The Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink

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Title: Der Golem

Author: Gustav Meyrink

Release Date: March 16, 2016 [EBook #51476]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***




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                            Gustav Meyrink

                           Gesammelte Werke

                             Erster Band

                          Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig

                            Gustav Meyrink




                              Der Golem


                              Ein Roman

                          Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig

                        Einhundertzwanzigstes
                  bis einhundertfnfzigstes Tausend

              Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915
                   Druck von G. Kreysing in Leipzig




                          Kapitelverzeichnis


   Schlaf                  1
   Tag                     5
   I                      17
   Prag                   26
   Punsch                 45
   Nacht                  67
   Wach                   85
   Schnee                 96
   Spuk                  110
   Licht                 132
   Not                   143
   Angst                 177
   Trieb                 188
   Weib                  204
   List                  239
   Qual                  260
   Mai                   275
   Mond                  296
   Frei                  323
   Schlu                337




                                Schlaf


Das Mondlicht fllt auf das Fuende meines Bettes und liegt dort wie ein
groer, heller, flacher Stein.

Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine
linke Seite fngt an zu verfallen, -- wie ein Gesicht, das dem Alter
entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, -- dann
bemchtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trbe, qualvolle
Unruhe.

Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in
meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehrtem, wie Strme von
verschiedener Farbe und Klarheit zusammenflieen.

Ich hatte ber das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich
niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von
vorne beginnend durch meinen Sinn:

Eine Krhe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stck Fett aussah, und
dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krhe
dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krhe, die
sich dem Stein genhert, so verlassen wir -- wir, die Versucher, -- den
Aszeten Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.

Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stck Fett, wchst ins
Ungeheuerliche in meinem Hirn:

Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flubett und hebe glatte Kiesel
auf.

Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, ber die ich nachgrble
und nachgrble und doch mit ihnen nichts anzufangen wei, -- dann
schwarze mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche
eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.

Und ich will sie weit von mir werfen diese Kiesel, doch immer fallen sie
mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht
bannen.

Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen
auf rings um mich her.

Manche qulen sich schwerfllig ab, sich aus dem Sande ans Licht
emporzuarbeiten -- wie groe schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die
Flut zurckkommt, -- und als wollten sie alles daran setzen, meine
Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu
sagen.

Andere -- erschpft -- fallen kraftlos zurck in ihre Lcher und geben
es auf, je zu Worte zu kommen.

Zuweilen fahre ich empor aus dem Dmmer dieser halben Trume und sehe
fr einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fuende
meiner Decke liegen wie einen groen, hellen, flachen Stein, um blind
von neuem hinter meinem schwindenden Bewutsein herzutappen, ruhelos
nach jenem Stein suchend, der mich qult, -- der irgendwo verborgen im
Schutte meiner Erinnerung liegen mu und aussieht wie ein Stck Fett.

Eine Regenrhre mu einst neben ihm auf der Erde gemndet haben, male
ich mir aus -- stumpfwinklig abgebogen, die Rnder von Rost zerfressen,
-- und trotzig will ich mir im Geiste ein solches Bild erzwingen, um
meine aufgescheuchten Gedanken zu belgen und in Schlaf zu lullen.

Es gelingt mir nicht.

Immer wieder und immer wieder mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine
eigensinnige Stimme in meinem Innern -- unermdlich wie ein
Fensterladen, den der Wind in regelmigen Zwischenrumen an die Mauer
schlagen lt: es sei das ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der
wie Fett aussehe.

Und es ist von der Stimme nicht loszukommen.

Wenn ich hundertmal einwende, alles das sei doch ganz nebenschlich, so
schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht aber dann unvermerkt wieder
auf und beginnt hartnckig von neuem: gut, gut, schon recht, es ist aber
doch nicht der Stein, der wie ein Stck Fett aussieht. --

Langsam beginnt sich meiner ein unertrgliches Gefhl von Hilflosigkeit
zu bemchtigen.

Wie es weiter gekommen ist, wei ich nicht. Habe ich freiwillig jeden
Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich berwltigt und geknebelt,
meine Gedanken?

Ich wei nur, mein Krper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind
losgetrennt und nicht mehr an ihn gebunden. --

Wer ist jetzt ich, will ich pltzlich fragen, da besinne ich mich, da
ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen knnte;
dann frchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem
das endlose Verhr ber den Stein und das Fett beginnen.

Und so wende ich mich ab.




                                 Tag


Da stand ich pltzlich in einem dsteren Hofe und sah durch einen
rtlichen Torbogen gegenber -- jenseits der engen, schmutzigen Strae
-- einen jdischen Trdler an einem Gewlbe lehnen, das an den
Mauerrndern mit altem Eisengermpel, zerbrochenen Werkzeugen,
verrosteten Steigbgeln und Schlittschuhen und vielerlei anderen
abgestorbenen Sachen behangen war.

Und dieses Bild trug das qulend Eintnige an sich, das alle jene
Eindrcke kennzeichnet, die tagtglich so und so oft wie Hausierer die
Schwelle unserer Wahrnehmung berschreiten, und rief in mir weder
Neugierde noch berraschung hervor.

Ich wurde mir bewut, da ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung
zu Hause war.

Auch diese Empfindung hinterlie mir trotz ihres Gegensatzes zu dem, was
ich doch vor kurzem noch wahrgenommen und wie ich hierher gelangt,
keinerlei tieferen Eindruck. -- --

Ich mu einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und
einem Stck Fett gehrt oder gelesen haben, drngte sich mir pltzlich
der Einfall auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer
emporstieg und mir ber das speckige Aussehen der Steinschwellen
flchtige Gedanken machte.

Da hrte ich Schritte die oberen Treppen ber mir vorauslaufen, und als
ich zu meiner Tr kam, sah ich, da es die vierzehnjhrige, rothaarige
Rosina des Trdlers Aaron Wassertrum gewesen war.

Ich mute dicht an ihr vorbei, und sie stand mit dem Rcken gegen das
Stiegengelnder und bog sich lstern zurck.

Ihre schmutzigen Hnde hatte sie um die Eisenstange gelegt, -- zum Halt
-- und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trben
Halbdunkel hervorleuchteten.

Ich wich ihren Blicken aus.

Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lcheln und diesem wchsernen
Schaukelpferdgesicht.

Sie mu schwammiges, weies Fleisch haben wie der Axolotl, den ich
vorhin im Salamanderkfig bei dem Vogelhndler gesehen habe, fhlte ich.

Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwrtig wie die eines Kaninchens.

Und ich sperrte auf und schlug rasch die Tre hinter mir zu. -- --

Von meinem Fenster aus konnte ich den Trdler Aaron Wassertrum vor
seinem Gewlbe stehen sehen.

Er lehnte am Eingang der dunklen Wlbung und zwickte mit einer Beizange
an seinen Fingerngeln herum.

War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte
keine hnlichkeit mit ihr.

Unter den Judengesichtern, die ich Tag fr Tag in der Hahnpagasse
auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stmme unterscheiden,
die sich so wenig durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen
verwischen lassen, wie sich l mit Wasser vermengen wird. Da darf man
nicht sagen: die dort sind Brder oder Vater und Sohn.

Der gehrt zu jenem Stamm und dieser zu einem andern, das ist alles, was
sich aus den Gesichtszgen lesen lt.

Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trdler hnlich she!

Diese Stmme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der
sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht, -- aber
sie verstehen ihn geheimzuhalten vor der Auenwelt, wie man ein
gefhrliches Geheimnis htet.

Kein einziger lt ihn durchblicken, und in dieser bereinstimmung
gleichen sie haerfllten Blinden, die sich an ein schmutzgetrnktes
Seil klammern: der eine mit beiden Fusten, ein anderer nur widerwillig
mit einem Finger, alle aber von aberglubischer Furcht besessen, da sie
dem Untergang verfallen mssen, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben
und sich von den brigen trennen.

Rosina ist von jenem Stamme, dessen rothaariger Typus noch abstoender
ist, als der der andern. Dessen Mnner engbrstig sind und lange
Hhnerhlse haben mit vorstehendem Adamsapfel.

Alles scheint an ihnen sommersprossig, und ihr ganzes Leben leiden sie
unter brnstigen Qualen, diese Mnner, -- und kmpfen heimlich gegen
ihre Gelste einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf, von
immerwhrender widerlicher Angst um ihre Gesundheit gefoltert.

Ich war mir nicht klar, wieso ich Rosina berhaupt in
verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Trdler Wassertrum bringen
konnte.

Nie habe ich sie doch in der Nhe des Alten gesehen, oder bemerkt, da
sie jemals einander etwas zugerufen htten.

Auch war sie fast immer in unserem Hofe oder drckte sich in den dunkeln
Winkeln und Gngen unseres Hauses umher.

Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner fr eine nahe Verwandte
oder zumindest Schutzbefohlene des Trdlers, und doch bin ich berzeugt,
da kein einziger einen Grund fr solche Vermutungen anzugeben
vermchte.

Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreien und sah von dem offenen
Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpagasse.

Als habe Aaron Wassertrum meinen Blick gefhlt, wandte er pltzlich sein
Gesicht zu mir empor.

Sein starres, grliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der
klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten ist.

Wie eine menschliche Spinne kam er mir vor, die die feinste Berhrung
ihres Netzes sprt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.

Und wovon er nur leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben?

Ich wute es nicht.

An den Mauerrndern seines Gewlbes hngen unverndert Tag fr Tag,
jahraus jahrein dieselben toten wertlosen Dinge.

Mit geschlossenen Augen htte ich sie hinzeichnen knnen: hier die
verbogene Blechtrompete ohne Klappen, das vergilbte Bild auf Papier
gemalt, mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine
Girlande verrosteter Sporen an einem schimmligen Lederriemen und anderes
halb vermodertes Germpel.

Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, so da niemand
die Schwelle des Gewlbes berschreiten kann, eine Reihe runder eiserner
Herdplatten. --

Alle diese Dinge nahmen an Zahl nie zu, nie ab, und blieb wirklich hier
und da einmal ein Vorbergehender stehen und fragte nach dem Preis des
einen oder anderen, geriet der Trdler in heftige Erregung.

In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte
empor und sprudelte gereizt irgend etwas Unverstndliches in einem
gurgelnden, stolpernden Ba hervor, da dem Kufer die Lust weiter zu
fragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.

Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen
abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse an den kahlen
Mauern, die vom Nebenhause an mein Fenster stoen.

Was konnte er dort nur sehen?

Das Haus steht doch mit dem Rcken gegen die Hahnpagasse und seine
Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist in die Strae gekehrt.

Zufllig schienen die Rume, die nebenan in derselben Stockhhe wie die
meinigen liegen -- ich glaube, sie gehren zu einem winkligen Atelier --
in diesem Moment betreten worden zu sein, denn durch die Mauern hrte
ich pltzlich eine mnnliche und eine weibliche Stimme miteinander
reden.

Unmglich konnte das aber der Trdler von unten aus wahrgenommen haben!
-- --

Vor meiner Tr bewegte sich jemand, und ich erriet: es ist immer noch
Rosina, die drauen im Dunkeln steht in begehrlichem Warten, da ich sie
doch vielleicht zu mir hereinrufen wolle.

Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige,
halbwchsige Loisa auf den Stiegen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tr
ffnen werde, und ich spre frmlich den Hauch seines Hasses und seine
schumende Eifersucht bis herauf zu mir.

Er frchtet sich, nher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er
wei sich von ihr abhngig wie ein hungriger Wolf von seinem Wrter und
mchte doch am liebsten aufspringen und besinnungslos seiner Wut die
Zgel schieen lassen! -- -- --

Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und
Stichel hervor.

Aber ich konnte nichts fertigbringen und meine Hand war nicht ruhig
genug, die feinen japanischen Gravierungen auszubessern.

Das trbe, dstere Leben, das an diesem Hause hngt, lt mein Gemt
nicht still werden, und immer tauchen alte Bilder in mir auf.

Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr lter als
Rosina.

An ihren Vater, der Hostienbcker gewesen, konnte ich mich kaum mehr
erinnern, und jetzt sorgt fr sie, glaube ich, ein altes Weib.

Ich wute nur nicht, welche es war unter den vielen, die versteckt im
Hause wohnen wie Krten in ihrem Schlupfwinkel.

Sie sorgt fr die beiden Jungen, das heit: sie gewhrt ihnen
Unterkunft; dafr mssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen
oder erbetteln. --

Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht denken,
denn erst spt abends kommt die Alte heim.

Leichenwscherin soll sie sein.

Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft
harmlos im Hof zu dritt spielen.

Die Zeit aber ist lang vorbei.

Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmdel her.

Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden
kann, dann schleicht er sich vor meine Tre und wartet mit verzerrtem
Gesicht, da sie heimlich hierher komme.

Da sehe ich ihn, wenn ich bei meiner Arbeit sitze, im Geiste drauen in
dem winkligen Gange lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick
horchend vorgebeugt.

Manchmal bricht dann durch die Stille pltzlich ein wilder Lrm.

Jaromir, der taubstumm ist, und dessen ganzes Denken eine
ununterbrochene wahnsinnige Gier nach Rosina erfllt, irrt wie ein
wildes Tier im Hause umher, und sein unartikuliertes heulendes Gebell,
das er, vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen, ausstt, klingt so
schauerlich, da einem das Blut in den Adern stockt.

Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet -- irgendwo in
einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt -- in blinder
Raserei, immer von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen
sein zu mssen, da nichts mit Rosina vorgehe, von dem er nicht wisse.

Und gerade diese unaufhrliche Qual des Krppels ist, ahnte ich, das
Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von neuem mit dem andern
einzulassen.

Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwcher, so ersinnt Loisa
immer wieder besondere Scheulichkeiten, um Rosinas Gier von neuem zu
entfachen.

Da lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen
und locken den Rasenden heimtckisch hinter sich her in dunkle Gnge, wo
sie aus rostigen Fareifen, die in die Hhe schnellen, wenn man auf sie
tritt, und eisernen Rechen -- mit den Spitzen nach oben gekehrt --
bsartige Fallen errichtet haben, in die er strzen mu und sich blutig
fllt.

Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs uerste
anzuspannen, auf eigene Faust etwas Hllisches aus.

Dann ndert sie mit einem Schlage ihr Benehmen zu Jaromir und tut, als
fnde sie pltzlich Gefallen an ihm.

Mit ihrer ewig lchelnden Miene teilt sie dem Krppel hastig Dinge mit,
die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen, und sie hat sich
dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halbverstndliche Zeichensprache
ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von
Ungewiheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken mu. --

Einmal sah ich ihn im Hofe vor ihr stehen, und sie sprach mit so
heftigen Lippenbewegungen und Gestikulationen auf ihn ein, da ich
glaubte, jeden Augenblick wrde er in wilder Aufregung zusammenbrechen.

Der Schwei lief ihm bers Gesicht vor bermenschlicher Anstrengung, den
Sinn der absichtlich so unklaren, hastigen Mitteilung zu erfassen.

Und den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd in Erwartung auf
den finstern Stiegen eines andern halb versunkenen Hauses, das in der
Fortsetzung der engen, schmutzigen Hahnpagasse liegt, -- bis er die
Zeit versumt hatte, sich an den Ecken ein paar Kreuzer zu erbetteln.

Und als er spt abends halb tot vor Hunger und Aufregung heim wollte,
hatte ihn die Pflegemutter lngst ausgesperrt.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein frhliches Frauenlachen drang aus dem anstoenden Atelier durch die
Mauern herber zu mir.

Ein Lachen? -- In diesen Husern ein frhliches Lachen? Im ganzen Ghetto
wohnt niemand, der frhlich lachen knnte.

Da fiel mir ein, da mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler
Zwakh anvertraute, ein junger, vornehmer Herr htte ihm das Atelier
teuer abgemietet -- offenbar, um mit der Erwhlten seines Herzens
unbelauscht zusammenkommen zu knnen.

Nach und nach, jede Nacht, mten nun, damit niemand im Hause etwas
merke, die kostbaren Mbel des neuen Mieters heimlich Stck fr Stck
hinaufgeschafft werden.

Der gutmtige Alte hatte sich vor Vergngen die Hnde gerieben, als er
es mir erzhlte, und sich kindlich gefreut, wie er alles so geschickt
angefangen habe: keiner der Mitbewohner knne auch nur eine Ahnung von
dem romantischen Liebespaar haben.

Und von drei Husern aus sei es mglich, unauffllig in das Atelier zu
gelangen. -- Sogar durch eine Falltre gbe es einen Zugang!

Ja, wenn man die eiserne Tr des Bodenraumes aufklinke, -- und das sei
von drben aus sehr leicht, -- knne man an meiner Kammer vorbei zu den
Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang bentzen ...

Wieder klingt das frhliche Lachen herber und lt in mir die
undeutliche Erinnerung an eine luxurise Wohnung und an eine adlige
Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren
Altertmern kleine Ausbesserungen vorzunehmen. --

Pltzlich hre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche
erschreckt.

Die eiserne Bodentr klirrt heftig und im nchsten Augenblick strzt
eine Dame in mein Zimmer.

Mit aufgelstem Haar, wei wie die Wand, einen goldenen Brokatstoff ber
die bloen Schultern geworfen.

Meister Pernath, verbergen Sie mich, -- um Gottes Christi willen! --
fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!

Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tr abermals aufgerissen und
sofort wieder zugeschlagen. --

Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trdlers Aaron Wassertrum wie
eine scheuliche Maske hereingegrinst. --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Scheine des
Mondlichtes erkenne ich wiederum das Fuende meines Bettes.

Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel und der
Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.

Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? -- Athanasius Pernath? --

Ich glaube, ich glaube vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo
meinen Hut verwechselt, und ich wunderte mich damals, da er mir so
genau passe, wo ich doch eine hchst eigentmliche Kopfform habe.

Und ich sah in den fremden Hut hinein -- damals und -- -- ja, ja, dort
hatte es gestanden in goldenen Papierbuchstaben auf dem weien Futter:

                         ATHANASIUS PERNATH.

Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefrchtet, ich wute nicht
warum.

Da fhrt pltzlich die Stimme, die ich vergessen hatte, und die immer
von mir wissen wollte, wo der Stein ist, der wie Fett ausgesehen habe,
auf mich los gleich einem Pfeil.

Schnell male ich mir das scharfe, slich grinsende Profil der roten
Rosina aus, und es gelingt mir auf diese Weise dem Pfeil auszuweichen,
der sich sogleich in der Finsternis verliert.

Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch strker als die
stumpfsinnig plappernde Stimme; und gar, wo ich jetzt gleich wieder in
meinem Zimmer in der Hahnpagasse geborgen sein werde, kann ich ganz
ruhig sein.




                                  I


Wenn ich mich nicht getuscht habe in der Empfindung, da jemand in
einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe
heraufkommt in der Absicht, mich zu besuchen, so mu er jetzt ungefhr
auf dem letzten Stiegenabsatz stehen.

Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine
Wohnung hat, und kommt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur
des oberen Stockwerkes, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist.

Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, mu er,
mhsam im Finstern buchstabierend, meinen Namen auf dem Trschild lesen.

Und ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum
Eingang.

Da ffnete sich die Tre, und er trat ein.

Nur wenige Schritte machte er auf mich zu und nahm weder den Hut ab,
noch sagte er ein Wort der Begrung.

So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fhlte ich, und ich fand es
ganz selbstverstndlich, da er so und nicht anders handelte.

Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus.

Dann bltterte er lange darin herum.

Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von
Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefllt.

Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf.

Das Kapitel hie Ibbur, die Seelenschwngerung, entzifferte ich.

Das groe, in Gold und Rot ausgefhrte Initial I nahm fast die Hlfte
der ganzen Seite ein, die ich unwillkrlich berflog, und war am Rande
verletzt.

Ich sollte es ausbessern.

Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in
alten Bchern gesehen, schien vielmehr aus zwei Platten dnnen Goldes zu
bestehen, die im Mittelpunkte zusammengeltet waren und mit den Enden um
die Rnder des Pergaments griffen.

Also mute, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten
sein?

Wenn das der Fall war, mute auf der nchsten Seite das I verkehrt
stehen?

Ich bltterte um und fand meine Annahme besttigt.

Unwillkrlich las ich auch diese Seite durch und die gegenberliegende.

Und ich las weiter und weiter.

Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht, klarer nur und viel
deutlicher. Und es rhrte mein Herz an wie eine Frage.

Worte strmten aus einem unsichtbaren Munde, wurden lebendig und kamen
auf mich zu. Sie drehten sich und wandten sich vor mir wie bunt
gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie
schillernder Dunst in der Luft und gaben der nchsten Raum. Jede hoffte
eine kleine Weile, da ich sie erwhlen wrde und auf den Anblick der
Kommenden verzichten.

Manche waren unter ihnen, die gingen prunkend einher wie Pfauen, in
schimmernden Gewndern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen.

Manche wie Kniginnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider
gefrbt, -- mit dirnenhaftem Zug um den Mund und die Runzeln mit
hlicher Schminke verdeckt.

Ich sah an ihnen vorbei und nach den Kommenden, und mein Blick glitt
ber lange Zge grauer Gestalten mit Gesichtern, so gewhnlich und
ausdrucksarm, da es unmglich schien, sie dem Gedchtnis einzuprgen.

Dann brachten sie ein Weib geschleppt, das war splitternackt und
riesenhaft wie ein Erzkolo.

Eine Sekunde blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich nieder zu
mir.

Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Krper, und sie deutete stumm
auf den Puls ihrer linken Hand.

Der schlug wie ein Erdbeben, und ich fhlte, es war das Leben einer
ganzen Welt in ihr.

Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran.

Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von weitem kommen,
und immer nher brauste der Zug.

Jetzt hrte ich den hallenden Gesang der Verzckten dicht vor mir, und
meine Augen suchten das verschlungene Paar.

Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und sa, halb
mnnlich, halb weiblich, -- ein Hermaphrodit -- auf einem Throne von
Perlmutter.

Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz;
darein hatte der Wurm der Zerstrung geheimnisvolle Runen genagt.

In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein getrappelt eine Herde kleiner,
blinder Schafe: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem
Gefolge fhrte, seine Korybantenschar am Leben zu erhalten.

Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Munde
strmten, etliche, die kamen aus Grbern, -- Tcher vor dem Gesicht.

Und blieben sie vor mir stehen, lieen sie pltzlich ihre Hllen fallen
und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, da ein eisiger
Schreck mir ins Hirn fuhr und sich mein Blut zurckstaute wie ein Strom,
in den Felsblcke vom Himmel herniedergefallen sind -- pltzlich und
mitten in sein Bette. --

Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht, sie wandte
es ab, und sie trug einen Mantel aus flieenden Trnen. --

Maskenzge tanzten vorber, lachten und kmmerten sich nicht um mich.

Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich um nach mir und kehrt zurck.
Pflanzt sich vor mich hin und blickt in mein Gesicht hinein, als sei es
ein Spiegel.

Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme, bald
zgernd, bald blitzschnell, da sich meiner ein gespenstiger Trieb
bemchtigt ihn nachzuahmen, mit den Augen zu zwinkern wie er, mit den
Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen.

Da stoen ihn ungeduldig nachdrngende Gestalten zur Seite, die alle vor
meine Blicke wollen.

Doch keines der Wesen hat Bestand.

Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht, die einzelnen
Tne nur einer Melodie, die dem unsichtbaren Munde entstrmen.

Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine
Stimme, die etwas von mir wollte, was ich nicht begriff; wie sehr ich
mich auch abmhte. Die mich qulte mit brennenden, unverstndlichen
Fragen.

Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte redete, war abgestorben und
ohne Widerhall.

Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos, wie
jegliches Ding einen groen Schatten hat und viele kleine Schatten, doch
diese Stimme hatte keine Echos mehr, -- lange, lange schon sind sie wohl
verweht und verklungen. -- -- --

Und bis zu Ende hatte ich das Buch gelesen und hielt es noch in den
Hnden, da war mir, als htte ich suchend in meinem Gehirn geblttert
und nicht in einem Buche! -- --

Alles, was mir die Stimme gesagt, hatte ich, seit ich lebte, in mir
getragen, nur verdeckt war es gewesen und vergessen und hatte sich vor
meinem Denken versteckt gehalten bis auf den heutigen Tag. --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich blickte auf.

Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte?

Fortgegangen!?

Wird er es holen, wenn es fertig ist?

Oder sollte ich es ihm bringen?

Aber ich konnte mich nicht erinnern, da er gesagt htte, wo er wohne.

Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedchtnis zurckrufen, doch es
milang.

Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt, war er jung? -- Und welche
Farben hatten sein Haar und sein Bart gehabt?

Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. -- Alle Bilder, die
ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste
zusammenzusetzen vermocht.

Ich schlo die Augen und prete die Hand auf die Lider, um einen
winzigen Teil nur seines Bildnisses zu erhaschen.

Nichts, nichts.

Ich stellte mich hin, mitten ins Zimmer, und blickte auf die Tr, wie
ich es getan -- vorhin, als er gekommen war, und malte mir aus: jetzt
biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er ber den Ziegelsteinboden,
liest jetzt drauen mein Trschild Athanasius Pernath und jetzt tritt
er herein.

Vergebens.

Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen,
wollte in mir erwachen.

Ich sah das Buch auf dem Tische liegen und wnschte mir im Geiste die
Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte.

Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen, ob sie entblt gewesen,
ob jung oder runzlig, mit Ringen geschmckt oder nicht, konnte ich mich
entsinnen.

Da kam mir ein seltsamer Einfall.

Wie eine Eingebung war es, der man nicht widerstehen darf.

Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus auf den
Gang und die Treppen hinab. Dann kam ich langsam wieder zurck in mein
Zimmer.

Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war. Und wie ich die
Tr ffnete, da sah ich, da meine Kammer voll Dmmerung lag. War es
denn nicht heller Tag noch gewesen, als ich soeben hinausging?

Wie lange mute ich da gegrbelt haben, da ich nicht bemerkte, wie spt
es ist!

Und ich versuchte den Unbekannten nachzuahmen in Gang und Mienen und
konnte mich an sie doch gar nicht erinnern. --

Wie sollte es mir auch glcken, ihn nachzuahmen, wenn ich keinen
Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte.

Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte.

Meine Haut, meine Muskeln, mein Krper erinnerten sich pltzlich, ohne
es dem Gehirn zu verraten. Sie machten Bewegungen, die ich nicht
wnschte, und nicht beabsichtigte.

Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehrten!

Mit einem Male war mein Gang tappend und fremdartig geworden, wie ich
ein paar Schritte im Zimmer machte.

Das ist der Gang eines Menschen, der bestndig im Begriffe ist, vornber
zu fallen, sagte ich mir.

Ja, ja, ja, so war sein Gang!

Ganz deutlich wute ich: so ist er.

Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden
Backenknochen und schaute aus schrgstehenden Augen.

Ich fhlte es und konnte mich doch nicht sehen.

Das ist nicht mein Gesicht, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es
betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht und senkte sich in
die Tasche und holte ein Buch hervor.

Ganz so, wie er es vorhin getan hatte. --

Da pltzlich sitze ich wieder ohne Hut, ohne Mantel, am Tische und bin
ich. Ich, ich.

Athanasius Pernath.

Grausen und Entsetzen schttelten mich, mein Herz raste zum Zerspringen,
und ich fhlte: gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn
umhergetastet, haben von mir abgelassen.

Noch sprte ich im Hinterkopf die kalten Spuren ihrer Berhrung. --

Nun wute ich, wie der Fremde war, und ich htte ihn wieder in mir
fhlen knnen -- jeden Augenblick --, wenn ich nur gewollt htte; aber
sein Bild mir vorstellen, da ich es vor mir _sehen_ wrde Auge in Auge
-- das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie knnen.

Er ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren
Linien ich nicht erfassen kann -- in die ich selber hineinschlpfen mu,
wenn ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewut
werden will -- --

In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; -- in diese
wollte ich das Buch sperren und erst, bis der Zustand der geistigen
Krankheit von mir gewichen sein wrde, wollte ich es wieder hervorholen
und an die Ausbesserung des zerbrochenen Initialen I gehen.

Und ich nahm das Buch vom Tisch.

Da war mir, als htte ich es gar nicht angefat; ich griff die Kassette
an: dasselbe Gefhl. Als mte das Tastempfinden eine lange, lange
Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewutsein
mndete, als seien die Dinge durch eine jahresgroe Zeitschicht von mir
entfernt und gehrten einer Vergangenheit an, die lngst an mir
vorbergezogen!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Stimme, die nach mir suchend in der Finsternis kreist, um mich mit
dem fettigen Stein zu qulen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich
nicht gesehen. Und ich wei, da sie aus dem Reiche des Schlafes stammt.
Aber was ich erlebt, das war wirkliches Leben, -- darum konnte sie mich
nicht sehen und sucht vergeblich nach mir, fhle ich.




                                 Prag


Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dnnen,
fadenscheinigen berziehers aufgeschlagen, und ich hrte, wie ihm vor
Klte die Zhne aufeinanderschlugen.

Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte
ich mir, und ich forderte ihn auf, mit hinber in meine Wohnung zu
kommen.

Er aber lehnte ab.

Ich danke Ihnen, Meister Pernath, murmelte er frstelnd, leider habe
ich nicht mehr so viel Zeit brig; -- ich mu eilends in die Stadt. --
Auch wrden wir bis auf die Haut na, wenn wir jetzt auf die Gasse
treten wollten -- schon nach wenigen Schritten! -- -- Der Platzregen
will nicht schwcher werden!

Die Wasserschauer fegten ber die Dcher hin und liefen an den
Gesichtern der Huser herunter wie ein Trnenstrom.

Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drben im vierten
Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen berrieselt, aussah, als seien
seine Scheiben aufgeweicht, -- undurchsichtig und hckerig geworden wie
Hausenblase.

Ein gelber Schmutzbach flo die Gasse herab, und der Torbogen fllte
sich mit Vorbergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten
wollten.

Dort schwimmt ein Brautbukett, sagte pltzlich Charousek und deutete
auf einen Strau aus welken Myrten, der in dem Schmutzwasser
vorbeigetrieben kam.

Darber lachte jemand hinter uns laut auf.

Als ich mich umdrehte, sah ich, da es ein alter, vornehm gekleideter
Herr mit weiem Haar und einem aufgedunsenen, krtenartigen Gesicht
gewesen war.

Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurck und brummte etwas
vor sich hin.

Unangenehmes ging von dem Alten aus; -- ich wandte meine Aufmerksamkeit
von ihm ab und musterte die mifarbigen Huser, die da vor meinen Augen
wie verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten.

Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen!

Ohne berlegung hingebaut standen sie da, wie Unkraut, das aus dem Boden
dringt.

An eine niedrige, gelbe Steinmauer, den einzigen standhaltenden berrest
eines frheren, langgestreckten Gebudes hat man sie angelehnt -- vor
zwei, drei Jahrhunderten, wie es eben kam, ohne Rcksicht auf die
brigen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit
zurckspringender Stirn; -- ein andres daneben: vorstehend wie ein
Eckzahn.

Unter dem trben Himmel sahen sie aus, als lgen sie im Schlaf, und man
sprte nichts von dem tckischen, feindseligen Leben, das zuweilen von
ihnen ausstrahlt, wenn der Nebel der Herbstabende in den Gassen liegt
und ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel verbergen hilft.

In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich der Eindruck in
mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann, als ob es gewisse Stunden
des Nachts und im frhesten Morgengrauen fr sie gbe, wo sie erregt
eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Und manchmal fhrt da
ein schwaches Beben durch ihre Mauern, das sich nicht erklren lt,
Gerusche laufen ber ihre Dcher und fallen in den Regenrinnen nieder,
-- und wir nehmen sie mit stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer
Ursache zu forschen.

Oft trumte mir, ich htte diese Huser belauscht in ihrem spukhaften
Treiben und mit angstvollem Staunen erfahren, da sie die heimlichen,
eigentlichen Herren der Gasse seien, sich ihres Lebens und Fhlens
entuern und es wieder an sich ziehen knnen, -- es tagsber den
Bewohnern, die hier hausen, borgen, um es in kommender Nacht mit
Wucherzinsen wieder zurckzufordern.

Und lasse ich die seltsamen Menschen, die in ihnen wohnen wie Schemen,
wie Wesen -- nicht von Mttern geboren, -- die in ihrem Denken und Tun
wie aus Stcken wahllos zusammengefgt scheinen, im Geiste an mir
vorberziehen, so bin ich mehr denn je geneigt zu glauben, da solche
Trume in sich dunkle Wahrheiten bergen, die mir im Wachsein nur noch
wie Eindrcke von farbigen Mrchen in der Seele fortglimmen.

Dann wacht in mir heimlich die Sage von dem gespenstischen Golem, jenem
knstlichen Menschen, wieder auf, den einst hier im Ghetto ein
kabbalakundiger Rabbiner aus dem Elemente formte und ihn zu einem
gedankenlosen automatischen Dasein berief, indem er ihm ein magisches
Zahlenwort hinter die Zhne schob.

Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in
der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so
mten auch, dnkt mich, alle diese _Menschen_ entseelt in einem
Augenblick zusammenfallen, lschte man irgendeinen winzigen Begriff, ein
nebenschliches Streben, vielleicht eine zwecklose Gewohnheit bei dem
einen, bei einem andern gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gnzlich
Unbestimmtes, Haltloses -- in ihrem Hirn aus.

Was ist dabei fr ein immerwhrendes, schreckhaftes Lauern in diesen
Geschpfen!

Niemals sieht man sie arbeiten, diese Menschen, und dennoch sind sie
frh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem
Atem, -- wie auf ein Opfer, das doch nie kommt.

Und hat es wirklich einmal den Anschein, als trte jemand in ihr
Bereich, irgend ein Wehrloser, an dem sie sich bereichern knnten, dann
fllt pltzlich eine lhmende Angst ber sie her, scheucht sie in ihre
Winkel zurck und lt sie von jeglichem Vorhaben zitternd abstehen.

Niemand scheint schwach genug, da ihnen noch so viel Mut bliebe, sich
seiner zu bemchtigen.

Entartete, zahnlose Raubtiere, von denen die Kraft und die Waffe
genommen ist, sagte Charousek zgernd und sah mich an. --

Wie konnte er wissen, woran ich dachte? --

So stark facht man zuweilen seine Gedanken an, da sie imstande sind,
auf das Gehirn des Nebenstehenden berzuspringen wie sprhende Funken,
fhlte ich.

-- -- -- wovon sie nur leben mgen? fragte ich nach einer Weile.

Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionr!

Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen!

Der Student aber schwieg und sah nach den Wolken.

Fr einen Augenblick hatte das Stimmengemurmel in dem Torbogen gestockt
und man hrte blo das Zischen des Regens.

Was er nur damit sagen will: Mancher unter ihnen ist ein Millionr!?

Wieder war es, als htte Charousek meine Gedanken erraten.

Er wies nach dem Trdlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des
Eisengermpels in flieenden, braunroten Pftzen vorbeisplte.

Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionr, -- fast ein Drittel
der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie es denn nicht, Herr
Pernath?!

Mir blieb frmlich der Atem im Mund stecken. Aaron Wassertrum! Der
Trdler Aaron Wassertrum Millionr?!

Oh, ich kenne ihn genau, fuhr Charousek verbissen fort, und als htte
er nur darauf gewartet, da ich ihn frage. Ich kannte auch seinen Sohn,
den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehrt? Von Dr. Wassory, dem --
berhmten -- Augenarzt? -- Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt
begeistert von ihm gesprochen, -- von dem groen -- -- Gelehrten.
Niemand wute damals, da er seinen Namen abgelegt und frher Wassertrum
geheien hat. -- Er spielte sich gerne auf den weltabgewandten Mann der
Wissenschaft, und wenn einmal auf Herkunft die Rede kam, warf er
bescheiden und tiefbewegt so mit halben Worten hin, da sein Vater noch
aus dem Ghetto stamme, -- sich aus den niedrigsten Anfngen heraus unter
Kummer aller Art und unsglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten
mssen.

Ja! Unter Kummer und Sorgen!

Unter _wessen_ Kummer und unsglichen Sorgen aber und mit welchen
Mitteln, das hat er nicht dazu gesagt!

Ich aber wei, was es mit dem Ghetto fr eine Bewandtnis hat! Charousek
fate meinen Arm und schttelte ihn heftig.

Meister Pernath, ich bin so arm, da ich es selbst kaum mehr begreife;
ich mu halb nackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her, und ich bin
doch Student der Medizin, -- bin doch ein gebildeter Mensch!

Er ri seinen berzieher auf und ich sah zu meinem Entsetzen, da er
weder Hemd noch Rock an hatte und den Mantel ber der nackten Haut trug.

Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmchtigen,
angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte, -- und noch heute ahnt keiner,
da ich, ich der eigentliche Urheber war.

Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der
seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord
getrieben hat. -- Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug! sage ich
Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material
zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich
Stein um Stein in dem Gebude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand
erreicht war, wo kein Geld der Erde, keine List des Ghetto mehr vermocht
htten, den Zusammenbruch, zu dem es nur noch eines unmerklichen
Anstoes bedurfte, abzuwenden.

Wissen Sie, so -- so wie man Schach spielt.

Gerade so wie man Schach spielt.

Und niemand wei, da ich es war!

Den Trdler Aaron Wassertrum, den lt wohl manchmal eine furchtbare
Ahnung nicht schlafen, da einer, den er nicht kennt, der immer in
seiner Nhe ist und den er doch nicht fassen kann, -- ein anderer als
Dr. Savioli -- die Hand im Spiele gehabt haben msse.

Wiewohl Wassertrum einer von jenen ist, deren Augen durch Mauern zu
schauen vermgen, so fat er es doch nicht, da es Gehirne gibt, die
auszurechnen imstande sind, wie man mit langen, unsichtbaren,
vergifteten Nadeln durch solche Mauern stechen kann, an Quadern, an Gold
und Edelsteinen vorbei, um die verborgene Lebensader zu treffen.

Und Charousek schlug sich vor die Stirn und lachte wild.

Aaron Wassertrum wird es bald erfahren; genau an dem Tage, an dem er
Dr. Savioli an den Hals will! Genau an demselben Tage!

Auch diese Schachpartie habe ich ausgerechnet bis zum letzten Zug. --
Diesmal wird es ein Knigslufergambit sein. Da gibt es keinen einzigen
Zug bis zum bittern Ende, gegen den ich nicht eine verderbliche
Entgegnung wte.

Wer sich mit mir in ein solches Knigslufergambit einlt, der hngt in
der Luft, sage ich Ihnen, wie eine hilflose Marionette an feinen Fden,
-- an Fden, die ich zupfe, -- hren Sie wohl, die ich zupfe, und mit
dessen freiem Willen ist's dahin.

Der Student redete wie im Fieber, und ich sah ihm entsetzt ins Gesicht.

Was haben Ihnen Wassertrum und sein Sohn denn getan, da Sie so voll
Ha sind?

Charousek wehrte heftig ab:

Lassen wir das -- fragen Sie lieber, was Dr. Wassory den Hals gebrochen
hat! -- Oder wnschen Sie, da wir ein andres Mal darber sprechen? --
Der Regen hat nachgelassen. Vielleicht wollen Sie nach Hause gehen?

Er senkte seine Stimme, wie jemand, der pltzlich ganz ruhig wird. Ich
schttelte den Kopf.

Haben Sie jemals gehrt, wie man heutzutage den grnen Star heilt? --
Nicht? -- So mu ich Ihnen das deutlich machen, damit Sie alles genau
verstehen, Meister Pernath!

Hren Sie zu: Der >grne Star< also ist eine bsartige Erkrankung des
Augeninnern, die mit Erblinden endet, und es gibt nur ein Mittel, dem
Fortschreiten des bels Einhalt zu tun, nmlich die sogenannte
Iridektomie, die darin besteht, da man aus der Regenbogenhaut des Auges
ein keilfrmiges Stckchen herauszwickt.

Die unvermeidlichen Folgen davon sind wohl greuliche
Blendungserscheinungen, die frs ganze Leben bleiben; der Proze des
Erblindens jedoch ist meistens aufgehalten.

Mit der Diagnose des grnen Stars hat es aber eine eigene Bewandtnis.

Es gibt nmlich Zeiten, besonders bei Beginn der Krankheit, wo die
deutlichsten Symptome scheinbar ganz zurcktreten, und in solchen Fllen
darf ein Arzt, obwohl er keine Spur einer Krankheit finden kann, dennoch
niemals mit Bestimmtheit sagen, da sein Vorgnger, der andrer Meinung
gewesen, sich notwendigerweise geirrt haben msse.

Hat aber einmal die erwhnte Iridektomie, die sich natrlich genau so an
einem gesunden Auge wie an einem kranken ausfhren lt, stattgefunden,
so kann man unmglich mehr feststellen, ob frher wirklich grner Star
vorgelegen hat oder nicht.

Und auf diese und noch andere Umstnde hatte Dr. Wassory einen
scheulichen Plan aufgebaut.

Unzhlige Male -- besonders an Frauen -- konstatierte er grnen Star, wo
harmlose Sehstrungen vorlagen, nur um zu einer Operation zu kommen, die
ihm keine Mhe machte und viel Geld eintrug.

Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand; da gehrte zum
Ausplndern auch keine Spur von Mut mehr!

Sehen Sie, Meister Pernath, da war das degenerierte Raubtier in jene
Lebensbedingungen versetzt, wo es auch ohne Waffe und Kraft sein Opfer
zerfleischen konnte.

Ohne etwas aufs Spiel zu setzen! -- Begreifen Sie?! Ohne das geringste
wagen zu mssen!

Durch eine Menge fauler Verffentlichungen in Fachblttern hatte sich
Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen
verstanden und sogar seinen Kollegen, die viel zu arglos und anstndig
waren, um ihn zu durchschauen, Sand in die Augen zu streuen gewut.

Ein Strom von Patienten, die alle bei ihm Hilfe suchten, war die
natrliche Folge.

Kam nun jemand mit geringfgigen Sehstrungen zu ihm und lie sich
untersuchen, so ging Dr. Wassory sofort mit tckischer Planmigkeit zu
Werke.

Zuerst stellte er das bliche Krankenverhr an, notierte aber geschickt
immer nur, um fr alle Flle spter gedeckt zu sein, jene Antworten, die
eine Deutung auf grnen Star zulieen.

Und vorsichtig sondierte er, ob nicht schon eine frhere Diagnose
vorlge.

Gesprchsweise lie er einflieen, da ein dringender Ruf aus dem
Auslande behufs wichtiger, wissenschaftlicher Manahmen an ihn ergangen
sei und er daher schon morgen verreisen msse. --

Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen, die er sodann
vornahm, bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie
mglich.

Alles mit Vorbedacht! Alles mit Vorbedacht!

Wenn das Verhr vorber und die bliche bange Frage des Patienten, ob
Grund zur Befrchtung vorhanden sei, erfolgt war, da tat Wassory seinen
ersten Schachzug.

Er setzte sich dem Kranken gegenber, lie eine Minute verstreichen und
sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz:

Erblindung beider Augen ist bereits in der allernchsten Zeit wohl
unvermeidlich!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Szene, die naturgem folgte, war entsetzlich. Oft fielen die Leute
in Ohnmacht, weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung
zu Boden.

Das Augenlicht verlieren, heit alles verlieren.

Und wenn der wiederum bliche Moment eintrat, wo das arme Opfer die Knie
Dr. Wassorys umklammerte und flehte, ob es denn auf Gottes Erde gar
keine Hilfe mehr gbe, da tat die Bestie den zweiten Schachzug und
verwandelte sich selbst in jenen -- Gott, der helfen konnte!

Alles, alles in der Welt, ist wie ein Schachspiel, Meister Pernath! --

Schleunigste Operation, sagte Dr. Wassory dann nachdenklich, sei das
einzige, was vielleicht Rettung bringen knne, und mit einer wilden,
gierigen Eitelkeit, die pltzlich ber ihn kam, erging er sich mit einem
Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles, die
alle mit dem vorliegenden eine ungemein groe hnlichkeit gehabt htten,
-- wie unzhlige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts
verdankten, und dergleichen mehr.

Er schwelgte frmlich in dem Gefhl, fr eine Art hheren Wesens
gehalten zu werden, in dessen Hnde das Wohl und Wehe seines Mitmenschen
gelegt ist.

Das hilflose Opfer aber sa, das Herz voll brennender Fragen, gebrochen
vor ihm, Angstschwei auf der Stirne, und wagte ihm nicht einmal in die
Rede zu fallen, aus Furcht: ihn -- den einzigen, der noch Hilfe bringen
konnte -- zu erzrnen.

Und mit den Worten, da er zur Operation leider erst in einigen Monaten
schreiten knne, wenn er von seiner Reise wieder zurck sei, schlo Dr.
Wassory seine Rede.

Hoffentlich, -- man solle in solchen Fllen immer das Beste hoffen --
sei es da nicht zu spt, sagte er.

Natrlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf, erklrten, da sie
unter gar keinen Umstnden auch nur einen Tag lnger warten wollten, und
baten flehentlich um Rat, wer von den andern Augenrzten in der Stadt
sonst wohl als Operateur in Betracht kme.

Da war der Augenblick gekommen, wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag
fhrte.

Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab, legte seine Stirn in Falten des
Grams und lispelte schlielich bekmmert, ein Eingriff seitens eines
_andern_ Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges
mit elektrischem Licht, und das msse -- der Patient wisse ja selbst,
wie schmerzhaft es sei -- wegen der blendenden Strahlen geradezu
verhngnisvoll wirken.

Ein andrer Arzt also, ganz abgesehen davon, da so manchem von ihnen
gerade in der Iridektomie die ntige bung fehle -- drfe, eben weil er
wiederum von neuem untersuchen msse, gar nicht vor Ablauf lngerer
Zeit, bis sich die Sehnerven wieder erholt htten, zu einem
chirurgischen Eingriff schreiten.

Charousek ballte die Fuste.

Das nennen wir in der Schachsprache >Zugzwang<, lieber Meister Pernath!
-- -- Was weiter folgte, war wiederum Zugzwang, -- ein erzwungener Zug
nach dem andern.

Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr.
Wassory, er mge doch Erbarmen haben, einen Tag nur seine Abreise
verschieben und die Operation selber vornehmen. -- Es handle sich doch
um mehr noch als um schnellen Tod, die grauenhafte, folternde Angst,
jeden Augenblick erblinden zu mssen, sei ja das Schrecklichste, was es
geben knne.

Und je mehr das Scheusal sich strubte und jammerte: ein Aufschub seiner
Reise knne ihm unabsehbaren Schaden bringen, desto hhere Summen boten
freiwillig die Kranken.

Schien schlielich die Summe Dr. Wassory hoch genug, gab er nach und
fgte bereits am selben Tage, ehe noch ein Zufall seinen Plan aufdecken
konnte, den Bedauernswerten an beiden gesunden Augen jenen unheilbaren
Schaden zu, jenes immerwhrende Gefhl des Geblendetseins, das das Leben
zu stetiger Qual gestalten mute, die Spuren des Schurkenstreiches aber
ein fr allemal verwischte.

Durch solche Operationen an gesunden Augen vermehrte Dr. Wassory nicht
nur seinen Ruhm und seinen Ruf als unvergleichlicher Arzt, dem es noch
jedesmal gelungen sei, die drohende Erblindung aufzuhalten, -- es
befriedigte gleichzeitig seine malose Geldgier und frhnte seiner
Eitelkeit, wenn die ahnungslosen, an Krper und Vermgen geschdigten
Opfer zu ihm wie zu einem Helfer aufsahen und ihn als Retter priesen.

Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto und seinen zahllosen,
unscheinbaren, jedoch unberwindlichen Hilfsquellen wurzelte und von
Kindheit an gelernt hat auf der Lauer zu liegen wie eine Spinne, der
jeden Menschen in der Stadt kannte und bis ins kleinste seine
Beziehungen und Vermgensverhltnisse erriet und durchschaute, -- nur
ein solcher -- Halbhellsehender mchte man es beinahe nennen, --
konnte jahrelang derartige Scheulichkeiten verben.

Und wre ich nicht gewesen, bis heute triebe er sein Handwerk noch,
wrde es bis ins hohe Alter weiter betrieben haben, um schlielich als
ehrwrdiger Patriarch im Kreise seiner Lieben, angetan mit hohen Ehren,
knftigen Geschlechtern ein leuchtendes Vorbild, seinen Lebensabend zu
genieen, bis -- bis endlich auch ber ihn das groe Verrecken
hinweggezogen wre.

Ich aber wuchs ebenfalls im Ghetto auf, und auch mein Blut ist mit jener
Atmosphre hllischer List gesttigt, und so vermochte ich ihn zu Fall
zu bringen, -- so wie die Unsichtbaren einen Menschen zu Fall bringen,
-- wie aus heiterm Himmel heraus ein Blitz trifft.

Dr. Savioli, ein junger deutscher Arzt, hat das Verdienst der
Entlarvung, -- ihn schob ich vor und hufte Beweis auf Beweis, bis der
Tag anbrach, wo der Staatsanwalt seine Hand nach Dr. Wassory
ausstreckte.

Da beging die Bestie Selbstmord! -- Gesegnet sei die Stunde!

Als htte mein Doppelgnger neben ihm gestanden und ihm die Hand
gefhrt, nahm er sich das Leben mit jener Phiole Amylnitrit, die ich
absichtlich in seinem Ordinationszimmer bei der Gelegenheit hatte stehen
lassen, als ich selbst ihn einmal verleitet, auch an mir die falsche
Diagnose des grnen Stars zu stellen, -- absichtlich und mit dem
glhenden Wunsche, da es dieses Amylnitrit sein mchte, das ihm den
letzten Sto geben sollte.

Der Gehirnschlag htte ihn getroffen, hie es in der Stadt.

Amylnitrit ttet, eingeatmet, wie Gehirnschlag. Aber lange konnte das
Gercht nicht aufrecht erhalten werden.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Charousek starrte pltzlich geistesabwesend, als habe er sich in ein
tiefes Problem verloren, vor sich hin, dann zuckte er mit der Achsel
nach der Richtung, wo Aaron Wassertrums Trdlerladen lag.

Jetzt ist er allein, murmelte er, ganz allein mit seiner Gier und --
und -- und mit der Wachspuppe!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mir schlug das Herz bis zum Hals.

Ich sah Charousek voll Entsetzen an.

War er wahnsinnig? Es muten Fieberphantasien sein, die ihn diese Dinge
erfinden lieen.

Gewi, gewi! Er hat alles erfunden, getrumt!

Es kann nicht wahr sein, was er da ber den Augenarzt Grauenhaftes
erzhlt hat. Er ist schwindschtig, und die Fieber des Todes kreisen in
seinem Hirn.

Und ich wollte ihn mit ein paar scherzenden Worten beruhigen, seine
Gedanken in eine freundliche Richtung lenken.

Da fuhr, noch ehe ich die Worte fand, wie ein Blitz in meine Erinnerung
das Gesicht Wassertrums mit der gespaltenen Oberlippe, wie es damals in
mein Zimmer mit runden Fischaugen durch die aufgerissene Tr
hereingeschaut hatte.

Dr. Savioli! Dr. Savioli! -- ja, ja, so war auch der Name des jungen
Mannes gewesen, den mir der Marionettenspieler Zwakh flsternd
anvertraut als den des vornehmen Zimmerherrn, der von ihm das Atelier
gemietet hatte.

Dr. Savioli! -- Wie ein Schrei tauchte es in meinem Innern auf. Eine
Reihe nebelhafter Bilder zuckte durch meinen Geist, jagte sich mit
schreckhaften Vermutungen, die auf mich einstrmten.

Ich wollte Charousek fragen, ihm voll Angst rasch alles erzhlen, was
ich damals erlebt, da sah ich, da ein heftiger Hustenanfall sich seiner
bemchtigt hatte und ihn fast umwarf. Ich konnte nur noch unterscheiden,
wie er sich mhsam mit den Hnden an der Mauer sttzend in den Regen
hinaustappte und mir einen flchtigen Gru zunickte.

Ja, ja, er hat recht, er sprach nicht im Fieber, -- fhlte ich, -- das
unfabare Gespenst des Verbrechens ist es, das durch diese Gassen
schleicht Tag und Nacht und sich zu verkrpern sucht.

Es liegt in der Luft, und wir sehen es nicht. Pltzlich schlgt es sich
nieder in einer Menschenseele, -- wir ahnen es nicht, -- da, dort, und
ehe wir es fassen knnen, ist es gestaltlos geworden und alles lngst
vorber.

Und nur noch dunkle Worte ber irgendein entsetzliches Geschehnis kommen
an uns heran.

Mit einem Schlage begriff ich diese rtselhaften Geschpfe, die rings um
mich wohnten, in ihrem innersten Wesen: sie treiben willenlos durchs
Dasein von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt -- -- so, wie
vorhin das Brautbukett in dem schmutzigen Rinnsal vorberschwamm.

Mir war, als starrten die Huser alle mit tckischen Gesichtern voll
namenloser Bosheit auf mich herber, -- die Tore: aufgerissene schwarze
Muler, aus denen die Zungen ausgefault waren, -- Rachen, die jeden
Augenblick einen gellenden Schrei ausstoen konnten, so gellend und
haerfllt, da es uns bis ins Innerste erschrecken mte.

Was hatte zum Schlu noch der Student ber den Trdler gesagt? -- Ich
flsterte mir seine Worte vor: -- Aaron Wassertrum sei jetzt allein mit
seiner Gier und -- -- seiner Wachspuppe.

Was kann er nur mit der Wachspuppe gemeint haben?

Es mu ein Gleichnis gewesen sein, beschwichtigte ich mich, -- eines
jener krankhaften Gleichnisse, mit denen er einen zu berfallen pflegt,
die man nicht versteht, und die einen, wenn sie spter unerwartet
sichtbarlich werden, so tief erschrecken knnen wie Dinge von
ungewohnter Form, auf die pltzlich ein greller Lichtstreif fllt.

Ich holte tief Atem, um mich zu beruhigen und den furchtbaren Eindruck,
den mir Charouseks Erzhlung verursacht hatte, abzuschtteln.

Ich sah die Leute genauer an, die mit mir in dem Hausflur warteten:
Neben mir stand jetzt der dicke Alte. Derselbe, der vorhin so widerlich
gelacht hatte.

Er hatte einen schwarzen Gehrock an und Handschuhe und starrte mit
vorquellenden Augen unverwandt auf den Torbogen des Hauses gegenber.

Sein glattrasiertes Gesicht mit den breiten, gemeinen Zgen zuckte vor
Erregung.

Unwillkrlich folgte ich seinen Blicken und bemerkte, da sie wie
gebannt an der rothaarigen Rosina hingen, die drben jenseits der Gasse
stand, ihr immerwhrendes Lcheln um die Lippen.

Der Alte war bemht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, da sie es wohl
wute, aber sich benahm, als verstnde sie nicht.

Endlich hielt es der Alte nicht lnger aus, watete auf den Fuspitzen
hinber und hpfte mit lcherlicher Elastizitt wie ein groer,
schwarzer Gummiball ber die Pftzen.

Man schien ihn zu kennen, denn ich hrte allerhand Glossen fallen, die
darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch
um den Hals, mit blauer Militrmtze, die Virginia hinter dem Ohr,
machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.

Ich begriff nur, da sie den Alten in der Judenstadt den Freimaurer
nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen
wollten, der sich an halbwchsigen Mdchen zu vergehen pflegt, aber
durch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. -- --
--

Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drben im Dunkel des
Hausflures verschwunden.




                                Punsch


Wir hatten das Fenster geffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen
Zimmer strmen zu lassen.

Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mntel, die
an der Tre hingen, da sie leise hin und her schwankten.

Prokops wrdige Haupteszierde mchte am liebsten davonfliegen, sagte
Zwakh und deutete auf des Musikers groen Schlapphut, der die breite
Krempe bewegte wie schwarze Flgel.

Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.

Er will, sagte er, er will wahrscheinlich -- -- --

Er will zum >Loisitschek< zur Tanzmusik, nahm ihm Vrieslander das Wort
vorweg.

Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klngen, die die
dnne Winterluft her ber die Dcher trug.

Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als
zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und
gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:

   An Bein-del von Ei-sen
      recht alt
   An Stran-zen net gar
      a so kalt
   Messinung, a' Rucherl
      und Rohn
   und immerrr nurr putz-en -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie groartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht! und
Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:

   Und stok-en sich Aufzug
      und Pfiff
   Und schmallern an eisernes
      G'sff.
   Juch, --
   Und Handschuhkren, Harom net san -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim >Loisitschek< der
meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grnen Augenschirm, und ein
geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und grhlt den Text dazu,
erklrte mir Zwakh. Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke
gehen, Meister Pernath. Spter vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu
Ende sind, -- was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?

Ja, ja kommen Sie nachher mit uns, sagte Prokop und klinkte das
Fenster zu, -- man mu so etwas gesehen haben.

Dann tranken wir den heien Punsch und hingen unseren Gedanken nach.

Vrieslander schnitzte an einer Marionette.

Sie haben uns frmlich von der Auenwelt abgeschnitten, Josua,
unterbrach Zwakh die Stille, seit Sie das Fenster geschlossen haben,
hat niemand mehr ein Wort gesprochen.

Ich dachte nur darber nach, als vorhin die Mntel so flogen, wie
seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt, antwortete Prokop
schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: Es sieht
gar so wunderlich aus, wenn Gegenstnde pltzlich zu flattern anheben,
die sonst immer tot daliegen. Nicht? -- Ich sah einmal auf einem
menschenleeren Platz zu, wie groe Papierfetzen, -- ohne da ich vom
Winde etwas sprte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, -- in toller
Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als htten sie sich
den Tod geschworen. Einen Augenblick spter schienen sie sich beruhigt
zu haben, aber pltzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung ber
sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drngten sich in einen
Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und
schlielich hinter einer Ecke zu verschwinden.

Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem
Pflaster liegen und klappte haerfllt auf und zu, als sei ihr der Atem
ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.

Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir
Lebewesen auch so etwas hnliches wren wie solche Papierfetzen? -- Ob
nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher Wind auch uns hin
und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, whrend wir in unserer
Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?

Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wre als ein rtselhafter
Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weit du von wannen er
kommt und wohin er geht? -- -- -- Trumen wir nicht auch zuweilen, wir
griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes
ist geschehen, als da ein kalter Luftzug unsere Hnde traf?

Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist's mit Ihnen? sagte
Zwakh und sah den Musiker mitrauisch an.

Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzhlt wurde, -- schade, da
Sie so spt kamen und sie nicht mit anhrten, -- hat ihn so nachdenklich
gestimmt, meinte Vrieslander.

Eine Geschichte von einem Buche?

Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah.
-- Pernath wei nicht, wie er heit, wo er wohnt, was er wollte, und
trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich
doch nicht recht schildern.

Zwakh horchte auf.

Das ist sehr merkwrdig, sagte er nach einer Pause, war der Fremde
vielleicht bartlos und hatte er schrgstehende Augen?

Ich glaube, antwortete ich, das heit, ich -- ich -- wei es ganz
bestimmt. Kennen Sie ihn denn?

Der Marionettenspieler schttelte den Kopf: Er erinnert mich nur an den
>Golem<.

Der Maler Vrieslander lie sein Schnitzmesser sinken:

Golem? -- Ich habe schon so viel davon reden hren. Wissen Sie etwas
ber den Golem, Zwakh?

Wer kann sagen, da er ber den Golem etwas _wisse_?, antwortete Zwakh
und zuckte die Achseln. Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich
eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn pltzlich
wieder aufleben lt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und
die Gerchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so bertrieben und
aufgebauscht, da sie schlielich an der eigenen Unglaubwrdigkeit
zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte
Jahrhundert zurck, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der
Kabbala soll ein Rabbiner da einen knstlichen Menschen -- den
sogenannten Golem -- verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die
Glocken in der Synagoge luten, und allerhand grobe Arbeit tue.

Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein
dumpfes, halbbewutes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heit, auch das
nur tagsber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm
hinter den Zhnen stak und die freien siderischen Krfte des Weltalls
herabzog.

Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem
Munde des Golem zu nehmen versumt, da wre dieser in Tobsucht
verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und htte
zerschlagen, was ihm in den Weg kam.

Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.

Und da sei das Geschpf leblos niedergestrzt. Nichts blieb von ihm
brig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drben in der
Altneusynagoge gezeigt wird.

Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen
worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht
haben, warf Prokop ein, moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu
einer ^Laterna magica^ bedient.

Jawohl, keine Erklrung ist abgeschmackt genug, da sie bei den
Heutigen nicht Beifall fnde, fuhr Zwakh unbeirrt fort. -- Eine
^Laterna magica^!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen
Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick
htte durchschauen mssen!

Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurckfhren
lt, da aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem
Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhngt, dessen bin ich
sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt,
und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das
periodische Auftauchen des Golem zurckblicken, als gerade ich!

Zwakh hatte pltzlich aufgehrt zu reden, und man fhlte mit ihm, wie
seine Gedanken in vergangene Zeiten zurckwanderten.

Wie er, den Kopf aufgesttzt, dort am Tische sa und beim Scheine der
Lampe seine roten, jugendlichen Bckchen fremdartig von dem weien Haar
abstachen, verglich ich unwillkrlich im Geiste seine Zge mit den
maskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.

Seltsam, wie hnlich ihnen der alte Mann doch sah!

Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!

Manche Dinge der Erde knnen nicht loskommen voneinander, fhlte ich,
und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorberziehen lie, da
schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, da ein
Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren
genossen hatte und Schauspieler htte werden sollen, pltzlich wieder zu
dem schbigen Marionettenkasten zurckkehren konnte, um nun abermals auf
die Jahrmrkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorvter
kmmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken
Verbeugungen machen und schlfrigen Erlebnisse vorfhren zu lassen.

Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben
mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich
in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und
ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hlt er sie jetzt so
liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.

Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzhlen? forderte Prokop den Alten
auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen
Wunsches seien.

Ich wei nicht, wo ich anfangen soll, meinte der Alte zgernd, die
Geschichte mit dem Golem lt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin
sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und doch
knne er ihn nicht schildern. Ungefhr alle dreiunddreiig Jahre
wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders
Aufregendes an sich trgt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, fr das
weder eine Erklrung noch eine Rechtfertigung ausreicht:

Immer wieder begibt es sich nmlich, da ein vollkommen fremder Mensch,
bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der
Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider
gehllt, gleichmigen und eigentmlich stolpernden Ganges, so, als
wolle er jeden Augenblick vornber fallen, durch die Judenstadt
schreitet und pltzlich -- unsichtbar wird.

Gewhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.

Ein andermal heit es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben
und sei zu dem Punkte zurckgekehrt, von dem er ausgegangen: einem
uralten Hause in der Nhe der Synagoge.

Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie htten ihn um eine Ecke auf
sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich
entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt
sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und --
schlielich ganz verschwunden.

Vor sechsundsechzig Jahren nun mu der Eindruck, den er hervorgebracht,
besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich -- ich war noch ein
ganz kleiner Junge --, da man das Gebude in der Altschulgasse damals
von oben bis unten durchsuchte.

Es wurde auch festgestellt, da wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit
Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.

Aus allen Fenstern hatte man Wsche gehngt, um von der Gasse aus einen
Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die
Spur gekommen.

Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem
Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in
die Nhe des Fensters gelangt, da ri das Seil, und der Unglckliche
zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schdel. Und als spter der
Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten ber die
Lage des Fensters derart auseinander, da man davon abstand.

Ich selber begegnete dem >Golem< das erste Mal in meinem Leben vor
ungefhr dreiunddreiig Jahren.

Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast
aneinander.

Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein
mu. Man trgt doch um Gotteswillen nicht immerwhrend, tagaus, tagein
die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.

In jenem Augenblick aber, bestimmt -- ganz bestimmt, noch ehe ich seiner
ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und
im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor,
und jener Unbekannte ging an mir vorber. Eine Sekunde spter drang eine
Flut bleicher, aufgeregter Gesichter mir entgegen, die mich mit Fragen
bestrmten, ob ich ihn gesehen htte.

Und als ich antwortete, da fhlte ich, da sich meine Zunge wie aus
einem Krampfe lste, von dem ich vorher nichts gesprt hatte.

Ich war frmlich berrascht, da ich mich bewegen konnte, und deutlich
kam mir zum Bewutsein, da ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines
Herzschlages lang -- in einer Art Starrkrampf befunden haben mute.

ber all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dnkt, ich
komme der Wahrheit am nchsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit
eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die
Judenstadt, befllt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der
uns verhllt bleibt, und lt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines
charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten
hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung drstet.

Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde fr Stunde, und wir nehmen es
nicht wahr. Hren wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel
nicht, bevor sie das Holz berhrt und es mitschwingen macht.

Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne
innewohnendes Bewutsein, -- ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein
Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen
herauswchst.

Wer wei das?

Wie in schwlen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur
Unertrglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, knnte es da
nicht sein, da auch auf die stetige Anhufung jener niemals wechselnden
Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine pltzliche,
ruckweise Entladung folgen mu? -- eine seelische Explosion, die unser
Traumbewutsein ans Tageslicht peitscht, um -- dort den Blitz der Natur
-- hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in
allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren mte,
wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstnde?

Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes anknden,
so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende
Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abbltternde Bewurf
einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen
gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Zge starrer
Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und
drngt dem argwhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbare
Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hlt, werfe ihn herab und be
sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen.
-- Ruht das Auge auf eintnigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut,
bemchtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, berall mahnende,
bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Trumen ins Riesengroe
auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der
angesammelten Gedankenherden, die Wlle der Alltglichkeit zu
durchnagen, fr uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewiheit, da
unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen
ausgesogen wird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden
knne.

Wie ich nun vorhin Pernath besttigen hrte, da ihm ein Mensch begegnet
sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der >Golem< vor mir,
wie ich ihn damals gesehen.

Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.

Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklrliches
nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich
schon einmal in meinen Kinderjahren versprt, als die ersten spukhaften
uerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen.

Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knpft sich an einen
Abend, an dem der Brutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und
in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.

Es wurde damals Blei gegossen -- zum Scherz -- und ich stand mit offenem
Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, -- in meiner
wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem
Golem, von dem ich meinen Grovater oft hatte erzhlen hren, und
bildete mir ein, jeden Augenblick msse die Tr aufgehen und der
Unbekannte eintreten.

Meine Schwester leerte dann den Lffel mit dem flssigen Metall in das
Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.

Mit welken, zitternden Hnden holte mein Grovater den blitzenden
Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine
allgemeine Erregung. Man redete laut durcheinander; ich wollte mich
hinzudrngen, aber man wehrte mich ab.

Spter, als ich lter geworden, erzhlte mir mein Vater, es wre damals
das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt
gewesen, -- glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch
unheimlicher hnlichkeit mit den Zgen des >Golem<, da sich alle
entsetzt htten.

Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der
Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus
Kaiser Rudolfs Zeiten, darber. Er hat sich mit Kabbala befat und
meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaen sei vielleicht
nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall
der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, msse das
Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner
zuerst _lebendig gedacht_ habe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte,
und das nun in regelmigen Zeitabschnitten, bei den gleichen
astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden --
wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben geqult.

Auch Hillels verstorbene Frau hat den >Golem< von Angesicht zu Angesicht
erblickt und ebenso wie ich gefhlt, da man sich im Starrkrampf
befindet, solange das rtselhafte Wesen in der Nhe weilt.

Sie sagte, sie sei felsenfest berzeugt gewesen, da es damals nur ihre
eigene Seele habe sein knnen, die -- aus dem Krper getreten -- ihr
einen Augenblick gegenbergestanden und mit den Zgen eines fremden
Geschpfes ins Gesicht gestarrt htte.

Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemchtigt, habe
sie doch keine Sekunde die Gewiheit verlassen, da jener andere nur ein
Stck ihres eignen Innern sein konnte.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es ist unglaublich, murmelte Prokop in Gedanken verloren.

Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grbeln versunken.

Da klopfte es an die Tre und das alte Weib, das mir des Abends Wasser
bringt und was ich sonst noch ntig habe, trat ein, stellte den tnernen
Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.

Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber
noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.

Als sei ein neuer Einflu mit der Alten zur Tr hereingeschlpft, an den
man sich erst gewhnen mute.

Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht
loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen
sieht, sagte pltzlich Zwakh ganz unvermittelt. Dieses erstarrte,
grinsende Lcheln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die
Gromutter, dann die Mutter! -- Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug
anders! Derselbe Name Rosina; -- es ist immer eine die Auferstehung der
andern.

Ist Rosina nicht die Tochter des Trdlers Aaron Wassertrum? fragte
ich.

Man spricht so, meinte Zwakh, -- -- Aaron Wassertrum aber hat manchen
Sohn und manche Tochter, von denen man nicht wei. Auch bei Rosinas
Mutter wute man nicht, wer ihr Vater gewesen, -- auch nicht, was aus
ihr geworden ist. -- Mit fnfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und
war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord
zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause
begangen wurde.

Wie jetzt ihre Tochter, spukte damals _sie_ den halbwchsigen Jungen im
Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, -- ich sehe ihn fter, -- doch sein
Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine,
sie hat sie alle frhzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich
aus jener Zeit berhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene
Bilder durch mein Gedchtnis treiben. So hat es damals einen halb
bldsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und
den Gsten gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier
schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsgliche
Traurigkeit, und unter Trnen und Schluchzen schnitzelte er, ohne
aufzuhren, immer das gleiche scharfe Mdchenprofil, bis sein ganzer
Papiervorrat verbraucht war.

Aus Zusammenhngen zu schlieen, die ich lngst vergessen, hatte er --
fast als Kind noch -- eine gewisse Rosina, wohl die Gromutter der
heutigen, so heftig geliebt, da er den Verstand darber verlor.

Wenn ich die Jahre zurckzhle, kann es keine andere als die Gromutter
der jetzigen Rosina gewesen sein.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Zwakh schwieg und lehnte sich zurck. -- -- --

Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder
zum selben Punkt zurck, fuhr es mir durch den Sinn, und ein hliches
Bild, das ich einmal mit angesehen -- eine Katze mit verletzter
Gehirnhlfte im Kreise herumtaumelnd -- trat vor mein Auge. -- -- --

Jetzt kommt der Kopf, hrte ich pltzlich den Maler Vrieslander mit
heller Stimme sagen.

Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu
schnitzen.

Eine schwere Mdigkeit legte sich mir ber die Augen, und ich rckte
meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.

Das Wasser fr den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop fllte
wiederum die Glser. Leise, ganz leise klangen die Klnge der Tanzmusik
durch das geschlossene Fenster; -- manchmal verstummten sie vollends,
dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs
verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.

Ob ich denn nicht mit anstoen wolle, fragte mich nach einer Weile der
Musiker.

Ich aber gab keine Antwort, -- so vollkommen war mir der Wille, mich zu
bewegen, abhanden gekommen, da ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund
zu ffnen, verfiel.

Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich
meiner bemchtigt hatte. Und ich mute hinber auf Vrieslanders
funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Spne bi,
-- um die Gewiheit zu erlangen, da ich wach sei.

In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzhlte wieder allerlei
wunderliche Geschichten ber Marionetten und krause Mrchen, die er fr
seine Puppenspiele erdacht.

Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin
eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu
Besuch komme.

Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums hhnische,
triumphierende Miene. --

Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte,
berlegte ich, -- dann hielt ich es nicht der Mhe fr wert und fr
belanglos. Auch wute ich, da mein Wille versagen wrde, wollte ich
jetzt den Versuch machen zu sprechen.

Pltzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herber und Prokop
sagte ganz laut: Er ist eingeschlafen, -- so laut, da es fast klang,
als ob es eine Frage sein sollte.

Sie redeten mit gedmpfter Stimme weiter, und ich erkannte, da sie von
mir sprachen.

Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf,
das von der Lampe niederflo, und der spiegelnde Schein brannte mir in
den Augen.

Es fiel ein Wort wie: irr sein, und ich horchte auf die Rede, die in
der Runde ging.

Gebiete, wie das vom >Golem< sollte man vor Pernath nie berhren,
sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, als er vorhin von dem Buche Ibbur
erzhlte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich mchte
wetten, er hat alles nur getrumt.

Zwakh nickte: Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem
Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tcher
Decke und Wnde bespannen und der drre Zunder der Vergangenheit fuhoch
den Boden bedeckt; ein flchtiges Berhren nur und schon schlgt das
Feuer aus allen Ecken.

War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst
vierzig sein, sagte Vrieslander.

Ich wei es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen
mag und was frher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein
altfranzsischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem
Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter
Arzt gebeten, ich mchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine
kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kmmern und
mit Fragen nach frheren Zeiten beunruhigen wrde, aussuchen. -- Wieder
sah Zwakh bewegt zu mir herber. -- Seit jener Zeit lebt er hier,
bessert Antiquitten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen
kleinen Wohlstand gegrndet. Es ist ein Glck fr ihn, da er alles, was
mit seinem Wahnsinn zusammenhngt, vergessen zu haben scheint. Fragen
Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in
seiner Erinnerung wachrufen knnten, -- wie oft hat mir das der alte
Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so
eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mhe
eingemauert, mchte ich's nennen, -- so wie man eine Unglckssttte
einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knpft. -- -- --

Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein
Schlchter auf ein wehrloses Tier und prete mir mit rohen, grausamen
Hnden das Herz zusammen.

Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, -- ein Ahnen, als wre
mir etwas genommen worden und als htte ich in meinem Leben eine lange
Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler.
Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergrnden.

Jetzt lag des Rtsels Lsung offen vor mir und brannte mich unertrglich
wie eine blogelegte Wunde.

Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse
nachzuhngen, -- dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer
wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir
unzugnglicher Gemcher gesperrt, -- das bengstigende Versagen meines
Gedchtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, -- alles das
fand mit einem Male seine furchtbare Erklrung: Ich war wahnsinnig
gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das -- Zimmer
verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemchern meines Gehirns
bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens
gemacht.

Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!

Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern,
vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, -- nie wrde ich sie erkennen
knnen: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer
fremden Wurzel sprot. Gelnge es mir auch, den Eingang in jenes
verschlossene Zimmer zu erzwingen, mte ich nicht abermals den
Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hnde fallen?!

Die Geschichte von dem >Golem<, die Zwakh vor einer Stunde erzhlte, zog
mir durch den Sinn, und pltzlich erkannte ich einen riesengroen,
geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne
Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem
bedeutungsvollen Traum.

Ja! auch in meinem Falle wrde der Strick reien, wollte ich
versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.

Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas
unbeschreiblich Erschreckendes fr mich an.

Ich fhlte: es sind da Dinge -- unfabare -- zusammengeschmiedet und
laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg fhrt,
nebeneinander her.

Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden
kann, -- ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen
durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu
tragen! -- -- --

Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte
unter der Klinge des Messers.

Es tat mir fast weh, wie ich es hrte, und ich sah hin, ob es denn nicht
bald zu Ende sei.

Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als
habe er Bewutsein und sphe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine
Augen lange auf mir, befriedigt, da sie mich endlich gefunden.

Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte
unverwandt auf das hlzerne Antlitz.

Eine Weile schien das Messer des Malers zgernd etwas zu suchen, dann
ritzte es entschlossen eine Linie ein, und pltzlich gewannen die Zge
des Holzkopfes schreckhaftes Leben.

Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch
gebracht.

Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine
Sekunde gedauert, und ich sprte, da mein Herz zu schlagen aufhrte und
ngstlich flatterte.

Dennoch blieb ich mir -- wie damals -- des Gesichtes bewut.

_Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Scho und sphte
umher._

Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte
meinen Schdel.

Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hrte seine
Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!

Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollte Vrieslander mit Gewalt
das Schnitzwerk entreien, doch der wehrte sich und rief lachend:

Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar milungen. Und er wand sich
los, ffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.

Da schwand mein Bewutsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die
von schimmernden Goldfden durchzogen war, und als ich, wie es mir
schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hrte ich das
Holz klappernd auf das Pflaster fallen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Sie haben so fest geschlafen, da Sie nicht merkten, wie wir Sie
schttelten, -- sagte Josua Prokop zu mir, der Punsch ist aus, und Sie
haben alles versumt.

Der heie Schmerz, ber das, was ich vorhin mitangehrt, bermannte mich
wieder, und ich wollte aufschreien, da ich nicht getrumt habe, als ich
ihnen von dem Buche Ibbur erzhlte -- und es aus der Kassette nehmen und
ihnen zeigen knne.

Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung
allgemeinen Aufbruches, die meine Gste ergriffen hatte, nicht
durchdringen.

Zwakh hngte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:

Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre
Lebensgeister erfrischen.




                                Nacht


Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterfhren lassen.

Ich sprte den Geruch des Nebels, der von der Strae ins Haus drang,
deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren
einige Schritte vorausgegangen, und man hrte, wie sie drauen vor dem
Torweg mitsammen sprachen.

Er mu rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum
Teufelholen.

Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bckte und
die Marionette suchte.

Freut mich, da du den dummen Kopf nicht finden kannst, brummte
Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht
leuchtete grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen -- wie er
das Feuer eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.

Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte
sich noch tiefer herab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:

Still doch! Hrt ihr denn nichts?

Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte
horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und
lauschten in den Schacht hinab.

Nichts.

Was war's denn? flsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch
sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.

Einen Augenblick -- kaum einen Herzschlag lang -- hatte es mir
geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte --
fast unhrbar. Wie ich eine Sekunde spter darber nachdachte, war alles
vorbei; nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und
lste sich langsam in ein unbestimmtes Gefhl des Grauens auf.

Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.

Gehen wir; was stehen wir da herum! mahnte Vrieslander.

Wir schritten die Huserreihe entlang.

Prokop folgte nur widerwillig.

Meinen Hals mcht' ich wetten, da unten hat jemand geschrien in
Todesangst.

Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fhlte, da etwas wie leise
dmmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.

Bald darauf standen wir vor einem rotverhngten Schenkenfenster.

                         SALON LOISITSCHEK.
                       Heinte groes Konzehr

stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen
Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.

Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, ffnete sich die
Eingangstr nach innen und ein vierschrtiger Kerl mit gewichstem,
schwarzem Haar, ohne Kragen -- eine grnseidene Kravatte um den bloen
Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszhnen
geschmckt -- empfing uns mit Bcklingen.

J, j, das sin mir Gsth. -- -- -- Pane Schaffranek, rasch einen
Tusch! setzte er, ber die Schulter in das von Menschen berfllte
Lokal gewendet, hastig seinem Willkommengru hinzu.

Ein klimperndes Gerusch, wie wenn eine Ratte ber Klaviersaiten liefe,
war die Antwort.

J, j, das sin mir Gsth, das sin mir Gsth. Da schaut man,
murmelte der Vierschrtige immerwhrend vor sich hin, whrend er uns aus
den Mnteln half.

Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir
versammelt, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene,
als im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Gelnder und eine
zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar
vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.

Schwaden beienden Tabakrauches lagerten ber den Tischen, hinter denen
die langen Holzbnke an den Wnden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten
waren: Dirnen von den Schanzen, ungekmmt, schmutzig, barfu, die festen
Brste kaum verhllt von mifarbigen Umhngetchern, Zuhlter daneben
mit blauen Militrmtzen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhndler mit
haarigen Fusten und schwerflligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine
stumme Sprache der Niedertracht redeten, vazierende Kellner mit frechen
Augen und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen.

Ich stell' ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schn ungestrt
sein, krchzte die feiste Stimme des Vierschrtigen, und eine Rollwand,
beklebt mit kleinen tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den
Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten.

Schnarrende Klnge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer
verlschen.

Eine Sekunde eine rhythmische Pause.

Totenstille, als hielte alles den Atem an.

Mit erschreckender Deutlichkeit hrte man pltzlich wie die eisernen
Gasstbe fauchend die flachen herzfrmigen Flammen aus ihren Mndern in
die Luft bliesen -- -- dann fiel die Musik ber das Gerusch her und
verschlang es.

Als wren sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame
Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.

Mit langem, wallendem, weiem Prophetenbart, ein schwarzseidenes
Kppchen -- wie es die alten jdischen Familienvter tragen -- auf dem
Kahlkopf, die blinden Augen milchblulich und glsern -- starr zur Decke
gerichtet -- sa dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit
drren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm
in speckglnzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an
Hals und Armen -- ein Sinnbild erheuchelter Brgermoral -- ein
schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Scho.

Ein wildes Gestolper von Klngen drngte sich aus den Instrumenten, dann
sank die Melodie ermattet zur bloen Begleitung herab.

Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und ri den Mund weit
auf, da man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der
Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebrischen Rchellauten
begleitet, ein wilder Ba:

Roo -- n -- te, blau -- we Stern -- --

Rititit (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die
keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)

   Roonte blaue Steern
   Hrndlach ess i' ach geern;
   Rititit
   Rothboart, Grienboart
   allerlaj Stern -- --
   Rititit, rititit.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Paare traten zum Tanze an.

Es ist das Lied vom >chomezigen Borchu<, erklrte uns lchelnd der
Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlffel, der
sonderbarerweise mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. Vor
wohl hundert Jahren oder mehr noch hatten zwei Bckergesellen, Rotbart
und Grnbart, am Abend des >Schabbes Hagodel< das Brot -- Sterne und
Hrnchen -- vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben in der Judenstadt
hervorzurufen; aber der >Meschores< -- der Gemeindediener -- war infolge
gttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommen und konnte die
beiden Verbrecher der Stadtpolizei berliefern. Zur Erinnerung an die
wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die >Lamdonim< und
>Bocherlech< jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als
Bordellquadrille hren.

Rititit -- Rititit

Roote blaue Steern -- -- -- -- immer hohler und fanatischer erscholl
das Gebell des Greises.

Pltzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmhlich in den Rhythmus
des bhmischen Schlapak -- eines schleifenden Schiebetanzes -- ber,
bei dem die Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preten.

So recht. Bravo. h da! fang, hep, hep! rief von der Estrade ein
schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem
Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstck in
der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es ber
das Tanzgewhl hinblitzte; da war es pltzlich verschwunden. Ein Strolch
-- sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es mu derselbe
gewesen sein, der neulich bei dem Regengu neben Charousek gestanden --
hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tnzerin, wo er sie bisher
hartnckig ruhen gehabt, hervorgezogen -- ein Griff in die Luft mit
affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik
auszulassen, und die Mnze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im
Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nhe grinsten
leise.

Wahrscheinlich einer vom >Bataillon<, nach der Geschicklichkeit zu
schlieen, sagte Zwakh lachend.

Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom >Bataillon< gehrt,
fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem
Marionettenspieler zu, da ich es nicht sehen sollte. -- Ich verstand
gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich
fr krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzhlen.
Irgend etwas.

Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir hei vom Herzen
in die Augen. Wenn er wte, wie weh mir sein Mitleid tat!

Ich berhrte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine
Worte einleitete, -- ich wei nur, mir war, als verblute ich langsam.
Mir wurde immer klter und starrer, wie vorhin, als ich als hlzernes
Gesicht auf Vrieslanders Scho gelegen hatte. Dann war ich pltzlich
mitten drin in der Erzhlung, die mich fremdartig umfing, -- einhllte,
wie ein lebloses Stck aus einem Lesebuch.

Zwakh begann:

_Die Erzhlung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon._

-- -- -- No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller
Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jngling kannte er
nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er
sich durch Stundengeben mhsam erwarb, mute er noch seine kranke Mutter
erhalten. Wie grne Wiesen aussehen und Hecken und Hgel voll Blumen und
Wlder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Bchern. Und wie wenig von
Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fllt, wissen Sie ja selbst.

Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich
selbstverstndlich.

Nun, und mit der Zeit wurde er ein berhmter Rechtsgelehrter. So
berhmt, da alle Leute -- Richter und alte Advokaten -- zu ihm fragen
kamen, wenn sie irgend etwas nicht wuten. Dabei lebte er rmlich wie
ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof
schaute.

So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner
Wissenschaft wurde allmhlich Sprichwort im ganzen Lande. Da ein Mann
wie er weichen Herzensempfindungen zugnglich sein konnte, zumal sein
Haar schon anfing wei zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von
etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehrt zu haben, htte wohl
keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glht die
Sehnsucht am heiesten.

An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als
hchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: -- als nmlich
Seine Majestt der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an
unserer Universitt ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich
mit einem jungen, bildschnen Frulein aus zwar armer, aber adliger
Familie verlobt.

Und wirklich schien von da an das Glck bei Dr. Hulbert eingezogen zu
sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge
Gattin auf Hnden, und jeden Wunsch zu erfllen, den er ihr nur irgend
von den Augen abzulesen vermochte, war seine hchste Freude.

In seinem Glck verga er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch
anderer getan htte, seiner leidenden Mitmenschen. Mir hat Gott meine
Sehnsucht gestillt, soll er einmal gesagt haben, -- er hat mir ein
Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir
hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu
eigen gegeben, das die Erde trgt. Und so will ich, da ein Schimmer von
diesem Glck, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere
fllt. -- -- --

Und so kam es, da er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm,
wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwgung, wie wohl ihm
selbst ein solch gutes Werk getan htte, wre es ihm am eigenen Leib und
Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun
auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach
sich zieht gleich der einer fluchwrdigen, weil wir wohl doch nicht
richtig unterscheiden knnen zwischen dem, was giftigen Samen in sich
trgt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, da aus Dr.
Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid fr ihn selbst spro.

Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten,
und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, da sie der Rektor gerade in
dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen
seiner Liebe mit einem Strau Rosen als Geburtstagsprsent zu
berraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat ber Wohltat
gehuft hatte.

Man sagt, da die blaue Muttergottesblume fr immer ihre Farbe verlieren
kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein
Hagelwetter verkndet, pltzlich auf sie fllt; gewi ist, da die Seele
des alten Mannes fr immer erblindete an dem Tage, wo sein Glck in
Scherben ging. Am selben Abend noch sa er, er, der bis dahin nicht
gewut, was Unmigkeit ist, hier beim Loisitschek -- fast bewutlos
vom Fusel -- bis zum Morgengrauen. Und der Loisitschek wurde seine
Heimsttte fr den Rest seines zerstrten Lebens. Im Sommer schlief er
irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hlzernen
Bnken.

Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte belie man ihm
stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst
berhmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, da man rgernis nhme an
seinem Wandel.

Allmhlich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der
Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Grndung jener seltsamen
Gemeinschaft, die man noch heutigentags das Bataillon nennt.

Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk fr alle
die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein
entlassener Strfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert
splitternackt hinaus auf den Altstdter Ring -- und das Amt auf der
sogenannten Fischbanka sah sich gentigt, einen Anzug beizustellen.
Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesen werden, so
heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszustndig war, und wurde
dadurch ansssig.

Hundert solcher Auswege wute Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenber
stand die Polizei machtlos da. -- Was diese Ausgestoenen der
menschlichen Gesellschaft verdienten, bergaben sie getreulich auf
Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der ntige
Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals lie sich auch nur eines die
geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, da angesichts
dieser eisernen Disziplin der Name das Bataillon entstand.

Pnktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglcks jhrte, das
den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim Loisitschek
eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrngt standen sie hier:
Bettler, Vagabunden, Zuhlter und Dirnen, Trunkenbolde und
Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst.
-- Und dann erzhlte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt
die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krnungsbilde Seiner
Majestt des Kaisers seine Lebensgeschichte: -- wie er sich
emporgerungen, den Doktortitel erworben und spter ^Rektor magnificus^
geworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in
der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, -- zur Feier ihres
Geburtstages und zugleich zum Gedchtnis jener Stunde, da er dereinst um
sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, -- da
versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen.
Dann geschah es wohl zuweilen, da irgendein liederliches Frauenzimmer
ihm verschmt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke
Blume auf die Hand legte.

Von den Zuhrern rhrte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen
sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie
herunter und drehten unsicher die Finger.

Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der
Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.

Sein Leichenbegngnis sehe ich noch heute vor mir. Das Bataillon hatte
sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie mglich zu gestalten.

Voran ging der Pedell der Universitt in vollem Ornat: in den Hnden das
purpurne Kissenpolster mit der gldenen Kette darauf und hinter dem
Leichenwagen in unabsehbarer Reihe -- -- das Bataillon barfu,
schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein
Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus
altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.

So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.

Auf seinem Grabe, drauen im Friedhof, steht ein weier Stein, darein
sind drei Figuren gemeielt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei
Rubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau
habe das Denkmal errichtet. -- -- --

Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen,
danach bekommt jeder vom Bataillon mittags beim Loisitschek umsonst
eine Suppe; zu diesem Zwecke hngen hier am Tisch die Lffel an den
Ketten, und die ausgehhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller.
Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer groen, blechernen
Spritze die Brhe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als
vom Bataillon, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurck.

Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch
die ganze Welt.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie.
Die letzten Stze, die Zwakh gesprochen, wehten ber mein Bewutsein
hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hnde bewegte, um das Vor- und
Zurckschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die
Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und
dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorber, da
ich in Momenten ganz mich selbst verga und mir wie ein Rad vorkam in
einem lebendigen Uhrwerk.

Das Zimmer war ein einziges Menschengewhl geworden. Oben auf der
Estrade: dutzende Herren in schwarzen Frcken. Weie Manschetten,
blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnren. Im
Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Strauenfedern.

Durch die Stbe des Gelnders stierte das verzerrte Gesicht Loisas
hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war
da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rcken dicht, ganz dicht, an
der Seitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.

Die Gestalten hielten pltzlich im Tanzen inne: der Wirt mute ihnen
etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch,
aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fhlte
es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hmischer, wilder Freude in dem
Gesicht des Wirtes.

-- -- -- -- In der Eingangstr steht mit einem Mal der Polizeikommissr
in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen.
Hinter ihm ein Kriminalschutzmann.

Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke.
Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!

Es klingt wie Kommandos.

Der Vierschrtige gibt keine Antwort, aber das hmische Grinsen bleibt
in seinen Zgen.

Blo starrer ist es geworden.

Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.

Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.

Die Gesichter sind pltzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen
erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.

Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen
herab und geht langsam auf den Kommissr zu.

Die Augen des Kriminalschutzmannes hngen gebannt an den
heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.

Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamten stehen geblieben
und lt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Fen und wieder
zurckschweifen.

Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich ber das
Gelnder gebeugt und verbeien das Lachen hinter ihren grauseidnen
Taschentchern.

Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstck ins Auge und spuckt einem
Mdchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.

Der Polizeikommissr hat sich verfrbt und starrt in der Verlegenheit
immerwhrend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.

Er kann den gleichgltigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten,
unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.

Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.

Die Totenstille im Lokal wird immer qulender.

So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Hnden auf den
Steinsrgen liegen in den gotischen Kirchen, flstert der Maler
Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier.

Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: h -- Hm. -- -- -- er
kopiert die Stimme des Wirtes: J, j, das sin mir Gsth -- da schaut
man. Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, da die Glser
klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche
fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrtige Wirt meckert uns
erluternd und ehrfurchtsvoll zu: Seine Durchlaucht Exzellenz Frst
Ferri Athenstdt.

Der Frst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten. Der rmste
nimmt sie, salutiert wiederholt und schlgt die Hacken zusammen.

Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen
wird.

Der Kavalier spricht wieder:

Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, -- h -- sind
meine lieben Gste. Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlssigen
Armbewegung auf das Gesindel, wnschen Sie, Herr Kommissr, -- h --
vielleicht vorgestellt zu werden?

Der Kommissr verneint mit erzwungenem Lcheln, stottert verlegen etwas
von leidiger Pflichterfllung und rafft sich schlielich zu den Worten
auf: Ich sehe ja, da es hier anstndig zugeht.

Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund
auf den Damenhut mit der Strauenfeder zu und zerrt im nchsten
Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen -- Rosina am Arm herunter
in den Saal.

Sie schwankt vor Trunkenheit und hlt die Augen geschlossen. Der groe,
kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa
Strmpfe und -- einen Herrenfrack auf dem bloen Krper.

Ein Zeichen: Die Musik fllt ein wie rasend -- -- -- Rititit --
Rititit -- -- -- -- -- und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der
taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drben
ausgestoen hat. -- -- --

Wir wollen gehen.

Zwakh ruft nach der Kellnerin.

Der allgemeine Lrm verschlingt seine Worte.

Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.

Der Rittmeister hlt die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam
mit ihr im Takt.

Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.

Dann murmelt es von den Bnken: Der Loisitschek, der Loisitschek, die
Hlse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites
noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit
langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt
wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, --
hngt schmachtend an der Brust des Frsten Athenstdt.

Ein slicher Walzer quillt aus der Harfe.

Wilder Ekel vor dem Leben schnrt mir die Kehle zusammen.

Mein Blick sucht voll Angst die Tre: der Kommissr steht dort
abgewendet, um nichts zu sehen, und flstert hastig mit dem
Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.

Die beiden sphen herber auf den blatternarbigen Loisa, der einen
Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelhmt -- das Gesicht
kalkwei und verzerrt vor Entsetzen -- stehen bleibt.

Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das
Bild, wie Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, -- ber
das Kanalgitter gebeugt -- und ein Todesschrei gellt aus der Erde
empor.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und
biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzhne, da es wie ein
Klumpen meinen Gaumen erfllt und ich kein Wort hervorbringen kann.

Ich kann die Finger nicht sehen, wei, da sie unsichtbar sind, und doch
empfinde ich sie wie etwas Krperliches.

Und klar steht es in meinem Bewutsein: sie gehren zu der
gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpagasse das
Buch Ibbur gegeben haben.

Wasser, Wasser! schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und
leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.

In seine Wohnung schaffen, Arzt holen -- der Archivar Hillel kennt sich
aus in solchen Dingen -- -- zu ihm bringen! -- beraten sie murmelnd.

Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und
Vrieslander tragen mich hinaus.




                                 Wach


Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hrte, wie Mirjam,
die Tochter des Archivars Hillel, ihn ngstlich ausfragte und er sie zu
beruhigen trachtete.

Ich gab mir keine Mhe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und
erriet mehr, als ich es in Worten verstand, da Zwakh erzhlte, mir sei
ein Unfall zugestoen und sie kmen bitten, mir die erste Hilfe zu
leisten und mich wieder zu Bewutsein zu bringen.

Noch immer konnte ich kein Glied rhren, und die unsichtbaren Finger
hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefhl
des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wute genau, wo ich war und
was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, da
man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah
Hillels niedersetzte und -- allein lie.

Eine ruhige, natrliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach
einer langen Wanderung geniet, erfllte mich.

Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich
die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der
von der Gasse heraufschimmerte.

Alles kam mir selbstverstndlich vor und ich wunderte mich weder
darber, da Hillel mit einem jdischen siebenflammigen Sabbatleuchter
eintrat, noch, da er mir gelassen Guten Abend wnschte wie jemandem,
dessen Kommen er erwartet hatte.

Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas
Besonderes bemerkt hatte, -- trotzdem wir einander oft drei- bis viermal
in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, -- fiel mir pltzlich stark
an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstnde auf der
Kommode zurechtrckte und schlielich mit dem Leuchter einen zweiten,
gleichfalls siebenflammigen anzndete.

Nmlich: sein Ebenma an Leib und Gliedern und der schmale, feine
Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.

Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht lter sein als
ich: hchstens 45 Jahre zhlen.

Du bist um einige Minuten frher gekommen, -- begann er nach einer
Weile -- als anzunehmen war, sonst htte ich die Lichter schon vorher
angezndet. -- Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre
und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf
jemand, der mir zu Hupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu
sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen
Satz.

Sofort lieen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der
Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich:
Niemand auer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.

Sein Du und die Bemerkung, da er mich erwartet habe, hatten also mir
gegolten!?

Viel befremdender als diese beiden Umstnde an sich wirkte es auf mich,
da ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darber
zu empfinden.

Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lchelte freundlich,
wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen
Sessel wies, und sagte:

Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die
gespenstischen Dinge -- die Kischuph -- auf den Menschen; das Leben
kratzt und brennt wie ein hrener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der
geistigen Welt sind mild und erwrmend.

Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm htte erwidern sollen.
Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir
gegenber und fuhr gelassen fort: Auch ein silberner Spiegel, htte er
Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und
glnzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne
Leid und Erregung.

Wohl dem Menschen, setzte er leise hinzu, der von sich sagen kann:
Ich bin geschliffen. -- Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und
ich hrte ihn einen hebrischen Satz murmeln: ^Lischuoscho Kiwisi
Adoschem^. Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:

Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach
gemacht. Im Psalm David heit es:

_Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist
es, welche diese Vernderung gemacht hat._

Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagersttten, so whnen sie, sie
htten den Schlaf abgeschttelt, und wissen nicht, da sie ihren Sinnen
zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes
werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein
wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt nherst. Sprich den
Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie knnen
dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu
reden.

   _Sie fahren dahin wie ein Strom --_
   _Und sind wie ein Schlaf,_
   _Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird --_
   _Das des Abends abgehauen wird und verdorret._

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir
das Buch Ibbur gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?,
wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken
in Worte fassen konnte:

Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute
die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf
Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!

Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem
Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.

Ich fhlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirn verankert gewesen,
sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein
uferloses Meer.

Ruhevoll fuhr Hillel fort:

Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind
dasselbe.

-- -- kann nicht mehr sterben? -- ein dumpfer Schmerz ergriff mich.

Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des
Todes. Du hast das Buch Ibbur genommen und darin gelesen. Deine Seele
ist schwanger geworden vom Geist des Lebens, hrte ich ihn reden.

Hillel, Hillel, la mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den
des Sterbens!, schrie alles wild in mir auf.

Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.

Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des
Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: Ehe Gott
die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie
die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da
nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich,
und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden. Du aber _gehst_ einen
Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, -- wenn du es jetzt auch
selbst nicht mehr weit: Du bist berufen von dir selbst. Grm' dich
nicht: allmhlich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.
_Wissen und Erinnerung sind dasselbe._

Der freundliche, fast liebenswrdige Ton, in den Hillels Rede
ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fhlte mich
geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich wei.

Ich blickte auf und sah, da mit einem Male viele Gestalten im Zimmer
waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weien Sterbegewndern, wie
sie die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und
Silberschnallen an den Schuhen -- aber Hillel fuhr mir mit der Hand ber
die Augen und die Stube war wieder leer.

Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende
Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten knne in mein Zimmer.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam
nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der
weder Trumen war, noch Wachen, noch Schlafen.

Das Licht hatte ich ausgelscht, aber trotzdem war alles in der Stube so
deutlich, da ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei
fhlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen
qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in hnlicher
Verfassung befindet.

Nie vorher in meinem Leben wre ich imstande gewesen, so scharf und
przis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit
durchstrmte meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied
wie eine Armee, die nur auf meine Befehle wartete.

Ich brauchte blo zu rufen, und sie traten vor mich und erfllten, was
ich wnschte.

Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu
schneiden versucht hatte, -- ohne damit zurecht zu kommen, da sich die
vielen zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszgen
decken wollten, die ich mir vorgestellt, -- fiel mir ein, und im Nu sah
ich die Lsung vor mir und wute genau, wie ich den Stichel zu fhren
hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu werden.

Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrcke und Traumgesichter,
von denen ich oft nicht gewut: waren es Ideen oder Gefhle, sah ich
mich jetzt pltzlich als Herr und Knig im eigenen Reich.

Rechenexempel, die ich frher nur mit chzen und auf dem Papier htte
bewltigen knnen, fgten sich mir mit einem Male im Kopf spielend zum
Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fhigkeit, das
zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen,
Gegenstnde oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch
derlei Werkzeuge nicht zu lsen waren: -- philosophische Probleme und
hnliches --, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehr, wobei die
Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers bernahm.

Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.

Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloes Wort an meinem Ohr hatte
vorbergehen lassen, stand wertgetrnkt bis in die tiefste Faser vor
mir; was ich auswendig gelernt, erfate ich mit einem Schlag als
mein Eigentum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen
nackt vor mir.

Die hohen Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrtlich
biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab
behandelt hatten, -- demtig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze
und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin
Krcken fr -- einen noch frecheren Schwindel.

Trumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel
gesprochen?

Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.

Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und
selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich berzeugt
hat, da der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden
ist, whlte ich mich wieder in die Kissen.

Und wie ein Sprhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen
Rtsel, die mich rings umgaben.

Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurckzugelangen, bis
zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus -- glaubte ich --
knnte es mir mglich sein, jenen Teil meines Daseins zu berblicken,
der fr mich, durch eine seltsame Fgung des Schicksals in Finsternis
gehllt lag.

Aber wie sehr ich mich auch bemhte, ich kam nicht weiter, als da ich
mich wie einst in dem dsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch
den Torbogen den Trdlerladen des Aaron Wassertrum unterschied -- als ob
ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider in diesem Hause gewohnt
htte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!

Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schrfen in den
Schchten der Vergangenheit, da begriff ich pltzlich mit leuchtender
Klarheit, da wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstrae der
Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge
winzig schmaler Fusteige, die wohl bisher den Hauptpfad stndig
begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: Woher,
schrie es mir fast in die Ohren, hast du denn die Kenntnisse, dank
derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt
-- und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen -- und
essen -- und gehen, atmen, denken und fhlen?

Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein
Leben zurck.

Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu
berlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was
lag vor diesem und so weiter?

Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt -- -- jetzt! Jetzt!
Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem
Vergessenen trennte, mute berflogen sein -- da trat ein Bild vor mich,
das ich auf der Rckwanderung meiner Gedanken bersehen hatte: Schemajah
Hillel fuhr mir mit der Hand ber die Augen -- genau wie vorhin unten in
seinem Zimmer.

Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.

Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der
Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch
zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind's, die in die
verlorene Heimat zurckfhren: das, was mit feiner, kaum sichtbarer
Schrift in unserem Krper eingraviert ist, und nicht die scheuliche
Narbe, die die Raspel des ueren Lebens hinterlt, -- birgt die Lsung
der letzten Geheimnisse.

So, wie ich zurckfinden knnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in
der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornhme von Z bis A, um dort
anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, -- so, begriff ich,
mte ich auch wandern knnen in die andere ferne Heimat, die jenseits
alles Denkens liegt.

Eine Weltkugel aus Arbeit wlzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules
trug eine Zeitlang das Gewlbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir
ein, und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und
wie Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas
bat: La mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit
mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt, so gbe es
vielleicht einen dunkeln Weg -- dmmerte mir -- von dieser Klippe weg.

Ein tiefer Argwohn, der Fhrerschaft meiner Gedanken weiter blind zu
vertrauen, beschlich mich pltzlich. Ich legte mich gerade und verschlo
mit den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die
Sinne. Um jeden Gedanken zu tten.

Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur
einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon
mstete sich der nchste an seinem Fleische. Ich flchtete in den
brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem
Fu; ich verbarg mich im Hmmerwerk meines Herzens: nur eine kleine
Weile, und sie hatten mich entdeckt.

Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte:
Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlssel zur Kunst des
Vergessens gehrt unseren Brdern, die den Pfad des Todes wandeln; du
aber bist geschwngert vom Geiste des -- Lebens.

Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf:
der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mchtig,
gleich einem Erdbeben, -- der andere in unendlicher Ferne: der
Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus
rotem Holz.

Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand ber meine
Augen, und ich schlummerte ein.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                Schnee


             Mein lieber und verehrter Meister Pernath!

   Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und hchster
   Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen
   haben, -- oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit.
   -- Ich htte keine Ruhe sonst.

   Sagen Sie keiner Menschenseele, da ich Ihnen geschrieben habe.
   Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!

   Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir -- neulich -- (Sie werden
   durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie
   waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich frchte
   mich, meinen Namen darunter zu setzen) -- so viel Vertrauen
   eingeflt, und weiter, da Ihr lieber, seliger Vater mich als
   Kind unterrichtet hat, -- alles das gibt mir den Mut, mich an
   Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann,
   zu wenden.

   Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die
   Domkirche auf dem Hradschin.

                                            Eine Ihnen bekannte Dame.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wohl eine Viertelstunde lang sa ich da und hielt den Brief in der Hand.
Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her
umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, -- weggeweht von dem
frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam
lchelnd und verheiungsvoll -- ein Frhlingskind -- auf mich zu. Ein
Menschenherz suchte Hilfe bei mir. -- Bei mir! Wie sah meine Stube
pltzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte
so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute,
die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.

Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum
und Glanz.

So sollte der morsche Baum noch Frchte tragen?

Ich fhlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher
schlafen gelegen in mir -- verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele,
verschttet von dem Gerll, das der Alltag huft, wie eine Quelle
losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.

Und ich _wute_ so gewi, wie ich den Brief in der Hand hielt, da ich
wrde helfen knnen, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen
gab mir die Sicherheit.

Wieder und wieder las ich die Stelle: und weiter, da Ihr lieber,
seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat -- -- -- -- -- --; -- mir
stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheiung: Heute noch wirst
du mit mir im Paradiese sein? Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe
suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: _die Rckerinnerung, nach der
ich drstete_, -- wrde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben
helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!

Ihr lieber, seliger Vater -- --, wie fremdartig die Worte klangen, als
ich sie mir vorsagte! -- Vater! -- Einen Augenblick sah ich das mde
Gesicht eines alten Mannes mit weiem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner
Truhe auftauchen -- fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt;
-- -- dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines
Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.

Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit vertrumt? Ich blickte auf
die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fnf.

Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt
die Treppen hinab. Was kmmerte mich heute das Geraune der dunkeln
Winkel, die bsartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer
von ihnen aufstiegen: Wir lassen dich nicht, -- du bist unser, -- wir
wollen nicht, da du dich freust -- das wre noch schner, Freude hier
im Haus!

Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gngen und
Ecken her um mich gelegt mit wrgenden Hnden: heute wich er vor dem
lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an
Hillels Tr.

Sollte ich eintreten?

Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders
heute, -- so, als _drfe_ ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb
mich die Hand des Lebens vorwrts, die Stiegen hinab. -- --

Die Gasse lag wei im Schnee.

Ich glaube, da viele Leute mich gegrt haben; ich erinnerte mich
nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fhlte ich an die Brust, ob
ich den Brief auch bei mir trge:

Es ging eine Wrme von der Stelle aus.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengnge auf dem
Altstdter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter
voll Eiszapfen hing, hinber ber die steinerne Brcke mit ihren
Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.

Unten schumte der Flu voll Ha gegen die Fundamente.

Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehhlten Sandstein der heiligen
Luitgard mit den Qualen der Verdammten darin: dicht lag der Schnee auf
den Lidern der Benden und den Ketten an ihren betend erhobenen Hnden.

Torbogen nahmen mich auf und entlieen mich, Palste zogen langsam an
mir vorber mit geschnitzten, hochmtigen Portalen, darinnen Lwenkpfe
in bronzene Ringe bissen.

Auch hier berall Schnee, Schnee. Weich, wei wie das Fell eines
riesigen Eisbren.

Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schauten
teilnahmslos zu den Wolken empor.

Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vgel war.

Wie ich die unzhligen Granitstufen emporstieg zum Hradschin, jede so
breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um
Schritt die Stadt mit ihren Dchern und Giebeln vor meinem Sinn.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Schon schlich die Dmmerung die Huserreihen entlang, da trat ich auf
den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der
Engel.

Futapfen -- die Rnder mit Krusten aus Eis -- fhrten hin zum Nebentor.

Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Tne
eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Trnentropfen der
Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.

Ich hrte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentre
mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in
starrer Ruhe herber zu mir durch den grnen und blauen Schimmer
sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betsthle
niedersank. Funken sprhten aus roten, glsernen Ampeln.

Welker Duft von Wachs und Weihrauch.

Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem
Reich der Regungslosigkeit.

Ein Leben ohne Herzschlag erfllte den Raum -- ein heimliches,
geduldiges Warten.

Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.

Da! -- Aus weiter, weiter Ferne drang das Gerusch von Pferdehufen
gedmpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte nherkommen und verstummte.

Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufllt.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine
zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berhrt.

Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt
mir, hier in den Betsthlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen
sagen mu.

Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nchterner Klarheit. Der Tag
hatte mich pltzlich angefat.

Ich wei gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, da Sie
mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht
haben.

Ich stotterte ein paar banale Worte.

-- -- Aber ich wute keinen andern Ort, wo ich sicherer vor
Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns
gewi niemand nachgegangen.

Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.

Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang
ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll
Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpagasse flchtete.
Ich war auch nicht erstaunt darber, denn ich hatte niemand anders
erwartet.

Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dmmerung der
Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein
mochte. Ihre Schnheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie
gebannt. Am liebsten wre ich vor ihr niedergefallen und htte ihre Fe
gekt, da sie es war, der ich helfen sollte, da sie mich dazu erwhlt
hatte.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, -- wenigstens so lange
wir hier sind -- die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,
sprach sie gepret weiter, ich wei auch gar nicht, wie Sie ber solche
Dinge denken -- --

Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben
war ich so vermessen, da ich mich Richter gednkt htte ber meine
Mitmenschen, war das einzige, was ich hervorbrachte.

Ich danke Ihnen, Meister Pernath, sagte sie warm und schlicht. Und
jetzt hren Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung
nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben knnen. -- Ich fhlte, wie
eine wilde Angst sie packte, und hrte ihre Stimme zittern. -- Damals
-- -- im Atelier -- -- -- damals brach die schreckliche Gewiheit ber
mich herein, da jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgesprt
hat. -- Schon durch Monate war mir aufgefallen, da, wohin ich auch
immer ging, -- ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit -- -- -- mit
-- mit Dr. Savioli, -- stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses
Trdlers irgendwo in der Nhe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen
verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen
bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die
Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!

Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein
armseliger Trdler wie dieser Aaron Wassertrum berhaupt vermchte --
schlimmsten Falles knnte es sich nur um eine geringfgige Erpressung
oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen wei, wenn
der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hlt mir etwas geheim,
um mich zu beruhigen, -- irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das
Leben kosten kann.

Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: da ihn
_der Trdler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!_ --
Ich _wei_ es, ich spre es in jeder Faser meines Krpers: es geht etwas
vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange.
-- Was hat dieser Mrder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn
nicht abschtteln? Nein, nein, ich sehe das nicht lnger mit an; ich mu
etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.

Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie lie mich
nicht zu Ende sprechen.

Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwrgen droht,
immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist pltzlich erkrankt, -- ich
kann mich nicht mehr mit ihm verstndigen -- darf ihn nicht besuchen,
wenn ich nicht stndlich gewrtigen soll, da meine Liebe zu ihm
entdeckt wird --; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich
erkundigen konnte, ist, da er sich im Fieber von einem Scheusal
verfolgt whnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: --
Aaron Wassertrum!

Ich wei, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher -- knnen Sie
sich das vorstellen? -- wirkt es auf mich, ihn jetzt gelhmt vor einer
Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nhe eines grauenhaften
Wrgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.

Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu
Dr. Savioli bekenne, alles von mir wrfe, wenn ich ihn doch so liebe --:
alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber -- sie schrie es
frmlich heraus, da es widerhallte von den Chorgalerien, -- ich _kann_
nicht! -- Ich hab' doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mdel!
Ich _kann_ doch mein Kind nicht hergeben! -- Glauben Sie denn, mein Mann
liee es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath -- sie ri im
Wahnwitz ein Tschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnren und
Edelsteinen -- und bringen Sie es dem Verbrecher; -- ich wei, er ist
habschtig -- er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind
soll er mir lassen. -- Nicht wahr, er wird schweigen? -- So reden Sie
doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, da Sie mir helfen
wollen!

Es gelang mir mit grter Mhe, die Rasende wenigstens so weit zu
beruhigen, da sie sich auf eine Bank niederlie.

Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre,
zusammenhanglose Stze.

Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so da ich selbst kaum verstand,
was mein Mund redete, -- Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen,
kaum da sie geboren waren.

Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mnchsstatue in
der Wandnische. Ich redete und redete. Allmhlich verwandelten sich die
Zge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger berzieher mit
hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten
Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.

Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mnch wieder da. Meine
Pulse schlugen zu laut.

Die unglckliche Frau hatte sich ber meine Hand gebeugt und weinte
still.

Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als
ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals bermchtig
erfllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.

Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe,
Meister Pernath, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. Es
waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben -- und die ich nie
vergessen konnte die vielen Jahre hindurch --

Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.

-- -- Sie nahmen Abschied von mir -- ich wei nicht mehr, weshalb und
wieso, ich war ja noch ein Kind, -- und Sie sagten so freundlich und
doch so traurig:

>Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je
im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr,
da _ich_ es dann sein darf, der Ihnen hilft.< -- Ich habe mich damals
abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen,
damit Sie meine Trnen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen
das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals
trug, aber ich schmte mich, weil das gar so lcherlich gewesen wre.
-- -- --

_Erinnerung!_

-- Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer
wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich --
unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mdchen in weiem Kleid und
ringsum die dunkle Wiese eines Schloparks, von alten Ulmen umsumt.
Deutlich sah ich es wieder vor mir.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich mute mich verfrbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie
fortfuhr: Ich wei ja, da Ihre Worte damals nur der Stimmung des
Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und -- und ich
danke Ihnen dafr.

Mit aller Kraft bi ich die Zhne zusammen und jagte den heulenden
Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurck.

Ich verstand: Eine gndige Hand war es gewesen, die die Riegel vor
meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem
Bewutsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen
herbergetragen: Eine Liebe, die fr mein Herz zu stark gewesen, hatte
fr Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der
Balsam fr meinen wunden Geist geworden.

Allmhlich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins ber mich und khlte
die Trnen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und
stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lchelnd der in die Augen
sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wieder hrte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der
Hufe.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.

Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus
geschlichteten Bergen von Tannenbumen raunte es von Flitter und
silbernen Nssen und vom kommenden Christfest.

Auf dem Rathausplatz an der Mariensule murmelten bei Kerzenglanz die
alten Bettelweiber mit den grauen Kopftchern der Muttergottes ihren
Rosenkranz.

Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des
Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete
grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bhne eines
Marionettentheaters.

Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und
daran an der Schnur ein Totenschdel, ritt klappernd auf hlzernem
Schimmel ber die Bretter.

In Reihen fest aneinandergedrngt starrten die Kleinen -- die Pelzmtzen
tief ber die Ohren gezogen -- mit offenem Munde hinauf und lauschten
gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund
Zwakh da drinnen im Kasten sprach:

   Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
   Der Kerl war mager wie ein Dichter
   Und hatte bunte Lappen an
   Und torkelte und schnitt Gesichter.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mndete.
Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der
Finsternis vor einem Anschlagszettel.

Ein Mann hatte ein Streichholz angezndet, und ich konnte einige Zeilen
bruchstckweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewutsein ein paar
Worte auf:

                              _Vermit!_

                          1000 fl Belohnung

          lterer Herr ...... schwarz gekleidet ...........
          ................... Signalement:
          ...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht ......
          ................. Haarfarbe: wei ...............
          ..... Polizeidirektion .... Zimmer Nr. ..........

Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein
in die lichtlosen Huserreihen.

Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen
Himmelsweg ber den Giebeln.

Friedvoll schweiften meine Gedanken zurck in den Dom, und die Ruhe
meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz
herber, schneidend klar -- als stnde sie dicht an meinem Ohr -- die
Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft:

   Wo ist das Herz aus rotem Stein?
   Es hing an einem Seidenbande,
   Und funkelte im Frhrotschein

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                 Spuk


Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir
das Gehirn zermartert, wie ich ihr Hilfe bringen knnte.

Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen,
ihm zu erzhlen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten.
Aber jedesmal verwarf ich den Entschlu.

Er stand im Geist so riesengro vor mir, da es eine Entweihung schien,
ihn mit Dingen, die das uere Leben betrafen, zu behelligen, dann
wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in
Wirklichkeit alles das erlebt htte, was nur eine kurze Spanne Zeit
zurcklag und doch so seltsam verblat schien, verglichen mit den
lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.

Hatte ich nicht doch getrumt? Durfte ich -- ein Mensch, dem das
Unerhrte geschehen war, da er seine Vergangenheit vergessen hatte, --
auch nur eine Sekunde lang als Gewiheit annehmen, wofr als einziger
Zeuge blo meine Erinnerung die Hand aufhob?

Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel
lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in
persnlicher Berhrung gewesen!

Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm, seine Knie
umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, da ein unsgliches Weh an
meinem Herzen fra?

Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da lie ich sie wieder los; ich
sah voraus, was kommen wrde: Hillel wrde mir mild ber die Augen
fahren und -- -- -- nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht,
Linderung zu begehren. Sie vertraute auf mich und meine Hilfe, und
wenn die Gefahr, in der sie sich fhlte, mir in Momenten auch klein und
nichtig erscheinen mochte, -- _sie_ empfand sie sicherlich als
riesengro!

Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit -- ich zwang mich, kalt und
nchtern zu denken; -- ihn jetzt -- mitten in der Nacht zu stren? -- es
ging nicht an. So wrde nur ein Verrckter handeln.

Ich wollte die Lampe anznden; dann lie ich es wieder sein: der Abglanz
des Mondlichts fiel von den Dchern gegenber herein in mein Zimmer und
gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich frchtete, die Nacht knnte
noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.

Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuznden,
nur um den Tag zu erwarten, -- eine leise Angst sagte mir, der Morgen
rcke dadurch in unerlebbare Ferne.

Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender
Friedhof lagen die Reihen verschnrkelter Giebel dort oben --
Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getrmt ber die dunkeln
Modergrfte, diese Wohnsttten, darein sich das Gewimmel der Lebenden
Hhlen und Gnge genagt.

Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu
wundern begann, warum ich denn nicht aufschrke, wo doch ein Gerusch
von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein
Ohr drang.

Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze
chzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zgernd schlich.

Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde frmlich kleiner, so
prete sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hren.
Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.

Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig
abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr
eigener Verrter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.

Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrckt, das drohende Gefhl
in der Kehle, da drben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat.

Ich lauschte und lauschte:

Nichts.

Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.

Lautlos -- auf den Zehenspitzen -- stahl ich mich an den Sessel bei
meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zndete sie an.

Dann berlegte ich: Die eiserne Speichertre drauen auf dem Gang, die
zum Atelier Saviolis fhrte, ging nur von drben aufzuklinken.

Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenfrmiges Stck Draht, das unter
meinen Graviersticheln auf dem Tische lag: derlei Schlsser springen
leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!

Und was wrde dann geschehen?

Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, --
vielleicht in Ksten whlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu
bekommen, legte ich mir zurecht.

Ob es viel ntzen wrde, wenn ich dazwischentrat?

Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare
Warten auf den Morgen zerfetzen!

Und schon stand ich vor der eisernen Bodentre, drckte dagegen, schob
vorsichtig den Haken ins Schlo und horchte. Richtig: Ein schleifendes
Gerusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.

Im nchsten Augenblick schnellte der Riegel zurck.

Ich konnte das Zimmer berblicken und sah, obwohl es fast finster war
und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem
Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, -- eine Sekunde lang
unschlssig, wohin sich wenden, -- eine Bewegung machte, als wolle er
auf mich losstrzen, sich dann den Hut vom Kopf ri und hastig damit
sein Gesicht bedeckte.

Was suchen Sie hier! wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:

Pernath! Sie sind's? Gotteswillen! Das Licht weg! Die Stimme kam mir
bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trdlers Wassertrum.

Automatisch blies ich die Kerze aus.

Das Zimmer lag halbdunkel da -- nur von dem schimmrigen Dunst, der aus
der Fensternische hereindrang, matt erhellt -- genau wie meines, und ich
mute meine Augen aufs uerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten,
hektischen Gesicht, das pltzlich ber dem Mantel auftauchte, die Zge
des Studenten Charousek erkennen konnte.

Der Mnch! drngte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit
einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt! _Charousek! Das
war der Mann, an den ich mich wenden sollte!_ -- Und ich hrte seine
Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte:
Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, da man mit vergifteten,
unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem
er Dr. Savioli an den Hals will.

Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wute er ebenfalls, was
sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewhnlicher Stunde lie fast
darauf schlieen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu
richten.

Er war ans Fenster geeilt und sphte hinter dem Vorhang hinunter auf die
Gasse.

Ich erriet: er frchtete, Wassertrum knne den Lichtschein meiner Kerze
wahrgenommen haben.

Sie denken gewi, ich bin ein Dieb, da ich nachts hier in einer
fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath, fing er nach langem
Schweigen mit unsicherer Stimme an, aber ich schwre Ihnen -- --

Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.

Und um ihm zu zeigen, da ich keinerlei Mitrauen gegen ihn hegte, in
ihm vielmehr einen Bundesgenossen sah, erzhlte ich ihm mit kleinen
Einschrnkungen, die ich fr ntig hielt, welche Bewandtnis es mit dem
Atelier habe, und da ich frchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in
Gefahr, den erpresserischen Gelsten des Trdlers in irgendwelcher Art
zum Opfer zu fallen.

Aus der hflichen Weise, mit der er mir zuhrte, ohne mich mit Fragen zu
unterbrechen, entnahm ich, da er das meiste bereits wute, wenn auch
vielleicht nicht in Einzelheiten.

Es stimmt schon, sagte er grbelnd, als ich zu Ende gekommen war.
Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die
Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug
Material beisammen. Weshalb wrde er sich sonst noch hier immerwhrend
herumdrcken! Ich ging nmlich gestern, sagen wir mal: >zufllig< durch
die Hahnpagasse, erklrte er, als er meine fragende Miene bemerkte,
da fiel mir auf, da Wassertrum erst lange -- scheinbar unbefangen --
vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich
unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und
tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heit, ich klopfte bei Ihnen
an, und dabei berraschte ich ihn, wie er drauen an der eisernen
Bodentr mit einem Schlssel herumhantierte. Natrlich gab er es
augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei
Ihnen an. Sie schienen brigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es
ffnete niemand.

Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich,
da jemand, der nach den Schilderungen nur Dr. Savioli sein konnte, hier
heimlich ein Absteigequartier bese. Da Dr. Savioli schwer krank liegt,
reimte ich mir das brige zurecht.

Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um
Wassertrum fr alle Flle zuvorzukommen, schlo Charousek und deutete
auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; es ist alles, was ich an
Schriftstcken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr
vorhanden. Wenigstens habe ich in smtlichen Truhen und Schrnken
gestbert, so gut das in der Finsternis ging.

Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben
unwillkrlich auf einer Falltre am Boden haften. Ich entsann mich dabei
dunkel, da Zwakh mir irgendwann erzhlt hatte, ein geheimer Zugang
fhre von unten herauf ins Atelier.

Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.

Wo sollen wir die Briefe aufheben?, fing Charousek wieder an. Sie,
Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die
Wassertrum harmlos vorkommen, -- warum gerade _ich_, das -- hat -- seine
-- besonderen -- Grnde, -- (ich sah, da sich seine Zge in wildem Ha
verzerrten, wie er so den letzten Satz frmlich zerbi --) und Sie hlt
er fr -- -- Charousek erstickte das Wort verrckt mit einem raschen,
erknstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat
mir nicht weh; das Gefhl, ihr helfen zu knnen, machte mich so
glckselig, da jede Empfindlichkeit ausgelscht war.

Wir kamen schlielich berein, das Paket bei mir zu verstecken, und
gingen hinber in meine Kammer.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Charousek war lngst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht
entschlieen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit
nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun,
fhlte ich, aber was? was?

Einen Plan fr den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen htte?

Das allein konnte es nicht sein. Charousek lie den Trdler sowieso
nicht aus den Augen, darber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn
ich an den Ha dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.

Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?

Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur
Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich
verstand nicht.

Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reien am Zgel
sprt und nicht wei, welches Kunststck er machen soll, den Willen
seines Herrn nicht erfat.

Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?

Jede Faser in mir verneinte.

Die Vision des Mnchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der
Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um
Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefhle nicht ohne
weiteres zu verachten. Geheime Krfte keimten in mir auf seit geraumer
Zeit, das war gewi: ich empfand es zu bermchtig, als da ich auch nur
den Versuch gemacht htte, es wegzuleugnen.

Buchstaben zu _empfinden_, sie nicht nur mit den Augen in Bchern zu
lesen, -- einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir bersetzt,
was die Instinkte ohne Worte raunen, darin mu der Schlssel liegen,
sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verstndigen, begriff
ich.

Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hren nicht, fiel
mir eine Bibelstelle wie eine Erklrung dazu ein.

Schlssel, Schlssel, Schlssel, wiederholten mechanisch meine Lippen,
derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich
pltzlich.

Schlssel, Schlssel -- --? mein Blick fiel auf den krummen Draht in
meiner Hand, der mir vorhin zum ffnen der Speichertre gedient hatte,
und eine heie Neugier, wohin wohl die viereckige Falltr aus dem
Atelier fhren knnte, peitschte mich auf.

Und ohne zu berlegen, ging ich nochmals hinber in Saviolis Atelier und
zog an dem Griffring der Falltre, bis es mir schlielich gelang, die
Platte zu heben.

Zuerst nichts als Dunkelheit.

Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.

Ich stieg hinunter.

Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Hnden die Mauern entlang, aber
es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, --
Windungen, Ecken und Winkel, -- Gnge geradeaus, nach links und nach
rechts, Reste einer alten Holztre, Wegteilungen und dann wieder Stufen,
Stufen, Stufen hinauf und hinab.

Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde berall.

Und noch immer kein Lichtstrahl. --

Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen htte!

Endlich flacher, ebener Weg.

Aus dem Knirschen unter meinen Fen schlo ich, da ich auf trockenem
Sand dahinschritt.

Es konnte nur einer jener zahllosen Gnge sein, die scheinbar ohne Zweck
und Ziel unter dem Ghetto hinfhren bis zum Flu.

Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen
Zeiten auf solchen unterirdischen Luften, und die Bewohner Prags hatten
von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.

Das Fehlen jeglichen Gerusches zu meinen Hupten sagte mir, da ich
mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie
ausgestorben ist, befinden mute, obwohl ich schon eine Ewigkeit
gewandert war. Belebtere Straen oder Pltze ber mir htten sich durch
fernes Wagenrasseln verraten.

Eine Sekunde lang wrgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise
herumging!? In ein Loch strzte, mich verletzte, ein Bein brach und
nicht mehr weitergehen konnte!?

Was geschah dann mit _ihren_ Briefen in meiner Kammer? Sie muten
unfehlbar Wassertrum in die Hnde fallen.

Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines
Helfers und Fhrers verknpfte, beruhigte mich unwillkrlich.

Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und
hielt den Arm in die Hhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen,
falls der Gang niedriger wrde.

Von Zeit zu Zeit, dann immer fter stie ich oben mit der Hand an, und
endlich senkte sich das Gestein so tief herab, da ich mich bcken
mute, um durchzukommen.

Pltzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.

Ich blieb stehen und starrte hinauf.

Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum
merklicher Schimmer von Licht.

Mndete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter?

Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Hnden in Kopfeshhe um
mich herum: die ffnung war genau viereckig und ausgemauert.

Allmhlich konnte ich darin als Abschlu die schattenhaften Umrisse
eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir,
seine Stbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwngen.

Ich _stand_ jetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.

Offenbar endeten hier die berbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn
mich das Gefhl meiner Finger nicht tuschte?

Lang, unsagbar lang mute ich tappen, bis ich die zweite Stufe finden
konnte, dann klomm ich empor.

Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshhe ber der
andern.

Sonderbar: die Treppe stie oben gegen eine Art horizontalen Getfels,
das aus regelmigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein
herabschimmern lie, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!

Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung
besser unterscheiden zu knnen, wie die Linien verliefen, und sah zu
meinem Erstaunen, da sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf
den Synagogen findet, bildeten.

Was mochte das nur sein?

Pltzlich kam ich dahinter: es war eine Falltr, die an den Kanten Licht
durchlie! Eine Falltr aus Holz in Gestalt eines Sternes.

Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drckte sie
aufwrts und stand im nchsten Moment in einem Gemach, das von grellem
Mondschein erfllt war.

Es war ziemlich klein, vollstndig leer bis auf einen Haufen Germpel in
der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.

Eine Tre oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben
bentzt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern
immer wieder von neuem absuchte.

Die Gitterstbe des Fensters standen zu eng, als da ich den Kopf htte
durchstecken knnen, so viel aber sah ich:

Das Zimmer befand sich ungefhr in der Hhe eines dritten Stockwerks,
denn die Huser gegenber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich
tiefer.

Das eine Ufer der Strae unten war fr mich noch knapp sichtbar, aber
infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in
tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmglich machten,
Einzelheiten zu unterscheiden.

Zum Judenviertel mute die Gasse unbedingt gehren, denn die Fenster
drben waren smtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und
nur im Ghetto kehren die Huser einander so seltsam den Rcken.

Vergebens qulte ich mich ab herauszubringen, was das wohl fr ein
sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.

Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentrmchen der griechischen
Kirche sein? Oder gehrte es irgendwie zur Altneusynagoge?

Die Umgebung stimmte nicht.

Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten
Aufschlu gegeben htte. -- Die Wnde und Decke waren kahl, Bewurf und
Kalk lngst abgefallen und weder Nagellcher, noch Ngel, die verraten
htten, da der Raum einst bewohnt gewesen.

Der Boden lag fuhoch bedeckt mit Staub, als htte ihn seit Jahrzehnten
kein lebendes Wesen betreten.

Das Germpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ich mich. Es lag in
tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es
bestand.

Dem uern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knuel geballt.

Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?

Ich tastete mit dem Fu hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen
Teil davon in die Nhe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer
bers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da
langsam aufrollte.

Ein blitzender Punkt wie ein Auge!

Ein Metallknopf vielleicht?

Allmhlich wurde mir klar: ein rmel von sonderbarem, altmodischem
Schnitt hing da aus dem Bndel heraus.

Und eine kleine weie Schachtel oder dergleichen lag darunter, lockerte
sich unter meinem Fu und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.

Ich gab ihr einen leichten Sto: Ein Blatt flog ins Helle.

Ein Bild?

Ich bckte mich: Ein Pagad?

Was mir eine weie Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.

Ich hob es auf.

Konnte es etwas Lcherlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem
gespenstischen Ort!

Merkwrdig, da ich mich zum Lcheln zwingen mute. Ein leises Gefhl
von Grauen beschlich mich.

Ich suchte nach einer banalen Erklrung, wie die Karten wohl
hierhergekommen sein knnten, und zhlte dabei mechanisch das Spiel. Es
war vollstndig: 78 Stck. Aber schon whrend des Zhlens fiel mir etwas
auf: Die Bltter waren wie aus Eis.

Eine lhmende Klte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket
geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so
erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nchternen
Erklrung:

Mein dnner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den
unterirdischen Gngen, die grimmige Winternacht, die Steinwnde, der
entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinflo: --
sonderbar genug, da ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in
der ich mich die ganze Zeit befunden, mute mich darber hinweggetuscht
haben. --

Ein Schauer nach dem andern jagte mir ber die Haut. Schicht um Schicht
drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Krper ein.

Ich fhlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen
Knochen bewut wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch
festfror.

Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Fen und nicht das
Schlagen mit den Armen. Ich bi die Zhne zusammen, um ihr Klappern
nicht zu hren.

Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hnde auf den
Scheitel legt.

Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betubenden Schlaf des
Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel
einhllen kam.

Die Briefe, in meiner Kammer, -- _ihre_ Briefe! brllte es in mir auf:
man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat
ihre Rettung in meine Hnde gelegt! -- Hilfe! -- Hilfe! -- Hilfe! --

Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die de Gasse, da
es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!

Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben,
durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen
Knochen schlagen sollte, um mich zu erwrmen.

Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich strzte darauf zu
und zog sie mit schlotternden Hnden ber meine Kleider.

Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von
uraltmodischem, seltsamem Schnitt.

Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.

Dann kauerte ich mich in dem gegenberliegenden Mauerwinkel zusammen und
sprte meine Haut langsam, langsam wrmer werden. Nur das schauerliche
Gefhl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen.
Regungslos sa ich da und lie meine Augen wandern: die Karte, die ich
zuerst gesehen, -- der Pagad, -- lag noch immer inmitten des Zimmers in
dem Lichtstreifen.

Unverwandt mute ich sie anstarren.

Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in
Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den
hebrischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfrnkisch
gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm
erhoben, whrend der andere abwrts deutete.

Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame hnlichkeit mit meinem,
dmmerte mir ein Verdacht auf? -- Der Bart -- er pate so gar nicht zu
einem Pagad, -- -- ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke
zu dem Rest des Germpels, um den qulenden Anblick los zu sein.

Dort lag sie jetzt und schimmerte -- ein grauweier, unbestimmter Fleck
-- zu mir herber aus dem Dunkel.

Mit Gewalt zwang ich mich zu berlegen, was ich zu beginnen htte, um
wieder in meine Wohnung zu kommen:

Den Morgen abwarten! Unten die Vorbergehenden vom Fenster aus anrufen,
damit sie mir von auen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne
heraufbrchten! -- Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gnge
zurckfinden, wrde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende
Gewiheit. -- Oder, falls das Fenster zu hoch lge, da sich jemand vom
Dach mit einem Strick -- --? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl
durchfuhr es mich: jetzt wute ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang
-- nur mit einem vergitterten Fenster -- das altertmliche Haus in der
Altschulgasse, das jeder mied! -- schon einmal vor vielen Jahren hatte
sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs
Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und -- Ja: ich war in
dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!

Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblich wehrte, das ich nicht
einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkmpfen konnte,
lhmte jedes Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen.

Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da
so eisig aus der Ecke herberwehte, sagte es mir vor, schneller und
schneller, mit pfeifendem Atem -- es half nicht mehr: dort drben der
weiliche Fleck -- die Karte -- sie quoll auf zu blasigen Klumpen,
tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurck in
die Finsternis. -- Tropfende Laute -- halb gedacht, geahnt, halb
wirklich -- im Raum und doch auerhalb um mich herum und doch anderswo,
-- tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer -- erwachten:
Gerusche, wie wenn ein Zirkel fllt und mit der Spitze im Holz stecken
bleibt!

Immer wieder: Der weiliche Fleck -- -- -- der weiliche Fleck -- --!
Eine Karte, eine erbrmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie
ich mir ins Hirn hinein -- -- -- umsonst -- -- jetzt hat er sich dennoch
-- dennoch Gestalt erzwungen -- der Pagad -- und hockt in der Ecke und
stiert herber zu mir mit _meinem eigenen Gesicht_.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Stunden und Stunden kauerte ich da -- unbeweglich -- in meinem Winkel,
ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! -- Und er
drben: ich selbst.

Stumm und regungslos.

So starrten wir uns in die Augen -- einer das grliche Spiegelbild des
andern. -- -- --

Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter
Trgheit ber den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren
Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und
fahler werden? --

Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, da er sich
auflsen wollte in dem Morgendmmerschein, der ihm vom Fenster her zu
Hilfe kam.

Ich hielt ihn fest.

Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben -- um das
Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehrt. -- -- --

Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in
sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinber zu ihm und
steckte ihn in die Tasche -- den Pagad.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Immer noch war die Gasse unten d und menschenleer.

Ich durchstberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte
lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein
Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwrdig bekannt.

Und auch die Mauern -- wie die Risse und Sprnge darin deutlich wurden
-- wo hatte ich sie nur gesehen?

Ich nahm das Kartenpckchen zur Hand -- es dmmerte mir auf: hatte ich
die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?

Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebrischen Zeichen. -- Nummer 12 mu
der Gehenkte sein, berkam's mich wie halbe Erinnerung. -- Mit dem
Kopf abwrts? Die Arme auf dem Rcken? -- Ich bltterte nach: Da! Da war
er.

Dann wieder, halb Traum, halb Gewiheit, tauchte ein Bild vor mir auf:
Ein geschwrztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mrrisches
Hexengebude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem
Nebenhaus verwachsen. -- -- -- Wir sind mehrere halbwchsige Jungen --
ein verlassener Keller ist irgendwo -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann sah ich an meinem Krper herab und wurde wieder irre: Der
altmodische Anzug war mir vllig fremd. -- -- --

Der Lrm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich
hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen
an einem Eckstein.

Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!

Zwei alte Weiber kamen langsam die Strae dahergetrottet, und ich
zwngte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.

Mit offenem Mund glotzten sie in die Hhe und berieten sich. Aber als
sie mich sahen, stieen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.

Sie haben mich fr den Golem gehalten, begriff ich.

Und ich erwartete, da ein Zusammenlauf von Menschen entstehen wrde,
denen ich mich verstndlich machen knnte, aber wohl eine Stunde
verging, und nur hie und da sphte unten vorsichtig ein blasses Gesicht
herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurckzufahren.

Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen
Polizisten kamen -- die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?

Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gnge
ein Stck weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.

Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von
Licht hinab?

Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern
gekommen war, fort -- ber ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und
durch versunkene Keller -- erklomm eine Treppenruine und stand pltzlich
-- -- im Hausflur des _schwarzen Schulhauses_, das ich vorhin wie im
Traum gesehen.

Sofort strzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bnke,
bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plrrender Gesang,
ein Junge, der Maikfer in der Klasse loslt, Lesebcher mit
zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt
wute ich mit Gewiheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. -- Aber
ich lie mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.

Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein
verwachsener alter Jude mit weien Schlfenlocken. Kaum hatte er mich
erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Hnden und heulte laut
hebrische Gebete herunter.

Auf den Lrm hin muten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Hhlen
gestrzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir
los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser,
entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwlzen.

Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: -- ich trug noch
immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her ber meinem
Anzug, und die Leute glaubten, den Golem vor sich zu haben.

Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und ri mir die modrigen
Fetzen vom Leibe.

Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stcken und geifernden
Mulern schreiend an mir vorber.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                Licht


Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Tre geklopft; -- es
lie mir keine Ruhe: ich mute ihn sprechen und fragen, was alle diese
seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hie es, er sei noch nicht
zu Hause.

Sowie er heimkme vom jdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter
sofort verstndigen. --

Ein sonderbares Mdchen brigens, diese Mirjam!

Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.

Eine Schnheit, so fremdartig, da man sie im ersten Moment gar nicht
fassen kann, -- eine Schnheit, die einen stumm macht, wenn man sie
ansieht, und ein unerklrliches Gefhl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit
in einem erweckt.

Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein
mssen, ist dieses Gesicht geformt, grbelte ich mir zurecht, wie ich es
so im Geiste wieder vor mir sah.

Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich whlen mte, um es als Gemme
festzuhalten und dabei den knstlerischen Ausdruck richtig zu wahren:
Schon an dem rein uerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und
der Augen, der alles bertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. --
Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und
visionsgem in eine Kamee bannen, ohne sich in die stumpfsinnige
hnlichkeitsmacherei der kanonischen Kunstrichtung festzurennen!

Nur durch ein Mosaik lie es sich lsen, erkannte ich klar, aber was fr
Material whlen? Ein Menschenleben gehrte dazu, das passende zusammen
zu finden. -- --

Wo nur Hillel blieb!

Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.

Merkwrdig, wie er mir in den wenigen Tagen -- und ich hatte ihn doch,
genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, -- ins Herz
gewachsen war.

Ja, richtig: die Briefe -- _ihre_ Briefe wollte ich doch besser
verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal lnger von zu
Hause fort sein sollte.

Ich nahm sie aus der Truhe: -- in der Kassette wrden sie sicherer
aufbewahrt sein.

Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht
hinschauen, aber es war zu spt.

Den Brokatstoff um die bloen Schultern gelegt -- so wie ich >sie< das
erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flchtete aus Saviolis Atelier
-- blickte sie mir in die Augen.

Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung
unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:

Deine _Angelina_.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

_Angelina!!!_

Wie ich den Namen aussprach, zerri der Vorhang, der meine Jugendjahre
vor mir verbarg, von oben bis unten.

Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu mssen. Ich krallte die Finger
in die Luft und winselte, -- bi mich in die Hand: -- -- nur wieder
blind sein, Gott im Himmel, -- den Scheintod weiter leben, wie bisher,
flehte ich.

Das Weh stieg mir in den Mund. -- Quoll. -- Schmeckte seltsam s, --
wie Blut. -- --

Angelina!!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Name kreiste in meinen Adern und wurde -- zu unertrglicher
gespenstischer Liebkosung.

Mit einem gewaltsamen Ruck ri ich mich zusammen und zwang mich -- mit
knirschenden Zhnen -- das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr
darber wurde!

_Herr_ darber!

Wie heute nacht ber das Kartenblatt.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Endlich: Schritte! Mnnertritte.

Er kam!

Voll Jubel eilte ich zur Tr und ri sie auf.

Schemajah Hillel stand drauen und hinter ihm -- ich machte mir leise
Vorwrfe, da ich es als Enttuschung empfand -- mit roten Bckchen und
runden Kinderaugen: der alte Zwakh.

Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath, fing
Hillel an.

Ein kaltes Sie?

Frost. Schneidender, erttender Frost lag pltzlich im Zimmer.

Betubt, mit halbem Ohr, hrte ich hin, was Zwakh, atemlos vor
Aufregung, auf mich losplapperte:

Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir
davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf.
Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie
immer, mit einem Mord begonnen -- Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?

Zwakh schttelte mich: Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath?
Unten hngt doch gromchtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den
dicken Zottmann, den >Freimaurer< -- na, ich meine doch den
Lebensversicherungsdirektor Zottmann -- soll man ermordet haben. Der
Loisa -- hier im Haus -- ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina:
spurlos verschwunden. -- Der Golem -- der Golem -- es ist ja
haarstrubend.

Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich
so unverwandt an?

Ein verhaltenes Lcheln zuckte pltzlich um seine Mundwinkel.

Ich verstand. Es galt mir.

Am liebsten wre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.

Auer mir in meinem Entzcken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was
zuerst bringen? Glser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur
eine.) Zigarren? -- Endlich fand ich Worte: Aber warum setzt ihr euch
denn nicht!? -- Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. --
-- --

Zwakh fing an, sich zu rgern: Warum lcheln Sie denn immerwhrend,
Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, da der Golem spukt? Mir scheint,
Sie glauben berhaupt nicht an den Golem?

Ich wrde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor
mir she, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. -- Ich
verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.

Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: Das Zeugnis von hunderten
Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? -- Aber warten Sie nur, Hillel,
denken Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt
geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft
hinter sich her.

Die Hufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares, erwiderte
Hillel. Er sprach es im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die
Scheiben hinab auf den Trdlerladen -- Wenn der Tauwind weht, rhrt
sich's in den Wurzeln. In den sen, wie in den giftigen.

Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.

Wenn der Rabbi nur reden wollte, der knnte uns Dinge erzhlen, da
einem die Haare zu Berge stnden, warf er halblaut hin.

Schemajah drehte sich um.

Ich bin nicht >Rabbi<, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur
ein armseliger Archivar im jdischen Rathaus und fhre die Register --
ber die Lebendigen und die Toten.

Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fhlte ich. Auch der
Marionettenspieler schien es unterbewut zu empfinden, -- er wurde still
und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.

Hren Sie mal, Rabbi --, verzeihen Sie: >Herr Hillel<, wollte ich
sagen, -- fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang
auffallend ernst, ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen
mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mgen, oder nicht drfen
-- -- --

Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas -- er trank
nicht; vielleicht verbot es ihm das jdische Ritual.

Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.

-- -- Wissen Sie etwas ber die jdische Geheimlehre, die Kabbala,
Hillel?

Nur wenig.

Ich habe gehrt, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala
lernen kann: den >Sohar< -- --

Ja, den Sohar, -- das Buch des Glanzes.

Sehen Sie, da hat man's, schimpfte Zwakh los. Ist es nicht eine
himmelschreiende Ungerechtigkeit, da eine Schrift, die angeblich die
Schlssel zum Verstndnis der Bibel und zur Glckseligkeit enthlt --

Hillel unterbrach ihn: -- nur einige Schlssel.

Gut, immerhin einige! -- also, da diese Schrift infolge ihres hohen
Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugnglich ist? In
einem einzigen Exemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie
ich mir habe erzhlen lassen? Und berdies chaldisch, aramisch,
hebrisch -- oder was wei ich wie -- geschrieben? -- Habe _ich_ zum
Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder
nach London zu kommen?

Haben Sie denn alle Ihre Wnsche so hei auf dieses Ziel gerichtet?
fragte Hillel mit leisem Spott.

Offen gestanden -- nein, gab Zwakh einigermaen verwirrt zu.

Dann sollten Sie sich nicht beklagen, sagte Hillel trocken, wer nicht
nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, -- wie ein
Erstickender nach Luft, -- der kann die Geheimnisse Gottes nicht
schauen.

Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem smtliche Schlssel zu den
Rtseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige, scho es mir durch
den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich
immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden
konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.

Hillel lchelte wieder sphinxhaft: _Jede Frage, die ein Mensch tun
kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt
hat._

Verstehen _Sie_, was er damit meint?, wandte sich Zwakh an mich.

Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels
Rede zu verlieren.

Schemajah fuhr fort:

Das ganze Leben ist _nichts_ anderes als formgewordene Fragen, die den
Keim der Antwort in sich tragen -- und Antworten, die schwanger gehen
mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.

Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:

Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder
anders versteht.

Gerade _darauf_ kommt es an, sagte Hillel freundlich. Alle Menschen
ber _einen_ Lffel zu -- kurieren, ist lediglich Vorrecht der rzte.
Der Fragende erhlt _die_ Antwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht
die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jdischen
Schriften sind blo aus Willkr nur in Konsonanten geschrieben? -- Jeder
hat _sich selbst_ die geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur
fr ihn allein bestimmten Sinn erschlieen, -- soll nicht das lebendige
Wort zum toten Dogma erstarren.

Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:

Das sind _Worte_, Rabbi, _Worte_! Pagad ultimo will ich heien, wenn
ich daraus klug werde.

_Pagad!!_ -- Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor
Entsetzen beinahe vom Stuhl.

Hillel wich meinen Augen aus.

Pagad ultimo? Wer wei, ob Sie nicht wirklich so heien, Herr Zwakh!
-- schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Man soll
seiner Sache niemals allzu sicher sein. -- brigens, da wir gerade von
Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?

Tarok? Natrlich. Von Kindheit an.

Dann wundert's mich, wieso Sie nach einem Buche fragen knnen, in dem
die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand
gehabt haben.

Ich? In der Hand gehabt? Ich? -- Zwakh griff sich an den Kopf.

Jawohl, _Sie_! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, da das Tarokspiel
zweiundzwanzig Trmpfe hat, -- genau so viel, wie das hebrische
Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere bhmischen Karten nicht zum berflu
noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der
Teufel, das letzte Gericht? -- Wie laut, lieber Freund, wollen Sie
eigentlich, da Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien
soll? -- -- Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, da
>^tarok^< oder >^Tarot^< soviel bedeutet wie das jdische >^Tora^< = das
Gesetz, oder das altgyptische >^Tarut^< = >die Befragte<, und in der
uralten Zendsprache das Wort: >^tarisk^< = >ich verlange die Antwort<.
-- Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung
aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. -- Und so,
wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste
Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgnger: -- -- der
hebrische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit
der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwrts: das heit
also: >So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist
es auch oben<. -- Darum sagte ich vorhin: Wer wei, ob Sie wirklich
Zwakh heien und nicht: >Pagad< -- Berufen Sie's nicht, -- Hillel
blickte mich dabei unverwandt an, und ich ahnte, wie sich unter seinen
Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat -- berufen Sie's
nicht, Herr Zwakh! _Man kann da in finstere Gnge geraten_, aus denen
noch keiner zurckfand, der nicht -- _einen Talisman bei sich trug_. Die
berlieferung erzhlt, da einmal drei Mnner hinabgestiegen seien ins
Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur
der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich
selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst
begegnet, z. B. Goethe, gewhnlich auf einer Brcke, oder sonst einem
Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern fhrt, -- hat sich
selbst ins Auge geblickt und ist _nicht_ wahnsinnig geworden. Aber dann
war's eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewutseins und nicht der
wahre Doppelgnger: nicht das, was man >den Hauch der Knochen<, den
>Habal Garmin< nennt, von dem es heit: _Wie er in die Grube fuhr,
unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten
Gerichts._ -- Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen --
Unsere Gromtter sagen von ihm: >_er wohnt_ hoch ber der Erde _in
einem Zimmer ohne Tre, nur mit einem Fenster_, von dem aus eine
Verstndigung mit den Menschen unmglich ist. Wer ihn zu bannen und zu
-- -- verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.< -- --
-- Was schlielich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: fr
jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trmpfe richtig
verwendet, der gewinnt die Partie -- -- --. Aber kommen Sie jetzt, Herr
Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus,
und es bleibt nichts mehr brig fr ihn selbst.




                                 Not


Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten
die Schneesterne -- winzige Soldaten in weien, zottigen Mntelchen --
hintereinander her an den Scheiben vorber -- minutenlang -- immer in
derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders
bsartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick
satt, schienen aus rtselhaften Grnden einen Wutanfall zu bekommen und
sausten wieder zurck, bis ihnen von oben und unten neue feindliche
Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel
auflsten.

Monate schien mir zurckzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem
erlebt hatte, und wren nicht tglich einigemal immer neue krause
Gerchte ber den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch
aufleben lieen, ich glaube, ich htte mich in Augenblicken des Zweifels
verdchtigen knnen, das Opfer eines seelischen Dmmerzustandes gewesen
zu sein.

Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit
schreienden Farben hervor, was mir Zwakh ber den noch immer
unaufgeklrten Mord an dem sogenannten Freimaurer erzhlt hatte.

Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir
nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht
abschtteln konnte, -- fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener
Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Gerusch gehrt zu haben
geglaubt, hatten wir den Burschen beim Loisitschek gesehen. Allerdings
lag kein Anla vor, den Schrei unter der Erde, der berdies geradesogut
eine Sinnestuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu
deuten. -- -- --

Das Schneegestber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an,
alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit
wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams
Gesicht entworfen hatte, mute sich vortrefflich auf den blulich
leuchtenden Mondstein da bertragen lassen. -- Ich freute mich: es war
ein angenehmer Zufall, da ich etwas so Geeignetes unter meinem
Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende
gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paten so
genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild
von Mirjams feinem Profil zu werden.

Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die
den gyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des
Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit
auffallender Deutlichkeit ins Gedchtnis zurckrufen konnte, regte mich
knstlerisch stark dazu an, aber allmhlich entdeckte ich nach den
ersten Schnitten eine solche hnlichkeit mit der Tochter Schemajah
Hillels, da ich meinen Plan umstie. -- -- --

-- Das Buch Ibbur! --

Erschttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfabar, was in der kurzen
Spanne Zeit in mein Leben getreten war!

Wie jemand, der sich pltzlich in eine unabsehbare Sandwste versetzt
sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroen
Einsamkeit bewut, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.

Konnte ich je mit einem Freund -- Hillel ausgenommen -- davon reden, was
ich erlebt?

Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nchte die
Erinnerung wiedergekehrt, da mich all meine Jugendjahre -- von frher
Kindheit angefangen -- ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem
jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert
hatte, aber die Erfllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm
gekommen und erdrckte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.

Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das
Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit als
_Gegenwart_ empfinden mute.

Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genu auskosten:
Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!

Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinberzugehen in mein
Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das
Geschenk der Unsichtbaren, lag!

Wie lang war's her, da hatte es meine Hand berhrt, als ich Angelinas
Briefe dazuschlo!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dumpfes Drhnen drauen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehuften
Schneemassen von den Dchern hinab vor die Huser warf, gefolgt von
Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut
verschlang.

Ich wollte weiterarbeiten, -- da pltzlich stahlscharfe Hufschlge unten
die Gasse entlang, da man's frmlich Funken sprhen sah.

Das Fenster zu ffnen und hinauszuschauen war unmglich: Muskeln aus Eis
verbanden seine Rnder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur
Hlfte wei verweht. Ich sah nur, da Charousek scheinbar ganz friedlich
neben dem Trdler Wassertrum stand -- sie muten soeben ein Gesprch
mitsammen gefhrt haben -- sah, wie die Verblffung, die sich in ihrer
beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der
meinen Blicken entzogen war, anstarrten.

Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. -- Sie selbst konnte
es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, -- in der
Hahnpagasse! -- vor aller Leute Augen! Es wre hellichter Wahnsinn
gewesen. -- Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er's wre und
mich auf den Kopf zu fragte?

Leugnen, natrlich leugnen.

Hastig legte ich mir die Mglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte
sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, -- von Wassertrum -- da sie
hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede
gebraucht: wahrscheinlich, da sie eine Gemme oder sonst etwas bei mir
bestellt habe. -- -- -- Da! wtendes Klopfen an meiner Tr und --
Angelina stand vor mir.

Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes
verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied
war aus.

Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich
brachte es nicht fertig, zu glauben, da das Gefhl, ihr helfen zu
knnen, mich belogen haben sollte.

Ich fhrte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und
sie verbarg todmde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.

Wir hrten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie
der rote Schein ber die Dielen huschte, aufflammte und erlosch --
aufflammte und erlosch -- aufflammte und erlosch -- -- --

Wo ist das Herz aus rotem Stein -- -- -- klang es in meinem Innern.
Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?

Und ich forschte sie aus, -- vorsichtig, leise, ganz leise, da sie
nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht
berhre.

Bruchstckweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es
mir zusammen wie ein Mosaik:

Ihr Gatte wei -- --?

Nein, noch nicht; er ist verreist.

Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich's; -- Charousek hatte es richtig
erraten. Und weil's um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war
sie hier. Sie denkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff
ich.

Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit
Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.

Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?

Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, da
-- -- da -- er wollte, da sich Dr. Savioli -- -- ein Leid antue.

Sie kenne jetzt auch die Grnde von Wassertrums wildem, besinnungslosem
Ha: Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den
Tod getrieben.

Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen,
dem Trdler alles verraten: da _Charousek_ den Schlag gefhrt hatte,
aus dem Hinterhalt -- und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war -- --
--. Verrat! Verrat! heulte es mir ins Hirn, du willst also den armen
schwindschtigen Charousek, der _dir_ helfen wollte und _ihr_, der
Rachsucht dieses Halunken preisgeben? -- Und es zerri mich in blutende
Hlften. -- Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lsung aus:
Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf
dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trdler durch die
Gurgel zu jagen, da die Spitze hinten zum Genick herausschaut.

Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich forschte weiter:

Und Dr. Savioli?

Kein Zweifel, da er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht
rettete. Die Krankenschwestern lieen ihn nicht aus den Augen, htten
ihn mit Morphium betubt, aber vielleicht erwacht er pltzlich --
vielleicht gerade jetzt -- und -- und -- nein, nein, sie msse fort,
drfe keine Sekunde Zeit mehr versumen, -- sie wolle ihrem Gatten
schreiben, ihm alles eingestehen, -- solle er ihr das Kind nehmen, aber
Savioli sei gerettet, denn sie htte Wassertrum damit die einzige Waffe
aus der Hand geschlagen, die er bese und mit der er drohe.

Sie wolle das Geheimnis selbst enthllen, ehe er es verraten knne.

Das werden Sie _nicht_ tun, Angelina! schrie ich und dachte an die
Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude ber meine Macht.

Angelina wollte sich losreien: ich hielt sie fest.

Nur noch eins: berlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trdler so ohne
weiteres glauben?

Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht
auch ein Bild von mir, -- alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier
versteckt war.

Briefe? Bild? Schreibtisch? -- ich wute nicht mehr, was ich tat: ich
ri Angelina an meine Brust und kte sie. Auf den Mund, auf die Stirn,
auf die Augen.

Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.

Dann hielt ich sie an ihren schmalen Hnden und erzhlte ihr mit
fliegenden Worten, da der Todfeind Wassertrums -- ein armer bhmischer
Student -- die Briefe und alles in Sicherheit gebracht htte und sie in
meinem Besitz seien und fest verwahrt.

Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Kte
mich. Rannte zur Tr. Kehrte wieder um und kte mich wieder.

Dann war sie verschwunden.

Ich stand wie betubt und fhlte noch immer den Atem ihres Mundes an
meinem Gesicht.

Ich hrte, wie die Wagenrder ber das Pflaster donnerten und den
rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute spter war alles still. Wie ein
Grab.

Auch in mir.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Pltzlich knarrte die Tr leise hinter mir, und Charousek stand im
Zimmer:

Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen
es nicht zu hren.

Ich nickte nur stumm.

Hoffentlich nehmen Sie nicht an, da ich mich mit Wassertrum vershnt
habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen? -- Charouseks
hhnisches Lcheln sagte mir, da er nur einen grimmigen Spa machte. --
Sie mssen nmlich wissen: Das Glck ist mir hold; die Kanaille da
unten fngt an, mich in ihr Herz zu schlieen, Meister Pernath. -- -- Es
ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes, setzte er leise
-- halb fr sich -- hinzu.

Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich htte
etwas berhrt. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in
mir.

Er wollte mir einen Mantel schenken, fuhr Charousek laut fort. Ich
habe natrlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut
genug. -- Und dann hat er mir Geld aufgedrngt.

Sie haben es angenommen?! wollte es mir herausfahren, aber ich hielt
noch rasch meine Zunge im Zaum.

Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:

Das Geld habe ich selbstverstndlich angenommen.

Mir wurde ganz wirr im Kopf!

-- an -- genommen? stammelte ich.

Ich htte nie gedacht, da man auf Erden eine so reine Freude empfinden
kann! -- Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze.
-- Ist es nicht ein erhebendes Gefhl, im Haushalt der Natur
>Mtterchen Vorsehungs< konomischen Finger allenthalben in Weisheit und
Umsicht walten zu sehen!? -- Er sprach wie ein Pastor und klimperte
dabei mit dem Geld in seiner Tasche, -- wahrlich, als hehre Pflicht
empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller
und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzufhren.

War er betrunken? Oder wahnsinnig?

Charousek nderte pltzlich den Ton:

Es liegt eine satanische Komik darin, da Wassertrum sich die -- Arznei
selber bezahlt. Finden Sie nicht?

Eine Ahnung dmmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg,
und mir graute vor seinen fiebernden Augen.

brigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die
laufenden Geschfte. Vorhin, die Dame, das war >_sie_< doch? Was ist ihr
denn eingefallen, hier ffentlich vorzufahren?

Ich erzhlte Charousek, was geschehen war.

Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Hnden, unterbrach er
mich freudig, sonst htte er nicht heute morgen abermals das Atelier
durchsucht. -- Merkwrdig, da Sie ihn nicht gehrt haben!? Eine volle
Stunde lang war er drben.

Ich staunte, woher er alles so genau wissen knne, und sagte es ihm.

Darf ich? -- als Erklrung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch,
zndete sie an und erluterte: -- Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tr
ffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den
Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige
Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und fr alle Flle hat er
in der Straenmauer des Ateliers -- das Haus gehrt ihm, wie Sie wissen
-- eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art
Ventilation, und darin ein rotes Fhnchen. Wenn nun jemand das Zimmer
betritt oder verlt, das heit: die Zugtr ffnet, so merkt es
Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fhnchens. Allerdings
wei ich es ebenfalls, setzte Charousek trocken hinzu, wenn's mir drum
zu tun ist, und kann es von dem Kellerloch ^vis--vis^, in dem zu hausen
ein gndiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. --
Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patent des
wrdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren gelufig.

Was fr einen bermenschlichen Ha Sie gegen ihn haben mssen, da Sie
so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie
sagen! warf ich ein.

Ha? Charousek lchelte krampfhaft. Ha? -- Ha ist kein Ausdruck.
Das Wort, das meine Gefhle gegen ihn bezeichnen knnte, mu erst
geschaffen werden. -- Ich hasse, genau genommen, auch gar nicht _ihn_.
Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier,
wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen
fliet, -- und -- er bi die Zhne zusammen -- das kommt >zuweilen<
vor hier im Ghetto. Unfhig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er
ans Fenster und starrte hinaus. -- Ich hrte, wie er sein Keuchen
unterdrckte. Wir schwiegen beide eine Weile.

Hallo, was ist denn das? fuhr er pltzlich auf und winkte mir hastig:
Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?

Wir sphten vorsichtig hinter den Vorhngen hinunter:

Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trdlerladens und bot,
soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen
kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf
an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine
Hhle zurck.

Gleich darauf strzte er wieder hervor -- totenbla -- und packte
Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. -- Mit einem
Mal lie Wassertrum los und schien zu berlegen. Nagte wtend an seiner
gespaltenen Oberlippe. Warf einen grbelnden Blick zu uns herauf und zog
dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.

Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig
werden zu knnen mit ihrem Handel.

Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging
seines Weges.

Was halten Sie davon? fragte ich. Es scheint nichts Wichtiges zu
sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand
versilbert.

Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den
Tisch.

Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr
nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:

Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. -- Unterbrechen Sie mich,
Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben.
Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich
sonst nachher wie Ernchterung. Ein Mensch mit Schamgefhl soll in
khlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder --
oder ein Dichter. -- Seit die Welt steht, wr's niemand eingefallen, vor
Leid die >Hnde zu ringen<, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als
besonders >plastisch< ausgetftelt htten.

Ich begriff, da er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe
zu bekommen.

Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervs lief er im Zimmer auf und ab,
fate alle mglichen Gegenstnde an und stellte sie zerstreut zurck an
ihren Platz.

Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:

Aus den kleinsten unwillkrlichen Bewegungen eines Menschen verrt sich
mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die >ihm< hnlich sehen und als seine
_gelten_, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, -- man kann mich
nicht tuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, da Dr. Wassory sein Sohn
ist, aber ich habe es -- ich mchte sagen -- gerochen.

Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen
Beziehungen Wassertrum zu mir steht, -- sein Blick ruhte eine Sekunde
forschend auf mir, -- besa ich diese Gabe. Man hat mich mit Fen
getreten, mich geschlagen, da es wohl keine Stelle an meinem Krper
gibt, die nicht wte, was rasender Schmerz ist, -- hat mich hungern und
dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde
gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich
peinigten. Ich _konnte_ einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir fr
Ha. -- Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getrnkt damit.

Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan -- ich will damit
sagen, da er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch
irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten
herumtrieb: ich wei das genau, -- und doch richtete sich alles, was an
Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!

Merkwrdig ist, da ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack
gespielt habe. Wenn's die andern taten, zog ich mich sofort zurck. Aber
stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustre
versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis
mir vor unerklrlichem Hagefhl schwarz vor den Augen wurde.

Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das
sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in
Berhrung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich mu wohl jede
seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen
anfat, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewut
_auswendig_ gelernt haben, bis sich's mir in die Seele fra, da ich
berall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit
als seine Erbstcke erkennen kann.

Spter wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstnde
von mir, blo weil mich der Gedanke qulte, seine Hand knne sie berhrt
haben, -- andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie
Freunde, die ihm Bses wnschten.

Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins
Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem
Tisch.

Als dann ein paar mitleidige Lehrer fr mich gesammelt hatten und ich
Philosophie und Medizin studierte -- auch nebenbei selbst denken lernte
--, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Ha ist:

Wir knnen nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von
uns selbst ist.

Und wie ich spter dahinter kam, -- nach und nach alles erfuhr: was
meine Mutter war -- und -- und noch sein mu, wenn -- wenn sie noch
lebt, -- und da mein eigner Leib -- er wendete sich ab, damit ich sein
Gesicht nicht sehen sollte, -- voll ist von _seinem_ eklen Blut -- nun
ja, Pernath, -- warum sollen Sie's nicht wissen: _er_ ist _mein Vater_!
-- da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. -- -- -- Zuweilen kommt's mir
sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, da ich schwindschtig
bin und Blut spucken mu: mein Krper wehrt sich gegen alles, was von
>_ihm_< ist, und stt es mit Abscheu von sich.

Oft hat mich mein Ha bis in den Traum begleitet und zu trsten gesucht
mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich >ihm< zufgen
durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden
Beigeschmack des -- Unbefriedigtseins in mir hinterlieen.

Wenn ich ber mich selbst nachdenke und mich wundern mu, da es so gar
niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, -- ja nicht
einmal als antipathisch zu empfinden imstande wre, auer >ihn< und
seinen Stamm, -- beschleicht mich oft das widerliche Gefhl: ich knnte
das sein, was man einen >guten Menschen< nennt. Aber zum Glck ist es
nicht so. -- Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.

Und glauben Sie nur ja nicht, da ein trauriges Schicksal mich
verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich berdies
erst in spteren Jahren) -- ich habe _einen_ Freudentag erlebt, der weit
in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergnnt ist. Ich
wei nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heie Frmmigkeit ist, --
ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt -- als ich aber an jenem Tage,
an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und
sah, wie >er< die Nachricht bekam, -- sie >stumpfsinnig<, wie ein Laie,
der die echte Bhne des Lebens nicht kennt, htte glauben mssen, --
hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote
Hasenscharte nur ein ganz klein bichen hher ber die Zhne gezogen als
sonst und den Blick so gewi -- -- so -- so -- so eigenartig nach innen
gekehrt, -- -- -- -- da fhlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen
des Erzengels. -- -- Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen
Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die
Finsternis des Paradieses hllte meine Seele ein. --

-- -- -- Wie ich Charousek so dastehen sah, die groen, trumerischen
Augen voll Trnen, da fielen mir Hillels Worte ein von der
Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brder des Todes gehen.

Charousek fuhr fort:

Die ueren Umstnde, die meinen Ha >rechtfertigen< oder in den
Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen
knnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: -- Tatsachen
sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie
sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der
Protzen, das nur der Schwachsinnige fr das wesentliche eines Gelages
hlt. -- Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln,
die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, --
wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann -- -- nun ja -- und dann
hat er sie an -- ein Freudenhaus verkauft, -- -- -- so etwas ist nicht
schwer, wenn man Polizeirte zu Geschftsfreunden hat, -- aber nicht
etwa, weil er ihrer berdrssig gewesen wre, o nein! Ich kenne die
Schlupfwinkel seines Herzens: an _dem_ Tage hat er sie verkauft, wo er
sich voll Schrecken bewut wurde, wie hei er sie in Wirklichkeit
liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer
gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand
kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trdlerbude gegen noch so
teures Geld: er empfindet nur den Zwang des >Hergebenmssens<. Er mchte
den Begriff >haben< am liebsten in sich hineinfressen, und knnte er
sich berhaupt ein Ideal ausdenken, so wr's das, sich dereinst in den
abstrakten Begriff >Besitz< aufzulsen. -- --

Und da ist es damals riesengro in ihm gewachsen bis zu einem Berg von
Angst: seiner selbst nicht mehr sicher zu sein, -- nicht: etwas an
Liebe geben zu _wollen_, sondern geben zu _mssen_: die Gegenwart eines
Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er
mchte, da es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. -- So
war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht
mechanisch zubeien mu, -- ob er will oder nicht -- wenn ein blitzender
Gegenstand zu rechter Zeit vorberschwimmt.

Das Verschachern meiner Mutter ergab sich fr Wassertrum als natrliche
Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften:
die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. -- -- --
Verzeihen Sie, Meister Pernath, -- Charouseks Stimme klang pltzlich so
hart und nchtern, da ich erschrak, -- verzeihen Sie, da ich so
furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universitt ist,
kommt einem eine Menge vertrottelter Bcher unter die Hnde;
unwillkrlich verfllt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise. --

Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lcheln; innerlich verstand ich
gar wohl, da er mit dem Weinen kmpfte.

Irgendwie mu ich ihm helfen, berlegte ich, wenigstens seine bitterste
Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm
unauffllig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der
Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.

Wenn Sie spter einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf
als Arzt ausben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;
sagte ich, um dem Gesprch eine vershnliche Richtung zu geben, --
machen Sie bald Ihr Doktorat?

Demnchst. Ich bin es meinen Wohlttern schuldig. Zweck hat's ja
keinen, denn meine Tage sind gezhlt.

Ich wollte den blichen Einwand machen, da er wohl zu schwarz sehe,
aber er wehrte lchelnd ab:

Es ist das beste so. Es mu berdies kein Vergngen sein, den
Heilkomdianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter
Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. -- -- Andererseits, --
setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, -- wird mir leider jedes
weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein fr allemal
abgeschnitten sein. Er griff nach seinem Hut. Jetzt will ich aber
nicht lnger stren. Oder wre noch etwas zu besprechen in der
Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls
wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hngen einen
Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, da ich Sie besuchen soll. Zu mir
in den Keller drfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum wrde sofort
Verdacht schpfen, da wir zusammenhalten. -- Ich bin brigens sehr
neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, da die Dame zu
Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie htte Ihnen ein
Schmuckstck zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird,
spielen Sie eben den Rabiaten.

Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die
Banknote aufzudrngen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom
Fensterbrett und sagte: Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stck die
Treppen hinunter. -- Hillel erwartet mich, log ich.

Er stutzte:

Sie sind mit ihm befreundet?

Ein wenig. Kennen Sie ihn? -- -- Oder mitrauen Sie ihm, -- ich mute
unwillkrlich lcheln -- vielleicht auch?

Da sei Gott vor!

Warum sagen Sie das so ernst?

Charousek zgerte und dachte nach:

Ich wei selbst nicht warum. Es mu etwas Unbewutes sein: so oft ich
ihm auf der Strae begegne, mchte ich am liebsten vom Pflaster
heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die
Hostie trgt. -- Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen
Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z.
B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem
Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionr und
ist doch unsagbar arm.

Ich fuhr entsetzt auf: arm?

Ja, womglich noch rmer als ich. Das Wort >nehmen< kennt er, glaub'
ich, berhaupt nur aus Bchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus
dem >Rathaus< kommt, dann laufen die jdischen Bettler vor ihm davon,
weil sie wissen, er wrde dem nchsten besten von ihnen seinen ganzen
krglichen Gehalt in die Hand drcken und ein paar Tage spter -- samt
seiner Tochter selber verhungern. -- Wenn's wahr ist, was eine uralte
talmudische Legende behauptet: da von den zwlf jdischen Stmmen zehn
verflucht sind und zwei heilig, so verkrpert er die zwei heiligen und
Wassertrum alle zehn andern zusammen. -- Haben Sie noch nie bemerkt, wie
Wassertrum smtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorbergeht?
Interessant, sag' ich Ihnen! Sehen Sie, _solches_ Blut _kann_ sich gar
nicht vermischen; da kmen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, da
die Mtter nicht schon frher vor Entsetzen strben. -- Hillel ist
brigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; -- er
weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das
Unbegreifliche, das vollkommen Unentrtselbare, fr ihn bedeutet.
Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

Glauben Sie, da es heutzutage noch Kabbalisten gibt -- da berhaupt
an der Kabbala etwas sein knnte? fragte ich, gespannt, was er wohl
antworten wrde, aber er schien nicht zugehrt zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tr des Treppenhauses, die aus
Kistendeckeln zusammengenagelt war:

Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jdische aber arme
Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter,
Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit
den kleinen Mdchen, kommt der Rappel ber ihn: dann bindet er sie an
den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwngt sie in
einen alten Hhnerkfig und unterweist sie im >Gesang<, wie er es nennt,
damit sie spter ihren Lebensunterhalt selbst erwerben knnen, -- das
heit, er lehrt sie die verrcktesten Lieder, die es gibt, deutsche
Texte, Bruchstcke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dmmer
seines Seelenzustandes fr -- preuische Schlachthymnen oder dergleichen
hlt.

Wirklich tnte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein
Fiedelbogen kratzte frchterlich hoch und immerwhrend in ein und
demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendnne
Kinderstimmen sangen dazu:

      Frau Pick,
      Frau Hock,
   Frau Kle -- pe -- tarsch,
   se stehen beirenond
   und schmusen allerhond -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mute wider Willen
hellaut auflachen.

Schwiegersohn Schaffranek -- seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt
Gurkensaft glschenweise an die Schuljugend -- luft den ganzen Tag in
den Bureaus herum, fuhr Charousek grimmig fort, und erbettelt sich
alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter
findet, die zufllig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie
aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hlften klebt er
zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blhte das Geschft und warf
manchmal fast einen -- Gulden im Tag ab, aber schlielich kamen die
Prager jdischen Groindustriellen dahinter -- und machen es jetzt
selber. Sie schpfen den Rahm ab.

Wrden _Sie_ Not lindern, Charousek, wenn Sie berflssiges Geld
htten? fragte ich rasch. -- Wir standen vor Hillels Tr, und ich
klopfte an.

Halten Sie mich fr so gemein, da Sie glauben knnen, ich tte es
nicht? fragte er verblfft zurck.

Mirjams Schritte kamen nher und ich wartete, bis sie die Klinke
niederdrckte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:
Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafr, aber mich _mten_ Sie
fr gemein halten, wenn ich's unterliee.

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschttelt und die
Tr hinter mir zugezogen. Whrend mich Mirjam begrte, lauschte ich,
was er tun wrde.

Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging
langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich
am Gelnder halten mu.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war das erstemal, da ich Hillels Zimmer besucht hatte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefngnis. Der Boden peinlich sauber und
mit weiem Sand bestreut. Nichts an Mbeln als zwei Sthle und ein Tisch
und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wnden.
-- -- --

Mirjam sa mir gegenber am Fenster, und ich bossierte an meinem
Modellierwachs.

Mu man denn ein Gesicht _vor sich_ haben, um die hnlichkeit zu
treffen? fragte sie schchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wute nicht, wohin
die Augen richten in ihrer Qual und Scham ber die jammervolle Stube,
und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, da ich mich nicht
lngst gekmmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mute ich doch antworten!

Nicht so sehr, um die hnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob
man innerlich auch richtig gesehen hat, ich fhlte, noch whrend ich
sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man msse die
uere Natur studieren, um knstlerisch schaffen zu knnen, stumpfsinnig
nachgebetet und befolgt; erst seit Hillel mich in jener Nacht erweckt,
war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenknnen hinter
geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen
aufschlgt, -- die Gabe, die sie alle zu haben glauben und doch unter
Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von der _Mglichkeit_ sprechen, die unfehlbare
Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins
nachmessen zu wollen!

Mirjam schien hnliches zu denken. Nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu
schlieen.

Sie drfen es nicht so wrtlich nehmen, entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form
vertiefte.

Es mu unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu
bertragen?

Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.

Pause.

Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist? fragte sie.

Sie ist doch fr Sie bestimmt, Mirjam.

Nein, nein; das geht nicht, -- -- das -- das -- --, -- ich sah, wie
ihre Hnde nervs wurden.

Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen? unterbrach
ich sie schnell, ich wollte, ich drfte mehr fr Sie tun.

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mute sie aufs tiefste verletzt haben. Es
hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschnigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

Hren Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. -- Ich schulde
Ihrem Vater so unendlich viel, -- Sie knnen das gar nicht ermessen --
--

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

-- ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.

Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmchtig wurden? Das war doch
selbstverstndlich.

Ich fhlte: sie wute nicht, welches Band mich mit ihrem Vater
verknpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu
verraten, was er ihr verschwieg.

Weit hher als uere Hilfe, dchte ich, ist die innere zu stellen. --
Ich meine die, die aus dem geistigen Einflu eines Menschen auf den
andern berstrahlt. -- Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam?
-- Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur krperlich, Mirjam.

Und das hat -- --?

Ja, das hat Ihr Vater an mir getan! -- ich fate sie an der Hand, --
begreifen Sie nicht, da es mir da ein Herzenswunsch sein mu, wenn
schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht wie Sie,
irgendeine Freude zu bereiten? -- Haben Sie nur ein ganz klein wenig
Vertrauen zu mir! -- Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen
erfllen knnte?

Sie schttelte den Kopf: Sie glauben, ich fhle mich unglcklich hier?

Gewi nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen
abnehmen knnte? Sie sind verpflichtet -- hren Sie! -- verpflichtet,
mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der
finstern, traurigen Gasse, wenn Sie nicht mten? Sie sind noch so jung,
Mirjam, und -- --

Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath, unterbrach sie mich
lchelnd, was fesselt denn Sie an das Haus?

Ich stutzte. -- Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich
hier? Ich konnte es mir nicht erklren, was fesselt dich an das Haus?
wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklrung finden
und verga einen Augenblick ganz, wo ich war. -- Dann stand ich
pltzlich entrckt irgendwo hoch oben -- in einem Garten -- roch den
zauberhaften Duft von blhenden Holunderdolden, -- sah herab auf die
Stadt -- -- --

Habe ich eine Wunde berhrt? Hab' ich Ihnen weh getan? kam Mirjams
Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich ber mich gebeugt und sah mir ngstlich forschend ins
Gesicht.

Ich mute wohl lange starr dagesessen haben, da sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's pltzlich
gewaltsam Bahn, berflutete mich, und ich schttete Mirjam mein ganzes
Herz aus.

Ich erzhlte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein
ganzes Leben beisammen war, und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um
mich stand, und auf welche Weise ich aus einer Erzhlung Zwakhs erfahren
hatte, da ich in frheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung
an meine Vergangenheit beraubt worden war, -- wie in letzter Zeit Bilder
in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln muten, immer hufiger
und hufiger, und da ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar
werden und mich von neuem zerreien wrde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mute: -- meine
Erlebnisse in den unterirdischen Gngen und all das brige, verschwieg
ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerckt und hrte mit einer tiefen, atemlosen
Teilnahme zu, die mir unsglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen
konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. -- Gewi
wohl: Hillel war ja noch da, aber fr mich nur wie ein Wesen jenseits
der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht
herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem
er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm -- und doch bin ich
wie durch eine Glaswand von ihm getrennt, vertraute sie mir an, die
ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. -- Wenn ich
ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das
Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12
Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von
seinen Schlfen aus. -- Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die
bers Grab hinausgeht, und zu gro, als da wir sie fassen knnten. --
Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich ber ihn
sprachen. -- -- Sie schauderte pltzlich und zitterte am ganzen Leib.
Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurck: Seien Sie ruhig, es
ist nichts. Blo eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, -- nur ich
wei, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mdchen,
-- glaubte ich vor Schmerz ersticken zu mssen, und ich lief zu ihm hin
und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch
nicht, weil alles gelhmt war in mir -- und -- und da -- -- -- -- mir
luft's wieder eiskalt ber den Rcken, wenn ich daran denke -- -- sah
er mich lchelnd an, kte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand
ber die Augen. -- -- -- -- Und von dem Moment an bis heute war jedes
Leid, da ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht
eine Trne konnte ich vergieen, als sie begraben wurde; ich sah die
Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich,
warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben
mir, und wenn ich aufblickte, lchelte er jedesmal leise, und ich
fhlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.

Und sind Sie glcklich, Mirjam? Ganz glcklich? Liegt nicht zugleich
etwas Furchtbares fr Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben,
das hinausgewachsen ist ber alles Menschentum? fragte ich leise.

Mirjam schttelte freudig den Kopf:

Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. -- Als Sie mich vorhin
fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen htte, und warum wir hier
wohnten, mute ich fast lachen. Ist denn die Natur schn? Nun ja, die
Bume sind grn und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir
viel schner vorstellen, wenn ich die Augen schliee. Mu ich denn, um
sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? -- Und das bichen Not und -- und
-- und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und
das Warten.

Das Warten? fragte ich erstaunt.

Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber
ein ganz, ganz armer Mensch. -- Da das so wenige kennen?! Sehen Sie,
das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand
verkehre. Ich hatte wohl frher ein paar Freundinnen -- Jdinnen
natrlich, wie ich --, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie
verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach,
glaubten sie anfangs, ich mache Spa, und als sie merkten, wie ernst es
mir war, und da ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die
Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmige Wachsen des
Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, -- htten sie mich
am liebsten fr verrckt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im
Wege, da ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebrisch und aramisch
gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was
dergleichen Nebenschlichkeiten mehr sind. Schlielich fanden sie ein
Wort, das berhaupt nichts mehr ausdrckt: sie nannten mich
>berspannt<.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, da das Bedeutsame -- das
Wesentliche -- fr mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das
_Wunder_ und blo das Wunder sei und nicht Vorschriften ber Moral und
Ethik, die nur versteckte Wege sein knnen, um zum Wunder zu gelangen,
-- so wuten sie nur mit Gemeinpltzen zu erwidern, denn sie scheuten
sich, offen einzugestehen, da sie aus den Religionsschriften nur das
glaubten, was ebensogut im brgerlichen Gesetzbuch stehen knnte. Wenn
sie das Wort >Wunder< nur hrten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie
verlren den Boden unter den Fen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben knnte, als den Boden unter den Fen
zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hrte ich
einmal meinen Vater sagen, -- dann, dann erst fngt das Leben an. -- Ich
wei nicht, was er mit dem >Leben< meinte, aber ich fhle zuweilen, da
ich eines Tages so wie: >erwachen< werde. Wenn ich mir auch nicht
vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder mssen dem
vorhergehen, denke ich mir immer.

>Hast du denn schon welche erlebt, da du fortwhrend darauf wartest?<
fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie
pltzlich froh und siegesgewi. Sagen Sie, Herr Pernath, knnen _Sie_
solche Herzen verstehen? Da ich _doch_ Wunder erlebt habe, wenn auch
nur kleine, -- winzig kleine --, -- Mirjams Augen glnzten, -- wollte
ich ihnen nicht verraten, -- -- -- -- -- --

Ich hrte, wie Freudentrnen ihre Stimme fast erstickten.

-- aber _Sie_ werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate, -- Mirjam
wurde ganz leise, -- haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein
Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wute ich:
jetzt ist die Stunde da! -- Und dann sa ich hier und wartete und
wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und -- und
dann, wenn's mich pltzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer
durch die Straen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause
zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und -- und jedesmal fand ich Geld.
Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, da ich das Ntigste
einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Strae; ich sah ihn
von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darber,
aber keiner bemerkte ihn. -- Das machte mich zuweilen so bermtig, da
ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Kche den Boden
durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen
sei.

-- Ein Gedanke scho mir durch den Kopf, und ich mute aus Freude
darber lcheln. --

Sie sah es.

Lachen Sie nicht, Herr Pernath, flehte sie. Glauben Sie mir, ich
wei, da diese Wunder wachsen werden, und da sie eines Tages --

Ich beruhigte sie: Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie
denn! Ich bin unendlich glcklich, da Sie nicht sind wie die andern,
die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's
-- _wir_ rufen in solchen Fllen: Gott sei Dank! -- einmal anders
kommt.

Sie streckte mir die Hand hin:

Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, da Sie mir --
oder uns -- helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, da Sie mir die
Mglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben wrden, wenn Sie es tten?

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tr, und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrte mich. Herzlich und voll
Freundschaft, aber wieder mit dem khlen Sie.

Auch schien etwas wie leise Mdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu
lasten. -- Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dmmerung, die in der Stube lag.

Sie sind gewi hier, mich um Rat zu fragen, fing er an, als Mirjam uns
allein gelassen hatte, in der Sache, die die fremde Dame betrifft --
--?

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

Ich wei es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse
an, weil er mir merkwrdig verndert vorkam. Er hat mir alles erzhlt.
In der berflle seines Herzens. Auch, da -- Sie ihm Geld geschenkt
haben. Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf
hchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

Gewi, es hat dadurch ein paar Tropfen Glck mehr vom Himmel geregnet
-- und -- und in diesem -- Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet,
aber --, er dachte eine Weile nach, -- aber manchmal schafft man sich
und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie
denken, mein lieber Freund! Da wre es sehr, sehr einfach, die Welt zu
erlsen. -- Oder glauben Sie nicht?

Geben _Sie_ denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen,
Hillel? fragte ich.

Er schttelte lchelnd den Kopf: Mir scheint, Sie sind ber Nacht ein
Talmudist geworden, da Sie eine Frage wieder mit einer Frage
beantworten. Da ist freilich schwer streiten.

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum
verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

brigens, um zu dem Thema zurckzukommen, fuhr er in verndertem Tone
fort, ich glaube nicht, da Ihrem Schtzling -- ich meine die Dame --
augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten.
Es heit zwar: >der kluge Mann baut vor<, aber der Klgere, scheint mir,
wartet ab und ist auf alles gefat. Vielleicht ergibt sich die
Gelegenheit, da Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das mu
dann von ihm ausgehen, -- ich tue keinen Schritt, _er_ mu
herberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgltig, -- und dann
will ich mit ihm reden. An _ihm_ wird's sein, sich zu entscheiden, ob er
meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hnde in
Unschuld.

Ich versuchte ngstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und
eigentmlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem
schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns, fielen mir Mirjams
Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drcken und -- gehen.

Er begleitete mich bis vor die Tre und, als ich die Treppe hinaufging
und mich noch einmal umdrehte, sah ich, da er stehen geblieben war und
mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen
mchte und nicht kann.




                                Angst


Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine
Wirtsstube Zum alten Ungelt essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh,
Vrieslander und Prokop bis spt in die Nacht beisammen saen und
einander verrckte Geschichten erzhlten; aber kaum betrat ich mein
Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, -- wie wenn mir Hnde ein Tuch
oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen htten.

Es lag eine Spannung in der Luft, ber die ich mir keine Rechenschaft
geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und
sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich bertrug, da
ich vor Unruhe anfangs kaum wute, was ich zuerst tun sollte: Licht
anznden, hinter mir abschlieen, mich niedersetzen oder auf und ab
gehen.

Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt?
War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich
ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?

Ich griff hinter die Gardinen, ffnete den Schrank, ein Blick ins
Nebenzimmer: -- niemand.

Auch die Kassette stand unverrckt an ihrem Platz.

Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen,
um ein fr allemal die Sorge um sie los zu sein?

Schon suchte ich nach dem Schlssel in meiner Westentasche -- aber mute
es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen frh.

Erst Licht machen!

Ich konnte die Streichhlzer nicht finden.

War die Tr abgesperrt? -- Ich ging ein paar Schritte zurck. Blieb
wieder stehen.

Warum mit einem Male die Angst?

Ich wollte mir Vorwrfe machen, da ich feig sei: -- die Gedanken
blieben stecken. Mitten im Satz.

Eine wahnwitzige Idee berfiel mich pltzlich: Rasch, rasch auf den
Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und dem den
Schdel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden
herumkroch, -- -- wenn -- wenn es in die Nhe kam.

Es ist doch niemand hier, sagte ich mir laut und rgerlich vor, hast
du dich denn je im Leben gefrchtet?

Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dnn und schneidend
wie ther.

Wenn ich _irgend etwas gesehen_ htte: das Grlichste, was man sich
vorstellen kann, -- im Nu wre die Furcht von mir gewichen.

Es kam nichts.

Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:

Nichts.

berall lauter wohlbekannte Dinge: Mbel, Truhen, die Lampe, das Bild,
die Wanduhr -- leblose, alte, treue Freunde.

Ich hoffte, sie wrden sich vor meinen Blicken verndern und mir Grund
geben, eine Sinnestuschung als Ursache fr das wrgende Angstgefhl in
mir zu finden.

Auch das nicht. -- Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr
fr das herrschende Halbdunkel, als da es natrlich gewesen wre.

Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst, fhlte ich. Sie
trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.

Warum tickt die Wanduhr nicht? --

Das Lauern ringsum trank jeden Laut.

Ich rttelte am Tisch und wunderte mich, da ich das Gerusch hren
konnte.

Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! -- Nicht einmal das! Oder
das Holz im Ofen aufknallen wollte: -- das Feuer war erloschen.

Und immerwhrend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft -- pausenlos,
lckenlos, wie das Rinnen von Wasser.

Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich
verzweifelte daran, es je berdauern zu knnen. -- Der Raum voll Augen,
die ich nicht sehen, -- voll von planlos wandernden Hnden, die ich
nicht greifen konnte.

Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lhmende
Schrecknis des unfabaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm
Denken die Grenzen zerfrit, begriff ich dumpf.

Ich stellte mich steif hin und wartete.

Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht lie es sich verleiten und
schlich von rckwrts an mich heran -- und ich konnte es ertappen?!

Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.

Dasselbe markverzehrende Nichts, das _nicht war_ und doch das Zimmer
mit seinem grausigen Leben erfllte.

Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?

Es wrde mit mir gehen, wute ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit.
Auch, da es mir nichts ntzen knnte, wenn ich Licht machte, sah ich
ein, -- dennoch suchte ich so lang nach dem Feuerzeug, bis ich es
gefunden hatte.

Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen
nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben,
und als sie sich endlich doch ein schwindschtiges Dasein erkmpft
hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war
die Dunkelheit noch besser.

Ich lschte wieder aus und warf mich angezogen bers Bett. Zhlte die
Schlge meines Herzens: eins, zwei, drei -- vier ... bis tausend, und
immer von neuem -- Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine
Lippen trocken wurden und das Haar sich mir strubte: keine Sekunde der
Erleichterung.

Auch nicht eine einzige.

Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge
kamen: Prinz, Baum, Kind, Buch -- und sie krampfhaft zu
wiederholen, bis sie pltzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus
barbarischer Vorzeit nackt mir gegenberstanden, und ich mit aller Kraft
nachdenken mute, in ihre Bedeutung zurckzufinden: P--r--i--n--z? --
B--u--ch?

War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? -- Ich tastete an mir
herum.

Aufstehen!

Mich in den Sessel setzen!

Ich lie mich in den Lehnstuhl fallen.

Wenn doch endlich der Tod kme!

Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fhlen! Ich -- will
nicht -- ich -- will -- nicht, -- schrie ich. Hrt ihr denn nicht?!

Kraftlos fiel ich zurck.

Konnte es nicht fassen, da ich immer noch lebte.

Unfhig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor
mich hin.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Weshalb er mir nur die Krner so beharrlich hinreicht? ebbte ein
Gedanke auf mich zu, zog sich zurck und kam wieder. Zog sich zurck.
Kam wieder.

Langsam wurde mir endlich klar, da ein seltsames Wesen vor mir stand --
vielleicht schon, seit ich hier sa, dagestanden hatte -- und mir die
Hand hinstreckte:

Ein graues, breitschultriges Geschpf, in der Gre eines gedrungen
gewachsenen Menschen, auf einen spiralfrmig gedrehten Knotenstock aus
weiem Holz gesttzt.

Wo der Kopf htte sitzen mssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus
fahlem Dunst unterscheiden.

Ein trber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der
Erscheinung aus.

Ein Gefhl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung.
Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht,
drngte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen
zur Form geronnen.

Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich wrde wahnsinnig werden vor
Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen knnte, --
warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren -- und doch zog es mich
wie ein Magnet, da ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht
wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.

Aber so sehr ich mich auch abmhte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl
glckte es mir, Kpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal
wute ich, da sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.

Sie zerrannen auch stets -- fast in derselben Sekunde, wo ich sie
geschaffen hatte.

Nur die Form eines gyptischen Ibiskopfs blieb noch am lngsten
bestehen.

Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit,
zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter
langsamen Atemzgen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige
Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Fe berhrten Knochenstumpen
den Boden, von denen das Fleisch -- grau und blutleer -- auf
Spannenbreite zu wulstigen Rndern emporgezogen war.

Regungslos hielt das Geschpf mir seine Hand hin.

Kleine Krner lagen darin. Bohnengro, von roter Farbe und mit schwarzen
Punkten am Rande.

Was sollte ich damit?!

Ich fhlte dumpf: eine ungeheure Verantwortung lag auf mir -- eine
Verantwortung, die weit hinausging ber alles Irdische, -- wenn ich
jetzt nicht das Richtige tat.

Zwei Wagschalen, jede belastet mit dem Gewicht des halben Weltgebudes,
schweben irgendwo im Reich der Ursachen, ahnte ich, -- auf welche von
beiden ich ein Stubchen warf: die sank zu Boden.

_Das_ war das furchtbare Lauern ringsum! verstand ich. Keinen Finger
rhren! riet mir mein Verstand, -- und wenn der Tod in alle Ewigkeit
nicht kommen sollte und mich erlsen aus dieser Qual. --

Auch dann httest du deine Wahl getroffen: du httest die Krner
_abgelehnt_, raunte es in mir. Hier gibt's kein Zurck.

Hilfe suchend blickte ich mich um, ob mir denn kein Zeichen wrde, was
ich tun sollte.

Nichts.

Auch in mir kein Rat, kein Einfall, -- alles tot, gestorben.

Das Leben von Myriaden Menschen wiegt leicht wie eine Feder in diesem
furchtbaren Augenblick, erkannte ich -- --.

Es mute bereits tiefe Nacht sein, denn ich konnte die Wnde meines
Zimmers nicht mehr unterscheiden.

Nebenan im Atelier stampften Schritte; ich hrte, da jemand Schrnke
rckte, Schubladen aufri und polternd zu Boden warf, glaubte
Wassertrums Stimme zu erkennen, wie er in seinem rchelnden Ba wilde
Flche ausstie; ich horchte nicht hin. Es war mir belanglos wie das
Rascheln einer Maus. -- Ich schlo die Augen:

Menschliche Antlitze zogen in langen Reihen an mir vorber. Die Lider
zugedrckt -- starre Totenmasken: -- mein eigenes Geschlecht, meine
eigenen Vorfahren.

Immer dieselbe Schdelbildung, wie auch der Typus zu wechseln schien, so
stand es auf aus seinen Grften, -- mit glattem, gescheiteltem Haar,
gelocktem und kurz geschnittenem, mit Allongepercken und in Ringe
gezwngten Schpfen -- durch Jahrhunderte heran, bis die Zge mir
bekannter und bekannter wurden und in ein letztes Gesicht
zusammenflossen: -- das Gesicht des Golem, mit dem die Kette meiner
Ahnen abbrach.

Dann lste die Finsternis mein Zimmer in einen unendlichen leeren Raum
auf, in dessen Mitte ich mich auf meinem Lehnstuhl sitzen wute, vor mir
der graue Schatten wieder mit dem ausgestreckten Arm.

Und als ich die Augen aufschlug, standen in zwei sich schneidenden
Kreisen, die einen Achter bildeten, fremdartige Wesen um uns herum:

Die des einen Kreises gehllt in Gewnder mit violettem Schimmer, die
des anderen mit rtlich schwarzem. Menschen einer fremden Rasse, von
hohem, unnatrlich schmchtigem Wuchs, die Gesichter hinter leuchtenden
Tchern verborgen.

Das Herzbeben in meiner Brust sagte mir, da der Zeitpunkt der
Entscheidung gekommen war. Meine Finger zuckten nach den Krnern: -- und
da sah ich, wie ein Zittern durch die Gestalten des rtlichen Kreises
ging. --

Sollte ich die Krner zurckweisen?: das Zittern ergriff den blulichen
Kreis; -- ich blickte den Mann ohne Kopf scharf an; er stand da -- in
derselben Stellung: regungslos wie frher.

Sogar sein Atmen hatte aufgehrt.

Ich hob den Arm, wute noch immer nicht, was ich tun sollte, und --
schlug auf die ausgestreckte Hand des Phantoms, da die Krner ber den
Boden hinrollten.

Einen Moment, so jh wie ein elektrischer Schlag, entglitt mir das
Bewutsein, und ich glaubte in endlose Tiefen zu strzen, -- dann stand
ich fest auf den Fen.

Das graue Geschpf war verschwunden. Ebenso die Wesen des rtlichen
Kreises.

Die blulichen Gestalten hingegen hatten einen Ring um mich gebildet;
sie trugen eine Inschrift aus goldnen Hieroglyphen auf der Brust und
hielten stumm -- es sah aus wie ein Schwur -- zwischen Zeigefinger und
Daumen die roten Krner in die Hhe, die ich dem Phantom ohne Kopf aus
der Hand geschlagen hatte.

Ich hrte, wie drauen Hagelschauer gegen die Fenster tobten und
brllender Donner die Luft zerri:

Ein Wintergewitter in seiner ganzen besinnungslosen Wut raste ber die
Stadt hinweg. Vom Flu her drhnten durch das Heulen des Sturms in
rhythmischen Intervallen die dumpfen Kanonenschsse, die das Brechen der
Eisdecke auf der Moldau verkndeten. Die Stube loderte im Licht der
ununterbrochen aufeinanderfolgenden Blitze. Ich fhlte mich pltzlich so
schwach, da mir die Knie zitterten und ich mich setzen mute.

Sei ruhig, sagte deutlich eine Stimme neben mir, sei ganz ruhig, es
ist heute die Lelschimurim: die Nacht der Beschtzung. --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Allmhlich lie das Unwetter nach, und der betubende Lrm ging ber in
das eintnige Trommeln der Schloen auf die Dcher.

Die Mattigkeit in meinen Gliedern nahm derart zu, da ich nur mehr mit
stumpfen Sinnen und halb im Traum wahrnahm, was um mich her vorging:

Jemand aus dem Kreis sagte die Worte:

_Den ihr suchet, der ist nicht hier._

Die andern erwiderten etwas in einer fremden Sprache.

Hierauf sagte der erste wieder leise einen Satz, darin kam der Name

                               Henoch

vor, aber ich verstand das brige nicht: der Wind trug das Sthnen der
berstenden Eisschollen zu laut vom Flusse herber.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann lste sich einer aus dem Kreis, trat vor mich hin, deutete auf die
Hieroglyphen auf seiner Brust -- sie waren dieselben Buchstaben wie die
der brigen -- und fragte mich, ob ich sie lesen knne.

Und als ich -- lallend vor Mdigkeit -- verneinte, streckte er die
Handflche gegen mich aus, und die Schrift erschien leuchtend auf
_meiner_ Brust in Lettern, die zuerst lateinisch waren:

                       CHABRAT ZEREH AUR BOCHER
                 -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

und sich langsam in die mir unbekannten verwandelten. -- -- -- Und ich
fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf, wie ich ihn seit jener Nacht,
wo Hillel mir die Zunge gelst, nicht mehr gekannt hatte.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                Trieb


Wie im Fluge waren mir die Stunden der letzten Tage vergangen. Kaum, da
ich mir Zeit zu den Mahlzeiten lie.

Ein unwiderstehlicher Drang nach uerer Ttigkeit hatte mich von frh
bis abends an meinen Arbeitstisch gefesselt.

Die Gemme war fertig geworden, und Mirjam hatte sich wie ein Kind
darber gefreut.

Auch der Buchstabe I in dem Buche Ibbur war ausgebessert.

Ich lehnte mich zurck und lie ruhevoll all die kleinen Geschehnisse
der heutigen Stunden an mir vorberziehen:

Wie das alte Weib, das mich bediente, am Morgen nach dem Ungewitter zu
mir ins Zimmer gestrzt kam mit der Meldung, die steinerne Brcke sei in
der Nacht eingestrzt. --

Seltsam: -- Eingestrzt! Vielleicht gerade in der Stunde, wo ich die
Krner -- -- -- nein, nein, nicht daran denken; es knnte einen Anstrich
von Nchternheit bekommen, was damals geschehen war, und ich hatte mir
vorgenommen, es in meiner Brust begraben sein zu lassen, bis es von
selbst wieder erwachte, -- nur nicht daran rhren!

Wie lange war's her, da ging ich noch ber die Brcke, sah die
steinernen Statuen, -- und jetzt lag sie, die Brcke, die Jahrhunderte
gestanden, in Trmmern.

Es stimmte mich beinahe wehmtig, da ich nie mehr meinen Fu auf sie
setzen sollte. Wenn man sie auch wieder aufbaute, war es doch nicht mehr
die alte, geheimnisvolle, steinerne Brcke.

Stundenlang hatte ich, whrend ich an der Gemme schnitt, darber
nachdenken mssen, und so selbstverstndlich, als htte ich es nie
vergessen gehabt, war es lebendig in mir geworden: wie oft ich als Kind
und auch in spteren Jahren zu dem Bildnis der heiligen Luitgard und all
den andern, die jetzt begraben lagen in den tosenden Wassern,
aufgeblickt hatte.

Die vielen, kleinen lieben Dinge, die ich in meiner Jugend mein eigen
genannt, hatte ich wieder gesehen im Geiste -- und meinen Vater und
meine Mutter und die Menge Schulkameraden. Nur an das Haus, wo ich
gewohnt, konnte ich mich nicht mehr erinnern.

Ich wute, es wrde pltzlich, eines Tages, wenn ich es am wenigsten
erwartete, wieder vor mir stehen; und ich freute mich darauf.

Die Empfindung, da sich mit einem Male alles natrlich und einfach in
mir abwickelte, war so behaglich.

Als ich vorgestern das Buch Ibbur aus der Kassette geholt hatte, -- es
war so gar nichts Erstaunliches daran gewesen, da es aussah, nun, wie
eben ein altes, mit wertvollen Initialen geschmcktes Pergamentbuch
aussieht -- schien es mir ganz selbstverstndlich.

Ich konnte nicht begreifen, da es jemals gespenstisch auf mich gewirkt
hatte!

Es war in hebrischer Sprache geschrieben, vollkommen unverstndlich fr
mich.

Wann wohl der Unbekannte es wieder holen kommen wrde?

Die Freude am Leben, die whrend der Arbeit heimlich in mich eingezogen
war, erwachte von neuem in ihrer ganzen erquickenden Frische und
verscheuchte die Nachtgedanken, die mich hinterrcks wieder berfallen
wollten.

Rasch nahm ich Angelinas Bild -- ich hatte die Widmung, die darunter
stand, abgeschnitten -- und kte es.

Es war das alles so tricht und widersinnig, aber warum nicht einmal von
-- Glck trumen, die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran
freuen, wie ber eine Seifenblase?

Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfllung gehen, was mir da die
Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte? War es so ganz und gar unmglich,
da ich ber Nacht ein berhmter Mann wrde? Ihr ebenbrtig, wenn auch
nicht an Herkunft? Zumindest Dr. Savioli ebenbrtig? Ich dachte an die
Gemme Mirjams: wenn mir noch andere so gelangen, wie diese, -- kein
Zweifel, selbst die ersten Knstler aller Zeiten hatten nie etwas
Besseres geschaffen.

Und nur ein Zufall angenommen: der Gatte Angelinas strbe pltzlich?

Mir wurde hei und kalt: ein winziger Zufall -- und meine Hoffnung, die
verwegenste Hoffnung, gewann Gestalt. An einem dnnen Faden, der
stndlich reien konnte, hing das Glck, das mir dann in den Scho
fallen mte.

War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen? Dinge, von
denen die Menschheit gar nicht ahnte, da sie berhaupt existierten?

War es _kein_ Wunder, da binnen weniger Wochen knstlerische
Fhigkeiten in mir erwacht waren, die mich jetzt schon weit ber den
Durchschnitt erhoben?

Und ich stand doch erst am _Anfang_ des Weges!

Hatte _ich_ denn kein Anrecht auf Glck?

Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit?

Ich bertnte das Ja in mir: -- nur noch eine Stunde trumen -- eine
Minute -- ein kurzes Menschendasein!

Und ich trumte mit offenen Augen:

Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von
allen Seiten mit farbigen Wasserfllen. Bume aus Opal standen in
Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels, der blau
schillerte wie der Flgel eines gigantischen Tropenschmetterlings, in
Funkensprhregen ber unabsehbare Wiesen voll heiem Sommerduft.

Mich drstete, und ich khlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der
Bche, die ber Felsblcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter.

Schwler Hauch strich ber Hnge, berst mit Blten und Blumen, und
machte mich trunken mit den Gerchen von Jasmin, Hyazinthen, Narzissen,
Seidelbast -- -- --

Unertrglich! Unertrglich! Ich verlschte das Bild. -- Mich drstete.

Das waren die Qualen des Paradieses.

Ich ri die Fenster auf und lie den Tauwind an meine Stirne wehen.

Es roch nach kommendem Frhling -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mirjam!

Ich mute an Mirjam denken. Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte
halten mssen, um nicht umzufallen, als sie mir erzhlen gekommen, ein
Wunder sei geschehen, ein wirkliches Wunder: sie habe ein Goldstck
gefunden in dem Brotlaib, den der Bcker vom Gang aus durchs Gitter ins
Kchenfenster gelegt. -- -- --

Ich griff nach meiner Brse. -- Hoffentlich war es heute nicht schon zu
spt, und ich kam noch zurecht, _ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern_!

Tglich hatte sie mich besucht, um mir Gesellschaft zu leisten, wie sie
es nannte, dabei aber fast nicht gesprochen, so erfllt war sie von dem
Wunder gewesen. Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie
aufgewhlt und, wenn ich mir vorstellte, wie sie manchmal pltzlich ohne
uern Grund -- nur unter dem Einflu ihrer Erinnerung -- totenbla
geworden war bis in die Lippen, schwindelte mir bei dem bloen Gedanken,
ich knnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben, deren Tragweite
bis ins Grenzenlose ging.

Und wenn ich mir die letzten, dunkeln Worte Hillels ins Gedchtnis rief
und in Zusammenhang damit brachte, berlief es mich eiskalt.

Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung fr mich, -- der Zweck
heiligt die Mittel _nicht_, das sah ich ein.

Und was, wenn berdies das Motiv: helfen zu wollen nur _scheinbar_
rein war? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lge
dahinter verborgen?: der selbstgefllige, unbewute Wunsch, in der Rolle
des Helfers zu schwelgen?

Ich fing an, irre an mir selbst zu werden.

Da ich Mirjam viel zu oberflchlich beurteilt hatte, war klar.

Schon als die Tochter Hillels mute sie anders sein als andere Mdchen.

Wie hatte ich nur so vermessen sein knnen, auf solch trichte Weise in
ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch ber meinem
eigenen stand!

Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten
gyptischen Dynastie pate und selbst fr diese noch viel zu vergeistigt
war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, htte mich
warnen mssen.

Nur der ganz Dumme mitraut dem uern Schein, hatte ich irgendwo
einmal gelesen. -- Wie richtig! Wie richtig!

Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, da
ich es gewesen war, der die Dukaten Tag fr Tag ins Brot geschmuggelt
hatte?

Der Schlag kme zu pltzlich. Wrde sie betuben.

Ich durfte das nicht wagen, mute behutsamer vorgehen.

Das Wunder irgendwie abschwchen? Statt das Geld ins Brot zu stecken,
es auf die Treppenstufe legen, da sie es finden mute, wenn sie die Tr
aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes
wrde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem
Wunderbaren allmhlich wieder ins Alltgliche herberlenkte, trstete
ich mich.

Ja! Das war das Richtige.

Oder den Knoten zerhauen? Ihren Vater einweihen und zu Rate ziehen? Die
Schamrte stieg mir ins Gesicht. Zu diesem Schritt blieb Zeit genug,
wenn alle andern Mittel versagten.

Nur gleich ans Werk gehen, keine Zeit versumen!

Ein guter Einfall kam mir: ich mute Mirjam zu etwas ganz Absonderlichem
bewegen, sie fr ein paar Stunden aus der gewohnten Umgebung reien, da
sie andere Eindrcke bekam.

Wir wrden einen Wagen nehmen und eine Spazierfahrt machen. Wer kannte
uns denn, wenn wir das Judenviertel mieden?

Vielleicht interessierte es sie, die eingestrzte Brcke zu besichtigen?

Oder der alte Zwakh oder eine ihrer frheren Freundinnen sollte mit ihr
fahren, wenn sie es ungeheuerlich finden wrde, da ich mit dabei sei.

Ich war fest entschlossen, keinen Widerspruch gelten zu lassen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

An der Trschwelle rannte ich einen Mann beinahe ber den Haufen.

Wassertrum!

Er mute durchs Schlsselloch hineingespht haben, denn er stand
gebckt, als ich mit ihm zusammengestoen war.

Suchen Sie mich? fragte ich barsch.

Er stammelte ein paar Worte der Entschuldigung in seinem unmglichen
Jargon; dann bejahte er.

Ich forderte ihn auf, nher zu treten und sich zu setzen, aber er blieb
am Tisch stehen und drehte krampfhaft mit der Hutkrempe. Eine tiefe
Feindseligkeit, die er vergebens vor mir verbergen wollte, spiegelte aus
seinem Gesicht und jeder seiner Bewegungen.

Noch nie hatte ich den Mann in so unmittelbarer Nhe gesehen. Seine
grauenhafte Hlichkeit war es nicht, die einen so abstie; (sie machte
mich eher mitleidig gestimmt: er sah aus wie ein Geschpf, dem die Natur
selbst bei seiner Geburt voll Wut und Abscheu mit dem Fu ins Gesicht
getreten hatte) -- etwas anderes, Unwgbares, das von ihm ausging, trug
die Schuld daran.

Das Blut, wie Charousek es treffend bezeichnet hatte.

Unwillkrlich wischte ich mir die Hand ab, die ich ihm bei seinem
Eintritt gereicht hatte.

So wenig auffllig ich es machte, er schien es doch bemerkt zu haben,
denn er mute sich pltzlich mit Gewalt zwingen, das Aufflammen des
Hasses in seinen Zgen zu unterdrcken.

Hbsch ham Se's hier, fing er endlich stockend an, als er sah, da ich
ihm nicht den Gefallen tat, das Gesprch zu beginnen.

Im Widerspruch zu seinen Worten schlo er dabei die Augen, vielleicht,
um meinem Blick nicht zu begegnen. Oder glaubte er, da es seinem
Gesicht einen harmloseren Ausdruck verleihen wrde?

Man konnte ihm deutlich anhren, welche Mhe er sich gab, hochdeutsch zu
reden.

Ich fhlte mich nicht zu einer Entgegnung verpflichtet und wartete, was
er weiter sagen wrde.

In seiner Verlegenheit griff er nach der _Feile_, die -- wei Gott wieso
-- noch seit Charouseks Besuch auf dem Tisch lag, fuhr aber
unwillkrlich sofort wie von einer Schlange gebissen zurck. Ich staunte
innerlich ber seine unterbewute seelische Feinfhligkeit.

Freilich, natrlich, es gehrt zum Geschft, da man's fein hat,
raffte er sich auf, zu sagen, wenn man -- so noble Besuche bekommt. Er
wollte die Augen aufschlagen, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte
auf mich machten, hielt es aber offenbar noch fr verfrht und schlo
sie schnell wieder.

Ich wollte ihn in die Enge treiben: Sie meinen die Dame, die neulich
hier vorfuhr? Sagen Sie doch offen, wo Sie hinauswollen!

Er zgerte einen Moment, dann packte er mich heftig am Handgelenk und
zerrte mich ans Fenster.

Die sonderbare, unmotivierte Art, mit der er es tat, erinnerte mich
daran, wie er vor einigen Tagen den taubstummen Jaromir unten in seine
Hhle gerissen hatte.

Mit krummen Fingern hielt er mir einen blitzenden Gegenstand hin:

Was glauben Sie, Herr Pernath, lat sich da noch was machen?

Es war eine goldene Uhr, mit so stark verbeulten Deckeln, da es fast
aussah, als htte sie jemand mit Absicht verbogen.

Ich nahm ein Vergrerungsglas: die Scharniere waren zur Hlfte
abgerissen und innen -- stand da nicht etwas eingraviert? Kaum mehr
leserlich und noch berdies mit einer Menge ganz frischer Schrammen
zerkratzt. Langsam entzifferte ich:

                          K--rl Zott--mann.

Zottmann? Zottmann? -- Wo hatte ich diesen Namen doch gelesen? Zottmann?
Ich konnte mich nicht entsinnen. Zottmann?

Wassertrum schlug mir die Lupe beinahe aus der Hand:

Im Werk is nix, da hab' ich schon selber geschaut. Aber mit'm Gehuse,
da stinkt's.

Braucht man nur gerade zu klopfen -- hchstens ein paar Ltstellen. Das
kann Ihnen ebensogut jeder beliebige Goldarbeiter machen, Herr
Wassertrum.

Ich leg' doch Wert darauf, da es eine solide Arbeit wird. Was man so
sagt: knstlerisch, unterbrach er mich hastig. Fast ngstlich.

Nun gut, wenn Ihnen derart viel daran liegt --

Viel daran liegt! Seine Stimme schnappte ber vor Eifer. Ich will sie
doch selber tragen, die Uhr. Und wenn ich sie jemanden zeig', will ich
sagen knnen: schauen Sie mal her, _so_ arbeitet der Herr von Pernath.

Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir seine widerwrtigen
Schmeicheleien frmlich ins Gesicht.

Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, wird alles fertig sein.

Wassertrum wand sich in Krmpfen: Das gibt's nicht. Das will ich nicht.
Drei Tag. Vier Tag. Die nchste Woche ist Zeit genug. Das ganze Leben
mcht' ich mir Vorwrfe machen, da ich Ihnen gedrngt hab'.

Was wollte er nur, da er so auer sich geriet? -- Ich machte einen
Schritt ins Nebenzimmer und sperrte die Uhr in die Kassette. Angelinas
Photographie lag obenauf. Schnell schlug ich den Deckel wieder zu -- fr
den Fall, da Wassertrum mir nachblicken sollte.

Als ich zurckkam, fiel mir auf, da er sich verfrbt hatte.

Ich musterte ihn scharf, lie aber meinen Verdacht sofort fallen:
Unmglich! Er _konnte_ nichts gesehen haben.

Also, dann vielleicht nchste Woche, sagte ich, um seinem Besuch ein
Ende zu machen.

Er schien mit einem Male keine Eile mehr zu haben, nahm einen Sessel und
setzte sich.

Im Gegensatz zu frher hielt er seine Fischaugen jetzt beim Reden weit
offen und fixierte beharrlich meinen obersten Westenknopf. -- --

Pause.

Die Duksel hat Ihnen natrlich gesagt, Sie sollen sich nix wissen
machen, wenn's herauskommt. Waas? sprudelte er pltzlich ohne jede
Einleitung auf mich los und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Es lag etwas merkwrdig Schreckhaftes in der Abgerissenheit, mit der er
von einer Sprechweise in die andere bergehen -- von Schmeicheltnen
blitzartig ins Brutale springen konnte, und ich hielt es fr sehr
wahrscheinlich, da die meisten Menschen, besonders Frauen, sich im
Handumdrehen in seiner Gewalt befinden muten, wenn er nur die geringste
Waffe gegen sie besa.

Ich wollte auffahren, ihn am Hals packen und vor die Tr setzen, war
mein erster Gedanke; dann berlegte ich, ob es nicht klger sei, ihn
zuvrderst einmal grndlich auszuhorchen.

Ich verstehe wahrhaftig nicht, was Sie meinen, Herr Wassertrum; -- ich
bemhte mich, ein mglichst dummes Gesicht zu machen. Duksel? Was ist
das: Duksel?

Soll ich Ihnen vielleicht Deitsch lernen? fuhr er mich grob an. Die
Hand werden Sie aufheben mssen bei Gericht, wenn's um die Wurscht geht.
Verstehen Sie mich?! Das sag' ich Ihnen! -- Er fing an zu schreien:
Mir ins Gesicht hinein werden Sie nicht abschwren, da >sie< von da
drben -- er deutete mit dem Daumen nach dem Atelier -- zu Ihnen
heribber geloffen is mit en Teppich an und -- sonst nix!

Die Wut stieg mir in die Augen; ich packte den Halunken an der Brust und
schttelte ihn:

Wenn Sie jetzt noch ein Wort in diesem Ton sagen, breche ich Ihnen die
Knochen im Leibe entzwei! Verstanden?

Aschfahl sank er in den Stuhl zurck und stotterte:

Was is? Was is? Was wollen Sie? Ich mein' doch blo.

Ich ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, um mich zu beruhigen. Horchte
nicht hin, was er alles zu seiner Entschuldigung herausgeiferte.

Dann setzte ich mich ihm dicht gegenber, in der festen Absicht, die
Sache, soweit sie Angelina betraf, ein fr allemal mit ihm ins Reine zu
bringen und, sollte es im Frieden nicht gehen, ihn zu zwingen, endlich
die Feindseligkeiten zu erffnen und seine paar schwachen Pfeile
vorzeitig zu verschieen.

Ohne seine Unterbrechungen im geringsten zu beachten, sagte ich ihm auf
den Kopf zu, da Erpressungen irgendwelcher Art -- ich betonte das Wort
-- miglcken mten, da er auch nicht eine einzige Anschuldigung mit
Beweisen erhrten knnte und ich mich einer Zeugenschaft (angenommen, es
wre berhaupt im Bereiche der Mglichkeit, da es je zu einer solchen
kme) -- _bestimmt_ zu entziehen wissen wrde. Angelina stnde mir viel
zu nahe, als da ich sie nicht in der Stunde der Not retten wrde, koste
es, was es wolle, _sogar einen Meineid_!

Jede Muskel in seinem Gesicht zuckte, seine Hasenscharte zog sich bis
zur Nase auseinander, er fletschte die Zhne und kollerte wie ein
Truthahn mir immer wieder in die Rede hinein: Will ich denn was von die
Duksel? So hren Sie doch zu! -- Er war auer sich vor Ungeduld, da
ich mich nicht beirren lie. -- Um den Savioli is mir's zu tun, um den
gottverfluchten Hund, -- den -- den --, fuhr es ihm pltzlich brllend
heraus.

Er japste nach Luft. Rasch hielt ich inne: endlich war er dort, wo ich
ihn haben wollte, aber schon hatte er sich gefat und fixierte wieder
meine Weste.

Hren Sie zu, Pernath, er zwang sich, die khle, abwgende Sprechweise
eines Kaufmanns nachzuahmen, Sie reden fort von der Duk -- -- von der
Dame. Gut! sie ist verheiratet. Gut: sie hat sich eingelassen mit dem --
mit dem jungen Lauser. Was hab' ich damit zu tun? Er bewegte die Hnde
vor meinem Gesicht hin und her, die Fingerspitzen zusammengedrckt, als
hielte er eine Prise Salz darin -- soll _sie_ sich das selber abmachen,
die Duksel. -- Ich bin e Weltmann, und Sie sin auch e Weltmann. Wir
kennen doch das beide. Waas? Ich will doch nur zu meinem Geld kommen.
Verstehen Sie, Pernath?!

Ich horchte erstaunt auf:

Zu welchem Geld? Ist Ihnen denn Dr. Savioli etwas schuldig?

Wassertrum wich aus:

Abrechnungen hab' ich mit ihm. Das kommt doch auf eins heraus.

Sie wollen ihn ermorden! schrie ich.

Er sprang auf. Taumelte. Gluckste ein paarmal.

Jawohl! Ermorden! Wie lange wollen Sie mir noch Komdie vorspielen!
Ich deutete auf die Tr. Schauen Sie, da Sie hinauskommen.

Langsam griff er nach seinem Hut, setzte ihn auf und wandte sich zum
Gehen. Dann blieb er noch einmal stehen und sagte mit einer Ruhe, deren
ich ihn nie fr fhig gehalten htte:

Auch recht. Ich hab' Sie herauslassen wollen. Gut. Wenn nicht: Nicht.
Barmherzige Barbiere machen faule Wunden. Mein Zarbchel ist voll. Wenn
Sie gescheit gewesen wren --: der Savioli is Ihnen doch nur im Weg!? --
_Jetzt_ -- _mach_ -- _ich_ -- _mit_ -- _Ihnen allen dreien_ -- er
deutete mit einer Geste des Erdrosselns an, was er meinte --
_Precolleeh_.

Seine Mienen drckten eine so satanische Grausamkeit aus, und er schien
seiner Sache so sicher zu sein, da mir das Blut in den Adern erstarrte.
Er mute eine Waffe in Hnden haben, von der ich nichts ahnte, die auch
Charousek nicht kannte. Ich fhlte den Boden unter mir wanken.

_Die Feile! Die Feile!_ hrte ich es in meinem Hirn flstern. Ich
schtzte die Entfernung ab: ein Schritt bis zum Tisch -- zwei Schritte
bis zu Wassertrum -- -- ich wollte zuspringen -- -- -- da stand wie aus
dem Boden gewachsen Hillel auf der Schwelle.

Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen.

Ich sah nur -- wie durch Nebel --, da Hillel unbeweglich stehen blieb
und Wassertrum Schritt fr Schritt bis an die Wand zurckwich.

Dann hrte ich Hillel sagen:

Sie kennen doch, Aaron, den Satz: _Alle Juden sind Brgen freinander?_
Machen Sie's einem nicht zu schwer. -- Er fgte ein paar hebrische
Worte hinzu, die ich nicht verstand.

Was haben Sie das netig, an der Tre zu schnuffeln? geiferte der
Trdler mit bebenden Lippen.

Ob ich gehorcht habe oder nicht, braucht Sie nicht zu kmmern! --
wieder schlo Hillel mit einem hebrischen Satz, der diesmal wie eine
Drohung klang. Ich erwartete, da es zu einem Zank kommen wrde, aber
Wassertrum antwortete nicht eine Silbe, berlegte einen Augenblick und
ging dann trotzig hinaus.

Gespannt blickte ich Hillel an. Er winkte mir zu, ich solle schweigen.
Offenbar wartete er auf irgend etwas, denn er horchte angestrengt auf
den Gang hinaus. Ich wollte die Tre schlieen gehen: er hielt mich mit
einer ungeduldigen Handbewegung zurck.

Wohl eine Minute verging, dann kamen die schleppenden Schritte des
Trdlers wieder die Stufen herauf. Ohne ein Wort zu sprechen ging Hillel
hinaus und machte ihm Platz.

Wassertrum wartete, bis er auer Hrweite war, dann knurrte er mich
verbissen an:

Geben Se mer meine Uhr zorck.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                 Weib


Wo nur Charousek blieb?

Beinahe 24 Stunden waren vergangen, und noch immer lie er sich nicht
blicken.

Sollte er das Zeichen vergessen haben, das wir verabredet hatten? Oder
sah er es vielleicht nicht?

Ich ging ans Fenster und richtete den Spiegel so, da der Sonnenstrahl,
der darauf schien, genau auf das vergitterte Guckloch seiner
Kellerwohnung fiel.

Das Eingreifen Hillels -- gestern -- hatte mich ziemlich beruhigt.
Bestimmt wrde er mich gewarnt haben, wenn eine Gefahr im Anzuge wre.

berdies: Wassertrum konnte nichts von Belang mehr unternommen haben;
gleich, nachdem er mich verlassen hatte, war er in seinen Laden
zurckgekehrt, -- ich warf einen Blick hinunter: richtig, da lehnte er
unbeweglich hinter seinen Herdplatten, genau so, wie ich ihn schon
frhmorgens gesehen. -- -- --

Unertrglich, das ewige Warten!

Die milde Frhlingsluft, die durch das offene Fenster aus dem
Nebenzimmer hereinstrmte, machte mich krank vor Sehnsucht.

Dies schmelzende Tropfen von den Dchern! Und wie die feinen
Wasserschnre im Sonnenlicht glnzten!

Es zog mich hinaus an unsichtbaren Fden. Voll Ungeduld ging ich in der
Stube auf und ab. Warf mich in einen Sessel. Stand wieder auf.

Dieses schtige Keimen einer ungewissen Verliebtheit in meiner Brust, es
wollte nicht weichen.

Die ganze Nacht ber hatte es mich geqult. Einmal war es Angelina
gewesen, die sich an mich geschmiegt, dann wieder sprach ich scheinbar
ganz harmlos mit Mirjam, und kaum hatte ich das Bild zerrissen, kam
abermals Angelina und kte mich; ich roch den Duft ihres Haares, und
ihr weicher Zobelpelz kitzelte mich am Hals, rutschte von ihren
entblten Schultern -- und sie wurde zur Rosina, die mit trunkenen,
halbgeschlossenen Augen tanzte -- im Frack -- nackt; -- -- -- und alles
in einem Halbschlaf, der doch genau so gewesen war wie ein Wachsein. Wie
ein ses, verzehrendes, dmmeriges Wachsein.

Gegen Morgen stand dann mein Doppelgnger an meinem Bett, der
schattenhafte Habal Garmin, der Hauch der Knochen, von dem Hillel
gesprochen, -- und ich sah ihm an den Augen an: er war in meiner Macht,
_mute_ mir jede Frage beantworten, die ich ihm stellen wrde nach
irdischen oder jenseitigen Dingen, und er _wartete_ nur darauf, aber der
Durst nach dem Geheimnisvollen konnte nicht an gegen die Schwle meines
Blutes und versickerte im drren Erdreich meines Verstandes. -- Ich
schickte das Phantom weg, es solle zum Spiegelbild Angelinas werden, und
es schrumpfte zusammen zu dem Buchstaben Aleph, wuchs wieder empor,
stand da als das Koloweib, splitternackt, wie ich es einstens im Buche
Ibbur gesehen, mit dem Pulse gleich einem Erdbeben, und beugte sich ber
mich und ich atmete den betubenden Geruch ihres heien Fleisches ein.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Kam denn Charousek immer noch nicht? -- Die Glocken sangen von den
Kirchtrmen.

Eine Viertelstunde wollte ich noch warten -- dann aber hinaus! Durch
belebte Straen voll festtgig gekleideter Menschen schlendern, mich in
das frohe Gewimmel mischen in den Stadtteilen der Reichen, schne Frauen
sehen mit koketten Gesichtern und schmalen Hnden und Fen.

Vielleicht begegnete ich dabei Charousek zufllig, entschuldigte ich
mich vor mir selbst.

Ich holte das altertmliche Tarokspiel vom Bcherbord, um mir die Zeit
rascher zu vertreiben. --

Vielleicht lie sich aus den Bildern Anregung schpfen zum Entwurf einer
Kamee?

Ich suchte nach dem Pagad.

Nicht zu finden. Wo konnte er hingeraten sein?

Ich bltterte noch einmal die Karten durch und verlor mich in Nachdenken
ber ihren verborgenen Sinn. Besonders der Gehenkte, -- was konnte er
nur bedeuten?:

Ein Mann hngt an einem Seil zwischen Himmel und Erde, den Kopf abwrts,
die Arme auf den Rcken gebunden, den rechten Unterschenkel ber das
linke Bein verschrnkt, da es aussieht wie ein Kreuz ber einem
verkehrten Dreieck?

Unverstndliches Gleichnis.

Da! -- Endlich! Charousek kam.

Oder doch nicht?

Freudige berraschung: es war Mirjam.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wissen Sie, Mirjam, da ich soeben zu Ihnen hinuntergehen wollte und
Sie bitten, eine Spazierfahrt mit mir zu machen? Es war nicht ganz die
Wahrheit, aber ich machte mir weiter keine Gedanken darber. -- Nicht
wahr, Sie schlagen es mir nicht ab?! Ich bin heute so unendlich froh im
Herzen, da Sie, gerade Sie, Mirjam, meiner Freude die Krone aufsetzen
mssen.

-- spazierenfahren?, wiederholte sie derart verblfft, da ich laut
auflachen mute.

Ist denn der Vorschlag gar so wunderbar?

Nein, nein, aber -- --, sie suchte nach Worten, unerhrt merkwrdig.
Spazierenfahren!

Durchaus nicht merkwrdig, wenn Sie sich vorhalten, da es
Hunderttausende von Menschen tun -- eigentlich ihr ganzes Leben nichts
anderes tun.

Ja, _andere_ Menschen! gab sie, immer noch vollstndig berrumpelt,
zu.

Ich fate ihre beiden Hnde:

Was _andere_ Menschen an Freude erleben drfen, mchte ich, da Sie,
Mirjam, in noch unendlich viel reicherem Mae genieen.

Sie wurde pltzlich leichenbla, und ich sah an der starren Taubheit
ihres Blickes, woran sie dachte.

Es gab mir einen Stich.

Sie drfen es nicht immer mit sich herumtragen, Mirjam, redete ich ihr
zu, das -- das Wunder. Wollen Sie mir das nicht versprechen -- aus --
aus Freundschaft?

Sie hrte die Angst aus meinen Worten und blickte mich erstaunt an.

Wenn es Sie nicht so angriffe, knnte ich mich mit Ihnen freuen, aber
so? Wissen Sie, da ich tief besorgt bin um Sie, Mirjam? -- Um -- um --
wie soll ich nur sagen? -- um Ihre seelische Gesundheit! Fassen Sie es
nicht wrtlich auf, aber --: ich wollte, das Wunder wre nie geschehen.

Ich erwartete, sie wrde mir widersprechen, aber sie nickte nur in
Gedanken versunken.

Es verzehrt Sie. Habe ich nicht recht, Mirjam? Sie raffte sich auf:

Manchmal mchte ich beinahe auch, es wre nicht geschehen.

Es klang wie ein Hoffnungsstrahl fr mich. -- Wenn ich mir denken
soll, sie sprach ganz langsam und traumverloren, da Zeiten kommen
knnten, wo ich ohne solche Wunder leben mte -- -- --.

Sie knnen doch ber Nacht reich werden und brauchen dann nicht mehr
--, fuhr ich ihr unbedacht in die Rede, hielt aber rasch inne, als ich
das Entsetzen in ihrem Gesicht bemerkte, -- ich meine: Sie knnen
pltzlich auf natrliche Weise ihrer Sorgen enthoben werden, und die
Wunder, die Sie dann erleben, wrden geistiger Art sein: -- innere
Erlebnisse.

Sie schttelte den Kopf und sagte hart: Innere Erlebnisse sind keine
Wunder. Erstaunlich genug, da es Menschen zu geben scheint, die
berhaupt keine haben. -- Seit meiner Kindheit, Tag fr Tag, Nacht fr
Nacht, erlebe ich -- (sie brach mit einem Ruck ab und ich erriet, da
noch etwas anderes in ihr war, von dem sie mir nie gesprochen hatte,
vielleicht das Weben unsichtbarer Geschehnisse, hnlich den meinigen) --
aber das gehrt nicht hierher. Selbst, wenn einer aufstnde und machte
Kranke gesund durch Handauflegen, ich knnte es kein Wunder nennen.
Erst, wenn der leblose Stoff -- die Erde -- beseelt wird vom Geist und
die Gesetze der Natur zerbrechen, dann ist das geschehen, wonach ich
mich sehne, seit ich denken kann. -- Mir hat einmal mein Vater gesagt:
es gbe zwei Seiten der Kabbala: eine magische und eine abstrakte, die
sich niemals zur Deckung bringen lieen. Wohl knne die magische die
abstrakte an sich ziehen, aber nie und nimmer umgekehrt. Die magische
ist ein _Geschenk_, die andere _kann_ errungen werden, wenn auch nur mit
Hilfe eines Fhrers. -- Sie nahm den ersten Faden wieder auf: Das
_Geschenk_ ist es, nach dem ich drste; was ich mir erringen kann, ist
mir gleichgltig und wertlos wie Staub. Wenn ich mir denken soll, es
knnten Zeiten kommen, sagte ich vorhin, wo ich wieder ohne diese Wunder
leben mte, -- ich sah, wie sich ihre Finger krampften und Reue und
Jammer zerfleischten mich, -- ich glaube, ich sterbe jetzt schon
angesichts der bloen Mglichkeit.

Ist das der Grund, weshalb auch Sie wnschten, das Wunder wre nie
geschehen?, forschte ich.

Nur zum Teil. Es ist noch etwas anderes da. Ich -- ich --, sie dachte
einen Augenblick nach, war noch nicht reif dazu, ein Wunder in dieser
Form zu erleben. Das ist es. Wie soll ich es Ihnen nur erklren? Nehmen
Sie einmal an, blo als Beispiel, ich htte seit Jahren jede Nacht ein
und denselben Traum, der sich immer weiter fortspinnt und in dem mich
jemand -- sagen wir: ein Bewohner einer andern Welt -- belehrt und mir
nicht nur an einem Spiegelbilde von mir selbst und seinen allmhlichen
Vernderungen zeigt, wie weit ich von der magischen Reife, ein >Wunder<
erleben zu knnen, entfernt bin, sondern: mir auch in Verstandesfragen,
wie sie mich manchmal tagsber beschftigen, derart Aufschlu gibt, da
ich es jederzeit nachprfen kann. Sie werden mich verstehen: Ein solches
Wesen ersetzt einem an Glck alles, was sich auf Erden ausdenken lt;
es ist fr mich die Brcke, die mich mit dem >Drben< verbindet, ist die
Jakobsleiter, auf der ich mich ber die Dunkelheit des Alltags erheben
kann ins Licht, -- ist mir Fhrer und Freund, und alle meine Zuversicht,
da ich mich auf den dunkeln Wegen, die meine Seele geht, nicht verirren
kann in Wahnsinn und Finsternis, setze ich auf >ihn<, der mich noch nie
belogen hat. -- Da mit einem Mal, entgegen allem, was er mir gesagt hat,
kreuzt ein >Wunder< mein Leben! Wem soll ich jetzt glauben? War das, was
mich die vielen Jahre ber ununterbrochen erfllt hat, eine Tuschung?
Wenn ich daran zweifeln mte, ich strzte kopfber in einen bodenlosen
Abgrund. -- Und doch ist das Wunder geschehen! Ich wrde aufjauchzen vor
Freude, wenn --

Wenn -- -- --? unterbrach ich sie atemlos. Vielleicht sprach sie
selbst jetzt das erlsende Wort, und ich konnte ihr alles eingestehen.

-- wenn ich erfhre, da ich mich geirrt habe, -- da es gar kein
Wunder war! Aber ich wei so genau, wie ich wei, da ich hier sitze,
ich ginge zugrunde daran; (mir blieb das Herz stehen) --
zurckgerissen werden, vom Himmel wieder herab mssen auf diese Erde?
Glauben Sie, da das ein Mensch ertragen kann?

Bitten Sie doch Ihren Vater um Hilfe, sagte ich ratlos vor Angst.

Meinen Vater? Um Hilfe? -- sie blickte mich verstndnislos an, -- wo
es nur zwei Wege fr mich gibt, kann er da einen dritten finden? -- --
Wissen Sie, was die einzige Rettung fr mich wre? Wenn _mir_ das
geschhe, was Ihnen geschehen ist. Wenn ich in dieser Minute alles, was
hinter mir liegt: mein ganzes Leben bis zum heutigen Tag -- vergessen
knnte. -- Ist es nicht merkwrdig: was Sie als Unglck empfinden, wre
fr mich das hchste Glck!

Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie pltzlich meine
Hand und lchelte. Beinahe frhlich.

Ich will nicht, da Sie sich meinetwegen grmen; -- (sie trstete mich
-- mich!) -- vorhin waren Sie so voll Freude und Glck ber den
Frhling drauen, und jetzt sind Sie die Betrbnis selbst. Ich htte
Ihnen berhaupt nichts sagen sollen. Reien Sie es aus Ihrem Gedchtnis
und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! -- Ich bin ja so froh --

Sie? Froh? Mirjam?, unterbrach ich sie bitter.

Sie machte ein berzeugtes Gesicht: Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu
Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ngstlich, -- ich wei
nicht warum: ich konnte das Gefhl nicht loswerden, da Sie in einer
groen Gefahr schweben, -- ich horchte auf -- aber, statt mich darber
zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und
-- --

Ich zwang mich zur Lustigkeit: und das knnen Sie nur gutmachen, wenn
Sie mit mir ausfahren. (Ich bemhte mich, so viel bermut wie mglich
in meine Stimme zu legen:) Ich mchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es
mir nicht gelingt, Ihnen die trben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie,
was Sie wollen: Sie sind noch lange kein gyptischer Zauberer, sondern
vorlufig nur ein junges Mdchen, dem der Tauwind noch manchen bsen
Streich spielen kann.

Sie wurde pltzlich ganz lustig:

Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab' ich Sie
noch nie gesehen! -- brigens >Tauwind<: bei uns Judenmdchen lenken
bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen
es natrlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. -- Mir ja nicht,
setzte sie ernsthafter hinzu, meine Mutter hat bs gestreikt, als sie
den grlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.

Was? Ihre Mutter? Den Trdler da unten?

Mirjam nickte. Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. -- Fr den
armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.

Armer Mensch, sagen Sie? fuhr ich auf. Der Kerl ist ein Verbrecher.

Sie wiegte nachdenklich den Kopf: Gewi, er ist ein Verbrecher. Aber
wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, mu ein
Prophet sein.

Ich rckte neugierig nher:

Wissen Sie Genaueres ber ihn? Mich interessiert das. Aus ganz
besonderen -- --

Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen htten, Herr Pernath,
wten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil
ich als Kind sehr oft drin war. -- Warum sehen Sie mich so erstaunt an?
Ist denn das so merkwrdig? -- Gegen mich war er immer freundlich und
gtig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen groen
blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte.
Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mute ihn natrlich
sofort zurcktragen.

Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann ri er ihn mir
aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch
gesehen, wie ihm dabei die Trnen aus den Augen strzten; ich konnte
auch damals schon genug Hebrisch, um zu verstehen, was er murmelte:
>Alles ist verflucht, was meine Hand berhrt.< -- -- Es war das letzte
Mal, da ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem
aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich wei auch warum: Htte ich ihn nicht
zu trsten versucht, wre alles beim alten geblieben, so aber, weil er
mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr
sehen. -- -- -- Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so
einfach: er ist ein Besessener, -- ein Mensch, der sofort mitrauisch,
unheilbar mitrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rhrt. Er hlt sich
fr noch viel hlicher, als er in Wirklichkeit ist, -- wenn das
berhaupt mglich sein kann, -- und darin wurzelt sein ganzes Denken und
Handeln. Man sagt, seine Frau htte ihn gern gehabt, vielleicht war es
mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der
einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. berall
wittert er Verrat und Ha.

Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, da er ihn
vom Suglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder
Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie
zu einem Punkte gelangte, wo sein Mitrauen htte einsetzen knnen, oder
ob es im jdischen Blute lag: alles, was an Liebesfhigkeit in ihm
lebte, auf seinen Nachkommen auszugieen -- in jener instinktiven Furcht
unserer Rasse: wir knnten aussterben und eine Mission nicht erfllen,
die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, -- wer kann
das wissen!

Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem
unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung
seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen rumte er dem Kinde
jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissensttigkeit
htte beitragen knnen, um ihm knftige seelische Leiden zu ersparen.

Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht
verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzuerung ein
mechanischer Reflex.

Aus jedem Geschpf so viel Freude und Genu fr sich selbst
herauspressen wie nur irgend mglich, und dann die Schale sofort als
nutzlos wegwerfen: das war ungefhr das Abc seines weitblickenden
Erziehungssystems.

Da das Geld als Standarte und Schlssel zur >Macht< dabei eine erste
Rolle spielte, knnen Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er
selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hlt, um die Grenzen seines
Einflusses in Dunkel zu hllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem
Sohn hnliches zu ermglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines
scheinbar rmlichen Lebens zu ersparen: er durchtrnkte ihn mit der
infernalischen Lge von der >Schnheit<, brachte ihm die uere und
innere Gebrde der sthetik bei, lehrte ihn _uerlich_: die Lilie auf
dem Felde heucheln und _innerlich_ ein Aasgeier sein.

Natrlich war das mit der >Schnheit< wohl kaum eigene Erfindung von ihm
-- vermutlich die >Verbesserung< eines Ratschlages, den ihm ein
Gebildeter gegeben hatte.

Da ihn sein Sohn spter verleugnete, wo und wann er nur konnte, nahm er
niemals bel. Im Gegenteil, er machte es ihm zur _Pflicht_: denn seine
Liebe war selbstlos und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte:
-- von der Art, die bers Grab hinausgeht.

Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an, wie sie ihre
Gedanken stumm weiterspann, hrte es an dem vernderten Klang ihrer
Stimme, als sie sagte:

Seltsame Frchte wachsen auf dem Baume des Judentums.

Sagen Sie, Mirjam, fragte ich, haben Sie nie davon gehrt, da
Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat? Ich wei nicht
mehr, wer es mir erzhlt hat, -- es war vielleicht nur ein Traum -- --

Nein, nein, es ist schon richtig, Herr Pernath: eine lebensgroe
Wachsfigur steht in der Ecke, in der er, mitten unter dem tollsten
Germpel, auf seinem Strohsack schlft. Er hat sie vor Jahren einem
Schaubudenbesitzer abgewuchert, heit es, blo weil sie einem Mdchen --
einer Christin -- hnlich sah, die angeblich einmal seine Geliebte
gewesen sein soll.

Charouseks Mutter! drngte es sich mir auf.

Ihren Namen wissen Sie nicht, Mirjam?

Mirjam schttelte den Kopf. Wenn Ihnen daran liegt -- soll ich mich
erkundigen?

Ach Gott, nein, Mirjam; es ist mir vollkommen gleichgltig (ich sah an
ihren blitzenden Augen, da sie sich in Eifer geredet hatte. Sie durfte
nicht wieder zu sich kommen, nahm ich mir vor) aber was mich viel mehr
interessiert, ist das Gebiet, von dem Sie vorhin flchtig sprachen. Ich
meine das vom >Tauwind<. -- Ihr Vater wrde Ihnen doch gewi nicht
vorschreiben, wen Sie heiraten sollen?

Sie lachte lustig auf:

Mein Vater? Wo denken Sie hin!

Nun, das ist ein groes Glck fr mich.

Wieso? fragte sie arglos.

Weil ich dann noch Chancen habe.

Es war nur ein Scherz, und sie nahm es auch nicht anders hin, aber doch
sprang sie rasch auf und ging ans Fenster, um mich nicht sehen zu
lassen, da sie rot wurde.

Ich lenkte ein, um ihr aus der Verlegenheit zu helfen:

Das eine bitte ich mir aus als alter Freund: Mich mssen Sie einweihen,
wenn's einmal so weit ist. -- Oder gedenken Sie berhaupt ledig zu
bleiben?

Nein! nein! nein! -- sie wehrte so entschlossen ab, da ich
unwillkrlich lchelte -- einmal mu ich ja doch heiraten.

Natrlich! Selbstverstndlich!

Sie wurde nervs wie ein Backfisch.

Knnen Sie denn nicht eine Minute lang ernsthaft bleiben, Herr
Pernath? -- Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht und sie setzte sich
wieder. -- Also: wenn ich sage, ich mu doch einmal heiraten, so meine
ich damit, da ich mir zwar bis jetzt den Kopf ber die nheren Umstnde
nicht zerbrochen habe, den Sinn des Lebens aber gewi nicht verstnde,
wenn ich annehmen wrde, ich sei als Weib auf die Welt gekommen, um
kinderlos zu bleiben.

Das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich das Frauenhafte in ihren
Zgen.

Es gehrt mit zu meinen Trumen, fuhr sie leise fort, mir
vorzustellen, da es ein Endziel ist, wenn zwei Wesen zu einem
verschmelzen, -- zu dem, was -- -- haben Sie nie von dem alten
gyptischen Osiriskult gehrt? -- zu dem verschmelzen, was der
>Hermaphrodit< als Symbol bedeuten mag.

Ich horchte gespannt auf: Der Hermaphrodit --?

Ich meine: Die magische Vereinigung von mnnlich und weiblich im
Menschengeschlecht zu einem Halbgott. Als Endziel! -- Nein, nicht als
Endziel, als Beginn eines neuen Weges, der ewig ist -- _kein_ Ende hat.

Und hoffen Sie, dereinst denjenigen zu finden, fragte ich erschttert,
den Sie suchen? -- Kann es nicht sein, da er in einem fernen Land
lebt, vielleicht gar nicht auf Erden ist?

Davon wei ich nichts; sagte sie einfach, ich kann nur warten. Wenn
er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist, -- was ich nicht glaube,
weshalb wre ich dann hier im Ghetto angebunden? -- oder durch die
Klfte gegenseitigen Nichterkennens -- und ich finde ihn nicht, dann hat
mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines
idiotischen Dmons. -- Aber, bitte, bitte, reden wir nicht mehr davon,
flehte sie, wenn man den Gedanken nur ausspricht, bekommt er schon
einen hlichen, irdischen Beigeschmack, und ich mchte nicht --

Sie brach pltzlich ab.

Was mchten Sie nicht, Mirjam?

Sie hob die Hand. Stand rasch auf und sagte:

Sie bekommen Besuch, Herr Pernath!

Seidenkleider raschelten auf dem Gang.

Ungestmes Klopfen. Dann:

Angelina!

Mirjam wollte gehen; ich hielt sie zurck:

Darf ich vorstellen: die Tochter eines lieben Freundes -- Frau Grfin
--

Nicht einmal vorfahren kann man mehr. berall das Pflaster aufgerissen.
Wann werden Sie einmal in eine menschenwrdige Gegend siedeln, Meister
Pernath? Drauen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt, da es einem
die Brust zersprengt, und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie
ein alter Frosch, -- -- brigens wissen Sie, da ich gestern bei meinem
Juwelier war und er gesagt hat: Sie sind der grte Knstler, der
feinste Gemmenschneider, den es heute gibt, wenn nicht einer der
grten, die je gelebt haben?! -- Angelina plauderte wie ein
Wasserfall, und ich war verzaubert. Sah nur mehr ihre strahlenden,
blauen Augen, die kleinen Fe in den winzigen Lackstiefeln, sah das
kaprizise Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen
Ohrlppchen.

Sie lie sich kaum Zeit auszuatmen.

An der Ecke steht mein Wagen. Ich hatte schon Angst, Sie nicht zu Hause
zu treffen. Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen?
Wir fahren zuerst -- ja, wohin fahren wir zuerst? Wir fahren zuerst
einmal -- warten Sie -- -- ja: vielleicht in den Baumgarten, oder kurz:
irgendwohin ins Freie, wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen
in der Luft ahnt. Kommen Sie, kommen Sie, nehmen Sie Ihren Hut; und dann
essen Sie bei mir, -- und dann schwtzen wir bis abends. Nehmen Sie doch
Ihren Hut! Worauf warten Sie denn? -- Eine warme, ganz weiche Decke ist
unten: da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns
zusammen, bis uns siedhei wird.

Was sollte ich nur sagen?! -- -- Soeben habe ich mit der Tochter meines
Freundes hier eine Spazierfahrt verabredet -- --

Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet, noch ehe
ich aussprechen konnte.

Ich begleitete sie bis vor die Tr, obschon sie mich freundlich abwehren
wollte.

Hren Sie mich an, Mirjam, ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht
so sagen, wie ich an Ihnen hnge -- -- und da ich tausendmal lieber mit
Ihnen -- --

Sie drfen die Dame nicht warten lassen, Herr Pernath, drngte sie,
adieu und viel Vergngen!

Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt, aber ich sah,
da der Glanz in ihren Augen erloschen war.

Sie eilte die Treppe hinunter und das Leid schnrte mir die Kehle
zusammen.

Mir war, als htte ich eine Welt verloren.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie im Rausch sa ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab
durch die menschenberfllten Straen.

Eine Brandung des Lebens rings um mich, da ich, halbbetubt, nur noch
die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorberhuschte,
unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten,
blanke Zylinderhte, weie Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa
Halsschleife, der klffend in die Rder beien wollte, schumende
Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein
Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnren und funkelnden
Geschmeiden, -- Seidenglanz um schlanke Mdchenhften.

Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, lie mich die Wrme von
Angelinas Krper doppelt sinnverwirrend empfinden.

Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn
wir an ihnen vorberjagten.

Dann ging's im Schritt ber das Quai, das eine einzige Wagenreihe war,
an der eingestrzten steinernen Brcke vorbei, umstaut vom Gewhl
gaffender Gesichter.

Ich blickte kaum hin: -- das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre
Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, -- alles, alles war mir
unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrmmer dort unten
den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. --

Parkwege. Dann -- gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter
den Hufen der Pferde, nasse Luft, bltterlose Baumriesen voll von
Krhennestern, totes Wiesengrn mit weilichen Inseln schwindenden
Schnees, alles zog an mir vorbei wie getrumt.

Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgltig, kam Angelina auf Dr.
Savioli zu sprechen.

Jetzt, wo die Gefahr vorber ist, sagte sie mit entzckender,
kindlicher Unbefangenheit, und ich wei, da es ihm auch wieder besser
geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so grlich
langweilig vor. -- Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen
zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich
glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es blo nicht ein. Oder sind
sie so dumm, da sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch? Sie
hrte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. brigens sind mir
Frauen vollstndig uninteressant. Sie drfen es natrlich nicht als
Schmeichelei auffassen: aber -- wahrhaftig, die bloe Nhe eines
sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das
anregendste Gesprch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja
schlielich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwtzt. --
Hchstens: das bichen Putz -- na und! Die Moden wechseln ja nicht gar
so hufig. -- -- Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?, fragte sie
pltzlich kokett, da ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen
mute, nicht ihr Kpfchen zwischen meine Hnde zu nehmen und sie in den
Nacken zu kssen, -- sagen Sie, da ich leichtsinnig bin!

Sie schmiegte sich noch dichter an und hngte sich in mich ein.

Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten
Zierstauden, die aussahen in ihren Hllen wie Rmpfe von Ungeheuern mit
abgehauenen Gliedern und Huptern.

Leute saen auf Bnken in der Sonne und blickten hinter uns drein und
steckten die Kpfe zusammen.

Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Wie war
Angelina doch so vollstndig anders, als sie bisher in meiner Einbildung
gelebt hatte! -- Als sei sie erst heute fr mich in die Gegenwart
gerckt!

War das wirklich dieselbe Frau, die ich damals in der Domkirche
getrstet hatte?

Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund.

Sie sprach noch immer kein Wort. Schien im Geiste ein Bild zu sehen.

Der Wagen bog ber eine feuchte Wiese.

Es roch nach erwachender Erde.

Wissen Sie, -- -- Frau -- --?

Nennen Sie mich doch Angelina, unterbrach sie mich leise.

Wissen Sie, Angelina, da -- da ich heute die ganze Nacht von Ihnen
getrumt habe?, stie ich gepret hervor.

Sie machte eine kleine rasche Bewegung, als wolle sie ihren Arm aus
meinem ziehen, und sah mich gro an. Merkwrdig! Und ich von Ihnen! --
Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht.

Wieder stockte das Gesprch und beide errieten wir, da wir auch
dasselbe getrumt hatten.

Ich fhlte es an dem Beben ihres Blutes. Ihr Arm zitterte kaum merklich
an meiner Brust. Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen
hinaus. -- -- --

Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen, streifte den weien,
duftenden Handschuh zurck, hrte, wie ihr Atem heftig wurde, und prete
toll vor Liebe meine Zhne in ihren Handballen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- Stunden spter ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel
hinab der Stadt zu. Planlos whlte ich die Straen und ging lange, ohne
es zu wissen, im Kreise herum.

Dann stand ich am Flu ber ein eisernes Gelnder gebeugt und starrte
hinab in die tosenden Wellen.

Noch immer fhlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken, sah das steinerne
Becken des Springbrunnens, an dem wir schon einmal Abschied voneinander
genommen vor vielen Jahren, vor mir, mit den faulenden Ulmenblttern
darin, und sie wanderte wieder mit mir, wie soeben erst vor kurzem, den
Kopf an meine Schulter gelehnt, stumm durch den frstelnden, dmmrigen
Park ihres Schlosses.

Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht, um zu
trumen.

Die Wasser brausten ber das Wehr und ihr Rauschen verschlang die
letzten, aufmurrenden Gerusche der schlafengehenden Stadt.

Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und
aufblickte, lag der Flu in immer tieferen Schatten, bis er endlich, von
der schweren Nacht erdrckt, schwarzgrau dahinstrmte und der Gischt des
Staudamms als weier, blendender Streifen schrg hinber zum andern Ufer
lief.

Mich schauderte bei dem Gedanken, wieder zurck zu mssen in mein
trauriges Haus.

Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich fr immer zum Fremdling in
meiner Wohnsttte gemacht.

Eine Spanne von wenigen Wochen, vielleicht nur von Tagen, dann mute das
Glck vorber sein -- und nichts blieb davon, als eine wehe, schne
Erinnerung.

Und dann?

Dann war ich heimatlos hier und drben, diesseits und jenseits des
Flusses.

Ich stand auf! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das
Schlo werfen, hinter dessen Fenstern sie schlief, ehe ich in das
finstere Ghetto ging. -- -- -- Ich schlug die Richtung ein, aus der ich
gekommen war, tappte mich durch den dichten Nebel an Huserreihen
entlang und ber schlummernde Pltze, sah schwarze Monumente drohend
auftauchen und einsame Schilderhuser und die Schnrkel von
Barockfassaden. Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen,
phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst
heraus, wurde zum fahlgelben, stechenden Auge und zerging hinter mir in
der Luft.

Mein Fu tastete breite, steinerne Stufenflchen, mit Kies bestreut. Wo
war ich? Ein Hohlweg, der steil aufwrts fhrt?

Glatte Gartenmauern links und rechts? Die kahlen ste eines Baumes
hngen herber. Sie kommen vom Himmel herunter: der Stamm verbirgt sich
hinter der Nebelwand. --

Ein paar morsche, dnne Zweige brechen krachend ab, wie mein Hut sie
streift, und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen
Abgrund, der mir meine Fe verbirgt.

Dann ein strahlender Punkt: ein einsames Licht in der Ferne -- irgendwo
-- rtselhaft -- zwischen Himmel und Erde. -- -- --

Ich mute fehlgegangen sein. Es konnte nur die alte Schlostiege sein
neben den Hngen der Frstenbergschen Grten -- -- --

Dann lange Strecken lehmiger Erde. -- Ein gepflasterter Weg.

Ein massiger Schatten ragt hoch auf, den Kopf in einer schwarzen,
steifen Zipfelmtze: die Daliborka = der Hungerturm, in dem Menschen
einst verschmachteten, derweilen Knige unten im Hirschgraben das Wild
hetzten.

Ein schmales, gewundenes Gchen mit Schiescharten, ein Schneckengang,
kaum breit genug, die Schultern durchzulassen -- und ich stand vor einer
Reihe von Huschen, keines hher als ich.

Wenn ich den Arm ausstreckte, konnte ich auf die Dcher greifen.

Ich war in die Goldmachergasse geraten, wo im Mittelalter die
alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglht und die
Mondstrahlen vergiftet haben.

Es fhrte kein anderer Weg hinaus als der, den ich gekommen war.

Aber ich fand die Mauerlcke nicht mehr, die mich eingelassen, -- stie
an ein Holzgatter.

Es ntzt nichts, ich mu jemand wecken, damit man mir den Weg zeigt,
sagte ich mir. Sonderbar, da hier ein Haus die Gasse abschliet --
grer als die andern und anscheinend wohnlich? Ich kann mich nicht
entsinnen, es je bemerkt zu haben.

Es mu wohl wei getncht sein, da es so hell aus dem Nebel leuchtet?

Ich gehe durch das Gatter ber den schmalen Gartenstreif, drcke das
Gesicht an die Scheiben: -- alles finster. Ich klopfe ans Fenster. -- Da
geht drinnen ein steinalter Mann, eine brennende Kerze in der Hand,
durch eine Tr mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die
Stube, bleibt stehen, dreht langsam den Kopf nach den verstaubten
alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand, starrt nachdenklich auf
die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick
unverwandt auf mich.

Der Schatten seiner Backenknochen fllt ihm auf die Augenhhlen, da es
aussieht, als seien sie leer wie die einer Mumie.

Er sieht mich offenbar nicht.

Ich klopfe ans Glas.

Er hrt mich nicht. Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem
Zimmer.

Ich warte vergebens.

Klopfe ans Haustor: niemand ffnet -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es blieb mir nichts brig, als so lange zu suchen, bis ich den Ausgang
aus der Gasse endlich fand.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ob es nicht am besten wre, ich ginge noch unter Menschen, berlegte
ich. -- Zu meinen Freunden: Zwakh, Prokop und Vrieslander ins alte
Ungelt, wo sie bestimmt sein wrden --, um meine verzehrende Sehnsucht
nach Angelinas Kssen wenigstens fr ein paar Stunden zu bertuben?
Rasch mache ich mich auf den Weg.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen, alten
Tisch herum, -- alle drei: weie dnnstielige Tonpfeifen zwischen den
Zhnen, und das Zimmer voll Rauch.

Man konnte kaum ihre Gesichtszge unterscheiden, so schluckten die
dunkelbraunen Wnde das sprliche Licht der altmodischen Hngelampe ein.

In der Ecke die spindeldrre, wortkarge, verwitterte Kellnerin mit ihrem
ewigen Strickstrumpf, dem farblosen Blick und der gelben
Entenschnabelnase!

Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Tren, so da die Stimmen
der Gste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms
herberdrangen.

Vrieslander, seinen kegelfrmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem
Kopf, mit seinem Knebelbart, der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe
unter dem Auge, sah aus wie ein ertrunkener Hollnder aus einem
vergessenen Jahrhundert.

Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken
gesteckt, klapperte unaufhrlich mit seinen gespenstisch langen
Knochenfingern und sah bewundernd zu, wie sich Zwakh abmhte, der
bauchigen Arakflasche das Purpurmntelchen einer Marionette umzuhngen.

Das wird Babinski, erklrte mir Vrieslander mit tiefem Ernst. Sie
wissen nicht, wer Babinski war? Zwakh, erzhlen Sie Pernath rasch, wer
Babinski war!

Babinski war, begann Zwakh sofort, ohne auch nur eine Sekunde von
seiner Arbeit aufzusehen, einst ein berhmter Raubmrder in Prag. --
Viele Jahre betrieb er sein schndliches Handwerk, ohne da es jemand
bemerkt htte. Nach und nach jedoch fiel es den besseren Familien auf,
da bald dieses, bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und
sich nie wieder blicken lie. Wenn man auch anfangs nichts sagte, da die
Sache gewissermaen ihre guten Seiten hatte, indem man weniger zu kochen
brauchte, so durfte wiederum nicht auer acht gelassen werden, da das
Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede
kommen konnte.

Besonders, wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Tchter
handelte.

berdies verlangte es die Hochachtung vor sich selbst, da man auf ein
brgerliches Zusammenleben in der Familie nach auen hin das ntige
Gewicht legte.

Die Zeitungsrubriken: Kehre zurck, alles ist verziehen wuchsen immer
mehr und mehr, -- ein Umstand, den Babinski, leichtsinnig wie die
meisten Berufsmrder, in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte, --
und erregten schlielich die allgemeine Aufmerksamkeit.

In dem lieblichen Drfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski, der
innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war, mit der Zeit
durch seine unverdrossene Ttigkeit ein kleines, aber trautes Heim
geschaffen. Ein Huschen, blitzend vor Sauberkeit, und ein Grtchen
davor mit blhenden Geranien.

Da es ihm seine Einknfte nicht gestatteten, sich zu vergrern, sah er
sich gentigt, um die Leichen seiner Opfer unauffllig bestatten zu
knnen, statt eines Blumenbeetes -- wie er es gern gesehen htte --
einen grasbewachsenen und schlichten, aber, den Umstnden angemessen:
zweckmigen Grabhgel anzulegen, der sich mhelos verlngern lie, wenn
es der Betrieb oder die Saison erforderte.

Auf dieser Weihesttte pflegte Babinski allabendlich nach des Tages Last
und Mhen in den Strahlen der untergehenden Sonne zu sitzen und auf
seiner Flte allerlei schwermtige Weisen zu blasen. -- --

Halt! unterbrach Josua Prokop rauh, zog einen Hausschlssel aus der
Tasche, hielt ihn wie eine Klarinette an den Mund und sang:

Zimzerlim zambusla -- deh.

Waren Sie denn dabei, da Sie die Melodie so genau kennen?, fragte
Vrieslander erstaunt.

Prokop warf ihm einen bitterbsen Blick zu: Nein. Dazu hat Babinski zu
frh gelebt. Aber was er gespielt haben kann, mu ich als Komponist doch
am besten wissen. Ihnen steht darber kein Urteil zu: Sie sind nicht
musikalisch. -- -- Zimzerlim -- zambusla -- busla -- deh.

Zwakh hrte ergriffen zu, bis Prokop seinen Hausschlssel wieder
einsteckte, und fuhr dann fort:

Das bestndige Wachsen des Hgels erweckte allmhlich Verdacht bei den
Anrainern, und einem Polizeimann aus der Vorstadt Zizkov, der
gelegentlich von weitem zusah, wie Babinski gerade eine alte Dame der
guten Gesellschaft erwrgte, gebhrt das Verdienst, dem selbstschtigen
Treiben des Unholdes ein fr allemal Schranken gesetzt zu haben:

Man verhaftete Babinski in seinem Tuskulum.

Der Gerichtshof verurteilte ihn unter Zubilligung des mildernden
Umstandes eines ansonsten trefflichen Leumundes zum Tode durch den
Strang und beauftragte zugleich die Firma Gebrder Leipen -- Seilwaren
en gros und en detail -- die ntigen Hinrichtungsutensilien, soweit
diese in ihre Branche fielen, unter Anrechnung ziviler Preise einem
hohen Staatsrar gegen Quittung auszuhndigen.

Nun fgte es sich aber, da der Strick ri und Babinski zu
lebenslnglichem Gefngnis begnadigt wurde.

20 Jahre verbte der Raubmrder hinter den Mauern von Sankt Pankraz,
ohne da je ein Vorwurf ber seine Lippen gekommen wre; -- noch heute
ist der Beamtenstab des Institutes voll Lob ber seine vorbildliche
Auffhrung; ja, man gestattete ihm sogar, an den Geburtstagen unseres
allerhchsten Landesherrn ab und zu die Flte zu blasen; --

Prokop suchte sofort wieder nach seinem Hausschlssel, aber Zwakh wehrte
ihm.

-- infolge allgemeiner Amnestie wurde dem Babinski der Rest der Strafe
nachgesehen, und er bekam die Stelle eines Pfrtners im Kloster der
>Barmherzigen Schwestern<.

Die leichte Gartenarbeit, die er nebenbei mit zu versehen hatte, ging
ihm dank der groen, whrend seines frheren Wirkungskreises erworbenen
Geschicklichkeit im Gebrauch des Spatens hurtig von der Hand, so da ihm
hinlnglich Mue blieb, Herz und Geist an guter, sorgfltig ausgewhlter
Lektre zu lutern.

Die daraus resultierenden Folgen waren hocherfreulich.

So oft ihn die Oberin Samstagsabends ins Wirtshaus schickte, damit er
sein Gemt ein wenig erheitere, jedesmal kam er pnktlich vor Anbruch
der Nacht nach Hause mit dem Hinweis, der Verfall der allgemeinen Moral
stimme ihn trbe und soviel lichtscheues Gesindel schlimmster Sorte
mache die Landstrae unsicher, da es fr jeden Friedliebenden ein Gebot
der Klugheit sei, rechtzeitig die Schritte heimwrts zu lenken.

Es war nun damaliger Zeit in Prag bei den Wachsziehern die Unsitte
eingerissen, kleine Figrchen feilzuhalten, die ein rotes Manterle
umhngen hatten und den Raubmrder Babinski darstellten.

Wohl in keiner der leidtragenden Familien fehlte ein solches.

Gewhnlich aber standen sie in den Lden unter Glasstrzen, und ber
nichts konnte sich Babinski so empren, als wenn er eines derartigen
Wachsbildes ansichtig wurde.

>Es ist im hchsten Grade unwrdig und zeugt von einer Gemtsroheit
sondersgleichen, einem Menschen bestndig die Verfehlungen seiner
Jugendzeit vor Augen zu fhren,< pflegte Babinski in solchen Fllen zu
sagen, >und es ist tief zu bedauern, da von seiten der Obrigkeit nichts
geschieht, so offenkundigem Unfug zu steuern.<

Noch auf dem Totenbette uerte er sich in hnlichem Sinne.

Nicht vergebens, denn bald darauf verfgte die Behrde die Einstellung
des Handels mit den rgerniserregenden Babinskischen Statuetten. -- --
--

-- -- -- Zwakh tat einen mchtigen Schluck aus seinem Grogglas und alle
drei grinsten wie die Teufel, dann wandte er vorsichtig den Kopf nach
der farblosen Kellnerin, und ich sah, wie sie eine Trne im Auge
zerdrckte.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- Na, und Sie geben nichts zum besten, auer -- natrlich -- da Sie
aus Dankbarkeit fr den berstandenen Kunstgenu die Zeche berappen,
wertgeschtzter Kollege und Gemmenschneider?, fragte mich Vrieslander
nach einer langen Pause allgemeinen Tiefsinnes.

Ich erzhlte ihnen meine Wanderung durch den Nebel.

Wie ich in der Schilderung zu der Stelle kam, wo ich das weie Haus
erblickt hatte, nahmen alle drei vor Spannung die Pfeifen aus den
Zhnen, und als ich schlo, schlug Prokop mit der Faust auf den Tisch
und rief:

Das ist doch rein -- --! Alle Sagen, die es gibt, erlebt dieser Pernath
am eigenen Kadaver. -- A propos, der Golem von damals -- Sie wissen: die
Sache hat sich aufgeklrt.

Wieso aufgeklrt? fragte ich baff.

Sie kennen doch den verrckten jdischen Bettler >Haschile<? Nein? Nun
also: dieser Haschile war der Golem.

Ein Bettler der Golem?

Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst
seelenvergngt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berchtigten
altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse
spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glcklich
eingefangen.

Was soll das heien? Ich verstehe kein Wort, fuhr ich auf.

Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, hre ich,
vor lngerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. -- brigens, um auf das
weie Haus auf der Kleinseite zurckzukommen: die Sache ist furchtbar
interessant. Es geht nmlich eine alte Sage, da dort oben in der
Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und
auch da blo >Sonntagskindern<. Man nennt es die >Mauer zur letzten
Laterne<. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen groen, grauen
Stein, -- dahinter strzt es jh ab in die Tiefe in den Hirschgraben,
und Sie knnen von Glck sagen Pernath, da Sie keinen Schritt weiter
gemacht haben: Sie wren unfehlbar hinuntergefallen und htten smtliche
Knochen gebrochen.

Unter dem Stein, heit es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem
Orden der >Asiatischen Brder<, die angeblich Prag gegrndet haben, als
Grundstein fr ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der
Tage ein Mensch bewohnen wird -- besser gesagt ein Hermaphrodit -- ein
Geschpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das
Bild eines Hasen im Wappen tragen, -- nebenbei: der Hase war das Symbol
des Osiris, und _daher_ stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.

Bis die Zeit gekommen ist, heit es, hlt Methusalem in eigener Person
Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn
mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. -- Haben Sie noch nie von diesem
Armilos erzhlen hren? -- Sogar wie er aussehen wrde, wei man -- das
heit, die alten Rabbiner wissen es, -- wenn er auf die Welt kme: Haare
aus Gold wrde er haben, rckwrts zum Schopf gebunden, dann: zwei
Scheitel, sichelfrmige Augen und Arme bis herunter zu den Fen.

Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen, brummte Vrieslander und
suchte nach einem Bleistift.

Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glck haben sollten, ein
Hermaphrodit zu werden und ^en passant^ den vergrabenen Schatz zu
finden, schlo Prokop, dann vergessen Sie nicht, da ich stets Ihr
bester Freund gewesen bin!

-- Mir war nicht zum Spamachen zumute, und ich fhlte ein leises Weh im
Herzen.

Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wute, denn er
kam mir rasch zu Hilfe:

Jedenfalls ist es hchst merkwrdig, fast unheimlich, da Pernath
gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so
eng verknpft ist. -- Da sind Zusammenhnge, aus deren Umklammerung sich
ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die
Fhigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. --
Ich kann mir nicht helfen: das _bersinnliche_ ist doch das Reizvollste!
-- Was meint ihr?

Vrieslander und Prokop waren ernst geworden und jeder von uns hielt eine
Antwort fr berflssig.

Was meinen Sie, Eulalia? wiederholte Zwakh, zurckgewendet, ist nicht
das bersinnliche das Reizvollste?

Die alte Kellnerin kratzte sich mit der Stricknadel am Kopf, seufzte,
errtete und sagte:

Aber ghn' Sie! Sie sind mir ein Schlimmer.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eine verdammt gespannte Luft war heute den ganzen Tag ber, fing
Vrieslander an, nachdem sich unser Heiterkeitsausbruch gelegt hatte,
nicht einen Pinselstrich hab' ich fertiggebracht. Fortwhrend hab' ich
an die Rosina denken mssen, wie sie im Frack getanzt hat.

Ist sie wieder aufgefunden worden? fragte ich.

>Aufgefunden< ist gut. Die Sittenpolizei hat sie doch fr ein lngeres
Engagement gewonnen! -- Vielleicht ist sie dem Herrn Kommissr -- damals
>beim Loisitschek<, ins Auge gestochen? Jedenfalls ist sie jetzt --
fieberhaft ttig und trgt wesentlich zur Hebung des Fremdenverkehrs in
der Judenstadt bei. Ein verflucht dralles Mensch ist sie brigens
geworden in der kurzen Zeit.

Wenn man bedenkt, was ein Weib aus einem Mann machen kann blo dadurch,
da sie ihn verliebt sein lt in sich: es ist zum Staunen, warf Zwakh
hin. Um das Geld aufzubringen, zu ihr gehen zu knnen, ist der arme
Bursche, der Jaromir, ber Nacht Knstler geworden. Er geht in den
Wirtshusern herum und schneidet Silhouetten fr Gste aus, die sich auf
diese Art portrtieren lassen.

Prokop, der den Schlu berhrt hatte, schmatzte mit den Lippen:

Wirklich? Ist sie so hbsch geworden, die Rosina? -- Haben Sie ihr
schon ein Kchen geraubt, Vrieslander?

Die Kellnerin sprang sofort auf und verlie indigniert das Zimmer.

Das Suppenhuhn! Die hat's wahrhaftig ntig, -- Tugendanflle! Pah!,
brummte Prokop rgerlich hinter ihr drein.

Was wollen Sie, sie ist doch bei der unrichtigen Stelle abgegangen. Und
auerdem war der Strumpf gerade fertig, beschwichtigte ihn Zwakh.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Wirt brachte neuen Grog und die Gesprche fingen allmhlich an, eine
schwle Richtung zu nehmen. Zu schwl, als da sie mir nicht ins Blut
gegangen wren bei meiner fiebrigen Stimmung.

Ich strubte mich dagegen, aber je mehr ich mich innerlich abschlo und
an Angelina zurckdachte, um so heier brauste es mir in den Ohren.

Ziemlich unvermittelt verabschiedete ich mich.

Der Nebel war durchsichtiger geworden, sprhte feine Eisnadeln auf mich,
war aber immer noch so dicht, da ich die Straentafeln nicht lesen
konnte und von meinem Heimweg um ein geringes abkam.

Ich war in eine andere Gasse geraten und wollte eben umkehren, da hrte
ich meinen Namen rufen:

Herr Pernath! Herr Pernath!

Ich blickte um mich, in die Hhe:

Niemand!

Ein offenes Haustor, darber diskret eine kleine, rote Laterne, ghnte
neben mir auf, und eine helle Gestalt -- schien mir -- stand tief im
Flur darin.

Wieder: Herr Pernath! Herr Pernath! Im Flsterton.

Ich trat erstaunt in den Gang, -- da schlangen sich warme Frauenarme um
meinen Hals und ich sah bei dem Lichtstrahl, der aus einem sich langsam
ffnenden Trspalt fiel, da es Rosina war, die sich hei an mich
prete.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                 List


Ein grauer, blinder Tag.

Bis tief in den Morgen hinein hatte ich geschlafen, traumlos, bewutlos,
wie ein Scheintoter.

Meine alte Bedienerin war ausgeblieben oder hatte vergessen einzuheizen.

Kalte Asche lag im Ofen.

Staub auf den Mbeln.

Der Fuboden nicht gekehrt.

Frstelnd ging ich auf und ab.

Widerwrtiger Geruch nach ausgeatmetem Fusel lag im Zimmer. Mein Mantel,
meine Kleider stanken nach altem Tabakrauch.

Ich ri das Fenster auf, schlo es wieder: -- der kalte, schmutzige
Hauch von der Strae war unertrglich.

Spatzen mit durchntem Gefieder hockten regungslos drauen auf den
Dachrinnen.

Wohin ich blickte, mifarbige Verdrossenheit. Alles in mir war
zerrissen, zerfetzt.

Das Sitzpolster auf dem Lehnstuhl -- wie fadenscheinig es war! Die
Rohaare quollen hervor aus den Rndern.

Man mute es zum Tapezierer schicken -- -- ach was, sollte es so bleiben
-- noch ein des Menschenleben hindurch, bis alles zu Germpel zerfiel!

Und dort, welch geschmackloser, zweckwidriger Plunder, diese Zwirnlappen
an den Fenstern!

Warum drehte ich sie nicht zu einem Strick und erhenkte mich daran?!

Dann brauchte ich diese augenverletzenden Dinge wenigstens nie mehr zu
sehen, und der ganze graue, zermrbende Jammer war vorber -- ein fr
allemal.

Ja! Das war das Gescheiteste! Ein Ende machen.

Heute noch.

Jetzt noch -- vormittags. Gar nicht erst zum Essen gehen. -- Ein
ekelhafter Gedanke, mit vollem Magen sich aus der Welt zu schaffen! In
der nassen Erde zu liegen und unverdaute, verfaulende Speisen in sich zu
haben.

Wenn nur nie wieder die Sonne scheinen und ihre freche Lge von der
Freude des Daseins einem ins Herz funkeln wollte!

Nein! ich lie mich nicht mehr narren, wollte nicht lnger der Spielball
sein eines tppischen, zwecklosen Schicksals, das mich emporhob und dann
wieder in Pftzen stie, blo damit ich die Vergnglichkeit alles
Irdischen einsehen sollte, etwas, was ich lngst wute, was jedes Kind
wei, jeder Hund auf der Strae wei.

Arme, arme Mirjam! Wenn ich _ihr_ wenigstens helfen knnte.

Es hie, einen Entschlu fassen, einen ernsten, unabnderlichen
Beschlu, bevor der verfluchte Trieb zum Dasein wieder in mir erwachen
konnte und mir neue Trugbilder vorgaukeln.

Wozu hatten sie mir denn gedient: alle diese Botschaften aus dem Reich
des Unverweslichen?

Zu nichts, zu gar gar nichts.

Nur dazu vielleicht, da ich im Kreis herumgetaumelt war und jetzt die
Erde als unmgliche Qual empfand.

Da gab es nur noch eins.

Ich rechnete im Kopf zusammen, wieviel Geld ich auf der Bank liegen
hatte.

Ja, nur _so_ ging es. Das war noch das Einzige, Winzige, was von meinen
nichtigen Taten im Leben irgendeinen Wert haben konnte!

Alles, was ich besa -- die paar Edelsteine in der Schublade dazu --
zusammenschnren in ein Paket und es Mirjam schicken. Ein paar Jahre
wenigstens wrde es die Sorge ums tgliche Leben von ihr nehmen. Und
einen Brief an Hillel schreiben, in dem ich ihm sagte, wie es um sie
stand mit dem Wunder.

Er allein konnte ihr helfen.

Ich fhlte: ja, er wrde Rat wissen fr sie.

Ich suchte die Steine zusammen, steckte sie ein, sah auf die Uhr: wenn
ich jetzt auf die Bank ging -- in einer Stunde konnte alles in Ordnung
gebracht sein.

Und dann noch einen Strau roter Rosen kaufen fr Angelina! -- -- -- --
es schrie auf in mir vor Weh und wilder Sehnsucht. -- Nur noch einen
Tag, einen einzigen Tag mchte ich leben!

Um dann abermals dieselbe wrgende Verzweiflung mitmachen zu mssen?

Nein, nicht eine einzige Minute mehr warten! Es kam wie eine
Befriedigung ber mich, da ich mir nicht nachgegeben hatte.

Ich blickte umher. Blieb mir noch etwas zu tun?

Richtig: die Feile dort. Ich steckte sie in die Tasche, -- wollte sie
fortwerfen irgendwo auf der Gasse, wie ich es mir neulich schon
vorgenommen.

Ich hate die Feile! Wieviel hatte gefehlt, und ich wre zum Mrder
geworden durch sie.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wer kam mich denn da wieder stren?

Es war der Trdler.

Nur en Augenblick, Herr von Pernath, bat er fassungslos, als ich ihm
bedeutete, da ich keine Zeit htte. Nur en ganz en kurzen Augenblick.
Nur  paar Worte.

Der Schwei lief ihm bers Gesicht, und er zitterte vor Aufregung.

Kann man hier auch ungestrt mit Ihnen sprechen, Herr von Pernath? Ich
mcht' nicht, da der -- der Hillel wieder hereinkommt. Sperren Sie doch
lieber die Tr ab, oder geh' mer besser ins Nebenzimmer, -- er zog mich
in seiner gewohnten, heftigen Art hinter sich drein.

Dann sah er sich ein paarmal scheu um und flsterte heiser:

Ich hab mir's berlegt, wissen Sie, -- das von neilich. Es is besser
so. Es kommt nix heraus dabei. Gut. Vorber is vorber.

Ich suchte in seinen Augen zu lesen.

Er hielt meinen Blick aus, krampfte aber die Hand in die Stuhllehne,
solche Anstrengung kostete es ihn.

Das freut mich, Herr Wassertrum, sagte ich so freundlich ich konnte,
das Leben ist zu trb, als da man es sich gegenseitig noch mit Ha
verbittern sollte.

Rein, als ob man  gedrucktes Buch reden hrt, grunzte er erleichtert,
whlte in seinen Hosentaschen und zog wieder die goldene Uhr mit den
verbogenen Sprungdeckeln hervor, und damit Sie sehen, ich mein's
ehrlich, mssen Sie die Kleinigkeit da von mir annehmen. Als Geschenk.

Was fllt Ihnen denn ein, wehrte ich ab, Sie werden doch wohl nicht
glauben -- --, da fiel mir ein, was Mirjam ber ihn gesagt hatte, und
ich streckte ihm die Hand hin, um ihn nicht zu krnken.

Er achtete nicht darauf, wurde pltzlich wei wie die Wand, lauschte und
rchelte:

Da! Da! Hab' ich's doch gewut. Schon wieder der Hillel! Er klopft.

Ich horchte, ging ins andere Zimmer zurck und zog zu seiner Beruhigung
die Verbindungstr hinter mir halb zu.

Es war diesmal nicht Hillel. _Charousek_ trat ein, legte, wie zum
Zeichen, da er wisse, _wer_ nebenan sei, den Finger an die Lippen und
berschttete mich in der nchsten Sekunde und ohne abzuwarten, was ich
sagen wrde, mit einem Schwall von Worten:

Oh, mein hochverehrter, liebwerter Meister Pernath, wie soll ich nur
die Worte finden, Ihnen meine Freude auszudrcken, da ich Sie allein
und wohlauf zu Hause antreffe. -- -- Er sprach wie ein Schauspieler,
und seine schwlstige, unnatrliche Redeweise stand in so krassem
Gegensatz zu seinem verzerrten Gesicht, da ich ein tiefes Grauen vor
ihm empfand.

Niemals htte ich, Meister, es gewagt, in dem zerlumpten Zustande zu
Ihnen zu kommen, in dem Sie mich gewi schon des fteren auf der Strae
erblickt haben, -- doch, was sage ich: erblickt! haben Sie mir doch oft
huldreich die Hand gereicht.

Da ich heute vor Sie hintreten kann mit weiem Kragen und in sauberem
Anzug, -- wissen Sie, wem ich es verdanke? Einem der edelsten und leider
-- ach -- meist verkannten Menschen unserer Stadt. Rhrung bermannt
mich, wenn ich seiner gedenke.

Selber in bescheidenen Verhltnissen, hat er dennoch eine offene Hand
fr Arme und Bedrftige. Von jeher, wenn ich ihn traurig vor seinem
Laden stehen sah, trieb es mich aus tiefstem Herzen heraus, zu ihm zu
treten und ihm stumm die Hand zu drcken.

Vor einigen Tagen rief er mich an, als ich vorberging, schenkte mir
Geld und versetzte mich dadurch in die Lage, mir gegen Ratenzahlung
einen Anzug kaufen zu knnen.

Und wissen Sie, Meister Pernath, wer mein Wohltter war? --

Mit Stolz sage ich es, denn ich war von jeher der einzige, der geahnt
hat, welch goldenes Herz in seinem Busen schlgt: Es war -- Herr Aaron
Wassertrum! -- --

-- -- Ich verstand natrlich, da Charousek seine Komdie auf den
Trdler, der nebenan lauschte, gemnzt hatte, wenn mir auch unklar
blieb, was er damit bezweckte; keinesfalls schien mir die allzuplumpe
Schmeichelei geeignet, den mitrauischen Wassertrum hinters Licht zu
fhren. Charousek erriet offenbar aus meiner bedenklichen Miene, was ich
dachte, schttelte grinsend den Kopf, und auch seine nchsten Worte
sollten mir wahrscheinlich sagen, da er seinen Mann genau kenne und
wisse, wie dick er auftragen drfe.

Jawohl! Herr -- Aaron -- Wassertrum! Es drckt mir fast das Herz ab,
da ich ihm nicht selbst sagen kann, wie unendlich dankbar ich ihm bin,
und ich beschwre Sie, Meister, verraten Sie ihm niemals, da ich hier
war und Ihnen alles erzhlt habe. -- Ich wei, die Selbstsucht der
Menschen hat ihn verbittert und tiefes, unheilbares -- ach, leider nur
zu gerechtfertigtes Mitrauen in seine Brust gepflanzt.

Ich bin Seelenarzt, aber auch mein Gefhl sagt mir, es ist am besten,
Herr Wassertrum erfhrt nie -- auch aus meinem Munde nicht -- wie hoch
ich von ihm denke. -- Es hiee das: Zweifel in sein unglckliches Herz
sen. Und das sei ferne von mir. Lieber soll er mich fr undankbar
halten.

Meister Pernath! Ich bin selbst ein Unglcklicher und wei von
Kindesbeinen an, was es heit, einsam und verlassen in der Welt zu
stehen! Ich kenne nicht einmal den Namen meines Vaters. Auch mein
Mtterlein habe ich niemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie mu
frhzeitig gestorben sein -- Charouseks Stimme wurde seltsam
geheimnisvoll und eindringlich, -- und war, wie ich bestimmt glaube,
eine jener tiefseelisch angelegten Naturen, die nie sagen knnen, wie
unendlich sie lieben, und zu denen auch Herr Aaron Wassertrum gehrt.

Ich besitze eine abgerissene Seite aus dem Tagebuch meiner Mutter -- ich
trage das Blatt bestndig auf der Brust -- und darin steht, da sie
meinen Vater, obschon er hlich gewesen sein soll, geliebt hat, wie
wohl noch nie ein sterbliches Weib auf Erden einen Mann geliebt hat.

Dennoch scheint sie es ihm nie gesagt zu haben. -- Vielleicht aus
hnlichen Grnden, weshalb ich z. B. Herrn Wassertrum nicht sagen knnte
-- und wenn mir das Herz darber brche -- was ich fr ihn an
Dankbarkeit fhle.

Aber noch eins geht aus dem Tagebuchblatt hervor, wenn ich es auch nur
erraten kann, denn die Stze sind fast unleserlich vor Trnenspuren:
mein Vater, wer auch immer er gewesen war -- sein Andenken mge vergehen
im Himmel und auf Erden! -- mu scheulich an meiner Mutter gehandelt
haben.

-- Charousek fiel pltzlich auf die Knie, da der Boden drhnte, und
schrie in so markerschtternden Tnen, da ich nicht wute, spielte er
noch immer Komdie oder war er wahnsinnig geworden:

_Du Allmchtiger, dessen Namen der Mensch nicht aussprechen soll, hier
auf meinen Knien liege ich vor dir: verflucht, verflucht, verflucht sei
mein Vater in alle Ewigkeit!_

Er bi das letzte Wort frmlich entzwei und horchte eine Sekunde lang
mit aufgerissenen Augen.

Dann feixte er wie der Satan. Mir schien es, als htte Wassertrum
nebenan leise gesthnt.

Verzeihen Sie, Meister, fuhr Charousek nach einer Pause mit mimenhaft
erstickter Stimme fort, verzeihen Sie, da es mich bermannt hat, aber
es ist mein Gebet frh und spt, der Allmchtige wolle es fgen, da
mein Vater, wer immer er auch sein mge, dereinst das grlichste Ende
nehme, das sich ausdenken lt.

Ich wollte unwillkrlich etwas erwidern, allein Charousek unterbrach
mich rasch:

Doch jetzt, Meister Pernath, komme ich zu der Bitte, die ich Ihnen
vorzutragen habe:

Herr Wassertrum besa einen Schtzling, den er ber die Maen ins Herz
geschlossen hatte, -- es drfte ein Neffe von ihm gewesen sein. Es heit
sogar, er sei sein Sohn gewesen, aber ich will es nicht glauben, denn
sonst htte er doch denselben Namen getragen, in Wirklichkeit aber hie
er: Wassory, Dr. Theodor Wassory.

Die Trnen treten mir in die Augen, wenn ich ihn im Geiste vor mir sehe.
Ich war ihm aus ganzer Seele zugetan, als htte mich ein unmittelbares
Band der Liebe und Verwandtschaft mit ihm verknpft.

Charousek schluchzte, als knne er vor Ergriffenheit kaum
weitersprechen.

Ach, da dieser Edeling von der Erde gehen mute! -- Ach! Ach!

Was auch der Grund gewesen sein mag, -- ich habe ihn nie erfahren -- er
hat sich selbst den Tod gegeben. Und ich war unter denen, die zu Hilfe
gerufen wurden -- -- ach, ach, zu spt -- zu spt -- zu spt! Und als
ich dann allein am Totenlager stand und seine kalte, bleiche Hand mit
Kssen bedeckte, da -- warum soll ich es nicht eingestehen, Meister
Pernath? -- es war ja doch kein Diebstahl -- da nahm ich eine Rose von
der Brust der Leiche und eignete mir das Flschchen an, mit dessen
Inhalt der Unglckliche seinem blhenden Leben ein schnelles Ende
bereitet hatte.

Charousek zog eine Medizinflasche hervor und fuhr bebend fort:

Beides -- lege -- ich -- hier -- auf -- Ihren Tisch, die verdorrte Rose
und die Phiole; sie waren mir ein Andenken an meinen dahingegangenen
Freund.

Wie oft in Stunden innerer Verlassenheit, wenn ich mir den Tod
herbeiwnschte in der Einsamkeit meines Herzens und der Sehnsucht nach
meiner toten Mutter, spielte ich mit diesem Flschchen, und es gab mir
einen seligen Trost, zu wissen: _ich brauchte nur die Flssigkeit auf
ein Tuch zu gieen und einzuatmen_ und schwebte schmerzlos hinber in
die Gefilde, wo mein lieber, guter Theodor ausruht von den Mhsalen
unseres Jammertales.

Und nun bitte ich Sie, hochverehrter Meister, -- und deswegen bin ich
hergekommen -- nehmen Sie beides und bringen Sie es Herrn Wassertrum.

Sagen Sie, Sie htten es von jemandem bekommen, dem Dr. Wassory
nahestand, dessen Namen Sie jedoch gelobt htten, nie zu nennen, --
vielleicht von einer Dame.

Er wird es glauben, und es wird ihm ein Andenken sein, wie es ein teures
Andenken fr mich war.

Das soll der heimliche Dank sein, den ich ihm gebe. Ich bin arm und es
ist alles, was ich habe, aber es macht mich froh, zu wissen: beides wird
jetzt _ihm_ gehren, und dennoch ahnt er nicht, da _ich_ der Geber bin.

Es liegt darin auch zugleich fr mich etwas unendlich Ses.

Und jetzt leben Sie wohl, teurer Meister, und seien Sie im voraus viel
tausendmal bedankt.

Er hielt meine Hand fest, zwinkerte und flsterte mir, als ich noch
immer nicht verstand, kaum hrbar etwas zu.

Warten Sie, Herr Charousek, ich werde Sie ein Stckchen
hinunterbegleiten, sagte ich mechanisch die Worte nach, die ich von
seinen Lippen las, und ging mit ihm hinaus.

Auf dem finsteren Treppenabsatz im ersten Stock blieben wir stehen, und
ich wollte mich von Charousek verabschieden.

Ich kann mir denken, was Sie mit der Komdie bezweckt haben. -- -- Sie
-- Sie wollen, da sich Wassertrum mit dem Flschchen vergiftet! Ich
sagte es ihm ins Gesicht.

Freilich, gab Charousek aufgerumt zu.

Und _dazu_, glauben Sie, werde ich meine Hand bieten?

Durchaus nicht ntig.

Aber ich sollte Wassertrum doch die Flasche bringen, sagten Sie
vorhin!

Charousek schttelte den Kopf:

Wenn Sie jetzt zurckgehen, werden Sie sehen, da er sie bereits
eingesteckt hat.

Wie knnen Sie das nur annehmen?, fragte ich erstaunt. Ein Mensch wie
Wassertrum wird sich niemals umbringen, -- ist viel zu feig dazu --
handelt nie nach pltzlichen Impulsen.

Da kennen Sie das schleichende Gift der Suggestion nicht, unterbrach
mich Charousek ernst. Htte ich in alltglichen Worten geredet, wrden
Sie vielleicht recht behalten, aber auch den kleinsten Tonfall habe ich
vorher berechnet. Nur das widerlichste Pathos wirkt auf solche
Hundsftter! Glauben Sie mir! Sein Mienenspiel bei jedem meiner Stze
htte ich Ihnen hinzeichnen knnen. -- Kein >Kitsch<, wie es die Maler
nennen, ist niedertrchtig genug, als da er nicht der bis ins Mark
verlogenen Menge Trnen entlockte -- sie ins Herz trifft! Glauben Sie
denn, man htte nicht lngst smtliche Theater mit Feuer und Schwert
ausgetilgt, wenn es anders wre? An der Sentimentalitt erkennt man die
Kanaille. Tausende armer Teufel knnen verhungern, da wird nicht
geweint, aber wenn ein Schminkkamel auf der Bhne, als Bauerntrampel
verkleidet, die Augen verdreht, dann heulen sie wie die Schlohunde. --
-- Wenn Vterchen Wassertrum vielleicht auch morgen vergessen hat, was
ihm soeben noch -- Herzjauche kostete: jedes meiner Worte wird wieder in
ihm lebendig werden, wenn die Stunden reifen, wo er sich selbst
unendlich bedauernswert vorkommt. -- In solchen Momenten des groen
Misereres bedarf es blo eines leisen Anstoes, -- und fr den werde ich
sorgen -- und selbst die feigste Pfote greift nach dem Gift. Es mu nur
zur Hand sein! Theodorchen htte wahrscheinlich auch nicht zugegrapst,
wenn ich's ihm nicht so bequem gemacht htte.

Charousek, Sie sind ein furchtbarer Mensch, rief ich entsetzt.
Empfinden Sie denn gar kein -- -- --

Er hielt mir schnell den Mund zu und drngte mich in eine Mauernische!

Still! Da ist er!

Mit taumelnden Schritten, sich an der Wand sttzend, kam Wassertrum die
Stiege herunter und wankte an uns vorber.

Charousek schttelte mir flchtig die Hand und schlich ihm nach. -- --

Als ich in mein Zimmer zurckgekehrt war, sah ich, da die Rose und das
Flschchen verschwunden waren und an ihrer Stelle die goldene, zerbeulte
Uhr des Trdlers auf dem Tisch lag.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

>Acht Tage msse ich warten, ehe ich mein Geld bekommen knne; es sei
das die bliche Kndigungsfrist<, hatte man mir auf der Bank gesagt.

Man solle den Direktor holen, denn ich sei in grter Eile und gedchte
in einer Stunde abzureisen, hatte ich eine Ausrede gebraucht.

Er sei nicht zu sprechen und knne an den Gepflogenheiten der Bank auch
nichts ndern, hie es, und ein Kerl mit einem Glasauge, der zugleich
mit mir an den Schalter getreten war, hatte darber gelacht.

Acht graue, furchtbare Tage auf den Tod sollte ich also warten!

Wie ein Zeitraum ohne Ende kam es mir vor. -- -- --

Ich war so niedergeschlagen, da ich mir gar nicht bewut wurde, wie
lange ich schon vor der Tre eines Kaffeehauses auf und
niedergeschritten sein mochte.

Endlich trat ich ein, blo um den widerwrtigen Kerl mit dem Glasauge
los zu werden, der mir von der Bank her nachgekommen war und sich immer
in meiner Nhe hielt und, wenn ich ihn anblickte, sofort auf dem Boden
herumsuchte, als habe er etwas verloren.

Er hatte einen hellkarierten, viel zu engen Rock an und schwarze,
speckglnzende Hosen, die ihm wie Scke um die Beine schlotterten. Auf
seinem linken Stiefel war ein eifrmiger, gewlbter Lederfleck
aufgesteppt, da es aussah, als trge er darunter einen Siegelring auf
der Zehe.

Kaum hatte ich mich niedergesetzt, kam auch er herein und lie sich an
einem Nebentisch nieder.

Ich glaubte, er wolle mich anbetteln, und suchte schon nach meinem
Portemonnaie, da sah ich einen groen Brillanten an seinen wulstigen
Metzgerfingern aufblitzen.

Stunden und Stunden sa ich in dem Kaffeehause und glaubte vor innerer
Nervositt wahnsinnig werden zu mssen, -- aber wohin sollte ich gehen?
Nach Hause? Herumschlendern? Eines schien mir grlicher als das andere.

Die veratmete Luft, das ewige, alberne Klappen der Billardkugeln, das
trockene, unaufhrliche Gerusper eines halbblinden Zeitungstigers mir
gegenber, ein storchbeiniger Zollbeamter, der abwechselnd in der Nase
bohrte oder sich mit gelben Zigarettenfingern vor einem Taschenspiegel
den Schnurrbart kmmte, ein braunsammetenes Gebrodel ekelhafte,
verschwitzter, schnatternder Italiener um den Kartentisch in der Ecke,
die bald unter gellem Gekreisch ihre Trmpfe mit dem Faustknchel
hinschlugen, bald unter Brecherscheinungen ins Zimmer spuckten. Und das
alles in den Wandspiegeln doppelt und dreifach sehen zu mssen! Es sog
mir langsam das Blut aus den Adern. -- --

Es wurde allmhlich dunkel und ein plattfiger, knieweicher Kellner
tastete mit einer Stange nach den Gaslstern, um sich endlich
kopfschttelnd zu berzeugen, da sie nicht brennen wollten.

So oft ich das Gesicht wandte, immer begegnete ich dem schielenden
Wolfsblick des Glasugigen, der sich dann jedesmal rasch hinter eine
Zeitung versteckte oder seinen schmutzigen Schnurrbart in die lngst
ausgetrunkene Kaffeetasse tauchte.

Er hatte seinen steifen, runden Hut tief aufgestlpt, da ihm die Ohren
fast wagerecht abstanden, machte aber keine Miene, aufzubrechen.

Es war nicht mehr auszuhalten.

Ich zahlte und ging.

Wie ich die Glastr hinter mir zumachen wollte, nahm mir jemand die
Klinke aus der Hand. -- Ich drehte mich um:

Wieder der Kerl!

rgerlich wollte ich nach links biegen, in der Richtung der Judenstadt
zu, da drngte er sich an meine Seite und hinderte mich daran.

Da hrt denn doch alles auf! schrie ich ihn an.

Nach rechts geht's, sagte er kurz.

Was soll das heien?

Er fixierte mich frech:

Sie sind der Pernath!

Sie wollen wahrscheinlich sagen: _Herr_ Pernath?

Er lachte nur hmisch:

Alsdann keine Faxen jetz! Sie gh'n Sie mit!

Ja, sind Sie toll? Wer sind Sie eigentlich?, fuhr ich auf.

Er gab keine Antwort, schlug seinen Rock zurck und zeigte vorsichtig
auf einen abgeschabten Blechadler, der im Futter festgesteckt war.

Ich begriff: der Falott war Geheimpolizist und verhaftete mich.

So sagen Sie doch, um Himmels willen, was ist denn los?

Sie werden sich's schonn erfahrrhn. Auf dem Dpartemnt, erwiderte er
grob. Alla marsch jetz!

Ich schlug ihm vor, ich wollte einen Wagen nehmen.

Nix da!

Wir gingen zur Polizei.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ein Gendarm fhrte mich vor eine Tr.

                            ALOIS OTSCHIN
                              Polizeirat

las ich auf der Porzellantafel.

Sie knnen sich eintrtten, sagte der Gendarm.

Zwei schmierige Schreibtische mit meterhohen Aufstzen standen einander
gegenber.

Ein paar verkraxte Sthle dazwischen.

Das Bild des Kaisers an der Wand.

Ein Glas mit Goldfischen auf dem Fensterbrett.

Sonst nichts im Zimmer.

Ein Klumpfu und daneben ein dicker Filzschuh unter zerfransten grauen
Hosen hinter dem linken Schreibpult.

Ich hrte rascheln. Jemand murmelte ein paar Worte in bhmischer Sprache
und gleich darauf tauchte der Herr Polizeirat aus dem rechten
Schreibtisch auf und trat vor mich hin.

Es war ein kleiner Mann mit grauem Spitzbart und hatte die sonderbare
Manier, bevor er anfing zu reden, die Zhne zu fletschen wie jemand, der
in grelles Sonnenlicht schaut.

Dabei kniff er die Augen hinter den Brillenglsern zusammen, was ihm den
Ausdruck furchterregender Niedertracht verlieh.

Sie heien Athanasius Pernath und sind -- er blickte auf ein Blatt
Papier, auf dem nichts stand -- Gemmenschneider.

Sofort kam Leben in den Klumpfu unter dem anderen Schreibtisch: er
wetzte sich an dem Stuhlbein, und ich hrte das Rauschen einer
Schreibfeder.

Ich bejahte: Pernath. Gemmenschneider.

No, da sin wir ja gleich beisammen, Herr -- -- -- Pernath, -- jawohl
Pernath. Ja wohl ja. -- Der Herr Polizeirat war mit einem Schlag von
erstaunlicher Liebenswrdigkeit, als htte er die erfreulichste
Nachricht von der Welt bekommen, streckte mir beide Hnde entgegen und
bemhte sich in lcherlicher Weise, die Miene eines Biedermannes
aufzusetzen.

Also, Herr Pernath, erzhlen Sie mir einmal, was treiben Sie so den
ganzen Tag?

Ich glaube, da Sie das nichts angeht, Herr Otschin, antwortete ich
kalt.

Er kniff die Augen zusammen, wartete einen Moment und fuhr dann
blitzschnell los:

Seit wann hat die Grfin ihr Verhltnis mit dem Savioli?

Ich war auf etwas hnliches gefat gewesen und zuckte nicht mit der
Wimper.

Er suchte mich geschickt durch Kreuz- und Querfragen in Widersprche zu
verwickeln, aber, so sehr mir auch vor Entsetzen das Herz im Halse
schlug, ich verriet mich nicht und kam immer wieder darauf zurck, da
ich den Namen Savioli nie gehrt htte, mit Angelina von meinem Vater
her befreundet sei, und da sie schon fter Kameen bei mir bestellt
habe.

Ich fhlte trotzdem genau, da der Polizeirat mir ansah, wie ich ihn
belog, und innerlich schumte vor Wut, nichts aus mir herausbekommen zu
knnen.

Er dachte eine Weile nach, dann zog er mich am Rock dicht an sich,
deutete warnend mit dem Daumen auf den linken Schreibtisch und flsterte
mir ins Ohr:

Athanasius! Ihr seliger Vater war mein bester Freund. Ich will Sie
retten, Athanasius! Aber Sie mssen mir alles sagen ber die Grfin. --
Hren Sie: alles.

Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. Was meinen Sie damit: Sie
wollen mich retten?, fragte ich laut.

Der Klumpfu stampfte rgerlich auf den Boden. Der Polizeirat wurde
aschgrau im Gesicht vor Ha. Zog die Lippe empor. Wartete. -- Ich wute,
da er gleich wieder losspringen wrde; (sein Verblffungssystem
erinnerte mich an Wassertrum) und ich wartete ebenfalls, -- sah, da ein
Bocksgesicht, der Inhaber des Klumpfues, lauernd hinter dem
Schreibpulte auftauchte -- -- dann schrie mich der Polizeirat pltzlich
gellend an:

_Mrder_.

Ich war sprachlos vor Verblffung.

Mimutig zog sich das Bocksgesicht wieder hinter sein Pult zurck.

Auch der Herr Polizeirat schien ziemlich betreten ber meine Ruhe,
versteckte es aber geschickt, indem er einen Stuhl herbeizog und mich
aufforderte, Platz zu nehmen.

Sie verweigern also, ber die Grfin die von mir gewnschte Auskunft zu
geben, Herr Pernath?

Ich kann sie nicht geben, Herr Polizeirat, wenigstens nicht in dem
Sinne, wie Sie erwarten. Erstens kenne ich niemand namens Savioli, und
dann bin ich felsenfest berzeugt, da es eine Verleumdung ist, wenn man
der Grfin nachsagt, sie hintergehe ihren Gatten.

Sind Sie bereit, das zu beeiden?

Mir stockte der Atem. Ja! Jederzeit.

Gut. Hm.

Eine lngere Pause entstand, whrend der der Polizeirat angestrengt
nachzugrbeln schien.

Als er mich wieder anblickte, lag ein komdiantenhafter Zug von
Schmerzlichkeit in seiner Fratze. Unwillkrlich mute ich an Charousek
denken, wie er dann mit trnenerstickter Stimme anfing:

Mir knnen Sie es doch sagen, Athanasius, -- mir, dem alten Freund
Ihres Vaters, -- mir, der Sie auf den Armen getragen hat -- ich konnte
das Lachen kaum verbeien: er war hchstens zehn Jahre lter als ich --
nicht wahr, Athanasius, es war Notwehr?

Das Bockgesicht erschien abermals.

Was war Notwehr?, fragte ich verstndnislos.

Das mit dem -- -- -- _Zottmann_! schrie mir der Polizeirat einen Namen
ins Gesicht.

Das Wort traf mich wie ein Dolchstich: Zottmann! Zottmann! Die Uhr! Der
Name Zottmann stand doch in der Uhr eingraviert.

Ich fhlte, wie mir alles Blut zum Herzen strmte: Der grauenhafte
Wassertrum hatte mir die Uhr gegeben, um den Verdacht des Mordes auf
mich zu lenken!

Sofort warf der Polizeirat die Maske ab, fletschte die Zhne und kniff
die Augen zusammen:

Sie gestehen also den Mord ein, Pernath?

Das alles ist ein Irrtum, ein entsetzlicher Irrtum. Um Gottes willen
hren Sie mich an. Ich kann es Ihnen erklren, Herr Polizeirat -- --!,
schrie ich.

Werden Sie mir jetzt alles mitteilen in bezug auf die Frau Grfin,
unterbrach er mich rasch: ich mache Sie aufmerksam: Sie verbessern Ihre
Lage damit.

Ich kann nicht mehr sagen, als bereits geschehen ist: die Grfin ist
unschuldig.

Er bi die Zhne zusammen und wandte sich an das Bocksgesicht:

Schreiben Sie: -- Also, Pernath gesteht den Mord an dem
Versicherungsbeamten Karl Zottmann ein.

Mich packte eine besinnungslose Wut.

Sie Polizeikanaille! brllte ich los, was unterstehen Sie sich?!

Ich suchte nach einem schweren Gegenstand.

Im nchsten Augenblick hatten mich zwei Schutzleute gepackt und mir
Handschellen angelegt.

Der Polizeirat blhte sich jetzt wie der Hahn auf dem Mist:

Und die Uhr da?, -- er hielt pltzlich die verbeulte Uhr in der Hand,
-- hat der unglckliche Zottmann noch gelebt, als Sie ihn beraubten,
oder nicht?

Ich war wieder ganz ruhig geworden und gab mit klarer Stimme zu
Protokoll:

Die Uhr hat mir heute vormittag der Trdler Aaron Wassertrum --
geschenkt.

Ein wieherndes Gelchter brach los, und ich sah, wie der Klumpfu und
der Filzpantoffel mitsammen einen Freudentanz unter dem Schreibtisch
auffhrten.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                 Qual


Die Hnde gefesselt, hinter mir ein Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett,
mute ich durch die abendlich beleuchteten Straen gehen.

Gassenjungen zogen in Scharen johlend links und rechts mit, Weiber
rissen die Fenster auf, drohten mit Kochlffeln herunter und schimpften
hinter mir drein.

Schon von weitem sah ich den massigen Steinwrfel des Gerichtsgebudes
mit der Inschrift auf dem Giebel herannahen:

                   Die strafende Gerechtigkeit ist
                    die Beschirmung aller Braven.

Dann nahm mich ein riesiges Tor auf und ein Flurzimmer, in dem es nach
Kche stank.

Ein vollbrtiger Mann mit Sbel, Beamtenrock und -mtze, barfu und die
Beine in langen, um die Knchel zusammengebundenen Unterhosen, stand
auf, stellte die Kaffeemhle, die er zwischen den Knien hielt, weg und
befahl mir, mich auszuziehen.

Dann visitierte er meine Taschen, nahm alles heraus, was er darin fand,
und fragte mich, ob ich -- Wanzen htte.

Als ich verneinte, zog er mir die Ringe von den Fingern und sagte, es
sei gut, ich knne mich wieder ankleiden.

Man fhrte mich mehrere Stockwerke hinauf und durch Gnge, in denen
vereinzelt groe, graue, verschliebare Kisten in den Fensternischen
standen.

Eiserne Tren mit Riegelstangen und kleinen, vergitterten Ausschnitten,
ber jedem eine Gasflamme, zogen sich in ununterbrochener Reihe die Wand
entlang. Ein hnenhafter, soldatisch aussehender Gefangenwrter -- das
erste ehrliche Gesicht seit Stunden -- sperrte eine der Tren auf, schob
mich in eine dunkle, schrankartige, pestilenzialisch stinkende ffnung
und schlo hinter mir ab.

Ich stand in vollkommener Finsternis und tappte mich zurecht.

Mein Knie stie an einen Blechkbel.

Endlich erwischte ich -- der Raum war so eng, da ich mich kaum umdrehen
konnte -- eine Klinke, und stand in -- einer Zelle.

Je zwei und zwei Pritschen mit Strohscken an den Mauern.

Der Durchgang dazwischen nur einen Schritt breit.

Ein Quadratmeter Gitterfenster hoch oben in der Querwand lie den matten
Schein des Nachthimmels herein.

Unertrgliche Hitze, vom Geruch alter Kleider verpestete Luft erfllte
den Raum.

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewhnt hatten, sah ich, da auf
drei der Pritschen -- die vierte war leer -- Menschen in grauen
Strflingskleidern saen; die Arme auf die Knie gesttzt und die
Gesichter in den Hnden vergraben.

Keiner sprach ein Wort.

Ich setzte mich auf das leere Bett und wartete. Wartete. Wartete.

Eine Stunde.

Zwei -- drei Stunden!

Wenn ich drauen einen Schritt zu hren glaubte, fuhr ich auf:

Jetzt, jetzt kam man mich holen, um mich dem Untersuchungsrichter
vorzufhren.

Jedesmal war es eine Tuschung gewesen. Immer wieder verloren sich die
Schritte auf dem Gang.

Ich ri mir den Kragen auf -- glaubte, ersticken zu mssen.

Ich hrte, wie ein Gefangener nach dem andern sich chzend ausstreckte.

Kann man denn das Fenster da oben nicht aufmachen?, fragte ich voll
Verzweiflung laut in die Dunkelheit hinein. Ich erschrak fast vor meiner
eigenen Stimme.

Es geht net, antwortete es mrrisch von einem der Strohscke herber.

Ich tastete trotzdem mit der Hand an der Schmalwand entlang: ein Brett
in Brusthhe lief quer hin -- -- -- zwei Wasserkrge -- -- -- Stcke von
Brotrinden.

Mhsam kletterte ich hinauf, hielt mich an den Gitterstben und prete
das Gesicht an die Fensterritzen, um wenigstens etwas frische Luft zu
atmen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

So stand ich, bis mir die Knie zitterten. Eintniger, schwarzgrauer
Nachtnebel vor meinen Augen.

Die kalten Eisenstbe schwitzten.

Es mute bald Mitternacht sein.

Hinter mir hrte ich schnarchen. Nur einer schien nicht schlafen zu
knnen: er warf sich hin und her auf dem Stroh und sthnte manchmal
halblaut auf.

Wollte denn der Morgen nicht endlich kommen?! Da! Es schlug wieder.

Ich zhlte mit bebenden Lippen:

Eins, zwei, drei! -- Gott sei Dank, nur noch wenige Stunden, dann mute
die Dmmerung kommen. Es schlug weiter:

Vier? fnf? -- Der Schwei trat mir auf die Stirn. -- Sechs!! -- Sieben
-- -- -- es war _elf_ Uhr.

Erst eine Stunde war vergangen, seit ich das letzte Mal hatte schlagen
hren.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Allmhlich legten sich meine Gedanken zurecht:

Wassertrum hatte mir die Uhr des vermiten Zottmann zugespielt, um mich
in Verdacht zu bringen, einen Mord begangen zu haben. -- Er mute also
selbst der Mrder sein; wie htte er sonst in den Besitz der Uhr kommen
knnen? Wrde er die Leiche irgendwo gefunden und dann erst beraubt
haben, htte er sich bestimmt die tausend Gulden Belohnung geholt, die
fr die Entdeckung des Vermiten ffentlich ausgesetzt waren. -- Das
konnte aber nicht sein: die Plakate klebten noch immer an den
Straenecken, wie ich deutlich auf meinem Weg ins Gefngnis gesehen
hatte. -- -- --

Da der Trdler mich angezeigt haben mute, war klar.

Ebenso: da er mit dem Polizeirat, wenigstens was Angelina betraf, unter
einer Decke steckte. Wozu sonst das Verhr wegen Savioli?

Andererseits ging daraus hervor, da Wassertrum Angelinas Briefe _noch
nicht_ in Hnden hatte.

Ich grbelte nach -- -- --

Mit einem Schlag stand alles mit entsetzlicher Deutlichkeit vor mir, als
wre ich selbst dabei gewesen.

Ja; nur so konnte es sein: Wassertrum hatte meine eiserne Kassette, in
der er Beweise vermutete, heimlich an sich genommen, als er gerade mit
seinen Polizeikomplizen meine Wohnung durchstberte, -- konnte sie nicht
sogleich ffnen, da ich den Schlssel bei mir trug und war -- -- --
vielleicht gerade jetzt daran, sie in seiner Hhle aufzubrechen.

In wahnsinniger Verzweiflung rttelte ich an den Gitterstben, sah
Wassertrum im Geiste vor mir, wie er in Angelinas Briefen whlte -- --

Wenn ich nur Charousek benachrichtigen knnte, da er Savioli wenigstens
rechtzeitig warnen ging!

Einen Augenblick klammerte ich mich an die Hoffnung, meine Verhaftung
msse bereits wie ein Lauffeuer in der Judenstadt bekannt geworden sein,
und ich vertraute auf Charousek wie auf einen rettenden Engel. Gegen
seine infernalische Schlauheit kam der Trdler nicht auf; Ich werde ihn
genau in der Stunde an der Gurgel haben, in der er Dr. Savioli an den
Hals will, hatte Charousek schon einmal gesagt.

In der nchsten Minute wieder verwarf ich alles und eine wilde Angst
packte mich: Wie, wenn Charousek zu spt kam?

Dann war Angelina verloren. -- -- --

Ich bi mir die Lippen blutig und zerkrallte mir die Brust aus Reue, da
ich die Briefe damals nicht sofort verbrannt hatte; -- -- -- ich schwor
es mir zu, Wassertrum noch in derselben Stunde aus der Welt zu schaffen,
wo ich wieder auf freiem Fu sein wrde.

Ob ich von eigner Hand starb oder am Galgen -- was lag mir daran!

Da der Untersuchungsrichter meinen Worten glauben wrde, wenn ich ihm
die Geschichte mit der Uhr plausibel machte, ihm von Wassertrums
Drohungen erzhlte, -- keinen Augenblick zweifelte ich daran.

Bestimmt morgen schon mute ich frei sein; zumindest wrde das Gericht
auch Wassertrum wegen Mordverdacht verhaften lassen.

Ich zhlte die Stunden und betete, da sie rascher vergehen mchten;
starrte hinaus in den schwrzlichen Dunst.

Nach unsglich langer Zeit fing es endlich an, heller zu werden, und
zuerst wie ein dunkler Fleck, dann immer deutlicher, tauchte ein
kupfernes, riesiges Gesicht aus dem Nebel: das Zifferblatt einer alten
Turmuhr. Doch die _Zeiger fehlten_; -- neuerliche Qual.

Dann schlug es fnf.

Ich hrte, wie die Gefangenen erwachten und ghnend eine Unterhaltung in
bhmischer Sprache fhrten.

Eine Stimme kam mir bekannt vor; ich drehte mich um, stieg von dem Brett
herunter und -- sah den blatternarbigen Loisa auf der Pritsche,
gegenber der meinigen, sitzen und mich verwundert anstarren.

Die beiden anderen waren Gesellen mit verwegenen Gesichtern und
musterten mich geringschtzig.

Defraudant? Was?, fragte der eine halblaut seinen Kameraden und stie
ihn mit dem Ellenbogen an.

Der Gefragte brummte verchtlich irgend etwas, kramte in seinem
Strohsack, holte ein schwarzes Papier hervor und legte es auf den Boden.

Dann schttete er aus dem Krug ein wenig Wasser darauf, kniete nieder,
bespiegelte sich darin und kmmte sich mit den Fingern das Haar in die
Stirn.

Hierauf trocknete er das Papier mit zrtlicher Sorgfalt ab und
versteckte es wieder unter der Pritsche.

Pan Pernath, Pan Pernath, murmelte Loisa dabei bestndig mit
aufgerissenen Augen vor sich hin, wie jemand, der ein Gespenst sieht.

Die Herrschaften kennen einand, wie ich bemerk, sagte der Ungekmmte,
dem dies auffiel, in dem geschraubten Dialekt eines tschechischen
Wieners und machte mir spttisch eine halbe Verbeugung: Erlaubens mich
vorzustellen: Vssatka ist mein Name. Der schwarze Vssatka. -- -- --
Brandstiftung, setzte er eine Oktave tiefer stolz hinzu.

Der Frisierte spuckte zwischen den Zhnen durch, blickte mich eine Weile
verchtlich an, deutete sich dann auf die Brust und sagte lakonisch:

Einbruch.

Ich schwieg.

No, und zweng wos fr einen Verdacht sin Sie hier, Herr Graf? fragte
der Wiener nach einer Pause.

Ich berlegte einen Moment, dann sagte ich ruhig: Wegen Raubmord.

Die beiden fuhren verblfft auf, der spttische Ausdruck auf ihren
Gesichtern machte einer Miene grenzenloser Hochachtung Platz, und sie
riefen fast wie aus einem Munde:

Rschpkt, Rschpkt.

Als sie sahen, da ich keine Notiz von ihnen nahm, zogen sie sich in die
Ecke zurck und unterhielten sich flsternd miteinander.

Nur einmal stand der Frisierte auf, kam zu mir, prfte schweigend die
Muskeln meines Oberarms und ging dann kopfschttelnd zu seinem Freund
zurck.

Sie sind doch auch unter dem Verdacht hier, den Zottmann ermordet zu
haben? fragte ich Loisa unauffllig.

Er nickte. Ja, schon lang.

Wieder vergingen einige Stunden.

Ich schlo die Augen und stellte mich schlafend.

Herr Pernath. Herr Pernath! hrte ich pltzlich ganz leise Loisas
Stimme.

Ja? -- -- -- Ich tat, als erwachte ich.

Herr Pernath? Bitte entschuldigen Sie, -- bitte -- bitte, wissen Sie
nicht, was die Rosina macht? -- Ist sie zu Hause?, stotterte der arme
Bursche. Er tat mir unendlich leid, wie er mit seinen entzndeten Augen
an meinen Lippen hing und vor Aufregung die Hnde verkrampfte.

Es geht ihr gut. Sie -- sie ist jetzt Kellnerin beim -- -- alten
Ungelt, log ich.

Ich sah, wie er erleichtert aufatmete.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Zwei Strflinge hatten auf einem Brett Blechtpfe mit heiem Wurstabsud
stumm hereingebracht und drei davon in die Zelle gestellt, dann knallten
nach einigen Stunden abermals die Riegel und der Aufseher fhrte mich
zum Untersuchungsrichter.

Mir schlotterten die Knie vor Erwartung, wie wir treppauf, treppab
schritten.

Glauben Sie, ist es mglich, da ich heute noch freigelassen werde?,
fragte ich den Aufseher beklommen.

Ich sah, wie er mitleidig ein Lcheln unterdrckte. Hm. Heute noch? Hm
-- -- Gott, -- mglich ist ja alles. --

Mir wurde eiskalt.

Wieder las ich eine Porzellantafel an einer Tr und einen Namen:

                    KARL FREIHERR VON LEISETRETER
                         Untersuchungsrichter

Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen
Aufstzen.

Ein alter, groer Mann mit weiem, geteiltem Vollbart, schwarzem
Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.

Sie sind Herr Pernath?

Jawohl.

Gemmenschneider?

Jawohl.

Zelle Nr. 70?

Jawohl.

Des Mordes an Zottmann verdchtig?

Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter -- --

_Des Mordes an Zottmann verdchtig?_

Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber -- --

Gestndig?

Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch
unschuldig!

_Gestndig?_

Nein.

Dann verhnge ich die Untersuchungshaft ber Sie. -- Fhren Sie den
Mann hinaus, Gefangenwrter.

Bitte, so hren Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, -- ich mu
unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu
veranlassen -- --

Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.

Der Herr Baron schmunzelte. --

Fhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwrter.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch sa ich in der
Zelle.

Um zwlf Uhr durften wir tglich hinunter in den Gefngnishof und mit
anderen Untersuchungsgefangenen und Strflingen zu zweit 40 Minuten im
Kreis herumgehen auf der nassen Erde.

Miteinander zu reden, war verboten.

In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen
Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.

An den Mauern wuchsen kmmerliche Ligusterstauden, die Bltter fast
schwarz vom fallenden Ru.

Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht
mit blutleeren Lippen herunterschaute.

Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grfte zu Brot, Wasser und
Wurstabsud und Sonntags zu faulenden Linsen.

Erst einmal war ich wieder vernommen worden:

Ob ich Zeugen htte, da mir Herr Wassertrum angeblich die Uhr
geschenkt habe?

Ja: Herrn Schemajah Hillel -- -- das heit -- nein (ich erinnerte
mich, er war nicht dabei gewesen) -- -- aber Herr Charousek -- nein,
auch er war ja nicht dabei.

Kurz: also niemand war dabei?

Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.

Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:

Fhren Sie den Mann hinaus, Gefangenwrter! -- -- --

Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der
Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mute, war vorber. Entweder
Wassertrums Racheplan war lngst geglckt, oder Charousek hatte
eingegriffen, sagte ich mir.

Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.

Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, da sich
das Wunder erneuere, -- wie sie frh am Morgen, wenn der Bcker kam,
hinauslief und mit bebenden Hnden das Brot untersuchte, -- wie sie
vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.

Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das
Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und
verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken mchten zu Hillel dringen
und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlsen von der
Qual des Hoffens auf ein Wunder.

Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir
die Brust fast zersprang, -- um das Bild meines Doppelgngers vor mich
zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken knnte als einen Trost.

Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben:
Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte
aufschreien vor Jubel, da jetzt alles wieder gut wrde, aber er war in
den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu
erscheinen. -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Da ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!

Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine
Zellengenossen.

Sie wuten es nicht.

Sie htten noch nie welche bekommen -- allerdings wre auch niemand da,
der ihnen schreiben knnte, sagten sie.

Der Gefangenwrter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen. -- --

Meine Ngel waren rissig geworden vom Abbeien und mein Haar verwildert,
denn Schere, Kamm und Brste gab es nicht.

Auch kein Wasser zum Waschen.

Fast ununterbrochen kmpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war
mit Soda gewrzt statt mit Salz. -- -- Eine Gefngnisvorschrift, um dem
berhandnehmen des Geschlechtstriebes vorzubeugen. -- --

Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintnigkeit.

Drehte sich im Kreis wie ein Rad der Qual.

Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo pltzlich
einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und niederlief wie
ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen
zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten -- zu warten -- zu warten.

Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen ber die
Wnde und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Sbel und
Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein
Ungeziefer htte.

Frchtete man vielleicht im Landesgericht, es knne eine Kreuzung
_fremder_ Insektenrassen entstehen?

Mittwoch vormittags kam gewhnlich ein Schweinskopf herein mit
Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: Der Gefngnisarzt Dr. Rosenblatt,
und berzeugte sich, da alle vor Gesundheit strotzten.

Und wenn einer sich beschwerte, gleichgltig worber, so verschrieb er
-- Zinksalbe zum Einreiben der Brust.

Einmal kam auch der Landesgerichtsprsident -- ein hochgewachsener,
parfmierter Halunke der guten Gesellschaft, dem die gemeinsten Laster
im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob -- alles in Ordnung
sei: ob sich noch immer kaner derhenkt hobe, wie sich der Frisierte
ausdrckte.

Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er
einen Satz hinter den Gefangenwrter gemacht und mir einen Revolver
vorgehalten. -- Was ich denn wolle, schrie er mich an.

Ob Briefe fr mich da seien, fragte ich hflich. Statt der Antwort bekam
ich einen Sto vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf
das Weite suchte. Auch der Herr Prsident zog sich zurck und hhnte
durch den Trausschnitt: -- ich solle lieber den Mord gestehen. Eher
bekme ich in diesem Leben keine Briefe.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich hatte mich lngst an die schlechte Luft und die Hitze gewhnt und
frstelte bestndig. Selbst, wenn die Sonne schien.

Zwei der Gefangenen hatten schon einige Mal gewechselt, aber ich achtete
nicht darauf. Diese Woche war es ein Taschendieb und ein Wegelagerer,
das nchste Mal ein Falschmnzer oder ein Hehler, die hereingefhrt
wurden.

Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.

Gegen das Whlen der Sorge um Mirjam verblaten alle uern
Begebenheiten.

Nur _ein_ Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprgt -- es verfolgte mich
zuweilen als Zerrbild bis in den Traum.

Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu
starren, da fhlte ich pltzlich, da mich ein spitzer Gegenstand in die
Hfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, da es die Feile gewesen
war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt
hatte. Sie mute schon lange dort gesteckt haben, sonst htte sie der
Mann in der Flurstube gewi bemerkt.

Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.

Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte
keinen Augenblick, da nur Loisa sie genommen haben konnte.

Einige Tage spter holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock
tiefer unterzubringen.

Es drfe nicht sein, da zwei Untersuchungsgefangene, die desselben
Verbrechens beschuldigt wren, wie er und ich, in der gleichen Zelle
sen, hatte der Gefangenwrter gesagt.

Von ganzem Herzen wnschte ich, es mchte dem armen Burschen gelingen,
sich mit Hilfe der Feile zu befreien.




                                 Mai


Auf meine Frage, welches Datum denn wre -- die Sonne schien so warm wie
im Hochsommer und der mde Baum im Hof trieb ein paar Knospen -- hatte
der Gefangenwrter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflstert, es
sei der 15. Mai. Eigentlich drfe er es nicht sagen, denn es sei
verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, -- insbesondere solche, die
noch nicht gestanden htten, mten hinsichtlich der Zeit im unklaren
gehalten werden.

Drei volle Monate war ich also schon im Gefngnis und noch immer keine
Nachricht aus der Welt da drauen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wenn es Abend wurde, drangen leise Klnge eines Klaviers durch das
Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.

Die Tochter des Beschlieers unten spiele, hatte mir ein Strfling
gesagt. -- --

Tag und Nacht trumte ich von Mirjam.

Wie es ihr wohl ging?!

Zuzeiten hatte ich das trstliche Gefhl, als seien meine Gedanken zu
ihr gedrungen und stnden an ihrem Bette, whrend sie schlief, und
legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.

Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem
andern meiner Zellengenossen zum Verhr gefhrt wurde, -- nur ich nicht,
-- drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange
tot.

Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder
nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die
ich aus dem Strohsack ri, sollte mir Antwort geben.

Und fast jedesmal ging es schlecht aus, und ich whlte in meinem
Innern nach einem Blick in die Zukunft; -- suchte meine Seele, die mir
das Geheimnis verbarg, zu berlisten durch die scheinbar abseits
liegende Frage, ob wohl fr mich dereinst noch ein Tag kommen wrde, wo
ich heiter sein und wieder lachen knnte.

Immer bejahte das Orakel in solchen Fllen, und dann war ich eine Stunde
lang glcklich und froh.

Wie eine Pflanze heimlich wchst und sprot, war allmhlich in mir eine
unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich fate es nicht,
da ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden knnen, ohne mir
damals schon klar darber geworden zu sein.

Der zitternde Wunsch, da auch sie mit gleichen Gefhlen an mich denken
mchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der
Gewiheit, und wenn ich dann auf dem Gange drauen einen Schritt hrte,
frchtete ich mich beinahe davor, man knne mich holen und freilassen
und mein Traum wrde in der groben Wirklichkeit der Auenwelt in nichts
zerrinnen.

Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, da ich
auch das leiseste Gerusch vernahm.

Jedesmal bei Anbruch der Nacht hrte ich in der Ferne einen Wagen fahren
und zergrbelte mir den Kopf, wer wohl darin sitzen mchte.

Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, da es Menschen gab
da drauen, die tun und lassen durften, was sie wollten, -- die sich
frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als
unbeschreiblichen Jubel empfanden.

Da auch ich jemals wieder so glcklich werden wrde, im Sonnenschein
durch die Straen wandern zu knnen -- -- ich war nicht mehr imstande,
es mir vorzustellen.

Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem
lngstverflossenen Dasein anzugehren; -- ich dachte daran zurck mit
jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch
aufschlgt und findet darin welke Blumen, die einst die Geliebte der
Jugendjahre getragen hat.

Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend fr Abend mit Vrieslander und
Prokop beim Ungelt sa und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus
machte?

Nein, es war doch Mai -- die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten
durch die Provinznester zog und auf grnen Wiesen vor den Toren den
Ritter Blaubart spielte.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich sa allein in der Zelle. -- Vssatka, der Brandstifter, mein
einziger Gefhrte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum
Untersuchungsrichter geholt worden.

Merkwrdig lange dauerte diesmal sein Verhr.

Da. Die eiserne Vorlegstange klirrte an der Tr. Und mit
freudestrahlender Miene strmte Vssatka herein, warf ein Bndel Kleider
auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.

Den Strflingsanzug warf er Stck um Stck mit einem Fluch auf den
Boden.

Nix hamms mer beweisen knna, d Hallodri. -- Brandstiftung! -- Ja
doder er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. Auf den
schwarzen Vssatka sans jung. -- Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi
fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen -- den Herrn
von Wind. -- No servus heit Abend! -- Do werd aufdraht. Beim
Loisitschek. -- Er breitete die Arme aus und tanzte einen
G'strampften. -- Nur einmahl im Lebhn blie--het der Mai. -- Er
stlpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen
blaugesprenkelten Nuhherfeder darauf ber den Schdel. -- Ja,
richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana
Freund, der Loisa, is ausbrochen! -- Grad hab i's erfahrehn oben bei die
Hallodri. Schon vurigen Monat -- gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht
und ist lngs ieber -- pbhuit -- er schlug sich mit den Fingern auf den
Handrcken -- ieber alle Bergh. --

Aha, die Feile, dachte ich mir und lchelte.

Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf, der Brandstifter
streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, da Sie mglichst bei
Zeithn freikommen. -- Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen
Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vssatka. -- Kennte
mich jdes Madel durten. So! -- Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein
Vergniegen.

Er stand noch in der Tre, da schob der Wrter schon einen neuen
Untersuchungsgefangenen in die Zelle.

Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der
Soldatenmtze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der
Hahnpagasse gestanden hatte. Eine freudige berraschung! Vielleicht
wute er zufllig etwas ber Hillel und Zwakh und alle die andern?

Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem grten
Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und
bedeutete mir, ich solle schweigen.

Erst als die Tr von drauen abgesperrt und der Schritt des
Gefangenwrters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.

Mir schlug das Herz vor Aufregung.

Was sollte das bedeuten?

Kannte er mich denn, und was wollte er?

Das erste, was der Schlot tat, war, da er sich niedersetzte und seinen
linken Stiefel auszog.

Dann zerrte er mit den Zhnen einen Stpsel aus dem Absatz, entnahm dem
entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, ri die
anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides
mit stolzer Miene hin. --

Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im
geringsten zu achten.

So! Einen schnen Gru vom Herrn Charousek.

Ich war so verblfft, da ich kein Wort herausbringen konnte. --

Brauchens' blo Eisenblechl nhmen und Sohlen ausanand brechen in der
Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. -- Ise nmlich hohl inewndig --
erklrte der Schlot mit berlegener Miene, und finden Sie sich drinn
eine Brieffel von Herrn Charousek.

Im berma meines Entzckens fiel ich dem Schlot um den Hals und die
Trnen strzten mir aus den Augen.

Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:

Missen sich mehr zusammennhmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht
eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, da
ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim
Pordjh die Nummern mitsamm vertauscht. --

Ich mute wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot
fuhr fort:

Wann Sie das auch nicht versthn, macht nix. Kurz: ich bin ich hier,
Pasta!

Sagen Sie doch, fiel ich ihm ins Wort, sagen Sie doch, Herr -- --
Herr -- -- --

Wenzel, -- half mir der Schlot aus, ich hei' ich der schne Wenzel.

Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht
es seiner Tochter?

Dazu ist jetz keine Zeit nicht, unterbrach mich der schne Wenzel
ungeduldig. Ich kann ich doch im nxen Augenblick herausgeschmissen
werden. -- Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra
eingestanden hab -- --

Was, Sie haben blo meinetwegen, und um zu mir kommen zu knnen, einen
Raubanfall begangen, Wenzel? fragte ich erschttert.

Der Schlot schttelte verchtlich den Kopf: Wann ich wirklich einen
Raubanfall _begangen_ htt, mecht ich ihm doch nicht _eingesthen_. Was
glauben Sie von mir!?

Ich verstand allmhlich: -- der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um
mir den Brief Charouseks ins Gefngnis zu schmuggeln.

So; zuverderscht -- er machte ein uerst wichtiges Gesicht -- mu
ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gben.

Worin?

In der Ebilebsie! -- Gbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles
genau! -- Alsdann schaugens hr: Zuerscht macht me Speichel in der
Goschen; -- er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie
jemand, der sich den Mund aussplt -- dann kriegt me Schaum vorm Maul,
sengen S' so: -- er machte auch dies. Mit widerwrtiger Natrlichkeit.
-- Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. -- Nachhe kugelt me die
Augen raus -- er schielte entsetzlich -- und dann -- das ise sich bisl
schwr -- stot me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: B -- b -- b,
-- und gleichzeitig fallt me sich um. -- Er lie sich der Lnge nach zu
Boden fallen, da das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:

Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert
gottslig beim >Bataljohn< gelernt hat.

Ja, ja, es ist tuschend hnlich, gab ich zu, aber wozu dient das
alles?

Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!, erklrte der schne
Wenzel. Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar
kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich
pumperlgesund! -- Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsrschpkt. Wann
aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. -- -- Und da
ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug; -- er wurde tief
geheimnisvoll -- den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nmlich
durchgesgt und nur schwach mit Dreck zusammenpappt. -- Es ise sich das
ein Geheimnis vom Bataljohn! -- Sie brauchen dann blo ein paar Nchte
scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis
vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand
nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen
Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter
auf die Straen. -- Pasta.

Weshalb soll ich denn aus dem Gefngnis ausbrechen? wandte ich
schchtern ein, ich bin doch unschuldig.

Da ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!, widerlegte mich der
schne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.

Ich mute meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen
Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines Bataillonsbeschlusses war,
auszureden.

Da ich die Gabe Gottes von der Hand wies und lieber warten wollte,
bis ich von selbst freikommen wrde, war ihm unbegreiflich.

Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das
allerherzlichste, sagte ich gerhrt und drckte ihm die Hand. Wenn die
schwere Zeit fr mich vorber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen
allen erkenntlich zu zeigen.

Ise gar nicht ntig, lehnte Wenzel freundlich ab. Wann Sie ein paar
Glas >Pils< zahlen, nhmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan
Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn, hat e' uns schon
erzhlt, was Sie fr ein heimlicher Wohltter sin. Soll ich ihm was
ausrichten, wenn ich in paar Tg wieder herauskomm?

Ja, bitte, fiel ich rasch ein, sagen Sie ihm, er mchte zu Hillel
gehen und ihm mitteilen, ich htte soviel Angst wegen der Gesundheit
seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen.
-- Werden Sie sich den Namen merken?: _Hillel_!

Hirrl?

Nein: Hillel.

Hillr?

Nein: Hill--el.

Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem fr einen Tschechen
unmglichen Namen, aber schlielich bewltigte er ihn doch unter wilden
Grimassen.

Und dann noch eins: Herr Charousek mge -- ich lasse ihn herzlich drum
bitten -- sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der vornehmen
Dame -- er wei schon, wer darunter zu verstehen ist -- annehmen.

Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was das
Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz -- dem Dr. Sapoli? -- No, die hat sich
doch scheiden lassen und ise mit ihrem Kind und dem Sapoli furt.

Wissen Sie das bestimmt?

Ich fhlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen
freute, -- es krampfte mir dennoch das Herz zusammen.

Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt -- -- -- war ich
vergessen.

Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmrder.

Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.

Der Schlot schien mit dem Feingefhl, das verwahrlosten Menschen
seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen,
erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und
antwortete nicht.

Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Frulein
Mirjam geht? Kennen Sie sie?, fragte ich gepret.

Mirjam? Mirjam? -- Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten
-- Mirjam? -- Ght sich die fters in der Nacht zum Loisitschek?

Ich mute unwillkrlich lcheln. Nein. Bestimmt nicht.

Dann kenn ich sie nicht, sagte Wenzel trocken.

Wir schwiegen eine Weile.

Vielleicht steht in dem Briefchen etwas ber sie, hoffte ich.

Da den Wassertrum der Deiwel g'holt hat, fing Wenzel pltzlich wieder
an, wrden Sie sich wohl schon gehrt haben?

Ich fuhr entsetzt auf.

No ja. -- Wenzel deutete auf seine Kehle. -- Murxi, murxi! Ich sag
ich Ihnn; es war Ihnn schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen
haben, weil er sich paar Tg nicht hat segen lassen, war ich natrierlich
der erschte drin; -- wie denn nicht! -- Und da hat e' durten g'sssen,
der Wassertrum, in einen dreckigen Lhnsessel, die Brust voller Blut und
die Augen wie aus Glas. -- -- -- -- -- Wissen S', ich bin ich ein
handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedrht, sag ich Ihnn, und ich
hab' gemeint, ich hau ich ohnmchtig hi--iin. Furt' a furt' hab' ich mir
vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht
auf, es is doch blo ein toter Jud. -- Er hat eine Feile in der Kehle
stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. -- Ein
Raubmord natierlich.

Die Feile! Die Feile! Ich fhlte, wie mir der Atem kalt wurde vor
Grausen. -- Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!

Ich wei ich auch, wer's war, fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut
fort. Niemand anders, sag ich Ihnn, als der blattersteppige Loiso. --
Ich hab' ich nmlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt
und rasch eing'stckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. -- Er
ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden -- -- -- -- -- er
brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang
angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an,
frchterlich zu schnarchen.

Gleich darauf klirrte das Vorhngeschlo und der Gefngniswrter kam
herein und musterte mich argwhnisch.

Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.

Erst nach vielen Pffen richtete er sich ghnend auf und taumelte,
gefolgt von dem Wrter, schlaftrunken hinaus.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.

Mein lieber armer Freund und Wohltter!

Woche um Woche habe ich gewartet, da Sie endlich freikommen wrden, --
immer vergebens, -- habe alle mglichen Schritte versucht, um
Entlastungsmaterial fr Sie zu sammeln, aber ich fand keins.

Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber
jedesmal hie es, er knne nichts tun, -- es sei Sache der
Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.

Amtsschimmel!

_Eben erst, vor einer Stunde_, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir
den _besten_ Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, da Jaromir dem
Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung
seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.

Beim >Loisitschek<, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht
das Gercht, man htte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann --
dessen Leiche brigens noch immer nicht entdeckt ist -- als ^corpus
delicti^ bei _Ihnen_ gefunden. Das brige reimte ich mir zusammen:
Wassertrum ^et cetera^!

Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl. gegeben -- -- Ich
lie den Brief sinken und die Freudentrnen traten mir in die Augen: nur
Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch
Prokop, noch Vrieslander besaen soviel Geld. -- Sie hatte mich also
doch nicht vergessen! -- Ich las weiter:

-- 1000 fl. gegeben und ihm weitere 2000 fl. versprochen, wenn er mit
mir sofort zur Polizei ginge und eingestnde, die Uhr seinem Bruder zu
Hause entwendet und verkauft zu haben.

Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel
bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.

Aber seien Sie versichert: es _wird_ geschehen. _Heute_ noch. Ich brge
Ihnen dafr.

Ich zweifle keinen Augenblick, da Loisa den Mord begangen hat und die
Uhr die Zottmanns ist.

Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, dann wei Jaromir, was
er zu tun hat: -- _Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene
agnoszieren_.

Also: harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei
sein werden, steht vielleicht bald bevor.

Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?

Ich wei es nicht.

Fast mchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu
Ende, und _ich mu auf der Hut sein, da mich die letzte Stunde nicht
berrascht_.

Aber eins halten Sie fest: wir _werden_ uns wiedersehen.

Wenn auch nicht in _diesem_ Leben und nicht wie die Toten in _jenem_
Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, -- wo, wie es in der
Bibel steht, der HERR _die_ ausspeien wird aus seinem Munde, die lau
waren und weder kalt noch warm. -- -- --

Wundern Sie sich nicht, da ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen ber
diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort >Kabbala< berhrten,
bin ich Ihnen ausgewichen, aber -- ich wei, was ich wei.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen
Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem
Gedchtnis. -- -- Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich -- ein Zeichen
auf Ihrer Brust zu sehen. -- Mag sein, da ich wach getrumt habe.

Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, da ich
gewisse Erkenntnisse gehabt habe -- innerlich! -- fast schon von
Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg gefhrt haben; --
Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder,
Gott sei Dank, noch nicht wei; hoffentlich auch nie erfahren wird.

Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren
hchstes Ziel es ist, einen -- >Wartesaal< auszustaffieren, den man am
besten niederrisse.

Doch genug davon.

Ich will Ihnen lieber erzhlen, was sich inzwischen zugetragen hat:

Ende April war Wassertrum soweit, da meine Suggestion anfing zu wirken.

Ich sah es daran, da er auf der Gasse bestndig gestikulierte und laut
mit sich selbst sprach.

So etwas ist ein sicheres Zeichen, da die Gedanken eines Menschen sich
zum Sturm rotten, um ber ihren Herrn herzufallen.

Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.

Er schrieb!

Er schrieb! Da ich nicht lache! Er _schrieb_.

Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wute ich, was er
oben machte: -- er machte sein Testament.

Da er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht.
Ich htte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergngen, wenn's
mir eingefallen wre.

Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an
dem er noch etwas gutmachen knnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn
berlistet.

Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich wrde ihn segnen, wenn ich mich
nach seinem Tode durch seine Huld pltzlich als Millionr she, und
dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat
mit anhren mssen.

Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.

Rasend witzig, da er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im
Jenseits geglaubt hat, whrend er sich's das ganze Leben lang mhselig
ausreden wollte.

Aber so ist's bei allen den ganz Gescheiten; man sieht es schon an der
wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt.
Sie fhlen sich ertappt.

Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, lie ich ihn nicht mehr
aus dem Auge.

Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede
Minute konnte die Entscheidung fallen. --

Ich glaube, durch Mauern hindurch wrde ich das ersehnte schnalzende
Gerusch gehrt haben, wenn er den Stpsel aus der Giftflasche gezogen
htte.

Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war
vollbracht.

Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.

Lassen Sie sich das Nhere von Wenzel erzhlen, mir wird es zu bitter,
alles das niederschreiben zu mssen.

Nennen Sie es Aberglaube, -- aber, wie ich sah, da Blut _vergossen_
worden war -- die Dinge im Laden waren befleckt davon, -- kam es mir
vor, als sei mir seine Seele entwischt.

Etwas in mir, -- ein feiner, untrglicher Instinkt -- sagt mir, da es
nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt, oder von
eigener: -- da Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde htte nehmen
mssen, dann erst wre meine Mission erfllt gewesen. -- Jetzt, wo es
anders gekommen ist, fhle ich mich als Ausgestoener, als ein Werkzeug,
das nicht wrdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.

Aber ich will mich nicht auflehnen. _Mein Ha ist von der Art, die bers
Grab hinausgeht_, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich
vergieen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich
der Schatten auf Schritt und Tritt. -- -- --

Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich drauen bei
ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.

Ich glaube, ich wei es bereits, aber ich will noch warten, bis das
innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. -- Wir
Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis
wir das Flstern unserer Seele verstehen. -- -- --

In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt,
da mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.

Da ich fr mich keinen Kreuzer davon anrhre, brauche ich Ihnen wohl
nicht zu versichern, Herr Pernath. -- Ich werde mich hten, >ihm< -- fr
>drben< eine Handhabe zu geben.

Die Huser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstnde,
die er berhrt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert
sich dann ergibt, fllt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. --

Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann
Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmiges Eigentum mit
Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wute ich, da Wassertrum vor
Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, -- erst
jetzt bin ich in der Lage, es aktenmig nachweisen zu knnen.

Ein zweites Drittel wird unter die zwlf Mitglieder des Bataillons
verteilt, die den Dr. Hulbert noch persnlich gekannt haben. Ich will,
da jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager -- guten
Gesellschaft.

Das letzte Drittel gehrt zu gleichen Teilen den nchsten sieben
Raubmrdern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen
werden mssen.

Ich bin das dem ffentlichen rgernis schuldig.

So. Das wre wohl alles.

Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie
zuweilen

                                                                 Ihres
                                            aufrichtigen und dankbaren
                                                  Innocenz Charousek.

Tief erschttert legte ich den Brief aus der Hand.

Ich konnte mich nicht freuen ber die Nachricht von meiner
bevorstehenden Enthaftung.

Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kmmerte er sich um mein
Schicksal. Blo, weil ich ihm einst 100 fl. geschenkt hatte. Wenn ich
ihm nur einmal noch die Hand drcken knnte!

Ich fhlte: ja, er hatte recht; der Tag wrde nie kommen.

Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindschtigen
Schultern, die hohe, noble Stirn.

Vielleicht, da alles ganz anders gekommen wre, wenn eine hilfreiche
Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen htte.

Noch einmal las ich den Brief durch.

Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er berhaupt irrsinnig
war?

Ich schmte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick
geduldet zu haben.

Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie
Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, ber den die eigene Seele Gewalt
gewonnen hatte, -- den sie durch die wilden Schluchten und Klfte des
Lebens emporfhrte in die Firnenwelt eines unbetretenen Landes.

Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner
da, als irgendeiner von denen, die nasermpfend umhergehen und
angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen
vorgeben?

Er hielt das Gebot, das ihm ein bermchtiger Trieb diktierte, ohne an
eine Belohnung hier oder jenseits auch nur zu denken.

Was er getan hatte, war es etwas anderes als frmmste Pflichterfllung
in des Wortes verborgenster Bedeutung?

Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische -- eine
Verbrechernatur -- ich hrte frmlich, wie das Urteil der Menge ber
ihn lauten mute, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele
hineinleuchten kme, -- dieser geifernden Menge, die nie und nimmer
begreifen wird, da die giftige Herbstzeitlose tausendfach schner und
edler ist als der ntzliche Schnittlauch. -- -- --

Wieder ging das Trschlo drauen, und ich hrte, da man einen Menschen
hereinschob.

Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfllt von dem
Eindruck des Briefes.

Kein Wort ber Angelina, nichts von Hillel stand darin.

Freilich: Charousek mute in grter Eile geschrieben haben, die Schrift
verriet es mir.

Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich berbracht werden wrde?

Ich hoffte auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der
Gefangenen im Hof. -- Da war es noch am leichtesten, da mir irgendeiner
vom Bataillon etwas zusteckte.

Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grbeleien:

Wrden Sie gestatten, mein Herr, da ich mich Ihnen vorstelle? Mein
Name ist Laponder. Amadeus Laponder.

Ich drehte mich um.

Ein kleiner, schmchtiger, noch ziemlich junger Mann in gewhlter
Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich
korrekt vor mir.

Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine groen, hellgrn
glnzenden, mandelfrmigen Augen hatten das Eigentmliche an sich, da,
so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu
sehen schienen. -- Es lag so etwas wie -- Geistesabwesenheit darin.

Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich
wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht
wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lcheln,
das die aufwrts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen
bestndig seinem Gesicht aufdrckten.

Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit
seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mdchenhaft schmalen Nase
und den zarten Nstern.

Amadeus Laponder, Amadeus Laponder, wiederholte ich vor mich hin.

Was er wohl begangen haben mag?

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                 Mond


Waren Sie schon beim Verhr, fragte ich nach einer Weile.

Ich komme soeben von dort. -- Hoffentlich werde ich Sie hier nicht
lange inkommodieren mssen, antwortete Herr Laponder liebenswrdig.

Armer Teufel, dachte ich mir, er ahnt nicht, was einem
Untersuchungsgefangenen bevorsteht.

Ich wollte ihn langsam vorbereiten:

Man gewhnt sich allmhlich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten,
schlimmsten Tage vorber sind. -- --

Er machte ein verbindliches Gesicht.

Pause.

Hat das Verhr lange gedauert, Herr Laponder?

Er lchelte zerstreut:

Nein. Ich wurde blo gefragt, ob ich gestndig sei, und mute das
Protokoll unterschreiben.

Sie haben unterschrieben, da Sie gestndig sind? fuhr es mir heraus.

Allerdings.

Er sagte es, als ob es sich von selbst verstnde.

Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar
keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell
oder etwas hnliches.

Ich bin leider schon so lange hier, da es mir wie ein Menschenleben
vorkommt; -- ich seufzte unwillkrlich, und er machte sofort eine
teilnehmende Miene. Ich wnsche Ihnen, da Sie das nicht mitzumachen
brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie wohl bald
wieder auf freiem Fu sein.

Wie man's nimmt, antwortete er ruhig, aber es klang wie ein
versteckter Doppelsinn.

Sie glauben nicht?, fragte ich lchelnd. Er schttelte den Kopf.

Wie soll ich das verstehen? -- Was haben Sie denn gar so Schreckliches
begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir,
-- lediglich Teilnahme, da ich frage.

Er zgerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu
zucken:

Lustmord.

Mir war, als htte er mich mit einem Stock ber den Kopf geschlagen.

Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.

Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das
leiseste Mienenspiel in seinem automatenhaft lchelnden Gesicht verriet,
da er ber mein pltzlich verndertes Benehmen verletzt gewesen wre.

Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. --
-- --

Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er
sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hngte sorgsam seine Kleider
an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen,
tiefen Atemzgen zu schlieen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu
sein.

Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.

Das bestndige Gefhl, ein solches Scheusal in meiner nchsten Nhe zu
haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu mssen, war mir so grlich und
aufregend, da die Eindrcke des Tages, Charouseks Brief und all das
erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.

Ich hatte mich so gelegt, da ich den Mrder bestndig im Auge behielt,
denn ich wrde es nicht haben ertragen knnen, ihn hinter mir zu wissen.

Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdmmert und ich konnte
sehen, da Laponder regungslos, fast starr, dalag.

Seine Zge hatten etwas Leichenhaftes bekommen und der halbgeffnete
Mund erhhte diesen Eindruck.

Viele Stunden hindurch nderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.

Erst spt nach Mitternacht, als ein dnner Mondstrahl auf sein Gesicht
fiel, kam eine leise Unruhe ber ihn und er bewegte unhrbar die Lippen,
wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu
sein, -- ein zweisilbiger Satz vielleicht, -- so wie:

La mich. La mich. La mich.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die nchsten paar Tage vergingen, ohne da ich Notiz von ihm genommen
htte, und auch er brach niemals das Schweigen.

Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswrdig. So oft ich auf
und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog hflich, wenn er
auf der Pritsche sa, die Fe zurck, um mir nicht im Wege zu sein.

Ich fing an, mir Vorwrfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte
aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.

So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nhe gewhnen zu knnen, -- es
ging nicht.

Selbst in den Nchten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde
verbrachte ich im Schlaf.

Abend fr Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete
respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte
sie pedantisch in Falten, hngte sie auf, und so weiter und so weiter.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eines Nachts -- es mochte um die zweite Stunde sein -- stand ich
schlaftrunken vor Mdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den
Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes l auf dem kupfernen
Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.

_Da hrte ich pltzlich leise ihre Stimme hinter mir._

Sofort war ich wach, berwach, -- fuhr herum und horchte.

Eine Minute verging.

Schon glaubte ich, ich htte mich getuscht, da kam es wieder. Ich
konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:

Frag' mich. Frag' mich.

_Es war bestimmt Mirjams Stimme._

Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat
an das Bett Laponders.

Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich
unterscheiden, da er die Lider offen hatte, doch nur das Weie der
Augpfel war sichtbar.

An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, da er im Tiefschlaf lag.

Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich.

Und allmhlich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zhnen
hervordrangen:

Frag' mich. Frag' mich.

Die Stimme war der Mirjams tuschend hnlich.

Mirjam? Mirjam? rief ich unwillkrlich, dmpfte aber sofort den Ton,
um den Schlfer nicht zu erwecken.

Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann
wiederholte ich leise:

Mirjam? Mirjam?

Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:

Ja.

Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen.

Nach einer Weile hrte ich _Mirjams Stimme_ flstern -- so unverkennbar
ihre Stimme, da mir Klteschauer ber die Haut liefen.

Ich trank die Worte so gierig, da ich nur den Sinn begriff. Sie sprach
von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glck, da wir uns endlich
gefunden htten -- und uns nie wieder trennen wrden -- hastig -- ohne
Pause, wie jemand, der frchtet unterbrochen zu werden und jede Sekunde
ausntzen will.

Dann wurde die Stimme stockend -- erlosch zeitweilig ganz.

Mirjam? fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem,
Mirjam, bist du gestorben?

Lange keine Antwort.

Dann fast unverstndlich:

Nein. -- Ich lebe. -- Ich schlafe. -- --

Nichts mehr.

Ich lauschte und lauschte.

Vergebens.

Nichts mehr.

Vor Ergriffenheit und Zittern mute ich mich auf die Kante der Pritsche
sttzen, um nicht vornber auf Laponder zu fallen.

Die Tuschung war so vollstndig gewesen, da ich Mirjam momentelang
tatschlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft
zusammennehmen mute, um nicht einen Ku auf die Lippen des Mrders zu
drcken.

Henoch! Henoch! -- hrte ich ihn pltzlich lallen, dann immer klarer
und artikulierter: Henoch! Henoch!

Sofort erkannte ich Hillel.

Bist du es, Hillel?

Keine Antwort.

Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, da man Schlafenden, um sie zum
Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen drfe, sondern gegen
das Nervengeflecht in der Magengrube richten msse.

Ich tat es:

Hillel?

Ja, ich hre dich!

Ist Mirjam gesund? Weit du alles?, fragte ich schnell.

Ja. Ich wei alles. Wute es lngst. -- Sei ohne Sorge, Henoch, und
frchte dich nicht!

Kannst du mir verzeihen, Hillel?

Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.

Werden wir uns bald wiedersehen? -- Ich frchtete, die Antwort nicht
mehr verstehen zu knnen; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht
worden.

Ich hoffe es. Ich will warten -- auf dich -- wenn ich kann -- dann mu
ich -- Land --

Wohin? In welches Land? -- ich fiel beinahe auf Laponder -- In
welches Land? In welches Land?

-- Land -- Gad -- sdlich -- Palstina --

Die Stimme erstarb.

Hundert Fragen schossen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum
nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina,
_Charousek_.

Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen, kam es pltzlich
wieder laut und deutlich von den Lippen des Mrders. Diesmal in
Charouseks Tonfall, aber hnlich so, als htte ich es selbst gesagt.

Ich erinnerte mich: es war wrtlich der Schlusatz aus Charouseks Brief.
--

Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die
Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mute es aus der Zelle
verschwunden sein.

Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:

Der Mrder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider
geschlossen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich machte mir die heftigsten Vorwrfe, all die Tage ber in Laponder
nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. --

Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler -- ein
Geschpf, das unter dem Einflu des Vollmonds stand.

Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dmmerzustand begangen.
Bestimmt sogar. --

Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zgen gewichen
und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.

So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem
Gewissen hat, sagte ich mir.

Ich konnte den Moment, wo er aufwachen wrde, kaum erwarten.

Ob er wohl wte, was geschehen war?

Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur
Seite.

Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: Verzeihen Sie mir, Herr
Laponder, da ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war
das Ungewohnte, das --

Seien Sie berzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen, unterbrach er
mich lebhaft, da es ein scheuliches Gefhl sein mu, mit einem
Lustmrder beisammen zu sein.

Reden Sie nicht mehr davon, bat ich. Es ist mir heute nacht so
mancherlei durch den Kopf gegangen und ich werde den Gedanken nicht los,
Sie knnten vielleicht -- -- -- -- -- ich suchte nach Worten.

Sie halten mich fr krank, half er mir heraus.

Ich bejahte: Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schlieen zu drfen.
Ich -- ich -- darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?

Ich bitte darum.

Es klingt etwas merkwrdig, -- aber -- wrden Sie mir sagen, was Sie
heute getrumt haben?

Er schttelte lchelnd den Kopf: Ich trume nie.

Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.

Er blickte berrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er
bestimmt:

Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben. -- Ich
gab es zu. Denn wie gesagt, ich trume nie. Ich -- ich wandere, setzte
er nach einer Pause halblaut hinzu.

Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?

Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es
fr angezeigt, ihm die Grnde zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn
zu dringen, und erzhlte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.

Sie knnen sich fest darauf verlassen, sagte er ernst, als ich zu Ende
war, da alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen
habe. Wenn ich vorhin bemerkte, da ich nicht trume, sondern >wandere<,
so meinte ich damit, da mein Traumleben anders beschaffen ist als das
-- sagen wir: _normaler_ Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein
Austreten aus dem Krper. -- -- So war ich z. B. heute nacht in einem
hchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch
eine Falltr fhrte.

Wie sah es aus?, fragte ich rasch. War es unbewohnt? Leer?

Nein; es standen Mbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem
ein junges Mdchen schlief -- oder wie scheintot lag, -- und ein Mann
sa neben ihr und hielt seine Hand ber ihre Stirn. -- Laponder
schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und
Mirjam.

Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.

Bitte, erzhlen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?

Sonst noch jemand? Warten Sie -- -- -- nein: sonst war niemand mehr im
Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. -- Dann ging
ich eine Wendeltreppe hinunter.

Sie war zerbrochen? fiel ich ein.

Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte
seitlich eine Kammer ab, darin sa ein Mann mit silbernen Schnallen an
den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen
gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrgstehenden Augen; --
er war vornber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen
Auftrag vielleicht.

Ein Buch, -- ein altes groes Buch haben Sie nirgends gesehen?,
forschte ich.

Er rieb sich die Stirn.

Ein Buch sagen Sie? -- Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es
war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem groen, goldenen
>A< fing die Seite an.

Mit einem >I< meinen Sie wohl?

Nein, mit einem >A<.

Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein >I<?

Nein, es war bestimmt ein >A<.

Ich schttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder
im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr
durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und
den unterirdischen Gang.

Haben Sie die Gabe zu >wandern<, wie Sie es nennen, schon lang?,
fragte ich.

Seit meinem 21. Jahr -- -- --, er stockte, schien nicht gern davon zu
reden; da nahm seine Miene pltzlich den Ausdruck grenzenlosen
Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas
she.

Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und
bat -- fast flehentlich:

Um Himmelswillen, sagen Sie mir _alles_. Es ist heute der letzte Tag,
den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde
werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhren -- --.

Ich unterbrach ihn entsetzt:

Dann mssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwren, da
Sie krank sind. -- Sie sind mondschtig. Es darf nicht sein, da man Sie
hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie
doch Vernunft an!

Er wehrte nervs ab: Das ist doch so nebenschlich, -- bitte, sagen Sie
mir alles!

Aber was soll ich Ihnen denn sagen? -- Reden wir doch lieber von
_Ihnen_ und -- --

Sie mssen, ich wei das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben,
die mich nah angehen, -- nher als Sie ahnen knnen; -- -- ich bitte
Sie, sagen Sie mir alles!, flehte er.

Ich konnte es nicht fassen, da ihn mein Leben mehr interessierte als
seine eigenen, doch wahrhaftig gengend dringenden Angelegenheiten; um
ihn aber zu beruhigen, erzhlte ich ihm alles, was mir an
Unbegreiflichem geschehen war.

Bei jedem greren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine
Sache bis zum Grund durchschaut.

Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir
gestanden und mir die schwarzroten Krner hingehalten hatte, konnte er
es kaum erwarten, den Schlu zu erfahren.

Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm, murmelte er sinnend.
Ich htte nie gedacht, da es einen _dritten_ >Weg< geben knnte.

Es war das kein dritter Weg, sagte ich, es war dasselbe, wie wenn ich
die Krner abgelehnt htte.

Er lchelte.

Glauben Sie nicht, Herr Laponder?

Wenn Sie sie abgelehnt htten, wren Sie wohl auch den >Weg des Lebens<
gegangen, aber die Krner, die magische Krfte bedeuten, wren nicht
zurckgeblieben. -- So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen.
Das heit: sie sind hier geblieben und werden von Ihren Vorfahren so
lange behtet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Krfte,
die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.

Ich verstand nicht: Von meinen Vorfahren werden die Krner behtet?

Sie mssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben,
erklrte Laponder. Der Kreis der blulich strahlenden Menschen, der Sie
umstand, war die Kette der ererbten >Iche<, die jeder von einer Mutter
Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts >Einzelnes<, --
sie soll es erst werden, und das nennt man dann: >Unsterblichkeit<; Ihre
Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen >Ichen< -- so, wie ein
Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler
tausend Vorfahren in sich: -- die Hupter Ihres Geschlechtes. Bei allen
Wesen ist es so. Wie knnte denn ein Huhn, das aus einem Ei knstlich
erbrtet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht
die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stke? -- Das Vorhandensein des
>Instinktes< verrt die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der
Seele. -- Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.

Ich erzhlte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam ber den
Hermaphroditen gesagt hatte.

Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, da Laponder wei
geworden war wie der Kalk an der Wand und Trnen ber seine Wangen
liefen.

Rasch stand ich auf, tat, als she ich es nicht, und ging in der Zelle
auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben wrde.

Dann setzte ich mich ihm gegenber und bot meine ganze Beredsamkeit auf,
ihn zu berzeugen, wie dringend ntig es wre, den Richtern gegenber
auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.

Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden htten!, schlo ich.

Aber ich mute doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt, sagte er
naiv.

Halten Sie denn eine Lge fr schlimmer als -- als einen Lustmord?,
fragte ich verblfft.

Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewi. -- Sehen Sie:
als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestnde, hatte
ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu
lgen oder nicht zu lgen. -- Als ich den Lustmord beging -- -- bitte,
ersparen Sie mir die Details: es war so grlich, da ich die Erinnerung
nicht wieder aufleben lassen mchte -- -- als ich den Lustmord beging,
da hatte ich _keine_ Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem
Bewutsein handelte, so hatte ich _dennoch keine Wahl_: Irgend etwas,
dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war
strker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben wrde, ich
htte gemordet? -- Nie habe ich gettet -- nicht einmal das kleinste
Tier, -- und jetzt wre ich es schon gar nicht imstande.

Nehmen Sie an, es wre Menschengesetz: zu morden, und auf der
Unterlassung stnde der Tod -- hnlich wie es im Krieg der Fall ist, --
augenblicklich htte ich mir den Tod verdient. -- Weil mir keine Wahl
bliebe. Ich knnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den
Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.

Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fhlen, mssen Sie
alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!, wandte ich ein.

Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: Sie irren! Die Richter
haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie
mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder bermorgen
wieder das Unheil losbricht?

Nein; aber in einer Heilanstalt fr Geisteskranke sollte man Sie
internieren. Das ist es doch, was ich sage!

Wenn ich irrsinnig wre, htten Sie recht, erwiderte Laponder
gleichmtig. Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes,
-- etwas, was dem Irrsein sehr hnlich sieht, aber gerade das Gegenteil
ist. Bitte, hren Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. -- -- --
Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf -- ein Symbol natrlich:
dieses Phantom, den Schlssel knnen Sie leicht finden, wenn Sie darber
nachdenken -- erzhlten, ist mir einst genau so passiert. Nur habe ich
die Krner _angenommen_. Ich gehe also den >Weg des Todes<! -- Fr mich
ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in
mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch fhren
mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum.
Niemals habe ich gezgert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.

Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.

Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:

   Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,
   und was der Herr von dir fordert,?

Wrde ich gelogen haben, htte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die
Wahl hatte; -- -- als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur
die Wirkung einer in mir schlummernden, lngst gelegten _Ursache_, ber
die ich keine Gewalt mehr besa, wurde frei.

Also sind meine Hnde rein.

Dadurch, da das Geistige in mir mich zum Mrder werden lie, hat es
eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, da mich die Menschen an den
Galgen knpfen, wird mein Schicksal losgelst von dem ihrigen: -- ich
komme zur Freiheit.

Er ist ein Heiliger, fhlte ich, und das Haar strubte sich mir vor
Schauer ber meine eigene Kleinheit.

Sie haben mir erzhlt, da Sie durch den hypnotischen Eingriff eines
Arztes in Ihr Bewutsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit
vergessen hatten, fuhr er fort. Es ist das das Kennzeichen, -- das
Stigma -- aller derer, die von der >Schlange des geistigen Reiches<
gebissen sind. Es scheint fast, als mten in uns zwei Leben
aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe
das _Wunder der Erweckung_ geschehen kann; -- was sonst durch den Tod
getrennt wird, geschieht hier durch Erlschen der Erinnerung -- manchmal
nur durch eine pltzliche innere Umkehr.

Bei mir war es so, da ich scheinbar ohne uere Ursache in meinem 21.
Jahr eines Morgens wie verndert erwachte. Was mir bis dahin lieb
gewesen, erschien mir mit einem Mal gleichgltig: Das Leben kam mir dumm
vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Trume
wurden zu Gewiheit -- zu apodiktischer, beweiskrftiger Gewiheit,
verstehen Sie wohl: _zu beweiskrftiger, realer_ Gewiheit, und das
Leben des Tages wurde zum Traum.

Alle Menschen knnten das, wenn sie den Schlssel htten. Und der
Schlssel liegt einzig und allein darin, da man sich seiner
>Ichgestalt<, sozusagen seiner _Haut_, im Schlaf bewut wird, -- die
schmale Ritze findet, durch die sich das Bewutsein zwngt zwischen
Wachsein und Tiefschlaf.

Darum sagte ich vorhin: ich >wandere< und nicht: >ich trume<.

Das Ringen nach der Unsterblichkeit ist ein Kampf um das Zepter gegen
die uns innewohnenden Klnge und Gespenster; und das Warten auf das
Knigwerden des eigenen >Ichs< ist das Warten auf den Messias.

Der schemenhafte Habal Garmin, den Sie gesehen haben, der >Hauch der
Knochen< der Kabbala, das war der Knig. Wenn er gekrnt sein wird, --
dann reit der Strick entzwei, mit dem Sie durch die uern Sinne und
den Schornstein des Verstandes an die Welt gebunden sind.

Wieso es kommen konnte, da ich trotz meinem Losgetrenntsein vom Leben
ber Nacht zum Lustmrder werden konnte, fragen Sie mich? Der Mensch ist
wie ein Glasrohr, durch das bunte Kugeln laufen: bei fast allen im Leben
nur eine. Ist die Kugel rot, heit der Mensch: >schlecht<. Ist sie gelb,
dann ist der Mensch: >gut<. Laufen zwei hintereinander -- eine rote und
eine gelbe, dann hat >man< einen >ungefestigten< Charakter. Wir von der
>Schlange Gebissenen<, machen in einem Leben durch, was sonst an der
ganzen Rasse in einem Weltenalter geschieht: die farbigen Kugeln rasen
hintereinander her durch das Glasrohr, und wenn sie zu Ende sind -- --
dann sind wir Propheten, -- sind die Spiegel Gottes geworden.

Laponder schwieg.

Lange konnte ich kein Wort sprechen. Seine Rede hatte mich fast betubt.

Weshalb fragten Sie mich vorhin so ngstlich nach _meinen_ Erlebnissen,
wo Sie doch so viel, viel hher stehen als ich?, fing ich endlich
wieder an.

Sie irren, sagte Laponder, ich stehe weit _unter_ Ihnen. -- Ich
fragte Sie, weil ich fhlte, da Sie den Schlssel besitzen, der mir
noch fehlte.

Ich? Einen Schlssel? O Gott!

Jawohl _Sie_! Und Sie haben ihn mir gegeben. -- Ich glaube nicht, da
es einen glcklicheren Menschen auf Erden gibt, als ich es heute bin.

Drauen entstand ein Gerusch; die Riegel wurden zurckgeschoben, --
Laponder achtete kaum darauf:

Das mit dem Hermaphroditen war der Schlssel. Jetzt habe ich die
Gewiheit. Schon deshalb bin ich froh, da man mich holen kommt, denn
bald bin ich am Ziel.

Vor Trnen konnte ich Laponders Gesicht nicht mehr unterscheiden, ich
_hrte_ nur das Lcheln in seiner Stimme.

Und jetzt: leben Sie wohl, Herr Pernath, und denken Sie: das, was man
morgen aufhenkt, sind nur meine Kleider; Sie haben mir das Schnste
erffnet, -- das Letzte, was ich noch nicht wute. Jetzt geht's zur
Hochzeit -- -- -- --, er stand auf und folgte dem Gefangenwrter -- es
hngt mit dem Lustmord eng zusammen, waren die letzten Worte, die ich
hrte und nur dunkel begriff.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

So oft seit jener Nacht der Vollmond am Himmel stand, glaubte ich immer
wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes
liegen zu sehen.

In den nchsten Tagen, nachdem er weggefhrt worden war, hatte ich ein
Hmmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdrhnen hren, das
manchmal bis zum Morgengrauen dauerte.

Ich erriet, was es bedeutete, und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor
Verzweiflung.

Monat um Monat verflo. Ich sah, wie der Sommer zerrann, am Krankwerden
des kmmerlichen Laubs im Hof; roch es an dem pelzigen Hauch, der aus
den Mauern drang.

Wenn mein Blick bei den Rundgngen auf den sterbenden Baum fiel und das
eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde, zog ich
unwillkrlich jedesmal den Vergleich, wie tief sich auch Laponders
Gesicht in mich eingegraben hatte. Bestndig trug ich es in mir herum
dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen,
immerwhrenden Lcheln.

Ein einziges Mal noch -- im September -- hatte mich der
Untersuchungsrichter holen lassen und mitrauisch gefragt, wie ich es
begrnden knne, da ich bei dem Bankschalter gesagt, ich msse dringend
verreisen, und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig
gewesen wre und meine smtlichen Edelsteine zu mir gesteckt htte.

Auf meine Antwort, ich sei mit der Absicht umgegangen, mir das Leben zu
nehmen, hatte es wieder hinter dem Schreibtisch hhnisch gemeckert. --

Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen
Gedanken, meiner Trauer um Charousek, der, wie ich fhlte, lngst tot
sein mute, und Laponder und meiner Sehnsucht um Mirjam nachhngen.

Dann kamen wieder neue Gefangene: diebische Kommis mit verlebten
Gesichtern, dickwanstige Bankkassierer, -- Waisenkinder, wie der
schwarze Vssatka sie genannt haben wrde, -- und verpesteten mir die
Luft und die Stimmung.

Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrstung zum besten, da vor
geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei. Zum Glck htte
man den Tter sogleich erwischt und kurzen Proze mit ihm gemacht.

Laponder hat er geheien, der Schuft, der gottserbrmliche, schrie ein
Kerl mit einer Raubtierschnauze, der wegen Kindsmihandlung zu -- 14
Tagen Gefngnis verurteilt worden war, dazwischen. Auf frischer Tat
habn's'n g'fat. Die Lampen is umg'fallen bei dem Krawall und's Zimmer
is ausbrennt. Die Leich' von dem Madel is dabei so verkohlt, da mer bis
zum heutigen Tage noch nt hat rausbringen knnen, wer sie eigentlich
war. Schwarze Haar hat's g'habt und a schmal's G'sicht, ds is alls, was
mer wei. Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg'ruckt mit ihrem
Namen. -- Wann's nach mir gangen wr, i htt ihm d'Haut ab'zogen und
Pfeffer drauf g'streut. -- Ds san halt die feinen Herren! Mrder san's,
alle z'samm. -- -- -- -- Als ob's net anderne Mittel g'nua gebet, wann
aner a Madel los sein wll, setzte er mit zynischem Lcheln hinzu.

Die Wut kochte in mir und am liebsten htte ich den Halunken zu Boden
geschlagen.

Nacht fr Nacht schnarchte er in dem Bett, auf dem Laponder gelegen. Ich
atmete auf, als er endlich freigelassen wurde.

Aber selbst da war ich ihn noch nicht los. Seine Rede hatte sich wie ein
Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt.

Fast bestndig, hauptschlich in der Dunkelheit, nagte jetzt in mir der
grausige Verdacht, Mirjam knne das Opfer Laponders gewesen sein.

Je mehr ich dagegen ankmpfte, desto tiefer verstrickte ich mich in dem
Gedanken, bis er beinahe zur fixen Idee wurde.

Manchmal, besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien, wurde es
besser: ich konnte mir die Stunden, die ich mit Laponder verlebt, dann
lebendig machen, und das tiefe Gefhl fr ihn verscheuchte mir die Qual,
-- aber nur zu oft kamen die grlichen Minuten wieder, wo ich Mirjam
ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte, vor Angst den
Verstand verlieren zu mssen.

Die schwachen Anhaltspunkte, die ich fr meinen Verdacht hatte,
verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen, -- zu
einem Gemlde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten.

Anfangs November gegen 10 Uhr abends, es war bereits stockfinster und
die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Hhepunkt erreicht, da
ich mich, um nicht laut aufzuschreien, in meinen Strohsack verbi wie
ein verdurstendes Tier, ffnete pltzlich der Gefangenwrter die Zelle
und forderte mich auf, mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen. Ich
fhlte mich so schwach, da ich mehr taumelte als ging.

Die Hoffnung, jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu drfen, war
lngst in mir gestorben.

Ich machte mich darauf gefat, wieder eine kalte Frage gestellt zu
bekommen, das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hren und
dann zurck in die Finsternis zu mssen.

Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein
alter, buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer.

Dumpf wartete ich, was mit mir geschehen wrde.

Es fiel mir auf, da der Gefangenwrter mit hereingekommen war und mir
gutmtig zublinzelte, aber ich war viel zu niedergeschlagen, als da ich
mir ber die Bedeutung alles dessen htte klarwerden knnen.

Die Untersuchung hat ergeben, fing der Schreiber an, meckerte, stieg
auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bcherbord nach
Schriftstcken, ehe er fortfuhr: hat ergeben, da der in Frage kommende
Karl Zottmann vor seinem Tode anllich einer heimlichen Zusammenkunft
mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles, die
damaliger Zeit den Spitznamen >die rote Rosina< fhrte, dann spter von
einem taubstummen, nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden
Silhubettenschneider namens Jaromir Kwnitschka aus dem Weinsalon
>Kautsky< losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner
Durchlaucht dem Frsten Ferri Athenstdt im gemeinsamen, wilden
Konkubinate als Majteresse lebt, von hinterlistiger Hand in ein
unterirdisches, aufgelassenes Kellergewlbe des Hauses Nummer
^conscriptionis^ 21873, gebrochen durch rmisch III, der Hahnpagasse,
laufende Nummero sieben, gelockt, dortselbst eingeschlossen und sich
selbst, beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren
berlassen wurde. -- -- Der obenerwhnte Zottmann nmlich, erklrte der
Schreiber mit einem Blick ber die Brille hinweg und bltterte ein
paarmal um.

Die Untersuchung hat weiters ergeben, da der obenerwhnte Karl
Zottmann allem Anscheine nach -- nach eingetretenem Ableben -- seiner
smtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten, insbesondere seiner sub
faszikel rmisch P gebrochen durch >Bh< beigeschlossenen
doppelmanteligen Taschenuhr -- der Schreiber hob die Uhr an der Kette
in die Hhe -- beraubt wurde. Der eidesstattlichen Aussage des
Silhubettenschnitzers Jaromir Kwnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17
Jahren verstorbenen Hostienbckers gleichen Namens: die Uhr im Bett
seines inzwischen flchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den
Altwarenhndler und mehrfachen, inzwischen aus dem Leben geschiedenen
Realittenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert
veruert zu haben, konnte mangels Glaubwrdigkeit kein Gewicht
beigelegt werden.

Die Untersuchung hat weiters ergeben, da die Leiche des erwhnten Karl
Zottmann in der rckwrtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein
Notizbuch bei sich trug, in der sie vermutlich bereits einige Tage vor
erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung
des Tters durch die k. k. Behrden erleichternde Eintragungen
vorgenommen hatte.

Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge
auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend
verdchtig gewordenen _Loisa_ Kwnitschka, zurzeit flchtig, gelenkt
und unter einem verfgt, die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath,
Gemmenschneider, dermalen noch unbescholten, aufzuheben, und das
Verfahren gegen ihn einzustellen.

Prag im Juli

                                                            gezeichnet
                                        Dr. Freiherr von Leisetreter.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Boden schwankte unter meinen Fen, und ich verlor eine Minute das
Bewutsein.

Als ich erwachte, sa ich auf einem Stuhl, und der Gefangenwrter
klopfte mir freundlich auf die Schulter.

Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben, schnupfte, schneuzte sich
und sagte zu mir:

Die Verlesung der Verfgung hat sich bis heute hinausgezogen, weil Ihr
Name mit einem >Ph< beginnt und naturgem im Alphabet erst gegen
Schlu vorkommen kann. -- Dann las er weiter:

berdies ist der Athanasius Pernath, Gemmenschneider, in Kenntnis zu
setzen, da ihm laut testamentarischer Verfgung des im Mai mit Tod
abgegangenen ^stud. med.^ Innocenz Charousek ein Drittel von dessen
gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist, und ist er zur
Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten.

Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing
an zu schmieren.

Ich erwartete gewohnheitsmig, da er meckern wrde, aber er meckerte
nicht.

Innocenz Charousek, murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach.

Der Gefangenwrter beugte sich ber mich und flsterte mir ins Ohr:

Kurz vor seinem Tode war er bei mir, der Herr Dr. Charousek, und hat
sich nach Ihnen erkundigt. Er lt Sie viel--vielmals gren, hat er
g'sagt. Ich hab's natrlich damals nicht ausrichten drfen. Es ist
streng verboten. Ein schreckliches Ende hat er brigens genommen, der
Herr Dr. Charousek. Er hat sich selbst entleibt. Man hat ihn tot auf dem
Grabhgel des Aaron Wassertrum, auf der Brust liegend, gefunden. -- Er
hat zwei tiefe Lcher in die Erde gegraben gehabt, sich die Pulsadern
aufgeschnitten und dann die Arme in die Lcher gesteckt. So ist er
verblutet. Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen, der Herr Dr. Char
-- -- --

Der Schreiber schob geruschvoll seinen Stuhl zurck und reichte mir die
Feder zum Unterschreiben.

Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines
freiherrlichen Vorgesetzten:

Gefangenwrter, fhren Sie den Mann hinaus.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie vor langer, langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Sbel und
Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemhle vom Scho genommen; nur da er
mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine, das
Portemonnaie mit den zehn Gulden darin, meinen Mantel und alles brige
zurckgab.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann stand ich auf der Strae.

Mirjam! Mirjam! Jetzt endlich naht das Wiedersehen! -- Ich
unterdrckte einen Schrei wildesten Entzckens.

Es mute Mitternacht sein. Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler
Messingteller hinter Dunstschleiern.

Das Pflaster war mit einer zhen Schicht von Schmutz bedeckt.

Ich wankte auf eine Droschke zu, die im Nebel aussah wie ein
zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer. Meine Beine versagten
fast den Dienst; ich hatte das Gehen verlernt und taumelte -- auf
empfindungslosen Sohlen wie ein Rckenmarkskranker. -- --

Kutscher, fahren Sie mich, so rasch Sie knnen, in die Hahnpagasse 7!
-- Haben Sie mich verstanden?: -- Hahnpagasse 7.




                                 Frei


Nach wenigen Metern Fahrt blieb die Droschke stehn.

Hahnpagass, gn' Herr?

Ja, ja, nur rasch.

Wieder fuhr der Wagen ein Stck weiter. Wieder blieb er stehen.

Um Himmels willen, was gibt's denn?

Hahnpagass, gn' Herr?

Ja, ja. Ja doch.

In die Hahnpagass kann me doch nicht fahrrhn!

Warum denn nicht?

Ise sich doch ieberall Pflaste aufgrissen, Judenstadt wirde sich doch
assaniert.

Also fahren Sie eben, soweit Sie knnen, aber jetzt rasch geflligst.

Die Droschke machte einen einzigen Galoppsprung und stolperte dann
gemchlich weiter.

Ich lie die klapprigen Fenster herunter und sog mit gierigen Lungen die
Nachtluft ein.

Alles war mir so fremd geworden, so unbegreiflich neu: die Huser, die
Straen, die geschlossenen Lden.

Ein weier Hund trabte einsam und migelaunt auf dem nassen Trottoir
vorber. Ich sah ihm nach. -- Wie sonderbar!! Ein Hund! Ich hatte ganz
vergessen, da es solche Tiere gab. -- Vor Freude kindisch rief ich ihm
nach: Aber, aber! Wie kann man nur so verdrossen sein. -- -- --

Was Hillel wohl sagen wrde!? -- Und Mirjam?

Nur noch wenige Minuten und ich war bei ihnen. Nicht eher wollte ich
aufhren, an ihre Tre zu klopfen, bis ich sie aus den Federn getrieben.

Jetzt war ja alles gut -- all der Jammer dieses Jahres vorber! --

Wrde das ein Weihnachten werden!

Diesmal durfte ich es nicht verschlafen, wie das letztemal.

Einen Augenblick lhmte mich wieder das alte Entsetzen: die Worte des
Strflings mit der Raubtierschnauze fielen mir ein. Das verbrannte
Gesicht -- der Lustmord -- aber nein, nein! -- Ich schttelte es
gewaltsam ab: nein, nein, es konnte, es konnte nicht sein. -- Mirjam
lebte! Ich hatte doch ihre Stimme aus Laponders Mund gehrt.

Nur noch eine Minute -- eine halbe -- -- und dann --

Die Droschke hielt vor einem Trmmerhaufen. Barrikaden aus
Pflastersteinen berall!

Rote Laternen brannten darauf.

Beim Schein von Fackeln grub und schaufelte ein Heer von Arbeitern.

Halden von Schutt und Mauerbrocken versperrten den Weg. Ich kletterte
umher, versank bis ans Knie.

Das hier, das mute doch die Hahnpagasse sein?!

Mhsam orientierte ich mich. Nichts als Ruinen ringsum.

Stand denn da nicht das Haus, in dem ich gewohnt hatte?

Die Vorderseite war eingerissen.

Ich kletterte auf einen Erdhgel; tief unter mir lief ein schwarzer,
gemauerter Gang die ehemalige Gasse entlang. Ich schaute empor: wie
riesige Bienenzellen hingen die blogelegten Wohnrume in der Luft, halb
vom Fackelschein, halb von dem trben Mondlicht beschienen.

Das dort oben, das mute mein Zimmer sein -- ich erkannte es an der
Bemalung der Wnde.

Nur noch ein Streifen davon war brig.

Und daranstoend das Atelier -- Saviolis. Mir wurde pltzlich ganz leer
im Herzen. Wie seltsam! Das Atelier! -- Angelina! -- -- So weit, so
unabsehbar fern lag das alles hinter mir!

Ich drehte mich um: von dem Haus, in dem Wassertrum gewohnt, kein Stein
mehr auf dem andern. Alles dem Erdboden gleichgemacht: der Trdlerladen,
die Kellerwohnung Charouseks -- -- -- alles, alles.

Der Mensch geht dahin wie ein Schatten -- fiel mir ein Satz ein, den
ich einmal irgendwo gelesen.

Ich fragte einen Arbeiter, ob er nicht wisse, wo die Leute jetzt
wohnten, die hier ausgezogen seien; ob er vielleicht den Archivar
Schemajah Hillel kenne.

Nix daitsch, war die Antwort.

Ich schenkte dem Mann einen Gulden: er verstand zwar sofort deutsch,
konnte mir aber keine Antwort geben.

Auch von seinen Kameraden niemand.

Vielleicht, da beim Loisitschek etwas zu erfahren wre?

Der Loisitschek sei gesperrt, hie es, das Haus wrde renoviert.

Also irgend jemand in der Nachbarschaft wecken! -- Ging das nicht?

Weit a breit wohnt sich keine Katz, sagte der Arbeiter, weil ise
behrdlich verbotten. Von wgen Typhus.

Der >Ungelt<? Der wird doch offen haben?

Ungelt ise sich geschlossen.

Bestimmt?

Bestimmt!

Aufs Geratewohl nannte ich ein paar Namen von Hcklern und
Tabaktrafikantinnen, die in der Nhe gewohnt hatten; dann die Namen
Zwakh, Vrieslander, Prokop -- --

Bei allen schttelte der Mann den Kopf.

Vielleicht kennen Sie den Jaromir Kwnitschka?

Der Arbeiter horchte auf.

Jaromir? Ise sich taubstumm?

Ich jubelte. Gott sei Dank. Wenigstens ein Bekannter.

Ja, er ist taubstumm. Wo wohnt er?

Schneit e' sich Bildeln aus? Aus schwarzem Pappjir?

Ja. Er ist es schon. Wo kann ich ihn wohl treffen?

So umstndlich wie mglich bezeichnete mir der Mann ein Nachtcafhaus in
der inneren Stadt und fing sofort wieder an zu schaufeln.

ber eine Stunde lang watete ich durch Schuttfelder, balancierte ber
schwankende Bretter und kroch unter Querbalken durch, die die Straen
versperrten. Das ganze Judenviertel war eine einzige Steinwste, als
htte ein Erdbeben die Stadt zerstrt.

Atemlos vor Aufregung, schmutzbedeckt und mit zerrissenen Schuhen fand
ich mich endlich aus dem Labyrinth heraus.

Ein paar Huserreihen, und ich stand vor der gesuchten Spelunke.

Caf Chaos stand darber geschrieben.

Ein menschenleeres, winziges Lokal, das kaum gengend Platz lie fr die
paar Tische, die an die Wnde gerckt waren.

In der Mitte auf einem dreibeinigen Billard schlief ein Kellner und
schnarchte.

Ein Marktweib, mit einem Gemsekorb vor sich, sa in der Ecke und nickte
ber einem Glas Caj.

Endlich geruhte der Kellner aufzustehen und mich zu fragen, was ich
wnschte. Bei dem frechen Blick, mit dem er mich von Kopf bis zu Fu
musterte, kam mir erst zum Bewutsein, wie abgerissen ich aussehen
mute.

Ich warf einen Blick in den Spiegel und entsetzte mich: ein fremdes,
blutleeres Gesicht, faltig, grau wie Kitt, mit struppigem Bart und
wirrem, langem Haar starrte mir entgegen.

Ob der Silhouettenschneider Jaromir nicht dagewesen sei, fragte ich und
bestellte schwarzen Kaffee.

Woa net, wo er so lang bleibt, war die geghnte Antwort.

Dann legte sich der Kellner wieder auf das Billard und schlief weiter.

Ich nahm das Prager Tagblatt von der Wand und -- wartete.

Die Buchstaben liefen wie Ameisen ber die Seiten und ich begriff nicht
ein einziges Wort von dem, was ich las.

Die Stunden vergingen und hinter den Scheiben zeigte sich bereits das
verdchtige tiefe Dunkelblau, das den Einbruch der Morgendmmerung fr
ein Lokal mit Gasbeleuchtung anzeigt.

Hie und da sphten ein paar Schutzleute mit grnlich schillernden
Federbschen herein und gingen in langsamem, schwerem Schritt wieder
weiter.

Drei bernchtig aussehende Soldaten traten ein.

Ein Straenkehrer nahm einen Schnaps.

Endlich, endlich: Jaromir.

Er hatte sich so verndert, da ich ihn anfangs gar nicht
wiedererkannte: die Augen erloschen, die Vorderzhne ausgefallen, das
Haar schtter und tiefe Hhlen hinter den Ohren.

Ich war so froh, nach so langer Zeit wieder ein bekanntes Gesicht zu
sehen, da ich aufsprang, ihm entgegenging und seine Hand fate.

Er benahm sich auerordentlich scheu und blickte immerwhrend nach der
Tre. Durch alle mglichen Gesten suchte ich ihm begreiflich zu machen,
da ich mich freute, ihn getroffen zu haben. -- Er schien es mir lange
nicht zu glauben.

Aber, was fr Fragen ich auch stellte, stets die gleiche hilflose
Handbewegung des Nichtverstehens bei ihm.

Wie konnte ich mich nur verstndlich machen?!

Halt! Eine Idee!

Ich lie mir einen Bleistift geben und zeichnete nacheinander die
Gesichter von Zwakh, Vrieslander und Prokop auf.

Was? Alle nicht mehr in Prag?

Er fuchtelte lebhaft in der Luft herum, machte die Gebrde des
Geldzhlens, marschierte mit den Fingern ber den Tisch, schlug sich auf
den Handrcken. Ich erriet: alle drei hatten wahrscheinlich von
Charousek Geld bekommen und zogen jetzt als kaufmnnische Kompagnie mit
dem vergrerten Marionettentheater durch die Welt.

Und Hillel? Wo wohnt er jetzt? -- Ich zeichnete sein Gesicht, ein Haus
dazu und ein Fragezeichen.

Das Fragezeichen verstand Jaromir nicht; -- er konnte nicht lesen, aber
er begriff, was ich wollte, -- nahm ein Streichholz, warf es scheinbar
in die Hhe und lie es nach Taschenspielerart geschickt verschwinden.

Was bedeutete das? Hillel sollte auch verreist sein?

Ich zeichnete das jdische Rathaus auf.

Der Taubstumme schttelte heftig den Kopf.

Hillel ist also nicht mehr dort?

Nein! (Kopfschtteln.)

Wo ist er denn?

Wieder das Spiel mit dem Streichholz.

Er meint halt, da der Herr weg ist, und niem'd wei nicht, wohin,
mischte sich der Straenkehrer, der uns die ganze Zeit ber interessiert
zugesehen hatte, belehrend ein.

Vor Schreck krampfte sich mir das Herz zusammen: Hillel fort! -- Jetzt
war ich ganz allein auf der Welt. -- -- Die Gegenstnde im Zimmer fingen
an vor meinen Augen zu flimmern.

Und Mirjam?

Meine Hand zitterte so stark, da ich ihr Gesicht lange nicht hnlich
zeichnen konnte.

Ist Mirjam auch verschwunden?

Ja. Auch verschwunden. Spurlos.

Ich sthnte laut auf, lief im Zimmer hin und her, da die drei Soldaten
einander fragend anblickten.

Jaromir suchte mich zu beruhigen und bemhte sich, mir noch etwas
anderes mitzuteilen, was er erfahren zu haben schien: er legte den Kopf
auf den Arm, wie jemand, der schlft.

Ich hielt mich an der Tischplatte: Um Gottes Christi willen, Mirjam ist
gestorben?

Kopfschtteln. Jaromir wiederholte die Gebrde des Schlafens.

War Mirjam krank gewesen? Ich zeichnete eine Medizinflasche.

Kopfschtteln. Wieder legte Jaromir die Stirn auf den Arm. -- -- --

Das Zwielicht kam, eine Gasflamme nach der andern erlosch und noch immer
konnte ich nicht herausbringen, was die Geste bedeuten sollte.

Ich gab es auf. Dachte nach.

Das einzige, was mir zu tun blieb, war, in aller Frhe auf das jdische
Rathaus zu gehen, um dort Erkundigungen einzuziehen, wohin Hillel mit
Mirjam gereist sein knne.

_Ich mute ihm nach._ -- -- --

Wortlos sa ich neben Jaromir. Stumm und taub wie er.

Als ich nach einer langen Zeit aufblickte, sah ich, da er mit einer
Schere an einer Silhouette herumschnitt.

Ich erkannte das Profil Rosinas. Er reichte mir das Blatt ber den Tisch
herber, legte die Hand auf die Augen und -- -- weinte still vor sich
hin. -- --

Dann sprang er pltzlich auf und taumelte ohne Gru zur Tr hinaus.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Archivar Schemajah Hillel sei eines Tages ohne Grund ausgeblieben
und nicht mehr wiedergekommen; seine Tochter habe er jedenfalls
mitgenommen, denn auch sie sei von niemand mehr gesehen worden seit
jener Zeit, hatte man mir auf dem jdischen Rathaus gesagt. Das war
alles, was ich erfahren konnte.

Keine Spur, wohin sie sich gewandt haben mochten.

Auf der Bank hie es, mein Geld sei gerichtlich immer noch mit Beschlag
belegt, man erwarte aber tglich den Bescheid, es mir auszahlen zu
drfen.

Also auch die Erbschaft Charouseks mute noch den Amtsweg gehen, und ich
wartete doch mit brennender Ungeduld auf das Geld, um dann alles
aufzubieten, Hillels und Mirjams Spur zu suchen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich hatte meine Edelsteine verkauft, die ich noch in der Tasche gehabt,
und mir zwei kleine, mblierte, aneinanderstoende Dachkammern in der
Altschulgasse -- die einzige Gasse, die von der Assanierung der
Judenstadt verschont geblieben, -- gemietet.

Sonderbarer Zufall: es war dasselbe wohlbekannte Haus, von dem die Sage
ging, der Golem sei einst darin verschwunden.

Ich hatte mich bei den Bewohnern -- zumeist kleine Kaufleute oder
Handwerker -- erkundigt, was denn Wahres an dem Gercht von dem Zimmer
ohne Zugang sei und war ausgelacht worden. -- Wie man einen derartigen
Unsinn denn glauben knne!

Meine eigenen Erlebnisse, die sich darauf bezogen, hatten im Gefngnis
die Blsse eines lngst verwehten Traumbildes angenommen und ich sah in
ihnen nur noch Symbole ohne Blut und Leben, -- strich sie aus dem Buch
meiner Erinnerungen.

Die Worte Laponders, die ich zuweilen so klar in mir hrte, als se er
mir gegenber wie damals in der Zelle und sprche zu mir, bestrkten
mich darin, da ich rein innerlich geschaut haben msse, was mir ehedem
greifbare Wirklichkeit geschienen.

War denn nicht alles vergangen und verschwunden, was ich einst besessen
hatte? Das Buch Ibbur, das phantastische Tarokspiel, Angelina und sogar
meine alten Freunde Zwakh, Vrieslander und Prokop!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Es war Weihnachtsabend, und ich hatte mir einen kleinen Baum mit roten
Kerzen nach Hause gebracht. Ich wollte noch einmal jung sein und
Lichterglanz um mich haben und den Duft von Tannennadeln und brennendem
Wachs.

Ehe das Jahr zu Ende ging, war ich vielleicht schon unterwegs und suchte
in Stdten und Drfern, oder wohin es mich innerlich ziehen wrde, nach
Hillel und Mirjam.

Alle Ungeduld, alles Warten war allmhlich von mir gewichen und alle
Furcht, Mirjam knne ermordet worden sein, und mit dem Herzen wute ich,
ich wrde sie beide finden.

Es war ein bestndiges glckliches Lcheln in mir, und wenn ich meine
Hand auf etwas legte, kam mir's vor, als ginge ein Heilen von ihr aus.
Die Zufriedenheit eines Menschen, der nach langer Wanderung heimkehrt
und die Trme seiner Vaterstadt von weitem blinken sieht, erfllte mich
auf ganz sonderbare Weise.

Einmal war ich noch in dem kleinen Kaffeehaus gewesen, um Jaromir zum
Weihnachtsabend zu mir zu holen. -- Er habe sich nie mehr blicken
lassen, erfuhr ich, und schon wollte ich betrbt wieder gehen, da kam
ein alter Tabulettkrmer herein und bot kleine, wertlose Antiquitten
zum Kauf an.

Ich kramte in seinem Kasten unter all den Uhranhngseln, kleinen
Kruzifixen, Kammnadeln und Broschen herum, da fiel mir ein Herz aus
rotem Stein an einem verschossenen Seidenbande in die Hand und ich
erkannte es voll Erstaunen als das Andenken, das mir Angelina, als sie
noch ein kleines Mdchen gewesen, einst beim Springbrunnen in ihrem
Schlo geschenkt hatte.

Und mit einem Schlag stand meine Jugendzeit vor mir, als she ich in
einen Guckkasten tief hinein in ein kindlich gemaltes Bild. --

Lange, lange stand ich erschttert da und starrte auf das kleine, rote
Herz in meiner Hand.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich sa in der Dachkammer und lauschte dem Knistern der Tannennadeln,
wenn hie und da ein kleiner Zweig ber den Wachskerzen zu glimmen
begann.

Vielleicht spielt gerade jetzt in dieser Stunde der alte Zwakh irgendwo
in der Welt seinen >Marionettenweihnachtsabend<, malte ich mir aus, --
und deklamiert mit geheimnisvoller Stimme die Strophe seines
Lieblingsdichters Oskar Wiener:

   Wo ist das Herz aus rotem Stein!
   Es hngt an einem Seidenbande.
   O du, o gib das Herz nicht her;
   Ich war ihm treu und hatt' es lieb,
   Und diente sieben Jahre schwer
   Um dieses Herz, und hatt' es lieb!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eigentmlich feierlich wurde mir pltzlich zumute.

Die Kerzen waren heruntergebrannt. Nur eine einzige flackerte noch.
Rauch ballte sich im Zimmer.

Als ob mich eine Hand zge, wandte ich mich pltzlich um und:

_Da stand mein Ebenbild auf der Schwelle. Mein Doppelgnger. In einem
weien Mantel. Eine Krone auf dem Kopf._

Nur einen Augenblick.

Dann brachen Flammen durch das Holz der Tr und eine Wolke erstickenden
heien Qualms schlug herein:

Feuersbrunst im Haus! Feuer! Feuer!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich reie das Fenster auf. Klettere auf das Dach hinaus.

Von weitem rast schon das gellende Klingeln der Feuerwehr heran.

Blitzende Helme und abgehackte Kommandorufe.

Dann das gespenstische, rhythmische, schlapfende Atmen der Pumpen, wie
die Dmonen des Wassers sich ducken zum Sprung auf ihren Todfeind: das
Feuer.

Glas klirrt und rote Lohe schiet aus allen Fenstern.

Matratzen werden hinuntergeworfen, die ganze Strae liegt voll davon,
Menschen springen nach, werden verwundet weggetragen.

In mir aber jauchzt etwas auf in wilder jubelnder Ekstase; ich wei
nicht warum. Das Haar strubt sich mir.

Ich laufe auf den Schornstein zu, um nicht versengt zu werden, denn die
Flammen greifen nach mir.

_Das Seil eines Rauchfangkehrers ist herumgewickelt._

Ich rolle es auf, schlinge es um Handgelenk und Bein, wie ich es als
Knabe beim Turnen gelernt habe, und lasse mich ruhig an der Fassade des
Hauses hinab. --

Komme an einem Fenster vorbei. Blicke hinein:

Drin ist alles blendend erleuchtet.

_Und da sehe ich_ -- -- -- _da sehe ich_ -- -- -- mein ganzer Krper
wird ein einziger hallender Freudenschrei:

_Hillel! Mirjam! Hillel!_

Ich will auf die Gitterstbe losspringen.

Greife daneben. Verliere den Halt am Seil.

Einen Augenblick hnge ich, _Kopf abwrts, die Beine gekreuzt zwischen
Himmel und Erde_.

Das Seil singt bei dem Ruck. Knirschend dehnen sich die Fasern.

Ich falle.

Mein Bewutsein erlischt.

Noch im Sturz greife ich nach dem Fenstersims, aber ich gleite ab. Kein
Halt:

der Stein ist glatt.

                         _Glatt wie ein Stck
                                Fett._

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




                                Schlu


-- -- -- _wie ein Stck Fett!_

_Das ist der Stein, der aussieht wie ein Stck Fett._

Die Worte gellen mir noch in den Ohren. Dann richte ich mich auf und mu
mich besinnen, wo ich bin.

Ich liege im Bett und wohne im Hotel.

Ich heie doch gar nicht Pernath.

Habe ich das alles nur getrumt?

Nein! So trumt man nicht.

Ich schaue auf die Uhr: kaum eine Stunde habe ich geschlafen. Es ist
halb drei.

Und dort hngt der fremde Hut, den ich heute im Dom auf dem Hradschin
verwechselt habe, als ich beim Hochamt auf der Betbank sa.

Steht ein Name darin?

Ich nehme ihn und lese in goldenen Buchstaben auf dem weien
Seidenfutter den fremden und doch so bekannten Namen:

                          ATHANASIUS PERNATH

Jetzt lt es mir keine Ruhe mehr; ich ziehe mich hastig an und laufe
die Treppe hinunter.

Portier! Aufmachen! Ich gehe noch eine Stunde spazieren.

Wohin, bitt schn?

In die Judenstadt. In die Hahnpagasse. Gibt's berhaupt eine Strae,
die so heit?

Freilich, freilich -- der Portier lchelt malitis -- aber in der
Judenstadt, ich mache aufmerksam: ist nicht mehr viel los. Alles neu
gebaut, bitte.

Macht nichts. Wo liegt die Hahnpagasse?

Der dicke Finger des Portiers deutet auf die Karte: Hier, bitte.

Und die Schenke >Zum Loisitschek<?

Hier, bitte.

Geben Sie mir ein groes Stck Papier.

Hier, bitte.

Ich wickle Pernaths Hut hinein. Merkwrdig: er ist fast neu, tadellos
sauber und doch so brchig, als wre er uralt. --

Unterwegs berlege ich:

Alles, was dieser Athanasius Pernath erlebt hat, habe ich im Traum
miterlebt, in _einer_ Nacht mitgesehen, mitgehrt, mitgefhlt, als wre
ich er gewesen. Warum wei ich denn aber nicht, was er in dem
Augenblick, als der Strick ri und er Hillel, Hillel! rief, hinter dem
Gitterfenster erblickt hat?

Er hat sich in diesem Augenblick von mir getrennt, begreife ich.

Ich _mu_ diesen Athanasius Pernath auffinden, und wenn ich drei Tage
und drei Nchte herumlaufen sollte, nehme ich mir vor.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Also das ist die Hahnpagasse?

Nicht annhernd so habe ich sie im Traum gesehen! --

Lauter neue Huser.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Eine Minute spter sitze ich im Caf Loisitschek. Ein stilloses,
ziemlich sauberes Lokal.

Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgelnder; eine gewisse
hnlichkeit mit dem alten getrumten Loisitschek ist nicht zu leugnen.

Befehlen, bitt' schn? fragt die Kellnerin, ein dralles Mdel, in
einen rotsammetnen Frack buchstblich hineingeknallt.

Kognak, Frulein. -- So, danke.

-- -- -- -- --

Hm. Frulein!

Bitte?

Wem gehrt das Kaffehaus?

Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek. -- Das ganze Haus gehrt ihm. Ein
sehr feiner reicher Herr.

-- Aha, der Kerl mit den Schweinszhnen an der Uhrkette! erinnere ich
mich. --

Ich habe einen guten Einfall, der mich orientieren wird:

Frulein!

Bitte?

Wann ist die steinerne Brcke eingestrzt?

Vor dreiunddreiig Jahren.

Hm. Vor dreiunddreiig Jahren! -- ich berlege: der Gemmenschneider
Pernath mu also jetzt fast neunzig sein.

Frulein!

Bitte?

Ist hier niemand unter den Gsten, der sich noch erinnern kann, wie die
alte Judenstadt von damals ausgesehen hat? Ich bin Schriftsteller und
interessiere mich dafr.

Die Kellnerin denkt nach: Von den Gsten? Nein. -- Aber warten S': der
Billardmarkr, der dort mit einem Studenten Karambol spielt, -- sehen
Sie ihn? Der mit der Hakennase, der Alte, -- der hat immer hier gelebt
und wird Ihnen alles sagen. Soll ich ihn rufen, bis er fertig ist?

Ich folgte dem Blick des Mdchens:

Ein schlanker, weihaariger, alter Mann lehnt drben am Spiegel und
kreidet sein Queue. Ein verwstetes, aber seltsam vornehmes Gesicht.
Woran erinnert er mich nur?

Frulein, wie heit der Markr?

Die Kellnerin sttzt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch,
leckt an einem Bleistift, schreibt in Windeseile ihren Vornamen
unzhlige Male auf die Marmorplatte und lscht ihn jedesmal mit nassem
Finger rasch wieder aus. Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder
sengende Glutblicke zu; -- je nachdem sie ihr gelingen. Unerllich ist
natrlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen, denn es erhht
das Mrchenhafte des Blickes.

Frulein, wie heit der Markr?, wiederhole ich meine Frage. Ich sehe
ihr an, sie htte lieber gehrt: Frulein, warum tragen Sie nicht nur
einen Frack? oder etwas hnliches, aber ich frage es nicht; mir geht
mein Traum zu sehr im Kopf herum.

No, wie wird er denn heien, schmollt sie, Ferri heit er halt. Ferri
Athenstdt.

So so? Ferri Athenstdt! -- Hm, -- also wieder ein alter Bekannter.

Erzhlen Sie mir doch recht, recht viel von ihm, Frulein, girre ich,
mu mich aber sofort mit einem Kognak strken, Sie plaudern gar so
herzig! (Ich ekle mich vor mir selber.)

Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir, damit mich ihre Haare im
Gesicht kitzeln, und flstert:

Der Ferri, der war Ihnen frher ein ganz ein Geriebener. -- Er soll von
uraltem Adel gewesen sein -- es ist natrlich nur so ein Gerede, weil er
keinen Bart nicht trgt -- und furchtbar viel Geld g'habt hab'n. Eine
rothaarige Jdin, die schon von Jugend auf eine >Person< war -- sie
schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf -- hat ihn dann ganz
ausgezogen. -- Punkto Geld mein' ich natrlich. No, und wie er dann kein
Geld nicht mehr gehabt hat, is sie weg und hat sich von einem hohen
Herrn heiraten lassen: -- von dem .. -- sie flsterte mir einen Namen
ins Ohr, den ich nicht verstehe. Der hohe Herr hat dann natrlich auf
alle Ehre verzichten mssen und sich von da an nur mehr Ritter von
Dmmerich nennen drfen. No ja. Aber da sie frher eine >Person<
g'wesen ist, hat er ihr halt doch nicht wegwaschen knnen. Ich sag'
immer --.

Fritzi! Zahlen! ruft jemand von der Estrade herab. --

Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern, da hre ich pltzlich
ein leises metallisches Zirpen, wie von einer Grille, hinter mir.

Ich drehe mich neugierig um. Traue meinen Augen nicht:

Das Gesicht zur Wand gekehrt, alt wie Methusalem, eine Spieldose, so
klein wie eine Zigarettenschachtel, in zitternden Skeletthnden sitzt
ganz in sich zusammengesunken -- der _blinde, greise Nephtali
Schaffranek_ in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel.

Ich trete zu ihm.

Im Flsterton singt er konfus vor sich hin:

   Frau Pick,
   Frau Hock.
   Und rote, blaue Stern
   die schmusen allerhand.
   Von Messinung, an Rucherl und Rohn.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wissen Sie, wie der alte Mann heit?, frage ich einen vorbeieilenden
Kellner.

Nein, mein Herr, niemand kennt weder ihn noch seinen Namen. Er selbst
hat ihn vergessen. Er ist ganz allein auf der Welt. Bitte, er ist 110
Jahre alt! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee.

Ich beuge mich ber den Greis, -- rufe ihm ein Wort ins Ohr:
_Schaffranek!_

Es durchfhrt ihn wie ein Blitz. Er murmelt etwas, streicht sich sinnend
ber die Stirn.

Verstehen Sie mich, Herr Schaffranek?

Er nickt.

Passen Sie mal gut auf! Ich mchte Sie etwas fragen, aus alter Zeit.
Wenn Sie mir alles gut beantworten, bekommen Sie den Gulden, den ich
hier auf den Tisch lege.

Gulden, wiederholt der Greis und fngt sofort an wie ein Rasender an
seiner zirpenden Spieldose zu kurbeln.

Ich halte seine Hand fest: Denken Sie einmal nach! -- _Haben Sie nicht
vor etwa 33 Jahren einen Gemmenschneider namens Pernath gekannt?_

Hadrbolletz! Hosenschneider! -- lallt er asthmatisch auf und lacht
bers ganze Gesicht, in der Meinung, ich htte ihm einen famosen Witz
erzhlt.

Nein, nicht Hadrbolletz: -- -- _Pernath_!

Pereles?! -- er jubelt frmlich.

Nein, auch nicht Pereles. -- Per--_nath_!

Pascheles?! -- er krht vor Freude. -- --

Ich gebe enttuscht meinen Versuch auf.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Sie wollten mich sprechen, mein Herr?, -- der Markr Ferri Athenstdt
steht vor mir und verbeugt sich khl.

Ja. Ganz richtig. -- Wir knnen dabei eine Partie Billard spielen.

Spielen Sie um Geld, mein Herr? Ich gebe Ihnen 90 auf 100 vor.

Also gut: um einen Gulden. Fangen Sie vielleicht an, Markr.

Seine Durchlaucht nimmt das Queue, zielt, gixst, macht ein rgerliches
Gesicht. Ich kenne das: er lt mich bis 99 kommen und dann macht er in
_einer_ Serie aus.

Mir wird immer kurioser zumute. Ich gehe direkt auf mein Ziel los:

Entsinnen Sie sich, Herr Markr: vor langer Zeit, etwa in den Jahren,
als die steinerne Brcke einstrzte, in der damaligen Judenstadt _einen
gewissen_ -- _Athanasius Pernath_ gekannt zu haben?

Ein Mann in einer rotweigestreiften Leinwandjacke, mit Schielaugen und
kleinen goldenen Ohrringen, der auf einer Bank an der Wand sitzt und
eine Zeitung liest, fhrt auf, stiert mich an und bekreuzigt sich.

Pernath? Pernath? wiederholt der Markr und denkt angestrengt nach --
Pernath? -- War er nicht gro, schlank? Braunes Haar, melierten
kurzgeschnittenen Spitzbart?

Ja. Ganz richtig.

Etwa 40 Jahre alt damals? Er sah aus wie -- --, Seine Durchlaucht
starrt mich pltzlich berrascht an. -- Sie sind ein Verwandter von
ihm, mein Herr?!

Der Schielugige bekreuzigt sich.

Ich? Ein Verwandter? Komische Idee. -- Nein. Ich interessiere mich nur
fr ihn. Wissen Sie noch mehr?, sagte ich gelassen, fhle aber, da mir
eiskalt im Herzen wird.

Ferri Athenstdt denkt wieder nach.

Wenn ich nicht irre, galt er seinerzeit fr verrckt. -- Einmal
behauptete er, er hiee -- -- warten Sie mal, -- ja: Laponder! Und dann
wieder gab er sich fr einen gewissen -- Charousek aus.

Kein Wort wahr! fhrt der Schielugige dazwischen. Den _Charousek_
hat's wirklich gegeben. Mein Vater hat doch mehrere 1000 fl. von ihm
geerbt.

Wer ist dieser Mann?, frage ich den Markr halblaut.

Er ist Fhrmann und heit Tschamrda. -- Was den Pernath betrifft, so
erinnere ich mich nur, oder glaube es wenigstens -- da er in spteren
Jahren eine sehr schne, dunkelhutige Jdin geheiratet hat.

Mirjam! sage ich mir und werde so aufgeregt, da mir die Hnde zittern
und ich nicht mehr weiterspielen kann.

Der Fhrmann bekreuzigt sich.

Ja, was ist denn heute mit Ihnen los, Herr Tschamrda?, fragt der
Markr erstaunt.

Der Pernath hat niemals nicht gelebt, schreit der Schielugige los.
Ich glaub's nicht.

Ich schenke dem Mann sofort einen Kognak ein, damit er gesprchiger
wird.

Es gibt ja wohl Leut', die sagen, der Pernath lebt noch immer, rckt
der Fhrmann endlich heraus, er is, hr' ich, Kammschneider und wohnt
auf dem Hradschin.

Wo auf dem Hradschin?

Der Fhrmann bekreuzigt sich:

Das ist es ja eben! Er wohnt, wo kein lebender Mensch wohnen kann: _an
der Mauer zur letzten Latern_.

Kennen Sie sein Haus, Herr -- Herr -- Tschamrda?

Nicht um die Welt mcht' ich dort hinaufgehen!, protestiert der
Schielugige. Wofr halten Sie mich? Jesus, Maria und Josef!

Aber den Weg hinauf knnten Sie mir doch von weitem zeigen, Herr
Tschamrda?

Das schon, brummt der Fhrmann. Wenn Sie warten wollen bis 6 Uhr
frh; dann geh' ich zur Moldau hinunter. Aber ich rat' Ihnen ab! Sie
strzen in den Hirschgraben und brechen Hals und Knochen! Heilige
Muttergottes!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wir gehen zusammen durch den Morgen; frischer Wind weht vom Flusse her.
Ich fhle vor Erwartung kaum den Boden unter mir.

Pltzlich taucht das Haus in der Altschulgasse vor mir auf.

Jedes Fenster erkenne ich wieder: die geschweifte Dachrinne, das Gitter,
die fettig glnzenden Steinsimse -- alles, alles!

Wann ist dieses Haus abgebrannt?, frage ich den Schielugigen. Es
braust mir in den Ohren vor Spannung.

Abgebrannt? Niemals nicht!

Doch! Ich wei es bestimmt.

Nein.

Aber ich wei es doch! Wollen Sie wetten?

Wieviel?

Einen Gulden.

Gemacht! -- Und Tschamrda holt den Hausmeister heraus. Ist dieses
Haus jemals abgebrannt?

I woher denn! Der Mann lacht. --

Ich kann und kann es nicht glauben.

Schon siebzig Jahr' wohn' ich drin, beteuert der Hausmeister, ich
mt's doch wahrhaftig wissen.

-- -- -- Sonderbar, sonderbar!

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Fhrmann rudert mich in seinem Kahn, der aus acht ungehobelten
Brettern besteht, mit komischen schiefen Zuckbewegungen ber die Moldau.
Die gelben Wasser schumen gegen das Holz. Die Dcher des Hradschins
glitzern rot in der Morgensonne. Ein unbeschreiblich feierliches Gefhl
ergreift Besitz von mir. Ein leise dmmerndes Gefhl wie aus einem
frheren Dasein, als sei die Welt um mich her verzaubert -- eine
traumhafte Erkenntnis, als lebte ich zuweilen an mehreren Orten
zugleich.

Ich steige aus.

Wieviel bin ich schuldig, Herr Tschamrda?

Einen Kreuzer. Wenn Sie mitg'holfen htten rudern, -- htt's zwei
Kreuzer 'kost.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Denselben Weg, den ich heute nachts im Schlaf schon einmal gegangen,
wandere ich wieder empor: die kleine, einsame Schlostiege. Mir klopft
das Herz und ich wei voraus: jetzt kommt der kahle Baum, dessen ste
ber die Mauer herbergreifen.

Nein: er ist mit weien Blten best.

Die Luft ist voll von sem Fliederhauch.

Zu meinen Fen liegt die Stadt im ersten Licht wie eine Vision der
Verheiung.

Kein Laut. Nur Duft und Glanz.

Mit geschlossenen Augen knnte ich mich hinauffinden in die kleine,
kuriose Alchimistengasse, so vertraut ist mir pltzlich jeder Schritt.

Aber, wo heute nacht das Holzgitter vor dem weischimmernden Haus
gestanden hat, schliet jetzt ein prachtvolles, gebauchtes, vergoldetes
Gitter die Gasse ab.

Zwei Eibenbume ragen aus blhendem, niederem Gestruch und flankieren
das Eingangstor der Mauer, die hinter dem Gitter entlang luft.

Ich strecke mich, um ber das Strauchwerk hinberzusehen, und bin
geblendet von neuer Pracht:

Die Gartenmauer ist ganz mit Mosaik bedeckt. Trkisblau mit goldenen,
eigenartig gemuschelten Fresken, die den Kult des gyptischen Gottes
Osiris darstellen.

Das Flgeltor ist der Gott selbst: ein Hermaphrodit aus zwei Hlften,
die die Tre bilden, -- die rechte weiblich, die linke mnnlich. -- Er
sitzt auf einem kostbaren, flachen Thron aus Perlmutter -- in Halbrelief
-- und sein goldener Kopf ist der eines Hasen. Die Ohren sind in die
Hhe gestellt und dicht aneinander, da sie aussehen, wie die beiden
Seiten eines aufgeschlagenen Buches. --

Es riecht nach Tau, und Hyazinthenduft weht ber die Mauer herber. --
-- --

Lange stehe ich wie versteinert da und staune. Mir wird, als trte eine
fremde Welt vor mich, und ein alter Grtner oder Diener mit silbernen
Schnallenschuhen, Jabot und sonderbar zugeschnittenem Rock kommt von
links hinter dem Gitter auf mich zu und fragt mich durch die Stbe, was
ich wnsche.

Ich reiche ihm stumm den eingewickelten Hut Athanasius Pernaths hinein.

Er nimmt ihn und geht durch das Flgeltor.

Wie es sich ffnet, sehe ich dahinter ein tempelartiges, marmornes Haus
und auf seinen Stufen:

                          ATHANASIUS PERNATH

und an ihn gelehnt:

                               MIRJAM,

und beide schauen hinab in die Stadt.

Einen Augenblick wendet sich Mirjam um, erblickt mich, lchelt und
flstert Athanasius Pernath etwas zu.

Ich bin gebannt von ihrer Schnheit.

Sie ist so jung, wie ich sie heut nacht im Traum gesehen.

Athanasius Pernath dreht sich langsam zu mir, und mein Herz bleibt
stehen:

Mir ist, als she ich mich im Spiegel, so hnlich ist sein Gesicht dem
meinigen.

              -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Dann fallen die Flgel des Tores zu, und ich erkenne nur noch den
schimmernden Hermaphroditen.

Der alte Diener gibt mir meinen Hut und sagt -- ich hre seine Stimme
wie aus den Tiefen der Erde --:

   Herr Athanasius Pernath lt verbindlichst danken und bittet,
   ihn nicht fr ungastfreundlich zu halten, da er Sie nicht
   einldt in den Garten zu kommen, aber es ist strenges Hausgesetz
   so von alters her.

   Ihren Hut, soll ich ausrichten, habe er nicht aufgesetzt, da ihm
   die Verwechslung sofort aufgefallen sei.

   Er wolle nur hoffen, da der seinige Ihnen keine Kopfschmerzen
   verursacht habe.

                    Gedruckt in der Buchdruckerei
                        G. Kreysing in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Auf Seite 1 heisst es linke Seite (des Mondes). Dies ist offenbar
falsch und wurde in spteren Auflagen zu rechte Seite berichtigt.
Hier wird der Originaltext unverndert belassen.

Die Schreibweise der Vorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige
offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgefhrt, teilweise
unter Verwendung weiterer Ausgaben (vorher/nachher):

   [S. 36]:
   ... Das hilfslose Opfer aber sa, das Herz voll brennender ...
   ... Das hilflose Opfer aber sa, das Herz voll brennender ...

   [S. 46]:
   ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffraneck mit ...
   ... >Loisitschek< der meschuggene Nephtali Schaffranek mit ...

   [S. 47]:
   ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freien ...
   ... wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem ...

   [S. 55]:
   ... auf, eine unsichtbare Intelliganz, die sich lichtscheu
       verborgen ...
   ... auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu
       verborgen ...

   [S. 69]:
   ... ber Klavierseiten liefe, war die Antwort. ...
   ... ber Klaviersaiten liefe, war die Antwort. ...

   [S. 70]:
   ... die eisernen Glasstbe fauchend die flachen herzfrmigen ...
   ... die eisernen Gasstbe fauchend die flachen herzfrmigen ...

   [S. 70]:
   ... Mit langem, wallenden, weien Prophetenbart, ein ...
   ... Mit langem, wallendem, weiem Prophetenbart, ein ...

   [S. 90]:
   ... die alten Rabbinen trugen, andere mit dreieckigem Hut ...
   ... die alten Rabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut ...

   [S. 99]:
   ... auf dem Altsttter Ring und an dem Erzbrunnen ...
   ... auf dem Altstdter Ring und an dem Erzbrunnen ...

   [S. 99]:
   ... schauten teilnahmlos zu den Wolken empor. ...
   ... schauten teilnahmslos zu den Wolken empor. ...

   [S. 108]:
   ... Wunschlos, teilnahmlos, ein lebender Leichnam, ging ...
   ... Wunschlos, teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ...

   [S. 149]:
   ... Angelina wolte sich losreien: ich hielt sie fest. ...
   ... Angelina wollte sich losreien: ich hielt sie fest. ...

   [S. 157]:
   ... ich schwindschtig bin und Blut spuken mu: mein Krper ...
   ... ich schwindschtig bin und Blut spucken mu: mein Krper ...

   [S. 191]:
   ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbares ...
   ... War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres ...

   [S. 198]:
   ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spukte mir ...
   ... Ich ekelte mich vor dem Kerl; er spuckte mir ...

   [S. 217]:
   ... Oder gedenken sie berhaupt ledig zu bleiben? ...
   ... Oder gedenken Sie berhaupt ledig zu bleiben? ...

   [S. 287]:
   ... Sollte Sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...
   ... Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, -- nun, ...

   [S. 319]: (mehrfache Flle)
   ... Jaromir Kwanitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...
   ... Jaromir Kwnitschka, verwaisten Sohnes des vor 17 ...

   [S. 319]:
   ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdchig ...
   ... Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdchtig ...






End of the Project Gutenberg EBook of Der Golem, by Gustav Meyrink

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLEM ***

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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