Project Gutenberg's Die Schwgerinnen. Erster Theil., by Henriette Hanke

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.



Title: Die Schwgerinnen. Erster Theil.

Author: Henriette Hanke

Release Date: October 4, 2015 [EBook #50127]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWGERINNEN. ERSTER THEIL. ***




Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This file was produced from images
generously made available by The Internet Archive)







[ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]




  Die Schwgerinnen.

  Roman
  von
  Henriette Hanke
  geborne Arndt.

  Erster Theil.


    Ein hohes Wort! wenn uns die Schickung werth
    hlt, nicht fr uns, fr Andere zu seyn.
    ...Es wendet sich der Zeiten Blatt. Lat uns
    frhlich s'n, im Nebel auch: die Ernte kommt gewi.

      _Herder._


  Hannover, 1835.
  Im Verlage der Hahn'schen Hofbuchhandlung.




Wir versetzen unsere Leser bei dem Anbeginn dieser Geschichte in ein
weites Gemach des aufgehobenen Stiftes der Cisterzienserinnen zu Sanct
Capella, nahe dem Stdtchen Leidthal. Dieses Zimmer, viel zu colossal
in seinen Verhltnissen um wohnlich zu seyn, bietet eine himmlische
Aussicht dar, und zeigt noch die Spuren klsterlicher Pracht. Seltsam
vereint werden hier die religisen Begriffe aller Zeiten anschaulich;
doch mit gemischtem Gefhl siehet man: die Gegenwart herrscht vor.
An dem Plafond rollet der feurige Wagen des Elias. Wie zu vielen
tausendmalen mogten seit dieser Himmelfahrt die Sonnenrosse ihren Lauf
vollendet haben! aber jene Flammen sind erloschen, und der Prophet
erscheint nur noch als ein grauer Schattenri seiner Zeit. Scenen des
rmischen Cultus geben den leeren Wnden ein sinnvolles Interesse, und
ber erblaten Martern der eifrigsten Bekenner ihres Glaubens hngt
Doctor Martin Luthers Bildni gloris in einem Rahmen von echter Bronze.
Die erhabene Arbeit ber dem Kamin von schwarzem Marmor versinnlicht ein
Autodaf, und die darunter lodernde Glut, welche die Jahreszeit und der
Raum des Zimmers erfordert, dient dazu, dies Relief zu beleuchten, mit
einem Schauer fr die Phantasie, der fast die Wohlthat der empfundenen
Wrme vernichtet. Die Mbeln sind theils veraltet und doch pomphaft,
theils von neuer Brauchbarkeit und Simplicitt. Das hochlehnige Canapee,
welches gradauf strebend und in der Mitte altarfrmig zugespitzt, sich
gegen die Wellenlinien einer modernen Bergre etwa verhlt, wie die
feierliche Anstndigkeit der Etiquette zu der nachlssigen Ruhe
der Schnheit -- nimmt sich in dem berladenen Zierrath geflgelter
Kinderkpfe sogar kirchlich aus. Ueber den Huptern der Cherubim prangt
der Erzengel Michael in goldnen Waffen, und der gerissene Sammet auf
dem Sitze dieser kleinen Engelsburg erinnert mit leiser Beziehung in der
Farbe verblhter Violen an den Purpur der Eminenz. -- Der venetianische
Spiegel erreicht seine ungemeine Breite und Hhe durch eine Einfassung
von Tritonen und Delphinen, welche in kunstreichen Verschlingungen
um die glnzende Flche spielen, worin mancher geistliche Vollmond
aufgegangen war. -- Oben thronen die Meergtter ersten Ranges, und im
Frontispice -- so zu sagen -- steigt Anadyomene aus der klaren Masse
an den silbernen Bord. Das Auge des Reformators grade auf diesen Punkt
gerichtet, scheint finster an dem heidnischen Unwesen zu haften, inde
ein kaum merklicher Zug frommer Ironie den Ernst des Mundes mildert, der
wohl strkere Pfeiler erschtterte als den, der die reizende Gestalt
der Liebe in den Mauern der Entsagung trgt. Die Morgensonne des eilften
Novembers ging eben auf, und bestrahlte mit blendendem Licht die Abtei,
welche ihren majesttischen Schatten ber die den Felder ausbreitete.
Der Reif der kalten Nacht schimmerte wie Candis an den falben Resten der
Weide, und die herbe Miene des heiligen Bernhard von Clairvaux, dessen
Statue am Rande einer dunkeln Cisterne stand und tiefsinnig hinab
schauete, war wie mit Zucker bestreut. -- An einem Fenster des
beschriebenen Zimmers sa eine Frau, von der wir sagen mssen, da sie
ber die Jugend hinaus und weit entfernt von jener geflligen Anmuth
sey, die unter keinem Gesetz der Zeit steht, ohne sie deshalb dem
achtsamen Interesse unserer Leser entrcken zu wollen. Der husliche
Anzug, beinahe matronenhaft bescheiden, pate den Formen einer Figur
nett an, die in ihrer Haltung Charakter verrieth. Das Hubchen, ohne die
mindeste Genialitt dieses Putzartikels, der einen guten weiblichen Kopf
seltner beschattet, als in das vortheilhafteste Licht setzt, und sich
oft in dem kleinsten Kniff sichtbar macht -- schlo sich dicht an ein
Oval von regelmigem Schnitt. Die Beschftigung dieser Frau schien mit
der bewuten Strenge, welche sich in ihrem Aeuern offenbarte, in keiner
Verbindung zu stehen. Sie wand eine Guirlande von Immortellen,
die aufgehuft in einem flachen Krbchen, in bunter Menge und
Mannigfaltigkeit zur Auswahl vor ihr lagen. Sie schien so ganz in sich
und in diese feiernde Frharbeit versenkt zu seyn, da selbst der Sinn
des Gehrs ihre Seele nicht auf das lenkte, was ein junges Mdchen an
ihrer Seite aus der Bibel vorlas. _Wirst Du dafr die Schmerzen eines
Betrbten haben_--: diese verkndenden Worte des Jesaia sprach die
klare se Stimme mit einem schchternen Beben der Ahnung, und hielt
inne. Die Sonne blitzte herein und warf lange herbstliche Strahlen durch
die Scheiben. Der blonde Scheitel des Mdchens erglnzte, die metallne
Brstung am Fenster funkelte wie gediegenes Gold, und die trocknen
Blmchen der Dauer badeten sich in diesem ewigen Glanze.

Das Mdchen erhob das Auge blau und tief wie der Himmel, um einen Blick
in die Perspective zu richten, welche in der schnsten Morgenbeleuchtung
im melancholischen Reiz der sterbenden Natur sich in das Unabsehliche
verlor; und der Mund, auf dem noch die traurige Voraussagung des
israelitischen Sehers schwebte, lchelte so entzckt, als she dieser
Blick in eine verklrte Welt.

Da ffnete sich die Thre, und ein feines jugendliches Gesicht, dem ein
schlanker Krper folgte, schauete mit hellen braunen Augen herein. Ein
leichtes Abschrecken bei dem Hinblick auf die schweigsame Gruppe am
Fenster, und die spttische Unlust, an dieser stillen Betrachtung und
an dem Winden todter Krnze Theil zu nehmen, sprach sich in diesen
beweglichen Zgen aus.

Wie leise dies Gerusch nun auch gewesen war: die ltere Frau hatte
es dennoch vernommen. Sie wendete das Auge, und ein flchtiges Roth
berlief ihre Wange; zweifelhaft, ob als Wiederschein der Lohe des
Kamins, oder durch die Erscheinung in der Thre erregt. Diese huschte
mit zarten Fen ber das Getfel der Diele, blinzelte hinter dem Rcken
des Mdchens in das heilige Buch und sprach zwischen Schalkheit und
Pathos: hebet Eure Hupter auf -- thut Euer bses Wesen von Euch --
o! ich wei auch, was hierin steht. Dabei legte sie eine seidenweiche
Hand, der man keine Distellese im Garten der Ehe ansah, obwohl ein
Trauring an ihrem Goldfinger blinkte -- unter das gesenkte Kinn der
Aelteren und sprach: bist Du mir noch bse, Fabia? Sey gut! ich kann
Dich nicht schmollend wissen, und so lasse ich meine Idee fallen.
Bei diesen nhernden Worten beugte die hbsche junge Frau sich
mit vershnender Anmuth herab, so da ihr warmer Athem wie ein
schmeichelndes Lftchen Diejenige anwehete, welche sie frostig aufnahm.

Fabia hob den Kopf ein wenig und erwiederte: ich dachte es wohl, da Du
zur Vernunft kommen wrdest-- und indem ihr Auge die weiblich-optische
Kunst bte, die da scheel sieht, ohne einen offnen Blick zu gnnen --
setzte sie hinzu: da Du Dich nicht erkltest, Therese! Du gehest so
blo.-- Sie reichte ihr eine Nadel, zugleich stach der Blick, doch
nicht in das kleine Schalytuch, welches den wunderschnen Hals und Busen
lose umflatterte, sondern in diese Ble selbst.--

Therese steckte die Nadel verloren ein, aber nicht diese Antwort, welche
sie sichtlich zu verdrieen schien, und nun auch die Stimmung ihrer
gutmthigen Abbitte um einen tiefen Grad fallen machte. Erglhend sprach
sie: es ist schon geschehen. Du irrest, Fabia, Du irrest, sage ich
Dir, wenn Du Deine hartnckige Weigerung, in einen harmlosen Scherz
einzugehen, fr vernnftig hltst. Und wenn ich es zu vergessen suche,
da Du mir und dem Bruder eine Freude verdirbst: so geschiehet es nur,
weil ich Dich dieses abtdtenden Eigensinnes wegen am meisten bedauere.
Fabia errthete sehr. Sie ls'te schnell ein kleines Schlsselbund
von ihrem Grtel, und gab dem Mdchen einen entfernenden Auftrag. Dann
sprach sie, und ein krampfhaftes Zucken unterdrckten Zornes flog um
ihre Lippen: diese Aeuerung ist ganz in Deinem Geiste. Spare Dein
Mitleid fr Dich selbst, Therese, Du wirst es einst brauchen. Herr der
Gte! mu ich mich so behandeln lassen in Gegenwart des Kindes? hast
Du keine Achtung fr mich und meine Sinnesart, so solltest Du doch
Josephinens Jugend schonen. Willst Du das Mdchen auch verderben?

Theresens Stirn flammte. In grter Aufregung entgegnete sie:
verderben? _auch?_ Wer ist verdorben? ich mu bitten, da Du Dich in
Deinen Ausdrcken migest. Ein verderbtes Herz trachtet nach Schaden,
ist feindselig und mignstig; ich aber gnne der ganzen Welt ihr
Vergngen, wenn sie mir nur das meine lt.

Fabia stand auf. Mit einem gewissen Hervortreten ihrer Meinung, doch das
innerste Gefhl noch immer bezwingend, sagte sie: ich hasse nun einmal
jede Falschheit, und halte Verstellung, von welcher Art sie auch sey,
fr Snde. Und Comdie spielen ist eine solche.

O! die schlimmste ist es nicht-- entgegnete Therese: es ist nur
eine kleine ergtzliche Lust. Und indem dieser verwehrte Genu in allem
Schimmer der Einbildungskraft vor ihrer Seele stand, so da es ihr vor
den Augen flimmerte, in welche Thrnen des Verdrusses drangen, rief sie
verblendet von Schmerz und dem Reiz jener zerrinnenden Illusion aus:
der arme Clestin! es wrde ihm ein kstlicher Spa gewesen seyn! Du
aber wirst ihm mit tiefsinnigem Ernste einen Kuchen backen, und ein
Capitel aus der Bibel lesen.

Fabia erbleichte. Sie sagte schneidend: dies drfte ihm heilsam seyn,
wie Dir. So hre nun dies: Die Du in Wollust lebest und so sicher
sitzest, und sprichst in Deinem Herzen: ich bin's, und Keine mehr. Ich
werde keine Wittwe werden-- die Hand, welche Fabia auf diese Stelle
legte, zitterte stark, und ihre Stimme wankte, als sie das Wort:
_Wittwe_ aussprach, als lge in diesem Verhltni jene erschtternde
Beseitigung, die dem Unglimpf freies Spiel erlaubt.

Aber mit einem Lcheln unsterblichen Leichtsinns wies Therese den
Vorwurf der biblischen Prophezeihung von sich ab. Sie kannte die
Selbstndigkeit der frommen Fabia und lie sich nicht irren. Statt des
unntzen Geznks um eine bereits aufgegebene Sache, warf sie die Last
dieser Scene ber die Seite, und sprach: genug des Aergers. Nochmals,
ich verzeihe Dir, was Du auch gegen mich denken mgest. Du thust mir
leid: denn Du kannst nicht anders.

Dieser Ton der Ueberlegenheit eines Gemths, welches die schroffe Fabia
so tief unter sich glaubte, steigerte ihre Erbitterung aufs Aeuerste.
Sie wollte sprechen -- aber Therese wendete den Fu, und prallte
an einen jungen Mann, der unbemerkt von den streitenden Parteien
eingetreten war, und nun als Schiedsrichter vor ihnen stand. -- Es war
Herr Prlat, der Administrator des Stiftes, dessen Schwgerinnen wir
in den beiden Damen vorlufig kennen gelernt haben. Der Zufall hatte
es seltsam gefgt, da ein Mann, der so hie, Vorsteher dieses weiland
geistlichen Hauses wrde; allein ein Blick auf seine Persnlichkeit
reichte hin, ihn selbst von dem Begriff seines Namens zu unterscheiden.
Diese Gestalt, der eines Growrdentrgers der Kirche durchaus nicht
hnlich, ragte ber das gewhnliche Ma hinaus, und schien von innerer
Thtigkeit zu sehr angeregt, um vllig zu seyn; das schmale etwas
blasse Gesicht hatte mehr den Anschein einer krnklichen und deshalb
enthaltsamen Constitution, als den eines klosterherrlichen Lebens in
=bona pace=, und dieses gebietende Auge, obgleich getrbt -- war voll
Feuergeist einer andern Tiefe, als des khlen dunkeln Lagers, wo die
Sonnenkrfte alter Jahre verschlossen glhen.

Er schlang seinen Arm mit brderlicher Traulichkeit um Theresens
schlanken Leib, sie aufzuhalten, und sprach: wohin so eilig? Was ist's?
Du schweigst, Fabia? und Dein Auge verbirgt Thrnen? ich will nicht
frchten, da ein Zwist -- stehe Du mir doch Rede, Therese! Mit diesen
dringenden Fragen flog der betroffene Blick des Administrators von einer
Schwgerinn zur andern.

Therese aber strebte fort. Als wnschte sie der weitern Verantwortung
nun los und ledig zu seyn, entwand sie sich ihm und sprach flchtig: es
war so wichtig nicht -- lasse es Dir nur von Fabia erzhlen. Vielleicht
war es eine kleine Rache, da Therese im sichern Gefhl, fr Wessen
Sache der Schwager sich entscheiden wrde, den Vortheil des Vortrags
Jener berlie.

Nein, bleib! forderte der Administrator: so sprich doch, Fabia! ich
will es wissen! werde ich es nicht erfahren?

Mit niedergeschlagenen Augen und gekrnkter Stimme sprach Frau Fabia:
ich mu Dich ersuchen, mein Bruder, da Du mich in Zukunft vor
Beleidigungen schtzest, die ich lnger weder ertragen kann noch
darf. Meine stille Weise will ich immerhin verspotten lassen; aber das
Heiligste soll man mir nicht antasten. Das greift mich an die Seele.
Sie brach in heies Weinen aus, und Fabia weinte selten oder nie. Des
Schwagers Auge traf Theresen. Diese aber hielt den zrnenden Blitz aus,
der nicht zndete, zuckte vornehm mit den runden Achseln als beklage sie
die Erbrmlichkeit der Anklage, hob den Blick zu den Wolken der Decke
und sprach: welch ein Aufheben um Nichts! ich will es Dir in Krze
sagen. Wir waren am Sonntag Abend bei Gottschalks drben frhlich,
fhrten Sprichwrter, Charaden auf-- Erlaube! fiel hier Fabia
ein, mit einem Tone, der nicht im Klange einer abhngigen Bitte an die
Wortfhrerinn erging, das ganze Gebiet blicher Gemeinpltze reichte
nicht aus fr dieses muthwillige Treiben -- denn Narrenspiel will Raum
haben -- man suchte ihn auf kirchlichem Boden. Die reiche Sprache mute,
schnde genug, eine Benennung hergeben, um die geistig Armen lcherlich
zu machen. Sie spielten: Wiedertufer, und das heilige Sacrament ward an
dem Tchterchen der Gerichtshalterinn verhhnt.

Ich sehe nichts Uebles dabei, sagte der Administrator begtigend nach
einer kleinen Pause, jene rasende Rotte hat die Taufe auf eine frevle
Art gemibraucht.

Ach! sagte Therese lachend, von irgend einem Frevel konnte ja
berhaupt die Rede gar nicht seyn. Wir waren nur lustig, ich versichere
Dich, lieber Clestin, und der alte Halderich brachte jenes Wort in
Vorschlag. Bei den Sylben: Tufer, sah Gottschalk als Vierfrst so
frchterlich possirlich aus, da wir Alle vor Lachen sterben zu mssen
glaubten. Ich, die Tochter der Herodias, tanzte kosackisch vor ihm
-- der starke Punsch war mir ein wenig in den Kopf gestiegen. Dann
costmirten wir uns schweizerisch, die Gerichtshalterinn brachte eine
zinnerne Barbierflasche, ein Urerbstck -- zur Taufkruke herbei, und an
Helene trieb ihr Vater den Teufel der Widerspenstigkeit und des Muckerns
aus, der die Kleine bisweilen plagen soll. -- Wem, ich frage Dich,
geschah nun hierbei ein Leides?

Fabia! sprach ihr Schwager sanften, tiefen Tones; er htte die hchste
Vernunft, den Gott des Friedens selbst mit keiner andern Stimme anrufen
knnen. Doch Fabia antwortete mit erzwungener Ruhe: hre nur weiter! es
kommt noch besser.

Ja, rief Therese leidenschaftlich, hre nur weiter! es kommt noch
_schlimmer_. Es ward immer hbscher, bei Gottschalks nmlich. Wir kamen
mehr und mehr in den Zug, und endlich auf den Einfall, Dir zu Deinem
Geburtstage knftigen Monat, ein kleines Schauspiel zu veranstalten.
Dieser Plan, einstimmig aufgenommen, machte uns unsgliches Vergngen in
der Idee. Doch Fabia, als Schlsseldame des Hauses, verweigerte uns
zur Ausfhrung das Local und ihre Theilnahme. Wir wnschten das grne
Bogenzimmer fr diesen Zweck, und baten, da sie eine kleine alte
anspruchslose Rolle bernhme.

Ein Schatten jugendlicher Prtension vernderte hier die Zge der
ernsten Fabia, welche kalt und schweigend wie eine Bste zuvor gewesen.
Sie warf einen Blick unaussprechlicher Verachtung auf ihre Schwgerinn
und sprach: freilich, mit einer Inamorata warst Du so gtig, mich zu
verschonen -- die spielst Du selbst.

Therese hielt es vermuthlich nicht fr nthig, darauf zu antworten. Sie
wendete sich zu dem Schwager, und sagte wie zum Schlu: Du weit nun,
worber wir in Streit geriethen -- _mir_ war er abgemacht.

Und warum warst Du dagegen? fragte der Administrator beklommen die
Unvershnte, und abermals nach einer kleinen peinlichen Pause.

Es luft wider meine Grundstze, erwiederte Fabia finster, und
trocknete die Thrnen, welche in einzelnen Tropfen, wie nachfallend
einem schweren Wetter, ber ihr Gesicht flossen.

O, gute Fabia! Deine Grundstze sind sehr streng! sagte Herr Prlat
mit bitterm Lcheln, wenn wir solch einen Mastab an die kleinen
Freuden des Lebens legen wollen, so wird der arme Mensch zu kurz
kommen. Ich sehe nichts Verwerfliches in der ganzen Sache, wohl aber
ein gestrtes Vergngen, fr dessen Absicht ich dankbar seyn mu. Der
Geschmack am Schauspiel ist ziemlich so alt wie die Welt, und der Trieb,
sich anders zu zeigen, wie er ist, dem Menschen angeboren.

Leider! sprach Fabia, deshalb ist es nothwendig, da man ihn
bekmpfe. Wir sollen wahrhaft seyn in Wort und That.

Dies drfte doch tiefer gemeint seyn, liebe Schwgerinn-- versetzte
der Administrator etwas leise, wie wenn er die Wirkung dieses
Widerspruchs mildern wolle, als was man unter der Mummerei einer
kleinen Posse, ja selbst unter dem Versuch begreift, die Geheimnisse
der Schmerzen, die Ble der Leidenschaften und der Wunden, die das
Schicksal schlgt, in dem Gewande dramatischer Poesie darzustellen. Der
wahre Gott hllt sich in die Natur, und wir erkennen ihn im Innersten
unseres Gemths.

Ja, fgte Therese mit einem leichten Uebermuthe hinzu, der wie
Champagnerkork auf dem Oberwasser schwamm, welches sie durch den
Beistand ihres Schwagers gewonnen, Jesus Christus selbst, ich wette!
wrde nichts Arges an unserm Scherz gefunden haben; die Scheinheiligkeit
nur war ihm verhat. Und ich erkenne nun, sagte Fabia, whrend sie
mit bebenden Fingern eine Immortelle zerpflckte, da es an der Zeit
fr mich sey, ein Haus zu verlassen, dessen Freuden ich verkrzte, und
dem ich nur in seinen Vergngungen strend bin. Ich tauge zu weiter
nichts, als einen einfltigen Kuchen mit Bedacht zu backen, wie Therese
mir vorwarf, und ein Capitel aus der Bibel zu lesen, deren Sinn ich
nicht einmal verstehe, wie mir so eben bewiesen worden. Ein armseliges
Talent, das meine, gegen die Vorzge Anderer! -- So will ich denn gehen.
Es wird doch irgendwo ein stilles Pltzchen fr mich geben, wo man mit
Arbeit und Gebet Ruhe finden kann fr seine Seele.

Gott des Lebens! rief der Administrator auer Fassung, mu es dahin
kommen? Wer ist's, der unter diesem Zwiespalt leidet, als ich? Fabia!
httest Du Dich jemals ber mich beklagen knnen? -- ich achte jede
Individualitt, und ehre die Deinige nach Verdienst. Therese! biete
die Hand zuerst, Dir kommt es zu, Du bist die Jngere. Ich habe es
gethan, sagte Therese etwas eingeschchtert von diesem Ausgange, ich
kam mit gutem Herzen hierher; der Himmel und Josephine ist mein Zeuge!

Der Administrator schien dieser identischen Berufung Glauben zu
schenken. Er sprach: Du hast Fabia gewi nicht krnken wollen. Auf die
Comdie verzichte ich gern; aber liebe Schwestern, lat das Band
der Eintracht mein Angebinde seyn, so werde ich mich heute schon wie
neugeboren fhlen. Es wrde doch nur ein kleines Schauspiel werden,
antwortete Fabia mit entschlossnem Lcheln, und Du weit, mein Bruder,
ich bin ungefgig dazu.

Gehe, Therese! sagte Herr Prlat, und es schien, als ob nur grere
Zutraulichkeit zu dieser Schwgerinn sie verweise, lasse mich mit Fabia
allein. Therese ging. Alsbald fate der junge Mann die runden Arme
Fabiens so fest, da sie an diesem Drucke die innere Bewegung empfand,
in der er sprach. Fabia! das konntest Du mir thun? mu ich Dich an
Deine zrtliche Sorge fr mich erinnern?-- Sieh! wolltest Du mich
verlassen, ich knnte Dich nicht halten; genug, da ich mich an das
Bewutseyn hielte, ich htte es nicht um Dich verdient. Fabia war
ergriffen, dennoch sagte sie: Du behltst ja Theresen--

Ja, antwortete ihr Schwager, und ich werde, was auch geschehe, mein
Wort nicht brechen, welches ich dem Bruder gegeben.

Die Entschiedenheit eines Mannes verfehlt nie ihrer Wirkung auf die
Frau, selbst wenn sie verschroben, oder in minderem Grade weiblich wre.
Die Erklrung des Schwagers hatte das Eis von Fabiens starrem Sinne
gebrochen. Sie zerschmolz in Thrnen, und sprach: mu es mich nicht
schmerzen, da Du ihr alles gut heiest, selbst das, was mich emprt?
vergeht wohl ein Tag, ohne da ich ber sie seufzen mte? kommt je ein
gottesfrchtiger Gedanke in ihre Seele? kannst Du mir den geringsten
reellen Nutzen nennen, den ihr Daseyn hier hat?

Sie giebt Dir Gelegenheit, antwortete Herr Prlat wie mit dsterm
Spotte auf die vorwurfsvollen Fragen seiner Schwgerinn, Dich in einer
der schnsten christlichen Tugenden zu ben: der Duldung. Gnne ihr die
Luft dieses abgeschiedenen Aufenthaltes; betrachte sie wie eine Blume,
die fr kurze Zeit zwischen diese Mauern verpflanzt ist, und von der man
nichts verlangt, als da sie ihre Stelle einnimmt.

Man wird keine Trauben lesen von den Dornen-- entgegnete Fabia
tiefathmend. O! diese Blume ist giftig--

Nein, gute Fabia! hchstens nur ein wenig betubend-- sprach der
Administrator und lchelte zerstreut. Sey doch nur billig! fuhr er
in ernsterem Tone fort, und berlege, wie verschieden von Dir, Therese
ihrem Naturell, ihrer frheren Lebensweise nach, denken mu, und
ungerecht wre es von Dir, wenn Du deshalb mit ihr rechten wolltest.
Im Gerusch der Welt erzogen, entbehrt sie hier alle Freuden, an welche
ihre Jugend gewhnt war. Sie ist nicht geeignet, sich an irgend eine
Pflicht zu binden, und unter so precairen Umstnden erst gar nicht.
Dies hat der Himmel wohl gewut, und so ist ihre Ehe seltsam genug ohne
Zusammenhang dieses Verhltnisses. -- Ihren kleinen Speculationen stehet
landwirthschaftliche Industrie entgegen; vor den Maschinen, die den
den Raum von Sanct Capella fllen, kommen die Neigungen einer jungen
lebendigen Frau nicht an das Brett -- und wollte Therese auf Eroberungen
ausgehen: so she sie sich von einem invaliden Kreise umschlossen, der
in der schlfrigen Ruhe des Klosters von seinen Siegen trumt.

Fabia antwortete: o! Therese besiegt auch wachsame Leute -- und bt
ihre coquetten Knste vor sehenden Augen.

Ein wundes Lcheln zuckte ber das Angesicht Dessen, welcher der
Gegenstand jener feindseligen Bemerkung war. Er seufzte, legte wie
unbewut die Hand auf seine linke Seite, als fhle er dort Schmerz, und
sprach: Fabia! la uns dies Gesprch enden; doch vernimm zuvor meine
Bitte: mache Theresen Deine Frmmigkeit liebenswrdig! versuche es
einmal mit freundlicher Gte. Ist nicht Friede mit sich und Andern die
weiche Blthe der Religiositt? -- Denkst Du nicht, da es mich betrbe,
wenn Jemand gezwungen wre, Deinen Werth zu verkennen und Deinen Glauben
dazu, dessen Frchte fr ihn zeugen sollen? fle Theresen, diesem Kinde
an Vernunft -- sanftmthigen Geistes, die Milch einer besseren Liebe
ein, als welche vielleicht die Nahrung ihrer eitlen Wnsche gewesen,
und strke sie fr das Leben der Seele. Dann strkst Du auch mich -- und
wahrlich, Fabia! ich bedarf es. Als ich krank war -- diese Zeit, deren
ich mich nicht gern erinnern mag, weil mich mein Befinden noch tglich
daran mahnt -- hat mich Dir auf ewig verpflichtet. Du lauschtest, mir
alles an den Augen abzusehen, was mich laben knnte -- willst Du, da ich
kaum -- kaum genesen bin, hrter gegen mich seyn? erquicke mich durch
Eure Vertrglichkeit! ich wollte sonst, ich lge im Grabe.

Diese Worte, in berwallendem Unmuth gesprochen, waren von zureichendem
Einflu. Fabia reichte dem brderlichen Schutzherrn die Hand, und sah
ihn mit bangen Mienen an. Sie sagte besnftiget: mikenne auch Du mich
nicht, mein lieber Bruder. Es ist wohl schwer, in nchster Gemeinschaft
auszukommen mit Dem, der das grade Gegentheil von uns ist, wie Therese
von mir. Was hilft ihr sogenanntes gutes Herz? es ist nur Temperament.
Sie denkt an nichts Ernstes und Edles; ihre Zeit, dies Capital, was uns
der Herr der Ewigkeit geliehen, wird in Tand verschwendet. Sie wuchert
nur mit ihren Reizen. Am huslichen Heerde brennen ihr die Sohlen. Sie
fngt -- was ich nun vor den Tod nicht leiden kann -- hundert Arbeiten
an, ohne eine zu vollenden. Der Flei erscheint ihr wie eine Frohne,
gegen die sie einen Freibrief zu haben meint. Alle Ordnung ist ihr
lcherliche Pedanterie -- jngst hat in einer kostbaren Wollestickerei,
die sie in den Winkel geworfen, die Katze Junge gehabt. Den
Administrator wandelte das Lachen an, aber sein Blick grollte in
Wehmuth, die den Komus dieser Anschuldigung entkrftete. Er hatte,
whrend ihm Fabia Theresens Fehler aufzhlte, ein paarmal schwer
geseufzt, ber die Unart der Frauen, nachdem ein vernnftiger Mann sie
berzeugt zu haben glaubt, ihre Beschwerde immer wieder zu erneuen.
Diese Verdammni manch huslicher Hlle ist gleich der Strafe des
Sisyphus.--

Und was mir am meisten Kummer verursacht, fuhr Fabia fort: ist, da
ihr Beispiel endlich dem Kinde, der Josephine, nachtheilig werde, um so
mehr, da es ihr nicht an verfhrerischen Gaben fehlt. Josephine spricht
ihr, wie wenig sie redet, bestndig das Wort; das ist schon ein bles
Zeichen.

O Fabia! sagte ihr Schwager mit innigem Tone: es ist das Zeichen
eines heiligen Gemths, in dessen Reinheit alle Flecken des Nchsten
verschwinden, einer himmlischen Demuth, die nur an die eigene Fehle
denkt. Die Unschuld beschtzt sich selbst. Und sollte ja durch den nahen
Umgang Theresens eine schdliche Einwirkung auf Josephine zu befrchten
seyn: so wird Deine _Strenge_ -- Herr Prlat betonte, was er sagte, und
es lag ein leiser Vorwurf in seiner Accentuation--: dieser mglichen
Gefahr schon zu begegnen wissen.

Fabia erwiederte hierauf: man kann nicht strenge genug seyn in Sachen
des Gewissens, und das Bewahren dieses Mdchens ist eine Gewissenssache
fr mich.

Der Administrator wollte sprechen, da kam ein Bote, der ihn abrief. Er
zgerte zu gehen. Noch einmal fate er ihre Hand, sah ihr freundlich ins
Gesicht und sprach: Du bist also wieder gut? wir scheiden als Freunde,
oder vielmehr wir scheiden nun nicht? Und Therese?

Fabia lchelte. Ich werde sie vershnen-- sagte sie versichernd. Da
zog er ihre Hand an seine Brust, drckte mit heien Lippen einen Ku
darauf, und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.

Wie stark sein Herz klopfte! sagte Fabia leise und ngstlich zu sich
selbst, und diese Besorgni galt mehr der fieberhaften Wallung des
erhitzten Blutes, als der nervsen Strung, welche diesen Umlauf
beschleunigte. Fabia hatte den zartesten Sinn fr den krankhaften
Zustand ihres Schwagers, und zugleich eine stumpfe Hrte in Betreff
alles dessen, was seiner Seele wohl thun knnte. Das kleinste
krperliche Uebel regte ihre wohlwollenden Krfte ihm abzuhelfen auf,
whrend sie in kalter Gleichgltigkeit verharrte, wo sein Inneres litt,
wenn es auch in ihrer Macht gestanden htte, dieses tiefere Weh zu
lindern. Sie erschpfte sich in dienstlicher Beflissenheit, inde es
ihr ein Leichtes gewesen wre, die bittere Quelle zu verstopfen. -- In
diesem Widerspruch lag all der Egoismus, durch welchen Frauen solcher
Art die Wirkung einer pietistischen Moral verkmmern, wogegen die Liebe
in ihren Fehlern sogar -- heilbringend wird.

Es klopfte sacht an die Thre, und als Frau Fabia: herein! gesagt,
erschien eine ehrwrdige Gestalt, die einzige noch brig gebliebene
Nonne von der Gesammtschaft des aufgels'ten Ordens, welche die
Vergnstigung nachgesucht und empfangen hatte, in Sanct Capella den Rest
ihrer Tage beschlieen zu drfen. Das fromme Stillleben der Nonne hatte
sich wenig gendert, seit jener Catastrophe, welches die Verfassung des
reich fundirten Klosters strzte, und in dem Muth, womit sie als eine
einsame Ruine unter den geweihten Trmmern ihrer Welt begraben zu werden
wnschte, bewhrte sich eine wahrhaft hohe Seele. Schwester Veronica
verzehrte hier ihre Pension, in wunderlicher Zusammenstellung mit einer
Anzahl Offiziere, die eben so die Mittel zu ihrer Subsistenz in einem
Gnadengehalt aus der Staatscasse erhielten. Der Administrator, ein
guter Cameralist, hatte die glckliche Idee gehabt, einen Theil dieser
Zuflsse in die Einknfte des Stiftes zu leiten, worin die kleineren
Wohnzimmer und greren Sle des weitluftigen Gebudes fr solch
einen Zweck zu benutzen wren, und seit Herr Prlat mit Genehmigung
der Behrde dies in ffentlichen Vorschlag gebracht, hatten sich zwlf
ausgediente Krieger gefunden, welche alle unter einander bekannt, dies
Anerbieten mit Freuden ergriffen, und den politischen Streit weltlicher
Interessen gegen die friedliche Geselligkeit eines Invalidenhauses
aufgaben, das ihnen kaum reizender gelegen seyn konnte. So mischte sich
denn das Gerusch manch welken Lorbeers mit den stillen Schatten der
klsterlichen Palme von Sanct Capella. -- Dieser militairische Club
bestand nun neben dem Familienleben des Administrators, neben der
Clausur der geistlichen Jungfrau, ohne da diese verschiedenartigen
Verhltnisse durchaus umgnglich geworden wren. Zwar hatte der junge
Prlat unter den alten Offizieren Einige, die seine Achtung von den
Uebrigen sonderte, auch einen Freund--; aber diese Auszeichnung that
weder dem guten Vernehmen mit Allen, noch der Zurckhaltung Eintrag,
die er im Ganzen beobachtete. Auch war sein Wirkungskreis sehr gro und
forderte all seine Zeit, und fr die wenigen Stunden der Mue, welche
ihm vergnnt waren, sprach das Bedrfni mchtig in ihm an, sich
wissenschaftlich zu beschftigen. Und mitten unter diesem invaliden
Ruhestande, der doch zuweilen, alter Gewohnheit nach, ein lrmender
Aufstand wurde, wenn auch der renommirende Sbel in friedsamer
Scheide stack -- mitten unter der rastlosen Geschftslosigkeit des
Administrators und seiner Leute -- war die Wohnung der Schwester
Veronica, gleich einer Einsiedelei zu betrachten, worin sie, wie die
Schutzheilige des Hauses, Segen durch ihre fromme, lautlose Gegenwart
verbreitete. Sie hatte sich den Schwgerinnen des Herrn Prlaten
herzlich befreundet, wie dem Stiftsverweser selbst, Josephine war ihr
Liebling -- dennoch geschah es nur selten, da ihr Besuch in dem Flgel
gesehen wurde, den der Administrator mit den Seinen bewohnte. Doch so
oft Jemand in dieser Familie krank war, ob am Leibe, oder an der Seele
-- und es war, als ob die Nonne es durch Inspiration erfhre, wo ihr
Rath, ihr Trost nthig sey -- kam sie ungerufen, und man war daran
gewhnt, das milde Gefhl der Theilnahme an ihr Erscheinen zu knpfen.
Dazu trug selbst ihr _Aeueres_ bei. Schwester Veronica hatte mit
Ergebung die ihr liebgewordene Tracht der Ordensregel aufgegeben; aber
ihr einfacher Anzug nherte sich derselben so sehr als mglich. Ein
Schleier der Weltentsagung wallte unsichtbar nieder an dieser Gestalt,
welche, trotz der Brde von siebenzig Jahren und mancher beugenden
Erfahrung, sich vollkommen aufrecht erhalten hatte. Ihre Stimme tnte
rein und sanft, wie in leisen Nachklngen der Hora -- und in dem
Tiefblick ihrer Augen glomm noch ein schwacher schwrmerischer
Funken jener ewigen Lampe, womit sie einst in nchtlicher Stunde dem
himmlischen Brutigam entgegen gegangen war. Lichtvolle Klarheit war
ber die Zge der Nonne ausgegossen, wie wenn blasser Mondschein
einen stillen Abend erhellt. Und wie die Zeit dieses langen Lebens in
gleichfrmiger Ruhe vergangen war: so hatte sie auch nur unmerkliche
Spuren nachgelassen. Zwei Reihen wohlerhaltener Zhne sttzten wie
eine elfenbeinerne Doppelmauer den Mund, dem nie ein liebloses Wort
entschlpfte, und der noch eines heitern Lchelns fhig war, gegen den
Einfall des Alters. Wenn Schwester Veronica mit sachtgewhntem Fu durch
die wsten Gnge schlich, und ein bestiefelter Schritt ihr drhnend
begegnete: dann salutirte der Offizier in kirchlicher Ehrerbietung, und
wechselte gewi ein paar Worte, welche die Nonne immer freundselig, ja
oftmals scherzend erwiederte.

Wir wenden uns nun wieder zu dem Eintritt der Nonne. Guten Morgen, Frau
Fabia! sagte die Conventualinn, und es bleibt zu errathen, ob sie die
trauliche Benennung des Vornamens in klsterlicher Sitte beibehalten,
oder als Vorrecht der Freundschaft fr die beiden jngeren Frauen
angenommen hatte. -- Ueber Fabiens verdsterte Zge flog ein
bewillkommendes Lcheln. Sie nahm den guten Geist mit Freuden auf;
nur der Blick, der noch na glnzte, ward dem Grue vorenthalten, da
Schwester Veronica die thrnengeschwollenen Augen nicht she.

Ein goldener Tag! sagte die Nonne, und ihre feine Wange brannte wie
glimmende Kohlen, die Sonne scheint so schn und bla wie eine Braut.
Man fhlt sein Herz ordentlich erwrmt. Doch -- sehe ich recht?
warum denn so betrbt, Frau Fabia? ich will nicht frchten, da ein
Unglck----.

Bei diesen antheilvollen Worten schttelte Fabia leise mit dem Kopfe.
Sie antwortete mit wehmuthzitternden Lippen: es giebt zuweilen etwas;
kein Himmel ist so hell, da er nicht einmal weinte -- und den Himmel
auf Erden -- glauben Sie es mir, Schwester Veronica! den habe ich grade
nicht.

Wer htte den! erwiederte die Nonne mit aufwrts gehobenem Blicke,
der in die Tiefe menschlicher Erfahrungen schauen lie. Wir knnen nur
darnach ringen. Und diese Kraft kommt auch von Gott. Thrnen fallen wie
Thau in der Nacht: sie erfrischen. Der Kummer, auch der lngste, gehet
endlich vorber -- Ich kenne nur ein Elend, welches bis in Ewigkeit
dauert, und das ist der Unfriede.

Fabia nickte; erschauernd wie im Frsteln eines verweinten Gefhls und
dieser Vorstellung sprach sie: warum sollte ich es Ihnen nicht sagen?
ich hatte mich mit Theresen verzrnt, der Bruder ward in den Streit
gezogen, er war wie gewhnlich auf ihrer Seite. Das krnkte mich. Wer
ist's, der fr ihn sorgt? ihn pflegt und sein Bestes wahrnimmt? --
Therese nimmt keine Notiz von diesen Pflichten einer rechtschaffenen
Schwgerinn und ihn nur durch flatterhaften Leichtsinn fr sich ein. Ich
wollte fort -- man set ja doch nur auf den Wind.

Der Dank, Frau Fabia, entgegnete die Nonne, ist eine Ernte, die
man unbewut ausstreut, ein Lohn, auf den man nie rechnen darf, eine
berraschende Freude, wie eine Blume auf dem Felsen: denn sie wurzelt
nur in starken Herzen. Der wackere Administrator scheint mir jedoch sehr
wohl zu erkennen, was er an Ihnen hat, wenn er sich auch der jungen
Frau seines Bruders gleichfalls zuneigt. Bin ich doch selbst der lieben
Therese herzlich gut. Ach! ich betrachte sie nie ohne Mitleid.

_Mitleid?_ fragte Frau Fabia mehr mit einem Anfluge von Klte, als der
Verwunderung: und worin wre Therese zu bedauern?

Solch glcklichem Leichtsinn, versetzte die Nonne mit weicher Stimme,
ist hufig ein schweres Schicksal zu tragen beschieden. Sie thut mir
leid, die holde, hbsche Frau! es ist keine bse Ader in ihr, wenn auch
die Pulse hpfen.

Fabia schwieg, und Schwester Veronica, als ob sie mit sich selbst
redete, fuhr fort: es ist seltsam, Jeder wnscht sich etwas Anderes,
als was er besitzt, tadelt nebenher fremde Eigenthmlichkeit: und wir
Alle haben, was wir brauchen. Ausgerstet fr unsere Bestimmung, treten
wir in den Kampf der Welt, und an dem Keime unserer Neigungen und wie
sich diese entwickeln: daran wre die Frucht unseres Lebens, ach, die
bittere oft! zu erkennen, wenn wir fleiiger nach Innen blickten. Die
beschauliche Stille des Klosters fhrt auf solche Betrachtungen.

Der Klosterzwang hatte auch sein Gutes, sagte Fabia mit einem Seufzer
ber die Willkr, unter der sie zu leiden whnte, und was man immer
davon sagen mag, bis auf einen gewissen Punkt hlt er doch zusammen. Wo
aber die Meinungen so durchaus verschieden sind in Sachen der Seele und
Seligkeit, auf der Hhe der wahre Gott angebetet wird, unten aber dem
Baal geopfert-- Fabia stockte und sprach nicht vollends aus.

_Wie_ lchelte die Nonne bei dieser Rede! Sie antwortete mit verhaltenem
Tone: unser Kloster ist nicht mehr -- sein Altar steht nur noch in
meinem Herzen; dennoch Frau Fabia, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben
will: so mu ich bekennen, der Friede ward hier nicht gefunden, sondern
nur gesucht, und hchstens _gelernt_. Wir Alle mssen Geduld mit
einander haben. Und wie von den tausendmal tausend Ehen, die auf Erden
geschlossen werden, jedes Mgdlein sich den Verlobten aus eigener Liebe
oder besondern Grnden nimmt: so ist auch der Herr jedweder Seele, die
sich ihm weihet, ein Anderer. Der Schleier hllt nicht immer das Heil
derselben ein -- viel fterer ein Herz voll Wunden -- und die einsame
Zelle verbirgt zuweilen einen Stachel, der sich selbst zu Tode trifft.
Wenn die Menschen groe Prfungen herbei ziehen wollen: so drfen sie
nur Zank und Zwistigkeit ber ein Geringes erheben. Manchmal dachte ich:
es mu ein Unglck kommen, und es kam. Da fhlten wir das Band unserer
Verbindung, und der Ri ging durch das Leben.

Whrend Schwester Veronica also sprach, hatte Frau Fabia sich mit der
nun fertigen Guirlande, die sie wie ein Feston schwebend trug, dem Bilde
Martin Luthers genhert, um diesen Schmuck daran zu befestigen. Das
Blumengewinde, von seiner eigenen Wucht niedergezogen, glitt abwrts,
ehe Fabia es dem Rahmen anpassen konnte, und die Nonne daneben leistete
ihr mit freundlicher Toleranz Beistand, den Mnch von Wittenberg
zu bekrnzen. Diese Huldigung ward von Seiten Fabiens emsig, doch
schweigend dargebracht. Auch Schwester Veronica verstummte, und richtete
den Blick starr auf das Portrait, welches einer andern Erinnerung
aufhalf, als der, die sie gromthig zu vergessen schien.

Warum ich eigentlich gekommen bin-- sagte sie mit einem gastlichen
Geheimni in der Miene: man gerth ins Plaudern und ein altes
Gedchtni wird schwach. Sie haben mir versprochen, mich zu besuchen,
Frau Fabia, mit Josephine -- und Theresen! So lade ich Sie hiermit ein,
auf eine Schale Thee, um fnf Uhr, wenn Sie so gtig seyn wollen. Ich
bin am Feuer gewesen, Sie sehen es mir noch an. Meine lieben Gste,
auf die ich hoffe, zu bewirthen, habe ich Olyppen gerollt und mrbe
Schneetrtchen ausgesetzt, mit Kirschmu gefllt, weil ich wei, Sie
mgen dies Gebck gern.

Kirschmu? fragte Fabia zerstreut doch dankbar, und der schwarze Groll
in ihrem Herzen war unterdessen in Sigkeit zergangen. Der Gedanke
rhrte sie, die Nonne wolle ihr, ob auch verschwiegenermaen, doch nach
echtcatholischer Weise, den Namenstag des Reformators feiern -- eine
Selbstverleugnung, der die lutherische Fabia schwerlich fhig gewesen
wre. Sie antwortete demnach: Ihre Gte beschmt mich, Schwester
Veronica; ich nehme, was mich betrifft, die Einladung mit Vergngen an,
doch wrde ich auch zu jeder andern Zeit------.

Nein, erwiederte die Nonne sanft beharrend: warum also nicht heute?
Sanct Martin will auch sein Recht haben. Es hat groe Mnner dieses
Namens gegeben. Papst Martin der Fnfte ritt ein weies Ro -- daher
vielleicht das volksthmliche Sprchwort: Sanct Martin kommt auf dem
Schimmel; was so viel sagen will, als: da oftmals zu Martin der erste
Schnee fllt. Von meiner Kindheit her war dieser Tag mir immer eine
kleine winterliche Vorfeier des heiligen Abends; ich jauchzte, wenn die
ersten Flocken die stille Luft einschleierten; dann ward es mir so traut
und heimlich dster im Zimmer, ich schmiegte mich in meinen Winkel,
spielte Kloster und betete das Christkind an, vor dem ein Paar kleine
Lichter brannten. Die Mutter schenkte mir deshalb stets den angemalten
Wachsstock voraus.

Bei dieser Rckerinnerung lchelte die alte Nonne fast kindlich. Sie
glich in diesem Augenblicke einem Wachsbilde.

Frau Fabia aber fragte nachdenklich: war jener Papst, dessen sie
erwhnen, mit dem heiligen Martin, den Ihre Kirche verehrt, Eine
Person?

Schwester Veronica verneinte es und sprach: der sogenannte heilige
Martin war ein Muster aller Tugend, ob zwar ein geborner Heide. Er
schenkte einst einem Armen, der ihm in erbarmungswrdiger Ble unter
den Thoren von Amiens begegnete, die Hlfte seines eigenen drftigen
Kleides. In der folgenden Nacht erschien ihm der Heiland, und der
gttliche Leib war bedeckt mit diesem halben Gewande. Doch dieses dnne
dstere Grau hing in den schnsten Farben zusammen geflossen ber der
Schulter des Gekreuzigten, wie ein Regenbogen am Himmel; Glanz erfllte
das Gemach-- die Augen der Nonne schimmerten.

Der mildthtige Mann, entgegnete Frau Fabia, wird an die Worte der
Verheiung gedacht haben: was dem Geringsten meiner Brder geschieht,
soll mir gethan seyn.

Noch war er nicht getauft; aber es geschah alsbald, antwortete die
Conventualinn, welche ihren frommen Wunderglauben durch diese biblische
Erklrung angegriffen sah. Der Gedanke an den Unterschied ihrer
religisen Meinungen drngte sich in die Lcke des Gesprchs, dann fgte
Schwester Veronica hinzu: auch Martin von Amboise war ein berhmter
Mann--.

Frau Fabia erstaunte nicht wenig, diesen Namen, der in den tiefsten
Saiten ihres Herzens Anklang fand, aus diesem Munde zu hren.

Die Nonne war im Begriff zu gehen, vielleicht frchtete sie auch nur
abzuhalten. Personen, welche die meiste Zeit haben, machen in der Regel
die krzesten Besuche und sind berall eilfertig. Um fnf Uhr, Frau
Fabia, ich bitte! sagte sie, bereits an der Schwelle, und Therese?

Mit dieser Frage schien sich heute jede Unterredung fr Fabia zu
schlieen. Sie sprach: ich werde ihr die Einladung mittheilen und
meinen Wunsch, da wir als gute Freunde zu Ihnen kommen.

Schwester Veronica lchelte friedselig zu diesem Versprechen. Sie nickte
noch einmal und verschwand.

Whrend dieser Unterhaltung war der Administrator, sobald das Geschft
welches seine Gegenwart erfordert fordert hatte, beseitiget worden, mit
starken Schritten allein in seinem Zimmer auf und nieder gegangen. Da
trat Major Feldmeister bei ihm ein, Einer der pensionirten Offiziere,
ein Hausgenosse des Stiftsverwesers, und diesem der liebste. Nicht der
Krieg hatte den wackern Ingenieur zum Invaliden gemacht, oder die hhern
Jahre, in denen er stand; er war bei einer Uebung der Artillerie gelhmt
worden.

=Bon jour=, Freundchen! stre ich? rief der alte Feldmeister, indem
er sich langsam durch die Thr schob; dicht neben ihm drngte sich sein
groer Pudel von infernalischer Schwrze, heran: gleichsam der Dritte in
diesem Bunde.

Der Administrator begrte den Besuch wie einen gern gesehenen,
und streichelte den Faust, so hie der Hund -- der Tufling eines
Kraftgenies, das weder an Gthe noch Klingemann, oder irgend einer
Klinge Anstand genommen htte, den Schwarzknstler in seiner Art, also
zu benennen. Schn, aber verteufelt kalt heute! bemerkte der Major,
und glitt ein wenig wankend und mit einem Zuge von Schmerz um den
eingekniffenen Mund in einen nahen Sessel.

Ich wollte nur-- sagte er tiefathmend, ich hatte mit Ihnen zu
sprechen, ehe ich am Ende sitzen bleibe im Winterquartier: denn seit
gestern, wo ich, wie Sie wissen, noch in Leidthal war, verspre
ich Gichter im Knchel. Der Pudel entzog sich der Liebkosung des
Administrators, und lagerte sich zu den Fen seines Herrn, den zottigen
Umhang des Ohres an die kranke Stelle geschmiegt, als wolle er das
leiseste Necken heraus hren, und mit einem drohenden Blicke hllischer
Melancholie in den rthlichumzogenen Augen knurrte er vor sich hin, als
wolle er dem Weh, welches der Major mnnlich verbi, rathen, nicht
allzu nahe zu kommen: denn ein Funken himmlischer Treue belebte diese
hndische Seele.

Es wird hoffentlich nur ein wenig Rheuma seyn, erwiederte der
Administrator trstend auf jene Klage, ein gelinder Schwei hilft es
heben, dabei trocknete er sich die Stirne, und verbarg eine verstrte
Miene in dem feinen Tuche.

Wie es scheint, Freundchen, sagte der Major und lchelte: sind Sie
selbst in Transpiration -- oder in Angst? das verhte Gott!

Die Weiber haben mir den Kopf warm gemacht -- sprach Jener heftig: es
kostet Kampf, mit ihnen fertig zu werden. Bei diesen Worten rckte er
ein Kstchen mit Cigarren dem Gast zur Hand, und drehete den Hahn an der
Maschine von Wasserstoffgas wie mit zrnender Vollkraft, da der Strahl
erschrocken heraus sprang. Es geschah dies mit unbewutem Nachdruck
des Gedankens, er sehe sich genthiget, ihnen den Daumen aufs Auge zu
drcken.

Glaub's gern, antwortete der Major gleichmthig, und schickte sich
ohne Umstnde zum Rauchen an. Man hat mit Einer zu thun. Sie stecken
mir da wahrhaftig in jedem Sinne ein Licht auf. Oft schon habe ich
gedacht, wie Sie nur Friede erhalten mgen unter den Frauen? Feuer und
Wasser sind nicht so verschieden wie diese Beiden, und Josephine --
der Blick des Majors streifte den glsernen Globen -- ist ein Kind des
Lichts, eine Tochter der Lust, so zu sagen: denn man wei nicht, woher?
von wannen? genug, die Kleine ist Gott Vaters Ebenbild -- und die Frau
Schwgerinn eine wackere Stiefmutter.

Herr Prlat schien das Letztgesagte nicht vernommen zu haben. Er starrte
vor sich hin, als dchte er diesem zweideutigen Lobe nach. Der Major
fuhr fort: wenn es denn irrdischen Eigenschaften nachgeht: so mu
Frau Fabia einst Schaffnerinn im Himmel werden. Sie ist eine treffliche
Wirthinn, das mu wahr seyn. Und diese Ordnung, diese Stille --
aber Freundchen, der Mensch lebt nicht von Brod allein. Wenn Sie nun
heirathen? wird eine Frau sich dies Regime gefallen lassen? und eine so
hbsche Mitregentinn wie Therese dazu? schwerlich. Sie dchte wohl,
Jene fhrte den Scepter im _Hause_, Diese trge die Reichs-Insignien
im _Herzen_ des Mannes, und so wre sie nur gleichsam eine
Schattenkniginn.

Es wird nicht geschehen, versetzte der Administrator halblaut,
ohne sich deutlicher zu erklren, ob er das Heirathen, oder diese
Vertragsamkeit meine.

Es taugt nicht, fuhr, nun im Zuge, der alte Feldmeister fort: sich
vor der Zeit mit Familien-Verhltnissen zu befassen. Frei mu der Mann
seyn, ehe er freit! eine ganze Sippschaft Vettern und Basen rckt
ihm mit dem Hochzeittage auf den Hals. Meine selige Frau hatte keine
Geschwister, und kaum war ich ein Jahr mit ihr verheirathet: so duchte
es mir, ich htte das leibliche Kind der Mutter Eva zum Weibe genommen:
denn das Menschengeschlecht kam, und wollte mit mir verwandt seyn.

Mein Schicksal ist ein Schlangenknoten, schon um meine Wiege
geschrzt, entgegnete der Administrator dster: und wenn ich den Lauf
meines Lebens berdenke: so scheint es mir, ich sey bestimmt, unter
falschen Maximen zu leiden. Urtheilen Sie selbst!

Herr Prlat war in einer jener Stimmungen, welche dem nchsten Zufall
den Schlssel giebt, auch ein verschlossenes Herz zu ffnen. Zumal war
dies Herz gepresst wie noch nie; er kannte den Major als einen wackern
Mann, und so gengte er dem Bedrfni des Vertrauens. Indem er eine
Tabackpfeife ergriff und lchelnd den Kopf des Mustapha, genannt der
Fahnentrger, betrachtete, sagte er: kein Unterschied des Glaubens,
kein religises Vorurtheil, und was aus dieser oder jener Gattung fr
das Leben hervorgeht, ist mir fremd geblieben, den Islam ausgenommen--
hier knurrte Faust, und schnappte wie nach dem Schall dieses Wortes.

Der Administrator setzte sich dicht an die Seite des Majors und sprach:
Mein Vater soll ein Freigeist gewesen seyn -- ich will es nicht
bezweifeln: denn der Gott in meiner Brust war kein kindliches Erbe,
sondern der Segen der Natur. Ziemlich jung noch hatte er eine Wittwe
geheirathet, die bedeutend lter war.

Taugt nicht, Freundchen, schaltete der Major ein, und Jener fuhr fort:
diesmal taugte es wirklich nicht, obwohl ich sonst schon gesehen habe,
da dessenungeachtet das Glck einer Verbindung bestehen kann. Ein
wesentliches Miverhltni entgegengesetzter Art machte diese Ehe
unglcklich. Die Frau war coquett und lebenslustig fr ihre Jahre,
mein Vater weltsatt und ungesellig fr die seinigen. So gab es
keinen Einklang zwischen ihren Meinungen, und endlich nur den
einer Scheidestunde. Sie trennten ein Band gesetzlich, was bereits
unauflslich war: denn meines Vaters Frau sollte nach lngerer Zeit
ihrer Verheirathung jetzt Mutter werden. Der Verdacht der Untreue, der
meinen Vater bestimmte, sich unter diesen Umstnden von seiner Gattinn
loszusagen, mu durch dringende Beweismittel untersttzt worden seyn:
denn er ward von Seiten der Behrden nicht verpflichtet, sich ihrer
weiter anzunehmen, oder fr das Kind zu sorgen. In der Vereinzelung
ging ihm nun ein langer Zeitraum hin. Er war ein ltlicher Mann
geworden, da kam ihm der Gedanke, sich wieder zu verehlichen, und er
whlte ein blutjunges Mdchen, meine liebe Mutter.

Der Administrator hielt inne und seufzte tief.

Taugt wieder nichts, brummte der Major sich in den Bart: htte ihn
nicht nehmen sollen, die arme Kleine.

Mein Vater war wohlhabend -- und meine Mutter eine abhngige Waise,
versetzte ihr Sohn mit gebundenem Athem: Gott trat in's Mittel -- meine
Geburt gab ihr den Tod.

Armer Freund! sagte der Major weich: so haben Sie das Treueste auf
Erden nicht gekannt.

Der Administrator schwieg einen langen Moment und fuhr dann fort: mit
einer wahren Todesverachtung wiederholter Trennungen heirathete mein
Vater alsbald zum drittenmal. Ich war als ein schwchliches Kind, was
mhsam behandelt werden mute, zu der Schwester meines Vaters gekommen,
der Frau eines Predigers auf dem Lande. Einst ward ich aus einem
harmlosen Spiel empor gerissen, es hie: der alte Schreiber meines
Vaters wre da, mich zu holen; mein Vater lge im Sterben, und wolle
mich noch _einmal_ sehen. Lieber Gott! er hatte mich noch _niemals_
gesehen, seit ich denken konnte. Man kleidete mich an, ein rmlicher
Flechtenwagen hielt vor der Pfarre; ich ward hinein geworfen. Die
verschrumpfte Gestalt des Schreibers sa neben mir, oder lag vielmehr
wie eine faule Birne auf dem Stroh. Er schlief den ganzen Weg, ich
wachte mit regen Sinnen, Bume und Berge flogen an mir vorber -- die
Reise war mir wie ein wster Traum. -- Die Scene meines Empfangs schwebt
auf jede Weise dunkel vor meinem Gedchtni. Das Krankenzimmer ffnete
sich mir. Eine spanische Wand verbarg das Bett, worin der Vater lag, und
dem Sterbenden einen bittern Anblick. Eine hochbusige Frau probirte eine
schwarze Florhaube vor dem Spiegel, der dieses eitle Bild der Trauer
verdoppelte. Ein schner etwa dreijhriger Knabe sa auf dem Boden und
stie, als ich eintrat, in eine kleine Trompete von Blech, als wolle
er der Herold meiner Ankunft werden, und als fnde nicht die geringste
Bercksichtigung Statt, welche die Achtung der Stille erheischte. Welche
Macht ber die Erinnerung ben Kleinigkeiten aus! glauben Sie es wohl,
Major? vor jenem gellenden, schrillenden Hall sinken, wie einst zu
Jericho -- noch heut die Mauern meiner Seele ein, und ein Gedanke dieses
Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz, durchdringt mich.

Der Major nickte zweimal, als kenne er das und Aehnliches.

Ich trat verdutzt erzhlte Herr Prlat weiter: an das Lager meines
Vaters, mit einer dumpfen Empfindung von Mitleid, Angst und Ehrfurcht,
nicht unhnlich der, womit man sich zum erstenmal dem sogenannten
heiligen Grabe nhert. Er lag wie ein =Ecce homo= darin. Seine Augen
waren umflort, und ruhten schon in der tiefen Hhle des Todes, seine
Glieder ohne Leben wie von bleichem Holz. Er reichte mir mit letzter
Anstrengung die feuchte schwere Hand. Am andern Morgen sagte man, mein
Vater wre gestorben. Es war ein groes Begrbni, ich ging unbetrbt
hinter seinem Sarge, kindlich stolz, das erstemal ffentlich
aufzuziehen. Meine Verwandten waren auch gekommen; des andern Tages war
ein groer Zank; ich erinnre mich, da meine Tante ein niederschlagendes
Pulver nahm. Sie war eine robuste Frau und stets gesund, nie kam
ein Arzt ber die Schwelle des Pfarrhauses: so gab dies unschuldige
Prservativ mir den Begriff einer ungeheuern Alteration. Mein Oheim
besa mit seiner Pfarrstelle eine Widmut, auf der ich mir die ersten
Kenntnisse der Oekonomie spielend erworben habe. Meine Tante war mit
Leib und Seele Landwirthinn; das liebe Vieh gehrte gleichsam zu unserer
Familie. Sie hatte ein eigenes Idiom, sich jedem Geschlecht ihrer
Hofhaltung verstndlich zu machen. Es heit gewi ihrer Sorgfalt fr
mich den grten Ruhm beilegen, wenn ich sage: sie habe mich mit diesen
Pfleglingen in eine Cathegorie gestellt. Das ist deine Amme gewesen,
Clestin! sagte sie und deutete auf eine schwarz und wei gefleckte Kuh,
die vergessend ihrer Segnung, an mir vorber schwenkte. Ein gyptischer
Schauer rieselte dann durch meine junge Seele; die Tante, obgleich sie
eine wackere Christinn war, htte es, glaube ich, gutgeheien, wenn man
den Sultan Wampum der Heerde auf Knieen verehrt htte. Standen wir an
lauen Sommerabenden am Wasser, und eine Henne lief mit dem Glucken der
Angst vor Gefahr am Ufer hin und her, weil die zarten Entlein, die sie
ausgebrtet, ihre ersten Schwimmversuche machten -- so sagte die Tante:
das ist eine bessere Stiefmutter als Deine, armer Junge! -- Dann ward
mir so sonderbar weh zu Muthe, und ich wnschte mich hinab in den
dunkeln Teich, wo er am tiefsten ist. Mit welcher Empfindung belauschte
ich, ein Knabe noch! die geheimnivolle Zrtlichkeit in einem
Schwalbenneste! das Zwitschern des mtterlichen Vogels war mir wie der
magische Laut einer Welt, aus der ich verstoen wre; das geringste
Geschpf schien mir neidenswerth, welches mir Kunde geben knnte von
jener Heimath, nach der ich mich sehnte, ohne sie zu kennen. Das Gefhl
_schtzender Liebe, wie die Natur sie lehrt_, wurde zu einer Grundidee
in mir, zu einem Princip, welches spter meine Handlungen leitete.

Armer Freund! sagte der Major abermals mit Blicken voll rauhen
Mitleids, und ein leiser Ingrimm zuckte in seinen Mundwinkeln, als er
eine neue Cigarre abknirschte, so hatte die Tante kein Herz fr Sie?

Ein Herz wohl, antwortete Jener, aber nur fr meinen Leib, nicht fr
meine Seele. Der uere Bedarf galt ihr alles, wie das hufig bei Frauen
dieser Art der Fall ist. Sie hatte eigene Kinder gehabt; vielleicht war
die Stelle dieses Verlustes zu lange schon vernarbt -- und Narben werden
Hrten.

Nun, und der Oheim? fragte der Major theilnehmend weiter.

Mein Oheim, erwiederte der Administrator mit sinnendem Auge, war ein
liebenswrdiger Greis von einer wahrhaft patriarchalischen Einfalt der
Sitten. Seltsam! wie ein so schlichter charakterfester Mann sich in die
knstlichen Folgerungen eines Systems verwickeln knnen, so da er mit
sich selbst im Kampfe lag. Er war ein geheimer Anhnger Mesmers, und
ging im Forschen der wunderreichen Krfte, welche dieser Producent
zum Wohl der Menschheit darthat, weit genug, um bis an die Quellen der
christlichen Offenbarung zu dringen. So hielt er den Messias fr einen
auerordentlichen Magnetiseur, den Tod am Kreuze fr Somnambulismus, die
Jnger fr Hlfsrzte pro Secundo -- und jede That des Heils fr eine
Wirkung dieser mysterisen Kraft. -- Wohin verirrt sich oftmals ein
reger, nicht genugsam beschftigter Geist! Das Consistorium mogte
schwerlich eine Ahnung davon haben: denn mein Oheim galt fr ein Muster
lutherischer Seelsorge und des unverflschten Glaubens. Doch um die
Gttlichkeit seiner Lehre war es gethan. Der Schmerz des Wissens, der
Durst nach Wahrheit gab seinen Vortrgen eine Inbrunst, die sich
seinen Zuhrern mittheilte. Das Zutrauen, dessen er geno, grenzte an
Wunderglubigkeit und erstreckte sich weit ber die Feldmarken seiner
Dicese hinaus. Er ward verfolgt vom Neide seiner Amtsbrder. Nach
seinem Tode fanden wir ganze Bndel Schmhschriften der benachbarten
Geistlichen an ihn, die er mit ordnender Ruhe unter Rubriken der
Gehssigkeit gebracht hatte. Ein kleiner Auftritt ist mir eingedenk
geblieben. Eines Sonntags nach dem Gottesdienst kam eine Fischersfrau,
die zwei Meilen von unserm Dorfe am Ufer des Flusses wohnte, weinend zu
meiner Tante. Der Mann wartete drauen. Diese Leute scheueten den langen
Weg nicht, um eine Predigt in der hiesigen Kirche zu hren, wo sie
ermdet oftmals nur mit knapper Noth ein Pltzchen zum Sitzen fanden.
So wren sie auch, erzhlte die Frau, seit geraumer Zeit hierher zur
Communion gegangen, und mein Oheim htte die fremden Gste am Tische
des Herrn geduldet. Nun aber habe der Pastor des Ortes, wohin das Ufer
eingepfarrt sey, sie kommen lassen, mit Vorwrfen empfangen, und hart
bedroht, da sie ihm den Beichtgroschen entzgen. Er wolle eine grobe
Epistel an meinen Oheim schreiben und sich dies in Zukunft verbitten.
Was sagen Sie zu diesem Hirtenbriefe? jener Geistliche war ein communer
Neidhammel. Die Fischerinn schluchzte und sagte: nun habe der Herr
Pastor, (mein Oheim nmlich) sie heute freundlich ermahnt, ihm frder
keinen Verdru zu machen; dann setzte sie entschlossen hinzu: ehe ich
aber das heilige Abendmahl wo anders halte, so lasse ich es ganz und
gar, es mu ja nicht seyn.

Blitz! da schlage doch das Wetter drein! rief der Major mit
Indignation: ber die Pfaffen! die lutherischen auch -- es ist all
Eins. Einer armen Seele den Trost Gottes vorzuenthalten, weil sie ihn,
wie billig, nicht aus einer schnden habschtigen Hand empfangen will!
-- Da wird ja der protestantische Altar zu einer Tetzelsbude, einer
Kleinkrmerei von Nichtswrdigkeiten. Unter uns gesagt, Freundchen!
ich kann die Schwarzrcke nicht leiden. Der Teufel hole den geistlichen
Hochmuth!

Der Administrator lchelte still. Er sah ein stummes Weilchen mit
seitwrts gesenktem Kopfe auf den Turban des Muselmannes nieder, der
umwunden von dem Dampfe seiner Pfeife nur blulich schillerte, wie eine
gestorbene Perle. Dann fuhr er in seiner Erzhlung fort: solchergestalt
ward mir die Theologie verleidet, die ich nach dem Wunsche meiner
Verwandten studiren sollte. Es mischte sich mir ein fixer Gedanke von
Ha, Hader und ekler Widersacherei in diesen Stand des Friedens. Die
Widmut theilte anderer Seits mein Interesse fr den geistlichen Beruf,
und schadete demselben in gleichem Grade, worin sie ntzte. Wo blhet
auf solchem Mistbeet die Lilie des ungefrbten Glaubens? die Rose zu
Saron stehet nur im tiefen Thale des Gemths, einsam und heilig.
Den Haushalter ber die Geheimnisse Gottes dachte sich meine
scheue Hochachtung abgesondert in Gedankenstille von der gemeinen
Menschenclasse und ihrem niedrigen Bedarf. -- Meine Meinung entschied
sich fr den Landbau. Die Gleichnisse und Parabeln der Schrift, in deren
Worten ich von frhester Kindheit an geathmet, waren wie ein Element
religiser Poesie fr jene natrliche Beschftigung geworden. Die Bilder
vom Smann, vom Waizenkorn, das in die Erde gelegt wird -- von der
Ernte, den Garben und Schnittern, vom guten Hirten, der das verlorene
Schflein unablssig sucht: fate ich im Geiste der Natur. Diese fromme
Weihe, wenn ich so sagen drfte -- mein christliches Gedchtni bewahrte
mich vor jener Rohheit, die man oft bei dem Betrieb der Oekonomie
findet, und welche ein wilder Spro unveredelter Kraft ist. -- Ein
blder Schler der Welt, kannte ich nichts Seres, als frei wie der
Vogel in blauer Luft nach meiner Weise zu leben. -- Mein Oheim starb --
und mit diesen zwei Augen schlo sich der erste Act meiner Jugend.

Es ist mir lieb, da sich das Blatt nun wenden wird, wie? sagte der
Major mit voraussetzender Frage und rauchte strker: die Erziehung in
den Pfarrhusern taugt nichts.

Der Administrator hatte keinen Widerspruch fr das Sprchwort seines
alten Freundes; vielleicht gab er ihm schweigend die Ehre der richtigen
Anwendung. Nach einer kleinen Erholungspause fuhr er fort: ich kam
nun zu einem Verwandten mtterlicher Seite, der mein Vormund war: dem
Stiftscanzler von Sanct Capella, der als practicirender Jurist in M--.
wohnte. Im Actenstaube grau geworden, war jeder Lebenstrieb in ihm
vertrocknet -- er war ein Hagestolz. Die Gesetze standen leserlich auf
dem brchigen Pergament seiner Stirne geschrieben, der Blick seines
kleinen Auges, dessen Pupille wie in einem galligten Gelbei ruhete,
hatte eine Profunditt, die ihm oftmals den Vortrag seiner Clienten
ersparte -- seine Miene drckte stets auch in ihren wohlwollendsten
Modificationen eine Sentenz zu gemigtem Zuchthaus aus, und auf den
geklemmten Lippen wechselte das Urtheil zu Einbue oder Leibesstrafe;
sie ffneten sich fast nie ohne einen Verlust anzuknden, selbst der
Glckwunsch zu einem gewonnenen Prozesse ward durch den Grimm seines
juridischen Dmons zu einer Drohung. Und dennoch war dieser wunderliche
Mann nicht bse. Er hatte einen ausgebreiteten Ruf, seine Rechtlichkeit
war gefrchtet. Die Beamten auf den Klostergtern zitterten vor ihm,
die guten Nonnen liebten ihn mit Furcht und schmiegten sich in
seinen weltlichen Arm -- er war der Donnergott der Abtei. -- Ein
Geschwisterkind von meinem Vormund und somit auch mir verwandt -- fhrte
ihm daheim die Wirthschaft; ein liebes altes blasses Mdchen, an das
ich nur mit dankbarer Rhrung denken kann. Die gute Beatrix hatte eine
kleine heimliche Hauscanzlei, wo stille Gesetze ausgeschrieben wurden,
und mein Vormund stand unter diesem Kammergericht, ohne da er ein
stummes Wrtchen davon wute. -- Beatrix, trotz ihrer subalternen
Anspruchslosigkeit, war die Justitia des Canzlers. Sie that so simpel,
da man ihr die Gerechtigkeitspflege eines so rabiaten Juristen
nimmermehr zugetraut htte. Sie konnte nicht anders mit Federn umgehen,
als da sie bestndig welche rupfte oder schlie -- als glte es das
ewige Brautbett des alten Junggesellen.--

Mein Vormund empfing mich mit logischer Krze, und wies, weil er eben
dringend beschftiget war, mich an die Muhme. Sey mir nicht bange,
lieber Clestin! sagte Beatrix so lind und leidsam, da ich die knftige
Angst wie im Voraus vergtet fhlte: wenn es Dir auch Anfangs nicht bei
uns gefllt. Der Herr Vetter ist nicht gar so schlimm. Man mu ihn nur
kennen. Einiges will ich Dir aber doch zur Warnung sagen: widersprich
ihm nicht! Du kannst Dir ja Einwand und Rechtsmittel vorbehalten.
Ich mute lcheln, so jung ich war, ber diese Brocken von der
Brodwissenschaft des Vetters, welche die haushlterische Muhme
gesammelt. Dann, sprach sie weiter: hte Dich, mit dem Stuhle zu
wackeln, wenn Du bei ihm sitzest! ein Erdbeben wrde wohl weniger
beachtet, als dies. Endlich lasse nie die Putzscheere unvorsichtig vom
Leuchter gleiten. Ich sage Dir: der liebe Gott lt eher die Sonne aus
seiner allmchtigen Hand fallen, und schaut gromthig drein, ehe der
Herr Vetter diesen Fehler vergiebt. -- Ich bebte; welch ein Wtherich
mute mein Vormund seyn! -- Wir aen ein kleines vortreffliches
Abendbrod zu Dreien, der Canzler schenkte mir liberal Wein ein, um
mir Muth einzuflen. Ich sa unbeweglich auf meinem Stuhle und sah
ngstlich hin, so oft Beatrix das Licht putzte. Sie that es jedoch mit
fester Hand und winkte mir zuweilen mit den Augen, wenn ich ein Wort
sagte, was ihr unpassend schien. Nun, Du willst ein Bauer werden, wie
ich hre? fragte der Herr Vetter zwischen dem Essen, und die Frage klang
wie Spott. Beatrix zwinkerte schon wieder verneinend. Du hast dreschen
sehen, da ist Dir die Lust dazu angekommen, mein Junge. Diese Analogie
mit dem Flegel versetzte meiner konomischen Liebhaberei einen tchtigen
Schlag. Studiere nur fleiig! sprach er dictatorisch: es wird sich
alsdann schon finden, was aus Dir werden soll. Nur kein Jurist! dagegen
protestire ich. Bei der Rechtspflege bliebe auch ein Eisenfresser nicht
gesund. Man rgert sich tagtglich und lebenslang =ex officio=. Ich warf
einen mitleidigen Blick auf die hagere gekrmmte Gestalt des Vetters,
und glaubte ihm. -- Zu meinem Erstaunen sah ich, da dieser unwirsche
Mann auch jovial seyn konnte, und dies besonders im Umgange mit seinen
Collegen. Es fand das beste Vernehmen zwischen ihnen Statt, und nie ward
ihm eine Streitsache zu persnlichem Groll. Ich konnte nicht umhin, dies
sehr achtungswerth zu finden und dabei an die unaufhrlichen Znkereien
der theologischen Herrn Brder zu denken.

Ja, die Juristen sind cordial! fiel der Major ein, aber die beste
Cammeradschaft bestehet doch unter dem Militair. Da, wo der Tod
Hauptmann ist, schlieen sich die Glieder eng zusammen -- und Gewalt
geht vor Recht.

Ich fragte mein Mhmchen einst, setzte Herr Prlat fort, warum der
Vetter denn nicht geheirathet htte? -- Das sey Gott zu danken -- meinte
Beatrix und lchelte mit Gleichmuth. Sie ertrug schon ein halbes Sculum
seine hypochondrischen Launen. Er habe so viele Ehescheidungen amtlich
behandeln mssen, da ihm ein Abschmack -- _Abscheu_ wollte sie
vermuthlich sagen -- vor dem Ehestand angekommen sey.

Taugt nichts, unterbrach hier der Major seinen Freund, mit einer
Sache zu genau bekannt seyn, die Illusion fordert. Kche haben in
der Regel den wenigsten Appetit. Jeder prfe sein Selbstwerk! -- die
Unerfahrenheit ist auch manchmal gut.

Ohne sich durch diese eingestreueten Bemerkungen aufhalten zu lassen,
fuhr der Erzhler fort: wirklich berzeugte ich mich, welche ble
Meinung der Canzler von dem weiblichen Geschlecht htte. Er nahm mich
zuweilen mit nach Sanct Capella -- die Aebtissinn vergnstigte es.
Als wir einst ein wenig illuminirt das Kloster verlieen, der ganze
versammelte Convent Kopf an Kopf gedrngt uns nachsah, mein Vetter noch
einmal zurck grte, wendete er sich von dieser Verbeugung zu mir, und
sprach listig: gut fr manchen wackern Mann, da Ihr hier aufgehoben
seyd im christlichen Harem, Ihr verschleierten Engel! das Stift, glaube
es mir, Clestin! ist eine wahre Bchse der Pandora. Sollten sich diese
goldnen Thren einmal ffnen: Hu! welch ein Heer von Plagen wrde da in
die weite Welt herausstrzen! -- Ich habe dieser Worte spter
gedacht. Es war ein Seherblick gewesen, den der Canzler damals auf die
verschlossenen Pforten warf. Auch war jene kleine frivole Tcke gegen
die gutherzigen Cisterzienserinn nicht etwa der Ausdruck eines Sptters
in Glaubenssachen. Die Religiositt meines Vetters -- er war Catholik --
war der geheimnivolle Respect vor einer himmlischen Gerichtsbarkeit, an
die er in terriblen Augenblicken appellirte und: _gerechter_ Gott! sein
hchster Ausruf.

Ich lebte eine Reihe Jahre in der That glcklich im Hause meines
Vormunds, und danke ihm viel. Dieser strenge Geschftsmann gab mir
privatim ein Beispiel der Toleranz, was mir damals eben nthig war. Er
hate alles Absprechen nicht nur an Andern, er vermied es auch an sich
selbst. Ich uerte ihm einmal ehrerbietiges Bewundern und ein Wrtchen
mit Bezug auf meine frheren Erfahrungen entschlpfte mir. Er lchelte
und sprach: Du mut wissen, mein Shnchen, da diese Eigenschaft einen
wesentlichen Unterschied zwischen den Facultten bemerklich macht, und
unsern Beruf gewissermaen austauscht. Die Theologen sind in der
Regel Richter, was sie nicht sollten; -- _wir_ dagegen vertreten nach
Christenpflicht und von Amtswegen die Fehler und Fhrlichkeiten des
Nchsten. _Sie_ lassen ihr Licht leuchten vor den Leuten -- _wir_
gebrauchen es nur, um auch dem finstersten Falle eine Seite der
Entschuldigung abzusehen.

Wahrhaftig in Gott! da hat er Recht! rief der Major aus berzeugtem
Drang des Herzens.

Der Administrator schwieg, als wre diese Mittheilung nun abgebrochen,
und sah lange weitschauenden Blickes vor sich hin. Dann hob er mit
verndertem Tone an: ich studirte Cameralia -- ging auf Reisen -- welch
eine Welt liegt zwischen diesen schmalen Grenzen auf der Charte meines
Lebens! -- Ich hatte einen Freund---- ein tiefer, schwerer Odemzug,
wie wenn dies Wort sich nur mit Ketten aus dem Born der Seele wnde.

Der Major besa bei einer rauhen Auenseite den zartesten Sinn der
Freundschaft. Er sagte: falscher Conjunctiv, Freundchen! Sie _haben_
einen, der nicht alles zu wissen braucht. Lassen Sie ruhen, was sich
nur mit Seufzern heben lt. Taugt nichts, erschpftes Vertrauen. Ich
wnsche nur noch zu erfahren, wie Sie eigentlich zu der weiblichen
Drei-Uneinigkeit gekommen sind? Josephine, das friedsame Tubchen! ist
nicht in diesem Zwiespalt begriffen. Sie ist auch hier als der heilige
Geist die schwchste Person dieser Trinitt und eine wahre Vergebung der
Snden. Wie? fuhr der Major abstrahirend fort: ists nicht so? werden
nicht dem heiligen Geist selbst im Glauben nur flchtige Honneurs
gemacht?

Der Administrator lchelte wie ein Leidtragender, dem ein zerstreuender
Trster von den Verhltnissen des Himmelreichs vorspricht. Er
antwortete: ich habe meine Geschichte so weit angelegt, da ich
schwerlich damit an das Ziel gelange. -- Meine hiesige Umstellung
knpfte sich an Fden, welche noch mit der vormaligen Einwirkung meines
Vetters, des Exkanzlers, zusammenhingen. Er starb bald darauf. Die gute
Beatrix war lngst todt. Man fand sie eines Morgens entseelt, mit dem
Angesicht in eine Wolke von Flaum gesunken. An den starren Wimpern
hingen die zarten Federn; aber sie bewegten sich nicht mehr vor dem
verschlossenen Munde: es schien, als ob sie ohne einen Hauch der
Todesangst verschieden sey. Dieses sanfte pltzliche Sterben in weicher
Pflicht, wie wenn der Schlaf einen Mden berrascht, war die schnste
Gabe ihres armen harten Lebens. So oft mein Vetter mir das erzhlte, und
des Anblicks jener befiederten gestorbenen Augen gedachte, die so treu
auf seinen Vortheil gesehen, gingen ihm die seinigen ber. -- Meine Lage
als Administrator gefiel mir wohl; sie war gewissermaen das Resultat
der Ergebnisse meiner frheren Jugend. Hier konnte ich ein Landwirth
seyn im weiten Felde der Industrie, nicht beschrnkt auf die Hufe eines
engen Besitzthums, und zugleich ein Diener des Staats, dem ich mit all
meinen Krften zu ntzen wnschte. Meine Vorliebe fr diesen Ort war
sich gleich geblieben. Wie oft hatte der catholische Gesang von Sanct
Capella, die heilige Nonnenstille, der Weiheduft andchtiger Mysterien,
den lutherischen Jngling in mittelalterliche Trume gewiegt! ich war
nun erwacht, und Alles war anders und wirklich. Doch noch jetzt schlgt
die groe Glocke mit jenem romantischen Klange tiefe Saiten in mir an,
und wenn Fabia mit dem groen Schlsselbunde durch den Kreuzgang geht,
mu ich der Pfrtnerinn gedenken und jenes kleinen klingelnden Geluts
in ihrer Hand, welches, meinem Gefhl nach, den Chor seliger Geister
in einem Himmel ffnete, den die Welt flschlich fr ein Grab der
Lebendigen hielte. -- Wie de reformirt war nun das schne Stift, wie
profan geworden! -- ich schtzte mit Piett, was noch aus dem Umsturz
jener Verhltnisse zu erhalten war. Die Hand, welche leise und achtsam
an das heilige, das genommene Recht rhrte, war desto eifriger, wo es
den Ertrag der Grundstcke galt. Man sprach davon: es sey im Werke,
das pompse Gebude zu einer Strafanstalt, einem Spinnhause,
herabzuwrdigen; diese Mglichkeit emprte mich. Dann sollte es zu
einer Seidenfabrik benutzt werden, endlich wolle man, hie es, eine
chirurgische Pepinire daraus machen. Ich kam den Behrden mit einer
Proposition von meiner eigenen Idee zuvor. Solle es denn nun einmal hier
gesponnen oder geschnitten seyn: wohl! so gebe man den Parzen Wohnung,
und lasse verdiente Offiziere hier leben und sterben. Dann zieht die
Ehre ein und nicht die Schmach, und statt Mhe, Plage und Schmerz webt
in diesen Mauern das Seidenleben der Ruhe. -- Es wurde provisorisch
zugestanden.

Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerhrten Blicke
die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm
aus, als wollte er sagen: bis an meinen letzten Athem werde ich Dir
dies danken.

Und der brgerliche Prlat der einst gefrsteten Abtei sprach: ich
orientirte mich nunmehr. Das Drngen der ersten Einrichtung lie mich
wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rckstnde zu bearbeiten, mein
Vorgnger hatte lange darnieder gelegen -- auf den versumten Gtern lag
mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der
Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit gebrigt. Es war
in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprchsweise den
Oberfrster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister
in Bhle, am besten sagen knnen -- meinte er. Mein Vetter? fragte ich
befremdet; ich wute von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener,
weil er eben so heit, Sie wren mit einander verwandt. -- Dies gab mir
ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens
kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinber. Es war im Mai.
Ein Gewitter schauerte ber die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es
wrde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefhl von Schwermuth oder
Ahnung prete mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir
auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bhle. Die Sonne
scho eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches
am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit
todten Augen in den flammenden Kcher -- ich weilte einen Moment an
dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott wei, durch
welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff:
es lge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimni
verborgen, was meiner Theilnahme angehre! -- Das groe gothische
Schlo, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schn
aber dster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung
der frhlingstrben Atmosphre Schuld. Innerhalb der Gehfte war es auf
die bngste Weise still, nur der Brunnen machte ein khles Gerusch
und die Wasserkufe schumte ber. Ich sah Niemand, den ich nach dem
Rentmeister fragen konnte. Da ffnet sich leise eine Thre hinter der
Colonnade, ein Mdchen, kaum jungfrulich erwachsen, tritt hervor, ein
feines Glas in der zarten weien Hand, und wirft einen schchternen
Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major,
in dem Anblick eines schnen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens,
worin er auch bestehe, wird dadurch gelscht. -- Ich fragte hflich,
ob ich den Rentmeister zu Hause antrfe? die Kleine nickte -- es war
Josephine. Jetzt nickte auch der Major.

Ich band mein Pferd an eine Sule und folgte ihr. Sie bat, da ich
einen Augenblick verziehen mgte, denn der Vater wre krank, und sie
msse es ihm erst sagen, da ihn Jemand zu sprechen wnsche. Ich wartete
vor der Thre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches
Gemurmel, dazwischen hrte ich Josephinens Stimme wie vorbittend.
Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grne wollene
Vorhnge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen
kranken Mann, der bei diesen schwlen Wrmegraden in Betten eingehllt
auf dem Sopha sa. Eine Frau rckte ihm die Kissen zurecht, und schien,
mit Sorgfalt um ihn beschftigt, sich nicht um den Eintritt eines
Fremden zu kmmern. Der Anblick dieses Kranken erschtterte mich.
Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname
vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft htte! -- Der
Rentmeister lchelte -- o! furchtbar lchelte er. Seine Antwort lautete:
verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur _Brder_. -- Mein Blick
sah ihn mit -- Entsetzen, mgte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser
Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann knnte
der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze
Lebenslnge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknpfende
Faden blieb und zerri in jener Minute mein Herz. Jetzt wute ich, warum
mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebrdet
hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren
tausendstes Glied noch getragen werden mu. Mein Bruder! und mir so
todesfremd! -- Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrderung
unmglich machen, und das Band der Menschheit auflsen. Mit diesem
stillen Bekenntni legte ich mir selbst das Gelbde ab: scheiden lasse
ich mich nimmer! -- Ich wagte ein brderliches Wort an den Rentmeister.
Er nahm es nicht auf, und nannte mich _Sie_. Ihr Vater, Herr Prlat,
sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstie mich im
Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf.
-- Diese Worte deuteten mir langes Unglck an und einen zerbrochenen
Geist. Eine Thrne schlich ber die Wange seiner Gattin, welche sie
verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht
den Muth, nach seinen frheren Verhltnissen zu fragen. Spt ritt ich
nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlnde,
es regnete wie mit Giesbchen. Ich empfand wenig von der emprten Natur.
Meine Seele bebte noch unter strkeren Schlgen, und die einzige Thrne
meiner Schwgerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie
werden leicht denken, da ich nicht sumte wieder nach Bhle zu kommen;
doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nhern und Eingang
in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurckhaltend, war
dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, da sie zu den Stillen
im Lande gehre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes ber eine
Frmmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine
Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen
Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemth schien mir noch
krnker. Wie viel die Frau fr seine Pflege that: eine grere
Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie lie seinen
Eigensinn und die Natur gewhren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber
sie qulte ihn partout mit dem lieben Heiland.

Der Major schttelte den Kopf und sprach: taugt nichts, da solch
heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann mu dem besten Freunde
die Thr des Hauses und Herzens selbst aufmachen.

Einst kam ich dazu, fuhr der Administrator fort, als Beide in
streitendem Gesprch ber die verstrende Ursache seiner jetzigen
Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gesttzt auf die
Autoritt ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das
letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns
im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen
verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um _Gerechtigkeit_
willen? Frau, Du faselst! eine Schndlichkeit ist es, die ich werde
verantworten mssen; ich sage Dir: es ist kein grerer Betrug erfunden
worden. Der _Glaube_ an eines Menschen Wort ist mein Unglck gewesen und
mein Elend geworden -- ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag
eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia
entfernte sich; ihr Mann fiel erschpft in einen fieberhaften Schlummer,
ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Grtchen, bego ein Blumenbeet
mit ihren Thrnen und rang in christlicher Verzweiflung die Hnde ber
den weien Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen
Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstnde und nicht arbeiten
mge an seinem Heil. Ein Luftzug fhrte die leise ngstliche Frage von
ihren Lippen: _ob er nur selig werden wird_? Die Lilien nickten. Ich
sagte, was ich dachte: da diese Kinder ihres Schpfers auch nicht
arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erstnden zur
Frhlingsfreude der verjngten Erde.--

Fabia schien nicht einzugehen in diesen natrlichen Trost. Sie sagte:
seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewi ber den
Vater -- _seinen_ Vater -- darum zweifelt nun der Sohn an Gott! -- So
schob meine Schwgerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben
werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es
schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode bergab er mir die
Sorge fr seine Witwe, fr sein Pflegekind, legte den Schlssel zu einem
wichtigen Geheimni in meine Hnde -- dann drckte ich ihm die Augen zu.
Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmchtigen
Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hlt mich
an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn mu,
Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese----
hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr
elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerhrt. Elf! ich mu nun
fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stcke ich mit _einem_
Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine
Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm
kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art mu in den
Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Mnchhausen! -- Wie hat er
uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. -- Wir
lachten unvernnftig. Er nahm es nicht bel -- das war honett. Aber --
Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz,
den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen
Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese
zugewehet haben mag? -- allzugromthig seyn, taugt nichts.

Das Reitpferd, worauf der Administrator tglich um diese Zeit die Ronde
zu machen pflegte, ward vorgefhrt. Der Major erhob sich mit steifem
Gelenk, Faust schttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen,
sagte der Major: da fllt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb
ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen
erzhlen, was fabelhaft klingt: das Mhrchen vom glsernen Pantoffel.
Mein Neffe -- doch jetzt ist's zu spt; wo werden wir nur all' die Zeit
zu den vielen Reden hernehmen?

Wir sprechen uns bald wieder-- vertrstete Herr Prlat, und griff
nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen.
Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Brden
bewut werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann
klar und leichter.

Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schn. Sonst
hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind
geschftig, der Natur eine weie warme Schlafmtze daraus zu weben. Doch
heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrstig erscheint, in
heiterer Luftigkeit einher, und grte mit dem gelben Sommerhute so
herablassend freundlich, da die schlfrige Welt munter aufwachte und
trumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und
da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Buerinnen verbauten
die kleinen Fenster mit Moos, um im Grnen zu arbeiten -- der
klsterliche Invalidenstamm rckte lustig ins Feld.

Schwerlich drfte der glnzendste =Th dansant= im schnsten Salon der
Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung
erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in
Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die
Vergngungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und
bedingt, sich doch in ihrer Wirkung berall gleich. Zudem machte der
seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung
zu etwas Auerordentlichem, und die stille Geschftigkeit der
priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Kche oder _Kchel_,
wie Veronica sie nannte -- legten einen unbewuten und geheimnivollen
Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.

Als es nun in den gewlbten Rumen des Klosterhauses zu dstern begann,
die Schatten des Abends lngs den kalten Wnden hinschlichen, flimmerte
es schon lichterhell in Veronicas Stbchen. Mit dem Glockenschlage Fnf
standen die Schwgerinnen und Josephine an dieser geweihten Thr, hier
wute man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen -- da ein
versptetes Erscheinen fr bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing
ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen
Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstbchen,
hatte nur einen Anstrich von Huslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer
einfachen Beschrnkung dem religisen Charakter der Einrichtung nicht zu
nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit
dem Kinde auf das jungfruliche Bett herab; das Waschbecken und die
Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Gerthe der
Sacristei, in die blendende Serviette ber dem aufgeklappten Tisch war
das Lmmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem
Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein
kleiner Blumenstrau, bei Josephinens aber der schnste.--

Therese, durch den gehabten Zwist und die spt erfolgte Vershnung
empfnglich gestimmt fr den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: wie
heimlich ists hier! wie hbsch! ich knnte gern hier wohnen, einzig
und allein. Josephine wute hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines
Kindes zog sie die grnen Bettvorhnge auseinander, schmiegte die warme
Mdchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die
dunkle Madonna auf -- in diesem Wechselblicke lag eine Welt der
Ahnung -- und flsterte: wie traut! wie lieb! ich mgte ewig hier
schlafen!--

Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendise dieses
Locals, lobte die Ntzlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser
frommen Clause die husliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser
Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten
sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blmchen so spt noch
erhalten knne.

Ich war von Kindheit an eine glckliche Grtnerinn, erwiederte die
Nonne hierauf, und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein
Vater die Folgerung zog, ich wrde eine treufleiige Mutter werden, die
da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder htte. Sie lchelte wundersam,
wie ber einen zerronnenen Traum.

Schade! sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wrtchen nicht gehrt.
Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung
einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die
Tassen, und besann sich alsbald, da sich das nicht schicke, und das Ma
der Sigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst berlassen bleiben msse.
-- Dann prsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwgerinnen
als trefflich gerhmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine
schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem fr sie bestimmten Platze
unter dem Struschen liegend gefunden; es lautete: nimm fnf Loth
_Ernst_, zehn Loth _Geduld_, zwanzig Loth _Sanftmuth_, und hundert fnf
Loth _Demuth_, dieses alles stoe wohl unter einander im Mrser
des _Glaubens_, mit dem Stempel der Strke, rhre ein Viertelpfund
_Hoffnung_ dazu, schtte es in die Pfanne der _Gerechtigkeit_, und lasse
es bei dem Feuer der _christlichen Liebe_ gar kochen. Alsdann bewahre es
wohl, damit der Schimmel der _Eitelkeit_ nicht ansetze. Mit dieser Salbe
streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die
Hlle.

Therese seufzte, als wre der Athem ihres Busens mit all diesen
Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: ein Arcanum, der knftigen
Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es fr probat.

Sagen Sie, Schwester Veronica, fiel hier Therese ein: sind Sie
wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wte
kaum, wie ich mir dies als mglich denken sollte. Ihre Miene zweifelte.
Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin
sich die schweigende Entgegnung aussprach: Christum lieb haben, ist
besser, denn alles Wissen-- und nach einem kleinen Besinnen antwortete
sie: die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz
mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt
haben; doch -- wenn ich einen Rckblick auf mein langes Leben werfe, und
auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet,
so mgte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, da ich
mich ihm weihe, und die frhesten Eindrcke des Gemths, alle Umstnde
meiner Jugendzeit htten dazu dienen mssen, da meine Bestimmung
erfllt werde. -- Im Keim der Zukunft ist die verhngnivolle Blume
eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen
Mrtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den
Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange
sie Feuerschmerz aushalten knnten. -- Warum sollte ich es ihnen nicht
erzhlen? ist doch nun Alles berwunden. Die beiden Frauen bezeigten
ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica
mitzutheilen htte, und setzten sich zum Hren zurecht; nur ber
Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue
sie es, da ihre ehrwrdige Freundinn zur bloen Unterhaltung Narben
enthlle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet htten. Sie zog die
schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehrt, sacht und seitwrts an
ihre Lippen und kte sie mit Ehrfurcht.

Mein Vater, begann die Nonne, war ein gelehrter Mediziner und Arzt
am Jesuiter-Collegio in B--. Sein einnehmendes Betragen, uerst
verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann -- seine
stattliche Gestalt und groen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen
Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besa. So
dchte man nun, meine Mutter mte eine glckliche Frau gewesen seyn.
Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich
dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu
verstehen, was sie so betrbe -- spterhin ist mir die Quelle ihrer
Thrnen wohl klar geworden. Manche Zhre aus dem Auge der Gattin, was
nicht blind war fr die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt
gefallen--: _dies war die erste Salbung zur Klosterfrau_. -- Meine
Mutter, fuhr Schwester Veronica fort, soll in ihrer Blthe ausnehmend
hbsch gewesen seyn.

Die drei Zuhrerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener
Schnheit an, die lngst schon Staub war, im Einverstndni der Meinung,
da dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters
ihrer Tochter erhelle.

Mein Vater, so war der weitere Verlauf der Erzhlung, hatte sie aus
heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der
Freunde meiner Eltern oder Fremder ber seine Brutigams-Thorheiten --
wie er sie nannte -- die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie
blickte ernst und bekmmert dazu. Ich entsinne mich genau, da dies eine
Empfindung in meine Seele legte, _als wre die Liebe eines Mannes kein
Glck, mindestens kein dauerndes Glck_. Das Einkommen meines Vaters
setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gste bei uns. Die
elterliche Gte fr mich, das einzige Kind, berschttete mich mit
kleinen Schtzen, ein unerfllter Wunsch fand nicht Raum unter den
angehuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten
mich kostbar, _und dieser Ueberflu machte mich gleichgltig gegen
den Besitz_. -- Meine Mutter hatte einen ltern Bruder, der war ihr
Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern
kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar
zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern
Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da
gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dmmernden
Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und
dies krnkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich
lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes
trge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und
mein Entzcken darber war unbeschreiblich. Ich kte die Farben von dem
kleinen Gesicht, da es todtenwei ward, und drckte die wchserne
Brust mit solcher Innbrunst an die meine, da sie zerspringen mute.
Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Chorle, was der
Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele
Begraben. -- Er war, beilufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei,
hinsichtlich auf seinen Beruf.

Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: man sagt,
es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn,
an welchen Gegenstnden sich ihr Liebessinn be. Sie selbst, Schwester
Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Htte ich einst ein
Pppchen, ich liee es nur mit Engeln spielen.

Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: dann wrde es nicht lernen,
_Menschen_ zu ertragen.

Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin
gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglck, oder
verletzte Verehrung fr die hhern Kinder Gottes, sie in Anregung
gebracht habe.

Die gute Mutter, nahm die Erzhlerinn den abgerissenen Faden wieder
auf, lie mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in
ahnungsloser Zrtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewi ist
es, da diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. --
Doch hren Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte!
er ist nicht stark. Zeitweiliges Nthigen. Das Geklirr der Tassen, der
leise Gu des goldgelben Wassers, das Geprassel der mrben Brezeln und
Mandelpltzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, fllte die Pause
der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. Das Haus meiner Eltern,
worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem
sogenannten Rathskeller, den die Gebrder Posca, ein paar Italiener,
in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein
Vater ging jeden Abend -- kaum machte der _heilige_ Abend eine Ausnahme
von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit -- in diese Tabagie, ein
Glschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschfte hielten ihn ab, doch
nie Liebe fr die Seinigen. Meine Mutter sa wie eine verwittwete frh
und spt mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um
uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwlfte Stunde, ehe
der Vater heimkehrte.--

Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ndern konnte, ich habe
nie gehrt, da sie dem Vater deshalb Vorwrfe machte; dagegen nhrte
sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung
nach daran Schuld wren, da sie so hintangesetzt wrde, und ihr Ha
erstreckte sich ber ganz Welschland. Von einem italienischen Salat
htte sie nimmer einen Bissen angerhrt; ich wrde nur Gift und Galle
essen -- sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von
solch einer Schssel ein wenig zu nehmen. -- Mir war diese Nachbarschaft
unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln
von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geffneten Thren
dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche
die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es
zog mein Herz hinab -- ich wute nicht, wie? das fremdartige Rufen der
dienstbaren Geister, die Glocke, welche gelutet wurde, wenn Einer der
Weingste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene
Schwingung. Die Mutter mute mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre
mich, da sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan,
wie Deinem Vater. -- Einer der Brder Posca hatte seine Familie noch in
Verona, und nie ist dies sonderbare Verhltni mir deutlich geworden. So
war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nchtlicher Zeit etwas
benebelt heim -- dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen
Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoe und hrte das
Gesprch der Eltern. Mein Vater erzhlte, wie er diesen Abend dem
Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, da, wenn sein Sohn, der das
Geschft fortfhren sollte, nun kme, was zu erwarten, und htte seinen
Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam
werden. -- Ich fhlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte
der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara
-- so hie ich in der Welt -- nicht einem Weinwirth geben? fragte sie
mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht
ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit.
-- Es gab eine feine Linie fr meinen Vater, wo seine angetrunkene gute
Laune in Jhzorn berging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er
erwiederte: verla Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca
heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen
Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals
gebrochen, um dies Verlbni zu besiegeln. -- Meiner armen Mutter mogte
wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als htte ich dies zu hren nur
getrumt. Als ein Mgdlein von funfzehn Jahren, wute ich mich die Braut
eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so
durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber
in jungfrulicher Schchternheit nie eine Sylbe, da ich davon Wissen
htte. Das Geheimni, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach,
meine Aufmerksamkeit fr die Nachbarschaft zu schwchen. Ein Gerusch
am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brnette
Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin.
Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen
Waaren kamen, dem Auspacken der Frchte und Delikatessen zuzusehen.
Es geschah dies gewhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer
Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphre vom Dunst feuriger
Weine, die sich hier niemals verzog, betubte mich angenehm, whrend sie
meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen
Aepfel, Datteln und Limonien aus Bltterschichten hervor nehmen sah und
der sdliche Duft herber wehete: so war mir so sehnschtig zu Muthe,
als wren diese Frchte vom Baum des Paradieses gepflckt; aber immer
stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe
war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater
gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an
seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte.
Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber errthete, da mir die
Stirn flammte. Der sah nicht aus, als knnte er Menschen berauben oder
ermorden! ein wenig brunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein
schnes Oelgemlde, dem man es bewundernd verzeiht, da der Knstler
sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glnzend schwarzen Augen
ruhten wie der hchste Gewinn eines Wrfels auf mir -- und der Wurf
meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glck.

Bei dieser begeisterten Schilderung einer mnnlichen Persnlichkeit,
im Munde einer alten Nonne, hustete die khle Fabia, und sah bedenklich
nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine
Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt:
o das ist prchtig! der Gedanke des Vaters war so bel nicht. Mir
ducht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hlt, ohne da sie sich
mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager fr Gste: mte es
gut mit haben und eine immer frhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor
Begierde zu erfahren, ob Sie den hbschen Jngling noch genommen haben.

Der schwache Schein einer lngst gedmpften Flamme, wie wenn Asche
ausglimmt, rthete Veronicas Wangen, als sie sprach: was Sie uern,
schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzhlung. Sie vergessen
jedoch, Frau Therese, da ich eine Braut Christi geworden bin. --
Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort
war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit hnderingender Geberde
an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhate Gedanke
wre mit deines Vaters Rausch verflogen, und htete mich wohl, ihn daran
zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du
werden, die hurtig hin und her luft und darauf lauert, eine lose Fliege
in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den
Keller betten? -- Obgleich das mtterliche Herzeleid mich rhrte und
jenes Bild mir widrig war: so mute ich doch lcheln, wie meine Mutter
ein Sprchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrckte.
-- Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie
blieb er einen Tag lnger aus, oder verweilte eine Minute ber die
gewhnliche Frist. Diese Regelmigkeit ngstete mich heimlich; ich
wute selbst nicht warum? berhaupt war etwas in diesem Verhltni, was
mich wie ein leiser Zwang drckte. Von einer Heirath zwischen uns
war die Rede nicht, und da wir Brautleute wren, htte uns Niemand
angesehen. Ich leugne nicht, da ich meinem Zuknftigen sehr gut war,
und mir mit Vergngen bewut, wie ich zu ihm stnde, wenn ich auch das
Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine
Lage eingewhnen -- hatte sein Vater gesagt. So saen wir einander blde
gegenber; ich fhlte ein ngstliches Bedrfni, ihn zu unterhalten, als
ob ich _seine_ Langeweile empfnde. Hatte ich auf sein Kommen gehofft:
so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen
wrde -- wute ich ihn doch voraus. Manchmal prete mir der Druck einer
innerlichen Beklommenheit Thrnen aus, die dann flossen, wenn er fort
war. Dabei trstete ich mich, da er nicht recht fort knnte mit der
Sprache -- ich hoffte ohne Hoffnung-- die Nonne lchelte trbe: die
Liebe hilft auch einem Stummen aus.

Eine Solche ward jetzt redend. Aber liebe Veronica, sprach Josephine,
die ihren Mund noch nicht aufgethan, was man am tiefsten fhlt, lt
sich oft am wenigsten sagen -- der junge Herr kann auch aus Liebe
geschwiegen haben.

Schweige Du, voreiliges Kind! herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer
Pflegetochter zu: Du kannst hierber noch gar nicht urtheilen.

Ich dchte doch! meinte Therese, und ihr Lcheln nahm Partei fr
diese.

Veronica blickte das verschchterte Mdchen zrtlich dankbar an. Sie
wute wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprchen.

Oft ist es so, mein bestes Kind, sagte die Nonne zu dem Liebling
ihres Herzens: allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam,
beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas
lobend erwhnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum.
Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, tuschte mich in
dem Gedanken, er wolle mein Glck. Ludovico trug einen Ring an seinem
Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem
Bildni einer =Mater dolorosa= in Mosaik ungemein knstlich gearbeitet.
Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche
vorenthielt, und zufllig sagte er einst, da es ein Andenken von seiner
verstorbenen Mutter wre. -- So war lnger als ein Jahr vergangen, und
jetzt uerte mein Vater, da unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen
werden wrde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nhere, mu ich zuvor noch
etlicher bedeutsamen Umstnde erwhnen. Vielleicht war es in Folge der
Unruhe meines Gemths, da ich mich damals etwas krnklich befand. Mein
Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel,
woran die Ihrigen leiden, fr unerheblich halten. Die hochselige Grfinn
Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem
Gemahl auf den hiesigen Gtern war, bediente sie sich seines Rathes,
eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein
Krebsgeschwr htte ausarten knnen. Auch in jenem Herbste kam sie nach
B--. Sie fand mein Aussehen verndert, und erkenntlich fr geleistete
Hlfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit
nach Bhle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Grfinn sagte. Mein Vater
war zu hflich, um der vornehmen Dame diese gndige Bitte abzuschlagen,
meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam
dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bhle.
Die Grfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von
einer Frau! -- Morgen, mein Clrchen, sagte sie am zweiten Abend, wird
eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen?
Wir werden hinber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich
lieb, da es sich so trfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum
erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit grter Pracht vollzogen.
Die Nonne, welche Profe that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die
Sage ging, sie htte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemth gezogen.
Das wunderschne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck,
flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altre widerstrahlten,
die Gestalt des hochwrdigen Bischofs--: alles, was ich sah und hrte,
machte einen mchtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te
und bebte, ls'te sich mein Wesen in erschtternden Gefhlen auf. Ich
wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich
sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: =De
profundis!=

Schwester Veronica, sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne fate,
als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, werden diese
Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dchte-- sie
redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene
Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemth
der klsterlichen Jungfrau. Diese schttelte den Kopf und sprach: nein,
nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzhlen. Ich sah das Kleid von
Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier -- die blonden Haare -- der
Bischof schnitt mir in das Herz -- und das Frulein aller Eitelkeit
baar, der Welt absterben. -- Whrend dieser ergreifenden Ceremonie wurde
eine Glocke gelutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige
Secunden ohnmchtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne,
ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefllte Schiff
der Kirche warf, und dann durch die Thre verschwand, welche nach dem
Innern des Klosters fhrt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich
am Abend jenes denkwrdigen Tages mich allein befand, und meine Haare
auflsete, bemerkte ich, da sie genau von derselben Farbe wren, wie
die des Fruleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze
Haupt in seinen Scho beugte, da es seines Schmuckes beraubt wrde.
Whrend sich diese Scene meinem Gedchtni wiederholte, entflocht ich
die langen Zpfe, und lie sie wellenartig durch meine Finger gleiten.
Da fllt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Fen -- es war eine
silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine
innere Stimme raunte mir zu, da dieser kleine Zufall vorbedeutend wre,
und unter einem Nervenfrsteln legte ich mich zur Ruhe. -- Bei dieser
Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als
ob in jedem ffentlichen Opfer eine geheimnivoll anziehende Kraft zur
Nachahmung lge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit
und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey -- mein Heiland bewahre
mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der
Welt zu entziehen -- oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht
in die Hnde seines Schpfers zurckzugeben: eine hnliche Tiefe der
menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, da Todesstrafen
weniger abschrecken als sie sollten. -- Bei meiner Nachhausekunft fand
meine Mutter, da eine Vernderung mit mir vorgegangen wre. Sie suchte
mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend
gossen wir blicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir
solchergestalt versuchten -- schwebte ber dieser kleinen Wasserflche.
Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Gu gebildet hatte.
Nun das ist ja ganz natrlich wie eine Abtei mit Thrmen und Kreuzen --
sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und
da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fhig
war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt htte, so setzte sie
lchelnd hinzu: viel eher htte ich gedacht, Du wrdest kleine Tnnchen,
worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes
Weinfa fischen. -- Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal.
Doch genug hiervon; meine Erzhlung mgte sonst ihre Geduld ermden.
Das Jesuiter-Collegium besa ein uraltes Gebude vor dem Thore, welches,
seiner schnen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden
war. Der schne Garten daran, mit tropischen Gewchsen bepflanzt, war zu
einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der
die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaen als den
seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die
wrmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein krnkliches Mitglied hatten.
Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten
erworben, ein Paar der besten Zimmer eingerumt, und ich freuete mich
stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen wrden. Unter dem
Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug,
da die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels
trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene
Pltzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der,
ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und
Wohlthters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten
mssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige
wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein fr ein wackeres
Mdchen, und fr eine nette Stickerinn galt. Er htte sonst ohne diese
Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Flei ihrer kunstreichen Nadel,
verhungern mssen. -- Wie gro nun auch der Abscheu meiner Mutter
gegen meine heranrckende Verbindung war: so verga sie doch
nichtsdestoweniger alle die kleinen und greren Besorgungen, welche ein
Brautstand =in optima forma= erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt
noch kein Wrtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war
damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die
Angelegenheit elterlicher Autoritt und eine Pflicht des kindlichen
Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit
weniger unglckliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit
mir ber die Geschenke, welche dem knftigen Brutigam zu machen wren,
und fhrte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dchte, wir
nehmen paille Atla, sagte sie, und lieen die Klappen und Taschen mit
einer Borde sticken, und zerstreute Blmchen in die Mitte. Was meinst
Du? -- Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. --
Die junge Tamdio kam. Ihr Aeueres war mir sonst nie aufgefallen; da sie
nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr _interressant_ -- wie man
heut zu Tage zu sagen pflegt. Man htte sie nicht schn nennen knnen,
vielleicht kaum hbsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der
unbeschreiblich rhrte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und
wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen
Bestellens ber diese Arbeit, welche sie der uersten Mhsamkeit der
Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei
diesen Worten ward das Mdchen todtenbla, und ihr Auge erlosch, wie ein
Licht ausgeht. Sie sind wohl unpa, armes Kind, vielleicht vom vielen
Sitzen? fragte meine Mutter, unbekmmert, da sie diese Anstrengungen
vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete
das Mdchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird tglich
schwcher. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen -- meine
Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er kme. Sie
verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir
that das Mdchen sehr leid, und so uerte ich: wir knnten es ja noch
lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun
willst, das thue bald. Ich whlte also ein Muster von Vergimeinnicht.
In dem niedergeschlagenen Blicke des Mdchens ging ein Schein von
Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergimeinnicht!
das htte wohl keine Art, und she aus wie ein Andenken. Du vergissest
jedoch, da Dich der Bewute so gut wie in der Tasche hat -- womit sie
darauf anspielte, da ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich fr
ihn malen liee, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden
sollte. Das Mdchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tchelchen
hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen
nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem
vergangen seyn, fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, als eines
Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war
schwl; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trbe vorgekommen. Ich
legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner
Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr
Schlafgemach hinter verschlossene Lden und betete. Grade unter meinem
Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen
Sitzen nach Auen. Ein breiter Ahorn wlbte sich schirmend um diesen
khlen Versteck. Ich starrte in die Finsterni hinaus, mit Gedanken an
meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als she ich
bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die
Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflster, wie von
Innen. Es dauerte nicht lange, da ich in der antwortenden Stimme die
meines mir zugedachten Brutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der
er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, _seine_ Clara, und an
dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so
allgemein war, da ihn die meisten Tchter unserer Stadt fhrten, an
diesem Tone hrte ich, da ich seine Clara nie gewesen, noch werden
wrde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehr, so da mir keine
Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand
mogte ihn bitten, sich bei dem nher kommenden Sturm nicht zu verweilen,
denn er sagte, die Gewitterwache stnde am Thor, und dieses bliebe
offen, bis sie abziehen knnte. Dann schien er sich gegen zrtliche
Vorwrfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mdchen,
welches er aber nicht lieben knne, weil es ihm aufgedrungen werde,
und nur nehmen msse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den
meinigen fr einen Crsus halte. Er sprach sein Struben gegen diese
Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als mglich zu
hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn
in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der verge, die einzig und
allein seine Liebe besitze. Ich bin unglcklich, so lange ich lebe,
sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. -- Reiche mir Deine Hand
aus dem Gitter, bat Ludovico, da ich Dir diesen Ring an den Finger
stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt fr den Himmel,
jenes Gelbni hat nur irdische Dauer. -- Ach! der Mensch sollte nie
weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der
da bindet und ls't. Ein frchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich
wnschte, dieser Blitz mgte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele
war zermalmt, und betubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die
schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, da er mich strken mge
zu einem Entschlu; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.

Arme Veronica! rief Therese mitleidig, es ist entsetzlich, aus einer
hoffnungsvollen Tuschung so zu erwachen!--

Und doch war es gut, da es nicht spter geschah, sprach Frau Fabia
mit prdominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise
zu sagen: ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am
unglcklichsten daran.

Das dachte ich auch! uerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme
fort: wie nun der Morgen tagte, der schnste Frhlingsmorgen! da
fhlte ich, da meine Blthen gefallen wren, fr immer. Die Natur war
erfrischt, die Vgel sangen lustig in den Zweigen -- wie _mir_ zu Muthe
gewesen, ich mgte es nicht schildern knnen. Es war sehr zeitig, die
Eltern schliefen noch -- da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof,
um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten,
strichen gespensterisch an mir vorber, meine Schritte wankten, wie ber
einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der
nchternen Stille so nchtlich laut hallte, da mir ein Grauen ankam.
Mein Fu zgerte, ber die Schwelle zu schreiten, als gbe es kein
Entrinnen mehr fr mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im
Garten beschftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der
verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll
Sonnenglanz. -- Dieser traute Anblick berwltigte mich -- ich sank an
seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestrzt in seinen Armen;
kein Unglck war so gro, da er es nicht in meiner Verstrung, in
der schmerzbewegten Fluth von Thrnen gesucht htte, die an den Blumen
seines Schlafrocks niederflo. -- Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich
lange mit mir gekmpft, ich nun gewi wre, da ich den jungen Posca
nicht heirathen knnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir
fhlte, den Schleier zu nehmen, und nur frchtete, die Eltern wrden
mir ihre Einwilligung versagen. So bte ich ihn denn instndigst, meines
Wunsches Wort bei der Mutter zu fhren. Was den Vater anbetrfe, so
wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf
starken Widerstand gefat seyn mte; weshalb ich denn auch so zaghaft
wre.--

Mein Ohm schttelte den Kopf und sprach: wre mir dies doch nicht im
Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flchtige Einbildung
von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des
Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf
daraus, da ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an
die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du
Deinem Liebsten abgeneigt wrest! ich frchte, Du verschweigst das
Wichtigste hierbei! -- Doch um keinen Preis htte ich meinem Ohm die
Wahrheit entdecken knnen. -- Wenn Gottes Absichten vollfhrt werden
sollen: so mu es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt
htte, seinen Ha, o, da ich es sagen mu! gegen die Geistlichkeit
im Allgemeinen und gegen die klsterliche insbesondere -- seine
Ueberschtzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glcklichen dieser
Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaten Vorsatz fest hielt: Der
wrde es fr ein Unmgliches gehalten haben, da er meinem Wunsch sich
nicht nur fge, sondern ein williges und willkommenes Shnopfer fr sich
selbst darin she. Und dennoch mute ein gewaltsamer Umstand mir dazu
behlflich seyn. Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein
tiefer Seufzer ihrer Brust suselte durch die hochgespannte Stille. Dann
fuhr sie mit unterdrckter Stimme fort: die Heiligen segnen die Seele
meines Vaters! ich wei nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne
ziemt, da ich einer Geschichte erwhne, die einen Schatten auf sein
Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darber wachsen
lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, da die
Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestrt werde. Sie mgen sich selbst
berzeugen, wie es mglich war, da ein Mann von so sanguinischen
Meinungen, wie mein Vater, pltzlich so erschttert werden knnen, da
sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. -- Mein Vater hatte
sich der Wittwe eines Chirurgen thtig angenommen. Die Frau stand nicht
im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger
Mann, dessen Geschft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen
wenigstens -- hatte sie barbieren gelehrt, auch ber den Lffel -- zur
Ungebhr, wie mir ducht; denn sie verstand es sehr von selbst, den
Mnnern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit
meines Vaters fr das Beste dieser Frau, der Pnctlichkeit, womit er
sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine
bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wre. -- Dies
Verhltni war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein
Vater eines Abends wie gewhnlich zu dieser Wittwe geht und in die
unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint
auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhlltem Kopf hinter
der Thre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm
spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu -- doch welcher furchtbarer
Ernst schreckt ihn zurck! seine Freundinn hngt an ihrem Schrzenbande,
und mein Vater -- _er selbst_! mu sie mit einem Rasirmesser
losschneiden.

Die Zuhrerinnen schauderten -- Josephine legte beide Hnde vor ihr
unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! ja, mein Kind, wir
mssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall
trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein
Leides gethan. Mein Vater mute, da der Kreisphisikus erkrankt war, der
gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht,
der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen
keine Ble zu geben, hatte seine innersten Lebenskrfte angegriffen.
Dieses unglckselige Ereigni hatte sich an jenem Abend begeben, wo
ich auf andere Weise Todesweh empfand. -- Auch mir war es aus reinerer
Schaam Bedrfni, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich
hchstens bemitleiden knnen. Die Geschichte machte ein rgerliches
Aufsehen, es war, als ob der bse Wrgengel vor meinem Vater herginge,
und, um sein Unglck zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner
bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich
vom Pfarrhof zurckkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten.
Sie wrde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus
dem Grabe wiedergekehrt wre, und so bleich ausgesehen htte, wie ich
nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewi ihrer Stimmung
angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes
Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, da sie, als
ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch
erffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschlu, meine
Tochter. Viel lieber will ich Dich im Scho der Kirche, oder auch in
den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes.
Willig reie ich die Blume meiner Freuden aus dem mtterlichen Herzen,
wenn ich wei, da Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. -- In dieser
Aufregung meiner Eltern unterdrckte ich mglichst den Tumult meiner
eigenen Gefhle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer
das Mdchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger
zu seyn, wenn ich es wte. Wie aber sollte ich es erfahren?

Ja, rief Therese, und rckte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her,
diese Neugier htte mich auch gemartert, und ich wrde jedem Mdchen im
Hause auf die Finger gesehen haben.

Das that ich auch, erwiederte die Nonne lchelnd, aber leider
fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter
Hausgenossen eine gewisse Zurckhaltung des Umgangs; die Tchter der
Professoren hielten zusammen und mich fr stolz, womit so oft der Sinn
fr Einsamkeit verwechselt wird, und die Fhigkeit, sein eigener Freund
zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darber nachsann, Wen ich mir
zum Frsprecher bei meinem Vater erwhlen knnte, und -- da die Zeit
drngte, ich mit unschlssiger Angst bald an die Grfinn Frankenstern
dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst
wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben wrde, die
Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen,
war mir der Ring, und wer ihn trge, wirklich ein wenig ins Vergessen
gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach
einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige
Weste. Das Muster blhete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto
ausgefhrt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die
Vergimeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewhlt: da schwellten meine
Augen und ein groer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein
Bildni hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was
hast Du da gemacht? -- O das schadet nicht, versicherte das Mdchen,
_die_ Farbe ist cht, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge
Stickerinn den uersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit
fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber --
erblickte ich Ludovicos =Mater dolorosa=, und fhlte ihre sieben kleinen
Schwerter in _meiner Brust_. -- Ich besann mich, da Ludovico bei dem
Sprachmeister Unterricht genommen, ich wute auch, da seine Clara
italienisch sprche. Dies arme, geringgeachtete Mdchen mit der
kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glckbegnstiget, als ob
ein Knigreich an ihrem Finger funkelte. -- Ich wei nicht, in welche
Verbindung ich es setzen soll, da mir bei dem Lichte, was mir nunmehr
ber den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von
Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich
mit ihm. Ich untersttzte die getroste Bitte durch Alles, was meiner
Meinung nach wirksam auf ihn seyn knnte, als zum Beispiel: da ich aus
guten Grnden glauben msse, Herr Peter Posca halte ihn fr unermelich
reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergbe kein
verlliches Facit. Dann wrde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie
dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche
gesegnet, knnte es kommen, da ich mit Ludovico ber Berg und Thal
in ein fremdes Land werde ziehen mssen. -- Da mein Vater mit den
Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fue stand, da
ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wute ich
nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknpften Bande
lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflslich hielte. Sieh da! der
Faden war schon gels't. -- Mein Vater lie mich ausreden, tdtlich
stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich
weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war ber mein Erwarten.
Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist
dies auch wahrhaftig wahr? -- So will ich Gott mein Herz weihen, da
er Ihnen seinen Segen dafr gebe, lebenslang fr Sie beten, und als Ihr
treues Kind ersterben. -- Diese Freude schien ihn zu erschttern; thue
es -- sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine
Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gels't,
und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, da er mir noch
eine Bitte gewhre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben wrde, was
nicht mehr lange dauern knne, dann mgte er die Clara an Kindesstatt
aufnehmen, da dies verlassene Mdchen elterlichen Schutz, und meine
Mutter eine Tochter htte, die ihres Alters Trost und Pflege wrde.
-- Er versprach es mir. Nun brigte mir noch das Schwerste. Kaum eine
Stunde nachher kam mein zuknftiger oder gewesener Brutigam, und warb
in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern,
da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns
gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines
Mannes. Htte ich Einen gewhlt, Sie wrden es gewesen seyn, denn ich
schtze Sie sehr hoch! -- Hier ergriff er meine Hand -- ich fhlte einen
heftigen Druck, und mit gepretem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen
Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle trte, Clara
Tamdio -- ein braves Mdchen, welches das beste Glck verdient. Wenn Sie
knftig das freundschaftliche Verhltni zu unserm Hause fortsetzen: so
gedenken Sie auch meiner. -- Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen;
es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen -- und _Freude_ war
es nicht, was seine Zge versteinte. _Clara_, rief er, ist dies mglich?
mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als
sonst -- dieser Augenblick war mein glcklichster.

Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer
Pause fuhr Schwester Veronica fort: an dem Tage, wo ich mein Noviziat
antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern
Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die
Schwchen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaweste mit
Vergimeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen.
-- Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir
gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich geno
die unaussprechliche Beruhigung, da sie die letzten Jahre ihrer Ehe
einmthig lebten. Mir aber war wohl -- das mgen Sie mir aufrichtig
glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und da die Welt meiner Wnsche
Ziel nicht gewesen wre; in ihr wrde meine Liebe mir verloren gegangen
seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich
den Ludovico heirathen mssen -- und dem wrde ich nicht haben entgehen
knnen -- ach! und eine _ungeliebte_ Frau ist die unglcklichste von
allen -- dann wrde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und
auer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfllen, nachdem ich
wute, Wem sein Herz gehre, und da ein armes verwaisetes Mdchen durch
mein Glck leide. So dachte er gewi mit Wohlwollen an die Clausur,
welche ich gewhlt, auf da er frei wre in seiner Wahl. Die
_Nothwendigkeit_ meiner Entschlieung leuchtete mir also ein, wenn es
doch dann und wann einen Augenblick fr mich gab, wo ich meinte, es
htte vielleicht ein anderer Ausweg fr mich ermglicht werden knnen.
Allmhlig schlo ich die Augen meiner Seele fr solche Rckblicke. Mir
war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach
Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da
drauen blendet ihn nicht, und das Getmmel der Welt regt ihn nicht auf
an der stillen Stelle, wo er Frieden trumt. -- Gebet und Arbeit fllten
meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes
Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek
meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den
Generalba und Latein -- was -- wie ein classischer Schriftsteller sagt:
ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll-- ein klares Lcheln,
worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergo sich
ber Veronicas Zge, da sie erluternd hinzusetzte: als worunter
jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthtigkeit
verstanden wissen will. Auch mu ich ihm gewissermaen Recht geben,
und es ist wirklich wahr, da jene anstrengende Schule ein empfindsames
Frauenzimmer sehr erkrftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich
selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsglicher
Mhe erworben, waren mir ber die Maen lieb. Ich konnte die Vter
unserer rmischen Kirche lesen, die heiligen Legenden -- und der
Generalba -- der ist der Schlssel zu aller Harmonie, und gleichsam das
Thor zu der Welt der Tne. Man geht erst ein in das Geheimni der Musik,
wenn man ihn kennt. -- So waren mir fnf Jahre still verrauscht. Als
ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu
einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte -- ward mir gesagt, ein
fremder Herr, der einen Auftrag an mich htte, wnsche mich zu sprechen.
Ein _Herr_! ein _Fremder_! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in
Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und
die Aebtissin bewilligte es, da ich das verlangte Gehr gbe. Es war
im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon bla durch
die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so da sich
Licht und Schatten zitternd in dem dstern Sprachzimmer mengten. Mein
Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und
dessen bleiches, verhrmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte.
Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestrzt, da ich ihn
tieftrauernd sah; ich _fhlte_ die Scheidewand zwischen uns -- den Bogen
lie ich tnend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments
nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem
Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe
_Clara_ -- nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen -- und ich
miverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen -- also
setzte er hinzu: ich mute Sie doch einmal wieder sehen. -- Ich drckte
ihm meine Freude darber aus, und durfte ihm nun die Flle der Liebe
zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein
seines Glckes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer
Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll -- ich wute nicht,
wonach ich zuerst fragen sollte. Was mute ich vernehmen! -- Seine Frau
war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens,
mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn
Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand -- sagte er mit
zermalmender Wehmuth, und bat, da ich ihm die meinige reichen mgte. --
Und durch das Gitter, wie es damals geschah -- steckte er mir _den_
Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau
getragen, den Ring der Schmerzensmutter! -- Empfangen Sie dies zum
Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine
Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelbde treulos zu seyn. Und
erinnern Sie Sich in frommer Frbitte Eines, der mit einem Herzen,
darin der Harm whlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage
gedenkt. -- Ich wei nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzckt
war; ich hatte ein Gefhl von Verlbni, und doch nicht von irrdischer
Art. Wir trennten uns auf immer -- und doch nicht fr ewig. Ich besa
ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bnde, und der Freund meiner
Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn
erlaubte, da ich den Ring trge. -- Nach Jahresfrist erhielt ich
eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die
mir unbeschreibliches Vergngen machte. Es war, als ob seine frhere
Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren
alten Platz eingenommen htte. Vor einigen Jahren, so endigte Schwester
Veronica ihre Geschichte, zerbrach mir der Ring -- ich konnte mich
jedoch nicht entschlieen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald --
dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen
darauf geruhet! so mge er denn ruhen. Hier liegt er nun. Bei diesen
Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Dschen von
Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, ffnete es, und drinnen
schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die
blanke Gltte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie
lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem,
obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.

Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben
spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die
geheimnivolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring
als ein Glied anzusehen wre -- und da selbst so winzige Steine reden
mten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mtterlichkeit
zusammenbauten, wenn es darauf ankme, da der Unerforschliche seinen
Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen
Golde dieser Fassung -- unter Regungen des Flattersinns wie des
Vergngens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl mglich wre?
und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas
tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die
jngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am lngsten behalten;
ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin -- das Leben und
Leiden der Nonne -- bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest
gefgt, schwankte, und ihr starrer Jammer lsete sich in der Thrne auf,
die dem frmmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte.
Josephine empfand, da solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde
aufwge. Sie fhlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergnglichen
Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf da die Welt selig
wrde, die es umfat.

Whrend dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major
Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem
Bein, und er mgte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem
Zimmer.

Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von
dem Unbehagen eines Ehemanns sprte, welcher den Zusammenknften der
Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen mu -- hatte der
Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gesprch vom Morgen ward
fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie
der Erstere zu seiner zweiten Schwgerinn gekommen sey. Da es sich nun
der Allgegenwrtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu
seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heit: Adam
im Dorfbarbier--, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so
mssen wir uns das Vergngen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser
Unterhaltung einzufhren, _weil_ und _so lange_ wir in Veronicas Zelle
verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachtrglich mittheilen,
ist uns der Vortheil gegnnt, auch das, was dem Erzhler selbst
verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlssels, den wir
dazu besitzen, unsern Lesern zu erffnen. -- Die Stiefmutter des
Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Shnlein
in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser
einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so
fern als mglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persnlichen
Vorwrfen zu entgehen, und die Frchte eines erlisteten Testaments unter
dem Schutze der Unbemerktheit genieen zu knnen. Und wie es denn nun
hufig geschieht, da ein ungemeines Glck auf den Schmutz ungerechten
Besitzes, und in befleckte Hnde fllt, so waren ihrem Kinde seltene
Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und
unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf,
und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, ber den Kopf. Seine
Fhigkeiten berflgelten frhzeitig die Erwartungen der Lehrer,
die nicht wuten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen
Mitschlern war er ein Abstractum -- und mit einer wohlwollenden Seele
sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter
an dem Mastab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter
befand sich nicht wohl, und zog, eine Frhlingscur zu gebrauchen, vor
das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des
***schen Gesandten, mit einem prchtigen Garten. Der Knabe blickte
zuweilen sehnschtig aus dem engen grnen Bezirk, den seine Eigenthmer
ein Grtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wnsche
hemmend einschnitten, in die freien Rume hinber, wo die Shne des
Gesandten, etwas lter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkr
belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht
weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven
gewhren lie -- ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in
allen Gliedern, das Glck dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die
Mutter schrie schon ngstlich auf, wenn er einen Purzelbaum scho, oder,
die langsame Treppe zu umgehen, sich ber das Gelnder hinaufschwang.
Jede solche Kraftbung ihres Shnleins setzte ihren schwachen Krften
zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfllt.
Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Shnen des Gesandten
auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreiendes in seinem Wesen,
die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen
den hochmthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister
bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst
Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein
feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der
Mhe verlohnte, fr _seine_ Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte
lie sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden
sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah,
und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des
kleinen Constanz an ihrem Ziele -- und der Gesandte nahm den verwaiseten
Knaben nun ganz zu sich. Die Shne folgten ihrer Bestimmung, Constanz
blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese
Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhltnissen vertraut,
er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt
setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Gnstlings.
Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten
Vorurtheil gegen klsterliche Machthaber, und da nun Constanz von frher
Kindheit an _so_ und nicht anders genannt worden war, behielt er diese
Benennung spter und fr immer bei, so da man kaum mehr wute, wie er
eigentlich heie. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prlation
seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit franzsischem
Accent ausgesprochen ward. Seine Persnlichkeit ging in der Bedeutung
des Gnners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, da der
Secretair die rechte Hand des Gesandten wre; doch die Frau desselben
tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jngling
nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem
dunkeln Gefhl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich,
weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im
Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mitrauen. Sie argwhnete, das
Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wre, enthielte
auch solche, welche nicht in anderer Herren Lnder, sondern ber
die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet _fremder Frauen_,
verhandelt wrden. Und in wie weit dieser Verdacht begrndet gewesen,
wird die Folge lehren. So war das Verhltni des begnstigten Constanz
gegen die Dame des Hauses etwa das eines natrlichen Sohnes.

Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte -- rhmte, wie expedit
Constanz sey, wie er darin das Unmgliche leiste, dann bestrafte seine
Gemahlinn ihn fr den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer
Miene des Tadels, als bler Weissagung, entgegnete: ich frchte sehr,
Constanz bertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht
lange.-- Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte
den Gesandten in Furcht. Einst hrte er seine Frau zu dem Secretair
sagen: wenn Sie nur nicht immer so =en carrire= wren, Constanz! ich
mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie
an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten
Staub in die Augen streut -- und mit Extrapost gen Himmel fahren.--
Der Jngling lchelte der Drohung, die ihn zgeln sollte, und sprach:
nichts knnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wre sein Tod.--

Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren,
entfernen knnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen
seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das
Genaueste zusammen.

Es war um die Zeit der Aufstnde in Polen, wo er den Secretair mit einem
Auftrage von grter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es
war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann
geheime Instruction, und Constanz muthmate schlau, diese mache nicht
den unbetrchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen
Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war.
Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in
Kenntni setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen
sey; dann ihnen Depeschen berreichen, welche der Gesandte ihm, unter
dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, bergab. Er versprach dagegen,
wenn die Ausfhrung jenes Geschfts -- vielleicht meinte er auch
_dieses_ -- den Beauftragten bewhre, so solle Constanz einer seinem
Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewi seyn.
-- Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in
dem Herzen des Gesandten aufgestrt, und seinen gleichmthigen Bestand
aufgelset htte. Dieser Protector, getuscht von der innern Bewegung,
whnte, seinen uern Zustand verndern zu mssen, und indem er die
Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wnsche zu
schwingen, ging er von der Idee aus, den Proteg fr diese Absicht zu
ntzen, bevor er ihn poussire.

Freudig, wie ein Vogel den goldenen Kfig hinter sich lt, darin er
eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lfte. Er war ganz in
seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf.
Er schwelgte gleichsam im Genu einer pflichtmigen Eile. -- Doch
indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines
Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung
Erde und Himmel fr ihn abgrenzte.

Als Constanz sich den Wldern Polens nherte, drngte sich ein
dsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und
verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte
ihn, er sah betrbt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und
jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine
tiefe Saite seines Herzens an.

Constanz sprach sehr gelufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen
Flchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl
vaterlndischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn
berall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der
kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte,
war eine wste Brandsttte, ein trauriges Bild gnzlicher Verdung. Es
war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser
polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Geblke schienen
noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemuers, des
einzigen auf dem Hfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein
alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt
giebt und freie Schnitte -- doch besseren Ansehens als Die, welche sie
gewhnlich tragen -- stand in der niedern Thr, und sah tiefsinnig auf
das leere Huschen einer Hundehtte nieder, deren Kette gels't daneben
lag, und den Wchter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als
das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den
offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der
junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin
des Ortes. Meine Dame schlft-- sagte der vermuthliche Diener,
indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des
Zuspruchs anempfahl, und ungern mgte ich sie wecken. Auch wrde es
-- meinte der Getreue, wenig ntzen. Seit den erschrecklichen Vorfllen
allhier, fuhr der Alte fort, hat meine Dame das Gedchtni verlohren,
und kann sich auf nichts mehr besinnen.

Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen-- erwiederte Constanz lchelnd
auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.

Sogleich! sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner
Nation und eigenen Unglcks, von diesem Lcheln, diesem Zweifel
beleidigt, und stie leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf,
was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit
seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als
Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhltnisse beleuchtete,
deren Glcksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte
Sparrwerk der Wnde war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich
einer besseren Bestimmung angehrten. Auf einem verstmmelten
Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eschale, trbe verblindet,
darin ein Rest rmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die
meisten vom Ueberflu, lagen -- ein Quodlibet -- wirr durcheinander, und
eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe --
nahm den Fuboden ein. Alles schien nur fr den Nothbehelf zu seyn. In
einem Grostuhle, der schrg gegen das Fenster gerckt, voraussetzen
lie, er stnde nur derweilen da -- lag eine ltliche Frau mit
geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich
schmiegte, hing nachlssig ber die Lehne geschlagen, und der Chinese
des Gewirks, hielt seinen Schirm ber diese eingesunkene Wange.
Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die
schlummernde Dame geno. -- Um ihren feinen Mund schwebte ein Lcheln
-- das Todeslcheln unbewuter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem
Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide
des Miggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes
Nervenhpfen daran, welches auf krampfhafte Zustnde, und nicht selten
auf eine nahe Auflsung schlieen lt. Im lebendigsten Contrast dieses
abgespannten und verblichnen Bildes, sa ein junges schlafendes Mdchen
zu den Fen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle
Athemzug war ein trunkenes trumerisches Schpfen aus der Ruhe sestem
Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Fr einen jungen Mann giebt
es keine grere Gefahr, als die Schnheit, wenn sie schlft, und die
gesenkten Waffen blinkender Augen. -- Doch nach einigen Secunden, die
sein Leben wendeten -- es giebt Momente, welche alle Verhltnisse der
Zeit aufheben -- trat Constanz zurck, denn der Anzug des Mdchens
duchte ihm nicht fr die Nhe eines Mannes berechnet. Er wollte warten;
doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener fhrte ihn an die
Thre. Constanz mute sich bcken, und sein Herz beugte sich, als die
Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da
wren? -- Constanz versicherte ehrerbietig: er kme als ein Bote der
Freundschaft. Die Dame legte die schneeweie Hand an ihre Stirne, wie
Jemand, der sich besinnt, und sprach: Freundschaft----? Es war, als
wre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.

Whrend dessen war das Mdchen auch erwacht. Angesichts des jungen
Fremden trat es vor den alten Mann, und lie sich ungenirt das Kleid
von ihm zuhkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzckten
Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das
Werk geheimnivoller Verwandlungen gewesen -- so da er mit Mhe nur
seinen Auftrag auszurichten vermogte.

Es war eine helle Stunde fr die Mutter, in der sie die Depeschen des
Gesandten las. Und whrend sie wie aus den Wolken fiel -- sehr dunkle
hatten den Lebenstag dieser unglcklichen Frau verfinstert -- da
jener Freund sich ihrer _jetzt_, und auf diese Weise erinnere, fiel das
Rosenlicht einer schneren Vergangenheit auf jede Zeile.--

Das Lesen geschah inde so langsam, da Constanz unterdessen vllig Mue
hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergnstigung, bis
zum andern Morgen hier verweilen zu drfen. Die Mutter war ber jede
Verlegenheit ihrer Lage hinaus -- das Frulein bewies sich nur in so
fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge fr die Bewirthung dieses
angenehmen Botschafters doch nicht das Vergngen ber seine lngere
Anwesenheit verleugnete.

Bonaventura-- so hie der alte Kmmerer -- wird schon Rath
schaffen, sagte Therese -- unsere Leser wissen ihren Namen doch. Wir
wollen die Mutter nur ganz auer Acht lassen-- flsterte Therese ihm
traulich zu. Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe -- ich kenne das.
Wre es Ihnen vielleicht gefllig, eine Parthie Schach mit mir zu
spielen? Sie mgen Ruland seyn -- ich bin Polen.

Constanz erstaunte ber die Vortheile, welche Therese sieggewi
ihm vorausgab; doch nicht minder, da er fnde, wie dieser harmlose
Leichtsinn vermengt wre, mit patriotischer Tcke. -- Nach wenigen Zgen
war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.

Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche
ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser
Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen
Leute unauflslich zu knpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein
treibender Genius, der ihn immer und berall drngte. Spute Dich!
raunte dieser beflgelte Geist ihm zu, wir haben Eile, und die Zeit
entflieht. Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich
leise um dieses flchtige Naturell legten, wie verworren das Verhngni
dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu
einer und der andern Frage, die ihm sein Gnner an das Herz gelegt,
bevor er die an das Frulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es
geschah dies gesprchsweise. Therese stand auf, rttelte sacht an der
schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: sage
einmal, habe ich Verwandte?

So viel ich wei: nicht; antwortete die Dame mit Resignation, und
bat, da ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mgte. Ein
khner Wurf des Gesprchs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte
zu wissen: zu welcher das Frulein sich bekenne? Eigentlich zu keiner,
antwortete Therese mit liebenswrdiger Freigeisterei, ich habe meinen
Glauben gern fr mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz
getauft-- Constanz lchelte gelinde.

Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem
Grostuhl, neigte sich ber die blasse Gestalt, und sprach: Mtterchen,
bin ich catholisch?

Etwas-- antwortete die Dame kaum hrbar, Du frgst mich viel.--
Therese stand beschmt. Die Mutter hat eigentlich Recht-- sagte sie
und nickte dazu. Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte
nicht viel; sie mte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn
ich es Ihnen ehrlich gestehen soll-- fuhr Therese fort: die Religion
ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites
wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, da man sich
freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir
auerordentlich gehssig waren. -- So kann ich auch nicht anders, als
mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes
denken, der eine gromchtige Schlafmtze trgt -- als Symbol der
ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber hchst
langweilige Gesellschaft vor.

Fr Constanz waren diese Aeuerungen, um der Anmuth und anspruchslosen
Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schnen Seele. Ein
aufrichtiges Herz schtzte er ber Alles, und er wnschte, sich dieses
arglose zuzueignen.

Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzhlte, drfte ohngefhr
folgendes Ergebni seyn. Therese war, seit ihrer frhesten Kindheit von
ihrer Mutter getrennt, in einem groen Hause erzogen worden, ziemlich
sich selbst und ihrer natrlichen Gutartigkeit berlassen. Jene Familie
aber lebte, verwandtschaftlicher Verhltnisse wegen, wenig daheim, und
so konnte sich auch kein weibliches Gefhl der Stille und Stetigkeit
in Therese entwickeln. Dieser auswrtige Aufenthalt entfremdete sie der
Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne
vermischte den catholischen Geist des Fruleins so lange mit dem Wasser
der reinen Lehre, bis Theresen das religise Element der Seele vom
Ueberflu schien. -- Als die Ghrungen in Polen ausbrachen, ls'te jene
Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum
erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt
das Mdchen in der waldigen Steppe des mtterlichen Witthums besser
aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt.--

Aber es war nur um so schlimmer-- sagte der alte Bonaventura, als
er am Abend spt Constanz in dem drftigen Verschlage bediente, wo sein
Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit
traurigem Bericht Theresens Aussage vervollstndigte: die Ankunft
des Fruleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schnes Kind bei dem
Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon
verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit
eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persnliche
Bercksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein
lieber Mensch! die Andern waren nur wie reiende Wlfe gegen ihn; aber
Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und miget den Wind fr
das Lamm einer geschorenen Heerde.

Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwhnen gehrt,
und mit einem so bedeutsamen Interesse, da dieser Antheil eine
eiferschtige Regung in ihm erweckte.--

Seit jenem Tage nun, fuhr Bonaventura fort, vergit meine Dame Alles!
wohl ihr! das Gedchtni verlieren ist fr den kein Unglck, der nichts
als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schlft,
erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gnnt, und mit Freude werde
ich ihr die Augen zudrcken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.
Die des alten Mannes standen voller Thrnen, als er dies sagte. Diese
treuherzige Gesinnung rhrte Constanz und flte ihm Achtung fr den
Diener wie fr die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen,
warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey?--

Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzhlte eine Geschichte jugendlicher
Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher
Tyrannei gebracht htten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der
Darstellung, verlor den leitenden Faden -- und wute am Ende nicht,
wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht
verrtherische Geschwtzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem
fremden Ohr Preis zu geben? -- Jene Geschichte gehrt nicht in unsern
Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der groen Masse menschlicher
Schwachheit und menschlichen Unglcks auf sich beruhen.--

Constanz wute die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum
Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte
ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.

Am Morgen mute Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald
geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fhig, ihn anzuhren.
Constanz legte ihr einfach seine Verhltnisse wie seine Wnsche dar.
Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den
Consenz des vterlichen Gnners dazu nachsuchen, und da dieser seine
Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame
von Seiten ihrer Krnklichkeit gewrtig. Aber nichtsdestoweniger war die
Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Sttze zu begeben. Sie sagte mit
einem gewissen Heroismus, der fr eine rettende Idee froh, wenn auch
einsam, sterben lehrt: gren Sie den Gesandten tausendmal von mir
-- wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glck ihm bestens empfohlen
seyn. -- Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem
Schutze ihres natrlichsten Freundes wei. Der da-- (sie wies auf
Bonaventura) begrbt mich schon. Therese weinte wohl, allein nicht
allzusehr. Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura! sagte sie, reich
in Hoffnung.

_Alles!_ wiederholte Bonaventura, und lchelte traurigbitter wie der
Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. -- Der
gute Alte wute nicht, da die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln
des Glckes zhlt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der
Tuschung in die leere Luft zu hauchen.--

Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefhlen den
den Ort verlie, wo unter Schutt und Trmmern seines Lebens schnste
Blume blhete: da dachte er an die verheienden Worte der Gesandtinn, er
wrde einmal im Fluge die Braut heimfhren.--

Im hchsten Schwunge seiner geistigen Krfte legte Constanz die weite
Reise zurck, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte
selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein
Gott hatte ihm Flgel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er
glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und
in diesem khnen Vertrauen fgte er daher seiner Meldung dessen, was
er ausgerichtet, die Bitte bei, da der Gesandte seine Verbindung mit
Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne
Sumen entgegen senden mge. In der gewissen Voraussetzung, da dies
unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurck. Er
fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wre seine
Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thrnen sagte sie ihm,
er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im
Sterben und konnte nicht enden.

Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet.
Ein Weltgeistlicher in der Nhe war durch seine einfache Ueberredung
gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und
vertrat die Stelle eines Arztes fr Leib und Seele zugleich. Mein
werther Herr, sagte der Priester hflich zu Constanz, ich verstoe
gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation
traue; aber -- =inter arma silent leges= -- sagen wir Lateiner, und ich
verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern,
da Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden
Einwand vertreten zu wollen, welcher mglicher Weise dieser Heirath mit
Fug und Recht gemacht werden knnte. -- Unter dieser Bedingung will ich
mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches ben.--

Constanz, im Gefhl, von Seiten des Gewissens vllig frei zu seyn zu
diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie
fr den nchsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hlfte des
Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, -- wrde die Mutter des
Fruleins ausgelitten haben.

Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie.
Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete
unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter
wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in
Thrnen--, kein Zeuge war zugegen, als der Mener und Gott!--

Sie kamen nach Hause; kein frhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz
sah ngstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgltig gegen die bange
und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rckte, und fand, da
seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Krner wollten nicht ausrinnen.
Da bat Bonaventura, da man ihm eine Vorstellung erlauben mge. Meine
Dame, sagte er, kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf
dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnthen gerade so.
Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll
ja eine neue Geburt seyn. -- Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich
bleibe bei ihr, _ich!_ es ist mein letztes Geschft auf Erden. Der gute
Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd
aushaltenden Accent auf dieses Wrtchen.

Constanz fand, da er Recht htte. Er gab ihm eine volle Brse und
unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich ber das stille Lager
der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen
Blick des Segens fr ihren Eidam hatte. Therese kte schluchzend ihre
schlaffe Hand, fhlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr
-- und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern
Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, da
es einen Rckblick darauf gewhrte, so sahen sie ein weies Tuch vom
Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: Bonaventura
giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. -- Denke
nur, sie schlft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig
vergessen. Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also
ber die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein
zerrissenes Herz -- dazu war der natrliche Verband mit ihrer
Mutter nicht innig genug gewesen -- doch ein vllig aufgels'tes
Familien-Verhltni, und keine andere Mitgift, als frhe Gewhnungen,
wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als htte ein
gnstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den
Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.

Seltsam genug bemchtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der
gesicherten Erfllung seiner leidenschaftlichen Wnsche, der Zweifel,
was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der
Zustimmung, ja des Beifalls seines Gnners gewi gewesen. So verndern
sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es
gereichte ihm wie zum Trost, da die Macht der Umstnde ihn zu
diesem, den er rasch gethan, gedrngt htte. Er fhlte sich in einer
geheimnivollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem
vterlichen Freunde, und bedurfte nur -- so duchte es ihm -- das Siegel
der Besttigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an
seine Brust zu drcken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage,
und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung
entgegen. Eine leichte Unplichkeit Theresens hielt die Reise um
ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fhlte, da eine Frau Rcksichten
erfordere, welche den Mann nicht frdern.

So waren sie in das Stdtchen Leidthal gekommen und hielten an der
kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten groen
Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt --
es mute etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts
war ihm dringender, als nur so bald als mglich an Ort und Stelle zu
gelangen. Therese theilte diese Ungeduld inde nicht. Die reizende Lage
der kleinen Expedition, eine vollblhende Jelngerjelieber-Laube, welche
den lndlichen Vorplatz schmckte -- eine Pilgerruhe der Passagiere --
entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu knnen, und
Constanz zeigte sich gefllig dafr. Er trat zu dem Postmeister, als
dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die
ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten.
Constanz beglaubigte sich, als den Empfnger. Er ri hastig in das
Papier -- aber der Inhalt zerri das Blatt seiner Hoffnung noch
heftiger. Sein Gnner schrieb ihm: ein Ereigni von grter Bedeutung
habe ihn genthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Sden
zu gehen. Er werde die Tour ber B. -- nehmen, woselbst er seinen
Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten msse; die Dauer
dieser Reise wre vorlufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umstnden
ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort,
so viel als mglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die
fragliche Parthie anbetrfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit
zwischen ihnen zur Sprache kommen.--

Dieser Brief war in dem Tone jener Superioritt abgefat, die stets ein
Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persnlichkeit die Freundschaft
mit der Protection fr uns verbinden. Constanz war durch die frhesten
Eindrcke fr diesen vornehmen Ausdruck empfnglich geworden. Er war
dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der
Dankbarkeit. Auch war gewissermaen das Wohl des Staates diesem
Zusammenhange verknpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht
entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken,
denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath
betreffend, als abweisend anzusehen. So mute dieser erst durch die
Ueberredungsgabe seines Lieblings fr Etwas gewonnen werden, was bereits
geschehen war.

Constanz stand uerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie
so nahe anging, und erklrte ihr diesen Ruf des Schicksals als
unabweislich. Nur diese Reise noch, trstete er die bestrzte Frau,
indem das Gefhl der Selbstndigkeit in ihm ansprach, dann trennt uns
nichts mehr, Du Liebste! -- Erfllt der Gesandte sein Versprechen nicht,
mich zu versorgen, so reicht mein Vermgen hin, ihn entbehren zu knnen.
Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich mu die Resultate
meiner Sendung in seine Hnde niederlegen. Wer konnte dies voraussehen?
wte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhbe! Er starrte nachsinnend
in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg ersphen. Da trug ein
Hauch der Luft einen Glockenton von ferne ber die Mittagsstille der
Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehr und klopfte
an sein Herz. -- Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles,
und sahen die Thrme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne
verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister
nannte das Kloster, und erwhnte gesprchig der gegenwrtigen
Verhltnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts
Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.

Schade! sagte Constanz, da die Klster aufgehoben sind. Was man auch
dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt
fr unbeschtzte Frauen. Und Du bist ja ein _wenig_ catholisch. Er
blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lcheln an, welches
sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn fr
tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, da sie sehr
unglcklich wre.--

Wie aus einem Traume erwachend, und in groer Zerstreuung, fragte
Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er
recht vernommen, da der Prlat dieses Ordens noch dort wohne? Jener
berichtigte das Miverstndni, und was er von dem Administrator zu
sagen wute, lie dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel brig,
da er sich in der Nhe seines Bruders befinde. Von einem raschen
Entschlu durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast
ein franzsisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wnsche den
Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause
zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so
charakteristisch verschlungen, da sie schwerlich von Jemand, der sie
nicht kannte, zu entrthseln gewesen wre.

Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu
beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem
reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: da ist er
schon, der Herr Prlat! Constanz sah unter einem Freudenschauer auf,
und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die
Laube zurck, und einen Behang von Blthen ber ihr reizendes Gesicht.

Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem
Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie
abholen wrde, einen brderlichen Beweis. Diese Minute drngte stark an
das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jngern Bruders lag bei
freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succe
des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurckhaltend, ja sogar
blde war. Unwillkrlich stellte er die finstere verschlossene Strenge
des lteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia -- und mit dem
beengten Gefhl eines Ehemanns, der da Scheu trgt, die husliche Kette
der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund
spielte ein Lcheln gutmthiger Ironie, da er bestimmt seyn sollte, die
Frauen seiner Brder zu beschtzen. Wenn es der jungen Dame nur bei uns
gefllt-- sagte der Administrator bedingungsweise, es geht still zu,
im Stift. -- Die Wittwe unseres ltesten Bruders, die ich sammt
ihrer Pflegetochter bei mir habe -- ist -- unseres ltesten Bruders,
unterbrach er sich selbst--: Der, Du weit ja-- aber Constanz sah
den Administrator an, als htte dieser fremd und romantisch vom Bruder
Graurock gesprochen.

Ich wei von nichts-- antwortete Constanz, entschlossen, sich mit
keinem weitluftigen Verhltni zu befassen, und seine cosmopolitische
Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: als -- wir
Menschen sind hier alle Brder-- ein rstiges Mgdlein, das kleinste
Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrckt, welche ein knappes
Mieder von Leinewand umschlo, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen
vorber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge
jener Strophe und dieses Blickes, lie ihn an den Bruder mit dem
Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflureich diesem
schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen.
Sieh meine Frau nur selbst! sagte Constanz, indem er auf die Laube
zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schnere Blthe
von Theresens Angesicht lchelte durch das weiche Grn, und ihre Augen
funkelten in Thrnen, wie die Sonne im Thau. -- Die Schnheit hat
das Eigenthmliche, da sie jedem Manne Muth einflt. Das Herz des
Administrators ffnete sich den gastfreundlichsten Gefhlen. Zudem
behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heit, so
flchtig, da Herr Prlat glauben mute, mit dem Asyl zu Sanct Capella
sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein lngeres Bleiben nicht
abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch
nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivitt. Er sah dies Ereigni
fr ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wre. Das
leichte Gepck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem
Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schnen Gestalt,
schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei
Strme flossen von ihren Wangen -- zwei Wochen waren erst und wie
auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. -- Mit gemischten
Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch
weinende junge Frau sa. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf
Theresen; die Jugend dieser Ehe rhrte ihn, ihre gegenwrtige Trennung
und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht
leichten Herzens an die nchste Stunde -- und htte gern ein wenig lter
seyn mgen.

Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schnen Tag ihres
Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem
dunkeln Thurmhuschen wohnte, das, nicht unhnlich einer kleinen
Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft
entschlpft. Das arme kleine Nnnchen sang die Hora der Nacht und Natur
im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der
Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hrte es mit
sem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen
Zion zhlte, hatte nicht Lust, die klsterliche Philomele zu Gunsten
irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf
dem Mdchen ruhte ein scharfer Verdacht, da es mit lindem Urtheil, wie
diesem kleinen Gottesgeschpf himmelschreiendes Unrecht geschhe, seine
Erlserinn geworden wre. -- Es gab einen Lrmen der Entdeckung, und
Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch
diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der
Mimuth ber diesen Verlust, geschrft durch ein zweifelhaftes Gefhl
der Versndigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd,
htte der Administrator gewnscht, seine Schwgerinn vorbereiten zu
knnen -- aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der
Thr, und ihr Gesicht -- eine totale Sonnenfinsterni -- warf keinen
Schein festlicher Empfngni nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter
ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame
beizustehen, welche den schnsten Fu, der jemals ber diese Erde
gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der
Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor
die Domina seiner Huslichkeit und sprach: liebe Fabia! ich bringe Dir
hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also
Deine Schwgerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich
empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.

Frau Fabia brachte mhsam ein fremdes Lcheln der Bewillkommung auf; der
Administrator war desto freundlicher. Die eisige Klte dieses Empfangs
versetzte ihn durch die natrlichste Gegenwirkung in einen Wrmegrad,
der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der
zweiten Schwgerinn Stand und Stange hielt. -- Am Abend spt versuchte
der Stiftsverweser jenes blen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher
in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzglich war: nun
Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam -- Du bist es noch. Ist es
Verdru, da Dir das Vgelchen entgangen? o gnne ihm die Freiheit, das
edelste Gut! oder zrnst Du, da ich Dir ein anderes eingebracht?--

Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angefhrt htte--
antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, woher weit Du denn, da jener
Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?

Groer Gott! rief ihr Schwager, welch ein Gedanke! woher ich es wei?
dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, da Dein seliger
Mann mein Bruder sey, und mir Brgschaft leistete fr die Wahrheit
seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewhr dafr, Fabia!

Nicht jeder Stimme mu man glauben-- erwiederte Fabia, indem sie sich
entfrbte, und unwissend, da sie eine classische Stelle recitire, der
Lgengeist kann alle nachahmen. -- Und wre denn solch ein Betrug etwa
unerhrt? knnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn,
der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? -- Wie manches Kind--
Fabia stockte, immer mehr verblassend -- wie manches Kind, wollte ich
sagen -- ist durch hllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine
lebenslngliche Last aufgebrdet worden? Denke nur an mich! wir werden
die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten
sollte wohl bedacht seyn.--

Herr Prlat sah seine Schwgerinn mit leiser Bengstigung an; es war,
als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorberschwnde. Fabia!
entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen
fhlte, welch ein Geist des Mitrauens und bler Weissagung ist heute
in Dich gefahren? Du wrest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer
ich selber sey. -- Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht
gegen _mich_. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der
Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wre, mit kurzen Redensarten,
einer sauersen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, fr den
Du mich hltst. -- Was meinst Du denn, das ich htte thun sollen? dem
Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale
entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den
Taufschein zeigen knne? -- Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine
Blume der Humanitt, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird.
Jngst las ich -- und es hat mich innigst gerhrt -- in den ungeheuern
Flchen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des
nchsten Ortes ein Gef mit Wasser fllen, da die Reisenden nicht
verschmachten drfen im heien Sande -- und dieser Gebrauch wird heilig
gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters,
was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nchste nicht
absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach
von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wste spielt? -- Du sprichst
den Ruhm einer guten Christinn an -- besinne Dich, wie oft die Apostel
die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer
Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren -- doch Du
kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der
Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschpft wird. Sey
gelinde, Fabia! doch giee nicht Oel ins Feuer. Du schlgst mir die
Hoffnung nieder, da Therese eine Schwester an Dir finden wrde -- doch
schlgst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen
Dich zu vertheidigen.

Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die
Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia
ein mtterlich-eiferschtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung
behaupten -- und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.-- Dieser
erste Abend gab den Ton an, der sich whrend der Anwesenheit Theresens
im Stifte nie in Harmonie aufls'te. Unsere Leser finden ihn in der
Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es
jedoch, da die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewhrte,
es ist traurig -- aber es _ist_ in Wahrheit, da der Erfolg das
Mitrauen fterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb
nach langer Zeit -- es muten Briefe verloren gegangen seyn -- aus
weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte
die Fessel nicht sprengen; doch vertrstete er sich und sie wie ein
Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal
geblht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet
hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart
angehrte, dachte je lnger, je _leiser_ an jenen Tag des Abschieds. Nur
in bsen Stunden wnschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurck,
und ein Gefhl, da sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide -- kam
ber sie. Therese hatte mehr ein Gemth fr die heitere Lust des Lebens,
die jeden Augenblick geniet, als fr der Liebe tiefe Sehnsucht. Das
letztere Schreiben hatte eine nahe Rckkehr hoffen lassen, die nur
noch von einigen Ausgleichungen abhnge. Seitdem aber besttigte kein
Weiteres diesen Abschlu und da auf seine baldige Ankunft zu rechnen
wre. Dies Alles hatte, in eine prcise Mittheilung gedrngt, der
Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Krze der Erzhlung
ablernen mgten -- dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte
jetzt: ich sehe wohl, Freund! Sie konnten fglich nicht anders -- Sie
knnen weder dafr, noch etwas ndern, obzwar, ich behaupte es redlich,
solch ein Zusammenleben _nichts taugt_. Verlangen soll es mich aber
doch, ob der Herr Bruder kommen wird? =ad vocem!= _kommen!_ es kommt
noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen
Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwgerinnen
hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier
hat mir das Gedchtni abwrts gezogen.--

Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knchel nieder,
streichelte den Faust und hob an: es giebt eine Sympathie der
Erfahrung. Gestern frh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein
Name fr ein Wochenkind, und nicht fr einen Soldaten, nicht wahr?
dieser mein alter Freund sollte _Feuer_ heien, denn er hat den Teufel
der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund
und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die
Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg ber Sanct Capella zu nehmen. Er
kam mit seiner Frau von D--. und hatte den Reitknecht von der letzten
Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald
auf. Die Obristinn sa, weil es drauen so hbsch und drinnen dunstig
hei war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen
Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von
der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein;
die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist
scherzte ber die Glut seiner Frau, und sagte, sie htte meinetwegen
wie auf Kohlen gesessen. Du knntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir
shen aus wie Milch und Blut -- das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst
es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so
dick geworden, da man ihn wie ein Fa binden mgte -- taugt nichts,
solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier -- antwortete
ich, und steckte den Stpsel in die Flasche. Du bist recht hbsch
geworden in der Carthause, spttelte der Dicke, das wird deinem Neffen
drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir
machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl
nur Dein Spa seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein!
versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und da
Du es nur weit, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen.
Der Obrist machte eine serise Miene. Ich gerieth in Harnisch und
sprach: das wre mir gemthlich, da ich ihm Zuflucht gbe vor einer
dummen Liebschaft, die nichts taugt. -- Er hat sich um einer Dame
willen geschossen -- entgegnete mir Jener kleinlaut: gnne ihm daher
die Hospitalitt Deines Klosters, da er in dieser Abgeschiedenheit
Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. -- Mgte Einem nicht gleich der
Schlag vor Aerger rhren! rief ich entrstet, und der Schrecken war
mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph
fr vernnftig. Erzrne mir den Major nicht -- sagte die Obristinn
begtigend, und erzhlte mir nun eine nrrische Historie, die den
Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, da er um Versetzung anhlt.
In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art.
Ihre Wohnung ist ein Antiquitten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig
einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hlt sie fr
reich, doch auch fr geizig, denn auer der Fliege, der sie das Leben
schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rhmen. Ihr
Anblick mu etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr
aus--, die Fee Fanferlsche, diesen Namen fhrt sie. Und doch ist dies
verrufene Mtterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer
stdtischen Feier groer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles
ist im hchsten Glanz, die Damen im allerschnsten Putz sitzen wie am
Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine
gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts -- sagte die Obristin.
Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gndige kommt ins Gedrnge, wird
abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was fr einen? Frau
von Milch hatte die Gte mir das =corpus delicti= zu beschreiben. Ein
Pantffelchen von geblmten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von
gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in
der blauen Bibliothek aller Nationen lse? Der Administrator nickte
lchelnd. Ein allgemeines Gelchter! fuhr Major Feldmeister fort, die
Offiziere zerren den Schuh hin und her -- da schwankt die Alte, wird
bleich wie Asche, als wrde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein
Neffe -- ein braver Junge ist der Rudolph doch! strzt wie ein Satan
herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone
blozustellen -- reit den Pantoffel von der Sbelspitze, womit ein
Jger-Offizier ihn aufgespiet hat, hebt die Alte in einen Sessel, und
zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an. Der Major
athmete tief.

Dies ist ein hbscher Zug vom Lieutenant Feldmeister, fiel hier
der Freund seines Oheims ein, der mir sehr gefllt. Es gehrt meines
Bednkens ein grerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen,
als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen
leichter geworden seyn, sich einer tchtigen Salve auszusetzen, als dem
Arsenal des Spottes. Das Gefhl, was einen jungen Mann seines Geprges
gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft
gloris.

Das meine ich auch-- sagte der Major, und seine Augen funkelten.
Mein Neffe, fuhr er fort, war der Held des Abends, tanzte aber keinen
Schritt. Jener Offizier hatte sich fr beleidigt gehalten, und den
Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber
nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte
leise: des Lieutnants Dame htte einen Schu, und er nun auch einen;
doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie vertrglich der
Junge auch ist, er htte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die
gndige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfhrt, der
junge Mann htte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte
machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint
er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen.
Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame
Fanferlsche, klein und krppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie
sagt: wie es der Gndigen doch so jmmerlich leid thue, da der Herr
Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen htten. Sie bitte ihn
durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen,
und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr
anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie,
Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie
der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden
zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie
mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu
vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu
pflegen und die Nacht ber bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause.
Darber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche
halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedrfe er Niemandes.
Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und hflich, und
kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach
dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas
zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Futeppich vor das
Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die
ein Garon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lchelt und
schweigt -- und dieses Lcheln schneidet dem Patienten tiefer ein, als
sein wundrztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die
Wunderlampe berkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging -- nehmen
Sie nur Ihr Glck besser in Acht -- lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph
ist der Gedanke unertrglich, da auf der Kugel, auf die er sein
Leben gesetzt, solch eine gruliche Fortuna stnde. -- Und als nun die
Geschftstrgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schnes Logis
im Hause derselben anbietet, auf da die Gndige ihm ihre Dankbarkeit
nahe und anders noch beweisen knne -- da schttelt er sich, und
dies berhufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten
vergessen mgte, wird ihm ber allen Ausdruck widrig. So trgt der arme
Junge, dem es in seinen Verhltnissen so wohl gefiel, darauf an, da er
versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie
nun dazu?

Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken-- antwortete
der Administrator, und wrde in seinem Falle vielleicht eben so denken
und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, da man Jemand
durch die strkste Nothhlfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn
man ihn einer kleinen Verlegenheit berhebt. Und dann auch, da die
Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimni jedes Sieges ber
eine Dame enthlt, sie mge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig
und hartnckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht
Keine.--

Der Rudolph wrde, sprach der Major, dem Verdacht der
Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen
haften kann -- auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, da er
Reiaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als
Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, da der wackere
Junge fr einige Monate meine Wohnung theile?--

Es wird fr ein apartes Zimmer gesorgt werden, sagte Herr Prlat, und
da ihr Neffe sich hier so gemchlich als mglich fhle. Ist doch Raum
bei uns da -- wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen,
welche ihrem Vortheile entfliehen, so wrden wir noch Gela brig
behalten.

Des Majors Gesicht verklrte sich. Er blickte in helle Abende und
sprach: Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor -- der Moorhausen
scheint mir in Eine Ihrer Schwgerinnen verliebt, denn er qult mich
bestndig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun -- mit Dem hat
es keine Gefahr. Aber -- Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten
im Stifte? Frau Therese ist ein entzndbarer Stoff, und die Kleine
wahrhaftig hbsch genug.

_Die_ bewacht Fabia-- versetzte der Administrator mit trber Ruhe.

Was das betrifft-- entgegnete der Major, meine Frau sang ein altes
Lied, was ich immer gern hrte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich
nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache.
Mit allem Estime gegen die Frau Schwgerinn gesprochen. Josephine ist
ein stilles Wsserchen--

Und _tief_! fiel Herr Prlat ein, aber im reinsten und hchsten
Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloenen Strme, die Swedenborg
entzckten Geistes flieen sah.

Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: auch wnsche
ich von Herzen, da dies Bchlein in das Bette eines Flugottes geleitet
werden mge, der es nie in Thrnen flieen lt, sie mten denn vor
Freude geweint seyn.-- Jener schwieg.

Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella
gleichfrmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene
winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige
Dunkel dieser Zeit webt, die huslichen Verbindungen enger schlingt, und
die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das groe Geheimni
der Weltbeseligung knpft. Die Frauen beschftigten sich einsam,
vergngliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica
fertigte einige klosterknstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu
Weihnachtsgeschenken fr ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an
geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward
traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter
Gottschalk -- einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich
erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzhlung erwhnt wird -- und der
nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehrigen Gebude wohnte, waren
die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch
Fremde fters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager
hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenknften, und Frau
Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht
vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu
beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen.
Major Feldmeister gehrte nicht in jene ausschlieende Regel; doch
dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht
zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den
weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch
nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin
begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf
seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter
Phantasie und khner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser
Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas
nherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fhlte Herr Prlat, oft
abgespannt und ermdet von Geschften, es als eine gesunde Wohlthat,
da sein Zwergfell erschttert werde. Man hatte jeden Gedanken an
eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des
Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwgerinnen
entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu
seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mhe, Theresen den kleinen Vorfall
vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie
Therese ihrerseits sich htete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes
Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswrdiger, so gewann Frau Fabia
am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da
hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natrlichsten Reizes
beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, da alle
Menschen von ihrer guten Gesinnung berzeugt seyn mten, weshalb
sie sich denn auch ganz unbefangen gehen lie. Jetzt war sie in sich
gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget.
Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun
nchstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, da es geschehe. So oft
ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem
Herzen, weil es hochauf klopfte -- und dem Munde des Majors entfuhr
gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben mge? denn
Zgern und Zaudern, meinte sein Oheim--, dies tauge nichts.--

Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste
mit einer Rose, die sie mit unsglicher Sorgfalt fr ihn gezogen hatte.
Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch
aller Frhlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener
Freuden -- und er uerte, wie es doch nur mglich gewesen, dem starren
Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken?--

Schwester Veronica lchelte und sprach: der Liebe und Freundschaft
ist alles mglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus fr die
Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wnschte, auch
das Knspchen daran war mir lieb. -- Heute, gerade _heute_, hatte sie
ihren Kelch erschlossen, es rhrte mich, da ich es sah -- wie man die
Brust ffnet einem frohen Tage: trinken Sie den gttlichen Odem der
Freude daraus!

Der Administrator drckte gerhrt die Hand der alten Nonne und dankte
ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, da diese treue Hand
nur _Rosenkrnze von schwarzen Perlen_ umschlungen htten.

Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen mssen,
den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und
Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den groen
runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete
sich an, die Mnner zu berauschen, Fabia schaltete in der Kche. Er sah
das Mdchen geruschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens
waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so da, als sie aus einem
Krbchen Glser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein
sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr
Prlat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er
forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit
heiem Blick in die schnen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den
reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und
er sprach: weit Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mdchen
soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll
einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen.
Das thust Du nicht, mein ses Kind! Du bist biegsam -- voll Kern -- ein
Zuckerrohr-- der Administrator warf im Verhltni zu diesem Lobe
ein blitzendes Randstck feinster Raffinade in die starke Mischung.
Josephine lchelte, als htte sie den Geist derselben oben weg geschpft
getrunken. Sie antwortete: ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die
Gte ab. Die Mutter klagt doch manchmal ber mich! und tadelt mein
trumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als
wisse ich vom hellen Tage nichts, und knne nicht bis auf Drei zhlen.

Herr Prlat hatte, whrend Josephine diese Worte sprach, einen Lffel
vom Etisch gelangt, ein schwarzes Pnktchen, was in der goldenen Flche
schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche
Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mibilligung: da
thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt.
Wie viel sind Unserer? auf _Sieben_ wenigstens kannst Du nicht zhlen.
Doch das ist auch eine bse Zahl, -- dieser Irrthum, diese Achte geht in
der Achtung Deiner lieben Seele fr das Gute auf.

Josephine errthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: es wird
ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen
Stuhl zu viel setzte, geschah es.

Nun, so mge es denn Constanz seyn-- sagte sein Bruder, denn es will
mich bednken, als sehne Therese sich nun fort.

Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man a, trank, und war
vergngt. Auf einmal stie Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr
mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so da auch
Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhhnerbeinchen
die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender
Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stckchen
Emaille. Man trstete und spttelte wirr durch einander; aber Therese
lamentirte dessenungeachtet, als wre ihr eine unersetzliche Perle aus
der Krone des Lebens gebrochen. Man bemerkt es gar nicht, ich schwre
es Dir! betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten
alle Glieder. Es ist ein hbsches Zhnchen und mehr nicht, sagte der
Major, lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen
das Herz bricht? -- Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das
Zerbrechliche allzusehr lieben--, taugt nichts.

Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der
Stimme des Trostes sprach, Therese wre ja noch schn genug.

Beruhigen Sie Sich, meine Gndigste, sagte Hauptmann Moorhausen, ich
wnsche, ich knnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein
wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so
vegetativ, da es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei
bis viermal Zhne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine
fnften.

Er fletschte das Gebi, dies gab seiner Physiognomie einen so
affenartigen Ausdruck, da die Damen anstatt zu bewundern, sich davor
entsetzten. Theresens Thrnen standen still. Der Major rief: Sechser,
Moorhausen, Sechser! Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, lie sich
aber, einmal im Zuge, nicht stren und sprach: ich bin berhaupt
mit einer gewissen Unzerstrbarkeit geboren. Als die Schlacht bei ***
vorber war-- nun sind wir geschlagen-- murmelte der Major seinem
Nachbar zu, er rckt ins Feld-- wir hatten den ganzen Tag hindurch
gemetzelt-- die Nonne faltete die frommen Hnde, und ber Josephinens
Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind verga, da jene
erschlagenen Feinde auch nur Schatten wren--, fhlte ich mich der
Ruhe bedrftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt; redete der
Hauptmann weiter. Ein Stndchen nur htte ich schlafen mgen; ich
streckte mich auf einen lndlichen Kirchhof hin, und dachte, ich htte
brav gethan, und knnte mir nunmehr auch eine Gte thun. Das Schieen
dauerte fort -- ich hrte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden
Morgen erwachte, meinte ich, der jngste Tag wre gekommen. Zerstreute
Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin
eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel
gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.

Das war doch Mnze, Alterchen? rief der Major.

Wie meinst Du das, Herr Bruder? fragte der Hauptmann verblfft,
glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch
_lau_!

Jeder Achill hat seine Ferse-- fiel hier der Administrator ein, dem
diese Versicherung zu warm war, und der da wute, da der Major auch
hitzig werden konnte, der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das
Glck, Sie zu besitzen.

Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu,
beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf
schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille
auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein
Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: die Seeluft Eurer Provinz
strkt die Natur dort so riesenhaft -- ist's nicht so, Moorhausen? was
Du mir davon erzhlt, ist wirklich zum Erstaunen.

Der Hauptmann lchelte wie ein schaffender Gott. Ueberall
hervorbringende und ergnzende Kraft-- sagte er, unendlich glcklich.
Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute
das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen -- auf Ehre!

Das wissen sich die ltesten Leute keiner Zone zu erinnern-- sprach
der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht
enthalten, zu bemerken: wenn das in der Progression so fortgegangen
wre, so htten die Engel im Himmel die Frchte Deines Feldes einsammeln
knnen, whrend die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden drfen.
Alle lachten.

Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fhlte, ungekrnkt, auf welche
Weise er zu einem erheiternden Mittel fr die Gesellschaft wrde.
Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: ein andermal htte der
Schaden eben so gro seyn knnen. Bei einem ungeheuern Sturme entstand
ein glsernes Krachen in der Luft -- als wenn die Giganten Zank bekommen
htten, und sich Gletscher an den Kopf wrfen. Es hatte geschlot --
die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser
crystallnen Butterglocke war. Ich lie das Eis auf Wagen an das Seeufer
schaffen. Alles, was Hnde hatte, mute dran; es war eine Lustparthie,
wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die
rechte Hand dabei, sie mute abgenommen werden, und er erhlt noch jetzt
eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein
Weizen schner blhete als je! -- Ich stand mit Resignation an
jener Eiswste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen
zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzndung davon.

Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als she er
selbst in Sonne und Eis -- es herrschte eine groe Stille, als wre
ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es
nicht. -- Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen
mildernden Schatten auf jene glnzende Weizenbreite fallen lassen, und
sagte nach einer kleinen Pause: es duchte mir selbst ein Wunder. Von
Miwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt
-- und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen -- ist dort
die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand;
weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele
Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball
en masque gewesen zu seyn.

Heiliger Gott! seufzte Fabia; ein mitleidiges Lcheln umspielte die
Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann fr verrckt.

Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die
Seite. Selbst Therese verga ihre Betrbni und sprach: da machten Sie
wohl den armen Schcher, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht
mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem
Gedanken -- oder den Pilatus mit einem Tfelchen auf der Brust, worauf
die Frage stand: _was ist Wahrheit_?

Der khne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem
Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt
nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der
Lge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empre ihn der
Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, nicht am Charfreitage --
wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein -- da hatten
wir einen andern Spa -- am Tage Charitas, den achten October, zum
Anbeginn der Wintervergngungen, war jene glnzende Redoute.

Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als
htte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen,
auf der sie es getragen -- und Jener fuhr fort: doch um noch einmal auf
das Vorige zu kommen, Sie knnten leicht durch meine Schilderung einen
falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie
Sich nicht etwa ein Vlkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es
sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe -- die
Oefen im Schlosse -- es fehlt an Tpfern in der Gegend, und an feinem
Thon -- hat mir ein _Freimaurer_ gesetzt.

Hier gab Herr Prlat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gesprch eine
Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Trume,
Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab
seinen Beitrag.

Es ist ein schner Glaube, sagte die Nonne, da es Geister giebt, die
auf eine gottmgliche Weise dem blden Auge des Menschen sichtbar werden
knnen. Schutzengel giebt es gewi; ich wei ein Beispiel. Schwester
Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes -- sie ruhet lngst
-- besucht als ein lebenslustiges Frulein eine verwandte Familie. Sie
liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schlft, nach einem
ermdenden Tage. Da hrt sie sich bei ihrem Namen rufen, ngstlich
und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder
eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor:
sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Frulein kommt ein Grauen
an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte
Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert,
und ihrem Munde entging gewi kein unwahres Wort -- die Flgel dieser
Erscheinung htten geschimmert. Das Haus erbebt in einem frchterlichen
Getse. Ein Theil der Decke, und der altfrnkische Ofen war eingestrzt,
und Hedwigis wre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres
Schutzgeistes sie nicht gerettet htte. Man fand das Frulein ohnmchtig
im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verlieen, erschttert von
diesem Vorfall, das Haus, welches berhaupt schon baufllig gewesen
seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie
dachte, da der Himmel ihr Leben sichtbar beschtzt htte, und weihete
es ihm.

Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der
Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern
das Wort zu vergnnen.

Auch ich wte eine merkwrdige Vorbedeutung zu erzhlen-- sagte Frau
Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der
Grber --, die mich berzeugt, da wir mit seligen Geistern, mit den
Todten in naher Verbindung stehen.-- Aller Blicke richteten sich auf
Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die
Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: ich war
noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern
war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterlie schnes
Vermgen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch
lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre
mehr als ich zhlte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten berlegen
war, so hatte ich husliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den
eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie
es nun einmal ist, voll Angst und Mhe -- besser als meine Freundinn
gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet
gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Kssen und Thrnen, wie sehr wir
sie auch baten, ihm die Ruhe zu gnnen; denn es ist nicht gut, wenn man
ber einen Todten weint. Er nimmt dann heien Schmerz mit in die khle
Erde -- und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. -- Meine Minna hatte
sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit
Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht
ganz gern. Nicht, da er etwas Wesentliches gegen den knftigen
Eidam gehabt htte, sondern, weil er aus mehr als _einem_ Grunde ein
Miverhltni darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem
Alter mit ihr, und noch abhngig von seiner Mutter, die ein kleines
Rittergut besa: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeuern nach,
so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre
Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die
ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. -- Ein Sptter sagte: Minnas
knftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung
sey -- in einem Kstchen mit sich auf Reisen nehmen knnen -- wie
in einem hbschen Mhrchen zu lesen. -- Wie nun das Testament des
Justitiars erffnet wird, findet sich, da er als unumstliche
Bedingung der vterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath
der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre -- er
bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter
Mann -- vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ndern, und Alles
wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die
Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gndige Frau
zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne
bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger.
-- Eine Piett, bei der dies in umgekehrtem Verhltni Statt gefunden
htte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den
Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes berlisten knnte
-- und zog die Mutter des Brutigams in ihr Interesse, der damals
auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren-- hier
lchelte die ernste Fabia, und das mnnliche Kleeblatt lchelte mit,
der drckt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau
den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine
schmerzliche Zhre heraus. -- Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der
festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen
zwischen beiden Mttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut bergeben, die
Acte war schon fertig -- und den Brutigam heimlich zurckrufen -- Minna
und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am
Geburtstage der Braut mit der Trauung berrascht, und gleichsam zu ihrem
Glcke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hren Sie, was
geschah! -- Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem grflichen
Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht
mich Minna. Sie sah sehr bla aus, und besorgt fragte ich um die
Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen
ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in
Ordnung, verschlo alle Schbe -- da trat mein Vater ein, mit raschem
Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute fr mich abmigte, ganz
in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thrnen
flossen ber ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine
Miene war bekmmert. Er sprach: da er mich nun nchstens abholen werde.
-- All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. -- Ich suchte es
dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das
Wetter fing an, frhlingsschn zu werden, und jener einladende Brief,
der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam
Marie, und vertrauete mir, da jener Traum sich seltsam wiederholt
htte. Sein Auge zrnte, so erzhlte sie von der Erscheinung ihres
Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er
verlangte, da ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich,
da ich ja nicht angezogen wre. Er erwiederte: frgt _darnach_ ein
Retter? und verschwand. Ich mu gestehen, da mich diese Worte sehr
ngsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglck bedroht, und
als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herber ein treuer Warner
seyn. Wte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen htte! -- Mich
selbst bestrzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna
ohnedies verstrt war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren
Verlauf wir uns wenig gesehen hatten -- da -- ich wei es wohl noch wie
heute -- rumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter,
als ich mit diesem ermdenden Geschfte im Reinen war. Ich komme eben
aufgeschrzt die Treppe herab, da steht Minna, wei wie eine Taube, und
bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen.
Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du
siehst selbst, wie eingestubt ich bin. So mu ich zunchst an ein
Waschfest gehen, und dann mgte wohl die Feierstunde ausgelutet
haben. Es drfte auf lange das letztemal gewesen seyn -- sagte sie: den
Donnerstag geht es fort -- lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich
mu mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lcheln;
denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat
eilfertig, in einen Pelz gehllt, in mein Stbchen, seine Taschenuhr in
der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit -- sagte er, und hielt mir
die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte
im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thre stand ein
Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch -- als ich einsteigen
wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh -- er sank tief ein. Den Fhrer
sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. -- Mich
berlief es kalt, fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhrer schien ein
Frsteln zu durchrieseln. Am folgenden Tage, redete die Erzhlerinn
seufzend weiter, kehrten wir erst spt von einer kleinen Ausflucht
heim; ich schlief daher den nchsten Morgen etwas lnger als gewhnlich.
Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frhsonne,
und ich sah nicht bald, wie betrbt sein Auge war. Du hast sanft
geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn fr eine traurige
Nachricht gestrkt. -- Minna ist recht krank ---- ich blickte in
sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! -- Er nickte
schmerzlich-still. -- Sie war in der verwichenen Nacht an einem
Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine
Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna
sich gelegt. -- Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen,
wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Krnzen behangen, die
jungfruliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Hupten,
aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der
unglckliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut
der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben.
Mit welchem herzzerreienden Schmerze -- davon will ich schweigen.--

Hier schwieg Fabia, und eine lange Pause feierte diese Erzhlung, welche
bei der einfachen Ruhe ihres Vortrags von um so grerer Wirkung gewesen
war. Man wute, und mit Achtung wute man es -- wie wahrhaft Frau Fabia
sey, und mit gewissenhaftem Stolze sogar den Schmuck der kleinsten
Zuthat verschmhe. Sie glaubte dessen nicht zu bedrfen, um das
Interesse Anderer fr jene wehmthige Erinnerung in Anspruch zu nehmen.

Endlich unterbrach der Administrator die allgemeine Stille und sprach:
ich wrde den Versuch bedauern, solch eine Thatsache _natrlich_
erklren zu wollen; hier tritt das geistige Element hervor, und wir
knnen nur verstummen. _Was_, in aller Welt, wre denn nicht wunderbar,
oder ahnungsvoll? -- Nur unsere Sinne sind stumpf. Und ein Schutzfreund,
wie er dort ein gefhrdetes Leben aus dem Schlafe weckt, hier Eines in
den lngsten Schlaf lullt, wohnt gewi in eines Jeden Brust, wenn dieser
Engel nur nicht so oft irdisch verbaut wre. In einer fr das Hhere
erweiterten Seele findet er gewi Freiheit, zur rechten Zeit an das Herz
zu pochen.

Der Major, der vielleicht aus einem zu weichen Gefhl das Tragische
nicht liebte, und als ein tchtiger Mann auf ebenem Boden eine Scheu vor
metaphysischen Dissertationen hatte, ging nicht auf die Aeuerung seines
Freundes ein, und dachte vielmehr bei Minnas verlornem Schuh an
den Pantoffel, der seinen Neffen aus dem Felde schlug. Er hatte die
Gewohnheit _laut_ zu denken, und so sagte er: nun sollte eine Sandale
an die Reihe kommen.

Meinst Du ein Fahrzeug, Herr Bruder? fragte Hauptmann Moorhausen:
wohl ist dieser Stoff ein unerschpfliches Meer.

Und Josephine sagte: die Sandalien der Jungfrau Maria in der Capelle
sind wunderprchtig mit Gold und Perlen gestickt. Die Kleine stockte
beklommen; doch Frau Fabia gab heute Prefreiheit fr Lgen wie
gedruckt, wie fr die Legende des Hauses, und so entbltterte sich die
Blume dieses Herzens, und Josephine sprach: In dem blassen Mondschein,
den die kleine Lampe wirft, schimmern die Sandalien so traurig und doch
so heilig! da man glubig wird, dieser Fu msse den Thron des Himmels
besteigen. Oft schon habe ich ihn gekt -- und dabei gedacht, wie
manches bekmmerte Angesicht mag seine Thrnen darauf geweint haben! die
sind denn zu Perlen geworden. Sogar der Staub, der darauf ruht, hat mir
etwas Rhrendes, denn er erinnert mich, wie dieser bestndige Fu seine
Stelle verlassen, und wandelbar geworden, das Liebste zu suchen.

Recht, mein Kind, erwiederte die Nonne erregt, unsere Jungfrau von
der Capelle, von der das Kloster den Namen fhrt, gehrt ganz eigentlich
hierher, und es liee sich Manches von dieser Wunderthterinn erzhlen,
wenn auch keine Wallfahrt sie verehrt hat.

Das kenne ich ja nicht-- sagte Herr Prlat, erstaunt, sein Schutzkind
so bewandert in der Geschichte der Patroninn dieses Hauses zu finden;
und der Major fragte: was ist's mit der Jungfrau?

Die Nonne sprach: nach den Urkunden des Stifts ist die kleine dunkle
Capelle dahinten seine erste Grndung gewesen. Man sieht es auch an der
Bauart, wie viel lter sie ist, als die des Klosters. Nun steht in der
Nische des Altars eine Mutter Gottes mit dem Kindlein an ihrer Brust. --
Das Bild ist nur von Wachs und nicht sonderlich schn, es hat aber
einen zarten Ausdruck von Erbarmen in der Miene, da man gleichsam Trost
fhlt, wenn man es anblickt. Die rechte Hand hlt es bedeutsam in die
Hhe, mit aufgehobenem Zeigefinger, als ob warnend oder winkend. Die
Sage erzhlt: eines Schfers Wittwe, der man aus Mitleid die Hut der
Heerde gelassen, habe sich den Verlust ihres Mannes dermaen zu Gemth
gezogen, da alle Kraft ihr entschwunden sey, zumal das arme junge Weib
einen Sugling stillen mssen, mit dem Grame ihrer Brust. -- Da man die
Schferinn oftmals schlafend gefunden, am Berge unter einem Baum, so
ist sie vom Orte aus bedroht worden, ihr, wenn sie nicht achtsamer seyn
werde, den sprlichen Dienst zu entziehen. In dieser Bedrngni hat die
betrbte Wittwe ihre Zuflucht in die Capelle genommen und voll Einfalt
und Inbrunst gefleht, die Heilige des Himmels mgte die rmste Mutter
der Erde vertreten in ihrer groen Schwachheit. Und als dennoch tglich
um die Stunde der Vesper die stillende Mutter von einem Schlummer
bezwungen wird, dem sie nicht widerstehen kann, wollen glaubhafte Leute
jener Zeit die Jungfrau Maria gesehen haben, wie sie bleichen Angesichts
die Lmmer gehtet, auf da die Schferinn der Ruhe pflegen mge.
Sie ist erkannt worden an dem Kleide von perlfarbnem Moir, dessen
schillerndes Gewsser nun wie mrber Zunder ist -- an der aufgehobenen
Hand, womit sie die Heerde stumm gelenkt -- im andern Arme hat sie das
gttliche Kind getragen, wie Jene das drftige Kleine. In der Nhe
des Baumes hat Maria ein leises Lied gesungen, ein Wiegenlied --
so himmlisch! da der Wind geschwiegen und die Vgel in den Zweigen
gelauscht. Auf dem Heimwege hat das Gelut der Heerde geklungen, wie die
Glckchen beim Hochamt, und die Sandalien haben in der Abendsonne goldne
Strahlen verbreitet ber den grnen Klee. -- Niemand wagte mehr, der
Wittwe ein Wort zu Leide zu sagen. Kein Lamm geht verloren -- aber eines
Tages das Kind vom Schoe der Mutter, als sie auch einmal schlft. Ein
Engel soll es ihr sacht und sanft entzogen haben, weil der Born der
Nahrung nun versiegt gewesen, und das Wrmchen am Verschmachten. Die
Frau kommt wie von Sinnen. Sie rennt in der Irre umher, ihr Kind zu
suchen, was sich nirgends findet. Man entbindet sie ihrer Pflicht, und
fristet mit krglichen Almosen ihr Leben, das der Jammer verzehrt. Sie
ringt die Hnde wund und fleht: die heilige Jungfrau mgte sie ihr Kind
wiederfinden lassen, ohne das sie keines Bleibens habe auf der Welt.
Aber Maria bleibt unbeweglich, und blickt traurig nieder, da Der,
welcher ihre himmlische Gte sich sichtbar angenommen -- der Glaube
fehlt. -- Da nun die unglckliche Mutter nicht Zeichen noch Wunder
sieht, wird sie eines Tages von verzweiflungsvollem Wahnsinn erfat.
-- Sie sagt: Du magst wohl schwerlich wissen, wie einer Mutter zu Muthe
ist, die ihr Einziges eingebt; sonst wrdest Du auf mein Herzeleid
merken und Dich meiner erbarmen. Wer nicht hren will, mu fhlen!
-- Und damit hebt sie das Kind vom Arme der Madonna, und drckt es
mtterlich an ihren Busen, als ob das kalte Wachs an dieser heien Angst
zerschmelzen mte. Daheim legt sie es in eine kleine Lade, auf das
weiche Vlie von einem ungeborenen Lmmlein. Sie selbst liegt im Fieber.
Als nun der Morgen tagt, steht Maria vor dem Bette der Armen, rhrt
sie an, und fordert ihr Kind zurck. Da sagt die Kranke, wo sie es
hingethan, und spricht: gieb mir nun auch das meine wieder und zeige
mir, wo ich es finde. Maria hebt den Zeigefinger gen Himmel ---- darauf
ist die Mutter gestorben. -- Seitdem nun, schlo Schwester Veronica
diese Tradition, hat Mancher, der etwas vermit -- ach mein Heiland Du!
Wessen Leben wre ohne Verlust? Trost und Erstattung an dieser Stelle
gesucht und -- gefunden: denn die heilige Jungfrau giebt erhrend ein
Zeichen mit dem Finger, was noch nie trglich gewesen.

Es gehrt ein starker Glaube dazu-- sagte Hauptmann Moorhausen,
er, der den strksten in Anspruch nahm--, und eine deutsame
Einbildungskraft, um die Weisung der Jungfrau Maria zu verstehen, denn
sie kann doch nur Rechts, Links! (diese Worte wurden im exercirenden
Tone gesprochen) nach Oben oder Unten zeigen, und das kommt mir
ohngefhr so vor, wie jene Adresse: an meinen lieben Sohn in der Armee.

Dem Zweifler ist nichts beschieden-- antwortete Therese spottend,
wenn Sie einmal das Gedchtni verlieren, =mon Capitain=, wird Sanct
Maria es Ihnen nicht suchen helfen.

O! mein Gedchtni ist gut! erwiederte der Hauptmann prahlerisch
sicher. Das mu es auch-- versetzte die muthwillige Frau und
lchelte ihn an, so da ihm die kleine Bosheit ihrer Replik nur wie ein
schalkhafter Liebesblick einleuchtete.

Es ist doch viel, fiel hier der Administrator ein, da bei der
Aufhebung des Klosters die Capelle unangetastet geblieben.

_Viel_? fragte die Nonne und ihre Wange rthete sich bei dieser
aufregenden Erinnerung, wenig war es, werthester Freund! sehr wenig.
Was ist denn Kostbares darin? Ein paar arme Bilder -- morsche Bnke --
die Jungfrau selbst ist alles Schmuckes baar, die Fubekleidung etwa
ausgenommen, und fr diese habe ich Alles hingegeben, was ich an
Pretiosen noch besa. Die goldne Taschenuhr meines Vaters -- ein
kstliches Werk! wog der Commissair in seiner Hand, die gerade
keine Wagschale der Gerechtigkeit war -- und dabei fiel der kleine
Uhrschlssel klingend auf die marmorne Schwelle, wo wir standen, und mir
gleichsam auf das Herz, denn ich dachte, wie so tausendmal ich diesen
Schlssel in der Hand meines Vaters gesehen! ich sah die Miene, womit
er ihn drehete ---- ich mute meine Augen abwenden. Da sagte der
Commissair: wir wollten einen christlichen Tausch abschlieen. Er zog
den groen Schlssel aus dem Schlo der Capelle, reichte mir ihn und
sprach: diese solle fortan als mein Heiligthum zu betrachten seyn. Die
Uhr mogte er dagegen als _sein_ Eigenthum ansehen. Er steckte sie sich
in die Tasche, nachdem er den kleinen Schlssel fest gemacht.--

Der Major murmelte ein vernichtendes Wort, und schluckte den Aerger in
einer Neige Wein hinunter. Herr Prlat aber schlug in stillem Grimm das
umgekehrte Ende des silbernen Messers auf den Tisch, als htte er den
Commissair damit auf die Finger schlagen mgen. -- Aber friedlich sprach
die Nonne: dies Alles ist nun berwunden; ich wollte nur sagen:
ich htte mir gewissermaen ein Anrecht an die Capelle erworben. Die
schnsten Blumen flle ich in die kleinen Krge zu beiden Seiten des
Altars; dort duften sie Weihrauch. Und das ewige Licht nhre ich aus
meinen geringen Mitteln, und mte der Winter meines Lebens finster fr
mich seyn, wie eine lange Sterbestunde. Der Blick der Nonne leuchtete
bei diesen Worten auf, wie ein Flmmchen vor dem Verlschen. Alle waren
gerhrt.

Und dieses liebe Geschft, sagte Josephine in holder Geschwtzigkeit,
wie von einem Lieblings-Gegenstand hingerissen, gnnt mir die gute
Schwester Veronica bisweilen, wenn meine Zeit es erlaubt. Es ist fr
mich ein kleiner Tempeldienst, den ich nie ohne ein andchtiges Gefhl
verrichte. Ich komme mir dann vor wie eine Vestalin, von denen Du
neulich erzhltest, Onkelchen. Es ist wirklich etwas Heiliges um das
Licht. Man denkt sich eines Snders Seele dunkel. -- Ich frchte mich
auch nicht ein Bischen allein, und sitze oft in der Dmmerung in dem
verwitterten Beichtstuhl. Da flstert es neben mir, die feuchten Wnde
wispern, ich hre den Holzwurm picken -- und denke, es sey Veronicas
Uhr, und _wo_ dies Herz der Capelle wohl schlge? -- Und wenn ich
sinnend in die wehende Lampe blicke, ist mir Manches schon hell
geworden. Jngst beschlich mich ein sehnschtiges Weh, ich mute weinen
und trber Zeit gedenken. Da fragte ich laut, und erschrak vor meiner
eigenen Stimme: wo ist -- wo ist mein lieber Vater, den ich verloren?
---- Ein Seufzer-- der Athem in Josephinens Brust stockte vor dem
Blick, womit Frau Fabia sie ansah. Das Mdchen verstummte. Hauptmann
Moorhausen haschte alsbald den letzten Laut von diesen Lippen und sprach
cathegorisch: Ahnungen giebts! ich selbst habe-- jetzt stie der
Major einen tiefen Seufzer aus, der die Gedankenreihe seines Cameraden
auf einige Momente unterbrach. Ja, das war ein Abenteuer, setzte
er seine Rede fort und festen Fu in weichenden Boden --, was Muth
erforderte. Als wir im Jahr 18-- an der Grenze standen, ward ich mit
einem Commando nach dem Gebirge detachirt, wo eine aufrhrerische Rotte
zu bndigen und nach Umstnden zu bestrafen war. Die Unruhen waren bald
gehoben, die Emprer fest genommen, und wir beeilten uns, aus jenen
unwirthbaren Hrden zu kommen. Es war tief im Herbst, der Pa verschneit
-- kein Wunder, da wir uns verirrten. So gelangten wir bei Nacht und
Nebel an ein adeliges Schlo, das Gott wei! wie weit abseits von unserm
Wege lag. Sie knnen wohl denken, meine Verehrtesten! da wir als Gste
zu so spter Zeit nicht gerade die willkommensten waren; aber man mu
nur die Leute zu behandeln wissen. Nach einer Stunde sa ich mit dem
Frster, der in Abwesenheit der Herrschaft den Wirth vorstellte, ganz
cordial bei einer Flasche Wein. Ein Wort gab das andere, er erzhlte von
den Verhltnissen der Familie, die fast nie hier wohne, ohngeachtet die
Gegend entzckend sey, und als ich nach der Ursache fragte, uerte der
Frster: es wre nicht geheuer im Schlosse. Ich lachte und glaubte, der
Schalk wolle mir das Nachtquartier verleiden -- da versicherte er mich
sehr ernsthaft, es wre gar nicht zum Lachen. Der Erbe jenes Gutes,
ein junger Graf -- St -- der Name ist mir entfallen -- sey vor mehreren
Jahren gestorben, an einer Erweiterung des Herzens, was nach seinem Tode
ein Gewicht von zwanzig Pfund ergeben hat.

Vor dieser Mglichkeit sanken alle Begriffe, die Damen faten
unwillkrlich an ihre linke Seite, und der Major sprach: Potztausend!
ber den Zwanzigpfnder! -- Dem ist das Herz schwer gewesen.--

Auch im moralischen Sinne-- antwortete Hauptmann Moorhausen: ein
Freund des Grafen, seine zweite Seele gleichsam -- hatte einen wichtigen
Auftrag, eine Geliebte betreffend, von ihm bekommen, und sumte zu
erscheinen, und das ganze Haus sah diesem Zuspruch sehnlichst entgegen.
-- Der Kranke konnte nicht sterben und fristete sein Daseyn elendiglich.
So geno er nur tglich einen kleinen Apfel, und auch dieser machte
ihm Wallungen. Er konnte kein geheiztes Zimmer vertragen, weshalb seine
Pfleger zur kalten Jahreszeit in dem rauhen Klima jener Gegend hufig
wechseln muten. In der einen Nacht wacht der Jger, der Graf liegt
stille, da ffnet sich die Thre und ein junger blasser Offizier tritt
ohne Gerusch herein. Der Bchsenspanner erkennt den Freund des jungen
Herrn und verhlt sich ruhig. Der Offizier beugt sich ber das Bette,
flstert tief in die Kissen hinein -- da wird dem Jger unheimlich,
er ergreift die Kerze, wagt einige Schritte, obgleich sich sein Haar
strubt, und wie er hinzu leuchtet, ist der Offizier verschwunden, und
der Graf verschieden.--

Ein Schauer der Furchtsamkeit, der hrbar die kleine Gesellschaft
durchfrstelte, befriedigte den Hauptmann. Dieser khne Geisterseher
lchelte kaltbltig, und schickte sich zum Verfolg der Geistergeschichte
an. Herr Prlat aber war auffallend bleich, und Therese rckte sich
ihrem Schwager noch nher und umschlo seinen Arm mit ihren beiden
Hnden. Es taugt nichts, sprach der Major, da wir uns jetzt zu
nchtlicher Stunde mit solchen Geschichten den Kopf erhitzen; ich
dchte, wir hben uns das Ergebni fr ein andermal auf.

Nein, sagte Therese, es frchtet sich hbsch unter Mehreren und ich
lasse es mir nicht nehmen, die Bravade des Hauptmanns zu bewundern;
fahren Sie fort!

Moorhausen gehorchte diesem Befehl und sprach: den Freund des Grafen
hatte ein pltzlicher Tod abgehalten zu kommen, aber ein treuer Freund
hlt sein Versprechen todt oder lebend, das ist Parthie egal. -- So oft
nun Jemand seit jener Zeit in dem Zimmer und Bette des seligen Grafen
schlft, erscheint er und bringt die versptete Kunde; aber einer Frage
hielte dieser zuverlssige Schatten nicht Stich. -- Er soll mir Stand
halten auf meine Ehre! erwiederte ich dem Frster, und bat mir jenes
gespenstische Zimmer aus. Er wollte mir nicht willfahren, ich setzte es
aber durch. In besagtem Zimmer nun sah es ziemlich wst und unheimlich
aus. Der Frster versah mich mit dem Nthigen, legte mir, wie ich
gefordert, einen Hirschfnger, blank gezogen, und eine Pistole, scharf
geladen, zur Seite und wnschte mir, grauenhaft lchelnd, eine geruhsame
Nacht. Mit diesen Waffen und einer wahrhaft todesverachtenden Courage
forderte ich den Geist nun heraus. -- Als ich mich sterbensmde in dem
Himmelsbette des seligen Grafen ausstreckte -- der Riese Goliath htte
Platz darin gefunden -- dachte ich an das Riesenherz des armen Jnglings
und sah in den gedrechselten Kugeln des Gestells die kleinen Aepfel
seiner Mahlzeit. Mir war, als htte ich die Weltkugel im Magen. Die
compacte Kost des Frsters hatte mir Congestionen erregt. Endlich
berwltigte der Schlaf das emprte Blut -- da klopft es dreimal
deutlich----

Es klopfte jetzt wirklich an die Thre des Klosters. Der Hauptmann
verblich zum steinernen Gast, die Frauen sprangen auf, der Major in
gleicher Hast, vielleicht glaubend, da sein Neffe komme, wollte es
ihnen gleichthun, bekam aber den Krampf in den Fu und Herr Prlat
leistete ihm Beistand. Man zog die Klingel, doch Niemand kam; und in
dieser Verwirrung hatte Josephine ein briges Licht ergriffen -- den
Tisch erhellte eine schne Lampe -- und war hinausgeeilt. Sie floh den
Gang entlang, ihr Schatten wehete an den dstern Wnden hin -- nun stand
sie an der Pforte pochenden Herzens, und drauen schlug eine unbekannte
Hand nahe ihrem Ohr den Klopfer noch einmal an, da dieser Laut wie
ein unendlicher Hall durch die Stille der klsterlichen Nacht tnte. --
Gleich! gleich! sagte Josephine beklommen, schob die schweren Riegel
zurck, und wich nun selbst einige Schritte, als ein Mann eintrat,
von hoher Gestalt, umflossen von einem weien weiten Mantel, dem eine
schmale Reisetasche von rothem Saffian berhing, so da sein Ansehen bei
miger Zuthat der Imagination das eines Kreuzritters hatte. Josephine,
im flackernden Scheine die Kerze, die den lichten Umri des Mdchens
aus der finstern Umgebung hervortreten lie, fhlte ein Beben bei dem
Anblick dieser bedeutenden Erscheinung, und heftete einen furchtsamen
Blick auf die bleichen Zge des Fremden, der mit einem Ausdruck von
freudigem Staunen seine Pfrtnerinn ins Auge fate. Wo ein Engel ffnet
um diese Stunde-- sagte er, da darf man ber die Aufnahme nicht
zweifelhaft seyn. -- Mein holdes Kind! treffe ich den Administrator
daheim? gleichviel, ob schlafend, ich mu ihn sprechen.

Er ist noch wach, antwortete Josephine, zur Feier seines
Geburtstages, in Mitten seiner Freunde. Und alsbald tadelte sich das
Mdchen, da es den fremden Mann in ein Familienfest einfhre.

_Seiner Freunde_-- wiederholte der Unbekannte mit zitterndem Accent,
und ging raschen Schrittes voran. Herr Prlat kam ihnen schon entgegen,
hinter ihm Frau Fabia, zu wissen, was es gbe? Ein sprachloser Moment
des Erkennens! dann rief Jener: Sylvius! wie ein Echo aus der
Ferne der Erinnerung rief Fabia einen andern Namen nach -- und nur
unarticulirte erschtternde Tne entrangen sich der Brust des Fremden.
Da breitete der Administrator die Arme so jhlings aus, da er
in Josephinens Leuchte griff, sie erlschte -- und das Dunkel des
Kreuzgangs umflo ein Wiedersehen.

       *       *       *       *       *

Unsere Leser wollen sich erinnern, da, als Herr Prlat dem Major
Feldmeister Einiges aus seinem Leben mitgetheilt, er eines Freundes
erwhnt, ohne den Faden jenes Verhltnisses auszuspinnen--; wir aber
knpfen die neue Bekanntschaft, und was wir nachtrglich davon zu sagen
haben, an jenes Fragment.

Nachdem der Held unserer Erzhlung seine cameralistischen Studien
beendiget hatte, arbeitete er eine Zeitlang unter seiner Behrde in H--.
Dann dachte Clestin, wir wollen den Administrator der Krze wegen
so nennen -- ehe er eine fixe Stellung annhme, eine groe Reise
anzutreten, welche der Zielpunct seiner jugendlichen Sehnsucht gewesen
war. Es hatte Mhe gekostet, dem Vormund die Genehmigung dazu, wie die
benthigte Summe, abzugewinnen; und als es ihm endlich gelungen und
alles festgesetzt war, fhlte er sich festgehalten durch die zartesten
Bande, und der Wunsch, die Welt zu sehen, war ihm gleichgltig geworden.

Clestin war in dem Falle, ein anderes Quartier zu bedrfen. Er fand
die Anzeige in einem ffentlichen Blatte, da eine Wohnung fr einen
_ltlichen_ Herrn frei stehe, die ein Hausmiether von seinem Locale
ablassen wolle. Er mute des bedingenden Wortes lcheln, lie sich aber
dadurch nicht abhalten, das Quartier in Augenschein zu nehmen, und es
war, wie er es suchte. Inhaber desselben waren ein Forstrath von Schtz,
der ehemals Jagdjunker gewesen in jenen Gegenden, wo diese Charge blich
war, und gegenwrtig nur in seinen vier Pfhlen herumfrsterte, seine
Schwester, Frau von Schtz, die Wittwe eines Vetters, und ein Frulein
von Schtz, ihre Nichte, die Waise des Bruders. Clestin sagte: wenn sie
unter einem ltlichen Herrn einen _ruhigen_ verstnden, so knnten sie
ihn getrost einnehmen, und die fehlenden Jahre bersehen. Er drfe
von sich rhmen, ein stiller Miether zu seyn. So wurde der Contract
abgeschlossen. Bei nherer Bekanntschaft mit dieser Familie bemerkte
Clestin, wie combinirt dies verwandtschaftliche Verhltni sey, was ihm
so einfach geschienen. Der Forstrath war der dringende Liebhaber seiner
Nichte, die Tante dem Bruder wie seiner Neigung gram und der Jugend des
Mdchens abhold, die schne Tony ein verfolgter Gegenstand der Liebe wie
des Hasses, und in meisterlicher Uebung beiden berlegen. Sie wollte die
Tante beerben, den Onkel zwar nicht heirathen, aber bei Gutem erhalten,
und einst goldne Frchte ernten, wenn dies lachende Auge doch zuweilen
weinen mute. Aber diese trbe Aussaat war selten, denn die Vorsehung
hatte solch schweres Ertragen durch leichten Sinn aufgewogen. Clestin
sah mit Erstaunen in diesem Hause ein stehendes Theater fr kleine
Intriguen-Stcke, von schlauer Erfindung und wohlberechnetem Erfolg. --
Es wollte ihm doch so vorkommen, als ob Tony der Leidenschaft des Onkels
schmeichle, wie den gehssigen Fehlern der Tante, und Beide anzufhren
wisse, wo es das Erreichen einer Absicht gelte. Dieser wahrhaften
Bemerkung ungeachtet, hatte sich das reizende Geschpf seines Interesses
doch so sehr versichert, da sie unwirksam auf seine beobachtende Ruhe
blieb. Er war nicht lange aus dem Spiel gelassen -- Tony theilte ihm die
Rolle ihres Vertrauten zu, und bald htte er ihr das ganze Glck seines
Lebens anvertrauen mgen. Er hielt den Gebrauch listiger Waffen fr
Nothwehr, die fgsame Klugheit, welche ein wenig nach der Schlange
schillerte, fr Taubensinn, und den abgelegten Anzug der Tante, den
die reizende Tony sich gefallen lie, wie das Verheimlichen prchtiger
Geschenke, die der Onkel ihr aufdrang, fr gleich nachgebende
bescheidene Geflligkeit der Nichte. -- Die _Liebe_ war es, meine Leser,
welche Engel schuf. Sie verschnt, vergiebt, vergttlicht -- und ffnet
selbst den Geistern der Hlle ihren Himmel. -- Tony gab bei schicklichem
Anla dem Hausfreund zu verstehen, wie widrig der Onkel ihr sey, und
welcher fortwhrenden Anstrengungen sie bedrfe, sich ihn als eine
Respectsperson drei Schritte entfernt zu halten. Sie fhrte ihm mit
lachendem Munde kleine Zge der Bosheit und des Geizes ihrer Tante
an, so da Clestin eben so viel Ekel als Mitleid empfand, und heftig
wnschte, das schne heimlich geliebte Mdchen aus dieser Hhle des
Satans befreien zu knnen. Doch ein inneres Etwas, dem er keinen Namen
zu geben wute, hielt ihn zurck, so oft ein erklrendes Wort auf seine
Lippe trat, und diese Gefahr trat ihm nher und nher. -- Als jenes
wrdige Geschwisterpaar einmal in eine langweilige Gesellschaft geladen
war, und Tony unter irgend einem Vorwande davon zu Hause bleiben drfen,
beschied sie den ihr begegnenden Clestin rasch und flsternd in den
Garten, wo er ihrer harren mge. Clestin wute nicht, was er von diesem
naiven Rendezvous denken solle -- aber er folgte dem sen Befehl.
Sein Herz pochte, Tony blieb lange aus -- endlich kam sie, im neuesten
Geschmack und so reizend angezogen, da er geblendet vor ihr stand.
Gefalle ich Ihnen so? fragte sie lchelnd, ich putze mich manchmal
auf meine eigene Hand, um doch auch zu wissen, da ich ein Mdchen
bin. Da komme ich mir denn wie eine verwnschte Prinzessinn, und mein
Schicksal mir wie ein Mhrchen vor, darin sich ehestens mein alberner
Plagegeist in einen schmucken Freier verwandeln wrde, mit dem ich
freudig zge ber Berg und Thal; die Linsen und Erbsen aber, die ich
zhlen mssen, in blankes Gold. Denn-- setzte Tony in liebenswrdigem
Uebermuthe hinzu: sollte ich die Tante nicht beerben, so wollte ich
lieber heute sterben. -- Sie hat mich eingesperrt und ihr Geld, und zu
ihrer Verdammni wollen wir knftig rollen in die weite Welt.

Und trotz dieser leichtfertigen Sprache berredete Clestin sich selbst,
da Tony, ihn als Gattinn zu beglcken, geeigneter als jede Andere sey.
Kaum wrde er einem bereilten Versprechen entgangen seyn, wenn nicht
die Freundschaft seine Gefhle rettend getheilt htte.--

Jenes geheimnivolle Gesetz, nach welchem die Sterne der Menschen ihre
Laufbahn durchkreuzen, und Seelen sich begegnen, bestimmt auf einander
zu wirken, lie Clestin einen Freund an jenem Sylvius finden, sein
Geschlechtsname mge einer spteren Mittheilung vorbehalten bleiben
-- den wir nach einer Reihe von Jahren an der Pforte von Sanct
Capella treffen. Dieser junge Mann lebte ohne allen Umgang, in stiller
schwermthiger Weise, vertieft in mathematische Arbeiten, doch scheinbar
ohne Zweck, als Clestin ihn kennen lernte. Er fhlte sich wunderbar von
jener Natur angezogen, und jede Anziehungskraft ist, oder wird zuletzt
gegenseitig. Sie wurden herzliche Freunde, nur mit dem Unterschiede, da
Clestin ihm seine ganze Seele offen gab, whrend Jener dieses Vertrauen
nur leidend erwiederte, und die zarteste Theilnahme fr die Geheimnisse
des Freundes an den Tag legte, ohne irgend einen Antheil fr die
seinigen in Anspruch zu nehmen. Es lag ein Zug von Stolz in seinem
Character, der Stolz des Grams, und eines edlen gedrckten Herzens. Er
trug die Abzeichen eines gewissen Ranges an sich, ohne ihn geltend zu
machen. Sein Anzug war die feine Interims-Kleidung eines Forstmanns,
auch sein Bedienter hatte das Ansehen eines Jgers. Diese Auenfarbe der
Hoffnung lie jedoch wie Spott der dstern Resignation, womit Sylvius
achtlos auf das Treiben der Menschen und das Interesse der Welt, kein
anderes Glck zu wnschen schien, als was die Ruhe des Einsamen gewhrt.
Ueber seine angestammten Verhltnisse verbreitete er sich nie; dagegen
gab er freundlich Allem Raum und Gehr, was Clestin ihm von sich selbst
sagen mogte. Dieser fand einst ein Portrait auf dem Schreibtische des
Freundes liegen. Er fragte, ob es eine Copie wre -- und Sylvius sagte,
indem ein flchtiges Errthen sein bleiches Gesicht berflog: es sey das
Bild seiner Frau. _Seine Frau?_ fragte Clestin sich selbst, und hatte
kaum Zeit, darber zu staunen, oder die Schnheit der jungen Dame zu
bewundern, so schnell verbarg Sylvius ihr Conterfei und sprach von etwas
Anderm. Sylvius hatte oftmals das Tchterchen seines Wirthes bei sich
und liebkosete ihm vterlichweich. Clestin scherzte darber. -- Die
Kleine ist meinem Kinde auffallend hnlich und in demselben Alter,
sprach Sylvius mit ungewhnlicher Rhrung. _Seinem Kinde?_ fragte
Clestin abermals in sich hinein; Sylvius mute als ein Jngling
geheirathet haben. -- Aber wenn auch ein Ehemann und Vater, wie jung er
immer sey, sein Urtheil ber Angelegenheiten der Liebe von einem andern
Standpuncte abzugeben pflegt, als Solche seines Alters und Geschlechts,
die den Schritt zum Traualtare noch vor sich haben, so machte Clestin
seinen Freund doch nichtsdestoweniger mit der stillen Neigung vertraut,
die er fr Tony von Schtz gefat hatte, wie mit den qulenden Zweifeln
ber die eigentliche Gestalt dieses reizenden Chamleons, und ob dieses
Gemth endlich Farbe halten werde?--

Sylvius schttelte zu dem Allen den Kopf und sagte unumwunden: das
Mdchen, Lieber, gefllt mir nicht; mein Geschmack ist zu einfach fr
den Reiz der Schlauheit.

Clestin vertheidigte seine Liebe mit Hitze; aber er gab dabei in seiner
eigentlichen innersten Meinung manche Ble. Das ble Vorurtheil gegen
Tony schmerzte ihn, da jedoch Sylvius vermge seiner Zurckhaltung
Superioritt ber seinen Freund bte, so hatte dieser entschiedene
Ausspruch doch trotz dem Drange seines Herzens -- ein vorsichtiges
Verfahren Clestins zur Folge. Er war nun mit dem Abschlu seiner
Geschfte fertig, und an den Termin der Reise gekommen. Da kam er zu
Sylvius und sprach: eine Bitte, Freund! die letzte. Es fllt mir schwer
zu scheiden, und am liebsten mgte ich dies Post- und Reisespiel, was
meine Phantasie mit Lust gemalt, nun es in meine Willkr gegeben ist,
verschenken, wie ich eines von Pappe abseits gethan, was ich besa, als
ich ein Knabe war. Und doch ist es vielleicht gut, da ich fort mu.
-- Ich wrde ruhiger reisen, wenn ich mit mir selber im Klaren wre. Du
Freund, Du allein knntest mir reinen Wein einschenken, und wre es auch
ein herber Kelch, ich glaubte Dir dennoch. Thue mir den Gefallen, und
beziehe mein Quartier, da Du ohnehin wechseln willst; Du findest dann
Gelegenheit, Tony kennen zu lernen. Thue es aber ohne Arg! und fndest
Du ein wrmeres Herz als Du ihr zutraust, und ein Fnkchen Liebe fr
mich darin glimmen: o! so fache es an mit dem Athem eines freundlichen
Mundes, wahre mir mein Glck, denn ich liebe das Mdchen sehr! Clestin
legte dieses Bekenntni mit wankender Stimme ab, und fiel seinem Freunde
um den Hals.

Von der Zuversicht erschttert, womit er das Wohl und Weh seiner Zukunft
in diese Hand legte, versprach Sylvius, was Jener von ihm begehrte. Es
war ein schnes Gefhl der Freundschaft, was ihn in dem Wunsche bewegte,
er mgte Tony Unrecht gethan haben, und eine Sttze fr die Ruhe, fr
die Hoffnung seines Freundes werden. Er sprach die Worte: das grte
Glck eines Mannes ist, seine Geliebte gut und wrdig zu wissen. Und
Clestin antwortete ihm: das grte Glck ist ein treuer Freund! Sie
wollten einander nicht schreiben. Ein Jahr, meinte Clestin, der mit dem
Auge der Liebe sein Ziel schon absah, laufe schnell um, und nur in dem
Falle, da Sylvius seinen Aufenthalt verndern msse, solle der Freund
Nachricht von ihm erhalten, oder doch bei seiner Rckkehr vorfinden.
-- Da diese Nachricht durchweg ausgeblieben war, hoffte Clestin um
so sicherer, seinen Freund noch in H--. anzutreffen. Mit drngenden
Empfindungen erreichte er die Stadt. Der Mond beschien den stillen
Markt, sein Herz schwoll, da er den Brunnen rauschen hrte, dessen
Wasser die Geliebte trank, und aus der tiefen Quelle, der die Gedanken
entsteigen, tauchte ihm die Erinnerung an die Bitte auf: da Sylvius ihm
reinen Wein einschenken mge. Diese Stunde war nun gekommen. Er eilte
nach seiner Wohnung. Bei Forstraths war es ungewhnlich erleuchtet, die
Fenster seines Zimmers standen offen, Blumen davor, und drinnen sang
eine angenehme, weibliche Stimme ein Webersches Liedchen zum Flgel.
Seine Pulse stockten -- dieser fremde frhliche Ton, der Anschein des
Unbekannten ngstete ihn, er wendete sich seitwrts, wo auf einer
Bank ein Mdchen dicht an ihren Liebsten geschmiegt sa, und fragte
beklommen: ob der Forstrath Gste bei sich habe? Das kann wohl seyn--
antwortete die Dirne und lachte frech. Ich meine Gesellschaft--
sprach Clestin, von einer dunkeln Ahnung emprt.

Nein, entgegnete das Mdchen, Der ist zur Ruhe.

Zur Ruhe? fragte Clestin, es ist kaum halb Neun.

Der ist ganz und gar gestorben-- war die fast hhnische Antwort.

Und Frau von Schtz?-- Die ist fortgezogen.

Und das Frulein?-- Clestins Athem stand stille, so auch der Schlag
seines Herzens, nur die Uhr viertelte dazwischen, als das Mdchen
gleichgltig erwiederte: Frulein Tony? hat den Herrn geheirathet, der
hier wohnte. Er trug immer einen grnen Rock.--

Der Mond trat hinter eine Wolke, und nahm seinen Schein von einem
Gesichte, das bis zum Tode erblichen war. Clestin stammelte mit leiser
Lippe: das ist nicht wahr! dann dankte er fr gegebenen Bericht, und
seine Seele zerri, da er die wste Dirne hinter sich scherzen hrte.
Sylvius ehemaliger Wirth, den Clestin in seiner Betubung aufsuchte,
besttigte, da er die lautere Wahrheit vernommen.

Nun, so ist die Wahrheit selbst eine Lge! sagte Clestin verstrkt:
Er hatte ja eine Frau!-- Der Wirth lchelte. Sein Tchterchen sah mit
unschuldigen Augen zu ihm auf. Er dachte an das Kind des Freundes, und
die seinen fllten sich mit Thrnen. Mit zerrttetem Gemth verlie er
den Ort, alle Nachforschungen blieben fruchtlos, und Sylvius und Tony
verschollen -- bis wir den Schall seiner Ankunft hren, und das, was er
zu seiner Vertheidigung zu sagen wei.

Die beiden Freunde fanden sich auf einem Zimmer allein zusammen; die
kleine Gesellschaft hatte sich bei der Dazwischenkunft des Fremden
sogleich aufgels't, Mitternacht war bereits vorber und also
der Geburtstag des Administrators, ein neues Leben schien fr ihn
anzubrechen, aber noch lagen tiefe Schatten auf der Gestalt, deren
erster Anblick ihn berwltigt hatte. -- Jetzt-- sagte Clestin, und
sein Blick drang tief in die verfallnen Zge des Freundes ein, als
suche er die ehemalige Wohnung seiner Zuversicht, jetzt, wo ich den
Ton Deiner Stimme hre, klingen Saiten in mir an, die lange unberhrt
geblieben, und was ich auch inzwischen von Dir vernommen, es ist
mir, als wre es eine Lge gewesen. Du wirst mir die Wahrheit nicht
vorenthalten. Man sagte, Du httest Tony geheirathet -- Tony von Schtz,
die ich liebte, die ich Dir anvertraute.

Da hat man Dir ein Factum berichtet-- antwortete Jener, und lchelte
kalt. Sylvius! rief Clestin mit lodernden Augen, eine Flamme der
Beleidigung schlug durch sein Herz.

Und Sylvius sprach: ich war prdestinirt, Dein Retter zu werden -- um
jeden Preis! ich warf mich auf, Dich zu schtzen; Wer ist der Mensch,
der es wagen drfte, sich der Tuschung fr berlegen zu halten? so warf
dieser Hochmuth mich nieder. Wer fallen soll, wird zuvor stolz.

Das Einzige bitte ich, entgegnete der Administrator, sage mir Alles
unumwunden; es ist mir, als knnte ich dennoch nicht an Dir zweifeln.

Das darfst Du auch nicht, erwiederte der Freund mit schmerzlicher
Stimme. Verrath war meiner Seele fern. Niemand hat Falschheit, das
Schndeste was ich kenne -- aufrichtiger als ich, und doch mute ich
diese Larve tragen. Eine eiserne Hand hat sie mir abgerissen; ich darf
nun frei um mich blicken, und sehe, da ich allein der Getuschte war
-- da ich _allein_ bin. Clestin reichte ihm schweigend die Hand. Ich
will Dir meine ganze Seele enthllen-- fuhr Sylvius fort, wenn anders
ein Mensch im Stande ist, das Gewebe seines Innern in all den feinen
Fden aufzufassen, aus denen sein Verhngni besteht. -- Du weit, da
ich bald nach Deiner Abreise zu Forstraths zog, und mit ziemlich bler
Vormeinung gegen das Frulein; ich nahm mir vor, diese Tony, der ich
Dich nicht gnnte, solle mich nicht bestechen noch verblenden, und wenn
jeder Blick ihres schnen Auges ein Sonnenpfeil wre. Diese feurigen
Augen aber zogen Wasser -- ich dachte Deinetwegen, und dieser Gedanke
zog mich an, freundlicher als ich gewollt, hineinzublicken. Ich fand
das Mdchen so einfach betrbt, so schweigsam und unabsichtlich, da
ich nicht begreifen konnte, wie Du Dich so gnzlich irren knnen. Das
Betragen des Fruleins sagte meiner Stimmung zu; da mich Tony wenig
oder gar nicht bemerkte, war mir lieb, der leiseste coquette Angriff
wrde selbst das khle Interesse des Beobachters mit einer Art von
Abscheu -- der Ausdruck ist hart, aber wahr! -- von sich abgewendet, und
mein Urtheil vollends verhrtet haben. Ich trug einen Talismann in und
auf meinem Herzen, gegen den Zauber der Schnheit, gegen buhlerische
Knste. Du hast das Bild gesehen, was auf meiner Brust schlft -- das
Original, der Inbegriff meines Lebens schlief in fremder Erde, und all
mein Glck war mit ihm eingesargt. Die frher empfangene Nachricht hatte
sich mir damals besttiget, da die Seele meiner Seele, das Weib meines
Herzens gestorben sey. Die Welt wute nichts von diesem Verhltni
und daher auch nichts von meinem Schmerz; was wei die Welt von den
eigentlichen Beziehungen des Menschen? sie kennt nur den Schein der
Dinge. So hatte mich der Gram in einen Zwinger eingeschlossen, worin
ich unzugnglich fr Alles war, nur nicht fr das Unglck. Dich, Freund!
htte ich vor dem lngsten wahren mgen -- und Tony fand das kleine
Pfrtchen, und schlpfte durch Mitleid in mein Herz. -- Eines Morgens
lese ich Briefe, in Wehmuth aufgels't, da dieser himmlische Geist,
den ich im Ausdruck der Liebe in jeder Zeile finde, mir entrckt ist.
Da klopft es an meine Thre, so schnell! so heftigleise! wie der Vogel,
gejagt vom Sturm, an ein Fenster pickt. Ich ffne, das Frulein steht
drauen. Dieser unweibliche Schritt macht mich stutzen. Doch Tony ist
bla, der scheue Blick niedergeschlagen -- ich darf vermuthen, da sie
mir etwas Auerordentliches mitzutheilen hat. Ich leite sie herein, zum
Sopha. Sie verneint zu sitzen und sagt: sie knne sich auf keine Ruhe
einlassen, so lange sie in Furcht und Seelenngsten schwebe. Dies sagt
sie mit gebrochner Stimme und bricht in heies Weinen dabei aus. Ich
bitte Tony, sich zu fassen, und fasse ihre Hand, indem ich mich zu Allem
erbiete, was zur Erleichterung ihrer Lage dienen knne. Sie sah mich
an mit thrnendem Blick -- dieser Blick rhrte mich unbeschreiblich.
Im Leiden ist Wahrheit -- dachte ich, und wie Tony wirklich sehr schn
wre. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, Frulein! sagte ich, und meine
Worte mogten vielleicht einen Anklang jener Regung haben. Dies fhrt
mich zu Ihnen, antwortete Tony; drben bin ich bewacht und darf mit
keiner menschlichen Seele reden. Ich halte Sie fr einen Ehrenmann --
war es doch grade, als wollte ich sagen: _Ehemann?_ -- wenn das nicht,
wrde ich mich wohl ber alle Sitte so weit hinwegsetzen, Sie in Ihrem
Zimmer aufzusuchen? -- Das Mdchen hielt mich also fr verheirathet.
Ich konnte kaum weniger thun, als mir selbst geloben, da die Wahl ihres
Schutzfreundes die arme Tony nicht gereuen solle. Sie entdeckte mir nun
ihre Bedrngni. Der Onkel war in einem Anfalle von Eifersucht pltzlich
so dringend in seinem Werben geworden, da die Nichte zagte, er mgte
ihr im Umsehen den Brautkranz mit tlpischer Hand auf die weichen
Locken stlpen. Dann hatte sich noch ein Freier gefunden, den die Tante
begnstigte, und das war noch schlimmer. Frau von Schtz hatte gedroht,
ihr Vermgen an Fremde zu vermachen, wenn Tony den Forstrath heirathe,
und dieser einen Eidschwur darauf gesetzt, da er seine Hand von ihr
abziehen wolle, wenn sie die seinige nicht nhme, oder den ihm verhaten
Rival vorzge, und die Tante hatte fters Schlaganflle. -- So war Tony
in der Lage eines Gegenstandes, den Zwei zankend hin und her zerren, er
zerreit. Abends vorher war eine Scene vorgefallen, der Forstrath hatte
sich krank gergert, und lag zu Bett. Tony, zum Aeuersten gebracht, war
in einer schlaflosen Nacht zu dem Entschlu gekommen, zu entfliehen. Sie
kam, mich um eine Mnnerkleidung, wie um meinen Rath fr mgliche Flle
zu bitten. -- Du kannst denken, Freund! da ich ber diesen khnen
Einfall erschrak, und ihn dem Mdchen auszureden suchte. Das schne,
blhende Geschpf, landflchtig! ich schilderte die Gefahr dieses
Wagnisses so entsetzlich als mglich; doch Tony blieb hartnckig dabei,
sie knne es lnger bei ihren Verwandten nicht aushalten. All meine
Mittel sind erschpft, sagte sie, auch bin ich wohl zu gengstet, zu
lngerem Widerstande; ich bin nichts, als ein armes, zitterndes Opfer,
so oder so. Frulein! sprach ich: Sie haben doch sonst die Fhigkeit
entwickelt, Ihren Drngern die Spitze zu bieten. -- Ach! versetzte Tony:
Sie kennen die Gewaltsamkeit nicht, womit man seit einiger Zeit auf
mich eindringt; htte ich mich nur ein Jahr noch behaupten knnen --
ich dachte, sie wolle damit sagen, dann wrde ihr der Ersatz durch Dich
gekommen seyn. Nimm einen Dritten, hatte die Tante gesagt, so mag es
drum seyn und Keines von uns hat seinen Willen. Ach! seufzte Tony, ein
anderer Name wre mir ein anderes Schicksal; der kleine Schtz meines
Wappens, der ohne Unterla auf mich anlegt, wrde zum Schutz fr mich,
knnte ich ihn tauschen. -- Selbst eine _Scheinheirath_ wrde ich als
eine _wahre_ Erlsung betrachten knnen. Das Frauenhubchen wre mir
Fortunatus Wnschhtlein, und ich knnte mich versetzen, wohin ich
wollte. Ein Mdchen ist gebannt in seinen Kreis, und wenn ihn die Hlle
umschriebe. Freilich, auf jede Brcke mgte ich nicht treten. -- Ein
dunkler Gedanke schwebte mir vor, als Tony diese Worte sprach, es war
mein Dmon, der mir die verfngliche Antwort eingab: Frulein! wenn sich
nun ein Mann fnde, den Sie der Hoffnung wrdigten, auf diese Weise Ihr
Retter zu werden, was dann? -- Dann, sagte Tony: versprche ich, ihm das
Leben so sauer zu machen, da er froh und gewi seyn sollte, mich nach
sechs Wochen wieder los zu werden; wir wrden uns einmthig ber die
Scheidung bereden. Ich aber wre selbstndig, und drfte mir keine
Unbill mehr gefallen lassen. -- Diese Idee fate mich; lasse Dich aber
den Teufel bei einem Haare fassen, und Du bist sein auf ewig! -- Wisse,
Freund! meine erste Heirath war eine heimliche, die Gattinn war nur vor
Gottes Augen mein. Hier kam es darauf an, der Gemahl einer Fremden zu
_scheinen_, und begierig haschte ich nach diesem waghaften Verhltni,
wie nach dem Schatten von meinem verschwundenen Glck. -- Frulein!
sagte ich, Sie sprachen vorhin: auf jede Brcke mgten Sie nicht treten?
die meinige ruht auf den festen Pfeilern der Ehre und der Freundschaft.
Wollen Sie Sich mir anvertrauen? ich entdeckte ihr nun Deine Liebe,
und wie Du an ihrem erwiedernden Gefhl gezweifelt, und weshalb Du
geschwiegen. Tony schwieg auch. Sie lchelte, reichte mir die Hand, und
sagte: ich berlasse mich Ihnen gnzlich. -- Ich wute nicht, wie mir
geschehen, als ich, nachdem sie fort war, meine Briefe wieder aufnahm.
Welche Reihenfolge von Gedanken schlo sich dem Fragezeichen an, bei dem
ich aufgehrt? O! warum beherzigte ich jenes warnende Zeichen nicht?
-- Ich wei nicht, ob Du je zu der Erfahrung gelangt bist, da Niemand
grere Gewalt ber uns bt, als Wer ein frheres Mitrauen in uns
berwunden? -- Umsonst ward ich mir meines Verdachts gegen die listige
Tcke dieses Mdchens bewut, vergebens schreckte mich eine ahnungsvolle
Scheu, ein unwrdiges Gaukelspiel zu treiben: hundert Sophismen
bekmpften mein strubendes Gefhl. Wie viele erbrmliche Motive
schlieen nicht tglich Ehen! dachte ich; mein rascher Entschlu
entsprnge mindestens dem redlichen Willen, Freiheit und Liebe, diese
hchsten Gter Andern erwerben zu helfen. Ich wollte eine Sclavinn lsen
und sie heilig halten, die Braut meines Freundes. Was nun folgt, kann
ich nicht folgerichtig beschreiben. Es ist nur ein wster Traum, den ich
mir nicht deutlich machen darf, wenn ich nicht von Sinnen kommen will,
da ich es damals war. Ich warb um Tony; Frau von Schtz sagte mir ohne
Weiteres ihre Nichte zu, ich fand nicht einmal die leise Zurckhaltung
der Schicklichkeit. Man hielt mich fr reich, um eine Brgschaft fr
meinen Character, fr alles Wesentliche kmmerte sich die Tante nicht,
und mir blutete das Herz, da die arme Tony so waisenhaft verlassen
wre von mtterlicher Frsorge. Von einem Mitbewerber war die Rede
auch nicht, es schien, als ob Frau von Schtz eine gegenseitige Neigung
zwischen uns voraussetze. Der Forstrath lag ernstlich krank. Wenn er
strbe, Ihr Onkel, Frulein, sagte ich, so wre ein Grund gehoben --
gereut es Sie schon? fragte mich Tony mit aufreizendem Spott, ich
sage Ihnen, es ist nichtsdestoweniger nothwendig, da Sie Sich meiner
annehmen. Ich war bereits zu sehr von diesem in seiner Art einzigen
Verhltni befangen, um es noch durchaus beherrschen zu knnen. Noch
benahm sich Tony mit jener Subtilitt gegen mich, deren ich auch
bedurfte. Sie hielt mich an der feinsten Kette. Wenn andere Brautleute
von der Ewigkeit ihrer Liebe reden, so flsterte Tony mir zu, in welcher
Krze unsere Trennung zu beschleunigen wre. -- Ich sollte sie unter dem
Vorgeben einer Reise nach meiner Heimath in die Sch--. bringen, wo eine
Gespielinn ihrer Kindheit glcklich verheirathet lebte; dort wren
wir weit genug, meinte sie -- um unser Scheiden in eine Nebelferne
einschleiern zu knnen. Dies war wohl recht gut; aber ich athmete
schwl, ich athmete Gift, der Keim einer Krankheit setzte in mir an.
Ein ngstliches Schwanken, ein Schwindel von Unsicherheit hatte mich
ergriffen, ein Zustand ngstlicher Betubung lie mich nicht mehr festen
Fu fassen auf irgend einem vernnftigen Grunde. Doch lasse mich kurz
seyn -- Lieber! mein Schmerz ist dennoch lang.

Ha! ich ahne-- sagte Clestin, der bis dahin regungslos zugehrt.
Nein, es kommt ber Erwarten-- fuhr Sylvius fort, hre nur weiter!
Frau von Schtz machte mir die Proposition, mich je eher, je lieber
trauen zu lassen, weil man nicht wissen knne, welchen Ausgang die
Krankheit ihres Bruders nhme. Dann wolle sie, ginge er mit Tode ab,
unverweilt diesen Ort verlassen, und Gott danken, den Leichtfu, die
Tony, wie schwer lasse ein Mdchen sich hten -- unter der Obhut
eines Mannes zu wissen, eines Mannes, dem sie nun pbelhaft die
unverschmtesten Schmeicheleien sagte. -- Tony hatte mir entdeckt,
da sie sich durch die Freigebigkeit des Onkels ein hbsches Capital
gesammelt, wovon sie bequem ein paar Jhrchen zu leben gedenke. Es
war etwas in dieser Vorsichtigkeit, was mir mifiel; doch auch dies
Mifallen an dem berechnenden Talent, einen verliebten Thoren zu
bevortheilen, mute Zeit haben, um nachzuwirken. -- Auf Tonys Anstiften
gab die Tante die Ausstattung der Nichte in Geld, weil wir ja reisen
wollten, und zwar vom Hochzeittage aus; der Zustand des Forstraths, die
Schonung fr seine Schwachheit, diente zum Behuf dieser Wegeile. --
Wir wurden im Armenhause copulirt, ich, der Brutigam, der Aermste von
Allen, die der Ceremonie zusahen. Ich leistete den falschen Schwur,
innen verneinend, wie die Juden -- ich gab Tony einen falschen Namen,
denn auch Du, Lieber, kanntest meinen wahren nicht. Die warme Mondnacht
wollten wir zum Fahren benutzen, und mit der Dmmerung abreisen. -- Ich
hatte mich schon seit einigen Tagen nicht ganz gut gefhlt; die Wiege
des Wagens schaukelte den tobenden Kopfschmerz nicht zur Ruhe, ich lag
zwischen Schlummer und Traum, und ein Cyclop arbeitete in meinem Gehirn.
Ein Hauch von Feuer ging aus von meiner Stirne, mein Athem dampfte
Gluth, zugleich schlich ein schauerndes Frsteln und Ziehen durch meine
Glieder, und die Fe zitterten mir auf der weichen Decke. In welche
phantastische Welt schien der schne stille Mond! ich drckte die Augen
zu, weil jeder Blick mich schreckte und schmerzte; die Braut schlief
sanft an meiner Seite. -- Als ich erwachte, fand ich mich mit dumpfem
Bewutseyn in fremden Umgebungen. Ich lag im Bett, unter dem Geblke
eines lndlichen Stbchens; ein starker, betubender Geruch von Moschus
wirkte auf mich ein. Tony sa auf einem roth und blaugemalten Schemel in
meiner Nhe, ein dicker Mann stand vor ihr, und grougig schauete sie
zu ihm auf. Ich rief sie leise. Sie stie einen Freudenschrei aus,
und strzte in froher Hast zu mir hin. Der Dicke, es war der Arzt --
wnschte mir mit fetter Stimme Glck: ich hatte dreizehn Tage in einem
Nervenfieber gelegen. -- Der kleinen Frau nur, sagte der Licentiat
bescheiden, als Tony sich auf einen Augenblick entfernte, verdanken
Sie nchst Gott Ihr Leben. Sie ist nicht aus den Kleidern und von Ihnen
weggekommen. Solch eine wackere Pflegerinn lobe ich mir. -- Tony, sprach
ich, als wir allein waren: der Arzt hat mir gesagt, wie viel Sie fr
mich gethan, es ist nun der Gte genug. Denken Sie an Sich, an das
eigene Wohl -- ich bin Ihr ewiger Schuldner. Lachend antwortete Tony:
das wre mir was! der Himmel selbst hat mich in mein Recht eingesetzt,
daraus ich mich nun nicht mehr verdrngen lasse. Und wenn Du mich
noch einmal _Sie_ nennst, so sage ich dem Doctor, da Du noch immer
phantasirst, mich nicht erkennst fr Deine Frau, und die Cur geht von
Neuem an. So sprach sie mit reizender Gutherzigkeit; ich fhlte mich
Tony nun wirklich _verbunden_. Lust des Lebens und der Liebe wallte
wieder auf in meiner Brust, meine Seele strmte gegen die ihre. Sie
setzte mich in tausend kleine Verlegenheiten vor dem Arzt, und zwang
mir die Rolle eines Ehegatten auf. Sie berwltigte mich durch trautes
zrtliches Zudringen an mein Herz, ich war ganz in ihren Fesseln. --
Der Administrator machte eine schmerzhafte Bewegung. Sylvius hielt einen
Moment inne, dann fuhr er mit steigendem Tone fort: Freund! spricht
keine Entschuldigung fr mich an? versetze Dich an meine Stelle.
Ich dachte an Dich mit einer Wehmuth, die mir Dein Andenken trbte.
Allmhlig ging mir der Gedanke auf, da eine geheime Leidenschaft meine
Handlungsweise geleitet htte, der ich willenlos nachgegeben, wo ich nur
dem Drange der Umstnde zu weichen glaubte. Jetzt mute ich an meiner
Liebe halten, sollte ich nicht in die tiefste Schaam versinken. Ich war
mir selbst ein Rthsel geworden und wnschte aufrichtig, der Tod mgte
es lsen. -- Aber ich genas; nur ein krankes Gefhl innerster Schwche
vermogte ich nicht zu berwinden. Wie Alpen lastete es auf meiner Seele,
Freiheit und Kraft lagen hinter mir -- und ich meinte dieser Schwermuth
zu erliegen. Ich dachte nunmehr ernstlich daran, wo meines Bleibens seyn
wrde? _nirgend!_ sagte eine Stimme tief in der Brust. Mein Vater lebte
noch; ich war sein Assistent gewesen, seine Stelle war mir bestimmt. Ein
Sehnen wie Heimweh zog mich nach dem Orte, wo ich den vterlichen Greis
einsam wute. Ich wollte ihm Tony als Tochter zufhren und den Heerd
meines Glckes huslich bauen. Mein Arzt forderte, da ich mich nicht
bereilen sollte, auch meine Krfte forderten das. -- So verlieen wir
das Dorf, wo ich an einen denkwrdigen Abschnitt meines Lebens gekommen
war, und zogen unsere Strae. Eines milden Abends im Frhherbst
gelangten wir in ein paradiesisches Thal; durch eine Gebirgsschlucht sah
man eine Stunde davon entfernt, einen berhmten Brunnenort liegen, und
ein blulicher Duft, wie von den Stahlkrften der Quelle aufsteigend,
webte geheimnivoll um die glnzenden Gebude. Das nette neue
Wirthshaus, woran wir hielten, war im Widerspruch zu seiner Bestimmung,
in den Reiz der Ruhe eingehllt. Eine junge Frau, blond wie ihr Flachs,
sa und spann, eine Reihe steinerner Brunnenkrge, in denen die Sonne
funkelte, war aufgepflanzt. Gegenber lag auf Felsen erhht ein altes
Schlo von gothischem Bau. Das Wasser, was ich trank, war kstlich, ich
uerte mich begeistert ber diesen Aufenthalt, und Tony sprach: ei!
so lasse uns hier rasten, und trinke Dich satt! -- O! htte ich Lethe
getrunken! ------ Wir blieben da. Ich sa im Garten und starrte
hinber nach dem Schlo. Der linke Flgel nur schien bewohnt; ein
Fenster stand offen, und der Wind blhte die weien Gardienen. In diesem
Spiel der Luft wehete mich der Odem eines befreundeten Geistes an, ich
fhlte mich warm durchdrungen. Meine Gedanken schlpften in die Falten
des kleinen Segels, und schifften ber das liebe stille Meer der Ahnung.
Tony kam und sagte: ich se gleich dem Ritter Toggenburg -- und she
so bla aus wie eine Leiche. Sie war so zrtlich, wie noch nie. Ihr
Eingehen in meinen Wunsch, ihr Anschmiegen an meine Stimmung that
mir wohl. Die trauten Beziehungen eines innigen Zusammenlebens hatten
zwischen mir und meiner ersten Frau nicht Statt gefunden. Diese war mir
eine hohe Braut gewesen, zu der ich mich im Verhltni der Leidenschaft
befand, gedemthiget, mein Recht verleugnen zu mssen vor den Menschen;
in den Augenblicken, wo ich mein Eigenthum an mich ri, fhlte ich mich
einen Gott. Wie anders mit Tony! hier verhindert mich der wunde Stolz
des Gewissens, den Begriff der Ehe zu fassen; aber ich empfand mich
geliebt. -- Sie lehnte den Kopf an meine Schulter und flsterte mir se
Worte der Besorgni zu. Ich scherzte, sie wrde sich zu trsten wissen,
wenn ich auch strbe. Ein weiblicher Character, wie der ihrige knne
der Sttze entbehren, und ich sey doch nur ein wankender Stab. -- Tony
schmollte. Glaube nur, Geliebte, sagte ich mit verstrkter Stimme, indem
ich sie an mich drckte: kein Mensch, wenn er hinweg ist, macht eine
Lcke, die nicht irgend womit ausgefllt wrde; kein Gestorbener, kme
er wieder, und wren tausend Thrnen um ihn geflossen -- fnde mehr
Raum in der Welt, die so drngend ist im Ersatz. Die Geschichte jener
lebendigbegrabenen Frau, die da heimkehrt zu nchtlicher Stunde und
vergebens an Haus und Herz der Ihrigen pocht, die sie nicht kennen
wollen und fr eine blasse gespenstische Lge halten, so da sie wieder
zurck mu in die Wohnung der Todten, um dort Herberge zu suchen, ist
von ergreifender Wahrheit. Das Grab ist zuverlssig, und nur der Lebende
hat Recht. -- Als ich dies sagte, berrieselte mich das leise Gerusch
naher Schritte mit einem wundersamen Schauer. Eine weie Gestalt geht,
nein, _schwebt_ hurtig an uns vorber, so da ihr langes Kleid die
Grasspitzen hrbar tpft. Sie wendet das Gesicht vom grnen Schirm des
Hutes magisch entfrbt, nach unserer Gruppe -- ich hielt Tony umfat. O!
ich kannte dies bleiche, schne, liebe Gesicht gar wohl. Mit einem Blick
im Fliehen ward mir mein Urtheil zugeworfen; nur einen Moment sah ich in
dies blaue Auge, in meinen verscherzten Himmel --: es war meine Frau.

Allgerechter Gott! rief der Administrator, als gbe ihm die
Erscheinung einer Mitbetheiligten das Recht, laut zu werden, und Du
irrtest Dich nicht?

Sylvius lchelte. Dies Lcheln, ein Schattenri jener Vision, schnitt
seinem Freunde in die Seele. Er sprach: ich sage Dir, bei dem
lebendigen Gott! Sie war es wirklich. Ein kleines blankes Schlsselbund
an ihrem Grtel klirrte, da sie in achtloser Eile ber eine Baumwurzel
strauchelte. Sie trug einen Zweig Ebereschen in der weien Hand, die
lagen verstreut auf dieser Stelle, da ich sie suchte, wie Blutstropfen,
die von meinem Herzen abgetrufelt wren. Frage nicht, wie mir gewesen;
ich wei nichts von jener Zeit. Tony glaubte, da ich mir einen
Paroxismus durch Erkltung zugezogen htte. -- Wer war die Dame? wo ist
sie hin? fragte ich die Wirthinn, und meine Zhne schlugen an einander.
Ich erhielt keine andere Auskunft, als den Bescheid: es wohnten ein paar
Brunnengste auf dem Schlosse, ein Herr und eine Dame, diese wrde es
wohl gewesen seyn; stille, vornehme, absonderliche Leute, sagte die Frau
mit einem Fingerzeig gegen die Stirne, die das Gerusch nicht lieben,
und Niemand etwas zu Leide thun. Sie mogte meine Geberde fr Furcht
halten. -- Die Nacht khlte mich nicht; ich lag in Angst gebadet. Noch
war die Sonne nicht aus dem Morgenthor gegangen, da lutete ich schon
an dem des Schlosses. Ein schlaftrunkener Wchter that mir auf und
schnaubte Grimm; doch der wilde Mann auf dem Goldstcke, welches ich ihm
vorhielt, machte ihn zahm. Er habe strengen Befehl, Niemand einzulassen,
sagte er, seit gestern Abend. Auch sey die Grfinn unpa. Also _krank_!
dachte ich. Wer krank ist, lebt doch! ich aber war gekrnkt bis zum
Tode. Und als die Thrflgel hinter mir zufielen, fhlte ich mich von
jeder Hoffnung auf ewig ausgeschlossen. Willenlos lie ich nun Tony ber
mich verfgen, die unsere Weiterreise beschleunigte. Sie weinte im Wagen
-- ich sprach kein Wort, ein Laut von meinem Schmerz htte mir die Brust
gesprengt. In der nchsten Stadt ging Tony aus und kam mit einem Doctor
wieder, den sie selbst geholt hatte. Es war ein ehrwrdiger Mann, der
mir Zutrauen einflte. Er tadelte collegialischer Weise meinen vorigen
Arzt, der mich so frh in der Reconvalescenz nicht htte reisen lassen
sollen, und meinte, nun mte ich acht Tage Quarantaine halten:
ich bedrfe Ruhe. O Gott! -- Sein Auge schien mit Liebe auf Tony zu
verweilen, die, wie er und seine Frau gefunden, ihrer einzigen Tochter
sehr hnlich she, welche ihnen vor zwei Jahren eine ansteckende
Krankheit entrissen, wozu der Vater selbst den tdtlichen Stoff
herzugetragen. Wie rhrend schilderte der Mann mir diesen Schmerz! --
Er bat mich, der armen Mutter den Trost dieses Anblicks zu gnnen,
und whrend unseres Aufenthalts freundlich zu ihnen zu kommen. Diese
herrlichen Menschen werde ich nicht vergessen. Mir kam der Gedanke,
Tony, die ich besser nicht aufgehoben wte, bei ihnen zu lassen, allein
in meine Heimath zu reisen, das Terrain zu recognosciren, und sie dann
abzuholen. Tony schien dieses Vorschlags froh, der Doctor und seine
Frau gingen mit Vergngen darauf ein. Ich athmete freier und fhlte mich
erls't, da ich im Wagen sa. Der Unglckliche, allein neben Andern,
findet Trost darin, einsam zu seyn, und der Gram ist ein unduldsamer
Gefhrte. Mein alter Vater empfing mich mit groer Rhrung. Er kannte
den Sohn kaum mehr, so hatte ich mich verndert. Ich wagte es, ihm mein
Unglck zu bekennen. Es flo eine groe Kraft von ihm aus -- und sein
sanftes Wort fiel wie Thau in meine brennende Seele. Sylvius, sagte
er: Du hast ein gefhrlich Spiel gespielt, und ich frchte, Du hast
es verloren -- finde Dich nur darin; den Vater sollst Du stets in mir
finden. Ein Zurckgehen in seine alten Verhltnisse ist dem Menschen
immer unmglich, jede Stunde reit uns von der vorigen ab, und der
zerrissene Faden einer Fgung lt sich nicht haltbar wieder anknpfen.
Gott fgt zuletzt doch Alles wohl. Ermanne Dich, mein Sohn! der Muth
hilft Berge tragen, und der Glaube versetzt sie. -- Wie oft hatte ich
dieses frommen Glaubens heimlich gespottet! jetzt neidete ich meinem
Vater seine stille Gelassenheit. Er war es zufrieden, da ich ihm Tony
brchte. Wir wollen sehen -- sagte er mit bekmmertem Blick. Ich will
Tony also holen. Auf der Strae jener Stadt begegnet mir mein alter
Doctor. Er erkennt mich bestrzt und ruft: nun, es ist doch kein Unglck
vorgefallen? ich frage: wie so? -- Tony war seit fnf Tagen fort,
vorgebend, Nachricht von mir erhalten zu haben, da ich mein Versprechen
unmglich erfllen knne, und dringend nach ihr verlange. Die Frau des
Doctors zitterte an allen Gliedern, ich sah, man verschwieg mir etwas.
Auch liegt ein Brief an Sie da, sagte Jene, der den Tag nach der Abreise
Ihrer Frau Gemahlinn ankam, mit dem Vermerk, da wir ihn aufbewahren
sollten, bis da er abgeholt wrde; dieser Umstand ist uns sehr
aufgefallen. -- Tony schrieb mir: von den letzteren Erfahrungen
berzeugt, mit welcher Aufopferung ich mich ihrer angenommen, wolle sie
mir nicht lnger beschwerlich fallen, und ich drfte sie um so ruhiger
ihrem Schicksal berlassen, als sich ein Begleiter fr sie gefunden, der
die Pflicht, sie zu beschtzen, fr sein Glck halte, und mit Freuden
jede Verantwortlichkeit auf sich nehme. _Bslich_ habe sie mich nun
zwar nicht verlassen, was uns sogleich scheiden werde -- aber ich knne
immerhin darauf klagen, und auf was ich immer wolle. Sie ertheile mir
die unbedingteste Vollmacht fr alle Flle der Schuld, und wnsche mir,
wohl zu leben. -- Bei dem Tone leichtsinniger Indifferenz in diesem
Schreiben, war es mir, als ob ein Fenster zersprnge; freie Luft strmte
mich an, und ich sah Alles, _Alles_ ein!

Sieh! sagte Clestin mit einem Klange der Rede, als htte eine lange
Dissonanz sich gels't, so hat auch Dich diese falsche Tony nicht
geliebt. Sie ist eine Schauspielerinn, die heute im Fache der Intrigue
siegt, und morgen als gedrckte Unschuld rhrt. Du warst nur das Vehikel
ihres Talents und ihrer Zwecke. Sie hat Dich zu der schwersten Rolle
gezwungen. Armer Freund! ich mu Dich beklagen und mich dazu, da
ich Veranlassung dazu gegeben. Sprich mir nicht davon, da sie Dich
gepflegt, Dir Gte und Liebe bewiesen: auch eine Actrize fhlt, und
vergiet natrliche Thrnen; es liegt eine Fhigkeit in der Lge, da
sie sich selbst fr wahr hlt. -- Wer war denn aber das neue Opfer ihrer
aimablen Kunst?

Ein junger Mediziner, ein Libertin, der Beschreibung nach, antwortete
Sylvius der, zur Zeit Secondairarzt des alten Doctors, Gelegenheit
gefunden, mit Tony schnell bekannt zu werden. Das Aehnliche findet sich
bald aus. Er hatte einen Ruf nach Liefland erhalten -- Tony war immer
progressiv. Sie ging mit ihm, und die treue Aufsicht jenes wrdigen
Paares ward getuscht.

Und Du? fragte der Administrator. Und ich? fragte Sylvius mitleidig
zurck und sprach: es giebt Erfahrungen, welche durch ihre glhende
Beize die ganze Ichheit in ein fremdes Gefhl verschmelzen. Ich htte
Gott danken mgen; aber ich konnte nur sein Wunder denken. Als jener
reine Geist erschien, verschwand der Trug des Blendwerks: denn die Liebe
ist Licht! ist Befreiung! -- Unsere Ehe war null und nichtig. Ich eilte
ohne Weilen zu meinem Vater, ihn der Sorge um mich zu entheben. Gern
htte ich ihn untersttzt mit meiner besten Kraft, diese war mir hin.
Eine Zeitlang sah er meinen ohnmchtigen Versuchen zu, mich zurecht
zu finden, dann sagte er: so geht es nicht, mein Sohn! gehe nur in die
weite Welt, und wenn ich auch unterdessen in die _Enge_ geriethe. Der
gute Greis! ach! ich verstand ihn, obgleich ein vterliches Lcheln mich
ber den dstern Sinn dieses Ausdrucks tuschen sollte. Unsere Familie
stammt ursprnglich aus Castilien. Dahin reise! sagte mein Vater, der es
wute, da, dies Land zu sehen, ein frher Wunsch meines Lebens gewesen
war. Die spanische Sprache, unser Muttertheil, hatte sich von Geschlecht
zu Geschlecht vererbt; wenn auch das Wenige, was ich berkommen, nur ein
Stammeln genannt werden konnte, deutlich machen, konnte ich mich doch.
O mein Freund! diese Reise war mir wie eine Wallfahrt, und mit bender
Seele trat ich sie an; ich hoffte, mich mde zu trumen an der Wiege
meiner Vter. Etwas Schneres als die Einsiedeleien dieses Landes giebt
es auf der ganzen Erde nicht. Wo die Natur eine stille Capelle gebaut,
da finden sich auch Spuren der Hausaltre, und ein Hauch sdlicher Glut
webt unter diesen heiligen Schatten. Man sieht, der Mensch hat die Hand
nur leise heben drfen, um das Hchste in Besitz zu nehmen. Die reizende
Ueppigkeit des Bodens lie mein armes Herz freudeleer, der Glanz der
Stdte schimmerte mir kein Glck vor, die Verwickelungen der Politik
zogen mich nicht an, nur die Poesie der Einsamkeit war es, was mich
rhrte. Ich zog hin, ich zog her -- die Zeit zog auch vorber; ich
forschte nach der Quelle meiner Abkunft -- der Ruhe Quell in meiner
Brust war mir verschttet. So hatte ich kaum gemerkt, da meine
Baarschaft zu Ende ging. Der Schmerz, welcher den Geist reift, ist in
Betreff auf zeitlichen Vortheil ein Mndel unseres Herrgotts. An den
Pyrenen traf ich einen Deutschen. Ich fand Gelegenheit, ihm einen
wichtigen Dienst zu leisten, dann fand ich etwas Seltenes: einen
Dankbaren. Ich konnte seine gromthige Erkenntlichkeit nicht ablehnen.
Wir blieben eine Weile zusammen. Er entlie mich nicht, ohne mir das
Versprechen abgedrungen zu haben, da ich, wren meine Verhltnisse zu
lsen, mich seinem Schicksal, seinem Glck auf immer anschlieen wolle.
Er war ein sehr bevorzugter Mann, unabhngig, und begnstiget zu der
Freude, seinen Freunden ntzen zu knnen. Mein Vater war todt, seinen
Ehrenplatz nahm ein Anderer ein, Fremde schalteten und walteten an
heimischer Stelle, berall vermite ich das Geliebte. -- Ich sehnte
mich, ach Clestin! ich sehnte mich unaussprechlich zu Dir! -- Einmal
nur wollte ich Dich wiedersehen und Dir sagen, wie Alles gekommen.
Dann scheide ich fr immer. Ich habe die Schuld bezahlt -- wirst Du sie
auslschen in Deinem Herzen?

Der Administrator heftete einen langen, feuchten Blick auf seinen
Freund und sprach: lasse es doch gut seyn. Dein Andenken war mir nie so
verwischt, da ich Dich nicht wieder erkennen sollte. Gott tilgt Alles!
von den meisten Tugenden heit es: sie werden einst nur _vergeben_. Du
bist mein Freund und bleibst bei _mir_.

Sie hielten sich schweigend umfat -- ihre Herzen schlugen hoch
aneinander, keine Liebe reicht an die verzeihende.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Morgen hatte Frau Fabia eine lange geheime Unterredung mit
dem Freunde ihres Schwagers. Sie schien einen alten Bekannten in
ihm wiedergefunden zu haben; ohne lebhaft laut ber dies erneuerte
Verhltni zu werden. Und da auch hierin die beiden Schwgerinnen zu
gleichen Theilen gingen, geschah es, da, ehe die Wintersonne desselben
Tages sich neigte, Therese bei der unvermutheten Ankunft des Lieutnant
Feldmeister in dem Neffen des Majors jenen Offizier erkannte, der mit
entschlossenem Muthe ihr mtterliches Gut vor gnzlicher Einscherung
geschtzt hatte.

Auch Rudolph stand betroffen, da er die schne junge Frau erblickte.
Eine Feuerrthe, der Widerschein jener Flammen, schlug in seinem
Gesichte aus, und eine Wunde, die er im polnischen Kriege davon
getragen, schmerzte ihn tiefer, als die erst geheilte. Er nannte die
Gattinn des Constanz: mein gndiges Frulein! Therese hatte
sich reizender noch entfaltet; ihre Augen leuchteten unstt und
frhlingskrftig wie Sterne am Firmament einer warmen Mainacht, der
Blick einer _Frau_ ist ein sanftes, bestimmtes Licht am huslichen
Horizont. Sogar in dieser kalten Jahreszeit verschmhete Therese das
Hubchen, und trug das braune Haar ppig frei, als knne ihr Flattersinn
selbst einen Zwang von Flor und Band nicht dulden. Alle ihre Bewegungen
hatten den tanzenden Rhythmus der Freude; der Gang einer Gattinn
ist schwerfllige Prose und schreitet nur unter dem Klingklang eines
Schlsselbundes einher. Kein Gewicht dieser Art beschwerte den Grtel
dieser leichten schwebenden Gestalt. Zwar hing in ihrem rechten Ohr
ein winziger Schlssel von Gold und Demant, und in dem linken das dazu
passende Schlo; doch ohne da der erstere etwas Anderes erffnet, als
den Geschmack im Putz -- das letztere ein volles Herz bewahrt htte.--

Als Rudolph nun hrte, da er eine Strohwittwe vor sich she, da meinte
er, seine Hoffnung, da der Zufall ihn wohl nicht umsonst mit diesem
anziehenden Wesen zusammenfhre, wre auf eine taube Aehre gefallen.

Auch Therese fhlte sich durch den Anblick des Lieutnants in die
Vergangenheit entrckt. Sie hrte im Geiste das Schieen der Feinde
-- Thrnen schossen in ihre Augen und schleierten das Bild der blassen
Mutter ein.

Als der Major seinem Neffen die Verhltnisse des Hauses auseinander
setzte, konnte Rudolph vor Allem die seltsame Ehe Theresens nicht
fassen. Er schttelte den Kopf und sprach: Sie kann nur an den Mann
im Monde verheirathet seyn. Nur _diese_ Entfernung, und die Klte des
Planets macht es denkbar, solch ein himmlisches Weib Jahrelang missen zu
knnen. Und welche Gleichgltigkeit liegt darin, eine Frau, wie diese,
dem Bruder zu berlassen, der doch ziemlich jung und ein sehr hbscher
Mann ist! -- Die vertraulichen Beziehungen ihres Zusammenlebens--
sind eine Hllenplage fr ihn, der gern friedlich wre, unterbrach
der Major seinen Neffen, indem ein sarcastisches Lcheln des Oheims dem
Lieutnant zu denken gab. Es ist sehr mglich, fuhr Jener fort, da
dieser rmste Prlat ein Clibateur bleibt, wie seine geistlichen
Namensbrder, blo weil er das Glck geniet, der Schutzherr zweier
Frauen zu seyn. Wer mit der Schnsten familiair umzugehen ein Recht hat,
verliebt sich selten in sie. Du, mein Junge, sprichst wie der Blinde von
der Farbe.

Die Schwgerschaft nahm pltzlich wandelnd eine hellere in den Augen des
Neffen an.

Das Leben der Hausgenossen im Stifte gestaltete sich nun um vieles
anders. Der Administrator war sichtlich erheitert, seit er den Freund
zur Seite hatte, und seine Gesundheit krftigte sich zusehends.
Sie ritten tglich zusammen aus, Plne zu Verbesserungen der Gter
beschftigten sie daheim. Ein gemeinntziger Ernst, der sich gegenseitig
mittheilte, lie sie Bedacht auf Alles nehmen, was dem Wohl der uern
Angelegenheiten frderlich werden knnte. Sie tauschten ihre Ansichten
aus -- und ein solcher Freund hatte dem Verweser nur gefehlt, da er
seine Stellung sich mit Lust und Liebe aneigne. -- Der Oberfrster war
ein bejahrter Mann; Clestin dachte, seinem Freunde zu diesem Posten
helfen zu knnen, so wrde die Zukunft sie nicht mehr trennen. Auch gab
es fr einen so fhigen Kopf auf jeder Stelle Beschftigung, und Sylvius
ntzte den Renten des Klosters, whrend er der Gast des Hauses war und
blieb. Andererseits war dem Administrator nicht minder geholfen.
Er schlo sich lediglich an den Gefhrten an, und verga ber ihrem
mnnlichen Thun, was er lngst lassen sollen, sich der Zufriedenheit
seiner Damen anzunehmen. Ob die Frauen sich vertrgen oder nicht, es
kmmerte ihn kaum noch, und Sylvius berzeugte ihn vollends, da die
Weisheit und Gerechtigkeit in hchster Person weibliche Ansprche nicht
auszugleichen vermge. -- Seit die Schwgerinnen keinen Schiedsrichter
mehr hatten, brauchten sie auch keinen mehr. Frau Fabia war aus ihrem
frommen Hinbrten aufgescheucht worden. Sie ging gesellig in manche
ihrem Wesen fremdartige Idee ein, und war nicht so finster als sonst.
Die tiefe Fuge ihrer Tonart hatte sich in Harmonie gels't, und ein
besserer Einklang zwischen ihr und Theresen niemals Statt gefunden.
Fabiens Sorge um den Schwager wendete sich, da er gesund geworden war,
mehr seinem Freunde zu, der an einer unheilbaren Krankheit des Gemths
zu leiden schien. Sie achtete selbst weniger auf Josephine. Diese
brachte jeden Augenblick, der zu erbrigen war, bei der Nonne hin, da
Schwester Veronica sich der fremden Mnner wegen zurckgezogen hatte.

Therese war liebenswrdiger als je. Sie machte tausend kleine
liebreizende Geflligkeiten geltend, die ihr zu Gebot standen, und
selbst Fabia mute sich gestehen, da, wenn sie _wolle_, ihr nicht zu
widerstehen sey. Sie entschuldigte heimlich den Administrator, da er
parteiisch gewesen. -- Und seltsam! gerade jetzt zeigte sich Clestin
so khl und selbstndig, als htte dieser Zauber seine Kraft an ihm
verloren.--

Der alte Feldmeister ist aus dem Felde geschlagen-- sagte der
Major zu dem jungen, und leise sprach in seinem Tone eine krankhafte
Empfindlichkeit an. Dieser Freund, dieser Fremde, der mir nicht
sonderlich behagt, fllt die Zeit und das Herz des Administrators aus.
Ein Glck, da ich Dich hier habe, Rudolph. Faust knurrte eiferschtig,
als der Oheim bei diesen Worten dem Neffen die Hand reichte.

In der That wrde die Freundschaft des Majors kaum einem Gefhl der
Zurcksetzung entgangen seyn, wie wenig Clestin sich auch derselben
bewut gewesen, wren hufige Anflle der Gicht, die den Ersteren an
sein Zimmer fesselten und die Anwesenheit des Lieutenants nicht zur
Entschuldigung fr den Administrator geworden. So oft das Befinden
des Majors leidlich war, vereinigte sich die kleine Gesellschaft. Dann
spielte Rudolph mit Theresen Schach, und immer ward sie eine Siegerinn.
Es gelang ihm nie, den Ruhm seines Namens gegen ihre kleinen Finessen zu
behaupten. _Einmal_ gewinne ich doch! schwor er bei jeder Niederlage.
Therese lchelte nur.

Wenn der Hauptmann erzhlte, der ganz Europa durchreis't seyn wollte,
dann sah Rudolph zu Boden auf die Spitze von Theresens Fu, und mit so
tiefsinnigem Blick, als glte es, die Pointe seines Lebens ins Auge zu
fassen. Der Oheim drohete ihm einst mit dem Finger. Du denkst gewi an
die Geschichte vom Pantoffel-- sprach er neckend, hre doch unserm
Moorhausen zu, der eine lebendige blaue Bibliothek aller Nationen ist.
Er klopfte den Hauptmann auf die Uniform -- dieser, unwissend ber jene
Sammlung Mhrchen, machte eine geschmeichelte Miene.--

Frau Fabia sah es gern, da Josephine so wenig Interesse an der Nhe des
jungen Offiziers nhme; fr Sylvius hingegen uerte das Mdchen
eine stille innige Theilnahme, welche ihre Pflegemutter vollkommen
zu billigen schien. Er ertheilte auf den Wunsch derselben Josephinen
wissenschaftlichen Unterricht, und ein zartes geistiges Band hielt den
Lehrer und die Schlerinn zusammen, oft lange ber die gegebene Stunde,
und auch auer der Zeit, welche diesem Zwecke gewidmet war. Und Fabia
zrnte nie, wenn Josephine lernend oder liebend nach ihrer Weise einen
Auftrag versumte. Genug, aller Kampf, sogar der Streit der Pflichten
schien zu Ende, seit das Opferfest zum Geburtstag des Administrators
unterbrochen worden war, und die Weihnachtsglocken hatten lngst
ausgeklungen, als unsichtbare Engel noch immer ber der Klosterflur
von Sanct Capella schwebten, welche sangen: Friede auf Erden! und dem
Menschen ein Wohlgefallen.

Das neue Jahr war schon um einen guten Schritt vorgerckt, und der
Tag verlngerte sich merklich, da kam die Nachricht, da der Lieutnant
Feldmeister versetzt sey in eine ferne Garnison, und schleunigst fort
msse. Das Invalidencorps fhlte sich durch diese Ordre wie auf Feldetat
gesetzt, es gab Allarm, der junge Offizier war Allen lieb und werth
geworden. Auch der Familienkreis des Administrators empfand die Lcke,
die nun bald entstehen wrde. Therese ging umher, als htte sie ihr
ganzes Glck, ihr Glck auf immer verloren -- und der Major sagte zu
sich selbst: Therese ist schachmatt -- es ist Zeit, da das Spiel
aufhrt.

Am Abend vor dem Tage, wo der Lieutnant Feldmeister das Stift verlassen
sollte, sa Schwester Veronica allein in ihrem Stbchen und bltterte
in dem Herbarium ihres Vaters. Tiefe Stille war um sie her, ein heiterer
Winterfriede durchathmete die Zelle. Des Lichtes Flamme brannte wie
gemalt, der warme Glanz des weien Oefchens spiegelte sie in blendenden
Funken zurck, und das Knistern der innen glimmenden Kohlen strten
feuerheimlich diese lautlose Ruhe nicht. Das groe Lebensbuch der
Pflanzen lag vor der Nonne aufgeschlagen; ihr Auge leuchtete in
sanftem Vergngen. Sie suchte: _die Liebe im Nebel_ -- eine Gattung
der Passionsblume. Und wie sie Blatt um Blatt wendete, gingen alle
Frhlinge, die sie gelebt, an ihr vorber, und der botanische Garten,
darin sie gewohnt, blhete mit den Freuden ihrer Jugend auf. Sie sah den
Vater hei vor Lust, unter dem glhenden Strahl der Mittagssonne, weil
keine andere Zeit ihm blieb, betrachtend stehen, die Mutter, wie sie in
der Mondkhle einsam unter den Gngen des verlornen Paradieses auf und
nieder wandelte, mit traurigen Gedanken, die auf der verbotenen Frucht
verweilten, welche eine verfhrerische Schlange dem Gatten reichte. Sie
hrte den Baum rauschen, unter dem der geliebte Brutigam einer Andern
Treue versprach, und mit dem Regen jener Stunde, dem so viele Thrnen
nachgeflossen, rieselten leise Schauer der Erinnerung ber das Herz der
guten Nonne. Da naheten eilende Schritte, die Thre ging auf, ohne da
Jemand angeklopft htte, und Josephine trat herein, scheu und hastig.
Schwester Veronica hob den Blick auf, der ngstlich auf dem lieben Kinde
haftete, und sprach: was ist Dir, Mdchen? Dein Gesicht brennt, Du
siehst aus, als httest Du geweint, oder als wrde es eben geschehen,
und der groe Schlssel zittert in Deiner Hand?

Josephine antwortete mit erstickter Stimme: _mir_ hat Niemand etwas zu
Leide gethan, und doch fhle ich so. Ach liebe Veronica! ich habe etwas
Entsetzliches erfahren -- das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust.

Es bleibt darin begraben-- versicherte die Nonne feierlich leise und
mit der Kraft des Schweigens, sprich ruhig, mein Kind.

Mit gebundenem Athem begann Josephine: ich ging, wie Sie wissen, in die
Capelle, die Lampe mit Oel zu versehen. Immer freue ich mich auf dies
kleine Geschft bei dem ich lnger verweile, als nthig wre. Dort strt
mich nichts in meinen stillen Trumen. Das Herz ist mir jetzt zuweilen
so gedrckt, so enge -- als fnde ich nirgend Raum fr Wnsche, die ich
nicht zu nennen wei, den ausgenommen, da ich einst in dieser Capelle
ruhen mgte. So ist die Maria wie meine gute Freundinn, die es versteht,
was ich keinem klagen kann. Als der Docht der Lampe aufglomm, nachdem
ich sie getrnkt, und dieser Schimmer an das Gewand schien, wie wenn der
Mond ber dem Wasser schillert, da war es mir, als wrde ihr todtes Auge
hell, und sie sprche: gieb Dich zufrieden! wir wollen sehen!--

Die Liebe, meine gute Josephine, schaltete Schwester Veronica ein,
gewinnt Allem Leben ab, wie der Glaube eine Seele des Trostes. Das ist
der wahre lebendige Hauch aus Gott, und ein ewiges: es werde Licht! --
Die Welt wandelt in Schatten des Todes und ihre Werke sind finster. Die
Heiligen sehen das Werk an und vergelten auch den kleinsten Dienst.
Es wird Dir gewi wohl gehen auf Erden. Du wirst lange leben, und
so betrbt es mich, da Du in so jungen schnen Jahren schon an Dein
Begrbni denkst.

Josephine sah die Nonne mit bangem Lcheln an. Und was geschah denn
nun, mein liebes Kind? fragte diese, fasse Dich, mir es sagen zu
knnen. Ich will Dich zu trsten suchen, mit Gottes Hlfe.

Das Mdchen schttelte leise den Kopf und sprach: als ich noch sinnend
stehe, vernehme ich ein schnelles Kommen und Flstern. Nun ist es recht
besonders, Schwester Veronica, mit den Geistern halte ich Zwiesprach,
als wren sie meine Geschwister, und vor Menschen frchte ich mich?
-- Ich schlpfte in den Beichtstuhl und duckte unter -- es war nur
ein Augenblick, ich wute selbst nicht, was ich that. Da erkannte ich
Theresens Stimme im Gesprch mit einem Manne, und ich merkte sogleich,
da es der Lieutnant Feldmeister wre. Sie redeten hchst vertraut. Hier
sind wir allein -- sagte er, als sie in die Capelle traten, hier sucht
uns Niemand. Vergessen Sie nicht, antwortete ihm Therese, da die
wchserne Mutter Gottes das Verlorene sucht, und verloren wre ich, wenn
man uns hier zusammenfnde. -- Sie machte ihm hierauf zrtliche Vorwrfe
ber seine verfolgende Leidenschaft. Einige Minuten _mssen_ Sie mich
hren! betheuerte er, und -- o Veronica! was lt sich in ein paar
Minuten sagen! ich meine, Therese htte ihr Lebelang darber zu denken.
Sie lieben sich -- sie lieben sich schon lange. Und Therese ist die Frau
eines andern Mannes! -- Wenn das der redliche Major wte! und -- und --
der Unglckliche schwor, wenn er sie zum drittenmale finden sollte,
dann msse sie sein werden, und wre sie mit Ketten an dem Himmel
geschlossen. Ich habe nicht gedacht, da ein Mensch so reden knnte --
jedes Wort war ein Funken, der zndete.

Schwester Veronica sah mit bekmmertem Blick die brennenden Wangen des
Mdchens, und seufzte tief, da diese fromme Unschuld Zeuginn solch
einer leidenschaftlichen Scene gewesen. Den armen Constanz verurtheilte
er-- fuhr Josephine mit einer ihrem Wesen fremden, feindlichen Regung
fort: und seine Gattin duldete es. Dem Onkel gnnte er das Glck ihrer
Nhe nicht, _ihm_, der die Frau seines Bruders in freundlichen Schutz
genommen, und gar manche Unbill wegen ihr ertragen hat! ich wei das am
besten. Dann sank er ihr zu Fen -- dann kte er sie -- o Gott! Er
kte sie! wiederholte die Nonne leise, auf deren keuscher Lippe nie
der Ku eines Mannes geblht. Du armes Kind! ja, das mag eine Angst
gewesen seyn. Angesichts der heiligen Jungfrau entbldeten sie
sich dieser Snde nicht! -- Und der junge Mann scheint sonst ein
liebenswrdiger Mensch.

Ach! ich bin dem Lieutnant bse-- sagte Josephine, das ist nicht
edel von ihm gehandelt; ich denke, ein Mann mu seine Leidenschaft
bezwingen knnen. Es hatte mir so gut von ihm gefallen, wie er sich
jener alten Dame angenommen -- Sie kennen die Geschichte--! nun aber
verfllt er selbst in rgeren Wahnsinn, verliert den Kopf, und Der sich
so tapfer schlug, da die Schwche des Alters in Ehren gehalten wrde,
kann sich einen Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, der die Wrde
einer jungen Frau beleidiget, die wohl noch schwcher ist. -- O! das ist
nicht lblich! das ist eine Verletzung des Gastrechts.

Du hast ganz Recht, mein Tchterchen, antwortete die Nonne, und Gott
behte mich, da ich beschnigen wolle, was sich nicht billigen
lt; nur meine ich, der junge Feldmeister sey bethrt, sich selbst
entfremdet, und Therese mag ihm wohl reichlich Gelegenheit gegeben
haben. Diese scheint mir in sofern zu entschuldigen, da sie gleichsam
nur ein kurzes Achtel verheirathet war, und eine lange Pause ist
fr dies lebendige Allegro nicht. Wie endete sich denn nun diese
Zusammenkunft?

Ich seufzte zu Gott, sprach Josephine, da ich erlset werden mgte,
und kaum war dieser flehende Gedanke aufgeflogen, da flatterte eine
Motte aus dem Busen der Maria, und schwirrte mit singendem Gerusch um
das Flmmchen. Dieser kleine Zufall scheuchte die Liebenden hinweg. Ich
zitterte an allen Gliedern und mute mich erst erholen. Wer aber hatte
mir denn was gethan? Was geht es mich an, Wen Therese liebt? Und doch
war es mir, als htte man ein tiefes Gefhl in mir verletzt.

Wo die Tugend leidet, versetzte Schwester Veronica, da leidet eine
reine Seele mit, und der Schmerz dieser Erfahrung ist gro. O mein Kind!
Treue ist unser einzig Glck auf Erden! selbst den Nichtliebenden rhrt
sie mit einem zrtlichdauernden Gefhl, was sich erwerben lt. --
Treue ringt den Himmel nieder in Deinen Besitz -- sie ist ein Strahl
der ewigen Liebe. Ein wankendes Herz findet nirgend Ruhe. Wir wollen
Theresen bedauern. Sie macht Keinen glcklich, und sich am wenigsten.
Wenn ihr Gemahl nun heute oder morgen kommt, mit welchem Blicke soll
seine Frau vor ihm stehen?

Josephine sah mit einem flammenden der Nonne in das Gesicht, und
diese mogte vielleicht an den Engel des Gerichts denken. Sanften,
entwaffnenden Tones setzte sie hinzu: Gott senke Kraft in Deine junge
Seele, an der Liebe des Nchsten zu halten, denn nur, Wer beharret,
merke Dir es, mein Mdchen -- der wird selig!--

Josephine schmiegte sich an die Brust der Nonne und fhlte das treueste
Herz schlagen. Sie schmte sich, entrstet gewesen zu seyn, vielleicht
zum erstenmale in ihrem Leben -- und aus der tiefsten Quelle des
weiblichen Gemths drangen Thrnen, herbe und doch hoffnungsvoll, in
ihre milden Augen.

       *       *       *       *       *

Ein paar Monate waren seitdem vergangen. Sanct Capella, von der hher
steigenden Sonne bestrahlt, glnzte wie eine weie Glockenblume mit
goldnem Kelche zwischen dem aufgrnenden Frhling. Im Stifte selbst sah
man den schnen Tagen, die nun kommen wrden, mit drngender Erwartung
entgegen. Man nahm sie gleichsam voraus. Frau Fabia ordnete diesmal das
groe jhrliche Waschfest zeitiger als sonst an, und als der April
sein Wechselrecht geltend machte, und einen hurtigen Regen ber das
sonniggetrocknete Linnen ausgo, behielt ihr Gesicht seine Heiterkeit,
der beste Beweis von dem bestndigen Wetter in der Laune der guten
Hausfrau.

Schwester Veronica, bedrngt von jener heiligen und tiefen Wehmuth,
die sich ihrer sanften Schmerzen schmt, schlich jetzt manchmal im
Mondschein auf den Kirchhof des Klosters und mit schwellendem Herzen
die Mauer entlang, woran der Flieder knospete. Wenn sie in ihrem weien
Gewande zwischen den Grbern wandelte, im geistigen Verkehr mit den
Schatten der schlafenden Schwestern, glaubte man Libitina, die stille
Gttin der Todten zu sehen.

Die Offiziere suchten mit frischangeregter Lebenslust das Freie. Major
Feldmeister warf den Pelzstiefel zusammt dem Podagra abseits, und rief:
da liege, da du berstest! ich habe es nun satt, und _will_ gesund
sein! Er schritt herzhaft einher. Die groen Fenster waren geffnet,
die Thren standen weit offen, als solle der Winter ausziehen. Herr
Prlat, empfindlich gegen den Zug, ging als der Zeus des Hauses mit
einer Donnerstirn von einem Flgel zum andern, und blitzte hier und da
heftig zu. Ein thatenlustiger, rhriger Geist war in den Administrator
gefahren. Er strubte sich beinahe ungebehrdig gegen die krankhafte
Ruhe, die seine Krfte bisher unterdrckt hatte, gegen die Pflege der
Weiber. Fabia schalt ihn undankbar, wenn er eine Maregel ihrer Vorsicht
fr unntz erklrte. Sie meinte nach Art einer erzrnten Prophetinn:
dieser Uebermuth werde ihm schlimm bekommen. Doch Josephine freuete sich
und sagte leise: Er ist jetzt um Vieles besser.

Therese lie ihren Schwager gewhren. Sie ging spazieren frh und spt
auf geheimnivollen Wegen, und nicht selten brachte ein Fhrer die
Verirrte zurck. Frau Fabia sagte kein entscheidendes Wrtchen ber
diesen entschiedenen Mssiggang. Sie wrmte geduldig das Essen, wenn
Therese die Stunde der Mahlzeit versumte, doch keine begangenen Fehler
mehr auf. Fabia wute vielleicht, da Theresens Seele unter einer
greren Last arbeitete, als frherhin ihr Leichtsinn und ihre
Lssigkeit Andern aufgelegt hatte.--

Als einstmals Therese von einem weiten einsamen Ausflug spt nach
Hause kam, die Hnde voll selbstgepflckten Veilchen, sah sie einen
ausgespannten Reisewagen vor dem Stifte stehen, dessen helles Gelb wie
eine groe Mondscheibe durch das Dmmern des Frhlingsabends leuchtete.
Sie stie einen kurzen Schrei aus, und ihr war in diesem Augenblicke,
als stiee er ihr das Herz ab. Sie floh dem Kloster zu, und strzte
auer Athem in das Wohnzimmer. Constanz war vor einer Stunde angekommen.
Seine Frau zu suchen, hatte man Boten nach allen Richtungen ausgesendet.
Sie rang die Hnde um seinen Nacken; diese Gebehrde sah aus wie Liebe,
wie Jammer, und konnte beides seyn. Der Diplomat stand mit Veilchen
beschttet und zitterte sichtbar. Therese verbarg ihr Gesicht, ohne
in das seine zu sehen, an der Brust ihres Mannes. Er hob es empor und
drckte heie, langentbehrte Ksse auf ihren krampfhaft lchelnden Mund.
Die Familie war versammelt, auch -- der Zufall hatte es gefgt -- Major
Feldmeister und Schwester Veronica, als sollte Niemand fehlen, der
nheren Theil an diesem Ereigni nhme.

Constanz hatte sich nach dem stillen Bemerken seines Bruders
auffallend verndert. Die Sonne seiner Reisen hatte ihn gebrunt,
seine scharfausgeprgten Zge hatten den Schmelz der Jugend, und
den liebenswrdigen Ausdruck unbewuter Herzlichkeit verloren.
Staatsmnnisches Interesse war dem Ernst der sinnenden Miene tief
eingedrckt, und ber seine Stirne eilte ein Gewlk von Sorgen, wie
getrieben von einem innern Sturm.

Meine Therese! mein einziges Weib! sagte Constanz mit einer Rhrung,
die ihm schn stand: Du bist bleich und ein wenig abgekommen -- Du hast
Dich wohl um mich gengstet? Du bist mir nicht bse? Du machst mir keine
Vorwrfe? diesen gtigen Empfang habe ich nicht verdient.

Ich mache Dir keine Vorwrfe-- antwortete Therese mit gepreter
Stimme, und lauter sagte ihr Gewissen, Wer von ihnen eigentlich _so_
fragen mte. Aber nun brach Therese in ein convulsivisches Weinen aus.
Constanz schien ber diese uerste Wirkung der Freude betroffen. Er
hielt seine Frau fr krank.

Josephine stand mit der Nonne an einem Fenster. Sie wendete sich ab, und
sprach leise zu Schwester Veronica: wie ist dies mglich, so falsch zu
seyn gegen die redlichste Liebe? -- Wenn ich Theresen in den Armen
ihres Mannes sehe und daran denke, da vor kurzer Zeit-- Josephine
schauderte in sich hinein.

Das mut Du zu vergessen suchen-- flsterte die Nonne, mir kommt
diese wunderliche Freude wie Seelenangst vor. Ach! Therese knnte jetzt
getreu und getrost in das Auge blicken, was sie so entzckt betrachtet!
und she es tiefer auf den Grund ihrer Thrnen, es wrde sich wohl
lieber schlieen fr immer.

Constanz war nach seinem Wunsch versorgt; schon in der nchsten Frhe
ging er nach dem Orte seiner Bestimmung ab, und Therese mute bereit
seyn, ihn zu begleiten. Sie erschrak doch ber diese Krze. Fabia erbot
sich dienstfertig, ihr das Einpacken zu besorgen. Sie solle sich um
nichts kmmern, und ihr Glck genieen.--

Der Administrator lchelte. Er wollte den Worten seiner Schwgerinn
eine leise Ironie abgemerkt haben. Aber Therese lie sich zum erstenmale
nicht von der thtigen Fabia bertragen. Sie rstete Alles selbst zur
Abreise. So verging dieser Abend drangselig. Man kam zu keinem ruhigen
Genu des Beieinanderseyns. Constanz schien sehr ermdet, und der ltere
Bruder machte ihm freundliche Vorwrfe, sich und den Seinen mindestens
nicht _einen_ Tag der Rast gegnnt zu haben. Und Jener sprach: ich
bin an diese erschpfende Eile gewhnt, und daran, die Erfllung meiner
Wnsche, und Alles, was ich liebe, nur im Fluge zu berhren. Endlich
zog die Nacht mit einer kurzen beschwichtigenden Pause vorber. Noch
blickte der Morgenstern am Himmel, da kamen die vier Pferde Extrapost
schon von Leidthal, welche dem Constanz bewilliget worden. Das ganze
Stift war in Allarm. Die alten Offiziere standen in Parade, der jungen
schnen Frau die Honneurs zum Abschied nicht zu versumen.

Therese schien verweint, ehe sie noch Jemand Lebewohl gesagt hatte.
Lange hing sie am Halse des Schwagers und konnte sich nicht losreien.
Dann kte Schwester Veronica ihr einen leisen Segenswunsch auf die
bethrnten Lippen. Nun umarmten sich die Schwgerinnen und Therese
sprach: denke meiner nicht in Groll -- ich habe Dich oft gekrnkt,
Fabia! die Stimme erstarb in Schluchzen.

Und Fabia erwiederte: still davon, Therese! auch ich habe gefehlt. Wir
scheiden in Frieden, und der Herr geleite Dich!

Nun kam die Reihe an Josephine, an Sylvius, an den alten Feldmeister und
die Uebrigen. Dem Major reichte Therese die Hand, und drckte die seine
inniglich und noch einmal, als wisse der Alte schon fr Wen? -- Ihrem
Gemahl dauerte dies Valet zu lange. Er hatte das seine in summarischer
Krze abgegeben, den Bruder ausgenommen. Seine Meinung war: man msse
den Schmerz solcher Scenen verkrzen, ja vermeiden, wo mglich; aber die
Weiber lieen sich keine einzige Thrne unterschlagen, die sie mit Fug
und Recht vergieen durften. Sprach's, und schob seine Frau mit einem
schmerzverachtenden Lcheln in den Wagen. Noch einmal strahlte Theresens
Blick durch einen doppelten Schleier das ganze Commitat an; die
Offiziere verbeugten sich unwillkrlich dienstmig, die Nonne schrieb
ein Kreuz in die blaue Luft, Constanz winkte herzlich -- und der
Postillon stie in das Horn, da der schmetternde Hall von den Wlbungen
des Klosters wiedertnte. Dieser Ton fand ein geheimnivolles Echo in
der tiefsten Seele des Administrators und ein Grauen strich ber
seine Nerven. Es erschtterte ihn dieser Klang, wie jener, als er am
Sterbebette des Vaters den Bruder die kleine Trompete blasen hrte. --
Und als der Wagen nun pfeilschnell entrollte, das gastfreundliche Stift
weit und weiter zurckwich, die Gehfte von Sanct Capella verschwanden,
nun auch das letzte Huschen vorbeigeflogen war, und jetzt der Horizont
ber der erwachenden Landschaft sich so klar vor ihnen aufthat, da
gedachte Constanz an die Worte der Gesandtinn: er wrde einst mit
Extrapost in den Himmel fahren.


  Ende des ersten Theils.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten,
einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
"Obristin" -- "Obristinn",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 13:
  "" eingefgt
  (sie eine kleine alte anspruchslose Rolle bernhme.)

  Seite 14:
  "ihrers" gendert in "ihres"
  (welches sie durch den Beistand ihres Schwagers gewonnen)

  Seite 21:
  "." eingefgt
  (und enteilte auf den Ruf seiner Pflicht.)

  Seite 41:
  "," eingefgt
  (ein Gedanke dieses Augenblicks voll Grauen, voll Schmerz)

  Seite 45:
  "Abendmal" gendert in "Abendmahl"
  (ehe ich aber das heilige Abendmahl wo anders halte)

  Seite 51:
  "," gendert in ","
  (Taugt nichts, unterbrach hier der Major)

  Seite 59:
  "" eingefgt
  (Ich band mein Pferd an eine Sule)

  Seite 59:
  "Augenblck" gendert in "Augenblick"
  (da ich einen Augenblick verziehen mgte)

  Seite 68:
  "" eingefgt
  (nimm fnf Loth _Ernst_)

  Seite 83:
  "," gendert in ","
  (Schwester Veronica, sagte Fabia)

  Seite 85:
  "beflanzt" gendert in "bepflanzt"
  (mit tropischen Gewchsen bepflanzt)

  Seite 92:
  "" eingefgt
  (weshalb ich denn auch so zaghaft wre.--)

  Seite 95:
  "" eingefgt
  (ja, mein Kind, wir mssen wohl den Blick schonend bedecken)

  Seite 107:
  "Gesellschafft" gendert in "Gesellschaft"
  (ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten)

  Seite 116:
  "Schwal" gendert in "Schawl"
  (Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte)

  Seite 120:
  "" eingefgt
  (Fasttage halte ich gar nicht)

  Seite 127:
  "" eingefgt
  (mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches ben.--)

  Seite 128:
  "" hinter "--" entfernt
  (der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. --)

  Seite 137:
  "eine" gendert in "einen"
  (die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte)

  Seite 143:
  "" eingefgt
  (hat mir das Gedchtni abwrts gezogen.--)

  Seite 151:
  "" eingefgt
  (auch wnsche ich von Herzen)

  Seite 155:
  "" eingefgt
  (weit Du wohl, was Abraham a Sancta)

  Seite 156:
  "" eingefgt
  (da thut sie Dir nicht Unrecht)

  Seite 156:
  "." eingefgt
  (Josephine errthete und nahm das Gedeck hinweg.)

  Seite 157:
  "" eingefgt
  (denn es will mich bednken)

  Seite 158:
  "" eingefgt
  (ich bin berhaupt mit einer gewissen)

  Seite 167:
  "Interresse" gendert in "Interesse"
  (zog die Mutter des Brutigams in ihr Interesse)

  Seite 172:
  "" eingefgt
  (wohl ist dieser Stoff)

  Seite 179:
  "" eingefgt
  (Und dieses liebe Geschft)

  Seite 182:
  "haufig" gendert in "hufig"
  (in dem rauhen Klima jener Gegend hufig wechseln muten)

  Seite 190:
  "" eingefgt
  (Denn-- setzte Tony in liebenswrdigem Uebermuthe hinzu)

  Seite 195:
  "" eingefgt
  (Das kann wohl seyn)

  Seite 215:
  "Zrckgehen" gendert in "Zurckgehen"
  (Ein Zurckgehen in seine alten Verhltnisse)

  Seite 217:
  "" eingefgt
  (die treue Aufsicht jenes wrdigen Paares ward getuscht.)

  Seite 229:
  "ihre" gendert in "Ihre"
  (das lege ich nieder in Ihre tiefste Brust)]







End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwgerinnen. Erster Theil., by 
Henriette Hanke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWGERINNEN. ERSTER THEIL. ***

***** This file should be named 50127-8.txt or 50127-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/5/0/1/2/50127/

Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This file was produced from images
generously made available by The Internet Archive)


Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

