Project Gutenberg's Die Schwgerinnen. Zweiter Theil., by Henriette Hanke

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Title: Die Schwgerinnen. Zweiter Theil.

Author: Henriette Hanke

Release Date: October 4, 2015 [EBook #50128]

Language: German

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*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***




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  Die Schwgerinnen.

  Roman
  von
  Henriette Hanke
  geb. Arndt.

  Zweiter Theil.


    Ist die Natur nicht mit dem Glck im Bunde,
    Dann kommt sie bel fort, wie jede Saat,
    Die man geset auf fremdem falschen Grunde.

      _Dante Alighieri._


  Hannover, 1836.
  Im Verlage der Hahnschen Hofbuchhandlung.




Graf Frankenstern war der letzte Sprling eines alten frnkischen
Geschlechts. Frh verwais't, seinem Stammhaus entfremdet, hatte er den
Besitz der deutschen Standesherrschaft Bonna und Bhle, einer Spaltung
der Familie und dem Unglck seines Oheims zu danken, der vier krftige
Shne in der Blthe ihrer Jugend hinsterben sah, um dies reiche Majorat
einem krnklichen Neffen zu hinterlassen, der schon im Sarge gelegen.
Graf Frankenstern war von Kindheit an zu Starrkrampf geneigt, und in
solchem Zustande einmal fr todt gehalten worden. Ein rettender Zufall
gab ihn dem Leben zurck; doch den tiefen Eindruck jener entsetzlichen
Gefahr nahm die Oberflche der Welt nicht mehr hinweg. Dem edlen
Gesichte blieben leichenhafte Zge, ein Grauen vor Allem, was an das
Grab erinnert, wurzelte tief in der Natur dieses Erstandenen, und jene
bange einsame Ruhe, welche die Todten umschwebt, wich nie von seiner
blassen Stirne.--

Von seinem Oheim mit kalter Strenge behandelt, hatte Graf Frankenstern
schon zeitig das Weh empfunden, ein aufgedrungener Erbe zu seyn. Kein
inniges Band zrtlicher Achtung knpfte ihn an seine Verwandten, Liebe
machte seine dankbare Pflicht nicht freiwillig: das Schlo zu Bonna war
eine Oede des Hasses fr seinen knftigen Herrn. Als dieser nun auf
eine ferne Ritterschule kam, fhlte er sich zum erstenmale gesellig
glcklich, und in einem Zusammenhange, der sein Herz erweiterte.
Vorzugsweise schlo er sich an einen jungen Edelmann fremder
Abkunft, und vielleicht war es weniger manches Gleiche in den uern
Verhltnissen der beiden Jnglinge, als ihre innerste Verschiedenheit,
was diese Freundschaft begrndete.

Sylvius de Romana war durch ein seltsames Geschick von den Ksten seiner
Heimath auf den Boden dieses Landes verschlagen worden. Seine Vorfahren
hatten groen Rang und Reichthum in Spanien behauptet, doch den
Umschwung ihres zeitlichen Glckes erfahren, und seitdem die schwebende
Fortuna auf andern Stellen der Erdkugel gesucht. Eine junge verwittwete
Dame jenes einst glnzenden Namens bewohnte im Gebiet von Valencia ein
verfallnes Landhaus am Meere. Sie hatte den Gemahl auf einer Seereise
verloren, und den letzten schmerzlichen Trost entbehrt, seinen Leichnam
gesehen zu haben. Sein Ebenbild, ein holder Knabe, war ihr einziges
Glck! -- Nach einer strmischen Gewitternacht, in der ein Schiff
verunglckt war, fand Donna Romana einen Mann besinnungslos an einen
Balken geklammert, unter Trmmern am Strande. Sein Blut flo aus einer
Armwunde, die er im Kampf gegen den Untergang davon getragen haben
mogte, sacht in den glhenden Sand. Dieser traurige Anblick regte in der
Spanierinn Erinnerungen auf, die sie bestimmten, sich des Ohnmchtigen
anzunehmen. Sie glaubte noch schwache Spuren des Lebens in ihm zu
entdecken. Es war der Kaufmann, den jener Verlust betroffen; doch die
Dame dachte nur an ihren eigenen, indem sie ihm Hlfe leistete. Sie lie
ihn in das Landhaus tragen und pflegte sein mit samaritischem Geist. Er
erkrankte schwer, das Fieber ward durch die schdlichen Einflsse des
Climas und der Jahreszeit auflsend; doch er genas, und kaum war der
Sieg seiner rstigen Natur entschieden, als die gute Dame ein Opfer
ihrer Menschenfreundlichkeit ward. Die Dame richtete die schwarzen
Augen, vor denen die Schatten des Todes schwebten, auf den
unglckseligen Gast, der hnderingend an ihrem Lager stand -- dann
erlosch ihr Blick, dieser mtterliche Strahl, auf dem weinenden Gesicht
ihres Kindes. Der Kaufmann verga niemals diesen Blick. Das Lcheln,
womit die Mutter starb, als sie ihren Sohn in den Armen jenes Mannes
und sich verstanden sah, hatte ein Testament in sein redliches Herz
geschrieben, mit Zgen, die keine Zeit verwischte. Niemand that
Einspruch, als der Fremdling den kleinen Romana als sein Eigenthum
ansah, und sobald er dazu im Stande war, ihn fortfhrte von dieser
traurigen Kste. Der kleine Sylvius nahm nichts von dort mit sich
hinweg, als ein dmmerndes Gedenken an die Schnheit seines Vaterlandes,
eine Sprache, die in der Stimme seiner Mutter lebenslang wie
Frhlingslaut an seine Seele rhrte -- und das Blut seiner Nation, das
stolz und hei in seinen Adern flo. Im Hause des Kaufmanns kam dem
Knaben daher -- sprchwrtlich gesagt -- Alles spanisch vor, und nichts
heimisch. Bis dahin hatte er im Garten des mtterlichen Landhauses
unter einer Dattelpalme, in deren Kern sich bekanntlich die
Seidenraupe einspinnt, den langen Tag der Kindheit vertrumt, und,
ein Fischerliedchen summend, kleine Grotten von Muscheln gebaut. Jetzt
schirmte ihn zwar auch der Baum des Friedens und des Fleies; aber der
Ernst eines geschftsthtigen Lebens rief seine Krfte zu ntzlicher
Uebung auf. Das jngste Tchterchen des Kaufmanns hatte sich mit Sylvius
in eine Art von Verstndni zu setzen gewut, die andern Geschwister
nicht. Die kleine Blanka schien ihm ein Engel, und waltete schtzend
um ihm wie ein solcher. Einst sagte sie bittend: Vater! lasse doch den
kleinen Ritter-- der Kaufmann lchelte zu dieser anmuthigen Benennung,
-- nicht mehr in die Manufactur gehen; das Getse der Websthle macht
ihm Kopfschmerz. Der Vater legte seine Hand auf die blonden Flechten
seines Kindes und sprach: das Meer, daran die Wiege Deines kleinen
Freundes gestanden, toset viel strker, Blanka!

Aber er sorgte dafr, da Sylvius bald darauf in verhltnimige
Aufsicht kme, und brachte ihn spter in jenes adelige Institut, wo
er sich, wie wir bereits erwhnt, mit Graf Frankenstern freundlich
zusammenfand. Als die Zeit ihrer Trennung gekommen war, dachten sie
kaum, wann? und wo? ein gnstiger Stern sie wieder vereinigen werde, und
eben so wenig daran, einen Briefwechsel zu verabreden. Das Band einer
jugendlichen Freundschaft hlt sich so stark, da es keiner Verknpfung
dieser Art bedarf oder zu bedrfen glaubt.

Graf Frankenstern kehrte nach Bonna zurck, und nahm die Stellung ein,
auf die er Ansprche hatte. Die Welt zog ihn in ihre Kreise, ohne da er
sich ihrem Interesse htte anschlieen knnen; immer war und blieb der
Hang zur Einsamkeit vorherrschend in ihm.

Als er nach dem Tode seines Oheims die Gter antrat, meinte er, es
sey nun schicklich, da er sich vermhle. Wenig zugnglich fr
leidenschaftliche Gefhle der Liebe, richtete er mit ruhiger Ueberlegung
sein Augenmerk auf die Tchter edler Herkunft, und seine Wahl fiel auf
ein liebes, leutseliges Wesen, welches den Grafen durch eine Ahnung
von Stille fr sich einnahm, die in diesem Gemth wohne, und ihn ein
Uebereinstimmen ihrer Neigungen hoffen lie. Ein so glnzendes Loos
wre dem Frulein nicht im Traume eingefallen. Dies liebenswerthe Kind,
elternlos und unbegtert, lebte in Mitten einer hochmthigen Familie,
hart gedrckt, und war, ohne Aussicht auf eine andere Versorgung,
entschlossen gewesen, den Schleier zu nehmen, der damals noch manches
Mdchen durch freiwillige Entsagung vor dem Schmerz schtzte, unbegehrt
von einem Manne zu bleiben. Der irdische Brutigam kam bei dem Frulein
dem himmlischen zuvor, und ein beinahe frstlicher Brautschatz machte es
dem Gelbde der Armuth untreu.

Aber es schien doch, als ob jene Idee Beruf und Element dieser
jungfrulichen Seele gewesen wre. Ein klsterlicher Hauch -- wenn wir
so sagen drften -- schwebte um die Gestalt der jungen Grfinn, und
die Blume ihres Glckes hatte einen Athem von Resignation. Sie verehrte
ihren Gemahl gleich einem Schutzheiligen, htete sich sorgsam, gegen
seine Eigenheiten zu verstoen, deren der Graf wirklich viele hatte;
doch war es nur Achtung, nicht Liebe, was die Grfinn so zart in ihren
Pflichten machte. In ihrem Herzen blieb eine Lcke, welche der ganze
Vollbesitz ihrer Lage nicht auszufllen vermogte. Einen verborgenen
Kummer trug sie darber. In ihrer linken Brust war eine kleine
Verhrtung entstanden, die Grfinn wute nicht wie? Sie hatte lange
keine Gelegenheit, einen Sachverstndigen um Rath zu fragen, und dann
eine schmerzliche Schaam zu berwinden, als es spter doch geschah. Der
Graf duldete keinen Wundarzt erster Classe im Bereich seiner Herrschaft,
und der Bader des Ortes mute sich wie ein Gechteter seinem Blick
entziehen. Als die Grfinn ihrem Gemahl sanfte Vorstellungen zu machen
pflegte, ward er heftig und sagte: nein, nein! meine Liebste! solch ein
Messer in der Hand des Chirurgs, was er mit Gleichgltigkeit entblt,
whrend das arme Opfer zitternd sitzt und nach dem furchtbaren Stahl
zitternd hinblinzelt -- ist mir nicht viel anders, als ob ich ein
Richtschwert schwingen she.-- Ein jher Krampf flog ber seine Zge,
die Grfinn erbleichte -- und es war nie mehr die Rede davon.

Nur zum Behuf des Gottesdienstes durften die Glocken in Bonna gelutet
werden; die Todten wurden ohne Sang und Klang bestattet. Der Graf
entschdigte die Geistlichkeit fr den Verlust, den sie an diesen
stillen Begrbnissen erlitt, sehr freigebig. Doch, wie vterlich er
fr seine Unterthanen sorgte, ihnen Krankenhuser baute, nasse Augen
heimlich trocknete, und sich als den Schutzfreund ihrer Wittwen und
Waisen bewies, so verziehen sie es ihm doch nicht, da er ihnen den
Genu ffentlicher Trauer und Thrnen raubte; das Geprnge mit ihren
Todten galt ihnen mehr, als die Zufriedenheit der Lebendigen. Da ihr
gtiger Grundherr einen Grund zu diesem Verfahren haben msse, dies
sahen sie nicht ein. Der Graf fhlte jedesmal eine Anwandlung seiner
Krankheit, so oft er einen Leichenzug erblickte. Endlich machte er
seinen Unterthanen den Vorschlag, ihre Gestorbenen zu verbrennen,
und diese classische Idee wurzelte in seiner nervsen Furcht vor der
Mglichkeit, lebendig begraben zu werden. Alle Spuren der Verwesung
wren dann vertilgt vom Boden seines Gebiets, und er war Willens, der
Erfllung dieses Wunsches Denen, die sich ihm fgten, groe Vortheile
einzurumen. Der Aschenkrug, darin die Reste der guten Landleute von
Bonna gesammelt wrden, sollte ein volles Ma von Wohlergehen ber sie
ausgieen. -- Aber es gab einen Aufruhr -- und wenig fehlte, so htten
sie das Schlo gestrmt und den Grafen gesteinigt. Nur die abgttische
Hochachtung vor seiner Gemahlinn hielt das Volk von roher Unbill zurck.

Von dieser Zeit an ward Graf Frankenstern mit Vorurtheil gehat. Dies
nhrte seinen tiefsinnigen Stolz, und er verschlo sich in sich
selbst; nur das Gefhl, geliebt zu seyn, macht populair. Seine Gte
war Grundsatz, deshalb erschtterte ihn der Undank nicht; aber er stand
allein, und auf einer schroffen Spitze.

Das wollen wir erleben, _Der_ wird noch berschnappen-- sagte der
Bader, so oft er eine alte Gevatterinn zur Ader lie, beflissen, den
Widerwillen des Grafen gegen seine Person auf eine Art zu erklren, die
nur Jenem schadete. So kam das Gercht in Umlauf, es sey nicht richtig
mit ihm. Und da die Sage es ist, welche Verhltnisse schafft, so wie
nicht selten durch die Meinung Zustnde entstehen: so schwebte auch
dieserhalb Graf Frankenstern in Gefahr, fr wahnsinnig gehalten zu
werden.

Mit jener tiefen Wehmuth, die nur die Reichen dieser Welt kennen, die da
wissen, wie nichtig eitler Besitz fr das Bedrfni des Glckes sey
-- entuerte sich die Grfinn ihrer Vorzge, und meinte das Beste
zu entbehren, da es nicht in ihrem Vermgen lge, ihren Gemahl zu
erheitern. Sie glaubte, seine finstere Seele werde sanften Eindrcken
sich ffnen, als sie sich Mutter fhlte, und ihr ganzes Herz hing
an diese Hoffnung. Die Grfinn ward von einem Knaben entbunden, aber
schwer; es mute ein Geburtshelfer geholt werden. Der Graf hielt sich
in seinen Zimmern, und kam nicht eher wieder zum Vorschein, bis man ihm
sagte, Alles wre vorber.

Wie duldsam die Grfinn nun auch war, eine kleine Empfindlichkeit, so
weit ihre Schwche sie zulie, konnte sie doch nicht bergen. Und als das
Kind nach kurzer Zeit an Krmpfen starb, brachte der Gedanke, mit welch
einsamen Schmerzen sie es geboren, und da die Natur des Vaters es
ihr entrissen -- die Mutter aus dem Gleichgewicht sanftmthiger
Gelassenheit, so da sie schwankte, zwischen Groll und Gram. Der Graf
weigerte sich, den kleinen Leichnam zu sehen, und seine Gattinn fhlte
sich verlassen wie eine Wittwe, da sie ihn mit ihren mtterlichen
Thrnen salbte. Mein Kind, mein ses, kleines Kind! jammerte die
Grfinn, so mutest Du mir hinsterben, bewutlos wie eine Blume
einschlft, die in tdtendem Frost erschauert! -- Und kaum habe ich das
Blinken Deines Auges gesehen, keinen Blick des Verstandes.--

Das Kind war weise-- sprach der Graf am Fenster eines Coridors, wo er
in der umgebenden Stille die Klage seiner Frau vernommen hatte.

_Wei_? sagst Du? fragte die Grfinn, aufhorchend, welch ein Wort
der stumme, scheinbar kalte Vater fallen liee, und schritt mit matten
Schritten nher, nein, da irrst Du, mein Gemahl! es hatte von Geburt an
eine blaurothe Farbe.

Es war _weise_, sagte ich, betonte der Graf, denn es strubte sich
gegen das Licht dieser Welt, und hat sie bald wieder verlassen, weil
sich die Mhe des Lebens nicht verlohnt.

Diese Worte schnitten mit zwiefachem Weh in die Seele der Mutter, sie
erinnerten an Stunden der Angst, und zeigten, welch eine dstere Ansicht
ihr Gemahl von einem Daseyn htte, das Schtze ber seinem Haupte
gehuft, ohne ihm eine Freude abzugewinnen.

Die Grfinn konnte sich nicht von dem Anblick ihres Kindes trennen, und
htte es lieber wie ein Bild unter Glas und Rahmen gesetzt. Sie schtzte
vor, es knne wohl gar in Starrsucht liegen; aber es lag im Arm des
Todes.

Der Graf hatte die ganze Zeit unbeschreiblich gelitten, und sein
bleiches, verstrtes Gesicht forderte Schonung fr seinen Zustand.
Da dieser Zustand nun das Geheimni eines Leidens war, was innig
verflochten in das wundervolle Gewebe der Nerven, nicht minder eine
Krankheit der Seele wie des Krpers genannt werden knnen, und die
Menschen in der Regel nur ein mitleidiges Auge fr sichtbare Uebel
haben: so schonte selbst die Grfinn bei aller natrlichen Zartheit der
Empfindung, ihren Gemahl nicht immer genug. Wir wollen bedenken, da
der Grfinn jenes Gefhl fr ihn abging, welches allein den Geist zu
durchdringen vermag: die _Liebe_ -- das tiefste Verstndni!--

Ob wir auch Tugenden an dieser liebenswrdigen Frau rhmen mssen,
die kein Gemeingut ihres Geschlechts sind, und nur das Eigenthum der
edelsten weiblichen Seelen, so war sie doch als Evas Tochter von einer
kleinen Schwche nicht frei. Der Reiz des Versagten wirkte auf
ihren bescheidenen Sinn. In absonderlicher Hinneigung zu Aerzten und
Wundrzten, nahm sie den geringsten Anla wahr, ihre Kunst anzusprechen,
selbst den Bader von Bonna grte sie freundlich und bedeutsam -- was
freilich zur Ehre eines vergtenden Willens erklrt werden knnte. Fr
die Utensilien des Todes hatte die Grfinn ein bemerkendes Interesse;
und so wie Jemand das, was eine Gestalt in ihm gewonnen, in jedem
Gegenstande erblickt: so prgte sich ihr Alles zu Bildern der
Sterblichkeit aus.

Im Verschlu ihres Gemahls befand sie eine Chatoulle, worin die Juwelen
der Familie aufgehoben lagen. Dies Kstchen, von einer Form, wie man
auch jetzt noch, nur im kleinsten Verhltni, ein kompendises Nhzeug
fr Damen kennt, war von dunklem Saffian; um die schmal abwrts laufende
Hhe zog sich eine feine sthlerne Gallerie, Schlo und Handhaben waren
massiv und von Silber. Die Grfinn, gleichgltig gegen Schmuck und Putz,
so da sie als Braut jedes schimmernde Geschenk verschmht hatte,
liebte von allem Geschmeide nur Perlen. Eines Tages erwhnte sie
gesprchsweise, da die Perlen im Halsband von ihrer seligen Mutter,
worin sie sich trauen lassen, nun auch abgestorben wren. Sie sagte
dies mit so bekmmerter Miene, als wre ein Leben von grerem Werth ihr
erblichen. O! da sey ruhig, mein Schatz! antwortete der Graf eilig,
weil jener bildliche Ausdruck ihn schon leise ngstete, Perlen kannst
Du sehr schn haben, wirklich kstlich; chte! orientalische!-- Und
mit freundlicher Geflligkeit fr den Geschmack der Gattinn, lie er das
Kstchen aus dem Behltni eines Schrankes heben, und reichte ihr
den Schlssel. Die Grfinn war doch eine Frau. Mit leuchtenden Augen
betrachtete sie das nette Kfferchen und sprach: ist dies doch ein
frmlich kleiner Sarg! das niedlichste Modell zu einem solchen. Oben
fehlt nur noch das Crucifix, so ist er fertig. Das Schlo, leise
erklingend, that sich auf; dieser Ton, jene Worte, berhrten in dem
Grafen eine berspannte Saite -- und schaudernd wendete er sich ab.

Und innen auch-- fuhr die Grfinn unvorsichtig fort, dieses duftende
Kissen von weiem Atla, mit kleinen Franzen besetzt, was darauf ruht,
ist doch ein wenig mehr als Staub.-- Sie nahm ein Stck nach dem
andern heraus, und der Schimmer der Edelsteine spiegelte sich in ihrem
lchelnden Blicke.

Der Graf bat seine Frau mit dumpfer Stimme, das Kstchen von nun an in
Gewahrsam zu behalten.

Eine abermalige Niederkunft der Grfinn war nicht glcklicher als die
erste. Das Kind starb an Krmpfen. Sie fing an zu zweifeln, da ihr
Mutterfreuden beschieden seyn wrden, nur halb getrstet von dem
Gedanken, es geschehe ihr zum Wohl: denn krnklichen Geschpfen das
Leben gegeben zu haben fr langes Leiden, sey viel schmerzlicher, als
ihren frhen Tod zu beweinen.

Graf Frankenstern nahm diesen Verlust mit gewohnter dstrer Fassung hin,
und diese melancholische Unempfindlichkeit vereinsamte seine Gattinn in
ihrem Schmerz. Mit der bedenklichen Stelle in ihrer linken Brust war
es whrend jener Zustnde schlimmer geworden, und ein erfahrener Arzt
uerte, wenn die Grfinn nur nicht wieder guter Hoffnung wrde, so
drfe sie schon ohne Furcht seyn.--

Eine Reihe von Jahren war hingegangen, ohne da irgend ein Ereigni
bedeutender Art die tiefe, eintnige Ruhe im Schlo zu Bonna
unterbrochen htte. Es war der Grfinn zuweilen, als htte sie seit
ihrer Verheirathung ein Weltalter durchlebt. -- Sie brachte jeden
Sommer eine Zeitlang in Bhle zu und besuchte dann freundschaftlich die
Cisterzienserinnen von Sanct Capella. Mit einem schmerzlichen Lcheln
blickte sie in das heitere, vollblhende Gesicht mancher geistlichen
Schwester, deren Geburtstag nicht weit von dem ihrigen aus einander lag.
Sie sah an dem jungen Zuwachs der Tchter auf den Gtern ihres Gemahls,
da sie alt wrde, und nahm in trbem Verzichten auf die Freuden des
Lebens das Gefhl einer Matrone voraus. Die schweigsame Haltung
des Grafen, die goldne Wucht des Reichthums und der Druck der
Gleichmigkeit, beugte ihre liebliche Gestalt vor der Zeit.

Jetzt aber wurde die Grfinn, deren zarte Gesundheit selten gestrt
gewesen, sehr krnklich und verfiel sichtbar. Ein Arzt, dem die Grfinn
ihr Zutrauen schenkte, meinte, als er ihre Klage vernahm, sie fhle sich
beengt und einen Andrang nach dem Herzen -- traurige Gedanken schwebten
ihr bestndig vor, und sie sey nicht mehr im Stande, die Stimmung ihres
Gemahls auszuhalten--: es lge ihr ein wenig im Gemth, und Zerstreuung
wrde hier das Beste thun. Die Grfinn schttelte leise den Kopf, wobei
ein paar Thrnen von ihren Wimpern tropften. Sie sprach: habe ich jene
Schwermuth, unter der eine Frau unsglich leidet, doch so lange mit
Freudigkeit getragen, warum sinkt mir denn jetzt der Muth?

Weil jede Last mit jedem Tage schwerer und zuletzt unertrglich
wird-- erwiederte ihr hierauf der Doctor. Er gab sein Gutachten dahin
ab, da, wenn der Graf sich entschlieen knnte, die Bder von S... zu
gebrauchen, so wre hoffentlich auch seiner Gemahlinn geholfen. -- Es
kostete einen schweren Entschlu, da dieser Rath befolgt wrde. Der
Graf war beinahe menschenscheu, die Grfinn, durch langes Entwhnen von
geselligem Umgang nonnenhaft blde geworden; es grauete Beiden vor dem
Gerusch der Welt. Der Graf machte die schne Reise wie ein Automat. Er
sprach nur, was er mute. -- Die Grfinn sa stumm an seiner Seite,
und ihr Blick streifte dster ber die wallenden Getraidefelder hin, an
denen noch die letzte Blthe hing -- oder tauchte unter in ein Meer von
Sorgen. Sie lie halten, so oft ein Fugnger, mhselig und beladen, ein
Armer am Wege mit neidendem Staunen zu der prchtigen Equipage aufsah,
und reichte ein Geldstck heraus, das ihm frhlich weiter half. So
sammelte die gute Grfinn tausend Segenswnsche ein, und der groe
Rentirer an der Hauptcasse des Himmels zahlte richtig an Ort und Stelle
die Zinsen des Wohlthuns.

In dem pallasthnlichen Hause, worin Graf Frankenstern mit seiner
Gemahlinn Wohnung fand, hatte die nchst daran stoenden Zimmer ein
alter freundlicher Mann, mit einer jungen blassen Frau inne.

Ein Zufall brachte die Grfinn schon am ersten Morgen in nhernde
Beziehung zu dem alten Nachbar. Es war ein berhmter Accoucheur, der
seiner Schwiegertochter zu Liebe hierher gekommen war. Er erzhlte,
die junge Frau htte fnf todte Kinder geboren, und _fnftausend
lebendige_, setzte er mit summarischem Accent und einer Mischung von
Stolz und Schmerz hinzu: habe ich mit dieser meiner Hand eingetragen,
und komme mir deshalb wie ein kleiner Herrgott vor, der seine Kinder
=nolens volens= an das Licht bringt.

Bei diesen Worten hob er die Hand empor, die obgleich klein und hager
doch so gewaltig war; der Grfinn Auge haftete auf einem Siegelringe
am Finger des Priesters der Lucina. Sie errthete gleich dem schnen
Carniol, und fate ein Herz zu diesem Manne.--

Mein bleiches Tchterchen, fuhr er fort, thut mir leid; das gute Weib
grmt sich und weint oftmals im Stillen, eine Leichenmutter zu seyn.
Und ich, der Geburtshelfer! kann ihr nicht helfen, und mu meinen Ruf
verlieren am eigenen Blut. So kannte ich einen Mann, der die halbe
verkrppelte Welt gerade gemacht hatte, und sein einziger Sohn war
ein Aesop. Dies ist ein herber Spott fr die Kunst, und ein mchtiger
Schlagbaum gegen den Egoismus; aber gewi eine weise Einrichtung von
Gott. Die Krfte des Einzelnen gehren der Menschheit und nicht seinem
Glck.

Die Grfinn hrte ihm mit ersichtlicher Theilnahme zu. Sie kam sich,
im Vergleich zu jener beklagenswerthen Frau, minder unglcklich vor. So
erwhnte sie ihrer eigenen Leiden, und fragte ihn um seine Meinung, ber
den Gebrauch der Bder dieses Ortes fr sie selbst. Der Alte that ein
paar Querfragen, dann mit einem practischen Lcheln den Ausspruch: die
Grfinn wrde noch vor Ablauf des Jahres einer kleinen Wanne bedrfen.
-- Sie sah ihn an mit einem Blick -- einem Blick! -- wenn, nach einem
platonischen Ausdruck, Verwunderung die Mutter des Schnen und Guten
sey: so drfen wir, in khner Anwendung desselben, die Grfinn als eine
Gesegnete ihres Geschlechts betrachten.

In dieser Stunde ging der Graf einsam ins Freie; er berlie sich seinen
Gedanken, und gerieth auf einen jener geheimnivollen Spaziergnge,
die dadurch an ihrem Reiz verlieren, da die Menge sie weder kennt noch
sucht. Unter dem Niederhang einer Birke sa ein Mann, der einen Knaben
zwischen seinen Knieen hielt, dem er aus einem Buche etwas zu erklren
schien. Der Graf grte stumm und ging vorber. Gieb Acht, Sylvius!
sagte der Fremde, als der Knabe zerstreut Jenem mit seinen Blicken
folgte.

Sylvius! wiederholte der Graf leise, und blieb stehen, um einem
Echo der Erinnerung zu lauschen. Als er aber jenen Mann mit einer
fremdartigen Aussprache weiter reden hrte, rief er, da Berg und Thal
davon wiederhallte: Sylvius! Vater und Sohn dieses Namens sprangen
erschrocken auf, und Romana lag in den Armen seines Freundes.

Der Knabe stand ausgeschlossen, ja scheinbar vergessen, und schaute
mit groen Augen unter einem strohernen Htchen hervor, dem eine kleine
rothe Feder ein phantastisches Ansehn gab; der Unbekannte hatte sich mit
all' der hinreienden Gewalt der Freundschaft seines Vaters bemchtigt.

Sieh hier meinen Sohn! sagte der ltere Sylvius, und streckte seine
Hand nach dem jngeren aus: mein einzig Gut -- Du bist wohl reicher,
Frankenstern?

Ich habe gar keine Kinder-- antwortete der Graf schmerzlich.

Aber verheirathet bist Du doch? fragte der Freund, und es gereute ihn,
voreilig gewesen zu seyn. Der Graf nickte blo. Wie wenig diese Antwort
auch besagte: Romana wrde, sie geben zu knnen, sich fr einen Crsus
an Glckseligkeit gehalten haben.

Seine geliebte Frau war gestorben: die kleine blonde Blanka, die gro
und schn, und sein grtes Glck geworden war. Er hatte mit ihr in
Virginien gelebt. Diese Versorgung seines jngsten und besten Kindes
war ein Opfer gewesen, welches der edelmthige Kaufmann seinen
Familien-Verhltnissen gebracht. Seine lteren Tchter haten den
Sylvius, und liebten ihren Vater nicht, und lohnten ihm schlecht. Er
hatte sich aus dem Vortheil gegeben: das giebt nie ein gutes Ende -- es
wre denn ein leichtes Sterben darunter gemeint.

Mein Vater sehnt sich nach mir-- sagte Blanka mit thrnenden Augen
zu ihrem Gemahl: ich hre mich zuweilen ganz deutlich von ihm rufen.
Jngst trumte mir, sein Reichthum wre zu Wasser geworden, wir
schifften still darauf hin -- und hatten uns verirrt: denn es war das
_todte Meer_.

Als Sylvius nun sah, da seine Frau gemthskrank vor Heimweh werden
knnte, machte er die Rckreise mglich. Die Fahrt war aber nicht
glcklich, und ihr Ziel traurig. Der Kaufmann lag im Grabe und konnte
nicht mehr klagen, was ihn hinein gedrckt; aber man hrte es doch, und
auch wes Geistes Kind seine Tchter wren. -- Die Folgen der Seereise,
erschtternde Gefhle wirkten schdlich auf Blankas zarte Gesundheit,
und nicht lange, so bettete man sie an ihres Vaters Seite.

Romana nahm sein Kind, nahm den Rest seiner Habe, und verlie dies
Haus fr immer. Er wollte eine Anstellung suchen, wie er sie bei seiner
vielseitigen Ausbildung in diesem oder jenem Fache finden konnte, als er
den Jugendfreund wiederfand. Er erkannte den Grafen Frankenstern nur
an der alten Liebe noch: seine Gestalt war ihm unkenntlich geworden. In
tiefen Hhlen, von finstern Braunen berbuscht, lagen seine Augen, sein
Blick war verstrt, und verrieth eine zerrttete Seele. Und jenes ihm
eigenthmliche Lcheln um den geklemmten Mund, war nicht mehr
todtenhaft friedlich wie sonst, sondern krampfhaft: so da auch dieser
weltvershnte Zug, nur wie ein Nervenspiel innerster Angst erschien.

Auch Sylvius de Romana hatte sich sehr verndert. Er war sehr braun
geworden, sonst wrde er sehr bleich gewesen seyn, wie dies in den
Schattirungen seiner Gesichtsfarbe zu bemerken. Sein stolzer Wuchs hatte
etwas Gebeugtes angenommen, tiefe Erfahrungen ruhten in seinen Zgen
-- aber sie _ruhten_. Der Klang seiner Stimme, sonst voll und laut,
der Ausdruck einer heftigen Seele, war geistig besnftiget, und etwas
langsam und leise.--

Doch, empfnde wohl der Mensch eine uere Vernderung, ob er sie auch
she, in einem Augenblicke unsterblicher Freude? -- Der Begriff der
Zeit verschwindet, wo wir fhlen, da die Freundschaft _ewig_ ist. --
Virginien, das Andenken an Blanka, ihres Vaters Grab, jeder in Thrnen
und Tagen verflossene Schmerz: Alles sank in der Unendlichkeit unter,
was, wie ein Weltmeer, in Sylvius Herzen aufwallte, da es an dem des
Freundes schlug, und seine Augen wurden feucht. Und im Anblick der
kleinen Narbe an Romanas Stirn, die Graf Frankenstern ihm einst in der
Fechtschule mit dem Rappier geschlagen, schlo sich fr Diesen jede
Wunde des Schicksals, und seine kranke Seele blutete nicht mehr.
Entzckt fhrte er den Freund und dessen Sohn mit sich fort in seine
Wohnung, sein Glck mit seiner Frau zu theilen.

Die Grfinn brannte unterdessen vor Begierde, die groe Nachricht, die
sie wute, ihrem Gemahl mitzutheilen. Er lie lange auf sich warten,
endlich kam er, doch nicht allein. Die Fremden, die er mitbrachte, waren
als eine Strung von ihr angesehen, und leider! ist der erste Eindruck
beinahe immer entscheidend. So ist es nicht genug, da Jemand ein Recht
zu kommen hat: er mu auch zur _rechten_ Zeit kommen, und kein Mensch --
nur ein Gott kann diese wissen.

Hier, im Beiseyn seiner Frau, schttete der Graf das verschlossene Herz
aus, dessen eiserne Bnder die Freude sprengte. Du bleibst nun bei mir,
Romana! denke nicht daran, mich zu verlassen-- sagte er gebietend,
und in den Ausdruck, wie sehr, wie innerlichst er dieser Nhe bedrfe,
mischte sich etwas von dem Bewutseyn, wie viel er uerlich zu gewhren
vermge. Dein Sohn-- so fuhr der Graf fort, soll wie der meine
gehalten seyn, um so mehr, da wir keine Kinder haben. Die Grfinn
hustete leise, und wurde bla vor Schrecken. Sie wre keine Frau
gewesen, wenn diese Aeuerung ihres Gemahls gegen einen ihr fremden
Freund, sie nicht beleidiget htte; dazu diese gesprchige Wrme, als ob
Geist des Lebens ber ihn gekommen. Nie hatte sie, auch zur Brautzeit,
eine hnliche Macht auf ihn gebt, und ganz nach Art weiblicher
Eifersucht, nahm sie dies Dem bel, der diese erheiternde Wirkung
hervorbrachte, ohne sich selbst heiter zu zeigen -- was immer
anspruchslos erscheint. Der unschuldige Knabe krnkte in der Aeuerung
des Grafen ihr neugebornes Kind -- und ein leiser Widerwille gegen diese
Fremden schlich wie eine Schlange ber ihr Herz.--

Als die Grfinn Gelegenheit hatte, ihren Gemahl mit der neuen Hoffnung
bekannt zu machen, fand sie ihn zwar erfreut; aber -- nicht im richtigen
Verhltni zu ihrer mtterlichen Erwartung. Vielleicht frchtete
der Graf, das Kind werde wieder sterben -- oder er schlug als ein
seelenkranker und niedergeschlagener Mann, den Werth eines Leibeserben
berhaupt nicht hoch an: genug, seine Freude war mig.

Die Grfinn trug ihr Glck wie eine Bue, mit schwerem, verschwiegenem
Herzen; mancher Stich ging jetzt durch ihre leidende Brust, die sich
tglich mehr verhrtete.

Romana und sein Sohn begleiteten das Ehepaar von Frankenstern nach
Bonna. Ersterer sollte Forstmeister werden -- hatte der Graf flchtig
hingeworfen. Den ersten Abend ihrer Ankunft daselbst, sagte die Grfinn:
ein Einziges bitte ich von Dir, mein lieber Mann! bleibt Romana hier:
so sey es doch nicht in unserm Hause; ich habe dazu meine guten Grnde.

Der Graf sah seine Frau bestrzt an, nie hatte sie durch Laune oder
Eigensinn seine Handlungsweise bedingt -- er schwieg, aber er wagte
nicht, diesen befremdenden Wunsch zu verneinen.

Romana stellte die Bedingungen, unter denen er in Bonna bleiben wolle,
mit edler Selbstndigkeit fest. Er sagte: gieb mir ein Pltzchen,
Frankenstern, nach meinem Sinn, darauf ich mir ein Haus baue, und
Material dazu; dann Gelegenheit, Deinen Gtern wie Dir selbst zu ntzen:
so hast Du mich.

Sie gingen aus, einen Platz zu suchen, und der Graf dachte seufzend,
wie viel Raum in dem weiten Schlosse, und da keine Frau, auch die beste
nicht! durchaus vertrglich wre.

Ganz in der Nhe von Bonna, kaum ein paar hundert Schritte davon
entfernt, lag ein kleines Vorwerk, Heiland genannt. Vermuthlich hatte
es diesen ehrwrdigen Namen von einem Christuskreuze erhalten, das in
ungewhnlicher Hhe zwischen dem herrschaftlichen Hof und diesem Hfchen
stand. Ein klares Brnnlein rieselte darunter hin, und eine eingerostete
Gitterthre schien diesen lautern Quell zu verschlieen. Es waren Spuren
da, die es wahrscheinlich machten, da der Bezirk dieser Stelle
einst Mauern getragen habe, und bewohnt gewesen sey; die Aussicht war
himmlisch. La mich hier zu Jesu Fen wohnen! sagte Romana, indem er
mit glnzenden Augen an dem Crucifix hinauf blickte, doch Dir zuvor
und gewi am rechten Ort -- ein Bekenntni ablegen, nach welchem es
sich fragt, ob ich nicht den Staub von den meinigen schtteln und weiter
ziehen mu.

Graf Frankenstern glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er vernahm,
da Romana, dieser catholische Edelmann, unter dessen Vorfahren
vielleicht Ritter vom goldenen Vlie gewesen, seinem Glauben entsagt
habe, und der eifrige Anhnger einer frommen Gemeinde geworden sey,
die das Lamm verehrt, was der Welt Snde trgt. So wie Menschen von
schwrmerischer Anlage der uersten und entgegengesetzten Richtungen
ihres Wesens fhig sind: so hatte Romana in Verbindungen, darin er mit
Blanka in Virginien gelebt, diesen Umschwung seiner religisen Ideenwelt
erfahren. Eine groe Gefahr, aus der er auf beinahe bernatrliche Weise
gerettet worden, entschied, und seine angestammte Wunderglubigkeit
wechselte nur ihre Form in seinem Gemthe. Das Gefhl seiner Abkunft
und Armuth ward christlicher Stolz: den Armen war ja vorzugsweise das
Evangelium gepredigt.--

Nachdem der Graf dies vernommen, stand er eine lange, sinnende Weile.
Der Boden dieser catholischen Gegend schien empfnglich, um die neue
Lehre darauf zu verpflanzen, und neben Klstern, pbstlichen Kirchen und
Heiligenbildern, lebte friedsam und einmthig ein Hufchen der Stillen
im Lande. Selbst unter den Beamten der Ortschaft waren einige derselben,
deren gewissenhafte Redlichkeit Graf Frankenstern schtzte. Und so sagte
er: was ich hre, Romana, setzt mich in Erstaunen, wie Du siehst; aber
es ndert nichts zwischen uns. Unsere Freundschaft ist mir eine Art
Religion -- und so glaube ich an Dich, wenn ich auch nicht begreife,
wie es mglich war, da Du -- ein Abtrnniger werden konntest. Ich halte
Dich fr einen ehrenwerthen Mann, und mich an diese Ueberzeugung. --
So eben dachte ich, wie seltsam es sey, da der Wind des Schicksals
Menschen eines Sinnes von allen Enden der Welt hierher zusammen weht.

Von der festen Zuversicht des Freundes gerhrt, antwortete Romana:
_weht_! ja, das ist das rechte Wort. Der Herr sammelt, was verstreut
gewesen. Sein Athem ist es, das Wehen seines Geistes, was den
Blthenstaub im Frhling, auch ber Mauern, zu der verwandten Blume
trgt.

Die Grundmauern zu dem neuen Hause wurden nun gelegt und hundert
arbeitsame Hnde frderten den Bau. Es fand sich, da ein gewlbter,
vllig gut erhaltener Gang von hier aus nach dem Schlosse fhre, wovon
die eiserne Gitterthre am Brunnen der Ausgang wre. Dieser Fund war
fr den Grafen die Entdeckung einer Goldmine. Er dachte bekmmert, seine
Frau wte bereits, was er ihr verhehlen mgen, und am liebsten fr
immer, denn er kannte ihren Abscheu gegen Apostaten. Sieh! sagte er
sehr glcklich, und sich ins Geheim bewut, sein Umgang mit dem Freunde
stnde unter unsichtbarem Schutze, so knnen wir ungehindert und selbst
zur Nachtzeit zu einander kommen.-- Aber der Saamen des Geheimnisses
trgt selten Frchte fr das Licht.

Endlich stand das Haus fertig, mit plattem Dach, worauf Romana einen
kleinen Garten anzulegen gesonnen war. Der Herr Christus prangte als
Schutzwache davor, und leise rieselte das Wsserchen unter der marmornen
Schwelle. Hinein zog Romana mit seinem Sohn, und lebte nicht allein
in strenger Absonderung, sondern einsiedlerisch verschlossen. Wenn die
Frster und Holzschlger, die den Forstmeister zu sprechen kamen,
Einla suchten, so zitterte der Schall der hellen Hausglocke durch den
muschenstillen Flur, und selbst Verstockte meinten, der Himmel werde
ihnen einmal eher aufgethan werden.

Wie selig Graf Frankenstern sich die Nhe seines Freundes getrumt: so
empfand er doch die Beruhigung nicht davon, welche er gehofft hatte.
Er sah ein, da die Gefhle der Jugend eine bedeutende Zuthat zu jener
innigen und beglckenden Freundschaft gewesen wren. Wirklich hatte
Romana sich sehr gendert, und war ein wenig kopfhngerisch geworden;
der Graf war ein geisteskranker Mann, der ganz eigen behandelt
seyn wollte, und eines aufrichtenden Umgangs bedurft htte. Romanas
Uebertritt hatte eine Kluft zwischen ihnen gerissen, die der Graf in der
Flle seines Herzens anfnglich nur fr eine Linie hielt--; aber es war
ein tiefer, dunkler Spalt, der ihr innigstes allseitiges Vertrauen nicht
zulie. Sie vermieden sorgsam jedes Gesprch, das nur von fern diesen
Punkt berhrte, und wehe der Freundschaft, die, wenn auch nur _eine_
Stelle wei, welche geschont werden mu!--

Der Hochmuth des Grafen war durch seine Verhltnisse, durch das Gefhl,
verkannt zu seyn, durch die Natur seiner Krankheit genhrt worden. Auch
der Unglckseligste hat noch _einen_ Freund: den Tod! Graf
Frankenstern aber sah in diesem das Gespenst seines Lebens, und die de
Unsterblichkeit, die er sich in der Angst seiner Seele wnschte, stellte
ihn allein unter den Menschen. Romanas ritterlicher Sinn war Stolz der
christlichen Demuth geworden. Ein leiser Hang zum Abenteuerlichen,
der ihm verblieben, ein inneres Absondern von Andern, lie ihn von der
breiten Strae abbeugen, auf der gewhnliche Menschen das Glck suchen.
Der Geist seiner Secte setzt etwas darin, vertraut mit dem Tode seyn
und seine dstern Farben und Symbole in den Bedarf des huslichen Lebens
aufzunehmen; Romana schlief unter einer Decke schwarz und wei, zu
seinen Hupten lief lautlos oder stand eine Sanduhr, weil sein Schlaf
so leise war, da auch der sanfteste Seiger ihn verscheuchte. Er wrde
lchelnd seinen Morgentrunk aus einem Schdel genommen haben, er sprach
freudig von seiner Auflsung, und diese Kraft stellte ihn hoch ber
seinen Freund.

Graf Frankenstern arbeitete nichts; nur seine Phantasie war unablssig
beschftiget. Das Bewutseyn, durch seine eigensten Krfte zu ntzen,
hatte ihn nie gehoben. Die Leichtigkeit, womit er wohlthun konnte,
tuschte ihn ber die Unterlassungs-Snde, die Mittel dazu aus sich
selbst zu schpfen.

Romana besa schne Kenntnisse, und bte sie mit Flei. Er war thtig
von frh bis spt, und der Kernspruch seines groen Landsmanns, da
Arbeit des Blutes Balsam sey -- bewhrte sich an ihm: er war sehr
gesund. Er trieb viel Mathematik, und flte seinem Sohne Lust und
Eifer fr diese Wissenschaft ein; indem er ihn gewhnte, seinen Verstand
anzustrengen, unterdrckte er das frhzeitige Aufstreben von Gefhlen,
denen die Einsamkeit Nahrung giebt.

Die Grfinn war im Sptherbst jenes Jahres, welches ihren Gemahl seinen
Freund wiederfinden lie, schnell und sonder Gefhrlichkeit von einer
Tochter entbunden worden. Ein niedliches Mdchen machte ihr das Leben
leicht. Dennoch schien die Mutter tdtlich erschpft.

Das Kind ist im Zeichen des Krebses geboren-- sagte die Wrterinn
nach einem Blick in den Calender, Gott verhte, da ihm nicht Alles
rckgngig werde! Die Grfinn erschauerte bei diesen Worten in einer
andern Furcht.

Die Kleine ward Albane getauft, und gedieh wunderschn an der Brust
einer derben Amme. Keine Spur von Krmpfen zog das Herz der Mutter in
der Befrchtung zusammen, dies Engelskind werde ja doch nur wieder ein
geliehenes Gut seyn, wie die kleinen Brder -- was sie nach kurzer Zeit
mit tausend Thrnen zurck zahlen mssen. Langsam hatte sich die Grfinn
erholt, und war auch bei wiedererlangten Krften, und ihres Anlasses zur
Freude ungeachtet, in sich gekehrt und traurig geblieben.

Zwei Jahre waren seitdem verstrichen, als eines Tages Romana sich bei
seinem Freunde im Schlo befand. Sie unterredeten sich ber die Zukunft
seines Sohnes. Sylvius bekommt einmal Deine Stelle-- sagte Graf
Frankenstern gleichsam zusichernd. Er sprach damit die Gewiheit an, den
Vater des knftigen Forstmeisters zu berleben.

Meinem Wunsche nach, antwortete Jener, geht er in die weite Welt.

Dein einziger Sohn? erwiederte der Graf mit Vorwurf, Du willst doch
nicht, da er ein Glcksritter werde?

Warum nicht? bin ich doch auch Einer-- sagte Romana, und lchelte wie
ein Eremit. Sieh lieber Frankenstern, fuhr er fort, die Seinen
fr sich behalten und in den Kreis der angestammten Verhltnisse
einschlieen wollen, wre engherzig gedacht. Nur in der Welt wird der
Mann ein Mensch und lernt brderlich denken. In diesem Aussenden liegt
mir etwas Gttliches--

Wir aber sind Menschen, Romana, unterbrach ihn der Graf, und es liegt
in der Natur, da man sein Kind so nahe und so lange als mglich um sich
habe; es ohne Noth dem Zufall zu opfern, kommt mir wie Vermessenheit
vor.

Aber gehorsam dem Willen des Herrn? oder einer heiligen Idee? wendete
Romana mit erhheter Stimme ein, ich fhle, das wrde ich knnen.
Wre es dem Sylvius bestimmt, in einem rechtlichen Kriege zu fallen:
so preise ich ihn selig. Zge er bers Meer, um die Heiden dem Erlser
zuzufhren und versnke: ich wrde deshalb nicht zu Boden sinken. Im
Aufgeben, Freund, liegt das wahre _Haben_, und das Geheimni ewigen
Gewinns. Wie rmlich ist das Leben, wenn es keinen andern Werth hat, als
da man athme! der Graf seufzte schwer, und Romana verlie ihn.

Noch wirkte dieses Gesprch nach, als die Grfinn in das Zimmer ihres
Gemahls trat. Die kleine Albane hing schlafend auf ihrem Arme, und das
volle Hndchen des Kindes, wie aus rosigem Wachs mit reizenden Grbchen
geformt, lag schtzend auf der linken Brust der Mutter.

Den Grafen rhrte dieser Anblick. Er kte vterlich sacht diese kleine
Hand, und das Mutterherz darunter schlug strker. Vielleicht ward in
diesem Augenblicke der Gedanke an das, was Romana gesagt, zu einer
stillen Freude, da dies sein einziges Kind eine _Tochter_ sey. Zum
erstenmale uerte er, wie glcklich ihn der Besitz des Kindes mache,
und da es so gesund sey, und die Mutter dazu, um die er vordem doch
sehr besorgt gewesen.

Die Grfinn entfrbte sich. Mit bewegter Stimme sagte sie: es knnte
seyn, da ich mein Leben um einen Preis gerettet htte, der Dir
mifllt.

Dem Grafen fiel diese Aeuerung auf. Er sah seine Frau forschend
an, welche ihm nunmehr gestand, wie sie seit ihrer Verheirathung ein
schadhaftes Fleckchen in der Brust versprt, was ihr dann und
wann Schmerzen, immer aber Kummer verursacht habe. In jedesmaliger
Schwangerschaft sey es schlimmer damit geworden, bis endlich bei der
Geburt der kleinen Albane der leidende Theil sich zu Stein verhrtet und
dergestalt sich entzndet habe, da sie (die Grfinn) frchten mssen,
den Krebs zu bekommen, wenn sie nicht Muth zu einem gewagten Schritt
fassen knnte.--

Der Graf legte beide Hnde vor das Gesicht, schon bedeckt von der Blsse
des Grauens. Er sagte: gut, da ich es nicht wute; der bloe Gedanke
macht mich schaudern. Eine Operation solcher Art brchte mich von
Sinnen. Du glaubst nicht, setzte er mit scheuem Vertrauen hinzu, wie
tausend Dinge, stumpf fr den Verstand Anderer, in mein Gehirn bohren!
diese Vorstellung zum Beispiel -- durchdringt mich entsetzlich. Seine
Lippen zuckten, als whle ein Messer in seiner Seele.

Die Grfinn htte beinahe ihr Gestndni bereut -- gewi htte sie es
sollen. Sie sprach: in dieser Noth that ich das Gelbde, hlfe mir der
Himmel und wrde ich geheilt: so solle die Brust meines Kindes sich nie
fr eitle Wnsche heben -- nur dem Heil der Seele. Und es dauerte nicht
lange, so gena ich an einem simpeln Umschlage.

Verstehe ich Dich recht? fragte der Graf schwach, Albane -- eine
Klosterfrau? Die Mutter nickte ngstlich.

Das ist hart! murrte der Graf, und seine Frau hatte jene Gefahr
nicht hrter empfunden, als diese drei Worte. So sprach die Grfinn
weichmthig: Du mein Gemahl machst Dir ja selbst nichts aus der
Welt, und ihren trglichen Freuden. Die Gter kommen an fremde Hand --
Anverwandte haben wir nicht, Albane stnde allein. So ist sie unter den
vornehmsten Schutz gestellt, und die Kirche, eine segensreiche Mutter,
giebt ihr Schwestern.

Der Graf lchelte kalt, und murmelte etwas von Stiefgeschwisterschaft.

Nein, fuhr die Grfinn, ihren Gemahl miverstehend, fort, dort wrde
mir Albane nicht aufgehoben gewesen seyn. -- Sage, was fehlt einer Braut
Christi?

Dieses Glck! antwortete Graf Frankenstern und deutete auf
seine Kleine, eine Brust, daran solch ein Kind erblht, kann viel
verschmerzen. Ihr seyd zu Mttern geboren. Und -- da ich es nur frei
gestehe -- ich mag die Klster nicht leiden, und es wird einmal aller
Tage Abend mit ihnen werden. Warum aber soll meine Tochter darin
untergehen?

O mein Gott! jammerte die Grfinn, und hob ihre Augen thrnenschwer
zur Hhe, warum bin ich nicht gestorben? Ihr Herz schlug so mchtig,
da des Kindes Hndchen auf dem Busen seiner Mutter erbebte. Sie selbst
wankte.

Der Graf war erschttert; nach einer Pause sagte er: Du wirst glauben,
da mir Dein Leben ber Alles theuer ist! nur _den_ Beweis fordere
nicht, da ich gleichgltig dazu wre, wenn unser einziges Kind geopfert
wird, in welchem ich Dich ja auch liebe. Uebrigens warst Du damals in
einem Zustande, der keiner Zurechnung fhig ist. -- Nthigenfalls wrde
Dispens vom Pabst zu erlangen seyn. Ich zweifle jedoch, ob das Recht,
ber das Schicksal eines Menschen also zu verfgen, auch einer Mutter
zusteht, und meine, von der Snde, es gethan zu haben, knne Jeder sich
selbst entbinden.

Dies sind Romanas Grundstze, sthnte die Grfinn, es ist _sein_
Geist, der aus Dir redet, mein Gemahl. Irret Euch nicht, Gott lt sich
nicht spotten; ich will Wort halten, wenigstens.

Sie entfernte sich hierauf, heftig alterirt. Die Grfinn fhlte einen
tiefen krperlichen Schmerz in ihrem Herzen, und sich wie im Innersten
zerrissen. Von Frost geschttelt mute sie sich alsbald zu Bett legen.
O! da die Arme gesprochen und mit dem Laut der Rede den stillen Wchter
ihres Geheimnisses verscheucht hatte! ihre Ruhe war dahin. Seltsam
genug warf sich ein schnell entwickelter Krankheitsstoff auf ihre zuvor
genesene Brust. Es half nichts, da die Grfinn ihr erneuetes Unglck
siebenfach verhllte; jede Hoffnung schien verloren, und das Leben war
ihr nichts mehr werth.

Wenn die geneigten Leser der Meinung wren, Gte und Liebe in dem
Charakter der Grfinn Frankenstern wrde nicht zugelassen haben, da sie
in grausamer Selbstsucht das Glck ihres einzigen Kindes zum Preis ihrer
Rettung gemacht htte, so glauben wir diesem Vorwurf zu begegnen, wenn
wir bemerken, wie grade die zrtlichsten, die weichsten Mtter es
sind, und die Natur mag diesen Widerspruch lsen -- welche oftmals das
Schwerste ber ihre Kinder verhngen. Hier war es ein Schleier, und
den zu tragen hielt die Grfinn fr leicht. Sie hielt ferner, im
Gefhl _ihrer_ Ehe, _keine_ fr ganz glcklich, und verwechselte
ihr unbefriedigtes Herz mit dem Sehnen nach einer Bestimmung, die
vollendender wre. Und wie es im menschlichen Wunsche liegt, da
Diejenigen, welche unser Daseyn fortsetzen, Alles weiter bringen, jeden
Keim unsers innersten Lebens entwickeln, und ein hheres Glck erreichen
sollen: so war der Grfinn der Gedanke lieb geworden, ihre Tochter wrde
werden, was zu seyn ihr nicht bestimmt gewesen. Von einer gewissen Stufe
der Erfahrung scheint jeder Schritt, den wir unsern Nachkommen zumuthen,
ob er auch die liebsten Freuden hinter sich lasse -- _klein_,
im Vergleich zu dem, was er anstrebt. Vielleicht war es auch die
mtterliche Ahnung, welche die Grfinn frchten lie, ihre Tochter in
den Armen eines Mannes nicht sicher genug zu wissen.--

Nach einiger Zeit ward Romana heimlicher Weise zur Grfinn
berufen. Diese einfache Bitte machte den Forstmeister stutzen, und
Schwierigkeiten, da er sie erflle: denn der Graf mute umgangen
werden. -- Zur bestimmten Stunde fand sich Romana ein. Die Grfinn war
in ihrem Schlafzimmer. Jener erschrak vor ihrem Anblick. Sie war
total entstellt, ihr Gesicht aschfarb, ihr Auge erloschen, und nur ein
schwachglimmender Lebensfunken noch darin. So krank hatte er sie nicht
geglaubt, obgleich er von ihrem Uebelbefinden wute.

Verzeihen Sie, Romana, da ich Sie bemhte! redete sie ihn mit jenem
rhrenden Wohllaut der Stimme an, der je leiser, um desto strker
ans Herz dringt, ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen. Sie
knnten mir einen groen Gefallen erzeigen.

Herr mein Gott! antwortete der Forstmeister, und das Mitleid migte
diesen Ausruf bis zur zartesten Versicherung, gebieten Sie doch ber
mich!

Es wre mir viel daran gelegen, sprach hierauf die Grfinn, wenn
Sie morgen -- oder bermorgen, der kranke Blick ihres matten Auges
verdunkelte sich wie die Nacht dazwischen, und ein voller Seufzer fllte
den Moment, meinen Mann auf einen halben Tag -- besser wre freilich
ein ganzer -- zu entfernen wten.

Das wird schwer halten, erwog Romana, hlt doch Frankenstern kaum
mehr eine halbe Stunde bei mir aus. Verlassen Sie Sich inde darauf, es
geschieht! ich sinne nur nach, wie ich es anzustellen habe, ihn zu einer
kleinen Reise zu bereden.

Dann fiele mir ein Stein vom Herzen, erwiederte die Grfinn, indem ein
paar Thrnen ber ihre abgehrmten Wangen rollten. Wissen Sie denn,
ich werde operirt -- das heit, ich lasse mir die Brust ablsen. So
begreifen Sie auch, da dies meinem Manne verschwiegen bleiben mu.

Diese Worte, mit Ruhe und Resignation gesprochen, strubten dem
Forstmeister das Haar. Die Brust -- ablsen? fragte er, und sein
mnnliches Gesicht errthete in Angst; die Grfinn erbarmte ihn
unaussprechlich. Und bleibt kein anderes Mittel?

Ein sanftes Kopfschtteln, und: nur dieses letzte-- war die sehr
leise Antwort.

Sie werden eines Beistandes bedrfen, arme Grfinn! sagte Romana
dringend, und irrte mit seinen Gedanken hin und her, wie er zugleich den
Grafen abwehren, und hier eine Sttze in der Gefahr seyn knnte.

Die Grfinn lchelte; es war, als htte die Sense des Todes dies Lcheln
in ihre tiefen Zge eingeschnitten -- und dem Forstmeister blutete das
Herz. Sie sprach: ich wre doch allein, im Grausen Dessen, was mir
bevorsteht; allein mu Jeder seinen Weg gehen. Aber, wenn ich am Ziele
bin, verlassen Sie meinen Mann nicht! er wird den Freund dann nthig
haben. -- Und nun das Wichtigste. Wir sind zwar nicht mehr Eines
Glaubens, Sie -- doch lassen wir das. Ich halte Sie fr einen redlichen
Mann, Romana. Nie hatte der Forstmeister ein ehrenwertheres Zeugni
empfangen, als dies. Er wrdigte es, und die Grfinn fuhr mit bewegter
Stimme und widerstrebenden Lippen fort: an ihre mnnliche und
christliche Ehre nun wende ich mich, wenn ich hoffe, da Sie, unserer
abweichenden Meinungen ungeachtet, das Wort, was eine bedrngte Mutter
dem Himmel als Pfand eingesetzt, nicht verfallen lassen werden, gleich
einer Schuld. Versprchen Sie, Ihren Einflu auf meinen Mann fr diesen
Zweck zu benutzen: dies wrde mich sterbend noch erquicken.

Darauf erzhlte die Grfinn dem Forstmeister, was unsere Leser schon
wissen. Wie lange und wie still sie den Kummer in ihrer Brust getragen,
was die Aerzte gesagt, und so weiter. Und als sie ihr letztes Kind
geboren, habe sie es mit tiefem Erbarmen angesehen, wie vielen Schmerzen
eine Mutter unterworfen sey und was ein Weib schweigend erdulden msse.
So sey ihr denn ein Leben in Gott als das hchste Glck erschienen, dem
sie das Neugeborene gelobt, wenn er das ihrige fristen wolle, weniger,
um sich selbst zu retten, als ihr Kind. -- Die Grfinn erffnete nun
dem Freunde ihres Gemahls mit reuiger Wehmuth, da sie sich von einem
ungewhnlichen Anfluge ehelicher und vterlicher Zrtlichkeit des Grafen
hinreien lassen, ihm dies zu gestehen, worauf er ihr bittern Vorwurf
gemacht, und das Ansinnen, jenes Gelbni zu brechen. Ich mu nun,
setzte sie trostlos hinzu, den Frevel dieses Gedankens mit dem Tode
ben: denn der Himmel lt nicht mit sich spaen. Ich bekam sofort
Frost, die alten Schmerzen -- es ward schlimmer mit mir, wie je zuvor.
So will ich, obwohl selbst ein Opfer, doch, da meine Tochter durch
Gehorsam shne, was ihr Vater zu sagen sich verma. Werden Sie es nicht
hindern, Romana? da Albane-- weicher lt sich nicht bitten, als es
in diesen Worten geschah; die Stimme der Grfinn zerschmolz in Thrnen.

Der Forstmeister legte stumm seine Rechte in ihre kleine, weie, feuchte
Hand. In seinen Augen, denen Kreuz und Leiden in aller ihrer Heiligkeit
vorschwebten, brannte ein Schwur. Sie glaubte ihm, ohne da er eine
zusichernde Sylbe gesagt htte.

Wie berzeugend ist das Vertrauen! Romana, seinem gewandelten Sinne
nach, ein Feind der Klster, htte die kleine Albane lieber heute schon
einsperren mgen. Er war der geistliche Anwalt des Wunsches ihrer Mutter
geworden, da dies liebe Kind, einst absagend weltlichen Schimmer, der
Edelstein eines Ordens wrde. Vielleicht wre die Grfinn dennoch zu
retten gewesen; aber das Fatum, dem selbst die Parzen dienen, hatte
ihrem Leibarzt den Lebensfaden, und somit die Gelegenheit abgeschnitten,
ihren frommen festen Glauben an gttliche Hlfe und an die seinige noch
einmal zu bewhren. Der junge Aesculap, der das Zutrauen der Grfinn von
ihm ererbt, war ein hitziger Anatomiker, der seinen besten Freund
eben so gern secirt, als ganz glcklich gesehen haben wrde -- und Wir
wissen, da die Leidenschaft ihren Gegenstand nicht immer zeitgem
behandle. -- Als nun der gefrchtete Morgen kam, und mit ihm der Doctor,
begleitet von einem Wundarzt, fand er Alles bereit, sogar die Seele der
Grfinn zum Sterben. Graf Frankenstern war durch einen Anla, den
die Klugheit des Forstmeisters ersonnen, geschickt entfernt worden.
Todtenstille herrschte im Schlosse. Die weiblich-vornehme Fassung der
Grfinn entmannte den Operateur. Verstrten Auges blickte er nach der
Uhr, und seine Hand zitterte mit dem Secundenzeiger um die Wette. Nach
dem ersten Schnitte entfiel ihm das Messer, und es sank mit solcher
Schrfe in die Diele ein, da ein kleiner blutbefleckter Spahn daneben
aufgaffte. -- Die Grfinn verlangte mit erlschender Stimme: man
solle das Messer nur liegen lassen. Aber dieser Zufall war von bler
Vorbedeutung: die Grfinn verschied am dritten Tage.--

Wir wagen nicht, den Zustand ihres Gemahls beschreiben zu wollen. Er
klagte sich als den Mrder dieser unvergleichlichen Gattinn an, obgleich
er die eigentlichen Umstnde ihres Todes nicht kannte, und nur wute,
da sie von jenem Wortwechsel an gekrnkelt hatte; die Wahrheit wrde
zu stark fr ihn gewesen seyn. Liebe und Schauder bekmpften ihn mit
gleichen Waffen. Romanas Freundschaft stand ihm krftig bei; aber --
wie sind jene finstern Mchte zu bezwingen, die den Menschen sich selbst
entfremden? -- Vergebens mahnte der Forstmeister ihn an die Pflicht,
sich zu zerstreuen. Er konnte ihm nicht einmal den Abgrund zeigen, der
unter dieser tiefsinnigen Langeweile ghnte, aus Furcht, der Graf knne
dann frher noch in das Elend vlliger Geistesverwirrung strzen. --
Romana bot ferner Alles auf, jedoch umsonst, ihn zu bewegen, da er die
kleine Albane unter andere Aufsicht gbe, als die ihrer Amme. Mit jener
Hartnckigkeit, womit schon der Eigensinn wie viel mehr der Wahnsinn,
ob er auch unterdrckt wre, an seinem Willen festhlt, behauptete der
Graf, er knne nirgend ausdauern unter Menschen, und eben so wenig ein
weiblich Wesen in bessern Kleidern um sich sehen, als Die trge, welche
seine Albane genhrt.

Und wozu auch? fragte er mit dsterm Stolz, meine Tochter kommt
einmal ins Kloster, und also nie in den Fall, der Welt und dessen, was
sie fordert, zu bedrfen. Gott hat sie wohl gebildet -- es ist nichts zu
tadeln an meinem Kind. Dagegen lie sich nun freilich nichts sagen, und
Romana schwieg.

Wenn man annehmen darf: da die Freundschaft durch ein verjhrtes
Zusammenleben tausendmal eher aufgehoben als befestiget wird -- so wie
durch lange Trennung verinniget -- so spricht die Erfahrung dafr
und den Beweis an: Verstand, Einsicht, Wissenschaft, Dankbarkeit,
Lebenssinn, Erinnerung -- knnten zwar als eine feste Grundlage
freundschaftlicher Verhltnisse angesehen werden, doch nicht
unerschtterlich gegen die Gewalt der Zeit und Umstnde. Die einzige
Basis des Bestands ist ein tiefes Gemth voll gttlicher Kraft der
Liebe!

Allmlig hatte Romana sich seinem unglcklichen Freunde entfremdet,
und es war so unmerklich geschehen, da ihre Seelen sich wie aus weiter
Ferne kaum mehr verstanden, als ihr uerer Verkehr, besonders von
Seiten des Forstmeisters -- noch ganz derselbe schien. In dem Grade, als
der Graf sich in sich selbst zurckgezogen, war ihm auch das Nchste,
sein Kind ausgenommen -- gleichgltig geworden. Er vermite Romana
nicht, er suchte ihn nie auf. Tagelang sa er allein, und flsterte
so anhaltend, da die Bedienten oft lange warten muten, ehe sie
ihn unterbrechen durften. Des Abends klagte er sich matt, von der
fortwhrenden Unterhaltung. Da sahen seine Leute sich an und es
grauete ihnen: denn Niemand war bei ihm gewesen, als sein Dmon. Da
er gestrten Geistes sey, war, wenn auch ein bewahrtes Geheimni der
Achtung, doch Jedem klar.

Einst, an einem milden Herbsttage fand ihn Romana im Garten, seltsam
beschftiget. Er band die Bltter einer Espe mit grner Seide an die
Zweige fest, der Knuel, dessen Faden eine rothe Wunde in seine Finger
eingeschnitten, lag im falben Grase und glnzte in der Sonne.

Gott gre Dich, lieber Frankenstern! sagte Jener, was machst Du denn
da?

Der Graf lchelte und sprach: ei! ich binde mir die Bltter ein wenig
fest, dies Zittern ngstet mich, so oft ich es sehe. Ich wei, wie
Einem zu Muthe ist, der vor jedem Lftchen bebt: die Furcht ist das
entsetzlichste Gefhl. Und indem er emsig in seinem unheimlichen
Treiben fortfuhr, setzte er hinzu: dann -- Dir will ich es wohl sagen,
Romana, wenn der Wind nun rauher weht, und die Bltter fallen, und
liegen fahl und still an der kalten Erde, wie aufgehufte Leichen --
manche haben ordentlich Physiognomie-- Der Forstmeister sah voll
Mitleid in die seines Freundes. Den Schmerz der Natur, sagte er mit
dem tiefsten, wollen wir ihrem Schpfer berlassen. Dieser Faden, Du
Armer, schneidet mir in die Seele. Hast Du nie den Frhling gesehen,
das Bild der Auferstehung? Wer bindet denn da die Krnze von Laub und
Blumen, welche Himmel und Erde umschlingen?-- Er umschlang den Freund,
und weinte vor groer Rhrung.

So wurde es immer finsterer um den Grafen, nur in dem hellen Blick
seines Tchterchens ging ihm zuweilen ein Strahl von Freude, das Licht
des Lebens auf. Er hing mit unendlicher Liebe an dem Kinde, und diese
zrtliche Empfindung wurde nur durch das Andenken an die verstorbene
Frau getheilt. -- Die kleine Albane, obwohl ohne alle Erziehung,
entwickelte sich zart und schn. Die Natur war ihre Gouvernante, und
welche Bonne bildet so gut als sie? -- Ihre Sprache hatte den reinen
Klang des Gefhls, ihr Gang war ein leichtes Schweben ber gemeinen
Boden, und jenen angeborenen Adel der Sitten htte weder die
Stiftshofmeisterinn eines Fruleins-Instituts heben, noch die gutmthige
Plumpheit der Amme unterdrcken knnen.--

Die Amme, welche mit roher Treue um ihren Pflegling sorgte und waltete,
sprach oft von seiner knftigen Bestimmung: dem Kloster; aber die
Farben, womit sie die Zukunft mahlte, waren eine Reibung fr das junge
Herz, und es mischte sich in ihnen religise Ehrfurcht, mit dem Schein
von Hoffnung, Albane werde hinsichtlich ihres wahren Glckes zu tuschen
seyn. Sie staffirte die Zelle mit Gold aus, und bekleidete die
kleine Grfinn mit den Wrden einer Aebtissinn. Aber es giebt nur ein
Bedrfni, ein Talent, welches die Einsamkeit vorzugsweise weckt: das
Verlangen und die Fhigkeit _zu lieben_. Whrend die Amme whnte, sie
baue mglicher Abneigung vor, ward Albanen der Gedanke an das
Kloster verhat, und der Instinkt ihres Geschlechts stellte eine
Widersetzlichkeit dagegen auf. Dem Grafen war es zwar unumstlich
gewi, da seine Tochter Profe thun msse--; doch den Zeitpunkt dazu
glaubte er hinaus schieben zu drfen, wie weit? dies wute er selbst
nicht, und es dmmerte ihm vor den Augen.

Wie knnte ich Dich nur verlassen, mein Vater? fragte Albane ihn in
bangen Stunden der Anfechtung, und ihr Vater fhlte dann selbst die
Unmglichkeit, seinen einzigen Trost in ihr entbehren zu knnen. Mehr
als diese Frage erlaubte sich jedoch die junge Grfinn nicht, um an
ihrem Ziel zu rcken: denn als sie einst den Versuch gewagt, ihrem Vater
recht kindlich zu sagen, da sie doch lieber den Brautkranz wie den
Schleier trge, wenn sich nmlich ein Mann fr sie fnde, der sie
nicht von ihm und ihrer Pflicht trennte -- war der Graf in einen
frchterlichen Zustand gerathen. Soll ich auch des Todes sterben, wie
Deine Mutter? hatte er ihr rollenden Auges entgegnet. Es war mein
Wunsch wie der Deine, armes Wesen, Du mgtest glcklich werden; aber
ich bin nur elend deshalb geworden. Mgte wohl ein Vater sein Kind zu
lebenslnglicher Gefangenschaft verurtheilen, wenn es nicht die Rettung
des Lebens glte? -- Aber es giebt einen Schlssel zur Freiheit----

Geistig Gestrte sind wie Inspirirte zu betrachten. Der Schlssel zum
hheren Leben ist die Liebe! und Albane trug ihn in stiller Brust.--

Wie durch ein stillschweigend Uebereinkommen der Grundstze beider Vter
waren ihre Kinder fast gar nicht zusammen gekommen. Auch war Sylvius
ziemlich voraus; doch die Natur hob durch ihre hchste Kraft diesen
Unterschied auf, und lernte die beiden jungen Leute, wie fremd und
fern von einander gehalten, sich innigst finden. -- Jener Arzt, der
die Grfinn operirt hatte, war dem herrschaftlichen Hause von Bonna
verpflichtet geblieben, und weil er sich vorwurfsvoll beima, durch
Uebereilung an dem Tode einer der trefflichsten Frauen, die er je
gekannt, Schuld zu seyn, nahm er die Gesundheit ihrer Tochter mit
vergtender Sorgfalt und um so gewissenhafter in Acht. -- Und wie das,
was wir bewahren, wre es auch fremdes Eigenthum, allmhlig eigenen
Werth fr uns gewinnt, so war das Glck nicht minder als das Leben der
Comte ihm theuer geworden. Er bedauerte, da ein so schnes Kind dem
Kloster bestimmt seyn solle. Mit leiser Geschftigkeit tastete er
an diesem Entschlu herum. Albane hthete sich inde wohl, ihm
ihr jungfruliches Herz zu ffnen -- und der Graf zeigte bei dem
behutsamsten Versuch, ob er hierin wankend zu machen wre, sich so
erschttert, da der Arzt, gegen dessen persnliches Annhern er eine
innerste ahnungsvolle Abneigung zu empfinden schien -- es nicht wagen
durfte, strker in ihn zu dringen. So begngte er sich, dem armen
Opfer noch einigen Genu des Daseyns zu wnschen, ehe es seine dstere
Bestimmung erreiche. Er konnte nicht begreifen, wie die junge Grfinn
es so ganz ohne allen Umgang aushalten knne, und erwhnte zugleich, wie
dies bei dem Sohne des Forstmeisters, einem vielversprechenden Jngling
der nmliche Fall sey; so da Albane ein sinnverwandtes Wesen in Sylvius
ahnete. Im Hause Romanas hingegen sprach der Arzt mit Begeisterung von
der Tochter des Grafen, bejammerte ihr Loos jetzt und knftig -- rhrte
und regte ein Herz fr die himmlische Schnheit, fr das schuldlose
Unglck dieses Mdchens an -- ein Herz, dessen heie Sehnsucht ein
langes stilles Glhen fr ein verhangenes Bild gewesen war, das sein
Idol nun gefunden zu haben glaubte, und heftig aufflammte. -- So war
der Arzt, indem er hastig hin und her fuhr, wie der Wind, hier ein Wort
verstreuete, dort eines, gleich dem Trger des Saamens, aus dem die
Blume der Liebe erwuchs. Und wie in der Welt jedes Verhltni, auch
das tiefste, sich verflacht, so wird in der Einsamkeit auch das
oberflchlichste bedeutend. -- Nicht leicht wird ein Mdchen dieses
Ranges einsamer erwachsen, als Albane. Ach! sie war wohl schlimmer
daran, als eine Waise. Die Mutter lag in tiefer Ruhe, und das Geheimni
manch schwerer Sorge war mit ihr versenkt; der Vater, Herr eines beinahe
frstlichen Besitzthums, war ein armer verstrter Mann, mit dem der
geplagteste seiner Unterthanen nicht tauschen mgen. -- Seine Tochter
hing mit kindlicher Seele an ihm, und hielt so nur allein seine
zerrissenen Gedanken in einem gewissen Zusammenhange. Sie fand sich mit
jener Sicherheit, die ein Gott uns lehrt, in seinem zerrtteten Geiste
zurecht, wie dunkel die Spur auch gewesen wre. Wenn Albane ihren Vater
ansah, so oft er wirre Worte redete und die Begriffe durcheinander
warf, so drang mit diesem Blick ein mildes Licht in sein Inneres, und
er erkannte sich selbst wieder und sein Kind. Ihre liebe, sanfte
Stimme, vom innigsten Bezug, war wie der Laut eines Glckleins, was den
Verirrten auf den rechten Weg ruft. Wenn der Graf seine Beamten vor sich
lie, und Geschfte von Wichtigkeit zu besprechen waren, so stand die
Comte daneben, und hielt wie mit einem leisen Faden die Gedanken im
Zuge; verwickelte er sich auch einmal in einen Widerspruch, so wute
Albane ihn leicht zu lsen. Die Bewunderung, mit der jene Mnner zu ihr
aufschauten, erlaubte ihnen nicht, einen Blick des Mitleids zu wechseln.
O heilige Liebe! Du bist jener wunderbare Hauch der Allmacht, der den
Funken des Geistes nicht verglhen lt in todter wster Asche. Darum
ist es unser laienhaftes Urtheil, da Kranke dieser Art unter der
verschwiegenen, liebevollen Pflege der Ihrigen am besten aufgehoben
sind. Verstand und Kunst sttzen zwar die Pfeiler, auf denen das
Gleichgewicht der Seele ruht, knnen aber gnzlicher Zerstrung nicht
immer vorbeugen. Die Liebe in ihrem umfassendsten Sinne ersteigt nicht
allein Mauern, sie wirft auch welche auf, gegen solchen Verfall.

Doch nichtsdestoweniger war dem armen Kinde das Herz unsglich schwer.
Albane hatte keinen Trost als sich selbst, und da sie sich nicht selbst
genge, ward ihr klar in Thrnen, die sie hei und heimlich weinte. --
Wenn der Graf schlief, und er schlummerte oftmals des Tages ber ein,
weil er sich des Nachts gegen die Wohlthat der Ruhe strubte, aus
Furcht, in Bewutlosigkeit zu versinken -- so lauschte Albane, wie tief
und sthnend er athme. Ihr Blick hing bewlkt an seinem grauenden Haar,
an der gealterten zusammengesunkenen Gestalt -- und ihr Gefhl hatte
keine Sttze. Albane durfte nur an seiner Seite sitzen, und den weichen
Wedel von Pfauenfedern schwingen, da die summende Fliege ihren Vater
nicht belstige, so sanken vor den Augen des Argus die seinen zu,
und einschlfernde Regenbogenkreise zogen seine wache Seele in ein
trumendes Vergessen.--

Niemals kamen Gste in das Schlo zu Bonna, niemals! Auf der breiten
steinernen Brcke, die zu seinen Thoren fhrte, wuchs Gras, als htte
ein altglubiger Fluch es hervorgerufen. Die Zimmer waren pomphaft, doch
leer und de, nur die Zeit wohnte darin, und ntzte den Glanz der Mbeln
nicht mehr ab, wie eine ruhige alte Frau von leisem Schritt und Wesen.
Losgesprochen von jeder andern Aufgabe als der: zu leiden, fand die
junge Grfinn nie und nirgend etwas zu thun. -- Der Tag zu Bonna und
seine Glocke war ein Tonstck von ganzen Noten und groen Pausen. Tanz
und Musik, die kirchliche ausgenommen -- waren Freuden, welche Albane
nur dem Namen nach kannte, und manchmal wnschte sie wohl, die Horen
mgten ihr die Pforten des Himmels ffnen, da Alles zu Ende wre. Sie
thaten es, doch auf andere Weise, zu dem Anfange eines neuen Lebens. --
Die Weidenflte, das Gelut der Heerden, der klingende Tropfenfall des
Springbrunnens, das Schwirren der Heimchen im abgesichelten Felde,
dies Alles regte eine sehnschtige Wehmuth in ihr an, einen wollstigen
Schmerz, gemischt aus Grauen und Entzcken. Einst fand der Graf seine
Tochter, wie sie das bethrnte Gesicht an den Blttern einer dunkeln
Laube trocknete. Erschrocken fragte er: Du hast geweint? Was fehlt Dir,
mein liebes Kind? Albane antwortete berrascht, die Freiheit,
mein Vater! ich fhle mich so beengt. -- Es war einer der lichten
Augenblicke des Grafen, worin ihm diese Klage seiner Tochter
einleuchtete. Er erlaubte ihr nun spazieren zu gehen, wann, und wie
weit sie nur irgend wolle. Von dieser Zeit an ging eine Vernderung mit
Albanen vor. Als ob tausend Seelen in ihr erwacht wren, belebte und
erhhte sich ihr ganzes Wesen. In dem groen, kalten Schlosse war es wie
Frhling geworden. Die zarte Wange der jungen Grfinn, sonst nur schwach
gefrbt, war eine glhende Rose, ihre sanften Augen leuchteten wie in
einem seligen Fieber, und die grauen Riesen am Steinthor schienen im
Abglanz ihres Blickes zu lcheln. Anstatt leise aufzutreten, schwebte
sie nur, kein Unfall berhrte sie mehr, alle Gesichter erheiterten
sich bei ihrem Anblick, und selbst auf der finstern Stirn ihres Vaters
blhete eine kleine kmmerliche Freude an der reizenden Zufriedenheit
seines himmlischen Kindes auf.

Es ist bereits frher erwhnt worden, da mehrere Anwohner dieser
catholischen Herrschaft zu den Stillen im Lande gerechnet wurden; dies
nicht allein, auch die ersten von den Offizianten des Grafen gehrten
jener religisen Innung an. Darunter war der Oberverwalter, ein
schtzbarer Oekonom. Der Geschftskreis, den er mit der besonnensten
Umsicht versah, war gro, der seines Familienlebens hingegen klein.
Er hatte seine einzige Tochter Fabia dem Cassirer des Majoratsherrn
verlobt, und konnte sicher darauf rechnen, seine Tochter werde an der
Seite dieses redlichen Mannes, den sie mit ruhiger Neigung gewhlt,
eben so sicher zufriedne Tage zhlen, als dieser, von dem kein Error
zu besorgen war, die ihm anvertrauten Summen. -- Die junge Grfinn,
obgleich weder von Fabia angezogen, noch festgehalten, hatte durch
die Leitung des Zufalls, oder, um uns angemessener auszudrcken: einer
hheren Hand -- die fromme Braut kennen gelernt, und konnte ihr ein
Gefhl der Achtung nicht versagen. Fabia hatte einige Jahre frher
eine herzlichgeliebte Freundinn verloren -- unsere Leser kennen die
Geschichte jener Todten und ihrer Freundschaft -- und vielleicht war es
ein sanfter Nachhall jenes erschtternden Ereignisses, vielleicht ein
noch _innigerer_ Ton, was Anklang fand in Albanens Seele. Die stille
Weise, in der Fabia viel leistete, ihr gesetztes Betragen, der Tact der
Ruhe und Rechtmigkeit -- wenn wir so sagen drfen -- womit sie sich
bewegte, und das Ruder des Hausstands lenkte, bildete eine Art
von Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Zustande Jener, und wirkte
beschwichtigend auf sie ein. Albane empfand, da Verla auf Fabia zu
setzen, und konnte sich des stillen Zugestndnisses nicht erwehren, da,
in solch sichere Hand sein Schicksal zu legen, keinem Manne zu verargen
sey. Ein _festes_ weibliches Herz, dachte die junge Grfinn, wre
vielleicht ein greres Glck als Eigenthum, wie als Geschenk -- und
dachte doch mit Schauder, mit dem Schauder der Vernichtung, sie knne
einst dieses Stillstands, dieses Gleichmuths theilhaftig werden. --
Fabia sprach gelassen von der nchsten Zukunft, in der ihre Heirath
vollzogen werden sollte; der Schritt von ihrer heimathlichen Schwelle
geschah mit so leisem Bedacht, mit so viel Rcksicht auf das Grte wie
auf das Kleinste, was dem Vater zu Gute kommen knnte, da sein Kind
ihn verlassen msse, um dem Manne zu folgen -- da Albane auch dies
vergleichungsweise bemerkte und fhlte. Sie galt fr eine Braut der
Kirche; aber Frieden und Freudigkeit war nicht in ihr. Die Gegenwart
erfllte ihr Herz -- eine ungeheure Kluft trennte sie von ihrer Pflicht,
und an das Knftige vermogte sie nicht zu denken. Der neue Ehestand hob
jenen Umgang auf, wenn die weite Beziehung, worin die Tochter des Grafen
zu der des Oberverwalters gestanden, nmlich so zu nennen -- man sagte
die Comte krnklich, der Arzt kam oft nach Bonna, und Albane war
beinahe von Niemand mehr gesehen.

Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts
von dem jungen Ehepaare gehrt, ein Beweis, da es glcklich lebte. Da
ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Grfinn Albane gemeldet,
und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. -- Ein wenig fraulich
hatte Fabia sich doch verndert. Sie war hagerer als sonst -- die
frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den
Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet,
der um so schrfer hervortrat, als sie sich zu lcheln bemhte. -- Doch
ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, da
Albane kaum mehr zu kennen wre. -- Sie sa an dem einzigen Fenster
eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb dster war.
Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das
lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grnen duftenden Stauden ab, die
in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blhten.
Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm
auf dem Gesicht der Grfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frsteln
schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit -- es war im August -- einen
weiten Mantel von Seide. -- Dieser Anblick brachte Fabien um die
ihr eigenthmliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem
bestrzten Blicke nach der Ursache dieser Vernderung. Wie war diese
unvergleichliche Schnheit zerstrt! welches verwahrlosende Geschick
hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelscht? -- Zwar hatte
man lange schon von einer bedeutenden Unplichkeit der jungen Grfinn
gesprochen, und wie diese selbst fr die Diener des Hauses unsichtbar
wrde -- die Amme war sichtlich gengstet, doch schweigsam wie das Grab,
das sie fr ihren Liebling frchtete--: aber diese matte Blsse, diese
kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf
ein beladenes Gemth, als auf unterdrckte Kraft des Krpers hin.

Mit Fabien stand der Grfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare
Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhltnisse bewegte das Herz
im Busen der unglcklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren
Lippen, da sie nach dem Anla dieses lieben Zuspruchs fragte. -- Darauf
trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gtigst eine blaue
Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein groer Blumenfreund
sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wnsche. Die Grfinn
gewhrte dies und mehr, jede schne seltne Pflanze, die sich innerhalb
der Glashuser, oder im Bereich des Gartens berhaupt befinde, solle
zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergngen. Albane
erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der
zgernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lchelnd sagte: doch
diese Frage ist wohl vom Ueberflu. Sie haben aus Neigung geheirathet.
Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und
begnstiget durch ein Stillleben, was ich mir ber alle Maaen traut und
glcklich denke. Sie drfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken,
mit _jeder_ -- selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blht-- hier
stockte die Grfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine
aufquellende Thrne. Diese Seligsprechung einer Vermhlten im Munde der
grflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mute
die Frau des Cassirers befremden, und jene hchste Blthe der Liebe,
worin Albane das, was sie dachte, verblmte, auf der schaamhaften Lippe
eines Mdchens die zchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach
errthend: ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die gnstigste
Lage lt wohl etwas zu wnschen brig. Mein Mann ist brav, und hat
mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen
Gemths, besonders was seine Geschfte betrifft. Freilich ist sein Amt
verantwortlich, da der gndige Herr Graf-- Albane nickte, und Fabia
fuhr fort: dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da
verfehlt gewesen seyn -- damit hat eine Frau auch zu kmpfen. Er
verbittert sich manchen Lebensgenu, mein Vater spricht, es komme von
einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten
mit einer gewissen mitrauischen Klte ab -- und der Himmel ist mein
Zeuge! da ich ihm gern die Sonne zuneigen mgte. Endlich wnscht er
sich so sehnlich ein Kind -- und es wre hart fr mich, wenn dieser
Segen uns versagt bleiben sollte.

Nichts lockt so sicher Aeuerungen des Vertrauens auch aus der
verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt,
berschtzt wird. In diesem Falle drfte sich selbst der vorsichtigste
Geizhals in einer ohngefhren Angabe seines Vermgens errathen.

Die weie Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe
ab und zerpflckte sie in ihrem Schooe. Das Gesprch ward noch eine
Weile mit Wrme fortgesetzt -- dann ging Fabia. Spter hrte man von ihr
und ihrem Manne, sie htten ein Pflegekind angenommen.

Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an
einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewhnlich allein. Sie war
krzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah
man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Grfinn,
die schwerlich zu vlliger Gesundheit und Krften kommen knne, in ihrer
herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach -- sich die Thren
der Gruft eher ffnen wrden, als die Pforten des Klosters.--

Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Grfinn fragte
nach der Ursache dieser Betrbni: ein junges Lamm war ihm von der
Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige
Schfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach:
wenn ich das Verlorene nur wieder htte! das wre mir lieber als
Alles. Dieser kleine Vorfall rhrte wunderbar an Albanens Gemth. Dort
flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blhenden
Klee verschwinden; am Hgel tauchte er wieder auf, und hielt das
gefundene Lmmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust
gedrckt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, da es nun da sey, seine
Miene lachte entzckt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben
glnzte im Schein der sinkenden Sonne.

Die Grfinn sah thrnenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken
nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schnen Augen
berflo. -- Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und
starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran
gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen,
und konnte seine Betroffenheit ber ihren Anblick an dieser einsamen
Stelle nicht bergen. Albane fhlte ihre Wange erkalten, und stammelte,
da sie von einer jhen Schwche angewandelt worden sey, die ihr von
der letzten Krankheit anhnge. Der Forstmeister betrachtete dies holde,
tdtlich erblate Gesicht wie mit vterlichem Mitleid. Er bat, die
Grfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu fhren, die in der
Nhe sey, auf da sie sich daselbst erholen und eine kleine Strkung
zu sich nehmen knne. Er bat so herzlich, da Albane seine Gte nicht
ablehnen konnte. Whrend des Gehens untersttzte er die zarte Gestalt,
deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme
schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwrfe, sich als eine kaum Genesene,
unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. Ihr Vater,
liebe Comte, redete er treumthig weiter, dem die nchste Sorge fr
die theure Gesundheit seines Kindes zustnde, ist leider! dieser Obhut
nicht fhig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache,
auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung
Vaterstelle an Ihnen vertreten! -- Was sollte aus meinem armen Freunde
werden, wenn seine einzige Sttze vor ihm snke in das Grab? -- Und wenn
das so fortgeht---- Sie standen an dem Hause, Albane drckte die
Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen
leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem sdlichen Dach, das
getragen von der heitersten Wohnung, einem der hngenden Grten der
Semiramis zu gleichen schien.

Der Forstmeister fragte: ob die Grfinn sich wohl zu erschpft fhle, um
diese mige Hhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch uerte, lie
er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.

Es war ein himmlisches Pltzchen, und Albane geno zum erstenmale den
Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. Wie schn ist es hier!
eine wahre Augenweide! sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte
in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden
Wolkenschfchen therisch versinnlichten.

Ja, antwortete Romana innigst begngt, ich danke dieser Anlage manche
Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mgte. Und an
Gold mangelt es hier auch nicht. Die Sonne go eben ihren letzten Glanz
blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase
wie ein flssiger Rubin. Wie Viele mgten in ertrumter Gre mich
beklagen, setzte er mit heiterm Lcheln hinzu, whrend ich mein Glck
hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und
mit sich selbst umzugehen wei, entbehrt nie eines trstenden Freundes.
Wre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders -- er ist so wenig
froh -- so wrde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich
aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem
Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grne
Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jngling; und wenn ich des
Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von _diesem_
Holze da an? Er deutete auf das Kreuz.

Grfinn! fuhr Romana begeistert fort, und verga zu Wem er rede, wie
mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als
bei dem Einen: dem Heiland? -- Wie still ist die Seele, die Ihn liebt!
Sie geht gefhrt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo
Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein
leidenschaftlicher Mensch, ungestm in meinen Wnschen, meinem Begehren;
ich frchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte,
ohne da ich es eigentlich besa. Die Leidenschaft betubt, sie ist der
Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser
Glck zertrmmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen
gehorchen.

Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu
entgegnen: diese Ruhe des Gemths, diese Stille der Seele mgte wohl
eine Frucht gereifter Jahre seyn.

Der Forstmeister schttelte sein ehrwrdiges Haupt und sprach: das wre
traurig, liebe Comte. Dann wre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind,
und das Alter ruhete der Liebe im Schooe. Nein! wir sind nur blind,
bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefllt: er wird
frh oder spt merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glck
behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so
wundersam beschaffen, da, wo Niemand ihm streitig macht, was er
besitzt, er, _er selbst_ es ins tiefste Meer wrfe, zur Shne fr den
Himmel! Schon die Gesetze der Welt mssen das Juwel unserer Freuden
fassen, sollen wir es tragen knnen.

Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens
ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschttert, und als er ihr das Brod
und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als
gensse sie das heilige Abendmahl.

Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und
ahnete nicht, da er die Seele der Grfinn zerri -- wie vielen Kummer
ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trbsinn, durch
sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen
Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stnde. Es ist, fuhr der
Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, als ob ein Bann ihn hier gefangen
hielte, den der Herr lsen wolle! -- Was ihn hlt und hrmt: ich wei
es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten
Freunde!-- Ein gekrnkter Seufzer stieg aus dieser vterlichen Brust
-- Albane stand auf. Aber was ist Ihnen, liebe Grfinn? fragte Romana
bestrzt, Sie weinen? Sie zittern? Albane konnte den hervorbrechenden
Thrnen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie
machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Fen sinken.
Entlassen Sie mich--, bat Albane sehr leise, ich fhle mich krank.
Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Grfinn lehnte
dies ab, und sich auf seinen Arm. Er fhrte sie sacht und sanft nach dem
Schlosse, unwissend, da er seine Schwiegertochter leite.

Ach! die arme Grfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich
angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. --
Sie hatte den heien Bitten des Geliebten nicht widerstehen knnen,
sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen.
Nimmermehr, das wute Albane, wrde ihr Vater seine Einwilligung dazu
gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der
seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der
Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme
waren im Geheimni dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter
dem Schutz der Umstnde eine Tuschung der Art zu ermglichen, und bis
dahin dauernd zu erhalten.

Tief in der weiblichen Natur begrndet, liegt etwas Widerstrebendes, ein
geheimnivoller Wille, nicht zu wollen, was ein hheres Gesetz als sein
Geschlecht von ihm fordert, whrend der Mann, wo er im Kampf begriffen
scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten
Ueberzeugung gehorcht.

Der Gedanke an das Kloster war der Grfinn stets furchtbar gewesen,
und das Gefhl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung
gestrubt. -- Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit
aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berhrt -- er wute nichts.
Und wie mag ein weiblich Ohr, erfllt von den Stimmen der Liebe, und in
nervser Scheu vor jenem Glcklein der Kirche, das ber der absterbenden
Novize gelutet wird -- auf das Flstern religisen Zartgefhls hren?
-- Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhltni, ja selbst
der Reiz einer gewissen Gefahr erhhete die heimlichen Entzckungen
desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, da es
unentdeckt bliebe, seine Tochter wre vermhlt. Diese Gattinn, das freie
Eigenthum der Liebe, wrde dem Sylvius der ffentlichen Stimme nach,
nur ein kirchenruberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren
Lippen Weihe und Wonne. -- Als htte eine schtzende Gottheit einen
Schleier ber diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhllt.
Albane galt fr eine Himmelsbraut, kein schnder Verdacht schlich ihren
Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war ber jeden Argwohn erhaben;
wie htte man denken knnen, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des
Glaubens entziehen, fr den ihre Mutter gestorben? -- Das Bedauern
fr die junge Grfinn war so allgemein und innig, da man ihr jede
Seltsamkeit nachgesehen haben wrde -- und nachsah. Die Natur gab diesem
Bndni Unauflslichkeit, und jetzt fhlte Albane zum erstenmale, da
das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand,
unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehrt; denn schon die Gestalt
einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht
es unmglich, ohne Snde oder Sorge den hchsten Segen des Weibes zu
verheimlichen. Nur die Lage der Grfinn, so gnzlich abgesondert von der
Welt, und in diesem Vorzug -- dieser Begriff gelte fr jene Umstnde --
fast einzig und allein in ihrer Art, der blde Geist ihres Vaters, das
blinde Vertrauen dessen sie geno, das vorsichtige Verfahren des Arztes
und die erfinderische Klugheit der Amme halfen ber jenen schwierigen
Zeitpunct wiederholentlich hinweg. -- So waren Jahre verflossen. Das
Band dieser ehelichen Liebe schien an Sttzen gebunden, die tiefer
begrndet waren, als fr ein sterbliches Auge einzusehen mglich, es
war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, da die furchtsame
Besorgni Albanens, es knne zur Kenntni ihres Vaters kommen, allmhlig
nachlie. Sie ward endlich sicher.

Aber _die_ Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang
jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten
Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betubtes Herz dringt --
ward laut. Die Grfinn war lngst nicht mehr glcklich, wenn sie es
eigentlich jemals gewesen. Ihr Glck duchte ihr nur ein entzckender
Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerbltig erwacht wre. Ihr
ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen,
was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewutseyn ihrer,
seiner Liebe gengte ihr nicht mehr. -- Ein krnklicher Gram zehrte an
ihrer Gestalt, und ein Gefhl unsglicher Wehmuth, von trbem Grund der
Seele, bedrngte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander
sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: manches Herz
geht _ganz alleine_ seinem stillen Kummer nach-- Albane verkannte, da
der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wre. --
Geschah es, da sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hrte: so fhlte
sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher,
denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist.
Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre
Tropfen in ihr Auge, und die arme Grfinn htte all ihr Blut verstrmen
mgen, wenn sie eine Thrne ihres Kindes, _eine_ nur -- trstend htte
wegkssen drfen.--

In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich
wenig zu besinnen wute. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten
Bilde zurck; aber es zog allmhlig immer trauter und vershnender
ihr Denken und Sinnen an sich. Einst fhrte das Bedrfni innerster
Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thr sie sich ffnen lie.
Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter lie sie abheben, und diesem
Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge
geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weie Kleid war in
der linken Brustgegend hochroth gefrbt, als htte der Todten das Herz
geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser
erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! -- Um den eingefallenen
Mund schwebte noch der Schatten eines Lchelns, womit die edle Frau die
Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rhrung an dieser Sttte
der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwrfe htte nicht so dringend an
ihr Herz reden knnen, als dieser stille Anblick, der den Frieden der
Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den
Schmerz der Leidenschaft als sndlich empfand. -- Fuhr die Grfinn des
Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Bue in
die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr
Gefhl war ein frommes Heimweh. Sie wnschte sterben zu knnen an diesen
Tnen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein
schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser
Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemths ward
es helle. -- Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis
seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen
das Herz. -- Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem
Blinden auf irgend eine Weise Ansto zu geben: so wird ein zarterer Sinn
Anstand nehmen, den geistig Blden zu hintergehen. So war Albane sich
nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewut worden, die sie in
heier Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem grten nicht, shnen
zu knnen glaubte. -- Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das
Herz der Grfinn erschtterte, fand daher den Tag der Reife, und lsete
die Frucht der Selbsterkenntni ab, in einem Gedanken, den sie lange
getragen.

Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er
verga in der Heftigkeit seiner strebsamen Wnsche, da Albane, indem
sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabnderliches
gezeigt. Das se Geheimni, der unsichtbare Trauring, war ihm eine
Fessel, die er in mnnlichem Trotz abstreifen mgen -- er fhlte
sich beschrnkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine
jugendlichen Krfte an den Schranken der Welt zu versuchen.

Ich las heute, sagte die Grfinn in der Spte jenes Abends, an dem sie
seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, die entstehende Liebe ist in
einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wnschen bescheiden, nur
die glckliche Liebe hat nie genug -- da dachte ich an Dich.

Ach, Albane! lautete seine Antwort, wie knnte meine Liebe glcklich
seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als
dessen Ursache ich mich ansehen mu -- ich bin nicht im Stande, Dein
Herz ganz auszufllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen
Vereinzelung: kein finstrer Gedanke wrde Raum finden zwischen Dir und
mir.

Wie Du mich qulst, Romana! seufzte seine Frau, gnne mir den Trost,
das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden la mich
vorsichtig halten, das Gewebe der Verhngnisse ist zart. -- Und damit
Du das Wenige schtzen lernst, was Du an mir besitzest: so drfte es gut
seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in
mich, den Vater zu einer Reise von lngerer Dauer zu bereden, und auch
Dir, mein Sylvius, drfte eine weite Ausflucht eben einmal nthig seyn.

Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten
Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jngere
Romana glaubte jedoch nicht, da es dazu kommen wrde; aber der Graf
zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja,
es war, als ob dieser Entschlu seine Krfte aus ihrem lethargischen
Zustande aufgerufen htte. Er war zum Staunen der Seinen der
besonnensten Maregeln fhig, und Albane, welche diesen Lichtblick
bentzten zu mssen glaubte, frderte die Anstalten in drngender Eile.

Es gab mehr Leute, welche diesen gnstigen Zeitpunkt zur Erreichung
ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr
und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich
tchtig fr sein Fach, doch nicht als vertragsam gerhmt werden
konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgngers.
Dieser, rgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein
freundlicheres Verhltni einzuleiten; bei solcher Unfgsamkeit in nahem
Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, da Fabia
einsah, ihrem Manne wrde nicht nur sein Amt, sondern das Leben
verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. --
Aber dieser Gutsherr war so wenig zugnglich, wie ein Fels im Meer, und
einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden.
Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen lie, und ihn dieser
gesammelten Geistes und beraus gtig fand, erschrak er fast vor Freude,
da der Blthenmoment fr seine Angelegenheit so pltzlich gekommen
wre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde ber den
Oberverwalter, und der Graf verfgte ohne Weiteres, da der Antagonist
desselben als Rentmeister nach Bhle versetzt wrde. -- Er hob
bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter
Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia
hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte
heitre Stunde; aber diese war auch fr lngere Zeit die letzte. Nachdem
die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fhlte er
sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor
seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen lie, ihm
Papiere von Wichtigkeit zu bergeben, raffte Dieser sich mhsam auf, die
Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.

Graf Frankenstern war heute nicht vllig so klar, als er ihn das
letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen,
und schritt nach dem Flgel, den seine Tochter bewohnte, Aufschlu von
ihr zu fordern.

Die Grfinn war nicht da -- und als ihr Vater unverrichteter Sache in
seine Zimmer zurckkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewlbe offen,
worin Silberzeug und kostbare Vorrthe verwahrt wurden. Welche
Unvorsichtigkeit! murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte
die eiserne Thr nach Auen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf
der Schwelle. Eine Truhe war geffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich
zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter
hing ber dem Deckel, Bschel getrockneten Lavendels lagen verstreut
am Boden, und ein starker Geruch erfllte den khlen Raum. In
einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhht, jenes
Schmuckkstchen, das unsre Leser kennen. Eine schne, doch schadhafte
Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund
-- schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust
steckte eine kleine verwelkte Rose.--

Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. Freund!
sagte er hinter sich gewandt, Sie knnten mir einen Gefallen thun --
und Sie werden es! setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, in jener
Chatoulle dort ist der Familienschmuck -- nehmen Sie ihn zu sich. Meine
Tochter hat den Platz fr die Kleinodien des Hauses-- hier lchelte
der Graf dster--, seltsam gewhlt; ich mu diesen Fehler verbessern.
Mitnehmen kann ich das Kstchen nicht, und mu es daher whrend unserer
Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlssiger Mann, ich
wei Niemand, zu dessen Redlichkeit ich greres Vertrauen htte.

Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen,
und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den
die kranken Nerven desselben nicht vertrgen. Auf einen Wink hob er das
Kfferchen hinweg, und bat um den Schlssel. Albane wird ihn haben--
versetzte der Graf in Scheu und Hast, verlassen Sie Sich jedoch darauf,
ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichni des Inhalts kann ich
Ihnen sogleich suchen. Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach
dieser Liste, und es whrte lange, ehe er sie fand.

Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kstchen
auf seinem Schooe; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren
Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war
herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als
Jener es mit bebender Hand empfing: das ist ein schlimmer Frost, und
Sie sind so leicht gekleidet! -- Wahrlich! ich htte ihnen unter diesen
Umstnden den Ueberrock nicht bel genommen; vielmehr verbinden Sie mich
durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an!
die Abendluft knnte Ihnen schdlich werden.

Unter dieser gndigen Frsorge, obgleich sie gewi redlich gemeint war,
verbarg der Graf mit der eigenthmlichen Schlauheit Derer, die in der
Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister
mgte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.

Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam
kommen sah. Er war leichenbla, unter einem dunkeln Mantel, der in der
Dmmerung wie schwarz lie, trug er einen zierlichen Kindersarg,
und seine Schritte schwankten wie die des Trgers einer Bahre. --
Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthre entgegen;
aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers,
setzte das Kstchen auf den Tisch und sprach mit erschpfter Stimme:
ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis
hierher -- nun der Himmel wei es -- wie sauer er mir geworden! ich ging
gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trge ich eine
Weltlast, die immer schwerer wrde. -- Ist denn das Kstchen wirklich so
schwer? die Juwelen der grflich Frankensternschen Familie liegen darin,
und ich wnschte wohl, ich wre der Ehre, sie zu bewahren, berhoben
gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge -- ich kam mir wie ein
Todtengrber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.

Fabia warf einen bekmmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die
Chatoulle, welche durch ihre Form diese wste Idee erregt haben mogte,
und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: das Kstchen
hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine mten schwerer in das Gewicht
fallen.

Nun drang Fabia darauf, da der Kranke sich sogleich zur Ruhe begbe;
und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte,
der Oberverwalter htte ihm die Demanten aus Christi Krone verflscht,
sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt
habe -- pflckte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, da
sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er she eine Unzahl Motten um
das Licht flirren.--

Fabia, dies Muster huslicher Ordnung, konnte die Vorwrfe des
Fiebertrumenden ungekrnkt anhren. Sie lchelte beklommen, und starrte
verstrt in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die
Beschlge der Chatoulle unheimlich blinkten. -- Gegen den anbrechenden
Tag hrte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche ber die Schlobrcke
drhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und
kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da
rollte der Wagen vorber und verschwand in der grauenden Frhe, und
Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines gengsteten
Herzens: Sey mir gndig, Gott, sey mir gndig; denn auf Dich trauet
meine Seele! -- wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und
Deine Gte ist trstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn
im heiligen Schmuck-- Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der
Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.

Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle -- wendete Fabia die volle
Lichtseite ihres Charakters zu, und es wre heilsam fr trbe
Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rhmen, die
unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefllt, als
diese werkthtige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher
als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen
krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft
der Geduld seiner Frau in bestndiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom
seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth
siegte ber jede Unbill verdrlicher Launen ihres Mannes, ihre klare
verstndige Handlungsweise lag offen da vor seinem mitrauischem Blick;
stets achtsam auf ihre Pflicht versumte Fabia nie, was ihr zu thun oder
zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit
seine Gattinn alles Mgliche von sich forderte, und nicht viel
weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch _widerwillige_ --
Zufriedenheit mit seinem huslichen Glck ab.

Diesmal machte ein bsartig galligtes Fieber den Rentmeister fr lngere
Zeit unfhig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend
ein. Fabia schrieb eine schne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche,
war sie unfehlbar in jeder Art der Buchfhrung, und deshalb wohl
geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich
auch diesem Geschft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen
seiner Pflege und seinem Beruf. Wir knnen uns nicht enthalten, hier zu
sagen, wie wichtig es sey, da eine Frau den Beruf des Mannes ehre.
Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafr auch ein Gesetz der
Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt
werden mu. -- Auch von dieser Seite htte ihr bitterster Feind unsrer
Fabia nichts zur Last legen knnen. Dies, wie berhaupt den reellen
Werth seiner Frau, wute der Rentmeister auch zu schtzen, und
vielleicht war es mehr ein Bedrfni seiner Krankheit als seines
Herzens, da er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd -- so gar
tief empfand. Das liebenswrdige Pflegekind fllte diese Lcke nicht
aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten
verletzt, kmpfte sie oft mit Thrnen, wenn ihr Mann mimthig gegen die
Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine
Anklage fr sie selbst enthalten konnten.

Wie aus einem Stein entsprungen, sagte er dann wohl, wie von der
Sonne ausgebrtet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben
und zu sterben. Der natrlichste Trost fr eine verwaisete Jugend, der
Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine
Thrne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und
keine Blume spriet aus der trocknen Erde meines Grabes.

Da weinte Fabia schon jetzt. Du schneidest mir mein Herz entzwei--
sprach sie mit unterdrckter Stimme. Wir wollen uns nicht versndigen,
Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wre, etwa behaftet mit
einem Fehl, oder erbrmlicher Art, dessen klgliches Geschrei Tag und
Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu
grerem Jammer bald wieder entrissen wrde?-- Auch ein stummes, auch
ein todtes Kind wre ihm lieber als keines -- gab der Rentmeister in
eigenwilligem Trotze der besnftigenden Vorstellung seiner Frau zur
Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu
enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener
heidnischen Worte: ihnen zur Strafe erhren die Gtter der Sterblichen
Wnsche!--

Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters
gewesen. Spter hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, da
dies ersehnte Glck ihnen noch werden knne, und sich mit ganzer Liebe
-- so weit Fabiens Gemth derselben fhig war, und der krnkliche
Zustand ihres Mannes sie zulie -- der Erziehung der kleinen Josephine
gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte,
ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der
Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schn;
aber so recht wohl wollte es ihr in Bhle nicht werden. Dazu kam, da
ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein
verdrlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und
verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung fr immer
verstrt wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken -- war
unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an
ihre Uebergabe schlo, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand
der Rentmeister so viel Geschfte, deren Abschlu ihm bei seiner
Ortsvernderung dringend anlag, da es ihm gengte, dies anvertraute Gut
wohlverschlossen zu wissen. -- Einst aber sprang ihm das Kstchen
ins Auge, und er verlangte den Schlssel dazu von seiner Frau. Den
Schlssel? fragte Fabia befremdet, ich habe keinen je gesehen. Du
brachtest das Kstchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich wei mich
jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.

Der Rentmeister besann sich jetzt, da der Graf den Schlssel hatte
schicken wollen, und er muthmate, da es in der Verwirrung der Abreise
vergessen worden wre. Einen Schlosser kommen zu lassen, da dieser den
innenliegenden Reichthum she, dazu war der Rentmeister zu furchtsam.
Ein krankhaftes Mitrauen verursachte ihm und Andern gar manche unntze
Qual -- und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit
einstweilen auf sich beruhen zu lassen.

Nach lngerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bhle, die
daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem
Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu,
ihren Nachla zu reguliren, und somit eine Menge Schlssel in die Hnde,
darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche
gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich
ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des
Unglcks in dem Gedanken, einen jener Schlssel an dem Kstchen zu
versuchen, ob es sich ffnen liee. Das knstliche Schlo widerstand
dieser Probe, doch erhitzt vom bsen Feind, der nicht selten in Gestalt
der Neugier den Menschen berckt, that er ihm Gewalt an. Die feine
Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf -- und der Rentmeister
blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des
verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet
war -- und auf dem atlanen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und
Brustschleifen geruht, lag, in weiem Battist gewickelt, der Leichnam
eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, da er kaum zu erkennen
war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkrperlich, so gewesen -- sah das
winzige Gesicht unter einem tiefen Hubchen hervor, dessen Form fr ein
Mdchen zeugte. -- Ein schwach gewrzhafter Geruch war die erstickte
Luft dieses kleinen Grabmals.

Als Fabia mit heien Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren
Mann selbst erbleicht. Sieh hin! sagte er mit blulichen Lippen, der
Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein
um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den
Majoratsschmuck ersetzen mu. Wer wird mir denn glauben, da ich dem
Worte eines Wahnsinnigen trauete? -- Darum fand sich der Schlssel
nicht, und ich -- ich leichtglubiger Thor! ladete mir ein fremdes
Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwhnische Vorsichtigkeit
getadelt? Du siehst nun, _wie_ vorsichtig ich war!--

Zum erstenmale verlie Fabien ihre Fassung. Sie stie einen leisen
Schrei aus, und stand entfrbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich.
Mein Herr und Heiland! stammelte sie, das ist ganz erschrecklich! der
Verstand steht mir still.

Der meinige ist hier zu Ende-- fuhr der Rentmeister fort, Was soll
ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? da ein Zufall
diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mrder
stemple? -- Ich habe nicht Lust, zum Lohne fr Treu und Glauben auf dem
Schaffot zu beschlieen.

Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren
Mglichkeiten zu berbieten. Sie sprach aus gengsteter Seele: ach!
warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hie Dich dies
Behltni ffnen? -- Das Kind lge fein stille vor wie nach, und wir
wten von nichts. Das arme Wrmchen!-- Und mit gewundenen Hnden
niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die
unglckliche Albane wohl genagt haben mogte.--

Was redest Du doch, Frau? rief der Rentmeister erzrnt, es htte
lngst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine
Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb
wurden die Anstalten zu jener fluchwrdigen Reise so schleunigst
getroffen, als wie auf der Flucht -- der Sohn des Forstmeisters ist
auch fort in die weite Welt; die Frchte ihres Leibes fallen Anderen zur
Last, und von ihnen heit es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf
wird seine Diener loben.

Du vergissest, lieber Mann, fiel Fabia betubt ihm in die Rede, da
man die Grfinn todt sagt. Ach! ihr wre wohl, wenn solch ein Weh auf
ihrem Leben gelastet htte. -- Graf Frankenstern aber und der junge
Romana mssen doch einmal wieder kommen.--

Die werden sich hten-- entgegnete Fabiens Gemahl. Der Alte -- ich
meine den Grafen -- hat um dies gruliche Geheimni gewut: nichts ist
gewisser. Die Hast, womit er mich nthigte, das Kstchen anzunehmen, ist
mir deutlich im Gedchtni. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt;
denn es wollte mich erdrcken, als ich es mir nach Hause trug.

Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein gttliches Strafgericht
an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu
Theil geworden, was er fr besser hielt, als das weise Versagen seines
Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! -- Sie selbst verstummte vor
dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.

Die unglckliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der
Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine
Lebenskrfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund.
Wir wissen, wie er nach krnklichen Jahren kurz vor seinem Ende die
Beruhigung geno, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mute, den
Seinen eine Sttze hinterlassen zu knnen. Sterbend legte er in die
Brust des wackern Administrators das Geheimni nieder, was ihn zu Tode
gedrckt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit
offenkundig zu machen.

Nachdem sein Bruder bestattet worden, lie Herr Prlat bei nchtlicher
Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von
der das Stift den Namen fhrt. Die Maurer mogten whnen, sie vergrben
einen Schatz -- aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz.
Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schlge hallten
schaurig von den stillen Wnden wieder.

Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. Was blickst Du so dster,
Fabia? flsterte ihr Schwager, verlasse Dich darauf, ich bin zwar
nicht so bibelfest wie Du, wei aber doch, da, wenn ein finstres Werk
zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden
mssen. Darin lasse Alles sich fgen, wie es des Himmels Wille ist!--

Als die Grfinn, der heimischen Gegend entrckt, fremde Luft sog,
athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die
leidige Welt versnke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Fen,
und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trbe Strom, worin
Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwrts, so wie die Rder
des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit
mssen leidenschaftliche Gemther zuletzt vor ihrem eigenen Glcke
fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser
tiefe geistige Genu, ist ihnen das einzige Bedrfni. Weinend wenden
sie das Auge von jenem sen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht
dauern kann, und streben nach Selbstbewutseyn. Sie wissen, wie bald das
schwache Herz erliegt, wie nthig ihm eine Sttze sey. Das Glck aber
fordert Kraft zur Ausdauer -- des Himmels Seligkeit, unser hchstes
Streben, whrt ewig. Die berspannte Saite springt jedoch mit einem
Wehlaut. -- Vielleicht hatte eine gewisse Uebersttigung von Geheimni
das Verlangen in der Grfinn erzeugt, de zu bleiben, ohne irgend eine
andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen
Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer
khnsten Plane -- so viel gelitten und nur Gott bewut--: da ein
vlliges Nichtseyn ihr dagegen wnschenswerth erschien. Da sie spurlos
verschwnde, sich und Andern, das htte Albane wohl gewnscht. So war
diese Reise vorlufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von
mancher Seite erlsend fr sie wre. -- Auch waren Grnde dazu vorhanden
gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart
verhllen, da nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt,
der Grfinn vertrautester Freund, hatte ihr erffnet, wie er von hoher
Behrde aufgefordert worden sey, ber den Gesundheitszustand ihres
Vaters und sein geistiges Vermgen Zeugni einzusenden. Der Staat trage
billiges Verlangen, unter der Befugni, fr eine bedeutende Seelenzahl
zu sorgen, deren Aufsicht unmglich einem Geisteskranken anvertraut
bleiben knne, das schne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen
Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anstndig zu
pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, da der Bischof, in Kenntni
von dem Gelbde der Mutter Albanens, sich hchlich wundere, wie und
warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange
vorenthalten werde? -- Auch von dieser Seite drohe den Verhltnissen
der Grfinn ein Angriff. -- Sonach sey es an der Zeit, sich diesen
Anmaungen zu entziehen.

Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines
Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er
gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der
Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise
entschuldigt haben wrde. Da war kein trges Sumen mehr. Gleich einem
schlafenden Funken, den ein Hauch pltzlich weckt, leuchtete er auf,
und entbrannte auch wohl im Zorn ber so manchen Mibrauch, der sich
eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr
zeigte, als der gtige Schtzer seiner Unterthanen gegen die Strenge der
Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht -- und errthend vor Freude,
schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.

Doch nur fr diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche
Ohrenblserei desselben zu thtiger Umsicht entflammt worden zu seyn.
Er sank alsbald wieder in seine gewhnliche Apathie zurck, und fuhr mit
geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne da ihre schnsten
Wunder vermogt htten, nur mit einem Strahl gttlicher Offenbarung an
seinen finstern Geist zu dringen.

Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verlie ihn nie; die Pflicht
der Sorge fr ihren Vater erfllte jeden ihrer Augenblicke. Auch
bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode qulte ihn
abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner
Lebensruhe knne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zge, wie
man nur in der Heimath schlafen zu knnen meint. Ein bestndiges Fliehen
trieb ihn rastlos umher, und die Geiel der Menschheit vereinigte sich
mit diesem unstten Drange, ihm keine bleibende Sttte zu gnnen.

Der Ausbruch des Krieges hatte das Land berschwemmt -- die Gter des
Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug
zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in
verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen
vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der
Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges
getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlsser in Auswahl zum
Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten bentzten. Der Oberverwalter
sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die
Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mute in Allem fr
sich selbst stehen.--

Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet,
leicht fr wahr angenommen, da ja die Grfinn immer krnklich gewesen.
Eine authentische Besttigung war unter jenen wsten Umstnden nicht
einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche
Folge dies hatte. Zweifel wre hier Glauben gewesen -- Glaube der
Liebe!--

Als die Grfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die
Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr
Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine
sinnige Sage uns erzhlt -- nachdem sie ihren Gatten, den zu trsten sie
aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen,
ob auch nur einen Augenblick lang -- willig in die Hlle zurckgekehrt
sey, auf ewig. -- Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten,
unauslschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an
den Hals ihres Vaters, und das ungestm klopfende Herz begehrte Zuflucht
bei ihm. Sie verga, da der Graf ihr Geheimni nicht kenne. Sie wute
nicht, da Sylvius sie fr todt hielt. Die Grfinn dachte endlich nicht
daran, da sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte.
Aber nichts destoweniger fhlte sie unter heien Schmerzen, wie sehr sie
ihn geliebt, und da er sie nicht vergessen drfen noch sollen. Jener
Moment, der sie davon berzeugte, hatte eigentlich und weit anders als
ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.

Dies also war die Liebe-- sagte Albane mit dem wunden Lcheln einer
frischen Krnkung, der ich mein Seelenheil geopfert!? -- O Gott! so
lieben Menschen, -- _Mnner_! O meine Mutter!

Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wre denn die Rckkehr
nach Bonna gewesen. -- Nach und nach spannten ihre Gefhle sich ab, und
eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um
das zertrmmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der
Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekrnkter Liebe nicht.
Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene
Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefhlt, da ist der Schmerz
jenes Wissens grer, als der ihrer Erfahrung. Wer getrstet seyn will,
darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel
Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.

Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Krper schien
gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstrende
Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit
zurckgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel -- aber mit
ernsten Gegenstnden. Er interessirte sich fr Politik -- allein nur
in Gemheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender
Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und
legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. Ach! sagte er dann, und
deutete traurig auf die hohen Sthle, Sie schweigen, meine Tochter! ich
hoffe wenig. Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr.--

Die Grfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter.
Sie schmckte sich geduldig, wenn er es fr solch eine Zusammenkunft
wnschte, sorgte fr eine vornehme Bewirthung, die unberhrt blieb, weil
nur Geister zu Gast waren -- und machte ihm allen Willen, wie man einem
kranken Kinde thut. Mit trumerischem Lcheln starrte sie in die wste
Leere des Zimmers -- nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber
jener Friede, welcher hher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr
einzukehren.

Vorzugsweise beschftigte den Grafen _eine_ welthistorische Person: der
beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie
war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen
-- und htte lieber gesehen, da Jedermann diese Erste Frau auf Hnden
trge.

Heut kommt Josephine -- sie hat es mir geschrieben, sagte der Graf und
blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, binde Dir ein besseres
Halsband um, meine Tochter.

Albane erblate. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres
Busens auf. Wenn das wre, antwortete sie mit wankender Stimme,
dann htte ich nur _einen_ Schmuck--: zahllose Perlen! Perlen aus dem
tiefsten Meer! Und ber ihre Wangen rollten Thrnen, in denen ein Glanz
von Freude schimmerte.

Die groe Tragdie des Krieges war aus, die Vlker steckten das Schwerdt
in die Scheide, die Frsten zogen ruhmgekrnt nach Haus. Gras wuchs ber
den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blhte die
segensreiche Aehre am schnsten. -- Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als
wre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er drfe nun auch heimziehen.
Er sehnte sich nach Ruhe -- nach einer neuen oder vielmehr alten
Ordnung der Dinge. Albane, sagte er, ich habe es nun satt, dies
Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bhle-- ein leiser letzter
Schauer vor Bonna rieselte ber seine Nerven -- hrst Du? meine
Tochter? Dann setzte er hinzu: Sanct Capella ist nicht weit von dort.

Die Klster sind aufgehoben-- antwortete die Grfinn, indem sich bei
dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, vllig entsagend,
alle Wnsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhllt hatte.

Nun, das Stift steht ja noch-- versetzte Jener, als wolle er sich
nicht merken lassen, da er daran nicht gedacht. Nonne kannst Du nicht
werden-- fuhr der Graf wie befreit fort, nicht Seine pbstliche
Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon
gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine
wohlthtige Tochter geworden, fr mich alten schwachen Mann!

Da weinte Albane laut. Sie fhlte sich entsndigt, und da die Liebe des
Gesetzes Erfllung sey.

Die Zurstungen zur Reise wurden nun getroffen. Wie werde ich Alles
finden? fragte die Grfinn sich tausendmal. Das Thor der Mglichkeiten
that sich weit vor ihr auf -- doch der knftige Tag ist den Sterblichen
verschlossen.

       *       *       *       *       *

Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem knftigen Wohnorte wieder.
Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berhrt von seinem Mantel; ihre Hand
liegt in der seinigen--; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Lnder,
welche Constanz durchreist, liegen fhlbarer noch fr seine Gattinn,
zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd -- wie von einem
dunkeln Jenseits herber. Jener rhrende Zauber, womit die geliebteste
Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft --
und Therese hrte nur, da ihr Mann etwas heiser sey. -- Sie blickt in
den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooe hlt, weil Constanz,
um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens
geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens,
das auch ohne _Hut_ und deshalb bel gefahren ist -- und ein fremder
Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. -- Die Fahrt
geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift
nicht losreien, und doch, so wie der unermeliche Himmel sich vor ihr
ausspannt, spannt ein geheimnivoller Aether die Flgel ihrer Sehnsucht
nach der Ferne.--

Erzhle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden-- sagte Constanz zu
seiner schweigsamen Gefhrtinn, und vergnne, da ich Dir still zuhre.
Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftrhre
verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glcklich in Sanct Capella
gelebt.

O sehr glcklich! antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth;
und der Accent dieser Versicherung htte ihren Mann beleidigen mssen,
wenn er innigere Ansprche an seine Frau gemacht.

Der Ort ist doch wirklich zauberisch schn gelegen, fuhr Therese fort,
und lt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter
uns, das ist denn ein ganz anderes Verhltni, als die Verbindungen in
Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen -- Eine Familie gleichsam --
und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der
Charaktere, welche dazu gehrt, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm
einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. -- Welch ein kstlicher
Mensch ist der Bruder! nur gesunder mchte ich ihn wnschen, obgleich
er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia -- wie
eine Mutter war sie fr mein Bestes bedacht. Man mu sie nur kennen.
Wer sie aber kennt, schtzt sie gewi. Sie gleicht einem sen Kern in
sprder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen
hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine
heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Snde den Menschen
verzeihen knnte! -- Da ist nichts von der finstern Verdammni zu
spren, die Niemand selig werden lsset, der die Welt ein wenig lieb
hat. Schwester Veronica ist sanftmthigen Geistes, mild gegen Jedermann
-- kein feindlicher Gedanke, kein gehssiges Gefhl fnde Raum in ihrer
friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser
Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die grte
Rhrung hren. -- Dafr scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu
seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl
gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt,
einmal von Engeln emporgetragen.

Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese-- fiel hier Constanz
seiner Gattinn in die Rede, und ich htte Dir so viel Sinn fr
_klsterliche_ Vorzge kaum zugetraut.

Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie
sprach: von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica
konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat
sie ber die tollen Lgen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der
Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden,
ich denke mir, er geniet das Vergngen eines Fabeldichters, der aus dem
Stegreif erzhlt, und gnne es ihm.

Und der Major? mit diesen drei Frageworten strte hier abermals
Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, dem
scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.

Therese errthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und
hherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie
schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: o! das ist auch ein
excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir vterlich gut, und
ich htte ihm zuweilen die Hand kssen mgen.

Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen
Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das
Gedchtni knpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: dieser Major
Feldmesser--

_Feldmeister_, berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, hat
mir auch sehr gefallen. Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm
einen schnen Blick zu, und erwiederte: er ist der beste Freund Deines
Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig
machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.

Nun der Schatten darf Deinem Gemlde auch nicht fehlen-- versetzte
Constanz, doch das Schnste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt
aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswrdige Geschpf, erquicklich in
seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blmchen Augentrost.

Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste -- das Lob
einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres
Gemahls hrt. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: es ist ein
seelengutes Mdchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben knnte. --
Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Krften
wird viel aufgebrdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen
mglich ist.

Das se Lamm! sprach Constanz mit regem Bedauern, doch nach dem
Sprchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.
Ein diplomatisches Lcheln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild
von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurck
versetzte, so kam er durch eine sehr natrliche Association der Ideen
auf die Frage: wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?

Du meinst, wir htten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage
ich Dir! versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber
ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen
Freuden des Stiftes glnzend verdoppelte; ihre Rckblicke zeigten Alles
in erhheter und reinster Potenz. Des Abends waren wir zusammen, und
spielten Whist oder Schach-- setzte sie mit fallender Stimme hinzu,
und der Tagesbericht der muntern Kostgngerinn von Sanct Capella endete
in einem leisen, ernsten Seufzer.

Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde --
nicht wahr? fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und
zupfte seine Frau an einem Lckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen,
als ob sie am Gewissen gezupft wrde.

Nicht immer--, antwortete sie halblaut, ich war auch bisweilen im
Verlust. -- War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der
Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz
bewegte? -- Genug, die Wage seines unplichen Gleichmuths schwankte,
und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzge, womit
er sagte: da Deine Zeit so mit Vergngen besetzt war, wie ich zu dem
meinigen hre, -- so fandest Du wohl wenig Mue, meiner zu gedenken?--

So htte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewut,
da ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete
tiefsinnig lchelnd: es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.--

Wo hast Du die Phrase her, Therese? fragte Constanz, erstaunt ber das
Wissen seiner Frau, und ber die Anwendung, welche sie von jenen Worten
machte.

Ich schlug sie jngst in einem Buche auf, worin der Bruder las--
sagte die schne Frau, welcher der Verfall des ganzen rmischen Reichs
brigens sehr gleichgltig war.

So bin ich noch Deine Welt? fragte er seltsam heftig, und neigte sich
zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst
erwrmt, fiel wie ein Mondstrahl, khl und geheimnivoll, in das Dster
seiner Vorstellungen.

Whrend der lngeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch
freundliches Geschwtz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei
verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen,
so war's vielleicht, da er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. --
Das Bedrfni der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal fr die Liebe.
Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser
Andere schon verkrzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefllt,
bedarf nichts als des Glckes, bei ihm zu seyn. Liebende sind -- ist ihr
Verhltni in der Ordnung -- Sich die Einzigen, die da leben: denn
jede junge Ehe wiederholt die Schpfung, und der Athem Gottes hat
millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging.
Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas auer
sich merken, und mit jenem Bewutseyn, was der Liebe heiliges Glck
vernichtet, ihr Gefhl verhllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke,
oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels,
der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen
Dornen und Disteln der Erbsnde, und das Kind der harten Erde wird mit
Schmerzen geboren, wissend, da es sterben mu!--

Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner
Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegnnt, sahen sie die schne
Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In uerster
Erschpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war
durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geder am Halse
hpfte, in jeder Fingerspitze hmmerte ein Puls. Sie war zu mde, um
sich ngsten zu knnen, da Constanz sich unwohl klagte. Dein Husten
pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton, sagte sie unter einem
nervenfrstelnden Rckenschauer zu ihrem Manne. Ich denke, wenn Du
wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.

Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun-- antwortete Constanz mit
mattem Lcheln, und schlo die entzndeten Augen vor dem Husermeer, was
der letzte Abendschein vergoldete.

Das wolle der Himmel geben! erwiederte Therese unschuldig auf jene
berhmten Worte.

Indessen dmmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur
Mezeit, und trotz der abendlichen Spte ein wogendes Gewimmel in den
Straen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte,
rckte jedoch nur langsam vorwrts, und hielt am Engel, einem Hotel, das
hinsichtlich seiner Vorzglichkeit so hoch ber die Adler und Sterne
der besten Gasthfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds ber die
menschliche Unvollkommenheit.

Therese erschrak, als die groen Laternen zu beiden Seiten des
therblauen Schildes, worauf der weie Engel, mit einer Palme in den
Hnden, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen
lieen; es war todtenbla, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme
Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmchtig
in einen Stuhl. -- Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede
Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte
kommen; doch als er eines Sylbenlautes mchtig war, forderte er einen
Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde.
Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Hnden eines flinken
Dienstmdchens das Bett, wonach Constanz sthnend verlangte; der Tisch
war gedeckt, die krftige Suppe dampfte -- aber der Kranke schttelte
sich gegen den Genu, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.

Eine tdtlich lange Stunde war vorber, und der Doctor noch immer
nicht da. Das Kommen an der Hausthre, das unaufhrliche Gehen auf
dem Vorsaal, der Laut jeder mnnlichen Stimme im Flur, tuschte die
peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er
seufzte nur.--

Unglcklicherweise hatte man fr das Erkranken eines Herrn, der mit vier
Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden.
Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib
pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen
Aerzten hat das Gefhl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge
fr das Leben Anderer verschlungen. Sie fuen fest auf der begrabenen
Welt, die einen dstern Lorbeer fr sie trgt.--

Jener Primus der Mediciner dieser Stadt sa bei einem Abendschmause,
kaum frugaler als der in Voens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem
Collegen aus Hamburg, den der Pchter redend darin einfhrt -- als der
Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit
zuvor volle Genge und gtlich, ehe er ihm Folge leistete.

Endlich rollte sein Wagen vor. Der Regierungsrath kommt-- rief der
Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die
Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfhig, der
Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravittisch dem Bette zu,
nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und fate den Puls des Kranken.
Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen
prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz
schlug flchtig; doch ihr Athem stockte.--

Eine schlimme Halsentzndung ist im Anzuge-- war der Ausspruch, wobei
Therese ihren schnen, freien Hals wie zugeschnrt fhlte. Ein Wundarzt
mu schleunigst herbeigerufen werden-- setzte der Doctor dictatorisch
hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszge des Kranken, der
taub und glhend, wie in den Schmerz von Flammen eingehllt, da lag, und
kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh -- von sich
gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach
kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang
seinen Namenszug in eine groartige Hieroglyphe. Dann schnitt er -- mit
der Scheere der Parze -- den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem
Aufwrter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu
tragen.

Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann
entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurck
zu kehren; unbekmmert darum, ob auch wissend -- da ein bedeutenderer
Mann hier strbe.

Verlassen _Sie_ mich nur nicht! flehte Therese den Wundarzt an, der,
ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf -- ihr versprach, die
Nacht ber da zu bleiben. Auch wird es nthig sein-- sagte er, um
diese Maregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntni der Gefahr
zu rechtfertigen, der Herr Gemahl haben die Brune.

Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl
gefhrlich werden konnten, und fragte furchtsam: die Brune? an der
sterben doch wohl nur Kinder?--

Der Wundarzt schwieg; ein Lcheln trber Erfahrung, ein leises
Achselzucken nur, war seine Antwort.

Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel
auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.

Welch eine Nacht! -- doch auch die Schatten der bngsten zerflieen.

Als der goldne Morgen heraufstieg, zerflo Therese in tausend Thrnen:
Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der
Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zgen
Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam!
die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens
Leichtsinn -- es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an
dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.

Eine Stunde frher-- hatte der Wundarzt unbedachtsam geussert, und
der Kranke wre zu retten gewesen; jene Stunde der Sumni, am Tische
des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten
gab.

Das Gerusch des Tages erwachte, der Markt fllte sich mit Menschen, die
Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgltige
Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien
frhlingsheiter -- sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? -- die
furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemth
der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so da sie zu erliegen
glaubte. Sie fhlte sich frchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner
des Stiftes, die ruhig trumen wrden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich
sank sie in eine fhllose Mattigkeit.

Wie ungemein dies traurige Ereigni nun auch war, so konnte der Wirth
zum Engel, bei dem Gedrnge seines Hauses, sich nur auf flchtige
Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er bernahm die Meldung bei den
Behrden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun fr weiteren
Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gste mit jenem interessanten
Vorfall zu unterhalten. Zum Trster war der practische Mann ohnehin
nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst fr den
freudigsten Zweck, keines geschftsmigen Bestellens jemals fhig
gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wnsche, da ihr Gemahl
begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maa zum Sarge zu
nehmen, kam, und dem Schlosser Gehr geben, fr den der Wirth bat, da
er die Arbeit bekme. -- Ich beschwre Dich, Fli--, sagte sie
mit gerungenen Hnden zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen,
leidtragenden Seele, berhebe mich dieser Menschen, die hrter sind als
ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es lnger nicht aus,
ihnen Rede zu stehen.

In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern
summte das Gewhl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu
empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefhl von einem tiefen Fall. Wie
im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr,
als ob Fabia sprche: Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich! _Eine
Wittwe!_ diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische
Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglckt hatte. Die
Glocken hallten mit tiefen Tnen dies Wort -- die Stille flsterte es
nach, und die Reiseuhr, die noch regelmig ging, da die Zeit ihres
Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, da es
wirklich wahr sey. -- Auf einmal fragte sie scheu und leise: hrtest Du
nichts, Fli? Nein, antwortete der Bediente, ich glaubte, gndige
Frau wren eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafr. Ach! fuhr er
sein betrbtes Herz erleichternd fort, zur Messe ankommen und sterben,
und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen
kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.

Ach la es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen -- wenn Du nicht
willst, da ich selbst den Tod davon habe-- sagte Therese abwehrend,
es war mir, als hrte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt
ist. Sie lauschte nach der Wandseite.

Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und
logirt daneben-- antwortete Fli, und seine Dame nahm doch Anstand,
ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.

Mein Kopf ist wst-- sagte Therese, und in diesem Gewirre der Angst
werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut. Doch wie von jener
Tuschung besnftiget, schlief sie nun wirklich ein.

Als Therese am nchsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte,
sagte sie: mit Schrecken sehe ich, da ich noch wie ein Regenbogen
gekleidet bin -- ich mu doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz
schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Fli, und kaufe
mir einen Streifen Flor zur Binde -- eine finstre Haube knnte ich nicht
tragen, ich strbe -- Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm
einen von diesen mit, sie passen mir am besten. Sie schleuderte den
Probeschuh -- eine seidne Aurora -- von dem zierlichen Fu, und setzte
mit einem herben Lcheln hinzu: Wer mich so she, mte glauben, ich
wandelte auf Rosen. -- Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.

Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit
einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader
stark angelaufen.

Du warst lange, Fli-- empfing ihn seine Dame im Klageton eines
gtigen Vorwurfs, wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir
der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.

Kann nichts dafr, gndigste Frau, entschuldigte sich jener, es ist
berall ein Gedrnge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen
sich die Kaufleute nichts -- es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da
lieen sie mich stehen. Dann mssen kleine Fe bei groen Damen hier
rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem
Maae kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner
Strae. Es ist hier eine verflixte Polizei.

Wie so? fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu
versuchen.

Nun, antwortete der Bediente mit entrstetem Tone: wie ich so im
besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher -- ich meine, das
msse er gewesen seyn -- stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast
Du den Schuh her? -- Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm
zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere
braucht sich Niemand zu kmmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah
sich den Schuh von allen Seiten, so da ich daran denken mute, was
mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem
bezauberten Prinzen erzhlte, der----

Ich wei, ich weiߠ-- unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit.
-- Fli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen -- er
meinte, es kme vom Bcken; nur ber seinen Horizont ging es gnzlich,
da sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner
Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. Wie sah denn der
Herr aus? fragte sie.

Es war der hbscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe--
antwortete Fli, lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte
mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid. Therese lie
sich die Uniform beschreiben. Sie hrte still zu, dann sagte sie mit
rgender Stimme: Du httest ihm doch hflicher Auskunft geben sollen.

Fli, stumm gekrnkt, schttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem
subalternen Verstande, da selbst die betrbteste Frau sich von der
Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fhle, die dem kleinsten
ihrer persnlichen Reize zu Theil wrde: er wute nicht, wie viel feiner
Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren
Benehmens vorhielt.--

Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese ffnete die Thr, und
trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff
abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels
umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert
unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben,
belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb
aber stehen, als die therische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein
Trauermantel mit leichtem Schwarz besumt, aus der dstern Stille ihres
Zimmers aufflatterte, und redete sie an. Ach meine Liebe, sagte sie
mit einer Flle von Gutherzigkeit in dem wohlgenhrten Gesicht, Sie
sind gewi die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung
gekommen ist? -- Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden,
das ist in Wahrheit betrbt. Wie gern htte ich Ihnen meine Theilnahme
bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkufen, -- sieh Drtchen!
o verzeihen Sie -- den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch
vergessen! Therese bedeckte mit der weien Hand die Augen, vor all'
diesem huslichen Wust. Sie htte keiner Erinnerung bedurft, an den
unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie
er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfgigkeiten eigen ist,
verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.

Knnte ich Ihnen irgend womit dienen? fragte die Baroninn im Tone
erhheter Achtung, da sie kein Sterbenswrtchen, kaum einen Seufzer,
aus diesem schnen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage
hatte, deren Zurckhaltung stets am strksten an das Herz des Mitleids
dringt. Therese dankte gerhrt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges
Mitgefhl zu uern, nicht verkennen.

Die Zeit-- setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben
schien, in der Weise einer erfahrnen Trsterinn hinzu: die Zeit,
glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den grten Schmerz. Da
mein guter Mann starb -- er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt -- da
meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich
jedoch Alles, auch das, was uns beugt. -- Werden Sie, wenn man fragen
darf -- Sich lange hier aufhalten?

Ich frchte nicht, da ich das mte, antwortete Therese mit einem
Blick voll Schauer: der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Fen.

Die Dame nickte, gleich einer unfrmlichen Pagode auf diesem groartigen
Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach:
sonst htte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin
die Baroninn Lenau.

Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens
Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wute von jenem Nicolaus, der ihn mit
dichterischen Ehren fhrt, und wrdigte ihn wohl hher als den Kaiser,
den sie als einen Feind ihres zerstckten Vaterlandes betrachtete. Eine
poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau
und der Baroninn, lie sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch
-- trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst
Therese auch war, so flsterte, da sie ihn nennen hrte, ein zartes ob
auch melancholisches Gefhl, wie das Schnste seiner Schilflieder es
erregt, in ihrem Busen auf.--

Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth lie
Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die
bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer
anspruchslosen Victualienfuhre bentzt -- langsam und schwerfllig
abfahren. Therese dachte dieser flchtigen Begegnung nach, welche
sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besa berhaupt eine gewisse
Vorliebe fr ltere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu
gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden,
ohne sich eines Grundes dafr bewut zu seyn. Diese Eigenheit, denen,
die mit ihr lebten, so bekannt, da, als Therese einst ein rstiges
Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich
unfreundlich abwies, ihr Schwager lchelnd sagte: die Arme hat
wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schnen
Frchten anzustehen?-- hielt sie vielleicht theilweise von Fabia
entfernt, whrend ein Verhltni ungeheuchelter Zuneigung zwischen der
alten Nonne und der jngsten Schwgerinn des Administrators bestand.

Es giebt sich Alles, hatte die Baroninn gesagt, auch das, was uns
beugt.

Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die
Verstorbenen sich allmhlig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein
Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne da auch das
reinste Herz davon beunruhigt wrde.

Therese blickte tiefsinnig in das Gewhl, welches geruschvoll wie ein
Strom, doch eben so unverstndlich sich unter ihr bewegte. Stunde an
Stunde verrann -- gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich
beerdiget werden, und seine Frau begehrte, whrend dieses Acts allein zu
bleiben. Fli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefhl der Einsamkeit
und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht
dazu gegeben.

Es ist so schn, gndigste Frau, sagte er beklommen, wenn ein
Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin
der schwerste. Ich mgte sagen, es she den Frauen so hnlich. Die
Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schlft, eine
Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und
eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man
ihren Todten gebettet hat? -- Was mich betrifft, so wrde ich meinen
Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen
mte.

Therese errthete beschmt, und ein Anflug von Zorn ber den Vorwurf,
der in diesen treuen Worten fr sie lag, schrte die Flamme ihres
Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: da ich mein blutend
Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein
Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wre eine Form, die
meinem Wesen widerstnde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem
schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unrthlich finden
wrde? -- Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Fli. Und dabei
lchelte sie todesngstlich, wie im Besserwissen einer hheren Stimmung.

Jener schttelte den Kopf, und seine Miene wrde ein Kundiger dieser
Sprache der Seele in die Antwort bertragen haben: aber die Liebe ist
doch nur Eine!

Wre nur der Schwager hier, jammerte Therese, und brach in Thrnen
aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt--, oder
ein anderer Freund, der sich meiner annhme! Fli schwieg gekrnkt.
Seine weinende Dame sprach: verlassener als ich, ist wohl auf Gottes
Erde Niemand -- und war ich es eigentlich nicht immer?-- In dieser
Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten
einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod
von jedem irdischen Bande gels't; aber die Stunde des Begrbnisses gab
ihm sein volles Recht wieder. Erschtternd in Schluchzen, aufgels't
in Leid, sa Therese im einsamen Sopha, whrend Der, dem sie kraft des
ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhesttte
schwankte, und sie an fremder Stelle allein lie. Jeder Glockenhall
bewegte ihre Seele in einer Schwingung strmischen Schmerzes;
berwltigt von unbekannten aber furchtbaren Gefhlen, war sie keines
klaren Gedankens fhig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren
mden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten ber, schlo die Augen, und lie
unbewut einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. -- Im Hause,
was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewhnliche und bange
Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.

Da eilte ein starker doch gedmpfter Schritt die Treppe herauf an
die Thr von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wrtchen der
Erlaubni abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu
Theresens Fen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Ku auf die
schwarze Serge ihres Schuhes.

Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend
sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem
leisen Druck, der dennoch die geprete Empfindung verstndlich machte,
worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geffnet, ihr
seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute
sagte sie mit wankender Stimme: so eben begrbt man meinen Mann -- und
ich wei nicht, ob es sich ziemt, da Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine
Wittwe trste?--

O Therese! rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, wie hat
dieser Todesfall mich ergriffen, ohne da ich wute, Wen er trfe! und
nun sollte ein erbrmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz
mich drngt, selbst wenn es anders schlge, als fr den einzigen Wunsch
dieser geliebten Nhe?

Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster
in den Fall ihrer Thrnen. Frchten Sie nicht, Therese, sagte er mit
jener edelsinnigen Achtung, die einem hheren Gemth der Anblick des
Leidens einflt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde
Klte der Eifersucht mischte, da ich die Heiligkeit dieser Stunde und
ihrer Gefhle nicht genug ehren mgte, um von dem meinigen zu schweigen.
-- Aber -- die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu
haben, den Sie in so seltsam unglcklicher Lage in dieser fremden Stadt
bedrfen knnten. Mit unsglicher Mhe und Eile bin ich einer zarten
Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, da ich Sie fnde ---- Therese!
mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?

Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom flo in sein
Herz, und machte es schwellen. Sie schttelte den schnen Kopf, und
diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht
ab. _Unvermuthet?_ sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer
Ahnung, nein mein Freund! ich wute, Sie wren mir nahe. Wo ich
bedrngt bin, da erscheinen _Sie_! -- Habe ich doch schon ihre Stimme
vernommen. Unmglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren.
Ach! und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hnde in
ihrem Schooe, _was_ habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde
es nie -- _nie!_ vergessen.

Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefhl des Empfngers. Der
angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden
Herzen; doch das Unma von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen
Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des
Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrckte.
Seine Zunge war fr einen Moment gelhmt, dann sagte er: ich glaubte
nicht, da der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen
nach besaen, Sie bis zu diesem Grade auer Fassung bringen knnte,
da es nur auf Ihre Neigung ankommen wrde, jenen hohlen Besitz zu
behalten.

Therese seufzte aus voller Brust und dachte: am Ende nimmt er es wohl
bel, da ich traurig bin? -- O ber die Mnner! ihre Eigensucht findet
sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht,
der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt!-- Sie antwortete:
als Constanz zurckkehrte -- o Gott! wann kam er denn? da htte ich
im Voraus wissen knnen, was mir begegnen wrde. Mir war so kalt und
schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlsse. Nun
ging es holter, polter fort. Unerbittlich fr den Wunsch der Seinen,
gnnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift
mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine
Uebelstnde etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht
zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft lie der Schwager mich
gewhren, und mir kein Hrchen krmmen. Er war mir ein Bruder,
wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen
Vater geliebt!

Sein Neffe lchelte khl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters,
denn die Wrme, womit Therese des Administrators erwhnte, that der
Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.

Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten, fuhr sie fort, war
mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verndert vor, so auch mein
Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden -- und
der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten,
widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemdet, mehr am Geist als am
Krper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, da ich Ihnen von der
kurzen Krankheit erzhle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden
hinabwrgte; ich bin es nicht im Stande. Und wre er mein Feind gewesen,
und nicht mein Mann, ich htte gern, als es ihm an Luft gebrach, den
Athem meiner Brust ihm einhauchen mgen. Ein langer zitternder Seufzer,
aushaltend in sprachlosem Schmerz, schlo diese Rede.

Ich glaube Ihnen--, sagte Rudolph bewltigt. Doch von seinem
Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen
Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so
da er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel
eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: _denn nichts
scheint Denen trbe, die gewinnen_--, setzte er hinzu: jenes Bild
des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die
Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit
all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen mu, ohne
da er bei diesem Anblick zagen drfte? Ein strkeres Gefhl bezwingt
ihn. Mein ses Leben! beruhige Dich! jetzt bin _ich_ da.

Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt.
Und mit dem schchternen Aufschluchzen berwundner Aengste sagte
Therese: ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz
einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung.
Mich mit dem Nachla des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein
unmglich. Ich glaube, ich knnte die grte Erbschaft wegschenken, um
nur nicht davon reden zu hren.

Der Lieutnant lchelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach
weiter: ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das
Portefeuille meines Mannes aushndigen mute. Ich wute nicht, ob ich
recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere
darin gewesen? -- Wre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an
ihn angefangen -- dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte,
kam ein Sammelbruder, wie denn berhaupt Strungen begehrlicher Art hier
unvermeidlich sind. -- Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus
der Feder flieen; aber Thrnen sind genug auf das Papier geflossen.

Ich schreibe an den Major-- sagte der Lieutnant mit nachholender
Hast, heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der
Administrator mu her. Doch drfte es bei der groen Entfernung eine
ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefat, holde Freundinn! es
werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum
gewesen. Mir war, als htte ich auch getrumt -- aber feenhaft, und
meine Zukunft wre verwandelt. Ich wte Ihnen Gutes zu erzhlen; allein
es deucht mir unzart, da ich in diesen Augenblicken von mir sprche,
und von irgend einem andern Glck als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen
zu knnen.

Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und
sprach: so wre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, da Ihre
Gegenwart die grte Wohlthat fr mich ist. Aber noch ist mein ganzes
Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, da ich die Hoffnung nicht
zu fassen vermag, ich wrde mich wieder einmal freuen knnen. -- Es ist
mir, als begbe sich der Trost, da ich Sie she, nur im Fieber. Ihr
Bild wankt vor meinen Augen, eine so jhe, so erschtternde Vernderung
lt uns fhlen, da nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend
durch meine Glieder, ich knnte erwachen, und Sie wren verschwunden.

Nein ich bleibe! rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton
entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er
hinzusetzte: ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mgte
ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den
himmlische Gunst mich gestellt hat. -- Ist es ein Zufall, da wir uns
in Polen, im Stifte, und nun hier, in der Weite, abgerissen von allen
vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns
verknpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst
scheint es zu wollen.

Constanz-- flsterte Therese, wird mir auch sein Schatten zrnen?

Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns-- entgegnete Rudolph,
sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich fr unendliche
Wnsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, da er dem Liebsten, was
die Erde fr ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mignnen
sollte. Aber Therese -- Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht.
Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wte, in weiblich schicklicher
Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl fr eine Leidtragende. Nun, morgen
wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch
des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.

Jetzt trat Fli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er
zurckkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen dsterte um die
beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im
Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen,
bangen Geruch aus.

Eine wunde Rthe flo mit der Blsse Theresens zusammen, als sie den
Diener ansichtig ward, an den sie whrend dieser Scene mit keiner Sylbe
gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers
berzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden
Offizier erkannte. Fli! sagte Therese mit weichem Tone, dieser
Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so
gtig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das
Nthige hierber ertheilen.

Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu
einer Entschuldigung herablie, ber dies Zusammentreffen, wie ber
die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte
Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklren.
-- Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der
beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend hrmt, versenkt in tiefen Gram,
erhebt sich in jeder Sphre ber Den, der Ohr und Lippe dem Troste
ffnet.

Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die
keinen lngeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er
wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entlie.

Therese empfand sein Fortgehen selbst fr die Frist einer kurzen
Frhlingsnacht, und bei der Gewiheit seiner Wiederkehr, doch
bengstend.

Fli blieb stckisch, und wartete mit finsterer Unterwrfigkeit seines
Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil
werden, ohne da die Migunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu
mischte? -- Vor Allem stehet der Genu auch der schuldlosesten Liebe
unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen
Raub mit jener Strafe gebt wird, die sich tglich erneut. -- Der
Freundschaft -- und ist diese weniger therischen Ursprungs? -- wird
ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie -- die Freundschaft hat
Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum
Unendlichen! So hoch kann der gewhnliche Begriff sich nicht erheben.
Aber Liebe, hienieden gefhlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig.
-- Und nicht immer sind die Beweggrnde Derer rein, die im unberufenen
Zweifel, ob ein Verhltni lauter sey, ein Herz in Flammen lutern.
-- Htte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens
gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls wrde ihn gesegnet
haben; der junge hbsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt -- war
ihm ein Dorn im Auge.

Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die
Minuten, welche er zgerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es
schien im Drange einer willkommnen Nachricht.

Ich habe ber Sie verfgt-- sagte er mit einem offnen Blicke, und
hrbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber
stecken lie, als bedrfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, werden
Sie mir das Zutrauen verleiden, da ich es durfte?

Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewi
darber und jetzt deutlicher zu seyn.

Hier knnen Sie nicht bleiben, mein ses Kind! sprach der Lieutnant,
und dieser zrtliche Zusatz snftigte den taktischen Ton, der die
Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde
sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen.
-- Selbst meine Besuche, fuhr er fort, wrden einem rgerlichen
Aufsehen nicht entgehen, und ich -- ich leugne es nicht -- bin
empfindlich gegen die ffentliche Meinung. Lieber aber mgte ich einen
Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als da
Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wre es um den leisesten Hauch
eines Wortes -- verdunkelt wrde. Da ist mir denn guter Rath nicht ber
Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir,
die Besitzerinn eines hbschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine
so wackere Frau, da ich wohl manche weibliche Tugend neben der
harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie
bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch
genhrt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der
Betrbni herabzustimmen. Sie werden--, dies setzte der Lieutnant mit
einem gutmthigen Lcheln hinzu, Gelegenheit finden, sich zu beruhigen;
ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses
Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.

Es htte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem
Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Tubchen war
vllig zahm geworden.

Fli -- so wurde beschlossen -- sollte im Gasthof bei den Sachen
bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm
kme. Auch konnte von Seiten der Behrden noch irgend eine Forderung
ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn mte. Schon
in einer Stunde -- mit solch militairischer Krze war dieser Aufbruch
bestimmt worden -- sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem
Landgute abgeholt werden wrde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten.
In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen.
Therese sumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um
dem zu folgen, den sie mit besserem Recht fr den ihrigen, und fr
einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier ber ihr
Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurck, so lange er
durch das lrmende Getse der Stadt rollte. Doch als auch das Gerusch
der Vorstadt immer lndlicher wurde, bis endlich am letzten Huschen die
sausenden Rder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorberflogen,
der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frhlingslfte milderte, da
bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grnen Stille
einsam wie eine Bilderuhr. -- Wie sanft wallten die Saaten! wie weit
vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe
mischte das Blablau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem
Horizont! -- Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang ber Theresens
Einbildungskraft, und den Tumult jener wsten Scenen, denen sie
entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier
und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten
Frische erster Frbung, und es schien mit Wrme zu sagen, da es den
Thau gar wohl kenne, der zu nchtlicher Zeit sinkt.--

Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schnes Pferd,
womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und
dessen charakteristische Uebermthigkeiten sein Aufmerken erforderten.
Therese sa allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige
Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl,
in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflchtete.
-- Gnzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun
eine schtzende Aufnahme verdanken wrde; aber sie berlie sich mit
unbedingtem Vertrauen ihrem Fhrer. Die Gleichgltigkeit des Kummers und
erschpfter Krfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken.
Das Fahren erinnerte sie an die jngste Vergangenheit. Constanz lag nun
still fr immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum gengte ihm zur
langen Rast! sein ruheloses Leben voll glnzender Entwrfe war nun aus,
wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in
die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und whrend der Reise
gehabt hatte, und gestand sich, da es Vorgefhle gebe. War die
tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wnsche schwiegen,
vielleicht Gewhr dafr, da Furcht und Hoffnung nun erfllt seyen? --
Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht,
nie sein Verhngni in so innigem Bezug auf ihr Gemth empfunden; obzwar
jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun
abgerissen war. Auch das Glck wird mit Bue getragen, nicht allein das
Gefhl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns
nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schtzung dessen, was wir verloren
haben.--

Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der
feurige Sonnenball, jedes Lftchen ri eine flammende Rose aus dem Kranz
von Purpurgewlk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe.
-- Das Gelut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher,
wie wandelnde Abendglckchen, da der Tag sich neigte, und dieser
friedsame begngte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh
verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! --
Als nun die Sonne hinunter war, die geschftigen Schatten einschliefen,
und ein dmmernder Duft sich ber Feld und Wiese verbreitete, da
erschien ihre selige Mutter vor Theresens trumenden Augen, und ihr
berirrdisches Lcheln sagte: mir ist recht wohl! la mich schlafen,
Kind! Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt
blhete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der
Hhen mit dem rthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen
zusammenflo. Und der Abendwind flsterte mit _seiner_ Stimme: ich habe
nun Ruhe gefunden -- was betrbst Du Dich? Eine namenlose Wehmuth lie
Theresen wnschen, sie knnte auch sterben. -- Sterben? jetzt, wo ihrer
treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht? frgst Du vielleicht meine
Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoes. Aber lasse mich
den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht
mehr athmen, und das Entzcken des Lebens, die Liebe! mischen ihre
tiefsten Einflsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das
Meer der Ewigkeit zu ergieen. In Beiden fhlen wir uns unendlich. So
stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blthenhang ihrer Hoffnungen;
nur das Alter klammert sich fest an den entbltterten Stamm des Daseyns,
htte es auch nur bittere Frchte getragen.--

Bei einem Bug der Strae ffnete sich die Aussicht in ein reiches
Dorf, von Obstgrten umgeben. Das Schlo, kein Rittersitz von
architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus -- lag kaum
abgesondert und sehr freundlich.

Der Lieutenant rief in den Wagen: Wir sind an Ort und Stelle,--
und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der
Abendrthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, sprte Therese jenes
Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein
neues Verhltni ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist -- wenn wir
uns dem Ziele einer Reise nhern.

Der Spiegel eines schngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am
vorderen Rande von einer Brustwehr eingefat, und zu beiden Seiten mit
weien Gartenbnken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner
Sterne zurck, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen
Gesichts einer Dame, die ber das Gelnder gelehnt, Karpfen ftterte.
Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise ber die glatte
Wasserflche, worin das Schlo winkte und wankte; die Dame aber wich
nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, da
sie den Wagen nicht kommen gehrt hatte. Schweigend hob der Lieutnant
Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um
-- erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und
jetzt wute sie auch auf einmal, da Rudolph schon im Stift ihr diese
Verwandte genannt, und von ihr erzhlt hatte.

Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung vllig identisch
zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Flle von Gottes Segen, ein
angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur
wie zum Spott der ihr eigenthmlichen Milde, womit sie nie eine andere
Schrfe handhabte. -- Sieh da! sagte die Baroninn sichtlich erfreut,
mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist dehalb zu Herzen
gegangen -- wenn gleich auf einem kleinen Umwege-- setzte sie mit
einem Lcheln vergngter Schlauheit hinzu.

Diese einfachen Worte, und eine begrende Umarmung lieen Theresen
fhlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.

Rudolph hatte nicht nthig, das Kleinod seiner Sorge der gtigen Tante
werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mgen.

Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schnheit
fr einen Empfehlungsbrief ihres Schpfers, und das Unglck fr ein
heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, da Therese
sich wie im Himmel fhlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt
wir auch sind, das Vergangene zu berschtzen -- war von mancher Seite
fr sie und fr manche kleine Ble schonungsloser gewesen, als der
gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster
der Wirthlichkeit, als Du, husliche Fabia! aber dies hausmtterliche
Walten war ihr ein rhriges Vergngen, ein vorbereitender Genu, kein
werkthtiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm;
doch ohne selbstgefllige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtdtender
und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tgliches
Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die frhliche Zutraulichkeit zu
Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch
Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie lie die ganze Welt gewhren --
und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, wei
diese kstliche Eigenschaft zu wrdigen. Allein auch Therese hatte sich
gendert, nicht nur, da ihre Umgebung eine andere war. Wir drfen es
zudem rhmlich voraussetzen, da Frau Fabia sich der _verwittweten_
Schwgerinn gewissenhaft angenommen haben wrde. Theilnahme an
_widrigen_ Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der
_Mitfreude_ war dies verschlossene Gemth nicht fhig. Ihre Tugenden
schmeckten alle, -- wenn dieser Ausdruck nicht profan wre -- ein wenig
nach dem Essig vom Kreuz. So verste sie Niemandem das Leben, und
selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine suernde
Mischung. -- Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur;
ihre Glckseligkeitslehre lief auf unschdlichen Genu hinaus, den keine
Verbitterung trbte. Sie schlrfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge,
und wandelte das reine Element in strkenden Wein. -- Einer Therese
mute dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn
zwar, der zu so vielen Mihelligkeiten zwischen den Schwgerinnen Anla
gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt;
doch wre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten
Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimni jener wunderbaren
Gegenwirkung Anderer auf uns, wrde hier, wo im Umgange einer
frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als da
sie sich erheitern mge, Theresen zu einem soliden Ernst fr Pflicht
und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine
scharfe Ehrenwchterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes
gewesen! wie krnkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten
gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwchen von Constanz
reizender Gattin in allzugnstigem Lichte zu betrachten schien! Und
welcher stummen aber richterlichen Rge war die bemerkte Leidenschaft
Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was ber den
aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! -- Die
Baroninn gnnte das menschliche Glck, zu gefallen, von ganzem guten
Herzen so gern, ohne dehalb eine liebenswrdige Frau fr einen
gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besa oder empfing,
schien ihr natrlich. Sie fand die fteren Besuche des Lieutnants, die
Begeisterung fr sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmig. Sie
schalt, wenn er eine Stunde lnger ausblieb, als zu erwarten gewesen,
und Therese vertheidigte lchelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen,
und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Krfte beweisen durfte.

Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schookind des
Geschicks; -- den Neigungen der Gnstlinge aber wird geschmeichelt, und
vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewut, da sie die Gte
der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhltni heiligte, was
auerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen knnen.

Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir
uns nach Sanct Capella zurck.

       *       *       *       *       *

An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese
begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in
demselben groen Zimmer, worin unsere Erzhlung anhebt. Sie saen
feiernd am offnen Fenster einander gegenber. Tiefe, ernste Dmmerung
herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich
alle Gegenstnde; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich,
und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das
uranfngliche Dster.

Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies --
beilufig gesagt -- meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und
uerer Thtigkeit findet -- war in die Familie eines der Unterbeamten
des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlschen wollte.
Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte
die Schwgerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche
Gemthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und
noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem
Fenster aus war jene Wohnung in einem der klsterlichen Seitengebude
zu bersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille
Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Drauen aber pulsirte
das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frhlingskrftig.
Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewlbt; die grne Erde,
gestickt mit Thauperlen und einer Milchstrae von Blthen, schien
dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.

Veronica hing mit verklrten Zgen an der berirrdischen Welt, die --
nach einem poetischen Gleichni -- wie eine heilige Nonne verschleiert
aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Kpfchen auf
den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere,
wie in sich selbst zurcksinkend: ich will doch warten, bis Frau Fabia
kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird.
-- Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren
Krankheit, wre es viel, wenn sie es ertrge, da ihre se Blume
gebrochen da liegt!

Josephine lchelte sanft und sprach: ich, liebe Veronica, kann das
Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor ber _alles_
Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Mu uns Jemand sterben, mssen wir
erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? _mir_ erregt sie
der auflebende Frhling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf
ich es gestehen: es gehet mir wohl, worber htte ich mich zu beklagen?
und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, da ich es nicht zu
beschreiben wte. Aber um alles Glck der Welt mgte ich dieses
wehmthige Gefhl nicht tauschen.

Mein Kind, antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm
in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mtterliches Bild fr ihre
Erklrung anzuwenden, das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus
denen der _Mensch_ in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein
Kind ihres Schpfers, wird zum Licht geboren.

Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht wei, von
wannen er kommt -- und ein zartes Errthen Josephinens barg sich unter
dem dunkeln Flgel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach
das Mdchen: ach, und der Frhling! das lichte Wei seines ersten
Blmchens, sein Blthenschnee, das rinnende Gewsser, kommt mir wie
der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen!
singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt
meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehrt, inniger aber
sehnschtig. Das Knftige zieht mich zu sich heran, und von dem
Gegenwrtigen kann ich nicht lassen.

Und wenn nun, fuhr Schwester Veronica fort, die Farben aufglhen,
und wie Tne zusammenklingen, so da Eine Stimme der Unsterblichkeit uns
vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjngt, dann feiern
wir das Gedchtni der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller
Seelen, der in den Frhling gehrt und nicht in den Herbst, zur trben
Zeit, wo die letzten Bltter fallen. Nie habe ich fr meine Verstorbene
inbrnstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet
in meinem Gemth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Spro des
Grases aus ihrer Asche grnen und blhen sah. -- Ich verstehe wohl Dein
Gefhl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reit
der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer
der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits
strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer
Nhe zieht uns zu ihnen hinber.

Nein, nein! rief Josephine lebhaft und ngstlich, und fate das Gewand
der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen
Stoff zu halten meint, es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir
entzge. Auch reit mich nichts hinweg -- diese Mglichkeit knnte ich
nur frchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o _nie_! -- Als ich
Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hrte -- ich sa auf der
Bank im Klostergarten -- war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher
Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mute weinen, und wute doch
nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzckenden Klnge in
den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und da, wenn einst ein Herz voll Liebe
darin klopft, es diese Capelle aufwecken wrde, um ihrer Heiligkeit und
Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestbchen bewohnen?
-- O la mich ruhn an dieser lieben Stelle -- bat ich den lieben Gott.
Wenn ich aber dennoch scheiden mte-- ihre Stimme versagte fr einen
Moment--, so werde ich jene Tne, die mich ber das Irrdische hinaus
trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem
Herzen Alles, was ich hier geliebt, und fr wenig Anderes wird Raum
darin seyn.

Mein trautes Kind! rief Veronica in einem Ausbruch der Rhrung und
Gte, Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine
Bcher, meine Blumen -- die Violine, den Ring--: Alles, was ich habe.
Es ist mein liebster Wunsch, da _Du_ mir die Augen zudrckest. Dann
werde ich-- setzte sie leise hinzu, wie eine Nonne sterben, von der
man sagt, da der Engel jungfrulicher Frmmigkeit sichtbar wird, wenn
sie verscheidet -- und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine?
es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich,
Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist
lange nicht geschehen. Du fhlst sehr wahr: die Musik ist ein religises
Geheimni, und nicht auf Erden geboren. Die Tne, welche aus der
innersten Flle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und
die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des groen
Violinisten -- ich htte ihn hren mgen -- etwas Dmonisches gehabt
haben, und alle Schnheit seines Vortrages wrde mir hchstens nur
gewesen seyn, als ob ich empfnde, wie die Kunst verzweifelt. Nein!
selbst Paganini htte meine cremoneser Geige nicht erben drfen; sie
ist nur Dein Vermchtni -- keines Andern. Und wenn ein Zufall den
Bogen zerbrche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals ber den
stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug
meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie
Das, was lieblich an mir ist.

Die Violine war -- wie wir bemerken -- eine schwache Saite dieser
trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtnende
Schwingung gerieth. Sie wollte nchstdem das geschmeichelte Gefhl
ihrer Virtuositt mit dem unerknstelten Beifall vergelten, den sie den
einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.

Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, ls'te das Instrument, ein
Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde.
Dann setzte sie sich nieder, hob das schne Auge aufwrts und sang mit
jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glckseligkeit anspricht:

  Kaum hat mit frischem Thau die Nacht
  Des Himmels dunkle Au begossen,
  So seh ich tausend Lilien sprossen,
  Verklrt von wundersamer Pracht.
  Sie ffnen ihre Kelche weit
  Und lassen ihre Strahlen regnen,
  Die schlummermde Welt zu segnen
  Durch einen Traum von Herrlichkeit!

  Ihr Lilien der heil'gen Nacht!
  Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,
  Wo Engel liebend Eurer warten,
  Ein treuer Grtner Euch bewacht:
  Gebt ihr so fern mit mildem Schein
  Schon sen Trost der Brust hienieden,
  Wie s, wie s wird einst der Frieden
  Im Schatten Eurer Blthen seyn!

Welch ein kstliches Lied, mein ses Mdchen! sagte die Nonne mit
schimmernden Augen, es spricht fr eine tiefe und heilige Empfindung.
Kennst Du den Dichter?

Josephine nannte ihn --*) und sprach: es ist auch mein liebstes. Seit
ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es
weder gestrt noch tglich werden darf, und eine Stimmung und Stille
erheischt, die -- wie jetzt--

  *): Heinrich Wenzel.

Ein Schlummerlied im hheren Chor-- unterbrach Schwester Veronica die
Rede des Mdchens. Wenn das Kind etwa schon gestorben wre: so knntest
Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen
haben.

Die Thr ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit
mden Schritten ein. Sie hielt einen Brief unerffnet, verhngnivoll in
ihrer weien Hand.

Nun, Frau Fabia, sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, was
werden wir nun erfahren?

Die Kleine ist dem Herrn entschlafen-- antwortete Fabia mit jener
dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam fr ihren
Ausdruck ist. Noch ist die Mutter betubt, der Vater hingegen scheint
gelassen; nur frchte ich, da es nicht vorhalten werde. -- Noch kein
Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! -- besorge
es geschwind, da ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bhle ist
angekommen, und die einfltigen Leute schickten ihn mir nach. Es war,
als ob der Tod hrbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle
an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.

Josephine eilte, die Lampe anzuznden, und indem der kaum entglommene
Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile
zur andern glitt, sah Veronica, da ihre Zge sich vernderten. Eine
Neuigkeit, Schwester Veronica, wendete die Pflegemutter Josephinens
im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, Graf Frankenstern ist mit
seiner Tochter endlich angekommen.

Graf Frankenstern! rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton,
den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten
alten Zeit des Klosters. Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und
Comte Albane kann auch nicht mehr jung seyn -- wenn ich mir die Grfinn
Mutter bedenke -- diese leutselige Dame war mir ein hheres Wesen und
wie so ganz war sie fr Sanct Capella eingenommen! -- In Bhle, sagten
Sie, hlt die Herrschaft sich auf?

Ja-- antwortete Fabia schwach, und eine groe Erschtterung dieser
starkmthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, reiche mir einen
Stuhl, Josephine-- sagte sie sehr sacht, whrend das sichtliche
Schwanken ihres Krpers verrieth, da Fabia mit dem Gefhl der Ohnmacht
kmpfe.--

Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die
kleinen klaren Schriftzge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia
jetzt deutlich empfand -- Gram und Herzeleid ber ihr unbeflecktes Leben
gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg
vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und druend,
da seine Frau nicht vergessen mge, welch eine Last ihn ins Grab
gedrckt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.

Jesus Maria! rief die Nonne, als sie die Todesblsse auf dem Angesicht
ihrer Freundinn sah, was widerfhrt Ihnen denn? Ein paar Tropfen
Lebensgeist -- wenn ich sie nur bei der Hand htte -- ein Trunk frischen
Wassers-- das zitternde Mdchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen
hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbstndiger
Kraft gegen die Schwche, von der sie einen Augenblick bewltigt worden
war, wie gegen die mitleidige Angst, welche ber sie verfgen wollte,
und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: es ist schon vorber. Seyn
Sie auer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine --
Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich
doch.-- Sie strkte sich durch einen erfrischenden Zug.

Ja, ja! sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen
die Methode einer gelinden Strafpredigt an, ein _geistlich_ Amt, das
der Trstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken
Odem, und Wer sich stark fhlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten,
und bernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und
man sieht nicht zu, da man sich daran ergtze. So ist aber --
der geneigte Leser erlaube uns diese Episode -- auch eine edle und
geluterte Seele nicht sicher, da kleinliche und niedere Stoffe, welche
die Scheidekunst eines gereinigten Charakters fr immer aussondern
mte, sich in das Ergebni ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst
nicht klar. In der freundschaftlichen Aeuerung der Schwester Veronica,
die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, drfte ein
kleiner Nonnendnkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, da, um in
Todesngsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genge, und
die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausflieen knne, der
durch _priesterliche_ Weihen dazu befhigt worden sey.

Denn der Bote-- so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, ein
Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer,
als ob ich das Schicksal in Person kommen she, was mir ein neues
Pckchen zu tragen brchte. Wer wei auch, was der Brief enthlt! -- So
viel ich mich erinnere, waren Sie in frheren Jahren in Verbindung mit
Grfinn Albane?--

Fabia nickte schwer und schwieg. Wenn nur der Schwager da wre! sagte
sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, erst morgen Abend kehrt
er zurck, dann ist es zu spt.

Wozu? fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres
Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie
hinzu: wenn Sie in Etwas bedrngt wren, Frau Fabia, worin ich Ihnen
mit Rath und That ntzlich werden knnte--

Das wird sich spter finden-- antwortete Fabia mit einem bedeutenden
Blicke nach Josephinen hin, und drckte dankbar die zellenzarte Hand der
Nonne, wie aus Wachs gewebt, fr jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.

Wie kalt Sie noch sind! sagte Schwester Veronica besorglich, ich
dchte, ein Krampfpulver wre nicht bel fr die Nacht; es beruhiget die
Nerven.

Fabia lchelte seltsam bitter, als bedrfe ihre innere Aufregung ein
anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in
ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war groe Wsche im Stift; eine
der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging
Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne frh auf, um sich mit wahrer
Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir drfen khn
behaupten, da die Gttinn, an der wir Selbstgeflligkeit so natrlich
finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum
der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser huslichen Sphre
sich von ihrem brausenden Element benetzen lie. -- Da diese Wolke ihm
vorbergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine
Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde
einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber
Therese gleich den Mnnern, und wendete am liebsten jener huslichen
Nothwendigkeit den Rcken. Sie badete wohl eher die Fchen im Thau, als
da sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen
Bemhung na gemacht htte. -- Wir zweifeln daher, da Therese selbst
der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mgen, wogegen
sie gewi den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes
geeigneter gehalten haben wrde, besungen zu werden.--

Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist ber diesen
Wssern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine
klopfte leise an die Thr der Pflegemutter, und Fabia that auf. --
Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewhnlich
achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlssigkeit noch keusch
und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert,
glhte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung -- der
Feindinn jeder Thtigkeit -- beschlichen, welche uns anhngt, sobald wir
herzenskrnklich sind.

Vergieb, liebe Mutter, da ich es wagte, Dich zu stren-- sagte
Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu
mildern suchte. Es befremdete uns, da Du noch nicht aufgestanden
warst, weil es gegen Deine Weise ist.

Ich habe nicht viel geschlafen-- antwortete Fabia gemigt wie immer,
und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir mssen heute nach Bhle auf
das Schlo -- mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das
neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfltig, ich will Dir
gern behlflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und
wirf den gestickten Schleier ber, er lt Dir uerst gnstig.

_Heute?_ fragte Josephine bestrzt, und dachte, der Herold des
jngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war
Frau Fabia an Tagen huslicher Geschftigkeit nur einen Schritt von der
Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das
Mdchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehrt. Das Ende aller Dinge
schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekmmert setzte
daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre
Verwunderung ausdrckte: Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.

Und wenn auch! antwortete Diese, indem ein herbes Lcheln der
Gleichgltigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, der Herr
mein Gott wird mich strken. Sie heftete dabei einen durchdringenden
Blick auf das Crucifix von Gueisen, welches auf ihrem Nachttische
stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte,
soviel wir von dem flehenden Geflster am Altar des innern Heiligthums
verstehen: _Du!_ der Du uns rein gewaschen hast von unsern Snden
mit Deinem theuren Blut, gieb, da Albane-- hier drang ein
unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des
hchsten Erbarmers. Und von einem Gefhl ermuthiget, was sich erhob,
sagte sie: es mu Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da
bin?

O sprich mir davon nicht! bat Josephine, und kte Fabiens mtterliche
Hand.

Eben jetzt mu ich recht sehr mit Dir davon sprechen, erwiederte
Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem
Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. Wir haben viel mit
einander zu reden. -- Doch siehe! da Du die Thr zuvor verschlieest.
So! nun schiebe den Riegel vor.

Von dieser Vorsicht gengstet, war Josephine voll Furcht und Warten
der Dinge, die da kommen wrden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden
Pause zu bedrfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton
wrdevoller Abbitte: wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir
zeither strenger war, als da ich Deinen unschuldigen Neigungen und
Wnschen jemals geschmeichelt htte -- so geschah es-- ihre Stimme
wankte.

O geliebte Mutter! rief Josephine, welche diese demthige Sprache der
tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, es ist nur zu meinem
Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, da Du Dich so fremd
gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? -- Ich will sie ablegen,
diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur
ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bhle etwa linkisch
benehmen sollte--

Ein Lcheln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen
Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: das frchte nicht. Du
hast ein _Recht_, dort zu seyn: die Grfinn Frankenstern, der ich Dich
zufhre, ist Deine Mutter.

Josephine stie einen leisen Schrei aus, als htte ihr dies Wort einen
Dolch in die Brust gestoen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben,
schien diese Himmelsgabe zurck zu nehmen, und das liebliche Bild des
Mdchens versteinte zu weiem Marmor.

So ist's, mein Kind! setzte Fabia mtterlicher als je hinzu, die
Stunde, darin das Band sich ls't, was uns so lange verknpfte, reit
nicht allein an meinem Herzen -- ich mu mich ernstlich zusammennehmen.

Mutter! sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, ich hoffe zu
Gott, Du willst mich nicht verstoen.

Du brichst mir das Herz entzwei, Mdchen! entgegnete Fabia
schmerzlich. Darf ich Dich denn jenen Ansprchen vorenthalten? Es wird
Alles darauf ankommen, wie wir die Grfinn finden. Du bist die Tochter
einer heimlichen Ehe, und dein Vater -- der Onkel wird Dir sagen--

Der Onkel -- ist mein Vater? fragte Josephine mit schwacher Stimme.

Der Onkel -- komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es
nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.

Bei dieser Erklrung, welche Fabia nicht aus lossagender Klte, sondern
der vollstndigen Erklrung wegen gab, sah Josephine aus, als wren ihr
alle Adern geffnet. Ihre Seele strmte in Liebe fr die Menschen, mit
denen sie gelebt, fr den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden
war. Sie empfand den Einflu einer innigen Gewohnheit. Sie empfand
ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wute. Die
grfliche Mutter stand wie eine verhllte Gottheit von ferne, und scheue
Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine fr ihre
Nherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es duchte
Josephinen, als ob sie diesem gtigen Freunde hinterrcks entfhrt
wrde. Ein Gefhl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, da
sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen
knnte, da er Augenzeuge wre der strubenden Wehmuth, womit sie von
hinnen schied.--

Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem
Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewut gewesen, um
so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurckweichen, wo die
Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan.
Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrner Seide; doch indem die
verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten
lie, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flmmchen
Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an
der man erkannte, we Geistes Kind sie wre.

Der Himmel hatte sich mit Gewlk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich
in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: den guten Regenschirm
wollen wir noch mitnehmen, zur Frsorge. Wir knnten ihn brauchen, beim
Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im
Winkel wo die Pfeifen lehnen-- Und hurtiger flattert der Vogel
nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es mglich war, ihr
zuvorzukommen. Sie drngte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff
schmerzlicher Empfindung, in den heien Blick, womit sie die stummen
kalten Wnde grte, und Wer wei, ob nicht zum letztenmal! -- Dort
stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen
Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem
wehenden Schleier, eher der schnsten Blume des Harems, als, des goldnen
Kreuzchens ungeachtet -- einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand
das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weies Blttchen lag
lockend auf der grnen Flche. Josephine warf einen Blick darauf -- ein
Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine
Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: Josephine, stand in
kalligraphischer Schnheit am Rande des Blttchens, und das Urbild
dieses wohllautenden Namens stand mit schneren Zgen davor. Sie ergriff
die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:

  Ich mu fort -- verzeihe, da ich mit Ich anfange; aber Stolz
  ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, da ich von Sanct
  Capella scheiden mu. Kannst Du etwas beitragen----

    Deine--

Josephine vernahm, da ein Eilbote ihr nachgeschickt wrde. Sie mute
sich losreien. Ein Fdchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb
an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an
ihrem Finger.

Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bhle.
Fabia sa still in sich gekehrt, trbsinnig starrte Jene in die Ferne.
Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem
Immergrn seiner Gehlze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger
Knospen, das graue, todte Schlo, eine verstorbene Einde von Stein --
als sie jetzt bei dem Postamente vorber fuhren, worunter der todte Hund
begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wchter mit keinem
minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus,
und als sey dies festgehaltene flchtige Bild nur allein ein Symbol
ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.

Das eintnige Gerusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall
eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefhle
der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und
aufgehrt zu leben -- es duchte seiner Wittwe, als ob das Lftchen,
welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kruselte, ihr seine
letzten Seufzer zuwehete. Blthenbume streuten ihren Schmuck vor die
Schwelle, ber die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den
Todten zu entlassen--; und diese Gleichgltigkeit der Natur, welcher
der Mensch unwillkrlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer
unschuldigen Freuden, an dieselbe Sttte, wo die Schuld, eigene
oder fremde, unsre besten hinweggenommen fr immer -- schrfte die
Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewut ward, und des wichtigen
Moments, der ihr jetzt bevorstand.

Um das Schlogebude schwebte die Stille der Einsamkeit und der
Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen
Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt
kaum weniger leidend an Gemth.

Das Unglck, wie mchtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung.
Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unhnlich einer Statue seines
Standes, an einer Sule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit
hatte angemessen der altvterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder
bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene
unbewuter Geringschtzung gegen diese Etiquette adeliger Gre, und
ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwrdiges
Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, da sie
erwartet wrde -- und Josephinens Blick hing dabei so ngstlich an den
goldbesponnenen Knpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige
Entscheidung davon abzhlen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher
genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch -- allein? -- Der
Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lchelte nur; die Tochter des
Oberverwalters von Bonna mute fremd geworden seyn, dem Andenken der
Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermthigem Scherz: es
ist zwar heute groer Galatag; aber diese hohen Gste lassen Raum und
Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn drfen sich ganz und gar nicht irren
lassen.

Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem
Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefhl, da _sie_ es
nicht sey, welche die nchste Minute zu scheuen brauche. Doch wie
kommt es, da die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des
Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Errthen, noch ehe
es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkndigung auf unser
eigenes Gesicht?--

Sie standen auf dem den Vorsaal. Eine Uhr, in langem weien Gehuse,
nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft
aus, und das Gleichmaa des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit
dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier
keine Flgel. -- In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar
beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr
unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn _Ruhe_
der Begriff des Himmels ist -- dem Olymp anzugehren.

Der Bediente zog die Thr sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus
dem ihr gegenber geffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung
geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden
Damen ein.

Frau Fabia, und hinter ihr das schchterne Mdchen, sah sich in einem
Zimmer, das fglich den Slen des Schlosses beigezhlt werden
knnen. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt,
beschatteten die Seitenwnde, und gaben der schweigsamen Leere dieses
Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des
lnglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit wei
und seladongrnem Atlas berzogen; davor ein Tisch, kstlich besetzt.
Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing
in schimmernder Weie bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder,
und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein
Grovater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In
einen Winkel geschmiegt sa der Graf, und dem Canapee gegenber seine
Tochter.

Bei dem ersten Blicke auf jenen unglcklichen Mann, auf den Schnee
seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit
entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller
Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas
eigenthmlich Rhrendes. Jener: weil ihr hinflliger Anblick das
Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: da ihnen selbst unsichtbar,
eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hngt. Und
sind Bldsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? -- Zwar knnte Graf
Frankenstern fr einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete
sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur
das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines
innern Lebens nur um so finsterer erschien.

Auch Grfinn Albane war lter geworden, als zufolge einer Berechnung von
Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Vernderung durchaus
ein anderer. Man knnte von ihr sagen, ihre Schnheit sey verwelkt, um
verklrt zu werden. Ein weies Kleid von wolkigem Mousselin
umhllte ihre zarte Gestalt, doch, im schrfsten Contrast zu dieser
anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermit! so
grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Grfinn, und
hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen -- wie wenn Kinder in
eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren -- und
stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frhlingssonne und einer jhen
Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. --
Ein kleines blankes Schlsselbund an ihrer linken Seite stellte die
Grfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gste dar, denen
zu Ehren sie so geschmckt, und gleichsam nur dadurch verkrpert sich
zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem
reichen Haar, lie phantastisch und in Zweifel, welch eine Frstinn in
der wsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle?
-- Und ber dies husliche Theater go die wasserziehende Sonne einen
trben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten
labyrinthisch und winterwei hervor, wie durch einen Hauch von Frost
entstanden -- und der feurige Wein auf dem Tische glhte nur zum Schein.
Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch
diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine
Existenz haben. Der Graf fand nur Genu in Gedanken, und schwelgte heute
mehr als je in seinem Wahn; und Albane sa da so geisterhaft gesttigt
und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lcheln auf den
bleichen Lippen, als htten diese nie die Sigkeit des Lebens gekostet,
und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und strkt!--

Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein
eisiger Schauer an ihrem Rcken hinab, und ihr nhernder Gang erstarrte.

Die Grfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so,
als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie
dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von
ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bckte sich darnach. Doch
achtlos dieses ominsen Vorfalls schritt die Grfinn den Kommenden
entgegen, und begrte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. Das ist
Josephine? fragte sie; aber das Epitheton fr den Laut dieser Frage
fehlt unserer Sprache und jeder. -- Darauf berhrte ihr Mund die Stirn
des Mdchens, und dieser heilige Ku, den das verleugnete, namenlose
Kind als Sacrament empfand, firmelte es.

Josephine! rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der
Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe,
um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie
umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte ber ihn. Grfinn
Albane berlie ihren Vater dem Entzcken, sein kaiserliches Idol, oder
die Psyche desselben, in lieblicher Verjngung vor sich zu sehen,
und das Mdchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm
einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu ffnen, legte sie die zitternde Hand
an den blanken Drcker einer Tapetenthr, und zog Fabien mit sich in
ein anstoendes Cabinet. Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe
Fabia! sagte sie hastig und herzlich, Josephine scheint ein Engel.
Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lgen.

Die fromme Fabia antwortete: Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei
des Mdchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! la wohl gelingen! Josephine
ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemth und Sinn, wie ein
Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der gttlichen Gnade.

Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in
welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergo, ganz unvermischt
und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende
Wirkung desselben trbte.--

Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschmt von der Verschuldung,
die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer
glitt ihr Blick, zufllig vielleicht -- auf einen Ring von groem Werth
an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf.
-- Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Krper: ich will nicht
frchten, Grfinn, da Sie mir ein Geschenk zudenken! -- Die Sucht zu
glnzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, da
mein Thun Werth vor Gott htte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu
brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, da sie dem Herrn gefalle.
Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den
Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und
Zurckgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die
nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoes
sehen, wo nichts zu sehen ist. -- Darum will ich ihn nicht tragen,
und wenn er alle Schtze der Erde aufwge! ist mir das Herz doch schon
beschwert genug. O Grfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten
Mann in das Grab gedrckt und mir viel tausend, tausend Thrnen
gekostet!

Der Grfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ngstliche Verwirrung
sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften
Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede
beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf
ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebrche zu einer Frage, deren
anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen mte.

Es lag etwas Vershnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach
Fabia: Sie wissen wahrscheinlich, da ihr Herr Vater meinem seligen
Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung
gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den
Schlssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich
darauf so krank, da ich frchtete, das Grab werde sich ihm zunchst
ffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie
dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt fr eine
Ahnung halten mgte, gab uns der Zufall den Aufschlu in die Hnde. Wir
fanden in dem Kstchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle--: den
Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer. Hier hielt Frau
Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.

Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der
Grfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender
Wind etwa in dem Kelch der weien Rose entblt. Sie lchelte kalt und
sprach: so hielten Sie vermuthlich davor, da ein Zusammenhang zwischen
beiden Dingen statt fnde, der -- mich schaudert, es auszudenken. Wohl
war jenes Kindlein das meine, ein zu frh Gebornes. Ich versndigte mich
durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu knnen -- o! wie bestraft
sich doch jeder Gedanke ruberisch gegen die Natur! -- Der Arzt,
vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mtterlichen Schmerz, als
aus Leidenschaft fr jedes Prparat, schlug mir vor, den Krper
meines Kindes zu balsamiren, so knnte ich ihn in einem khlen Gewlbe
aufbewahren. Es geschah -- ich legte das kleine Vergimeinnicht, was der
Tod mir vom Herzen gepflckt, in jenes sarghnliche Kstchen; darin ist
es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nmliche, meiner
theuren Mutter die kranke Brust abgelst.

Frau Fabia fhlte bei diesen erklrenden Worten einen Schnitt durch ihr
tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: doch werden
Sie zugeben, da jenes Depot geeignet war, einen Geschftsmann stutzig
zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mitrauen
heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.

Die Grfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile
nicht. Dann sprach sie: ach ich verzeihe Ihnen -- Wen man schwach
gesehn, hlt man gar bald eines Verbrechens fhig.

Grfinn-- stammelte die Wittwe, ich habe viel gelitten, dieser
Geschichte wegen.

So wre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer
Schuld gegen Sie! erwiederte die Grfinn mit dem herben Lcheln der
Krnkung. Fabien stiegen Thrnen in die Augen. Das Taschentuch entfiel
ihr -- die Grfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlssel an ihrem
Grtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfgig diese
kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche
Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.

Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne
Schwierigkeit einen kleinen Schlssel von der Mehrzahl Derer, die der
Ringhaken an ihrem Grtel umfat hielt, bis es ihr gelang, ihn davon
los zu machen; und sprach: htte ich diesen Schlssel wohl so nahe
an meinem Herzen tragen knnen, wenn dieses Herz noch ein strafbareres
Geheimni umschlsse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich
gewut, welchen Kummer Sie deshalb trgen? -- Nehmen Sie ihn denn hin
mit der Versicherung, da ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig,
ewig! dankbar bin! -- Nein, gute Fabia! frchten Sie keinen andern Lohn
als dieses Wort, was bethtigen zu knnen, meine beste Hoffnung wre.
Ein Edelstein, und wre es auch der erste Solitair der Welt -- bezahlt
weder Liebe noch Leiden. -- Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um
meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn
der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter!--

Wissen Sie schon, sagte Fabia, durch eine sehr natrliche Association
der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thrnen
trocknete, da Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt -- sich in Sanct
Capella aufhlt? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.

Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zgen der Grfinn vor.

Um Gotteswillen! sprach sie mit aller Dringlichkeit befrchtender
Angst, verhindern Sie, da er hierher kommt! ich wei nicht, ob ich es
aushielte. Das geringe Ma meiner noch brigen Krfte reicht kaum zur
Erfllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes
Band ist gelst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Fr ihn
bin ich todt. -- Ich, _ich_ selbst habe es gehrt, wie er, ein jngeres
schnes Weib umfangend, davon sprach, da eine gestorbene Liebe in
ihrem Grabe bleiben msse. -- So sey es denn! und nimmer will ich ihn
wiedersehen.

Und indem die Grfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren
flchtige Zeuginn sie gewesen, ber ihr Gesicht. -- Eine Eifersucht
hherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten
Erscheinung.

Wenn ich nur kann, liebe Grfinn! antwortete Fabia in Bezug auf das
von ihr erflehte Verhindern, wenn ich nur kann! -- Aber wird Sylvius --
oder Romana -- nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm
irgend verweigerlich?

Josephine bleibt einstweilen hier, entschied die Grfinn, ohne sich
auf eine nhere Bestimmung ber diesen Punkt einzulassen, auf Sie aber,
liebe Fabia, verlasse ich mich, da Sie den Vater derselben mir entfernt
halten.

Frau Fabia versprach dies mit grerer Willfhrigkeit als sie vielleicht
frher gezeigt haben wrde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu
ermitteln. Sie hielt den Schlssel zur Chatoulle fest empor und sprach:
knnte ich nun -- nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt --
nein! den groen Sarg meines Mannes damit ffnen und ihm sagen, wie
so ruhig er htte seyn knnen bei Lebzeiten, und da er sich und mich
unntz abgeqult. Ach! er wrde so wenig auf mich hren als sonst.

Ja, die Todten schlafen tief-- sagte Albane mit verstrtem Lcheln.
Das Bedrfni dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als
jemals in ihr an.

Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und
wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an
Josephinens Seite, und in emsigem Gesprch mit ihr, welches anziehend
seyn mute, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben
Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine
schlaffen Gesichtszge charakterisirte, und unter jedem Hrchen des
greisen Bartes hervorstach -- war dem klaren Durchblick des Gefhls
gewichen, womit die anmuthige Nhe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn
so nahe anging.

Wir berlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und
eilen der spten Rckkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.

Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mivergngt, kam der
Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurck. Der Zweck
dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige
Fatalitten zugestoen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn
verstimmte. Jenes geheimnivolle Unbehagen, welches die Seele wie den
Krper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwle
Schauer, der die Blitze ankndigt, die unser Herz treffen sollen, die
ganze Atmosphre trber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte
seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt
uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung
trgt -- wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise
bengstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwrtige Minute
den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wnsche, also erschwere? So
wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewhr als sich
selbst, zu jedem Glck verhilft, und oft unsere khnsten Erwartungen
berflgelt.

Sylvius, der sich unplich fhlte, begab sich sogleich in sein Zimmer,
um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das milungene Geschft
dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prlat von Sanct Capella
schritt mit bewlkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen
geheien -- das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser
scheinbaren Vernachlssigung fragte er eine dienende Person, die ihm
begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, da sie verreist wre.

Verreist? meine Schwgerinn? fragte der Administrator, und htte
nicht unglubiger hohnlcheln knnen, wenn man ihm gesagt: das Stift,
in hchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schnen Abend ein wenig
spatzieren gegangen.

Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurck, setzte die
Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flchtig vermuthete, nur ein
wirthschaftlicher Grund von groer Erheblichkeit msse eine so stete
Haushlterin von Ort und Stelle gerckt haben. Doch um nichts heiterer
durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich
des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem
Blttchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese
wenigen Zeilen unzhligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen
vermogte.

Allmchtiger Gott! rief er zu sich selbst, das arme Mdchen in meiner
Abwesenheit fortzuschaffen -- gleichsam wegzustehlen!-- Ein Getmmel
aufrhrischer Gedanken bestrmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im
Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl
schwerlich, da ihr Andenken ob jener eigenmchtigen Gewaltthat, um
wenig spter vor Gericht gezogen -- wo nicht zermalmt wrde. -- Aber
der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine
Reihe thatschlicher Beweise htte ihn so vollstndig berzeugen knnen,
wie die schulmige Entschuldigung der ersten Zeile: da es nimmer ein
Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung
gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? -- Er sammelte seine
ganze Kraft fr diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fdchen an
der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fden nicht, in denen der Sommer
in die Lfte flattert -- doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie
die Zuneigung zu einem persnlichen Gegenstand: und so war denn jene
Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein
Herz schwellen machte. Schwester Veronica wird es wissen-- dachte der
Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche
Hast, dieses rthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die
den Sle entlang, bis zur Thr der entlegenen Zelle, an welche die
Abendsonne Verklrung mahlte, so da dieser Eingang wirklich einer
Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum.
Ein Gefhl, der Andacht verwandt, lie ihn zgernd dies Altarblatt
betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Gttlichen vertrauten
Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange
der Erwartung, ward in dieser sanften Nhe wunderbar besnftigt. Er
richtete sich hochathmend auf, whrend er den gekrmmten Finger leise
und langsam an die Thr legte. Sie that sich auf. Der hereindringende
Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wnde, und warf einen Schimmer
von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer
Einfalt mit einem Liebeswerk beschftiget war. Ein Myrthenbaum von
ppiger Schnheit, davon die Nonne mit whliger Vorsicht eine Menge
Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein
kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie
die klsterliche Jungfrau den alten schnen Kopf, um den ein Nimbus der
Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie
geblht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewhrte
ihr Anblick ein fast berirdisches Bild.

Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! -- Der
aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge
umher aufheben zu wollen. Kein Stubchen dieser reinlichen Clause ruhete
noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig
in der pltzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine grere als diese
lautlose Unruhe strte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren
Luft nur ein Odemzug des Friedens war.

Verzeihen Sie doch ja gtigst meiner Zudringlichkeit, sagte der
Besuchende nach ehrerbietigem Gru, Ihnen zu dieser Zeit vielleicht
beschwerlich zu werden. Man findet, in abgesondertem Verhltnisse
werden die Menschen leicht eben so weitluftig als frmlich gegen
einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drngende Krze
anschleift. Schwester Veronica lie das Messerchen, womit sie Myrthen
schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle
Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach
herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wre. Zugleich bemerkte
sie still fr sich, da sein stattliches Aeuere etwas verstrt sey
-- und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von strkeren
Eindrcken bewegt, spannte sich fr den beziehungsvollen Ton, womit er
anhob: ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer
Rckkehr die Schwgerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat
auch Josephine mitgenommen---- Der Administrator stockte. Eine
hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an -- wenn nur kein
unangenehmer Vorfall -- ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica,
wrden mir des Nheren Auskunft geben knnen.

Was ich wei, will ich ihnen sagen-- sprach die Nonne, und das
tiefsinnige Lcheln in ihren Zgen drckte eben sowohl ihre bekmmerte
Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemthsruhe aus, die
sie dem Frager gbe. Frau Fabia ist nach Bhle gefahren, mit dem
lieben Kinde. Dort ist die Grfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater
angekommen -- und trgt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts
baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote--

Das Gesicht des Administrators hatte sich whrend dieser Nachricht
verndert. Das ist ein groes Ereigni! unterbrach er die Nonne mit
gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses
Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der
getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: das ist
ein groes Unglck! Der Nonne ging die Ahnung auf, sie htte ihm etwas
hchst Wichtiges mitgetheilt.

Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ltliches Frauenzimmer, dem
Reiz des Bewutseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen knne,
habe Werth fr den, der es hre: so konnte auch Schwester Veronica nicht
umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Mnze auszuzhlen.
Vorerst aber mute sich der Administrator auf ihr instndiges Nthigen
niederlassen. Er berhrte kaum die Kante eines Stuhls, und sa dennoch
wie auf Nadeln. -- Schwester Veronica begann nun: gestern Abend, da es
dmmerte -- das Schummerstndchen bringe ich gern drben zu -- ging ich
hinber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn
Gregors kleine Julie lag im Sterben -- ich bin, wie Sie sehen daran, fr
ein Todtenkrnzchen zu sorgen -- die Mutter, hie es, wre auer sich,
und man hatte geschickt, Frau Fabia mgte kommen, und in dieser Angst
den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist,
das mu man an ihr rhmen -- von christlicher Geduld und gelassenem
Wesen-- diese Tugenden seiner Schwgerinn htte jetzt schwerlich ein
Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mgen. Er sah die Nonne
mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und
es duchte ihm, seiner theilnehmenden Nchstenliebe ungeachtet, als ob
sie von einem Falle sprche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der
Welt betroffen htte.

So blieb ich denn, fuhr die geistliche Jungfrau fort, mit Josephine
allein. Das gute Kind war aber betrbt und uerte sonderbare Gedanken,
die ich jedoch fr weiter nichts hielt, als jenen wehmthigen Ernst, der
ein jugendlich Gemth ergreift, wenn es den Tod in der Nhe wei, und
gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann
wird der Gedanke an jede mgliche Trennung, die uns selbst bevorstehen
knnte, so natrlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles
um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen
liegt, nur um so inniger. -- Also wieder auf Josephine zu kommen, so
sagte sie: wie weh es ihr thun wrde, Sanct Capella zu verlassen, wo
ihr nur allein wohl wre. Wie gern sie hier sterben mgte oder wohnen
in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, da an solch ein
Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, da sie mein Stbchen
erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.

Das Auge des Zuhrers schien dies Testament im Innersten seiner Seele
aufzunehmen. Sein Blick sphte umher, als schtzte er die lieben
Heiligen allzumal -- und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch
ein kleiner Heiliger geworden -- nach ihrem Nennwerthe ab, und trge
die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte
sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies
Adagio, zhle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton
mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten
Sinn an ihre Auflsung denken konnte. -- Ein anderer Kranz von diesem
Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen
schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wnsche des
jungen Mdchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen
schmerzlich an sein Gefhl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer.
Wie wir noch so ber mein Vermchtni sprachen, fuhr die Nonne fort:
kam Frau Fabia zurck. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte
Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las -- sehen Sie um Gotteswillen!
wird uns die Frau schier ohnmchtig. Ich kann nicht leugnen, da mir
alle Glieder zitterten. Die Frau Schwgerinn ist nicht nervenschwach,
nein! eine starkmthige Person, huslich erkrftiget, gesund an Leib und
Seele: so mute ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm
das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog.
Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht.
Am Morgen in aller Frhe wollte ich mich erkundigen, wie sie
geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es
abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gesprch und
unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum
so schlimm, als Eindrngen in das Geheimni eines Andern, und habe
mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen mu ein Geschenk der
Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestm davon
trgt, wenn er die Gutherzigkeit berrascht. -- Ich dachte, es wird wohl
an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: da sie fr diesen
Nachmittag nach Bhle fahren wrde. Josephine stand stumm und bla
wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen
Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspt
wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als
sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte:
nun, wir scheiden ja nicht fr ewig, mein Herzenskind! was wrs denn
auch, wenn Du ein paar Tage drben bleiben mtest? bin ich doch in
meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Grfinn
Frankenstern gewesen, und wrde heut noch Bescheid im Schlosse wissen,
und Dir das kleine Gemach zeigen knnen, worin ich geschlafen. -- Das
schien dem lieben Mdchen denn traut und trstlich zu seyn, und ein
Mehreres, werther Herr Administrator, wte ich Ihnen nicht zu sagen.

Es gengte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in
gebundener Rede -- im Sinne der Zurckhaltung -- einige Worte; denn
es machte ihn beklommen, da er gegen die herzliche Nonne nicht ganz
aufrichtig seyn drfte. So war es ihm nicht unlieb, da der Zufall ihm
ber einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefhl, das der Freundschaft
wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. -- Er ward abgerufen,
weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein
Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern
seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichma starker Schritte
auf und nieder ging. Es verndert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch
in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden.
Demnach lie eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem
dumpfen Gefhl getuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle
seines Zimmers zurcktreten, als er die Einquartierung desselben inne
ward.--

Bitte nicht bel zu nehmen, Freundchen, da ich so sans faon Eingang
gesucht-- sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend,
und ein fremdartiges Lcheln lief hurtig wie Geflgel ber die Furchen
seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich,
matt von der Sonne beschienen.

Den rechten Eingang finden-- fuhr er fort, ist schwer, und mancher
folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.

Herr Prlat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch
eines einleitenden Wortes zu bedrfen. Eine bse Ahnung kroch an sein
Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: Sie
haben mir etwas Schlimmes anzukndigen, Major! fassen Sie Sich in der
Krze, ich bitte! _ich_ bin gefat.--

Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In
merklicher Verwirrung antwortete er: Schlimmes? nun ja, aber vermengt
mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das
Schicksal ist ein Mischling, Glcklich retournirt, Freundchen? waren Sie
schon da, wie die Estafette kam? -- Sehen Sie, da habe ich mir all
mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon msse ein Glck
verlautbaren: etwa des groe Loos -- die Ankunft des Knigs -- oder
einen Ehrenaufzug und dergleichen. Da eine Hiobspost mit solch
frhlichem Geblse kommen knne, das htte ich nimmer gedacht. So
erinnere ich mich, da, als ich, ein junger Offizier damals, in B--
stand, hatten wir eine Schlittenfahrt =en Masque= mit solchem Vorklang.
Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und
Schrecken. Der Fhrer der ersten Dame, ein allerliebstes Mdchen, schn
wie das Leben, war der Tod!--

Major! sagte der Administrator in sichtlicher Pein, nochmals bitte
ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren
soll? -- Mein Bruder--

Es wre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei
nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen
lie, und einfach sagte: ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren
ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder -- ist nicht mehr, und
nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu
sterben.--

Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. Groer Gott! mein
guter Constanz! rief er mit blassen Lippen, und fhlte in diesem
herzandringenden Moment, da Eines Vaters Blut in ihren Adern flsse.
Nicht mglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen? Es war,
als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage lge.

An mich! antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewutseyn eines
wahrhaften Freundes, mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme
Therese sich auer Stande dazu gefhlt, und Fli nicht Zeit gehabt hat.
_Fli!_ der Leichtfu vergit zu bemerken, Wer Fli sey, als ob mir
wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben
wren.

Der Major berhrte hierauf in Krze, wie? und wann? der Gemahl Theresens
gestorben sey.

Ich trume wohl? fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne,
auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, wie aber kam der
Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben
Dienstleistung? Es war, als ob er diese sonderbare Fgung im Namen des
Verstorbenen bel nhme.

Sehen Sie, erwiederte der Major, das ist eine merkwrdige Geschichte,
und ich gbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner
Jugend Logik studirt htte. Da knnte ich Ihnen Alles fein ordentlich
entwickeln, statt da ich hinten anfange, vorn ein Fdchen abreie, --
und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glck gehabt, was mir bei
dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama
der Estafette gewissermaen doch Recht. Die Fee Fanferlsche -- Sie
wissen schon -- hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben
eingesetzt. Das htte der Junge wohl nicht gedacht, da, als er die alte
Dame Wischiwaschi aus einer lcherlichen Verlegenheit empor ri, und
sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafr fr
zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit berheben, und so weich
setzen wrde? -- Man schtzt ihren Nachla auf hunderttausend Thaler.
Gleichzeitig mit diesem Vermchtni erfhrt er, versetzt zu seyn, worauf
er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht fr einen
Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Da der Rudolph grade an
den Ort kommen mute, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau,
seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von
Ohngefhr. Taugt nichts! rief ich unwillkrlich aus, wie ich das las.

Nun verursacht groes Glck auch im besten Falle eine kleine Narrheit.
Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken fr Mambrins Helm
hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet.
Ich glaube, wrde die Armee auf Kriegsfu gesetzt, er she sie auf
Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der!--

Der Administrator empfand schmerzlich, da des alten Freundes
theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen
diesmal zu _silbern_ sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In
diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglckend. Er hatte
nur Gefhl fr den Verlust eines so krftigen jungen Lebens, welches der
Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.

Ich kann es noch nicht fassen-- schob der Administrator in die Pause
jenes Ausrufs ein, und sein Ton lie errathen, da er von der Rede des
Freundes wenig oder nichts gehrt, und whrend ihrer Dauer nur an den
Verstorbenen gedacht htte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen
Blicke entglomm ein Funke -- und so fragte er: Sie meinen also, Major,
da Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wre?--
Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel,
verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrstung
trat der Major vor ihn hin, und sprach: da sey Gott fr! da ich so
etwas nur gedacht, geschweige denn geuert htte. Oder es mte
eine Verabredung der hheren Mchte darunter verstanden seyn, die
vorausgesehen, da Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen
allda, einen Freund brauchen wrde, der wie mein braver Artillerist fr
sie durchs Feuer liefe. -- Besinnt Euch Freundchen! es wre ja nicht
einmal mglich gewesen; denn mein Neffe ward frher versetzt, als der
Legationsrath seine Frau von hier abholte. -- Htten Sie Acht gegeben,
was ich gesagt: so wrden Sie jetzt hren, wo ich hinaus gewollt -- mein
Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwrts gefhrt. -- Da geht der
Rudolph eines Tages ber den Markt, und stt auf einen Menschen, der
einen Schuh trgt. Jener erkennt ihn -- den Schuh nmlich -- an der
Farbe, an dem kleinen polnischen Mae; er kennt die Dame, der er gehrt.
Nun luft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und fhrt
ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und da mein Neffe
nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als
billig.--

Dies Letztere sagte der Major in dem Tone lblichen Gutachtens, und
mit persnlichem Accent -- als ob der Lieutnant nur bewogen von
der Rcksicht, in welchem Verhltni sein Oheim zu der Familie des
Hingeschiedenen stnde -- sich der jungen Frau angenommen. Dennoch
konnte der Administrator ein Lcheln, so bitter als traurig, nicht
unterdrcken, als er sagte: es wre dessenungeachtet sehr mglich, da
mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen
diesen Curator einzuwenden htte.--

Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er
fhlte wohl, da sein Freund recht hatte; wie htte er aber das kleine
Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber
mnnlich verbeien als rgen, und mit der Gereiztheit eines Betrbten
Geduld haben mgen? Er antwortete demnach langmthig: das hat der
Rudolph auch bedacht, und deshalb dafr gesorgt, da Therese den Gasthof
verliee. Sie hlt sich jetzt hchst wahrscheinlich auf dem Gute
der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die
Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch
die Hauptsache darin htte ich beinahe vergessen. Therese lt Sie
flehentlichst bitten, wenn es irgend mglich wre, hinzukommen. Sie
wte sich nicht Rath und es gbe Manches zu ordnen, was nur den
nchsten Verwandten zustnde.--

Herr Prlat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten
Reise von solch traurigem Anla, geschah zu einer Zeit, die dem
Entschlusse gnstig war. Sein Herz war erschttert, und nicht von der
Seite allein, wo der pltzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht
es bestrzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen -- und es war, als wre
der Bestand aller bisherigen Verhltnisse aufgelst. Dann konnte Sylvius
ihn jetzt vertreten. Wer wte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit
ohne Zeitverlust fr sein Amt ermglichen knnte? -- Und wie er auf
der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und
dachte, ob er sich auch stark genug dazu fnde, die kalten Geschfte
des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thrnen
hinzunehmen, die Therese etwa vergieen mgte, -- fhlte er mit einem
nervsen Schauer, da ein Leben von so verhngnivollem Gewicht, und
in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so frh
hinab ziehen mssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: seine
Rastlosigkeit -- glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.

Das sag' ich auch! sprach der Major, man bekam Schwindel, vom Hren
blo. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel-- der Hund knurrte -- still
da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen -- von einem Ende der Welt zum
andern. Wren wir vom Schpfer dazu geschaffen: dann htte er uns Flgel
gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So
aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist
Derjenige, der in der Tragdie dieses Erdenlebens am wrdigsten aushlt.
-- Wir schreiten bedchtig einher, oder fahren gemchlich mit Vieren. --
In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen,
noch an der Strke des Rosses. -- Oft habe ich ber diese Stelle
nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein sprte, da empfand ich,
da der gtige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben knnte.

Und jetzt, sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der
Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, wo er endlich festen
Fu gefat haben wrde, mute mein guter Bruder sterben!

Ebendeswegen! erwiederte der Major mit verstrkter Stimme,
ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! -- Mit aller
Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe
war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon.
Vielleicht war dies der klgste Streich des Diplomaten, und jedenfalls
besser als ein spterer Rckzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte
die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin
verlscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser sehaften Charge pate er
nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermhlt, sein Weibchen dann in
irgend einem Neste sitzen lt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei
in die Wirthschaft legt.--

Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des
weltlichen Klosterhauses erstarb das bse Princip dem alten Feldmeister
auf der soldatischen Zunge. Er grte, schlpfte zur Thr hinaus, durch
ein unverstndliches Murmeln andeutend, er wolle den bewuten Brief
holen -- und Herr Prlat sah sich mit seiner Schwgerin allein. Er hatte
den Wagen nicht kommen gehrt, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar
sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche
sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von
Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob,
und ein sanftes Ineinanderflieen von Klarheit und Trbsinn ber ihre
Zge verbreitete, was Zutrauen einflte, sie werde eine schmerzliche
Erfahrung eben so wohl zu theilen fhig seyn, als zu beurtheilen wissen.

Es ist mir lieb, Fabia, da Du nun da bist! sagte der Administrator
ihr entgegen tretend; aber sein Gru klang traurig. Denke nur, mein
guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!

Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag fr sie enthalten,
trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises
Streiflicht zuckte auf ihren Lippen -- der Geist der Wahrsagung erschien
darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn
wie sie.

Um Gott! was Du sagst, mein Bruder! antwortete Fabia, und wre diese
Nachricht mehr als ein Gercht?

Diese Nachricht, erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewiheit in
Blick und Ton, ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major
gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in -- an der Brune
gestorben, und -- also erstickt! Dies Letztere setzte der Administrator
mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser scho ihm in die Augen, und
vor Fabiens Theilnahme, welche sich _mtterlich_ zu uern pflegte,
das heit: ob auch zartsinnig, doch berlegen -- schmte er sich der
brderlichen Thrne nicht.

Denke Dir das nicht gar so schwarz-- sagte Fabia leidsam, und
bemhte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rhrung, ihren Schwager
zu trsten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft
geltend, welche gewi zu den schtzbarsten dieser oft verkannten Frau
gehrte. Fabia besa die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs.
Vermge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trben, den
Blick des Geistes schrfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen
vergnnt, als diese sonst selten gefunden werden drfte, wo es an
Weltkenntni fehlt, die Fabia nicht erwerben knnen. -- Zuweilen sogar
sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlssigkeit willen
glaubte man an sie. Und da Fabia es fr eine Pflichterfllung ihrer
Religion hielt, sich der Betrbten anzunehmen: so versumte sie
keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine
schmerzvergtende Innigkeit, deren sie gnzlich ermangelte, wo es darauf
ankam, sich mit den Frhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der
Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung
den Spruch vor Augen hatte: ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht
verachten --: so war ihr nichts von grerem Werth, sich linden und
lieblichen Wesens daran zu beweisen, als -- eine Wunde. So ging ihr des
Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so nher, als sie bedachte, er
traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der
verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch
auch sie seinen Tod in einem Nachgefhl ihrer eigenen Verwittwung.

Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben! sagte nun Fabia
beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien,
hier stand er noch vor wenig Wochen -- ich sehe ihn leiblich vor mir
stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mgen und Keinem; aber der Bruder
kam mir bel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der
doch selten trgt; inde whnte ich, er wre nur angegriffen von den
Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn frher nicht gekannt. Glaube
nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese htte nicht mehr gut gethan.
Sie waren einander entwhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist
denn die Ehe, wenn sie Jahre zult, in denen man vergngt ohne einander
seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich
wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, da er alles Fremdartige
ausschliet, und wo Mann und Weib einander _viel_ zu erzhlen haben: da
fhlt gewi Eins fr's Andre _wenig_.

Du gehst zu weit, Fabia-- entgegnete der Administrator, Tausende von
Ehegatten werden durch Pflicht und Verhltni getrennt, und lieben sich
dennoch.

Darauf sprach Frau Fabia: es mag eine Liebe geben, die in der Trennung
sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. -- Was
nun Theresen anbetrifft: so drfte ihr ehelich Gefhl schwerlich unter
den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer wei, wie sehr wir Ursach htten,
fr diese Auflsung den Herrn zu preisen! -- Du weit ja selbst, wie
verbitternd Scheidungen anderer Art-- der Faden ihrer Rede ri bei
dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute
dster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.

Was soll nun aus Theresen werden? fragte Fabia, und wendete die
Richtung ihrer Gedanken, ohne Vermgen, ohne einen Halt, der Lust am
Flei, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft--

Der Administrator lchelte dieser unntzen Sorge. Ich glaube, gute
Fabia, sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach
eine Schwche andeutet, _wir_ drfen dehalb unbekmmert seyn. Das
Glck selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich
zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flgel des Leichtsinns,
und diese hat Therese schon. Und nun erzhlte er seiner Schwgerinn
halblaut, was er vom Major erfahren. Er schlo mit den Worten: so lt
sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schner
Zug von Dir ist, liebe Fabia, da Du das Unglck achtest, und Dem
vorzugsweise freundlich bist, Den -- um in Deiner Sprache zu reden --
_der Herr_ _heim sucht_: so la uns Theresen mindestens nicht zrnen,
da sie verdienstlos eine Begnstigte scheint; da noch vor dem Verlust
der Ersatz schon Wurzel gefat, wie ein neuer Kinderzahn schon glnzend
dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. -- Auch das Glck
kommt von Gott, und wir schmhen den Geber, wenn wir vom Glcklichen
nicht glimpflich denken.

Mit einem bekrnkten Lcheln antwortete Fabia: o! ich will ihr alles
Gute gnnen und wnschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und wei
allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Da ich mich fortan auch
der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder!
welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein
Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bhle -- Du weit es.
Frankensterns sind da, und die Grfinn hatte mir geschrieben. Sie ist
unschuldig -- und sehr unglcklich. Eine Centnerlast ist von meiner
Seele gewlzt; aber ich knnte doch nicht sagen, da mir leicht zu Muthe
wre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken
nur, drckt mich nieder. Und nun erzhlte auch Fabia ihrem Schwager,
wie sie die Grfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich
erklrt, hinsichtlich jenes emprenden Verdachts. Sie endete ihren
Bericht mit den Worten: und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein
Leben verkrzt, und das meine mir verkmmert!

Sieh, Fabia! sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, htten
wir _die gttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen_: dann wre
uns das nagende Gefhl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir
hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche
Zeugen -- nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.

Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten
ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt -- schwebte
schattenhnlich vor ihm auf. Und Josephine? fragte er mit verhaltener
Stimme.

Sie grt Dich -- grt Dich tausendmal! antwortete Fabia. Sie wird
fr einige Zeit in Bhle bleiben? fragte der Administrator abermals,
und ein Gefhl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, lie ihn seiner
Schwgerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja,
nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: was wird nun
Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe -- und er hat es keinen
Gewinn; die Tochter ist ihm entrckt, und er mu es geschehen lassen.
Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich liee: wer knnte es
hindern? es ist einmal Ihr Kind!

Wer es hindern knnte? entgegnete Herr Prlat lebhaft und mit Wrme:
_Du_, Fabia! unbeschadet des mtterlichen Vorrechts ist Josephine auch
Dein, durch die treue Mhe der Erziehung. Du httest, dnkt mich, auch
ein Wort dagegen zu sagen, da das arme Mdchen in jener unheimlichen
Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewhnt -- es wre auch
hart fr den armen Sylvius, wenn er ihre Nhe -- dies einzige Glck, was
er ohne Vorwurf geniet -- einben sollte.

Wirst Du mit ihm sprechen? fragte Fabia mit kranker, krampfhafter
Stimme, mein Kopf glht und hmmert; ich werde nun gehen, und mir einen
Umschlag von Kruteressig geben lassen.

Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurck und berieth, auf
welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den
Freund beschrnkt werden knnte und mte. Dann erffnete er ihr
den Entschlu zur Reise, was der nthigen Gestalten wegen auch nicht
geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt
jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trmmer
brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwche zu wanken. Mit diesem
wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prlat mogte seinem
Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stren. Ihm selbst kam und
verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frhlingshell und heilig
erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor,
und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Krfte.--

Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich
gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen berzeugt hatte, sah er
die darin enthaltenen Umstnde wie mit andern an. Gesammelten Geistes
hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine
Abreise, die in der Frhe des nchsten Tages statt haben sollte.

Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem
Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Reprsentantinn
der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht,
seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit ber den
Entschlafenen zu sagen. Sie uerte sich dabei in der ihr eigenthmlich
milden Gelassenheit, die auf der Hhe des Alters und eines erhobenen
Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. -- Veronica sprach:
besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, da die
arme Therese noch nicht berhin wre? solch glcklicher Leichtsinn ist
oftmals zu groer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lssig
seyn will, mu sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und
selbst das Glck ist gewichtig und trgt sich schwer, wie vielmehr das
Unglck! -- Jener berhmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige
Nacht gemalt hat, o wunderschne! trug sich an einem Geldsack todt.
Wollte man Therese anspannen, fleiig zu seyn, so kme es mir vor,
als she ich einen Schmetterling an einer drthernen Kette sein
Futternpfchen ziehen, wie man Vgel abzurichten pflegt. Ich gnnte es
ihr, da sie sich von Blumen nhrte.

Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete:
wenn ich die Schwgerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gnzlich
unbekmmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene
Stelle in den Psalmen, die da heit: es wird ein grausamer Engel ber
Dich kommen--

Das ist denn der Gasthof zum Engel fr die Aermste gewesen--
entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen
theilten sich flsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe
dchten. Veronicas Schauen war ein glubiges im Geist der Liebe, die
allen Menschen Gutes wnscht, und das Beste gnnt. Und weil das Versagte
uns das Hchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns fr den
Nichtbesitz entschdigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel
auf Erden, als wofr sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung
geschlossen.

Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung fr sich. Indem sie
wute, da eine Frau auch Tugend und Treue bedrfe, um ihren Mann auf
die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glck in den Selbstgenu eines
reinen Bewutseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trben
Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.

Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewi ist es,
da jenes schpferische Genie des Glckes, daraus die Poesie des Lebens,
ja, das Leben selbst hervorgeht -- in etwas Unbewutem besteht, und da
die Erfllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen,
hier und dort.--

Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte
nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigni genommen: Hauptmann
Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch
vermit, da der gutmthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an
Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.

Gegen den Abend -- Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange
in die Wildni des Waldes noch nicht zurck -- Frau Fabia fr ihren
Schwager mit Einpacken beschftiget, und Herr Prlat allein in seinem
Zimmer, um einiges Nthige fr seine Abwesenheit zu besorgen; da trat
der Hauptmann bei ihm ein.

Obgleich Jener verdsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als
ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen lge, so bemerkte er doch,
er she den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weien Glaee-Handschuh,
blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen --
glnzten leichenfrmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke,
und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von
festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine
Miene drckte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von
Selbstgeflligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme,
und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die
Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette,
gepret mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem
Herzen verbirgt, das im Verhltni seiner Gre zu dem kleinen Gott
jenes zwanzigpfndige anschaulich machte, wovon er einst erzhlt.

Der Administrator dankte in Krze und lchelnd. Er erkundigte sich nach
des Hauptmanns Befinden und sagte, da, da er ihn diesen Morgen unter
den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefrchtet,
Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufllen litt, htte sein
Zittern wieder bekommen.

Der Veteran errthete, fate unter die straffe Halsbinde, rusperte sich
und sprach: =au contraire=, Werthester! ich war nie gesnder, und fhle
mich wie verjngt. Meine Natur-- ist vortrefflich; ich wei es--
unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug
fhlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.

Von Zittern keine Spur-- setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner
Gesundheit fort, und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht
frher. Mir widersteht die bliche, oder vielmehr _ble_ Sitte, da
man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und =en Masse= ber Einen
herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mgten auf diese
Weise unterliegen -- und Delicatesse in der Freundschaft geht mir ber
Alles.

Sie ist die Grazie des Gefhls-- entgegnete der Administrator wie mit
trbem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt,
zum erstenmale etwas Wahres zu finden.

Grazie! ja, auf Ehre! antwortete jener, das ist das rechte Wort.
Und das fletschende Lcheln, womit er es aussprach, gab den
Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. Diese
Eigenschaft, setzte er mit Grimasse hinzu, ist jedoch nicht Jedermanns
Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, da mir alle Leute
gut sind. Ich mu etwas Anziehendes an mir haben -- wo aber steckt es?
dachte ich oft. Mir selbst unerklrbar. Als ich ein Knabe war, schenkte
mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer -- wir
knnen nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glck bei
dem schnen Geschlecht war enorm -- ich knnte Ihnen zum Erstaunen davon
erzhlen.

Herr Prlat entsetzte sich vor dieser Mglichkeit und sprach hastig
in jener flchtigen Tonweise, die nicht zweifeln lt, man wnsche
verschont zu bleiben: zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir
das viel Vergngen gewhren.

Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede
wie folgt: die Weiber -- ich sage Ihnen--

liefen davon? fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein.
Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergtend hinzu, ich
meine, aus Furcht vor dem Sieger.

Ah so! antwortete der Csar des Invalidencorps, zufriedengestellt,
diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch
Wer sich stark fhlt, der hte sich nur vor einer Delila, die ihn an die
Philister verrth. Auch dem niedlichsten Satan htte ich mich nicht bei
einem Haare fassen lassen. -- So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel
pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre
benimmt sich auch discret, wo er gewi ist, sein Fortne nicht zu
verfehlen.

Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel
dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glck an, statt
seiner ein Thor der Erlsung zu erschttern, da er frei wrde. Es
verlie sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er
dem Zwecke seines Besuchs nher kommen -- und entrckte ihm das Ziel.

Jetzt freilich, sprach der Hauptmann, habe ich manchen bedenklichen
Augenblick, da ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen lie. --
Was ntzt mir all' mein aufgespartes Vermgen? mein schnes Geldchen,
und mein Gut? ich geniee es allein. Das macht grmlich vor der Zeit.
Ich bedrfte Jemandes, der mich erheiterte.

Der Administrator lchelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte:
Wer so Viel in sich trgt, wie Sie, dchte ich, kann kaum in den Fall
kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.

Den Teufel auch, mein Freund! antwortete der martialische Moorhausen,
durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden,
empfindlich gereizt. Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie
ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines
kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glcklich macht, und welches
ihn ergtzt -- und so habe ich denn lngst reiflich berlegt und erwogen
-- Hm! Hm! es wre das Zutrglichste fr mich, ich heirathete. Nur
schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der
Windrose; ich wute nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich
wie durch einen pltzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine
Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelstete, vermuthlich
auf eine Sandbank gerathen wre. So sprach er nicht ohne einen Blick
mitleidigen Ernstes auf den khnen Segler: Heirathen? Sie scherzen,
Capitain.

Nicht da ich wte-- antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus.
Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaerlich zu Muthe. Auch wre das
zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist,
den ich stets im Auge gehabt -- weshalb man mich auch beim Regiment _den
glcklichen Zieler_ zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen
in mein Zimmer zurck, und wartete bis jetzt. Ist das Gemth einmal
afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht
gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die
Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, da als meine Mutter im
Sterben lag -- es dauerte lange, und es ist schrecklich, da auch Leute
von Rang so ringen mssen -- kamen Schlsser, Schreiner, und so weiter
-- um die Arbeit fr die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten.
Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, da er einen jener armen
Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt
waren, beinahe gemihandelt htte. -- An diese Scene mute ich
unwillkrlich denken, da ich Anstand nahm, frher als in diesem
Augenblick mich Ihrer gtigen Frsprache bei der Wittwe Ihres Herrn
Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus.--

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, da Moorhausen den
Verstand verloren htte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen,
und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so
vernnftig als mglich: in der That, Sie fhlen fein; es wre wirklich
ein Stckchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprchen.--

Ein Lcheln der Selbstzuversicht verklrte den alten
Ehestandscandidaten. Sie meinen, sprach er, die schne Frau wrde mir
den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan --
werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hlt Die nicht,
dafr stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte
Snder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste
Scharmtzel. Sie giebt mir Eins drauf -- ich aber liebe das. Capitain
Moorhausen, versetzte Herr Prlat, dessen Stimmung nicht darnach war,
diesen Unsinn lnger auszuhalten, Sie sind ein eben so einsichtsvoller
als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen,
ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschhe in jedem Sinne _zu spt_.
Sollte meine Schwgerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der
Mann, den sie whlt, zweifelsohne schon zur Seite.--

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlngerte sich
zusehends. Der Administrator bckte sich nach dem Bambus, und legte
ihn in die Hnde, an denen jenes erwhnte Zittern sichtlich zu werden
anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: sehen Sie
diese zutrauliche Erklrung meiner Seits nicht fr einen Korb an;
auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser
Absicht. Nein! nur einen Sttzpunkt auf dem einsamen Gange, der unter
manchen Umstnden, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen
borgt der Geist der Lge die gttliche Stimme, welche einst sprach: es
ist nicht gut, da der Mensch allein sey.

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, da sein Vertrauter auch
schweigen mge. Die Glaeehandschuh platzten bei dem Hndedrucke
des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust
zusammen, das Herz schlug Chamade. Er lie die Flgel tief hngen --
und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment wrde
diesen Preiswrdigen jetzt nicht den glcklichen Zieler genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bhle. Obgleich -- nach der
Zeitrechnung des Geistes -- fast kein Augenblick verging, in welchem
ihre Gedanken nicht hinber schwebten nach St. Capella und weiter
noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wute--: so machte doch ihr
jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfngliche Gemth geltend.
Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner
Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Grfinn, die selbst
der Umgang ihres liebenswrdigen Kindes nicht zerstreuen konnte -- die
unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise
zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mdchen,
dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frhling hatte sich
inde entfaltet, und prangte in vllig aufgeschlossener Schnheit. Auch
in die dumpfen Zimmer und Sle des herrschaftlichen Hauses von
Bhle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den
aufknospenden Blttern der Linde spielten an den kalten Wnden, und
mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder.
Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberflu von Diamanten,
und sein eintniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen
seiner dstern Anwohner, und flo mit dem Strom von Lust, Leid und Leben
zusammen, der die verjngte Schpfung schwellte. An einem der schnsten
Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, ber den die Sonne
lange goldene Brcken schlug, so da die Mglichkeit ihm einleuchtete,
sie zu passiren. -- Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem
Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Rthsel des Daseyns
ergrnden; doch als jetzt das himmlische Licht ber diesen Abgrund
schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten fhren. Dies war
unerhrt. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und
nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig
gehorchte das Mdchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue,
Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur
Frsorge um seinen Hals. Die Grfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und
untersttzte ihn zart, doch jugendkrftig. Seine gleitenden Schritte,
das fhlbare Wanken des verfallnen Krpers bewegten ihr das Herz im
Busen, und ihr elastischer Fu ging so langsam als mglich. Der
Bediente ffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit
theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grnen Bezirk. Alles
stand hier noch unverndert; nur die jungen Bume waren gro und stark
geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll
Blthen, und schimmerten mit weirthlichen Bscheln lieblich zwischen
dem finstern Gehlz.

Josephine athmete tief -- und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem
Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit
der Wonne der sen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwche,
strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn
bescheiden aufmerksam machte, es mgte ihm fr's Erste wohl zu viel
werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schne Aussicht
bot. -- Unter einer breitstigen Esche winkte ein weier Gartenstuhl, so
hart und kunstlos, als htte ihn ein Eremit geflochten -- zur Ruhe. Der
Graf lie sich mit Hlfe seiner Fhrerinn darin nieder, und Josephine
setzte sich schmeichelnd zu seinen Fen. Es war eine kleine Anhhe. Der
Wind kruselte sanft das grne Meer der Saat, ein lindes Suseln,
wie von Geisterflgeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine
ahnungsvolle Stille rings umher! -- Der Graf senkte das Gesicht, um sein
Auge an dem frischen Anblick zu strken. Er sah die Ernte im Geist
-- und die dnnen Halme seines Haupthaars weheten silberwei auf und
nieder, als wre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nhe.

Die Welt ist doch schn! sagte er nach einer beschaulichen Pause,
wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: _wach_! Und mit
fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: gehst Du gern
schlafen, mein Kind?--

Josephine fuhr aus trumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: ich?
wenn ich mde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas
recht Holdes. In sanfter Betubung strkt sein Labsal. Wer mgte ihn
nicht lieben, diesen Wohlthter? -- Auch beunruhigt mich nie ein bser
Traum -- hchstens trume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wrmte
ich einen Schneeknig an meiner Brust -- der war erstarrt; pltzlich
flatterte er auf, und verschwand in den Wolken -- und traurig sah ich
ihm nach.

Schneeknig? erwiederte der Graf, das ist ein kleiner Vogel, nicht
wahr? Und wie aus einem Geklft seines Gedchtnisses tnte ein
Echo jener Stelle: der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vgel
schweben, emporzufliegen. -- In vergleichendem Sinne sagte er: die
Vgel des Waldes sind glcklicher daran als wir; sie steigen aufwrts
mit frhlichem Gesange -- die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer
aber schlft, ist allein, ist in Gefahr, und schliet sich sein Auge,
dann-- Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der
unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach
mit leidsamem Widerspruch: das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr
Graf. Die Menschen sind einsam, und da sie es _wissen_, ist ihr grter
Schmerz. Wer aber schlft -- und wre es auch im Grabe -- geniet
unbewut Frieden, und Gott schtzt den Schlummer des Gerechten!--

Graf Frankenstern schien sichtlich erschttert durch diese Rede des
Mdchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein
halbes Sculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines
Dmons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: so frchtest Du
Dich nicht vor dem -- Tode -- mein Kind?

Ein unsterbliches Lcheln verklrte mit der Abendsonne zugleich
Josephinens reine Zge. Nein! gewi nicht! versicherte sie mit
Innigkeit. Ich halte dafr, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote
der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Gehei: wie sollte er
einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn -- frh oder spt! -- Das
kleinste Blmchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblhet es
auf's neue; die Sonne geht unter und schner wieder auf, und das
Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneeknig erwrmt, sollte
erstarren -- und nicht fr den Himmel schlagen? -- Knnte ich glcklich
machen, Alle, die ich liebe, ich gbe gern die kleine Blume meines
Lebens hin. Ein paar Thrnen rollten, als Josephine dies sprach, von
ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glnzt nicht schner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequlte Seele erlsete. Der
Graf athmete auf mit leisem Sthnen, wie Einer der erwacht, und sprach:
ich sehe ein, da Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen
geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwnde -- als ob
es Morgen wrde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu
leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct
Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nchstens
einmal hinber fahren. Josephine lchelte wehmthig, und das Herz war
ihr unsglich schwer. Und glaubst Du wohl, fragte der Greis abermals
nach einer stillen Weile, da ich die Abendglocke hre? Dem Mdchen
kam ein Grauen an: es war fast unmglich in dieser Entfernung. Ich bin
doch mde von dem kurzen Gange, sagte er mit matter Stimme, la mich
ein wenig an Dich lehnen -- oder ist Deine Brust auch krank?--

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drckte das
sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute gengstet
aus, wo die Grfinn nur bleiben mge? Da kam Albane. Das leichte
Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wste des
Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. Mir ducht, ich she
meine Frau-- stammelte er kaum verstndlich, warum sprichst Du
so leise?---- Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete
schwcher und schwcher. Die Grfinn knieete in's Gras und faltete die
Hnde; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glhte
wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt
eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des mden
Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender
Hand streichelte sie den khlen Scheitel, den der Gedanke verlie, und
dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prfend an
den Puls der Schlfe, und fand ihn stockend -- nun stand er stille.

Er ist gestorben-- sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als
knnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe
lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und
schwer. Sie lehnte ihn zurck in den Sessel, und die Seinen schauten nun
in sein erblates Angesicht.

O mein Vater! sagte die Grfinn mit heien Thrnen, kann man leichter
und schner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor
Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir,
und ereilte Dich zu lieblicher Stunde. In zerrinnenden Bildern sah
Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergo
ihr gepretes Herz sich in den bekannten Strophen: schlummre wohl
inde, du trge Brde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die
Nacht, und ihre Lampen brennen ber Dir im heil'gen Zelte. -- 

Es schien der Grfinn bedeutsam, da ihr Vater unter einer Esche
verschieden wre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und
schmerzheilende Kraft zuschreibt.--

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene
Gruppe noch unverndert. Jetzt fing die Abendluft an khl zu werden; die
Grfinn erschauerte in jenem Frsteln, welches man nur in der Nhe des
Todes empfindet, und auch Josephinens blhende Wange war sehr bla.
-- Auf einen Wink der Ersteren ward der weie Gartensessel mit seinem
stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse
getragen. Hier lie man die Vorhnge tief herab, und die entseelte Hlle
auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezndet, auf da es hell
wrde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten
sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch
bei ihm, weil sie frchteten, er knne im Starrkrampf liegen. Htte der
Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache
wrde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren
geheimnivollen Schein auf seine schweigsamen Zge warf, blhete ein
glimmender Brief -- dies Auge aber war geschlossen, und las keinen
mehr. Es hatte sich fr jenen Freibrief geffnet, der nicht mit Dinte
geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit,
sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Drauen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des
Tages erbleichte das nchtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete
sich mhlig ber den Leichnam aus -- da verlie ihn die Grfinn unter
den Flgeln der Morgenrthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre
erschpften Krfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu
versuchen, ob sie ein wenig schlummern knne? doch ihre Pulse klopften
wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ngstlich unter dem weichen
Sterbepfhl ihres Grovaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des
Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflsung desselben dargethan, ohne
Gerusch vollbracht, und dann -- da kein eigentliches Familienbegrbni
in Bhle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella
beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt,
ihr Eigenthum. -- Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung
zu spter Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem dstern
Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nchte sinkt,
fielen Albanens Thrnen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie
der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem
Stifte gesprochen.--

       *       *       *       *       *

Nachdem der Administrator seiner brderlichen Pflicht vollkommen und
nach bester Einsicht gengt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschlu
dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurck. Auf
der langen Reise hatte er Mue, ber dies Fragment seines Lebens
nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brder
waren nun beide todt. Die Beschftigung mit den Papieren des
Jngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als
das Vermchtni der mtterlichen Natur ihn jemals fhlen lassen, da sie
ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefhl von Einsamkeit
mit hinweg -- er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche
lnger als zwei Jahre in huslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast
entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine
Auflsung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie
vielmehr enger zieht. Auch htte die Weite den Verknpfungspunkten ihrer
gegenseitigen Anhnglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer
Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein
fr weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne
Plural.--

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thrnen Prunk
zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit
bewundernswrdiger Gewandtheit vernderte sie den Faltenwurf des
Trauerflors, und verhllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem
Wunsche, das Leben mglichst zu genieen, und kaum die Ble der
flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen knnten. So hatte
die schne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, da sie,
sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister
heirathen werde, und sich von diesem Bndni des Glckes Flle
verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche
unser Geschlecht in den geheimsten Zgen eines Mnnerherzens lesen lt,
verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Brgschaft leistete,
und sprach nur von den soliden Eigenschaften des knftigen Gatten, von
seinem Erbvermgen, was sie ber jeden Mangel hinwegsetze und sicher
stelle; als ob sie darin die Gewhr fnde, welche zunchst auf dem Grade
ihrer eigenen Zuverlssigkeit beruhete.

So drfen wir auch hoffen, setzte Therese wie zum Facit der
aufgezhlten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, da die gute Baronin uns ihr
schnes Gut vermache. Sie hat schon ein Wrtchen davon gemunkelt. Dann
lebe ich den Sommer ber hier, glckselig wie eine kleine Fee in
meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine
Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fu, auf halbem Sold
ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. -- Sieh!
so geht bei uns das Sprchwort in Erfllung, wo Tauben sind, fliegen
Tauben zu.

Der Administrator hing schweigend an diesem geschwtzigen Munde, dem
er so oft ein willigeres Ohr geliehen -- und sprach jetzt wie von einem
pltzlichen Ingrimm berrascht: nun so spanne Deine Tauben vor den
Wagen der Liebe, und sorge, da ihrer keine der Geier hole.

Therese sah ihren Schwager betroffen an. Bist Du mir bse, Clestin?
fragte sie, scheu geworden, und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht
gut?

Herr Prlat verneinte mit Hitze jede Animositt gegen den Nachfolger
seines Bruders, und sagte dann: wie sollte ich Dir zrnen, Therese? Du
bist ein Weib!-- Er lchelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in
diesem Lcheln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien,
die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. --
Er nahm einen khlen Abschied von der knftigen Frau von Feldmeister;
Theresen aber schossen ein paar warme Thrnen in die Augen.

Die Baroninn Lenau empfand, vermge der Sympathie ihres Geschlechts, den
Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrbte, und sagte, als diese weinte:
das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist,
hat die Gevatterschaft ein Ende. Theresen aber fiel der Taufstein auf
das Herz.--

Der Administrator hing, wie wir bereits erwhnt, seinen stillen
Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht
der Bruder ihres Mannes war in ihm gekrnkt, sondern der Mann im
Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, da ein mitleidiger Tod den
armen Constanz einer schlimmeren Verkltung entrissen. Er dachte an
die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung
Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, da der pflichtgetreue Sinn einer
Frau wohl die Gabe aufwge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und
Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer
Schwgerinn tief in der Wagschale. -- Doch man vergesse nicht, da
Therese _abwesend_ war.--

Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom
geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor
der Zeit ins Grab strzte: so mute die philosophische Selbstfrage
in dem letzten der drei Brder entstehen: von welchem Geist und Wesen
_sein_ Streben sey? Er stieg bis in die Grnde seines Herzens hinab, und
was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. --
Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen;
aber der Glaube an diese gttliche Kraft stand noch fest, und die
Freundschaft untersttzte ihn, wenn gleich als Kummersule. Die
Nachricht von der Ankunft der Grfinn hatte seinen Freund Sylvius auer
sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser uersten Aufregung
verlassen mssen. Jetzt dachte er bekmmert darber nach, was aus
diesem ganz einzigen Verhltni nun werden solle? -- In den zartesten
Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glckes davon ab -- und nicht
der kleinste.

Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct
Capella an, und das Erste was er vernahm, war: da Graf Frankenstern
unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser
desselben erschrak ber diesen Verwesenden; denn da Grfinn Albane nun
wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen wrde, war die natrlichste
Ideenfolge; aber sie fhrte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie
in eine Einde. Seine Wohnung duchte ihm unsglich weit, und so war
es ihm im Stillen lieb, da er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht
ganz allein wre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth
des Hauses willkommen zu heien. Der Administrator stattete Bericht ab,
jedoch in Krze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen,
querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergnzen,
wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, da ihr Wissen,
wie das unser Aller, nur Stckwerk seyn solle, und wie auch Veronica,
die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und
sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne
selig, aber von der Erbsnde einer kleinen Neugier gar nicht frei.--

Herr Prlat lief flchtig ber die Vorgnge der Krankheit und ber den
Hgel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas lnger
bei dem Glck des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was
auch zu diesem gehrte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise
so wenig als mglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein
entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen
dieser Ehe das Prognosticon.

Der Major hob an: der Rudolph hat Glck, und ich gnne es ihm von
Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tchtiger Mensch, ein
ehrenwerther Soldat -- doch mag er sich in Acht nehmen, da er nicht
zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein
Schicksalszeichen -- und die verfngliche Devise nicht immer von
Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir
die Obristinn erzhlte, von gesponnenem Glase. Eine gefhrliche Masse,
das! man macht auch kleine Sprhteufelchen davon. Und dabei fllt mir
eine merkwrdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, lie ich einst
zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlpfen, worin
solch ein gehrntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grnliche durch die
geschmorte Rinde in die schwarze Hlle der gegossenen Pflaumen hinein,
und that wie zu Hause. Ich aber a den leidigen Satanas wie zur
gesegneten Mahlzeit, und wrde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn
mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Fllsel die Zunge geritzt
htte.

Gott behte und bewahre! rief die Nonne mit frommen Schaudern vor
solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens
wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, wie war es mglich,
da Sie ohne Schaden davon kamen? Der Major lachte und sprach: Was
verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! -- Mein Vater
tobte, da ich den Teufel im Leibe htte; und die Mama kochte ohne
Unterla Milchbrei, den sie mit mtterlichen Thrnen salzte. -- Aber
um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele
wnschen, da die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben
nicht versalzen mgen.

Fabia lchelte ganz leise. Sie sprach: Therese lsset ihre Lindigkeit
kund werden Jedermann -- und das Kchenwesen war nie ihre Sache. Der
Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwgerinn
sich glimpflich auszudrcken wte, indem sie doch verstndlich genug
andeutete, da Coquetterie und Mangel an Huslichkeit, diese
Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen
Glckseligkeit, von der die Rede war, schdlich werden knnten. Und wie
in unbewuter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort
und sprach: der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen.
Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergllt ihrem Manne
jede Freude, und brt ihn am langsamen Feuer!-- Ach! entgegnete
Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem khlenden Seufzer,
Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man -- soll
es da oder dort so seyn. Die Frauen, hrte ich, trachten nach eitlen
Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen
Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein -- wenn
es nicht etwa bser Leumund redet -- sind ihren Mttern hufig eine
Nebensache, und fterer lstig als lieb.-- Ich bin nur eine Jungfrau --
aber da mein Geschlecht dahin entartet wre, scheint mir kaum mglich.
So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Mnner
die schnste Gelegenheit links liegen lassen, das gttliche Gestift des
Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere
Frauen fleiiger den Himmel bauten: so wrde sich seltner ein Stein des
Anstoes fr das Heirathen finden.

Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drckte sie etwas
derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: Hoch hinaus wollen sie
wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung
ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstnde: da wre die Loosung: Ein
Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glck und Ein Grab! -- Dem Himmel sey's
geklagt! es lautet anders -- und tiefer besehen, denken sie nur an die
Grube. -- _Sie_, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen.
Sie wrden jeden Mann nicht allein glcklich gemacht haben, sondern auch
_gut_.

Bei dieser Erklrung in Krze errthete Veronica durch die blasse Tnche
des Alters so jungfrulich schn, als htte dies rauhe Betasten ihrer
zartesten Gefhle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Sptrose
abgerieben. Herr Prlat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach:
an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, da so wenige Segen
tragen. Auf welches Fundament werden sie gegrndet? -- Ich erinnere
mich, da meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen
franzsischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus
aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Brutigams in
der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprchelchen im Munde
fhrte, wovon ich nur den Anfang noch wei: der Eine thuts um der
Ducaten, der Andre um ein schn Gesicht -- wobei der Onkel, wenn er
guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit
darauf reimte: _gerathen_ -- _nicht!_ -- Zwlf Aussprche enthielt dies
psychologische Orakel. _Zwlf?_ lieber Gott! das sind falsche Apostel.
Legion heit ihre Zahl, und dann wre der Einzige noch nicht darunter,
auf den sich bauen lt: _wahre Liebe_!

Wahre Liebe! wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das
leise Spottlcheln, welches ihm auf der brtigen Lippe schwebte, jenes
Wort mit der Andacht des Gefhls ausgesprochen -- hohnneckte. Es ist
damit, fuhr er fort, wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie
Viele bekennen sich blo uerlich dazu, ohne diese gttliche Mutter des
Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Mnner
besteht aus heimlichen Mohamedanern -- getaufte Weiber in Massen sind
dem heidnischen Gtzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das
Judenthum vor, und der Erlser wird da tagtglich gekreuziget, so da
ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mgte.

Wer Sie so hrte, Herr Major, entgegnete hierauf die Nonne, welcher es
leise bengstigte, so oft ein religises Bild, behuf der Rede gebraucht
ward, der sollte glauben, Sie sprchen aus Erfahrung. Und doch wei ich
von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben
seligen Frau gefhrt haben, wie man diese allgemein als eine
ganz vortreffliche Dame gerhmt -- der Meriten ihres Ehemannes zu
geschweigen.

Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen
Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf
den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste
zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des
Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte
wie der Gerhrte unwillkrlich annimmt. -- Die buschigen Braunen des
Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte
Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme
antwortete er: meinen Sie, Schwester Veronica, da, wenn jene Erfahrung
meine eigene wre, ich sie ausgesprochen haben wrde? -- Meine Frau war
gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es
gewesen. -- Doch dehalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott
besser's! es ist an der Zeit.

Es war auch an der Zeit, dies Gesprch zu enden. Fabia, verstimmt durch
die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht
minder als der gegenwrtigen angedeihen lie, hatte kein Wort mehr
gesagt. Ihr duchte, sie htte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil
schien ihr eine Geringschtzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu
enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wnschte, er mgte einmal
zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey.
Sollte dies jedoch geschehen: so mute er die treue Fabia vermissen.
Und indem der Major davon sprach, da er die abgeschiedene Gattinn erst
vollkommen gewrdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden.
Sie legte in gekrnktem Geiste das Amt der Schlssel nieder, und ahnete
nicht, da diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen
leisen Schritt vorauseilte.

       *       *       *       *       *

Noch immer hatte Grfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl
zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der
das Heil seiner Beruhigung daran zu knpfen schien, da seine Frau ihm
angehre, lie nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hlfsmittel in
Bewegung. Fabiens Zureden schrte den Funken, der in der Asche glomm,
worin Albane bte -- und Josephinens rhrende Frsprache gewann endlich
ihrem Vater die heiersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine
Tochter dergestalt erschttert, da sie glauben mogte, die heftige
Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen
mute, werde drein gehen. Und so war der Entschlu dazu gleichsam ein
Abschlu aller bisherigen Verhltnisse, und sogar erforderlich, um
Josephinens willen.

In der Stunde, worin die Grfinn ihren Gemahl in Bhle erwartete, sa
sie am offnen Fenster und allein, von jener suselnden und summenden
Frhlingsstille trumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens,
aus seinem innersten Dster herauf, Gefhle der Vergangenheit beschwrt.
Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem
Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm
entgegen. Jetzt hrte sie seinen Schritt auf der Treppe -- sein
Nherkommen -- Zeit und Erfahrung hatten mchtige Fortschritte gemacht,
seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen:
dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine
Empfindung, ber welche er sonst Macht gebt, konnte ihm entweichen. Er
trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermgend sich aufrecht zu
erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thre stehen,
und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt,
welche sein gewesen war -- und eine weite wste Welt lag zwischen ihnen.
Albane! sagte er leise, und ein paar groe Thrnen rollten ber seine
Wangen, bin ich Dir gar nichts mehr?-- O! welch ein Zauber liegt in
der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! -- Solch eine
Stimme enthlt den Schlssel zu jedem Geheimni der Harmonie, und kann,
ob sie durch tausend Miverhltnisse hindurch klnge, nie zu einem
Milaut fr die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius
hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenrthe
der Jugend einst zu den Gttern erhoben, zeigte sich gebeugt von
menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der
er die Geliebte einst bewegt, da ihr unsterblicher Antheil der seine
wrde.--

Die Grfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lcheln der Verzeihung,
der Abgeschiedenheit -- wenn wir so sagen drfen; es war das
geistigselige Lcheln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte,
die so wenig eines Lautes mchtig schienen, wie ein krperloses Wesen
der Rede fhig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und
sprach mit bebendem Munde: vielleicht, Sylvius, wre es besser gewesen,
wir htten die _begrabene Liebe_ frherer Jahre ruhen lassen--; aber,
da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden
gereichen, da Du mich shest, so komm doch nher und la uns freundlich
zusammen sprechen!

Diese Antwort zerri Romanas mnnliche Seele. Was ist das _Zrnen_ der
Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! -- Wir bemerken
dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht mglich war, ihr
Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem
Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas
Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.

Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Da Albane
jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genge leistete, ermannte ihn. Gefat
entgegnete er nun: ja, theure Albane! es ist die Bedingni meines
Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann,
da ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene
geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht
weniger schuldig finden, als Du whntest, und mindestens -- wie Dein
Gefhl auch entscheide -- mich bedauern mssen. Hre mich gutwillig an!
Hierauf erzhlte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schtz,
einfach und wahr. Er verschmhete, nach edelsinniger Art, Alles und
Jedes, was jenem Verhltni zur Beschnigung dienen knnen. -- Diese
Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewltigen,
erschpft; und so eilte er zum Schlu und sprach: Du weit nun Alles --
und doch auch _Nichts_: denn ich kann Dir nur die _uern_ Beziehungen
nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst
auflsen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und wei, da ich
Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben
werde. Wre es Dir nicht mglich, einen flchtigen Augenblick zu
vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? -- Dein Vater ist nun todt.
Was hindert Dich noch, fr den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der
ffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bndnisses, und -- lass'
mich es hinzufgen: zu dem Glck unseres Kindes?--

Die Grfinn athmete tief. Sie schttelte leise den Kopf, lchelte
weinend und verneinend und sprach: der Himmel sey mein Zeuge! ich
zrne Dir nicht. Auch mte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein
Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurckgehen ist unmglich,
des griechischen Sngers Gattinn verschwand vor einem Rckblicke. Ein
erstorbenes Gefhl lt sich nicht wecken -- und jenes, mit welchem ich
mich die Deinige wute -- ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch
-- Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben.
Mache kein so unglckliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob
wir verdient haben, mit einander glcklich zu seyn? -- Die Ehe ist ein
Verhltni der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott
ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen mssen
Diejenigen ein Glck verschmhen, welche es sich anzueignen wagten, ohne
hhere Befugni, als die der Leidenschaft. -- Wir vershnen den Himmel
durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Vter uns von dorther
segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu knnen, als das
Band der Stola uns zusammenfgte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius!
in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt -- mich allein.
Still, mein Freund! ich glaube Dir. -- Der Majoratserbe berlt mir das
kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist lngst berichtiget. Gnne
es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude _meiner_
Liebe. -- Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo
Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines
Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne
Gemahl -- wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil
jener frheren sen Tuschungen wird mir wiederkehren, der Traum
Deiner Nhe wird mich begleiten und beglcken, und so werden meine Tage
gleichmig hinrinnen, wie das Bchlein unter dem Kreuze, welches dort
die Wache hlt.

Albane! rief Sylvius mit heftigem, mit heiem Schmerz, Du reiest mir
mein Herz entzwei, und ich wei nicht, ob gtiger als grausam? Vermag
nichts, Dich zu bewegen, da Du anderes Sinnes wrdest?

Du solltest dies nicht einmal wnschen, viel weniger fragen--
antwortete die Grfinn bedeutsam. Sieh es doch ein, mein Sylvius,
es geschieht zu Deinem Besten, da ich mich Deinem Wunsche weigere.
Willigte ich in Dein Begehr, es thte nimmer gut. Nur auf _jene_ Weise
knnen wir vereint seyn -- sonst nicht. Snke ich in Deinen Arm: ein
Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurck, und so oft ich
die Ebereschen Frchte tragen sehe, wrde mein Herz bluten. -- Und Wer
mgte sie zhlen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der
tiefen Wunde enttrufelten, die Albane geschlossen whnte? -- Doch nur
ihre abgehrmte Wange war gerthet, und hellblinkende Tropfen standen in
ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhrtung des
Vorwurfs, etwas vom Zartgefhl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer
ausgelscht werden knne. -- Und whrend eine unsichtbare Feder in der
Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er
mit berredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an
Josephine, und wie das Verhltni des Mdchens sich bei dem Zwiespalt
der Eltern nun gestalten solle?--

Sieh! antwortete die Grfinn mit nachsinnender Miene, auch die Mutter
mu ben, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als
ob das liebe Kind mir nicht angehrte. Nur was man selbst gebildet hat,
daran glaubt man ein Recht zu haben. -- Josephine scheint sich im Stift
sehr glcklich zu fhlen, so knnte sie zunchst unter Deiner Aufsicht
dort bleiben. Noch bin ich durch die verhngnivolle letztere Zeit zu
befangen, als da ich sogleich das Beste ausfinden knnte; aber Gott
wird Alles zum Guten leiten!--

Wenn Du auf diese Weise am Ende bist-- entgegnete Sylvius, so drfte
meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich
ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber
vielleicht eine Ruhesttte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich
Josephinens annehmen, da Du selbst das natrlichste Glck abweisest? --
Die Grfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lcheln.
Dann sagte sie: ich liebe Josephinens Glck mehr als das meine --
_darin_ fhle ich mich wenigstens als Mutter.

Ohne da Beide es merkten, verlngerte sich dies Gesprch bis in den
dmmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen,
als sollte sie ihn halten, so hatten sich whrend ihres trauten
Zusammenseyns abgerissene Fden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen
leise wieder angeknpft: denn der Geist der Liebe -- auch einer
abgeschiedenen -- webt geschftig.

Es wird mir nicht leicht, zu scheiden-- sagte Romana mit einem Ton,
der diese Versicherung beglaubigte, meine Fe sind wie Blei, und
versagen mir ihren Dienst -- und das Herz ist mir noch schwerer. Darf
ich Dich wiedersehen, Albane? Er sah sie dunklen Blickes an.

Das Auge der Grfinn glnzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war
darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete:
wenn es Dich trsten mag--: so sollst Du mir willkommen seyn. Darauf
fate er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte -- er ergriff sein
einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte
Hoffnung zu fassen wagt, und fhlte einen leisen Druck der seinigen.
Dieser elastische Druck hob mit berirdischer Federkraft den Stein von
seinem Herzen, von der Thr der begrabenen Liebe -- und ein Engel des
Trostes, mit Flgeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen,
ging daraus hervor.

       *       *       *       *       *

Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach
Bhle hinber fahren, und der Grfinn seine Aufwartung machen, deren
Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien.
Vielleicht htte das Interesse fr diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit
gegnnt; aber das Verlangen drngte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das
Zimmer war voll Sonnenglanz -- Herr Prlat aber blickte auf keine Weise
verblendet, die schne mnnliche Gestalt musternd an, welche auch ein
miger Grad von Selbstgeflligkeit tadellos gefunden haben wrde.
Er schaute vielmehr ber aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so
forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die
Wahrheit eine Gestalt gewinnen -- und seine Finger knitterten noch an
den Fltchen der feinen Halsbinde, whrend er gleichgltig dazu aussah,
und gleichsam unbewut der verbessernden Mhe, die er sich gab, nur an
die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem
Katheder. -- Doch pltzlich schien unser Professor der Psychologie sein
Studium zu wechseln, daran zu erkennen, da er die Farbe wechselte, und
da ein so entzcktes Lcheln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen
Stern aufgehen she. Und wirklich war dem so. Die Thre ging auf, und im
Hintergrunde des Spiegels -- als htte, Der hinein sah, eben eine Frage
an den Himmel gerichtet -- erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem
Glanz jugendlicher Schnheit, erhht durch einen Schimmer berirdischer
Freude, den die Trauer nur wie ein Wlkchen umdsterte -- verschwand
Alles.

Josephine! mein einzig Mdchen! rief der Administrator mit dem hellen
Laut wonniger Ueberraschung, wo kommst Du her? eben wollte ich nach
Bhle.

Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen
-- und onkelhaft dreist kte er die sen Lippen. -- Dieser Ku -- die
glckselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mdchen der Sprache.
Ach! knnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, da ich wieder hier
bin! sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, Seit
ich wute, da Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich
qulte die Mutter -- sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte
mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses -- sagte ich -- da
mute sie endlich meinen Bitten nachgeben.

Herr Prlat lchelte begeistert. Du Herzenskind! sagte er gerhrt.
Also hlt die Grfinn doch so viel auf Anstand? Man glaube nicht, da
in dieser Frage der mindeste Vorwurf fr die arme Albane lag. Nein! nur
eine leise Verwunderung, da bei dem einsamsten Unglck noch dieser Sinn
fr das Schickliche gefunden wrde.

Nun, so ist es mir lieb, setzte er schnell hinzu, da ich nicht
zgern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach
angethan -- nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewhnlich nicht
zurecht kommen.

Das sehe ich! sagte Josephine lachend, und schickte sich an,
nachzuhelfen. Es ist nicht allzuschn gerathen. Dieser Zipfel hier,
nimm es mir nicht bel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmtze des
ehrwrdigen Ludimagister in Leidthal. -- Ist es denn so schwer, solch
ein Kntchen zu knpfen?

Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das
Licht, welches dem Administrator whrend dieser verfnglichen Minute
aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hnde an
Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bnder ihres Hutes
bewegten sich unter _seinen_ tiefen Odemzgen -- _ihr_ Athem spielte
fhlbar wie ein laues Lftchen, und immer wrmer wurde ihm ums Herz. Er
lie sie zierlich gewhren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.

Die magische Schleife war nun geschrzt -- legen die Grazien jemals eine
Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden.--

Auf _bindende_ Knste-- uerte Herr Prlat etwas gepret, versteht
Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine! er hob das Mdchen zu
sich empor, berhebe mich knftig dieser Mhe -- heirathe mich, liebe,
theure Seele!--

Onkel! rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfruliche
Wange glhte zwischen Schaam und Zrnen. Sie hielt diese Sprache fr
einen Scherz.

Ich bin Dein Onkel nicht! entgegnete Jener heftig, diesen
Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied
unserer Jahre durch gehrigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann
ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! -- Ich dachte immer,
Du wrst mir gut -- so knnten wir zusammen bleiben, lebenslang -- und
Alles bliebe beim Alten.

Da lag das Mdchen an seiner Brust und stammelte: wenn es wahr wre --
o Gott im Himmel!

Es ist wahr! wiederholte der Administrator im gefhltesten Entzcken
dieser Versicherung, und drckte das holde hingebende Wesen innigst an
sich, ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund
auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich mchte es nicht ruberisch an
mich reien, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken -- oder versagen.
Wer wei, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu krnklich -- oder was Du
sonst an mir etwa auszusetzen httest. Mir hast Du nur Einen Fehler,
meine se Kleine! -- Du bist noch sehr jung -- aber ich finde Dich
gewachsen.-- Er lchelte wie ein Liebender, indem er den schlanken
Wuchs des Mdchens mit einem langen Blicke ma -- nicht nur wirklich
ein Stckchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern berhaupt allen
Forderungen und Wnschen an meine knftige Frau vllig gewachsen.

In reizender Verwirrung antwortete Josephine: es mag vielleicht
geziemend seyn, da ein Mdchen an sich hlt: ich gebe Dir mein Ja
ohne Weiteres. Wen knnte ich lieber haben? -- Alle meine Wnsche sind
erfllt. In diesem Augenblicke wei ich es erst ganz, wie unglcklich
ich geworden wre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer
verlassen mssen! Jetzt bin ich Dein!-- Sie warf sich mit dem Ausdruck
der liebevollsten Hingebung in seine Arme. -- Er umpfing sie jauchzend,
und der Spiegel verdoppelte ein Bndni, magisch geschlungen, in dem
einfachen Glck der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie
im Himmel giebt.--

Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Grfinn, noch an
Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wrtchen dazu sagen
knnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung fr unser Geschlecht,
welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen lt, wenn es unser
Herz etwa wie ein Pfeil treffen knnte. -- Auch Frau Fabia entrann auf
leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte.
Josephine flchtete mit ihrem Glck in das Betstbchen der Nonne, und
legte das Bekenntni desselben auf diesem jungfrulichen Hausaltare
nieder. -- Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nthig gewesen,
brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. Htte ich
doch nicht geglaubt, sagte das Mdchen mit jener Traulichkeit, in
welcher auch die schchternste Verlobte sich dem ausschlieendsten
Vertrauen annhert, woran der Geliebte ein Recht hat, da ich einmal
Gott danken wrde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir
so. Ich konnte kein Auge aufschlagen -- Fabia hat mir die heimliche
Braut ansehen mssen. Lieber! versume doch ja nicht, sobald als mglich
mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir
weniger.

Meinst Du, fragte Herr Prlat, der brgerliche Eidam werde der
Grfinn genehm seyn? -- wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist,
Josephine!--

Das Mdchen kopfschttelte zu diesem Zweifel und sprach: Du kennst
die Mutter nicht, mein Freund! -- Sie ist so gnzlich ohne Anspruch und
Eigensucht -- Fabia hingegen-- Josephine flsterte diese Worte, neigt
ein wenig zur _Eifersucht_, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die
ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn:
denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wre ich nimmer nach Sanct
Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verstrmen,
da ich die theure Albane nur einmal lcheln she.

Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen
Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen grten
Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.

Wir knnten sehr bald mehr als quitt werden-- gab ihm jener zur
Antwort, Du nahmst mir einmal die Braut -- gieb mir Deine Tochter
zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Glubiger, sondern schulde Dir
zwiefach.

Wenn dies Dein Ernst ist-- entgegnete Herr de Romana, so nimmst Du
einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse
des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge
gewesen, das Mdchen werde die Jugend hinkmmern, bei der traurigen
Mutter, und mit all seiner Liebenswrdigkeit der Bestimmung des
Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du
Josephinens Neigung auch gewi?

Ich denke doch! antwortete der Brutigam lchelnd, so gewi man
irgend einer weiblichen Neigung seyn kann.-- Ein leiser Seufzer
verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.

Auch hoffe ich, setzte er hinzu, das Kloster werde mich schtzen, das
Invalidencorps -- und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der
Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge
einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich
gesegnet. -- Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darber
nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen
glcklich machen knnen, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen
nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: da sich auf der
Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschpft, Witz und Phantasie und
Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.

Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: aus welchen
wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe
nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, da jene sympathetische Regungen
der Freundschaft fr Dich, nur zarter -- mich zuerst an das Mdchen
knpften? die magnetische Kette der Gefhle, wie weit auch angelegt,
lt uns empfinden, wo unser Herz stark berhrt war. Was mich ferner
mit zrtlicher Innigkeit fr das Mdchen erfllt, ist nicht die holde
Bildung allein, sondern auch der Einflu ihrer Bildnerinnen. Darunter
drfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch
sehr achtungswerth.

Und das mit Recht-- erwiederte Sylvius. Sie gehrt meines Erachtens
zu den unerkannten Gren. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff fr eine
Frau, ist ein Fels fr das Vertrauen. Ich schtze Fabia sehr hoch.

Der folgende Morgen war schon weit vorgerckt, ohne da Herr Prlat
einen Augenblick finden knnen, in welchem seine Schwgerinn zu sprechen
wre. Frau Fabia schien von kleinen geschftigen Sorgen umringt, so da
sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer
Miene lie ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr ber eine Sache
zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner
Huslichkeit geschehen mgte. Ihr Blick sogar war vermeidend -- und wich
ihm aus. Endlich haschte er den gnstigen Moment und sprach: gnne mir
ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.

Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefat hatte, leise los, setzte
sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, da man sich
nur auf flchtiges Verweilen einlassen knne und wolle, und sagte: nun,
so lasse doch hren, wie _dringend_ das sey, was ich vernehmen soll.

Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wute nicht
wie? -- Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: Deine Stimmung
Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurck.
Ich wollte Dir eben erffnen, da ich -- da Josephine-- Fabia
lchelte, ihre Gesichtsfarbe war blsser als gewhnlich. Sie sprach:
das kme zu spt, Freund -- die Grfinn hat mir diesen Morgen
geschrieben, da Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie
giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den
Wunsch, da der Herr Alles wohl gelingen lasse! Und whrend Fabia
diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lcheln ihres Mundes in
Wehmuth, in _Wermuth_ -- und ihr Schwager, erstaunt ber die Taubenpost
der weiblichen Mittheilung, fhlte ein heies bitteres Aufwallen in
seinem Herzen, ber das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm
noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem
Ton: Fabia, es scheint, Du zrnest mir. Glaube nicht, da ich Dir
zurckhaltend eine Absicht verschwiegen -- ich bin mir keiner bewut
gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete,
Josephine werde als mein Weib mich glcklich machen. Und wenn diese
Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das
Mdchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem
Glck. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben -- nicht?--

Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. Nein, Bruder! antwortete sie mit
jener Besnftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewiheit angehrt: das
wrde nimmer gut thun. Das taugt nichts -- wrde der Major sagen--
Fabia lchelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich.
Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafr meinen besten Segen.
-- Jenes Geheimni, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gels't --
Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? -- Dein Herz hat an Einer
Pflicht genug, und diese umfat der Trauring. Ich werde mit der Grfinn
ziehen. Die arme Albane wre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig,
da ein treues Gemth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der
Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.

Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.

Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: wir
wollen nach Bonna. Dort hat die Grfinn einen Wittwensitz, den sie
schwerlich tauschen mgte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls,
Heiland genannt. Dort ist mein Platz. _Hier_ wrde ich berflssig seyn,
das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in spten Tagen
einen Theil der Jugend zurck. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern
wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glcklich
war. Ich werde in der Nhe ihrer Grber leben -- und den Garten des
sdlichen Daches pflegen, den der selige Oberfrster Romana angelegt
-- die Sonne mag jetzt wohl eine Wste darauf bescheinen. -- Ich bin
alsdann -- Du weit es -- an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf
meines Zions Zinnen.

Fabia! antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rhrung bewltiget,
besinne Dich anders -- bleibe bei mir! es wird sich fr die Grfinn ein
Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehrst zu
meinem Glck. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als da
sie Deines Rathes nicht wohl entbehren knnte.

Sie hat _Dich_! entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles
Weitere behob, und also den Rath und den Helfer dazu. Und was
wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.

Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine _Frau_, und nur ein weiblicher
Engel wrde es verschmht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu
machen. Es ist eine gttliche Sphre, allwo der Ruhm verschwindet, den
wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf
der mngelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedrfni menschlicher
Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in _getragenen_ Tnen
ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrckten Gefhls, in welchem Fabia
sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.

Der Administrator dachte beklommen dem Entschlu seiner Schwgerinn
nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie knftig zu vermissen.
Seine brderliche Freundschaft fr die getreue Fabia lie ihn nicht
ergrnden, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.

Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschlu widersteht, der sich
ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. -- Die
Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn
selbst knnen sie beschworen werden.--

Freilich sah Herr Prlat ein, da Fabia, im Ganzen genommen, Recht
htte, da ihre husliche Unfehlbarkeit, Josephinens schchternen
Versuchen, als Hausfrau fr sich allein zu stehen, hinderlich seyn
wrde; da die Grfinn Jemandes bedrfe, der mit zarter achtsamer Sorge
um sie sey -- und wie es in der religisen Bufertigkeit von Fabiens
Character liege, sich selbst zur Shne zu geben, fr das Unrecht, was
Dieser geschehen; -- aber dennoch gestaltete sich dies Verhltni nicht
nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob
eine Flamme sich trenne.--

Frau Fabia nahm sich zusammen, auf da sie ein achtungsvolles Gedenken
mit hinweg nhme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht
dafr, da die Hochzeit weithin aufgeschoben wrde. -- Aus der Ferne
kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um
nicht viel spter anberaumten. Dann wollten die Neuvermhlten im Herbst
zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjngte sich
vor Vergngen. Er htte sich beinahe von seinem Sprichwort entwhnt,
denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte,
und -- Alles taugte ihm.--

Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub ber Winter. Vielleicht
wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamrthe abkhlen,
womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen
Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines
Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wre.--

Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem
Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich
des Amtes der Schlssel. Die Redlichkeit, womit sie beides gefhrt, gab
diesem kleinen Act etwas Feierliches.

Fabia! sagte der Administrator gerhrt, wollte Gott! mein Facit wre
einst dem Deinen gleich, und wir Alle knnten in der Rechnung bestehen,
wie Du! -- Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen!
der Himmel mge Dich dafr belohnen! Er kte die ntzliche Rechte mit
einer greren Wrme als der Dankbarkeit -- und diese zuverlssige Hand
zitterte ein wenig.--

Am Morgen der Trauung -- Josephine war nur wenige Tage vorher von
Bhle nach dem Stift zurckgekehrt -- brachte Schwester Veronica ihrem
Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte
sie: Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von
_meinen_ Hnden sollst Du ihn empfangen. Das zarteste jungfruliche
Bewutseyn lag in diesen Worten. Und indem ich Dir ihn aufsetze--
die Nonne that es mit leisem Beben, ist es mir, als wrde mein liebes
Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altre, die
der Himmel aufrecht hlt! -- Als ich im Frhling die Zweiglein von der
Myrthe schnitt, zu dem Todtenkrnzchen fr die kleine Julie, und Perlen
dazu fdelte: wenn mir das der Baum damals gesagt htte! -- Auch in
diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthrnen! trage
ihn zu lebenslnglichem Glck! die Krone der Unschuld, die Dir Dein
Engel reicht, _die_ trgst Du ewig! -- Heute fhle ich wieder wie gro
Gott ist! wie gut! -- Ich bin Jungfrau, und Dein brutlicher Anblick
lt mich das Entzcken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht
einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schlieen --
und dann den Ring erben.

Josephine umschlang die Nonne, und drckte schon jetzt, sanft kssend,
die weinenden zu, das heilige Vermchtni zu besiegeln. Sie war eine
Erbinn dieses Herzens und seines Friedens.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser
Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in
=Antiqua-Schrift= hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten,
einschlielich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
"irdisch" -- "irrdisch", "ist's" -- "ists", "Lieutenant" -- "Lieutnant",
"Obristin" -- "Obristinn",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 6:
  "Aufsicht" gendert in "Aussicht"
  (ohne Aussicht auf eine andere Versorgung)

  Seite 18:
  "nnd" gendert in "und"
  (und fragte ihn um seine Meinung)

  Seite 19:
  "" hinter "Freundes." entfernt
  (und Romana lag in den Armen seines Freundes.)

  Seite 26:
  "Gemeine" gendert in "Gemeinde"
  (Anhnger einer frommen Gemeinde geworden sey)

  Seite 26:
  "geretttet" gendert in "gerettet"
  (auf beinahe bernatrliche Weise gerettet worden)

  Seite 59:
  "" eingefgt
  (doch diese Frage ist wohl vom Ueberflu)

  Seite 64:
  "erinnnere" gendert in "erinnere"
  (an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere)

  Seite 66:
  "," gendert in ","
  (Entlassen Sie mich--, bat Albane)

  Seite 79:
  "Famile" gendert in "Familie"
  (Juwelen der grflich Frankensternschen Familie liegen darin)

  Seite 84:
  "entsinnnen" gendert in "entsinnen"
  (jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen)

  Seite 86:
  "" eingefgt
  (Mein Herr und Heiland!)

  Seite 90:
  "bersttigung" gendert in "Uebersttigung"
  (Vielleicht hatte eine gewisse Uebersttigung)

  Seite 103:
  "" vor "regieren" entfernt
  (regieren gestrenge Herren nicht lange)

  Seite 103:
  "" eingefgt
  (Des Abends waren wir zusammen)

  Seite 104:
  "," gendert in ","
  (Nicht immer--, antwortete sie halblaut)

  Seite 112:
  "" eingefgt
  (Du bist nun auch eine Wittwe)

  Seite 126:
  "," gendert in ","
  (Ich glaube Ihnen--, sagte Rudolph bewltigt)

  Seite 128:
  "" eingefgt
  (heute noch! sogleich)

  Seite 133:
  "," gendert in ","
  (Sie werden--, dies setzte der Lieutnant)

  Seite 134:
  "." eingefgt
  (dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen.)

  Seite 135:
  "Blabau" gendert in "Blablau"
  (mischte das Blablau eines fernen Amphitheaters von Bergen)

  Seite 138:
  "Vei" gendert in "Bei"
  (Bei einem Bug der Strae ffnete sich die Aussicht)

  Seite 142:
  "gefordet" gendert in "gefordert"
  (nichts von der jungen Frau gefordert ward)

  Seite 151:
  "" eingefgt
  (Noch ist die Mutter betubt)

  Seite 163:
  "" eingefgt
  (Deine--)

  Seite 170:
  "," gendert in "."
  (Josephine scheint ein Engel.)

  Seite 171:
  "anwortete" gendert in "antwortete"
  (Die fromme Fabia antwortete)

  Seite 172:
  "Borna" gendert in "Bonna"
  (den Tag vor ihrer Abreise von Bonna)

  Seite 174:
  "sie" gendert in "Sie"
  (doch werden Sie zugeben, da jenes Depot geeignet war)

  Seite 175:
  "" eingefgt
  (htte ich diesen Schlssel wohl so nahe)

  Seite 196:
  "Batrachtungen" gendert in "Betrachtungen"
  (In Folge dieser Betrachtungen sagte er)

  Seite 202:
  "geschwisterliche" gendert in "geschwisterlichen"
  (ri bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab)

  Seite 202:
  "Thereseu" gendert in "Theresen"
  (Was soll nun aus Theresen werden?)

  Seite 202:
  "" eingefgt
  (Ich glaube, gute Fabia,)

  Seite 202:
  "dem" gendert in "den"
  (Er schlo mit den Worten)

  Seite 205:
  "des" eingefgt
  (giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele)

  Seite 206:
  "Offfziere" gendert in "Offiziere"
  (Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator)

  Seite 208:
  "das" gendert in "da"
  (Aber eben so gewi ist es, da jenes schpferische Genie)

  Seite 213:
  "" eingefgt
  (Mir ist wahrhaftig in Gott)

  Seite 242:
  "ffentlilichen" gendert in "ffentlichen"
  (zu der ffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bndnisses)]







End of the Project Gutenberg EBook of Die Schwgerinnen. Zweiter Theil., by 
Henriette Hanke

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWGERINNEN. ZWEITER THEIL. ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

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    Chief Executive and Director
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Literary Archive Foundation

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