sie bekmmert;
         Denn auch das schnste Mdchengesicht
         Reizt ohne Geld zum Ehestand nicht.

   14. Indessen hat es ihr doch geglcket,
       Da sie endlich meinen Vater bestricket,
         Denn hchst grndlich verstand sie
         Alle Knste der Galanterie.

   15. Mein Vater hatte sie sehr oft gesehen,
       Und da ist es dann, wie gesagt, geschehen,
         Da er dieselbige unbeschwert
         Von dem Pachter zur Frau begehrt.

   16. Sie schmeckten zusammen in ihrer Ehe
       Vieles Vergngen und weniges Wehe,
         Wenigstens im ersten Vierteljahr
         Da ihnen die Ehe noch neu war.

   17. Sie wuten von den processirenden Partieen
       Fr die Kche manchen Vortheil zu ziehen,
         Denn die Frau Advocatin bekam,
         Was etwa der Herr Advocate nicht nahm.

   18. Auch zog sie noch manche heimliche Gewinnste
       Durch ihr schnes Gesicht und galante Knste,
         Wenn etwa eine verliebte reiche Partie
         Sich besonderlich bewarbe um sie.

   19. Wenn der Herr Gemahl Acten geschrieben,
       So ist sie selten auch mig geblieben,
         Und sie nahm in der Schlafstube dann
         Gemeiniglich geheime Audienz an.

   20. Ob ich's nun gleich eben nicht will wagen,
       Drauf zu schwren und als gewi zu sagen,
         Da just gedachter Herr Advocat
         Mein Vater gewesen in der That;

   21. So habe ich doch niemals es gehret,
       Da sich derselbe htte beschweret,
         Als mich, nach ohngefhr einem Jahr,
         Meine Mutter zur Welt gebar.

   22. Von meinen ersten Kinderjahren
       Habe ich zwar nichts Sonderliches erfahren,
         Doch liebten mein Vater und Mutter mich
         Als ihr einziges Tchterlein zrtelich.

   23. Man sparte auch gar keine Bemhung
       An meiner Bildung, Pflege und Erziehung,
         Und schickte mich frhe, da ich noch klein,
         Fleiig zu lernen, in die Schule hinein.

   24. Jedoch schonte man an mir in alle Wege
       Vorwrfe, herbe Verweise und Schlge,
         Und richtete in jeder Kleinigkeit sich
         Nach meinem Willen sorgfltiglich.

   25. Als ich kaum zehn Jahr alt gewesen,
       Fing ich schon an Romane zu lesen,
         Und ward von der Liebe schon mehr gewahr,
         Als andre Mdchen im achtzehnten Jahr.

   26. Mit muntern Jnglingen und artigen Knaben
       Mochte ich herzlich gerne zu schaffen haben,
         Und fing gar manchen prakt'schen Roman
         In meinem dreizehnten Jahre schon an.

   27. Vielleicht war es ein Fehler der Erzeugung,
       Da ich auch sehr frhe eine Neigung,
         Die auch nachher niemals verschwand,
         Eine Neigung zum Stehlen empfand.

   28. Meine Eltern, geschlagen mit Blindheit,
       Hielten dieses fr Triebe der Kindheit,
         Und haben, wenn ich was Bses gemacht,
         Nur ber ihr schlaues Tchterchen g'lacht.

   29. Mein funfzehntes Jahr war kaum verschwunden,
       Als sich schon Freier bei mir eingefunden,
         Denn bei meinem nicht hlichen Gesicht
         Fehlte es mir an Anbetern nicht.

   30. Ob nun gleichwol mancher von ihnen
       Meinem Vater nicht verwerflich geschienen,
         So fande indessen meine Mutter jedoch
         Vieles an ihnen zu tadelen noch.

   31. Nur einen Mann von sehr hohem Stande,
       Allenfalls aus den Vornehmsten im Lande,
         Bestimmte sie einzig und allein
         Fr mich, ihr artiges Tchterlein.

   32. Es kam aber kein Mann von hohem Stande,
       Der mich zur Frau zu machen rathsam befande,
         Mir wurde indessen dabei recht bang,
         Denn die Verzg'rung fiel mir zu lang.

   33. Ich suchte also und dergestalten
       Mich anderweitig schadenfrei zu halten,
         Und lie zum geheimen Rendezvous
         Manchen jungen artigen Herrn zu.

   34. Aus Furcht, etwas Schlimmes zu erleben
       Und da es knftig mchte geben
         In meiner Heirath ein Hinderni,
         Wenn sie mir zu viel Freiheit lie,

   35. Fing die Mutter an ernstlich drauf zu denken,
       Meine Liebesstreiche einzuschrnken,
         Und gab sowol bei Tag als bei Nacht,
         Auf meine Schritte und Tritte Acht.

   36. Ward nun gleich dadurch meine Neigung gehindert,
       So ward sie doch mehr vermehrt als vermindert,
         Denn eine stark verbotene Frucht
         Wird nur desto emsiger gesucht,

   37. Und je grer Hinderni, je mehr Verlangen.
       So ist es auch mit meiner Neigung gegangen,
         Denn ich suchte zu jeder Zeit
         Sie zu befriedigen Gelegenheit.

   38. Des Nachts lie ich oft durch mein Fenster
       Manche mit Fleisch und Bein versehene Gespenster,
         Die dann meistens die halbe Nacht
         Bis am Morgen bei mir zugebracht.

   39. Auch konnte ich oft mir die Zeit vertreiben
       Mit manchem erhaltenen Liebesschreiben
         Von so herzbrechendem Inhalt, als man
         In jedem Romane lesen kann.

   40. Ich ging grade im zwanzigsten Jahre,
       Als ich einstmals auf einem Balle ware;
         Da ward ich mit einem Herren bekannt,
         Herr Baron von _Hogier_ genannt -- --

   41. Hier fiel ihr Hieronimus ins Wort pltzlich:
       Herr von Hogier? -- -- das ist entsetzlich!
         Sein Name sowol als sein eigentlicher Stand
         Ist mir, meine Seele! nicht unbekannt;

   42. Herr von Hogier war ein Brenhuter!
       Ja, das war er, sprach Amalia weiter,
         Und Sie sollen, lieber Hieronimus! sehn,
         Was zwischen mir und ihm ist geschehn.

   43. Herr von Hogier hat mir dazumalen
       Von Person und Wesen hchlich gefallen,
         Denn sein reiches Kleid und groe Perck'
         Nahm mich schon ein im Augenblick.

   44. Er that mir hchst verliebte Antrge
       Und mir gefielen seine Vorschlge,
         Um desto mehr, da er hoch und theuer schwur:
         Ich sei seine einzige Gttin nur.

   45. Auch sprach er viel von seinen Gtern und Vermgen,
       Welche im Lande Sachsen wren gelegen,
         Ob er gleich bishero nur so
         Reisete durch die Welt incognito.

   46. Er that mir auch deutlich proponiren,
       Er wolle mich gerne von Hause entfhren,
         Ich mchte nur mit vielen Juwelen und
         Geld mich versehn auf die bestimmte Stund.

   47. Als mich nun Nachts nichts verhindert,
       Hab ich zu Hause Kisten und Kasten geplndert;
         Steckte, was ich da bekam, zu mir
         Und entfloh mit dem Herrn von Hogier.

   48. Wir eilten, bis wir uns endlich befanden
       Fast an den uersten Grenzen der schwbischen Landen,
         Und haben in den ersten vier Tagen fast
         Keine zwlf Stunden ausgerast't.

   49. Was wol die Eltern gedacht, als sie gefunden
       Ihre Kasten leer und die Tochter verschwunden,
         Und wie sie geweinet, geflucht und geschmhlt,
         Das bleibt an seinen Ort gestellt.

   50. Als wir endlich in X. angekommen,
       So haben wir uns einmal vorgenommen,
         Einige Tage da auszuruhn
         Und uns etwas zu Gute zu thun.

   51. Wir blieben da also ruhig liegen,
       Lebten in Wonne und Vergngen,
         Und der Herr Baron von Hogier
         Stellte sich zrtlich gegen mir.

   52. Ich hielte mich nun in meinem Sinne
       Glcklicher als eine Prinzessinne,
         Und gedachte an nichts als Freud,
         Lust, Liebe und Ergtzlichkeit.

   53. Doch war nunmehro mein Unglck nahe;
       Denn ehe ich es mir versahe,
         Hat sich einst heimlich in der Nacht
         Herr von Hogier per Post davon gemacht.

   54. Auch mein Geld, lieber Hieronimus! denk' Er!
       Nebst meinen Juwelen waren zum Henker,
         Auch alle Kostbarkeiten zumal,
         Welche ich vorher meinen Eltern stahl.

   55. Nun sah ich alsobald offenbare,
       Da Herr von Hogier ein Spitzbube ware,
         Und da es nicht allzurichtig stand
         Mit seinen Gtern im Sachsenland.

   56. Es ist also leichtlich zu gedenken,
       Wie sehr mich diese Sache mute krnken,
         Denn ich htte vom Herrn von Hogier
         Nie eingebildet den Streich mir.

   57. Einsam nunmehr und von allen verlassen,
       Konnte ich vor Betrbni mich kaum fassen,
         Und wute nicht, wohin und woher
         Fr mich eine sichere Zuflucht wr'.

   58. Wieder nach meinen Eltern zu gehen,
       Das durfte unmgelich geschehen;
         Denn es wre da sicherlich
         Gar nicht gut gegangen fr mich.

   59. Indessen waren zu allem Gelcke,
       Noch vierundzwanzig Ducaten zurcke,
         Welche ich mit aller Vorsichtigkeit
         Genht hatte in mein Unterkleid.

   60. Diese brige vierundzwanzig Ducaten
       Kamen mir diesmal recht gut zu statten,
         Denn sie waren nun, um und um,
         Mein ganzes Vermgen und Reichthum.

   61. Ich wollte nun nicht lnger verweilen
       Dem Herrn von Hogier nachzueilen,
         Sondern jug gleich am selbigen Tag
         Ihm ebenfalls mit der Post nach.

   62. Denn ich hatte im Posthause vernommen,
       Da er da Extrapost bekommen,
         Und da er also im Schwabenland
         Sich noch vermuthlich reisend befand.

   63. Htte ich ihn unterweges attrapiret,
       So wre er sogleich arretiret,
         Und so htte ich gewi alsdenn
         Meine Sachen wieder bekommen.

   64. Mein Lieber! es war grade diese Reise,
       Als ich auf die bewute Weise
         Sie auf dem Postwagen traf an,
         Wo unsre Bekanntschaft zuerst begann.

   65. Uebrigens ist es mir niemals geglcket,
       Da ich Herrn von Hogier htte erblicket,
         Und ich habe auch niemals nachher
         Gehret, wo er geblieben wr' -- --

   66. Hier ist Hieronimus abermalen
       Der Amalia in die Rede gefallen:
         Potz tausend! ich wei es, wo der Dieb,
         Der Herr von Hogier, der Schurke, einst blieb!

   67. Kurz vor unsrer Bekanntschaft, liebe Amalie!
       Hatte mich Herr von Hogier, die Canaille,
         Im Wirthshause um vieles Geld
         Mit seinem falschen Spiele geprellt;

   68. Dies war die Ursache meines Kummers
       Und meines melancholischen Schlummers,
         Den ich endlich bei Ihnen verga,
         Als ich damals auf dem Postwagen sa.

   69. Auch war Herr von Hogier einer der beiden
       Angetroffenen verkleideten Kaufleuten,
         Welche im Wirthshause hernachmal'n,
         Mir den Beutel mit dem Gelde stahl'n.

   70. Auch der Ruber, den ich getdtet,
       Als ich jenen Herrn mit der Dame gerettet,
         War wahrlich, von Person und Gesicht,
         Kein andrer als dieser Bsewicht.

   71. Sie knnen sich also zufrieden geben,
       Der Spitzbube ist nicht mehr am Leben,
         Und ich habe uns also mit Recht
         Fr alle Betrgereien gercht.

   72. Amalie versetzte: diese Geschichten,
       Welche Sie, mein Lieber! mir da berichten,
         Sind wahrhaftig recht sehr curios,
         Und meine Verwunderung drob ist gro!

   73. Das Sprchwort: _was auch gar klein gesponnen,
       Kommt doch endelich an die Sonnen_,
         Trifft auch gewi hier haarklein
         Bei dem Schurken von Hogier ein.

   74. Doch, um im Erzhlen fortzufahren,
       Als wir damalen getrennet waren,
         Setzte ich wegen der Sackuhr
         Meinen Weg fort, doch zu Fu nur.

   75. Gleich drauf mute es sich zutragen,
       Da ein alter Herr mit seinem Wagen
         Grade auch diese Strae kam,
         Welcher mich, da gehend, wahrnahm.

   76. Er nthigte mich durch sein freundlich Bezeigen,
       In seinen Wagen bei ihm einzusteigen;
         Und weil ihm meine Person gefiel,
         Gab er mir der guten Worte viel:

   77. Immer bei ihm als Kammerjungfer zu bleiben
       Und ihm die Zeit angenehm zu vertreiben;
         Denn er wre mit Leib und Seel'
         Unbeweibt und noch Junggesell.

   78. Nun ware es eines Theils gefhrlich,
       Andern Theils, wie ich itzt dachte, auch thrlich
         Gehandelt und gethan von mir,
         Ferner zu suchen den Herrn von Hogier.

   79. Was mir der alte Herr angetragen,
       Wollte ich also nicht ausschlagen,
         Obgleich sein Alter und graues Haar
         Mir so recht nicht anstndig war.

   80. Ich bin also bei ihm geblieben,
       Habe ihm die Zeit gut vertrieben,
         Und ich betrug mich gegen ihn,
         Als wre ich seine Gemahlin.

   81. Er hat mich deswegen hochgehalten,
       Lie mich im Hause schalten und walten,
         Und ber Gesinde, Mgde und Knecht',
         Hatte ich zu befehlen ein Recht.

   82. Ich durchsah Stuben, Kche und Keller,
       Scheunen, Kammern, Boden und Sller,
         Besorgte die Wsche, Tische und Bett
         Und was noch sonst vorfallen tht.

   83. Von allen Kasten hatte ich die Schlssel!
       Jedes Geschirre bis zur kleinsten Schssel,
         Sogar Silbergerthe und Leinewand,
         Stunde alles unter meiner Hand.

   84. Auch von manchem Abend bis zum Morgen
       Trug ich fr den alten Herrn alle Sorgen
         Und beruhigte ihn, wenn er allerhand
         Gewisse geheime Bedrfnisse empfand.

   85. Denn der gute alte Herre thate
       Nicht das mindeste ohne meinen Rathe,
         Und nichts geschahe berall
         Ohne meinen gegebenen Beifall.

   86. Ich bekam, wie leicht zu gedenken,
       Von ihm viel ansehnliche Geschenken,
         Stahl auch berdies von Zeit zu Zeit
         Noch heimlich manche Kleinigkeit.

   87. Ob's nun gleich uerlich an nichts fehlte,
       So war doch noch etwas, welches mich qulte,
         Und mir fiele deswegen im Anfang
         Bei dem alten Herren die Zeit lang.

   88. Zwar in der Folge war der Hausschreiber
       Zuweilen wol mein Zeitvertreiber,
         Doch weil er sich meist krnklich befand,
         So war sein Umgang nicht interessant.

   89. Es gereichte mir also zum wahren Vergngen,
       Nach seinem Tode einen neuen Hausschreiber zu kriegen,
         Und Sie, mein Lieber! waren just der
         Damals neu angesetzte Secretr.

   90. Sie gefielen mir gleich, da ich Sie gesehen,
       Ich mu es Ihnen offenherzig gestehen,
         Und dieses war dann die Ursach,
         Warum ich fr Sie so krftig sprach.

   91. Uebrigens ist Ihnen von den Dingen allen,
       Welche damals unter uns vorgefallen,
         Bis er Sie Nachts einst bei mir fand,
         Lieber Hieronimus! nichts unbekannt.

   92. Als er Sie damals dimittiret,
       Hat mich Ihr Abschied sehr gerhret,
         Er fuhr aber noch destomehr
         Ueber mich mit Verweisen her.

   93. Fast htte ich ebenfalls mssen reisen,
       So zornig that er sich beweisen,
         Und gewi mit sehr vieler Mh'
         Befriedigte ich ihn mit Caressen noch hie.

   94. Indessen war doch seit diesen Stunden
       Seine Neigung zu mir sehr verschwunden,
         Weil eine junge neue Kchenmagd
         Ihm besser als meine Person behagt.

   95. Um nun meinen Kummer und Melancholeien
       Wegen Ihrer Abwesenheit zu zerstreuen,
         Lebte ich nachhero etwas frei
         Mit des alten Herren Lakei.

   96. Als er aber unsre Vertraulichkeit gesehen,
       Da half mir kein weiter Bitten noch Flehen,
         Sondern ich mute allsofort
         Mit Sack und Pack wandern von dort.

   97. Da ich nun mit Geld ziemlich versehen,
       Entschlo ich mich so lange durch die Welt zu gehen,
         Bis eine neue Gelegenheit sich
         Zeigte zum knft'gen Unterhalt fr mich.

   98. Auf meiner Reise durch diese Lande
       Stie ich auf eine Schauspielerbande,
         Und auf meine Bitte nahm man
         Mich als eine neue Actrice an.

   99. Schon hab' ich mich bei ihnen solchergestalten
       Einige Monate lang aufgehalten,
         Und gespielet sehr gut und wohl
         Jede mir aufgegebene Roll'.

  100. Uebrigens ist's mir eine groe Freude,
       Da uns das Schicksal nunmehr beide
         Wieder hat so gesund und vergngt
         Zum dritten Male beisammengefgt.




Dreiunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspieler zu werden, und wie er dazu
von der Jungfrau Amalia berredet ward.


    1. Hieronimus hat die in vorigen hundert
       Versen erzhlte Geschichte sehr bewundert,
         Und verga, in seinem jetzigen Zustand,
         Den Herrn Patron und das Bayerland.

    2. Er that vielmehr von nun an den Schlu fassen,
       Amalien niemals wieder zu verlassen,
         Und nahm sich desfalls vor zur Hand,
         Auch zu werden ein Komdiant.

    3. Als dieses Amalia gemerket,
       Hat sie ihn in seinem Vorsatze gestrket,
         Und rhmte drauf diesen Stand hoch
         In dem folgenden Apolog:

    4. Ich wei es aus sehr vielen Proben,
       Da der Schauspielerstand hchlich zu loben
         Vor einem jeglichen andern Stand,
         Der da ist in der Welt bekannt.

    5. Denn man sieht darin deutlich und eben,
       Wie es in dem ganzen menschlichen Leben
         Bald sehr bse und bald sehr schn,
         Unter einander pflegt herzugehn.

    6. Bald gibt's gar lustige Komdien,
       Bald aber jammervolle Tragdien,
         Bald lachet man, tanzet und singt,
         Bald greint man, seufzet und hinkt.

    7. Bald sieht man recht komische Possen,
       Bald werden Thrnen und Blut vergossen,
         Bald ist man drftig, bald ist man reich,
         Bald jung und roth, bald todt und bleich.

    8. Bald ist man Bauer, bald ist man Kaiser,
       Bald ist man ein Narre, bald ein Weiser,
         Bald ist man vornehm, bald ist man arm,
         Bald ist man kalt und bald wieder warm.

    9. Bald General, bald ein Gemeiner,
       Bald Kapuziner, bald ein Zigeuner,
         Bald ein Bettler, bald ein Baron,
         Bald ein Bttel, bald ein Herr von.

   10. Bald Renommist, bald ein Stutzer,
       Bald Kammerherr, bald Schuhputzer,
         Bald Passagier, bald ein Wirth,
         Bald ein Abb, bald ein Khhirt.

   11. Bald ein Pfarrer, bald ein Kster,
       Bald ein Dummkopf, bald Polyhister,
         Bald Monarch, bald Unterthan,
         Bald Scharfrichter, bald Amtmann.

   12. Bei dergleichen Abwechselungen
       Hat man immer neue Vergngungen,
         Und es wird der Lauf der Welt
         Gar artig dadurch frgestellt.

   13. Wenn wir die aufgetragenen Rollen
       Nur klug und vernnftig spielen wollen,
         So lohnt ein Klatschen der Hnd'
         Unsre Actionen am End'.

   14. Hingegen wenn wir irgendwo gefehlet,
       Dann wird die Haut uns voll geschmlet,
         Und alle Zuschauer im Schauspielhaus
         Lachen, zischen und pfeifen uns aus. --

   15. Der Stand, liebe Amalia! den Sie da zeichnen,
       Ist angenehm, ich kann es nicht lugnen,
         Antwortete darauf mit einem Ku
         Der neue Schauspieler Hieronimus.

   16. Er ward nun dem Director prsentiret,
       Und ihm von Amalia recommandiret,
         Der nahm denn des folgenden Tages drauf
         Ihn unter die spielende Gesellschaft auf.




Vierunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau
Amalia untreu ward und mit einem reichen Herrn davon ging, und wie er
auch in Desperation von hinnen ging.


    1. Geneigter Leser! jetzt will ich dir sagen,
       Wie sich Hieronimus im Spielen betragen,
         Nachdem ihn der Director examinirt
         Und seine Fhigkeiten probirt.

    2. Tartffische Schurken, verdorbene Priester,
       Trunkene Studenten, lcherliche Kster,
         Bange Poltrons, verliebte Schreiber
         Und dergleichen hnliche Rollen mehr

    3. Spielte er alle sehr manierlich,
       Denn ihre Rollen waren ihm natrlich,
         Und er bekam darin jedes Mal
         Der Zuhrer lauten Beifall.

    4. Auch wenn er den Schulmeister hatte,
       Oder als Autor auf die Bhne trate,
         So sah man ihm auch dann und wann,
         Den Schulmeister und Autor leibhaftig an.

    5. Hingegen war im ernsthaften Philosophen
       Fr ihn nicht der mindeste Beifall zu hoffen,
         Auch im zrtlichen Schferspiel
         Leistete Hieronimus gar nicht viel.

    6. Imgleichen spielte er sehr ungeschicklich
       Den vornehmen Herrn und war unglcklich
         So oft er etwas Vernnft'ges bekam,
         Oder eine sehr lange Rolle nahm.

    7. Hieronimi jetzige Tage verflossen
       Indessen in Vergngen und unverdrossen
         Im Arm seiner schnen Schauspielerin,
         Im Arm seiner lieben Amalie hin.

    8. Er htte, von der Liebe gleichsam berauschet,
       Mit keinem Knige nunmehro getauschet,
         Und alle sein Trbsal und Elend
         Schien nun gekommen zu sein zum End'.

    9. Aber leider ist, wie das Sprchwort heiet,
       Nicht alles Gold und Silber, was gleiet,
         Und das unbestndige Glck
         Zeiget oft unvermuthete Tck'.

   10. So erfuhr auch Hieronimus in folgenden Zeiten
       Bald des Glckes Vernderlichkeiten,
         Denn, da er's am wenigsten geglaubt,
         Ward ihm sein grtes Vergngen geraubt.

   11. Und es hat sich mit ihm begeben
       Der schmerzlichste Vorfall in seinem Leben,
         Denn es wurde ihm untreu
         Seine geliebteste Amalei.

   12. Nmlich: es traf sich von ohngefhre,
       Da ein junger, vornehmer, reicher Herre
         Einstmals in der Komdia
         Die schne Amalia spielen sah.

   13. Gleichwie es nun berall Narren gibet,
       So hat auch er sich in sie verliebet,
         Und Amalia ware so klug,
         Da sie seinen Antrag nicht ausschlug.

   14. In ihrer Geschichte knnen wir es lesen,
       Da sie ohnehin sehr geneigt gewesen
         (Sie war ja eine Frauensperson)
         Zur oftmaligen Variation.

   15. Der reiche Herr that sie oft besuchen,
       Hieronimus fing drob an zu fluchen,
         Und hat theils geweint, theils gedroht,
         Und wnschte sich in der Verzweiflung den Tod.

   16. Dadurch ward er aber nur tglich
       Bei Amalien mehr verhat und unertrglich,
         Und sie sagte ihm bald darauf
         Ihre Liebe formaliter auf.

   17. Da er nun ihren Entschlu vernahm, so hat er
       Abschied bald genommen vom Theater,
         Und er ging in uerster Desperation
         Wenige Tage nachhero davon.

   18. Was indessen Amalia thut anlangen,
       So ist selbige mit dem Herren davon gegangen,
         Und soll bei demselbigen zwei Jahre hernach
         Gestorben sein, als sie im Wochenbette lag.




Fnfunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus nach seiner Heimat gen Schildburg gereiset ist und wie er
da allerlei Vernderungen fand.


    1. Es befande sich nun auf diese Weise
       Hieronimus abermals auf der Reise,
         Doch war er gereist kein einziges Mal
         So mivergngt als im gegenwrtigen Fall.

    2. Amaliens nie vermuthete Untreue
       Ware seinen Gedanken stndlich neue,
         Und er htte aus Verzweifelung
         Fast gewagt einen gefhrlichen Sprung.

    3. Zwar wre in seinem betrbten Zustande
       Fr ihn beim Herrn Patron im Bayerlande
         Die beste Zuflucht gewesen wol,
         Wenn ich mein Gutachten sagen soll.

    4. Aber einer, der mit Betrbni besessen,
       Pflegt oftermal sich zu vergessen,
         Und ist gemeinlich zu solcher Zeit
         Mehrmals ein Thor und nicht gescheidt.

    5. Also statt sich andershin zu wenden
       In seinen gegenwrtigen Umstnden,
         Stellte Hieronimus seinen Sinn
         Nach seinem Geburtsorte Schildburg hin.

    6. Weil ihm nun eben keine Hindernissen
       Auf der Heimreise sonderlich aufstieen,
         So ist er, dem Himmel sei gedankt!
         Wohlbehalten endlich da angelangt.

    7. Hier hat er bei seiner Ankunft gesehen,
       Da groe Vernderungen waren geschehen
         In manchen Sachen, whrend der Zeit
         Seiner so langen Abwesenheit.

    8. Seine Mutter war zwar noch am Leben,
       Aber ihre uerlichen Umstnde standen eben
         Nicht allzu wohl, sondern jmmerlich
         Und sie ernhrte sich kmmerlich.

    9. Einer seiner Brder war gegangen
       Den Weg alles Fleisches, einer hat angefangen
         Einen kleinen Nrnberger Kram,
         Wovon er seinen Unterhalt nahm.

   10. Der lteste Bruder lebte im Ehestande
       Mit dem hlichsten Weibe im ganzen Lande,
         Doch machte das Geld, welches sie besa,
         Da er ihre Hlichkeit verga.

   11. Seine lteste Schwester hatte
       Den Kster ^Loci^ zum Ehegatte,
         Und dieselbige lebte ziem-
         lich vergngt und wohl mit ihm.

   12. Die Schwester Gertrud hatte ein Kind vom Procrater
       Geier, welcher, als er worden war Vater,
         Sich davon hatte gemacht geschwind
         Und die Braut verlassen sammt dem Kind.

   13. Sie suchte sich so gut als mglich zu ernhren,
       Hatte vielen Umgang und Verkehren
         Mit jungen Leuten von reichem Stand,
         Bei welchen sie ihren Unterhalt fand.

   14. Eine andere Schwester war bei einem alten
       Wittwer, ihn zu wrmen und hauszuhalten;
         Und auch diese lebte mit ihm insoweit
         In Friede und guter Einigkeit.

   15. Und seine allerjngste Schwester,
       Ein blhendes Mdchen, genannt Esther,
         War noch bisher der Mutter Trost
         Und bekame von ihr die Kost.

   16. Ob nun gleich des Hieronimi Ankunft zware
       Mutter und Geschwistern angenehm ware,
         Weil es sehr lange hatte gewhrt,
         Eh sie von ihm gesehn oder gehrt:

   17. So wollte es sich doch fr ihn nicht fgen,
       Als ein Faulenzer mig da zu liegen,
         Man ware also darauf bedacht,
         Da er irgend wrde untergebracht.




Sechsunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus Nachtwchter ward in Schildburg, und wie seiner Mutter
Traum und Frau Urgalindinens Weissagung erfllet ward.


    1. Nun ware gerade in diesen Tagen
       Der Nachtwchter in Schildburg zu Grabe getragen,
         Und seine Bedienung war bisher
         Noch unbesetzet, vacant und leer.

[Illustration]

    2. Da nun in allen gutgeordneten Staaten
       Man den Nachtwchter nicht kann entrathen,
         So ward von den Brgern deliberirt,
         Damit ein andrer wrde ordinirt.

    3. Nun fanden sich zwar fhige Subjecte,
       Denen der entledigte Dienst wol schmeckte,
         Doch wegen der Stimme starkem Ton
         Nahm man auf Hieronimus Reflexion.

    4. Zwar machten Anfangs einige Personen
       Dagegen Einwrfe und Objectionen,
         Als wenn Hieronimus eben nicht sehr
         Zu dieser Bedienung geschicklich wr'.

    5. Denn weil man ihm die Nachrede machte,
       Da er lieber schliefe als wachte;
         So wre infolglich auf diese Art
         Das Stdtlein nicht gehrig bewahrt.

    6. Indessen ward er doch bald einhellig
       Von der ganzen Brgerei, frmlich und vllig,
         So da am Berufe nichts gefehlt,
         Zum neuen Nachtwchter erwhlt.

    7. Jedoch mute er sich vorhero bequemen
       Des vorigen Wchters Wittwe zur Frau zu nehmen,
         Denn der verstorbene selige Mann
         Nahm sich gar treulich des Stdtleins an.

    8. Um also seine Treue zu vergelten
       An der hochbetrbten Wittwe, so stellten
         Die Brger die Heirath ihrer Person
         Als eine ^Conditio sine qua non^.

    9. Weil sie nun erst alt war dreiig Jahre
       Und ihre Person nicht hlich ware,
         So nahm Hieronimus den Vorschlag an
         Und wurde also ihr Ehemann.

   10. Es wurden nunmehro Alten und Jungen
       Die Stunden der Nacht wieder vorgesungen,
         Denn der neue Wchter Hieronimus
         Nahme das Horn vor's Maul und blus.

   11. Und so oft er die Glocke hrte schlagen,
       Hub er an Folgendes zu sagen:
         Hret ihr Herren in der Still,
         Was ich euch singen und sagen will:

   12. Die Kirchglocke hat so eben
       Eilf, zwlf, ein, zwei, drei Schlge gegeben,
         Bewahret, wenn ich euch rathen soll,
         Das Feuer, das Licht und eure Tchter wohl;

   13. Damit sich Niemand etwa verbrenne,
       Oder sonst Schaden entstehen knne,
         Und seid sehr wohl auf eurer Hut,
         Hut, Hut, Hut, Hut, Hut, thut gut.

   14. Er hat sich brigens stets aufgefhret,
       Wie's einem frommen Nachtwchter gebhret,
         Er schlief am Tage desto mehr,
         Damit er des Nachts fein wachsam wr'.

   15. In aller Zeit, da er gewacht und gesungen,
       Ist es keinmal einem Diebe gelungen,
         Da in Schildburg eine Ruberei
         Irgendwo nchtlich geschehen sei.

   16. Und jeder Brger, wenn er noch so hart schliefe,
       Erwachte, wenn Hieronimus blies oder riefe,
         Und seines Horns und Halses Schall
         Hrte man im Stdtlein berall.

   17. So hat sich denn alles curios gereimet,
       Mit dem, was Frau Jobs Kapitel zwei getrumet,
         Und alles trafe nun haarklein,
         Bei dem Nachtwchter Hieronimus ein.

   18. Auch von dem, was Urgalindine gesaget,
       Als man sie um das Schicksal des Knaben gefraget,
         Nach den Grnden der Chiromantia,
         Ware nunmehro die Erfllung da.

   19. Man konnte, nach nun vollendeten Sachen,
       Von allem diesem die beste Deutung machen,
         Wie's dann mit Prophezeiungen berhaupt geht,
         Da man selbige hernach erst versteht.

   20. Was indessen Frau Schnepperle gesprochen,
       Als Frau Jobs war mit dem Kind in den Wochen,
         (Wie Kapitel drei zu ersehn)
         Das ist vor diesesmal nicht geschehn.

   21. Aus demjenigen, was wir nunmehro wissen,
       Lsset sich gegen Frau Schnepperle schlieen,
         Da sie in der Kunst der Physiognomei
         Nicht genug erfahren gewesen sei.




Siebenunddreiigstes Kapitel.

Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zur Ruhe
brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede.


    1. Es ist gewesen schon sehr lange,
       Wie uns Gelehrten bewut ist, im Gange,
         Ein gar kluges Sprchwort, es hat's
         Der alte Kirchenvater _Horaz_:

[Illustration]

    2. _Sowol gegen die Palste der Groen,
       Als gegen die Htten der Armen pflegt zu stoen
         Der berall bekannte Freund Hein
         Mit seinem drren Knochenbein._

    3. Das will eigentlich nach dem Grundtext sagen:
       Alles, was da lebt, wird zu Grabe getragen,
         Sowol der Monarch als der Unterthan,
         Sowol der reiche als der arme Mann.

    4. Sintemal Freund Hein pflegt unter beiden
       Nicht das mindeste zu unterscheiden,
         Sondern er nimmt alles, weit und breit,
         Mit der strengsten Unparteilichkeit.

    5. Und er pflegt immer schlau zu lauern
       Sowol auf den Cavalier, als auf den Bauern,
         Auf den Bettler und Grosultan,
         Auf den Schneider und Tatar-Khan.

    6. Und er geht mit der scharfen Sensen
       Zu Lakeien und Excellenzen,
         Zu der gndigen Frau und der Viehmagd
         Ohne Distinction auf die Jagd.

    7. Es gilt bei ihm gar kein Verschonen,
       Er achtet weder Knotenpercken noch Kronen,
         Weder Doctorhut noch Hirschgeweih,
         Zierathen der Kpfe mancherlei.

    8. Er hat bei der Hand tausend und mehr Sachen,
       Welche ein End' mit uns knnen machen;
         Bald gibt ein Eisen, bald die Pest,
         Bald eine Weinbeere uns den Rest.

    9. Bald eine Krankheit, bald pltzlicher Schrecken,
       Bald Arzeneien aus den Apotheken,
         Bald Gift, bald Freude, bald Aergerni,
         Bald Liebe, bald ein toller Hundsbi.

   10. Bald ein Proce, bald eine blaue Bohne,
       Bald eine bse Frau, bald eine Kanone,
         Bald ein Strick, bald sonstige Gefahr,
         Wofr uns alle der Himmel bewahr'.

   11. Da helfen, um sich zu befreien,
       Nicht d'Arons schwimmende Battereien;
         Denn Freund Hein, der hungrige Schelm,
         Frchtet weder Festung, Schild, Degen noch Helm.

   12. Der Commandant in den sieben Thrmen,
       Der Grovezier zwischen hundert Dirnen,
         So wie Diogenes in seinem Fa
         Waren alle fr ihn ein Fra.

   13. So ist es von jeher gehrt und gewesen,
       Wie wir in den Geschichtbchern knnen lesen:
         Jakob Bhme und Aristoteles,
         Klaus Narre und Demosthenes,

   14. Der ungestalte Aesop und die schne
       Weltberhmte griechische Helene,
         Der arme Job und Knig Salomon
         Muten endlich alle davon.

   15. Kaiser Max und Jobs der Senater,
       Virgil und Hans Sachs mein Aeltervater,
         Der kleine David und groe Goliath
         Starben alle, theils frh, theils spat.

   16. Niclas Klimm und Marcus Aurelius,
       Cato und Eulenspiegelius,
         Ritter Simson und Don Quixot,
         Sind leider nicht mehr, sondern todt.

   17. Auch Cartouche und Knig Alexander,
       Einer nicht ein Haar besser als der ander',
         Held Bramarbas und Hannibal,
         Sie starben alle Knall und Fall.

   18. Auch August der Held Polens,
       Und Karl der Zwlfte muten volens nolens,
         So wie der Perser Schach Kulikan,
         Und der groe Czaar Peter dran.

   19. Item, Xerxes mit seinem ganzen Heere,
       Potiphar mit seiner Hausehre,
         Und der einugige Polyphem,
         Und der alte Methusalem.

   20. Alle, alle muten in die schwarze Bahre,
       Calvin und der Pater von Sanct Clare,
         Auch der Patriarch Abraham,
         Und Erasmus von Rotterdam.

   21. Auch Mller Arnold und die Advocaten
       In den weitlufigen preuischen Staaten,
         Tribonian und Notar April,
         Der zu Regensburg von der Treppe fiel.

   22. Alles, alles sank vor seiner Sichel,
       Hippocrates Magnus und Schuppachs Michel,
         Galenus und Doctor Menadie
         Mit der Salernitanschen Akademie.

   23. Keiner konnte seiner Faust entfliehen,
       Nicht Nostradamus und Superintend Ziehen.
         Mit Doctor Faust und Trumer Schwedenburg
         Ging er ohne Umstnde durch.

   24. Orpheus den groen Musikanten,
       Molire den Komdianten,
         Und den berhmten Maler Apell
         Nahm Freund Hein smmtlich beim Fell.

   25. Auch den Midas mit den langen Ohren,
       Den Dichter Homerus blind geboren,
         Den lahmen Tamerlan und Tnzer Vestri;
         Kein einz'ger von allen entsprang ihm hie.

   26. Ach ja, lieber Leser! dies Furchtgerippe
       Fra die Penelope, Xantippe,
         Judith, Dido, Lucretia
         Und die Knigin aus dem Reiche Arabia.

   27. Den lachenden Demokrit und den Murrkopf Timon,
       Gaukler Schrpfer und den Zauberer Simon,
         Den Sokrates und jungen Werther, frwahr
         Jenen als Weisen, diesen als Narr.

   28. Selbst Bucephalus und Rosinanten,
       Und Abulabas den Elephanten,
         Ro Bayard und Bileams Eselin
         Nahm Freund Hein zum Morgenbrod hin.

   29. Summa Summarum, weder vorn noch hinten
       Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden,
         Da Freund Hein etwa irgendwo leer
         Bei Jemand vorbergegangen wr'.

   30. Und was er brigens noch nicht gefressen,
       Wird er doch in der Folge nicht vergessen,
         Sogar, leider! lieber Leser, auch dich,
         Und was das schlimmste ist, sogar mich.

   31. So ward es nun auch gleichergestalten
       Mit dem Nachtwchter Hieronimus gehalten,
         Denn auch bei ihm stellte Freund Hein
         Sich nach vierzig Jahr und drei Wochen ein.

   32. Er bekam nmlich ein hitziges Fieber,
       Das wre wol nun bald gegangen ber,
         Wenn man's seiner guten Natur
         Htte wollen berlassen nur.

   33. Jedoch ein berhmter Doctor im Curiren
       Brachte ihn durch seine Lebenselixiren,
         Nach der besten Methode gar schn,
         An den Ort, dahin wir alle einst gehn.

   34. Als man ihn nun zu Grabe getragen,
       Fhrten die Schildburger groe Klagen,
         Denn seit undenklichen Zeiten her
         War kein so berhmter Nachtwchter als Er.

[Illustration: Herr Hieronimus Jobs, ehemals verstorbener Nachtwchter
zu Schildburg, jetzt wohlverdienter Pfarrer zu Ohnewitz.]

                     Leben, Meinungen und Thaten
                                 von
                           Hieronimus Jobs,
                               weiland
                             Candidaten,

            der zwar als Nachtwchter zu Schildburg starb,
              doch endlich die Ohnwitzer Pfarre erwarb.

   Ebenfalls so gut es konnte geschehen,
   Durchgehends mit Holzschnitten versehen,
      Zum Theil neu und zum Theil alt,
      Sauber gemacht und wohlgestalt.




                            Zweiter Theil.




Erstes Kapitel.

Wie der Autor sich und die Leser zum zweiten Theile prparirt mit
Complimenten und et cetera's. Als eine Vorrede anzusehen.


[Illustration]

    1. Htte es nie knnen ahnen noch glauben,
       Da mir Zeit und Umstnde wrden erlauben,
         Von Hieronimus Jobs einen zweiten Band
         Einem ehrsamen Publikum zu machen bekannt.

    2. Denn die Herren Kritiker und Recensenten
       Machen heuer mit solchen Producten kein' Complimenten,
         Und verfahren berhaupt bunt und kraus,
         Wenn ein Autor gibt ein Bchlein 'raus.

    3. Drum war auch mir schon bei dem ersten Gange
       Schier nicht gut zu Muth, sondern herzlich bange,
         Und ich zoge, so gut es konnte sein,
         Das Aushngeschild der Autorschaft ein.

    4. Mochte auch eben Niemanden gro flattiren,
       Noch gelehrten Journalisten die Hnde schmieren;
         Denn ich dachte: es falle wie es fllt,
         Ich schreibe incognito und behalte mein Geld;

    5. Und ^posito!^ mein Bchlein wrde tchtig gepeitschet,
       Weil es so erbrmlich gereimet und gedeutschet;
         So geht es doch nach lblichem Brauch,
         Nicht anders bessern Schriftstellern auch.

    6. Inde ist es meinem Kindlein besser ergangen,
       Als ich's jemals htt' knnen wnschen und verlangen,
         Denn selbst groe Leute haben oft und viel
         Damit gehabt ihre Lust und ihr Spiel.

    7. Ein und andrer gab ihm zwar kleine Ste
       Und hier und da etwas vor seine Ble;
         Jedoch fr muthwillige Kinder klein
         Mu ja billig gute Zucht und Strafe sein.

    8. Ich wei doch, man ist so artig gewesen,
       Hat meinen Hieronimus Jobs weit und breit gelesen,
         Und ber den Spa, den er gemacht,
         Das Zwerchfell geschttelt und oft gelacht.

    9. Man sagt sogar, er wirkte besonder
       Als ein Specificum gegen das Hypochonder,
         Und wre so gut als das beste Laudan
         Bei dem, der fr Sorge nicht schlafen kann.

   10. Das will nun wahrlich in unsern Tagen,
       Die so aufgeklrt sind, viel sagen;
         Denn manches Buch in Prose und Gedicht,
         Hat bekanntlich so viele Verdienste nicht.

   11. Ich bin dergestalt, auf vielfltiges Bitten,
       Zur Ausgabe eines zweiten Theiles geschritten,
         Und behalte drin die gewohnte Reimerei
         Nach Hans Sachsens schner Manier, bei.

   12. Es werden zwar in den Reimen manche Strophen
       Auf zu wenig Fen hinkend angetroffen;
         Es sind aber auch manche Strophen wieder dafr
         Lnger und mit zu viel Fen laufend allhier.

   13. Darob macht vielleicht mancher Herr Kunstrichter
       Zwar Grimassen und saure Amtsgesichter;
         Ich kehr' mich aber dermal wenig oder gar nicht
         An ein solches ernsthaftes Kunstgesicht.

   14. Es werden auch die vornehmsten Geschichten und Dinge,
       Welche ich allhier bekannt mache und besinge,
         Wie gebruchlich im saubern Holzschnitt
         Zur Anschaulichkeit getheilet mit.

   15. Ob Herr _Unger_ in Berlin, oder wer sonst, sie geschnitten,
       Dies zu untersuchen will ich mir sehr verbitten;
         Ist die Arbeit nur gut, so liegt nichts dran,
         Was fr ein Holzschneider sie gethan.

   16. Zwar hatte ich diesen Theil schon lngst geschrieben,
       Der Druck ist aber versumet und unterblieben;
         Denn ich litte leider auch manchen Verdru
         Ob des Bchleins, welches ich klagen mu.

   17. Nmlich, man hat mir boshafter Weise Schuld gegeben,
       Als wenn ich in des Hieronimus Jobs Thaten und Leben
         Ueberall htte satirisirt,
         Oder gar personalisirt.

   18. Nun kann ich aber, bei meiner Treu' und Ehren!
       Jedermnniglich laut und offen erklren,
         Da ich von persnlicher Beleidigung frei,
         Und fr Niemand das Bchel anstig sei.

   19. Wer sich also in Zukunft etwa wrde vergessen
       Und mir absurde Absichten beimessen,
         Den erklre ich hiemit und rund
         Fr einen ^et caetera^ und bsen Leumund!!

   20. Ich hoffe, der hochgeneigte Leser nimmt diese
       Ganz gehorsamste Protestation und Excse
         Gtig auf, und so schreite ich dann
         Weiter, und fange die Geschichte an.




Zweites Kapitel.

Wie der zweite Theil des Lebens von Hieronimus Jobs sich mit seinem
Leichenbegngnisse anhebt.


[Illustration]

    1. Hat man wol je irgend gehrt und gelesen,
       Da ein Lebensbeschreiber in der Welt gewesen,
         Welcher den zweiten Theil der Lebensgeschichte anhebt,
         Da, wo der Held der Geschichte nicht mehr lebt?

    2. Dennoch soll dieses, wie wir nun werden sehen,
       Von mir ohne alles Bedenken geschehen;
         Ich passire folglich in diesem Fall
         Fr ein leibhaftes Schriftstelleroriginal.

    3. Alles, was ich in den folgenden Jahren
       Von Hieronimus Jobs ferner gehrt und erfahren,
         Das erzhl' ich ohne Umstnde getreu,
         Und thue davon weder etwas ab, noch bei.

    4. Indessen was ich nun von ihm singe und sage,
       Geschiehet freilich nicht immer und alle Tage;
         Doch ist's auch berall nicht so bestellt
         Wie im Lande Schwaben und in der Welt.

    5. Es gingen fast alle Brger, arme und reiche,
       Mit dem wohlseligen Hieronimus in Schildburg zur Leiche,
         Und es schallte traurig aufs offne Grab
         Glockengelute vom Kirchthurm herab.

    6. Hinter dem geistlichen Herrn im Trauerornate,
       Folgten smmtliche Glieder vom Magistrate;
         Jeder Mann, und noch mehr jede Frau
         Beobachtete Rang und Etikette genau.

    7. Der Pfarrer schien noch whrend dem Marschiren
       Seinen wohlgewhlten Leichtext zu studiren,
         Und Kster und Schulkinder sangen jmmerlich
         Das bekannte Lied: _Herzlich thut mich_ &c.

    8. Die Reihe der Leidtrger war ungewhnlich
       Lang, und der Zug traurig und ansehnlich;
         Fast jeder weinte und manchen Flor
         Sah man flattern vom langen Ohr.

    9. Denn kein Nachtwchter seit undenklichen Zeiten,
       War so beliebt gewesen bei allen Leuten,
         Und jeder, der ihn kannte, behauptete khn:
         Da er gestorben, sei mordschade um ihn.

   10. Der armen Wittwe ihr Leid schien am grten
       Und man vermochte sie kaum zu trsten;
         Obgleich sie noch war gesund, frisch und jung
         Und allenfalls zur dritten Ehe gut genung.

   11. So kam der Leichenzug im langsamen Trabe,
       Zum Kirchhofe bei dem schaudervollen Grabe,
         Und man machte feierlich alsobald
         Zur Einsenkung des Sarges die Anstalt.

   12. Da hub der Pfarrer, im Peroriren nicht blde,
       Erst an zu sagen eine stattliche Leichenrede,
         Worin er, wie Recht ist, mit groem Lob
         Anfangs die Verdienste des Sel'gen erhob:

   13. Wie da er in seinem ganzen Wandel und Wesen,
       Ein getreuer Nachtwchter des Stdtleins gewesen,
         Und da er dafr im Grabe nun
         Nach so langem Wachen, knne friedlich ruhn.

   14. Er hatte aber noch gar nicht lange gesprochen,
       Da wurde er durch ein Gerusch unterbrochen,
         Und ehe er mit dem Exordium
         Zu Ende kam, ward er pltzlich stumm.

   15. Dies groe Gerusch, Sthnen, Pochen und Prallen,
       That aus dem Sarge des weiland Jobs schallen;
         Jeder stutzte und spitzte das Ohr
         Und manches Haar strubte sich hoch empor.

   16. Himmel, was gab dies fr ein Spectakel!
       Alles schrie laut: Mirakel, Mirakel!
         Alt und jung, Kster und geistlicher Herr,
         Flohn, als ob Feuer hinter sie wr'.

   17. Alle und jede erschreckte die Meinung:
       Es spuke hier eine Gespenstererscheinung;
         Denn im Schwabenland war man in dem Stck
         Der Aufklrung noch etwas weit zurck.

   18. Da flogen im Fliehen Flre und Tcher,
       Trauermntel, Alongepercken und Bcher,
         Hauben, Haarbeutel, Handschuh umher,
         Und pltzlich wurde der Kirchhof schier leer.

   19. Aber Herr _Schneller_, seit geraumen Jahren
       In Heilkunde und Physik weidlich erfahren,
         Welcher zum Glcke dem Sarge nah stand,
         Merkte sogleich, wie die Sache bewandt.

   20. Er schrie laut zu dem fliehenden Haufen,
       Man mchte nicht so erschrecken, noch weglaufen,
         Denn das Ding wre nicht so arg.
         Er warf indessen den Deckel vom Sarg.

   21. Als dieses von Herrn Schneller geschehen,
       Hat man mit groer Verwunderung gesehen,
         An Bewegung der Hnde, des Leibes und Kopfs,
         Den wieder auflebenden Nachtwchter Jobs.

   22. Dieser Vorfall ist zwar sonderbar zu hren,
       Inde lt er sich ganz natrlich erklren,
         Weil der gute Hieronimus zwar
         Todt schien, aber nicht eigentlich todt war.

   23. Jener Doctor hatte ihm auf Tod und Leben
       Ein seinsollendes Lebenselixir eingegeben,
         Welches aber, als ein starkes Opiat,
         Drei Tage lang seine Wirkung that.

   24. Man hatte ihn also und dergestalten
       In seinem Schlafe fr wirklich todt gehalten.
         Dieses Beispiel lehret nun jedermann,
         Wie leicht man sich am Tode irren kann.

   25. Man sagt, es htte schon andre Flle gegeben,
       Da man ohnmcht'ge Menschen, bei noch leben-
         digem Leibe, aus Irrthum hab'
         Zu frhzeitig gebracht in die Erde hinab.

   26. In unsern Tagen ist's also 'ne rhmliche Mode,
       Da man vorsichtig ist bei der Menschen Tode,
         Und da nun niemand mehr in die Erde sinkt,
         Bis er, ^salva venia^, faul ist und stinkt.

   27. Beilufig fhr' ich dies jedem zu Gemthe,
       Damit man berall ein Unglck verhte;
         Denn ein jeder ehrlicher Biedermann
         Knnte sonst mal erschrecklich laufen an.

   28. Auf Herrn Schnellers Veranstaltung faten
       Nun die Trger den Sarg mit dem weiland Erblaten,
         Trugen ihn geschwinde ins nchste Haus,
         Zogen die Todtenkleider ihm aus,

   29. Und Herr Schneller, der rstige Bader,
       Schlug ihm drauf tchtig eine Ader,
         Rieb Stirn und Schlfe mit Salmiak,
         Und setzte ein Klistier von Rauchtabak.

   30. Der Leib ward mit warmen Tchern frottiret,
       Die Nase mit Essig und Spiritussen geschmieret,
         Und so kehrte Hieronimus zum Glck,
         Bald wieder ganz ins Leben zurck.

   31. Er hat sich darauf seit diesen Stunden,
       Vllig gut und gesund befunden,
         Und des Herren Schnellers Arzenei
         Truge dazu augenscheinlich bei.

   32. Nur behielt er noch lange eine blasse Farbe
       Und am Kopf vom Stoen im Sarge eine Narbe,
         _Wurde jedoch von solcher Zeit an
         Ein sehr vernnftiger und braver Mann._

   33. Ob etwa die Herren Psychologen
       Die Ursach' einer so gnstigen Aenderung erwogen,
         Und ob davon mehr Exempel sein,
         Dieses zu erfahren sollte mich freun.




Drittes Kapitel.

Worin die Frau Nachtwchterin Jobs pltzlich stirbt, aber Hieronimus
selbst sich wohl befindet.


    1. Nach dem gemeinen Sprchwort ist groe Freude
       Gemeiniglich gemischt oder befolgt mit Leide,
         Und vom lustigen Hopsa und Frhlichkeit
         Ist Jammer, Auweh und Trauer nicht weit.

    2. Dies Sprchwort hat auch leider bald nach diesen
       Geschichten in Hieronimi Hause als wahr sich gewiesen,
         Wo nur ein Schritt, ja nur ein Haar,
         Zwischen dem Tode und Leben war.

    3. Denn kaum war Hieronimus wieder auferwecket,
       So ward seine Frau davon so heftig erschrecket,
         Da alles Blut im Leibe bei ihr erstarrt
         Und sie pltzlich eine Leiche ward.

    4. Da half weder Aderlassen noch Klystiren;
       Sie blieb todt, ohne einmal sich zu rhren,
         Und Herrn Schnellers erhabene Kunst
         Erschpfte sich an ihr ganz umsunst.

    5. Ob etwa die schnelle Freude sie so verdorben,
       Da sie davon so geschwinde gestorben,
         Dieses, sowol als anders noch mehr,
         Genau zu errtern, gehrt nicht hieher.

    6. Einige haben wollen behaupten und sagen,
       Als ob Frau Jobs schon in den ersten zwei Tagen
         Der Wittwenschaft mit einem andern sich
         Htte verlobt und eingelassen ehelich;

    7. Des erblaten Gatten Auferstehung aber wre
       Nun bei ihr gekommen in die Quere,
         Und dieser unvermuthete groe Schmerz
         Htte ihr gebrochen das empfindliche Herz.

    8. Allein, es ist Snde sich so zu bereilen
       Und von armen jungen Wittwen so lieblos zu urtheilen;
         Das sicherste, was man davon sagen kann,
         Ist: der Tod will eine Ursache han.

    9. Sie ward nach vier Tagen zur Erde bestattet,
       Und Hieronimus, zwar noch etwas ermattet,
         Gab doch mit aller Zrtlichkeit
         Ihr zur Ruhestatt das Geleit,

   10. Froh, da er diesmal dem Grabe entnommen
       Und mit dieser Kleinigkeit glcklich davon gekommen;
         Denn er dachte, besser heit's: _Heute dir
         Und nach Gelegenheit erst morgen mir._




Viertes Kapitel.

Allerlei Bewegungen und Reden, welche nach diesen Begebnissen
entstanden, und von der Verordnung, welche der Magistrat herausgab,
niemand zu begraben, als wenn er todt sei; bei 14 Goldgulden Brchte zum
Behuf der Kmmerei.


    1. Das Gercht von dem geschehenen Abenteuer
       Verbreitete sich berall wie ein laufend Feuer,
         Und ward bald durch ganz Schwabenland,
         Theils mit, theils ohne Zusatz bekannt.

    2. Mancher hielt es fr eine ersonnene Mre,
       Was da in Schildburg neulich geschehen wre,
         Und jeder nach seiner besondern Manier,
         Disputirte davon, theils _wider_, theils _fr_.

    3. Andre erzhlten, da man letzthin habe
       In Schildburg gebracht einen Mann zu Grabe,
         Welcher nunmehr in Gespenstergestalt
         Herumging und erschreckte Jung und Alt.

    4. Andre haben sogar behauptet und gesprochen,
       Er habe, als Geist, seiner Wittwe den Hals gebrochen,
         Weil sie einen jungen Menschen gekt;
         Und was des dummen Zeugs mehr ist.

    5. Aber vor allen andern betrug sich
       Der Magistrat von Schildburg sehr kluglich;
         Denn sobald der erste Schrecken verschwand,
         Nahm man das wichtige Geschft zur Hand,

    6. Und that ^in pleno^ deliberiren,
       Damit nicht knftig was Aehnlich's mge passiren,
         Und machte ^sub Dato^ _den_ 21ten _Hornung_
         Von Wort zu Wort folgende Verordnung:

    7. Sintemal und alldieweil in diesen Tagen
       Sich der besondere ^Casus^ zugetragen,
         Da man jemand beinahe mit Haut und Haar
         Begraben htte, der noch lebendig war;

    8. Also findet ein hochweiser ^Magistratus
       Schildburgensis^, da es ein frchterlicher ^Status^
         Sei, wenn man jemanden steckt ins Loch,
         Welcher bei diesem ^Actu^ lebet noch.

    9. Dergleichen Excessen nun knftig vorzubeugen,
       Wollen wir alle obrigkeitliche Mhe bezeigen,
         Und geben hiemit das ernstliche Gebot:
         Niemand zu begraben, er sei dann todt.

   10. Wer sich das Gegentheil lt kommen zu Schulden,
       Soll gestraft werden um 14 Goldgulden,
         Und dieses verwirkte Strafgeld sei
         Dann fr's ^Aerarium^ der Kmmerei.

   11. Damit es zu jedermanns Kenntni mg' gelangen,
       Soll man dies an der Rathhausthr festhangen,
         Imgleichen noch sonst hier und dort,
         An den Kirchen und andern ffentlichen Ort.

   12. Auf da jeder Brger dasselbe sehe
       Und sich nach dem Inhalte pnktlich begehe,
         'S findet folglich bei diesem Placat
         Keine Excse der Unwissenheit statt.

   13. ^Datum^ im vlligen ^plenissimo magistratu^,
       ^Coram^ smmtlichen gegenwrtigen ^Senatu^.
         ^Affigatur et bublicetur^
         ^Et ad Prutacollum notetur^.

[Illustration]




Fnftes Kapitel.

Wie diese Wundergeschichte vom Magistrate protocolliret ward. Item
gelehrte Nachricht von der Schildburgischen Chronik.


    1. Anfangs vermochte niemand es zu errathen,
       Was die Herren ohnedem noch vorhatten und thaten,
         Denn sie hielten nicht lange nachher,
         Eine Rathsversammlung extraordinr.

    2. Drin wurde der Vorfall protocolliret
       Und von Wort zu Wort geregistriret,
         Damit dereinst Kind und Kindeskind
         Dies Wunder zum ewigen Andenken fnd'.

    3. Nmlich zwischen manchem von Musen zernagten Briefe,
       Lag wohlverwahrlich im Stadtarchive
         Ein besonders ehrwrdiges Stck,
         Genannt Schildburger Chronik.

    4. Die Tinte war vor Alter sehr erbleichet,
       Das Papier von Nsse durch und durch erweichet,
         Wobei auch der starke schweinslederne Band
         Sich wurmstichicht und gar zerlumpt befand.

    5. Der Titel, welcher noch halb gut geblieben,
       Zeigte, wer ehmals den Anfang davon geschrieben,
         Nmlich _Meister Lolf Didrich Lax_,
         Schildburger Historiograph und Scribax.

    6. Von wannen und in welchem Jahr der Autor gewesen,
       Das konnt' man auf'm Titel leider nicht mehr lesen,
         Auch _Jchers_ Gelehrten-Lexikon,
         Welches ich nachschlug, meldet nichts davon.

    7. Darf ich inde bei dieser dunkeln Sache es wagen,
       Meine unmagebliche Meinung zu sagen:
         So lebte Meister Lolf Didrich Lax, um
         S' funfzehnte, sechzehnte oder siebenzehnte Sculum.

    8. Man wird es mir auch hoffentlich erlauben,
       Vor der Hand zu behaupten und fest zu glauben,
         Wegen der deutschen Schreiberei,
         Da er ein Deutscher gewesen sei.

    9. Wahrscheinlich hat der, der die Chronik geschrieben,
       Zugleich das lbliche Schusterhandwerk getrieben;
         Denn diese rare Antiquitt
         War mit Pechdraht geheftet und genht.

   10. Er war brigens ein Erzspavogel;
       Denn er fhrte bald vom Papst, bald vom Gromogel,
         Knig Jan Bckels, Knipperdolling und Lipstullian,
         Anekdoten bunt durcheinander an.

   11. Weiters wird man schwerlich von ihm was erfahren,
       Bis vielleicht andre geschickte Antiquaren
         Des Autors genaue Biographie
         Untersuchen und beschreiben spt oder frh.

   12. Der Schreibstil war zwar in den meisten Stcken
       Elendig wie in andern alten Chroniken,
         Auch war nur drin zu sehn hie und da 'ne Spur
         Einer mit Tinte gemalten Figur;

   13. Aber es war doch drin ausfhrlich zu lesen,
       Was in Schildburg von Anfang der Welt Merkwrdig's gewesen,
         Und wie die Arche Noh nach der Sndflut
         Auf dem Alpengebirge Ararat geruht,

   14. Und wie die Deutschen von Japhet abstammen,
       Und zum Theil nach dem Stdtchen Schildburg kamen,
         Als zur babylonischen Thurmzeit
         Sich die Nationen hin und her zerstreut;

   15. Auch von Nimrod dem gewaltigen Jger,
       Und Goliath dem renommirten Philister und Schlger;
         Ferner von Abraham, Isaak und Jakob
         Und vom geduldigen Mann Hiob;

   16. Die Bauzeit der gyptischen Pyramiden;
       Nachricht von den Alrunen und Druiden;
         Und mehr Dinge bald aus alter, bald neuer Zeit,
         Nach der Umstnde und des Reims Gelegenheit;

   17. Der Kinder Israels Marsch durch das rothe Meer;
       Und wie Pharao drin ersoff mit seinem ganzen Heer,
         Da doch einige Zeit hernach der groe Christoph
         Durch eben dies Meer ging und nicht ersoff;

   18. Der Juden in Aegypten erlittenes Bedrngni;
       Ihre nachherige babylonische Gefngni;
         Salomons Tempelbau, und wie nach der Hand
         Jerusalem wurde vom Titus verbrannt;

   19. Josua's Vertilgung der bsen Canaaniten,
       Lojola's Stiftung der kreuzbraven Jesuiten,
         Amerika's Entdeckung von Colon und Vesputs,
         Aussprche des weisen Griechen Solon und Chinesen Confuts.

   20. Der Hamelschen Kinder Ausgang nach Siebenbrgen,
       Die Tdtung des Lindwurms durch Ritter Sanct Jrgen,
         Simsons bekannte lustige Fuchsjagd,
         Des deutschen Hermanns groe Befreiungsschlacht.

   21. Auch von Mahomet dem groen Lgenpropheten,
       Anton von Padua dem frommen Anachoreten,
         ^Item^ von den heiligen drei Knigen
         Sowol in Mailand als in Kln noch jetzt zu sehn.

   22. Noch sonst viel Merkwrdiges von den Hebrern
       Und von den Wundern unter den Makkabern,
         Und was sonst alles noch unbeschwert
         Genau zur Schildburger Chronik gehrt.

   23. Da lange die Trken und Hnen das Land besessen,
       Welche Heiden gewesen und Menschen gefressen,
         Bis der heil'ge Bonifaz rund herum
         Die Schildburger gebracht zum Christenthum;

   24. Auch da Karl der Groe sie vollends bekehret,
       Indem er das Land berall verheeret;
         Auch wie sein Vetter der groe Roland,
         Das Fechten aus dem Fundament verstand;

   25. Auch wie zur Zeit der leidigen Kreuzzge,
       Unter Gottfried von Bouillon im heiligen Kriege,
         Aus Schildburg und dem benachbarten Land,
         Sich mancher Kmpe beim Heer befand;

   26. Wie bald darauf, vor ein paar hundert Jahren,
       Die Kirchen in Schildburg gebauet waren,
         Und wer darin, genau Jahr vor Jahr,
         Kster, Schulmeister und Pfarrer war;

   27. Auch was zur Reformationszeit passiret,
       Wie man sich da geprgelt und disputiret,
         Und wie drauf mancherlei Ketzerei
         Erreget fters Lrm und Geschrei;

   28. Auch wann das Rathhaus zu Schildburg aufgefhret
       Und man drin zum ersten Mal consultiret,
         Nebst Rechnung der gehabten Kosten bei
         Der damals geschehenen Schmauserei;

   29. Wie der Ort selbst nur im Anfange
       Ein Dorf gewesen, und erst lange
         Nach Christi Geburte, erhalten da
         Vom Frsten Stadtsprivilegia,

   30. Nebst einem Galgen fr arme Snder
       Zum Behuf ihrer und ihrer Kinder,
         So da man zu ewigen Zeiten dran
         Nur Schildburger Brger hngen kann;

   31. Auch sonst der lieben Brgerschaft zum Guten
       Unverbrchliche besondere Statuten,
         Welche durch die Lnge der Zeit
         Gekommen auer Gebruchlichkeit.

   32. Es war ferner in dem Buche beschrieben,
       Was sonst in Schildburg geschehen und betrieben,
         Alles mit Tag und Datum aufgefhrt,
         Und durch fremde Hnde continuirt.

   33. Zum Exempel: Blutige Balgereien,
       Bestechungen und andre Teufeleien
         Bei Rathmannswahlen; ^item^ Hagelschlag;
         Stadtprocesse und sonstige Landplag';

   34. Die Erscheinung furchtbarer Kometen
       Mit ellenlangen Schwnzen, welche als Propheten
         Krieg, Pest, Seuchen und theure Zeit
         Den armen Schildburgern geprophezeit;

   35. Viele schreckliche Sonn- und Mondfinsternisse,
       Windstrme, Wasserfluten und Regengsse,
         Erdbeben, Miwachs an Korn und Wein,
         Erzhlte die Chronik umstndlich und haarklein.

   36. Auch waren darin keinesweges vergessen,
       Alle Schildburgische Criminalprocessen,
         Besonders wie viel Unholdinnen und Hexen man
         Nach gehriger Wasserprobe verbrann;

   37. Merkwrdige Todesflle und Ungelcken,
       Reparirung der Kirchen, Thoren und Brcken;
         Verstorbener Betschwestern fromme Stiftung;
         Der bsen Juden Brunnenvergiftung.

   38. Migeburten, rathhusliche Decreten,
       Kluge Anstalten in allgemeinen Nthen,
         (Doch letztere eben nicht interessant)
         Machte die Chronik gleichfalls bekannt.

   39. Auch Scheibenschieen und feierliche Aufzge,
       Klage ber erlittenes Drangsal im Kriege;
         Feindliche Durchmrsche und Einquartirung,
         Contributionen und Fouragirung;

   40. Auch Nachrichten von erfolgten Feuersbrnsten,
       Und berhmten Schildburgern, und erfund'nen Knsten;
         (Doch von letzten war Verzeichni und Bericht
         Weder lang, noch von sonderbarem Gewicht.)

   41. So ward dann auch, wie ich oben that sagen,
       Das erwhnte Wunder in die Chronik eingetragen,
         Woselbst es jeder neugierige Mann
         Noch jetzt folgendermaen lesen kann:

   42. Im tausend siebenhundert und drei und achtzigsten Jahre
       Starb ein Mann hieselbst und war auf der Bahre,
         Woselbst er bis an den dritten Tag
         Als eine leibhafte Leiche lag;

   43. Man war schon mit ihm auf dem Gottesacker,
       Da wurde er wieder lebendig und wacker,
         Und ward darauf vllig gesund, durch
         Einen geschickten hiesigen Chirurg.

   44. Die klare Wahrheit dieser Begebnissen
       Bezeugen unterzeichnete ^Subscripti^ auf Pflicht und Gewissen.
         _Lippel Schnack_, erster Burgermeister und Schenkwirth.
         _Kunz Jack_, zweiter Burgermeister und Schweinehirt.

   45. _Grgel Peter_, erster Rathsherr und Blaufrber.
       _Michele Krummholz_, zweiter ^dito^ und Gerber.
         _Hnnsle Damm_, Hopfenhndler und Kamerar.
         _Max Grunz_, Lumpensammler und Archivar.

   46. ^Nota bene!^ es ware hiebevoren
       ^Altissimum silentium^ bei allen Autoren,
         Von dieser hchstschtzbaren Antik,
         Der noch ungedruckten Schildburger Chronik;

   47. Ich habe also bei dieser Gelegenheit geeilet
       Und der gelehrten Welt Nachricht davon ertheilet;
         Vielleicht macht nun irgend ein Verleger sein Glck
         Mit dem Drucke der Schildburger Chronik.




Sechstes Kapitel.

Beschreibet die Verdienste des Herrn Schnellers.


    1. Ehe wir nun weiter zur Geschichte schreiten,
       Ist es nthig den Leser zu bedeuten,
         Was Herr Schneller gewesen fr'n Mann,
         Durch den Hieronimus dem Tode entrann.

    2. Er hatte, wie gesagt, viel und groe Verdienste,
       War erfahren und kannte alle Heilknste,
         Uebte sie immer gar fleiig, und
         Machte Gesunde krank und Kranke gesund.

    3. Er hatte in Straburg die Baderkunst studiret,
       Und daselbst, ^qua talis cum Applausu^ cursiret;
         Auch manches pergament'ne Testimonium
         Mit Siegel dran, erhhte seinen Ruhm.

    4. Er war ungemein berhmt im prakticiren,
       Durch vomiren, purgiren, klystiren,
         Scarificir'n und kauterisir'n,
         Accuschir'n und amputir'n,

    5. Saliviren, fomentiren, anatomiren,
       Pflasterschmieren, und andere iren,
         Und dieses machte ihn durch ganz Schwabenland
         Als einen Wunderdoctor bekannt.

    6. Keiner that sich so, wie er, auf den Puls verstehen,
       Keiner konnte, so wie er, das Wasser besehen,
         Und Keiner sagte so gewi, wie er,
         Gesundheit, oder vielmehr den Tod vorher.

    7. Keiner war mit der Sge und dem Messer
       Bei chirurgischen Operationen fixer und besser,
         Und er nahm bei jedem schicklichen Umstand
         Sofort die Section vor die Hand.

    8. Glcklicher als mancher promovirter Doctor
       Steckte er oft dem Freund Hein den Stock vor,
         Und machte also mit aller Gewalt
         Durch schne Mittel in der Krankheit Halt.

    9. Denn entweder den einen Weg oder den andern
       Muten die Patienten in weniger Zeit wandern,
         Und sie wurden, wie sich's gebhrt,
         Sicher zur Behrde expedirt.

[Illustration]

   10. Fieber, Schwindsucht, ansteckende Seuchen,
       Wassersucht, Schlag, Lhmung und dergleichen,
         Krtze, Wahnsinn, Stein und Skorbut,
         Curirte er alle, meist kurz und gut.

   11. Eine seiner Pillen that mehr Zeichen
       Als zehn andre Pillen ihres gleichen;
         Und was er gewhnlich den Kranken gab,
         Das fhrte nach allen Seiten schnell ab.

   12. Kurz! seine Arzneien waren durchgehend krftig,
       Purgirten wenigstens 40 mal heftig,
         Und wer sie nahm morgens nchtern und frisch,
         Dem ward Magen und Darm so rein wie ein Fisch.

   13. Seine Arcana pflegte er selbst zu bereiten,
       Und verkaufte sie theuer, doch nur reichen Leuten;
         Von Armen nahm er nur m'gen Profit
         Als ein gewissenhafter Mann beilufig mit.

   14. Und weil sich auch in benachbarten Landen
       Kufer fr seine herrliche Composita fanden,
         So gab er sie erga 50 Procent davon,
         Andern zu verhandeln in Commission.

   15. Er ersann schlau fr seine Arzneimittel
       Des mehrern Abgangs wegen, prchtige Titel,
         Obgleich sich meistens es so befand,
         Da alles aus simpeln Sachen bestand.

   16. Eine Unze vom ^Pulvis aureus Doctoris Schneller^
       Kostete bei der Anlage nicht mal 'nen Heller;
         Denn es war Salz mit Ziegelstein,
         Zu einem Pulver gerieben gar fein.

   17. Sein ^Praeservans contra^ alle Krankheiten,
       Bestand aus Honig und einigen Kleinigkeiten;
         Und etwas Eichenrinde mit Fliedermus war
         Das knigliche Restaurativ ^Electuar^.

   18. Sein ^Elixir tonicum universale^
       Bestund aus Weinessig und gefeiltem Stahle,
         Und seine ^Essentia stomachalis pretiosa^
         Aus Wasser mit abgekochter Menta.

   19. Die ^Pilulae purgantes miraculosae^
       Bestunden aus Aloe, nebst einer guten Dose
         Von Jalappenharz und Gummigutt,
         Elaterium und ^Semen Cataput^.

   20. Sein berhmter Trank, die Lebensgeister zu wecken,
       War der Absud von Haferkrnern und Quecken,
         Und das Decoct ^ad omnes morbos pectoris^,
         War eine Brhe von Sholz und Anis.

   21. Das ^Specificum infallibile contra^ Fieberhitze,
       War eine Mixtur von Salpeter und Gerstengrtze,
         Und die ^Tinctura contra^ Gicht und Stein,
         War Terpentinl mit Branntewein.

   22. Das ^Extract imperiale^, die Ausdnstung zu mehren,
       Bestand aus Bier, gekocht mit Wachholderbeeren,
         Und sein ^Balsam vulnerar^ fr Leib und Seel'
         War etwas Kampher mit Rbl.

   23. Seine ^Species nobiles confortantes^
       Waren gleichfalls etwas ganz Bekanntes;
         Sie bestanden aus Kreide, Salbei,
         Und etlichen Krnern von Carwei.

   24. Seine ^incomparable visceral^-Tropfen
       Waren ein Extract von Wermuth und Hopfen,
         Und sein ^Unguent nervin^ war Theer,
         Stark vermenget mit Schweineschmeer.

   25. Sein ^Emplastrum summum^ fr Hauen und Stechen,
       Beinbrche und hnliche Gebrechen,
         Bestand, so viel ich mich erinnern kann,
         Aus Schuhpech, Bleigltte und Fischthran.

   26. Sein ^Egregium linimentum^ zum Schmieren beim Anwachsen,
       Und in Sugillationen vom Stoen, Fallen oder Baxen,
         Oder wenn etwa der Unterleib schwall,
         War grne Seife und Ochsengall.

   27. Sein ^Cataplasma^ gegen alte Geschwre und Scirrhen
       War Mehlkleister mit etwas Asa und Myrrhen,
         Und sein ^Spiritus magnus resolvens^ war
         Bierhefen mit ^ana^ Urin gar.

   28. Sein ^Arcanum arcanorum Supracoeleste^
       War, trotz des hohen Titels, auch nicht das Beste,
         Weil es aus geraspelten Knochen und
         Gedrretem Hammelblute bestund.

   29. Sein ^Lapis excellens et divinus^
       Bestund aus etwa zwei Theilen ^plus minus^,
         Von Alaun, und von Zucker einem Theil;
         Das stopfte jeden Blutsturz in Eil'.

   30. So war auch weder mehr noch minder
       Seine ^Emulsio nobilis^ fr kleine Kinder,
         Bei Verstopfung, Wrmern und schwerer Noth,
         Ziegenmilch mit zerriebenem Musekoth.

   31. Sein ^Antidotum Dominae Principissae^
       Waren zerquetschte unreife welsche Nsse,
         Und seine ^Orientalis Confectio^
         War Syrup mit zermalmtem Bohnenstroh.

   32. Es fanden sich ^salva venia^ in seiner Apotheke
       Noch mehr Bchsen mit hnlichem Drecke,
         Von dem ich die Bereitung, nebst dem Preis,
         Nicht so genau mehr kenne noch wei.

   33. Lange hatte er vormals in fremden Landen
       Oeffentlich als ein leibhafter Doctor ausgestanden,
         Wodurch er sich, obgleich mancher Kranke starb,
         Doch ein ziemliches Vermgen erwarb.

[Illustration]

   34. Endlich lie er sich in Schildburg nieder,
       Legte flott daselbst alle seine Collegen und Brder,
         Und fand auf Kosten der Kranken alsbald
         Reichlich allda seinen Unterhalt.

   35. Denn er war der ganzen Gegend Orakel,
       In seinem Hause war immer Gewhl und Spectakel,
         Reiche und Arme, gro und klein,
         Drngten sich bestndig aus und ein.

   36. Gelckte eine Heilung unter seinen Hnden,
       So war ein Posaunen hier und an allen Enden,
         Und es hie: Da hat der hochberhmte Mann
         Abermal eine treffliche Cur gethan;

   37. Hingegen, wenn seine Patienten verdarben,
       Oder gar bald in seiner Cur starben;
         So hie es: Je nun mein lieber Christ!
         Fr 'n Tod kein Krutlein gewachsen ist.

   38. Er pflegte auch wol zu thun kleine Reisen
       Und seine Hilfe dringend anzupreisen,
         Und Keiner, dem etwas fehlte nur,
         War sicher vor seinen Pillen und Cur.

   39. Auch junge Weibchen, denen was qulte,
       Oder Mdchen, denen es heimlich wo fehlte,
         Gingen weit und breit, mit frohem Sinn,
         Zu Niemand als zu Doctor Schneller hin;

   40. Denn sie konnten in jedem weiblichen Anliegen
       Immer bei ihm sichre Specifica kriegen,
         Dabei unterhielt er gewhnlich sich
         Als ein artiger Mann mit ihnen vertraulich.

   41. Auch fr Mnner, die ihre ehliche Pflichten,
       Wegen ihrer Jugendsnden, nicht konnten verrichten,
         Hatt' er ein geheimes Aphrodisiak,
         Von herrlicher Wirkung und gutem Geschmack.

   42. Das wachsame ^Collegium medicum^ des Landes,
       Welches viel von ihm hrte, verstand es
         Unrecht und nannte es Pfuscherei,
         Weil er nicht ^rite promotus^ sei,

   43. Und lie ihn oft zur Verantwortung citiren;
       Er blieb aber vor wie nach beim Practiciren
         Und nannte diese Zudringlichkeit,
         Offenbare Migunst und Nahrungsneid.

   44. Er wute brigens weder Latein noch andre Sprachen,
       Und was sollte er auch eigentlich damit machen?
         Denn mit Griechisch und Lateinisch wird
         Doch nie, sondern mit Arzneien curirt.

   45. Er hate alle sogenannte Methoden und Secten,
       Wnschte gar, da alle Dogmatiker verreckten,
         Und verlie sich einzig im Curiren nur
         Auf Erfahrung und des Kranken starke Natur.

   46. Von medicinischen Bchern, sowol neuen als alten,
       Pflegte er ebenfalls gar nichts Gescheidtes zu halten;
         Nur besa er ein geheimes Manuscript
         Und war in dessen Lectre gebt.

   47. Zwar war's schon alt, ohne Namen und Titel,
       Doch zeigte es lauter schne Hausmittel,
         Und enthielte fr allerlei Weh,
         Manch sicheres Geheimni und Recipe.

   48. Es will mir brigens hier nicht geziemen,
       Diesen Wundermann lnger zu preisen und zu rhmen;
         Genug, es war der Retter des Hieronimus,
         _Es lebe Herr Schneller, der Medicus!_




Siebentes Kapitel.

Wie Hieronimus Verdrielichkeiten bekam, wegen seines Auflebens, mit dem
Todtengrber und seinem Amtssuccessor.


    1. Als Hieronimus wieder zu Krften gekommen,
       Hat er sein altes Amt wieder bernommen,
         Jedoch bei dieser Gelegenheit
         Gerieth er in bittre Verdrielichkeit.

    2. Denn schon gleich nach seinem vermeinten Ableben,
       Wurde der Wchterdienst einem andern bergeben,
         Folglich hatte dieser etliche Tage schon
         Das Nachtwchterhorn in Possession.

[Illustration]

    3. Dieses aber bei Hieronimi neuem Leben,
       So mir nichts, dir nichts, ihm wieder abzugeben,
         Ginge freilich in der Gte nicht;
         Drum kam die Sache vor Gericht.

    4. Jeder suchte sich also einen Advocaten,
       Um in dieser kritischen Sache ihm zu rathen,
         Und vor der Hand ward rechtlich decretirt:
         Da das Wchteramt entweder wrd' suspendirt,

    5. Oder, weil die Unterlassung der Nachtwache
       Eine gar zu bedenkliche Staatssache
         Und bei Feuersbrunst und Dieberei
         Fr das Stdtlein gefhrlich sei:

    6. So knnten beide Competenten gebhrlich,
       Des Nachts jeder fr sich unprjudicirlich,
         So da darin keine Verwirrung sei,
         Anstimmen ihre nchtliche Melodei.

    7. Das Gehalt aber knnte pendente lite,
       Unter ihnen getheilet werden in Gte;
         Allenfalls knnten auch um die andre Nacht
         Sie halten die gewohnte Wacht.

    8. Dies war nun zwar schon eine verdrieliche Geschichte,
       Doch eben nicht von so gar groem Gewichte;
         Indessen kommt selten ein Uebel allein,
         Und wo Kreuz ist, findet sich Plage leicht ein.

    9. Denn auch der Todtengrber hob wegen seiner Gebhren,
       Mit Hieronimus Jobs an zu queruliren,
         Und verlangte von ihm auer Jura und Lohn,
         Noch besondre Abbitte und Satisfaction.

   10. Da ginge es nun von beiden Seiten
       An ein heftiges Processiren und Streiten,
         Weil der Fall so sehr sonderbar,
         Ja gar einzig in seiner Art war.

   11. Keine Partei wollte der andern weichen,
       Kein Advocat verlangte auch sie zu vergleichen;
         Denn jedem Knstler, Krmer und Dieb,
         Ist sein Verdienst und seine Nahrung lieb.




Achtes Kapitel.

Charakter und Portrt der Herren Advokaten Schluck und Schlauch.


    1. Im Stdtchen Schildburg wohnten zwei treffliche Mnner,
       Mit beiden Rechten wohlgerstete Kenner,
         Die besten Advocaten im Schwabenland,
         Einer _Schluck_, der andre _Schlauch_ genannt.

    2. Herr _Schluck_ war ein Mann von hohen Jahren,
       In allen Knsten der Themis sehr erfahren,
         Und hatte lange mit Haar und Haut,
         Das Corpus juris sammt den Pandecten verdaut.

[Illustration]

    3. Er war kinderlos und unbeweibet,
       Und darum wohlbewadet und stark beleibet;
         Denn er a und trank tglich gut
         Und alles ward bei ihm zu Fett und Blut.

    4. Das Podagra und die blinden Hmorrhoiden
       Lieen zu gewissen Zeiten ihn nicht mit Frieden,
         Welches Leid doch meistens anfing,
         Wenn er sich manchmal in der Dit verging.

    5. Er suchte durch alle Wege seinen Zweck zu erreichen
       Und seinen Vortheil meisterlich zu erschleichen,
         Es sei nun der ihm vorkommende Fall
         Legal, oder auch illegal.

    6. War etwa eine Erbschaft oder dergleichen zu haschen,
       So flog dies alles in seine hungrigen Taschen,
         Und er dachte weislich: es kmmert mich nicht,
         Was die Welt von mir urtheilt, denkt oder spricht.

    7. Bei Contracten und gerichtlichen Verkufen
       Pflegte immer fr ihn etwas abzutrufen;
         Er schmiedete manch ntzliches Document,
         Und manches ihm heilsame Testament.

    8. Er schonte weder seine Gnner noch Freunde,
       Sondern behandelte sie als seine rgsten Feinde;
         Denn um seinen selbst eigenen Vortheil
         War ihm alles in der Welt feil.

    9. Auch wute er mit manchen Nebensachen
       Seinen Schnitt nach Herzenslust zu machen;
         Zum Exempel: er half oft schlau
         Manch Mdchen zum Mann und manchen Mann zur Frau.

   10. In jedem ihm vorkommenden Rechtshandel
       Ging er den gewhnlichen Curialwandel,
         Weshalb dann auch sein Advocatenstil
         Sprachkennern eben nicht sehr gefiel.

   11. Jedoch wute er seine Gegenparteien
       Durch manche Chicane weidlich zu casteien,
         Und wer ihn persnlich griffe an,
         Dem wiese er keck die Faust und den Zahn.

   12. Er pflog brigens tchtig zu sportuliren
       Und seine Clienten lang herum zu fhren;
         Denn mit jeglichem neuen Termin
         Gingen ihm leicht etliche Thaler in.

   13. War gleich die Sache eine faule oder schlechte,
       So verfochte er sie doch fr Geld mit dem Rechte,
         Denn er verstund die herrliche Kunst,
         Zu machen dem Richter 'nen blauen Dunst.

   14. Hatte Client nicht viel einzubrocken,
       So lie er den Rechtshandel meistens stocken,
         Und selbst die gerechteste Sache kam
         Dadurch in leidige Contumaciam.

   15. Er hatte zwar, wie gesagt, keine Leibeserben,
       Doch war's auch sein Wille nicht, so bald zu sterben;
         Denn er gedachte in jener Welt
         Wr' ihm die Kche vielleicht schlecht bestellt.

   16. Auch Herr _Schlauch_ verstund alle Rechtspfiffe,
       War ein Genie und steckte voller Kniffe,
         Und feuerte bei jeder Gelegenheit
         Seine Parteien an zu Proce und Streit.

   17. Er war zwar am Krper drre und hager,
       Aber im Beutel und am Verstande nicht mager,
         Lebte gleichfalls im Junggesellenstand
         Mit einer Jungfer, wobei er sich wohl befand.

   18. Er wute auch artig durch mancherlei Manieren,
       Die Parteien am groen Seil herum zu fhren,
         Und wenn er den Proce auch nicht gewann,
         So sprach er doch: ich hab' das meinige gethan.

   19. Er konnte die geradeste Sache stattlich verdrehen,
       Und wute klug sich in allem zu begehen,
         Und mancher Casus sehr krumm und schlecht,
         Ward unter seinen Hnden grade und recht.

   20. In seinen Schriften und Libellen verstand er
       Die Zeilen zu setzen drei Zoll von einander,
         Und er citirte, als wre er toll,
         Manchen Autor aufs Gerathewohl.

   21. Denn er lie sich von den Parteien jedesmalen
       Seine Schriften bogenweise bezahlen,
         Und jedes wohlangebrachte Citat
         Kostete besonders einen Viertels-Ducat.

   22. Er wute trefflich seinen Beutel zu spicken
       Und durch Sporteln seine Clienten zu zwicken,
         Nahm aber als ein gengsamer Mann
         Nicht nur groe, sondern auch kleine Prsente an.

   23. Er lie sich auch zu den meisten Zeiten
       Im voraus bezahlen seine Arbeiten;
         Dieses belief sich meistens schon hoch,
         Ohne was er forderte extra noch.

   24. So bekam er fr auerordentliche Mhe,
       Klber, Hammel, oder gar melke Khe;
         Auch Korn, Bume, und so weiter, nahm er mit,
         Denn er hatte zu allem App'tit.

   25. Andre Kleinigkeiten, zum Exempel: Eier, Butter,
       Gnse, Hhner und dergleichen Kchenfutter,
         Nahm noch obendrein die Jungfer Kchin
         ^Quasi^ ohne sein Vorwissen hin.

   26. Von solchem berflssigen Kchensegen
       Konnte sie fr ihn manchen Thaler zurcklegen;
         Denn sie trieb damit anderwrts
         Einen vortheilhaften Handel und Commerz.

   27. So begab sichs, da den Clienten, eh sie kaum anfingen,
       Schon die Augen fr Angst bergingen,
         Und wenn einer auch endlich den Streit gewann,
         So war er doch geworden ein armer Mann.

   28. Denn obgleich der Proce war gewonnen,
       So war doch das Vermgen schier dabei zerronnen,
         Und Herr Schlauch nahm das Restchen vom Gewinn
         ^Pro studio et labore^ flugs hin.

[Illustration]

   29. Gern htt' mancher sich Anfangs wollen vergleichen,
       Herr Schlauch wut' aber demselben auszuweichen,
         Und schwur, die Sache stnde trefflich und gut;
         Das machte der Partei dann neuen Muth.

   30. Da trank er dann mit seinen Clienten
       Schnaps, Punsch, oder was sie ihm sonst gnnten;
         Besonders kam ihm beim edlen Wein
         Manch schner Einfall aus'm Corpus Juris ein.

   31. Er war stark belesen in allen juristischen isten,
       Civilisten, Criminalisten, Publicisten,
         Und so weiter; brigens hielt sich der Mann
         An den gewhnlichen Rechtsschlendrian.




Neuntes Kapitel.

Wie der Jobsische Proce gefhret ward. Ein Kapitel, welches man
berschlagen kann, weil es nur den gewhnlichen Weg Rechtens enthlt.


    1. Diese waren dann die beiden Advocaten,
       Welche die Jobsischen Processe fhren thaten.
         Sein Assistent war Herr _Schluck_, der Dickbauch,
         Und seiner Gegner Assistent war Herr _Schlauch_.

    2. Die Sachen wurden getrieben anfangs sehr hitzig;
       Die Grnde ^pro et contra^ waren erbaulich und witzig,
         Und vielleicht gibt Herr Schlauch oder Herr Schluck
         Einst noch den ganzen Proce in Druck.

    3. Beide Herren waren im Grunde gute Freunde,
       Nur in ihren Schriften agirten sie als Feinde;
         Fochte dann einer recht mit Chicane und Grimm,
         So dacht' der Client froh: Ha seht, der kann's ihm!

    4. Es war eine Lust zu sehn in den Acten,
       Wie sich beide Gegner bissen und packten.
         Ich fhre nur hier, so gut ich es kann,
         Eines und anderes in der Krze an.

    5. Doch will ich die eigentlichen Chicanen bergehen,
       Denn ich thu' mich als juristischer Laie drauf nicht verstehen,
         Und halte mich also, so gut als es geht,
         Blos an des Processes Realitt.

    6. Ich erzhle auch nicht in der Advocaten Sprache,
       Weil das nur mchte verwirren die ganze Sache,
         Und vom sogenannten ^Stilus Curiae^
         Thun ohnehin dem Leser leicht die Ohren weh.

    7. So sagte klagend, zum Exempel, der Todtengraber:
       Das Grab und die brigen Anstalten hab' er
         Fr niemand als Hieronimo gemacht, frwahr
         Das Factum sei notorisch und sonnenklar.

    8. Ferner, wie jedem bekannt sei, leb' er
       Blos von seinem Metier als Todtengrber;
         Ihm competire also, ohn' Contradiction,
         Fr seine Arbeit der verdiente Lohn.

    9. Zudem hab' Beklagter, statt sich zu lassen verscharren,
       Ihn, Klgern, ffentlich gehabt fr'n Narren;
         Denn jedermann habe ihn ausgelacht,
         Weil er das Grab vergeblich gemacht.

   10. Klger glaub' also, es sei hchst gerecht und billig,
       Da Beklagter die Begrbnikosten willig
         Auskehre, oder allenfalls jetzt noch,
         Kriech' in das fr ihn gemachte Loch.

   11. Daneben ihm ffentlich und frmlich erklre:
       Wie es ihm hchst verdrsse und leid wre,
         Da er ihn, Klgern, als 'nen ehrlichen Mann,
         So getuschet und schrecklich gefhret an.

   12. Diese Klaggrnde lieen sich nun zwar gut hren,
       Allein Hieronimus lie im Termino dagegen erklren:
         Da ^pro primo^ alles, was geschehn,
         Von ihm weder gebilligt sei, noch gesehn;

   13. Hoffe also, er habe nicht nthig dermalen
       Die vergebliche Mhe des Todtengrbers zu bezahlen.
         ^Pro secundo^ sei es so klar als das Licht,
         Da er, Beklagter, sei todt gewesen nicht.

   14. Nun aber streite es wider alle Gebruche
       Zu begraben eine noch lebendige Leiche;
         ^Ex eo ipso^ gebhre also davon
         Ihm, Klgern, kein Todtengrberlohn.

   15. ^Pro tertio^ sei noch zu bedenken: es habe
       Klger ihn ja nicht wirklich gescharret im Grabe;
         Folglich falle das wesentlichste Stck
         Der Klage in Nullitt zurck.

   16. ^Pro quarto^ sei Klger ja schadlos auf alle Flle,
       Indem er Beklagtens Frau begraben an seiner Stelle,
         Und er wolle ihm herzlich gerne dafr
         Doppelt bezahlen die Begrabungsgebhr.

   17. Auch knne man in keinem Gesetzbuche den Fall lesen,
       Da man Abbitte thun solle, weil man nicht todt gewesen.
         Uebrigens protestire er dagegen hoch,
         Da er jetzt gar sollte noch kriechen ins Loch.

   18. Dies sind nun ohngefhr krzlich die wichtigsten Grnde,
       Die ich in ^Actis hujus causae, pro et contra^, finde;
         Es versteht sich aber, da mancher Punkt dabei,
         Als unerheblich, von mir bergangen sei.

   19. Ich habe ^ex post^ erfahren und gehret,
       Da der Proce habe lange gewhret;
         Denn erst nach der dritten Rechtsinstanz
         Endigte sich dieser verdrieliche Tanz.

   20. Denn in dieser Sache ein passend Urtheil zu sprechen,
       Verursachte dem Richter gewaltiges Kopfbrechen,
         Bis sie doch endlich zu Ende kam
         Durch folgende ^Final sententiam^.




Zehntes Kapitel.

Enthlt ^finalem Sententiam in Causa^ des Todtengrbers zu Schildburg,
^qua^ Klgers eines Theils; ^contra^ und gegen den weiland todtgewesenen
und nun wieder lebendigen Nachtwchter Hieronimus Jobs, ^qua^ Beklagten
andern Theils; worin abseiten des letzteren succumbirt wird, ^cum
omnibus Expensis^; mit ^Rationibus dubitandi et decidendi^ gehrig
bekrftigt.


    1. In Sachen Klgers und Beklakten,
       Erkennet man nach durchgesehenen Acten,
         Mit Vernunft und Billigkeit fr Recht:
         Da Beklagter Hieronimus schlecht-

    2. erdings dem Klger satisfacire
       Und den Begrbnilohn ohne Verzug abfhre;
         Jedoch bleibt ihm bei diesem Proce
         Vorbehalten an Herrn Schnellern der Regre.

    3. Auch in alle muthwillig verursachte Kost und Gebhren
       Thut man Beklagten dabei condemniren;
         Jedoch kann er ^erga condignum^ davon
         Bei uns nachsuchen erst rechtliche Moderation.

    4. Uebrigens will man aus Schonung und andern Grnden,
       Ihn von Abbitte und Ehr'nerklrung diesmal entbinden;
         Jedoch gibt man die Warnung fr knftig ihm mit:
         Wenn er wieder stirbt, den Todtengrber zu foppen nit.

    5. Denn obgleich Beklagter das Begrbni nicht gebilliget,
       Und in dem, was Klger gethan, nicht eingewilliget,
         So hat doch diese Einwendung nicht
         Das erforderliche rechtliche Gegengewicht.

    6. Sintemal alle gesittete Vlker haben,
       So viel constirt, ihre ehrlichen Todten immer begraben,
         Und man braucht, wenn dieser ^Actus^ geschicht,
         Dazu den Consens des Verstorbenen nicht.

    7. Auch obgleich er nicht wirklich todt gewesen,
       Sondern aus dem Sarge wieder lebendig genesen,
         So konnte doch der Todtengrber nicht
         Davor, sondern war willig zur Pflicht.

    8. Succumbens hat auch damals als Todter wirklich gehandelt,
       Und war still, als man mit ihm zum Kirchhofe gewandelt;
         Folglich alterirt es nichts, obschon
         Die Einscharrung nicht gediehn zur Excution.

    9. Von Abbitte, Ehr'nerklrung u. s. w. ihn zu dispensiren,
       Will sich aber darum geziemen und gebhren,
         Weil's ihm billig nicht kann werden verdacht,
         Da man fr ihn vergeblich das Grab gemacht.

   10. Zudem war ja Klgers Arbeit nicht gar verdorben,
       Sintemal Beklagtens Frau bald darauf gestorben,
         So da man sie folglich an seiner Statt hab'
         Versenkt in das schon fertige Grab herab.

   11. Billig ist auch der Punkt des zu habenden Regresses
       An Herrn Schneller, wegen aller Kosten des Processes,
         Denn dieser hat ihn wieder zur Gesundheit gebracht,
         Und also die ganze Unordnung verursacht.

   12. Dieserwegen hat man dann diesmal nicht knnen
       Anders in dem wichtigen Handel erkennen;
         Bleibet es also bei der Sentenz.
         _Von Rechtswegen._
                    _Judex Peter Squenz._

   13. ^Pro^ Abfassung der Sentenz sind ^judici^ ohn' Beschweren
       Vom Succumbenten 20 Thaler auszukehren.
         Auch mu er erlegen noch 4 Thaler von
         Der ^Sententiae^ Publication.

   14. ^Pro communicatione sententiae^ an beide Partien
       Mu er noch 3 Thaler hervorziehen.
         ^Item pro duplo mundo et^ Copei
         Noch Gulden sieben und Groschen drei.

   15. ^Pro decreto ad audiendum publicare^
       Bezahlt er noch extra gleich 4 baare
         Gulden, und fr die Registratur
         Rechnet man sieben ^dito^ nur.

   16. Noch 3 Thaler und 4 Groschen fr die Geschften,
       Die Acten gehrig zu ordnen und zu heften.
         ^Similiter^ drittehalb Thaler fr
         Tinte, Oblaten und Stempelpapier.

   17. Fr schleunige Expedition sind dermalen
       5 Thaler und 8 Groschen zu bezahlen,
         Und fr dieser Rechnung Specification
         Sind 1 Thaler und 12 Groschen der Lohn.

   18. Dem Gerichtsdiener besonders, competiren
       22 Groschen fr Insinuationsgebhren.
         ^Nota bene!^ alle diese benannten ^Sumtus^
         Betreffen nur lediglich den Sentenzschlu;

   19. Denn die eigentlichen Sporteln bei der Procefhrung
       Werden bestimmt bei besonderer Specificirung,
         Und die Gelder alle deponirt Succumbens
         Bei dem Herrn Richter Peter Squenz.

   20. Dem Herrn _Schluck_ ^pro defensione et labore^,
       Werden vorlufig zuerkannt 8 Louisd'ore,
         Und des Triumphanten Advocaten Herrn _Schlauch_
         Passiren 4 Louisd'ore auch.

   21. Ob Succumbenten hier Recht oder Unrecht geschehen,
       Ich finde noch immer ein Sprichwort bewhrt,
         Es heit: _Wer gut schmieret, gut fhrt._

   22. Da Hieronimus bei der Behrde
       Ueber die Sportelrechnung gefhret Beschwerde,
         Und da man da ein Weniges wegstrich
         Und moderirte, versteht von selbst sich.

   23. Mit dem andern Proce, wegen dem neuen Nachtwchter,
       Wr' es vermuthlich gegangen noch schlechter,
         Wenn nicht durch ein besonders Ohngefhr
         Die Sache glcklich beendigt wr';

   24. Und man wrde vielleicht nach sehr langen Jahren
       Erst davon das Ende haben erfahren;
         Oder sogar wre bei Herrn Judex Squenz
         Noch jetzt, da ich dies erzhle, ^Lis pendens^.




Eilftes Kapitel.

Lobrede auf die verstorbene Frau Jobs; sehr beweglich zu lesen.


    1. Von welcher Art jenes Ohngefhr gewesen,
       Das soll man erst im 17ten Kapitel lesen,
         Denn ich bringe vorher noch ein und anderlei,
         Was zur Nebengeschichte gehret, herbei.

    2. Wir haben im dritten Kapitel schon vernommen,
       Wie Hieronimus um seine Frau gekommen,
         Und da ihm solche Freund Hein geraubt,
         Welches er sobald nicht gehofft noch geglaubt.

    3. Er empfand ihren Verlust eben nicht schmerzlich,
       Denn dies Ehepaar liebte sich nie herzlich;
         Die Ursache aber davon zu verstehn,
         Wollen wir die selige Frau etwas nher besehn.

    4. Sie war von einem wohlerwrdigen Stande,
       Die Tochter eines braven Pfarrherrn vom Lande,
         Welcher bei seinen Einknften klein
         Doch lehrte und lebte orthodox und rein.

    5. Gleichwie nun gemeinlich die Landpfarrer haben
       Wenig Bcher und Geld, aber viel Mdchen und Knaben;
         So traf auch dies bei ihren Eltern ein,
         Denn sie war das Kind an der Numero neun.

    6. Sie lernte frhzeitig beten, lesen und schreiben
       Und allerlei ntzliche Hausknste treiben;
         Sie nhte, strickte, wusch und spann
         Und nahm sich der Kche und des Stalles an.

    7. Sie wurde sogar von ihren lieben Alten
       Fleiig zu Landarbeiten angehalten,
         So da sie des Morgens so fix und rasch
         Wie ein gelernter Drescher drasch.

    8. Sie besa dabei die ruhmwrdige Tugend,
       Da sie gerne schon frh in der Jugend
         Mit den Dorfjungen schkern that;
         Denn sie war nicht stolz noch delicat.

    9. In der Ernte und beim Weinlesen
       Hatte sie recht ihr Treiben und Wesen,
         Ueberwarf sich mit manchem Buben zum Spa
         Und wlzte sich herum im Heu und Gras.

   10. Sie bertraf in Strke der Knochen und Glieder
       Alle ihre brigen Schwestern und Gebrder;
         Und darum nannte man sie allgemein
         Des Herrn Pfarrers starke Katharein.

   11. Sie war mit Schnheit zierlich ausgerstet,
       Bei guter Taille und ziemlich bebrstet,
         Und darum brauchte ihr Mieder und Gesicht
         Falsche Ausstopfung und Schminke nicht.

   12. Bis ins achtzehnte Jahr ist sie Jungfer gewesen,
       Da sie dann eines kleinen Kindleins genesen,
         Welches aber gleich nach der Geburt starb,
         Folglich nichts Sonderliches an ihr verdarb.

   13. Sie htte bei derma bewandten Sachen
       Wol einmal ihr Glck durch Heirathen knnen machen,
         Wenn's ihr nur nicht am Gelde gefehlt,
         Welches man beim Heirathen frs Nthigste hlt.

   14. Ihr ist dabei noch das Unglck begegnet,
       Da ihr Vater bald drauf das Zeitliche gesegnet,
         Und da fand sich beim Inventar,
         Da wenig oder nichts vorhanden war.

   15. Denn auer einigen alten Percken und Postillen,
       Abgetragenen Rcken, zerbrochnen Sthlen und Brillen,
         War beim Nachla des Seligen
         Kaum etwas zu finden noch zu sehn.

   16. Dabei ergaben sich noch einige Schulden
       Von etwa 120 bis 130 Gulden,
         Drum so hie es bei Wittwe und Kindern dann:
         Jedes helfe sich, so gut es kann.

   17. Die Wittwe blieb bis an ihr Ende im Dorf wohnen,
       Nhrte sich redlich von Buttermilch, Pfannkuchen und Bohnen,
         Und was sonst die Bauern ihr noch, aus Respect
         Fr den Wohlseligen, kmmerlich dargestreckt.

   18. Mit unsrer Katharine ging es etwas besser;
       Denn Schildburgs Nachtwchter, des Hieronimi Antecesser,
         Der sie nach seinem Geschmacke befand,
         Knpfte mit ihr das ehliche Band.

   19. Er brauchte gar nicht lange um sie zu freien,
       Denn sie that ihn gleich mit ihrer Hand erfreuen,
         Und eh' er sich ihrer Einwilligung versah,
         Sprach sie ber Hals und Kopf: Ja!

   20. Aber schon in den ersten Ehstandstagen,
       Wollte ihm dies Bndni so recht nicht mehr behagen,
         Denn des Olim Pfarrers Katharin
         Fuhr beim geringsten Anla her ber ihn,

   21. Und die sonst blichen Flitterwochen
       Wurden wider alle Gewohnheiten schnell abgebrochen,
         So da der arme junge Mann da
         Eigentlich nicht wute, wie ihm geschah.

   22. Ueberall that sie den Herrn im Hause spielen,
       Und lie es ihn tagtglich empfinden und fhlen,
         Da sie die Tochter einer Dorfpfarrei,
         Er aber nur ein Halunke von Nachtwchter sei.

   23. Indessen mute er sich in die Umstnde fgen,
       Und unter ihren groen Pantoffel geduldig schmiegen,
         Bis ihn endlich von allem Kreuz und Leid,
         Der so oft gewnschte Tod befreit.

   24. Wie nachher Hieronimus Jobs gekommen
       Und sie mit dem Nachtwchterdienst zugleich bernommen,
         Dieses wissen wir allerseits
         Aus dem 36ten Kapitel des ersten Theils bereits.

   25. Ihm ging's mit ihr nicht besser als seinem Antecesser;
       Ja sein Elend war gewissermaen schier grer;
         Denn es ging fast kein Tag vorbei
         Ohne Haarcollation und Prgelei.

   26. Sie verstund sich trefflich aufs Beien und Kratzen,
       Uebertraf in dieser Kunst manche Hunde und Katzen,
         Machte oft die Augen geblaut und blund
         Und des armen Mannes Nase und Haut wund.

   27. Auch alle Einknfte und geringen Gewinnste
       Von seinem blutsauern Nachtwchterdienste,
         Versoff Olim Pfarrers Katharein
         Theils in Kaffee, theils in Branntewein.

   28. Und wenn er dem nchtlichen Berufe nachginge,
       Trieb sie manche sich nicht geziemende Dinge,
         Und gleichwie in einem Taubenhaus
         Flog einer ein und der andre aus.

[Illustration]

   29. Da brauchte dann vom Abend bis zum lichten Morgen,
       Hieronimus fr keine Hrner zu sorgen;
         Denn es verstrich keine einzige Nacht,
         Oder es wurde ihm ein neues gemacht.

   30. Wenn er sich dann durstig und md gesungen und gewachet
       Und nunmehro sich wieder nach Hause gemachet,
         Fand er zur Erquickung, Gott erbarm's!
         Weder Thee, Kaffee, noch sonst was Warm's.

   31. Wollte er etwa zuweilen bei hellem Tage,
       Ein wenig ausruhn von seines Amtes Plage,
         So hie es: Heraus aus dem Schlaf und der Ruh',
         Du infamer fauler Rkel und Schlingel du!

   32. Und so war in diesem Hause gewhnlich
       Ein Tag dem andern, wie ein Ei einem Ei hnlich,
         Und des Pantoffels monarchisches Regiment
         Hielte weder Ma, Ziel, noch End'.

   33. Doch lief auch dem Hieronimus zuweilen die Galle ber,
       Und dann ging's kraus und bunt, drunter und drber,
         Und die Frau bekam dann oft ein Bagatell
         Von ihrem Ehemann wieder aufs Fell.

   34. Denn zuweilen dacht' er an des Pfarrers Lehre
       Bei der Copulation: da der Mann Herr wre,
         Und so bte er das gebhrliche Recht im Haus
         Nebst dazu gehriger Execution aus.

   35. Aber niemals konnte es ihm doch gelingen,
       Seine theure Ehehlfte ganz zur Raison zu bringen,
         Und der Handel lief immer so ab,
         Da er wieder die ersten guten Worte gab.

   36. Mancher andrer htte inde, ohne zu erkalten,
       Diese Lebensart so lange nicht ausgehalten,
         Denn es wei leider mancher Ehemann,
         Wie eine bse Frau einen qulen kann.

   37. Es war dem Hieronimo folglich nicht zu verdenken,
       Da seiner Frauen Tod ihn nicht thte krnken,
         Er war vielmehr herzlich erfreuet und froh
         Und sange darob: ^in dulci jubilo^.




Zwlftes Kapitel.

Wie Hieronimus der Wittwer sich sehr vernnftig betrug. Ein rares
Kapitel.


    1. Wittwer Hieronimus lebte nun auf diese Weise,
       Wie in Abrahams Schooe und im Paradeise,
         Suchte anderswo seinen Zeitvertreib,
         A, trank, und pflegte seinen Leib.

    2. That auch seit seinem damaligen Auferstehen,
       In allen Stcken sich sehr vernnftig begehen,
         Und erlangte im ganzen Lande herum
         Wegen seines Abenteuers Bekanntschaft und Ruhm.

    3. Er blieb auch bei dem eisenfesten Frnehmen
       Alle Begierde zur neuen Heirath zu bezhmen;
         Denn er dachte: Wer sich einmal verbrannt,
         Kennet das Feuer und htet die Hand.

    4. Zwar schien es ihm an Gelegenheit nicht zu fehlen,
       Sich eine neue Gattin zu auserwhlen,
         Denn er war ledig und kinderlos
         Und dabei rstig, stark und gro;

    5. Auch erst alt etwas ber 40 Jahre,
       Jetzt auch gescheidter als er vormals ware,
         Uebrigens befand sich Hals, Kehle und Lung'
         Zum Singen und blasen noch krftig und jung;

    6. Hatte folglich alle Eigenschaften und Qualitten,
       Welche Wittwen und Mdchen beim Heirathen vonnthen;
         Allein vergeblich war jeder Versuch,
         Er blieb Wittwer und dran that er vernnftig und klug.

    7. Nun verrichtete er auch mit dem andern Wchter, seinem Collegen,
       Sein Amt cum applausu, mit Frucht und mit Segen;
         Zuweilen aber machte der Nahrungsneid
         Eine kleine Collision und Uneinigkeit.

    8. Er sang vor wie nach: Bewahrt das Feuer, das Licht und eure
       Tchter;
       Allein sein College, der andre Nachtwchter,
         Stimmte aus Caprise einen andern Ton,
         Und machte folgende Variation:

    9. Hrt ihr Herren, was ich euch hiemit sage,
       Verwahrt des Nachts sowol als bei Tage,
         Das Feuer, das Geld und eure Weiber wol,
         Sonst geht es berall schlecht und toll,

   10. Und es entstehen Feuersbrnste und Hrner,
       Concurse, Bankerotte und was ferner
         Alles daraus fr Unheil erwchst --
         Das Uebrige lie er beim alten Text.

   11. Doch um dergleichen geringe Kleinigkeiten
       Sich ernstlich zu hassen und mit einander zu streiten,
         Wre, traun, gewesen ganz berlei,
         'S geschah ja doch alles zum Frommen der Brgerei.




Dreizehntes Kapitel.

Potz Blitz! da kommt der Herr von Ohnewitz.


    1. Es kamen fast tglich viele Damen und Herren
       Gen Schildburg hin, aus der Nhe und von Fernen,
         Um den besondern Mann persnlich zu sehn,
         An welchem jenes Wunder geschehn.

    2. Da bekam er dann, wie leichtlich zu gedenken,
       Von ihnen manche ansehnliche Geschenken,
         Und dies brachte ihm weit mehr Gewinnst
         Als der karge halbe Nachtwchterdienst.

    3. Er lebte also sehr reputirlich,
       A, trank und kleidete sich manierlich,
         So da er sich dabei so glcklich befand,
         Als ein Brger im Priester-Johannisland.

    4. Einsmal lie sich bei unserm Geschichtshelden
       Ein hochansehnlicher reisender Herr melden,
         Und so bald sie einer den andern sahn,
         Himmel, wie staunten sie beide sich an!

    5. Der Herr sah hier vor sich seinen ehmaligen Retter,
       Hieronimus ^vice versa^ seinen alten Wohlthter;
         Da hie es: Ist Er's, Herr Hieronimus? Potz Blitz! --
         Ja ich bin es! Sind Sie's, Herr von Ohnewitz?

    6. Ueber 16 Jahre waren schon verstrichen,
       Seitdem Hieronimus von Ohnwitz war entwichen,
         Und es hatte seit dieser Zeitstation,
         Sich manches verndert in beider Person.

    7. Dennoch erkannte man sich pltzlich jetzunder,
       Und da sahe man recht seinen blauen Wunder,
         Denn wer htte jemals kaum
         So etwas zu denken gewagt im Traum?

    8. Den eigentlichen Willkomm hab' ich nicht gesehen,
       Will also seine Beschreibung bergehen,
         Und melden im folgenden Kapitel nur
         Wie die Hauptgeschichte ferner fortfuhr.




Vierzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus dem Herrn von Ohnewitz seine Geschichte treulich
erzhlet, mit Uebergehung desjenigen, was ihm unerheblich dnkte.


    1. Erst hub an Hieronimus seine Geschichten
       Dem Herrn Patron ganz unterthnig zu berichten,
         Und machte den ersten Anfang von
         Der Ohnewitzer Rebellion:

    2. Wie da sowol die Alten als die Jungen
       So unsuberlich mit ihm umgesprungen,
         Und er mit groer Lebensgefahr,
         Den wthigen Bauern entgangen war.

    3. Ferner, wie er auf der Reise zum Herrn Patron nach Bayern
       Herumgetrieben sei von manchen Abenteuern,
         Und wie er demnchst auf seiner Flucht
         Manchen Unbill erlitten und versucht.

    4. Doch die Geschichte mit Amalien berging er
       Als ganz unerheblich, dagegen fing er
         Ferner von seinem Theaterstand an
         Zu erzhlen, und was er dann weiter gethan.

[Illustration]

    5. Wie er nmlich nach seiner Heimat gekommen,
       Den vacanten Nachtwchterdienst bernommen
         Und gewacht und gesungen frh und spat;
         Item von seiner Heirath.

    6. Auch von seinem Abschiede von der Erden,
       Und wie er habe sollen wirklich begraben werden,
         Aber wie ihn aus Freund Heins Klauen noch htt'
         Herrn Schnellers Geschicklichkeit errett't.

    7. Wie drauf seine Frau vom Schreck erblasset,
       Welche Sentenz im Proce man abgefasset
         Und dieser traurigen Dinge noch mehr.
         Die Erzhlung selbst ging ohne Thrnen nicht her.

    8. Als er nun damit war gekommen zu Ende,
       Schlug Herr von Ohnwitz fr Erstaunen in beide Hnde,
         Und erzhlte im folgenden Kapitel drauf
         Von der Ohnwitzer Geschichte den weitern Verlauf.




Funfzehntes Kapitel.

Scharfe Gerechtigkeitspflege in Ohnewitz.


    1. Als er von der Reise damals zurckgekommen,
       Habe er des Breitern mit Unwillen vernommen,
         Was da in seiner Abwesenheit
         Gewesen fr Unordnung und Streit;

    2. Darauf alle Ohnwitzer lassen frmlich citiren,
       Und durch Fiscum genau inquiriren,
         Welche da alle an dem groen Unheil
         Gehabt htten Part und Antheil.

    3. Habe demnchst ber Junge und Alten
       Ein unbarmherziges Gerichte gehalten
         Und den Ohnewitzer unerhrten Fall
         Durchaus behandelt als criminal.

    4. Man habe ihn durch vielfltiges Suppliciren
       Zwar versucht zu besnftigen und zu rhren;
         Allein er wre vor wie nach die Bahn
         Der strengsten Gerechtigkeit gegahn.

    5. Denn bei solchen und derlei Revolutionshndeln
       Lange zu zaudern und ngstlich zu tndeln,
         Halte er gar nicht fr dienlich und gut;
         Besser sei Entschlossenheit und ernster Muth.

    6. Er htte gern gesehen, da man nach aller Strenge
       Die allerschlimmsten Bellhmmel aufhnge,
         Und nach dem peinlichen Halsgericht
         Den Handel mit Strick und Schwert geschlicht't.

    7. Aber um die Scharfrichterkosten zu ersparen,
       Habe er wollen etwas gelinder verfahren,
         Weil doch ohnehin zu dieser Frist
         Das Hngen fast aus der Mode ist.

    8. Indessen habe er die ^Auctores Rixae^
       Tchtig lassen blasen in die Bchse,
         Und mit dieser Uebung der Gerechtigkeit
         Zugleich das Interesse Fisci erfreut.

    9. Auch weil alle brigen ^Socii Rixae^
       Verdient htten, da Fiscus sie brav wixe,
         So htte auch jeder von ihnen den Lohn
         Erhalten nach gehriger Proportion.

   10. Um die nthigen Exempel zu statuiren,
       Habe er die rmeren Teufel lassen incarceriren,
         Und solche zehn Wochen bei Wasser und Brod
         Hungern lassen fast bis auf den Tod.

   11. Die Schlimmsten wren mit Willkomm und Abschied entlassen,
       Und, jedoch ^salva fama^, gejagt auf fremde Straen,
         Und ihr ganzes Gut und Vermgen sei
         Cassirt zum Behuf der Kasse der Canzlei.

   12. Denn sie auf die Vestung zu condemniren,
       Habe sich nicht knnen fgen noch gebhren,
         Weil im ganzen Ohnwitzer Land
         Sich weder Stadt, geschweige Vestung befand.

   13. Nachdem aber jeder gebhrliche Strafe erhalten,
       Habe er wieder seine Gnade lassen walten,
         Und mit landesvterlicher Hulde sie
         Erfreuet durch vllige Amnestie.

   14. Einige wrden's jedoch lebenslang fhlen
       Und nie wieder so strafbare Rollen spielen;
         Denn manche Familie wre herab
         Durch Fiscum gebracht an den Bettelstab.

   15. Nach einigen publicirten Warnungsmandaten,
       Wre nun wieder in den Ohnewitzer Staaten
         Alles in Ordnung, Friede und Ruh'.
         Ich der Autor wnsche Glck dazu.




Sechszehntes Kapitel.

Bei welcher guten Gelegenheit Herr von Ohnewitz nach Schildburg
gekommen, thut der Autor hier aufrichtig erzhlen.


    1. Gleich darauf ist auf des Herrn Patrons Verlangen,
       Hieronimus mit ihm in sein Logis gegangen,
         Um daselbst bei einem Glslein Wein
         Sich des Wiedersehens desto mehr zu freun.

    2. Denn gemeinlich lt sich unterm Trinken und Zechen
       Vernnftiger und vertraulicher mit einander sprechen,
         Und mancher sonst gar trockne Discur
         Bekommt da gleichsam eine andre Natur.

[Illustration]

    3. Herr von Ohnewitz sagte, mit der gegenwrtigen Reise
       Verhalte es sich eigentlich auf folgende Weise:
         Eine alte Tante im Schwabenland,
         Welche sich sehr schwach und krnklich befand,

    4. Wollte noch vor ihrem Gott geflligen Absterben,
       Herrn von Ohnwitz, ihren Pathen, einsetzen zum Erben,
         Entbote also schleunig den Herrn Cousin
         In dieser Absicht nach Schwabenland hin.

    5. Sobald nun die gedachte liebe Tante
       Diese Nachricht ihrem lieben Cousin sandte,
         So ermangelte derselbe nicht,
         Ihr zu entrichten die christanverwandtliche Pflicht,

    6. Um zu erhalten ihren letzten frommen Segen;
       Denn sie besa ein groes Vermgen,
         Theils ^in Natura^, theils auf'm Papier,
         Nebst Mbeln, Juwelen und Silbergeschirr.

    7. Nun lauerten zwar lange auf ihr Absterben
       Im Schwabenlande andre Collateralerben;
         Jedoch der Herr Pathe von Ohnwitz allein
         Sollte nach ihrem letzten Willen der Erbe sein.

[Illustration]

    8. Er hatte sie hchst schwach angetroffen,
       So gar da sie, wider alles Verhoffen,
         Drei Tage nach gemachtem Testament,
         Heimfuhre aus diesem Elend.

    9. Herr von Ohnewitz, den ihr Betragen sehr rhrte,
       Besonders als er sah, da sie agonicirte,
         Drckte ihr persnlich die Augen zu
         Und wnschte ihr eine angenehme ewige Ruh.

   10. Nachdem er drauf in Kurzem alles das Seine
       Von dieser Erbschaft gebracht hatte ins Reine,
         Kehrte hochgedachter Herr von Ohnewitz
         Wieder zurck nach seinem freiherrlichen Sitz.

   11. Und da mute, zu beiderseitigem Vergngen,
       Es das Schicksal so wunderbar drehen und fgen,
         Da Herr von Ohnwitz in seinem Retour,
         Durch Schildburg bei dieser Gelegenheit fuhr.

   12. Weil nun bekanntlich die Gastwirthe in Schwaben
       Besondre Fertigkeit im Schneiden und Erzhlen haben,
         So machte auch Herrn von Ohnwitz Wirth zur Hand
         Ihn mit des Hieronimi Geschichte bekannt.

   13. Folglich lt sich nun ohne Lgen und Mhe,
       Die im dreizehnten Kapitel erzhlte Entreve
         Erklren, und da solche geschehen sei
         Ohne Wunderwerk und ohne Hexerei.




Siebzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz reiset und sein Abschied von
seinen Freunden in Schildburg, ^item^ von Herrn Judex Squenz.


    1. Nachdem nun diese Erzhlung war abgebrochen
       Und man noch manches andre gesagt und gesprochen,
         Legte der reiche Herr Patron folgenden Plan
         Zu Hieronimi knftigem Glcke an:

    2. Vorab sollte er wieder mit ihm nach Ohnwitz reisen,
       Bei ihm auf dem Schlosse wohnen und speisen,
         Und dann knnte man ferner warten und sehn,
         Was zu seiner Versorgung mchte geschehn.

    3. Diese Offerte that Hieronimo gaudiren;
       Denn ohne lange zu complimentiren,
         Empfahl er sich zur hohen Gewogenheit
         Und war zu allem unterthnigst bereit.

    4. Nun war am Reisewagen was zu bessern und zu putzen;
       Diesen Aufenthalt suchte Hieronimus zu benutzen.
         Er ging vorerst und nahm mittlerweil'
         Abschied von seinen Freunden in der Eil'.

    5. Um sich aber zur Abfahrt desto besser zu berathen,
       Schenkte ihm der Herr Patron einen Beutel voll Ducaten;
         Diesen lie aber der gute Hieronimus
         Halb seiner Mutter und jngsten Schwester zum Abschiedsgru;

    6. Gab auch der Mutter noch alle seine Habe zum Erbe.
       Der Abschied war brigens traurig, bitter und herbe;
         Sie hing lange weinend an seinem Hals
         Und seine Schwester Esther ebenfalls.

    7. Den Proce mit dem Nachtwchter, seinem Collegen,
       Schlug er nieder und wnschte ihm allen Segen,
       Und in seinem Beruf Wachsamkeit und Geduld;
       Bezahlte auch den grten Theil der Proceschuld.

[Illustration]

    8. Auch Herrn Schneller that er freundlich begegnen,
       Unterlie nicht ihn nochmals fr seine Rettung zu segnen,
         Und dieser gab ihm auf die Reise noch mit
         Eine groe Flasche voll Aquavit.

    9. So letzte er sich zrtlich mit allen seinen Freunden,
       Vergab seinen ehmals nchtlichen Schwgern und allen Feinden;
         Aber dem Herrn Judex Peter Squenz
         Wnschte er noch heimlich die Pestilenz.

   10. Nunmehr hat er sich hchlich vergnget
       Wieder zum Herrn Patron ins Quartier verfget.
         Alles war fertig, man trank noch ein Glas,
         Stieg ein in den Wagen und reisete frba.




Achtzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus mit dem Herrn von Ohnewitz auf der Reise ist, und was
sich da zugetragen hat, weil er vernnftig befunden ward.


    1. Auf der Reise ist ihnen nichts Sonderliches passiret,
       Auer was jedem Reisenden durch Deutschland arriviret,
         Und was zu bemerken die Mhe nicht lohnt,
         Weils lngst so jeder Passagier gewohnt.

    2. Nmlich hier und da bei Nacht leuchtende Irrgeister,
       Und bei Tage viele grobe Postmeister;
         Meist schlechte Wege und langsame Post;
         In den Quartieren magre, doch theure Kost;

    3. Verfallene Nachtherbergen, aber drinnen
       Gutherzige Mgde und freundliche Wirthinnen,
         Wo man um manchen baaren Thaler Geld
         Auf feine und grobe Art wird geprellt;

    4. Kalte Stuben; alte Schlafsttten;
       Zur nchtlichen Ruhe unreine Betten,
         Wornach, wenn's sonst nicht schlimmer noch geht,
         Doch ein wenig Jucken der Haut entsteht;

[Illustration]

    5. Statt guter Pferde elende Schindmren;
       Ueberall Zlle, Schlagbume und Barrieren;
         Scharfer Krtzer, statt gutem Wein;
         Und was derlei Kleinigkeiten mehr sein.

    6. Sie vertrieben sich auf die bestmglichste Weise
       Die Zeit auf ihrer langwierigen Reise,
         Und ein gut geflltes Flaschenfutt'ral
         Kam ihnen dabei zu statten mannichmal.

    7. Ueber viele ihnen vorkommende Sachen
       Wute Hieronimus seine Anmerkungen zu machen;
         Und der staunende Herr von Ohnewitz fand
         Darin berall groen Witz und Verstand.

    8. Einmal that er den Finger an die Nase legen
       Und schien lange genau etwas zu erwgen,
         Bis er pltzlich das Stillschweigen brach
         Und Folgendes zu Hieronimo sprach:

    9. Lieber Hieronimus! hre Er, was ich von Ihm halte:
       Ich sehe, Er ist vernnftig und nicht mehr der Alte,
         Und finde Ihn im Gehirn und Verstand
         Ganz und gar gleichsam umgewandt;

   10. (Hieronimus machte hier sehr ehrerbietig
       Einen Bckling und erwiderte: Sie sind sehr gtig!
         Doch diesen Umstand erzhle ich hie
         Nur gleichsam als in Parenthesi.)

   11. Der Himmel gebe ferner dazu sein Gedeihen,
       So wird mich solches sehr herzlich erfreuen!
         Denn ich bin von fest entschlossnem Sinn
         Noch etwas Rechtes zu machen aus Ihm.

   12. Meinen Sohn, den ich will lassen studiren,
       Soll Er auf die Universitt als Hofmeister fhren,
         Ich schiee gerne die Kosten all' her
         Und geb' Ihm 400 Gulden und mehr.

   13. Indem Er dann diese Bedienung verwaltet,
       Kann Er, denn Er ist noch nicht veraltet,
         Allda das ^Studium theologicum^ dann
         Wieder anfangen gleichsam von vorne an;

   14. Und wenn Er einst, wie ich hoffe, hochgelehret,
       Wieder von der Academie zurcke kehret,
         So geb' ich, bei meiner hochadligen armen Seel'!
         Ihm zu Ohnwitz die erste vacante Pfarrstell'.

   15. Hier wollte Hieronimo fr Freude das Herz brechen;
       Nur stammelnd vermochte er Folgendes zu sprechen:
         Tausend Dank -- Ach ja -- gndiger Herr Patron!
         Will gern Hofmeister sein bei Ihrem Herrn Sohn.




Neunzehntes Kapitel.

Wie Hieronimus zu Ohnewitz ankam, und wie er mit dem jungen Herrn als
Hofmeister nach der Universitt reiset, und so weiter.


    1. Ich habe von der Reise nichts weiter zu sagen,
       Als da man ohne Ansto nach einigen Tagen,
         Ins Ohnewitzer Territorium kam
         Und die Reise ein glckliches Ende nahm.

    2. Als sie aber beide dem Dorf waren nahe
       Und Hieronimus den Kirchthurm zu Ohnewitz sahe,
         Liefe ihm ber die Haut der Schwei
         Kalt wie im Wintermonate das Eis.

    3. Denn er erinnerte sich mit erneuerten Schmerzen,
       Wie sehr ihm das Exil damals gegangen zu Herzen,
         Und was er alles seit seiner Flucht
         Sonst noch erfahren hatt' und versucht.

    4. An seinem Beispiel lt sich greifen mit beiden Hnden,
       Wie wunderlich die menschlichen Fata sich oft wenden;
         Vormals jug man ihn mit Prgeln fort
         Und nun erscheint er als Hofmeister dort.

    5. Als sie endlich in den Schloplatz gefahren,
       Demnchst aus dem Wagen gestiegen waren,
         Und Herr von Ohnwitz seine Dame embrassirt,
         Hat er ihr seinen Gast bald prsentirt.

    6. Sie hat ihn beim ersten Anblick wieder erkennet,
       Ihn ihren alten Freund und Erretter genennet,
         Und lie hierauf den frohen Hieronimus
         Allerhchstgndigst zum Rockku.

    7. Aber nun ging's aufs neue an ein Fragen,
       Was sich wol alles mit ihm habe zugetragen?
         Wo er gestecket, und warum er
         Nicht eher nach Ohnwitz gekommen wr'?

    8. Man sagt, Damen wren berhaupt neugierig,
       Drum war auch diese Dame alles zu wissen begierig,
         Und wirklich erfuhr auch die gndige Frau
         Von ihm alle passirte Dinge genau.

    9. Sie hat ihn herzlich ob seinen Schicksalen bedauert,
       Besonders ber die Flucht von Ohnewitz getrauert,
         Und da man mit so grobem Ungestm
         So unschuldig damals begegnet ihm.

   10. Aber ber einige ihm arrivirte Sachen
       Wollte sie auch fast sich zu Tode lachen;
         Besonders machte es ihr groe Lust,
         Da seine Frau die Zeche bezahlen gemut.

   11. Uebrigens hat sie von ihrem Gemahl vernommen,
       Da Hieronimus nach seinem Tode mehr Verstand bekommen,
         Und deswegen stimmte sie auch gern bei,
         Da er Hofmeister des jungen Herren sei.

   12. Er ward noch ba auf dem Schlosse von Jungen und Alten,
       Als im 27ten Kapitel des ersten Theils, Vers 9 und 10 gehalten,
         Und er hatte niemals, weder vorher noch hernach,
         In seinem Leben so gute Tag'.

   13. Aber mancher Ohnwitzer Flegel von Bauer
       Sah ber seine Ankunft sehr scheel und sauer,
         Denn sie dachten aufs neue daran,
         Was ihnen Fiscus seinetwegen gethan.

   14. Der brave Hieronimus aber schlug sich
       Alle ehemalige Schmach aus dem Sinn und betrug sich
         Gegen Reiche und Arme, Alt und Jung,
         Vor wie nach mit Klugheit und Migung.

   15. Der junge Herr Baron ward ihm bald gewogen,
       Denn er war sehr artig und gut erzogen,
         Und hatte dabei weit mehr Verstand,
         Als sonst meistens ein junger Herr vom Land.

   16. Auch hatten, sowol sein nicht ungelehrter Herr Vater,
       Als auch sein bisheriger geschickter Informator,
         Mit Ernst auf seine Bildung bedacht
         Ihm alle seine Kenntnisse beigebracht.

   17. Nun lie sich Hieronimus von dem jungen Herren
       In vielen nthigen Sachen unvermerkt belehren,
         Also legte er nach und nach, in Sprachen und
         Humanioribus, einen guten Grund.

   18. Auch so lang sein Aufenthalt zu Ohnwitz gewhret,
       Hat er fleiig mit allerlei Bchern verkehret,
         Und manchesmal die ganze liebe Nacht
         Auf der Schlobibliothek studirt und gewacht.

[Illustration]

   19. Zur Erholung spazierte er dann und wann mit seinem Eleven
       In Feld, Wald, oder nach den Bauerhfen,
         Und da lernte er beilufig noch manches Stck
         Aus der Oekonomie und der Physik.

   20. Mit dem jungen Herrn von Ohnwitz zu ziehen
       Abgeredetermaen nach Akademien,
         War endlich die bestimmte Zeit da
         Und man machte die Prparatoria.

   21. Westen, Nachtmtzen, Strmpfe, Halstcher,
       Hemden, Schlafpelze und mancherlei Bcher,
         Packte man ein im Ueberflu,
         Sowol fr den jungen Herrn als Hieronimus.

   22. Kisten und Koffer waren fast schier zu enge,
       Denn von allem war da die schwere Menge,
         Doch billig zieh ich allem brigen vor
         Die mitgegebenen 500 Louisd'or.

   23. Ein Lakei mute sie zur Bedienung begleiten.
       Wir lassen sie nun in Gottes Namen fahren oder reiten,
         Genug, Baron, Hieronimus und der Lakei
         Kamen glcklich an auf der Akademei.




Zwanzigstes Kapitel.

Seine diesmaligen Studia und glckliche Beendigung derselben.


    1. Diesmal hat Hieronimus sich trefflich aufgefhret,
       Tag und Nacht emsig gelernet und studiret,
         Und er versumte in seinem Studium
         Nicht ein einziges Collegium.

    2. Er hat sogar oft Trinken und Essen
       Und andre Bedrfnisse vernachlssigt und vergessen,
         Sa manchmal da, hrte und sahe nicht,
         So sehr war er aufs studiren erpicht.

    3. Er ward zwar oft von andern Studenten vexiret,
       Bei Gelegenheit auch wegen seines Alters cujoniret;
         Allein, er als ein vernnftiger Mann
         Achtete das nicht, und that gar nicht bel dran.

    4. Wenn aber einige, die seinen ehmaligen Stand kannten,
       Ihn den Nachtwchter von Schildburgs Zion nannten,
         So rgerte er sich doch heimlich oft drob,
         Denn er fand den Spa zu gemein und zu grob.

    5. Die Beschreibung seines Studirens will ich unterlassen
       Und nur hiemit in Krze alles zusammenfassen:
         Er lebte ganz nach dem Gegenfu
         Des vormaligen fidelen Burschen Hieronimus.

    6. Er hatte den Beifall aller seiner Lehrer,
       War von allen ihr fleiigster Zuhrer,
         Und nach weniger Jahre Mh'
         War er wirklich viel gelehrter als sie.

    7. Auch an seinem Eleven sah er nichts als Freude;
       Und so endigten nach drei Jahren rhmlich beide,
         Der eine das ^Studium juridicum^,
         Der andere das ^theologicum^.

    8. Ich mag es diesmal nicht weitluftig beschreiben,
       Wie es dagegen viel andre Studenten thaten treiben;
         Denn dies ist alles schon, wie man nach kann sehn,
         Im 13ten Kapitel des ersten Theils geschehn.

    9. Mit den lobvollesten Testimoniis versehen
       Endigten sie nun in Gesundheit und Wohlergehen
         Den wohlgefhreten Burschenlauf
         Und machten sich beide gen Ohnewitz auf.

   10. Sie langten daselbst an wohlbehalten,
       Fanden alles und jedes noch bei dem Alten,
         Nicht das Geringste war verndert alldo,
         Sondern alles wie vorher ^in statu quo^.

   11. Aber sie wurden stattlich aufgenommen und empfangen,
       Denn die gndige Frau Mama trug lngst Verlangen
         Nach ihrem so zrtlich geliebtesten Sohn,
         Den seit drei Jahren nicht gesehnen Baron.

   12. Weder seine Gesundheit noch seine Sitten
       Hatten sich verschlimmert noch sonst gelitten,
         Wie's doch meist auf der Universitt
         Bekanntlich den jungen Leuten sonst geht.

   13. Es war vielmehr seine Statur etwas vergrert
       Und sein uerer Anstand verschnert und verbessert,
         Und die gndige Frau Mama konnte, traun!
         Sich kaum satt an ihm lecken, kssen und schaun.

   14. Auch der alte Herr war voll Entzcken
       Ueber seinen Sohn in allen und jeden Stcken;
         Besonders fand er ihn hochgelehrt und klug,
         Denn er sprach berall wie ein Buch.

   15. Da Hieronimus an diesem freundlichen Willkommen
       Auch einen nicht geringen Antheil genommen,
         Weil er den jungen Herrn gehofmeistert so,
         Das versteht sich ^ex eo ipso^.

   16. Da war im freiherrlichen Schlosse ein prchtiges Leben;
       Ein Tractament ward frstlich angerichtet und gegeben,
         Und gleichsam wie zu Frankfurt bei der Kaiserwahl,
         Sprang roth und weier Wein im Speisesaal.

   17. Ja es ging, ^sans comparaison^, dem jungen Barone,
       Wie in der Geschichte jenem verlornen Sohne,
         Als dieser wiederkam mit reuigem Muth
         Aus dem Bordell und von der Schweinehut.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Ein braves Kapitel; enthaltend Geld und einen Brief des Hieronimi an
seine Mutter.


    1. Ich lasse Hieronimum nun auf'm Schlosse weilen und walten,
       Denn er kann es da recht gut aushalten,
         Und mache aus seinem letzten Studentenstand
         Noch etwas Rhmlich's von ihm bekannt.

    2. Er konnte in gedachten seinen Studierjahren
       Vieles vom Hofmeistergehalte ersparen,
         Und hatte sicher alle Quartal
         Uebrig ein 60 Gulden Kap'tal.

    3. Dieses wute er nicht besser anzuwenden,
       Als es seiner Mutter nach Schildburg zu senden,
         Und solches thate er dann auch baar
         Richtig und rein alle Vierteljahr.

    4. Aus dem Inhalte vom folgenden Briefe,
       Welcher mir von ohngefhr in die Hnde liefe,
         Erhellt es dem geneigten Leser zur Geng',
         Da ich die Wahrheit rede und nicht lg'.

    5. _Geliebte Mutter!_
                    meine kindlichen Pflichten
       Schuldigermaen gegen Euch zu verrichten,
         Sende ich gegenwrtig abermal
         60 Gulden zum gewohnten Quartal.

    6. Wollte Euch herzlich gerne mehr senden,
       Habe aber diesmal nichts weiter in Hnden
         Und bin selber bis aufs nchste Kap'tal,
         Das ich von Ohnwitz erhalte, schier kahl.

[Illustration]

    7. Hoffe jedoch, es werde heut oder morgen
       Der Himmel mich irgendwo als Pfarrer versorgen,
         Und dann sollt Ihr, geliebte Mutter mein!
         Lebenslang bei mir zugleich versorget sein.

    8. Ihr knnt nicht glauben, wie sehr mich's noch krnke,
       Wenn ich meinen vormaligen Jugendlauf bedenke,
         Und wie ich Euch dadurch gar zuletzt
         In die schofelsten Umstnde versetzt.

    9. Gott halte Euch gesund und bei langem Leben,
       Da will ich dann alles Ernstes mich bestreben,
         Da alles wieder werde gut gemacht,
         Was ich verdorben und durchgebracht.

   10. Mit meinem Studiren geht's, Gottlob! ziemlich,
       Auch mein Eleve betrgt sich hchst rhmlich;
         Herr von Ohnewitz freuet sich sehr darob
         Und gibt uns beiden oft schriftlich sein Lob.

   11. Neuigkeiten wollte ich Euch gerne schreiben;
       Allein, was die Musenshne hier machen und treiben
         Ist meistens nicht von gar groem Gewicht
         Und interessirt Euch sonderlich nicht.

   12. Ich bin immer gesund an Leib und Gemthe
       Und erhalte von des alten Herrn von Ohnewitz Gte,
         Zu jeder vierteljhrigen Frist,
         Was mehr als zum Bedrfni hinreichend ist.

   13. Ich mache mir also noch die kleine Freude
       Und sende, etwa zu einem neuen Kleide,
         Beiliegende 2 Louisd'or fr
         Schwester Esther, im besondern Papier.

   14. Uebrigens beharre ich bis an mein Ende,
       Nebst einem groen und zrtlichen Complimente
         An meine Schwester vom jungen Baron,
         _Euer treuer und gehorsamer Sohn._

   15. Auf die vorgedachten rhrenden Zeilen
       Schrieb, ohne lange damit zu verweilen,
         Die alte Frau Jobs, die Senatorin,
         Ihrem guten Sohne folgende Antwort hin.

   16. Sie enthlt gar viel und mancherlei Sachen;
       Will drum draus ein neues Kapitelchen machen,
         Man wrde sonst, weil der Brief etwas lang,
         Beim Durchlesen desselben mde und bang.




Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Worin lnglich die Antwort der Frau Wittwe Schnaterin Jobs zu lesen, auf
den Brief ihres Sohnes.


    1. _Mein geliebtster Sohn!_
                    An dich zu schreiben
       Konnte ich nicht lassen unterbleiben,
         Besonders rhrte es mich, da du
         Mir wieder 60 Gulden sandtest zu.

    2. Alles ist mir richtig gekommen zu Handen,
       Und ich habe aus deinem Briefe verstanden
         Deine Herzensgte und Zrtlichkeit,
         Und das hat mich mehr als das Geld erfreut.

[Illustration]

    3. Zwar ist mir letztes sehr gut zu statten gekommen,
       Denn Geld gereicht immer zum Nutzen und Frommen;
         Aber deine gutartige Kindlichkeit
         Geht, so wahr ich 'ne ehrliche Wittfrau bin! weit.

    4. Ich hab' mich vormals freilich sehr mssen behelfen
       Und nach dem nthigsten Unterhalt kmmerlich gelfen,
         Und, wahr ist's, aus Ungeduld
         Gab ich dir davon oft alleine die Schuld.

    5. Allein, alles ist lngst vergessen und vergeben,
       Denn du erleichterst mir und unsrer Esther das Leben,
         Schickst uns so viel Geld, und seitdem
         Leben wir gemchlich und sehr bequem.

    6. Ehmals schmachteten wir in Frost und Hitze,
       Aen kaum satt Wasserschnell, Brei und Grtze,
         Trunken nur Kofent und kahlen Thee,
         Und in der Haushaltung war lauter Weh.

    7. Uns borgte weder Schuster, Weber noch Schneider
       Die nthigen Schuhe, Leinwand und Kleider,
         Und in unsrer Wohnung berall
         War's durchlauchtig wie in 'nem Nothstall.

    8. Zwar suchten deine Schwester und ich uns mit Ehren
       Durch fleiige Handarbeiten zu ernhren,
         Allein, wir kamen damit nicht weit
         In dieser so hoch schwer theuern Zeit.

    9. Esther htte zwar extra was knnen acquiriren,
       Denn viele junge Herren suchten sie zu verfhren,
         Doch weil sie ihnen keine Audienz gab,
         So zogen sie mit der langen Nase ab.

   10. Nun aber sind wir frei von Nahrungssorgen,
       Brauchen nicht mehr zu darben und zu borgen,
         Und danken den frohen Lebensgenu
         Dir, mein geliebter Hieronimus!

   11. Der Himmel wolle ferner dich beglcken
       Und dir einst eine fette Pfarre zuschicken;
         Dann beschlie' ich, wie du es schreibest mir,
         Meine alten Tage, so Gott will, bei dir.

   12. Deine Schwester grt dich zu hunderttausend malen,
       Denn sie kann deine brderliche Lieb' nicht anders bezahlen,
         Und sie bedankt sich hiemit herzlich vor
         Die ihr gesandten zwei schnen Louisd'or.

   13. Apropos! was soll ich eigentlich daraus schlieen,
       Da der junge Herr Baron sie so zrtlich lt gren?
         Ich hoffe, er hat doch wol auf sie nicht
         Eine besondere unlautere Absicht?

   14. Nun will ich zu verschiedenen Neuigkeiten,
       Welche hieselbst vorgefallen sind, schreiten;
         Sie sind zwar meist unangenehm und schlecht,
         Aber doch alle authentisch und cht.

   15. Das Gewitter hat vor etwa vierzehn Tagen
       In Herrn Advocaten _Schlucks_ Garten eingeschlagen,
         Davon sind viele Bume zerknickt,
         Und das Lusthaus ist gleichfalls zerstckt.

   16. Man hat dies als eine Vorbedeutung angesehen
       Dessen, was drei Tage hernach geschehen,
         Da der liebe Mann, gesund und guter Ding,
         Pltzlich den Weg ^ad patres^ ging.

   17. Er hat zwar keine Kinder, die um ihn trauern,
       Auch glaub' ich nicht, da seine Erben ihn bedauern,
         Denn er sa sehr warm in der Woll'
         Und hat seine Kisten von Thalern voll.

   18. Man hat ^ex post^ vieles gesagt und geplaudert,
       Wofr einem die Haut grauset und schaudert,
         Nmlich es ginge gedachter Herr Schluck
         Bei hellem Mittag herum als Spuck.

   19. Einige haben ihn gesehn durch dem Fensterglase
       Mit seiner Brille auf der groen Nase,
         Und sein Advocatengewand
         Leuchtend wie hllischer Feuerbrand;

   20. Und in seinem Hause hret man Jammer und Gepolter,
       Als lg' einer auf der peinlichen Folter;
         Und er rasselt mit Ketten an der Thr;
         Gott bewahre jeden Christenmenschen dafr!

   21. Man hat einen Whrwolf hier krzlich gesehen
       In Gestalt eines groen Hundes herumgehen;
         Auch spricht man von mancher Behexerei,
         Welche hieselbst geschehen sei.

   22. Ich aber wollte schier gewi darauf wetten,
       Da die Seher und Erzhler sich geirret htten;
         Denn in Schildburg trau' ich keinem einzigen Mann
         Es zu, da er die Kunst des Hexens kann.

   23. Der vorige Winter war hieselbst sehr strenge,
       Es gab Schnee, Schloen und Eis in Menge;
         Melde mir, ob vielleicht dorten bei dir
         Der Winter gleichfalls so streng war als hier.

   24. Man hat auch damals mit Schrecken gesehen
       Am Himmel ungewhnliche Zeichen stehen,
         Und es schosse daselbst wunderlich berall
         Am Firmamente heftiger Feuerstrahl;

   25. Davon glauben nun billig die Schildburger Leute,
       Da es ein Unglck fr unser Stdtlein bedeute;
         Doch Herr Schneller sagt, es bedeute dies nicht,
         Sondern das Ding wrde genannt Nordlicht.

   26. Inde hat man doch aus der Zeitung gesehen,
       Da vielleicht ein Krieg werde entstehen;
         Und, gib Acht, so wahr ich ehrlich bin!
         Unser Schildburg kommt dann auch mit drin.

   27. Die Ernte ist dies Jahr sehr gut gediehen,
       Weil der Himmel gnstiges Wetter dazu verliehen;
         Hoffentlich wird dann der liebe Branntwein und 's Brod
         Wolfeil und mindert die Hungersnoth.

   28. Aber dagegen sind die Weinlesen
       Desto kmmerlicher in diesem Herbst gewesen;
         Denn die Stcke standen meistens kahl,
         Und der Most ist theils sauer, theils schal.

   29. Dieses macht denn nun wol leider heuer
       Den guten Wein noch seltner und theuer,
         Und die vielen lustigen Zecher allhier
         Mssen sich dann helfen mit Wasser und Bier.

   30. Den hiesigen Kirchthurm will man ausbessern
       Und die Kirche selbst etwas vergrern;
         Denn man sagt, unsers Stdtleins Christenheit
         Habe sich vermehret seit kurzer Zeit.

   31. Einige hartnckige Herren Consistorialen
       Wollen aber nicht einwilligen, vielweniger was zahlen,
         Man hofft aber die Kosten zu bringen herbei
         Durch eine Collectensammelei.

   32. Freilich, der Kirchthurm ist sehr verfallen und zerborsten,
       So da Eulen und Dohlen drin hausen und horsten,
         Aber fr die wahren Christen, die hier sein,
         Ist, wie mir ducht, die Kirche selbst nicht zu klein.

   33. Seitdem unsre Herren jene Verordnung gaben,
       Hat man keinen lebendigen Menschen wieder begraben;
         Da sieht man, was ein gescheidtes Mandat
         Fr wohlersprieliche Folgen hat.

   34. Sonst, wenn unsre Herren was commandiren,
       Pflegt niemand den Befehl zu vollfhren,
         Weil ihre Obrigkeitsautoritt
         Nicht gar weit bei der Brgerschaft geht.

   35. Unser Frst ist neuerdings durch's Stdtel passiret,
       Da hat die Brgerschaft das Gewehr geprsentiret,
         Und mit Trommel und Fahne und groer Pracht
         Ein kostsplitterlichen Aufzug gemacht.

   36. Nur ein einziger that beim Feuern und Schieen
       Unvorsicht'ger Weise sein Leben einben;
         Sonst ging alles, zu Schildburgs Ehr',
         Ohne sonderliches Unglck her.

   37. Unser alter Pfarrer hat's Zeitliche gewechselt,
       Man hat zwar 'nen neuen herausgedrechselt,
         Doch bei der angestellten Pfarrerwahl
         Geschah, wie gewhnlich, viel Zank und Scandal.

   38. Herr Lippel Schnack, unser dicker Brgermeister,
       Wird tagtglich lter, dmmer und feister,
         Und bekommt jetzt zum verdienten Arbeitslohn
         Aus der Kammerkasse eine Pension.

   39. In der Stadt und auf'm Lande herrscht eine Seuche,
       Da gibt es also natrlich manche Leiche;
         Doch an Oertern, wo keine Aerzte sind,
         Sterben sie nicht so hufig noch so g'schwind.

   40. Im vor'gen Jahr hat sich's Unglck zugetragen,
       Da ein Mensch jmmerlich ward todtgeschlagen,
         Und der ergriffene Thter kam
         Dafr ein Vierteljahr zur Vestung lobesam.

   41. Es ist alles jetzt sehr drftig und theuer,
       Dennoch sinnet man auf Vermehrung der Steuer;
         Denn man versteht sich hieselbst eben so
         Aufs leidige Plusmachen als anderswo.

   42. Nachbars Minchen hat einen kleinen Knaben,
       Ich hab ihn als Pathin aus der Taufe gehaben,
         Wer sie eigentlich gebracht hat zu Fall,
         Erzhlt man sich ^sub rosa^ berall;

   43. Es ist als wr's Unglck in unserm Stdtchen
       Mit den jungen mannbaren Dirnen und Mdchen;
         Denn es trgt sich zu fast alle Monat,
         Da eins eine Tochter oder 'nen Sohn hat.

   44. Man hlt fleiig hier Blle und Assambleen
       Und thut sich da recht herrlich und lustig begehen;
         Doch vielleicht folgt einst dieser freudigen Sach'
         Bei manchen der hinkende Bote nach.

   45. Man hat das Rathhaus krzlich renoviret
       Und in der Polizei manches repariret;
         Zum Exempel: man ist nun von Bettelei,
         Doch wei Gott, wie lange es dauert, frei.

   46. Auch hat man sehr lange nichts gehret,
       Da irgend die Nachtruhe wre gestret,
         Durch Einbruch oder nchtliche Dieberei;
         Das macht gleichfalls die gute Polizei.

   47. Item, man gibt fleiig Acht auf Ma und Gewichte,
       Nimmt Bcker, Krmer und Brauer in Brchte,
         Wenn etwa Brod und Waare nicht gehrig schwer
         Oder das Bier zu leicht und zu dnne wr'.

   48. Man hat auch durchgehends die Stadtstraen
       Mit neuen Steinen wieder pflastern lassen,
         Weil das neue Pflaster vom vorigen Jahr
         Nicht zum Besten gerathen war.

   49. Die Stadtthore hat man abgebrochen
       Und solche aufs neue knftig zu bauen versprochen,
         Man kaufte auch gern eine neue Kirchuhr,
         Htte man dazu das Geld nur.

   50. Die Schlowarte will man demoliren,
       Und die Steine anderweitig emploiren,
         Und damit das Obere von selbst folgen kann,
         Fngt man mit der Abbrechung von unten an.

   51. Einige andere nthige Ausbesserungen
       Hat man dem Meistfordernden verdungen;
         Denn es sieht leider elend und kraus
         Mit andern ffentlichen Gebuden aus.

   52. Man probirte bei dieser greulichen Hitze
       Sehr oft unsre groe Brandspritze;
         Denn man hat gefunden, wenn Brand entsteht,
         Da sie meistens nicht richtig geht.

   53. Man hat noch krzlich in diesen Tagen,
       Einige junge Mnner zu neuen Brgern geschlagen,
         Und fr die bermorgende Nacht
         Oeffentlich angesagt eine Gaudiebsjagd.

   54. Neulich fiel ein Kind in den groen Stadtbrunnen,
       Und ist drin kaum dem Ertrinken entrunnen;
         Da hat man nun gleich die Cautel erdacht,
         Und den Brunnen vernagelt und zugemacht.

   55. Weil man sich im Finstern auf der Strae leicht verletzet,
       So hat man alle sechs Schritt Nachtlaternen gesetzet;
         Aber noch zur Zeit fehlet es an
         Dem nthigen Fond zu Oel oder Thran;

   56. Denn aus den ehmaligen publiken Kapitalen
       Lt sich seit langen Jahren nichts bezahlen;
         Man sagt, es wre alles Stuck vor Stuck,
         Sowol Kapitale als Zinsen caduc.

   57. Man hat der Brgerei zum Besten vor 14 Tagen
       Die Stadtbleiche verkuflich losgeschlagen,
         Und das Pltzchen, wo sonst der Galgen stand,
         Ist gemacht zu schnem Ackerland.

   58. Das Rathhaus wird an den, der's Meiste bietet,
       Nchstens verpachtet oder auf 8 Jahr vermiethet;
         Nur ein Zimmerchen bleibt vacant davon,
         Um drin zu verrichten die Session.

   59. Man bezeiget vielen guten Willen,
       Die Stadtgrben zu verschtten und auszufllen,
         Weil doch ohnehin ein jedermann
         Ins offne Stdtel 'reinkommen kann.

   60. Ein fremder Spitzbub ward gestern attrapiret,
       Den hat man zur Strafe durch alle Straen gefhret
         Mit einer groen Kappe mit Schellen dran,
         Und ihn dann wieder seines Weges laufen lan.

   61. Einige Brger gehn Nachts fleiig patroulliren,
       Um etwa verborgene Diebe aufzuspren,
         Und melden es immer durch der Klapper Getn,
         Woher sie kommen und wohin sie gehn.

   62. Es ist befohlen, da jeder vor seiner Thr fleiig putze,
       Weil die Straen bestndig stinken von Mist und Schmutze;
         Denn es gibt, wie dir bekannt ist, allhie
         Viele Khe, Schweine und andres Vieh.

   63. Man spricht von noch mehr Projecten im hiesigen Staate,
       Allein sie beruhn noch blos heimlich im Senate,
         Welcher mit aller Anstrengung und Macht
         Aufs Wohl der Brger tagtglich bedacht.

   64. Hier ist angekommen eine Puppenspielerbande,
       Die schleppet gewaltig viel Geld aus dem Lande,
         Vornehme und Geringe gehen tglich viel
         Um zu besehen das herrliche Spiel;

   65. Vorgestern haben sie Doctor Fausts Leben,
       Gestern die Heilige Genoveva gegeben,
         Und am heutigen Abend gibt man
         Die grliche Tragdie von Don Juan.

   66. Was nun noch betrifft deine hiesigen Verwandten,
       Freunde oder sonstigen Bekannten,
         So ist da des Dinges noch mancherlei,
         Was dir zu wissen angenehm sei.

   67. Deinen Successor, den bewuten Nachtwchter,
       Findet die ganze Brgerschaft je lnger je schlechter,
         Denn er thut meistens die nchtliche Pflicht
         So recht, wie es sich gehret, nicht.

   68. Er kann lange nicht so gut wie du ehmals blasen,
       Singet auch etwas undeutlich durch die Nasen,
         Deswegen spricht man durchgehends hier
         Noch immer mit allem Ruhme von dir.

   69. Herr Schneller pflegt sich oft bei mir zu erknden,
       Wie es stehe mit deinem Wohlbefinden;
         Er curirt noch immer frisch drauf los
         Und purgirt mit seinen Pillen Klein und Gro.

   70. Vetter Kaspar hat gestern den Ehbund erneuert
       Und seine goldne Hochzeit hoch gefeiert,
         Doch ber die Freude, die da regiert,
         Haben sich viele Brger moquirt;

   71. Weil mancher guter Ehemann wol eben
       Solche Jubelei nicht verlangt zu erleben,
         Denn die Zeit kam ihnen zu lang an
         Mit seinem theuren Ehegespann.

   72. Der junge Kunz hat 'ne Erbschaft erworben
       Von 'nem reichen Onkel, welcher gestorben.
         Und was dieser geizig zusammen gescharrt,
         Verzehrt jener nun mit guter Art:

   73. Er hlt Kutschen, Pferde und Maitressen,
       Beschftigt sich tglich mit Spielen, Trinken und Essen,
         Und ist fr 100 Reichsgulden baar
         Neulich geworden ein Hofrath gar.

   74. Ich leide zuweilen mancherlei Schmerzen
       Bald im Kopf, bald im Magen, bald am Herzen,
         Bald geht's mir im Leibe rundherum,
         Herr Schneller nennt's: ^Malum historicum^;

   75. Ich kann aber gemeinlich diese Plagen
       Mit 'nem Schlckchen Kmmel oder Anis verjagen,
         Deswegen nehm' ich Abends und Morgens davon
         Gewhnlich eine etwaige Portion.

   76. Dein zweiter Bruder zieht fleiig auf Kirmsen und Messen,
       Ihm fehlt es nicht am nth'gen Unterhalt und Essen;
         Denn er fhret noch immer lobesam
         Seinen kleinen Nrnberger Puppenkram.

   77. Er hat sollen Rathmann hieselbst werden,
       Frchtet aber die rathhuslichen Beschwerden,
         Denn man geht alle vierzehn Tage 'rauf,
         Und sitzt da und sperrt das Maul weit auf;

   78. Und die etwa damit verbundne Ehre
       Lohnet kaum, da man sich drum beschwere,
         Denn auer einem Hasen und 'nem Viertel Wein,
         Bringet der ganze Dienst nichts ein.

   79. Dein lt'ster Bruder mit dem hlichen Weibe
       Sucht sich auswrtig allerlei Zeitvertreibe;
         Denn er hat zu Hause sein Kreuz
         An seines Weibes Gesicht und Geiz.

   80. Was betrifft deine lt'ste Geschwister,
       So lebt diese mit ihrem Gatten, dem Kster,
         Noch immer in ehlicher Einigkeit,
         Ausgenommen dann und wann 'ne Kleinigkeit.

   81. Er hat andershin einen Ruf bekommen,
       Aber denselben weislich nicht angenommen,
         Denn sein hiesiger Dienst nhrt ihn treu
         Und er wird reich und porculent dabei.

   82. Deiner Schwester Gertrud ihren wackern Knaben
       Vom Procrater Geier, hat man vor Kurzem begraben;
         Uebrigens lebt besagte Schwester Gertrud
         Als Putzmacherin hieselbst wohlgemuth.

   83. Schade, da der Junge nicht mehr am Leben!
       Er htte auch einst 'nen guten Procrater abgegeben;
         Denn er war an Einfllen sehr schlau
         Und im Fordern und Nehmen fix und gau.

   84. Die andre Schwester hat noch beim alten
       Wittwer treulich bisher ausgehalten,
         Und als eine wack're Haushlterin
         Pflegt sie ihn noch immer und wrmet ihn.

   85. Was endlich betrifft deine jngste Schwester,
       So ist sie noch immer die vorige gute Esther,
         Sie nimmt vorlieb mit geringer Kost
         Und gereichet mir zur Sttze und zum Trost.

   86. Mchte wnschen, da 'nen reicher und vornehmer Mann kme
       Und das Mdel zu seiner Ehegattin nhme;
         Denn, findet sich nicht eine gute Partie,
         So heirathet sie, wie sie versichert, nie.

   87. Denn sie ist gar nicht aufs Mannsvolk beflissen,
       Hlt nichts von Tanzen, Pfnderspielen und Kssen,
         Ist auch, wie sonst die meisten Mdchens, nicht
         Aufs leidige Romanenlesen erpicht.

   88. Judex Squenz ist vom Frsten cassiret,
       Weil er oft zu parteiisch hat judiciret;
         Hier trgt also vom Krug das Sprchwort nicht:
         Er geht so lange zu Wasser, bis er bricht.

   89. Ich htte dir zwar gern mehr wollen schreiben,
       Lasse es aber bei diesen paar Zeilen diesmal verbleiben;
         Vielleicht, ob Gott will, schreibe ich schier-
         knftig etwas ausfhrlicher dir.

   90. Alle Freunde und Lieben lassen dich herzlich gren,
       Und weil die Post abgeht,
                    will ich eilig schlieen.
         Ich verbleibe immer mit dem zrtlichsten Sinn,
         Deine liebe Mutter
                    _Wittwe Jobs Schnaterin_.

[Illustration]

   91. Ich mu noch eben zu deinem Ergtzen
       Ein kleines Postscriptchen hier nachsetzen,
         Denn es fehlet mir, dem Himmel sei Dank! hier
         Weder an Zeit, noch Tinte, noch Papier.

   92. Gevatter Theis ist vor anderthalb Wochen
       In den Ehstandskittel frmlich gekrochen,
         Die Hochzeit war lustig, doch hre ich heut,
         Die ganze Affaire sei ihm schon leid.

   93. Nichte Trine hat von ihrem lieben alten
       Kobus neulich ein Kind erhalten,
         Doch durchgehends glaubet und denket man,
         Da er selbst wenig darzu gethan.

   94. Herrn Thums seine Porzellanfabrikaten
       Wollen bisher noch nicht recht gerathen,
         Denn es fehlet an guter Erde nicht nur,
         Sondern auch an Arbeitern und Glasur;

   95. Ueberhaupt scheinen vernnftige Dinge und Fabriken
       In unserm Stdtlein nicht recht zu gelcken;
         Ob's am Klima oder sonst wo fehlt,
         Lasse ich an seinen Ort gestellt.

   96. Man will eine Lesegesellschaft hier errichten
       Von Historien und anmuthigen Gedichten,
         In dem Verzeichni finde ich mit
         Den Eulenspiegel und Gehrnten Siegfried.

   97. Der alte Schmudel aus dem Hebrerorden
       Hat's Judenthum quittirt und ist Christ geworden;
         Dagegen bei uns manch sogenannter Christ
         Ein unbeschnittner Jude lngst war und ist.

   98. Der Kaffee ist im Preise sehr hoch gestiegen,
       Dies erregt allgemeines Mivergngen,
         Denn in diesem auslnd'schen Product
         Wird hier mancher Gulden verschluckt.

   99. Ich hre, man will deine Thaten und dein Leben
       In Dortmund verbessert und vermehrt herausgeben,
         Denn sowol lust'ge als ernsthafte Herrn
         Lesen von dir und deinen Thaten gern.

  100. Herr Schlauch wird, wie ich von Herrn Schneller vernommen,
       Bald die Schwindsucht an den Hals bekommen.
         Ich schliee nunmehr vergngt und bin
         ^Ut supra^
                    _deine Mutter Schnaterin_.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie der junge Herr mit Hieronimus die Welt besehen soll und der
Schulmeister ^loci^ einen unvorgreiflichen Reiseplan berreichen that.


    1. Jetzt ist es wieder hohe Zeit zu besehen,
       Wie die Affairen auf dem Schlosse zu Ohnwitz stehen,
         Und was nach einigen Tagen allda
         Weiter wegen Hieronimus geschah.

    2. Da ihn die gndigste Herrschaft aufs beste tractirte
       Und auf alle menschenmgliche Weise flattirte,
         Wer das nicht ohne mein Erinnern she ein,
         Der mte ein Einfaltspinsel sein.

    3. Auch will ich nichts von den Geldgeschenken,
       Welche ihm der alte Herr machte, gedenken,
         Auch nicht sagen, da er davon in Eil'
         Seiner Mutter gesandt einen ansehnlichen Theil.

    4. Ich will vielmehr ^ad rem^ fortfahren und sagen,
       Da man nach verstrich'nen Willkommstagen
         Fate einen ganz nagelneuen Entschlu
         Wegen des jungen Barons und Hieronimus.

    5. Den jungen Herren in seinen Vollkommenheiten
       Noch zu verfeinern und weiter auszubreiten,
         Beschlo dessen gndiger Herr Papa,
         Mit Consens der gndigen Frau Mama:

    6. Ihn einige Zeit durch die Welt zu lassen reisen;
       Hieronimus knnt' dann ihn ferner begleiten und unterweisen,
         Und Deutschland, Frankreich, Italien,
         Engelland und so weiter besehn.

    7. Die Sache wurde mit Mue erwget,
       Und der Reiseplan sehr herrlich angeleget,
         Vom Hofmeister Hieronimus, so wie auch von
         Dem alten und jungen Herren Baron.

    8. Auch im Dorfe entstund viel vernnftiges Discuriren
       Ueber die Reise und wie solche zu vollfhren;
         Unter andern gab der Schulmeister einen Plan
         Sonntags Nachmittags in der Schenke an.

    9. Der ward bald von einem Viertelhundert
       Bauern angestaunt und als gelehrt bewundert;
         Doch ob er so ganz nach der Geographie
         Richtig sei gewesen, behaupte ich nie.

   10. Erst sollte der junge Herr Franken und Schwaben besehen,
       Von da weiter ins heilige rmische Reich gehen
         Durch die Moldau und Wallachei
         Bis an die Grenze der Trkei.

   11. Ferner seine Route durch die Schweiz nehmen
       Nach Siebenbrgen, Polen, Schweden und Bhmen,
         Und sorgen, da er von da aus bequem
         Durch Dnemark weiter ins Ungerland km'.

   12. Von da nach Norwegen, Preuen und Westphalen,
       Aber zu Wasser von da nach Frankreich dermalen,
         Und nehmen dann in Hamburg oder Calais
         Nach England hin 'ne Chaise und neues Relais.

   13. Von England knne er nach einigen Zeiten
       Ein bischen hinber nach Spanien reiten,
         Und er she dann auf diesen Fall
         Noch unterwegens das Land Portugal.

   14. Von da msse er nach Venedig kutschiren,
       Und wenn er da sei, weiter spazieren
         Nach Moskau, quer durch Sicilia,
         Von da nach Schottland und Hibernia.

   15. Von da knne mit Extrapostpferden
       Die Reise leicht fortgesetzt werden
         Nach Italien bis zur Stadt Rom,
         Um zu besehn den Sanct-Peters-Dom.

   16. (Aber dem heiligen Vater den Pantoffel zu kssen,
       Davon wollte der Schulmeister durchaus nichts wissen,
         Weil er, als ein noch crasser Protestant,
         Im Papste den leidigen Antichrist fand.)

   17. Von Rom aus knne er nach Liefland gehen
       Und bei dieser Gelegenheit Malta besehen:
         Von da fhr' er mit der Post nach Lappland,
         Und von da auf einige Tage nach Brabant.

   18. Er knne ^en passant^ bei der ottomannischen Pforten
       Eben anklopfen, aber dann bald von dorten
         Nach Holstein und Neapolis reisen thun
         Und daselbst einige Tage ausruhn.

   19. Aber alsdann etwa nach Siberien wandern
       Und von da aus ber Wien zu Schiffe nach Flandern,
         Und so htte er dann, auf die krzeste Weise beinah
         Besehen das ganze Europia.

   20. Wenn er nun auf dickbesagte Weise
       Vollbracht htte die vorhabende Reise,
         So km' er durch den groen Ocean
         Endlich zu Ohnewitz wieder an.

   21. Es ist aber nicht blos beim mndlichen Vortrag geblieben,
       Sondern der Schulmeister hat den Plan sauber abgeschrieben;
         (Die Beschreibung selbst in Currentschrift nur,
         Aber Lnder und Stdte mit groer Fractur.)

   22. Demnchst dem gndigen Herrn, der eben zur Tafel sae
       Und gerade damals den dritten Ortolan ae,
         Ueberreichet in eigener Person
         Mit unterthnigster Devotion.

   23. Man hat darber allerlei Glossen gemachet,
       Sich fast das Zwerchfell zerschttelt und zerlachet,
         Und jeder, der den Plan las, nahm
         Davon abschriftliche Copiam.

   24. Die Reise selbst ward jedoch nicht vorgenommen,
       Weil ein mchtiges Hinderni dazwischen gekommen,
         Was aber dies fr ein Hinderni war,
         Macht das 25te Kapitel klar.




Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimo aufgetragen ward, zum Spa eine Reisekarte nach dem Plan
des Schulmeisters anzufertigen; welche hier im saubern Kupferstich
mitgetheilet wird.


[Illustration]

    1. Hierauf wurde Hieronimo aufgetragen,
       Den Homann'schen Atlas nachzuschlagen,
         Und zum Spa nach des Schulmeisters Plan
         Eine Reisekarte zu fertigen an.

    2. Sobald man sich also von der Tafel erhube,
       Ging Hieronimus auf seine Studierstube,
         Verfertigte die Zeichnung ohne Mh'
         Und berreichte des andern Morgens sie.

    3. Herr von Ohnewitz ward davon auerordentlich munter
       Und sein Frhstck ging desto besser herunter;
         Ich aber habe dies saubere Stck
         ^Ex post^ erhalten im Original, zum Glck.

    4. Ich will sie im Kupferstiche beifgen,
       Sowol zum Nutzen als auch zum Vergngen
         Aller etwa knftig Reisenden,
         Welche Europia wollen besehn.

    5. Sie zeiget, trotz den besten Postkarten,
       Die krzesten Wege und leichtesten Fahrten,
         Wie man von jedem Orte gleich
         Reisen kann aus einem ins andere Reich.

    6. Sie ist sehr gemchlich zu verstehen;
       Denn der groe Fleck, den wir in der Mitte sehen,
         Ist Deutschland, und der dicke Punkt drein,
         Soll dermalen der Ort Ohnewitz sein.

    7. Hieraus kann man nun ohne Kopfbrechen
       Die Lage der brigen Lnder leicht berechnen;
         Zum Exempel: die 3 Klexe oben gegen linker Hand,
         Bedeuten Irland, Schottland und England.

    8. Das Land unten gegen der linken Seiten,
       Sollen die Reiche Spanien und Portugal bedeuten,
         Und der Stiefel fast unten da
         Ist das berhmte Italia.

    9. Oben gegen rechts ist's Land der Siberiter,
       Drunter gegen das Mittel wohnen die Moskowiter,
         Und noch drunter sieht man zierlich und schn
         Die Ottomannische Pforte stehn.

   10. Die vornehmsten hierauf verzeichneten Lnder,
       Haben zierlich und accurat punktirte Rnder,
         Und um die Jungfer Europa rund her
         Siehet man nichts als Himmel und Meer.

   11. Um diese Karte noch ntzlicher zu machen,
       Htte man zwar noch allerlei nthige Sachen
         Darauf gerne, wie sich's gebhrt,
         Zum Behuf der Reisenden gezeigt und notirt;

   12. In specie deutliche Handweiser
       Auf die vorzglichsten Wirthshuser,
         Und wie der brave Mann jedes Orts heit,
         Wo man fr sein Geld bestens trinkt und speist.

   13. Denn den meisten Herren Passagieren
       Pflegt dieses am mehresten zu interessiren;
         Denn sie nehmen sich ja selten die Zeit,
         Zu untersuchen andre Merkwrdigkeit.

   14. Indessen habe ich von solchen schnen Dingen
       In der Karte nichts knnen anbringen,
         Denn der Stich davon ist gar zu fein
         Und der Raum selbst dazu zu klein.




Fnfundzwanzigstes Kapitel.

Hieronimus soll Pastor werden. Item, Beschreibung seiner Pfarre.


    1. Siehe da! es starb der Pfarrer zu Ohnewitz pltzlich.
       Dieser Vorfall ist zwar ganz entsetzlich
         Unglaublich und sehr curios,
         Aber doch in Romanen kein Wunder gro.

    2. Der Ehrenmann hatte noch Abends vorher gehalten
       Eine gute Mahlzeit von Schinken und kalten
         Hammelbraten, mit Salat und Selerei,
         Und ein Rebhhnle verzehrt dabei.

    3. Auch seine tglich gewohnte zwei Rastadter Mle
       Getrunken aus dem alten Rheinweinfle;
         War also, Gottlob! weder krank noch voll,
         Sondern befand sich bis dahin gesund und wohl;

    4. Und seine Constitution schien versprechen zu wollen,
       Da er ein alter Mann htte werden sollen;
         Denn er war sehr stark und corpulent,
         Und dacht' an nichts weniger als an sein End'.

    5. Er hatte erst kaum 4 oder 5 Jahre
       Lang genossen die Ohnwitzer Pfarre,
         Und diese schlug bei dem lieben Mann,
         Ratione seiner Gesundheit, trefflich an;

    6. Um so mehr, da er vorher auf dem Lande
       Lange in einer schmchtigen Pfarre stande,
         Dabei blieb dann sein Bauch und Kinn,
         Wie leicht zu schlieen ist, mager und dnn.

    7. Aber sobald er nach Ohnwitz gekommen,
       Hat er augenscheinlich zugenommen,
         Und die Nase, vorher bla und spitz,
         Ward bald roth und rund zu Ohnewitz.

    8. Schade also, da so schnell und behende
       Der Tod mit ihm machte ein Ende,
         Und ihn aus diesem Jammerthal
         Transportirte in den Freudensaal!

    9. Die gndige Herrschaft lag noch im tiefen Schlafe,
       Als diese Nachricht im Schlosse eintrafe,
         Denn es war noch frh und hchstens nur
         Des Morgens um 9 oder 10 Uhr.

   10. Doch der junge Herr und Hieronimus waren schon lange
       Auf einem unterhaltenden Spaziergange;
         Denn sie glaubten dem Sprchwort fest:
         ^Aurora musis amica est.^

   11. Sie fanden nach geendigtem Spazieren
       Um halb 12 Uhr die Herrschaft dejeuniren,
         Und Herr von Ohnwitz, als er Hieronimum sah,
         Rief ihm laut zu: Victoria!

   12. Ich gratulire Ihm zur Ohnwitzer Pfarre!
       Hieronimus stund da vor Erstaunen wie ein Narre,
         Und wute nicht eigentlich, ob dies da
         Aus gndigem Spa oder Ernst geschah.

   13. Aber er lie sich bald nher berfhren,
       Da es Ernst sei mit dem Gratuliren,
         Und fr Spa ihm hier nicht Noth sei,
         Sintemal der Pfarrer wirklich todt sei.

   14. Nun berlege einmal der Leser mit kaltem Blute,
       Wie da dem Hieronimus geworden zu Muthe,
         Als er so urpltzlich unverhofft da
         Zum Pastor sich metamorphosirt sah.

   15. Denn diese Pfarrei war eintrglich und wichtig,
       Und trug jhrlich ganz gewi und richtig,
         Ohne die Accidentien, rein
         Blanke 900 Gulden ein.

   16. Die Accidentien waren gleichfalls ansehnlich,
       Etwa 100 Gulden ^pro^ Jahr gewhnlich;
         Also kamen nach der Summa Summarum draus
         Des Jahrs circa 1000 Gulden zu Haus.

   17. Davon lie sich nun sehr gemchlich leben,
       Auch zum Sparpfennig etwas aufheben;
         So da sich kein Pfarrer im ganzen Land
         So reputirlich als der Ohnwitzer stand.

   18. Wenn etwa andre dorfgeistliche Herren
       Sich von ihrem kleinen Dienstchen muten kmmerlich nhren
         Und bei Wasser, oder hchstens Koventbier,
         Krumm liegen und verdursten schier,

   19. Und kaum hatten, was sie am nthigsten brauchten,
       Aus kurzen Tabakspfeifen ihren Kneller rauchten,
         Und bei Sauerkohl, Kartoffeln und Erbsenbrei,
         Sungen die erbrmlichste Litanei;

   20. Da befand sich hingegen ein Ohnewitzer Paster
       Bei seiner langen Pfeife mit virginischem Knaster
         Und einem gut gefllten Weinfa
         Und Schinken, Braten und Wildpret, ba.

   21. Dabei tht er in mchtig groem Ansehen,
       Wie ein Klosterguardian, bei seinen Amtsbrdern stehen,
         Und bei der Synode oder bei dem Convent,
         Bekam er das grte Compliment.

   22. Selbst wenn er auf dem freiherrlichen Schlosse
       Visiten gab und Mahlzeiten genosse,
         So sa er aus Regard whrend der Mahlzeit
         Der gndigen Frau immer nahe zur Seit'.

   23. Der vorige Pfarrer wute sowol Junge als Alten
       Vorzglich in Furcht und Respect zu halten,
         Und behauptete berall, spat und frh,
         Seine Oberautoritt in der Parochie;

   24. Und bei vorfallenden Kindtaufenschmusen,
       Oder bei Hochzeiten, oder bei Leichenspeisen,
         Sa er oben an und fhrte immerfort,
         Als wr' er in der Kirche, das groe Wort.

   25. Wer nicht wollte ganz nach seiner Pfeife tanzen,
       Den pflegte er verblmt auf der Kanzel zu kuranzen,
         So da ihm Hren und Sehen verging,
         Und er aus Angst ein neues Leben anfing.

   26. Er befand sich zwar weder krnklich noch gebrechlich,
       Sondern gut bei Leibe, war aber sehr gemchlich:
         Drum hielt er sich einen Candidat als Caplan,
         Welcher die Pfarrdienste fr ihn gethan;

   27. Aber Copulationen, Taufen und derlei Pflichten
       Pflegte er doch gewhnlich in persona zu verrichten;
         Wenigstens wohnte er der Schmauserei,
         Welche dabei vorfiele, bei.

   28. Er war brigens in der Lehr' weder Heterodoxe,
       Noch im gemeinen Umgang ein knurrender Ochse,
         Sondern fhrte seine Ohnwitzer Schfelein
         Auf 'ner Weide vom ketzerischen Unkraut rein;

   29. Und seine Gemeinsgliederinnen,
       Besonders junge, wurden oft innen
         Seiner guten Laune, denn der lose Pastor
         Machte ihnen manch Spschen, doch in Ehren, vor.

[Illustration]

   30. Kurz! ein Ohnwitzer Pfarrer lebt wie ein Engel,
       Hat wenig Arbeit, denn sein Kirchensprengel
         Ist nicht weitluftig sondern klein und eng,
         Und der Communicanten ist 'ne geringe Meng'.

   31. Er kann im Schlafrock, Pantoffeln und Nachtmtzen
       Im Grovaterstuhl fast den ganzen Tag sitzen,
         Und verrichten gewissenhaft allesammt,
         Was da vorfllt in seinem Pfarreramt.

   32. Nur des Sonntags einmal zu kanzliren,
       Alle Vierteljahr ein Paar zu copuliren,
         Nebst Taufen, Begraben und ein bischen Kinderlehr',
         Dieses ist alles und sonst kein Haar mehr.

   33. Das Dorf selbst ist sehr herrlich gelegen,
       Ueberall blhet und lachet der Segen,
         Und alles, was die lndliche Natur
         Schnes hat, zieret Ohnwitzens Flur.

   34. Weiden, Wlder, Gebsch und Gestruche,
       Schattige Haine, glatte Bche und Teiche,
         Wiesen, Obstgrten, Hgel und Thal,
         Garten und Feld, wechselt ab berall.

   35. Da kann mit Vgelfangen und Fischereien,
       Sich der Pfarrer nach Gefallen zerstreuen,
         Wenn ihn etwa ein sauers Amtsgeschft
         Zu sehr angegriffen und entkrft't;

   36. Oder auch manchem Kirschvogel, Rebhuhn und Hasen,
       Das Lebenslicht auf der Jagd ausblasen;
         Denn er hat Vogelfang, Jagd und Fischerei,
         Nebst Taubenflug bei seiner Pfarre frei.

   37. Wenn er sich dabei gut insinuiret
       Und die Bauern nicht zu sehr cujoniret,
         So kann er mit Frau und Kinderlein
         Bei einem oder andern tglich Gast sein.

   38. Wir wollen also, was wir ohn' unsern Schaden auch knnen,
       Dem Hieronimus sein knftiges Glcke gnnen,
         Und in dem folgenden Kapitelchen
         Mit ihm ins geistliche Examen gehn.




Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus in dem Examen gut bestand und mehr wute als seine
Examinaters.


    1. Ehe er die Pfarre wirklich konnte antreten,
       War der Ordnung wegen, ein Examen von nthen,
         Und er meldete sich bald darum
         Beim hochwrdigen Ministerium.

    2. Es geschah mit allen Umstnden, wie sonst bruchlich.
       Hieronimus betrug sich diesmal unvergleichlich,
         Und beantwortete Augenblicks
         Jeden Artikel frei und fix.

    3. Das erregte nun bei smmtlichen Examinatoren
       Ein mchtiges Spitzen ihrer ansehnlichen Nasen und Ohren,
         Weil ihnen noch nie ein Fall war bekannt,
         Da ein Ordinandus so gut bestand.

    4. Die Herren konnten ihn nichts mindeste fragen,
       Oder er wut' ihnen gleich alles vollkommen zu sagen,
         Ja, es fand sich, da er weit mehr verstund,
         Als jeder von ihnen ihn fragen kunt.

    5. Keiner brauchte nun nach der Antwort auf die Fragen,
       So wie ehmals im Examen, _Hem! Hem!_ zu sagen;
         Sondern es hie nun: ^Domine Hieronime!
         Respondisti bene benissime!^

    6. Sie fragten zwar mitunter einfltige Fragen,
       Worauf ein Schulkind htte Antwort knnen sagen,
         Wie's wol mal im Examen ergeht,
         Wenn man beim Exam'nator gut steht.

    7. Doch einige wnschten ihn zu fangen durch verfngliche Fragen,
       Sie konnten ihn aber dadurch nicht ins Bockshorn jagen;
         Gaben ihm also smmtlich den Ruhm
         Als 'nen hochgelehrten Theologum.

    8. Das Testimonium ward frmlich concipiret,
       Mit dem groen Ministerialsiegel sigilliret,
         Alsdann ihm berreicht, und jeder hat
         Ihm gratulirt vorerst als Candidat.

[Illustration]




Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Wie Hieronimus nun Pastor ward und fr knftigen Sonntag auf seine
Antrittspredigt studirte, welche im 29ten Kapitel zu lesen sein wird.


    1. Da er so gut hatte thun bestehen,
       Gab ihm auf dem Schlosse ein wichtiges Ansehen,
         Und Herr von Ohnewitz hie hinfort Hie-
         ronimum nicht mehr _Er_, sondern _Sie_.

    2. In folgenden Zeiten und Tagen heckte
       Man noch aus fr ihn manche gute Projecte,
         Besonders wie er hbsch einrichten knnt'
         Sein zuknftiges Etablissement.

    3. Unter anderm wollte man ihm nebenbei rathen,
       Die Wittwe des Seligverstorbenen zu heirathen;
         Allein, als man ihm dieses kund gab,
         Schlug er diesen Antrag rund ab.

[Illustration]

    4. Zwar war die Wittwe ein herzensgutes Weibchen,
       Noch jung und liebevoll wie ein Turteltubchen;
         Hatt' nur ein einzigs Kind, dies aber gab,
         Weil's krnkelte, Hoffnung zu sterben bald ab.

    5. Sie hatte sich manches Kapitlchen ersparet,
       Und zum Nothpfennig dafr sich aufbewahret,
         Wenn etwa ihres Herren Mannes Tod
         Sie setzte auer Nahrung und Brod.

    6. Sie wute aus Butter, Kse und vielen andern Sachen,
       Sich manchen Extragroschen zu erwerben und zu machen,
         Verkaufte jhrlich viel Honig und Wachs,
         Und spann fleiig aus selbst gezogenem Flachs.

    7. War auch sehr beliebt in der ganzen Gemeinde,
       Alle Bauern waren ihre Gnner und Freunde,
         Und sonntglich trug manche Buerin
         Ihr Geschenke fr die Kche hin;

    8. Sie besa brigens viel Herzensgte,
       War gar nicht von zankschtigem Gemthe,
         Und kurzum, insoweit wre sie
         Wol gewesen fr Hieronimum 'ne gute Partie.

    9. Aber er hielt es fr Unrecht, durch eine Quarre
       Anzutreten eine geistliche Bedienung oder Pfarre,
         Er dachte auch ohnehin noch immer dran,
         Wie's ihm mit der ersten Ehe gegahn.

   10. Zum Beweis aber, da er uneigenntzig verfahre,
       Verglich er sich mit der Wittwe wegen dem Nachjahre,
         Und sicherte aus den Pfarreinknften ihr
         Jhrlich 100 Gulden dafr;

   11. Jedoch nur so lange als ihr Wittwenstand bestehe
       Und sie nicht schritte zu einer neuen Ehe,
         Sollte bestehen dieser Pakt;
         Aber es endigte sich bald der Contrakt.

   12. Denn es hat kaum anderthalb Jahr gewhret,
       Da sie schon wieder zu heirathen begehret
         Und genommen einen andern Mann;
         Ich fhre solches nur beilufig an.

   13. Hieronimus ward bald drauf als Paster ordniret,
       Und hat auf eine feine Antrittsrede studiret,
         Und man machte fr nchstknftigen Sonntag schon
         Anstalten zur Introduction.




Achtundzwanzigstes Kapitel.

Unruhe der Ohnwitzer Gemeinde ber die Anstellung des neuen Pastors.


    1. Aber die Ohnwitzer Kossaten und Bauern
       Wollten hierber fr Aerger fast versauern,
         Und wo sie einer den andern sahn,
         Stieen sie brummend die Kpfe an:

    2. Da schickt uns nun der gndige Herr wieder den Narr her
       Und gibt uns denselben gar zum Pfarrherr! --
         Nein, das soll durchaus nit geschehn,
         Und sollte es auch drunter und drber gehn.

    3. Denn es ist ja ein unerhrtes Exempel,
       Da ein Nachtwchter in der Kirche oder im Tempel
         Weder in Ohnewitz noch in der Welt,
         Als Pastor oder Priester ward angestellt.

    4. Eine Supplik, welche der Schulmeister vom Dorfe
       In der Schenke, ^vigore commissionis^, entworfe,
         Nebst frmlicher Erklrung der Protestation,
         Ware das Resultat davon.

    5. Als nun solche in geziemenden Ausdrcken fertig,
       Waren des andern Tages alle Bauern gegenwrtig,
         Und damit wallte der ganze Tro
         Durch Dick und Dnne zum Herren aufs Schlo.

    6. Aber der gndige Herr auf dem Schlosse
       Frchtete sich nicht vor diesem groen Trosse,
         Nahm zwar die Supplik an mit Freundlichkeit,
         Gab ihnen aber mndlich folgenden Bescheid:

    7. Ihr Ochsen, ihr Rckel, ihr Esel, ihr Flegel!
       Nehmt einmal fr allemal euch dies zur Regel:
         Herr Hieronimus soll euer Pfarrer doch sein,
         Oder ich la euch alle sperren ins Hundeloch ein!

    8. Da hingen nun auf einmal die armen Trpfe
       Ihre breiten Muler und dicken Kpfe,
         Sagten: Ach ja, lieber gndiger Herr!
         Und gingen hin, wo sie gekommen her.

    9. Aber einige von ihnen nahmen, aus Rache
       Gegen den neuen Pfarrer, hoch und theuer Absprache,
         Seiner knftigen Predigt und Lehr'
         Nicht zu geben das mind'ste Gehr;

   10. Auch von allem, was er aus Gottes Worte
       Ihnen vortrg' an diesem oder jenem Orte
         Zu ihrem Seelenheile, kurzum,
         Immer zu thun das Contrarium;

   11. Ihn auch sonst auf alle Weise zu krnken,
       Nie ihm etwas in die Kche zu schenken,
         Selbst jedes pflichtschuldige Accidens so klein
         Und so knapp, als mglich sei, zu richten ein.

   12. Als man inde Sonntags die Glocke gelutet
       Und zur Antrittspredigt alles war bereitet,
         Fanden sich alle Ohnwitzer, gro und klein,
         Hchst zahlreich in die Kirche hinein.

   13. Selbst die, welche vorher das Gegentheil abgesprochen,
       Haben aus Neugier ihren Vorsatz gebrochen,
         Und sagten: Ich will doch einmal 'neingehn,
         Und, was der Kerl da saget, besehn.

   14. Der neue Herr wies recht seine Rednertalente
       In der Oration. Ich zeige die Hauptcontente,
         So viel ich davon mich erinnern kann,
         Im folgenden neuen Kapitel an.




Neunundzwanzigstes Kapitel.

Eintrittspredigt des neuen Herrn Pfarrers; sehr erbaulich, aber
abgebrochen, damit der Leser nicht einschlafe.


    1. Geliebtesten Freunde und Zuhrer! ich betrete
       Hiemit zum erstenmal diese geweihte Sttte,
         Und zeige euch heute ffentlich
         Als euern rechtmigen Seelsorger mich.

    2. Der Himmel hat dieses ohn' alles mein Denken,
       Ohne mein Suchen und Zuthun also wollen lenken,
         Indem er mich zum Prediger schf
         Und mich zu euch nach Ohnewitz rief.

    3. Zwar wei ich, meine Hochtheuer- und Vielgeliebte,
       Da manchen von euch dieser Ruf herzlich betrbte,
         Sintemal ich in euerm Sinn
         Nur ein Aergerni und Thorheit bin.

    4. Weil ich vorher euer simpler Schulmeister gewesen,
       Ja gar zu Schildburg als Nachtwchter geblsen,
         Darum nun glaubet und denket ihr,
         Es stecke kein rechtschaff'ner Lehrer in mir.

    5. Allein ich will euch aus alten Geschichten
       Viele auffallende Beispiele berichten,
         Da oft aus einem simpeln Ding und schlechten Mann,
         Was Rechtschaff'nes und Groes werden kann.

    6. Ihr knnt selbst gehrigen Ortes nachschlagen
       Alles, was ich euch hier werde vortragen.
         Wer war unser erster Stammvater _Adam_?
         War's nicht ein Erdenklo, wovon er herkam?

    7. _Abram_ ging als Exulant aus Haran,
       _Jakob_ htete die Schafe bei Laban;
         Und dennoch wurden sie beide nachher
         Hochberhmete Erzvter.

    8. _Ismael_ mut' als Jungfernkind fast todt drsten
       Und ward doch ein Vater von 12 Frsten.
         _Joseph_, erst Sklave und Arrestant,
         Ward Finanzminister in Egyptenland.

    9. _Moses_ lag als Findling am Ufer im Schilfe,
       Wre ertrunken ohne ohngefhre Hilfe,
         Und dennoch wurde er hernachmal
         Der groe Israeliten-General.

   10. _Gideon_, erst Drescher, schlug die Midianiter.
       _Jephtha_, ein Hurkind und simpler Gileaditer,
         Schlug die Kinder Ammon und war
         Richter in Israel sechs Jahr.

   11. _Saul_ triebe zuerst die Langohren,
       Ward doch hernchst zum Knig erkoren,
         Und _David_ mit seinem Hirtenstab
         Ward Knig, that auch den Goliath ab.

   12. _Hiob_ ward vom Satan arm geschlagen,
       Aber doch reich in seinen alten Tagen,
         Und _Ruth_, die Aehrenleserin,
         Wurde die reiche Frau _Boasin_.

   13. _Jehu_ bedeutete erst als Capitain wenig,
       Ward doch nachher in Israel ein Knig,
         Und rottete des gottlosen Ahabs Haus,
         Bis zum letzten, der an die Wand pit, aus.

   14. _Nebucadnezar_ ging eine Zeitlang auf allen Vieren
       Und fra Gras und Heu gleich andern Thieren,
         Und man nahm ihm Purpur und Knigskron';
         Doch bestieg er nachher den verlornen Thron.

   15. _Esther_, ein blutarmes Waisenwichtchen,
       Das nichts hatte als ein hbsches Gesichtchen,
         Ward doch eine groe Knigin
         Und des Ahasverus liebe Gemahlin.

   16. Auch unter den _Propheten_ und _Aposteln_ waren Leute
       Von geringer Abkunft und wenigem Bedeute;
         Hirten, Zllner, Fischer, ein Teppichfabrikant,
         Und von anderm schlechten Gewerbe und Stand.

   17. Ich gehe zur mehrern Erweckung lieber,
       Meine Geliebten! zur Profangeschichte hinber;
         Ob ich gleich, aus altem und neuem Testament,
         Euch viele Exempel noch nennen knnt'.

   18. Der allgemein bekannte groe _Artaxerxes_,
       Jeder von euch, meine theuern Zuhrer, merk' es!
         Stand erst in sehr geringem Ansehn
         Und ward doch Knig in Persien.

   19. _Darius_ war gar nun ein ehrlicher Bttel,
       Bekam doch den Perserthron und Knigstitel,
         Und _Agathokles_, eines Tpfers Sohn,
         Bestieg den sicilianischen Thron.

   20. _Telephanes_, ein Wagner, legte das Handwerk nieder
       Und ward ein gromchtiger Knig der Lyder.
         _Hyperbolus_ fabricirte Leuchten zum Sehn,
         Und ward hernchst Frst zu Athen.

   21. Vom berhmten _Phokion_ kann man lesen,
       Da er eines Lffelmachers Sohn gewesen,
         Und Egyptens groe _Rhodopin_,
         Ward aus 'ner Bordellschwester Knigin.

   22. _Romulus_ und _Remus_, zwar vom Gtterstamme,
       Hatten als Findlinge eine Wlfin zur Amme,
         Da doch Roma, die groe Stadt,
         Von ihnen den ersten Ursprung hat.

   23. Vom Knig _Tullius Hostilius_ melden die Schreiber,
       Er sei gewesen ein lumpichter Khtreiber,
         Und vom Bhmer-Knig _Primislas_
         Melden die Chroniken eben das.

   24. Kaiser _Valentinian_ drehte anfangs Seile und Stricke;
       Den Kaiser _Probus_ hob aus dem Grtnerstaub das Glcke;
         _Bonosus_ und _Johann Zimisces_ waren vorher
         Schulmeister und hernach Kaiser.

   25. Kaiser _Aurel_ war ein Bauernbube vom Lande,
       Der groe _Tamerlan_ gleichfalls vom Bauernstande,
         Kaiser _Mauriz, der Cappadocier_,
         War gar, wie ich ehmals, Nachtwchter.

   26. Papst _Niklas quintus_ war erst Mediciner;
       Der groe Frst _Narses_ ein verschnittener Diener;
         Kaiser _Justin_, und _Galer_, und Papst _Sixt_, alle drei,
         Hteten in ihrer Jugend die Su'.

   27. _Lutherus_, ein armer Augustiner Pater,
       Ward nachher der so groe Reformater,
         Schaffte das Fasten ab und machte die Klerisei
         Vom beschwerlichen Clibate frei.

   28. Auch hat man viel alte Poeten und Philosophen,
       Welche blutarm waren, angetroffen:
         _Plautus_ mute die Mhle drehn,
         Arm waren _Codrus_, _Epiktet_, _Demosthen_.

   29. _Euripid_, _Aesop_, _Horaz_ und andre Poeten
       Waren anfangs arme Schlucker und in Nthen;
         Und es geht auch noch in der neuern Zeit
         Meist den Philosophen und Poeten nicht breit.

   30. Ich knnte noch gar leicht aus unsern Tagen
       Euch nicht nur viele Exempel, sondern auch Beispiele sagen,
         Wie das Glcksrad sich wunderlich dreht
         Und Geringe aus dem Staube erhht.

   31. Mancher anfnglich elender Schuhputzer
       Ist jetzt ein ansehnlicher Herr und Stutzer,
         Und ihr mt ^nolens volens^ fr ihn
         Eure Mtze und Hut tief abziehn.

   32. Auch manche Frau thut mit Titeln stolziren,
       Und mit seidenen Kleidern schwenzeliren,
         Und ist, obgleich vom Mistfinken-Stamm,
         Nunmehr eine groherrliche Madam.

   33. Wenn ihr die angefhrten Exempel genau betrachtet
       Und mich dann noch wegen meines vorigen Zustandes verachtet:
         So wrde das, ihr sehet es selbst ein,
         Hchst ungerecht und unbillig sein.

   34. Ihr sollt's in der Folge finden und erleben,
       Da ich mir alle Mhe werde geben,
         Fr euch alle, klein und gro insgesammt,
         Redlich zu fhren mein Pfarreramt.

   35. Ich liebe euch alle hochtheuer und herzlich,
       Und wrde es empfinden hchst schmerzlich,
         Wenn ich einen von euch dereinst sollte sehn
         Zur Linken unter den Bcken stehn.

   36. Auch meinen Feinden will ich gerne vergeben,
       Und ihr wahrer Freund zu sein, mich bestreben -- --
         Den Rest der schnen Predigt bergeh' ich,
         Als hieher eigentlich nicht gehrig.




Dreiigstes Kapitel.

Was diese Rede fr Sensation machte, und die Wirkung, welche sie
hervorbrachte.


    1. Was diese Rede fr Sensation machte,
       Und die Wirkung, welche sie hervorbrachte,
         Das bersteigt gewilich hoch und weit
         Alle menschliche Begreiflichkeit.

    2. Alle Bauern saen stumm und starr wie Pfeiler,
       Sperrten thrweit auf Augen, Nasen und Muler;
         Und die Burinnen, als von sensiblerer Haut,
         Weinten Thrnen und schluchzsten laut.

    3. Nun wahrlich! wir mssen es bekennen und sagen,
       Wir haben doch in allen unsern Lebenstagen,
         Keine Predigt so gelehrt und schn,
         Als diese vom neuen Herrn Pfarrer gesehn!

    4. Das ist ein Mann, ein Mann ohne Gleichen,
       Der kann einem 's harte Herz recht erweichen,
         Und wei von Adam an bis zu dieser Frist
         Alles, was in der Welt passiret ist.

    5. Alles, was er sagt, kann man begreifen und verstehen,
       Dabei thut er sich so sanftmthig begehen,
         Und er spricht und redet kein einziges Wort
         Ueberflssig und am unrechten Ort.

    6. Unser vor'ger Ehrnpfarrer konnte zwar auch gut fegen
       Und den Text stattlich sagen und auslegen,
         Und fhrte als ein sehr gelehrter Mann
         Manchen uns unbekannten Spruch an;

    7. Allein er konnte bei allem Ermahnen und Schndiren,
       Uns doch nie so das Herz prickeln und rhren,
         Und ihn bertrifft an Gelehrsamkeit,
         Unser lieber neuer Herr Pfarrer weit.

    8. So lautete ohngefhr der Ohnwitzer jetzige Sprache,
       Und es hatte sich verndert der ganze Status der Sache,
         So da, wer ihn vorher am meisten gehat,
         Jetzt fr ihn war der grte Enthusiast.

    9. Kurz, nie war eine Predigt, wie diese so allgewaltig,
       Nie der Beifall so gro und so mannichfaltig,
         Und nie hat je eine solche Frucht und Kraft,
         Als diese Antrittsrede verschafft.

   10. Das konnte schon sofort an Thaten und Werken,
       Herr Hieronimus bei der neuen Gemeine sehn und merken;
         Denn man schleppte reichlich allerlei
         Geschenke fr ihn ins Pfarrhaus herbei:

   11. Tische, Bnke, Spiegel, Kasten, Sthle,
       Oefen, Bettstellen, Betten, Polstern, Pfhle,
         Werg, Baumwolle, Leinewand, Flachs,
         Holz, Kohlen, Oel, Unschlitt, Schmalz, Wachs;

   12. Kaffeekannen, Theeptte, Dosen, Tpfe,
       Teller, Schsseln, Lffel, allerlei Npfe,
         Speck, Schinken, Fleisch und was sonst zur Noth
         Zur Haushaltung gehrt unters tgliche Brod.

   13. Gerste, Hafer, Rocken, Weizen fr den Sller,
       Wein, Bier und dergleichen fr den Keller,
         Schweine, Khe, Hmmel fett und schn,
         Tauben, Enten, Hhner, Gnse, Truthhn'.

   14. Das Pfarrhaus war schn getnchet und gezieret,
       Vor der Thr ein grner Bogen aufgefhret,
         Und so fhrte man unter Jubel und Juchhein,
         Ihn ins Ohnewitzer Pfarrhaus hinein.

   15. Auch machten dabei ein Paar Musikanten,
       Die sich als Virtuosen im Dorfe befanden,
         Mit ihrer Leyer und Schalmei
         Ein sehr anmuthiges Dudeldumdei.

   16. Es haben auch die Herren Consistorialen
       Zu Ohnewitz angerichtet damalen
         Eine herrliche Mahlzeit mit Kosten und Mh',
         Wozu Herr von Ohnwitz seinen Pariser Koch lieh.

   17. Auch ward in der ganzen Ohnwitzer Gemeine
       (Und jeder gab dazu reichlich das Seine)
         Eine Collecte von baarem Geld
         Fr den neuen Herrn Pfarrer angestellt.




Einunddreiigstes Kapitel.

Der neue Pfarrer schreibet mit frohem Sinn seiner Mutter noch einen
Brief hin.


[Illustration]

    1. Alsbald nun Ehren Jobs dergestalten
       Seinen Einzug ins Pfarrhaus hatte gehalten,
         So schriebe er mit ganz frohem Sinn
         Seiner Mutter folgenden Brief hin.

    2. _Meine theure Mutter!_
                    Ich eile Euch zu sagen,
       Was sich mit mir krzlich hat zugetragen;
         Erschrecket nur nicht so sehr davor,
         Ich bin zu Ohnewitz geworden Pastor.

    3. Nach meiner Retour von Akademien,
       Dachte ich zwar mit dem jungen Herrn auf Reisen zu ziehen,
         Aber der Himmel disponirt,
         Wenn gleich der Mensch proponirt.

    4. Denn als schon alles zur Reise war veranstaltet,
       Hat das Glck so ber mich gewaltet,
         Da der hiesige Pfarrer den Schlagflu bekam
         Und aus dieser Welt sein Adieu nahm.

    5. Herr von Ohnwitz, ^qua^ Patron der Pfarreie,
       Bezeigte nun fr mich die Gnade und Treue,
         Da er mir bald und allsofort
         Die Pfarre ertheilte an diesem Ort.

    6. Es setzte zwar unter den hiesigen Leuten
       Anfangs einige Hndel und Schwierigkeiten,
         Wie dann gemeinlich Zank und Geschrei
         Entsteht bei Besetzung einer Pfarrei.

    7. Allein es ist bald alles nach Wunsch und Verlangen
       Bei dieser mir interessanten Sache gegangen,
         Ich bin als Pfarrer geordinirt
         Und wirklich ins Pfarrhaus eingefhrt.

    8. Die ganze liebe Ohnwitzer Gemeine,
       Reiche und Arme, Groe und Kleine,
         Freuen sich, ehren und lieben mich,
         Als ihren neuen Pfarrer zrtlich.

    9. Man hat mich reichlich mit Hausrath versehen,
       Das sollt Ihr selbst knftig finden und verstehen,
         Auch in Sller, Keller, Kche und Stall
         Sind Lebensmittel in groer Zahl.

   10. Die Pfarre selbst ist sehr eintrglich
       Und fr ihren Besitzer nicht ungemchlich,
         Sie bringt gewhnlich Jahr aus, Jahr ein,
         Reine 1000 Gulden baar ein.

   11. Meine Wnsche sind also alle gestillet,
       Nur ein einz'ger noch ist bisher unerfllet,
         Nmlich Euch bald im Wohlergehn,
         Nebst Schwester Esther bei mir zu sehn.

   12. Ich bitte Euch also, nicht zu verweilen,
       Sondern je eher, desto lieber zu mir zu eilen,
         Und dann lebenslnglich bei mir
         Zu nehmen Euer knftig Quartier.

   13. Man ging im Dorf collectiren herumme
       Und sammelte fr mich eine artige Summe;
         Dieses Geld sende ich Euch allhier,
         Um die Reisekosten zu bestreiten dafr;

   14. Denn ich habe ohnehin zu meiner Etablirung
       Und der vorlufig nthigen Regulirung,
         Nebst zu einem Alltags- und Sonntagskleid
         Geld genug von des gndigen Herrn Gewogenheit.

   15. Mit Euern dortigen Mbeln und sonstigen Sachen
       Knnt Ihr meinen andern Geschwistern ein Geschenk machen;
         Weil, so lange mir selbst nichts gebricht,
         Euch soll bei mir nichts gebrechen nicht.

   16. Denn ich will stets im Wittwerstande bleiben
       Und niemals eine neue Heirath treiben,
         Nur Ihr und mein liebes Schwesterlein
         Sollt meine Haushlterinnen sein.

   17. Und thte ich etwa frher als Ihr sterben,
       So werdet ihr doch deswegen nicht verderben,
         Denn Herr von Ohnewitz hat auf diesen Fall schon
         Mir fr Euch versprochen 'ne Pension.

   18. Euch die Reise desto besser zu bequemen,
       Knnt Ihr eine commode Extrapost nehmen.
         Ich erwarte mit kindlicher Sehnsucht Euch
         Und meine jngste Schwester zugleich.

   19. Um nun desto eher das Vergngen zu genieen
       Seine Mutter und Schwester in die Arme zu schlieen,
         Ward vorgedachtes Schreiben, zur Hand,
         Durch einen Expressen abgesandt.

   20. Da Frau Jobs sich sehr gefreut und gelachet
       Und mit Estherchen sich bald aufgemachet,
         Und die commode Extrapost nahm,
         Und so endlich bei ihrem Sohn ankam,

   21. Das lt sich alles wol von selbst verstehen.
       Wir wollen nun weiter schreiten und sehen,
         Wie der Herr Pfarrer sich fein und klug
         In seinem neuen Amte betrug.




Zweiunddreiigstes Kapitel.

Hier werden die seltenen Verdienste eines Herren Dorfpfarrers
beschrieben.


    1. Es war ein Plaisir Sonntags anzuhren
       Seine vortrefflichen Predigten und Lehren;
         Auch seine brigen Amtsgeschfte all'
         Hatten hchstwohlverdienten Beifall.

    2. Auch in allen brigen Stcken wut' er
       Zu geben allen seinen Amtsbrdern ein Muster
         Der Tugend und der Rechtschaffenheit,
         Der Weisheit und der Gelehrsamkeit.

    3. Er suchte auch in andern Nebensachen,
       Sich seiner Gemeinde hochntzlich zu machen,
         Und war als allgemeiner Geheimerath
         Ihnen ersprielich mit Rath und That.

    4. Waren etwa irgend Streitigkeiten,
       So suchte er gleich Frieden zu verbreiten,
         Schlichtete Processe bald, und so entri
         Er den Advocaten manchen fetten Bi.

    5. Auch in manchen konomischen Affairen
       Suchte er sie zu leiten und zu belehren,
         Und wer seinen Vorschlgen Gehr gab,
         Mit dem lief es immer erwnscht ab.

    6. Die Kranken suchte er bestmglichst allenthalben
       Abzuhalten von Pfuschern und Quacksalben,
         Gab oft selbst Hilfe durch Dit an,
         Oder wiese sie zu 'nem studirten Mann.

    7. Noch in mehr andern Sachen und Dingen
       Wute er ihnen aufgeklrte Begriffe beizubringen,
         Ueber Kalendersachen, Jahrswechsel, Witterung,
         Und was man lase in der Zeitung.

    8. Vom Aberglauben und Alfanzereien
       Suchte er die Ohnwitzer besonders zu befreien,
         Und es whrte daselbst keine volle zwei Jahr,
         Da weder Hexe noch Gespenst mehr da war.

    9. Saen sie zur Erholung in der Schenke beim Biere,
       So verschaffte er ihnen daselbst ntzliche Lectre;
         Fhrte _Faustens_ Katechismus ein
         Und _Beckers_ Noth- und Hilfsbchlein.

   10. Auch _Kortums_ Gesundheitsbchlein fr Bergleute,
       Theilte er aus in der Nhe und in der Weite;
         Weil in Ohnwitz und benachbartem Land
         Sich manches gefhrliche Bergwerk befand.

   11. Aber nicht nur um Alte, sondern auch nicht minder
       Um die ehmals verwahrlosete Jugend und Kinder
         Gab er sich unbeschreibliche Mh'
         Und bildete zur Tugend und Weisheit sie.

   12. Unterdessen, in einem einzigen Stcke,
       Hatte er bei der Gemeine anfangs kein Glcke;
         Ich meine das neue Gesangbuch,
         Welches er einzufhren vorschlug.

   13. Lnger als andre Gemeinden hatten beim alten
       Gesangbuche die Ohnwitzer festgehalten;
         Denn sie sagten ffentlich, 's sei
         Das neue Gesangbuch voll Ketzerei;

   14. Ihren Eltern und Groeltern wr' es gelungen,
       Da sie sich selig aus'm alten Gesangbuch gesungen,
         Und darum hielten sie auch beim Spruche sich:
         Altes Gesangbuch, dir leb' ich, dir sterb' ich!

   15. Diesen Starrsinn ihnen aus den Kpfen zu bringen
       Und sie einmal vernnftig zu lehren singen,
         War freilich Arbeit eines Herkules,
         Es gelang dem Herren Pfarrer Jobs inde.

   16. Denn er zeigte ihnen sonnenklar und deutlich,
       Aber doch geziemendlich und bescheidlich,
         Da in dem alten Gesangbuch weit mehr
         Von Ketzerei anzutreffen wr'.

   17. Ein gar frommer Arzt im benachbarten Lande,
       Der sich etwas auf derlei Sachen verstande,
         Half ihm darin getreulich und klug
         Und schrieb darber ein kleines Buch.

   18. (Denn die eigentlichen geistlichen Amtsbrder
       In der Nhe kmmerten sich nicht um die Lieder,
         Sondern ihnen war es vielmehr lieb,
         Wenn's fein beim alten Gesange blieb.

   19. Denn da brauchten sie nicht sich zu incommodiren,
       Das neue Gesangbuch durchzustudiren,
         Und sie stieen so auch beim gemeinen Mann
         Nicht wegen vermeinter Ketzerei an;

   20. Weil man schon in einigen Gemeinden gesehen,
       Da dadurch viele Unruhen geschehen
         Und man sich manches Geschenk entzog,
         Was sonst fr den Pfarrer in die Kche flog.)

   21. Da hat sich endlich die Gemeinde geresolviret
       Und zu Ohnwitz das neue Gesangbuch eingefhret,
         Und die ganze Sache nahm behend
         Ein vergngtes und vernnftiges End'.




Dreiunddreiigstes Kapitel.

Wie sich Ehren Jobs im guten Wohlstande bis dato befindet, und wie seine
Mutter starb, und wie seine Schwester ihm gut haushlt.


    1. Ehren Jobs befand sich immer im Wohlstande
       Und ward bald berhmt im ganzen Lande,
         So da manche ansehnliche Stadt
         Ihn zum Pfarrer verlanget hat.

    2. Aber er schlug aus alle Vocationen,
       Entschlo sich bis ans Ende zu Ohnwitz zu wohnen,
         Und bleibet auch, seinem Entschlusse getreu,
         Bis auf die jetzige Stunde dabei.

    3. Er htte auch schon knnen werden Professer,
       Aber er steht sich als schlichter Pfarrer weit besser,
         Weil meistens ein Professoriat
         Viel Arbeit und wenig Einknfte hat.

    4. Auch einige ansehnliche Provinzen ernennten
       Ihn schon lange zum Superintendenten;
         Allein er zieht wieder den simpeln Pastor
         Jedem groen Superintendenten vor.

    5. In manchem gedruckten gut recensirten Werke
       Bewies er in der Gelehrsamkeit seine Strke;
         Jedoch schrieb der Autor Hieronimus
         Aus Bescheidenheit immer als Anonymus.

    6. Von seinem ehmaligen A-b-c-Buche waren
       In Ohnwitz noch hie und da Exemplaren;
         Diese kaufte er, wo er sie fand,
         Und opferte sie dem Vulkan zur Hand.

    7. Wollten manche Autoren sich dies wol merken
       Und eben so thun mit ihren frhern Werken;
         So handelten sie wahrlich weislich und klug,
         Denn man hat der elenden Bcher genug.

    8. Viele Gesellschaften ntzlicher Knste,
       Nahmen ihn wegen seiner groen Verdienste,
         Auf in ihre hochgelehrte Zahl,
         Und machten ihn frmlich zu ihrem Sodal.

    9. Auch eine der berhmtesten Akademien
       Krnte gratis sein gelehrtes Bemhen,
         Und sandte ihm mit groem Compliment
         Das ^Doctoris Theologiae^-Patent.

   10. Auch hat der Frst ohne sein Wissen und Begehren
       Ihn mit Consistorialrathstitel thun beehren;
         Er hat zwar alle diese Ehren nicht veracht't,
         Aber doch davon nie Gebrauch gemacht.

   11. Seine Mutter hat leider nur vier Jahre
       Vergngt durchlebt bei ihm auf der Pfarre,
         Und er hat immer als treuer Sohn sie
         Geliebt und gepfleget spat und frh.

   12. Sie war sehr geplagt mit hysterischen Schmerzen,
       Hatte fters Drcken am Magen und Herzen,
         Und lngst schon traf man keinen einzigen Zahn
         In ihrem Munde zum Beien mehr an.

   13. Drum verschlang sie meist die Speisen ungekauet,
       Diese wurden also nicht gehrig verdauet;
         Das erregte nun manche Indigestion,
         Und Wassersucht war endlich die Folge davon.

   14. Auch ward die Frau leicht zum Aerger beweget
       Und so die Galle heftig oft erreget,
         Denn, um 'ne Nadel oder ein Ei,
         Erhub sie manchmal Zetergeschrei.

   15. Der Kmmelbranntwein konnt' zwar oft lindern
       Und ihr Magen- und Herzweh augenscheinlich mindern,
         Denn er trieb die Winde ^salva venia^ in die Hh',
         Und curirte, wie sie sagte, das historische Weh.

   16. Drum machte sie's, wie viel andre alte Frauen,
       Welche sich oft rgern und nicht gut verdauen,
         Nmlich, weil sie sich dabei so wohl befand,
         Hatte sie den Branntweinskrug immer zur Hand.

   17. Sie htte gerne noch lnger hier geweilet,
       Aber der Sensenmann hatte mit ihr geeilet,
         Und weil es dann nicht anders konnte sein,
         So schlief sie als 'ne gute Christin ein.

   18. Man wollte sie in der Kirche bei der Orgel begraben,
       Das wollte Herr Hieronimus aber absolut nicht haben;
         Denn er glaubte, der Kirchhof sei schicklicher zu
         Der abgestorbenen Leiber Ruh'.

   19. Er hat deswegen auch nachdrcklich befohlen,
       Da, wenn Freund Hein ihn dereinst wrde abholen,
         Man auch an ihm gleichfalls bei Leibe nicht
         In der Kirche vollstrecke die letzte Pflicht.

   20. Darin ist er nun billig hoch zu rhmen;
       Denn fr ein Gotteshaus will's sich nicht geziemen,
         Da darin garstiger Leichengestank
         Die Zuhrer mache bel und krank.

[Illustration]

   21. Er hat sogar gethan vernnftige Vorschlge,
       Da man den Kirchhof auswrts des Dorfs verlege,
         Damit nicht etwa 'ne zu nahe Gruft
         Seuchen bringe und verpeste die Luft.

   22. Besonders pflag er noch immer dran zu denken,
       Da man ihn einst hatte wollen lebendig versenken,
         Er war also fleiig darber aus,
         In Ohnwitz zu errichten ein Leichenhaus.

   23. Weil aber solches Gebude gegenwrtig
       Wegen allerlei Hinderni schwerlich wird fertig,
         So macht er sich es zur strengsten Pflicht,
         Die Todten vor'm fnften Tag zu begraben nicht.

   24. Sintemal wir vom Erzbischof _Willigis_ lesen,
       Welcher eines Rademachers Sohn gewesen,
         Da er zum Andenken ein Wagenrad
         Zu Mainz sich zum Wappen gewhlet hat:

   25. So lie auch er, um des vorigen nicht zu vergessen,
       Noch sich seines jetzigen Standes zu bermessen,
         In seinem Muso ber der Thr vorn,
         Malen ein groes Nachtwchterhorn.

   26. Damit hat er andern ein Exempel gegeben,
       Da man sich im Glcke nicht msse berheben;
         Denn gewhnlich thut einer gro und dick,
         Wenn ihn aus dem Staube hebet das Glck.

   27. Seine Schwester geht jetzt im 23ten Jahre
       Und ist noch immer bei ihm auf der Pfarre,
         Sie liebt ihn und hlt ihm trefflich Haus,
         Sieht auch noch immer schn blhend aus;

   28. Ist gefolglich zum Heirathen nicht verdorben,
       Deswegen haben viel Freier um sie geworben,
         Aber sie fand noch keinen bequem,
         Da sie ihn zu ihrem Manne nhm'.

   29. Einige wollen unmageblich meinen,
       Als tht es manchmal nicht undeutlich scheinen,
         Da der junge Herr Baron von Ohnewitz htt'
         Absicht auf sie frs Ehebett.

   30. Wenigstens ist sie sehr gut von ihm gelitten,
       Und hat wegen ihrer Artigkeit und guten Sitten,
         Es auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schlo
         Auch beim Herrn und der gndigen Frau gar gro.

   31. Alle Ohnwitzer mgen sie gut leiden,
       Denn sie behandelt sie freundlich und bescheiden,
         Erkundigt sich bei ihnen nach Kindern und Vieh,
         Nach Knechten und Ochsen, und Mgden und Kh'.

   32. Bauern, welche fr die Kche was prsentiren,
       Pflegt sie mit Tabak und Schnaps zu regaliren,
         Und die Burinnen bekommen den Thee,
         Oder, wenn's Prsent der Mh' werth ist, Kaffee.

   33. Uebrigens ist gewi, da in keinem Dorfe nirgends,
       Weder im rmischen Reiche noch sonst irgends,
         So gute und vernnftige Leute sind,
         Als man sie jetzt zu Ohnewitz find't.

[Illustration]

   34. Da sieht man, wie schn eine geistliche Heerde
       Unter guter Anfhrung gebildet werde;
         Indeme hier das Sprchwort eintraf:
         Wie der Hirte ist, so ist das Schaf.




Vierunddreiigstes Kapitel.

Zeiget krzlich, wie sich alles weit besser hier gereimet habe, als im
ersten Theile.


    1. Ich kann mich mit der Geschichte von Hieronimi Leben
       Dermalen nun nicht weiter abgeben,
         Sondern lasse ihn im vergngten Besitz
         Der schnen Pfarre zu Ohnewitz.

    2. Sintemal wider jedes Denken und Verhoffen,
       Im zweiten Theile alles besser eingetroffen,
         Als es vormals im ersten Theile geschah;
         Denn nun ist die Erfllung von allem da,

[Illustration]

[Illustration]

    3. Was der Traum der Frau Jobs ihr geprophezeiet,
       Und Frau Schnepperle gephysionomeiet,
         Und Frau Urgalindine gesaget wahr;
         An allem fehlt nicht ein einziges Haar.

    4. Indessen mu man doch darum nicht trauen
       Und auf dergleichen Vorbedeutungen bauen;
         Denn ich sage es und bleibe dabei,
         Es ist Aberglauben und Dummerei.

    5. Wir wollen uns vielmehr zum Beschlu bemhen,
       Aus der Geschichte einige Lehren zu ziehen;
         Denn ein solch Bchlein ohne Moral
         Schliet sich zu trocken und schmecket zu schal.

    6. Ob noch ein dritter Theil knftig werde erscheinen,
       Will ich weder bejahen noch verneinen,
         Doch glaub ich, ein geehrtes Publikum hat
         An den zwei Theilen schon genug und satt.

    7. Sonst lt sich von Herrn Jobs knftigem Betragen
       Noch manches, theils Lustig's, theils Ernsthaftes, sagen,
         Welches ich mir dann auch in der Still'
         Zum mglichen Gebrauch notiren will.

    8. Da knnte es mir dann auch vielleicht gelingen,
       Seine Schwester Esther gut unterzubringen:
         Auch machte vielleicht der Franken Revolution
         Bei seinem Schicksal eine Diversion.

    9. Kurz, an Stoff zum Lgen und zum Erzhlen
       Wrde es mir schwerlich auch knftig nicht fehlen,
         Und zu einem solchen Knittelgedicht
         Gehrt auch eben kein Kopfbrechen nicht.




Fnfunddreiigstes Kapitel.

Hier folgt zum Beschlu die Moral und das Buch nimmt ein trocknes Ende.


    1. ^Pro primo^ kann man berhaupt hieraus sehen,
       Da oftmals sonderbare Dinge geschehen,
         Und es auf unserm Lumpenerdenplanet
         Kraus und bunt durcheinander geht.

[Illustration]

    2. Denn wenn wir die smmtlichen Avantren
       Des Hieronimi vernnftig ponderiren,
         So finden wir, da in keinem Roman
         Etwas Curiosers geschehen kann.

    3. ^Pro secundo^ kann man hier erfahren
       Den Unterschied der jngern und ltern Jahren,
         Und wie wahr das gemeine Sprchwort spricht:
         Der Verstand kommt oft vor dem Alter nicht.

    4. Denn Hieronimus war vormals in seiner Jugend
       Eben kein Liebhaber der Gelehrsamkeit und Tugend,
         Bis er, als Schwabe, nach 40 Jahr,
         Ein vernnft'ger und gelehrter Mann erst war.

    5. ^Pro tertio^ mu man niemals verzagen
       In trben und finstern Elendstagen,
         Weil im knftigen Lebenslauf
         Die Glckssonne sich oft klret auf.

    6. Denn als Hieronimus im Nachtwchterstande,
       Ja gar als Todter im Sarge sich befande,
         Ging es ihm traurig und schlecht, nachher
         Ging es ihm desto angenehmer.

    7. ^Pro quarto^ wirkt ein vermeintes Ungelcke
       Manchmal gnstige Aenderung im Menschengeschicke,
         Und aus Dornen sprieen sehr oft
         Gleichsam Rosen hervor gar unverhofft.

    8. Denn der Schlaf, drin Hieronimus drei Tage gelegen,
       Gereichte ihm zu seinem Glcke und Segen,
         Und sein ganzer Charakter und Verstand
         Wurde dadurch gleichsam umgewandt.

    9. ^Pro quinto^ notiren wir uns hier die Lehre,
       Da Wohlstand, Reichthum, Glck und Ehre
         Oft von einer ohngefhren guten That
         Ungesucht ihren ersten Ursprung hat.

   10. Denn htte Hieronimus auf der Reise den reichen Herren
       Nicht gefunden sich gegen die Ruber wehren
         Und ihm seinen Beistand geleistet darob,
         So wr' er vielleicht jetzt noch so arm wie Job.

   11. ^Pro sexto^ mu man die groe Pflicht betrachten,
       Da man keinen Menschen drfe verachten,
         Wenn ihn auch das Schicksal verchtlich neckt,
         Weil man nicht wei, was hinter ihm steckt.

   12. Denn wer htte im _ersten Theil_ es sagen wollen,
       Da Hieronimus der Mann htte werden sollen,
         Der er, wie ich hoffe, mit guter Art,
         _Im jetzigen zweiten Theile ward_.

   13. ^Pro septimo^ lt sich nicht undeutlich merken,
       Gro Glck sei nicht immer Folge von Mh' und Werken,
         Sintemal es oft mancher im Schlaf
         Ohn alles sein Zuthun und Mhe antraf.

   14. Denn htte Hieronimus kein Opiat genommen
       Und wre nicht dadurch in Todesschlaf gekommen,
         So wr' auf ihn von niemand reflectirt,
         Noch Herr von Ohnewitz zu ihm gefhrt.

   15. ^Pro octavo^ lt sich finden und verstehen,
       Wie gut und ersprielich alle Sachen ergehen,
         Wenn man nicht nur in Wort sondern auch That
         Reiche Patronen und Freunde hat.

   16. Denn wre Herr von Ohnewitz, wie wir gelesen,
       Nicht sein wahrer Gnner und Freund gewesen,
         So bekleidete er jetzt nicht im Wohlstand
         Die reichste Pfarrstelle im ganzen Land.

   17. ^Pro nono^ ist es eine sehr geringe Mhe,
       Da man daraus noch manche andre Lehre ziehe,
         Und das mgen nach bestem Gefallen nun
         Die hochgeehrten Leser allenfalls selbst thun.

   18. ^Pro decimo^ will ich nur noch den Rath ertheilen,
       Sich nie im Urtheilen zu bereilen,
         Sondern da jeder das ^Respice finem^,
         So wie ich jetzt, sich zur Regel hinnehm'.

[Illustration:
   Sie tranken des Mondes Silberschein
   Und das Flimmern der lieben Sternelein.
      Kap. XI. V. 26.
]

                     Leben, Meinungen und Thaten
                                 von
                           Hieronimus Jobs,
                            Excandidaten,

                Exnachtwchter, Ohnwitzer Expfarrherr
                  und endlich zu Schnhain gar Herr.

   Abermals mit viel schnen Gebilden:
   Nachtstcken, Portrten, Monumenten und Schilden;
      Verfertigt von des Autors eigner Hand
      Nach Poussin, Raphael, Rubens und Rembrand.




                            Dritter Theil.




Erstes Kapitel.

Wie der Autor noch einmal den Gaul Pegasus zumet und ihn nach der
Hippokrene reitet, welche ist eine Poetenschwemme in der Landschaft
Boetia. Nebst mancherlei Prliminarien zum dritten Theile der Jobsiade.


[Illustration]

    1. Noch einmal will ich den Gaul Pegasus zumen,
       Und um 'nen dritten Theil zusammen zu reimen,
         Reiten in die Trnke Hippokrene hinein,
         Und damit soll es dann Punktum sein.

    2. Weil seit dem zweiten Theil von Hieronimi Leben
       Sich manche Vernderung mit ihm hat begeben;
         Denn in der Welt berhaupt wechselt's sich,
         Besonders in unsern Tagen, gar wunderlich.

    3. An meinem guten Willen soll es nicht fehlen,
       Alles ausfhrlich und anmuthig zu erzhlen,
         Und mit diesem dritten Theile steht
         Also die Jobsiade complet.

    4. Auch viel hbsche in Holz geschnittene Bilder,
       Monumente, Portrte, Wappenschilder,
         Imgleichen ein gar niedliches Nachtstck,
         Siehet man hier aus neuer Fabrik.

    5. Mit dem zweiten Theil bin ich, wie ich vernommen,
       Bei den Lesern ziemlich gut weggekommen,
         Und das machte natrlicher Weise dann,
         Da ich gleich den dritten zu fabriciren begann.

    6. Zwar konnte freilich mein Bchlein allen
       Und jeden nicht eben gleich gut gefallen;
         Allein, da nicht allen alles gefllt,
         Ist ja, wie bekannt, so der Lauf der Welt.

    7. Ich wollt' auch nicht fr alle und jede schreiben;
       Wer's nicht lesen will, kann's ja lassen bleiben,
         Mancher ist doch, der die Finger darnach leckt,
         Was einem andern so delicat nicht schmeckt.

    8. Es kommt leider auf unserm Erdenrunde
       Manche trbe und verdrieliche Stunde,
         Theils durch eigne, theils durch fremde Schuld;
         Davon entstehen im Herzen Ungeduld,

    9. Finsterni in der Seele, Grillen im Hirne,
       Runzeln auf den Wangen, Furchen auf der Stirne,
         Im Systeme der ^Vena porta
         Symptomata hipochondrica^,

   10. Gallenkrankheiten und allerlei Malheuren,
       Welche nach und nach die Krfte zerstren,
         Und endlich heit's: Ade Partie!
         Er ist gestorben und nicht mehr hie!

   11. Da wollt' ich nun gern ein Scherflein beitragen,
       Um einige dergleichen trbe Stunden zu verjagen;
         Wahrlich, dieses und etwas anders nicht,
         War bei der Jobsiade meine Absicht.

   12. Ich selbst habe, indem ich sie geschrieben,
       Mir manche Grillen aus dem Kopfe vertrieben,
         Und wenn ich war bei dieser Reimerei,
         Ging mir oft das Hypochonder vorbei.

   13. Ist mein Zweck erreicht, so wird's mich erfreuen,
       Und mein Bchlein soll mich nicht gereuen,
         ^Posito^, es enthielt' solches auch nur
         Eine blose Palliativkur.

   14. Nebenbei suchte ich ntzliche Kleinigkeiten,
       Wo es geschehen konnte, hier und da zu verbreiten,
         Und wo ich Dummheit und Bosheit fand,
         Gab ich wol 'nen Hieb ^en passant^.

   15. 'S kann sein, da ein oder andrer griesgrammet,
       Und mich wegen dieser Hiebe hart verdammet
         Und denket: Ich glaube sicherlich,
         Der hmische Autor meinet mich.

   16. Ich fr mein Theil aber kann's vertragen,
       Da er dieses mge gedenken oder sagen;
         Denn ich versicher's ihm ins Gesicht:
         Ich meine nur seine Handlungen, ihn nicht.

   17. Ich lasse es brigens auch gern geschehen,
       Da Recensentenwetter ber mich ergehen,
         Denn der Autor'n Haut ist bekanntlich dick
         Und fragt heuer nicht viel nach Kritik.

   18. Aber dem unbedeutenden Geklffer
       Kleiner Geister und elender Kffer
         Gehe ich mitleidig und lchelnd vorbei,
         Und achte nicht auf das leere Geschrei.

   19. Alles, worber man etwa kritisiret,
       Hab ich mir schon selbst zu Gemthe gefhret;
         Denn ich fhl' es unerinnert gar wohl,
         Das Ding ist nicht ganz wie es sein soll.

   20. Ich will auch forthin mit Knittelversschreiben
       Die Zeit nicht mehr mir und andern vertreiben,
         Und nehme hiemit frmlich von
         Den geneigten Lesern Dimission.




Zweites Kapitel.

Darin wird ausfhrlich gehandelt von dem braven Betragen des Herrn Jobs
in seinem Pfarramte.


    1. Welch schnes Exempel in Lehr' und Leben
       Herr Pfarrer Jobs den Ohnwitzern gegeben,
         Das haben wir, obgleich kurz und in Eil',
         Schon gesehn Kapitel 32 im zweiten Theil.

    2. Es glich ihm im ganzen Schwabenlande
       Kein Amtsbruder an Frmmigkeit und Verstande,
         Und keiner streuete so wie Er
         Den Samen des Guten um sich rund her.

    3. An seinen vortrefflichen Kanzelgaben
       Konnten nicht blos die Ohnwitzer sich laben,
         Sondern auch aus der Ferne durch Dick und Dnn
         Ging man Sonntags, um ihn zu hren, hin.

    4. Denn seine Reden waren krftig und rhrend,
       Seine Spruchbeweise cht und berfhrend,
         Und Ausfhrung und Application
         Alles im populren Ton.

    5. Seine Antecessores im Pfarramte
       Hatten geschriebene Predigten fr gesammte
         Sonntage im ganzen Jahr,
         Auch fr jedes hohe Fest ein paar.

    6. Da brauchten sie also sich nicht zu geniren,
       Um auf neue Predigten zu studiren,
         Sondern sie hielten jene, Jahr aus Jahr ein,
         Von Neujahr bis zu den unschuldigen Kinderlein.

    7. Auch fr auerordentliche Begebnissen,
       Copulationen, Taufen und Begrbnissen,
         Hatten sie in ihrem Pulte frh und spat
         Einige hbsche Reden im Vorrath.

    8. Diese wuten sie dann nach Standesgebhren,
       Nach Proportion der Zahlung zu extendiren;
         Denn wo es nur wenig Gebhren gab,
         War die Rede meist etwas schal und knapp.

    9. Einige trieben ihre Kunstgriffe noch weiter,
       Und nahmen sogar als rstige Reiter,
         Aus der Postille sich dann und wann
         Sonntags eine Predigt zum Vorspann.

   10. Herr Pfarrer Jobs hatte aber gar nicht nthig
       Seine Predigten zu haben vorrthig,
         Denn sein geistiges Rednertalent
         War, wie wir schon wissen, excellent.

   11. Er brauchte nur einmal am Aermel zu rtteln,
       So konnte er gleich 'n halb Dutzend heraus schtteln;
         Das heit: Ihre Verfertigung that gar nicht weh,
         Er konnte sie machen ^ex tempore^.

   12. Ohne sich an gewhnliche Texte zu binden,
       Pflegte er immer solche zu whlen und zu finden,
         Welche die Gelegenheit oder sonst'ges Bedrfni
         Ihm als ntzlich fr die Leute anwies.

   13. Seine Bibliothek war schn und auserlesen,
       Grer als je bei einem Dorfpfarrer gewesen,
         Jedoch unter allen seinen Bchern traf man
         Keine einzige Postille an.

   14. Wenigstens in seinen ffentlichen Reden und Lehren
       Lie er nie etwas Heterodoxes hren,
         Und er wiche keinen Fingerbreit von
         Der Augsburgischen Confession.

   15. Er vergab sich nicht die allerkleinsten Partikeln
       Von den einmal beschwornen Schmalkald'schen Artikeln,
         Und daran handelte er klglich gewi,
         Denn er vermied dadurch manches Aergerni.

   16. Zwar war er Punkto der symbolischen Bcher
       Hier und da nicht so ganz feste und sicher,
         Doch hielt er sich bei solchem Dubium
         Gegen andere gewhnlich dumm.

   17. Wenn ein Schaf seiner Heerde abwrts wiche,
       Oder auf verbot'nen Wegen herumschliche,
         So war er immer auf seiner Hut,
         Und lockte es wieder mit Pfiffen der Sanftmuth.

   18. Er betrachtete im Strafen keine Personen,
       Achtete nicht auf Stand, Wrden und Connexionen,
         Sondern schor jedes Ohnwitzer Schaf und Lamm
         Unparteiisch ber _einen_ Kamm.

   19. Obgleich diejenigen, welche Bockstreiche machten,
       Ihm ansehnliche Kchengeschenke brachten,
         Nahm er sie drum nichts desto weniger
         Privatim unter vier Augen her.

   20. Der Herr Amtmann so wie der Kchenschreiber,
       Der erste Schulze so wie der Khtreiber
         Galten ihm alle insoweit eins,
         Denn er schonte, wo's nthig war, keins.

   21. Selbst der gndigen Frau und dem gndigen Herren
       Gab er scharfe Vermahnungen und derbe Lehren,
         Wenn er etwa an ihrem Seelenzustand
         Eine Kleinigkeit auszuflicken fand.

   22. Doch pflegte er niemals ffentlich zu schmlen,
       Und jeden Unfug des Sonntags zu erzhlen,
         Schlug auch nie im geistlichen Eifer und Wuth
         Seine Hand und das Kanzelbnkchen caput.

   23. So gewann er vollkommene Liebe und Vertrauen
       Im Dorfe bei allen Mannen und Frauen,
         Und sein gutes Gerchte erschall
         Im ganzen Lande rund berall.

   24. Die Ohnwitzer alle, Grobe und Feine,
       Alte und Junge, Groe und Kleine,
         Wren allenfalls gerne khn
         Aus Liebe durch's Feuer gelaufen fr ihn.

   25. Die Bauern machten gemeinlich schon von ferren
       Einen Kratzfu fr den lieben geistlichen Herren,
         Und jede Bu'rin war schnell und fix,
         Wenn sie ihn sahe, mit ihrem Knix.

   26. Ja sogar die kleinen Mdchen und Knaben,
       Wenn Herr Jobs ihnen begegnete, gaben
         Ihm mit allem mglichen Anstand
         Verehrungsvoll und freundlich die Kuhand.

   27. Ehmals waren leider die Ohnwitzer Kinder
       Erzogen schlimmer wie Bcke und Rinder;
         Aber seit Pfarrers Hieronimi Zeit
         Lernten sie Zucht und Ehrbarkeit.

   28. Denn er machte es zur Pflicht bei ihren Alten,
       Sie fleiig zu Schulen und Sitten anzuhalten,
         Und lie es seinerseits auch ermangeln nicht
         An 'nem guten christlichen Unterricht.

   29. Er gab fters in der Schule Visiten,
       Um bei dem Dorfschulmeister zu verhten,
         Da seine knftige Pdagogei
         Nicht so pedantisch wie vormals sei.

[Illustration]

   30. Denn ehmals gab's von der Ruthe und dem Bakel
       Auf'm Hintern und Rcken manchen blauen Makel,
         Oft wurden gar Rippen und Arme krumm,
         Und die Kinder vom Lernen vollends dumm.

   31. Diesen Uebeln in der Schule auszuweichen,
       Pflegten sie vormals gerne vorbei zu schleichen,
         Und sie sahn das in die Schule Gahn
         Als ihr grtes Kreuz und Unglck an.

   32. Aber jetzt wurden die Prgel abgeschaffet,
       Und die fehlenden Kinder mit Worten bestrafet,
         Drum gingen sie nunmehr sittig und fein
         Gern in die Schule, um zu lernen, hinein.

   33. Da thaten sie also mchtig profitiren
       Im Schreiben, Lesen und Buchstabiren,
         So da ein unmndiges Kind von acht Jahr
         Jetzt gelehrter wie der alte Dorfschulz war.

   34. Auch die vorigen Ohnwitzer Herrn Pastores
       Bekmmerten sich nicht viel, wie es um die Mores
         Ihrer anvertrauten Heerde stand,
         Wenn sich sonst nur alles in ^statu quo^ befand.

   35. Drum war im Dorf Ha, Streit, Fressen, Saufen,
       Bberei, Unzucht, Balgen und Raufen,
         Dieberei, Prellerei, Neid und Betrug
         Sehr gemein und schier tglich genug.

   36. Fast alle Sonntage war in der Schenke
       Schlgerei, Schimpfen, Lrm und Geznke,
         Und immer in jeder folgenden Woch'
         Muten ein Paar zur Strafe ins Hundeloch.

   37. Auch gab's dabei viele ansehnliche Brchten
       In die Canzleikasse gewhnlich zu entrichten,
         Und insoweit sahn die Justizherrn
         Dergleichen Unfug eben nicht ungern;

   38. Aber seitdem Herr Jobs die Pfarre bekommen,
       Hat man wenig oder wol gar nicht vernommen,
         Da es Brchten gab oder einer ins Hundeloch
         Wegen verbeter Excesse kroch.

   39. Denn seine vortrefflichen Kanzellehren
       Muten fast jeden Snder bessern und bekehren,
         Besonders sein eigenes Leben war
         Ein chtes Tugenden-Exemplar.




Drittes Kapitel.

Fortsetzung des vorigen.


    1. Seine Vorgnger thaten bei gutem Muthe
       Sich gerne bei andern ^bene^ und zu gute
         Und waren mit Weib und Kindern viel,
         Wo was zu essen oder trinken vorfiel.

    2. Er aber ging hchst selten zum Schmause,
       Und geschah es, so eilte er doch frh nach Hause,
         Denn er hate alle Schmarozerei
         Und blieb seiner geistlichen Wrde getreu.

    3. Er war auch zu Hause kein heimlicher Prasser,
       Trunk wie Timotheus nur wenig Wein, doch mit Wasser,
         Bei der Tafel und sonsten nur fr
         Den Durst ein leichtes Hausmannsbier.

    4. Bei gewissen hochfeierlichen Gelegenheiten
       Pflegte er wol bis zum halben Ruschlein zu schreiten,
         Aber er behielt doch immer den Verstand rein,
         Stank brigens nie nach Tabak und Branntwein.

    5. Auch war er kein Leckermaul noch Fresser,
       Sein Magen- und Mundbedrfni war selten grer,
         Als Suppe, ein Stckchen Fleisch und Zugem',
         Oder sonst wo 'ne Kleinigkeit zum Anbi.

    6. Die etwaigen Tafelberflusse
       Hatten immer die Armen zum Genusse,
         Und diese hielten, Jahr ein Jahr aus,
         Offne Tafel in seinem Vorhaus.

    7. Besonders geschah dieses seit den Jahren,
       Als seine Mutter Schnaterin Todes verfahren;
         Denn die liebe, gute, selige Frau
         War zuweilen etwas ngstlich und genau.

    8. Hatte er dann und wann seltne Leckerbissen,
       So pflegte er selbst nur wenig davon zu genieen,
         Sondern drftige Kranke bekamen davon
         Meistens die greste Portion.

    9. Ueberhaupt war er voll Mitleid und Erbarmen
       Fr alle und jede Nothleidenden und Armen,
         Und war mit mglichstem Rath und That
         Ihnen zu helfen immer parat.

   10. Er unterlie nicht, mit vollen Hnden
       Almosen den Hilfsdrftigen auszuspenden,
         Und wo er einen nackt und unbekleidet sah,
         War er gleich mit Hemd, Rock, Schuh, Hosen da.

   11. Morgens war oft seine Kasse und Ficke
       Von eingekommenen Geldern voll und dicke,
         Aber Abends beim Zubettegehn
         War kein Batzen mehr drin zu sehn.

   12. Er gab aber alles in grester Stille
       Ohne Prahlerei, Vorwrfe oder Gebrlle,
         Und immer blieb gleichsam der linken Hand,
         Was die rechte machte, unbekannt.

   13. Er war stets freundlich und dienstfertig
       Und gleich bei Tag und Nacht gegenwrtig
         Zur Menschenliebe und zur Dienstpflicht,
         Und so commod' wie sein Antecessor nicht.

   14. Besonders achtete er weder Frost noch Hitze,
       Wind und Regen, Donner und Blitze,
         Wenn ihn etwa dringende Noth
         Zu einem Kranken zu eilen gebot.

   15. Nie war er kriechend oder niedertrchtig,
       Aber doch in Reden und Aeuerungen bedchtig,
         Und im Umgang kein pietistischer Murrkopf,
         Noch in Gesellschaften ein Sauertopf.

   16. Vielmehr suchte er im Umgang mit Leuten
       Frohsinn um sich her zu verbreiten.
         Denn er gedachte: das chte Christenthum
         Besteht nicht im Kopfhngen oder Gebrumm.

   17. Doch Possen und zweideutige Narrendeutungen
       Trieb er nie bei Mdchen und bei jungen
         Weibern, sondern er bezhmte sein Fleisch
         Und blieb durchaus ehrbar, zchtig und keusch.

   18. Deswegen konnten mannbare Tchter und Frauen
       Ihm sicher alle Geheimnisse anvertrauen,
         Und weder Vater noch Ehmann sahen dazu,
         Wenn er bei jenen allein war, ^jaloux^.

   19. Entfernt vom geistlichen Stolz und Hochmuthe,
       Blieb er vor wie nach bei kaltem Blute,
         Wenn man ihn just nicht Herr Doctor hie,
         Sondern es beim simpeln Herr Pfarrer lie.

   20. Drum will auch ich beim gewohnten Stil bleiben
       Und nicht _Doctor_, sondern _Pfarrer_ Jobs meist schreiben,
         Weil ohnehin heut zu Tag der Doctorgrad
         Eben nicht hoch ansehnlich mehr staht.

   21. Allen Eigennutz und Geiz hat' er
       Als ein hliches ungeistliches Laster,
         Und gab viel lieber, als da er nahm,
         Wenn Geben und Nehmen in Collision kam.

   22. Deswegen wollte er auch nie wegen der Pfarrpchten
       Mit seinen Pfarrkindern krakelen oder rechten,
         Und er that nie mit seinen Schuldnern so
         Wie der Schalksknecht im Evangelio.

   23. War wo 'ne Kleinigkeit zu repariren,
       So ging er nicht gleich betteln und collectiren,
         Und enthielt sich von jeder Prellerei,
         Sie mag Namen haben, wie sie wolle, frei.

   24. Seine Vorgnger suchten durch Plusmachen sich zu bessern,
       Und die Pfarreinknfte jhrlich zu vergrern,
         Und hatten immer bald hinten bald vorn
         Etwas zu tadeln an Beichtpfennig und Korn.

   25. Zwar geschah dies nicht immer ohn' Ursach aus Geize;
       Denn viele Ohnwitzer waren schlimme Kuze,
         Und hielten es eben fr kein Scandal,
         Wenn man den Pfarrer betrog oder bestahl.

   26. Drum gaben sie manchen falschen Beichtdreier
       Und Hhner, die den Pips hatten, und faule Eier,
         Und bei dem Getreide das mehreste mal,
         Fehlte es an Ma, Qualitt und Zahl.

[Illustration]

   27. Nie mischte er sich in fremde Hndel und Sachen,
       Dachte vielmehr an die Lehre des alten _Sirachen_:
         _Was deines Amts nicht ist zu Ohnwitz.
         Da la, liebes Kind! deinen Vorwitz!_

   28. Ehestiftungen und niedertrchtige Kuppeleien
       Hate er besonders bis zum Verabscheuen,
         Obgleich dies Geschft seinem Amtsvorfahr
         Durch manchen Kuppelpelz eintrglich war.

   29. Gegen andre Religionsverwandten
       Bezeigte er sich immer als einen Toleranten,
         Und schlug bei geringen Ketzerei'n
         Nicht gleich mit dem Prgel des Anathema drein.

   30. Er hielte, sowol Katholiken als Calvinisten,
       Fr seine lieben Mitbrder und Mitchristen,
         Und verdammte keinen mit kaltem Blut,
         Wr's auch gewesen Trk', Heid' oder Jud'.

   31. Kurz, er machte seinem Amte und seiner Lehre
       Als ein chter Religionsprediger, Ehre,
         Und in der ganzen Gegend umher
         War ein so braver Pfarrer nicht mehr.




Viertes Kapitel.

Wohlstand in Ohnewitz.


    1. Gleichwie whrend Hieronimi Nachtwchterstande,
       In Schildburg sich alles ruhig und wohl befande,
         Und, so viel ich sicher wei, allda
         Weder Einbruch noch Ruberei geschah;

    2. So und dermaen, als nun geistlicher Hter,
       Stimmte er die Ohnwitzer Seelen und Gemther,
         Obgleich unter manchem Seufzer und Schwei,
         Zur Rechtschaffenheit, Ordnung und Flei.

    3. Sie hatten zwar, wie wir schon wissen, harte Hute,
       Und wurden doch in kurzer Zeit die besten Leute,
         Und jeder wunderte sich schier sehr zu sehn
         Der Ohnewitzer vernnftigs Begehn.

    4. Sie heiratheten und urbarten wste Rume,
       Zeugten fleiig Kinder und pflanzten Bume,
         Gingen oft in die Kirch' und aufs Feld,
         Hatten Verstand und Courage und Geld.

    5. Arbeiteten auch sonst wacker im Berufe,
       Baueten manche neue Scheune und Hufe,
         Und im ganzen Ohnwitzer Dorfe blieb
         Kein einziger miger Bettler noch Dieb.

    6. Sie zahlten die Martinspchte ohne Fehle,
       Thaten auf Zinse manche neue Kaptle,
         Und so stieg in kurzem im schnsten Flor
         Das kleine Dorf ansehnlich empor.

    7. Zwar wuchsen auch mittlerweil' Luxus und Moden
       Auf dem bisher altfrnkisch lndlichen Boden,
         Und statt gesundem Bier und Milchbrei
         Trank man Kaffee und Zucker dabei.

    8. Die reichsten Mnner spazierten in Pantoffeln,
       Aen Braten und Blumenkohl statt Speck und Kartoffeln,
         Und trunken statt Kovent alten Pontak,
         Und rauchten vom allerbesten Tabak.

    9. Auch die jetzigen Ohnwitzerinnen,
       Statt Kse zu machen und Flachs zu spinnen,
         Lasen Romanen und strickten Filet,
         Hielten Visiten und trugen sich nett.

   10. Sogar die stolzirenden Dorfmdchen
       Zierten sich wie Jungfern in kleinen Stdtchen,
         Trugen Kattun mit Zitz statt Leinwand
         Und aufgesteckte Mtzen mit fein Band.

   11. Die jungen Kerls verlieen oft Pflug und Flegel,
       Gingen des Nachmittags und schoben Kegel
         Und trunken in der Schenke firnen Wein
         Und luden zum Tanzen die Dirnen ein.

   12. Doch ward darin eben nichts bertrieben,
       Sondern alles ist in Fuhrmannswegen geblieben,
         Denn Herr Pfarrer Jobs hielte Tag und Nacht
         Ueberall getreu seine geistliche Wacht;

   13. Und steuerte berhaupt an seinem Theile
       Aller bsen Neuerung und jedem Unheile,
         Er hielt also wenigstens in ^essentialibus^
         Alles auf dem alten deutschen Fu.

   14. Auch der gndige Herre auf dem Schlosse
       Geruhten zu haben eine sehr groe
         Freude und Wohlbehagen dran,
         Wenn Hochdieselben diesen Wohlstand sahn.

   15. Sie entschlossen sich von nun an, zu verschonen
       Die Bauern mit den bisher beschwerlichen Frohnen,
         Und haben auch die uralte Leibeigenschaft
         Bei denselben allergndigst abgeschafft.

   16. Das mehrte nun natrlich der Unterthanen Liebe,
       Und minderte die Zahl der Bettler und Diebe,
         Denn jeder konnte gemchlicher nun
         Fr sich selbst arbeiten und gehrig ausruhn.

   17. Zuweilen gab der Herr lndliche Feste,
       Und da waren die Bauern smmtlich seine Gste,
         Und immer ginge lustig die Gei-
         ge und der ernste Brummba dabei.

   18. Die gndige Frau hielt es nicht zu geringe,
       Mit dem Dorfschulzen zu machen einige Sprnge,
         Und der gndige Herr ffnete jedes Mal
         Mit der artigsten Burin den Ball.

   19. Besonders gern tanzte der junge Herre
       Mit den hbschesten Mdchen ins Kreuz und die Quere
         Manches Menuet und englische Stck,
         Nach allen Regeln der Tanztaktik.

   20. Kam er mit Mamsell Esther an den Reihen,
       So that sich sein Herz vorzglich erfreuen,
         Und es geschah alsdann ^hinc inde^ da
         Mancher Ausglitscher und ^faux pas^.

   21. Da es nun zuging in allen Ehren,
       So mochte Herr Pfarrer Jobs es auch nicht wehren,
         Ja vielmehr billigte er ganz
         Einen unschuldigen lndlichen Tanz.

   22. Htt' auch wol selbst eins mgen mitmachen,
       Aber er enthielt sich gerne, um den Schwachen
         Nicht zu geben ein Aergernu;
         Welch's man dann auch von ihm rhmen mu.

   23. Auch ich meinerseits kann keine Snden
       In dergleichen Leibesbungen finden,
         Wenn nur das Exercitium der Tanzkunst
         Geschieht ohne Anstrengung und Brunst.

   24. Wir werden brigens in der Folge sehen,
       Was fr gute Frchte daraus entstehen,
         Wenn regierender Herr und Unterthan
         Sich fein freundlich zusammen begahn.




Fnftes Kapitel.

Dieses Kapitel handelt von des Herrn Pfarrers Jobs' huslichem Leben.


    1. Nun will ich auch von Herrn Jobs huslichem Leben
       Noch eine vollstndige Nachricht geben,
         Und wir sehen dann auch zugleich dabei,
         Ob auch auf'm Schlosse noch alles richtig sei;

    2. Denn beider Schicksal verwebt sich enger
       Mit einander desto mehr, je lnger
         Die Erzhlung der Geschichte whrt
         Und man geduldig zu lesen fortfhrt.

    3. Herr Jobs that, wie gesagt, mit aller Treue,
       Alles was gehrte zu seiner Pfarreie;
         Auch in seiner Oeconomie befand sich
         Alles fein sauber und ordentlich.

    4. Er konnte sich zwar selbst damit nicht befassen,
       Mute sie also seiner Schwester berlassen;
         Denn sie war, nachdem die Mutter storb,
         Das Factotum und allein Henne im Korb.

[Illustration]

    5. Er befand sich dabei auch gar nicht bel,
       Und seine Bcher, besonders das Studium der Bibel,
         Vertrieben ihm angenehm die Zeit
         In seines Musei Einsamkeit.

    6. Er ging auch, um sich zu divertiren,
       Bei guter Witterung zuweilen spazieren;
         Wobei er dann fein gesund blieb
         Und verhtet wurde das ^malum Hyp^.

    7. Auch pflegte er sich oft persnlich zu erknden
       Nach der herrschaftlichen Familie Wohlbefinden,
         Und sowol die gndige Frau als beide Herrn
         Sahen ihn jedesmal herzlich gern.

    8. Er war auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schlosse
       Gleichsam ^Spiritus familiaris^ und Hausgenosse,
         Und wenigstens jeden Sonntag fast
         Nach geendigtem Gottesdienst Gast.

    9. Auch hat sich der junge Baron oft zu ganzen Stunden,
       Zum Besuche im Pfarrhause eingefunden,
         Und es verginge kein einziger Tag,
         Da er nicht wenigstens ^en passant^ einsprach.

   10. Doch was diese Besuche betrifft, so scheinet,
       Da er eben nicht immer damit den Bruder gemeinet;
         Denn es kmmerte ihn nicht, wenn er vor der Hand
         Nur blos die Schwester zu Hause fand.

   11. Er ging am liebsten in der Pfarrgegend jagen,
       Auch der hbsche Garten da that ihm behagen,
         So da er bestndig einen Vorwand
         Zu seinen frequenten Visiten erfand.

   12. Zum Exempel: Abends fand er in diesem Reviere
       Das sanfte Wehen der khlen Zephyre
         In den Bumen daselbst sehr angenehm,
         Und das Wldchen da zum Spazieren bequem.

   13. Oder, er hatte ber gewisse gelehrte Sachen
       Mit Herrn Doctor Hieronimus etwas zu sprachen;
         Oder er brachte ein Hschen oder Rebhhnlein,
         Das er geschossen, in die Kche hinein;

   14. Oder er pflegte ins Pfarrhaus zu eilen,
       Angenehme Neuigkeiten dort zu ertheilen;
         Oder er kam, und es war noch zu frh,
         Zum sonntglichen Gottesdienst hie;

   15. Oder er hatte Auftrge und Freundschaftspflichten
       Von seinen Eltern an Herrn Jobs zu entrichten;
         Oder er erkundigte sich auch wol blos,
         Ob nichts zu bestellen sei frs Schlo.

   16. Die Ohnwitzer haben mit Verwunderung gesehen
       Ihn so ofte ins Pfarrhaus hinein gehen;
         Denn es begab sich, da er Gelegenheit nahm
         Und tglich wol zwei- bis dreimal kam.

   17. Kurzum, auch im huslichen Geschicke
       Lchelte dem Herrn Pfarrer Jobs das Glcke,
         Besser als manchem Prinzen und Rex,
         Oder in neuerer Zeit einem Pontifex.




Sechstes Kapitel.

Wie Herr Jobs auch sein Hauskreuz hatte, ob er gleich keine Frau hatte
und von seiner Schwester Krankheit.


    1. Indessen das Erdenglck hat hinten und vornen
       Doch immer etwas von Stacheln und Dornen,
         Und nach diesem Sprchwort ging es auch so
         Dem Doctor und Pfarrer Hieronimo.

    2. Seine Haushlterin die geliebte Schwester,
       Das sonst muntre Mdchen, die gute Esther,
         Nahm, dies bemerke er schon einige Zeit,
         Augenscheinlich ab an Lebhaftigkeit.

    3. Zwar versah sie ziemlich alle Geschfte,
       Es fehlten ihr auch eigentlich dazu keine Krfte,
         Und sie befolgte treulich spt und frh
         Die beste Aufsicht in der Oeconomie.

[Illustration]

    4. Allein sie schien oft in Gedanken zerstreuet,
       Ward durch gewhnliche Sachen nicht erfreuet,
         Und man sah, da sie nicht so gar flink,
         Wie vormals, in allem zu Werke ging.

    5. Auch Seufzer, sowol publice als im Stillen,
       Entstiegen oft der Brust ohne ihren Willen,
         Wenn sie bei ihrem Spinnrdchen sa,
         Oder gar indem sie trank oder a.

    6. Ja man sah nicht selten auf ihrem Backenprchen
       Hangen einige perlfarbene Zhrchen,
         Und ihre klaren blauen Aeugelein
         Waren oft roth, na und unrein.

    7. Auch hrte man einigemal in ihrer Schlafkammer
       Des Nachts ein heimliches Sthnen und Gejammer,
         Und dennoch sagte oder klagte sie
         Ihr dringendes heimliches Anliegen nie.

    8. Auch die frische Farbe ihrer runden Wangen
       Ist nach und nach verloren und vergangen;
         Vormals war sie schn rosenroth,
         Und nun ward sie schier bla wie der Tod.

    9. Ehmals war sie immer bei gutem App'tite,
       Dies setzte bei ihr natrlich gesundes Geblte;
         Aber nun war App'tit, Durst, froher Sinn,
         Nchtliche Ruhe ^et caetera^ dahin.

   10. Auch hatte sie zuweilen mit Nervenkrmpfen
       Und kleinen Anfllen von Ohnmachten zu kmpfen,
         Und die allergeringste Kleinigkeit
         Erregte Vapeurs und Uebelkeit.

   11. Sie suchte sich allen Vergngungen und Compagnien,
       So oft es der Wohlstand nur litte, zu entziehen,
         Und ihre beste Unterhaltung blieb,
         Wenn sie einsam etwa was las oder schrieb.

   12. Dies alles merkte, wie gesagt, Herr Jobs lange,
       Drum ward er ob ihres Zustandes sehr bange,
         Und dachte, sie laborire an der Atrophie,
         Und Freund Hein kriegte in seine Klauen bald sie.

   13. Um ihre Krankheit zu erklren und zu curiren,
       That er oft studirte Leute consuliren,
         Und mancher berhmter Aesculap
         Gab drber seine Meinung und Recepte ab.

   14. Der eine suchte den Quell des Uebels im Magen,
       Und gab Vomitive, ihn draus zu verjagen,
         Aber es begab sich, da's mit dem Vomitiv
         Immer schdlich fr die Patientin ablief.

   15. Andre riethen auf vorhandene Wrmen
       Und suchten sie mit Wurmmitteln zu bestrmen;
         Einer wagte sogar einen schrecklichen Landsturm
         Auf einen vermeinten langen Bandwurm.

   16. Andre suchten das vorhand'ne Uebel zu stillen
       Mit Aloe, Galbanum, Stahl und Polychrestpillen;
         Denn sie leiteten die ganze Krankheit perfect
         Aus einem gewissen weiblichen Defect.

   17. Andre suchten sie mit starken Purganzen
       Wegen vermeinter Verschleimung zu curanzen;
         Andre curirten gradezu auf Schwindsucht nur
         Und riethen Islndisches Moos und Milchcur.

   18. Andre meist alte practische Polipheme
       Suchten der Krankheit Sitz im Nervensysteme,
         Und nach reiflicher Erwgung riethen sie an
         Moschus, Teufelsdreck, Bibergeil und Baldrian.

   19. Andre versicherten dem Herrn Jobs aufrichtig,
       Jedoch ^sub rosa^, sie wrde wasserschtig,
         Und sagten, seiner Schwester Krankheit sei
         Wi und wahrhaftig eine Kachexei.

   20. Aber alle ihre hufig verschrieb'ne Arzneien
       Wollten nicht bei ihr anschlagen noch gedeihen,
         Und sie ward nach dem Gebrauch vielmehr
         Tglich schlimmer und krnklicher.

   21. Einige alte ehrbare sachkundige Dorffrauen
       Sagten sich eine der andern im Vertrauen,
         Die Krankheit der Mamsell Esther wre nur klein,
         Und htte Leben, Kopf, Hals, Arm und Bein.

   22. Aber wir werden's knftig finden und sehen,
       Da dem guten Mdchen drin zu viel geschehen,
         Denn die Folge bewies es genung,
         Da jene Sage nur sei Verleumdung.

   23. Dem Pfarrer Jobs duchte es unerhrbar,
       Da seiner Schwester Krankheit so verschieden erklrbar
         Bei den Kennern der Arzneikunst sei,
         Und dachte heimlich das Seine dabei.

   24. Er hielt es darum fr klug und vernnftig,
       Da sie gar keine Arznei mehr brauche knftig,
         Und da man sie fortan in Gottes Namen nur
         Blos berlie ihrer eigenen Natur.

   25. Und das war ihm dann auch gewi gerathen;
       Denn unter den Hnden der Herrn Hippokraten
         Wre sie bei dem gesundesten Blut
         Doch endlich unfehlbar gemachet caput.

   26. Er suchte aber sie mglichst aufzuheitern,
       Und damit sich das Uebel nicht mchte erweitern,
         Rieth er, als ein vernnftiger Mann,
         Spazieren und angenehmen Umgang ihr an.




Siebentes Kapitel.

Wie auch der junge Herr von Ohnwitz krank ward, und wie ihm keine
medizinische Fakultt helfen konnte, wie dieses wol oft in Krankheiten
der Fall sein thut.


    1. Sonderbar ist's zu vernehmen und zu hren,
       Da auch bei dem jungen adligen Herren
         Von Ohnwitz, jedoch ^mutatis mutandis^,
         Sich eine hnliche Krankheit anwies.

    2. Er war sonst ein herzlieber edler Junge,
       Hatte groen Verstand und 'ne gelufige Zunge,
         Und ein gar vornehmes adliges Ansehn,
         Und war von Angesicht brunlicht und schn.

[Illustration]

    3. Auch hatte der junge Herr, Ihro Gnaden,
       Ziemlich runde Wangen und passable Waden,
         Und bte mit seinen Muskeln voll Kraft
         Immer eine gute Ritterschaft.

    4. Ich will hier zur Ergtzung und zum Vergngen
       Sein Portrt einsweilen beifgen;
         Es gleicht ihm zwar nicht, doch stelle ich's her,
         Man mu sich nur vorstellen, als wenn er es wr'.

    5. Aber, wie gesagt, seit einigen Zeiten
       War auch er geplagt mit Uebelkeiten,
         So da er weder app'titlich trank noch a,
         Und dabei verginge wie Laub und Gras.

    6. Er schlich traurig oft weg ins Geheime,
       Hatte Nachts allerlei beschwerliche Trume,
         Und weder sein Lakei noch Reitknecht
         Konnten ihm je etwas machen recht.

    7. Weder Musik, Spiel oder Studiren,
       Konnten ihn aufmuntern oder amsiren,
         Denn, gleich dem rgsten Hypochondricus,
         Hatte er an allem und jedem Verdru.

    8. Er verfiel dabei augenscheinlich,
       Sein Embonpoint wurde mehr und mehr kleinlich,
         Das machte dann viel Sorge beim Herrn Papa,
         Und noch mehr dito bei der Frau Mama.

    9. Manche Arztfacultt ward zu Rath gezogen,
       Da hat man den Zustand collegialisch erwogen,
         Aber in ^methodo medendi^ war
         Einer dem andern directe contrar.

   10. Der eine focht mit medicin'schen Sophismen,
       Der andre mit Hippokratis Aphorismen,
         Ein andrer berief sich mit guter Art
         Auf langjhrige Praxis und grauen Bart.

   11. Der eine verschrieb Pulver und Mixturen,
       Der andre Latwergen und Tincturen,
         Der eine rieth zum Purgiren und Schwei,
         Der andre zu einer Brunnenreis'.

   12. Doch nach langem Fechten und Disputiren
       Und ^pro et contra^ Deliberiren,
         Kam man, nach geendigtem gelehrten Zank,
         Drin berein: der junge Herr sei krank.

   13. Aber ob diesem Lrm, Disputiren und Zanken,
       Htte Patient schier mgen erkranken.
         Drum that derselbe weislich und klug,
         Da er alles Einnehmen rund abschlug.

   14. Er nahm inde tglich an Munterkeit abe,
       Schien fast zu stehn mit einem Fu im Grabe,
         Obgleich weder an Lunge noch sonst innerlich
         Eigentlich befande kein Fehler sich.

   15. Es schien doch, als knn' er seine melanchol'schen Grillen
       Am besten damit wegjagen und stillen,
         Wenn er ein bischen spazierte aus
         Nach dem Ohnewitzer Pfarrerhaus.

   16. Sintemal nun fr junge, krnkliche Naturen
       Die Heirathen oft sind die zutrglichsten Curen,
         So fielen auch seine gnd'gen Eltern fr ihn
         Auf diese besondre Art von Medicin.

   17. Es waren aber im District von rund um einigen Meilen
       Viele mannbare sehr artige Freiinnen und Frulen,
         Welche wol eine schier baldige Heirath
         Gleichfalls gehalten htten fr 'ne Wohlthat.

   18. Ihm ward also von den Eltern dringend empfohlen,
       Sich ein Frulein daher bald heimzuholen,
         Und sie gaben ihm gerne im voraus, wenn's
         Nur ritterbrtig sei, ihren Consens.

   19. Denn sie hielten groe Stcke auf ihren Adel,
       Der war auch bisher blieben ohne Tadel,
         Und von allem unsaubern brgerlichen Blut
         Noch unvermischt und durchaus kerngut.

   20. Alles andre hielten sie fr Kleinigkeiten,
       Welche bei Convenienz-Ehen nichts bedeuten;
         Es war ihnen sogar durchaus einerlei,
         Ob die knftige Schwiegertochter reich oder arm sei.




Achtes Kapitel.

Wie man den jungen Herrn, um ihn zu curiren, mit der Frulein Judith
verheiraten will, und wie er diese Medicin nicht nehmen will.


    1. Es wohnte aber an der Ohnewitzer Grenze
       Eine freiherrliche Wittwenexcellenze
         Auf einer alten, ehmals festen Burg,
         Welche jetzt verfallen war durch und durch.

    2. Ihre Ahnenzahl war lngst bervollwichtig,
       Und der Stammbaum bis zur Wurzel cht und richtig:
         Aber (nichts ist ja vollkommen in der Welt)
         Es fehlte ihr am Besten: an Geld.

    3. Sie hatte deswegen nicht viel zu verzehren,
       Aber erzog doch in allen Zchten und Ehren
         Eine einzige Frulein Tochter zart,
         Sehr reizend und von englischer Gemthsart.

[Illustration]

    4. Sie war eine chte Perle des Landes,
       Sehr geehrt wegen ihrer Schnheit und ihres Verstandes,
         Und mancher Cavalier hatte wol Appetit
         Zu der angebeteten Frulein Judith.

    5. Aber weil diese sonst nicht verwerfliche Sachen
       Doch das Wesentlichste bei der Heirath nicht ausmachen,
         So hatte auch eigentlich keiner dafr Sinn,
         Sie zu whlen zu einer Gemahlin.

    6. Sie fuhr oft, in Ermang'lung 'ner ordentlichen Kutsche,
       Nach Ohnwitz mit ihrer Mutter in 'ner schlechten Birutsche,
         Weil sie daselbst sehr dick und gro stand,
         War auch von Noah her noch etwas verwandt.

    7. (Denn ich bemerke solches nur beilufig,
       Die Ohnwitzer _Vons_ befanden sich sehr hufig
         Unter dem Adel berall hier und da
         Zerstreuet im Lande Germania.)

    8. Sie weilten daselbst gemeinlich viele Tage,
       Vergaen ^pro tempore^ ihre sonst drftige Lage,
         Aen und tranken allda wohlgemuth
         Und befanden sich auch im brigen gut.

    9. Ihre smmtlichen mitgenommenen Domestiken
       Konnten sich gleichfalls daselbst mal erquicken;
         Es war zwar ihrer keine groe Schaar,
         Sondern ^in toto^ nur ein einziges Paar.

   10. Nmlich: Johann, Jger und zugleich Kutscher,
       Grtner, Kellermeister und Schuhputscher,
         Geheimer Kammerdiener, Lakei, Friseur,
         Und bei Ihro Excellenz sonst noch allerlei mehr.

   11. Nebst dem das 46jhrige Kthchen,
       Sie war Kchin und zugleich Kammermdchen,
         Flickte die Strmpfe und kehrte die Flur,
         War Viehmagd und zugleich ^Dame d'atour^.

   12. Sogar das Pferdegespann, zwei magere Gerippe,
       Wieherte froh zu Ohnewitz an der Krippe,
         Denn sie aen da, vom vielen Fasten matt,
         Im Marstall in Hafer und Hcksel sich satt.

   13. Auch der Frulen Judith Schoohund, ein schmchtiger Pudel,
       Ae sich da bald rund wie eine Nudel,
         Bekam Suppe, Braten und fettes Butterbrod,
         Und verga alle seine vorige Noth.

   14. Der junge Herr sahe von Kindesbeinen
       An gern die Judith zu Ohnwitz erscheinen,
         Und auch sie spielte und tndelte schon
         Als Kind gerne mit dem jungen Baron

   15. Auch in ihren Jnglings- und Mdchenjahren
       Thaten sie noch gern sich zusammen paaren,
         Ja man sahe auch spter ^ex post^
         Auf der alten Liebe noch keinen Rost.

   16. Inde seit Herr Jobs die Pfarre bekommen,
       Hat sich der junge Herr ganz curios benommen;
         Denn er zog sich mit guter Manier,
         Unvermerkt, nach und nach zurcke von ihr.

   17. Papa und Mama htten allenfalls gern gesehen
       Eine Mariage zwischen beiden entstehen;
         Denn sie liebten, wie gesagt, die Frulen Judith
         Wegen ihrer Artigkeit und dem guten Gemth.

   18. Allein der junge Herr wollte davon nichts hren,
       Suchte berhaupt alle Vermhlung abzukehren
         Ob er gleich an und fr sich eben zwar
         Kein Feind des schnen Geschlechtes war.

   19. Den Schlssel zu allen diesen Curiositten
       Und zu der Brunnquelle der Leibesnthen
         Des jungen Herrn und der Mamsell Esther
         Zeigt das folgende Kapitel nher.




Neuntes Kapitel.

Wie eine Liebschaft sich angesponnen hat zwischen dem jungen Herrn und
der Jungfer Esther.


[Illustration]

    1. Wir mssen jetzt auf einige Augenblicke
       In der Geschichte wieder ein wenig zurcke,
         Und fangen nachher aufs neue dann,
         Wo wir eben aufhrten, wieder an.

    2. Mchte wol wagen eine ansehnliche Wette,
       Da mancher es lngst schon gemerket htte,
         Oder es wenigstens doch jetzo begreift,
         Da das Ding auf 'ne Liebesgeschichte ausluft.

    3. Schon habe ich wohlbedchtlich im zweiten
       Theile, Kapitel 33, suchen vorzubereiten
         Den geneigten Leser auf den Roman,
         Der sich mit dem jungen Herrn und Esther anspann.

    4. Nun wollen wir, um methodisch zu gehen,
       Stck vor Stck ordentlich besehen,
         Wie alles vom ersten Anfang
         Nahm den gewhnlichen Romangang.

    5. Schon auf der Akademie hatte der Baron viele
       Dunkele angenehme Vorgefhle
         Fr Esther, und gab dem Hieronimus,
         Wenn er nach Haus schrieb, an ihr 'nen Gru.

    6. Denn mit Bcherschreiben und Verlieben
       Wird manches seltne Abenteuer getrieben;
         Beides kostet heuer wenig Mh',
         Und man kommt dazu und wei nicht wie?

    7. Und weil Hieronimus seine Schwester sehr schtzte,
       Und an ihrem Andenken sich sehr ergtzte,
         So sprach er von ihr dem Baron oft vor,
         Und das hob sein Gefhl noch mehr empor.

    8. Als sie nachher selbst nach Ohnwitz gekommen,
       Hat seine Liebe mehr berhand genommen,
         Und flammte und brannte lichterloh,
         Aerger als Flachs und lichtes Stroh.

    9. Denn sie hatte ein Gesichtchen wie ein Engel,
       Eine Taille schlank wie ein Rohrstengel,
         Rabenschwarzes Haar, einen schnen Mund,
         Und Wangen ^et caetera^ zart und rund.

   10. Er mute es sofort bei sich gestehen,
       Da er so ein Mdchen noch nie gesehen,
         Und durch ihren himmlischen Verstand
         Ward er vollends noch rger verbrannt.

   11. Er hielte zwar lange seine verliebte Grillen
       Fr sich allein, incognito und im Stillen,
         Und wagte es durch Liebeserklrung nicht,
         Von sich zu wlzen das schwere Gewicht.

   12. Auch Esther, als sie zuerst den Baron sahe,
       Wute nicht recht, wie und was ihr geschahe;
         Denn ein unbekanntes Etwas innerlich
         Bemchtigte ihrer gewaltsam sich.

   13. Sie hatte noch nie eigentlich geliebet,
       War auch in Romanenlectre nicht gebet,
         Sonst htte sie es wol gleich gewut,
         Was da so wurmte in ihrer Brust.

   14. Nach und nach entwickelten sich ihre Triebe,
       Wuchsen, und sie merkte, es sei die Liebe,
         Und sie gestand sich, sie htte nie gesehn
         Einen jungen Herrn so artig und schn.

   15. Aber sie suchte die Gefhle zu bestreiten,
       Und die aufwachsende Liebe auszureuten;
         Jedoch sahe sie immer den jungen Herrn,
         Wenn er zu ihnen ins Pfarrhaus kam, gern.

   16. Und oft, wenn sie ihn in der Nhe erblicket,
       Ward ein aufsteigender Seufzer in ihr zerdrcket,
         Und es ging hervor aus ihres Herzensschrein
         Manchmal ein gewagtes Wnschlein klein.

   17. Allein sie war bemht in kltern Augenblicken,
       Alle diese Wnsche in der Geburt zu ersticken;
         Denn als 'ne vernnft'ge Person gedachte sie:
         Die Wnsche wrden doch realisiret nie.

   18. Freilich fr 'nen Herrn solch hohen Standes,
       Einz'gen Sohn des reichsten Cavaliers des Landes,
         War sie zur Abkhlung fr's adlige Blut,
         Nur hchstens allenfalls als Maitresse gut.

   19. Aber sie ware seit ihrer frhen Jugend
       Eine Bewahrerin unverdorbener Tugend,
         Und htte so was selbst keinem Knigssohn
         Fr jhrlich Lohn von tausend Ducaten gethon.

   20. Auch der junge Herr konnte sich nicht bequemen,
       Die Sache auf einem solchen Fue zu nehmen;
         Denn er hielte es fr eine groe Snd',
         Zu verfhren andrer Leute Kind.

   21. Auch htte er alles in der Welt lieber
       Gesehen gehen darunter und darber,
         Als seinem lieben Freunde Hieronimus
         Zu machen einen so bittern Verdru.

   22. Er wute aber mit vollkommenster Ueberzeugung
       Seiner freiherrlichen Eltern Ekel und Abneigung
         Gegen jede Beschmutzung des Stands
         Durch eine niedrige Mesalliance.

   23. Sae folglich mit seinen zrtlichen Gefhlen
       Gleichsam geklemmt zwischen zweien Sthlen,
         Und so ginge er lange und trug sich stumm
         An seiner Liebe fast lahm und krumm.

   24. Was sonst ^hinc inde^ noch passiret,
       Wird in jedem Romanbuche recitiret,
         Darauf beziehe ich mich, weil jedermann
         Es umstndlich und genau da lesen kann.




Zehntes Kapitel.

Wie die Liebschaft weiter gehen und zu einer frmlichen Liebeserklrung
kommen thut.


    1. Indessen konnt' es nicht immer so sein und bleiben,
       Amor mute das Spiel weiterhin treiben,
         Und so kam's binnen einem Vierteljahr
         Zu einer Liebeserklrung baar.

    2. In welcher Form dergleichen Erklrungen geschehen,
       Kann man in Romanbchern gleichfalls nachsehen;
         Denn sie besonders zu beschreiben hier,
         Verdrbe nur die Zeit und 's Papier.

    3. Da der Baron am ersten sich erklret,
       Sich Esther aber anfangs sehr gewehret,
         Und alles geschah mit herzbrechendem Weh,
         Versteht sich von selbst als latus per se.

    4. Den Zeitpunkt, in welchem er's erst gewaget,
       Und ihr sein Herzensanliegen geklaget,
         Wei ich nicht genau, doch mein' ich, es sei
         Ohngefhr gewesen anfangs Mai.

    5. Denn in diesem wonniglichen Monate
       Geschehen Liebesantrge frh und spate,
         Theils an Toiletten, theils in Bschen, theils im Stall,
         Von jungen Herrn bis zu Kater und Nachtigall.

    6. Esther hrte zwar mit vielem Entzcken
       Den schnen Baron so zrtlich sich ausdrcken,
         Und wurde innerlich so tief gerhrt,
         Als htte sie _Mesmer_ magnetisirt.

    7. Aber sie fhrte ihm vorab zu Gemthe,
       Da ihr brgerliches und sein adliges Geblte
         Zu einem ernsthaften Liebesverein
         Sich so wenig fgten, wie Wasser zu Wein.

    8. Und sie gegen jede andre Art der Verbindung
       Und unerlaubte Leidenschaft und Empfindung,
         Bei aller sonstigen Seelenharmonie,
         Htte eine ewige Antipathie.

    9. Um sich also der Liebe zu entschlagen,
       Suchte sie allerlei Vernunftgrnde vorzutragen,
         Jedoch mittlerweile sie also sprach,
         Flo aus ihren Aeuglein ein Thrnenbach.

   10. Sie hatte noch allerhand gewhnliche Ausflchte,
       Theils von grerm, theils geringerm Gewichte,
         Fgte auch manches von der Untreu
         Und dem Wankelmuthe des mnnlichen Geschlechts bei.

   11. Er aber versicherte hoch und theuer:
       Er sei kein Lgner oder Alltagsfreier,
         Und noch vielweniger wolle er
         Ueber ihre jungfruliche Unschuld her.

   12. Schwor gar, da die Bume htten mgen krachen:
       Bei Cav'lierparol' und derlei zuverlssigen Sachen,
         Er wrde seine heftige Liebe und Sie,
         So lange er athmete, quittiren nie.

   13. Redete auch von Verzweiflung, Degen und Pistolen,
       Von Halsbrechen, ja gar von Teufelholen
         Und andern Dingen, welche rhrend schn
         In _Werthers_ Leiden beschrieben stehn.

   14. Von diesen so frchterlichen Schwren
       Lie sich Esther endelich rhren;
         Denn sie dachte, sie mcht' den verliebten Baron
         Sonst wirklich bringen zur Desparation.




Eilftes Kapitel.

Wie aus obgedachter Liebschaft endelich gar ein Siegwartsfieber
entstehet.


    1. Die Liebe des Barons und der Mamsell Esther
       Wurde nun tagtglich strker und fester,
         Nachdem man auf der schlpfrigen Liebesbahn
         Den ersten und schweresten Schritt gethan.

    2. Schon gleich auf die wechselseitigen Entschlsse,
       Sich ewig zu lieben, folgten einige Ksse,
         So wie nach dem gemeinen Sprchwort auf A B,
         Wie schon die Kinder wissen, folgt das C D.

    3. Man hat alle Gelegenheit wahrgenommen,
       Oft bei einander und zusammen zu kommen,
         Und der junge Herr hatte fortan nun
         Immer was im Pfarrhaus zu thun.

    4. Es traf sich bei seinen Besuchen auf der Pfarre,
       Da Herr Jobs meistens nicht zu Hause ware,
         Oder da er auf seiner Studierstube sa,
         Und fr sich andchtig studirte oder las.

    5. Aber der artige, liebe, junge Herre
       Bat ausdrcklich, da man ihn ja nicht stre,
         Viel weniger da er es bel nahm,
         Wenn Herr Jobs nicht 'runter zu ihm kam.

    6. Denn die eigentlichen importanten Sachen,
       Welche er im Pfarrhause hatte auszumachen,
         Gehrten wenigstens das meiste mal
         In des Gott Amors Cameral.

    7. Auch Jungfer Esther hat fast alle Wochen
       Mehrmals ins herrschaftliche Schlo eingesprochen,
         Wenn etwa ein Geschft sie dazu veranlie,
         Und hatte sie kein Geschft, so machte sie's.

    8. Man conferire ber diesen besondern Titel
       Die Verse 9 bis 16 im fnften Kapitel,
         Woselbst ich schon lang und breit beschrieb,
         Wie der Baron seine Besuche betrieb.

    9. Um ja im Liebeswandel nichts zu versumen,
       Thaten sie gar des Nachts von einander trumen,
         Und da wurde dann, was des Tages passirt,
         Des Nachts weitlufiger ausgefhrt.

   10. Er, um seiner noch besser zu gedenken,
       Ueberreichte ihr manche schne Geschenken,
         Zum Beispiel: einen herrlichen Brillantring,
         Und viele andre Galanterie-Ding'.

   11. Weil es ihr aber an Golde und Juwelen
       Vielleicht dermalen mochte fehlen,
         So flochte sie ihm dafr fein und rar
         Einen Ring von ihrem eignen Haar.

   12. Er gab ihr auch eingefat im goldnen Rahmen
       Sein Portrait, nebst dem Zug von seinem Namen,
         Nahm dagegen beim Lichte an der Wand
         Ihre Silhouette mit eigner hoher Hand.

[Illustration]

   13. Viele Liebende mssen sich bequemen,
       Mit solchen Kleinigkeiten vorlieb zu nehmen,
         Denn eine Copie ist doch allenfalls
         Ein Behelf in Ermanglung des Originals.

   14. (Apropos! ich will einmal probiren,
       Drber ein bischen zu physiognomisiren,
         Denn in diesem tiefsinnigen Studium
         Bin ich so wenig als Herr _Lavater_ dumm.)

   15. Man sieht in dem etwas zurckstehenden Hute
       Gar deutliche Zge vom Edelmuthe,
         Und es zeugt die gerundete groe Stirn
         Vom drinliegenden guten Gehirn.

   16. Die etwas hervorstehenden Augbraunen
       Beweisen ein Mdchen von muntern Launen,
         Und das Nschen, etwas mehr stumpf als spitz,
         Zeigt eine knftige Frau von Ohnewitz.

   17. Das hier kaum bemerkbare Backengrbchen
       Beweiset ein immer freundliches Liebchen,
         Und der ein wenig geffnete Mund
         Machet se Gesprchigkeit kund.

   18. Die ein wenig hngende Unterlippe
       Zeigt an, da sie sei keine Xantippe,
         Sondern da etwas Hang zur Schwrmerei
         In ihrem sanften Temperamente sei.

   19. Die nette Rndung und das Pnktchen am Kinne
       Deutet auf etwaigen Hang zur Minne,
         Und die ziemliche Strke des Hinterkopfs
         Zeiget deutlich an eine noch _Jungfer_ Jobs.

   20. Das hangende Haar auf Nacken und Rcken
       Scheint ein ^je ne sais quoi^ auszudrcken,
         Und des Halses und der Brust Contour
         Deutet auf eine gute Natur.

   21. Der Baron machte also, wie leicht zu ermessen,
       In seiner Liebe erstaunliche Progressen,
         Verfertigte auch manches Schfergedicht,
         Wo beim Lesen einem das Herz schier bricht.

   22. Oft wandelten sie in einsamen Feldern,
       Oder spazierten in schattigen Wldern
         Hand in Hand und Arm in Arm,
         Und wurden inner- und uerlich warm.

   23. Auch an sanft rieselnden Silberbchen
       Pflegten sie ber ihre Liebe sich zu besprechen,
         Und, siehe da, ihr zrtlichs Gesprch ergo
         Sich so sanft und glatt, wie der Bach flo.

   24. Oder sie sanken aufs weiche Moos nieder,
       Hrten des Hnflings und andrer Vgel Lieder,
         Und ahmten ihnen in der zrtlichen Klag',
         So viel als es nur menschmglich war, nach.

   25. Am zrtlichsten waren ihre Wechselgefhle
       Auf den Wanderschaften in der Abendkhle,
         Bei dem melodisch rhrenden Schall
         Der Philomel', sonst genannt Nachtigall.

   26. Sie saen auch in mancher Abendstunde
       Unterm blauen Himmel mit offnem Munde,
         Tranken des Mondes Silberschein
         Und das Flimmern der lieben Sternelein[1].

   27. Oder sie saen und liebelten in der Laube,
       Wie ein trauter Tauber und eine zrtliche Taube,
         Und dann schmolzen ihre Herzen stracks
         In einander wie Unschlitt und Wachs.

   28. Oder sie weilten in der abgelegnen Grotte,
       Spielten daselbst fast den _Werther_ und die _Lotte_,
         Und hantierten und koseten so s,
         Wie vielleicht Adam und Eva im Paradies.

   29. Kurz, das Liebesleben ging je lnger je lieber,
       Ward endlich ein ordentliches Siegwartsfieber,
         Denn diese gar nrrische Krankheit
         Grassirte ohnedem damals weit und breit.

   30. Oft traf der Baron sein Mdchen bei der Toilette,
       Einmal berraschte er sie gar im Bette,
         Jedoch bei aller dieser verdchtigen Liebschaft
         Behielte Esther ihre Jungferschaft.

   31. Ueberhaupt versichere ich's hoch und theuer:
       So gro auch ware ihrer Liebe Feuer,
         So ward doch dadurch in der Tugendpflicht
         Kein unglcklicher Brand angericht't.

   32. Bei allem dem war die Aussicht ihrer Liebe
       Im ganzen genommen sehr neblig und trbe,
         Denn man kam mit allem diesen Spiel
         Doch nicht zum reellen Zweck und Ziel.

   33. Denn Hieronimus konnte dies Bndni nicht billigen,
       Die gndigen Eltern noch weniger einwilligen,
         Es blieb also blos bei den Prliminarien,
         Ohne im Hauptartikel weiter zu gehn.

   34. Da kann man nun leicht bei sich gedenken,
       Wie sehr das den guten Kindern mute krnken,
         Und wie allgemach ein heimlicher Gram
         Bei dem einen und der andern berhand nahm.

   35. Der arme junge Herr, wie weiland _Werther_,
       Besuchte einsame melancholische Oerter,
         Und die noch rmere Esther weinte ba
         In der Einsamkeit ihre Aeugelein na.

   36. Indessen war nichts brig, als sich zu fassen
       Und das Ende dem Schicksale zu berlassen,
         Und man kam darinnen berein,
         Sich auf knft'ge bessere Zeiten zu freun.

   37. So kann man nun hier das Rthsel lsen,
       Was die Kapitel 6 und 7 beschrieb'ne Krankheit gewesen,
         Von der kein studirter Arzt den Grund fund,
         Und noch weniger sie curiren kunnt.

[Funote 1: Man sehe das Titelkupfer zum dritten Theile.]




Zwlftes Kapitel.

Wie die Buhlschaft ganz incognito getrieben ward, ohne da wenigstens
der Herr Pfarrer Jobs etwas davon merken kunnt.


    1. Es geht den Liebhabern wie den Gaudieben,
       Beide pflegen ihr Gewerb im Geheimen zu ben;
         Und nach dieser wohlhergebrachten Manier
         Verfuhren auch unsre Liebenden hier.

    2. Herr Hieronimus hat in einigen Jahren
       Vom ganzen Handel nicht 's mindeste erfahren;
         Denn, nach dem Sprchwort, gewhnlich sind
         Die Menschen in den nchsten Sachen blind.

    3. Aber Esthers Mutter war pfiffiger und schlauer,
       Und sie merkte es endlich und auf die Dauer,
         Da ein verliebtes Geschfte vorging;
         Denn sie kannt' noch aus alter Erfahrung das Ding.

    4. Sie lie, ohne die Sache selbst zu verstrken,
       Sich doch gegen andre davon nichts merken;
         Denn sie bertraf an Verschwiegenheit
         Alle andre Frauen, alt und jung, weit.

    5. Auch im Dorf war schon lange ein Gerchte
       Von des Barons und der Esther Liebesgeschichte,
         Und es hatte sogar fast jedes Kind
         Von den geheimen Hndeln Wind.

    6. Selbst die alte Herrschaft merkte diese Hndel,
       Und aus manchem verstohlnen Getndel,
         Was ihr Herr Sohn mit Esther gemacht,
         Schpften sie allgemach Verdacht.

    7. Zwar hielten diese ihre verliebten Blicke
       In Gegenwart der Schloherrschaft mglichst zurcke,
         Und ratione ihres Betragens und Gesichts
         Htt' man sollen denken: mir nichts, dir nichts.

    8. Aber Verliebte knnen just in allen Fllen
       Nicht andre tuschen und sich immer verstellen;
         Das Ding whret hchstens eine Zeitlang,
         Denn Naturtrieb gehet vor Zwang.

    9. Besonders erregten die Besuche und Gnge
       Nach dem Pfarrhause, wegen ihrer Menge,
         Aufmerksamkeit und gerechten Argwohn
         Ueber Jungfer Esther und den jungen Baron.

   10. Aber da es Ernst sei mit dieser Minne,
       Stieg ihnen nie zu Gedanken oder zu Sinne,
         Vielmehr glaubten beiderseits sie,
         Es sei nur 'ne spahafte Galanterie.

   11. Der alte Herr wute aus jngern Zeiten,
       Wie wenig dergleichen Buhlschaften bedeuten,
         Denn er hatte selbst manchen temporellen Roman
         Mit unadligen Mdchen gesponnen an.

   12. Und die gndige Frau that mit allem Vertrauen
       Auf die hochadlige Gesinnung ihres Sohnes bauen,
         Der nie durch eine Mesalliance
         Verdunkeln wrde des Geschlechtes Glanz.

   13. Hatte brigens einen baumstarken Glauben,
       Der Herr Sohn wrde Esthern ihr Krnzchen nicht rauben,
         Sondern da alles nur abgesehn sei
         Auf eine platonische Lffelei.

   14. Man lie also diese Liebesgeschichten,
       Ohne den Herrn Jobs davon zu benachrichten,
         Als ein Bagatell auf sich beruhn,
         Wie wir dann vor der Hand auch thun.




Dreizehntes Kapitel.

Wie Herr Jobs die Liebenden in der Laube attrapiren that, zur Nacht und
Unzeit.


    1. Phbus hatte vollbracht auf gewhnliche Weise
       Um die Erde herum seine Tagereise,
         Und die Postpferde schon abgeschirrt,
         Und die Rder fr morgen eingeschmiert.

    2. Verschlossen waren Kramlden und Buden,
       Sowol bei beschnittenen als christlichen Juden,
         Und im Dachstbchen im Hinterhaus
         Blies ein Philosoph sein Thranlmpchen aus.

    3. Auf den Schneidertischen lagen ple-mle
       Gestohlne Lappen, Scheere und Ehle,
         Und mig in des Schreiners Werksttt'
         Sge und Hobel auf halbfert'gem Brett.

    4. Vom Armenwchter bis zum Staatsminister,
       Vom Erzbischof bis zum Hundekster,
         Vom Profo bis zum General hinzu,
         Hatte alles von der Amtspflicht Ruh.

    5. Gott Morpheus streuete Schlummerkrner,
       Luna zeigte ihre glnzenden Hrner,
         Und manchem abwesenden Ehemann
         Ward ein Horn zu Hause zugethan.

    6. Ueberall herrschte feierliche Stille,
       Nur hier und da zirpte eine Grille,
         Oder ein wachsamer Kettenhund
         Machte in ihrem Beruf gehende Diebe kund.

    7. In der unermelichen weiten Ferne
       Schimmerten droben tausend freundliche Sterne,
         Und das azurne Himmelblau
         Ward durch kein Wlkchen noch Nebel grau.

    8. Auf des verflossenen Tages Schwle
       Folgte eine sanfte erquickende Khle;
         Ich erinnere mich, es war grade just
         Um die Mitte des Monats August.

    9. Das Mondlicht fiel hell durch Ritzen und Fenster,
       Manches Sonntagskind sah Phantome und Gespenster,
         Die Eule flog auf die Fledermaus-Jagd,
         Mit einem Wort: Es war Mitternacht.

   10. Wer gewohnt ist, seine Menschenpflichten
       Des Tages durch gehrig zu verrichten,
         Und dabei satt gegessen und getrunken hat,
         Dem ist die Nacht eine wahre Wohlthat.

   11. Denn weder sein leerer Magen noch volles Gewissen
       Plagt ihn mit Drcken und peinlichen Bissen,
         Und nach ausgezogenem Pantoffeln oder Schuh
         Kommt er im Bette sofort zur Ruh.

   12. Herr Hieronimus hat ba, als manche Groen,
       In seinem Pfarrstande dies Glcke genossen,
         Denn kein Hunger noch Gewissensgewicht
         Drckte seinen Unterleib noch Kopf nicht.

   13. Jedoch hat es sich einsmalen zugetragen,
       Da er, vielleicht wegen berladenem Magen,
         Die oben beschriebene Augustnacht
         Etwas schlaflos hat zugebracht.

   14. Er entschlo sich sofort aufzustehen,
       Und im Garten ein wenig spazieren zu gehen,
         Um durch diese kleine Motion
         Zu frdern den Schlaf und die Concoction.

   15. Er fand die Hinterthr seines Hauses offen,
       Und ward davon zwar ein wenig betroffen,
         Doch glaubte er, die Hausmagd habe dies
         Vielleicht gethan gestern ^per abus^.

   16. Er wandelte im Schlafrock mit langsamem Schritte
       Ohngefhre bis zu des Gartens Mitte,
         Wo unfern davon, linker Hand,
         Sich eine kleine dichte Laube befand.

   17. Aber pltzlich ward sein Spazieren unterbrochen,
       Denn es wurde in dieser Laube laut gesprochen,
         Und es duchte sogar, indem er horchte, ihm,
         Es sei seiner Schwester Esther Stimm'.

   18. Er schlich nher, sehr langsam und leise,
       Ohngefhr wie Katzen nach dem Gerispel der Muse,
         Und hrte drauf im wohlbekannten Ton
         Auch die Stimme vom jungen Herrn Baron.

   19. Er erstaunte natrlicher Weise darber,
       Ja sein Erstaunen ging in Erstarren gar ber,
         Als er frder zur Laube kam,
         Und den Inhalt des Gesprchs vernahm.

   20. Denn er hat da nun deutlich erfahren,
       Da man schon seit mehrern Jahren
         Diese Laube hatte gewhlet zu
         'nem nchtlichen geheimen Rendezvous.

   21. Er hat sogar mit Schaudern vernommen,
       Da die Sache sehr weit mit beiden gekommen,
         Und da vielleicht eine Entfhrung gar,
         Wie es schiene, auf'm Tapete war.

   22. Ohne vorerst weiter was anzufangen,
       Ist er stille zurcke ins Haus gegangen,
         Um zu berlegen bei kaltem Blut,
         Wie das bse Ding sei zu machen gut.

   23. Wie lang das Rendezvous in der Laube gewhret,
       Drber bin ich so genau nicht belehret;
         Es kann dieses, lieber Leser mein,
         Dir und mir auch wol gleiche viel sein.




Vierzehntes Kapitel.

Wie Herr Hieronimus mit seiner Schwester ein Kapitel hlt, ohne jedoch
so niedertrchtig zu schimpfen, wie mancher andere in seiner Stelle
wrde gethan haben und hier anfangs zu lesen ist.


    1. Schmst du dich nicht, du liederliche Metze!
       Du ^et cetra^! du schmutzige Petze!
         Ist denn all' Ehre, Reputation und Respect
         In deinem jungfrulichen Herzen verreckt?

    2. Pfui dich! ba! du garstige Esther!
       Es verdreut mich zu han eine solche Schwester,
         Die wider alle Regeln der Moral
         Treibet ein solch rgerlich Scandal!

    3. Was wird nun 's Publikum davon sagen,
       Da sich bei mir so 'n Aergerni zugetragen?
         Gibt es nicht fr den Pfarrer zu Ohnewitz
         Wegen seines Amtes Stank und Prjudiz?

    4. Ich soll, wird man nun sagen, als Paster
       Bestrafen andrer Leute Fehler und Laster,
         Und doch treibt's in meinem eig'nen Haus
         Meine Schwester so malhonett und kraus!

    5. Du hast doch die Kinderschuh schon verschlissen,
       Mtest lngst weg sein ber Tndeln und Kssen,
         Und bist nach richtiger Rechnung bald
         Sechsundzwanzig Jahr, oder gar was drber, alt!

    6. Oder meinest du etwa, da ich es glaube,
       Da ein Mdel mit 'nem Buhler allein in der Laube,
         Besonders zur Nachtzeit, was Gutes b'?
         Es heit ja: Gelegenheit machet Dieb'!

    7. Aber warte, ich will es schon verfgen,
       Da ihr sollt, ehe ihr's vermuthet, kriegen,
         Du sowol, als dein verliebter Hasenpfot,
         Die hunderttausend Element Sakerlot!

    8. So htte vielleicht mancher in Zorn und Eifer
       Seine Drohung, Gift, Galle und Geifer
         Ueber das arme Mdchen ausgescht't;
         Aber das that Herr Pfarrer Hieronimus nit.

    9. Er hielt es zwar fr's erste nthige Mittel
       Mit seiner Schwester zu halten ein geheimes Kapitel,
         Aber es geschah doch mit mglichstem Glimpf,
         Ohne alle obige Drohung und Schimpf.

   10. Nmlich, Herr Jobs hatte vollbracht unter viel Sorgen
       Den Rest der Nacht, und entbot gleich am Morgen
         Die Schwester zu sich nach der Studierstub',
         Wo er das geheime Examen anhub.

   11. Sie vermuthete nur blos husliche Auftrge,
       Denn sie glaubte, ihr Bruder htte durch keine Wege
         Von ihrer Liebe zum jungen Baron
         Die geringste Nachricht noch Suspicion.

   12. Sie erschien vor ihm etwas schchtern,
       Ihr Auge blickte noch ein wenig trbe und nchtern,
         Wegen der nchtlichen Assemblee,
         Und sie war noch im Negligee.

   13. Herr Jobs wollte sie nicht zu sehr erschrecken,
       Noch das erfahrne Abenteuer pltzlich aufdecken,
         Denn er frchtete vorerst davon
         Eine gar zu heftige Alteration.

   14. Sprach erst berhaupt von ihrem Lebenswandel,
       Kam allgemach nher zum Liebeshandel,
         Ging aber so vorsichtig herum dabei,
         Wie die Katze um einen heien Brei.

   15. Vorab mut's ihm am meisten interessiren,
       Sich ausdrcklich bei ihr zu informiren,
         Ob bei verloffenen Hndeln sie
         Noch cht seie im ^puncto puncti^.

   16. Da versicherte sie nun unter vielen Thrnen,
       Mit unterbrochnem Schlucksen, Hnderingen und Sthnen,
         Da bei aller geschehenen Liebelei
         Noch ^res integra in puncto puncti^ sei.

   17. Ich wette, jedes andre Mdchen htte
       Noch alles brige gelugnet an ihrer Sttte,
         Nach der wohlerfundenen ^prima regula
         Juris: si fecisti, nega^.

   18. Aber Esther hatte ein zu gutes Herze,
       Das, gar bei gegenwrtiger Scham und Schmerze,
         Doch hate jeden Lug und Betrug,
         Und fr Wahrheit und Tugend schlug.

   19. Sie gestund, da schon seit vier Jahr und sechs Wochen
       Sich der Baron ehelich mit ihr versprochen,
         Und da sonst in allen Zchten und Treun
         Gemeinet sei ihr geheimes Verein.

   20. Zwar kenne sie lngst gar wol und wisse
       Die groe Schwierigkeit bei ihrem Bndnisse,
         Doch habe der Baron und sie oft
         Auf knft'gen guten Ausgang gehofft.

   21. Ihr Gewissen gebe ihr brigens das Zeugni,
       Da nichts Strafbares sei in diesem Ereigni,
         Und da der Baron sowol als sie
         Diese Liebe wrden quittiren nie.

   22. Sie sagte auch noch manches Specielle
       Ueber die hiebei vorgekommenen Flle,
         Kurz, sie that aufrichtig Confession
         Ueber den ganzen Handel mit dem Baron.

   23. Whrend der Relation ihrer Geschichte
       Stieg manche Rthe auf in ihrem Gesichte,
         Und von ihren glhenden Wangen flo
         Manche Thrne wie 'ne Haselnu gro.

   24. Herr Jobs zeigte ihr mit vernnftigen Grnden,
       Welche Obstacula vor ihrer Liebe stnden;
         Obgleich er froh war, als er befand,
         Da die Sache selbst nicht noch rger stand.




Funfzehntes Kapitel.

Wie Herr Jobs den jungen Herrn gleichfalls ^coram^ nimmt; ^item^ wie er
Lschanstalten des Liebesbrandes macht, nach den Regeln einer guten
Polizei.


    1. Als nachher der junge Herr gekommen,
       Hat Herr Jobs ihn gleichfalls coram genommen,
         Und erschpfte seine ganze Redekunst,
         Um zu lschen seine zrtliche Brunst.

    2. Er suchte ihn besonders zu belehren,
       Da, wenn er sie auch meinte in allen Ehren,
         So knne doch seine Schwester nie
         Fr ihn sein eine schickliche Partie.

    3. Sintemal nach des Kirchenlehrers _Ovids_ Spruche
       Besser sei, da Gleich und Gleiches sich suche,
         Und im Gegenfalle manch Leid und Unheil
         Entstehe fr den einen oder andern Theil.

[Illustration]

    4. Gesetzt auch, man knnte in den ersten Tagen
       Sich gut mit einander begehen und betragen,
         So wre nach verfloss'ner Flitterwoch'
         Immer der Henker los doch.

    5. Der junge Baron aber hatte dagegen
       Viele ^exceptiones^ einzulegen
         Und zeigte, da hoch, gering, arm und reich
         In der Liebe so wie in der Natur sei gleich.

    6. Bewies auch aus der Geschichte alter und neuer Huser,
       Da nicht nur Edelleute, sondern auch Kn'ge und Kaiser
         Aus niedrigem Stande sich eine Braut
         Mit glcklichem Erfolge htten angetraut.

    7. Bat auch und beschwor ihn, da er von seiner Seite
       Ihm kein Hinderni in der Liebe bereite,
         Sondern zur Erfllung des Wunsches vielmehr,
         So viel ihm mglich, behilflich wr'.

    8. Er versprach auch bei seinen gndigen Eltern
       Den Consens dereinst herauszukeltern.
         Aber was that dann Herr Jobs? Je nu!
         Er schttelte vor wie nach den Kopf dazu.

    9. Und gleichwie man bei guten Polizeianstalten
       Es berall also pfleget zu halten,
         Da bei einer heftigen Feuersbrunst,
         Wenn sie nicht zu lschen ist durch Kunst,

   10. Man das benachbarte Gebude einreie
       Und das brennende selbst zusammenschmeie,
         Und so der Flamme Ausbreitung str',
         Damit der Brandschaden sich nicht vermehr';

   11. So that auch Herr Jobs, als er befande,
       Da bei obgedachtem heftigen Liebesbrande
         Durch die Brandspritze der Moral und Vernunft
         Wenig Hilfe sei fr die Zukunft.

   12. Denn er gab von nun an nchtlich und tglich
       Auf seine Schwester Achtung, so viel ihm mglich,
         So da wenigstens der Laubenbesuch
         Sich bei Nacht und Unzeit etwas verschlug.

   13. Aber ein verliebtes Mdchen zu bewachen,
       Dazu gehren 50 Riesen und 20 Drachen
         Und eine viermal ummauerte Burg,
         Und wenn es will, so geht es doch durch.

   14. So knpfte auch die Liebe den Baron und die Esther
       Bei allen Hindernissen nur enger und fester;
         Jedoch ward alles von Stunde an
         In noch strengerm Geheime gethan.




Sechszehntes Kapitel.

Wie die alte Herrschaft zu Ohnwitz ihre silberne Hochzeit feiert mit
allen Solennitten.


    1. Wir wollen nun in den nrrischen Liebessachen,
       Auf ein Weilchen eine Pause machen,
         Und einmal hinber aufs Schlo gehn,
         Denn da gibt's was Neues zu besehn.

    2. Dort war ein Gewhl, Treiben und Rennen,
       Als sh' man irgendwo ein Gebude brennen,
         Und vom Kammerdiener bis zum Kchenjung'
         War alles gestimmt zu Laufen und Sprung.

    3. Von der Kammerzofe bis zur Viehmagd befande
       Sich alles geputzt im festlichen Gewande,
         Und vom Schweinhirten bis zum Leiblakei
         Prangte jeder in Sonntagslivrei.

    4. Alle Schornsteine des Schlosses schmauchten,
       Mehr als hundert Kochtpfe dampften und rauchten,
         Und dreiig Braten, theils zahm, theils wild,
         Wurden am Feuer gar und mild.

    5. Auch viel Flaschen stunden mit allerlei Weine
       Aus Ungarn, Frankreich, Spanien und vom Rheine,
         Theils leicht bestpselt, theils verpitschirt,
         In zierlicher Ordnung aufrangirt.

    6. Ein Chor frh versammelter Violinisten,
       Fltisten, Hauboisten, Waldhornisten,
         Saen bei Schnaps und Notenmusik
         Und machte im Vorhaus zur Probe ein Stck.

    7. Kurz, alle Anstalt schien zu prophezeien
       Ein groes Triumphiren und Jubeleien;
         Denn die gndige Herrschaft feierte heut
         Ihre sogenannte silberne Hochzeit.

    8. Es erschienen zu diesem herrlichen Feste
       Frhzeitig viele eingeladene Gste
         Vom benachbarten Adel, zu Kutsch' und zu Ro,
         Auf dem freiherrlichen Ohnwitzer Schlo.

    9. Der ganze Vormittag ging schier zu Ende
       Mit Scharrfmachen und Kssen der Hnde,
         Und Complimenten und Gratulation,
         Nach dem gewhnlichen vornehmen Ton.

   10. Mittlerweile ward auf dem gepflasterten Saale
       Alles bereitet zum hohen Mittagsmahle,
         Und der Hrner und Trompeten Schall
         Gab zum Sitzen das frohe Signal.

   11. Es wurde da alles recht frstlich gehalten,
       Man a herrlich und trank blos alten;
         Herr Doctor Jobs, der vor allen mit a,
         Sprach's Benedicite und Gratias.

   12. Auch konnten an einigen Nebentischen
       Sich noch andere eingeladene Gste erfrischen,
         Sie waren alle nur von Brgerart,
         Saen folglich, wie billig war, a part.

   13. Zum Exempel der Hausadvocate,
       Welcher sein Glas fleiig leeren thate
         Und nebst dem dicken Justitiar
         Am ersten von allen berauschet war.

   14. Auch einige geistliche Freunde des Hauses,
       Gleichfalls keine Verchter eines guten Schmauses,
         Item der herrschaftliche Secretr
         Und der gndigen Frauen Leibaccoucheur.

   15. Alle leerten, als bekannte brave Zecher,
       Fleiig ihre gefllten groen Becher
         Und tranken im hochedlen Rebensaft
         Aufs hohe Wohl der gndigen Herrschaft.

   16. Da hatten nun der gndige Herr und gndige Frau, beide,
       Ihren tausend Spa und bergroe Freude,
         Denn ein jeder Betrunkner war
         Auf seine eigne besondre Art ein Narr.

   17. Auch ein in der Nachbarschaft wohnender Poete
       Hatte von dieser bevorstehenden Fte,
         Durch die Posaune der Fama, Wind,
         Und verfertigte drauf ein Carmen geschwind;

   18. Kam also, kurz vor der Mahlzeit, herbeischleichen,
       That das Carmen mit tiefster Reverenz berreichen,
         Und empfing hchst grazis davor
         Ein Almosen von zwei blanken Louisd'or;

   19. Wurde dabei aus berschwenglichen Gnaden
       Mit an die Nebentafel eingeladen,
         Sa aber, wie man leicht denken kann,
         Wegen seines kahlen Rockes, untenan.

   20. Man schenkt' ihm oft ein und er ward trunken;
       Dies erregte nun sehr seine poetischen Funken,
         Und man transportirte mit guter Manier,
         Weil er zu laut wurde, ihn vor die Thr.

   21. Der Rest des Tages verstrich unter Tanz und Springen
       Und derlei zeitvertreiblichen schnen Dingen;
         Abends war schne Illumination,
         Wobei man eine Tonne Oel verbronn.




Siebzehntes Kapitel.

Wie der junge Herr das Eisen schmieden will, weil es noch warm ist, und
wie es ihm damit nicht nach Wunsch erging.


    1. Nach und nach verloren sich vom Balle
       Gste und Gstinnen, meist paarweise, alle
         Stammelten ihren schuldigen Dank;
         Die meisten waren berauschet und krank.

    2. Frau Hochzeiterin und Herr Hochzeiter
       Waren heute auerordentlich heiter;
         Doch zweifle ich sehr, ob's ganz so war,
         Wie heute vor fnfundzwanzig Jahr.

    3. Diese Stimmung schien ^in puncto^ und von wegen
       Seiner Liebe dem jungen Baron sehr gelegen;
         Denn er dachte, nach dem Sprchwort sei's gut
         Das Eisen zu schmieden, wenn's ist in Glut.

    4. Er schritt also, obgleich ngstlich und blde,
       Bei seinen Eltern zur nthigen Vorrede,
         Und bate sie auerordentlich sehr
         Um ein geneigtes geheimes Gehr.

    5. Man ist drauf ins Apartement gegangen,
       Und da hat der junge Herr den Text angefangen,
         Und machte ihnen den schrecklichen Brand
         Seines Herzens zu Mamsell Esther bekannt.

    6. Der alte Herr wurde hchst sehr frappiret,
       Fast htte ihn die Apoplexie gerhret,
         Und die gndige Frau von Ohnewitz
         Fuhr zusammen, als trf' sie der Blitz.

    7. Allgemach hat man sich ein wenig gesammelt,
       Ihm etwas Zweideutiges als Trost zugestammelt;
         Denn man merkte aus seiner Sprache wol,
         Die Sache sei zu ernsthaft und toll.

    8. Er ist bald nach dem Schlafgemach geschieden;
       Die Sache war zwar noch nicht nach Wunsch entschieden,
         Aber sein Herz war doch ein Centner und mehr
         Leichter, als es gewesen vorher.

    9. Aber seiner Eltern zrtlichen Herzen
       Erregte diese neue Mr heftige Schmerzen;
         Denn eine solche brgerliche Heirath
         War ihnen eine unverantwortliche That;

   10. Ihr Sohn hatte sich seit seinen Kindestagen
       Immer gehorsam und vernnftig betragen,
         Nun aber wollte er was fangen an,
         Was kein Herr von Ohnwitz noch je gethan.

   11. Versalzen ware nunmehro bei beiden
       Die Suppe ihrer heutigen groen Freuden,
         Und der froh angefangne Hochzeitstag
         Nahm ein End' mit Schrecken und Ungemach.

   12. Aber so geht's: auf einen hellen und frohen Morgen
       Folgt oft ein Abend neblig und voll Sorgen,
         Und wo ein Heil'genhaus ist, hat auf der Stell'
         Nahe dabei der Schwarze eine Kapell'.

   13. Was weiter hinter der Gardine passiret
       Und wie man ber die Sache deliberiret,
         Nmlich wie solche anzugreifen sei,
         Wei ich nicht, denn ich war nicht dabei.




Achtzehntes Kapitel.

Enthlt allerlei Anstalten, ^pro^ und ^contra^.


    1. Herr Jobs ward Tags drauf zu Rath gezogen,
       Und da hat man alles vernnftig erwogen,
         Und es folgte zuletzt der Schlu:
         Weit davon sei gut fr'n Schu.

    2. Das heit: aus Erfahrung hat man oft gelernet,
       Da, wenn man Stroh vom Feuer entfernet,
         Nicht so leicht ein Unglck oder ein Brand
         In Scheunen und Herzen nimmt berhand.

    3. Das Beste sei folglich, die Liebenden zu trennen,
       Vielleicht wrde es dann wol aufhren zu brennen;
         Weil eine persnliche Abwesenheit
         Oft tilget die Freundschaft und Zrtlichkeit.

    4. Der Baron sollte also nicht lange anstehen,
       Italien, England und Frankreich zu besehen,
         Mittlerweile wrde er in seinem Gefhl
         Fr Mamsell Esther vielleicht khl.

    5. Eine Signora, Lady oder Marquise,
       Die das Ohngefhr ihm irgendwo anwiese,
         Wrde in Rom, London oder Pareis
         Ihn dann vollends bringen ins rechte Geleis.

    6. Er hat deswegen von seinen lieben Alten
       Den Befehl zur Reise vorlufig erhalten;
         Es ist leicht zu denken, wie delicat
         Ihm diese Ankndigung schmecken that.

    7. Aber um diese Pille zu vergulden,
       Rieth man ihm, sich wegen Esthers zu gedulden,
         Bis etwa zu seiner Zurckkunft Frist
         Einst geschehen mchte, was Rechtens ist;

    8. Aller Umgang und ferners Caressiren
       Msse indessen zwischen ihnen cessiren.
         Dieses versprach der Baron nun wol,
         Doch eben nicht auf Cavaliersparol'.

    9. Drum hat er vor wie nach, vor der Abreise,
       Auf verschiedene klug ersonnene Art und Weise,
         Meist aber Abends und bei der Nacht
         Bei Esther einige Augenblicke zugebracht.

   10. Das gab dann ein Gewimmer und Lamentiren,
       Da es einen Stein htte mgen erbarmen und rhren;
         Denn die Trennung ist ein sehr bitteres Kraut
         Und verwundet der Liebenden Herz und Haut.

   11. Es ward auch zu beiderseitigem Erquicken
       Verabredet, sich fleiig Brieflein zu schicken,
         Und 'nen ehmaligen Diener des Baron
         Whlte man zum Liebespostillon.

   12. Dieser hatte seit sehr geraumen Jahren
       Die Kutsche der Herrschaft zu Ohnwitz gefahren
         Und nun ohnlngstens als Veteran
         Seine eigne kleine Wirthschaft gefangen an.

   13. Schon zu des alten Herren Jugendzeiten
       Besa er in Bestellung der Liebesangelegenheiten,
         Zu aller Menschen Verwundernu,
         Eine besondere Fertigkeit und Habitus.

   14. Er hie Jrgen und war nun in allen Ehren
       Auch willig zu des jungen Herrn Liebesbegehren,
         Und bernahm in diesem Fall der Noth
         Gegen gute Geschenke den Briefdepot.

   15. Uebrigens qualificirt sich dieser Titel
       Der Liebesbriefe zu 'nem neuen Kapitel;
         Ich will darum mit mglichstem Flei
         Alles Nthige sagen, was ich davon wei.




Neunzehntes Kapitel.

Dieses Kapitel enthlt manche schne Betrachtung ber Liebesbriefe ^in
genere^.


    1. ^In genere^ ist's um die verliebte Briefsprache
       Eine curiose und sehr nrrische Sache,
         Denn durchgehends gebraucht man hie
         Eine eigene besondere Terminologie.

    2. Da schlagen oft gar frchterliche Flammen
       Ueberm Kopfe der Verliebten zusammen:
         Und wenn man's eigentlich besieht bei Licht,
         So brennt's nur auf dem Papier, sonst nicht.

    3. Man spricht drin von Sichtodtstechen und Sterben
       Und von vielem Weinen, wovon die Augen verderben;
         Und eigentlich verspritzt man doch kein Blut,
         Und die Augen verbleiben klar und gut.

    4. Da lt man's an Pretiosen nie fehlen,
       Da sind die Menge Perlen und Juwelen
         Und ser Nektar und Ambrosia
         Und Gold aus Peru und Arabia.

    5. Da finden sich Mndchen von Karmin und Korallen,
       Und Aeuglein heller wie geschliffne Krystallen,
         Hlse von Alabaster und Elfenbein,
         Herzen von Demant und Marmorstein.

    6. Man spricht von Sympathien und Magneten,
       Anziehenden Krften und Elektricitten,
         Und bei jedem dieser physischen Dinge hat
         Eine besondere mysterise Deutung statt.

    7. Da gibt's Veilchen, Rosen und schne Nelken,
       Vergimeinnichtchen, die nie verwelken,
         Tausendschn, Maiblmelein, Jasmin,
         Sonnenblumen und die schwere Meng' Immergrn.

    8. Bei etwa geringern Liebesprogressen
       Spricht man jmmerlich von Myrten und Cypressen,
         Von Todtenkrnzen, Ysop und bitterm Wermuth,
         Und was man bei Leichen gebrauchen thut.

    9. Es kommen auch nach der allgemeinen Regel
       Drin vor allerlei Gethiere und Gevgel,
         Vorzglich die bekannte Philomel'
         Ist darin des Sommers ohne Fehl.

   10. Item, anmuthig girrende Turteltubchen,
       Auch Sperlinge, Hnflinge, Mnnchen und Weibchen,
         Auch wol ein Zeisig oder Distelfink,
         Imgleichen mancher bunter Schmetterling.

   11. Zuweilen gar grausame Lwinnen
       Und unbarmherzige Tigerinnen,
         Aber doch meist manch Schfchen und Lamm,
         Sanftmthig, dumm, geduldig und zahm.

   12. Sogar Geschpfe aus hhern Regionen,
       Engel und Sylphen zu Millionen,
         Und selbst der kleine blinde Gott Amor --
         Kommen in derlei Briefen oft vor.

   13. Sonne, Kometen, Nordlicht und Sterne
       Gebraucht man in den Liebesbriefen auch gerne;
         Besonders aber wird der liebe Silbermond
         Am wenigsten von allen Planeten geschont.

   14. Noch tausend und mehr andre Hieroglyphen,
       Sehr gebruchlich in Liebesbriefen,
         Trifft man in jedem bekannten Roman
         Der ltern und neueren Zeiten an.

   15. Man hlt es auch nicht fr sehr uneben,
       Seiner Schnen einen zartern Namen zu geben,
         Oder, ist etwa der Taufname zu dumm,
         So ndert man ihn wol ganz und gar um.

   16. Da sagt man zum Exempel statt Karoline Line,
       Statt Leopoldine Poldchen oder Dine,
         Imgleichen Trina statt Katarein,
         Item Beta statt Elsabein.

   17. Da kommt oft vor: Stella, Minna, Reta,
       Imgleichen: Bella, Zinna und Meta;
         Namen, welche bisher in Deutschland
         Auer in Romanen, sind unbekannt.

   18. Ferner lieset man statt Klara Klre,
       Und wie im gegenwrt'gen Casus, statt Esther Stehre,
         Statt Wilhemina, Mina und sofort,
         Wie zu sehen am gehrigen Ort.




Zwanzigstes Kapitel.

Anweisung zum neuesten verliebten Briefstyle, in feinen Exempeln nach
Siegwart und Werther; oder von der Liebescorrespondenz des jungen Barons
und der Mamsell Esther ^in specie^.


[Illustration]

    1. In dem vorherbeschriebenen Kraftstile
       Klagte nun auch der Baron seine Gefhle
         Und der vorstehenden Trennung Ungemach
         Mit untermengtem manchen Oh! und Ach!

    2. Denn er hatte viele Romane studiret,
       Hier und da auch vielleicht excerpiret,
         Wo er was Herzzerbrechendes las,
         Und dieses kam ihm nun trefflich zu pa.

    3. Esther aber, nicht in dergleichen belesen,
       Machte mit ihren Briefen weniger Wesen,
         Und antwortete gewhnlich kurz nur,
         Ohne Kunst, blos nach der Natur.

    4. Hier erfolgen einige genaue Copeien;
       Der Leser wird mir dieses hoffentlich verzeihen,
         Weil mancher verliebter junger Mann
         Sie als Briefmuster weiter gebrauchen kann.

    5. Ach, meine Stehra! Auserwhlte! Geliebte!
       Denke, wie mich der Donnerantrag betrbte:
         Meine Eltern sagten mir gestern, ich soll mich
         Trennen, o wer wei wie lange? von Dich!

    6. Mir ist zugleich der Blitzbefehl ernstlich geschehen:
       Dein Engelsgesicht nicht mehr so oft zu sehen --
         Dich, meine Beste! -- Du Einzige!
         Gar nicht mehr persnlich zu sprechen -- Au weh!

    7. Aber ich will's hoch und theuer beschwren,
       Dich ewig zu lieben, soll mir niemand wehren,
         Und meines Herzens treue Sympathie
         Soll fr Dich -- Du Himmlische! verlschen nie.

    8. _Antwort_: Mein Schatz! Was Du mir hast geschrieben,
       Thut mich innerlich in der Seele betrben;
         Denn ich halte der knft'gen Trennung Graus
         Gewilich keine acht Tage Dir aus.

    9. Mein Herz ist krank und meine Augen flieen,
       Ich thue Dich hunderttausendmal begren
         Und bleibe immer und ewig dabei:
         Lieber gestorben als ungetreu. --

   10. O mein Engel! Mein Seraph! Meine Stehre!
       Vormals schwamm ich in 'nem Wonnemeere,
         Und ein Blick aus den blauen Augen von Dir
         War mehr als Gold und Seligkeit mir.

   11. Aber bald, ach bald soll ich Dich verlassen,
       Mein banges Herz vermag dies nicht zu fassen,
         Es tobt wthend, und ich erliege fast
         Unter dieser schweren Centnerlast.

   12. Drauen wall' ich in Wldern auf und nieder,
       Horche nicht mehr auf der Vgel zrtliche Lieder,
         Mir duftet nicht mehr das Blmchen im Thal,
         Mir lchelt nicht mehr der freundliche Mondstrahl.

   13. _Antwort_: Wenn der ganze Himmel Papier wre,
       Und alle Sterne Schreiber und Secretre,
         Und schrieben fort bis zum jngsten Gericht,
         So klecksten sie doch zur Beschreibung meiner Liebe nicht.

   14. Darauf kannst Du Dich gar sicher verlassen;
       Wir wollen uns also in Geduld fassen;
         Du bleibest trotz aller Trennung mein,
         Und ich will ewig Deine Stehra sein. --

   15. O wie war die Nacht so schlaflos, so traurig!
       Wie heulte der Sturm drauen so schaurig!
         In meiner gengstigten Seele brllt
         Ein Sturm, noch weit schauriger und wild.

   16. Ach, meine einzige Gttin! meine Cythere!
       Du, mir mehr als Himmel! meine Stehre!
         Schwebst im reizenden Bilde immer vor mir --
         Ach, wr' ich heute ein Stndchen bei Dir -- --

   17. Ich wollte gerne, um Dich persnlich zu sehen,
       Durchs Feuer und ber Eisgebirge gehen -- --
         Denn Dein lieblich lchelndes Angesicht
         Erquickt mich mehr als des Monds Silberlicht.

   18. _Antwort_: Mein Liebster! Freilich die Nacht war bse,
       Ich hrte auch des Sturms Brllen und Getse,
         Und ich habe auch, wie Du, die ganze Nacht
         An Dich denkend schlaflos zugebracht.

   19. Komme heute Abend um eilf Uhr in'n Garten,
       Da will ich Dich mit offnen Armen erwarten;
         Brauchst da nicht ber Eisgebirge zu gehn,
         Denn der Weg dahin ist grn und schn.

   20. Amor hpft um mich mit seinen Gehilfen,
       Gttliches Mdchen! mich umtanzen Sylphen,
         Und wie der silberne Wasserquell,
         Ist nun meine dstre Seele hell.

   21. Der heil'ge keusche Mond wird uns lcheln,
       Zephyr wird uns in den Abendstunden fcheln;
         Ich eile auf der Liebe schnellem Fittich
         Und bin um eilf Uhr prcis bei Dich.

   22. Hoch pocht mein Herz voll von tausend Dingen,
       Ich kann Dir mein' Gefhle nicht alle singen;
         Aber dann sink' ich fr seligen Schmerz,
         Du meine Auserwhlte! an Dein Herz.

   23. _Antwort_: Ich hoff', es werd' nicht an Gelegenheit fehlen,
       Mich langsam aus dem Pfarrhause zu stehlen.
         Es bleibet dabei, mein Schatz! komm nur
         Im Garten zu mir um eilf Uhr. --

   24. Schon in beinah anderthalb bangen Tagen
       Habe ich's Dir mndlich nicht knnen sagen,
         Wie, meine Grazie! Dein gttliches Bild
         Meine liebevolle Seele erfllt.

   25. Kronen und Reiche wollte ich gerne hingeben,
       Um mit Dir ewig verbunden zu leben,
         Und weder Teufel noch die ganze Hll'
         Tilget Dein Bild aus meiner Seel' -- --

   26. Ach, die Fhllosen! Ach, die Tyrannen!
       Die mich von Deiner Seite wollen verbannen!!
         Aber ^posito^, man trennte auch Dich und mich,
         So schlgt doch immer mein Herze fr Dich -- --

   27. _Antwort_: An Deiner Liebe hab' ich keinen Zweifel,
       Aber ich bitte Dich, sprich nicht so viel vom Teufel;
         Denn mir grauset jedesmal recht sehr,
         Wenn ich seinen Namen nur nennen hr'.

   28. Hoffnung auf knftige gnstige Zeiten
       Soll uns in der Liebe immer begleiten;
         Das brige sag' ich diesen Abend mndlich
         Und erwarte am gewhnlichen Orte Dich. --

   29. Morgen -- ach! Morgen droht die frchterliche Stunde,
       Lange Trennung unserm zrtlichen Bunde;
         Denn, himmlisches Mdchen! ach! es ist
         Alles zur Abreise zugerst't.

   30. La mich noch einmal beim keuschen Mondlichte
       Sehn Dein unvergelich Seraphinsgesichte,
         Und gib, weil es nun so sein mu,
         Mir zur Strkung den Abschiedsku.

   31. _Antwort_: Ach, ach! werd' ich's auch knnen ertragen,
       Dir das letzte Lebewohl mndlich zu sagen,
         Ohne da mein empfindliches Herze nicht
         In hunderttausend Stcke zerbricht!!

   32. Indessen, mein Geliebter! ich will im Garten
       Dich zur gewhnlichen Stunde erwarten,
         Und da nehm' ich, weil's so sein mu,
         Deinen zrtlich getreuen Abschiedsku.

   33. Es sind dergleichen Billetsdoux noch mehre
       Gewechselt zwischen dem Baron und seiner Stehre;
         In des Barons seinen war lauter Unsinn,
         Und in Stehrens ihren nicht viel Vernnftiges drin.

   34. Ich will also diese Materie enden
       Und mich lieber zu einer andern wenden,
         Und verweise allenfalls ber dies Stck
         Auf Siegwart, Werther und Consorten zurck.




Einundzwanzigstes Kapitel.

Ade! der junge Herr reiset ab.


    1. Nicht immer kann man in Rosen sich baden,
       Man mu auch oft durch dick und dnne waten;
         Denn so ist es auf unsrer Lausewelt
         Leider von Alters her bestellt.

    2. Das heit: wir knnen manch angenehmen Bissen
       In unserm Erdenleben hier und da genieen,
         Und der thut gar nicht bel dran,
         Der's Gute mitnimmt, wenn er's kriegen kann;

    3. Aber es ist uns auch manches bitteres Essen,
       Mancher Kummer, manches Leid zugemessen,
         Und da ist nun mein Rath unmageblich,
         Da man geduldig drin ergeb' sich.

    4. Auf diese sehr vernnftigen Reflexionen
       Hat mich zum Glck die Abreise des Baronen
         Und seine Trennung von Stehre gebracht;
         Ich htt' sie sonst nicht aus mir selbst gemacht.

    5. In der Nacht vor seiner Abreise
       Hatte er und seine Geliebte verstohlnerweise
         Noch eine Zusammenkunft zuguterletzt,
         Wie wir oben gehrt haben, angesetzt.

    6. Da gab's ^hinc inde^ ein Gewimmer, ein Gewimmer,
       Ein Gewimmer, wie es vielleicht nimmer
         Zwischen zwei Verliebten je geschehn,
         Welche sich zu Nacht alleine sehn.

    7. Ich vermag's nicht ^in extenso^ zu beschreiben,
       Wie weinerlich es sie allda mochten treiben,
         Meine Augen wrden dabei zu na,
         Und zu leer an Tinte mein Tintenfa.

    8. Es ward da noch einmal mit den feierlichsten Eiden
       Die ew'ge Treue befestigt zwischen beiden,
         Und Frau Echo mit ihrem Widerhall
         Bekrftigte alles dazu noch dreimal.

    9. Auch hat man unverbrchlich abgesprochen,
       Sich Briefe zu schreiben wenigstens alle vier Wochen
         Durch die bishero gebrauchte Adress',
         Damit einer den andern nicht vergess'.

   10. Schon ffnete die alte Jungfer Aurore
       Droben die schnblauen Himmelsthore
         Und erschien im Rosenkleide hbsch und fein,
         Und Herr Phbus kutschirte hinterdrein;

   11. Das ist verdolmetschet in der gewhnlichen Sprache:
       Man blieb beisammen bis der Morgen anbrache,
         Und endlich unter vielem Ach und Weh
         Erfolgte das schmerzlichste Adieu.

   12. Ach, ach! das letzte Kssen und Umarmen
       War eine Scene jmmerlich und zum Erbarmen,
         Bis zuletzt ein jeder fr sich
         Mit rothgeweinten Augen nach Hause schlich.

   13. Als hernach, circa ein Viertel nach neun auf der Uhre,
       Der junge Baron von Ohnewitz wegfuhre
         Und Esther ihm im Wagen nachsah,
         Fiel sie in eine Ohnmacht beinah.

   14. Sie ist auf ihr Zimmer alleine gegangen,
       Thrnen rollten reichlich von ihren Wangen,
         Ein Schnupftuch verhllte Stirn und Gesicht
         Und sie a und trank den ganzen Tag nicht.

   15. Klagte auch schrecklich ber Kopfschmerzen
       Und winselte ber Drcken und Noth am Herzen,
         Soda ihr Bruder fast drob erschrak,
         Obgleich er merkte, was dahinter stak.

   16. Auch der junge Herr im Reisewagen
       War ^similiter^ sehr zu beklagen,
         Denn man sah's ihm gar deutlich an,
         Es sei ihm innerlich was angethan.

   17. Ich selbst habe ihn zwar nicht gesehen,
       Doch kann ich es wol von selbst verstehen,
         Und jeder andrer Vernnftiger schliet dies
         Aus den vorhergegangenen ^Prmissis^.

   18. Indessen bekam er bald wieder Courage,
       Denn er hatte eine schne Equipage
         Und gutes Reisewetter, und sa bequem,
         Und hatte in seiner Chatoulle noch auerdem

   19. Nicht allein baares Geld wie Hcksel,
       Sondern auch noch manche wichtige Wechsel,
         Sammt und sonders so eingericht't,
         Da sie gleich bezahlt wurden nach Sicht;

   20. Ja sogar schriftliche Recommandationen
       An viele hohe und berhmte Personen;
         Und so htte ich ohne eigenes Geld
         Mit ihm reisen mgen durch die halbe Welt.




Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Hier wird krzlich erzhlet, was sich auf der Reise mit dem jungen Herrn
htte zutragen knnen.


    1. Hier knnte ich nun vieles herleiern
       Von seinen auf der Reise gehabten Abenteuern,
         Und was er in jeder fremden Stadt
         Merkwrdigs gehrt und gesehen hat.

    2. Ich knnte, um dieses Kapitel gemchlich zu fllen,
       Aus manchen alten und neuen Reisepostillen
         Und aus Berkenmeyer und Bsching
         Hervorsuchen manch geographisches Ding.

    3. Ich knnte erzhlen, da er zum Vergngen
       In der Schweiz die gefhrlichen Gletscher bestiegen,
         Und da er in diesem arkadischen Land
         Manche reizende Alpenschferin fand.

    4. Ich knnte erzhlen von prchtigen Kunstwerken,
       Welche damals in Rom waren zu bemerken,
         Ob sie gleich von den Herrn Franken nachderhand
         Wurden nach Paris ins Museum gesandt.

    5. Ich knnte erzhlen von Cardinlen und Prlaten,
       Von schnen Sngerinnen und von Castraten,
         Von dem groen Sanct-Peters-Dom
         Und raren Antiquitten in Rom.

    6. Ich knnte erzhlen von den Pontinischen Smpfen
       Und von den italienischen Freudennymphen
         Und vom feuerspeienden Vesuv,
         Alle drei im ungesunden und schmutzigen Ruf.

    7. Ich knnte erzhlen von Redouten und Maskeraden,
       Wozu man ihn zum ftern eingeladen,
         Und von Gondelfahrten und vom Carneval
         Und manchem prchtigen Concert und Ball.

    8. Ich knnte erzhlen von groen Bibliotheken,
       Von gelehrten Denkmlern und alten Schartken,
         Welche er im Lande Italia
         Oder sonstwo mir nichts dir nichts besah.

    9. Ich knnte erzhlen, wie er nach anderthalb Jahren
       Erst nach Frankreich, dann nach England gefahren,
         Und wie er nach manchem begafften Ding
         So klug als vorher wieder nach Hause ging.

   10. Ich wrde noch viel mehr erzhlen knnen;
       Allein ich mu es offenherzig bekennen,
         Da ich whrend seiner ganzen Reis'
         Von dem jungen Herrn nichts weiter wei,

   11. Als da er fleiig an seine Stehre geschrieben,
       Ihr auch abwesend immer getreu verblieben,
         Und da in langer Zeit kein andrer Mensch
         Etwas erfuhr von dieser Correspondensch.




Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Correspondenz der beiden Liebenden an den Tag kommt, und wie
Jrgen zur Verantwortung gezogen wurde und Esther nach Rudelsburg
verschickt wurde.


    1. Jedoch fiele einmal von ohngefhre
       Ein Brief des Barons an seine liebe Stehre
         Dem alten Herren in seine Hand,
         Und da wurde die Correspondenz bekannt.

    2. Er mute drin mit groem Verdrusse lesen,
       Da alles noch war, wie es vormals gewesen,
         Und da der Briefwechsel, je lnger je mehr,
         Die Liebe des einen zur andern nhr'.

    3. Der Veteran Jrgen mute sein Vergehen
       Vorab bereuen und umstndlich gestehen,
         Und kam zum Liebesbotenlohn
         Mit achttgigem Arreste davon.

    4. Um aber den fernern Briefwechsel bei Stehren
       Fr die Zukunft vllig abzuwehren,
         Beschlo man, dieselbe heimlich allsofort
         Zu verschicken an einen andern Ort.

    5. Zwlf Meilen von Ohnwitz lag ein kleines
       Gtchen, nahe am Ufer diesseit des Rheines,
         Wo, mit dem Ohnwitzer Hause verwandt,
         Frau von Rudelsburg sich sehaft befand.

    6. Dahin ward dann Esther recommandiret
       (Ihr Herr Bruder selbst hat sie escortiret)
         Als eine Jungfer Gesellschafterin,
         Und Esther ergab sich geduldig drin.

    7. Ob alle Fehde sich hiemit geendet,
       Oder das Blatt sich etwa anders gewendet,
         Und was sonst Wichtiges noch geschehn,
         Das alles wird man in der Folge sehn.




Vierundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Revolution der Neufranken einen Einflu hat auf das Schicksal
des Herrn Jobs und der adeligen Herrschaft zu Ohnwitz, und wie sie
emigriren mssen.


    1. Nichts ist wunderlicher als das menschliche Glcke,
       Es verndert sich oft in einem Augenblicke,
         Es ist, nach dem Sprchwort, kugelrund,
         Und bald oben, bald unten, bald wei, bald bunt.

    2. Das haben besonders seit ein halb Dutzend Jahren
       Viele groe Herren hier und da erfahren,
         Knige, Prinzen, Grafen und Dcs
         Fhlten bekanntlich den Wechsel des Glcks.

    3. Es erniedrigt und strzt bald jenen, bald diesen,
       Macht Sprachmeister aus ehmaligen Marquisen
         Und aus Comten, Chevaliers und Messieurs
         Tanzmeister, Friseurs und Serviteurs.

    4. Es necket Gromeister, Dogen und Hohepriester,
       Favoritinnen und fromme Staatsminister,
         Und es ist ihm durchaus einerlei,
         We Standes oder Wrden jemand sei.

    5. Ja wahrlich, man mu billig erstaunen
       Ueber der Frau Fortunens Wechsellaunen;
         Wir machen indessen nur hievon
         Auf Herrn Pfarrer Jobs Application.

    6. Da dieser ein wahrer Glcksball gewesen,
       Haben wir im ersten und zweiten Theile gelesen,
         Und dasselbe ist nun abermal
         Im jetzigen dritten Theile der Fall.

    7. Nmlich es war damals die Epoche der Ohnehosen,
       Und in Deutschland hausete ein Heer von Franzosen;
         Auch predigte man zu derselbigen Zeit
         Ueberall von Freiheit und Gleichheit.

    8. Auch in Ohnwitz schien unter einigen Leuten
       Sich der Sansculottismus hier und da zu verbreiten,
         Und Herr von Ohnwitz frchtete fr sein Theil
         Daraus endlich ein groes Unheil;

    9. Hat drum dem Herrn Pfarrer Jobs aufgetragen,
       Auf der Kanzel einmal der Gemeinde zu sagen,
         Sie sollten sehn den biblischen Spruch an:
         Ein jeder sei der Obrigkeit unterthan.

   10. Dieser hat dann auch dergestalten
       Bald drauf eine scharfe Predigt gehalten,
         Welche, als einzig stark in ihrer Art,
         Gleich auch im Drucke gegeben ward.

   11. Nicht allein in der Ohnwitzer Gemeine,
       Sondern auch in der ganzen Gegend am Rheine
         Wurde dieselbe verbreitet im Land,
         Folglich auch den Herren Franken bekannt.

   12. Sie haben sich dieses ^ad notam^ genommen,
       Und als sie ^ex post^ nach Ohnwitz gekommen,
         So hie es: ^Le diable emportera
         Le cur d'Ohnwitz, ce coquin l!^

   13. Kaum konnte er in diesen dringenden Nthen
       Sich eilig genug aus dem Dorfe retten
         Und brachte nichts auf der Flucht davon
         Als mit genauer Noth seine eigne Person.

   14. Htte man ihn damals selbst gefangen,
       Er wre guillotinirt oder aufgehangen,
         Doch vorlufig plnderte man das Pfarrhaus
         Von oben bis unten rein und gar aus.

   15. Auch Herr von Ohnwitz war damals in
       Groer Gefahr mit seiner Gemahlin,
         Denn auch ihm wenigstens htte man
         Vielleicht am Halse was angethan.

   16. Aber seine Unterthanen wagten Leib und Leben,
       Fr ihre gute liebe Herrschaft hinzugeben,
         Und retteten sie mit Gewalt fr diesmal;
         Denn der Franken war keine groe Zahl.

   17. Indessen war keine Zeit zu verlieren,
       Herr und Frau muten schleunig emigriren,
         Und hchstens ein paar hundert Gulden baar
         War alles, was noch mitzunehmen war.

   18. Die Franken sind bald strker wiedergekommen,
       Haben die Ohnwitzer erschrecklich mitgenommen,
         Und auf dem Schlosse ward unversumt
         Alles, was vorrthig war, ausgerumt.

   19. Auch wurde ein Freiheitsbaum aufgepflanzet
       Und lustig ein' Runde darum her getanzet,
         Und jeder im Dorfe nahm alsdann
         Theils gern, theils ungerne theil daran.

   20. Auch alle brige Gter und Schlsser
       Des Herrn von Ohnwitz hatten's nicht besser,
         Man machte es berall, in gro und klein,
         Wo er was besae, besemrein.




Fnfundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs rmlich herumwandert, und wie er endlich im Dorfe
Schnhain ankommt.


    1. Weil Herr von Ohnwitz sich im neutralen Lande
       Mit seiner Gemahlin bald sicher befande
         Und nun auch, wie gesagt, mit einem paar
         Hundert Gulden baar noch versehen war:

    2. So wollen wir diesmal von ihm abbrechen
       Und nur vorerst vom Herrn Pfarrer Jobs sprechen,
         Denn dieser war bei seiner Flucht durchaus
         So blutarm wie eine Kirchenmaus.

    3. Er setzte tagtglich seinen Wanderstab weiter,
       Blieb aber dabei immer ruhig und heiter,
         Schlief sanft und trstete damit sich:
         Der Himmel lt die Seinen nicht im Stich.

    4. Erst besuchte er auf der Reise hin und wieder
       Die Herren Geistlichen als seine Amtsbrder,
         Aber fast alle schickten ihn ohne Geld und Kost fort,
         Blos mit einem geistlichen Trostwort.

    5. Drum suchte er hernchst die Priester und Leviten
       Auf seiner Wanderung mglichst zu verhten,
         Denn er traf durchgehends beim Samaritan
         Grers Mitleid und mehr Theilnahme an.

    6. Auch fand er in kleinen lndlichen Htten,
       Ohne lange drum zu betteln und zu bitten,
         Ein freundlicher Gesicht und besser Quartier
         Als beim reichen Brger oder Cavalier.

    7. Zwar versumte er nicht, in Schlssern und Stdten
       Bei Vornehmen anfnglich einzutreten,
         Und bote seine Dienste als Kapellan
         Oder etwa als Informator an.

    8. Aber er hat nirgend Aufnahme gefunden,
       Man hielt ihn vielmehr fr 'nen Vagabunden,
         Fragte nach seinem Reisepa,
         Und sagte ihm, ich wei nicht alles was.

    9. Am sechzehnten Tage der Jobsischen Hegire
       Kam er Nachmittags zwischen drei und viere
         Bei einem an der Thr sitzenden alten Mann
         Hungrig und durstig in 'nem Dorfe an.

   10. Der hat ihn sehr treuherzig invitired,
       Ihn zu seiner Gattin ins Huslein gefhret,
         Und diese machte freundlich alsbald
         Zu seiner Erquickung einige Anstalt.

   11. Er bekam Milchsuppe, Brod und gekochte Eier,
       Erzhlte mittlerweile seine Abenteuer,
         Und sowol der Mann als seine Frau
         Horchten drauf, was er erzhlte, genau.

   12. Beide waren schon grau von Haaren,
       Hatten selbst manches Ungemach erfahren
         Und lebten hchst einfrmig und knapp
         Von dem, was ihre kleine Hufe gab.

   13. Doch baten sie ihren Gast, sich zu bequemen,
       Auch das Nachtquartier bei ihnen zu nehmen,
         Und da eine sammetweiche Moosstreu
         Ihm in ihrer Htte schon zu Dienste sei.

   14. Dies hat er ihnen dann auch zugesaget,
       Weil ihm ihr Betragen auerordentlich behaget;
         Ja, es kam ihm natrlich vor, es sei dies
         Ein Paar, wie weilend Philemon und Baucis.

   15. Der fromme Greis mit seinem guten Weibe
       Erzhlten ihrem Gaste zum Zeitvertreibe
         Manches aus alter und neuerer Zeit,
         Auch sprach man von des Dorfes Gelegenheit.

   16. Besonders vom Schlo Schnhain, das man in der Nhe
       Zwischen dem Lindengebsch auf'm Hgel dort she,
         Und da allda der vorige Schssermann
         Den Bauern viel Herzeleid angethan.

   17. Aber der jetzige Herr Amtsschsser
       Sei kein solcher Schinder noch Bauernfresser;
         Sondern, grade als wenn man Seinesgleichen sei,
         Knne jeder Bauer mit ihm sprechen frei.

   18. Als Herr Jobs nach dem Gutsbesitzer gefraget,
       Haben die alten Leutchen ihm zur Antwort gesaget,
         Eine Dame von gar vortrefflichem Sinn
         Seie davon die Besitzerin.

   19. Sie erzhlten zu ihrem Ruhme und Lobe
       Manche preiswrdige schne Probe,
         Versicherten ihm dabei zugleich,
         Man halte sie fr unermelich reich.

   20. Aber leider sei sie schon lange krnklich
       Und ihr Zustand werde tglich mehr bedenklich,
         Und schon habe man ein Vorgeschft gesehn,
         Da sie bald wrde von hinnen gehn.

   21. Herr Jobs sprte die herzlichste Theilnahme
       An dem Schicksale dieser so wrdigen Dame
         Und nahm sich alsbald fest fr,
         Morgen einen Besuch zu machen bei ihr.

   22. Er vermied zwar gern groe Huser und Schlsser,
       Trauete auch keinem herrschaftlichen Schsser;
         Aber man hat doch nie eine Regulam,
         Oder sie leidet wol eine Ausnahm'.

   23. Unter solchen und dergleichen Gesprchen
       Sah man endlich die Nacht hereinbrechen,
         Und Hieronimus ruhte auf der Streu von Moos
         So sanft, als lg' er in Abrahams Schoo.

   24. Als er Morgens etwas spte erwachet,
       Hat er sich aus dem Moose aufgemachet,
         Ergriff seinen knotigen Wanderstab,
         Drckte dem Wirth dankbar die Hand und reisete ab.

   25. Er wandte sich zum Schlosse zwischen den Linden,
       Um sich wegen der Dame nher zu erknden;
         Denn es ware, als zge ihn
         Ein unwiderstehlicher Trieb dahin.




Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs eine alte bekannte Freundin antrifft. Eine wunderbare
Geschichte.


    1. Es haben berall die Vornehmen und Reichen
       Ihre mancherlei eigne Sitten und Gebruchen,
         So da ein gemeiner ehrlicher Mann
         Sich drin so gar gut nicht finden kann.

    2. Zum Exempel: wenn man zu ihnen will gehen,
       Mu man erst lange im Vorzimmer stehen,
         Und dann lt Ihro Gnaden oder Excellenz
         Einen endlich gndigst zur Audienz.

    3. Ohne diese Bemerkung weiter zu treiben,
       Mag es meinethalben immer so bleiben;
         Wenigstens mach' ich jetzt nicht davon
         Auf gegenwrt'gen Casum Application.

    4. Denn als Herr Jobs ins Schlo gekommen
       Und man sein Begehren krzlich vernommen,
         Liee ihn die Frau Gebieterin
         Sofort nthigen in ihr Zimmer herin.

    5. Er fand sie im Kanapee einsam sitzend,
       Nachdenkend den Kopf auf die Arme sttzend,
         Gekleidet in 'nem weien Nglige,
         Und vor ihr stund auf'm Tischchen der Thee.

    6. Herr Jobs fing an gleich im Hereintreten
       Seine Entschuldigung und Compliment herzubeten;
         Sie blickte auf, erhob ein groes Geschrei,
         Auch Herr Jobs strzte nher zu ihr herbei.

    7. Beide haben sich alsofort erkennet,
       Sich voll Erstaunen mit ihren Namen genennet;
         Denn die gute liebe Dame da
         War des Herrn Jobs alte _Amalia_.

    8. Sie ist fast in Ohnmacht dahin gesunken,
       Herr Jobs taumelte, als wr' er betrunken,
         Und sowol ihr als ihm erschien
         Alles vor den Augen blau, gelb und grn.

    9. Nach dem ersten sehr angenehmen Schrecken
       Suchte einer den andern allgemach zu wecken,
         Und eine trauliche Umarmung war
         Der Beweis ganz berwundner Gefahr.

   10. Mir ducht, ich hr' hier den Leser mich fragen:
       Herr Autor, wie kann Er doch so etwas sagen?
         Er meint gar, Er htte ein Kind vor,
         Da Er uns da macht solchen Wind vor!

   11. Haben wir nicht im ersten Theile gelesen,
       Da Amalia lange nicht mehr gewesen?
         Sie starb ja, dem vierunddreiigsten Kapitel nach,
         Als sie in den Kindbetterwochen lag!

   12. Ich will mich zwar eben jetzt nicht entschuldigen,
       Bitte aber vorlufig, sich zu geduldigen;
         Denn was ich erzhlte, war ja weiter nicht
         Als ein damals von mir geglaubtes Gercht.

   13. Zudem hat man ja an Herrn Jobs schon gesehen,
       Da Leute sterben und wieder auferstehen,
         Und in jedem alten und neuen Roman
         Trifft man noch weit grere Wunder an.




Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Worin unter anderm die im ersten Theile gestorbene Amalia ihren fernern
Lebenslauf erzhlet.


[Illustration]

    1. Sie sind darauf nher zusammen gercket,
       Haben sich am Thee und Frhstcke erquicket,
         Und erfreueten beiderseits sich
         Des Wiedersehens gar inniglich.

    2. Was zwischen beiden vormals war geschehen,
       Wollen wir nach christlicher Liebe bergehen;
         Aber jetzt passirte im mindesten nicht,
         Was nicht htte knnen vertragen das Licht.

    3. Zwar Herr Jobs hatte nichts verloren,
       War von guter Positur wie zuvoren,
         Ja sein Corpus ware vielmehr
         Seit dem Pfarrerstande ansehnlicher.

    4. Aber Amaliens Reize waren verblichen,
       Seitdem ungefhr jene 15 Jahre verstrichen,
         Und es sprote schon hier und dar
         Auf ihrem Kopfe ein graues Haar.

    5. Auch an Krperkrften und Taille
       War sie nicht die vor'ge schne Amalie:
         Vormals war sie rund, roth und dick,
         Und nun ein leibhaftig Bild der Hektik.

    6. Ihre Augen, vormals glnzend von Liebe,
       Waren nun eingefallen, dunkel und trbe,
         Und in ihrer ganzen Physiognomie
         Herrschte eine stille Melancholie.

    7. Nicht allein gegen Herrn Jobs war sie sehr gtig,
       Sondern auch im ganzen Wesen sanftmthig,
         Und sie ertrug ihr krperliches Leid
         Ohne Murren und Verdrielichkeit.

    8. Sie fhlte tglich die Krfte mehr schwinden,
       Hatte lngst bereut ihre vorigen Snden,
         Und brachte nun in vlliger Gewissensruh'
         Ihre noch brigen Lebenstage zu.

    9. Eigentliche sogenannte Liebessachen
       Waren also nicht weiter bei ihr zu machen;
         Auch Herr Jobs fand lngst nicht mehr Geschmack
         An jedem unschicklichen Liebesschnack.

   10. Er mute jedoch die Versicherung ihr geben,
       Nicht weiter zu reisen, sondern bei ihr zu leben,
         Und dieses wnschte sie um desto mehr,
         Weil er ein geistlicher Doctor wr'.

   11. Auch mute er, ohne das Geringste zu verhehlen,
       Ihr seine ganze Lebensgeschichte erzhlen,
         Besonders was er von ihrer Trennung an
         In den letzten funfzehn Jahren gethan.

   12. Er that dies auch alles sehr ausfhrlich,
       Seine Erzhlung war aufrichtig und manierlich,
         Soda Amalia sogleich drin fand,
         Er sei nun ein Mann von groem Verstand.

   13. Die Erzhlung selbst knnen wir gut missen,
       Sintemal wir seine Geschichte schon wissen,
         Und man hrt ohnedem auf keinen Fall
         Eine so nrr'sche Geschichte gern zweimal.

   14. Sie gabe gleichfalls von ihrer Geschichte
       Folgende kurze aufrichtige Berichte,
         Seitdem sie aus dem Schauspielerstand
         Mit einem reichen Herren verschwand:

   15. Der Herr, mit welchem sie davongegangen,
       Habe geheien _Herr van der Tangen_;
         Er habe, als ihre Person ihm gefiel,
         Ihr Antrge gemachet oft und viel.

   16. Aber sie habe gar nicht darnach gehret
       Und anfangs mit ihme gar nicht verkehret,
         Weil sie entschlossen gewesen sei,
         Ihrem Hieronimo zu bleiben getreu.

   17. Erst damals habe sie den Vorsatz gebrochen,
       Als Herr van der Tangen ihr die Ehe versprochen;
         Es sei auch am folgenden Tage schon
         Erfolgt eine heimliche Copulation.

   18. Nachdem sie nun gedachten Herrn van der Tangen
       Einmal im ehlichen Netze habe gefangen,
         So habe sie mit ihm in der ganzen Zeit
         Gelebet in treulichster Einigkeit.

   19. Sie habe von ihrem Gatten, dem Herrn van der Tangen,
       Nach zwei Jahren einen kleinen Sohn empfangen,
         Habe aber auch damals gefhrlich krank
         Gelegen fast sieben Wochen lang.

   20. (Notabene: Daher entstand das Gerchte
       Von ihrem Tode im ersten Theil der Geschichte;
         Denn Frau Fama machet zu jeder Frist
         Immer ein Ding grer, als es ist.)

   21. Was im brigen thate anlangen
       Die Umstnde ihres Gatten, des Herrn van der Tangen,
         So sei er gewesen der einzige Zweig
         Des alten Herrn van der Tangen und erschrecklich reich.

   22. Er sei zwar gewesen nur vom brgerlichen Stande,
       Aber fast der reichste Privatmann im Niederlande,
         Weil sein seliger Vater in Kauffahrtei
         Auerordentlich glcklich gewesen sei.

   23. Mancherlei Grnde htten ihn bewogen,
       Da er aus seinem Vaterlande weggezogen,
         Und er htte auch bald darauf
         Das Gut Schnhain hier erstanden durch Kauf.

   24. Ihre Bekanntschaft mit dem Herrn van der Tangen
       Habe bewutermaen damals angefangen,
         Als er sich eine Zeit lang in Deutschland
         Zum Vergngen auf der Reise befand.

   25. Ihre Ehe habe zwlf Jahre lang gewhret,
       Darauf htte Freund Hein dieselbe gestret,
         Und Herrn van der Tangen zu ihr'm grten Leid
         Geholet aus dieser Zeitlichkeit.

   26. Auch ihr Sohn sei nach fnf Vierteljahren
       Seinem Vater ins Elysium nachgefahren,
         Und seitdem lebe sie hchstbetrbt
         Kinderlos und ungleich verwittibt.

   27. Zwar besitze sie jetzt sehr groe Gter,
       Aber doch sei ihr des Lebens Rest bitter,
         Und sie mache zur groen Reise nach jenseit
         Sich nun tglich immer mehr bereit;

   28. Denn sie empfinde es, da sie laborire
       An einem innerlichen Lungengeschwre,
         Spre auch, da jede gebrauchte Arznei
         Zu ihrer Heilung unwirksam sei.

[Illustration]

   29. Sie suche schon lngst mit tugendhaften Werken
       Sich zu einem seligen Abschiede zu strken,
         Und gebe als eine bekehrte Snderin
         Ihrem Schicksale sich willig hin.

   30. Herr Jobs suchte nun bestmglichstermaen
       Alles dasjenige beisammen zu fassen,
         Was ein vernnftiger geistlicher Mann
         In solchem Fall zur Trstung nur sagen kann.

   31. Blieb folglich auf ausdrckliches Verlangen
       Nun auf dem Gute bei der Frau van der Tangen,
         Und seine traurige Exulantenschaft
         Hatte fr diesmal ihre Endschaft.

   32. Es fand auch wirklich die Frau van der Tangen
       In des braven Herrn Jobsens Umgang manchen
         Christerbaulichen Beruhigungsgrund,
         Den sie vorher nicht so gut verstund.




Achtundzwanzigstes Kapitel.

Wie die Frau van der Tangen dem Herrn Jobs all ihr Vermgen schenket,
und wie sie stirbt, und wie Herr Jobs ihr ein Monument errichtet, und
wie dieses Kapitel sehr traurig zu lesen ist.


    1. Eines Morgens kam mit reputirlichen Schritten
       Ein bejahrter Herr in den Schlohof geritten,
         Und stieg nach geendigtem succesiven Trab
         Etwas mhsam auf eine nahstehende Bank ab.

[Illustration]

    2. Er sa auf dem Pferde steif wie ein Schneider,
       Trug am Leibe altmodische Kleider,
         Hatte graue wollene Gamaschen an
         Und ^pro forma^ Sporen ohne Rder dran.

    3. Eine Percke mit einem kleinen Haarbeutel
       Und ein plattgespitzter Hut deckte den Scheitel,
         Und an seiner linken Hfte, etwas hoch, hing
         Ein langer Degen, der Griff war von Messing.

    4. Seine Person schien etwas Wichtiges zu bedeuten,
       Das merkte man an seinem Wesen schon von weiten,
         Und er war weder zu mager noch zu fett,
         Aber brigens voll Gravitt.

    5. Er wurde gleich von der Frau van der Tangen
       Gar hflich bewillkommet und empfangen;
         Sie schlosse sich sofort mit ihm ein
         Und blieb bei ihm den ganzen Tag allein.

    6. Herr Jobs konnte sich nicht besinnen,
       Was sie beide beisammen wol mchten beginnen,
         Und dachte allenfalls, der altfrnksche Knab'
         Sei vielleicht ein fremder Aesculap.

    7. Aber er irrte; denn der Herr, welcher heute
       Mit seinen Gamaschen und dem Spie an der Seite
         Den ganzen Tag mit Amalien allein war,
         War ein ^Caesareus publicus^ Notar.

    8. Nachdem derselbige war weggeritten,
       Lie Frau van der Tangen Herrn Jobs ins Zimmer bitten;
         Er fand sie am Pult sitzend und vor ihr
         Lag ein zusammengefaltnes Papier.

    9. Herr Jobs zeigte sich etwas blde und verlegen,
       Aber sie lchelte ihm beim Eintritt entgegen,
         Und als er sich nher bei ihr befand,
         Reichte sie ihm liebreich die hagere Hand.

   10. Sie schien seit dem Geschfte mit dem Reiter
       Hchst vergngt und ungewhnlich heiter,
         Und hielte, obgleich mit schwchlicher Stimm',
         Nun folgende kurze Oration zu ihm:

   11. Schon habe ich es dir gesagt, mein Lieber!
       Ich geh' nun bald jenseits hinber,
         Und habe deswegen vor meinem End'
         Heute gemachet mein Testament.

   12. Schon lngstens ware ich von wegen
       Eines Erben meiner Gter besorgt und verlegen,
         Denn meines Wissens ist nirgend jemand
         Mit mir durch Blutsfreundschaft verwandt.

   13. Der Gedanke qulte mich vor allen,
       Da mein Gut in schlechte Hnde knnt' fallen;
         Ich habe darum mit Wohlbedacht
         Dich zum Universalerben gemacht.

   14. Auer ein paar tausend Lauseducaten
       ^Ad pios usus^ und andere Legaten,
         Gehrt meine ganze Habe fortan
         Nur dir, meinem alten Freunde, an.

   15. Willst du meine gute Meinung nicht verschmhen,
       So werde ich ruhig aus dieser Welt gehen,
         Und du erleichterst mittlerweile mir,
         So viel du kannst, die Reise von hier.

   16. Du wirst aber auch die Freundschaft haben,
       Mich zu lassen dort bei den drei Linden begraben,
         Und du pflanzest zu meinem Andenken auch
         Auf mein Grab eine Laube von Rosenstrauch.

   17. Herrn Jobs flossen hier hufig die Thrnen;
       Er antwortete nur mit Schlucksen und halben Tnen;
         Acceptirte brigens utiliter
         Die vorliegende Donation ohnschwer.

   18. Von nun an verlie er seine Freundin fast nimmer,
       Denn ihr Zustand wurde augenscheinlich schlimmer,
         Und Frau van der Tangen und Herr Hieronimus
         Lebten auf brder- und schwesterlichem Fu.

   19. Er unterlie nichts an Trstung und Pflege,
       Suchte ihre Linderung auf alle mgliche Wege,
         Hat sogar selbst fast in jeder Nacht
         In ihrem Krankenzimmer gewacht.

   20. Endlich war doch alle Hoffnung des Lebens
       Und alle Mhe und Arznei bei ihr vergebens,
         Weil Freund Hein wirklich hereinkam
         Und ihren letzten Athemzug wegnahm.

   21. Herr Jobs beklagte ihren Tod aufrichtig,
       Und sein Schmerz war weder verstellt noch flchtig,
         Sondern er hat lnger und mehr geweint,
         Als mancher Mann um seine todte Frau greint.

   22. Am Gartenende, dort bei den drei Linden,
       Kann der geneigte Leser ihr Grab finden,
         Wenn er etwa von ohngefhr vorbei passirt,
         Oder nach Schnhain expre hinspaziert.

   23. Ueber ihrem dort nun modernden Staube
       Steht eine gar niedliche Rosenlaube,
         Und Vergimeinnicht und weien Jasmin
         Sieht und riecht man da des Sommers blhn.

   24. Auch sieht man bei einem marmornen Aschtopfe,
       Die Figur von einem weien Todtenkopfe,
         Dabei steht ein groes lateinisches ^A^,
         Und es bedeutet solcher Buchstabe: _Amalia_.

[Illustration]

   25. Herr Jobs ging um dieses Monuments willen
       Abends und Morgens oft dahin im Stillen,
         Und da fielen ihm gemeiniglich allerlei
         Erbauliche und traurige Gedanken bei.




Neunundzwanzigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs nun ein reicher Mann war, und wie er sich nach dem Tode
der Frau van der Tangen beging.


    1. Besage der vorhandenen Annotationsbcher,
       Fand Herr Jobs 2800000 Reichsthaler sicher
         Zu Amsterdam, London und Hamburg blank
         Als Kapitalien stehen in der Bank.

    2. Das brige Gut an Wechseln und Obligationen
       Betrug mit obigen ohngefhr drei Millionen,
         Und der Werth von dem Gute Schnhain
         War, bei meiner Treue! auch nicht klein.

    3. Er war bemht, der Frau van der Tangen letzten Willen,
       Ratione der Legaten pnktlich zu erfllen,
         Und alles brige in runder Summ'
         War nun sein rechtmiges Eigenthum.

    4. Er ehrte zwar dies bergroe Vermgen
       Als einen unverhofften, nicht verwerflichen Segen,
         Hielt sich aber doch weder glcklicher
         Noch grer, als er ware vorher.

    5. Er befand sich vielmehr bei seinem Gelde und Gute
       Lange nicht so behaglich noch bei gutem Muthe,
         Als er im Ohnwitzer Pfarrstand
         Sich noch vor einigen Monaten befand.

    6. Es ist ihm damals vor andern allen
       Sein Eintritt in Schnhain eingefallen,
         Und da gedachte er an das alte Paar,
         Deren Gast er bei seiner Ankunft war.

    7. Um sie in ihrem Alter ba zu erfreuen,
       Kaufte er eine der schnsten Meiereien,
         Und gab seiner Baucis und ihrem Philemon
         Dieselbe fr damalige Bewirthung zum Lohn.

    8. Er hat auch an seine Schwester Esther geschrieben,
       Damit sie es wisse, wo er sei geblieben,
         Und da sie bei ihm in seinem Schnhain
         Nchstens wrde willkommen sein.

    9. Auch seinen Schildburger Anverwandten
       Und den daselbst wohnenden Bekannten
         Machte er seinen jetzigen Wohlstand
         Zu ihrer freudigen Nachricht bekannt.

   10. Auch hielt er's fr eine der grten Pflichten,
       Dem Herrn von Ohnwitz sein Glck zu berichten,
         Bekam aber gar keine Antwort;
         Denn bekanntlich war der Herr von da fort.

   11. Was er sonst Gutes zu Schnhain verrichtet,
       Davon bin ich nicht genau unterrichtet,
         Wir sind also nun darauf bedacht,
         Zu sehen, was seine Schwester Esther macht.

   12. Aus folgendem Briefe lt sich ersehen,
       Wie auch alle brigen Sachen sonst stehen,
         Er lief mit der Post nach Schnhain
         Als Antwort von Mamsell Esther ein.




Dreiigstes Kapitel.

Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele neue Mre
enthalten ist, von dem alten Herrn von Ohnwitz, wie auch von dessen
Herrn Sohne, und so weiter.


    1. _Mein theuerster Bruder!_ Dein gutes Geschicke
       Gereicht mir zum gresten Vergngen und Glcke,
         Auch noch mehrere Deiner Freunde sind hier
         Und alle freuen sich herzinnig mit mir.

    2. Denn es haben zu Rudelsburg vor einigen Wochen
       Der alte Herr von Ohnwitz und seine Gemahlin eingesprochen,
         Und hieselbsten eine sichere Zuflucht
         Fr die Verfolgung der Feinde gesucht.

    3. Auch ist vorgestern wider alles Verhoffen
       Der junge Herr von seiner Reise eingetroffen,
         Denn ihm ward schon der traurige Zustand
         Von Ohnwitz an der Grenze bekannt.

    4. Entblt von Geld und andern Nothdrftigkeiten
       Erwarten sie hier alle zwar bessere Zeiten;
         Aber ich denke, bei Dir zu Schnhain
         Werden sie besser als in Rudelsburg sein.

    5. Es ist Dir also, mein bester der Brder!
       Ihr Besuch angenehm und nicht zuwider?
         Ein Brief noch von Dir und alle wir
         Machen uns auf die Reise zu Dir.

[Illustration]

    6. Tausend Gre und herzliche Empfehlungen
       Von der gndigen Frau und dem alten und jungen
         Baron. Ich verbleibe, nach altem Gebrauch,
         Deine treue Schwester bis zum letzten Hauch.

    7. Dieser Brief verursachte gewaltige Regung
       Bei Herrn Jobs, und ohne lange Ueberlegung
         Packte er ein Paar tausend Thaler ein
         Nebst einer Invitation nach Schnhain.

    8. Er sandte alles durch eine Staffette,
       Und als wenn es irgendwo gebrennet htte,
         Jug dieselbe Tag und Nacht durch,
         Bis sie ankam zu Rudelsburg.

    9. Ohngefhr nach verstrichenen vierzehn Tagen
       Trafe in einem gemchlichen Wagen
         Die Ohnwitzer Familie zu Schnhain
         Und Mamsell Esther zugleich mit ein.




Einunddreiigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs und die herrschaftliche von Ohnwitzische Familia sich des
Wiedersehens gefreuet haben, und wie Herr Jobs seinen lieben Gsten
alles zum besten gibt, als wre es ihr prperliches Eigenthum, und wie
man da alle Kriegesplage vergessen hat, und auf einem freundschaftlichen
Fu gelebet hat, und da es Ueberflu sei, die Freude des Hieronimus
besonders zu beschreiben.


    1. Wie man sich des Wiedersehens gefreuet
       Und zu Schnhain ein jeder gejubeleiet,
         Und besonders die Freude des Herrn Hieronimus
         Hier zu beschreiben, wre Ueberflu.

    2. Er gab seinen angenehmen Ohnwitzer Gsten
       Alles, was er hatte, dermaen zum besten,
         Als wre zu Schnhain rund herum
         Alles ihr prperliches Eigenthum.

    3. Man verga gerne in dieser frhlichen Lage
       Die vorherige erlittene Kriegesplage,
         Und lebte auf dem Gute des Hieronimus
         Zusammen auf dem freundlichsten Fu.




Zweiunddreiigstes Kapitel.

Fortsetzung des funfzehnten Kapitels, und wie Umstnde die Sachen
verndern, und wie die Liebe des jungen Barons und seiner Stehre einen
guten Fortgang zu gewinnen scheinet.


[Illustration]

    1. Wir wollen jetzt einmal wieder zurckkehren
       Zum jungen Herrn von Ohnwitz und seiner Stehren,
         Damit der geneigte Leser seh',
         Ob die Liebe noch beim Alten besteh'.

    2. Seit Stehrens Rudelsburger Aufenthalte
       Entstund in dem Romane zwar etwas Halte,
         Weil auf jeden Brief, den der Baron schrieb,
         Von Ohnewitz die Antwort ausblieb.

    3. Er kam also auf den fatalen Gedanken,
       Stehrens Liebe mchte vielleicht etwas wanken,
         Oder, welches gar noch schlimmer sei,
         Sie mchte ihm vllig sein ungetreu.

    4. Nachdem er nun seine Reise hatte geendet,
       Und sich nach Rudelsburg aus Noth gewendet,
         Welch Glck, als er unvermuthet da
         Seine geliebte Stehre hier wieder sah!

    5. Ware gleich ihre Liebe einige Zeit gehindert,
       So war sie doch um kein Quentchen schwer gemindert,
         Und so fing der abgebrochne Roman
         Zu Schnhain wieder ^de novo^ an.

    6. Manches Spiel mit zrtlich gegnenden Blicken,
       Heimliches Seufzen, verstohlnes Hndedrcken,
         Einsames Spazieren, abendlicher Convent
         Bei den Linden und Amaliens Monument,

    7. Wandeln Hand in Hand durch blumige Thale,
       Sich erquicken am keuschen silbernen Mondstrahle,
         Girren und Tndeln und verliebte Sprach',
         Hatte alles seinen Fortgang vor wie nach.

    8. Der alte Herr hat dies nun zwar gesehen,
       Lie es aber diesmal tacite geschehen;
         Auch die vernnftige gndige Frau
         Nahm dies Ding nicht mehr so genau.

    9. Denn Umstnde pflegen in menschlichen Sachen
       Mancherlei wichtige Vernderungen zu machen,
         Und nach dem latein'schen Sprchwort heit es:
         ^Circumstantiae variant res.^

   10. Auch Herr Jobs hat dazu stillgeschwiegen,
       Mochte die Liebenden nicht krnken oder rgen,
         Und dachte vielleicht in seinem Herzen dabei,
         Da es alles so der Wille des Himmels sei.

   11. Als der junge Herr noch einmal bei den Alten
       Um die Einwilligung in seine Liebe angehalten,
         Nahm man ihm solches so bel nicht mehr,
         Als man es hatte genommen vorher.

   12. Es entstanden doch noch zuweilen abseiten
       Der gndigen Eltern einige Schwierigkeiten;
         Denn ein brgerliches Mdchen zu trau'n,
         War ihrem Magen noch schwer zu verdau'n.

   13. Herr Jobs ward dieses mehrmalen inne,
       Und nun kam ihm von ohngefhr im Sinne,
         Da er von seinem Vater es mehrmals vernahm,
         Die Jbse wren vom altadligen Stamm;

   14. Auch da die Vorfahren mtterlicher Seite
       Wren gewesen gar ansehnliche Leute,
         Und davon ein schriftliches Dokument
         In Schildburg bei seinem Bruder sich fnd'.

   15. Er hat darum sofort an ihn geschrieben,
       Auf Uebersendung der gedachten Schrift getrieben,
         Und der sandte dann auch des Documents
         Original ihm nach Schnhain eilends.

   16. Es enthielt die Jobsschen Familiennachrichten
       Und manche drin vorgekommene Geschichten;
         Ich liefere davon krzlich und exact
         Im folgenden Kapitel einen Extract.




Dreiunddreiigstes Kapitel.

Nachricht von der Jobsischen adligen Familie, welche anfangs von Schps
hie.


    1. Erstlich ist zu merken, da die mnnlichen Jbse
       Anfangs hieen die Herren _von Schpse_;
         Draus ward hernach der Name _von Schops_,
         ^Ex post^ _Schops_ und endlich gar _Jobs_.

    2. Aber der Stammbaum der Herren von Schpse
       Oder der nachherigen Herren Jbse
         War unwidersprechlich sehr alt,
         Und ihr Geschlechtswappen von guter Gestalt.

    3. Denn es ist lngst irgendwo zu lesen,
       Da in Noahs Arche schon ein Schps gewesen;
         Weil aber damals noch Niemand war Baron,
         So schrieb sich derselbe auch nicht Herr _von_.

    4. Ja, wollte man der Geschichte weiter nachspren,
       So wrde sich leicht der Schpsen Ursprung verlieren
         In das allergraueste Alterthum,
         Vielleicht gar bis ins erste Weltsculum.

    5. Aber dieses genauer auszumachen,
       Wrde zu viel Untersuchung verursachen,
         Und zu einem ganz completen Stammbaum
         Der Schpsenfamilie wre kaum Raum.

    6. So viel ist gewi, da die Vorfahren
       Dieses Geschlechts ansehnliche Personen waren,
         Und sowol im Lehr- als im Wehrstand
         Viel wichtige Stellen bekleideten im Land.

    7. Die authentisch eingezogenen Nachrichten
       Aus alten Geschichtschroniken berichten,
         Da schon zur Zeit des Majordomus Pipin
         Mancher Schpse bei Hofe erschien.

    8. Auch zu Kaisers Caroli magni Zeiten
       Thaten ihn einige Schpse im Kriege begleiten,
         Und einer, genannt _German von Schps_, war
         Titularhofrath beim ersten Lothar.

    9. Dessen Sohn _Bruno_ heirathete an Ludwigs Hofe
       Eine artige kaiserliche Kammerzofe,
         Und bekam im ersten Vierteljahr schon
         Von ihr einen unerwarteten Sohn.

   10. Die Geschichte verschweiget seinen Taufnamen;
       Aber zur Zeit, als die Hunnen nach Deutschland kamen,
         Lebte er auf einem eignen Gut
         Und zahlte geduldig Schatzung und Tribut.

   11. Er hinterlie einen Sohn, der war Fhnrich
       Unterm berhmten Vogelfnger Kaiser Henrich;
         Ob er vielleicht weiter avancirt,
         Wird in der Stammgeschichte nicht berhrt.

   12. Er hie _Wilhelm_ und blieb unter zwei Ottonen
       Ruhig und still auf seinem Gute wohnen;
         Im brigen wei man von ihm gewi:
         Er erzielte mit seiner Gemahlin Margaris

   13. Verschiedene Kinder, sowol Shne als Tchter;
       Davon entsprossen viele Nebengeschlechter
         Des uralten Schpsenstamms, die nach der Zeit
         Sich durch's ganze Europa befinden zerstreut.

   14. Dieser obgedachte Herr Wilhelmus
       Hatte unter andern 'nen Sohn, genannt _Anselmus_;
         Diesem gab man aus dringender Noth schon frh
         Eine kluge Gattin zur Compagnie;

   15. Denn nach dem Bericht des Stammbaums befande
       Er sich sehr schwach und elend am Verstande.
         Dieses war dann auch wol mehrmal
         In der von Schpsschen Familie der Fall.

   16. Herr Anselm lie, ohne sich zu geniren,
       Von seiner Frau in allem sich leiten und fhren,
         Und aus dieser Ehe kam ein Sohn herfr,
         Den nannte man in der Taufe _Kasimir_.

   17. Dieser half dem Kaiser im Feldzug gegen die Vandalen
       Durch Verproviantirung der Armee damalen
         Mit zweihundert Stck fetten Hmmeln aus,
         Er fr seine Person blieb aber zu Haus;

   18. Kam deswegen sehr beim Kaiser in Gnaden,
       Hat ihn gar einmal selbst zu Gaste geladen,
         Und dieser that ihm dafr die Ehr',
         Dem Schps im Wappen zu geben ein Horn mehr.

   19. (Denn im uralten Familienschilde
       War auf'm rothen Balken ein Schpsgebilde
         Zierlich bis zur Hlfte aufgestellt,
         Von schwarzer Farbe im silbernen Feld.)

[Illustration]

   20. Dieser Vorzug lt, jedoch in allen Ehren,
       Sich vielleicht aus Nebenursachen erklren,
         Denn die Geschichte sagt, Casimirs Hausfrau
         Seie gewesen sehr schn und schlau.

   21. Dessen Sohn _Guido_ war fast immer krnklich;
       Dies machte nun das Kinderzeugen etwas bedenklich,
         Jedoch der brave gesunde Burgpastor
         Sorgte mittlerweile davor.

   22. Denn Guido's Gemahl _Hedwig_ war desto gesnder,
       Und sie brachte ein Stck oder sieben Kinder,
         Auer dem ltesten Sohne _Christheld_,
         Ohne sonderliche Wehen zur Welt.

   23. Christheld ist vorzglich im Stammbaum wichtig,
       Denn er wog im vierundzwanzigsten Jahre richtig
         328 Pfund, und weder vor- noch nachher
         Ward kein Schps erfunden so schwer.

   24. (Zwaren war's der Familie schier eigenthmlich,
       Denn alle aus ihr, besonders die Mnner, waren ziemlich
         Fett, und diese Constitution
         Erbte immer vom Vater auf'n Sohn.)

   25. Sein Bauch glich schon frh einem Braukessel;
       Er trauete sitzend in einem Polstersessel
         Die durch ihre Schnheit berhmte _Gordoin_,
         Aus welcher Ehe ein Sohn erschien,

   26. Namens _Peter_, ihm fast gleich an Dicke;
       Seine Gemahlin aber hiee _Friederike_,
         Welche ihm einen Sohn hinterlie,
         Der ebenfalls, wie sein Vater, _Peter_ hie.

   27. Ich kann brigens von diesen beiden Helden
       Eben nichts Rhmliches sagen oder melden,
         Als da des letztern Gemahlin 'nen Sohn gebar,
         Der Grovaters und Vaters Bilde hnlich war.

   28. Er hie _Florenz_ und war ein Gebieter
       Ueber verschiedene sehr ansehnliche Gter,
         Lebte, a, trank, schlief als ein Dynast,
         Und war andern und sich selbst zur Last.

   29. Doch erweckte er seiner Hausfrau _Magdalene_
       Nebenbei einige Tchter und Shne;
         Vor allen bemerkt die Geschichte davon
         Den ltesten Sohn, genannt _Gideon_.

   30. Der ging als Schildknapp' zum Herzog _Welfen_,
       Um dem Papst wider die Ghibelliner zu helfen;
         Er machte auch jenen berhmten Ritt
         Auf einem Mdchen aus Weinsberg mit.

   31. Dieser Ritt war lieblich anzuschauen;
       Er nahm es hernach zu seiner Hausfrauen,
         Denn das Mdchen war zrtlich und fein
         Und gebar ihm gar bald ein Tchterlein.

   32. Er hinterlie auch noch vor seinem Absterben
       Einen Sohn, genannt _Reimarus_, zum Erben;
         Der ward getauft, nahm eine Gemahlin
         Und ward versammelt zu seinen Vtern hin.

   33. War aber bei Leibes Leben lustig und gutes Muthes;
       Seine Gattin, eine adlige Wittwe, hie _Gertrudes_,
         Und er zeugte mit ihr auf gewhnliche Art
         Einen gesunden Sohn, genannt _Gerhard_.

   34. Dieser sa gern bei vollen Humpen und Kannen,
       Hatte im Solde viele streitbare Mannen,
         Vermehrte, wo er konnte, stattlich sein Gut
         Und vergo durch Faustkriege vieles Blut.

   35. Er beraubte au- und innerhalb seiner Veste
       Sowol reisende Fremde als einkehrende Gste,
         Und wurde deswegen zugenannt:
         Junker Gerhard _mit der eisernen Hand_.

   36. Er entfhrte einst zu seinem Ehebette
       Ein sehr hbsches Frulein, genannt _Hette_,
         Verga eine Zeitlang das Waffengeklirr
         Und zeugte mit ihr den Sohn _Lodomirr_.

   37. Gerhard war sonderlich ein Feind der Pfaffen,
       Machte benachbarten Klstern viel zu schaffen,
         Fing mit Nonnen allerlei Streiche an,
         Und kam darber sogar in Bann.

   38. Um nun wegen begangner vielen Snden
       Beim annahenden Alter Absolution zu finden,
         Ergriff er in der Angst den Pilgerstab
         Und wallte nach Jerusalem zum heil'gen Grab.

   39. Mittlerweil er wiederkam von der Pilgerstraen,
       War, auer dem Sohn, den er hinterlassen,
         Mirakulser Weise von Frau Hetta
         Noch ein vierteljhriges Shnlein da.

   40. _Lodomirr_ war ein gar frommer Herre,
       Stiftete viel Heiligenhuser und Altre,
         Gab Mnchen und Nonnen reichlich Brod,
         Und litte darob fast selber Noth.

   41. Seine adlige Hausfrau, _Anna_ mit Namen,
       Ware gleichfalls eine der frmmsten Damen
         Und hielt fr ihren Leibs- und Seelenzustand
         'nen Beichtvater auf ihre eigne Hand.

   42. Aus dieser gar frommen Ehe entsprosse
       _Florian_, mit dem Zunamen _der Groe_;
         Denn er ma richtig 14 Zoll
         Und war tglich toll und voll.

   43. Dieser hatte mit seiner Gemahlin _Otilie_
       Eine ziemlich zahlreiche Familie,
         Und unter andern einen artigen Sohn,
         Der ward genannt _der galante Leon_.

   44. Er pflegte sich in Waffen und Turnieren
       Fleiig in damaliger Zeit zu exerciren,
         Und zerbrach dem schnen Geschlecht zur Ehr'
         In Scherzritterspielen manchen Speer.

   45. Dieses, sowie sein Tanzen und Courtesiren,
       Mute die Schnen der Zeit sehr charmiren,
         Und ob er gleich weiter nichts verstand,
         Bekam er doch eines reichen Fruleins Hand.

   46. Denn in einer reizenden Schferstunde
       Gab ihm die extraordinrschne _Kunigunde_
         Mit allen ihren Gtern zugleich ihr Herz.
         Der Sohn aus dieser Ehe hie _Adelberts_.

   47. Der hatte nach und nach vier Gemahlinnen,
       Sie schieden aber alle zeitig von hinnen;
         Von der ersten, genannt _Rosemon_,
         Blieb ein Sohn zurck, der hie _Anton_.

   48. Nach dem Absterben seiner letzten Frauen
       Lie Adelberts ein Nnnchenkloster bauen,
         Und hat dasselbe reichlich begabt,
         Und starb drinnen als der Nonnen Abt.

   49. Man sprach viel von seiner Canonisirung,
       Aber bei der geistlichen Procefhrung
         Hinderte Advocatus Diaboli
         Durch manchen wichtigen Einwand sie.

   50. Von Herrn Anton kann ich nichts sonders melden;
       Er gehrte nicht unter die Kriegshelden,
         War auch weder Abt noch Bischof,
         Wei auch nicht, da er bermig soff.

   51. Er blieb immer in der adligen Htte,
       Heirathete nach der vterlichen Sitte,
         Sorgte fr seinen eigenen Mund
         Und starb nach dem bewuten alten Bund.

   52. Er hinterlie einen Sohn, der hie _Steffen_,
       Dieser blieb zu Mhldorf beim bekannten Treffen
         Unter Seyfried Schweppermann als Officier,
         Weil er's Fieber hatte, ruhig im Quartier;

   53. Verlie gleich darauf gnzlich die Fahnen,
       Kehrte zurck zum Herde seiner Ahnen,
         Schritte demnchst fort zur Heirath,
         Und einer seiner Shne hie _Vollrath_.

   54. Von diesem Vollrath sagen die Stammbaumsautoren,
       Da er seine untergebenen Bauern ba geschoren,
         Und brigens unterm Kaiser Wenceslas
         Nichts thate, als da er soff und fra.

   55. Seine Gattin, die gute _Adelheide_,
       Hatte mit ihm in der Ehe wenig Freude;
         Denn er prgelte sie oft und viel,
         Und trieb mit andern Weibern sein Spiel.

   56. Sein Sohn _Balthsar_ ware zwar frmmer,
       Aber bei dem allen doch ungleich dmmer;
         Er theilte Mnchen und Klstern reichlich mit
         Und starb endlich im Franciskanerhabit.

   57. Seine gottesfrchtige Gemahlin _Susanne_
       Lebte gar friedlich mit dem frommen Manne,
         Und aus dieser keuschen Ehe erschien
         Ein wackerer Sohn, genannt _Augustin_.

   58. Dessen Gemahlin hie Frau _Petronelle_,
       Den mit ihr erzielten Sohn hie er _Nlle_,
         Und er starb im neunzigsten Jahre als Greis,
         Dies ist das einzige, was man von ihm wei.

   59. Aber sein gedachter Herr Sohn Nlle
       Bekleidete eines Landvogtes Stelle,
         Und zog diese Einknfte wohlgemuth
         Ruhig wohnend auf seinem Landgut.

   60. Er hatte durch Umgang mit einer Landschne
       Zwar verschiedene unchte Tchter und Shne,
         Hinterlie aber doch einen Sohn ohnehin
         Von Frau _Irmgard_, seiner Gemahlin.

   61. Der ward nach seiner Geburt genannt _Heine_,
       War ein Liebhaber vom Wildpret und vom Weine,
         Und obgleich sonst nicht zur Arbeit geneigt,
         Hat er doch einen Sohn, _Philipp_, gezeugt.

   62. Seine Gemahlin, die Dame _Sophie_,
       Verstund sich ba auf Oekonomie,
         Hielt alles im Hause sauber und rein,
         Trank auch wol ein Glschen Branntewein.

   63. Herr Philipp war ein guter Haushalter,
       Ward sogar geizig in seinem Alter,
         Trieb oft mit eigener Hand den Pflug
         Und trank sich und a sich kaum satt genug.

   64. Seine Gattin, die geduldige Frau _Jtte_,
       Starb an der Zehrung in ihrer Jahre Blte,
         Hinterlie doch, der Familie zum Glck,
         Nach ihrem Tode einen Sohn zurck.

   65. Inde heirathete der junge Wittwer Philipp
       Abermals, und zwar eine alte Wittib,
         Die hungerte er bald hin zur andern Welt
         Und erbete ihre Gter und Geld.

   66. Sein Sohn hie _Weinrich mit der kupfernen Nase_,
       Der trank viel und ehelichte seine Base
         _Kthe_, und kaum war _Robert_, sein Sohn, da,
         So starb er am Zurcktritt des Podagra.

   67. Gedachter Sohn Robert bekam Lust zum Kriege,
       That als Freiwilliger einige Feldzge,
         Und lie in 'nem Scharmtzel ritterlich
         Den Haarzopf und 'nen halben Finger im Stich.

   68. Um nun nicht noch was mehr zu verlieren,
       That er sich auf seine Gter retiriren,
         Heirathete im sechsundzwanzigsten Jahr,
         Und starb, als er dreiig und ein halbes alt war.

   69. Seine Ehegenossin hiee Frau _Ide_;
       Er hatte gelebt ziemlich mit ihr in Friede,
         Denn er war von tolerablem Gemth.
         Sein hinterlaner Sohn hiee _Siegfried_.

   70. Siegfrieds Umgang mit den Bauern war vertraulich,
       Und mit den Buerinnen noch mehr erbaulich,
         Und nie waren im Revier des von Schps'schen Gebiets
         So viel Hahnreie als zur Zeit Siegfrieds.

   71. Doch suchte er auch mit seiner Hausfrauen
       Sein grades adliges Geschlecht zu erbauen,
         Denn seine Gattin _Fredegund_ gebar
         Einen wohlgebildeten Sohn ihm dar.

   72. Dieser war ein sehr gewaltiger Jger,
       _Hubertus_, zugenamset _der Schlger_,
         Denn er erschlug einst einen Wilddieb,
         Welcher das verbotene Jagen trieb.

   73. Seine Gattin, die schmutzige _Gertrude_,
       War sehr filzig und karg wie ein Jude,
         Sie molke die Khe und fegte den Stall,
         Und ihre Hand war im Hause berall.

   74. Huberts Sohn, _Werner_, erbte Flinte und Bchse
       Nebst den brigen Gtern, prellte Fchse,
         Und verdarb mit Hasenjagen rund herum
         Der Bauern Aecker und Eigenthum.

   75. Aber seine Ehefrau, die brtige _Trine_,
       Machte ihm zu Hause manche bse Miene,
         Und fing oft mit ihm Geznke an,
         Und er blieb ihr gehorsamster Unterthan.

   76. Jedoch erzeugte mit ihr Herr Werner
       Erst einige Tchter, und demnchst ferner
         Einen artigen Sohn, und dieser ward
         In der Taufe genennet _Eberhard_.

   77. Auch dieser blieb treu der vterlichen Sitte,
       Und heirathete eine Frau, genannt _Brigitte_,
         Bekam unter andern den Sohn _Johann_,
         Der war ein stattlich gelehrter Mann.

   78. Er ist der erste des von Schps-Geschlechts gewesen,
       Der da selbst konnte schreiben und lesen,
         Hat auch durch dieses Stammbaums Geschrift
         Sich bei der Nachwelt ein Denkmal gestift't.

   79. Vormals war es wenigstens unerhret,
       Da man in der Familie htte schreiben gelehret,
         Und selbst bei Documenten kleckste man
         Statt Unterschrift blos ein Wachssiegel an.

[Illustration]

   80. Er conversirte gern mit studirten Leuten,
       Machte gar zu gewissen launigten Zeiten
         Bei seiner Hausfrau _Lina_ daheim
         Einen nach damal'ger Art feinen Reim.

   81. Er las Zeitungen und hatte eine groe
       Kenntni von Staatssachen, und schlosse
         Im Grovaterstuhl fr sich als Politicus
         Den berhmten westphlischen Friedensschlu.

   82. Notabene! als ein vernnft'ger Gelehrter
       Hate er den Schpsnamen, darum kehrt' er
         Das  im Wort Schps, in o ohne Strich
         Und schrieb am ersten _von Schops_ sich.

   83. Er zeugte succesive nicht mehr noch minder
       Als siebenundzwanzig eheliche Kinder,
         Sowol Tchter, als Shne; davon
         Erwhn' ich nur _Kunz_, den ltesten Sohn.

   84. Dieser ward gleichfalls gelehrt unterweiset,
       Und nachdem er viel Geld hatte verreiset,
         Brachte er mit nach Hause als Gemahlin
         Eine grovornehme Donna Italienerin.

   85. Sie liebte hohe Spiele und Assemblen,
       Hatte viele Lakaien und Cicisbeen,
         Prtendirte auch im gemeinen Umgang
         Ueber alle andre Damen den Rang.

   86. Zu dieser hochgedachten Donna Zeiten
       Entstunden schon allerlei Verdrielichkeiten,
         Denn es ging manches Familiengut
         Durch die zu groe Verschwendung caput.

   87. Herr Kunz, um sich aus dem Verderben zu ziehen,
       Spielte fleiig hoch in Lotterien,
         Suchte auch hier und da berall
         In neuangelegten Bergwerken Metall.

   88. Das war aber noch lange nicht das Schlimmste;
       Sondern unter allen war dies das Dmmste,
         Da er sich mit Advocaten abgab,
         Denn diese brachten ihn noch tiefer herab.

   89. Auch legte er sich mit vielen Kosten und Wachen
       Auf den Stein der Weisen und das Goldmachen,
         Und verwendete also des Vermgens Rest
         Vergeblich auf'm chimischen Alkahest.

   90. Er kam also in kurzem um das Seine,
       Und ware nunmehr gar blank auf das Reine,
         Und im unersetzbaren Ruin
         Sank dies sonst reiche Geschlecht dahin.

   91. Sein Sohn _Fritz_ erwhlte das Militre,
       Erlangte wegen seiner Bravour viel Ehre,
         Bis er zuletzt gar ein Bein und ein Ohr
         Ehrenvoll in einer Schlacht verlor.

   92. Er bekam drauf den Abschied und einen Orden,
       Ist aber dabei arm und drftig geworden,
         Und ernhrte ^ex post^ kmmerlich
         Auf einem gar kleinen Gtchen sich.

   93. That jedoch, obgleich mit hlzernem Beine,
       Bei der Fortpflanzung des Geschlechts noch das Seine,
         Und erzeugte zu seines Alters Trost
         Einen Sohn mit seiner _Suse_, den nannte er _Jost_.

   94. Der ist noch dem Adelstande getreu geblieben,
       Und hat keine brgerliche Nahrung getrieben;
         Denn noch im Jahr tausendsiebenhundertacht
         Hatte Jost eine kleine Hufe in Pacht.

   95. Er war brigens der leibliche Vater
       Von dem berhmten Schildburger Senater,
         Hielt inde auf gute Oekonomie
         Mehr als auf die adlige Genealogie.

   96. Verga deswegen bei seiner Frau _Marianen_
       Seinen vornehmen Stand und alle seine Ahnen,
         Und wandelte den bisherigen Namen von Schops
         In den schlichtbrgerlichen Namen _Jobs_.

   97. Als ein Feind aller Pracht und neuen Mode
       Zeugte er nach der wohlbekannten Methode
         Eines jeden andern brgerlichen Manns
         Den gedachten Schildburgschen Senater _Hans_.

   98. Dieser wurde sehr gut brgerlich erzogen,
       War klein, hat aber schwer gewogen,
         So wie seine meisten Ahnen, denn es war dies,
         Wie schon oben bemerkt ist, ein Fideicommi.

   99. Da Herr Hieronimus sein Sohn gewesen,
       Und seine Frau mehrerer Kinder genesen,
         Das alles, wie auch sein Rathsherrnstand,
         Ist uns allerseit'gen Lesern bekannt.

  100. Ich habe die Geschichte der Jobsschen Lebenslufen
       Mit zu viel Nebensachen nicht wollen hufen,
         Weil ich beim nhern Nachsehen find',
         Da schon hundert Verse drber da sind.




Vierunddreiigstes Kapitel.

Genealogie der Frau Senatorin Jobs nach aufsteigender Linie.


    1. Die Ehegenossin des Schildburgschen Senaters,
       Als unsers Herrn Hieronimi wrdigen Vaters,
         Der ^notorie^ mehr Kinder hatte, war
         Eine geborne Mammesell _Plappelplar_.

    2. Ihre Stammtafel ist weniger weitlufig,
       Und die Merkwrdigkeiten drin sind nicht so hufig;
         Indessen wollen wir doch ordentlich gehn,
         Und dieselben in diesem Kapitel durchsehn.

    3. Ihre Familie war zwar nicht von Adel,
       Aber doch ohne allen Vorwurf und Tadel,
         Und unter dem schwbischen Plebejerstand
         Eine der ersten im ganzen Land.

    4. Sie war ansehnlich, gro und lang von Leibe,
       Und ein Muster von 'nem schnen und guten Weibe,
         Und ihr eheleiblicher Vater war
         Der Consistorialrath Herr Plappelplar.

    5. In seinen Handlungen und Reden war er eifermthig,
       Von Temperament etwas cholerisch und vollbltig,
         Er zerklopfte oft im Affect die Kanzelbank,
         Denn er war von Person robust und lang.

    6. Er war mchtig in Lehr' und reich an Worten,
       Stund erst als Pfarrer an verschiedenen Orten,
         Ward im vierzigsten Jahre Consistorial,
         Und starb im funfzigsten Knall und Fall.

    7. (Von seiner Suade im Peroriren
       Scheint es als Erbtheil herzurhren,
         Da die ehmalige Mamsell Plappelplar,
         Nachherige Frau Jobs, so wortreich war;

    8. Auch da sie an dem geistlichen Stande
       Ein so auerordentliches Vergngen fande,
         Und den Hieronimus, den sie gebar,
         Schon frh bestimmte zum Dienst der Pfarr'.)

    9. Er hinterlie nicht blos Kindertcher
       Oder eine Sammlung alter Schriften und Bcher,
         Sondern auch viel Gut immobil und movent,
         Denn er war ziemlich reich und potent.

   10. Von seinen sonstigen Lebensumstnden
       Habe ich nicht viel Nachricht in Hnden,
         Doch merke ich noch von ihm an, da
         Er gerne gebratne Truthhne a.

   11. Daher entstand vermuthlich die Sitte und Regel,
       Da man die Truthhne Consistorialvgel
         Seitdem im schwbischen Lande heit,
         Und sie gern bei Pfarrschmusen speist.

   12. Doch dem sei brigens wie ihm seie,
       Er verwaltete sein Amt mit aller Treue,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Frstlicher Amtmann und Justitiar.

   13. Der war in seinen Aemtern und Pflichten strenge,
       Machte weder groe Umstnde noch Geprnge,
         Wenn einer nicht gleich seinem Mandat
         Oder der Citation pariren that.

   14. Er stund wegen seinem ernsthaften Amtsgesichte
       Rund herum in sehr gutem Gerchte,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Frstlicher geheimer Consiliar.

   15. Man mu aber eben nicht meinen oder trumen,
       Es htte der Frst wegen 's Prdicat 'nes _Geheimen_
         Rathes nichts ohne ihn gethon;
         Er kannte nicht einmal seine Person.

   16. Er starb als ein treuer Diener des Staates,
       Ohngeachtet des Titels eines geheimen Rathes,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Bei 'ner verwittweten Frstin Leibhusar.

   17. Dieser stand bei Hofe sehr hoch in Gnaden,
       War ein hbscher Husar von Bart und Waden,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         In Schildburg der zweite Consular.

   18. Im Stadtarchiv findet man oft seinen Namen;
       Er sagte zu allen Rathsdecreten: Amen!
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Seligen Andenkens Landcommissar.

   19. Jedoch zur Zeit seines Commissariats stand es
       Eben nicht zum besten um die Wohlfahrt des Landes,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Commerzienrath titular.

   20. Der legte sein ganzes vterliches Erbe
       An Fabriken und weitlufiges Gewerbe,
         Brachte es aber durch Ehrlichkeit
         Anfangs bei aller Mhe nicht weit.

   21. Er rettete sich jedoch noch bei zeiten,
       Wie es Sitte ist bei viel Handelsleuten,
         Denn ein starker honneter Bankrott
         Half ihm aus aller seiner Noth.

   22. Man saget aber, seine Creditoren
       Htten dabei mehr als er verloren,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Adliger Verwalter und Secretar.

   23. Der konnte succesive etwas Vermgen
       Extra ^per fas et nefas^ zurcke legen,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Der sieben freien Knste Baccalar.

   24. Dieser mute sich sehr kmmerlich ernhren,
       Hatte blutwenig oder nichts zu verzehren,
         Und sein eheleiblicher Vater war
         Ein kaiserlicher gekrnter Poete gar.

   25. Zwar erfahren in allen Dichterknsten,
       Hungerte er doch bei seinen Verdiensten,
         Und wohnte mit Frau und Kinderlein
         In einem kleinen Dachstbelein.

   26. Seinem leiblichen Vater ging es noch trister,
       Er war der Weltweisheit Magister,
         Wovon er sich hchst erbrmlich ernahr;
         Wer aber des Magisters Vater war,

   27. Davon schweigen die vorhandnen Nachrichten;
       Ich kann also davon weiter nichts berichten,
         Als da er auch ein Herr Plappelplar
         Und vermuthlich ein redlicher Mann war.




Fnfunddreiigstes Kapitel.

Wie nunmehr nach wohlerwogenen Umstnden der Consens zu der Vermhlung
des jungen Herrn Barons mit seiner Stehre erfolgt ist.


    1. Man fande bei wohlerwogenen Umstnden
       Nun wegen der Heirath nichts weiter einzuwenden;
         Denn aus dem gelesenen Bericht war klar,
         Da Jungfer Esther von berhmter Familie war.

    2. Um damit zum erwnschten Ende zu kommen,
       Hat Herr Jobs seiner Schwester Ausstattung bernommen,
         Und diese fiele weit reichlicher aus,
         Als bei manchem Frulein aus 'nem groen Haus.

    3. Der beiden Liebenden Wonne und Entzcken
       Vermag meine Feder nicht auszudrcken;
         Sie htten, von ihrem Glcke berauscht,
         Mit keinem Monarchen der Erde getauscht.

    4. Denn es ist durchaus den Verlobten so eigen,
       Zu sehen den Himmel voll Flten und Geigen,
         Und als wre in dieser argen Welt
         Alles fr sie aufs beste bestellt.

    5. Dennoch folget nach geschloner Ehe
       Auf den ersten Jubel meist Reue und Wehe,
         Und nach verschwundnem Rausche denkt man gar:
         Ich war, als ich heirathete, ein Narr.

    6. Zu den Vermhlungsfeierlichkeiten
       Suchte man nun alles vorzubereiten,
         Und es war wirklich vierzehn Tage hernach
         Der lngst erseufzete Hochzeitstag.




Sechsunddreiigstes Kapitel.

Die Vermhlung des jungen Barons und der Esther geht wirklich hier vor
sich, wie im Kupfer artig zu sehen ist.


[Illustration]

    1. Gleichwie der Seefahrer den Tag hoch feiert,
       Wenn sein Schiff nun in den Hafen steuert,
         Nachdem er auf der langen nassen Bahn
         Erfahren manchen Sturm und Orkan;

    2. Und wie der Wanderer, wenn's regnet oder schneiet,
       Oder die Sonne brennet, sich hoch erfreuet,
         Wenn er Abends, hungrig und md',
         Das lockende Schild des Wirthshauses sieht;

    3. Und wie nach dreijhrigem Wachen und Fleie,
       Und vielem nicht fruchtlos vergossenem Schweie
         Ein auf der hohen Schul' gewesner Student
         Sich freuet ber seines Studiums End';

    4. Und wie der thtige Kaufmann sich ba entzcket,
       Wenn er beim Schlusse eines Jahres erblicket,
         Da er nach richtigem Calcul und Stat
         Abermal ein Kapital ^in salvo^ hat;

    5. So pflegen auch Verlobte nach langem Schmachten
       Ihren Hochzeitstag freudig zu betrachten,
         Und der wird nach viel berwundner Hinderni
         Nun erst destomehr schmackhaft und s.

    6. Grade so beschaffen, wie ich sage, war es
       Mit den Gefhlen unsers lieben Brautpaares,
         Als jetzt des Priesters segnende Hand
         Sie auf ewig zusammen verband.

    7. Von allen merkwrdigen Hochzeitsscenen
       Dieses Tages will ich nur einer erwhnen;
         Man sagt, des Herrn Jobs alter Philemon
         Seie gewesen der Erfinder davon.

    8. Nmlich, die Schnhainer hatten seit ein paar Wochen
       Sich zu einem glnzenden Aufzuge abgesprochen,
         Und dieser ging dann auch feierlich
         Am besagten Hochzeitstage vor sich.

    9. Drei Tage vor der Hochzeit kndete die Trommel
       Im Dorfe durch ihr schnarrendes Gerommel
         Allen Einwohnern, alt und jung,
         Die Losung an zur Vergaderung.

   10. Lngst war sie vergessen im Hintergehuse,
       War eine ruhige Wohnung der Ratten und Muse,
         Denn im Dorf herrschte seit undenklicher Zeit
         Stolze Ruhe und Friedlichkeit.

   11. Jedoch bei ihrem ungewhnlichen Alarme
       Ward alles reg gleich einem Bienenschwarme,
         Und mit allerlei Unter- und Obergewehr
         Zog man zum gewhlten Waffenplatz her.

   12. Jedem Comparenten ward da unverweilet
       Seine Charge nach Verdienst und Fhigkeit ertheilet,
         Und der alte Philemon bernahm die Mh'
         Und bte im Marschiren und Feuern sie.

   13. Er verstund gar herrlich das Manvriren;
       Hatte die Schlacht bei Robach helfen verlieren,
         Denn er war ein ganzes Jahr lang damal
         Beim Kreiscontingente Corporal.

   14. Man sah frhmorgens in zwei Compagnien
       Die Schnhainer Mannschaft in Parade ziehen
         Mit Trommel und Pfeife und wehender Fahn',
         Und den alten Philemon als Oberster voran.

   15. Zwei auf dem Schloplatz aufgepflanzte kleine Kanonen,
       Geladen mit ein halb Loth schweren Patronen,
         Gingen zur Losung frchterlich los,
         Da schier erbebt htten die Fenster am Schlo.

   16. Die smmtliche Mannschaft gab eine Salve,
       Es war aber eigentlich doch nur eine halbe;
         Denn manches Gewehr versagte den Schu,
         Und ging aufs Commando: Gebt Feuer! nicht lu.

   17. Doch gab's beim Aufmarschiren und Kriegsgewimmel
       Ein allgewaltiges Lrmen und Getmmel;
         Man schrie Vivat! als wre man toll,
         Und jeder Jagdhund des Schlosses boll.

   18. Es schien, als ob sich alle Elementen
       Bewegten und in einem Krieg befnden,
         Und als ob in dem Dorfe Schnhain
         Wirklich der jngste Tag brch' ein.

   19. Nach dreimal wiederholten Vivat und Chargiren
       Lie man's ganze Heer auf'm Schloplatz campiren,
         Und vom Obersten bis zum Musketier
         Bekam jeder zu essen, und Branntwein und Bier.

   20. Als endlich die Nacht hatte angefangen,
       Ist jeder seines Weges nach Hause gegangen;
         Auch das Brautpaar entschliche schon frh,
         Ich wei nicht, wohin? warum? und wie?

   21. Dieses Wohin, Warum, Wie und Weswegen
       Zu wissen, dran ist uns nichts gelegen;
         Genug, Esther war von diesem Abend an genau
         Eine leibhaftige gndige Frau.




Siebenunddreiigstes Kapitel.

Wie sich die junge gndige Frau von Ohnwitz beging, und wie sie nach
neun Monaten eines Shnleins gena.


[Illustration]

    1. Ich mu es der jungen Frau zum Ruhm nachsagen,
       Da sie sich immer gar zrtlich betragen,
         Und es dem jungen Herren noch zur Zeit,
         Sie zur Gattin zu haben, nicht gereut.

    2. Gar nach schon jetzt verfloss'nen vier Jahren
       Habe ich nicht das mindeste davon erfahren,
         Da der bse Ehegeist Asmodees
         Angestiftet htte Streit oder Gets.

    3. Sie fanden darin ihr vorzglichstes Entzcken,
       Sich durch getreue eheliche Liebe zu beglcken,
         Und die junge gndige Frau hatte schon
         Nach neun Monaten einen kleinen Sohn.

    4. Sie ist also, wie man deutlich siehet,
       Ihrerseits ernstlich drauf aus und bemhet,
         Da der Ohnwitzer Nam' besteh'
         Und sein Stamm nicht so bald vergeh'.

    5. Sie hielte nichts von fremden Sugammen,
       Wie sonst blich ist bei vornehmen Madammen,
         Sondern glaubte, ihn von eigner Milch
         Zu ernhren, sei menschlich und bill'g.

    6. Sie blieb dabei nicht allein viel gesnder,
       Sondern ihre Reize wurden eher grer als minder;
         Denn eine so se schuldige Mutterpflicht
         Schadet der Gesundheit und Schnheit nicht.

    7. Auch die Kleinen pflegen ba zu gedeihen,
       Da sich Gott und Menschen drob erfreuen,
         Auch der sonstige Nutzen dabei
         Ist unwidersprechlich noch mancherlei.

    8. Sie ward auch in allem brigen Verhalten
       Fr'n Muster einer braven Dame gehalten,
         Und jeder Schnhainer Unterthan
         Betete sie gleichsam als ihre Gttin an.

    9. Noch immer fhrete sie das Steuerruder
       Der Oekonomie bei ihrem lieben Bruder,
         Und hielte auf dem groen Gute Schnhain
         Alles fein ordentlich, sauber und rein.

   10. Ihre Schwiegereltern thut sie hchlich ehren,
       Handelt in allem nach ihrem Rath und Begehren,
         Und diese lieben sie dafr fast mehr,
         Als wenn sie ihre leibliche Tochter wr'.




Achtunddreiigstes Kapitel.

Wie Herr Jobs seine Schildburger Verwandten reichlich bedenket, und
Schwester Gertrud den Schsser heirathet.


    1. Man denke aber nicht, als ob indessen
       Herr Jobs seine andre Verwandten htte vergessen;
         Er hat vielmehr sie auch krftig itzt
         Mit Gelde in Schildburg geuntersttzt.

    2. Zum Exempel: Er lie groe Kapitalen
       Per Wechsel an seinen einen Bruder auszahlen,
         Und dieser wurde schleunig also
         Aus 'nem Krmer ein groer Kaufmann ^en gros^.

    3. Auch sein lt'ster Bruder ward durch ihn glcklich,
       Denn sein geiziges Weib starb augenblicklich
         Fr bermigem Freudenschreck,
         Als sie sah die bersandten Geldsck'.

    4. Sein Herr Schwager, der Schildburger Kster,
       Bekam gleichfalls einen groen Tornister
         Voll von Geschenken und Geld, und ward gleich
         Reicher als ein Kster im rmischen Reich.

    5. Die andre Schwester brauchte auch dem Alten
       Nun lnger nicht zu dienen und hauszuhalten,
         Denn Herr Jobs machte ihr Jahr ein Jahr aus
         Eine ansehnliche Rente zu verzehren aus.

    6. Seine noch brige Schwester, die _Gertrde_,
       Ein Frauenzimmer von sehr gutem Gemthe,
         Invitirte er zu sich nach Schnhain,
         Um ihm in der Wirthschaft behilflich zu sein.

    7. Versprach auch sonst, sie heute oder morgen
       Reichlich und christbrderlich zu versorgen;
         Sie gab also ihre bisherige Geschfte dran,
         Und kam verlangtermaen bald drauf an.

    8. Nun war zwar besagte Schwester Gertrde
       Eben nicht mehr in der besten Jahrblte,
         Aber doch fr's Haus, Bette und Tisch
         Noch ziemlich munter, gesund und frisch.

    9. Auch nicht unangenehm im Umgange;
       Drum whrte es auch zu Schnhain nicht lange,
         Da der Schsser, der sich Wittwer befand,
         Anhielte um ihr Herze und Hand.

   10. Was vormals mit Procrater _Geyer_ geschehen,
       Das konnte niemand ihr weiter ansehen,
         Drum willigte Herr Hieronimus drin,
         Und sie ward richtig Frau Schsserin.




Neununddreiigstes Kapitel.

Wie man allerseits wegeilet; die adlige Gesellschaft nach Ohnwitz und
der Autor nach dem Ende des Bchleins. Sehr traurig zu lesen.


    1. Zwar der Franken siegreiche Kriegsheere
       Verbreiteten sich weiter gleich dem flutenden Meere,
         Und wohin sie kamen, ward Knall und Fall
         Ueberall alles egal und kahl.

    2. Aber auf dem sichern Schnhainer Gute
       War man freudig und bei gutem Muthe,
         Und durchlebte ein paar Jahre Zeit
         In ununterbrochener Einigkeit.

    3. Indessen ward durch einen Separatfrieden
       Das Schicksal von Ohnwitz glcklich mit entschieden,
         Und der alte Herr und Frau von Ohnwitz
         Kehrten zurck nach ihrem vorigen Sitz.

    4. Sie fanden da fast alles jmmerlich zerstret,
       Und die Gter zum Theil vernichtet und verheeret,
         Indessen ward doch durch Herrn Jobsens Geld
         Alles bestmglichst wieder hergestellt.

    5. Aber die junge Frau nebst ihrem Barone
       Blieben beim Herrn Jobs mit ihrem Sohne,
         Weil sich dieselbe vor der Hand
         Abermals einer Niederkunft nahe befand.

    6. Sie kam auch glcklich zum zweitenmal wieder
       Mit einem lieben jungen Barnlein nieder,
         Und man nannte dasselbe nach seinem Ohm
         Und Pathen in der Taufe Hieronom.

    7. Nach den zurckgelegten Kindbetterwochen
       Sind auch sie nach Ohnwitz aufgebrochen,
         Aber der Abschied vom guten Schnhain
         Ging ihnen beiden durch Mark und Bein.

    8. Herr Jobs hat auf herzliches Bitten
       Sie auf der Reise nach Ohnwitz beglitten,
         Und bergab zur einstweiligen Obhut
         Sein Gut dem Schwager Schsser und der Gertrud.

    9. Denn auch er konnte dem Trieb nicht widerstehen,
       Seine lieben Ohnwitzer mal wieder zu sehen,
         Und sein Herz blutete, als er fand
         Ihren dermaligen traurigen Zustand.

   10. Er gab ihnen gerne die nthigsten Gelder
       Zur Reparirung der Huser und verdorb'nen Felder,
         Kaufte ihnen Schafe, Pferde und Kh'
         Und untersttzte aufs mildeste sie.

   11. Seitdem ihn der Krieg von da vertrieben,
       War die Pfarrstelle unbesetzet geblieben,
         Aber sie war vom Herrn von Ohnwitz jetzt
         Wieder durch 'nen trefflichen Mann besetzt.

   12. Das that Herrn Jobs ungemein gaudiren,
       Denn es wollte sich ja hinfort nicht mehr gebhren,
         Da er die Pfarrstelle wieder bernhm'
         Und als Herr von Schnhain nach Ohnwitz km'.

   13. Als er ein paar Wochen noch da verweilet,
       Hat er wieder nach seinem Schnhain geeilet;
         Aber dieser sehr bittere Abschied
         Erschtterte innerlich sein Gemth.

   14. Eine Ahndung wollte schier bei ihm entstehen,
       Als wrde er Ohnwitz nie wieder sehen,
         Doch er ergab sich endelich drein,
         Und kam glcklich wieder an zu Schnhain.




Vierzigstes Kapitel.

Wie Herr Hieronimus zum zweiten Mal von Freund Hein einen Besuch bekam,
welcher fr diesmal lnger dauert als der erste.


[Illustration]

    1. Wir Menschen pflegen in unsern Erdensachen
       Manche kluge Plne und Entwrfe zu machen,
         Aber ein unvermutheter Querstrich
         Ist uns gar oft daran hinderlich.

    2. Auch Herr Jobs gedachte mit seinem Vermgen
       Noch vielfltig zu stiften Nutzen und Segen,
         Und auf seinem lieben Gute Schnhain
         Sich eines lngern Lebens zu freun.

    3. Aber es hat ihn neulich wider alles Verhoffen
       Eine grassirende bse Krankheit betroffen,
         Und er selbst prophezeite im ersten Anfang
         Sich davon einen tdtlichen Ausgang.

    4. Er befahl ernstlich auf seinem Krankenlager
       _Drei_ Dinge seiner Schwester und seinem Schwager:
         _Erstlich_, da man ihn ja nicht eher begrb',
         Bis er wirklich faul zu werden anhb';

    5. Man sollte whrend der Zeit mit ihm experimentiren,
       Ob sein Leichnam etwa sich wieder wrde rhren,
         Und es sollte bei demselben Tag und bei Nacht
         Fnf Tage lang jemand halten die Wacht.

    6. _Zweitens_, ihn dann ohne Leichengetmmel
       Begraben unter Gottes freien Himmel,
         Und neben Amaliens Leichenstein,
         Bei den Linden, sollte sein Begrbni sein.

    7. _Drittens_, sollte nach seinem erfolgten Absterben
       Kein Geznk entstehen zwischen seinen Erben,
         Sondern sie sollten brder- und schwesterlich
         Darein alle egal theilen sich.

    8. Man war bemht, diesen seinen letzten Willen
       In allen drei Stcken pnktlich zu erfllen;
         Denn er beschlo nun wirklich seinen Lebenslauf
         Und stund zum zweiten Mal nicht wieder auf.

                                Ende.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ und Fettdruck wurde #so# markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Die variierende und oft den Reimen angepasste Schreibweise des Originals
wurde weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler
wurden, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben des Textes, wie
hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 81]:
   ... Und da reichte sie im sogar ...
   ... Und da reichte sie ihm sogar ...

   [S. 89]:
   ... Diese Herren stille gereiset von hie, ...
   ... Diese Herren stille gereiset von hie. ...

   [S. 95]:
   ... 22. Zwar wollte ihm anfangs das Schulleben ...
   ... 22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben ...

   [S. 101]:
   ... Ihm Dorfe Ohnewitz gegeben. ...
   ... Im Dorfe Ohnewitz gegeben. ...

   [S. 104]:
   ... Die Zeit, wenn der Patron vereiset wr'. ...
   ... Die Zeit, wenn der Patron verreiset wr'. ...

   [S. 113]:
   ... 26. Wit muntern Jnglingen und artigen Knaben ...
   ... 26. Mit muntern Jnglingen und artigen Knaben ...

   [S. 126]:
   ... In manchen Sachen, wrend der Zeit ...
   ... In manchen Sachen, whrend der Zeit ...

   [S. 132]:
   ... Jokob Bhme und Aristoteles, ...
   ... Jakob Bhme und Aristoteles, ...

   [S. 157]:
   ... Vielleich macht nun irgend ein Verleger sein Glck ...
   ... Vielleicht macht nun irgend ein Verleger sein Glck ...

   [S. 202]:
   ... 12. Deine Schwester grt dich zu hundertausend malen, ...
   ... 12. Deine Schwester grt dich zu hunderttausend malen, ...

   [S. 203]:
   ... Auch spricht man von mancher Behexeri, ...
   ... Auch spricht man von mancher Behexerei, ...

   [S. 213]:
   ... Engeland und so weiter besehn. ...
   ... Engelland und so weiter besehn. ...

   [S. 220]:
   ... Als wr' er in der Kirche das groe Wort. ...
   ... Als wr' er in der Kirche, das groe Wort. ...

   [S. 247]:
   ... Und es auf unsern Lumpenerdenplanet ...
   ... Und es auf unserm Lumpenerdenplanet ...

   [S. 259]:
   ... Der Ausgsburgischen Confession. ...
   ... Der Augsburgischen Confession. ...

   [S. 296]:
   ... Dir und mir auch wol gleicheviel sein. ...
   ... Dir und mir auch wol gleiche viel sein. ...

   [S. 300]:
   ... So viel ihm mglich, behielflich wr'. ...
   ... So viel ihm mglich, behilflich wr'. ...

   [S. 301]:
   ... Durch die Brandspitze der Moral und Vernunft ...
   ... Durch die Brandspritze der Moral und Vernunft ...

   [S. 303]:
   ... Saen folglich, wie billig war, apart. ...
   ... Saen folglich, wie billig war, a part. ...

   [S. 309]:
   ... 16. Da sagt man zum Exempel statt Koroline Line, ...
   ... 16. Da sagt man zum Exempel statt Karoline Line, ...

   [S. 329]:
   ... Kinderlos und ungleich verwitibt. ...
   ... Kinderlos und ungleich verwittibt. ...

   [S. 336]:
   ... Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Herrn Jobs, worin viele ...
   ... Ein Brief von Mamsell Esther an Herrn Jobs, worin viele ...

   [S. 366]:
   ... Manche kluge Plane und Entwrfe zu machen, ...
   ... Manche kluge Plne und Entwrfe zu machen, ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Jobsiade, by Carl Arnold Kortum

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE JOBSIADE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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