The Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere Geschichten, by 
Nikolai Leskow

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Title: Der versiegelte Engel und andere Geschichten
       Der versiegelte Engel / Die Epope von Wischnewskij und
       seiner Sippe / Der Toupetknstler / Anllich der
       Kreutzersonate

Author: Nikolai Leskow

Translator: Alexander Eliasberg

Release Date: January 13, 2016 [EBook #50911]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***




Produced by Jens Sadowski





                           NIKOLAI LJESSKOW
                        DER VERSIEGELTE ENGEL

                               NIKOLAI
                               LJESSKOW




                                 DER
                          VERSIEGELTE ENGEL
                        UND ANDERE GESCHICHTEN


                            BERTRAGEN VON
                         ALEXANDER ELIASBERG

                                 1922
                       MUSARION VERLAG MNCHEN

                       Alle Rechte vorbehalten
                Druck von Dietsch & Brckner in Weimar




                          INHALTSVERZEICHNIS


   Der versiegelte Engel                           7
   Die Epope von Wischnewskij und seiner Sippe  107
   Der Toupetknstler                            169
   Anllich der Kreutzersonate                  205




                        DER VERSIEGELTE ENGEL




                            ERSTES KAPITEL


Es war um die Weihnachtszeit, am Vorabend des Wassilijtages. Das Wetter
lie sich sehr ungndig an. Einer der grausamen Landstrme, welche die
Winter in den Wolgasteppen berchtigt machen, hatte eine Menge Leute in
den abgelegenen Gasthof getrieben, ein Bauernhaus inmitten der flachen,
unabsehbaren Steppe. Dort hatten sich auf einem Haufen Adelige,
Kaufleute, Bauern zusammengefunden, Russen, Mordwinen und Tschuwaschen.
Auf Rang und Wrden konnte man in einem solchen Nachtquartier keine
Rcksicht nehmen: wohin man sich wendet, alles ist gedrngt voll, die
einen trocknen sich, die anderen wrmen sich, die dritten suchen ein
wenn auch noch so kleines Pltzchen, auf dem sie bleiben knnen. In der
dunklen, niederen, mit Menschen berfllten Stube herrscht eine schwere
Schwle und der dichte Dampf der nassen Kleider. Nirgends ist ein
unbesetzter Fleck zu sehen: auf den Pritschen, dem Ofen, den Bnken, und
selbst auf dem schmutzigen Erdboden, berall liegen Menschen. Der
Hauswirt, ein mrrisch blickender Bauer, zeigt weder ber seine Gste,
noch ber den Verdienst irgendwelche Freude. Zornig schlgt er das Tor
hinter den zwei Kaufleuten zu, die als letzte auf Schlitten in den Hof
gekommen sind. Er schliet die Pforte ab, hngt den Schlssel unter den
Heiligenschrank und erklrt entschieden:

Nun kann kommen wer will, und wenn er mit dem Kopf ans Tor schlgt, ich
mach nicht auf!

Aber kaum hatte er es gesagt, seinen weiten Schafspelz abgelegt, sich
mit breiter Gebrde auf Raskolniki-Art bekreuzigt und sich fertig
gemacht, auf den heien Ofen zu klettern, als jemand zaghaft an die
Scheibe klopfte.

Wer ist dort? rief der Hauswirt mit lauter, rgerlicher Stimme.

Wir! antwortete es dumpf hinter dem Fenster.

Nun, was wollt ihr noch?

La uns herein, um Christi willen, wir haben uns verirrt, sind ganz
erstarrt.

Seid ihr viele?

Nicht viele, nicht viele, achtzehn im ganzen, achtzehn, sagte
stammelnd und mit den Zhnen klappernd ein anscheinend ganz erfrorener
Mensch hinter der Scheibe.

Ich kann euch nicht einlassen, die ganze Stube ist mit Menschen
ausgelegt.

La uns nur ein wenig in die Wrme!

Wer seid ihr denn?

Fuhrleute.

Mit oder ohne Fuhrwerk?

Mit Fuhrwerken, Lieber, Felle fhren wir.

Felle! Felle fhrt ihr, und da wollt ihr in der Stube bernachten. Was
es jetzt fr Leute in Ruland gibt. Schert euch fort!

Aber was sollen sie tun? fragte ein Durchreisender, der auf der
obersten Pritsche unter einem Brenpelz lag.

Die Felle herunterwerfen und unter ihnen schlafen, das sollen sie tun,
antwortete der Wirt, schimpfte noch krftig auf die Fuhrleute und legte
sich dann unbeweglich auf den Ofen.

Der Reisende unter dem Brenpelz warf dem Wirte im Ton eines sehr
energischen Protestes seine Hrte vor, aber der wrdigte seine
Bemerkungen gar keiner Antwort. An seiner Statt lie sich aus einer
entfernten Ecke ein kleiner rothaariger Mensch mit einem Spitzbrtchen
vernehmen.

Verurteilen Sie den Wirt nicht, bester Herr, begann er, er wei das
aus Erfahrung und hat es ganz richtig gesagt: unter Fellen ist es
ungefhrlich.

Wirklich? entgegnete fragend der Reisende unter dem Brenpelz.

Ganz ungefhrlich, und es ist sogar fr sie selbst besser, da er sie
nicht hereinlt.

Warum das?

Weil sie eine ntzliche Lehre erhalten haben, und wenn jetzt jemand
hilflos hierher kommt, findet er noch ein Pltzchen.

Wen soll der Teufel jetzt noch herbringen? sagte der Pelz.

Hr, du, mischte sich der Wirt ein, schwatz' kein so dummes Zeug.
Soll vielleicht der Widersacher jemand herbringen, wo ein solches
Heiligtum ist? Siehst du nicht dort das Erlserbild und das Antlitz der
Gottesgebrerin?

Das ist wahr, bekrftigte der Rothaarige, einen erlsten Menschen
fhrt nicht der Teufel, sondern ein Engel geleitet ihn.

Den habe ich noch nicht gesehen, und weil es mir hier sehr widerwrtig
ist, so will ich auch nicht daran glauben, da mich mein Engel
hergefhrt hat, antwortete der gesprchige Pelz.

Der Wirt spuckte blo wtend aus, aber der Rote erklrte gutmtig, da
der Engelsweg nicht fr jeden sichtbar sei und da nur der ihn begreifen
knne, der darin Erfahrung habe.

Sie reden, als ob Sie selbst eine solche Erfahrung htten? sagte der
Pelz.

Ja, ich habe sie.

Wollen Sie sagen, da Sie einen Engel gesehen haben, und er Sie gefhrt
hat?

Ja, ich habe ihn gesehen, und er hat mich geleitet.

Scherzen Sie, oder machen Sie sich lustig?

Gott behte mich, ber eine solche Sache zu scherzen!

So haben Sie also wirklich etwas derartiges gesehen: wie ist Ihnen der
Engel erschienen?

Bester Herr, es ist eine sehr lange Geschichte.

Wissen Sie, es ist entschieden unmglich, hier einzuschlafen. Sie tun
gut, wenn Sie uns jetzt diese Geschichte erzhlen.

Nun schn!

So erzhlen Sie, bitte, wir hren Ihnen zu. Warum hocken Sie aber dort
auf den Knien! Kommen Sie zu uns her, wir rcken etwas zusammen.

Nein, ich danke Ihnen! Warum soll ich Sie beengen, und zudem ist es
schicklicher, wenn ich Ihnen meine Erzhlung auf den Knien berichte,
denn die Sache ist sehr heilig und sogar schrecklich.

Nun, wie Sie wollen, erzhlen Sie aber schneller, wie Sie einen Engel
sehen konnten, und was er mit Ihnen getan hat.

Schn, ich beginne.




                           ZWEITES KAPITEL


Ich bin, wie Sie mir zweifellos ansehen knnen, ein ganz unbedeutender
Mensch, ich bin nur ein Bauer und habe den Umstnden gem eine
lndliche Erziehung erhalten. Ich bin kein hiesiger, sondern von weit
weg, von Beruf bin ich Maurer und im alten russischen Glauben geboren.
Als Waise bin ich von Kind auf mit meinen Landsleuten auf Wanderarbeit
gegangen und habe an verschiedenen Orten gearbeitet, aber immer mit
derselben Gesellschaft, bei meinem Landsmann Luka Kirillow. Dieser Luka
Kirillow lebt heute noch: er ist unser grter Bauunternehmer. Sein
Geschft hatte er von altersher, es war schon von seinen Vtern
begrndet, und er hatte es nicht vergeudet, sondern vergrert, und sich
einen groen und reichen Besitz geschaffen, aber er war und ist ein
prchtiger Mensch, der niemand etwas zuleide tut. Und wo sind wir mit
ihm nicht gewesen? Ich glaube, wir haben ganz Ruland durchzogen, und
nirgends habe ich einen besseren und wrdigeren Brotherrn getroffen. Und
wir lebten bei ihm ganz friedlich und patriarchalisch, er war
Bauunternehmer und unser Leiter wie im Handwerk, so auch im Glauben. Wir
zogen mit ihm unsern Weg zu den Arbeiten, wie die Juden auf ihren
Wstenwanderungen mit Moses, und sogar unsere heilige Stiftshtte
fhrten wir mit uns, von der wir uns nie trennten: das heit, wir hatten
unseren Gottessegen bei uns. Luka Kirillow war ein groer Verehrer
gemalter Ikonen und besa, beste Herren, ganz wunderbare, alte, sehr
kunstvolle, teils echte griechische, teils von den ersten Nowgoroder
oder Stroganower Malern. Ein Bild strahlte schner als das andere, aber
nicht nur durch die Beschlge, sondern durch die Klarheit und
Gewandtheit der wunderbaren Kunst. So Erhabenes sah ich spter nirgends
mehr! Er hatte Bilder mit Jesus in zwei Gestalten, ein nicht von
Menschenhnden gefertigtes Erlserbild mit feucht glnzenden Haaren,
Heilige, Mrtyrer, Apostel, und wunderbarer als alles andere waren
vielgestaltige Bilder aus der Heiligengeschichte, die zum Beispiele die
Feiertage darstellten, das Jngste Gericht, Heilige, Konzile, die
Schpfungswoche, die Dreifaltigkeit mit Abrahams Gebet im Haine Mamre,
mit einem Wort, all diese Pracht kann man gar nicht beschreiben, und
solche Bilder malt man jetzt nirgends mehr, weder in Moskau, noch in
Petersburg, noch in Palichow; von Griechenland gar nicht zu reden, wo
diese Kunst lngst untergegangen ist. Wir alle liebten unser Heiligtum
mit leidenschaftlicher Liebe, wir zndeten vor ihm die heiligen Lampen
an und hielten uns auf gemeinsame Kosten ein Pferd und ein besonderes
Fuhrwerk, auf dem wir den Gottessegen in zwei groen Kisten berall mit
uns fhrten. Zwei Bilder waren von besonderem Wert; das eine von alten
Moskauer Meistern, die fr den Zaren arbeiteten, den Griechen
nachgebildet: die allerheiligste Himmelsknigin betet im Garten, und vor
ihr neigen sich alle Zypressen und Oliven bis zur Erde; das andere aber
war ein Schutzengel, eine Stroganower Arbeit. Es lt sich gar nicht
sagen, was fr eine Kunst in diesen beiden Bildern war! Du schaust auf
die Himmelsknigin, wie sich vor ihrer Reinheit die seelenlosen Bume
neigen, und das Herz schmilzt dir im Leibe und zittert, du schaust auf
den Engel ... und wirst voller Freude! Dieser Engel war wirklich
unbeschreiblich! Sein Gesicht, ich sehe es auch jetzt vor mir, leuchtet
himmlisch und so gtig: sein Blick ist mild, an den Ohren hat er ein
weies Band als Zeichen des Allhrens, seine Kleidung glnzt, die
Gewnder sind mit Gold durchwirkt, die Rstung ist gefiedert, die
Schultern gepanzert; auf der Brust trgt er das Antlitz des
Erlserkindes, in der rechten Hand hlt er das Kreuz, in der Linken das
Flammenschwert. Wunderbar! Wunderbar! ... Die Kopfhaare sind blond
gelockt, fallen ber die Ohren, und Hrchen an Hrchen ist wie mit der
Nadel gezogen. Die Flgel sind breit und wei wie Schnee, der Untergrund
leuchtender Lasur; Feder sitzt an Feder, und im Flaum jeder Feder
Hrchen an Hrchen. Du schaust auf die Flgel, und wohin ist deine ganze
Angst verschwunden? Du betest: Beschatte mich! Und sogleich wirst du
ganz still, und in deine Seele kehrt der Friede ein. Was war das fr ein
Bild! Diese beiden Bilder waren fr uns dasselbe, wie fr die Juden ihr
Allerheiligstes, das Bezaleel mit wunderbarer Kunst ausgeschmckt hatte.
Alle anderen Bilder, von denen ich eben erzhlte, fhrten wir in
besonderen Kasten auf dem Wagen, aber diese beiden legten wir nicht
einmal auf das Fuhrwerk, sondern trugen sie: das der Himmelsknigin trug
Michailiza, Luka Kirillows Frau, die Darstellung des Engels aber
verwahrte Luka selbst auf seiner Brust. Er hatte fr dieses Bild ein
Sckchen aus dunklem Brokat machen lassen mit einem Knopf und mit einem
scharlachroten Kreuz aus Stoff an der Vorderseite; oben war eine dicke
grne Seidenschnur angenht, um das Bild um den Hals zu hngen. So trug
Luka die Ikone immer auf der Brust, und wenn wir gingen, zog er voraus,
als wenn der Engel selbst uns voranschritte. Wir gingen auf Suche nach
neuer Arbeit von Ort zu Ort durch die Steppen. Allen voran schwingt Luka
Kirillow ein Klafterma, anstelle eines Steckens, hinter ihm fhrt im
Wagen Michailiza mit dem Bilde der Gottesmutter, und hinter ihnen zieht
unsere ganze Gesellschaft. Um uns her auf den Feldern Gras, Blumen auf
den Wiesen, wo die Herden weiden und der Hirt die Flte blst ... fr
Herz und Seele ist es eine Wonne! Immer ging es uns prchtig, und
wunderbar war unser Erfolg bei jeder Sache: stets fanden wir gute
Arbeit, unter uns herrschte Eintracht, von zu Hause kamen immer
beruhigende Nachrichten. Und dafr segneten wir unseren Engel, der uns
voranschritt, und ich glaube, wir htten uns leichter von unserem Leben
getrennt als von seinem wunderbaren Bild.

Und kann man es sich ausdenken, da wir irgendwie durch irgendeine
Schickung unseres kostbarsten Heiligtums beraubt werden wrden? Indes
erwartete uns dieses Leid, und es wurde uns, wie wir spter einsahen,
nicht durch menschliche Hinterlist bereitet, sondern nach dem Willen
unseres Wegfhrers selbst. Er begehrte fr sich selber diese Krnkung,
um uns durch Kummer das Heilige begreifen zu machen und uns den wahren
Weg zu zeigen, vor dem alle Wege, die wir bis zur Stunde gewandert
waren, durch eine dunkle, pfadlose Schlucht liefen. Aber gestatten Sie
die Frage, ob meine Erzhlung Sie interessiert, oder ob ich Ihre
Aufmerksamkeit unntz in Anspruch nehme?

Nein, wieso denn: fahren Sie gtigst fort! riefen wir, voll
Anteilnahme fr seine Erzhlung.

Schn, ich gehorche Ihnen und beginne, so gut ich es kann, von dem
Wunder zu berichten, das sich mit dem Engel zutrug.




                           DRITTES KAPITEL


Wir kamen vor eine groe Stadt, an ein groes flieendes Wasser, den
Dnjeprstrom, um dort eine groe und jetzt sehr berhmte Brcke zu bauen.
Die Stadt erhebt sich auf dem rechten steilen Ufer, whrend wir auf dem
linken flachen Wiesenufer standen, und vor uns lag die ganze wundervolle
Landschaft: alte Kirchen, heilige Klster mit vielen heiligen Reliquien,
dichte Grten und Bume, wie man sie in alten Bchern abgebildet findet,
spitzwipfelige Pappeln. Du schaust auf all das, und dein Herz brennt in
dir gleichsam, so herrlich ist es! Sehen Sie, wir sind natrlich
einfache Leute, aber wir fhlen doch die Pracht der gottgeschaffenen
Natur! Der Ort hier gefiel uns so sehr, da wir am ersten Tag mit dem
Bau einer vorlufigen Unterkunft fr uns begannen; zuerst schlugen wir
hohe Pfhle ein, da die Stelle nieder gelegen war, ganz neben dem
Wasser. Dann errichteten wir auf diesen Pfhlen eine Stube und daneben
einen Schuppen. In der Stube stellten wir unser ganzes Heiligtum auf,
wie es sich nach dem Gesetz der Vter gehrt: lngs der einen Wand
stellten wir die zusammenlegbare, dreiteilige Heiligenwand auf, zu
unterst die groen Bilder, darauf zwei Tafeln fr die kleineren Bilder,
und so errichteten wir eine Art Treppe bis hinauf zum Kruzifix; den
Engel aber stellten wir auf das Chorpult, auf dem Luka Kirillow die
Heilige Schrift vorlas. Luka Kirillow wohnte mit Michailiza im Schuppen,
whrend wir uns daneben einen Schlafraum errichteten. Andere, die
ebenfalls gekommen waren, um hier lange zu arbeiten, sahen uns zu und
begannen ebendort zu bauen, so da bei uns, der groen Stadt gegenber,
ein kleines Stdtchen auf Pfhlen entstand. Wir arbeiteten, und alles
ging ganz nach Wunsch. Das Geld zur Auszahlung lag immer pnktlich im
Kontor der Englnder bereit, und Gott schenkte uns solch eine
Gesundheit, da es den ganzen Sommer ber keinen einzigen Kranken gab;
Lukas Michailiza begann sogar zu klagen, da sie gar nicht froh werden
knne, so dick werde sie berall. Uns Altglubigen gefiel besonders gut,
da wir, die wir damals sonst berall wegen unserer Bruche verfolgt
wurden, hier volle Freiheit hatten: es gab keine Stadt- und keine
Kreisobrigkeit und keinen Popen; wir sahen niemanden, und niemand
kmmerte sich um unseren Glauben oder behinderte uns ... Wir beteten
soviel wir wollten. Wenn wir unsere Stunden abgearbeitet hatten,
versammelten wir uns in der Stube, wo schon das ganze Heiligtum im
Lichte der Lmpchen glnzte, so da einem das Herz erglhte. Luka
Kirillow stimmte das Segenslied an, und wir fielen ein, so da unser
Gesang manchmal bei ruhigem Wetter weit von unserer Ansiedlung zu hren
war. Unser Glaube strte niemanden, vielen gefiel er sogar, und zwar
nicht nur den einfachen Leuten, die Gott nach russischem Brauche
verehren, sondern auch Andersglubigen. Viele fromme kirchlich Gesinnte,
die nicht Zeit hatten, zur Kirche jenseits des Flusses zu gehen, standen
bei uns an den Fenstern, hrten zu und beteten mit. Wir trieben sie von
da nicht weg, es wre auch nicht mglich gewesen alle fortzujagen, weil
auch hin und wieder die Auslnder kamen, die sich fr die alten
russischen Bruche interessierten und unserem Gesang mit Vergngen
zuhrten. Der Oberbaumeister der Englnder, Jakow Jakowlewitsch, stand
manchmal sogar mit einem Stck Papier hinter dem Fenster und wartete, um
unsern Gesang in Notenschrift aufzuzeichnen, und wenn er dann zur Arbeit
kam, summte er nach unserer Weise vor sich hin: Herr Gott, erscheine
uns. Nur geriet es bei ihm, versteht sich, in einem anderen Stil, weil
dieses Lied in der alten kirchlichen Notenschrift aufgezeichnet ist und
sich mit den westlichen Noten nicht vollkommen aufzeichnen lt. Die
Englnder, man mu ihnen die Ehre lassen, sind umgngliche und
gottesfrchtige Leute, sie hatten uns sehr gern und schtzten und lobten
uns als gute Menschen. Mit einem Wort, der Engel Gottes hatte uns an
einen guten Ort gefhrt und vor uns die Herzen der Menschen und die
ganze Natur aufgetan. In solch friedlicher Stimmung, wie ich sie Ihnen
geschildert habe, lebten wir fast drei Jahre. Alles glckte uns, und die
Erfolge strmten ber uns wie aus einem Zauberhorn, als wir pltzlich
sahen, da unter uns zwei Gefe waren, die Gott zu unserer Bestrafung
auserwhlt hatte. Der eine war der Schmied Maroi, der andere der
Rechnungsfhrer Pimen Iwanow. Maroi war ein ganz einfacher Mann, der
weder lesen noch schreiben konnte, was unter den Altglubigen selten
vorkommt, aber doch auffallend: von auen plump wie ein Kamel und wild
wie ein Eber, seine Brust war um die Hlfte breiter, als bei einem
anderen Menschen, seine Stirn war mit dichten Haarbscheln bewachsen,
aber auf dem Scheitel hatte er sich eine Tonsur geschoren. Seine Sprache
war dumpf und schwerverstndlich, da er immer mit den Lippen schmatzte,
und sein Verstand war so beschrnkt, da er nicht einmal aus dem
Gedchtnis beten konnte, sondern nur immer dasselbe Wort vor sich
hersagte. Aber er sah in die Zukunft, besa die Gabe der Weissagung und
konnte Andeutungen ber kommende Dinge geben. -- Pimen dagegen war ein
stutzerhafter Mensch, der sich gern wichtig machte und seine Worte so
schlau setzte, da man seine Reden bewundern mute, aber er hatte einen
leichtfertigen und beeinflubaren Charakter. Maroi war ein bejahrter
Mann, schon ber die siebzig, Pimen war mittleren Alters und ansehnlich:
er hatte krause, in der Mitte gescheitelte Haare, starke Brauen, eine
gesunde Gesichtsfarbe und war mit einem Wort ein strammer Mensch. Und
siehe: in diesen beiden Gefen grte der bittere Trank, den wir trinken
muten.




                           VIERTES KAPITEL


Die Brcke, die wir auf sieben Granitjochen bauten, war schon weit ber
das Wasser hinausgewachsen, und im Sommer des vierten Jahres begannen
wir die eisernen Ketten ber die Pfeiler zu spannen. Da wurden wir aber
in unserer Arbeit etwas aufgehalten: als wir die Kettenglieder nach
ihrer Gre aneinander paten und mit sthlernen Nieten zusammenfgten,
zeigte es sich, da viele Bolzen zu lang waren und da man sie
abschneiden mute. Aber jeder dieser Bolzen war eine englische
Stahlstange und in England hergestellt, aus hrtestem Stahl gegossen und
stark wie der Arm eines erwachsenen Mannes. Man konnte diese Bolzen
nicht glhen, weil der Stahl darunter gelitten htte, und kein
Instrument griff den Stahl an. Da fand pltzlich unser Schmied Maroi ein
Mittel: er verklebte den Bolzen, an der Stelle, wo man ihn abschneiden
mute, mit dickem Wagenteer, den er mit Sand bedeckte, steckte dann das
ganze Stck in den Schnee, streute Salz herum und drehte und wendete es.
Dann zog er es mit einem Ruck heraus, glhte es, und wenn er dann mit
dem Hammer draufschlug, sprang es auseinander, wie man eine Wachskerze
mit der Schere durchschneidet. Alle die Englnder und Deutschen kamen,
um die schlaue Erfindung unseres Marois zu sehen; sie schauen und
schauen, pltzlich lachen sie, sprechen zuerst untereinander in ihrer
Sprache und sagen dann in unserer Sprache:

So, Ru; bist ein tchtiger Kerl. Verstehst gut Physik.

Aber was fr eine Physik konnte unser Maroi kennen! Er hatte ja von
der Wissenschaft keine Ahnung und tat nur, wie ihn Gott erleuchtete.
Aber unser Pimen Iwanow brstete sich damit. So war es nach beiden
Seiten schlecht: die einen glaubten an die Wissenschaft, von der unser
Maroi nicht das geringste wute, und die anderen sagten, da Gottes
Segen ber uns sichtbar Wunder wirke, von denen wir niemals etwas sahen.
Und das letzte war fr uns schlimmer als das erste. Ich erklrte Ihnen
eben, da Pimen Iwanow ein schwacher Mensch und ein Prahler war, und
jetzt mu ich erklren, weshalb wir ihn doch in unserer Gesellschaft
duldeten. Er fuhr fr uns in die Stadt, um Lebensmittel zu holen, und
besorgte die notwendigen Einkufe; wir schickten ihn auf die Post, um
Geld und die Psse heimzuschicken und die neuen Psse wieder abzuholen.
Er erledigte alle solche Angelegenheiten und war uns, die Wahrheit zu
sagen, in dieser Beziehung sogar sehr ntzlich. Ein wirklich wrdiger
Altglubiger meidet natrlich diese Eitelkeiten und flieht den Verkehr
mit den Beamten, von denen wir auer rger nichts hatten; Pimen aber
freute sich ber diese Eitelkeiten und hatte in der Stadt auf dem
anderen Ufer eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft. Hndler,
Herrschaften, mit denen er in unseren Geschften in Berhrung kam, alle
kannten ihn und hielten ihn fr den Ersten bei uns. Natrlich lachten
wir darber, aber er liebte es sehr, mit den Herrschaften Tee zu trinken
und gro daherzureden. Sie nennen ihn unseren ltesten, und er lchelt
nur, und in seinem Innersten schmeichelt es ihm. Mit einem Wort:
Hohlheit! So kam unser Pimen auch zu einer nicht unwichtigen
Persnlichkeit, die eine Frau aus unserer Gegend hatte. Sie war
ebenfalls redselig und hatte irgendwelche neue Bcher ber uns gelesen,
in denen, wir wissen nicht was alles ber uns geschrieben stand. Auf
einmal erklrte sie, ich wei nicht, wie es ihr in den Sinn kam, da sie
die Altglubigen sehr liebe. Das war eine ganz wundersame Sache. Nun sie
liebt uns halt, und so oft Pimen wegen irgendetwas zu ihrem Manne kommt,
lt sie ihn sofort sich niedersetzen, traktiert ihn mit Tee, und er
freut sich darber und setzt ihr seine Geschichten vor.

Bei solchem Weibergeschwtz erzhlt er ihr, was wir Altglubige fr
Menschen wren; wir seien wie die Heiligen, rechtschaffen und gesegnet,
und unser Grosprecher schlgt die Augen nieder, legt den Kopf auf die
Seite, streicht sich den Bart und sagt slich:

Ja, Gndige, wir halten eben das vterliche Gesetz und sind so, da wir
das Herkommen beobachten und einer fr den anderen ber die Reinheit der
Sitten wacht. Mit einem Wort, er sagt ihr lauter Dinge, die durchaus
nicht zum Gesprch mit einer weltlichen Frau gehren. Aber denken Sie
sich nur: sie interessiert sich dafr.

Ich habe gehrt, sagt sie, da sich Gottes Segen sichtbar bei euch
offenbart.

Und er besttigt es ihr sofort:

Nun ja, Mtterchen, antwortet er, er offenbart sich; ganz sichtlich
offenbart er sich.

Sichtlich?

Sichtlich, sagt er, Gndige, sichtlich. Gerade dieser Tage hat einer
unserer Leute den mchtigen Stahl wie ein Spinngewebe durchschnitten.

Die Gndige klatscht vor berraschung in die Hnde.

Ach, sagt sie, wie interessant! Ich glaube an Wunder und liebe sie
schrecklich! Wissen Sie, sagen Sie bitte Ihren Altglubigen, sie mchten
beten, da Gott mir eine Tochter schenke. Ich habe zwei Shne und mchte
unbedingt eine Tochter. Ist das mglich?

Ja, das ist mglich, antwortet Pimen, warum nicht? Es ist sehr wohl
mglich! Nur ist es in solchen Fllen notwendig, da Sie fr die
llmpchen opfern.

Zu seiner groen Befriedigung gibt sie ihm zehn Rubel fr l, er steckt
das Geld in die Tasche und sagt:

Schn, seien Sie guten Mutes, ich werde es ausrichten.

Pimen erzhlte uns natrlich davon nichts, aber der Gndigen wurde eine
Tochter geboren.

Nun war sie vor Freude auer sich und lie gleich nach der Geburt
unseren Hohlkopf rufen; sie feiert ihn, als ob er selbst der Wundertter
wre, und er nimmt das alles hin. So leichtfertig wird ein Mensch, sein
Verstand verdunkelt sich, und sein Gefhl erstarrt. Nach einem Jahr hat
die Herrin wieder eine Bitte an unseren Gott, da nmlich ihr Mann ihr
ein Landhaus mieten solle, -- und wieder geht es nach ihrem Wunsch, und
Pimen verwendet das Geld, das sie fr Kerzen und l spendete, wie er es
fr zweckmig hlt; zu uns gelangte aber nichts. Und tatschlich
ereigneten sich unerklrliche Wunder. Der lteste Sohn der Gndigen war
in der Schule der grte Taugenichts und ein fauler Schlingel, der
nichts lernen wollte; als es zum Examen kam, ging sie zu Pimen und
beauftragte ihn, zu beten, da ihr Sohn in die andere Klasse versetzt
werde. Pimen sagte:

Das ist eine schwere Sache. Ich mu alle meine Leute die ganze Nacht
beim Gebet zusammenhalten, damit sie bei Kerzen bis zum Morgen flehen.

Aber sie besteht auf ihren Willen und hndigt ihm dreiig Rubel ein:
Betet nur! Und was denken Sie? Ihr nichtsnutziger Sohn hat solches
Glck, da man ihn in die nchste Klasse versetzt. Die Gndige kommt
fast von Sinnen darber, da Gott ihr solche Geflligkeiten erweist. Sie
gibt Pimen Auftrag auf Auftrag, und er hat schon bei Gott fr sie
Gesundheit erwirkt, eine Erbschaft, einen hohen Rang fr ihren Mann und
so viele Orden, da sie auf seiner Brust keinen Platz mehr finden und er
einen, wie man sagt, in der Tasche trgt. Es war einfach ein Wunder,
aber wir erfuhren nichts davon. Es kam jedoch die Zeit, wo alles
offenbar wurde und ein Wunder die anderen ablste.




                           FNFTES KAPITEL


In einer jdischen Stadt des Gouvernements war bei den Juden im Handel
eine schmutzige Geschichte passiert. Ich kann Ihnen nicht genau sagen,
ob sie falsches Geld gehabt oder ein unredliches Geschft gemacht
hatten, jedenfalls mute die Obrigkeit die Sache aufdecken und hatte
eine bedeutende Belohnung dafr ausgesetzt. Die Gndige ging also zu
unserem Pimen und sagte:

Pimen Iwanowitsch, hier gebe ich Ihnen zwanzig Rubel fr Kerzen und l.
Befehlen Sie den Ihrigen, so eifrig wie mglich zu beten, da man meinen
Mann mit dieser Sache beauftragt.

Das machte ihm wenig Kummer! Er hatte schon Geschmack an diesen
Opfergaben gefunden und antwortete:

Gut, Gndige, ich werde es befehlen.

Aber da sie auch tchtig beten, die Sache ist fr mich sehr wichtig.

Die werden sich nicht unterstehen, schlecht zu beten, wenn ich es
befehle, beruhigt Pimen, ich werde ihnen Fasten auferlegen, bis sie es
erfleht haben. Er nahm das Geld und lie es dabei bewenden, ihr Gemahl
aber erhielt noch in derselben Nacht den von ihr gewnschten Auftrag.
Bei diesem Segen gengte ihr aber unser Gebet nicht mehr, und sie wollte
unbedingt selber unserem Heiligtum ihre Lobpreisung darbringen. Sie
sagte es Pimen, und er bekam Angst, weil er wute, da wir sie nicht in
unser Heiligtum einlassen wrden. Die Gndige gab jedoch nicht nach.

Ich werde, sagt sie, was Sie auch sagen mgen, heute gegen Abend ein
Boot nehmen und mit meinem Sohne zu Ihnen kommen.

Pimen redet ihr zu:

Es ist besser, sagt er, wenn wir selber beten. Wir haben einen
Schutzengel, dem weihen Sie ein Licht, und wir werden ihm den Schutz
Ihres Gemahls anvertrauen.

Ach, das ist vortrefflich, antwortet sie, ganz vortrefflich! Ich bin
sehr froh ber diesen Engel; hier ist etwas Geld fr l, znden Sie
unbedingt drei Lmpchen vor ihm an, und ich werde dann kommen, um es mir
anzusehen.

Pimen gefiel das gar nicht; er kam zu uns und begann zu jammern, da die
Sache so und so stnde.

Ich habe, sagte er, der abscheulichen Ketzerin nicht widersprochen,
als sie ihr Begehren uerte, weil wir ihren Mann notwendig brauchen.
Und so log er uns ganze Krbe voll vor, aber von all dem, was er getan
hatte, sagte er nichts. Nun, so unangenehm es uns auch war, es war
nichts zu machen. Wir nahmen unsere Heiligenbilder mglichst schnell von
der Wand und legten sie in ihre Kisten, aus denen wir die Ersatzbilder
holten, die wir aus Furcht vor Beamtenberfllen bei uns hatten. Diese
setzten wir auf die Gestelle und erwarteten unseren Gast. Sie kam und
war so aufgeputzt, da es zum Erschrecken war. Sie fegte mit ihren
langen, breiten Bndern nur so hin, schaute alle unsere vertauschten
Heiligenbilder durch die Lorgnette an und fragte: Sagen Sie, bitte,
welcher ist hier der wunderttige Engel?

Wir wissen schon nicht mehr, wie wir sie von dem Gesprch abbringen
sollen.

Wir haben keinen solchen Engel sagen wir.

Und wie sie auch in uns drang und Pimen schalt, wir zeigten ihr den
Engel nicht, sondern fhrten sie mglichst schnell zum Teetisch und
setzten ihr vor, was wir hatten.

Sie mifiel uns schrecklich, Gott wei warum: sie sah irgendwie
abstoend aus, obwohl man sie sonst fr schn hielt. Wissen Sie, so eine
lange Hagere, mit zusammengewachsenen Augenbrauen.

Solch eine Schnheit gefllt Ihnen nicht? unterbrach der Brenpelz den
Erzhler.

Erlauben Sie, was kann einem an einer solchen schlangenhnlichen
Gestalt gefallen? antwortete jener.

Bei euch hlt man wohl eine Frau fr schn, wenn sie wie ein Erdhaufen
aussieht?

Ein Erdhaufen! wiederholte unser Erzhler lchelnd und ohne gekrnkt
zu sein. Warum nehmen Sie das an? Nach unserer echt russischen
Auffassung bevorzugen wir einen Typus, der, unserer Meinung nach, viel
ansprechender ist, als der, den die jetzige Leichtfertigkeit schtzt,
aber durchaus nicht, was man einen Erdhaufen nennen kann. Wir schtzen
nur die langen, mageren nicht, sondern lieben es, wenn die Frau nicht
auf langen, sondern auf krftigen Beinen steht, damit sie nicht konfus
herumrennt, sondern wie eine Kugel berall hinrollt und auch hinkommt,
whrend die Lange hin und her luft und stolpert. Die schlangenhafte
Schlankheit schtzen wir ebenso wenig, sondern fordern, da die Frau
erdhafter sei und einen Busen habe, denn wenn er auch fr die Figur
nicht so schn ist, so spricht er doch von der Mutterschaft; die Stirne
mu bei der echten russischen Frauenart voll und fleischig sein, weil in
ihr dann mehr Lust und Freundlichkeit liegt. hnlich ist es mit der
Nase. Wir mgen die Hakennasen nicht, sondern die Nase soll wie ein
Pfeifchen sein, denn so ein Pfeifchen ist, wenn Sie erlauben, fr die
Familie viel freundlicher als eine trockene, stolze Nase. Und ganz
besonders die Brauen: die Brauen offenbaren den Ausdruck im Gesicht, und
deshalb drfen sie bei der Frau nicht zusammenstoen, sondern mssen
einen offenen Bogen bilden, weil man mit einer solchen Frau viel
umgnglicher sprechen kann und sie auf jeden einen ganz anderen, fr das
Haus einnehmenden Eindruck macht. Freilich der jetzige Geschmack ist von
diesem guten Typus abgekommen und bevorzugt beim Frauengeschlecht
therische Luftigkeit, aber das ist eben schade. Indes, gestatten Sie,
wir sprachen nicht davon, und ich fahre lieber in meiner Erzhlung fort:

Wie wir die Frau hinausbegleitet haben, merkt unser Pimen als eitler
Mensch, da wir sie abfllig kritisieren, und sagt:

Was habt ihr denn? Sie ist doch gut.

Aber wir antworten: Die soll gut sein, wo sie schon im Gesicht nichts
Gutes hat! Aber Gott sei mit ihr: wie sie ist, so wird sie auch
bleiben. Wir waren schon froh, da wir sie hinausbegleitet hatten, und
rucherten gleich mit Weihrauch, damit bei uns auch kein Hauch von ihr
zurckbleibe. Danach befreiten wir das Stbchen von den letzten Spuren
des Gastes. Die Ersatzbilder legten wir in die Kisten zurck in den
Verschlag und holten unsere richtigen Bilder wieder hervor. Wir hoben
sie auf die Gestelle, wie vorher, und besprengten sie mit Weihwasser.
Dann ging ein jeder zu seinem Schlafplatz, und wir legten uns nieder.
Aber Gott allein wei, warum wir alle in dieser Nacht nicht schlafen
konnten und wie ngstlich und unruhig es uns zumute war.




                           SECHSTES KAPITEL


Am Morgen gingen wir alle an unsere Arbeit, nur Luka Kirillow nicht. Das
war in anbetracht seiner Pnktlichkeit erstaunlich, noch erstaunlicher
aber war, da er um acht Uhr ganz verstrt und bleich zu uns kam.

Ich wute, da er ein Mann war, der sich in der Hand hatte und es nicht
liebte, sich unntz zu grmen, und darum wurde ich aufmerksam und
fragte:

Was hast du, Luka Kirillow?

Aber er sagt: Spter sage ich es.

Jung, wie ich damals war, war ich schrecklich neugierig, zudem hatte
mich eine Vorahnung gepackt, da sich irgend etwas Unheilvolles fr
unseren Glauben ereignet habe. Ich hielt aber den Glauben hoch und war
niemals kleinglubig.

Ich konnte es nicht lnger aushalten, verlie unter irgendeinem Vorwand
die Arbeit und lief nach Hause. Ich dachte mir: solange niemand zu Hause
ist, kann ich von Michailiza etwas erfahren. Wenn ihr Luka Kirillow auch
nichts erffnet hat, so durchschaut sie ihn, trotz ihrer Einfalt, und
vor mir wird sie nichts verheimlichen, da ich, schon als Kind verwaist,
bei ihr an Sohnesstatt aufgewachsen bin, und sie mir wie eine zweite
Mutter gewesen ist.

Ich eile zu ihr und sehe sie in einem alten offenen Halbpelz auf dem
Freitreppchen sitzen; aber sie ist krank und traurig und ganz fahl im
Gesicht.

Warum sitzen Sie hier, Pflegemutter? frage ich.

Und sie antwortet:

Wo soll ich denn sonst bleiben, Marotschka?

Ich heie Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrer mtterlichen
Zrtlichkeit Marotschka.

Was sind das fr Dummheiten, denke ich mir, da sie nicht wei, wo sie
sonst bleiben soll?

Aber warum, sage ich, legen Sie sich denn nicht ein wenig im Schuppen
hin?

Ich kann nicht, Marotschka, antwortet sie, in der groen Stube betet
der alte Maroi.

Aha, denke ich mir, es wird schon so sein, da sich irgendetwas mit
unserm Glauben zugetragen hat; und nun beginnt auch Tante Michailiza:

Marotschka, du weit sicher nichts, Kind, von dem, was sich heute nacht
bei uns ereignet hat?

Nein, Pflegemutter, ich wei nichts.

Ach, es ist schrecklich.

Erzhlen Sie doch schneller, Pflegemutter!

Ich wei nicht, ob ich es erzhlen darf.

Warum wollen Sie nicht erzhlen? sage ich: Bin ich denn fr Sie ein
Fremder und nicht an Sohnesstatt?

Ich wei, mein Lieber, da du mir wie ein Sohn bist, antwortet sie,
aber ich habe kein Vertrauen, da ich es dir auseinandersetzen kann,
denn ich bin dumm und einfltig. Warte doch, nach Feierabend kommt der
Onkel, und der wird dir gewi alles erzhlen.

Aber ich konnte nicht warten und drang in sie:

Erzhle doch, erzhle doch gleich, was alles geschehen ist.

Ich sehe, wie sie mit den Lidern blinzelt und wie sich ihre Augen mit
Trnen fllen, die sie mit dem Brusttuch abwischt; dann flstert sie mir
leise zu:

Kind, der Schutzengel ist heute Nacht von uns fortgegangen.

Diese Erffnung machte mich zittern.

Sagen Sie doch bitte schnell, wie das Wunder geschehen ist und wer es
gesehen hat!

Das Wunder, Kind, ist unerklrlich, und niemand auer mir hat es
gesehen, weil es tiefe Mitternacht war, als es geschah und ich allein
nicht schlief.

Und dann, meine werten Herren, erzhlte sie mir folgende Geschichte:

Nachdem ich gebetet hatte, war ich eingeschlafen. Ich wei nicht mehr,
wie lange ich schlief, aber pltzlich sehe ich im Traum eine
Feuersbrunst, eine ganz groe Feuersbrunst. Es war, als ob alles bei uns
verbrannt wre, und der Flu fhre die Asche mit sich fort, aber an den
Strudeln um die Brckenjoche kreist sie noch, und dann schluckt sie der
Flu in die Tiefe. Und Michailiza trumt, als sei sie hinausgelaufen
und stehe in einem alten zerrissenen Hemd ganz unten am Wasser, aber ihr
gegenber am anderen Ufer erhebe sich eine hohe, rote Sule, und oben
auf der Sule stehe ein kleiner, weier Hahn, der in einemfort mit den
Flgeln schlage. Michailiza fragt: Wer bist du?, denn das Gefhl sagt
ihr, da dieser Vogel ein Vorzeichen sei. Der Hahn aber ruft pltzlich
mit menschlicher Stimme Amen, sonst nichts, und dann ist er
verschwunden, aber um Michailiza herum herrscht eine groe Stille, und
die Luft ist so dnn, da sie keinen Atem mehr bekommt und es ihr
schrecklich zumute wird. Dann wacht sie auf, liegt da und vernimmt
deutlich, wie vor der Tr ein Lmmchen blkt. Und an der Stimme merkt
sie, da es ein neugeborenes Lmmchen ist. Mit hellem silbernen
Stimmchen macht es b--h, und pltzlich hrt Michailiza, da es durch
die Gebetsstube geht, mit seinen kleinen Hufen auf den Boden klopft und
hin und wieder stehen bleibt, als ob es etwas suche. Michailiza
berlegt: Herr Jesu Christ, was soll das bedeuten? In unserer ganzen
Ansiedlung gibt es kein Schaf, und woher ist uns jetzt dieses Lmmchen
zugelaufen? Nun wird sie ganz wach: Aber wie ist es denn in die Stube
gekommen? In der gestrigen Hast haben wir also vergessen, das Hoftor zu
schlieen, Gott sei Dank, da nur ein Lmmchen hereingesprungen und
nicht der Hofhund in das Heiligtum eingedrungen ist. Und nun beginnt sie
Luka zu wecken: Kirillytsch, ruft sie, Kirillytsch, steh schnell auf!
Unsere Tr ist offen, und irgendein Jungtier ist zu uns in die Htte
gesprungen. Aber zum Unheil schlft Luka Kirillow wie ein Toter. Und
wie ihn auch Michailiza zu wecken versucht, es will ihr auf keine Weise
gelingen. Luka brummt nur und sagt kein Wort. Michailiza schttelt ihn
strker, aber er brummt nur noch lauter. Sie beginnt ihn zu bitten:
Gedenk des Namen Jesu! Aber kaum hat sie das Wort ausgesprochen, als
in der Stube etwas winselt, und in dem Augenblick springt Luka vom Bett
auf, strzt nach vorne und prallt pltzlich mitten in der Stube wie vor
einer ehernen Wand zurck. Mach Licht, Weib, mach schneller Licht!
ruft er Michailiza zu, er selbst aber rhrt sich nicht von der Stelle.
Sie zndet eine Kerze an und luft herzu, aber er ist bleich wie ein zum
Tode Verurteilter und bebt, da das Kreuz an seinem Hals, ja selbst die
Fulappen an seinen Fen zittern. Die Frau spricht wieder zu ihm:
Ernhrer, was hast du? sagt sie. Er aber zeigt mit dem Finger, da
dort, wo der Engel war, eine leere Stelle ist und da der Engel selbst
vor Lukas Fue auf dem Boden liegt.

Luka Kirillow geht jetzt unverzglich zum alten Maroi und sagt ihm, wie
alles gewesen sei, was seine Frau gesehen habe und was bei uns geschehen
war: Komm und schau! Maroi kommt, kniet vor dem auf der Erde liegenden
Engel nieder und bleibt vor ihm lange unbeweglich, wie ein marmornes
Grabbild liegen, dann hebt er aber die Hand, streicht sich ber die
Tonsur auf dem Scheitel und sagt leise:

Bringt zwlf reine, neugebrannte Ziegelplatten her!

Luka Kirillow bringt sie sogleich, Maroi schaut sie an und sieht, da
sie alle rein sind und gerade aus dem Brennofen kommen, und er befiehlt
Luka, eine auf die andere zu legen und so eine Art Sule aufzufhren,
diese mit einem reinen Handtuch zu bedecken und darauf das Heiligenbild
zu legen. Dann verneigt sich Maroi bis zur Erde, und ruft:

Engel Gottes, streu deine Spuren aus, wohin du willst!

Er hat diese Worte kaum ausgesprochen, als an der Tre geklopft wird und
eine unbekannte Stimme ruft:

He, ihr Altglubigen, wer ist euer ltester?

Luka Kirillow ffnet die Tr und sieht einen Soldaten mit einer Medaille
vor sich stehen.

Luka fragt, was fr einen ltesten er wolle. Und der antwortet:

Den, der oft zur Gndigen kam und den sie Pimen nennen.

Luka schickt seine Frau gleich zu Pimen und fragt weiter, worum es sich
handle und wer ihn in der Nacht nach Pimen gesandt habe.

Der Soldat sagt:

Etwas Gewisses wei ich nicht, aber ich habe so etwas gehrt, als ob
die Juden dort eine schlimme Geschichte mit unserem Herrn angestellt
htten!

Aber was es eigentlich sei, kann er nicht erzhlen.

Ich habe gehrt, sagt er, da der Herr erst sie versiegelt htte und
dann sie ihn.

Aber darber, wie sie einander versiegelt haben, wei er nichts
verstndliches zu erzhlen.

Whrenddes war Pimen gekommen; er schielt selbst wie ein Jude, bald
dorthin, bald dahin, und wei sichtlich selbst nicht, was er sagen soll.
Und Luka spricht ihn an:

Was hast du da gemacht, Spielmann? Geh jetzt und spiel dein Stck nur
zu Ende!

Der setzt sich mit dem Soldaten ins Boot, und sie fahren ab.

Nach einer Stunde kommt unser Pimen zurck, stellt sich munter, aber man
sieht, da es ihm durchaus nicht so zumute ist.

Luka fragt ihn:

Sprich, sagt er, du Windbeutel, und sag ganz aufrichtig, was du dort
getan hast.

Aber jener erwidert: Nichts.

Nun, bei dem Nichts blieb es, obwohl es durchaus kein Nichts gewesen
war.




                          SIEBENTES KAPITEL


Mit dem Herrn, fr den unser Pimen gebetet hatte, war eine erstaunliche
Geschichte geschehen. Er war, wie ich Ihnen berichtet habe, in die
jdische Stadt gefahren, war dort spt in der Nacht angekommen, als
niemand an ihn dachte, hatte sofort alle Lden unter Siegel genommen und
die Polizei verstndigt, da er am nchsten Morgen mit der Revision
beginnen werde. Die Juden erfuhren es natrlich sofort und gingen
gleich, noch in der Nacht, zu ihm, um ihn um ein bereinkommen zu
bitten, da sie groe Vorrte von gesetzwidrigen Waren auf Lager hatten.
Sie kamen zu ihm und steckten ihm auf einmal zehntausend Rubel zu. Er
sagte: Ich kann nicht, ich bin ein hoher Beamter, geniee Vertrauen und
nehme keine Bestechungsgelder. Die Juden schnattern untereinander:
Fnfzehntausend. Er wieder: Ich kann nicht. Sie Zwanzig. Er
darauf: Versteht ihr denn nicht, da ich nicht kann: ich habe schon die
Polizei verstndigt, da ich morgen mit ihr zusammen revidieren werde.
Sie schnattern wieder und sagen dann:

Ach, Eure Durchlaucht, das macht nichts, da Sie die Polizei
verstndigt haben, wir geben Ihnen fnfundzwanzigtausend, und Sie geben
uns dafr blo bis zum Morgen Ihr Petschaft und legen sich ruhig
schlafen: wir brauchen nichts mehr.

Der Herr berlegt hin und her: Wenn er sich auch fr eine hohe Person
hlt, so scheint auch bei den hohen Personen das Herz nicht von Stein zu
sein; er nahm die fnfundzwanzigtausend, gab ihnen das Petschaft, mit
dem er siegelte, und legte sich schlafen. Die Juden holten, versteht
sich, in der Nacht alles Notwendige aus ihren Lagern heraus und
versiegelten sie wieder mit demselben Petschaft. Der Herr schlief noch,
als sie am Morgen schon wieder in seinem Vorzimmer lrmten. Er geht zu
ihnen hinaus; sie danken ihm und sagen:

Nun, Euer Hochwohlgeboren, nun halten Sie bitte Revision.

Er scheint es aber zu berhren und sagt:

Gebt mir schnell mein Siegel.

Aber die Juden sagen:

Ja, geben Sie uns unser Geld.

Der Herr: Was? Wie? Aber sie bleiben dabei:

Wir haben, sagen sie, das Geld Ihnen als Pfand zurckgelassen.

Er wieder:

Was, als Pfand?

Freilich, sagen sie, als Pfand.

Ihr lgt, sagt er, ihr Halunken, ihr Christusverkufer, ihr habt mir
das Geld ganz gegeben.

Sie stoen einander an und lachen.

Hrst du, sagen sie, hrst, wir haben ihm das Geld ganz gegeben ...
Hm, hm, ai, ai, wie knnten wir so dumm sein und so unpolitisch,
einer so hohen Persnlichkeit Chabar geben. (So nennen sie
Bestechungsgelder.)

Nun, knnen Sie sich etwas Schneres vorstellen als diese Geschichte?
Der Herr, versteht sich, htte nun das Geld zurckgeben sollen, und die
Sache wre zu Ende gewesen, aber er war eigensinnig und wollte sich
davon nicht trennen. So verging der Morgen. Der ganze Handel in der
Stadt ist gesperrt. Die Leute kommen und wundern sich. Die Polizei
fordert das Siegel, und die Juden schreien: Ai wai, was ist das fr
eine staatliche Regierung! Die hohe Obrigkeit will uns ruinieren. Ein
schreckliches Durcheinander. Der Herr sitzt eingeschlossen zu Hause und
hat bis Mittag schier den Verstand verloren. Am Abend ruft er dann die
listigen Juden zu sich und sagt: Hier, ihr Verfluchten, nehmt euer Geld
und gebt mir nur mein Petschaft wieder! Aber sie wollen nicht und
sagen: Ja, wenn das so ginge! Wir haben den ganzen Tag nicht gehandelt:
jetzt mssen Euer Wohlgeboren uns fnfzehntausend dazu geben! Sehen
Sie, so kam es! Und die Juden drohen: Wenn Sie uns jetzt nicht die
fnfzehntausend geben, kostet die Sache morgen fnfundzwanzigtausend
Rubel mehr. Der Herr schlief die ganze Nacht nicht, am Morgen schickte
er wieder zu den Juden, gab ihnen das ganze Geld, das er von ihnen
erhalten hatte, zurck und unterschrieb einen Wechsel auf
fnfundzwanzigtausend; dann begann er so eine Art Revision. Natrlich
fand er nichts, fuhr so schnell wie mglich nach Haus und tobte vor
seiner Frau, woher er die fnfundzwanzigtausend Rubel nehmen solle, um
den Juden den Wechsel zu bezahlen. Wir mssen dein Gut, das du in die
Ehe mitgebracht hast, verkaufen, sagt er. Aber sie erwidert: Um nichts
in der Welt, ich bin mit ihm verwachsen. Er sagt: Du bist schuld, du
hast mir mit deinen Altglubigen diesen Auftrag erbetet und warst
berzeugt, da mir ihr Engel helfen wrde; so schn hat er mir nun
geholfen! Aber sie antwortet darauf: Du bist selber schuld, warum bist
du so dumm und hast die Juden nicht verhaftet und erklrt, da sie dir
das Petschaft gestohlen haben? Aber im brigen, sagt sie, macht es
nichts, folge nur mir, ich werde die Sache schon wieder einrichten, und
fr deine Unvernunft werden andere zahlen. Und mit einem Male plrrt
sie: Sofort, schnell den Dnjepr hinunterfahren und mir den ltesten der
Altglubigen herholen! Der Bote kam, brachte unseren Pimen, und die
Frau sagte ihm ohne Umschweife: Hren Sie, ich wei, da Sie ein
verstndiger Mensch sind und da Sie verstehen werden, was ich brauche:
Meinem Mann ist eine kleine Unannehmlichkeit widerfahren. Nichtswrdige
haben ihn ausgeraubt, die Juden ... Sie verstehen ... und wir brauchen
unbedingt dieser Tage fnfundzwanzigtausend Rubel, die ich nirgends so
schnell auftreiben kann. Aber ich habe Sie gerufen, und da ich wei, da
ihr Altglubige kluge und reiche Leute seid, und weil ich mich selbst
berzeugt habe, da Gott euch in allen Dingen hilft, bin ich sicher, da
ihr mir den Gefallen tun und die fnfundzwanzigtausend geben werdet. Ich
werde dafr meinerseits allen Damen von euren wunderttigen
Heiligenbildern erzhlen, und ihr werdet sehen, wieviel ihr fr Wachs
und l erhalten werdet. Ich glaube, meine werten Herren, da Sie sich
ohne Mhe vorstellen knnen, was unser Spielmann bei dieser Wendung
empfand. Ich wei nicht, was er alles sagte, aber ich glaube es ihm, da
er nun anfing sich zu winden und zu schwren und sie unserer Drftigkeit
zu versichern; aber sie, die neue Herodias, wollte davon nichts wissen.
Nein, sagte sie, ich wei sehr gut, da die Altglubigen reich sind
und da fnfundzwanzigtausend Rubel fr euch nichts bedeuten. Als mein
Vater in Moskau Beamter war, haben ihm die Altglubigen mehrmals solche
Geflligkeiten erwiesen; und fnfundzwanzigtausend Rubel sind gar nicht
der Rede wert. Pimen versuchte natrlich ihr vorzustellen, da die
Moskauer Altglubigen kapitalskrftige Leute seien, wir aber einfache
Bauern und Taglhner ... Aber sie hatte anscheinend sehr gute Moskauer
Erfahrungen und fiel ber ihn auf einmal her: Warum erzhlen Sie mir
das? Als ob ich nicht wte, wieviel wunderttige Heiligenbilder ihr
habt! Haben Sie mir nicht selbst erzhlt, wie viel man euch aus ganz
Ruland fr Wachs und l schickt? Nein, ich will nichts hren, entweder
bekomme ich sofort das Geld, oder mein Mann fhrt gleich zum Gouverneur
und erzhlt ihm alles, wie ihr betet und die Leute verfhrt, und es wird
euch schlecht gehen. Der arme Pimen fiel schier die Treppe hinunter; er
kam nach Hause und sagte, wie ich Ihnen berichtet habe, nur das eine
Wort: Nichts. Dabei war er aber rot, als kme er aus dem Dampfbad,
ging gleich in einen Winkel und schneuzte sich in einem fort.
Schlielich nahm ihn Luka Kirillow ein wenig ins Verhr. Pimen gestand
ihm natrlich nicht alles, sondern enthllte ihm nur ganz wenig und
sagte: Die Gndige hat von mir verlangt, da ich ihr von euch
fnftausend Rubel Bestechungsgelder bringe. Daraufhin braust Luka
natrlich auf: Ach du Spielmann, sagte er, was brauchtest du mit den
Leuten verkehren und sie auch noch herbringen? Sind wir denn reiche
Leute, haben wir soviel Geld zu verschenken? Wofr sollen wir es denn
geben? Und wo ist es? Wie du alles angestellt hast, so bringe es auch
wieder in Ordnung, aber wir knnen die fnftausend Rubel nirgends
hernehmen. Damit ging Luka an seine Arbeit und kam, wie ich berichtete,
bleich wie ein zum Tode Verurteilter zu uns, weil das nchtliche
Ereignis ihn ahnen lie, da die Sache uns Unannehmlichkeiten bringen
werde. Pimen aber ging ans andere Fluufer. Wir alle sahen, wie er mit
einem Boot aus dem Schilf herausfuhr und sich der Stadt zuwandte. Als
Michailiza mir jetzt dies alles der Reihe nach erzhlte, wie er sich um
die fnftausend Rubel bemht hatte, dachte ich mir, da er nun bestimmt
zur Gndigen gefahren sei, um sie zu besnftigen. Mit solchen Gedanken
stand ich neben Michailiza und dachte nach, ob aus all dem nicht ein
Schaden fr uns erwachsen knne und ob es nicht notwendig sei,
irgendwelche Manahmen dagegen zu ergreifen, als ich pltzlich sah, da
alle Manahmen schon zu spt waren, da ein groes Boot am Ufer anlegte
und ich hinter mir den Lrm vieler Stimmen hrte. Ich drehte mich um und
erblickte einige Beamte in allerlei Uniformen und mit ihnen eine
erhebliche Anzahl von Gendarmen und Soldaten. Meine werten Herren, ich
kann Michailiza kaum einen Blick zuwerfen, als sie alle an uns vorbei zu
Lukas Stube gehen und an der Tre zwei Posten mit bloen Sbeln
aufstellen. Michailiza strzt auf die Posten zu, nicht nur, um in die
Stube zu kommen, sondern auch, um zu eifern. Natrlich stoen sie sie
zurck, und wie sie noch wilder auf sie eindringt und mit ihnen ins
Handgemenge kommt, versetzt ihr einer der Gendarmen einen solchen Sto,
da sie kopfber die Treppe hinunterstrzt. Ich schicke mich an, zu Luka
auf die Brcke zu laufen, aber ich sehe schon, wie Luka mir
entgegenluft und hinter ihm unsere ganze Gesellschaft, alle in Aufruhr,
jeder mit dem Werkzeug in der Hand, mit dem er eben gearbeitet hat, der
eine mit einer Brechstange, der andere mit einem Hammer, und alle
laufen, um ihr Heiligtum zu verteidigen. Alle, die im Boot keinen Platz
gefunden und kein anderes Mittel hatten, das Ufer zu erreichen, waren in
den Kleidern, wie sie bei der Arbeit gewesen waren, von der Brcke ins
Wasser gesprungen und schwammen nun einer hinter dem anderen durch den
kalten Flu. Stellen Sie sich vor, es war schrecklich auszudenken, wie
das enden sollte. Die Soldatenabteilung war etwa zwanzig Mann stark, und
wenn sie auch alle mehr oder weniger kriegerisch ausgerstet waren, so
waren die Unseren mehr als ein halbes Hundert und alle von glhendem
Glaubenseifer beseelt. Jetzt schwimmen sie wie die Seehunde durch das
Wasser, und man htte sie mit einem Knppel auf den Kopf schlagen
knnen, sie htten die Absicht, ihr Heiligtum zu beschtzen, nicht
aufgegeben. Nun strmen sie, na wie sie sind, vorwrts, als htten
Steine pltzlich Leben bekommen.




                            ACHTES KAPITEL


Gestatten Sie mir jetzt daran zu erinnern, da, whrend ich mit
Michailiza auf der Treppe sprach, der alte Maroi sich in der Stube im
Gebet befand, wo ihn die Herren Beamten bei ihrem Eindringen auch
vorfanden. Er erzhlte spter, da sie, gleich als sie hereingekommen
waren, die Tre zugeschlagen htten und gerade auf die Heiligenbilder
zugegangen wren. Die einen lschen die Lmpchen aus, die anderen reien
die Bilder von der Wand, legen sie auf den Boden und schreien ihn an:
Bist du der Pope? Er sagt: Nein, ich bin kein Pope. Sie: Wer ist
denn euer Pope? Aber er antwortet: Wir haben keinen Popen. Sie
darauf: Ihr werdet keinen Popen haben! Wie wagst du zu sagen, da ihr
keinen Popen habt! Er begann ihnen zu erklren, da wir keine Popen
haben, aber weil er so unverstndlich sprach, da sie nicht begriffen,
wovon die Rede war, sagten sie: Bindet ihn, er ist verhaftet. Maroi
lt sich binden, als gehe es ihn nichts an, da ihm ein Dutzend
Soldaten mit einem Strickende die Hnde binden. Er steht da und sieht
zu, was weiter geschieht. Die Beamten hatten inzwischen Kerzen
angezndet und die Bilder zu versiegeln begonnen. Der eine legte die
Siegel an, die anderen machten ein Verzeichnis, die dritten bohrten
Lcher in die Bilder und reihten sie auf eine Eisenstange aneinander.
Maroi sah diesem gotteslsterlichen Treiben zu und zuckte nicht einmal
mit den Schultern, weil er bei sich dachte, da es wohl Gott gefalle,
diese Schndung des Heiligtums zuzulassen. Im selben Augenblick hrt
Maroi drauen einen Gendarmen aufschreien, und dann einen zweiten. Die
Tr fliegt auf, und unsere Seehunde strzen na, wie sie aus dem Wasser
gestiegen sind, herein. Glcklicherweise war ihnen jedoch Luka Kirillow
zuvorgekommen; er schrie sie an:

Haltet ein, Christenmenschen! Ereifert euch nicht! Dann wendet er sich
an die Beamten, weist auf die an die Eisenstange aufgespieten Ikonen
und spricht: Weshalb beschdigt ihr so das Heiligtum, ihr Herren
Beamten? Wenn ihr das Recht habt, es uns zu nehmen, dann werden wir der
Gewalt keinen Widerstand leisten, -- nehmt es nur. Aber weshalb mt ihr
so seltene, von den Vtern ererbte Kunstwerke beschdigen?

Aber der Mann der Bekannten Pimens, der die ganze Sache leitete, schrie
Luka an:

Still, Halunke! Du wagst noch zu rsonieren!

Luka war ein stolzer Bauer, aber er demtigte sich und antwortete leise:

Erlauben, Euer Hochwohlgeboren, wir kennen diesen Brauch, wir haben in
der Stube anderthalb Hundert Ikonen. Wenn Sie wnschen, geben wir Ihnen
fr jede Ikone drei Rubel, nehmen Sie sie mit, aber beschdigen Sie die
alten Kunstwerke nicht.

In den Augen des Herrn blitzte es, und er schrie ihn laut an: Hinaus!
Ganz leise setzte er aber hinzu: Gib hundert Rubel fr das Stck, sonst
stecke ich sie alle in den Ofen.

Luka konnte eine solche Summe weder geben, noch sie sich berhaupt
vorstellen und sagte:

Gott sei mit euch, vernichtet alles, wie ihr wollt, aber wir haben das
Geld nicht.

Aber der Herr schrie ihn wtend an: Ach du brtiger Ziegenbock, wie
wagst du es, mit uns von Geld zu sprechen?

Er wurde pltzlich ganz wild, lie alles, was er an heiligen
Darstellungen in der Stube fand, auf die Stange spieen, schraubte dann
Muttern an beide Enden und versiegelte diese, so da niemand die Bilder
herunternehmen oder vertauschen konnte. Sie hatten bereits alle Ikonen
gesammelt und schickten sich an, fortzugehen. Die Soldaten nahmen die
Stange mit den Bildern auf die Schultern und trugen sie zu den Booten.
Michailiza hatte sich indes mit dem brigen Volk unbemerkt in die Stube
gedrngt, heimlich das Engelsbild vom Chorpult heruntergestohlen und
trug es unter der Schrze in die Kammer. Ihre Hnde zitterten dabei aber
so, da sie es fallen lie. Ihr Heiligen, wie da der Herr in Wut geriet,
uns Diebe und Betrger nannte und schrie:

Aha, ihr Betrger, ihr wolltet das Bild stehlen, damit es nicht auf die
Stange kommt? Nun, da soll es auch nicht hinkommen, aber so werde ich es
machen! -- Mit diesen Worten zndete er die Siegellackstange an und
drckte das brennende Harz mitten auf das Gesicht des Engels!

Meine besten Herren, seien Sie nicht bse, wenn ich nicht versuche,
Ihnen zu beschreiben, was in uns vorging, als der Herr das kochende Harz
auf das Antlitz des Engels go und als dann der grausame Mensch das Bild
auch noch emporhob, um sich damit zu rhmen, wie gut er es verstanden
hatte, uns zu krnken. Ich entsinne mich nur noch, da das helle heilige
Antlitz rot und versiegelt war, da das brennende Harz unter dem
Petschaft in zwei Strmen, wie Blut mit Trnen gemischt, herabflo.

Wir sthnten alle auf, bedeckten unsre Augen mit den Hnden und
sthnten, als lgen wir auf der Folter. Dann verloren wir uns in
Weheklagen, so da uns die einbrechende Nacht noch immer weinend und
jammernd um unseren versiegelten Engel antraf. Da kam uns in dem Dunkel
und der Ruhe, die ber dem zerstrten Heiligtum lag, der Gedanke,
ausfindig zu machen, wohin man unseren Beschtzer gebracht hatte, und
wir gelobten, ihn selbst unter Lebensgefahr zu rauben und zu entsiegeln.
Zur Ausfhrung dieses Entschlusses whlte man mich und den jungen
Lewontij. Er zhlte kaum siebzehn Jahre, war fast noch ein Knabe, aber
krftigen Wuchses und guten Herzens, von Kind auf gottesfrchtig,
gehorsam und gutartig, wie ein weies Ro mit Silberzaum.

Fr das gefhrliche Unternehmen, den versiegelten Engel, dessen
erblindetes Antlitz wir nicht ertragen konnten, aufzufinden und zu
rauben, konnte ich mir einen besseren Gefhrten und Helfer gar nicht
wnschen.




                           NEUNTES KAPITEL


Ich will Sie nicht mit Einzelheiten aufhalten, wie ich und mein Gefhrte
durch alle Nadelhre schlpften und berall hinkamen; ich will Ihnen
gleich von der Trauer berichten, die uns ergriff, als wir erfuhren, da
man unsere von den Beamten durchbohrten Ikonen, so wie sie auf die
Stange aufgespiet waren, in den Keller des Konsistoriums geworfen
hatte. Damit war die Sache fr uns verloren und wie im Sarge begraben;
es war vergeblich, noch weiter an sie zu denken. Erfreulich dagegen war,
da man sich erzhlte, der Erzbischof selbst habe diese barbarische
Handlungsweise nicht gebilligt, sondern im Gegenteil gesagt: Wozu das?
Er sei sogar fr das alte Kunstwerk eingetreten und habe erklrt: Es
ist ein altes Stck, das man schtzen mu߫. Schlimm dagegen war, da,
als das durch die Schndung entstandene Unheil noch nicht berwunden
war, uns ein neues, greres durch diesen neuen Verehrer traf: Derselbe
Erzbischof nahm, was man hinzufgen mu, nicht in schlimmer, sondern in
guter Absicht unseren versiegelten Engel in die Hand und betrachtete ihn
lange, dann legte er ihn zur Seite und sagte: Das verstrte Antlitz!
Wie schrecklich hat man es zugerichtet! Man tue dieses Bild nicht in den
Keller, sondern stelle es in meine Kapelle aufs Fenster neben den
Opfertisch. Die Diener des Erzbischofes fhrten den Befehl aus, und
wenn uns einerseits, wie ich gestehen mu, diese Aufmerksamkeit des
Hierarchen sehr angenehm berhrte, so sahen wir andererseits doch ein,
da dadurch jede Aussicht, unseren Engel rauben zu knnen, vereitelt
war. Es blieb nur ein Mittel brig: die Diener des Erzbischofs zu
bestechen und mit ihrer Hilfe das Bild mit einem kunstvoll hnlich
gemalten zu vertauschen. Das hatten unsere Altglubigen schon oft mit
Erfolg gemacht, aber dazu wre vor allen Dingen ein kunstfertiger
Heiligenbildmaler mit einer erprobten Hand ntig gewesen, der es
verstanden htte, heimlich ein genaues Abbild herzustellen. Einen
solchen Maler gab es jedoch in dieser Gegend nicht. Zudem befiel uns
seit dieser Zeit doppelte Trauer, die wie Wassersnot ber uns kam. In
der Stube, in der man frher nur Lobsingen hrte, vernahm man nichts als
Schluchzen, und in kurzer Zeit hatten wir uns so krank geweint, da wir
mit unseren trnenerfllten Augen den Boden nicht mehr sehen konnten,
und dadurch, oder aus einem anderen Grunde entstand dann bei uns eine
Augenkrankheit, die mit der Zeit alle ergriff. Was es bisher nicht
gegeben hatte, geschah jetzt: wir hatten Kranke ohne Zahl. Das ganze
Arbeitervolk fand dafr die Deutung, da es nicht ohne Grund geschehe,
sondern wegen des Engels der Altglubigen. Man hat ihn, sagten sie,
durch das Siegel geblendet, und jetzt mssen wir alle erblinden. Diese
Auslegung fand nicht nur bei uns allein Glauben, sondern auch alle
kirchlich Gesinnten waren aufgebracht.

Obwohl unsere Brotgeber, die Englnder, rzte kommen lieen, ging
niemand zu ihnen hin, und auch ihre Arzneien wollte niemand nehmen,
sondern wir alle flehten nur um das eine:

Bring uns den versiegelten Engel. Wir wollen vor ihm einen
Bittgottesdienst halten, er allein kann uns helfen!

Unser Englnder Jakow Jakowlewitsch nahm sich der Sache an, fuhr selbst
zum Erzbischof und sagte ihm:

So steht es, Eminenz: der Glaube ist eine groe Sache, und einem jeden
wird alles nach seinem Glauben gegeben; geben Sie uns doch den Engel
aufs andere Ufer!

Der Erzbischof aber wollte davon nichts wissen und sagte:

Dem darf kein Vorschub geleistet werden.

Damals erschien uns dieses Wort grausam, und wir verurteilten den
Erzbischof leichtfertig, spter aber wurde uns offenbar, da dies alles
nicht aus Hartherzigkeit, sondern durch Gottes Vorsehung geschah.

Indessen nahmen die Zeichen kein Ende, und der strafende Finger traf
auch den Hauptschuldigen in dieser Sache, Pimen, selbst, der nach diesem
Unheil von uns geflohen war, auf dem anderen Ufer lebte und der
Staatskirche beitrat. Ich begegnete ihm einmal dort in der Stadt, er
begrte mich, und ich grte ihn wieder. Dann sagte er mir:

Ich habe gesndigt, Bruder Mark, da ich mich von eurem Glauben
abgeschieden habe.

Ich antwortete ihm:

Was einer glaubt, das ist Gottes Sache, aber da du den Armen um ein
Paar Stiefel verkauft hast, das war nicht gut gehandelt; verzeih mir,
da ich dir, wie es der Prophet Amos befiehlt, brderliche Vorwrfe
mache.

Bei der Nennung des Propheten berlief ihn ein Schauder.

Sprich mir nicht von den Propheten, sagte er, ich kenne die Schrift
selbst und fhle, wie die Propheten die auf der Erde Lebenden strafen.
Ich selbst habe dafr ein Zeichen. Und er klagte mir, da er, als er
neulich im Flusse gebadet hatte, am ganzen Krper fleckig geworden sei;
er machte seine Brust frei und zeigte mir auf ihr Flecken, wie bei einem
gescheckten Pferde, die sich von der Brust bis hinauf zum Halse zogen.

Ich sndiger Mensch hatte schon im Sinne, ihm zu sagen, da Gott den
Schelm zeichne, aber ich unterdrckte diese Worte und sagte:

Nun, was hat das zu bedeuten? Bete nur und sei froh, da du auf dieser
Welt gezeichnet bist, vielleicht wirst du dann in der kommenden rein
dastehen.

Aber er klagte mir, wie unglcklich er darber sei und was er einbe,
wenn die Flecken auch das Gesicht ergreifen wrden. Der Gouverneur
selbst habe, als er ihn, Pimen, bei seinem bertritt in die Kirche sah,
groe Freude an seiner Schnheit gehabt und dem Stadthauptmann gesagt,
er solle Pimen beim Empfang vornehmer Personen unbedingt ganz vorne mit
der silbernen Schssel in den Hnden aufstellen. Aber einen fleckigen
Menschen knne man doch nicht aufstellen! Was brauchte ich aber seine
eitlen und hohlen Worte weiter anzuhren? -- Ich drehte mich um und
ging.

Seit der Zeit waren wir von ihm geschieden. Seine Flecken wurden immer
sichtbarer, aber auch bei uns hrten die Zeichen nicht auf. Schlielich
setzte im Herbst, als der Flu kaum zugefroren war, pltzlich Tauwetter
ein, das das ganze Eis auseinanderri und unsere Behausungen zerstrte.
Und jetzt folgte Schaden auf Schaden, bis einmal sogar einer der
Granitpfeiler untersplt wurde und der Strudel das Werk vieler Jahre,
das viele Tausende gekostet hatte, verschlang.

Dies machte sogar unsere Brotgeber, die Englnder, bestrzt, und
irgendjemand riet ihrem ltesten, Jakow Jakowlewitsch, uns Altglubige
wegzuschicken, um von all dem bel wieder erlst zu werden. Der
Englnder aber war ein Mensch mit rechtschaffnem Herzen und hrte nicht
darauf; er lie sogar mich und Luka Kirillow zu sich rufen und sagte:

Kinder, gebt mir selbst einen Rat: kann ich euch nicht irgendwie helfen
und euch trsten?

Wir antworteten ihm, da es fr uns keinen Trost gbe, solange das uns
heilige Antlitz des Engels, das uns berall begleitet hatte, mit
Feuerharz versiegelt sei, und da wir vor Leid vergingen.

Was gedenkt ihr zu tun? fragte er.

Wir wollen ihn einmal vertauschen und sein reines Antlitz, das die
gottlose Hand des Beamten unter dem Siegel verborgen hat, entsiegeln.

Warum ist euch der Engel so teuer, und kann man euch nicht einen
anderen ebensolchen verschaffen?

Er ist uns deshalb so teuer, antworteten wir, weil er uns beschtzt
hat; einen anderen knnen wir aber nicht bekommen, weil dieser in
schwerer Zeit von gottesfrchtiger Hand gemalt und von einem Priester
des alten Glaubens nach dem Brevier des Pjotr Mogila geweiht worden ist.
Jetzt aber haben wir weder Priester noch jenes Brevier.

Aber wie wollt ihr ihn entsiegeln, wo doch der Siegellack das ganze
Gesicht ausgebrannt hat?

Wir antworteten:

Euer Gnaden, was das anbelangt, so haben Sie keine Sorge: wenn wir ihn
nur in unsere Hnde bekommen, wird er, unser Beschtzer, schon selbst
fr sich sorgen. Er ist keine Handelsware, sondern eine echte
Stroganower Arbeit, und die Stroganower wie die Kostromaer Lacke sind so
zubereitet, da das Bild nicht einmal den Feuerbrand zu frchten
braucht, er lt das Harz an die zarten Farben nicht einmal heran.

Seid ihr davon berzeugt?

Ja, das sind wir: dieser Lack ist so stark wie der alte russische
Glaube selbst.

Er schimpfte noch auf jene, die ein solches Kunstwerk nicht zu schtzen
verstanden hatten, gab uns die Hand und sagte nochmals:

Nun, verzagt nicht, ich bin euer Helfer, wir werden euern Engel
bekommen. Braucht ihr ihn fr lange?

Nein, antworteten wir, fr ganz kurze Zeit.

Nun, dann sage ich den Leuten, da ich fr euren versiegelten Engel
kostbare goldene Beschlge machen lassen will, und wenn man ihn mir dann
gibt, vertauschen wir ihn. Gleich morgen will ich mich daran machen.

Wir dankten ihm und erwiderten:

Herr, unternehmen Sie bitte morgen und auch bermorgen noch nichts.

Warum das? fragte er.

Wir antworteten:

Weil wir, Herr, vor allen Dingen ein Bild zum Vertauschen haben mssen,
das dem echten wie ein Wassertropfen dem andern gleicht. Solche Meister
gibt es hier aber nicht und werden auch in der Nhe nicht zu finden
sein.

Das ist eine Kleinigkeit, sagte er, ich werde euch selbst aus der
Stadt einen Knstler mitbringen, der nicht nur Kopien malt, sondern
selbst vortreffliche Portrts.

Nein, antworteten wir, tun Sie das bitte nicht: erstens wrde durch
diesen weltlichen Maler vielleicht ein unziemliches Gerede entstehen,
zweitens kann ein Maler diese Aufgabe gar nicht erfllen.

Der Englnder glaubte es nicht, und so trat ich vor und legte ihm den
ganzen Unterschied klar: da die jetzigen weltlichen Maler eine andere
Kunstart haben, da sie nmlich mit lfarben malen, whrend dort die
Farben mit Eiwei angerieben werden und ganz zart sind. In der neuen
weltlichen Malerei ist die Darstellung hingeschmiert und erscheint nur
in einiger Entfernung natrlich, whrend hier alles flieend und noch in
der Nhe deutlich ist. Einem weltlichen Maler wrde selbst die
Wiedergabe der Zeichnung nicht gelingen, weil sie nur gelernt haben, den
irdischen Krper abzubilden und was den krperlichen Menschen ausmacht,
whrend in der heiligen russischen Ikonenmalerei der verklrte
himmlische Leib dargestellt wird, den sich der materielle Mensch nicht
einmal vorstellen kann.

Das interessierte ihn, und er fragte:

Aber wo gibt es denn solche Meister, die sich heute noch auf diese
besondere Art verstehen?

Sie sind heute, berichtete ich ihm weiter, sehr selten, und selbst
damals lebten sie in tiefer Verborgenheit. Im Dorfe Mstera lebt ein
Meister namens Chochlow, aber er ist schon hoch in den Jahren und kann
die weite Reise nicht machen. Auch in Palichow leben zwei, aber auch die
werden die Reise nicht unternehmen, zudem taugen uns weder die Msterer
noch die Palichower Meister.

Weshalb denn das? forschte er weiter.

Weil sie, antwortete ich, eine andere Manier haben: bei den Msterern
ist die Zeichnung schwerfllig und der Farbton trb, bei den Palichowern
dagegen ist der Ton trkisfarbig, alles schimmert bei ihnen blulich.

Was soll man nun machen? fragte er.

Ich wei es selbst nicht, antwortete ich. Ich habe zwar gehrt, es
gbe in Moskau noch einen guten Meister, namens Ssilatschow. Er hat in
ganz Ruland, auch bei den Unsrigen einen guten Namen, aber er
entspricht mehr der Nowgorodschen und der Zarisch-Moskowitischen Art.
Unsere Ikone aber ist Stroganower Zeichnung mit den klarsten heiligsten
Farben, so da uns einzig der Meister Ssewastian von der Wolga helfen
knnte, aber der ist ein leidenschaftlicher Wanderer und zieht durch
ganz Ruland, macht bei den Altglubigen Ausbesserungen, und niemand
wei, wo er zu finden ist.

Der Englnder hatte meinen ganzen Bericht mit Vergngen angehrt,
lchelte ein wenig und antwortete:

Ihr seid sehr wunderliche Leute, sagte er, aber wenn man euch zuhrt,
wird es einem wohl, denn ihr scheint alles, was euch angeht, gut zu
kennen und sogar in der Kunst Bescheid zu wissen.

Warum sollen wir denn von der Kunst nichts erfat haben, Herr? sage
ich: Hier handelt es sich doch um Gotteskunst, und bei uns gibt es
unter den ganz einfachen Bauern so groe Liebhaber dieser Kunst, da sie
nicht nur alle Schulen auseinanderhalten, wodurch sich zum Beispiel eine
von der anderen unterscheidet, die Ustjuger oder die Nowgoroder, die
Moskauer oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower,
sondern die sogar in derselben Schule die Werke der berhmten, alten
russischen Meister fehlerlos unterscheiden.

Kann denn das sein?

Genau so, wie Sie die Handschrift eines Menschen von der eines anderen
unterscheiden, so auch jene, antwortete ich. Sie schauen nur hin und
sehen gleich, ob es Kusjma, Andrej oder Prokofij gemalt hat.

An welchen Merkmalen?

Es gibt Unterschiede in der Zeichnung, im Ton, in der Raumverteilung,
in den Gesichtszgen und in den Bewegungen.

Er hrte immerfort zu, und ich erzhlte ihm, was ich ber die Malerei
eines Uschakow und eines Rubljow wute, und vom ltesten russischen
Maler Paramschin, dessen Heiligenbilder unsere gottesfrchtigen Frsten
und Zaren ihren Kindern zum Segen schenkten, denen sie sogar in ihren
Vermchtnissen befahlen, diese Ikonen wie ihren Augapfel zu hten.

Der Englnder zog gleich sein Notizbuch heraus, lie mich den Namen
dieses Malers wiederholen und fragte, wo man Arbeiten von ihm sehen
knnte. Aber ich antwortete:

Sie werden vergeblich suchen, Herr. Nirgends ist eine Erinnerung an sie
zurckgeblieben.

Wo sind sie denn geblieben?

Ich wei nicht, sagte ich, ob man sie zum Pfeifenreinigen verwendet
oder bei den Deutschen gegen Tabak eingetauscht hat.

Es kann nicht sein!

Im Gegenteil, antwortete ich, es kann sehr wohl sein, es gibt
Beispiele dafr: der rmische Papst hat im Vatikan ein Triptychon, das
unsere russischen Ikonenmaler Andrej, Ssergej und Nikita im dreizehnten
Jahrhundert gemalt haben. Diese vielfigurigen Miniaturen sollen so
wunderbar sein, da selbst die grten auslndischen Maler, die sie
sahen, vor diesem wundervollen Werk in Begeisterung gerieten.

Aber wie ist es nach Rom gekommen?

Peter der Erste hat es einem auslndischen Mnch geschenkt, und der hat
es verkauft.

Der Englnder lchelte ein wenig, wurde dann nachdenklich und sagte
leise, da bei ihnen in England jedes Bildchen von Geschlecht zu
Geschlecht bewahrt werde und da es so fr seine Herkunft selbst Zeugnis
ablege.

Nun, bei uns herrscht wahrhaftig eine andere Sitte, sagte ich, das
Band der berlieferungen der Vorfahren ist zerrissen, damit alles neu
erscheine, als sei das ganze russische Geschlecht erst gestern von der
Henne in den Nesseln ausgebrtet worden.

Wenn die bei euch gezchtete Unwissenheit so gro ist, warum bemhen
sich dann nicht wenigstens diejenigen, die die Liebe zum Heimatlichen
bewahrt haben, die einheimische Kunst zu erhalten?

Ich antwortete: Es ist niemand da, Herr, der uns untersttzen wrde,
denn in den neuen Kunstschulen verfault allerorts das Gefhl, und der
Verstand unterwirft sich der Eitelkeit. Die Fhigkeit zur hohen
Begeisterung ist verloren gegangen, alles wird vom Irdischen abgeleitet
und atmet irdische Leidenschaft. Unsere neuesten Maler haben damit
begonnen, den Erzengel Michael nach dem Bildnis des Frsten Potjomkin
von Taurien darzustellen, und jetzt sind sie so weit, da sie Christus
den Erlser als Juden abbilden. Was soll man von solchen Menschen
erwarten? Ihre unbeschnittenen Herzen werden schlielich noch andere
Dinge malen und verlangen, da man die als Gottheit verehre. Hat man
doch in gypten einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel angebetet;
nur wir werden uns nicht vor den fremden Gttern beugen und werden das
Judengesicht nicht als das Antlitz des Erlsers anerkennen. Ja, so
kunstfertig diese Bilder auch sein mgen, wir halten sie fr eine
herzlose Frechheit und wollen von ihnen nichts wissen, weil es in der
berlieferung der Vter heit, da die Ergtzung der Augen die Reinheit
der Vernunft zerstrt, wie ein schadhafter Wasserspeier das Wasser
trbt.

Damit schlo ich und schwieg, aber der Englnder sagte:

Fahre fort, mir gefllt es, wie du urteilst!

Ich antwortete: Ich habe schon alles erzhlt. Er aber erwiderte:

Nein, erzhle mir noch, was ihr unter einem beseelten Bilde versteht.

Diese Frage, meine werten Herren, war fr einen einfachen Menschen
ziemlich schwierig, aber es war nichts zu machen, und ich begann zu
erzhlen, wie in Nowgorod der Sternenhimmel gemalt ist, und dann
berichtete ich von dem Kiewer Bild in der Sophienkathedrale, wo zu
Seiten des Herrn Zebaoth sieben geflgelte Erzengel stehen, die
natrlich keine hnlichkeit mit dem Frsten Potjomkin haben, und auf den
Stufen der Vorhalle die Erzvter und Propheten dargestellt sind, unter
ihnen Moses mit der Gesetzestafel, noch tiefer Ahron mit Mitra und Stab,
und auf der anderen Seite der Stufen Knig David mit der Krone, der
Prophet Jesaias mit der Schriftrolle, Hesekiel mit der Geschlossenen
Pforte, Daniel mit dem Stein, und um diese Frbitter, die den Weg zum
Himmel weisen, sind die Gaben abgebildet, durch die der Mensch diesen
Ruhmesweg erklimmen mag, wie: das Buch mit den sieben Siegeln als die
Gabe der Allweisheit, der siebenarmige Leuchter als die Gabe der
Vernunft, die sieben Augen als die Gabe des Rates, die sieben Posaunen
als die Gabe der Kraft, die Hand Gottes inmitten von sieben Sternen als
die Gabe der Gesichte, die sieben Rucherbecken als die Gabe der
Frmmigkeit und die sieben Blitze als die Gabe der Gottesfurcht. Sehen
Sie, sagte ich, eine solche Darstellung ist erhebend.

Der Englnder antwortete: Verzeih mir, mein Lieber, ich verstehe nicht,
weshalb du dies erhebend nennst.

Weil eine solche Darstellung uns klar sagt, da es dem Christenmenschen
ansteht, zu beten und darnach zu lechzen, sich von dieser Welt zu Gottes
unsagbarem Glanze zu erheben.

Ja, erwiderte er, das kann aber doch ein jeder aus der Schrift und
aus dem Gebete erfassen.

Nein, durchaus nicht, antwortete ich, es ist nicht jedem gegeben, die
Schrift zu verstehen, und dem, der sie nicht versteht, gibt auch das
Gebet nur Finsternis. Mancher hrt die Verheiung der groen und reichen
Gnade und schliet daraus, da damit Geld gemeint sei und betet voller
Habsucht; sieht er aber vor sich den himmlischen Glanz dargestellt, so
vergit er hierber das hchste irdische Glck und sieht ein, da er
dieses Ziel erreichen msse, weil dort alles so klar und einleuchtend
geschildert ist. Hat dann der Mensch fr seine Seele zunchst die Gabe
der Gottesfurcht erbetet, so erhebt sie sich gleich, von der irdischen
Schwere befreit, von Stufe zu Stufe und erringt mit jedem Schritte mehr
vom berflu der gttlichen Gaben. Und von der Zeit an erscheint dem
Menschen im Gebet das Geld und aller irdischer Ruhm nur als
verabscheuungswrdig vor dem Herrn.

Der Englnder erhob sich von seinem Platze und sagte lchelnd: Und ihr,
Sonderlinge, was erbetet ihr euch?

Wir beten, antwortete ich, um ein christliches Ende und um ein mildes
Gericht am jngsten Tag.

Er lchelte wieder und zog pltzlich an einer goldgelben Schnur; ein
grner Vorhang ging auf, und hinter ihm sa seine Frau, die Englnderin,
auf einem Sessel und strickte vor einer Kerze mit langen Stricknadeln.
Sie war eine schne freundliche Dame, und wenn sie auch nur wenig
russisch sprechen konnte, so verstand sie doch alles und hatte gewi
unser Gesprch mit ihrem Manne ber die Religion mit anhren wollen.

Und was denken Sie wohl? Kaum war der Vorhang, der sie verdeckt hatte,
zurckgezogen, als die Gute sogleich wie erschrocken aufstand, an mich
und Luka herantrat und uns Bauern ihre beiden Hndchen entgegenstreckte.
In ihren Augen blinkten Trnen, und sie sagte:

Gute Menschen, gute russische Menschen!

Ich und Luka kten ihr fr dieses gute Wort beide Hnde, aber sie
drckte ihre Lippen auf unsere Bauernkpfe.

Der Erzhler hielt inne, bedeckte die Augen mit dem rmel, wischte sie
still und flsterte dann: Sie war eine rhrende Frau. Nachdem er sich
gefat hatte, fuhr er fort:

Nach ihrer freundlichen Tat begann die Englnderin ihrem Manne etwas in
ihrer Sprache auseinanderzusetzen. Wenn wir es auch nicht verstanden, so
hrten wir an der Stimme, da sie ihn fr uns bat. Und der Englnder
freute sich ber die Gte seiner Frau, strahlte vor Stolz, streichelte
der Frau immerfort das Kpfchen und girrte in seiner Sprache wie eine
Taube: Gut, gut, oder was er ihr sonst gesagt haben mag; aber es war
ersichtlich, wie er sie lobte und sie in etwas bestrkte. Dann trat er
an seinen Schreibtisch, nahm zwei Hundertrubelscheine heraus und sagte:

Luka, hier hast du Geld, geh und suche den kunstfertigen
Heiligenbildermaler, wo du ihn zu finden meinst, damit er euch
anfertigt, was ihr braucht. Er kann auch fr meine Frau etwas in eurer
Art malen; sie will ihrem Sohne eine solche Ikone schenken und gibt euch
fr eure Bemhungen und Auslagen das Geld.

Sie aber lchelt durch die Trnen und entgegnet rasch: Nein, nein,
nein, das ist von ihm, aber ich will von mir extra. Und mit diesen
Worten geht sie zur Tr hinaus und bringt einen dritten Hunderter.

Mein Mann, sagt sie, hat mir das fr ein Kleid geschenkt, aber ich
will kein Kleid, ich stifte es euch.

Wir weigern uns natrlich es anzunehmen, aber sie will davon gar nichts
hren und luft hinaus, whrend er sagt:

Nein, wagt nicht, es ihr zu verweigern und nehmt, was sie euch gibt.
Damit wendet er sich weg und sagt: Geht jetzt, ihr Sonderlinge!

Wir waren durch diese Verabschiedung natrlich nicht beleidigt, weil wir
wohl bemerkt hatten, da sich der Englnder von uns weggewandt hatte,
nur um seine Rhrung vor uns zu verbergen.

So haben uns, meine werten Herren, unsere eigenen Landsleute in ihrer
Herzensfinsternis verurteilt, und die englische Nation hat uns getrstet
und unserer Seele den Eifer wiedergegeben.

Nun wendet sich, meine besten Herren, meine Erzhlung dem Ende zu, und
ich will Ihnen in Krze berichten, wie ich meinen lieben,
silbergezumten Lewontij mitnahm, wie wir nach dem Ikonenmaler
auszogen, welche Ortschaften wir durchwanderten, was fr Leute wir
sahen, welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt
fanden, was wir verloren hatten und womit wir zurckkehrten.




                           ZEHNTES KAPITEL


Fr einen Menschen, der eine Wanderschaft unternimmt, ist der
Weggefhrte die wichtigste Angelegenheit. Mit einem guten und klugen
Kameraden sind selbst die Klte und der Hunger leichter zu ertragen. Mir
ward diese Gabe durch den wunderbaren Jngling Lewontij zuteil. Wir
machten uns zu Fu auf den Weg. Wir trugen unsere Bndel, hatten eine
hinreichende Summe Geldes bei uns und nahmen zum Schutze unseres Lebens
und auch des Geldes einen alten, kurzen Sbel mit breiter Klinge mit,
der uns fr den Fall einer Gefahr immer begleitet hatte. Wir zogen wie
Handelsleute unseres Wegs und hatten fr alle Flle Ausflchte bereit,
hatten aber natrlich stets nur unsere Sache im Auge.

Zu allererst waren wir in Klinzy und Slynka, kehrten dann bei einem der
Unsern in Orjol ein, aber nirgends hatten wir ein brauchbares Resultat,
nirgends fanden wir einen guten Ikonenmaler. So erreichten wir
schlielich Moskau. Was soll ich sagen! Heil dir, Moskau! Heil dir,
ruhmvolle Zarin des alten Rulands! Aber wir Altglubigen haben in dir
keinen Trost gefunden!

Ich spreche ungern davon, aber ich kann nicht verschweigen, da wir in
Moskau nicht den Geist antrafen, den wir erwartet hatten. Wir
berzeugten uns mit jedem Tag mehr davon, da die Altglubigkeit dort
nicht auf Liebe zum Guten und zur Wohlanstndigkeit begrndet ist,
sondern auf purem Eigensinn, und Lewontij und ich begannen uns darber
zu schmen, weil wir dort nur solches sahen, was fr den friedlichen
Glubigen beleidigend ist. Aber indes wir uns schmten, schwiegen wir
darber.

Es gab natrlich in Moskau Ikonenmaler, und sogar recht kunstfertige,
aber was ntzte uns das, wenn alle diese Leute nicht den Geist hatten,
von dem die vterlichen berlieferungen berichten. Bevor sich die
gottesfrchtigen Maler der alten Zeiten an die heilige Kunst machten,
fasteten und beteten sie, und sie leisteten fr viel und fr wenig Geld
das Gleiche, wie es die Ehre der heiligen Darstellung erforderte. Aber
jene malen nur fr eine kurze Zeit, nicht mehr fr die Dauer, grundieren
nur schwach mit Kreidefarben, statt mit alabasternen, und tragen in
ihrer Faulheit die Farbe mit einemmal auf, statt wie damals vier- und
selbst fnfmal mit wasserdnner Farbe zu malen, wodurch jene die
wundervolle Zartheit erreichten, die den jetzigen mangelt. Und ber der
Liederlichkeit in der Kunst sind sie selbst alle schwach geworden, so
da sich jeder vor dem anderen rhmt und einer den anderen zu
erniedrigen sucht. Aber noch schlimmer ist, da sie sich in den Schenken
zu Haufen herumtreiben, dort die schlauesten Betrgereien verben, Wein
trinken und ihre Kunst schreierisch loben, das Werk der anderen aber
gotteslsterlich und Teufelsmalerei nennen. Und um sie herum sitzen
die Altertumshndler wie die Sperlinge hinter den Eulen, lassen die
altgemalten Heiligenbilder von Hand zu Hand gehen, sie tauschen und
flschen, ruchern sie im Kamin und machen Risse und Wurmfra hinein.
Aus Kupfer gieen sie alle mglichen Beschlge, nach den Vorbildern der
alten getriebenen Originale und legen Emaille nach der altberlieferten
Art auf. Aus gewhnlichen Schsseln schmieden sie Taufbecken mit den
alten gerupften Adlern, wie man sie zur Zeit Iwans des Grausamen
herstellte. Sie stellen sie aus und verkaufen sie an unerfahrene
Leichtglubige als echte Taufbecken aus den Zeiten des Grausamen.
Solcher Taufbecken gibt es jetzt viele in Ruland, aber es ist alles
Betrug und gewissenloser Schwindel. Mit einem Wort, die Leute betrgen
einander mit Heiligtmern, wie die schwarzen Zigeuner mit Pferden, und
treiben es so, da man sich fr sie schmen mu, wenn man berall die
Snde, die Versuchung und den Verrat am Glauben sieht. Wer sich diese
Schamlosigkeit zu eigen gemacht hat, dem geht es nicht schlecht; selbst
unter den Moskauer Liebhabern finden sich viele, die sich fr diesen
unehrlichen Handel interessieren und sich damit brsten: hier habe einer
einen mit einem Christusbild betrogen, dort ein anderer einen andern mit
einem Nikolai geprellt oder einem auf irgendeine niedertrchtige Weise
ein geflschtes Muttergottesbild untergeschoben. All dies wurde ganz
offen betrieben, man eiferte sogar darin, die unerfahrenen Glubigen mit
den Heiligtmern zum Narren zu halten. Aber mir und Lewontij als
buerisch einfachen Gottesverehrern erschien dies alles so unertrglich,
da wir uns darber grmten und erschraken:

Ist es denn mglich, denken wir uns, da unser alter unglcklicher
Glaube derartig entstellt worden ist? Und indem ich mir das denke, sehe
ich, da auch er dasselbe in seinem betrbten Herzen trgt. Aber wir
sprachen nicht miteinander darber, und ich bemerkte nur, wie sich mein
Jngling immer mehr in die Einsamkeit flchtete.

Einmal schaue ich ihn an und habe Sorge, da er jetzt in der Verwirrung
seines Herzens nur nicht auf unntige Gedanken kommen mge; und ich sage
ihm:

Was hast du, Lewontij, worber grmst du dich?

Und er antwortet:

Nichts, Onkel, nichts; ich bin einmal so.

Komm, gehen wir in die Boscheninstrae, in die Eriwaner Schenke und
versuchen dort einen Ikonenmaler zu berreden. Heute haben zwei
versprochen hinzukommen und alte Ikonen mitzubringen. Ich habe schon
eine eingehandelt und will heute noch eine bekommen.

Aber Lewontij antwortet:

Nein, Onkelchen, geh du allein, ich gehe nicht mit.

Warum gehst du nicht mit? frage ich.

So, antwortet er, mir ist heute nicht ganz wohl.

Einmal, zweimal ntigte ich ihn nicht, aber das drittemal fordere ich
ihn wieder auf:

Gehen wir, Lewontjuschka, gehen wir, Junge.

Aber er verneigt sich rhrend und bittet:

Nein, Onkelchen, weies Tubchen, la mich zu Hause bleiben.

Aber was ist denn das, Ljowa, du bist doch mit mir als Helfer
mitgekommen und sitzt immer zu Hause. So habe ich nicht viel von deiner
Hilfe, mein Tubchen.

Nun, du Teurer, Vterchen Mark Alexandrowitsch, Gebieter, fordere mich
nicht auf, dorthin zu gehen, wo man it und trinkt und unziemliche Reden
ber das Heilige fhrt, ich knnte der Versuchung unterliegen.

Das war das erste bewute Wort ber seine Gefhle, und es traf mich ins
Herz, aber ich stritt nicht mit ihm und ging allein. An jenem Abend
hatte ich ein langes Gesprch mit zwei Ikonenmalern, und durch sie
widerfuhr mir ein schreckliches Leid. Es ist entsetzlich, was sie mit
mir gemacht haben. Der eine hatte mir fr vierzig Rubel eine Ikone
verkauft und ging weg; der andere aber sagte:

Schau zu, Mensch, da du vor dieser Ikone nicht betest.

Ich frage: Warum?

Er antwortet: Weil es Teufelsmalerei ist. Damit kratzt er mit dem
Nagel an dem Bild, an der einen Ecke fllt die Farbschicht ab, und auf
dem Grund darunter ist ein Teufelchen mit einem Schwanz gemalt. Er
kratzt an einer anderen Stelle die Schicht herunter, und unter ihr ist
wieder ein Teufelchen.

Groer Gott, was ist denn das? Ich begann zu weinen.

Das bedeutet, da du nicht bei ihm, sondern bei mir bestellen sollst.

Da sah ich klar, da sie derselben Bande angehrten und verabredet
hatten, an mir schlecht und unehrlich zu handeln. Ich lie ihnen die
Ikone zurck und ging fort, die Augen voller Trnen, und lobte Gott, da
mein Lewontij, dessen Glaube eben im Gren war, dies nicht gesehen
hatte. Wie ich nach Hause komme, sehe ich in den Fenstern des Stbchens,
das wir gemietet hatten, kein Licht, sondern hre von dort ein leises,
zartes Singen. Sogleich erkenne ich Lewontijs angenehme Stimme, und er
singt mit einem Ausdruck, als ob er jedes Wort in Trnen badete. Ich
trete leise ein und bleibe, damit er mich nicht hrt, vor der Tre
stehen und hre, wie er die Josephsklage singt:

   Wem soll ich meine Trauer sagen,
   Wen rufe ich zum Weheklagen?

Dieser Vers, wenn Sie ihn zu kennen geruhen, ist ohnedies so klagevoll,
da man ihn nicht gleichgltig anhren kann, und Lewontij singt ihn und
weint und schluchzt dabei:

   Meine Brder haben mich verkauft.

Er weint, und weint, als ob er am Grabe seiner Mutter stehe und singt
weiter, und ruft die Erde an zur Weheklage ber die Snde der Brder.

Diese Worte knnen einen Menschen immer erregen, mich erregten sie aber
jetzt besonders, da ich doch eben von hnlich streitenden Brdern
weggegangen war. Die Worte hatten mich so gerhrt, da ich selbst
aufschluchzte. Lewontij hrt es, verstummt und ruft: Onkel, hr Onkel!

Was denn, mein guter Junge? sage ich.

Weit du, wer unsere Mutter ist, von der hier gesungen wird? fragt er.

Rahel, antworte ich.

Nein, entgegnet er, in alter Zeit war es die Rahel, jetzt hat es aber
eine andere, geheimnisvolle Bedeutung.

Wieso geheimnisvoll? frage ich.

Nun, dieses Wort hat einen verwandelten Sinn.

Du Kind, sage ich, pa auf: ist es nicht gefhrlich, was du hier
grbelst?

Nein, erwidert er, ich fhle es in meinem Herzen, da unser Erlser
sich unseretwegen kreuzigen lt, weil wir ihn nicht mit einigen Herzen
und einigen Lippen suchen.

Ich erschrak noch mehr: wohin will der Junge nur damit hinaus? Und ich
sage ihm:

Weit du, Lewontjuschka, gehen wir lieber schneller aus Moskau fort in
die Gegend von Nischnij-Nowgorod, um dort den Ikonenmaler Ssewastjan zu
suchen; ich habe heute gehrt, da er dort umherzieht.

Gut, gehen wir, antwortet er, hier in Moskau qult mich schmerzhaft
ein bser Geist, aber dort sind Wlder, die Luft ist reiner, und dort,
hrte ich, lebt auch der Starez Pamwa, ein Einsiedler ganz ohne Neid und
Zorn, den ich gern gesehen htte.

Der Einsiedler Pamwa, erwidere ich ihm streng, dient der herrschenden
Kirche, was haben wir mit ihm zu schaffen?

Nun, was ist das fr ein Unglck? antwortet er: Ebendeshalb will ich
ihn ja sehen, um zu begreifen, was fr ein Segen auf der herrschenden
Kirche ruht.

Ich wasche ihm den Kopf und sage: Was ist denn das fr ein Segen?,
aber ich fhle selbst, da er mehr Recht hat als ich, da er darnach
drngt, zu erforschen, whrend ich einfach verwerfe, was ich nicht
kenne, und in meinem Widerstande trotzig bin, ihm also nur Unsinn
entgegne.

Die Angehrigen der herrschenden Kirche, sage ich, richten sich in
ihrem Glauben nicht nach dem Himmel, sondern nach dem Tor des
Aristoteles und bestimmen den Weg auf dem Meere nach dem Stern des
heidnischen Gottes Remphan, du aber willst mit ihnen den Blickpunkt
gemeinsam haben?

Aber Lewontij antwortet: Du fabelst, Onkel: es hat nie einen Gott
Remphan gegeben, sondern alles ist durch die eine Allweisheit
geschaffen.

Daraufhin werde ich noch dmmer und sage: Die Kirchlichen trinken
Kaffee.

Nun, was ist das fr ein Unglck? antwortet Lewontij; Der Kaffee ist
eine Bohne und wurde dem Knig David als Geschenk dargebracht.

Woher, sage ich, weit du denn das alles?

Ich hab es in Bchern gelesen.

Nun, wisse dann: alles steht in den Bchern nicht geschrieben.

Was ist dort nicht geschrieben? fragt er.

Was? Was dort noch nicht geschrieben ist? Ich wei gar nicht mehr, was
ich sagen soll, und poltere los:

Die Kirchlichen essen Hasen, und der Hase ist unrein.

Beschimpfe nicht, was Gott geschaffen hat, es ist Snde.

Wie soll ich den Hasen nicht beschimpfen, wo er doch unrein ist, von
Eselsart, Zwittereigenschaften hat und beim Menschen dickes,
melancholisches Blut erzeugt?

Aber Lewontij lacht nur und sagt:

Schlaf, Onkel, du redest ungereimtes Zeug.

Ich mu Ihnen gestehen, da ich damals noch nicht klar wute, was in der
Seele dieses gesegneten Jnglings vorging; ich war nur sehr erfreut, da
er nicht weitersprechen wollte, denn ich sah selbst ein, da mein Herz
nichts von dem wute, was ich sprach, und so schwieg ich denn und dachte
mir nur, whrend ich mich niederlegte:

Nein, diese Zweifel sind bei ihm aus Gram entstanden. Morgen werden wir
aufstehen und uns auf den Weg machen; dann wird sich alles in ihm
zerstreuen. Fr alle Flle aber hatte ich in meinem Sinn beschlossen,
einige Zeit schweigend neben ihm einherzugehen, um ihm zu zeigen, da
ich noch sehr zornig auf ihn sei.

Nur brachte ich in meinem wetterwendischen Charakter nicht die Kraft
auf, mich bse zu stellen, und so begannen wir bald wieder miteinander
zu sprechen, und nicht ber gttliche Dinge, weil er viel belesener war
als ich, sondern ber die Gegend, wozu uns die riesigen dunklen Wlder
anregten, durch die unser Weg fhrte. Ich bemhte mich, mein Moskauer
Gesprch mit Lewontij zu vergessen, und entschlo mich, auf der Hut zu
sein und nicht irgendwie auf den Starez Pamwa, den Einsiedler zu stoen,
der Lewontij so begeistert hatte und ber dessen erhabenen Lebenswandel
ich selbst unfabare Wunder von kirchlich Glubigen gehrt hatte.

Nun, denke ich mir, was soll ich mir groe Sorgen machen, wenn ich
ihm aus dem Wege gehe? Er selbst wird uns doch gewi nicht suchen.

Und so wandern wir wieder friedlich und wohlbehalten und kommen
schlielich in Ortschaften, in denen wir Kunde davon erhalten, da der
Ikonenmaler Ssewastjan die Gegend durchziehe. Nun beginnen wir, ihn von
Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf zu suchen, wir folgen ihm schon auf
frischer Fhrte, wir erreichen ihn fast und knnen ihn doch nicht
einholen. Wir laufen wie gekoppelte Hunde, legen Strecken von zwanzig
bis dreiig Werst ohne Rast zurck, aber wenn wir irgendwohin kommen, so
sagt man uns:

Er ist hier gewesen und ist eben, vor einer Stunde weggegangen.

Wir eilen ihm nach, aber es gelingt uns nicht ihn einzuholen.

Einmal an einer Wegkreuzung gerate ich mit Lewontij in Streit. Ich sage:
wir mssen rechts gehen, und er sagt: links. Schlielich htte er
mich beinahe berredet, aber ich beharrte auf meiner Meinung. Wir gehen
also und gehen, und schlielich merke ich, da ich nicht mehr wei,
wohin wir geraten sind, und da weder ein Pfad, noch eine Spur
weiterfhrt.

Ich sage dem Jngling: Kehren wir um, Ljowa!

Aber er antwortet: Nein ich kann nicht mehr weitergehen, Onkel, ich
habe keine Kraft mehr.

Ich frage besorgt: Kindchen, was fehlt dir denn?

Und er erwidert: Siehst du denn nicht, wie mich der Frost schttelt?

Ich sehe, wie er am ganzen Krper zittert und wie seine Augen
umherirren. So pltzlich war es geschehen, meine werten Herren. Er hat
ber nichts geklagt, ist flink einhergegangen, und nun setzt er sich mit
einem Male in einem Wldchen aufs Gras, lehnt seinen Kopf an einen
hohlen Baumstumpf und sagt:

Oh, mein Kopf, oh mein Kopf! Mein Kopf brennt wie Feuerflammen. Ich
kann nicht weiter gehen, ich kann keinen Schritt mehr machen. Und damit
neigt sich der Arme zur Erde und fllt hin.

Dies geschah gegen Abend.

Ich war sehr erschrocken, und whrend ich wartete, ob sein Anfall nicht
nachlassen wrde, brach die Nacht herein. Es war Herbstzeit und trb,
die Gegend war unbekannt, ringsum nichts als Fichten und alte Tannen,
und der Knabe starb einfach hin. Was sollte ich tun? Unter Trnen sagte
ich ihm:

Ljowuschka, Vterchen, raff dich zusammen, vielleicht erreichen wir ein
Nachtlager.

Aber er neigt das Kpfchen zur Seite, wie eine abgemhte Blume, und
spricht wie im Fiebertraum:

Rhr mich nicht an, Onkel Marko, rhr mich nicht an und frchte dich
nicht.

Ich sage: Ich bitte dich, Ljowa, wie soll man sich in solch einer
unwegsamen Einde nicht frchten?

Aber er sagt: Wache, und du wirst behtet werden.

Ich denke: Herrgott, was ist denn mit ihm los? Trotz meiner Angst
beginne ich zu horchen, und es scheint mir, als hre ich tief im Wald
etwas knistern. Gnadenreicher Herr! denke ich mir: Das ist gewi ein
wildes Tier, das uns gleich zerreien wird! Lewontij kann ich schon
nichts mehr zurufen, denn ich sehe, da er gleichsam aus sich selbst
herausgeflogen ist und mir enteilt, und so bete ich nur noch: Engel
Christi, beschtze uns in dieser schrecklichen Stunde! Das Knistern
kommt immer nher und ist schon dicht bei uns. Ich mu Ihnen hier, meine
werten Herren, eine groe Gemeinheit gestehen: ich war so verzagt, da
ich den kranken Lewontij an der Stelle, an der er lag, zurcklie,
schneller als eine Eichkatze auf einen Baum kletterte, mich auf einen
Ast setzte, mein Sbelchen zog und, mit den Zhnen wie ein erschreckter
Wolf klappernd, wartete, was da kommen wrde.

Pltzlich sehe ich aus der Dunkelheit, an die sich meine Augen bereits
gewhnt haben, etwas heraustreten, aber ich kann durchaus nicht
erkennen, ob es ein Tier oder ein Ruber ist. Aber wie ich genauer
hinschaue, kann ich genau unterscheiden, da es weder das eine, noch das
andere ist, sondern ein kleiner Greis in einer Kutte; ja, ich kann sogar
das Beil erkennen, das er im Grtel stecken hat, und das groe
Holzbndel auf seinem Rcken. Er kommt auf die Lichtung heraus, atmet
hastig, als wolle er die Luft von allen Seiten her einsammeln, wirft
dann mit einem Male sein Bndel zur Erde und geht sofort, als habe er
die Nhe eines Menschen gewittert, gerade auf meinen Gefhrten zu. Er
tritt an ihn heran, beugt sich ber ihn, schaut ihm ins Gesicht, nimmt
ihn dann bei der Hand und sagt: Steh auf, Bruder. Und was glauben Sie?
Ich sehe, wie er Lewontij aufstehen hilft, ihn zu seinem Bndel fhrt,
es ihm auf die Schultern legt und sagt: Trag es hinter mir her! Und
Lewontij trgt es.




                            ELFTES KAPITEL


Sie knnen sich vorstellen, meine werten Herren, wie ich vor solch einem
Wunder erschrecken mute. Woher war dieser stille, gebieterische Alte
gekommen, und wie hatte mein Ljowa, der noch eben dem Tode nahe schien,
die Kraft gewonnen, gleich das Holzbndel zu tragen!

Ich stieg, so schnell ich vermochte, vom Baum herunter, warf mein
Sbelchen an seinem Strick auf den Rcken, brach mir fr alle Flle
einen verllichen krftigen Knppel und eilte ihnen nach. Ich hatte sie
bald eingeholt und sah: der Alte ging voran und war genau so, wie er mir
im ersten Augenblick erschienen war, -- klein und bucklig, das Brtchen
auf beiden Wangen buschig und wei wie Seifenschaum, und mein Lewontij
folgte schnell seiner Spur und blickte mich dabei unverwandt an. Aber
wenn ich ihn ansprach und mit der Hand berhrte, schenkte er mir nicht
die geringste Aufmerksamkeit und ging wie im Schlaf daher.

Ich trat an den Alten heran und rief:

Verehrter!

Und er erwiderte: Was willst du?

Wohin fhrst du uns?

Ich fhre niemanden, sagte er, alle fhrt Gott.

Bei diesen Worten blieb er stehen, und ich sah, da sich vor uns eine
niedrige Mauer mit einem Tor erhob, und in dem Tor ein kleines Pfrtchen
angebracht war. Der Alte begann daran zu klopfen und rief: Bruder
Miron! Bruder Miron!

Aber von drinnen antwortet unwirsch eine grobe Stimme:

Wieder hast du dich nachts herumgetrieben. Bleib im Wald zu Nacht! Ich
lasse dich nicht herein!

Doch der kleine Greis begann zu flehen und freundlich zu bitten:

La ein, Bruder!

Pltzlich ri der Grobian von innen die Tre auf, und ich sah einen
Menschen in der gleichen Kutte, wie sie der Alte trug, vor mir. Er war
ein roher Kerl, und kaum hatte der Alte die Fe ber die Schwelle
gesetzt, als jener ihm einen Sto versetzte, da er beinahe zur Erde
gefallen wre. Aber er sagte:

Segne dich Gott, mein Bruder, fr diesen Dienst.

Heiland, denke ich mir, wohin sind wir geraten!

Und pltzlich erleuchtet und entsetzt es mich wie ein Blitz:

Gott sei mir gndig! Wenn es nur nicht Pamwa, der zornlose Einsiedler
ist. Dann wre es besser gewesen, ich wre im dunklen Wald umgekommen
oder htte mir bei einem wilden Tier oder einem Ruber ein Lager
gesucht, als unter diesem Dache!

Kaum hatte er uns in seine kleine Htte hineingefhrt und ein gelbes
Wachslicht angezndet, als ich schon erriet, da wir uns wirklich in
einer Waldeinsiedelei befanden. Und ich kann mich nicht mehr beherrschen
und frage:

Verzeih mir, gottesfrchtiger Mann, wenn ich dich frage, ob es sich fr
mich und meinen Gefhrten geziemt, hier zu bleiben, wohin du uns gefhrt
hast?

Er aber antwortet:

Gottes ist die ganze Erde, und gesegnet sind alle Lebenden. -- Lege
dich hin und schlafe!

Nein, erwidere ich, erlaube, da ich dir sage: wir gehren dem alten
Glauben an.

Wir sind alle vom Leibe Christi, er umfngt uns alle.

Und damit fhrt er uns in einen Winkel, wo auf dem Boden eine drftige
Lagerstatt aus Matten hergerichtet ist und am Kopfende ein mit Stroh
bedeckter Holzklotz liegt, und sagt zu uns beiden: Schlaft!

Mein Lewontij legt sich als gehorsamer Junge gleich hin, whrend ich
meine Vorsicht beibehalte und frage:

Verzeih, Mann Gottes, noch eine Frage ...

Er antwortet: Wozu fragen: Gott wei alles.

Nein, sage mir: wie heit du?

Aber er erwidert mit dem fr ihn ganz unpassenden Weiberspruch:

Man nennet mich den Enterich, wie man mich heit, das wei ich nicht.
Und mit diesen leeren Worten kriecht er mit seinem Lichtlein in eine
kleine Kammer, eng wie ein Holzsrglein, aber hinter der Wand vernimmt
man wieder die Stimme des Grobians:

Untersteh dich nicht, Licht zu brennen: du zndest noch die Zelle an.
Aus dem Bchlein kannst du am Tage beten, jetzt aber bete im Dunkeln.

Ich werde nicht, Bruder Miron, antwortet jener, ich werde nicht. Und
blst das Lichtlein aus.

Ich flstere: Vater, wer ist es, der Euch so barsch bedroht?

Es ist mein Diener Miron, ein guter Mensch ... er behtet mich.

Nun ist es aus, denke ich mir, es ist der Einsiedler Pamwa. Es kann
niemand anders sein, als er, der Zorn- und Neidlose. Jetzt ist das
Unglck da! Er hat uns hieher gebracht und sengt uns jetzt, wie der
Feuerbrand das Fett. Das einzige, was brigbleibt, ist, morgen beim
Morgengrauen Lewontij von hier zu entfhren und zu fliehen, damit er
nicht wisse, wo wir sind. Ich klammerte mich an diesen Plan und
beschlo nicht zu schlafen, um den Jngling beim ersten Morgenschimmer
zu wecken und zu fliehen.

Um nicht einzuschlafen und womglich zu verschlafen, liege ich da und
spreche in einem fort das Glaubensbekenntnis, wie es der alte Glaube
vorschreibt, und wenn ich damit fertig bin, setze ich gleich hinzu:
Dieser Glaube ist der Apostolische, dieser Glaube ist der Katholische,
dieser Glaube hlt das All ... und beginne von neuem. Ich wei nicht,
wie oft ich das Glaubensbekenntnis wiederholt habe, um nicht
einzuschlafen, aber gewi waren es viele Male. Und auch der Alte betet
noch immer in seinem Sarge, und mir scheint, als zeige mir das Licht in
den Balkenritzen, wie er sich immer von neuem verneigt. Und pltzlich
meine ich ein Gesprch zu hren, und was fr eines ... ein ganz
unerklrliches ... als sei Lewontij beim Starez eingetreten und sprche
mit ihm ber den Glauben ... aber ohne Worte, sondern sie sehen einander
nur an und verstehen sich. Dieses Bild stand mir lange vor Augen, und
ich hatte darber schon vergessen, mein Glaubensbekenntnis zu
wiederholen. Da glaube ich zu hren, wie der Starez dem Jngling sagt:
Gehe und entsndige dich! Und jener antwortet: Ja, ich will mich
entsndigen. Auch jetzt kann ich Ihnen nicht sagen, ob es im Traume
oder in der Wirklichkeit geschehen ist, aber sicher habe ich darauf
lange geschlafen. Wie ich endlich erwache, sehe ich: es ist heller Tag,
und der Starez, unser Wirt, der Einsiedler, sitzt da und zieht eine Aale
durch einen Lindenbastschuh, den er auf seinen Knien hlt. Ich beginne
ihn aufmerksam zu betrachten:

Ach, wie schn ist er! Wie vergeistigt! Als wenn ein Engel vor mir se
und fr seine Erdenwandlung in unscheinbarer Gestalt Bastschuhe flechte.
Ich betrachte ihn und sehe, da auch er mich anschaut, lchelt und sagt:

Hast du genug geschlafen, Mark? Es ist Zeit, ans Werk zu gehen.

Ich erwidere: Was ist denn mein Werk, gottesfrchtiger Mann? Oder weit
du alles?

Ich wei, ich wei, sagt er, macht denn der Mensch einen weiten Weg
ohne Zweck? Alle, Bruder, alle suchen die Wege Gottes. Helfe dir Gott in
deiner Demut.

Was sagst du, heiliger Mann, meine >Demut<? Du bist demtig, aber was
habe ich in meiner Eitelkeit fr eine Demut?

Aber er antwortet:

Ach nein, Bruder, nein, ich bin nicht demtig, ich bin ein groer
Snder, denn ich wnsche teilzuhaben am Himmelreich.

Und im Bewutsein dieser Snde faltet er mit einem Male die Hnde und
beginnt wie ein kleines Kind zu weinen.

Herr! betet er, zrne mir nicht fr diesen Eigenwillen, werfe mich
auf den Grund der Hlle und befiehl deinen Teufeln, mich zu qulen, wie
ich es verdient habe!

Nein, denke ich mir, nein, es ist, Gott sei Dank, nicht der
scharfsichtige Einsiedler Pamwa, es ist einfach ein geistesumnachteter
Greis. Ich dachte mir, da doch niemand bei gesundem Verstande auf das
Himmelreich verzichten und beten knne, Gott mge ihn zur Peinigung den
Teufeln geben. Einen solchen Wunsch hatte ich in meinem ganzen Leben
noch von niemand gehrt, und so wandte ich mich von der Klage des
Greises ab, da ich sie fr eine Verrcktheit und eine von den Teufeln
geschickte Versuchung hielt. Dann dachte ich mir, da ich noch immer
hier liege, whrend es doch Zeit zum Aufstehen sei; pltzlich sehe ich
aber, wie sich die Tre ffnet und mein Lewontij hereintritt, den ich
ganz vergessen hatte. Er tritt ein, fllt vor dem Starez nieder und
sagt:

Vater, ich habe alles vollbracht, jetzt segne mich!

Der Starez sieht ihn an und antwortet:

Friede sei mit dir: ruhe dich aus!

Und ich sehe, wie sich mein Jngling vor ihm wieder bis zur Erde
verneigt, hinausgeht, und der Einsiedler wieder an seinen Bastschuhen
arbeitet.

Da springe ich mit einem Male auf und denke:

Nein, jetzt nehme ich schnell meinen Ljowa, und fort von hier! Damit
trete ich in den kleinen Vorraum und sehe dort meinen Jngling
ausgestreckt auf der Holzbank daliegen, die Hnde auf der Brust
gefaltet.

Um meine Unruhe nicht zu verraten, frage ich ihn laut:

Weit du vielleicht, wo ich Wasser schpfen kann, um das Gesicht zu
waschen? Und ich setze flsternd hinzu: Beim lebendigen Gott beschwre
ich dich, la uns so schnell wie mglich von hier gehen!

Dabei sehe ich ihn genauer an und merke, da Ljowa nicht atmet ... Er
ist dahingegangen ... Gestorben ...

Und ich schreie mit einer Stimme, die wie eine fremde klingt:

Pamwa, Vater Pamwa, du hast meinen Knaben gettet!

Aber Pamwa tritt leise auf die Schwelle und sagt freudig:

Fortgeflogen ist unser Ljowa!

Mich packt der Zorn:

Ja, antworte ich unter Trnen, er ist fortgeflogen. Du hast seine
Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus dem Kfig.

Und dann werfe ich mich zu den Fen des Entschlafenen nieder und sthne
und weine, bis am Abend die Mnche aus dem kleinen Kloster kommen,
seinen Leichnam waschen, in einen Sarg legen und davontragen, denn er
war am Morgen, whrend ich schlief, zur herrschenden Kirche
bergetreten.

Mit dem Vater Pamwa sprach ich kein Wort mehr. Was htte ich ihm auch
sagen knnen: beschimpfte man ihn, so segnete er, -- htte man ihn
geschlagen, so wrde er sich bis zur Erde verneigt haben. Unberwindlich
war dieser Mensch in seiner Demut! Wovor sollte er auch erschrecken,
wenn ihm selbst die Hlle begehrenswert erschien? Nein, ich hatte nicht
umsonst vor ihm gezittert und gefrchtet, da er uns ansengen werde wie
der Feuerbrand das Fett. Mit seiner Demut wrde er selbst alle Teufel
aus der Hlle vertreiben oder zu Gott bekehren. Wenn sie anfingen ihn zu
qulen, wrde er sie bitten: Peinigt mich grausamer, ich habe es
verdient. Nein, nein, solche Demut kann nicht einmal der Satan
ertragen. Er wrde sich beide Hnde an ihm wundschlagen, wrde sich die
Ngel abreien und dann selber seine ganze Ohnmacht vor Dem, der solche
Liebe erschaffen, erkennen und in Scham vor Ihm vergehen!

So sagte ich mir denn, da dieser Greis mit den Lindenbastschuhen der
Hlle zum Verderben geschaffen sei. Und ich streifte die ganze Nacht im
Walde umher, wute selbst nicht, weshalb ich nicht das Weite suchte, und
dachte unablssig:

Wie mag er wohl beten, auf welche Weise, nach welchen Bchern? Und
dabei fiel mir ein, da ich bei ihm kein einziges Heiligenbild gesehen
hatte, blo ein Kreuz aus zwei mit Lindenbast aneinander gebundenen
Stbchen, und auch keine dicken Bcher.

Gott! erdreiste ich mich zu urteilen, wenn die herrschende Kirche nur
zwei solche Menschen hat, so sind wir verloren, denn dieser Mensch ist
ganz beseelt von Liebe.

Immer wieder mu ich an ihn denken, und gegen Morgen ergreift mich ein
heftiges Verlangen, ihn vor meinem Weggang wenn auch nur fr einen
Augenblick wiederzusehen.

Kaum habe ich dies gedacht, als ich wieder dasselbe Knistern vernehme,
und der Vater Pamwa wieder mit Beil und Holzbndel aus dem Walde
heraustritt und sagt:

Was sumst du so lange? Beeile dich, dein Babylon zu errichten!

Dieses Wort schien mir bitter, und ich sagte:

Weshalb machst du mir diesen Vorwurf? Ich errichte kein Babylon und
scheide mich vom babylonischen Pfuhl.

Aber er antwortet:

Was ist Babylon? Eine Sule des Dnkels, schmeichle dir nicht mit
deiner Rechtschaffenheit, sonst verlt dich dein Engel.

Ich sage: Vater, weit du denn, weshalb ich wandere? Und ich erzhle
ihm unser ganzes Leid. Und er hrt alles an, hrt und antwortet:

Der Engel ist geduldig, der Engel ist mild; wie es der Herr ihm
befiehlt, so kleidet er sich, was er ihm befiehlt, das wirkt er. Also
ist der Engel! Er lebt in der Seele des Menschen, die Unwissenheit hat
ihn versiegelt, aber die Liebe wird das Siegel zerbrechen.

Damit entfernt er sich von mir, aber ich kann die Augen nicht von ihm
wenden, kann mich nicht bezwingen, falle nieder und verneige mich vor
ihm bis zur Erde. Als ich das Gesicht erhebe, ist er nicht mehr da, ob
ihn nun die Bume verdeckten, oder ... Gott wei, wohin er verschwunden
ist.

Ich begann ber seine Worte nachzudenken: der Engel lebt in der Seele
des Menschen und ist versiegelt, aber die Liebe wird ihn befreien, und
pltzlich kommt mir in den Sinn: Wenn er selbst der Engel war, und Gott
ihm befohlen hat, mir in dieser Gestalt zu erscheinen, -- so werde ich
nun wie Lewontij sterben!

Von diesem Gedanken erfat, entsinne ich mich kaum mehr, wie ich auf
einem Baumstamm ber den Bach komme und zu laufen beginne: sechzig Werst
ohne Rast, immer in der Angst und der Vorstellung, den Engel gesehen zu
haben, bis ich auf einmal ein Dorf erreiche und dort den Ikonenmaler
Ssewastjan finde. Wir verstndigten uns bald, besprachen alles und
beschlossen, uns schon am nchsten Tag auf den Weg zu machen. Aber
unsere Vereinbarung war ohne jede Wrme, und unsere Reise noch weniger,
einmal weil der Ikonenmaler Ssewastjan ein nachdenklicher Mensch war,
und dann wohl noch mehr, weil ich nicht mehr derselbe war, wie zuvor.
Vor meiner Seele stand der Einsiedler Pamwa, und meine Lippen flsterten
die Worte des Propheten Jesajas: Der Geist Gottes spricht aus dem Munde
dieses Menschen.




                           ZWLFTES KAPITEL


Der Ikonenmaler Ssewastjan und ich legten den Rckweg rasch zurck und
fanden, nachts bei unserer Baustelle angelangt, alles wohlbehalten vor.
Nachdem wir die Unsrigen begrt hatten, gingen wir gleich zu Jakow
Jakowlewitsch. Der verlangte voll Neugierde gleich den Ikonenmaler zu
sehen; er betrachtete dann in einem fort dessen Hnde und zuckte nur mit
den Achseln, weil seine Hnde bergro, wie Harken waren und ganz
schwarz, wie auch Ssewastjan selbst schwarz wie ein Zigeuner aussah.
Jakow Jakowlewitsch sagte ihm:

Ich wundere mich, Bruder, wie du mit diesen Riesenhnden zeichnen
kannst!

Warum denn? Warum sollen meine Hnde nicht dazu taugen?

Du kannst doch, sagt er, etwas Kleines mit ihnen gar nicht
ausfhren?

Jener fragt: Warum?

Ja, weil deinen Gelenken die Geschmeidigkeit fehlt.

Aber Ssewastjan erwidert: Das ist Unsinn! Knnen mir denn meine Finger
etwas erlauben oder nicht erlauben? Ich bin ihr Herr, und sie sind meine
Diener, die mir gehorchen.

Der Englnder lchelt: Also wirst du unseren versiegelten Engel
nachbilden?

Warum denn nicht? antwortete jener. Ich gehre nicht zu den Meistern,
die ihr Werk frchten, sondern mich frchtet das Werk. So genau werde
ich ihn nachbilden, da Sie ihn vom echten nicht werden unterscheiden
knnen.

Gut, sagte Jakow Jakowlewitsch, wir werden uns unverzglich bemhen,
die echte Ikone herbeizuschaffen, in der Zwischenzeit beweise mir aber,
um mich zu berzeugen, deine Kunstfertigkeit. Male meiner Frau eine
Ikone nach altrussischer Art und so, da sie ihr auch gefllt.

Welchem Heiligen zu Ehren soll sie sein?

Ja, das wei ich nicht, antwortete er, ihr ist das gleich, nur da es
ihr gefllt.

Ssewastjan dachte nach und fragte:

Worum betet denn deine Gemahlin am meisten zu Gott?

Ich wei nicht, mein Freund, ich wei es nicht, aber ich denke,
wahrscheinlich da aus den Kindern ehrliche Menschen werden.

Ssewastjan dachte wieder nach und antwortete:

Gut, ich werde ihren Geschmack treffen.

Wie willst du ihn treffen?

Ich werde etwas darstellen, was die Beschaulichkeit vertieft und dem
Geist des Gebetes Ihrer Gemahlin wohlgefllig ist.

Der Englnder lie fr ihn im Dachstbchen seines eigenen Hauses alles
herrichten, aber er arbeitete nicht dort, sondern setzte sich an das
Fensterchen auf dem Dachboden ber Luka Kirillows Stube und begann dort
seine Ttigkeit.

Aber was er da gemacht hat, meine werten Herren, das hatten wir uns gar
nicht vorgestellt. Als das Gesprch auf die Kinder kam, da dachten wir,
er werde Roman den Wundertter darstellen, zu dem man wegen
Unfruchtbarkeit betet, oder den Kindermord in Jerusalem, was den
Mttern, die ihre Fruchtbarkeit verloren haben, immer gefllt, weil
Rahel dort mit ihnen ber die Kinder weint und sich nicht trsten kann.
Aber dieser kluge Ikonenmaler hatte erwogen, da die Englnderin schon
Kinder habe und nicht darum bete, da der Himmel ihr welche schenke,
sondern da er den Charakter der Kinder festige, und malte etwas ganz
anderes, was ihrem Streben noch mehr entsprechen mute. Er whlte dazu
ein altes Holztfelchen, so gro wie eine Handflche, und begann darauf
seine Kunst zu zeigen. Vor allen Dingen trug er, natrlich, den Grund
mit starkem Kasanschen Alabaster auf, da er glatt und hart wie
Elfenbein wurde; darauf teilte er das Tfelchen in vier gleiche Flchen
und zeichnete auf jede eine besondere kleine Ikone, die er nochmals mit
einer goldgemalten Fassung umrahmte. Das erste Quadrat stellte dar: die
Geburt Johannes des Tufers mit acht Figuren, dem neugeborenen Kind und
dem Gemach; -- das zweite die Geburt der hochheiligen Gottesmutter mit
sieben Figuren, dem Kind und dem Gemach; -- das dritte die unbefleckte
Geburt des Erlsers, den Stall und die Krippe, und davor stehend die
Himmelsknigin, Joseph, die gottesfrchtigen Hirten, Salome und allerlei
Vieh: Ochsen, Schafe, Ziegen und Esel, und die Mwe, die den Juden
verboten ist, zum Zeichen, da das Ganze nicht vom Judentum kommt,
sondern von der Gottheit, die alles geschaffen hat. Auf dem vierten
Bildchen ist die Geburt Nikolai des Wundertters zu sehen; der Heilige
wieder als neugeborenes Kind, das Gemach und viele Umherstehende. Soviel
Sinn war darin enthalten, da man vor sich die Erzieher so vieler guter
Kinder sah, und soviel Kunst in all den stecknadelgroen Figuren in
ihrer Beseeltheit und Bewegung! So liegt bei der Geburt der Muttergottes
die heilige Anna, wie es im griechischen Original dargestellt ist, auf
dem Lager, und vor ihr stehen zymbelschlagende Mdchen und andere, die
Gaben halten, und solche mit Sonnenschirmen in den Hnden und wieder
andere, die Lichter tragen. Die eine Frau hlt die heilige Anna unter
den Schultern, Joachim spht in die vorderen Gemcher; eine zweite Frau
wscht die heilige Gottesgebrerin bis zu den Lenden, ein
danebenstehendes Mdchen giet aus einem Gef Wasser in das Becken. Die
Rume sind alle mit dem Zirkel voneinander getrennt, und in dem
uersten Gemach sitzen Joachim und Anna auf dem Thron, und Anna hlt
die hochheilige Gottesgebrerin; aber um das Gemach herum erheben sich
steinerne Pfeiler mit roten Vorhngen, und drauen ist eine weie und
gelbe Mauer. Wunderbar, wunderbar hatte Ssewastjan das alles
dargestellt, und in jedem kleinsten Gesichtchen hatte er das ganze
Schauen Gottes ausgedrckt! Er nannte das Bild Fruchtbarkeit und
brachte es den Englndern. Die betrachteten es und schlugen die Hnde
zusammen: Niemals, sagten sie, htten sie solche Phantasie erwartet und
solche Feinheit der Kleinmalerei geahnt. Sie betrachteten es dann sogar
noch mit dem Vergrerungsglas und fanden auch damit keinen Fehler. Sie
gaben Ssewastjan fr die Ikone zweihundert Rubel und sagten:

Kannst du noch kleiner darstellen?

Ssewastjan antwortet: Ja.

Dann kopiere mir auf meinen Fingerring das Portrt meiner Frau.

Aber Ssewastjan antwortet: Nein, das kann ich nicht.

Warum denn nicht?

Weil ich mich in dieser Kunst noch nie versucht habe, und dann auch
weil ich meine Kunst nicht erniedrigen will, um nicht den Unwillen der
Vter auf mich zu ziehen.

Was ist das fr ein Unsinn!

Das ist durchaus kein Unsinn, antwortet er. Wir haben aus
gottesfrchtiger Zeit eine Bestimmung, die auch in einem
Patriarchenbrief besttigt wird: Wenn einer zu einem so heiligen Werk
wie die Ikonenmalerei berufen ist, so ist es einem geziemend lebenden
Ikonenmaler geboten, nichts denn heilige Darstellungen zu malen.

Jakow Jakowlewitsch sagt darauf:

Und wenn ich dir fnfhundert Rubel dafr gebe?

Und wenn Sie mir fnfhunderttausend bieten wrden, es wre ganz gleich,
Sie wrden sie behalten.

Das Gesicht des Englnders strahlte, aber er sagte im Scherz zu seiner
Frau: Wie gefllt dir das, da er es fr eine Erniedrigung hlt, dein
Gesicht zu malen?

Aber auf englisch fgte er hinzu: Oh, ein guter Charakter. Und dann
sagte er:

Nun seht zu, Brder, jetzt bringen wir die Sache zum Abschlu. Wie ich
sehe, habt ihr fr alles Regeln: also nehmt euch jetzt in acht, um
nichts zu versumen oder zu vergessen, was irgendwie stren knnte.

Wir antworteten, da wir nichts derartiges vorausshen.

Nun, dann gebt acht, sagt er, ich beginne. Und dann fhrt er zum
Erzbischof mit der Bitte, er mge ihm erlauben, um seinen Eifer zu
beweisen, die Beschlge des versiegelten Engels vergolden und den Rahmen
neu malen zu lassen. Der Erzbischof will weder zusagen, noch ihn
abweisen, aber Jakow Jakowlewitsch gibt nicht nach und erreicht es
endlich. Wir warteten indes schon, wie Pulver aufs Feuer.




                         DREIZEHNTES KAPITEL


Erlauben Sie, meine werten Herren, hier daran zu erinnern, da seit dem
Beginn meiner Geschichte ziemlich viel Zeit verflossen war und es schon
auf Weihnachten ging. Aber dort ist das Wetter um diese Zeit mit dem
unsrigen nicht zu vergleichen; es ist launisch, und einmal verbringt man
diesen Feiertag bei Winterwetter, das anderemal vom Regen durchnt; den
einen Tag friert es, den nchsten taut es; bald ist der Flu mit
schmutzigem Eise bedeckt, bald schwillt er an und fhrt Eisschollen wie
beim Hochwasser im Frhling. Mit einem Wort, es herrscht dort um diese
Zeit ganz unbestndiges Wetter, oder, wie man es in der Gegend nennt:
Schlackwetter, -- und so war es auch jetzt.

In dem Jahre, in das meine Erzhlung fllt, war diese Unbestndigkeit
sehr verdrielich. Whrend ich mit dem Ikonenmaler auf dem Wege war,
hatten wir, ich wei nicht wie oft, bald Winter-, bald Sommerwetter. Was
unseren Bau betrifft, war die Zeit sehr dringend, da die sieben Pfeiler
fertig waren und eben die Ketten von einem zum anderen Ufer gespannt
wurden. Unsere Arbeitgeber wollten natrlich die Ketten so schnell wie
mglich miteinander verbinden, um an ihnen eine Notbrcke zur
Materialbeschaffung whrend des Hochwassers aufzuhngen. Es gelang aber
nicht, denn kaum hatte man die Ketten gespannt, als ein derartiger Frost
einsetzte, da man die Arbeit an der Brcke einstellen mute. So blieb
es auch, die Ketten hingen ohne Brcke. Dafr schuf Gott eine andere
Brcke: der Flu war zugefroren, und unser Englnder fuhr ber das Eis
des Dnjepr, um sich um unsere Ikone zu bemhen. Als er zurckkam, sagte
er zu mir und Luka:

Wartet, Kinder, morgen bringe ich euch euren Schatz.

Herrgott, was empfanden wir bei dieser Nachricht! Zuerst wollten wir es
geheim halten und nur dem Ikonenmaler mitteilen; aber kann denn das
Menschenherz so etwas fr sich behalten? Anstatt das Geheimnis zu
wahren, liefen wir zu allen unsrigen, klopften an die Fensterchen,
flsterten miteinander und bemerkten gar nicht, da wir von Htte zu
Htte liefen. Der Schnee erstrahlte im Frost wie Edelsteine, und am
klaren Himmel funkelte der Hesperus.

In dieser freudigen Hast verbrachten wir die ganze Nacht, und in der
gleichen begeisterten Stimmung erwarteten wir den Tag. Vom frhen Morgen
ab wichen wir keinen Schritt von unserem Ikonenmaler und wuten kaum,
wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn jetzt war die Stunde
da, in der alles von seiner Kunst abhing. Er brauchte nur einen Wunsch
ber eine Handreichung oder etwas hnliches laut werden zu lassen, als
schon gleich zehn davonrannten und in ihrem Eifer bereinander
stolperten. Selbst der alte Maroi lief sich die Abstze von den Stiefeln
weg. Nur der Ikonenmaler selbst war ruhig, da er hnliches schon mehr
als einmal erlebt hatte, und bereitete sich ohne alle Hast zu seiner
Arbeit vor: er rhrte Eiklar mit Kwas an, prfte den Lack, legte ein
altes Brettchen in der Gre der Ikone zurecht, richtete eine scharfe,
haarfeine Sge her, spannte sie in einen starken Bogen, setzte sich dann
an das Fensterchen und verrieb die voraussichtlich notwendigen Farben
auf der Handflche mit den Fingern. Wir hatten uns alle vor dem Ofen
gewaschen, reine Hemden angezogen, und standen nun am Ufer und schauten
nach der Stadt hinber, aus der unser segenbringender Gast kommen
sollte. Unsere Herzen schlugen bald hoch, bald verzagt.

Ach, was waren es fr Augenblicke, und sie dauerten vom Morgengrauen bis
gegen Abend. Endlich sehen wir, wie von der Stadt her der Schlitten des
Englnders auf dem Eise daherjagt, gerade auf uns zu ... Uns alle
berluft ein Schauer, wir werfen die Mtzen zur Erde und beten:

Gott, Vater der Geister und der Engel, sei Deinen Knechten gndig! Und
whrend des Gebetes fallen wir nieder auf den Schnee und breiten voll
Verlangen die Hnde aus, als wir pltzlich ber uns die Stimme des
Englnders hren:

He, ihr Altglubigen, da habe ich euch was mitgebracht! Und er
bergibt uns ein kleines Bndel in einem weien Tuch.

Luka empfngt es und erstarrt: er fhlt etwas zu Kleines und zu Leichtes
darin. Er lftet die eine Ecke des Tuches und sieht, da es nur der
Beschlag von unserer Ikone ist und nicht der Engel selbst.

Wir strzen auf den Englnder zu und sagen ihm unter Weinen:

Man hat Euch betrogen, Euer Gnaden, das ist nicht die Ikone, man hat
Euch nur ihren silbernen Beschlag mitgegeben.

Aber der Englnder ist auf einmal nicht mehr der gleiche, der er bis
jetzt zu uns gewesen ist. Sicher hat ihn die Langwierigkeit der Sache
verrgert, und er schreit uns an:

Was faselt ihr da? Ihr habt mir doch selbst gesagt, da ich nur um den
Beschlag bitten solle, und den habe ich auch erbeten, aber ihr wit
einfach nicht, was ihr wollt!

Wir sehen, da er aufgebracht ist, und versuchen ganz vorsichtig, ihm
klarzumachen, da wir die Ikone selbst brauchen, um eine Kopie von ihr
herzustellen. Aber er hrt uns nicht mehr an, jagt uns davon und erweist
uns einzig die Gnade, zu befehlen, ihm den Ikonenmaler zu schicken.

Ssewastjan begibt sich zu ihm, und der Englnder fhrt auf hnliche
Weise auch ihn an:

Deine Bauern, sagt er, wissen nicht, was sie wollen, sie haben nur um
den Beschlag gebeten und erklrt, da du, um einen Abri zu machen, nur
die Mae brauchtest. Jetzt heulen sie, da er ihnen nichts ntze. Aber
ich kann weiter nichts tun, weil der Erzbischof das Bild selbst nicht
hergibt. Also flsche rasch das Bild, wir wollen es mit dem Beschlag
bekleiden, und dann stiehlt mir der Sekretr das echte Bild.

Der Ikonenmaler Ssewastjan versucht, als verstndiger Mensch, ihn mit
milder Rede umzustimmen und antwortete:

Nein, Euer Gnaden, unsere Bauern verstehen ihre Sache schon; wir
brauchen wirklich das Bild selbst. Das hat man nur zu unserer Krnkung
ausgedacht, da wir angeblich nur feststehende Nachahmungen malen
knnten. Wir haben zwar Vorschriften, aber ihre Ausfhrung ist der
freien Kunst berlassen. So ist uns beispielsweise vorgeschrieben, die
Heiligen Sossima oder Gerassim mit dem Lwen abzubilden; der Phantasie
des Heiligenmalers aber ist es freigestellt, den Lwen nach seiner
Auffassung darzustellen. Ebenso wird der heilige Neophit mit einer Taube
abgebildet, Konon Gradarij mit einem Blmchen, Timofej mit einem
Heiligenschrein, Georgij und Ssawwa der Stratilate mit Lanzen und
Kondrat mit Wolken, weil er die Wolken abgerichtet hat, aber jeder
Ikonenmaler hat die Freiheit darzustellen, wie die Phantasie seiner
Kunstfertigkeit es ihm erlaubt, und so kann ich wiederum nicht wissen,
wie dieser Engel gemalt ist, den man vertauschen will.

Der Englnder hrte sich das alles an, aber dann jagte er den Ssewastjan
wie uns hinaus; wir hren auch keine weiteren Entschlsse mehr von ihm,
und so sitzen wir, meine werten Herren, wie die Krhen am Flusse und
wissen nicht, ob wir ganz verzweifeln, oder ob wir noch hoffen sollen.
Zum Englnder wagen wir uns nicht mehr, und nun beginnt auch noch das
Wetter mit unsrer Stimmung wesenseins zu werden. Ein entsetzliches
Tauwetter bricht an, es regnet ohne Unterla, der Himmel sieht tagsber
wie eine Rauchwolke aus und ist nachts so finster, da der Hesperus, der
doch sonst im Dezember kaum vom Himmelsbogen verschwindet, kein einziges
Mal aufglnzt. Alles war dster wie in einem Gefngnis. Und ebenso
begingen wir auch das Weihnachtsfest. Am Heiligenabend aber brach ein
Gewitter los, und dann setzte ein Guregen ein, der zwei Tage und zwei
Nchte unaufhrlich niederstrmte. Er schwemmte den ganzen Schnee weg
und splte ihn in den Flu, auf dem das Eis blau zu werden und sich zu
blhen begann, um am letzten Jahrestag zu bersten und stromabwrts zu
treiben. In den trben Wellen schiebt sich Scholle auf Scholle, und
alles staut sich bei unseren Bauten. Berstend und krachend trmt sich
das Eis zu Bergen, und drhnt -- Gott verzeih es mir! -- wie entfesselte
Hllengeister. Da die Pfeiler diesen Druck aushielten und stehen
blieben, war erstaunlich. Millionen htten verloren gehen knnen. Aber
uns war es nicht darum zu tun: unser Ikonenmaler Ssewastjan wurde
ungeduldig, packte seine Sachen und wollte in andere Gegenden ziehen,
weil er sah, da er hier keine Arbeit erhalten werde, und wir konnten
ihn durch nichts zurckhalten.

Auch der Englnder hatte anderes zu tun; das Unwetter hatte auf ihn
solchen Eindruck gemacht, da er fast von Sinnen gekommen wre: er ging,
wie man sich erzhlte, immer umher und fragte alle, denen er begegnete:
Wohin blo, wohin? Dann hatte er sich pltzlich beherrscht, lie Luka
zu sich rufen und sagte:

Weit du was, Bauer: gehen wir deinen Engel stehlen!

Luka antwortete: Einverstanden!

Aus Lukas Erzhlung war zu entnehmen, da der Englnder geradezu danach
drstete, Gefahren auszukosten. Er hatte also vor, morgen zum Erzbischof
in das Kloster zu fahren, den Ikonenmaler als einen Vergolder
mitzunehmen und zu bitten, man mge ihm die Ikone zeigen, damit sein
Begleiter eine genaue Kopie fr die Beschlge anfertigen knne.
Whrenddessen wrde Ssewastjan Gelegenheit haben, sich den Engel
deutlich einzuprgen, um dann zu Hause eine Nachahmung herzustellen.
Wenn dann der wirkliche Vergolder die Beschlge fertig hat, wird man sie
zu uns ber den Flu herberbringen und Jakow Jakowlewitsch wird wieder
ins Kloster fahren und den Wunsch uern, dem festtglichen Gottesdienst
des Erzbischofes beizuwohnen. Er wrde im Mantel in die Kapelle treten,
sich in dem dunklen Altarraum an den Opfertisch stellen, hinter dem
unsere Ikone auf dem Fenster steht, das Bild stehlen, es unter den
Mantel stecken und jemandem befehlen, den Mantel, angeblich wegen der
Hitze, hinauszutragen. Auf dem Hofe hinter der Kirche wrde dann einer
der Unsrigen das Bild aus dem Mantel in Empfang nehmen und mit ihm auf
das andere Ufer eilen, und hier wrde dann unser Ikonenmaler das alte
Bild whrend des Gottesdienstes aus dem Rahmen lsen und das geflschte
hineinstellen, dann sollte es jemand so zurckschaffen, da Jakow
Jakowlewitsch es wieder aufs Fenster stellen knne, als sei nichts
geschehen.

Warum nicht? sagten wir. Wir sind mit allem einverstanden.

Nur gebt acht, sagte er, und denkt daran, da ich sonst als Dieb
dastehe; aber ich will euch glauben, da ihr mich nicht preisgebt.

Luka Kirillow antwortete:

Wir sind nicht, Jakow Jakowlewitsch, solchen Geistes, da wir unsere
Wohltter verraten. Ich werde die Ikone in Empfang nehmen und Ihnen die
beiden zurckbringen, die echte und die Kopie.

Nun, und wenn du durch etwas daran verhindert wirst?

Was soll mich verhindern knnen?

Nun, du stirbst pltzlich oder ertrinkst?

Luka dachte nach: wie soll pltzlich ein derartiges Hindernis eintreten?
Aber dann bedenkt er, da etwas derartiges in der Tat vorkommen knne,
da der Schatzgrber den Schatz finde, aber auf dem Weg zum Markte einem
tollen Hunde begegne, -- und er antwortete:

Fr diesen Fall, gndiger Herr, lasse ich Ihnen einen Menschen zurck,
der, wenn ich nicht eintreffe, die ganze Schuld auf sich nimmt und
selbst den Tod erduldet, Sie aber nicht preisgibt.

Und wer ist es, auf den du dich so verlt?

Der Schmied Maroi, antwortete Luka.

Dieser Alte?

Ja, er ist nicht jung.

Aber er sieht gar zu einfltig aus!

Wir brauchen auch seinen Verstand nicht. Aber er ist ein Mensch, der
wrdigen Geist in sich trgt.

Was fr ein Geist kann denn in einem dummen Menschen wohnen?

Der Geist, Herr, antwortete Luka, wird nicht nach dem Verstande
bemessen, der Geist atmet, wo er will und wchst gleich dem Haar bei dem
einen lang und ppig und bei dem andern sprlich.

Der Englnder berlegte:

Gut, gut. Das sind alles interessante Empfindungen. Aber wie soll er
mir heraushelfen, wenn ich in die Patsche gerate?

Das macht er so, antwortete Luka: Sie werden in der Kirche am
Fenster, und Maroi drauen vor dem Fenster stehen. Bin ich dann bis zum
Schlusse des Gottesdienstes nicht mit dem Bilde gekommen, so wird Maroi
die Scheibe einschlagen, durch das Fenster steigen und alle Schuld auf
sich nehmen.

Das gefiel dem Englnder:

Interessant, sagte er, interessant. Aber warum soll ich dem dummen
Menschen mit dem Geiste glauben, da er nicht selbst davonluft?

Nun, das ist eben Sache des gegenseitigen Vertrauens.

Gegenseitiges Vertrauen, wiederholte er ... Hm, gegenseitiges
Vertrauen! Soll ich fr einen dummen Bauern nach Sibirien, oder er fr
mich unter die Knute? Hm, hm, wenn er sein Wort hlt ... unter die Knute
... Das ist interessant.

Man schickte nach Maroi, erklrte ihm, worum es sich handle, und er
sagte: Nun, was ist dabei?

Und du wirst nicht davonlaufen? fragte der Englnder.

Maroi antwortete: Warum denn?

Damit man dich nicht peitscht und nach Sibirien verschickt.

Aber Maroi erwiderte: Nun, weiter nichts?

Der Englnder ist vor Freude lebendig geworden:

Reizend, sagt er, wie interessant!




                         VIERZEHNTES KAPITEL


Gleich nach der Unterredung begann die Aktion. Am Morgen setzten wir die
groe herrschaftliche Barkasse in Stand und fuhren den Englnder ans
andere Ufer. Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Ssewastjan in eine
Kalesche und fuhr zum Kloster. Nach einer guten Stunde sehen wir unseren
Ikonenmaler dahereilen mit einem Blatt in den Hnden.

Wir fragen:

Hast du sie gesehen, Teurer, und kannst du sie jetzt nachmachen?

Ich habe sie gesehen, antwortet er, und werde sie genau treffen,
vielleicht, da sie etwas lebhafter in den Farben wird, aber das ist
kein Unglck, denn wenn die echte Ikone herkommt, werde ich in einem Nu
das Leuchten der Farben dmpfen.

Vterchen, bitten wir, gib dir Mhe!

Schon gut, erwidert er, werde mich schon bemhen.

Und kaum hatten wir ihn zurckgerudert, als er sich auch gleich an seine
Arbeit setzte, und um die Dmmerung war der Engel auf dem Tfelchen
fertig und glich unserm versiegelten, wie ein Tropfen Wasser dem andern,
nur die Farben schienen etwas frischer.

Gegen Abend schickte der Vergolder die neuen Beschlge, und nun kam die
gefhrliche Stunde unseres Diebstahls.

Wir hatten, wie es sich versteht, alles vorbereitet und warteten auf den
gegebenen Augenblick. Kaum lieen sich vom anderen Ufer her die ersten
Glockenklnge zur Abendmesse vernehmen, als wir zu dritt ein Boot
bestiegen, ich, Luka und der alte Maroi, der ein Beil, einen Meiel,
eine Brechstange und ein Seil mitgenommen hatte, um mehr einem Diebe zu
gleichen. Wir steuerten gerade auf die Klostermauer zu.

Die Dmmerung bricht um diese Jahreszeit frh an, und obwohl es
Vollmondwoche war, blieb die Nacht pechschwarz, eine richtige
Diebesnacht. Am anderen Ufer angelangt, lieen Maroi und Luka mich im
Boot zurck und schlichen zum Kloster hinauf. Ich wartete voll Ungeduld.
Die Ruder hatte ich ins Boot genommen, das ich an einem Strickende am
Ufer festhielt, und war bereit abzustoen, sobald Luka seinen Fu ins
Boot setzen wrde. In der Besorgnis, wie alles gelingen wrde und ob wir
die Spuren unseres Diebstahls rechtzeitig verwischen knnten, erschien
mir die Zeit schrecklich lang. Es dnkte mir, es sei schon viel Zeit
verstrichen. Die Dunkelheit war entsetzlich, der Wind fegte nunmehr
anstatt des Regens nassen Schnee daher. Das Boot schaukelte, und ich
treuloser Knecht begann, mich allmhlich in meinem Mantel erwrmend,
einzuschlummern. Pltzlich beginnt das Boot unter einem Sto zu
schwanken, ich zucke zusammen und sehe den Onkel Luka im Boote stehen,
der mit fremder, gepreter Stimme sagt: Rudre!

Ich ergreife die Ruder, kann sie aber vor Schreck nicht in die Dollen
einlegen. Schlielich gelingt es mir, ich stoe vom Ufer ab und frage:
Onkel, habt ihr den Engel bekommen?

Ich habe ihn, rudre strker!

Erzhle doch, forsche ich weiter, wie habt ihr ihn bekommen?

Genau wie es geplant war.

Werden wir noch rechtzeitig zurckkommen knnen?

Wir mssen es knnen: eben erst haben sie mit der groen Litanei
begonnen. Rudre! Wohin ruderst du?

Ich sehe mich um: Groer Gott, ich rudere wirklich nicht in unsere
Richtung, und doch scheint es mir, da ich richtig quer ber die
Strmung halte, aber unsere Siedlung ist nicht zu sehen, weil Schnee und
Sturm schrecklich daherfegen und mich blind machen. Ringsum heult der
Wind und schaukelt das Boot, und oben vom Flu weht es wie von Eis her.

Aber mit Gottes Gnade erreichen wir das Ufer, springen beide aus dem
Boot und laufen, was wir laufen knnen. Der Ikonenmaler ist schon
bereit; er handelt kaltbltig und entschlossen. Vor allem nimmt er die
Ikone, und als alle vor ihr niederfallen und sich verneigen, lt er sie
den versiegelten Engel kssen und schaut selbst bald auf ihn, bald auf
die Kopie und sagt: Sie ist gut! Man mu sie nur ein wenig mit Safran
dmpfen und etwas mit schmutziger Farbe tnen. Damit nimmt er die
Ikone, spannt sie in den Schraubstock, richtet die Sge her ... und dann
fliegt sie nur. Wir alle stehen herum und schauen voller Angst zu, ob er
die Ikone nicht beschdige. Stellen Sie sich vor, wie er mit seinen
bergroen Hnden das Bild, welches kaum strker als ein Blttchen
dnnsten Schreibpapieres ist, vom Brett abtrennt. Wie leicht ist da ein
Unglck geschehen: wenn die Sge nur um ein Haar schief geht, so
schneidet sie es durch und zerreit das Antlitz! Der Ikonenmaler
Ssewastjan aber verrichtete die schwierige Arbeit mit solcher
Kaltbltigkeit und Kunstfertigkeit, da es einem, wenn man ihn dabei
betrachtete, gleich ruhig ums Herz wurde. Wie er das Bild als dnnste
Schicht abgetrennt hat, schneidet er in einem Augenblick das Ausgesgte
aus den Rndern heraus, nimmt seine Kopie, zerknittert sie in der Faust
und schlgt sie dann auf die Tischkante, als wolle er sie zerreien und
vernichten; schlielich betrachtet er die Leinwand gegen das Licht, und
nun ist das neue Bildchen voller Sprnge wie ein feines Sieb, Ssewastjan
klebt es nun auf das alte Brett, nimmt dunkle Schmutzfarbe auf die Hand,
mischt sie mit dem Finger mit Safran und altem Firnis zu einer Art Kitt
und reibt damit krftig, mit der vollen Handflche das zerknitterte
Bildchen ein. Dies alles hatte er mit groer Schnelligkeit vollfhrt,
und nun sah die neue Ikone aus wie eine alte und glich aufs genaueste
der echten.

Dann wurde die Kopie in einem Nu mit Lack bedeckt, und wir setzten sie
in den Rahmen. Nun nahm Ssewastjan das echte, vom Brett abgetrennte Bild
und verlangte so schnell wie mglich einen Fetzen von einem alten
Filzhute.

Damit begann der uerst schwierige Proze der Entsiegelung.

Man gab dem Ikonenmaler einen Hut, und er zerri ihn sofort ber dem
Knie in zwei Teile, bedeckte mit dem einen den versiegelten Engel und
schrie: Das heie Pltteisen!

Im Ofen lag auf sein Gehei ein schweres Schneiderbgeleisen. Michailiza
packte es mit der Ofengabel und reichte es Ssewastjan. Jener umwickelte
den Griff mit einem Lappen, spuckte auf das Eisen und legte es auf den
Filzfetzen. Von dem Filz steigt ein bser Gestank auf, aber der
Ikonenmaler wiederholt es noch und noch einmal und nimmt es dann
pltzlich weg. Seine Hand fliegt wie der Blitz; der Rauch steigt schon
in einer Sule hoch, aber Ssewastjan versteht zu backen: mit der einen
Hand dreht er langsam den Filzlappen und mit der anderen fhrt er
geschickt das Eisen. Mit jedemmal fhrt er langsamer, aber fester
darber und dann wirft er pltzlich den Fetzen und das Eisen weg und
hlt die Ikone ans Licht: das Siegel ist fort, als wre es nie
dagewesen! Der starke Stroganower Lack hat standgehalten, der Siegellack
ist vollstndig verschwunden, nur ein schwacher feuerroter Tau ist
zurckgeblieben, aber das leuchtende, heilige Antlitz ist jetzt ganz zu
sehen.

Der eine weint, der andere betet, der dritte beugt sich ber die Hnde
des Ikonenmalers, um sie zu kssen, nur Luka Kirillow vergit seine
Aufgabe nicht, sondern kargt mit jeder Minute. Er reicht Ssewastjan die
Kopie und sagt:

Nun, mach schneller fertig!

Aber jener antwortet: Mein Werk ist beendet, ich habe alles getan, was
ich bernommen habe.

Und das Siegel aufdrcken?

Wohin?

Ja hierher, auf das Gesicht des neuen Engels, wie es bei jenem alten
war.

Aber Ssewastjan schttelt den Kopf und antwortet:

Nein, ich bin kein Beamter, da ich mich erfrechen wrde, so etwas zu
tun.

Was sollen wir nun anfangen?

Ja, das wei ich doch nicht. Ihr httet dafr einen Beamten oder einen
Deutschen herbitten sollen. Das habt ihr jetzt versumt, nun tut es
selbst.

Luka erwidert:

Was glaubst du wohl! Um nichts in der Welt werden wir uns dazu
erfrechen.

Und der Ikonenmaler antwortet:

Auch ich werde mich nicht erfrechen.

Whrend der wenigen Minuten dieses Streites strzt pltzlich die Frau
Jakow Jakowlewitschs totenbleich ins Zimmer und spricht:

Seid ihr denn noch nicht fertig?

Wir antworten, wir seien fertig und auch wieder nicht fertig: das
Wichtige sei vollbracht, aber eine Kleinigkeit vermchten wir nun nicht.

Sie erwidert: Auf was wartet ihr denn? Hrt ihr denn nicht, was sich
drauen tut?

Wir horchen und erbleichen noch mehr als sie. In unserer Sorge hatten
wir dem Wetter keine Aufmerksamkeit geschenkt, und nun hren wir es
drauen toben: das Eis geht!

Ich springe hinaus und sehe, wie das Eis schon ber den ganzen Flu
treibt, wie die Schollen krachend und berstend bereinander springen.
Besinnungslos strze ich zu den Booten, ... kein einziges ist mehr da,
alle sind fortgeschwemmt. Mir stockt die Zunge im Munde, so da ich kein
Wort ber die Lippen bringe, und mir scheint es, ich versinke in die
Erde ... Ich stehe da ... rhre mich nicht ... und gebe keinen Laut von
mir.

Aber whrend wir hier im Dunkeln umherirren, hatte die Englnderin, die
mit Michailiza in der Stube zurckgeblieben war, die Ursache der
Verzgerung erfahren, die Ikone ergriffen ... und einen Augenblick
spter eilt sie, in der einen Hand eine Laterne haltend, mit dem Bild
auf die Treppe hinaus und schreit:

Nehmt! Fertig!

Wir schauen hin: auf dem Antlitz des neuen Engels ist das Siegel!

Luka steckt die beiden Ikonen sofort in den Busen und schreit:

Das Boot!

Ich erffne ihm, da kein Boot da ist, da alle fortgetrieben sind.

Und ich sage Ihnen, das Eis treibt daher wie eine Herde, zerschellt an
den Pfeilern und erschttert die Brcke, so da die armdicken Ketten
drhnen.

Wie die Englnderin dies hrt, wirft sie die Hnde empor und schreit mit
unmenschlicher Stimme: James! Und sie fllt in Ohnmacht.

Und wir stehen dabei und fhlen nur das eine: Wo bleibt jetzt unser
Wort? Was wird jetzt mit dem Englnder, was mit dem alten Maroi?

Eben ertnt vom Glockenturm des Klosters das dritte Luten.

Da rafft sich Onkel Luka auf und ruft der Englnderin zu:

Komm zu dir, Gndige, deinem Manne wird nichts geschehen. Vielleicht
wird der Henker das alte Fell unseres Maroi peitschen und sein ehrliches
Gesicht mit dem Brandzeichen entehren, aber das soll erst nach meinem
Tode geschehen. Dabei bekreuzigt er sich und geht.

Ich schreie ihm zu: Onkel Luka, wo willst du hin? Lewontij ist
umgekommen, auch du wirst es! Und ich eile ihm nach, um ihn
aufzuhalten. Allein er hebt das vor seinen Fen liegende Ruder auf, das
ich bei unserer Ankunft auf die Erde geworfen habe, schwingt es ber
mich und schreit: Fort, oder ich schlage dich tot!

Meine werten Herren, ich habe mich in meiner Erzhlung offen genug als
kleinmtig bekannt, als ich den verstorbenen Knaben Lewontij auf der
Erde seinem Schicksal berlie und selbst auf einen Baum kletterte; aber
ehrlich und offen sage ich Ihnen, da ich hier vor dem Ruder Onkel Lukas
nicht erschrocken und auch nicht zurckgewichen wre ... aber, ob Sie es
mir glauben oder nicht, in dem Augenblick, als ich mich des Namens
Lewontijs erinnerte, sah ich, wie die Gestalt des Jnglings zwischen mir
und Luka in der Dunkelheit erstand und drohend gegen mich die Hand
erhob. Diesen Schrecken konnte ich nicht ertragen und wich zurck. Aber
Luka stand schon am Ende der Kette und rief uns pltzlich, den einen Fu
auf die Kette setzend, zu:

Stimmt den Chor an!

Unser Vorsnger Arefa steht bei uns, vernimmt es und beginnt sogleich:
Ich ffne die Lippen. Die anderen fallen ein, und so schreien wir den
Chor dem Sturmgeheul entgegen, und Luka bangt nicht vor den
Todesschrecken und schreitet ber die Brckenketten weiter. Binnen einer
Minute hat er das erste Joch zurckgelegt und steigt zum zweiten nieder
... Und weiter? Die Dunkelheit umfngt ihn, er ist nicht mehr zu sehen:
ob er noch geht oder schon herabgestrzt ist und von den verfluchten
Schollen in den Strudel getrieben wird, wir wissen es nicht, wir wissen
nicht, ob wir fr seine Rettung oder fr die ewige Ruhe seiner starken,
liebenswerten Seele beten sollen.




                         FNFZEHNTES KAPITEL


Was war inzwischen am anderen Ufer geschehen? Seine Eminenz der
Erzbischof zelebrierte wie gewhnlich die Abendmesse und ahnte nicht,
da inzwischen am Nebenaltar ein Diebstahl ausgefhrt wurde. Unser
Englnder Jakow Jakowlewitsch, der mit seiner Erlaubnis an diesem Altar
stand, stahl den Engel und schickte ihn, wie er es geplant hatte, mit
seinem Mantel hinaus, wo Luka mit ihm davoneilte. Der alte Maroi blieb
seinem Worte getreu vor dem gleichen Fenster stehen und wartete bis zur
letzten Minute. Kehrte Luka nicht zurck, so wrde er, gleich nachdem
sich der Englnder zurckgezogen htte, das Fenster einschlagen und mit
der Brechstange und dem Meiel wie ein wirklicher Dieb durch das Fenster
in die Kirche steigen. Der Englnder wendet kein Auge von ihm und sieht,
wie der alte Maroi, gehorsam und seinem Versprechen getreu, dasteht und
ihm zunickt, wenn er das Gesicht des Englnders dem Fenster zugewendet
erblickt, als ob er sagen wollte: Hier bin ich, der verantwortliche
Dieb.

So beweisen sie einander ihren Edelmut, und keiner will dem anderen
gestatten, ihn im gegenseitigen Vertrauen zu bertreffen. Aber zu ihrer
beider Glauben gesellt sich noch ein dritter, strkerer, von dessen
Wirken sie jedoch nichts wissen. Als der letzte Glockenschlag der
Nachtmesse verklungen war, ffnete der Englnder leise das Klappfenster,
damit der alte Maroi hereinsteige, und war schon im Begriff, sich
zurckzuziehen, als er pltzlich bemerkte, da sich der alte Maroi
abgewendet hatte, ihn nicht mehr ansah, sondern gespannt nach dem Flusse
hinberschaute und in einem fort wiederholte:

Helfe ihm Gott herber, helfe ihm Gott herber, helfe ihm Gott
herber!

Dann sprang er pltzlich auf, tanzte wie betrunken und schrie:

Gott hat ihm herbergeholfen, Gott hat ihm herbergeholfen!

Jakow Jakowlewitsch geriet in helle Verzweiflung und dachte:

Jetzt ist es zu Ende: der dumme Alte ist verrckt geworden, ich bin
verloren! Da sieht er auf einmal, wie Maroi den Luka umarmt.

Der alte Maroi stammelt: Ich habe geschaut, wie du mit Laternen ber
die Ketten gingst.

Luka erwidert: Ich hatte keine Laterne dabei.

Woher kam das Leuchten?

Luka antwortet:

Ich wei nicht, ich habe kein Leuchten gesehen, ich bin so schnell
gelaufen, wie ich konnte, und wei nicht einmal, wie ich herbergekommen
und nicht gefallen bin.

Das waren Engel ... ich habe sie gesehen, und darum berlebe ich diesen
Tag nicht und sterbe noch heute.

Luka aber hat keine Zeit, viel zu reden, und so antwortet er dem Alten
nicht, sondern reicht dem Englnder beide Ikonen durch das Fenster. Der
nimmt sie und fragt:

Warum ist kein Siegel darauf?

Luka fragt: Wieso ist keines?

Ja, es ist keines.

Da bekreuzigt sich Luka und sagt:

Nun ist es aus. Jetzt ist keine Zeit, es auszubessern. Dieses Wunder
hat der Engel der herrschenden Kirche vollbracht, und ich wei weshalb.

Damit strzt Luka in die Kirche, drngt sich in den Altarraum, wo man
den Erzbischof eben entkleidet, wirft sich ihm zu Fen und spricht:

Ich bin ein Gotteslsterer, und das habe ich getan! Und er erzhlt ihm
alles. Nun befehlen Sie, da man mich in Ketten legt und ins Gefngnis
abfhrt.

Der Bischof hrt voll Wrde alles an und antwortet:

Durch Betrug habt ihr das Siegel von eurem Engel genommen, unser Engel
hat es selbst von sich genommen und dich hergefhrt.

Luka erwidert:

Ich sehe es, Eminenz, und erbebe. Befehlen Sie nur rasch, da man mich
dem Strafgericht berliefert.

Aber der Erzbischof antwortet in vergebendem Tone:

Kraft der mir von Gott gegebenen Gewalt vergebe ich dir und spreche
dich los. Bereite dich vor, morgen Christi allerreinsten Leib zu
empfangen.

Nun, und weiter, meine werten Herren, glaube ich, da ich Ihnen nichts
mehr zu erzhlen habe. Luka Kirillow und der alte Maroi kehrten am
nchsten Morgen zurck und sagten:

Vter und Brder, wir haben die Herrlichkeit des Engels der
herrschenden Kirche gesehen, die Vorsehung Gottes ber ihr und die Gte
ihres Hierarchen; wir sind selbst von ihm mit dem heiligen l gesalbt
worden und haben heute bei der Messe den Leib und das Blut des Erlsers
empfangen.

Ich trug in mir schon lange, seit dem Besuch beim Starez Pamwa, das
Verlangen, mich im Geiste mit ganz Ruland zu vereinigen und rief:

Und wir gehen mit dir, Onkel Luka!

Und so versammelten wir uns alle zu einer Herde, wie Schflein unter
einem Hirten, und hatten kaum begriffen, wozu und wohin der versiegelte
Engel uns alle gefhrt hatte, warum seine Wege zu Beginn verworren
waren, und wie er sich dann der Menschenliebe willen entsiegelte, die
sich in jener schrecklichen Nacht offenbarte.




                         SECHZEHNTES KAPITEL


Der Erzhler war zu Ende. Die Hrer schwiegen; schlielich aber
rusperte sich jemand und bemerkte, da in dieser Geschichte alles zu
erklren sei: Michailizas Trume, die Erscheinung, die sie im Halbschlaf
erblickte, das Herunterfallen des Engels, den eine hereingelaufene Katze
oder ein Hund herabgestoen hatte, auch Lewontijs Tod, der schon vor
seiner Begegnung mit Pamwa krank gewesen war, das alles sei erklrlich.
Zu erklren sei schlielich auch die zufllige Erfllung der Worte des
in Rtseln sprechenden Pamwa.

Begreiflich ist auch, fgte der Hrer hinzu, da Luka mit dem Ruder
ber die Ketten gegangen ist: die Maurer sind bekannt als Meister im
Steigen und Klettern, und mit dem Ruder hatte er das Gleichgewicht
gehalten. Es ist schlielich auch begreiflich, da Maroi um Luka ein
Leuchten gesehen hat, das er fr Engel hielt. Einem aufs uerste
gespannten, vor Klte erstarrten Menschen mag allerlei vor den Augen
flimmern! Ich wrde es selbst noch begreiflich finden, wenn zum Beispiel
der alte Maroi, seiner Voraussage nach, den Tag nicht berlebt htte
...

Er hat ihn nicht berlebt, erwiderte Mark.

Vortrefflich! Auch hierin ist nichts Verwunderliches, wenn ein
achtzigjhriger Greis nach solchen Aufregungen und einer derartigen
Erkltung stirbt. Aber was mir in der Geschichte ganz unerklrlich
bleibt, ist, wie das Siegel, das die Englnderin auf den neuen Engel
aufgedrckt hatte, verschwinden konnte?

Nun, das ist gerade das Allereinfachste, sagte Mark heiter, und
erzhlte, wie man bald darauf das Siegel zwischen Beschlag und Bild
gefunden habe.

Wie konnte das geschehen?

Nun so: auch die Englnderin wollte sich nicht erdreisten, das Gesicht
des Engels zu beschdigen, und so befestigte sie das Siegel auf einem
Papier, das sie unter den Beschlag schob. Das war sehr klug und
kunstfertig von ihr gehandelt, als aber Luka die Heiligenbilder auf
seiner Brust beim Tragen erschtterte, fiel das Siegel ab.

Nun, jetzt ist also die ganze Geschichte einfach und natrlich.

Ja, so schlieen viele, da hier alles auf ganz gewhnliche Weise vor
sich gegangen sei, und nicht nur die gebildeten Herrschaften, denen sie
bekannt geworden ist, sondern auch die Unsrigen, die im Schisma
verblieben sind, lachen darber, da uns eine Englnderin mit einem
Papierchen der Kirche zugeschoben habe. Aber wir streiten nicht gegen
solche Beweise. Jeder beurteilt es so, wie er es glaubt, uns aber ist es
gleich, auf welchen Wegen der Herr den Menschen zu finden wei und aus
welchem Gef er ihn trnkt, wenn er ihn nur sucht und seinen Durst nach
Vereinigung mit dem Vaterlande stillt. -- Aber da kommen schon die
Fell-Bauern aus dem Schnee gekrochen. Haben sich anscheinend ausgeruht,
die Herzigen, und werden gleich weiterfahren. Vielleicht nehmen sie mich
ein Stck mit. Die Wassilijnacht ist vorbei. Ich habe Sie ermdet und
Ihnen vielerlei von mir berichtet. Dafr habe ich die Ehre, Sie zum
neuen Jahr zu beglckwnschen, und verzeihen Sie mir Unwissendem um
Christi Willen!




             DIE EPOPE VON WISCHNEWSKIJ UND SEINER SIPPE




                            ERSTES KAPITEL


Im Perejaslawer Kreise des Poltawaschen Gouvernements lebte der
Gutsbesitzer Iwan Gawrilowitsch Wischnewskij. Durch die Freigebigkeit
der Kaiserin Jelisaweta Petrowna hatte er ein groes Gut an beiden Ufern
des Flusses Ssupoi erhalten. (Die Flsse Udai und Ssupoi werden in einem
Lehrbuch der Geographie als wegen ihrer vielen Mngel zur Schiffahrt
ungeeignet bezeichnet.) Das Gut bestand aus zwei groen Drfern, von
denen das eine Farbowanaja hie, das andere Ssosnowka.

Der alte Pan Iwan Wischnewskij lebte und starb auf diesem Gut. Nach
seinem Tode gingen Farbowanaja und Ssosnowka auf seinen Sohn, Stepan
Iwanowitsch Wischnewskij ber, der eine heroische Berhmtheit erlangte.
Es ist freilich mglich, da die Phantasie diese durch Legenden ergnzt
und ausgeschmckt hat.

Stepan Iwanowitsch war athletisch gebaut, ein Recke, dabei
gastfreundlich, starrkpfig und ein schrecklicher Wstling, aber er
besa Bildung. Er war einer der jungen Leute gewesen, die die Kaiserin
Jekaterina nach England geschickt hatte, zur Ausbildung des Verstands
und des Herzens. Nach seiner Rckkehr aus England trat er ins
Garderegiment zu Pferd ein, aber als er den Rang eines Leutnants
erhalten hatte, nahm er seinen Abschied, heiratete eine Adelige aus dem
Twerschen Gouvernement, Stepanida Wassiljewna aus dem Geschlechte der
Schubinskijs, und lie sich in seinem eigenen Hause zu Moskau nieder.

Zu tun hatte Wischnewskij hier nichts, und er begann wunderlich zu
werden.

Vor allem gedachte er, den Moskowitern durch seine kosakische
Nationalitt zu imponieren. Er wollte mit niemand verkehren, kleidete
sich kleinrussisch, trank viel Gebrannten und a angeblich nur
Brenfleisch.

Der Kaiserin wurde berichtet, da Wischnewskij die gesellschaftlichen
Sitten auer Acht lasse, und dem Starrkopf wurde eine Rge zuteil. Er
beschlo sich zu bessern und lie sich zu diesem Zwecke aus Kleinruland
einen Kosakenwagen mit einem Ochsengespann nach Moskau bringen und dazu
einen Burschen, der mit den Ochsen umzugehen verstand. Am Tage der
blichen und fr alle angesehenen Personen der Residenz obligatorischen
Visiten schickte sich Stepan Iwanowitsch an, bei allen Respektpersonen
Visite zu machen. Aber er fuhr nicht etwa leichthin in einer Equipage
aus, sondern mit einem ganzen Zuge. Voraus galoppierte ein Jockei auf
einer stutzschwnzigen englischen Stute, ihm folgte eine prchtige mit
sechsen bespannte Kutsche, in der der Kammerdiener sa, und hinter ihr
kam der Wagen, oder die kleinrussische Fuhre, auf der Pan Wischnewskij
thronte. Der Wagen war bespannt mit einem Paar schwarzgrauer
krummhrniger Ochsen. Der Pan sa, wie die kleinrussischen Bauern zu
sitzen pflegen, -- d. h. in der Mitte des Wagens auf einem Haufen
Roggenstroh und rauchte phlegmatisch eine Weichselpfeife kleinrussischer
Fasson. Der Kleinrusse, der die Ochsen lenkte, trug Pluderhosen so weit
wie Wolken, ein geteertes Hemd, schwere Stiefel und eine hohe, zottige
Mtze. Er ging mit einer Peitsche neben den Ochsen her, hielt sie mit
einem Riemen am Nasenring, damit sie in der lrmenden Stadt nicht
scheuen, und schrie ihnen bald Zo--be und bald Zob zu.

Der Jockei hatte die Liste der Personen, die dieser verwilderte Europer
besuchen sollte. Er sprengte voran, ritt in den Hof der auf der Liste
stehenden hochmgenden Persnlichkeit und meldete laut:

Mein Pan kommt!

Wenn dann der Zug in Sicht kam, wendete sich ihm der Jockei mit dem
Gesichte zu und rief wieder:

Da ist der Pan Wischnewskij selbst gekommen!

Dann hielt die Kutsche vor der Freitreppe, ihr entstieg der Kammerdiener
Stepan Iwanowitschs und trat ins Haus, um zu fragen, ob es den
Herrschaften genehm sei, seinen Herrn zu empfangen.

Empfing man Wischnewskij, so fuhr die Kutsche weiter, und an der
Freitreppe hielt die Fuhre mit dem Ochsengespann; Stepan Iwanowitsch
stieg aus, begab sich in die Gemcher und beschenkte freigebig die ihm
unter die Augen kommende Dienerschaft. In den Appartements benahm er
sich als vornehmer Herr und Europer, prunkte mit prchtigen Manieren,
vorzglichen Sprachkenntnissen und der schlagfertigen Bissigkeit seines
kleinrussischen Verstandes.

Denn er war ein zu Scherzen aufgelegter Herr, sprach Franzsisch und
Italienisch und vermochte in diesen Sprachen Gott zu preisen. Nur war er
zu faul dazu.




                           ZWEITES KAPITEL


Wischnewskij a, wie oben erwhnt, angeblich nur Brenfleisch und hielt
deshalb auf einem der Twerschen Gter seiner Frau einen Brenzwinger.
Man mstete dort die Bren und brachte sie nach Moskau zum Tisch Stepan
Iwanowitschs. Gegen die Polizei hegte Wischnewskij einen eingeborenen
und unbesiegbaren Ha, und kein Polizist durfte es wagen, sich zu
erkhnen, seinen Hof zu betreten, ohne zu riskieren, allen mglichen
Beleidigungen ausgesetzt zu sein, wenn ihn Stepan Iwanowitsch erblickte.
Wischnewskijs Haus zu Moskau war fr die Polizei unzugnglich, und aus
diesem oder einem anderen Grunde stand es bald in einem sehr
geheimnisvollen, aber wenig schmeichelhaften Rufe. Vor allem wurde
dieser durch die sittenlosen Instinkte Wischnewskijs in Bezug auf die
Frauen, oder um es genauer zu bezeichnen, auf die Kinder weiblichen
Geschlechts gefrdert. Die Polizei hate ihrerseits Stepan Iwanowitsch
ebenfalls und suchte einen Anla, um ihm seine Flegelhaftigkeit
heimzuzahlen, fand aber lange keinen geeigneten Grund dafr. Schlielich
stellte sich ein solcher ein. Ein Hofhund hatte einen noch nicht ganz
der Muskel beraubten Knochen auf die Strae geschleppt und dort fallen
lassen, und in diesem Knochen erkannte man das Gelenk eines kleinen
menschlichen Fues. Einige Tage spter wiederholte sich dasselbe. Man
beobachtete den Hund und sah, da er diese Knochen aus der Abfallgrube
holte. Die Dienerschaft der Nachbarhuser begann davon zu reden, da
Wischnewskij mit seinen leibeigenen Mdchen Schndliches treibe und sie
dann tte. Bald zhlte man auch schon die spurlos verschwundenen Mdchen
auf und nannte sogar ihre Namen.

Die Polizei erblickte hierin nicht nur einen hinreichenden Grund
einzuschreiten, sondern hielt es geradezu fr ihre Pflicht, -- was es in
der Tat auch war. Zu diesem Zweck erschienen der Polizeikommissar und
der Revieraufseher auf dem Hofe Stepan Iwanowitschs und schritten zur
Besichtigung der Grube, aus der der Hund die verdchtigen Knochen geholt
hatte. Die treuen Diener Stepan Iwanowitschs lieen die Polizei nicht
zur Besichtigung zu, ehe sie ihren Pan davon in Kenntnis gesetzt
hatten. Stepan Iwanowitsch zog seinen Rock an, ging selbst zu den
Polizisten hinaus und befahl ihnen, die Grube zu ffnen. Zur Freude der
Polizisten fand sich dort eine ganze Menge derselben Knochen, die den
Anla zu dem Verdachte gegeben hatten. Aber zugleich stellte sich
freilich heraus, da sie keineswegs berreste menschlicher Fe waren,
sondern die Tatzen der jungen, fr den Tisch Wischnewskijs getteten
Bren.

Die Polizisten gerieten in Verlegenheit und begannen sich bei
Wischnewskij zu entschuldigen, indem sie erklrten, sie seien durch
Verdchtigungen und verleumderische Gerchte zu diesem Migriff
verleitet worden.

Wischnewskij verzieh ihnen und ... prgelte sie mit der Knute.

Dieser krasse Vorfall hatte zur Folge, da ihm befohlen wurde, Moskau zu
verlassen und auf seinen kleinrussischen Drfern zu leben, die sein
Vater durch die Freigebigkeit der Kaiserin Jelisaweta Petrowna erhalten
hatte.

Wischnewskij mute sich dem Befehle unterwerfen und fuhr nach
Farbowanaja im Perejaslawschen Kreis, um dort sein Treiben in noch
grerer Freiheit fortzusetzen.

Der Vorfall mit den Brentatzen wird nach Moskauer Darstellungen
verschiedenen Personen zugeschrieben; Stepan Iwanowitsch Wischnewskij
wird er nur in einigen kleinrussischen berlieferungen zugeeignet, die
vor allem in den vom Udai und Ssupoi befruchteten Tlern verbreitet
sind. Bezglich der Visiten mit dem Ochsengespann suchte ich in Moskauer
berlieferungen vergeblich nach einer Erinnerung an diese originelle
Ausfahrt. Diese Erzhlung mu man daher als zweifelhaft ansehen. Aber
unter den Bewohnern der Tler von Udai und Ssupoi behaupten viele
Liebhaber solcher berlieferungen nachdrcklich die Wahrheit dieser
Geschichte und weisen alle Beweisgrnde, da sie in Moskau nicht
besttigt werde, mit Selbstvertrauen und voll Verachtung zurck, indem
sie ihre dicken Kosakenlippen aufwerfen und sagen:

Ja dort, -- wenn ihr die Wahrheit in Moskau suchen wollt!




                           DRITTES KAPITEL


Als Stepan Iwanowitsch Wischnewskij auf seine kleinrussischen Drfer
bersiedelte, baute er sich in den beiden Orten an den beiden Ufern des
ruhmwrdigen Ssupoi, in Farbowanaja und in Ssosnowka je ein Haus. In
beiden in groherrschaftlichem Stile errichteten Husern hielt er
zahlreiche Dienerschaft, Jagdgefolge, Gestte und Harems. Mit den
letzteren begngte sich Stepan Iwanowitsch brigens nicht, sondern
machte berdies bei allen Frauen seiner Herrschaft ausgedehnten Gebrauch
von den Rechten eines Padischah. Er lebte abwechselnd bald auf dem
einen, bald auf dem anderen Gut und hielt berall die von ihm
eingefhrten willkrlichen Sitten aufrecht. Er hielt es fr sein
vollstes Recht, jeden, wie er sich ausdrckte, zu seinem
Christenglauben zu bekehren, und erreichte frei und schrankenlos alles,
was er zu erreichen wnschte.

Unter allen Launen seines Eigensinns nahm Wischnewskijs unbezhmbarer
Ha gegen die Polizei die erste Stelle ein. Kaum war er angekommen, als
er die Anordnung traf, da weder der Kreischef, noch der
Polizeikommissar, noch berhaupt irgendein Beamter es wagen drfen, mit
Schellen durch seine Herrschaft zu fahren. Den Bauern war befohlen,
jeden, der mit Gelute durchs Dorf fuhr, anzuhalten und sich zu
erkundigen, wer er sei. Wenn der Durchreisende ein Adeliger oder
berhaupt eine Privatperson war, so muten sie ihn weiterfahren lassen
und ihm sagen, da das Land, durch das er fahre, dem Pan Wischnewskij
gehre, und da dieser Pan ehrliche Gste liebe und schtze. Sie luden
die Durchreisenden ein, zum Herrn zu kommen, um sich dort von den
Reisemhen zu erholen und die Gastfreundschaft des Pan zu genieen. Wenn
der Durchreisende Eile hatte und nicht zu Gast fahren wollte, sondern
sich hflich bedankte, hielt man ihn nicht mit Gewalt zurck, sondern
gestattete ihm ebenso hflich, weiterzufahren und ungehindert seine
Schellen luten zu lassen. Hatte dagegen der Reisende Zeit und erklrte
er sich damit einverstanden, zum Pan zu fahren, so begleitete man ihn
nach Farbowanaja oder nach Ssosnowka, je nachdem, in welchem der beiden
Drfer der Pan Wischnewskij zur Zeit lebte.

Stepan Iwanowitsch empfing alle diese Gste freundlich, fragte nicht
nach Rang und Amt und bewirtete sie nach damaligem Brauch ppig und
reichlich, -- manchmal allzu reichlich, so da manchen seine
Gastfreundschaft schlecht bekam. Doch gab es weder beim Essen noch beim
Trinken irgendeinen Zwang, nur wurde alles im berma aufgetragen, und
wenn sich einer dadurch zur Unmigkeit verleiten lie, so lag darin
keinerlei Zwang oder Gewalt von Seiten Wischnewskijs, und der
unvorsichtige Gast hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er fr seine
Vllerei ben mute.

Vielen Gsten, die Not zu leiden schienen, gab Stepan Iwanowitsch
betrchtliche Untersttzungen, Offizieren aber pflegte er stets etwas
Wertvolles zum Andenken zu schenken. Gegen Beamte jedoch, besonders aber
gegen die Polizei, zeigte sich Stepan Iwanowitsch als roher Tyrann, und
die Forderungen, die er an diese unglcklichen Menschen stellte, waren
derartig hart und erniedrigend, da es schwer verstndlich ist, wie sie
sich ihnen unterwerfen konnten und keine Mittel fanden, sich vor dem
Sonderling von Farbowanaja zu schtzen.

Wenn der Kreischef oder der Revieraufseher an die Grenze der
Wischnewskijschen Herrschaft kamen, muten sie den Wagen halten lassen
und die Schellen festbinden, damit sie nicht luteten. Andernfalls
muten die Bauern sie anhalten, ihnen das Gelute wegnehmen und sie
unverzglich zum Pan selbst in das Herrenhaus fhren. Widersprach der
Polizeibeamte, so drohte ihm eine doppelte Gefahr: nmlich erstens von
den Bauern geprgelt zu werden, die das auf den Kopf des Herrn tun
durften, das heit auf Verantwortung des Gutsbesitzers selbst; und
zweitens, vor den Pan gefhrt zu werden, bei dem jeden Polizeibeamten
ein ungeheuer erniedrigendes, aber mit unabnderlicher Strenge
eingehaltenes besonderes Zeremoniell erwartete.

Ob der Polizeibeamte gefgig oder widerspenstig war, ehrlich oder
anspruchsvoll, bei Pan Wischnewskij standen sie alle auf ein und
demselben Blatt. An ihre Ehrenhaftigkeit glaubte er brigens nicht im
mindesten, und es scheint, da er sich darin nicht allzusehr irrte. Er
hatte den Grundsatz aufgestellt, da kein Beamter die Schwelle seines
Hauses berschreiten durfte, gleichgltig in welcher Angelegenheit oder
unter welchem Vorwand. Hatten der Kreischef oder der Polizeikommissar
dienstlich mit ihm zu tun, oder muten sie mit einem Anliegen oder einer
Bitte bei ihm erscheinen, so wuten sie genau, da sie durch seine
Besitzungen ohne Gelute und mglichst leise fahren und vor dem Tore
halt machen muten; auf keinen Fall durften sie es wagen, in den Hof
einzufahren. Auf dem Gut und auf dem Hofe muten sie zu Fu gehen, am
Tor die Mtze abnehmen und an den Fenstern des Hauses stets mit
entbltem Haupte vorbergehen.

Andernfalls, beim geringsten Versto gegen diese Regel, packte die
darauf dressierte Hausdienerschaft den Betreffenden bei den Armen, stie
ihn vor das Tor und versetzte ihm mehrere krftige Nackenste. Da
dieses Verfahren genau und streng eingehalten wurde, wagte niemand, an
Ungehorsam oder Widerstand auch nur zu denken. Damit war aber die
Erniedrigung noch nicht zu Ende. Der Beamte durfte nicht weiter als bis
zur Freitreppe, unter der in einem Verlie die groen Madelanschen Hunde
hausten. Dort mute er stehen bleiben und warten, bis Stepan Iwanowitsch
seinen Kammerkosaken oder seinen Lakai zu ihm herausschickte. Den
Lakai mute der Beamte als seinesgleichen begren, das heit ihm die
Hand geben, und erst dann durfte er ihm den Zweck seines Besuches beim
Pan auseinandersetzen.

Fand Wischnewskij, da die Angelegenheit, wegen welcher der Beamte
gekommen war, keine Beachtung verdiene, so befahl er ihn davonzujagen.
War es dagegen eine adelige Angelegenheit oder eine Mitteilung aus den
hheren Sphren, so zog Stepan Iwanowitsch seine Pekesche an, setzte die
Mtze auf, kam selbst auf die Freitreppe hinaus und hrte den Beamten
an. Whrend der ganzen Zeit stand er seitwrts zu ihm und schaute ihn
kein einzigesmal an.

Hierauf ging Wischnewskij schweigend ins Haus, und der Lakai brachte dem
Beamten auf einem Teller ein Glas Schnaps und einen Fnfzigerschein. Der
Beamte mute zuerst den Schnaps austrinken, dann durfte er die fnfzig
Rubel fr den Imbi߫ nehmen. Fr Beamte gab es im Hause Wischnewskijs
keine Gastfreundschaft. Hatte der Beamte wider Erwarten eine hohe
Meinung von sich und weigerte sich, das ihm auf die Treppe
hinausgebrachte Glas Schnaps zu trinken, so erhielt er auch das Geld fr
den Imbi nicht. Der Lakai mute ihn in diesem Falle hinunterstoen, ihm
den Schnaps in den Rcken gieen, die fnfzig Rubel selbst einstecken
und an einer Leine ziehen, die zu dem eisernen Fallgatter fhrte, hinter
dem die Madelanschen Hunde unter der Treppe saen.

Da die Beamten dies alles wuten, wagten sie niemals, auch nur den
kleinsten Widerstand gegen die Einrichtungen Stepan Iwanowitschs zu
zeigen; sie waren sogar erfreut, wenn eine Angelegenheit sie zur
Freitreppe des Pans von Farbowanaja fhrte.

Wenn sich dies alles wirklich so verhielt, wie es die berlieferungen
erzhlen, so besaen die fnfzig Rubel fr den Imbi augenscheinlich
einen hohen Wert.




                           VIERTES KAPITEL


In Bezug auf Moral und Keuschheit war Stepan Iwanowitsch ein sehr
unzeremonieller und berdies naiver Mensch. brigens waren seine
Erlebnisse dieser Art einander meist sehr hnlich, doch schildert die
heroische Epope die auerordentlich originelle Rolle, die seine Frau,
Stepanida Wassiljewna, geborene Schubinskaja, dabei spielte. Anscheinend
kann man auch sie mit vollem Recht als psychopathisch bezeichnen, wenn
auch in einem anderen Sinne.

Sie war, wie bereits erwhnt, eine Twersche Adelige, eine gebildete Frau
aus sehr guter Familie. Sie liebte ihren Gemahl und lebte mit ihm stets
im besten Einvernehmen. Aus ihrer Ehe mit Stepan Iwanowitsch hatte sie
zwei Tchter. Die Geburt der zweiten Tochter verlief so unglcklich, da
Stepanida Wassiljewna fr ihr ganzes Leben einen Schaden davontrug.
Stepan Iwanowitsch begann sich von ihr fernzuhalten: wenn sie in
Farbowanaja lebte, fuhr er nach Ssosnowka, war sie in Ssosnowka, so fuhr
er nach Farbowanaja. Als Stepanida Wassiljewna dies sah und weil sie,
wie sie sagte, ihren Mann liebte, begann sie Vorsorge dafr zu tragen,
da er sich von ihr nicht fernhalte und da ihm das Leben bei ihr
nicht langweilig werde. Zu diesem Zweck hielt sie an Abenden
Spinnstunden ab, zu denen die Mdchen nur ungern und unter Trnen kamen,
aber Stepanida Wassiljewna behandelte sie freundlich, bewirtete sie so
lange, bis sie zutraulich wurden und nicht mehr weinten. Dann schrieb
sie ihrem Gemahl und lud ihn ein zu kommen, um sich an den Mdchen zu
erfreuen. Und er antwortete ihr: Ich danke dir sehr und wei deine
Sorge fr mich zu schtzen, im brigen habe ich bei der Auswahl zu
deinem Geschmack mehr Vertrauen, als zu meinem eigenen.

Eine solche Antwort ihres Mannes freute Stepanida Wassiljewna nicht nur,
sondern rhrte sie. Ihre Gefhle fr Stepan Iwanowitsch brannten mit
doppelter Glut, und sie schrieb ihm unverzglich in aller Eile zurck:
Fr dein Vertrauen, mein teuerster Freund, danke ich dir vielmals, und
ich hoffe, da die Wahl meines Geschmacks, auf den du so vertraust,
deinem Herzen gefallen wird. Nur bitte ich dich, Engel meiner Seele,
komm so bald wie mglich zu mir, denn mein Herz sehnt sich nach dir, und
du wirst sehen, da ich ber nichts gekrnkt bin, sondern deinen
Geschmack verstehe. Unsere Kinder sind beide gesund, gren dich und
kssen deine Hnde. Unterschrift: Deine treue Frau und Dienerin
Stepanida.

Wenn Stepan Iwanowitsch eine solche Nachricht erhielt, gab er sein
Einzelleben auf und fuhr zu seiner Gemahlin, die damit ihren Zweck
erreicht hatte, da er in ein und demselben Hause mit ihr lebe, ohne
sich zu langweilen.

Sie verhtschelte nicht nur die Favoritinnen, die sie fr ihren Mann
auswhlte, sondern pflegte und versorgte auch seine Kinder, die sich bei
der patriarchalischen Ordnung dieses Herrenlebens in Farbowanaja rasch
vermehrten.

Wischnewskij selbst war bei weitem nicht so gutherzig und aufrichtig wie
seine Frau: wenn sich sein verderbtes Herz bei der Person, welche die
Obliegenheit hatte, ihm das Leben kurzweilig zu machen, zu langweilen
begann, so schickte sich Wischnewskij an, wieder allein im anderen Dorfe
zu leben.

Stepanida Wassiljewna verstand dies sogleich und hinderte ihren Mann
daran nicht, da fr sie der Friede und das eheliche Einvernehmen, nach
dem Vermchtnis der Vorfahren, am hchsten in der Welt standen; einige
Zeit spter traf sie wieder Vorbereitungen und schrieb ihm einen
vorsichtigen und zrtlichen Brief, in dem sie sagte: Deine List und
deine Unaufrichtigkeit mir gegenber in wichtigen Angelegenheiten
krnken und qulen mich sehr, mein Freund, da ich sie durch nichts
verdient habe. Gott sieht meine Wahrhaftigkeit, und da ich dich ber
alles in der Welt liebe. Durch die Trennung von dir welkt mein Herz
dahin wie Gras, und meine heien Trnen versiegen nicht. Die Person, die
dich durch ihre Reizlosigkeit ermdet und gelangweilt hat, habe ich
durch meine Bemhungen ohne viel Aufhebens versorgt; alle sind jetzt mit
ihrer Lage vollkommen zufrieden und bedanken sich. Wenn du bald zu mir
kommst, kannst du dich an einer sehr liebenswrdigen Person ergtzen.
Unsere Kinder sind durch Gottes Gnade wohlbehalten und gesund und beten
fr ihren Vater. Und wieder dieselbe Unterschrift: Deine Frau und
Dienerin.

Wischnewskijs Antwort waren Gre an seine Frau und die Versicherung
seines vollen Vertrauens zu ihrem Geschmack, und bald darauf kehrte
Stepan Iwanowitsch in den Scho seiner Familie zurck. Man erwartete ihn
natrlich und begrte ihn mit Zymbeln und Gesang, Zurufen und
Schmeicheleien und allem, was notwendig war, um ihn so zufrieden zu
stellen, wie er es sich selbst wnschte und seine zrtliche,
berzrtliche Frau es einrichten konnte, die das Unglck gehabt hatte,
aus einer lebhaften und reizenden Frau auf Lebenszeit ein unbrauchbarer
Mensch zu werden.




                           FNFTES KAPITEL


Nach dem beschriebenen Zwischenfall besserte sich Stepan Iwanowitsch in
Bezug auf seine Verschlossenheit und sein Mitrauen und nahm nie mehr
Zuflucht zum Separatleben.

Stepanida Wassiljewna sorgte fr ihn, wie sich die Bauern ausdrckten,
wie eine Mutter fr ihr Kind.

Die unwahrscheinliche, primitive Einfachheit dieser Beziehungen, die an
die biblische Erzhlung von Sarah und Hagar erinnert, wird noch
unwahrscheinlicher, wenn man den Einzelheiten Glauben schenken will, die
die Bauern ber das Leben dieser Ehegatten erzhlen.

Stepan Iwanowitsch war ein reiner Trke. Seine mannigfaltigen
Verbindungen umfaten alle Arten von Liebe, von einer flchtigen
Verirrung bis zur Anhnglichkeit eines Sultans an seine Odaliske oder an
seine erste Sultanin. Die vorbergehenden Beziehungen kommen natrlich
nicht in Betracht, die Stellung der ersten Sultanin nahm
selbstverstndlich seine gesetzliche Frau ein, die er vielleicht auf
seine Weise liebte und auf jeden Fall, wie er versicherte, hoch
schtzte.

Wenn jemand etwas wider mich unternimmt, pflegte er zu sagen, so kann
ich es vielleicht noch verzeihen, aber wenn es jemand einfllt,
Stepanida Wassiljewna zu beleidigen, so werde ich ihn zu erreichen
wissen, wer es auch sei, und selbst Zar Iwan der Grausame hat keine
derartigen Marter ersonnen wie die, mit denen ich den Beleidiger meiner
Frau strafen werde.

Alle wuten dies und wuten zudem, da Stepan Iwanowitsch nicht
scherzte, sondern alles, was er sagte, auch machte, und so kam es
niemandem in den Sinn, Stepanida Wassiljewna gegenber auch nur das
geringste Anzeichen von Unehrerbietigkeit oder Ungehorsam zu uern.
Nicht alle dagegen verstanden diese eifrige Sorge Wischnewskijs fr
seine Frau, und whrend die einen sie seiner bergroen Zrtlichkeit
zuschrieben, sahen andere darin Verschlagenheit, wie sie ja dem
kleinrussischen Charakter Wischnewskijs in der Tat in betrchtlichem
Mae eigen war. Sie nahmen an, er wolle allen vor seiner Frau Furcht
einjagen, damit ihre auf die Ergtzung seines Lebens durch die Liebe
der leibeigenen Odalisken gerichteten Bemhungen nicht auf den
geringsten Widerstand stieen, da er jeden Ungehorsam ihr gegenber so
bestrafen wrde, da Zar Iwan der Grausame in seinem Grab erzitterte.

brigens mag es sein, wie es will, Bestimmtes ist darber nicht zu
sagen; dagegen wird mit Bestimmtheit erzhlt, da Stepan Iwanowitsch,
der in seinen sonstigen flchtigen Romanen verderbt und rcksichtslos
bis zur Grausamkeit war, es liebte, in seine Beziehungen zu den
Odalisken, die ihm seine erste Sultanin nach ihrem Geschmack auswhlte,
eine eigenartige Poesie zu tragen. Es entsprach dies ganz seiner Natur,
in der sich in solchen Fllen etwas Zartes und Gefhlvolles uerte.
hnlich wie Don Juan darf er sich rhmen, da er diese jungen Wesen nie
durch Rauheit krnkte, sie auch nie mit kalter Leidenschaftslosigkeit
verfhrte. Nein, er kam immer mit zarter Aufmerksamkeit in das Haus
seiner Frau, die fr ihn liebevoll eine neue Freude bereithielt, und die
beiden Gatten pflegten die Erwhlte, wie man ums Morgenrot einen Falken
steigen lt. Sie liebkosten, schmckten und htschelten sie, das
Mdchen wohnte in den Gemchern Stepanida Wassiljewnas, war bunt
gekleidet, mit Sigkeiten bersttigt und versank in Genssen, so da
sie selbst nicht merkte, wie sie von einer Rolle in die andere berging
und lange Zeit, wie benebelt, nicht wute, was mit ihr geschah und womit
das enden wrde. Alle diese Odalisken hatten das Kindesalter noch kaum
berschritten, in dem der Kopf noch arm an Erfahrungen ist, die
Vorstellungen ber die Zukunft noch unentwickelt sind und nur das
lusterfllte Leben des Augenblicks lockt. So gaben sich viele aufrichtig
mit Herz und Seele ihrem Gebieter hin, oder empfanden ihre Rolle
wenigstens nicht als Last; Stepanida Wassiljewna aber liebten sie wie
eine Mutter. Und in der Tat, sie verhtschelte sie wie eine Mutter und
ermunterte sie wie eine ltere Haremsgenossin, die sich ber das Glck
freut, das die jungen Odalisken ihrem geliebten Padischah bereiten.
Frau, Mann und die diensthabende Favoritin trennten sich im Hause fast
nie und verbrachten die meiste Zeit zu dritt. Einige seiner Odalisken
aber liebte Stepan Iwanowitsch so sehr, da er sich keinen Augenblick
von ihnen trennen konnte. Wischnewskij war dann zu seiner Geliebten
nicht nur gefhlvoll, sondern liebevoll wie ein feuriger Jngling, und
wenn er das Haus unbedingt verlassen mute, so nahm er sie in der
Verkleidung eines Pagen oder Jgers, dem die Obhut seiner kostbaren
Bernsteinpfeifen und seiner Tabaksbeutel anvertraut war, mit. Da Stepan
Iwanowitsch stets, selbst Nachts rauchte, war ihm ein solcher
Pfeifenjunge unentbehrlich, und er hatte immer einen bei sich.

Man schlo daraus, da Stepan Iwanowitsch hier bis zu einem gewissen
Grad von Eifersucht geleitet wurde, doch entbehrt diese Annahme jeder
Grundlage, da er ja nichts riskierte, wenn er das Mdchen unter der
Obhut Stepanida Wassiljewnas zurcklie. Man mu vielmehr annehmen, er
habe, wie es diejenigen behaupten, die diesen kleinrussischen
Psychopathen genauer kannten, seine Favoritinnen so leidenschaftlich
geliebt, da er sich von ihnen so lange nicht trennen konnte, bis seine
Leidenschaft ihren gewhnlichen Lauf genommen hatte und abflaute.

Die Anhnglichkeit Stepan Iwanowitschs an die betreffende Odaliske war
um so strker, je grere Zrtlichkeit und Sorge sie in seiner Frau
weckte. War Wischnewskijs Leidenschaft verflogen und fuhr er hinter den
Ssupoi, so nahm Stepanida Wassiljewna die Sorge auf sich, die alte
Ergtzung unterzubringen und eine neue vorzubereiten, die den Pan von
Farbowanaja wieder vom anderen Ufer zurcklocken sollte.

Tragisch waren diese Trennungen nie. Dank der Taktik, der Gte und der
Freigibigkeit Stepanida Wassiljewnas wurden alle diese Angelegenheiten
friedlich und im Guten und zur allgemeinen Zufriedenheit smtlicher
Verwandten des Mdchens beigelegt. Eine einzige Ausnahme bildete der
Fall eines fnfzehnjhrigen Bauernmdchens, das das Herz Wischnewskijs
besonders stark gefesselt und ihm einen Sohn und eine schmerzliche Spur
in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte.




                           SECHSTES KAPITEL


Die lokalen berlieferungen berichten sogar den Namen des wie ein
Mrchen schnen, schwarzugigen Mdchens, das zu dem Pan in ziemlich
spten Jahren seines Lebens in Beziehungen trat. Es hie Gapka
Petrunenko. Sie war so schn, da es den Augen wohltat, sie zu
schauen, und hatte, wie die Geschichte erzhlt, ein sanftes Herz und
eine empfngliche Seele. Wischnewskij konnte ihre schlanke Taille mit
seinen Fingern umspannen, und er liebte sie, wie keine andere, die vor
oder nach ihr seine Gunst geno. Er kleidete sie in rosa Atlas und in
Jacken aus kostbaren trkischen Schals, er trug sie auf den Hnden und
kte ihre Fe.

Stepanida Wassiljewna, die diese heie Liebe ihres Mannes zu dem Mdchen
sah, widmete sich ihr in einem solchen Mae, da sie sich selbst und
ihre beiden Tchter zu vergessen schien, von denen die jngere schon
zwlf Jahre zhlte. Am Morgen flocht Stepanida Wassiljewna selbst Gapkas
schwarze Flechten, abends lste sie sie ihr und lie ihre dichten Locken
von aromatischem Rauch durchziehen. Sie gestattete keiner niedrigen
Hand, ihren Krper zu berhren und benetzte selbst mit rosenduftendem
Wasser ihre Fe, auf die Stepan Iwanowitsch in leidenschaftlicher
Selbstvergessenheit seine Lippen drckte. Mit einem Wort, dieses
prchtige Mdchen war die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt
im Hause Wischnewskijs unterschied sich weit von dem aller anderen.
Selbst wenn Stepan Iwanowitsch mit den Hunden auf die Jagd ritt, nahm er
Gapka mit und begngte sich nicht damit, da sie als Tscherkessin
gekleidet im ruhigen Jagdwagen mitfuhr, sondern nahm sie aus dem Wagen
und setzte sie vor sich in den Sattel. Wenn das Mdchen von dieser
unbequemen und anstrengenden Reise mde wurde und der Schlaf ihr
Kpfchen neigte, berlie sie Wischnewskij keiner fremden Hand, sondern
brach die Jagd ab und brachte Gapka vorsichtig mit eigenen Hnden nach
Hause. Und Gott mochte dem von seinem Gefolge gndig sein, der durch ein
Gerusch den kindlichen Schlaf der Geliebten des Pan strte! Dem
Schuldigen waren die feuchte Grube und Peitschenhiebe sicher.

Ebenso sorgsam bergab Wischnewskij an der Freitreppe das Kind den
Hnden der ihn Erwartenden und begleitete sie dann selbst, wenn man
Gapka in aller Stille in die Gemcher Stepanida Wassiljewnas trug.

Dort entkleidete man sie und legte sie auf die Atlaskissen des breiten
trkischen Diwans, auf dessen Rand sich die Gatten setzten und ihren Tee
tranken. Whrend der ganzen Zeit sprachen sie kein Wort, sondern
ergtzten sich damit, das schlafende Mdchen anzuschauen. Wurde es Zeit,
zur Ruhe zu gehen, so stand Stepanida Wassiljewna auf und ging mit
leichtem Schritt ber den Teppich in das anstoende Zimmer, wo ihr
Schlafgemach war. In dankbarem Schweigen kte Stepan Iwanowitsch seiner
Frau oftmals die Hand und flsterte ihr zu:

Du bist mein Schutzengel, -- ich bete dich an!

Stepanida Wassiljewna fhlte und teilte das Glck ihres Mannes mit einer
unglaublichen, vielleicht nur ihr eigenen Hingabe.

Sie ging in ihr Schlafzimmer, betete dort lange vor dem Heiligenbild und
ging dann wieder mit unhrbaren Schritten in das anstoende Gemach, wo
die schlafende rosige Gapka mit ihren jungen krftigen Hnden die Kissen
umfing, whrend die athletische Gestalt Wischnewskijs zu den Fen des
schlummernden Mdchens auf dem Teppich lag, den Kopf gegen den Diwan
gelehnt.

Stepanida Wassiljewna schlug ber die beiden das Kreuz, kehrte in ihr
Witwenbett zurck, und ihr Schlaf war ruhig, friedlich und erquickend.
In diesem ganzen seltsamen, scheinbar widersinnigen Gemenge von Gefhlen
und Beziehungen erblickte sie nichts fr sich Erniedrigendes, nicht
einmal etwas Unpassendes; im Gegenteil, es schien ihr, als ob es gar
nicht besser gehen knne.

Die grenzenlose Liebe dieser Frau zu ihrem Manne und das groe Unglck,
das ihr Gesundheitszustand fr sie bedeutete, hatten ihre moralischen
Begriffe, die niemandem klar und verstndlich schienen, derart
verndert. Da ich diese Erzhlungen nur als Sammlung einzelner Berichte
aus dem Mund Verschiedener wiedergebe, werde ich mich nicht weiter
bemhen, die Persnlichkeit Stepanida Wassiljewnas genauer zu erklren.
Ich glaube aber, da man sie heute mit dem Begriff psychopathisch
bezeichnen wrde. Ich gebe nur die interessante Erzhlung wieder, wie
ich sie selbst gehrt habe, ohne an den Charakteren und Sitten der
Helden dieser legendren Berichte eigene Kritik ben.

Ich glaube, da es sich hier in erster Linie nicht um Kritik handelt,
zumal alle handelnden Personen schon ins Reich der Schatten gewandert
sind, sondern darum, der Nachkommenschaft die Erinnerung an die
erstaunliche Unmittelbarkeit ihrer Charaktere und an ihr originelles,
launenhaftes Leben zu bewahren.

Wohlbekannt sind uns die strmischen Naturen unserer grorussischen
Adligen, deren Leben nach dem Ausspruch eines Dichters unter Festen,
sinnlosem Prahlen, kleinlichen Lastern und kleinlicher Tyrannei verlief,
und bei denen der Chor der unterdrckten, zitternden Menschen das Leben
der Hunde und Pferde beneidete. Wir wissen, wie unsere alten
Weinschluche unter dem Gren des jungen, in sie gegossenen Weines
zitterten. Die gesunde realistische Richtung unserer grorussischen
Literatur, die uns vielleicht den Vorwurf des bertriebenen Realismus
eintragen wird, zeigt uns das wahre Gesicht unseres grorussischen
Lebens. Die kleinrussischen Schriftsteller folgen aber unserer fr die
Jetztzeit vielleicht einzig ntzlichen Richtung nicht. Das Leben des
kleinrussischen auftrumpfenden Herrentums ist uns entweder durch die
Romantik oder durch die primitive Volkstmlichkeit der kleinrussischen
Schriftsteller verschleiert. Wird es einmal geschildert, so meist in
schwlstigen Formen, die an die endlose polnische Historie vom Pan
Kochanko erinnern. Aber das kleinrussische Herrenleben hat seine
Originalitt, die des Studiums wert ist und zugleich ein ziemlich helles
Licht auf die Eigenheiten der kleinrussischen Charaktere wirft, die,
nach der Bemerkung Schewtschenkos, der Welt die gemeinen Enkel
berhmter Grovter liefern.

Es ist nutzlos, sich mit den Vertretern jener mittleren Generation zu
befassen, die wie eine Schicht zwischen den Grovtern und den Enkeln
liegt, zwischen denen, die der nationale Poet als groe rhmte, und
jenen, die er zu den gemeinen rechnete. Vor uns stehen Gestalten, die
an der Wasserscheide jener beiden Hauptstrmungen stehen, deren eine das
kleinrussische Land zu nie erreichter Hhe getragen hatte, whrend es
die andere zu nie wieder gut zu machender Gemeinheit fhrte.

Alles auf der Welt ist begrndet, folgerichtig und bedingt, und so
knnen die Glieder einer Kette nur ihre Form ndern, aber
nichsdestoweniger fat ein Glied das andere, und jedes ist unabnderlich
mit dem anderen verbunden.

Indem ich in diesen Aufzeichnungen alles vereine, was ich ber
Wischnewskij und seine Sippe gehrt habe, glaube ich damit der Literatur
ein vergessenes Kettenglied zu erhalten, das bisher nur in einzelnen
berlieferungen bewahrt wurde. Mglicherweise sind diese nicht alle
zuverlssig, aber selbst in diesem Falle sind sie als Schpfung des
Volkes interessant, weil sie bezeichnend sind fr das, was die Phantasie
der Menschen in Erstaunen versetzte und begeisterte, oder was ihnen
gefiel.

Ich fahre in meiner Erzhlung ber Wischnewskij fort.

Einige Zeilen weiter oben verlieen wir den mchtigen Pan von
Farbowanaja, wie er auf dem Teppich zu Fen seiner lndlichen Nymphe
schlief. Lassen wir ihn noch in dieser Stellung, wie sie schner und
poetischer in seinem willkrlichen und zgellosen Leben kaum je vorkam.
Mgen sie s weiterschlafen bis zur Morgenrte des Tages, der ihr Glck
und ihre Ruhe trben und in den Becher der Liebesfreuden des Pan den
Tropfen des bitteren Schierlings trufeln wird.

Wir werden spter auf das [**Erreignis>Ereignis] zu sprechen kommen, das
den Hhepunkt der Leidenschaften und der moralischen Verwirrung
Wischnewskijs darstellt und nach dem seine Geliebten einander wieder in
rascher Folge ablsten, ohne jene beschriebene Hhe zu erreichen;
Wischnewskij lie aber bis zu seinem Tode nicht von ihnen.

Zeichnen wir nun, so gut wir es verstehen und vermgen, die brigen
Seiten seiner Ttigkeit und seines Charakters.




                          SIEBENTES KAPITEL


In keiner der Erzhlungen, die ich ber Wischnewskij hrte, nimmt er als
Vater und Erzieher eine charakteristische Stellung ein; er wird
ausschlielich als Erzeuger erwhnt. Im brigen wird berichtet, da,
als um jene Zeit in Petersburg die Institute eingefhrt wurden und der
eingesessene Adel auf Wunsch der Kaiserin die Aufforderung erhielt,
seine Tchter zur Erziehung dorthin zu bringen, Wischnewskij nach
Petersburg reiste und seine Tochter persnlich hinbrachte. Jedoch wird
dieser Umstand nicht erwhnt, um die vterliche Frsorge Wischnewskijs
zu bezeugen, sondern weil diese Reise mit einem anderen interessanten
Ereignis in Verbindung steht, von dem spter berichtet werden wird. Auch
als Gutsbesitzer, in seiner Eigenschaft als Herr, Richter und Zchtiger
der ihm untergebenen Leibeigenen bewies Wischnewskij keine besondere
Originalitt, sondern fhrte die Herrschaft, wie sie von alter Zeit her
gefhrt wurde. Alles wurde durch Leibeigene und gemietete rechtglubige
oder polnische Aufseher verrichtet. Wischnewskij hatte einige Polen in
seinem Dienst, gegen die er keinerlei Feindschaft hegte, ber die er
sich aber gerne lustig machte. Auch einige Juden waren da, die der
Psychopath auf verschiedene Weise zu erschrecken pflegte. Mehr als einen
von ihnen hatte er zu Tode erschreckt, aber sie kamen immer wieder zu
ihm, da Wischnewskij manchmal freigebig war und ihnen manchen Verdienst
zukommen lie. Im brigen bentzte er die Juden als Kommissionre. Aber
Gott sei dem gndig, der ihn betrog! Er lie ihn mit Ruten und Peitschen
schlagen und qulte ihn fast noch mehr durch Furcht.

Wischnewskij war auch Patriot, was sich  la longue in seiner Vorliebe
fr den kleinrussischen Kaftan und die kleinrussische Sprache uerte,
und zudem -- in seiner Verachtung fr die Auslnder. Besonders wenig
schtzte er die Deutschen, die er aus zwei Grnden nicht achten konnte:
erstens, weil sie stockbeinig sind, und zweitens, weil ihm ihr Glaube
nicht gefiel, -- sie verehren die Heiligen nicht. Stepan Iwanowitsch
nahm von sich an, da er die Heiligen verehre. Er war in
Glaubenssachen vollkommen unwissend und kritiklos und lie sich auch
nicht auf religionsphilosophische Fragen ein, da er fand, da dies eine
Sache der Popen sei; er beschtzte und verteidigte nur als Ritter
seinen Glauben vor allen Andersglubigen. Er sah in diesem Punkte mit
den Augen des einfachen Volkes, das nur die Rechtglubigen zu den
Christen zhlt, alle brigen andersbetenden Christen fr Unglubige,
die Juden aber und das ganze sonstige Pack als unrein ansieht. Aber
auch der Auslnder, ja sogar der Deutsche, konnte an den Tisch Stepan
Iwanowitschs gelangen, und einer -- gerade ein Deutscher -- lebte sogar
in seinem Hause und geno sein Vertrauen; doch bevor sich der
Unglubige ihm nhern durfte, suchte sich das religise Gewissen
Wischnewskijs Genugtuung und Frieden mit sich selbst zu verschaffen.
Stepan Iwanowitsch, der nach seinem eigenen Gestndnis keinen
Katechismus gelernt hatte, hatte fr den Empfang von Andersglubigen
eine sehr konkret formulierte Frageordnung aufgestellt.

Stepan Iwanowitsch fragte den Lutheraner oder Katholiken: Nun, wenn du
auch anders glaubst und betest als wir, den heiligen Wundertter Nikola
achtest du doch gewi?

Der so geprfte Andersglubige wute aus zuverlssigen Gerchten, was
mit ihm geschehen wrde, wenn er es wagen wollte zu sagen, da er den
Wundertter nicht verehre, zu dem der Pan von Farbowanaja so sehr hielt.
Er htte sogleich erfahren, wie krftig die Sthle sind, auf die Stepan
Iwanowitsch seine Gste setzte, und wie biegsam die Weiden, die ihre
Zweige in das Wasser des Ssupoi tauchen. Aber da jeder Andersglubige,
der das Glck hatte, Wischnewskij so weit fr sich einzunehmen, da er
schon mit ihm ber den Glauben sprach, dies genau wute, so antwortete
er ihm, wie es die Empfangsordnung verlangte:

O ja, erwiderte der also befragte Andersbetende, wie sollte ich den
Nikola nicht achten, wo ihn doch die ganze Welt verehrt!

Nun, >die ganze Welt<, Bruder, da hast du doch etwas zuviel gesagt,
versetzte Stepan Iwanowitsch; du mut wissen, da der heilige Nikola
von Geburt Moskowite ist, du sollst aber unseren >russischen< Jurka
verehren.

Das Wort russisch im Sinne des klein- oder sdrussischen, wurde damals
scharf dem moskowitischen, grorussischen entgegengesetzt.
Moskowitisch und russisch waren zwei getrennte Begriffe, im Himmel und
auf Erden. Die irdischen Unterschiede waren jedem durch seine leiblichen
Augen sichtbar, die himmlischen dagegen wurden durch den Glauben
erkannt. Dem Glauben nach obliegen aber die grorussischen
Angelegenheiten der Sorge des wunderttigen Nikolai, des Patrons
Rulands, die sdrussischen aber finden Schutz und Hilfe in der Frsorge
des den Kleinrussen besonders geneigten heiligen Jurij, oder wie man ihn
heute nennt, des heiligen Georg.

Jeder Andersglubige, der die Prfung ber den heiligen Nikolai
bestanden hatte, versicherte nun Wischnewskij noch bestimmter, da er
auch den heiligen Jurij verehre, noch mehr, als den Nikola.

Dies gefiel Stepan Iwanowitsch. Damit war die Katechisierung des Gastes
beendet, und dem nun Aufgenommenen wurde der Glaubensunterschied nie
mehr vorgeworfen. Ja, wenn jemand zufllig diesen Unterschied erwhnte,
so unterbrach ihn Stepan Iwanowitsch und sagte:

Es ist kein Unterschied da, er verehrt den Nikola, aber noch mehr den
heiligen Jurka.




                            ACHTES KAPITEL


Also genossen die Andersglubigen, die sich gebessert hatten, das
Vertrauen des Psychopathen, und ein Deutscher verwaltete sogar, beinahe
ohne Rechenschaft abzulegen, eines seiner Gter und geno so ausgedehnte
Machtvollkommenheit, da er fast alles tun durfte, was Wischnewskij tat.

Nur in bezug auf die Frauen erlaubte ihm Stepan Iwanowitsch nicht, sein
Begehren auf den Gesindehof auszudehnen, damit niemand she, wie sich
eine Frau des wahren, griechischen Glaubens mit einem Deutschen
einlasse. Aus diesem Grund dachte er fr ihn einen Schimpf aus, der den
Mchtigen selbst in den Augen eines Kindes erniedrigen mute. Der
Deutsche war verpflichtet, im Sommer leichte Kleidung und im Winter
einen wattierten Schlafrock und Pantoffeln anzulegen, eine Laterne in
die Hand zu nehmen und so in der Begleitung eines Aufsehers, der fr
sein Leben verantwortlich war, ins Dorf zu gehen. Dem Deutschen war
dieses Verbot auferlegt, damit von ihm keine Vermehrung des Deutschen
kme, sondern alles zu Gunsten des Russischen ginge.

In den Einzelheiten schienen es zwar nur teilweise Beschrnkungen zu
sein, aber im Zusammenhang hatten sie zur Folge, da der Deutsche sich
bei Stepan Iwanowitsch beklagte:

Keine Mglichkeit.

Aber warum denn?

Alle laufen davon.

Das bedeutete, da, sobald der Deutsche in seinem langen Schlafrock, mit
seiner Laterne und in Begleitung des fr sein Leben Verantwortlichen
seinen nchtlichen Gang antrat, ihn alle schon von ferne erblickten und
diejenigen, denen sein Besuch drohte, davonliefen und sich versteckten.

Stepan Iwanowitsch tat, als ob er dies bedaure, lie aber keine nderung
an der von ihm eingefhrten Ordnung zu.

Ohne Laterne und ohne Begleiter werden sie dich packen und verprgeln,
und ich habe dann niemanden, der mir fr dich verantwortlich ist, sagte
er, als sei er aufrichtig von der Notwendigkeit seiner Einfhrung
berzeugt; aber Leute, die ihn nher kannten, bemerkten, da, wenn er
mit dem Deutschen ber die Angelegenheit sprach, seine eine
Schnurrbartspitze lachte.

Als wirklicher Psychopath vereinigte er in sich viel Sinnloses mit
Schlauem so innig vermischt, da man unmglich ergrnden konnte, was
Ernst und was Scherz war.

Der Spa mit dem Deutschen endete damit, da er so lange mit seiner
Laterne wie ein leuchtendes Johanniswrmchen im Gras einherging, bis ihm
einmal im Schuppen einer Bauernhtte die Rippen eingedrckt wurden und
der fr sein Leben verantwortliche Begleiter ihn nach Hause trug, wo er
seine deutsche Seele unverzglich Gott empfahl, die Seele, die hier in
Verehrung der Heiligen Nikolai und Georgij gelebt hatte.

Ungeachtet der freiwilligen Unterwerfung dieses Deutschen unter die
genannten Heiligen, hielt es Stepan Iwanowitsch doch fr unpassend, ihn
innerhalb des Friedhofes zu beerdigen, neben den Vorfahren wahren
stlichen Glaubens; er ordnete an, ihn auerhalb der Umfriedung zu
begraben und auch kein Kreuz aufs Grab zu setzen, sondern einen groen
Stein darauf zu legen, damit die Mden sich setzen und ausruhen knnen.

In allen Fllen beobachtete er einen eigenen, in seiner Art sehr
originellen Ton, der wie von seinem Humor, so auch vom Respekt vor dem
heimatlichen Glauben zeugte, welch letzterer sich weniger auf dem
Katechismus als auf den Heiligen Nikola und Jurka grndete. Aber Gott
allein wei, ob alles sich wirklich so verhielt, wie er vorgab, oder ob
ihn etwas anderes leitete.

Um die Religiositt Wischnewskijs vollkommen zu kennzeichnen, mu man
hinzufgen, da er es durchaus nicht jedem gestattete, den Heiligen
Nikolai und Jurij anzurufen und zu verehren, sondern nur den Christen
anderer Bekenntnisse. Diese befreiten sich durch den Respekt vor diesen
Heiligen aus aller Not und empfingen die Gnade Stepan Iwanowitschs. Den
Juden aber erlaubte er unter keinen Umstnden, ihre Zuflucht zum Schutz
dieser Heiligen zu nehmen, und jeden, der auch nur eine Neigung dazu
verriet, unterwarf er einer Prfung. Einmal hatte ihn ein Jude betrogen
und sollte dafr geprgelt werden. Als man ihn vor die Freitreppe
schleppte, von der aus Stepan Iwanowitsch sein Urteil verkndet hatte,
begann der Jude sich jmmerlich zu krmmen und zu schreien:

Oi, wie ich sie verehre ... ich verehre den Nikola, verehre auch den
Jurka ...

Stepan Iwanowitsch befahl den Liktoren innezuhalten und fragte den
zitternden Juden:

Was schreist du da?

Wie ich sie verehre, ... wie ich verehre ...

La das Stammeln, -- sage ruhig, wen du verehrst!

Oi, alle, oi, die beiden verehre ich, den Heiligen Nikola und den
Heiligen Jurka.

Nun, das tust du vergeblich.

Oi, weswegen, ... oi, weshalb vergeblich ... wenn sie doch gndig sind,
vielleicht, da sie sich meiner erbarmen.

Ja, sie sind gndig, das ist ganz richtig, aber mit den Juden, Bruder,
haben sie nichts zu schaffen. Ihr habt euren Moses, den ruf an, wenn man
dich prgelt. Aber dafr, da du es gewagt hast, mit deinen Judenlippen
so heilige Namen auszusprechen, gebt ihm, ihr Jungens, noch zehn mit der
Peitsche fr den Nikola, und fnfundzwanzig fr den heiligen Jurka,
damit er sich nicht mehr erfrecht, sie anzutasten.

Natrlich schleppte man den unglcklichen Juden fort und verabreichte
ihm zuerst getreulich, was ihm fr den Betrug zukam, und dann eine
Zulage von weiteren fnfunddreiig Hieben fr den nach der Meinung
Wischnewskijs unangebrachten Versuch, sich beim Nikolai und beim
heiligen Jurij einzuschmeicheln. Da aber der Rang der beiden Heiligen
nicht gleich war, gab man ihm fr den Nikolai nur zehn Hiebe, fr den
heiligen Jurij aber fnfundzwanzig.

Dies geschah, versteht sich, nicht ohne guten Grund, sondern infolge der
greren Liebe und Verehrung des Pan fr den heiligen Jurij, weil er
ein Russe und kein Moskowite ist.




                           NEUNTES KAPITEL


Ich habe mehrmals erwhnt, da Stepan Iwanowitsch sichtlich das
bevorzugte, was nicht von den Moskowitern herkam, und mu jetzt den
Leser aufklren, damit er nicht voreilig schliee, Wischnewskij sei
Politiker gewesen, Separatist, oder, wie man es jetzt nennt,
Ukrainophile. Man nahm damals das Kleinrussentum leicht, man wollte von
ihm sogar nichts wissen. Htte jemand in die Seele Wischnewskijs
eindringen knnen, so htte er auch bei der strengsten Prfung nichts
Politisches in ihm gefunden. Wahrscheinlicher htte er sich darin wie in
einem Schuppen gefhlt, in dem alles bereinandergeworfen ist, in dem
vermutlich alles vorhanden ist, aber niemand etwas finden kann.
Wischnewskij widersprach entschieden allen Menschen, mit Ausnahme seiner
ersten Frau, der hier schon ziemlich eingehend geschilderten Stepanida
Wassiljewna aus dem Twerschen Adelsgeschlecht der Schubinskijs. Wenn
sein Gesprchspartner Ukrainophile war und alles Kleinrussische rhmte,
so begann Wischnewskij sogleich, die Fehler des kleinrussischen
Charakters in den Vordergrund zu stellen und tat dies mit groem
Geschick und treffenden und bissigen Vergleichen. Er lobte dann eifrig
die Polen, besonders Batur und Sobieski, nannte Bogdan Chmjelnicki einen
Trunkenbold und schlo den Streit mit der seiner Ansicht nach
entscheidenden Formel, Polen sei zusammengestrzt und habe uns
erdrckt. Aber uerte sich jemand mit Bedauern ber Polen, so
wechselte Stepan Iwanowitsch sogleich die Front, und seine Rede bewegte
sich nach grorussischen Motiven.

Das ist wahr, sagte er, sie waren frei und ehrgeizig, aber weil sie
alle Knige sein wollten, schmiedeten sie gegen die Knige Rnke. Und so
gingen sie zugrunde und muten zugrunde gehen, weil sie darber
vergaen, was die Wohlfahrt des ganzen Landes erforderte, und jeder die
unglckliche Freiheit nach Krften auf seine Seite zog.

Er winkte mit der Hand ab und schlo wegwerfend:

Dreck!

Jedoch war Wischnewskij durchaus kein Verteidiger einer hohen Achtung
vor der Staatsgewalt, sondern im Gegenteil, wie schon oben erzhlt, sehr
oft, ja fast bei jeder Gelegenheit bereit, die Organe der gesetzlichen
Macht herabzusetzen und zu beleidigen. Er war dabei weder Demokrat noch
Nationalist in unserem jetzigen Sinne, so da ihm sogar die bescheidene
und anscheinend doch harmlose Einrichtung der Wahl der Stadthupter
lcherlich erschien; er wollte sie auch durchaus nicht Hupter nennen,
sondern nannte sie anders. Mit einem Wort, Wischnewskij war nach dem
kurzen, aber treffenden Ausdruck des einfachen Volkes ein Pan, wie ein
Auerochs aus dem Forste von Bjelowesch, d. h. ein Herr, wie er sein
mu, ganz wie ein Auerochs aus der Bielowescher Wildnis nichts mit einem
gewhnlichen Ochsen gemein hat, sondern in allem verwegener und strker
ist. Ohne unsere heutige Bildung besessen oder politische Betrachtungen,
wie sie spter von Toqueville und hnlichen Leuten geschrieben wurden,
gelesen zu haben, verstand Wischnewskij die kosmopolitischen Strmungen
unserer heutigen Aristokratie, die auch der heutigen Demokratie eigen
sind, sehr gut, da ihr gemeinsames Stimulans das Prinzip zu sein
scheint, jede nationale Sympathie auf die Seite zu schieben.
Wischnewskij liebte die Polen nicht, aber wenn die Rede auf berhmte
Moskowiter kam, begann er gleich spttische Grimassen zu schneiden,
wartete, bis Stepanida Wassiljewna fr einen Augenblick das Zimmer
verlie, und sagte:

Nun, was ist denn so Groes bei ihnen los! Ihre Grovter und
Gromtter wurden noch alle mit Stcken geschlagen.

Von diesem Gesichtspunkt aus rhmte Wischnewskij den polnischen Adel und
sogar die livlndischen Barone; geriet er aber mit einem von ihnen in
Streit ber Ruland, so begann er mit allem Eifer sie zu bekmpfen,
obwohl er sie im geheimen wegen ihres reinen Blutes beneidete. Aber er
konnte ihren Hochmut und ihre Anmaung nicht ertragen, die ihm
widerwrtig erschienen, zumal er sich fr einen einfachen, offenen
Menschen hielt.

Wer kann sich wohl eine Vorstellung machen, was alles im Schdel dieses
Psychopathen steckte! Stand er aber einmal zufllig vor einer
auergewhnlichen Frage oder Begebenheit, so war all der psychopathische
Unfug verschwunden, und Stepan Iwanowitsch bewies eine geradezu
erstaunliche, vielleicht sogar psychopathische Findigkeit. In
schwierigen Umstnden und Gefahren handelte er khn und berlegt und
befreite Menschen spielend aus Schwierigkeiten und groen Nten, die sie
zu erdrcken drohten.

Ein solcher Fall wird ber die Offiziere eines Dragonerregiments
berichtet, das entweder in Pirjatin im Poltawschen Gouvernement oder in
Bjeschetzk im Twerschen Gouvernement gelegen hatte.

Die einen lassen diesen bemerkenswerten Vorfall im Twerschen Gebiet
spielen, die anderen in Kleinruland; was richtiger ist, lt sich
schwer entscheiden, es ist aber auch kaum der Mhe wert, sich darber
den Kopf zu zerbrechen. Der Fall liegt so, da er sich mit der gleichen
Wahrscheinlichkeit in einem beliebigen Stdtchen ereignen konnte, aber
den Charakteren der beiden hier erwhnten Herrchen nach zu urteilen,
entspricht er mehr den Sitten eines kleinrussischen Kreisgerichts.

Es handelt sich brigens nicht darum, den Ort genau zu bestimmen,
sondern ein Bild der Ereignisse zu entwerfen und den Anteil zu zeigen,
den unser psychopathischer Held an ihnen hatte.




                           ZEHNTES KAPITEL


Die Dragoner lagen in Pirjatin, -- nehmen wir an, es sei dort gewesen.
Teile des Regiments waren in anderen Ortschaften untergebracht. Der
Regimentskommandeur hatte vielleicht in Perejaslaw Quartier genommen.

Die Offiziere langweilten sich natrlich in dem winzigen Stdtchen vor
Nichtstun; sie unterhielten sich, so gut sie konnten, indem sie zu den
Gutsbesitzern zu Gast fuhren. Blieb ihnen nichts anderes brig, als
einige Tage zu Hause zu sitzen, so zechten sie, spielten Karten oder
tranken bei einem Weinhndler im kleinen Kellerlokal. Der Hndler war
ein Jude, der die Offiziere gern schrpfte und ihre Ausschweifungen
untersttzte, sie aber gleichzeitig doch frchtete. Er hatte deshalb, um
den bermut seiner Gste etwas zu dmpfen, in dem Raum, in dem sie
zechten, ein Portrt aufgehngt, das seiner Meinung nach die Besucher
seines Ausschanks an die Gesetze der Wohlanstndigkeit gemahnen sollte.
Vielleicht war es ganz klug gedacht, aber es fhrte zu einer Geschichte.

Einmal, in der langweiligsten Sommerzeit kam ein Jongleur in die Stadt
und zeigte, wo man ihn aufforderte, seine einfachen Kunststcke, von
denen eines ganz dem Geschmack der Herren Offiziere entsprach: der
Knstler setzte seine Tochter auf einen Stuhl, stellte ihn dicht mit dem
Rcken an eine Wand, zog aus seiner Tasche einige Dolche und warf sie
einen nach dem andern gegen die Wand, in der sie stecken blieben, das
Gesicht des Mdchens von allen Seiten umrahmend, ohne es zu berhren.

Diese sichere und gewandte Handhabung der Waffe interessierte alle, die
die Schwierigkeit dieses gewagten Kunststckes einsahen. Als die
Offiziere wieder einmal im Kellerlokal, in dem sie zu trinken pflegten,
zusammenkamen und ihren geriebenen Kse aen, der wie verwitterte
geschnittene Fingerngel aussah, sprachen sie ber das Dolchwerfen, und
als ihnen der Rausch in den Kopf stieg, kam es einem von ihnen in den
Sinn, er knne es ebensogut.

Dolche hatten sie zwar nicht, aber auf dem Tische lagen Gabeln, die die
Dolche bei diesem Versuch annhernd ersetzen konnten. Wenn es auch nicht
so leicht war, mit ihnen nach einem Ziel zu werfen, so blieben sie doch
immerhin in der Wand stecken.

Es fehlte nur das menschliche Gesicht, das man mit den Gabeln umstecken
knnte. Von den Offizieren wollte sich natrlich keiner zu diesem
Versuche hergeben. Man mute eine Person niederen Ranges finden, am
besten natrlich einen Juden, und die ausgelassenen Offiziere machten
den ihnen aufwartenden Juden einen solchen Vorschlag, aber diese waren
so feig und hingen so sehr am Leben, da sie sich nicht nur weigerten,
sich dazu herzugeben, sondern auch ihren Handel im Stich lieen, den
ganzen Laden der Gewalt der Herren Offiziere berlieen, davonliefen und
sich versteckten. Natrlich beobachteten sie von ihren Verstecken aus,
was jeder von ihnen nehmen und was die lrmende Gesellschaft weiter
treiben wrde.

Nun fhrte ein unglcklicher Zufall zwei junge Gerichtsschreiber, oder
wie man sie am Orte nannte, Gerichtsherrchen her, die an diesem Tage
wohl einen guten Chabar genommen, das heit, einen guten Schnitt
gemacht hatten und sich nun im Keller bei dem kalten Donschen, nach
Wermut schmeckenden Wein gtlich tun wollten.

Den Offizieren kam der Gedanke, die beiden Herrchen zu ihrem Versuch zu
verwenden; so luden sie die beiden zunchst ein, zusammen mit ihnen zu
trinken, und dann drangen sie in sie, es mge sich einer von ihnen zu
der Produktion hergeben.

Die Herrchen zeigten sich jetzt als sehr seltsame Leute, von ganz
verschiedener Gemtsart: der eine war ein Heraklit, der andere ein
Demokrit. Als sie aus der Hitze in den kalten Keller gekommen waren und
dort den kalten Wein getrunken hatten, stieg er ihnen zu Kopf, und als
dann die Offiziere anfingen, in sie zu dringen, rhrten sie sich nicht
von der Stelle, anstatt bescheiden fortzugehen. Sie glaubten sich, als
Eingeborene, auf gleichem Fue mit den Herren stehend und begannen ihren
wahren Charakter zu zeigen. Der eine lachte ber den ihm gemachten
Vorschlag und ri ber die gergerten Offiziere kleinrussische Witze,
der andere zog ein saures Gesicht, begann zu weinen und schrie in einem
fort, obwohl ihn niemand anrhrte:

Rhrt mich nicht an! Geht doch zum Teufel! Lat mir meine heilige
Ruhe!

Die beiden Schreiber wurden schlielich den Offizieren so lstig, da
sie mit ihnen auf ihre Art verfuhren, d. h. ihnen mehrere Maulschellen
verabreichten und sie dann unter den Tisch stieen, um sie dort wie die
Ferkel zu halten, bis ihr Gelage zu Ende wre. Das war ungefhrlich und
praktisch, da die Offiziere die Herrchen unter dem Tisch mit den Fen
festhielten und Mund und Hnde frei hatten; zugleich war dadurch, da
man sich ihrer Personen versicherte, ein Skandal vermieden, der bei dem
hlichen Charakter, den die widerspenstigen Jungen zeigten,
unausbleiblich schien. Der eine htte sicher drauen auf dem Platz oder
auf der Strae so geheult, da man es in der ganzen Stadt hrte, und der
andere htte gar auf den Zaun klettern oder ans Fenster kommen und sie
von dort aus verhhnen knnen.

Dann mte man ihm nachlaufen, ihn einholen und fangen, was einen
Skandal gegeben und sicher einen Haufen Weiber und Juden herbeigelockt
htte. Mit einem Wort, es wre ganz unvereinbar mit der Offiziersehre
gewesen; so saen aber die Jungen ganz friedlich unter dem Tisch,
jammerten ein wenig und umfaten einander in ihrem engen Raum, der noch
durch die Sporenstiefel der Offiziere eingeengt wurde.

Alles ging vortrefflich, aber da mischte sich der Teufel ein und verdarb
alles. Die Offiziere wurden so betrunken, da sie anfingen, mit den
Gabeln nach dem Portrt zu werfen, weil sie meinten, sie knnten es
ebenso geschickt umrahmen, wie der Jongleur das Gesicht des lebendigen
Menschen mit seinen Dolchen. Aber der Teufel war im Spiel: als der erste
Offizier die Gabel warf, stie ihn der Schwarze in den Ellenbogen, und
die Gabel blieb mitten in dem einen Auge des Portrts stecken. Der
zweite Offizier warf, und der Teufel fhrte die Gabel in das andere
Auge. In der betrunkenen Gesellschaft entwickelte sich jetzt der
Wetteifer, die Gabeln flogen eine nach der anderen und verstmmelten das
Gesicht des Portrts gnzlich.

In ihrer Trunkenheit, die schon in einen Zustand geistiger Umnachtung
berging, maen die Offiziere diesem Vorfall keine besondere Bedeutung
bei. Sie hatten eben ein Bild verdorben, -- das war alles. Es wird nicht
von Gott wei was fr einem Meister gewesen sein, kein Werk Raffaels,
und keine ungeheure Summen gekostet haben. Sie wrden morgen den
jdischen Wirt rufen, ihn fragen, was das Bild koste, tchtig
herunterhandeln, dann bezahlen, und damit wre die Sache erledigt; dafr
war man lustig gewesen und hatte bei jedem ungeschickten Versuch, die
Gabel so sicher wie der Jongleur zu werfen, viel gelacht und gescherzt.

Nein, der Schelm hat es besser gemacht. Wir knnen es nicht so. Und
Gott sei Dank, da kein Mensch vor uns sitzen wollte, sonst htten wir
dem Lebendigen die Augen ausgestochen, da htte Bezahlen nichts
geholfen.

Die wackeren Helden waren sehr froh, da die Sache so gut mit Lachen und
Scherzen geendet hatte, und begaben sich, einander sttzend, in ihre
Quartiere. Beim Weggehen hatten sie die Schreiber schon ganz vergessen,
die still unter dem Tische saen und keinen Laut von sich gaben.

Aber die Sache war durchaus nicht so einfach und stand durchaus nicht so
gut, wie es sich diese braven Kinder dachten, als sie sich zur Ruhe
begaben.




                            ELFTES KAPITEL


Kaum waren die Offiziere auseinandergegangen und hatten den jdischen
Laden leer zurckgelassen, als die Gerichtsherrchen unter dem Tisch
hervorkrochen, ihre von der langen Kniebeuge steif gewordenen Glieder
streckten und sich ihre Lage besahen. Alles war still, -- im Laden und
in der Kammer war keine Seele; durch die dichte Wolke von Tabaksrauch
war das verstmmelte Portrt mit den ausgestochenen Augen und den vielen
Rissen an anderen Stellen kaum zu sehen.

Zum Glck fr die einen und zum Unglck fr die anderen, waren die
Schreiber viel nchterner als die Offiziere, die am Tische, von dem aus
sie die Gabeln auf das Portrt warfen, sich immer mehr betrunken hatten,
whrend die unter dem Tische eingeschlossenen Heraklit und Demokrit
erheblich nchterner geworden waren, wozu wohl die Angst, die
Enthaltsamkeit und vor allem der Rachedurst, der in ihnen glhte,
beitrugen. So hatten sie sich einen vortrefflichen Plan ausgedacht, um
ihre Beleidiger zu strafen.

Die Schreiber berlegten nicht lange, nahmen das verwundete Portrt von
der Wand, liefen damit auf das Freitreppchen des Ladens und schlugen
Lrm:

Kommt her, ihr guten Leute! Wer an Gott glaubt und die lteren ehrt,
seht euch das Wunder an ... Schaut, wie die Offiziere das Portrt einer
solchen Person entehrt haben.

Auf dieses Geschrei tauchte sofort, wie aus der Erde gewachsen, der Wirt
auf, der sich whrend des Gelages versteckt hatte; die Marktweiber von
ihren Stnden liefen herbei, die Juden begannen zu schreien, -- und
unsere Geschichte nahm ihren Lauf.

Der jdische Wirt, der die grte Angst hatte und am meisten einen
Skandal scheute, hielt sich mit seinen groen Fingern die Augen zu, wie
es der Rabbiner beim Gebet tut, und schrie:

Ich habe nichts gesehen und sehe auch jetzt nichts, wer dieser
Militr-Pan ist, der da gemalt ist. Geb' Gott, da er ein guter Mann
sei. Aber ich, -- ich brauche jetzt das Bild nicht mehr ... Ich
verschenke es, nehme es, wer es will ...

Doch Demokrit rief:

Aber wir wissen, wer diese Person ist, und wir protestieren. Schaut,
ihr guten Leute, -- die Augen sind ihm ausgestochen. Wir wollen das
Portrt zum Stadtvorsteher tragen.

Demokrit trug das verwundete Portrt durch die Straen vor das
Stadthaus, und Heraklit begleitete ihn, machte unter der warmen Sonne
wieder sein saures Gesicht und weinte, und alle, die ihnen folgten,
wiesen lobend auf ihn hin und sagten:

Schaut nur, wie es ihn rhrt!

Aber die Offiziere schliefen und schliefen und ahnten nicht, da man
gegen sie protestierte und da die Sache ihnen Unannehmlichkeiten
bereiten wrde, die sie nicht wten, wie loswerden.

Wie schwer auch ihr trunkener Schlaf gewesen war, auch ihr Erwachen am
nchsten Morgen war nicht leicht.

In aller Frhe kam zu allen Zechgenossen des beschriebenen Gelages die
Ordonnanz des schnurrbrtigen Majors oder Rittmeisters, der die
Schwadron kommandierte und in seiner Person die oberste Befehlsgewalt am
Standorte darstellte.

Natrlich war der Rittmeister nicht Gott wei was fr eine hohe
Obrigkeit, beinahe so ihr Bruder Hans, und machte manchesmal auch
einen Tanz mit ihnen, aber die Offiziere erschraken.

Das Schlimmste war, da ihnen der Kopf noch brummte und sie sich
durchaus nicht mehr daran erinnern konnten, was gestern im Keller beim
jdischen Wirt vorgegangen war. Sie erinnerten sich noch, da sie wohl
tchtig getrunken hatten, aber sie konnten sich nicht mehr auf alles der
Reihe nach besinnen, sondern ein Stck war abgerissen, und es schien
ihnen, als sei das Dazwischenliegende gar nicht gewesen. Sie besannen
sich, da sie die Juden verjagt hatten, aber das wre durchaus nicht
wichtig gewesen, war schon fter geschehen, auch wenn der Rittmeister
dabei gewesen war. Das Verjagen ist kein Unglck, besonders bei Juden
nicht, denn diese sind ein Volk, das die Vorsehung selbst zur
Verstreuung vorbestimmt hat. Der Jude schreibt ein briges auf,
berechnet als getrunken, was nicht getrunken, als beschdigt und
zerschlagen, was nicht beschdigt wurde; sie wrden mit ihm verrechnen,
und dann wrde wieder alles gut sein, bis zu einer neuen Geschichte. Der
Jude selbst wrde ihnen den ersten Friedenstrunk umsonst anbieten, sie
wrden sich ausshnen und ihn in seinem Handel untersttzen ... Es war
ja unmglich, da er, der Jude, mit ihnen streiten wollte und da er die
Ursache dieser pltzlichen frhen Einladung zu ihrem ltesten Offizier
war. Vielleicht diese Schreiber ... Es dnkt ihnen, als seien dort zwei
solche Schreiber dabei gewesen, ... Gerichtsherrchen ... Nun, das war
auch keine besondere Sache! Die Soldaten haben sie noch berall gezaust!
Sind auch nicht mehr wert, dieses bestechliche Unkraut! Wenn sie nur
nicht einen von ihnen die Nase oder die Ohren abgehauen hatten! Das wre
garstig, was einmal abgehauen ist, kann man nicht wieder ansetzen ...
Aber Gott ist gndig, sie haben schon andere Dinge gemacht, so wird auch
dies vorbergehen. Wozu braucht auch ein Schreiber eine Nase? -- Doch
nur um Tabak zu schnupfen und das Aktenpapier damit zu bestreuen. Der
Chabar ist doch kein Braten, er wird ihn auch so, ohne Nase riechen.
Man wird sich natrlich zusammentun mssen und bezahlen, aber allen
zusammen wird es nicht schwer fallen ...




                           ZWLFTES KAPITEL


In solchen oder ungefhr hnlichen Erwgungen zogen die Offiziere
ziemlich unbekmmert zum Quartier ihres ltesten Kameraden und betraten
guten Mutes das gerumige, aber niedrige Zimmer in dem kleinrussischen
Huschen. Aber jetzt merkten sie mit einem Male, da die Sache durchaus
nicht gut stand. Der Rittmeister kam ihnen nicht kameradschaftlich
entgegen, in seinem gestreiften Morgenrock, mit der Pfeife in den
Zhnen, sondern die Tr zu seinem Kabinett war geschlossen, -- das
heit, er wollte warten, bis alle versammelt wren, dann wrde er
herauskommen und zu allen zusammen sprechen.

Diese offizielle Form versprach nichts Gutes, und die eingetretenen
Offiziere schauten einander an, dmpften ihren Ton zu einem halben
Flstern, und einer fragte den andern:

Nun, was ist denn das? Was haben wir denn gestern angestellt?

Einer von ihnen hatte auf der Strae etwas von einem Portrt sprechen
hren.

Portrt, Portrt? ... Was fr ein Portrt?

Keiner konnte sich erinnern.

Aber jetzt ffnete sich pltzlich die Tr, und aus dem Kabinett trat der
Rittmeister, in Uniform mit Epauletten, mit fest geschlossenem Mund. Er
begrte sie nicht und begann seine Rede mit Worten, wie sie Gogol viel
spter seinem Skwosnik-Dmuchanowskij in den Mund gelegt hat:

Ich habe Sie hieher gerufen, meine Herren, um Ihnen eine unangenehme
Mitteilung zu machen: gegen Sie ist bei der Zivilbehrde Klage
eingereicht worden, und ich wurde vom Stadtamt davon benachrichtigt; ich
mu Sie arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Sbel, und wollen Sie mir
sofort aufrichtig erklren: was haben Sie gestern abend in dem Laden
getan?

Die Offiziere nahmen widerspruchslos ihre Sbel ab und bergaben sie dem
Schwadronschef, aber bezglich der aufrichtigen Erklrung antworteten
sie, sie wren selber froh, wenn sie wten, was sie eigentlich getan
htten, aber sie knnten sich dessen nicht mehr entsinnen.

Der Rittmeister zog die Brauen zusammen und entgegnete noch schrfer:

Ich bitte Sie nicht zu scherzen, ich spreche mit Ihnen dienstlich, als
Ihr ltester!

Das ist kein Scherz, erwiderte einer der Angeklagten, wir erinnern
uns, bei Gott, nicht mehr.

Aber erlauben Sie!

Der Tag war gestern hei, wir gingen zufllig hinein, ... und tranken
dort im Khlen Wermutwein ... hatten dann irgendeinen Streit mit den
Juden ... haben aber nichts Bses im Sinn gehabt ... Es waren sogar noch
zwei Schreiber dort, die alles sehen konnten ...

Das ist es ... die zwei Schreiber! Darum handelt es sich auch. Diese
beiden Schreiber konnten in der Tat alles sehen, und haben es auch
gesehen. Wie werden Sie sich ihnen gegenber rechtfertigen? Eine solche
Schande fr unseren Stand!

Aber worin rechtfertigen? ... Sagen Sie es uns bitte! erwiderten die
Offiziere.

Ja, Sie haben sich ihnen gegenber zu rechtfertigen, rief der
Rittmeister, zog aus seiner Tasche ein vierfach zusammengefaltetes Blatt
Papier und begann die ihm von der Stadtverwaltung amtlich zugestellte
Kopie des Berichtes der Schreiber zu verlesen, in dem stand, wie die
Herren Offiziere das Portrt durch das Werfen von Gabeln beschdigt
hatten, whrend die am Orte des Vergehens anwesenden Gerichtsschreiber,
die in ihren Herzen Gottesfurcht und Liebe zum Allerhchsten hatten,
die ganze Zeit auf den Knien lagen, so da sie sich auf dem Fuboden
ihre einzigen Hosen durchscheuerten, weshalb sie jetzt der Mglichkeit
beraubt seien, ihren dienstlichen Obliegenheiten nachzugehen. Sie
protestierten daher amtlich gegen den ganzen beschriebenen Unfug der
Offiziere und bten, fr die Beschdigung der Hosen von den Angeklagten
fr jeden von ihnen zwanzig Rubel in Assignaten zu erheben.

Der Rittmeister hatte zu Ende gelesen, pfiff der Ordonnanz und befahl,
das Portrt aus seinem Schlafzimmer herzubringen, damit die Offiziere
mit eigenen Augen die Spuren ihres gestrigen Zeitvertreibes sehen
knnten. Nun wurden sie starr.

Inzwischen hatte der Rittmeister seinen Waffenrock ausgezogen und nur
die Halsbinde anbehalten, setzte sich an den Tisch, steckte die Hnde in
die Hosentrger aus Kamelgarn und sagte in verndertem Ton:

Meine Herren, die Sache steht schlecht. Sie sieht sehr hlich aus,
weil man aus ihr wei der Teufel was alles machen kann. Diese elenden
Federfuchser, diese dreckigen Gerichtsschreiber wagen es, gegen
Offiziere aufzutreten. Ich habe mit Ihnen soeben als Ihr Dienstltester
gesprochen, aber jetzt spreche ich als Kamerad. Der Sache ihren Lauf zu
lassen ist unmglich, man mu ihr durch Schnelligkeit und militrisch
aufrichtige Offenheit zuvorkommen, wie es sich fr Edelleute geziemt. Ob
es hilft oder nicht, jedenfalls mu man offen und ehrenhaft handeln.
Setzen Sie sich bitte, rauchen Sie eine Pfeife, und lassen Sie uns
nachdenken. Meine Meinung ist die: das Unheil ist einmal geschehen,
daran lt sich nichts ndern. Man mu den Umstand ausntzen, da die
Post nach Perejaslaw gestern abgegangen ist und erst in drei Tagen
wieder geht. Das ist Ihr Glck. Ich habe Ihnen Ihre Sbel abgenommen;
whlen Sie nun zwei Kameraden, die mglichst schnell zum Oberst reiten
und ihm alles aufrichtig erzhlen. Er ist mit dem Gouverneur gut bekannt
und kann Ihnen helfen.

Einen besseren Plan vermochten sie gar nicht auszudenken, und zwei
Stunden spter sprengten zwei Offiziere aus Pirjatin nach Perejaslaw;
auf dem Wege lag Farbowanaja. Nach der Hitze und Schwle war ein
Gewitter losgebrochen, und es schttete vom Himmel wie mit Kbeln, als
auf einmal vor den Offizieren in den Strmen Wassers, wie eine Blase aus
dem Boden ein Kleinrusse auftauchte.

Was fahren da fr Leute mit Schellen und was wollt ihr?

Wir sind Offiziere und reisen in eigenen Angelegenheiten.

Wenn ihr in eigenen Angelegenheiten reist, so kommt zu unserem Pan
Wischnewskij.

Die Offiziere wollten nicht, aber der Kleinrusse redete ihnen zu:

Es ist einmal so ... So ist der Brauch!

Sie fuhren hin, um den Regen und das Gewitter abzuwarten, und Stepan
Iwanowitsch empfing sie erfreut, bewirtete sie mit Essen und Trinken und
fragte:

Eilen Sie, meine Herrn, wohl oder bel, oder zu Ihrem Vergngen bei
diesem Wetter weiter?

Die Offiziere antworteten im Stile der Mrchen, da sie wohl oder bel
reisten, und auch zu ihrem Vergngen.

Nun, was ist es fr eine Sache? Vielleicht kann ich Ihnen behilflich
sein, so da Ihre Reise nicht mehr notwendig ist.

Sie seufzten und sagten:

Nein, unsere Angelegenheit ist so schwerwiegend, da vielleicht nur
noch der Oberst beim Gouverneur Frbitte einlegen kann.

Nun, wenn schon, -- was hat der Gouverneur zu sagen? Ich frage doch
nicht aus leerer Neugier.

Die Offiziere erzhlten ihm alles.

Wischnewskij fuhr sich mit gespreizten Fingern ber den Scheitel,
rusperte sich und sagte:

Der Gouverneur hat mit der Sache gar nichts zu tun, und Sie brauchen
deshalb nicht nach Perejaslaw. Niemand kann Ihnen helfen, wenn man der
Sache nicht eine richtige Wendung gibt.

Aber wie kann man ihr eine richtige Wendung geben?

Stepan Iwanowitsch fuhr sich wieder mit den Fingern ber den Scheitel,
rusperte sich und sagte:

Ja, ich sehe, da Sie zwar alle Moskowiter sind und eine Lektion
verdienen, aber Sie haben die Sache unrichtig angefangen und knnen sie
ganz verderben, wenn Sie zu Ihrem Vorgesetzten reisen. Sie ntzen sich
selbst durch Ihre Offenheit nichts und machen Ihrer Obrigkeit nur
Schwierigkeiten; deshalb verhafte ich Sie bis morgen. Ich habe das
Recht, Sie zu verhaften, da Sie mir selbst gestanden haben, da Sie
entflohen sind und auch keine Sbel haben. Ich bitte Sie, sich in den
Flgel zu begeben, dort ist alles fr Sie bereit, und schlafen Sie gut.
Morgen frh werden wir dann Ihrer Angelegenheit die richtige Wendung
geben, die sie braucht.




                         DREIZEHNTES KAPITEL


Die Offiziere sagten zu, dachten, es sei kein groes Unglck bis zum
Morgen zu warten, und fgten sich ihrem eigenwilligen Gastgeber. Sie
gingen in den Flgel, aber der Pan von Farbowanaja rief den Haiduken
Prokop, befahl ihm, sich in den Wagen zu setzen und nach Pirjatin zu
fahren, dort die beiden Gerichtsherrchen aufzufinden und sie um jeden
Preis am Morgen nach Farbowanaja zu bringen.

Der Haiduk eilte davon, suchte die Schreiber auf und sagte:

Mit meinem Pan Wischnewskij steht es schlecht. Es geht ihm so elend,
da ich nicht wei, ob er den Abend noch erlebt. Jetzt will er sein
Testament machen und hat mich hergeschickt, um euch zu bitten, da ihr
gleich euer Schreibzeug nehmt und mit mir fahrt, um als Zeugen zu
unterschreiben. Ihr bekommt ein gutes Chabar dafr.

Die Schreiber wuten, da Wischnewskij noch nie krank war, aber wenn
solche Leute krank werden, so geht es auf den Tod.

Sie dachten: Sicher stirbt er, und wir verschreiben uns etwas im
Testament. Er ist so krank, da er es nicht merkt.

So nahmen sie mit Freuden ihre Sachen und fuhren ab. Als Stepan
Iwanowitsch eben erwachte, standen sie schon auf seiner Freitreppe.

Stepan Iwanowitsch machte fr diese Gste eine kleine Abweichung von
seiner Empfangsetikette. Ins Haus lie er sie natrlich nicht ein, aber
er befahl, ihnen ein kleines Tischchen und fr die beiden nur einen
Stuhl hinauszubringen, damit sie nicht wagen sollten, vor ihm zu sitzen.

Dann ging er in einer Mtze mit groem Schirm zu ihnen hinaus und begann
die Unterhandlung.

Mein Haiduk, sagte er, hat euch vorgemacht, da ich sterbe. Aber, so
Gott will, hat es damit noch Zeit, und dann werde ich mir fr mein
Testament andere, ehrlichere Zeugen als euch holen. Ich habe euch aber
zu eurem eignen Wohl herbringen lassen ...

Sie machten groe Augen.

Was habt ihr, Verfluchte, vorgestern beim Juden im Keller getrieben?
He?

Das Staunen der Schreiber wuchs.

Erlauben Sie, wer hat es Ihnen erzhlt? ... Wir haben nichts getrieben,
sondern die Offiziere ...

Ja, ja, ich wei alles. Darum tut ihr mir auch leid: Ihr Dummkpfe habt
euch ausgedacht, eure Schuld auf die Offiziere abzuwlzen, als wenn euch
das etwas ntzen wrde. Ihr habt nur das eine nicht bedacht, da die
Offiziere sieben Leute sind, die bezeugen, da ihr das Portrt
beschdigt habt, und da ihr gegen sie nur zwei seid ... Wer wird euch
da Glauben schenken?

Erlauben Sie, aber wir ...

Nichts, keine Dummheiten reden ... unterbrach sie Wischnewskij, ich
wei alles, -- ich bin ber alles unterrichtet. Ihr habt euch
ausgeheckt, eine Anzeige zu schreiben, und whrend eure Denunziation
noch unterwegs ist, sind die Offiziere schon nach Perejaslaw, nach
Poltawa und Kiew geritten. Ich habe sie, Gott sei Dank, abgefangen und
bei mir festgehalten. Sie sind ihrer sieben Mann, und alle haben
gesehen, wie ihr die Gabeln geworfen habt.

Aber erlauben Sie, wann haben wir die Gabeln geworfen?

Nichts da, schnitt ihnen Wischnewskij das Wort ab. Ihr seid zwei, und
sie sind sieben, und ihr knnt euch nicht herauswinden. Zudem sind sie
angesehenere Leute als ihr, sind hochgeborne Adelige, und was seid ihr?
-- Dahergelaufene Schreiber, Unkraut.

Aber wir sind doch im Recht ...

Tja, was heit das, Recht haben gegen Moskowiter! Sie sind ihrer
sieben, und ihr seid zwei. Und wit ihr vielleicht nicht, da bei uns
die ganze hohe Obrigkeit moskowitisch ist? Zudem werden die Teufelsjuden
sie bestimmt untersttzen und sagen, sie htten gesehen, wie ihr die
Messer geworfen habt.

Aber bedenken Sie doch, Pan, die Juden sind ja Schelme.

Wer sagt denn, sie seien keine Schelme? Aber sie werden gegen euch
aussagen. Und deshalb ist es mir auch um euch leid, da ihr in solche
Drangsal geraten seid.

Die Schreiber, die in den Formen der Rechtsprechung bewandert waren,
sahen, da ihre Sache, hol's der Teufel, in der Tat schlecht stand, da
sie durchaus keine Chancen fr sich hatten, ja da vielleicht sogar die
ganze Schuld auf sie fallen knne.

Sie sind sieben ... und wir sind zwei ...

Ja, und dazu die Juden ... es kann wohl sein ...

Was sollen wir nun tun, Euer Gnaden?

Was ich euch lehren werde. Setze sich einer von euch her und schreibe,
was ich ihm sage.

Stepan Iwanowitsch diktierte, und das Schreiben begann:

Da wir von Natur aus unverstndig sind, und unser Gewissen durch die
Schmiergelder verfinstert ist ...

Der Schreibende hielt inne, aber Wischnewskij fuhr ihn an:

Schreibe, schreibe! Das ist notwendig so.

... Verfinstert ist, gingen wir Gerichtskopisten in den Keller bei dem
jdischen Laden, betranken uns bis zur Bewutlosigkeit und fingen an,
uns ber die Verteilung der Schmiergelder zu streiten. Wir warfen
aufeinander mit Gabeln, aber weil wir sehr betrunken waren, fuhren sie
aus Unvorsichtigkeit in das Portrt ...

Der Schreibende zgerte wieder, aber Stepan Iwanowitsch gab ihm einen
Sto in den Rcken. Jener fuhr sogleich fort und schrieb den ganzen Akt
zu Ende, in dem er seine unfreiwillige Schuld bekannte und gestand, sie
htten aus Furcht beschlossen, ihre Schuld auf die Offiziere zu
schieben, in der Annahme, da ihnen als Kriegsleuten nichts geschehen
werde. Aber jetzt, im Gefhl ihrer Versndigung und im Gedanken an ihre
dereinstige Todesstunde, bereuten sie es und bten die Offiziere, ihnen
zu verzeihen und von der Anzeige Abstand zu nehmen. Aber fr ihre in
betrunkenem Zustande begangene Verfehlung, bten sie selbst den Pan
Wischnewskij, sie auf seinem Gute Farbowanaja vterlich mit Ruten
zchtigen lassen zu wollen, worauf dann Wischnewskij die Gte haben
werde, sich zu verwenden, da die Sache keine weiteren Folgen habe.

Aber wofr, Euer Gnaden, wofr uns zchtigen?

Das steht nur so auf dem Papier.

Sie unterschrieben es, dann unterschrieb Wischnewskij und lie die
Offiziere rufen.

Und Sie, meine Herren, sagte er, unterschreiben Sie es auch, da Sie
einverstanden sind, ihnen, auch im Namen Ihrer Kameraden, zu verzeihen
und da Sie als Soldaten gromtig sein wollen und die Angelegenheit
nicht weiter verfolgen werden.

Die Offiziere unterschrieben.

Jetzt ist alles erledigt, sagte Stepan Iwanowitsch und steckte das
Papier in die Tasche. Und nun, fgte er, sich an seine Leute wendend,
hinzu, fhrt diese Herrchen in den Pferdestall und gebt ihnen dort eine
tchtige Portion Ruten.

Erlauben Sie, was heit denn das?

Was das heit? Das heit, da es hier geschrieben ist. Ihr wollt jetzt
schon das Geschriebene anfechten? Ehe! Feine Herrchen. Gebt ihnen ihre
Ruten, Jungens!

Und man zchtigte sie mit Ruten.

Es wird erzhlt, da man diese Schreiber spter noch lange fragte, wie
es ihnen zumute war, als sie in Farbowanaja gefarbowalkt wurden.

Der Kommandeur kam selbst zu Stepan Iwanowitsch nach Farbowanaja
gefahren, und wenn er es auch nicht aussprach, so drckte er doch
indirekt seine Anerkennung fr diese Findigkeit und die richtige
Wendung der Angelegenheit aus.




                         VIERZEHNTES KAPITEL


Auch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan Iwanowitsch
weitblickend und verfiel nur dann in Fehler, wenn die Liebesleidenschaft
seinen Blick trbte. Die grte Torheit beging er in einem Fall, der mit
jener schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, zu deren
Fen wir ihn verlassen haben.

In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mdchen liebte, stand der Kirche im
Dorfe Farbowanaja ein Priester namens Platon vor. Er hatte die den
Russen ziemlich gemeinsame Schwche, da er zwar im nchternen Zustande
zu allem wohlweislich schwieg, betrunken jedoch gern plauderte und
sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte.

Als sich Wischnewskij am nchsten Morgen vom Teppich erhoben hatte,
teilte er voller Freude Stepanida Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit
mit.

Gapka sprte in sich ein neues Leben pochen.

Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern frei sein,
sagte Wischnewskij.

Dies war ein ungewhnliches Liebesgeschenk seitens Stepan Iwanowitschs,
denn die groe Menge seiner Kinder war smtlich unter seine leibeigenen
Seelen eingetragen worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern
seines Herrengutes.

Auch Gapka freute sich darber.

Eine Stunde spter ging sie aus, um Himbeeren zu pflcken. Am Gartenzaun
begegnete ihr der Priester P. Platon, der gerade in seiner aufrichtigen
Stimmung war. Als er das Mdchen erblickte, sagte er ihr in
priesterlichem Tone:

Was bist du so froh, Mdel? Bist froh und vergngt, pflckst se
Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen geboren hast, kriegst du auch
deinen Sto in den Rcken.

Warum denn? Gapka sah ihn von der Seite an und wurde mit einem Male
verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, wie viele Frauen, die
anfangs nur widerstrebend seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen
hatte. Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen werde,
wenn sie das Kind geboren haben wrde.

Darum, antwortete der Geistliche, weil man auf dem Herrenhof ein
Khlein nicht bis zum zweiten Kalb behlt.

Das war die einzige Begrndung des P. Platon, aber Gapotschka wurde
traurig, besonders infolge des neuen ungewohnten Zustandes ihres
Organismus, und begann bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene
Kleinrussin wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine.
Stepan Iwanowitsch brachte es schlielich selbst heraus: Leute hatten
gesehen, wie der Geistliche mit Gapka sprach, und hinterbrachten es dem
Pan, der sogleich seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen
lie und ihn fragte:

Was hast du Gapka gesagt?

Der Geistliche konnte sich nicht entschlieen, zu wiederholen, was er zu
dem Mdchen gesprochen hatte, und sagte:

Ich erinnere mich nicht mehr.

Wischnewskij wurde wtend und schrie ihn an:

Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht ... Hast
geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?

Was denken Sie, Euer Gnaden ...

Nichts >Euer Gnaden<, meine Gnaden sind dir nur so weit gndig, da
ich, als dein geistlicher Sohn, dich nicht prgeln lasse. Aber du sollst
fort von hier, und ich lasse dich durchs Dorf fhren, damit die Leute
wissen, was fr ein Taugenichts du bist.

Man packte den Unglcklichen, zog ihn aus, steckte ihn in einen alten
Getreidesack, aus dessen Schlitz nur der Kopf herausschaute, schttete
ihm Flaumfedern ber den Kopf und fhrte ihn in diesem Aufzug durch das
ganze Dorf.

Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein und bat um
seine Versetzung, die er auch erhielt. Fr Stepan Iwanowitsch blieb
dieser Vorfall im brigen ohne alle unangenehmen Folgen.

Eine gewisse Vergeltung bte der beleidigte Geistliche selbst, aber
seine Rache war lcherlich und kam sehr spt. Sie wurde erst viele Jahre
spter offenbar, als Stepan Iwanowitsch eine seiner Tchter verheiraten
wollte. Er forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, wo man
unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos hineinkorrigierte
Eintragung fand, da dem Stepan Iwanowitsch und seiner _ehelichen_
Gattin eine _uneheliche_ Tochter geboren wurde.

Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen ernstlichen Schaden
verursachen, aber es brachte ihn schrecklich auf. Wie durfte man sich
mit ihm einen solchen Scherz erlauben! Und wer? -- Der Pope! Zudem
konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. Platon nach Gottes
Ratschlu schon frher gestorben war.

Sonst htte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem anderen Kirchspiel zu
finden gewut ...




                         FNFZEHNTES KAPITEL


Dergestalt waren die wilden Taten dieses Originals, die jetzt in unserer
vielgescholtenen Zeit unmglich wren, oder die man heute bestimmt
seiner Psychopathie zugeschrieben htte. Selbst Wischnewskijs Geschmack
und seine Gefhle spiegelten seine seelische Anormalitt wieder. So
hatte er z. B. fr die Schnheit der Natur nichts brig und liebte
ausschlielich die Nacht und die Effekte der Gewitter. In der Tierwelt
liebte er nur Tauben und Pferde. Die Tauben liebte er, weil sie sich
kssen, und die Pferde, weil sie Schnelligkeit und eine Stimme haben
... ja, so auerordentlich liebte er die Pferdestimme, d. h. ihr
Wiehern. Um sich das erstere seiner Vergngen zu verschaffen, hielt er
sich vor seinen Fenstern einen groen Taubenschlag und ergtzte sich oft
ganze Stunden daran, zuzusehen, wie sie sich kten. Dann rief er
Stepanida Wassiljewna zu diesem Schauspiel herbei.

Schau, -- sie kssen sich!

Des Wieherns halber ritt Stepan Iwanowitsch stets Hengste und blieb ganz
gleichmtig, wenn sie ein Gespann in Unordnung brachten. Daran lag ihm
nicht viel, wo er aber Pferde wiehern hrte, auf der Strae oder aus
einem Hause, blieb er sogleich stehen, hielt den Finger vor sich und
erstarrte ... Kein Musiknarr hat vielleicht so leidenschaftlich der
Calzolari, Tamberlik oder der Patti gelauscht.

Der Lieblingsanblick Wischnewskijs war seine prachtvolle Pferdeherde,
unter der ein mchtiger, schner Hengst einhergaloppierte. Hrte Stepan
Iwanowitsch sein Wiehern selbst aus der Ferne, so hielt er an, und sein
Gesicht drckte den Ausdruck vollsten Glckes aus. Es schien, als ob
seine Augen, ungeachtet der rumlichen Entfernung, sahen, wie sich das
Pferd aufbumte, die Luft durch Nstern und Zhne einzog und in
Leidenschaft glhend dahinstrmte.

Hrst du es, Stepanida Wassiljewna?

Ja, mein Freund, ich hre.

Alles, was ihren Mann erfreute, machte auch sie glcklich, und so zeigte
sie auch hier Freude, ... und Stepan Iwanowitsch wute es zu schtzen.

Er war sechzig Jahre alt, als Stepanida Wassiljewna starb. Er beweinte
sie sehr, ging dann aber, trotz seines schon vorgerckten Alters eine
zweite Ehe mit einem hbschen achtzehnjhrigen kleinrussischen Mdchen
aus der Familie Gordienko ein. Auch mit dieser Gemahlin lebte er
glcklich, aber ... er gedachte immer Stepanida Wassiljewnas. Trotz
ihrer vielen Vorzge, verstand es seine zweite junge Gemahlin nicht, auf
all seine Schwchen und Sonderlichkeiten einzugehen. Stepan Iwanowitsch
zeigte ihr die kssenden Tauben nicht und wollte sie auch nicht fragen,
ob sie es hre, wie der Sultan der Herde seine schmetternde Stimme
verschwenderisch ertnen lie, sie in Triller auflste und sie dann um
eine Oktave senkte ...

Wischnewskij hatte einmal versucht, die Aufmerksamkeit seiner neuen Frau
darauf zu lenken, aber sie hatte sich gefhllos gezeigt, -- war nicht
einmal aufgestanden und hatte nicht gelchelt, sondern nur kalt gesagt:

Ja, ich hre, da hat ein Pferd irgendwo gewiehert. Und damit nahm sie
ruhig wieder ihre Arbeit auf ...

Stepan Iwanowitsch sah ein, da seiner neuen Frau das mangelte, was der
ersten eigen gewesen war, und zog sie nie mehr in den Kreis von
Begriffen hinein, die ihr unzugnglich waren.

In Augenblicken seelischer Wallungen seufzte er nur auf, suchte mit den
Augen das Bildnis Stepanida Wassiljewnas und lchelte ihr zu.




                         SECHZEHNTES KAPITEL


Mit seiner zweiten Gemahlin lebte Wischnewskij noch rund zwanzig Jahre,
im Genusse unvernderlicher Gesundheit, und starb zu Beginn seines
neunten Jahrzehntes. Im ganzen war er zweiundachtzig Jahre alt geworden.
Hinflliges Greisentum, oder ein langsames, allmhliches Dahinsterben
blieben ihm erspart. Als seine Stunde gekommen war, ging er ganz
pltzlich dahin, wie eine berreife Himbeere vom Stiele fllt.

An einem Morgen seines dreiundachtzigsten Jahres, im Frhling, wenn in
Kleinruland verschwenderisch der Flieder blht, ritt Stepan Iwanowitsch
eine wilde nogasche Stute zu, die sonst niemanden im Sattel duldete.

Mit Hilfe seiner ungewhnlichen Kraft und seiner ungewhnlichen Schwere
brachte er die wilde Stute zur Erschpfung. Vom Sattel steigend, bergab
er die Zgel den Pferdeknechten, trat auf den Balkon und blieb pltzlich
stehen ...

Es schien Wischnewskij, als falle sein Herz. Er sei lange geritten,
htte sich im Sattel geschttelt, und nun sei das Herz abgerissen ... So
ganz ohne Schmerz, ohne Beschdigung, wie eine berreife Beere fllt. Um
ihn war es leer, und pltzlich begann sich alles zu verschieben, wie
Uhrgewichte, deren Seil vom Rad geglitten ist.

Wischnewskij setzte sich schnell in einen Sessel und wollte etwas sagen,
aber ber seine Lippen kam kein Laut. Alles war so schn, ringsum Blten
und Duft. Er sieht und hrt alles, und begreift ... Da haben eben die
Pferdeknechte der schweiigen Stute den Sattel abgenommen und fhren sie
lngs der schattigen Mauer. Sie ruht aus, schttelt sich, und von dem
weien Schaum, der sie bedeckt, fliegen leichte Flocken durch die Luft.
Hinter der Mauer des Pferdestalls hallt das Stampfen krftiger
Vorderhufe auf den Fliesen wider, und es tnt laut und wohlklingend wie
ein Fagott: I-ha-ha!

Stepan Iwanowitsch lie die Augen nach rechts und links schweifen ...
Sie suchten das Bildnis Stepanida Wassiljewnas, aber dann blieben sie an
einem blhenden Fliederstrauche haften, und er lchelte ...

Es ist anzunehmen, da er dort Stepanida Wassiljewna selbst mit ihrem
lnglichen Schubinskij-Gesicht sah, -- er fiel vom Stuhl zu ihren Fen
nieder, -- als Toter. In jenem anderen Leben haben sich die beiden wohl
wiedererkannt.




                          DER TOUPETKNSTLER




                            ERSTES KAPITEL


Viele glauben bei uns, da der Titel Knstler nur den Malern und
Bildhauern zukommt, und auch nur solchen unter ihnen, die ihn von einer
Akademie verliehen bekommen haben. Unsere berhmten Silberschmiede
Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen fr einfache Handwerker
gehalten. In anderen Lndern ist es sicher nicht so. Heine erzhlt von
einem Schneider, der ein Knstler war und eigene Ideen hatte, und
die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute als Kunstwerke.
ber einen solchen Knstler schrieben neulich die Zeitungen, da er in
seinem Schnitt eine ungewhnliche knstlerische Phantasie zeige.

In Amerika wird das Gebiet des knstlerischen Schaffens noch viel weiter
aufgefat. Der berhmte amerikanische Schriftsteller Bret Harte erzhlt
von einem Knstler, dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den
Gesichtern der Verstorbenen einen Ausdruck des Trostes, der von dem
mehr oder weniger glckseligen Zustande der entschwebten Seele zeugen
sollte.

Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann mich nur an drei
erinnern: 1. Ruhe; 2. erhabene Beschaulichkeit und 3. Seligkeit des
unmittelbaren Verkehrs mit dem Herrn. Die Berhmtheit des Knstlers
entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner Arbeit: sie war ganz
kolossal. Leider fiel der Knstler als Opfer der rohen Menge, die fr
die Freiheit des knstlerischen Schaffens wenig Verstndnis hatte. Er
wurde gesteinigt, weil er den Ausdruck des seligen Verkehrs mit dem
Herrn dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers verliehen, der die ganze
Stadt ausgeraubt hatte. Die glcklichen Erben des Schwindlers hatten dem
Verstorbenen auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Knstler
kostete es aber das Leben ...

Auch bei uns in Ruland gab es einen Meister auf diesem nicht ganz
gewhnlichen Gebiete der Kunst.




                           ZWEITES KAPITEL


Die Kinderfrau meines jngsten Bruders war eine lange, ausgetrocknete,
doch recht proportioniert gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie
war in ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater des Grafen
Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was ich hier erzhle, hat sich zu
Orjol in den Tagen meiner Kindheit abgespielt.

Mein Bruder war um sieben Jahre jnger als ich: als er zwei Jahre alt
war und von Ljubow Onissimowna gepflegt wurde, war ich schon ber neun
und konnte die Geschichten, die sie mir erzhlte, gut verstehen.

Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, hatte aber schon
schneeweies Haar; ihre Gesichtszge waren fein und zart, die schlanke
Figur ungewhnlich gut gebaut und grazis, wie bei einem jungen Mdchen.

Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, da sie in ihrer
Jugend wohl wunderschn gewesen sei.

Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit und
Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, trank sich aber
zuweilen einen Rausch an.

Sie fhrte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche
spazieren. Sie setzte sich immer auf das gleiche armselige, mit einem
einfachen Holzkreuz geschmckte Grab und erzhlte mir oft Geschichten.

So hrte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom Toupetknstler.




                           DRITTES KAPITEL


Er war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der Unterschied lag nur
darin, da sie auf der Bhne Vorstellungen gab und Tnze auffhrte,
whrend er nur ein Toupetknstler, d. h. Friseur und Schminkmeister
war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen anzumalen und zu
frisieren hatte. Er war aber kein alltglicher Meister mit dem
Frisierkamm hinter dem Ohr und der Bchse mit der Fettschminke in der
Hand, sondern ein Mann mit eigenen _Ideen_, mit einem Worte ein
_Knstler_.

Ljubow Onissimowna behauptete, da niemand so gut wie er einem Gesicht
einen Ausdruck zu verleihen verstand.

Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem von den Grafen
Kamenskij diese beiden Knstler gewirkt haben. Es sind drei Grafen
dieses Namens bekannt, und alle drei galten in Orjol als grausame
Tyrannen. Der Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809
von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; dieser
hatte zwei Shne: Nikolai und Ssergej, von denen der erste im Jahre 1811
und der zweite im Jahre 1835 gestorben war.

Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem riesengroen,
hlzernen Gebude vorbei, auf dessen Fassade mit schwarzer und brauner
Farbe falsche Fenster gemalt waren und das von einem langen, halb
eingefallenen Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene Herrenhaus
des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand sich auch das Theater. Das
letztere stand so, da man es vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche
aus gut sehen konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre
Erzhlungen mit den Worten ein:

Schau mal hinber, mein Lieber ... Siehst du das schreckliche Gebude?

Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!

Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzhlen.

Eine ihrer Erzhlungen vom Toupetknstler Arkadij, einem empfindsamen
und khnen jungen Mann, der ihrem Herzen nahe stand, will ich hier
wiedergeben.




                           VIERTES KAPITEL


Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein anzumalen und zu
frisieren. Fr die mnnlichen Schauspieler gab es einen eigenen
Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fllen die
Mnnergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand in
edelster Form anzumalen. Seine knstlerische Kraft lag darin, da er
einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrcke zu
verleihen verstand.

Man lt ihn kommen, berichtete Ljubow Onissimowna, und sagt ihm:
>Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt
etwas zurck, lt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn
hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine
Weile nach. In solchen Augenblicken war er schner als der schnste
Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es
gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen
voller Engelsgte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne
auf die Augen fiel, so da er zuweilen wie durch eine Nebelwolke
hindurch blickte.

Der Toupetknstler war, mit einem Wort, ein hbscher Mann und gefiel
allen. Der Graf selbst liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen
aus, lie ihm schne Kleider machen, hielt ihn aber sehr streng. Er
wollte es nicht haben, da Arkadij auer ihm noch irgendeinen Menschen
rasiere oder frisiere. Arkadij mute sich daher immer im grflichen
Ankleidezimmer aufhalten, auer wenn er am Theater beschftigt war.

Man lie ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl
gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die
Geistlichen nicht leiden. Einmal lie er sogar die Popen von der
Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit
Hunden hetzen.

Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit
abstoend hlich und sah allen wilden Tieren zugleich hnlich. Arkadij
verstand aber auch diesem tierhnlichen Gesicht, und wenn auch nur fr
kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, da der Graf, wenn er
abends in seiner Loge sa, wrdiger als mancher andere aussah.

Der Natur des Grafen gingen aber, zu seinem groen rger, am meisten
die Wrde und der kriegerische Ausdruck ab.

Damit ein so unvergleichlicher Knstler wie Arkadij niemand andern mit
seinen Diensten beglcken knne, mute er sein Leben lang zu Hause
sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand. Er war aber schon ber
fnfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten.
Sie waren natrlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren
Beziehungen entstanden, die in diesem Alter hufig sind: sie hatten
einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten
Andeutungen und nur vor fremden Ohren whrend des Schminkens sprechen.

Zusammenknfte unter vier Augen waren unmglich und selbst undenkbar ...

Wir Schauspielerinnen, erzhlte Ljubow Onissimowna, wurden ebenso
streng berwacht, wie die Ammen in vornehmen Husern: wir standen unter
der Aufsicht lterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer
von uns, Gott behte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder
weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.

Das Gebot der Keuschheit durfte nur der bertreten, der es selbst
aufgestellt hatte.




                           FNFTES KAPITEL


Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blte ihrer
jungfrulichen Schnheit, sondern auch in der interessantesten
Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chren
die Potpourris, tanzte die ersten Pas in der Chinesischen Grtnerin
und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfllt, alle Rollen
vom bloen Zuschauen.

Ich wei nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In
Orjol wurde der Kaiser (ich wei nicht recht, ob es Alexander
Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der
Stadt bernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen
Kamenskij beiwohnen.

Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater
war fr Geld berhaupt nicht zugnglich) und gab sich Mhe, die
Auffhrung mglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte
das Potpourri singen und die Chinesische Grtnerin tanzen; bei der
letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die
Schauspielerin, die im Stcke Die Herzogin de Bourblanc die Hauptrolle
spielen sollte, am Fue.

Ich habe noch nie etwas von einem Stck mit diesem Titel gehrt, aber
Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier
wiedergebe.

Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen lieen, bekamen im
Pferdestall ihre Prgel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es
gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc bernehmen
konnte.

Ich erklrte mich bereit, erzhlte Ljubow Onissimowna, diese Rolle zu
spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren
Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelsten
Haaren stirbt. Ich hatte aber schnes langes blondes Haar, und Arkadij
verstand es wunderbar zu frisieren.

Der Graf war ber die unerwartete Bereitwilligkeit des Mdchens, die
Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser
besttigte, da Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde:

Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rcken ben,
ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.

Die Quamarin-Ohrringe waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhates
Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, fr einen Augenblick
zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch
unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag,
das zum Opfer auserwhlte Mdchen gleich nach der Vorstellung als
heilige Ccilie zu kostmieren; das Mdchen wurde ganz wei gekleidet,
bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der
Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemcher des Grafen geschafft.

Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen, sagte die
Kinderfrau, es war aber das Schrecklichste, besonders fr mich, denn
ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich
warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich
am Abend spielen wrde.

Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhngnisvolle
Versuchung heran.

Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die
Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel
hlicher als der andere: er hielt sich stndig auf dem Lande auf, zog
nie die Uniform an und lie sich niemals rasieren, weil sein Gesicht
voller Beulen und Hcker war. Bei dieser auergewhnlichen Gelegenheit
mute er aber die Uniform anlegen, sein ueres in Ordnung bringen und
jenen kriegerischen Ausdruck annehmen, der damals verlangt wurde.

Es wurde aber sehr viel verlangt.

Heute wei man gar nicht mehr, wie streng damals alles war, sagte die
Kinderfrau. In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und
den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die
Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses
vorschriftsmige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift
mit dem aufrecht stehenden Schopf ber der Stirne und den nach vorne
gekmmten Haaren an den Schlfen frisierte, so sah er wie eine
Bauern-Balalaika ohne Saiten aus. Die vornehmen Herren hatten davor
groe Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von
der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem
Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet
waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten
es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen
weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen;
von den Militrpersonen verlangte man aber, da sie den Vorgesetzten
gegenber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenber malosen
Kampfesmut ausdrckten.

Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem hlichen und
unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen.




                           SECHSTES KAPITEL


Der lndliche Graf war noch viel hlicher als der stdtische und so
furchtbar verwachsen und verroht, da er es auch selbst fhlte. Er hatte
aber niemand, der sein ueres in Stand halten knnte: seinen eigenen
Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch
hatte er so viele Hcker im Gesicht, da man ihn unmglich rasieren
konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden.

Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und
sagt ihnen:

Wer von euch mich so herrichten kann, da ich meinem Bruder, dem Grafen
Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Fr denjenigen aber, der mich
dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache
gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein
Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar
verschneidet, den tte ich auf der Stelle.

Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht
geladen.

In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich
meistens in den Bdern auf, um Schrpfkpfe und Blutegel anzusetzen,
hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst
ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. Gott sei mit
dir und deinem Gold! dachten sie sich.

Was Sie von uns verlangen, sagen sie ihm, knnen wir gar nicht
machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur
anzurhren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur
gewhnliche russische Messer, fr Ihr Gesicht braucht man aber ein
englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein knnte so was fertig
bringen.

Der Graf lt die stdtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind
froh, da sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fhrt
zu seinem lteren Bruder und sagt:

Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer groen Bitte: berlasse mir
vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen
Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die
hiesigen Barbiere knnen das nicht machen.

Und der Graf antwortet seinem Bruder:

Die hiesigen Barbiere taugen selbstverstndlich zum Teufel. Ich wute
gar nicht, da es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von
eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du
von mir etwas Unmgliches; denn ich habe den Eid geleistet, da Arkadij,
so lange ich lebe, keinen Menschen auer mir anrhren wird. Glaubst du
denn, da ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?

Der andere antwortet:

Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst
wieder abschaffen.

Der ltere Graf sagt aber, da er diese Ansicht sehr merkwrdig finde:

Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen?
Arkadij wei, da ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es,
dafr wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich
aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so mu ich
ihn zu Tode prgeln und unter die Rekruten stecken.

Der Bruder erwidert darauf:

Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prgeln
oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht
machen.

Gut, sagt der ltere, ich will deinen Wunsch erfllen. Ich werde ihn
aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prgeln und dann unter die
Rekruten stecken.

Ist das dein letztes Wort, Bruder?

Ja, das allerletzte.

Ist das dein einziges Bedenken?

Ja, das einzige.

Dann ist es wunderschn; ich hatte schon geglaubt, da dein leiblicher
Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also
deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij,
_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine
Sache.

Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.

Gut, sagte er, deinen Pudel darf er wohl scheren.

Das ist alles, was ich brauche.

Er drckte dem Bruder die Hand und fuhr heim.




                          SIEBENTES KAPITEL


Das war um die Dmmerstunde im Winter, wo man eben die Lampen anzndet.

Der Graf lt Arkadij kommen und sagt ihm:

Geh zu meinem Bruder ins Haus und scher ihm seinen Pudel.

Arkadij fragt:

Ist das alles, was Sie mir befehlen?

Das ist alles, sagt der Graf. Komm aber bald zurck, denn du mut
noch die Schauspielerinnen frisieren. Ljuba wird heute in drei Rollen
spielen, nach dem Theater sollst du sie mir aber als heilige Ccilie
einkleiden.

Arkadij Iljitsch fiel beinahe um.

Der Graf fragte:

Was hast du denn?

Arkadij aber antwortete:

Verzeihung, ich bin auf dem Teppich ausgeglitten.

Der Graf witterte wohl etwas:

Pa auf, da es kein Unglck gibt!

Arkadij war es aber schon so zumute, da er nicht mehr an Glck und
Unglck dachte.

Als er den Befehl hrte, mich als heilige Ccilie einzukleiden, verging
ihm Hren und Sehen. Er nahm das Lederfutteral mit dem Rasierbesteck und
ging hinaus.




                            ACHTES KAPITEL


Er kommt zum Bruder des Grafen. Vor dem Spiegel brennen schon die
Kerzen, und auf dem Tische liegen wieder zwei Pistolen und daneben
Dukaten, aber nicht zwei, sondern zehn, und die Pistolen sind diesmal
mit tscherkessischen Kugeln geladen.

Der Bruder des Grafen sagt:

Ich habe gar keinen Pudel, verlange von dir aber folgendes: richte mich
so her, da ich ein mutiges Aussehen bekomme. Du kriegst dafr zehn
Dukaten; wenn du mich aber schneidest, bist du auf der Stelle tot.

Arkadij berlegte sich die Sache und machte sich pltzlich daran, --
Gott allein wei, was ber ihn gekommen war, -- den Bruder des Grafen zu
frisieren und zu rasieren. Im Nu war er mit seiner Arbeit fertig,
steckte das Geld in seine Tasche und sagte:

Leben Sie wohl.

Jener antwortet:

Geh! Ich mchte aber nur das eine wissen: wie hast du dich dazu
entschlieen knnen?

Arkadij aber sagt:

Warum ich mich dazu entschlossen habe, das wei nur mein Herz in der
Brust.

Oder bist du vielleicht kugelfest oder kennst irgend einen Zauber, so
da du selbst die Pistolen nicht frchtest?

Die Pistolen sind das wenigste, an die habe ich gar nicht gedacht.

Was? Wagtest du denn zu denken, da das Wort deines Grafen mehr gilt
als das meinige und da ich dich, wenn du mich schneidest, nicht
erschiee? Wenn du nicht kugelfest bist, so wrest du auf der Stelle
tot.

Als Arkadij den Namen seines Herrn hrte, fuhr er zusammen und sagte wie
aus dem Schlafe:

Ich bin nicht kugelfest, Gott hat mir aber Vernunft verliehen: noch eh
du die Hand nach der Pistole ausstrecktest, htte ich dir mit dem
Rasiermesser die Gurgel durchschnitten.

Mit diesen Worten strzt er hinaus und kommt ins Theater noch gerade zur
rechten Zeit, um mich herzurichten. Er zittert am ganzen Leibe, und wie
er sich ber mich beugt, um eine Locke zu wickeln, flstert er mir zu:

Hab nur keine Angst, ich werde dich entfhren.




                           NEUNTES KAPITEL


Die Auffhrung gelang vortrefflich, denn wir alle waren gut abgerichtet
und alle ngste und alle Marter gewohnt. Wir machten unsere Sache so
gut, wie wenn wir aus Stein wren, so da niemand sehen konnte, wie uns
dabei zumute war.

Wir sahen von der Bhne aus den Grafen und seinen Bruder: sie waren
einander sehr hnlich. Selbst als sie hinter die Kulissen kamen, konnte
man sie schwer voneinander unterscheiden. Der unsrige war aber auf
einmal ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen
grausamsten Wutausbrchen.

Wir zittern alle und bekreuzigen uns:

Herr, errette uns und sei uns gndig! Wen wird diesmal sein Zorn
treffen?

Wir wuten noch nichts von der verzweifelten Tat Arkaschas; er selbst
aber wute natrlich, da er keine Gnade zu erwarten hatte und
erbleichte, als der Bruder des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen
etwas zuflsterte: Ich hatte aber scharfe Ohren und hrte, was er ihm
sagte:

Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn er dich rasiert.

Der Unsrige lchelte nur leise.

Ich glaube, da auch Arkadij etwas gehrt hatte, denn er war auer sich
vor Aufregung: als er mich fr die letzte Rolle der Herzogin
herrichtete, legte er mir, -- was ihm sonst nie passierte, -- so viel
Puder an, da der Franzose, der Garderobier, sagte:

Trop beaucoup, trop beaucoup! Und er nahm mit einem Brstchen den
berschssigen Puder von mir ab.




                           ZEHNTES KAPITEL


Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin
von Bourblanc aus und kleidete mich als Ccilie ein: es war ein
einfaches, weies Gewand ohne rmel, das an den Achseln nur von den
Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und
nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Ccilie zu
machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dnnen
Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, da vor
der Tre meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er
mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen
und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die
schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannbcke und die
frchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor
gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause
gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bren an Ketten
saen. Wenn man vorbeikam, hrte man zuweilen die Ketten klirren und die
Menschen sthnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, da die Obrigkeit
etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, fr sie
einzutreten. Viele Leute saen hier lebenslnglich. Einer von ihnen
verfate, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers:

   Es kommen die Schlangen und fressen die Augen,
   Und Skorpione das Blut aus den Adern saugen.

Wenn man an den Kellern vorbeigeht, flstert man den Vers vor sich hin
und zittert am ganzen Leibe.

Manche waren aber neben lebendigen Bren so angekettet, da diese sie
gerade noch mit den Tatzen berhren konnten.

Es gelang ihnen aber nicht, Arkadij Iljitsch zum Foltern zu holen: als
er zu mir in die Kammer trat, packte er im gleichen Augenblick den
Tisch, schlug das Fenster ein, und was weiter geschah, wei ich nicht
mehr ...

Ich kam zum Bewutsein, als ich Klte in den Fen fhlte. Ich will die
Beine einziehen und merke, da ich in einen Pelz aus Wolfs- und
Brenfell eingewickelt bin. Um mich herum ist es stockfinster, und ich
rase auf einer Troika dahin ... Ich wei gar nicht, wohin. Neben mir
sitzen aber im breiten Schlitten zwei Mnner: der eine -- es ist Arkadij
Iljitsch -- hlt mich fest, der andere aber treibt die Pferde an ... Der
Schnee sprht nur so unter den Hufen der Pferde empor, und der Schlitten
schttelt mchtig: wenn wir nicht auf dem Boden des Schlittens sen und
uns nicht mit den Hnden festhielten, so wren wir lngst
hinausgeflogen.

Und ich hre sie ngstlich miteinander reden und verstehe nur das eine:
Man setzt uns nach! Jage, was du jagen kannst!

Wie Arkadij Iljitsch sieht, da ich zum Bewutsein gekommen bin, beugt
er sich ber mich und sagt:

Ljuba, mein Tubchen! Man jagt uns nach, bist du bereit zu sterben,
wenn sie uns einholen?

Ich antworte, da ich mit Freuden sterben werde.

Er hoffte, nach der trkischen Stadt Rustschuk zu entkommen, wohin schon
viele von unseren Leuten vor dem Grafen Kamenskij geflohen waren.

Wir sausten pltzlich ber eine Brcke, in der Ferne tauchte etwas wie
eine menschliche Behausung auf, und wir hrten Hundegebell. Der Kutscher
hieb tchtig auf die Pferde ein, warf pltzlich den Schlitten um,
Arkadij und ich fielen in den Schnee hinaus, der Schlitten, die Pferde
und der Kutscher waren aber im Nu verschwunden.

Arkadij sagt:

Frchte nichts, so mu es sein, denn ich kenne den Kutscher, der uns
gefahren hat, nicht, und er kennt uns nicht. Er hat es fr drei Dukaten
bernommen, dich zu entfhren, und mu jetzt an die Rettung seiner
eigenen Seele denken. Wir sind in Gottes Hand: da ist das Dorf
Ssuchaja-Orliza, und hier wohnt ein khner Pope, der die gewagtesten
Ehen traut und der schon vielen von unseren Leuten zur Flucht verholfen
hat. Wir geben ihm ein Geschenk, er wird uns die Nacht ber bei sich
behalten und morgen trauen; am Abend wird aber der gleiche Kutscher
wieder kommen, und wir werden uns davonmachen.




                            ELFTES KAPITEL


Wir klopfen an und treten in den Flur. Der Pope selbst lt uns ein, --
er ist ein kleiner, alter Mann, und vorne fehlt ihm ein Zahn. Seine alte
Frau macht Licht. Wir strzen ihnen zu Fen:

Rettet uns, lat uns in die warme Stube ein und versteckt uns bis
morgen Abend!

Der Pope fragt:

Habt ihr was gestohlen, oder seid ihr einfach durchgebrannt?

Nichts haben wir gestohlen; wir sind auf der Flucht vor dem grausamen
Grafen Kamenskij und wollen nach der trkischen Stadt Rustschuk, wo
nicht wenige von unsern Leuten wohnen. Man wird uns nicht finden, wir
haben aber Geld bei uns und wollen Ihnen fr das bernachten einen
goldenen Dukaten geben und fr das Trauen -- drei Dukaten. Wenn Sie es
knnen, trauen Sie uns, sonst werden wir uns in Rustschuk trauen
lassen.

Und jener antwortet:

Warum sollte ich es nicht knnen? Ich kann es sehr wohl. Was braucht
ihr euer Geld nach Rustschuk zu schleppen? Gebt mir fr alles zusammen
fnf Dukaten, und ich werde euch gleich hier zusammenkoppeln.

Arkadij gab ihm die fnf Dukaten, und ich nahm mir die Quamarin-Ohrringe
ab und gab sie der Popenfrau.

Der Pope nahm das Geld und sagte:

Ach, meine Lieben, ich habe schon ganz andere Paare getraut, es ist
aber nicht gut, da ihr von des Grafen Leuten seid. Und wenn ich auch
Pope bin, so habe ich doch Angst vor seiner Grausamkeit. Aber ich will
es schon machen, komme, was kommen mag. Gebt mir noch einen Dukaten, und
wenn auch einen beschnittenen, dazu und versteckt euch.

Arkadij gibt ihm den sechsten Dukaten, sogar einen guten, und er sagt zu
seiner Popenfrau:

Alte, was stehst du noch da? Gib der Entlaufenen irgendeinen Rock und
eine Jacke, denn es ist eine Schande, sie anzuschauen -- sie ist ja
nackt. Dann wollte er uns in die Kirche fhren und in den Kasten mit
Kirchengewndern verstecken. Kaum hatte aber die Popenfrau begonnen,
mich hinter dem Vorhang umzukleiden, als an die Tre geklopft wurde.




                           ZWLFTES KAPITEL


Uns beiden standen die Herzen still. Der Pope aber flstert Arkadij zu:

Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewndern werdet ihr ja jetzt
nicht mehr kommen knnen, schlpfe aber unter das Federbett.

Und zu mir spricht er:

Und du, meine Liebe, komm einmal her.

Er stellt mich ins Gehuse der groen Standuhr, sperrte es zu und
steckte den Schlssel in die Tasche. Und dann geht er die Tr aufmachen.
Ich hre, da es viele Menschen sind. Die einen stehen in der Tre, und
zweie schauen von auen durchs Fenster herein.

Sieben Mann von den Jgern des Grafen kommen in die Stube; alle haben
Mordwaffen und Peitschen in der Hand und Stricke im Grtel; der achte im
langen Wolfspelz und hoher Mtze ist aber der Haushofmeister.

Das Uhrgehuse, in dem ich stand, war vorne wie ein Gitter durchbrochen
und mit altem Tll bespannt. Durch diesen Tll konnte ich alles sehen.

Der alte Pope merkt wohl, da die Sache schlimm steht: er zittert vor
dem Haushofmeister, bekreuzigt sich in einemfort und stammelt:

Ach, meine Lieben, meine Lieben! Ich wei wohl, was ihr hier sucht, ich
stehe vor dem durchlauchtigsten Grafen unschuldig da! Ich bin
unschuldig, bei Gott, unschuldig!

Whrend er sich aber bekreuzigt, zeigt er immer mit den Fingern ber die
linke Schulter auf das Uhrgehuse, in dem ich eingesperrt bin.

-- Ich bin verloren! -- denke ich mir, wie ich diesen Zauber sehe.

Auch der Haushofmeister verstand den Wink und sagte:

Uns ist alles bekannt. Gib mal den Schlssel von dieser Uhr her.

Der Pope begann wieder mit den Hnden zu fuchteln:

Ach, meine Lieben! Verzeiht, straft mich nicht, ich habe vergessen, wo
ich den Schlssel habe, bei Gott, ich habe es vergessen!

Und dabei fhrt er sich immer mit der Hand ber die Tasche.

Der Haushofmeister merkte auch diesen Zauber. Er nahm ihm den Schlssel
aus der Tasche und holte mich aus der Uhr heraus.

Komm mal heraus, Tubchen, sagt er mir, der Tuberich wird sich schon
von selbst melden.

Arkascha meldet sich auch gleich: er wirft das Popenbett von sich und
spricht:

Es ist wohl nichts zu machen, ihr habt gewonnen. Nun knnt ihr mich
wieder zurckbringen und den Folterknechten berliefern. Sie aber ist
unschuldig: ich habe sie mit Gewalt entfhrt.

Dann wendet er sich zum Popen um und spuckt ihm nur ins Gesicht.

Jener aber sagt:

Meine Lieben, seht ihr, wie er mein Priesteramt und meine Treue
beschimpft? Meldet es doch dem durchlauchtigsten Grafen!

Der Haushofmeister antwortet:

Hab nur keine Angst: alles wird ihm angerechnet werden! Und er gibt
seinen Leuten den Befehl, mich und Arkadij hinauszufhren.

Wir setzten uns in drei Schlitten: in den vorderen Schlitten kam der
gebundene Arkadij mit den Jgern; mich setzte man unter der gleichen
Bewachung in den letzten Schlitten, und die brigen fuhren in der Mitte.

Als das Volk uns so fahren sah, machte es Platz: alle glaubten, da es
ein Hochzeitszug sei.




                         DREIZEHNTES KAPITEL


Wir waren sehr bald wieder zu Hause. Als wir in den Hof einfuhren, war
vom ersten Schlitten, auf dem man Arkadij gebracht hatte, nichts mehr zu
sehen. Man sperrte mich in meine alte Kammer und nahm mich ins Verhr:
wie lange ich mit Arkadij allein gewesen sei?

Ich sage ihnen:

Auch nicht einen Augenblick!

Das war mir wohl schon so vom Himmel beschieden, da mich nicht der
Geliebte, sondern der Verhate bekam. Diesem Schicksal entging ich
nicht. Als ich in meine Kammer zurckkehrte und den Kopf in die Kissen
vergrub, um mein Unglck zu beweinen, hrte ich von unten furchtbares
Sthnen.

Bei uns war das so eingerichtet: wir Mdchen wohnten im ersten Stock des
hlzernen Hauses, unten war aber ein groes, hohes Zimmer, in dem wir
singen und tanzen lernten. Oben konnte man alles, was unten vorging,
hren. Und der Frst der Hlle, Satanas, gab den Grausamen den Gedanken
ein, Arkadij gerade unter meiner Kammer zu foltern.

Als ich hrte, wie man ihn peinigte ... strzte ich zur Tre, um zu ihm
zu laufen ... Die Tre war aber verschlossen ... Ich wute selbst nicht,
was ich tun wollte ... und ich fiel hin ... Auf dem Boden ist aber alles
noch viel deutlicher zu hren ... Und ich habe keinen Nagel und kein
Messer, ich habe gar nichts, um mich zu tten ... Und ich nahm meinen
Zopf, und wickelte ihn mir um den Hals, und ich drehte ihn mir um den
Hals, und ich drehte ihn immer fester zusammen ... Zuletzt hrte ich nur
ein Klingen in den Ohren und sah Kreise vor den Augen, und alles erstarb
in mir ... Und als ich zum Bewutsein kam, sah ich mich an einem Ort,
den ich gar nicht kannte, in einer groen hellen Stube ... Klber waren
um mich her, viele Klber, mehr als zehn Stck ... So freundlich waren
sie: das eine nach dem andern kam auf mich zu, schnupperte mit kalten
Lippen an meiner Hand, glaubte wohl, das Euter der Mutter zu saugen ...
Ich war auch darum erwacht, weil das so kitzelte ... Ich sehe mich um
und frage mich: wo bin ich? Und ich sehe: eine ltere groe Frau kommt
herein, ist ganz in blaue Leinwand gekleidet, hat ein sauberes Tuch um
den Kopf, und das Gesicht ist so freundlich und liebevoll.

Wie die Frau sieht, da ich zum Bewutsein gekommen bin, fngt sie
freundlich zu sprechen an und erzhlt mir, da ich mich im Klberstall
am Grafenhause befinde ... Siehst du, dort stand dieser Stall --
erklrte Ljubow Onissimowna, mit der Hand auf den entferntesten Winkel
des halbzerfallenen Bretterzaunes zeigend.




                         VIERZEHNTES KAPITEL


Man hatte sie auf den Viehhof gebracht, weil man glaubte, sie sei
verrckt geworden. Geisteskranke Leibeigene, die zum Vieh herabgesunken
waren, pflegte man zwecks Prfung auf den Viehhof zu schaffen, denn
die Viehwrter, lauter ltere und solide Leute, galten als berufen,
Geisteskranke zu beobachten.

Die Frau in blauer Leinwand, bei der Ljubow Onissimowna zu sich kam,
hie Drossida und war sehr gutherzig.

Am Abend -- fuhr die Kinderfrau fort -- machte sie mir ein Lager aus
frischem Haferstroh. Sie zerfaserte es, so da es so weich wie Daunen
war, und sagte mir: Ich will dir alles erffnen, Mdchen, komme was
kommen mag. Ich bin aber ebenso wie du und habe nicht immer diese blaue
Leinwand getragen. Auch ich habe schon ein anderes Leben gesehen. Ich
mag daran gar nicht zurckdenken, dir will ich aber nur dieses sagen:
grme dich nicht, da du auf den Viehhof verbannt worden bist, in der
Verbannung ist es viel besser, nimm dich aber vor diesem schrecklichen
Placon in acht ...

Und sie holt aus dem Busentuch ein weies Flschchen und zeigt es mir.

Ich frage:

Was ist das?

Und sie antwortet:

Trink es nicht: es ist Schnaps. Ich habe mich einmal nicht beherrschen
knnen ... gute Menschen hatten es mir gegeben ... Jetzt kann ich ohne
den Placon gar nicht leben ... Du aber enthalte dich, solange du kannst,
und verurteile mich nicht, wenn ich ein wenig davon sauge, denn es ist
mir gar zu weh ums Herz. Du sollst aber noch einen Trost im Leben
erfahren: Gott hat _ihn_ schon von der Tyrannei erlst ...

Ich schrie auf: Er ist tot! und griff mich an die Haare. Ich erkenne
meine Haare nicht: ganz wei sind sie geworden ... Was ist das?

Und sie sagt mir:

Erschrecke nicht, deine Haare sind dort, als man dich aus deinem Zopf
befreite, wei geworden; er aber lebt und ist von der Tyrannei erlst:
der Graf hat ihm eine Gnade erwiesen, die noch niemand erlebt hat. Wenn
die Nacht kommt, werde ich dir alles erzhlen, jetzt will ich noch ein
wenig an meinem Placon saugen ... Das Herz brennt mir so ...

Und sie sog solange daran, bis sie einschlief.

Nachts aber, als alle schon schliefen, stand Tantchen Drossida wieder
auf, ging, ohne Licht zu machen, ans Fenster, sog wieder am Placon,
versteckte ihn und fragte mich leise:

Schlft der Gram oder schlft er nicht?

Und ich antwortete:

Der Gram schlft nicht.

Sie kam an mein Bett und erzhlte mir, da der Graf den Arkadij nach der
Zchtigung zu sich berufen und ihm gesagt habe:

Du mutest alles durchmachen, was ich fr dich festgesetzt hatte. Da du
mein Favorit warst, werde ich dir meine Gnade erweisen: morgen stecke
ich dich unter die Soldaten. Da du aber meinen Bruder, den
durchlauchtigsten Grafen, trotz seiner Pistolen nicht gefrchtet hast,
will ich dir den Weg der Ehre erffnen, -- ich will nicht, da du tiefer
als auf der Stufe stehst, auf die du dich selbst mit deinem edlen Geiste
gestellt hast. Ich will einen Brief schreiben, da man dich sofort in
den Krieg schickt, und du wirst nicht als gewhnlicher Soldat, sondern
als Sergeant kmpfen. Zeige nun deinen Mut. Und du stehst jetzt nicht
mehr unter meinem Willen, sondern unter dem Willen des Zaren.

Jetzt hat er es leichter, sagte Tantchen Drossida, und hat nichts zu
frchten: jetzt droht ihm nur eine Gefahr: in der Schlacht zu fallen;
die Tyrannei des Grafen ist er aber los.

Ich glaubte ihr jedes Wort und trumte drei Jahre lang jede Nacht von
Arkadij Iljitsch, wie er kmpfte.

So vergingen die drei Jahre, und Gott war mir gndig: man schickte mich
nicht mehr ans Theater, sondern lie mich bei der Tante Drossida im
Klberstall als ihre Gehilfin. Hier hatte ich es gut, und die Frau tat
mir sehr leid. Wenn sie nicht allzuviel getrunken hatte, erzhlte sie
mir nachts Geschichten, und ich hrte ihr gerne zu. Sie konnte sich noch
erinnern, wie der alte Graf von seinen eigenen Leuten erstochen worden
war. Sein Kammerdiener war der Haupttter gewesen, -- die Leute hatten
seine Grausamkeit einfach nicht lnger ertragen knnen. Ich trank aber
noch immer nicht und tat mit groer Freude die Arbeit fr Tantchen
Drossida: die Klbchen waren mir wie Kinder. Ich hatte sie so lieb, da,
wenn man eines aus dem Stalle nahm, um es fr den grflichen Tisch zu
schlachten, ich es beim Abschied bekreuzigte und dann drei Tage lang
beweinte. Frs Theater taugte ich nicht mehr, denn ich konnte nicht mehr
richtig die Beine bewegen. Einst hatte ich einen wunderschnen leichten
Gang; auf der Flucht mit Arkadij Iljitsch hatte ich mir wohl die Fe
erkltet und hatte nicht mehr die einstige Kraft in den Spitzen. Ich
kleidete mich in die gleiche blaue Leinwand wie Drossida, und Gott
allein wei, wie ich mein Leben beschlossen htte. Aber eines Abends bei
Sonnenuntergang, wie ich in der Stube sitze und Garn aufwickele, fliegt
zum Fenster ein Steinchen herein, und das Steinchen ist in ein Papier
eingeschlagen.




                         FNFZEHNTES KAPITEL


Ich schaue hin, ich schaue her, blicke zum Fenster hinaus, -- niemand
ist da.

Jemand hat wohl den Stein aus der freien Welt hereingeworfen, denke
ich mir, hat aber aus Versehen unser Fenster getroffen. Und ich frage
mich: Soll ich das Papier aufmachen oder nicht? Es ist wohl besser,
da ich es aufmache, denn es ist sicher etwas darauf geschrieben.
Vielleicht eine wichtige Nachricht. Ich kann das Geheimnis fr mich
behalten und den Stein mit dem Zettel demjenigen zuwerfen, fr den er
bestimmt ist.

Ich mache das Papier auf, beginne zu lesen, und traue meinen Augen nicht
...




                         SECHZEHNTES KAPITEL


Und ich lese:

Meine treue Ljuba! Ich war im Kriege, habe fr meinen Kaiser gefochten,
habe mehr als einmal mein Blut vergossen und bin dafr mit dem
Offiziersrang und dem Adel belohnt worden. Jetzt habe ich Urlaub zur
Heilung meiner Wunden bekommen und wohne im Gasthofe in der
Kanonier-Vorstadt. Morgen lege ich alle meine Orden und Kreuze an, gehe
zum Grafen, gebe ihm mein ganzes Geld, die fnfhundert Rubel, die man
mir zur Heilung meiner Wunden gegeben hat, und bitte ihn, dich
freizulassen, in der Hoffnung, da wir uns nun vor dem Altar des
Hchsten trauen lassen knnen.

-- Und weiter hie es in dem Briefe, -- fuhr Ljubow Onissimowna mit
unterdrckter Erregung fort: Was aber die Schmach betrifft, die Sie
ber sich ergehen lassen muten, so halte ich sie fr ein bloes Unglck
und rechne sie Ihnen nicht als Snde und Schwche an. Gott allein mag
Sie richten, ich aber empfinde Ihnen gegenber nur Achtung. Und der
Brief ist unterschrieben: Arkadij Iljin.

Ljubow Onissimowna verbrannte den Brief sofort im Ofen, sagte keinem
Menschen etwas davon, selbst der Alten nicht, und betete die ganze Nacht
zu Gott. Sie betete aber nicht fr sich, sondern nur fr ihn: er war
zwar Offizier, mit Wunden und Ehrenzeichen bedeckt, sie konnte sich aber
gar nicht denken, da der Graf ihn anders behandeln wrde, als frher.

Sie frchtete einfach, da man ihn schlagen wrde.




                         SIEBZEHNTES KAPITEL


Am nchsten Morgen fhrte Ljubow Onissimowna die Klbchen in aller Frhe
in die Sonne und gab ihnen Milch und eingeweichte Brotrinden. Pltzlich
hrte sie drauen, hinter dem Zaune, in der Freiheit viele Menschen
rennen und laut sprechen.

-- Was sie sprachen, -- erzhlte sie, -- hrte ich nicht, aber ihre
Worte schnitten mich wie Messer ins Herz. Der Mistfhrer Philipp kam
gerade in den Hof gefahren, und ich fragte ihn:

Filjuschka, Vterchen, hast du nicht gehrt, worber die Leute drauen
sprechen?

Und er antwortet:

Sie gehen in die Kanonier-Vorstadt, wo in dieser Nacht der Gastwirt
einen schlafenden Offizier erstochen hat. Er hat ihm die Kehle
durchschnitten und fnfhundert Rubel von ihm geraubt. Man hat ihn schon
ergriffen, er war ganz blutig und hatte noch das ganze Geld bei sich.

Und wie er mir das sagt, falle ich wie tot zu Boden ...

So war es auch: der Wirt hatte meinen Arkadij Iljitsch erstochen ... und
man beerdigte ihn hier, in diesem selben Grabe, auf dem wir jetzt sitzen
... Er liegt jetzt unter uns, in dieser Erde ... Darum fhre ich ja euch
immer hierher spazieren ... Ich habe gar keine Lust, dorthin zu schauen
(sie zeigte mit der Hand auf die morschen Ruinen des Grafenhauses),
mchte nur hier in seiner Nhe sitzen und ... einen Tropfen zu seinem
Gedchtnis trinken ...




                         ACHTZEHNTES KAPITEL


Ljubow Onissimowna hielt inne -- sie war wohl mit ihrer Erzhlung zu
Ende -- und holte aus der Tasche das Flschchen und sog daran. Ich aber
fragte sie:

Wer hat denn den berhmten Toupetknstler hier beerdigt?

Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war selbst bei der
Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war doch Offizier, und der
Geistliche und der Diakon nannten ihn bei der Totenmesse >der Edle
Arkadij<. Und als man den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten
blinde Schsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber bers Jahr auf
dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. Dreiundvierzig
Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij Iljitsch, blieb aber am Leben und kam
mit gebrandmarktem Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die gerade
frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die Alten, die sich noch
erinnerten, wie man den Mrder des alten Grafen bestraft hatte, sagten,
da dreiundvierzig Schlge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von
einfacher Abstammung; fr den Grafen hatte man aber hundertundeinen
Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf man ja keine gerade Zahl von
Schlgen geben, es mu immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man
sich einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher drei Glas Rum zu
trinken gegeben. Er hatte die ersten hundert Schlge nur zur Peinigung
gegeben, so da der Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem
hundertersten Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rckgrat. Als man
ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... Man deckte ihn mit einer
Bastdecke zu und wollte ihn ins Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er
den Geist auf. Der Henker aus Tula schrie aber noch: >Gebt mir noch
jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!<

Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?

Gewi, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, da man alle
Leute vom Theater hinfhrt, damit sie sehen, wie weit es einer von den
unsrigen bringen kann.

Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?

Gewi! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm Abschied ... Auch ich
ging hin ... Er war so verndert, da ich ihn gar nicht wiedererkannt
htte. So bla und mager war er, -- die Leute sagten, er htte sein
ganzes Blut verloren, weil ihn der Mrder um Mitternacht erstochen hat
... So viel Blut hat er verloren ...

Sie hielt inne und wurde nachdenklich.

Und Sie, fragte ich, wie haben Sie es berstanden?

Sie erwachte gleichsam aus ihren Trumen und fuhr sich mit der Hand ber
die Stirn.

Wie es mir anfangs zumute war, wei ich nicht mehr, ich wei auch
nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging ja mit allen zusammen vom
Friedhof fort, also hat mich wohl jemand gefhrt ... Am Abend sagte mir
aber Drossida Petrowna:

>So geht es nicht, du schlfst nicht und liegst wie ein Stein da. Das
ist nicht gut! Du mut weinen, damit das Herz einen Ausflu hat.<

Ich sage ihr drauf:

>Ich kann nicht weinen, Tantchen, -- mein Herz brennt wie eine Kohle und
hat keinen Ausflu.<

Und sie antwortet:

>Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.<

Sie schenkte mir aus ihrem Flschchen ein und sagte:

>Bisher habe ich dich davon zurckgehalten und es dir abgeraten. Jetzt
ist aber nichts mehr zu machen: sauge daran und lsche die Kohle.<

Ich ihr drauf: >Ich habe keine Lust.<

>Nrrchen,< sagt sie mir, >kein Mensch hat anfangs Lust dazu. Der Gram
ist bitter, und das Gift ist noch bitterer. Wenn man die Kohle mit
diesem Gift begiet, erlischt sie fr eine Weile. Saug schnell daran!<

Ich trank den ganzen Placon auf einmal aus. Es war mir widerlich, ich
konnte aber anders nicht einschlafen. Und so war es auch in der nchsten
Nacht ... Heute kann ich ohne ihn nicht mehr auskommen. Habe mir selbst
einen Placon angeschafft und kaufe mir Schnaps ... Und du, liebes Kind,
sag der Mama nichts davon: du sollst die einfachen Menschen niemals
verraten, du sollst mit ihnen Mitleid haben, denn sie sind alle Dulder.
Und wenn wir jetzt nach Hause gehen, werde ich gleich an der Ecke ans
Fenster der Schenke klopfen ... Wir werden nicht hineingehen, ich werde
nur den leeren Placon abgeben, und man wird mir einen neuen durchs
Fenster reichen.

Ich war gerhrt und versprach ihr, keinem Menschen von ihrem Placon zu
erzhlen.

Ich danke dir, Lieber, -- sag es niemand: denn ich mu ihn haben.

Ich sehe sie auch heute noch vor mir: jede Nacht, wenn alle im Hause
schlafen, steht sie von ihrem Bette auf, so leise, da kein Knchelchen
knackt, sie lauscht und schleicht auf ihren langen erklteten Beinen zum
Fenster ... Sie steht eine Weile da, sieht sich um und lauscht wieder,
ob meine Mutter nicht aus dem Schlafzimmer kommt; dann hre ich den Hals
des Placons gegen ihre Zhne klappern ... Sie nimmt einen Schluck,
einen zweiten und einen dritten ... So hat sie die Kohle fr eine
Zeitlang gelscht und eine Totenfeier fr ihren Arkascha abgehalten. Und
dann schlpft sie wieder unter die Decke, und ich hre sie nur leise mit
der Nase pfeifen. Sie schlft!

Eine schrecklichere und herzzerreiendere Totenfeier habe ich noch nicht
erlebt.




                    ANLSSLICH DER KREUTZERSONATE


                          (Aus dem Nachla)

                              Jedes Mdchen steht moralisch
                              hher, als der Mann, weil sie
                              unvergleichlich
                              reiner ist. Ein Mdchen,
                              das geheiratet hat, steht
                              immer hher, als ihr Mann. Sie
                              steht hher als er, als Mdchen und
                              auch als Frau in unserm Leben.

                                                         L. Tolstoi.




                            ERSTES KAPITEL


Man begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Das Wetter war rauh und
trbe. Ich fhlte mich an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur
mit Mhe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor dem Tor
herrschte ein groes Gedrnge. In der Menge hrte man Sthnen und
Schreien. Auf einer Erhhung erschien der Dramendichter Awerkijew und
schrie irgendetwas. Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine
Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung schaffen, und
lobten ihn dafr, die anderen rgerten sich ber ihn. Ich war unter
denen, die keinen Einla gefunden hatten, und da ich keinen Sinn sah,
noch lnger hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heien Tee und
schlief ein. Von der Klte und den verschiedenartigen Eindrcken fhlte
ich mich sehr mde. Ich schlief lange und so fest, da ich zum
Mittagessen nicht aufstand. So kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu
Mittag zu essen, weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrcke noch ein
neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich uerst erregte.

In der spten Dmmerung weckte mich mein Mdchen und sagte, da eine
unbekannte Dame gekommen sei, die nicht weggehen wolle und beharrlich
bitte, ich mge sie empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem
bejahrten Schriftsteller sind eine ganz gewhnliche Sache. Zahlreiche
Damen und Mdchen kommen zu uns, um sich mit uns ber ihre literarischen
Versuche zu beraten oder uns um unsere Untersttzung beim Unterbringen
ihrer Erzeugnisse bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. Deshalb
kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnckigkeit durchaus nicht
erstaunlich vor. Wenn das Leid gro ist und die Not nicht weichen will,
ist es nicht verwunderlich, wenn man hartnckig wird.

Ich sagte dem Mdchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer bitten, und
machte mich zurecht. Als ich mein Kabinett betrat, brannte auf dem
groen Tische die Arbeitslampe. Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn
und lie das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die mich diesmal
besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt.

Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, im Sessel Platz
zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den erleuchteten Zimmerstellen
aus und trachte danach, im Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar
vor. Auf solche Weise zieren und genieren sich manchmal schchterne,
ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien mir die bevorzugte
gesellschaftliche Stellung der Dame, die sich mir irgendwie fhlbar
mitteilte. Sie war entzckend gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr
war kostspielig und elegant: der reizende Plschmantel, den sie nicht im
Vorzimmer abgelegt hatte und whrend unseres ganzen Gesprches
anbehielt; das elegante schwarze Htchen, anscheinend kein russisches
Erzeugnis, sondern Pariser Modell, der hinten geknotete schwarze
Schleier, durch dessen doppeltes Netz ich nur das weie, runde Kinn und
manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt mir ihren Namen
und den Zweck ihres Besuches zu sagen, begann sie mit folgenden Worten:

Darf ich darauf rechnen, da Sie sich fr meinen Namen nicht
interessieren werden?

Ich antwortete ihr, da sie durchaus darauf rechnen drfe. Darauf bat
sie, ich mchte mich auf den Stuhl vor der Lampe setzen, und schob dann
ungeniert den grnen Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, da das
ganze Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. Dann setzte
sie sich selbst an das andere Ende des Tisches und fragte von neuem:

Sie haben keine Familie?

Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.

Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?

Ich antwortete, da, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund
she, der sie hindern knnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe.

Wir sind hier allein?

Ganz allein!

Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das
anstoende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem
mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei
deren Schein man das ganze Zimmer berschauen konnte. Ich rhrte mich
nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie she doch
selbst, da bei mir niemand sei, auer der Bedienung und einer kleinen
Waise, die bei ihren Erwgungen keinerlei Rolle spielen knnten. Hierauf
setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rckte wieder an dem grnen
Schirm und sagte:

Sie entschuldigen mich, ich bin in groer Erregung ..., und mein
Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!

Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte,
stak in einem schwarzen Glachandschuh und zitterte heftig. Statt zu
antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurck und sagte:

Es ist nicht ntig, ich bin nicht so nervs, ich bin zu Ihnen gekommen,
weil dieses Begrbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf
mich einen so auergewhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat,
dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben
erzhlen mute, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich
nicht, da ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzhlen, warum
ich es getan habe; es macht nichts, da wir einander nicht kennen: ich
habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so
verwandt, da ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen.
Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz groe Dummheit. Ich will
Sie vorher fragen, und Sie mssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir
raten, das werde ich tun.

Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hnde, fr die sie keinen Platz
fand, zitterten.




                           ZWEITES KAPITEL


Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen
Lebens, wenn auch nicht gerade hufig, kamen aber doch vor.

Am hufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die
ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant
und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fllen fast nie wei,
mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf,
die Dame mge von politischen Leidenschaften umstrmt sein und habe
irgendetwas vor, was sie unglcklicherweise mir anvertrauen wolle. Die
Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berhrt:

Ich wei nicht, worber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen
etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefhle Sie hergefhrt
haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflen, so
werde ich keinenfalls Mibrauch davon machen, was Sie mir anscheinend
als Geheimnis anvertrauen wollen.

Ja, sagte sie, als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin
berzeugt, da Sie es fr sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht
zu wiederholen, warum es geheim bleiben mu. Ich wei, da Sie es
fhlen, ich kann mich nicht tuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher
als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole
Ihnen, da ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem
Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine
Taktlosigkeit: die Wahl mu sofort getroffen werden, in diesem
Augenblick, sie hngt von Ihnen ab.

Ich zweifelte nicht, da hierauf ein politisches Gestndnis folgen
wrde, und sagte unwillig:

Ich hre zu.

Trotz des doppelten Schleiers fhlte ich den aufmerksamen Blick meines
Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest:

Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrge meinen Mann.

Zu meiner Schande mu ich gestehen, da mir bei diesem Gestndnis eine
schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke.

Ich betrge meinen prchtigen, gtigen Mann. Und das sind nun sechs,
... nein, mehr! ..., ich mu die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich
nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch
an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmhlicheres gibt
es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen
Sie?

Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.

Sie verstehen, was das heit. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu
Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz
durchwhlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich
barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht
mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie
schlielich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste
im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fhlen, da es besser ist,
seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demtig und
zerknirscht auf die Strae geworfen zu sein, -- ich wei nicht, was mit
mir geschehen wird, -- aber ich fhle das unbezwingbare Verlangen,
hinzugehen und meinem Manne alles zu erzhlen. Ich fhle dieses
Bedrfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren
zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem,
wie frher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es
doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,
beschlo ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.

Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr
durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck.

Sie mssen natrlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rtsel
aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich mte
schamlos lgen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals
Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die
Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine
gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu
whlen, -- ich brauche darber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete
einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat.
Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heit, ich wollte
sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es,
als gefalle er mir, und ich glaubte, da ich ihn lieben knne;
keinenfalls dachte ich, da ich ihn betrgen wrde, ihn auf die
niedrigste Weise betrgen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und
guten Mutter genieen wrde, whrend ich keine anstndige, ja vielleicht
eine niedertrchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel
selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben
hngt so viel von den Umstnden ab. Man sagt, in den Stdten sei viel
Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande
geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen
allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner
Sorge berlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wre, so mte ich
bereuen, mte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu
verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, da ich mich nicht an
den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines
der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer
gefrchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst,
und als uns in dem groen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine
Hand ... Spter, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann
machte er eine Weltreise, kehrte zurck, und es begann von neuem: aber
jetzt will ich, da es ein Ende nehme, und diesmal fr immer. Ich wollte
es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die
Entschlsse, die ich gefat hatte, verflogen immer eine Stunde nach
seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts
verheimlichen, -- da nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst
sagte und erreichte es und rgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu
erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug,
meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...

Was wollen Sie nun tun? fragte ich.

Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute
tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.

Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was fr einen Charakter er habe.

Mein Mann, antwortete die Dame, geniet den besten Ruf, hat einen
guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn fr einen
ehrenwerten und edlen Menschen.

Und Sie teilen diese Meinung? fragte ich.

Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verstndig und
ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so
ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte
Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine
Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintnig.

Und jener, den Sie lieben?

Was wollen Sie ber ihn wissen?

Flt er Ihnen Achtung ein?

Oh! rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand.

Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?

Sie sollen denken, da er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der
niemand irgendwelche Achtung einflt, sich nicht einmal die Mhe gibt,
es zu tun.

Sie lieben ihn?

Sie zuckte die Achseln und sagte:

Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller
Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie
zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige
sind zu diesem Gefhle befhigt. Unsere Buerinnen gebrauchen an Stelle
des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich,
sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel
bessere und auch viel einfachere Erklrung. Das Wort lieben-bemitleiden
heit eben lieben im alltglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich
sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen
Sie, -- sich sehnen ...

Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das
sie diesmal aus meinen Hnden nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber
sie war anscheinend dankbar, da ich sie nicht genauer anblickte.

Wir schwiegen beide. Ich wute nicht, was zu sagen, und in ihr war
anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie
alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet
meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:

Nun denn, wenn Sie mir raten, da ich es meinem Manne gestehen soll, so
werde ich es tun, aber vielleicht knnen Sie mir etwas anderes sagen?
Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflt,
haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen
fhlen auch das, was die berufsmigen Kritiker nicht fhlen. Sie
knnen, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll
ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjhrige
Snde gestehen?




                           DRITTES KAPITEL


Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fhlte doch meine
schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wre, eine solche Antwort zu
geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Ttigen zu
beruhigen, oder ihm einen gewnschten Dienst zu erweisen, so fhlte ich
doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich
hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Snden
dieser Art kunstvoll zu verbergen wuten, oder, wenn sie sie nicht
verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei
aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, da sie mir weniger
wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei
immer, da die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und da
sie sich es ordentlich berlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem
mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufgt. Ich kmmerte
mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen
verhlt. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und
wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden mu, warum es dann tun?
Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein
gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben
Empfindungen zugnglich sind, dasselbe menschliche Gefhl wie dem Manne,
was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt
haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstliche
Wahrheit fhle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie
der Mann, der das Gelbde der Keuschheit der Frau gegenber, der er
durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein
Vergehen fhlt und dadurch manchmal die ganze Unwrdigkeit seiner
Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin berzeugt, da die Frau es
ebenso tun kann. Zweifellos bersteigt die Zahl der Mnner, die ihren
Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen
es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder
weniger langen Trennung von ihrem Manne die berzeugung htte, da der
Mann ihr whrend dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet
vergibt sie ihm nach seiner Rckkehr gromtig. Die Vergebung drckt
sich darin aus, da sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit
wrde fr sie keinen Dienst, sondern eine Krnkung bedeuten. Es wre
eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar
nicht wissen will. In der Ungewiheit findet sie die Kraft, ihre
Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen
gewesen. Ich sehe ein, da in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn
steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem
geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.

In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste
fort und fragte:

Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flen Ihnen
doch Verachtung ein?

Eine sehr starke und bestndige.

Aber Sie geben sich doch die Mhe, ihn manchmal zu rechtfertigen?

Zu meinem Bedauern ist das unmglich: es gibt fr ihn keine
Rechtfertigung.

Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrstung ber
ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal
zu?

Sie wird immer strker.

Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, da ich Sie frage?

Bitte sehr.

Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, whrend Sie bei mir sitzen?

Zu Hause.

Was tut er?

Er schlft in seinem Zimmer.

Und dann, wenn er aufsteht?

Er steht um acht Uhr auf.

Und was tut er dann?

Mein Gast lchelte.

Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen
eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm
ein Glas Tee einschenke.

So, sagte ich, ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind
prchtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.

Gut gesagt.

Und das verluft mehr oder weniger -- angenehm?

Fr ihn schon, glaube ich.

Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswrdigkeit
hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rcksicht, -- nicht die
Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schlielich auch nicht
Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefgt haben, whrend
er der leidende Teil ist. Deshalb mu man an ihn denken, da er nicht
leide; nun stellen Sie sich vor, da er, statt seiner Gewohnheit gem,
Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu kssen ...

Nun?

... Und dann an seine Geschfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen
eine gute Nacht zu wnschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt
dessen Ihr Gestndnis hrt, aus dem er erfhrt, da sein ganzes Leben
vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in
einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie
ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?

Ich wei es nicht. Wenn ich das wte, wenn ich diese Entscheidung
treffen knnte, so wre ich nicht hier und wrde nicht darber sprechen.
Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.

Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung
sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine
bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten:
... Die Gefhle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Strke ...
Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?

Nein, sie verschrft sich.

Sie schrie es frmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien
aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner
Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fhlte ich,
da sie entsetzlich litt und da ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte,
dem eine Entspannung folgen mute.

Folglich, sagte ich, verurteilen Sie ihn immer strenger ...

Ja, immer mehr und mehr.

Schn, sagte ich, jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, da ich es
fr das Verstndigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurckgekehrt,
an Ihren Samowar setzen wrden, wie bisher.

Sie hrte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah
sie durch den Schleier glnzen und hrte ihr Herz laut und schnell
schlagen.

Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?

Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, da es fr Sie, fr ihn und fr
Ihre Kinder das Beste wre.

Aber warum das Beste? Das heit doch, es endlos in die Lnge ziehen?

Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden
wrde, und diese Endlosigkeit wrde noch trauriger sein, als jene, von
der Sie sprachen.

Meine Seele wrde durch das Leiden gelutert werden.

Mir schien, als she ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft,
aber keine von jenen, die vom Leide gelutert werden. Deshalb sagte ich
nichts mehr ber ihre Seele, sondern erwhnte wieder die Kinder.

Sie rang die Hnde, da die Finger knackten, und senkte langsam den
Kopf.

Und was wird das Ende dieses Liedes sein?

Ein gutes Ende.

Auf was hoffen Sie?

Darauf, da Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten
nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewhnt haben, von Tag zu Tag
verhater werden wird.

Ach, er ist mir schon so verhat.

Er wird es noch mehr werden, und dann ...

Ich verstehe Sie.

Ich bin sehr froh darber.

Sie wollen, da ich ihn schweigend fallen lasse?

Ich glaube, da dies der glcklichste Ausweg aus Ihrem Leid wre.

Und dann ...

Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...

Wieder gut machen ... Das ist unmglich.

Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt fr
Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben,
die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das
Vergangene zu bewahren und darber gengend Anla zu finden, fr andere
zu leben.

Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer,
streckte mir die Hand entgegen und sagte:

Ich danke Ihnen, ich bin froh, da ich meinem inneren Gefhl gefolgt
habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche
Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine
Verrckte nach Hause, und wie gut ist es, da ich nichts von all dem
getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl. Sie gab mir wieder die
Hand und drckte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze
zurckhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging.




                           VIERTES KAPITEL


Ich wiederhole, da ich das Gesicht dieser Frau nicht gesehen habe; nur
nach dem Kinn und dem durch den Schleier, wie durch eine Maske
verhllten Gesicht zu urteilen war schwierig, aber von ihrer Gestalt
hatte ich, trotz des Plschmantels und des Htchens, den Eindruck von
etwas Grazisem. Es war eine elegante, leichte Gestalt, die einen
ungewhnlich lebhaften und starken Eindruck in meinem Gedchtnis
hinterlie.

Ich hatte diese Dame bisher noch nirgends getroffen, und auch der Stimme
nach war sie mir unbekannt. Sie sprach mit ihrer unverstellten Stimme,
einem klangvollen, tiefen, sehr angenehmen Alt. Ihre Bewegungen waren
elegant, man konnte annehmen, da sie den hohen Gesellschaftskreisen
angehrte, ja, noch genauer, dem hchsten Beamtenkreis, da sie die Frau
eines Direktors oder Vize-Direktors eines Departements war, oder etwas
in dieser Art. Mit einem Wort, die Dame war und blieb mir unbekannt.

Seit dem Begrbnis Dostojewskijs und der von mir erzhlten Begebenheit
waren drei Jahre vergangen. In diesem Winter war ich erkrankt und im
Frhjahr darauf reiste ich in ein auslndisches Bad. Ein Freund und eine
meiner Verwandten begleiteten mich zum Bahnhof. Wir fuhren in einem
Wagen, ich hatte mein Gepck bei mir. An der Kreuzung einer der in den
Newskij-Prospekt mndenden Straen vor der Auffahrt eines groen
staatlichen Gebudes erblickte ich eine Dame. Trotz meiner
Kurzsichtigkeit erkannte ich in ihr meine Unbekannte. Ich war ganz
unvorbereitet, dachte gar nicht an sie, und deshalb frappierte mich
diese auffallende hnlichkeit. Mich durchzuckte der ungeschickte
Gedanke, aufzustehen, an sie heranzutreten, sie etwas zu fragen, aber da
fremde Leute dabei waren, tat ich es zum Glck nicht und rief nur aus:

Bei Gott, das ist sie! und gab damit meinen Begleitern Anla zur
Heiterkeit. Sie war es in der Tat gewesen.

Nach der Gewohnheit aller Russen, oder wenigstens der meisten Russen
machte ich eine Rundreise. Zunchst fuhr ich nach Paris, im Juli trank
ich Heilquellen, und erst spter im August, erschien ich dort, wo ich im
Juni htte sein sollen. Ich lernte bald die brigen dort zur Kur
weilenden Russen kennen und kannte schlielich fast alle, so da mir die
Ankunft neuer Landsleute auffiel. Als ich eines Tages auf einer Parkbank
sa, an der die Strae zum Bahnhof vorberfhrte, erblickte ich eine
Kalesche, in der ein Herr in hellem berzieher und Hut, eine Dame mit
Schleier und ihnen gegenber ein neunjhriger Knabe saen.

Und wieder geschah mir dasselbe, wie bei meiner Abreise aus Petersburg:

Mein Gott, das ist sie!

Sie war es in der Tat.

Am anderen Tage im Parkhotel sah ich beim Kaffee ihren wohlanstndig,
aber etwas abgelebt aussehenden Mann und ihr ungewhnlich schnes Kind.
Der Knabe hatte etwas Zigeunerhaftes, er war gebrunt, hatte schwarze
Locken und groe, himmelblaue Augen.

Ich erlaubte mir eine kleine Keckheit und bestach den Kellner, damit er
mir einen Tisch in ihrer Nhe gbe. Ich wollte ihr Gesicht nher
betrachten. Sie war hbsch und hatte weiche, angenehme Zge, die aber
einen etwas unbedeutenden Ausdruck zeigten. Sie erkannte mich
zweifelsohne und gab sich zwei, dreimal Mhe, sich so zu setzen, da ich
sie nicht beobachten knne. Spter stand sie auf und blieb neben einer
mir bekannten Dame stehen, sprach mit ihr und ging darauf zu ihrem Manne
zurck.

Abends, nach dem Nachtischkaffee, sagte mir meine Bekannte, an die die
Dame herangetreten war, da sie mich Frau N. vorstellen wolle, welche
eben an uns vorberging, was sie auch gleich tat. Ich sagte ihr eine
herkmmliche Phrase, die sie mit ebenso herkmmlichen Worten
beantwortete, aber an diesen Worten, an dieser Stimme, an ihren
Bewegungen erkannte ich sie wieder. Sie war es zweifellos, und sie war
klug genug, zu begreifen, da ich sie erkannt hatte; trotzdem entschlo
sie sich, meine Bekanntschaft zu machen. Sie konnte mit meiner
Anstndigkeit rechnen und auf das Versprechen, das ich ihr damals
gegeben hatte, bauen.

Seit der Zeit trafen wir uns und unternahmen sogar einige gemeinsame
Ausflge mit bekannten Damen und mit ihrem Sohne. Ihr Mann liebte diese
Unternehmungen nicht, er hatte Schmerzen im Knie und hinkte leicht. Ich
hatte keine Vorstellung davon, was mit ihm vorging: entweder war ihm
seine Frau lstig, oder er wollte frei sein und sich einer, vielleicht
mehr als einer der zugereisten Damen zweifelhaften Rufes widmen.

Aber bei allen unseren Begegnungen und Gesprchen machte sie nie eine
Andeutung, da wir uns schon frher gesehen htten. Doch ich fhlte
wohl, wie wir es beide fr zweifellos hielten, da wir einander
verstnden. In dieser Situation trat mit einem Male ein ganz
unvorhergesehener Fall ein.

An einem prchtigen Morgen war sie nicht erschienen, um ihren Mann zum
Brunnen zu begleiten. Er war auch beim Kaffee allein und erzhlte, da
ihr Anatol erkrankt sei und da seine Frau vor Kummer auer sich wre.

Um acht Uhr abends brachte mir mein Portier die erschreckende Nachricht,
da in einem der Hotels ein Kind an Diphtherie gestorben sei. Es war
natrlich der Sohn meiner Unbekannten.

Ich gehre nicht zu den berngstlichen Menschen, nahm daher gleich
meinen Hut und ging in das Hotel. Mir schien aus irgendeinem Grunde, da
sich ihr Gemahl allzu teilnahmslos verhalte, und dachte, wenn das kranke
Kind ihr Sohn sei, knne ihr vielleicht meine Hilfe oder mein Beistand
dienlich sein.

Ich kam in ihr Hotel. Niemals werde ich vergessen, was ich dort sah. Sie
hatte dort zwei Zimmer. In dem ersten, dem Empfangszimmer mit den roten
Plschmbeln stand mit aufgelstem Haar und starren Augen meine
Unbekannte. Sie streckte ihre beiden Hnde mit gespreizten Fingern vor
sich hin und verteidigte mit ihrem Krper den Diwan, auf dem etwas mit
einem weien Laken Bedecktes lag. Aus dem Laken sah ein kleiner, blau
angelaufener Fu hervor, das war er, -- der tote Anatol. An der Tre
standen zwei mir unbekannte Mnner in grauen Mnteln, vor ihnen eine
Kiste, kein Sarg, sondern eine Kiste von etwa zwei Arschin Tiefe, die
bis zur Hlfte mit etwas Weiem angefllt war, das ich erst fr Milch
oder Strke hielt. Vor ihr standen ein Polizeikommissar und ein Brger
mit irgendeinem Abzeichen. Alle sprachen laut. Der Gatte der Dame war
nicht zu Hause, sie war allein, stritt, leistete Widerstand und rief,
als sie mich sah:

Mein Gott! Schtzen Sie mich! Helfen Sie mir! Sie wollen mir das Kind
nehmen, sie wollen es nicht beerdigen lassen. Es ist eben gestorben.

Ich wollte fr sie eintreten, aber es wre ganz zwecklos gewesen, auch
wenn wir die vier Menschen htten berwltigen knnen, die sie nun ohne
alle Umstnde und ziemlich grob in das andere Zimmer stieen und die
Tre abschlossen, gegen die sie dann vergeblich unter entsetzlichem
Sthnen mit den Fusten schlug. Indessen nahmen die Mnner das Kind, das
noch eben so blhend gewesen war, versenkten es in die Kalklauge und
gingen eilig mit der Kiste fort.




                           FNFTES KAPITEL


In den kleinen Badeorten und Stdtchen sind Todesflle uerst
unbeliebt. Die Inhaber der Hotels und mblierten Zimmer suchen nach
Krften solche Mieter zu meiden, deren Gesundheitszustand sie einen
baldigen Tod befrchten lt.

In keinem dieser Stdtchen sind Beerdigungsprozessionen gestattet, und
wenn ein Todesfall eintritt, so wird er vor allen Unbeteiligten
verheimlicht, und der Tote wird ohne jede Beerdigungsfeier mit der Bahn
fortgebracht.

Ansteckende Krankheiten mit tdlichem Ausgange kommen nur sehr selten
vor, und in dem Ort, wo der Sohn meiner Bekannten gestorben war, geschah
es zum erstenmal. Die Nachricht darber verbreitete sich mit
unglaublicher Geschwindigkeit unter dem Publikum und rief, besonders
unter den Damen, panischen Schrecken hervor.

Die rzte des Ortes, die an einem solchen Platze stets den fhrenden
Stand ausmachen, gaben sich alle Mhe, die aufgeregten Gemter zu
beruhigen, berboten einander an Eifer, verzankten sich und bildeten
zwei Lager. Die einen, zu denen die beiden rzte gehrten, die das Kind
behandelt hatten, gaben zu, da die Todesursache tatschlich Diphtherie
gewesen sei, erklrten aber, da gegen die Ansteckungsgefahr alle
notwendigen Manahmen getroffen worden wren, da sie in besonderen
Kleidern zu dem Kind gegangen seien und da sie sich nachher sorgfltig
desinfiziert htten. Zwei von ihnen lieen sich sogar die Brte
abnehmen, um zu beweisen, wie ernst sie die Sache nhmen. Die anderen
aber, die berwiegende Mehrzahl, behaupteten, der Fall sei ziemlich
zweifelhaft gewesen, fhrten sogar Gegenbeweise an und beschuldigten
ihre Kollegen, die Krankheit des Kindes bedachterweise bertrieben zu
haben. Daraus entstand eine groe, nutzlose Unruhe, die die Kranken um
ihre Ruhe brachte und mehr als alles andere die wirtschaftlichen
Interessen der Einwohner bedrohte. Diese zweite medizinische Fraktion
mibilligte das rcksichtslose und schroffe Vorgehen der Stadtverwaltung
gegen Frau N., der man das Kind mit ruberischer Gewalt entrissen htte,
fast noch im Augenblick des Todes, ja vielleicht noch frher, noch bevor
die letzten Lebensfunken erloschen waren. Mit dem Hinweis auf diese
Rcksichtslosigkeit wollten die rzte die Aufmerksamkeit des Publikums
von sich auf die anderen ablenken, deren Benehmen in der Tat
ungewhnlich roh gewesen war. Aber das gelang ihnen nicht. Der
menschliche Egoismus pflegt in Augenblicken der Gefahr besonders
widerwrtig zu werden. Unter dem Publikum fand sich niemand, der der
traurigen Lage der unglcklichen Mutter auch nur ein wenig
Aufmerksamkeit geschenkt htte. -- War es tatschlich Diphtherie
gewesen, so waren keine Umstnde am Platze, und je entschlossener und
fester die Beamten gehandelt haben, um so besser war es. Man darf doch
nicht die anderen der Gefahr aussetzen! Man interessierte sich nur fr
das Eine: wohin man die Kiste mit dem gefhrlichen Toten gebracht hatte.
Aber die Nachricht darber war beruhigend. Man hatte die Kiste in den
schwarzen Sumpf gebracht, aus dem man frher den Heilschlamm fr die
Bder holte. Sie war an einer der tiefen Stellen des Sumpfes versenkt,
diese mit Steinen berschttet und nochmals mit Kalklauge bergossen
worden. Sorgfltiger und energischer konnte man wohl mit einer solchen
Leiche kaum verfahren. Nun begann aber die Vergeltung an dem Hotel, aus
dem fast die gesamten Insassen geflchtet waren, mit Ausnahme der
rmeren, die sich den Luxus nicht leisten konnten, das fr den Monat
vorausbezahlte Zimmer aufzugeben. Das ganze Hotel mute desinfiziert
werden, jedenfalls die Zimmer, die die Familie N. bewohnt hatte, sowie
die anstoenden Rume. Ebenso mute der Korridor desinfiziert werden,
durch den der Knabe gelaufen war, und die Ecke des Speisesaales, in der
die Familie N. ihre Mahlzeiten eingenommen hatte. Das alles machte eine
sehr bedeutende Rechnung, wenn ich nicht irre, ber dreihundert Gulden,
weil man es auch fr notwendig hielt, die Polstermbel der drei
Appartements zu verbrennen und in den anderen Rumen die Gardinen,
Teppiche und Portieren durch neue zu ersetzen. Aus diesem Anla wurden
an Herrn N. vom Hotelinhaber Geldforderungen gestellt. Die
Stadtvertreter untersttzten die Rechte des Besitzers und behaupteten,
da er trotz der geforderten Entschdigung einen Verlust erleiden werde,
da viele Rume whrend der ganzen Saison leer stehen wrden. Auch fr
die Zukunft riskiere der Wirt einen groen Teil seiner Gste zu
verlieren, da die meisten Besucher, die erfahren htten, da in dem
Hause ein Diphtheriefall vorgekommen sei, das Hotel meiden wrden.

Forderungen dieser Art waren fr die Kurgste neu, und alle
interessierten sich fr den Ausgang dieser Angelegenheit. Die einen
fanden die Forderung schikans, die anderen gerecht, jedoch viel zu
hoch. berall sprach man darber, und Herr N. wurde zu einer
interessanten Persnlichkeit. Es war erstaunlich, da man ihn nicht
frchtete. Aber man sprach mit ihm, weil man wute, da er als kranker
Mann sofort nach der Erkrankung seines Sohnes sein Zimmer verlassen
hatte und bis zu dessen Tode nicht zurckgekehrt war. Nach seiner Frau
erkundigte sich niemand, und sie war whrend einiger Tage nicht zu
sehen. Man nahm an, da sie abgereist oder krank sei. Fr die Leute, die
sich fr die Sitten des Auslandes interessierten, stellte Herr N. eine
sehr interessante Persnlichkeit dar. Jeden Tag berichtete er, welche
Forderungen an ihn gestellt wurden und was er auf sie geantwortet htte.
Er stellte nicht in Abrede, da der Hotelinhaber Verluste erlitten habe
und da der Tod des Knaben tatschlich die Ursache dieser Verluste sei,
aber er bestritt das Recht einer willkrlichen Zahlungsforderung an ihn,
die er nicht ohne Gerichtsbeschlu begleichen wolle.

Nehmen wir an, sagte er, da ich bezahlen mu, aber das darf mir
nicht durch irgendeinen Kommissar und drei Kleinbrger erklrt werden,
sondern durch einen formellen Gerichtsbeschlu, dem ich mich unterwerfen
kann. Und auerdem, was bedeutet dieses Urteil: zahlen, -- schn, wenn
ich die Mittel habe zu zahlen. Man kann mir meinen Koffer nehmen, aber
nicht mehr. Wenn ein Armer an meiner Stelle gewesen wre, so nehme ich
an, da man mit ihm berhaupt nicht reden wrde.

Alle waren mit dieser komplizierten Frage beschftigt, und um Herrn N.
bildeten sich in einemfort Kreise, die ber seine Rechte und die ihn
beschftigenden Unannehmlichkeiten diskutierten. Die Angelegenheit aber
wurde bald darauf friedlich beigelegt. Die Stadt wollte die Sache nicht
vor Gericht kommen lassen, weil dadurch das Gerede ber den
Diphtheriefall noch greren Umfang angenommen htte, und man
entschlo sich, die Angelegenheit durch ein friedliches
bereinkommen zu erledigen, nach dem Herr N. nur die Rechnung des
Desinfektionsunternehmers bezahlen sollte. Damit wre die Angelegenheit
erledigt gewesen, doch da trat pltzlich ein neues Ereignis ein: Frau
N., die acht Tage in dem groen Hotelzimmer verbracht hatte, ging
tglich an den Sumpf, in den man die Kiste mit dem Krper ihres Kindes
geworfen hatte. Am neunten Tage kehrte sie von diesem Gange nicht
zurck. Man suchte sie vergeblich, niemand hatte sie im Park oder im
Walde gesehen. Sie kam zu keiner ihrer Bekannten, trank in keinem der
Restaurants ihren Tee, sondern war einfach verschwunden. Mit ihr waren
auch die gueisernen Hanteln verschwunden, mit denen ihr Mann
Zimmergymnastik trieb. Vergeblich suchte man sie drei, vier Tage und
begann dann Verdacht zu schpfen, sie habe sich vielleicht im Sumpfe
ertrnkt. Wie es heit, hat sich diese Annahme spter auch besttigt.
Ihren Leichnam, als er an die Oberflche gekommen war, hatte der Sumpf
wieder hinuntergezogen. So kam sie um.

Das Ereignis war durch seine Tragik bemerkenswert, vor allem durch die
Ruhe, mit der dies alles vor sich gegangen war. Die verschwundene Frau
N. hatte weder etwas Schriftliches noch sonst irgendwelche Anzeichen
ihres Entschlusses, ein Ende mit sich zu machen, hinterlassen; Herr N.
erregte viel Mitgefhl. Er selbst hllte sich bescheiden in ein kaltes
und verschlossenes Schweigen. Er sagte, es wre am besten fr ihn, wenn
er abreisen wrde, reiste aber seiner schwachen Gesundheit halber, die
die Fortsetzung der Kur an dieser Heilquelle erforderte, nicht ab.

Wir vertrugen uns nur schlecht miteinander, augenscheinlich waren wir
Menschen mit sehr ungleichen Charakteren. Ungeachtet dessen, da ich um
das Geheimnis seiner Ehe wute, das mich htte veranlassen sollen, ihn
zu bemitleiden, war er mir weit widerwrtiger, als seine Frau, die sich
an ihm als Ehemann vergangen hatte. Ich hatte keinen Grund, eine
Annherung mit ihm zu wnschen, aber in einer fr mich unverstndlichen
Anwandlung wrdigte er mich pltzlich seiner Aufmerksamkeit und erwhnte
in den Gesprchen, die sich zwischen uns entspannen, oft und gern seine
verstorbene Frau.




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
Originaltexte, wie hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 59]:
   ... welche neue Wunder sich uns offenbarten, wie wir zuguterletzt ...
   ... welche neuen Wunder sich uns offenbarten, wie wir
       zuguterletzt ...

   [S. 77]:
   ... Da hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...
   ... Du hast seine Seele hinausgelassen, wie eine Taube aus ...

   [S. 118]:
   ... Schnaps und einen Fngzigerschein. Der Beamte mute ...
   ... Schnaps und einen Fnfzigerschein. Der Beamte mute ...

   [S. 119]:
   ... ein sehr unzermonieller und berdies naiver ...
   ... ein sehr unzeremonieller und berdies naiver ...

   [S. 127]:
   ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenhalt im ...
   ... die Favoritin der Favoritinnen, und ihr Aufenthalt im ...

   [S. 128]:
   ... zu den Fssen des schlummernden Mdchens auf dem ...
   ... zu den Fen des schlummernden Mdchens auf dem ...

   [S. 128]:
   ... und Sitten der Helden dieser legendaren Berichte ...
   ... und Sitten der Helden dieser legendren Berichte ...

   [S. 136]: (mehrfache Flle)
   ... den Heiligen Nikola und Jurko grndete. Aber Gott allein ...
   ... den Heiligen Nikola und Jurka grndete. Aber Gott allein ...

   [S. 139]:
   ... der Schubinskijs. Wenn sein Geprchspartner ...
   ... der Schubinskijs. Wenn sein Gesprchspartner ...

   [S. 140]:
   ... weder Demokrat nach Nationalist in unserem jetzigen ...
   ... weder Demokrat noch Nationalist in unserem jetzigen ...

   [S. 149]:
   ... der Reihe nach besinnen, sonder ein Stck war abgerissen, ...
   ... der Reihe nach besinnen, sondern ein Stck war abgerissen, ...

   [S. 151]:
   ... arretieren. Geben Sie mir bitte Ihre Sbel, und wollen ...
   ... arrestieren. Geben Sie mir bitte Ihre Sbel, und wollen ...

   [S. 162]:
   ... der Kopf herausschaute, schtteten ihm Flaumfedern ber ...
   ... der Kopf herausschaute, schttete ihm Flaumfedern ber ...

   [S. 171]:
   ... Ssasikow und Owtschinikow werden von vielen ...
   ... Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen ...

   [S. 171]:
   ... Schriftsteller Bret-Hart erzhlt von einem Knstler, ...
   ... Schriftsteller Bret Harte erzhlt von einem Knstler, ...

   [S. 172]:
   ... ich hier erzhlte, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...
   ... ich hier erzhle, hat sich zu Orjol in den Tagen meiner ...

   [S. 175]:
   ... durch eine Nebenwolke hindurch blickte. ...
   ... durch eine Nebelwolke hindurch blickte. ...

   [S. 178]:
   ... sagte dem Regisseur, als dieser besttigte, da Liuba die ...
   ... sagte dem Regisseur, als dieser besttigte, da Ljuba die ...

   [S. 183]:
   ... Arkadij war es ober schon so zumute, da er nicht mehr ...
   ... Arkadij war es aber schon so zumute, da er nicht mehr ...

   [S. 184]:
   ... Als Arkedij den Namen seines Herrn hrte, fuhr er ...
   ... Als Arkadij den Namen seines Herrn hrte, fuhr er ...

   [S. 185]:
   ... durchnitten. ...
   ... durchschnitten. ...

   [S. 186]:
   ... geheime Verliee, wo lebendige Menschen wie die Bren ...
   ... geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bren ...

   [S. 188]:
   ... Leuten zu Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...
   ... Leuten zur Flucht verholfen hat. Wir geben ihm ein Geschenk, ...

   [S. 190]:
   ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist ein Schande, ...
   ... irgendeinen Rock und eine Jacke, denn es ist eine Schande, ...

   [S. 190]:
   ... Mein Lieber, in den Kasten mit den Kichengewndern ...
   ... Mein Lieber, in den Kasten mit den Kirchengewndern ...

   [S. 194]:
   ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklrte Lubow
       Onissimowna, ...
   ... Siehst du, dort stand dieser Stall -- erklrte Ljubow
       Onissimowna, ...

   [S. 217]:
   ... das Gelbte der Keuschheit der Frau gegenber, der ...
   ... das Gelbde der Keuschheit der Frau gegenber, der ...

   [S. 223]:
   ... Seit dem Begrbnis Dostowjewskijs und der von mir ...
   ... Seit dem Begrbnis Dostojewskijs und der von mir ...

   [S. 225]:
   ... Sie war es zweiffellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...
   ... Sie war es zweifellos, und sie war klug genug, zu begreifen, ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der versiegelte Engel und andere
Geschichten, by Nikolai Leskow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER VERSIEGELTE ENGEL UND ***

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