Project Gutenberg's Spitzen und ihre Charakteristik, by Bertha von Jurie

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Title: Spitzen und ihre Charakteristik

Author: Bertha von Jurie

Release Date: February 15, 2015 [EBook #48256]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZEN UND IHRE CHARAKTERISTIK ***




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    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrter Text wird _so dargestellt_.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text wird ~so dargestellt~.

    Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Endes des
    Buches.




Spitzen




[Illustration: Jan Vermeer van Delft (Louvre)

Spitzenklpplerin]




    Spitzen

    und ihre Charakteristik

    von

    Bertha von Jurie

    Mit 35 Abbildungen

    [Illustration]

    Verlag von Bruno Cassirer
    Berlin 1907




Inhaltsbersicht.


                                                             Seite:

    Vorwort                                                     VII

    Spitzen                                                       1

    ~Punto tirato~                                               18

    ~Punto tagliato~ und Venetianische Spitzen                   20

    ~Colberts~ Schpfung der franzsischen Spitzenindustrie      26

    ~Point d'Alenon~                                            30

    Brsseler Nadelspitzen oder ~Point de Bruxelles~             39

    ~Guipures~                                                   42

    Flmische Klppelspitzen                                     51

    ~Valenciennes~                                               57

    ~Malines~                                                    60

    ~Point de Lille~                                             63

    ~Binches~                                                    65

    ~Point de Paris~                                             66

    Hollndische Spitzen, Pottenkant                             67

    Blonden                                                      68

    Brsselerspitzen. ~Point de Bruxelles~ oder Brabanter        69

    ~Chantilly~                                                  78




Vorwort.


Ich habe absichtlich die franzsischen, italienischen, eventuell
flmischen Ausdrcke beibehalten, da ich von der Anschauung ausgehe,
da in deutscher bersetzung die Worte unverstndlich werden. --

Meine Ansicht, was eigentlich der ~point d'Angleterre~ ist, habe ich
~Allan Cole~ Direktor des ~South Kensington~ Museum nachgebildet. --

Die englischen Spitzen berhre ich nur flchtig, da sie mir zu wenig
bekannt sind -- und ihr Unterschied nur eine Geschmackdifferenz
der belgischen ~duchesse~ zu den englischen ~duchesse-honiton~
bedeutet. ber ~torchon-Cluny~ und alle die vielen Auvergnespitzen
habe ich, was ihre Geschichte anbelangt, zu wenig Material gefunden,
knstlerisch haben sie aber fast gar keine Bedeutung, ebensowenig fr
die Entwicklungsgeschichte der Spitzen, wohl aber konomisch. Meine
Absicht ist, ein leicht faliches Handbuch fr spitzenliebende Damen
zu schreiben -- eine Art Nachschlagebuch, da es in dieser Art meines
Wissens in deutscher Sprache nichts gibt.

Ich versuche die charakteristischen Merkmale der einzelnen Spitzen
hervorzuheben -- ihre Verwandtschaft untereinander -- und nehme einen
so ziemlich neuen Standpunkt insofern ein als ich die groe Bedeutung
des technischen Verfahrens betone und so lege ich starkes Gewicht
auf die innige Verwandtschaft der genuesischen Klppelspitzen mit
den flmischen einerseits und andererseits der Mailnder zu den
Brsselern (Brabanter und ~point d'Angleterre~ etc.) in ihrer geteilten
Ausfhrungsart.

Ich nehme also Genua, Mailand, Flandern und Brabant als
Gattungsbegriffe an.

Andererseits suche ich die Wechselwirkung der Klppel- und Nadelspitzen
der einzelnen Nationen untereinander im Stil und Zeichnung zu betonen.

Natrlich ist das Thema in keiner Weise erschpft.

Ich habe mich tunlichst aller Anekdoten enthalten.

Ich verweise auf die Werke von ~Allan Cole, A. M. S.~, ~Bury Paliser~,
~Dreger~ etc.

Die Originale der abgebildeten Spitzen befinden sich zum Teil
im Besitze der Damen: Frau Anna von Herz-Hertenried, Frau Fanny
Kobeck-Steyrer, Frau Lw-Unger und ich spreche diesen Damen hiermit
meinen besten Dank fr die freundliche berlassung der Spitzen zum
Zwecke der Abbildung aus.




Spitzen.


Nichts ist so sehr vom Weibe, fr das Weib geschaffen, wie die Spitzen.
Nichts kleidet die Frau jeden Alters -- ob Kind oder Greisin -- besser
und lieblicher als die Spitzen. -- Nichts aber auch ist in der Arbeit
selbst so symbolisch weiblich, wie dieser schnste und edelste Schmuck,
dessen Anfertigung hingebende Geduld und rastlosen Flei erheischt: Zu
stillem, weltfremden Lebenswandel gezwungen, arbeitet und mht sich
die Spitzenarbeiterin ihr Lebelang fr andere! -- Es wre daher nur
zu begreiflich, wenn die Frauen stolz wren auf dieses ihr eigenstes
Gebiet, auf welchem sie noch niemals vom Manne berholt wurden, das so
originell und knstlerisch hochstehend ist. -- Und dennoch ist eben
in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Stagnation in diesem Zweige
echt weiblicher Kunstfertigkeit zu bemerken, deren Grund wohl nicht
allein in der Nachahmung durch die Maschine, sondern gewi auch in
tiefergehenden soziologischen und konomischen Momenten zu suchen ist.

Ein geistreicher Franzose hat das XIX. Jahrhundert das Zeitalter des
Talmis genannt -- Preglas, Pakfong, Kunstmarmor und eine Unzahl
anderer Imitationstechniken und Pseudomateriale versuchten die
Erzeugnisse auf den betreffenden Produktionsgebieten zu berholen, im
Preise zu unterbieten, und deren Nachahmungen als Massenartikel breiten
Schichten zugnglich zu machen.

Als naturgeme Reaktion gegen diese miverstndlich demokratische
Tendenz sehen wir in eben demselben Jahrhunderte den Sammelgeist wie
noch nie erwachen: Edle Bronzen, echte Teppiche, geschliffene Glser,
all die zahllosen Bettigungen lngst dahingegangenen Kunstfleies
kamen zu noch nicht dagewesener leidenschaftlicher Wrdigung. --
Denn der Mensch hat -- sei es die Schwche, sei es den Vorzug, je
verfeinerter er wird, desto mehr den Trieb sich aristokratisch von
der Masse differenzieren zu wollen und den Besitz von Gegenstnden
eifrigst anzustreben, die nicht jedermann zugnglich sind und deren
Erkenntnis und Genu allein einen hheren Grad von Kultur voraussetzen.
Merkwrdigerweise scheinen die Spitzen von dieser Strmung
ausgeschlossen zu sein; wohl hat man noch selten so viele Spitzen
getragen wie gerade jetzt; aber die Trgerinnen echter Spitzen sind zu
zhlen und Frauen, die sich schmen wrden, falschen Schmuck anzulegen,
schmcken ihre Kleider, ihre Wsche, ihr Heim in unbegreiflicher
Unbekmmertheit mit der Lge der falschen Spitze! Der moderne Mensch
hat offenbar das Verstndnis fr die Schnheit der echten Spitzen
verloren und ist auf diesem Gebiete so ungebildet und abgestumpft, wie
kaum einem anderen Kunstzweige gegenber.

Frher klppelten und nhten die vornehmen Frauen selbst, sie bildeten
ihre Umgebung heran, ein fortwhrender Meinungsaustausch bestand, der
Ehrgeiz wurde geweckt, die Phantasie angeregt, und in diesem Wettbewerb
erwuchsen die reizenden Blten der alten Spitzenkunst.

Heute unterscheidet die Dame oftmals kaum die Nhespitzen von den
Geklppelten; sie versteht die Technik nicht, und so bleibt sie vor den
schnsten Arbeiten gleichgltig. Aber ebenso wie die besten Bewunderer
einer Bilder- oder Photographien-Ausstellung stets die Dilettanten
sind, und das Publikum eines Pianisten meistens Selbstspielende im
Konzertsaal bilden werden, ebenso wrde erst dann die Dame die Spitzen
voll genieen, wenn sie selbst dilettantisch Spitzen erzeugen wrde;
keinesfalls wrde sie damit der Berufsarbeiterin Konkurrenz machen,
sie wrde nur mit erhhter Neugierde den Schpfungen ihrer rmeren
Schwestern gegenberstehen. Wahre Freude und wirkliches Interesse kann
zweifellos nur da vorhanden sein, wo ein gewisser Grad von Verstndnis
und Vorbildung fr den Gegenstand gegeben ist: Ein derartiges
Verstndnis mte sich gerade in unserem Falle sozusagen automatisch
verbreiten, denn der Besitzerin und Trgerin von schnen Spitzen
gengt es nicht, da sie allein deren Wert kennt, sie mchte auch das
Interesse ihrer Umgebung dafr wecken. -- So war es einstens, so ist es
heute noch in weit hherem Mae als bei uns zu Lande in Frankreich, in
Belgien, in England. --

Es gengt wahrhaftig nicht, da wir im Inlande knstlerisch und
technisch gleich hochstehende Spitzen zu erzeugen vermgen, da wir
von auslndischen Ausstellungen die hchsten Preise heimtragen, wenn
das heimische Publikum verstndnislos der eigenen Ware gegenbersteht.
Zunchst mte das Publikum verstehen lernen, worin die Schnheit
der Spitzen besteht, warum der Preis bei diesen und jenen hher
oder niederer ist, so wie es die kleinste und bescheidenste
Bourgeoise in Paris versteht, bei ihren Einkufen in allem und
jedem zu differenzieren und zu taxieren, und nie das Gefhl des
Betrogenwerdens hat, das jeden Einkauf zur Qual macht. Und nicht nur
die modernen Spitzen, auch dem ererbten Spitzenschatze wird dann die
Dame mit dem angeregten Interesse des annhernden Sachverstndnisses
gegenberstehen, sie wrde ihn allgemach bewerten, bewundern, und
lieben lernen: Was du ererbt von deinen Vtern hast, erwirb es, um es
zu besitzen gilt auch hier.

Oft ist durch kleine Mittel viel Gutes zu schaffen: In den Schulen
mssen heute noch die kleinen Mdchen obligat einen Strumpf stricken
lernen; meistens bleibt es auch der einzige ihres Lebens, denn hier
hat die Maschine die anerkannte Meisterschaft davongetragen. Knnte
man nicht lieber in derselben Zeit die Grundbegriffe der Spitzenarbeit
lehren? Den rmeren wrde damit vielleicht die Anregung zu einem
spteren Nebenerwerbe, zumindest aber eine praktische Kenntnis
mehr gegeben, die ihnen einmal einen bescheidenen, gediegenen,
selbstgeschaffenen Luxus erlauben wrde. Die Wohlhabenden wrden
vielleicht den Spitzen ein regeres Interesse bewahren. Man wende
nicht ein, da die Spitzenarbeit dem Auge schdlich sei. Vierzehn und
mehrstndige Arbeit im Tage, bei schlechtem Lichte, in elenden dumpfen
Stuben, schadet freilich der Gesundheit, und die bleichen Gesichter,
die uns in den Spitzenindustriedistrikten begegnen, geben dafr ein
trauriges Zeugnis: aber ist es minder schdlich, unter denselben
Verhltnissen und demselben Zwange einer unerbittlichen Not, tagein
tagaus hinter der Nhmaschine zu sitzen?

Aber sollte der wunde Punkt vielleicht darin bestehen, da es eben ein
Kunstzweig des Weibes fr das Weib ist? Der Mann interessiert sich
auer kommerziell fast gar nicht mehr dafr; frher trugen die Mnner
gleich den Frauen Spitzen, aber fast parallel mit dem Aufkommen der
Maschinenerzeugungen legten die Mnner die Mode des Spitzenjabots ab.
-- Ist es gesucht, dies in einen Zusammenhang zu bringen? Und soll man
es nur damit motivieren, da der Mann zu jener Zeit ein fr allemal mit
dem Putze aufhrte? -- Ich glaube nicht; denn die gestrkte Wsche ist,
so einfach sie sich ansieht, doch unverhltnismig teuer; auch weil
sie sich unendlich schnell abnutzt.

Die Kleidung des Mannes ist durchwegs solider und reeller, die
Stoffe sind fester und dauerhafter, es wird der Schein gemieden; und
so bin ich berzeugt, da, wenn heute wieder eine Modelaune oder
sthetische Einsicht die Jabots fr die Mnner aufbrchte, es gewi
keinem eleganten Manne einfiele, Maschinenspitzen dafr zu verwenden.
Die mondaine Frau hingegen gibt jhrlich viele Perzente ihres
Toilettegeldes fr etwas Falsches, Unschnes und Undauerhaftes aus, das
nach einer Saison verschwinden mu, whrend die echten Spitzen, wenn
auch teurer, den bleibenden Wert haben: in verschiedenster Verwendung
knnen ein und dieselben Spitzen immer wieder aufleben und verwendet
werden. Es gibt Damen, die wahre Schtze an alten Spitzen besitzen,
und auf ihren Kleidern nur falsche tragen; sie wenden achselzuckend
ein, einmal Tragen knnte zu viel Wertvolles vernichten, kaufen aber
deshalb keine modernen echten Spitzen, weil sie zu viel alte besitzen.
Die Logik hinkt in diesem Falle. Die modernen Spitzen sollen doch nicht
die Erbsammlung vergrern, und als totes Kapital liegen bleiben,
sondern sollen eben, weil sie neu sind, und der Faden noch nicht mrbe
und brchig ist zum wirklichen Kleiderschmucke dienen. Es wird niemand
leugnen, da nichts so gut kleidet, wie echte Spitzen. Wei ist stets
die beste Umrahmung fr ein Gesicht, besonders fr ein nicht mehr ganz
junges. Es lst die scharfen Schatten durch den Lichtreflex auf, der
Ton der Haut wird gehoben und belebt, und erscheint durchsichtiger. Es
ist oft schwer, besonders an der Winterkleidung, dieser sthetischen
Regel zu folgen. Doch Spitzen lassen sich immer anbringen, nur mssen
es echte sein. Es fiele keiner Dame ein, in einem eleganten Hauswesen
Porzellan auf den Tisch zu bringen, wie man es auf Bahnhfen oder
Vergngungs-Etablissements als Massenartikel verwendet; sie nehmen
aber auch gewhnlich nicht ihr altes Meiner oder Wiener Porzellan von
der Wand herab in Benutzung, sondern sie verwenden ein geschmackvolles
modernes Service, das -- wenigstens im Prinzip -- kunstgewerblich so
hoch steht, da es in kommenden Tagen, wenn es die vorbergehende
Periode des Unmodernseins berwunden hat, wrdig seinen Platz neben den
Antiquitten anderer Zeiten ausfllen wird.

Nun haben die Spitzen eine eigentmliche, nicht genug gewrdigte
Eigenschaft: sie werden niemals unmodern, nicht nur objektiv
gesprochen, sondern auch subjektiv; sie sind einfach alt oder neu. Das
Odium unmodern haftet ihnen niemals an. Nehme man Brsseler Spitzen
aus den 40er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also gewi
keiner guten Stilzeit. Sie werden trotzdem verwendet werden knnen,
ohne dem Kleide den Stempel der Geschmacklosigkeit aufzudrcken. Man
versuche das mit einem Gold- oder Juwelenschmucke aus dieser Zeit! Oder
selbst mit einem Schirmgriff, einem Retikule oder einer Grtelschnalle.

Noch eine andere Eigenschaft haben die Spitzen, welche nicht gengend
beachtet wird, obwohl sie dem Zuge unserer Zeit so sehr entspricht.
Sie sind der individuellste Zierat, den eine Frau haben kann, falls
sie ihn nur irgendwie anstrebt. Die exklusivste Mode wird nach einem
Vierteljahre zum abgedroschenen, banalen Tragen, daher das rasche
Wechseln der sich differenzieren Wollenden, und das Imitieren aus zu
vergnglichem Materiale des groen Publikums, das atemlose Hasten nach
Neuem; und dabei dreht sich die Mode in einem engen Kreise, hascht nach
Altem und kombiniert nur Neues.

Wegen dieser Eigenschaften haben die Portrtmaler von jeher die Spitzen
gerne an ihren Modellen verwendet: weil sie nicht dem Wechsel der Mode
unterliegen; weil sie dem Gesichte einen milden Reflex geben, der die
Schatten zart und verschwommen macht und jene von ~Leonardo da Vinci~
verlangte Beleuchtung des zerstreuten Lichtes untersttzen helfen und
schlielich wegen ihres individuellen Geprges.

Die Handarbeit, also das Kunsthandwerk, hat immer einen eigentmlichen
Zauber. Ein Hauch von Seele und Charakter des Erzeugers spricht,
ihm selber unbewut, aus seiner vollendeten Arbeit zu uns. Es ist
eine bescheidene und naive Sprache. Das Kunsthandwerk verhlt sich
zur absoluten Kunst, wie das erlauschte Volkslied zu einer die
Aufmerksamkeit voll in Anspruch nehmenden Symphonie.

Kleine Unregelmigkeiten, kleine persnliche Zge geben der Arbeit ein
reizvolles Geprge, es liegt etwas wie latentes Gemt in der Arbeit.

Das Milieu spielt neben der Persnlichkeit auch eine groe Rolle.
Wie liee es sich sonst erklren, da so oft Spitzen von einem Land
zum andern importiert wurden, und zwar stets zur mglichst getreuen
Nachahmung, weil es sich immer um eine geschftliche Konkurrenz
handelte; da trotzdem die Art der Spitzen in der neuen Umgebung
ihr Ansehen vernderte, falls sie sich als neuer Industriezweig
wirklich einbrgerten. So geschah es mit den Venetianer Spitzen im
XVII. Jahrhundert, die in Alenon aus Brotneid eingefhrt wurden, und
bereichert zu den Venetianern als ~points d'Alenon~ zurckkehrten,
um sich wieder in ~points plats de Venise~, und Buranospitzen zu
wandeln. Zur Zeit, als man noch alle Feinheiten der Spitzen voll
wrdigte, knpfte die Tradition an manche Stadt besonders hervorragende
Vorzge; so galt es als ausgemacht, da die Spitzen von ~Valenciennes~
unvergleichlich schner seien, wenn sie in der Stadt selbst erzeugt
waren. Dieselbe Arbeiterin, mit denselben Faden und Klppeln knnte
eine in ~Valenciennes~ angefangene Arbeit auerhalb der Stadt nicht
so schn vollenden, hie es, und ebenso sprach man von ~Malines~
und anderen Orten, und ist dies auch nur als ein Mrchen hier zu
wiederholen, so liegt in ihm, wie in jedem Aberglauben ein Kern
Wahrheit; die Sitten und Gebruche, die Reinlichkeit im allgemeinen,
die Zartheit der Hnde, der ganze Lebenswandel wird durch diesen
Beruf beeinflut. Auch waren die Spitzen wertvoller, wenn sie als
fortlaufende ganz von ein und derselben Person angefertigt waren. So
bringt ~Mme. Paliser~ einen Auszug einer Rechnung von ~Mme. du Barry: 2
barbes et rayons de vraies Valenciennes, 3 aunes 3/4 collet, 4 aunes,
grand jabot, le tout de la mme main.~

Es waren die Einfachsten der Einfachen, die Spitzen arbeiteten.
Sie kamen wohl nicht oft aus dem Umkreise ihres Hauses heraus und
verstanden nicht viel mehr, als ihre Nadel oder den Klppel zu fhren,
ihre Ausbildung war eine einseitige, vom Zeichnen hatten sie keine
Ahnung, und doch, dadurch, da sie von frhester Kindheit gebt
wurden, insbesondere die Klpplerinnen (meistens vom fnften oder
sechsten Jahre an) beherrschten sie so sehr das Mechanische ihrer
Arbeit, da diese ganz instinktmig vor sich ging und ihnen gar keine
Schwierigkeiten bereitete, so da der berschu an Aufmerksamkeit
sich in einen gewissen, kaum mebaren sehr verfeinerten Kunstinstinkt
umwandelte, der einem sechsten Sinne gleich ihnen anhaftete. Dies haben
die Frauen der Spitzenkaste gemein mit den Menschen der Renaissance,
den Japanern und den Italienern des Volkes: das Gefhl fr das Schne,
das naiv und unbewut zum Ausdruck kommt und was es berhrt, veredelt.

Der Unterschied liegt durchwegs mehr in der Behandlung durch die
Verschiedenartigkeit der Technik und des Materiales bedingt, als in
der Abwechslung der Zeichnungen aus ein und derselben Zeit. Bevor der
~rseau~ gefunden war, war die freie Entwicklung der Zeichnung immer an
gewisse Regeln gebunden.

Die lteren Malines haben oft die fast gleiche Zeichnung wie die alten
Brssler Spitzen, dabei ist ihre Ausfhrung grundverschieden; ebenso
verhlt es sich mit Brssler zu ~Malines~, ~Malines~ zu ~Lilles~ und
~point de France~ und ~Valenciennes~ zu Mailnderspitzen.

Man darf nicht vergessen, da in jenen Zeiten der Stil in allen
Zweigen ein einheitlicher war. Die Ornamente, sei es nun fr Brokate,
Glsertzung, Waffen, Leder, Samt, Spitzen, entsprangen alle demselben
sehr ausgeprgten Stilgefhle.

Bei den ltesten Spitzen mute das Ornament in seinen Linien ganz dicht
ineinander passen; das heit, es blieb von Linie zu Linie nicht mehr
Zwischenraum, als eine ~bride~ berbrcken konnte.

Das Muster war grozgig und fllte die gegebene Breite der Spitzen
voll aus. Hufig ist es ein Hauptstamm, von dem aus sich Zweige ranken
und Blumen versteln und mglichst gleichmig ber den Raum verteilen.

Eine andere Art der Zeichnung, -- ein ornamentales Labyrinth und ein
bandartig verschlungener in seiner Abart muschelartiger Dessin, --
war sehr verbreitet, besonders letzterer in jenen Gegenden, wo die
Spitzenerzeugung nur buerliche Hausindustrie blieb, wie in einem Teile
Deutschlands, in Ruland und Skandinavien. Aber hier wurde sie zu einem
toten Arm, und die Linien der Zeichnungen werden immer geistloser
nachgeahmt, wie es stets mit stagnierenden Gedanken geschieht.

Sehr bezeichnend fr diese Art hausbackener Dessin nennen die Italiener
diese Spitzen ~vermicelli~. Die oft sehr hbschen Litzenspitzen sind
eine bequeme und billigere Nachahmung derselben, und entarteten
schlielich in die schrecklichen modernen ~point-laces~. Je schner
und vollkommener die Spitzen sich entwickelten, desto mehr trachtete
Zeichnung und technische Ausfhrung miteinander Schritt zu halten.
Um dem Zwange des Ineinanderfgens der Linien zu entgehen, machte
man ~brides~, die sich in der weiteren Technik verstelten und noch
spter eine unregelmige, wabenartige Masche bildeten. Es war den
Klpplerinnen vorbehalten, den eigentlichen ~rseau~ erfunden zu haben.

Von den flandrischen Spitzen bernahmen den ~rseau~ die ~points
d'Alenon~, und von denen wieder die Venezianer; erst mit dem Aufkommen
des regelmigen ~rseaus~, welches der Zeichnung Rckhalt und Sttze
gab, konnte sich diese frei entfalten. Es ist die beste Zeit fr den
Stil der Spitzen. Das Ornament folgte im freien Schwung, ungehemmt
durch technische Rcksichten, den Eingebungen der Phantasie, und blieb
edel. Man fhlt noch die traditionelle Schulung und das Mahalten;
spter erst zersplitterten sich die Ornamente, wurden erfindungsarm
und sparsam, was auch teilweise durch die billigere Herstellungsart,
insbesondere als die Applikationen aufkamen, bedingt war. So hat
die Erfindung des ~rseaus~ einen ausschlaggebenden Einflu auf
die Zeichnung und Art der Spitzen genommen. Jetzt erst konnten die
leichten, zarten Volants gemacht werden. Die Spitzen individualisierten
sich oder besser gesagt, nationalisierten sich. Der Zeichner konnte
seiner Phantasie mehr Spielraum geben und fand reiche Anregung in den
herrschenden heimatlichen Ornamenten, sowie in der Verwendung fr
die Volkstrachten und huslichen Gewohnheiten. Geographisch hat aber
anfangs Italien mit seinen Spt-Renaissance-Ornamenten lange Zeit die
Zeichnungen ganz beeinflut, sie wurden aber spter ganz und gar von
dem Versailler Stil der aufeinander folgenden drei Louis verdrngt, der
von nun an, besonders in allen greren Volants zum Ausdrucke kommt.
Es ist Decadence, aber reizende Decadence, die nur leider den bergang
zu dem groen Geschmacksverfall bildet. So reizend und erfindungsreich
sich die ~points d'Alenon~, die Venetianischen und ~points
d'Angleterre~ in ihren abwechslungsvollen Dessins darstellen, so
bringen sie doch ein Element hinein, welches eigentlich nicht mehr ganz
zur Spitzendarstellung geeignet ist, schwere, zu irdische Gegenstnde,
die man sich gar nicht anders, als wie in den drei Dimensionen
vorstellen kann, Menschen, Musikinstrumente, Gueridons, Vasen, kurz
Dinge, die durch ihr Gewicht in Widerspruch mit dem Transparenten
und therischen der Spitzen stehen, und was schlielich in dem
Miverstndnis der Ornamente der ~Chantilly~ des XIX. Jahrhunderts
endet. Die Blumen sind verkrzt, und mit Voraussetzung der Perspektive
dargestellt, auerdem hat man noch die absolute Imitation der Natur
im Auge. Diese Spitzen verlieren trotz ihrer groen Prchtigkeit viel
dadurch, da sie bei ihrer Anfertigung durch zu vielerlei Hnde gingen,
da die Zeichnung nicht mit der Technik im Einklang steht, und da
mit ihnen die Individualitt, das hchste Ziel des Kunsthandwerkes
abhanden kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn sie, in der
Hauptsache wenigstens, nur von einer Person gemacht werden. So stehen
die flmischen Klppelspitzen in dieser Beziehung an erster Stelle. Wie
die Teilung der Arbeit bei ~Alenon~ und Venetianer eintrat, verlor
sich die innige Fhlung des Gedankens und der Interpretation, und am
schlimmsten in der Beziehung, was geistlose Arbeit anbelangt, sind
auch die in der Zeichnung zu unterst stehenden ~Chantilly~.

Man versteht unter Spitzen eine Arbeit, die entweder durch Hilfe von
Nadel oder Klppel auf einem regelmigen Grunde, -- ~rseau~ und
~treille~ genannt -- gemacht ist, oder eine Arbeit hnlicher Art,
deren Zeichnung sich von einem unregelmigen Grunde abhebt. Letztere
erscheint dadurch, da sie unabhngig von einem Grund gemacht ist,
freier, doch legt ihr eben diese scheinbare Freiheit mannigfachen Zwang
auf.

Die Wirkung der Spitzen als reich, elegant, einfach, weich,
durchsichtig und kleidsam hngt von der Anordnung und Verteilung der:
~fond~, ~toil~, ~mats~, ~jours~, ~grill~, ~engrlure~, ~pied~,
~picots~, ~brides~ untereinander ab, und von der Wahl des Materiales.
~Charles Blanc~ hat einen ausgezeichneten Vergleich aufgestellt. Die
Nadel verhlt sich zum Klppel, wie der Bleistift zum Wischer. Was
die Nadel hervorhebt und unterstreicht, verwischt und mildert dagegen
der Klppel. Die Kontur der Nadelspitzen ist stets eine klare, fast
harte. Die Klppelspitzen hingegen haben etwas Weiches, Vertrumtes und
Mildes. Aber im allgemeinen kann die Technik aller Spitzen am besten
mit einer Radierung verglichen werden. Wie die Kunst des Graveurs mit
der Radiernadel genau wei, welche Wirkung mit schiefen, geraden,
kurzen oder breiten Strichen, mit Punkten und Kreisen, Wiederholungen,
mit Aussparungen und Verdichtungen, mit Licht und Schatten erzielt
wird, so wei auch die Spitzenverfertigerin alle Reichtmer ihrer
Technik auszuntzen. Hier wird ein ~mat~ angewendet, hier ein ~grill~,
dort ein bergang mit einem ~jour~; ein Akzent wird durch das Cordonet
gegeben, und einen Kontrast oder einen Ausgleich soll der Fond bilden,
und die Wahl des Fadens, der Nadel oder des Klppels ist wie die Wahl
des Papiers und tzmittels.

Da wie dort kann man sagen: kleine, sehr kleine Ursachen, groe
Wirkung. Alle diese kleinen Ursachen mit Takt anzuordnen und richtig
zu bentzen, fhrt zur Meisterschaft in dem Fache und bildet die
Kunst. Das Wort Spitzen ist selbst nicht sehr alt, ebensowenig wie
~dentelles~, und wurde erst in Anwendung gebracht, als die gezackten
Kragen und Manschetten aufkamen; und anfangs gebrauchte man es nicht
allein. Man sagte, ~passement  bord droit~. Das Wort ~passement~,
Kante, Borte, wurde bis ins Jahr 1800 meistens gebraucht, und zwar ohne
viel Differenzierung fr jedweden Kleideraufputz, der als Abschlu
dienen konnte, sei es nun eine gold- oder silbergewebte Borte, oder
eine Stickerei (mit Perlen besetzt), wenn es nur den Zweck des Besatzes
erfllte oder bortenmig bentzt werden konnte.

Ein zweites Wort: Kanten wurde lange Zeit besonders in Nord- und
Nordwest-Deutschland gebraucht, so wie dies noch heute im Hollndischen
der Ausdruck fr Spitzen ist. Ob die Worte ~points~ oder ~pointois~
von dem Wort Stich oder dem anschaulichen Begriff der Spitzen,
scharfen Zacken herrhren, ist schwer zu entscheiden. Aber eben,
weil die Spitzen vielerlei Ursprnge und Abarten hatten, gab es
ursprnglich kein einheitliches Wort dafr. Man war frher genauer und
umstndlicher. Wenn man spter unter ~points~ kurzweg Nadelspitzen
verstand, so sind unter ~dentelles~ nicht ebenso als Gegensatz
Klppelspitzen zu verstehen. Man sagte:

    ~passement dentel
    passement  l'aiguille
    passement fait au mtier.~

~Passement dentel~ war anfangs einfach ein Modeausdruck, als die
stark gezackten Kragen und Manschetten, insbesondere die genuesischen,
getragen wurden, und entspricht dem gezhnt, gezackt. Im Deutschen
beschrnkte man sich meistens auf die sinngetreue bersetzung aus dem
Franzsischen. Die spitzenerzeugende Bevlkerung hat die technischen
Bezeichnungen fast alle aus dem Flmischen und Plattdeutschen
bernommen.

Der Kufer gebrauchte das franzsische Wort und dessen deutsche
bersetzung. Denn die deutsche Umgangssprache war nach dem
dreiigjhrigen Kriege gewi zum Drittel mit franzsischen Worten
untermengt, und es galt als guter Ton, dieses Kauderwelsch zu sprechen,
insbesondere die Mode und hfischen Worte, und so finden sich bis heute
viele Ausdrcke des Spitzenhandels nur im Franzsischen und werden
unverndert gebraucht: ~barbe~, ~volants~, ~ruche~, ~ jour~, ~fichu~,
~manchette~, ~jabots~, ~picots~, ~etc.~

Was den Ursprung der Spitzen anbelangt -- geht es einem wie mit einem
Flusse; geht man seinem Ursprunge nach, so entdeckt man, da er aus
vielen kleinen Bchen, Quellen und Zuflssen entsprungen ist. Manchmal
flieen diese lange nebeneinander und erst nach und nach stoen sie
zusammen, um den mchtigen Strom zu bilden. Viele Quellen der Spitzen
entspringen im Orient. Damals war das ganze abendlndische Kulturleben
vom Orient befruchtet. Die Prachtliebe, die Farbenfreudigkeit,
stammen aus dem Osten; feine schleierartige Gewebe wurden gleich der
Seide erst durch die Kreuzzge wirklich bekannt. Diese Stoffe wurden
bewundert und man versuchte sie der europischen Tracht anzupassen.
Auf den prraffaelitischen Bildern sehen wir die heiligen Frauen mit
einem unendlich feinen Schleier auf dem Haupte, dem ~Zanzera~, und
ein Streifen dieses zwischen dem Leinen-Battiste und der Seidengaze
stehenden Stoffes umhllt ihnen keusch Nacken und Busen. Der Rand des
~Zanzera~ sowohl wie der des hemdartigen Gewandes sind mit einem
zarten, erhabenen Ornamente geschmckt, oder auch blo fein gefltelt;
fast knnte man glauben, eine Art Spitzen zu entdecken; es sind jedoch
keine, und diese Schleier haben andere Bedeutung. Es ist in bezug auf
die Spitzen der Beginn der Jahrhunderte lange whrenden Mode des Wei
als Abschlu zur Haut, und zu dieser Verwendung wurden spter die
meisten Spitzen gemacht.

Andere Quellen wurzeln in den heimischen Znften Goldstickerei,
Posamentiererei und Weberei. Aus diesen entwickelten sich die Guipures.
Ferner die Gold- und Silberspitzen, die Klppelspitzen und wie sie
spter an jeweiliger Stelle aufgezhlt und geschildert werden.

Italien und die Niederlande kmpfen um die Palme, die Spitzen zuerst
erzeugt zu haben, diese Frage wird wahrscheinlich niemals unanfechtbar
zu Gunsten des einen oder des anderen Landes entschieden werden. Zu
viel Chauvinismus trbt die lteren Berichte, und spter trat ein
so reger Austausch von Land zu Land ein, jedes neue Muster, jeder
Fortschritt in der Ausfhrung, jede Mode und jeder Erfolg verbreiteten
sich sofort weit ber die Grenzen der eigenen Heimat.

Vermutlich werden die Versuche fast gleichzeitig gemacht worden sein,
der Boden war eben reif die Saat aufzunehmen und sprieen zu lassen.
Keinesfalls darf man sich vorstellen, als ob die Spitzen pltzlich als
eine Art Erfindung entstanden wren, gleichwie Minerva aus dem Haupte
Jupiters sprang. Nein, langsam bildeten sich die Spitzen, aus den
verschiedenen Zweigen der textilen Knste ihre Motive und Anregungen
schpfend; die Spitzen wurden fortwhrend verndert und die Technik
erweitert, und als in ihrer Entwicklung ein Stillstand eintrat, -- im
Anfange des vergangenen Jahrhunderts, -- war auch eine gewerbliche
Stagnation, ob Ursache oder Wirkung bleibt unentschieden, ihre
Begleiterscheinung.

Und deshalb haben zum Beispiel die modernen sterreichischen
Spitzen den Keim der Lebensfhigkeit in sich, weil sie sich nicht
begngten, zu imitieren, sondern selbstndig weiterschufen, an alte
Tradition anknpfend, neue Techniken verwertend. Jedenfalls sind die
Nh- und Klppelspitzen ziemlich gleichzeitig als selbstndige --
freie -- Spitzen gemacht worden; es drften nur die Vorlufer der
Nhspitzen, nmlich die Leinen ~ jour~ Arbeiten, in der Zeichnung
und Wirkungs-Intention auch den Klppelspitzen, die in der Technik
von Posamentiererei und Weberei lernten, zur Anregung gedient haben.
Genht wurde zuerst aber nur der Ntzlichkeit wegen, infolgedessen
bildete sich die Technik der Nadel am meisten und schnellsten aus.
Dem Ntzlichen gesellte sich bald der Wunsch nach dem Schnen zu.
Nebstbei kam es Tischtuch, Vorhang und Gewand zu statten, wenn die
Sume beschwert wurden. Das betreffende Stck benutzte sich besser,
es hatte einen schneren Faltenwurf und der Wind konnte weniger damit
herumschlagen, bei feineren Geweben aber verhtete man dadurch, da
die Sume sich aufrollten. So entwickelte sich die Technik immer
mehr und es konnten neue Versuche gemacht werden. Die orientalischen
Knpfarbeiten (~macram~), die Fransen, das Zusammenziehen der Fden,
bei schtteren Geweben in Gruppen und Bscheln, das Herausziehen
der Fden, das Besetzen mit doppeltem Stoff, das alles bildete sehr
hbsche Effekte; Ornamente wurden gebildet, und so waren ~ jour~
und ~punto tirato~ da. Die ausgeschnittenen Stellen, -- vielleicht
wurde manchmal aus der Not eine Tugend gemacht, -- wurden mit Rdern
und Stbchen aus Knopflochstich mit spinnetzartigen Mustern gefllt.
Und diese einfachen geometrischen Figuren wurden mit der Zeit und
bung immer komplizierter und da fngt die Grenze an, wo es oftmals
schwer zu unterscheiden ist, ob sie noch als ~points coup~, ~punto
tagliato~ oder ~punto tirato~, aus der Leinwand gearbeitet sind, oder
schon als selbstndige Spitzen (~punto in aere~) behandelt wurden. In
sterreich nennt man diese Arbeiten meistens, ohne viel Unterschied
zu machen, Reticella oder Ragusaspitzen, was aber weder der allgemein
gebruchliche noch durchaus richtige Ausdruck ist. Die Fischer haben
von altersher genetzt, es wurden Stoffe und Borten gewebt, Passements
aus Gold und Silber, teils gewebt, teils gestickt. Aus dem Orient kamen
Anregungen; das tglich umgehende Leben gab auch solche nicht nur in
den textilen Handwerken, sondern auch in Architektur, im Ziselieren
der Waffen, berall fand man das Streben durch Licht und Schatten und
scharfe Konturen knstlerische Wirkungen zu erzielen, die nicht auf
Farbe und Plastik beruhen. Und so versuchte man mit anderen Mitteln
dasselbe, was schlielich in den Spitzen gipfelte.

In alten Zeiten war der mndliche Meinungsaustausch ein groer. Ebenso
wie in den Spinnstuben abends, kamen tagsber Gruppen von Frauen,
Mdchen und Mgde zusammen, um in dem Hause einer vornehmen und
reichen Frau gemeinsam zu arbeiten. War es nun eine Altardecke, oder
die Heiratsausstattung fr ein manchmal noch kaum geborenes Kind, an
denen sie jahrelang schufen, geschah es in einem Kloster oder Hospiz,
immer wurden neue Versuche gemacht, der Ehrgeiz angespornt, Neues zu
finden und sich auszuzeichnen. Die Damen, welche die Sachen trugen,
oder verschenkten, die bei ihnen angefertigt wurden, beeinfluten
und berwachten Geschmack, Schnitt, Muster, Wahl des Materiales. Die
Mdchen aus dem Volke brachten Anregungen aus dem Berufsmilieu, dem
sie entstammten. Das Fischermdchen, mit dem Netzen vertraut, machte
feinen Grund, eine Zeichnung wurde in Stopfstich, ~point de reprise~
auf das Netz bertragen. So bleibt die Frage, ob die Niederlande mit
dem feinsten Flachs, oder Italien mit seinem Ornamenten-Reichtum, die
Wiege der Spitzenkunst war, unentschieden. Im allgemeinen behaupten die
Autoren, da man Venedig die Nh-, Belgien die Klppelspitzen verdanke.

Jedenfalls waren die Venetianer Spitzen im XVI. Jahrhundert hoch
berhmt und damals war Venedig in Mode und Luxus die tonangebende
Stadt, wie spter Paris.

Nebstdem kann man den Einflu des nahen kirchlichen Rom nie hoch
genug einwerten. Die Kirche war ja der Brennpunkt der gesamten
abendlndischen Knste und Handwerke. Und sie ist allem Neuen auf
diesem Gebiete Pate gestanden, wie die Erzeugnisse oftmals ihr bestimmt
wurden. Die Liturgie schreibt aber im Dienste des Altars blo Wachs,
Leinwand, Gold und Silber vor, also verhltnismig beschrnktes
Material. So mag das ppstliche Rom naturgem das Endziel
abertausender Erzeugnisse fleiiger Frauenhnde des Nordens gewesen
sein, das Schnste und Beste, die Trume resignierter Menschenherzen
wurden mit Geduld und heiligem Eifer in Spitzenkunstwerke umgesetzt.
-- Die mit Saumstickerei beschwerten Leinwandstreifen werden wohl die
ersten Spitzen geschmckt und als Altardecke gedient haben. Spter erst
werden Bettwsche, Tischzeug und Hemd hnlichen Zierat erhalten haben.
Alter, ebenso wie der geographische Ursprung, sind demnach schwer genau
zu bestimmen. Man kann sich nur nach Bildern, Bchern und Rechnungen
richten und diese sind nicht immer genaue Anhaltspunkte. Wer wollte
wohl die Jahreszahl der Erfindung der Lokomotive nach dem Vorkommen auf
Bildern bestimmen wollen?

Aber nichts ist so verwirrend, und das Interesse erlahmend fr den
Laien -- wie die Spitzen nur nach Alter und Landschaft ordnen zu
wollen; wissen wir doch aus anderen Kunstzweigen, wie sich Stil und Art
verschleppt; wie Mbel in unseren Alpentlern oft um viele Jahrzehnte
gegen verkehrsreichere Zentren sich verspten und z. B. gotische
Formen noch bis spt ins neunzehnte Jahrhundert, stets unbehindert von
Tagesstrmungen, wiederholt wurden und sich zu einer Art Volksstil
umgestalteten.

Aus den Jahren 1527 und 1528 stammen die ersten Musterbcher fr
Nhspitzen; das erste erschien in Kln, das zweite war von dem
Venetianer ~Antonio Tagliente~ herausgegeben. Dieser sagt selbst, er
habe zum Teile schon vorhandene Muster von Meistern gesammelt, zum
Teile neue Muster selbst erfunden und gezeichnet; es erscheint daher
sehr begreiflich, da der Auflage dieses Buches eine groe Anzahl von
Jahren vorausgegangen ist, in denen das Spitzen-Nhen und Klppeln eine
weite Verbreitung gefunden hatte, denn das Bedrfnis nach neuen Mustern
ist ein Beweis, da die alten eine schon zu allgemeine Verbreitung
hatten und abgedroschen waren, und da in Italien und im zivilisierten
Europa damals schon das Spitzenerzeugen ein Industriezweig fr
viele Gegenden war, und nicht eine bloe Nebenbeschftigung fr die
Muestunden mancher Frauen bildete. Diese ersten Muster zeigen uns
zum grten Teile geometrische Figuren, soweit sie fr die Nhtechnik
gedacht waren.




~Punto tirato.~


~Punto tirato~ ist einer der ltesten und primitivsten Vorlufer
der Nadelspitzen. Sie sind ganz aus einem groben aber schtteren
Leinwandgrund herausgearbeitet. Geschnitten wurde nichts, die
Ketten- und Schufden wurden in Gruppen und Bndel zusammengezogen
und geschoben, mit Zwirn berwickelt und bildeten den Grund eines
viereckigen Netzwerkes. Das Muster aber wurde in der Leinwand
ausgespart. Naturgem erscheint die Zeichnung eckig und hart. Manchmal
suchte man dies zu mildern, indem man die Kontur mit einem Leinen- oder
Seidenfaden abrundete und allzu schroffe Ecken darunter verschwinden
lie. Das Muster war breit, Tierdarstellungen, wie Einhorn, Drache,
Pelikan, Adler, Hirsche und Schlangen waren beliebt, auch Adam und Eva,
plumpe Reiter und dergleichen kommen vor. Diese Arbeiten zeigen alle
eine gewisse Schablonenhaftigkeit; sie sind meistens nicht breiter als
zirka ein Meter (die Breite eines Handwebestuhles) und ein glatter
Leinwandstreif schliet sie gegen unten ab; dieser hufig mit einer
flachen weien oder bunten Stickerei versehen. Die groben Klppel- oder
Nhspitzen, die manchmal diese ~punto tirato~ Arbeiten umgeben, sind
immer erst spter dazugefgt worden.

Diese Tcher, die in ihrer Naivitt vielfach an die modernen
skandinavischen Hausindustrieerzeugnisse erinnern, dienten
hauptschlich als Altardecken, Tischtcher und auch vielfach zur
Zierde des Bettes, in dem diese Streifen unter der Matratze eingebettet
wurden und mit ihrem verzierten Teile ber den Rand des Bettes
heraushingen. Ferner wurden sie noch zu Bett- und Fenstervorhngen und
Handtchern verwendet; fr Leibwsche oder Kleiderschmuck eigneten sie
sich nicht.

Groe hnlichkeit im Dessin mit dem ~punto tirato~ haben die
Filetarbeiten, doch sind die letzteren in Geschmack und Ausfhrung
weit verfeinerter. Ihre Technik ist nicht mehr so primitiv und erlaubt
ihnen eine genauere und schnere Interpretation der Zeichnung. Die
Gestalten, oftmals apokalyptische Tiere, Drachen, Phantasievgel, sind
harmonischer und besser in den Proportionen und erscheinen daher nicht
so plump. Zuerst wurde ein feines Netz gearbeitet und auf dieses wurde
die Zeichnung in einer Art Webe- oder Stopfstich bertragen.

Nach den Ornamenten zu urteilen, wurden diese Tcher meistens fr
den Altardienst oder eine sonstige kirchliche Verwendung gemacht.
Aber auch Bettvorhnge und Tischtcher wurden damit geziert. Es war
eine sehr dauerhafte Handarbeit und man findet sie hufig in privaten
und ffentlichen Sammlungen. Sie wurde auch farbig ausgefhrt.
Diese Art von Arbeiten mssen fr die gute Wirkung verhltnismig
wenig Mhe gemacht haben. Sie wurden in neuester Zeit wieder als
Dilettantenbeschftigung nachgemacht und haben als Fensterstores und
dergleichen hbsche Verwendung.

Eines ist noch zu erwhnen. In den Filetarbeiten wird zum ersten Mal
der Knopflochstich in Anwendung gebracht, auf dem spter die ganze
Nhspitzentechnik sich aufbaute.




~Punto tagliato.~


Mit diesen zwei erwhnten Arbeitsgattungen, dem ~punto tirato~ und dem
~punto ricamato~ hrt fr lange Zeit das phantastische Tierornament
auf. Die unentwickelte Anfangstechnik des ~punto tagliato~ erlaubte
dergleichen nicht, sie war, obwohl in der Ausfhrung edler und
mhevoller, doch in der Wahl der Muster beschrnkter, und mute sich
mit der Ausfhrung von geometrischen Figuren begngen. Es wurden
Quadrate, Rhomben und dergleichen aus der Leinwand ausgeschnitten,
teilweise lie man auch in denselben Webefden stehen und benutzte sie
als Basis fr das Ornament; doch alle Fden, sei es nun neu gespannte
oder die der Grundleinwand wurden mit Nadelarbeit berzogen, und zwar
kamen nur dreierlei Stiche in Anwendung. Zuerst wurde der Rand der
ausgeschnittenen Stelle mit Knopflochstich befestigt, dann wurden die
Stbchen, welche vier bis sechs Fden gebildet hatten, mit einer Art
Webestichen berflochten; dnnere Stbchen aus blo ein oder zwei
Grundfden wurden einfach berwickelt und endlich noch konnten diese
vertikal, horizontal und diagonal laufenden Stbchen als Speichen zu
einer Art Rderwerk dienen, und dieses war wieder aus Knopflochstich
gebildet. Auch ~picots~ kamen schon zur Anwendung. Die Stellen der
Leinwand, welche ausgespart geblieben waren, wurden nun mit einer
flachen, oft grnen, braunen, gelben oder roten Stickerei ausgefllt,
und zwar lief der Stich derselben immer parallel zum Webefaden.

So primitiv diese Art Arbeiten anfangs sind, -- sie lieen dem Ornament
viel weniger freie Entwicklung, wie die zwei frher besprochenen
Arbeiten, -- so bilden sie doch die letzte Vorstufe zu den eigentlichen
Nh-Spitzen. Mit der Zeit wurde immer mehr Leinwand weggeschnitten und
selbstndige Fden gezogen, um das Gerst fr die stets komplizierter
werdenden Ornamente zu bilden; endlich begngte man sich nicht mehr
mit den Stbchen und Festons, man fllte freie Stellen mit dicht
aneinander gedrngten Knopflochstichen aus, entwarf die Zeichnung
gleich auf Pergament, und so entstand der ~punto in aria~, die
ersten selbstndigen Venetianerspitzen. So lange diese Spitzen aus
geometrischen Figuren gebildet sind, nennt man sie Reticella, oder auch
~Greek lace~, ~dentelles greques~ und zwar wurde ihnen dieser Name
deshalb beigelegt, weil zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges die
englische Besatzung der ionischen Inseln diese Art Hausindustrie sehr
hufig bei der Bevlkerung derselben fand, und man in dem damaligen
allgemeinen Griechenenthusiasmus darin Spuren klassischer Kultur zu
finden glaubte und ganz verga, da diese Inseln, wie Dalmatien, noch
kurz vorher unter der Oberhoheit der venezianischen Republik gestanden
hatten und da diese Spitzen alte italienische Kulturtradition waren,
und im Gegensatze zu den Erzeugnissen des Mutterlandes in ihrer
Entwicklung ber ein Jahrhundert lang stehen geblieben waren, whrend
in der Lagunenstadt die Venetianerspitzen immer herrlicher aus ihren
primitiven Anfngen herausreiften und ihren Siegeslauf ber die Welt
antraten.

Die Venetianer Nadelspitzen entwickelten sich aber in verschiedenen
Gattungen: es sind Reticella, ~gros point de Venise~ oder Venetianer
Reliefspitzen, in Rosaline, in flache Venetianerspitzen, Coraline und
in ~point de Venise  rseau~ und in Burano. Alle diese Spitzen haben
keinen ~rseau~ mit Ausnahme der Burano und ~point de Venise  rseau~.
Gleich nachdem die freien Nadelspitzen, die Reticella, aufkamen, wurden
sie fr die Mode der Krause benutzt; mit schmalen ~punto in aere~
besetzte man die Rnder derselben, dann kam die Mode der sogenannten
Stuartkragen, fr welche etwas breitere Spitzen verwendet wurden. Alle
Portrts aus der Zeit zeigen uns Mnner und Frauen mit Rschen, Krausen
und Stehkragen, es war eine Zeit, wo man besonders im Nordwesten
von Europa sehr viel Schwarz trug und die weien Spitzen waren
das einzig helle und kostbare an der Kleidung; es war die Zeit der
Religionskriege, der Einkehr in sich selbst und vielfach des Ernstes
und der Heuchelei. Dann kamen die Umlegkragen auf; man sagt Ludwig
XIV. htte als Jngling so schne blonde Locken gehabt, da er die
Mode der unbequemen Halskrausen deshalb abschaffte, und nun begann die
Herrschaft der Allonge-Percken, Umlegkragen und Kravatten und groe
Farbenfreudigkeit drang von dem Sden ber Frankreich nach dem Norden.
Es ist die Zeit, in welcher die Venetianerspitzen hchste Mode waren.
Es gibt wohl keine bessere Bezeichnung fr diese, als das Wort pomps.
Groe schwere Barockzeichnungen, die es meistens verschmhen, sich auf
ein und derselben Garnitur zu wiederholen, sind ihnen eigen; erhabene,
oftmals auch ganz plastische Blumen erhhen ihre Wirkung. Es sind
stolze, kostbare Spitzen, etwas steif, etwas parvenuehaft paten sie
vorzglich auch als Schmuck fr jene prachtliebenden, herrschschtigen
Menschen der Nachrenaissance, jener Zeit der raffiniertesten Kultur
neben groer Barbarei, und hohen Kunstsinnes neben der Vorliebe
fr abgeschmackte, de Poesie. Andere Spitzen sind auch mhsam und
kostspielig, aber sie schreien es nicht so laut in die Welt hinaus.
Jeder Stich erzhlt von den Mhen und dem Golde, das sie kosteten.

Wenn man sich aber den Hintergrund zu diesen prchtigen Spitzen
denkt, schwere Samte und Brokate, in satten, leuchtenden Farben,
nicht zart und verschwommen, alles kostbar und gediegen, so kann man
nur bewundern, wie gut diese Art Spitzen als Krnung zu dem ppigen
Geschmacke pat, wie groartig ihre entschiedenen Linien und ihr
selbstbewutes Aussehen wirken.

Diese Venetianer Reliefspitzen werden immer in Leinwandfden[1]
ausgefhrt; ein Cordonet, aus mehreren Fden oder manchmal sogar
aus Rohaarunterlage gebildet, wird mit dichten Knopflochstich um
die vorher vollendeten ~Mats~ und ~jours~ genht. Das Eigentmliche
an dieser Gattung ist zunchst ihr Relief, ferner die zahlreichen
~picots~, die das Cordonet zieren, endlich da fast gar keine ~brides~
in Anwendung kommen. Die ~Mats~ oder ~pleins~ sind jene Teile in der
Zeichnung, welche am meisten der Leinwand gleichen. Sie werden aus
ganz dicht aneinandergereihten Maschen gebildet. Die ~jours~ werden
aus mannigfachen Zusammenstellungen der Maschen, aber stets lockerer
und durchsichtiger gebildet; es gibt deren eine groe Auswahl, und
um sie zu arbeiten werden die besten und gebtesten Arbeiterinnen
verwendet. Die Kelche der Blumen und alle jene Teile des Ornamentes,
die sich durch groe Leichtigkeit auszeichnen sollen, werden als
~jours~ behandelt, auerdem werden oft noch ganz freiliegende Bltter
aufgesetzt[2], welche die plastische Wirkung sehr steigern und einen
hbschen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen; unwillkrlich
wird man beim Anblicke dieser Meisterwerke an Stuckornamente erinnert.
berdies gibt es wirklich ein interessantes, offenbar vereinzelt
dastehendes Beispiel fr die Wechselwirkung der Nadelspitzen zu dem
Stukko: In der Provinz Ferrara, in der Kirche von ~Carpi~, sind die
Predellen aller Altre mit Stukkoverzierungen geschmckt, die zum
Verwechseln treu die venezianischen Reliefspitzen nachahmen.

[1] Nmlich in moderner Ausfhrung, bei den alten ist das
selbstverstndlich.

[2] ~fleurs volantes.~

Gewi ist dies schon eine dekadente Kunsterscheinung, aber es wre
dennoch interessant zu erfahren, wieso blo in Ferrera dergleichen
gemacht wurde, und zwar mit hbscher Wirkung.

Die ~gros point de Venise~ haben sich im Laufe der Jahre fast nicht
gendert; vor 250 Jahren waren die Dessins und die technische
Ausfhrung nicht anders, und man bleibt heute noch meistens dem
hergebrachten historischen Stile treu, es werden Berthe, Volants,
Kragen, Manschetten etc. gemacht.

Da die Herstellung unendlich mhsam ist, groe Geschicklichkeit,
genaues, reines Arbeiten und Geschmack von den Ausfhrenden verlangt,
ist und war sie stets eine der teuersten Spitzen.

Nicht umsonst war sie zu so groer Berhmtheit gelangt, man versucht
sie daher auch in einfacher Ausfhrung zu imitieren oder wenigstens
ihre Wirkung im groen und ganzen zu erreichen; so steht die dem
Kontinente wenig bekannte irische Technik der Carrikmaccro unter
dem Einflusse der Reliefspitzen. Hier wird die Zeichnung in Battist
ausgeschnitten und mit einem groben Cordonet umsumt oder manchmal noch
auf Tll applikiert.

Auch die irischen Hkelspitzen streben wohl den Effekten der
Venezianerspitzen nach.

Obwohl die Fachwissenschaft im allgemeinen der Ansicht zuneigt, da der
~point de rose~, -- Rosaline -- spteren Datums als die Reliefspitzen
ist, mag doch das Gegenteil plausibler scheinen. Der Stil der Zeichnung
ist weniger barock und edler, zierlicher und recht verschieden von den
Reliefspitzen; meistens ist es ein dichtes, ineinander verschlungenes
Astwerk, welches nur hie und da von einer kleinen ~jour~-Blume belebt
wird, die schwach -- ~en relief~ -- gearbeitet ist; das Ganze ist viel
prziser und eleganter, und obwohl bescheidener in der Wirkung, noch
kostbarer wie die Reliefspitzen. Die krause Verworrenheit der Zeichnung
zeigt weniger Wucht und Majestt aber mehr Lieblichkeit. Die zahllosen
meist unregelmigen, nur manchmal rautenfrmig angeordneten ~brides~
richtig und geschmackvoll zu verteilen erfordert von der Arbeiterin
mehr als manuelle Geschicklichkeit, sie erheischt persnlichen
Geschmack und knstlerischen Takt. Die ~point de rose~ verdienen ihren
Namen in mehrerlei Beziehung. Die eigentmlichen ~brides picotes~,[3]
die so charakteristisch fr die Rosaline sind, haben die Form von
Rosetten. Endlich haben die Rosalines hufig, aber nicht immer,
ganz kleine Relief-Rschen, die ziemlich naturgetreu geformt sind.
Jedenfalls sind die ~brides campanes~ das wesentlichste Kennzeichen
der ~point de rose~, welche brigens wegen deren hnlichkeit mit den
Schneekristallen auch oftmals ~point de neige~ genannt wurde.

[3] ~Brides picotes~ oder ~campanes~.

Eine Schwche der Rosalines ist, da sie stets als Volants gearbeitet
werden und zwar in oben und unten ganz geraden, einfrmigen Linien
abgeschlossen sind; das ~pied~ oder ~engrelure~ wird nach dem Abschlu
als ganz besonders und meistens feiner gearbeitete ~picots picotes~
gearbeitet und steht nicht in gengendem stilistischen Zusammenhang mit
dem eigentlichen Spitzenstreifen.

Rosaline und Reliefspitzen wurden reichlich an Paramenten verwendet,
Chorrcke, Altardecken, Kelchdecken, wurden mit ihnen besetzt. Aber
auch in der weltlichen Kleidung fr Frauen wie Mnner fanden sie,
so weit ihre Kostbarkeit nicht in Betracht kam, uneingeschrnkte
Verwertung.

Die flachen venezianischen Spitzen -- ~point plat de Venise~ erinnern
stark an Klppelspitzen. Sie sind, wie ihr Name sagt, stets ganz flach,
und entbehren sogar das Relief durch das Cordonet. Eine durchgedachte
und wohldurchgefhrte Zeichnung mit vielen und reichen ~jours~ lt
mehr wie mechanisches Knnen durchblicken, hbsche zahlreiche ~brides
picotes~, die zierlichen dreiteiligen Rosetten wie Eisnadeln, erinnern
an den ~point de rose~; es sind verhltnismig lange Stbchen, an
denen wie zarte Kristalle eine Anzahl anmutiger ~picots~ angereiht
sind, aber immer in Gruppen. Diese ~brides~ und ihre Zeichnung, die in
~crescendo~ und ~diminuendo~ auf- und abschwillt, unterscheidet sich
von der Coraline oder den sogenannten eigentlichen Venetianerspitzen.
Diese erinnern, wenn auch an eine andere Gattung, ebenfalls an
Klppelspitzen und zwar an die Bndelspitzen und sie bilden das Pendant
in Nadelausfhrung zu den sogenannten Kirchenspitzen. Die Zeichnung
hat wenig Bedeutung, sie ist wirr und verschlungen; in ziemlich
gleich breiten Streifen windet und schlngelt sie sich gedankenlos
dahin, wenige oder gar keine ~jours~ tragen dazu bei, ihr ein ziemlich
monotones und nicht so kostbares Geprge wie bei obengenannten
Spitzen zu geben. Ihr Reiz besteht hauptschlich in ihren ~brides
picotes~,[4] die eine nicht geschlossene sechseckige Masche bilden
und die ~picots~ stehen einzeln und gleichmig verteilt auf den
~brides~. Diese maschenartigen ~brides~ bilden den bergang zu den
eigentlichen Reseauspitzen, sie sind schon in Reihen parallel zu den
~pieds~ ausgefhrt. Kunstlos halten sie sich mehr an die Natur und an
ihren Namen Coraline knpft sich die Erzhlung, da sie zuerst von
einem verliebten Fischermdchen einem von ihrem Geliebten geschenkten
Korallenzweige nachgeahmt wurden.

[4] Die sechste Seite der Masche wird schon von dem eigentlichen
Ornament gebildet.

Tatschlich haben diese Coraline etwas venetianisch Volkstmliches, sie
sind und bleiben wie reizende Naturkinder stets mit ihrer Heimat eng
verwachsen und wurden niemals auer im Venetianischen gemacht, whrend
ihre kunstvollen Schwestern, berall, wo je Spitzen erzeugt wurden,
gleich schn oder schner nachgeahmt wurden, hauptschlich in Belgien
und in Frankreich.

       *       *       *       *       *

Als nun in Venedig durch ~Colberts~ Schpfung -- (der franzsischen
Spitzen-Industrie) -- die Hauptausfuhr nach Frankreich versiegte
und dieses berhaupt die Fhrung in Modefragen bernahm, trat eine
zeitweilige Stagnation in der Pointserzeugung ein, doch die Not lehrte
die Venetianer und wie ehemals die Franzosen bei ihnen in die Lehre
gegangen waren, so trachteten sie jetzt von ihren Konkurrenten zu
lernen und die wichtigsten Neuerungen, insbesondere die Verwertung
des Reseaus fr die Regeneration ihrer Spitzen zu verwenden. Bald
nationalisierten sich diese Alenon-Imitationen wieder, es entstand der
sogenannte ~point plat de Venise  rseau~. Es waren ganz flach genhte
Spitzen, von gar keinem Cordonet umsumt und hatten einen hnlichen
Maschengrund, wie der Reseau des ~point d'Alenon~, nur war er stets
unregelmig und die Maschen fielen nicht in eine Linie, nherten sich
mehr dem Viereck und waren verschwommen, doch fiel dies nicht so sehr
auf, da der Grund nicht stark in Betracht kam; das Dessin war so gro
und breit angelegt, da nur in kleinen Zwischenrumen verhltnismig
wenig Platz fr den ~fond~ blieb; sie haben mit Sedanspitzen viel
hnlichkeit. Es sind ausgesprochene Rokokkozeichnungen aus Lilien,
Muscheln, Blten und Knospen mit ungrazisen Schnrkeln, die den
sogenannten Jesuitenstil an sich tragen.

Die ganzen Arbeiten machen einen flachen, fast geklppelten Eindruck;
das Cordonet, wenn man einen blo etwas strkeren Faden so nennen kann,
ist ganz platt an der Flche gearbeitet und ist mit unendlich feinen
~picots~ gegen den ~rseau~ getrennt. Die sehr feinen Maschen laufen
horizontal zum Rand und der Faden ist uerst fein und das Ornament
wird schon so schablonenhaft angewendet, da man bei einzelnen Formen
den natrlichen Ursprung kaum mehr entdecken kann. Ein groer Reichtum
an ~jours~ zeichnet sie aus, die alle zu beschreiben nicht mglich ist;
hufig kehrt ein einziges Ornament wieder.

Es ist berhaupt bemerkenswert, da ein groes Abwechseln an ~jours~
meistens mit einer gewissen Korruptheit des Stils Hand in Hand geht,
ein berladen mit Details, welches in allen Kunstgattungen zu verfolgen
ist, und die Armut an Gedanken verbergen soll.

Diese flachen Venetianerspitzen mit ~rseau~ wurden von der zweiten
Hlfte des XVIII. Jahrhunderts bis zum Ende der venetianischen
Republik in Venedig hauptschlich auf den Laguneninseln gemacht.
Die politischen Verhltnisse, die immer zunehmende Verarmung und der
Verfall in der Lagunenstadt bewirkten, da die Spitzenindustrie, ein
wesentlich von Luxus und Eleganz lebendes Gewerbe, ganz zugrunde
ging. ber Europa brausten die Strme der franzsischen Revolution
berall merkbar nach. Ein demokratischer Geist fegte viele Gebruche,
Mibruche und Reichtum weg, doch auch viel guter Geschmack und
reizende Gewohnheiten verschwanden damit fr immerwhrende Zeiten. Auf
der Insel Burano fristeten eine Gattung Spitzen kmmerlich ihr Dasein
weiter, die armen Fischerfrauen machten unscheinbare Spitzen, die ihre
Abkunft von den ~point d'Alenon~ nicht verleugnen konnten, aber in
Stil und Ausfhrung degeneriert waren und aus groben, ungleichmigen
Fden gemacht waren. Im Jahre 1864 schrieb Madame ~Bury-Paliser~: Die
Venetianer Spitzen existieren nicht mehr. Und doch, acht Jahre spter
wurde dieses verlschende Flmmchen zu neuem Leuchten entfacht. Es
wurde auch mhsam und kunstvoll ins Leben gerufen, durch Mitleid und
Wohltat. Im Jahre 1872 brach ein ganz auerordentlich strenger Winter
ber Oberitalien herein. Die Lagunen waren zugefroren und die Fischer
konnten wochenlang nicht ihrem Berufe nachgehen. Die Not war eine
unbeschreibliche und rief die ffentliche Teilnahme wach.

Eine Sammlung wurde zum Teil fr die ersten Bedrfnisse der Armen
verwendet, der Rest wurde in weiser Vorsorge fr die Grndung
einer Hausindustrie gespart. Man sagt, es htte damals ein uraltes
Mtterchen gelebt, die als einzige den Venetianerspitzenstich noch
machen konnte, ~Ceccia Scarporiolo~; sie, halb blind und gelhmt,
unterwies die Fischermdchen und lehrte ihnen, was sie wute, ein
Damenkomitee, an dessen Spitze die Grfin ~Adriano Mercello~ stand,
setzte sich mit ganzer Kraft fr dieses Unternehmen ein. Ganz Italien,
an seiner Spitze die Knigin Margherita, interessierte sich fr diese
Neuschpfung in Burano, und bald konnten die ersten, seit langer Zeit
wieder in Venedig verfertigten Venetianerspitzen, verkauft werden.
Seither ist die Spitzenerzeugung in Venedig wieder eine blhende
Einnahmsquelle geworden. Burano blieb unter dem Patronat des Komitees,
die Familie Marcello wurde zu einer Art Spitzen-Dynastie und die
Buranospitzen sind die besten und schnst gearbeiteten von Venedig,
sie gehrten nicht, wie leider die meiste Marktware Venedigs, in
die Rubrik Andenken-Verkaufs-Erzeugnisse, die harm- und gedankenlose
Hochzeitsreisende, nicht zur Ehre Venedigs, nach Hause bringen.

In Burano werden jetzt wieder alle Gattungen der frheren
Venetianerspitzen gepflegt, meistens sind es Spitzen ohne ~rseau~, nur
mit einen Grund von ~brides~, hufig in gelblicher Farbe, mit Ausnahme
der ~points de Burano~. Diese sind aber noch immer den Alenon-Spitzen
hnlich, die Muster bleiben dem Stil der drei Louis Frankreichs treu;
der ~rseau~ hat fast viereckige Maschen.

Der ~rseau~ der Burano sieht jedoch niemals den anderen ~fonds~
hnlich, es macht immer einen eigentmlichen flockigen, verwaschenen
und verzogenen Eindruck, was zum Teile von dem unregelmigen Faden
herrhren mag. Das Cordonet der Burano ist nur niedergenht und
niemals, wie bei den Alenon mit dem schnen gleichmig dichten
Knopflochstich berschlungen.

Die Venetianerspitzen gehren historisch Venedig an, aber sie werden
berall, wo die edlen Kunstspitzen gemacht werden, mit Erfolg erzeugt,
sei es nun in Frankreich, Belgien oder sterreich; Belgien pflegt sehr
diese Gattung Spitzen und hat wahrscheinlich einen greren Umsatz
darin, als Italien; man sagt, da viele, und zwar die beste Ware nach
Italien besonders an die Riviera von Belgien geliefert wird, aber auch
in Venedig werden belgische Venetianerspitzen verkauft.




~Point d'Alenon.~


Von 1560 bis ungefhr zur Hlfte des XVII. Jahrhunderts exportierten
die Venetianer eine ungeheuere Menge Nadelspitzen, sie deckten den
ganzen Bedarf Europas, denn nirgends wurden ihre Spitzen so gut
nachgeahmt, da man ihnen nennenswerte Konkurrenz machen konnte.

Die verschiedenen Regenten erlieen zahlreiche Erlsse gegen den
bertriebenen Luxus, hohe Schutzzlle, strenge Verbote ntzen und
frommen nicht gegen die Macht der herrschenden Mode. Frankreich stand
an der Spitze der importierenden Lnder. Fr viele Millionen Francs
wurden alljhrlich Spitzen aus Venedig eingefhrt und die Nachfrage
steigerte sich noch zusehends unter Louis XIV. Der ~roi soleil~liebte
in seiner Jugend ppigen Luxus und Glanz, er selbst beeinflute die
Moden und sprach allen Verordnungen seiner Minister Hohn, indem er fr
sich und seinen Hof den grten Aufwand an Spitzen aller Gattungen
trieb, insbesondere aber die Venetianer bevorzugte. Es gab damals kaum
ein Kleidungsstck, das nicht aus Spitzen gemacht oder mit Spitzen
verziert wurde, breite Umlegkragen, ~jabots~, ~manschetten~, ~kanons~,
das sind Spitzenvolants, die aus den Stulpstiefeln hervorsahen,
Rosetten an den Schuhen, an den ~jarretieren~, Barben, Hauben,
Schrzen, Bett- und Tischzeug, kurz alles war mit Spitzen versehen.
In den Feldzgen, im Lager, ber Harnischen, im Boudoir, in Kirchen
und Klstern, berall waren Spitzen zu sehen. Wenn man nun bedenkt,
da Frankreich verhltnismig wenig Spitzen im Lande produzierte, so
begreift man, welch ein wirtschaftlicher Aderla dies fr Frankreich
war, und wie Flandern und Venedig dabei gewannen. Von der Macht der
Mode kann man sich einen Begriff machen, wenn man die strengen Gesetze
der damaligen Zeiten betrachtet; mit Schmugglern machte man nicht viel
Federlesens, man knpfte sie an den nchsten Baum oder scho sie
nieder, und trotzdem, da der Gewinn verlockend genug war, wurden die
Schmuggler nur schlauer und erfindungsreicher, und Ballen von Spitzen
fanden ihren Weg ber die franzsische Grenze.

Wenn es kaum eine Kunst oder ein Kunsthandwerk, das durch Jahrhunderte
so anonym geblieben ist, wie das der Spitzen gibt, denn berall anders
treten uns Namen entgegen, so tritt ausnahmsweise der Name und die
Gestalt ~Colberts~ hervor, ein Genie, das seinerzeit im Anfassen der
nationalen Wirtschaftspolitik um Jahrzehnte vorauseilte, der nicht nur
Altes untersttzte, sondern Neues schuf, der das so wichtige Prinzip
erkannte, da ein Luxus, so lange das Geld im Lande bleibt, und nichts
vom Auslande importiert wird, nationalkonomisch nicht schdlich ist,
da selbst sinnlose Ausgaben der Reichen das Geld ins Rollen bringen,
Industrieen schaffen, die fr den Export Bedeutung erlangen knnen, und
das Volk zu groer Regsamkeit anspornen.

~Colbert~ war mit einem Wort der erste moderne Finanz- und
Handelsminister, er war der erste, der mit den nationalen Gtern
nicht Raubbau trieb, er wollte nicht nur ernten, sondern ste auch in
der Gegenwart fr die Zukunft. Ihm hat Frankreich den ersten Impuls
fr die allen Strmen trotzende Entwicklung der Industrie zu danken,
er grndete oder frderte Manufakturen, wie die Gobelinweberei,
Svresporzellanerzeugung, er lie die so kostbaren und damals blo
in Venedig erzeugten Venetianerspiegel in Frankreich erfolgreich
nachahmen, und endlich grndete er die Spitzenindustrie.

~Colbert~ erkannte gleich, da auf dem Wege der Verbote die
Verhltnisse nicht zu sanieren waren. Mit der Mode mute gerechnet
werden, blieb nur das Geld im Lande, und es war das Beste die Passion
fr die eigene Heimat auszunutzen. ~Colbert~ fate seine Sache
erfolgreich an. In Frankreich hatte man bis dahin Nadelspitzen kaum
fabriziert, doch war die Anfertigung des ber alle Lnder populren
~point coup~ auch dort eingebrgert; hie und da hatte wohl auch die
eine oder andere Spitzen-Matrone auf eigne Faust Venetianerspitzen aber
minderwertig imitiert. Er suchte sich nun zur Pflanzsttte seiner Ideen
jenen Bezirk Frankreichs aus, der eine relativ gut geschulte weibliche
Bevlkerung besa, und das war ~Alenon~, mit Nachbarschaft, wie
~Aurillac~, ~Argentan~ etc.

Die Grndung der ~Alenon~-Spitzenindustrie ist deshalb eine sehr
bemerkenswerte, weil sie eine vollkommen bureaukratische ist, sie wurde
vom Schreibtisch aus diktiert, und mit Erfolg ins Leben gerufen. Im
allgemeinen war und ist die Spitzenerzeugung stets eine volkstmliche
gewesen, die nur hie und da in den Klstern Frderung fand, von
den Regierungen frher hufig eher gehemmt als untersttzt wurde.
~Colbert~ war der erste, der nationalkonomisch und administrativ
wohl durchdachte Grndungen durch Ausbildung von schon existierenden
Industrieen durchfhrte, obwohl er speziell von seiten der Bevlkerung
in ~Alenon~ anfangs wenig freundliches Entgegenkommen fand. Vor
dem Grndungsjahr 1665 hatte eine ~Mme. Perrire~ in ~Alenon~
venetianische Spitzen fr eigene Rechnung nachgeahmt. Mit ihr und
einigen anderen grndete ~Colbert~ die ~Manufacture du point de
France~ wie von nun an alle franzsischen Spitzen hieen. Die
Behauptung, welche die meisten Autoren der ~Mme. Paliser~ nachsprechen,
da die erste Manufaktur in ~Chteau de Lonrey~ bei ~Alenon~ etabliert
war, ist nicht haltbar.

Zwei sehr ernste Autoren, wie ~Duval~ und ~Despierres~ widersprechen
dieser Annahme und druckten in ihren Werken alte Dokumente als
glaubwrdige Beweise ab; abgesehen von diesen Schriften spricht auch
noch ein sehr einfacher Gedankengang gegen diese Behauptung. Im Jahre
1665 war die Feudalherrschaft noch in Blte. Der Adel war noch nicht
verarmt, wie spter nach der Revolution. Damals, in Reichtum und
Ansehen ungebeugt, bewohnten und benutzten die Adeligen ihre Schlsser
noch selbst; hatten sie mehrere, so kamen dieselben wohl manches Mal
noch zu Lebzeiten des Besitzers in Benutzung einer jngeren Linie oder
einer bevorzugten Maitresse. Ein bufertiger Bruder oder eine alte
Snderin bertrug oder verschrieb ihre Herrschaft zur Rettung ihrer
Seele der Kirche oder einem Kloster, seltener schon wurden Schlsser
oder Burgen in Spitler verwandelt. Doch der Gedanke, ein Schlo in
eine Fabrik oder gar in eine Kaserne umzuwandeln, widerspricht ganz und
gar dem aristokratischen Geiste jener selbstherrlichen Zeit. Dies blieb
der Neuzeit vorbehalten, und leider oft zum Schaden der sthetik.

Die Grndung der Gesellschaft der ~points de France~ verteilte sich auf
verschiedene Bezirke, wie Reims, ~Sedan~, ~Aurillac~ und ~Argentan~;
und was nun von ~Alenon~, dem wichtigsten, erzhlt wird, gilt mehr
oder minder von den anderen auch. Es wurden Gebude fr diesen
Zweck eingerumt und ausgestattet und man lie Venetianerinnen und
Flmlnderinnen kommen und Frauen aus ~Alenon~ wurden angeworben, die
gengende Schulung hatten.

Mit diesem kleinen Stabe hoffte ~Colbert~ in kurzer Zeit 8000
Arbeiterinnen heranbilden zu knnen. Darin wurden aber seine
Erwartungen getuscht, denn, so lange die Fabrik als solche unter der
zehnjhrigen Staatspatronanz stand, brachte man es auf nicht mehr wie
700 Arbeiterinnen, die Bevlkerung, die sich in ihrem Erwerbe bedroht
sah, bot Widerstand, es kam hufig zu Ausschreitungen. Es wurde mit den
neuen Mustern, die auch Monopol waren, Mibrauch getrieben, was zwar
strenge gestraft wurde aber Hetzereien und Whlereien zur Tagesordnung
machte. Trotzdem hatte die Manufaktur einen groen Erfolg. Louis XIV.
erklrte den ~point de France~ zur offiziellen Hof-Etiquette, er trug
ihn selbst und alles beeilte sich, ihn nachzuahmen.

Diese Fabrik mu man sich als ein Mittelding zwischen einer Fachschule
und einer Aktiengesellschaft denken. Nachdem die ersten zehn Jahre
verflossen waren, verwandelte sie sich in mehrere Privatunternehmen.
Sie hatte aber ungemein befruchtend auf die allgemeine
Spitzenindustrie gewirkt, obwohl man sich in den ersten fnfundzwanzig
Jahren darauf beschrnkte, die Venetianerspitzen mglichst getreu
zu kopieren. Es war jene Gattung mit den ~brides picotes~ und war
vielleicht nur im Relief etwas flacher gehalten. Doch der franzsische
Geschmack kam bald zur Geltung, die Ausfhrung wurde zierlicher als die
italienische und die Zeichnung wurde nach dem tonangebenden Geschmacke
modifiziert. Wie aus den Venetianerspitzen derselben Zeit kann man an
den ~Alenon~ bemerken, da die ~brides~ wabenartig angeordnet waren,
welche einen regelmigen ~rseau~ ahnen lieen. Im Anfange des XVIII.
Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, den Klppel-Reseau mit der
Nadel nachzubilden. Es war auch die Konkurrenz, die das herbeifhrte,
denn die belgischen Spitzen wurden damals am Hofe viel getragen und
drohten die ~points~ zu verdrngen. Die flmischen Mdchen werden
offenbar die Anleitung dazu gegeben haben. In die Jahre zwischen 1700
und 1717 fallen die wichtigen Neuerungen, die den ~points d'Alenon~
ihr heutiges Ansehen gaben und sie von den venetianischen Spitzen so
wesentlich unterscheiden, so da sie von nun an eine ganz selbstndige
Gattung wurden. Es sind dies: der eigentliche, feine ~rseau~, der dem
Ansehen nach hnlich wie der der Brsseler Klppel-Spitzen (~point
d'Angleterre~) war; der Anfang des ~rseaus~ der Klppelspitzen war
sechseckig und ist spter ein mehr lngliches Viereck geworden und
wird hufig ~rseau d'Alenon~ genannt. Dann wurde gleichzeitig die
sogenannte ~maille boucle~ und die ~bride tordue~ oder ~maille
tordue~ gemacht, beides regelmige sechseckige Maschen, die nur
grer und strker wie der ~rseau~ sind. Die ~bride boucle 
picots~, die von den Venetianern entlehnt war, nahm um diese Zeit
ab. Die ~bride boucle~ wird hufig den ~Argentans~ als Spezialitt
zugeschrieben; jede ihrer sechs Seiten wurde acht bis fnfzehn Mal
mit Knopflochstich berzogen, wodurch sich natrlich dieser Grund
durch groe Dauerhaftigkeit auszeichnete und nebstbei in originellen
Kontrast mit dem[5] feinen eigentlichen ~rseau~ trat, der hufig als
zweiter Streifen den Rand der Spitzen zierte. Durch die Bentzung des
~rseaus~ wurden auch Zeichnung und Technik der Alenons bedeutend
gendert. Von nun an wurden die ~points d'Alenons~ nicht mehr in Einem
gearbeitet, sondern in kleinen Teilen von verschiedenen Arbeiterinnen,
so wie die Brsseler Spitzen. Jede Arbeiterin war in ihrer Spezialitt
eingearbeitet, und ein Stck Spitzen ging durch zwlf bis sechzehn
verschiedene Hnde, bis es fertig war. Diese getrennte Arbeit war in
Venedig nicht in Gebrauch gewesen, und ist eine franzsische Neuerung,
die man von den belgischen Klpplerinnen gelernt hatte. Bei alten
Spitzen begngte man sich mit der Ausfhrung von ~fleurs~, welche aus
~entoilage~ oder ~remplis~ gebildet waren; eine ~brode~ umgab sie und
die ~brides~ fllten den Grund. Nun aber werden die Spitzen hufig in
zweierlei Streifen gemacht, Medaillons als ~rivire~ angeordnet,
schlngelten sich durch die Spitzen. Diese Medaillons wurden nun mit
zahllosen verschiedenen Stichen ausgefllt, die man ~modes~ nannte und
die das ~rempli~ ersetzten, das jetzt zu groe hnlichkeit mit dem
feinen ~rseau~ hatte. Eine Eigentmlichkeit der Nomenklatur des ~point
de France~ oder ~d'Alenon~ ist, da er ganz andere Namen fr die
verschiedenen Teile hat, wie sonst gebruchlich.

[5] Der Grund ist hier strker wie die sich zart abhebende Zeichnung,
was eine schnere Wirkung hervorbringt, bei den ~point de gaze
de Bruxelles~ verhielt sich die Sache umgekehrt, der ~fond~ ist
unproportioniert zart zum Dessin.

~Motivs~, ~fond~, ~entoilage~, ~fleur~ war die Bezeichnung fr die
Blume, ~champs~ fr den Grund, ob aus ~brides~ oder ~rseau~, ~brode~
heit das Cordonet, das die Zeichnung umgibt, ~modes~, ~fentres~ oder
~portes~ heien die ~jours~ und so weiter.

~Points d'Alenon~ sind noch insoferne interessant, weil man an ihnen
wie an keiner anderen Spitzenart den jeweilig herrschenden Stil in der
Zeichnung verfolgen kann.

Die ltesten vor 1660, volkstmlich ~velins~ nach dem Pergament,
auf dem sie gearbeitet wurden, genannt, unterscheiden sich nicht von
den allerorts gemachten ~points coups~, Reticellas oder primitiven
Venetianern. 1660 bis 1700 verlegte man sich auf die getreue Kopie der
kostbaren Venetianer Reliefspitzen und anderer, edler Gattungen.

Kleine Dessinnderungen wurden dann spter wohl auch versucht, aber
erst von 1700 erhalten die ~points d'Alenon~ ihr gewohntes Aussehen.

Von 1717 bis 1754 (Louis XV.) fllten die Blumen der Zeichnung
bei schmleren Volants noch die ganze Breite der Spitzen aus. Der
Schwerpunkt der ~modes~ ist gegen den Rand gedrngt. Der Grund ist in
einer der drei Gattungen ~brides~, oder in ~rseau~ ausgefhrt. Unter
Louis XVI. kommt die sehr charakteristische Faons in Streifen und
zweierlei ~champs~ auf, auch wird spter ~le rseau mouche~ gemacht,
der dann in der Folge wieder aufgenommen wurde.

Oben Gesagtes gilt von den kleineren Volants und den Berthen;
betrachtet man jedoch ein greres Stck wie die damals modernern
~tabliers~ und sehr breiten Volants, so kann man nicht genug ber den
Reichtum und die ppigkeit der ~jours~ und ~modes~ staunen, eine solche
wohlgeordnete Flle von Details drngt sich. Und die ganze, groe Zeit
einer vollkommen hfischen Kunstrichtung, die, man mchte sagen aus
der Initiative einzelner Personen entstand und mit diesen verging,
zieht an Einem vorbei, ~Versailles~ und ~Petit Trianon~ unter den drei
Louis mit diesen lebt und stirbt der ~point d'Alenon~, Fllhrner,
Blumen, Fruttiguirlanden, Rosen und Schmetterlinge, schnbelnde
Vgel, Blumenvasen, Bageigen, Mandolinen, Wappen und Menschen, ja
oft Medaillonportrts von den Regenten, dies alles wurde hufig
unsymmetrisch und doch fein stilisiert angeordnet.

Sehr bemerkenswert ist die stetige Konkurrenz der verschiedenen
Spitzengattungen untereinander; sie entlehnen die knstlerischen
Wirkungen und ahmen sich nach, bald war ~point de France~, bald wieder
die flachen Klppelspitzen der ~point d'Angleterre~, oder die ~Malines~
Kniginnen der Mode. Im Wettbewerb trachteten sie sich an Schnheit,
hnlichkeit und dann Verschiedenheit und Neues bieten zu bertrumpfen.
Um 1700 findet man an den ~modes~ der Alenon hufig einen ~point~
angewendet, den ~rseau rosac~, der, in Nadelstich transponiert,
den ursprnglichen ~point de neige~ der ~Malines~ wiedergibt. Diesen
~point de neiges~ oder ~oeil de perdrix~ findet man durch das ganze
XVIII. Jahrhundert an Brsseler Spitzen (~point d'Angleterre~),
~Valenciennes~, ~Malines~, ~point Alenon~ und ~Argentan~ immer
wieder in verschiedenen Ausfhrungen und Variationen, und es war der
kostbarste Grund.

Einen groen Niedergang in der franzsischen Spitzenindustrie
schuf der Widerruf des Edikts von Nantes im Jahre 1685. --
Unzhlige protestantische Familien verlieen ihre Heimat und trugen
ihre Fhigkeiten in fremde Lnder -- und grndeten durch ihre
Kenntnisse und Geschicklichkeit neue Gewerbe -- berhaupt haben die
Religionsverfolgungen im Laufe der Jahrzehnte gerade zur Ausbreitung
der Spitzenindustrie sehr viel beigetragen. Wenn Deutschland,
Schweden, Dnemark, die Schweiz und das Erzgebirge berhaupt eine
Spitzenindustrie haben, so verdanken sie es zum grten Teile den
franzsischen und flmischen Emigranten. -- Direkte Vorteile aber
gewann Venedig daraus, es erzeugte Spitzen im franzsischen Geschmacke
und beschickte damit wieder die franzsischen und europischen Mrkte.
Den zweiten, verderblichen Einflu hatte die franzsische Revolution. --

Whrend der Revolutionsjahre gingen die meisten Spitzen-Industrien
in Frankreich zu Grunde, manche, man sagt mehr wie zwlf, fr immer;
~Sedan~, ~Aurillac~, ~Valenciennes~ kamen nie mehr in Betrieb. Napoleon
frderte, wo er konnte, die durch die Revolution lahmgelegten Gewerbe,
auch den ~points d'Alenon~ wandte er seine Sympathien zu. Die ~points
d'Alenon~ im Empire zeigen kleine Blmchen stilisiert im ~rseau~
verstreut; und dieses ist mit sogenannten ~petits pois~, ~larmes~
oder ~grains de caf~, ~coeurs~ -- oder wie diese kleinen Pnktchen
sonst noch im empfindsamen Geschmack der Zeit heien, verziert,
~maille boucle~ wurde von nun an nicht mehr gemacht. Spter wurden
die ~Alenon~ 1830--60 die Blumen auf Maschintlle appliciert und ~Br.
Mercier~ nahm einen Musterschutz auf seine Erfindung, die sechseckigen
Maschintll-Maschen mit Knopflochstich in eine ~maille boucle~ zu
verwandeln.

Dieses Verfahren hatte aber keine groe Lebensfhigkeit in sich. Man
sagt, es sei noch mhsamer, wie die eigentliche ~bride boucle~.

Das Cordonet oder die ~brode~ der Alenons war zu allen Zeiten schner
und dichter umschlungen, wie das der Venetianer- und Brsslerspitzen,
auch war das Relief weniger erhaben, obwohl man ihm durch Einlage
von Rohaarfden manchmal mehr Konsistenz gab. Man unterschied
frher ~points d'Alenon~ und ~point d'Argentan~; letzterer galt als
noch kostbarer wie ersterer. Der Unterschied war meistens in einer
sorgfltigeren Ausfhrung in der Zeichnung, auch machte ~Argentan~
hufig die mhsame ~maille boucle~.

~Sedan~, ~Aurillac~, ~Reims~, ~Argentella~ hatten alle den sogenannten
~fond oeil de perdrix~ und dies waren lauter hnliche Spitzen, die
man heute schwer differenzieren kann. ~Argentella~ sind, wie der Name
schon ahnen lt, eine Abart, besser gesagt Spielart, der ~Argentan~,
mglicherweise sind sie wirklich von Genua stammend; die End-Partikel
ihres Namens klingt jedenfalls italienisch; sie hatten den ~fond rseau
rosac~ besonders viel in Verwendung, das Cordonet ist zwar nicht
niedergenht, aber nicht ganz bersponnen, was auch auf italienische,
nicht franzsische Fabrikation deuten wrde, ~point de Sedan~ und
~point plat de Venise~ hatten einige hnlichkeit, Rokokkospitzen
mit breiter, und so dichter Zeichnung, da sie fast jedweden Grund
entbehren konnten. Sie haben hie und da kleine Reliefs wie aufgesetzte
Lichter im Genre der Brabante.

~Colbert~ hatte gesiegt. Das Geld blieb im Lande und seine
bureaukratische Schpfung hatte die in ihrer Art einzig dastehenden
~point d'Alenon~ ins Leben gerufen. Das Wohlwollen der Regierung
blieb ihnen stets treu; im Jahre 1811 wurde die Neuerung gemacht, den
Arbeiterinnen Zeichenunterricht geben zu lassen, bisher hatte man das
nirgends versucht.

~Alenon~ hat eine jetzt noch lebende Tradition der Spitzenindustrie.
Erbgesessene Familien bilden Dynastien, die alle Erinnerungen pflegen,
teilweise auch publizistisch hervortreten; es sind dies Namen wie:
~Duval~, ~Despierre~, ~Baron Mercier~.




Brsseler Nadel-Spitzen oder ~Point de Bruxelles~.


Vor allem mu hervorgehoben werden, da unter dem Namen ~point de
Bruxelles~ vielerlei Spitzen, sowohl Nadel- wie Klppelspitzen
verstanden werden knnen. Dieser Mibrauch mit dem Namen entspringt
zum Teil aus der Willkr der Hndler und Schneiderinnen und aus dem
Unverstndnis des Publikums. Es werden ~points  l'aiguille~ oder
~point de gaze~ fr Nadelspitzen, alte Brabanter, ~duchesse~ und
Applikations von Nadel- und Klppel-Spitzen und fnferlei (!) Arten
~point d'Angleterre~ so genannt. Man sieht also, da auch in der
Bezeichnung der ~point d'Angleterre~ verwirrend vorgegangen wird, und
es ist schwer, bei den vielfachen, widersprechenden Ansichten der
Autoren das richtige in diesem Wirrwarr herauszufinden. Mglicherweise
hat man frher wirklich mehr wie eine Gattung Spitzen darunter
verstanden. Und als die Verwechslungen begannen und sich der Begriff,
der einzig mit dem Namen verknpft war, immer mehr verwischt hatte,
wurde das Unverstndnis wohl oft von den Hndlern ausgenutzt, um die
Kufer zu tuschen, insbesondere da der ~point d'Angleterre~ sehr
kostbar und hochgeschtzt war.

       *       *       *       *       *

Die Brsseler Nadelspitzen, ~point  l'aiguille~, wenn alt, ~point de
gaze~, wenn neu genannt, sind verhltnismig spt aufgekommen.

Die groen Erfolge der Venetianerspitzen und der ~point d'Alenon~
waren die unmittelbare Ursache fr die Brsseler Frauen, eine neue
Art Nadelspitzen zu schaffen. Da sie erst gegen die Mitte des XVIII.
Jahrhunderts (1720) aufkamen, wurden sie nicht mehr mit ~brides~
gemacht, sondern gleich mit dem ~rseau~ das damals neu und sehr in
Mode war. ~Point  l'aiguille~ verleugnet nie seine Abkunft von den
Alenon, obwohl diese ~Alenon~ einen ausgeprgteren, fast knnte man
sagen, einen offiziellen Hofstil hatten. Das Cordonet ist bei den
~point  l'aiguille~ wie bei den heutigen ~point de gaze~ nicht mit
einem aus mehreren Fden gebildeten stark hervortretenden ~bride~ mit
dichtem, gleichmigen Knopflochstich niedergehalten, sondern nur
stellenweise mit ~point clair~ niedergenht, ferner ist auch die Masche
des ~rseaus~ eine andere. Die Brsselermasche wird nur aus einer
gedrehten Fadenschlinge gemacht, whrend bei dem ~Alenon-rseau~ der
Faden am Ende einer solchen einfachen Maschenreihe angelangt, durch die
Maschen zurckgefhrt wird, so da alle Seiten des ~Alenon-rseaus~
aus doppelten Faden bestehen, was natrlich die Dauerhaftigkeit des
Grundes sehr erhht.

Eine der schnsten Zierden des ~point  l'aiguille~ ist ein
groer Reichtum und Mannigfaltigkeit an ~jours~, jedoch ist die
Zeichnung nicht so schwungvoll stilisiert wie die der Venetianer
und nicht so zierlich steif wie der ~Alenon~. In der Zeichnung
bleiben Brsselerspitzen stets naturalistischer wie diese. Anfangs
wurden die Blumen und der ~rseau~ in Einem gearbeitet. Louis XV.
Regierungsantritt brachte auch neue Moden -- ~points d'Angleterre~ und
~Malines~ waren die regierenden Spitzen, und da diese ersteren auch
in breiten Stcken gemacht wurden, nderte man die Anfertigungsart der
~point  l'aiguille~ und machte die Blumen getrennt vom ~rseau~, und
in ihrem Rand wurde nachher der reizende Klppelrseau, hnlich dem
der ~Malines~ angeschlagen. Dieses Verfahren eignete sich aber nur fr
kleinere Stcke. Bei Barben, Krawatten und schmalen Volants,[6] die
wenig Raum fr den Fond hatten, bei breiteren Spitzen verwendete man
den am Klppelpolster angefertigten Droschelstreifen[7] in der Breite
von drei bis acht Zentimeter, und der wurde mit einem sehr kunstvollen
Stich in das Muster hineingenht und zusammengefgt. Dieser Stich war
die Erfindung einer Brsseler Arbeiterin und war nicht wahrnehmbar. Er
blieb lange Zeit hindurch ein wohlgehtetes Metiergeheimnis.

[6] Diese Gattung Nadelarbeit mit Klppeltlle kombiniert wird von
vielen Autoren auch als ~Point d'Angleterre~ bezeichnet.

[7] Droschelgrund nennt man im flmischen den sechseckigen
Maschengrund, wie er bei den Malines gearbeitet wurde.

~Point  l'aiguille~, die kaum ein Jahrhundert in dieser Form und unter
dem Namen fabriziert wurden, sind sehr schn und kostbar, insbesondere
in der Zusammenstellung der Nadelblumen mit dem sechseckigen, reizenden
Droschelgrund wirken sie ungemein gediegen und apart. Alte ~point 
l'aiguille~ Blumen und ~rseau~, beides aus Nadelarbeit, sind sehr
selten, die sechseckige Nadelmasche ist dem Droschelfond hnlich, das
Cordonet ist wie das der Venetianerspitzen, nie so schn und dicht
berschlungen wie das ihres gemeinschaftlichen Vorbildes der ~Alenon~,
es besteht aus drei bis vier niedergenhten Fden. Das Cordonet ist
auch nicht mit ~picots~ in der Zeichnung selbst zwischen dem ~rseau~
geschmckt. Diese unzhligen feinen ~picots~ bleiben die Spezialitt
der ~Alenon~.

Als aber im Anfange des XIX. Jahrhunderts der mechanische Tll in
Nottingham erfunden wurde und nun die Nadel- und Klppel-Applikationen
aufkamen, kehrte man zu der ursprnglichen Verfertigung der ~point
 l'aiguille~ unter dem Namen ~point de gaze~ zurck, Blumen und
~rseau~ werden wieder in Einem gearbeitet. Das andere Verfahren mit
Droscheltll ist heute gnzlich verloren gegangen. Die Zeichnung
ist modern und vielleicht wie die aller modern sein wollenden
Brsselerspitzen etwas zu naturalistisch und zu wenig stilisiert. Die
~rseau~masche bleibt immer zu leicht, im Gegensatz zu dem etwas roh
wirkenden Cordonet. Selbstverstndlich werden diese Spitzen heute
ebensogut in hchster Vollendung als wie in Marktware ausgefhrt, sie
stehen, was Popularitt anbelangt, in einer Linie mit den ~duchesses~.
~Point de gaze~ wird auch hufig auf Tllapplikations hergestellt. Man
nennt sie dann Brsseler Nadel-Applikation.

~Point  l'aiguille~ werden nicht mehr in Brssel und Umgebung erzeugt,
sondern in den Gegenden von Alost, Gent, Grammont etc.

Belgien hat aber noch etwas Besseres in Nadelspitzen vorzuweisen
als den ~point de gaze~, denn es macht alle Gattungen Venetianer
Nadelspitzen meisterhaft nach.




Guipures.


Man kann fast sicher annehmen, da das prunkliebende Spanien die Heimat
der ~guipures~ ist. Es war das farbenfreudigste europische Volk und
stand am meisten unter stlichem Einflu, da es doch mit Mauren und
Juden nebeneinander wohnte. Die Vorliebe fr kostbaren Schmuck und
Gewandung mag es sich zum Teil von diesen, zum Teil aus seinem fast
parvenuhaft schnell erworbenen Reichtum angewhnt haben. Man nimmt
an, die Mauren htten die Behandlung der Gold- und Silberfden den
spanischen Juden gelehrt und diese erzeugten die ~guipures~ so lange
im Lande, bis sie durch die Religionsverfolgungen vertrieben nach
anderen Lndern emigrierten. Diese Juden haben wieder ihre Kunst in
der neuen Heimat ausgebt und so wurden die Gold- und Silber-~guipures~
nach Lyon, Marseille, Genua, Mailand, Lucca, Venedig und Ragusa
verschleppt. Es ist jedoch wahrscheinlich, da in Italien auch schon
vorher Goldspitzen gemacht wurden, da besonders die genuesischen
und venetianischen Rheder sehr hufig mit allen Kulturen des
mittellndischen Meeres in Berhrung kamen. Die Venetianer ~Carpaccios~
schmckten sich mit Gold- und Silber~guipures~. Die Seidenguipures,
die ein- und buntfarbigen, haben in Spanien ihr Vaterland, sonst war
dieses wenig produktiv, was Spitzen anbelangt, zum mindesten hat es
die Geschichte der Spitzen mit keiner neuen Type bereichert. Es war
stets mehr Kufer als Erzeuger, selbstverstndlich wurden, wie in allen
Klstern, so auch dort sehr schne Nadel- und Klppelspitzen von den
Nonnen verfertigt, doch kamen diese Erzeugnisse selten in weltlichen
Gebrauch und waren ganz den Venetianerspitzen hnlich. Die unglaubliche
Anzahl von Kirchen, Altren, Marien-, Jesus- und Heiligen-Statuen
wurden mit diesen Klosterwerken geschmckt, und bilden heute noch einen
nationalen Schatz. Der Bedarf des Laienstandes wurde aber hauptschlich
vom Auslande besorgt; Venetianerspitzen, ~point de France~, ~point
d'Angleterre~, ~Chantilly~ und ~Blonden~,[8] wie es die Mode mit sich
brachte. Die Annahme, da Spanien selbst im greren Stil Spitzen
erzeugt hat, ist eine irrige und kann, wenn behauptet, nicht gengend
bewiesen werden; meistens leitet man dies von der Spitzengattung ~point
d'Espagne~ genannt, ab. Nun mu man bedenken, da eine Industrie blhen
und vergehen kann, aber niemals verschwindet sie spurlos; Traditionen,
Mythen und Dokumente bleiben als sprechende Beweise fr die einstige
Existenz erhalten. Insbesondere in Spanien mute die Spitzenindustrie
eine sehr ausgebreitete gewesen sein, um den ungeheuren Bedarf dieses
reichen und prunkliebenden Volkes und den der Kolonien zu decken. Denn
nicht nur der Hof und die Granden trugen Spitzen, sondern auch das
ganze Volk, und wie nirgends anderswo wurden die Spitzen als Volants
an den Rcken und Mantillen, Volkstracht. Denn die Spitzen-Hauben der
Hollnderinnen, Flminnen und franzsischen Buerinnen, erscheinen
eine sehr bescheidene Tracht im Vergleich mit dem reichen Aufwand
der Spanierin, wo selbst die rmste immer eine schwarze und weie
Blonden-Mantille besitzt, und welche als unpfndbar gelten.

[8] Blonden wurden verhltnismig am meisten im Lande fabriziert.

~Point d'Espagne~ wird ebenso wie ~point d'Angleterre~ nur eine
Bezeichnung fr eine speziell diesen Lndern gelieferte Ware sein und
hat sich der letztere nicht von den Brsslern, der erstere nicht von
den Venetianern unterschieden. ~Point d'Espagne~ wurde hchstens im
Geschmack und Reichtum der Ausfhrung der sehr streng konservativen
Hofetikette zu Gefallen gearbeitet und es liegt sehr nahe, da der
Verkufer dem gut zahlenden Kunden aus Courtoisie seine Ware als
~point d'Espagne~ verkaufte. Dies ist eine so hufig wiederkehrende
Erscheinung im Geschftsverkehr, da man sich wundern mu, da diese
zwei Bezeichnungen allein die Basis fr eine Polemik abgeben knnen.
Wenn die sterreichischen Fabrikanten ihre Fez nach dem Balkan
exportieren, vermeiden sie es gewi, das ~made in austria~ zu betonen.

Die Spitzen, die man in Spanien in den Klstern findet, unterscheiden
sich hchstens etwas im Dessin von den venetianischen, und nirgends
findet man mit Ausnahme der ~guipures~ wirklich originelle Erzeugungen.
Man mu bedenken, Spaniens Bltezeit fllt vor die groe Spitzenperiode
-- als diese sich verbreiteten, war es bereits, wenn auch noch nicht
uerlich merkbar, im Verfall. Eine sich zersetzende Gesellschaft, ein
kriegsdurchwhltes oder durch unglckliche Politik oder wirtschaftliche
Verhltnisse gedrcktes Volk, wird zur Not seine alten Industrien
erhalten, eine Hausindustrie kann sogar zum Retter in schweren
wirtschaftlichen Krisen werden, wenn der auswrtige Handel brach
liegt; wie man dies eben bei der Spitzenerzeugung in den Niederlanden
in den traurigen und blutigen XVII. und XVIII. Jahrhunderten beobachten
kann. Aber niemals werden in solchen Perioden blhende Industrien neu
geschaffen und eingebrgert. So wre auch damit der logische Beweis
fr die Unzulnglichkeit einer wirklichen Volks-Spitzen-Industrie der
Spanier erbracht. Sie lebten und wirtschafteten so lange der Reichtum
frherer Jahre reichte, gedankenlos dahin. Der Staat trieb Raubbau mit
den nationalen Gaben, verschwendete und verwstete, was zu verschwenden
und zu verwsten war. Die Ausbeute der Kolonien versiegte auch durch
schlechte Wirtschaft mit der Zeit und diese lsten sich vom Mutterlande
los.

Spanien hat nur eine Anregung gegeben und eine Eigenart geschaffen,
das sind die bunten Seidenspitzen, und etwa noch nebst diesen die
~guipures~, wofr man Seide und Aloefaden, naturfarben oder schwarz fr
grobe Spitzen verwendete.

Im XVI. und XVII. Jahrhundert werden auf den Inseln des
mittellndischen Meeres vielfach dieselben Kultur- und
Zivilisationsverhltnisse wie in Spanien und Portugal zu finden
gewesen sein. ~Allan Cole~ reproduzierte in seinem Werke ~Ancient
Point and Pillow Lace~ auf Tafel IV eine hervorragend schne spanische
Nadelguipure aus dem XVII. Jahrhundert, die schon sehr viel hnlichkeit
mit ~point de Venice~ zeigt, ein maurisches Dessin und die sehr
schmale Zeichnung wird beiderseitig von einer stark erhabenen Cardonet
eingefat. Nadel~guipures~ werden jetzt gar nicht mehr erzeugt.

Je mehr man sich in das Studium der Spitzen vertieft, desto mehr
gewinnt man die berzeugung, da auch die Klppelspitzen ihren Anfang
in Italien hatten. ~Macram~ d. h. geknpfte Fransen und die spanischen
Metalldrahtguipuren haben die Grundlage gelegt. Beide Gattungen fhren
uns in ihren allerfrhesten Anfngen in den Orient. In Italien wurden
in vielen Stdten wie Lucca, Florenz, Venedig, Mailand, Genua, Ragusa,
Goldspitzen geflochten; ob sie diese von Spanien bernommen oder
direkt vom Orient empfangen haben, bleibt unentschieden.

Mit der Bezeichnung Guipures wird allgemein ein sehr groer Mibrauch
getrieben. Es werden hufig Spitzen, die keinen ~rseau~ haben, oder
solche mit ~rseau~, wenn sie aus grobem Material gemacht sind, als
Guipure bezeichnet.

Der eigentliche Sinn des Wortes Guipure liegt in dem Begriff des
Zeitwortes ~guiper~, welches bedeutet einen Faden um einen Achsfaden
zu rollen oder zu drehen. Tatschlich haben die Guipures alle dasselbe
Merkmal, da ihre Arbeit stets mit einer Unterlage verfertigt wird,
sei es nun ein Seiden- oder Leinenfaden, die die Basis bilden, und
welche entweder mit gleichem oder anderem Material bersponnen
wurden. Wie die Klppelspitzen von Knpfarbeit und Weberei, wie die
Nadelspitzen von ~point coup~ und ~filet~ gelernt haben, lehnen
sich die Guipures am meisten an die Passementerietechnik an, doch
knnen sie sowohl mit Nadel als auch mit Klppel gemacht werden. Die
ltesten Guipures sind aus Gold- und Silberdraht oder Seidenfaden,
ein- oder mehrfrbig gemacht. Sie waren vor und gleichzeitig mit der
~Reticella~ Mode. Sie gehren noch fast dem Mittelalter an. Hufig
ist der Achsfaden bei Gold- und Silber~guipures~ eine Seiden- oder
Leinenschnur; dies begrndet sich einerseits aus der Kostbarkeit des
Materials, andererseits aber auch in der besseren Gebrauchsfhigkeit.
Eine ~guipure~ ganz aus Metalldraht hergestellt, htte den Nachteil
gehabt, da sie viel steifer und ungraziser in der Verarbeitung
gewesen wre und schwerer im Tragen. Es sind drei eng nebeneinander
laufende Fden oder Schnrchen, die von einem Faden, lose, gewebeartig
zusammengehalten werden, und die wie beim Stopfstich, mit einer
Schlinge bei jeder Umkehr enden. Das Ornament ist bandartig in
groen Schnrkeln und Ranken gezeichnet und weist meistens frheren
Geschmacksstil auf. Diese Zeichnung wird mit ~brides~, die unregelmig
und ganz nach Bedarf angebracht sind, zusammengehalten. Die ~brides~
wie der Weberfaden der ~guipure~ ist aus feinerem Draht oder Faden
gebildet, dasselbe gilt auch von Seiden- oder Leinen-~guipures~.

Genua und Mailand gestalteten die ~guipures~ aus und es entstanden alle
Arten italienischer, franzsischer und niederlndischer ~guipures~
in erster Linie und aus diesen entwickelten sich die anderen Arten
Klppelspitzen, die -- besonders in Flandern -- zur hchsten
technischen Vollkommenheit gediehen.

Die ersten italienischen Klppelspitzen haben hufig von beiden
Gattungen den Charakter entlehnt, und in ihrer weiteren Entwicklung
dieselben Effekte verwertet; doch sei erwhnt, da kaum ein anderer
Ausdruck in der kommerziellen Spitzensprache so hufig und so
unbegrenzt angewendet wird wie das Wort ~guipure~. Alle groben Spitzen,
alle ~torchons~ und berhaupt alle Arten, die zufllig keinen sehr
populren Namen haben und nicht sehr fein sind, und keine ~rseau~
haben, werden kurzweg ~guipure~ getauft.

Man kann aber nur zwei Familien unterscheiden, solche, die wie oben
gesagt, ihren Ursprung von der Seiden- und Gold-~guipure~ ableiten, die
also eine getrennte Ausfhrung haben, das heit das ~toil~ (~Guimp~)
und der Grund; die beiden werden getrennt am Klppelpolster gemacht.
Der Faden des ~toils~ oder der ~guimp~ luft nicht wie der Faden der
Leinwand horizontal und vertikal zum Rande, sondern parallel zu den
Rundungen und Schwingungen der Zeichnung und dieses, das ~toil~, hat
nie einen dichten Rand, sondern endet stets mit einem gleichmigen
~ jour~, in dessen Rand dann der Grund eingearbeitet wurde, wenn die
einzelnen Teile verbunden wurden.

Die zweite Art wird wie die ~macram~[9] in Einem gearbeitet und das
Charakteristische derselben ist, da sie weder ~fond~ noch ~toil~
im eigentlichen Sinne, also getrennte Wirkung haben; beide lsen
oder konzentrieren sich ineinander. Sie werden stets mit der anfangs
aufgeschlagenen Anzahl Klppel fortgearbeitet und nichts dazugefgt
oder weggenommen. Und so leicht manchmal die Technik dieser Spitzen
aussieht, so verlangt sie von der Arbeiterin ob gebt oder ungebt,
stets eine groe Aufmerksamkeit, da sie fortwhrend rechnen mu und die
Schnheit der Arbeit davon abhngt, da sie die Fden richtig verteilt
und verzweigen lt, trennt und vereint, wie die Zeichnung es verlangt,
whrend der ~rseau~ jahrelange bung erfordert, aber dann mhelos und
gedankenlos verfertigt werden kann.

[9] Macram sind aus Fransen geknpfte Spitzen, wenn der Faden der
Fransen zu lang war, verwirrte er sich leicht. Der Gedanke lag nahe,
ihn auf einer Spule aufzuwickeln -- nun wurde die Spule ein Hindernis
beim Knpfen, man verkreuzte die Fden einfach oder geflochten -- dies
bedingte aber vorlufige Sttzpunkte -- erst mit der Erfindung der
Drahtstecknadel (Nrnberg 1513) konnten die eigentlichen Klppelspitzen
ausgefhrt werden.

Jedes Land hat die Technik dieser zweierlei ~guipures~ in seiner Art
weiter gestaltet und Neues geschaffen, und auch parallel mit den
anderen Nationen Gleiches geleistet.

Um vorerst bei Italien zu bleiben, sind ~a~) die eigentlichen
~guipures~ oft aus groben, ungebleichten Leinenfden und mit
erhabenen -- wie aufgenhten -- Schnrchen gearbeitet (wie schon
oben die spanischen geschildert sind) von ihnen abgeleitet, ~b~) die
Bndelspitzen; diese sind ihnen eng verwandt. Das Ornament wird durch
eine Art Band gebildet, das vorerst der Zeichnung angepat geklppelt
wurde. Die Zeichnungen sind etwas derbe Blumen und Ornamente oder
ineinander verschlungene Bnder und die Zwischenrume sind mit Klppel-
oder Nadel~jours~ gefllt und mit ~brides~ vereint.

Diese Spitzen, besonders die mit verschlungenem Bandmuster, werden
hufig zu den sogenannten Kirchenspitzen gerechnet. Die Bndelspitzen
mit geklppeltem Band sind oft leicht und zierlich verschlungen, im
Italienischen heien sie ~vermicelli~. Sehr hufig findet man an
italienischen Arbeiten dieser Art im ~toil~ in kurzen Abstnden kleine
Lcher in der Gre eines Stecknadelkopfes.

Die Litzenspitzen sind eine Abart von diesen Bndelspitzen; das
geklppelte Bandornament wird durch eine gewebte Litze ersetzt und
dadurch mu diese in der Verarbeitung an den Rundungen und Biegungen
eingehalten werden und bildet Fltchen, an den Kreuzungen liegt
sie doppelt bereinander. Solche Litzenspitzen sind, wenn auch
wirkungsvoll und dekorativ, selbstverstndlich stets etwas plump und
stellen nicht hohe Kunst vor. Aus dieser Art entstanden zu guter Letzt
die schrecklichen ~point lace~, die in ihrem Dilettantismus Europa
berschwemmten und als ~home made~ gepriesen wurden.

Die dritte Art, die sogenannten Mailnderspitzen, haben auch
Bandornamente oder Adler, Wappen und dergleichen, die als stilisierte
Motive in einem ziemlich groben vier- oder sechseckigen geflochtenen
Klppel-~rseau~ sitzen -- manchmal ist dieser ~rseau~ in Nadelarbeit,
in letzterem Fall, wenn die Techniken gemischt sind, heien sie ~mezzo
punto~. Die Mailnderspitzen sind die einzigen italienischen Spitzen,
die einen ~rseau~ haben.

Es mag daher sehr hufig vorgekommen sein, da ein solcher Grund erst
in spteren Zeiten auf alte Spitzen, an welchen der Grund zuerst
abgenutzt wurde, angewendet wurde, denn im allgemeinen werden sowohl
Klppel- wie Nadelspitzen mit der Nadel ausgebessert.

Nun mu erwhnt werden, da in vielen Fllen bei italienischen
besonders aber auch bei flmischen Spitzen dieser Art, ~Fond~ und
Motive, wenn auch separat, so doch gleichzeitig gemacht wurde, das
heit man arbeitete ein Motiv, dann sofort den ~rseau~ und legte die
~rseau~klppel beiseite, bis ein neuer Raum zum Fllen geschaffen war,
man fhrte die Klppelfden quer ber ein Motiv auf der Rckseite und
erst in spteren Zeiten entwickelte sich die ganz getrennte Art wie bei
~Bruges~ und Applikation etc.

Aus diesen drei oben geschilderten Spitzenarten haben sich die
Brsseler, die ~Bruges~ und ~duchesses~ entwickelt.

Die zweite Klasse der italienischen Spitzen knnen nur dann zu den
Guipures gerechnet werden, wenn ihre Art kein eigentliches ~toil~
aufweist, wenn sich also die Zeichnung und Ausfhrung nicht im Grund
und ~guimp~ trennt, sondern diese ein harmonisches Ganzes bilden und
sich in geflochtene Schnre oder Stbe verbreiten und in Flchen
auflsen. Die ltesten geflochtenen heien ~point de Gnes fris~
(genuesische Giupures) und wurden vielfach als Ersatz fr die sehr
teuren Nadelspitzen, die venetianischen ~Reticella~, verwendet;
sie sind aus ganz geflochtenen Zpfchen gebildet und sind meistens
Zackenspitzen, sie sehen in der Nhe wie gehkelt aus, von ferne aber
haben sie die grte hnlichkeit mit ~Reticella~, ihre Ornamente
sind ganz geometrisch. Eine Art Ornament wiederholt sich stereotyp,
das sogenannte Gerstkornmotiv, bald zieht es sich wie eine Reihe
von Kindern aufgefater Beeren im Zickzack durch die Spitzen, bald
ist es zum Kleeblatt oder sternartig zusammengesetzt. Eine andere
Gattung Zackenspitzen, auch genuesischen Ursprungs, ist offenbar aus
der geflochtenen Guipure entstanden, sie sind flach, haben dickes
~toil~, ebenfalls wie Beeren oder Kugeln, welche aus dem geklppelten
Bandornament entstanden sind, und sind mit ~brides~ verbunden. Fr
unser heutiges Auge wren sie zu plump, um sie fr den Schmuck der
Kleidung zu verwenden, aber ihre allgemeine hnlichkeit mit der
~Reticella~ verschafften ihnen im XVII. Jahrhundert groe Verbreitung
fr das brgerliche Alltagskleid der Minderbemittelten und fr die
sparsamen Kaufleute der republikanischen Gesellschaften des Westens;
man kann sie hufig auf Portrts ehrsamer Ratsherrn und Brger
abgebildet sehen. Sie haben ein neues Element in die Klppeltechnik
gebracht, nmlich die tiefeingekerbten Spitzen und runden Zacken, die
bei den Englndern ~vandyked~ heien, nach der auf Van Dyk-Portrts
abgebildeten Spitzen, die fast alle diese Formen haben. Aus diesen
Spitzen in einem Zug geklppelt, entwickelten sich die vielen groben
Leinenspitzen, welche fr den Hausgebrauch in Oberitalien verwendet
wurden. Sie sind gute, dauerhafte Spitzen mit einfachen buerlichen
aber geschmackvollen Motiven, man fand sie vielfach an gestickten
Leintchern und Bettwsche angenht, ihre Verbreitung reichte weit ber
Italien hinaus. In Tirol, Kroatien und Istrien wurden sie ebenfalls
gemacht.

Zu dieser Gruppe gehren noch die Malteserspitzen, in schwarzer oder
weier Seide oder aus Leinenfden geklppelt. -- Die Zeichnung ist sehr
einfach: Bandmotive mit Gerstkorn-Gruppen zu Kreuzen gestellt und Rder
aus ~brides~ sind so ziemlich die hergebrachten Ornamente.

Italien hat seine Technik vernachlssigt, es blieb bei der Fertigkeit
des XVII. Jahrhunderts stehen und berlie es anderen Vlkern, den
Belgiern und Franzosen, darin reiche Ausbeute an Variationen zu
schaffen. Der italienische Flachs eignete sich nicht so gut zu feinen
regelmigen Gespinsten. Daher kann man italienische Klppelspitzen
stets an ihrer relativen Grobheit des Fadens erkennen, wenn nicht an
dem Stil der Zeichnung, der etwas Grozgiges und Elegantes hat.




Flmische Klppelspitzen.


Vermutlich ist es eine Gedankenassoziation, die viele befllt, da
man sich ein altes niederlndisches Interieur gar nicht ohne einen
Klppelpolster vorstellen kann; man sieht so viele Spitzen auf allen
Portrts und die hollndischen Maler sind jedenfalls diejenigen,
welche am hufigsten die Spitzenklpplerinnen in ihren Genre-Bildern
dargestellt haben. Und doch will man dafr Beweise erbringen, so
erscheint es fast wie ein Trugschlu, man wei wenig ber die
hollndische Spitzenerzeugung und zur Geschichte der Luxusspitzen
haben sie jedenfalls nichts beigetragen; betrachtet man aber die
hollndischen Pottenkant, denkt man an die Individualitt dieses
Volkes, an ihre verhltnismig ruhige Geschichte, so meint man ohne
es vllig beweisen zu knnen, da doch frher die Klppelindustrie
sehr stark ausgebreitet war, aber aus irgend welcher Ursache frher
versiegte, als die groe Blte-Zeit fr die Spitzen anbrach; da es
also bei einfachen Erzeugnissen blieb, die zwar allgemein im Gebrauch
waren, aber schon in der dritten oder vierten Generation zugrunde
gegangen sein mgen, denn man mu bedenken, da Spitzen, die lter
wie 150 Jahre sind, zu den groen, geschtzten Seltenheiten gehren.
Daher erklrt es sich, da man von den einfacheren alten Spitzen sehr
wenig wei, weil sie zu sehr durch den tglichen Hausgebrauch abgenutzt
wurden und viel schneller zugrunde gingen, wie die sehr groen und
kostbaren Luxusspitzen. Dies ist zu bedauern, da man gerade an den
einfacheren Klppelspitzen gut die Entwickelungsgeschichte studieren
knnte.

Auch der feinste, zarteste hollndische Flachs, besonders berhmt
von Harlem, der allen nordischen Spitzen ein gewisses bergewicht an
Eleganz gegen die grberen italienischen Gespinste gab, trgt dazu bei,
in Holland Spitzen zu suchen -- um -- keine zu finden.

Die Klppelspitzen haben ihre Heimat in Flandern, Brabant, kurzum in
ganz Belgien und mit belgischen Klppelspitzen kann kein Land der Welt
in Wettbewerb treten, auch Italien und Frankreich nicht. Belgien hat
vor allem smtliche existierenden Gattungen Klppelspitzen gepflegt,
es hat den ~rseau~ erfunden und mit wenigen Ausnahmen wie Frankreich
mit ~Chantilly~ und Italien mit Mailnder ~rseau~spitzen, auch allein
ausgenutzt. Die einheimischen Klppelspitzen der anderen Lnder haben
meistens nur ~brides~ in allen mglichen Ausfhrungen oder sind getreue
Nachahmungen von flmischen Spitzen. Der ~rseau~ wurde aber nirgends
so eingebrgert, da er neue nationale Abarten im Laufe der Jahrzehnte
gebildet htte, und selbst die Imitationen wurden meistens grber und
buerlicher wie die Originale des Stammlandes gemacht.

Es erscheint daher unntig und schwer, wie schon einmal erwhnt, die
Spitzen durchwegs nach Nationalitten zu differenzieren, insbesondere
wenn sie kein besonders abweichendes Geprge zeigen. Ist es nicht
logischer, die ~Valenciennes~ unter die flmischen Spitzen zu
gliedern, als wie unter die franzsischen zu reihen? ~Valenciennes~
gehrte bis zum Jahre 1677, als es durch den Frieden von Nymwegen zu
Frankreich kam, zu den Niederlanden. Die vielerlei kleinen Spitzen,
die in der ~Normandie~ und der ~Bretagne~ gemacht wurden, tragen
alle ~Valenciennes~ oder malineartigen Typus, ebenso die Spitzen des
Erzgebirges und nirgends wurden sie vervollkommnet noch liefen sie
denen des Mutterlandes irgendwie den Rang ab; sie blieben Epigonen.

Charakteristisch gesondert erscheinen hingegen die ~Chantilly~
und Blonden fr Frankreich, wenn sie auch heute vielfach nur mehr
in ~Grammont~ erzeugt werden, so bleiben sie doch ein wesentlich
franzsisches Produkt. Und Spitzen ohne ~rseau~ kann man einige
anfhren, die ganz nationales Aussehen haben, so die russischen und
skandinavischen mit ihrem monotonen Muschelornament, das an die
versteinerten Ammoniten erinnert, und viele andere.

Klppelspitzen kann man jedoch in zwei der Technik nach hchst
verschiedene Gattungen einteilen, welche beide in Italien, Belgien und
Frankreich gepflegt wurden. Es sind erstens die Spitzen, die in einem
Zuge fortlaufend gearbeitet wurden, zweitens Spitzen, die in ihren
einzelnen Teilen separat angefertigt und dann mittelst Hkelnadel[10]
und Klppel zu einem Ganzen vereinigt wurden.

[10] Das Wort Hkelnadel knnte leicht einen falschen Begriff geben;
sie dient nur dazu, um den Faden in einer Schlinge am Rande der
fertigen Motive durchzuziehen, durch welche Schlinge ein Klppelpaar
gezogen wird.

Die ersteren werden in Belgien auf einem viereckigen, leicht geneigten
Polster gemacht, in anderen Lndern besonders fr schmale Spitzen,
auf einem muffartigen, dem die Vorlagzeichnung ringartig angepat
wird, und auf dem die Spitzen ins Unendliche fortgearbeitet werden
knnen. Man findet in allen Lndern eine Art Spitzen, die man hufig
auch Kirchenspitzen nennt, und die untereinander, sei es der ~point
d'Anvers~, oder deutsche oder italienische, ein und denselben Ursprung
haben und sehr alt sind, es sind Spitzen, die keinen eigentlichen Grund
noch Leinwandschlag aufweisen; sie sind locker und die Formen lsen
sich auf und gehen ineinander ber, kaum bildet sich in dem Gewirre der
Klppel eine kleine Insel als Leinwandschlag, gleich wird sie gelst
und verteilt sich in geflochtenen Stben (Ganzschlag und Halbschlag)
etc. Es sind dies die einfachen Flechtspitzen.

Diese Spitzen bilden die Ahnen fr die ganze Gruppe der in Einem
gemachten Spitzen. Italien und Deutschland haben sie verhltnismig
am wenigsten umgebildet und sie blieben Spitzen fr Haus- und
Kirchengebrauch. In Frankreich entwickelten sich aus ihnen die
~torchons~, die heute noch in der ~Auvergne~ tausenden und
abertausenden Hnden Beschftigung geben. Am meisten hat aber Belgien
diese Spitzen umgestaltet, so sehr, da man in der primitiven
verwischten ~dentelle d'Auvers~ kaum mehr die Verwandtschaft mit den
~rseau~spitzen erkennen kann.

In Italien gehren hieher alle buerlichen und die Dekorationsspitzen
(~guipure d'ameublement~) wie sie in ganz Oberitalien von den
genuesischen Litorale bis zur Adria gemacht werden. Spitzen in
spagatgrober, ungebleichter Leinwand sind heute berall in allen
Industriebezirken zu finden. In Frankreich wurden sie in der Auvergne
gemacht und bilden die ~torchons~ und ~dentelles d'ameublement~
(~guipure d'art~). In diese Gruppe gehren fr Frankreich noch
alle ~Valenciennes~, Lilleartigen, ~Chantilly~ und Blonden, aber
diese wurden nicht in Frankreich aus den ~torchons~ systematisch
entwickelt, sondern sie bernahmen die Frchte der belgischen Knste
und arbeiteten spter erst an der weiteren Entwicklung. In Belgien
entstanden aus ~dentelle d'Anvers~, ~point de Flandre~, Trollkant,
Pottenkant, ~point de Paris~ die primitivsten ~Valenciennes~, moderne
Valenciennes, ~Malines~, ~Binche~, ~Lille~. Aus dem aufgelsten
Maschengewirr der Antwerpenerspitzen bildete sich vorerst die ~maille
 cinq troux~ und der ~fond de neige~, spter der regelmige
Maschengrund der ~Malines~, ~Valenciennes~ und ~Lille~, die die
schnsten, dauerhaftesten und kostbarsten ~rseau~spitzen sind und
deren ~rseau~ man verschiedene Namen gibt, ~fond clair ou simple~
fr ~Lille~, ~Chantilly~, Blonden (aus blo gedrehten Fden), ~fond
double~ oder ~fond chant~, aus paarweise laufenden Fden, wie
Pottenkant, ~point de Paris~, ~Chantilly~, ~torchons~ und auch Blonden
-- geflochtenen Masche, wie ~Malines~, ~Valencienne~ und ~maille 
cinq troux~, ~Binche~, Trollkant. Zur zweiten Gruppe gehren alle
Klppelspitzen, deren Formenschlag getrennt gemacht ist, sie haben
mit Ausnahme der ~point d'Angleterre~ und ~point de Milan~ keinen
~rseau~grund.

Sie werden auf einem wie eine Scheibe drehbaren Polster gemacht, so da
die Arbeit jeweilig in die fr die arbeitende Person bequemste Lage
gedreht werden kann, sie haben stets wenig Klppelpaare in Verwendung
und dies vereinfacht die Arbeit in vieler Beziehung insbesondere,
da sie die geeignete Technik vorstellen, um grere Stcke, wie sie
unter Louis XIV. zweiter Regierungshlfte modern wurden, anzufertigen.
Sieht man also einen breiten Volant oder Schleier oder ~tablier~ mit
~Rseau~grund, kann man sicher sein, da es Spitzen sind, die in der
zweiten Gattung Technik gemacht werden mit Ausnahme der Blonden und
~Chantilly~, die in schmalen Streifen einerlei ob ~fond~ oder Dessin
angefertigt und dann zusammengenht werden.

Diese Technik wurde von den Mailnder Rseauspitzen bernommen und
die lteste Ausfhrungsart drfte wohl die eben geschilderte sein:
da man die Motive von Fall zu Fall rund arbeitete und sie gleich mit
den ~brides~ oder ~rseaus~ zusammenfgte. Man legte die Klppel
dann jeweilig beiseite und fhrte sie auf der Rckseite quer ber das
Dessin. Diese Art wurde so lange ausgefhrt, als die Zeichnung des
~Toil~ noch eine streifenweise war, sobald ganz freie, inselartige
Motive gemacht wurden, knpfte man den ~rseau~ nachtrglich in
den Rand und die Motive wurden auf runden Polster oft von mehreren
Arbeiterinnen gleichzeitig hergestellt; so entstanden ~point
d'Angleterre~, ~duchesse~, ~Bruges~, ~applikations~ etc.

Es ist ferner stets sehr wichtig, die Spitzen darauf hin zu betrachten,
ob sie flach gearbeitet sind, also ganz dem Klppelstil treu bleiben
oder ob sie mit Zufgung des Cardonet andere Wirkung hnlicher textiler
Erzeugnisse anstreben, wie der Stickerei, oder der Nadelspitzen oder
eigentlichen Guipuren, wie man es an ~Malines~, Trollkant, ~Lille~,
Pottenkant, Brabanten etc. findet.

Trollkant sind ganz eigentmliche, flandrische Spitzen, die sich
sehr in der Zeichnung an jene Spitzen, genannt ~points de Flandre~,
anlehnen; ihre Eigenart ist, da sie gleich einer Musterkarte alle
mglichen (~points-~)Schlge und Variationen aufweisen. Troll heit
auf Flmisch Kobold (wie im Skandinavischen), aber Trolly bedeutet
auch einen groben Faden, etwa dem Sinne nach den franzsischen ~la
brode~ gleichbedeutend. So mag man sich um den Ursprung dieses Wortes
Trollkant streiten, erklrt und gedeutet konnte es nach beiden werden.
Kobold und Fee haben dem gewhnlichen Sterblichen berlegene Phantasie;
das Muster ist stets wechselnd, nicht kontinuierlich, sei es nun in
der Zeichnung, oder in der technischen Interpretation, doch haben
Trollkant immer einen Konturfaden und dies, und die nicht einheitliche
Ausfhrung der Zeichnung, unterscheiden sie hauptschlich von den
~points de Flandre~; es sind dichte Spitzen mit meistens guten, alten
Zeichnungen, in nicht sehr feinem, aber regelmigem Faden ausgefhrt;
jedenfalls sind sie eine Spiel- oder Eigenart Flanderns und gehren zu
den Varianten der vielen Stmmlinge der ~points d'Anvers~, ~points
de neige~, ~maille  cinque troux~, der einfache Formenschlag, ~fond
chant~ oder ~fond double~ finden sich vereint, aber bilden noch keinen
eigentlichen von den Motiven getrennten Grund.




~Valenciennes.~


~Valenciennes~, die Wschespitzen ~par excellence~, sind leicht
erkennbar, ~toil~ und ~rseau~ werden gleichzeitig gearbeitet und
womglich mit der gleichen Anzahl Klppel. Sie gelten mit Recht als
die dauerhaftesten Spitzen, das ~toil~ ist das dichteste, welches
berhaupt vorkommt, und sieht wie feiner Batist aus. Die Klppel
werden kunstvoll verteilt und in dem ~rseau~ fortgefhrt, welcher aus
einer der ~Valenciennes~ charakteristischen Masche besteht; jede Seite
derselben ist ein aus vier Fden geflochtenes Zpfchen, je dichter
dieses ist, desto dauerhafter ist sie.

Das ~toil~ ist von keinem Cordonet-Faden eingefat, und ist ganz
flach, was ihm beim Waschen und Bgeln sehr zum Vorteil gereicht.
Daher hatte sie den Beinamen ~eternelles Valenciennes~. Der Faden des
~toil~ luft wie bei Leinwand vertikal und horizontal, bei alten
Stcken kann man beobachten, da das ~toil~ und ~rseau~ aus derselben
Klppelanzahl bestand, es wurde also nichts geschnitten. Man kann die
~Valenciennes~ in dreierlei Gattungen einteilen:

1. Die ganz alten, welche sehr groe hnlichkeit mit den flandrischen
Spitzen zeigen, haben die ~maille  cinque troux~ (welche auch
geflochten ist). Die Zeichnung bildet nicht den Rand, sondern
schlngelt sich durch die ganze Breite in einem grozgigen Muster,
Blumen und Ranken, mit Vorliebe Nelken und Tulpen, welches darauf
schlieen lt, da wirklich die flmischen Arbeiterinnen, die unter
Louis XIV. in ~Valenciennes~ angesiedelt wurden, diese Art eingefhrt
haben. Der ~rseau~ geht bis zum Rand, welcher nur durch ein doppelt
breites Zpfchen (acht Fden) und ~picots~ abgeschlossen ist; sie haben
hufig ~jours~ mit ~point de neige~.

2. Die ~Valenciennes~ wie sie noch heute ist, mit der runden oder fast
runden Masche und die ~Valenciennes~ mit der viereckigen Masche.

Die ~Valenciennes~ mit der runden Masche ist die ltere von den beiden
letzteren Gattungen. Ihr ~rseau~ wurde in ~Valenciennes~ erfunden,
weshalb diese ~les vraies Valenciennes~ genannt wurde; sie waren schn
und fein gearbeitet, das ~toil~ bildet bei beiden Gattungen den Rand,
kleine verstreute Blmchen bilden hufig die Zeichnung und im Beginne
mgen die Spitzen, in ~Valenciennes~ selbst verfertigt, sich durch
grere Schnheit ausgezeichnet haben, so da die in ~Lille~, ~Aras~
und so weiter angefertigten Imitationen als ~fausses Valenciennes~ oder
~btardes~ benannt wurden, doch mit dem XVIII. Jahrhundert ging dieser
Industriezweig in ~Valenciennes~ nieder.

Im belgischen Flandern blhte dafr diese Gattung auf, die Revolution
hatte in Frankreich die verderblichsten Folgen fr die Spitzenindustrie
im allgemeinen.

Auch wurden spter in ~Lille~ und ~Aras~ weniger kostspielige
Lille Spitzen gemacht, die unter dem Namen ~dentelle de Lille~
den ~Valenciennes~ Konkurrenz machten. Um sich ein Bild von dem
Unterschiede in der Anfertigung zu machen, sei nur erwhnt: whrend
eine Arbeiterin der ~Lille~spitzen zwei bis drei Meter im Tage fertig
stellen konnte, vermochte eine ~Valenciennes~-Klpplerin hchstens fnf
Centimeter bei zwlfstndiger Arbeitszeit zustande zu bringen, man kann
also dadurch den bedeutenden Preisunterschied verstehen.

~Mme. Paliser~ erzhlt: auf der Weltausstellung im Jahre 1851 waren
~Valenciennes~ von ~Ypres~ zu 2000 Franks per Meter ausgestellt.
Die Arbeiterin konnte in zwlf Stunden tglich nur acht Millimeter
anfertigen.

~Valenciennes~ in der Breite von fnf Centimeter bentigen zwei
bis dreihundert Klppel. Jetzt werden in ~Valenciennes~ gar keine
Spitzen in der Art und dieses Namens gemacht. Fast der ganze Bedarf
wird in Belgien gemacht und zwar ist ~Ypres~ das Zentrum davon. Im
Jahre 1830 wurde dann die viereckige, sehr klare Masche gemacht. Die
Zeichnung wurde reformiert, sogar ~jours~ mit ~point d'aiguilles~, mit
~barettes~, und ~point de neige~ gemacht.

In ~Bruges~, ~Courtrois~, ~Bailleul~ und so weiter macht man
~Valenciennes~ mit kleinen Abweichungen, zum Beispiel in der Brugher
Gegend wird die runde oder fast runde Masche gemacht, anderswo wird
das ~toil~ sehr fein geklppelt und whrend des Arbeitens werden
Nadeln hineingestochen, die dann kleine Lcher bilden. Im Ganzen und
Groen gehren aber die ~Valenciennes~ zu jenen Spitzengattungen, die
in stetiger Abnahme begriffen sind; einerseits ist die Herstellung
eine auerordentlich mhsame und langwierige, anderseits werden sie
durch die Maschine in stetig besserer Ausfhrung imitiert, so zwar, da
die feinen Sorten der Maschinenspitzen oft schwer von den echten zu
unterscheiden sind. Das ~toil~ und ~rseau~ ist schon recht hnlich,
nur an dem Rande und den ~picots~ kann man die falschen besonders nach
dem Waschen leicht erkennen. Die ~picots~ der echten sind aus zwei Paar
Fden geschlungen (vier Fden), die falschen nur aus zwei einfachen
Fadenmaschen, die nebeneinander liegen. Die ~picots~ und Rnder bei
allen Maschinenspitzen sind der schwchste Teil und der Rand zieht ein
und zerreit zuerst.

Die Zahl der Arbeiterinnen vermindert sich jedes Jahr und die jungen
Arbeiterinnen knnen berhaupt nur mehr die schmalen billigen
und grberen Waren (meistens fr den Hausierhandel) machen. Die
~Valenciennes~ wurden auch noch im Erzgebirge, der Schweiz und in
England und so weiter gemacht, sind aber niemals so fein und schn
gearbeitet wie die belgischen. Jahrelang, von Kindesbeinen auf
erworbene bung ist die Grundbedingung der Technik dieser Spitzen.




~Malines.~


Wenn die ~Valenciennes~ den Beinamen ~les eternelles~ verdienen,
gebhrt den ~Malines~ hingegen das Prdikat ~la reine de dentelles~.
Tatschlich kann mit ihr an Zartheit, Kleidsamkeit und Eleganz nur noch
die ~Binches~ konkurrieren.

In der ersten Hlfte des XVII. Jahrhunderts wurde der Name ~Malines~
im allgemeinen fr die verschiedenen flandrischen Spitzen gebraucht
und zirka von 1665 an knpft sich der Name genauer an diese
Spitzengattung an, obwohl sie damals noch nicht das Aussehen unserer
heute bekannten ~Malines~ hatte. Es war auch nach dieser Zeit gegen
das XVIII. Jahrhundert, da sich nach den Versuchen und dem Gebrauche
der verschiedenen ~fonds~, in ~Malines~ die den Spitzen dieses
Namens einzig eigentmliche Masche herauskristallisierte, welche den
sogenannten Droschelgrund oder Eisgrund bilden, jene reizende, klare
und dabei doch zarte sechsseitige Masche. An vier Seiten ist sie aus
doppelten Fden gewunden, whrend sie an den zwei Seiten, an welchen
die zwei Fadenpaare zusammenlaufen, mehrfach geflochten ist.

Der Leinengrund (~toil~) wird gleichzeitig mit dem Grund (~rseau~)
gearbeitet und der Fadenschlag luft wie bei den ~Valenciennes~
vertikal und horizontal. Ein strkerer Faden (~cordonet~) umgibt die
Contour und akzentuiert die Zeichnung des ~toil~, welches schtterer,
wie bei den ~Valenciennes~, geschlagen wird. Es wird dadurch dieses
wolkige und flaumige Geprge der Spitze hervorgerufen und steht im
reizenden Kontrast zu dem Grund der reinen und regelmigen Maschen.

Die ltesten ~Malines~ haben wie alle lteren Spitzen ein sehr
breites Dessin, so da fr den eigentlichen ~rseau~ nur wenig Raum
bleibt. Sie haben in der Zeichnung groe hnlichkeit mit den alten
Brsselerspitzen, die Technik der Ausfhrung ist grundverschieden und
bei nherem Betrachten wird sie leicht zu unterscheiden sein. Der Faden
des ~toil~ der Brsselerspitzen luft stets parallel mit der Zeichnung
und pat und schmiegt sich ihren Rundungen an.

Eine Zeitlang verwendete man in den ~Malines~ auch vielfach den ~fond
de neige~ und damals sahen sie den Trollkanten sehr hnlich, doch
kam der ~fond de neige~ wieder ab und mit dem gebteren Gebrauch
des Droschelgrundes bildete sich auch die Zeichnung zu einem den
~Malines~ charakteristischen Stile aus. Es waren kleine Blumen, zarte
Ranken und Bltter, Rosen und Margueriten, hufig waren in den Blumen
~jours~ ausgespart, welche mit ~brides~ und anderen ~fonds~ gefllt
waren, meistens bildete die Zeichnung eine ausgeprgte Bordure und der
~rseau~ war nur mit kleinen Blmchen, ~point d'sprit~ und so weiter
geziert.

Daher nannte man sie ~Malines  brides~, ~Malines  fond de neige~,
~malines  points d'esprit~. In dieser letzten Entwicklung wurden sie
ungemein geschtzt und sie waren durch mehr als wie ein Jahrhundert
hohe Mode an den Hfen von England und Frankreich. Der feinste Faden,
der stets aus Leinen war, gab ihr diesen weichen, milchigen Schimmer,
der, wie ein Autor sagte, die Blondinen, welche damals an den Hfen
regierten, gut und vornehm kleidete.

Die Ausfhrung war sehr kostspielig; es erforderte sechs Jahre
Lehrzeit, um die Masche des Yisgrondes regelmig und zart ausfhren zu
knnen. So waren es die Spitzen der Hchsten und Reichsten.

Whrend der ~rgence~ unter Louis XV. und Marie Antoinette wurden sie
fr Ruchen, Jabots, Krawatten und ~fichus~, fr Hauben und Kopfputz
verwendet. Die Etikette schrieb sie fr Sommerfestlichkeiten vor.
Die Zeichnung folgte der Mode, fr Ruchen brauchte man barbenartige
Spitzen, die an beiden Seiten mit ~picots~ versehen waren, und diese
~borduren~ wurden noch kampaniert, das heit mit schmalen leichten
Spitzen (~mignonettes~) besetzt, was ihnen, zu Ruchen gelegt, ein
ungemein duftiges Aussehen gab.

Maria Antoinette lancierte die Mode der leichten Stoffe, Linon,
indischer Mouseline, gestickter Batist wurden fr Kleider und ~fichus~
verwendet und mit ihnen triumphierten zum letzten Male die ~Malines~.

In England waren sie schon frher aus der Mode gekommen und da die
Stadt ~Malines~ ihr Absatzgebiet besonders in England hatte, verfiel
dieser Industriezweig in ihr am ersten. Die franzsische Revolution
vernichtete sie gnzlich und heute gibt es in ~Malines~ gar keine
Spitzen dieser Art und an anderen Orten hat sie gleichfalls ganz
aufgehrt zu existieren. Turnhout mit achthundert Arbeitern fabriziert
hauptschlich nur schmale billige Ware.

Napoleon war ein eifriger Bewunderer der ~Malines~ und er wollte diese
niedergegangene Industrie wieder beleben, aber es gelang ihm nicht;
es war kein Nachwuchs an Arbeiterinnen herangebildet worden, sie
verstanden nicht mehr, den Droschelgrund zu formen. Wenige alte Frauen
vegetieren noch, die sich mit Anfertigung der Malines beschftigen.

Und so leben die ~Malines~ meist nur mehr in alten Familiensammlungen
weiter und nur hie und da sieht man auf einer Ausstellung noch ein
schnes Stck moderner Erzeugung.




~Points de Lille.~


Eine Art Mittelstellung zwischen den ~Valenciennes~ und den ~Malines~
nehmen die Lillespitzen ein. In ~Lille~ wurde schon sehr frh
geklppelt, gegen 1600 wurden schwarze und weie Spitzen erzeugt,
dann imitierte man die ~Valenciennes~, welche 16 000 Arbeiterinnen
beschftigt haben. Mit der groen Vogue der ~Malines~ und dem starken
Bedarf derselben nderten die ~Lille~spitzen ihre Art allmhlich und
anstatt der ~Valenciennes~ imitierte man die ~Malines~. Die ~Lille~
sind die vulgren ~Malines~, sozusagen eine billige Volksausgabe. Sie
sehen in ihrer Zeichnung und der allgemeinen Wirkung ihren vornehmen
Schwestern oft zum Verwechseln hnlich, doch es gengt, sie nher zu
betrachten, um zu bemerken, da ihnen der den ~Malines~ eigene Charme
fehlt; sie sind steifer und ungraziser, doch ist ihre Ausfhrung eine
ungemein billigere. Das ~toil~ ist hufig sehr schmal, oft nur gleich
so breit, wie der offene grobe Faden, der es umgibt. Die Spitzen haben
meistens einen geraden Rand (doch nicht ausnahmslos). Es gibt zwei
deutlich getrennte Arten ~Lilles~, die eine, welche fr Holland, die
andere, die fr Frankreich bestimmt sind; gemeinsam sind ihnen die oben
erwhnten Merkmale und der stets aus einem ~fond clair~ bestehende
Grund, das heit es wird eine aus zwei Fden mit Hilfe von Stecknadeln
gewundene Masche hergestellt, und zwar ist diese fr Frankreich stets
sechseckig, fr Holland hufiger viereckig, auerdem gilt fr beide,
da die Maschen stets senkrecht zum Rande der Spitzen stehen, whrend
bei den Malines parallel zu diesem.

Die ~Lilles~, welche fr den Handel nach Frankreich bestimmt sind,
imitieren die ~Malines~ am strksten; sie haben sehr hnliche Muster,
oft sind ~jours~ mit ovalen Medaillons mit verschiedenen ~fonds~
gefllt in der Zeichnung der Bordren, dann gibt es auch solche, die
mehr den ~Valenciennes~ hnlich sind, oder solche, deren Dessin sich
um traubenartige Lcher oder Kreise bildet. Es gibt auch sehr feine,
zarte ~Lilles~, in welchen das Cordonet durch das ~toil~ luft,
anstatt es einzufassen. Hufig werden die Lilles als ~Malines~ verkauft
und der Kufer soll genau zusehen, da er diese Spitzen nicht stark
berzahlt.

Die zweite Gattung der hollndischen Exportartikel wird als Dutche
von den Arbeiterinnen benannt. Diese sind sehr volkstmliche ziemlich
derbe Spitzen, mit hbschen grozgigen Rankenwerkzeichnungen und ihre
Bestimmung ist meistens, fr die hollndische Nationalhaube verwendet
zu werden.

Oft ist die Zeichnung so komponiert, da sie einen Haubenflgel
ausfllt. Ihr ~rseau~ ist mit ~points d'esprits~ geziert, und in
der ganzen Art liegt etwas Traditionelles, welches kaum von der Mode
beeinflut wird. Wer erinnert sich nicht gerne an jenen reizenden
und kleidsamen Kopfputz, der die runden frischen Gesichter der
Hollnderinnen mit den blendend weien Flgeln malerisch umgibt? Als
Ersatz fr die aus ~Lille~spitzen verfertigten Hauben wird auch hufig
der billigere gestickte Tll verwendet.

Wie berhaupt in Frankreich mit dem XIX. Jahrhundert das Klppeln
vielfach abkam, war es wie in ~Valenciennes~ auch in ~Lille~, da
diese Industrie ganz nach Belgien bersiedelte, wo sie heute noch
einen recht blhenden Zweig der Spitzenindustrie ausmacht und zwar
meistens an jenen Orten, wo einstens oder noch jetzt ~Malines~ oder
~points de France~ oder Valenciennes verfertigt wurden oder werden. Ein
Hauptzentrum ist ~Turnhout~ im nrdlichen Belgien.




~Binches.~


~Binches~ sind den ~vieux points de flandre~ nahe verwandt, sie haben
wie diese keinen eigentlichen ~rseau~, sondern jenen verschwommenen,
aufgelsten Maschengrund, der den alten belgischen Spitzen ihr Geprge
gibt. Es sind in ihrer Einfachheit reizende, phantastische Spitzen;
es ist als ob ein dichter Schneefall, durch die Klppelmalerei
wiedergegeben wrde, groe, kleine und ganz kleine Flocken haben sich
sachte um eine Ranke wie eine Eisblume festgesetzt, denn so natrlich
und scheinbar kunstlos sieht der ~point de neige~ aus; die Zeichnung
pat sich dieser Zartheit an, wie ein Netz aus Fden von gesponnenem
Zucker, wie der Schatten eines gefiederten Baumes, der an einer weien
Wand hin- und hergleitet; wie ein Spinngewebe zwischen Zweigen in der
Luft gespannt sieht sie sich an, es sind Elfenspitzen. Der Faden ist
von auerordentlicher Feinheit.

Flach, ohne Cordonet, mit einem sehr losen Leinwandgrund, nur mit
~point de neige~ und hie und da einer ganz kleinen Maschengruppe
hnlich den ~fond chant~ als ~jour~ verwendet, wirken sie durchaus
nicht monoton; zart und duftig gehren sie dennoch in die Familie der
haltbarsten, der geflochtenen Spitzen; wo nur irgendwo vier Fden
zusammenlaufen, vereinigen sie sich zu einem losen Zpfchen.

Meistens haben sie einen geraden Rand, der nur durch die ~picots~
abgeschlossen ist, die Zeichnung ist auch grtenteils wie fr ein
~entre-deux~ komponiert. Das ~toil~ bildet nicht den Rand. Obwohl die
grte Mode der ~Binches~ knapp vor die franzsische Revolution fiel,
sind ihre Muster doch die der ersten Hlfte des XVII. Jahrhunderts
geblieben. Was heute an ~Binches~ gemacht und so genannt wird, verdient
kaum den Namen, sie sind schwer und in derber Ausfhrung und sehen eher
den ~point de Flandres~ hnlich. ~Point de neige~, wie sie auch genannt
wurden, gehren leider, wie so vieles Schne, der Vergangenheit an.

In der Stadt ~Binches~ wurden sie schon seit langem durch die
Allerwelts-Brsslerapplikations verdrngt. Die besseren Arbeiterinnen
wanderten zur Zeit der Krisis nach Flandern aus und nahmen das
Geheimnis ihrer Technik mit.

In ~Binches~ aber soll am Karnevalstag des ~Gilles~ mit einer mchtigen
Ruche aus ~dentelles de Binche~ spazieren gehen, der letzte Rest einer
verschwundenen Pracht. ~Sic transit gloria mundi.~




~Point de Paris.~


Ursprnglich wurden in der Umgebung von Paris ganz gewhnliche
Klppelspitzen gemacht, ~lisette~, ~mignonette~ und gewhnliche
Guipuren. Gleichzeitig mit der Grndung der Industrie in ~Reims~,
~Sedan~, ~Alenon~ etc. wurde von ~Colbert~ auch eine Fabrik im
~Chteau de Madrid~ bei Paris eingerichtet und nun gestalteten sich
die Spitzen aus. Als im XVIII. Jahrhundert die groe Nachfrage in
~Malines~ war, und gerne von Minderbemittelten hnliche aber billigere
Spitzen gekauft wurden, kamen die ~Lilles~ und ~points de Paris~
auf und es wurden diese Spitzen, wie sie noch jetzt gemacht werden,
erzeugt. Die ~points de Paris~ tragen zu sehr den flmischen Typus,
sind nebstbei Epigonenspitzen, als da man sie aus dieser Gruppe
ausschalten knnte. Ihr ~fond chant~ oder ~fond de Paris~, derselbe wie
die ~Chantilly~spitzen, scheint zwar absolut franzsisch zu sein, ist
es aber nicht so sehr, als man meinen knnte, denn der ~fond double~,
wie er auch meistens genannt wird, wurde von jeher an dem urflmischen
Pottenkant verwendet. Es ist ein sogenannter Spellegrund, ein ~Rseau~,
das mit Hilfe von Stecknadeln angefertigt wird, und zwar aus zwei
diagonalen und einem horizontalen, sich kreuzenden Fadenpaare. Es
sind Spitzen, die sich niemals durch allzugroen Ideenreichtum in der
Zeichnung hervortun. Meistens werden sie auch ziemlich gewhnlich und
in grober Ausfhrung gemacht. Ihr ~toil~ ist wie das der ~Malines~ und
~Lille~ von einem Cordonette umgeben und oft haben sie ~jours in points
de Lille~.

Meistens sind die ~points de Paris~ grber wie ~point de Lille~. Diese
Spitzen sind schon seit langem, wie die meisten Klppelspitzen, von
Frankreich ganz nach Belgien bersiedelt, sie werden in ~Turnhout~ und
~Cerfontaine~ und anderen Orten fabriziert. Man macht ~points de Paris~
auer in weien Leinenfaden auch in schwarzer Seide.




Hollndische Spitzen. Pottenkant.


Pottenkant sind originelle ganz volkstmliche Spitzen. Es ist ein ganz
merkwrdiger Vorwurf: immer und immer wieder Blumentpfe oder Vasen mit
Blumen. Da sie aber hufig sehr grazis sind und in ihrer Art einzig
dastehen, und auch technisch durchaus nicht in einer anderen Gruppe
aufgehen, so mu man ihnen einen besonderen Platz anweisen. Sie sind
so hollndisch mit ihren stilisierten Tulpen und Nelken und anderen
Blumen, manchmal mit Wurzeln im Topf, manchmal geschnitten in Vasen,
da man sie eher jenseits der Schelde als blo diesseits in Antwerpen
suchen wrde. Sie haben ein ~fond double~, wie ~point de Paris~, in dem
klar und brgerlich korrekt der kleine Topf mit seinen Zweigen sitzt.
Ein Cordonet umgibt die Zeichnung, der Rand ist meistens ganz gerade,
oft wie fr einen Einsatz (~entre deux~) gearbeitet; sie sind selten
mehr, wie ein paar Finger breit.




~Blonden.~


Man kann spanische und franzsische Blonden unterscheiden, die zwei
sehr verschiedene Gattungen unter diesem Namen vereinen; die ersten
gehren zur spanischen Nationaltracht.

Sehr liebenswrdige und anmutige Spitzen ohne hheren knstlerischen
Wert sind die Blonden, ihre glnzend weien Seidenflecken geben
ihnen einen weichen Schimmer, der sie ganz unhnlich den anderen
Spitzengattungen aus Zwirn macht, sie sind sehr auffallend und doch
nicht so kostbar, da sie von jeher der Modelaune unterworfen waren.
Maria Antoinette liebte sie sehr und sie waren bis zum Sturze des
Knigtums beliebt, dann verschwanden sie und tauchten mehrmals wieder
im XIX. Jahrhundert auf. Kaiserin Eugenie als Spanierin bevorzugte
sie auch eine Zeitlang und sie wurden in den sechziger Jahren in ganz
Europa sehr viel getragen.

Sie bieten in ihrer Ausfhrungsart vielerlei Abwechslung, groe Blumen
mit zarten ~chantilly~artigem ~rseau~ lassen den Seidenglanz sehr
zur Geltung kommen. Die feinen, schleierartigen, deren Dessin nur mit
feinen Faden wie hineingestickt ist, knnen kaum als ihre Schwester
erkannt werden. Sehr hbsch sind auch die mit silbernen oder goldenen
Fden durchzogenen. Der ~rseau~ ist meistens wie das der Lille,
manchmal aus ~fond chant~ gebildet.

Die Blonden waren von jeher in Spanien sehr geschtzt, jede Spanierin
besa wenigstens eine Mantille aus Blonden und dort in ihrer Heimat
waren sie nicht den Moden unterworfen.

Man erzhlt sich von ihrem Ursprung, -- fast jede Spitzengattung hat
ihre Legende, -- da sie von einer trauernden Mutter, von den blonden
Haaren ihres geliebten Kindes, das sechzehnjhrig gestorben war,
verfertigt worden waren. Dieser Schleier sah so reizend aus, da
bald andere Frauen versuchten, dieses Gewebe in feinen Seidenfden
nachzuahmen.

In Spanien werden sie in Barcelona zwar erzeugt, doch decken sie
keineswegs den Bedarf Spaniens und dessen Kolonien und sind nicht
so schn und gediegen, wie die in ~Caen~, ~Bayeux~, und ~Chantilly~
verfertigten. In Belgien werden sie in ~Grammont~ und ~Turnhout~
fabriziert. Im allgemeinen nimmt die Fabrikation mit dem allmhlichen
Verschwinden der spanischen Nationaltracht ab. Die Kolonien halten in
der Beziehung mit dem Mutterlande Schritt. Im XVII. Jahrhundert hieen
sie ~bisette~, beide Namen ~blonde~ und ~bisette~ erinnern daran, da
man sie anfangs aus ungebleichtem Seidengespinst klppelte, aber sie
wurden sehr hufig auch schwarz verfertigt und sind sehr hbsch und
wirkungsvoll. Die Blonden mit breiten Seidenflecken, die spanischen,
sind cremewei, whrend die sogenannten franzsischen blauwei sind und
dadurch leicht einen grauen und verstaubten Eindruck machen.




Brsselerspitzen. ~Point de bruxelles~ oder Brabanter.


Das absolut Charakteristische fr alle Klppelspitzen, welche diesen
Namen fhren, ist, da bei ihnen zum Unterschiede von den fortlaufend
gearbeiteten flmischen Klppelspitzen ihre Blumen oder der ornamentale
Leinenschlag in einzelnen Stcken am Klppelpolster ausgefhrt wird
und dann erst sie mit ~brides~ oder ~rseau~grund zu einem Ganzen
vereinigt werden. Man erkennt sie daher stets daran, da die Fden
des ~toil~ nicht wie Webfden laufen, sondern da der lange Faden,
wie die Ringe eines Baumstammes, mehr oder minder parallel zu einem
Mittelpunkte luft, ferner da dieses ~toil~ nicht von einem festen
Rand abgegrenzt wird, sondern immer wie mit einem ~ jour~-Band
umgeben ist, an dem dann spter entweder die ~brides~ oder der ~rseau~
angeschlagen werden.

Diese Ausfhrungsart hat selbstverstndlich Vor- und Nachteile.
Vorzge sind, da man dadurch beliebig groe Stcke nicht nur in der
Lnge, sondern auch in der Breite anfertigen kann, was bei in Einem
gearbeiteten Spitzen vllig ausgeschlossen ist, da die Zahl der Klppel
in das Unendliche anwachsen wrde.

Praktischen Vorteil hat diese getrennte Ausfhrung auch noch dadurch,
da man die Herstellung der einzelnen Motive mehreren Arbeiterinnen zu
gleicher Zeit berlassen kann, und da diese, was ihr Knnen anbelangt,
viel ungebildeter sein drfen, wie die Klpplerinnen der fortlaufenden
Spitzen. Natrlich erfordert das Zusammensetzen der Spitzen zu einem
Ganzen wieder sehr geschmackvolle und gebte Arbeiterinnen.

Der Nachteil der getrennten Arbeit besteht darin, da diese Spitzen
durch das Zusammensetzen durchschnittlich nicht so dauerhaft sind,
wie andere, ebenso feine, in Einem gearbeitete Spitzen; und da das
individuelle Geprge verloren geht. Diese Art der Brsseler Spitzen
haben hnliches technisches Verfahren wie die sogenannten mailndischen
Klppelspitzen und sind wie diese alt.

Die ltesten Brsselerspitzen wurden ohne ~rseau~ gemacht. Sie sind
auf einem runden Klppelpolster hergestellt, der sich auf einer Achse
dreht, so da die Arbeit jeweilig in den Kurven zu der Person gewendet
werden kann. Die Zeichnung ist breit und voll, groe Rosen und Blumen
liegen dicht nebeneinander angeordnet und sind mit ~brides picots~
vereint, die ~jours~ werden mit ~points d'esprits~ oder quadratisch
gelegten, feinen Stbchen gefllt. Einige feine Relief-Fden, die
nicht die Zeichnung umranden, sondern nur hie und da verwendet werden,
akzentuieren die Blumen wie mit aufgesetzten Lichtern, sie sehen wie
ein ganz feiner Saum aus. Man beachte, da bei den ~Malines~ diese
Umrandungen blo aus einem strkeren Faden gebildet sind und auch die
modernen Brsseler Applikations ihre Reliefverzierungen blo aus einem
Faden aufgesetzt haben.

Aus diesen ltesten Brsseler Spitzen entwickelten sich dann sukzessive
die ~duchesses~ in ihrer heutigen Gestalt, sowie die Brsseler
Applikations und die ~Bruges~ und vor allem die ~points d'Angleterre~.
Das ~toil~ jeder Blume wird einzeln gemacht und hat wie alle Gattungen
dieser Art den ~ jour~-Rand des ~toils~ an dem der sptere ~fond~
angeschlagen wird.

~Duchesses~ sind die meist verbreiteten modernen Luxusspitzen.
Die Zeichnung ist hufig ganz modernen Stils, sie sehen reich und
kostbar aus, die ~brides~ und ~jours~ sind sehr oft mit der Nadel
hineingesetzt. Das ~toil~ ist fein und eine gewisse Eleganz lt sich
ihr nicht absprechen. Aufgesetzte Reliefe, Blten und Bltter, viele
Variationen von Klppelschlgen, geben ihnen ein kostbares Aussehen.

Wer wirklich ein geschultes Auge fr Spitzen hat, wird zwar stets die
Spitzen anderer Ausfhrung vorziehen; so lange sie gediegen gearbeitet
sind, schne Zeichnung haben und nicht die leider allzuhufig
anzutreffende Marktware bilden, ist jedoch gegen die Duchesses nichts
zu sagen.

       *       *       *       *       *

Um aber auf die alten Brsselerspitzen zurckzukommen, wurden diese
in hchster Vollendung oftmals mit einem ~brides fond~, hnlich dem
~rseau rosac~ der Nadelspitzen gemacht. Es ist das der stets in
neuen Variationen auftauchende ~fond de neige~ der alten ~Binches~,
~Valenciennes~ etc., der in den Formen von den Nadelspitzen und spter
wieder vom Klppel fr die getrennt ausgefhrten Brsselerspitzen
nachgeahmt wurde, und dann ~point d'Angleterre  brides~ hie, und
spter einen sechseckigen Klppel~rseau~ erhielt, der sehr hnlich
dem der ~Malines~ ist und heute nicht mehr ausgefhrt werden kann. Die
zwei Seiten des Hexagons, die geflochten sind, sind etwas lnger, als
wie die der ~Malines~-Maschen; es sind dies die in alten Zeiten so viel
genannten ~points d'Angleterre  rseau~ und sie hatten den Vorteil
Spitzen zu sein, die den Anforderungen der damaligen Mode entsprechend
in Schrzen, breiten Volants und dergleichen greren Stcken
angefertigt werden konnten, und die zu ~points d'Alenon~ in vielfachen
Wechselwirkungen standen; das Dessin ist ganz der Auffassung dieser
kostbaren franzsischen Spitzen nachgeahmt und es herrschte zwischen
beiden, so lange sie hergestellt wurden, eine heftige Rivalitt. ber
~point d'Angleterre~ sind von allen Autoren so verschiedene Meinungen
ausgesprochen worden, da es schwer ist, sich in dem Gewirre der
Behauptungen einen Weg zu bahnen.

       *       *       *       *       *

Alte ~point d'Angleterre~ haben wunderschnen Brsseler (oder Droschel)
~rseau~, die Masche ist fast ein lngliches Viereck, es hnelt
uerlich dem ~Alenon~ oder ~Burano rseau~ zum Verwechseln, erst bei
scharfem Zusehen sieht man, da der ~fond~ geklppelt ist; auch ~brides
picot~ als Zierde kommen in Anwendung, welche ganz den ~brides picot~
der ~points d'Alenon~ gleichen; diese ~brides~ dienen nur als Beweis,
wie sehr sich der ~point d'Angleterre~ um die getreue Imitation des
~point d'Alenon~ bemhte.

Nimmt man Bcher zur Hand, so liest und findet man, da bei den Autoren
vollkommen verschiedene Ansichten, Bezeichnungen und Schilderungen von
Spitzen dieses Namens gegeben werden.

Fr die ~points d'Angleterre~ kann man absolut nur zwei Regeln
aufstellen: a) sie mssen durchwegs Handarbeit sein (also nicht
Brsseler Applikation), b) sie drfen in keiner anderen Kombination
als wie in einer spteren Louis XIV., frheren Louis XV., blichen
Herstellungsart gemacht sein, also Motive feinster Brsseler Arbeit
separat gemacht entweder mit dem ~fond brides~ oder ~brides rosac~
(~point d'Angleterre  bride~), oder mit dem feinen Droschelgrund
(Brsselerfond).

Ausnahmsweise kann man noch als ~point d'Angleterre~ Nadelmotive mit
Droschelfond bezeichnen; aber diese Art Spitzen sind heute sehr selten
geworden, so da sie nicht oft in den Handel kommen und nur mehr in
wenigen Stcken vorkommen.

Diese Gruppe der Brsseler Spitzen, inklusive die ~point d'Angleterre~,
wrde man mit dem Charakteristikon der Spitzen mit gewollten ~fonds~,
sei es der ~brides~ oder des Droschelgrundes bezeichnen knnen, whrend
die anderen, die alten Brabanter, Duchesses, Bruges etc. alle nur
den Notfond haben, weil die Zeichnung technisch nicht der Sttzen
entbehren kann. Bei ersteren ist der Fond eine Zierde, bei letzteren
ein notwendiges bel.

Als in Frankreich die ~manufactures du point de France~ an vielen
Orten gegrndet wurden, entstand in kurzer Zeit eine groe Umwlzung
in dem Aussehen der Spitzen. In ~Alenon~ wurden Nadelspitzen in
groen Volants und ~tabliers~ zum ersten Male in dieser Ausdehnung
gemacht; dies wurde ermglicht durch die in Alenon aufgekommene Art,
die Motive getrennt vom ~rseau~ anzufertigen. Dies war ganz neu, denn
selbst die genuesischen und Brabanter Spitzen, die nicht in einem Zug
mit der gleichen Anzahl Klppel gemacht wurden, sondern mit wenig
Klppeln auf rundem Polster, wurden von Fall zu Fall, wie die Arbeit
vorwrts ging, sofort miteinander verbunden. Die Arbeiterin hatte
die Spitzen auf der Zeichnung aufliegen, und nicht wie die sptere
Art der in sich abgeschlossenen Motive ganz separat zu verarbeiten.
Mit den breiten ~volants~ und ~tabliers~ wurde eine groe Umwlzung
in der Mode hervorgerufen. ~Valenciennes~, ~Malines~, alle diese
Spitzen konnten nur mehr zu Garnierungen verwendet werden, und traten
in den Hintergrund; da schufen die belgischen Unternehmer den ~point
d'Angleterre~: Klppelmotive, die wie die ~Alenon~ separat gemacht
wurden. Man konnte nun die Arbeit bei eiligen Bestellungen ebenso
beschleunigen, wie die groen Stcke der franzsischen Nadelspitzen;
~point d'Angleterre~ wurde aus Klppelmotiven mit Brsselergrund,
dem schnsten und technisch der ~Malines~ hnlichen ~fond~, gemacht.
Man sieht an den ltesten ~points d'Angleterre~ die vollkommene
Beeinflussung der Zeichnung durch franzsischen Stil, durch diese
Neuerung war die Gefahr, da belgische Spitzen ganz und gar von den
franzsischen verdrngt wrden, behoben; im Gegenteile, die ~points
d'Angleterre~ machten der franzsischen Industrie groe Konkurrenz,
denn sie hatten eine Eigenschaft, die Nadelspitzen niemals haben, sie
waren unendlich weicher und schmiegsamer und daher in vielen Fllen
besser kleidend, und vor allem trotz ihrer Kostbarkeit billiger; denn
Klppelspitzen, noch so fein und kostbar, sind stets billiger wie die
hnlichen Spitzen in Nadelausfhrung.

Da ~points d'Angleterre~ wie alle Spitzen verschiedene
Entwicklungsstufen zeigen, ist kein Wunder. Zuerst also mit ~brides
rosac~, dann dem Droschelfond, hufig mit ~jours~ aus ~brides~ als
bergang, dann Droschelfond in Streifen angefertigt und appliziert.
~point d'Angleterre~ wurde durch die baumwollene Brsseler Applikation
verdrngt und wird heute nicht mehr gemacht.

Der Streit, der sich um den Namen ~point d'Angleterre~ entsponnen hat,
fhrt zu vielen Irrtmern. Man will sie als Gattung[11] ganz leugnen;
doch mit Unrecht, denn in alten Schriften findet man sie hufig
erwhnt. Nur wre zu erklren, wieso sie zu diesem Namen kamen: In
aller Stille hatte England an seinem Reichtum und an seiner Industrie
gearbeitet, man sprach nicht viel von dem Inselvolke, es hatte kein
~Versailles~ und war damals noch nicht Mode machend, aber es war reich
geworden und der Wohlstand war in allen Klassen verteilt, es hatte
einen angesehenen Brgerstand und Patricier, wie die Niederlnder und
West- und Mittel-Deutschen, die Menschen waren energisch, fleiig
und aufwrts strebend. Zur Zeit als in Frankreich schon die groben
Miwirtschaften des franzsischen Hofes und Adels das Volk und den
Brgerstand in seiner Entwicklung hinderten.

[11] Man kann aber ebensogut diese selben Spitzen alte Brabanter, alte
Brsseler, nennen -- es erscheint mir nur angezeigt, den wirklich einst
gebruchlichen Namen zu verwenden.

Von keinem Volke hatten die Englnder so viel gelernt, wie von den
Niederlndern. Wenn es heute noch in Wolle, Tuch und Leinweberei an
erster Stelle steht, verdankt es dies den Lehren der Niederlnder,
das Praktische machte es sich zu eigen und berholte die Niederlnder
darin; das Schne aber entlieh es und wute es zu zahlen. Ein Holbein,
ein Van Dyk wurden in England gefeiert und ihre Leistungen wurden mit
Gold aufgewogen; so wuten sie die Spitzen der nahen Niederlande auch
zu schtzen und sie bildeten einen bedeutenden Ausfuhr-Artikel von
Belgien nach England. Dieses war damals nicht selbstndig in Mode und
Geschmack, wenn es aber nicht alles aus Frankreich bezog, was Luxus
anbelangt, so mag das seinen Grund darin gehabt haben, da Frankreich
alle Hfe und alle Moden des Kontinentes zu versorgen hatte und der
regen Nachfrage entsprechend, hohe Preise machte; mit den Niederlanden
und Belgien stand England von jeher in steter Verbindung, es waren
verwandte Volksstmme, Schiffervolk und Kaufleute und wenn sie nicht
direkt Ware tauschten, so geschah dies doch indirekt, durch Gesetze und
Bestimmungen fr Zlle, Begnstigungen und Verbote von Warenausfuhr,
die sich in beiden Lndern fr einander regelten. Erlie England ein zu
groes Einfuhrsverbot gegen Spitzen, antworteten die Niederlande mit
dem Boykott der englischen Wolle, bis das erstere Verbot widerrufen
wurde. Es ist selbstverstndlich, da ein reicher und angesehener
Kunde stets Rcksicht und Entgegenkommen von Seite des Verkufers
finden wird und so wurden auch die oben geschilderten Brsseler
Klppelspitzen in zusammengesetzter Ausfertigung fr den englischen
Markt ~points d'Angleterre~ genannt, da dieselben Spitzen unter dem
gleichen Namen in Frankreich Furore machten ist nicht zu verwundern.
Viele Spitzen mgen von Belgien ber den Kanal nach England und wieder
ber das Wasser nach Frankreich gewandert sein. Dieses kleine Manver
verlohnte sich der Mhe, denn Frankreich hatte sich gegen belgische
und Venetianer Spitzen-Einfuhr mit enormen Zllen geschtzt, und fr
das nicht Spitzen produzierende England war kein Zoll vorgesehen.
Auerdem war damals die Herzogin Henriette von Orleans, eine englische
Prinzessin, vielleicht angesehener und tonangebender wie die Knigin,
welche ein Scheinleben der Etikette fhrte, whrend die englische
Prinzessin, elegant und liebenswrdig, sogar eine Zeitlang als der
Flirt ihres kniglichen Schwagers galt.

In neuerer Zeit versuchten einige Autoren, es sei betont, nicht
englische, zu beweisen, da der ~point d'Angleterre~ nichts anderes
als wie der schne Vorgnger der Honitons sei, aber wie beweisen sie
es? Durch nichts. berall in den Dokumenten der damaligen Zeiten liest
man, wenn von Spitzen die Rede ist, vom ~point d'Angleterre~, er war
ganz ungemein verbreitet und es wre kaum zu begreifen, da diese
massenhaften Erzeugnisse der englischen Industrie ganz unnachweisbar
verschwunden sein sollten. Es soll das kostbare Geheimnis des schnen
Brsseler oder Droschelfonds, den kein anderes Spitzenland je zu
verfertigen wute, besessen haben und doch nirgends erwhnt werden?
Dagegen sollen die authentischen Erwgungen und Berichte ber den
schwunghaften Schmuggel der belgischen Spitzen nach England kein Beweis
sein, da England enorme Summen dafr ausgab, obwohl es zu Hause die
herrlichen und hochmodernen ~points d'Angleterre~ htte kaufen knnen.
Einmal, wird erzhlt, wurde eine ganze Schiffsladung belgischer Spitzen
konfisziert -- wie viele Tausende von Metern mssen das gewesen
sein! ~point d'Angleterre~ war eine neue Schpfung und um diese zu
lancieren, mute man einen Namen erst erfinden, denn sie mute als
etwas Neues hervorgehoben werden. So war der Name ~point d'Angleterre~
in mannigfacher Art opportun.

~Duval~ bringt ein Dokument zum Abdruck:

    ~Un arrt de Conseil d'Etat du 12 mars 1691.~

    ~Les ouvriers qui travaillent aux dentelles de fil ont depuis
    quelques annes invent une faon de dentelles faites par morceaux
    ou pices de rapport qui sont ensuite rassembles au fuseau
    appeles communment dentelles d'Angleterre ou dentelles de
    Bruxelles dont la fabrique est trs mauvaise et l'usage de peu de
    dure. Cette nouvelle faon de dentelles pourrait insensiblement
    diminuer la qualit et valeur des autres bonnes dentelles etc.~

    ~Sa Majest desirant empcher un abus si prjudiciable au commerce
    defend etc. etc.~

Freilich stammte aus jener Zeit die Einfhrung und Grndung der
~Honitons~, die aber als Spitzengattung nicht im geringsten den
Vergleich mit alten ~point d'Angleterre~ aushalten. ~Honitons~ sind
Spitzen, die groe hnlichkeit mit den ~duchesses~ haben, sie sind
im Grunde nichts anderes. Niemals aber erreichen sie den Reichtum,
die Abwechslung an Fllungen und ~jours~, diesen Stil der Zeichnung
im Einklang mit der geistreichen Interpretation wie die ~points
d'Angleterre~; wer darber sprechen will und dies behauptet, hat eben
noch nie wirklich schne alte ~points d'Angleterre~ gesehen, die
tatschlich sehr selten und kostbar sind. ~Points Honiton~ sind eben
~Duchesse~ mit meistens recht minderen Zeichnungen und einer sehr
handwerksmigen Interpretation.




~Chantilly.~


~Chantilly~ sind Spitzen, die unter Louis XIV. Regierungszeit in der
franzsischen Stadt dieses Namens aufgekommen sind. Es sind Spitzen,
die aus Seide und zwar aus der besten verfertigt wurden; meistens
versteht man darunter schwarze Spitzen, aber sie wurden auch in
Wei ausgefhrt. Es sind Spitzen, die in groen Volants und Tchern
hergestellt wurden und eine Zeitlang auf hellem Seidengrund vielfach
bei Hof getragen wurden. Die Mode fllt in die Zeit, als berhaupt die
breiten Volants fr Toiletten begehrt wurden, es sind die Spitzen, die
als erste in dieser Gre und Ausdehnung gemacht wurden. Als ~rseau~
kam der ~fond de Lille~ und ~fond chant~ (~de Paris~) in Anwendung. Sie
wurden unendlich fein und zart gearbeitet und geklppelt und der Dessin
ist mit einem strkeren Faden gebildet. Spter unter Louis XV. wurden
die Zeichnungen stark stilisiert und sprlich. ~Chantilly~ waren stets
von der Fluktuation der Mode sehr beeinflut, naturgem kamen sie zu
Zeiten von Hof- und Landes-Trauer immer wieder in Mode. So kann man
groen Bedarf unter Louis XV. -- Louis XVI., dann unter Josefine und
Kaiserin Eugenie konstatieren. Im Anfang des XIX. Jahrhunderts brachten
sie eine Neuerung, das dreieckige Tuch; diese Form wurde den damals
alles beherrschenden indischen Schals entliehen und vertrat diese im
Sommer.

Es sind Spitzen, die sehr unter der ~decadence~ der Zeichnung um die
Mitte des XIX. Jahrhunderts litten. Doch war die Ausfhrung eine zarte,
sorgfltige und kostbare.

Sie haben in der Fabrikation die einzige Eigenart, da sie in Streifen,
gleichgiltig ob ~rseau~ oder Dessin, gleichmig hergestellt und dann
durch unsichtbare Zusammenfgung zu groen Stcken gestaltet wurden.

Es war durch mehr wie ein Jahrhundert gebruchlich, da ~Chantilly~
wenigstens durch ein Stck in einem eleganten Trousseau vertreten war.
In modernen Zeiten wurden sie in grberer Ausfhrung in ~Grammont~
und Belgien hergestellt, doch da an dem Rohmaterial, einer stark und
schwerfllig gefrbten Seide gespart wurde, erreichten sie nicht den
Glanz und die Elegance der ursprnglichen ~Chantilly~-Fabrikation.
Auer der europischen Mode hatten sie eine groe Bedeutung in der
spanischen Nationalkleidung, wo sie neben den schwarzen Blonden in
Spanien und in dessen Kolonien ungemeine Verbreitung hatten.

Doch keine von allen Spitzengattungen wurde so schnell und gleich
vorzglich wie sie von der Maschine imitiert. Dies und die immer mehr
abnehmende Nationaltracht der Spanierinnen hatte zur Folge, da ihre
Erzeugnisse stark erschtternde Krisen durchzumachen hatten. ~Grammont~
machte eine solche in der traurigsten Weise durch.

Schne alte ~Chantilly~ besitzen aber heute noch einen groen Wert und
werden als Erbstcke in Ehren gehalten.

Auer diesen feinen aristokratischen Seidenspitzen drngte sich im
Wechsel der Mode ein brgerliches Surrogat der schweren Wollspitzen
ein, die zu verschiedenen Zeiten unter gewechselten Namen zum
Beispiel als Lama auftauchen und eine mehr oder minder langlebige
Modeerscheinung waren; knstlerisch haben diese nicht viel Bedeutung.
Sie wurden grtenteils in der ~Auvergne~, in ~Puy~ und Umgebung
fabriziert und tragen den grberen ~torchon~-Charakter dieser
Spitzen-Zentren zur Schau. Doch immer wieder werden diese Spitzen, von
Modelaunen abhngig, auftauchen und verschwinden, wie es der Caprice
der Mode oder dem Unternehmungsgeist einzelner groer Fabrikanten
entspricht. Die soziale Tendenz ist aber diese, da die Arbeiterinnen
immer weniger gerne schwarze Spitzen erzeugen, da dieses den Augen
ungleich schdlicher wie die weie Spitzenfabrikation ist. --




Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.




Abbildungen


[Illustration: ~POINT COUP MIT RETICELLA~]

[Illustration: ~RETICELLA~]

[Illustration: ~POINT PLAT DE VENISE~]

[Illustration: ~VENETIANISCHE NADELSPITZEN~]

[Illustration: ~BRSSELER KLPPELSPITZEN, BRABANTER ODER POINT
D'ANGLETERRE GENANNT~]

[Illustration: ~POINT D'ALENON MIT RSEAU ROSAC~]

[Illustration: ~POINT D'ALENON~]

[Illustration: ~ITALIENISCHE BAUERNSPITZEN IN DER ART DER MAILNDER~]

[Illustration: ~MALINES~]

[Illustration: ~GENUESISCHE KLPPELSPITZEN~]

[Illustration: ~VALENCIENNES BARBE~]

[Illustration: ~VALENCIENNES~]

[Illustration: ~BINCHE~]

[Illustration: ~MALINESARTIGE SPITZEN MIT SELTENEM GRUND~]

[Illustration: ~POINT DE LILLE~]

[Illustration: ~POINT D'ALENON~]

[Illustration: ~KLPPELSPITZEN IN ART DER LTEREN VALENCIENNES,
WAHRSCHEINLICH JEDOCH ITALIENISCHE ARBEIT~]

[Illustration: ~HAUBENDECKEL, BRSSELER KLPPELSPITZEN, SOGEN. POINT
D'ANGLETERRE~]

[Illustration: ~KLPPELSPITZEN IN GETRENNTER AUSFHRUNG~]

[Illustration: ~SEHR EINFACHE SPITZEN (HOLLAND UND NORD-FLANDERN) IN
EINEM ZUGE GEARBEITET~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~POINT DE LILLE~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~POINT D'ARGENTAN~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~BRSSELER APPLIKATION MIT ECHTEM KLPPELGRUND, SOGEN.
DROSCHELGRUND~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~POINT D'ALENON~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~MALINES~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~ALTE BELGISCHE SPITZEN~

~Ohne _rseau_ und ohne _jours_; sie haben nur zweierlei _toil_
(Leinenschlag). In neuerer Zeit im Bruger Bezirke nachgeahmt~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~ALTE POINT DE FLANDRE~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~ANSICHT DER VERKEHRTEN SEITE VON FLMISCHEN
KLPPELSPITZEN~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~BRABANTER IN ZWEI TEILEN GEARBEITET~

(~Stark vergrssert~)]

[Illustration: ~VALENCIENNES MIT RUNDER MASCHE~]

[Illustration: ~ALTE POINT DE BRUGES~

~Zuerst wurden die Blumen angefertigt und dann mit _Brides_
verbunden; alles auf einem runden Polster mit wenigen Klppeln
gearbeitet~]

[Illustration: ~ALTE POINT DE FLANDRE~

~Vorlufer der _Valenciennes_, _Lilles_, _Malines_ etc.~]




    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Die unterschiedlichen Schreibweisen der Spitzenbezeichnungen
    (Bindestriche, Auszeichnungen, Gro- und Kleinschreibung, Akzente)
    und Personennamen wurden beibehalten.

    Der Punkt bei _Mme_ wurde einheitlich ergnzt.

    Korrekturen:

    Inhaltsverzeichnis: VI -> VII, 50 -> 60
      Vorwort _VII_
      Malines _60_

    S. 1: Kapitelname gem Inhaltsverzeichnis hinzugefgt
      _Spitzen._

    S. 9: Aleon -> Alenon
      bernahmen den rseau die points d'_Alenon_,

    S. 16: seinen -> seinem
      oder Italien mit _seinem_ Ornamenten-Reichtum,

    S. 19: Stoppstich -> Stopfstich
      Webe- oder _Stopfstich_ bertragen.

    S. 23: verwechseln -> Verwechseln
      die zum _Verwechseln_ treu die venezianischen Reliefspitzen

    S. 28: Fischerfrau -> Fischerfrauen
      die armen _Fischerfrauen_ machten unscheinbare Spitzen,

    S. 32: Manufakture -> Manufaktur
      da die erste _Manufaktur_ in Chteau de Lonrey

    S. 36: Iniative -> Initiative
      aus der _Initiative_ einzelner Personen entstand

    S. 36: verschiedenenen -> verschiedenen
      Konkurrenz der _verschiedenen_ Spitzengattungen untereinander

    S. 37: stililisiert -> stilisiert
       zeigen kleine Blmchen _stilisiert_ im rseau verstreut

    S. 37: sogenanuten -> sogenannten
      ist mit _sogenannten_ petits pois

    S. 39: Mglicher weise -> Mglicherweise
       _Mglicherweise_ hat man frher wirklich mehr wie eine Gattung

    S. 40: point -> Point
      _Point_  l'aiguille verleugnet nie seine Abkunft von den Alenon

    S. 48: Faden -> Fden
      da sie die _Fden_ richtig verteilt und verzweigen lt

    S. 48 (Funote): Franzen -> Fransen
      Macram sind aus _Fransen_ geknpfte Spitzen, wenn der Faden der
      _Fransen_ zu lang war

    S. 56: de -> des
      ob sie mit Zufgung _des_ Cardonet

    S. 59: Valencienne -> Valenciennes
      Jetzt werden in _Valenciennes_ gar keine Spitzen in der Art

    S. 59: paar -> Paar
      der echten sind aus zwei _Paar_ Fden geschlungen (vier Fden)

    S. 60: Faden -> Fden
      An vier Seiten ist sie aus doppelten _Fden_ gewunden

    S. 61: der eigentliche -> den eigentlichen
      so da fr _den eigentlichen_ rseau nur wenig Raum

    S. 64: hollndischeu -> hollndischen
      Die zweite Gattung der _hollndischen_ Exportartikel

    S. 65: rgendwo -> irgendwo
      wo nur _irgendwo_ vier Fden zusammenlaufen

    S. 69: deren -> dessen
      den Bedarf Spaniens und _dessen_ Kolonien

    Abbildungsteil: berschrift ergnzt
      _Abbildungen_





End of the Project Gutenberg EBook of Spitzen und ihre Charakteristik, by 
Bertha von Jurie

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SPITZEN UND IHRE CHARAKTERISTIK ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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