The Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
Geschichten, by Nikolai Leskow

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Title: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten
       Eine Teufelsaustreibung / Das Tier / Interessante Mnner
       / Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises / Der sthlerne
       Floh

Author: Nikolai Leskow

Translator: Alexander Eliasberg
            Karl Ntzel

Release Date: January 13, 2016 [EBook #50912]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***




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                           NIKOLAI LJESSKOW
                       EINE TEUFELSAUSTREIBUNG

                               NIKOLAI
                               LJESSKOW




                                 EINE
                         TEUFELS-AUSTREIBUNG
                        UND ANDERE GESCHICHTEN


                            BERTRAGEN VON
                         ALEXANDER ELIASBERG

                                 1921
                    MUSARION-VERLAG A.-G. MNCHEN

                       Alle Rechte vorbehalten




                          INHALTSVERZEICHNIS


                                                    Seite
   Eine Teufelsaustreibung                              7
   Das Tier                                            29
   Interessante Mnner                                 59
   Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises          145
   Der sthlerne Floh (bertragen von Karl Ntzel)    217




                       EINE TEUFELSAUSTREIBUNG




                                  I


Diese heilige Handlung kann man nur in Moskau sehen, und das auch nur,
wenn man besonderes Glck und besondere Protektion hat.

Dank einer glcklichen Verkettung von Umstnden wohnte ich einmal der
Teufelsaustreibung vom Anfang bis zum Ende bei und mchte sie nun den
wahren Kennern und Liebhabern des Ernsten und Majesttischen im
nationalen Stil beschreiben.

Einerseits gehre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits dem Volke
nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande. Sie stammte aus einer
sehr reichen Familie, hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus
Liebe zu meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang mit
dem weiblichen Geschlecht besonders tchtig und erreichte bei ihm alles,
was er nur wollte. So gelang es ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die
Alten gaben ihm aber zum Lohn fr seine Tchtigkeit nichts auer der
Garderobe, den Betten und der gttlichen Gnade, die das junge Ehepaar
zugleich mit der Verzeihung und dem vterlichen Segen erhielt. Meine
Eltern wohnten in Orjol; sie lebten in recht kmmerlichen Verhltnissen,
hielten sich aber stolz und wollten die reichen mtterlichen Verwandten
niemals um Untersttzung bitten; sie unterhielten mit ihnen sogar
keinerlei Beziehungen. Als ich aber auf die Universitt ziehen sollte,
sagte mir Mamachen:

Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und gre ihn von
mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen lteren Verwandten mu man alle
Ehrfurcht erweisen; er ist aber mein Bruder, auerdem ein
gottesfrchtiger Mann und hat in Moskau ein groes Gewicht ... Bei allen
feierlichen Empfngen ist er immer dabei und steht mit der Schssel mit
Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor allen andern ... Auch beim
General-Gouverneur und dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann
dich nur Gutes lehren.

Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber meine Mutter. Also
sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich fast ein ganzes Jahr in Moskau und
habe Mamachens Wunsch noch immer nicht erfllt; nun will ich doch zum
Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Gre ausrichten und
schauen, was er mich lehren kann.

Von Kind auf war ich gewohnt, ltere Leute mit Ehrfurcht zu behandeln,
besonders aber solche, die mit dem Metropoliten und den Gouverneuren
verkehrten.

Eines Tages brstete ich mir die Kleider und begab mich zu Onkel Ilja
Fedossejewitsch.




                                  II


Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm, mild und etwas trb,
mit einem Wort recht angenehm. Das Haus meines Onkels ist allen bekannt,
es ist eines der ersten Huser von Moskau. Ich war aber noch niemals
darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal aus der Ferne gesehen.

Ich gehe aber recht selbstbewut hin und sage mir: lt er mich vor, so
ist es gut, und lt er mich nicht vor, so brauch' ich ihn nicht.

Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine Equipage, die Pferde
sind wie zwei Lwen, pechkohlrabenschwarz, mit langen Mhnen, und das
Fell glnzt wie teurer Atlas.

Ich gehe die Treppe hinauf und sage: So und so, ich bin Neffe und
Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch. Und die Leute
antworten mir:

Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus, sie wollen gerade
ausfahren.

Es erscheint eine einfache aber hchst majesttische Gestalt; in den
Augen hat er einige hnlichkeit mit meiner Mutter, aber der
Gesichtsausdruck ist doch ganz anders. Ein solider Mann, was man so
nennt.

Ich stellte mich vor; er hrte mich schweigend an, reichte mir die Hand
und sagte:

Setz dich, wir wollen ausfahren.

Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch nicht ber die
Lippen und setzte mich in den Wagen.

Nach dem Park! befahl er dem Kutscher.

Die Lwen rasten dahin, so da das Hinterteil des Wagens nur so
zitterte; als wir aber auerhalb der Stadt waren, fingen sie an, noch
schneller zu rennen.

Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich sehe nur, wie sich der
Onkel seinen Zylinderhut immer tiefer in die Stirne drckt und wie sein
Gesicht, wohl vor Langweile, immer griesgrmiger wird.

Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber den Blick auf mich
und sagt ganz unvermittelt:

Es ist gar kein Leben!

Ich wute nicht, was darauf zu antworten und schwieg.

Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will er mich nur
hinbringen? Und es scheint mir schon, da ich in eine dumme Geschichte
hineingeraten bin.

Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen Beschlu gefat und
begann den Kutscher zu kommandieren:

Rechts! Links! Zum >Jar<!

Aus dem Restaurant strzt die ganze Dienerschaft heraus, und alle
verneigen sich vor ihm fast bis zur Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen,
rhrt sich nicht und lt den Besitzer rufen. Man luft sofort hin. Nun
erscheint der Franzose und verbeugt sich mit groem Respekt. Der Onkel
rhrt sich noch immer nicht, klappert mit dem Elfenbeingriff seines
Stockes gegen die Zhne und fragt:

Wieviel Fremde habt ihr im Haus?

An die dreiig Personen in den Slen, antwortet der Franzose, und
drei Spars sind besetzt.

Alle sollen hinaus!

Sehr gut.

Jetzt ist es sieben, sagt Onkel nach einem Blick auf die Uhr, um acht
komm ich wieder. Wird alles fertig sein?

Nein, antwortet jener, um acht wird es nicht gehen ... Viele haben
sich ihre Sachen vorausbestellt ... Aber so gegen neun wird im ganzen
Restaurant keine fremde Seele sein.

Gut.

Was soll ich vorbereiten?

Selbstverstndlich einen Zigeunerchor.

Und noch was?

Ein Orchester.

Nur eines?

Nein, lieber zwei.

Soll ich den Rjabyka holen lassen?

Selbstverstndlich.

Franzsische Damen?

Nein, die will ich nicht!

Weine?

Den ganzen Keller.

Speisen?

Die Karte!

Man reicht ihm die Tageskarte.

Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl gar nicht,
klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt:

Dies alles fr hundert Personen.

Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich in die Tasche.

Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas verlegen.

Fr hundert Personen kann ich es unmglich herrichten, sagt er, denn
es sind auch sehr teure Sachen dabei, von denen ich nur fnf oder sechs
Portionen im Hause habe.

Wie soll ich meine Gste sortieren? Ein jeder soll alles haben, was er
will. Verstanden?

Sehr wohl.

Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein Lieber! Kutscher,
pascholl!

Wir lieen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen und fuhren davon.

Nun war es mir vollkommen klar, da ich auf ein falsches Geleise geraten
war. Ich versuchte, mich zu verabschieden, der Onkel hrte aber nicht
auf mich. Er schien sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft
bald den einen, und bald den andern an.

Um neun Uhr zum >Jar<! sagt Onkel einem jeden kurz.

Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwrdige Greise. Alle
ziehen vor ihm den Hut und antworten ebenso kurz:

Wir sind deine Gste, Fedossejewitsch.

Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig Personen
eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren wir wieder zum >Jar<. Ein
ganzes Rudel Kellner strzte uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem
Wagen, der Franzose selbst empfing ihn vor der Tre und klopfte ihm mit
der Serviette den Staub von der Hose ab.

Ist's gerumt? fragt der Onkel.

Ein General ist nur noch da, sagt jener. Er bittet sehr, noch eine
Weile im Spar bleiben zu drfen.

Hinaus mit ihm!

Er ist wirklich sehr bald fertig.

Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine Sachen drauen
auf dem Rasen zu Ende essen.

Ich wei nicht wie das geendet htte, aber der General kam in diesem
Augenblick mit seinen zwei Damen heraus, stieg in den Wagen und fuhr
davon. Gleichzeitig begannen die Gste zusammenzustrmen, die der Onkel
im Parke eingeladen hatte.




                                 III


Das Restaurant war aufgerumt, sauber und vollkommen leer. Nur in einem
der Sle sa irgendein riesengroer Kerl, der dem Onkel schweigend
entgegenkam und ihm, ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der
Hand nahm, den er gleich irgendwohin versteckte.

Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und reichte ihm zugleich
auch seine Brieftasche und sein Portemonnaie.

Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe Rjabyka, dessen
Name in dem mir unverstndlichen Auftrag des Onkels erwhnt worden war.
Von Beruf war er eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar
irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig wie die Zigeuner,
wie das Orchester und wie das ganze Personal, das vollzhlig erschienen
war. Ich verstand nur nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen
sollte, aber das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar
nicht wissen.

Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb: die Musik
drhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und blieben jeden Augenblick vor
den Bffets stehen, und der Onkel besichtigte die Sle, den
Wintergarten, die Grotten und die Galerien. Er wollte sich berzeugen,
ob tatschlich keine Fremden da waren; der Schulmeister wich nicht von
seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang in den Hauptsaal, wo
schon die ganze Gesellschaft versammelt war, zurckkehrten, konnte man
zwischen ihnen einen groen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister war
ebenso nchtern, wie vor dem Rundgang, der Onkel aber gnzlich
betrunken.

Ich wei nicht, wieso das so schnell geschehen war; jedenfalls war er in
bester Laune. Er bernahm das Prsidium, und die Geschichte ging los.

Alle Tren waren abgesperrt, und das Restaurant war von der ganzen Welt
abgeschnitten. Zwischen uns und der brigen Welt ghnte ein Abgrund: der
Abgrund des ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen und,
vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, hlichen, aber wilden und
tollen Ausgelassenheit, die ich kaum zu schildern vermag. Das kann man
von mir auch garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und von
der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden Mut und hatte es
sehr eilig, mich zu betrinken. Darum werde ich auch gar nicht
beschreiben, wie diese Nacht verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht
gegeben, _alles_ zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders
bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das Finale erinnern, doch
das _Unheimliche_ steckte eben in ihnen.




                                  IV


Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie es sich spter
herausstellte, war er ein angesehener Moskauer Fabrikant und
Grokaufmann.

Eine peinliche Pause trat ein.

Ich hab ja gesagt: niemand darf herein, erwiderte der Onkel.

Der Herr lt instndigst bitten.

Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.

Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile sehr kleinlaut:

Iwan Stepanowitsch lt sehr bitten.

Nein, ich will nicht.

Die anderen schlagen vor: Soll er ein Strafgeld zahlen!

Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.

Der Kellner kommt zurck und meldet noch kleinlauter:

Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, da es fr ihn bei
seinem Alter sehr krnkend ist, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu
sein.

Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von seinem Platz; im gleichen
Augenblick ragte aber schon zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er
stie den Kellner mit der linken Hand wie ein Kken zurck und setzte
mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen Platz.

Unter den Gsten wurden Stimmen fr Iwan Stepanowitsch laut: er solle
hundert Rubel fr die Musiker zahlen und hereinkommen.

Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfrchtiger Greis, -- was
soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht vor den Augen des ganzen
Publikums Skandal machen. Man mu mit ihm ein Einsehen haben.

Der Onkel lie sich erweichen und sagte:

Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach eurem, sondern nach
Gottes Willen geschehen: Iwan Stepanowitsch darf herein, mu aber die
groe Pauke schlagen.

Der Kellner ging hin und meldete wieder:

Er mchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.

Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er sich scheren, wohin
er mag!

Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und lie nach kurzer
Zeit sagen, da er bereit sei, die Pauke zu schlagen.

Gut, soll er kommen.

Ein groer Mann von ehrwrdigem Aussehen mit ernstem Gesicht,
erloschenen Augen, gekrmmtem Rcken und zerzaustem und grn
angelaufenem Bart tritt ein. Er will scherzen und die Gste begren,
man weist ihn aber zurecht.

Nachher, nachher, schreit ihm der Onkel zu: Jetzt sollst du die Pauke
schlagen.

Die Pauke schlagen! fallen die andern ein.

Musik! Einen Marsch!

Das Orchester stimmt einen drhnenden Marsch an, der ehrwrdige Greis
nimmt den hlzernen Schlegel und beginnt im Takt und auch nicht im Takt
zu trommeln.

Ein Hllenlrm und ein Hllengeschrei. Alle sind zufrieden und schreien:

Lauter!

Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mhe.

Lauter! Lauter! Noch lauter!

Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfrst bei Freiligrath.
Schlielich erreicht er sein Ziel: man hrt einen frchterlichen Krach,
das Trommelfell zerspringt, alle lachen, der Lrm wird ganz
unertrglich, und Iwan Stepanowitsch mu den Musikern fr die
vernichtete Pauke fnfhundert Rubel zahlen.

Er zahlt, wischt sich den Schwei aus der Stirne und setzt sich zu den
andern. Whrend alle sein Wohl trinken, bemerkt er zu seinem Entsetzen
unter den Anwesenden seinen Schwiegersohn.

Wieder erhebt sich ein Lachen und Lrmen, und das geht so, bis ich das
Bewutsein verliere. In den wenigen lichten Augenblicken, die ich noch
habe, sehe ich die Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle
sitzend, mit den Beinen zucken. Pltzlich taucht vor ihm jemand auf,
aber im gleichen Augenblick ragt schon zwischen dem Onkel und dem andern
Rjabyka. Der andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf
seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte zwei Gabeln. Nun
verstehe ich Rjabykas Rolle.

Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer Morgens herein;
ich kam wieder zum Bewutsein, aber wohl nur, um an der Klarheit meiner
Vernunft zu zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen eines
Waldes: ich hrte ein Drhnen und Krachen und sah die riesengroen
exotischen Bume schwanken und fallen. Hinter ihnen drngte sich ein
Haufen seltsamer Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der
Palmen funkelten schreckliche xte; mein Onkel fllte die Bume, auch
der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ... Eine mittelalterliche Vision!
...

Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den Bumen versteckt
hielten, sollten gefangen genommen werden; die Zigeuner verteidigten
sie nicht und berlieen sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst
waren hier nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen Teller,
Sthle und Steine aus der Grotte; die Feinde drangen aber immer tiefer
in den Wald ein, und am mutigsten zeigten sich Iwan Stepanowitsch und
mein Onkel.

Die Festung wurde schlielich genommen: die Zigeunerinnen wurden
ergriffen, umarmt und abgekt, und eine jede bekam einen
Hundertrubelschein in das Mieder gesteckt. Damit war die Sache erledigt
...

Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende. Es war keine
Strung von auen, aber alle hatten genug. Wenn es vorher, wie mein
Onkel gesagt hatte, gar kein Leben war, so fhlten wohl jetzt alle
einen berflu an Leben.

Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht hatte auch die
Bemerkung des Schulmeisters, da es fr ihn Zeit sei, in die Schule zu
gehen, einige Bedeutung. Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und
das Leben trat wieder in seine Rechte.

Die Gste verdufteten ohne Abschied einer nach dem andern; das Orchester
und die Zigeuner waren lngst verschwunden. Das Restaurant bot das Bild
vollstndiger Verwstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel
war ganz; selbst der groe Kronleuchter lag zertrmmert am Boden, und
die Kristallprismen zerbrachen unter den Fen der Kellner, die sich vor
Mdigkeit kaum auf den Beinen hielten. Der Onkel sa ganz allein mitten
auf dem Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl irgendwelche
Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte mit den Beinen. Vor ihm stand
Rjabyka, der in seine Schule eilte.

Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze Pauschalrechnung.

Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und verlangte einen
Nachla von fnfzehnhundert Rubeln. Man widersprach ihm nicht viel und
zog das Fazit: die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka
erklrte, da die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte einsilbig!
Zahl's!, setzte den Hut auf und bedeutete mir durch ein Zeichen, ihm
zu folgen.

Zu meinem Entsetzen merkte ich, da er mich nicht vergessen hatte und
da ich ihm nicht entrinnen konnte. Er flte mir eine unheimliche Angst
ein, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein
unter vier Augen bleiben wrde. Er hatte mich ja so ganz zufllig
mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernnftigen Worte gesagt und
schleppte mich berall mit sich herum. Was werde ich noch alles erleben?
Vor Entsetzen wurde ich auf einmal ganz nchtern. Ich frchtete dieses
schreckliche, wilde Tier mit der zgellosen Phantasie und den
furchtbaren Einfllen. Im Vorzimmer umringte uns eine Menge Kellner. Der
Onkel befahl: Je fnf!, und Rjabyka zahlte; die Hausmeister,
Nachtwchter, Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste
geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle diese Leute wurden
befriedigt. Das machte eine Riesensumme aus. Im Parke drauen drngten
sich aber, so weit das Auge reichte, zahllose Droschken. Die
Droschkenkutscher warteten auf ihr Vterchen Ilja Fedossejewitsch, ob
Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen knnten.

Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von ihnen drei Rubel. Der
Onkel und ich stiegen in den Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine
Brieftasche.

Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen Hunderter und gab
ihn Rjabyka.

Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte unwirsch:

Zu wenig.

Der Onkel gab ihm noch zwei Fnfundzwanziger.

Auch das gengt noch nicht: es hat ja keinen einzigen Skandal gegeben.

Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fnfundzwanziger, der Schulmeister
reichte ihm nun auch seinen Stock und verabschiedete sich.




                                  V


Nun blieben wir beide unter vier Augen zurck und fuhren im Trab nach
Moskau; hinter uns jagte aber mit Geschrei und Geklapper das ganze
unbersehbare Heer der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was
sie von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten. Es war
eigentlich emprend: um von ihm noch mehr Geld zu erpressen, gaben sie
ihm unter dem Vorwande einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten
ihn auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus.

Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung, von
leichten Rauchwlkchen aus den Kaminen und von friedlichem
Glockengelute umschwebt.

Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher hin. Der Onkel
lie vor dem ersten Speicher halten, zeigte auf ein Fchen, das an der
Schwelle stand, und fragte:

Ist's Honig?

Honig.

Was kostet das Fchen?

Wir verkaufen nur pfundweise.

Rechne aus, was das kostet.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel man dafr verlangte.
Ich glaube siebzig oder achtzig Rubel.

Der Onkel zhlte das Geld ab.

Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt.

Habt ihr mich lieb, ihr stdtischen Droschkenkutscher?

Gewi! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu dienen.

Seid ihr mir ergeben?

Mit Leib und Seele.

Nehmt die Rder ab!

Die Kutscher stehen verstndnislos da.

Macht es schnell! kommandiert der Onkel.

An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen sind, holen unter
den Sitzen ihre Schraubschlssel hervor und beginnen die Rder
abzunehmen.

Gut so, sagt der Onkel, und jetzt schmiert die Rder mit Honig.

Vterchen!

Schmiert!

Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber in den Mund!

Schmiert!

Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen, setzte er sich wieder
in den Wagen, und wir rasten davon. Die Droschkenkutscher blieben jedoch
smtlich mit den abgeschraubten Rdern beim Honig, mit dem sie aber ihre
Rder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl unter sich oder
verkauften ihn weiter an den nchsten Krmer. Jedenfalls waren wir sie
los. Wir fuhren ins Bad. Hier erwartete ich das Jngste Gericht: ich sa
mehr tot als lebendig in der Marmorwanne, whrend der Onkel in einer
seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden lag. Die ganze Masse seines
schweren Krpers ruhte nur auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der
rote Krper bebte auf diesen Sttzpunkten unter der kalten Dusche, und
er brllte dabei dumpf wie ein Br, der sich einen Dorn aus der Tatze
herausziehen will. Das dauerte eine halbe Stunde, und er zitterte
ununterbrochen, wie ein Gelee auf schwankendem Tisch. Pltzlich sprang
er auf, lie sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren auf die
Schmiedebrcke zum Franzosen.

Wir lieen uns hier die Haare stutzen, kruseln und frisieren und
begaben uns dann zu Fu durch die innere Stadt ins Geschft.

Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, lie mich aber nicht los. Nur
einmal wandte er sich an mich:

Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht verstehst, so
wirst du es mit den Jahren verstehen.

Im Geschft verrichtete er zunchst das Morgengebet, vergewisserte sich,
ob alles in Ordnung sei und stellte sich vor das Schreibpult. Das Gef
war von auen gereinigt, aber innen noch voller Greuel und lechzte nach
Luterung.

Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache interessierte mich; ich
wollte sehen, wie er nun mit sich selbst fertig wrde, wie er das
Luterungswerk machte: ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine
andere gttliche Gnade?

Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im Geschft. Er wartete
immer auf seinen Nachbarn, um mit ihm ins nchste Wirtshaus zum
Teetrinken zu gehen: wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze
fnf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er war eines
pltzlichen Todes gestorben.

Der Onkel bekreuzigte sich und sagte:

Wir alle werden sterben.

Der pltzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber nicht aus der Fassung,
obwohl er mit ihm seit vierzig Jahren tglich im gleichen Wirtshause Tee
getrunken hatte.

Er lie den Nachbarn von der anderen Seite bitten, und wir gingen ins
Wirtshaus, aen und tranken, nahmen aber keine Spirituosen zu uns. Den
ganzen Tag verbrachte ich mit ihm, teils im Geschft und teils auf der
Strae. Gegen Abend lie er den Wagen anspannen, und wir fuhren zur
Allgepriesenen.

Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der gleichen Ehrfurcht wie
beim >Jar<.

Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und ber meine Snden
weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der Sohn meiner Schwester.

Treten Sie nur ein, sagten die Klosterfrauen: Von wem soll die
Allgepriesene ein Bugebet empfangen, wenn nicht von Ihnen, dem grten
Wohltter ihres Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird
die Abendmesse gelesen.

Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, da keine Leute dabei sind
und da man mir in der Kirche eine gnadenvolle Dmmerung macht.

Man machte ihm die Dmmerung: man lschte alle Lampen bis auf eine oder
zwei aus und lie auch die groe grne Glasampel vor dem Gnadenbilde
brennen.

Der Onkel fiel nicht, sondern strzte auf die Knie, berhrte mit der
Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte.

Ich sa mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke hinter der Tre.
Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich und ohne einen Ton von sich zu
geben. Ich glaubte sogar, da er eingeschlafen sei und teilte diesen
Verdacht einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte eine
Weile nach, schttelte den Kopf, zndete ein dnnes Lichtchen an,
umschlo die Flamme mit der hohlen Hand und schlich sich leise zum
Benden. Sie ging einmal auf den Fuspitzen um ihn herum, kehrte erregt
zu uns zurck und flsterte:

Es wirkt ... sogar mit Rckschlag!

Woran merken Sie das?

Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen, dasselbe zu tun
und sagte:

Blicken Sie gerade ber die Flamme auf seine Beine.

Ja!

Sehen Sie nicht das Ringen?

Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung: der Onkel liegt
voller Andacht im Gebet, aber ihm zu Fen regt sich etwas; ich glaube
zwei Kater zu sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die
Oberhand, bald der andere.

Schwester, frage ich, wie kommen denn die Kater her?

Das kommt Ihnen nur so vor, da es Kater sind. Es sind aber keine
Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen doch, wie seine Seele als reine
Flamme in den Himmel strebt und wie seine Beine sich noch in der Hlle
bewegen.

Nun sehe ich, da der Onkel mit den Fen den gestrigen Trepak zu Ende
tanzt; ob seine Seele aber auch wirklich als reine Flamme in den Himmel
strebt?

Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als Antwort auf meinen
Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie:

Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast! Du allein bist heilig,
und wir alle sind verdammt! Und er fing zu schluchzen an.

Er schluchzte so herzerweichend, da auch wir drei in Trnen ausbrachen:
Herr, erflle sein Flehen!

Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns steht und mit frommer
Stimme zu mir sagt:

Komm, wollen wir uns strken.

Die Klosterfrauen fragen ihn:

Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen, Vterchen?

Nein, antwortete er, den Lichtschein habe ich nicht gesehen, aber
_diese_ Gnade ward mir zuteil ...

Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam, wie man einen
Jungen am Schopf in die Hhe hebt.

Wurden Sie in die Hhe gehoben?

Ja.

Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der Onkel aber
erklrte:

Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte der Kuppel
streckte sich eine offene Hand nach mir aus, sie fate mich bei den
Haaren und stellte mich auf die Beine ...

Nun ist er glcklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte kniglich
das Kloster, in dem er sich dieses Wunder erfleht hatte. Er fhlte
wieder Leben in sich und schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie
einst von ihren Eltern zu bekommen hatte. Mich aber fhrte er in den
guten alten Volksglauben ein.

Von nun an erfate ich den Geschmack des Volkes fr das Fallen und das
Sich-Erheben ... Dies nennt man eben Teufelsaustreibung. Ich
wiederhole aber, da man sie nur in Moskau allein sehen kann, und das
auch nur bei besonderem Glck und besonderer Protektion seitens der
ehrwrdigsten Greise.




                               DAS TIER




                                  I


Mein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. Ihm
wurden viele wichtige Flle anvertraut, und er war darum meistens auf
Reisen. Zu Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten.

Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein kleiner Bengel.

Als sich die Geschichte, von der ich hier erzhle, abspielte, war ich
erst fnf Jahre alt.

Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre so streng, da die
Schafe oft nachts in ihren Stllen erfroren und Dohlen erstarrt auf die
hartgefrorene Erde niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer
dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal zu
Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter wollte daher selbst zu ihm
hinberfahren, damit er das schne und freudige Fest nicht allein
verbringe. Der frchterlichen Klte wegen nahm sie mich nicht mit,
sondern lie mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurck, die mit
einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. Dieser Onkel hatte nicht
den besten Ruf. Er war reich, alt und grausam. Seine hervorragendsten
Charaktereigenschaften waren Gehssigkeit und Unnachsichtigkeit; er war
darber durchaus nicht unglcklich, sondern prahlte gerne mit diesen
Eigenschaften, die seiner Ansicht nach den Ausdruck mnnlicher Kraft und
unbeugsamer Seelenstrke darstellten.

Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen Manneskraft und
Seelenstrke zu erziehen. Einer seiner Shne war brigens mein
Altersgenosse.

Alle frchteten den Onkel; ich aber frchtete ihn noch mehr als alle,
weil er auch mich zur Manneskraft erziehen wollte. Als ich drei Jahre
alt war und unheimliche Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich
einmal bei einem heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die
Tre ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben.

Natrlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr ungern zu Gast. Ich
war damals aber, wie gesagt, erst fnf Jahre alt, und meine Wnsche und
Neigungen wurden bei den Entscheidungen, denen ich mich fgen mute, in
keiner Weise in Betracht gezogen.




                                  II


Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges steinernes,
schloartiges Gebude. Es war ein prtentiser, doch unschner und sogar
hlicher zweistckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, ber
den allerlei scheuliche Geschichten erzhlt wurden. Hier hatte einst
der verrckte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; spter wurde in
diesen Rumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus
irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die
sogenannte olsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben
auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses
launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame
Tne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer
und in ein wahnsinniges Getse bergingen, das sich so anhrte, wie wenn
ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zge.
Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten,
da sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht
aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte
... Eines stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und die
Harfe auf dem Turme so laut drhnte, da die Tne ber den Park und die
Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein
Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann
pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen
aller seiner Sklaven erbeben machte.

In diesem Hause war es Gesetz, da jedes Vergehen unnachsichtliche Shne
fand und niemand und unter keinen Umstnden Verzeihung erlangte. Dieses
Gesetz galt ebenso fr die Menschen wie fr die Tiere und selbst fr die
kleinsten Geschpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie
nicht und hielt sie fr Schwche. Unnachsichtige Strenge setzte er ber
alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Drfern,
die diesem reichen Gutsbesitzer gehrten, eine ewige Trauer, die mit den
Menschen auch die Tiere teilten.




                                 III


Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er
pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wlfe, Hasen und Fchse zu
jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens fr die Brenjagd bestimmte
Hunde. Diese Hunde nannte man Blutegel. Sie bissen sich in das Tier
dermaen fest, da man sie nicht wieder losreien konnte. Es kam vor,
da der Br, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit
einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerri, es kam
aber niemals vor, da der Blutegel lebend vom Tiere ablie.

Heute, wo die Brenjagd nur noch mit dem Spie und als Klapperjagd
betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Ruland ausgestorben
zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehrten
sie zum Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab es damals
auch sehr viel Bren, und die Brenjagd zhlte zu den beliebtesten
Vergngungen.

Wenn es gelang, ein ganzes Brennest auszuheben, nahm man die Jungen oft
lebend nach Hause mit. Sie wurden gewhnlich in einem groen gemauerten
Stalle mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern
gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste
Eisengitter. Die Brenjungen kletterten manchmal bereinander bis zu den
Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren krftigen Krallen an den
Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes
freie Welt hinausschauen.

Wenn man uns am Vormittag spazieren fhrte, gingen wir gerne an diesem
Stalle vorbei, um uns die drolligen Bren, die durch die Gitter
hinausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte
ihnen mittels eines langen Stockes Brotstcke zu reichen, die wir uns zu
diesem Zweck beim Frhstck aufsparten.

Die Bren pflegte und ftterte ein junger Jger namens Ferapont; das
einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn
Chrapon oder noch fter Chraposchka. Ich kann mich seiner noch gut
erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, krftig und
etwa fnfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hbscher Bursche: er hatte
ein weies Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und groe, schwarze,
etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewhnlichen
Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war,
erzhlte uns oft hchst unterhaltende Dinge ber den ungewhnlichen Mut
ihres khnen Bruders und ber seine Freundschaft mit den Bren, in deren
Stalle er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um
ihn drngten und ihre Kpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten.

Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein groes rundes, von einem
Schmuckgitter eingefates Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite
Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tore gegenber, ragte eine hohe,
glattgehobelte Stange, die man den Mastbaum nannte. An der Spitze des
Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht.

Unter den gefangenen jungen Bren wurde immer der klgste, das heit
einer, der den zuverlssigsten und intelligentesten Eindruck machte,
gewhlt. Dieser Br wurde von der brigen Gesellschaft getrennt und
durfte ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, hatte aber
die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem
Posten verbrachte er den grten Teil des Tages. Er lag oft auf dem
Stroh am Fue des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben
auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und
Hunde sicher war.

Nicht alle Bren hatten ein Anrecht auf dieses schne freie Leben,
sondern nur die klgsten und gutmtigsten unter ihnen und selbst diese
nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, fr
das Zusammenleben mit anderen Geschpfen ungeeigneten Eigenschaften
zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gnse noch
Hhner, weder Klber noch Menschen anrhrten.

Wenn ein Br auch nur einmal den Burgfrieden strte, wurde er sofort zum
Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung
erwirken.




                                  IV


Mit der Auswahl dieses klgsten Bren wurde Chrapon betraut. Da er
mehr als alle andern mit den Bren zu tun hatte und als groer Kenner
ihres Charakters galt, wurde natrlich angenommen, da er besser als
jemand anderer diese Wahl vornehmen knne. Chrapon hatte auch die volle
Verantwortung fr die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er whlte gleich das
erstemal einen ungewhnlich gelehrigen und klugen Bren, der einen sehr
seltsamen Namen erhielt; whrend fast alle Bren in Ruland Mischka
heien, wurde dieser mit dem spanischen Namen Sganarell ausgezeichnet.
Er hatte bereits fnf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen
dummen Streich verbt. Wenn man von einem Bren sagte, da er Streiche
mache, so meinte man, da er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt
habe.

Einen solchen Streichemacher setzte man zunchst in den Graben, der
auf der gerumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Walde angelegt war;
nach einiger Zeit lie man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen
Balken in den Graben steckte, ber den er dann selbst herauskletterte,
und hetzte ihn mit jungen Blutegeln. Wenn die jungen Hunde mit dem
Bren nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, da er in den
Wald entrinnen knne, traten zwei geschickte Jger, die im Hinterhalt
aufgestellt waren, mit ihren ausgewhlten Meuten in Aktion und machten
dem Bren ein schnelles Ende.

Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, da der Br
sich auf die Insel, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker
Wldern zusammenhing, flchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens
bereitgestellter Schtze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen
Gabelmuskete die tdliche Kugel ab.

Es war noch nie vorgekommen, da ein Br allen diesen Gefahren entronnen
wre; das wre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wren
wohl kaum mit dem Leben davongekommen.




                                  V


Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, da es eine
solche Hetzjagd oder Brenhinrichtung schon seit fnf Jahren nicht
gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem groen Bren von
ungewhnlicher Kraft, Schnheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er
hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Krperbau,
so da er eher einem riesengroen Griffon oder Pudel, als einem Bren
hnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmchtig und von kurzem,
glnzenden Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark
entwickelt und ppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel
und konnte einige, bei Bren sehr seltene Kunststcke: er verstand gut
und schnell auf den Hinterbeinen vorwrts und auch rckwrts zu laufen,
eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr
angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit grerer Freude
schleppte er mit den Bauern die schwersten Scke zur Mhle und trug mit
unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer
Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmckten Filzhut auf dem Kopfe.

Aber auch fr Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: die
Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des
Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen
lassen, von denen eine schwerer war als die andere.

Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie
bei allen seinen Vorgngern: als erste Kraftprobe ri er einer Gans
einen Flgel ab; dann legte er seine Tatze einem Fllen, das seiner
Mutter nachlief, auf den Rcken und brach ihm das Rckgrat; zuletzt
erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Fhrer sein
Mifallen; er wlzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen
Arme und Beine.

Der Blinde und sein Fhrer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt
den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg
-- in den Tod -- gab.

Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte,
erzhlte sie uns, da es bei der berfhrung Sganarells in den Graben,
wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rhrendes gegeben
habe. Chrapon habe ihm nicht den blichen Ring durch die Nase gezogen
und berhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt:

Tier, komm mit!

Der Br erhob sich und ging sofort mit; besonders komisch wirkte es, da
er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund
umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging.

Sie waren ja auch wirkliche Freunde.




                                  VI


Chrapon hatte mit Sganarell natrlich das grte Mitleid, konnte ihm
aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo sich dies abspielte, wurde, wie
schon gesagt, kein einziges Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich
dermaen kompromittiert hatte, mute seine Streiche mit dem grausamen
Tode ben.

Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung fr die Gste, die
sich bei meinem Onkel zu Weihnachten versammelten, stattfinden. Die
Anordnungen zu dieser Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon
den Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben zu bringen.




                                 VII


Man pflegte die Bren auf eine hchst einfache Weise in den Graben zu
setzen. Man legte quer ber die ffnung einige leichte schwache Stangen,
berdeckte diese mit Reisig und schttete darber Schnee. Das Loch wurde
so geschickt maskiert, da der Br die Falle gar nicht merken konnte.
Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser Stelle und lie es weiter
gehen. Es machte einen oder zwei Schritte und strzte pltzlich in den
tiefen Graben, aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Br sa
hier bis zu der fr die Hetzjagd angesetzten Stunde. Dann legte man
schrg in den Graben einen etwa sieben Ellen langen Balken, und der Br
kletterte heraus, worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge
Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, zwang man es, den
Graben zu verlassen, indem man mit langen, mit eisernen Spitzen
versehenen Stangen nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf,
oder blinde Schsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte.

Nachdem Chrapon den Bren auf die beschriebene Weise in den Graben
gebracht hatte, kehrte er tief betrbt nach Hause zurck.
Unbedachterweise erzhlte er seiner Schwester und unserer Wrterin, wie
willig ihm das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig in
den Graben gestrzt war, sich auf den Boden hingesetzt, die Vordertatzen
wie Hnde zusammengelegt und zu weinen angefangen hatte.

Chrapon sagte seiner Schwester, da er vom Graben so schnell er konnte
weggelaufen sei, um das jmmerliche Sthnen Sganarells nicht zu hren,
das ihm ins Herz geschnitten habe.

Ich danke nur Gott, fgte er hinzu, da es jemand anderem und nicht
mir befohlen wird, auf ihn zu schieen, wenn er Reiaus nimmt. Wenn
diese Pflicht mir zufiele, wrde ich alle Strafen ber mich ergehen
lassen, aber um nichts in der Welt auf das Tier schieen.




                                 VIII


Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer
Kolberg weiter. Kolberg aber erzhlte es dem Onkel, um ihn zu amsieren.
Als der Onkel es hrte, sagte er: Der Chraposchka ist gut! und
klatschte dreimal in die Hnde.

Das war das Signal fr den alten franzsischen Kammerdiener Ustin
Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812.

Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem
saubergebrsteten lila Frack mit silbernen Knpfen, und mein Onkel gab
ihm den Befehl, da man bei der bevorstehenden Brenjagd als
Reserveschtzen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte,
und Chrapon aufstellen solle.

Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefhle
in der Seele des armen Burschen eine groe Belustigung. Wenn es ihm
einfiele, auf den Bren entweder berhaupt nicht zu schieen oder ihn
absichtlich nicht zu treffen, so wrde es ihm teuer zu stehen kommen;
Flegont wrde aber das Tier mit dem zweiten Schu sicher erlegen.

Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir
Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und
fhlten, da etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott wei, wie das enden
sollte. Unter diesen Umstnden hatten wir weder an dem schmackhaften
Weihnachtsessen, das der Sitte gem spt abends eingenommen wurde, noch
an den vielen Gsten, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren,
rechte Freude.

Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wuten nicht, mit wem von
beiden wir mehr Mitleid hatten.

Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wlzten uns lange in
unseren Bettchen. Wir schliefen spt ein, trumten von dem Bren und
fuhren einigemal schreiend aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau
sagte, da wir vor dem Bren keine Angst zu haben brauchten, weil er im
Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch
grer.

Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, fr
Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber auerhalb ihrer religisen
Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort ghnend und sich den Mund
bekreuzigend, da sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch
niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Br sei aber sicher ein
Geschpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden.

Die Erwhnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, da die
grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen,
sondern auch auf alle andern Geschpfe erstrecke. Ich kniete in
kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drckte mein Gesicht in
das Kissen und flehte Gottes Majestt an, mir meine Bitte nicht als
Snde anzurechnen und Sganarell zu retten.




                                  IX


Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern
in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frhstckstisch.
Auer den zahlreichen Verwandten und Gsten befanden sich im Saal auch
der Geistliche, der Diakon und zwei Kster.

Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen
Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein
leichtes Frhstck ein. Zu Mittag wurde frher als sonst, nmlich um
zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Brenjagd beginnen:
man durfte sie nicht auf eine sptere Stunde hinausschieben, weil es um
diese Jahreszeit frh Abend wurde und der Br im Dunkeln leicht Reiaus
nehmen konnte.

Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach
dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle
gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu
fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je
drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei
Reitknechte hielten die englische Fuchsstute Modedame an den Zgeln
fest.

Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen
Fuchsfellmtze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen
Brenfell bedeckten und mit Trkisen und Schlangenkpfen geschmckten
Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn
oder fnfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten
sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von
einer Kette berittener Jger umstellt und in einiger Entfernung vom
Walde abgeschlossen war.

Dicht am Walde war im Gestruch das Versteck fr die Schtzen
eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden
muten.

Die Schtzen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum
sichtbaren Bchsensttzen, von denen auf Sganarell gezielt werden
sollte.

Der Graben, in dem der Br sa, war unsichtbar, und wir lenkten daher
unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schnsten
Waffen ausgerstet waren; es waren die Erzeugnisse der berhmtesten
Bchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des
Englnders Mortimer und des Warschauers Kolett.

Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm
die Leine zweier zusammengekoppelter junger Blutegel in die Hand und
legte auf den Sattel vor ihn ein weies Tuch.

Die vielen jungen Hunde, die ihre Knste an dem zu Tode verurteilten
Sganarell ben sollten, benahmen sich hchst selbstbewut und zeigten
brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten,
bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure
knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die auer Rand und Band
geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld,
sich ber das Tier zu strzen, dessen Nhe die Hunde mit ihren feinen
Nasen sofort witterten.

Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und
den Hunden preisgegeben werden sollte.

Mein Onkel winkte mit dem weien Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag,
und sagte: Los!




                                  X


Von der Schar der Jger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich
an die zehn Mann und gingen quer ber das Feld.

Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie
stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf,
der uns bis dahin unsichtbar gewesen war.

Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus
gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell sa.

Der Balken wurde in die Hhe gehoben und mit dem einen Ende in den
Graben versenkt. Er lag etwas schrg, so da das Tier ohne besondere
Mhe wie ber eine Treppe herauskommen konnte.

Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte
etwa eine Elle weit heraus.

Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem
interessantesten Augenblick nher brachten. Man erwartete, da Sganarell
sofort zum Vorschein kommen wrde; er witterte aber wohl Unheil und
blieb im Graben.

Nun begann man ihn mit Schneebllen zu bewerfen und mit langen Stangen
in dem Graben herumzutreiben; man hrte sein Gebrll, er lie sich aber
noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schsse in den Graben
ab; Sganarell brllte noch wtender, kam aber noch immer nicht heraus.

Nun kam hinter der Schtzenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde
bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum
Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag
ein groer Haufen Stroh.

Das Pferd war gro und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter
von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit
galoppierte es mit erhobenem Schweif und gestrubter Mhne. Es war nicht
recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein berbleibsel seiner Jugendkraft
oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die
Nhe des Bren einflte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das
Pferd war auer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezumt, die
in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig
gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, ri erbarmungslos an der
Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rcken des Pferdes mit einer
dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen
Seiten.

Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezndet und im gleichen
Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom
Feuer unberhrt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken
herausragte.

Nun ertnte ein betubendes, rasendes, mit Sthnen untermengtes Brllen,
der Br kam aber noch immer nicht heraus.

Man erzhlte sich, da Sganarells Fell schon versengt sei; er htte sich
die Tatzen auf die Augen gedrckt und liege so fest in einer Ecke des
Grabens, da man ihn unmglich heraustreiben knne.

Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder
zurck .... Alle glaubten, da es eine neue Portion Stroh holen sollte.
Unter den Zuschauern wurden Vorwrfe laut: warum hat man nicht schon im
Voraus eine gengende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wtete und
schrie etwas, was ich im allgemeinen Lrm, Hundegewinsel und
Peitschengeknall nicht verstehen konnte.

Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das
alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und
keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein
Stroh: auf dem Schlitten sa Ferapont.

Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, da
Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_
herausfhren solle ...




                                  XI


Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs Hchste erregt,
handelte aber entschlossen und energisch. Ohne gegen den Befehl zu
mucksen, nahm er vom Schlitten den Strick, mit dem vorhin das Stroh
zusammengebunden war, und band ihn an das herausragende Ende des
Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das andere Ende des
Strickes nahm er in die Hand und begann langsam in den Graben zu
steigen.

Das schreckliche Gebrll Sganarells hrte sofort auf, und man hrte nur
noch ein dumpfes Brummen.

Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde ber die grausame
Behandlung beklagte; nun verstummte aber auch dieses Brummen, und es
wurde ganz still.

Er umarmt und leckt Chraposchka! meldete einer der Mnner, die am
Grabenrande standen.

Unter den Leuten, die in den Schlitten saen, holten die einen tief
Atem, und die andern verzogen das Gesicht.

Viele hatten offenbar mit dem Bren Mitleid und erwarteten von der
Hetzjagd kein Vergngen mehr. Alle diese flchtigen Eindrcke wurden
pltzlich von einem Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als
alles Vorhergehende und ungewhnlich rhrend war.

Aus der ffnung des Grabens tauchte wie aus der Unterwelt Chraposchkas
lockiger Kopf in der runden Jgermtze auf. Er stieg auf die gleiche
Weise heraus, wie er hinuntergestiegen war; er schritt ber den Balken,
sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, Ferapont kam
aber _nicht allein_: an seiner Seite war Sganarell, der ihm seine groe
zottige Tatze auf die Schulter gelegt hatte. Der Br war bler Laune und
sah recht jmmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger durch die
krperlichen Leiden, als durch die moralische Erschtterung erschpft,
erinnerte er auffallend an Knig Lear. Seine blutunterlaufenen Augen
brannten vor Zorn und Emprung. Er war ebenso wie Knig Lear zerzaust,
voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise hatte sich
Sganarell, ebenso wie jener unglckliche Knig, eine Art Krone bewahrt.
Vielleicht Ferapont zu Gefallen, vielleicht auch rein zufllig trug er
unter der Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt und den er
in den Graben mitgenommen hatte. Der Br hatte dieses Freundesgeschenk
aufbewahrt; als sein Herz nun in der Umarmung des Freundes eine
pltzliche Erleichterung fhlte, holte er, sobald er oben war, den arg
zerknitterten Hut aus der Achselhhle hervor und setzte ihn sich auf.

Viele lachten ber den Anblick, vielen erschien er aber auch
schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um das unvermeidliche
grausame Ende des Tieres nicht mit ansehen zu mssen.




                                 XII


Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Hhepunkt, und sie waren
nicht mehr zu halten. Selbst die Peitschen machten auf sie keinen
Eindruck mehr. Die jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie
Sganarell erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und
erstickten beinahe in ihren Halsbndern. Chraposchka fuhr aber schon im
gleichen Wagen auf seinen Posten am Waldrande zurck. Sganarell, der
allein geblieben war, fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich
zufllig der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens
befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich offenbar aus
der Schlinge befreien oder den Strick zerreien, um seinem Freund
nachzulaufen; er war aber trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie
jeder andere Br: statt die Schlinge zu lsen, zog er sie nur noch
fester an.

Als er sah, da er die Schlinge nicht lsen konnte, begann er am Strick
zu zupfen, um ihn zu zerreien; der Strick war aber viel zu fest und ri
nicht, der Balken jedoch sprang in die Hhe und ragte pltzlich
senkrecht aus dem Graben. Whrend sich Sganarell umsah, strzten zwei
Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt hatte, ber ihn her
und bissen sich mit ihren scharfen Zhnen in sein Genick fest.

Sganarell war so sehr mit dem Strick beschftigt, da er im ersten
Augenblick ber diese berrumpelung weniger erbost als erstaunt war;
aber schon nach einer halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn
loslie, um die Zhne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit der
Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem Bauch weit von sich
weg. Whrend die Gedrme des Hundes auf den blutbefleckten Schnee
fielen, zertrat er den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit
schrecklicher und unerwarteter war aber das, was mit dem Balken geschah.
Als Sganarell zum Schlage ausholte, um den Blutegel von sich zu
schleudern, zog er mit der gleichen Bewegung den Balken, an dem das
andere Ende des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und der
Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch die Luft. Er flog
nun um Sganarell im Kreise herum und erschlug schon in der ersten Runde
nicht etwa zwei oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. Die
einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, die andern aber lagen
gleich leblos da.




                                 XIII


Der Br war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was fr eine ntzliche
Waffe der Balken fr ihn war; oder war es nur der Schmerz in der vom
Strick umschlungenen Tatze? -- jedenfalls brllte er auf und zog den
Strick noch fester an, so da der Balken in der gleichen horizontalen
Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter Kreisel zu
surren begann. Er mute alles, was ihm in den Weg trat, niederschlagen
und zermalmen. Wenn aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht
gengend stark wre und zerrisse, so wrde der Balken durch die
Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott allein wei, wie
weit er fliegen und was er alles unterwegs zermalmen wrde.

Wir alle -- Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise herumstanden,
schwebten in grter Gefahr, und ein jeder wnschte schon aus
Selbsterhaltungstrieb, da der Strick, an dem Sganarell seine
Riesenschleuder schwang, nicht reie. Womit sollte aber das alles enden?
Niemand, auer einigen Jgern und den beiden Schtzen, die im
Hinterhalte am Waldesrande saen, hatte Lust, das Ende abzuwarten. Das
ganze brige Publikum aber, die Gste und die Verwandten des Onkels, die
dieser Veranstaltung als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar
kein Vergngen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, mglichst
schnell die gefhrliche Stelle zu verlassen, und die Schlitten sausten,
einander berrennend und berholend, dem Hause zu.

Bei dieser lcherlichen und unordentlichen Flucht gab es einige
Zusammenste und Strze, einiges zum Lachen und sehr viel Schrecken.
Die aus den Schlitten Herausgefallenen glaubten, da der Balken sich
schon vom Strick losgerissen habe und ber ihre Kpfe surre, whrend das
wtende Tier ihnen nachsetze.

Die Gste, die das Haus erreichten, konnten sich bald beruhigen;
diejenigen aber, die zurckblieben, sahen etwas noch weit
Schrecklicheres.




                                 XIV


Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr loslassen, denn es
war klar, da er mit seinem Balken mhelos eine Menge von Hunden
erschlagen wrde. Der Br bewegte sich aber, den Balken immer noch um
sich schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont und der berhmte
Schtze Flegont im Hinterhalte saen und wo ihn der Tod erwartete.

Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles Ende machen.

Das Schicksal war aber dem Bren ungemein gnstig: nachdem es sich schon
einmal in diese Sache hineingemischt hatte, wollte es ihn offenbar um
jeden Preis retten.

Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, wo auf ihn
hinter Schneewllen die Kuchenreuterschen Musketen Chraposchkas und
Flegonts gerichtet waren, ri der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil
aus einem Bogen auf die eine Seite, whrend der Br das Gleichgewicht
verlor und hinpurzelte.

Denen, die auf dem Felde zurckgeblieben waren, bot sich nun ein neues
schreckliches Bild: der Balken fegte die Gewehrsttzen und den
Schneewall, hinter dem Flegont im Hinterhalte sa, einfach weg und blieb
mit dem einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell verlor
aber keine Zeit; er berschlug sich drei oder viermal und ging direkt
auf das Versteck Chraposchkas zu ...

Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, hauchte ihn aus seinem
heien Rachen an und wollte ihn schon ins Gesicht lecken, als pltzlich
von der anderen Seite her ein von Flegont abgegebener Schu knallte. Der
Br entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmchtig um.

Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte seinen Arm
durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch ein Bschel Brenhaare.

Flegont bte den Ruf des besten Schtzen nicht ein: er hatte ja in
groer Hast aus der schweren Bchse ohne Sttze geschossen, es war auch
nicht mehr hell genug gewesen, und der Br und Chraposchka waren
allzueng beieinander gestanden.

Unter diesen Umstnden mute auch dieser Schu, der das Ziel nur um ein
Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschu angesehen werden.

So oder anders, -- Sganarell war jedenfalls entkommen! Ihn noch am
gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war ganz unmglich, am nchsten
Morgen aber war der Geist dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von
einer ganz neuen Stimmung erleuchtet.




                                  XV


Als der Onkel nach den geschilderten Mierfolgen nach Hause
zurckkehrte, war er zorniger und hrter als je. Noch ehe er aus dem
Sattel sprang, gab er den Befehl, morgen in aller Frhe die Spuren des
Bren im Walde zu suchen und ihn so zu umstellen, da er nicht mehr
entrinnen knnte.

Eine richtig durchgefhrte Jagd htte natrlich zu einem ganz anderen
Resultate fhren mssen.

Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten Chraposchka
befehlen wrde. Alle glaubten, da ihn etwas Schreckliches erwartete. Er
hatte sich zumindest _die_ Nachlssigkeit zu schulden kommen lassen, da
er dem Bren in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen Tatzen
gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoen hatte. Es bestand
auerdem noch der schwere und wohl auch begrndete Verdacht, da
Chraposchka die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte erheben
wollen und ihn absichtlich laufen gelassen hatte.

Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka und Sganarell
machte diese letztere Hypothese sehr wahrscheinlich.

So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch alle brigen
Gste.

Wir lauschten den Gesprchen der Erwachsenen, die sich abends im groen
Saal um den fr uns angezndeten Weihnachtsbaum versammelt hatten, und
teilten den allgemeinen Verdacht bezglich Chraposchkas wie auch die
Angst um sein Los.

Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur in seine Gemcher
gegangen war, drang in den Saal das Gercht, da er Chraposchkas Namen
berhaupt noch nicht erwhnt hatte.

Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? flsterte jemand, und
dieses Flstern weckte bei der allgemeinen gedrckten Stimmung einen
Widerhall in jedem Herzen.

Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz fr das Jahr 1812
ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. Dieser seufzte auf und sagte
leise:

Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!

Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, die
Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften wie die Leibeigenen, taten
dasselbe. Es war auch just die hchste Zeit. Kaum hatten wir unsere
Hnde, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht hatten, sinken
lassen, als die Tre weit aufging und der Onkel mit einem Stckchen in
der Hand in den Saal trat. Ihn begleiteten seine beiden
Lieblingswindspiele und der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf
einem silbernen Teller das weie Foulardtuch und die mit dem Bildnisse
Pauls I. geschmckte Schnupftabaksdose seines Herrn.




                                 XVI


Der Lehnstuhl fr den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der
Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich
schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Hnden das Tuch und die
Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen
Fen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus.

Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen
Filigranschnallen und groen Trkisen verzierten Hausrock. In der Hand
hatte er einen dnnen, doch krftigen Stock aus kaukasischer Weichsel.

Diesen Stock brauchte er diesmal als Sttze: von der allgemeinen Panik,
mit der die Brenjagd geendet hatte, war selbst die vorzglich
zugerittene Modedame angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst
auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum
geklemmt.

Der Onkel fhlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig.
Dieser neue Umstand war selbstverstndlich nicht dazu angetan, um sein
ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte
es einen schlechten Eindruck, da wir alle beim Erscheinen des Onkels
pltzlich verstummt waren. Wie alle argwhnischen Menschen, konnte er so
etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen,
um die unheimliche Stille zu brechen.

Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der
Frage, ob wir den Sinn des Chorals Christ wird geboren auch
verstnden? Es stellte sich heraus, da dieser Sinn nicht nur uns
Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der
Geistliche begann uns den Sinn der Worte Preiset, Lobsinget und
Erhebet euch zu erklren; als er bei diesem letzten Worte angelangt
war, erhob er sich selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den
Gaben, die heute ebenso wie damals auch der rmste vor die Krippe des
gttlichen Knbleins bringen knne und die wrdiger und wertvoller
seien, als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der heiligen drei
Knige. Die schnste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der
Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden,
Freund und Feind im Namen Christi zu trsten ... Seine Worte waren
wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit
bezweckte und hrten ihm mit einem eigentmlichen Gefhl zu: wir beteten
gleichsam, da seine Worte ihren Zweck erreichten, und manchem von uns
waren Trnen in die Augen getreten ...

Pltzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er
rhrte ihn aber nicht an: er sa tief gebckt, seine Hand hing ber die
Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der groen Trkise ...
Er lie den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben ...

Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewhnliches bot
sich unseren Augen: _er weinte_!

Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu
und erteilte ihm den Priestersegen.

Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, kte sie ganz
unerwartet und sagte leise: Danke!

Dann blickte er Justin an und lie Ferapont rufen.

Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm.

Hierher! befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel
zeigend.

Chraposchka kam nher und fiel in die Knie.

Steh auf! sagte der Onkel. Ich verzeihe dir.

Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann mit nervser,
aufgeregter Stimme:

Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben
versteht. Du hast mich damit gerhrt und in Gromtigkeit bertroffen.
Hre nun meine Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf
den Weg. Geh, wohin du willst.

Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen, rief Chraposchka aus.

Was?

Ich gehe nirgendwohin fort, wiederholte Ferapont.

Was willst du denn?

Fr Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen,
als ich bisher als Leibeigener diente.

Der Onkel drckte mit der einen Hand das weie Foulardtuch an seine
Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont
... Wir alle erhoben uns von unseren Pltzen und verhllten gleichfalls
unsere Augen ... Uns gengte das Gefhl, da hier dem hchsten Gott die
schnste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drckenden Angst der
Friede Christi erblhte.

Dasselbe fhlten auch alle Leute im Dorfe, denen der Onkel einige Fsser
Bier schicken lie. berall wurden Freudenfeuer angezndet, und die
Menschen sprachen im Scherze:

Heute haben wir erlebt, da auch das Tier in die heilige Stille
gegangen ist, um den Heiland zu preisen!

                   *       *       *       *       *

Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die
Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht
nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels
bis an dessen Ende. Er drckte ihm mit eigenen Hnden die Augen zu und
beerdigte ihn auf dem Waganjkow'schen Friedhofe zu Moskau, wo sich sein
Grabstein bis zum heutigen Tage erhalten hat. Zu seinen Fen ruht
Ferapont.

Es gibt heute niemand, der diese Grber mit Blumen schmcken knnte;
aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen,
die sich an einen schlanken, weihaarigen Greis erinnern, der immer zu
erraten wute, wo echtes Leid verborgen war und rechtzeitig zu Hilfe
eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte.

Diese beiden echten Wohltter, von denen noch vieles zu sagen wre,
waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den Tierbndiger zu
nennen pflegte.




                         INTERESSANTE MNNER




                                  I


Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das
Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift Mysl. Diese
Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzhlung
des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast tglich
zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres groen Dichters gleich nach
Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden
Tisch beim milden Schein der Ezimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen
auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend
hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzhlung war
aber darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den
Abonnenten mit, da die Erzhlung nicht verffentlicht werden knne.
Alle waren enttuscht und betrbt, und ein jeder zeigte es je nach
seinem Charakter und Temperament: der eine runzelte die Stirne und
schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen
zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir
gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber bltterte
schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb
Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der
Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten Richtungen
zu Liebe lgen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und
oft sogar ntzlich.

Uspenskij erzhlte diesmal von einem Gesprch mit einer lteren Dame,
die ihm von der jngsten Vergangenheit erzhlt und die Meinung geuert
hatte, da die Mnner einst viel _interessanter_ gewesen seien. In ihren
engen Uniformen htten sie zwar einen khlen und reservierten Eindruck
gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere
Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender
machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr
selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Mnner bten heute zwar
freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, htten
zuweilen auch groe Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der
gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant.

Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich
machte den Vorschlag, nicht lnger ber die Erzhlung Tolstois, die wir
nicht lesen konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs
vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij
geuerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rckte ein jeder
mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es
einige, die den jngst verstorbenen dicken General Rostislaw Faddejew
gekannt hatten; man erzhlte sich, wie ungewhnlich interessant dieser
Mann trotz seines gewhnlichen, plumpen und wenig versprechenden ueren
gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klgsten und
nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blhendsten jungen Gecken
aus dem Felde zu schlagen wute.

Ist es denn wirklich so erstaunlich? sagte ein Herr, der lter als
alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. Ist es
denn fr einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Faddejew war,
schwer, das Interesse einer _klugen_ Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen
fhlen sich immer ungemtlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige,
und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch
greres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen
wirklich klugen Mann stoen. Hier gilt der Satz: >Simile simili curatur<
oder >gaudet< -- ich wei nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch
die Dame, deren Worte unser Dichter anfhrt, whlen ihre Beispiele unter
den Mnnern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit
bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, da man einst auch auf
weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persnlichkeiten,
die man >interessante Mnner< zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch
die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehrten nicht zu den
Auserwhlten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden
Geistesgaben zu vergttern; selbst unter den allergewhnlichsten
Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In
ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wrme enthalten. Solche
Durchschnittsmenschen halte ich fr viel bemerkenswerter als die
Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverstndlich jeder
verlieben mute.

Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten
Wrme der tiefen Wasser gekannt?

Gewi.

Erzhlen Sie uns also von ihm und entschdigen Sie uns auf diese Weise
fr die Unmglichkeit, die Erzhlung Tolstois zu lesen.

Als Entschdigung kann meine Erzhlung natrlich nicht gelten, aber
einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem
allergewhnlichsten Offiziersmilieu zum Besten geben.




                                  II


Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Drfern des
T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab
hielten sich aber natrlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die
Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater,
einen Adelsklub und ein riesengroes, brigens recht unsinnig angelegtes
Hotel, dessen grten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer
waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich stndig in der Stadt
aufhielten, zum Teil fr die Offiziere reserviert, die periodisch aus
ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an
gewhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam
sofort ein anderer gefahren, und diese Offizierszimmer waren immer
besetzt.

Unser Zeitvertreib bestand natrlich im Kartenspiel und im Dienste des
Bachus, sowie auch der Gttin der Herzensfreuden.

Man spielte zuweilen -- besonders im Winter, whrend der Wahlen zur
Adelsversammlung -- sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den
Hotelzimmern, wo man die Rcke ablegen durfte und sich berhaupt
ungezwungener fhlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nchte. Es
gibt wohl keinen sinnloseren und deren Zeitvertreib, und Sie knnen
daraus wohl selbst schlieen, was fr Menschen wir damals waren und was
fr Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch
weniger; letzteres nur nach groen Verlusten, wenn es galt, unsere
Eltern anzulgen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und
gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter
uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster
waren als wir; in den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit
den Beamten herum und entfhrten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen,
die wir gleich darauf wieder laufen lieen.

Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jngeren
eiferten den lteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts
Gescheites und Beachtenswertes.

ber die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals
gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal
eingefhrten Sitte, -- man bummelte und war bemht, Herz und Seele gegen
alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es
auch in unserem seichten Sumpfe die latente Wrme, die sonst nur
tiefen Wassern eigen ist.




                                 III


Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anstndiger
und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz ohne
Zartgefhl fr das weibliche Geschlecht, wie man sich damals
ausdrckte. Er war einige fnfzig Jahre alt und schon zweimal
verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war
eben im Begriff, ein junges Mdchen, das aus einer nicht sehr reichen
Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hie Anna Nikolajewna.
Dieser so gewhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewhnlichen
Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder
hbsch noch hlich, hatte blonde Haare, blaue uglein, rote Lippen,
weie Zhne, ein rundes, weies Gesicht und je ein Grbchen in jeder
rosigen Wange, -- mit einem Worte, ein Mdchen, das wenig Begeisterung
wecken kann, eines von denen, die man Trost des Greisenalters zu
nennen pflegt.

Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei
uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben
Bruders um ihre Hand an.

Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er lie den jungen
Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm:

Hren Sie einmal, Ihre wrdige Schwester hat auf mich den angenehmsten
Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in
meinem Alter und bei meiner Position wre, einen Korb zu bekommen. Wir
beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmglich
verletzen ... Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut; wenn sie
mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es
Ihnen irgendwie belzunehmen. Erkundigen Sie sich also ...

Jener erwiderte ebenso einfach:

Gut, ich werde mich erkundigen.

Danke.

Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier
Tagen bekommen?

Bitte sehr, auch fr eine Woche.

Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?

Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jngling wie er selbst.
Wir nannten ihn alle Sascha die Rose. Beide jungen Leute waren gleich
gewhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung.

Der Kommandeur fragte den Kornett:

Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?

Der Kornett antwortet, da er den Vetter eben fr diese
Familienangelegenheit brauche.

Whrend ich mit den Eltern verhandeln werde, sagt der Kornett, wird
der Vetter meine Schwester in ein Gesprch ziehen und ihre
Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.

Der Kommandeur antwortet:

Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem
Vetter einen Urlaub geben.

Die beiden Kornetts fahren heim und fhren den Auftrag zu voller
Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mdchens kommt
nach einigen Tagen zurck und meldet:

Wenn Sie wollen, knnen Sie bei meinen Eltern brieflich oder mndlich
um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu
gewrtigen.

Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?

Auch die Schwester ist einverstanden.

Nun, freut sie sich oder nicht?

Ich wei wirklich nicht.

Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?

Die Wahrheit zu sagen, hat sie berhaupt nichts geuert. Sie sagte nur
zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fgen.

Es ist ja sehr schn, da sie das sagte, aber man kann doch in den
Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mdchen dabei denkt!

Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht
seiner Schwester so gewhnt, da er darin nicht zu lesen verstnde und
den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum knne er darber
nichts Bestimmtes sagen.

Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken knnen. Haben Sie denn nicht
auf der Rckfahrt mit ihm darber gesprochen?

Nein, antwortet jener, wir haben darber nicht sprechen knnen: ich
wollte Ihnen die Antwort so schnell wie mglich berbringen, mein Vetter
ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu
melden: er ist pltzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern
benachrichtigt.

So! Was hat er denn?

Es war eine pltzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.

Eine echte Mdchenkrankheit. Schn. Ich danke Ihnen. Da wir nun
miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu
Mittag zu essen.

Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: was der fr ein
Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen
Umstnden er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann
immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, da der Kornett sich
wohl sicher verschnappt htte, wenn er etwas gewut htte;
glcklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald
darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken
Bier und Wein. Die beiden Kornette -- der Bruder und der Vetter -- waren
aber Brautfhrer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das
Geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort,
unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame
Gelste zu uern. Der Kommandeur freute sich darber und bemhte sich,
alle ihre Wnsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute -- der
Bruder und der Vetter -- suchten ihn darin noch zu bertreffen. Wegen
jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war
aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz
gewhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen
waren: bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer
Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie
sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam
fr sie die schwere Stunde, und man lie aus Moskau eine Hebamme kommen.
Ich erinnere mich noch, da diese Hebamme in die Stadt just um die
Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse lutete,
was unsere Heiterkeit erregte: Schaut nur, die weise Frau wird mit
Glockengelute begrt! Was fr Freuden wird sie uns wohl bringen? Und
wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze
Regiment daran beteiligt wre. Indessen geschah aber etwas ganz
Unerwartetes.




                                  IV


Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse ein Huflein
Vagabunden in der amerikanischen Wste fr die Niederkunft einer fremden
Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir,
verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse
erwarteten. Diesem Ereignisse maen wir groe Bedeutung bei und faten
den Beschlu, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir
gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an
Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen,
setzten wir uns beim Abendluten an die Kartentische.

Ich wiederhole, das Kartenspiel war fr uns eine Beschftigung, eine
Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen
Langweile. Das Spiel begann auch an diesem Abend auf die gleiche Weise
wie an den vorhergehenden. Die lteren Offiziere, die Rittmeister und
die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbrten
und an den Schlfen machten den Anfang. Sie setzten sich an die
Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu luten
anfing und die Brger, einander mit groem Respekt begrend, in die
Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: das Ereignis, von
dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.

Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme
nach, die gerade in die Stadt einzog, wnschten ihnen allen in ihren
einfltigen Soldatenherzen Glck und Erfolg, lieen in dem grten
Hotelzimmer die grnen Kattunvorhnge herunter, zndeten die Leuchter an
und setzten sich an die Arbeit.

Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straen,
wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstchtern und erschien,
als es schon ganz dunkel geworden war, im gleichen Hotelzimmer.

Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits und jenseits der
grnen Vorhnge verlief, erinnern. Drauen war es wunderschn. Der
heitere Mrztag war im schnsten Abendrot verglommen; die Pftzen, die
whrend des Tages aufgetaut waren, berzogen sich wieder mit einer
Eiskruste; es wurde frisch und khl, in der Luft aber schwebte schon der
Duft des Frhlings, und in der Hhe sangen die Lerchen. Die Kirchen
waren halbbeleuchtet, und die von ihren Snden erlsten Beichtenden
kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemand zu sprechen, gingen
sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Husern. Sie alle
waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu gehen und
den Frieden, der ihre Herzen erfllte, nicht zu verlieren.

In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es
auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zunen
erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshuser wurden
geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei
Mietsdroschken mit ausgesucht schnen Pferden, in Erwartung, da wir sie
noch zu irgendeinem Zweck brauchen wrden.

Auf der hartgefrorenen Schneedecke der groen Strae klapperte pltzlich
ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel,
ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Brenpelz mit
langen rmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.

Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge
Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straen, in deren Fenstern
nochmals die sprden Kaufmannstchter erschienen, ins Hotel
zurckkehrten.

Wir hrten, wie der Neuankmmling ein Zimmer verlangte und wie der
Zimmerkellner Marko, der ihn mit Awgust Matwejitsch anredete, seine
Frage beantwortete:

Ich wage es nicht, Sie anzulgen und zu sagen, da wir kein Zimmer
haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich wei wirklich nicht, ob es
Ihnen passen wird.

Was ist denn damit? fragte der Gast: Ist es schmutzig oder voller
Wanzen?

Nein, Sie wissen doch selbst, da wir bei uns keinen Schmutz und keine
Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.

Machen die solchen Lrm?

Ja, Sie knnen es sich wohl selbst denken: es sind lauter Junggesellen,
die immer auf und ab rennen und pfeifen ... Ich mu es Ihnen sagen,
damit Sie uns spter keine Vorwrfe machen ... Wir knnen ja die jungen
Leute nicht bndigen.

Das wre ja nicht schlecht! Selbstverstndlich darf sich niemand
unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wre das fr ein Leben?
... Ich bin aber mde und glaube, da ich schon irgendwie einschlafen
werde.

Natrlich werden Sie einschlafen. Ich mute aber Euer Gnaden fr jeden
Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepck und das Bettzeug
hinauftragen?

Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich
unterwegs nirgends aufgehalten und bin so mde, da mich wohl kein Lrm
wecken wird.

Der Kellner fhrte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das grte
Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehrte. Hier war unsere ganze
Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: er
klagte ber Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer
den Korridor auf und ab.

Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen
und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt. Sascha aber blickte nur
einmal in das Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor auf-
und abzugehen.

Er machte einen seltsamen Eindruck, so da wir auf ihn aufmerksam werden
muten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber
genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur
den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen
schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dchte. Wir
sagten im Scherze: Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft! legten
aber seinem Benehmen keine groe Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung
und den beliebten Offizierstrank aus neun Elementen nicht gewohnt. Es
war sehr wahrscheinlich, da sein Zustand nur eine Folge der
vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so
vollgeraucht, da man leicht Kopfweh bekommen konnte; schlielich war es
auch mglich, da seine Finanzen zerrttet waren: er hatte in der
letzten Zeit sehr hoch gespielt und grere Summen verloren; er hatte
aber gewisse moralische Grundstze und scheute sich, seinen Eltern mit
solchen Dingen zu kommen.

Wir lieen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchlufer belegten
Korridor auf und abgehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aen,
stritten und lrmten und dachten weder an die spte Stunde, noch an das
freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese
Vergessenheit wurde vollstndig, als sich bald nach Mitternacht etwas
ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen
dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte.




                                  V


Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner
Marko und meldete nach einigem Zgern, da der eben eingetroffene
frstliche Generalbevollmchtigte sich hflichst entschuldige und
anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten mchten, zu ihnen zu
kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er knne nmlich nicht
einschlafen und langweile sich.

Kennst du denn den Herrn? fragte der lteste Offizier.

Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht
kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Ruland, berall
wo der Frst seine Gter hat. Awgust Matwejitsch ist sein
Generalbevollmchtigter, verwaltet alle frstlichen Gter und
Besitztmer, und sein Gehalt allein betrgt an die vierzigtausend Rubel
im Jahre. (Damals rechnete man noch nach Assignaten.)

Ist er Pole?

Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und
war einmal selbst Offizier.

Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, fr zuverlssig und
uns ergeben. Er war intelligent und sehr religis; er ging jeden Morgen
zur Frhmesse und sparte Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke
zu stiften. Als Marko sah, da wir uns fr den Fremden interessierten,
berichtete er uns noch mehr:

Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, da er eben
zwei frstliche Gter bei der Vormundschaftsbank verpfndet hat. Er wird
wohl eine nette Summe bei sich haben und mchte sich gerne zerstreuen.

Die Offiziere wechselten Blicke, flsterten miteinander und erklrten:

Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen
umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere
Gesellschaft bringen!

Garantierst du uns auch dafr, fragten wir den Zimmerkellner, da er
Geld bei sich hat?

Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.

Wenn es sich so verhlt, so soll er nur mit seinem Geld kommen. Nicht
wahr, meine Herren? wandte sich der lteste Rittmeister an uns alle.

Alle erklrten sich einverstanden.

Schn. Sag ihm also, Marko, da wir ihn bitten lassen.

Zu Befehl.

Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, da wir, obwohl wir
Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei
uns weder Kreide noch Kredit.

Zu Befehl. Sie knnen aber unbesorgt sein: er hat immer Geld.

Gut, wir lassen bitten.

Nach einer ganz kurzen Weile, die fr einen Mann, der kein besonderer
Stutzer ist, eben gengt, um sich umzuziehen, geht die Tre auf, und in
unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr
junger Herr von hchst anstndigem Aussehen. Er trgt Zivil, hlt sich
aber wie ein Militr, man knnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier,
d. h. khn, selbstbewut, nicht ohne eine trge Grazie und Blasiertheit,
wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hbsch, seine Zge sind darin
ebenso streng und regelmig verteilt wie die Ziffern auf dem
Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt
sich darin so abgemessen, wie die Zeiger auf einer solchen Uhr.

Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt
wie ein Grahamsches Schlagwerk.

Meine Herren, ich bitte um Vergebung, da ich in Ihren Freundeskreis
eingedrungen bin. Ich heie so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin
aber sehr mde und wollte hier ausschlafen. Da hrte ich Ihre Stimmen,
und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fhlte mich wie ein altes
Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, da
Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.

Man antwortet ihm:

Wir bitten recht schn! Wir sind einfache Menschen und machen keine
groen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz
ungezwungen.

Einfachheit, antwortet er, ist das Schnste in der Welt: Gott liebt
sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal
selbst beim Militr. Obwohl ich aus Familienrcksichten den Dienst
quittieren mute, bin ich den militrischen Sitten doch treu geblieben
und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Rcke
an, und hier ist es doch so hei?

Offen gestanden, haben wir die Rcke erst unmittelbar vor Ihrem
Erscheinen angezogen.

Sie sollten sich schmen! Das befrchtete ich ja eben. Da Sie aber
schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so knnen Sie mir
gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft gar keine grere Freude machen,
als wenn Sie die Rcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen
fhlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.

Die Offiziere lieen sich berreden und saen bald in Hemdrmeln da;
dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch
schlpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den
rmeln mit blauer Seide gefttert war, und erklrte sich bereit, unsere
Bekanntschaft mit einem Glschen Schnaps einzuweihen.

Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters
Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging.

Gestatten Sie, sagte man dem Gast, hier fehlt einer von den Unsrigen.
Wir mssen ihn holen!

Awgust Matwejitsch fragte:

Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so
rhrender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?

Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!

Er will nicht kommen.

Was fr Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und
hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schne
Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber pltzlich untreu geworden
und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!

Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, da Sascha
vielleicht tatschlich krank sei.

Was euch nicht einfllt! Ich setze meinen Kopf ein, da er einfach mde
ist oder den letzten groen Verlust noch nicht verschmerzen kann.

Hat der Kornett viel verloren?

Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie
aufgeregt und verlor jeden Einsatz.

Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus,
wie wenn er weniger Unglck im Spiel als Unglck in der Liebe htte.

Haben Sie ihn denn gesehen?

Gewi. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen.
Er ist so sehr in Gedanken versunken, da er vorhin aus Versehen in mein
Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht liegen
sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich
glaubte sogar, da es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.

Seltsam!

Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im
ersten Augenblick garnicht, was man von ihm wollte. Und als er seinen
Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten
Zeiten und sagte mir gleich: der mu eine Herzensaffaire haben!

Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in
Polen mit man solchen Gefhlsduseleien viel zu viel Bedeutung bei; wir
Moskowiter sind aber ein rohes Volk.

Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er
scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.

Er ist einfach mde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, da man in
einem solchen Falle Gewalt anwenden mu. Meine Herren, zwei von Ihnen
mchten hinausgehen und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen die
Beschuldigung, da er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.

Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurck, auf
dessen jugendlichem Gesicht Mdigkeit, Verlegenheit und ein Lcheln
miteinander kmpften.

Er sagte, er fhle sich tatschlich unwohl, und es rege ihn auf, da man
von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, da auch der
fremde Herr der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele,
wurde Sascha pltzlich ber und ber rot, warf unserm Gast einen
unsagbar gehssigen Blick zu und rief erbost aus:

Unsinn!

Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu
legen; wir erinnerten ihn aber daran, da heute ein wichtiges Ereignis
bevorstehe, das wir alle gemeinsam begren wollten; es sei daher
unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom Ereignis hrte,
erbleichte er wieder.

Man sagte ihm:

Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, und wenn du
nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier
aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier
hren und dich wecken.

Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber
den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den
Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer
Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Strae hinauszuschauen.

Ich wei wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, oder ob ihn
irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf
die Straenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald
in die Tiefe des Sessels zurck, und machte bald den Eindruck, wie wenn
er aufspringen und davonrennen wollte.

Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, da ich Sascha
beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mute es seinen
Blicken anmerken und auch seinen hchst unpassenden Worten, die ich mein
Leben lang nicht vergessen werde:

Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?

Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem
schnellen Blick.

Selbstverstndlich! antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend,
die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte.

Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drckte mir unter dem
Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hbsches, ruhiges Gesicht an und
mute wieder an die gleichmtige englische Standuhr im langen Gehuse
mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm
vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und
Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das
Zifferblatt aber ist khl und teilnahmslos: die Uhr zeigt alles, merkt
sich alles und bleibt dabei selbst unvernderlich.

Awgust Matwejitsch vershnte mich durch seinen freundlichen Hndedruck;
dann fuhr er fort:

Seien Sie mir nicht bse, junger Mann. Glauben Sie mir: ich will von
Ihrem Freund nichts Bses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und
sein Zustand flt mir seltsame Gedanken ein ...

Wie meinen Sie das?

Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen sagen? ..
irgendwie verhngnisvoll ... Er rhrt und beunruhigt mich.

So, er beunruhigt Sie?

Ja, er beunruhigt mich.

Nun, ich kann Sie versichern, da Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne
alle Verhltnisse meines Freundes und brge dafr, da in ihnen nichts
enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreien knnte.

_Zerreien!_ wiederholte er: C'est le mot! Das ist das richtige Wort:
den Lebensfaden zerreien!

Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte
ich nur diesen Ausdruck gewhlt, an den sich der Fremde gleich
festklammern konnte.

Awgust Matwejitsch machte auf mich pltzlich den unangenehmsten
Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein przises Grahamsches
Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drckendes
und Unwiderstehliches. Das Werk luft gleichmig, lt in bestimmten
Abstnden seine metallischen Schlge erklingen und luft unverndert
weiter. Alles, was der Mann an hat, ist von erster Qualitt ... Sein
Hemd ist unvergleichlich feiner und weier als unsere Hemden, und unter
den weien Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor.
Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe
htte. Am Handgelenk trgt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald
nach unten rutscht und bald wieder im rmel verschwindet. Ich lese
darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen
Frauennamen Olga.

Diese Olga erregt mein Mifallen. Wer sie auch sei, -- seine Verwandte
oder seine Geliebte, -- ich mu mich ber sie rgern.

Warum? Ich wei es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten,
die uns, niemand wei woher, in den Sinn kommen, um die Gedanken des
Sterblichen zu verwirren.

Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes zerreien, das
ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus
unerwnschten Sinn unterschiebt, befreien und sage:

Es tut mir leid, da ich mich so ausgedrckt habe; das von mir
gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm
beilegen. Mein Freund ist jung, vermgend, der einzige Sohn seiner
Eltern und der Liebling aller ...

Ja, ja, und doch gefllt er mir nicht.

Ich verstehe Sie nicht.

Er ist doch sterblich?

Selbstverstndlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.

Sehr richtig, von den andern Menschen wei ich aber nichts, und von uns
beiden trgt keiner die verhngnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.

Was fr verhngnisvolle Zeichen meinen Sie?

Ich lachte ziemlich unerzogen auf.

Warum lachen Sie darber?

Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, da mein Lachen unpassend
ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: wir betrachten beide das
gleiche Gesicht, und Sie erzhlen mir, da Sie darin etwas
Ungewhnliches wahrnehmen, whrend ich darin nur das sehe, was ich immer
gesehen habe.

Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.

Ich versichere Sie.

Das hypokratische Gesicht!

Das verstehe ich nicht.

Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen >agent psychique<!

Ich verstehe es nicht, sagte ich und fhlte zugleich, wie mir dieses
Wort irgendeine dumme Angst einjagte.

Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklrliches,
seltsames Zeichen, das den Menschen lngst bekannt ist. Diese unfabaren
Zge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen
verhngnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff
sind, den groen Schritt in das Land zu zu machen, aus dem noch kein
Wanderer zurckgekehrt ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen
Berge haben fr diese Zge einen besonders scharfen Blick.

Waren Sie denn je in Schottland?

Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien
gewesen.

Und Sie behaupten, da Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht
unseres guten Sascha sehen?

Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heit, so wird er wohl
bald _anders_ heien.

Ich fhlte mich pltzlich von einer namenlosen Angst erfat und war sehr
froh, da in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon
recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte:

Was hast du? Worber streitest du mit diesem Herrn?

Ich antwortete, da wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur ber
sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzhlte ihm kurz alles,
worber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte.

Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick
auf Sascha und sagte:

Er sieht tatschlich schlecht aus! Darauf wandte er sich an Awgust
Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch:

Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?

Jener antwortete:

Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.

Sondern wei der Teufel was?

Ich bin auch nicht >wei der Teufel was<! erwiderte jener ruhig.

Was sind Sie dann: ein Zauberer?

Auch kein Zauberer.

Was denn?

Mystiker.

Ach so, Mystiker -- Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche
Mystiker kenne ich gut, sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon
ohnehin ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den Getrnken
zu.

Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll
nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand
auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich
hinmurmelnd:

Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...

Mir wurde es pltzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem
berhmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen htte. Um mir neuen Mut zu
machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnpse standen, und
unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung
des Wortes Mystiker erlutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie
von einer Welle erfat, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole
schon die Bank.

Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten
angekreidet, und alle Gesichter drckten Feindseligkeit gegen ihn aus,
die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen uerte. Die Situation
wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und drohte mit ernsten
Unannehmlichkeiten.

Es erschien mir ganz unmglich, da die Sache ohne Unannehmlichkeiten
ablaufen knnte: ein bses Ende schien schon vom Schicksal beschieden.




                                  VI


Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand, wie nebenbei zu
Awgust Matwejitsch, da das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und
herrutschte, ihm beim Bankhalten hinderlich sein msse. Und er fgte dem
noch hinzu:

Vielleicht wre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.

Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete:

Es wre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen knnte, ich kann aber
Ihrem guten Rat nicht folgen: das Armband ist festgenietet.

Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!

Warum auch nicht? Als Sklave fhlt man sich zuweilen gar nicht
schlecht.

So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!

Gewi. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir
die Begriffe des Guten, Wahren und Schnen verstndlich geworden waren,
anerkannt, da diese Ideale wert sind, ber die Gefhle und den Willen
des Menschen zu herrschen.

Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?

Natrlich nur im schnsten Geschpfe Gottes -- im Weibe.

Das den Namen Olga trgt, scherzte jemand, nachdem er die Inschrift
auf dem Armband gelesen.

Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heit Olga. Es ist doch ein
schner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, da
die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern
schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrtig hatten.

Sind Sie mit einer Russin verheiratet?

Ich bin Witwer. Das Glck, dessen ich wrdig befunden war, war zu gro
und zu vollstndig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch
mein hchstes Glck in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits
ihr Glck an meiner Seite gefunden hatte.

Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie
doppelsinnig und verletzend.

Hol ihn der Teufel! sagte jemand. Will dieser Fremde damit vielleicht
sagen, da die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so
da jede Russin sich in sie verlieben mu?

Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehrt; er blickte sogar schweigend
auf denjenigen, der das gesagt hatte, lchelte und fuhr fort, mit der
grten Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus
einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der grten
Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdchtiges
wahrnehmen. Jeder Verdacht wre auch sinnlos gewesen, da Awgust
Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon ber
zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er:

Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender
ein.

Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es fr unschicklich, seinen
Vorschlag zurckzuweisen und erklrten sich bereit, weiter zu
pointieren.

Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust
Matwejitsch erhalten hatten, genauer an.

Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser Echtheit.

Ich mu aber bemerken, meine Herren, sagte er, da ich keine
kleineren Noten einsetzen kann: ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe
aber Scheine zu fnfhundert und zu tausend Rubel und mchte Sie bitten,
mir einige davon zu wechseln.

Das lt sich wohl machen, antwortete man ihm.

In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei grere
Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu
wechseln.

Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa
neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu
suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf pltzlich
den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel
beinahe um.

Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungeknstelt,
da Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefhl weckte. Zwei oder
drei Herren, die in seiner Nhe saen, riefen teilnahmsvoll aus: Was
haben Sie? und beeilten sich, ihn zu sttzen.

Unser Gast war leichenbla und ganz verndert. Ich sah zum erstenmal im
Leben, wie ein starker und sich beherrschender Mann, -- und fr einen
solchen mute ich den zu seinem eigenen und unserem Unglck in unseren
Kreis eingedrungenen frstlichen Generalbevollmchtigten wohl halten, --
vor groem und unerwartetem Kummer pltzlich alt und ganz verndert
wird. Das pltzliche Unglck zerknittert und zerdrckt den Menschen und
bearbeitet ihn wie die Wscherin einen Lumpen so lange mit dem
Waschbluel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht
imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben,
erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem tiefen Ernst der
Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich
mich mit den andern ber ihn strzte und ihm eine Kerze vors Gesicht
hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein
Zifferblatt, und zwar in einem hchst komischen Zusammenhange.

Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer
auf der Suche nach solchen Bildern, die er regelmig verdarb, indem er
die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack berzog. Oft
bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmige dunkle Flche
darstellt, in der alle Farbtne friedlich ineinander geflossen sind, so
da man auf dem Bilde nichts erkennen kann; da fhrt er aber mit einem
in Terpentin getauchten Schwamm darber; der Lack wirft sich, schmutzige
Strme flieen ber das ganze Bild hin, und alle Farbtne kommen in
Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht pltzlich ganz verndert aus;
eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das
vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir
Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in
unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen
wir, wie der auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit dem
Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saen, seine Umrisse verlor und wie
sein vorher so tapferes Gesicht pltzlich einen zweideutigen und
lcherlichen Ausdruck bekam.

Dasselbe macht das Unglck mit den lebendigen, sogar sich beherrschenden
und oft stolzen Menschen. Das Unglck wscht von ihm den Lack ab, und
pltzlich kommen alle trben Farbtne und alle Sprnge zum Vorschein.

Unser Gast war aber strker als mancher andere. Er beherrschte sich bald
wieder und sagte:

Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ... Schenken Sie dem
bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir ... mir ist
pltzlich schlecht: entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiter
spielen.

Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes
abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemhte sich aber, verbindlich zu
lcheln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem
Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein
Glas zuviel getrunken hatte:

War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?

Der Pole erbleichte.

Nein, sagte er mit erhobener Stimme, nein, so schlecht war mir noch
nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum ... Ich habe eine
unerwartete Entdeckung gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht
weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!

Nun begannen alle durcheinander zu reden:

Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wre
aber immerhin interessant, zu erfahren, was fr eine Entdeckung Sie in
unserem Kreise gemacht haben!

Gar keine. antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den
Offizieren, die ihn im Augenblick des pltzlichen Schwcheanfalls
gesttzt hatten, und fgte hinzu: Meine Herren, Sie kennen mich ja
nicht, die Aussage des Kellners ber meine Reputation darf Ihnen nicht
gengen. Darum halte ich es fr unmglich, dieses Gesprch fortzusetzen
und mchte mich von Ihnen verabschieden.

Man hielt ihn aber zurck:

Erlauben Sie einmal, sagte man ihm, das geht doch nicht!

Ich wei nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine
Spielschuld bezahlt, mchte nicht weiter spielen und bitte Sie, mir zu
gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu drfen.

Wir sprechen nicht von der Bezahlung!

Ja, nicht von der Bezahlung!

Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, da Sie von
mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurckziehen, und Sie sind
auch damit unzufrieden ... Hol's der Teufel, was ist eigentlich los?

Nun ging auf ihn einer der lteren Rittmeister zu, ein >in Schlachten
ergrauter Kamerad<, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen
Zusammensto am Kartentische erlebt hatte, und sagte:

Verehrter Herr! Gestatten Sie, da ich mich mit Ihnen im Namen aller
auseinandersetze.

Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worber wir uns
auseinanderzusetzen haben.

Ich will Ihnen gleich alles erklren.

Bitte sehr.

Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatschlich nicht;
wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft
aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, da Sie eben etwas
Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise ... Sie haben
vorhin den Ausdruck >Reputation< gebraucht. Auch wir haben unsere
Reputation, hol's der Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, mssen Sie
aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.

Sehr gerne, unterbrach ihn der Pole, sehr gerne! Und er streckte ihm
seine Hand entgegen. Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und
fuhr fort:

Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafr ein, da Sie hier nicht die
geringsten Unannehmlichkeiten zu gewrtigen haben und da jeder, der es
wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu
verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir drfen aber die
Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns
sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu
beruhigen und uns ernsthaft zu erklren, ob Sie sich tatschlich unwohl
fhlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie,
uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.

Alle fielen ihm ins Wort: Ja, wir bitten, wir bitten! Die Bewegung war
eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: er verharrte
nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von
seinem Platz, sagte Wie ekelhaft! und wandte sich mit dem Gesicht zum
Fenster.

Der Pole aber, den wir so bedrngten, verlor seine Selbstbeherrschung
nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte:

Meine Herren, in diesem Falle mu ich Sie um Verzeihung bitten. Ich
wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich
aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was
ich vorhin gehabt habe, so mu ich als Ehrenmann und Adliger ...

Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen:

Er redet mir zu viel von Ehre!

Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der
dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort:

Als Ehrenmann und Adliger mu ich Ihnen, meine Herren, sagen, da ich
auer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche
noch zwlftausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fnfhundert Rubel
gehabt habe.

Haben Sie das Geld bei sich gehabt? fragte der Rittmeister.

Ja, bei mir.

Sie knnen sich daran genau erinnern?

Ja, ganz genau.

Und jetzt ist das Geld fort?

Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.

Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen:

War denn das Geld auch wirklich da?

Der Rittmeister sagte aber noch strenger:

Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich
nicht unterstehen, uns anzulgen. Er wei, da man mit solchen Dingen in
anstndiger Gesellschaft nicht scherzt: solche Spe knnen einem leicht
das Leben kosten. Da wir aber wirklich anstndige Menschen sind, mssen
wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rhrt sich von
seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie
(er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Tren abzuschlieen
und die Schlssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der Erste,
der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben
ben. Ich hoffe aber, meine Herren, da es niemand versuchen wird.
Niemand wagt daran zu zweifeln, da wir mit dem Verlust, von dem der
fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das mu erst bewiesen
werden.

Ja, ja, gewi! besttigten die Offiziere.

Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt
beginnen. Jetzt aber mssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu
wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu
unterziehen.

Ja, soll er uns nur durchsuchen! riefen die Offiziere.

Und zwar bis aufs Hemd! sagte der Rittmeister.

Ja, bis aufs Hemd!

Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollstndig
entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe
hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden
eigenhndig durchsuchen. Ich bin hier der lteste an Jahren und im Range
und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die fr einen
Ehrenmann nichts Ehrenrhriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas
zurckzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen. Und nun entkleide
ich mich.

Er begann in groer Hast alle Kleidungsstcke von sich zu werfen und zog
selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem
frstlichen Generalbevollmchtigten vor die Fe, hob die Arme und
sagte:

So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie
mich durchsuchen.

Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen
Begrndung, da er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese
Untersuchung nicht verlangt habe.

Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein! sagte der
Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloen Fersen
stampfend. Jetzt ist es zu spt, mein Herr, den Gromtigen zu spielen
... Ich habe mich nicht zum Spa vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie,
meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie
ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!

Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang
ihn ber dem Kopfe des Polen.




                                 VII


Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben ber die auf dem
Fuboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, wie wenn er sie
durchsuchte.

Die nackten Fersen stampften noch wtender, und zugleich zischte eine
erstickte Stimme:

Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst strze
ich mich auf ihn und erwrge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!

Der Rittmeister war buchstblich auer sich vor Zorn und bebte so, da
selbst das ppige schwarze Moos unter seinen muskulsen Armen, die er
krampfhaft ber dem Kopfe hielt, zitterte.

Der Pole lie sich aber nicht einschchtern. Er streifte mit einem
ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhhlen des
Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und
sagte:

Sehr schn. Ich bin zwar fest berzeugt, da Sie ein Ehrenmann sind; da
Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.

Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und bestehe darauf, da
Sie mich wie _einen Dieb_ durchsuchen!

Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverstndlich nichts.

Nun bin ich also von jedem Verdacht rein, sagte der Rittmeister.
Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.

Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch
durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe,
und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch
nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn
kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertr geklopft.

Wir alle fuhren zusammen.

Niemand darf herein! kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber
noch heftiger.

Wen bringt der Teufel her? Wir drfen niemand hereinlassen, solange
diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn
zum Teufel!

Es wurde wieder geklopft, und wir hrten zugleich eine wohlbekannte
Stimme:

Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.

Es war die Stimme unseres Obersten.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Offiziere wechselten Blicke.

Machen Sie auf, meine Herren! wiederholte der Oberst.

Die Tre wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat
wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein
freundliches Lcheln, das er nur sehr selten sehen lie.

Meine Herren! begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte.
Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken,
die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da
ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin
ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen persnlich mitzuteilen, da Gott mir ein
Tchterchen geschenkt hat.

Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber natrlich nicht so
lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen
gehrt hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er
sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den
Fremden.

Wer ist der Herr? fragte er leise.

Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzhlte kurz die ganze
unangenehme Geschichte.

Wie ekelhaft! rief der Oberst. Wie ist nun die Sache ausgegangen,
oder ist sie noch immer nicht zu Ende?

Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen
blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.

Machen Sie ein Ende! sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der
Mitte des Zimmers setzend.

Kornett N., wollen Sie sich entkleiden! kommandierte der Rittmeister.

Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand,
antwortete nichts und rhrte sich nicht.

Hren Sie denn nicht, Kornett? wandte sich der Oberst an ihn.

Sascha rhrte sich nun von seinem Platz und antwortete:

Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwre bei meiner Ehre,
da ich das Geld nicht gestohlen habe ...

Pfui, wozu dieses Schwren! entgegnete der Oberst. Alle sind hier
ber jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen
haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so mssen auch Sie sich dem
fgen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen,
und dann beginnt der zweite Akt.

_Ich kann es nicht._

Was ... Was knnen Sie nicht?

Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen
lassen!

Es erhob sich ein unzufriedenes Geflster, und alle gerieten in
Bewegung.

Was soll das heien? Es ist einfach dumm ... Warum wollen Sie sich
nicht durchsuchen lassen?

Ich kann es nicht.

Sie _mssen_! Sie mssen einsehen, da Ihr Trotz den fr uns alle
erniedrigenden Verdacht verstrkt ... Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre
keinen Wert legen, so mu Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer
sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von
Ihnen, da Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen
lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstrkt hat, so
freuen wir uns alle, da Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden
knnen ... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.

Meine Herren! sagte der Jngling, der nun leichenbla geworden und mit
kaltem Schwei bedeckt war. Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich
schwre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich ber alles in der Welt liebe
... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses
Fenster einschlagen und mich hinausstrzen, werde mich aber um nichts in
der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!

Was fr eine Ehre?! Was fr eine Ehre steht ber der Ehre des Regiments
und der Uniform? Wessen Ehre ist es?

Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich
habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, da ich
einen jeden niederschiee, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!

Als der Jngling das sagte, wurde er bald bla und bald feuerrot; er
keuchte und sah mit irren Blicken auf die Tre; sein einziger Wunsch
war, sich von hier herauszureien; man hrte, wie er in der Tasche
seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte.

Sascha war mit einem Wort ganz auer sich. Seine Ekstase machte alle
weiteren Einwnde unmglich und stimmte uns alle nachdenklich.

Der Pole zeigte als erster groe und selbst rhrende Teilnahme. Seine
isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreise
gnzlich auer Acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam
ansteckend wirkte:

Fluch ber diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich
suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und
niemand von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwre
Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der
fr Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei Allem, was Ihnen
wert und teuer ist, lassen Sie von diesem _Knaben_ ab ...

Ja, er sagte Knaben und nicht Jngling. Pltzlich fgte er mit einer
gnzlich vernderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme
hinzu:

Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... Sehen Sie denn
nicht, wohin er geht? ...

Sascha ging oder schlich vielmehr tatschlich an den Offizieren vorbei
auf die Tre zu.

Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte:

Soll er nur gehen ...

Dann fgte er leise hinzu:

Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.

Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und
sagte:

Meine Herren! Ich wei wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie
niedrig meine Handlung Ihnen erscheinen mu. Verzeihen Sie mir ...! Ich
konnte nicht anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... So
verlangt es die Ehre ...

Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Trnen. Er schmte sich ihrer,
bedeckte die Augen mit der Hand, rief: Lebt wohl! und strzte hinaus.




                                 VIII


Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgltigen Zuhrern zu
schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es
seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzhlen mu, was weiter geschah,
fhle ich, da ich es unmglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und
Intensitt wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals
berstrzten und sich aufeinander trmten, um gleichsam von einer
schicksalsschweren Hhe auf die Unzulnglichkeit der menschlichen
Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulsen.

Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmnnin Rada-Bay gelesen
haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der psychischen
Kraft der Hindus und von der Abhngigkeit dieser Kraft von der
geistigen Stimmung erzhlen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht
auch dem Stutzer inne, der, das Stckchen schwingend, durch die Straen
flaniert und Nun sind wir da, nun sind wir da! aus dem Orpheus
singt. Nun versuche aber einer zu ergrnden, wo in ihm diese Kraft
steckt und worauf sie sich anwenden lt. Der Prediger Salomo erlutert
es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung
des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik
verlieren alle den Kopf und halten das Nebenschlichste fr das
Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem
Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der psychischen
Kraft.

Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick,
als Sascha aus dem Zimmer strzte. In seiner Bewegung, in seinem
pltzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach
weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf
Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hrten sogar seine Schritte nicht,
es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole strzte
ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, da er ihn einholen und des
Diebstahls berfhren wolle; ich habe Ihnen schon erzhlt, da Sascha
vorher das Unglck gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen
einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn
zu richten. brigens waren wir alle davon berzeugt, da der Pole das
Geld tatschlich gehabt hatte und da es ihm in unserem Kreise abhanden
gekommen war. Mehrere Offiziere strzten zur Tre, um Awgust Matwejitsch
den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu:

Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!

Der Pole aber stie die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurck und
antwortete dem Obersten:

Der Teufel soll das Geld holen! Und lief Sascha nach.

Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin
gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen lieen und dasselbe nicht
auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte,
verlangten. Wir strzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die
Mglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher
zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, -- es ging viel
schneller, als ich es Ihnen erzhle, -- erklang im Korridor etwas wie
Hndeklatschen ...

Uns durchzuckte der Gedanke, da der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen
hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber
unntig ...

In der Tre vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr
gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt,
dessen Zeiger nach unten wiesen ...

Es ist zu spt ... keuchte er: _er hat sich erschossen_.




                                  IX


Wir drngten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschtterndes
Bild: mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze
beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen,
whrend Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos
herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn
kitzelte.

Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich
jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der
hypokratischen Zge auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine
Begrndung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem
Skandal war vllig in den Hintergrund getreten. Wir legten den
Verwundeten aufs Bett, schickten nach rzten und bemhten uns, ihm, dem
nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut,
das unaufhrlich aus der Wunde strmte, zu stillen, riefen ihn bei
seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: Sascha! Sascha! Lieber Sascha!
Er hrte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach
einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.

Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner
Marko drngte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religisen
Stimmung treu:

Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Krper
verlt. Beten Sie doch lieber! Mit diesen Worten schob er uns etwas
zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser.

Was ist das? fragten wir ihn.

Wasser, antwortete er.

Wozu?

Damit seine Seele sich darin wscht.

Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rcken und drckte ihr die
Augenlider zu ...

Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und
schlug mit der Stirne gegen den Fuboden, da man es hrte.

Zwei rzte -- unser Regimentsarzt und einer von der Polizei -- kamen
gelaufen und konstatierten die Tatsache des Todes.

Sascha war tot ...

Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer
ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die
wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft
wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?

Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft,
alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster
Linie mit ihr zu befassen.

In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, rzte und Heilgehilfen, und
man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als strend
befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete
Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen
sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der
Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverstndlich
nicht gefunden.

Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel,
auf dem Sascha mit flchtiger Schrift hingekritzelt hatte: Papa und
Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.

Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden
gebraucht.

Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzhlte, da
Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestrzt war, stehend diese
Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und
sterbend in seine Arme gefallen war.

Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen
Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und
zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm
in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen
wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte:

Herr Rittmeister, erlauben Sie, da ich hinausgehe und mich wasche: an
meinen Hnden ist Christenblut.

Man erlaubte es ihm, weil er tatschlich ber und ber mit Blut befleckt
war, was einen schrecklichen Anblick bot.

Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rtete sich
schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.

In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Tren nach dem
Korridor offen, und berall brannte Licht. Einige Offiziere saen mit
gesenkten Kpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie
Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel
verflchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter
drckten Verzweiflung und Trauer aus ...

Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch fr die irdischen Dinge
interessieren knnte, so wrde er sicher einen Trost darin finden, da
alle mit solcher Liebe an ihm hingen und da es allen so weh tat, ihn,
den blhenden und lebensvollen Jngling zu berleben!

Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schndlicher
Verdacht. Wer wrde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen
alten Kameraden zu sprechen, ber deren bekmmerte Gesichter die Trnen
rollten? ...

Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan? flsterten
alle Lippen, und pltzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von
uns fragte sich: Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht
gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden
einzuwirken versucht, da sie ihn in Ruhe lieen? Hast du ihnen gesagt,
da du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses
achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das fr ein Geheimnis, das ihn
zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist
natrlich rein und von jedem schmhlichen Verdacht frei ... Fluch ber
den, der ihn in den Tod getrieben hat!

Wer hat es aber getan?




                                  X


Awgust Matwejitschs Tre stand ebenso offen wie die Tren aller
Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen
Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes
Gepck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewhlte Bett.

Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu
bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher
und wofr ist dieses Unglck ber uns gekommen?

Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in
diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer
vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel
Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schnen, jungen Kameraden
gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu
durchsuchen; glcklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestrt.

Aus dem Ende des Korridors, wo sich das groe Zimmer befand, in dem
nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick
mehrere Stimmen zu:

Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!

Ich fhlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah pltzlich
ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den
Verdacht kommen knnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.

Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu,
die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.

Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saen auf
der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen
des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser
Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten
und hatte einen ppigen blonden Vollbart, dem er den Namen Vater
Barbarossa verdankte. Er war sehr gutmtig, nahm sich alle unsere
Regimentsaffren zu Herzen, drckte aber seine Gefhle nicht durch
Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes
Ja aus. Nur in den dringendsten Fllen sprach er etwas mehr und zeigte
dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.

Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei
Pfeifen. Der Pfarrer sa in der Mitte der Gruppe und bekam daher die
Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte
er vom Rauchen den doppelten Genu, den er auerdem noch auf die Weise
vergrerte, da er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit
dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen
eigenartigen Respirator hinauslie.

Diese guten Menschen saen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des
Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber
gedmpft gesprochen. Man hrte mehrere Stimmen, konnte aber kein
einziges Wort unterscheiden.

Hinter der verschlossenen Tr befanden sich unser Regimentskommandeur,
der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglcks -- Awgust
Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser
Besprechung eingeladen, niemand wute aber, was er von ihnen wollte. Die
drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in
der Nhe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu
knnen, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.

Diese Befrchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gesprch wurde,
wie gesagt, in hchst anstndiger Form gefhrt; der Ton wurde immer
weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann
hrten wir, wie die Sthle zurckgeschoben wurden und wie zwei Herren
sich der Tre nherten.

Der Schlssel wurde umgedreht, und in der offenen Tr erschienen der
Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.

Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch
jedenfalls friedfertig.

Der Oberst drckte dem Polen die Hand und sagte:

Ich freue mich, da ich Ihnen die Gefhle entgegenbringen kann, die Sie
mir unter diesen schrecklichen Umstnden einzuflen verstanden. Ich
bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der
Ihrigen vertraue.

Der Pole verbeugte sich vor ihm mit groer Wrde und begab sich
schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den
Worten:

Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie
werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.

Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Tre
unten hinter ihm ins Schlo gefallen war, fllten wir schon das Zimmer
des Rittmeisters.




                                  XI


Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervs und aufbrausend. Er
war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine
Redegabe war echt militrisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht
zu erzhlen und seine Gedanken darzulegen.

So war er auch in diesem Augenblick. Er ri seine Halsbinde von sich und
warf uns allen wtende Blicke zu.

Nun, das sind schne Geschichten, nicht wahr? wandte er sich an den
Pfarrer.

Dieser sagte nur Ja, ja, ja und nickte.

Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schne Folgen!

Der Pfarrer sagte wieder: Ja, ja, ja.

Das wre aber eigentlich Ihre Sache!

Was denn?

Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...

Ja.

Sie haben aber gar keinen Einflu auf uns.

Unsinn!

Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger
braucht man jetzt einen Kster, damit er bei der Leiche die Psalmen
liest.

Wie steht es? Was sollen wir tun? drangen die Offiziere in ihn. Der
Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine
Szene ... Wrden wir denn auf ihn hren, wenn er uns bekehren wollte? ..
Wo ist der Pole? Wei der Teufel, ob er das Geld berhaupt gehabt hat.
Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie
beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?

Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!
antwortete der Rittmeister.

Aber dieser Pole ...

Der Pole ist ber jeden Verdacht erhaben ...

Wer hat Ihnen das erffnet?

Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur
brgen fr ihn. Wir behaupten nicht, da er der ehrlichste Mensch ist,
wir sehen aber, da er die Wahrheit spricht, da er das Geld gehabt hat
und da es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen
haben ... Da das Geld tatschlich vorhanden war, folgt schon daraus,
da, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden mchte, ihm hier in
meiner Gegenwart die zwlftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete
...

Er verzichtete?

Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb,
keine Anzeige ber den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur
ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er
benahm sich so korrekt, vornehm und feinfhlend, wie man es nur wnschen
kann.

Ja, ja, ja! versetzte der Pfarrer.

Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, da wir ihm unser
volles Vertrauen entgegenbringen und uns whrend eines ganzen Jahres als
seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses
Jahres nicht aufklrt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so
bezahlen wir ihm die zwlftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie
anzunehmen ...

Selbstverstndlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie
gewissenhaft abzahlen, fielen ihm die Offiziere ins Wort.

Meine Herren, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, er ist aber
fest berzeugt, da wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet,
da das Geld sich finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher
berzeugung, da, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine
Erwartung sicher in Erfllung gehen mu. Ja, sie mu sich erfllen, denn
sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den
Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir
verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wnschen, so knnen Sie es
noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie knnen
es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles mu unter uns
bleiben. Sie mssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.

Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir
gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drckten ihm stumm die Hand.




                                 XII


Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein
schwerer Zweifel zurck. An Saschas Leiche wurde aber indessen die
Sektion vorgenommen, man flschte den Tatbestand und schrieb ins
Protokoll, da er den Selbstmord in einem Anfall von Wahnsinn verbt
habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Kster las eintnig
den Psalm: Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet
meine Seele, Gott, zu dir.

Wir alle waren in gedrckter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten
bis zur Bewutlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend,
eine solche Frische mute erlschen! .. So wenig hatte er vom Honig
gekostet und mute schon sterben!

Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte
Mnner waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine
Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater
sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen
sollte.

Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wre, so htten wir wohl die
Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte fr uns und auch fr
die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man
kaufen msse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.

Alles geht nach dem Willen Gottes. pflegte er zu sagen. Wir sind wie
Gras.

Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man
verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwnden und
durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und
verhrt, ob der Selbstmrder ihm vor dem Tode nichts bergeben htte.

Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu
haben. Nach einer Weile antwortete er aber:

Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld bergeben.

Weit du, was auf Hehlerei steht?

Jawohl.

Selbstverstndlich wurde er nicht von uns, sondern von den
Gerichtsbeamten verhrt, denen man bekanntlich keinen berflu an
Zartgefhl vorwerfen kann.

Man lie den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem
Putzen von Saschas Reservestiefeln beschftigt.




                                 XIII


Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa
zweiundfnfzigjhriger Herr von angenehmem ueren. Er hatte eine
militrische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers
und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und
merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn
erst, als er wieder herauskam.

Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, lie sich von
ihm ins Sterbezimmer fhren und verblieb dort mit ihm unter vier Augen
mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, muten wir ber
die stille Majestt in seinen Zgen staunen.

Meine Herren, sagte er, sich vor uns verbeugend, ich stelle mich
Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglcklichen Kameraden. Mein Sohn
ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in
namenloses Unglck gestrzt ... Aber er konnte nicht anders, meine
Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist,
glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...

Mit diesen Worten lie sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort
gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken,
vergrub das Gesicht in die Hnde und begann laut wie ein Kind zu
schluchzen.

Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.

Er trank davon zwei Schluck, drckte mir freundlich die Hand und sagte:

Ich danke Ihnen allen, meine Herren!

Dann fuhr er sich mit dem Tuch ber das Gesicht und sagte:

Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es
meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen knnen!

Er wischte sich wieder die Trnen aus den Augen und begab sich zum
Obersten, um sich ihm vorzustellen.

Auch zum Obersten sagte er, da Sascha wie ein Mann von Ehre und
Gewissen gestorben sei und da er anders gar nicht htte handeln
knnen.

Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit
war, an einem Bonbon und sagte schlielich:

Sie wissen doch, da dem Selbstmorde ein gewisser unglcklicher Umstand
vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und
mu Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des
Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...

Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!

Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis
vor uns verdeckt, ein wenig lften wollten ...

Ich kann es nicht, Herr Oberst ...

Der Oberst zuckte die Achseln.

Was soll man machen?! sagte er. Nun, mag es so bleiben.

Nur noch eines, Herr Oberst. Der frstliche Generalbevollmchtigte wird
sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein
trauriges Vorrecht.

Ich wage nicht zu widersprechen.

Saschas Vater berreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier
Augen die zwlftausend Rubel.

Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: Um nichts in der
Welt! und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich
einander gegenber und fingen beide zu weinen an.

Groer Gott! Groer Gott! rief der Alte. Er hat so ehrenhaft, so
vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bsewicht im Spiele, der den
Diebstahl verbt hat.

Man wird ihn schon finden.

Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!




                                 XIV


Worin bestand nun das Geheimnis?

Damit meine Erzhlung endlich einmal verstndlich wird, mu ich es nun
verraten:

Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen
Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem
Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen
menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.

Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als
unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelbde; die rosige
Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren
Vetter eiferschtig, und Sascha mute die Qualen eines Don Carlos
erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam
die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch
noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.

Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.

Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, hndigte er das Bildnis
seinem Burschen ein und sagte ihm:

Ich beschwre dich bei Gott: bergib es dem Vater.

Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.

Der Vater sagte, da der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen
gestorben sei.

Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unhnlich und trug in winziger
Schrift die Widmung: Dem lieben Sascha seine treue Anna.

Und kein Wort mehr ...

Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es
auch wirklich dumm. Jede Zeit hat ihre Vgel, jeder Vogel hat sein
Lied. Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will
nur von den Mnnern sprechen, die den Frauen _interessant_ erschienen.

Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, --
ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemstetes Muttershnchen in Uniform.
Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben auer der Gabe der Jugend und des
... unbeugsamen Gefhls fr die persnliche Ehre der Frau ... Sie werden
wohl sagen: ist denn das wert, da man davor anbetend in die Knie sinkt?
Ich will Ihnen aber erzhlen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!

Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verstndnis der Geschichte
erffnen mute, war damals natrlich keinem Menschen in der Stadt
bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff
es vollkommen. Auerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache
noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mute: der Zimmerkellner
Marko erzhlte vielen Leuten unter Diskretion, da er mit eigenen Augen
gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas
eingehndigt htte. Was mochte es wohl sein, das der eine so
geheimnisvoll bergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt
hatte? ... Das wei Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte:

Ich will keine Snde auf meine Seele nehmen, -- ich konnte nicht sehen,
was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.

War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umstnden,
die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den
demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch
an eine solche Mglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein
Paar Hnde hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den
Dieb ausfindig zu machen, -- das ist die wichtigste Aufgabe: und die
Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdchtigen Umstand
auer Acht zu lassen ...

Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwhnische Augen besser sehen als
das lichte Auge eines rhrseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu
ihrem groen Glck auch seelischen Offenbarungen zugnglich; die
Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch
nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglck mit
ihren Trnen. Das sind heilige Strme, die herabgesandt werden, um den
dicken erstickenden Nebel zu zerreien; sie sind ein Hauch aus dem
Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.

Man lie Marko nicht viel erzhlen, was er alles gesehen haben wollte.
Alle _wuten_, da der Bursche dem Vater des unglcklichen Sascha ein
_weibliches Bildnis_ bergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte
daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn
es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle bergabe
stattgefunden hatte; jeder Windhauch besttigte es, und die Lerche sang
davon, in die Lfte steigend ...

Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rhrend, sondern
erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte prunkvolle
Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit groer
Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit uert. Denken Sie
aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols,
Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als weltgeschichtliche
Ereignisse angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fllen auch
viel aufrichtiges Gefhl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von
Nebenschlichkeiten erdrckt. Ich selbst habe der Beerdigung des
Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht
etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie knnen, wenn Sie
wollen, mich auslachen, ich mu aber sagen, da Saschas Beerdigung auf
mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere
... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militrischen
Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund
und wurden von den meisten berhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer
der Menschen, die von berall herbeigestrmt waren, um beim Anblick
seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu
vergehen, hatte alles andere erdrckt und die ganze Luft in Beben
versetzt.




                                  XV


Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand auer den Angehrigen der
Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute
strmten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen
Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stnde
Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklrt,
was sie zu beweinen htten. Sie wuten es aber selbst und trauerten um
das junge Leben, das sich aus Adliger Gesinnung selbst vernichtet
hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war:

Der Arme ist fr seine adlige Gesinnung gestorben!

Hat sich fr sein Herzliebchen aufgeopfert!

Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert:

Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben
...

Und wo man auch lauschte, berall konnte man nur hnliche warme,
herzliche Worte hren. Alle duzten ihn dabei und bemhten sich,
mglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen:

Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...

Du mein gefhlvoller Engel! ... Wie sollte man dich nicht lieben?!

Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentchter,
Kleinbrgerinnen, Dienstmdchen und Variet-Zigeunerinnen -- diese
letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der
Liebe in erster Linie -- alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche
Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen
Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und
liebkosten.

Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie
kannten Sascha auch garnicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und
htten ihn vielleicht auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er
im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften
gekannt htten. Aber jetzt, wo sie wuten, da er aus adliger
Gesinnung fr sein Herzliebchen gestorben war, hatten sie gar keine
Zeit, sich durch irgendwelche berlegungen zu ernchtern: sie konnten
nur weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut.

Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij rhrte einmal alle
Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte:
Er liegt im Sarge, -- lat uns weinen. Nur diese Worte sagte er, und
alle flossen in Trnen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die
Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Stdten werden die Toten in
offenen Srgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus
gewhnliches Gesicht erhaben und herrlich ... Sie sagten: In diesem
Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!

Es ist ganz gleichgltig, ob in seinem Gesicht tatschlich das oder
etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen
sahen, und das gengt.

Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Trnen; alle
sind gerhrt und alle sprechen zu ihm:

Schlaf, schlaf, du Mrtyrer!

In der Kirche herrscht eine andere, noch strkere Stimmung. Keine
Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesnge des Johannes von
Damaskus zu stren. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen
zugleich die Wunde.

Ich mu Ihnen, meine Herren, sagen, da wir uns wirklich vor dem Herrn
niederwarfen! ... Wie gro Saschas Vergehen, vom Standpunkte der
theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn
Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so instndig
an, ihn in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen, da ich gar nicht
wei, wie man diese Herzensschreie mit den Grnden jener Wissenschaft in
Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.

Es wird oft behauptet, da es heute keinen guten Prediger mehr gbe. Ist
dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht allerdings nicht gut zu
predigen, es ist aber auch gar nicht ntig, berall, wo es die Sitte
verlangt, zu reden. Es gibt Flle, wo es besser ist, einfach zu weinen,
wo ein gewhnliches Vergib! oder Nimm ihn auf! viel eindringlicher
ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die
Vernunft oder das Gefhl verletzt. Denken Sie nur an den Groinquisitor
bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem
Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: So
kommt und lat uns miteinander rechten ... Wie soll man aber mit Ihm
rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast
den Menschen berufen ... vergi, verzeih und vergib ihm alles, worin er
sich vor Dir nicht rechtfertigen kann ...

Man denkt an die Parabel vom Mchtigen, der nichts frchtete und nichts
scheute; als man aber mit groem Eifer in ihn drang, da sagte er: Ich
werde es tun. Und man fhlt sich beruhigt.

Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hren, kann Er denn
einschlafen und dem Flehen so vieler gerhrter Herzen kein Gehr
schenken? ...

Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der
Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr
klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: Schlange. Dieser
Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewhlt: man nannte sie so,
nicht weil sie bse war -- nein, sie tat niemand etwas zu Leide! --
sondern weil sie so furchtbar spttisch war. Diese Dame mochte nichts
Russisches: weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; sie
verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn oder
Originalittssucht, sondern tief, aufrichtig und bewut. Sie tadelte
nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, da alles
Russische nicht die geringste Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich
sogar, da die Geographen es fr ntig hielten, dieses Land in die
Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als
diese Schlange hrte, da alle Leute irgendeinen Offizier beweinten,
der sich aus adliger Gesinnung erschossen hatte, lie sie die
Doppeltre ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen
und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich an sie noch
gut erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel geftterten Mantel
steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.

Unser jugendlich schner Sascha schwimmt aber wie ein vom Winde
abgebrochener Zweig ber das Meer der Menschenkpfe vor ihren Blicken
vorbei.

Die Schlange unterdrckt einen Seufzer und wendet sich an die
Englnderin, die neben ihr steht:

Die Jugend ist berall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem
Heldentume, und das Heldentum gefllt der Menge.

Die Englnderin erwidert:

O yes! Dann sagt sie noch, da das allgemeine Gefhl, von dem diese
ganze Menge ergriffen sei, sie interessiere. Der Auslnderin zu Gefallen
lt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der
Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte
setzen wird.




                                 XVI


Gegen alle Gesetze der Architektonik und konomie im Aufbau der
Erzhlung, habe ich zum Schlu diese neue Person auftreten lassen und
mu ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war.
Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer
hochgestellten Persnlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze
zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern
Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wute es und bat sie, ihn
wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht blozustellen. Er bat sie nur um
den einen Gefallen: Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des
Gastes nicht. Sie sah ihn an und versprach es ihm:

Ich bin sogar bereit, Sie zu untersttzen.

Der Mann dankte ihr dafr mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war
gutmtig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des
ihm unterstellten Wrdentrgers im huslichen Kreise, am Teetische
hren, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann
nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum
allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich
zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die Schlange fiel in diesem
Augenblick ein und besttigte:

Voil a c'est vrai!

Nur dieses sagte sie. Dem Gast gengte es aber; er lachte auf, kte ihr
die Hand und sagte ihrem Gemahl:

Es ist genug: ich will annehmen, da tout a est vrai!

Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, lie sie sich hier mit ihrer
Englnderin nieder und widmete sich ganz der Lektre auslndischer
Bcher.

Sie erschien sonst niemals in der ffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer
Englnderin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde,
erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge
selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen
zu knnen. Dem Himmel war es aber nicht genehm, da etwas
Nebenschliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke,
die den Verstorbenen am nchsten angingen.

Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die
Menge bewegten, erschien in der Kirchentre eine dritte weibliche
Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der
Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ...

Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die
Menge tnte das eine Wort:

Die Mutter!

Man lie ihr eine breite Strae zu dem ihr so teuren Sarge frei.

Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die
vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn
mit beiden Armen und erstarrte ...

Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die
Knie, und es wurde so still, da, als die Mutter sich erhob und den
toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flstern hrten:

Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...

Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung
der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir
alle ihre Kinder wren.

Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur
Ausgangstre; der Vater fhrte die unglckliche Mutter am Arm, whrend
ihre stillen Blicke in die Hhe gerichtet waren ... Sie wute wohl,
woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schpfen sollte, und sie
merkte garnicht, wie junge Frauen und Mdchen sich um sie drngten und
ihr wie einer Heiligen die Hnde kten ...

Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche
Gedrnge, die gleiche Bewegung.

Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur
Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen Danke!
zurufen, wurde aber beinahe ohnmchtig. Die Schlange, die neben ihr
stand, sttzte sie und kte ihr die Hand.

So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerhrt und gefangen
genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich
berlegter Entschlu, die Frau nicht zu verraten belohnt und geehrt.

Niemand fragte sich, was das fr eine Frau gewesen und ob sie dieses
Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch fr eine
Liebe, und worauf war sie gegrndet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie
Vater und Mutter spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie
ist ja so leer, da sie mit ihrem Mann vielleicht auch glcklich ist; er
hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und ttet sich dieses
Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er ist _schn_, er ist allen
_interessant_! Es ist so leicht und so s, um ihn zu weinen.

Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders
hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent,
wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz
Petersburg in Entzcken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst
inszeniert!

Die Englnderin, die ich vorhin erwhnte, stand uns doch sicher am
fernsten. Saschas Tat mute sie ja mit ganz anderen Augen betrachten,
als die Variet-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man knnte annehmen,
da sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehuse
zurckziehen wrde. Aber nein: auch sie mute ihren Pinselstrich dem
allgemeinen Gemlde beisteuern. Sie schrieb Notizen ber Ruland und
machte die Sache sehr grndlich an Hand der bereits erschienenen Werke
ber unsere Heimat. Sie vervollstndigte die von Anderen gemachten
Beobachtungen ber unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den
lteren Werken entnahm sie die Behauptung, da die Weiber nirgends so
gemein behandelt werden wie in Moskowien. Um die von ihr gemachte neue
Wahrnehmung zu ergrnden, whlte sie einen passenden Zeitpunkt und
wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr
gemtvollen und hflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefhl Ausdruck gab
und der groen Wrde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid
trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schlu richtete sie an ihn die
Frage, wo sie ihre Erziehung genossen htten, der sie diese wrdigen
Gefhle verdankten?

Der Alte antwortete, da seine Frau ein franzsisches Pensionat besucht
htte, whrend er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen
worden sei.

Die Englnderin fand dies sehr seltsam, die Schlange gab ihr aber die
Aufklrung:

Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wren, so htten Sie
wohl berhaupt keine Antwort bekommen.

Damals war man nmlich der Ansicht, da alles Rohe und Plumpe aus den
Priesterseminaren komme.




                                 XVII


Nun mu ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen.
Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde,
wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu
ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.

Auer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner,
und zwar einen sehr hartnckigen -- ich meine Saschas Vater. Den Polen
kostete es groe Mhe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrngen wollte,
zurckzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affre
berhaupt auerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch
nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, da er
das Geld gehabt hatte und da es verschwunden war. Warum hatte er denn
sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er
berhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?

Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nchtliches
Erlebnis natrlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen
Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und
gab uns damit eine harte Nu zu knacken.

Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwhnte
Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir
unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten,
stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst
gestand.

Ich bin bereit, sagte er, jede Kirchenbue auf mich zu nehmen, weil
ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, da
es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige
Sympathie fr ihn beruht nur darauf, -- nehmen Sie es mir nicht bel! --
da er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, da
unser Geschft jetzt in schlechtem Rufe steht und da die Polizei unsere
Angestellten unter allen mglichen Vorwnden einsperrt und berall nach
dem Gelde forscht ... Es ist nur Snde und nichts als Snde ... schlo
Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurck, wo er einen
mchtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lmpchen brannte.

Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den
Heiligenbildern und dachte ber etwas nach.

Was denkst du immer, Marko?

Er zuckt die Achseln und antwortet:

Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglck, so eine
Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!

Diejenigen, die mit ihm fters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen
Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten.

Marko ist ein einfacher Mensch, pflegten sie zu sagen, aus dem
Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines
einfachen russischen Bauern.

Und ist obendrein ehrlich.

Ja, auch ehrlich. Sonst htte ihm der Hotelbesitzer das Geschft
garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlssiger Mensch.

Ja, ja, ja, besttigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten
Bart blasend.

Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir
nicht merken. Er beurteilt die Sache so: wozu hat der die ganze Sache
eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld
gar nicht ...

Es ist klar, da er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.

Natrlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt
...

Wozu denn sonst?

Fragen Sie danach Marko und nicht mich.

Auch der Pfarrer sagte:

Ja, ja, ja, wollen wir Marko hren.

Und was sagt Marko?

Marko sagt: traue dem Polen nicht.

Warum denn?

Weil er eben Pole und Ketzer ist.

Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache fr sich, und Dieb wieder
eine Sache fr sich. Die Polen sind ein Volk mit groer Ambition, und es
ist nicht ganz anstndig, von ihnen so zu denken.

Aber erlauben Sie, erlauben Sie! unterbricht der von Marko inspirierte
Kamerad: Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber
gar nicht, was fr ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist
nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der
Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.

Was fr ein Interesse hat er dann, da das Geld verschwunden sein
soll?

Was fr ein Interesse er daran hat?

Jawohl!

Fllt Ihnen denn selbst gar nichts ein?

Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?

Nein, uns fllt nichts ein.

Das kommt eben davon, da Ihre Kpfe mit Adel vollgestopft sind. Der
einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.

Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!

Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns
diese Schande anzutun.

Mein Gott!

Selbstverstndlich! Nun kann er berall verbreiten, da in der
Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl mglich ist ..

Wenn es sich so verhlt, wie Sie es meinen ...

Natrlich verhlt es sich so!

Hol ihn der Teufel!

Was fr ein tckisches Volk die Polen doch sind!

Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte:

Ja, ja, ja!

Wir berlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschlu, da
man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen msse; man drfe
ihm aber nicht verraten, da die Idee von Marko stamme, weil es den
Eindruck abschwchen knnte; man msse sich vielmehr auf eine andere
Quelle von grerer Autoritt und geringerer Verantwortlichkeit berufen.

Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzhlt ...

Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so
etwas gehrt und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl htten Sie
doch auf der Stelle verhaften mssen!

Man mu eben etwas anderes ausdenken.

Was denn?

Hier half uns der Pfarrer:

Sie sagen einfach, da Sie es im Dampfbade gehrt haben.

Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das
Dampfbad ist ein ffentlicher Ort, da reden und schreien alle
durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? -- Geh einer hin
und stelle es fest; da mte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade
sind alle Menschen nackt und gleich.

Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch
auszufhren.

Der Pfarrer ging am nchsten Tag zum Obersten und erzhlte es ihm.

Der Oberst zeigte fr das Gercht Interesse und sagte:

Das Schlimmste dabei ist, da es schon zu einem allgemeinen Gerede
geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.

Der Pfarrer fiel ein:

Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehrt.

Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?

Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.

Das ist sehr schade.

Ja ... Ich htte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht,
weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man
noch einigermaen unterscheiden, weil wir zwar Mnner sind, aber Zpfe
tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.

Sie htten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen knnen.

Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht
entschlpfen! Auerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank
und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.

Na ja, -- wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu
machen ... Nun glaube ich, das Beste wre, die Sache jetzt auf sich
beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der
Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ...
Ich glaube, da er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte
folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Trumen? Sind die
Trume Unsinn oder nicht?

Der Pfarrer antwortete:

Das hngt von den berzeugungen ab ...

Von was fr berzeugungen?

Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Trume, die von Gott
kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natrliche Trume, die
von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Trume, und diese
sind vom Bsen.

So ist es eben, antwortete der Oberst. Aber das ist wohl noch nicht
alles. Wo wrden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie
wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und
Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschttert und aberglubisch
gemacht. Auerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber
einen Traum.

Was Sie nicht sagen!

Ja, ja, ja. Was die Trume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie
eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch
nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung wei, da man
schlechte Trume hat, wenn man spt zu Abend it; solche Trume kommen
offenbar vom Magen.

Ja, vom Magen, stimmte der Pfarrer zu. Die meisten Trume kommen vom
Magen. Der Oberst lie ihn aber noch nicht los.

Jawohl, fuhr der Oberst fort, das ist eben die Sache, da sie keinen
Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...

Was, eine Vision?

Ja, eine Vision: sie sieht und hrt es nicht im Schlafe und nicht mit
geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...

Das ist seltsam.

Sehr seltsam, -- umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!

Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?

Den Polen natrlich!

Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.

Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie whrend jenes
unglcklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der
Leiche des Unglcklichen Abschied nehmen, -- wir verheimlichten vor ihr
seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.

Behte Gott!

Gewi ... Natrlich wre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl
Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und
Tritt!

Der Verstorbene?

Aber nein -- der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, da Sie mich nach
dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darber sprechen kann ...
Vielleicht knnen Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas
sagen.

Und der Oberst erzhlte dem Pfarrer, da unsere junge, rosige
Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren
Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine
altmodische englische Standuhr vor ...

Als der Pfarrer das hrte, sprang er frmlich auf.

Das ist ja einfach unglaublich! rief er aus: Alle Offiziere nennen
ihn ja >die Standuhr<!

Darum erzhle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich
nun vor, da wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr,
obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie
aufzieht, so hrt das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau frchtet sich
sogar, in der Dmmerung durch den Salon zu gehen. Wir knnen aber die
Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine
Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.

Warum eigentlich?

Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hren ... Sie
hrt darin immer die Worte: >Ich -- such! -- Ich -- such!< Jawohl! Sie
fhlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche
Angst ... Sie schmiegt sich immer an mich und will, da ich sie in den
Armen halte. Ich glaube sogar, da sie wieder in Umstnden ist.

Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl mglich ...
Sogar sehr mglich! platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief
er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatschlich aus dem
Dampfbade kme. Er erzhlte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber,
alles geheim zu halten.

Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns brigens
nicht. Wir waren der Ansicht, da der Oberst der ihm mitgeteilten
Entdeckung nicht die gebhrende Beachtung geschenkt und sie auf eine
ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in
Verbindung gebracht habe.

Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafr sofort eine Erklrung.

Die Mutter des Obersten, sagte er, heit Veronika Stanislawowna.

Die anderen fragten ihn:

Was wollen Sie damit sagen?

Nichts weiter, als da seine Mutter Veronika Stanislawowna heit.

Man deutete es natrlich in dem Sinne, da die Mutter des Obersten Polin
sei und er daher ungern derartige Ansichten ber die Polen hre.

Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gnzlich aus dem Spiele zu
lassen, und whlten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen
Menschen ttlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab
sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld
anzunehmen; im Falle er die Annahme verweigern sollte, wrde er ihn aber
ins Gesicht schlagen.

Er htte diesen Beschlu auch sicher ausgefhrt, wenn er ihn gefunden
htte. Nach der Fgung des Himmels kam es aber ganz anders.




                                XVIII


An einem heien Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in
eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief:

He, Marko!

Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern
betete, kam sofort herausgesprungen.

Awgust Matwejitsch, ruft er: nun sind Sie endlich wieder einmal
hier!

Jener aber antwortet:

Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, giet noch immer
deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser luten, unsinnige
Gerchte ber anstndige Menschen?

Und mit diesen Worten schlgt er ihn ins Gesicht.

Marko fllt um und schreit:

Was ist denn das? .. Wofr? ..

Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus
und wollten schon fr Marko eintreten. Was hat er denn fr ein Recht,
Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich!

Awgust Matwejitsch aber sagt:

Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen auf dem Fue noch
andere Gste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen
werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurhren, damit ich ihn fr keinen
Augenblick aus den Augen verliere.

Wir traten etwas zurck, und im nchsten Augenblick kam schon die
Polizei.

Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte:

Wollen Sie ihn verhaften: ich bergebe Ihnen hiermit einen vllig
berfhrten Dieb, und hier sind die Beweise.

Und er legte eine Besttigung vor, aus der hervorging, da die
Glockengieerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit
einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl
ausbezahlt bekam, bereinstimmte.

Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust
Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der
Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte
er spter vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in
seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und
eignete es sich an, in der Hoffnung, da es ihm gelingen wrde, jemand
anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch
wirklich gelang. Um seine Snde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte
er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes
abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten
bezahlte.

Die brigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem
Heiligenschreine.

Und nun begannen bei uns unsere eigenen Glocken von Corneville zu
luten. Alle schlugen die Hnde ber den Kpfen zusammen, weinten dem
unglcklichen Sascha noch eine Trne nach und beschlossen zuletzt, die
erfreuliche Entdeckung gebhrend zu feiern.

Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete,
um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen groen Abend ihm
zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die
bereits erwhnte Veronika -- sie war schon in den Siebzigern -- kam zu
dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, da sie gar
nicht Stanislawowna sondern Veronika Wassiljewna hie; auch stammte
sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen; der
Name Veronika kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man
sie vorher fr eine Stanislawowna gehalten hatte, blieb unaufgeklrt.

Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: sie
stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hnde; er bat sie,
ihm seine polnische Manier zu entschuldigen, und kte ihr beide
Hnde. Am nchsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in
franzsischer Sprache, in dem er ihr sagte, da er das Geld gar nicht
des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe ... Obwohl es
nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, weil daran Blut
klebe. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit
diesem Gelde ein armes kleines Waisenmdchen gro zu ziehen, das er
ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt
gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. Vielleicht wohnt in
dem Kinde seine Seele.

Die junge Kommandeuse war sehr gerhrt und erklrte sich bereit, das
Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch berbrachte es ihr persnlich in
einem sauberen weien, mit Tll und weien Bndern garnierten Korbe.

Der schlaue Pole! Alle beneideten ihn, da er es in einer so schnen,
zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser
Mystiker!

Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten
uns von ihm unter Trinksprchen und Schmollistrinken im Wldchen vor der
Stadt. Das war ganz zufllig gekommen: wir zechten gerade drauen, als
er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen,
tranken ohne Ende und erzhlten ihm ganz aufrichtig, was fr eine
schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten.

Erzhle uns nun, wie du das so eingerichtet hast! drangen wir in ihn.

Er sagte:

Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von
selbst so gekommen ...

Mache keine Ausflchte, sagten wir ihm, du bist ja Pole, und wir
knnen dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig
gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in
der Sascha gestorben ist, so da es das gleiche Alter hat wie das
verstorbene Kind der Kommandeuse? ..

Der Pole lachte:

Meine Herren, wie habe ich das einrichten knnen?

Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, da sich der Teufel in euch
auskennt!

Glauben Sie mir: ich hre heute zum erstenmal, ich sei so fein, da ich
mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt
der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.

Wir lieen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher
zu: Los!

Er versuchte, sich vor uns mglichst grazis zu verbeugen, die Pferde
zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich hchst
zweideutig mit dem Rcken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie
finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich
erzhlte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es
so, da jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Groem und
Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine
Geschichte lt sich Gott wei wie gro an; wie sie aber den Leuten in
die Hnde kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr
schlielich nichts mehr zurckbleibt ... Gar mancher fngt zu lieben an
und gibt es pltzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag
das beruhen? Ich glaube, da es viele Grnde hat. Und ist nicht einer
der Hauptgrnde unsere Gleichgltigkeit gegen das, was man _persnliche
Ehre_ nennt?




              DIE LADY MAKBETH DES MZENSKER LANDKREISES




                                  I


In unserer Gegend kommen manchmal so seltsame Charaktere vor, da man
sich ihrer nicht ohne tiefste Erschtterung erinnern kann, selbst wenn
schon viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen sind.
Zu solchen Charakteren zhlte die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna
Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte eines grauenhaften Dramas gestanden
hatte und bei unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen Lady
Makbeth des Mzensker Landkreises bekannt war.

Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schnheit nennt, doch von
angenehmem ueren. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, nicht sehr
gro, doch schlank, hatte einen wie aus Marmor gemeielten Hals,
rundliche Schultern, einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase,
schwarze lebhafte Augen, eine hohe weie Stirne und schwarzes, sogar
blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem Landsmann, dem
Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im Kursker Gouvernement. Sie fhlte zwar
keine Neigung zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und sie
durfte als armes Mdchen nicht whlerisch sein. Die Ismajlows waren in
unserer Gegend angesehen: sie betrieben einen groen Mehlhandel, hatten
auf dem Lande eine groe Mhle in Pacht, einen eintrglichen Garten vor
der Stadt und ein schnes Haus in der Stadt und gehrten zu den
wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war obendrein nicht zu gro und
bestand nur aus dem Schwiegervater Boris Timofejitsch Ismajlow, der
schon an die achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem
Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch nicht mehr jung --
ber fnfzig -- war, und Katerina Lwowna selbst. Nach fnfjhriger Ehe
hatte Katerina Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch hatte
auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig Jahre gelebt hatte,
bevor er Katerina Lwowna heiratete, keine Kinder. Er hatte gehofft, da
Gott ihm wenigstens in seiner zweiten Ehe Kinder schenken wrde, die
seine Firma und sein Kapital erben knnten; er hatte aber auch mit
Katerina Lwowna kein Glck.

Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch groen Kummer, und
nicht nur ihm allein, sondern auch dem alten Boris Timofejitsch; auch
Katerina Lwowna selbst war darber sehr traurig. Die tdliche Langweile
in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen Zaun und den bsen
Kettenhunden machte die junge Kaufmannsfrau oft erstarren, so da sie
Gott wei wie froh gewesen wre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen gehabt
htte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwrfe satt: Warum bist du
diese Ehe eingegangen, warum hast du dem Menschen sein Schicksal
gebunden, du Unfruchtbare?! Als ob sie tatschlich ein Verbrechen
an ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren
Kaufmannsgeschlecht begangen htte!

Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas im Hause des
Schwiegervaters de und traurig. Sie kam fast nie aus dem Hause, und
selbst wenn sie mit ihrem Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch
machte, hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge Leute, die
immer beobachteten, wie sie sa, wie sie ging, wie sie stand. Katerina
Lwowna hatte aber einen feurigen Charakter und war als Mdchen ein
freies Leben gewohnt; einst durfte sie mit den Eimern zum Flu laufen,
im Hemd am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen ber
die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen berschtten; hier
ist aber alles anders. Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller
Herrgottsfrhe auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich an ihre
Geschfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. berall ist es so
rein, so still und so leer, vor den Heiligenbildern brennen die
Lmpchen, und im ganzen Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche
Stimme.

Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren Zimmer, beginnt vor
Langweile zu ghnen und geht die Stiege in das eheliche Schlafzimmer im
Mezzanin hinauf. Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor
den Speichern den Hanf aufhngt oder das Mehl in Scke fllt; sie mu
wieder ghnen und freut sich, da sie eine oder zwei Stunden schlafen
kann. Und wenn sie erwacht, berkommt sie wieder die Langweile des
altrussischen Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heit, mit
Freuden erhngt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen keine Freude, und im
Hause gab es keine Bcher auer dem Kiewer Heiligenbuch.

So de war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen Hause, in dem sie
nun schon fnf Jahre an der Seite eines lieblosen Gatten lebte. Aber,
wie es so immer geht, niemand schenkte ihrer Langweile auch nur die
geringste Beachtung.




                                  II


Im Frhjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab
es auf der Ismajlowschen Mhle ein Unglck: das Hochwasser hatte den
Damm durchbrochen. Die Mhle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden
war sehr gro: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und
lie sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute
aus der ganzen Umgegend zusammen und berwachte Tag und Nacht die
Arbeiten; die Geschfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina
Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war,
fhlte sie anfangs noch grere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr
aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte
ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger.

Einmal sa sie in ihrem Mezzanin am Fenster, ghnte, dachte an nichts
Bestimmtes und schmte sich zuletzt, immer so zu ghnen. Drauen war
aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grne
Holzgitter des Gartens waren flinke Vglein zu sehen, die von Zweig zu
Zweig hpften.

-- Warum ghne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will
einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. --

Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus.

Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf
der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelchter.

Was freut ihr euch so? fragte Katerina Lwowna die Angestellten des
Schwiegervaters.

Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen, antwortete ihr der alte
Verwalter.

Was fr ein Schwein?

Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe
nicht eingeladen hat, berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit
khnem, hbschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum
sprossenden Brtchen.

Aus dem Mehlkbel, der am Wagbalken angehngt war, sah in diesem
Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Kchin Aksinja heraus.

Verdammte Teufel! fluchte die Kchin, indem sie nach dem eisernen
Wagbalken griff und sich Mhe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kbel
herauszukriechen.

Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu
gefressen hat, so langen die Gewichte nicht! erklrte der gleiche
hbsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kbel um und warf die
Kchin auf die in der Ecke geschichteten Scke.

Die Kchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte
sich das Kleid zurecht.

Nun, und wieviel wiege ich? fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das
Brett und hielt sich an den Stricken fest.

Drei Pud sieben Pfund, antwortete der hbsche Bursche Ssergej, nachdem
er die Gewichte nachgezhlt hatte. Ein Wunder!

Was wunderst du dich so?

Da Sie ber drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, da ich Sie
den ganzen Tag auf den Armen herumtragen knnte, ohne dabei mde zu
werden. Ich wrde es sogar fr das grte Vergngen ansehen.

Bin ich denn etwa kein Mensch? Wrdest wohl mde werden! erwiderte
leicht errtend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war
und pltzlich das Verlangen fhlte, lustig zu plaudern und zu scherzen.

Gott behte! Ich wrde Sie bis nach dem glckseligen Arabien tragen,
antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung.

Du redest Unsinn, sagte der Bauer, der das Getreide aufschttete. Was
ist unsere Schwere? Ist es denn unser Krper, der was wiegt? Unser
Krper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur
Erde zieht, und nicht der Krper!

Als Mdchen hatte ich eine groe Kraft, sagte Katerina Lwowna, die
sich wieder nicht beherrschen konnte. Mancher Mann konnte mich nicht
niederringen!

Erlauben Sie mal Ihr Hndchen, wenn das wahr ist, bat der hbsche
Bursche.

Katerina Lwowna errtete wieder, reichte ihm aber die Hand.

La los, es tut weh! schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand
in der seinigen zusammendrckte. Mit der freien Hand stie sie ihn vor
die Brust.

Der Bursche lie ihre Hand los und taumelte vor ihrem Sto einige
Schritte zur Seite.

Und das will ein Frauenzimmer sein! wunderte sich der Bauer.

Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen? sagte Ssergej, seine
Locken schttelnd.

Nun, versuch's, antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend,
und hob die Ellenbogen.

Ssergej umschlang die junge Frau und drckte ihre pralle Brust an sein
rotes Hemd. Katerina Lwowna rhrte nur die Schultern, Ssergej hatte sie
aber schon in die Hhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen,
drckte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten
Scheffel.

Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie
so prahlte, zu zeigen. ber und ber rot, zupfte sie den Pelzumhang, der
ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem
Speicher. Ssergej rusperte sich aber und rief:

He, ihr Esel! Schttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn
was brig bleibt, so ist's unser Verdienst!

Er tat so, als htte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den
geringsten Eindruck gemacht.

Dieser Ssergej ist ein verdammter Mdchenjger! berichtete die Kchin
Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. Alles an ihm ist gleich schn: der
Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betren und
zur Snde verfhren. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!

Sag einmal, Aksinja, sagte die junge Frau, vor der Kchin hergehend,
lebt dein Kind noch?

Es lebt, Mtterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind
nicht braucht, so ist es immer zhlebig.

Wo hast du nur das Kind her?

Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.

Ist dieser Bursche schon lange bei uns?

Welcher? Meinen Sie Ssergej?

Ja.

An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung,
wurde aber hinausgejagt. Aksinja fuhr mit gedmpfter Stimme fort: Man
sagt, er htte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn
auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der
Verruchte!




                                 III


Eine warme milchweie Dmmerung schwebte ber der Stadt. Sinowij
Borissowitsch war noch immer nicht von der Mhle heimgekehrt. Auch der
Schwiegervater Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu einem
alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte angesagt, da man ihn zum
Abendessen nicht erwarten solle. Katerina Lwowna a frh zu Abend, stand
dann wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit der Wange an
den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne. Die Leute hatten eben in der
Kche genachtmahlt und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der
andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden Heuboden. Als
letzter kam aus der Kche Ssergej. Er schlenderte durch den Hof, lie
die Kettenhunde los, pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina
Lwownas vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr.

Guten Abend, sagte Katerina Lwowna leise von ihrem Fenster herab, und
auf dem Hofe wurde es pltzlich so still wie in einer Wste.

Gndige Frau! tnte es zwei Minuten spter vor der versperrten Tre
des Schlafzimmers.

Wer ist da? fragte Katerina Lwowna erschrocken.

Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.

Was willst du, Ssergej?

Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten Sie mir, da ich
fr einen Augenblick eintrete.

Katerina Lwowna sperrte die Tre auf und lie ihn ein.

Was willst du? fragte sie, wieder ans Fenster tretend.

Ich mchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir nicht irgendein
Bchlein zum Lesen geben knnen. Ich vergehe vor Langweile.

Ich habe gar keine Bcher, Ssergej, ich lese niemals, antwortete
Katerina Lwowna.

So furchtbar langweilig ist es hier, klagte Ssergej.

Was weit du von Langweile?

Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen? Ich bin ja ein
junger Mensch, wir leben hier wie in einem Kloster, und ich habe vor mir
keine andere Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen.
Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.

Warum heiratest du nicht?

Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier heiraten? Ich
bin ja ein unbedeutender Mensch; ein Mdchen aus dem Kaufmannsstande
wird mich nicht nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel zu
ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so ein Mdchen die
Liebe richtig verstehen? Aber auch die Reichen verstehen sie nicht viel
besser. Fr jeden andern Menschen wren Sie wohl der Trost seines
Lebens, Ihr Gemahl hlt Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.

Ja, ich langweile mich, sagte Katerina Lwowna unwillkrlich.

Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch einem Leben, gndige
Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten htten, wie die andern Frauen, so
htten Sie gar keine Mglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.

Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, da es mir lustiger zumute
wre, wenn ich ein Kindchen htte.

Erlauben Sie die Bemerkung, gndige Frau: ein Kind kann man auch nicht
so von heute auf morgen bekommen. Ich habe ja genug in den
Kaufmannsfamilien gelebt und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In
einem Liede heit es: >Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt das Herz vor
Schmerzenslast.< Diesen Schmerz empfinde ich so stark, Katerina Lwowna,
da ich mir das Herz aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die
Fchen werfen knnte. Und es wrde mir dann viel leichter zumute werden
...

Seine Stimme zitterte.

Was erzhlst du mir von deinem Herzen? Ich brauche es nicht. Geh ...

Nein, erlauben Sie, gndige Frau, sagte Ssergej, am ganzen Leibe
zitternd und einen Schritt nher kommend. Ich wei, ich sehe und
begreife, da auch Sie es nicht leichter haben als ich. Alles hngt
jetzt aber nur von Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand! Die letzten
Worte hauchte er nur.

Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir gekommen? Ich werde
mich aus dem Fenster strzen, sagte Katerina Lwowna, von einer
namenlosen Angst erfat, und griff mit den Hnden nach dem Fensterbrett.

Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du dich aus dem Fenster
strzen? flsterte Ssergej frech. Er ri die junge Frau vom Fenster los
und umschlang sie mit seinen Armen.

La los! La los! sthnte Katerina Lwowna leise, unter Ssergejs heien
Kssen ermattend und sich unwillkrlich an seine mchtige Brust
schmiegend.

Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme und trug sie in eine
dunkle Ecke.

Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das gleichmige
Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs unterbrochen wurde, die
ber dem Bette Katerina Lwownas hing. Dieses Ticken strte aber niemand.

Geh, sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne Ssergej anzublicken,
ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen Spiegel richtend.

Was soll ich jetzt von hier fortgehen? fragte Ssergej mit seliger
Stimme.

Der Schwiegervater wird die Tre zusperren.

Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche Mnner gekannt, die
eine Tre brauchen, um zur Geliebten zu gelangen? Wenn ich zu dir oder
von dir will, so finde ich berall eine Tre, antwortete der Bursche,
auf die Balken, die die Galerie sttzten, zeigend.




                                  IV


Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der Mhle, und seine
Frau ergtzte sich diese ganze Zeit allnchtlich bis an den lichten Tag
mit Ssergej.

In diesen Nchten wurde im Schlafzimmer Sinowij Borissowitschs gar viel
Wein aus dem Keller des Schwiegervaters ausgetrunken, viel Ses
gegessen, viel gekt und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen
Kopfkissen gespielt. Die Landstrae ist aber nicht immer so eben wie
eine Tischdecke, es gibt auch Lcher und Buckel.

Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der Alte irrte in seinem
bunten Kattunhemd durch das stille Haus, trat bald an das eine, bald an
das andere Fenster und sah pltzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den
Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten. Eine
schne Bescherung! Boris Timofejitsch ging in den Hof und packte den
Burschen bei den Beinen. Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus,
berlegte sich aber, da es zu viel Lrm geben wrde.

Sag einmal, fragte Boris Timofejitsch, wo warst du eben, du Dieb?

Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch, antwortete
Ssergej.

Hast du bei der Schwiegertochter bernachtet?

Das ist meine Sache, Herr, wo ich bernachtet habe. Hre aber auf meine
Worte, Boris Timofejitsch: was gewesen ist, lt sich nicht mehr ndern.
Tu wenigstens deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was
willst du jetzt von mir? Was fr eine Genugtuung soll ich dir geben?

Du sollst, Verruchter, fnfhundert Peitschenschlge bekommen,
antwortete Boris Timofejitsch.

Die Schuld ist mein, der Wille ist dein, sagte der Bursche. Sag,
wohin ich dir folgen soll, trinke mein Blut.

Boris Timofejitsch fhrte Ssergej in seine gemauerte Vorratskammer und
schlug ihn so lange mit der Peitsche, bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab
keinen Ton von sich, zerkaute aber die Hlfte seines Hemdrmels mit den
Zhnen.

Boris Timofejitsch lie Ssergej in der Kammer liegen, bis sein
blutiggeschlagener Rcken verheilen wrde, stellte ihm einen irdenen
Krug mit Wasser hin, versperrte die Kammer mit einem groen Schlo und
schickte nach dem Sohn.

Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer russischen Landstrae
nicht an einem Tag zurck, Katerina Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej
auch nicht eine Stunde aushalten. Ihre ganze zgellose Natur kam zum
Durchbruch, und sie wurde sehr khn und entschlossen. Sie erfuhr, wo
Ssergej eingesperrt war, sprach mit ihm durch die Eisentre einige Worte
und machte sich auf die Suche nach den Schlsseln. Vterchen, la doch
den Ssergej heraus! wandte sie sich an den Schwiegervater.

Der Alte wurde ganz grn vor Wut. Von seiner sndigen, bisher aber noch
immer gehorsamen Schwiegertochter hatte er eine solche Frechheit nicht
erwartet.

Was fllt dir ein? Und er fiel ber Katerina Lwowna mit Schimpfworten
her.

La ihn heraus, bestrmte sie ihn, ich schwre dir bei meinem
Gewissen, da es zwischen uns nichts Schlimmes gegeben hat.

So, es hat nichts Schlimmes gegeben! sagt er und knirscht mit den
Zhnen. Was habt ihr dann in den Nchten getrieben? Die Kissen deines
Mannes durchgeklopft?

Sie aber hrt gar nicht auf: La ihn heraus!

Wenn die Dinge so stehen, sagt Boris Timofejitsch, so will ich dir
folgendes sagen: wenn dein Mann zurckkommt, werden wir dich, du
treulose Frau, im Pferdestalle mit eigenen Hnden durchpeitschen. Ihn
aber, den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus schicken.

So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschlu wurde aber nicht
zur Tat.




                                  V


Boris Timofejitsch a an diesem Abend einen Brei mit Pilzen und fhlte
gleich darauf ein Brennen im Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam
Erbrechen und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die Ratten
in seinem Speicher. Fr die Ratten aber pflegte Katerina Lwowna mit
eigenen Hnden eine Speise mit einem gefhrlichen weien Pulver, das sie
in Verwahrung hatte, anzurichten.

Katerina Lwowna lie ihren Ssergej sofort aus der gemauerten Kammer
heraus und legte ihn, ganz ohne Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres
Mannes, damit er sich nach den Schlgen des Schwiegervaters erhole; dem
Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein christliches
Begrbnis. Seltsamerweise machte sich niemand ber den Tod des Alten
irgendwelche Gedanken. Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele
nach dem Genu von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in aller Eile, ohne
selbst die Rckkehr des Sohnes abzuwarten, denn die Tage waren hei; der
nach Sinowij Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mhle nicht
angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die Gelegenheit, einen
Wald, der hundert Werst weiter lag, billig zu kaufen; er war
hingefahren, um sich den Wald anzusehen, und hatte niemandem angesagt,
wo dieser Wald liege.

Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet sie ganz auer
Rand und Band. Sie war ja auch sonst keine schchterne Frau; jetzt
konnte man aber unmglich erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht
stolz einher, kommandiert das ganze Haus und lt Ssergej nicht von
ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs etwas merkwrdig vor,
Katerina Lwowna verstand aber, die Leute so reich zu beschenken, da
ihnen das Staunen verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit
dem Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein wird
sich dafr zu verantworten haben.

Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging wieder aufrecht einher,
tnzelte stolz wie ein Falke um Katerina Lwowna, und die beiden hatten
wieder das allerschnste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur fr sie
beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch eilte nach
langer Abwesenheit nach Hause.




                                  VI


Es war ein glhheier Nachmittag, und die Fliegen lieen keine Ruhe.
Katerina Lwowna schlo die Fenster des Schlafzimmers, verhngte es von
innen mit einem wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das
hochgetrmte Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina Lwowna wei
nicht, ob sie schlft oder wacht, es ist aber so furchtbar hei, der
Schwei luft ihr von der Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen.
Katerina Lwowna fhlt, da es nun Zeit ist, aufzuwachen; da es Zeit
ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie kann aber unmglich
aufstehen. Endlich kommt die Kchin vor die Schlafzimmertre und klopft:
Der Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt. Katerina Lwowna erwacht
und beginnt den Kater zu ttscheln. Zwischen ihr und Ssergej wlzt sich
auf dem Bette ein prchtiger, grauer Kater; er ist gro und wohlgenhrt
und hat einen so mchtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. Katerina Lwowna
streichelt ihm das weiche Fell, und er schnuppert immer mit seiner
stumpfen Schnauze an ihrem prallen Busen und schnurrt ein leises Lied,
wie wenn er von der Liebe sprechen wollte. Wie kommt nur der Kater
her? fragt sich Katerina Lwowna. Ich habe hier auf dem Fenster Sahne
stehen, er wird sie sicher fressen. Ich mu ihn hinauswerfen! sagt sie
sich und greift nach dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein
Nebel verschwunden. Wie kommt nur der Kater zu uns her? denkt sich
Katerina Lwowna im Halbschlummer. In unserm Schlafzimmer hat es doch
niemals einen Kater gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da! Sie
will wieder nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. Was
ist denn das? Ist es denn nur ein Kater? fragt sich Katerina Lwowna
wieder. Sie bekommt Angst, und ihre ganze Schlfrigkeit ist auf einmal
wie weggeblasen. Sie sieht sich um -- es ist gar kein Kater in der
Stube, an ihrer Seite liegt nur der hbsche Ssergej und drckt mit
seiner starken Hand ihre Brust gegen sein glhendes Gesicht.

Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett und begann ihren
Ssergej zu kssen und zu liebkosen. Dann richtete sie die zerwhlten
Kissen und ging in den Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber
schon tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein mrchenhaft
schner Abend.

Ich habe zu lange geschlafen, sagte Katerina Lwowna zu Aksinja und
setzte sich auf den Teppich unter den blhenden Apfelbaum. Aksinja, was
mag das bedeuten? fragte sie die Kchin, die Tassen mit dem Handtuch
abwischend.

Was denn, Mtterchen?

Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich an mich irgendein
Kater schmiegte.

Was redest du?

Es war wirklich ein Kater.

Und Katerina Lwowna erzhlte ihr, was sie eben erlebt hatte.

Was brauchtest du ihn zu streicheln?

Das wei ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt habe.

Es ist doch seltsam! rief die Kchin aus.

Es kommt auch mir seltsam vor.

Das bedeutet sicher, da dir etwas zustt.

Was soll mir zustoen?

_Was_ dir zustoen wird, kann dir, meine Liebe, niemand erklren. Es
wird dir aber sicher etwas zustoen.

Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann kam dieser Kater, fuhr
Katerina Lwowna fort.

Der Mond bedeutet ein Kind.

Katerina Lwowna errtete.

Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken? fragte Aksinja mit der
Vertraulichkeit einer Freundin.

Meinetwegen, antwortete Katerina Lwowna. Schick ihn mir wirklich her:
ich will mit ihm Tee trinken.

Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll, sagte Aksinja und
wackelte wie eine Ente zum Gartentor.

Katerina Lwowna erzhlte auch Ssergej das von dem Kater.

Es ist nichts als Einbildung, antwortete Ssergej.

Warum habe ich aber frher diese Einbildung niemals gehabt,
Sserjoscha?

Ja, frher war manches anders! Frher verschmachtete mir das Herz, wenn
ich dich auch nur mit einem Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen
weien Leib in meiner Gewalt.

Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte sie einmal in der Luft
um und warf sie auf den weichen Teppich.

Ach, es schwindelt mir! sagte Katerina Lwowna.

Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir, rief sie, sich
wollstig streckend.

Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhngenden, mit weien
Blten beladenen ste des Apfelbaumes und setzte sich auf den Teppich
Katerina Lwowna zu Fen.

Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?

Gewi, ich habe wohl geschmachtet.

Wie hast du geschmachtet? Erzhl es mir!

Kann man es denn erklren, wie man schmachtet? Ich habe mich halt nach
dir gesehnt.

Warum habe ich nicht gefhlt, da du dich nach mir sehntest,
Sserjoscha? Es heit ja, da man so was immer fhlt.

Ssergej gab keine Antwort.

Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich nach mir gesehnt
hast? Ich hab ja gehrt, wie du auf der Galerie deine Lieder sangst,
fragte Katerina Lwowna unter Kssen und Liebkosungen.

Was folgt daraus, da ich gesungen habe? Auch die Mcke singt ihr Leben
lang, doch nicht vor Freude, antwortete Ssergej trocken.

Es entstand eine Pause. Ssergejs Gestndnis erfllte Katerina Lwowna mit
hchster Freude.

Sie wollte noch mehr darber sprechen, aber Ssergej runzelte die Stirne
und schwieg.

Schau nur, Sserjoscha, was das fr ein Paradies ist! rief Katerina
Lwowna aus, durch die dichten Zweige des blhenden Apfelbaumes in den
heiteren blauen Himmel mit dem Vollmond blickend.

Das Mondlicht drang durch die Blten und Bltter des Apfelbaumes und
berschttete die Figur und das Gesicht der auf dem Rcken liegenden
Katerina Lwowna mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer
Windhauch bewegte kaum die schlafenden Bltter und brachte den feinen
Duft der blhenden Grser und Bume. Die Luft flte eine se
Mattigkeit, Wollust und dunkles Sehnen ein.

Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna hielt wieder inne
und blickte durch die blarosa Apfelblten zum Himmel empor. Auch
Ssergej schwieg; der Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er
sa, seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete
aufmerksam seine Stiefel.

Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende Wrme. In der
Ferne hinter dem Garten stimmte jemand ein wohlklingendes Lied an. In
den dichten Faulbeerstruchern am Zaune begann eine Nachtigall zu
schlagen; im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene
Wachtel. Man hrte das wohlgenhrte Pferd im Stalle atmen und sah eine
lustige Hundeschar ber die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen
und in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen alten
Salzspeicher verschwinden.

Katerina Lwowna sttzte sich auf einen Ellenbogen und blickte auf das
hohe Gras, das im Mondlichte schimmerte. Es sah wie vergoldet aus,
seltsame Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die Halme, und
das Gras unter den Bumen schien, in das Netz der Mondlichtstrahlen
verfangen, hin und her zu schwanken.

Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schn es ist! rief Katerina Lwowna
aus.

Ssergej sah sich gleichgltig um.

Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du vielleicht meiner
Liebe schon berdrssig?

Sprich nicht solchen Unsinn! antwortete Ssergej trocken. Er beugte
sich trge zu ihr und kte sie.

Du bist treulos, Sserjoscha, sagte Katerina Lwowna, du bist gar zu
unbestndig.

Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen, antwortete Ssergej
ruhig.

Warum kt du mich dann so lssig?

Ssergej gab keine Antwort.

Nur die Ehemnner kssen ihre Frauen so, fuhr Katerina Lwowna fort,
mit seinen Locken spielend, wie wenn sie die Lippen nur abstauben
wollten. Ksse mich, da die jungen Blten vom Apfelbaume, unter dem wir
sitzen, herabfallen!

Siehst du, so! flsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten umschlingend
und mit leidenschaftlichen Kssen berschttend.

Hr einmal, Sserjoscha, fuhr Katerina Lwowna nach einer Weile fort:
warum sagen die Leute, da du treulos bist?

Wer wird mich so verleumden?

Alle sagen es.

Es mag ja sein, da ich gegen solche treulos war, die meine Liebe gar
nicht verdienten.

Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? Eine, die es nicht
verdient, soll man gar nicht lieben.

Ja, das ist leicht gesagt! berlegt man sich denn so eine Sache zuvor?
In solchen Dingen wirkt die Versuchung allein. Kaum hat unsereiner so
ganz ohne jede Absicht sein Gebot bertreten, als sie sich ihm gleich an
den Hals hngt. Das ist die ganze Liebe!

Hr einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, wei ich nicht und will
es auch gar nicht wissen. Zu unserer Liebe hast du mich aber selbst
verfhrt, du weit, da deine Verfhrungsknste ebenso stark waren wie
mein eigener Wille. Darum mu ich es dir sagen: und wenn du mir auch
einmal untreu wirst, und wenn du mir eine andere vorziehst, so werde
ich, nimm es mir nicht bel, solange ich lebe, nicht von dir lassen!

Ssergej fuhr zusammen.

Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele! sagte er. Betrachte einmal
selbst, wie unsere Sache steht. Du siehst nur, da ich heute
nachdenklich bin; du fragst dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht
ertrinkt jetzt mein Herz in geronnenem Blut.

Sserjoscha, erzhle alles, was dich so bedrckt.

Was soll ich viel erzhlen! Da wird bald mit Gottes Hilfe dein Mann
gefahren kommen, und es wird gleich heien: Ssergej Philippowitsch, geh
jetzt auf den Hinterhof zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune
zu, wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein brennt, wie sie
ihr Bett aufrttelt und sich mit ihrem ehelichen Gemahl Sinowij
Borissowitsch zur Ruhe begibt.

Das wird niemals sein! rief Katerina Lwowna voll ausgelassener Freude
und winkte mit der Hand.

Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, da es unbedingt so sein wird.
Aber auch ich habe ein Herz, Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.

Genug davon!

Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna groes Vergngen. Sie lachte
auf und begann ihn wieder zu kssen.

Und dann mu ich noch dieses sagen, fuhr Ssergej fort, seinen Kopf
behutsam aus den nackten Armen Katerina Lwownas befreiend: Und dann mu
ich noch dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die Sache
doppelt und zehnfach zu berlegen. Wre ich Ihnen gleich, wre ich ein
vornehmer Herr oder Kaufmann, so wrde ich mich von Ihnen, Katerina
Lwowna, niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn ich sehe,
wie man Sie bei Ihren weien Hndchen nimmt und ins Schlafzimmer fhrt,
wenn mein Herz das alles ber sich ergehen lassen mu, so werde ich mir
selbst vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina Lwowna!
Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau nur Vergngen suchen. Ich
wei, was die Liebe ist, und fhle, wie sie als schwarze Schlange an
meinem Herzen saugt ...

Was redest du heute in einem fort? unterbrach ihn Katerina Lwowna.

Sie hatte mit Ssergej Mitleid.

Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? Wenn es vielleicht
schon bestimmt und beschlossen ist, da Ssergej nicht etwa in der
Zukunft, sondern schon morgen dieses Haus rumen mu ...

Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist unmglich, da ich
ohne dich bleibe, suchte ihn Katerina Lwowna zu beruhigen. Wenn es
einmal so weit ist, so mu entweder er oder ich aus dem Leben scheiden.
Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.

Das kann unmglich sein, Katerina Lwowna, sagte Ssergej, mit traurigem
Kopfschtteln. Diese Liebe macht mich nicht froh. Wenn ich jemanden
liebte, der mir gleich wre, so wre ich zufrieden. Wie kann ich aber
daran auch nur denken, da Sie immer mit mir bleiben? Ist es denn eine
Ehre fr Sie, meine Geliebte zu sein? Ich wollte, ich knnte vor dem
heiligen Altar des ewigen Gottes Ihr Gatte werden; ich wrde mich dann
zwar immer fr geringer halten als Sie, wre aber froh, den Leuten zu
zeigen, was fr Ehren ich bei meiner Frau dank meiner Liebe geniee ...

Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, von seiner Eifersucht
und seinem Wunsche, sie zu heiraten, wie berauscht: solch ein Wunsch ist
der Frau stets angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch
so kurzes Verhltnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina Lwowna war jetzt
bereit, fr Ssergej ins Feuer und Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu
erdulden. Er hatte sie so verliebt gemacht, da ihre Ergebenheit ganz
grenzenlos war. Sie war vor Glck wie wahnsinnig; ihr Blut siedete, und
sie konnte nichts mehr hren. Sie drckte ihm den Mund mit der Hand zu,
schmiegte seinen Kopf an ihre Brust und sagte:

Ich wei schon, wie ich es einrichte, da du ein Kaufmann wirst und ich
mit dir in richtiger Ehe zusammenleben kann. Mache mir aber jetzt keinen
Kummer, solange wir noch nicht so weit sind.

Und sie berschttete ihn wieder mit ihren Kssen.

Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hrte in der Stille der
Nacht bald ein Flstern und Kichern, als ob ausgelassene Kinder sich
berieten, wie sie den Alten einen Streich spielen knnten; bald ein
helles lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand kitzelten.
Katerina Lwowna wlzte sich, vom Mondlichte bergossen, auf dem weichen
Teppich und spielte mit dem jungen Burschen. Die weien Blten des
Apfelbaums regneten auf sie herab und hrten schlielich zu regnen auf.
Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, der Mond zog sich hinter den
steilen Giebel des hohen Speichers zurck und blickte auf die Erde immer
trber herab; vom Kchendache herab erklang ein durchdringendes
Katzenduett; dann hrte man ein bses Fauchen, und gleich darauf rollten
zwei oder drei Katzen vom Dache herab.

Komm schlafen, sagte Katerina Lwowna, langsam, wie zerschlagen, stand
vom Teppich auf und ging im bloen Hemd und Unterrock, so wie sie war,
durch den stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber den
Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen Spiel von sich
geworfen hatte.




                                 VII


Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen und sich auf dem
weichen Pfhle ausgestreckt, als sie auch sofort einschlief. Nach den
ausgelassenen Spielen dieser Nacht schlft sie so fest, da auch Arme
und Beine wie erstarrt sind; und sie hrt durch den Schlaf, wie die Tre
aufgeht und der gestrige Kater als ein schweres Knuel aufs Bett
springt.

Was ist das fr eine Plage mit diesem Kater? fragt sich die todmde
Katerina Lwowna. Ich habe ja die Tre mit eigenen Hnden zugesperrt und
auch das Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich werde
ich ihn hinauswerfen! Katerina Lwowna wollte schon aufstehen, aber die
schlafenden Arme und Beine gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber
auf ihrem Krper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er
Menschenworte sprche. Katerina Lwowna berlief es kalt.

Morgen mu ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins Bett nehmen, sagt sie
sich, anders kann ich diesen seltsamen Kater gar nicht los werden!

Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und spricht: Bin ich
denn ein Kater? Du urteilst nicht klug, Katerina Lwowna, wenn du mich
fr einen Kater hltst. Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris
Timofejitsch. Ich sehe jetzt blo darum so schlecht aus, weil mir nach
dem Imbi, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt hat, alle
Gedrme gesprungen sind. Darum erscheine ich auch denen, die von der
Sache wenig verstehen, als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt,
Katerina Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin vom Friedhofe
hergekommen, um zu sehen, wie du mit Ssergej Philippowitsch das Bett
deines Mannes wrmst. Schnurr -- Murr, ich sehe ja nichts. Frchte mich
nicht: nach deinem Imbi sind mir, wie du siehst, auch die Augen
ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine Liebe, frchte dich
nicht!

Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen auf. Zwischen ihr und
Ssergej liegt wieder der Kater. Er hat den Kopf des Boris Timofejitsch
in der gleichen Gre, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt hat,
und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen Richtungen
drehen.

Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und schlief wieder ein. Sie
konnte aber nicht mehr einschlafen, und das war gut.

Sie liegt mit offenen Augen da, und pltzlich kommt es ihr vor, als ob
jemand ber das Tor in den Hof gestiegen wre. Sie hrt, wie die Hunde
aufspringen, sich aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand
streichelte. Es vergeht eine Minute, und sie hrt, wie der Riegel unten
zurckgeschoben wird und wie die Haustr aufgeht. Entweder kommt mir
das alles nur so vor, oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben
zurckgekehrt und hat die Tre mit seinem Schlssel aufgemacht, dachte
sich Katerina Lwowna und stie Ssergej in die Seite.

Sserjoscha, hr einmal, sagte sie, sich auf einen Ellenbogen
aufrichtend und die Ohren spitzend.

Jemand stieg tatschlich die Treppe hinauf und nherte sich langsam mit
leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertre.

Katerina Lwowna sprang schnell im bloen Hemd aus dem Bett und machte
das Fenster auf. Ssergej strzte im gleichen Augenblick auf die Galerie
und umschlang mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als einmal
aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten war.

Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ... Bleib in meiner
Nhe, flsterte Katerina Lwowna und warf ihm durch das Fenster seine
Kleider und Schuhe zu. Sie selbst schlpfte aber wieder unter die
Bettdecke und wartete.

Ssergej hrte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken nicht hinunter,
sondern kauerte sich auf der Galerie unter dem Dachvorsprung nieder.

Katerina Lwowna hrt indessen, wie ihr Mann dicht vor die Tre kommt und
mit verhaltenem Atem lauscht. Sie hrt sogar sein Herz vor Eifersucht
klopfen; sie fhlt aber kein Mitleid, sondern nur ein bses Lachen in
sich aufsteigen.

Ja, suche nur den gestrigen Tag! denkt sie sich und lchelt so
unschuldig wie ein neugeborenes Kind.

Das dauerte an die zehn Minuten. Schlielich wurde es Sinowij
Borissowitsch zu dumm, drauen zu stehen und zu lauschen, wie seine Frau
schlft. Er klopfte an ...

Wer ist da? rief Katerina Lwowna nach einer Weile mit verschlafener
Stimme.

Einer von der Familie, antwortete Sinowij Borissowitsch.

Bist du es, Sinowij Borissowitsch?

Natrlich! Als ob du es nicht hrtest!

Katerina Lwowna sprang im bloen Hemd auf, lie den Mann ein und
schlpfte wieder in das warme Bett.

Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt, sagte sie, sich in die Decke
hllend.

Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor dem
Heiligenbilde und sah sich wieder um.

Nun, wie geht es dir? fragte er seine Frau.

Es geht, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend und eine vorne
offene Jacke anziehend.

Ich soll wohl den Samowar bereiten? fragte sie.

Nein, wecke die Aksinja, da sie es macht.

Katerina Lwowna schlpfte in die Schuhe und lief hinaus. Eine halbe
Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit machte sie den Samowar und schlich
sich leise auf die Galerie hinaus.

Bleib da! flsterte sie Ssergej zu.

Wie lange soll ich noch sitzen? fragte Sserjoscha gleichfalls
flsternd.

Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.

Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche Stelle hin.

Ssergej konnte aber von der Galerie alles hren, was im Schlafzimmer
vorging. Er hrte, wie die Tre wieder aufging und wie Katerina Lwowna
zu ihrem Mann zurckkehrte. Jedes Wort konnte er hren.

Was hast du so lange getrieben? fragte Sinowij Borissowitsch seine
Frau.

Den Samowar habe ich gemacht, antwortet sie ruhig.

Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hrt, wie Sinowij
Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen hngt. Nun wscht er
sich und spritzt mit dem Wasser umher; dann lt er sich ein Handtuch
geben; dann beginnt er wieder ein Gesprch.

Wie habt ihr den Vater beerdigt? fragt er.

Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt, antwortet sie.

Das ist doch wirklich sonderbar!

Gott allein wei, wie es gekommen ist, antwortet Katerina Lwowna, mit
den Teetassen klappernd.

Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das Zimmer.

Nun, und wie hast du die Zeit verbracht? fragt Sinowij Borissowitsch
seine Frau von neuem aus.

Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt; Blle besuchen
wir nicht, Theater ebenfalls nicht.

Du scheinst dich aber wenig ber die Rckkehr des Gatten zu freuen!
beginnt Sinowij Borissowitsch wieder, sie scheel anblickend.

Wir beide sind ja nicht mehr so jung, da wir vor Freude den Verstand
verlieren sollen! Was soll ich mich auch freuen? Nun mu ich wieder fr
dich arbeiten und herumrennen!

Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu holen, machte wieder
einen Sprung auf die Galerie zu Ssergej, zupfte ihn am rmel und sagte
ihm: Sserjoscha, pa jetzt auf!

Ssergej wute zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte, machte sich
aber bereit.

Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurck. Sinowij Borissowitsch
kniete eben auf dem Bett und hngte ber dem Kopfende seine silberne Uhr
mit der Glasperlenkette auf.

Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum haben Sie, wo Sie allein
waren, beide Betten aufgedeckt? fragte er pltzlich die Frau mit
seltsamem Ausdruck.

Ich habe Sie immer erwartet, antwortete Katerina Lwowna, ihn ruhig
anblickend.

Dafr bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt aber dieser Gegenstand
zu Ihnen ins Bett?

Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen Grtel Ssergejs
auf und hielt ihn ihr vor die Augen.

Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung.

Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den Rock festgebunden.

So, so! sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentmlicher Betonung. Von
Ihren Rcken haben wir ja auch manches gehrt.

Was haben Sie gehrt?

Manches von Ihren Heldentaten!

Ich wei nichts von Heldentaten.

Das werden wir alles untersuchen, antwortete Sinowij Borissowitsch,
der Frau seine geleerte Teetasse zuschiebend.

Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen, sagte Sinowij
Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen runzelnd.

Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie hat keine Angst
davor, antwortet sie.

Was?! herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener Stimme an.

Nichts, ist schon vorbei, antwortete die Frau.

Du, pa auf! Du bist mir hier allzu gesprchig geworden!

Warum soll ich auch nicht gesprchig sein? erwiderte Katerina Lwowna.

Httest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!

Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen, was die bsen Zungen
ber mich alles gesagt haben, und nun mu ich alle diese Schimpfreden
ber mich ergehen lassen. Das ist doch wirklich unerhrt!

Ich spreche nicht von den bsen Zungen, mir sind aber alle Ihre
Liebesabenteuer bekannt.

Was fr Liebesabenteuer? schrie Katerina Lwowna in aufrichtigem Zorne
auf.

Das wei ich schon selbst.

Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!

Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der Frau wieder die
geleerte Tasse hin.

Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen, sagte Katerina Lwowna
verachtungsvoll und warf wtend den Teelffel in die leere Tasse des
Mannes. Nun, sagen Sie einmal, was Sie gehrt haben? Wer soll mein
Geliebter sein?

Keine Eile, Sie werden es schon hren.

Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?

Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna. Niemand hat mir
noch meine Gewalt ber Sie genommen und niemand kann sie mir nehmen ...
Sie werden bald selbst alles sagen ...

Ach! Das kann ich nicht leiden! schrie Katerina Lwowna, mit den Zhnen
knirschend, auf, wurde kreidebla und sprang pltzlich durch die Tre
hinaus.

Da ist er! sagte sie nach wenigen Augenblicken, Ssergej bei der Hand
ins Zimmer fhrend. Fragen Sie ihn und mich aus. Vielleicht wirst du
sogar etwas mehr erfahren, als dir lieb ist.

Sinowij Borissowitsch war ganz bestrzt. Er blickte bald Ssergej an, der
an der Schwelle stand, bald seine Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen
auf dem Bettrande sa, und wute gar nicht, womit das alles enden
sollte.

Was hast du vor, du Schlange? brachte er mit Mhe hervor, ohne vom
Sessel aufzustehen.

Frage mich nun aus, was du so gut weit, antwortete Katerina Lwowna
frech. Du willst mich mit Schlgen einschchtern, fuhr sie fort,
bedeutungsvoll mit den Augen zwinkernd. Das wird niemals sein! Was ich
aber vielleicht noch vor allen deinen Drohungen ber dich beschlossen
habe, das werde ich jetzt tun.

Was? Hinaus! schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej an.

Warum nicht gar! hhnte Katerina Lwowna.

Sie sperrte schnell die Tre zu, steckte den Schlssel in die Tasche und
legte sich wieder in ihrer offenen Jacke aufs Bett.

Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her! rief sie den Burschen
zu sich heran.

Ssergej schttelte seinen Lockenkopf und setzte sich khn neben die
Hausfrau.

Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr Barbaren?! schrie
Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor Zorn, sich vom Sessel erhebend.

Wie? Pat dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein Liebster, wie schn
das ist!

Katerina Lwowna lachte auf und kte vor den Augen ihres Mannes Ssergej
mit groer Leidenschaft.

Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein betubender Schlag,
und Sinowij Borissowitsch strzte ans offene Fenster.




                                 VIII


Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf habe ich
gewartet! schrie Katerina Lwowna auf. Nun wird es wohl weder nach
meinem noch nach deinem Willen gehen ...

Mit einem Ruck stie sie Ssergej von sich, strzte sich auf den Mann,
packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch das Fenster erreicht hatte,
mit ihren feinen Fingern an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu
Boden.

Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am Fuboden an und
wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. Ein so schnelles Ende hatte er
nicht erwartet. Die erste Gewaltttigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte
ihm, da sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und da er
sich in hchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch hatte das alles
blitzartig im Augenblick seines Sturzes erfat; er schrie nicht einmal
auf, denn er wute, da seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache
nur noch beschleunigen wrde. Er lie seinen Blick schweigend um sich
schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem Ausdruck von Ha, Vorwurf
und Schmerz auf seine Frau, deren feine Finger seine Kehle
zusammenpreten.

Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme mit den geballten
Fusten lagen ausgestreckt da und zuckten wie in einem Krampfe. Der eine
Arm war frei, den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen den
Boden gedrckt.

Halt ihn einmal fest, flsterte sie gleichgltig Ssergej zu und wandte
sich wieder zum Mann.

Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drckte dessen beide
Hnde mit den Knien gegen den Boden. Er wollte ihn unter den Hnden
Katerina Lwownas an der Kehle fassen, schrie aber in diesem selben
Augenblick selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen
Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten Krfte zusammen:
mit einem verzweifelten Ruck befreite er seine Hnde unter Ssergejs
Knie, packte ihn an den schwarzen Locken und bi sich wie ein wildes
Tier in seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke;
Sinowij Borissowitsch sthnte schwer auf, und sein Kopf fiel wieder
zurck.

Katerina Lwowna stand bla, fast ohne zu atmen ber den Mann und den
Geliebten gebeugt; in der rechten Hand hielt sie einen schweren
gegossenen Leuchter am oberen Ende, so da der schwere Fu nach unten
gerichtet war. ber die Schlfe und Wange Sinowij Borissowitschs
rieselte ein dnnes Bchlein hellroten Blutes.

Einen Popen ... sthnte Sinowij Borissowitsch dumpf, den Kopf voller
Ekel so weit es ging vor dem auf ihm sitzenden Ssergej zurckwerfend.
Beichten ... sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und auf
das ber sein Gesicht flieende warme Blut schielend.

Bist auch ohne Beichte gut, flsterte Katerina Lwowna.

Mach keine langen Geschichten, sagte sie zu Ssergej. Pack ihn einmal
ordentlich an der Gurgel.

Sinowij Borissowitsch rchelte.

Katerina Lwowna beugte sich ber ihn, prete mit ihren Hnden Ssergejs
Hnde, die die Kehle ihres Mannes umklammerten, noch fester zusammen und
drckte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fnf stummen Minuten stand sie auf
und sagte:

Es ist genug, er ist fertig.

Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. Sinowij Borissowitsch
lag leblos mit eingedrckter Kehle und zerschmetterter Schlfe da. Auf
dem Fuboden links von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der
kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam aber kein neues Blut
mehr.

Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten
Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit der selige Boris
Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte bald ins Schlafzimmer zurck.
Katerina Lwowna hatte die rmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum
ihres Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den Sinowij
Borissowitsch auf dem Fuboden seines Schlafzimmers hinterlassen hatte.
Der Samowar, aus dem er soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war
noch nicht erkaltet, und der Blutfleck lie sich mit dem heien Wasser
spurlos abwaschen.

Katerina Lwowna nahm die kupferne Splschale und einen eingeseiften
Bastwisch in die Hand.

Leuchte mir einmal, sagte sie zu Ssergej, zu der Tre gehend. Halte
die Kerze tiefer! sagte sie, die Dielenbretter untersuchend, ber die
Ssergej die Leiche in den Keller geschleppt hatte.

Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele zwei kirschengroe
Flecke zu sehen. Katerina Lwowna rieb sie mit dem Bastwisch, und sie
verschwanden spurlos.

Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau schleichen und sie
belauern, sagte Katerina Lwowna, sich aufrichtend und einen Blick zur
Vorratskammer werfend.

Jetzt ist Schlu, sagte Ssergej und fuhr vor dem Klange seiner eigenen
Stimme zusammen.

Als sie ins Schlafzimmer zurckkehrten, zeigte sich im Osten schon der
erste feine Streif des Morgenrots, das die blhenden Apfelbume mit
schwachem goldenem Scheine bergo und durch das grne Gartengitter in
das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte.

ber den Hof ging aus der Scheune in die Kche, den Schafspelz ber die
Schultern geworfen, ghnend und sich bekreuzigend, der alte Verwalter.

Katerina Lwowna schlo leise den Fensterladen und warf einen
durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte sie ihm in die Tiefe
seiner Seele blicken.

Nun bist du Kaufmann, sagte sie, ihm ihre weien Hnde auf die
Schultern legend.

Ssergej erwiderte nichts.

Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fhlte nur Klte um die
Lippen.

Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Hnden Schwielen, die vom
Brecheisen und dem schweren Spaten herrhrten. Sinowij Borissowitsch war
dafr so gut verwahrt, da ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl
niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres Geliebten finden wrde.




                                  IX


Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte ber Halsschmerzen.
Ehe aber die Male von den Zhnen Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse
vernarbt waren, fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des
Hausherrn auf. Ssergej selbst sprach am hufigsten von ihm. Wenn er
abends mit den anderen Burschen auf der Bank vor dem Tore sa, brachte
er oft die Rede auf ihn: Was bleibt unser Herr so lange aus?

Auch die Burschen wunderten sich.

Von der Mhle kam aber die Nachricht, da Sinowij Borissowitsch schon
lngst einen Wagen gedungen hatte und nach Hause abgereist war. Der
Kutscher, der ihn gefahren hatte, berichtete, da Sinowij Borissowitsch
in einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa drei Werst
vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche aus dem Wagen gestiegen und
htte den Kutscher entlassen. Als die Leute diesen Bericht hrten,
staunten sie noch mehr.

Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden zu sein.

Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die geringste Spur finden.
Der Kutscher, den man bald verhaftete, wute nur zu berichten, da der
Kaufmann vor dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fu weitergegangen
sei. Die Sache blieb rtselhaft. Katerina Lwowna erfreute sich indessen
ihrer Witwenfreiheit und lebte mit Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man
meldete zwar ab und zu, da man Sinowij Borissowitsch bald hier und bald
dort gesehen htte, er kam aber nicht zurck, und Katerina Lwowna wute
am besten, da er berhaupt nicht mehr zurckkehren konnte.

So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und Katerina Lwowna
fhlte sich in anderen Umstnden.

Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe jetzt einen Erben,
sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das Kaufmannsgericht und meldete, da
sie in Umstnden sei; die Geschfte lgen brach; man mchte ihr daher
die Vollmacht geben, das Geschft selbstndig zu fhren.

Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde gehen lassen;
Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin Sinowij Borissowitschs,
Schulden waren keine vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die
Vollmacht geben.

Katerina Lwowna ist nun unumschrnkte Herrin, und Ssergej wird auf ihren
Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch genannt. Pltzlich kommt eine
ganz neue Sorge. Man meldet dem Brgermeister aus Liwny, da Sinowij
Borissowitsch nicht blo mit eigenem Kapital Handel getrieben habe; in
seinem Geschft htte auch das Geld seines minderjhrigen Neffen Fjodor
Ignatjewitsch Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein
Betrchtliches berstiegen habe; diese Sache msse noch genauer
untersucht werden, und man drfe nicht das ganze Geschft Katerina
Lwowna allein anvertrauen. Als diese Nachricht eintraf, lie der
Brgermeister Katerina Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit.
Nach acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit einem
halbwchsigen Jungen.

Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch, sagt sie, und der
Junge ist mein Groneffe Fjodor Ljamin.

Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf.

Als Ssergej die Gste und den Empfang, den ihnen Katerina Lwowna
bereitete, sah, wurde er kreidebla.

Was hast du? fragte ihn Katerina Lwowna, als er gleich nach den Gsten
ins Haus trat und aufgeregt im Vorzimmer stehen blieb.

Nichts, antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer wieder in den
Hausflur gehend. Ich denke mir nur, was fr eine wunderbare Stadt
dieses Liwny ist, fgte er seufzend hinzu, die Haustre hinter sich
schlieend.

Was sollen wir jetzt anfangen? fragte Ssergej Philippowitsch nachts am
Teetisch Katerina Lwowna. Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.

Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?

Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du wirtschaften,
wenn dir kein Geld im Geschfte bleibt?

Glaubst du, da es fr dich nicht langen wird, Sserjoscha?

Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, da wir beide jetzt nicht
mehr so glcklich werden leben knnen.

Warum glaubst du das, Sserjoscha?

Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und mchte Sie als wirkliche Dame sehen
und nicht in der Lage, in der Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,
antwortete Ssergej Philippowitsch. Nun wird aber das Kapital so sehr
verringert, da Sie noch rmer sein werden, als Sie es als Mdchen
waren.

Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?

Es ist wohl mglich, Katerina Lwowna, da Sie fr das Geld gar kein
Interesse haben. Ich achte Sie aber so sehr, da es mir schmerzlich sein
wird, zu sehen, wie die gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen
werden. Sie knnen darber natrlich urteilen, wie es Ihnen beliebt, ich
bin aber der Ansicht, da ich dann unmglich so glcklich sein kann, wie
ich es bisher gewesen.

Und er redete in einem fort, da dieser Fedja Ljamin ihn zum
unglcklichsten Menschen mache und da er nicht mehr die Mglichkeit
habe, sie, Katerina Lwowna, vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu
erhhen und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wre, so bekme Katerina
Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen Frist nach dem
Verschwinden ihres Mannes ein Kind geboren haben wrde, das ganze
Kapital; dann wrde ihr gemeinsames Glck ganz grenzenlos sein.




                                  X


Nach einiger Zeit hrte aber Ssergej ganz auf, von der Erbschaft zu
sprechen. Dafr nahm jetzt Fedja Ljamin alle Gedanken und Regungen
Katerina Lwownas gefangen. Sie war nun immer nachdenklich und gegen
Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schlft, oder den Geschften
nachgeht, oder betet, -- immer denkt sie an das eine: Wie ist es nun?
Warum mu ich seinetwegen das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel
durchgemacht, habe eine solche Snde auf mich genommen, und er kommt
gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... Wenn er wenigstens ein
erwachsener Mensch wre, aber er ist nur ein kleines Kind ...

In diesem Jahre kamen die Frste frh. Von Sinowij Borissowitsch war
natrlich nichts zu hren. Katerina Lwowna nahm von Tag zu Tag an
Leibesumfang zu und war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die
Leute nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer kinderlos und
mager gewesen, und nun ist sie pltzlich so aufgedunsen. Das ist doch
seltsam! Der junge Miterbe Fedja Ljamin ging aber indessen in einem
leichten Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und brach mit
den Abstzen das Eis in den Pftzen ein.

Du, Fjodor Ignatjewitsch! schrie ihm manchmal die Kchin Aksinja zu.
Pat es denn fr dich, den Kaufmannssohn, in den Pftzen
herumzustapfen?

Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten solche Sorgen
machte, sprang aber so vergngt wie ein Bcklein den ganzen Tag herum;
nachts schlief er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Grotante und
dachte gar nicht daran, da jemand ihm in den Weg treten und sein
glckliches Dasein verdunkeln knnte.

Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines Tages die
Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte sich auch eine
Lungenentzndung. Der Junge lag krank darnieder. Man behandelte ihn
zuerst mit allerlei Hausmitteln und lie schlielich auch den Arzt
kommen.

Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb Arzneien auf. Der Junge
bekam sie alle paar Stunden nach der Uhr. Die Grotante selbst gab sie
ihm ein. Manchmal mute es auch Katerina Lwowna tun.

Bemhe dich einmal, Katerina, sagte sie ihr. Du bist gesegneten
Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also kannst du dich auch einmal
bemhen.

Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn jene in die Kirche
ging, um fr den auf dem Krankenlager liegenden Knaben Fjodor zu beten
oder ein Stckchen Hostie fr ihn zu holen, sa Katerina Lwowna am Bette
des Kranken und gab ihm pnktlich seine Arzneien ein.

So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung Mari in die Kirche
zur Abendmesse und Frhmesse und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem
Jungen zu sehen. Fedja ging es schon viel besser.

Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er sitzt aber schon in seinem
Eichhornpelz auf dem Bette und liest.

Was liest du, Fedja? fragte Katerina Lwowna, sich in den Sessel vor
seinem Bette setzend.

Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.

Ist es interessant?

Sehr interessant, Tantchen.

Katerina Lwowna sttzt den Kopf in die Hand und blickt auf Fedja, der
lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn sich alle Dmonen von den Ketten
losgerissen htten, bemchtigt sich ihrer pltzlich wieder der alte
Gedanke, da dieser Junge ihr soviel Bses zufge und da es viel besser
wre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gbe.

-- Er ist krank, -- dachte sich Katerina Lwowna. -- Er nimmt Arzneien
ein ... Einem kranken Kind kann ja manches zustoen ... Hinterher kann
man sagen, da der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ...

Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?

Bitte, Tantchen! sagte der Junge. Er schluckte die Medizin herunter
und fgte hinzu: Das Buch ist sehr interessant, Tantchen, es wird darin
das Leben der Heiligen beschrieben.

Lies nur, lies, versetzte Katerina Lwowna. Sie sah sich kaltbltig im
Zimmer um und richtete den Blick auf das mit Eisblumen berzogene
Fenster.

Man mu die Fenster schlieen lassen, sagte sie. Dann ging sie durch
das Gastzimmer in den Saal und von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier
setzte sie sich hin.

Nach etwa fnf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem mit Seebrenfell
besetzten Halbpelz Ssergej.

Hat man die Fenster geschlossen? fragte ihn Katerina Lwowna.

Man hat sie geschlossen, antwortete Ssergej. Er putzte die Kerze und
stellte sich vor den Ofen.

Beide schwiegen.

Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu Ende? fragte Katerina
Lwowna.

Morgen ist ein groer Feiertag, der Gottesdienst wird heute lange
dauern, antwortete Ssergej.

Es entstand wieder eine Pause.

Ich mu nach Fedja schauen, er ist allein, sagte Katerina Lwowna, sich
erhebend.

Allein? fragte Ssergej, sie mrrisch anblickend.

Ja, allein, antwortete sie leise: Warum?

Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle Blitze; aber keiner von
ihnen sagte ein Wort.

Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde durch die leeren
Zimmer. berall war es still; vor den Heiligenbildern brannten ruhig die
Lmpchen; ihr eigener Schatten huschte ber die Wnde; die Auenlden
waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben tauten auf und trnten.
Fedja sa auf dem Bett und las. Als er Katerina erblickte, sagte er ihr:

Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und geben Sie mir das
andere, das auf dem Heiligenschrein liegt.

Katerina Lwowna erfllte die Bitte des Neffen und gab ihm das Buch.

Willst du nicht einschlafen, Fedja?

Nein, Tantchen, ich mchte auf die Grotante warten.

Warum willst du auf sie warten?

Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse mitzubringen.

Katerina Lwowna wurde pltzlich bla: ihr eigenes Kind regte sich eben
zum erstenmal unter ihrem Herzen, und sie fhlte Klte in der Brust. Sie
stand noch eine Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die
erkaltenden Hnde gegeneinander reibend.

Nun! flsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo Ssergej noch
immer vor dem Ofen stand.

Was denn? fragte Ssergej kaum hrbar. Ihm stockte der Atem.

Er ist allein.

Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu atmen.

Komm! sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Tre wendend.

Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte:

Was soll ich mitnehmen?

Nichts! hauchte Katerina Lwowna und fhrte ihn leise hinaus.




                                  XI


Der kranke Knabe fuhr zusammen und lie das Buch auf den Scho sinken,
als Katerina Lwowna zum drittenmal zu ihm hereinkam.

Was hast du, Fedja?

Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich wei selbst nicht warum,
antwortete er, lchelnd und sich unruhig in eine Ecke des Bettes
drckend.

Wovor hast du Angst?

Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?

Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.

Niemand?

Der Knabe beugte sich zum Fuende des Bettes vor, kniff die Augen
zusammen, blickte zur Tre, durch die seine Tante soeben gekommen war,
und beruhigte sich.

Es ist mir wohl nur so vorgekommen, sagte er.

Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines Bettes.

Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so bla sei.

Katerina Lwowna hstelte nur und blickte erwartungsvoll auf die Tre des
Gastzimmers. Dort knarrte leise ein Dielenbrett.

Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons Fjodors des
Stratilaten. Was der fr ein gottgeflliges Leben fhrte!

Katerina Lwowna stand schweigend da.

Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich mchte Ihnen vorlesen!
sagte der Neffe, sie liebevoll anblickend.

Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lmpchen im Saal richten,
antwortete Katerina Lwowna und verlie schnell das Zimmer.

Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhrbar geflstert; das Kind hrte
es aber in der tiefen Stille mit seinen scharfen Ohren.

Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie denn? schrie der
Knabe mit trnenerstickter Stimme. Tantchen, kommen Sie doch her, ich
habe solche Angst! rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam
ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand Jetzt! gesagt htte.
Der Knabe bezog es auf sich.

Was hast du Angst? fragte Katerina Lwowna heiser, mit festen,
entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend. Sie stellte sich vor das
Bett so hin, da ihr Krper die Gastzimmertre vor den Blicken des
Kranken verdeckte. Leg dich! sagte sie ihm.

Ich will nicht, Tantchen.

Nein, Fedja, hr auf mich, leg dich ... Es ist spt ... Leg dich ...
wiederholte Katerina Lwowna.

Was fllt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar nicht liegen.

Nein, leg dich, leg dich, sagte Katerina Lwowna mit vernderter,
abgerissener Stimme. Sie nahm den Jungen unter den Achseln und legte ihn
gewaltsam hin.

In diesem Augenblick stie Fedja einen wahnsinnigen Schrei aus: er sah
Ssergej, bla und barfu ins Zimmer treten.

Katerina Lwowna drckte ihre Hand auf den vor Entsetzen weit geffneten
Mund des Kindes und schrie:

Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!

Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina Lwowna warf mit einem
schnellen Ruck ein groes Daunenkissen auf das Gesicht des unglcklichen
Kindes und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes darauf.

An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille.

Er hat genug, flsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte sie sich aber
erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als die Wnde des stillen
Hauses, das so viele Verbrechen in sich barg, von wuchtigen Schlgen
erdrhnten: die Fenster klirrten, die Bden bebten, die Lmpchen vor den
Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche Schatten
huschten ber die Wnde.

Ssergej fuhr zusammen und strzte hinaus; Katerina Lwowna rannte ihm
nach, und das Drhnen folgte ihnen. Es war, wie wenn berirdische Krfte
das sndige Haus bis auf den Grund erschtterten.

Katerina Lwowna frchtete, da der von Entsetzen gepeitschte Ssergej
hinauslaufen und sich durch seinen Schreck verraten knnte; er lief aber
in das Schlafzimmer hinauf.

Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er im Finstern mit der
Stirne an die Tr und strzte, ganz wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen
hinunter.

Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch! stammelte er, kopfber
die Treppe hinunterstrzend und Katerina Lwowna umwerfend und mit sich
reiend.

Wo? fragte sie.

Da flog er eben als ein eisernes Blech ber uns vorbei! Da fliegt er!
schrie Ssergej auf. Da drhnt er schon wieder!

Nun war es klar, da viele Hnde von auen gegen alle Fenster hmmerten
und auch die Tre einzuschlagen versuchten.

Narr! Steh auf, Narr! schrie Katerina Lwowna. Mit diesen Worten lief
sie schnell wie der Blitz in Fedjas Zimmer, legte seinen toten Kopf in
der natrlichen Stellung eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte
mit fester Hand die Tre auf, in die ein groer Haufen Menschen
einzudringen suchte.

Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina Lwowna blickte
ber die Kpfe der Menge, die die Haustre belagerte, sah viele
unbekannte Menschen ber den hohen Zaun in den Hof klettern und hrte
das Brausen vieler Stimmen.

Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die Sachlage zu erfassen,
als die Menschen, die vor der Tre standen, ber sie herfielen und sie
zurck ins Haus drngten.




                                 XII


Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaen entstanden. In allen
Gotteshusern der recht groen und lebhaften Kreisstadt, in der Katerina
Lwowna lebte, hatte sich am Vorabend des groen Festes eine Menge
Menschen angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr Altarfest
feiern sollte, war das Gedrnge so gro, da keine Stecknadel zu Boden
fallen konnte. In dieser Kirche sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen
bestand und von einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert
wurde.

Unser Volk ist religis und dem Gottesdienste zugetan; auerdem haben
die Leute bei uns eine knstlerische Ader, und schner Chorgesang und
prunkvoller Gottesdienst sind fr sie der reinste Hochgenu. Wenn in
einer Kirche ein Chor singt, luft gleich die halbe Stadt zusammen; in
erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: Handelsgehilfen,
Lehrjungen, Handlanger, Fabrikarbeiter und auch die Geschftsinhaber
selbst mit ihren Gemahlinnen. Alle drngen sich in einer der Kirchen
zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentre oder vor dem
Fenster, selbst bei brennender Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost
stehen und den tiefen Bssen und kunstvollen Tenren, wenn sie ihre
Variationen singen, lauschen.

In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche Haus gehrte, gab es
einen Altar zur Darstellung Mari. Zu derselben Zeit, als sich alles
oben Beschriebene mit Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen
Stadt in dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach dem
Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzge des bekannten Tenors
und die Fehler des ebenso bekannten Basses.

Aber nicht alle interessierten sich so fr die musikalischen Dinge; in
der Menge gab es auch Leute, die andere Fragen errterten.

Seltsame Dinge erzhlt man sich von der jungen Ismailowa, sagte der
junge Maschinist, den sich einer der Kaufleute fr seine Dampfmhle aus
Petersburg verschrieben hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen
Hause vorbeigehend. Man sagt, da sie mit ihrem Angestellten Ssergej
ein Liebesverhltnis hat ...

Das ist ja allen bekannt, sagte ein Mann in einem mit blauem Nanking
besetzten Schafspelz. Sie war heute wohl auch gar nicht in der Kirche.

Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, da sie weder vor Gott,
noch vor ihrem Gewissen, noch vor den Menschen Angst hat!

Schaut nur, da brennt bei ihr Licht, sagte der Maschinist, auf einen
Spalt im Fensterladen zeigend, durch den ein Lichtschein drang.

Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben, schlugen einige Stimmen vor.

Der Maschinist sttzte sich auf die Schultern zweier Freunde, blickte
durch den Spalt hinein und schrie entsetzt auf:

Brder! Da wird gerade jemand erwrgt!

Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen zu klopfen. An
die zehn Mann folgten seinem Beispiel und hmmerten mit den Fusten
gegen die Fenster.

Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, und so entstand die uns
bereits bekannte Belagerung des Ismailowschen Hauses.

Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen,
bezeugte der Maschinist vor Fedjas Leiche. Das Kind lag auf dem Bett,
und die beiden wrgten es.

Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefngnis abgefhrt; Katerina
Lwowna sperrte man aber in ihrem Schlafzimmer ein und stellte zwei
Wachtposten vor die Tre.

Im Ismailowschen Hause war es nun unertrglich kalt; die fen wurden
nicht geheizt, die Tren standen den ganzen Tag offen, und eine
neugierige Volksmenge lste die andere ab. Die Leute sahen sich den
offenen Sarg mit Fedjas Leiche an, und auch den andern groen
geschlossenen Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der Stirne ein
weies Atlasband, das den von der Sektion herrhrenden Schnitt verdecken
sollte. Die gerichtsrztliche Untersuchung hatte ergeben, da Fedja an
Erstickung gestorben war, und Ssergej, den man vor die Leiche fhrte,
brach, gleich nach den ersten Worten des Geistlichen vom Jngsten
Gericht und von den ewigen Qualen der unbufertigen Snder, in Trnen
aus und gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat auch, die
Leiche des von ihm ohne christliches Begrbnis verscharrten Sinowij
Borissowitsch auszugraben. Die Leiche des letzteren, die im trockenen
Sande lag, war noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in den
groen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete Ssergej Katerina
Lwowna als die Mitschuldige an den beiden Verbrechen. Katerina Lwowna
antwortete auf alle Fragen: Ich wei von nichts. Als man sie aber mit
Ssergej konfrontierte, und sie sein Gestndnis hrte, blickte sie ihn
erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte gleichgltig:

Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu gestehen, so will
auch ich nicht lnger leugnen: ich habe die Morde begangen.

Zu welchem Zweck? fragte man sie.

Nur ihm zuliebe, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, der mit
gesenktem Kopf dastand.

Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefngniszellen gesperrt, und
der grauenhafte Fall, der weit und breit Aufsehen und Emprung erregte,
kam bald vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkndet: Ssergej
und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna Ismailowa sollten auf dem
Marktplatze ihrer Stadt mit der Knute bestraft und dann auf die Katorga
nach Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Mrzmorgen zeichnete
der Scharfrichter Katerina Lwownas entblten weien Rcken mit der
vorgeschriebenen Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die
gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein hbsches Gesicht
die drei Katorgamale.

Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde viel mehr
Mitgefhl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt die Stufen des
schwarzen Schafotts herunterging, fiel er beinahe um. Katerina Lwowna
hielt sich aber aufrecht und ruhig und war nur darauf bedacht, da das
grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rcken scheuere.

Als man ihr im Gefngnisspital ihr neugeborenes Kind reichte, sagte sie
nur: Hol es der Kuckuck! Dann wandte sie sich ohne einen Ton von sich
zu geben zur Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett.




                                 XIII


Der Strflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach
Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frhling nur
im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wrmte.

Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris
Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein
ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe
des ganzen Ismailowschen Vermgens. Katerina Lwowna war damit sehr
zufrieden und gab ihr Kind gleichgltig hin. Wie es bei
leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum
Vater in keiner Weise auf das Kind bertragen.

Es gab fr sie brigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein
Bse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte
niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den
Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte
sie aber schon ganz vergessen.

Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getuscht: der gebrandmarkte, mit
schweren Ketten beladene Ssergej verlie zugleich mit ihr das
Gefngnistor.

Der Mensch gewhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behlt
in jeder Lage die Fhigkeit, seinen kmmerlichen Freuden nachzugehen.
Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewhnen; sie sah ihren
Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete fr sie an seiner
Seite den Weg zum Glck.

Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstnde und
noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe
der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den
Gefngnisaufsehern fr die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren
und manchmal bei finsterer Nacht ein Stndchen mit ihm in einer kalten
Ecke des schmalen Gefngniskorridors zu verbringen.

Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos
geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu
hren; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenknfte mit ihr,
fr die sie ihr letztes Geld hergeben mute, und sagte ihr sogar mehr
als einmal:

Statt mit mir im Korridor herumzustehen, httest du doch lieber das
Geld, das du dafr dem Aufseher zahlst, mir gegeben!

Es waren ja nur fnfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha! rechtfertigte sich
Katerina Lwowna.

Sind denn fnfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch
kein einziges Geldstck gefunden, hast aber schon eine ganze Menge
ausgegeben.

Dafr habe ich dich sehen drfen, Sserjoscha!

Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich
verfluche mein Leben und will an diese Zusammenknfte gar nicht denken!

Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!

Das sind Dummheiten, entgegnete Ssergej.

Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hren bekam, bi sie sich oft
die Lippen blutig. Bei den nchtlichen Zusammenknften traten ihr oft
Trnen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug
aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrgen.

So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander gendert, als sie
Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schlo sich an ihren Transport ein
anderer an, der aus Moskau kam.

In diesem sehr groen Transport befanden sich unter anderm zwei
interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl,
ein ppiges, groes, schnes Weib mit langem, schwarzem Zopf und
schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem
geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein
siebzehnjhriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut,
kleinem Mndchen, Grbchen in den frischen Wangen und goldblonden
Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne
niederfielen. Dieses Mdel wurde von den Strflingen Ssonetka genannt.

Die schne Fiona war sanft und faul. Alle Strflinge kannten sie; keiner
von den Mnnern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld
schenkte; niemand grmte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern
bertrug.

Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand, scherzten die
Strflinge.

Ssonetka war aber ganz anders.

Von ihr sagte man:

Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und lt sich
von niemand einfangen.

Ssonetka hatte Geschmack und war whlerisch; sie wollte, da man ihr die
Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce
entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die
verkrperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand Nein zu
sagen und die nur das eine wei, da sie ein Weib ist. Solche Frauen
werden in den Ruberbanden, Strflingstransporten und Petersburger
sozialistischen Kommunen sehr geschtzt.

Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem
sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte fr diese letztere eine
tragische Bedeutung.




                                 XIV


Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus Nischnij-Nowgorod
begann sich Ssergej in aufflliger Weise um die Gunst der Soldatenfrau
Fiona zu bewerben. Er hatte auch bald Erfolg. Die schne Fiona lie ihn
nicht allzu lange zappeln und erfllte sein Sehnen, wie sie in ihrer
Herzensgte auch jeden anderen beglckte. Auf der dritten oder vierten
Etappe hatte Katerina Lwowna sich wieder die Mglichkeit einer
Zusammenkunft mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und wartet:
gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: Lauf schnell hinaus!
Die Tre geht einmal auf, und eine der Frauen huscht hinaus; die Tre
geht wieder auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und
verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina Lwowna am
Kittel. Sie springt schnell von der von so vielen Strflingsrcken
glattgescheuerten Pritsche, wirft sich den Kittel um und folgt dem
Aufseher.

Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der nur an einer Stelle
ganz schwach von einem kleinen Lmpchen beleuchtet war, stie sie auf
zwei oder drei Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. Aus
der Mnnerabteilung tnte durch das Trgitter verhaltenes Lachen.

Wie die wiehern! brummte der Begleiter Katerina Lwownas. Er nahm sie
bei den Schultern, stie sie in eine Ecke und zog sich zurck.

Katerina Lwowna stie mit der Hand auf einen groben Kittel und einen
Bart; ihre andere Hand berhrte ein heies Frauengesicht.

Wer ist's? fragte Ssergej leise.

Und mit wem bist du hier?

Katerina Lwowna ri der Nebenbuhlerin im Finstern das Tuch vom Kopfe.
Jene taumelte auf die Seite, fing zu laufen an, stolperte aber und fiel
hin.

Aus der Mnnerabteilung erscholl lautes Lachen.

Schurke! flsterte Katerina Lwowna und schlug Ssergej mit den Enden
des Tuches, das sie seiner neuen Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins
Gesicht.

Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte aber durch den
Korridor zur Tre ihrer Zelle. Aus der Mnnerabteilung klang nun so
lautes Lachen, da der Wachtposten, der vor dem Lmpchen stand und sich
gleichgltig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den Kopf hob und
rief:

Ruhe!

Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre Pritsche und lag so bis
zum Morgen da. Sie wollte sich sagen: Ich liebe ihn nicht mehr, fhlte
aber, da sie ihn noch mehr, noch glhender liebte. Und sie malte sich
aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn gehalten, bei der
Berhrung mit der ihrigen gezittert, wie seine andere Hand die warmen
Schultern der Andern umschlungen hatte.

Die arme Frau brach in Trnen aus und wnschte sich, da die gleichen
Hnde in diesen Augenblicken ihr Gesicht streicheln und ihre krampfhaft
zuckenden Schultern umfassen mchten.

Gib mir mein Tuch zurck, mit diesen Worten wurde sie am Morgen von
der Soldatenfrau Fiona geweckt.

Du warst es also?

Gib's mir, bitte, zurck!

Warum trennst du uns voneinander?

Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe ich irgendeinen
Vorteil davon, da du mir zrnen sollst?

Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte unter dem Kissen das
Tuch, das sie der andern nachts vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona
zu und wandte sich zur Wand.

Sie fhlte sich ein wenig erleichtert.

Pfui, sagte sie sich, werde ich denn auf so einen angemalten
Mistkbel eiferschtig sein? Mag sie in die Erde versinken. Es tte mir
weh, mich mit ihr auch nur zu vergleichen.

Hr einmal, Katerina Lwowna, sagte ihr am nchsten Tage Ssergej, an
ihrer Seite gehend, merke dir bitte, da ich nicht Sinowij
Borissowitsch, sondern ein Anderer bin und da du nicht mehr die feine
Dame bist. Tu darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.

Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nchsten acht Tagen wechselte
sie mit Ssergej weder ein Wort, noch einen Blick. Sie fhlte sich
beleidigt und war stolz genug, um nicht den ersten Schritt zur
Vershnung mit Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit
hatte, zu machen.

Whrend Katerina Lwowna ihm schmollte, begann Ssergej mit der weien
Ssonetka anzubandeln. Bald begrte er sie als Ergebenster Diener,
bald lchelte er ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu
drcken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen siedete es noch
mehr.

Soll ich mich mit ihm vielleicht doch ausshnen? fragte sie sich, in
einemfort stolpernd.

Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als frher, den ersten
Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer fester an Ssonetka, und allen
kam es vor, als ob die unzugngliche Ssonetka, die sonst allen wie ein
Aal durch die Finger glitt, etwas gefgiger geworden wre.

Du warst mir bse, sagte einmal Fiona zu Katerina Lwowna: was habe
ich dir aber getan? Mit mir hat er ja nur ganz kurz angebandelt. Ich
rate dir aber, auf die Ssonetka aufzupassen.

-- Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch will ich mich mit
ihm ausshnen! -- sagte sich Katerina Lwowna. Sie berlegte sich nur
noch, wie sie am besten den ersten Schritt machen sollte.

Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej selbst.

Katerina Lwowna! sagte er ihr auf einer Station: Komm heute Nacht fr
einen Augenblick zu mir heraus: ich mu dich sprechen.

Katerina Lwowna sagte nichts.

Zrnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht kommen?

Katerina Lwowna sagte noch immer nichts.

Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, sahen aber, wie sie
sich vor dem Etappengebude an den Oberaufseher heranmachte und ihm die
siebzehn Kopeken, die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die Hand
drckte.

Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst du noch zehn
Kopeken, flsterte sie ihm zu.

Der Oberaufseher steckte das Geld in den rmelaufschlag und sagte:

Gut.

Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte Ssergej mit einem
vielsagenden Hsteln Ssonetka zu.

Ach, Katerina Lwowna! sagte er, sie auf den Stufen des Etappengebudes
umarmend. Kinder, es gibt auf der ganzen Welt kein zweites Weib wie
dieses!

Katerina Lwowna errtete vor Glck, und ihr stockte der Atem.

Als nachts die Tre leise aufging, sprang sie ungestm hinaus. Am ganzen
Leibe zitternd, tastete sie den dunklen Korridor nach Ssergej ab.

Meine liebe Katja! sagte Ssergej, sie umarmend.

Ach, du Bser! antwortete Katerina Lwowna unter Trnen und drckte
ihre Lippen auf die seinigen.

Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb manchmal stehen, um
sich auf die Stiefel zu spucken; die mden Strflinge schnarchten in
ihren Zellen; irgendwo knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter
dem Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber geno in vollen
Zgen ihr hchstes Glck.

Die Verzckung legte sich, und es begann die unvermeidliche Prosa des
Alltags.

Ich halt es nicht lnger aus; das Bein schmerzt mir vom Knchel bis zum
Knie, jammerte Ssergej, an ihrer Seite in einem Korridorwinkel sitzend.

Was kann man dagegen tun? fragte sie, sich unter seinen Kittel
schmiegend.

Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?

Was fllt dir ein, Sserjoscha?

Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh tut?

Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein weiter marschieren?
...

Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald die Knochen
durchwetzen. -- Wenn ich wenigstens ein Paar wollene Strmpfe unter die
Ketten tun knnte, fgte Ssergej nach einer Weile hinzu.

Strmpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue Strmpfe.

Ach, behalt sie nur!

Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre Zelle, packte in aller
Eile ihren Sack aus und brachte Ssergej ein Paar dicke blaue wollene
Strmpfe mit grellfarbigen Zwickeln.

Jetzt wird es irgendwie gehen, sagte Ssergej, sich von ihr
verabschiedend und ihr letztes Paar Strmpfe mitnehmend.

Katerina Lwowna kehrte berglcklich in ihre Zelle zurck und schlief
sofort ein.

Sie hrte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den Korridor kam und
wie sie erst bei Morgengrauen wieder zurckging.

Das spielte sich nur zwei Tagemrsche vor Kasan ab.




                                  XV


Ein kalter trber Tag mit durchdringendem Wind und einem mit Schnee
vermengten Regen empfing den Transport vor dem Tore des dumpfen
Etappengefngnisses. Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins
Freie. Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am ganzen
Leibe und wurde grn. Es wurde ihr finster vor den Augen, und alle ihre
Glieder begannen zu schmerzen. Sie hatte Ssonetka in den ihr
wohlbekannten blauen wollenen Strmpfen mit den grellfarbigen Zwickeln
erblickt.

Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig vorwrts; sie
blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen nicht von Ssergej.

Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu, flsterte Schurke!
und spuckte ihm ganz unerwartet in die Augen.

Ssergej wollte sich auf sie strzen, man hielt ihn aber zurck.

Warte nur! sagte er, sich das Gesicht abwischend.

Wie tapfer sie doch gegen dich ist! spotteten unterwegs die Strflinge
ber Ssergej. Am lustigsten lachte Ssonetka.

Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack.

Ich werde es dir schon zeigen! drohte Ssergej Katerina Lwowna.

Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter ermdet, schlief
Katerina Lwowna mit blutendem Herzen auf der Pritsche der nchsten
Etappe ein. Sie hrte gar nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Mnner
kamen.

Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der Pritsche, zeigte stumm
auf Katerina Lwowna, legte sich wieder hin und hllte sich in ihren
Kittel.

In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der Kittel ber den Kopf
gezogen, und auf ihren Rcken, der nur noch mit dem groben Hemd
bekleidet war, sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten
Strickes nieder.

Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr ber den Kopf geworfen
war, erstickte aber ihre Stimme. Sie versuchte aufzuspringen, konnte
sich aber nicht rhren; auf ihren Schultern sa ein krftiger Mann, der
sie an den Hnden festhielt.

Fnfzig! zhlte schlielich eine Stimme, in der sie unschwer die
Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die nchtlichen Gste verschwanden
ebenso pltzlich, wie sie gekommen waren.

Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. Niemand war mehr in
der Zelle. In der Nhe kicherte aber jemand. Katerina Lwowna erkannte
Ssonetkas Stimme.

Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war auch der Ha, der in
diesem Augenblick in ihrem Herzen aufloderte. Sie sprang auf, um sich
auf Ssonetka zu strzen und fiel ohnmchtig in die Arme Fionas, die ihr
zu Hilfe eilte.

An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, die erst vor kurzem den
ungetreuen Geliebten Katerina Lwownas vor Wollust zittern lie, weinte
sie nun vor unertrglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, wie
sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren sie beide gleich:
beide waren im Werte gesunken, beide waren verlassen.

Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die Heldin der
Liebestragdie, Katerina Lwowna, waren nun einander gleich!

Katerina Lwowna fhlte sich aber dadurch gar nicht verletzt. Als sie
alle ihre Trnen ausgeweint hatte, erstarrte sie zu Stein und machte
sich bereit, zum Appell zu gehen.

Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten Strflinge
strzen in den Hof; auch Ssergej ist darunter, auch Fiona, Ssonetka und
Katerina Lwowna; ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und
ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren.

Alle drngten sich zuerst zu einem unordentlichen Haufen zusammen,
stellten sich dann in Reihen auf, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Ein furchtbar trauriges Bild: ein Huflein Menschen, die von der Welt
losgerissen sind und auch nicht den Schatten einer Hoffnung auf eine
bessere Zukunft haben, watet durch den kalten schwarzen Straenkot.
Alles ist so hlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, die
entbltterten, nassen Weiden und die mrrische Krhe, die
zusammengekauert in den nackten sten hockt. Der Wind sthnt und wtet,
heult und brllt.

Aus diesen hllischen, herzzerreienden Tnen, die das Grauen des Bildes
vervollstndigen, klingen die Worte der Frau des biblischen Hiob:
Verfluche den Tag deiner Geburt und stirb!

Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke an den Tod selbst
in dieser traurigen Lage nicht erfreut, sondern erschreckt, der mu alle
die heulenden Stimmen mit einem noch hlicheren Geheul bertnen. Das
einfache Volk wei das sehr gut: es entfesselt dann seine ganze
tierische Natur und beginnt, sich selbst, die andern Menschen und alle
Gefhle zu verhhnen. Es ist auch sonst nicht besonders zartfhlend;
unter solchen Umstnden wird es aber noch einmal so roh und boshaft.

                   *       *       *       *       *

Wie geht's, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren bei guter Gesundheit?
fragte Ssergej in frechem Tone Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der
Transport die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen Hgel
verschwunden war.

Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hllte sie in den Scho seines
Mantels und begann mit hoher Stimme zu singen:

   Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schtzchen,
   Ach, mein Jammer schlft nicht, und du schlfst nicht, Ktzchen,
   Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...

Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und kte sie vor aller Augen ...

Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie geistesabwesend.
Die Leute stieen sie in die Seite und machten sie darauf aufmerksam,
wie sich Ssergej gegen Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des
allgemeinen Spottes.

Lat sie in Ruhe, trat Fiona fr sie ein, sooft jemand von den
Strflingen ber die halbohnmchtige Katerina Lwowna zu spotten anfing.
Seht ihr denn nicht, da die Frau ganz krank ist?

Sie hat sich wohl die Fchen durchnt, scherzte ein junger
Strfling.

Natrlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwhnt, versetzte
Ssergej.

Wenn sie wenigstens warme Strmpfe htte, wrde es ihr wohl weniger
machen, fgte er hinzu.

Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf.

Gemeine Schlange! sagte sie, unfhig, sich lnger zu beherrschen.
Spotte nur, du Schuft, spotte nur!

Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst: Ssonetka hat ein
paar vortreffliche Strmpfe zu verkaufen. Ich frage mich, ob die
Kaufmannsfrau sie nicht kaufen will.

Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener Automat weiter.

Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen Wolken, die den Himmel
bedeckten, fielen nasse Schneeflocken herab, die, sobald sie nur den
Boden berhrten, tauten und den Straenschmutz noch vergrerten.
Endlich zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif, dessen
Breite man gar nicht berblicken konnte: es war die Wolga. ber dem
Strome zog ein steifer Wind, der breite, dunkle Wellen vor sich trieb.

Die durchnten und halberfrorenen Strflinge gingen langsam zum
Landungssteg und blieben in Erwartung der Fhre stehen.

Die nasse dunkle Fhre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften trieben die
Strflinge auf die Fhre.

Auf dieser Fhre gibt es Schnaps zu kaufen, sagte einer der
Strflinge, als die von nassen Schneeflocken berschttete Fhre vom
Ufer stie und auf den Wellen des Stromes zu schwanken begann.

Es wre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken! sagte Ssergej. Zur
Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder an Katerina Lwowna heran und
sagte: Kaufmannsfrau, wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps.
Geize nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weit du noch,
meine Freude, wie wir die langen Herbstnchte miteinander verbrachten
und deine Verwandten ohne Popen und ohne Kster ins Jenseits schickten?

Katerina Lwowna zitterte vor Klte, die ihr unter den nassen Kleidern
durch Mark und Bein drang. In ihr ging aber auch etwas anderes vor. Ihr
Kopf brannte wie im Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem
irren, scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet.

Auch ich wrde gerne etwas Schnaps trinken: es ist so unertrglich
kalt! sagte Ssonetka mit ihrer hellen Stimme.

Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps! drang Ssergej in sie ein.

Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe! sagte Fiona, vorwurfsvoll den
Kopf schttelnd.

Das macht dir keine Ehre, untersttzte der junge Strfling Gordjuschka
die Soldatenfrau.

Wenn du dich vor ihr nicht schmst, so solltest du dich wenigstens vor
den Leuten schmen!

Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose! schrie Ssergej Fiona an. Was
redest du vom Gewissen? Vor wem brauche ich mich zu schmen? Vielleicht
habe ich sie berhaupt niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir
Ssonetkas ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen
Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur den schiefmuligen
Gordjuschka lieben, oder ... (er blickte auf den kleinen Wachsoldaten,
der in Uniformmtze und langhaarigem Filzmantel im Sattel sa,) oder
diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens vom Regen
geschtzt.

Und dann wird sie Offiziersfrau heien, lachte Ssonetka.

Gewi! Und hat auch Geld, um sich Strmpfe zu kaufen, fgte Ssergej
hinzu.

Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer starrer auf die
Wellen und bewegte lautlos die Lippen. Zwischen den hlichen Worten
Ssergejs hrte sie die Wogen drhnen und heulen. In einem sich
brechenden Wolkenkamme erscheint pltzlich der blaue Kopf Boris
Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die Gestalt ihres
Mannes; er schwankt und hlt Fedja, der den Kopf gesenkt hat, umarmt.
Katerina Lwowna will sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen
flstern aber: Wie wir die langen Herbstnchte miteinander verbrachten
und die Verwandten ohne Popen und ohne Kster ins Jenseits schickten.

Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf einen Punkt
gerichtet. Sie hob einige Male die Arme, streckte sie vor sich aus und
lie sie wieder sinken. Noch einen Augenblick -- und sie beugte sich,
ohne die Augen von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte Ssonetka an
den Beinen und sprang mit ihr ber das Gelnder der Fhre.

Alle waren vor Schreck wie erstarrt.

Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge und ging wieder unter;
aus einer andern Welle tauchte Ssonetka auf.

Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus! schrieen die Leute auf
der Fhre.

Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch die Luft und fiel ins
Wasser. Von Ssonetka war wieder nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf
sie, von der Strmung um ein weites Stck von der Fhre fortgetrieben,
beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick tauchte aus einer
anderen Welle fast bis zu den Hften Katerina Lwowna empor. Sie strzte
sich wie ein krftiger Hecht ber eine schwache Pltze auf Ssonetka, und
beide kamen nicht mehr zum Vorschein.




                          DER STHLERNE FLOH


                     (bertragen von Karl Ntzel)

    Was man vom Tulaer schielugigen Linkser erzhlt und von einem
                           sthlernen Floh




                                  I


Als Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei beendet hatte,
wollte er in Europa herumfahren und sich in den einzelnen Lndern die
Wunderdinge anschauen. Er bereiste alle Staaten, und berall hatte er
seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten Gesprche mit allen
Leuten, und alle wollten ihn durch irgend etwas in Staunen setzen und
fr sich gewinnen. Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche
Neigungen nicht liebte, sich stndig nach seiner Huslichkeit sehnte und
deshalb den Kaiser immer antrieb, zurckzukehren. Und kaum merkte
Platow, da der Kaiser sich fr irgend etwas Auslndisches
interessierte, das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon
alsogleich: So und so, auch bei uns zu Hause ist das Unsrige nicht
schlechter -- und lenkte irgendwie den Kaiser ab.

Die Englnder wuten das und dachten sich zur Ankunft des Kaisers
allerlei Listen aus, um ihn fr das Auslndische zu gewinnen und den
Russen zu entfremden. In vielen Fllen erreichten sie das auch,
besonders auf groen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt franzsisch
sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch wenig dafr: er war
ein verheirateter Mann, und alle franzsischen Gesprche hielt er fr
Nichtigkeiten, die der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die
Englnder den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughuser, Waffen-, Seifen-
und Sgewerke einluden, um ihm zu zeigen, wie berlegen sie uns in allen
diesen Dingen seien und um sich dessen zu rhmen -- da sagte Platow zu
sich selber:

-- Nein, damit aber Schlu. Bis jetzt habe ich noch ruhig zugesehen,
weiter geht das aber nicht mehr. Ob ich zu sprechen verstehe oder nicht,
die Meinigen werde ich nicht preisgeben!

Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, da sprach auch
der Kaiser zu ihm:

So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre Waffenkunstkammer zu
besichtigen. Dort, spricht er, sind solche Vollkommenheiten der Natur,
da, wenn du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten wirst, da
wir Russen mit unserm Wissen gar nichts taugen.

Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte nur seine gekrmmte
Nase auf seinen zottigen berwurf; als er aber in seine Wohnung kam,
befahl er seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen
Branntwein zu bringen, go ein schnes Glas davon hinter die Binde,
betete vor seinem Reiseheiligenbilde zu Gott, hllte sich in seinen
berwurf und fing derart zu schnarchen an, da in dem ganzen Hause kein
Englnder schlafen konnte.

Er dachte: Morgenstund' hat Gold im Mund'.




                                  II


Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst
hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur
einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte.

Sie langten bei einem nicht allzu groen Gebude an -- die Auffahrt ist
unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das
andere, und endlich in dem hauptschlichsten Saale stehen verschiedene
gewaltige Bsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht Abolon
von Polwedere.

Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf
er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe
er gar nichts -- und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart.

Die Englnder begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu
erklren, was bei ihnen fr kriegerische Zwecke eingerichtet ist.
Sturmmesser fr die Marine, Pontonen fr das Fuvolk und geteerte
Segeltcher fr die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude,
alles kommt ihm sehr schn vor, Platow aber bleibt dabei, da fr ihn
das alles gar nichts bedeute.

Der Kaiser spricht: Wie ist denn das mglich? -- Weshalb ist in dir
eine solche Gefhllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts fr
dich zu bewundern?

Platow antwortet: Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, da meine
forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg fhrten und zwlf
Heidenvlker davonjagten!

Der Kaiser spricht: Das ist Unsinn!

Platow antwortet: Ich wei nicht, worauf ich das beziehen soll, zu
streiten wage ich aber nicht und mu schweigen.

Als aber die Englnder eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen
wahrnahmen, fhrten sie ihn sogleich gerade zu dem Abolon von
Polwedere und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der
andern eine Pistole.

Sehen Sie -- sprachen sie -- wie bei uns gearbeitet wird und zeigten
ihm das Gewehr.

Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in
Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole
und sagen:

Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser
Admiral zog sie einem Ruberhauptmann in >Kandelabrien< aus dem Grtel.

Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er
seufzt furchtbar.

Ach, ach, ach ... -- spricht er -- wie kann man nur so, wie kann man
das denn berhaupt so fein machen! -- Und er wendet sich zu Platow und
spricht zu ihm auf russisch: Siehst du, wenn bei mir in Ruland auch
nur _ein_ solcher Meister wre, wrde ich darber uerst glcklich und
stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!

Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in
seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher
heraus. Die Englnder sagen: Das lt sich nicht ffnen! Er aber gibt
gar nicht darauf acht und beginnt das Schlo aufzudrehen. Er dreht
einmal um, zweimal -- das Schlo ist herausgefallen. Platow zeigt dem
Kaiser den Drcker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift:
Iwan Moskwin aus der Stadt Tula.

Die Englnder erstaunen, und einer stt den andern an:

O je, da sind wir hereingefallen!

Der Kaiser aber spricht kummervoll:

Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr
leid. Lat uns abfahren.

Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab;
und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber go ein
noch greres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines
festen Kosakenschlafes.

Es war ihm froh zumute, da er die Englnder in Verlegenheit gebracht
und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm
aber auch verdrielich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen
Gelegenheit die Englnder bemitleidet!

Worber hat sich denn da der Kaiser gegrmt -- dachte Platow -- ich
verstehe das ganz und gar nicht -- und in solchen Gedanken stand er
zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam
einen starken Schlaf zugezogen hatte.

Die Englnder aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht
schlafen, weil es auch ihnen wirbelte. Whrend der Kaiser sich auf dem
Ball vergngte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor,
da diesmal auch Platow alle Phantasie ausging.




                                 III


Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten
Morgen zu wnschen, spricht er zu ihm:

La sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen
Kunstkammern anzusehen!

Platow erkhnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die
fremdlndischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wre,
sich auf den Weg nach Ruland zu machen.

Der Kaiser aber spricht:

Nein, ich wnsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor
mir gebrstet, da man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.

Sie fuhren ab.

Die Englnder zeigten dem Kaiser, was sie fr verschiedene erste Sorten
haben, Platow aber schaut und schaut und spricht pltzlich:

Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker >Chalva<!

Die Englnder wissen nicht, was das bedeutet Chalva. Sie flstern
untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen Chalva? Chalva?,
knnen aber nicht verstehen, da bei uns ein solcher Zucker hergestellt
wird, und mssen zugeben, da es bei ihnen alle Arten Zucker gibt,
Chalva aber nicht.

Platow spricht:

Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch
Tee zu trinken geben mit echtem >Chalva< aus der Bobrinskijschen
Fabrik.

Aber der Kaiser zupfte ihn am rmel und sprach leise zu ihm: Bitte,
verdirb mir nicht die Politik!

Da riefen die Englnder den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in
der ganzen Welt gesammelte Mineralien und Nymphusorien lagen, von der
allergrten gyptischen Pyramide bis zu einem unterhutigen Floh, den
man mit bloem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse
zwischen Haut und Krper verspren konnte.

Der Kaiser fuhr dorthin.

Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging
weg. Platow aber denkt bei sich:

Nun, Gott sei Dank, alles steht gut -- der Kaiser staunt ber gar
nichts.

Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort
ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schrzen und halten eine
Tablette, auf der gar nichts liegt.

Der Kaiser erstaunte sich pltzlich -- da man ihm eine leere Tablette
hinhlt.

Was bedeutet das? fragte er; die englischen Meister aber antworten:
Das ist unser untertniges Geschenk an Eure Majestt!

Was ist es denn?

Aber -- sprechen sie -- geruhen Sie dort ein Krnchen zu sehen?

Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen Tablette liegt
wirklich das allerwinzigste Krnchen.

Die Arbeiter sprechen:

Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Hndchen zu
nehmen.

Was soll mir aber denn das Krnchen?

Dies -- antworten sie -- ist kein Krnchen, vielmehr ein
>Nymphusorium<.

Ist es lebendig?

Keineswegs -- antworten sie -- es ist nicht lebendig, vielmehr ganz
aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und
in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem
Schlssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen! Der Kaiser
ward neugierig und fragt: Wo ist denn aber das Schlsselchen?

Die Englnder sagen:

Hier ist auch der Schlssel, vor Ihren Augen.

Weshalb aber -- spricht der Kaiser -- sehe ich ihn nicht?

Deshalb -- antworten sie -- weil man dazu ein >Winzigglas< braucht.

Man reichte ein Winzigglas, und der Kaiser sah, da tatschlich neben
dem Floh ein Schlsselchen auf der Tablette lag.

Geruhen Sie -- sprachen sie -- es ins Hndchen zu nehmen. Bei ihm im
Buchelchen ist ein Aufziehlchelchen, der Schlssel macht sieben
Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen ...

Mit Mhe erfate der Kaiser dieses Schlsselchen und kaum vermochte er
es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er
das Flhchen, und kaum hatte er das Schlsselchen hineingesteckt, als er
fhlte, wie der Floh sein Schnurrbrtchen zu bewegen begann, dann mit
den Fchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich
ein Dans und zwei Variationen nach der einen Seite zu machen, dann
nach der anderen, und so tanzte er in drei Variationen die ganze
Quadrille.

Der Kaiser befahl sogleich, den Englndern eine Million zu geben, in was
fr Geld sie selber wollten -- sei es in silbernen Fnfkopekenstcken,
sei es in kleinen Assignaten.

Die Englnder baten, man mchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie
sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs
neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral fr
ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber
weder ihn noch das Schlsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren,
und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm
bestand aber in einer Diamantnu, aus einem Stck gemacht -- dem Floh
war ein Pltzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie
nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehre, und in dieser Beziehung
sei es bei ihnen streng: nicht einmal fr den Kaiser drfe man es
opfern.

Platow wollte sich schon sehr erzrnen. Wozu, so spricht er, ein
solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million
dafr erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral, spricht er,
gehrt immer zu jeder Sache.

Der Kaiser aber spricht:

Hr' bitte auf, das ist nicht deine Sache -- verdirb' mir nicht die
Politik. Sie haben ihre Gebruche -- und er fragt: Wieviel kostet
diese Nu, in die der Floh hineingeht?

Die Englnder setzen dafr noch Fnftausend fest.

Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt:

Man soll es ihnen auszahlen, selber aber steckt er den Floh in dies
Nchen, und mit ihm zugleich auch das Schlsselchen. Um aber nicht die
Nu zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die
Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz
ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister
entlie der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: Ihr seid die ersten
Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu
Euch gar nichts.

Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers
nichts widersprechen. Er nahm nur das Winzigglas, ja, und ohne ein
Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. Weil -- spricht er --
es auch dazu gehrt, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!

Der Kaiser wute das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Ruland.
Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen
Militrangelegenheiten in Melancholie verfiel, und er eine geistige
Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er
und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie vllig
verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Englndern sei
niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, da
auch die Unsrigen alles machen knnen, was sie anschauen, nur fehle es
ihnen an ntzlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, da bei den
englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der
Wissenschaft und der Verpflegung gelten und jeder Mensch bei ihnen
alle absoluten Mglichkeiten fr sich habe, und deshalb sei in ihm
auch ein ganz anderer Geist.

Der Kaiser wollte das nicht lange anhren, Platow aber steigt auf jeder
Station aus und trinkt vor Verdru ein Wasserglas Schnaps, beit
gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes
Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so
schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite,
Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und lt den
Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm
aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit.

Du -- spricht er -- bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und
rauchst so viel, da sich von deinem Qualm nur Ru im Kopfe ansetzt!
Platow blieb gekrnkt zurck und legte sich zu Hause auf sein
Verdrusofa, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterla
Schukowschen Tabak.




                                  IV


Der erstaunliche Floh aus gehrtetem Stahl blieb bei Alexander
Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in
Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der
ihn spter der Kaiserin gebe, wenn sie sich getrstet habe. Die Kaiserin
Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lchelte,
beschftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm.

Meine Sache, spricht sie, ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei
Unterhaltungen verfhrerisch, und als sie nach Petersburg zurckgekehrt
war, bergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem
neuen Kaiser zum Erbe.

Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht
die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine
Verwirrung war, spter aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder
hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose
heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnu, und in ihr fand er den
sthlernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich
deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert
wre.

Der Kaiser schaute hin und staunte.

Was ist denn da noch fr eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von
meinem Bruder so aufbewahrt?

Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht:

Nein -- das bedeutet irgend etwas!

Man rief von der Anitschkin-Brcke aus der gegenberliegenden Apotheke
einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte,
und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf
die Zunge und spricht: Ich empfinde Klte wie von einem festen Metall.
Darauf drckte er es leicht mit den Zhnen und erklrte:

Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein
Nymphusorium, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht
die unsrige, nicht russische.

Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute.
Man strzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen --
in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen
auszufragen -- niemand wute etwas. Zum Glck weilte aber damals noch
der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf
seinem Verdrusofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, da
bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner
Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen
seinen Orden. Der Kaiser spricht: Was willst du von mir, tapferer
Greis?

Platow aber antwortet:

Mir, Eure Majestt, ist nichts fr mich selber ntig, da ich esse und
trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber
-- spricht er -- gekommen, wegen dieses >Nymphusoriums< zu berichten,
das man ausfindig machte; das -- spricht er -- war so und so, und
folgendermaen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen -- und
dort bei ihm liegt ein Schlsselchen, ich aber besitze ihren
>Winzigseher<, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlssel durch
das Lchelchen in seinem Buchelchen kann man dies >Nymphusorium<
aufziehen, und es wird hpfen, wo und wann man es wnscht und zur Seite
Variationen machen.

Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht:

Dies, -- spricht er -- Eure Majestt, ist wirklich eine sehr feine
und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, da wir uns darber
lediglich wundern mit entzcktem Gefhl, vielmehr mu man sie russischen
Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk --
Sesterbek) zeigen -- ob nicht unsere Meister erreichen knnen, da die
Englnder sich nicht mehr ber die Russen berheben.

Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte groes Zutrauen zu seinen Leuten und
liebte es nicht, sie irgend einem Auslnder hintanzusetzen, er
antwortete denn auch Platow:

Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich bertrage dir diese Sache.
Ich brauche sowieso dieses Schchtelchen nicht, bei meinen vielen
Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein
>Verdrusofa<, fahre vielmehr zum stillen Don und fhre dort mit meinen
Donzern vertrauliche Gesprche ber ihr Leben, ihre Ergebenheit und was
ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen
Tulaer Meistern dieses >Nymphusorium<, dann mgen sie darber
nachdenken. Sage ihnen von mir, da mein Bruder sich ber dies Ding
erstaunte und die Fremdlnder, die das >Nymphusorium< machten, ber
alles lobte; da ich aber auf die Meinen baue, da sie durchaus nicht
schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und
irgend etwas erfinden.




                                  V


Platow nahm den sthlernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr,
zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, berbrachte ihnen das Wort des
Kaisers und fragte sie dann:

Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtglubige?

Die Waffenschmiede antworteten:

Wir, Vterchen, fhlen das gndige Wort des Zaren und knnen es niemals
vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im
vorliegenden Falle sein wird, das knnen wir in einem Augenblick nicht
entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist,
vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit groem
Verstande betrieben wird. Ihr gegenber, sprechen sie, mu man sich
nach reiflicher berlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du
aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser
Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse
das Flhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen
Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du frs
Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurckkehren wirst -- so
mache Halt und la uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott
es will, irgend etwas ausdenken.

Platow war nicht vllig damit zufrieden, da die Tulaer so viel Zeit
verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie
eigentlich zu tun gedchten. Er frug sie so und anders und sprach auf
jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber
an Schlue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen
solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, da sogar
Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren
Gedanken ausfhren, und dann auch die Sache bergeben.

Sie sprechen:

Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf
Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden
werden.

So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls.

Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, da er die Tulaer
nicht berlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem
Nymphusorium und sprach:

Nun, da ist nichts zu machen; mge es, spricht er, nach eurem Willen
gehen. Ich kenne euch, was ihr fr Leute seid, nun, gleichwohl, da ist
nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, da ihr den
Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit
und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden
nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum
nach Petersburg zurckkehren -- da dann unbedingt etwas dem Kaiser zu
zeigen da sei.

Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf:

Der feinen Arbeit werden wir -- sprechen sie -- keinen Schaden tun,
und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber
Zeit genug, und wann du zurckkehren wirst, wird dir _irgend etwas_
dargeboten, was wrdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu
werden!

Aber _was_ eigentlich, das haben sie nicht gesagt!




                                  VI


Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, drei Mann, die
allerkunstfertigsten -- einer von ihnen schielugig und linkshndig,
trgt auf der Backe ein Muttermal, und an den Schlfen sind ihm die
Haare schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden -- verabschiedeten
sich von ihren Kameraden und Familienangehrigen, und ohne irgend wem
irgend etwas zu sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu
essen ntig ist, und verschwanden aus der Stadt.

Man hatte nur bemerkt, da sie nicht nach dem Moskauer Stadttor gingen,
vielmehr auf die entgegengesetzte Kiewer Seite, und man glaubte, sie
seien nach Kiew gegangen: die verstorbenen Wundertter anzubeten oder
sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen Mnnern zu
beraten, die es immer im berflu in Kiew gab.

Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die Wahrheit selber.
Weder die Zeit noch die Entfernung erlaubten es den Tulaer Meistern, in
drei Wochen zu Fu nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine fr die
englische Nation beschmende Arbeit zu verrichten. Eher htten sie noch
nach Moskau beten gehen knnen, wohin es im ganzen zweimal 90 Werst
sind, und heilige Wundertter gibt es auch dort zu verehren nicht
weniger. Nach der anderen Seite -- bis Orjol, sind es ebensolche zweimal
90 Werst, und ber Orjol hinaus bis Kiew sind es wiederum noch gute 500
Werst. Einen solchen Weg wirst du nicht rasch zurcklegen, und wenn du
ihn zurckgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen -- lange noch
werden dir die Beine steif sein und die Hnde zittern.

Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich vor Platow nur
gebrstet htten, nachher aber, nachdem sie sich die Sache berlegt
hatten, bange geworden und ganz davongelaufen wren, sowohl die goldene
Tabaksdose mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den englischen
sthlernen Floh im Futteral, der ihnen soviel Aufregung verursacht
hatte.

Indes war eine solche Annahme gleichfalls vllig unbegrndet und
kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr die Hoffnung der Nation beruhte,
unwrdig.




                                 VII


Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind
gleichfalls berhmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres
Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar
der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen,
sie wissen vielmehr auch, wie das Bild Der abendliche Klang gemalt
wird. Und wenn jemand von ihnen sich grere Opfer auferlegt und ins
Mnchstum bertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterkonomen
und gehen aus ihnen die allerfhigsten Gabeneinsammler hervor. Auf
dem heiligen Athos aber wei man, da die Tulaer -- das
allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wren, so htten
die dunklen Winkel Rulands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtmer
des fernen Ostens gesehen, und der Athos htte viele ntzliche
Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frmmigkeit entbehren mssen.
Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtmer in unserm ganzen
Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo
eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfllt von
kirchlicher Frmmigkeit und dabei ein groer Praktiker in dieser Sache,
und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen
hatten, Platow zu untersttzen und mit ihm ganz Ruland, durchaus keinen
Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Sden
aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer
Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeieltes
Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerltesten Zeiten
auf einem groen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Flu Suscha
dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und
schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgre
dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von
Angesicht, und in einer Hand hlt er einen Tempel, in der andern -- das
Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem Zeichen des
Sieges war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist
berhaupt der Beschtzer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der
Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu
verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie lieen einen
Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim
steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurck, und
ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer
Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Huschen
zum Linkser, schlossen die Tren und die Fensterlden, entzndeten vor
dem Heiligenbild des Nikolai das Lmpchen und begannen zu arbeiten.

Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie
nur mit den Hmmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber
schmieden -- ist unbekannt.

Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die
Arbeitenden gar nichts erzhlen und sich nach auen nicht zeigen.
Verschiedene Leute gingen zum Huschen, klopften unter mannigfachen
Vorwnden an die Tre, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister
ffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nhrten --
war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne
in der Nachbarschaft ein Haus -- ob sie nicht vor Schrecken
herausspringen wrden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen
geschmiedet sei. Nichts aber verfhrte diese schlauen Meister: einmal
nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus
und schrie:

Brennt ihr nur fr euch, wir aber haben keine Zeit -- und wiederum
verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an
seine Arbeit.

Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das
Feuerchen leuchtete, es war auch zu hren, da feine Hmmerchen auf
feinen Amboen pochten.

Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis
ausgefhrt, da es unmglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei
zog sie sich hin bis gerade zur Rckkehr des Kosaken Platow vom stillen
Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister
niemanden.




                                 VIII


Platow fuhr sehr rasch und mit Zeremonie: selber sa er im Wagen, auf
dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des
Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse.
Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stie ihn Platow
selber aus dem Wagen heraus mit dem Fu, und noch bser jagten sie
dahin. Die Manahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, da man
auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert
Sprnge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann wirkte wiederum
der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur
Auffahrt zurck.

So kamen sie auch in Tula an -- sie flogen um hundert Galoppsprnge an
dem Moskauer Schlagbaum vorber, darauf aber wirkte der Kosak auf den
Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann
bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen.

Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, mglichst rasch
die Handwerker zu ihm zu fhren, denen er den Floh hinterlassen hatte.

Der Kurier kam herbeigelaufen: sie mchten mglichst rasch kommen und
seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Englnder zuschanden
machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm
noch neue Boten nachsandte, damit es mglichst rasch gehe.

Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute
aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor
Ungeduld seinen Fu aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld
hinlaufen und mit den Zhnen knirscht er nur so -- immer scheint es ihm
noch nicht rasch genug.

So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch
keine Minute fr den Nutzen Rulands verloren gehe.




                                  IX


Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet hatten,
beendeten in dieser Zeit grade nur eben ihre Arbeit. Die Boten kamen
keuchend zu ihnen gelaufen, die einfachen Leute aber aus dem neugierigen
Publikum kamen berhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie aus Ungewohntheit
unterwegs ihre Beine verloren hatten und hingestrzt waren, und dann
auch aus Furcht, um Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach
Hause geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt hatten.

Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen sie sogleich zu
schreien an, und wie sie sahen, da die Meister nicht ffneten, begannen
sie sofort ohne Zeremonie die Riegel an den Lden abzureien; die Bolzen
saen aber so fest, da sie nicht im Geringsten nachgaben; sie rissen an
den Tren, die Tren waren aber von innen zugeriegelt mit eichenen
Riegeln. Da nahmen die Boten einen Balken von der Strae, stemmten ihn
nach Art der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben das Dach
von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie nahmen das Dach ab und selber
strzten sie sogleich zu Boden, weil von den Meistern im engen Huschen
von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche Schweispirale
entstanden war, da der Ungewohnte, der aus der frischen Luft kommt,
kein einziges Mal atmen kann.

Die Boten schreien:

Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, da ihr uns auch noch mit
einer solchen >Spirale< zu betuben wagt! Habt ihr etwa keinen Gott
mehr?

Die aber antworten:

Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch das letzte
Ngelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen haben, dann werden wir
unsere Arbeit selber hinaustragen.

Die Boten aber sprechen:

Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts zum Gedchtnis der
Seele zurcklassen.

Die Meister aber sagen:

Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, weil, bis ihr
gesprochen habt, bei uns auch schon dieser letzte Nagel eingeschlagen
ist. Lauft und sagt, da wir die Sache sogleich bringen.

Die Boten liefen, waren aber nicht berzeugt -- sie glaubten, da die
Meister sie betrgen wrden; und deshalb liefen sie zwar so rasch sie
konnten, sie schauten sich aber stndig um; die Meister kamen aber
hinter ihnen her und eilten so sehr, da sie sich sogar nicht vllig
angekleidet hatten, wie es sich gehrt, um vor einer wichtigen
Persnlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr noch im Gehen die
Haken an ihren Rcken. Zwei von ihnen trugen berhaupt nichts in Hnden,
der dritte aber, der Linkser, hielt im grnen Futteral die zarische
Schatulle mit dem englischen sthlernen Floh.




                                  X


Die Boten laufen zu Platow und sprechen:

Da sind sie jetzt selber hier!

Platow spricht sogleich zu den Meistern:

Ist es fertig?

Alles, antworten sie, ist fertig!

Gebt her!

Sie gaben es.

Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann und Vorreiter an
ihrem Platz. Die Kosaken setzten sich sogleich schon neben den Fuhrmann
und erhoben die Nagaiken ber ihn, und so ausholend halten sie sie auch.

Platow ri das grne Futteral ab, ffnete die Schatulle, nahm aus der
Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die brillantene
Nu -- und sieht: der englische Floh liegt dort wie er war, aber auer
ihm ist nichts weiter da.

Platow spricht:

Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der ihr den Kaiser
erfreuen wolltet?

Die Waffenschmiede antworten:

Da ist auch unsere Arbeit!

Platow spricht:

Worin ist sie denn beschlossen?

Die Waffenschmiede antworten:

Wozu das erklren? Alles ist hier vor Eurem Blick -- schaut nur selber
zu!

Platow zuckt die Achseln und schreit:

Wo ist aber der Schlssel zum Floh?

Aber da -- antworten sie -- wo der Floh ist, da ist auch der
Schlssel, in derselben Nu!

Platow wollte den Schlssel fassen, die Finger waren aber bei ihm zu
kurz und zu dick; er bemhte sich lange Zeit -- konnte aber auf keine
Weise weder den Floh erfassen, noch das Schlsselchen zu dem Uhrwerk in
seinem Bauch. Pltzlich erzrnte er sich und begann zu schimpfen auf
kosakische Art.

Er schrie:

Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, ja dazu noch am Ende
gar die ganze Sache verdorben! Ich werde euch den Kopf abreien!

Die Tulaer geben ihm zur Antwort:

Ganz umsonst beleidigen Sie uns so -- wir mssen von Ihnen, als dem
Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen erdulden. Deswegen aber,
weil Sie an uns zweifelten und glaubten, da wir sogar den kaiserlichen
Namen zu betrgen fhig seien -- werden wir Ihnen jetzt das Geheimnis
unserer Arbeit nicht erffnen. Geruhen Sie doch dieses Ding zum Kaiser
zu bringen -- er wird erkennen, was fr Leute er an uns hat, und ob er
sich unserer zu schmen braucht!

Platow schrie:

Nun, so lgt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich aber von euch nicht
so trennen, vielmehr wird einer von euch mit mir nach Petersburg fahren,
und ich werde schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten sind!

Damit streckte er die Hand aus, fate mit seinen kurzen Fingern den
schielugigen Linkser am Kragen, so da bei ihm alle Haken vom Rock
abflogen, und stie ihn zu sich in den Wagen, zu seinen Fen.

Sitze hier -- spricht er -- bis nach Petersburg, wie ein Pudel. Du
wirst mir alle verantworten. Ihr aber, spricht er zu den Boten, jetzt
heida! Sperrt nicht das Maul auf, damit ich bermorgen in Petersburg
beim Zaren bin!

Die Meister wagten nur fr ihren Kameraden einzutreten: Wie denn, Sie
werden ihn von uns so ohne ein >Tugament< wegfhren? Ihm wird es
unmglich sein, zurckzukommen! Platow aber zeigte ihnen statt der
Antwort nur die Faust, eine so furchtbare -- sie ist rotbraun, ganz mit
Narben bedeckt, und irgendwie zusammengewachsen -- und drohend spricht
er: Da habt ihr das >Tugament<! Den Kosaken aber schrie er zu:

Heida, Kinder!

Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde -- alles begann gleichzeitig
zu arbeiten, und man entfhrte den Linkser ohne Dokument; und einen Tag
spter, wie Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast des
Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehrte, fuhren sie bei
den Sulen vorbei.

Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum Kaiser, befahl aber den
ihn begleitenden Kosaken, den schielugigen Linkser beim Eingang zu
bewachen.




                                  XI


Platow frchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, weil Nikolai
Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedchtnis behielt; nichts pflegte er
zu vergessen. Platow wute, da er ihn unbedingt nach dem Floh fragen
werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen Welt frchtete, so
frchtete er sich in diesem Falle doch: er ging ins Schlo mit der
kleinen Schatulle und stellte sie ganz leise im Saal hinter den Ofen.

Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow zum Kaiser ins
Kabinett und begann rasch zu berichten, was die Kosaken am stillen Don
fr Gesprche unter einander fhren. Er beschlo so: hiermit den Kaiser
zu beschftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen und von
dem Floh beginnen werde, werde es ntig sein, ihn herzugeben und Rede zu
stehen; wenn er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die
Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen und den Tulaer Linkser
auf unbestimmte Zeit in eine Festungskasematte zu stecken, damit er dort
sitze bis zu der Zeit, da man seiner bedrfen werde.

Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, und kaum
hatte Platow seinen Bericht ber die Gesprche der Kosaken untereinander
geendet, so fragte er ihn auch schon sogleich:

Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister sich gerechtfertigt
gegenber dem englischen >Nymphusorium<?

Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu sein schien.

Das >Nymphusorium< -- spricht er -- Eure Majestt, ist immer noch auf
der Welt, und ich habe es zurckgebracht, die Tulaer Meister haben aber
nichts Erstaunliches zu tun vermocht.

Der Kaiser antwortet:

Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da vorbringst, kann
nicht so sein.

Platow begann ihn zu berzeugen und erzhlte, wie die ganze Sache
verlief, und als er bis dahin gelangt war, da die Tulaer ihn baten, den
Floh dem Kaiser zu zeigen, da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die
Schulter und sagte:

Bring her. Ich wei, da die Meinigen mich nicht betrgen knnen. Da
ist irgend etwas ber das Verstehen hinaus geschehen!




                                 XII


Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die
Decke, enthllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nu -- in
ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er frher
gelegen hatte.

Der Kaiser schaute hin und sprach:

Das ist eine List! -- Aber von seinem Glauben an die russischen
Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter
Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr:

An deinen Hnden hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlsselchen
und ziehe rasch in diesem >Nymphusorium< die Bauchmaschine auf!

Die Prinzessin begann mit dem Schlsselchen zu drehen, und der Floh
bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Fen rhrte er sich
nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das
Nymphusorium tanzte trotzdem kein Dans und lie keine einzige
Variation los wie vordem.

Platow ward ganz grn und schrie:

Ach, das sind hndische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir
dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, da ich einen Dummkopf von
ihnen mit mir nahm!

Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren
und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, da die Haarbschel nur
so flogen. Jener aber, als Platow aufhrte, ihn zu schlagen, machte sich
nur zurecht und spricht:

Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich
wei nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung
vornimmt?

Das ist deshalb -- spricht Platow -- weil ich auf euch hoffte und
mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!

Der Linkser antwortet:

Gar sehr sind wir zufrieden, da du dich fr uns verpflichtetest,
verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das
allerstrkste >Winzigglas<.

Platow lief zurck, um von dem >Winzigschauer< zu erzhlen, dem Linkser
aber drohte er nur:

Ich werde dir -- spricht er -- du ... so und so ... noch etwas geben
...

Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch strker die Ellenbogen
zurckzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und
spricht sein Gebet: Gesegnete Mutter des gesegneten Knigs,
Allerreinste und Reine ... usw., wie es sich gehrt. Die zarischen
Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und
denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem
Schlo wegjagen -- denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner
Tapferkeit.




                                 XIII


Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der
sogleich mit Freuden:

Ich wei, da meine Russen mich nicht betrgen werden -- und befahl,
den Winzigschauer auf einem Kissen zu reichen.

In einem Augenblick ward der >Winzigschauer< gebracht, und der Kaiser
nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rcken nach
oben, dann mit der Seite, dann mit dem Buchelchen -- mit einem Worte,
man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor
aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur:

Man fhre jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich
hierher zu mir.

Platow berichtet:

Man mte ihn umkleiden -- er ward genommen wie er war und ist jetzt
gar sehr in schlechtem Aussehen.

Der Kaiser aber antwortet:

Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.

Platow spricht:

Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu
antworten.

Der Linkser aber sagt:

Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!

Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im
Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ltlich, die
Haken schlieen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen;
er geniert sich aber garnicht.

Wie denn -- denkt er -- wenn es dem Zaren gefllig ist, mich zu sehen
-- so mu ich eben kommen; wenn ich aber kein >Tugament< habe -- so bin
ich daran unschuldig und werde erzhlen, wie sich die Sache zutrug.

Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich
schon zu ihm:

Was bedeutet das denn, Brderchen, da wir so und so zuschauten und den
Floh unter den >Winzigschauer< legten, aber nichts Bemerkenswertes
erschauten.

Der Linkser aber antwortet:

Haben Sie, Euer Majestt, denn richtig zu schauen geruht?

Die Hflinge geben ihm ein Zeichen: Du sprichst nicht so, wie 's sich
gehrt! Er aber versteht nicht, wie es ntig ist auf Hflingsart mit
Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der
Kaiser spricht:

Hrt doch auf, ihn zu schulmeistern -- er soll antworten, wie er es
versteht.

Und sogleich erklrte er ihm:

Wir, spricht er, haben ihn so hingelegt -- und er legte den Floh
unter den Winzigschauer. Schau nur selber; spricht er -- es ist
nichts zu sehen.

Der Linkser antwortet:

Euer Majestt, so ist es auch gar nicht mglich, irgend etwas zu sehen,
weil nmlich unsere Arbeit gegenber einem solchen Mastab bei weitem
geheimnisvoller ist.

Der Kaiser fragte:

Wie soll man dann aber?

Man mu߫ -- spricht er -- nur sein einzelnes Fchen unter den ganzen
>Winzigschauer< fhren und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen,
womit er auftritt.

Erbarme dich, sag' einmal -- spricht der Kaiser -- dies ist schon
allzufein.

Aber was soll man denn machen -- antwortet der Linkser -- wenn man
nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze
Staunen offenbaren.

Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der
Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so --
er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll
Staub -- umarmte ihn und kte ihn, darauf aber wandte er sich an alle
Hofleute und sagte:

Seht ihr, ich wute besser als ihr alle, da meine Russen nicht
versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh
Hufeisen angeschmiedet!




                                 XIV


Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der Floh trug tatschlich an
allen seinen Fen wirkliche Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, da
auch dies nicht das ganze Erstaunliche sei.

Wenn -- spricht er -- ein besserer >Winzigschauer< da wre, der
fnfmillionenmal vergrert, so wrden Sie, spricht er, geruhen zu
erschauen, da auf jedem Hufeisenchen der Name steht: welcher russische
Meister dieses Hufeisen schmiedete.

Ist auch dein Name dabei?

Keineswegs -- antwortet der Linkser -- eben mein Name fehlt nur.

Weshalb denn?

Aber deshalb -- spricht er -- weil ich noch feinere Arbeit leistete:
Ich schmiedete die Ngelchen, mit denen die Hufeisen angeschlagen sind
-- die vermag schon kein >Winzigschauer< zu erfassen.

Der Kaiser fragte:

Wo ist dann aber euer >Winzigschauer<, mit dem ihr dieses Wunder
vollbringen konntet?

Der Linkser antwortet:

Wir sind arme Leute und haben wegen unserer Armut keinen
>Winzigschauer<, bei uns ist vielmehr unser Auge so gewhnt.

Da begannen auch die brigen Hflinge, sehend, da die Sache des
Linksers gewonnen war, ihn zu kssen. Platow aber gab ihm hundert Rubel
und sprach:

Verzeih' mir, Brderchen, da ich dich an den Haaren zog!

Der Linkser antwortet:

Gott wird dir verzeihen -- da ist uns nicht zum ersten Male ein solcher
Schnee auf den Kopf gefallen!

Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine Zeit mit irgendwem zu
sprechen, weil der Kaiser befahl, schon sogleich dieses behufte
Nymphusorium einzupacken und nach England zurckzuschicken -- in der
Art eines Geschenkes, damit man dort verstehe, da uns dies nicht
erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, da ein besonderer Kurier,
der alle Sprachen versteht, den Floh bringen, und da sich der Linkser
bei ihm befinden solle, damit er selber den Englndern die Arbeit zeigen
knne, und was es fr Meister bei uns in Tula gibt.

Platow bekreuzte ihn:

Mge -- spricht er -- ber dir Segen sein, auf den Weg aber werde ich
dir meinen eigenen Bittern senden. Trinke nicht viel und nicht wenig,
trinke vielmehr mittelmig!

So tat er auch -- er schickte ihm seinen Bittern.

Graf Kiselwrode aber befahl, da man den Linkser in den Tuljakowschen
ffentlichen Bdern bade, ihm beim Barbier die Haare schneide und ihm
einen Paradekaftan von einem Hofsnger anziehe, damit es so aussehe, als
habe er irgend einen besondern Rang.

Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise mit Tee und
Platowschem Bittern getrnkt hatten, zogen sie ihm den Grtelriemen
mglichst eng, damit die Drme nicht schlotterten, und fhrten ihn nach
London. Von daher bekam der Linkser auch auslndische Ansichten zu
schauen.




                                  XV


Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so da sie von
Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf
jeder Station den Grtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedrme
nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der
Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine
Schnapsportion nach Gutdnken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu
essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch
russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf auslndische Weise: --
ai -- ljuli -- ssee tree schuli.

Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es ntig war,
gab die Schatulle ab, fhrte den Linkser in ein Gasthaus und mietete fr
ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte
es zu essen. Er pochte an die Tre und deutete sich vor dem Aufwartenden
auf den Mund. Der aber fhrte ihn sogleich schon in das
Speisenempfangszimmer.

Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf
englisch zu fragen -- versteht er aber nicht. Darauf erriet er es:
wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich
auf den Mund -- die Englnder erraten und tragen auf, nur nicht immer
das, was ntig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht pat. Man
gab nach ihrer Zubereitung heien Pudding im Feuer. Er spricht: ich
wei nicht, da man so etwas essen kann -- und a auch nicht. Sie
tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er
nicht ihren Schnaps trinken, weil er grn war -- als sei er mit Grnspan
angesetzt. Er whlte vielmehr das Allernatrlichste und erwartete den
Kurier gemtlich hinter einem Flschchen.

Die Leute aber, denen der Kurier das Nymphusorium gegeben hatte,
beschauten es alsogleich durch den allerstrksten Winzigschauer und
sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die ffentlichen
Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein Kleveton
erscheine.

Diesen Meister aber -- sagen sie -- wollen wir sogleich sehen.

Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den
Speisenempfangsraum, wo sich unser Linkser bereits gehrig gertet
hatte und spricht: Da ist er!

Die Englnder schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie
einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: Kamerad, sprechen sie,
du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst spter,
jetzt aber lat uns auf dein Wohl trinken!

Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber
wollte aus Hflichkeit nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht
wollt ihr mich aus Verdru vergiften.

Nein, spricht er, das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der
Herr voran -- trinkt selber zuerst!

Die Englnder kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm
einzuschtten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und
trank auf ihrer aller Gesundheit.

Sie bemerken, da er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den
Kurier:

Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?

Der Kurier antwortet:

Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von
russischem Glauben.

Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?

Der Kurier spricht:

Er ist -- ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.

Die Englnder verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und
dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage
nacheinander, und dann sprachen sie: Jetzt ist es genug! Jeder trank
einen Symphon Wasser mit Jerphiks, sie wurden danach vllig frisch
und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie
weit er die Arithmetik verstehe?

Der Linkser antwortet:

Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der
Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.

Die Englnder schauen einander an und sprechen:

Das ist erstaunlich!

Der Linkser antwortet:

Bei uns ist das berall so.

Was ist das aber -- fragen sie -- fr ein Buch in Ruland >der
Traumdeuter<?

Das spricht er -- ist ein Buch, das sich darauf bezieht, da, wenn
Knig David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht
deutlich genug erklrte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergnzung.

Das ist schade, besser wre es, ihr wtet etwas aus der Arithmetik,
wenn auch nur die vier Spezies, -- das wre euch bei weitem ntzlicher
als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann knntet ihr euch vorstellen,
da in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch
sehr kunstvoll mit den Hnden seid, habt ihr nicht wissen knnen, da
ein so kleines Maschinchen, wie in dem >Nymphusorium<, auf die
allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen
kann. Deshalb springt auch jetzt das >Nymphusorium< nicht und tanzt kein
>Dans<.

Der Linkser stimmte bei.

Darber -- spricht er -- gibt es keinen Streit, da wir in den
Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu
ergeben.

Die Englnder aber sagen ihm:

Bleibt bei uns; wir werden Euch eine groe Gebildetheit beibringen, und
aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.

Damit war aber der Linkser nicht einverstanden.

Ich -- spricht er -- habe zu Hause Eltern.

Die Englnder erklrten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der
Linkser nahm aber nicht an.

Wir -- spricht er -- hngen an unserer Heimat, und mein Vterchen
oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und
gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier
in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.

Ihr -- sprechen sie -- werdet Euch gewhnen. Ihr werdet unsern
Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.

Dies antwortet der Linkser wird niemals sein knnen.

Weshalb denn?

Weil -- antwortet er -- unser russischer Glaube der allerrichtigste
ist, und wie unsere Vorvter glaubten, genau so sollen auch die
Nachkommen glauben.

Ihr -- sprechen die Englnder -- kennt nicht unsern Glauben: wir sind
von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.

Das Evangelium -- antwortet der Linkser -- ist tatschlich bei allen
eines, nur sind unsere Bcher dicker als eure, und auch der Glaube ist
bei uns >voller<.

Weshalb knnt Ihr das so beurteilen?

Wir haben dafr -- antwortet er -- alle augenscheinlichen Beweise.

Welche?

Aber solche: -- antwortet er -- bei uns gibt es sowohl wunderttige
Heiligenbilder, ltropfende Schdel und Reliquien, bei euch aber gibt es
gar nichts, und sogar auer dem einen Sonntag keinerlei auerordentliche
Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer
Englnderin zu leben, mgen wir auch nach dem Gesetze getraut sein,
konfus sein.

Weshalb denn das? -- fragen sie. -- Ihr braucht die unsrigen nicht
gering zu schtzen -- sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind
wirtschaftlich.

Der Linkser aber spricht:

Ich kenne sie nicht!

Die Englnder antworten:

Das ist nicht wichtig -- Ihr werdet sie kennen lernen knnen. Wir
werden euch ein >Grandewu< bereiten.

Der Linkser ward verschmt.

Weshalb spricht er umsonst die Mdchen irrefhren, und er bedankte
sich. Ein >Grandewu< spricht er -- das ist eine Sache fr
Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in
Tula, erfahren wird, wird man ber mich ein groes Gelchter anstimmen.

Die Englnder wurden neugierig.

Wenn aber -- sprechen sie -- ohne >Grandewu<, wie verfhrt man dann
bei euch in solchen Fllen, um eine angenehme Wahl zu treffen?

Der Linkser erklrte ihnen unsere Lage:

Bei uns -- spricht er -- wenn ein Mann hinsichtlich eines Mdchens
eine ernsthafte Absicht erffnen will, so sendet er ein >redsames< Weib,
und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man hflich ins Haus, und
das Mdchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in
Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.

Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gbe es keine redsamen
Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingefhrt.

Der Linkser aber spricht:

Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befat,
so mu man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer
fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mdchen
irrefhren?

Er gefiel den Englndern auch in diesen seinen Urteilen, so da sie
wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der
Hand zu schlagen, selber aber fragen sie:

Wir -- sprechen sie -- wnschten einzig und allein aus Neugierde zu
wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mdchen bemerkt
habt, und weshalb Ihr sie meidet?

Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen:

Ich tadle sie nicht, mir gefllt nur nicht, da die Kleidung um sie
herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich
angezogen ist und fr welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und
weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Hnden
aber so eine Art Strmpfe. Ganz genau wie ein Affe -- >sapajou< --
>Plschtalma<!

Die Englnder brachen in Lachen aus und sprechen:

Was fr ein Hindernis liegt denn fr Euch darin?

Ein Hindernis -- antwortet der Linkser -- ist das nicht, ich frchte
nur, da es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie
sich aus dem allen herausschlen wird!

Ist denn wirklich -- sprechen sie -- euere >Fasson< besser?

Unsere Fasson -- antwortet er -- ist in Tula einfach: jede geht in
ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch
die groen Damen!

Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort go man ihm Tee ein und
fragte:

Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?

Weil wir -- spricht er -- nicht gewohnt sind s zu trinken! Darauf
gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeien. Ihnen scheint es,
da es so schlechter sei, er aber spricht: Nach unserm Geschmack ist es
so wohlschmeckender.

Durch gar nichts vermochten die Englnder ihn zu bestimmen, da er sich
an ihr Leben fessele; sie berredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als
Gast zu bleiben, sie wrden ihn in dieser Zeit durch verschiedene
Werksttten fhren und ihm ihre Kunst zeigen.

Darauf aber -- sprechen sie -- werden wir ihn auf unserm eigenem
Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.

Damit war er einverstanden.




                                 XVI


Die Englnder nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier
aber schafften sie zurck nach Ruland. Obgleich der Kurier einen Rang
hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht fr
ihn, fr den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn
zu fhren und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion,
sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sgewerke, und alle ihre
wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich
der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen stndig satt und
nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trgt geeignete Kleidung und
ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den
Fu verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen,
vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verstndnis. Jedem hngt eine
Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel:
bei allem, was nur ein Meister macht -- schaut er auf die Tabelle und
vergleicht mit Verstndnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem
Tfelchen, anderes streicht er aus und fhrt es akkurat aus: Was mit
Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber
Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stckchen,
und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanstndig, wie es sich gehrt.

Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten,
aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen
Gegenstand, da die Englnder sehr staunten. Nicht so sehr interessiert
es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die
alten befinden. berall geht er umher, lobt und spricht:

Das knnen auch wir so.

Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt -- steckt er den Finger in den
Lauf, fhrt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt:

Das -- spricht er -- ist unvergleichlich besser als bei uns.

Die Englnder vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser
bemerkt, er aber fragt:

Kann ich nicht -- spricht er -- wissen, ob unsere Generle dies
irgendwann anschauten oder nicht?

Man sagte ihm:

Die hier waren, die mssen es wohl gesehen haben.

Wie aber -- spricht er waren sie: in Handschuhen oder ohne?

Eure Generle -- sprechen sie -- sind ausgeputzt, sie gehen immer in
Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.

Der Linkser sagte gar nichts. Pltzlich aber begann er unruhig zu werden
und sich zu grmen und spricht zu den Englndern:

Ergebenst danke ich euch fr alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei
euch sehr zufrieden, und alles, was mir ntig war zu schauen, habe ich
schon erschaut, jetzt aber mchte ich mglichst rasch nach Hause!

Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurckzuhalten. Zu Lande
konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf
dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und
strmisch; er aber bestand darauf: Lat mich ziehen!

Wir -- sprechen sie -- haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird
Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der
finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche >festlndische<
Meer.

Dies ist alles einerlei -- antwortete er -- weshalb sterben -- alles
ist der Wille Gottes, ich aber wnsche mglichst rasch nach der Heimat
zurckzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstrung holen kann.

Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurck: man ftterte ihn, belohnte ihn
mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit Trepetir,
gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit Windkapuze auf den
Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und fhrten ihn auf das
Schiff, das nach Ruland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten
Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit
den brigen Herrschaften in der Kajte zu sitzen, und es war ihm
peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das Present
und fragte:

Wo ist unser Ruland?

Der Englnder, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit
dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut
ungeduldig nach der heimatlichen Seite.

Als sie aus der Bucht ins festlndische Meer kamen, da berkam ihn
eine solche Sehnsucht nach Ruland, da man ihn auf keine Weise
beruhigen konnte. Die Wasserstrmung war furchtbar, aber der Linkser
geht immer nicht hinunter in die Kajte -- er sitzt unter dem >Present<,
hat die Kapuze vorgerckt und schaut nach dem Vaterland.

Oftmals kamen die Englnder, um ihn in den warmen Raum nach unten zu
rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu
schimpfen.

Nein -- antwortet er -- mir ist es besser hier drauen, sonst wird
aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen
werden.

So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht
hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglck
unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte
nicht genug darber staunen, da ein russischer Landmensch auch so alle
Unwetter aushalte.

Ein forscher Kerl -- spricht er -- der Russe. Lat uns trinken!

Der Linkser trank.

Der Bootsmann sagt:

Noch!

Der Linkser trank noch, und sie betranken sich.

Der Bootsmann fragt ihn auch:

Was fr ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Ruland?

Der Linkser antwortet: Das ist meine Sache!

Aber wenn so -- antwortet der Bootsmann -- so la uns eine englische
Wette eingehen.

Der Linkser fragt:

Was fr eine?

Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles in gleicher Weise
-- was der eine, das unbedingt auch der andere, und wer den andern
bertrinkt, der ist auch obenauf.

Der Linkser denkt: der Himmel bewlkt sich, den Bauch treibt es auf --
die Langeweile ist gro, der Weg ist lang, und die Heimat hinter der
Welle nicht sichtbar -- die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger
sein.

Schn -- spricht er -- es gilt!

Nur, da es ehrlich zugehe!

Ja, schon darber, spricht er, beunruhigt Euch nicht!

Sie wurden einig und gaben einander die Hand.




                                 XVII


Die Wette begann noch im festlndischen Meere, und sie tranken bis zur
Rigaschen Dnamnde, aber sie tranken immer gleich und gaben einer dem
andern nicht nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, da,
wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem Wasser der Teufel
hervorkriecht, sich sogleich auch dem andern ganz dasselbe offenbarte.
Nur, da der Bootsmann einen rothaarigen Teufel sieht, whrend der
Linkser sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr.

Der Linkser spricht:

Bekreuze dich und drehe dich weg -- das ist der Teufel aus der
Meerestiefe.

Der Englnder aber streitet:

Das ist ein Taucher.

Willst du -- spricht er -- so will ich dich ins Meer schleudern, aber
frchte dich nur nicht, er wird dich mir sogleich zurckgeben.

Der Linkser aber antwortet:

Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.

Der Bootsmann nahm ihn auf den Rcken und trug ihn zum Bord.

Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten das dem Kapitn mit;
der aber befahl, sie beide unten einzuschlieen und ihnen Rum und Wein
zu geben und kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre Wette
ausrichten knnten. Aber den heien Studing ihnen brennend zu geben
verbot er, damit bei ihnen im Innern der Spiritus sich nicht entznden
knne.

So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, und jene Wette
hatte keiner an den andern verloren, dort aber legte man sie auf gleiche
Tragbahren und brachte den Englnder ins Gesandtenhaus auf dem
Englischen Quai, den Linkser aber ins Polizeirevier.

Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden.




                                XVIII


Als man den Englnder ins Gesandtenhaus gebracht hatte, rief man
sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu ihm. -- Der Arzt befahl, ihn
in seiner Gegenwart in eine warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber
drehte sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in den Mund,
darauf aber legten sie ihn beide zusammen auf ein Federbett, bedeckten
ihn mit einem Pelz und lieen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand
stre, ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, da niemand
zu niesen wage. Es warteten der Arzt und der Apotheker, bis der
Bootsmann eingeschlafen war, und dann bereiteten sie ihm eine zweite
Guttaperchapille, legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und
gingen hinaus.

Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den Fuboden und man
fragte ihn: Wer er ist, und von woher, und ob er einen Pa, oder ein
anderes Tugament besitze?

Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom langen Schwanken so
schwach geworden, da er kein Wort antwortet, vielmehr nur sthnt.

Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm sein Kleid ab, nahmen
ihm auch die Trepetiruhr und das Geld, und ihn selber befahl der
Polizeimeister in der ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus
abzuliefern.

Der Schutzmann fhrte den Linkser hinaus, um ihn auf einen Schlitten zu
setzen, lange konnte er aber keinen einzigen Kutscher festkriegen, weil
sie alle vor dem Polizisten davonlaufen. Der Linkser aber lag diese
ganze Zeit ber auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann erwischte der
Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne die warme Pelzdecke, weil sie sie in
solchem Falle unter sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten
mglichst rasch die Fe kalt werden sollen. Man fuhr den Linkser so,
unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke auf die andere bersetzen,
lassen sie ihn immer fallen, wenn sie ihn aber aufheben, dann reien sie
ihn an den Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn in ein
Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; man bringt ihn in ein
anderes -- auch dort nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und
in ein viertes -- bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn ber alle
entfernten Krummwege und setzten ihn immer so von einem Schlitten auf
einen andern, da er sich vllig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem
Schutzmann, man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus bringen --
wo man alle von unbekanntem Stande zum Sterben aufnimmt.

Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser aber bis zur
Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen.

Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe Zeit am andern Tage
auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, a zum leichten Frhstck
ein Huhn mit Reis, trank Schnaps und sprach:

Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn suchen gehen!

Er zog sich an und lief davon.




                                 XIX


Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch den Linkser, man hatte
ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, er lag vielmehr im Korridor auf dem
Fuboden und beklagte sich vor dem Englnder:

Ich mte -- spricht er -- unbedingt zwei Worte dem Kaiser sagen.

Der Englnder lief zum Grafen Kleinmichel und machte Lrm.

Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz trgt, so hat er doch
eine Menschenseele.

Den Englnder jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung fort -- damit er
nur nicht wage, an die Menschenseele zu erinnern. Darauf aber sagte ihm
irgend jemand:

Geh' du lieber zum Kosak Platow -- er hat einfache Gefhle.

Der Englnder traf Platow an, der jetzt wiederum auf der Kouschette lag.
Platow hrte ihm zu und erinnerte sich des Linksers.

Wie denn, Brderchen -- spricht er -- ich bin sehr nahe mit ihm
bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren gezogen; ich wei nur nicht,
wie ich ihm in einer so unglcklichen Lage helfen kann, weil ich schon
ausgedient habe und vllige Entlassung erhielt. Jetzt achtet man nicht
mehr auf mich. Du aber laufe mglichst rasch zum Kommandanten Skobelew,
er ist in der Macht und gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren -- er
wird irgend etwas tun.

Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzhlte alles: was fr eine
Krankheit der Linkser hat und woher sie stammt. Skobelew spricht:

Ich verstehe diese Krankheit, nur knnen sie die Deutschen nicht
heilen, da braucht man vielmehr einen Arzt aus dem geistlichen Stande,
weil die in diesen Sachen heranwachsen und zu helfen vermgen; ich werde
sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij dahin schicken.

Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der Linkser schon am
Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe zerschlagen worden war.
Und er vermochte nur eines vernehmlich zu sprechen:

Sagt dem Kaiser, da man bei den Englndern die Gewehre nicht mit
Ziegel reinigt. Mgen sie auch bei uns sie nicht so reinigen, sonst,
behte Gott, sollte ein Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schieen.

Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser und starb.

Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen Tschernyschow zu
berichten, damit der es dem Kaiser hinterbringe. Graf Tschernyschow aber
schrie ihn an:

Wisse -- spricht er -- deine Brech- und Abfhrmittel, mische dich
aber nicht in das, was nicht deine Sache ist -- in Ruland gibt es dafr
Generle.

Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese Reinigung der
Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. Als man damals die Gewehre
lud, wackelten die Kugeln in ihnen hin und her, weil die Lufe mit
Ziegel gereinigt waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow an
den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht:

Geh zum Teufel, >Plesirspitze<, mische dich nicht in das, was nicht
deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, da ich von dir hierber
hrte -- dann wirst du selber hereinfallen.

Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, und so schwieg
er auch.

Htte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit dem Kaiser
hinterbracht, so htte der Kampf mit dem Feinde in der Krim eine ganz
andere Wendung genommen.




                       Nachwort des Verfassers


Heute ist dies alles schon -- Sache vergangener Zeiten und
berlieferung des Altertums, wenn auch eines nicht weit
zurckliegenden; es liegt indes keine Notwendigkeit vor, diese
berlieferungen rasch zu vergessen, ungeachtet des mrchenhaften
Zuschnitts der Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden.
Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich dem Namen vieler grter
Genies, fr immer fr die Nachkommenschaft verloren; aber als durch die
Volksphantasie verkrperte Mythe bleibt er interessant, und seine Taten
knnen zur Erinnerung dienen an eine Epoche, deren allgemeiner Geist
scharf und richtig erfat ward.

Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es jetzt, versteht sich,
schon nicht mehr in Tula: die Maschinen glichen die Ungleichheit der
Talente und Begabungen aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf gegen
Flei und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes zwar der Erhhung des
Arbeitslohnes gnstig, nicht aber dem knstlerischen Wagemut, der
freilich manchmal auch nicht Ma hielt, indem er die Volksphantasie zum
Schaffen derartiger, heute mrchenhafter Legenden begeisterte.

Die Arbeiter wissen natrlich die Vorteile zu schtzen, die ihnen durch
die praktischen Vorrichtungen der mechanischen Wissenschaft geboten
werden, an die frhere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe.
Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr menschlichen Seele.




                             Anmerkungen


Seite 221. Abolon von Polwedere (statt Appolo von Belvedere) wrtlich
vom halben Eimer (Schnapsma).

Seite 224. Chalva dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz von Nssen.

Seite 226. Winzigschauer fr Mikroskop.

Seite 230. Unter Verwirrung ist der Dekabristenaufstand gemeint.

Seite 236. Das Bild Der abendliche Klang ist ein bekanntes
Andachtsbild.

Seite 244. Tugament gleich Dokument. (Eigentlich Pa߫).

Seite 252. Graf Kiselwrode wrtlich Fruchtbreiartig, gemeint ist
wohl Nesselrode.

Seite 253. Kleveton gleich Feuilleton.

Seite 255. Jer heit ein unausgesprochener russischer Buchstabe, der
die harte Aussprache einen Endkonsonanten bezeichnet. Jerphiks mu
hier einen hnlich klingenden englischen Schnaps bedeuten.

Seite 262. Uhr mit Trepetir gleich Repetieruhr.

Seite 262. Present soll heien Bresent. Hier Winddach auf Deck.

Seite 265. Studing gleich Puding.

Seite 269. Plesierspitze gleich Klistierspitze.

                    Hof-Buch- und -Steindruckerei
                     Dietsch & Brckner in Weimar




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
Originaltexte, wie hier aufgefhrt korrigiert (vorher/nachher):

   [S. 34]:
   ... losreien konnnte. Es kam vor, da der Br, in den sich so ...
   ... losreien konnte. Es kam vor, da der Br, in den sich so ...

   [S. 37]:
   ... Gabelmuskete die ttliche Kugel ab. ...
   ... Gabelmuskete die tdliche Kugel ab. ...

   [S. 37]:
   ... Krperbau, so da er eher einem rieengroen Griffon ...
   ... Krperbau, so da er eher einem riesengroen Griffon ...

   [S. 41]:
   ... Das war das Signal fr den alten frnzsischen Kammerdiener ...
   ... Das war das Signal fr den alten franzsischen Kammerdiener ...

   [S. 41]:
   ... der bevorstehenden Brenjad als Reserveschtzen einen ...
   ... der bevorstehenden Brenjagd als Reserveschtzen einen ...

   [S. 45]:
   ... Nun begann man ihn mit Schneeballen zu bewerfen ...
   ... Nun begann man ihn mit Schneebllen zu bewerfen ...

   [S. 48]:
   ... Vorhergehende und ungewhlich rhrend war. ...
   ... Vorhergehende und ungewhnlich rhrend war. ...

   [S. 54]:
   ... und Sgaranell machte diese letztere Hypothese ...
   ... und Sganarell machte diese letztere Hypothese ...

   [S. 67]:
   ... Beide junge Leute waren gleich gewhnlich und verdienen ...
   ... Beide jungen Leute waren gleich gewhnlich und verdienen ...

   [S. 72]:
   ... mit Awgust Martwejitsch anredete, seine Frage beantwortete: ...
   ... mit Awgust Matwejitsch anredete, seine Frage beantwortete: ...

   [S. 77]:
   ... in Hemdrmeln da; dasselbe verlangten Sie aber auch ...
   ... in Hemdrmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch ...

   [S. 101]:
   ... Zuhrern zu schilden, wenn man auch selbst nicht mehr ...
   ... Zuhrern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr ...

   [S. 104]:
   ... Viele weinten, und der Burche schluchzte laut ... Der ...
   ... Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der ...

   [S. 115]:
   ... (Fehlende berschrift) ...
   ... XIII ...

   [S. 149]:
   ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller Hergottsfrhe ...
   ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller
       Herrgottsfrhe ...

   [S. 163]: (mehrfache Flle)
   ... Soll ich dir nicht den Sjergej herschicken? fragte ...
   ... Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken? fragte ...

   [S. 171]:
   ... Ich sehe jetzt blos darum so schlecht aus, weil mir nach ...
   ... Ich sehe jetzt blo darum so schlecht aus, weil mir nach ...

   [S. 206]:
   ... Ach, du Bser! antwortete Katarina Lwowna unter ...
   ... Ach, du Bser! antwortete Katerina Lwowna unter ...

   [S. 206]:
   ... Der Wachtposten ging im Korrider auf und ab, blieb ...
   ... Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb ...

   [S. 231]:
   ... von seiner Kuschette, warf die Pfeife fort und erschien ...
   ... von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien ...

   [S. 249]:
   ... Wir, spricht er, haben ihm so hingelegt -- und er ...
   ... Wir, spricht er, haben ihn so hingelegt -- und er ...






End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
Geschichten, by Nikolai Leskow

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
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Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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