The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II /
Novellen, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 2: Die Toten Seelen II / Novellen
       Die Toten Seelen II / Der Mantel / Die Nase / Das Portrt

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Otto Buek
            Mario Spiro
            S. Bugow

Release Date: March 1, 2017 [EBook #54263]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 2: DIE ***




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                             Nikolaus Gogol
                            Tote Seelen, II
                                Novellen




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 2


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909

                                E. R. W.


                             Nikolaus Gogol




           Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen


                               bertragen
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 2


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1909

                                E. R. W.




                                 Inhalt


   Die Abenteuer Tschitschikows, Zweiter Teil  Seite    1
   Novellen:
   Der Mantel                                        223
   Die Nase                                          283
   Das Portrt                                       329




                Die Abenteuer des Grafen Tschitschikows
                                  oder
                           Die Toten Seelen.
                              Zweiter Teil


                            Erstes Kapitel.

Warum blo wollen wir die Armut, nichts als die Armut und die
beklagenswerte Unvollkommenheit unseres Lebens ffentlich zur Schau
stellen, indem wir die Menschen aus der Wildnis, aus den entlegensten
Winkeln unseres Vaterlandes ausgraben und hervorziehen? -- Was ist zu
machen, wenn das nun einmal die Eigenart des Verfassers ist, und wenn er
selbst so sehr an seiner eigenen Unzulnglichkeit krankt, da er eben
nur dies eine kann: die Armut und nichts als die Armut und
Unvollkommenheit unseres Lebens darstellen, indem er seine Menschen aus
der Wildnis und aus den entlegensten Winkeln unseres Vaterlandes
ausgrbt? Und so sind wir denn abermals mitten in die Wildnis
hineingeraten und wieder auf ein des trauriges Nest gestoen. Und noch
dazu welch ein Nest und welch eine Wildnis!

Wie der Riesenwall einer unendlichen Festung mit Trmen und Bastionen,
zog sich in endlosen Windungen von mehr als tausend Werst eine
ununterbrochene Gebirgskette hin. Stolz und majesttisch erhob sie sich
ber die grenzenlose Ebene, bald als nackter Ton- und Kalkfelsen, bald
als senkrecht abstrzende Bergwand, durchsetzt von Spalten und Rissen,
bald wieder in Form von grnen Kuppen, bedeckt mit jungem Buschwerk, das
zwischen kahlen Baumstmpfen emporragte und von weitem wie zartes
Lammfell aussah, bald endlich als dichter dunkler Wald, den die Axt
seltsamer Weise noch verschont hatte. Der Flu, der berall zwischen
hohen Ufern dahinstrmte, folgte den Bergen in mancherlei
Schlangenwindungen, nur hie und da entfernte er sich von ihnen, flo
zwischen Feldern und Wiesen dahin, schlngelte sich in leuchtenden
Serpentinen, verschwand pltzlich, noch einmal hell aufblitzend im
strahlenden Sonnenlicht in einem Gehlz von Birken, Espen oder Erlen und
tauchte endlich wieder triumphierend aus dem Dunkel hervor, berall
begleitet von Brcken, Windmhlen und Dmmen, die ihm bei jeder Wendung
nachzueilen schienen.

An einer Stelle war die steile Gebirgsmasse besonders dicht mit dem
Lockenschmuck jungen Baumgrnes berzogen. Durch knstliche Anpflanzung
hatte sich hier dank den Unebenheiten des Gebirgshanges die Vegetation
aus Nord und Sd zusammengefunden. Eiche, Ahorn, Birnbume und
Weidenbsche, Beifu und Birke, Fichten und dicht von Hopfen umrankte
Ebereschen kletterten berall, _hier_ eintrchtig und sich gegenseitig
im Wachstum untersttzend, _dort_ sich hemmend und eng zusammengedrngt,
den steilen Berg hinan. Oben am Scheitel mischten sich mit den grnen
Wipfeln die roten Dcher der Gutsgebude, die Giebel und Dachfirste der
dahinter versteckten Bauernhtten, das oberste Stockwerk des
Herrenhauses mit seinem geschnitzten Balkon und dem halbrunden Fenster
-- und hoch ber dieser Masse nah beieinander liegender Huser und Bume
streckte eine altertmliche Kirche ihre fnf vergoldeten Trme in die
Luft, deren jeder ein Glockenspiel enthielt. Die Trme waren mit
goldenen durchbrochenen Kreuzen geschmckt, die mit ebensolchen Ketten
von gleichem Metall an den Kuppeln befestigt waren, so da man aus der
Ferne den Eindruck hatte, als glhte und flimmerte die Luft von
glnzendem gemnztem Golde, das frei im blauen ther schwebte, ohne an
etwas befestigt zu sein. Und diese ganze Masse von Bumen, Dchern und
Kreuzen spiegelte sich wie auf den Kopf gestellt lieblich im Flusse
wieder, wo die hohen migestalteten Weidenstmme, die teils vereinzelt
am Ufersaume, teils tief im Wasser standen, ihre von grnem schleimigen
Fluschwamm und treibenden Wasserlilien umsponnenen Zweige und Bltter
in die Fluten hinabtauchten und in die Betrachtung dieses reizenden
Bildes versunken schienen.

Dieser Anblick war in der Tat sehr hbsch, aber der Blick aus der Hhe
ins Tal, von der Terrasse des Hauses in die weite Ferne war noch viel
schner. Kein Gast, kein Besucher vermochte es gleichgltig auf dem
Balkon zu verweilen: der Atem stockte ihm in der Brust vor Staunen und
Entzcken, und er konnte blo ausrufen: Gott wie gerumig und frei ist
es hier! Ein unendlicher grenzenloser Raum breitete sich vor ihm aus:
Hinter den Wiesen, die mit Buschwerk und mit Windmhlen berst waren,
erhoben sich dunkle Wlder wie eine Reihe grn schimmernder Zonen;
hinter den Wldern leuchteten gelbliche Sanddnen durch die sich mhlich
verfinsternde Luft; auf diese folgten wiederum Wlder, die blulich
schimmerten, wie ein sich weithin dehnendes Meer oder eine weite
Nebelflche; dahinter lagen wieder Sanddnen, welche zwar nicht mehr so
hell, wie die ersten, aber doch noch deutlich sichtbar gelb glimmten und
leuchteten. Am fernen Horizont bemerkte man die Konturen eines
Bergrckens: das waren Kalkfelsen, die selbst bei schlechtestem Wetter
bestndig in blendender Weie erstrahlten, wie wenn eine ewige Sonne sie
beleuchtete. An ihrem Fue, der zum Teil aus Gipsgestein bestand, hoben
sich hie und da nebelgrau flimmernde Flecken von dem blendenden Wei des
Hintergrundes ab: das waren ferne Drfer, die jedoch kein menschliches
Auge erkennen konnte -- nur die goldene Spitze einer Kirche, die hin und
wieder aufblitzte wie ein glhender Funke, lie ahnen, das dies ein
groes, von Menschen bewohntes Dorf sei. Das Ganze aber war in eine
tiefe Stille getaucht, die nicht einmal von dem kaum bis ans Ohr
dringenden Lied der Snger der Lfte gestrt wurde, welche sich in den
reinen ther emporschwangen und bald im weiten Raume verloren. Mit einem
Wort, kein Gast noch Besucher konnte ruhig auf dem Balkon weilen, und
wenn er einige Stunden in die Betrachtung verloren dagestanden hatte,
brach er immer wieder in den schon bekannten Ruf aus: Gott, wie
gerumig und frei es hier ist.

Wer aber war der Bewohner und Besitzer dieses Landgutes, das gleich
einer uneinnehmbaren Festung dalag und zu dem von dieser Seite nicht
einmal ein Fahrweg hinfhrte. Man mute schon von der andern Seite
heranzukommen suchen -- wo weit auseinanderstehende Eichen den
herannahenden Reisenden freundlich begrten, indem sie ihre breiten
ste weit ausstreckten wie die Arme eines Freundes und ihn bis zu dem
Hause hingeleiteten, dessen Spitze wir schon von hinten gesehen haben,
und das jetzt ganz frei und offen dalag, zwischen einer langen Reihe von
Bauernhtten mit ihren geschnitzten Giebeln und Dachfirsten, und der
Kirche, die im Golde ihrer Kreuze und des durchbrochenen Schnitzwerkes
der in der Luft hngenden Ketten erstrahlte.

Es war der Gutsbesitzer des Tremalachanskschen Kreises Andrei
Iwanowitsch Tentennikow. Der Glckliche war ein junger Mann von
dreiunddreiig Jahren, der noch dazu unverheiratet war.

Was war nun dieser Gutsbesitzer Andrei Iwanowitsch Tentennikow fr ein
Mensch? Wie war sein Wesen; was hatte er fr Eigenschaften und fr einen
Charakter? -- Darnach mssen wir uns natrlich bei den lieben Nachbarn
erkundigen, geneigte Leserinnen. Einer von ihnen, der zu jener Gattung
verabschiedeter Stabsoffiziere und Lebemnner gehrte, die jetzt schon
im Aussterben begriffen ist, pflegte sich folgendermaen ber ihn zu
uern: Ein ganz gewhnlicher Schweinehund! Ein General, der etwa zehn
Werst von ihm entfernt wohnte, sagte gewhnlich: Der junge Mann ist
nicht dumm, aber er hat sich gar zu viel in den Kopf gesetzt. Ich knnte
ihm ntzlich sein, denn ich habe gewisse Verbindungen in Petersburg und
sogar beim ... Der General beendigte seinen Satz niemals. Der
Kreisrichter kleidete seine Antwort in folgende Form: Ich will mir mal
morgen die rckstndigen Steuern von ihm abholen! und ein Bauer htte
auf die Frage, was sein Herr fr ein Mensch sei, berhaupt nichts
geantwortet. Mit einem Wort, die Meinung, die die Nachbarn von ihm
hatten, war recht ungnstig. Vorurteilslos gesprochen aber war Andrei
Iwanowitsch eigentlich kein schlechter Mensch, sondern einfach einer von
denen, die unntz auf der Erde herumlaufen. Es gibt ja doch ohnedies
genug Leute, welche unntz auf der Erde herumlaufen, warum also sollte
gerade Tentennikow es nicht tun? brigens wollen wir hier gleich einen
kurzen Abri seines Tagewerks geben, und da bei ihm ein Tag stets dem
andern glich, so mag der Leser darnach selbst urteilen, was er fr einen
Charakter hatte, und inwieweit sein Leben den ihn umgebenden
Naturschnheiten entsprach.

Morgens pflegte er recht spt zu erwachen, dann richtete er sich im
Bette auf und rieb sich lange die Augen. Zu seinem Pech waren die Augen
sehr klein, und daher nahm diese Operation sehr viel Zeit in Anspruch.
Whrend der ganzen Dauer dieser Handlung stand ein Mann, namens
Michailo, mit einem Waschbecken und einem Handtuch an der Tr. Dieser
arme Michailo mute immer stundenlang so dastehen; dann ging er in die
Kche und kam noch einmal wieder; aber sein Herr sa noch immer im Bett
und rieb sich die Augen. Endlich sprang er aber doch auf, wusch sich,
zog seinen Schlafrock an und trat in den Salon um ein Glas Tee, Kaffee,
Kakao oder sogar frische Milch zu trinken. Er trank immer in kurzen
Zgen, indem er die Brotkrumen rcksichtslos umherstreute und die
Tabakasche berall achtlos hinfallen lie. So sa er wohl zwei Stunden
lang beim Frhstck, doch das gengte noch nicht. Dann nahm er noch eine
Tasse kalten Tee und ging langsam ans Fenster, das in den Hof fhrte.
Hier spielte sich jeden Tag folgende Szene ab.

Vor allem zankte sich der Hausdiener Grigorij in seiner Eigenschaft als
Aufwrter mit der Schlieerin Perphiljewna, die er mit folgenden
Ausdrcken zu bedenken pflegte: Ach du Jammerseele, du nichtsnutziges
Frauenzimmer du! Du solltest doch lieber den Mund halten, du gemeines
Geschpf!

Du willst wohl _so_ etwas haben? heulte die Jammerseele oder
Perphiljewna, indem sie ihm die geballte Faust hinhielt. Dieses
Frauenzimmer war nicht ungefhrlich und hatte recht derbe und krftige
Manieren, trotz ihrer starken Vorliebe fr Rosinen, Marmelade und andere
Sigkeiten, die sie in ihrem Schranke verschlossen hielt.

Du liegst dir ja sogar mit dem Verwalter in den Haaren, du Staubkorn,
elendiges, kreischte Grigorij.

Der Verwalter ist doch gerad so'n Dieb wie du, du glaubst wohl der Herr
kennt euch nicht; er ist doch hier und hrt alles.

Wo ist der Herr?

Da sitzt er am Fenster und sieht alles.

Und in der Tat, der Herr sa am Fenster und sah alles.

Um dieses Sodom und Ghomorrha noch zu vervollstndigen schrie ein Knabe
auf dem Hofe aus voller Kehle, der von der Mutter eine Ohrfeige bekommen
hatte, und ein Windspiel stimmte winselnd mit ein, indem es sich mit dem
Hinterteil auf die Erde setzte; der Koch hatte nmlich kochendes Wasser
aus dem Fenster gegossen und es verbrht; mit einem Worte alles heulte
und plrrte unertrglich. Der Herr sah und hrte sich alles an, aber
erst als der Lrm so entsetzlich wurde, da er Tentennikow in seinem
Nichtstun zu stren begann, schickte er in den Hof hinunter und lie
sagen, die da unten mchten doch etwas _leiser lrmen_.

Zwei Stunden vor dem Mittagessen begab sich Andrei Iwanowitsch in sein
Zimmer, um an einem groen Werke zu arbeiten, das ganz Ruland von
smtlichen nur mglichen Standpunkten: vom brgerlichen, vom
politischen, vom philosophischen und religisen umfassen und beleuchten
sollte; auch sollte es die schwierigen Aufgaben und Probleme lsen, die
die Zeit gestellt hatte und klar bestimmen, in welcher Richtung Rulands
groe Zukunft lge; mit einem Wort, es war ein Werk wie nur ein moderner
Mensch es planen konnte. brigens hatte es zunchst beim Nachdenken ber
dieses grandiose Unternehmen sein Bewenden: man kaute an der Feder, warf
ein paar Zeichnungen aufs Papier, und schob dann alles wieder beiseite;
statt dessen wurde ein Buch zur Hand genommen, das man bis zum
Mittagessen nicht wieder fortlegte. In diesem Buche las man, whrend die
Suppe, die Sauce, der Braten und sogar die se Speise verzehrt wurde,
ruhig weiter, und es kam mitunter vor, da manche Speisen ganz kalt und
andre berhaupt nicht angerhrt wurden. Dann trank man noch eine Tasse
Kaffee und rauchte ein Pfeifchen dazu und spielte noch eine Partie
Schach mit sich selbst. Was darauf noch weiter bis zum Abendessen getan
wurde -- ist tatschlich schwer zu sagen. Ich glaube es wurde berhaupt
nichts mehr getan.

So verbrachte der junge dreiunddreiigjhrige Mann, der immer im
Schlafrock und ohne Halsbinde dasa ganz mutterseelenallein und von
aller Welt verlassen, seine Zeit. Das Spaziergehen und Herumlaufen
machte ihm keinen Spa, er hatte nicht einmal Lust hinaufzugehen, oder
ein Fenster zu ffnen, um frische Luft in das Zimmer hineinzulassen, und
der herrliche Anblick des Dorfes, an dem sich Gste und Besucher nicht
genug erfreuen konnten, schien fr den Besitzer selbst berhaupt nicht
zu existieren. Aus alledem kann der Leser ersehen, da Andrei
Iwanowitsch Tentennikow zu der groen Familie der Leute gehrte, die in
Ruland nicht alle werden und die man frher bei uns Schlafmtzen,
Faulenzer, Brenhuter usw. zu nennen pflegte, und fr die ich heute
wirklich keinen Namen zu finden wte. Ob solche Charaktere _geboren_
werden oder sich allmhlich bilden, als ein Produkt trauriger
Lebensverhltnisse, in deren harte und strenge Umgebung der Mensch
hineingestellt ist, das ist eine Frage. Statt sie zu beantworten tut man
vielleicht besser, die Geschichte der Kindheit und der Lehrjahre Andrei
Iwanowitschs zu erzhlen.

Anfangs schien alles darauf abzuzielen, da etwas Vernnftiges aus ihm
werden sollte. Mit zwlf Jahren kam der etwas krnkliche und
trumerische, aber begabte und scharfsinnige Knabe in eine Schule, deren
Direktor ein fr jene Zeit wirklich ungewhnlicher Mensch war. Der
Abgott der Jnglinge und das bewunderte Vorbild aller Lehrer und
Erzieher. Alexander Pawlowitsch war mit einem auerordentlichen
Feingefhl begabt. Wie gut kannte er den russischen Charakter! Wie
kannte er das kindliche Gemt! Wie verstand er es, die Kinder zu leiten
und zu lenken! Es gab keinen Schelm oder Wildfang, der, wenn er etwas
angestellt hatte, nicht selbst zum Direktor kam, um ihm seine Streiche
und Untaten zu beichten. Aber das war noch nicht alles: er erhielt eine
harte Strafe, aber der kleine Schelm lie darum keineswegs die Nase
hngen, sondern verlie das Zimmer aufrechter als vorher. Es lag etwas
wie frischer Mut in seinen Zgen, und eine innere Stimme schien zu ihm
zu sprechen: Vorwrts! Erhebe dich schnell wieder und stelle dich ruhig
wieder auf beide Beine, trotzdem du gefallen bist. Nie hielt der
Direktor seinen Zglingen lange Reden ber gutes Betragen. Er pflegte
nur zu sagen: Ich verlange von meinen Schlern nur dies eine: da sie
vernnftig und verstndig sind, sonst nichts! Wer den Ehrgeiz hat, klug
zu werden, der hat nicht Zeit unartig zu sein; die Unarten mssen von
selbst verschwinden. Und so war es in Wirklichkeit, die Unarten
verschwanden ganz von selbst. Ein Schler, der kein ernstes Streben
hatte, lenkte nur die Verachtung seiner Kameraden auf sich. Die
erwachsenen Esel und Schafskpfe muten es sich gefallen lassen von den
Kleinsten mit den krnkendsten Spitznamen getauft zu werden, und durften
ihnen kein Hrchen krmmen. Das geht zu weit! sagten viele, diese
Knaben werden allzu gescheit, das mu sie hochmtig machen. Nein, das
geht durchaus nicht zu weit, antwortete er, die schwach Begabten
behalte ich nicht lange in der Schule; es gengt schon, wenn sie den
einen Lehrgang durchmachen; fr die Begabteren habe ich noch einen
zweiten Kursus.(1) Und in der Tat, die Begabten muten noch einen
zweiten Kursus durchmachen. Manche Unarten und Streiche gestattete er
und machte gar nicht den Versuch sie zu unterdrcken; in diesem
ber-den-Strang-Schlagen der Kinder sah er den Beginn der Entwickelung
ihrer seelischen Regungen und er erklrte, er knne es nicht entbehren,
sondern brauche es vielmehr wie ein Arzt den Ausschlag, -- um mit
Sicherheit zu ermitteln, was in des Menschen Innerem eigentlich vorgehe.

Wie liebten ihn aber auch die Knaben! Nie trifft man eine solche
Anhnglichkeit und Liebe der Kinder zu ihren Eltern, nie gab es selbst
in dem unvernnftigen Lebensalter, wo man sich rcksichtslos sinnlosen
Leidenschaften in die Arme wirft, eine so gewaltige unauslschliche
Neigung, wie die Liebe zu ihm. Bis zum Grabe, bis zu den letzten
Lebenstagen noch, erhoben die dankbaren Zglinge am Geburtstage ihres
herrlichen Lehrers, der schon lngst gestorben war, auf sein Andenken
ihren Pokal, schlossen die Augen und vergossen seinetwegen Trnen der
Rhrung. Beim kleinsten Lob aus seinem Munde berlief den Schler ein
freudiges Beben und ein ehrgeiziges Streben spornte ihn an, all seine
Kameraden zu bertreffen. Die Unbegabten hielt er nicht lange in der
Schule fest; sie brauchten nur einen kurzen Lehrgang durchzumachen; die
Begabten aber hatten einen doppelten Lehrgang zurckzulegen, und die
letzte Klasse, die nur aus ganz Auserwhlten bestand, hatte gar keine
hnlichkeit mit der anderer Schulen. Erst hier verlangte er all das von
dem Zgling, was andre unvernnftigerweise schon von den Kindern
verlangen -- nmlich jenen entwickelteren Verstand, der selbst nicht
spottet, es aber versteht, jeden Spott ruhig zu ertragen, dem Dummen zu
verzeihen, sich nicht reizen zu lassen, die Geduld nicht zu verlieren,
niemals Rache zu ben und sich immer eine stolze Ruhe und
unerschtterliche Selbstbeherrschung zu bewahren; alles was geeignet
ist, aus einem Menschen einen starken Mann zu formen, kam hier bestndig
zur Anwendung und er selbst stellte unaufhrlich Versuche und
Experimente mit seinen Schlern an. O, wie vorzglich kannte er die
Wissenschaft des Lebens!

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr gro. In den meisten Fchern
unterrichtete er selbst. Er verstand es, ohne Pedanterie und weitlufige
Terminologie, ohne groartige Theorien und geschwollene Phrasen das
eigentliche Wesen, die Seele einer jeden Wissenschaft darzustellen,
soda auch der ungereifte Geist es sofort begriff, wozu er dies Wissen
ntig hatte. Von allen Wissenschaften whlte er nur die, welche geeignet
sind, aus dem Menschen einen Brger seines Vaterlandes heranzubilden.
Der grte Teil seiner Vorlesungen handelte davon, was den Jngling in
der Zukunft erwarte und er verstand es so gut, den ganzen Horizont
seiner Laufbahn vor ihm aufzurollen, da der Jngling schon auf der
Schulbank mit allen Gedanken und Trumen seiner Seele in seinem
knftigen Berufe: im Staatsdienste lebte. Er verheimlichte nichts vor
ihnen: weder die Enttuschungen noch die Hindernisse, die sich vor dem
Menschen auf seinem Lebenswege erheben, weder die Versuchungen noch die
Verfhrungen, die ihn erwarten, dies alles fhrte er ihnen in
ungeschminkter Nacktheit vor Augen, ohne ihnen das Geringste
vorzuenthalten. Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle mter und
Berufe kennen gelernt hatte. Und seltsam, sei es nun, da der Ehrgeiz in
ihnen so stark angeregt war, sei es da im Auge dieses auerordentlichen
Pdagogen etwas lag, was dem Jngling ein bestndiges Vorwrts!
zuzurufen schien -- dieses Wort, das der Russe so gut kennt und das bei
seiner feinfhligen Natur so groe Wunder wirkt -- genug, die jungen
Leute fingen sogleich an selbst die Schwierigkeiten aufzusuchen und
drsteten frmlich darnach, sich berall dort geschftig und ttig zu
zeigen, wo es galt, eine Schwierigkeit oder ein Hindernis zu berwinden
und einen hohen Mut und Seelenstrke zu beweisen. Nur ganz wenigen
gelang es diesen Lehrgang zurckzulegen, aber dafr waren es auch lauter
starke krftige Mnner geworden, die gewissermaen im Pulverdampfe
gestanden hatten. Im Dienste wuten sie sich an den exponiertesten
Stellen zu halten, whrend viele, die weit klger waren als sie, es
nicht lange im Dienste aushielten, ihn wegen kleiner persnlicher
Unannehmlichkeiten quittierten oder bequem und trge(2) wie sie waren in
die Hnde von Gaunern und Erpressern gerieten. Dagegen standen die
andern nicht nur fest und ohne zu wanken auf ihrem Posten, sondern
verstanden es sogar, gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis auch auf
die schlechten und unehrlichen Leute noch einen starken sittlichen
Einflu auszuben.(3)

Das glhende Herz des ehrgeizigen Knaben pochte lange bei dem bloen
Gedanken, da er endlich auch in diese Klasse versetzt werden wrde. Man
sollte meinen, fr unseren Tentennikow htte es gar nichts Besseres
geben knnen als einen solchen Erzieher. Das Unglck wollte es jedoch,
da gerade in dem Augenblick, als er in diese Klasse der Auserwhlten
versetzt worden war -- wonach er sich so lebhaft gesehnt hatte -- der
vortreffliche Lehrer einem unerwarteten Tode zum Opfer fiel. Das war ein
wahrhaft furchtbarer Schlag, ein schrecklicher unersetzlicher Verlust
fr den jungen Mann. Nun wurde es in der Schule mit einem Male ganz
anders. An die Stelle des Alexander Petrowitsch trat jetzt ein gewisser
Fjodor Iwanowitsch. Er ging vor allem daran, allerlei uere
Vorschriften und ein strenges Reglement einzufhren und verlangte von
den Kindern lauter Dinge, die man nur von Erwachsenen verlangen konnte.
In dem freien Sichgehenlassen sah er nichts wie Ungezogenheit und
Zgellosigkeit. Wie im bewuten Gegensatz zu seinem Vorgnger erklrte
er gleich am ersten Tage, er lege gar keinen Wert auf den Verstand und
die Fortschritte der Schler in den Wissenschaften, sondern allein auf
das gute Betragen.(4) Aber seltsam! gerade dies, wonach er so eifrig
strebte, das gute Betragen konnte Fjodor Iwanowitsch seinen Schlern
nicht beibringen. Sie machten allerhand schlechte Streiche, suchten sie
aber geheim zu halten. Am Tage ging alles wie am Schnrchen, dafr gab
man sich in der Nacht wilden Orgien und Zechereien hin.

Auch mit den Wissenschaften ging es ganz seltsam. Fjodor Iwanowitsch
stellte neue Lehrer mit neuen Anschauungen und neuen Grundstzen an. Sie
lieen ein wahres Hagelwetter von neuen Worten und Termini auf die
Schler niedergehen; sie vernachlssigten in ihrer Darstellung
keineswegs die logischen Zusammenhnge, sie bercksichtigten die neueren
Fortschritte der Wissenschaft und Technik, es fehlte ihnen nicht an
Feuer und wahrhafter Begeisterung -- aber ach bei alledem fehlte es doch
ihrer Wissenschaft an dem rechten Leben! Ihre tote Wissenschaft erhielt
in ihrem Munde etwas Starres und noch Totenhnlicheres. Mit einem Wort,
es ging alles drunter und drber. Die Achtung vor der Schulobrigkeit und
Autoritt ging ganz verloren, man lachte und spottete ber die Lehrer,
nannte den Direktor Fritze, Pauker und wie die schnen Namen sonst noch
heien. Es schlichen sich Laster ein, die durchaus nicht mehr unschuldig
waren, ja die Schler machten raffinierte Streiche, da man sich
gentigt sah viele von ihnen ganz auszuschlieen. In zwei Jahren war die
Schule kaum noch wiederzuerkennen.

Andrei Iwanowitsch hatte einen stillen und sanften Charakter. Er fand
kein Gefallen an den nchtlichen Orgien seiner Kameraden, die vor dem
Fenster der Wohnung ihres Direktors ganz ungeniert ein Dmchen
einquartiert hatten, auch machte er ihre schlechten Streiche und frechen
Reden ber die Religion nicht mit, zu denen sie sich nur deshalb
verstiegen, weil sie zufllig einen recht dummen Popen zum Lehrer
hatten. Nein, seine Seele ahnte selbst durch den Traum hindurch ihren
gttlichen Ursprung. Es gelang ihnen nicht, ihn zu verfhren, aber er
lie sehr bald die Nase hngen. Sein Ehrgeiz war schon erwacht, aber es
gab leider kein Feld, auf dem er ihn hatte bettigen knnen. Es wre
besser gewesen, wenn dieser Ehrgeiz berhaupt nicht geweckt worden wre.
Andrei Iwanowitsch hrte wie sich die Professoren auf dem Katheder
ereiferten und mute dabei stets an seinen frheren Lehrer denken, der,
auch ohne sich aufzuregen, immer klar und verstndig blieb. Was hrte er
nicht alles fr Gegenstnde und Fcher! Philosophie, Medizin, sogar
Jurisprudenz, allgemeine Weltgeschichte und zwar in einem solchen
Umfange, da der Professor in ganzen drei Jahren kaum ber die
Einleitung und ber die Entstehung gewisser deutscher Stdte hinauskam
-- und Gott wei was er nicht noch alles hrte, aber dies alles blieb in
seinem Kopfe wie ein Haufe von formlosen Stcken liegen -- dank seinem
angeborenen Verstande fhlte er nur, da dies nicht die richtige
Unterrichtsmethode sein knne, worin aber nun die rechte bestand -- dies
wute er selbst nicht. Und oft noch mute er an Alexander Petrowitsch
denken, und dann wurde ihm so schwer ums Herz, da er nicht wute, wo er
sich vor Schmerz lassen sollte.

Aber das eben ist das Glck der Jugend, da sie noch eine Zukunft hat.
Je nher die Zeit heranrckte, wo seine Lehrzeit ein Ende nehmen sollte,
um so lebhafter schlug das Herz in seiner Brust. Er sprach zu sich
selbst: Das alles ist ja noch nicht das Leben, das wahre Leben fngt
erst mit dem Staatsdienst an, da beginnt die Zeit der groen Taten. Und
ohne einen Blick auf den herrlichen Winkel zu werfen, der alle Gste und
Besucher in Staunen und Entzcken versetzte, ohne dem Grabe seiner
Eltern einen Besuch abgestattet zu haben, eilte er wie alle ehrgeizigen
Menschen nach Petersburg, das Ziel aller feurigen jungen Leute, die aus
allen Gegenden Rulands hierher zusammenstrmen, um in den Staatsdienst
zu treten, um zu glnzen, Karriere zu machen oder auch nur ganz
oberflchlich von unserer eiskalten, farblosen, trgerischen
gesellschaftlichen Bildung zu nippen. Allein Andrei Iwanowitsch sah sich
in seinem ehrgeizigen Streben sehr bald gehemmt und abgekhlt durch
seinen Onkel den wirklichen Staatsrat Onufrij Iwanowitsch. Dieser
erklrte kategorisch, die Hauptsache, auf die alles ankomme, sei eine
gute Handschrift; alles brige sei unrichtig; ohne diese jedoch knne er
es unmglich bis zum Minister oder einer hheren Staatsstellung bringen.
Nur mit groer Mh und durch die hohe Protektion seines Onkels gelang es
ihm endlich, sich eine kleine Stellung in einem untergeordneten
Departement zu verschaffen. Als er den prachtvollen hell erleuchteten
Saal mit dem glnzenden Parkett und all den lackierten Tischen betrat,
da hatte er den Eindruck, als sen hier die ersten Wrdentrger des
Reiches, die ber das Schicksal des ganzen Landes zu entscheiden htten,
und als er dann die Legionen schner Herren erblickte, die den Kopf auf
die Schulter gebeugt, dasaen und laut mit den Federn kritzelten, und
wie er nun aufgefordert wurde, hinter einem Tische Platz zu nehmen und
ein Aktenstck abzuschreiben (es hatte wie mit Absicht einen ganz
unbedeutenden Inhalt; handelte es sich doch um drei Rubel, wegen der
schon ein halbes Jahr lang hin- und hergeschrieben wurde) da berlief
den unerfahrenen Jngling ein ganz merkwrdiges Gefhl. Die um ihn
herumsitzenden Herren erinnerten ihn lebhaft an kleine Schuljungen! Zur
Vervollstndigung der hnlichkeit waren noch einige von ihnen in die
Lektre eines dummen Romans, eine bersetzung aus einer fremden Sprache
vertieft; sie hielten ihn zwischen den Blttern des Aktenstckes
versteckt, suchten sich den Anschein zu geben, als seien sie mit der
Durchsicht der Akten beschftigt und fuhren jedesmal zusammen, wenn der
Vorgesetzte in der Tre erschien. Dies alles kam ihm so seltsam vor und
er konnte das Gefhl nicht los werden, da seine frhere Ttigkeit
unendlich viel bedeutender und die Vorbereitung zum Staatsdienst weit
schner gewesen war, als der Staatsdienst selbst. Er sehnte sich wieder
in seine Schulzeit zurck. Pltzlich stand Alexander Petrowitsch wie
lebendig vor seinem geistigen Blick -- und er konnte nur mit Mhe seine
Trnen unterdrcken.

Das ganze Zimmer begann sich zu drehen. Die Tische und die Beamten
wirbelten durcheinander und fast wre er in dieser pltzlichen
Umnachtung zu Boden gesunken. Nein, sagte er, als er wieder zu sich
kam, leise zu sich selber, ich will dennoch ans Werk gehen, so
kleinlich es mir auch erscheint. Nachdem er sich so selbst ermutigt
hatte, beschlo er, seinen Dienst ruhig weiter zu versehen, wie alle
andern.

Wo ist die Welt ganz freudenleer? Auch Petersburg bietet trotz seines
rauhen, finstern ueren mancherlei Gensse. Drauen herrscht eine
frchterliche Klte von dreiunddreiig Grad; wie ein entfesselter bser
Geist jagt heulend die Schneesturmhexe, dies Kind des Nordens, durch die
Luft, wtend fegt sie den Schnee ber das Straenpflaster, klebt den
Leuten die Augen zusammen, und bestreut die Pelz- und Mantelkragen, die
Schnurrbrte der Menschen und die Schnauzen der Tiere mit weiem Puder;
aber anheimelnd blinkt zwischen den durcheinanderwirbelnden
Schneeflocken hindurch irgendwo hoch oben im vierten Stock ein
freundlich erleuchtetes Fenster; in einem gemtlichen Zimmer beim Lichte
bescheidener Stearinkerzen und beim traulichen Gesumm der Teemaschine
werden hier Herz und Seele erwrmende Gedanken ausgetauscht, erklingt
manch herrliches, begeistertes Poetenwort, mit dem Gott sein liebes
Ruland so reichlich beschenkte, und in erhabener Glut erbebt manch
Jnglingsherz wie nirgends sonst, nicht einmal unter dem schwellenden
Himmel des Sdens.

Tentennikow gewhnte sich bald an den Dienst, aber die berufliche
Ttigkeit wurde ihm nicht zum eigentlichen Ziel und Selbstzweck, wie er
zuerst geglaubt hatte, sondern sie rckte gewissermaen an die zweite
Stelle. Sie diente ihm dazu, seine Zeit besser einzuteilen, und lehrte
ihn die wenigen freien Augenblicke, die ihm brig blieben, erst recht
schtzen. Sein Onkel der wirkliche Staatsrat fing schon an zu glauben,
da aus dem Neffen noch etwas Rechtes werden knne, als dieser pltzlich
einen ganz dummen Streich machte. Hier mssen wir einflechten, da sich
unter den vielen Freunden Andrei Iwanowitschs zwei junge Leute befanden,
die zur Klasse der sogenannten verbitterten Menschen gehrten. Das
waren zwei von jenen seltsamen und unruhigen Charakteren, die nicht nur
keine _Ungerechtigkeit_ geduldig zu ertragen vermgen, sondern nicht
einmal das, was ihnen wie eine Ungerechtigkeit erscheint. Von Natur
gutmtig, aber unklug und systemlos in ihren Handlungen, verlangen sie
von andern Leuten alle nur mglichen Rcksichten, whrend sie selbst
uerst intolerant gegen andre Menschen sind. Ihre feurige Rede und die
uerlich zur Schau getragene edle Entrstung gegen die Gesellschaft
machten einen starken Eindruck auf Tentennikow. Im Umgang mit ihnen
schrften sich seine Nerven und erwachte in ihm eine gewisse
Empfindlichkeit und Reizbarkeit. Er lernte von ihnen, all jene
Kleinigkeiten zu bemerken, die er frher kaum beachtet hatte. Fjodor
Nikolajewitsch Lenitzyn, der Chef einer der Abteilungen, die sich in
jenem prachtvollen Saal befanden, erregte pltzlich sein Mifallen. Es
schien ihm, da sich Lenitzyn ganz und gar in ein Stck Zucker
verwandelte und sein Gesicht zu einem widerlich sen Lcheln verzog,
wenn er mit Leuten sprach, die ber ihm standen, dagegen sofort eine
essigsaure Miene machte, wenn er sich an seine Untergebenen wandte; da
er sich nach Art aller kleinlichen Menschen alle die merkte, die an den
groen Festtagen nicht zu ihm kamen, um zu gratulieren und es denen
nicht vergessen konnte, deren Namen er nicht auf der beim Portier
ausliegenden Liste fand. Infolgedessen fate er eine unberwindliche,
beinahe physische Antipathie gegen ihn. Es war fast so, als stachele und
reize ihn bestndig ein bser Geist, Fjodor Fjodorowitsch eine
Unannehmlichkeit zu bereiten. Mit einer geheimen Freude suchte er nach
einer passenden Gelegenheit und sie fand sich sehr bald. Einmal wurde er
so grob gegen ihn, da ihm von der vorgesetzten Behrde bedeutet wurde,
-- er msse den Chef um Verzeihung bitten oder um seinen Abschied
einkommen. Er nahm seinen Abschied. Sein Onkel, der wirkliche Staatsrat,
kam ganz erschrocken zu ihm gelaufen und flehte ihn an: Um
Gotteswillen, Andrei Iwanowitsch! Ich bitte dich! Was machst du? Deine
ganze, so glcklich begonnene Karriere aufs Spiel zu setzen, blo weil
du einen Vorgesetzten bekommen hast, der dir nicht gefllt! Was soll das
nur bedeuten? Wenn jeder es so machen wollte, dann bliebe doch berhaupt
keiner mehr im Amte. Komm zu dir, sei vernnftig ... berwinde deinen
falschen Stolz und deine Eitelkeit, fahre zu ihm hin und sprich dich mit
ihm aus!

Es handelt sich hier doch gar nicht _darum_, lieber Onkel, sagte der
Neffe. Es wird mir ja garnicht schwer, ihn um Verzeihung zu bitten. Ich
bin wirklich schuld: er ist mein Vorgesetzter, und ich htte nicht so
mit ihm reden drfen. Aber die Sache ist die: fr mich gibt es noch
einen andern Dienst und eine andre Aufgabe: ich habe dreihundert Bauern,
mein Gut liegt darnieder, und mein Verwalter ist ein Narr. Der Staat
wird nicht sehr viel verlieren, wenn ein anderer meinen Platz im Bureau
einnehmen und meine Akten abschreiben wird, aber er verliert sehr viel,
wenn dreihundert Bauern ihre Steuern nicht bezahlen knnen. Bedenken
Sie, ich bin doch Gutsbesitzer: das ist kein Beruf, bei dem man mig
dasitzen knnte. Wenn ich fr die Erhaltung, fr die Hebung der Lage der
mir anvertrauten Menschen sorge und dem Staate dreihundert tchtige,
nchterne und fleiige Untertanen auf die Beine stelle, -- habe ich
damit etwa weniger getan, als irgend ein Departementschef Lenitzyn?

Der wirkliche Staatsrat sperrte vor Verwunderung den Mund weit auf;
einen solchen Redeergu hatte er nicht erwartet. Er dachte etwas nach
und begann dann etwa folgendermaen: Aber trotzdem ... nein, was denkst
du nur? Du kannst dich doch nicht auf dem Lande vergraben? Die Bauern
sind doch kein Umgang fr dich! Hier ist's doch anders, da begegnet man
doch hin und wieder einmal einem General oder einem Frsten. Und wenn du
Lust hast, kannst du auch an irgend einem schnen ffentlichen Gebude
vorbergehen. Hier gibt es doch Gasbeleuchtung und europische
Industrie, dagegen dort! da siehst du doch nichts wie Bauern und
Bauernweiber. Warum willst du dich unter so ungebildete Menschen
begeben?

Aber diese so berzeugenden Einwnde und Vorstellungen des Onkels
machten keinen rechten Eindruck auf den Neffen. Das Land erschien ihm
als ein Hort der Freiheit, als Nhrmutter schner Trume und Gedanken,
als das einzige Feld einer ntzlichen Ttigkeit. Er hatte sich schon die
allerneuesten Werke ber Landwirtschaft besorgt. Mit einem Wort, zwei
Wochen nach dieser Unterhaltung befand er sich schon in der Nhe jener
Pltze, wo er seine Jugend verlebt hatte, und jenes lieblichen Winkels,
der jeden Gast und Besucher so in Begeisterung versetzte. Ein ganz neues
Gefhl bemchtigte sich seiner. Alte lngst verblate Eindrcke
erwachten in seiner Seele. Manche Pltze hatte er schon ganz vergessen,
und neugierig wie ein Neuling betrachtete er die herrlichen Gegenden, an
denen er vorberkam. Und pltzlich begann sein Herz aus einem
unbekannten Grunde heftig zu schlagen. Doch als dann der Weg durch eine
enge Schlucht in das Dickicht eines gewaltigen Urwaldes fhrte und er
oben und unten, ber und unter sich dreihundertjhrige Eichenstmme, die
drei Menschen kaum zu umfassen vermochten, untermischt mit Tannen, Ulmen
und Schwarzpappeln erblickte, die noch hher waren als die gewhnlichen
Pappeln und als er dann auf die Frage: Wem gehrt dieser Wald? die
Antwort erhielt: Tentennikow, und wie dann der Weg den Wald verlie,
sich an Espenhainen, jungen und alten Weidenbumen und Struchen, und an
den fernen Gebirgsketten vorberzog und den Flu zweimal auf Brcken
berschritt, ihn bald zur Rechten bald zur Linken lassend und als der
Reisende auf die Frage: Wem gehren diese Wiesen und diese
berschwemmten Felder? wiederum die Antwort erhielt: Tentennikow, und
als dann der Weg den Berg hinaufklomm und auf dem hohen Plateau weiter
fortlief, vorbei an Korngarben, Weizen, Roggen und Gerste und sich noch
einmal an all den Pltzen entlang zog, an denen man schon einmal
vorbeigekommen war und die nun pltzlich weit nher gerckt schienen,
und als der Weg immer dunkler wurde und in den Schatten breiter
weitverzweigter Bume untertauchte, die dicht beieinander auf dem grnen
Rasenteppich standen, welcher sich bis zur Grenze des Dorfes hinzog; als
die mit Schnitzwerk verzierten Bauernhtten, die roten Dcher der
steinernen Gutsgebude ihm freundlich entgegenschimmerten, als die
goldene Spitze des Kirchturms vor ihm aufblitzte und das feurig pochende
Herz ihm auch ohne zu fragen sagte, wo er sich jetzt befand, -- da
machten sich die immer hher schwellenden Gefhle in folgenden lauten
Worten Luft: War ich nicht ein Narr bis auf den heutigen Tag. Das
Schicksal hatte mich zum Besitzer eines irdischen Paradieses ausersehen,
und ich verdammte mich selbst zu niederen Schreiberdiensten, machte mich
zum Knechte toter Buchstaben. Da habe ich nun viel gelernt, eine
sorgfltige Erziehung genossen, mich ber die Dinge orientiert, mir
einen groen Schatz von Kenntnissen angeeignet, deren man zur Frderung
des Guten unter seinen Untergebenen, zur Hebung eines ganzen Gebietes,
zur gewissenhaften Erfllung der zahlreichen Pflichten eines
Gutsbesitzers bedarf, der Verwalter, Richter und Ordnungswchter in
einer Person ist! Und da gehe ich hin und vertraue diesen Posten irgend
einem ungebildeten und unfhigen Inspektor an! Und whle mir statt
dessen den Beruf eines Gerichtsschreibers und kmmere mich um die
Prozesse anderer Leute, die ich berhaupt noch nicht gesehen habe und
deren Wesen und Charakter ich nicht einmal kenne. Wie konnte ich nur
dies Papierregiment, diese phantastische Verwaltung von Provinzen, die
vielleicht tausend Werst von mir entfernt sind, die ich noch nie mit dem
Fue betreten habe und wo ich einen ganzen Haufen von Dummheiten
anrichten kann -- der realen Verwaltung meiner eigenen Gter vorziehen?

Unterdessen aber erwartete ihn ein andres Schauspiel. Die Bauern hatten
von der Ankunft ihres Herrn gehrt und sich an der Freitreppe des
Herrenhauses versammelt. Bunte Tcher, Grtel, Hauben, Bauernkittel und
die mchtigen malerischen Brte dieses schnen Menschenschlages drngten
sich um ihn. Und als dann aus hundert Kehlen der Ruf ertnte:
Vterchen! Hast du dich endlich unser erinnert! und den alten Leuten,
die noch seinen Grovater und Urgrovater gekannt hatten unwillkrlich
die Trnen in die Augen traten, da konnte auch er seine Rhrung nicht
unterdrcken. Und er mute sich insgeheim fragen: So viel Liebe! Womit
habe ich sie nur verdient? -- Wohl damit, da ich sie nie gesehen,
mich nie um sie gekmmert habe! Und er schwur sich, von nun an alle
Mhe und Arbeit mit ihnen zu teilen.

Und Tentennikow machte sich ganz ernstlich an die Verwaltung und
Bewirtschaftung seines Gutes. Er setzte den Erbzins herab, verringerte
die Fronarbeit und lie den Bauern mehr Zeit fr ihre eigenen Arbeiten.
Den dummen Verwalter jagte er davon und kmmerte sich selbst um alles.
Er erschien selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der
Getreidedarre, in den Mhlen und am Landungsplatz; und er war beim Laden
und bei der Abfertigung der Barken zugegen, soda die Trgen und Faulen
sich bereits hinter den Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht
lange.(5) Der Bauer ist nicht dumm, er begriff bald, da der Herr zwar
flink und gewandt sei und wirklich Lust habe, was Tchtiges zu leisten,
aber noch nicht recht wisse, wie er es anfangen solle; auch war seine
Ausdrucksweise gar zu kompliziert und zu gebildet. Schlielich kam es
soweit, da sich Herr und Bauer -- es wre zu viel gesagt -- garnicht
verstanden, aber doch nicht recht miteinander harmonierten und es nie
lernten, den gleichen Ton zu treffen.

Tentennikow bemerkte bald, da auf dem herrschaftlichen Grund und Boden
alles bei weitem nicht so gut gedieh, wie auf dem des Bauern: das Korn
wurde frher ausgest und ging spter auf; und doch konnte man nicht
sagen, da die Leute schlecht arbeiteten. Der Herr stand immer selbst
dabei und lie den Bauern sogar einen Becher Branntwein reichen, wenn
sie sich besonders viel Mhe gaben. Trotzdem aber stand bei den Bauern
der Roggen schon lngst in vollen Halmen, der Hafer reifte, die Hirse
scho mchtig empor, bei ihm dagegen grnte das Korn noch kaum und die
hren waren kaum gefllt. Mit einem Wort, der Herr merkte, da ihn der
Bauer einfach hinterging trotz aller Erleichterungen und Wohltaten, die
er ihm angedeihen lie. Er machte den Versuch, die Bauern zur Rede zu
stellen, da erhielt er aber folgende Antwort: Wie knnen Sie nur
glauben, gndiger Herr, da wir nicht an den Nutzen und Vorteil der
Herrschaft denken. Sie haben doch selbst gesehen, wieviel Mhe wir uns
beim Pflgen und Sen gegeben haben! -- Sie haben uns doch sogar einen
Becher Branntwein geben lassen. Was konnte er darauf antworten?

Warum steht denn aber das Getreide so schlecht? fragte der Herr
weiter.

Gott wei es! Der Wurm hat's wohl von unten angenagt! Und dann kommt
noch der schlechte Sommer dazu: es hat ja nicht ein einziges Mal
geregnet.

Aber der Herr sah, da der Wurm das Getreide der Bauern verschont hatte,
und es regnete auch so merkwrdig, sozusagen streifenweise, soda nur
der Bauer Vorteil davon hatte, whrend auch nicht ein Tropfen das
herrschaftliche Kornfeld traf.

Und noch schwerer wurde es ihm mit den Frauen auszukommen. In einem fort
bettelten sie um Befreiung von der Arbeit und klagten ber die Lasten
des Frondienstes. Seltsam! Er verlangte berhaupt keine Lieferungen von
Leinwand, Beeren, Pilzen und Nssen mehr von ihnen, erlie ihnen die
Hlfte aller andern Arbeiten, weil er glaubte, die Frauen wrden die
freigewordene Zeit fr ihre huslichen Arbeiten verwenden, fr die
Wsche und Kleidung ihrer Mnner sorgen und ihre Gemsegrten
vergrern. Welch ein Irrtum! Statt dessen griff der Miggang, das
Raufen, die Klatschsucht und allerhand Znkereien derartig unter dem
schnen Geschlecht um sich, da die Mnner jeden Augenblick zum Herrn
gelaufen kamen und ihn baten: Gndiger Herr, bringen Sie diesen Satan
von einem Weibe zur Vernunft! Das ist ja der reinste Teufel. Mit der
kann kein Mensch auskommen!

Mehrmals schon hatte er sich berwunden und seine Zuflucht zur Strenge
nehmen wollen. Aber wie konnte er es bers Herz bringen! Wie konnte er
streng sein, wenn so eine Frau daher kam und nach rechter Weiberart zu
heulen begann? Dazu sahen sie alle so krank und elend aus und waren in
so hliche widerwrtige Tcher und Lappen gehllt! (Woher sie sie blo
nahmen -- das wei Gott allein!) Fort, geh mir aus den Augen, da ich
dich nicht zu sehen brauche! rief der arme Tentennikow und hatte gleich
darauf das Vergngen zu sehen, wie das Weib aus dem Tore hinaustrat,
sich mit einer Nachbarin um irgend eine Rbe zu zanken begann und ihr
trotz ihrer Krnklichkeit so krftig den Buckel volldrosch, wie es ein
gesunder Bauer nicht schner fertiggebracht htte.

Eine Zeitlang wollte er eine Schule fr sie grnden, aber das gab eine
solch tolle Verwirrung, da er ganz mutlos wurde, den Kopf hngen lie,
und bedauerte berhaupt damit angefangen zu haben!

Bei seiner Ttigkeit als Schiedsrichter und Mittler merkte er
gleichfalls, da sich mit all den juristischen Kniffen und Finessen
nicht viel anfangen lie, auf die ihn seine philosophischen Professoren
gebracht hatten. Die eine Partei log, die andre schwindelte nicht
weniger und schlielich konnte nur der Teufel aus der Sache klug werden.
Und er erkannte, da die schlichte Menschenkenntnis weit wertvoller war,
als alle juristischen Kniffe und philosophischen Bcher; -- er fhlte,
da ihm noch etwas fehlte, was dies aber war, das wute nur Gott allein.
Und es passierte etwas, was so oft zu passieren pflegt: weder verstand
der Herr den Bauern noch der Bauer den Herrn; und beide, sowohl der Herr
wie der Bauer schoben sich gegenseitig die Schuld zu. Dies khlte den
Eifer des Gutsbesitzers erheblich ab. Wenn er jetzt hinging, um die
Arbeiten zu beaufsichtigen, dann lie er es fast ganz an der frheren
Aufmerksamkeit fehlen. Whrend der Heuernte achtete er nicht mehr auf
den leisen Ton der Sensen, er sah nicht, wie die Heuschober errichtet,
wie das Heu verladen wurde und bemerkte nicht, da um ihn herum die
Erntearbeiten in vollem Gange waren. -- Seine Augen blickten in die
Ferne; befand er sich abseits von den Arbeiten, so suchte das Auge
irgend einen Gegenstand in der Nhe oder er blickte nach der Seite, wo
der Flu eine Wendung machte, und wo ein Kerl mit roten Beinen und rotem
Schnabel auf und ab spazierte -- ich meine natrlich einen Vogel und
keinen Menschen; neugierig beobachtete er, wie der Vogel am Ufer einen
Fisch fing und ihn eine Zeitlang im Schnabel hielt, tiefsinnig
berlegte, ob er ihn verschlucken solle oder nicht, und aufmerksam den
Flu hinabblickte, wo in der Ferne ein anderer hnlicher Vogel zu sehen
war, der noch keinen Fisch gefangen hatte, aber aufmerksam nach dem
Vogel mit dem Fisch im Schnabel ausschaute. Oder er schlo die Augen,
richtete den Kopf in die Hhe zu dem blauen Himmelsraume empor, und lie
seine Nase den Geruch der Felder einsaugen und die Ohren den Gesang des
gefiederten luftigen Sngervolkes auffangen, wenn sie sich allenthalben
im Himmel und auf der Erde zu einem wundersamen Chore vereinen, in dem
kein Miklang die schne Harmonie strt: im Roggen schlgt die Wachtel,
der Wiesenknarrer pfeift im Grase, die Hnflinge fliegen zwitschernd
herber und hinber, eine Schnepfe blkt whrend sie sich in die Luft
schwingt, die Lerchen trillern, sich hoch im blauen Himmelsraum
verlierend, und wie ein Trompetenton erklingt der Schrei der Kraniche,
die hoch oben in den Lften ihre dreieckigen Flugreihen formieren. Die
ganze Umgegend tnt und klingt und gibt jeden Laut wundersam zurck ...
O Gott! Wie herrlich ist doch Deine Welt noch in der Wildnis, in dem
kleinsten Drfchen, fern von den abscheulichen groen Landstraen und
Stdten! Aber auch dieses wurde ihm mit der Zeit langweilig. Bald hrte
er ganz auf, aufs Feld zu gehen, von nun ab hockte er bestndig im
Zimmer und wollte nicht einmal mehr den Verwalter empfangen, wenn dieser
kam, um ihm seinen Bericht zu erstatten.

Frher sprach noch von Zeit zu Zeit ein Nachbar bei ihm vor; irgend ein
Husarenleutnant a. D., ein leidenschaftlicher Raucher, der ganz mit
Tabakqualm gesttigt war, oder ein radikaler Student, der seine Studien
nicht vollendet hatte und seine Weisheit aus allerhand modernen
Broschren und Zeitungen schpfte. Aber auch dies begann ihn zu
langweilen. Die Unterhaltungen dieser Leute kamen ihm bald recht
oberflchlich vor; ihr europisch-sicheres und gewandtes Auftreten, die
Ungeniertheit, mit der sie ihm aufs Knie klopften, ihre Schmeicheleien
und Familiaritten erschienen ihm gar zu unverhllt und offen. Er
beschlo daher, den Verkehr mit ihnen abzubrechen und entledigte sich
ihrer in sehr schroffer Weise. Als nmlich ein Reprsentant jener Sorte
von Obersten und Lebemnnern, die heute bereits im Aussterben begriffen
sind, ein beraus angenehmer Gesellschafter und Freund oberflchlicher
Unterhaltungen und zugleich der Vordermann und Vertreter jener neuen bei
uns eben erst aufkommenden Denkart, Warwar Nikolajewitsch
Wischnepokromow ihn einmal besuchte, um sich so recht von Herzen ber
Politik, Philosophie, Literatur, Moral und sogar ber die Finanzlage
Englands mit ihm auszusprechen, da schickte er seinen Diener hinaus und
lie ihm sagen, er sei nicht zu Hause, wobei er zugleich die
Unvorsichtigkeit hatte, sich am Fenster zu zeigen. Die Blicke des
Hausherrn und des Gastes begegneten sich. Der eine murmelte natrlich
so ein Schweinehund! durch die Zhne, worauf ihm der andere
gleichfalls so etwas wie einen Schweinehund nachsandte. Damit endete
ihre Bekanntschaft. Seitdem besuchte ihn niemand mehr.

Er war eigentlich recht froh darber und gab sich ganz dem Nachdenken
ber sein groes Werk ber Ruland hin. In welcher Weise dieses geschah
-- hat der Leser bereits gesehen. In seinem Hause brgerte sich von
selbst eine merkwrdige -- liederliche Ordnung ein. Trotzdem kann man
nicht sagen, da es keine Augenblicke gab, wo er nicht sozusagen aus
seinem Schlafe erwachte. Wenn die Post neue Zeitungen und Journale ins
Haus brachte und er beim Lesen auf den Namen eines alten Kameraden
stie, der sich im Staatsdienste zu einer bedeutenden Stellung
emporgeschwungen hatte, oder sein Teil zum Fortschritt der
Wissenschaften und der Sache der ganzen Menschheit beigetragen hatte,
dann schlich sich ein stiller leiser Schmerz in sein Herz und eine
sanfte, stumme aber bittere Klage ber sein tatenloses Leben entrang
sich seiner Seele. Dann erschien ihm sein ganzes Dasein ekelhaft und
hlich. Mit ungewhnlicher Klarheit erstand vor ihm die lngst hinter
ihm liegende Zeit seiner Schuljahre, und das Bild von Alexander
Petrowitsch wurde pltzlich vor ihm lebendig, und Trnenbche strzten
ihm aus den Augen .....

Was bedeuteten diese Trnen? Offenbarte sich etwa in ihnen die tief
erschtterte Seele, das schmerzliche Geheimnis ihrer Leiden, des
Schmerzes ber den groen und edlen Menschen, der in seinem Innern
schlummerte und der mitten im Wachstum stecken geblieben war, noch ehe
er vermocht hatte sich zu entwickeln und zu erstarken? Noch nicht
erprobt im Kampf mit der Migunst des Schicksals, hatte er noch jene
hohe Reife nicht erreicht, die ihn lehrte, sein eigenes Wesen zu erhhen
und zu krftigen in dem Ansturm gegen Hemmungen und Hindernisse;
dahingeschmolzen wie glhendes Metall war ein reicher Schatz groer
herrlicher Gefhle, ohne die letzte Sthlung und Hrtung erhalten zu
haben; allzu frh fr ihn war der herrliche Lehrer gestorben, und nun
gab es auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr, der fhig gewesen wre,
die durch fortwhrende Erschtterungen geschwchten Krfte und den
jeglicher Widerstandskraft beraubten machtlosen Willen zu heben und zu
wecken, -- der ihn mit lebendigem Worte ermuntert -- der Seele ein
belebendes Vorwrts zugerufen htte, ein Ruf, nach dem ein jeder
Russe, berall in jeder Lebenslage, ob hoch oder niedrig, in jedem Rang,
Beruf und Stande so lebhaft drstet.

Wo ist der, der unserer russischen Seele in ihrer eigenen teuren
Muttersprache dieses allgewaltige Wort Vorwrts zuzurufen vermchte?
Wer kennt so gut alle Krfte und Fhigkeiten, die ganze Tiefe unseres
Wesens, da er uns mit einem Zauberwink zum hchsten Leben fortreien
knnte? Mit welchen Trnen, mit welcher Liebe wrde es ihm der Russe
danken! Aber Jahrhunderte auf Jahrhunderte verrinnen; in schmachvoller
Trgheit und sinnloser Geschftigkeit unreifer Jnglinge versinkt unser
Geschlecht, und nicht will uns Gott den Mann senden, der es verstnde,
dieses allgewaltige Wort zu sprechen!

Und doch htte ein Ereignis Tentennikow beinahe aus seinem Schlaf
geweckt und eine vllig Umwlzung in seinem Charakter hervorgebracht. Es
war eine Art Liebesgeschichte, aber auch sie hatte keine weiteren
Folgen. In Tentennikows Nachbarschaft, etwa zehn Werst von seinem Gute
entfernt lebte ein General, der wie wir schon wissen nicht allzu
freundlich von Tentennikow sprach. Dieser General lebte wie ein echter
General d. h. wie ein groer Herr, machte ein offenes Haus und liebte
es, da seine Nachbarn ihn besuchten und ihm ihre Aufwartung machten; er
selbst erwiderte natrlich die Besuche nicht, hatte eine rauhe heisere
Stimme, las viele Bcher und besa eine Tochter, ein ganz seltsames,
ungewhnliches Wesen. Sie hatte etwas so Lebensvolles, wie das Leben
selbst.

Ihr Name war Ulenka, sie hatte eine merkwrdige Erziehung genossen. Eine
englische Gouvernante hatte sie erzogen, die kein Wort russisch
verstand. Ihre Mutter war schon sehr frh gestorben und der Vater hatte
keine Zeit sich viel um sie zu kmmern. brigens konnte es bei seiner
unsinnigen Liebe zu seiner Tochter gar nicht anders geschehen, als da
er sie schrecklich verwhnte. Bei ihr atmete alles Selbstndigkeit und
Eigenart, wie bei einem Kinde, das in der Freiheit erzogen ward. Wenn
jemand gesehen htte wie ein pltzlicher Zorn strenge Falten in die
herrliche Stirn grub, wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater
stritt dann htte er wohl glauben knnen, sie sei das launischste
Geschpf von der Welt. Aber sie wurde nur dann zornig, wenn sie von
einer Ungerechtigkeit oder Grausamkeit hrte, die einem andern
widerfahren war. Niemals zrnte oder stritt sie sich um ihrer selbst
willen und nie suchte sie sich zu rechtfertigen. Wie schnell aber
verschwand ihr Zorn, wenn sie den, dem sie zrnte, in Unglck und Elend
sah! Sie htte jedem, der sie um ein Almosen bat, sofort ihren
Geldbeutel mit seinem ganzen Inhalt zugeworfen, ohne zu berlegen, ob
das auch vernnftig sei(6) oder nicht. Es war etwas Heftiges, Ungestmes
in ihr. Wenn sie sprach, dann schien alles dem Gedanken zu folgen, ja
ihm voranzueilen: der Ausdruck ihres Gesichtes, ihre Sprache, die
Bewegungen, ihre Hnde; selbst die Falten ihres Kleides schienen
vorauszuflattern, und man konnte fast glauben, sie msse selbst mit
ihren Worten davonfliegen. Sie hatte nichts Verschlossenes an sich, vor
keinem Menschen htte sie sich gefrchtet, ihre geheimsten Gedanken zu
offenbaren, und keine Macht der Welt htte sie zum Schweigen veranlassen
knnen, wenn sie reden wollte. Ihr entzckender Gang, ein Gang, wie nur
sie allein ihn hatte, war so frei und fest, da jeder, der ihr
begegnete, unwillkrlich zur Seite trat und ihr den Weg freigab. In
ihrer Gegenwart berkam jeden bsen Menschen etwas wie Verlegenheit, und
er verstummte. Die Kecksten und Frechsten fanden keine Worte und
verloren ihre ganze Fassung und Sicherheit, whrend die Blden sofort
ganz unbefangen mit ihr zu plaudern begannen wie mit keinem andern
Menschen auf der Welt und schon nach den ersten Worten schien es einem
solchen, als htte er sie schon irgendwo und irgendwann kennen gelernt
und als htte er diese selben Zge schon irgendwo gesehen: in seiner
frhesten Kindheit, an die er sich kaum noch erinnerte, im eigenen
Vaterhause, an einem glcklichen Abend, whrend frhliche Kinderscharen
spielten und lrmten, und traurig erschien ihm noch lange nachher der
Ernst und die Reife des Mannesalters.

Tentennikow ging es mit ihr ganz ebenso wie allen andern Menschen. Ein
unerklrlich neues Gefhl bemchtigte sich seiner. Ein heller
Lichtstrahl erhellte einen Augenblick sein monotones und trauriges
Leben.

Der General nahm Tentennikow zuerst recht freundlich und herzlich auf,
eine rechte Harmonie aber wollte sich zwischen ihnen trotzdem nicht
herstellen. Jede Unterhaltung endigte mit einem Streit, der stets ein
unangenehmes Gefhl in beiden zurcklie; denn der General konnte keinen
Widerspruch und keine Gegenrede vertragen. Andererseits war auch
Tentennikow ein ziemlich empfindlicher junger Mann. Natrlich vergab er
dem Vater manches um seiner Tochter willen, und der Friede zwischen
beiden blieb so lange ungestrt, bis eines schnen Tages zwei Verwandte
des Generals: eine Grfin Boldyrew und eine Frstin Jusjakow bei ihm zu
Besuch eintrafen: beide Hofdamen der alten Kaiserin, die aber doch noch
einige gute Verbindungen mit einflureichen Personen in Petersburg
besaen; der General bemhte sich lebhaft, ihre Zuneigung zu gewinnen.
Tentennikow kam es so vor, da der General seit dem Tage ihrer Ankunft
etwas klter gegen ihn wurde, ihn kaum noch beachtete und ihn wie eine
stumme Person behandelte. Er redete ihn oft von oben herab an; nannte
ihn mein Bester oder Verehrtester und sagte einmal sogar du zu
ihm. Andrei Iwanowitsch fuhr auf. Er bi die Zhne zusammen, wute sich
aber unter ungeheurer Selbstberwindung soviel Geistesgegenwart zu
bewahren, um ihm mit sehr sanfter und hflicher Stimme zu erwidern,
whrend alles in ihm kochte und rote Flecken auf seinem Gesichte
hervortraten: Ich bin Ihnen fr Ihre Gte groen Dank schuldig Herr
General. Mit diesem vertraulichen du bieten Sie mir ein enges
Freundschaftsbndnis an, und verpflichten mich, Sie gleichfalls du zu
nennen. Aber der Unterschied der Jahre macht einen so familiren Verkehr
zwischen uns vollkommen unmglich! Der General wurde verlegen. Er
suchte seine Gedanken zu sammeln und das rechte Wort zu finden;
schlielich erklrte er, das du sei von ihm durchaus nicht in dem
Sinne gemeint gewesen, in dem etwa alte Leute es sich erlauben, einen
jungen Menschen du anzureden. Von seinem Generalsrang sagte er kein
Wort.

Natrlich brachen beide nach diesem Vorfall jeglichen Verkehr
miteinander ab, und seine Liebe wurde im Keime erstickt. Das Licht
erlosch, das einen Moment vor ihm aufgeleuchtet war, und die nun
herabsinkende Dmmerung war noch finsterer und dunkler, als vordem. Sein
Leben kehrte wieder in die alten Bahnen zurck und nahm seine frhere
Gestalt an, die der Leser schon kennen gelernt hat. Und wiederum lag er
tagelang unttig da. Das Haus starrte vor Schmutz und Unordnung. Der
Besen steckte tagelang mitten im Zimmer in einem Haufen Schutt. Die
Unterhosen trieben sich sogar im Salon umher, auf dem eleganten Tisch
vor dem Sofa lagen ein Paar schmutzige Hosentrger, gleichsam als
Festgabe fr den eintretenden Gast. Tentennikows ganzes Leben wurde so
armselig und schlfrig, da nicht nur seine Diener aufhrten, ihn zu
achten, sondern selbst die Hhner ohne jeden Respekt nach ihm pickten.
Er konnte stundenlang mit der Feder in der Hand dasitzen und allerhand
Figuren auf ein vor ihm liegendes Blatt zeichnen: Brezel, Huser,
Htten, einen Bauernwagen, ein Dreigespann usw. Mitunter aber verga er
alles um sich her, und dann bewegte sich die Feder ganz von selbst ber
das Papier ohne da der Hausherr etwas davon wute und formte ein
kleines Kpfchen mit feinen, scharfen Zgen, einem schnellen forschenden
Blick und einem leicht emporgekmmten Haarbschel -- und staunend sah
der Zeichner, da es das Abbild jenes Wesens war, dessen Portrt kein
Knstler htte malen knnen. Und dann wurde ihm noch wehmtiger und
schmerzlicher ums Herz; er wollte nicht mehr glauben, da es ein Glck
auf dieser Erde gibt, und darnach wurde er nur noch trauriger und
einsilbiger als vordem. So war die Stimmung Andrei Iwanowitsch
Tentennikows. Da bemerkte er pltzlich, als er sich eines Tages nach
seiner Gewohnheit ans Fenster setzte, um in den Hof hinabzusehen, und zu
seinem Erstaunen weder Grigorij noch Perfiljewna erblickte, daselbst
eine gewisse Unruhe und Bewegung.

Der junge Koch und die Aufwartefrau liefen hin um das Tor zu ffnen; es
tat sich auf, und lie drei Pferde sehen, ganz wie man sie auf
Triumphbgen abgebildet findet: eine Schnauze rechts, eine links und
eine in der Mitte. Hoch ber ihnen thronte ein Kutscher und ein
Bedienter in einem weiten Rock und mit einem Taschentuch um den Kopf.
Hinter diesen sa ein Herr in Mantel und Mtze, tief eingehllt in ein
regenbogenfarbiges Plaid. Als die Equipage vor der Treppe hielt, zeigte
es sich, da es nur eine leichte Kutsche auf Federn war. Der Herr, der
ein ungewhnlich anstndiges ueres hatte, sprang beinahe mit der
Schnelligkeit und Gewandtheit eines Militrs aus dem Wagen und eilte die
Treppe hinauf.

Andrei Iwanowitsch bekam Angst. Er hielt den Ankmmling fr einen
Regierungsbeamten. Hier mu ich nachholen, da er in seiner Jugend in
eine dumme Geschichte verwickelt gewesen war. Ein paar philosophierende
Husarenoffiziere, die eine Menge moderner Broschren gelesen hatten, ein
sthet, der die Universitt nicht beendigt hatte, und ein
heruntergekommener Spieler wollten eine Wohlttigkeitsgesellschaft
grnden unter der Oberleitung eines Freimaurers, eines alten Gauners,
der gleichfalls dem Kartenspiel ergeben, aber ein sehr redegewandter
Herr war. Die Gesellschaft hatte sich ein auerordentlich hohes Ziel
gesteckt: nmlich die ganze Menschheit von den Ufern der Themse bis
Kamtschatka, dauernd zu beglcken. Dazu bedurfte man jedoch einer
ungewhnlich groen Kasse, und die Geldspenden, die den gromtigen
Mitgliedern abgenommen wurden, waren unerhrt gro. Wo das Geld hinkam,
das wute freilich niemand auer dem ersten Vorsitzenden, der die
Oberleitung in den Hnden hatte. Tentennikow wurde durch zwei Freunde in
diese Gesellschaft eingefhrt; das waren zwei von jenen verbitterten
Menschen, die von Natur gutmtig, sich durch die vielen Toaste auf die
Wissenschaft, die Aufklrung und ihre knftigen Heldentaten im Dienste
der Menschheit dem Trunk ergeben hatten und zu berufsmigen Sufern
geworden waren. Tentennikow besann sich noch zur rechten Zeit, und trat
aus dieser Gesellschaft aus. Aber die Gesellschaft hatte sich schon in
gewisse andre Operationen eingelassen, mit denen sich ein Edelmann
eigentlich nicht abgeben sollte, die aber bald darauf zu unangenehmen
Folgen und sogar zu Konflikten mit der Polizei fhrten ... Es ist daher
kein Wunder, da Tentennikow auch nach seinem Austritt und nachdem er
alle Beziehungen zu diesen Leuten abgebrochen hatte, seine Ruhe nicht
ganz wiederfinden konnte: sein Gewissen war nicht vollkommen rein. Und
daher sah er jetzt nicht ohne Schrecken auf die Tre, die sich gleich
ffnen mute.

Aber seine Angst verflog sofort, als der Gast mit einer schier
unglaublichen Gewandtheit seine Verbeugung machte, wobei er zum Zeichen
der Achtung seinen Kopf etwas zur Seite geneigt hielt. In kurzen aber
bestimmten Worten erklrte dieser, da er schon seit lngerer Zeit teils
in Geschften, teils aus Wibegierde Ruland bereise: unser Land sei
sehr reich an merkwrdigen Dingen, ganz abgesehen von dem berflu an
Erwerbsmglichkeiten und den groen Unterschieden in der
Bodenbeschaffenheit; er sei entzckt von der reizenden Lage des Gutes,
htte es aber trotz dieser entzckenden Lage doch niemals gewagt, den
Gutsherrn durch seinen ungelegenen Besuch zu belstigen, wenn nicht
seiner Kutsche infolge der berschwemmungen dieses Frhjahrs und der
schlechten Wege pltzlich ein Unfall zugestoen wre; die Reparatur
werde nmlich die Meisterhand gebter Schmiedeknstler erfordern. Bei
alledem aber htte er es sich, auch wenn mit seiner Kutsche gar nichts
passiert wre, dennoch nicht versagen knnen, ihm persnlich seine
Aufwartung zu machen.

Als der Gast seine Rede beendigt hatte, machte er mit geradezu
bezaubernder Liebenswrdigkeit einen Kratzfu und lie dabei seine
eleganten Lackstiefel mit den reizenden Perlmutterknpfen sehen, um
gleich darauf, trotz seiner Krperflle, mit der Elastizitt eines
Gummiballes ein paar Schritte zurckzuspringen.

Andrei Iwanowitsch hatte sich schon lngst beruhigt; er nahm an, das
msse irgend ein wibegieriger Gelehrter oder Professor sein, der
Ruland bereist, um Pflanzen oder vielleicht sogar seltene Fossilien zu
sammeln. Er erklrte sogleich seine Bereitwilligkeit, ihm in allen
Dingen behilflich zu sein; bot ihm seine Wagenbauer und Schmiede fr die
Reparatur der Kutsche an, bat ihn, sich's bei ihm so bequem zu machen,
wie in seinem eigenen Hause, lie den Gast in einem groen Lehnsessel
_ la Voltaire_ Platz nehmen, und schickte sich an, seine
Erzhlung anzuhren, die sicherlich von allerhand gelehrten
naturwissenschaftlichen Gegenstnden handeln wrde.

Allein der Gast brachte die Rede mehr auf einige Gegenstnde des inneren
Lebens. Er verglich sein Leben mit einem Schiff, das auf hoher See von
heillosen Strmen und Winden dahingetrieben werde; erwhnte wie oft er
schon Amt und Beruf habe wechseln mssen, wieviel er fr die Wahrheit
gelitten habe und wie er infolge der Nachstellungen seiner Feinde schon
oft in Lebensgefahr geschwebt habe, und noch vielerlei andres, woraus
Tentennikow ersehen konnte, da sein Gast eher ein Mann der Praxis sei.
Zum Schlu fhrte er sein weies Batisttaschentuch an die Nase und
schneuzte sich so laut, wie Andrei Iwanowitsch es noch niemals gehrt
hatte. Mitunter begegnet man wohl in einem Orchester einer solchen
vertrackten Trompete; wenn die einmal einen Ton von sich gibt, dann
scheint es einem, als habe es nicht im Orchester, sondern im eigenen
Ohre gekracht. Ein hnlicher Laut erdrhnte jetzt durch die pltzlich
erwachten Gemcher des in ewigen Schlaf versunkenen Hauses, und gleich
darauf erfllte die Luft ein intensiver Geruch nach Klnischem Wasser,
der sich durch ein leichtes Schtteln des Batisttaschentuches unsichtbar
im Zimmer verbreitete.

Der Leser hat vielleicht schon erraten, da der Gast kein andrer war,
als unser verehrter, von uns so lange vernachlssigter Pawel Iwanowitsch
Tschitschikow. Er war etwas lter geworden: diese Zeit war an ihm
offenbar nicht ohne Strme und Sorgen vorbergegangen. Selbst der Frack,
in dem er stets zu erscheinen pflegte, schien etwas abgetragen zu sein;
auch Kutscher und Equipage, der Diener, die Pferde und das Geschirr
sahen ein wenig verbraucht und verschlissen aus. Auch seine Finanzlage
schien nicht allzu glnzend zu sein. Aber der Ausdruck seines Gesichts,
und der feine Anstand seines Auftretens waren noch ganz dieselben wie
frher. Ja sein Benehmen und seine Formen waren eher noch etwas
liebenswrdiger geworden, und er legte die Fe noch gewandter
bereinander, wenn er im Lehnstuhle Platz nahm. Seine Aussprache war
fast noch weicher, in seinen Worten und Redewendungen lag beinahe _noch_
mehr Vorsicht und Migung, in seiner Haltung noch mehr Klugheit und
Sicherheit, und fast noch mehr Takt in seinem ganzen Betragen. Sein
Kragen und sein Vorhemd waren weier und glnzender als Schnee, und
obwohl er auf Reisen war, klebte auch nicht ein Federchen an seinem
Frack: er htte sofort eine Einladung zu einem Geburtstagsdiner annehmen
knnen. Kinn und Backen waren so glatt rasiert, da nur ein Blinder ber
die angenehme Flle und Rundung nicht in Entzcken geraten konnte.

Im Hause ging sofort eine gewaltige Umwlzung vor sich, die eine Hlfte,
die bislang stets in Dunkel und Finsternis gelegen hatte, weil die Laden
geschlossen und zugenagelt waren, erstrahlte pltzlich in blendender
Helligkeit. In den schn erleuchteten Zimmern wurden die Mbel
umgestellt, und bald nahm alles folgendes Aussehen an: das Zimmer,
welches zum Schlafgemach ausersehen war, wurde mit allen zur
Nachttoilette ntigen Gegenstnden ausgerstet, die Stube die als
Arbeitszimmer dienen sollte ... doch halt, zuerst mssen wir wissen, da
in diesem Zimmer drei Tische standen: ein Schreibtisch vor dem Sofa, ein
Spieltisch vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und ein dritter
Ecktisch in einer Zimmerecke, zwischen der Schlafzimmertre und der in
den unbewohnten anstoenden Salon fhrenden Tre, in dem zerbrochene
Mbel standen. Dieser Saal diente bis jetzt als Vorzimmer und war etwa
ein Jahr lang von niemandem betreten worden. Auf diesem Ecktische fand
die Garderobe ihren Platz, die der Reisende in seinem Koffer mitgebracht
hatte und zwar: ein Paar zu dem bekannten Frack gehrige Beinkleider,
ein Paar _neue_ Beinkleider, ein Paar _graue_ Beinkleider, zwei
Sammetwesten, zwei Atlaswesten und ein Gehrock. Dies alles wurde
bereinander, in Form einer Pyramide aufgeschichtet, und ein seidenes
Taschentuch ber das Ganze gebreitet. In der andern Ecke zwischen Tr
und Fenster wurden in langer Reihe die Stiefel aufgestellt: ein Paar
_nicht mehr ganz_ neue, ein Paar _ganz_ neue, ein Paar Lackschuhe und
ein Paar Morgenschuhe. Auch sie wurden ebenso schamhaft mit einem
seidenen Taschentuch zugedeckt -- ganz als ob sie berhaupt nicht
vorhanden wren. Auf dem Schreibtisch wurden sofort folgende Gegenstnde
in schnster Ordnung gruppiert: die Schatulle, eine Flasche mit
Klnischem Wasser, ein Kalender und zwei Romane, von beiden jedoch nur
der zweite Band. Die reine Wsche wurde in der Kommode untergebracht,
die sich schon vorher im Schlafzimmer befand; die Wsche hingegen, die
zur Wscherin geschafft werden sollte, wurde zu einem Bndel
zusammengebunden und unter das Bett geschoben. Auch der Koffer wurde,
nachdem er ausgerumt war, unters Bett gestellt. Der Sbel, der
unterwegs immer mitgenommen wurde, um den Rubern und Dieben Schrecken
einzujagen, wurde auch im Schlafzimmer untergebracht und an einem Nagel
in der Nhe des Bettes aufgehngt. Alles nahm das Aussehen hchster
Sauberkeit und einer ganz ungewhnlichen Ordnungsliebe an. Nirgends war
ein Papierschnitzel, ein Federchen oder ein Stubchen zu entdecken.
Selbst die Luft schien gleichsam feiner und besser geworden zu sein: in
ihr verbreitete sich der angenehme Geruch einer frischen gesunden
Mannsperson, die ihre Wsche nicht zu lange trgt, regelmig baden geht
und sich Sonntags mit einem nassen Schwamm abwscht. In dem Saal, der
als Vorzimmer diente, schien sich eine Zeitlang der Geruch des Dieners
Petruschka festsetzen zu wollen, aber Petruschka wurde bald ausquartiert
und, wie es sich gehrte, in der Kche untergebracht.

In den ersten Tagen frchtete Andrei Iwanowitsch ein wenig fr seine
Unabhngigkeit; er hatte einige Sorge, der Gast knne ihn belstigen,
unliebsame nderungen in seiner Lebensweise einfhren, und die von ihm
mit soviel Glck aufgestellte Tageseinteilung stren, allein seine
Besorgnisse waren unbegrndet. Unser Freund Pawel Iwanowitsch legte eine
ganz auerordentliche Elastizitt und Fhigkeit an den Tag, sich an
alles anzupassen. Er sprach sich beifllig ber die philosophische
Langsamkeit seines Wirtes aus und erklrte, sie verheie ein langes
Leben. ber sein Einsiedlertum uerte er sich sehr treffend, es nhre
in dem Menschen die groen Gedanken. Er warf auch einen Blick auf die
Bibliothek, sprach sehr lobend ber die Bcher im allgemeinen und
bemerkte, sie bewahrten den Menschen vor dem Miggang. Er lie nur sehr
wenige Worte fallen, aber alles, was er sagte war ernst und bedeutend.
In allem, was er tat, aber erwies er sich fast noch liebenswrdiger und
taktvoller. Er kam und ging immer zur rechten Zeit, plagte den Wirt
nicht mit Fragen und Wnschen, wenn dieser einsilbig und nicht zur
Unterhaltung geneigt war; spielte mit Vergngen eine Partie Schach mit
ihm, und schwieg gleichfalls mit Vergngen. Whrend der eine den
Tabakrauch in krausen Wolken in die Luft blies, suchte sich der andre,
da er keine Pfeife rauchte, eine hnliche Beschftigung: so holte er zum
Beispiel seine Tabaksdose aus schwarzem Silber aus der Tasche, nahm sie
zwischen zwei Finger seiner linken Hand, und drehte sie mit einem Finger
der rechten rasch um den der linken, ganz so, wie die Erdkugel sich um
ihre eigene Achse dreht, oder er trommelte mit dem Finger auf dem Deckel
herum und pfiff eine Melodie dazu. Mit einem Wort, er strte seinen Wirt
nicht im mindesten. Zum erstenmal im Leben sehe ich einen Menschen, mit
dem sich's leben lt! sagte Tentennikow zu sich selbst, diese Kunst
ist bei uns im allgemeinen recht wenig verbreitet. Unter uns gibt es
mancherlei Leute: kluge, gebildete und auch wirklich gute Menschen, aber
Menschen von immer gleichmigem Charakter, Menschen, mit denen man ein
Jahrhundert lang zusammen leben knnte, ohne sich zu zanken -- solche
Menschen kenne ich nicht. Wieviel solche Leute gibt's denn bei uns
berhaupt? Dies ist der erste Mensch dieser Art, den ich kennen lerne.
So urteilte Tentennikow ber seinen Gast.

Tschitschikow war seinerseits gleichfalls sehr froh, da er eine
Zeitlang bei einem so ruhigen und friedlichen Herrn wohnen durfte. Das
Zigeunerleben hatte er grndlich satt bekommen. Sich einmal einen Monat
lang ordentlich ausruhen, den Anblick des herrlichen Gutes, den Duft der
Felder und des beginnenden Frhlings so recht von Herzen genieen zu
knnen, das war sogar mit Rcksicht auf die Hmorrhoiden von groem
Nutzen und Vorteil.

Man htte nicht leicht einen schneren Winkel zu seiner Erholung finden
knnen. Der Frhling, dessen Sieg durch starke Frste aufgehalten worden
war, entfaltete sich pltzlich in seiner ganzen Pracht, und berall
sprote junges Leben. Wlder und Wiesen schimmerten blulich, aus dem
frischen Smaragd des ersten Grnes leuchtete hell das Gelb der Kuhblume
hervor, und die rtlich-violette Anemone neigte sanft ihr zartes
Kpfchen. Schwrme von Mcken und Scharen von Insekten zeigten sich ber
den Smpfen, verfolgt von der langbeinigen Wasserspinne, und von allen
Seiten flchteten die Vgel in das trockene, schtzende Schilfrohr. Hier
strmte alles zusammen, um einander zu sehen und sich nher kennen zu
lernen. Pltzlich bevlkerte sich die Erde, die Wlder erwachten, in den
Wiesen wurde es lebendig und laut. In den Drfern schlang sich der
Reigen. Wieviel Raum gab es hier, um sich im Freien zu ergehen. Wie hell
leuchtete das Grn! Wie frisch war die Luft! Wieviel Vogelsang in den
Grten! Paradiesisches Jauchzen und Jubeln des Alls! Das Dorf tnte und
sang, wie bei einem Hochzeitsfest!

Tschitschikow ging viel spazieren. Zu Wanderungen und Spaziergngen bot
sich die reichste Gelegenheit. Bald erging er sich auf dem flachen
Hochplateau, wo sich die Aussicht auf die unten liegenden Tler, mit den
groen Seen auftat, welche die ber die Ufer getretenen Flsse
zurckgelassen hatten, und aus denen ganze Inseln von dunklen noch
unbelaubten Wldern hervorragten; oder er schritt mitten durch das
Dickicht dunkler Wlder, und finsterer Grnde, wo die Bume mit
Vogelnestern geschmckt, dicht beisammen standen und die Raben krchzend
durcheinander flogen, und gleich einer Wolke den Himmel verfinsterten.
ber trockeneres Erdreich konnte man bis zum Landungsplatz wandern, wo
die ersten Barken, mit Erbsen, Gerste und Weizen beladen in die See
stachen, und wo sich das Wasser mit ohrenbetubendem Getse auf das
Mhlrad strzte, das sich langsam in Bewegung zu setzen begann. Oder er
ging hin, um sich die ersten Frhjahrsarbeiten anzusehen, und zu
beobachten, wie sich ein Stck frisch gepflgtes Ackerland mitten durch
das Grn der Felder zog und der Smann mit der Hand auf das Sieb
trommelnd, welches ihm auf der Brust hing, gleichmig den Samen
ausstreute, ohne auch nur ein Krnchen auf der einen oder andern Seite
zu verschtten.

Tschitschikow besuchte jedes Fleckchen. Er unterhielt sich und besprach
alles mit dem Verwalter, mit den Bauern und dem Mller. Er erkundigte
sich nach allem, nach dem Wo und Wie und fragte wie es mit dem Haushalt
stehe, wieviel Getreide verkauft werde, was im Frhjahr und Herbst fr
Korn gemahlen wird, wie jeder Bauer heit, wer mit diesem und jenem
verwandt ist, wo er seine Kuh gekauft hat, womit er sein Schwein
fttert, mit einem Wort er verga nichts. Er lie sich auch sagen,
wieviel Bauern gestorben wren, und erfuhr, da es nur wenige seien. Als
kluger Mann erkannte er sofort, da es nicht allzu glnzend um Andrei
Iwanowitsch' Haushalt stand. berall entdeckte er Unterlassungssnden,
Nachlssigkeit, Diebstahl, auch die Trunksucht war recht verbreitet, und
er dachte sich: Was der Tentennikow doch fr ein Rindvieh ist! So ein
Gut! und es so zu vernachlssigen! Man knnte sicherlich ein Einkommen
von fnfzigtausend Rubeln daraus herauswirtschaften!

Mehr als einmal kam ihm bei diesen Spaziergngen der Gedanke, selbst
einmal -- d. h. natrlich nicht jetzt, sondern spter, wenn die
Hauptsache erledigt sein, und er Geld in Hnden haben wrde -- selbst
einmal so ein friedlicher Besitzer eines hnlichen Gutes zu werden. Und
sofort tauchte natrlich das Bild eines jungen, frischen Weibchens mit
weiem Gesicht, aus dem Kaufmannsstande oder sonst einem reichen Kreise
vor ihm auf. Ja, er trumte sogar davon, da sie musikalisch sei. Er
stellte sich auch die junge Generation seiner Nachkommen vor, deren
Bestimmung es war, die Familie Tschitschikow zu verewigen: einen
munteren Jungen und eine schne Tochter, oder sogar zwei Jungen und
zwei, ja selbst drei Mdel, damit alle wissen sollten, da er wirklich
gelebt, existiert, und nicht etwa blo wie ein Gespenst oder Schatten
ber die Erde gewandelt wre -- und damit er sich vor dem Vaterlande
nicht zu schmen brauchte. Dann kam ihm wohl der Gedanke, da es nicht
bel wre, wenn er auch im Rang ein wenig aufrckte: Staatsrat zum
Beispiel. Das war immerhin ein recht anstndiger und achtbarer Titel!
Was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man spazieren geht: so
mancherlei, was den Menschen aus dieser langweiligen, traurigen
Gegenwart entfhrt, ihn neckt, reizt, seine Einbildungskraft bewegt und
ihr selbst dann noch schmeichelt, wenn er berzeugt ist, da es nie
eintreffen wird.

Auch Tschitschikows Bedienten gefiel es recht gut auf dem Lande. Sie
gewhnten sich schnell an das neue Leben. Petruschka schlo bald
Freundschaft mit dem Hausdiener Grigorij, obwohl beide zuerst sehr
wichtig taten und sich furchtbar aufbliesen. Petruschka suchte Grigorij
Sand in die Augen zu streuen und mit seiner Erfahrenheit und
Weltkenntnis zu imponieren; Grigorij aber bertrumpfte ihn sofort mit
Petersburg, wo Petruschka noch nicht gewesen war. Er machte zwar noch
einen Versuch zu opponieren und wollte die ganze Entfernung der Gegenden
geltend machen, die er besucht hatte, aber Grigorij nannte ihm einen
solchen Ort, den man nicht einmal auf der Karte htte finden knnen, und
er sprach von mehr als dreiigtausend Werst, soda der Diener Pawel
Iwanowitschs ganz verdutzt sitzen blieb, den Mund weit aufri und von
allen Knechten und Mgden ausgelacht wurde. Trotzdem nahm die Sache den
allerschnsten Ausgang; beide Diener schlossen eine enge Freundschaft.
Am Ende des Dorfes Lyssyer Pimen war eine Schenke, die einem gewissen
Akulka gehrte, den man den Bauernvater nannte. Hier in diesem Lokal
konnte man sie zu allen Tageszeiten sehen. Dort wurde die Freundschaft
besiegelt, damit wurden sie zu Stammgsten der Kneipe wie man sich im
Volke auszudrcken liebt.

Fr Seliphan gab es andre Anziehungspunkte. Jeden Abend wurden im Dorfe
Lieder gesungen; die Dorfjugend versammelte sich, um den beginnenden
Frhling durch Gesnge und Tnze zu feiern; es schlang sich der Reigen
und lste sich wieder. Die schlanken rosigen Mdchen, von einem
Liebreiz, wie man ihn heute in den greren Drfern kaum noch findet,
machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, soda er stundenlang dastehen
und sie angaffen konnte. Es war schwer zu sagen, welche von ihnen die
Schnste war; sie hatten alle schneeweie Busen und Hlse, groe runde
und verschleierte Augen, den Gang eines Pfaus und einen Zopf der bis an
den Grtel reichte. Wenn er sie bei ihren weien Hnden fate, und sich
mit ihnen langsam im Reigen vorwrtsbewegte oder zusammen mit den andern
Burschen gleich einer Mauer gegen sie vorrckte, wenn die Mdchen laut
lachend auf sie zukamen und sangen: Wo ist der Brutigam, Bojaren? und
wenn dann die Gegend ringsum allmhlich in Nacht versank und weit hinter
dem Flusse das treue Echo der Melodie melancholisch zurcktnte, dann
wute er kaum, wie ihm geschah. Und noch lange nachher: am Morgen und in
der Dmmerung, ob er schlief oder wachte -- immer wieder kam es ihm so
vor, als halte er ein Paar weie Hnde in seinen Hnden und bewege sich
langsam mit ihnen im Reigen.

Auch Tschitschikows Pferde fhlten sich in ihrer neuen Wohnung sehr
wohl. Das Deichselpferd, der Assessor, und selbst der Schecke fanden den
Aufenthalt bei Tentennikow gar nicht langweilig, den Hafer vortrefflich
und die Lage der Stlle auerordentlich bequem. Ein jedes hatte seinen
Stand, der zwar von dem des andern durch einen Verschlag abgeteilt war,
ber den man jedoch leicht hinweggucken konnte. Daher konnte man auch
die andern Pferde sehen, und wenn es einem unter ihnen, selbst dem das
in der uersten Ecke stand, einfiel loszuwiehern, war es den andern
leicht mglich, dem Kameraden in der gleichen Weise zu antworten.

Mit einem Wort, alles fhlte sich bei Tentennikow bald wie zu Hause. Was
jedoch die Angelegenheit anbetraf, wegen der Pawel Iwanowitsch das weite
Ruland bereiste, nmlich die toten Seelen, so war er in dieser
Beziehung uerst vorsichtig und taktvoll geworden, selbst dann wenn er
es mit kompletten Narren zu tun hatte. Tentennikow aber las doch
immerhin Bcher, philosophierte, suchte sich ber die Ursachen und
Grnde aller Erscheinungen klar zu werden -- ber ihr Warum und Weshalb
.... Nein, vielleicht ist es besser, ich fange vom andern Ende an! So
dachte Tschitschikow. Er plauderte oft mit den Knechten und Mgden, und
so erfuhr er unter anderem einmal, da der Herr frher hufig zu einem
seiner Nachbarn -- einem General zu Gaste fuhr, da der General eine
Tochter habe, da der Herr fr das Frulein -- und auch das Frulein fr
den Herrn eine gewisse ... da sie sich aber pltzlich entzweit und von
da ab fr immer gemieden htten. Er selbst hatte auch schon bemerkt, da
Andrei Iwanowitsch bestndig mit Bleistift und Feder allerhand Kpfe
zeichnete, die einander alle sehr hnlich sahen.

Eines Tages nach dem Mittagessen, als er wieder einmal nach seiner
Gewohnheit die silberne Tabaksdose mit dem Zeigefinger um ihre Achse
drehte, sagte er zu Tentennikow: Sie haben alles was das Herz begehrt,
Andrei Iwanowitsch; nur eins fehlt Ihnen noch.

Das wre? fragte jener, indem er eine krause Rauchwolke in die Luft
blies.

Eine Lebensgefhrtin, versetzte Tschitschikow. Andrei Iwanowitsch
entgegnete nichts, und damit war das Gesprch fr dies Mal zu Ende.

Tschitschikow lie sich jedoch nicht einschchtern, suchte sich einen
andern Zeitpunkt aus -- diesmal war es _vor_ dem Abendbrot -- und sagte
pltzlich mitten in der Unterhaltung: Wirklich, Andrei Iwanowitsch, Sie
sollten heiraten!

Aber Tentennikow entgegnete auch nicht ein Wort, gerad als ob ihm dieses
Thema unangenehm sei.

Allein Tschitschikow lie sich nicht abschrecken. Das dritte Mal whlte
er wieder eine andre Zeit und zwar _nach_ dem Abendbrod, und sprach
folgendermaen: Nein wirklich, von welcher Seite ich mir Ihre
Lebensverhltnisse auch ansehe, ich komme immer wieder zur berzeugung,
da Sie heiraten mssen. Sie verfallen noch in Hypochondrie.

Sei es da Tschitschikows Worte diesmal besonders berzeugend waren,
oder da Andrei Iwanowitsch heute besonders zur Aufrichtigkeit und
Offenherzigkeit geneigt war, er stie einen Seufzer aus und sagte, indem
er wieder eine Rauchwolke aufsteigen lie: Bei allen Dingen mu man
Glck haben, man mu als Sonntagskind geboren werden, Pawel
Iwanowitsch. Und er erzhlte ihm alles, genau so wie es sich ereignet
hatte: die ganze Geschichte seiner Bekanntschaft mit dem General und
ihre Entzweiung.

Als Tschitschikow die bekannte Affre Wort fr Wort kennen gelernt
hatte, und hrte, da wegen des einen kleinen Wrtchens du eine so
groe Geschichte entstanden war, blieb er ganz verdutzt sitzen. Mehrere
Minuten lang sah er Tentennikow prfend in die Augen, ohne entscheiden
zu knnen, ob er ein kompletter Narr oder blo ein bichen dumm sei.

Andrei Iwanowitsch! ich bitte Sie! sprach er endlich, indem er jenen
bei beiden Hnden nahm: Was ist denn das fr eine Beleidigung? Was
finden Sie denn in dem Wrtchen du Beleidigendes?

Das Wort selbst enthlt natrlich keine Beleidigung, entgegnete
Tentennikow: die Beleidigung lag in dem Sinn, in dem Ausdruck, mit dem
dieses Wort gesprochen wurde. >Du!< -- das soll heien: >wisse, da du
ein minderwertiges Subjekt bist; ich verkehre nur darum mit dir, weil
ich keinen besseren habe als dich; jetzt dagegen, wo die Frstin
Jusjakin gekommen ist, bitte ich dich, dich daran zu erinnern, wo dein
eigentlicher Platz ist und dich an die Tre zu stellen.< _Das_ hat es zu
bedeuten! Bei diesen Worten funkelten die Augen unseres sanften und
milden Andrei Iwanowitsch; in seiner Stimme zitterte die Erregung eines
aufs tiefste beleidigten Gefhls nach.

Nun und wenn es sogar etwas hnliches zu bedeuten htte? -- Was ist
denn dabei? sagte Tschitschikow.

Wie? Sie verlangen von mir, da ich ihn nach diesem Benehmen noch
weiter besuche?

Ja, was ist denn das fr ein Benehmen? Das kann man doch nicht einmal
ein Benehmen nennen, sagte Tschitschikow kaltbltig.

Wieso kein >Benehmen<, fragte Tentennikow erstaunt.

Das ist berhaupt kein Benehmen, Andrei Iwanowitsch. Das ist blo so
eine Gewohnheit dieser Herren Generle: sie duzen alle Leute. Und
schlielich, warum sollte man das einem so verdienten und geachteten
Mann nicht einmal gestatten?

Das ist ganz was andres, versetzte Tentennikow, wre er nur ein alter
Herr oder ein armer Kerl, und nicht so eitel, stolz und empfindlich,
wre er kein General, dann wrde ich es ihm sehr gern erlauben, mich
_du_ zu nennen, und es sogar mit Respekt aufnehmen.

Tatschlich, er ist ein Narr! dachte Tschitschikow. Einem zerlumpten
Kerl wrde er es gestatten, einem General dagegen nicht! Und nach
dieser Erwgung fuhr er laut fort: Gut, meinetwegen, zugegeben, da er
Sie beleidigt hat, aber Sie haben sich doch revanchiert: er hat Sie
beleidigt, und Sie haben ihm die Beleidigung zurckgegeben. Aber wie
kann man sich wegen einer solchen Bagatelle entzweien und eine Sache so
im Stiche lassen, die einem persnlich am Herzen liegt? Nein, da mu ich
schon um Entschuldigung bitten, das ist doch ... Wenn Sie sich einmal
ein Ziel gesteckt haben, dann mssen Sie auch drauf los gehen, komme was
da will. Wer achtet denn darauf, da die Menschen einen anspeien. Alle
Menschen bespeien einander. Heute finden Sie keinen Menschen auf der
ganzen Welt, der nicht um sich schlgt und einen nicht anspuckt.

Tentennikow war ber diese Worte aufs hchste betroffen, er sa ganz
verblfft da und dachte nur: Ein zu seltsamer Mensch, dieser
Tschitschikow!

Ist das ein wunderlicher Kauz! dieser Tentennikow! dachte
Tschitschikow, und er fuhr laut fort: Andrei Iwanowitsch, lassen Sie
mich zu Ihnen sprechen, wie zu einem Bruder. Sie sind noch so
unerfahren. Erlauben Sie mir, da ich die Sache ins Reine bringe. Ich
will zu Seiner Exzellenz hinfahren und ihm erklren, da die Sache
Ihrerseits auf einem Miverstndnis beruht, und auf Ihre Jugend und Ihre
geringe Welt- und Menschenkenntnis zurckzufhren ist.

Ich habe nicht die Absicht, vor ihm zu kriechen! sagte Tentennikow
gekrnkt und kann auch Sie nicht dazu zu ermchtigen!

Zum Kriechen bin ich nicht fhig, versetzte Tschitschikow gleichfalls
gekrnkt. Ich bin nur ein Mensch. Ich kann mich irren und fehlen, aber
kriechen -- niemals! Entschuldigen Sie Andrei Iwanowitsch; ich meine es
zu gut mit Ihnen, als da sie ein Recht htten, meinen Worten einen so
beleidigenden Sinn unterzulegen.

Verzeihen Sie, Pawel Iwanowitsch, ich bin schuld! sagte Tentennikow
gerhrt und ergriff Tschitschikow dankbar bei beiden Hnden. Ich wollte
Sie wirklich nicht beleidigen. Ihre gtige Teilnahme ist mir sehr
wertvoll. Das schwre ich Ihnen. Aber geben wir dies Gesprch auf, wir
wollen nie wieder ber diese Sache reden!

Dann fahre ich eben, ohne einen besonderen Anla, zum General, sprach
Tschitschikow.

Wozu? fragte Tentennikow, indem er Tschitschikow verwundert ansah.

Ich will ihm meine Aufwartung machen! versetzte Tschitschikow.

Was fr ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tschitschikow! dachte
Tentennikow.

Was fr ein seltsamer Mensch ist doch dieser Tentennikow! dachte
Tschitschikow.

Ich fahre morgen gegen zehn Uhr frh zu ihm, Andrei Iwanowitsch. Ich
glaube je eher man einem solchen Herrn seinen Achtungsbesuch macht, um
so besser. Leider ist blo meine Kutsche noch nicht in der rechten
Verfassung, ich mchte Sie daher nur um die Erlaubnis bitten, Ihren
Wagen zu benutzen. Ich mchte schon morgen so gegen zehn Uhr zu ihm
hinfahren!

Aber natrlich. Welch eine Bitte! Sie haben nur zu befehlen. Nehmen Sie
jeden Wagen, welchen Sie wollen: es steht alles zu Ihrer Verfgung!

Nach dieser Unterhaltung verabschiedeten sie sich und begaben sich ein
jeder auf sein Zimmer, um schlafen zu gehen und nicht ohne beiderseits
ber die Eigenheiten des andern nachzudenken.

Und doch: war es nicht merkwrdig: als am andern Tage der Wagen vorfuhr
und Tschitschikow mit der Gewandtheit eines Militrs, in einem neuen
Frack, weier Weste und weier Halsbinde hineinsprang und davonfuhr, um
dem General seine Aufwartung zu machen: -- da geriet Tentennikow in eine
solche Aufregung, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. All seine
eingerosteten und schlummernden Gedanken kamen in Unruhe und Bewegung.
Eine nervse Raserei bemchtigte sich pltzlich mit aller Gewalt dieses
schlfrigen und in Bequemlichkeit und Miggang versunkenen Trumers.

Bald setzte er sich auf das Sofa, bald trat er ans Fenster, bald nahm er
ein Buch zur Hand, bald wieder versuchte er es, ber etwas nachzudenken.
Verlorene Liebesmh! Er konnte keinen Gedanken fassen. Oder er versuchte
es, an gar nichts zu denken. Vergebliches Bemhen! Armselige Bruchstcke
eines Gedankens, allerhand Gedankenendchen und -fragmente drngten sich
in sein Hirn und bestrmten seinen Schdel. Ein merkwrdiger Zustand!
sagte er und setzte sich ans Fenster, um auf den Weg hinauszublicken,
der den dunklen Eichenwald durchschnitt, und an dessen Ende eine
Staubwolke sichtbar war, welche der davonrollende Wagen aufgewirbelt
hatte. Doch verlassen wir Tentennikow und folgen wir Tschitschikow.


                            Zweites Kapitel.

In einer knappen halben Stunde trugen die braven Rosse Tschitschikow
ber die etwa zehn Werst lange Strecke hinweg -- erst ging es durch den
Eichwald, dann durch das Kornfeld, das zwischen langen Streifen frisch
gepflgten Ackerlandes lag und im ersten Grn des Frhlings prangte,
dann wieder den Rand des Gebirgs entlang, wo sich in einem fort
herrliche Fernblicke auftaten -- und endlich durch eine breite
Lindenallee, deren Laub sich eben zu entfalten begann, bis zu dem Gute
des Generals. Die Lindenallee ging bald in eine Allee schlanker Pappeln
ber, die unten in geflochtene Krbe eingefat waren, und fhrte zuletzt
auf ein gueisernes Torgitter, hinter dem man den prchtigen, mit
reichem krausem Schnitzwerk verzierten Giebel des Herrenhauses
erblickte, der von acht Sulen mit Korinthischen Kapitlen getragen
wurde. berall roch es nach lfarbe, die allem einen neuen Anstrich gab,
und keinem Ding Zeit lie, alt zu werden. Der Hof war so glatt und
sauber, da man ber Parkett zu wandeln glaubte. Als der Wagen vor dem
Hause Halt machte, sprang Tschitschikow respektvoll heraus und betrat
die Treppe. Er lie sich gleich beim General anmelden, und wurde direkt
in dessen Arbeitszimmer gefhrt. Die majesttische Gestalt des Generals
machte einen tiefen Eindruck auf unseren Helden. Er hatte einen
zugeknpften Sammetschlafrock von himbeerroter Farbe an, sein Blick war
offen, sein Gesicht mnnlich, er trug einen groen Schnurrbart und einen
stattlichen graumelierten Backenbart und Haare, die im Nacken ganz kurz
geschnitten waren; sein Hals war breit und dick oder dreistckig, wie
man bei uns zu sagen pflegt, d. h., er wies drei Lngsfalten und eine
Querfalte auf: mit einem Wort, es war einer von jenen prchtigen
Generalstypen, an denen das Jahr 1812 so reich war. General
Betrischtschew war, wie wir alle, mit einem ganzen Haufen von Vorzgen
und Mngeln gesegnet. Diese wie jene waren jedoch, wie das bei uns
Russen oft zu geschehen pflegt, recht bunt durcheinandergewrfelt:
Gromut und Aufopferungsfhigkeit, in entscheidenden Momenten auch
Tapferkeit, Verstand und bei alledem eine gengende Dosis Eitelkeit,
Ehrgeiz, Eigensinn und kleinliche Empfindlichkeit, ohne die der Russe
nun einmal nicht auskommen kann, wenn er nichts zu tun hat und nichts
ihn zum Handeln bestimmt. Er hatte eine starke Abneigung gegen alle die,
welche ihm den Rang abgelaufen hatten und uerte sich in sarkastischer
Weise ber sie. Am meisten aber hatte einer seiner frheren Kollegen von
ihm zu leiden, denn der General war fest davon berzeugt, da er in
bezug auf Verstand und Fhigkeiten hoch ber jenem stand, und doch hatte
ihn der andere berholt und war bereits Generalgouverneur zweier
Provinzen. Unglcklicherweise befand sich auch noch eins von den Gtern
des Generals in einer dieser Provinzen, soda dieser gewissermaen von
seinem Kollegen abhngig war. Der General rchte sich reichlich; er
sprach bei jeder Gelegenheit von seinem Nebenbuhler, kritisierte eine
jede seiner Verordnungen und erklrte jede seiner Manahmen und
Handlungen fr den Gipfelpunkt des Unverstandes und der Torheit. Alles
an ihm hatte einen gewissen merkwrdigen Anstrich, vor allem auch seine
Bildung. Er war nmlich ein groer Freund und Vorkmpfer der Aufklrung;
auch wollte er immer mehr und alles besser wissen, als andre Leute und
daher hatte er die Menschen nicht gern, die etwas wuten, was ihm
unbekannt war. Mit einem Wort, er liebte es durch seinen Verstand zu
glnzen. Einen groen Teil seiner Erziehung hatte er im Auslande
genossen, trotzdem aber wollte er den russischen Aristokraten spielen.
Bei einem Charakter, der soviel Hrten und soviel starke hervorstechende
Gegenstze aufwies, war es nur natrlich, da er im Dienst bestndig mit
Unannehmlichkeiten zu kmpfen hatte, was ihn schlielich auch
veranlate, seinen Abschied zu nehmen. Die Schuld, da es so gekommen
war, schob er auf eine gewisse feindliche Partei, denn er hatte nicht
den Mut, sich selbst fr etwas verantwortlich zu machen. Auch nach
seinem Abschied behielt er seine vornehme und majesttische Haltung. Ob
er nun einen Frack, einen Gehrock oder einen Schlafrock anhatte -- er
blieb sich immer gleich. Von seiner Stimme bis zur letzten Geste und
Bewegung war alles an ihm gebieterisch und majesttisch, und flte
jedem unter ihm Stehenden wenn auch nicht Achtung, so doch wenigstens
Furcht oder Scheu ein.

Tschitschikow fhlte beides: Ehrfurcht _und_ Scheu. Er neigte den Kopf
ehrerbietig zur Seite, streckte die Hnde aus, wie wenn sie ein Tablett
mit Teetassen ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswrdiger
Gewandtheit fast bis zur Erde und sagte: Ich habe es fr meine Pflicht
gehalten, Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Die hohe Achtung vor den
Tugenden der Mnner, die das Vaterland auf den Schlachtfeldern
verteidigten, veranlate mich, mich Eurer Exzellenz persnlich
vorzustellen.

Dem General schien diese Introduktion nicht zu mifallen. Er machte eine
sehr gndige Kopfbewegung und sagte: Ich freue mich sehr, Ihre
Bekanntschaft zu machen. Bitte nehmen Sie Platz! Wo haben Sie gedient?

Das Feld meiner Ttigkeit, sprach Tschitschikow, indem er sich im
Lehnstuhl niederlie -- aber nicht in der Mitte, sondern ein wenig
seitwrts auf der Kante -- und mit der Hand die Stuhllehne festhielt,
das Feld meiner Ttigkeit begann im Kameralhof, Exzellenz, um seinen
weiteren Verlauf an verschiedenen Stellen zu nehmen; ich habe im
Hofgericht, in einer Baukommission und im Zollamt gedient. Mein Leben
lt sich mit einem Schiff inmitten strmischer Wogen vergleichen,
Exzellenz. Ich kann wohl sagen, ich bin mit Geduld aufgesugt und
grogepppelt, ich selbst bin sozusagen die personifizierte Geduld.
Wieviel ich allein von meinen Feinden zu erdulden hatte, das vermag
weder ein Wort noch der Pinsel eines Knstlers zu schildern. Erst jetzt
an meinem Lebensabend suche ich mir einen Winkel, wo ich den Rest meiner
Tage verbringen kann. Einstweilen habe ich mich bei einem der nchsten
Nachbarn Eurer Exzellenz niedergelassen ...

Bei wem, wenn ich fragen darf?

Bei Tentennikow, Exzellenz.

Der General runzelte die Stirn.

Er bereut es schwer, Exzellenz, da er Eurer Exzellenz nicht die
schuldige Achtung erwiesen hat.

Achtung! Wovor?

Vor den Verdiensten Eurer Exzellenz, sagte Tschitschikow. Er kann
blo das rechte Wort nicht finden ... Er sagt: >Wenn ich Seiner
Exzellenz nur irgendwie ... denn ich wei doch die Mnner zu schtzen,
die das Vaterland gerettet haben,< sagt er.

Ja, was will er denn? ... Ich bin ihm doch garnicht bse! versetzte
der General, der schon weit milder gestimmt war. Ich habe ihn herzlich
lieb gewonnen und bin berzeugt, da er mit der Zeit noch ein sehr
ntzlicher Mensch werden kann.

Sehr richtig bemerkt, Exzellenz, fiel Tschitschikow ein. Ein sehr
ntzlicher Mensch; er ist so sprachgewandt und schreibt auch sehr
schn.

Aber ich glaube er schreibt allerhand Dummheiten. Ich glaube er macht
Verse oder so etwas.

Oh nein, Exzellenz, durchaus keine Dummheiten. Er schreibt an einem
sehr ernsten und bedeutenden Werke. Er schreibt .... eine Geschichte,
Exzellenz ....

Eine Geschichte? ... Was fr eine Geschichte?

Eine Geschichte ... hier hielt Tschitschikow ein wenig inne, war es
nun, weil ein General vor ihm sa, oder wollte er der Sache blo eine
grere Bedeutung beilegen, genug er fgte hinzu: eine Geschichte der
Generle, Exzellenz!

Wie? der Generle? Welcher Generle?

Der Generle im allgemeinen, Exzellenz, berhaupt aller Generle ...
das heit, ich wollte eigentlich sagen, der _vaterlndischen_ Generle.

Tschitschikow fhlte, da er sich gar zu weit verrannt hatte, und war
daher sehr verlegen. Er htte vor rger ausspucken mgen und sagte zu
sich selbst: Herrgott, was rede ich da fr einen Bldsinn.

Entschuldigen Sie, ich verstehe noch nicht ganz ... wie ist denn das?
Soll es die Geschichte einer bestimmten Epoche, oder sollen es einzelne
Biographieen werden. Und dann: handelt es sich um smtliche Generle die
existiert, oder nur um die, die am Feldzug des Jahres 1812 teilgenommen
haben?

Seht richtig, Exzellenz, nur um die letzteren! Und er dachte sich:
Schlagt mich tot, ich verstehe kein Wort!

Ja, warum kommt er denn dann nicht zu mir! Ich knnte ihm uerst
interessantes Material geben!

Er hat nicht den Mut, Exzellenz!

Was fr ein Unsinn! Wegen irgend eines dummen Wortes, das unter uns
gefallen ist ... Ich bin doch gar nicht so ein Mensch. Ich will
meinetwegen selbst zu ihm hinfahren.

Das wrde er nie zugeben, er wird selbst kommen, sagte Tschitschikow,
er hatte sich schon ganz wieder erholt und dachte sich dabei: Hm! die
Generle kommen mir aber gerade zupa; und dabei hat meine Zunge doch
ganz frech darauflos geschwtzt!

In dem Arbeitszimmer des Generals hrte man ein Gerusch. Die Nuholztr
eines geschnitzten Schrankes ffnete sich von selbst. Auf der Rckseite
der Tr erschien das lebende Bild eines Mdchens, welches die Trklinke
in der Hand hielt. Wenn auf dem dunkelen Hintergrunde des Zimmers
pltzlich ein hell von Lampen erleuchtetes Lichtbild erschienen wre, es
htte durch sein pltzliches Erscheinen keinen so gewaltigen Eindruck
hervorbringen knnen, wie diese liebliche Gestalt. Sie war offenbar
hereingekommen, um etwas zu sagen, aber als sie einen unbekannten
Menschen im Zimmer sah --. Mit ihr zugleich schien ein Sonnenstrahl in
die Stube gedrungen zu sein, und das ganze finstere Gemach des Generals
schien zu leuchten und zu lcheln. Tschitschikow konnte sich im ersten
Moment keine Rechenschaft ablegen, was fr ein Wesen eigentlich vor ihm
stand. Es war schwer zu sagen, in welchem Lande sie geboren war, denn
man htte nicht so leicht ein so reines und vornehmes Profil finden
knnen, es sei denn auf antiken Kameen. Schlank und leicht wie ein Pfeil
schien ihre edle Gestalt alles zu berragen. Aber das war nur eine
schne Tuschung. Sie war keineswegs sehr gro. Dieser Schein rhrte
blo von der wunderbaren Harmonie her, in der all ihre Glieder standen.
Das Kleid, das sie anhatte, schmiegte sich ihrer Gestalt so wohltuend
an, da man htte glauben knnen, die berhmtesten Schneiderinnen wren
zusammengekommen, um zu beratschlagen, was ihr am besten stehen mchte.
Aber auch das war nur eine Tuschung. Sie dachte nicht lange ber ihre
Toilette nach, alles ergab sich wie von selbst: an zwei, drei Stellen
hatte die Nadel ein kaum zugeschnittenes Stck des einfarbigen Stoffes
berhrt und dieses hatte sich selbst in edlen Falten um ihren Leib
gelegt; htte man dieses Gewand samt ihrer Trgerin im Bilde
festgehalten, so htten alle modischen Damen und Fruleins ausgesehen,
wie bunte Khe oder irgend eine Schne vom Trdelmarkt. Und htte man
sie mit diesen Falten und in diesem sie umhllenden Gewande in Marmor
gehauen, so htte man dieses Bildnis das Werk eines genialen Knstlers
genannt. Nur einen Mangel hatte sie: sie war fast zu zart und
schmchtig.

Darf ich Ihnen mein Nesthkchen vorstellen! sagte der General, indem
er sich an Tschitschikow wandte. brigens verzeihen Sie, ich kenne
Ihren Vor- und Vaternamen noch nicht ...

Mu man denn den Vor- und Vaternamen eines Mannes kennen, der sich noch
durch keinerlei Vorzge und Tugenden ausgezeichnet hat, entgegnete
Tschitschikow, whrend er seinen Kopf bescheiden auf die Seite neigte.

Immerhin ... So etwas mu man doch wissen!

Pawel, Iwanowitsch, Exzellenz! sagte Tschitschikow, indem er sich
beinahe mit der Gewandtheit eines Militrs verbeugte und mit der
Elastizitt eines Gummiballs zurcksprang.

Ulinka! fuhr der General fort. Pawel Iwanowitsch hat mir soeben eine
uerst interessante Neuigkeit mitgeteilt. Unser Nachbar Tentennikow ist
gar kein so dummer Mensch, wie wir angenommen haben. Er arbeitet an
einem groen Werk: an einer Geschichte der Generle des Jahres 1812.

Ja, wer hat denn gesagt, da er dumm ist, sagte sie schnell. Das
konnte doch hchstens dieser Wischnepokromow glauben, dem du so
vertraust, Papa, und der blo ein hohler und gemeiner Mensch ist.

Warum denn gemein? Er ist etwas oberflchlich, das ist wahr! sagte der
General.

Er ist auch etwas gemein und etwas schlecht und nicht nur
oberflchlich. Wer seine Brder so behandelt, und seine eigene Schwester
aus dem Hause jagen konnte, das ist ein abscheulicher, hlicher
Mensch.

Aber das erzhlt man doch blo von ihm.

Solche Dinge erzhlt man nicht umsonst. Ich kann dich nicht verstehen,
Papa. Du hast ein selten gutes Herz und doch kannst du mit einem
Menschen verkehren, der tief unter dir steht und von dem du weit, da
er schlecht ist.

Sehen Sie, sagte der General lchelnd zu Tschitschikow. So liegen wir
uns stets in den Haaren! Dann wandte er sich wieder zu Ulinka und fuhr
fort: Liebes Herzchen! Ich kann ihn doch nicht davonjagen! sagte der
General.

Warum denn davonjagen? Aber man braucht ihn doch nicht mit soviel
Achtung zu behandeln und ihn gleich in sein Herz zu schlieen!(7)

Hier hielt es Tschitschikow fr seine Pflicht, gleichfalls ein Wrtchen
zu sagen.

Jedes Wesen verlangt nach Liebe, sprach Tschitschikow. Was soll man
machen? Auch das Tier liebt, da man es streichelt, es steckt seine
Schnauze aus dem Stall heraus, als ob es sagen wollte: komm, streichele
mich.

Der General fing an zu lachen. Ganz recht: so ist es. Es steckt seine
Schnauze hervor und bittet: da streichele mich! Ha, ha, ha! Nicht blo
die Schnauze, der ganze Mensch steckt tief im Dreck, und doch verlangt
er, da man ihm sozusagen Teilnahme erweise .... Ha, ha, ha! Der
General schttelte sich vor Lachen. Seine Schultern, welche einstmals
dicke Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch heute noch
mit dicken Achselklappen geschmckt wren.

Auch Tschitschikow lachte kurz auf, stimmte jedoch sein Gelchter aus
Achtung vor dem General mehr auf den Buchstaben e ab: he, he, he, he,
he, he! Auch er schttelte sich vor Lachen, nur bewegten sich seine
Schultern nicht, denn sie trugen keine dicke Achselklappen.

So ein Kerl beschwindelt und bestiehlt erst den Staat und verlangt dann
noch, da man ihn dafr belohnen soll! Wer wird sich denn mhen und
abqulen, ohne Ansporn und Aussicht auf eine Belohnung! sagte er. Ha,
ha, ha, ha!

Ein schmerzliches Gefhl verdsterte das edle, liebliche Gesicht des
Mdchens: Papa! Ich verstehe nicht, wie du blo lachen kannst! Mich
stimmen solche Schlechtigkeiten und solche gemeine Handlungen blo
traurig. Wenn ich sehe, wie irgend ein Mensch ganz ffentlich und vor
allen Leuten einen Betrug verbt, und ihn nicht die Strafe der
allgemeinen Verachtung trifft, so wei ich kaum noch, was in mir
vorgeht, dann werde ich selbst bse und schlecht; ich denke und denke
und .... Sie war nahe daran, in Trnen auszubrechen.

Bitte, sei uns nur nicht bse, sagte der General. Wir sind doch ganz
unschuldig an der Sache. Nicht wahr? fuhr er fort, indem er sich an
Tschitschikow wandte. So, nun gib mir einen Ku und geh auf dein
Zimmer, ich mu mich gleich umkleiden, denn es ist bald Zeit zum
Mittagessen.

Du it doch bei mir? sagte der General und warf Tschitschikow einen
Blick zu.

Wenn Eure Exzellenz blo ...

Bitte ohne Umstnde. Es wird wohl noch fr dich reichen. Gott sei Dank!
Wir haben heute Kohlsuppe.

Tschitschikow streckte seine beiden Hnde aus und lie den Kopf
ehrfurchtsvoll herabsinken, soda er alle Gegenstnde im Zimmer einen
Augenblick aus den Augen verlor und nur noch die Spitzen seiner Schuhe
sehen konnte. Nachdem er eine Weile in dieser respektvollen Stellung
verharrt war, und hierauf den Kopf wieder erhob, sah er Ulinka schon
nicht mehr. Sie war verschwunden. An ihrer Stelle stand ein Riese von
einem Kammerdiener mit einem buschigen Schnauzbart und wohlgepflegtem
Backenbart, der, eine silberne Schssel und ein Waschbecken in den
Hnden hielt.

Du erlaubst wohl, da ich mich in deiner Gegenwart umkleide!

Sie drfen sich nicht blo in meiner Gegenwart umkleiden, vielmehr
steht es Ihnen frei, in meiner Gegenwart alles zu tun, was Ihnen
beliebt, Exzellenz.

Der General zog die eine Hand aus dem Schlafrock und streifte sich die
Hemdrmel an den athletischen Armen in die Hhe. Hierauf begann er sich
zu waschen, wobei er um sich spritzte und prustete wie eine Ente. Das
Seifenwasser stob nur so durch das Zimmer.

Ja, ja, sie wollen alle einen Ansporn und eine Belohnung haben, sagte
er indem er sich seinen dicken Hals rings herum sorgfltig abtrocknete
... Streichele ihn, streichele ihn nur. Ohne Belohnung hrt er nun
einmal nicht auf zu stehlen!

Tschitschikow befand sich in selten guter Laune. Eine Art Begeisterung
war pltzlich ber ihn gekommen. Der General ist ein lustiger und
gutmtiger alter Herr! Man knnte es am Ende versuchen! dachte er und
als er sah, da der Kammerdiener mit dem Waschbecken hinausgegangen war,
rief er aus: Exzellenz! Sie sind so gtig und aufmerksam gegen
jedermann! Ich habe eine groe Bitte an Sie zu richten.

Was fr eine Bitte? -- Tschitschikow sah sich vorsichtig um.

Ich habe einen Onkel, einen alten sehr gebrechlichen Herrn. Er hat
dreihundert Seelen und zweitausend ... und ich bin sein einziger Erbe.
Er kann sein Gut nicht mehr allein verwalten, weil er schon zu alt und
zu schwach dazu ist, mir aber will er es auch nicht berlassen. Er gibt
einen hchst seltsamen Grund dafr an: >Ich kenne meinen Neffen nicht,<
sagt er, >vielleicht ist er ein Verschwender und Tunichtgut. Er soll mir
erst beweisen, da er ein zuverlssiger Mensch ist, und sich selbst erst
einmal dreihundert Seelen erwerben, dann will ich ihm meine dreihundert
dazugeben.<

Erlauben Sie mal! Ist der Mann denn ganz nrrisch? fragte der General.

Das wre noch nicht das Schlimmste, wenn er blo ein Narr wre. Das
wre sein eigener Schade. Aber versetzen Sie sich auch in meine Lage,
Exzellenz ... Denken Sie, er hat eine Schlieerin die bei ihm wohnt, und
diese Schlieerin hat Kinder. Da mu man sich doch in acht nehmen, da
er ihr nicht noch sein ganzes Vermgen vermacht.

Der alte Narr hat seinen Verstand verloren, das ist das Ganze, sagte
der General. Ich sehe nur keine Mglichkeit, wie ich Ihnen hier helfen
knnte! fuhr er fort, indem er Tschitschikow erstaunt ansah.

Ich habe eine Idee, Exzellenz. Wenn Sie mir alle toten Seelen, die Sie
besitzen, berlassen wollten, Exzellenz, ich meine auf Grund eines
Kaufvertrages, ganz so als ob sie noch am Leben wren, dann knnte ich
dem Alten diesen Vertrag zeigen, und er mte mir die Erbschaft
aushndigen.

Jetzt aber lachte der General so laut auf, wie wohl noch nie ein Mensch
gelacht hat: So lang er war, sank er in den Lehnstuhl, warf den Kopf
ber die Rcklehne und wre beinahe erstickt. Das ganze Haus kam in
Bewegung. Der Kammerdiener erschien in der Tre, und die Tochter kam
ganz erschrocken herbeigelaufen.

Papa, was ist geschehen? rief sie entsetzt und sah ihn bestrzt an.
Aber der General vermochte lange Zeit hindurch keinen Laut von sich zu
geben. Sei ruhig, es ist nichts, liebes Kind. Ha, ha, ha. Geh nur auf
dein Zimmer. Wir kommen gleich zum Mittagessen. Beunruhige dich nicht.
Ha, ha, ha.

Und nachdem der General ein paarmal nach Luft geschnappt hatte, fing er
mit erneuter Kraft an zu lachen; laut hallte es durch das ganze Haus,
vom Vorzimmer bis zur letzten Stube.

Tschitschikow wurde ein wenig unruhig.

Der arme Onkel! Wie der zum Narren gehalten werden soll! Ha, ha, ha.
Wie der dasitzen wird, wenn er statt der lebenden Bauern lauter tote
kriegt. Ha, ha!

Es geht schon wieder los! dachte Tschitschikow. Ist der kitzlich! Er
wird noch platzen!

Ha, ha, ha! fuhr der General fort. So ein Esel! Wie einem nur so
etwas einfallen kann: Geh, erwirb dir mal erst selbst dreihundert
Seelen, dann sollst du noch weitere dreihundert dazu haben! Er ist
wahrhaftig ein Esel!

Ganz recht, Exzellenz, er ist wirklich ein Esel!

Na, aber dein Scherz ist auch nicht ohne! Den Alten mit toten Bauern
abzuspeisen! Ha, ha, ha! Bei Gott, ich wrde viel drum geben, knnte ich
nur dabei sein, wenn du ihm den Kaufvertrag berreichst! Was ist er
eigentlich fr ein Mensch? Wie sieht er aus? Ist er sehr alt?

Gegen achtzig Jahre!

Und ist er noch rstig? Kann er noch gut gehen? Er mu doch noch recht
krftig sein, wenn er mit der Schlieerin zusammenlebt?

Keine Spur! Exzellenz. Er ist so hilflos wie ein Kind!

So ein Narr! Nicht wahr? Er ist doch ein Narr!

Sehr richtig, Exzellenz! Ein vollkommener Narr!

Und fhrt er noch spazieren? Macht er Besuche? Ist er noch gut auf den
Beinen?

Ja, aber es wird ihm doch schon recht schwer.

So ein Narr! Aber er ist doch noch ganz rstig? Wie? Hat er noch
Zhne?

Nur noch zwei, Eure Exzellenz!

So ein Esel! Sei mir nicht bse, Verehrtester. -- Er ist zwar dein
Onkel, aber ist _doch_ ein Esel.

Freilich ist er ein Esel, Exzellenz. Trotzdem er mein Verwandter ist
und es mir schwer wird, es einzugestehen, da Sie recht haben, aber was
soll ich machen?

Der gute Tschitschikow schwindelte. Es wurde ihm durchaus nicht schwer,
dies einzugestehen, um so weniger, als er schwerlich je solch einen
Onkel besessen hatte.

Eure Exzellenz wollen also die Freundlichkeit haben ...

Dir die toten Seelen abzukaufen? Fr diesen groartigen Gedanken sollst
du sie mitsamt dem Grund und Boden und ihrer jetzigen Wohnung haben. Du
darfst dir meinetwegen den ganzen Friedhof mitnehmen. Ha, ha, ha, ha.
Nein dieser Alte! Wird dem ein Streich gespielt! Ha, ha, ha, ha.

Und das Gelchter des Generals hallte aufs neue durch alle Zimmer.[1]

[Funote 1: Hier fehlt ein greres Stck, das den bergang vom zweiten
zum dritten Kapitel bilden sollte.

                                                      Anm. d. Herausg.
                                                                     ]


                            Drittes Kapitel.

Wenn der Oberst Koschkarjow wirklich verrckt ist, so wre das garnicht
bel, sagte Tschitschikow, als er sich wieder unter offenem Himmel auf
freiem Felde befand. Alle menschlichen Behausungen lagen weit hinter
ihm; und er sah jetzt nichts mehr als das freie Himmelsgewlbe und zwei
kleine Wolken in der Ferne.

Hast du dich auch ordentlich nach dem Wege zum Obersten Koschkarjow
erkundigt, Seliphan?

Sie wissen doch, Pawel Iwanowitsch, ich hatte soviel mit dem Wagen zu
tun, und da fand ich keine Zeit dazu. Aber Petruschka hat den Kutscher
nach dem Wege gefragt.

So ein Esel! Ich habe dir doch gesagt, da du dich nicht auf Petruschka
verlassen sollst; Petruschka ist sicher wieder besoffen.

Das ist doch keine groe Weisheit, sagte Petruschka, indem er sich ein
wenig auf seinem Sitze umdrehte und nach Tschitschikow hinschielte. Wir
mssen blo den Berg hinabfahren, und dann geht's lngs der Wiese
weiter, das ist das Ganze!

Und du hast wohl nichts auer Fusel in den Mund genommen! Das ist das
Ganze! Du bist mir der Rechte! Von dir kann man wohl auch sagen: der
Kerl setzt Europa durch seine Schnheit in Erstaunen. Nach diesen
Worten strich sich Tschitschikow ber sein Kinn und dachte: Es ist doch
ein groer Unterschied zwischen einem gebildeten Mann der besseren
Stnde und so einer groben Lakaienphysiognomie.

Unterdessen rollte der Wagen schon den Berg hinab. Und wiederum sah man
nichts als Wiesen und weite mit Espen-Waldungen bepflanzte Flchen.

Leicht federnd glitt das bequeme Gefhrt vorsichtig die kaum merkliche
Neigung des Berghanges hinab; dann ging es weiter an Wiesen, Feldern und
Windmhlen vorbei; donnernd rollte der Wagen ber die Brcken und tanzte
mit Schwanken ber das weiche, holprige Erdreich. Doch auch nicht _ein_
Hgel, noch eine einzige Unebenheit der Strae beunruhigten die weichen
Partieen unseres Reisenden auch nur im geringsten. Das war die reinste
Wonne und keine Equipage.

Weidenbsche, dnne Erlen und Silberpappeln flogen rasch an ihnen vorbei
und streiften die beiden auf dem Bocke sitzenden Leibeigenen Seliphan
und Petruschka bestndig mit ihren Zweigen. Dem letzteren rissen sie
sogar mehrmals die Mtze vom Kopf. Der gestrenge Lakai sprang in einem
fort vom Bock herab, schalt auf die dummen Bume und auf den, der sie
gepflanzt hatte, aber er konnte sich trotzdem nicht entschlieen, seine
Mtze anzubinden, oder sie mit der Hand festzuhalten, denn er hoffte,
dies sei das letzte Mal gewesen und es werde ihm nun nicht wieder
passieren. Bald gesellten sich noch Birken und hie und da eine Tanne zu
den Bumen. Die Wurzeln waren dicht mit Gras bedeckt, auf dem blaue
Schwertlilien und gelbe Waldtulpen wuchsen. Der Wald wurde immer
dunkeler und drohte die Reisenden in undurchdringliche Nacht
einzuhllen. Da blitzte pltzlich von allen Seiten zwischen sten und
Baumstmmen ein heller Lichtschimmer, gleich einem leuchtenden
Spiegelreflexe auf. Die Bume traten auseinander, die glnzende Flche
wurde immer grer ... vor ihnen lag ein See -- ein mchtiger
Wasserspiegel von etwa vier Werst in die Breite. Auf dem
gegenberliegenden Ufer tauchten mehrere kleine Blockhtten auf. Dies
war das Dorf. Aus den Fluten drangen laute Schreie und Rufe hervor. Etwa
zwanzig Mann bis an den Grtel, bis zu den Schultern oder bis zum Halse
im Wasser stehend, waren damit beschftigt, ein Netz ans Ufer zu ziehen.
Dabei war ihnen ein Unfall passiert. Zugleich mit den Fischen war ihnen
ein wohlbeleibter Mann ins Netz geraten, der ungefhr ebenso breit als
lang war, und aussah wie eine Wassermelone oder wie ein Fa. Seine Lage
war eine verzweifelte und er schrie aus voller Kehle: Dionys, du Klotz!
gib es doch dem Kosma! Kosma nimm doch dem Dionys das Tauende aus der
Hand. Sto doch nicht so, du groer Thomas, komm stell dich hierher, wo
der kleine Thomas steht. Teufel! Ich sag's euch, ihr werdet noch das
Netz zerreien. Offenbar frchtete sich die Wassermelone nicht fr ihre
Person: ertrinken konnte sie nicht, dazu war sie zu dick, sie mochte die
tollsten Purzelbume schlagen, um unterzutauchen, das Wasser trug sie
immer wieder empor; ja es htten sich ihr ruhig noch zwei Personen auf
den Rcken setzen knnen, sie htte sie dennoch ber Wasser gehalten wie
eine eigensinnige Schweinsblase und hchstens ein wenig gesthnt und mit
der Nase Blasen ausgepustet. Aber der Mann hatte groe Angst, das Netz
knne reien und die Fische knnten entschlpfen, und daher muten ihn
mehrere Menschen zugleich mit dem Netz an Stricken ans Ufer ziehen.

Das ist wohl der Gutsherr, der Oberst Koschkarjow, sagte Seliphan.

Warum?

Sehen Sie doch blo, was er fr einen Krper hat. Der ist viel weier
als bei den andern, und auch sein Umfang ist betrchtlich, wie sich's
fr einen vornehmen Herrn schickt.

Unterdessen hatte man den im Netz gefangenen Gutsherrn schon bedeutend
nher ans Ufer herangezogen. Als er wieder Boden unter seinen Fen
fhlte, richtete er sich auf, und bemerkte in demselben Augenblick die
den Fahrdamm herabrollende Equipage nebst ihrem Insassen Tschitschikow.

Haben Sie schon zu Mittag gegessen? rief der Herr ihm entgegen, indem
er mit den gefangenen Fischen in der Hand ans Ufer trat. Er steckte noch
ganz im Netze drin, etwa wie zur Sommerzeit ein Damenhndchen in einem
durchbrochenen Handschuh, hielt die eine Hand wie einen Schirm ber die
Augen, um sich gegen die Sonne zu schtzen und die andre etwas tiefer
unten, ungefhr in der Stellung der Mediceischen Venus, die eben dem
Bade entsteigt.

Nein, versetzte Tschitschikow, nahm die Mtze ab und grte
verbindlichst aus der Kutsche.

Nun dann danken Sie ihrem Schpfer!

Wieso? fragte Tschitschikow neugierig, die Mtze ber dem Kopfe
haltend.

Sie werden gleich sehen! He, kleiner Thomas! La das Netz los, und nimm
den Str aus dem Behlter heraus. Kosma, du Klotz, geh, hilf ihm!

Die zwei Fischer zogen den Kopf eines Ungeheuers aus dem Behlter hervor
-- Seht mal, was fr ein Frst! Der hat sich aus dem Flusse hierher
verirrt! rief der kugelrunde Herr. Fahren Sie nur in den Hof hinein!
Kutscher nimm den unterm Weg durch den Gemsegarten! Lauf doch groer
Thomas, du Holzklotz, mach das Gartentor auf! Er wird Sie begleiten, ich
komme gleich nach ...

Der langbeinige und barfige groe Thomas lief, ganz so wie er war, im
bloen Hemde vor dem Wagen her durch das ganze Dorf. Vor jeder Htte
hingen allerhand Fischereigertschaften, Netze, Reusen usw.; alle Bauern
waren Fischer; dann ffnete Thomas das Gitter des Gartens, und der Wagen
fuhr zwischen Gemsebeeten hindurch nach einem offenen Platz in der Nhe
der Dorfkirche. Etwas weiter hinter der Kirche sah man die Dcher der
Gutsgebude.

Dieser Koschkarjow ist etwas spleenig! dachte Tschitschikow.

So, da bin ich! erscholl eine Stimme von der Seite! Tschitschikow sah
sich um. Der Gutsherr fuhr in einem grasgrnen Nankingrock, gelben
Beinkleidern und ohne Halsbinde wie ein Kupido neben ihm her. Er sa
seitwrts in der Droschke und nahm den ganzen Sitz ein. Tschitschikow
wollte ihm etwas sagen, aber der Dicke war bereits wieder verschwunden.
Gleich darauf erschien sein Wagen wieder an der Stelle, wo das Netz mit
den Fischen herausgezogen worden war, und wieder hrte man die Stimmen
rufen: >Groer Thomas, kleiner Thomas! Kosma und Denys!< Als aber
Tschitschikow bei dem Portale des Herrenhauses vorfuhr, sah er den
dicken Gutsbesitzer zu seinem grten Erstaunen schon auf der Treppe
stehen, wo er den Ankmmling in Empfang nahm und freundschaftlichst in
seine Arme schlo. Wie er so schnell hierhergeflogen war -- dies blieb
ein Rtsel. Man kte sich dreimal kreuzweise nach alter russischer
Sitte: der Gutsherr war ein Mann alten Schlages.

Ich habe Ihnen Gre von Seiner Exzellenz zu berbringen, sagte
Tschitschikow.

Von welcher Exzellenz?

Von Ihrem Verwandten, dem General Alexander Dimitriewitsch.

Wer ist dieser Alexander Dimitriewitsch?

General Betrischtschew, versetzte Tschitschikow ein wenig betroffen.

Ich kenne ihn nicht, entgegnete jener erstaunt.

Tschitschikows Verwunderung wurde mit jedem Augenblick grer.

Ja, wie denn nur ...? Ich habe doch hoffentlich das Vergngen, mit dem
Herrn Oberst Koschkarjow zu sprechen?

Nein hoffen Sie lieber nicht! Sie befinden sich nicht bei ihm, sondern
bei mir. Peter Petrowitsch Petuch! Petuch![2] Peter Petrowitsch!
versetzte der Hausherr.

Tschitschikow war starr vor Staunen. Nicht mglich? sagte er, indem er
sich an Seliphan und Petruschka wandte, die gleichfalls mit offenem
Munde dastanden, und die Augen weit aufsperrten. Der eine sa auf dem
Bock, der andere stand an der Wagentre. Was habt ihr blo gemacht, ihr
Esel? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt zum Obersten Koschkarjow
fahren ... Das ist doch Peter Petrowitsch Petuch ...

[Funote 2: Petuch = deutscher Hahn.]

Das habt ihr fein gemacht, Jungens! Geht in die Kche, lat euch ein
Glas Schnaps geben ... rief Peter Petrowitsch Petuch. Spannt die
Pferde aus und geht gleich ins Speisezimmer!

Ich schme mich wirklich! So ein Irrtum! So pltzlich! ... stammelte
Tschitschikow.

Durchaus kein Irrtum. Warten Sie mal erst ab, wie Ihnen das Mittagessen
schmecken wird und dann sagen Sie, ob es ein Irrtum war. Ich bitte
schn, sagte Petuch, indem er Tschitschikow am Arme nahm und ihn ins
Innere des Hauses fhrte. Hier kamen ihnen zwei Jnglinge in
Sommeranzgen entgegen; beide so dnn wie ein Paar Weidenruten und wohl
eine Arschin[3] lnger als ihr Vater.

Meine Shne! Sie besuchen das Gymnasium und sind nur whrend der Ferien
hier ... Nikolascha bleib hier und unterhalte den Gast; und du,
Alexascha, komm mit mir. Mit diesen Worten verschwand der Hausherr.

Tschitschikow blieb mit Nikolascha zurck und versuchte eine
Unterhaltung mit ihm anzuknpfen. Nikolascha schien sich zu einem
lieblichen Frchtchen entwickeln zu wollen. Er erzhlte Tschitschikow
sofort, es habe gar keinen Zweck, ein Provinzgymnasium zu besuchen, er
und sein Bruder haben die Absicht, nach Petersburg zu fahren, weil es
sich ja doch nicht lohne, in der Provinz zu leben ...

[Funote 3: Arschin = 2/3 Meter.]

Ich verstehe schon, dachte Tschitschikow, euch locken die Boulevards
und Cafs ... Dann aber fragte er ihn laut: Sagen Sie, wie steht es
mit dem Gute Ihres Vaters?

Ich habe Hypotheken darauf! fiel hier der Vater selbst ein, der
pltzlich wieder im Salon auftauchte: Mehrere Hypotheken.

Schlimm, sehr schlimm! dachte Tschitschikow: Bald wird es kein Gut
mehr geben, auf dem keine Hypotheken lasten. Man mu sich beeilen ...
Sie htten sich doch etwas Zeit lassen sollen mit den Hypotheken,
sagte er mit teilnehmender Miene.

O nein. Das macht nichts! versetzte Petuch. Man sagt, es sei sogar
vorteilhaft. Heutzutage nimmt alles Hypotheken auf, man will doch nicht
hinter den andern zurckbleiben? Und dann, ich habe mein ganzes Leben
lang hier gelebt; nun will ich es einmal mit Moskau versuchen. Meine
Shne reden mir auch immer zu, sie wollen durchaus eine grostdtische
Bildung haben.

So ein Narr! dachte Tschitschikow: er wird alles durchbringen und
auch seine Shne zu Verschwendern erziehen. Und dabei hat er ein so
schnes Gut. Wo man hinschaut, spricht alles von Wohlstand. Die Bauern
haben es gut, und auch der Herr leidet keinen Mangel. Wenn sie aber erst
ihre Bildung aus den Restaurants und Theatern beziehen, dann wird alles
zum Teufel gehen. Er sollte lieber ruhig auf dem Lande bleiben, der
Windbeutel.

Ich wei, was Sie jetzt denken! sagte Petuch.

Wie? sagte Tschitschikow etwas verlegen.

Sie denken: >Dieser Petuch ist doch ein Narr: erst ldt er einen zum
Mittagessen ein, und lt einen warten. Das Essen ist immer noch nicht
aufgetragen.< Es kommt, es kommt schon, Verehrtester. Passen Sie auf,
ein geschorenes Mdel kann sich nicht schneller den Zopf flechten, als
das Essen auf dem Tisch stehen wird.

Himmel! Da kommt Platon Michailowitsch angeritten! sagte Alexascha,
der am Fenster stand und hinausblickte.

Er reitet auf seinem Fuchs! fiel Nikolascha ein, indem er sich aus dem
Fenster beugte.

Wo? Wo? schrie Petuch und lief gleichfalls ans Fenster.

Wer ist das, Platon Michailowitsch? fragte Tschitschikow Alexascha.

Unser Nachbar, Platon Michailowitsch Platonow, ein _vortrefflicher_
Mensch, ein ganz _ausgezeichneter_ Mensch, antwortete der Hausherr
selbst.

In diesem Augenblick trat Platonow ins Zimmer. Er war ein schner
schlanker Mann mit hellblondem lockigem Haar. Ein Ungetm von einem
Hunde namens Jarb folgte ihm, laut mit dem Halsband klirrend, auf dem
Fue.

Haben Sie schon gegessen?

Ja danke!

Sie kommen wohl, um sich ber mich lustig zu machen. Was soll ich mit
Ihnen anfangen, wenn Sie schon gespeist haben?

Der Gast lchelte und sagte: Ich kann Sie beruhigen, ich habe so gut
wie garnichts gegessen: ich hatte keinen Appetit.

Wenn Sie nur gesehen htten, was wir heute fr einen Fang gemacht
haben! Was fr ein Str uns ins Netz gegangen ist! Und was fr
Karauschen und Karpfen dazu!

Man rgert sich beinahe, wenn man Sie sprechen hrt. Warum sind Sie
immer so guter Laune?

Warum sollte ich denn Trbsal blasen? Ich bitte Sie! sagte der
Hausherr.

Wie? Warum? -- Weil es traurig und langweilig auf der Welt ist.

Sie essen nicht genug, das ist alles. Suchen Sie sich einmal ordentlich
satt zu essen. Das ist auch so eine moderne Erfindung dieser Trbsinn
und diese Melancholie. Frher war man nie melancholisch.

Niemals! Ich wei auch gar nicht, wo ich die Zeit dazu hernehmen soll.
Am Morgen -- da schlft man, kaum hat man die Augen aufgemacht, so steht
schon der Koch vor einem, und man mu das Menu fr das Mittagessen
zusammenstellen, dann trinkt man Tee, fertigt den Verwalter ab, geht
fischen und eh man sich's versieht, ist es schon Zeit zum Mittagessen.
Nach dem Mittagessen kommt man kaum dazu ein Schlfchen zu tun, denn
schon wieder ist der Koch da, und man mu das Abendbrot bestellen, nach
dem Abendbrot kommt wieder der Koch, und man mu wieder ans Mittagessen
fr _morgen_ denken. Wo hat man da Zeit zum Trbsinn?

Whrend beide sich unterhielten, betrachtete Tschitschikow den neuen
Ankmmling, der ihn durch seine auergewhnliche Schnheit, seine
schlanke, wohlgebaute Gestalt, die Frische einer noch unverbrauchten
Jugendkraft und die jungfruliche Reinheit seines von keinem Pickel
verunzierten Teints in Erstaunen setzte. Weder Leidenschaft noch
Schmerz, noch selbst etwas, was auch nur eine entfernte hnlichkeit mit
einer Gemtsbewegung oder Unruhe hatte, hatten je sein jugendlich reines
Antlitz berhrt oder eine Falte in die ruhige Flche eingegraben, aber
freilich htten sie sie auch nicht beleben knnen. Sein Gesicht behielt
stets etwas Schlfriges, trotz des ironischen Lchelns, das es bisweilen
erheiterte.

Auch ich kann, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, nicht recht
verstehen, wie man mit einem solchen Gesicht, wie das Ihrige traurig
sein kann! sagte Tschitschikow. Wenn man natrlich an Geldmangel
leidet, oder Feinde hat, ... es gibt ja immer Menschen, die einem
nachstellen und sogar nach dem Leben trachten ...

Glauben Sie mir, unterbrach ihn der schne Gast, glauben Sie mir, da
ich mich der Abwechselung halber mitunter sogar nach irgend einer
kleinen Aufregung _sehne_? Wenn mich doch jemand ein bichen rgern
wollte, oder etwas derartiges -- aber nicht einmal _das_ passiert einem.
Das Leben ist blo langweilig -- das ist alles.

Dann haben Sie wohl nicht genug Land oder vielleicht zu wenig Bauern.

Durchaus nicht. Mein Bruder und ich haben zusammen etwa zehntausend
Acker und ber tausend Seelen.

Merkwrdig. Dann kann ich es nicht verstehen. Aber vielleicht hatten
Sie unter Miernten und Epidemieen zu leiden? Haben Sie vielleicht viele
Bauern verloren?

Im Gegenteil, alles befindet sich in der schnsten Verfassung, mein
Bruder ist ein vorzglicher Landwirt.

Und bei alledem sind Sie traurig und verstimmt! Das verstehe ich
nicht, sprach Tschitschikow achselzuckend.

Passen Sie auf, den Trbsinn wollen wir gleich verjagen, sagte der
Hauswirt, Alexascha, lauf mal rasch nach der Kche und sag dem Koch, er
soll uns die Fischpastetchen hereinbringen. Wo ist nur der Faulpelz
Emeljan! Der hlt wohl wieder Maulaffen feil. Und dieser Dieb, der
Antoschka? Warum tragen sie die kalte Platte nicht auf?

Jetzt aber ffnete sich die Tre. Der Faulpelz Emeljan und der Dieb
Antoschka erschienen mit einer Serviette unter dem Arm, deckten den
Tisch, und stellten einen Untersatz mit sechs Karaffen voll Likren von
verschiedener Farbe darauf. Um diese gruppierte sich bald eine ganze
Kette von Tellern, mit allerhand appetitreizenden Speisen. Die Diener
bewegten sich flink hin und her und trugen immer neue zugedeckte
Schsseln herein, in denen man die Butter lustig schmoren hrte. Der
Faulpelz Emeljan und der Dieb Antoschka machten ihre Sache ganz
vortrefflich. Sie hatten ihre Spitznamen gewissermaen blo zum Ansporn
und zur Ermunterung erhalten. Der Hausherr war durchaus kein Freund vom
Schimpfen, dazu war er viel zu gutmtig; aber ein Russe kann halt ohne
ein gepfeffertes Wort nicht auskommen. Er braucht es ebenso wie sein
Glschen Schnaps zur Befrderung der Verdauung. Was ist zu machen! Das
ist nun einmal seine Natur, da er die reizlose Kost nicht leiden mag!

Auf die kalte Platte folgte das eigentliche Mittagessen. Hier
verwandelte sich unser gutmtiger Hausherr in einen wahren Tyrannen.
Kaum bemerkte er, da einer der Gste nur noch ein Stck auf dem Teller
hatte, so legte er ihm sofort ein zweites auf, indem er hinzufgte: In
der Welt _paart_ sich alles, Mensch, Tier und Vogel! Hatte einer _zwei_
Stck auf seinem Teller, so legte er ihm noch ein _drittes_ auf, indem
er bemerkte: Das ist doch keine Zahl: zwei! Aller guten Dinge sind
drei. Hatte der Gast _drei_ Stcke gegessen, so rief er schon: Haben
Sie etwa schon einen dreirdrigen Wagen oder eine dreieckige Htte
gesehen? Auch auf die Zahl _vier_, auf die fnf usw. hatte er ein
Sprichwort bereit. Tschitschikow hatte sicherlich schon seine zwlf
Stcke verschlungen und dachte: Na, jetzt wird dem Hausherrn doch wohl
nichts mehr einfallen! Aber er irrte sich: ohne ein Wort zu sagen,
legte ihm dieser den ganzen Rckenteil eines am Spie gebratenen Kalbes
samt den Nieren auf den Teller. Und was fr eines Kalbes!

Es hat zwei Jahre lang nichts wie Milch bekommen, sagte der Hausherr.
Ich hab's gepflegt wie mein eigenes Kind.

Ich kann nicht mehr! sthnte Tschitschikow.

Kosten Sie mal erst, und dann sagen Sie: ich kann nicht mehr!

Es geht nicht mehr rein! Ich hab' keinen Platz mehr im Magen.

In der Kirche war auch kein Platz mehr, da kam der Polizeimeister und
sieh da, es fand sich doch noch ein Pltzchen. Dabei war ein solches
Gedrnge, da kein Apfel zu Boden fallen konnte. Kosten Sie nur: dieses
Stckchen -- das ist auch ein Polizeimeister.

Tschitschikow kostete, und in der Tat -- das Stck hatte groe
hnlichkeit mit dem Polizeimeister, es fand sich richtig noch ein Platz,
und doch schien sein Magen schon bis oben voll zu sein.

So ein Mensch darf nicht nach Petersburg oder Moskau fahren. Bei seiner
Freigiebigkeit hat er in drei Jahren keinen Heller mehr! Er wute noch
nicht, da man heute darin schon viel weiter ist: auch ohne allzu
gastfrei zu sein, kann man dort sein Vermgen in drei Jahren -- was sage
ich in drei Jahren! -- in drei Monaten durchbringen.

Unterdessen fllte der Hausherr die Glser unentwegt nach; was die Gste
stehen lieen, das durften Alexascha und Nikolascha austrinken, die ein
Glas nach dem andern hinter die Binde gossen; man konnte schon hier
sehen, welches Gebiet menschlichen Wissens sie bei ihrer Ankunft in der
Hauptstadt besonders pflegen wrden. Die Gste wuten kaum, wie ihnen
geschah; sie schleppten sich nur mit Mhe auf den Balkon hinaus, um hier
sogleich in einem Lehnstuhl zu sinken. Der Hausherr aber hatte kaum in
dem seinen Platz genommen, als er sofort zurcksank und einschlief. Sein
wohlbeleibtes Ich verwandelte sich in einen groen Blasebalg und lie
dem offenen Mund und den Nasenlchern solche Tne entstrmen, wie sie
selbst unseren modernen Komponisten selten einzufallen pflegen: hier
mischten sich Trommelwirbel mit Fltenklngen und kurzen abgebrochenen
Lauten, die am meisten hnlichkeit mit Hundegebell hatten.

Hren Sie, wie der pfeift? sagte Platonow.

Tschitschikow mute lachen.

Freilich; wenn man so ein Mittagessen hinter sich hat, woher soll da
die Langeweile kommen? Da bermannt einen der Schlaf -- nicht wahr? Ja.
Sie entschuldigen doch, aber ich kann wirklich nicht verstehen, wie man
schlechter Laune sein kann: dagegen gibt es doch so viele Mittel.

Und die wren?

Was kann ein junger Mann nicht alles anfangen? Tanzen, musizieren ...
irgend ein Instrument spielen ... oder ... warum sollte er zum Beispiel
nicht heiraten?

Wen nur?

Als ob es in der Umgegend keine hbschen reichen Mdchen gbe!

Es gibt keine!

Nun, dann sieht man sich eben wo anders um. Man macht eine Reise ...
Pltzlich fiel Tschitschikow eine groartige Idee ein. Da haben Sie das
beste Mittel gegen Trbsinn und Langeweile! sagte er, indem er Platonow
in die Augen blickte.

Was fr eins?

Reisen.

Wohin soll man denn reisen?

Wenn Sie Zeit haben, dann kommen Sie doch mit mir, sagte Tschitschikow
und dachte sich, whrend er Platonow betrachtete: Das wre fein. Er
knnte die Hlfte der Ausgaben tragen, und die Wagenreparatur knnte er
eigentlich _allein_ bernehmen.

Und wohin fahren Sie?

Augenblicklich reise ich nicht so sehr in eigenen Angelegenheiten als
im Interesse eines andern. General Betrischtschew ein naher Freund von
mir, und ich darf wohl sagen mein Wohltter hat mich gebeten, einige von
seinen Verwandten zu besuchen ... Das mit den Verwandten ist natrlich
sehr wichtig, aber eigentlich reise ich doch auch sozusagen zu meinem
eigenen Vergngen: denn die Welt kennen lernen, sich in den groen
Strudel und Wirbel des Menschenvolks zu strzen -- man mag sagen was man
will, das ist gewissermaen ein lebendes Buch und auch eine Art
Wissenschaft. Und whrend er dies sagte, dachte er sich: Wirklich, es
wre fein. Er knnte sogar die _ganzen_ Kosten tragen, am Ende knnten
wir auch seine Pferde benutzen, unterdessen wrden sich die meinigen auf
seinem Gute ausruhen und ordentlich pflegen.

Warum sollte ich nicht eine kleine Reise wagen? dachte unterdessen
Platonow. -- Zu Hause habe ich ohnedies nichts zu tun, fr die
Wirtschaft sorgt mein Bruder auch ohne mich; sie wrde also nicht im
mindesten unter meiner Abwesenheit leiden. Warum sollte ich also nicht
mitreisen? -- Wren Sie unter Umstnden bereit, etwa zwei Tage bei
meinem Bruder zu Gaste zu bleiben? sagte er laut. Sonst lt mich mein
Bruder nicht fort.

Aber mit dem grten Vergngen. Meinetwegen sogar drei Tage.

Nun denn, also abgemacht. Wir fahren! sagte Platonow lebhaft.

Tschitschikow schlug ein. Bravo. Wir fahren!

Wohin? Wohin? rief der Hausherr, der eben aus dem Schlafe erwacht war,
und sie erstaunt anstarrte. -- Nein, liebe Herren, ich habe die Rder
von Ihrem Wagen abnehmen lassen und Ihren Hengst haben wir fortgejagt,
Platon Michailowitsch, der ist fnfzehn Werst weit von hier. Nein, heute
mssen Sie schon die Nacht bei mir bleiben, morgen essen wir etwas
frher zu Mittag, und dann mgt Ihr meinetwegen reisen.

Was sollte man da machen? Man mute sich schon zum Bleiben entschlieen.
Dafr wurden sie durch einen wundervollen Frhlingsabend schadlos
gehalten. Der Hausherr gab ein Fest auf dem Flusse. Zwlf Ruderer mit
vierundzwanzig Rudern fhrten sie unter frohen Gesngen ber den
spiegelglatten Rcken des Sees. Aus dem See gelangten sie in den Flu,
der sich in unabsehbare Ferne vor ihnen ausdehnte und berall von
flachen Ufern begrenzt war. Sie muten immerfort ber Taue hinwegfahren,
die quer durch den Flu gezogen, und an denen Netze befestigt waren.
Auch nicht eine Welle kruselte die glatte Wasserflche; ganz still und
lautlos glitten die herrlichen Landschaftsbilder an ihnen vorber, und
dunkele Gehlze und Haine entzckten ihren Blick durch die mannigfache
Anordnung und Gruppierung ihrer Bume. In gleichmigem Takt legten sich
die Bootsknechte in die Ruder; sie erhoben sie alle vierundzwanzig
pltzlich wie ein Mann in die Hhe -- und wie von selbst, einem leichten
Vogel gleich, glitt der Kahn ber den unbeweglichen Wasserspiegel dahin.
Ein junger Bursche, ein starker breitschultriger Kerl, der dritte Mann
vom Steuer, machte den Vorsnger und stimmte mit seiner reinen hellen
Stimme, die aus einer Nachtigallenkehle zu kommen schien, ein Lied an,
dann fielen fnf andre ein, sechs weitere lsten sie ab, und laut
schwoll an und ergo sich der Gesang: unendlich und grenzenlos, wie
Ruland selbst. Sogar Petuch lie sich manchmal fortreien und
untersttzte den Chor, wenn es ihm an Kraft fehlte, mit einem Ton, der
eine gewisse hnlichkeit mit Hhnergegacker hatte; ja sogar
Tschitschikow hatte an diesem Abend das lebhafte Gefhl, da er ein
Russe sei. Nur Platonow dachte: Was ist eigentlich schnes an diesem
melancholischen Lied? Es stimmt einen nur noch trauriger, als man schon
ist.

Es fing schon an zu dmmern, als man zurckkehrte. Es wurde finster; die
Ruder schlugen jetzt das Wasser, in dem sich der Himmel schon nicht mehr
spiegelte. Als man am Ufer landete, war es bereits vllig dunkel.
berall waren Holzste angezndet, die Fischer kochten auf Dreifen
eine Suppe aus lebendigen noch zappelnden Brschen. Alles war schon zu
Hause. Das Vieh und das Geflgel war schon lange in den Stllen, der
Staub, den sie aufwirbelten, hatte sich gelegt, die Hirten standen an
den Toren und warteten auf die Milchtpfe und auf eine Einladung zur
Fischsuppe. Das leise Gesumme der menschlichen Stimmen klang durch die
Nacht, und fernes Hundegebell hallte aus einem Nachbardorf herber. Der
Mond ging eben auf und begann die dunkele Umgegend in sein Licht zu
hllen; bald lag alles hell erleuchtet da. Welch herrliches Bild! Aber
es gab niemand, der sich daran erfreuen konnte. Statt sich auf ein paar
feurige Hengste zu schwingen und im tollen Galopp um die Wette durch die
Nacht zu jagen, saen Nikolascha und Alexascha stumm da und dachten an
Moskau, an die Caf's und Theater, von denen ihnen ein Kadett, der aus
der Hauptstadt zu Besuch gekommen war, soviel vorerzhlt hatte; ihr
Vater dachte daran, wie er seine Gste recht schn abfttern knnte, und
Platonow ghnte. Am lebhaftesten war noch Tschitschikow: nein wirklich,
ich mu mir auch einmal ein Gut kaufen! Und er sah sich schon im Geiste
an der Seite eines strammen Weibchens, umringt von einer ganzen Schaar
kleiner Tschitschikows.

Beim Abendessen a man wieder sehr reichlich. Als Tschitschikow das ihm
zum Schlafen angewiesene Zimmer betrat und sich zu Bett legte, da
befhlte er seinen Bauch und sagte: Die reinste Trommel! Da geht kein
Polizeimeister mehr hinein! Die Umstnde fgten es so merkwrdig, da
sich dicht neben dem Schlafzimmer die Stube des Hausherrn befand. Die
Zwischenwand war sehr dnn, und daher konnte man alles hren, was
nebenan gesprochen wurde. Der Hausherr bestellte gerade beim Koch unter
dem Namen eines frhen Dejeuners ein regelrechtes Mittagsessen fr den
morgigen Tag. Und wie grndlich er das besorgte! Bei einem Toten wre
noch der Appetit erwacht!

Dann backst du mir eine viereckige Fischpastete, sagte er, indem er
mit der Zunge schnalzte und die Luft heftig einsog. Ein Viertel fllst
du mit den Bocken des Strs und mit Mark, das andere mit Buchweizenbrei,
Schwmmen, Zwiebeln, ser Fischmilch, Hirn und noch so was hnlichem,
na du weit schon ... Auf der einen Seite mut du sie recht braun
backen, auf der anderen braucht sie nicht so durchgebacken zu sein. Vor
allem achte auf die Fllung -- die mu grndlich geschmort werden, da
sie sich auch ordentlich verbindet, weit du, und ja nicht
auseinanderfllt, sondern einem im Munde zergeht, wie Schnee; man darf
es selbst kaum merken. Whrend er dies sagte, schnalzte Petuch wieder
mit der Zunge und gab einen schmatzenden Laut von sich.

Hol's der Teufel! Der lt einen nicht schlafen, dachte Tschitschikow
und zog sich die Decke ber den Kopf, um nur nichts mehr zu hren. Aber
das half ihm nichts, auch unter der Decke hrte er Petuch noch.

Und garniere mir den Str auch recht fein mit Sternchen aus roten
Rben, mit Stinten und Pfifferlingen; nimm auch noch Rben, Mhren,
Bohnen und noch dies und jenes dazu, du weit schon; also recht viel
Garnitur, hrst du! Den Schweinemagen mut du mit Eis fllen, damit er
auch ordentlich aufgeht!

Noch mancherlei andere Leckerbissen bestellte Petuch. Immer wieder hrte
man ihn sagen: Brat ihn mir, und back ihn mir auch recht durch, und
dmpfe sie mir grndlich! Als er endlich bei einem Truthahn angelangt
war, schlief Tschitschikow ein.

Am nchsten Tage aen sich die Gste derartig voll, da Platonow nicht
mehr auf seinem Pferde sitzen konnte. Petuch's Reitknecht mute den
Hengst nach Hause bringen. Dann bestieg man die Equipage. Der
groschnauzige Hund lief trge hinter dem Wagen her: er hatte sich
gleichfalls vollgefressen.

Nein, das geht zu weit! sagte Tschitschikow, als sie den Hof verlassen
hatten.

Der Mensch ist immer guter Laune! Das ist das rgerlichste.

Wenn ich deine siebzigtausend Rubel Rente htte, dann drfte mir der
Trbsinn nicht einmal zur Tre herein! dachte Tschitschikow. Da ist
der Branntweinpchter Murasow -- der hat zehn Millionen. Leicht gesagt,
zehn Millionen -- das nenne ich ein Smmchen!

Haben Sie nichts dagegen, wenn wir unterwegs einen kleinen Abstecher
machen? Ich mchte mich gern noch von meiner Schwester und von meinem
Schwager verabschieden.

Aber mit dem grten Vergngen! sagte Tschitschikow.

Er ist ein ganz hervorragender Landwirt. Der erste hier in der Gegend.
Er bezieht Einknfte im Werte von zweimal hunderttausend Rubel von einem
Gut, das vor acht Jahren noch keine zwanzigtausend abwarf.

Aber das mu ja ein uerst interessanter und hochachtbarer Mensch
sein! Ich bin sehr begierig, einen solchen Mann kennen zu lernen. Ich
bitte Sie ... Denken Sie doch nur ... Und wie heit er?

Kostanshoglo.

Und sein Vor- und Vatername, wenn ich bitten darf?

Konstantin Fjodorowitsch.

Konstantin Fjodorowitsch Kostanshoglo. Ich bin wirklich begierig auf
seine Bekanntschaft! Von einem solchen Mann kann man viel lernen.

Platonow bernahm die schwere Aufgabe, Seliphan zu instruieren, was sehr
notwendig war, da dieser sich kaum auf dem Bocke zu halten vermochte.
Petruschka war bereits zweimal kopfber aus dem Wagen gefallen, und es
war daher ntig, ihn mit einem Strick an dem Kutschbock festzubinden.

So ein Schwein! Das war alles, was Tschitschikow sagen konnte.

Sehen Sie! da fangen seine Gter an! sagte Platonow. Das sieht doch
gleich ganz anders aus!

Und in der Tat: vor ihnen lag eine mit jungem Walde bewachsene Schonung,
-- jedes Bumchen war schlank und gerade wie ein Pfeil, dahinter sah man
ein zweites gleichfalls noch junges Wldchen, und hinter diesem erhob
sich ein alter Forst voll prchtiger Tannen, eine immer hher als die
andre. Dazwischen kam wieder eine Schonung, ein Streifen _junger_ und
dahinter ein Streifen alter Wald. Dreimal nacheinander fuhren sie durch
den Wald, wie durch ein Tor in einer Mauer: Dieser ganze Wald ist kaum
acht bis zehn Jahre alt, ein andrer kann zwanzig Jahre warten, und
selbst dann ist er noch nicht so hoch.

Wie hat er es aber nur gemacht!

Fragen Sie ihn selbst. Das ist ein so vortrefflicher Kenner des Grund
und Bodens -- bei dem geht nichts verloren. Er kennt nicht nur den Boden
ganz genau, er wei auch, in welcher Nachbarschaft jedes Bumchen und
jede Pflanze am besten gedeiht, was fr Bume er neben dem Getreide
pflanzen mu usw. Jedes Ding erfllt bei ihm immer gleichzeitig drei bis
vier Funktionen. Der Wald ist nicht nur des Holzes wegen da, sondern
auch deswegen, weil die Felder an der und der Stelle so und so viel
Feuchtigkeit brauchen und so und so viel Schatten spenden, und die
trockenen Bltter benutzt er zum Dngen des Bodens ... Wenn berall
rings umher Drre herrscht, so ist bei ihm alles in schnster Ordnung;
alle Nachbarn klagen ber Miernte, er allein braucht sich nicht zu
beklagen. Schade, da ich selbst so wenig von diesen Dingen verstehe und
nicht zu erzhlen wei ... Wer kennt blo all seine Kniffe und
Kunststcke! ... Man nennt ihn hier allgemein einen Zauberer. Was der
nicht alles hat! ... Und doch! Trotzalledem ist es langweilig!

Das mu in der Tat ein erstaunlicher Mensch sein! dachte
Tschitschikow. Es ist sehr bedauerlich, da der junge Mann so
oberflchlich ist und einem nichts erzhlen kann.

Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhhen
gelegenen Htten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der
drei Hgel war von einer Kirche gekrnt, berall sah man mchtige
Getreide- und Heuschober stehen. Hm! dachte Tschitschikow, man merkt
gleich, da hier ein kniglicher Gutsbesitzer wohnt! Die Htten waren
alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen
stehn -- und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man
begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh
war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus
wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die
Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heit: mit Schaufeln
nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenpltze,
noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte
eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhusern bis dicht ans
Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren knne, was rund
um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob
sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war
nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gste sich an der schnen
Aussicht ergtzen knnten, sondern um die Arbeiter auch auf den
entferntesten Feldern stndig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an
der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine hnlichkeit
mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine
Frcke, sondern Jacken aus gewhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an,
wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.

Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine
frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schn wie Gottes
heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem
Unterschiede, da sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer
heiter und gesprchig war.

Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, da du gekommen bist. Konstantin
ist leider nicht zuhause, aber er mu bald kommen.

Wo ist er denn?

Er hat mit ein paar Hndlern im Dorfe zu tun, sagte sie, whrend sie
die Gste ins Zimmer geleitete.

Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwrdigen
Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte,
denn er glaubte, er werde aus _dieser_ den Charakter und das Wesen des
Besitzers erkennen knnen, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster
oder von dem leeren Schneckengehuse auf die Schnecke schliet, die es
einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das
Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlsse zu ziehen. Die Zimmer
waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es
weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem
Porzellan, ja nicht einmal Bcher. Mit einem Wort, alles deutete darauf
hin, da das Wesen, das hier hauste, sich den grten Teil seines Lebens
garnicht innerhalb der vier Zimmerwnde, sondern drauen im Felde
aufhielt und da es seine Plne nicht vorsorglich und sybaritisch im
weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer berlegte und dort seinen Gedanken
nachhing, sondern da sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Ttigkeit
einfielen und auch _dort_ ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte
Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen huslichen Sinnes
entdecken: auf den Tischen und Sthlen lagen Bretter von Lindenholz, auf
denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenbltter ausgeschttet waren.

Was ist das fr ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester? sagte
Platonow.

Das ist doch kein Plunder! versetzte die Hausfrau. Das ist das beste
Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit
kuriert. Hieraus machen wir Likr, und jenes dort soll eingemacht
werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem
eingelegten Gemse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es
et.

Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.

Herrgott, das alte Zeug! sagte er, Schmst du dich gar nicht,
Schwester?

Nimm mir's nicht bel, Bruder, ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit
Musik abzugeben. Ich habe nicht Zeit, mich auch noch mit Musik
abzugeben. Ich habe eine achtjhrige Tochter, die ich unterrichten mu.
Soll ich sie etwa einer auslndischen Gouvernante berlassen, blo damit
ich genug freie Zeit habe, um mich mit Musik zu beschftigen? -- Nein
entschuldige, das tue ich denn doch nicht!

Bist du langweilig geworden, Schwester! sagte der Bruder und trat ans
Fenster: Ah, da ist er ja schon, er kommt, eben kommt er! rief
Platonow.

Tschitschikow lief gleichfalls ans Fenster. Ein Mann von etwa vierzig
Jahren, mit braunem lebhaftem Gesicht, in einer Jacke von Kamelhaaren
kam auf das Haus zugeschritten. Auf sein Kostm pflegte er nicht zu
achten. Er trug eine Sammtmtze. Ihm zur Seite gingen zwei Mnner
niederen Standes, mit respektvoll entbltem Haupte, in einer lebhaften
Unterhaltung begriffen; der eine war ein einfacher Bauer, der andre ein
durchreisender Hndler, ein durchtriebener Kerl in einem Rock mit langen
Schen. Da sie alle drei an der Treppe stehen blieben, konnte man ihr
Gesprch deutlich im Zimmer hren.

Das beste was ihr tun knnt, ist folgendes: kauft euch bei eurem Herrn
los. Ich will euch die Summe meinetwegen vorschieen; ihr knnt sie ja
allmhlich bei mir abarbeiten!

Nein, Konstantin Fjodorowitsch, wozu sollen wir uns loskaufen? Nehmen
Sie uns lieber ganz zu sich. Bei Ihnen knnen wir nur Gutes lernen.
Einen so klugen Mann wie Sie, gibt es nicht wieder auf der ganzen Welt.
Heutzutage hat man seine Not, man kann sich nicht genug in acht nehmen.
Die Kneipwirte haben euch solche Schnpse erfunden, das brennt einem im
Magen, da man danach gleich einen ganzen Eimer Wasser austrinken
mchte: eh man sich's versieht, ist die letzte Kopeke ausgegeben. Die
Versuchung ist auch allzugro. Ich glaube der Bse regiert die Welt, bei
Gott! Was erfinden sie nicht alles, um den Bauern ganz toll zu machen!
Tabak und all diese Finessen. Was soll man anfangen, Konstantin
Fjodorowitsch? Man ist auch nur ein Mensch -- man lt sich halt leicht
verfhren.

Hr mal: hier handelt es sich doch um folgendes. Wenn ihr zu mir kommt,
dann seid ihr doch auch nicht frei. Es ist wahr, ihr bekommt alles, was
ihr braucht: eine Kuh und ein Pferd; aber ich verlange auch was von
meinen Bauern, wie kein anderer Gutsbesitzer. Bei mir mssen sie vor
allem _arbeiten_ -- das ist das erste; ob nun fr mich oder fr sich
selbst, das ist ganz gleich, gefaulenzt wird bei mir nicht. Ich arbeite
ja auch wie ein Stier, ebensoviel wie meine Bauern, weil ich es an mir
selbst erfahren habe: all diese Schrullen kommen einem blo in den Kopf,
weil man nicht arbeitet. Also denkt mal ber die Sache nach und berlegt
sie euch ordentlich, wenn ihr zusammenkommt.

Wir haben ja schon so viel berlegt, Konstantin Fjodorowitsch. Selbst
die alten Leute bei uns sagen schon: >bei Ihnen sind die Bauern alle
reich, das ist doch kein Zufall; auch Ihre Priester sind so mitleidig
und so gtig. Die unsrigen hat man uns doch weggenommen, und jetzt haben
wir niemanden, der einen rechtschaffen beerdigen knnte.<

Es ist doch besser, du sprichst noch einmal darber mit der Gemeinde.

Wie Sie befehlen!

Nicht wahr, Konstantin Fjodorowitsch, Sie sind schon so gut und gehen
etwas mit dem Preise herunter, sagte der durchreisende Kaufmann im
langen blauen Rock, der an der andern Seite von Kostanshoglo schritt.

Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir handeln. Ich bin
nicht so wie andre Gutsbesitzer, bei denen du immer gerade dann
erscheinst, wenn sie ihre flligen Schulden bezahlen mssen. Ich kenne
euch viel zu gut; ihr fhrt eine Liste ber alle, welche Zahlungen zu
machen haben. Das ist doch sehr einfach. So ein Mann ist in einer
verzweifelten Lage, da gibt er euch natrlich alles um den halben Preis
her. Bei mir ist das anders. Was soll ich mit deinem Gelde anfangen? Bei
mir knnen die Sachen ruhig drei Jahre lang liegen bleiben; ich habe
keine Hypothekengelder zu bezahlen!

Sie haben ganz recht, Konstantin Fjodorowitsch. Ich sage das ja auch
nur, um auch ferner mit Ihnen in Verbindung zu bleiben, und nicht aus
Habsucht und Eigennutz. Bitte, hier sind dreitausend Rubel Handgeld!
Bei diesen Worten zog der Kaufmann ein Pckchen schmutziger Banknoten
aus der Brusttasche. Kostanshoglo nahm sie sehr kaltbltig, ohne sie
nachzuzhlen in Empfang, und steckte sie in die Rocktasche.

Hm, dachte Tschitschikow, wie wenn das sein Taschentuch wre! Doch
jetzt erschien Kostanshoglo in der Tre des Salons. Er machte einen
tiefen Eindruck auf Tschitschikow durch sein verbranntes Gesicht, die
struppigen schwarzen Haare, welche stellenweise schon einen leichten
Anflug von Grau erkennen lieen, den lebhaften Ausdruck der Augen und
seine etwas gallige Art, die auf seine sdliche Herkunft hindeutete. Er
war kein echter Russe. Wute er doch selbst nicht genau, woher seine
Vorfahren stammten. Er kmmerte sich jedoch nicht um seinen Stammbaum;
das pate nicht in sein System, und er fand, da sich in der Wirtschaft
damit nicht viel anfangen liee. Er selbst hielt sich fr einen Russen,
und kannte auch keine andere Sprache auer der russischen.

Platonow stellte Tschitschikow vor. Beide kten sich.

Weit du Konstantin, ich habe mich entschlossen, eine kleine Reise zu
machen, und mir einige unserer Gouvernements anzusehen. Ich will meine
Langeweile los werden, sagte Platonow, Pawel Iwanowitsch hat mir
vorgeschlagen, mit ihm zu reisen.

Das ist ja vortrefflich! sagte Konstanshoglo. Und welche Gegend
gedenken Sie zu besuchen? fuhr er fort, indem er sich liebenswrdig an
Tschitschikow wandte.

Ich mu gestehen, sagte Tschitschikow, indem er den Kopf hflich auf
die Seite neigte und mit der Hand ber die Stullehne strich, ich mu
gestehen, da ich eigentlich nicht in meinem eigenen, sondern im
Interesse eines andern reise: ein naher Freund von mir, ich darf wohl
sagen mein Wohltter, General Betrischtschew hat mich gebeten, einige
von seinen Verwandten aufzusuchen. Das mit den Verwandten ist natrlich
sehr wichtig, aber andererseits reise ich doch auch sozusagen zu meinem
eigenen Vergngen, denn ganz abgesehen von dem Nutzen den das Reisen fr
die Hmorrhoiden hat; die Welt kennen zu lernen, sich in den Wirbel und
Strudel des Menschenvolkes zu strzen -- das ist sozusagen ein lebendes
Buch und auch eine Art Wissenschaft.

Sehr richtig! Es ist ganz gut, wenn man sich in der Welt umsieht.

Sehr fein bemerkt! Das ist tatschlich wahr, es ist wirklich gut. Man
sieht allerhand Dinge, die man sonst nie gesehen htte, und trifft mit
Menschen zusammen, denen man vielleicht niemals begegnet wre. Manche
Unterhaltung ist Goldes wert, wie zum Beispiel gleich hier, wo sich mir
eine so glckliche Gelegenheit bietet ... Ich wende mich an Sie,
verehrtester Konstantin Fjodorowitsch. Helfen Sie mir, belehren Sie
mich, stillen Sie meinen Durst und weisen Sie mir den Weg zur Wahrheit.
Ich lechze nach Ihren Worten, wie nach himmlischem Manna.

Ja, was denn nur? ... Was soll ich Sie denn lehren? sprach
Kostanshoglo verlegen. Ich habe doch selbst nur ein paar Groschen
Lehrgeld bezahlt.

Die Weisheit, verehrter Mann, lehren Sie mir die Weisheit und die
Kunst, das schwere Steuer der Landwirtschaft zu regieren, einen sicheren
Gewinn zu erzielen, Reichtum und Wohlstand zu erwerben und zwar keinen
eingebildeten, sondern einen wirklichen Wohlstand, denn das ist doch die
Pflicht eines jeden Brgers und damit verdient man sich die Achtung
seiner Mitmenschen.

Wissen Sie was? sagte Kostanshoglo und sah ihn nachdenklich an,
bleiben Sie einen Tag bei mir. Ich will Ihnen die ganze Einrichtung
zeigen und Ihnen alles erzhlen. Eine groe Weisheit werden Sie hier
nicht finden.

Aber natrlich! Bleiben Sie doch! fiel die Hausfrau ein; dann wandte
sie sich an ihren Bruder und fuhr fort: Bleib doch, Bruder, du hast
doch keine Eile.

Mir ist es einerlei. Wenn Pawel Iwanowitsch nichts dagegen hat?

Nicht das Geringste, mit dem grten Vergngen ... Da ist nur noch ein
Umstand: ein Verwandter des General Betrischtschew, der Oberst
Koschkarow ...

Der ist aber doch verrckt!

Natrlich ist er verrckt! Ich htte ihn ja auch gar nicht besucht,
aber General Betrischtschew, wissen Sie, ein guter Freund von mir, und
sozusagen mein Wohltter ...

Wissen Sie was? Dann machen Sie es doch so, sagte Kostanshoglo:
fahren Sie doch gleich zu ihm, er wohnt keine zehn Werst von hier. Mein
Wagen ist angespannt -- setzen Sie sich hinein und fahren Sie hin. Zum
Tee knnen Sie schon wieder zurck sein.

Eine groartige Idee! rief Tschitschikow aus und griff nach dem Hut.

Der Wagen fuhr vor, und brachte ihn in einer halben Stunde zum Obersten.
Im Dorfe ging es drunter und drber: hier wurde gebaut, dort eine
Reparatur vorgenommen, berall lagen Haufen von Kalk, Ziegelsteinen und
Balken herum. Daneben sah man ein paar Huser, die wie Gerichtsgebude
aussahen. Auf dem einen befand sich eine Inschrift in goldenen Lettern:
Depot fr landwirtschaftliche Werkzeuge, auf einem andern las man:
Hauptrechnungskammer, Komitee fr Gemeindeangelegenheiten,
Normalschule fr Landleute. Mit einem Wort, wei der Teufel, was es da
nicht alles gab!

Er traf den Obersten vor einem Stehpult mit der Feder in den Zhnen. Der
Oberst empfing Tschitschikow auerordentlich freundlich. Er machte den
Eindruck eines uerst gutmtigen und hflichen Menschen; sofort fing er
an davon zu erzhlen, wieviel Mhe es ihn gekostet habe, sein Gut auf
die Hhe zu bringen, auf der es sich jetzt befindet; er beklagte sich
schmerzlich darber, wie schwer es sei, den Bauern begreiflich zu
machen, was die hheren Antriebe sind, die der Mensch nur aus einem
vernunftgemen Luxus, aus der Beschftigung mit Wissenschaften und
Knsten gewinnt; da es ihm noch immer nicht gelungen sei, die
Buerinnen zu veranlassen, doch ein Korsett anzulegen, whrend er in
Deutschland, wo er 1814 mit seinem Regiment gestanden, die Tochter eines
einfachen Bauern kennen gelernt habe, die Klavier spielen konnte;
dennoch aber werde er den Trotz der Unwissenheit und Unbildung brechen,
und es bestimmt erreichen, da seine Bauern Bcher lesen, whrend sie
hinter dem Pfluge hergehen und sich auf diese Weise ber den
Franklinschen Blitzableiter, die Georgien Virgils und die chemische
Analyse des Bodens unterrichten.

Da du dich nur nicht tuschst! dachte Tschitschikow. Denken Sie
blo, ich habe die Grfin Laveillre bis heute noch nicht gelesen. Ich
kann immer keine Zeit dazu finden.

Der Oberst sprach noch lange darber, wie man die Menschen wohlhabend
und glcklich machen knne. Eine besondere groe Bedeutung legte er der
Kleidung bei: er setzte seinen Kopf dafr ein, da, wenn nur die Hlfte
aller russischen Bauern Hosen nach deutschem Schnitt anziehen wollte,
die Wissenschaften emporblhen, der Handel sich heben und das goldene
Zeitalter fr Ruland anbrechen wrde.

Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hrte ihn ruhig an und
sagte schlielich zu sich selbst: Ich glaube, mit dem brauche ich mich
nicht zu genieren; und er erklrte sofort, er habe tote Seelen ntig,
zuvor aber msse ein Kaufvertrag abgeschlossen werden und dazu bedrfe
es _der_ und _der_ Formalitten.

Soweit ich aus Ihren Worten ersehen kann, sagte der Oberst, ohne auch
nur im geringsten in Verlegenheit zu geraten, ist das ein _Gesuch_, das
Sie an mich richten! Nicht wahr?

Sehr richtig.

Dann haben Sie wohl die Gte, es schriftlich zu formulieren. Das Gesuch
mu nmlich erst ins Bureau fr Berichte und Anzeigen, dort wird es
signiert, und erst dann kommt es in meine Hnde; ich gebe es hierauf an
das Komitee fr Gemeindeangelegenheiten weiter, von dort geht es an den
Verwalter, der Erhebungen anstellen wird, und der Verwalter lt es
endlich zusammen mit dem Sekretr ...

Ich bitte Sie! sprach Tschitschikow, auf diese Weise wird sich ja die
Sache furchtbar in die Lnge ziehen. Ein solcher Gegenstand lt sich
doch nicht schriftlich behandeln. Das ist ja so eine delikate ...
Angelegenheit, die ... Die Seelen sind doch gewissermaen ... schon tot
...

Sehr gut. Dann schreiben Sie doch einfach, da die Seelen gewissermaen
schon tot sind.

Nein bitte, wie kann ich das? So etwas kann man doch nicht
niederschreiben. Wenn sie auch wirklich tot sind, so soll es doch den
Anschein haben, als ob sie noch leben ...

Gut, dann schreiben Sie eben: _es ist ntig, oder es ist erwnscht,
oder man legt Wert darauf, da es den Anschein habe, als ob sie noch
leben_. Ohne schriftliche Fixierung geht das doch gar nicht. Denken Sie
blo an England oder sogar an Napoleon. Ich will Ihnen einen Mann
mitgeben, der Sie berallhin begleiten wird.

Er schellte. Ein Mann erschien in der Tre.

Herr Sekretr! Rufen Sie den Kommissar. Gleich darauf trat auch der
Kommissar herein, ein Mann, dem man es nicht recht ansehen konnte, was
er war, ein Bauer oder ein Beamter. Er wird Sie berall hinfhren.

Was war da zu machen? Tschitschikow entschlo sich aus Neugierde, dem
Kommissar zu folgen und diese so beraus wichtigen Instanzen kennen zu
lernen. Das Bureau fr Berichte und Anzeigen stand nur auf dem
Aushngeschild, die Tr war dagegen verschlossen. Der Chef des Bureaus
Chryljow war in das soeben gegrndete Komitee fr Gemeindebauten
versetzt. Seine Stelle versah der Kammerdiener Berjosowski; aber auch
der war von der Baukommission irgendwohin geschickt worden. Sie gingen
daher in das Departement fr Gemeindeangelegenheiten -- da wurden jedoch
gerade Reparaturen vorgenommen, hier weckten sie einen Mann, der
betrunken dasa und schlief, aber aus dem lie sich auch nichts
herausbringen. Bei uns herrscht eine groe Unordnung! sagte
schlielich der Kommissar zu Tschitschikow. Die Leute tanzen unserem
Herrn alle auf der Nase. Bei uns hngt alles von der Baukommission ab;
sie holt die Leute von ihrer Arbeit weg und schickt sie berallhin,
wohin es ihr beliebt. Nur bei der Baukommission kommt man auf seinen
Vorteil. Er war offenbar sehr unzufrieden mit der Baukommission.
Tschitschikow wollte nicht mehr sehn. Als sie zum Obersten
zurckkehrten, erklrte er diesem, bei ihm herrsche ein groer Wirrwar,
man knne sich da unmglich zurechtfinden, und ein Bureau fr Berichte
und Anzeigen gbe es berhaupt nicht.

Der Oberst schumte auf in edlem Zorn und drckte Tschitschikow dankbar
die Hand. Er griff sofort zur Feder und verfate acht in strengstem Tone
gehaltene Anfragen: mit welchem Rechte die Baukommission eigenmchtig
ber Beamte verfgt habe, die garnicht zu ihrem Ressort gehrten? wie
der Oberverwalter es habe zulassen knnen, da der Vorsitzende sich
entfernte, um an einer Untersuchung teilzunehmen, ohne seinen Posten
zuvor einem andern bergeben zu haben? und wie das Komitee fr
Gemeindeangelegenheiten ruhig darber hinweggehen konnte, da es
berhaupt kein Bureau fr Anzeigen und Berichte gebe?

Das gibt wieder eine tolle Verwirrung! dachte Tschitschikow und wollte
schon wegfahren, da aber sagte Koschkarjow:

Nein, ich lasse Sie nicht fort. Hier handelt es sich um meine Ehre. Ich
will Ihnen beweisen, was das ist: eine geregelte, organisierte
Wirtschaft. Ich will Ihre Sache einem Mann bergeben, der allein soviel
wert ist, wie alle anderen zusammen: er hat die Universitt beendigt.
Sehen Sie, solche Leibeigene habe ich! Um Ihre kostbare Zeit nicht
allzulange in Anspruch zu nehmen, bitte ich Sie hflichst, sich
einstweilen in meine Bibliothek verfgen zu wollen, fuhr der Oberst
fort, indem er eine Seitentr ffnete: Hier finden Sie Bcher, Papier,
Federn, Bleistifte -- mit einem Wort, alles, was Sie wnschen. Bitte!
alles steht zu Ihrer Verfgung. Tuen Sie, als ob Sie zu Hause wren. Die
Aufklrung und Wissenschaft sollte allen offen stehen.

So sprach Koschkarjow, whrend er Tschitschikow in die Bibliothek
geleitete. Diese war ein mchtiger Saal der von unten bis oben mit
Bchern vollgepfropft war. Auch ein paar ausgestopfte Tiere befanden
sich darin. Alle Wissenszweige waren vertreten: da gab es Bcher ber
Forstwissenschaft, Viehzucht, Schweinezucht, Gartenbau,
Spezialzeitschriften ber alle Wissensgebiete, wie sie einen zugeschickt
werden, blo damit man auf sie abonniert, die aber kein Mensch liest.
Als Tschitschikow sich berzeugt hatte, da dies alles Bcher waren, die
sich kaum dazu eigneten, einem in angenehmer Weise die Zeit zu
vertreiben, ging er an den nchsten Schrank, aber o weh! er geriet aus
dem Regen in die Traufe: dieser enthielt wiederum nichts als
_philosophische_ Bcher. Das erste, was ihm ins Auge fiel, waren sechs
gewaltige Bnde mit der Ueberschrift: Einfhrung in die Lehre vom
Denken, Theorie der Abstraktion, der Allheit, und Wesenheit in ihrer
Anwendung auf die Erkenntnis der organischen Prinzipien der Polaritt in
der gesellschaftlichen Produktivitt. Was fr ein Buch Tschitschikow
auch aufschlagen mochte, auf jeder Seite las er immer nur von:
_Erscheinung_, _Entwickelung_, _Abstraktion_, _Geschlossenheit_, _An und
Fr sich sein_, mit einem Wort, wei der Teufel, was nicht alles in so
einem Buche stand! Das ist nichts fr mich, sagte Tschitschikow, und
ging an einen dritten Schrank, der wieder lauter _kunstgeschichtliche_
Bcher enthielt. Er zog einen mchtigen Folianten mit Bildern aus der
antiken Mythologie hervor, die sich nicht gerade durch bermige
Sittsamkeit auszeichneten und begann darin zu blttern. Solche Bilder
gefallen besonders Junggesellen in mittleren Jahren, mitunter aber auch
alten Herren, die ihre Einbildungskraft durch Ballette und hnliche
gepfefferte Dinge anzuregen lieben. Nachdem Tschitschikow mit dem einen
Buche fertig war, wollte er schon zu einem zweiten hnlichen bergehen,
als Oberst Koschkarjow mit strahlender Miene und einem Bogen Papier in
der Tr erschien.

Es ist alles erledigt; zur schnsten Zufriedenheit erledigt! Der
Mensch, von dem ich Ihnen erzhlt habe, ist tatschlich ein Genie. Dafr
will ich ihn aber auch ber alle anderen erheben und ein eigenes
Departement fr ihn einrichten. Sehen Sie doch blo, was das fr ein
heller Kopf ist, und wie er in ein paar Minuten mit allem fertig
geworden ist.

Na, Gott sei Dank! dachte Tschitschikow und schickte sich an, zu
hren. Der Oberst begann mit der Vorlesung:

Indem ich an die Untersuchung des mir von Ew. Hochwohlgeboren erteilten
Auftrages gehe, habe ich die Ehre, folgendes zu Ew. Hochwohlgeboren
Kenntnis zu bringen:

Erstens ist schon in dem Gesuch des Herrn Ritters und Kollegienrates
Pawel Iwanowitsch Tschitschikow ein grundlegendes Miverstndnis
enthalten, denn die in den Revisionslisten verzeichneten Seelen werden
unvorsichtiger Weise _tot_ genannt. Dahingegen wird er wahrscheinlich
Seelen gemeint haben, die dem Tode nahe sind, keineswegs aber absolut
tote Seelen. Zudem verrt auch schon diese Bezeichnung eine
Bildungsstufe, die lediglich aus dem Studium der blo empirischen
Wissenschaften geschpft zu sein scheint, und etwa dem Niveau einer
Gemeindeschule entspricht, denn die Seele ist _unsterblich_.

So ein Schelm! sagte Koschkarjow und hielt ein wenig inne. Hier will
er Ihnen eines auswischen. Aber nicht wahr? welch eine gewandte,
schneidige Feder er fhrt!

Zweitens sind berhaupt keine Seelen vorhanden, weder solche, die dem
Tode nahe sind, noch irgendwelche andre, die nicht schon hypothekarisch
belastet wren, denn sie sind nicht nur alle ohne Ausnahmen mit
einfachen, sondern sogar mit doppelten Hypotheken belastet, soda noch
auerdem hundertfnfzig Rubel pro Kopf auf jede Seele kommen,
ausgenommen das kleine Dorf Gurmailowka, welches infolge eines Prozesses
mit dem Gutsbesitzer Perdrschtschew mit Beschlag belegt ist, wie dies in
Nummer 42 der Moskauer Nachrichten zu lesen steht.

Warum haben Sie mir dies denn nicht gleich gesagt? Wozu haben Sie mich
unntz aufgehalten? sagte Tschitschikow rgerlich.

Ich bitte Sie, das mute sich doch alles erst auf dem richtigen
Instanzweg ergeben. Das ist doch kein Spa. Unbewut und sozusagen
instinktiv kann jeder Narr sowas rauskriegen, es mu aber mit Bewutsein
geschehen.

Tschitschikow griff wtend nach seiner Mtze, und lief eilig zum Hause
hinaus, ohne auch nur die gewhnlichsten Pflichten des Anstandes zu
wahren: er war sehr bse. Der Kutscher wartete schon mit dem Wagen vor
der Tr, er wute, da es keinen Zweck hatte, die Pferde auszuspannen,
denn um Futter fr die Tiere zu erhalten, htte er erst ein
schriftliches Gesuch einreichen mssen, und der Beschlu, den Pferden
ihren Hafer auszufolgen, wre erst am folgenden Tage erschienen. Der
Oberst lief Tschitschikow jedoch nach; er drckte ihm krampfhaft die
Hand, prete sie ans Herz und dankte ihm, da er ihm Gelegenheit gegeben
habe, den ganzen Betrieb in der Praxis funktionieren zu sehen. Man msse
den Leuten schon hin und wieder einen kleinen Puff versetzen. Sonst
knne alles leicht einschlafen und der Verwaltungsmechanismus trge
werden und einrosten. Dieser Vorfall habe ihm einen glcklichen Gedanken
eingegeben, nmlich den, eine neue Kommission zu grnden, die den Namen
tragen soll: Kommission zur Aufsicht ber die Baukommission. Dann
wrde es niemand mehr wagen zu stehlen.

Unzufrieden und rgerlich kam Tschitschikow zu spter Stunde bei
Kostanshoglo an. Man hatte schon lngst Licht angezndet.

Warum kommen Sie so spt? sagte Kostanshoglo, als Tschitschikow in der
Tre erschien.

Worber haben Sie so lange mit ihm gesprochen? fragte Platonow.

Einen solchen Narren habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen!
rief Tschitschikow aus.

Das ist noch gar nichts! meinte Kostanshoglo. Koschkarjow ist
trotzdem eine trstliche Erscheinung. Man braucht solche Leute, weil
sich in ihnen die Torheiten unserer weisen Mnner gewissermaen
karrikiert und recht drastisch offenbaren. -- All jene Neunmalklugen,
die, noch ehe sie sich zu Hause ordentlich umgesehen haben, sich in der
Fremde allerhand Flausen in den Kopf setzen. Sehen Sie doch mal, was wir
jetzt fr Gutsbesitzer bekommen haben: Was die nicht alles fr
Neuerungen einfhren: Komptoirs, Manufakturen, Schulen und Kommissionen,
und wei der Teufel, was noch alles! So sind aber die gescheidten Leute!
Kaum da man sich von der franzsischen Invasion und dem Jahr 1812
erholt hat, da fangen sie schon wieder an, Unordnung zu stiften und
alles einzureien. Wahrhaftig, die haben schlimmer gehaust als der
Franzose. Wir werden bald so weit kommen, da irgend ein Peter
Petrowitsch Petuch noch einer der tchtigsten Gutsbesitzer sein wird.

Aber er hat doch schon Hypotheken aufgenommen? sagte Tschitschikow.

Na, natrlich! Alles wandert ins Bankhaus, alles, alles! Kostanshoglo
redete sich allmhlig immer mehr in Zorn. Da haben Sie zum Beispiel
eine Hut- und eine Kerzenfabrik -- natrlich mssen die Werkmeister aus
London verschrieben werden. Man wird ja zum reinsten Krmer! Der
Gutsbesitzer -- ein so hochachtbarer Beruf -- wird Fabrikant und
Manufakturist! Websthle um Tllkleider fr die Dmchen aus der Stadt
zu fabrizieren, und diese Frauenzimmer ...

Aber du selbst hast doch auch Fabriken, bemerkte Platonow.

Wer hat denn die gebaut?

Das kam ganz von selbst. Es war halt so viel Wolle da, da ich sie
nicht absetzen konnte. -- Da fing ich eben an, Stoffe zu weben, lauter
_dickes_, einfaches Zeug -- das verkaufe ich gleich hier bei mir auf dem
Markt. Das sind doch blo Dinge, die die Bauern brauchen, meine eigenen
Bauern. Oder ein anderes Beispiel: die Fischer haben sechs Jahre lang
ihre Fischschuppen hier am Ufer hingeworfen. Wo sollte ich blo hin mit
ihnen. Ich habe halt angefangen, Leim aus ihnen zu sieden. Das hat mir
vierzig Tausend eingebracht. So kommt bei mir alles von selbst.

Teufel! dachte Tschitschikow, indem er ihn bewundernd anblickte.
Verstehst du dich aber aufs Geldverdienen!

Das habe ich auch nur gemacht, weil so viele Arbeitslose zu mir
gelaufen kamen, die ohnedies vor Hunger gestorben wren. Wir hatten ja
Hungersnot. Alles dank den Herren Fabrikanten, welche das Sen vergessen
hatten. Solche Fabriken gibt's bei mir in Hlle und Flle, mein Bester,
jedes Jahr 'ne andre. Je nachdem, was ich gerade fr Abflle zu
verwerten habe. Sieh' nur ordentlich bei dir zu Hause nach! Mit jedem
Plunder kannst du noch was verdienen, soda du ihn schlielich
fortwirfst und sagst: ich will nicht mehr. Ich baue mir ja auch keine
Huser mit Sulengngen und Giebeln.

Wirklich erstaunlich ... Das merkwrdigste aber ist, da man mit jedem
Plunder was verdienen kann! sagte Tschitschikow.

Aber ich bitte Sie, wenn die Menschen die Dinge doch ganz einfach so
nehmen wollten, wie sie sind. Aber da will gleich jeder Kunstschlosser
und Mechaniker sein und holt gleich ein Instrument herbei, um das
Kstchen zu ffnen, whrend es doch ganz einfach aufgeht. Und dazu mu
er erst extra nach England fahren! Das ist es! Solche Narren! Bei
diesen Worten spuckte Konstanshoglo aus. Und dabei kommt er tausendmal
dmmer zurck, als wie er ins Ausland fuhr.

Aber Konstantin, du regst dich schon wieder auf! sagte die Frau
besorgt, du weit doch, da dir das schadet.

Ja, wie soll man sich denn da nicht aufregen! Wenn es sich hierbei noch
um etwas handelte, was einen nichts angeht. Aber das sind doch alles
Dinge, die einem am Herzen liegen. Es schmerzt einen doch, wenn man
sieht, wie der russische Charakter verdorben wird. Es ist jetzt eine Don
Quixoterie bei uns aufgekommen, die wir frher garnicht gekannt haben!
Wenn einem die Aufklrung zu Kopfe gestiegen ist, dann wird er gleich
ein Don Quixote. Grndet allerhand Schulen, von denen sich nicht mal ein
Narr was trumen lt. Diese Schulen bilden nur Menschen heran, die zu
nichts ntze sind, weder auf dem Lande, noch in der Stadt. Hchstens
lauter Trinker, die einen sehr hohen Begriff von ihrer Wrde haben. Oder
so einer will in Humanitt machen -- dann wird er ein Don Quixote der
Humanitt: baut allerhand alberne Krankenhuser und Asyle mit
Sulenhallen fr 'ne Million, richtet sich selbst zugrunde und bringt
andere Leute an den Bettelstab. Da habt ihr dann die Humanitt!

Aber Tschitschikow war es keineswegs um die Aufklrung zu tun. Er wollte
durchaus nheres darber erfahren, wie man mit jedem Plunder was
verdienen knne; jedoch Kostanshoglo lie ihn nicht zu Worte kommen;
immer neue, heftige Reden entstrmten seinem Munde, er war jetzt schon
nicht mehr imstande, sie zu unterdrcken.

Und dann grbeln sie darber nach, wie sie den Bauern aufklren sollen
... sorgt mal erst dafr, da er reich und ein tchtiger Landwirt wird,
dann wird er schon selbst fr seine Bildung sorgen. Sie knnen sich
garnicht vorstellen, wie dumm heutzutage alle Leute geworden sind. Was
diese Federfuchser nicht alles schreiben! Wenn einer ein Buch in die
Welt setzt, dann strzen sich gleich alle darauf ... Hren Sie doch, was
sie jetzt fr eine neue Weisheit verkndigen: >Der Bauer fhrt ein zu
primitives Leben; er mu auch den Luxus kennen lernen, man mu ihm
hhere Bedrfnisse beibringen ...< Weil sie selbst dank diesem Luxus zu
Waschlappen geworden sind und weil es keinen achtzehnjhrigen Burschen
mehr gibt, der nicht schon von allem gekostet, bald keine Zhne mehr im
Munde, und eine Glatze hat, wie eine Schweinsblase -- darum wollen Sie
andere Leute gleichfalls anstecken. Wir sollten Gott danken, da wir
doch wenigstens noch _einen_ gesunden Stand haben, der noch nichts von
diesen Launen und Einfllen wei! Dafr mten wir Gott unendlich
dankbar sein. Jawohl -- der Landmann verdient unsere allergrte Achtung
-- wozu rhrt ihr ihn also an? Gott gebe, da alle Leute so wren wie
er.

Sie glauben also, es sei noch das Eintrglichste sich mit der
Landwirtschaft zu beschftigen? fragte Tschitschikow.

Das Sittlichste, wenn auch nicht gerade das Eintrglichste. >Im
Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot essen<, heit es in der
Bibel. Daran ist nicht zu rtteln und zu deuteln. Es ist durch eine
hundertjhrige Erfahrung erwiesen, da die Beschftigung mit dem
Ackerbau den Menschen reiner, edler, besser und sittlicher macht. Ich
sage nicht -- da man nichts andres tun drfe -- aber der Grund zu allem
mu in der Landwirtschaft liegen ... das ist's. Die Fabriken werden
schon ganz von selbst kommen; richtige, vernnftige Fabriken -- in denen
Dinge hergestellt werden, die der Mensch hier, an Ort und Stelle
braucht, und nicht all diese Luxusgegenstnde, die nur zur Befriedigung
eingebildeter Bedrfnisse dienen und die heute unsere Menschen nur
verweichlichen. Nicht solche Fabriken, die um ihrer Existenz willen und
um nur einen recht groen Absatz zu haben, zu den schndlichsten Mitteln
ihre Zuflucht nehmen, und das unglckliche Volk verderben und verfhren.
Ich fr meinen Teil, werde nie ein solches Unternehmen grnden, und wenn
die Leute mir noch so viel von seinem Nutzen vorreden, ich werde mich
nie dazu hergeben, jene sogenannten hheren Bedrfnisse zu erzeugen und
Tabak, Zucker usw. zu produzieren, und wenn ich eine Million deswegen
verlieren mte. Wenn schon das Laster durchaus in die Welt kommen soll,
dann will _ich_ wenigstens meine Hnde nicht mit im Spiele haben! Ich
will rein dastehen vor Gott ... Zwanzig Jahre lang lebe ich _in_ und
_mit_ dem Volke; ich wei, was das fr Folgen hat.

Was mich am meisten wundert, ist dies, da man die Reste und Abflle so
gut verwerten und mit jedem Plunder Geld verdienen kann, vorausgesetzt
natrlich, da man sparsam und weise zu wirtschaften versteht.

Hm! Und unsere Volkswirtschaftler! fuhr Kostanshoglo fort, ohne auf
ihn zu hren, und sein Gesicht nahm einen boshaften und sarkastischen
Ausdruck an. Tchtige Leute diese Herren konomen! Ein Narr sitzt auf
dem andern. Die Kerls sehen nicht weiter als ihre dumme Nase reicht! Und
so ein Esel steigt noch aufs Katheder, setzt die Brille auf und ...
Narren! Und wieder spuckte er rgerlich aus.

Das ist alles sehr schn und richtig, rgere dich aber doch bitte nicht
so, sagte die Frau, als ob es nicht mglich ist, ber diese Dinge zu
reden, ohne gleich auer sich zu geraten.(8)

Wenn man Ihnen zuhrt, verehrter Konstantin Fjodorowitsch, dann beginnt
man gewissermaen den Sinn des Lebens zu verstehen, man erfat sozusagen
den Kern der Sache. Aber gestatten Sie mir, einen Augenblick diese
allgemeinmenschlichen Dinge beiseite zu lassen, und Ihre Aufmerksamkeit
auf eine Privatangelegenheit zu richten. Nehmen wir einmal an, ich wre
Gutsbesitzer geworden, und htte die Absicht, in krzester Zeit zu
Reichtum und Wohlstand zu gelangen, um damit sozusagen eine ernste
Brgerpflicht zu erfllen, -- wie sollte ich das wohl anfangen?

Wie man es anfangen soll, um reich zu werden? fiel Kostanshoglo ein:
Ganz einfach: ...

Das Abendessen ist fertig, sagte die Hausfrau, indem sie sich vom Sofa
erhob; sie ging in die Mitte des Zimmers und hllte ihren jungen Krper
zitternd in ihr Tuch.

Tschitschikow sprang beinahe mit der Gewandtheit eines Militrs vom
Stuhle auf, hielt ihr hflich den Arm hin und fhrte sie feierlich durch
zwei Zimmer hindurch bis in den Speisesaal, wo schon die offene
Suppenterrine auf dem Tische stand und einen angenehmen wrzigen Duft
von frischen Wurzeln und Frhlingskrutern verbreitete. Alle Anwesenden
nahmen Platz. Die Bedienten setzten die Speisen in zugedeckten Schsseln
nebst allem Zubehr rasch und sicher auf den Tisch nieder und entfernten
sich. Kostanshoglo liebte es nicht, da die Dienstboten mit anhrten,
was bei Tische gesprochen wurde, oder da sie ihm in den Mund sahen,
whrend er a.

Nachdem Tschitschikow mit der Suppe fertig war und ein Glschen von
einem ganz vorzglichen Getrnk, das wie Ungarwein schmeckte, geleert
hatte, wandte er sich abermals an den Hausherrn: darf ich noch einmal
auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprchs zurckkommen,
Verehrtester. Ich wollte Sie fragen, wie man es anfangen, was man tun
mu, wie man sich verhalten soll ...[4]

                   *       *       *       *       *

.... Selbst wenn er vierzigtausend fr sein Gut verlangen sollte, wrde
ich sie ihm an Ihrer Stelle sofort auf den Tisch legen.

Hm! Tschitschikow wurde nachdenklich. Und warum kaufen Sie es denn
nicht selber? sagte er dann mit einer gewissen Schchternheit.

Alles hat seine Grenze. Ich habe schon mit _meinen_ Gtern genug zu
tun. Und dann schreien unsere Adeligen ohnedies schon, da ich mir ihre
verzweifelte Lage zunutze mache und ihre Lndereien fr einen Spottpreis
aufkaufe. Das habe ich bald satt.

[Funote 4: Hier fehlen zwei Seiten im Manuskript. Dazu hat Schewyrew in
der ersten Auflage folgende Bemerkung gemacht: Das Gesprch zwischen
Tschitschikow und Kostanshoglo weist hier eine grere Lcke auf. Man
mu annehmen, da Kostanshoglo Tschitschikow den Vorschlag macht, das
Gut seines Nachbars Chlobujew zu erwerben.

                                                Anm. des Herausgebers.
                                                                     ]

Da doch die Menschen immer schlecht von einem reden mssen! sagte
Tschitschikow.

Und erst in unserer Provinz! Das knnen Sie sich garnicht vorstellen:
man nennt mich hier garnicht anders als einen Filz und Geizhals. Sich
selbst verzeihen sie alles. Da heit es immer: >Ich habe freilich alles
durchgebracht; aber das kommt daher, weil ich eben hhere Bedrfnisse
hatte, weil ich die Handelsleute und Industriellen (er sollte lieber
sagen, die Lumpen und Gauner!) untersttzte; freilich wenn man wie ein
Schwein lebt, so wie dieser Kostanshoglo< ...

Ich wollte, ich wre selbst ein solches Schwein! sagte Tschitschikow.

Alles Unsinn! Was sind das fr hhere Bedrfnisse! Wem wollen sie denn
was weismachen? Wenn sie sich auch ein paar Bcher anschaffen, -- sie
lesen sie ja doch nicht. Na, und was brig bleibt, das sind schlielich
die Kosten und der ... Und das alles kommt blo daher, weil ich keine
Diners gebe und ihnen kein Geld leihen will. Diners gebe ich nun einmal
nicht, weil mir das unbequem ist: das bin ich halt nicht gewhnt. Will
einer zu mir kommen und an meiner Tafel mitessen -- mit dem grten
Vergngen. Und da ich kein Geld leihe -- das ist ganz einfach nicht
wahr. Wenn jemand zu mir kommt, der wirklich Not leidet und mir genau
Rechenschaft gibt, was er mit meinem Gelde anzufangen gedenkt: wenn ich
aus seinen Worten entnehme, da er einen vernnftigen Gebrauch davon
machen und da ihm das Geld einen wirklichen Gewinn eintragen wird, dann
werde ich es ihm nicht abschlagen und nicht einmal Zinsen dafr
verlangen.

Das mu ich mir merken, dachte Tschitschikow.

So einem werde ich es nie abschlagen, fuhr Kostanshoglo fort. Aber
mein Geld aus dem Fenster zu schmeien, fllt mir auch nicht ein. Nein,
da mu man mich schon entschuldigen. Hol's der Teufel! Da kriegt einer
den Einfall, seiner Maitresse ein Diner zu geben, oder er will sein Haus
luxuris ausstatten; will wie ein Verrckter, mit irgend einem
Frauenzimmer auf den Maskenball gehen, oder ein Jubilum feiern, weil er
so und soviel Jahre lang mig auf der Welt herumluft -- und dazu soll
ich ihm noch Geld leihen!

Hier spuckte Kostanshoglo rgerlich aus und htte in Gegenwart seiner
Frau beinah ein paar unanstndige Schimpfworte fallen lassen. Der
dunkele Schatten einer finsteren Hypochondrie verdsterte sein Gesicht.
Zahlreiche Quer- und Lngsfalten bedeckten seine Stirn, ein deutliches
Zeichen dafr, wie heftig sich in ihm die Galle regte.

Gestatten Sie mir, hochverehrter Herr, Ihre Aufmerksamkeit noch einmal
auf den Gegenstand unseres soeben unterbrochenen Gesprchs
zurckzulenken, sagte Tschitschikow und strzte noch ein Glschen
Himbeerlikr herunter, der wirklich ganz vorzglich war. Nehmen wir
einmal an, ich kaufte jenes Gut, das Sie zu erwhnen geruhten, was
denken Sie wohl? wie schnell und in wie langer Zeit knnte man wohl so
reich werden, da ...

Wenn Sie durchaus _schnell_ reich werden wollen, unterbrach ihn
Kostanshoglo kurz und streng, dann werden Sie niemals reich werden;
wenn Sie dagegen die feste Absicht haben, reich zu werden, und nicht
nach der Zeit fragen, dann werden Sie sehr schnell zu Ihrem Ziele
kommen.

Wirklich? sagte Tschitschikow.

Ja, versetzte Kostanshoglo kurz, es schien fast, da er sich ber
Tschitschikow rgerte, man mu die Arbeit lieb haben, ohne das kann man
nichts erreichen. Man mu an der Landwirtschaft Freude haben! -- Jawohl!
Und glauben Sie mir -- sie ist gar nicht langweilig. Das ist auch so ein
neuer Einfall, da es auf dem Lande langweilig ist ... ich fr meinen
Teil kme vor Langerweile um, wenn ich auch nur einen Tag in der Stadt
verbringen mte, so wie diese Herrschaften ihre Zeit totschlagen: in
ihren Klubs, und Restaurants und Theatern. Narren! Nichts als Narren.
Eine ganze Generation von lauter Eseln! Ein Landwirt hat keine Zeit zur
Langenweile. In seinem Leben gibt es keine leeren Zwischenrume -- jeder
Augenblick ist ausgefllt. Schon diese Mannigfaltigkeit seiner
Beschftigung, seiner Ttigkeit! -- und welch einer Ttigkeit! -- diese
Ttigkeit hat etwas wahrhaft Erhebendes fr Herz und Geist! Sagt was ihr
wollt, der Mensch geht hier doch gewissermaen Hand in Hand mit der
Natur, wird zum Mitwisser und Mitarbeiter an der ganzen Schpfung, an
allem, was rund herum um ihn vorgeht. Sehen Sie doch nur hin, was das
ganze Jahr ber alles geschafft werden mu: wie noch vor Anbruch des
Frhlings alles auf dem Posten ist und auf seine Ankunft wartet: da mu
die Aussaat vorbereitet, das Korn in den Scheunen noch einmal
durchgesehen, gemessen und getrocknet, da mu nachgerechnet werden,
wieviel Arbeit zu allem erforderlich sein wird. Alles wird im voraus
berlegt und dann ein berschlag gemacht. Und wenn dann das Eis bricht
und die Flsse frei werden, wenn dann alles trocken ist und die Erde
sich lockert -- dann arbeitet in den Grten und Gemsebeeten der Spaten,
und Pflug und Egge im Felde: man pflanzt, man setzt, man st. Verstehen
Sie, was das heit? Das ist wohl eine Kleinigkeit? Es ist die knftige
Ernte, die hier vorbereitet wird! Der Segen des ganzen Landes wird hier
ausgest. Die Nahrung fr Millionen! ... Dann kommt der Sommer ... Nun
beginnt die Heuernte, man mht und mht ... Doch jetzt kommt die
Erntezeit; erst der Roggen, dann der Weizen, dann Gerste und Hafer.
Alles ist in fieberhafter Ttigkeit; da heit's keinen Augenblick
verlieren, man mchte zwanzig Augen haben, und doch htte keines Zeit
zum Ruhen. Und wenn dann alles fertig ist und auf die Tenne gebracht und
zu Garben zusammengebunden ist -- dann mu man schon wieder weiter
denken; der Acker mu fr die Wintersaat gepflgt, die Scheunen, die
Darren, die Viehstlle mssen geputzt werden, dazu kommt noch die ganze
Frauenarbeit -- wenn man dann die Summe zieht, so sieht man erst, was
man geleistet hat; aber da ist ja ... Und erst der Winter! Da wird auf
allen Tennen gedroschen und dann das gedroschene Korn von den Darren in
die Scheunen gebracht. Man geht in die Mhlen und in die Fabriken,
besucht die Arbeitswerksttten und die Bauern und sieht, was sie tun und
treiben. Ach, ich kann Ihnen sagen, wenn ein Zimmermann mit der Axt
umzugehen wei, dann kann ich zwei Stunden lang dastehen und ihm
zuschauen, so ein Vergngen macht mir's, ihn arbeiten zu sehen. Und wenn
man fhlt, da diese ganze Ttigkeit einen Sinn und ein Ziel hat, wie um
uns her alles wchst und sich mehrt und Frucht und Gewinn bringt -- ich
kann Ihnen garnicht sagen, was dann in einem vorgeht. Nicht deshalb,
weil sich das Geld vermehrt -- Geld ist natrlich auch eine schne Sache
-- aber weil das alles das Werk deiner Hnde ist; weil du siehst, da du
selbst die Ursache, der Schpfer von alledem bist, und da du wie irgend
ein Magier oder Zauberer nichts wie Wohlstand, Glck und berflu ber
alles ausschttest. Nun, sagen Sie, knnen Sie sich einen hheren Genu
vorstellen? fuhr Kostanshoglo fort und blickte empor; die Falten waren
verschwunden. Wie ein Knig am Tage seiner feierlichen Krnung, so
strahlte er in heller Freude, und sein Gesicht schien zu leuchten.
Nein, Sie werden auf der ganzen Welt keinen hnlichen Genu finden!
Denn hierin ahmt der Mensch den Schpfer nach: Gott hat sich das
Schaffen als den hchsten aller Gensse vorbehalten, und er verlangt vom
Menschen, da auch er gleich Ihm um ihn herum Glck und Wohlergehen
schaffe. Und das nennt man eine langweilige Beschftigung!

Wie der Gesang eines Paradiesvogels erschienen Tschitschikow die
stnenden Reden des Hausherrn, an denen er sich garnicht satt hren
konnte. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Seine Augen strahlten
einen fettigen Glanz aus und nahmen einen zuckersen Ausdruck an; er
htte immer weiter zuhren mgen.

Konstantin, ich glaube, es ist Zeit, da wir uns erheben, sagte die
Hausfrau und stand auf. Alle folgten ihr. Tschitschikow bot der Wirtin
den Arm und fhrte sie in den Salon zurck, aber diesmal fehlte es
seinen Bewegungen an der gewohnten Leichtigkeit und Gewandheit, denn
seine Gedanken wurden von anderen weit wichtigeren Fragen bewegt.

Du magst sagen, was du willst, es ist trotz alledem trostlos und
langweilig, erklrte Platonow, der hinter ihnen herging.

Der Gast ist kein dummer Kerl, dachte der Hausherr; er ist
aufmerksam, sehr gesetzt und wrdig in seinen Reden und vor allem kein
Schwtzer. Bei diesem Gedanken wurde er noch frhlicher; die
Unterhaltung schien ihn warm gemacht zu haben, und er freute sich, da
er einen Menschen gefunden hatte, der es verstand, seine weisen
Ratschlge mit Verstand entgegenzunehmen.

Und als man dann in dem gemtlichen Zimmer, in dem einige Kerzen ein
angenehmes Licht verbreiteten, dem Balkon gegenber Platz nahm, als die
Sterne hoch ber den Baumwipfeln des schlafenden Gartens freundlich zu
ihnen durch die Glastr hereinblinkten, da wurde es Tschitschikow so
wohlig zu mute, wie schon lange nicht mehr: wie wenn er sich endlich
nach langen Irrfahrten unter dem trauten Dach des Vaterhauses befnde,
wie wenn er schon alles sein eigen nannte, wonach sein Herz begehrte,
und mit dem Worte Genug seinen Pilgerstab in die Ecke gestellt htte.
Diese beglckende Stimmung verdankte er den klugen Reden des gastfreien
Hausherrn. Fr jeden Menschen gibt es gewisse Worte, die ihm lieber und
vertrauter sind, als alle andern Worte. Und oft geschieht es, da man
irgendwo in einem entlegenen Nest, unter lauter Larven einen Menschen
findet, dessen erwrmende Unterhaltung einen den unwegsamen Weg, die
Unbequemlichkeiten des Nachtlagers, den Miton des heutigen Treibens und
den Trug vergessen lt, der den Menschen umgarnt. Mit unbegreiflicher
Lebhaftigkeit prgt sich ein so verbrachter Abend fr alle Zeiten
unserer Erinnerung ein, mit rhrender Treue bewahrt sie uns jede noch so
kleine Einzelheit auf: wer zugegen war, wo ein jeder sa, was er in der
Hand hielt: die Wnde, die Zimmerecken und jede unbedeutende
Kleinigkeit.

Ganz so erging es Tschitschikow an jenem Abend, alles prgte sich seinem
Gedchtnis tief ein: das freundliche schlicht mblierte Zimmer, der
gutmtige Ausdruck im Gesicht des klugen Hausherrn, ja selbst das
Tapetenmuster, die Pfeife mit dem Bernsteinmundstck, die Platonow
gereicht wurde, der Rauch, den er Jarb in seine dicke Schnauze blies,
Jarbs rgerliches Schnauben, das Lachen der lieblichen Hausfrau, ihre
vorwurfsvollen Worte: La ihn doch, qul doch das Tier nicht so. Die
lustig flackerndern Kerzen, das zirpende Heimchen in der Zimmerecke, die
Glastr, die Frhlingsnacht, die ber die hohen Baumwipfel schwebend zu
ihnen hineinblickte, der schwarze mit funkelnden Sternen berste
Himmel, und der helle Gesang der Nachtigallen, die ihr Lied aus der
Tiefe grnblttriger Haine laut hinausschmetterten in die herrliche
Nacht ...

Wie Ihre Reden mein Herz laben! hochverehrter Konstantin
Fjodorowitsch! sagte Tschitschikow. Ich kann wohl sagen, ich habe in
ganz Ruland keinen Menschen getroffen, der Ihnen an Verstand
gleichkme.

Der andere lchelte, fhlte er doch selbst, da Tschitschikow unrecht
hatte. Nein, nein, wenn Sie einen wirklich klugen Menschen kennen
lernen wollen, -- hier ist einer, von dem man tatschlich sagen kann: --
das ist ein kluger Mensch; ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen
aufzubinden.

Wer ist denn das? fragte Tschitschikow erstaunt.

Das ist unser Branntweinpchter Murasow.

Ich hre schon zum zweiten Mal von ihm! rief Tschitschikow aus.

Das ist ein Mensch! Der knnte nicht blo ein Gut, der knnte einen
ganzen Staat verwalten. Htte ich ein Knigreich, ich wrde ihn sofort
zu meinem Finanzminister ernennen.

Man sagt, er sei ein Mann, der jeden Mastab der Wahrscheinlichkeit
bersteigt: er soll sich zehn Millionen erworben haben.

Ach was zehn! Die vierzig sind schon berschritten. Bald wird halb
Ruland ihm gehren!

Was sagen Sie! rief Tschitschikow, indem er den Mund ffnete und sein
Gegenber erstaunt anstarrte.

Unbedingt! Das ist ganz klar. Wer nur ein paar Hunderttausende besitzt,
der wird langsam reich, wer dagegen Millionen hat, der hat sozusagen
einen gewaltigen Wirkungsradius: was er ergreift, das verdoppelt und
verdreifacht sich in seiner Hand: er hat ein zu weites Feld, einen zu
groen Spielraum. Da gibt's keine Nebenbuhler. Mit ihm kann sich keiner
messen. Er kann die Preise ansetzen, sie knnen nicht sinken, denn es
ist ja niemand da, der ihn unterbieten knnte.

Herrgott, Herrgott! sagte Tschitschikow und schlug ein Kreuz.
Tschitschikow sah Kostanshoglo ins Auge, und der Atem wollte ihm
ausgehen: Das ist ja geradezu unfabar! Man wird ganz starr vor
Schrecken! Man bewundert die Weisheit der Schpfung, wenn man einen
Kfer betrachtet; ich fr meinen Teil finde es weit wunderbarer, da
solch gewaltige Summen durch die Hand _eines_ Sterblichen gehen knnen.
Darf ich Sie noch nach einer Sache fragen: sagen Sie, bei der Grndung
dieses Vermgens ist es doch wohl nicht ganz sauber zugegangen?

Im Gegenteil, der Mann steht vllig rein da, er hat sich stets nur der
saubersten Mittel bedient.

Das ist unmglich, das kann ich nicht glauben! Wenn es sich blo um
Tausende handelte, aber hier geht es um Millionen ...

Umgekehrt. Tausende erschwindelt man sich, die Millionen dagegen werden
leicht erworben. Ein Millionr braucht die krummen Wege nicht: er
braucht nur immer geradeauszugehen und zu nehmen, was vor ihm liegt. Ein
andrer kann's eben nicht aufheben, es fehlt ihm die Kraft dazu -- der
Millionr aber hat keine Nebenbuhler, sein Wirkungsradius ist zu gro ..
ich sage Ihnen ja, was er ergreift, verdoppelt und verdreifacht sich ...
Was bringen dagegen ein paar Tausende ... zehn bis zwanzig Prozent. ...

Was ich am unbegreiflichsten finde, ist, da er mit ein paar Kopeken
angefangen haben soll!

Das ist nun mal nicht anders. Das ist eben der Lauf der Dinge, sagte
Kostanshoglo. Wer reich geboren und erzogen ist, und von Jugend auf
immer mit Tausenden zu tun hat, der erwirbt sich nicht noch was hinzu,
der hat schon allerhand Launen, Bedrfnisse und wei Gott was noch
alles! Man mu von Anfang an anfangen und nicht mit der Mitte -- mit der
Kopeke und nicht mit dem Rubel -- von unten und nicht von oben: dann
erst lernt man die Welt und die Menschen ordentlich kennen, unter denen
man spter leben mu. Wenn man erst das eine und das andre am eignen
Leibe gesprt und die Erfahrung gemacht hat, da jede Kopeke, wie es
heit, mit einem Rubel festgenagelt ist, und wenn man erst alles
durchgemacht und alle Prfungen berstanden hat, dann wird man klug und
besitzt Erfahrung genug, um keine Schnitzer zu machen und bei seinen
Unternehmungen nicht Schiffbruch zu leiden. Glauben Sie mir, ich spreche
die Wahrheit. Man mu von Anfang anfangen und nicht mit der Mitte. Wer
mir sagt: >Gib mir hunderttausend Rubel, dann sollst du sehen, wie
schnell ich reich werde,< dem glaube ich nicht; der spekuliert auf das
Glck und geht nicht sicher. Man mu mit der Kopeke anfangen.

In diesem Falle mte ich einmal sehr reich werden, versetzte
Tschitschikow und mute unwillkrlich an die toten Seelen denken: denn
ich fange in der Tat mit nichts an.

Konstantin, es ist wirklich Zeit, da wir Pawel Iwanowitsch etwas Ruhe
gnnen; er will sicher schlafen gehen, sagte die Hausfrau, du aber
plauderst immer weiter.

Natrlich werden Sie reich werden, erwiderte Kostanshoglo, ohne auf
seine Frau zu hren. Passen Sie auf, das Gold wird Ihnen noch einmal in
Strmen zuflieen. Sie werden gar nicht wissen, wo Sie damit hin
sollen.

Pawel Iwanowitsch war ganz wie verzaubert, er schwebte wie in einem
herrlichen Reiche schmeichelnder Trume und Hoffnungen. Es war ihm ganz
wirr im Kopfe. Seine feurige Einbildungskraft webte goldene Blumen in
den silbernen Teppich seines mchtig anschwellenden Reichtums, und immer
wieder klangen ihm Kostanshoglos Worte in den Ohren: Das Gold wird
Ihnen noch einmal in Strmen zuflieen.

Wirklich Konstantin, fr Pawel Iwanowitsch ist es Zeit schlafen zu
gehen.

Was hast du nur? Geh doch schlafen, wenn du Lust hast, sagte der
Hausherr und hielt inne; Platonow schnarchte so laut, da das ganze
Zimmer drhnte, und neben ihm lag Jarb, der fast noch lauter schnarchte,
als sein Herr. Jetzt erst merkte Kostanshoglo, da es in der Tat Zeit
zum Schlafengehen war, er rttelte daher Platonow auf und sagte:
Schnarch doch nicht so!, dann wnschte er Tschitschikow eine gute
Nacht, alle gingen auseinander, und bald lag jeder in seinem Bett in
tiefen Schlaf versunken.

Nur Tschitschikow konnte nicht einschlafen. Seine Gedanken wollten nicht
zur Ruhe kommen. Er sann unaufhrlich darber nach, wie er es anfangen
sollte, der Besitzer eines wirklichen, echten und keines blo
eingebildeten oder phantastischen Gutes zu werden. Nach dem Gesprch mit
dem Hausherrn war ihm mit einem Male alles klar! Die Mglichkeit, reich
zu werden, lag in greifbarer Deutlichkeit vor ihm! Der so schwierige
Beruf des Landwirts erschien ihm pltzlich so leicht, so einfach und
natrlich, und ganz wie geschaffen fr seine Natur! Wenn er nur erst
seine Hypothek auf diese Toten htte und Besitzer eines reellen Gutes
wre. Schon sah er sich im Geist alles verwalten und lenken -- ganz wie
Kostanshoglo es ihn gelehrt hatte -- gewandt, umsichtig und sicher, ohne
vorzeitige Neuerungen einzufhren, ehe er das Alte grndlich kennen
gelernt hatte; alles sah er sich mit eigenen Augen an, er kannte alle
Bauern persnlich, versagte sich jeden Luxus und berflu und widmete
sich allein der Arbeit und dem Haushalt. Er geno schon im voraus die
groe Freude, die ihn erwartete, wenn berall strenge Ordnung herrschen,
alle Rder der Wirtschaftsmaschine sich munter bewegen und eins das
andere vorwrts stoen und zur Ttigkeit anspornen wrde. berall Leben
und geschftige Ttigkeit; wie in einer lustig klappernden Mhle sich
das Korn im Handumdrehen verwandelt, so sollten in seiner Mhle alle
Abflle und jeglicher Plunder zu Staub zermahlen werden, um als bares
Geld wieder herauszukommen. Sein wunderbarer Gastfreund stand bestndig
vor ihm und verlie ihn keinen Augenblick. Das war der erste Mann in
ganz Ruland, vor dem er eine ganz persnliche Hochachtung empfand. Bis
auf den heutigen Tag hatte er einen Menschen nur wegen seiner Titel und
Wrden oder weder seines hohen Einkommens geachtet: des Verstandes wegen
hatte er eigentlich noch nie jemand besonders hoch geschtzt.
Kostanshoglo war der erste Mann, mit dem es ihm anders ging.
Tschitschikow fhlte, da er sich mit diesem Menschen auf keine Kniffe
und Kunststcke einlassen drfe, und daher beschftigte ihn jetzt ein
ganz anderes Projekt -- der Ankauf des Chlobujewschen Gutes. Er besa
selbst zehntausend Rubel, fnfzehntausend hoffte er von Kostanshoglo
leihen zu knnen; hatte dieser doch selbst erklrt, er sei bereit, jedem
zu helfen, der zu Reichtum und Wohlstand kommen wolle; den Rest --
dachte er durch eine Hypothek zu decken, schlimmstenfalls aber konnte er
den Verkufer warten lassen. Das ging schlielich auch: mochte jener
sich doch mit den Gerichten herumplagen, wenn es ihm Spa machte! Und
lange noch lag er so da und dachte darber nach, bis schlielich
Morpheus, der, wie man zu sagen pflegt, das ganze Haus schon vier
Stunden lang in seinen Armen hielt, sich auch seiner erbarmte. Bald war
Tschitschikow in einen tiefen Schlaf versunken.


                            Viertes Kapitel.

Am folgenden Tage ging alles, wie es sich nicht besser wnschen lie.
Kostanshoglo scho Tschitschikow bereitwilligst zehntausend Rubel vor,
ohne Zinsen oder eine Brgschaft zu verlangen; dieser mute ihm blo
eine gewhnliche Quittung ausstellen: so gern half er jedem, der sich
Besitz und Wohlstand erwerben wollte. Aber mehr noch; er erbot sich,
Tschitschikow persnlich zu Chlobujew zu begleiten, um das Gut mit ihm
zusammen in Augenschein zu nehmen. Tschitschikow war in der besten
Laune. Nach einem reichlichen Frhstck machten sich alle auf den Weg,
nachdem alle drei in Pawel Iwanowitschs Wagen Platz genommen hatten: die
leeren Kutschen des Hausherrn folgten ihnen in einiger Entfernung nach.
Jarb lief voraus und scheuchte die Vgel am Wege. Fnfzehn Werst lang
sah man auf beiden Seiten nichts als Wlder und Ackerland, das zu
Kostanshoglos Gute gehrte. Sowie aber dieses zu Ende war, nderte sich
das Bild ganz pltzlich; das Korn stand niedrig, und statt der Wlder
erblickte man berall nichts als Baumstmpfe. Trotz der hbschen Lage
merkte man es dem Nachbargut an, da es schon lange Zeit vernachlssigt
worden war. Zuerst kam man an einem neuen steinernen Hause vorber, das
aber unbewohnt war, denn es war noch nicht vollendet; auf dieses folgte
ein zweites bewohntes, das dem Gutsherrn gehrte. Die Gste fanden den
Gutsherrn noch ungekmmt und verschlafen; er war nmlich erst vor kurzem
aufgestanden. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein; sein Halstuch sa
schief, sein Rock war geflickt, und der eine Stiefel hatte ein Loch.

Er war hocherfreut ber die Ankunft der Gste, als ob Gott wei was
geschehen wre: man htte glauben knnen, er she seine Brder nach
langer Trennung zum ersten Male wieder.

Konstantin Fjodorowitsch! Platon Michailowitsch! Nein solch eine
Freude. Ich mu mir wirklich die Augen reiben! Ich dachte schon, zu mir
kommt keiner mehr. Jeder geht mir aus dem Wege, wie der Pest: alle Leute
denken, ich will sie um Geld anbetteln. Ja, ja, Konstantin
Fjodorowitsch. Das Leben ist schwer. Ich sehe -- ich bin selbst schuld
an allem. Aber, was soll ich tun? Ich lebe wie ein Schwein. Verzeihen
Sie bitte, meine Herren, da ich Sie in einem solchen Kostm empfange:
Sie sehen, meine Stiefel sind durchlchert. Was darf ich Ihnen
vorsetzen?

Bitte, ganz ohne Umstnde! Wir wollen ein Geschft mit Ihnen machen.
Hier haben Sie einen Kufer fr Ihr Gut; Pawel Iwanowitsch
Tschitschikow, sagte Kostanshoglo.

Ich freue mich von Herzen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, lassen
Sie mich Ihre Hand drcken!

Tschitschikow reichte ihm beide Hnde.

Ich wrde Ihnen gern mein Gut zeigen, verehrtester Pawel Iwanowitsch,
es ist sehr interessant ... Aber darf ich zuvor fragen, meine Herren, ob
Sie auch gegessen haben?

Freilich haben wir gegessen, versetzte Kostanshoglo, der ihn mglichst
schnell los sein wollte. Wir wollen keine Zeit verlieren und das Gut
gleich jetzt besichtigen.

Gut, dann wollen wir gehen. Chlobujew nahm seine Mtze in die Hand.
Kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und liederlich
ich bin.

Die Gste setzten ihre Hte auf und schritten die Dorfstrae hinab.

Zu beiden Seiten der Strae standen finstere elende Htten mit winzigen
Fenstern, die mit alten Lappen zugestopft waren.

Ja, kommen Sie, Sie sollen selbst sehen, wie unordentlich und
liederlich ich bin, sagte Chlobujew. Es war natrlich sehr vernnftig
von Ihnen, da Sie schon gegessen haben. Sie werden mir's nicht glauben,
Konstantin Fjodorowitsch, ich habe nicht einmal ein Huhn mehr im Hause,
soweit ist's mit mir gekommen!

Er seufzte, und da er wohl ahnte, da er bei Konstantin Fjodorowitsch
nur wenig Teilnahme finden werde, nahm er Platonow unter den Arm und
ging mit ihm voraus, indem er seine Hand krftig an sich drckte,
Kostanshoglo und Tschitschikow blieben ein wenig zurck und folgten
ihnen Arm in Arm in einiger Entfernung.

Man hat's nicht leicht, Platon Michailowitsch, wahrhaftig! sagte
Chlobujew zu Platonow. Sie knnen sich's garnicht vorstellen, wie
schwer man es hat! Kein Geld, kein Korn, keine Stiefel -- fr Sie sind
das freilich alles blo Worte einer fremden Sprache. Das wre natrlich
nicht so schlimm, wenn man noch jung und unverheiratet wre. Aber wenn
all diese Sorgen und dies Ungemach einen im Alter berfallen und man hat
noch dazu ein Weib und fnf Kinder -- dann verliert man den Mut, ob man
will oder nicht ...

Und wenn Sie das Gut verkaufen -- glauben Sie, da Ihnen damit geholfen
wre? fragte Platonow.

Ach was! Geholfen! versetzte Chlobujew mit einer hoffnungslosen
Gebrde. Es wird _doch_ alles bei der Bezahlung der Schulden
draufgehen, ich selbst werde keine tausend Rubel brig behalten!

Und was wollen Sie dann anfangen?

Das wei Gott allein.

Warum tun Sie denn gar nichts, um aus diesen Verhltnissen
herauszukommen?

Was soll ich denn machen?

Nehmen Sie doch irgend eine Stellung an.

Ich habe ja keinen Rang und keine Titel. Was kann ich fr eine Stellung
annehmen? Ich kann hchstens einen ganz unbedeutenden Posten erhalten.
Und was soll ich mit einem Gehalt von fnfhundert Rubeln anfangen? Ich
habe doch eine Frau und fnf Kinder.

Nehmen Sie doch eine Stellung als Verwalter auf einem Gute an.

Wer wird mir denn sein Gut anvertrauen, wo ich selbst alles
durchgebracht habe!

Ja aber man mu doch etwas unternehmen, wenn man vor dem Hungertode
steht. Ich will meinen Bruder fragen, ob er Ihnen nicht durch irgend
einen Bekannten eine Stelle in der Stadt verschaffen kann.

Nein, Platon Michailowitsch, sagte Chlobujew seufzend und drckte
Platonow krftig die Hand. Ich tauge doch zu nichts mehr! Ich bin
vorzeitig alt geworden, und leide an Kreuzschmerzen und an Rheumatismus.
Das sind die alten Snden! Was kann ich denn leisten? Wozu soll ich den
Staat plndern? Es gibt jetzt ohnedies genug Leute, die nur deshalb in
den Staatsdienst treten, weil sie ein warmes Pltzchen haben wollen.
Gott behte! Ich will nicht, da den armen Leuten noch neue Steuern
aufgehalst werden, damit ich nur mein Gehalt ausbezahlt bekomme!

Das sind die Folgen seiner ausschweifenden Lebensweise! dachte
Platonow. Das ist noch schlimmer als meine Lethargie.

Whrend sie so sprachen, ging Kostanshoglo mit Tschitschikow hinter
ihnen her; er war ganz auer sich vor Wut.

Da, sehen Sie, sagte er, indem er mit dem Finger auf das Dorf wies:
was er aus den Bauern gemacht hat! Dieses Elend! Nicht mal Pferd und
Wagen haben sie mehr. Wenn eine Viehseuche im Lande ausbricht, -- dann
darf man nicht mehr an sein eigenes Hab und Gut denken: da verkauft man
eben alles und schafft neues Vieh fr den Bauer an, damit er auch nicht
_einen_ Tag ohne die notwendigen Arbeitswerkzeuge bleibt. Aber das da
lt sich nicht so schnell wieder gut machen. Dazu braucht man viele
Jahre. Der Bauer ist ja auch schon ganz verndert, er bummelt und suft.
Wenn man ihn nur ein einziges Jahr lang ohne Arbeit sitzen lt, dann
hat man ihn fr alle Zeiten verdorben: er gewhnt sich daran, in Lumpen
herumzulaufen und findet Geschmack am Vagabundenleben ... Und sehen Sie
einmal das Land an. Nun was sagen Sie, fuhr er fort, indem er auf die
Wiesen deutete, die gleich hinter den Htten sichtbar wurden. Alles
Land, das jedes Frhjahr berschwemmt ist. Ich wrde da Flachs sen, der
mir allein fnftausend Rubel einbringen wrde, und dann wrde ich Rben
pflanzen, die mir noch einmal viertausend eintragen mten ... Sehen Sie
sich blo einmal den Roggen dort am Abhange an; da hat einer ein paar
Krner verschttet. Denn er hat ja doch kein Korn gest -- das wei ich.
Und dort -- diese Schlucht! Da wrde ich einen Wald anlegen. Die Stmme
sollten mir bald bis an den Himmel reichen. Und so einen Schatz, so ein
herrliches Stck Land lt er brach liegen! Wenn man schon keinen Pflug
hat, um es zu pflgen, dann nimmt man den Spaten, grbt es um und
pflanzt Gemse darauf. Das gbe einen prchtigen Gemsegarten! Aber man
mu den Spaten selbst in die Hand nehmen, mu Frau und Kinder und alle
Dienstboten zu Hilfe nehmen, und arbeiten bis man hinfllt! Und wenn man
schlielich selbst dabei zugrunde geht, dann hat man doch wenigstens
seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, und ist doch nicht
krepiert wie ein Schwein, weil man sich bei Tisch zu voll gefressen
hat! Hier spuckte Kostanshoglo zornig aus und eine finstere Wolke
umschattete seine Stirn.

Als sie sich dem Abhang nherten und in die mit wildem Beifu bewachsene
Schlucht hinabsahen, da leuchtete pltzlich eine Windung des Flusses
hell auf, hinter ihm erhob sich ein dunkler Gebirgszug, und ein Teil vom
Hause des Generals Betrischtschew, das in der Perspektive viel nher
erschien, tauchte aus dem Gebsch auf. Dahinter bemerkte man einen
lockigen, mit Wald bewachsenen Berg, der in der Entfernung blulich
flimmerte. Dieser Berg brachte Tschitschikow auf den Gedanken, das
knnte wohl das Gut Tentennikows sein, und er sagte, wenn man hier
einen Wald anpflanzen wrde, -- dann gbe es einen Anblick, der sich,
was Schnheit anbelangt, ruhig mit ....

Ach! Sie sind ein Freund von schnen Ausblicken, sagte Kostanshoglo
pltzlich, und sah ihn sehr streng an. Nehmen Sie sich in acht, wenn
Sie zuviel auf die schne Aussicht geben, knnen Sie eines Tages ohne
Brot und auch ohne alle Aussichten dasitzen. Fragen Sie lieber nach dem
Nutzen und nicht nach der ueren Schnheit. Die Schnheit wird schon
von selbst kommen. Das beste Beispiel sind die Stdte: die
allerschnsten Stdte sind die, welche gleichsam von selbst aus dem
Boden gewachsen sind, wo jeder sich ein Haus nach seinem eigenen
Geschmack und Bedrfnis gebaut hat. Die Stdte dagegen, die alle nach
einer Schablone gebaut sind, -- sehen aus wie Kasernen. Vergessen Sie
die Schnheit und denken Sie vor allem an den Nutzen und an Ihre
Bedrfnisse.

Wie schade, da man so lange warten mu! Man mchte alles recht schnell
so sehen, wie man es zu haben wnscht ...

Sie sind doch kein fnfundzwanzigjhriger Jngling ...! Man merkt
gleich den Petersburger Beamten ...! Geduld! Arbeiten Sie mal erst sechs
Jahre nacheinander. Pflanzen, sen, graben Sie, ohne einen Augenblick
auszuruhen. Es ist schwer, gewi, es ist sogar _sehr_ schwer. Aber wenn
Sie den Boden erst einmal grndlich aufgerttelt haben, soda er Ihnen
selbst hilft, so ist das gleich eine ganz andre Sache, als Ihre .... Ja,
ja, Verehrtester, dann werden Sie merken, da auer Ihren _siebzig_ noch
_siebenhundert_ andre, _unsichtbare_ Hnde an der Arbeit waren! Alles
verzehnfacht sich! Ich brauchte jetzt keinen Finger zu rhren -- und
doch ginge alles wie von selbst. Ja die Natur liebt die Geduld: das ist
ein Gesetz, das uns der Herr selbst gegeben hat, _Er_ der die Geduldigen
selig pries.

Wenn man Sie reden hrt, dann fhlt man neue Kraft durch seine Adern
rinnen. Man bekommt Mut und Lust zum Schaffen!

Sehen Sie doch, wie das Stck Land dort gepflgt ist! rief
Kostanshoglo mitleidig und bitter aus, indem er auf den Abhang zeigte.
Ich kann es hier nicht lnger aushalten; diese Unordnung und
Verwahrlosung bringt mich um. Sie knnen den Kauf mit ihm auch ohne mich
abschlieen. Nehmen Sie diesem Narren diesen Schatz so schnell als
mglich ab. Er schndet blo Gottes herrliche Natur! Kostanshoglo war
sehr aufgeregt und sah finster und rgerlich drein. Er nahm Abschied von
Tschitschikow, holte Chlobujew ein und verabschiedete sich gleichfalls
von ihm.

Aber ich bitte Sie, Konstantin Fjodorowitsch! sagte der Hausherr
erstaunt, Sie sind doch erst eben gekommen und wollen schon wieder
fort!

Ich kann nicht lnger bleiben. Ich mu unbedingt wieder nach Hause
fahren, versetzte Kostanshoglo. Er verabschiedete sich, stieg in den
Wagen und fuhr davon.

Chlobujew schien den Grund seines pltzlichen Verschwindens begriffen zu
haben.

Konstantin Fjodorowitsch hat's nicht ausgehalten, sagte er, fr einen
so tchtigen Landwirt wie er ist es freilich kein Vergngen, diese
schreckliche Wirtschaft mit anzusehn. Glauben Sie mir, Pawel
Iwanowitsch, ich habe in diesem Jahr nicht einmal Korn gest. Mein
Ehrenwort! Ich hatte keinen Samen, ganz abgesehen davon, da ich keinen
Pflug und kein Pferd habe, um zu pflgen. Man sagt, Ihr Bruder sei ein
so vorzglicher Wirt, Platon Michailowitsch; von Konstantin
Fjodorowitsch will ich gar nicht reden! -- Das ist ein Napoleon in
seinem Fach. Ich habe mich schon oft gefragt: Warum muten sich soviel
Geist und Verstand in einem Kopfe vereinigen. Warum konnte nicht auch
fr meinen Schdel wenigstens ein Trpfchen brig bleiben. Nehmen Sie
sich in acht, meine Herren; beim bergang ber diesen Steg ist die
grte Vorsicht geboten, wenn Sie nicht in die Pftze plumpsen wollen.
Ich habe im Frhjahr die Bretter ausbessern lassen ... Am meisten tun
mir meine armen Bauern leid ... sie brauchen ein gutes Beispiel, aber
was kann _ich_ ihnen fr ein Beispiel geben? Was soll ich machen? Nehmen
Sie sie mir ab, Pawel Iwanowitsch. Wie soll ich sie an Ordnung gewhnen,
wenn ich selbst ein so unordentlicher Mensch bin? Ich htte sie am
liebsten ganz freigelassen, aber das htte ja auch keinen Sinn. Ich wei
sehr gut, da man erst _andre Menschen_ aus ihnen machen mu, Menschen,
die zu leben verstehen. Dazu bedrfte es eines gerechten und strengen
Mannes, der immer mit ihnen zusammenlebt und sie durch sein eigenes
Beispiel und seine unermdliche Ttigkeit ... Ein Russe -- das sehe ich
an mir selbst -- kann nicht ohne einen Menschen auskommen, der ihn
aufmuntert und anspornt, sonst schlft er ein und versauert.

Seltsam, sagte Platonow, woran liegt das blo; da der Russe immer
gleich einschlft, und da der gemeine Mann ein Taugenichts und ein
Trunkenbold wird, wenn man ihn aus dem Auge lt!

Das macht der Mangel an Bildung, bemerkte Tschitschikow.

Wei Gott, woran das liegt. Wir haben doch auch eine gewisse Bildung,
haben die Universitt besucht, und wozu taugen wir? Was habe ich zum
Beispiel gelernt? Verstehe ich es denn zu leben, eher habe ich es
gelernt, mein Geld fr allerhand Luxus und berflssige Finessen
auszugeben; und ich kenne blo solche Dinge, die einen Geld kosten? --
Aber glauben Sie nur nicht, da das daher kommt, weil ich einen
schlechten Unterricht genossen habe. -- Durchaus nicht, der Unterricht
war nicht schlechter als der meiner Kameraden. Zweien oder dreien von
ihnen hat er ja auch gentzt, aber vielleicht nur deshalb, weil sie auch
ohnedies gescheit und begabt genug waren, die brigen haben fr nichts
Interesse, als wie man seine Gesundheit ruiniert und andern Leuten ihr
Geld abnimmt. Bei Gott. Wissen Sie, was ich glaube: mitunter kommt es
mir fast so vor, als ob der Russe -- ein verlorener Mensch ist. Wir
wollen alles und knnen nichts. Alles verschieben wir auf morgen, dann
nehmen wir uns vor, ein neues Leben zu beginnen, und strenge Dit zu
halten; ja prosit, noch am selben Abend schlgt man sich den Bauch so
voll, da einem die Augenlider zusinken und man die Zunge kaum bewegen
kann -- dann sitzt man da wie eine Eule und glotzt die andern Leute an
-- wahrhaftig. Und so sind wir alle!

Ja, sagte Tschitschikow lchelnd, so was kann vorkommen!

Wir sind garnicht zum Vernnftigsein geboren. Ich glaube nicht, da es
vernnftige Menschen unter uns gibt. Selbst wenn ich mit meinen eigenen
Augen sehe, da ein Mensch ein geordnetes Leben fhrt, Geld verdient und
erspart, dann traue ich ihm trotzdem nicht. Lassen Sie ihn erst einmal
alt werden, frher oder spter fllt er doch dem Teufel in die Krallen
und bringt seinen letzten Heller durch. Und so sind alle: die Gebildeten
wie die Ungebildeten. Nein, es fehlt uns eben noch etwas, ich wei
freilich selbst nicht recht, was es ist.

Auf dem Rckwege geno man denselben Anblick. Eine grauenhafte Unordnung
machte sich berall in unangenehmer Weise bemerkbar. Das einzige Neue
war eine groe Pftze inmitten der Strae. Alles bot das Bild einer
furchtbaren Verwilderung und Vernachlssigung dar: beim Gutsherrn wie
beim Bauern. Ein bses Weib in einem fettigen groben Leinenrock hatte
ein kleines Mdchen halbtot geprgelt und schimpfte nun, was das Zeug
hlt, auf eine dritte Person, indem sie alle Teufel zu Hilfe rief. Etwas
weiter standen zwei Bauern und sahen mit stoischem Gleichmut zu, wie das
betrunkene Weib sich ereiferte und schimpfte. Der eine kratzte sich die
hintere Partie und der andere ghnte. Dieses Ghnen schien sich auch den
Husern und Gebuden mitzuteilen, selbst die Dcher schienen zu ghnen.
Dieser Anblick wirkte ansteckend auf Platonow, er konnte sich nicht
enthalten gleichfalls zu ghnen. -- Ein Flicken sa auf dem andern. Bei
einer Htte ersetzte ein Haustor das Dach, die morschen, eingefallenen
Fensterrahmen wurden von Stangen gesttzt, welche aus der
herrschaftlichen Scheune entwendet waren. Wie man sieht, hielt man sich
im Haushalt an das System der Fabel von Trischkas Kaphtan, man trennte
die Aufschlge und Rocksche ab, um die Lcher im rmel zu stopfen.

Das ist gerade kein beneidenswerter Zustand, sagte Tschitschikow, als
sie nach grndlicher Besichtigung vor dem Hause anlangten ... Man begab
sich ins Zimmer, und die Gste waren erstaunt ber die seltsame Mischung
von Armut und dem Flitterglanz eines modernen Luxus. Auf dem Tintenfa
sa eine Figur, die wohl Shakespeare darstellen sollte, auf dem Tische
lag ein eleganter Elfenbeinstift, mit dem sich der Hausherr den eigenen
Rcken kratzte. Die Hausfrau war modern und geschmackvoll gekleidet, sie
sprach von der Stadt, und vom Theater, das dort gerade erffnet worden
war. Die Kinder waren lustig und munter. Die Knaben und die Mdchen
trugen hbsche und geschmackvolle Kleider. Es wre freilich besser
gewesen, sie htten bunte Leinenrcke und schlichte Hemdchen angezogen,
und wren im Hofe herumgelaufen ganz wie die einfachen Bauernkinder.
Bald erschien auch eine Dame, die der Hausfrau einen Besuch machte, eine
schreckliche Schwtzerin, die furchtbar viel unntzes und trichtes Zeug
plapperte. Die Damen zogen sich zurck, und die Kinder liefen gleich
darauf auch fort. Die Herren blieben allein im Zimmer.

Also, was ist Ihr Preis? sagte Tschitschikow. Ich mu gestehen, es
wre mir lieb den uersten Preis zu erfahren, denn das Gut ist in einer
viel schlechteren Verfassung, als ich annahm.

Oh, in der allerschlechtesten Verfassung, Pawel Iwanowitsch, versetzte
Chlobujew. Aber das ist noch nicht alles. Ich will Ihnen nichts
verheimlichen: von den hundert Seelen, die in der Revisionsliste stehen,
sind nur noch fnfzig am Leben; die Cholera hat bei uns furchtbar
aufgerumt; der Rest ist ohne Pa davongelaufen. Sie knnen Sie auch zu
den Toten zhlen; wenn man sie von Gerichts wegen zurckholen wollte,
dann wrde das solche Unkosten verursachen, da das ganze Gut den
Gerichten verfiele. Ich fordere daher auch nur fnfunddreiigtausend.

Tschitschikow fing natrlich an zu handeln.

Ich bitte Sie? Fnfunddreiigtausend! Fnfunddreiigtausend fr so ein
Gut! Nein sagen wir doch lieber fnfundzwanzigtausend.

Platonow wurde verlegen. Kaufen Sie es nur, Pawel Iwanowitsch, sagte
er. Fr so ein Gut kann man schon eine solche Summe bezahlen. Wenn Sie
keine fnfunddreiigtausend dafr geben wollen, dann kaufen wir es, mein
Bruder und ich.

Also gut, ich bin einverstanden, sagte Tschitschikow ganz erschrocken.
Nur eins; ich kann die Hlfte der Summe erst nach einem Jahr bezahlen.

Nein, Pawel Iwanowitsch! Darauf kann ich mich leider in keinem Fall
einlassen; Sie mssen mir gleich jetzt die Hlfte geben, und die andre
in sptestens zwei Wochen. Die Bank wrde mir ja dies Geld auszahlen,
wenn ich nur soviel htte, um ...

Ja, wie denn nur? Ich wei wirklich nicht, sagte Tschitschikow, ich
habe ja berhaupt nur zehntausend Rubel flssig. Er log. Wenn man das
von Kostanshoglo entliehene Geld hinzurechnete, verfgte er im ganzen
ber zwanzigtausend Rubel. Aber man entschliet sich bekanntlich nicht
leicht, eine so groe Summe auf den Tisch zu legen.

Nein; ich bitte Sie, Pawel Iwanowitsch. Ich versichere Ihnen, ich
brauche unbedingt fnfzehntausend.

Ich will Ihnen fnftausend Rubel leihen, unterbrach ihn Platonow.

Unter diesen Umstnden knnte ich's vielleicht wagen! sagte
Tschitschikow und dachte sich: Hm, das trifft sich aber gut, da er mir
was leihen will. Er lie sich seine Schatulle aus dem Wagen bringen und
nahm sofort die fr Chlobujew bestimmten zehntausend Rubel heraus; die
brigen fnftausend versprach er ihm morgen mitzubringen; wohl gemerkt,
er _versprach_ es nur, in Wahrheit wollte er ihm nur dreitausend geben,
den Rest dachte er ihm spter nach zwei oder drei Tagen auszuhndigen;
wenn es ging, wollte er ihn jedoch noch lnger warten lassen. Pawel
Iwanowitsch wurde es ganz _besonders_ schwer, sich von seinem Gelde zu
trennen. Wenn es aber unbedingt notwendig war, so schien es ihm immer
noch besser, das Geld wenigstens _einen_ Tag spter, als verabredet,
auszuzahlen. Das heit, eigentlich machte er es genau so, wie wir alle.
Es macht uns doch allen Spa, unseren Schuldner etwas warten zu lassen:
mag er sich doch seine Abstze ablaufen und eine Weile im Vorzimmer
sitzen! Als ob er wirklich durchaus nicht mehr warten knnte! Was geht
es uns an, da ihm vielleicht jede Stunde teuer ist, und da seine
Geschfte darunter leiden! Kommen Sie nur morgen wieder, Verehrtester,
heute habe ich leider keine Zeit!

Und wohin wollen Sie ziehen, wenn das Gut verkauft ist? fragte
Platonow Chlobujew. Haben Sie denn noch ein andres Gtchen?

Nein, ich mu schon in die Stadt bersiedeln, dort habe ich ein eigenes
Huschen. Ich htte das ja auch ohnedies machen mssen: wenn nicht fr
mich, so um meiner Kinder willen: sie mssen doch was lernen, ich mu
ihnen einen Religionslehrer, einen Tanzlehrer und Musiklehrer halten. Wo
wollen Sie die auf dem Lande hernehmen?

Er hat keinen Bissen Brot im Hause, und will seinen Kindern
Tanzunterricht geben lassen! dachte Tschitschikow.

Merkwrdig! dachte Platonow.

Aber wir mssen doch unser Geschft auch begieen! sagte Chlobujew:
He Kirjuschka! Hol doch mal schnell eine Flasche Champagner!

Er hat kein Stck Brot im Hause, dafr aber Champagner! dachte
Tschitschikow.

Platonow wute dagegen berhaupt nicht, was er denken sollte.

Zu seinem Champagner war Chlobujew fast gegen seinen Willen gekommen. Er
hatte in die Stadt nach Kwas schicken lassen, aber im Kaufladen wollte
man ihm keinen Kwas[5] leihen. Was sollte er tun? Man mute am Ende doch
seinen Durst stillen. Da erschien ein franzsischer Weinreisender aus
Petersburg, der berlie seinen Wein allen Leuten auf Kredit. So blieb
denn Chlobujew nichts brig, und er mute ihm auch ein paar Flaschen
Champagner abnehmen.

[Funote 5: Eine Art Weibier.]

Der Champagner stand bald auf dem Tische. Jeder trank drei Glser, und
die Stimmung wurde bald animiert, Chlobujew taute auf, wurde
liebenswrdig und geistreich und lie eine Menge Anekdoten und Witze vom
Stapel. Aus seinen Reden sprach eine groe Welt- und Menschenkenntnis!
Wie scharf und richtig fate er die Dinge auf, wie sicher und treffend
konnte er die Gutsherren aus der Nachbarschaft mit ein paar Worten
charakterisieren, wie klar erkannte er all ihre Fehler und Mngel, wie
gut war ihm die Geschichte aller Gutsbesitzer, die sich ruiniert hatten,
bekannt; wie komisch und originell wute er ihre kleinen Eigenheiten und
Gewohnheiten zu beschreiben: die Gste waren ganz bezaubert von seiner
Unterhaltung, und htten ihn bereitwilligst fr den Gescheitesten aller
Menschen erklrt.

Ich verstehe nicht, wie Sie bei soviel Geist und Verstand nicht Mittel
und Wege finden, um sich zu helfen, sagte Tschitschikow.

An den Mitteln fehlt es mir nicht, sagte Chlobujew und rckte sogleich
mit einem ganzen Haufen von Projekten heraus. Aber sie waren alle so
unsinnig, so seltsam, und lieen so sehr jegliche Welt- und
Menschenkenntnis vermissen, da man nur mit den Achseln zucken und sagen
konnte: Herrgott! welch eine unendliche Kluft liegt doch zwischen der
Welt- und Menschenkenntnis und der Fhigkeit, sie auszunutzen! All
seine Plne hatten zur Voraussetzung, da er sich pltzlich hundert-
oder sogar zweihunderttausend Rubel verschaffen knnte. Wenn ihm das
gelnge, dann glaubte er, wrde alles in den rechten Gang kommen, die
Wirtschaft wrde aufblhen, alle Lcher wrden sich verstopfen lassen,
die Einknfte wrden sich vervierfachen, und bald wrde er auch in der
Lage sein, all seine Schulden zu bezahlen. Und er schlo seine Rede mit
folgenden Worten: Aber was soll man machen? Es gibt halt keinen solchen
edlen Mann, der sich entschlieen wrde, mir zweihundert- oder
meinetwegen auch nur hunderttausend Rubel zu leihen. Es ist wohl nicht
Gottes Wille.

Das fehlte noch, da Gott solch einem Narren zweimalhunderttausend
Rubel in den Scho werfen sollte! dachte Tschitschikow.

Ich habe ja freilich noch eine Tante, eine dreifache Millionrin,
sagte Chlobujew, eine sehr fromme alte Dame: fr Kirchen und Klster
hat sie immer was brig, aber wenn's gilt, seinem Nchsten zu helfen,
dann ist sie sehr sprde. Wissen Sie, so eine Tante alten Schlages, es
lohnt sich schon, sie einmal nher anzusehen. Sie hat allein gegen
vierhundert Kanarienvgel, dazu Mpse, Gesellschafterinnen und Bediente,
wie man sie heute garnicht mehr findet. Der jngste ihrer Diener ist
mindestens sechzig Jahre alt, trotzdem sie ihn immer: He Bursche!
ruft. Wenn sich ein Gast nicht so benimmt, wie sie es wnscht, dann lt
sie bei Tisch die Schssel an ihm vorbeigehen, und die Bedienten tun
natrlich, was sie befiehlt. Na, was sagen Sie?

Platonow lchelte.

Und wie ist ihr Familienname? fragte Tschitschikow.

Sie wohnt in unserm Stdtchen und heit Alexandra Iwanowna
Chanassarowa.

Warum wenden Sie sich denn nicht an sie? fragte Platonow teilnehmend.
Ich meine, wenn sie sich in die Lage Ihrer Familie versetzte, knnte
sie es Ihnen garnicht abschlagen.

O nein. Das bringt sie doch fertig. Meine Tante hat eine recht robuste
Natur. Die Alte ist hart wie ein Kieselstein, Platon Michailowitsch!
Auerdem sind aber noch genug andre Leute da, die sich bei ihr
einzuschmeicheln suchen und bestndig um sie herum sind. Da ist sogar
einer, der es auf einen Gouverneursposten abgesehen hat und sich fr
einen Verwandten ausgibt .... Tu mir den Gefallen, sagte er pltzlich
zu Platonow, nchste Woche gebe ich ein Diner, zu dem ich alle
Honoratioren der Stadt einladen will.

Platonow ri die Augen auf. Er wute noch nicht, da es in Ruland -- in
den Residenzen und Provinzstdten -- solche Lebensknstler gibt, deren
Existenz ein unauflsliches Rtsel bildet. So ein Mann hat sein ganzes
Vermgen durchgebracht, steckt bis ber die Ohren in Schulden, wei
nicht, wo er einen Groschen hernehmen soll und gibt dennoch pltzlich
ein groes Diner. Alle Teilnehmer an diesem Fest behaupten, es sei das
letzte, morgen werde der Hausherr in den Schuldturm kommen. Aber siehe
da: es vergehen zehn Jahre -- unser Hexenmeister behauptet nach wie vor
seinen Platz in der Gesellschaft, steckt tiefer in Schulden denn je, und
gibt noch immer Diners, von denen alle Gste glauben, es seien die
letzten, und noch immer ist alles berzeugt, da der Hausherr morgen in
den Schuldturm kommen werde.

Chlobujews Haus in der Stadt war ein hchst seltsames und eigenartiges
Ding. Heute hielt dort ein Priester im Megewande eine Andacht ab,
morgen bten franzsische Schauspieler ein Stck ein. Es gab Tage, wo es
keine Brotkrume im Hause gab, was aber nicht ausschlo, da bald darauf
ein groes Fest stattfand, an dem viele Schauspieler und Knstler
teilnahmen, die in hchst nobler Weise bewirtet und beschenkt wurden.
Dann kamen wieder so trbe Zeiten, da ein anderer sich an Chlobujews
Stelle lngst erhngt oder erschossen htte; aber was ihn immer wieder
rettete, war seine Religiositt, die sich merkwrdigerweise aufs beste
mit seinem liederlichen Lebenswandel vertrug. In solchen Augenblicken
las er die Lebensbeschreibungen von Mrtyrern und Asketen, die ihren
Geist dazu erzogen hatten, alles Unglck mit Gleichmut zu ertragen und
sich darber zu erheben. Dann wurde er ganz weich und gerhrt, und seine
Augen fllten sich mit Trnen. Er fing an zu beten -- und seltsam! --
immer kam ihm von irgend einer Seite eine unerwartete Hilfe; sei es nun,
da sich ein alter Freund an ihn erinnerte und ihm Geld schickte, oder
da irgend eine zufllig vorberreisende unbekannte Dame, die von ihm
gehrt hatte, ihm in einer pltzlichen gromtigen Regung ihres
weiblichen Herzens ein greres Geschenk machte; oder er gewann einen
Proze, von dem er selbst noch nie etwas gehrt hatte. Dann pries er
demtig die unerschpfliche Barmherzigkeit der Vorsehung, lie
Dankgebete abhalten, und begann von neuem sein liederliches Leben.

Er tut mir leid, er tut mir wirklich sehr leid, sagte Platonow zu
Tschitschikow, nachdem sie sich von ihm verabschiedet und ihren Wagen
wieder bestiegen hatten.(9)

Ein verlorener Mensch! versetzte Tschitschikow. Solche Leute sollte
man nicht bedauern.

Bald hatten sie ihn vergessen. Platonow dachte nicht mehr an ihn, weil
ihn die Menschen bei seiner Trgheit und Apathie ebensowenig
interessierten wie die ganze brige Welt. Sein Herz krampfte sich
mitleidig zusammen, wenn er andre Leute leiden sah, aber diese
Empfindungen hinterlieen keine dauernden Eindrcke in seiner Seele.
Schon nach wenigen Augenblicken war Chlobujew vergessen. Platonow dachte
nicht mehr an ihn, weil er kaum an sich selbst dachte. Auch
Tschitschikow hatte Chlobujew vergessen, weil seine Gedanken allen
Ernstes auf sein soeben erworbenes Gut gerichtet waren. Jedenfalls wurde
er jetzt, wo er pltzlich kein blo eingebildeter, sondern leibhaftiger
Besitzer eines keineswegs phantastischen Landgutes geworden war,
nachdenklich, seine Gedanken und Plne wurden ruhiger und gesetzter und
verliehen seinem Gesicht unwillkrlich einen bedeutenden Ausdruck:
Geduld und Arbeit! Das ist keine Hexerei, die habe ich sozusagen mit
der Muttermilch eingesogen. Das ist fr mich nichts neues. Aber werde
ich in meinem Alter auch noch soviel Geduld aufbringen wie in meinen
jungen Jahren? Genug, wie dem auch sein mochte, wie er die Sache auch
ansah, von welcher Seite er sie betrachtete, er berzeugte sich, da er
mit dem Kauf ein gutes Geschft gemacht hatte. Er konnte ja auch eine
Hypothek auf das Gut aufnehmen, nachdem er zuvor das beste Land in
kleine Parzellen geteilt und verkauft hatte. Aber er konnte die Sache
schlielich auch selbst in die Hand nehmen, und ein tchtiger Landwirt
nach der Art Kostanshoglos werden; er durfte sicherlich auf dessen Rat
und Beistand rechnen, jetzt wo er sein Nachbar geworden, und wo er ihm
zu so groem Danke verpflichtet war. Ja, man konnte es auch
folgendermaen machen: man konnte das Land weiter verkaufen
(selbstverstndlich nur dann, wenn man sich selbst nicht mit der
Bewirtschaftung des Gutes befassen wollte) und nur die toten und
flchtigen Bauern behalten. Das htte noch einen andern Vorteil: man
konnte berhaupt ganz vom Schauplatz verschwinden und Kostanshoglo das
von ihm entliehene Geld gar nicht zurckgeben. Ein sonderbarer Gedanke!
Man kann nicht sagen, da _Tschitschikow_ auf diesen Gedanken gekommen
war, er stand vielmehr pltzlich wie von selbst vor ihm, neckte,
verspottete ihn und blinzelte ihn listig an. Ein leichtsinniger,
liederlicher Gedanke! Wer wohl der Schpfer solcher Gedanken ist, die so
pltzlich ber uns kommen? ... Tschitschikow empfand eine groe Freude,
da er Gutsbesitzer geworden war -- kein blo eingebildeter oder
phantastischer, nein ein wirklicher wahrhafter Gutsbesitzer, der ein
_Grundstck_, ein Stck Land und Leibeigene -- keine blo vorgestellten,
nur in der Phantasie existierenden, sondern wirkliche lebendige Arbeiter
besa. Und allmhlich fing er an, auf seinem Platz herumzuhopsen, sich
die Hnde zu reiben und sich selbst zuzublinzeln, er ballte die Hand,
legte sie an den Mund wie eine Trompete und begann einen lustigen Marsch
zu blasen, ja er rief sich sogar ganz laut ein paar aufmunternde Worte
zu, und gab sich Kosenamen wie: mein Schnuzchen, oder mein kleiner
Kapaun! Aber er besann sich gleich darauf, da er ja nicht allein sei,
wurde pltzlich wieder still und suchte den Eindruck zu verwischen, den
der Ausbruch einer ungezgelten Freude auf seinen Nachbar gemacht haben
mochte; und als Platonow, der die ihm zu Ohren gekommenen Tne fr Worte
hielt, welche an ihn gerichtet waren, Tschitschikow ansah und fragte:
Wie meinen Sie? da antwortete jener verlegen: Nichts, garnichts.

Jetzt erst sah er sich um und bemerkte, da sie schon lngst durch eine
herrliche Allee fuhren, eine reizende Mauer aus Birkenstmmen zog sich
zu beiden Seiten den Weg entlang. Die hellen Stmme der Espen und Birken
glnzten wie ein schneeweier Staketenzaun; schlank und leicht hoben sie
sich von dem zarten Grn der kaum entfalteten Bltter ab. Die
Nachtigallen im Gebsch schlugen laut um die Wette. Gelbe Waldtulpen
schimmerten hell auf dem Grase. Tschitschikow konnte sich nicht recht
darber klar werden, wie er pltzlich an diesen herrlichen Fleck gelangt
war, denn noch kurze Zeit vorher hatten sie sich auf offenem Felde
befunden. Zwischen den Bumen hindurch sah man eine weie steinerne
Kirche, und auf der andern Seite hinter der Allee -- ein Gitter. Am Ende
des Weges tauchte jetzt ein Herr auf, der ihnen entgegenzugehen schien:
er trug eine Mtze und einen Knotenstock in der Hand. Ein englischer
Schferhund auf langen dnnen Beinchen lief vor ihm her.

Da ist ja mein Bruder! sagte Platonow, Kutscher, halten Sie doch!
Mit diesen Worten sprang er aus dem Wagen. Tschitschikow folgte seinem
Beispiel. Die Hunde schlossen sofort Freundschaft und beschnupperten
sich gegenseitig. Der mit den dnnen Beinen hie Asor, schnell nherte
er sich seinem Kameraden Jarb und fuhr ihm mit seiner flinken Zunge ber
die Schnauze, dann leckte er Platonow die Hnde und sprang schlielich
an Tschitschikow empor und kte ihn aufs Ohr.

Die Brder umarmten sich.

Aber lieber Platon, was machst du mir fr Geschichten? sagte der
Bruder, und blieb stehen. Sein Name war Wassilij.

Was meinst du? versetzte Platonow phlegmatisch.

Aber ich bitte dich! Drei Tage lang lt du berhaupt nichts von dir
hren. Petuchs Stallknecht hat deinen Hengst mitgebracht. >Er ist mit
einem Herrn weggefahren<, sagt er. Httest du mir doch nur ein Wort
gesagt, wohin, wozu und auf wie lange du verreist bist, lieber Bruder,
wer tut denn nur so was? Gott allein wei, was ich mir all diese Tage
fr Gedanken gemacht habe!

Was soll ich machen? Ich habe es vergessen, versetzte Platonow. Wir
haben Konstantin Fjodorowitsch einen Besuch gemacht; er lt dich
gren; deine Schwester ebenfalls. Pawel Iwanowitsch, darf ich Ihnen
meinen Bruder Wassilij vorstellen. Lieber Wassilij, dies ist Pawel
Iwanowitsch Tschitschikow.

Beide Herrn, die hiermit aufgefordert wurden, sich nher kennen zu
lernen, drckten sich die Hand, nahmen ihre Mtzen ab und kten sich.

Wer mag wohl dieser Tschitschikow sein? dachte Wassilij. Mein Bruder
Platon ist nicht gerade whlerisch in seinen Bekanntschaften. Er
betrachtete Tschitschikow aufmerksam, soweit dies der Anstand zulie,
und berzeugte sich, da dieser, nach seinem uern zu urteilen, ein
sehr respektabler Herr war.

Tschitschikow betrachtete Wassilij seinerseits gleichfalls so
aufmerksam, als dies der Anstand gerade zulie und sah, da der Bruder
etwas kleiner war als Platon; sein Haar war etwas dunkeler und sein
Gesicht lange nicht so hbsch, wie das des Bruders, aber in seinen Zgen
lag viel mehr Leben, Bewegung und Herzensgte. Man sah es ihm gleich an,
da er nicht so schlfrig war wie Platon. Aber hierauf achtete Pawel
Iwanowitsch nur wenig.

Weit du, Wassja, ich habe mich entschlossen, mit Pawel Iwanowitsch
eine kleine Reise durch das heilige Ruland zu machen. Vielleicht werde
ich so meine Melancholie los.

Ja, wie kommst du nur pltzlich auf so etwas? sagte der Bruder
Wassilij ganz erstaunt; er htte beinahe noch hinzugefgt: Und zu
alledem willst du noch mit einem Menschen reisen, den du zum ersten Mal
siehst, der vielleicht ein bler Kerl oder wei Gott was nicht alles
ist. Voller Mitrauen schaute er nach Tschitschikow hin, aber er war
erstaunt ber sein respektables ueres.

Sie traten rechts durchs Tor in einen altertmlichen Hof: auch das Haus
sah recht altertmlich aus; heute werden keine solchen Huser mehr
gebaut: es hatte ein hohes Dach, und berall waren Schutzdcher
angebracht. Zwei gewaltige Linden standen in der Mitte des Hofes und
warfen einen mchtigen Schatten, der fast die Hlfte der ganzen Flche
einnahm. Rings um sie herum standen mehrere Bnke. Blhende
Fliederbsche und Faulbume faten den Hof wie ein Perlenhalsband ein;
eine Mauer friedigte ihn ein, welche ganz unter Blttern und Blten
verschwand. Das Herrenhaus war von allen Seiten geschlossen, nur eine
kleine Tr und ein paar Fenster guckten freundlich unter den sten
hervor. Hinter den schnurgeraden Baumstmmen sah man die Kche, die
Vorratskammern und die Keller. Sie alle befanden sich im Garten. Die
Nachtigallen schlugen laut und erfllten ihn mit ihrem Gesang.
Unwillkrlich zog ein beseeligendes Gefhl des Friedens in das Herz ein.
Alles gemahnte an jene sorglosen Zeiten, wo die Menschen noch friedlich
und gtlich nebeneinander lebten, und wo noch alles schlicht und einfach
herging. Bruder Wassilij lud Tschitschikow ein, Platz zu nehmen, und man
lie sich auf den Bnken unter den Linden nieder.

Ein siebzehnjhriger Bursche in einem hbschen rosafarbenen Hemde
brachte ein Tablett herein und stellte es vor ihnen auf den Tisch. Es
war mit Karaffen voll Fruchtlimonaden der verschiedensten Arten und
Farben besetzt. Hier waren alle Sorten vertreten: die einen waren dick
und zhe wie l, andere moussierten wie Brauselimonaden. Nachdem der
Bursche die Karaffen auf den Tisch gestellt hatte, ergriff er die
Schaufel, die an einem Baume lehnte, und ging in den Garten. Die
Gebrder Platonow hatten wie ihr Schwager Kostanshoglo keine
Dienstboten, sondern eigentlich nur Grtner. Alle Knechte muten der
Reihe nach dieses Amt bernehmen. Bruder Wassilij behauptete immer, die
Dienstboten bildeten keinen besonderen Stand: einem etwas reichen oder
bringen, das knne ein jeder und dazu brauche man sich keine besonderen
Bedienten zu halten; der Russe sei nur solange brav und fleiig, tchtig
und kein Faulpelz, als er Hemd und Bauernkittel trage, sowie er sich
einen deutschen Rock anschaffe, werde er pltzlich plump und
ungeschickt, er fange an zu faulenzen, wechsele sein Hemd nicht mehr,
und gehe berhaupt nicht mehr ins Bad; er liege nur noch in seinem
deutschen Rocke herum und schlafe, bis sich in seinem neuen Kleide
zahllose Scharen von Wanzen und Flhen einnisten. Vielleicht hatte er in
diesem Punkte nicht ganz unrecht. Auf dem Gute der Brder waren die
Bauern ganz besonders vornehm und reich: der Kopfputz der Frauen
schimmerte von Gold, und die rmel ihrer Hemden waren schn gestickt wie
ein trkischer Schal. Unser Haus ist berhmt wegen seiner Limonaden,
sagte Wassilij.

Tschitschikow nahm das erste Flschchen und schenkte sich ein Glas ein:
es schmeckte ganz wie Lindenmeth, den er einst in Polen getrunken hatte:
es moussierte wie Champagner, und die Kohlensure stieg ihm in
angenehmem Bogen aus dem Mund in die Nase. Der reinste Nektar! sagte
er. Er schenkte sich noch ein Glschen aus einer zweiten Karaffe ein --
und siehe da, es schmeckte noch besser.

Das Getrnk aller Getrnke! sagte Tschitschikow. Ich kann wohl sagen,
bei Ihrem verehrten Schwager Konstantin Fjodorowitsch, habe ich den
besten Likr, bei Ihnen dagegen die herrlichste Limonade getrunken, die
ich jemals gekostet habe.

Der _Likr_ kommt ja auch von uns: den hat meine Schwester gemacht. Und
nach welcher Richtung gedenken Sie jetzt zu reisen? Welche Orte wollen
Sie besuchen? fragte Bruder Wassilij.

Ich reise, versetzte Tschitschikow, indem er sich ein wenig auf der
Bank hin und her schaukelte, sich vornber beugte und mit der Hand ber
das Knie strich: ich reise eigentlich nicht so sehr in eigenem
Interesse, wie in dem eines andern. General Betrischtschew, ein guter
Freund von mir, und ich kann wohl sagen mein Wohltter, hat mich
gebeten, einige von seinen Verwandten zu besuchen. Die Sache mit den
Verwandten ist natrlich sehr wichtig, andererseits aber reise ich doch
auch wieder gewissermaen in eigenen Angelegenheiten: denn ganz
abgesehen von der guten Wirkung, die das Reisen auf die Hmorrhoiden
hat, man erweitert seine Weltkenntnis, strzt sich in den Strudel und
Wirbel des Menschenvolkes -- und das ist an und fr sich schon sozusagen
ein lebendiges Buch und auch eine Art Wissenschaft.

Bruder Wassilij wurde nachdenklich. Der gute Mann spricht etwas
geschraubt, es liegt aber doch was Wahres in seinen Worten, dachte er.
Er schwieg eine Weile still und sagte, indem er sich an seinen Bruder
Platon wandte: Weit du, Platon, ich fange an zu glauben, eine Reise
knnte dich wirklich etwas aufrtteln. Du leidest an einer Art geistigen
Schlafkrankheit, du bist einfach eingeschlummert, -- und nicht etwa weil
du bersttigt oder bermdet bist, sondern weil es dir an lebendigen
Empfindungen und Eindrcken fehlt. Mir geht es gerade umgekehrt. Ich
wnschte, ich knnte nicht so stark und lebhaft empfinden und mir die
Dinge nicht so sehr zu Herzen nehmen.

Wozu nimmst du dir auch alles zu Herzen, sagte Platon. Du suchst
selbst nach Grnden oder erfindest dir welche, um dir Sorgen zu machen
und dich unntz aufzuregen.

Man braucht sie doch garnicht zu erfinden, wenn man auf Schritt und
Tritt Unannehmlichkeiten hat, versetzte Wassilij. Hast du gehrt, was
uns Lenitzyn in deiner Abwesenheit fr einen Streich gespielt hat? -- Er
hat das Stck Haideland, auf dem wir Johannisnacht feiern, einfach
annektiert. Erstlich gebe ich dies Stck fr kein Geld her ... Hier
feiern meine Bauern jedes Jahr Johannisnacht, mit diesem Flecke sind
soviel Erinnerungen fr das ganze Gut verbunden; mir ist eine alte Sitte
-- etwas Heiliges, und ich bin bereit jedes Opfer fr sie zu bringen.

Er wird das wohl nicht gewut haben, als er es sich nahm, sagte
Platonow, er ist noch ganz neu hier im Lande, er kommt doch erst eben
aus Petersburg; man mu ihm die Sache klar machen.

Oh er wei alles ganz genau. Ich habe zu ihm geschickt, und es ihm
sagen lassen. Er hat mir nur Grobheiten an den Kopf geworfen.

Du httest eben selbst hinfahren und ihm alles erklren sollen.
Besprich doch die Sache mit ihm selbst.

Nein, danke schn. Er spielt mir zu sehr den groen Herrn. Zu dem fahre
ich nicht hin. Fahr du doch hin, wenn du durchaus willst.

Ich wrde schon fahren, aber du weit ja, ich mische mich nicht in
diese ... Er knnte mich ja _auch_ bers Ohr hauen und betrgen.

Wenn Sie wnschen, so will ich zu ihm hinfahren, sagte Tschitschikow,
erklren Sie mir nur, worum es sich handelt.

Wassilij sah ihn an und dachte: Dem scheint das Reisen groen Spa zu
machen.

Knnen Sie mir nicht ungefhr andeuten, was er fr ein Mensch und was
das fr eine Angelegenheit ist? fuhr Tschitschikow fort.

Es ist mir sehr peinlich, Sie mit einem so unangenehmen Auftrag zu
betrauen. Meiner Ansicht nach ist er ein schlechter Kerl: er gehrt dem
rmeren Adel unserer Provinz an, und hat sich in Petersburg
hinaufgedient, nachdem er die illegitime Tochter irgend eines groen
Herrn geheiratet hat, und spielt jetzt den vornehmen Mann. Er will hier
den Ton angeben. Aber die Leute hierzulande sind auch nicht dumm, sie
kmmern sich den Teufel um die Mode, und Petersburg ist fr sie garnicht
magebend.

Natrlich, sprach Tschitschikow, und worum handelt es sich?

Sehen Sie, er hat ja das Land wirklich ntig, wenn er nicht so
rcksichtslos gewesen wre, htte ich ihm gern an einer andern Stelle
umsonst ein Stck abgetreten ... So aber knnte der hochnsige Mensch
noch glauben ...

Ich bin der Ansicht, es ist besser man sucht sich friedlich zu
verstndigen: vielleicht ist die ganze Affre ... Mit hat schon mancher
seine Sache anvertraut, und noch keiner hat es bereut ... General
Betrischtschew hat mir ja auch ...

Aber es ist mir so peinlich, da Sie meinetwegen mit einem solchen
Menschen reden sollen ...[6]

                   *       *       *       *       *

...(10) Besonders wenn man bercksichtigt, da dies ein Geheimnis war,
sagte Tschitschikow, denn das eigentlich Schdliche hierbei ist nicht
so sehr das Verbrechen wie das rgernis, das damit gegeben wird.

Ja wohl, Sie haben ganz recht, fiel Lenitzyn ein, indem er den Kopf
ganz auf die Seite neigte.

Wie angenehm es doch ist, sich mit einem andern einig zu wissen,
sprach Tschitschikow. Ich habe da auch eine Sache, die man in gewissem
Sinne gesetzlich und ungesetzlich zugleich nennen kann; oberflchlich
betrachtet scheint sie ungesetzlich zu sein, _tatschlich_ steht sie
jedoch keineswegs im Widerspruch mit den Gesetzen. Ich brauche eine
Hypothek, aber ich kann es doch niemandem zumuten, das Risiko auf sich
zu nehmen und zwei Rubel fr die lebendige Seele zu bezahlen. Wenn ich
Pech habe -- und Bankrott mache -- was Gott verhte, -- dann hat der
Besitzer das Nachsehen: da habe ich mich denn entschlossen, mir den
Umstand zunutze zu machen, da es tote und flchtige Bauern gibt, die
noch nicht aus der Revisionsliste gestrichen sind; womit ich zugleich
ein christliches Werk tue und ihrem armen Besitzer die Steuern abnehme,
die er fr sie bezahlen mu. Wir wollen der Formalitt wegen nur einen
Kaufvertrag abschlieen, wie wenn es sich um lebende handelte.

[Funote 6: Hiermit schliet die 96. Seite des Manuskripts, weiter
fehlen zwei Seiten. In der ersten Auflage des zweiten Bandes hat S.
Schewyrew folgende Anmerkung zu dieser Stelle gemacht: Hier ist eine
Lcke im Manuskript, welche wohl die Erzhlung enthielt, wie
Tschitschikow sich aufmachte, um den Gutsbesitzer Lenitzyn zu besuchen.

                                                Anm. des Herausgebers.
                                                                     ]

Hm! Das ist aber eine hchst merkwrdige Geschichte! dachte Lenitzyn
und rckte mit dem Stuhle ein wenig zurck. Diese Sache ist allerdings
derartig .... begann er.

Ein rgernis kann es ja hierbei nicht geben, weil die Sache doch geheim
bleibt, versetzte Tschitschikow; zudem sind wir doch beide
wohlgesinnte und zuverlssige Menschen.

Hm, aber trotzdem, die Sache ist so eigentmlich ..

Ein rgernis kann es nicht geben, entgegnete Tschitschikow offen und
ehrlich. Es ist doch genau so eine Sache wie die, von der wir soeben
gesprochen haben: wir beide sind gutgesinnte, verstndige, reife Leute,
die eine Stellung in der Gesellschaft einnehmen -- und dann bleibt doch
alles geheim. Und whrend er dies sagte, sah er ihm offen und ehrlich
ins Auge.

Obgleich Lenitzyn sehr gewandt, sicher und ein gewiegter Geschftsmann
war, geriet er diesmal ganz aus der Fassung, um so mehr als er sich
durch einen merkwrdigen Zufall gleichsam in seinem eigenen Netze
gefangen hatte. Er war gar keiner schlechten Handlung fhig und wollte
nichts Unrechtes tun, auch nicht im geheimen. Ist das aber eine
sonderbare Geschichte! dachte er: Darnach schliee noch einer
Freundschaft mit einem anstndigen Menschen. Eine schne Geschichte!

Aber das Schicksal und die Verhltnisse schienen Tschitschikow ganz
besonders gnstig zu sein. Wie um beiden aus dieser kritischen Situation
zu helfen, trat pltzlich die junge Hausfrau, Lenitzyns Gattin, ins
Zimmer; sie war bleich, klein und mager, nach Petersburger Mode
gekleidet und hatte eine groe Schwche fr Menschen, die in jeder
Hinsicht korrekt und _comme il faut_ waren. Gleich darauf brachte die
Amme Lenitzyns sein Shnchen auf dem Arme herein, das erste Kind, die
Frucht einer zrtlichen Liebe der jungen Gatten. Tschitschikow sprang
schnell auf, ging gewandt und sicher auf die Hausfrau zu, neigte den
Kopf leicht auf die Seite und bezauberte die Petersburger Dame und nach
ihr auch das Kindchen durch seine Liebenswrdigkeit. Der Knabe fing zwar
zuerst an zu heulen, aber Tschitschikow gelang es schnell, ihn zu
beruhigen: er rief ihm: La, la, la, la mein Herzchen, zu, schnippte mit
den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, das er an der
Uhrkette trug, und brachte das Kind bald so weit, da es sich ruhig auf
den Arm nehmen lie. Dann packte er es, hob es fast bis zur Decke hinauf
und entlockte dem Knaben zur hchsten Freude beider Eltern ein
liebliches Lcheln. Aber war es nun das ungewohnte Vergngen oder hatte
es einen andern Grund, pltzlich passierte dem Kleinen etwas hchst
Peinliches.

Ach Gott, ach Gott! schrie Lenitzyns Gattin auf; er hat Ihnen den
ganzen Frack verdorben!

Tschitschikow warf einen Blick auf sein Kostm; in der Tat: der eine
rmel des neuen Fracks war hin: Da dich doch der Teufel holte, kleiner
Satan! dachte er rgerlich.

Der Herr des Hauses, die Hausfrau und die Amme: alles lief hinaus, um
Klnisches Wasser zu holen: dann kamen sie von allen Seiten angelaufen
und versuchten ihn abzuwischen.

Es macht nichts, es macht nichts, das ist ja eine Kleinigkeit! sagte
Tschitschikow und suchte seinem Gesicht einen mglichst freundlichen
Ausdruck zu verleihen: Ein Kind in diesem goldenen Alter kann einem
doch nichts verderben, wiederholte er, trotzdem aber dachte er sich:
So ein Schelm, da dich doch die Wlfe fren, hat der mich aber schn
zugerichtet, der verdammte kleine Schelm!

Indessen dieser scheinbar so unbedeutende Vorfall hatte den Hausherrn
ganz zu Tschitschikows Gunsten umgestimmt. Wie konnte er einem Gast
etwas abschlagen, der seinen Kleinen in so harmloser Weise unterhalten
und geliebkost, und seine Gte so gromtig mit dem eigenen Frack
bezahlt hatte? Um den Menschen kein schlechtes Beispiel zu geben,
beschlo man die Sache im geheimen zu erledigen, denn nicht sowohl die
Sache selbst, als das rgernis, zu dem sie Anla gab, konnte ja Schaden
stiften.

Doch nun erlauben Sie mir, Ihnen zum Dank fr Ihre Gte auch einen
kleinen Dienst zu leisten. Ich mchte die Vermittlerrolle in Ihrem
Streit mit den Gebrdern Platonow bernehmen. Sie brauchen doch Land?
Nicht wahr?


                          Fnftes Kapitel.[7]

Jedermann sucht sein Schfchen ins Trockene zu bringen. Was mich
zwickt, das zwick' ich wieder, sagt ein russisches Sprichwort.
Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch
seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrnt, und so wanderte
denn whrend dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die
Privatschatulle hinber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste
erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die
Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Mglichen Nutzen zu
ziehen: der eine aus Staatswldern, der andere aus Staatsgeldern, ein
dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden
Schauspielerin, ein vierter -- seine Bauern, um sich Mbel vom Hombs
oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel
Verfhrungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu
wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Blle usw. Es ist
doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum
dasselbe tun, -- und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von
alledem fernhalten! Tschitschikow htte eigentlich schon unterwegs sein
sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der
Stadt noch eine andere Messe erffnet werden: nmlich die fr die
vornehmen Leute.(11) Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh,
Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den
Markt brachten und die von Viehhndlern und Kaufleuten aufgekauft
wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von
den Hndlern an Handelsartikeln fr den Bedarf der vornehmeren Leute
aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen:
alle Ruber und Plnderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit
Pomade, und Franzsinnen mit Hten, die Ruber des mit Schwei, Mhe und
Blut erworbenen Geldes -- diese gyptische Heuschreckenplage, wie
Kostanshoglo sich auszudrcken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur
alles auffrit, sondern auch noch seine Eier zurcklt und sie in die
Erde verscharrt.

[Funote 7: In dem Manuskript trgt dieser Abschnitt keine
Kapitelberschrift; er stammt also aus einem ganz frhen Entwurf, in dem
die Kapiteleinteilung noch nicht durchgefhrt war.

                                                      Der Herausgeber.
                                                                     ]

Nur die Miernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurck. Dafr machten
die Beamten, die ja unter keinen Miernten leiden, ihren Beutel um so
weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre
Kpfe noch voll von allerhand Bchern, die in der letzten Zeit in der
Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedrfnisse
einzupflanzen, und nun _drsteten_ sie frmlich nach neuen Genssen. Ein
Franzose erffnete ein neues Lokal, einen ffentlichen Garten, wie man
ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders
billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hlfte auf
Kredit. Dies gengte, da nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst
alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer
Klienten rechneten, dorthin strmten. Auch wnschte man seine Pferde und
seinen Kutscher ffentlich sehen zu lassen. Hier flo alles zusammen,
hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergngen und zu
zerstreuen ... Trotz des scheulichen Wetters und dem Kot auf den
Straen flogen berall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen,
das wei Gott allein, aber sicherlich htten sie sich auch in Petersburg
ruhig sehen lassen knnen. Die Kaufleute und Kommis lfteten leicht ihre
Mtzen und sprachen die vorbergehenden Damen hflich an. Nur hie und da
sah man Mnner mit langen Brten und ballonartigen Pelzmtzen. Alles
hatte einen europischen Anstrich; berall begegnete man Herren mit
schnrasierten Gesichtern und ... hohlen Zhnen.

Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick
in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr! hrte man hie und da kleine
Jungen schreien.

Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem
europischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung fr sie;
nur ganz selten setzte einer eine wrdige Miene auf und machte ... Pst;
dort wieder hrte man jemand rufen: Hier gibt's Stoffe, helle, dunkle,
bunte usw.

Haben Sie einen glnzenden preielbeerfarbenen Stoff fr einen
Herrenanzug? fragte Tschitschikow.

Die schnsten Stoffe, versetzte der Kaufmann, whrend er mit der einen
Hand die Mtze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete.
Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des
Ladentisches in die Hhe und stand gleich darauf auf der andern Seite,
mit dem Rcken zu den Stoffen, die in Rollen bereinander aufgeschichtet
waren und die ganze Wand vom Fuboden bis zur Decke einnahmen. Das
Gesicht dem Kufer zugewandt, sttzte er sich mit beiden Hnden auf den
Tisch und sagte, indem er seinen Oberkrper leicht hin- und herwiegte:
Was fr einen Stoff wnschen Sie?

Einen glnzenden Stoff, olivengrn oder flaschengrn, etwas was dem
Preielbeerrot nahekommt, versetzte Tschitschikow.

Ich darf Ihnen versichern, da ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen
werde. Sie knnen hchstens in den zivilisiertesten Hauptstdten Europas
etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34
herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer ber deine
Sphre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das
ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen! Und der Kaufmann rollte den Stoff
auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, soda dieser den
seidenen Glanz nicht blo fhlen, sondern auch riechen konnte.

Ganz schn, aber das ist nicht das, was ich haben will, sagte
Tschitschikow. Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas
Erstklassiges, das Beste, was es berhaupt gibt, und dann mu der Stoff
mehr rtlich, weniger flaschengrn und mehr preielbeerfarben sein.

Ich verstehe: Sie wollen genau die Farbe, die gerade modern zu werden
beginnt. Da habe ich einen ganz vorzglichen Stoff. Ich mache Sie
freilich darauf aufmerksam, da er sehr teuer ist, dafr ist er aber
auch von allererster Qualitt.

Der Europer kletterte hinauf. Wieder fiel ein Ballen auf den Tisch. Er
rollte ihn mit einer Gewandtheit auf, wie man sie nur in der guten alten
Zeit hatte, und verga dabei ganz, da er schon einem spteren
Geschlechte angehrte. Dann kam er hinter dem Tisch hervor, hielt den
Stoff ans Licht, indem er mit den Augen blinzelte und sagte: Eine
wunderbare Farbe! Navarinoscher[8] Rauch mit Feuerglanz!

Der Stoff fand Tschitschikows Beifall; man einigte sich ber den Preis,
obwohl dieser prifix (_prix-fix_) war, wie der Kaufmann behauptete. Dann
spannte er ihn geschickt zwischen beiden Hnden, und wickelte ihn
hierauf nach echt russischer Art, d. h. mit unglaublicher Schnelligkeit
in ein Stck Papier. Hierauf drehte und wendete er das Paket noch ein
paar Mal hin und her, indem er einen dnnen Bindfaden herumlegte, und es
mit einem energischen Knoten verschnrte. Eine Schere schnitt den
Bindfaden durch, und in demselben Augenblick lag alles in dem
bereitstehenden Wagen. Der Kaufmann lftete den Hut und grte. Es hatte
seine guten Grnde, warum der Kaufmann den Hut abnahm: das war eine
Anspielung, da der Kufer sofort zahlen solle.(12)

Haben Sie dunkles Tuch? hrte man jetzt eine Stimme sagen.

Teufel! das ist Chlobujew, sagte Tschitschikow leise zu sich selber
und drehte jenem den Rcken zu; er wollte nicht, da Chlobujew ihn sehe,
denn er hielt es fr unklug, sich mit ihm in Verhandlungen ber die
Erbschaft einzulassen. Aber jener hatte ihn schon gesehen und erkannt.

[Funote 8: Gemeint ist die Farbe des Rauches der Navarinoschen
Seeschlacht.]

Wie? Pawel Iwanowitsch, Sie gehen mir doch nicht etwa absichtlich aus
dem Wege? Ich kann Sie nirgends finden, und doch liegen die Verhltnisse
so, da ich ernstlich mit Ihnen reden mu.

Verehrtester, Verehrtester! sagte Tschitschikow, indem er ihm beide
Hnde drckte; glauben Sie mir, ich habe es mir schon selbst so oft
vorgenommen, mit Ihnen zu sprechen, aber ich hatte leider nie Zeit!
Tatschlich aber dachte er: Wenn dich doch der Teufel holte! Pltzlich
jedoch erblickte er den eben eintretenden Murasow. Herrgott! Afanassij
Wassiljewitsch! Wie befinden Sie sich?

Und Sie? sagte Murasow, indem er den Hut abnahm. Auch der Kaufmann und
Chlobujew nahmen ihre Mtzen ab.

Ich habe immer Kreuzschmerzen, auch der Schlaf lt zu wnschen brig.
Vielleicht weil ich mir zu wenig Bewegung mache!

Aber statt nher auf Tschitschikows Klagen und den Grund seiner
Schmerzen einzugehen, wandte sich Murasow an Chlobujew: Ich sah Sie in
den Laden treten, Ssemjon Ssemjonowitsch, und da bin ich Ihnen
nachgegangen. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen, knnen Sie mir
nicht einen Besuch machen? Aber natrlich, natrlich! versetzte
Chlobujew eilig, und beide gingen hinaus.

Was mgen sie wohl miteinander zu reden haben? dachte Tschitschikow.

Afanassij Wassiljewitsch -- ist ein sehr wrdiger und kluger Mann,
sagte der Kaufmann; er ist auerordentlich tchtig in seinem Fach, aber
er hat keine Bildung. Ein Kaufmann ist doch sozusagen Negotiant und
nicht blo Kaufmann. Damit sind aber doch gewissermaen auch allerhand
Budgets und Reaktionen verbunden, sonst sind wir dem Pauperismus
verfallen. Tschitschikow zuckte die Achseln.

Pawel Iwanowitsch, ich suche Sie berall! rief pltzlich eine Stimme.
Es war Lenitzyn. Der Kaufmann nahm ehrfrchtig den Hut ab.

Sie? Fjodor Fjodorowitsch?

Um Gottes willen, kommen Sie, lassen Sie uns schnell zu mir nach Hause
fahren, ich mu mit Ihnen sprechen, sagte jener. Tschitschikow sah ihn
an -- er sah ganz bleich aus und seine Gesichtszge waren entstellt.
Tschitschikow bezahlte und verlie den Laden.

Ich warte auf Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch, sagte Murasow, als er
Chlobujew eintreten sah. Bitte kommen Sie doch zu mir ins Zimmer! Und
er geleitete Chlobujew in die Stube, die der Leser schon kennen gelernt
hat. Selbst bei einem Beamten, der jhrlich nur siebenhundert Rubel
Gehalt bezieht, htte man kein unansehnlicheres, schlichter
ausgestattetes Zimmer finden knnen.

Sagen Sie, ich nehme an, da sich Ihre Verhltnisse gebessert haben?
Ihre Tante hat Ihnen doch sicher etwas hinterlassen.

Was soll ich sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich wei wirklich nicht,
ob sich meine Verhltnisse gebessert haben. Ich habe blo fnfzigtausend
Bauern und dreiigtausend Rubel bar erhalten; damit mute ich einen Teil
meiner Schulden bezahlen -- und jetzt sitze ich wieder da und habe
nichts. Was aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit dieser Erbschaft
ist nicht einmal ganz sauber. Es sind da allerhand Gaunereien und
Betrgereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! Ich will es Ihnen
gleich erzhlen, Sie werden staunen, was alles in der Welt vorkommt.
Dieser Tschitschikow ...

Erlauben Sie mal, Ssemjon Ssemjonowitsch; ehe wir von diesem
Tschitschikow reden, wollen wir erst einmal von Ihnen selbst sprechen.
Sagen Sie mal! wieviel Geld wrde Ihrer Meinung nach erforderlich sein,
um Ihre Glubiger zu befriedigen; wieviel brauchen Sie, um wieder in
geordnete Verhltnisse zu kommen?

Meine Verhltnisse sind sehr schlecht, versetzte Chlobujew. Um da
herauszukommen, alle Schulden zu bezahlen und ein bescheidenes Auskommen
zu haben, dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel, wenn nicht
noch mehr! Mit einem Wort: das ist einfach unmglich.

Nun, und wenn Sie dies alles htten, wie wrden Sie dann Ihr Leben
einrichten?

Oh, dann wrde ich mir eine kleine Wohnung mieten und mich ganz der
Erziehung meiner Kinder widmen. An mich selbst darf ich gar nicht mehr
denken. Mit meiner Karriere ist es zu Ende; in den Staatsdienst kann ich
doch nicht mehr eintreten: ich tauge ja doch zu nichts mehr!

Das bliebe doch ein miges Leben, und Sie wissen, Miggang ist aller
Laster Anfang, da nahen sich einem allerhand Versuchungen, an die ein
fleiiger und ttiger Mensch garnicht einmal denkt.

Ich kann halt nicht mehr, ich tauge zu nichts mehr! ich bin schon zu
stumpf und apathisch, um etwas anzufangen. Zu alledem leide ich noch an
Kreuzschmerzen.

Aber wie kann man nur ohne Arbeit leben? Wie knnen Sie es blo auf der
Welt aushalten ohne ein Amt und eine Ttigkeit? Ich bitte Sie! Blicken
Sie doch um sich! Jedes Wesen auf Gottes Erde erfllt eine gewisse
Bestimmung und hat seine Funktion. Selbst der Stein ist nur dazu da,
damit ihn jemand gebraucht oder bei einem ntzlichen Werke verwendet,
und der Mensch, das klgste, vernnftigste aller Geschpfe sollte sein
Leben tatenlos hinbringen -- das ist doch unmglich.

So ganz ohne Ttigkeit bin ich doch auch nicht. Ich kann mich doch mit
der Erziehung meiner Kinder beschftigen.

Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch! Nein. Das ist das allerschwerste. Wie
soll _der_ Kinder erziehen, der es nicht einmal verstanden hat, sich
selbst zu erziehen, Kinder kann man doch nur durch sein eigenes Beispiel
erziehen, indem man ihnen das Leben _vorlebt_. Und sagen Sie ehrlich,
kann _Ihr_ Leben ihnen zum Vorbild dienen? Von Ihnen knnten sie
schlielich doch nur lernen, wie man die Zeit mig hinbringt, oder sie
mit Kartenspiel totschlgt. Nein, Ssemjon Ssemjonowitsch, lassen Sie
lieber _mich_ Ihre Kinder erziehen. Sie werden sie nur verderben.
berlegen Sie sich doch die Sache einmal recht ordentlich. Was Sie zu
Grunde gerichtet hat, das ist der Miggang -- daher mssen Sie _ihn_
vor allem meiden. Ein Mensch kann doch nicht ohne allen Halt im Leben
sein. Er mu doch irgendwelche Pflichten haben. Selbst der Tagelhner
hat seinen Beruf. Er hat zwar nur ein krgliches Einkommen, aber er mu
es sich selbst verdienen, und daher hat er auch ein Interesse an seiner
Ttigkeit.

Bei Gott, Afanassij Wassiljewitsch! Ich habe es versucht, ich habe mir
redliche Mhe gegeben! Was soll ich machen? Ich bin schon zu alt, jetzt
bin ich nicht mehr fhig, etwas Neues zu unternehmen. Sagen Sie doch
nur: was soll ich denn anfangen? Ich kann doch nicht in den Staatsdienst
treten? Oder soll ich mich etwa noch mit fnfundvierzig Jahren neben
einen jungen Anfnger ins Bureau, hinter den Tisch setzen? Und dann bin
ich unfhig, Geschenke anzunehmen -- -- ich werde mir selber nur schaden
und andern im Wege sein. Auerdem haben sich unter den Beamten auch
schon Kasten gebildet. Nein, Afanassij Wassiljewitsch, ich hab's mir
schon berlegt, ich hab's versucht und darber nachgedacht, was ich wohl
fr eine Stellung annehmen knnte -- nein ich tauge nicht dazu. Ich
passe hchstens noch ins Armenhaus.

Das Armenhaus ist fr _die_ da, die im Leben etwas geleistet und
gearbeitet haben; _die_ dagegen, die sich amsiert haben, solange sie
jung waren, bekommen zur Antwort, was die Ameise zum Grashpfer sagte:
>Geh, tanze weiter!< Aber auch im Armenhaus wird gearbeitet, auch da mu
man sich ntzlich machen; dort spielt man nicht etwa Whist, Ssemjon
Ssemjonowitsch, fuhr Murasow fort, indem er Chlobujew fest ins Gesicht
sah, Sie betrgen sich nur selbst und mich dazu.

Murasow sah ihm ernst und lange ins Gesicht, aber der arme Chlobujew
vermochte nichts zu antworten, und er fing an, Murasow leid zu tun.(13)

Hren Sie, Ssemjon Ssemjonowitsch ... Sie beten doch, Sie gehen in die
Kirche und lassen keine Frhmesse und keinen Abendgottesdienst aus.
Trotzdem es Ihnen schwer wird, stehen Sie ganz frh auf und gehen --
gehen um vier Uhr morgens in die Kirche, wo noch alles in tiefem Schlafe
liegt.

Das ist etwas andres -- Afanassij Wassiljewitsch. Hier wei ich, da
ich das nicht um der Menschen willen, sondern um _Dessen_ willen tue,
der uns alle in dieses Leben gesandt hat. Was soll ich machen! Ich
glaube, da Er mir gndig sein wird, da Er mir verzeihen und mich in
Gnaden aufnehmen wird, so hlich und schlecht ich auch bin, whrend
mich die Menschen mit dem Fue fortstoen und meine besten Freunde mich
verraten und nachher noch sagen werden, sie htten es in der besten
Absicht getan.

Ein bitteres Gefhl spiegelte sich in Chlobujews Gesicht. Dem alten
Herrn traten die Trnen in die Augen ...

Dann dienen Sie doch wenigstens _Dem_, Der allen Wesen so gndig ist.
Er freut sich ebenso sehr ber die Arbeit, wie ber ein Gebet. Suchen
Sie sich irgend eine Beschftigung, ganz gleich was fr eine, wenn es
nur eine _Beschftigung_ ist. Arbeiten Sie, als ob Sie es fr _Ihn_ und
nicht fr die Menschen tten. Schpfen Sie meinetwegen Wasser in einem
Sieb, aber denken Sie, da Sie es um Seinetwillen tun. Schon das wre
ein Vorteil, Sie wrden wenigstens keine Zeit und Gelegenheit finden,
was Schlechtes zu tun: Ihr Geld zu verspielen, zu schmausen und zu
schlemmen, unmig zu leben und den oberflchlichen weltlichen Genssen
nachzugehen. Ach Ssemjon Ssemjonowitsch. Kennen Sie Iwan Potapowitsch?

Jawohl. Ich kenne und schtze ihn sehr hoch!

Das war doch wirklich ein tchtiger Kaufmann: er hatte ber eine halbe
Million; wie er aber sah, da ihm alles zum Vorteil ausschlgt -- da
wurde er unmig und lie sich gehen. Er lie seinem Sohn franzsischen
Unterricht geben und verheiratete seine Tochter an einen General. Von da
ab sah man ihn nicht mehr im Laden oder in der Brsenstrae; wenn er
einen Freund auf der Strae traf, dann schleppte er ihn gleich mit ins
Gasthaus, um mit ihm Tee zu trinken. Da konnte er tagelang bei seinem
Tee sitzen. Der Erfolg war natrlich, da er Bankrott machte. Zu alledem
hatte er noch Unglck mit seinem Sohn ... Sehen Sie, jetzt dient er bei
mir als Kommis. Er hat ganz von Anfang angefangen. Seine Verhltnisse
haben sich gebessert. Er knnte sich ganz leicht wieder eine halbe
Million verdienen. Aber nun _will_ er nicht mehr. >Jetzt bin ich halt
Kommis, und als Kommis will ich auch sterben. Nun bin ich frisch und
gesund geworden,< sagte er, >damals aber hatte ich einen dicken Bauch
und die beginnende Wassersucht ... Nein ich danke,< sagte er. Tee nimmt
er berhaupt nicht mehr in den Mund. Kohlsuppe und Brei, das ist seine
ganze Nahrung. Jawohl! Und so fromm ist er geworden, wie keiner von uns,
und er tut soviel Gutes fr die Armen, wie selten einer; mancher andere
wrde auch gerne helfen, wenn er nicht sein ganzes Vermgen
durchgebracht htte.

Der arme Chlobujew war nachdenklich geworden. Der Alte ergriff seine
beiden Hnde: Ssemjon Ssemjonowitsch! Wenn Sie wten, wie leid Sie mir
tun! Ich habe die ganze Zeit ber an Sie gedacht. Hren Sie, Sie wissen
doch, da in unserem Kloster ein Eremit lebt, der nie einen Menschen
sieht. Das ist ein Mann von groem Verstande, oh, von einem solchen
Verstande, ich kann's gar nicht sagen. Er sagt auch nie ein Wort. Aber
_wenn_ er einmal einen Rat erteilt ... Ich erzhlte ihm einmal, ich habe
einen kranken Freund, den Namen nannte ich ihm nicht ... Er hrte mich
ruhig an und unterbrach mich dann pltzlich mit folgenden Worten:
>Gottes Sache vor allem. Da baut man Kirchen und es ist kein Geld da:
man mu Geld fr den Kirchenbau sammeln!< Und damit schlug er die Tre
zu. Ich dachte lange nach, was das wohl bedeuten knne >Offenbar will er
mir keinen Rat erteilen<, sagte ich mir. Und so ging ich denn zu unserm
Archimandriten. Kaum hatte ich sein Zimmer betreten, so fragt er mich
schon, ob ich nicht einen Menschen kenne, den man beauftragen knne,
Geld fr den Bau einer Kirche zu sammeln, es mte aber ein Mann aus dem
Adels- oder aus dem Kaufmannsstande sein, der eine bessere Erziehung
genossen habe und sich der Sache annehmen wolle, als ob sein ganzes Heil
davon abhnge? Ich blieb ganz bestrzt stehen. Gott im Himmel. Das ist
ja das Amt, das der Mnch Ssemjon Ssemjonowitsch bertragen will. Das
Wandern wre ja sehr gut gegen seine Krankheit. Wenn er mit seinem Buche
vom Gutsbesitzer zum Bauern und vom Bauern zum Brger gehen wird, wird
er sehen, wie die Menschen leben und was ein jeder fr Bedrfnisse hat.
Wenn er dann wiederkommt, nachdem er mehrere Provinzen durchwandert hat,
wird er Land und Leute besser kennen, als alle Stadtbewohner. Und solche
Menschen brauchen wir ja gerade! Der Frst hat mir erklrt, er gbe viel
dafr, wenn er solch einen Beamten finden knnte, der die Verhltnisse
nicht aus den Bchern und Akten, sondern _tatschlich_ kennt, so wie sie
in Wirklichkeit sind, denn aus den Akten kann man, wie man sagt,
berhaupt nichts mehr erfahren: so verwickelt seien die Dinge.

Sie haben mich ganz verwirrt und ratlos gemacht, Afanassij
Wassiljewitsch, sagte Chlobujew, indem er Murasow erstaunt anblickte.
Ich kann nicht einmal glauben, da Sie das zu _mir_ sagen: dazu bedarf
man eines unermdlichen, tatkrftigen Menschen. Und dann kann ich doch
nicht Frau und Kinder verlassen, die ja nicht einmal was zu essen
haben?

Um Frau und Kinder brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Fr die will ich
schon Sorge tragen, und an Lehrern soll es den Kindern nicht fehlen. Es
ist doch besser und anstndiger, Geld und milde Gaben fr ein
gottgeflliges Werk zu sammeln, als mit dem Felleisen herumzugehen und
zu betteln. Ich gebe Ihnen einen einfachen Wagen, Sie brauchen aber
keine Angst zu haben, da er Sie zu sehr durchrtteln wird: das wird
Ihnen nur gut tun, das ist ganz gesund. Und dann gebe ich Ihnen noch
etwas Geld auf den Weg, damit Sie auf Ihrer Reise denen etwas geben
knnen, die am meisten Not leiden. Sie werden auf diese Weise manch
gutes Werk tun knnen: Sie werden schon keine Fehler machen und wirklich
nur _denen_ geben, die es wert sind. Wenn Sie so das Land bereisen,
werden Sie die Menschen tatschlich kennen lernen ... und es wird Ihnen
nicht so gehen, wie irgend einem Beamten, vor dem alle Angst haben ...
Mit Ihnen wird jeder gern sprechen wollen, weil er wei, da Sie Geld
fr die _Kirche_ sammeln.

Ich sehe in der Tat, da dies ein vortrefflicher Gedanke ist, und ich
wnschte mir wirklich, ich knnte auch nur einen kleinen Teil davon
ausfhren; aber ich frchte, es bersteigt meine Krfte!

Ja, was bersteigt denn unsere Krfte nicht? versetzte Murasow. Es
gibt doch gar nichts, wozu unsere Krfte ausreichen; alles geht ber
unsere Kraft. Ohne Hilfe von oben kann uns berhaupt nichts gelingen.
Aber das Gebet gibt uns Kraft. Der Mensch schlgt ein Kreuz, sagt: >Gott
hilf!< rudert und erreicht schlielich doch das Ufer. Darber brauchte
man nicht erst lange zu grbeln. So etwas mu man einfach als eine
gttliche Mission auffassen. Der Wagen steht schon bereit fr Sie;
laufen Sie jetzt schnell zum Archimandriten, holen Sie sich das Buch,
bitten Sie ihn um seinen Segen und dann machen Sie sich auf den Weg.

Nun gut, ich gehorche Ihnen und nehme es als einen Wink von oben. --
Gott sei mir gndig! sagte er zu sich selbst und fhlte pltzlich, wie
Mut und Kraft sein Herz durchfluteten. Es war fast, als ob sein Geist
aus einem tiefen Schlafe erwachte, beseelt von der Hoffnung auf einen
Ausweg aus seiner traurigen und verzweifelten Lage. Ein Lichtschimmer
blitzte in der Ferne auf ...

Doch verlassen wir Chlobujew und wenden wir uns wieder zu
Tschitschikow.(14)

                   *       *       *       *       *

Unterdessen wurden bei den Gerichten immer neue Klagen eingereicht. Es
tauchten pltzlich Verwandte auf, von denen niemand je etwas gehrt
hatte. Wie die Geier auf das Aas, so strzte sich alles auf das
ungeheuere Vermgen, das die Alte hinterlassen hatte: es regnete nur so
von Denunziationen, man beschuldigte Tschitschikow und behauptete, das
letzte Testament sei geflscht, genau ebenso wie das erste; man brachte
Beweise vor, da er grere Geldsummen gestohlen und unterschlagen habe.
Ja, man beschuldigte ihn sogar, tote Seelen gekauft und whrend seiner
Dienstzeit im Zollamt zollpflichtiges Gut ber die Grenze geschmuggelt
zu haben. Alle alten Geschichten wurden ausgegraben, seine ganze
Vergangenheit wurde wieder ans Licht gezogen. Gott allein wei, wie man
das alles herausgeschnffelt und in Erfahrung gebracht hatte, jedenfalls
waren pltzlich schwer belastende Dinge ans Licht gekommen, von denen
Tschitschikow glaubte, niemand auer ihm und den vier Wnden, innerhalb
deren er lebte, knne davon Kenntnis haben. Einstweilen war dies alles
noch ein gerichtliches Geheimnis, noch war es ihm selbst nicht zu Ohren
gekommen, obwohl ein vertrauliches Schreiben seines Rechtsanwaltes, da
ihm bald zugestellt wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, da die Sache
bald losgehen msse. Der Brief war nur ganz kurz: Ich beeile mich,
Ihnen mitzuteilen, da uns in Ihrer Sache mancherlei Scherereien
bevorstehen, aber lassen Sie sich einen guten Rat geben: regen Sie sich
nicht unntz auf. Die Hauptsache ist jetzt -- Ruhe. Wir wollen die Sache
schon wieder einrenken. Dieser Brief beruhigte ihn vollkommen. Ein
Genie! sagte Tschitschikow. Um seine glckliche Stimmung zu
vervollstndigen, brachte ihm in diesem Augenblick der Schneider auch
noch den neuen Anzug. Eine unbndige Lust packte ihn, sich selbst in dem
neuen Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz zu sehen. Er zog
die Beinkleider an, die ihm berall so vorzglich saen, da man ihn
ruhig htte abkonterfeien drfen. Die Hosen lagen ganz eng an und lieen
seine prachtvollen Lenden und die vollen Waden sehen; der Stoff
schmiegte sich so glatt an, und lie alle feinsten Einzelheiten
erkennen, was ihnen eine noch grere Biegsamkeit und Elastizitt
verlieh. Als er hinten die Hosenschnalle anzog, da glich sein Bauch
einer Trommel. Er schlug mit der Brste darauf und sagte: So ein
Trottel! Und _doch_, im ganzen genommen, wirkt er hchst malerisch. Der
Frack schien noch besser genht zu sein, als die Hosen: da gab es auch
nicht ein Fltchen, im Rcken sa er vorzglich, die Taille war schn
geschwungen und lie die ganze Statur genau hervortreten. Auf
Tschitschikows Bemerkung, der rechte rmel drcke ihn etwas unter der
Achselhhle, antwortete der Schneider blo mit einem Lcheln: darum sa
er auch um so besser in der Taille. Sie knnen ganz ruhig sein, Sie
knnen ganz ruhig sein, was die Arbeit angeht, wiederholte er mit
unverhohlener Freude: So einen Frack bekommen Sie berhaupt nicht
wieder auer etwa in Petersburg. Der Schneider stammte selbst aus
Petersburg, und auf seinem Schilde stand zu lesen: _Ein Auslnder aus
London und Paris_. Er liebte es nicht zu spaen und wollte mit den
beiden Stdten ein fr allemal allen andern Schneidern den Mund stopfen,
damit in Zukunft keiner seinen Kunden mehr mit einer dieser Stdte
kommen sollte. Mochte er doch irgend ein Karlseruh oder Kopenhaga
auf sein Schild setzen.

Tschitschikow bezahlte den Schneider in nobelster Weise und begann sich,
nachdem er allein geblieben war, aufmerksam im Spiegel zu betrachten:
und zwar ganz wie ein Knstler, d. h. nach sthetischen Gesichtspunkten
und gewissermaen _con amore_. Es stellte sich heraus, da alles noch
weit schner war, als frher: seine Wangen waren noch interessanter,
sein Kinn noch anziehender geworden; der weie Kragen pate vorzglich
zur Farbe der Wangen, die blaue Atlaskrawatte lie den Kragen noch
weier erscheinen und das modern gefaltete Vorhemdchen verlieh der
Krawatte einen besonderen Farbenton, die nobele Sammetweste bildete
einen ausgezeichneten Fond fr das Vorhemdchen und der Frack von
Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz leuchtete wie Seide und
vervollstndigte noch die Harmonie des Ganzen. Er drehte sich rechts --
und siehe, alles war vortrefflich; er drehte sich links -- und es war
noch besser! Er hatte die Figur eines Kammerherrn oder eines vornehmen
Mannes, der flieend franzsisch parliert und, selbst wenn er wtend
wird, es nicht wagt, ein russisches Schimpfwort zu gebrauchen, sondern
sich aus Zartgefhl auch hierbei noch der franzsischen Sprache bedient.
Hierauf neigte er seinen Kopf ein wenig auf die Seite und versuchte es,
eine Pose anzunehmen, als sprche er mit einer Dame in mittleren Jahren,
von modernster und exquisitester Bildung; das war einfach ein Tableau,
etwas fr einen Knstler: rein zum Malen! Zu seinem Plsier machte er
noch einen leichten Luftsprung: etwas wie ein Entrechat, soda die
Kommode erzitterte und ein Flschchen mit Klnischem Wasser
herunterfiel; aber das strte ihn nicht im mindesten. Er nannte das
Flschchen, wie es sich gehrte, ein albernes Ding, und dachte: Zu wem
soll ich jetzt zu allererst hingehen? Am besten, ich gehe ... Da ertnt
pltzlich im Flur etwas wie Sporengeklirr, und in der Tre erscheint ein
Gendarm: bis an die Zhne bewaffnet, als wollte er ein ganzes Heer
reprsentieren, und sagt: Sie haben sich sofort beim Generalgouverneur
zu melden! Tschitschikow war ganz starr vor Schrecken. Vor ihm stand
ein Schreckbild mit einem mchtigen Schnauzbart, einem wallenden
Pferdeschweif, der ihm vom Kopfe herabfiel, eine Schrpe ber der
_rechten_ und eine Schrpe ber der _linken_ Schulter und einen
gewaltigen Pallasch an der Seite. Ja, es schien ihm, als ob er an der
andern Seite noch ein Gewehr und wei der Teufel was sonst noch alles
hngen hatte: eine ganze Armee in einer Person! Er wollte etwas
einwenden, aber die Schreckensgestalt antwortete grob: Sie haben sofort
mitzukommen! Hinter der Vorzimmertr sah er noch eine andre hnliche
Schreckensgestalt auftauchten; er warf einen Blick durchs Fenster: auf
der Strae vor seinem Hause hielt eine Equipage. Was war da zu machen?
Er mute sich dazu bequemen, und ganz so wie er da war, in seinem Frack
von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz im Wagen Platz nehmen.
Zitternd und zhneklappernd machte er sich auf den Weg und fuhr,
begleitet von dem Gendarm direkt zum Generalgouverneur.

Im Vorzimmer lie man ihm gar nicht erst Zeit sich zu sammeln. Treten
Sie ein, der Frst erwartet Sie schon! sagte der diensthabende Beamte.
Wie durch einen leichten Nebel sah er das Vorzimmer, voller Kuriere, die
allerhand Pakete in Empfang nahmen, und hierauf einen Saal, den er
durchschreiten mute, und er dachte: Wie? Wenn sie mich nun pltzlich
ergreifen, und ohne gerichtliche Untersuchung und ohne alle Formalitten
einfach nach Sibirien befrdern! Sein Herz fing heftig an zu klopfen,
weit heftiger als bei dem eiferschtigsten Liebhaber. Endlich tat sich
die verhngnisvolle Tr auf: vor ihm lag ein Zimmer mit zahlreichen
Schrnken und Tischen, die mit Bchern und Portefeuilles bedeckt waren:
der Frst stand vor ihm, schrecklich in seinem Zorn wie der
personifizierte Rachegott.

Alleszermalmer! dachte Tschitschikow, er wird mich zerreien, wie der
Wolf das Lamm!

Ich habe Sie geschont, ich habe Ihnen erlaubt, in der Stadt zu bleiben,
whrend Sie eigentlich ins Zuchthaus gehrten; Sie aber haben sich von
neuem durch den gemeinsten Schurkenstreich befleckt, mit dem sich jemals
ein Mensch beschmutzt hat! Die Lippen des Frsten bebten vor Zorn.

Was ist das fr ein gemeiner Schurkenstreich, Durchlaucht? sagte
Tschitschikow, der am ganzen Leibe zitterte.

Die Frau, sagte der Frst, indem er nher auf ihn zuging und
Tschitschikow gerade in die Augen blickte: die Frau, die das Testament
auf Ihr Gehei unterschrieben hat, ist verhaftet worden, und wird Ihnen
gegenbergestellt werden.

Tschitschikow wurde es dunkel vor den Augen.

Durchlaucht! Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen. Ich bin schuldig,
ja ich bin schuldig; aber nicht so schuldig, wie Sie glauben, meine
Feinde haben mich verleumdet.

Sie _kann_ niemand verleumden, denn in Ihnen steckt unendlich viel mehr
Gemeinheit und Niedertracht, als der schlimmste Lgner ersinnen kann.
Ich glaube, Sie haben in Ihrem ganzen Leben keine ehrliche Tat
vollbracht. Jede Kopeke, die Sie besitzen, ist erschwindelt und
ergaunert. Es gibt eine Art von Raub und Verbrechen, auf die die Knute
und Sibirien stehen! Nein, Ihr Ma ist voll! Du wirst sofort ins
Gefngnis abgefhrt werden; dort magst du zusammen mit den gemeinsten
Schurken und Rubern auf die Entscheidung deines Schicksals warten. Und
das kannst du als Gnade ansehen, denn du bist noch weit schlimmer als
sie: sie sind einfache Leute, in Pelz und Kittel, du dagegen ... Er
warf einen Blick auf den Frack von Navarinoscher Rauchfarbe mit
Feuerglanz, ergriff die Glockenschnur und klingelte.

Durchlaucht! schrie Tschitschikow, haben Sie Erbarmen! Sie sind doch
auch Familienvater. Ich flehe Sie um Gnade an: nicht fr mich, fr meine
alte Mutter!

Du lgst! rief der Frst zornig. Genau so hast du damals fr deine
Kinder und deine Familie, die du nie besessen hast, um Gnade gefleht!
Jetzt ist es die Mutter!

Durchlaucht! Ja ich bin ein Schurke, ein gemeiner niedertrchtiger
Schuft! sagte Tschitschikow ... Ich habe wirklich gelogen, denn ich
hatte weder Kinder noch Familie; aber Gott sei mein Zeuge, ich hatte
stets die Absicht, mich zu verheiraten, meine Pflicht als Mensch und
Brger zu erfllen, um mir spter einmal die Achtung meiner Vorgesetzten
und Mitbrger zu verdienen! ... Aber welch ein unglckliches
Zusammentreffen der Umstnde! Durchlaucht! Mit meinem Schwei und Blut
mute ich mir mein tgliches Brot verdienen. Und dabei diese
Versuchungen und Verfhrungen auf Schritt und Tritt ... nichts als
Feinde und Gegner ... Ruber und Mrder ... Mein ganzes Leben war wie
ein strmischer Wirbel oder ein schwankender Kahn auf offenem Meer, ein
Spielball der Winde und Wellen. Ich bin -- auch nur ein Mensch --
Durchlaucht!

Trnenstrme strzten aus seinen Augen. Er warf sich vor dem Frsten auf
die Kniee, wie er ging und stand: im Frack von Navarinoscher Rauchfarbe
mit Feuerglanz, mit der Sammetweste und seidenen Krawatte, in den
herrlich sitzenden Hosen und seiner schnen Frisur, die eine Wolke von
Wohlgeruch und feinstem Eau-de-Cologne-Duft aussendete; er beugte sich
tief vor dem Frsten und schlug mit dem Kopf gegen den Fuboden.

Fort, fort von mir! Ein Soldat soll kommen und ihn mitnehmen! sagte
der Frst zu den eintretenden Gendarmen.

Durchlaucht! schrie Tschitschikow und umklammerte mit beiden Armen den
einen Stiefel des Frsten.

Der Frst zuckte zusammen, ein Schauder rann ihm durch alle Adern.
Fort, fort mit ihm! sag ich! rief er, indem er seinen Fu aus der
Umklammerung Tschitschikows zu befreien versuchte.

Durchlaucht! Ich rhre mich nicht vom Fleck, bis Sie mir verziehen
haben, sagte Tschitschikow, ohne den Fu des Frsten loszulassen, soda
dieser, als er einen Schritt machte, ihn mitsamt seinem Frack von
Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz auf dem Fuboden nach sich
schleifte.

Fort! Gehen Sie, sag ich Ihnen! rief der Frst mit jenem
unerklrlichen Gefhl des Ekels und Widerwillens, das ein Mensch beim
Anblick eines hlichen Insekts empfindet, ohne doch den Mut zu haben,
es zu zertreten. Er ri seinen Fu mit solcher Gewalt los, da
Tschitschikow einen Tritt vor Nase, Lippen und das wohlgerundete Kinn
erhielt, aber er gab den Stiefel doch nicht frei und klammerte sich nur
noch strker an ihn. Zwei krftige Gendarmen schleppten ihn nur mit Mhe
fort, sie nahmen ihn unter den Arm und fhrten ihn durch die lange
Zimmerflucht hinaus. Er war bleich und niedergeschlagen und befand sich
in jenem furchtbaren und gefhllosen Zustande, wo der Mensch den
finsteren und unabwendlichen Tod vor Augen sieht, dieses entsetzliche
Schreckbild, das unserem ganzen Wesen so sehr widerspricht.

In der Tr, die auf die Treppe fhrte, begegnete ihnen Murasow. Ein
Hoffnungsstrahl erhellte pltzlich Tschitschikows verdstertes Gemt.
Mit geradezu unnatrlicher Kraft hatte er sich pltzlich aus den Hnden
beider Gendarmen losgerissen und warf sich nun vor dem erstaunten
Murasow auf die Kniee.

Pawel Iwanowitsch, Bester! was ist Ihnen?

Retten Sie mich! Man fhrt mich ins Gefngnis, aufs Schafott.

Hier aber packten ihn die Gendarmen und fhrten ihn hinaus, ohne ihn
ausreden zu lassen.

Eine feuchte dumpfe Zelle, in der es nach den Stiefeln und Fulappen der
Garnisonsoldaten duftete, ein ungestrichener Tisch, zwei schlechte
Sthle, ein vergittertes Fenster und ein verfallener Ofen, der bestndig
rauchte, ohne zu wrmen -- das war der Raum, in dem unser Held
untergebracht wurde, er, der bereits begonnen hatte, die Wonnen des
Lebens zu kosten und in seinem eleganten neuen Frack von Navarinoscher
Rauchfarbe mit Feuerglanz die Aufmerksamkeit seiner Mitbrger auf sich
zu lenken. Man erlaubte ihm nicht, seine Sachen zu ordnen, er durfte
nicht einmal seine Schatulle mit dem Gelde mitnehmen, das er sich mhsam
erworben hatte ... All seine Papiere, die Vertrge ber den Kauf der
toten Bauern -- alles war jetzt in den Hnden der Beamten. Er fiel auf
die Erde und hoffnungsloser Gram fing an, einem gierigen Wurme gleich an
seinem Herzen zu nagen. Immer heftiger zerfleischte er sein armes
wehrloses Herz. Noch ein Tag, noch ein einziger Tag voll solchen
Schmerzes, und wer wei, ob Tschitschikow berhaupt noch auf der Welt
gewesen wre. Aber auch ber Tschitschikow wachte eine schirmende und
rettende Hand. Eine Stunde darauf ffnete sich die Tre des Gefngnisses
und hereintrat: der alte Murasow.

Htte jemand einem mden und erschpften, von brennendem Durste
gequlten und mit dem Staube und Schmutze des Weges bedeckten Wanderer
ein paar Tropfen frischen Quellwassers in die trockene Kehle getrufelt,
-- es hatte ihn nicht so beleben knnen, wie dies Ereignis unsern armen
Tschitschikow.

Mein Retter! rief Tschitschikow pltzlich, indem er vom Fuboden aus,
auf den er sich in seinem herzzerreienden Schmerz niedergeworfen hatte,
nach Murasows Hand griff, sie schnell kte und an seine Brust drckte.
Gott lohne es Ihnen, da Sie zu mir Unglcklichem kommen!

Und er brach in Trnen aus.

Der Greis sah ihn mit traurigem schmerzlichem Blicke an und sagte nur:
Pawel, Pawel Iwanowitsch! Pawel Iwanowitsch! Was haben Sie getan?

Was soll ich machen! Er hat mich zugrunde gerichtet, der Verfluchte!
Ich konnte nicht Ma halten; und verstand es nicht, zur rechten Zeit
aufzuhren. Er hat mich verfhrt, der verfluchte Satan, da ich alle
Grenzen menschlicher Vernunft und Besonnenheit berschritt! Ja, ich habe
gefehlt, ich habe schwer gefehlt! Und doch wie konnte man mich so
behandeln. Einen Edelmann, ohne Untersuchung und ohne gerichtliches
Urteil ins Gefngnis zu werfen! ... Einen Edelmann, Afanassij
Wassiljewitsch! Man mute mir doch wenigstens Zeit lassen, nach Hause zu
gehen und meine Sachen zu ordnen? Es liegt ja noch alles so herum wie
frher, und es ist niemand da, der sich darum kmmert. Meine Schatulle!
Afanassij Wassiljewitsch! O meine Schatulle! Da steckt doch mein ganzes
Vermgen drin, das ich mir im Schweie meines Angesichts mit meinem
Blut, durch jahrelange Mhen und Entbehrungen erworben habe. Meine
Schatulle, Afanassij Wassiljewitsch! Sie werden mir ja alles stehlen und
fortschleppen! O mein Gott, mein Gott!

Er konnte sich nicht mehr beherrschen, und auerstande den Schmerz
niederzukmpfen, der sein Herz krampfhaft erschtterte, fing er laut an
zu schluchzen, mit einer Stimme, die durch die dicken Mauern des
Gefngnisses hindurch drang und weithin widerhallte; er ergriff die
Atlaskrawatte und den Kragen seines Anzugs und ri den herrlichen Frack
von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz in Stcke.

Ach Pawel Iwanowitsch, wie hat Sie doch die Gier nach Wohlstand und
Reichtum verblendet, da Sie sich nicht klar wurden ber Ihre furchtbare
Lage!

O mein Wohltter! retten Sie mich, retten Sie mich! schrie der arme
Pawel Iwanowitsch ganz verzweifelt, indem er vor ihm auf die Kniee sank.
Der Frst liebt Sie. Fr Sie wird er alles tun!

Nein, Pawel Iwanowitsch, ich kann nichts fr Sie tun, selbst wenn ich
es wollte, und so sehr ich es auch wnschte. Sie sind in die Macht des
unerbittlichen Gesetzes und nicht in menschliche Hnde gefallen!

Er hat mich verfhrt; der Satan! der Verdammte, dieser Auswurf des
Menschengeschlechtes!

Und er rannte mit dem Kopfe gegen die Wand und schlug so stark mit der
Faust auf den Tisch, da er sich seine Hand blutig schlug; aber er
fhlte weder den Schmerz im Kopfe, noch die furchtbare Wucht des
Schlages.

Pawel Iwanowitsch, beruhigen Sie sich; denken Sie lieber daran, sich
mit Ihrem _Gotte_ auszushnen und nicht mit den Menschen; denken Sie an
Ihre arme Seele!

O welch ein schreckliches Schicksal, Afanassij Wassiljewitsch. Ward je
einem Menschen ein solch furchtbares Los zuteil? Mit welch geradezu
mrderischer Geduld und Ausdauer habe ich mir jede Kopeke erspart;
wahrlich mit harter Mhe und Arbeit, im Schweie meines Angesichts habe
ich sie erworben. Ich habe doch niemand beraubt oder die Staatskasse
bestohlen, wie es andre Leute machen. Und wozu habe ich Kopeke auf
Kopeke gespart? Um den Rest meiner Tage anstndig zu verleben; um meiner
Frau und meinen Kindern etwas zu hinterlassen, denn ich wollte mir eine
Familie grnden, zum Wohle des Staates und um meinem Vaterlande zu
dienen. Das war mein einziges Ziel. Ich habe unrecht getan; ich leugne
es nicht, ich habe mich schwer vergangen ... aber was soll ich tun? Und
doch wich ich erst da vom geraden Wege ab, als ich sah, da der gerade
Weg nicht zum Ziele fhrt, und da der krumme eben der krzere ist. Aber
ich habe doch gearbeitet und mich ehrlich angestrengt. Wenn ich jemand
was fortgenommen habe, so nahm ich's nur den Reichen. Es gibt doch
Schurken beim Gericht, die der Krone Tausende stehlen, die armen Leute
plndern und denen, die nichts haben, die letzte Kopeke wegnehmen! Nein,
sagen Sie, hab ich nicht Unglck? -- noch jedes Mal, wenn ich die
Frchte meiner Mhe zu ernten, sie schon sozusagen mit Hnden zu greifen
glaubte, brach ein Sturm ber mich herein, strandete ich an einem Riff,
und mein ganzes Schiff zerschellte. Einmal hatte ich schon
dreihunderttausend Rubel Kapital in Hnden und ein dreistckiges Haus
dazu, zweimal schon habe ich mir ein Gut gekauft ... Ach Afanassij
Wassiljewitsch. Womit verdiente ich diese Schicksalsschlge? Glich denn
nicht schon ohnedies mein Leben einem schwankenden Kahn auf strmischem
Ozean? Wo bleibt da die ewige Gerechtigkeit? Wo der Lohn fr meine
Geduld und meine unerhrte Ausdauer? Dreimal mute ich von Anfang
anfangen: nachdem ich alles verloren, begann ich von neuem, mit wenigen
Kopeken in der Tasche, whrend sich ein anderer lngst dem Trunke
ergeben htte und in der Schenke verkommen wre. Wie vieles mute ich in
mir unterdrcken, wieviel mute ich aushalten! Wahrlich, jede Kopeke ist
sozusagen mit dem ganzen Aufgebot meiner Geisteskraft errungen! Wie
leicht hatten es andre Leute, fr mich aber war jede Kopeke wie das
Sprichwort sagt mit einem silbernen Nagel festgenagelt, und diese
festgenagelte Kopeke mute ich mir, Gott sei mein Zeuge, mit geradezu
eiserner Geduld und Unermdlichkeit erringen.

Er fing an zu schluchzen, ein unertrglicher Schmerz zerri sein Herz;
kraftlos sank er auf einen Stuhl nieder und ri dabei den einen
herabhngenden halbzerfetzten Frackscho vollends ab; er schleuderte ihn
weit von sich, fuhr sich mit beiden Hnden durch sein Haar, um dessen
Pflege er sonst so eifrig bemht war, und zerraufte es unbarmherzig; er
schien sich an seinem eigenen Schmerze zu weiden, und sein durch nichts
zu beschwichtigendes Herzeleid mit dem physischen Schmerz betuben zu
wollen.

Murasow sa ihm lange stumm gegenber, in die Betrachtung dieses
seltsamen noch nie gesehenen Schauspieles versunken. Unterdessen wand
sich der unglckliche erbitterte Mensch, der sich noch vor kurzem mit
der Gewandtheit und Ungezwungenheit eines Weltmannes oder Militrs
bewegt hatte, in einem unwrdigen Aufzuge, mit zerzausten Haaren,
zerrissenem Frack, aufgeknpften Beinkleidern und mit blutender Hand zu
seinen Fen, fortwhrend bittere Flche gegen die feindlichen Mchte
ausstoend, die den Menschen befehden.

Ach Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Was htte aus Ihnen fr ein
Mensch werden knnen, wenn Sie sich mit derselben Kraft und Ausdauer
einer ehrlichen Arbeit gewidmet und sich ein edleres Ziel gesteckt
htten. Herrgott! wieviel Gutes htten Sie stiften knnen! Wenn doch nur
_einer_ der Menschen, die das Gute lieben, soviel Anstrengungen machte,
wie Sie es taten, um Kopeke auf Kopeke zu hufen, wenn sie es doch
verstnden, ihre Eigenliebe und ihren Ehrgeiz so fr das Gute zu opfern,
ohne sich selbst zu schonen, wie Sie sich nicht schonten, um Ihren
Besitz zu mehren! -- Gott, wie herrlich wrde es dann auf unserer Erde
aussehen! ... Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! Nicht das ist das
Traurige, da Sie schuldig wurden und sich an andern vergingen, sondern
da Sie sich so schwer an sich selbst vergangen haben: an Ihren reichen
Krften und Fhigkeiten, die Ihnen zuteil wurden. Es war Ihre
Bestimmung: ein groer Mann zu werden, Sie aber haben Ihre Krfte
verzettelt und sich selbst zugrunde gerichtet.

Es gibt unergrndliche Tiefen der menschlichen Seele: wie weit sich auch
der irrende Mensch vom geraden Wege entfernt haben, wie verstockt auch
der unverbesserliche Verbrecher in seinen Gefhlen sein mag, wie trotzig
er auf seinem lasterhaften Leben beharren mag: wenn man ihm sein
besseres Selbst und seine von ihm selbst in den Kot gezogenen Tugenden
vorhlt, dann bumt sich alles in ihm, und tieferschttert steht er da.

Afanassij Wassiljewitsch, sagte der arme Tschitschikow und ergriff
Murasows beide Hnde. Oh! wenn es mir gelnge, frei zu kommen und mein
Vermgen zurckzugewinnen! Ich schwre Ihnen, ich wrde von nun ab ein
ganz neues Leben beginnen! Retten Sie mich, o mein Wohltter, retten Sie
mich!

Was kann ich nur tun? Ich mte wider das Gesetz streiten. Aber selbst
wenn ich mich dazu entschlieen knnte, vergessen Sie eines nicht: der
Frst ist sehr gerecht, -- er wird unter keinen Umstnden nachgeben.

O, mein Wohltter! Sie knnen alles erreichen! Mich schreckt das Gesetz
nicht -- gegen das Gesetz werde ich schon Mittel und Wege finden -- was
mich emprt, ist dies: da ich unschuldig ins Gefngnis geworfen wurde,
wie ein Hund, da mein ganzes Vermgen, meine Papiere, meine Schatulle
.... O, retten Sie mich! Helfen Sie mir!

Er umklammerte die Fe des alten Mannes und benetzte sie mit seinen
Trnen.

Ach, Pawel Iwanowitsch, Pawel Iwanowitsch! sagte der alte Murasow,
indem er den Kopf schttelte: wie hat Sie doch dieser Reichtum
verblendet! Sie denken nur an ihn und hren nicht auf Ihre arme Seele?

Ich will auch an meine Seele denken, nur retten Sie mich!

Pawel Iwanowitsch! sprach der alte Murasow und hielt einen Augenblick
inne. Es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu retten -- das sehen Sie
doch selbst. Aber ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was ich nur kann,
um Ihr Los zu erleichtern, und Sie zu befreien. Ich wei nicht, ob mir
dies gelingen wird, aber ich werde mir die grte Mhe geben. Sollte ich
jedoch wider Erwarten Glck haben: Pawel Iwanowitsch -- dann bitte ich
mir einen Lohn fr meine Bemhungen aus. Pawel Iwanowitsch, ich flehe
Sie an: lassen Sie ab von dieser Gier und Jagd nach dem Erwerb. Ich gebe
Ihnen mein Ehrenwort: wenn ich mein ganzes Vermgen verlre -- und es
ist weit grer als das Ihrige -- ich wrde ihm keine Trne nachweinen.
Wahrlich, was liegt am Besitz, den man mir jeden Tag konfiszieren kann,
worauf es ankommt, das sind die Gter, die mir niemand zu nehmen oder zu
stehlen vermag! Sie haben doch schon lange genug auf dieser Welt gelebt.
Sie nennen ja Ihr Leben selbst einen schwankenden Kahn auf wogendem
Meer. Sie besitzen genug, um den Rest Ihrer Tage sorglos verleben zu
knnen. Lassen Sie sich in einem stillen Erdenwinkel nieder; in der Nhe
einer Kirche, nahe bei schlichten braven Menschen, oder wenn Sie schon
den glhenden Wunsch haben, Nachkommen zu hinterlassen, so heiraten Sie
ein armes braves Mdchen, das an einfache Verhltnisse und an ein
miges Leben gewhnt ist. Vergessen Sie diese lrmende Welt und all
ihre Launen und Verfhrungen: es schadet gar nichts, wenn auch die Welt
Sie vergit: sie kann uns keinen Frieden gewhren, Sie sehen ja selbst:
sie ist voller Feinde, Verfhrungen und Verrtereien.

Unbedingt, ganz unbedingt! Ich hatte schon die Absicht und wollte eben
ein ordentliches Leben beginnen, wollte mich ganz der Landwirtschaft
widmen und meine Bedrfnisse einschrnken. Der Dmon der Verfhrung hat
mich verwirrt und vom rechten Wege abgefhrt, dieser Satan, dieser
verfluchte Teufel, o diese Schlangenbrut!

Ganz neue, ungeahnte Gefhle, die er sich nicht zu erklren vermochte,
durchdrangen pltzlich seine Brust, es war, als ob sich in ihm etwas
regte; und aus tiefem Schlummer erwachte etwas ganz Fernes, lngst
Vergessenes ... etwas, das eine strenge tote Lehre in frhester Kindheit
im Keime erstickt hatte, das eine trbselige, trostlose Jugend, die Enge
des Vaterhauses, die Einsamkeit seines traurigen Lebens fern von der
Familie, die Armut und Armseligkeit der ersten Eindrcke in ihm
unterdrckt hatten; und alles das, was das harte und kalte Auge des
Schicksals, das ihn traurig und wie durch ein trbes, vom Schneesturme
verwehtes Fenster angeblickt, in sein Inneres zurckgeschreckt hatte,
schien sich nun pltzlich losreien und nach auen drngen zu wollen.
Ein Sthnen entrang sich seiner Brust, er bedeckte sein Antlitz mit
beiden Hnden und sprach mit schmerzdurchzitterter Stimme: Wahrhaftig,
Sie haben recht!

Ihre Menschenkenntnis und Ihre Erfahrung haben Ihnen nicht geholfen,
weil Sie sie in den Dienst des Unrechts stellten. Htten Sie doch einer
gerechten Sache gedient! ... Ach Pawel Iwanowitsch, warum haben Sie sich
selbst zugrunde gerichtet. Erwachen Sie: noch ist es nicht zu spt, noch
ist es Zeit ...

Nein, es ist zu spt, zu spt! sthnte Tschitschikow mit einer Stimme,
bei deren Klang Murasow fast das Herz springen wollte. Ich fange an zu
fhlen, zu begreifen, da ich irrte und weit, weit vom rechten Wege
abwich, aber ich kann nicht mehr anders! Nein, ich bin einmal so
erzogen. Mein Vater hat mir bestndig Moral gepredigt, hat mich
geschlagen und mich schne Sittensprche abschreiben lassen, whrend er
selbst vor meinen Augen den Nachbarn ihr Holz wegstahl und mich zwang,
ihm dabei behilflich zu sein. Ich selbst war Zeuge, wie er einen
falschen Proze begann und ein armes Waisenmdchen verfhrte, deren
Vormund er war. Das lebendige Beispiel wirkt mehr als alle
Moralpredigten. Ich sehe und fhle es sehr gut, da ich ein schlechtes
Leben fhre, Afanassij Iwanowitsch, und doch verabscheue ich das Laster
nicht: ich bin stumpf geworden, ich liebe das Gute nicht, und mir fehlt
jene herrliche Neigung zu gottgeflligen Werken, die uns bald zur
zweiten Natur, zur Gewohnheit wird ... Ich kann nicht mit demselben
Eifer dem Guten dienen, der mich beseelt, wenn mir Reichtum und
Wohlstand als Preis winken. Ich spreche die Wahrheit -- was soll ich
machen?

Der Greis seufzte tief auf ....

Pawel Iwanowitsch! Sie haben soviel Willenskraft, soviel Geduld und
Ausdauer. Die Arznei schmeckt bitter, und doch schluckt sie der Kranke,
denn er wei: nur so kann er genesen. Sie lieben das Gute nicht -- so
zwingen Sie sich, das Gute zu tun, ohne es zu lieben. Das wird Ihnen
noch hher angerechnet werden, als dem, der das Gute tut, weil er es
lieb hat. Versuchen Sie es, sich nur ein paar Mal zu zwingen ... dann
wird die Liebe schon von selbst kommen. Glauben Sie mir, es lt sich
alles erreichen. Es ist uns gesagt worden: Das Reich Gottes mu errungen
werden. Es mu mit Gewalt erstrmt, mit Gewalt erworben und errungen
werden. Ach, Pawel Iwanowitsch! Wahrlich: Sie besitzen diese Kraft, die
so vielen andern fehlt, diese eiserne Geduld, und Sie sollten
unterliegen? Wahrhaftig! ich glaube frwahr: Sie waren ein _Held_, ein
_Heros_ heute in unserer Zeit, wo alle Menschen so schwach, so energie-
und willenlos sind.

Man sah frmlich, wie diese Worte Tschitschikow in die Seele drangen und
den Ehrgeiz, der tief auf ihrem Grunde schlummerte, aufstachelten. War
es auch kein bestimmter Entschlu, so war es doch etwas Starkes, Festes,
was einem Entschlusse sehr hnlich sah, das jetzt in seinen Augen
aufblitzte ....

Afanassij Wassiljewitsch! sprach er mit fester Stimme: wenn es Ihnen
gelingen sollte, mir die Freiheit und die Mittel zu verschaffen, damit
ich diese Stadt wenn auch nur mit einem kleinen Vermgen verlassen kann,
dann gebe ich Ihnen mein Wort, ich will ein neues Leben beginnen: dann
kaufe ich mir ein kleines Gut, werde Landwirt und fange an zu sparen,
nicht fr mich selbst, sondern um andern zu helfen und Gutes zu tun,
soweit es in meinen Krften steht; ich will versuchen, mich selbst und
all diese stdtischen Diners und Schlemmereien zu vergessen, und ein
einfaches nur der Arbeit gewidmetes Leben zu fhren.

Gott strke Sie in diesem Entschlu! sagte hocherfreut der alte Mann.
Ich will all meine Krfte einsetzen, um den Frsten zu bewegen, da er
Ihnen die Freiheit schenkt. Ob es mir gelingen wird, oder nicht, das
wei Gott allein. Auf jeden Fall wird Ihr Los erleichtert werden. O,
mein Gott! Umarmen Sie mich, und lassen Sie sich umarmen! Wie haben Sie
mich erfreut! Und nun behte Sie Gott, ich gehe sofort zum Frsten.

Tschitschikow blieb allein.

Sein ganzes Wesen war aufs tiefste erschttert. Er war ganz weich
geworden. Auch das Platin, das hrteste aller Metalle, das dem Feuer am
lngsten widersteht, schmilzt am Ende, wenn man die Flamme in der Esse
anfacht, die Blaseblge strker tritt und des Feuers Hitze zu
unertrglicher Glut anschwillt -- allmhlich wird es weier und immer
weier -- das _eigensinnige_ Metall, bis es sich endlich verflssigt: so
gibt auch der strkste Charakter nach in der Esse der Leiden und
Schicksalsschlge, wenn sie immer heftiger auf ihn niederhageln und mit
ihrer unertrglichen Glut die harte Rinde seines Wesens erweichen ...

Zwar verstehe und fhle ich es selbst nicht, doch aber will ich all
meine Krfte einsetzen, um es andre fhlen zu machen; zwar bin ich
selbst schlecht, doch aber will ich all meine Kraft zusammennehmen, um
andre zu bessern; zwar bin ich selbst ein schlechter Christ, doch aber
will ich alles daransetzen, um kein rgernis zu geben. Ich werde selbst
Hand anlegen und auf dem Lande im Schweie meines Angesichts ttig sein;
ich werde mir eine ehrliche Arbeit suchen, um auch auf andre einen guten
Einflu auszuben. Bin ich denn zu gar nichts mehr ntze? Ich habe doch
eine gewisse Befhigung zur Landwirtschaft, ich bin sparsam, flink,
gewandt und besonnen, ich habe sogar Energie und Ausdauer. Man mu nur
wollen ...

So dachte Tschitschikow und schien mit halberwachten Seelenkrften etwas
ahnend zu ergreifen. Es war fast, als fhlte er mit dunklem Instinkt,
da es eine Aufgabe gibt, die der Mensch hier auf Erden zu erfllen hat,
und die sich berall, in jedem Erdenwinkel erfllen lt, trotz aller
widrigen Verhltnisse, trotz aller Zweifel und Unruhe, die den Menschen
auf jedem Posten bestrmen, auf den er gestellt ist. Und das werktgige
Leben, fern vom Lrm der Stdte und den Versuchungen und Verfhrungen,
die der mige, von der Arbeit entwhnte Mensch erdacht hat, stand
pltzlich so deutlich vor ihm, da er seine peinliche Lage beinahe
verga und vielleicht sogar geneigt gewesen wre, der Vorsehung fr
diesen harten Schicksalsschlag zu danken, wenn er seine Freiheit und
wenigstens einen _Teil_ seines Vermgens wiedererlangt htte ... Aber da
ffnete sich die kleine Tre zu seiner schmutzigen Zelle, und herein
trat ein Beamter namens Ssamoswistow, ein flotter Bursche und Epikurer,
ein breitschultriger, schlanker, hochgewachsener Mann, ein
ausgezeichneter Kamerad, ein Zechbruder und ein geriebener Kerl, wie ihn
seine eigenen Freunde nannten. In Kriegszeiten htte der Mensch wahre
Wundertaten vollbracht: irgend einen Patrouillenritt durch gefhrliche
und unwegsame Gegenden ausfhren, oder dem Feind eine Kanone vor der
Nase wegstehlen -- das wre so etwas fr ihn gewesen. Aber da es keine
militrische Stelle fr ihn gab, auf der man vielleicht einen
anstndigen Menschen aus ihm htte machen knnen, so gab er sich die
grte Mhe, allen Menschen schlechte Streiche zu spielen. Merkwrdig!
Er hatte hchst sonderbare Ansichten und Grundstze: seinen Freunden war
er ein guter Kamerad, er verriet sie niemals und hielt ihnen gegenber
stets sein Wort; seine Vorgesetzten dagegen hielt er fr eine Art
feindliche Batterie, durch die man sich durchschlagen mute, wobei es
erlaubt war, jeden schwachen Punkt, jede Bresche und Fahrlssigkeit
seitens des Gegners auszunutzen.

Ich wei schon, ich habe schon von Ihrer Sache gehrt! sagte er, als
er merkte, da sich die Tr hinter ihm fest geschlossen hatte. Macht
nichts, macht nichts! Lassen Sie den Mut nicht sinken; wir bringen alles
wieder in Ordnung. Wir werden uns alle fr Sie bemhen. Wir stehen Ihnen
ganz zur Verfgung. Dreiigtausend Rubel -- fr uns alle zusammen und
die Sache ist gemacht.

Wirklich? rief Tschitschikow aus, und ich werde ganz freigesprochen?

Ganz und gar! Sie bekommen sogar noch Schadenersatz fr Ihre Verluste.

Und fr Ihre Bemhungen?

Dreiigtausend. Alles inbegriffen -- fr die Unsrigen, fr die Leute
des Generalgouverneurs und fr den Sekretr.

Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine
Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Hnden der Polizei
...

In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?

Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte
nicht recht, das es mglich sei ...

Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu
sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!

Hm! dachte Tschitschikow, ich verstehe: der Rechtsanwalt!
Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in
seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte
glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine
Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld -- alles war in schnster
Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den
Posten einen Rffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem
Gefngnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstrkung der
Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr
smtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren
konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte
einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu berbringen, unter dem
Vorwand, es befnden sich Bettwsche und die notwendigsten Stcke der
Nachttoilette darin, soda Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren
noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken
konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er
fate wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand
schnen Dingen zu trumen: vom Theater und einer reizenden Tnzerin, der
er die Kur machte. Das Gut und die lndliche Stille verblaten merklich,
dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lrmendes Getriebe in weit
helleren und klareren Farben ... O Leben!

Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Proze von
geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber
waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen
sich die Kpfe, und hatten einen beinahe knstlerischen Genu beim
Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der
Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberknstler den
ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er
alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer grer.
Ssamoswistow bertraf sich selbst durch seine geradezu unerhrte
Khnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jngst
verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der
sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so da der
Posten Honneur machte und stramm stand. Stehst du schon lange hier?
-- Seit heute morgen, Euer Gnaden! -- Wirst du bald abgelst? -- Um
drei Uhr, Euer Gnaden! -- Ich werde dich brauchen. Ich werde dem
Offizier sagen, da er statt deiner einen andern herschicken soll. --
Zu Befehl, Euer Gnaden! Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja
niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er
sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen
knstlichen Schnurrbart und Backenbart an, soda ihn der Teufel selbst
nicht erkannt htte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte,
ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hnde kam, bergab sie
zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien
pltzlich ganz wie es sich gehrt mit einem groen Schnauzbart und einem
Gewehr vor dem Posten: Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher
geschickt; ich soll dich ablsen. Er lste den andern ab und pflanzte
sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war
alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem
andren vertauscht, das berhaupt nichts wute, und keine Ahnung von der
ganzen Sache hatte. Das erste Weib wute man so gut zu verstecken, da
spter kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben
war. Whrend Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte
der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem brgerlichen
Schauplatz! Er lie dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen,
da der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem
Gendarmerieoberst lie er mitteilen, da ein Beamter, der sich im
geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem
geheimnisvollen Beamten brachte er die berzeugung bei, da es einen
noch geheimnisvolleren Beamten gbe, der ihn denunzieren wolle -- und er
brachte alle dadurch in eine solche Lage, da sich jeder an ihn wenden
mute, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer
Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhrte Dinge an
den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar
solche, die _berhaupt_ nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine
Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: da einer
ein unehelicher Sohn war, was fr einen Beruf und Stand er hatte, da er
sich eine Maitresse hlt, und wessen Frau einem andern nachluft.
Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affren wurden mit dem Fall
Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung
gebracht, da man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen
Affren den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als
dann schlielich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der
arme Frst berhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl
erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein
gewandter und gescheiter Mann, verlor darber beinahe den Verstand, er
konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der
Frst hatte gerade um diese Zeit groe Sorgen wegen einer ganzen Reihe
anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre.
In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten,
die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu
verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise
verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer.
Jemand hatte das Gercht unter ihnen verbreitet, da der Antichrist
gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen
aufkaufe. Sie taten Bue, sndigten weiter und machten unter dem
Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen
den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern
ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den
Gendarmerieobersten emprt. Ein paar Landstreicher hatten das Gercht
verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer
werden und Frcke anziehen mten, whrend die Gutsbesitzer den
Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden mten -- und ein ganzer
Bezirk hatte daraufhin, ohne zu berlegen, da es unter diesen Umstnden
ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben
werde -- die Steuern verweigert. Man mute zu Zwangsmaregeln greifen.
Der arme Frst war ganz verstimmt und befand sich in der hchsten
Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpchter Murasow sei
gekommen. Er soll eintreten! sagte der Frst. Der Greis betrat das
Zimmer.

Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich fr ihn ein und
versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache
ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Ruber nicht hergegeben
htte.

Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, da ich die ganze
Sache nicht recht gut verstehe.

Die Flschung eines Testaments, und was fr eine Flschung! ... Darauf
steht ffentliche Zchtigung mit der Knute!

Durchlaucht -- was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu
verteidigen -- aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die
Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.

Wir haben Beweise: die Frau, die die Rolle der Toten spielte, ist
verhaftet. Ich will sie sofort in Ihrer Gegenwart verhren. Der Frst
klingelte und befahl, die Frau holen zu lassen.

Murasow schwieg still.

Eine niedertrchtige Gaunerei! Und ist es nicht eine Schande, da die
hchsten Beamten der Stadt, ja sogar der Gouverneur selbst in sie
verwickelt sind. Er wenigstens drfte doch nicht da sein, wo die Diebe
und Faulenzer ihr Wesen treiben! sagte der Frst heftig.

Aber der Gouverneur ist doch einer der Erben; er hatte doch gewisse
Rechte und Ansprche darauf; und da auch die andern von allen Seiten
herbeigelaufen kamen und mit daran profitieren wollten -- das ist doch
nur _menschlich_, Durchlaucht! Eine reiche Frau stirbt, sie hinterlt
ein Testament, das weder klug noch gerecht ist, und nun strmen von
allen Seiten Menschen zusammen, die gern was verdienen mchten -- das
ist doch alles so menschlich, so natrlich ...

Ja, aber wozu all diese schmutzigen Geschichten? ... Die Schurken!
sagte der Frst emprt. Ich habe nicht einen einzigen anstndigen
Beamten: lauter Lumpen.

Durchlaucht! wer von uns ist denn gut, d. h. ganz so, wie er sein
sollte? Alle Beamten unserer Stadt sind doch Menschen, die haben ihre
Vorzge und ihre Tugenden, es gibt sehr viele unter ihnen, die ihre
Sache wirklich verstehen und tchtige Fachleute sind, aber wer ist denn
frei von Snde?

Hren Sie, Afanassij Wassiljewitsch: sagen Sie mir bitte -- Sie sind
der einzige ehrliche Mensch, den ich kenne -- was macht es Ihnen
eigentlich fr ein Vergngen, allerhand Schurken und Gauner in Schutz zu
nehmen?

Durchlaucht! versetzte Murasow: wie die Menschen auch sein mgen, die
Sie Schurken und Gauner nennen -- sie bleiben immer doch Menschen. Wie
soll man denn den Menschen nicht in Schutz nehmen, wenn man wei, da er
die Hlfte all seiner beltaten aus Roheit und Unwissenheit begeht. Wir
tuen doch selbst auf Schritt und Tritt unrecht und strzen jeden
Augenblick andere Menschen ins Unglck, oft ohne jede bse Absicht.
Durchlaucht haben doch auch neulich sehr ungerecht gehandelt!

Wie? rief der Frst erstaunt aus. Er war aufs hchste berrascht durch
die unerwartete Wendung, die die Unterhaltung nahm.

Murasow wartete ein wenig und schwieg: er schien zu berlegen und sagte
schlielich: Nun, denken Sie zum Beispiel an den Fall Derpennikow.

Aber Afanassij Wassiljewitsch! Das war doch ein Verbrechen gegen den
Staat, das nahezu an Landesverrat grenzt!

Ich verteidige ihn nicht. Aber ist es denn gerecht, einen Jngling, der
sich infolge seiner Unerfahrenheit von anderen verfhren und fortreien
lt, ebenso hart zu bestrafen, wie einen der Rdelsfhrer? Dieser
Derpennikow mute doch dieselbe Strafe erleiden wie irgend ein
Woronoi-Drjannoi, und doch war ihr Vergehen ganz verschieden.

Um Gottes willen ... sagte der Frst, dem man seine Aufregung deutlich
anmerkte: Wissen Sie etwas davon? Sprechen Sie, ich bitte Sie! Ich habe
erst neulich nach Petersburg geschrieben und gebeten, man mge sein Los
mildern.

Nein, Durchlaucht, ich sage nicht, da ich etwas wei, was Sie nicht
auch wissen. Es gibt allerdings einen Umstand, der ihm von Nutzen sein
knnte, aber er wrde selbst nichts davon hren wollen, weil das einem
andern schaden wrde. Ich meine blo dies: ob Sie sich damals nicht
vielleicht allzusehr bereilt haben? Verzeihen Sie mir, Durchlaucht, ich
urteile nach meinem eigenen schwachen Verstande. Sie haben mir mehrmals
geboten, aufrichtig zu sein. Als ich noch Direktor war, da hatte ich
auch viele Arbeiter unter mir: gute und schlechte. Ich htte damals auch
das frhere Leben meiner Leute bercksichtigen mssen, denn wenn man
nicht alles ganz kaltbltig berlegt, sondern die Menschen gleich
anschreit -- dann schchtert man sie nur ein, und kriegt berhaupt
nichts aus ihnen heraus; zeigt man ihnen dagegen Teilnahme und fragt sie
nach allem, wie ein Bruder den Bruder fragt -- dann sagen sie einem
alles ganz von selbst und bitten gar nicht darum, da man Gnade walten
lassen solle; sie sind auch garnicht erbittert und zrnen niemandem,
weil sie sehen, da nicht wir sie bestrafen wollen, sondern das Gesetz.

Der Frst versank in Nachdenken, doch in diesem Augenblick trat ein
junger Beamter ins Zimmer und blieb mit dem Portefeuille unter dem Arm
ehrfurchtsvoll an der Tre stehen. Sorge und angestrengte Ttigkeit
spiegelten sich auf seinem jungen und noch frischen Gesicht. Man sah es
ihm an, da er Beamter fr besondere Auftrge war. Dies war einer der
wenigen Menschen, die wirklich mit Liebe bei der Sache waren und denen
das Aktenstudium Freude machte. Er hatte weder einen brennenden Ehrgeiz,
noch einen heien Durst nach Geld und Reichtum, noch suchte er es den
andern gleichzutun, er arbeitete nur aus dem Grunde, weil er berzeugt
war, da er hier an dieser Stelle an seinem Platze war, wie an keiner
andern der Welt, und da das seine Lebensaufgabe sei. Wenn es galt, eine
verwickelte Sache Schritt fr Schritt zu verfolgen, zu analysieren, sie
in ihre Teile zu zerlegen, in diesem Labyrinth den leitenden Faden zu
entdecken, und alles aufzuklren, -- dann war er in seinem Element. Er
fand sich reichlich belohnt fr seine Mhe und Arbeit und die vielen
schlaflosen Nchte, wenn die Sache sich endlich aufzuhellen begann, wenn
ihre geheimsten Triebfedern ans Licht kamen und er fhlte, da er
imstande war, sie mit wenigen Worten klar und deutlich darzulegen, soda
sie jedem einleuchtete und vollkommen durchsichtig wurde. Man kann wohl
sagen, kein Schler freut sich so sehr, wenn ihm endlich der Sinn eines
schwierigen Satzes oder die wahre Bedeutung des Gedankens eines groen
Schriftstellers aufgeht, als er sich freute, wenn es ihm gelungen war,
eine verwickelte Sache zu entwirren. Dafr aber ....

... mit Brot in den Gegenden wo Hungersnot herrscht; ich kenne diesen
Teil besser als die Beamten: ich will selbst untersuchen, was und
wieviel ein jeder braucht. Und wenn Euere Durchlaucht gestatten, will
ich auch persnlich mit den Sektierern reden. Unsereiner, d. h. ein
einfacher Mann, kann sie ja doch leichter zum Reden bringen, und
vielleicht gelingt's mir mit Gottes Hilfe, die Sache auf friedlichem
Wege zu schlichten. Die Beamten aber werden doch nicht mit ihnen fertig:
da kommt es hchstens zu weitlufigen Schreibereien; sie werden ja schon
so nicht mehr klug aus den Akten und sehen bald ber all dem Papier die
Sache selbst nicht mehr. Ich will auch von Ihnen kein Geld dafr haben,
denn bei Gott, in solch einer Zeit wre es wirklich eine Schande, noch
an seinen Vorteil zu denken, wo die Menschen vor Hunger sterben. Ich
habe noch etwas Korn in Reserve: auerdem habe ich schon nach Sibirien
schicken lassen; bis zum nchsten Sommer erhalte ich wieder neues
geliefert.

Gott allein kann es Ihnen vergelten, Afanassij Iwanowitsch, Sie leisten
mir einen sehr groen Dienst damit. Ich sage Ihnen kein Wort mehr, weil
hier -- das werden Sie selbst fhlen -- weil hier jedes Wort ohnmchtig
wre. Aber lassen Sie mich wenigstens noch eins ber jene Bitte sagen.
Sagen Sie selbst: habe ich denn das Recht, ganz ber eine solche Sache
hinwegzugehen, wre es anstndig und ehrlich von mir, diesen Schurken zu
verzeihen?

Bei Gott! Durchlaucht, so darf man sie nicht nennen, um so mehr, da es
viele ehrenwerte Mnner unter ihnen gibt. Die Lage der Menschen ist oft
schwer, Durchlaucht, oft sogar sehr schwer. Mitunter scheint es, da ein
Mensch nach allen Seiten hin schuldig ist, und wenn man dann nher
zusieht -- ist _er_ es garnicht gewesen.

Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich sie laufen lasse? Es gibt
doch Leute unter ihnen, die nachher noch hochnsiger werden und am Ende
noch behaupten werden, sie htten uns eingeschchtert. Sie werden die
ersten sein, die keine Achtung fr ....

Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Ansicht zu sagen: lassen Sie
sie alle rufen, erklren Sie ihnen, da Ihnen alles bekannt ist,
schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage, so wie Sie sie mir eben
geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an
Ihrer Stelle gemacht htte.

Ja, glauben Sie denn, da sie besseren Regungen zugnglich sind auer
allerhand Intrigen und dem Wunsch, sich zu bereichern? Glauben Sie mir,
sie werden mich auslachen.

Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der, der
schlechter ist als die andern, hat ein gesundes Gefhl fr das Rechte.
Es sei denn etwa irgend ein fremder Wucherer oder einer, der kein Russe
ist .. Nein, Durchlaucht, Sie haben es nicht ntig, sich zu verstecken.
Sagen Sie es ihnen ganz offen, wie Sie es mir gesagt haben. Sie schmhen
sie ja doch und sagen, Sie seien ein stolzer und ehrgeiziger Mensch, der
gar nichts hren will und sehr selbstbewut ist -- nun so mgen sie die
Dinge sehen, wie sie sind. Was liegt Ihnen schlielich daran? Ihre Sache
ist doch gerecht und gut. Sprechen Sie zu ihnen, als legten Sie nicht
vor ihnen, sondern vor Gott selbst Rechenschaft ab.

Afanassij Iwanowitsch, sagte der Frst nachdenklich: ich will es mir
berlegen, einstweilen aber danke ich Ihnen herzlich fr Ihren Rat.

Und wie ist es mit Tschitschikow, Durchlaucht? Wollen Sie ihm die
Freiheit schenken?

Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll machen da er fortkommt, und
zwar so schnell als mglich; je weiter er von hier ist, desto besser.
Ihm knnte ich niemals verzeihen.

Murasow verneigte sich und begab sich vom Frsten direkt zu
Tschitschikow. Er fand ihn bereits in der besten Laune, in hchster
Seelenruhe mit einem respektablen Mittagessen beschftigt, das ihm in
mehreren Porzellanschsseln aus einem gleichfalls recht respektablen
Restaurant in die Zelle gebracht worden war. Aus seinen ersten Worten
konnte der alte Herr sofort erkennen, da Tschitschikow schon mit
einzelnen von den gerissenen Beamten gesprochen hatte. Er begriff sogar,
da hier auch der gelehrte Rechtsanwalt seine unsichtbare Hand mit im
Spiel hatte.

Hren Sie, Pawel Iwanowitsch, sagte er, ich bringe Ihnen die
Freiheit, aber unter einer Bedingung, da Sie sofort die Stadt
verlassen. Packen Sie alle Ihre Sachen, und machen Sie, da Sie
fortkommen; Sie drfen es keinen Augenblick aufschieben, sonst
verschlimmern Sie nur Ihre Lage. Ich wei, da Ihnen irgend ein Mensch
hier Verhaltungsmaregeln gibt; daher will ich Ihnen verraten, da man
noch einer andern Affre auf der Spur ist, und keine Macht der Erde wird
ihn mehr retten knnen. Es macht ihm natrlich Spa, auch andere Leute
zugrunde zu richten, da es ihm allein zu langweilig wre, aber die Sache
wird bald aufgedeckt sein. Ich habe Sie in der besten Geistesverfassung
zurckgelassen, in einer besseren als jetzt. Ich rate Ihnen daher
ernstlich, folgen Sie meinem Rat. Ja, ja, es kommt wirklich nicht auf
den Besitz allein an, um dessentwillen die Menschen sich miteinander
streiten und einander umbringen, als ob es mglich wre, hier auf Erden
ein geordnetes Leben zu beginnen, ohne an das knftige zu denken.
Glauben Sie mir Pawel Iwanowitsch, solange die Menschen nicht all das
fahren lassen, um dessentwillen sie sich in dieser Welt auffressen und
zerfleischen, und nicht daran denken, ihren _geistigen_ Besitz in
Ordnung zu bringen -- wird es auch um den irdischen Besitz nicht
wohlbestellt sein. Es werden Zeiten der Hungersnot und der Armut kommen,
wie fr ein ganzes Volk, so auch fr den Einzelnen ... Das ist doch so
klar. Sagen Sie, was Sie wollen, der Krper hngt doch von der Seele ab.
Wie aber kann man dann verlangen, da alles gut gehe? Denken Sie nicht
an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele, und machen
Sie sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zu einem neuen Leben! Ich verreise
auch morgen. Beeilen Sie sich! Es kann Ihnen schlecht gehen, -- wenn ich
nicht mehr da bin.

Der Alte verstummte und ging hinaus. Tschitschikow versank in
Nachdenken. Der Sinn des Lebens erschien ihm abermals in seiner hohen
Bedeutung. Murasow hat recht, sagte er, es wird Zeit, einen andern
Weg einzuschlagen. Mit diesen Worten verlie er das Gefngnis. Der
Wachposten trug ihm die Schatulle nach ..... Seliphan und Petruschka
waren ganz selig, als sie sahen, da ihr Herr wieder frei war, und
freuten sich, als ob Gott wei was passiert wre. Nun, meine Lieben,
sagte Tschitschikow, indem er sich gndig an sie wandte: jetzt mssen
wir packen und abreisen.

Seien Sie unbesorgt, Pawel Iwanowitsch. Sie sollen sehen, wie wir
fliegen werden, sprach Seliphan: Wir werden jetzt einen guten Weg
haben: es ist reichlich Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, da wir
die Stadt verlassen. Wahrhaftig, ich habe sie bald so satt, da ich sie
garnicht mehr ansehen mag.

Geh zum Wagenbauer und sage ihm, er soll unsere Kutsche auf ein
Schlittengestell setzen, versetzte Tschitschikow und ging selbst in die
Stadt. Aber er konnte sich doch nicht entschlieen, Abschiedsbesuche zu
machen. Nach diesem unglcklichen Vorfall war es ihm peinlich, um so
mehr, da in der Stadt allerlei uerst ungnstige Gerchte ber ihn
zirkulierten. Er suchte jeder Begegnung mit Bekannten sorgfltig aus dem
Wege zu gehn und trat nur ganz unbemerkt in den Laden jenes Kaufmannes,
bei dem er den Stoff von Navarinoscher Rauchfarbe mit Feuerglanz gekauft
hatte; er erstand noch einmal vier Arschin zu einem Frack und Hosen und
begab sich hierauf selbst zu demselben Schneider, der ihm den Anzug
genht hatte. Dieser erklrte sich bereit, seinen Flei und Eifer fr
den doppelten Preis gleichfalls zu verdoppeln und lie das Vlkchen
seiner Gehilfen die ganze Nacht hindurch bei Kerzenlicht mit Schere,
Bgeleisen und Zhnen arbeiten, soda der Frack noch am nchsten Tage
fertig war. Die Pferde waren schon angespannt, aber Tschitschikow wollte
den Frack dennoch erst anprobieren. Er war sehr schn, ganz ebenso schn
wie der erste. Aber ach! Tschitschikow bemerkte etwas Glnzendes, wei
Schimmerndes zwischen seinen Haaren und murmelte schmerzlich: Wie
konnte ich mich auch so der Verzweiflung hingeben? Vor allem aber htte
ich mir die Haare nicht ausraufen drfen! Nachdem er seine
Schneiderrechnung bezahlt hatte, setzte er sich in seinen Wagen und
verlie die Stadt in einer seltsamen Gemtsverfassung. Das war nicht
mehr der alte Tschitschikow: das war nur noch eine Ruine des frheren
Tschitschikow. Man konnte seinen inneren Seelenzustand mit einem
zerstrten Gebude vergleichen, das nur deswegen niedergerissen wurde,
um ein neues daraus zu erbauen, mit dessen Wiederaufbau man jedoch noch
nicht begonnen hat, weil der Architekt den definitiven Plan noch nicht
gesandt und die Arbeiter im Zweifel sind, was sie tun sollen. Eine
Stunde vor ihm war der alte Murasow zusammen mit Potapytsch in einem mit
Matten gedeckten Zeltwagen abgefahren, und eine Stunde nach
Tschitschikows Abreise erging der Befehl an die Beamten, vor dem Frsten
zu erscheinen: er verreise nach Petersburg und wolle sie vorher alle,
bis auf den letzten noch einmal sehen.

In dem groen Saal des Hauses, welches der General-Gouverneur bewohnte,
war die gesamte Beamtenschaft der Stadt versammelt vom Gouverneur bis
zum letzten Titularrat: die Brovorsteher und Abteilungschefs, allerhand
Rte, Assessoren, Kislojedow, Krasnonossow, Samoswistow, solche die
Geschenke annahmen und solche, die keine annahmen, ganze und halbe
Heuchler und Phariser, und solche, die gar nicht heuchelten. Sie alle
warteten nicht ohne Unruhe und Aufregung auf das Erscheinen des
Generalgouverneurs. Endlich betrat der Frst den Saal, er war weder
finster noch heiter: sein Blick war ebenso fest wie sein Schritt. Die
ganze Beamtenschaft verbeugte sich -- viele verneigten sich tief bis zur
Erde. Der Frst antwortete mit einer leichten Verbeugung und begann
folgendermaen:

Ehe ich nach Petersburg reise, hielt ich es fr richtig, Sie noch
einmal zu sehen und Ihnen wenigstens zum Teil den Anla zu meiner Reise
mitzuteilen. Es hat sich hier eine sehr unangenehme und peinliche Sache
abgespielt. Ich nehme an, da viele von den Anwesenden wissen, welche
Sache ich meine. Diese Sache hat zur Aufdeckung einer ganzen Reihe von
Vorgngen gefhrt, die nicht weniger schmachvoll sind, und in die sogar
solche Mnner verwickelt scheinen, die ich bisher fr rechtschaffen und
ehrlich hielt. Mir ist auch die geheime Absicht bekannt, alles so zu
verwirren und durcheinanderzubringen, da es vllig unmglich werde,
diesen Fall auf dem formalen Rechtsweg zu entwirren und zu erledigen.
Ich wei auch, wer der Hauptschuldige ist, obwohl er es sehr klug und
fein verstanden hat, alle Beweise fr seine Teilnahme zu beseitigen. Nun
aber habe ich mich entschlossen, der Sache nicht auf dem formalen
Rechtswege noch auf dem Aktenwege nachzugehen, sondern sie wie in
Kriegszeiten vor das Kriegsgericht zu bringen und rasch zu erledigen.
Ich hoffe, da der Kaiser mir die Vollmacht dazu geben wird, wenn ich
ihm den ganzen Vorfall ausfhrlich darlege. In einem solchen Fall, wo es
nicht mglich ist, den brgerlichen Rechtsweg zu beschreiten, wo ganze
Schrnke mit Akten verbrennen, und wo man sich bemht, durch einen
Haufen von falschen Zeugnissen und unbegrndeten Denunziationen eine
schon an sich recht dunkle Affre noch mehr zu verdunkeln -- da halte
ich das Kriegsgericht fr das einzige zuverlssige Mittel, und ich
wnsche Ihre Meinung darber zu hren.

Der Frst hielt einen Augenblick inne, als erwarte er eine Antwort. Alle
standen stumm da, den Blick zu Boden gesenkt. Viele waren sehr bleich
geworden.

Auerdem ist mir noch eine Sache bekannt geworden, obgleich ihre
Urheber der festen berzeugung leben, da niemand etwas davon erfahren
konnte. Auch dieser Fall soll nicht auf dem Aktenwege erledigt werden,
da ich selbst hier der Anklger und Supplikant bin, und Sie knnen
sicher sein, da ich zwingende und evidente Beweise vorlegen werde.

Einer der Beamten zuckte zusammen, und einzelne von den ngstlicheren
wurden gleichfalls bestrzt und verlegen.

Es versteht sich von selbst, da der Hauptschuldige und Anstifter
seiner Titel und Rnge entkleidet und da sein Eigentum konfisziert
werden wird. Die brigen werden ihrer mter enthoben. Es versteht sich
von selbst, da zugleich mit ihnen auch viele Unschuldige werden mit
leiden mssen. Aber was soll ich machen? Die Sache ist zu schmhlich und
schreit nach einer gerechten Strafe und Ahndung. Obwohl ich wei, da
dies nicht einmal andern zur Lehre dienen wird, da wieder andere an ihre
Stelle treten und die, welche bis zu heutigem Tage ehrlich waren,
unehrlich und solche, denen man Vertrauen schenken wird, zu Betrgern
und Verrtern werden werden -- obwohl ich dies alles wei, bin ich
gezwungen, so hart und grausam zu verfahren, denn das Gesetz ist
verletzt und fordert strengste Ahndung. Ich wei, da man mir Hrte und
Grausamkeit vorwerfen wird, aber ich wei auch ... da ich Sie in ein
gefhlloses Werkzeug der Gerechtigkeit verwandeln mu, das auf die
Hupter der Schuldigen herabfallen soll.

Ein Zittern lief unwillkrlich ber alle Gesichter.

Der Frst war sehr ruhig. Weder Zorn noch Emprung spiegelte sich in
seinen Zgen.

Jetzt bittet euch derselbe, in dessen Hnden das Schicksal vieler liegt
und den selbst keine Bitten zu erreichen vermochten, jetzt fleht er euch
alle an: Alles soll vergessen, jede Schuld soll getilgt und vergeben
sein: ich will euer aller Frsprecher sein, wenn ihr meine Bitte
erfllen wollt. Meine Bitte aber ist diese: Ich wei, da kein Mittel,
keine Einschchterung und keine Strafe imstande ist, das Unrecht
auszurotten, es hat schon zu tief Wurzeln gefat. Die schimpfliche
Sitte, Geschenke anzunehmen, ist zur Notwendigkeit und zum Bedrfnis
geworden, selbst bei solchen Leuten, die nicht mit der Anlage zum Bsen
geboren wurden. Ich wei wohl, da es fr viele beinahe unmglich ist,
gegen die allgemeine Strmung zu schwimmen. Und doch mu ich heute, in
einem entscheidenden und groen Augenblick, wo das Vaterland in Gefahr
ist, und wo ein jeder Brger alles auf sich nimmt und alles zum Opfer
bringt, -- einen Ruf an Sie ergehen lassen, oder doch wenigstens an die
unter Ihnen, die noch ein russisches Herz in der Brust tragen, und fr
die _Groherzigkeit_ und _Edelmut_ noch keine leeren Worte geworden
sind. Wozu wollen wir hier davon reden, wer von uns am meisten schuldig
ist? Vielleicht trage ich die grte Schuld; vielleicht habe ich Sie
zuerst allzu strenge und unfreundlich empfangen; vielleicht habe ich
durch meinen bertriebenen Argwohn so manchen unter euch abgestoen, der
den ehrlichen Willen hatte, mir ntzlich zu sein, obgleich auch ich
meinerseits etwas tun konnte .... Wenn Sie wirklich wollten, da die
Gerechtigkeit auf der Seite Ihres Landes sei, wenn Sie Ihr Vaterland
wirklich lieb gehabt htten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz
und die Hrte meines Auftretens gekrnkt fhlen; Sie muten Ihren
Ehrgeiz und Ihre verletzte Eitelkeit unterdrcken und Ihr eigenes Ich
zum Opfer bringen. Ich htte Ihre Selbstlosigkeit und Ihre hohe Liebe
zum Guten unmglich nicht bemerken und mein Ohr unmglich Ihren
verstndigen und ntzlichen Ratschlgen verschlieen knnen. Am Ende mu
sich doch der Untergebene an den Charakter seines Vorgesetzten und nicht
der Vorgesetzte an seine Untergebenen anpassen. Jedenfalls wre das
richtiger und bequemer, denn die Untergebenen haben nur _einen_
Vorgesetzten, whrend der Vorgesetzte viele Hunderte von Untergebenen
hat. Aber lassen wir es jetzt beiseite, wer hier die meiste Schuld
trgt. Jetzt handelt es sich darum, da uns die Pflicht auferlegt ward,
das Vaterland zu retten; unser Vaterland geht nicht daran zugrunde, da
zwanzig fremde Vlkerstmme uns mit Krieg berziehen, es geht zugrunde
an _uns_ selbst; denn neben der rechtmigen Regierung und Verwaltung
hat sich noch eine andre Regierung gebildet, die weit strker ist als
jede gesetzliche Macht. Man hat bestimmte Forderungen aufgestellt, alles
ist genau taxiert und abgeschtzt, und die Preise sind bereits allgemein
bekannt gegeben. Und kein Regierender vermag es, selbst wenn er weiser
wre als alle Gesetzgeber und Regierenden der Welt, das bel wieder
auszurotten, und wenn er die schlechten Beamten tausendmal in ihren
Machtbefugnissen beschrnkte, indem er noch andre Beamten anstellte, um
jene zu beaufsichtigen. Alles ist umsonst, bis ein jeder von uns fhlen
lernt, da er ganz so, wie er sich in der Zeit der Volksaufstnde
wappnete ... heute wappnen mu gegen Unrecht und Unwahrheit. Als Russe,
als ein Mensch, der durch die heiligen Bande der Blutsverwandtschaft mit
euch verbunden ist, in dessen Adern dasselbe Blut fliet wie in den
euren, wende ich mich in diesem Augenblick an euch. Ich wende mich an
die unter euch, die einen Begriff davon haben, was eine vornehme
Denkungsart ist. Ich fordere euch auf, euch an die Pflicht zu erinnern,
die dem Menschen vorgezeichnet ist, an jedem Punkte, wo er steht. Ich
bitte euch, euch dieser eurer Pflicht und der Bedeutung eures irdischen
Berufes klarer bewut zu werden, weil uns dieses nur dunkel vorschwebt,
und weil wir kaum ...




                                Novellen


                             bersetzt von
                        Mario Spiro und S. Bugow


                               Der Mantel

In einer Ministerial-Abteilung ...

Aber es ist sicher besser, ich sage nicht in welcher. In Ruland nmlich
gibt es keine empfindlichere Menschenklasse, als die der Ministerial-,
Armee- und Kanzleibeamten, kurz, aller derer, die man im allgemeinen
unter dem Namen Brokraten zusammenzufassen pflegt. Hlt sich
heutzutage der eine von ihnen fr auch nur ein wenig in seiner Ehre
gekrnkt, so bildet er sich sogleich ein, da in seiner Person auch die
ganze Gesellschaft eine Unbill erlitten hat. So soll neulich einmal ein
Kreisrichter -- ich wei nicht mehr, in welcher Stadt -- einen Bericht
abgefat haben, in dem er dartun wollte, da man den Erlassen der
Regierung nicht mehr die gebhrende Achtung entgegenbringe, erfreche man
sich doch sogar, dem geheiligten Titel eines Kreisrichters eine
verchtliche Nebenbedeutung beizulegen. Und zum Beweise dafr hatte er
seinem Berichte einen riesigen Folianten beigelegt, eine Art Roman, in
dem man auf jeder zehnten Seite einem vllig berauschten Kreisrichter
begegnen konnte. Um also von vornherein allen knftigen Reklamationen
den Riegel vorzuschieben, habe ich es vorgezogen, den Schauplatz der
folgenden Vorgnge undeutlich zu lassen und mich mit der Angabe: In
einer Ministerialabteilung zu begngen. In einer Ministerialabteilung
war ein Individuum beschftigt, natrlich ein Beamter, der -- ich kann
es leider nicht verschweigen -- ein wenig schlicht und unbedeutend
aussah. Er war recht klein, und pockennarbig, hatte rote Haare, die ihm
jedoch an der Stirn bereits ausgefallen waren, und war sogar etwas
kurzsichtig, beide Wangen waren voller Runzeln, und sein Gesicht hatte
eine bleiche Farbe, wie bei allen Leuten, die an Hmorrhoiden leiden.
Was soll man machen. So sah nun mal unser Held aus, so hatte ihn das
Petersburger Klima verunstaltet. Was seinen Rang im Amte betrifft --
denn bei uns ziemt es sich vor allem, den Rang eines Beamten
festzustellen -- so war er das, was man im allgemeinen unter einem
ewigen Titular-Rat[9] versteht; d. h. er war einer jener Unseligen,
die bekanntlich schon so oft die ironischen Pfeile gewisser
Schriftsteller herausgefordert haben, einer Menschenklasse, die die
beklagenswerte Angewohnheit hat, Arme, die sich nicht zu verteidigen
vermgen, anzugreifen. Der Familienname dieses Beamten war
Baschmatschkin (zu deutsch Schuhmann). Dieser Name lt deutlich
erkennen, da er von dem Worte Schuh herstammt; wann und zu welcher Zeit
er jedoch von einem Schuh hergeleitet worden ist, das ist vllig
unbekannt. Der Vater, der Grovater und sogar der Schwager unseres
Beamten, sowie berhaupt smtliche Baschmatschkins hatten immer nur
Stiefel getragen, die sie sich dreimal im Jahre neu sohlen lieen. Der
Vor- und Vatername unseres Helden war Akakij Akakiewitsch. Vielleicht
wird der Leser diese Namen etwas seltsam und gesucht finden, aber ich
kann ihm die Versicherung geben, da dem nicht so ist, sondern da die
Umstnde es zur Unmglichkeit gemacht hatten, ihm andere Namen zu geben.
Man hre, wie das kam! Akakij Akakiewitsch wurde, wenn mich nicht alles
trgt, in der Nacht zum 23. Mrz geboren. Seine verstorbene Mutter, die
einen Beamten geheiratet hatte, eine gute, einfache Frau, ging
natrlich, wie sich's auch gebhrt, sofort daran, ihren Neugeborenen
taufen zu lassen. Die Mutter lag noch im Bette, das sich der Tre
gegenber befand, zu ihrer Rechten stand der Pate, Iwan Iwanowitsch
Jeroschkin, eine sehr gewichtige Persnlichkeit seines Amtes, Brochef
im Senate, -- und ihm zur Linken die Patin Arina Semenowna
Biellobruschkow, die Frau eines Polizei-Inspektors, die mit mancherlei
Vorzgen ausgestattet war. Man schlug der Wchnerin drei Namen zur
Auswahl vor: Mokius, Sosias oder den des Mrtyrers Chosdasat.

[Funote 9: Die russische brokratische Hierarchie oder der Tschin
zerfllt in vierzehn Klassen. Der Titular-Rat gehrt der neunten an.]

Nein, dachte sie, die gefallen mir alle nicht!

Um ihren Wnschen Rechnung zu tragen, schlug man im Kalender ein anderes
Blatt auf und legte den Finger auf drei andere Namen: Trifili, Dula und
Warachatius. Aber das ist ja wie eine Strafe Gottes! rief die alte
Mutter aus. Hat man jemals solche Namen gesehen? Wahrhaftig, heute hre
ich sie zum ersten Male in meinem ganzen Leben. Wenn es wenigstens noch
Waradat oder Baruch wre, aber Trifili und Warachatius!

Man bltterte von neuem im Kalender und fand nun Pawsikachi und
Wachtissi.

Nein, nun wird es mir klar, rief die Alte, es soll nicht sein! So mag
er denn meinetwegen den Namen seines Vaters bekommen, wenn man nun
einmal keinen besseren whlen kann. Der Vater heit Akaki. So mag der
Sohn denn auch Akaki heien! Und so taufte man ihn denn auf den Namen
Akaki Akakiewitsch. Das Kind wurde ber den Taufstein gehalten:
natrlich schrie es hierbei und verzog das Gesicht zu einer Grimasse,
wie wenn es htte ahnen knnen, da es eines Tages Titular-Rat werden
wrde. So aber spielte sich dies alles ab. Wir haben diese Tatsachen
deshalb so breit erzhlt, damit der Leser sich davon berzeugen kann,
da es gar nicht anders htte kommen knnen und da ein anderer Name fr
den kleinen Akaki unmglich gewesen wre.

Zu welcher Zeit Akaki Akakiewitsch in die Kanzlei eintrat und wer ihm
dort einen Platz verschaffte, vermag heute niemand mehr zu sagen. Wie
viele Vorgesetzte aller mglichen Schattierungen auch schon aufeinander
gefolgt waren, er nahm unentwegt seinen alten Platz ein, man sah ihn
stets auf demselben Stuhle sitzen, in derselben Haltung, ber dieselbe
Arbeit gebeugt, mit demselben Range, so da man htte glauben knnen,
da er schon in diesem Zustande fertig auf die Welt gekommen sei, mit
seinen kahlen Schlfen und in seiner Dienstuniform. -- In der Kanzlei,
in der er angestellt war, nahm niemand auch nur die geringste Rcksicht
auf ihn. Selbst die Bureaudiener erhoben sich nicht bei seinem
Eintritte, sie beachteten ihn nicht im mindesten und rechneten mit ihm
nicht mehr als mit einer Fliege, die gerade davongeflogen war. Seine
Vorgesetzten behandelten ihn mit kalter Herrschsucht. Die Gehilfen des
Bureauchefs dachten nicht einmal daran, ihm zu sagen, wenn sie vor ihm
einen Sto von Papieren aufhuften:

Haben Sie doch die Gte, dieses hier abzuschreiben! --

oder etwa:

Das ist etwas sehr Interessantes, eine uerst angenehme Arbeit!

oder irgend ein angenehmes Wort, wie es unter wohlerzogenen Beamten am
Platze ist.

Akaki nahm jedoch stets die Akten an, ohne danach zu fragen, wer sie vor
ihm hingelegt hatte, und ob der Betreffende berhaupt dazu berechtigt
gewesen war. Er nahm sie und begann sie sofort getreulich abzuschreiben.
Seinen Kollegen, die bei weitem jnger als er waren, diente er als
Gegenstand fr ihre Spttereien und zur Zielscheibe fr ihre
Geistesblitze -- soweit man bei Beamten und besonders bei Kanzleibeamten
berhaupt von Geist reden kann. Bald erzhlten sie sich eine Menge
erfundener Geschichten ber ihn und ber die Frau, bei der er wohnte,
eine siebzigjhrige Greisin. Man sprach davon, da sie ihn hin und
wieder verprgle, man fragte ihn, wann er denn mit ihr vor den Altar
treten wolle. Oder man lie auch auf sein Haupt Papierkgelchen
herabregnen und wollte ihm dann weismachen, da es Schneeflocken wren.
Aber Akaki schenkte diesen Attacken nicht die geringste Beachtung; er
erweckte den Eindruck, als wte er garnichts von der Gegenwart der
andern. Alle diese kleinen Qulereien taten seiner Beharrlichkeit im
Arbeiten keinen Abbruch, und trotz all dieser Versuchungen lief ihm auch
nicht ein einziger Schreibfehler unter. Wurde ihm jedoch einmal der
Scherz zu unertrglich, zerrte man ihn etwa am Arme und hinderte ihn am
Schreiben, so sagte er auch dann nur:

Lassen Sie mich doch in Ruhe! Warum wollen Sie mich denn durchaus
beleidigen? Und es lag etwas merkwrdig Rhrendes in diesen Worten und
in der Art, wie er sie sprach.

Eines Tages geschah es, da ein junger Mann, der soeben eine Anstellung
im Bureau erhalten hatte und nach dem Beispiel der andern sich auf seine
Kosten lustig machen wollte, beim Klange dieser Stimme dastand, als
htte er einen Stich ins Herz bekommen, -- und von nun an sah er den
alten Beamten mit ganz andern Augen an.

Man htte meinen knnen, da eine bernatrliche Macht ihn von seinen
Kollegen, die er soeben erst kennen gelernt und die er zuerst fr
gebildete und anstndige Leute gehalten hatte, trennte. Ja bald empfand
er vor ihnen nur noch einen starken Widerwillen. Und noch viel spter
mitten in der lustigsten Gesellschaft stand ihm das Bild dieses alten
kleinen Titularrates mit der kahlen Stirn vor Augen und in seinen Ohren
tnten die Worte wider:

Lassen Sie mich doch! Weshalb wollen Sie mich denn durchaus
beleidigen?

Und er hrte mit diesen Worten auch noch andere, die in ihnen
schlummerten:

Bin ich nicht euer Bruder?

Der junge Mann verbarg sein Gesicht in den Hnden, und oft noch zuckte
er spter bei der Erkenntnis zusammen, da das menschliche Herz doch nur
wenig menschliche Empfindung in sich berge, und da soviel Hrte und
Roheit selbst denen eigen wre, die eine feine und vornehme Erziehung
genossen htten, und o Gott! auch in denen, die im allgemeinen fr
gtige und ehrenwerte Menschen galten.

Nirgends konnte man einen Beamten finden, der seinen Pflichten mit
gleichem Eifer oblag wie unser Akaki Akakiewitsch. Was sage ich, mit
gleichem Eifer -- arbeitete er doch mit Liebe, mit Leidenschaft. Wenn er
Akten abschrieb, so ffnete sich vor ihm eine beraus schne, eine
freundliche Welt. Man konnte von seinen Zgen das Vergngen, das ihm das
Kopieren bereitete, ablesen. Es gab fr ihn Lieblingsbuchstaben, die er
mit einer ganz besonderen Genugtuung malte -- in der wahren Bedeutung
des Wortes; kam er an eine wichtige Stelle, so wurde er ein ganz
anderer: er lchelte, seine Augen funkelten, seine Lippen bewegten sich,
-- und wer ihn kannte, konnte leicht aus seiner Physiognomie ersehen,
welchen Buchstaben er jetzt gerade druckte.

Wre er nach Verdienst belohnt worden, so htte er sich zu seinem
eigenen Erstaunen vielleicht zum Range eines Staatsrates erhoben
gesehen. Aber, wie seine witzigen Kollegen sagten, durfte er in seinem
Knopfloche nichts wie eine Schnalle tragen, und seine ganze
Beharrlichkeit trug ihm nur Hmorrhoiden ein.

brigens mu ich hier hinzufgen, da er eines Tages doch eine gewisse
Aufmerksamkeit erregte. Ein Direktor, ein anstndiger, wohlgesinnter
Mann, der ihn fr seinen langen Dienst belohnen wollte, befahl, ihm eine
wichtigere Arbeit anzuvertrauen als die, die in der Kopierung der
gewhnlichen Akten bestand, und zwar sollte er einen Bericht an irgend
eine andere Behrde abfassen, die Titel verschiedener Akten ndern und
im ganzen Texte das Pronomen der ersten Person durch das der dritten
ersetzen.

Akaki machte sich an die Arbeit, aber sie erregte ihn derartig, sie
kostete ihn solche Anstrengungen, da ihm der Schwei von der Stirn rann
und er endlich ausrief:

Nein, gebt mir lieber etwas zum Abschreiben!

Und von nun an lie man ihn bis an sein Lebensende kopieren.

Es schien fast, als ob auer seinen Kopieen nichts auf der Welt fr ihn
existiere. An seinen Anzug dachte er nie. Seine ursprnglich grne
Uniform hatte allmhlich eine mehlig-rote Farbe angenommen; sein Kragen
war so eng und so niedrig, da sein Hals, der eigentlich kurz war,
betrchtlich ber ihn hinausragte und abnorm lang erschien, hnlich wie
bei jenen Gipskatzen mit beweglichen Kpfen, die die fremden Hausierer
in den russischen Drfern feilbieten, um sie an die Bauern zu verkaufen.

Stets gab es irgend ein Ding, das an seiner Kleidung haften geblieben
war, -- bald ein Faden, bald ein Strohhalm. Auerdem hatte er eine ganz
besondere Vorliebe dafr, gerade in dem Momente unter einem Fenster
vorbeizugehen, wo man aus ihm einen nichts weniger als reinlichen
Gegenstand auf die Strae warf, und nur selten war sein Hut nicht mit
einer Melonenschale oder hnlichem Plunder garniert. Niemals fiel es ihm
ein, sich mit dem, was auf den Straen vor sich ging und alltglich vor
sich geht, zu beschftigen, mit Dingen, die die kecken forschenden
Blicke seiner jungen Kollegen unbedingt auf sich zogen; ja, die waren
gewohnt, wenn sie spazieren gingen, auf dem entgegengesetzten Trottoir
sofort alles Merkwrdige herauszufinden, wenn etwa ein Sterblicher mit
zerrissenen Beinkleidern sich zeigte, was ihnen stets ein boshaftes
Lcheln entlockte.

Akaki Akakiewitsch seinerseits sah nur die geraden und regelmigen
Linien seiner Kopieen vor sich, und er mute schon pltzlich an die
Schnauze eines Pferdes, das ihm seinen vollen Atem ins Gesicht blies,
geraten, um sich zu erinnern, da er sich nicht vor seinem Pult befand,
vor seinen schnen kalligraphischen Musterbeispielen, sondern mitten auf
der Strae. Und kam er nach Hause, so setzte er sich sofort zu Tisch,
schlang hastig seine Kohlsuppe hinunter und verzehrte dann unbekmmert
um das, was man ihm vorsetzte, irgend ein Stck Rindfleisch mit
Knoblauch -- samt den Fliegen und andern Lieblichkeiten, die Gott und
der Zufall dazugetan hatten. Hatte er seinen Magen gefllt, dann stand
er auf, holte ein kleines Tintenfa aus der Tasche und begann
pflichtgem die Akten abzuschreiben, die er sich nach Hause mitgenommen
hatte. Hatte er zufllig gerade keine dienstlichen Schriftstcke
abzuschreiben, so kopierte er zu seinem eigenen Vergngen Dokumente,
denen er eine besondere Wichtigkeit beima -- nicht wegen ihrer mehr
oder weniger interessanten Fassung, sondern weil sie an irgend eine
hochgestellte Persnlichkeit gerichtet waren.

Selbst dann, wenn der graue Himmel St. Petersburgs von dem Schleier der
Nacht verhllt ist und der ganze Beamtenstab sein Mahl je nach seinen
gastronomischen Neigungen und dem Gewichte seiner Brse eingenommen hat,
-- wenn alle Welt sich von dem Kratzen der Federn im Bureau, von den
Sorgen und den Geschften und all den Unbequemlichkeiten, die sich die
unruhigen Menschen oft selbst unntzerweise auferlegen, zu erholen
sucht, so ist es ganz natrlich, da die Beamten den Rest des Tages
irgend einer persnlichen Zerstreuung widmen. Die einen fahren ins
Theater, die andern gehen spazieren und vergngen sich damit, die
Toiletten und Hte zu betrachten, andere wieder besuchen eine Soire, wo
sie an irgend ein hbsches Mdchen -- irgend einen Stern, der am
bescheidenen Horizonte ihres brokratischen Himmels aufsteigt, einige
zrtliche und tiefempfundene Worte richten. Manche dagegen -- und diese
sind die zahlreichsten -- besuchen einen Kollegen, der im dritten oder
vierten Stockwerke eine kleine Wohnung, bestehend aus einer Kche und
einem Zimmer inne hat, ja einem Zimmer, das einen mhselig erbeuteten
Luxusgegenstand, eine Lampe oder irgend einen auf Grund langer
Einschrnkungen gekauften Artikel birgt.

Kurz, es ist die Stunde, da jeder Beamte auf die eine oder die andere
Weise seinem Miggange nachgeht: hier spielt man eine Partie Whist,
dort nimmt man Tee mit billigen Bisquits zu sich oder man raucht aus
einer langen Pfeife Tabak. Man erzhlt sich die Skandalgeschichten, die
in der groen Welt passieren, denn in welcher Situation sich der Russe
immer befinden mag, nie kann er seine Gedanken von seiner offiziellen
Gesellschaft wegwenden, ber die so kuriose Anekdoten im Umlaufe sind,
wie zum Beispiel die von dem Kommandanten, dem heimlich hinterbracht
wird, irgend ein Schurke habe dem Pferde auf dem Standbild Peters des
Groen den Schweif abgeschnitten.

Mit einem Wort, selbst in diesen Stunden der Erholung und des Amsements
blieb Akaki Akakiewitsch seinen Gewohnheiten treu. Niemand htte sagen
knnen, da er ihn auch nur ein einziges Mal des Abends in Gesellschaft
gesehen habe. Wenn er vom vielen Abschreiben mde geworden war und nicht
mehr weiter konnte, legte er sich zu Bett und dachte an die Freuden des
folgenden Tages, an all die schnen Kopieen, die ihm der liebe Gott noch
reserviert hatte.

So flo das friedliche Leben eines Mannes hin, der bei einem Einkommen
von vierhundert Rubeln mit seinem Schicksale vollkommen zufrieden war,
und er wrde vielleicht ein hohes Alter erreicht haben, wre er nicht
einem unglcklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, wie er nicht nur
Titularrte, sondern auch die geheimen, die wirklichen Staatsrte, die
Hofrte und selbst die, die niemals einen Rat geben oder empfangen,
treffen kann.

In St. Petersburg haben alle diejenigen, die nur ber ein Einkommen von
ungefhr vierhundert Rubeln verfgen, einen furchtbaren Feind, und
dieser grliche Feind ist kein anderer als der nordische Winter, obwohl
man im allgemeinen behauptet, er wre der Gesundheit sehr zutrglich.

Gegen neun Uhr morgens, wenn die Beamten der verschiedenen mter sich in
ihr Bureau begeben, sticht ihnen die Klte ohne Unterschied so sehr die
Nase, da die meisten von ihnen nicht wissen, wohin sie sie verstecken
sollen.

Wenn in solchen Augenblicken die hohen Wrdentrger in Person so sehr
unter der Klte leiden, da ihnen die Stirne weh tut und die Trnen in
die Augen steigen, wie schlimm mu es da erst den Titularrten ergehen,
die doch ber gar keine Mittel verfgen, um sich gegen die Unbilden der
Klte zu schtzen. Da sie sich nur in einen leichten Mantel haben hllen
knnen, so bleibt ihnen als letzte Rettung nur brig, fnf oder sechs
Straen im Eilschritt zu durchlaufen und sodann bei dem Portier halt zu
machen, um hier so lange auf den Fen herumzuspringen, bis sie ihre
eingefrorenen bureaukratischen Fhigkeiten wiedererlangt hatten.

Seit einiger Zeit empfand Akaki Akakiewitsch im Rcken und in den
Schultern einen stechenden Schmerz, obwohl er in groer Eile und auer
Atem die Entfernung von seiner Wohnung zu seinem Bureau zu durchlaufen
pflegte. Nachdem er lange hierber nachgedacht hatte, gelangte er
schlielich zu der Annahme, da sein Mantel nicht mehr ganz intakt sein
msse. Kaum war er in sein Zimmer eingetreten, als er dieses
Kleidungsstck sorgfltig untersuchte und hierbei feststellte, da der
einst so kostbare Stoff an zwei oder drei Stellen sich in den reinsten
Tll verwandelt hatte und so dnn geworden war, da er fast durchsichtig
schien; auerdem war das Futter vllig zerrissen. Man mu nmlich
wissen, da dieser Mantel schon lange zur Zielscheibe fr die
Spttereien von Akakis mitleidslosen Kollegen gedient hatte. Ja, man
hatte ihm sogar die edle Bezeichnung eines Mantels entzogen, um ihn
Kapuze zu taufen. Tatsache ist allerdings, da dieses Kleidungsstck ein
uerst merkwrdiges Aussehen hatte. Im Laufe der Jahre war der Kragen
immer mehr zusammengeschrumpft, denn von Jahr zu Jahr hatte der arme
Titular-Rat ein Stck davon abgeschnitten, um mit ihm eine schadhafte
Stelle des Mantels auszubessern, und diese Flicke verrieten nichts
weniger als eine kundige Schneiderhand. Sie waren mglichst ungeschickt
aufgesetzt und sahen keineswegs schn aus. Als Akaki Akakiewitsch seine
traurigen Betrachtungen beendet hatte, sagte er sich, da er ohne
Zaudern den Mantel zu dem Schneider Petrowitsch, der im vierten Stock
eine ganz dunkle Kammer bewohnte, bringen msse.

Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig war und im
nchternen Zustande der Ehre teilhaftig wurde, fr die Herren Beamten
Rcke und Beinkleider anzufertigen, wenn er nicht gerade etwas anders im
Kopfe hatte. Ich knnte wohl darauf verzichten, hier lnger bei diesem
Schneider zu verweilen; aber da es der Brauch nun einmal so will, keine
Persnlichkeit in einer Erzhlung vorzustellen, deren Physiognomie man
nicht genau zu schildern vermchte, so bin ich gezwungen, meinen
Petrowitsch mehr oder minder naturgetreu abzukonterfeien. Frher, als er
noch bei seinem Herrn Leibeigner war, hie er ganz schlicht Gregori.
Freigelassen, glaubte er es sich schuldig zu sein, den Namen Petrowitsch
anzunehmen. Zugleich begann er zu trinken, zunchst nur an den hohen
Feiertagen, dann jedoch an allen Kirchenfesten, die im Kalender mit
einem Kreuz verzeichnet sind. In dieser Beziehung blieb er den
Gewohnheiten seiner Grovter treu, und wenn seine Frau mit ihm zanken
wollte, hie er sie eine gottlose Person und eine Deutsche. Und da wir
diese Frau schon erwhnt haben, so wollen wir auch von ihr noch ein paar
Worte sagen: leider ist nur nicht viel ber sie zu berichten, auer da
sie eben die Frau des Petrowitsch war, und da sie eine Haube auf dem
Kopfe trug. Im brigen war sie nicht gerade eine Schnheit zu nennen,
hchstens erlaubte es sich ein Gardesoldat, wenn er ihr auf der Strae
begegnete, ihr unter die Haube zu gucken, seinen Mund zu einem Lcheln
zu verziehen und einen unbestimmten Laut von sich zu geben. Akaki
Akakiewitsch kletterte also bis zur Mansarde des Schneiders hinauf. Die
Treppe, die zu ihr fhrte, war dunkel, schmutzig, feucht und strmte,
wie alle Proletarierwohnungen in St. Petersburg, einen Nase und Augen
beizenden Branntweingeruch aus.

Whrend der Titular-Rat die schlpfrigen Stufen hinaufkroch, berlegte
er, welchen Preis Petrowitsch wohl fr die Reparatur fordern knnte, und
er beschlo, ihm unter keinen Umstnden mehr als zwei Rubel anzubieten.

Die Tr des Schneiders stand weit offen, um den Rauchwolken aus der
Kche einen Ausgang zu verschaffen; Petrowitschs Frau war gerade dabei,
hier Fische zu braten. Akaki Akakiewitsch ging quer durch die Kche, die
so voller Rauch war, da man nicht einmal die vielen sie bevlkernden
Schwaben sehen konnte, er ging durch die Kche, ohne da die Frau seiner
ansichtig wurde und trat in die Stube hinein, wo der Schneider auf einem
groen, roh gezimmerten und ungestrichenen Tische sa, die Beine wie ein
trkischer Pascha bereinandergeschlagen und nach der Art der meisten
russischen Schneider mit nackten Fen.

Wenn man an ihn nher herantrat, so zog vor allem ein Umstand die
Aufmerksamkeit auf ihn: nmlich der Nagel eines Daumens, der zwar ein
wenig verstmmelt, sonst aber hart und starr war wie die Schale einer
Schildkrte. Um den Hals hatte er einen Knul Seidenfaden und mehrere
Zwirnstrhne geschlungen und auf seinen Knieen lag ein zerfetzter Rock.
Seit einigen Minuten bemhte er sich, eine Nadel einzufdeln, jedoch
ohne Erfolg. Er wetterte zuerst auf die Dunkelheit, dann auf den Faden.

Willst du nun endlich hinein, Taugenichts! schrie er. Bald habe ich
keine Kraft mehr, verdammtes Ding!

Akaki Akakiewitsch merkte sogleich, da er einen ungnstigen Augenblick
erwischt hatte, wo Petrowitsch schlechter Laune war. Es wre ihm lieber
gewesen, Petrowitsch in einer jener gnstigen Stunden anzutreffen, in
denen der Schneider schon ein wenig angeheitert war, oder -- wie seine
Frau sich auszudrcken pflegte -- wo dieser einugige Teufel sich eine
solide Ration Fusel einverleibt hatte. Dann war es fr den Kunden ein
leichtes, ihm einen beliebigen Preis aufzuschwatzen, ja der Schneider
ging in seinen Komplimenten bisweilen so weit, da er sich ehrfrchtig
vor ihm vorbeugte und ihn mit Danksagungen berschttete.

Oft jedoch mischte sich die Frau in die geschftlichen Abmachungen,
beklagte sich ber ihren Mann, schrie und tobte und erklrte, er sei
betrunken gewesen und habe die Arbeit zu einem viel zu niedrigen Preise
angenommen. Dann bot man einige Kopeken mehr, und der Handel war
abgeschlossen.

Heute aber hatte zu des Titular-Rats Unglck Petrowitsch bis zu diesem
Momente noch nicht der Flasche zugesprochen, und in dieser
Gemtsverfassung war der Schneider starrkpfig, unvernnftig und fhig,
einen schrecklich hohen Preis zu fordern.

Akaki Akakiewitsch sah diese Gefahr voraus und htte gern wieder Reiaus
genommen; jedoch es war dazu zu spt: das Auge des Schneiders, sein
einziges Auge, denn er war einugig, hatte ihn bereits entdeckt, und so
stammelte denn Akaki Akakiewitsch mechanisch:

Guten Tag, Petrowitsch!

Guten Tag, Herr! antwortete der Schneider, dessen Blick sich sofort
auf die Hand des Titular-Rates heftete, um zu erkennen, was fr ein
Objekt sie trug.

Ich war gekommen ... Petrowitsch, nun ... Ich wollte ...

Hier ist die Bemerkung am Platze, da der furchtsame Titular-Rat es sich
zur Regel gemacht hatte, seine Gedanken nur durch halbe Phrasen, Worte,
Prpositionen, Adverbien oder Redeteile, die berhaupt keinen Sinn
ergaben, auszudrcken.

War jedoch die Angelegenheit, um die es sich handelte, von besonderer
Wichtigkeit, so gelang es ihm niemals, den angefangenen Satz zu Ende zu
sprechen. Wenn die Sache jedoch ganz besonders schwierig war, dann
stotterte er nur ein paar Worte heraus: Das ist doch wirklich ganz ...
und dann folgte berhaupt nichts mehr. Bald hatte er selbst vergessen,
was er eigentlich sagen wollte und glaubte, er habe schon alles gesagt.

Was wnschen Sie, Herr? fragte Petrowitsch ihn, indem er ihn mit
seinem einzigen Auge vom Kopf bis zu den Fen musterte und seinen
fragenden Blick ber Kragen, Manschetten, Taille, Knpfe, kurz ber die
gesamte Uniform Akakis gleiten lie, die er sehr gut kannte, da er
selbst all diese Herrlichkeiten angefertigt hatte. Das ist nun mal die
Eigentmlichkeit aller Schneider, dies ist ihr erster Gedanke, sowie sie
einem Bekannten begegnen.

Akaki antwortete stotternd wie gewhnlich:

Ich mchte ... Petrowitsch, ... dieser Mantel ... sehen Sie das Tuch
... brigens ... ich fr meinen Teil ... ich glaube, er ist noch ganz
gut ... nur ein wenig bestaubt ... Ja, ja, er sieht schon ein wenig
abgetragen aus ... aber er ist doch noch ganz neu ... nur an einer
Stelle ein wenig abgescheuert ... da, am Rcken ... und hier an der
Schulter ... zwei oder drei kleine Risse ... Sehen Sie es nicht? ... es
ist ja gar nicht der Rede wert ... Es ist gar nicht viel daran zu tun
...

Petrowitsch ergriff den unglckseligen Mantel, breitete ihn auf dem
Tische aus, betrachtete ihn schweigend und schttelte dann das Haupt.
Dann streckte er den Arm nach dem Fenster aus, um sich seine runde mit
dem Bilde eines Generals gezierte Tabaksdose herunterzunehmen. Ich wei
nicht, was das fr ein General war, denn die Stelle, wo sich das Gesicht
befand, war mit dem Finger durchlchert, und da hatte der Schneider
flugs einen viereckigen Streifen Papier darber geklebt.

Als Petrowitsch sich nun endlich eine Prise genommen hatte, nahm er die
Kutte von neuem in die Hnde, hielt sie ans Licht und schttelte zum
zweitenmal den Kopf. Sodann schaute er sich genau das Futter an,
schttelte sie nochmals, hob wiederum den Deckel seiner vor Zeiten mit
dem Portrt eines Generals geschmckten und mit einem Papierstreifen
geflickten Tabakdose hoch, entnahm ihr eine zweite Prise, machte die
Dose zu, steckte sie ein und schrie endlich:

Daran ist berhaupt nichts mehr auszubessern! Das ist ja nur ein ganz
elender Fetzen!

Bei diesen Worten krampfte sich Akaki Akakiewitschs Herz zusammen.

Weshalb nicht, Petrowitsch? fragte er in dem weinerlichen Ton eines
Kindes, dieser Rock sollte nicht mehr auszubessern sein? Aber so sehen
Sie doch, Petrowitsch! nicht wahr, es sind ja nur ein paar Risse an der
Schulter drin, und Sie haben genug Flicken, um sie aufzunhen.

Allerdings habe ich genug Flicken, versetzte Petrowitsch, aber wie
soll ich sie denn darauf nhen? Das Tuch ist abgescheuert und hlt
nirgends mehr stand.

Ach was! so werden Sie einfach einen greren Flicken nehmen!

Wo soll man denn da einen Flicken aufsetzen, der wird ja doch nicht
halten, der Flicken wre auch zu gro; das kann man doch kaum noch Tuch
nennen, ein Windsto gengt ja, um es vllig zu zerfetzen!

Nh ihn ... schon auf ... Ich bitte dich ... Das geht doch nicht.

Nein! erwiderte Petrowitsch bestimmten Tones, da ist gar nichts mehr
zu machen! Dieser Stoff hat ausgedient. Es wre besser, daraus fr den
Winter Fulappen zu machen; das wrmt die Fe weit mehr als Strmpfe.
Ja, ja, das ist auch so eine deutsche Erfindung, um den Leuten Geld
abzunehmen.

Petrowitsch lie keine Gelegenheit vorbergehen, ohne den Deutschen eins
auszuwischen.

Sie mssen sich einen neuen Mantel machen lassen, fgte er hinzu.

Einen neuen Mantel?

Akaki Akakiewitsch ward es schwarz vor den Augen. Das Atelier des
Schneiders fing an ihn zu umkreisen und der einzige Gegenstand, den er
deutlich zu erkennen vermochte, war das mit Papier berklebte Portrt
des Generals auf Petrowitschs Tabaksdose.

Einen neuen Mantel? murmelte er wie traumverloren. Aber ich habe doch
kein Geld dazu.

Jawohl, einen neuen Mantel! wiederholte Petrowitsch mit grausamer
Beharrlichkeit.

Aber, ... selbst ... wenn ... angenommen, ich fate einen solchen
Entschlu ... wieviel? ...

Sie wollen sagen, wieviel er kosten wrde?

Ja.

So was wie hundertundfnfzig Papierrubel werden Sie schon anwenden
mssen, erwiderte der Schneider, indem er die Lippen zusammenkniff.

Dieser Schneider liebte die starken Effekte und fand ein ganz besonderes
Vergngen darin, seine Kunden zu verblffen und dann mit seinem einzigen
schielenden Auge den Ausdruck ihres Gesichts zu beobachten.

Hundertundfnfzig Rubel fr einen Mantel? sagte Akaki Akakiewitsch.

Und der Titular-Rat sprach diese Worte mit einem Ton aus, der fast einem
Schrei glich, vielleicht dem ersten, den er seit seiner Geburt
ausgestoen hatte, denn gewhnlich sprach er ja mit groer
Furchtsamkeit.

Ja, versetzte Petrowitsch, ohne Marderkragen und Seidenfutter fr den
Umhang; sonst wrde er sich auf zweihundert Rubel belaufen.

Petrowitsch, ich beschwre Sie, unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch
flehend, der auf den Schneider und all seine Effekte gar nicht mehr
hrte, ihn auch nicht hren wollte; ich beschwre Sie, diesen Mantel
irgendwie auszubessern, damit er noch eine Zeit halten kann!

Nein! das wre verlorene Mhe und eine unntze Ausgabe, eine reine
Verschwendung, versetzte Petrowitsch.

Akaki Akakiewitsch zog sich nach diesen Worten ganz niedergeschmettert
zurck, whrend Petrowitsch mit zusammengekniffenen Lippen, mit sich
selbst uerst zufrieden wegen der so mannhaften Verteidigung des
gesamten Schneiderstandes, stehen blieb.

Ziellos und betubt irrte Akaki wie ein Somnambule in den Straen umher.

Welche Widerwrtigkeit! sprach er beim Gehen vor sich hin.
Wahrhaftig, ich htte niemals gedacht, da das so ausgehen wrde ...
Nein, fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, ich konnte nicht
annehmen, da es dazu kommen wrde ... Dann schwieg er wieder eine
Weile still und sagte schlielich: Ich befinde mich augenblicklich in
einer durchaus unerwarteten Situation ... in einer solchen Verlegenheit,
da ...

Und whrend er solcher Art sein Selbstgesprch fortsetzte, schlug er,
anstatt nach Hause zu gehen, eine seiner Wohnung vllig entgegengesetzte
Richtung ein, jedoch ohne dessen gewahr zu werden. Ein Schornsteinfeger
schwrzte ihm beim Vorbergehen den Rcken. Von einem im Bau
befindlichen Hause herab fiel ihm eine ganze Mtze mit Gips auf den
Kopf; er jedoch sah und merkte nichts. Erst als er mit gesenktem Haupte
gegen einen Wachtposten stie, der ihm mit vorgehaltener Hellebarde den
Weg versperrte und ihm aus seiner Dose Tabak auf die schwielige Hand
schttete, erwachte er rauh aus seinen Trumen.

Was tust du hier? schrie ihn der brutale Hter der ffentlichen
Ordnung an; kannst du nicht, wie es sich gehrt, auf dem Trottoir
gehen?

Dieser pltzliche Anruf ri Akaki Akakiewitsch endlich vllig aus dem
Zustande der Betubung. Er sammelte wieder seine Gedanken, berblickte
kaltbltig die Situation und ging ernst und freimtig mit sich zu Rate
wie mit einem Freunde, dem man alle seine Herzensgeheimnisse anvertraut.

Nein, sagte er endlich, heute werde ich nichts bei Petrowitsch
erreichen; heute ist er schlechter Laune ... vielleicht hat ihn seine
Frau geprgelt, -- ich werde ihn nchsten Sonntag wieder aufsuchen.
Sonntag Morgen nach einer durchschwrmten Nacht wird er stark schielen,
Durst haben, trinken wollen und seine Frau gibt ihm kein Geld dazu. Ich
werde ihm ein Zehnkopekenstck in die Hand drcken, dann wird er viel
eher zugnglich sein und mit sich ber den Mantel sprechen lassen.

Sich an dieser Hoffnung sttzend, wartete Akaki Akakiewitsch bis zum
nchsten Sonntag. An diesem Tage begab er sich, als er von ferne
Petrowitschs Frau ihr Haus hatte verlassen sehen, zu dem Schneider und
fand ihn, wie er erwartet hatte, in dem Zustande vlligster
Niedergeschlagenheit. Er schielte strker als je und war ganz
verschlafen. Kaum hatte jedoch der Schneider vernommen, worum es sich
handelte, als er Akaki Akakiewitsch sofort anschnauzte, als sei der
Teufel in ihn gefahren.

Nein, da gibts gar nichts mehr zu tun! Sie knnen sich jetzt nur einen
neuen Mantel kaufen.

Akaki Akakiewitsch drckte ihm hier ein Zehnkopekenstck in die Hand.

Danke, Euer Gnaden, antwortete Petrowitsch, ich werde auf Ihre
Gesundheit trinken. Was jedoch Ihren Mantel anbetrifft, so drfen Sie
gar nicht mehr an ihn denken. Er ist nicht mehr einen roten Heller wert.
Lassen Sie mich nur ruhig gewhren, ich werde Ihnen einen prachtvollen
neuen anfertigen -- ich brge Ihnen dafr!

Der arme Akaki Akakiewitsch bat ein Mal ber das andere Mal den
Schneider, den alten zu reparieren, aber Petrowitsch wollte ihn gar
nicht mehr anhren und sagte: Ich will Ihnen schon einen neuen
anfertigen ... Glauben Sie mir. Ich werde mir die grte Mhe geben. Ja,
ich werde sogar, wie es jetzt Mode ist, silberne Haken und sen an dem
Kragen anbringen.

Jetzt erst begriff Akaki Akakiewitsch, da er sich tatschlich einen
neuen Mantel werde anschaffen mssen, und zum zweitenmal fhlte er sich
einer Ohnmacht nahe. Sich einen neuen Mantel machen lassen! Aber womit
ihn bezahlen? Er hatte allerdings, um die Wahrheit zu sagen, zu den
Feiertagen Ansprche auf eine offizielle Gratifikation. Aber dafr hatte
er schon lngst eine Bestimmung gefunden. Er mute sich ein Paar
Beinkleider kaufen und einem Schuhmacher eine alte Schuld bezahlen, der
ihm zwei Paar Stiefel ausgebessert und zwei neue Schfte aufgesetzt
hatte. Er mute sich bei der Nherin drei neue Hemden und zwei von jenen
Kleidungsstcken anfertigen lassen, die beim Namen zu nennen, gegen den
literarischen Anstand verstt, kurz alles war schon im voraus bestimmt.
Und sollte -- ein unerwartetes Glck! -- der Direktor etwa die
Gratifikation von vierzig auf fnfzig Rubel erhhen, was wre
schlielich dieser magere berschu im Vergleich mit der unerhrt hohen
Summe, die Petrowitsch fr den Mantel gefordert hatte? Ein Tropfen
Wasser im Ozean.

Er wute freilich, da Petrowitsch die Angewohnheit hatte, mitunter ganz
unglaubliche Preise zu verlangen, soda sich seine Frau oft nicht
enthalten konnte, ihn mit folgenden Worten anzufahren:

Bist du verrckt, du Esel? Bald arbeitest du fr ein reines Nichts, und
ein andermal reitet dich der Teufel, einen so unendlich hohen Preis zu
fordern, den der Kerl selbst nicht wert ist.

Er glaube demnach, da Petrowitsch auch mit einem Preise von achtzig
Rubel fr einen neuen Mantel einverstanden sein wrde. Aber wo sollte
man selbst diese achtzig Rubel hernehmen? Vielleicht wrde es ihm
gelingen, wenn er alle Hebel in Bewegung setzte, die Hlfte oder sogar
noch etwas mehr aufzutreiben. Woher aber sollte er die andere Hlfte
nehmen!

Wir mssen dem Leser von den Mitteln, die Akaki Akakiewitsch zur
Beschaffung dieser Summe anzuwenden gedachte, Rechenschaft geben!

Er hatte die Gewohnheit angenommen, so oft er einen Rubel erhielt, eine
Kopeke in eine kleine Sparbchse zu werfen, die stets fest verschlossen
war. Am Ende eines jeden Halbjahres nahm er diese kleinen Kupferstcke
heraus und ersetzte sie durch Silbergeld von gleichem Werte. Dieses
Sparsystem hatte er schon ziemlich lange durchgefhrt, und so beliefen
sich nach Verlauf einiger Jahre seine Ersparnisse auf etwas mehr als
vierzig Rubel. So besa er wenigstens die Hlfte der in Betracht
kommenden Summe. Aber die andere Hlfte! Wo sollte er die andern vierzig
hernehmen? Akaki stellte unabsehbare Berechnungen an; schlielich sagte
er sich, da er mindestens ein Jahr hindurch verschiedene seiner
Ausgaben reduzieren knne, des Abends auf den Tee verzichten, keine
Kerze anznden und -- wenn er etwas zu arbeiten htte -- sich mit seinen
Akten ins Zimmer seiner Wirtin setzen mte, um seine Arbeit bei ihrer
Kerze zu vollenden. Er fate auch den Entschlu, auf der Strae
mglichst sanft und vorsichtig aufzutreten, ja wenn es ging auf den
Zehenspitzen ber das Trottoir und das Pflaster zu gehen, um seine
Sohlen nicht zu schnell durchzuscheuern, seine Wsche nicht so oft
waschen zu lassen, sie beim Nachhausekommen auszuziehen und statt dessen
blo seinen baumwollenen Schlafrock anzulegen, ein zwar sehr altes
Stck, das die Zeit jedoch glcklicherweise noch ziemlich verschont
hatte.

Anfangs waren ihm diese Entbehrungen etwas peinlich, aber nach und nach
gewhnte er sich an seine neue Lebensweise und brachte es sogar soweit,
sich, ohne Abendbrot gegessen zu haben, zur Ruhe zu begeben. Whrend
sein Krper unter dieser Unterernhrung litt, fand sein Geist in der
unaufhrlichen Beschftigung mit seinem Mantel neue Anregung. Von diesem
Augenblicke an htte man sagen knnen, da seine Natur das passende
Komplement gefunden, da er sich verheiratet htte, da noch ein anderer
Mensch immer um ihn war, da er nicht mehr einsam war und da ihm eine
Gefhrtin zur Seite stnde, die ihn auf allen seinen Lebenswegen
begleitete; diese Gefhrtin -- war das Bild seines Mantels, wohl
wattiert und gefttert, eines Mantels, der berhaupt nicht umzubringen
war.

Und man sah ihn viel entschlossener und mutiger als frher
einherschreiten, er war ein Mensch geworden, der nur ein Ziel vor Augen
hatte, das er auf jeden Fall erringen will. Die Charakterlosigkeit und
ngstlichkeit in seinem Gesichtsausdruck und in seinen Handlungen, seine
lssige Haltung: mit einem Wort, all jene schwankenden und unsicheren
Zge waren auf einmal verschwunden. Mitunter glnzten seine Augen wie in
neuem Leben, und in seinen khnen Trumen legte er sich bereits die
Frage vor, ob er sich nicht an seinem Mantel auch ganz gut einen
Mantelkragen anbringen lassen knne.

Diese Gedanken machten ihn bisweilen merkwrdig zerstreut. Eines Tages,
als er wieder seine Akten abschrieb, bemerkte er pltzlich, da ihm
beinahe ein Fehler untergelaufen wre.

O, o! rief er aus.

Und schnell machte er das Zeichen des Kreuzes.

Mindestens einmal im Monat begab er sich zu Petrowitsch, um sich mit ihm
ber den kostbaren Mantel zu unterhalten und andre wichtige Dinge mit
ihm festzustellen, zum Beispiel wo er das Tuch kaufen solle, wie teuer
es wohl zu stehen kommen werde und welche Farbe in Betracht kme.

Jeder dieser Besuche fhrte zu neuen Erwgungen; aber jedesmal kehrte er
zwar etwas besorgt aber doch glcklich und zufrieden nach Hause zurck,
denn nun mute doch endlich der Tag erscheinen, an dem alles besorgt,
und der Mantel fix und fertig sein wrde.

Dieses groe Ereignis trat viel frher, als er gehofft hatte, ein. Der
Direktor bewilligte ihm eine Gratifikation nicht von vierzig oder
fnfzig, sondern von fnfundsechzig Rubeln. Hatte etwa dieser brave
Beamte bemerkt, da unser Freund Akaki Akakiewitsch so dringend eines
neuen Mantels bedurfte? oder verdankte unser Held diese seltene
Freigebigkeit nur seinem guten Sterne?

Wie dem auch immer war, Akaki Akakiewitsch wurde um zwanzig Rubel
reicher. Eine solche Vermehrung seiner Ersparnisse mute notwendig die
Verwirklichung seines Vorhabens beschleunigen.

Noch zwei oder drei Monate, whrend deren er hungerte, und Akaki
Akakiewitsch hatte seine achtzig Rubel beisammen. Sein gewhnlich
friedliches Herz begann heftig zu schlagen. Sowie er die ungeheure Summe
von achtzig Rubeln beisammen hatte, suchte er Petrowitsch auf, und alle
beide begaben sich noch am selbigen Tage zusammen zu einem Tuchhndler.

Ohne Zaudern kauften sie dort eine gute Ware. Kein Wunder! Seit mehr
denn einem Jahre hatten sie sich ber diese Anschaffung unterhalten,
ber alle Einzelheiten hatten sie debattiert und Monat fr Monat hatten
sie die Auslagen des Kaufmanns aufs sorgfltigste studiert um sich ber
die Preise zu vergewissern. Dafr erklrte aber Petrowitsch auch, einen
bessern Stoff wrde man schwerlich finden. Als Futter nahmen sie uerst
feste Leinewand, die nach der Meinung des Schneiders besser als Seide
war und berdies einen unvergleichlichen, viel schneren Glanz hatte.
Marder kauften sie nicht, da sie ihn zu teuer fanden, aber sie
entschieden sich fr das schnste Katzenfell, das es in dem ganzen Laden
gab und das man schlielich wohl auch fr Marder halten konnte.

Um dieses Kleidungsstck anzufertigen, bedurfte Petrowitsch voller
vierzehn Tage; denn er machte eine zahllose Menge von Stichen, ohne die
wre er allerdings frher fertig geworden. Er berechnete seine Arbeit
mit zwlf Rubeln; weniger konnte er nicht fordern: alles war mit Seide
gearbeitet, und der Schneider hatte die Nhte mit den Zhnen, deren
Spuren man noch sah, gebgelt. Endlich kam er an, der so innig
herbeigesehnte Mantel. Es ist mir nicht mglich, genau den Tag zu
beschreiben, aber sicherlich war es der feierlichste Tag in dem Leben
Akakij Akakiewitschs.

Der Schneider brachte den Mantel selbst schon am frhen Morgen, bevor
der Titular-Rat sich in sein Bro begab. Er htte garnicht zu
gelegenerer Zeit kommen knnen, denn die Klte machte sich bereits
bitter fhlbar, und drohte mit der Zeit noch weit heftiger zu werden.

Petrowitsch nherte sich seinem Kunden mit der wrdevollen Miene eines
weltberhmten Schneiders. Seine Physiognomie war von einem seltenen
Ernst; niemals hatte der Titular-Rat ihn so gesehen. Er war von seinem
Verdienst durchdrungen und bema in Gedanken voller Stolz den Abstand,
der den Flickschneider von dem Knstler, dem Verfertiger neuer
Kleidungsstcke, scheidet.

Der Mantel war in eine neue, erst krzlich gewaschene Leinewanddecke
gehllt, die der Schneider sorgfltig aufknpfte und dann wieder
zusammenlegte, um sie seiner Tasche anzuvertrauen. Dann fate er stolz
den Mantel mit beiden Hnden an und legte ihn Akakij Akakiewitsch auf
die Schultern. Hierauf half er ihm vollends hinein, strich ihm mit der
Hand noch einmal ber den Rcken, und ein Lcheln der Genugtuung
berlief seine Zge, als er ihn in seiner ganzen Lnge majesttisch
herabfallen sah; schlielich mute Akakij Akakiewitsch ihn noch einmal
weit aufmachen und sich dem Schneider von vorne prsentieren.

Als ein Mann reiferen Alters wollte Akakij Akakiewitsch auch die rmel
anprobieren; Petrowitsch half ihm in die rmel hinein, und siehe da, sie
saen wundervoll. Kurz, der Mantel war tadellos in allen seinen
Einzelheiten, und der Schnitt lie nichts zu wnschen brig.

Whrend der Schneider sein Werk betrachtete, verfehlte er nicht, darauf
hinzuweisen, da er ihn nur wegen der geringen Miete, weil er in einer
kleinen Nebenstrae wohne und nichts fr ein Aushngeschild zu zahlen
brauche, sowie wegen seiner langjhrigen Bekanntschaft mit Akakij
Akakiewitsch so billig hergestellt htte. Dann bemerkte er noch, da ein
Schneider vom Newski Prospekt allein fr die Fasson eines gleichen
Mantels mindestens fnfundsiebzig Rubel gefordert haben wrde. Akakij
Akakiewitsch wollte sich jedoch ber diesen Punkt nicht erst in eine
Diskussion einlassen, denn er frchtete sich vor den horrenden Summen,
mit denen Petrowitsch zu prahlen liebte. Er zahlte, dankte und verlie
seine Stube, um sich in seinem neuen Mantel nach dem Bro zu begeben.

Petrowitsch ging mit ihm und machte mitten auf der Strae halt, um ihm
so weit wie mglich mit den Augen zu folgen. Dann verlie er die Strae,
durchquerte eiligst eine kleine Gasse und rannte nach der Strae zurck,
um den Mantel noch einmal von einer andern Seite, d. h. von vorne zu
betrachten.

Voll ser Gedanken, in einer wahren Feiertagsstimmung, nherte sich
Akakij seinem Bro. Jeden Augenblick fhlte er, da von seinen Schultern
ein neues Kleidungsstck herabhing und beglckte sich selbst mit einem
holden Lcheln der Genugtuung.

Zwei Dinge vor allem gingen ihm durch den Kopf: zunchst, da der Mantel
warm war, sodann, da er gut aussah. Ohne irgendwie auf den Weg, den er
gegangen war, geachtet zu haben, betrat er pltzlich die Kanzlei, legte
seinen Schatz im Vorzimmer ab, schaute ihn sich noch einmal sorgfltig
von allen Seiten an und bat den Portier, recht sorgsam auf den Mantel zu
achten.

Ich wei nicht, wie sich das Gercht in den Bureaus verbreitet hatte,
da Akaki Akakiewitsch sich einen neuen Mantel angeschafft, und die alte
Kapuze zu existieren aufgehrt habe. Jedenfalls eilten alle Kollegen
Akaki Akakiewitschs herbei, um seinen herrlichen Mantel zu bewundern und
den Titular-Rat mit so warmen Glckwnschen zu berhufen, da er nicht
umhin konnte, ihnen mit einem Lcheln der Genugtuung zu antworten, das
bald jedoch wieder einer gewissen Verlegenheit Platz machte.

Aber wie gro war seine berraschung, als seine schrecklichen Kollegen
ihn merken lieen, da sein Mantel einer feierlichen Einweihung bedrfe
und da sie auf ein feines Mahl rechneten. Der arme Akaki Akakiewitsch
war darber so bestrzt, so betubt, da er nicht wute, was er zu
seiner Entschuldigung anfhren sollte. Errtend stotterte er, das
Kleidungsstck sei gar nicht so neu, wie man glauben mochte, der Mantel
wre vielmehr schon ganz alt.

Einer seiner Vorgesetzten, irgend ein Gehilfe des Brovorstehers, der
ohne Zweifel dartun wollte, da er so gar nicht stolz auf seinen Rang
und Titel war und da er die Gesellschaft seiner Untergebenen nicht
verschmhte, nahm das Wort und sagte:

Meine Herren, anstelle von Akaki Akakiewitsch werde ich Sie bewirten.
Ich lade Sie ein, diesen Abend den Tee bei mir einzunehmen, ich habe
heute gerade Geburtstag!

Alle Beamten dankten ihrem Chef fr seine Gte und beeilten sich, seine
Einladung mit groer Freude anzunehmen. Akaki Akakiewitsch wollte zuerst
ablehnen, man hielt ihm jedoch vor, da das sehr unhflich von ihm wre,
gewissermaen eine unverzeihliche Handlungsweise, und so fgte er sich
denn in das Notwendige.

In Gedanken empfand er brigens eine gewisse Freude darber, da er auf
diese Art Gelegenheit hatte, sich in seinem Mantel auf der Strae zu
zeigen. Dieser ganze Tag war fr ihn ein Fest. In dieser glcklichen
Stimmung trat er in seine Wohnung ein, zog seinen Mantel aus und hngte
ihn, nachdem er einmal bers andre Stoff und Futter geprft hatte, an
die Wand. Dann holte er seine alte Kapuze herbei, um sie mit
Petrowitschs Meisterstck zu vergleichen. Seine Blicke wanderten von
einem Kleidungsstck zum andern und sanft lchelnd dachte er: Welch ein
Unterschied! Und noch lange nachher, beim Mittagessen konnte er sich
eines Lchelns nicht erwehren, wenn er daran dachte, in was fr einer
Verfassung sein alter Mantel sich befand.

Ganz frhlich nahm er diesmal seine Mahlzeit ein, und darnach setzte er
sich nicht wie sonst an seine Kopieen. Nein er streckte sich wie ein
rechter Sybarit auf seinem Sofa aus und erwartete das Herannahen des
Abends. Dann zog er sich schnell an, nahm seinen Mantel und ging.

Es drfte mir leider nicht mglich sein, Ihnen die Wohnung dieses
Vorgesetzten anzugeben, der seine Untergebenen so freigebig eingeladen
hatte. Mein Gedchtnis beginnt bereits etwas nachzulassen, und die
Straen und Huser St. Petersburgs richten in meinem Hirn eine derartige
Verwirrung an, da ich groe Mhe habe, mich nur einigermaen zurecht zu
finden. Einzig und allein daran erinnere ich mich, da der wrdige
Beamte in einem der schnsten Stadtviertel wohnte, und da infolgedessen
seine Wohnung sehr weit von der Akakis entfernt war.

Zuerst durchwanderte der Titular-Rat mehrere schlechtbeleuchtete
Straen, die ganz ausgestorben schienen, aber je mehr er sich der
Wohnung seines Vorgesetzten nherte, um so heller und belebter wurden
die Straen. Er begegnete einer zahllosen Menge nach der neuesten Mode
gekleideter Spaziergnger, schnen eleganten Frauen und Herren, die
Biberkragen trugen. Die Bauernschlitten mit ihren Holzbnken und ihren
mit goldenen Ngeln geschmckten Gittern wurden immer seltener, und alle
Augenblicke bemerkte er forsche Kutscher mit roten Samtmtzen, die mit
Brenfellen versehene Schlitten aus lackiertem Holz und prachtvolle
Karossen lenkten, oder er sah vornehme Equipagen mit eleganten
Kutschbcken, die knirschend ber den Schnee dahinglitten.

Das war fr unsern Akaki Akakiewitsch ein gnzlich neues Schauspiel.
Seit vielen Jahren war er nicht des Abends ausgegangen. So recht
neugierig blieb er vor der Auslage einer Kunsthandlung stehen. Ein
Gemlde zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Das war das Portrt einer
Frau, die ihren Schuh ausgezogen hatte und ihren kleinen entzckenden
Fu von einem jungen Manne mit dickem Schnurrbart und langer Fliege, der
durch eine halbgeffnete Tr blickte, bewundern lie.

Nachdem Akaki Akakiewitsch dieses Bild genug angeschaut hatte,
schttelte er den Kopf und setzte lchelnd seinen Weg fort. Warum
lchelte er wohl? Etwa wegen der Fremdheit des Gegenstandes? fr den er
sich trotzdem gleich allen anderen Leuten ein gewisses Verstndnis
bewahrt hatte? Oder vielleicht deshalb, weil er wie die meisten seiner
Kollegen dachte: die Franzosen haben mitunter etwas zu seltsame
Einflle; wenn sie einmal so eine Sache machen wollen, dann ist es
wirklich so eine Sache. Ach, er dachte wohl an gar nichts, und im
brigen ist es sehr schwer, sich in die Seele eines andern zu versetzen
und die Gedanken der Menschen zu lesen.

Endlich gelangte er vor das Haus, in dem der Gehilfe des Bureauchefs
wohnte. Sein Vorgesetzter lebte wie ein Grandseigneur; auf der Treppe
brannte eine Laterne, bewohnte er doch eine ganze Etage im zweiten
Stock. Als unser Akaki Akakiewitsch eingetreten war, erblickte er eine
lange Reihe Galoschen, dazwischen dampfte und brodelte mitten im Zimmer
ein Samowar, an den Wnden hingen die Mntel, von denen mehrere mit
Samt- und mit Pelzkragen versehen waren. Aus dem Zimmer nebenan drang
ein wirres Gerusch, das bestimmtere Formen annahm, als ein Diener die
Tr ffnete und mit einem Tablett voll leerer Tassen, einem Topf mit
Sahne und einem Korb mit Kuchen herausschritt. Die Gste muten bereits
lange versammelt sein, und sie hatten augenscheinlich bereits ihre erste
Tasse Tee geleert.

Akaki hngte seinen Mantel selbst an einen Haken und ging dann auf das
hell erleuchtete Zimmer zu, in dem sich seine mit langen Pfeifen
ausgersteten Kollegen um einen Spieltisch gruppiert hatten, sich sehr
laut unterhielten und ihm Sthle hin und her schoben.

Er trat ein, blieb jedoch verlegen auf der Trschwelle stehen, da er
nicht wute, was er tun sollte. Aber seine Kollegen hatten ihn schon
bemerkt, begrten ihn mit groem Hallo und eilten sofort in das
Vorzimmer, um seinen Mantel zu bewundern. Dieser Ansturm raubte unserem
braven Titular-Rat seine ganze Haltung. Da er aber ein schlichter und
treuherziger Mann war, freute er sich dennoch ganz aufrichtig ber die
Glckwnsche, die man ihm zu seinem kostbaren Kleidungsstcke
darbrachte. Bald darauf gaben seine Kollegen ihm nun die Freiheit wieder
und gingen an ihre Whisttische zurck. Diese Bewegung, diese Erregung,
die lebhafte Konversation, die vielen Menschen ... das alles verwirrte
unseren schchternen Akaki Akakiewitsch im hchsten Grade. Er wute
nicht, wo er seine Hnde und Fe hintun, wie er sie verbergen sollte;
schlielich setzte er sich zu den Spielern, sah bald auf ihre Karten,
bald auf ihre Gesichter, nach kurzer Zeit fing er jedoch zu ghnen und
sich zu langweilen an, denn er empfand, da die Stunde bereits lngst
verstrichen war, um die er sich zur Ruhe zu begeben pflegte. Er wollte
sich zurckziehen, doch hielt man ihn zurck, indem man ihm klarmachte,
er drfe sich unmglich entfernen, ohne ein Glas Champagner zur Feier
dieses denkwrdigen Tages getrunken zu haben.

Nach einer Stunde trug man das Abendessen auf, das aus Heringsalat,
kaltem Kalbsbraten, Kuchen, Pasteten und gemischtem Backwerk bestand; zu
jedem Gang gab es den sogenannten Champagner. Akaki Akakiewitsch sah
sich gentigt, zwei groe Glser von diesem prickelnden Getrnk zu
leeren, und nach kurzer Zeit bereits begann alles um ihn herum ein
heiteres Ansehen anzunehmen. Indes verga er nicht, da Mitternacht
vorber und da es lngst Zeit zum Nachhausegehen war.

In der Furcht, noch lnger zurckgehalten zu werden, schlich er sich
insgeheim ins Vorzimmer, wo er den Schmerz erlebte, seinen Mantel auf
dem Boden erblicken zu mssen. Er schttelte ihn mit grter Sorgfalt,
entfernte jedes kleine Federchen, zog ihn an und ging die Treppe
hinunter.

Die Straen waren noch beleuchtet. Die kleinen von den Dienstboten und
dem niederen Volke besuchten Lden waren noch geffnet; einige waren
zwar schon verschlossen, doch konnte man an dem Lichtschein, der aus den
Trspalten fiel, unschwer erkennen, da die Gste noch nicht gegangen
waren. Wahrscheinlich saen die Knechte und Mgde noch immer in
lebhaftem Gesprche beisammen, in dem sie ihre Herren in vollkommener
Unklarheit ber ihren Aufenthaltsort lieen.

beraus froh und etwas bezecht schlug Akaki Akakiewitsch den Weg nach
seiner Wohnung ein. Er lief sogar, ohne zu wissen warum, einer Dame
nach, die wie ein Blitz an ihm vorbeihuschte, und deren smtliche
Krperteile sich in lebhafter Bewegung befanden. Aber er besann sich
bald wieder, blieb einen Augenblick stehen und setzte dann seinen Weg
langsam weiter fort, hchst verwundert ber das lebhafte Tempo, das er
angeschlagen hatte. Bald gelangte er wieder in dunkele und unbelebte
Gassen und pltzlich merkte er, da er sich in einer jener Straen
befand, die sich des Tags und noch mehr in der Nacht durch ihre Ruhe
auszeichneten. Heute aber erschien sie noch einsamer und schauerlicher.
Alles um ihn hatte ein finsteres Aussehen. Die Laternen wurden immer
seltener, da die Stadtverwaltung offenbar nur wenig l fr die
Beleuchtung dieses Viertels bewilligte ... Holzhuser, Palisadenzune --
aber nirgends eine lebende Seele. Bei dem fahlen Schein dieser Laternen
glnzte der Schnee, und all die kleinen Huser mit ihren verschlossenen
Lden lagen in der Dunkelheit gar trbselig da. Er gelangte an eine
Stelle, wo die Strae in einen riesigen, mit Husern bebauten Platz
mndete, die von der anderen Seite aus kaum zu sehen waren. Es schien
fast, als befnde man sich in einer weiten und trostlosen Wste.

In der Ferne, Gott wei wo, schimmerte ein Licht von einem Schilderhause
her, das ihm am Ende der Welt zu stehen schien. Mit einem Male verlor
Akaki Akakiewitsch seine frhliche Stimmung. Er ging mit starkem
Herzklopfen auf das Licht zu, er ahnte eine drohende Gefahr. Der vor ihm
liegende Raum erschien ihm grer als der Ozean.

Nein, sagte er, ich will lieber garnicht hinsehen!

Und er ging weiter, indem er die Augen bestndig zumachte. Als er sie
ffnete, sah er sich pltzlich von mehreren brtigen Mnnern umgeben,
deren Gesichter er nicht erkennen konnte. Es wurde ihm dunkel vor den
Augen, sein Herz krampfte sich zusammen.

Dieser Mantel gehrt mir, schrie einer der Mnner, indem er Akaki
Akakiewitsch an dem Kragen fate.

Akaki Akakiewitsch wollte um Hilfe rufen. Einer der Angreifer schlo ihm
indessen mit seiner Faust, die die Gre eines Beamtenkopfes hatte, den
Mund und sagte zu ihm:

La dir's nur nicht einfallen, zu schreien! Im selben Augenblick
fhlte der Titular-Rat, wie man ihm seinen Mantel auszog, und fast
gleichzeitig lie ihn ein Futritt in den Schnee rollen, in dem er
bewutlos liegen blieb.

Einige Sekunden spter kam er wieder zu sich; aber er vermochte niemand
mehr zu erblicken. Seiner Kleidung beraubt und ganz erfroren begann er
aus Leibeskrften zu schreien, aber seine Rufe konnten kaum bis zum
anderen Ende des Platzes dringen. Ganz auer sich lief er ber den Platz
und strzte mit der letzten Kraft der Verzweiflung auf das
Schilderhuschen zu, wo die Wache, Gewehr bei Fu, ihn neugierig
betrachtete und fragte, weshalb zum Teufel er denn einen solchen Lrm
vollfhre und wie ein Verrckter liefe.

Als Akaki Akakiewitsch den Soldaten erreicht hatte, beschuldigte er ihn
mit bebender Stimme der Trunkenheit, weil er nicht bemerkt hatte, da
man in nchster Nhe von ihm die Passanten bestehle und ausplndere.

Ich habe nichts gesehen, erwiderte der Mann, ich sah Sie nur mitten
auf dem Platze zusammen mit zwei Individuen. Ich glaubte, es wren Ihre
Freunde. Es ist unntz, sich deshalb aufzuregen. Suchen Sie morgen den
Polizei-Inspektor auf, er wird die Angelegenheit in die Hand nehmen,
nach den Dieben des Mantels forschen lassen und eine Untersuchung
einleiten.

Der unglckliche Akaki Akakiewitsch kam in einem frchterlichen Zustande
zu Hause an: die wenigen Haare, die er noch am Hinterkopf und an der
Schlfe hatte, hingen ihm wirr ber die Stirn; Brust, Rcken und
Beinkleider waren voller Schnee. Als seine alte Wirtin ihn wie einen
Besessenen an die Tr klopfen hrte, stand sie schnell auf und kam auf
nackten, nur in Pantoffeln steckenden Fen herbeigeeilt. Sie ffnete
die Tre, indem sie ihre nur mit einem Hemde bekleidete Brust mit der
einen Hand schamhaft zudeckte. Aber bei Akaki Akakiewitschs Anblick
prallte sie entsetzt zurck.

Als er ihr erzhlte, was ihm zugestoen war, rang sie die Hnde und
rief:

Sie mssen sich nicht an den Polizei-Inspektor wenden, sondern an den
Bezirks-Kommissar. Der Inspektor wird Sie mit schnen Worten abspeisen
und doch nichts fr Sie tun. Aber den Bezirks-Kommissar kenne ich schon
lange. Meine alte Kchin Anna, eine Finnlnderin, dient jetzt bei ihm
als Amme, und ich sehe sie oft unter unseren Fenstern vorbeikommen. Er
geht jeden Sonntag in die Kirche, um zu beten, und wirft allen Leuten
freundliche Blicke zu, man sieht es ihm gleich an, da er ein braver
Mann ist.

Nach dieser beruhigenden Empfehlung zog sich Akaki traurig in sein
Zimmer zurck. Wer sich nur einigermaen in die Situation eines andern
hinein versetzen kann, wird begreifen, wie er die Nacht verbrachte.

Am andern Morgen begab er sich sofort zum Bezirks-Kommissar. Man
bedeutete ihm, da dieser hohe Beamte noch schlief. Um zehn Uhr kam er
wieder. Der hohe Beamte schlief noch. Um elf Uhr war der Kommissar
ausgegangen. Der Titular-Rat stellte sich noch einmal um die Essenszeit
ein, aber die Schreiber wollten ihn durchaus nicht vorlassen und fragten
ihn, was er wolle und warum er es denn so eilig habe, ihren Chef zu
sprechen. Zum erstenmal in seinem Leben machte Akaki Akakiewitsch einen
Energieversuch. Er erklrte kategorisch, da er unbedingt und zwar auf
der Stelle mit dem Kommissar reden msse, er komme aus dem Departement,
daher drfe man ihn keinesfalls abweisen, denn es handle sich um eine
uerst wichtige Staatsangelegenheit, und sollte es etwa jemand
einfallen, ihn zu behindern, so wrde er sich beschweren, und dies
knnte ihnen teuer zu stehen kommen.

Auf solchen Ton konnte man nichts weiter erwidern. Einer der Schreiber
ging hinaus, um den Chef herbeizuzitieren. Dieser gewhrte nun Akaki
Akakiewitsch eine Audienz, hrte sich jedoch seine Erzhlung ber den
Raub seines Mantels in einer recht merkwrdigen Weise an. Anstatt sich
fr den Hauptpunkt, nmlich den Diebstahl, zu interessieren, fragte er
den Titular-Rat, wie er denn dazu gekommen wre, zu so ungewhnlicher
Stunde nach Hause zu gehen, und ob er nicht etwa in einem verdchtigen
Hause gewesen sei.

Vllig verblfft durch diese Frage fand der Titular-Rat keine Antwort
und zog sich zurck, ohne genau zu wissen, ob man sich berhaupt mit
seiner Angelegenheit beschftigen wrde oder nicht.

Er war den ganzen Tag ber nicht in seinem Bureau gewesen: (ein
unerhrtes Ereignis in seinem Leben). Am folgenden Tage erschien er
wieder, aber in welchem Zustand! bleich, aufgeregt, mit seinem alten
Mantel, der nun noch jmmerlicher aussah als ehedem. Als seine Kollegen
erfuhren, welches Unglck ihn betroffen hatte, fanden sich noch immer
einige Rohlinge, die aus vollem Halse darber lachen zu mssen glaubten;
die Mehrzahl indessen empfand aufrichtiges Mitleid mit ihm und
veranstaltete zu seinen Gunsten eine Subskription. Unglcklicherweise
hatte dieses lbliche Unternehmen nur ein vllig ungengendes Resultat,
weil diese selben Beamten und Vorgesetzten bereits kurz vorher zu zwei
Subskriptionen beigesteuert hatten: zunchst muten sie sich ein Portrt
ihres Direktors anfertigen lassen, sodann handelte es sich um das
Abonnement auf ein Werk, das ein Freund ihres Chefs soeben hatte
erscheinen lassen. Das war der Grund, weswegen nur eine ganz
unbedeutende Summe zusammenkam.

Einer von ihnen, der Akaki Akakiewitsch ehrliche Teilnahme
entgegenbrachte, wollte ihm wenigstens aus Mangel an Besserem einen
guten Rat geben. Er sagte ihm, da es verlorene Mhe wre, sich noch
einmal an den Bezirkskommissar zu wenden, denn vorausgesetzt, da dieser
Beamte sich wirklich Mhe geben sollte, um sich das Lob seiner
Vorgesetzten zu verdienen, und da es ihm in der Tat glcken sollte,
seinen Mantel aufzufinden, so wrde die Polizei dieses Kleidungsstck so
lange in Verwahrung behalten, bis sich der Titular-Rat nicht
unumstlich sicher als der alleinige und wahre Besitzer des Mantels
legitimiert habe. Er ermahnte ihn also, sich an eine gewisse,
hochgestellte Persnlichkeit zu wenden, welche hochstehende
Persnlichkeit dank ihrer guten Beziehungen zu den Behrden die Sache
ohne groe Schwierigkeit erledigen knne.

In seiner Verwirrung entschlo sich Akaki, dieser Ansicht Folge zu
leisten. Welche Stellung in der Beamtenskala diese hohe Persnlichkeit
eigentlich bekleidete, wie hoch denn ihr Rang in Wirklichkeit war, htte
man nicht sagen knnen. Man wute einzig und allein, da diese _hohe
Persnlichkeit_ erst seit kurzer Zeit in ihrem Amte se, bis dahin war
sie nmlich eine ganz unbedeutende Persnlichkeit gewesen. Allerdings
gab es andre noch hher gestellte Persnlichkeiten, aber bekanntlich
finden sich ja immer Leute, in deren Augen eine Persnlichkeit, die
andre Menschen fr unbedeutend halten, eine sehr hohe und bedeutende
Persnlichkeit ist. Genug, der in Frage stehende Beamte setzte alle
mglichen Hebel in Bewegung, um noch hher zu steigen. So zwang er alle
andern Beamten, die unter ihm standen, am Fue der Treppe auf ihn zu
warten, bis er erschien, und niemand konnte direkt zu ihm gelangen,
sondern dies alles mute auf dem strengsten Ordnungswege geschehen. Der
Kollegien-Sekretr teilte einem Regierungs-Sekretr das Audienzgesuch
mit, der es seinerseits an einen Titular-Rat oder einen noch hheren
Beamten weitergab, und dieser stattete endlich der hohen Persnlichkeit
darber Bericht ab.

Das ist der gewhnliche Gang der Geschfte in unserem heiligen Ruland.
Der Wunsch, es den hohen Beamten gleich zu tun, bewirkt, da jeder die
Manieren seines Vorgesetzten nachfft. Vor noch nicht allzu langer Zeit
lie ein erst eben zum Chef eines kleinen Bureaus befrderter
Titular-Rat ber einem seiner Zimmer die Aufschrift Beratungssaal
anbringen. An der Tr standen Diener mit roten Kragen und gestickten
Rcken, um die Bittsteller anzumelden und einzulassen, die sie in einen
uerst kleinen, kaum einem gewhnlichen Schreibtisch Platz bietenden
Saal hineinfhrten.

Aber kehren wir zu unserer hohen Persnlichkeit, zu unserem Beamten,
zurck. Er hatte eine imponierende majesttische Haltung, wenngleich
sein Benehmen und seine Gewohnheiten recht primitiv waren; sein System
fate sich in einem einzigen Wort zusammen, und dieses hie: Strenge,
Strenge, Strenge. Er pflegte dieses Wort dreimal zu wiederholen, und
beim letztenmal sah er den, mit dem er gerade zu tun hatte,
bedeutungsvoll an. Er htte gut darauf verzichten knnen, soviel Energie
zu entfalten, denn seine zehn Untergebenen, die den ganzen
Regierungsmechanismus seiner Kanzelei bildeten, frchteten ihn schon
ohnehin genug. Wenn sie ihn nur von weitem sahen, legten sie eiligst
ihren Federhalter hin und strzten herbei, um bei seinem Vorbergang
Spalier zu bilden. In seinen Gesprchen mit seinen Untergebenen
beobachtete er immer eine strenge Haltung und sprach stets nur folgende
Worte:

Was erlauben Sie sich? Wissen Sie auch, mit wem Sie sprechen? Vergessen
Sie nicht, wen Sie vor sich haben!

Im brigen war er ein braver Mann und liebenswrdig und gefllig gegen
seine Freunde. Nur sein Generalsrang hatte ihm den Kopf verdreht. Seit
dem Tage, an dem er ihn erhalten hatte, verbrachte er den grten Teil
seiner Zeit in einer Art Schwindel und wute kaum noch, wie er sich
benehmen sollte, doch wurde er wieder im Verkehr mit seinesgleichen
menschlich und vernnftig. Dann benahm er sich wie ein anstndiger und
in mancher Beziehung sogar wie ein recht gescheiter Mensch. Befand er
sich jedoch mit einem Untergebenen zusammen, dann war der Teufel los --
dann beschrnkte er sich auf ein strenges Schweigen, und in dieser
Situation war er wirklich zu bedauern, um so mehr, als er selbst
empfand, wie viel angenehmer er seine Zeit htte verbringen knnen.

Allen, die ihn in solcher Stimmung beobachteten, konnte es nicht
entgehen, da er vor Verlangen brannte, sich in eine interessante
Konversation zu mischen, aber die Furcht, unklugerweise zu zuvorkommend
zu erscheinen, sich etwas zu vergeben, sich zu familir zu zeigen, hielt
ihn davon zurck. Um sich Gefahren dieser Art zu entziehen, beobachtete
er eine auerordentliche Reserve und sprach nur von Zeit zu Zeit irgend
ein einsilbiges Wort. Kurz, er hatte sein System so auf die Spitze
getrieben, da man ihn einen langweiligen Peter nannte, und dieser Titel
war wohl verdient.

Das war die hohe Persnlichkeit, die Akaki Akakiewitsch um Hilfe und
Schutz angehen mute. Der Augenblick, den er whlte, um seine Absicht
auszufhren, schien uerst ungnstig, besonders fr Akaki Akakiewitsch,
dagegen um so gnstiger, um der Eitelkeit des Generals zu schmeicheln.

Die hohe Persnlichkeit befand sich gerade in ihrem Arbeitszimmer und
plauderte angeregt mit einem alten Jugendfreunde, der vor kurzem
angekommen war und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, als man
ihr meldete, da ein Herr Baschmakschin um die Ehre einer Audienz bei
Seiner Exzellenz nachsuchte.

Wer ist das? fragte er kurz und sehr erstaunt.

Ein Beamter!

Warten lassen. Beschftigt. Ich habe keine Zeit, ihn zu empfangen.

Die hohe Persnlichkeit schwindelte. Nichts hinderte sie daran, die
gewnschte Audienz zu gewhren. Beide Freunde hatten schon alles
durchgesprochen. Schon mehr als einmal war ihre Unterhaltung von langen
Pausen unterbrochen worden, nach deren Beendigung sie sich beide
freundschaftlich auf die Knie klopften:

So geh, lieber Iwan Abramowitsch!

Ja, ja, Stephan Warlamowitsch!

Aber der Direktor wollte den Bittsteller nicht gleich empfangen, um
seinen Freund seine ganze Bedeutung empfinden zu lassen, dieser hatte
nmlich den Dienst quittiert und wohnte jetzt auf dem Lande; daher
wollte ihm der Direktor deutlich demonstrieren, da die Beamten sich so
lange im Vorzimmer zu gedulden htten, bis es ihm gefiele, sie zu
empfangen.

Endlich -- nach mehreren Zwiegesprchen und einigen neuen Pausen,
whrenddessen die beiden Freunde in ihren bequemen Lehnsesseln liegend,
den Rauch ihrer Zigarren zur Decke sandten, schien sich der
General-Direktor pltzlich daran zu erinnern, da man ihn um eine
Audienz gebeten htte. Er rief seinen Sekretr, der mit verschiedenen
Akten an der Tr stand, und sagte: Ich glaube es wartet da irgend ein
Beamter auf mich. Lassen Sie ihn herein!

Als er Akaki Akakiewitschs ansichtig wurde, der sich ihm mit
untertniger Miene in seiner alten Uniform nherte, wandte er sich
schroff zu ihm und fuhr ihn in jenem strengen und rauhen Tone an, den er
sich, wenn er in seinem Zimmer allein war, vor dem Spiegel einstudiert
hatte, noch eine ganze Woche bevor er seinen neuen Posten einnehmen und
sich General nennen durfte.

Was wollen Sie?

Der schon ganz eingeschchterte Akaki Akakiewitsch war wie
niedergeschmettert von dieser schroffen Anrede. Indes versuchte er es
sich so gut er konnte verstndlich zu machen und zu erzhlen, wie man
ihn in unmenschlicher Weise seines neuen Mantels beraubt hatte, nicht
ohne seinen Bericht mit einer Menge berflssiger Flickworte zu
verbrmen. Er fgte hinzu, er habe sich an Seine Exzellenz gewandt in
der Hoffnung, da er dank dieser hohen und gtigen Protektion bei dem
Polizei-Prsidenten oder bei andern hohen Behrden wieder in den Besitz
seines Kleidungsstckes gelangen knne.

Der General-Direktor fand aus irgend einem Grunde, da dies Benehmen
viel zu familir sei und herrschte ihn daher kurz an: Wie Herr! Sie
wissen nicht, was Sie in so einem Falle zu tun haben? Was fllt Ihnen
ein? Sie kennen wohl den Instanzenweg nicht? Sie htten eine Bittschrift
einreichen sollen, die in die Hnde des Bureauchefs und aus ihnen in die
des Abteilungsvorstandes gelangt wre; dieser htte sie meinem Sekretr
berreicht, durch den sie mir htte zugestellt werden mssen.

Gestatten Sie mir, unterbrach ihn Akaki Akakiewitsch mit groer
Anstrengung, um den kargen Rest von Geistesgegenwart, der ihm geblieben
war, zusammenzunehmen. Fhlte er doch, da er schon vor Schrecken und
Erregung schwitzte. Gestatten Sie mir, Eure Exzellenz, Ihnen zu
bemerken, da, wenn ich mir die Freiheit genommen habe, Sie mit dieser
Angelegenheit zu belstigen, die Sekretre ... die Sekretre sind Leute,
von denen man nichts zu erwarten hat.

Wie? Was? Wahrhaftig! schrie ihn der General-Direktor an. Sie wagen
es, hier eine solche Sprache zu fhren? Wie sind Sie denn zu solchen
Ansichten gelangt? Es ist eine Schmach, zu sehen, wie sich junge Leute
derartig gegen ihre Vorgesetzten empren!

In seinem Ungestm sah wohl der General-Direktor garnicht, da der
Titular-Rat bereits die Fnfzig berschritten hatte und da die
Bezeichnung: junger Mann nur noch relativ auf ihn angewendet werden
konnte: im Vergleich mit einem Siebzigjhrigen nmlich!

Wissen Sie auch, fuhr die hohe Persnlichkeit fort, mit wem Sie
sprechen? Erinnern Sie sich, vor wem Sie stehen? Erinnern Sie sich
daran! Ich sage: erinnern Sie sich daran!

Diese Worte begleitete er mit heftigem Fustampfen, und seine Stimme
nahm eine solche Schrfe, einen so furchterregenden Umfang an, da auch
ein anderer erschrocken zusammengefahren wre.

Akaki war vllig gelhmt; er zitterte, seufzte, konnte sich kaum
aufrecht halten und wre ohne das Zuhilfekommen des Bureaudieners
unfehlbar zu Boden gesunken. Man fhrte, oder vielmehr man schleppte ihn
fast ohnmchtig hinaus.

Der General-Direktor war ber die Wirkung seiner Worte ganz erstaunt;
sie berstieg seine Erwartung, und voller Genugtuung darber, da sein
herrischer Ton auf einen Greis einen solchen Eindruck gemacht hatte, da
dieser arme Mann sein Bewutsein verlor, warf er einen flchtigen Blick
auf seinen Freund, um zu sehen, wie er diesen Ausgang aufgenommen hatte.
Wie grenzenlos wurde da seine Zufriedenheit mit sich selbst, als er
sogar bei seinem Freunde, der unschlssig dasa und ihn mit einem
gewissen Schrecken ansah, einen tiefen Eindruck feststellte!

Wie Akaki Akakiewitsch die Treppe hinunter gelangte und wie er die
Straen durchwanderte, darber htte er selbst niemals Rechenschaft
geben knnen; denn er war mehr tot als lebendig. In seinem ganzen Leben
war er noch nicht von einem General-Direktor, und noch dazu von einem so
strengen General-Direktor, so heftig gescholten worden.

In dem heulenden Schneesturm, der drauen tobte, wanderte er mit offenem
Munde dahin, ohne dieses abscheuliche Wetter berhaupt zu bemerken, und
ohne auf dem Trottoir vor dem Schneegestber Schutz zu suchen. Der Wind,
der nach Petersburger Sitte aus allen vier Himmelsrichtungen blies,
verursachte ihm eine Halsentzndung. Nach Hause zurckgekehrt, war er
auerstande, ein Wort zu sprechen. Sein ganzer Krper war geschwollen,
und daher legte sich Akaki Akakiewitsch zu Bett. So gro ist mitunter
die Wirkung einer grndlichen Moralpauke!

Am folgenden Tage fieberte Akaki heftig. Dank der gromtigen Hilfe des
St. Petersburger Klimas machte seine Krankheit in kurzer Zeit
beunruhigende Fortschritte. Als der Arzt sich einstellte, war all seine
Kunst bereits nutzlos. Der Doktor fhlte ihm den Puls, aber er konnte
nichts mehr ausrichten, so verschrieb er ihm denn ein Rezept, um ihn
doch nicht ohne die Segnungen der medizinischen Wissenschaft sterben zu
lassen, und erklrte, da der Kranke nur noch zwei Tage zu leben htte.

Dann wandte er sich an Akakis Wirtin und sagte: Sie haben keine Zeit
mehr zu verlieren; lassen Sie ihm doch gleich einen Sarg aus Fichtenholz
machen, denn ein eichner wre fr diesen armen Mann wohl zu teuer.

Hrte Akaki Akakiewitsch diese verhngnisvollen Worte? Waren sie es, die
eine so erschtternde Wirkung auf ihn ausbten? Beklagte er sich ganz
leise ber sein trauriges Schicksal? Niemand htte es sagen knnen,
redete er doch bereits im Delirium. Seltsame Visionen jagten
unaufhrlich durch sein geschwchtes Hirn. Bald sah er sich Petrowitsch
gegenber, den er beauftragte, ihm einen Mantel anzufertigen, bald sah
er Fuangeln fr die Diebe, die er bestndig unter seinem Bett zu
entdecken glaubte. Bald hatten sie sich unter seiner Decke verkrochen,
und er flehte seine Wirtin an, sie fortzujagen. Bald fragte er, warum
die alte Kapuze noch an der Wand hnge, wo er doch einen neuen Mantel
habe, bald sah er sich vor dem General-Direktor, der ihn wieder mit
Vorwrfen berhufte, so da er seine Exzellenz um Gnade bat. Bald
verwirrte er sich in so seltsame und schreckliche Flche und Reden, da
die erschreckte alte Frau sich bekreuzigte. Niemals in ihrem Leben hatte
sie derartige Dinge von ihm gehrt, und die zornigen Worte des Kranken
lieen sie um so mehr auer sich geraten, als der Titel einer Exzellenz
jeden Augenblick wiederkehrte. Bald murmelte er von neuem sinnlose Stze
ohne Zusammenhang, die sich aber immer um denselben Punkt drehten: um
den Mantel.

Endlich hauchte der arme Akaki Akakiewitsch seinen letzten Seufzer aus.
Man legte weder auf sein Zimmer noch auf seinen Schrank Siegel -- und
zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keinen Erben hatte und nur ein
Pckchen Gnsefedern, ein Heft mit weiem Aktenpapier, drei Paar
Strmpfe, einige Hosenknpfe und seinen alten Mantel hinterlie. Wem
fielen diese Reliquien zu? Das wei Gott allein! Der Verfasser dieser
Erzhlung mu gestehen, da er es unterlassen hat, sich genauer darber
zu informieren.

Akaki Akakiewitsch wurde in ein Leichentuch gehllt und nach dem
Kirchhof gebracht, auf dem man ihn beisetzte. Die groe Stadt Petersburg
fuhr in ihrem gewhnlichen Leben fort, wie wenn der Titularrat niemals
existiert htte.

So schwand ein menschliches Wesen dahin, das weder einen Beschtzer,
noch einen Freund gehabt, das nie jemand ein wahrhaft herzliches
Interesse eingeflt, das nicht einmal die Neugier der sonst doch so
forschungswtigen Mnner erregt hatte, jener Schnffler, die es doch
sonst nicht verschmhen, eine gewhnliche Fliege zum Zwecke einer
mikroskopischen Untersuchung auf die Nadel zu spieen. Ohne ein einziges
Wort der Klage hatte dieses Wesen die Miachtung und den Spott seiner
Kollegen ertragen. Ohne da es je ein auerordentliches Erlebnis gehabt
htte, war es seinen Weg zum Grabe dahingewandert, und als ihm am Ende
seiner Tage ein Lichtblick in Form eines Mantels sein elendes Dasein
belebt hatte, mute das Schicksal es niederwerfen, ganz so, wie es auch
die Groen dieser Welt niederzuwerfen pflegt! ....

Einige Tage nach seinem Tode lie ihm sein Chef durch einen Boten
mitteilen, da er sich sofort auf seinen Posten zu begeben habe. Der
Bureaudiener kam jedoch mit der Nachricht zurck, da der Titular-Rat
nicht mehr kommen knne.

Und weshalb nicht? fragten die Beamten.

Weil er bereits tot und vor vier Tagen begraben worden ist!

So erfuhren Akaki Akakiewitschs Kollegen seinen Tod.

Am Tage darauf nahm seinen Platz ein anderer Beamter ein, der viel
robuster und grber war und der sich nicht die Mhe nahm, beim Kopieren
der Akten die Buchstaben so aufrecht hinzumalen, sondern der eine viel
schrgere Schrift hatte.

                   *       *       *       *       *

Es knnte scheinen, als msse Akaki Akakiewitschs Geschichte hier
endigen, und als htten wir nichts mehr ber ihn mitzuteilen. Allein der
bescheidene Titular-Rat war dazu bestimmt, nach seinem Tode noch manchen
Tag von sich reden zu machen: wie zur Belohnung fr sein bescheidenes
von niemandem beachtetes Dasein, und unsere Erzhlung nimmt hier ganz
unerwarteter Weise eine recht phantastische Wendung.

Eines Tages verbreitete sich in St. Petersburg das Gercht, da in der
Nhe der Katharinenbrcke Nacht fr Nacht ein Gespenst in der Uniform
eines Kanzleibeamten erscheine, einen gestohlenen Mantel suche und allen
Passanten, ohne sich im mindesten um deren Titel oder Rang zu kmmern,
ihre wattierten, mit Katzen-, Otter-, Bren-, Biberfell geftterten
Mntel, kurz alle solche, die die Menschen erfunden haben, um ihr
eigenes Fell gegen die Klte zu schtzen, abnehme. Ein dermaliger
Kollege des Titular-Rates hatte dieses Gespenst gesehen und in ihm
sofort Akaki Akakiewitsch erkannt. Er war, tdlich erschrocken, so
schnell er konnte, davongelaufen, und so war es ihm gelungen, zu
entkommen, aber -- obwohl er schon fern war -- hatte er es doch mit der
Faust drohen sehen. berall erfuhr man, da die Rcken und die Schultern
von Rten, -- nicht nur von Titular-Rten, -- sondern auch von
Staatsrten infolge dieses unqualifizierbaren Raubes ihrer schnen
warmen Kleidung den heftigsten Erkltungen ausgesetzt waren.

Die Polizei traf natrlich alle mglichen Maregeln, um dieses Gespenst
-- tot oder lebend -- zu ergreifen und an ihm eine exemplarische Strafe
zu vollziehen; und das wre ihr auch beinahe gelungen.

Eines Abends hatte ein Posten in der Kirjuschkingasse das Glck, das
Gespenst gerade in dem Momente am Kragen zu packen, wo es einem alten
Musiker, der vormals die Flte gespielt hatte, seinen Friesmantel
fortnehmen wollte. Die Wache rief zwei Kameraden zu Hilfe und vertraute
ihnen den Gefangenen an, whrend sie mit der Hand in ihren Stiefel
langte, um ihre Tabaksdose zu suchen, und ihre schon zum sechsten Male
erfrorene Nase wieder etwas zu beleben. Aber der Tabak war wohl von
solcher Art, da selbst ein Toter ihn nicht gut vertragen konnte. Kaum
hatte der Posten seinem linken Nasenloche einige Krnchen anvertraut,
whrend er das rechte zuhielt, als der Gefangene so gewaltig zu niesen
begann, da die drei Soldaten fhlten, wie ein Nebel ihre Augen
verhllte. Whrend sie sich die Lider rieben, verschwand das Gespenst
spurlos, so da sie nicht recht wuten, ob sie es auch wirklich in ihren
Hnden gehalten hatten. Von diesem Tage an hatten alle Wachen eine so
groe Furcht vor Gespenstern, da sie nicht einmal einen lebendigen
Menschen mehr zu verhaften wagten und sich darauf beschrnkten, ihm von
ferne zuzurufen:

Geht weiter! Geht weiter!

Das Phantom fuhr fort, in der Nhe der Kalinkinbrcke umzugehen, und
verbreitete in dem ganzen Viertel einen gewaltigen Schrecken unter allen
ngstlichen Leuten.

Kehren wir jedoch zu der hohen Persnlichkeit, der ursprnglichen
Veranlassung unserer phantastischen, aber durchaus wahren Geschichte,
zurck. Der Wahrheit gem mssen wir zugeben, da die hohe
Persnlichkeit, bald nachdem sich der arme von ihr so schlecht
behandelte Akaki Akakiewitsch entfernt hatte, etwas wie Mitleid mit ihm
empfand. Ein gewisses Gefhl der Teilnahme war dem Herzen des hohen
Herrn durchaus nicht fremd; er selbst hatte manch edle Regung, -- sein
einziger Fehler bestand darin, sie infolge des malosen Stolzes auf
seinen Titel zu unterdrcken. Als sein Freund gegangen war, hatte er
sich aufs teilnahmsvollste mit diesem unglcklichen bleichen Titular-Rat
beschftigt, den er immer in seiner Verstrtheit vor sich sah, sich
krmmend unter den grausamen Vorwrfen, die er ihm gemacht hatte. Diese
Vision beunruhigte ihn derartig, da er eines Tages einem seiner Beamten
den Auftrag gab, sich ber Akaki Akakiewitschs Schicksal zu unterrichten
und festzustellen, ob man noch etwas fr ihn tun knne.

Als der Bote mit der Nachricht zurckkam, da der arme kleine Beamte
kurz nach der Audienz einem pltzlichen Fieberanfall zum Opfer gefallen
war, empfand der General-Direktor starke Gewissensbisse und verbrachte
den ganzen Tag in der dstersten Stimmung.

Um sich ein wenig zu zerstreuen und seine peinlichen Eindrcke zu
verjagen, begab er sich des Abends zu einem Freunde, bei dem er eine
angenehme Gesellschaft antraf, und -- was die Hauptsache war -- lauter
Personen von seinem Rang, so da er sich nicht zu genieren brauchte.

Und wirklich sah er sich auch bald all seiner melancholischen Gedanken
enthoben, er wurde wieder lebhaft, fing Feuer, beteiligte sich in
liebenswrdigster Weise an den Gesprchen, wie wenn nichts vorgefallen
wre, und verbrachte so einen sehr schnen Abend.

Zum Souper trank er zwei Glas Champagner, bekanntlich das beste Mittel,
um seine Heiterkeit wieder zu gewinnen. Unter dem Einflusse dieses
schumenden Trankes bekam er Lust zu etwas ganz Besonderem: er beschlo
daher, nicht unmittelbar nach Hause zu gehen, sondern eine seiner
Freundinnen, ich glaube es war eine deutsche Dame, namens Karoline
Iwanowna, aufzusuchen, zu der er zrtliche Beziehungen unterhielt.

Ich mchte hierbei betonen, da die hohe Persnlichkeit keineswegs mehr
jung war, ja, da man sie berall als tadellosen Gatten und guten
Familienvater rhmte. Ihre beiden Shne, deren einer bereits in einem
Ministerium angestellt war, und ein sechszehnjhriges Tchterchen mit
einer zwar hakenfrmigen aber doch ganz reizenden Nase, kamen
allmorgentlich in sein Zimmer, um ihm die Hand zu kssen und ihm mit den
Worten: _Bonjour, papa_ guten Morgen zu sagen.

Seine Gattin, eine frische und noch immer anziehende Erscheinung, bot
ihm zuerst die Hand zum Kusse, ergriff sodann die seine und drehte sie
nach innen, um sie ihrerseits an ihre Lippen zu fhren. Obgleich sich
die hohe Persnlichkeit also in ihrer Huslichkeit uerst wohl fhlte
und durch die Zrtlichkeiten der Familienmitglieder vollauf befriedigt
schien, glaubte sie dennoch auch in einem anderen Viertel den Galanten
spielen zu mssen. Die Freundin, mit der seine Gattin seine
Zrtlichkeiten teilen mute, war keineswegs jnger als diese; aber so
sind die Rtsel des Lebens, und wir sind ja nicht befugt, sie hier lsen
zu wollen.

Die hohe Persnlichkeit ging also die Treppe hinunter, bestieg ihren
Schlitten und sagte zu dem Kutscher:

Zu Karoline Iwanowna!

Sorgfltig in seinen warmen Mantel eingehllt, befand er sich in der
angenehmsten Stimmung, die sich ein Russe nur wnschen mag, einer
Stimmung, wo man selbst an nichts denkt und sich der Geist doch in einem
Kreislauf von Gedanken bewegt, von denen die einen immer wohltuender
sind als die anderen, und wo man sich garnicht die Mhe zu nehmen
braucht, nach ihnen zu suchen oder sie festzuhalten. Er dachte an die
glcklichen Stunden, die er soeben in so angenehmer Gesellschaft
verbracht hatte, an die geistreichen Bemerkungen, die den kleinen Kreis
zu lautem Lachen gereizt und die er halblaut kichernd wiederholte.
Hierbei fand er, da sie noch genau so komisch waren wie damals, als er
sie zum ersten Male gehrt hatte, und er wunderte sich daher nicht im
mindesten darber, da er so herzhaft hatte lachen mssen.

Von Zeit zu Zeit strte ihn ein heftiger Windsto, der ihn pltzlich
ganz unmotiviert anwehte und ihm ganze Schneehaufen ins Gesicht
schleuderte, in seinen Betrachtungen. Der Nord pfiff durch seinen
Mantel, blhte ihn wie ein Segel auf, schlug ihm den Kragen um die Ohren
und ntigte ihn, seine ganze Kraft zusammenzunehmen, um sich wieder aus
ihm herauszuwinden.

Pltzlich fhlte die hohe Persnlichkeit, wie eine machtvolle Hand sie
am Kragen packte. Sie wandte sich um und bemerkte einen kleinen, mit
einer alten Uniform bekleideten Mann. Entsetzt erkannte sie Akaki
Akakiewitschs Zge, und diese Zge waren bleich wie der Schnee und
abgezehrt wie die eines Toten.

Aber wer beschreibt den Schrecken der hohen Persnlichkeit, als sie
bemerkte, da sich der Mund des Toten in krampfhaften Zuckungen verzog,
den Direktor mit eisigem Grabeshauche anblies und in folgende Worte
ausbrach:

Endlich habe ich dich ... endlich kann ich dich am Kragen packen. Ich
will meinen Mantel. Du hast dich nicht um mich gekmmert, als ich in
Nten war, und mich nur mit Schmhungen berhuft. -- Nun sollst du mir
deinen Mantel geben!

Der arme hohe Beamte war ein Kind des Todes. In seinem Bureau vor seinen
Untergebenen fehlte es ihm sicher nicht an Mut und Charakterstrke; er
brauchte nur einen Subalternen streng anzusehen, und schon rief jeder,
der einen Blick auf seine krftige Gestalt und sein imponierendes
ueres warf: Welch ein Charakter!

Aber wie bei so vielen anderen hochmtigen Beamten offenbarte sich sein
Heldentum nur in seiner ueren Erscheinung, und in diesem Augenblick
war er so erschrocken, da er sogar um seine Gesundheit frchten mute.

Mit zitternder Hand zog er sich selbst seinen Mantel aus und rief seinem
Kutscher zu:

Schnell nach Hause! Schnell!

Als der Kutscher diese Stimme hrte, die, wie das in solchen
Augenblicken wohl vorkommt, einen sehr bestimmten und energischen Klang
hatte und meist von noch viel bestimmteren und energischeren Taten
begleitet zu sein pflegte, neigte er vorsichtig den Kopf, schwang seine
Peitsche und lie seinen Schlitten pfeilschnell dahinsausen. In weniger
als sechs Minuten hielt der Schlitten vor dem Hause der hohen
Persnlichkeit. Bleich, erschrocken und ohne Mantel stieg er aus und
begab sich sofort nach seinem Zimmer. Statt zu Karoline Iwanowna zu
fahren, war er schleunigst zu sich nach Hause geeilt. Er verbrachte eine
so schreckliche Nacht, da seine Tochter am andern Morgen whrend des
Tees entsetzt ausrief:

Du bist ja heute so bleich, Papa!

Er sagte nichts, weder von dem, was er gesehen, noch von dem, wo er
gewesen war, und was er am Abend vorher hatte tun wollen. Indes machte
dieses Ereignis einen tiefen Eindruck auf ihn. Von diesem Tage an fragte
er seine Untergebenen nicht mehr in seiner bisherigen schroffen Art:

Was erlauben Sie sich? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?

Oder, wenn es ihm doch noch bisweilen widerfuhr, in herrischem Tone mit
ihnen zu sprechen, so hrte er doch wenigstens vorher erst ihr Gesuch
an.

Und wie seltsam! Von diesem Tage an zeigte sich das Gespenst nicht mehr.
Augenscheinlich hatte es berhaupt keine andere Absicht gehabt, als sich
den Mantel des General-Direktors anzueignen. Jedenfalls hrte man von
nun an nichts mehr davon, da den Leuten ihre Mntel geraubt wurden.
Allerdings gab es noch einige ngstliche und bereifrige Personen, die
sich durchaus nicht beruhigen wollten und behaupteten, da sich das
Phantom noch immer und zwar in andern entlegeneren Stadtvierteln zeige
... Und in der Tat, ein Wachtposten wollte sogar mit eigenen Augen
gesehen haben, wie es an einem Hause vorbergeeilt war. Der Posten war
jedoch von Natur ein wenig schwchlich -- hatte doch sogar ein
gewhnliches ausgewachsenes Ferkel, das aus einem Privathause
ausgebrochen war, ihn zur grten Freude und Erheiterung der
herumstehenden Droschkenkutscher einmal ganz einfach umgeworfen. Dafr
lie er sich freilich nachher von jedem einen Groschen fr Tabak geben,
um sie zu strafen, weil sie sich ber ihn lustig gemacht hatten. Da er
also ein solcher Schwchling war, wagte er es nicht, das Gespenst zu
verhaften, sondern begngte sich damit, ihm in der Dunkelheit
nachzuschleichen. Da aber drehte sich das Gespenst pltzlich um und
schrie ihn an: Was willst du? wobei es ihm eine so schreckliche Faust
zeigte, wie man sie sogar bei einem Lebenden nicht so leicht zu sehen
bekommt.

Nichts, antwortete der Wachtposten und nahm eiligst Reiaus.

Dieser Schatten war jedoch schon bedeutend grer als der des
Titular-Rats und trug einen enormen Schnauzbart. Er schien mit mchtigen
Schritten der Obuhoffbrcke zuzueilen und verschwand gleich darauf in
der dunklen Nacht.


                                Die Nase


                                   I.

Am 25. Mrz trug sich in St. Petersburg ein auerordentliches Ereignis
zu.

Auf dem Wosnessenski-Prospekt wohnte der Barbier Iwan Jakowlewitsch,
dessen Familienname von dem Schilde, auf dem man nur noch die Abbildung
eines an Wangen und Kinn eingeseiften Herrn nebst der Inschrift: Hier
wird auch zur Ader gelassen! erkennen konnte, geschwunden war. Dieser
Barbier Iwan Jakowlewitsch wachte also ziemlich frhzeitig auf und
atmete den Duft von warmem Brote ein. Er richtete sich im Bette etwas
empor und sah, wie seine Frau, eine uerst respektable Dame und
leidenschaftliche Liebhaberin des Kaffees, einige frischgebackene Brote
aus dem Ofen hervorholte.

Heute, meine liebe Praskowia Ossipowna, werde ich keinen Kaffee
trinken, sagte Iwan Jakowlewitsch; ich habe mehr Appetit auf Brot mit
Zwiebeln.

Um die Wahrheit zu sagen: Iwan Jakowlewitsch htte gar zu gern von
beidem gekostet; doch war er von vornherein von der Unmglichkeit einer
derartigen Schwelgerei vllig durchdrungen, denn Praskowia Ossipowna
lie solche Launen nicht zu.

I meinetwegen Brot, Schafskopf, dachte die Frau bei sich; fr mich
wird dann um so mehr Kaffee brig bleiben ... und sie warf ein Brot auf
den Tisch.

Iwan Jakowlewitsch zog aus Schicklichkeitsgrnden einen Leibrock ber
sein Hemd, nahm -- nachdem er am Tische Platz genommen hatte -- etwas
Salz, stutzte zwei Zwiebeln, ergriff ein Messer und schickte sich an,
das Brot hchst bedchtig zu zerteilen. Er schnitt es in zwei Hlften,
schaute sich die eine Flche an und bemerkte zu seiner grten
Verwunderung etwas Weiliches. Iwan Jakowlewitsch kratzte vorsichtig mit
dem Messer daran herum und befhlte es mit dem Daumen. Das Ding ist ja
ganz hart! sagte er zu sich; was mag denn das nur sein?

Er schlte es mit den Fingern heraus und fand -- eine Nase! Iwan
Jakowlewitsch lie seine Arme sinken; dann begann er sich seine Augen zu
reiben und befhlte es noch einmal mit dem Finger. In der Tat, es war
eine Nase, eine wirkliche Nase, und dazu noch eine Nase, deren Bildung
er wiederzuerkennen glaubte.

Entsetzen malte sich auf Iwan Jakowlewitschs Zgen: aber dieses
Entsetzen war harmlos im Vergleich mit der Emprung, die sich seiner
Gattin bemchtigte.

Wo hast du nur diese Nase abgeschnitten, du Vieh? fing sie
wutentbrannt zu schreien an. Du Dieb, du Trunkenbold! Ich werde dich
selbst der Polizei denunzieren! Was fr ein Lumpenkerl! Schon drei
Herren haben mir gesagt, du zerrst beim Rasieren derartig an den Nasen,
da du sie beinahe abreit!

Allein Iwan Jakowlewitsch war weder tot noch lebend, hatte er doch
soeben festgestellt, da diese Nase keine andere war als die des
Kollegien-Assessors Kowalew, den er Mittwochs und Sonntags zu rasieren
pflegte.

Schweig doch, Praskowia Ossipowna, sagte er, ich werde sie in ein
Stck Leinewand einschlagen und sie in irgend eine Ecke verstecken, wo
sie einige Tage liegen bleiben mag. Dann werde ich sie forttragen.

Damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Ich soll zugeben, da
du eine abgeschnittene Nase im Zimmer versteckst? Du gersteter Zwieback
du! Er kann nur sein Rasiermesser abziehen und ist nicht fhig, sein
Geschft schnell und solid auszufhren! Herumstreicher, Strauchdieb!
Glaubst du etwa, ich werde mir deinetwegen Scherereien mit der Polizei
zuziehen? Ach, du bist ein Taugenichts, ein dummer Klotz bist du! Weg
damit! Fort! Da, trag sie weg, wohin du willst. Ich will nichts davon
wissen!

Iwan Jakowlewitsch war vllig zerschmettert. Er berlegte und berlegte
... und wute im Grunde garnicht was.

Der Teufel soll wissen, wie das nur mglich ist! sagte er endlich,
indem er sich mit der Hand ber die Ohren fuhr. Bin ich gestern
betrunken nach Hause gekommen oder nicht? Allerdings kann ich das nicht
mit Gewiheit sagen. Aber allem Anschein nach handelt es sich hier um
einen ganz auergewhnlichen Vorgang; denn das Brot -- das Brot wird
doch gebacken, whrend eine Nase ... Wei Gott, ich verstehe das nie und
nimmer!

Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, ein Polizist knnte diese
Nase bei ihm entdecken und ihn zur Rechenschaft ziehen, versetzte ihn in
eine vollkommene Niedergeschlagenheit. Es war ihm bereits, als she er
einen roten, reich mit Silber besetzten Kragen, und einen Degen vor sich
... und er zitterte am ganzen Krper. Endlich zog er seine Beinkleider
und Stiefel an, wickelte die Nase schnell unter den peinlichsten
Ermahnungen seiner Frau in ein Stck Leinewand und verlie seine
Wohnung.

Er hatte die Absicht, die Nase irgendwo an einem Brunnen, unter einer
Schwelle niederzulegen oder sie wie absichtslos fallen zu lassen, und
dann in eine andere Strae einzubiegen.

Aber unglcklicherweise lief er einem Bekannten in die Arme, der ihn
sofort zu fragen anfing:

Wo gehst du denn hin? oder: Wen willst du denn schon so frhzeitig
rasieren? soda Iwan Jakowlewitsch durchaus keinen gnstigen Moment fr
sein Vorhaben erwischen konnte. In der Folge glckte es ihm zwar einmal,
die Nase fallen zu lassen; aber ein Schutzmann machte ihm schon von
weitem mit der Hellebarde ein Zeichen und rief ihm zu: Heb's doch auf!
Du hast da etwas fallen lassen! Und Iwan Jakowlewitsch ward so
gentigt, die Nase aufzuheben und in seine Tasche zu stecken.
Verzweiflung berfiel ihn, und zwar um so heftiger, je mehr sich die
Strae bevlkerte und je mehr Lden und Wirtshuser geffnet wurden.

Er entschlo sich, auf die Isaaksbrcke zu gehen. Vielleicht wrde er
dort ein Mittel finden, die Nase unbemerkt in die Newa zu werfen! ...

Aber ich habe einen Fehler begangen, da ich dem Leser bis jetzt noch
nichts ber Iwan Jakowlewitsch, eine in mancher Hinsicht bemerkenswerte
Persnlichkeit, berichtet habe.

Iwan Jakowlewitsch war wie jeder russischer Handwerker, der etwas auf
sich hlt, ein furchtbarer Trunkenbold, und obgleich er tglich die
Brte anderer Leute rasierte, rasierte er doch niemals seinen eigenen.
Sein Frack -- denn Iwan Jakowlewitsch trug nie einen berrock -- war
bunt oder vielmehr schwarz und mit gelblich-zimtfarbenen und grauen
Flecken berst; der Kragen glnzte schon ein wenig, und anstelle von
drei Knpfen sah man nichts mehr als ein Paar abgerissene Zwirnsfden.

Iwan Jakowlewitsch war in jeder Beziehung ein Zyniker; wenn der
Kollegien-Assessor Kowalew nach seiner Gewohnheit, whrend er rasiert
wurde, zu ihm sagte:

Deine Hnde stinken immer, Iwan Jakowlewitsch! so antwortete er
gelassen:

Warum sollen sie denn stinken?

Ich wei nicht, Brderchen, aber sie stinken! versetzte hierauf der
Kollegien-Assessor Kowalew; und Iwan Jakowlewitsch nahm dann erst eine
Prise und seifte hierauf Kowalews Wangen, seine Oberlippe, die Partie
hinter den Ohren und unter dem Kinne ein -- mit einem Worte, er seifte
ihn ein, wo es ihm Vergngen machte.

Dieser ehrenwerte Brger war nun endlich auf der Isaaksbrcke
angekommen. Zunchst warf er einen sphenden Blick auf die Umgebung,
beugte sich ber das Gelnder, wie wenn er die vielen Fische im Wasser
beobachten wollte, und warf dann das Pckchen mit der Nase ganz behutsam
hinab.

Es war ihm zumute, als fielen ihm mit einem Male zehn Pud[10] vom
Herzen. Ja, er lchelte sogar.

Anstatt sich nun auf den Weg zu machen, um schnell seine Beamten zu
rasieren, trat er in ein Lokal ein, das ein Schild mit der Inschrift
Tee und Lebensmittel trug, und bestellte dort ein Glas Punsch.
Pltzlich bemerkte er jedoch ganz in der Nhe am Ende der Brcke, den
Bezirkskommissar, einen Mann von vornehmem ueren, mit breitem
Backenbart, Dreispitz und Degen. Iwan Jakowlewitsch wurde vor Entsetzen
starr wie ein Eisklumpen. Der Kommissar winkte ihm mit der Hand und
sagte zu ihm:

[Funote 10: Ein Pud = etwa 35 Pfund.]

Komm doch mal nher, mein Lieber!

Iwan Jakowlewitsch zog, da er die gebruchlichen Hflichkeitsformen sehr
wohl kannte, schon von weitem die Mtze, sprang herbei und sagte:

Ich wnsche Ew. Wohlgeboren einen schnen guten Morgen!

Nein, nein, Brderchen, la nur das >Ew. Wohlgeboren< aus dem Spiel! --
Sag mir lieber, was hattest du da auf der Brcke zu tun?

Wahrhaftig, Herr, ich war gerade auf dem Wege zu meinen Kunden, die ich
rasieren soll, und schaute hinab, ob die Strmung sehr stark ist!

Du lgst! Du schwindelst! So kommst du mit nicht davon! Willst du mir
jetzt wohl Rede stehen?

Ich bin bereit, Ew. Gnaden zwei-, ja sogar dreimal wchentlich ohne
jede Bezahlung zu rasieren! versetzte Iwan Jakowlewitsch.

Nein, lieber Freund! Das sind Dummheiten! Mich rasieren bereits drei
Barbiere und rechnen sich diese Funktion zur Ehre an. Aber ich bitte
dich, mir zu sagen, was du dort gemacht hast!

Iwan Jakowlewitsch erblate ...

Aber hier hllt pltzlich ein undurchdringliches Dunkel unsere
Geschichte ein, und ber die folgenden Geschehnisse wei man absolut
nichts zu berichten.


                                  II.

Der Kollegien-Assessor[11] Kowalew erwachte eines Morgens besonders frh
und bewegte seine Lippen, um ein lautes Brr ... brr ... auszustoen, wie
es so seine Art war, wenn er munter wurde, ohne da er hierfr einen
Grund htte angeben knnen. Er reckte sich erst tchtig und suchte dann
nach einem kleinen Spiegel, der auf dem Tische stand. Er wollte sich ein
Pickelchen anschauen, das am Abend vorher auf seiner Nase aufgesprungen
war. Aber zu seinem grten Erstaunen befand sich anstelle seiner Nase
in seinem Gesicht eine durchaus ebene und glatte Flche! Voller
Schrecken lie Kowalew sich Wasser bringen und wusch sich die Augen mit
dem Handtuch aus: wahrhaftig, er hatte keine Nase mehr! Er befhlte die
Stelle mit der Hand und kniff sich ins Fleisch, um festzustellen, ob er
vielleicht noch schliefe; aber nein, er schien tatschlich nicht zu
schlafen. Der Kollegien-Assessor Kowalew sprang aus seinem Bett,
schttelte und rttelte sich, -- doch die Nase war und blieb
verschwunden! Er lie sich sofort seine Kleider bringen und strzte
schleunigst zu dem Polizeivorstand.

Aber inzwischen ist es Zeit geworden, einige Worte ber Kowalew zu
sagen, damit der Leser ermessen kann, um welche Art von
Kollegien-Assessor es sich bei unserem Freunde Kowalew handelt.

[Funote 11: Kollegien-Assessor: so heien die Beamten des achten
Beamtengrades. Im Heere nennt man sie Major; diese Bezeichnung fhrt
Kowalew.]

Man darf nicht etwa die Kollegien-Assessoren, die diesen Rang ihren
Diplomen verdanken, mit denen verwechseln, die ihn whrend ihrer
Dienstzeit im Kaukasus erhalten haben. Die Kollegien-Assessoren mit
wissenschaftlicher Bildung ... aber ich will doch lieber aufhren, denn
Ruland ist ein so seltsames Land, da all seine Kollegien-Assessoren
von Riga bis Kamtschatka sich getroffen fhlen, wenn auch nur von einem
dieser Gattung die Rede ist. Und das gilt auch fr alle mter und alle
Grade.

Kowalew war ein _kaukasischer_ Kollegien-Assessor. Seit zwei Jahren erst
bekleidete er diesen Rang, und es gab kaum einen Moment, in dem er sich
nicht an seine Stellung erinnerte; um sich noch mehr Ansehen und Gewicht
zu verleihen, stellte er sich niemals als simplen Kollegien-Assessor
vor, sondern stets als Major. Hr doch, mein Tubchen, sagte er
gewhnlich, so oft er auf der Strae eine alte Frau traf, die Leinewand
feilbot, geh doch zu mir in meine Wohnung; ich wohne in der
Sadovaja[12] und frage nur: >Wohnt hier der Major Kowalew?< Jedermann
wird dir gern Auskunft erteilen. Oder begegnete er einer artigen
Schnen, so flsterte er ihr ganz leise zu: Du brauchst nur nach der
Wohnung des Majors Kowalew zu fragen, liebes Kind! Aus diesem Grunde
wollen auch wir ihn von nun an stets den Major nennen.

[Funote 12: Groe Strae in St. Petersburg.]

Der Major Kowalew pflegte jeden Tag einen Spaziergang auf dem
Newski-Prospekt zu machen. Sein Hemdkragen war stets peinlich sauber und
frisch gestrkt. Sein Backenbart war von jener Art, wie man ihn noch bei
Gouvernements- und Kreislandmessern, Architekten und Militr-rzten, d.
h. fast bei allen Leuten trifft, die runde Backen und rote Wangen haben
und gut Boston spielen. Dieser Backenbart zieht sich von der Mitte der
Wangen bis dicht unter die Nase hin. Major Kowalew trug an der Uhrkette
eine ganze Sammlung von kleinen Korallenberlocken, die mit einem Wappen
oder auch mit der Inschrift Mittwoch, Donnerstag, Montag usw.
versehen waren. Der Zwang der Verhltnisse hatte ihn dazu veranlat,
nach Petersburg zu ziehen, hauptschlich aus dem Grunde, weil er eine
seinem Range angemessene Stellung bekleiden wollte, und zwar wenn er
Glck hatte, die eines Vize-Gouverneurs, oder doch wenigstens die eines
schlichten Exekutors in irgend einem angesehenen Departement. Der Major
Kowalew war einer Ehe durchaus nicht abgeneigt, doch mute seine
Auserkorene ber eine Mitgift von mindestens zweihunderttausend Rubeln
verfgen. Und nun mag sich der Leser in die Empfindungen dieses Majors
versetzen, als er anstelle seiner recht hbschen und wohlgebildeten Nase
nur eine alberne, glatte und flache Ebene erblickte.

Unglcklicherweise zeigte sich auch nicht ein einziger Kutscher auf der
Strae; so war er also gentigt, zu Fu zu gehen -- in seinen Mantel
eingehllt und das Gesicht hinter einem Taschentuch verbergend, wie wenn
er gerade Nasenbluten htte.

Aber vielleicht ist es doch nur eine Einbildung von mir; es ist doch
unmglich, da mir meine Nase so ohne weiteres aus dem Gesicht
geschwunden ist, dachte er.

Und er kehrte in einer Konditorei ein, um dort einen Blick in den
Spiegel zu werfen. Zum Glck fr ihn befand sich weiter niemand im
Lokal, auer einigen Burschen, die gerade auskehrten und die Sthle
zurecht rckten. Einige von ihnen trugen noch ganz schlaftrunken heie
Kuchen in Krben hinaus; auf den Tischen und Sthlen lagen
kaffeebefleckte Zeitungen vom gestrigen Tage.

Also Mut! Gott sei Dank ist sonst niemand hier, sagte er; nun kann
ich meine Untersuchung beginnen!

Er nherte sich dem Spiegel und blickte hinein.

Der Teufel mag wissen, wie das nur gekommen ist, schrie er, indem er
emprt ausspie; wenn sich wenigstens anstelle meiner Nase noch etwas
anderes befnde! Aber nichts, absolut gar nichts!

Nachdem er die Zhne vor Wut aufeinander gebissen hatte, verlie er das
Lokal und beschlo, wider seine Gewohnheit unterwegs niemand anzusehen
und keinem auch nur das geringste Lcheln zu spenden.

Pltzlich blieb er wie versteinert vor der Tr eines Hauses stehen.
Seine Augen wurden von einer unerklrlichen Erscheinung angezogen: ein
Wagen hielt dicht neben dem Trottoir, der Schlag wurde geffnet und ihm
entstieg ein uniformierter Herr, der eiligst die Treppe hinaufeilte. Wie
gro war Kowalews Entsetzen, wie gro war sein Erstaunen, als er in ihm
seine eigene Nase wiedererkannte. Angesichts dieses auergewhnlichen
Schauspieles war ihm zu Mute, als ob sich alles um ihn herumdrehe, und
nur mit Mhe vermochte er sich aufrecht zu halten. Aber trotzdem
beschlo er, obwohl er am ganzen Krper zitterte wie ein Fieberkranker,
zu warten, bis dieser Herr wieder zurckkehren wrde, um in seinen Wagen
zu steigen.

Nach Ablauf zweier Minuten erschien die Nase tatschlich. Sie trug
eine goldgestickte Uniform mit hohem steifen Kragen, Beinkleider aus
Semischleder, und an der Seite einen Degen. An den Federn ihres Hutes
konnte man erkennen, da es sich um einen Staatsrat handelte. Der Anzug
des Herrn wies darauf hin, da er gerade Besuche abstattete. Er schaute
sich nach links und nach rechts um, rief dem Kutscher ein Vorwrts! zu
und rollte davon.

Der unglckliche Kowalew fhlte sich dem Wahnsinn nahe. Er wute nicht,
was er von einem so berraschenden Ereignis halten sollte. Wie war es
denn auch nur mglich, da eine Nase, die sich noch gestern abend in
seinem Gesicht befand und die weder gehen noch fahren konnte, jetzt eine
Uniform trug! Er strzte hinter dem Wagen her, der glcklicherweise
nicht sehr weit fuhr und vor dem Gostini Dwor[13] halt machte.

Er rannte wie ein Besessener und schlpfte zwischen einer Reihe alter
Bettlerinnen mit verbundenen Gesichtern und zwei groen ffnungen statt
der Augen hindurch, ber die er sich frher so oft lustig gemacht hatte.
Sonst trieben sich hier nur wenig Menschen umher. Kowalew befand sich in
einer solchen geistigen Verwirrung, da er keinen Entschlu fassen
konnte und lediglich in allen Winkeln und Ecken nach dem Herrn Ausschau
hielt; endlich sah er ihn vor einem Laden stehen. Die Nase verbarg ihr
Gesicht vllig in ihrem hohen Kragen und betrachtete mit gespannter
Aufmerksamkeit die ausliegenden Waren.

[Funote 13: Ein groer Bazar.]

Soll ich ihn anreden? dachte Kowalew. Aus seiner ganzen
Persnlichkeit, aus seiner Uniform und seinem Dreispitz geht klar und
deutlich hervor, da es ein Staatsrat ist. Wenn ich nur wte, wie ich
es anstellen soll! ...

Schlielich begann er ganz in der Nhe des Staatsrates zu husten; aber
die Nase verlie auch nicht fr eine Minute ihren Standpunkt.

Mein Herr! sagte Kowalew, der sich innerlich Mut zuzusprechen
versuchte, mein Herr! ...

Was wnschen Sie? fragte die Nase, indem sie sich umwandte.

Ich finde es erstaunlich, mein Herr ... mir scheint, da ... Sie
sollten doch wissen, wohin Sie gehren. Und pltzlich finde ich Sie, und
noch dazu ... hier? ... Sie mssen doch zugeben ...

Verzeihung; ich kann absolut nicht begreifen, wovon Sie sprechen.
Erklren Sie sich deutlicher!

Wie soll ich mich ihm noch verstndlich machen? dachte Kowalew. Und
sich ein Herz fassend begann er:

Sicherlich ... brigens bin ich Major. Ich habe zurzeit keine Nase. Sie
mssen zugeben, das schickt sich doch nicht. Einer Hkerin, die auf der
Woskressenski-Brcke geschlte Orangen feilbietet, mag es ja im Grunde
nichts ausmachen, ohne Nase herum zu laufen. Jedoch was mich anbetrifft,
der ich die Ehre habe, Beamter zu sein und der ich auerdem Beziehungen
zu vielen Husern unterhalte, zu Damen der Gesellschaft, wie zum
Beispiel zu Frau Tschechtarewa, die die Frau eines Staatsrates ist, und
noch zu vielen andern, ... urteilen Sie selbst ... Ich wei nicht, mein
Herr -- und hierbei zuckte der Major Kowalew mit den Achseln --
entschuldigen Sie tausendmal ... aber wenn man die Sache vom Standpunkt
der Ehre und der Pflicht betrachtet ... Sie knnen selbst begreifen ...

Ich begreife absolut nichts, erwiderte die Nase. Erklren Sie sich
deutlicher.

Mein Herr, versetzte Kowalew mit Wrde, ich wei nicht, wie ich Ihre
Worte auffassen soll. Hier handelt es sich doch, wie mich dnkt, um
einen durchaus klaren Vorgang. Oder wollen Sie ... denn kurz und gut,
Sie sind doch meine eigene Nase!

Die Nase blickte den Major an, und runzelte die Stirne.

Sie tuschen sich, mein Herr; ich bin durchaus selbstndig. Auerdem
knnen zwischen uns nicht die geringsten Beziehungen existieren. Nach
den Knpfen Ihrer Uniform zu urteilen, mssen Sie in einem andern
Ressort dienen.

Und nach diesen Worten drehte ihm die Nase den Rcken.

Kowalew war nun vllig verwirrt und wute nicht, was er tun, ja nicht
einmal was er sich denken sollte. In diesem Augenblick ertnte das
angenehme Rascheln eines seidenen Gewandes. Eine alte, ber und ber mit
Spitzen behngte Dame ging an ihm vorbei, begleitet von einem jungen
Mdchen, deren weies Kleid ihre harmonische Figur aufs vorteilhafteste
zur Geltung brachte; sie trug einen gelben federleichten Hut. Beide
Damen wurden von einem baumlangen Heiducken mit mchtigem Bart und einem
ganzen Dutzend von Mantelaufschlgen begleitet. Er blieb hinter den
Damen stehen und ffnete seine Tabaksdose.

Kowalew trat nahe an sie heran, rckte den Kragen seines Batisthemdes
zurecht, brachte sein an einer goldenen Kette hngendes Petschaft in
Ordnung und wandte seine ganze Aufmerksamkeit der jungen Dame zu, die
sich leicht wie eine Frhlingsblume bewegte und eine kleine weie Hand
mit fast durchsichtigen Fingern an ihre Lippen fhrte. Das Lcheln auf
Kowalews Gesicht wurde noch intensiver, als er unter dem Hut ein rundes
Kinn von blendender Weie und einen Teil der Wange bemerkte, die in
ihrem Teint einer zarten Frhlingsblume glich.

Aber nur zu bald prallte er wie von einer Tarantel gestochen zurck.

Er hatte sich soeben daran erinnert, da er keine Nase mehr hatte; und
heie Trnen entstrmten seinen Augen.

Er wandte sich um, um dem uniformierten Herrn laut und deutlich zu
sagen, da er nur die Larve eines Staatsrates trge, da er ein Lump,
ein Spitzbube wre und da er nichts weiter sei als seine eigne Nase ...
Aber die Nase war verschwunden; sie hatte den gnstigen Augenblick
benutzt und sich entfernt, hchstwahrscheinlich, um noch einen Besuch
abzustatten.

Dieser Umstand strzte Kowalew vollends in Verzweiflung. Er blieb noch
eine Minute unter dem Sulengang stehen und schaute sich gespannt nach
allen Seiten um, ob er nicht etwas von der Nase bemerken knne. Er
erinnerte sich deutlich, da ihr Hut mit Federn geschmckt und die
Uniform mit Gold gestickt war; aber er hatte nicht auf den Mantel
geachtet, auch nicht auf die Farbe des Wagens noch auf die der Pferde;
er wute nicht einmal, ob hinten ein Lakai gestanden hatte und was fr
eine Livree er trug. berdies waren eine solche Anzahl von Fahrzeugen
aller Art im Trab durch die Straen gefahren, da es schwer war, sie
voneinander zu unterscheiden. Und htte er auch das gesuchte
herausgefunden, wie htte er ihm Halt gebieten sollen?

Der Tag war sehr schn und sonnig. Auf dem Newski-Prospekt wimmelte es
von Menschen. Ein ppiger Damenflor berschwemmte das ganze Trottoir von
der Polizei-Brcke bis zur Anitschkin-Brcke. Hier ging ein Hofrat, ein
Bekannter von Kowalew, den er meist, besonders aber vor fremden Leuten,
Oberstleutnant zu titulieren pflegte. _Dort_ sah er seinen Busenfreund
Jaryschkin, der sich beim Bostonspiel oft genug hineinlegen lie, und
_dort_ einen andern Major, der gleich ihm seinen Grad im Kaukasus
erlangt hatte, und der ihm nun mit der Hand ein Zeichen gab, er mge
doch zu ihm herberkommen.

Der Teufel soll ihn holen! sagte Kowalew. Kutscher! bring mich doch
auf dem nchsten Wege zum Polizei-Prfekten.

Kowalew bestieg eine Droschke und schrie dem Kutscher jeden Augenblick
zu: Fahr zu, so schnell du kannst!

Ist der Polizei-Prfekt zu sprechen? fragte er sofort beim Eintritt in
das Vestibl.

Nein, antwortete der Portier; er ist soeben weggegangen.

Das ist ja wundervoll!

Gewi, fgte der Portier hinzu, erst vor ganz kurzer Zeit ist er
fortgegangen. Wren Sie nur eine Minute frher gekommen, Sie htten ihn
sicher noch getroffen.

Ohne das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, strzte Kowalew wieder in
den Wagen zurck und rief dem Kutscher mit verzweifelter Stimme zu:

Fahr weiter!

Wohin? fragte der Kutscher.

Geradeaus!

Wie? Geradeaus? Wir befinden uns doch an einer Straenecke: also rechts
oder links?

Diese Frage verwirrte Kowalew und zwang ihn von neuem zum Nachdenken. In
seiner Lage wre es vor allem angebracht gewesen, aufs Polizeiprsidium
zu gehen, nicht weil seine Angelegenheit direkt in das Polizeiressort
gehrte, sondern weil er hier auf eine schnellere Erledigung als sonst
wo rechnen konnte. Sich an das Ressort zu wenden, in dem die Nase
angestellt war, wre sicher unklug gewesen, ging doch bereits aus den
eigenen uerungen der Nase zur Evidenz hervor, da es fr diesen Mann
nichts Heiliges gab. Weshalb sollte er sich denn nicht mittels einer
Lge aus einer solchen Lage befreien, er hatte doch ganz frech gelogen,
als er behauptete, da er nie etwas mit ihm zu tun hatte. Kowalew wollte
dem Kutscher gerade den Befehl geben, er solle ihn zum Polizei-Prsidium
fahren, als ihm der Gedanke kam, da dieser miserable Kerl, der sich bei
ihrer ersten Begegnung so perfid benommen hatte, den gnstigen
Augenblick benutzen und die Stadt verlassen knnte; -- und dann wren
alle Nachforschungen berflssig gewesen, oder sie konnten sich, was
Gott verhten mochte, wohl gar einen ganzen Monat hinziehen. Endlich gab
ihm, wie er glaubte, der Himmel selbst einen Wink. Er beschlo, direkt
nach der Expedition der Amtszeitung zu fahren und dort sofort eine
Annonce mit der genauen Angabe seines Signalements einrcken zu lassen,
damit die, die der Nase begegneten, sie ihm zufhren oder ihm doch
wenigstens die Wohnung dieses Rubers mitteilen konnten.

Nachdem er diesen Entschlu gefat hatte, befahl er dem Kutscher, nach
der betreffenden Expedition zu fahren, bearbeitete whrend der ganzen
Fahrt unaufhrlich den Rcken des Automedon mit seinen Fusten und
schrie:

Schneller, du Spitzbube! Schneller, Kanaille!

Aber, Herr! antwortete nur immer kopfschttelnd der Kutscher und
schlug mit dem Zgel ber den Rcken des Pferdes, das so behaart war wie
ein Bologneserhund.

Endlich hielt die Droschke, und Kowalew trat ganz atemlos in ein kleines
Empfangszimmer, wo ein alter Beamter in einem schbigen Frack und mit
einer Brille hinter einem Tische sa, einen Federkiel zwischen den
Zhnen hielt und Kupfergeld zhlte.

Wer nimmt hier Annoncen an? schrie Kowalew; doch ich bitte um
Verzeihung, guten Morgen vor allen Dingen!

Guten Morgen! sagte der alte Beamte und blickte einen Moment empor, um
seine Aufmerksamkeit sofort wieder seinen Geldhaufen zuzuwenden.

Ich mchte ein Inserat aufgeben ...

Einen Augenblick nur bitte ich Sie, sich gedulden zu wollen, fuhr der
Beamte fort, indem er mit der Hand eine Zahl auf das Papier schrieb und
mit einem Finger der Linken an der Rechenmaschine zwei Kugeln verschob.

Ein galonnierter Diener von uerst korrektem Aussehen, dem man seine
lange Dienstzeit in aristokratischen Husern anmerkte, stand mit einem
Zettel vor dem Tisch und hielt es fr angebracht, auf seine
gesellschaftliche Bildung hinzuweisen.

Seien Sie berzeugt, mein Herr, da dieser kleine Hund keine acht
Groschen wert ist; ich fr meine Person wrde nicht acht Pfennig fr ihn
geben. Aber die Frau Grfin betet ihn an, bei Gott! sie betet ihn in der
Tat an, -- deshalb verspricht sie seinem Ueberbringer hundert Rubel. In
aller Hflichkeit sei's gesagt, aber unter uns: die Geschmacksrichtungen
der Leute sind doch ganz unberechenbar. Wenn man schon einmal
Hundeliebhaber ist, so halte man sich meinetwegen einen Windhund oder
einen Pudel; dafr kann man ruhig fnfhundert, ja auch tausend Rubel
anwenden, aber dann hat man auch einen wirklich wertvollen Hund.

Der ehrenwerte Beamte hrte sich diese Ausfhrungen mit einer sehr
bezeichnenden Miene an und zhlte unterdessen ruhig die Buchstaben des
Zettels, den der Diener mitgebracht hatte. Links von ihm hatte sich eine
Menge alter Weiber, Handlungsgehilfen und Portiers gleichfalls mit
Zetteln in der Hand angesammelt.

Aus einem dieser Zettel ging hervor, da ein Kutscher, der sich sehr gut
gefhrt hatte, von seinem Besitzer aus dem Dienst entlassen worden war,
aus einem andern, da man eine noch wenig benutzte, um 1814 aus Paris
bezogene Kutsche zum Verkauf feilbot. Hier suchte ein neunzehnjhriges
Dienstmdchen, das waschen und gleichzeitig noch andere Arbeiten
verrichten konnte, eine Stellung. Dort wollte jemand eine Droschke ohne
Federn verkaufen, oder einen jungen, feurigen, siebzehn Jahre alten
Apfelschimmel, oder erst krzlich aus London eingetroffenen Rben- und
Rettichsamen, oder ein Landhaus mit allem Zubehr (zwei Pferdestllen,
nebst einem Platz, wo man einen prachtvollen Birken- oder Tannenwald
anpflanzen konnte usw.). Wieder andere annoncieren, da sie alte Sohlen
zu verkaufen htten, und luden tglich von 8 bis 3 Uhr zu deren
Besichtigung ein.

Das Zimmer, in dem sich der ganze Schwarm aufhielt, war klein, und
infolgedessen war die Luft in ihm uerst dumpf; allein der
Kollegien-Assessor Kowalew merkte nichts davon, denn sein Gesicht war
mit einem Taschentuch verhllt und seine Nase befand sich Gott wei wo
--

Mein Herr, darf ich Sie bitten ... Ich habe es sehr eilig ... sagte er
endlich ungeduldig.

Gleich, gleich! ... Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken! ... Nur noch
eine Minute! ... Ein Rubel vierundsechzig Kopeken! sagte der alte Herr,
indem er den alten Frauen und den Portiers die Zettel ins Gesicht warf.

Was wnschen Sie? sagte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.

Ich bitte Sie, sagte Kowalew ... es handelt sich um eine schier
unglaubliche Spitzbberei; bis zu diesem Augenblick wei ich noch nicht,
wie sie blo passieren konnte. Ich bitte Sie jetzt nur, annoncieren zu
wollen, da derjenige, der mir diesen Halunken herbeischafft, eine gute
Belohnung erhalten soll.

Wollen Sie mir bitte Ihren Namen angeben?

Nein! weshalb meinen Namen? es ist mir ganz unmglich, ihn zu nennen.
Ich habe aber gute Beziehungen, zum Beispiel zu Frau Tschechtarewa, der
Gattin eines Staatsrates, oder zu Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina,
die einen hheren Offizier zum Mann hat. Wenn sie es erfhren ... Gott
behte! Sie knnen ganz einfach schreiben: >Ein Kollegien-Assessor< oder
noch besser: >Ein Major<.

Und der Ausgerckte war Ihr Leibeigner?

Was fr ein Leibeigner? Das wre noch keine so groe Gemeinheit! Nein,
mir ist ... die Nase ausgerckt! ...

Hm! was fr ein merkwrdiger Familienname! Und um welche Summe hat Sie
Herr Nase bestohlen?

Nase! Aber Sie sind nicht bei Sinnen! Meine Nase, meine eigene Nase ist
es, die verschwunden ist, ich wei nicht, wohin. Der Teufel hat mir
einen Streich spielen wollen!

Aber auf welche Weise ist sie verschwunden? Ich verstehe absolut nichts
von alledem!

Ich kann Ihnen nicht sagen, auf welche Weise. Aber das wichtigste bei
dieser Angelegenheit ist die Tatsache, da sie jetzt in der Stadt
herumspaziert und sich Staatsrat tituliert. Und aus diesem Grunde bitte
ich Sie, zu annoncieren, da derjenige, der sie fassen sollte, sie ohne
Verzug zu mir bringen mge. Sagen Sie brigens selbst: wie soll ich ohne
diesen Krperteil, der doch unbedingt zu meiner Person gehrt,
existieren? Es handelt sich hier doch nicht etwa um eine Zehe ... wenn
man einen Schuh trgt, so wrde man ihr Fehlen ja garnicht bemerken.
Aber ich gehe doch jeden Donnerstag zu Frau Staatsrat Tschechtarewa;
Frau Pelagia Grigoriewna Podtotschina, die Gattin eines hheren
Offiziers und Mutter eines reizenden Tchterchens, ist eine gute
Bekannte von mir. Auerdem habe ich noch zu andern vornehmen Familien
Beziehungen, und nun mgen Sie selbst urteilen, ob ich so herumlaufen
kann ... Es ist mir doch augenblicklich ganz unmglich, mich irgendwo zu
zeigen.

Der Beamte berlegte, indem er fortwhrend die Lippen zusammenkniff.

Nein, ein solches Inserat kann ich nicht aufnehmen! sagte er endlich
nach lngerem Stillschweigen.

Wie? -- Weshalb nicht?

Weil die Zeitung dadurch ihren guten Ruf verlieren knnte. Wenn jemand
schreibt, da ihm seine Nase abhanden gekommen ist, dann ... Auch ohne
dies wird schon genug davon gesprochen, da alle mglichen Torheiten und
Lgen gedruckt werden!

Und weshalb ist das tricht? Mein Fall ist doch, wie mir scheint, ganz
klar und ....

Das ist Ihre Meinung! Aber hren Sie, was uns vorige Woche passiert
ist. Es erscheint ein Beamter, ganz wie Sie heute, und bringt uns ein
Inserat, das ihn zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken kostet. In diesem
Inserat wird das Entlaufen eines schwarzen Pudels angekndigt. Sie
werden einwenden: >Ich kann keine hnlichkeit mit meinem Fall
entdecken!< Aber es stellte sich bald heraus, da das lediglich eine
Mystifikation gewesen war; mit dem Pudel war der Kassierer eines
Geschftes gemeint.

Aber ich suche doch garnicht nach einem Pudel, sondern nach meiner
eigenen Nase; hren Sie: das ist doch fast so, als ob ich nach mir
selbst suchte!

Nein, ich kann ein solches Inserat nicht aufnehmen!

Aber wenn doch meine Nase in der Tat verschwunden ist?

Wenn sie verschwunden ist, so geht das nur den Arzt etwas an; ich habe
gehrt, da einige von ihnen eine groe Geschicklichkeit in der
Herstellung knstlicher Nasen entwickeln! brigens bin ich der Meinung,
da Sie ein Spavogel sind und sich in guter Gesellschaft gern einen
Scherz erlauben!

Ich beschwre Sie bei allem, was mir heilig ist! Gestatten Sie, wenn es
nicht anders geht, da ich es Ihnen demonstriere!

Warum diese Aufregung? fuhr der Beamte fort, indem er eine Prise nahm.
Aber schlielich ..., wenn es Sie weiter nicht inkommodiert, fgte er
neugierig hinzu, ich wrde mir die Sache mit Vergngen ansehen!

Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch von seinem Gesichte fort.

In der Tat, das ist uerst sonderbar! sagte der Beamte. Die Stelle
ist ja ganz eben wie ein frischgebackener Eierkuchen. Ja, sie ist glatt,
-- es ist schier unglaublich!

Nun, wollen Sie jetzt noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst, da
Sie mein Inserat unmglich nicht aufnehmen knnen. Ich wre Ihnen dafr
zu ganz besonderem Dank verpflichtet, und ich bin sehr froh darber, da
diese Gelegenheit mir das Vergngen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft
zu machen.

Der Major lie sich, wie man sieht, sogar zu einer Schmeichelei herab.

Die Sache mit der Annonce htte an und fr sich keine Schwierigkeit,
sagte der Beamte; nur sehe ich darin keinen Vorteil fr Sie. Sie
sollten sich an irgend einen geschickten Journalisten wenden, der Ihren
Fall als Naturphnomen behandeln und darber einen Artikel in der Biene
des Nordens -- hierbei nahm er eine Prise -- zur Belehrung der Jugend
-- hierbei schneuzte er sich -- oder noch besser zur allgemeinen
Unterhaltung verffentlichen knnte.

Der Kollegien-Assessor war der Verzweiflung nahe. Er warf einen Blick
auf das Feuilleton des Zeitungsblattes und auf die Theaternotizen; ein
Lcheln huschte ber sein Gesicht, als er den Namen einer hbschen
Schauspielerin las, und er steckte schon die Hand in die Tasche, um
einen blauen Zettel hervorzuholen -- denn nach seiner Meinung muten die
hheren Offiziere mindestens im Parkett sitzen --; aber der Gedanke an
seine Nase verdarb ihm jedes Vergngen.

Der Beamte hatte das lebhafteste Mitgefhl mit Kowalew, der sich in
einer hchst peinlichen Situation befand. Von dem Wunsche beseelt,
seinen Kummer ein wenig zu mildern, hielt er es fr gut, ihm mit einigen
Worten seine Teilnahme auszusprechen:

Wahrhaftig, ich bin sehr betrbt, da Ihnen ein solches Migeschick
widerfahren ist. Nehmen Sie vielleicht eine Prise Tabak? Das vertreibt
die Kopfschmerzen und den Hang zur Melancholie! Auerdem ist es ein
unfehlbares Heilmittel gegen Hmorrhoiden!

Mit diesen Worten reichte der Beamte ihm seine Tabaksdose, indem er den
Deckel, der mit dem Portrt einer Dame im Hut geschmckt war, in sehr
geschickter Weise wegschob.

Dieser unberlegte Hflichkeitsakt brachte Kowalew um den Rest seiner
Geduld.

Ich verstehe nicht, wie Sie solche Scherze machen knnen! sagte er
zornig. Sehen Sie denn nicht, da mir augenblicklich gerade der
Krperteil fehlt, der zum Nehmen einer Prise unbedingt erforderlich ist?
Der Teufel soll Ihren Tabak holen! Ich kann ihn jetzt garnicht mehr
sehen, selbst dann nicht, wenn es kein stinkender Beresinski, sondern
echter Rap wre.

Nach diesen Worten verlie er tiefgekrnkt das Zeitungsbureau und begab
sich aufs Polizei-Kommissariat.

Als Kowalew ins Bureau trat, traf er dort einen Beamten an, der gerade
ghnte, sich streckte und laut zu sich selbst sprach: Ich wrde jetzt
mit groem Vergngen noch ein paar Stndchen schlafen.

Man sieht hieraus, da ihm die Ankunft des Kollegien-Assessors nichts
weniger als gelegen kam.

Der Polizei-Kommissar war ein groer Liebhaber von allen mglichen
Kunstgegenstnden; doch zog er einen mit dem kaiserlichen Wappen
geschmckten Schein allen andern Dingen vor.

Das ist ein Stck, sagte er oft, wie es nirgends ein besseres gibt:
es braucht keine Nahrung, nimmt wenig Platz ein, lt sich bequem in die
Tasche stecken und zerbricht nicht, wenn es einmal zu Boden fllt.

Er empfing Kowalew sehr khl und lie die Bemerkung fallen, da die
Stunde nach dem Mittagessen nicht der geeignete Moment zur Erledigung
amtlicher Nachforschungen wre, und da die Natur uns selbst darauf
hinwiese, da es gut sei, einen Augenblick der Ruhe zu pflegen, wenn man
gegessen habe -- woraus der Kollegien-Assessor ersehen konnte, da die
Gepflogenheiten der Philosophen des Altertums dem Kommissar nicht ganz
unbekannt waren --, und da ein ordentlicher Mann seine Nase nicht
verliere.

Diese Worte verwundeten unseren Helden aufs tiefste.

Hierbei mu bemerkt werden, da Kowalew eine uerst empfindliche Natur
war. Er konnte alles verzeihen, was man ber ihn sagte, doch niemals
vergab er einen Versto gegen die seiner amtlichen Wrde gebhrende
Achtung. Er dachte daran, da man in den Theaterstcken alle blen
Bemerkungen ber die Subaltern-Offiziere durchgehen lie, aber niemals
ein Wort, das sich gegen die hheren Offiziere richtete. Der Empfang des
Kommissars brachte ihn derartig aus der Fassung, da er kopfschttelnd
und im Bewutsein seiner Wrde die Hnde erhob und erklrte:

Ich mu gestehen, da ich auf solche beleidigende uerungen nichts zu
erwidern habe.

Und damit ging er.

Er suchte seine Wohnung auf; es war ihm, als wren seine Beine
abgestorben. Es wurde bereits dunkel, und seine Behausung erschien ihm
nach allen diesen fruchtlosen Nachforschungen sehr traurig und sehr
schmutzig. Beim Eintritt in das Vorzimmer bemerkte er auf dem alten
schmutzigen Ledersopha seinen Diener Iwan, der auf dem Rcken lag, sich
damit unterhielt, an die Zimmerdecke zu spucken, und hierbei mit groer
Geschicklichkeit stets ein und dieselbe Stelle traf. Eine solche
Gleichgltigkeit versetzte ihn vollends in Wut; er schlug ihm mit seinem
Hut auf die Stirn und schrie ihn an:

Du Esel hast doch immer nur Torheiten im Sinn!

Iwan sprang von seiner Bank herunter und strzte schleunigst herbei, um
ihm seinen Mantel abzunehmen.

Der Major trat mde und traurig in sein Zimmer, warf sich in einen
Sessel, seufzte einigemal laut auf und sagte:

Mein Gott! Mein Gott! Womit habe ich ein solches Unglck verdient?
Htte ich eine Hand oder einen Fu verloren -- das wre noch nicht so
schlimm; aber ein Mensch ohne Nase, das ist doch ... wei der Teufel
was! Ein Vogel, der kein Vogel ist, ein Brger, der das Brgerrecht
verloren hat, das ist ganz einfach ein Ding, das man nehmen und zum
Fenster hinauswerfen mchte. Wre sie mir wenigstens noch im Kriege oder
im Duell abhanden gekommen, oder htte ich es wenigstens selbst
verschuldet! Aber so um nichts und wieder nichts, ohne jede Veranlassung
zu verduften! Nein, nein ... das ist ja ganz unmglich! -- fgte er
nach kurzem Nachdenken hinzu --, es ist ganz unglaublich, da eine Nase
so ohne weiteres verschwindet. Das ist doch zu unwahrscheinlich.
Sicherlich trume ich blo oder ich bilde es mir nur ein. Vielleicht
habe ich aus Versehen statt eines Glases Wasser den Branntwein
ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren mein Gesicht einreibe.
Dieser Schafskopf Iwan wird ihn sicher nicht weggenommen haben, und so
habe ich ihn gewi ganz ahnungslos heruntergegossen.

Und um sich zu beweisen, da er nchtern sei, kniff sich der Major so
heftig ins Fleisch, da er einen lauten Schrei ausstie. Dieser Schmerz
berzeugte ihn endgltig davon, da er am Leben war und vernnftig
handelte. Er trat ganz leise vor den Spiegel und blinzelte zuerst mit
den Augen, da er sich mit der Hoffnung schmeichelte, die Nase knne doch
vielleicht noch an ihrem Platze sein; aber er trat sogleich wieder einen
Schritt zurck und murmelte:

Die reinste Karikatur!

Die Sache war ihm ganz unverstndlich; wre ihm noch ein Knopf
verschwunden, ein silberner Lffel, eine Uhr oder etwas dergleichen! --
aber eine Nase ... und noch dazu auf welche Weise? wohl gar aus seinem
eigenen Zimmer? Der Major Kowalew lie alle die verschiedenen Umstnde
an sich vorberziehen und kam schlielich zu dem Resultat, da noch am
ehesten Frau Podtotschina, die Gattin eines hheren Offiziers, an seinem
Unglcke Schuld sein konnte, da sie ihn heftig zum Schwiegersohne
begehrte. Es machte ihm Spa, ihrer Tochter den Hof zu machen, doch ging
er einer deutlichen Erklrung stets aus dem Wege. Als die Dame ihm nun
offen mitteilte, da sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben wrde,
lehnte er diese Ehre unter vielen Komplimenten mit der Begrndung ab, er
wre noch zu jung und msse noch gegen fnf Jahre dienen, um die runde
Zahl von zweiundvierzig Jahren zu erreichen.

Sicherlich hatte die Frau des hheren Offiziers aus diesem Grunde
beschlossen, sich zu rchen, ihn zu verderben, und zu diesem Behufe
einige alte Hexen gegen ihn ins Feld gefhrt; denn es war ja unmglich,
da ihm die Nase auf die eine oder die andere Weise abgeschnitten sein
sollte. Niemand war im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch
hatte ihn noch am Mittwoch rasiert, und whrend des ganzen Tages, sowie
auch am Donnerstag war seine Nase noch ganz heil und gesund gewesen.
Daran erinnerte er sich ganz deutlich. Auerdem htte er doch irgend
einen Schmerz empfinden mssen, die Wunde wre auch nicht so schnell
geheilt und nicht so platt wie ein Fladen geworden.

Er schmiedete in seinem Hirn alle mglichen Plne, er wollte die Frau
Podtotschina beim Gericht verklagen oder sich wenigstens persnlich zu
ihr begeben und sie zur Rechenschaft ziehen.

Pltzlich wurde er in seinem Sinnen durch einen Lichtschimmer gestrt,
der durch die Trritzen drang und ihm ankndigte, da Iwan im Vorzimmer
eine Kerze angezndet hatte.

Gleich darauf erschien Iwan selbst, eine Kerze in der Hand haltend, und
bald war das Zimmer hell erleuchtet. Kowalews erste Bewegung war es,
sein Taschentuch zu ergreifen und die Stelle zu verdecken, an der sich
noch tags zuvor seine Nase befunden hatte, damit der dumme Lakai nicht
das Maul aufzureien brauchte, wenn er seinen Herrn so sonderbar
entstellt sah.

Iwan hatte nicht Zeit gehabt, seine Kammer aufzusuchen, denn eine
unbekannte Stimme lie sich im Vorzimmer vernehmen und fragte:

Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalew?

Treten Sie ein; hier wohnt allerdings der Major Kowalew, sagte dieser,
indem er eiligst die Tr ffnete.

Der Polizeikommissar, ein Mann von wrdigem Aussehen, mit einem nicht
all zu hellen, noch all zu dunklen Backenbart und runden Wangen,
derselbe, den wir beim Beginn dieser Erzhlung am Ende der Isaaks-Brcke
getroffen haben, trat ein.

Sie hatten die Ehre, Ihre Nase zu verlieren?

In der Tat!

Sie ist soeben gefunden worden.

Was sagen Sie da? schrie der Major Kowalew. Die Freude machte ihn
sprachlos.

Er sah den Polizisten, der vor ihm stand, starr an, wobei seine Lippen
und Wangen von dem flackernden Kerzenlicht erhellt wurden.

Auf welche Weise? fragte er endlich.

Durch einen erstaunlichen Zufall: man hat sie gerade im Moment ihrer
Abreise verhaftet. Sie hatte schon einen Platz im Wagen eingenommen, um
nach Riga zu fahren. Ihr Pa lautete auf den Namen eines Beamten. Und
das Sonderbarste ist, da ich selbst sie zuerst fr einen Herrn gehalten
habe; aber ich setzte glcklicherweise meine Brille auf und erkannte
sogleich, da es eine Nase war. Ich mu Ihnen nmlich sagen, da ich
kurzsichtig bin, und wie Sie jetzt vor mir stehen, erkenne ich wohl, da
Sie ein Gesicht haben, aber ich unterscheide weder Nase, noch Bart, noch
sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner Frau, sieht auch
nicht mehr als ich.

Kowalew konnte sich nicht mehr beherrschen.

Wo ist sie? Wo? Ich laufe sofort hin.

Regen Sie sich nicht auf. Da ich wute, da Sie sie sehr ntig haben,
habe ich sie gleich mitgebracht. Das Merkwrdigste ist, da der
Hauptschuldige an dieser ganzen Angelegenheit ein Lump von Barbier aus
der Wosnessenski-Strae ist, der zur Zeit bereits im Polizeigewahrsam
sitzt. Ich habe ihn schon lange im Verdacht, da er ein Trunkenbold und
Dieb ist; erst vor drei Tagen hat er in einem Laden eine Schachtel mit
Knpfen entwendet. Ihre Nase ist gnzlich unversehrt.

Mit diesen Worten griff der Agent in seine Tasche und holte die Nase
hervor, die in ein Stck Papier eingewickelt war.

Ja, das ist sie! schrie Kowalew. Das ist sie und keine andere!
Trinken Sie vielleicht eine Tasse Tee mit mir?

Ich danke Ihnen fr Ihre auerordentliche Liebenswrdigkeit, aber das
ist mir leider unmglich. Ich mu mich von hier aus sofort in ein
Konfektionshaus begeben ... In den letzten Tagen sind die Lebensmittel
entsetzlich teuer geworden ... Meine Schwiegermutter, die Mutter meiner
Frau, und meine Kinder warten zu Hause auf mich ... Mein ltester
berechtigt zu den schnsten Hoffnungen; das ist wirklich ein recht
intelligenter Bursche; aber mir fehlen die Mittel, ihm eine geeignete
Erziehung zu geben ...

                   *       *       *       *       *

Nachdem der Kommissar den Kollegien-Assessor verlassen hatte, befand
sich dieser einige Minuten in einer unbeschreiblichen Geistesverfassung;
einen Moment lang konnte er seine Lage kaum berblicken. Die pltzliche
Freude hatte ihn ganz matt gemacht. Endlich nahm er die wieder gefundene
Nase vorsichtig zwischen seine beiden Hnde und schaute sie noch einmal
mit groer Aufmerksamkeit an.

Ja, das ist sie! Das ist sie in der Tat! sagte er. Hier auf der
linken Seite ist auch das Pickelchen von gestern ...

Der Major htte vor Freude laut aufjubeln mgen.

Aber auf dieser Welt ist nichts von langer Dauer; bald lt die Freude
nach und, whrend Sekunde auf Sekunde vergeht, weicht auch sie schnell
einer peinigenden Abspannung, um unmerklich wieder zum gewohnten
Gleichma zurckzukehren, so wie der Kreis, den das Fallen eines Steines
im Wasser erzeugt, allmhlich in der glatten Oberflche zerrinnt.

Kowalew begann, das Vorgefallene zu berdenken, und begriff, da sein
Abenteuer noch nicht zu Ende war. Die Nase war wohl gefunden, aber jetzt
mute man sie vor allen Dingen wieder an ihren alten Platz bringen und
befestigen.

Wenn sie nun nicht halten wird?

Bei diesem Gedanken erbleichte der Major.

Von einer unerklrlichen Furcht gepackt strzte er an den Tisch und
ergriff den Spiegel, um sich die Nase nur nicht schief anzusetzen. Seine
Hnde zitterten. Mit groer Vorsicht und Behutsamkeit drckte er sie
wieder an ihren alten Platz. Doch welch ein Schrecken! die Nase hielt
nicht! ... Er fhrte sie an seinen Mund, erwrmte sie mit seinem Atem
und brachte sie von neuem an die glatte Flche, die sich zwischen seinen
beiden Wangen befand. Die Nase wollte absolut nicht halten!

So sitz doch, du Rindvieh! sagte Kowalew zu ihr.

Aber die Nase schien wie aus Holz zu sein und fiel mit einem recht
sonderbaren Ton gleich einem Stck Kork auf den Tisch. Kowalews ganzes
Gesicht zuckte konvulsivisch zusammen.

Ist es denn mglich, da sie in der Tat nicht haften bleiben sollte?
sagte er voller Schrecken.

Er drckte sie noch einmal auf die Stelle, an die sie gehrte, -- aber
auch dieses Mal ohne Erfolg.

Kowalew rief Iwan und trug ihm auf, zum Arzte zu gehen, der eine der
schnsten Wohnungen im ersten Stock des Hauses inne hatte. Dieser Arzt
war ein Mann von feiner Lebensart, auerdem verfgte er ber ein Paar
herrliche pechschwarze Favoris und eine prachtvolle urgesunde Frau.
Schon am frhen Morgen pflegte er frische pfel zu essen. Als besondere
Eigentmlichkeit wre dann noch die auerordentliche Pflege zu erwhnen,
die er seinem Munde angedeihen lie, denn er splte ihn nach dem
Aufstehen fast dreiviertel Stunden lang und putzte sich stets die Zhne
mit fnf verschiedenen Brstchen.

Der Arzt lie nicht lange auf sich warten.

Nachdem er sich danach erkundigt hatte, wieviel Zeit verstrichen war,
seit Kowalew den Verlust bemerkt hatte, fate er den Major am Kinn und
gab ihm mit dem Zeigefinger an der Stelle, wo sich frher die Nase
befunden hatte, einen so tchtigen Nasenstber, da der Major mit dem
Kopfe zurckzuckte und mit ihm ziemlich heftig an die Mauer schlug. Der
Arzt meinte, das mache weiter nichts, und befahl ihm, mit dem Kopf von
der Wand abzurcken und ihn ein wenig nach links zu neigen, befhlte ihn
und lie dann ein gedehntes Hm vernehmen. Zum Schlu gab er ihm noch
einen Nasenstber, soda Kowalew mit dem Kopf zurckfuhr wie ein Pferd,
dessen Zhne man untersucht.

Nach dieser Einleitung schttelte der Arzt den Kopf und sagte:

Nein, es ist unmglich! Es ist besser, Sie lassen die Geschichte auf
sich beruhen, sonst knnte es noch schlimmer werden. Gewi kann man die
Nase wieder befestigen; ich knnte es sogar auf der Stelle tun, das
unterliegt keinem Zweifel. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, da es
dann noch schlimmer werden kann.

Das ist ja groartig! Aber wie kann ich denn ohne Nase existieren?
sagte Kowalew. Schlimmer als jetzt kann es ja garnicht werden. Da soll
doch das heilige Donnerwetter dreinschlagen! Wo kann ich mich denn mit
einem solchen grotesken Kopf blicken lassen? Ich mu doch meine guten
Beziehungen pflegen, heute abend mu ich sogar noch zwei Besuche
abstatten. Ich bin mit vielen einflureichen Personen bekannt, so z. B.
mit Frau Staatsrat Tschechtarewa, und mit Frau Podtotschina, die die
Gattin eines hheren Offiziers ist, wenngleich ich mit dieser Dame nach
dem Vorgefallenen nur noch durch die Polizei verkehren werde. Tun Sie
mir den Gefallen, fgte Kowalew mit bittender Stimme hinzu, setzen Sie
sie mir wieder an, mir ist jedes Mittel recht. Wenn es auch nicht gut
aussieht, die Hauptsache ist, da sie hlt; in gefhrlichen Situationen
knnte ich sie ja etwas mit der Hand sttzen. Im brigen tanze ich auch
garnicht, soda ich nicht etwa zu befrchten brauche, da sie sich durch
eine unvorsichtige Bewegung ablsen knnte. Und was das Honorar fr
Ihren Besuch anbetrifft, so knnen Sie berzeugt sein, da, soweit es
mir meine Mittel gestatten ...

Glauben Sie mir, sagte der Arzt nicht allzu laut, aber auch nicht
allzu leise, auf jeden Fall aber in berzeugendem und eindringlichem
Tone, da ich meine Kunst niemals um des schnden Mammons willen
ausbe. Das wre gegen meine Grundstze und gegen meinen Beruf. Ich
nehme gern eine Vergtung fr meinen Besuch an, aber einzig und allein,
um Sie nicht durch meine Weigerung zu verletzen. Gewi kann ich Ihre
Nase wieder anheften. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wenn Sie es
mir so nicht glauben wollen, da es sehr hlich aussehen wird. Lassen
Sie doch lieber die Natur walten! Waschen Sie die betreffende Stelle
recht hufig mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, da Sie sich
ohne Nase ebenso gut befinden werden als mit ihr. Und dann gebe ich
Ihnen noch den Rat, die Nase in einem Gef mit Spiritus aufzubewahren
oder noch besser zwei Suppenlffel Branntwein und heien Essig in den
Rezipienten zu tun, -- auf diese Weise knnten Sie viel Geld fr sie
erhalten. Ich selbst wrde sie Ihnen gern abnehmen, wenn Sie nicht zu
teuer sind!

Nein, nein, um keinen Preis in der Welt wrde ich sie verkaufen! rief
der Major Kowalew verzweifelt aus; lieber will ich sie vernichten!

Entschuldigen Sie, sagte der Arzt und erhob sich; ich wollte Ihnen
nur ntzlich sein ... Was ist da zu tun? Auf jeden Fall haben Sie sich
von meinem guten Willen berzeugt.

Mit diesen Worten und mit einer vornehmen Handbewegung verlie der Arzt
das Zimmer. Kowalew hatte nicht einmal sein Gesicht deutlich gesehen und
in seiner tiefen Betubung nur die Manschetten seines schneeweien
Hemdes bemerkt, das aus den rmeln des schwarzen Frackes
hervorleuchtete.

Am folgenden Tage beschlo er, noch bevor er die Klage gegen Frau
Podtotschina einreichte, an sie zu schreiben und sie zu fragen, ob sie
seiner Forderung nicht vielleicht gutwillig Folge leisten wollte.

Dieser Brief lautete folgendermaen:

                 Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!

   Es ist mir unmglich, Ihre uerst seltsame Handlungsweise zu
   begreifen. Seien Sie berzeugt, da Sie hierdurch nichts gewinnen
   und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten.
   Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle,
   dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr
   spielen, von allem andern zu schweigen, schon vllig aufgeklrt. Ihr
   pltzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre
   Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in
   natrlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die
   Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich
   inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht
   zu haben, Ihnen im voraus anzukndigen, da ich, sollte die in Frage
   kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden,
   mich gezwungen sehen wrde, den Beistand und Schutz der Gerichte
   anzurufen.

   Im brigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzglichen
   Hochachtung

                                                  Ihr ergebener Diener
                                                      Platon Kowalew.

                     Geehrter Herr Platon Kusmitsch!

   Ihr Brief hat mich in auerordentliches Erstaunen versetzt. Ich
   gestehe offen, ich htte von Ihnen nie so ungerechte Vorwrfe
   erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, da ich den Beamten, von
   dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir
   empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch
   Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner
   Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nchternen
   Lebenswandel und groe Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch
   keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase.
   Wenn Sie damit sagen wollen, da ich die Absicht habe, Ihnen eine
   Nase zu drehen statt Sie endgltig abzuweisen, so kann ich hierber
   nur meiner berraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl
   wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie
   gegenwrtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl
   zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil
   werden zu lassen. Damit wre in der Tat einer meiner innigsten
   Wnsche erfllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets

                                               Ihre gehorsame Dienerin
                                              Alexandra Podtotschina.

Nein! sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, sie ist
sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmglich! Solch einen Brief kann nie
und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen
hat.

Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon
mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut
worden.

Wie mag es nur geschehen sein? fragte er sich immer wieder. Hol's der
Teufel!

Und er lie resigniert die Hnde sinken.

Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gercht von diesem
auergewhnlichen Ereignis verbreitet -- und zwar, wie es ja Brauch ist,
nicht ohne Zutaten und bertreibungen. Alle Gemter standen zu dieser
Zeit gerade unter dem Eindruck bernatrlicher Vorgnge. Kurz vorher
hatten nmlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen
Magnetismus beschftigt; die tanzenden Sthle waren fr die
Scheunenstrae noch etwas vllig Neues. Man braucht es also nicht allzu
sonderbar zu finden, da bald darauf das Gercht auftauchte, die Nase
des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit lngerer Zeit jeden
Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger
strmte daher alltglich dorthin. Irgend jemand hatte erzhlt, die Nase
hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die
Menschen derartig, da die Polizei sich gentigt sah, einen
Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von hchst
wrdigem ueren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der
Theater verschiedene Sigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten
pflegte, lie daher schne solide hlzerne Bnke vor dem Laden
aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein
Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D.
erschien schon ganz frh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel
anzuschaun, und schlngelte sich mit groer Mhe durch die Menge; aber
zu seiner grten Emprung sah er im Fenster des Magazins anstatt der
Nase nur ein ganz gewhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer
Lithographie, die ein junges Mdchen darstellte, wie es sich seinen
Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und
Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet -- ein Bild, das schon
seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort,
indem er rgerlich sagte:

Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche
Gerchte auf die Beine bringen? ...

Dann wurde allgemein davon gesprochen, da die Nase des Majors Kowalew
garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten
herumspaziere; man sagte, sie befnde sich schon lange dort, schon
Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr ber dieses
seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultt wurden
einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat
den Wchter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phnomen doch
ja ihren Kindern zu zeigen und womglich eine grndliche, lehrreiche
Erklrung hinzuzufgen.

All diese Geschehnisse bildeten das Entzcken jener Miggnger, die bei
keiner Gesellschaft fehlen drfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu
zerstreuen -- und dies in um so hherem Mae, als ihr Vorrat an
Neuigkeiten zurzeit vllig erschpft war. Indes zeigte sich doch eine
Minderheit ehrlicher und vernnftiger Leute sehr ungehalten ber all
diese Scherze. Ein Herr erklrte sogar voller Emprung, er begriffe
nicht, wie in einem aufgeklrten Jahrhundert solche falsche und absurde
Gerchte entstehen knnten, ja, er wunderte sich darber, da die
Regierung diesen Vorgngen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr
gehrte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es fr
wnschenswert hlt, da die Regierung sich in alle Angelegenheiten
mische, selbst in die alltglichen Zwistigkeiten der Ehegatten.
Infolgedessen ... Aber hier hllt sich unsere Historie von neuem in
einen dichten Schleier, und ber alle folgenden Ereignisse ist wieder
nichts bekannt.


                                  III.

Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht mglich wre, und oft
passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe
Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der
ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, pltzlich auf ganz
unerklrliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden
Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.

Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah,
erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, --
wahrhaftig, es war seine Nase.

Mein Gott! sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer
barfu ein Tnzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran.
Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal
im Spiegel -- aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich
mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, -- aber
die Nase war noch immer da!

Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf
der Nase, sagte er und dachte indessen bei sich:

Was fr ein Unglck, wenn Iwan mir pltzlich antwortete: >Nein, Herr,
Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja berhaupt
keine Nase!<

Aber Iwan bemerkte:

Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.

Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen! sagte der Major im
stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingerngeln.

In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im
Trrahmen -- furchtsam wie eine Katze, die ein Stck Talg gestohlen und
dafr Prgel bekommmen hat.

Sag mal vor allem: sind deine Hnde auch sauber? schrie ihm Kowalew
schon von weitem entgegen.

Gewi sind sie sauber!

Du lgst!

Bei Gott, sie sind sauber, Herr!

Na, dann mal los!

Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um.
In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen
mit Hilfe eines Pinsels in einen Crme, wie ihn die Kaufleute an ihren
Namenstagen den Gsten servieren.

Da schau her! sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich
die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von
der Seite zu prfen, wahrhaftig sie sitzt tadellos! -- und noch lange
betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und
Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei
Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.

Das war Iwan Jakowlewitschs System.

Achtung! schrie Kowalew.

Iwan Jakowlewitsch lie die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte
wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit groer
Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln;
obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht sttzen
durfte, berwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, da er mit dem
Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfate, und so fhrte er denn
sein Geschft glcklich zu Ende.

Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr
schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er
dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte
gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase
war noch da! Frhlich wandte er sich um und fixierte mit spttischer
Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel grer
war als ein Westenknopf.

Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um
die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines
Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in
den Spiegel, -- die Nase war noch immer da!

Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls
Major war, einem groen Spavogel, dem er auf all seine bissigen
Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:

O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!

Und er dachte sich unterwegs:

Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das
das sicherste Zeichen, da alles in Ordnung ist.

Aber der Kollegien-Assessor lie sich nichts merken.

Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen! murmelte Kowalew.

Auf der Strae begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines hheren
Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde
mit den freudigsten Ausrufen begrt. Er unterhielt sich lngere Zeit
mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich
mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlcher, indem er sich
dachte:

Da habt ihr's! Ihr Weiber, ihr seid Gnse! Ich denke ja garnicht daran,
mich mit deiner Tochter zu verheiraten! _Par amour_ -- na, meinetwegen!
Das ginge noch allenfalls.

Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wre, auf dem
Newski-Prospekt, in den Theatern und berall. Seine Nase sa, wie wenn
nichts vorgefallen wre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr
an, da sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major
Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit
leidenschaftlichem Interesse allen schnen Frauen nach. Einmal sah man
ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem
Zwecke dies geschah, das wute freilich niemand, denn er war ja garnicht
Ritter eines Ordens.

Das ist die Geschichte, die sich in der nrdlichen Hauptstadt unseres
groen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei nherer
berlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, da
es doch hchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an
verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, -- wie
konnte Kowalew nicht begreifen, da man doch nicht durch die Amtszeitung
nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen
Preis erwhnen, den man fr ein Inserat bezahlen mu. Das ist eine
Kleinigkeit. Denn ich gehre ganz und gar nicht zu den habgierigen
Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lcherlich und tricht!

Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan
Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen;
wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch
unverstndlicher ist, das ist der Umstand, da sich Autoren solche
Gegenstnde whlen knnen. Man mu zugeben, da das in der Tat ganz
unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein
Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen,
und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich
wei einfach nicht, was das fr einen Sinn hat.

Und dennoch und trotz alledem lt sich letzten Endes vielleicht doch
eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schlielich,
wo stt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich
ber alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens _etwas_ davon
bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der
Welt vor -- wenngleich hchst selten, aber sie _kommen_ vor.


                              Das Portrt


                              Erster Teil.

Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der
Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine uerst
mannigfaltige Sammlung von Sehenswrdigkeiten dar: die Bilder waren
meistenteils mit lfarbe gemalt, mit dunkelgrnem Lack gefirnit und mit
dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit
weien Bumen, ein vllig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend,
ein flmischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der
eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen hnlich sieht: das
sind gewhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemlde. Dazu kamen noch
einige gestochene Abbildungen: ein Portrt von Chosrev-Mirsa in einer
Hammelfellmtze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und
krummer Nase. berdies pflegen die Tren eines solchen Ladens mit ganzen
Bndeln von Werken, die auf groe Bogen gedruckt sind und von der
instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war
die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt
Jerusalem zu sehen, ber deren Huser und Kirchen ohne weitere Umstnde
ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde
und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhllte. Fr
diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Kufer, um so leichter jedoch
ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon
sicher an, whrend er die Wirtshaus-Menage fr seinen Herrn in der Hand
hlt, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu hei einverleiben
wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehllter
Soldat, dieser Kavalier des Trdelmarktes, der zwei Federmesser
feilbietet, und eine Hckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die
Schuhe enthlt. Jeder geniet auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre
Zeigefinger darauf zu drcken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit
ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis
auf die Karikaturen bereinander lustig, alte Lakaien in Friesmnteln
schauen sich diese Dinge an, weil sie schlielich doch irgendwo ghnen
mssen, und die Hckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen
instinktiv hierher gelaufen, um zu hren, was denn das Volk wieder
zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk
anschaut.

Um diese Zeit blieb auch der junge Knstler Tschartkow, der gerade die
Passage passierte, unwillkrlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel
und der nicht sehr sorgfltige Anzug lieen in ihm einen Menschen
erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und
keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kmmern, die doch gerade fr
die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er
blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich ber diese
greulichen Bilder. Dann bemchtigte sich seiner eine unwillkrliche
Versonnenheit, er fing an, darber nachzudenken, wem diese Machwerke
wohl von Nutzen wren. Da das russische Volk von diesen Jeruslanen
Lazarewitschen, diesen Fre- und Saufhelden, sowie von dem Foma und
Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die
abgebildeten Gegenstnde waren dem Volke durchaus verstndlich. Aber wo
sind die Kufer fr diese bunten, schmutzigen lpinseleien, wem konnten
diese flmischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die
bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas hhere Stufe der Kunst
erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt
wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder
eines Autodidakten, sonst wre in ihnen bei aller gefhllosen
Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen.
Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose,
greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmchtig in die Reihen der
Knste drngte, whrend sie doch lediglich unter den niedrigsten
Handwerken ihren Platz hatte, -- eine Talentlosigkeit, die brigens
ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst
importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe gebte Hand,
die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehren mochte, als einem
Menschen! ...

Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schlielich gar
nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des
Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit
Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den
Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und
was er kaufen wollte. Hier, fr diese Buerlein und diese kleine
Landschaft, will ich nur einen weien Schein haben. Sehen Sie sich doch
nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind
eben erst aus der Brse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht
trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fnfzehn
Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafr aber auch ein
rechter Winter! Hierbei schnellte der Hndler mit den Fingerspitzen
leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Gte des Winters
recht zu betonen. Befehlen der Herr, da ich sie zusammenbinde und zu
Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen
Bindfaden her! -- Wart, Bruder, nicht so schnell! sagte der endlich
zu sich kommende Maler, als er sah, da der lebhafte Hndler sich im
Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich,
nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten
hatte, und er sagte: Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort
etwas fr mich finde. Und er bckte sich und fing an, die auf dem
Fuboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten
Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen.
Da waren altertmliche Portrts von Ahnen, deren Nachkommen man in der
Welt sicher nirgends htte finden knnen -- unbekannte Bilder, deren
Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte,
allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu
untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: Vielleicht
findet sich doch noch etwas darunter! Er hatte mehr als einmal gehrt,
wie man mitunter bei Trdlern zwischen altem Kram Gemlde groer Meister
fand.

Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, lie
seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewhnlichen
Stellung und gebhrenden Wrde wieder vor seiner Tr, rief die Passanten
an und zeigte ihnen mit einer groen Geste seinen Laden. Hierher,
Vterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!
Soeben von der Brse importiert! Er schrie sich tot, aber meistenteils
ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genge mit dem
Resteverkufer, der ebenfalls ihm gegenber an der Tre seiner Bude
stand, und erinnerte sich schlielich, da er noch einen Kufer im Laden
hatte; sofort wandte er den Auenstehenden den Rcken zu und begab sich
hinein. Na, Vterchen, haben Sie schon etwas ausgewhlt? Aber der
Knstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Portrt in einem groen
Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch
die Spuren der Vergoldung glnzten.

Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmchtigen Gesicht und
hervorstehenden Backenknochen. Seine Zge schienen einen Augenblick von
einer krampfhaften Bewegung erfat zu sein und muteten nicht wie
nordische Kraft an; der feurige Sden spiegelte sich in ihnen wieder. Er
war in ein weites asiatisches Kostm gehllt. Wie schmutzig und
beschdigt das Portrt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die
Spuren der Arbeit eines groen Knstlers, nachdem es ihm gelungen war,
den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Portrt schien nicht ausgefhrt
zu sein, aber die Kraft der Pinselfhrung war eine berwltigende.
Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Knstler schien seine
ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie
starrten einen an, blickten geradezu aus dem Portrt heraus und
zerstrten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare
Lebhaftigkeit. Als er das Portrt nher an die Tr gebracht hatte,
blickten ihn die Augen noch strker an. Fast denselben Eindruck machten
sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben
war, rief: Er starrt, er starrt mich an! und wich zurck. Eine
unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemchtigte sich
seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.

Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Portrt! meinte der Ladenbesitzer.

Und was kostet es? fragte der Knstler.

Nun, dafr kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fnfundsiebzig
Kopeken!

Nein.

Na, was geben Sie?

Zwanzig, sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.

Nein, mit was fr einem Preis Sie herausrcken! Mit zwanzig Kopeken ist
ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen?
Herr Herr, kehren Sie doch zurck! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu.
Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken.
Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Kufer
sind. -- Und dabei fhrte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen
schien: Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!

So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Portrt gekauft, und
er dachte sich: Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es? Aber es
blieb ihm nichts mehr brig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstck aus der
Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Portrt unter den Arm und
trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, da die zwanzig
Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine
Gedanken trbten sich mit einem Mal; ein Gefhl des rgers und der
gleichgltigen Leere erfate ihn im selben Augenblick. Hol's der
Teufel! Wie scheulich ist es auf der Welt! dachte er wie jeder Russe,
dessen Geschfte nicht blhen. Und fast mechanisch ging er schnellen
Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden
Sonne tauchte die eine Himmelshlfte in ein tiefes Rot; noch waren die
dieser Seite zugewandten Huser von ihrem warmen Schein schwach
bestrahlt; aber nach und nach erglnzte immer strker und strker der
khle bluliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von
Husern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller
Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem
durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei
entschlpften seinem Munde die Worte: Was fr ein zarter Ton! Wie
rgerlich! Hol's der Teufel! Und whrend er sich das Portrt bequemer
zurechtschob, das fortwhrend unter seinem Arme hinunterglitt,
beschleunigte er seine Schritte.

Mde und ganz in Schwei gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung
in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mhsam und keuchend kletterte
er die mit Splwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und
Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tr; niemand
antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das
Fensterbrett und entschlo sich, geduldig zu warten, bis er endlich
hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies
war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den
Fuboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen
pflegte, whrend er ihn fegte. Der Bursche hie Nikita und brachte
whrend der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu.
Nikita gab sich lange Zeit groe Mhe, das Schlsselloch zu finden, das
infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tr
geffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten
Knstlern, unertrglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im
allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu bergeben,
begab er sich in sein Atelier, einen groen, aber niedrigen
quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei
knstlerischem Plunder, Stcken von Gipshnden, Keilrahmen, angefangenen
und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Sthlen
liegenden Draperieen angefllt war. Er war uerst mde, legte den
Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Portrt zwischen zwei
andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht
behaupten konnte, da er mit Leder bezogen war, denn die Messingknpfe,
die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbstndigkeit.
Das Gleiche lie sich von dem Leder behaupten, soda Nikita seine
schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wsche darunter
aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen,
soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich gengend ausgeruht
hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.

Wir haben keine Kerze mehr! sagte Nikita.

Weshalb nicht?

Es war doch schon gestern keine da, sagte Nikita. Der Knstler
erinnerte sich in der Tat, da es auch gestern keine Kerze mehr gab,
beruhigte sich und schwieg still. Er lie sich auskleiden und zog
hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.

Der Wirt ist wieder dagewesen! fuhr Nikita fort.

So! Er kam wegen des Geldes! meinte der Knstler mit wegwerfender
Miene.

Aber er war nicht allein da, sagte Nikita.

Wer denn noch?

Ich wei nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.

Wozu denn ein Polizeibeamter?

Ich wei nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt
ist.

Nun, und was soll daraus werden?

Ich wei nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen
will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.

Mgen sie nur kommen! sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgltigkeit,
und eine melancholische Regenstimmung bemchtigte sich seiner.

Der junge Tschartkow war ein Knstler, dessen Talent zu manchen
Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein
Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verstndnis und einen heien
Drang, der Natur nahe zu kommen. Sieh, sieh, Bruder, sagte ihm mehr
als einmal sein Professor, du hast Talent. Es wre eine Snde, wenn du
es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas
lockt dich, dir gefllt etwas, und du bist gleich davon hingerissen,
alles brige ist dir dann Quark, hat fr dich keinen Wert mehr, du
willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, da aus
dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt
etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng
und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest
schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben,
was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, da du
nicht etwa in die Manier der Englnder verfllst! ... Gieb acht, die
groe Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine
stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebgelten Hut ... ich
wei ja, wie verlockend es ist, fr Geld Bilder nach dem Geschmack der
Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt da es ihm
Frderung eintrgt. Hab Geduld, beschftige dich sorgfltig mit jeder
Arbeit, la ab vom Dandytum ... Mgen doch andere dem Gelde nachjagen
... dein Vermgen wird dir trotzdem nicht entgehen.

Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der
Tat etwas ber die Strnge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem
Wort: zeigen, da auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei
alledem verstand er es auch, sich zu zgeln. Bisweilen konnte er, wenn
er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er ri sich nicht
anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack
wurde immer subtiler; noch erfate er nicht die ganze Tiefe Raffaels,
doch wurde er von der raschen, breiten Pinselfhrung Guidos hingerissen,
er blieb vor den Portrts Tizians stehen und begeisterte sich an der
vlmischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder
verhllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn
hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem
Professor innerlich nicht beistimmte, da die alten Meister fr uns so
durchaus unerreichbar wren. Ihm schien es sogar, da das neunzehnte
Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend berholt htte, da die
Nachbildung der Natur recht hufig intensiver, lebendiger, treuer
geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewhnlich
die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit
Stolz und Selbstbewutsein empfindet. Manchmal wurde er rgerlich, wenn
er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher,
der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch
gewohnheitsmige Routine, flotte Pinselfhrung und schreiende Farben
allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes
Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von
seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt verga,
sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrngte, wenn er keine
Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der
aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete fr die Wohnung von
ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in
angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar
mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen berfllt, alles im
Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu
ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.

Ja, hab Geduld, hab nur Geduld! wiederholte er verdrielich; aber
schlielich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich
denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir
niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen
wollte, so wrde man mir doch fr sie alle zusammen noch keine zwanzig
Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewi, ich fhle
es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich
etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ...
und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und
wer, der nicht zufllig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mgen?
Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser
Naturstudien oder gar meiner unbeendigten Psyche? Wen interessiert
dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Portrt meines Nikita, wenn
es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers?
Und weshalb das alles? Weshalb qule ich mich ab und plage ich mich, wie
ein Schler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berhmt sein, als die
andern und gleich ihnen Geld verdienen knnte.

Bei diesen Worten zitterte und erblate der Maler pltzlich. Ein
krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her -- sich
weit vorbeugend -- an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn,
als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu
wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita
rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter
Polyphem. Aber pltzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefhl der
Angst verlie ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Portrt,
das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer
getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare
Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er
benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm ber die
Flche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz
herunter, hngte es vor sich an die Wand hin und war ber dieses
ungewhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht
schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, da er
erzitterte, zurckwich und ganz verdutzt sagte: Er sieht mich an, er
blickt mich mit Menschenaugen an! Tschartkow mute pltzlich an eine
Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor ber ein Bildnis
des berhmten Lionardo da Vinci gehrt hatte, jenes Bildnis, das der
groe Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch
noch immer fr unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch
von allen fr das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklrt
wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in hchstem Mae
die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten,
kaum sichtbaren derchen waren bercksichtigt und auf die Leinwand
gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hngenden Portrt, war es
noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es strte sogar die Harmonie
des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wren
sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt.
Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genu zu tun, den die Seele
angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der
dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemchtigte sich
vielmehr nur ein krankhaftes qulendes Gefhl.

Was ist das? fragte sich der Knstler unwillkrlich. Das ist doch in
der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme
Gefhl? Oder wre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich
schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder
erscheint der Gegenstand, wenn man gefhllos, gleichgltig, ohne innere
Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden
Wirklichkeit -- ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen,
berall verborgenen Gedankens? -- in jener Wirklichkeit, die sich
offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem
Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein
Inneres blolegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint
denn die einfache gemeine Natur bei einem Knstler in einer gewissen
Verklrung -- und man erhlt keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es
scheint einem, als htte man einen groen Genu gehabt, und alles fliet
und bewegt sich ruhiger und gleichmiger um einen herum. Und warum
erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Knstler niedrig und
schmutzig, whrend doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben
das Etwas, das sie verklrt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie
auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie
erleuchtet.

Er nherte sich aufs neue dem Portrt, um diese wunderbaren Augen zu
betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, da sie ihn wirklich
anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene
entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen
Toten Leben gegeben htte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und
Trume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das
nchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es
wurde ihm -- er wute selbst nicht warum -- ngstlich und bang zumute,
er frchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom
Portrt zurck, wandte sich nach der andern Seite und bemhte sich, es
nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie
von selbst unwillkrlich nach ihm hin. Schlielich verursachte ihm sogar
die Regelmigkeit, mit der er das Zimmer durchma, Unruhe. Es war ihm,
als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede
Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven
waren sehr feinfhlig, und an diesem Abend konnte er sich seine
instinktive Furcht selbst nicht erklren. Er setzte sich in eine Ecke,
aber auch hier hatte er das Gefhl, als werde ihm gleich jemand ber die
Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem
Vorzimmer herberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen.
Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem
Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein
Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das
ihm gerade gegenber an der Wand hngende Portrt. Noch bedeutsamer
heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders
als ihn. Voller Unruhe entschlo er sich, sein Lager zu verlassen, er
ergriff ein Laken, trat an das Portrt heran und hllte es in das
Betttuch ein.

Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und
begann ber die Armut, ber das erbrmliche Schicksal des Knstlers,
ber den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken,
unterdessen aber blickten seine Augen unwillkrlich durch die Spalte der
spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhllten Portrt. Der
Mondenschein lie das Wei des Lakens noch heller erscheinen, und es kam
Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch
das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich
davon berzeugen, da es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ...
tatschlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz
klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Portrt steht ganz frei da
und schaut ihn ber alles hinweg unverwandt an, spht geradezu in sein
Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit
einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich pltzlich mit beiden Hnden
auf den Rahmen sttzt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend,
aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch
ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und
nherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Knstlers
begann strker zu pochen. Whrend er vor Angst kaum zu atmen wagte,
schien er darauf gefat zu sein, da der Greis gleich den Kopf nach ihm
hinter den Schirm strecken wrde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein
bronzefarbenes Antlitz mit den groen rollenden Augen ber ihn.
Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, da ihm
der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rhren, irgend
eine Bewegung auszufhren. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst.
Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare,
hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehllte Phantom und
wartete ab, was es tun wrde. Der Greis lie sich am Fuende des Lagers
nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein
Geldbeutel. Er schnrte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln,
schttelte ihn ... und mit dumpfem Gerusch fielen schwere Rollen, die
wie lngliche Sulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues
Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: Tausend Dukaten. Seine
langen knochigen Finger aus den weiten rmeln herausstreckend, begann
der Alte, die Rollen zu ffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglnzte.
Mit wie tdlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Knstler lastete, er
war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete
unverwandt, wie die knochigen Hnde es aufrollten, wie es glnzte, fern
und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhllte. Pltzlich
bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett
gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und sphte voller Furcht
danach, ob sie der Alte nicht etwa vermite. Der Greis schien jedoch
sehr beschftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte
sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der
spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hrte,
wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten.
Er umschlo die Rolle in seiner Hand mit krftigerem Drucke und
erzitterte am ganzen Krper, als er pltzlich vernahm, wie sich die
Schritte wieder dem Schirme nherten. Offenbar war der Alte gewahr
geworden, da ihm eine Rolle fehlte, und so sphte er denn auch zu ihm
hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Knstler die Rolle
krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich
zu bewegen, schrie auf und erwachte.

Kalter Schwei bedeckte ihn am ganzen Krper. Sein Herz schlug so stark,
wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnrt, wie wenn sie
den letzten Atemzug getan htte. War es denn wirklich ein Traum? sagte
er, indem er sich mit beiden Hnden an den Kopf fate. Aber die
furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme.
Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in
den Rahmen hineinschlpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes
flatterte noch vor ihm her, und seine Hand sprte deutlich, da sie noch
vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der
Mondschein berflutete das Zimmer und lie bald eine Staffelei, bald
eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald
ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst
jetzt bemerkte Tschartkow, da er nicht im Bette lag, sondern dicht vor
dem Portrt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war,
das konnte er sich auf keine Weise erklren. Noch mehr aber setzte ihn
der Umstand in Erstaunen, da das Portrt unverhllt war -- das Laken
fehlte tatschlich! -- Regungslos und voller Angst starrte er es an und
sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn
richteten. Kalter Schwei bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen,
fhlte aber, da seine Fe wie angewurzelt waren. Und nun sieht er --
es ist kein Traum! -- wie die Zge des Greises Bewegung gewinnen und
seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn
festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurck und
erwachte.

War auch das nur ein Traum? fragte er sich und tastete mit den Hnden
um sich, whrend sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch
genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm
stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfllt, und durch den
Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfltig mit dem Laken
verhllte Portrt sehen, genau so, wie er es selbst verhllt hatte.
Folglich hatte er wieder getrumt; aber die geballte Faust hatte noch
immer die Empfindung, da sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz
klopfte stark und schrecklich. Das Gefhl, als lastete etwas auf seiner
Brust, war unertrglich. Er sphte durch den Spalt und betrachtete
unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses
allmhlich heruntergleitet, als ob sich zwei Hnde unter ihm bewegten
und sich bemhten, es abzustreifen. Herr Gott, was ist denn das? rief
er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte.

War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus
dem Bett, unfhig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen
war: ob ein Alpdrcken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige
Erscheinung ihn geqult hatte. In der Absicht, die seelische Erregung
und das strmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu
stillen, trat er ans Fenster und ffnete es halb. Ein kalter Windsto
von auen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer
die Dcher und die weien Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine
Wlkchen ber den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das
ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in
Erwartung eines verspteten Fahrgastes, von seiner faulen Mhre
eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute
Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die
Anzeichen der nahenden Morgenrte; endlich fhlte er das Bedrfnis zu
schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett
und schlief bald fest ein wie ein Toter.

Er erwachte sehr spt und hatte jenes unangenehme Gefhl, das einen
Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung berfllt. Sein Kopf schmerzte
ihn heftig. Im Zimmer war es trbe; eine unangenehme Feuchtigkeit
erfllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit
Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mrrisch und
unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen
verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun
sollte, und berdachte schlielich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte
dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, da er sich sogar dem Argwohn
hingab, vielleicht htte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder
eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, -- etwa eine
Vision. Er schob das Laken zurck und betrachtete nun dieses
schreckliche Portrt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der
Tat durch ihr ungewhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er
nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine
unbestimmte, unerklrliche, peinigende Empfindung zurck. Trotzdem aber
wollte er nicht recht daran glauben, da es lediglich ein Traum gewesen
war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches
Bruchstck der Wirklichkeit. Er hatte das Gefhl, als ob ein Etwas im
Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflsterte, da er diese
Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn
eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen htte, und er kam
zur berzeugung, da die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner
Hand gewesen wre, wenn er sie nur fester gehalten htte.

Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehrte! sagte er,
indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit
der verlockenden Aufschrift Tausend Dukaten, die er im Traum erblickt
hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie ffneten sich, das Gold glnzte
und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er
aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft
starrend, vllig unfhig, sich von diesem Gegenstande loszureien, wie
ein Kind, das vor einer sen Speise sitzt und, whrend ihm das Wasser
im Munde zusammenluft, zusehen mu, wie sie von anderen verzehrt wird.

Da wurde pltzlich heftig an die Tr gepocht, was ihn wieder auf
unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurckversetzte. Der Wirt trat
ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine
Leute bekanntlich noch widerwrtiger wirkt als das Gesicht eines
Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem
Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie
der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren
Ecke von Kolomna ein Huschen besitzen -- ein Geschpf, deren es in
Ruland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen
ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er
Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber
auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prgeln,
behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war,
vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer
gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte
schon seinen Abschied genommen; daher vernachlssigte er sein ueres,
er prahlte nicht mehr so unverschmt, war nicht mehr so arrogant und
liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn
zusammenzuschwatzen; er ging bestndig im Zimmer auf und ab, putzte die
Talgkerze, besuchte pnktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter
wegen des Mietzinses, trat fters mit dem Schlssel in der Hand auf die
Strae hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und
vertrieb seinen Portier bestndig aus seiner Kammer, in der dieser
gewhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann
im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, whrenddessen
er so oft strapazise Reisen in Postkutschen machen mute, nichts
zurckbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten.

Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch! meinte der Wirt, indem er
sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende
Geste vollfhrte; er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal
nicht!

Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur,
ich werde schon bezahlen!

Ich kann nicht warten, Vterchen, erwiderte der Wirt heftig und
klopfte mit dem Schlssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. Der
Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause;
Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall fr
zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen
Sie, was fr Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht
Sitte, da man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld
bezahlen und dann die Wohnung rumen.

Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann mssen Sie auch
zahlen, meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf
schttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knpfe seines Uniformrockes
steckte.

Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich
verfge jetzt noch nicht ber einen Pfennig.

In diesem Falle mssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer
Kunst sicherstellen, meinte der Kommissar. Er wird vielleicht damit
einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.

Nein, Vterchen, ich danke schn fr die Bilder! Wren es noch Gemlde
von vornehmem Inhalt, so da man sie an die Wand hngen knnte, ... etwa
ein General mit einem Stern, oder ein Portrt des Frsten Kutusow! Aber
da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm
die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm
den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Ngel aus den Riegeln
herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was fr Gegenstnde er sich
whlt. Da malt er sein Zimmer! Htte er noch wenigstens eine saubere,
aufgerumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen
Schmutz und Dreck, der berall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das
Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die
Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna
Petrowna ... Wahrhaftig, ich mu Ihnen gestehen, es gibt keinen
schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ...
Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!

Und dies alles mute der arme Maler geduldig anhren. Der
Polizeikommissar beschftigte sich inzwischen mit der Prfung der Bilder
und Skizzen und bekundete hierbei, da er eine lebendigere Seele hatte
als der Wirt, und sogar fr knstlerische Eindrcke nicht ganz
unempfnglich war.

He, sagte er, whrend er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte,
auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, dieser Gegenstand ist
ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so
schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?

Das ist ein Schatten! antwortete Tschartkow herb und ohne ihn
anzusehen.

Nun, den knnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fllt es
doch gar zu sehr auf, sagte der Kommissar. Und wessen Portrt ist dies
hier? fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises nherte. Der
ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der
starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was fr Blitze der schleudert!
Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?

Ach, das ist ein ..., sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht
zu Ende.

Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des
ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hnde den Rahmen des Bildes zu
fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrckt, die eine
fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier
gehllte Rolle heraus. Die Aufschrift Tausend Dukaten sprang
Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig strzte er herbei, um sie
aufzuheben, ergriff die Rolle und umschlo sie krampfhaft mit einer
Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.

Es klang doch hier wie Geld! sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes
hatte auf den Boden fallen hren und den die Schnelligkeit, mit der
Tschartkow herbeistrzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.

Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier
habe?

Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen
mssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!

Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!

Warum wollten Sie dann aber nicht schon frher bezahlen? Wozu muten
Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belstigen?

Weil ich dieses Geld nicht angreifen mchte! Ich werde ihm heute abend
alles bezahlen und sofort die Wohnung rumen, weil ich bei einem solchen
Wirte nicht mehr bleiben will.

Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen, sagte der
Kommissar, sich an den Wirt wendend. Wenn es sich jedoch herausstellt,
da Sie heute abend nicht gebhrend befriedigt werden, dann sollte es
mir sehr leid tun, Herr Maler!

Sprach's, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt
folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem
Fue.

Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt! sagte Tschartkow, als er
hrte, da die Tr des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte.
Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz
allein zu bleiben, schlo die Tr hinter ihm ab und begann, nachdem er
wieder in sein Zimmer zurckgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die
Rolle zu ffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glnzende Dukaten, die
alle ohne Ausnahme neu geprgt waren und wie Feuer funkelten! -- Wie
wahnsinnig hockte er ber dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer
wieder: Ist das alles nicht doch nur ein Traum? Die Rolle enthielt
genau tausend Goldstcke. uerlich glichen sie vllig denen, die er im
Traum gesehen hatte. Einige Minuten whlte er prfend in ihnen herum und
konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten
pltzlich alle Geschichten von Schtzen und Schatullen mit Geheimfchern
auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht
ihres zuknftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: Vielleicht
hatte auch in diesem Falle irgend ein Grovater den Einfall, seinem
Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines
Familienportrts verbarg. Voll von romantischen Vorstellungen fing er
sogar an, darber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall
und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestnde, ob nicht
gar dieses Portrt irgendwie mit seinem Leben verknpft wre, und ob es
nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, da er
es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Portrts. An
einer Seite war eine Rinne ausgehhlt, die so geschickt und unmerklich
von einem Brettchen verdeckt wurde, da die Dukaten hier bis in alle
Ewigkeit ungestrt verblieben wren, htte nicht die grndliche Hand des
Polizeikommissars dort einen Einbruch verbt. Er betrachtete das Portrt
und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewhnliche
Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor,
lieen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefhl in seinem Innern
zurck. Nein, sagte er zu sich selbst, wessen Grovater du auch sein
magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen
Rahmen anfertigen lassen. Hierbei lie er die Hand auf den vor ihm
liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser
Berhrung heftig zu pochen. Was nun tun? dachte er, whrend er die
Blicke auf das Geld richtete. Jetzt bin ich mindestens fr drei Jahre
gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschlieen und arbeiten.
Jetzt habe ich Geld genug fr Farben, Essen, Trinken, Tee, und fr die
sonstigen Lebensbedrfnisse sowie fr die Wohnung. Stren und belstigen
wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzgliche
Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Fe
modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten
Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre fr mich allein
ohne bereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, berhole ich
alle meine Kollegen und kann ein tchtiger Knstler werden.

So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz
eingab. Aber aus seinem Inneren ertnte eine andere Stimme vernehmlicher
und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da
erwachten ganz andere Gefhle in ihm: die Bedrfnisse seiner
zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer strmenden Jugend! Jetzt war
alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfllten Augen
angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, whrend ihm das
Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann,
als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem
langen Fasten endlich einmal ber die Strnge zu schlagen, sich eine
schne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine
Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf
die Strae hinaus.

Vor allem ging er zum Schneider, lie sich vom Kopf bis zu den Fen neu
einkleiden, wobei er sich unaufhrlich wie ein Kind anstaunte, kaufte
Parfms und Pomade, mietete sich -- ohne lange zu handeln -- eine
vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und groen
Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden
eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, -- weit mehr als er
berhaupt ntig hatte --, lie sich von einem Friseur die Locken
kruseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck
durch die Stadt, a sich in einer Konditorei an Konfitren satt, und
ging dann ins Restaurant Zum Franzosen, von dem er bis jetzt nicht
mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz
wie ein Spanier, warf hochmtige Blicke auf seine Mitgste und strich
sich vor dem Spiegel unaufhrlich die gebrannten Locken zurecht; er
trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom
Hrensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat
er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Ruland zu sagen
pflegt: Selbst dem Teufel kein Bruder! auf die Strae. Wie ein Geck
spazierte er den Brgersteig entlang und warf nachlssige Blicke durch
seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brcke gewahrte er seinen
frheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als htte er ihn gar
nicht bemerkt, so da der verdutzte Professor noch lange unbeweglich
stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...

Alle seine Sachen und alles, was er noch besa, die Staffelei, die
Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine
prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an
exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann
schritt er in den glnzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er
sich unaufhrlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte
sofort das unberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen
und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hrte er Rufe
wie die folgenden: Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von
Tschartkow gesehen? ber was fr eine rasche Pinselfhrung doch der
Tschartkow verfgt! Was fr ein mchtiges Talent dieser Tschartkow
besitzt! Vertrumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer
wei welche Regionen entrckt. Gleich am andern Tage begab er sich mit
einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um
sich dessen gromtigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem
Journalisten, der ihn sofort Geehrter Herr anredete, ihm beide Hnde
drckte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach
seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, -- und
schon am nchsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer
Ankndigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit
folgender berschrift:


          _Ein ungewhnliches Talent!_ Der Maler Tschartkow.

Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer --
man kann ruhig sagen -- in jeder Beziehung herrlichen und
auerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, da wir
viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schnheit
besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wunderttige
Leinewand zu bertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu
erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Knstler ist uns
erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf
jede Schnheit fest davon berzeugt sein, da sie sich mit der ganzen
Grazie ihres therischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren
Reizes im Portrt wiederfinden wird ... Der ehrwrdige Familienvater
wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der
Krieger, der Brger, der Staatsmann knnen ihre glorreiche Laufbahn
ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem
Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine,
oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem groen
Knstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt
voller Portrts, die von seinem Pinsel herrhren und eines Van Dyck oder
Tizian wrdig sind. Man wei nicht, worber man sich mehr wundern soll:
ber den Realismus, die hnlichkeit mit den Originalen, oder ber die
ungewhnliche Kraft und Frische der Pinselfhrung. Preis Dir, mein
Knstler, Du hast das groe Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der
Journalist hatte anscheinend viel fr das Familire brig.) Bedecke Dich
und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu wrdigen;
allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit
Reichtum und Wohlstand -- obwohl sich einige Journalisten aus unserer
Mitte auch dagegen auflehnen werden -- wird Dein Lohn sein.

Mit heimlichem Vergngen sah der Knstler diese Anzeige; sein Gesicht
strahlte. In der Presse wurde ber ihn geredet, das war etwas ganz Neues
fr ihn. Mehrere Male hintereinander berlas er die Zeilen. Der
Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz Vivat
Andrei Petrowitsch erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf
bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er
bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und
abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald
setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und lie sich
auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwhrend vorstellte, wie er die
Besucher empfangen wrde, dann trat er an eine Leinewand heran und
pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht grazise
Bewegungen abzulocken.

Schon am folgenden Tage schellte es an der Tre, und er beeilte sich,
sie zu ffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer
pelzgeftterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjhrigen
Mdchens, betrat das Atelier.

Sind Sie Monsieur Tschartkow? fragte die Dame. Der Knstler verneigte
sich.

Es wird soviel ber Sie geschrieben; Ihre Portrts sollen der Gipfel
der Vollkommenheit sein. Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die
Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und lie die Blicke schnell ber die
nackten Wnde gleiten. Und wo sind Ihre Portrts?

Man hat sie soeben abgeholt, sagte der Knstler etwas verlegen. Ich
bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, da sie
noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.

Waren Sie in Italien? fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in
Ermangelung eines andern Objektes fr ihre Beobachtungen auf ihn selbst
richtete.

Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... brigens
habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind
Sie nicht mde?

Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier!
Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen, sagte die Dame, whrend sie an
die gegenberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden
Skizzen, Perspektiven und Portrts richtete. _C'est charmant, Lise,
venez-ici!_ Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung!
Ein Tisch ... auf dem eine Bste steht, eine Hand, eine Palette ...
Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? _C'est
charmant!_ -- Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das
Gesicht wscht ... _Quelle jolie Figure!_ ... Ach, ein Buerlein! Liese,
Liese ... ein Buerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Buerlein!
... Also Sie malen nicht nur Portrts?

O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!

Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Portrtisten? Nicht
wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft
in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, da ich es Ihnen
nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei
und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens
durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was fr eine
ungewhnliche Pinselfhrung! Ich finde, da in seinen Gesichtern sogar
noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie
Monsieur Nohl?

Wer ist dieser Nohl? fragte der Maler.

Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet,
als sie noch zwlf Jahre alt war. Sie mssen unbedingt zu uns kommen --
Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der
Meinung hierhergekommen, da Sie sofort ein Portrt von Liese in Angriff
nehmen wrden.

Aber mit Vergngen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten. Sofort schob
er die Staffelei mit einem prparierten Keilrahmen heran, nahm die
Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der
Tochter. Wre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er htte in
diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft
fr Blle, einer peinigenden Unzufriedenheit ber die Lnge der Zeit vor
und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf
einem Gartenfest sehen zu lassen, die drckenden Folgen eines
erheuchelten Eifers fr die verschiedensten Knste, zu dem sie die
Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefhls zwang, bemerkt.
Allein der Knstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine
lockende Aufgabe fr seinen Pinsel: eine fast porzellanartige
Durchsichtigkeit des Krpers, ein entzckendes leichtes Vibrieren, ein
dnnes, zartes Hlschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur.
Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die
Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis
dahin nur an den rohen Zgen ordinrer Modelle, an langweiligen Antiken
und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu
offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht
ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.

Wissen Sie, sagte die Dame mit einem fast rhrenden Ausdruck, ich
mchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wre es offengestanden
lieber, da sie ein Kleid trge, an das wir schon gewhnt sind. Es wre
mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wre und im Schatten eines
Baumes se ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf
eine weidende Herde oder einen Hain, ich mchte nicht, da es so
ausshe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer
modischen Soire ... Offengestanden, unsere Blle tten die Seele so
sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefhls; Einfachheit, mehr
Einfachheit! Nicht wahr? Doch ach, leider konnte man es sowohl der
Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, da sie sich alle beide auf
allerhand Bllen so mde getanzt hatten, da sie beinahe wie Wachs
anzuschauen waren.

Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an,
berlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Ma, kniff das
eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurck, fixierte die junge Dame
von weitem und begann zunchst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer
Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich
sofort an die eigentliche Ausfhrung. Das Schaffen ri ihn vollkommen
hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen
vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohmegepflogenheiten zurck,
indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen
halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Knstlers ist, wenn er
sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstnde zu
machen, lie er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich
schlielich zu bewegen begann und eine starke Mdigkeit erkennen lie,
den Kopf hochheben.

Genug, frs erste Mal wird es wohl genug sein! sagte die Dame. Nein
bitte, noch ein wenig, bat der eifrige Maler.

Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr! versetzte die Dame, zog
ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Grtel herabhngende Uhr hervor
und rief ganz berrascht aus: Ach wie spt!

Nur noch ein Augenblickchen, sagte Tschartkow mit der einfltigen und
bittenden Gebrde eines Kindes.

Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen
knstlerischen Wnschen nachzugeben, versprach ihm aber dafr, ein
anderes Mal lnger zu bleiben.

Das ist doch rgerlich! dachte Tschartkow, meine Hand war gerade in
Schwung gekommen. Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem
gestrt und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der
Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewhnlich ganz regungslos auf
einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja,
er schlief sogar in der gewnschten Stellung ein. Unzufrieden legte
Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrielich vor
der Leinwand stehn.

Ein Kompliment der vornehmen Dame weckte den Nachdenklichen aus seinem
Traume, er strzte schnell zur Tr, um die Damen hinauszugeleiten. Auf
der Treppe erhielt er die Einladung, in der nchsten Woche bei ihnen zu
dinieren, und kehrte mit frhlicher Miene in sein Zimmer zurck. Die
aristokratische Dame hatte ihn vollkommen bezaubert -- bis dahin hatte
er solche Geschpfe als etwas fr ihn Unerreichbares angesehen, als
Wesen, die nur dazu geboren sind, in prchtigen Equipagen mit Dienern in
kostbaren Livreen und gallonierten Kutschern an armen Sterblichen, wie
er, vorbeizusausen und einen im verschlissenen Mantel zu Fu
einherschreitenden Burschen mit einem gleichgltigen Blick zu streifen.
Mit einem Male aber war eines dieser Wesen zu ihm in seine Wohnung
gekommen; er malte dessen Portrt und war zu einem Diner in ein
aristokratisches Haus eingeladen. Eine ganz ungewhnliche Zufriedenheit
bemchtigte sich seiner, er war vollstndig trunken vor Freude und
belohnte sich fr seine gute Laune mit einem famosen Souper, einem
Theaterbesuch und einer nochmaligen ziellosen Spazierfahrt in einer
Equipage durch die Stadt.

Whrend all dieser Tage kam ihm seine gewohnte Arbeit gar nicht in den
Sinn; er war nur mit Vorbereitungen auf den Besuch beschftigt, und
wartete auf den Augenblick, wo die Glocke zu ertnen pflegte. Endlich
erschien die Dame mit ihrer blassen Tochter wieder. Er lie sie Platz
nehmen, rckte die Leinewand schon mit einer gewissen Sicherheit und mit
den Prtensionen eines Mannes von feinen Manieren zurecht, und begann
seine Arbeit. Der sonnige Tag und die gute Beleuchtung leisteten ihm
groe Dienste. Er entdeckte an seinem duftigen Modell eine Menge von
Einzelheiten, deren Beachtung und Fixierung auf der Leinewand dem
Portrt einen hohen Wert verleihen konnten. Er sah, da es wohl mglich
war, etwas Besonderes zu leisten, wenn er alles so vollkommen
darzustellen vermochte, wie es ihm jetzt in der Natur entgegentrat. Sein
Herz fing leicht zu klopfen an, weil er die Kraft in sich fhlte, etwas,
was andere noch nicht bemerkt hatten, zum Ausdruck zu bringen. Die
Arbeit nahm ihn ganz in Anspruch, er gab sich ihr vllig hin und verga
bald wieder die aristokratische Herkunft des Originals; mit benommenem
Atem stellte er fest, wie die zarten Zge und der fast durchsichtige
Krper des siebenzehnjhrigen Mdchens allmhlich auf der Leinwand
erschienen. Keine noch so zarte Nuance entging ihm, er traf den leichten
gelben Ton, einen kaum merklichen blulichen Schimmer unter den Augen --
und war sogar schon im Begriff, einen kleinen Pickel, der sich auf der
Stirne befand, zu verzeichnen, als er pltzlich neben sich die Stimme
der Mutter vernahm. Ach nein, wozu nur? Das ist nicht ntig! Auch hier
haben Sie ... hier an einigen Stellen scheint es mir etwas zu gelb zu
sein, und auch dies sieht ganz aus, wie ein dunkler Flecken. Der Maler
fing an zu erklren, da sich gerade diese Pnktchen und die gelbe Farbe
besonders gut machten, weil sie im Gesicht als angenehme und leichte
Tne wirkten. Er erhielt jedoch zur Antwort, da das berhaupt keine
Tne seien, da sie sich garnicht gut ausnhmen, und da es ihm nur so
vorkme. Aber so erlauben Sie mir doch wenigstens, hier, an dieser
einen Stelle, etwas Gelb aufzutragen! bat der Knstler mit harmloser
Miene. Indessen gerade das wurde ihm nicht erlaubt. Man erklrte ihm,
da Liese heute blo nicht in Stimmung sei, da sie sonst ganz und gar
nicht gelb aussehe, und da ihr Gesicht im Gegenteil durch die Frische
seines Teints berrasche. Traurig machte er sich daran, die
beanstandeten Spuren seines Pinsels von der Leinewand zu tilgen. Viele
fast unmerkliche Zge muten schwinden, und mit Ihnen schwand zum Teil
auch die hnlichkeit dahin. Gleichgltig begann er dem Bilde jenes
konventionelle Kolorit mitzuteilen, das sich von vornherein ganz
mechanisch und wie von selbst einstellt und auch einem nach der Natur
gemalten Gesicht eine gewisse khle Idealitt verleiht, wie wir sie auf
Schlerprogrammen antreffen. Die Dame war jedoch sehr zufrieden, da
nunmehr das Verletzende der Farbengebung gnzlich vermieden wurde. Sie
drckte nur ihr Erstaunen darber aus, da die Arbeit so langsam vor
sich ging, und fgte hinzu, sie htte gehrt, er knnte schon in zwei
Sitzungen ein vollstndiges Portrt malen. Der Maler fand hierauf keine
Antwort. Die Damen erhoben sich und wollten fortgehen. Er legte den
Pinsel nieder, geleitete sie bis an die Tr und blieb lange Zeit in
trber Stimmung vor seinem Portrt stehen.

Er starrte es stumm und gedankenlos an; inzwischen aber schwebten jene
zarten weiblichen Zge, jene Schatten und luftigen Tne, die er bemerkt,
und die sein Pinsel dann so schonungslos vernichtet hatte, vor seinem
Auge. Ganz von ihnen erfllt, stellte er das Portrt beiseite und suchte
aus irgend einer Ecke seine Psyche hervor, die er vor lngerer Zeit
einmal flchtig skizziert hatte. Es war ein grazis hingemaltes, aber
rein ideales und kaltes Gesichtchen, das blo allgemeine und wenig
charakteristische Zge aufwies und noch auf keinem lebendigen Krper
sa. Er begann diese Zge mit dem Pinsel nachzuziehen, whrend er sich
dabei an alles erinnerte, was sein scharfes Auge an dem Antlitze seiner
aristokratischen Besucherin bemerkt hatte. Die von ihm erfaten Linien,
Schatten und Tne nahmen hierbei jene verklrte Form an, wie sie dem
Knstler erscheinen, wenn er die Natur gengend in sich aufgenommen hat,
sich nunmehr von ihr entfernt und ein ihr ebenbrtiges Werk schafft. Die
Psyche lebte allmhlich wieder auf, und der Gedanke, der ihn kaum
flchtig bewegt hatte, nahm wieder Fleisch und Blut an. Der
Gesichtstypus der vornehmen jungen Dame teilte sich von selbst der
Psyche mit, und dadurch erhielt sie einen eigenartigen Ausdruck, der ihr
das Recht auf den Namen eines wahrhaft originellen Werkes verleihen
durfte. Er hatte gleichsam in den Einzelheiten und im Ganzen ausgenutzt,
was ihm das Original bot, und war von seiner Arbeit vollkommen
hingerissen. Einige Tage lang beschftigte er sich nur mit ihr, da
berraschte ihn zufllig das Eintreten der bekannten Damen bei dieser
Arbeit. Er hatte keine Zeit, das Bild von der Staffelei zu entfernen;
die beiden Damen stieen einen frohen Ruf des Erstaunens aus und
schlugen die Hnde zusammen.

_Lise, Lise!_ ach, wie hnlich! _Superbe, superbe!_ Was fr ein schner
Einfall, sie in einem griechischen Kostm zu malen! Welche
berraschung!

Der Knstler wute nicht, wie er die Damen ber ihren angenehmen Irrtum
aufklren sollte. Verlegen und mit gesenktem Kopf bemerkte er leise:
Das ist Psyche!

Als Psyche? _C'est charmant!_ sagte die Mutter lchelnd zu ihrer
gleichfalls lchelnden Tochter. Nicht wahr, _Lise_, so machst du dich
am besten, so als Psyche, nicht? _Quelle ide dlicieuse!_ Aber was fr
eine Arbeit! Das ist ja ein Correggio! Offengestanden, ich habe zwar von
Ihnen gelesen und gehrt, ich wute aber doch nicht, da Sie ein solches
Talent sind. Nein, Sie mssen unbedingt auch noch _mein_ Portrt malen!
Die Dame wollte sich offenbar gleichfalls als Psyche prsentieren ...

Was soll ich mit ihnen anfangen? dachte der Knstler. Wenn sie es
selbst durchaus wollen, gebe ich einfach die Psyche fr das aus, was
ihnen am meisten behagt! Und er sagte laut: Belieben Sie noch fr eine
Weile Platz zu nehmen. Ich mchte hier noch einen Tupfen auftragen!

Ach, ich frchte, da Sie hier irgend etwas ... Sie ist jetzt so
hnlich.

Aber der Knstler merkte wohl, da sich ihre Befrchtungen nur auf
gelben Ton bezogen, und beruhigte sie, indem er sagte, da er den Augen
nur noch etwas mehr Glanz und Ausdruck geben wolle. In Wirklichkeit aber
war es ihm zu peinlich zumute, er wollte wenigstens die hnlichkeit mit
dem Original noch etwas verstrken, damit ihm wenigstens niemand seine
Schamlosigkeit zum Vorwurf machen knne. Und in der Tat, das Antlitz
lie bald immer deutlicher die Zge des blassen Mdchens erkennen.

Genug, sagte die Mutter, die zu frchten begann, da die hnlichkeit
allzu gro werden knnte. Dem Knstler wurde durch ein Lcheln, durch
Geld, Komplimente, herzliche Hndedrcke und eine Einladung zum Diner
eine reichliche Belohnung zuteil: mit einem Worte, er wurde nur so
berschttet mit Schmeicheleien und hchsten Zeichen der Anerkennung.

Das Portrt erregte in der Stadt Aufsehen. Die Damen zeigten es ihren
Freundinnen; alle bewunderten die Kunst, mit der der Maler es verstanden
hatte, die hnlichkeit zu wahren und dem Original dennoch Schnheit und
Liebreiz zu verleihen. Dieser Punkt wurde natrlich nicht ohne einen
leichten Anflug von Neid festgestellt, und mit einem Male war der
Knstler mit Arbeiten berhuft. Fast schien es, als wollte die ganze
Stadt sich bei ihm portrtieren lassen. Im Flur ertnte jeden Augenblick
die Glocke. -- Dieser uere Erfolg konnte zwar sein Glck ausmachen, da
er ihm eine groe Praxis verschaffte, und die Mannigfaltigkeit und die
Zahl der Gesichter, die er malen mute, war in der Tat sehr gro. Leider
waren es jedoch alles Menschen, mit denen man nur schwer auskommen
konnte, eilige, beschftigte Menschen oder Personen, die der groen
Gesellschaft angehrten und infolgedessen noch mehr als alle anderen
abgehetzt und aufs uerste ungeduldig waren.

Die einzige Forderung, die von allen Seiten an ihn gestellt wurde, war
diese, da er was Gutes leisten und mglichst schnell arbeiten solle.

Bald sah der Maler die Unmglichkeit ein, seine Portrts sorgfltig
auszufhren, er gelangte vielmehr zur berzeugung, da man die genauere
Charakteristik durch einen leichten und flotten Pinselstrich ersetzen,
nur das groe Ganze, den allgemeinen Ausdruck festhalten msse und sich
nicht mit besonderen subtilen Einzelheiten abgeben drfe: mit einem
Worte, er begriff, da er es sich nicht erlauben konnte, die Natur in
ihrer ganzen Vollkommenheit wiederzugeben. Auerdem mu hinzugefgt
werden, da fast alle seine Modelle auch noch andere Wnsche geltend
machten. Die Damen verlangten, da hauptschlich die Seele und das Wesen
auf den Portrts betont, andere Zge dagegen unter Umstnden durchaus
hintangesetzt wrden, da alle Ecken abgerundet, alle Mngel verwischt
oder wenn mglich ganz und gar ausgemerzt werden sollten, mit einem
Worte, da das Gesicht zur Bewunderung, wenn nicht gar zur Anbetung
reizen solle. Daher nahmen, wenn sie zur Sitzung kamen, ihre Mienen
einen solchen Ausdruck an, da der Knstler aufs hchste erstaunt war.
Die eine bemhte sich, eine gewisse Melancholie auf ihrem Gesichte
wiederzuspiegeln, die andere nahm eine vertrumte Pose an, die dritte
wollte um jeden Preis den Mund kleiner erscheinen lassen und spitzte ihn
so zu, bis er sich endlich in einen Punkt verwandelte, der nicht grer
als ein Stecknadelknopf war. Trotz alledem aber verlangte man
hnlichkeit und ungezwungene Natrlichkeit von ihm. Und die Herren waren
nicht besser als die Damen. Der eine wollte mit einer kraftvollen,
energischen Kopfhaltung dargestellt werden, der andere mit
durchgeistigten und gen oben gerichteten Augen. Ein Gardeleutnant
wnschte, da Mars aus seinen Blicken hervorleuchte, ein Zivilbeamter
hatte das Bestreben, mglichst viel Gradheit und Edelmut in seinen
Gesichtsausdruck zu legen, sttzte die Hand auf ein Buch, das die
deutliche Aufschrift trug: Ich bin stets fr die Wahrheit
eingetreten!, und wollte in dieser Pose portrtiert sein. Anfangs trat
dem Knstler infolge dieser Forderungen der Schwei auf die Stirn, all
dies mute genau durchdacht werden, und doch rumte man ihm nur eine
geringe Frist dafr ein. Schlielich jedoch begriff er den Kern der
Sache und wurde nicht im geringsten mehr verlegen. Schon zwei, drei
Worte reichten hin, ihn darber zu belehren, wie sich ein jeder
dargestellt wissen wollte. Wer nach einem Mars Verlangen trug, dem
steckte er einen Mars ins Gesicht, wer es auf einen Byron abgesehen
hatte, dem gab er eine byronische Haltung! Ob die Damen als Corinna, als
Undine oder gar als Aspasia erscheinen wollten, war fr ihn ohne jeden
Belang: er willigte mit groem Vergngen in alles ein und legte schon
aus eigner Machtvollkommenheit einem jeden eine betrchtliche Dosis
Wohlgeratenheit bei, bekanntlich eine Willkr, die nirgends Schaden
stiften kann und fr die man sogar mitunter eine gewisse Unhnlichkeit
mit in den Kauf nimmt. Allmhlich fing er selbst an, sich ber die
erstaunliche Schnelligkeit und Flottheit seines Pinsels zu wundern. Die
Portrtierten aber waren ganz entzckt und erklrten ihn fr ein Genie.

Tschartkow wurde in jeder Beziehung ein Modemaler. Er begann, Diners zu
besuchen und Damen in die Galerien und sogar auf Blle und Feste zu
begleiten, sich geckenhaft zu kleiden und laut zu behaupten, da ein
Knstler gesellschaftsfhig sein msse, da er sich standesgem zu
betragen habe, da sich die Maler im allgemeinen wie die Schuster
kleiden, sich nicht anstndig zu benehmen, den hheren Ton nicht zu
wahren verstehen und jeder Bildung entbehren. Bei sich zu Hause im
Atelier beobachtete er die peinlichste Reinlichkeit und Akkuratesse; er
hielt sich zwei elegante Lakaien, nahm stutzerhafte Schler an, kleidete
sich mehrere Male am Tage um, lie sich das Haar brennen, beschftigte
sich damit, verschiedene Gesten einzustudieren, mit denen er seine
Besucher zu empfangen gedachte, und legte den grten Wert auf die
Pflege seines ueren, um einen mglichst gnstigen Eindruck auf die
Damen zu machen, mit einem Wort, man konnte in ihm bald kaum noch jenen
Knstler wiedererkennen, der einst unbemerkt und im stillen in seinem
Kmmerlein auf der Wassilij-Insel gearbeitet hatte. ber Knstler und
Kunst fllte er nur noch die anmaendsten Urteile, er behauptete, man
me den frheren Meistern zu viel Wert bei, denn sie alle mit Ausnahme
von Raffael htten keine lebendigen Menschen, sondern blo Heringe
geschaffen, und er erklrte, die Ansicht, da ihnen etwas Heiliges
innewohne, existiere nur in der Einbildung der Beschauer; ja selbst
Raffael habe nicht nur vollendete Werke geschaffen und viele seiner
Bilder genssen berhaupt nur aus einem gewissen Atavismus einen so
hohen Ruhm; er schrie, da Michelangelo ein Prahler sei, der nur durch
Kenntnis der Anatomie imponieren wollte, da er gar keine Grazie bese,
und da man einen wirklichen Glanz, und die wahre Kraft der
Pinselfhrung und des Kolorits nur in dem gegenwrtigen Zeitalter finden
knne. Dann kam er naturgem auch auf sich selbst zu sprechen. Ich
verstehe nicht, wozu sich die Menschen so anstrengen, pflegte er zu
sagen, da hocken und brten sie ber ihrer Arbeit: ein Mensch, der
mehrere Monate hintereinander an einem Bilde herumtiftelt, ist meines
Erachtens nichts als ein gewhnlicher Tagelhner und kein Knstler; ich
kann nicht glauben, da er Talent besitzt. Ein Genie schafft khn und
schnell. Sehen Sie, pflegte er zu sagen, indem er sich an seine
Besucher wandte, dieses Portrt hier habe ich in zwei Tagen gemalt,
dieses Kpfchen in einem Tage, dies hier nur in wenigen Stunden, und das
dort in etwas mehr als einer Stunde. Nein, offengestanden, ich kann doch
ein Werk nicht als Kunst gelten lassen, in dem Strich neben Strich
gesetzt ist, nein, das ist Handwerkerarbeit und keine Kunst mehr. So
sprach er zu seinen Gsten, und diese bewunderten die Kraft und
Leichtigkeit seiner Pinselfhrung, stieen Rufe des Erstaunens aus, wenn
sie hrten, in wie kurzer Zeit die Werke entstanden waren, und teilten
es nachher auch anderen mit. Das ist ein Talent, o ein groes, wahres
Talent! Sehen Sie nur, wie seine Augen glnzen, wenn er spricht. _Il y a
quelque chose d'extraordinaire dans toute sa figure!_

Dem Knstler schmeichelte es, solche Reden ber sich zu hren. Wenn er
in den Journalen ffentlich gelobt und gepriesen wurde, dann freute er
sich wie ein Kind, obgleich diese Lobeserhebungen von ihm fr bares Geld
gekauft worden waren. Er trug ein solches Zeitungsblatt immer mit sich
herum und zeigte es gleichsam unabsichtlich all seinen Bekannten und
Freunden. Und dies ergtzte ihn aufs hchste, so einfltig und naiv es
war. Sein Ruhm wuchs, die Auftrge und Bestellungen mehrten sich; schon
fing er an, der immer gleichen Portrts und Gesichter, deren Ausdruck er
bereits auswendig kannte, berdrssig zu werden. Schon malte er ohne
groe Begeisterung, indem er sich nur noch bemhte, den Kopf auf die
Leinewand zu werfen; das brige berlie er seinen Schlern. Frher
suchte er wenigstens noch, seinen Portrts ein neues Moment
abzugewinnen, durch eine neue Stellung, durch die Kraft der
Pinselfhrung oder durch gewisse Effekte zu berraschen. Jetzt
langweilte ihn auch dies allmhlich. Das dauernde Grbeln und Suchen
nach Neuem ermdete seinen Geist. Er _konnte_ es bald auch gar nicht
mehr, er hatte dazu auch keine Zeit. Die unregelmige Lebensweise und
die Gesellschaft, in der er die Rolle eines Lebemanns zu spielen suchte,
entfremdeten ihn der wirklichen Arbeit. Seine Pinselfhrung wurde kalt
und stumpf, und erstarrte unmerklich in eintnigen, konventionellen,
lngst verbrauchten Formen. Die langweiligen, kalten, ewig gepflegten,
ledernen oder sozusagen zugeknpften Gesichter der Beamten, der
militrischen wie der zivilen, boten dem Pinsel in der Tat keinen groen
Spielraum. Die prchtigen Drapierungen, die starken Bewegungen und
Leidenschaften hatte er vllig vergessen. Von knstlerischer
Komposition, von dramatischem Leben, von einer erhabenen Steigerung war
berhaupt nicht mehr die Rede. Vor seinen Augen schwirrten nichts wie
Uniformen, Korsetts und Frcke, alles Dinge, die einen Knstler kalt
lassen und die jede Phantasie ertten. Selbst die am leichtesten zu
erreichenden Vorzge gingen seinen Arbeiten jetzt ab, trotzdem aber
fanden sie immer noch Anerkennung, wenn auch wirklich Kenner und
Knstler angesichts seiner letzten Bilder nur mit den Achseln zuckten.
Die wenigen, die Tschartkow von frher her kannten, vermochten nicht zu
verstehen, wie ein Talent, dessen Strke sich schon in dem jungen
Schler gezeigt hatte, so zugrunde gehen konnte, und sie bemhten sich
vergebens, zu erraten, wie in einem Menschen pltzlich die Begabung
erlschen knne, in demselben Augenblick, wo seine Krfte erst eben zu
voller Entfaltung gekommen waren.

Aber der von seinen Erfolgen trunkene Knstler hrte alle diese
uerungen nicht. Schon begann er zu altern, mit den Jahren bemchtigte
sich seiner eine gewisse geistige Schwerflligkeit, er wurde allmhlich
immer dicker und ging sichtlich in die Breite. Schon las er in den
Zeitungen und Journalen Epitheta wie die folgenden: Unser verehrter
Andrej Petrowitsch! Unser hochverdienter ...! Schon bot man ihm
Ehrenmter an, lud ihn zu Prfungen ein und whlte ihn in verschiedene
Komitees, schon trat er, wie es im gesetzteren Alter immer zu geschehen
pflegt, entschieden fr Raffael und die alten Meister ein, nicht weil er
durchaus von ihrem hohen Werte durchdrungen war, sondern nur deshalb, um
sie als Angriffswaffe gegen seine jngeren Kollegen zu benutzen. Schon
vergngte er sich damit, nach Art lterer Herren der ganzen Jugend ohne
Ausnahme Sittenlosigkeit oder eine tadelnswerte Geistesrichtung zum
Vorwurf zu machen. Schon neigte er sich der Auffassung zu, da alles in
der Welt ganz einfach und wie von selbst vor sich gehe, da es keine
Inspiration gebe und da alles einem strengen Regiment, der Ordnung und
einer monotonen Regelmigkeit unterworfen sein msse, -- mit einem
Wort, er war bereits in jene Jahre gekommen, wo aller Sturm und Drang,
der berhaupt jemals in einem Menschen pulsiert hat, zu verschwinden
beginnt, wo die Tne des zauberhaften Bogens nur gedmpft an die Seele
rhren und das Herz nicht mehr mit erschtternden Klngen umkreisen, wo
der Ku der Schnheit keine jungfrulichen Krfte mehr in Flammen
wandelt -- wo sich dafr aber alle verglhten Gefhle dem Klirren des
Goldes um so zugnglicher erweisen, immer aufmerksamer auf seine
verlockende Musik lauschen, ihr allmhlich und unmerklich immer mehr
Macht ber sich einrumen und sich sanft von ihr einlullen lassen.

Der Ruhm kann dem, der ihn gestohlen und nicht verdient hat, keinen
Genu gewhren. Nur den, der seiner wrdig ist, erfllt er stndig mit
einem wonnigen Schauder. Und so wandten sich alle seine Empfindungen und
Wnsche dem Golde zu. Das Gold wurde ihm Leidenschaft, Ideal,
Schreckbild, Genu und Lebenszweck. In seinen Tischen huften sich
Pckchen von Banknoten an, und wie jeder, dem dieses schreckliche
Geschenk zuteil wird, verwandelte er sich nach und nach immer mehr in
einen langweiligen, nur dem Golde zugnglichen, trichten Geizhals,
einen sinnlosen Sammler, und er war schon auf dem besten Wege, zu einem
jener Sonderlinge zu werden, deren es in unserer seelenlosen Welt gar
viele gibt. Ein warmbltiger und gtiger Mensch betrachtet sie voll
Entsetzen, ihm erscheinen sie als steinerne Srge, die sich vor ihm
bewegen und einen leblosen Klumpen anstelle eines Herzens in sich
bergen. Aber eine merkwrdige Begebenheit sollte bald sein ganzes Wesen
durchrtteln und erschttern.

Eines Tages erblickte er auf seinem Tische ein Schreiben, in dem die
Akademie der Knste ihn als ihr hochverehrtes Mitglied um sein
Erscheinen und um sein Urteil ber ein neues Werk bat, das aus Italien
angekommen war und einen dort zur Vervollkommnung weilenden russischen
Knstler zum Urheber hatte. Dieser Knstler war ein ehemaliger Freund
von ihm, der seit langem die Leidenschaft fr die Kunst in sich barg,
und sich mit der feurigen Seele eines Fanatikers in seine Arbeit
vergraben hatte; er hatte sich von all seinen Freunden und Verwandten,
von allen lieben Gewohnheiten losgerissen und war in ein Land geeilt, wo
ein herrlicher Himmel eine majesttische Kunst reifen lt: in das
berwltigende Rom, bei dessen Erwhnung eines Knstlers feuriges Herz
stets voll und strmisch zu schlagen pflegt. Dort versenkte er sich wie
ein Einsiedler in sein Werk und in ein durch nichts abgelenktes Studium.
Ihn kmmerte es wenig, da sich die Menschen ber sein seltsames Wesen
aufhielten, da man seine Unfhigkeit, sich in der guten Gesellschaft zu
bewegen, seine Verachtung der konventionellen Formen tadelte und von dem
Schaden sprach, den er dem Knstlerstande durch seinen rmlichen,
altmodischen Anzug zufgte. Es war ihm vllig gleichgltig, ob ihm seine
Kollegen zrnten oder nicht, er hatte auf alles zugunsten der Kunst
verzichtet und hatte ihr alles geopfert. Unermdlich besuchte er die
Galerien und Museen, er konnte stundenlang vor den Werken der groen
Meister stehen und deren wundervolle Pinselfhrung studieren. Er
vollendete kein Werk, bevor er sich angesichts dieser groen Vorbilder
geprft und sich aus ihren Werken einen stummen und doch so beredten Rat
geholt hatte. An lrmenden Unterhaltungen und Streitigkeiten beteiligte
er sich nie, er nahm weder fr, noch gegen die Puristen Partei, sondern
lie allen die schuldige Anerkennung zuteil werden, indem er in allem
nur das Schne zu entdecken wute, bis er sich endlich einzig und allein
dem gttlichen Raffael als seinem Lehrmeister berlie, -- wie auch ein
groer Dichter, der schon so viele verschiedene Werke voll Anmut und
majesttischer Schnheit kennen gelernt hat, zuletzt nur noch Homers
Ilias als die berragende Dichtung gelten lt, nachdem er entdeckt hat,
da in diesem Epos alles enthalten ist, was man von einem Kunstwerk
verlangen kann, und da sich hier alles in hchster Vollkommenheit
wiederspiegelt. Und so hatte er sich denn bei dieser bestndigen Arbeit
an sich selbst eine hervorragende Schaffenskraft, eine machtvolle
Schnheit der Gedanken und die hohe Anmut einer schier berirdischen
Pinselfhrung erworben.

Als Tschartkow in den Saal eintrat, fand er bereits eine Menge von
Besuchern vor, die vor dem Bilde standen. Eine tiefe Stille, wie sie nur
selten unter so zahlreichen Kritikern herrscht, empfing ihn diesmal. Er
beeilte sich, seinem Gesicht einen bedeutenden Ausdruck und eine
tiefsinnige Kennermiene zu geben und trat vor das Bild. Aber, o Gott!
was war das, was er da erblickte!

Nein, makellos und herrlich wie eine Braut stand das Werk des Knstlers
vor ihm. Bescheiden, gttlich, unschuldig und einfach wie das Genie
selbst, schien es hoch ber allem zu schweben. Es war, als senkten die
himmlischen Gestalten, verwundert ber so viele auf sie gerichteten
Blicke, schamhaft ihre herrlichen Wimpern. Mit einem Gefhl
unwillkrlichen Staunens starrten die Eingeweihten die neue, nie
gesehene Pinselfhrung an. Hier schien alles vereinigt zu sein: Die
Schulung an Raffael, die sich in der hohen Vornehmheit der Haltung, und
die an Corregio, die sich in der vollkommenen Technik verriet. Aber den
gewaltigsten Eindruck machte die in der Seele des Knstlers wirkende
Schpferkraft. Jedes kleinste Detail des Gemldes war von ihr
durchdrungen; alles atmete eine strenge Gesetzmigkeit und innere
Kraft; jedes Ding lie jene wundervoll schwebende und flieende Rundung
der Linien erkennen, die nur der Natur eigen ist und die nur das Auge
des schaffenden Knstlers sieht, bei dem Nachahmer und Kopisten aber
stets eckig und hart erscheint. Man fhlte ganz deutlich, wie der
Knstler alles, was er der ueren Welt entnommen, in sich, in seiner
Seele verschlossen hatte, um es erst spter aus dieser geistigen Quelle
gleich einem harmonischen, feierlichen Liede hervorsprudeln zu lassen.
Und sogar den Uneingeweihten wurde klar, was fr ein unermelicher
Abgrund zwischen einem Kunstwerk und einer einfachen Kopie der Natur
ghnt. Es ist unmglich, jene ungewhnliche Stille zu schildern, die
alle Anwesenden beobachteten, whrend sie ihre Augen auf das Bild
gerichtet hatten. Kein Knistern, kein Laut strte die andchtige
Stimmung. Die Wirkung des Bildes hatte sich inzwischen nur noch
verstrkt. Strahlend und wie ein unbegreifliches Wunder lste es sich
von allem Irdischen los, um sich schlielich ganz in einen Augenblick --
die Frucht eines dem Knstler vom Himmel eingegebenen Gedankens -- zu
verwandeln, in einen Moment, dem das ganze menschliche Leben nur als
Vorbereitung dient. Unwillkrlich wandelte die das Bild umringenden
Beschauer das Bedrfnis zu weinen an; es schien, als htten sich alle
Kunstanschauungen, alle dreisten, regellosen und willkrlichen
Abweichungen des Geschmacks hier zu einem wortlosen Hymnus auf das
gttliche Werk vereinigt.

Unbeweglich, mit offenem Munde stand Tschartkow vor dem Bilde, und erst
als schlielich doch eine kleine Bewegung durch die Reihen der Besucher
und Autoritten ging, als man sich laut ber den Wert des Werkes zu
unterhalten begann, als man sich schlielich auch an Tschartkow mit der
Bitte wandte, sein Urteil abzugeben, kam er wieder zu sich, versuchte
seine gewhnliche gleichmtige Miene aufzusetzen und war eben im
Begriff, ein paar Plattheiten zu uern, wie man sie wohl von
verkncherten Routiniers zu hren bekommt. Er wollte schon sagen: Hm,
gewi, man kann dem Maler ja nicht alles Talent absprechen; Talent hat
er, das ist unleugbar. Man sieht, da er etwas ausdrcken will. Was aber
die Hauptsache betrifft, -- und hierauf sollten natrlich einige
lobende Worte folgen, die keinem Knstler gut bekommen wren. Aber er
fhrte seine Absicht nicht aus, die Rede erstarb auf seinen Lippen,
statt dessen drangen Trnen und Seufzer leidenschaftlich aus seiner
Brust hervor, und wie ein Wahnsinniger lief er aus dem Saal.

Eine Minute lang stand er regungslos und wie versteinert mitten in
seinem prchtigen Atelier, seine ganze Vergangenheit lebte einen
Augenblick wieder in ihm auf, als wre die Jugend zu ihm zurckgekehrt,
und als wren die erloschenen Funken seines Talentes in ihm wieder
aufgelodert. Die Binde fiel pltzlich von seinen Augen. Gott! wie hatte
er die besten Jahre seiner Jugend so unbarmherzig zugrunde richten, die
sprliche Flamme, die vielleicht auch in seiner Brust gebrannt hatte,
und die sich vielleicht jetzt gro und herrlich entfaltet und vielleicht
ebenfalls Trnen des Staunens und der Dankbarkeit entlockt htte, so
plump ersticken knnen. Wie hatte er sie in sich ertten, erbarmungslos
vernichten knnen! Es schien, als wren in diesem Augenblicke pltzlich
alles Streben und alle Leidenschaften in seiner Seele erwacht, alle
Gefhle, die auch sie einmal gekannt hatte ... Er ergriff den Pinsel und
trat vor die Leinwand. Ein kalter Schwei bedeckte seine Stirn; er
verwandelte sich vllig in _einen_ einzigen Wunsch und war ganz von
_einem_ Gedanken beseelt. Er wollte den gefallenen Engel darstellen.
Diese Vorstellung stimmte am besten mit seinem Seelenzustand berein,
aber ach, alles was er begann: all seine Figuren, seine Posen, Gruppen
und Ideen hatten etwas Gezwungenes und Wirres. Sein Pinsel und seine
Phantasie wurden zu sehr von der Gewohnheit gehemmt, und der ohnmchtige
Drang, die Schranken und Fesseln, die er sich selber auferlegt hatte, zu
zerbrechen, verleitete ihn gleich zu Anfang zu Unrichtigkeiten und
Fehlern. Er hatte die ermdend lange Stufenleiter der nur allmhlich zu
erwerbenden Kenntnisse und der ersten Grundgesetze der groen
zuknftigen Wissenschaft bersprungen. Ein heftiger Verdru bemchtigte
sich seiner, er lie all' seine letzten Schpfungen: die seelenlosen
Modebilder, die Portrts von Husarenoffizieren, vornehmen Damen und
Staatsrten aus seinem Atelier entfernen, sperrte sich allein in sein
Zimmer ein, befahl, niemand hereinzulassen und versenkte sich ganz in
die Arbeit. Wie ein geduldiger Knabe, wie ein Schler sa er an seinem
Werk; aber ach, wie unbefriedigend und schwchlich war alles, was sein
Pinsel schuf. Bei jedem neuen Schritt strauchelte er ber die Unkenntnis
der elementarsten Regeln; jedes kleinste, unbedeutendste Detail wirkte
erkltend auf seinen Eifer und stellte sich seiner Phantasie als
unberbrckbares Hindernis entgegen. Der Pinsel wandte sich
unwillkrlich wieder den alten versteinerten Formen zu, die Arme nahmen
ihre gewohnte Haltung an, der Kopf wagte es nicht, sich eine
ungewhnliche Wendung zu gestatten; selbst der Faltenwurf des Kleides
hatte etwas Schablonenhaftes, wollte sich ihm durchaus nicht fgen und
sich nicht an die neue Krperstellung anpassen. Und Tschartkow fhlte
es, fhlte es selbst und sah es mit eigenen Augen.

Hatte ich denn wirklich einmal Talent? habe ich mich nicht selbst
betrogen? Mit diesen Worten suchte er seine frheren Werke hervor, die
er einst in so reiner Stimmung, so vllig frei von Habsucht und Geldgier
in seiner rmlichen Mansarde auf der abgelegenen Wassilij-Insel, fern
von den Menschen geschaffen hatte; damals, als er noch nichts von
berflu und all den raffinierten Genssen der Grostadt wute. Jetzt
stand er wieder vor den alten Bildern, betrachtete sie aufmerksam, und
sein ganzes frheres Leben voll Not und Entbehrung erstand wieder vor
ihm. Ja ... sagte er ganz verzweifelt, ich _hatte_ Talent! wohin ich
auch blicke, berall entdecke ich deutliche Spuren davon!

Er blieb stehen und erzitterte pltzlich am ganzen Leibe. Sein Blick
begegnete einem Augenpaar, das starr auf ihn gerichtet war. Es war jenes
ungewhnliche Portrt, das er einst in der Schtschukin-Passage gekauft
hatte. Die ganze Zeit hindurch hatte es hinten gestanden, von anderen
Bildern verdeckt, und so war es ihm vllig aus dem Gedchtnis
entschwunden. Jetzt aber, wo alle modernen Portrts und Gemlde, die
sein Atelier anfllten, entfernt waren, blickte es pltzlich zusammen
mit den frheren Werken seiner Jugend hervor. Als er sich nun an die
sonderbare Geschichte dieses Portrts erinnerte, als er daran dachte,
da dieses merkwrdige Bildnis gewissermaen die Ursache seiner Wandlung
geworden war, da die groe Geldsumme, die ihm auf so wunderbare Weise
zuteil geworden, alle die falschen und eitlen Regungen, die sein Talent
zugrunde richten sollten, in ihm erwecket hatte, da wurde seine Seele
von einem fast sinnlosen Grimm erfat, und er lie das verhate Bildnis
sofort hinaustragen. Aber die seelische Erregung wollte ihn trotzdem
nicht verlassen. All seine Gefhle, ja sein ganzes Wesen waren bis aufs
Tiefste aufgerhrt, jetzt lernte auch er jene entsetzliche Qual kennen,
die nur ganz selten und wie ausnahmsweise in der Natur vorkommt, wenn
ein schwaches Talent sich mehr abzuringen versucht, als es zu leisten
vermag, und doch den rechten Ausdruck nicht finden kann; jene Qual, die
zwar einen Jngling zu groen Taten spornt, aber den, der schon zu alt
ist, um zu trumen, vergebens und fruchtlos mit einem heien
Schaffensdurste peinigt -- jene entsetzliche Qual, die einen Menschen zu
grauenhaften Untaten anstiften kann! Ein entsetzlicher, rasender Neid
bemchtigte sich seiner. Er wurde gelb vor rger, wenn er einem Werke
gegenberstand, das den Stempel des Talentes trug. Er knirschte mit den
Zhnen und durchbohrte es mit seinem Blick gleich einem Basilisk. In
seiner Seele regten sich hllische Vorstze, wie sie so leicht kein
Mensch ersinnt, und mit einer schier rasenden Energie war er bemht, sie
zur Ausfhrung zu bringen. Er fing an, alles Beste anzukaufen, was in
seiner Kunst produziert wurde. Nachdem er um teures Geld ein Bild
erstanden hatte, trug er es behutsam in sein Zimmer, strzte sich mit
der Wut eines Tigers darauf, ri es entzwei, schnitt es in Stcke und
zerstampfte es mit frohlockendem Lachen. Das bedeutende Vermgen, das er
angehuft hatte, ermglichte es ihm, dieses teuflische Bedrfnis zu
befriedigen: er ri all seine mit Gold gefllten Scke auf und ffnete
all seine Truhen. Nie hat es ein so verstndnisloses Scheusal gegeben,
das so viele herrliche Kunstwerke vernichtet htte, wie dieser rasende
Racheteufel. Auf allen Auktionen, wo er sich zeigte, verzweifelte jeder
im voraus daran, sich ein Kunstwerk erwerben zu knnen, es schien, als
htte der erzrnte Himmel diese entsetzliche Geiel absichtlich in die
Welt gesandt, um sie aller Harmonie zu berauben. Diese grauenhafte
Leidenschaft lie ihn in einem schrecklichen Lichte erscheinen. Von
ewiger Bosheit sprach sein Angesicht. Ein wtender Welt- und Menschenha
und eine furchtbare Lebensfeindschaft spiegelten sich in seinen Zgen
wieder. Er schien jener leibhaftige furchtbare Dmon zu sein, den uns
Puschkin so wunderbar geschildert hat. Nichts als giftgeschwollene Reden
und heftige Worte des Tadels entquollen seinem Munde. Er glich einer
Harpye, wenn er auf der Strae dahergestrmt kam; alle, selbst seine
guten Bekannten, bemhten sich, ihm auszuweichen, wenn sie seiner von
ferne ansichtig wurden, und suchten eine solche Begegnung zu vermeiden,
ja sie erklrten, ein solches Zusammentreffen genge schon, um ihnen den
ganzen Tag zu vergiften.

Zum Glck fr die Welt und die Kunst konnte ein solch aufgeregtes und
gewaltttiges Leben nicht lange dauern. Die Dimensionen, zu denen seine
Leidenschaft anwuchs, waren zu kolossal und bertrieben, als da ein
schwacher Mensch sie auf die Dauer aushalten konnte. Die Wut- und
Wahnsinnsanflle wiederholten sich immer hufiger und gingen schlielich
in eine entsetzliche Krankheit ber, -- ein furchtbares, von einem
heftigen, schnell um sich greifenden Schwindsuchtsanfall begleitetes
Fieber ergriff ihn und binnen drei Tagen war nur noch ein Schatten von
ihm zurckgeblieben. Dazu kamen noch alle Merkmale eines unheilbaren
Irrsinns. Er wtete so um sich, da ihn oft mehrere Menschen nicht
bndigen konnten. Immer wieder tauchten die lngst vergessenen
lebendigen Augen eines seltsamen Portrts vor ihm auf; und dann verfiel
er in ein frchterliches Toben. Alle Menschen, die sein Bett umstanden,
schienen ihm diesen grauenhaften Portrts zu gleichen, und diese
Portrts verdoppelten, verdreifachten, vervierfachten sich vor seinen
Augen; es kam ihm vor, als wenn alle Wnde mit Bildern bedeckt wren,
die ihre lebendigen Augen starr und unbeweglich auf ihn gerichtet
hielten; schreckliche Portrts blickten von der Decke, vom Boden nach
ihm hin, das Zimmer weitete sich aus und dehnte sich bis ins Unendliche,
um immer noch mehr von diesen starren und unbeweglichen Augen fassen zu
knnen. Der Arzt, der sich verpflichtet hatte, ihn zu behandeln, und der
schon manches ber seine seltsame Geschichte gehrt hatte, bemhte sich
aus aller Kraft, die geheimnisvolle Beziehung zwischen den
Wahnvorstellungen, die der Irrsinn erzeugte, und den realen Vorgngen zu
ermitteln, er hatte jedoch keinen Erfolg damit. Der Kranke begriff und
fhlte nichts als seine Qual, stie nur entsetzliche Schreie aus und
fhrte ganz unzusammenhngende Reden. Endlich gab er in einem letzten
stummen Ausbruch des Schmerzes sein Leben auf. Seine Leiche war
schrecklich anzusehen. Von seinen ungeheuren Reichtmern war nichts mehr
zu entdecken; als man jedoch die zerstreuten Fetzen und Stcke der
groen Kunstwerke fand, deren Wert viele Millionen betrug, da erst
verstand man, welch entsetzlichen Gebrauch er von ihnen gemacht hatte.


                              Zweiter Teil

Eine Menge von Equipagen, Droschken und Kaleschen stand vor dem Portal
eines Hauses, in dem der Nachla eines jener reichen Kunstliebhaber
versteigert wurde, die einstmals in den Anblick von Zephyren und Kupidos
versenkt, ihr ganzes Leben sanft vertrumten, ohne eigenes Zutun sich
den Ruf von Mzenen erwarben und treuherzig ihre Millionen
verschwendeten, die sie von ihren soliden Vtern geerbt oder sogar
frher einmal durch ihre eigene Arbeit erworben hatten. Solche Mzene
gibt es bekanntlich heute nicht mehr, unser neunzehntes Jahrhundert hat
schon lngst die langweilige Physiognomie eines Bankiers angenommen, der
seine Millionen nur in der Gestalt von nchternen auf dem Papier
verzeichneten Zahlenreihen geniet. Eine bunte Menge von Besuchern und
Kufern, die von allen Seiten wie die Raubvgel herbeigestrzt waren,
erfllte den groen Saal. Da sah man ganze Scharen von russischen
Hndlern aus der Passage und sogar von dem Trdelmarkt in blauen
deutschen Rcken; ihr Aussehen und ihr Gesichtsausdruck war hier
sicherer, freier und fiel nicht durch jene unangenehmere Unterwrfigkeit
und Dienstbereitschaft auf, die dem russischen Hndler so eigentmlich
ist, wenn er die Kunden in seinem Laden bedient. Hier lieen sie sich
ruhig gehen, trotzdem sich in demselben Saale viele Aristokraten
befanden, vor denen sie an einem andern Orte durch tiefe Bcklinge und
Kratzfe den an den eigenen Stiefeln herbeigetragenen Staub weggefegt
htten. Hier benahmen sie sich ganz ungezwungen, betasteten ohne viel
Umstnde zu machen, die Bilder und Bcher, um die Gte der Waren
festzustellen, und schraubten dreist die Preise, die die grflichen
Kunstkenner fr ein Werk boten, in die Hhe. Hier traf man so manchen
Reprsentanten jener Menschenklasse, die man auf allen Auktionen findet,
und die tglich zu einer Versteigerung gehen, so wie man wohl in ein
Wirtshaus geht; hier begegnete man all den vornehmen und
aristokratischen Kunstfreunden, die es fr ihre Pflicht hielten, keine
Gelegenheit zu versumen, bei der sie ihre Sammlungen vergrern
knnten, und die zwischen 12 und 1 Uhr nichts Besseres zu tun hatten,
und endlich fehlte es auch nicht an jenen ehrenwerten Herren, deren
Anzge und Brsen einen recht drftigen Eindruck machen und die hier
tglich ohne jedes eigenntzige Ziel erscheinen, einzig und allein zu
dem Zwecke, um zu beobachten, wie ein Kauf zustande kommt, -- wer mehr,
und wer weniger geben, wer den andern berbieten, und wem endlich der
Gegenstand zugesprochen werden wird. Viele Bilder standen ganz regellos
durcheinander, dazwischen sah man Mbel und Bcher mit den Initialen des
frheren Besitzers, der vielleicht niemals das lbliche Bedrfnis
gesprt hatte, in sie hineinzublicken. Da gab es chinesische Vasen,
marmorne Tischplatten, neue und alte Mbel mit verschnrkelten Linien,
Greifen, Sphinxen und Lwentatzen, Lampen und Kronleuchter _mit_ und
_ohne_ Vergoldung: alles war aufeinandergestapelt, und es herrschte hier
nicht einmal so viel Ordnung, wie man sie selbst in einem Kunstladen
vorzufinden pflegt. Das Ganze stellte sozusagen ein groes Chaos von
Kunstwerken dar. berhaupt ist ja das Gefhl, das wir angesichts einer
Versteigerung empfinden, sehr seltsam. Alles mutet einen an wie ein
Begrbnis. Der Saal, in dem sie stattfindet, ist stets dster, die mit
Mbeln und Bildern verstellten Fenster lassen das Licht nur sprlich
hineindringen, das auf den Gesichtern liegende Schweigen und die
Grabesstimme des Ausrufers, der mit dem Hammer aufschlgt und zu Ehren
der armen, hier auf so sonderbare Weise zusammengeratenen Knste eine
Messe liest: alle diese Momente verstecken, wie es scheint, noch das
eigentmlich Frostige des Eindrucks. Die Auktion war offenbar im vollen
Gange. Ein groer Haufe anstndig gekleideter, dicht zusammenstehender
Menschen lie deutliche Spuren seines Interesses und seiner Erregung
erkennen. Die Worte ... Rubel! ... Rubel! die von allen Seiten
ertnten, lieen dem Ausrufer keine Zeit, den immer noch wachsenden
Preis, der bereits das Vierfache des zu Anfang genannten betrug, zu
wiederholen; die herumstehende Menge bemhte sich um ein Portrt, das
jeden, der auch nur ein wenig von der Malerei verstand, aufs lebhafteste
fesseln mute. Es trug den sichtbaren Stempel eines Genies. Anscheinend
war es schon des fteren restauriert und erneuert worden, es stellte die
dunklen Zge eines mit einem weiten Gewande bekleideten Asiaten dar,
dessen Gesicht einen ganz ungewhnlich eigenartigen Ausdruck hatte. Was
jedoch die Umstehenden am meisten in Staunen setzte, das war das
intensive Leben, das aus seinen Augen strahlte; je lnger man sie
betrachtete, um so tiefer schienen sie einem bis ins innerste Innere zu
blicken. Diese Eigentmlichkeit, die auffallende Kunstfertigkeit des
Malers nahmen die Aufmerksamkeit fast aller in Anspruch. Viele der
Bewerber waren bereits zurckgetreten, weil der Preis ganz enorm in die
Hhe geschraubt wurde. Lediglich zwei als Kunstliebhaber bekannte
Aristokraten waren noch briggeblieben und wollten durchaus nicht auf
die Erwerbung des Gemldes verzichten. Sie erhitzten sich und htten
wahrscheinlich den Preis bis zum Absurden emporgetrieben, wenn nicht
pltzlich einer der Anwesenden sich mit der folgenden Bemerkung an sie
gewandt htte: Darf ich Sie bitten, Ihren Streit einen Augenblick ruhen
zu lassen? Ich habe vielleicht mehr Anrecht auf dieses Portrt als jeder
andere!

Diese Worte lenkten sofort die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf den
Sprecher; es war ein schlanker Mann von etwa fnfunddreiig Jahren, mit
langen schwarzen Locken. Sein sympathisches Gesicht, das eine gewisse
freundliche Sorglosigkeit wiederspiegelte, lie eine Seele erkennen, die
sich von allen aufreibenden Erregungen, die der gesellschaftliche
Verkehr mit sich bringt, fernhielt. Seine Kleidung entbehrte aller
modischen bertriebenheiten, jeder seiner Zge deutete auf seinen
Knstlerberuf hin. Und in der Tat, es war ein Maler namens B., den viele
der Anwesenden persnlich kannten.

Wie seltsam Ihnen auch meine Worte erscheinen mgen, fuhr er fort, als
er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, Sie wrden
doch vielleicht selbst einsehen, da ich berechtigt war, sie zu uern,
wenn Sie sich dazu entschlieen knnten, eine kleine Geschichte mit
anzuhren. Alles bestrkt mich in der berzeugung, da gerade dies das
Portrt ist, das ich suche.

Eine nur allzu natrliche Neugierde sprach aus allen Gesichtern, und
selbst der Ausrufer hielt mit offenem Munde und mit erhobenem Hammer,
neugierig und gespannt in seinem Geschfte inne. Zu Beginn der Erzhlung
wandten sich die Blicke vieler unwillkrlich dem Portrt zu, um sich
nach und nach immer mehr auf den Erzhler zu heften, dessen Bericht
immer interessanter und spannender wurde.

Jedem von Ihnen ist doch wohl jener Stadtteil bekannt, den man Kolomna
nennt, begann er. Hier ist alles anders als in den andern Teilen
Petersburgs. Dies Quartal erinnert weder an die Hauptstadt, noch an die
Provinz. Wenn man in dies Kolomnaviertel gert, ist einem fast zumute,
als ob einen nach und nach alle jugendlichen Gefhle und Leidenschaften
verlassen. Hier hinein fllt kein Zukunftsblick, hier ist alles ruhig
und starr und unbeweglich. Hierher flchtet sich alles, was sich als
Niederschlag des Hauptstadtbetriebes absetzt. Hier schlagen inaktive
Beamte, Witwen und Personen in bescheidenen Verhltnissen ihr
Ruhepltzchen auf, die auf eine Entscheidung des Senats harren und sich
daher selbst zu einem fast lebenslnglichen Aufenthalt in diesem
Quartier verurteilt haben; hier wohnen verabschiedete Kchinnen, die
sich den ganzen Tag hindurch auf den Mrkten herumtreiben, stundenlang
in dem Kramladen stehen, mit dem Verkufer schwatzen und sich jeden Tag
fr fnf Kopeken Kaffee und fr vier Kopeken Zucker kaufen, und endlich
findet sich hier noch jene Sorte von Leuten, die man am besten mit dem
einen Worte die Aschgrauen bezeichnen knnte, Menschen, deren Anzug
und deren Gesicht, Haare und Augen eine trbe, aschgraue Farbe haben,
wie ein Tag, an dem es nicht strmt und wo die Sonne nicht scheint,
sondern wo weder das eine noch das andre stattfindet: ein grauer Nebel
hllt alles ein und nimmt allen Gegenstnden ihre scharfen Konturen. Zu
ihnen kann man alle abgedankten Logenschlieer, Titularrte und
Marsjnger mit einem ausgestochenen Auge und dicken aufgedunsenen Lippen
rechnen. Lauter Menschen ohne Temperament und ohne jede Leidenschaft,
sie gehen stumpfsinnig einher ohne dem, was um sie her passiert, die
geringste Aufmerksamkeit zu schenken und schweigen tagelang, ohne an
etwas zu denken. In ihren Zimmern sieht es de und leer aus; oft besteht
ihr Mobiliar einzig und allein aus einer Karaffe mit echter russischer
Wodka, an der sie den ganzen Tag unaufhrlich nippen, ohne da sie ihnen
ernstlich zu Kopfe steigt, was einem gewhnlich nur nach einem krftigen
Schluck zustt, wie ihn sich wohl Sonntags ein junger deutscher
Handwerksbursche -- dieser Student der Meschtschanskistrae[14] und
alleinige Beherrscher des Brgersteigs zu gestatten pflegt, --
allerdings erst -- wenn Mitternacht vorber ist.

In Kolomna geht es uerst still zu; nur selten zeigt sich ein Wagen, in
dem Schauspieler sitzen, und der dann durch sein donnerndes Gerassel
allein die allgemeine Ruhe strt. Hier gibt es nur Fugnger, so mancher
Droschkenkutscher kommt hier oft langsam und ohne Fahrgast dahergefahren
oder schleppt etwas Heu fr seine struppige Mhre herbei. Eine Wohnung
kann man hier schon fr fnf Rubel monatlich haben, den Morgenkaffee
miteingeschlossen. Witwen, die eine kleine Pension beziehen, gehren
hier schon zu den vornehmsten Leuten; das sind Damen von gutem Benehmen,
die ihre Zimmer oft fegen und sich mit ihren Nachbarinnen ber die
teuren Preise des Fleisches und des Kohles unterhalten. Sie haben
gewhnlich eine junge Tochter, ein wortkarges, mitunter recht niedliches
Geschpf, dazu ein garstiges Hndchen und eine Wanduhr mit einem traurig
tickenden Pendel. Weiter gibt es hier Schauspieler, denen es ihre Gage
nicht gestattet, von Kolomna wegzugehen, ein freies Vlkchen, das wie
alle Knstler nur dem Genusse lebt. Sie sitzen in ihren Schlafrcken da,
und reparieren wohl eine Pistole, kleben aus Pappe allerlei Gegenstnde,
die man im Hause braucht, spielen mit einem Freunde oder Gast eine
Partie Dame oder Karten und verbringen so den ganzen Tag, wobei man
jedoch nicht etwa denken darf, da sie am Abend etwas anderes tun,
hchstens da sie zuweilen noch einen Grog zu sich nehmen. Auf diese
Magnaten und Aristokraten von Kolomna folgt schlielich nur noch das
gemeinste und verkommenste Pack; es genauer zu bezeichnen, wre ebenso
schwierig, wie die Aufzhlung jener zahlreichen Insekten, die in altem
Essig keimen. Da gibt es alte Weiber, die beten, alte Weiber, die
trinken, und solche, die zugleich beten und trinken, ferner solche, die
sich auf vllig unbekannte Weise durchschlagen, und wie emsige Ameisen
ganze Haufen alter Lumpen und Wschestcke von der Kalinkin-Brcke nach
dem Trdelmarkte schleppen, um sie dort fr fnfzehn Kopeken zu
verkaufen; mit einem Worte der elendeste Bodensatz der Menschheit,
dessen Lage selbst der menschenfreundlichste Sozialpolitiker kaum zu
verbessern vermchte.

[Funote 14: Kleinbrgerstrae.]

All diese Leute habe ich nur zu dem Zwecke angefhrt, um Ihnen zu
zeigen, wie oft dieses Volk in die Notlage kommt, eine pltzliche,
vorbergehende Hilfe in Anspruch und zu einer Anleihe seine Zuflucht zu
nehmen. Und in der Tat findet man unter ihnen auch viele Wucherer, die
ihnen gegen ein Pfand und hohe Zinsen kleinere Summen leihen. Diese
kleinen Wucherer sind viel herzloser und gefhlloser, als die groen,
denn sie entspringen aus der Armut und aus einem seine Lumpen offen zur
Schau stellenden Elend, das der reiche und vornehme Wucherer gar nicht
kennt, weil er nur mit solchen Kunden zu tun hat, die in einer eleganten
Equipage vorfahren, -- und daher erstirbt in ihnen schon frh jedes
menschliche Gefhl. Unter diesen Wucherern gab es einen ... aber hier
darf ich wohl erwhnen, da das Geschehnis, welches ich Ihnen erzhlen
will, in das verflossene Jahrhundert, nmlich in die Regierungszeit der
verstorbenen Zarin Katharina II. fllt. Sie knnen sich vorstellen, da
auch das uere Kolomnas und ihr inneres Leben sich seitdem bedeutend
verndert haben. Also unter den Wucherern gab es einen, der in jeder
Beziehung ein ungewhnlicher Mensch war. Er hatte sich schon vor langer
Zeit in diesem Viertel niedergelassen und trug stets ein weites,
asiatisches Gewand. Seine dunkle Gesichtsfarbe deutete auf seine
sdliche Herkunft hin; welcher Nation er jedoch eigentlich angehrte, ob
er ein Inder, Grieche oder Perser war, darber konnte niemand etwas
Bestimmtes aussagen. Der hohe, fast ungewhnliche Wuchs, das dunkle,
magere, verbrannte Antlitz, die seltsame, auffallende Gesichtsfarbe und
die groen, feurigen Augen mit den finsteren, buschigen Augenbrauen
lieen ihn als eine markante Erscheinung unter allen aschgrauen
Bewohnern der Hauptstadt hervortreten. Selbst seine Behausung hatte
keine hnlichkeit mit den einfrmigen Holzbaracken Kolomnas. Er wohnte
in einem steinernen Hause, wie sie vormals genuesische Kaufleute zu
errichten pflegten. Die Fenster hatten eine unregelmige Form, waren
alle verschieden gro und mit Riegeln und hlzernen Lden versehen.
Dieser Wucherer unterschied sich schon dadurch von seinen Kollegen, da
er jeden seiner Klienten, ob es nun eine alte Bettlerin oder ein
verschwenderischer hherer Beamter des Hofes war, mit einer beliebigen
Summe zu versehen vermochte. Vor seinem Hause hielten oft elegante
Equipagen, aus deren Schlag bisweilen der Kopf einer feinen Weltdame
hervorlugte. Man erzhlte sich, wie das so gewhnlich geschieht, da
seine eisernen Truhen mit unermelich viel Geld, Diamanten und
verschiedenen kostbaren Pfandgegenstnden angefllt seien, da er aber
trotzdem frei von der Habgier gewhnlicher Wucherer wre. Er verlieh
sein Geld sehr gerne und setzte annehmbare uerst bequeme
Zahlungstermine fr seine Kunden an, nur lie er die Zinsen durch
allerhand eigentmliche arithmetische Operationen zu ganz malosen
Summen anwachsen. So wenigstens urteilte Fama ber ihn; was aber am
aufflligsten war und auf jeden Fall alle verblffen mute, das war das
seltsame Schicksal aller derer, die bei ihm Geld borgten. Sie gingen
alle auf klgliche Weise zugrunde. Ob es nun aber nur leeres Geschwtz,
nur ein sinnloses, aberglubiges Gerede der Menschen oder ein mit
Absicht verbreiteter Klatsch war, das blieb unbekannt. Indessen gab es
doch einige Flle, die sich binnen ganz kurzer Zeit vor allen Augen
abspielten und die einen tiefen und berwltigenden Eindruck auf die
Leute machten. Damals lenkte gerade ein Jngling aus einer vornehmen
aristokratischen Familie, der sich bereits in jenen Jahren im
Staatsdienste ausgezeichnet hatte, die Aufmerksamkeit auf sich: ein
glhender Verehrer alles Echten und Erhabenen, ein eifriger Frderer
menschlicher Geistesarbeit und hoher Kunst, mit einem Worte ein Mensch,
der ein wahrhafter Mzen zu werden versprach. So kam es denn, da er
sehr bald nach seinen Verdiensten von der Zarin selbst ausgezeichnet
wurde, die ihm ein mit seinen eigenen Wnschen und Ansprchen
bereinstimmendes bedeutendes Amt und einen Posten anvertraute, auf dem
er viel fr die Wissenschaften und fr alles Gute wirken konnte. Der
junge Beamte umgab sich mit Knstlern, Dichtern und Gelehrten. Er wollte
allen Arbeit verschaffen und alle nach Krften frdern. Er gab auf
eigene Kosten eine Reihe von ntzlichen Werken heraus, verteilte eine
Menge von Auftrgen und setzte viele Preise aus; auf diese Weise
verausgabte er ungeheuer viel Geld und geriet schlielich in pekunire
Verlegenheiten. Aber da er ein vornehmer und hochherziger Charakter war,
wollte er nicht von seinem Vorhaben abstehen, er suchte berall Anleihen
aufzunehmen und wandte sich endlich an den uns schon bekannten Wucherer.
Er erhielt auch eine bedeutende Summe von ihm, aber bald darauf ging
eine gewaltige Vernderung mit ihm vor: er wurde mit einem Male ein
Verfolger und Unterdrcker aller aufstrebenden Geister und Talente. An
allem, was ihm vor Augen kam, entdeckte er sofort die schlechten Seiten
und deutete jedes harmlose Wort falsch. Um diese Zeit brach gerade die
franzsische Revolution aus, und dieses Ereignis gab ihm pltzlich den
Anla zu allen mglichen Verdchtigungen und hlichen Taten, berall
fing er an, revolutionre Umtriebe zu wittern; jedes Ereignis schien ihm
eine schlimme Andeutung zu enthalten. Er wurde so argwhnisch, da er
sich schlielich sogar selbst zu mitrauen begann; er gab sich zu einer
ganzen Reihe abscheulicher und hchst ungerechter Denunziationen her und
machte dadurch unzhlige Menschen unglcklich. Die Folgen einer solchen
Handlungsweise war natrlich die, da das Gercht davon bis an den Thron
gelangte. Die gromtige Kaiserin war ganz entsetzt und sprach sich in
hochherziger Weise, die der schnste Schmuck gekrnter Hupter ist,
darber aus. Ihre Worte sind uns zwar nicht genau berliefert, aber ihr
tiefer Sinn prgte sich im Herzen vieler ein. Die Kaiserin bemerkte, es
seien gar nicht die monarchischen Regierungen, die die hohen und
vornehmen Seelenregungen unterdrckten; in einer solchen Staatsform
seien die Werke des Geistes, der Dichtung und der Knste keineswegs
verachtet und Verfolgungen ausgesetzt, vielmehr seien die Monarchen ihre
natrlichen Protektoren, erst unter _ihrem_ hochherzigen Schutze
erstnde ein Shakespeare, ein Molire usw., whrend andererseits ein
Dante in seinem republikanischen Vaterlande keine Ruhesttte finden
konnte. Wahre Genies entfalteten sich nur in den glnzenden Zeitaltern
mchtiger Knige und Knigreiche und nicht unter dem Einflusse hlicher
politischer Vorgnge und terroristischer Republiken, die der Welt bis
jetzt noch keinen einzigen Dichter geschenkt htten. Sie erklrte, man
msse die Dichter und Knstler reichlich belohnen und auszeichnen, denn
sie schenkten der Seele Ruhe und Frieden und bewahrten sie vor hlichen
Leidenschaften und Emprung; die Gelehrten, die Dichter und alle
schaffenden Knstler seien die Perlen und Diamanten in den Kaiserkronen:
sie seien der hchste Schmuck, der das Zeitalter eines groen Herrschers
krne und ihm einen herrlichen Glanz verleihe. Whrend die Kaiserin
diese Worte sprach, war sie unendlich schn und gttlich. Ich erinnere
mich, da die alten Leute nicht anders als mit Trnen in Augen davon
sprechen konnten. Alle zeigten die lebhafteste Teilnahme fr den Fall.
Zur Ehre unserer Nation mu hier bemerkt werden, da sich in dem Herzen
eines Russen stets der hochherzige Wunsch regt, die Partei der
Bedrckten zu ergreifen. Der hohe Beamte, der das ihm geschenkte
Vertrauen zu sehr mibraucht hatte, wurde gebhrend bestraft und seines
Amtes enthoben, aber noch eine weit peinigendere Strafe war es fr ihn,
da er eine unverhllte und allgemeine Miachtung aus den Gesichtern
seiner Mitbrger lesen konnte. Es lt sich kaum beschreiben, wie sehr
seine eitle Seele darunter litt. Gekrnkter Stolz, betrogener Ehrgeiz,
vernichtete Hoffnungen: all diese Empfindungen vereinigten sich zu einer
drckenden Qual, und in entsetzlichen Wahnsinnsanfllen ri sein
Lebensfaden ab. Noch ein anderer frappanter Fall trug sich gleichfalls
vor aller Augen zu. Von den vielen schnen Frauen, an denen unsere
nordische Hauptstadt damals nicht arm war, lief besonders _eine_ allen
anderen den Rang ab. Sie vereinigte in sich in wunderbarer Weise alle
Reize unserer nordischen Schnheit mit denen des Sdens; das war ein
kostbarer Edelstein, wie man ihn nur selten auf der Welt findet. Mein
Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas hnliches gesehen zu haben.
Alle Vorzge schienen sich in diesem Wesen vereinigt zu haben: Reichtum,
Geld und seelische Anmut. An Bewerbern fehlte es natrlich nicht; der
interessanteste und hervorragendste unter ihnen aber war ein Frst R...,
ein vornehmer junger Mann von wahrhaft edelem Charakter, wohlgestaltet
und von ritterlichem, hochherzigem Wesen, das hchste Ideal aller
Frauen, ein richtiger Romanheld und in allem ein echter Grandisson.
Frst R. war leidenschaftlich, ja geradezu wahnsinnig in sie verliebt,
und seine Liebe wurde ebenso feurig erwidert. Leider erschien blo den
Verwandten diese Partie als Mesalliance. Die Erbgter seiner Familie
gehrten nmlich nicht mehr ihm, die ganze Familie war in Ungnade
gefallen, und der schlechte Zustand seiner Verhltnisse war allgemein
bekannt. Pltzlich verlt der Frst fr eine Zeitlang die Hauptstadt,
allem Anscheine nach, um seine Verhltnisse zu regeln, taucht aber bald
darauf wieder auf, wobei er einen unglaublichen Prunk und Luxus
entfaltete. Seine glnzenden Feste und Blle machen ihn bald bei Hofe
bekannt. Der Vater der Schnen ist ihm wohlgeneigt, und bald darauf
findet in der Stadt eine Hochzeitsfeier statt, die berall Aufsehen
erregt. Woher diese Vernderung und der ungeheure Reichtum des
Brutigams stammte, darber konnte freilich niemand genauere Auskunft
geben; man tuschelte blo im geheimen davon, er wre irgendwelche
Abmachungen mit dem rtselhaften Wucherer eingegangen und htte bei ihm
eine grere Anleihe gemacht. Wie dem aber auch war, die Hochzeit
beschftigte die ganze Stadt, und Brutigam wie Braut erregten den Neid
aller Leute. Jedermann wute, wie hei und standhaft sie sich geliebt --
und was fr lange Qualen beide zu erdulden gehabt hatten; berall
schtzte man sie wegen ihres edelen Charakters und ihrer hohen Vorzge.
Die leidenschaftlichsten unter den Frauen malten sich schon im voraus
die paradiesischen Wonnen aus, die den jungen Ehegatten bevorstnden.
Und doch kam alles anders. Im Lauf eines einzigen Jahres ging mit dem
Gatten eine furchtbare Vernderung vor. Das Gift einer argwhnischen
Eifersucht und Unduldsamkeit schien pltzlich seinen bis dahin vornehmen
und makellosen Charakter angefressen zu haben; unerklrliche Launen
entstellten sein ganzes Wesen; er wurde ein Tyrann, der seine Frau
bestndig qulte, und scheute schlielich -- was niemand voraussehen
konnte -- nicht einmal vor den unmenschlichsten Taten zurck: er
peinigte und schlug seine eigene Gattin. Schon nach einem Jahre war die
Frau nicht wieder zu erkennen, sie, die noch unlngst eine so glnzende
Erscheinung gewesen war und Scharen von treuen Anbetern und glhenden
Verehrern angezogen hatte. Endlich lie sie -- unfhig, ihr schweres Los
noch weiter zu ertragen -- ein Wort ber Scheidung fallen, aber der
Gatte geriet schon bei dem leisesten Gedanken daran in Wut. In der
ersten Erregung drang er mit einem Messer bewaffnet in ihr Zimmer ein,
und er htte sie zweifellos sofort niedergestochen, wenn er nicht
berwltigt und festgehalten worden wre. Ganz auer sich und voller
Verzweiflung zckte er sein Messer gegen sich selbst und beschlo sein
Leben in schrecklichen Qualen.

Auer diesen beiden Fllen, die sich vor den Augen der ganzen Welt
abgespielt hatten, wurde noch eine Reihe anderer erzhlt, die sich unter
den niedren Klassen zutrugen, und die fast alle einen ebenso
entsetzlichen Ausgang nahmen. Ehrliche, nchterne Mnner wurden
pltzlich zu Trunkenbolden, Gehilfen bestahlen ihre Chefs, ein
Droschkenkutscher, der viele Jahre hindurch ehrlich und fleiig gedient
hatte, erstach auf einmal einen Fahrgast wegen einiger Pfennige.
Natrlich muten solche Erzhlungen, die noch dazu meist sehr
ausgeschmckt und bertrieben waren, den einfltigen Bewohnern Kolomnas
eine Art unwillkrlichen Grauens einflen. Niemand zweifelte mehr
daran, da dieser Mann mit der Hlle im Bunde stehe. Man erzhlte sich,
da er seinen Kunden Bedingungen stelle, die einem die Haare zu Berge
steigen lieen, und die der unglckliche Schuldner nie einem andern
mitzuteilen wagte; da sein Geld eine besondere Anziehungskraft ausbe,
von selbst zu glhen anfange und seltsame Merkzeichen an sich trage ...,
mit einem Worte, es waren viele unsinnige Gerchte ber ihn im Umlauf.
Und so ist es denn auch nicht weiter merkwrdig, da die ganze
Einwohnerschaft Kolomnas, diese ganze Welt armer alter Frauen, kleiner
Beamter und untergeordneter Schauspieler, kurz, all dieses elenden
Volkes, das wir soeben beschrieben haben, lieber alle Leiden und die
hchste Not auf sich nehmen, als den schrecklichen Wucherer um ein
Darlehn angehn wollte, es gab sogar arme alte Frauen, die es vorzogen,
vor Hunger zu sterben, als ihre Seele zugrunde zu richten. Wenn man dem
Wucherer auf der Strae begegnete, wurde man unwillkrlich von einer
seltsamen Angst ergriffen. Die Passanten wichen ihm furchtsam aus,
drehten sich immer wieder nach ihm um und verfolgten die in der Ferne
verschwindende riesenhafte Gestalt noch lange mit ihren Blicken. Schon
in seinem uern lag so viel Ungewhnliches, da jedermann unwillkrlich
den Eindruck hatte, es mit einem bernatrlichen Wesen zu tun zu haben.
Diese harten, scharf gemeielten Zge, wie man sie selten bei einem
Menschen antrifft, diese glhende, bronzene Gesichtsfarbe, diese dichten
buschigen Augenbrauen, die unertrglich schrecklichen Augen, selbst
seine weite, bauschige asiatische Kleidung -- alles schien darauf
hinzudeuten, da alle Leidenschaften anderer Menschen vor denen, die
dieser Krper in sich barg, verbleichen muten. Jedesmal, wenn mein
Vater ihm begegnete, blieb er unbeweglich stehen und konnte sich bei
solch einer Gelegenheit nicht enthalten, laut auszurufen: Ein Teufel!
Ein wahrhaftiger Teufel! Doch nun mu ich Sie schnell noch mit meinem
Vater bekannt machen, der brigens der eigentliche Held dieser
Geschichte ist.

Mein Vater war in vielen Beziehungen ein merkwrdiger Mensch. Er war ein
seltener Knstler, einer von denen, wie sie nur Ruland aus seinem
jungfrulichen Schoe erzeugt, ein Autodidakt, der alle knstlerischen
Gesetze und Regeln ohne Lehrer und ohne die Anleitung der Schule ganz
aus sich selbst heraus entdeckt hatte, und in dem mchtigen Drange nach
stndiger Vervollkommnung, aus Grnden, die ihm vielleicht selbst
unbekannt blieben, immer den Weg ging, den ihm sein Instinkt wies: er
war eines jener ursprnglichen Wunder, die von den Zeitgenossen nicht
selten mit dem verletzenden Beiwort ungebildeter Mensch bezeichnet und
die durch Angriffe und eigenes Migeschick nicht ernchtert und
abgekhlt werden, sondern nur noch neuen Eifer und neuen Drang aus ihnen
schpfen und dann jene Werke innerlich weit hinter sich lassen, die
ihnen den oben erwhnten Titel eingebracht haben. Er erkannte in jedem
Gegenstand intuitiv die Gegenwart einer Idee; ganz von selbst ging ihm
die wahre Bedeutung des Wortes Historische Malerei auf, er begriff,
warum ein einfacher Zopf, ein schlichtes Portrt von Raffael, Lionardo
da Vinci, Tizian oder Correggio einen Anspruch auf diese Bezeichnung
hatten, whrend ein riesiges Gemlde geschichtlichen Inhalts dennoch nur
ein Genrebild bleiben konnte, trotz aller Prtensionen des Malers, damit
ein groes historisches Gemlde geschaffen zu haben. Sowohl eigene
Neigung als innere berzeugung fhrten ihn den religisen Stoffen des
Christentums, der hchsten und letzten Stufe des Erhabenen, zu. Er besa
weder Ehrgeiz, noch Empfindlichkeit, Eigenschaften, die leider bei so
vielen Knstlern einen wesentlichen Bestandteil ihres Charakters bilden.
Dies war eine herbe Persnlichkeit, ein ehrlicher, gerader, beinahe
grober Mensch, der sich nach auen durch eine harte Rinde gegen die
Umwelt abschlo und innerlich nicht ohne Stolz war, der sich jedoch ber
seine Mitmenschen zwar stets in schroffer Weise, doch zugleich milde und
vershnlich uerte. Wozu soll ich mich nach ihnen richten? pflegte er
gewhnlich zu sagen; ich arbeite ja nicht fr sie! Ich will meine
Bilder ja nicht in einem Salon bewundern lassen! Wer mich versteht, wird
mir sicher dankbar sein. Einem Mann aus der vornehmen Gesellschaft kann
man es nicht weiter verargen, wenn er nichts von Malerei versteht; dafr
versteht er was von Karten, von guten Weinen oder Pferden ... Wozu
braucht denn ein groer Herr auch mehr zu wissen? Wenn so ein Mensch
erst von allem gekostet hat und sich auf das Geistreicheln verlegt, dann
ist er erst recht nicht zu ertragen. _Suum cuique!_ Schuster bleib bei
deinen Leisten! Meiner Meinung nach ist ein Mensch, der es offen
eingesteht, wo er nicht Bescheid wei, einem Heuchler vorzuziehen, der
so tut, als ob er etwas von Dingen versteht, von denen er gar keine
Ahnung hat, und der nur herumpfuscht und andre Leute schdigt. Er
arbeitete schon fr den bescheidensten Preis, der ihm nur die Mittel zum
Unterhalt seiner Familie und die Mglichkeit zu weiterem Schaffen bot.
Auch weigerte er sich niemals, einem andern zu helfen und einem armen
Kollegen hilfreich die Hand zu reichen. Er hatte sich den einfachen,
frommen Glauben unserer Ahnen erhalten, und das war vielleicht der
Grund, da es ihm so gut gelang, den von ihm gemalten Gesichtern jenen
hohen Ausdruck zu verleihen, nach dem so manches groe Talent vergebens
strebt. Endlich glckte es ihm, durch unausgesetzte Arbeit und rastlose
Verfolgung des einmal vorgesteckten Zieles auch die Achtung derer zu
erringen, die ihn frher einen ungebildeten Menschen und einen
hausbackenen Autodidakten genannt hatten. Er bekam Auftrge, Wandgemlde
fr Kirchen zu malen, und es fehlte ihm nie an Arbeit. Einmal war er
gerade durch solch ein Werk sehr in Anspruch genommen. Ich erinnere mich
nicht mehr genau an das Sujet und wei nur noch, da auf dem Gemlde der
gefallene Engel, der Geist der Finsternis, dargestellt werden sollte.
Dieses Problem beschftigte ihn lange Zeit: Wie wrde er ihn malen? In
der Person dieses Engels mute der furchtbare Druck und die Pein, die
auf dem Menschen lastet, zum Ausdruck kommen. Hierbei schwebte ihm wohl
oft das Bild des rtselhaften Wucherers vor, und er dachte sich
unwillkrlich: Das wre das rechte Vorbild fr meinen Teufel! Und nun
stellen Sie sich selbst vor, wie erstaunt und erschrocken er war, als
eines Tages, whrend er arbeitete, an die Tr seines Ateliers gepocht
wurde, und der schreckliche Wucherer bei ihm eintrat. Kein Wunder, da
sein Inneres erbebte, und ein heftiges Zittern seinen ganzen Krper
berlief.

Du bist Maler? fragte er, ohne viel Umstnde zu machen, meinen Vater.

Ja, ich bin Maler! versetzte mein Vater verwirrt und gespannt, was nun
folgen wrde.

Gut! Dann portrtiere mich! Ich werde vielleicht bald sterben! Kinder
habe ich nicht. Aber ich will nicht ganz untergehen, ich will
weiterleben. Kannst du mir ein solches Portrt malen, das den vollen
Eindruck des Lebens macht?

Mein Vater dachte: Was kann ich mir Besseres wnschen? Er bietet sich
mir selbst als Modell fr den Teufel an! So willigte er denn ein, sie
einigten sich ber Zeit und Preis, und gleich am nchsten Tage erschien
mein Vater mit Pinsel und Palette bei ihm. Der Hof mit den hohen Mauern,
die Hunde, die eisernen Tore und Riegel, die bogenfrmigen Fenster, die
mit merkwrdigen Teppichen bedeckten Truhen und endlich der seltsame
Hausherr selbst, der ihm unbeweglich gegenber sa: all das machte einen
eigentmlichen Eindruck auf ihn. Die Fenster waren wie mit Absicht unten
so verstellt und verhngt, da das Licht nur von oben hereindringen
konnte. Hol's der Teufel! wie fein sein Gesicht jetzt beleuchtet ist!
sagte er vor sich hin und fing eifrig an zu arbeiten, wie wenn er
befrchtete, da die gnstige Beleuchtung bald verschwinden knne. Was
fr eine Kraft in ihm liegt, wiederholte er leise; wenn es mir nur zur
Hlfte gelingt, ihn so darzustellen, wie er jetzt dasitzt, dann wird er
alle meine frheren Arbeiten in den Schatten stellen. Er wird mir
wahrhaftig aus der Leinwand herausspringen, wenn ich der Natur auch nur
im mindesten treu bleibe. Was fr auffallende Zge! wiederholte er
unaufhrlich, indem er noch eifriger arbeitete, und nun sah er selbst,
wie schon einige Partien des Gesichts auf der Leinwand erschienen. Aber
je mehr er sich ihnen nherte, ein desto strkeres, ihm selbst
unbegreifliches Gefhl der Unruhe und der Furcht berfiel ihn. Trotzdem
aber nahm er sich vor, jede kaum merkliche Linie, jeden kleinsten
Ausdruck mit peinlicher Genauigkeit zu registrieren. Vor allem
beschftigte er sich mit der Darstellung der Augen; in ihnen lag so viel
Kraft, da man offenbar gar nicht hoffen durfte, ihr tiefstes Wesen auf
dem Bilde wiederzugeben. Dennoch hatte er sich fest vorgenommen, um
jeden Preis alle, auch die unwesentlichsten Tne und Schattierungen aus
ihnen herauszuholen und ihr Geheimnis zu ergrnden ... Aber kaum hatte
er begonnen, sich in sie zu versenken und zu vertiefen, als ein solch
unbegreiflicher Druck, ein solch eigentmlicher Widerwille seine Seele
erfate, da er fr einige Zeit den Pinsel niederlegen mute, um erst
nach dieser Ruhepause die Arbeit wieder aufzunehmen. Endlich konnte er
es nicht lnger ertragen; er fhlte, wie sich diese Augen in seine Seele
bohrten und eine sonderbare Unruhe in ihr hervorriefen. Am dritten Tage
wurde dieses Gefhl noch intensiver. Ihm wurde ganz ngstlich zumute. Er
warf den Pinsel in die Ecke und erklrte dem Wucherer mit Nachdruck, er
knne ihn unmglich weiter malen. Da htte man sehen mssen, welche
Vernderung diese Worte in dem schrecklichen Manne hervorriefen. Er warf
sich pltzlich vor dem Maler auf die Knie, umklammerte seine Fe und
flehte ihn an, das Portrt zu vollenden, er erklrte, da sein ganzes
Schicksal und seine ganze irdische Existenz von diesem Portrt abhingen,
schon jetzt habe ja des Knstlers Pinsel seine lebendigen Zge auf der
Leinwand festgehalten -- wenn diese Zge genau im Bilde fixiert wrden
-- werde sein Leben durch eine bernatrliche Macht im Portrt weiter
fortbestehen; dann brauche er nicht ganz zu sterben, und er werde der
Welt erhalten bleiben. Diese Bitten entsetzten meinen Vater; sie
erschienen ihm so ungewhnlich und frevelhaft, da er Pinsel und Palette
wegwarf und jhlings aus dem Zimmer strzte.

Der Gedanke an dieses Ereignis beunruhigte ihn die ganze Nacht und den
ganzen Tag hindurch; am andern Morgen lie ihm der Wucherer durch eine
Frau, das einzige Wesen, das bei ihm diente, das Portrt zustellen. Sie
erklrte ihm ohne alle Umschweife, da ihr Herr das Bild nicht haben
wolle, nichts dafr bezahlen werde und es ihm daher zurcksende. Am
Abend desselben Tags erhielt er die Kunde von dem Tode des Wucherers,
und die Nachricht, da er demnchst nach dem Brauche seiner Religion
beigesetzt werden solle. Dies alles erschien ihm hchst unerklrlich und
seltsam, zu alledem aber machten sich von diesem Moment an in seinem
Charakter gewisse Vernderungen bemerkbar. Er litt unter einer
merkwrdigen Erregtheit und Ruhelosigkeit, deren Ursache er selbst nicht
begreifen konnte, ja er tat bald darauf etwas, was wohl niemand von ihm
erwartet htte. Seit einer gewissen Zeit lenkten die Arbeiten eines
seiner Schler die Aufmerksamkeit eines kleinen Kreises von Kennern und
Liebhabern auf sich; mein Vater hatte sein Talent immer anerkannt und
eine tiefe Neigung fr ihn gefat. Jetzt aber wurde er pltzlich von
einem hlichen Neid gegen ihn ergriffen. Die allgemeine Sympathie, die
sich in den Unterhaltungen ber ihn uerte, wurde meinem Vater ganz
unertrglich. Endlich erfuhr er zu seinem groen Verdru, da sein
Schler den Auftrag erhalten hatte, ein Bild fr eine erst vor kurzem
vollendete prachtvolle Kirche zu malen. Das versetzte ihn in eine
furchtbare Wut. Ich werde diesem Grnschnabel doch nicht den Triumph
gnnen! rief er aus. Nein, mein Lieber, du hoffst zu frh, die Alten
in den Staub zu ziehen! Gott sei Dank, noch fhle ich genug Kraft in
mir! Wir wollen doch abwarten, wer den andern zuerst in den Staub
zieht! Und der biedere, in seinem Kerne grundehrliche Mann wandte sich
allen mglichen Rnken und Schleichwegen zu, die er bisher stets
verabscheut hatte, und brachte es endlich auch so weit, da um den
Auftrag fr das Kirchenbild ein allgemeiner Wettbewerb ausgeschrieben
wurde, an dem sich natrlich auch andere Knstler beteiligten durften.
Hierauf schlo er sich in seinem Atelier ein und machte sich eifrig an
die Arbeit. Es schien, als ob sich seine ganzen Krfte und seine ganze
Persnlichkeit auf dieses Gemlde konzentriert htten, und in der Tat
kam so eins seiner besten Werke zustande. Niemand zweifelte daran, da
ihm die Palme zufallen wrde. Die Bilder wurden der Jury eingereicht,
aber alle anderen Werke verhielten sich zu diesem wie die Nacht zum
Tage. Pltzlich jedoch machte einer der anwesenden Kunstrichter -- wenn
ich nicht irre, ein Geistlicher -- eine Bemerkung, die alle berraschte.
In dem Bilde dieses Knstlers offenbart sich wirklich ein starkes
Talent, meinte er, aber den Gesichtern geht der fromme, heilige
Ausdruck ab. Es liegt vielmehr etwas Dmonisches in diesen Augen, als
htte eine bse Macht die Hand des Knstlers gefhrt. Alle blickten
hin, und in der Tat, die Wahrheit dieser Worte lie sich nicht
bestreiten. Mein Vater strzte auf sein Bild los, wie um diese
verletzende Bemerkung selbst auf ihre Berechtigung hin zu prfen, aber
er gewahrte mit Entsetzen, da er allen seinen Gestalten die Augen des
Wucherers verliehen hatte. Sie blickten ihn so teuflisch und vernichtend
an, da er selbst unwillkrlich schauderte. Das Bild wurde abgelehnt,
und er mute zu seinem unbeschreiblichen rger erfahren, da die Palme
seinem Schler zufiel. Es lt sich unmglich beschreiben, in welcher
Wut und Raserei er nach Hause zurckkehrte. Er htte beinahe meine
Mutter geschlagen, er warf die Kinder hinaus, zerbrach Pinsel und
Staffeleien, ri das Portrt des Wucherers von der Wand, lie sich ein
Messer geben und wollte Feuer im Kamin entznden, um das Bild -- nachdem
er es in Stcke geschnitten htte -- zu verbrennen. Aber bei diesem
Vorhaben wurde er durch die Ankunft eines Freundes berrascht, der
soeben in das Zimmer getreten war. Dieser Freund war gleich ihm ein
Maler, ein lustiger Bursche, der stets mit sich zufrieden war, sich
nicht mit weitliegenden Plnen abgab und alle Arbeiten, die ihm unter
die Hand kamen, frhlich in Angriff nahm, um sich nach deren Beendigung
noch frhlicher ans Schlemmen und Zechen zu machen.

Was hast du da? Was willst du verbrennen? fragte er ihn, indem er an
das Portrt herantrat. Aber ich bitte dich, das ist ja eines deiner
besten Werke! Das ist ja der Wucherer, der erst krzlich gestorben ist!
Ja, das ist ein vollkommenes Kunstwerk! Den hast du nicht blo
vorzglich getroffen, du bist ihm sozusagen in die Augen
hineingekrochen! So lebhaft haben sie ja nicht einmal geblickt, als er
noch am Leben war, wie hier bei dir!

Ich mchte gern sehen, wie sie mich aus dem Feuer anblicken werden!
sagte mein Vater, whrend er eine Bewegung machte, um das Portrt in den
Kamin zu schleudern. Halt, um Gottes willen, fiel der Freund ein und
hielt ihn am Arme fest. Gib es doch lieber mir, wenn es dir so lstig
ist! Mein Vater strubte sich anfangs, gab aber schlielich nach, und
der lustige Kerl schleppte -- hchst erfreut ber diese Erwerbung -- das
Portrt mit sich fort.

Nachdem er fortgegangen war, fhlte sich mein Vater mit einem Male
ruhiger, als wre ihm mit der Entfernung des Portrts eine Last vom
Herzen gefallen. Er wunderte sich selbst ber seinen Zorn, seinen Neid
und die offenkundige Wandlung in seinem Charakter. Er dachte lange ber
seine Tat nach, war in tiefster Seele betrbt und sagte mit innerem Gram
zu sich selbst: Nein! Diese Strafe hat mir Gott auferlegt! Es war
wohlverdient, da mein Bild zurckgewiesen wurde; es war ja nur zu dem
Zwecke geschaffen, um meinen Genossen zu vernichten. Ein teuflisches
Gefhl des Neides hat meinen Pinsel gefhrt, daher mute sich auch ein
teuflisches Gefhl in dem Bilde wiederspiegeln. Sofort suchte er seinen
ehemaligen Schler auf, umarmte ihn strmisch, bat ihn um Verzeihung und
bemhte sich -- soweit es ihm mglich war -- seine Schuld wieder gut zu
machen. Von nun ab war er wieder friedlich bei der Arbeit wie ehedem,
aber jetzt konnte man immer ein tiefes Sinnen in seinen Zgen bemerken.
Er betete hufiger, er war viel schweigsamer als frher und drckte sich
nicht mehr so schroff ber die Menschen aus. Selbst das herbe uere
seines Wesens schien sich verloren zu haben. Bald darauf aber ereignete
sich etwas, was ihn noch tiefer erschtterte. Er hatte seinen Freund,
der sich das Portrt von ihm ausgebeten hatte, schon seit lngerer Zeit
nicht gesehen und sich schon mehrmals vorgenommen, ihn zu besuchen, da
erschien dieser selbst eines Tages pltzlich in seinem Atelier. Nachdem
beide ein paar gleichgltige Worte gewechselt hatten, sagte der Freund:
Du hattest nicht so ganz unrecht, Bruder, als du das Portrt verbrennen
wolltest! Mag es der Teufel holen; es hat etwas Schreckliches an sich!
Ich glaube an keine Hexerei, aber man mag sagen, was man will! -- ich
glaube, der Bse sitzt darin.

Wieso? fragte mein Vater.

Seitdem ich es bei mir aufgehngt habe, liegt es auf mir wie ein
furchtbarer Druck ... als ob ich jemand ermorden wollte. Zeit meines
Lebens wute ich nicht, was Schlaflosigkeit heit, jetzt aber habe ich
nicht nur diesen Zustand kennen gelernt, ich habe auch solche Trume ...
d. h. ich wei selbst nicht recht, ob es nur Trume sind oder noch
irgend etwas anders: wie wenn mich ein bser Geist erwrgen will ... und
immer spukt der verfluchte Alte im Zimmer herum. Mit einem Worte, ich
kann dir meinen Zustand gar nicht schildern. Niemals ist mir so etwas
passiert. Ich bin all diese Tage wie ein Wahnsinniger herumgelaufen ...
Eine entsetzliche Angst verfolgte mich, immer wartete ich auf etwas
Furchtbares, ich fhlte, wie ich zu niemand ein frhliches und
aufrichtiges Wort sagen konnte, stets schien es mir, als wrde ich
beobachtet und bespitzelt. Erst nachdem ich das Portrt meinem Neffen
geschenkt habe, der es sich selbst von mir erbeten hat, ist mir's, als
wenn mir ein Stein vom Herzen gefallen wre. Mit einem Schlage wurde mir
wieder froh zumute, so wie du mich hier vor dir siehst! Wahrhaftig,
Freund, da hast du aber einen schnen Teufel geschaffen!

Mein Vater lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf diese Erzhlung
und fragte schlielich: Und jetzt ist das Portrt bei deinem Neffen?

Ach was! Bei meinem Neffen ... Der hielt es ja auch nicht aus!
versetzte der Spavogel. Des Wucherers eigene Seele scheint in dieses
Portrt hinbergewandert zu sein. Er springt aus dem Rahmen, spaziert in
dem Zimmer herum -- und was mein Neffe sonst noch darber erzhlt, geht
ber jede Beschreibung. Ich wrde ihn tatschlich fr verrckt halten,
htte ich nicht fast ganz das Gleiche erlebt. Er hat das Portrt an
irgend einen Kunstfreund verkauft, aber auch dieser konnte es nicht
aushalten und hat es seinerseits wieder einem andern aufgehalst.

Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf meinen Vater. Er versank
in tiefes Grbeln, wurde melancholisch und gelangte endlich zur
berzeugung, da sein Pinsel dem Teufel als Werkzeug gedient hatte, da
das Leben des Wucherers tatschlich zum Teil auf das Portrt
bergegangen war, und da es jetzt die Menschen beunruhige, ihnen
dmonische Empfindungen einfle, Knstler vom rechten Wege abbringe,
hliche Anwandlungen von Neid erzeuge usw. Drei Unglcksflle, die sich
unmittelbar darauf ereigneten: der pltzliche Tod seiner Frau, seiner
Tochter und seines kleinen Sohnes, erschtterten ihn aufs tiefste, er
hielt sie fr eine Strafe des Himmels und entschlo sich, aus dem
weltlichen Leben zu scheiden.

Gleich nach Vollendung meines neunten Jahres lie er mich in die
Kunstschule eintreten und zog sich selbst nach Erledigung seiner
geschftlichen Angelegenheiten in ein einsames Kloster zurck, wo er
bald die Mnchskutte anlegte. Dort setzte er alle Brder durch seine
asketische Lebensfhrung und durch die strenge Beobachtung aller
Klostersatzungen in Erstaunen. Als der Prior erfahren hatte, da er ein
Maler sei, trug er ihm auf, fr die Klosterkirche das Bild ihres
Heiligen zu malen. Aber der fromme und demtige Bruder erklrte
entschieden, da er unwrdig sei, den Pinsel zu fhren, weil er ihn
entweiht habe, und da er seine Seele zuerst durch harte Arbeit und
schwere Opfer reinigen msse, um wieder wrdig zu sein, eine solche
Arbeit zu bernehmen. Zwingen wollte man ihn nicht. Er versuchte es fr
seine Person -- soweit dies mglich war -- die strengen Satzungen des
Klosterlebens noch zu verschrfen; schlielich gengte ihm jedoch auch
dieses nicht mehr, es erschien ihm nicht hart genug. Er erbat sich den
Segen des Priors, verlie das Kloster und zog sich in eine vllige
Einsamkeit zurck. Er baute sich aus Baumzweigen eine Htte, nhrte sich
nur von rohen Wurzeln, trug Steine von einer Stelle zur andern, stand
von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit gen Himmel erhobenen Armen da,
murmelte bestndig Gebete -- mit einem Worte, er erlegte sich alle nur
mglichen Geduldsproben und Prfungen auf, fr die man nur in den
Lebensbeschreibungen der Heiligen Beispiele finden kann. So peinigte er
einige Jahre hindurch seinen Krper und strkte ihn gleichzeitig mit
Hilfe der belebenden Kraft des Gebetes. Endlich erschien er eines Tages
wieder in dem Kloster und sprach entschlossen zum Prior: Jetzt bin ich
bereit! Wenn es Gott gefllt, werde ich meine Arbeit vollenden.

Der Gegenstand, den er darstellen wollte, war die Geburt Jesu. Ein
ganzes Jahr verbrachte er bei seiner Arbeit, ohne seine Zelle zu
verlassen, wobei er sich nur notdrftig durch krgliche Nahrung am Leben
erhielt und ununterbrochen betete. Als diese Zeit vorber war, war das
Bild fertig. Es war ein Wunderwerk der Malerei geworden. Hier mu ich
bemerken, da weder die Brder, noch der Prior viel von der Malerei
verstanden, aber alle waren ber die ungewhnliche Reinheit und
Heiligkeit der Gestalten aufs hchste erfreut. Eine gttliche Demut und
Milde in den Zgen der heiligen Gottesmutter, die sich ber ihr Kind
beugt, ein tiefes Sinnen in den Augen des gttlichen Kindes, das schon
etwas von der Zukunft zu erkennen scheint, ein feierliches Schweigen der
von dem gttlichen Wunder berwltigten Knige, die vor dem Kinde knien,
und endlich eine berirdische, unbeschreibliche Stille, die ber dem
ganzen Bilde lag: dies alles verband sich zu einer so harmonischen Kraft
und Macht der Schnheit, da der Eindruck ein geradezu zauberischer,
magischer war. Alle Brder strzten vor dem neuen Bilde auf die Knie,
und der gerhrte Prior sprach: Wahrlich! Es ist nicht mglich, da ein
Mensch nur mit Hilfe menschlicher Kunst ein solches Bild zu schaffen
vermochte; eine hhere, heilige Kraft hat deinen Pinsel gefhrt; des
Himmels Segen ruhte auf deinem Werke!

Um diese Zeit schlo ich mein Studium in der Akademie ab, ich erhielt
die goldene Medaille und mit ihr erffnete sich mir die frohe Aussicht
auf eine Kunstreise nach Italien, den schnsten Traum eines
zwanzigjhrigen Knstlers. Ich hatte nur noch die Pflicht, mich von
meinem Vater, von dem ich seit zwlf Jahren getrennt lebte, zu
verabschieden. Ich mu gestehen, da sein Bild lngst aus meiner
Erinnerung geschwunden war. Ich hatte einiges ber die Strenge und
Heiligkeit seines Lebens gehrt und bereitete mich schon im voraus
darauf vor, das herbe uere eines durch das ewige Fasten und Wachen
abgemagerten und vertrockneten Anachoreten zu erblicken, fr den nichts
auf der Welt existiert, als seine Zelle und seine Gebete. Aber wie war
ich erstaunt, als ich mich pltzlich einem herrlichen, gttlichen Greise
gegenber befand! In seinem Gesichte spiegelte sich auch nicht die
geringste Ermattung oder Mdigkeit, es strahlte vielmehr von der
Klarheit und Helligkeit einer himmlischen Freude. Ein schneeweier Bart
und ganz dnne, fast therische Haare von der gleichen silbrigen Farbe
bedeckten malerisch seine Brust und die Falten seiner schwarzen Kutte,
und reichten bis zu dem Stricke herab, der sein rmliches Mnchsgewand
umgrtete. Am meisten jedoch wunderte ich mich darber, aus seinem Munde
Gedanken und Worte ber die Kunst zu vernehmen, die ich sicherlich noch
lange in meiner Seele bewahren werde. Und ich wnschte aufrichtig, da
ein jeder meiner Kollegen ein Gleiches tue.

Ich habe auf dich gewartet, mein Sohn, sagte er, whrend er mich
segnete; dir steht ein Weg bevor, den du von nun an dein ganzes Leben
hindurch beschreiten wirst. Dein Weg ist rein, irre nicht von ihm ab. Du
hast Talent, Talent aber ist die kostbarste Gabe Gottes. Richte es also
nicht zugrunde. Erforsche, studiere alles was du siehst! Mache alles
deinem Pinsel dienstbar! Doch strebe stets danach, in jedem Ding die
innere Idee zu entdecken, und vor allem das tiefe Geheimnis der
Schpfung zu ergrnden. Selig ist der Auserwhlte, der es enthllt hat.
Fr ihn gibt's in der Natur kein gemeines Motiv. Im Geringen und Kleinen
bleibt der wahrhaft schpferische Knstler ebenso erhaben wie im Groen.
Das Verchtliche wirkt nicht mehr verchtlich, weil es von der
herrlichen Seele des Schpfers durchleuchtet wird und einen hohen
Ausdruck erhlt, indem es durch das reinigende Feuer seines Geistes
hindurchgeht. Die Kunst lt den Menschen das zuknftige himmlische
Paradies ahnen; schon aus diesem Grunde steht sie hher als alles
andere. Und wie die feierliche Ruhe jede weltliche Erregung, wie das
Schaffen die Zerstrung, wie der Engel -- blo durch die reine Unschuld
seiner lichten Seele -- all die unzhlbaren Krfte und stolzen
Leidenschaften des Satans bertrifft, so steht erhaben ber allem, was
es auf der Welt gibt, das hohe Werk der Kunst! Ihr sollst du alles zum
Opfer bringen, sie mut du lieben mit dem ganzen Feuer deiner Seele,
nicht mit der Inbrunst, die die irdische Wollust entfacht, sondern mit
einer stillen himmlischen Begeisterung; ohne sie ist der Mensch nicht
imstande, sich ber die Erde zu erheben und die hohe wunderbare Harmonie
zu erzeugen, die den Frieden in unser Herz giet. Denn um die ganze Welt
zu dieser Besnftigung und Vershnung zu bringen, steigt ja ein edles
Kunstwerk zu uns vom Himmel herab. Daher erregt es nie Unfrieden und
Emprung in der Seele, sondern strebt ewig, gleich einem wundersam
klingenden Gebet, zu Gott empor. Freilich gibt es Augenblicke, finstere
Augenblicke ... Er hielt inne und ich sah, wie sich pltzlich sein
klares Antlitz verdsterte, als htte eine Wolke es beschattet. Ich
hatte ein Erlebnis ... fuhr er fort, bis auf den heutigen Tag ist mir
nicht klar, was jene rtselhafte Gestalt bedeutete, deren Portrt ich
damals gemalt habe. Es war wie eine teuflische Erscheinung. Ich wei,
die Welt leugnet die Existenz des Teufels, und daher will auch ich nicht
ber ihn sprechen. Ich will nur sagen, da ich jenen Mann nur mit einem
heftigen Widerwillen gemalt habe. Ich arbeitete ohne jede Freude und
Liebe an meinem Werk. Ich mute mich mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Ich
suchte mein inneres Gefhl zu betuben und der Natur treu zu bleiben.
Das war kein Kunstwerk, das ich schuf, und daher sind auch die
Empfindungen, die sich beim Anblick dieses Bildes aller Menschen
bemchtigen, wild und rebellisch; es sind Gefhle der Unruhe, die es
erzeugt, und keine Offenbarungen hoher Kunst, weil der Knstler auch in
der Wiedergabe der Leidenschaft die edle Ruhe bewahrt. Ich habe gehrt,
da dieses Portrt von Hand zu Hand geht und berall qulende,
peinigende Eindrcke erregt, da es im Knstler Gefhle des Neides, des
dumpfen Hasses gegen seine Genossen und den bsen Trieb zur Verfolgung
und Unterdrckung entfache. Mge der Allerhchste dich vor solchen
Leidenschaften bewahren! Es gibt nichts Entsetzlicheres als sie. Es ist
besser, alle Leiden eines Gehetzten und Verfolgten auf sich zu nehmen,
als einem andern auch nur das geringste Unrecht zuzufgen. Rette die
Reinheit deiner Seele! Wem ein Talent geschenkt ward, dessen Seele mu
reiner und edler sein, denn die der andern. Jenen wird vieles verziehen
werden, ihm aber nichts. Den, der sein Haus in einem festlichen Gewande
verlt, braucht nur ein vorberfahrender Wagen ein wenig mit Kot zu
bespritzen, und schon umringen ihn hunderte von Leuten, zeigen mit den
Fingern auf ihn und spotten ber seine Nachlssigkeit, whrend ein
anderer von unten bis oben beschmutzt sein kann, ohne da es die Menge
bemerkt; er trgt einen gewhnlichen Alltagsrock, und da fllt es eben
nicht weiter auf.

Nach diesen Worten segnete er und umarmte er mich. Niemals in meinem
Leben fhlte ich mich so erhoben wie an diesem Tage. Mit tiefer
Ehrfurcht und einem Gefhle seltener Bewunderung, das mehr war, als
einfache Kindesliebe, schmiegte ich mich an seinen Busen und kte seine
herabhngenden, silberweien Haare.

Eine Trne glnzte in seinen Augen. Erflle mir noch eine Bitte, lieber
Sohn, sagte er beim Abschied zu mir. Vielleicht gelingt es dir einmal,
das Portrt zu entdecken, von dem ich dir erzhlt habe. Du wirst es
sofort an den ungewhnlichen Augen und an ihrem unnatrlichen Ausdruck
erkennen. Solltest du es finden, so gelobe mir, es zu vernichten.

Sie knnen selbst beurteilen, ob es mir nach alledem noch mglich war,
ihm dieses heilige Versprechen zu verweigern. Ich schwur ihm hoch und
heilig, seine Bitte zu erfllen. Fnfzehn Jahre lang vermochte ich
nicht, irgend etwas zu entdecken, was der Beschreibung meines Vaters
auch nur im geringsten entsprach, als mir pltzlich bei dieser Auktion
....

Der Knstler vollendete den Satz nicht; er richtete sein Auge auf die
Wand, um das Portrt noch einmal zu prfen, und alle, die ihm mit
Spannung zugehrt hatten, taten instinktiv dasselbe, wie er; aller Augen
suchten das geheimnisvolle Portrt. Aber zum allgemeinen Erstaunen war
es pltzlich von der Wand verschwunden. Ein leises Gemurmel und
Geflster durchlief die Menge, doch pltzlich eilte wie ein Lauffeuer
das Wort: Gestohlen! durch den Saal. Offenbar war es jemand gelungen,
whrend die Zuhrer gespannt auf den Erzhler lauschten, das Bild zu
entwenden, und noch lange nachher blieben die Zuhrer im Zweifel, ob sie
diese merkwrdigen Augen wirklich gesehen hatten, oder ob es nur ein
Traum gewesen war: ein Traum, der ihre von der Betrachtung der alten
Gemlde ermdeten Augen getuscht hatte, um gleich darauf fr immer zu
verschwinden.




                        Anhang zum zweiten Teil


             Varianten zum zweiten Teil der Toten Seelen.

Der zweite Band der Toten Seelen wurde im Jahre 1840 begonnen, allein
das Werk blieb Fragment. Von der ursprnglichen Fassung dieses zweiten
Teiles hat sich nur ein einziges Heft mit dem ersten Entwurfe eines
Kapitels erhalten. 1842 arbeitete Gogol nach seinen ersten
Aufzeichnungen einen neuen Entwurf aus und schrieb ihn sauber ab. Es ist
jedoch nicht bekannt, aus wieviel Kapiteln er bestand. Von dieser
Fassung haben sich vier Hefte erhalten. Noch im selben Jahre 1842
beginnt Gogol den ins Reine geschriebenen Text aufs neue umzuarbeiten
und entwirft in diesen Heften: ein Chaos, aus dem der Kosmos der >Toten
Seelen< hervorgehen soll. Dies ist der Text, den wir unserer Ausgabe
des zweiten Bandes zugrunde gelegt haben. Der vollstndige Text dieser
Fassung ist nicht auf uns gekommen, er wurde Juni und Juli 1845 vom
Autor verbrannt. Wir fhren in diesem Anhang die wichtigsten Varianten
der ursprnglichen Fassung an. Sie bilden eine wichtige Ergnzung zum
vorliegenden Text und sind geeignet, dem Leser einen tieferen Einblick
in die Idee und den Grundplan des ganzen Werkes, vorzglich aber des
unvollendeten zweiten Teiles zu vermitteln.

                                                    _Der Herausgeber._

                   *       *       *       *       *

1. Wir haben unserem Text auch die _letzten_ Verbesserungen und
Ergnzungen mit eingefgt, die zum Teil ber den Zeilen, zum Teil auf
dem linken Rande der Seite nachgetragen waren. Das folgende Stck ist
mehrfach verndert und umgestaltet worden. Der ursprngliche Text hatte
nach seiner ersten Umarbeitung folgende Fassung erhalten:

Ob solche Charaktere _geboren_ werden -- oder ob sie allmhlich dazu
werden, was sie sind -- diese Frage lt sich nicht beantworten. Wir
wollen daher lieber zuerst die Geschichte seiner Kindheit und seiner
Erziehung erzhlen -- und den Leser selbst urteilen lassen. Der Direktor
der Schule, in welcher Tentennikow erzogen wurde, war ein ganz
auerordentlicher Mann: Alexander Petrowitsch besa die Gabe, das Wesen
eines Menschen durch eine Art Instinkt zu erraten. Es gab kein Kind,
das, wenn es einen Streich begangen hatte, nicht selbst zu ihm ging, um
ihm alles zu beichten. Aber mehr noch. Wenn der kleine Wildfang ihn
verlie, dann lie er nicht etwa die Nase hngen, sondern er ging
erhobenen Hauptes von ihm hinaus, mit dem festen Entschlu, wieder gut
zu machen, was er verbrochen hatte. In den Vorwrfen, die Alexander
Petrowitsch seinen Schlern machte, lag etwas Ermutigendes und
Krftigendes: nach ihm war der Ehrgeiz die eigentliche Triebfeder, die
die menschlichen Fhigkeiten zur Entwickelung und zur Reife bringt, und
daher war er vor allem darauf bedacht, diesen Trieb zu erwecken.
Alexander Petrowitsch sprach nie vom Betragen der Kinder. Statt dessen
pflegte er zu sagen: Ich verlange Verstand und nichts anderes von
meinen Schlern. Wer darnach strebt, seinen Verstand auszubilden, der
denkt nicht an dumme Streiche; diese verschwinden dann ganz von selbst.
Man warf ihm vor, er liee den Begabten gar zu viel Freiheit und erlaube
ihnen, sich ber die weniger Begabten lustig zu machen und sie sogar zu
krnken. Hierauf pflegte er zu entgegnen: Was soll ich machen? Ich habe
nun einmal eine Vorliebe fr die Klugen und ich will, da alle es sehen
sollen. Er hielt es auch fr notwendig, vor allem ....

2. In der Gesamtausgabe der Werke Gogols, die 1867 unter der Redaktion
von Th. W. Tschishow erschienen ist, hat diese Stelle folgenden
Wortlaut: Dieser wunderbare Lehrer machte einen tiefen Eindruck auf den
Knaben. Andrei Iwanowitschs feuriges und von Ehrgeiz erflltes Herz
pochte noch lange bei dem Gedanken, da er zu den Auserwhlten gehren
werde, die den zweiten Lehrgang durchmachen durften. Und in der Tat mit
sechzehn Jahren hatte Tentennikow seine Genossen so weit berholt, da
er als einer der Tchtigsten in die oberste Klasse versetzt wurde. Er
selbst wollte kaum an dies groe Glck glauben.


                    3. Variante der andern Fassung.

Als er klein war, war er ein gescheiter und begabter Knabe gewesen, bald
lebhaft und ausgelassen, bald trumerisch und nachdenklich. War es ein
glcklicher oder unglcklicher Zufall -- genug er kam in eine Schule,
deren Direktor trotz einiger Schwchen und Eigenheiten, ein in seiner
Art ungewhnlicher Mensch war. Alexander Petrowitsch besa die Gabe, das
Wesen und die Eigenart russischer Charaktere richtig herauszufhlen und
zu erkennen; und er wute, welche Sprache man mit ihnen sprechen mu.
Nie lie ein Kind die Nase hngen, wenn es von ihm fortging; im
Gegenteil, selbst wenn es einen strengen Verweis erhalten hatte, fhlte
es sich gestrkt und ermutigt und von dem glhenden Wunsche beseelt,
seinen Fehler oder sein Vergehen wieder gut zu machen. Die Schar der
Zglinge dieses Mannes war uerlich so lebhaft, unartig und mutwillig,
soda man sie fr ein ungezgeltes Korps von Freischrlern htte halten
knnen; aber das wre eine Tuschung gewesen; die Macht _eines_ Menschen
hielt dieses ganze Korps zusammen. Es gab keinen Schelm oder Wildfang,
der nicht selbst zum Direktor gekommen wre, um ihm all seine Streiche
und Untaten zu beichten. Die feinsten Regungen ihrer Seele waren ihm
bekannt und vertraut. Sein Tun und Lassen war in jeder Hinsicht
ungewhnlich. Er erklrte, man msse im Menschen vor allem das Ehrgefhl
wecken -- er nannte den Ehrgeiz die Kraft, die den Menschen
vorwrtstreibt --, ohne diesen Trieb zu entbinden, sei es unmglich,
einen Menschen zur Ttigkeit zu spornen. Manche Unarten und Streiche
lie er den Kindern hingehen, und machte gar nicht den Versuch, sie zu
unterdrcken: in diesem berdenstrangschlagen der Kinder sah er den
Beginn der Entwickelung ihrer seelischen Regungen. Er bedurfte dessen,
um zu erforschen, was im Kinde verborgen lag. So beobachtet ein kluger
Arzt ruhig die vorbergehenden Anflle des Kranken oder einen Ausschlag,
der sich pltzlich auf der Haut zeigt, und er bekmpft sie nicht,
sondern untersucht und betrachtet sie aufmerksam, um um so sicherer zu
erkennen, was in des Menschen Innern vorgeht.

Die Zahl seiner Lehrer war nicht sehr gro: in den meisten Fchern
unterrichtete er selbst, und man mu gestehen, er verstand es, ohne
Pedanterie und weitlufige Terminologie, ohne jene groartigen
Anschauungen und Perspektiven, mit denen junge Professoren viel Staat zu
machen pflegen, das eigentliche Wesen, die Seele einer Wissenschaft in
wenigen Worten wiederzugeben, so da auch die ungereiften Geister es
sofort begriffen, warum sie dieses Wissen ntig hatten. Er behauptete,
das was der Mensch am meisten brauche, sei die Wissenschaft des Lebens;
wenn er sich erst diese angeeignet habe, dann werde er schon selbst
begreifen und einsehen, womit er sich in erster Linie beschftigen
msse.

Diese Wissenschaft hatte er zum Gegenstand eines besonderen Lehrfaches
erhoben, an dem nur die Bevorzugtesten teilnehmen durften. Die
Unbegabten entlie er schon nach Beendigung der ersten Klasse, worauf
sie gleich in den Staatsdienst eintraten. Er war nmlich der Ansicht,
da man sie nicht zuviel qulen und plagen drfe; es sei schon genug,
wenn man geduldige und fleiige Arbeiter aus ihnen mache, die einen
gegebenen Auftrag genau und pnktlich zur Ausfhrung bringen, und sich
ohne Hochmut, berhebung und einen allzu weiten Horizont in ihrer Sphre
bewegen knnten. Mit den Klugen und Begabten dagegen mu ich mir viel
Mhe geben, pflegte er oft zu sagen. Und hier, beim Unterricht dieses
Gegenstandes wurde Alexander Petrowitsch ein vllig anderer Mensch; er
erklrte schon in den allerersten Stunden, bisher habe er von seinen
Schlern nichts wie gesunden Menschenverstand gefordert, nun aber werde
er von ihnen einen hheren Verstand verlangen -- nicht jene Art von
Verstand, die dazu gehrt, um einen Dummkopf zu hnseln oder lcherlich
zu machen, sondern jene, die es ber sich zu gewinnen vermag, jegliche
Beleidigung zu ertragen, dem Toren zu vergeben und sich stets zu
beherrschen. Hier erst verlangte er das von seinen Schlern, was andre
schon von Kindern fordern. Das war es, was er eine hhere Art von
Verstand nannte: In jeder Lebenslage in Schmerz, Bitternis und
Enttuschung jene hohe Ruhe zu bewahren, -- die das dauernde Besitztum
jedes Menschen sein sollte -- das war es, was er Verstand nannte. Aber
Alexander Petrowitsch zeigte bei dieser Gelegenheit auch, da er die
Wissenschaft vom Leben wirklich kannte. Von allen Wissenschaften whlte
er nur die aus, welche geeignet waren, aus dem Menschen einen tchtigen
Brger seines Landes zu machen. Der grte Teil der Vorlesungen bestand
darin, da der Lehrer den Schlern erzhlte, was den Menschen in allen
Berufsarten und auf allen Stufen des Staatsdienstes und privater
Bettigung erwarte. Alle Bitternisse und Enttuschungen, alle
Hindernisse, die sich vor dem Menschen auf seinem Lebenswege erheben,
alle Verfhrungen und Versuchungen, die ihm bevorstehen, fhrte er ihnen
nackt und ungeschminkt vor Augen, und er verheimlichte nichts von ihnen.
Nichts war ihm fremd, wie wenn er selbst alle Berufe und mter kennen
gelernt htte. Mit einem Wort, die Zukunft, wie er sie den Schlern
ausmalte, war keineswegs rosig. Und seltsam! sei es nun, da der Ehrgeiz
in ihnen so stark angeregt war, sei es, da im Auge dieses merkwrdigen
Pdagogen etwas aufblitzte und leuchtete, das dem Jngling ein
bestndiges Vorwrts zuzurufen schien -- dieses herrliche Wort,
welches im russischen Volke solche Wunder wirkt, -- genug, die jungen
Leute fingen sogleich selbst an, die Schwierigkeiten und Fhrnisse
aufzusuchen, und drsteten darnach, sich berall da ttig und wirksam zu
zeigen, wo es ein Hindernis zu berwinden, wo es galt, einen hohen Mut
und Seelenstrke an den Tag zu legen. Es kam etwas Nchternes und
Vernnftiges in ihr Leben hinein. Alexander Petrowitsch stellte
allerhand Versuche und Prfungen mit ihnen an, und sorgte dafr, da
ihnen bald durch sie selbst, bald seitens ihrer eigenen Kameraden
schwere Krnkungen widerfuhren; als sie es aber merkten, wurden sie noch
vorsichtiger. Der Erfolg dieses Lehrganges war nicht sehr bedeutend. Die
wenigen Jnglinge jedoch, die ihn vollstndig absolvierten, waren
abgehrtete Mnner geworden, die gewissermaen im Pulverdampf gestanden
hatten. Im Dienste wuten sie sich auf dem exponiertesten Posten zu
halten, whrend viele, die weit klger waren, als sie, es nicht lange
aushielten, wegen kleiner persnlicher Unannehmlichkeiten den Dienst
quittierten oder, ahnungslos wie sie waren, in die Hnde von Gaunern und
Erpressern gerieten. Dagegen verharrten die Zglinge des Alexander
Petrowitsch nicht nur fest auf ihren Posten, sondern verstanden es auch,
gereift durch Menschen- und Seelenkenntnis, einen hohen sittlichen
Einflu noch auf die schlechten und unehrlichen Menschen auszuben.

4. In dem von Tschishow herausgegebenen Text der Toten Seelen findet
sich folgende Variante dieser Stelle:

An die Stelle Alexander Petrowitschs trat ein gewisser Fjodor
Iwanowitsch, ein gutmtiger und eifriger Mann, der jedoch eine ganz
andre Ansicht vertrat als jener. In dem freien Sichgehenlassen der
Kinder der oberen Klasse witterte er etwas wie Unerzogenheit und
Zgellosigkeit. Daher ging er sogleich daran, allerlei uere
Vorschriften und Regeln aufzustellen, er verlangte, da die jungen Leute
whrend der Stunde die uerste Stille bewahren und niemals anders als
paarweise spazieren gehen sollten; ja er wollte sogar die Distanz
zwischen zwei Paaren mit dem Metermae abmessen. Die Schler muten, des
schneren Anblicks wegen, nach der Gre und nicht nach ihren
Fhigkeiten auf den Schulbnken Platz nehmen, so da die Dummen die
fettesten Bissen erhielten und -- die Klugen sich mit den Knochen
begngen muten. Dies erregte Unzufriedenheit, und alles murrte laut,
als der neue Direktor wie mit Absicht im Gegensatz zu seinem Vorgnger
erklrte, da er keinen Wert auf die Begabung und die Fortschritte der
Schler in den Wissenschaften lege, vor allem auf ein gutes Betragen
sehe, und da er einen Knaben, der schlecht lerne, aber ein gutes
Betragen habe, noch immer einem gescheiten Schlingel vorziehe. Aber
gerade das, wonach er so eifrig strebte, sollte Fjodor Iwanowitsch nicht
erreichen.


                    5. Variante der andern Fassung.

Unterdessen aber wartete seiner ein andres Schauspiel. Das ganze Gut
hatte von der Ankunft erfahren und sich vor der Freitreppe des
herrschaftlichen Hauses versammelt. Bauernkittel, Brte von jeder nur
mglichen Form: spatenfrmige, schaufelfrmige, keilfrmige, rote,
blonde, silberweie ... bedeckten den Platz. Die Bauern schrieen aus
voller Kehle: Bist du endlich da Vterchen? Wir haben so lange auf dich
gewartet! Unter den etwas ferner stehenden kam es zu einer Prgelei,
weil jeder sich in die vorderen Reihen durchdrngen wollte. Ein altes,
welkes Mtterchen, das wie eine getrocknete Birne aussah, wand sich
zwischen den Beinen der andern durch, ging auf ihn zu, schlug die Hnde
zusammen und quiekte: Du mein liebes Rotznschen! Nein, wie mager du
bist. Die verfluchten Deutschen haben dich, scheint's, halbtot geqult!
-- Fort mit dir, Alte! riefen ihr all die Schaufel-, Spaten- und
Spitzbrtigen zu: drngt sich da vor, das krumme Gestell! Einer von
ihnen lie hier noch ein Wrtchen folgen, bei dem nur ein russischer
Bauer sich das Lachen verbeien kann. Der Herr aber hielt es nicht aus
und lachte laut auf, und doch war er gerhrt bis in die tiefste Seele.
So viel Liebe! Und wofr nur? dachte er. Dafr, da ich sie nie
gesehen, mich nie um sie gekmmert habe! Von heut ab aber geb ich euch
das Versprechen, eure Mhen und Arbeiten mit euch zu teilen! Ich will
all meine Krfte anspannen und euch helfen, das zu werden, was ihr sein
solltet, wozu euch eure eigenste gute und prchtige Natur bestimmt hat,
-- eure Liebe zu mir soll nicht vergeblich gewesen sein, ich will euer
wahrhafter Vater werden!

Und Tentennikow ging ganz ernstlich an die Verwaltung und
Bewirtschaftung des Gutes. Er sah sofort, da sein Verwalter wirklich
ein altes Weib und ein Narr war mit allen schlechten Eigenschaften eines
Verwalters; d. h. er fhrte zwar sorgfltig Rechnung ber Hhner und
Eier, ber Hanf und Leinwand, welche von den Bauernfrauen geliefert
wurden, aber er hatte keine Ahnung von der Getreideernte und Aussaat,
und zu alledem war er sehr argwhnisch und frchtete sich vor jedem
Bauern, weil er glaubte, er stelle ihm nach dem Leben. Tentennikow jagte
den dummen Verwalter davon und nahm sich einen andern, einen
energischen, forschen Mann; er ging ber die nebenschlichen Dinge
hinweg und richtete sein Augenmerk auf das Wesentliche, er setzte den
Erbzins herab, verringerte die Fronarbeit, lie den Bauern mehr Zeit,
fr sich selbst zu arbeiten, und glaubte, nun wrde alles ganz
vortrefflich weitergehen. Er interessierte sich fr alles, erschien
selbst auf den Feldern, auf der Tenne, auf der Korndarre, in den Mhlen,
am Landungsplatz und war beim Laden und bei der Abfertigung der Barken
und Khne zugegen.

Ja, ja, der ist schnellfig! sagten die Bauern und kratzten sich
hinter den Ohren, denn sie waren bei dem langen Weiberregiment des
frheren Verwalters allesamt in Trgheit und Miggang verfallen. Aber
das dauerte nicht lange.


                    6. Variante der andern Fassung.

Bisweilen sieht wohl ein Mensch etwas hnliches im Traume und dann
trumt er sein ganzes Leben lang davon, (die Wirklichkeit versinkt ihm
fr alle Zeiten) und er ist zu nichts mehr zu brauchen. Ihr Name war
Ulinka. Sie hatte eine merkwrdige Erziehung genossen. Sie war von einer
englischen Gouvernante erzogen worden, die kein Wort Russisch verstand.
Ihre Mutter war schon frh gestorben, und ihr Vater hatte keine Zeit,
sich viel um sie zu kmmern. brigens konnte es bei seiner unsinnigen
Liebe zu seiner Tochter nicht anders kommen, als da er sie verwhnte.
Es ist auerordentlich schwer ein Bild von ihr zu geben. Sie hatte etwas
Lebendiges wie das Leben selbst. Sie war eigentlich mehr lieblich als
schn und gtig als klug; sie war schlanker und therischer als ein
klassisches Frauenbildnis. Man htte unmglich sagen knnen, welches
Land ihr seinen Stempel aufgedrckt habe, denn man htte nicht so leicht
ein hnliches Profil und hnliche Gesichtszge finden knnen, es sei
denn auf antiken Kameen. Da sie in voller Freiheit aufgewachsen war, war
alles an ihr eigenartig und urwchsig. Wenn jemand gesehen htte, wie
ein pltzlicher Zorn strenge Falten in ihre herrliche Stirne grub, und
wie sie sich leidenschaftlich mit ihrem Vater stritt, er htte glauben
knnen, dies sei das launischste Geschpf von der Welt. Aber sie wurde
nur dann zornig, wenn sie davon hrte, da ein anderer ungerecht oder
grausam behandelt worden war. Wie schnell jedoch wre dieser Zorn
verschwunden, wenn sie denselben Menschen, dem sie zrnte, im Unglck
gesehen htte. Wie htte sie ihm da ihren Geldbeutel zugeworfen, ohne
darber nachzudenken, ob dies klug oder dumm sei, wie htte sie ihr
Kleid in Stcke gerissen, um ihn zu verbinden, wenn er verwundet gewesen
wre.


                    7. Variante der andern Fassung.

O nein, Exzellenz, fiel hier Tschitschikow ein, indem er sich an
Ulinka wandte. Als Christen mssen wir gerade solche Menschen lieben.
Und er fuhr gleich darauf mit einem verschmitzten Lcheln zum General
gewendet fort: Kennen Sie vielleicht die Geschichte, Exzellenz: Lieb'
uns so schwarz, wie wir sind, wenn wir wei und sauber sind, wird uns
jeder lieb haben.

Nein, ich kenne sie nicht.

Oh, das ist eine sehr verzwickte Geschichte, sprach Tschitschikow noch
immer verschmitzt lchelnd. Auf dem Gute des Frsten Guksowski, den
Eure Exzellenz sicherlich kennen ...

Nein, ich habe nicht das Vergngen.

Lebte einmal ein Verwalter, ein junger Deutscher, Exzellenz. Eines
Tages mute er wegen der Rekrutenaushebung usw. nach der Stadt fahren.
Natrlich muten die Richter tchtig geschmiert werden. brigens
gewannen sie ihn gleichfalls lieb und nahmen ihn sehr freundlich auf.
Einmal war er bei ihnen zum Mittag eingeladen, und da sagte er denn
unter anderem: >Nun, meine Herren? Wollen Sie _mir_ nicht auch einmal
die Ehre geben und mich auf dem Gute des Frsten besuchen?< >Gern<,
sagen sie. >Wir kommen<. Kurze Zeit darauf hatte das Gericht auf einem
der Gter des Grafen Trechmetjew eine Untersuchung vorzunehmen. Eure
Exzellenz kennen doch wohl den Grafen ...?

Nein, ich habe nicht die Ehre.

Die Untersuchung selbst fand nun freilich nicht statt, dafr aber
kehrten sie im Wirtschaftsgebude, beim alten grflichen konomen ein,
und da wurden dann drei Tage und drei Nchte lang ununterbrochen Karten
gespielt. Die Teemaschine und der Punsch wurden natrlich berhaupt
nicht abgetragen. Bald war es dem Alten indessen zu viel, und, um sie
los zu werden, sagte er zu ihnen: >Warum sucht ihr denn nicht diesen
Deutschen, den Verwalter des Frsten, auf? Er wohnt ja gar nicht weit
von hier.< -- >Ei, das ist eine Idee,< schreien sie, setzen sich
halbbetrunken, unrasiert und verschlafen wie sie sind in ihre Wagen, und
fort geht es zu dem Deutschen. -- Dieser aber hatte sich gerade
verheiratet, Exzellenz: mit einem jungen subtilen Frulein aus einem
Pensionat (Tschitschikow versuchte die Subtilitt mimisch auszudrcken).
Sie saen gerade zusammen beim Tee und dachten an nichts Schlimmes -- da
ffnet sich pltzlich die Tr -- und die ganze Gesellschaft strmt
herein.

Ich kann mir die Situation denken -- die sind mir aber auch gut!
bemerkte der General.

Der Verwalter war ganz erschrocken und sagt: >Was wnschen Sie?<

>He!< rufen sie. >Bist du so einer?< Und bei diesen Worten vernderten
sich pltzlich ihre Gesichter und ihre Mienen. >Wir kommen in einer
offiziellen Angelegenheit. Wieviel Schnaps brennt ihr hier auf dem Gute!
Her mit den Kassenbchern!< Der versucht Einwnde zu machen. >Hollah. Wo
sind die Zeugen!< Sie lassen ihn packen, schleppen ihn gebunden in die
Stadt, und der brave Deutsche mu anderthalb Jahr in der
Untersuchungshaft schmachten.

Schne Geschichte! sagte der General.

Ulinka schlug vor Schreck die Hnde zusammen.

Seine Frau suchte sich berall fr ihn zu verwenden, fuhr
Tschitschikow fort. Aber was kann eine junge, unerfahrene Frau
ausrichten? Noch gut, da sich ein paar brave Leute fanden, die ihr den
Rat gaben, die Sache auf dem Wege des Vergleichs aus der Welt zu
schaffen. So kam er denn schlielich mit zweitausend Rubeln und einem
Mittagessen davon. Whrend dieses Mittagessens nun, als alle bereits ein
wenig angeheitert waren, und er gleichfalls, sagen sie pltzlich zu ihm:
>Schmtest du dich denn gar nicht, uns so zu behandeln? Du wolltest uns
durchaus geschniegelt und gebgelt, rasiert und im Frack vor dir sehen:
Nein Verehrtester, lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir wei und
sauber sind, wird uns jeder lieb haben.<

Der General lachte laut auf. Ulinka seufzte schmerzlich.

Ich verstehe nicht, wie Sie lachen knnen, Papa! sagte sie schnell,
und edler Zorn verdunkelte ihre herrliche Stirn ... So eine gemeine
Handlung, fr die man sie, ich wei nicht wohin, schicken sollte ...

Liebes Kind, ich verteidige sie ja gar nicht, sagte der General, aber
was soll ich machen, wenn ich es so lcherlich finde. Wie sagten Sie
gleich: Liebe uns so wei wie ...

So schwarz ... Exzellenz, verbesserte ihn Tschitschikow.

Lieb uns so schwarz wie wir sind, wenn wir wei sind, wird uns jeder
lieb haben. Ha, ha, ha, ha ... Und der ganze Krper des Generals
schttelte sich vor Lachen. Die Schultern, welche einstmals
Achselklappen getragen hatten, bebten, als ob sie auch noch heute mit
Achselklappen geschmckt wren.

Tschitschikow lachte gleichfalls kurz auf, stimmte sein Gelchter jedoch
aus Achtung vor dem General mehr auf den Laut e ab: he, he, he, he.
Und sein Krper begann sich gleichfalls vor Lachen zu schtteln, nur
seine Schultern bebten nicht, denn sie trugen keine dicken
Achselklappen.

Dieser unrasierte Gerichtshof mag schn ausgesehen haben! rief der
General aus und fuhr fort zu lachen.

Ja, Exzellenz, ein drei Tage langes Wachen ohne Schlaf -- -- das ist so
gut wie gefastet: sie sahen sehr mitgenommen aus, sehr mitgenommen!
sagte Tschitschikow und fuhr fort, zu lachen.


                    8. Variante der andern Fassung.

Ich errichte auch keine besonderen Gebude zu diesem Zwecke. Ich
besitze keine groartigen Prachtbauten mit Sulen und Giebeln, ich
verschreibe mir keine Meister und Handwerker aus dem Auslande, vor allem
aber wrde ich nie einen Bauern seiner natrlichen Ttigkeit: der
Landwirtschaft entziehen; in meinen Fabriken wird nur whrend einer
Hungersnot gearbeitet, und auch dann beschftige ich nur zugewanderte
Arbeiter, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe eine
ganze Menge solcher Fabriken, Verehrtester. Jedermann sollte sich erst
einmal genauer auf seinem Gute umsehen, dann wrde er bemerken, da sich
jeder Lappen noch zu was verwenden lt, und da man aus jedem Plunder
noch einen Gewinn herausschlagen kann, so da man ihn schlielich sogar
wegwirft und sagt: Fort damit! Ich brauche dich nicht!

Das ist wirklich erstaunlich! sagte Tschitschikow ganz ergriffen. Im
hchsten Grade erstaunlich! Das wunderbarste aber ist, da jeglicher
Plunder noch Gewinn bringen kann!

Hm! Das ist es nicht allein! Skudronshoglo schlo seine Rede nicht:
die Galle hatte sich in ihm angesammelt, und er mute seinen Zorn an
seinen Gutsnachbarn auslassen. Da ist noch so ein gescheiter Kopf! --
Was denken Sie wohl, was der fr ein Gebude errichtet hat. Ein Asyl fr
Arme; einen steinernen Palast -- auf dem Lande! Ein christliches Werk!
Wenn der Mensch sich durchaus ntzlich machen und hilfsbereit erweisen
will, dann mag er doch dem Bauern helfen, seine Schuldigkeit zu tun und
ihn nicht daran hindern, seine Pflicht als Christenmensch zu erfllen.
Hilf dem Sohne, seinen kranken Vater pflegen, und la es nicht zu, da
er sich ihn vom Leibe schafft. Verhilf ihm dazu, da er seinen Bruder
und seinen Nchsten bei sich im Hause aufnehmen kann, gib ihm die Mittel
dazu, untersttze ihn aus allen Krften, und ziehe dich nicht von ihm
zurck, sonst wird er seine christlichen Pflichten vollkommen vergessen.
Wohin man blickt, lauter Don Quixotes! _Zweihundert Rubel_ jhrlich
kommt _ein_ Mensch dem Armenhause zu stehen! Mit diesem Gelde will ich
auf meinem Gute ganze _zehn_ Menschen ernhren! Skudronshoglo war sehr
zornig und spie vor Wut aus.

Tschitschikow interessierte sich nicht fr das Armenhaus: er wollte
durchaus die Rede darauf bringen, da jeder Plunder Gewinn bringen kann.
Aber Skudronshoglo war sehr zornig, die Galle regte sich lebhaft in ihm,
und seine Rede strmte unaufhaltsam fort.

Und dann gibt es da noch einen andern Don Quixote: einen Don Quixote
der Aufklrung! Der baut berall Schulen! In der Tat, gibt es etwas
Ntzlicheres fr den Menschen als die Kenntnis der Sprache und Schrift?
Was aber macht _er_? Jetzt kommen die Bauern aus den Drfern und klagen
mir: >Was sind denn das fr Zustnde, Vterchen! Unsere Shne sind ganz
aufsssig geworden, sie wollen uns gar nicht mehr bei der Arbeit helfen,
wollen alle Schreiber werden -- man braucht aber doch gar nicht so viele
Schreiber -- einer ist schon genug!< So weit ist es also schon
gekommen!

Tschitschikow interessierte sich auch nicht fr die Schulen, jedoch
Platonow griff diese Frage auf und bemerkte: Dabei kann man aber doch
nicht stehen bleiben, da wir _jetzt_ keine Schreiber brauchen. Wir
mssen auch an unsere Nachkommen denken.

Ach la doch, Bruder! La doch das Klgeln! Was wollt Ihr nur mit Euren
Nachkommen! Alle Menschen glauben, sie seien Genies, wie Peter der
Groe. Achtet doch lieber darauf, was vor Eurer Nase vorgeht, und denkt
nicht immer an Eure Nachkommen; sorgt lieber dafr, da Eure Bauern
wohlhabend und reich werden, und da sie Zeit behalten, auch etwas zu
lernen, wenn sie Lust dazu haben; stellt Euch nicht mit dem Stocke in
der Hand vor sie hin und schreit sie nicht an: >Du mut in die Schule
gehen, ob du willst oder nicht!< Wei der Teufel, womit die Leute
heutzutage anfangen! Nein, bitte, hren Sie mal, ich fordere Sie auf,
selbst zu urteilen. Hier rckte Skudronshoglo nher an Tschitschikow
heran und nahm ihn sozusagen grndlich ins Gebet, um ihn recht tief in
die Sache einzuweihen, d. h. er packte ihn beim Knopfloch seines
Frackes: Sagen Sie, was kann klarer sein? Die Bauern sind doch dazu da,
damit Sie sie in ihrem Beruf und Stand untersttzen und frdern. Worin
aber besteht dieser? Was ist denn die Beschftigung der Bauern? Doch
wohl der Ackerbau, die Landwirtschaft? Nun, so sorgen Sie auch dafr,
da er ein tchtiger Landwirt wird. Das ist doch klar. Nicht? Nein, da
finden sich gescheite Kpfe, die erklren: >Aus diesem Zustande mu er
herausgefhrt werden. Sein Leben ist zu primitiv und einfach: er soll
auch etwas von dem Luxus kosten.< Da ihr selbst infolge dieses Luxus
lauter Waschlappen und keine Menschen mehr seid und, wei der Teufel, an
was fr neuen Krankheiten leidet, und da es bald keinen
achtzehnjhrigen Bengel mehr geben wird, der nicht schon von allem
gekostet hat -- der keine Zhne im Munde und keine Haare mehr auf dem
Kopfe hat, -- daran denkt ihr nicht und wollt auch noch andre Leute
anstecken! Gott sei Dank, da wir wenigstens noch einen gesunden Stand
besitzen, der noch nichts von all diesen Finessen wei! Dafr mten wir
Gott ewig dankbar sein. Jawohl, einen Landwirt achte ich weit hher als
einen andern Menschen. Gott gbe, da alle Menschen Ackerbau trieben!

Sie sind also der Ansicht, es sei am vorteilhaftesten, Landwirt zu
werden? fragte Tschitschikow.

Ich meine, es ist vernnftiger und ehrenhafter und nicht vorteilhafter.
Im Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot erwerben -- das ward
uns allen gesagt, und nicht umsonst. Es ist durch eine jahrhundertlange
Erfahrung bewiesen, da die Landwirtschaft die Sitten verbessert und
veredelt. Wo der Ackerbau die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens
bildet, da herrscht Wohlstand und berflu! Da gibt es keine Armut und
keinen Luxus, sondern Gesundheit und Zufriedenheit. Es ist dem Menschen
gesagt: Erwirb dir dein Brot, arbeite .. da gibt es nichts zu klgeln!
Ich sage zum Bauern: >Es ist ganz gleich, fr wen du dich mhst: fr
mich, fr dich, fr deinen Nachbarn ... die Hauptsache ist, da du
arbeitest. Bei der Arbeit bin ich dein erster Gehilfe. Hast du kein
Vieh, nun wohl -- da ist ein Pferd, eine Kuh, ein Wagen. Ich bin bereit,
dir alles zu geben, nur sei fleiig und arbeite! Fr mich wre es der
Tod, wenn dein Haushalt in Unordnung geriete und wenn ich Armut und
Miwirtschaft um mich sehe. Ich dulde keinen Miggang: ich bin bei dir,
damit du arbeitest.< Hm. Man glaubt, man knne seine Einknfte durch
Fabriken und industrielle Unternehmungen vermehren! Denken Sie doch
lieber erst daran, da jeder Ihrer Bauern wohlhabend werde, dann werden
Sie ganz von selbst reich werden, auch ohne Fabriken und all diese
dummen Erfindungen. ...


                    9. Variante der andern Fassung.

So ein Esel! dachte Tschitschikow. Solch eine Tante wrde ich hegen
und pflegen, wie eine Amme ihr Kind.

Wissen Sie, so eine Unterhaltung ist doch recht trocken! sagte
Chlobujew. He, Kirjuschka! Bring schnell noch eine Flasche Champagner.

Nein, nein, ich kann nicht mehr trinken, fiel hier Platonow ein.

Ich auch nicht, sagte Tschitschikow, und beide weigerten sich
kategorisch, weiter zu trinken.

Nun, so versprechen Sie mir wenigstens, da Sie mich in der Stadt
besuchen werden. Am 8. Juni gebe ich ein kleines Diner fr die
Honoratioren der Stadt.

Wie! rief Platonow aus. Jetzt, wo Sie so gut wie ruiniert sind, geben
Sie Diners?

Was soll ich machen? Ich kann nicht anders, das ist halt meine
Pflicht, versetzte Chlobujew. Sie haben mich doch auch eingeladen.

10. Vor diesem Worte sind in der vorliegenden Fassung zwei Seiten
herausgeschnitten. Wir fhren hier die entsprechende Stelle aus der
andern Fassung an:

Die Sache ist eigentlich ein groer Unsinn. Er hat nicht genug Land,
und da hat er sich eben ein fremdes Stck Brachland angeeignet, d. h. er
rechnete darauf, da niemand es braucht, und da die Besitzer nicht
drauf achten werden ... bei uns aber versammeln sich schon seit vielen
Jahren die Bauern gerade an dieser Stelle, um dort Johannisnacht zu
feiern. Daher bin ich noch eher bereit, ihm ein anderes und sogar
besseres Stck Land abzutreten, als dieses. Jede alte Sitte ist mir
heilig.

Sie wrden ihm also unter Umstnden ein anderes Stck Land abgeben?

Ja, d. h. wenn er nicht so mit mir verfahren wre, aber ich glaube, er
will die Gerichte anrufen. Meinetwegen, wir wollen doch sehen, wer den
Proze gewinnt. Nach dem Plan ist es freilich nicht vollkommen klar,
aber ich habe genug Zeugen, lauter alte Leute, die noch am Leben sind,
und sich sehr gut erinnern, wem das Land gehrt hat.

Hm! dachte Tschitschikow. Wie ich sehe, seid ihr alle beide
raffinierte Kerls. Und er fgte laut hinzu: Mir scheint, diese Sache
lt sich friedlich beilegen. Alles hngt davon ab, ob sich jemand
findet, der zwischen Ihnen vermitteln kann .. Schriftl....

Damit schliet die 96. Seite der Handschrift; die folgenden zwei Seiten
sind verloren gegangen. In der ersten Ausgabe des zweiten Bandes der
Toten Seelen hat S. P. Schewyrew folgende Bemerkung zu dieser Stelle
gemacht: Hier fehlt eine grere Partie, in der wahrscheinlich erzhlt
wird, wie Tschitschikow zum Gutsbesitzer Lenitzyn fhrt. Der Her.

... da es auch fr Sie selbst sehr vorteilhaft wre z. B. alle toten
Seelen auf meinen Namen zu bertragen, d. h. ich meine alle die toten
Bauern auf Ihrem Gute, die noch in den Revisionslisten stehen. Dann
knnte ich auch die Steuern fr sie bezahlen. Um aber kein rgernis zu
geben, knnten wir _pro forma_ einen Kaufkontrakt aufsetzen, ganz so,
als ob sie noch am Leben wren.

Da haben wir's! dachte Lenitzyn: das ist aber eine hchst merkwrdige
Geschichte. Er schob sogar seinen Stuhl ein wenig zurck, denn er
befand sich in der hchsten Verlegenheit.

Ich zweifele nicht im mindesten daran, da Sie hierber mit mir
einverstanden sein werden, fuhr Tschitschikow fort, denn das ist eine
ganz hnliche Sache, wie die, welche wir soeben besprochen haben. Sie
bleibt natrlich ganz unter uns -- wir sind doch gesetzte und
vernnftige Leute, und es kann daher gar kein rgernis geben.

Was war zu machen? Lenitzyn befand sich in einer uerst peinlichen
Situation. Er hatte durchaus nicht voraussehen knnen, da die von ihm
noch vor wenigen Minuten geuerte Ansicht so schnell in die Tat
umgesetzt werden knnte. Dieser Vorschlag kam ihm vollkommen unerwartet.
Selbstverstndlich konnte fr niemand etwas Schdliches daraus
entstehen: jeder Gutsbesitzer htte, wenn es darauf angekommen wre,
ebensogut Hypotheken auf diese Seelen aufgenommen, wie auf die
lebendigen, dem Staat konnten also keinerlei Verluste daraus entstehen;
der ganze Unterschied bestand blo darin, da sie jetzt in _einer_ Hand
vereinigt sein wrden, whrend sie sich im andern Falle in vielen
befunden htten. Trotzdem aber hatte er seine Bedenken. Er war ein
Mensch, der sich streng an die Gesetze hielt und ein Geschftsmann im
guten Sinne war. Er htte sich nie bestechen lassen und fr Geld eine
schlechte Sache vertreten. Diesmal aber war er unschlssig, denn er
wute nicht recht, wie er von diesem Fall denken, wie er ihn bezeichnen
sollte: handelte es sich hier um ein sauberes oder um ein unsauberes
Geschft? Htte sich ein andrer mit einem solchen Vorschlag an ihn
gewandt, dann htte er sagen knnen: Ach Unsinn, das sind Torheiten!
Ich will doch nicht mehr Puppen spielen und alberne Streiche machen!
Aber der Gast gefiel ihm so sehr, es bestanden zwischen ihnen so viele
Berhrungspunkte in bezug auf ihre Anschauungen ber die Fortschritte
der Aufklrung und der Wissenschaften, wie konnte er ihm da etwas
abschlagen? Lenitzyn befand sich in einer beraus verzwickten Lage.

In diesem Augenblick trat die Hausfrau, die junge Gattin Lenitzyns ins
Zimmer, wie um ihn aus dieser verzweifelten Situation zu erlsen. Sie
war bleich und mager wie alle Petersburger Damen und ebenso
geschmackvoll gekleidet wie diese. Ihr folgte die Amme auf dem Fue, die
ein Kind auf den Armen trug, die jngste Frucht der jungen Ehe.
Tschitschikow ging natrlich sofort auf die Dame zu und begrte sie
aufs liebenswrdigste. Aber ganz abgesehen hiervon, schon die Geste mit
der er ihr entgegentrat und dabei den Kopf anmutig auf die Seite neigte,
gengte vollkommen, um sie ganz fr sich einzunehmen. Dann eilte er auf
das Kind zu, welches zwar im ersten Augenblick laut zu schreien begann,
sich aber sehr schnell wieder beruhigte, als Tschitschikow ein paar
freundliche Worte sagte, ihm A--u, A--u zurief, mit den Fingern
schnippte und ihm seine Uhrkette mit dem Carneolpetschaft zeigte.
Schlielich wurde es so zutraulich, da es sich von Tschitschikow ruhig
auf die Hnde nehmen und hoch in die Luft heben lie, ja, es begann
sogar frhlich zu lachen, was auch das Elternpaar hchlich erfreute.

Aber war es nun das Vergngen, welches das Kindchen versprte, oder
etwas andres, genug es passierte ihm pltzlich etwas sehr Unangenehmes.
Frau Lenitzyn schrie laut auf: Ach Gott, ach Gott, er wird Ihnen noch
den ganzen Frack verderben!

Tschitschikow warf einen Blick auf den rmel seines neuen Frackes und
war aufs hchste erschrocken. Der ganze rmel war hin: Wenn dich doch
der Teufel holte, verdammter Schelm! murmelte er rgerlich vor sich in.

Der Hausherr, die Hausfrau und die Amme eilten schleunigst davon, um
klnisches Wasser zu holen; hierauf liefen sie von allen Seiten auf ihn
zu und begannen seinen Frack zu waschen und zu scheuern.

Das macht nichts, das macht wirklich nichts, sagte Tschitschikow: Was
kann einem denn ein unschuldiges Kind antun? Zugleich aber dachte er
sich: Und wie geschickt er das gemacht hat, der kleine Teufel! Ein
goldenes Alter! bemerkte er, als er endlich ganz trocken war, und ein
freundliches Lcheln erhellte aufs neue seine Zge.

Tatschlich, versetzte der Hausherr, der sich gleichfalls mit einem
freundlichen Lcheln an Tschitschikow wandte, was gibt es Schneres als
das Kindesalter. Man hat keine Sorgen, man denkt nicht an die Zukunft
...

Ja, mit einem Kinde wrde ich sofort tauschen, entgegnete
Tschitschikow.

Sofort! sagte Lenitzyn.

Ich glaube indes, da beide schwindelten. Wenn man ihnen im Ernst einen
solchen Tausch angeboten htte, sie wren sofort zu Kreuze gekrochen. Es
ist doch auch wirklich kein Vergngen, bei der Amme auf dem Arme zu
sitzen und fremde Frcke zu ruinieren.

Die junge Frau, die Amme und das Kind hatten sich entfernt, denn auch
der Kleine bedurfte einer grndlichen Reinigung: er hatte nicht nur
Tschitschikow beglckt, sondern auch sich selbst nicht ganz vergessen.

brigens nahm dieser scheinbar so unwesentliche Vorfall den Hausherrn
noch mehr fr Tschitschikow ein. Und in der Tat, wie konnte er einem so
angenehmen und hflichen Gast etwas abschlagen, einem Gaste, der so
freundlich gegen seinen Kleinen gewesen war, und seine Gte noch dazu so
gromtig mit seinem Frack bezahlen mute. Lenitzyn dachte nmlich:
Warum sollte ich seine Bitte eigentlich nicht erfllen, wenn er es doch
so sehr wnscht ...


                    11. Variante der andern Fassung.

Um dieselbe Zeit lag Tschitschikow in seinem persischen mit Gold
bordierten Schlafrock auf dem Sofa und verhandelte mit einem
vorberreisenden Schmuggler jdischer Abstammung, der das Russische mit
einem deutschen Akzent sprach; vor ihnen lagen ein Stck feinste
hollndische Leinwand, die Tschitschikow gekauft hatte, um sich neue
Hemden machen zu lassen, und zwei Pappschachteln mit Seife von
allererster Qualitt (es war dieselbe Seife, die er sich ehemals whrend
seines Dienstes im Raziwillschen Zollamt zu halten pflegte, und die
tatschlich die Kraft besa, den Wangen eine geradezu unerhrte Reinheit
und Zartheit zu verleihen). Whrend nun Tschitschikow mit Kennerblick
all diese fr jeden gebildeten Menschen so beraus notwendigen
Gegenstnde einkaufte, hrte man drauen das Gerassel eines
heranrollenden Wagens. Die Fensterscheiben erklirrten, und gleich darauf
betrat Seine Exzellenz Alexei Iwanowitsch Lenitzyn das Zimmer.

Exzellenz, was sagen Sie zu dieser Leinwand und zu dieser Seife, und
wie gefllt Ihnen dies Ding hier, das ich mir gestern angeschafft habe?
Mit diesen Worten setzte Tschitschikow eine mit Gold und Glasperlen
verzierte Kappe auf und prsentierte sich seinem Gast mit einem Anstand
und einer Wrde, die der des persischen Schahs nicht viel nachgegeben
htte.

Aber Seine Exzellenz antwortete nichts und sagte nur:

Ich mu Sie dringend in einer Angelegenheit sprechen. Man sah es ihm
an, da er sehr erregt war. Der ehrenwerte Kaufmann mit dem deutschen
Akzent wurde sofort hinausbefrdert, und beide Freunde blieben allein.

Wissen Sie, was passiert ist? Eine schne Geschichte! Es hat sich noch
ein zweites Testament gefunden, das die alte Dame vor fnf Jahren
gemacht hat. Darin verschreibt sie die Hlfte ihrer Gter dem Kloster
und die andre Hlfte ihren beiden Adoptivtchtern. Das ist alles.

Tschitschikow war ganz erschrocken.

Aber dies Testament gilt doch nicht, es hat doch nichts zu bedeuten; es
hat durch das zweite seine Rechtskraft verloren!

Es steht aber im zweiten Testament nichts davon drin, da das erste
dadurch annulliert wird.

Das versteht sich ganz von selbst: das letzte stt alle vorhergehenden
um. Das bedeutet nichts! Das erste Testament hat keine Gltigkeit. Ich
kenne den Willen der Verstorbenen sehr gut. Ich war doch zugegen, als es
aufgesetzt wurde. Wer hat es unterschrieben, wer waren die Zeugen?

Es ist nach allen Regeln beim Gericht attestiert. Als Zeugen fungierten
die Assessoren a. D. Burmilow und Chawanow.

Das ist schlimm, sehr schlimm! dachte Tschitschikow. Dieser Chawanow
soll ein ehrlicher Mensch sein. Burmilow ist ein alter Tartffe, der
liest Sonntags in der Kirche aus der Bibel vor. -- Ach was, Unsinn,
Unsinn, fuhr er laut fort, denn er fhlte sich wieder mutig und
entschlossen. Das wei ich besser: ich war zugegen, als die Alte starb.
Ich mu das doch besser wissen als andre Leute. Ich bin bereit, die
Sache zu beschwren.

Diese Worte und diese Entschlossenheit beruhigten Lenitzyn ein wenig.

Er war sehr aufgeregt und fragte sich schon, ob Tschitschikow nicht am
Ende das Testament geflscht haben knnte (er htte es sich freilich
nicht einmal vorstellen knnen, da die Sache sich so verhalte, wie sie
sich in Wahrheit verhielt). Jetzt machte er sich Vorwrfe wegen seines
Argwohnes. Tschitschikows Bereitwilligkeit, alles zu beschwren, war ein
offenkundiger Beweis, da er .... Wir wissen freilich nicht, ob Pawel
Iwanowitsch wirklich den Mut gehabt htte, einen Eid darauf abzulegen,
jedenfalls aber hatte er den Mut, es zu behaupten.

Tschitschikow lie sofort den Wagen vorfahren und begab sich zu seinem
Rechtsanwalt. Dieser Rechtsanwalt war ein auerordentlich geschickter
und erfahrener Mann. Er befand sich schon seit fnfzehn Jahren im
Anklagezustand, aber er verstand es, seine Maregeln so gut zu treffen,
da es unmglich war, ihn seines Amtes zu entsetzen. Jedermann wute,
da er es fr seine Heldentaten hundertfach verdient hatte, in die
Strafkolonien verschickt zu werden. Er wurde der schlimmsten Dinge
verdchtigt, aber es wollte nie gelingen, zwingende Beweise gegen ihn
aufzubringen. Der Mann war tatschlich mit einem geheimnisvollen
Schimmer umgeben, man htte ihn sicher fr einen Zauberer erklrt, wenn
unsere Erzhlung in einem unaufgeklrten Zeitalter gespielt htte.

Der Rechtsanwalt setzte Tschitschikow durch seinen fettigen Schlafrock
in Erstaunen, der in einem krassen Gegensatz zu den schnen
Mahagonimbeln, der goldenen, mit einer Glasglocke bedeckten Stutzuhr,
dem Armleuchter, der durch die Tllhlle hindurchschimmerte und zu der
ganzen Umgebung stand, denn diese trug den deutlichen Stempel einer
weltmnnischen europischen Bildung.

Tschitschikow lie sich jedoch durch den skeptischen Blick des
Rechtsanwalts keineswegs aus der Fassung bringen, sondern klrte ihn
ber die schwierige Sachlage auf und lie die verlockende Aussicht auf
seinen Dank und seine Erkenntlichkeit fr den ihm erteilten Rat und
Beistand vor ihm erstehen.

Der Rechtsanwalt spielte dagegen auf die Unzuverlssigkeit aller
irdischen Dinge und Gter an und deutete Tschitschikow gegenber in
zarter Weise an, da eine Taube auf dem Dache wenig gilt, und ein
Sperling in der Hand ihm lieber sei.

Was war da zu machen? Man mute ihm schon den Sperling in die Hand
drcken. Die skeptische Khle unseres Philosophen verschwand sofort, und
es stellte sich heraus, da er der beste Mensch von der Welt und ein
uerst angenehmer Gesellschafter war, der selbst Tschitschikow, was die
Schnheit und weltmnnische Gewandtheit der Umgangsformen anbelangte,
wenig nachgab.

Machen wir doch lieber nicht so viel Umstnde -- Sie haben sich wohl
das Testament gar nicht ordentlich angesehn; es wird sicher noch irgend
eine Bemerkung oder eine Notiz darin stehen. Nehmen Sie es lieber fr
einige Zeit an sich. Eigentlich ist es ja verboten, solche Objekte mit
sich nach Hause zu nehmen, aber wenn man die Beamten ordentlich darum
angeht ... Ich fr meinen Teil werde meinen ganzen Einflu aufbieten.

Ich verstehe, dachte Tschitschikow und versetzte: In der Tat, ich
kann mich nicht mehr genau darauf besinnen, ob es nicht doch eine Notiz
enthielt -- es ist fast so, als ob ich das Testament gar nicht selbst
aufgesetzt htte.

Das Beste ist, Sie sehen selbst nach. brigens knnen Sie ganz ruhig
sein, fuhr er gutmtig fort. Machen Sie sich jedenfalls keine Sorgen,
selbst wenn es noch schlimmer kommt. Verzweifeln Sie niemals, es gibt
keine solche Sache, die sich nicht wieder gut machen liee. Sehen Sie
doch mich an. Ich bin immer ruhig. Was man auch gegen mich unternehmen
mag, ich lasse mich nicht in meiner Gemtsruhe stren. Und in der Tat,
das Gesicht unseres Philosophen lie nicht die geringste Bewegung
erkennen, so da Tschitschikow lange ...

Natrlich ist das das wichtigste, versetzte er. Aber Sie werden mir
doch zugestehen, da es Verhltnisse geben kann, Gefahren und
Nachstellungen seitens der Feinde, und so verzwickte Lagen, da man
darber seine Geistesgegenwart verlieren mu.

Glauben Sie mir, das wre kleinmtig, entgegnete der Philosoph sehr
ruhig und freundlich. Achten Sie vor allem darauf, da die Sache auf
dem Aktenwege erledigt wird, und da es keine mndlichen
Auseinandersetzungen gibt. Sobald Sie jedoch bemerken, da es zum
Klappen kommt, und da die Entscheidung herannaht, -- dann drfen Sie
sich nicht etwa rechtfertigen oder verteidigen, sondern Sie mssen
einfach mit neuen Tatsachen herausrcken.

Man mu also ...

Die Sache mglichst verwickeln -- das ist alles, versetzte der
Philosoph, sie mit neuen, nicht zur Sache gehrigen Details
komplizieren, die auch noch andre Leute in die Affre hineinziehen. Man
mu die Fden durcheinander wirren -- das ist das ganze Geheimnis. Mgen
doch die Petersburger Beamten sehen, wie sie damit fertig werden!
wiederholte er, indem er Tschitschikow sehr vergngt ansah, so wie ein
Lehrer seinen Schler, wenn er ihm ein besonders interessantes Kapitel
aus der russischen Grammatik erklrt.

Ja, es ist gut, wenn man solche Details findet, mit denen man die Augen
anderer Leute umnebeln kann! sagte Tschitschikow, indem er den
Philosophen gleichfalls mit Vergngen betrachtete, wie ein Schler, der
die interessante Stelle aus der Grammatik, die ihm sein Lehrer erklrt,
schon begriffen hat.

Sie werden sich schon finden! Glauben Sie mir, da Sie sich finden
werden: wenn man sich nur hufig genug darin bt, dann wird auch der
Kopf allmhlig erfinderischer. Vor allem aber bedenken Sie, da man
Ihnen dabei helfen wird. Wenn die Sache recht kompliziert ist, dann
finden viele Leute ihren Vorteil dabei: man braucht immer mehr Beamte,
und diese wollen ihrerseits immer mehr Gehalt haben. Mit einem Wort, man
mu nur recht viele Leute an der Sache interessieren. Es macht nichts,
wenn ein paar Unschuldige mit hineingezogen werden: sie mssen sich
rechtfertigen, auf die Anklagen antworten, sich loskaufen usw. Da gibt's
eben was zu verdienen. Glauben Sie mir: sowie die Umstnde wirklich
kritisch werden, mu man zuallererst daran denken, die ganze Affre
recht verwickelt zu machen. Und das lt sich so gut bewerkstelligen,
da sich bald niemand mehr auskennt. Warum bin ich immer so ruhig? Weil
ich genau wei: wenn meine Sache schief geht, dann ziehe ich alle
miteinander in sie hinein: den Gouverneur, den Vizegouverneur, den
Polizeimeister, den Kassierer -- ich lasse keinen frei ausgehen. Ich
kenne ihre Verhltnisse ganz genau; ich wei, ob einer dem andern zrnt,
ob er sich ber ihn rgert und ihm etwas Bses gnnt. Meinetwegen mgen
sie sich nachher aus der Affre ziehen. Unterdessen aber knnen andere
Leute etwas dabei verdienen. Man kann eben nur im trben Wasser krebsen
gehn. Sie warten ja alle zusammen darauf, da nur ein mglichst groer
Wirrwarr entsteht. Hier sah der Jurist und Philosoph Tschitschikow
wiederum so vergngt an, wie ein Lehrer seinen Schler, dem er ein noch
weit interessanteres Kapitel aus der russischen Grammatik erklrt.

Nein, dieser Mann ist tatschlich ein Weiser, dachte Tschitschikow und
verabschiedete sich in der besten und vergngtesten Laune vom
Rechtsanwalt.

Er fhlte sich wieder vollstndig beruhigt, daher warf er sich mit einer
nachlssigen Sicherheit in die weichen Kissen seiner Equipage, befahl
Seliphan das Verdeck herabzulassen und setzte sich bequem im Polster
zurecht, ganz wie ein Husarenoberst a. D. oder Herr Wyschnepokromow in
eigener Person. Als er _zum_ Rechtsanwalt fuhr, hatte er das Verdeck
schlieen lassen und sogar seine Fe tief in die Lederdecke gehllt,
jetzt dagegen schlug er ein Bein ber das andre, und wandte allen
Vorbergehenden sein lchelndes Gesicht zu, das unter dem keck auf das
Ohr gerckten neuen Seidenhut nur so vor Heiterkeit strahlte. Seliphan
erhielt den Befehl, die Richtung nach dem Tuchmarkt zu nehmen. Die
einheimischen und zugereisten Kaufleute standen an ihren Ladentren und
grten ihn ehrerbietig; Tschitschikow erwiderte seinerseits ihren Gru
nicht ohne ein gewisses Selbstbewutsein. Viele von ihnen kannte er
schon; andre waren zwar erst vor kurzem angekommen, doch waren auch sie
ganz entzckt von dem gewandten und sicheren Wesen und den feinen
Manieren des fremden Herrn, und bewillkommneten ihn daher wie einen
alten Bekannten. In der Stadt Tfuslawlew gab es fast immer eine Messe;
war der Pferde- und Getreidemarkt zu Ende, dann kamen die Luxuswaren fr
die vornehmeren und gebildeteren Herrschaften an die Reihe. Die
Kaufleute, die per Axe angereist kamen, rechneten damit, per Schlitten
nach Hause zurckzukehren.

Bitte hierher, treten Sie geflligst ein, rief ihm ein Kaufmann von
der Ladentre aus entgegen. Er trug einen deutschen Rock, der in Moskau
verfertigt war, und verbeugte sich mit selbstgeflliger Hflichkeit.
Sein Haupt war entblt, und er schwenkte mit der einen Hand seinen Hut,
whrend er mit der andern leicht ber sein rundes Kinn strich. Hierbei
suchte er seinem Gesicht einen ausnehmend feinen und gebildeten Ausdruck
zu geben.

Tschitschikow trat in den Laden: Lassen Sie sehen, was Sie fr Stoffe
haben, Verehrtester.

Der vornehme Kaufmann hob sofort das Brett, das die zwei Ladentische
verband, in die Hhe, schaffte sich so einen Durchgang und stand
sogleich dienstbereit da, indem er seinen Waren den Rcken und dem
Kufer sein Gesicht zuwendete. In dieser Stellung begrte er entblten
Hauptes und den Hut respektvoll lftend, noch einmal seinen Gast. Dann
setzte er den Hut auf, sttzte sich mit beiden Hnden auf den
Ladentisch, beugte sich etwas vor und sagte: Was fr Stoffe wnschen
Sie? Englische Manufakturwaren? oder ziehen Sie unsere vaterlndischen
Produkte vor?

Ich wnsche einen russischen Stoff, versetzte Tschitschikow, aber von
der allerbesten Sorte, einen sogenannten englischen.

Und welche Farben finden Ihren Beifall? fragte der Kaufmann, der sich
noch immer in der angenehmsten Weise auf seinen beiden Hnden
balancierte.

Haben Sie einen glnzenden dunkelen oder oliven- oder flaschengrnen
Stoff, wenn mglich mit einer preielbeerfarbenen Nuance?

Ich kann Ihnen das Versprechen geben, da Sie die allerbeste Sorte
erhalten werden, was Besseres werden Sie auch in beiden Hauptstdten
nicht finden, versetzte der Kaufmann und schickte sich an, den Stoff zu
holen. Er warf die Rolle gewandt auf den Tisch, rollte sie von hinten
auf und hielt den Stoff ans Licht. Ein wunderbares Farbenspiel! Das
Allermodernste, etwas fr den erlesensten Geschmack! Und in der Tat,
der Stoff glnzte wie Seide. Der Kaufmann hatte mit feinem Instinkte
erkannt, da ein Kenner der Tuchsorten vor ihm stand und daher wollte er
erst gar nicht mit einem Stoff zu zehn Rubel pro Meter anfangen.

Hm, nicht bel, bemerkte Tschitschikow, nachdem er das Tuch flchtig
gemustert hatte. Aber wissen Sie was, Verehrtester, zeigen Sie mir
lieber gleich die Sorte, die Sie zuletzt vorlegen; und dann: haben Sie
keinen mit einem Stich ins Rote?

Ich verstehe: Sie wollen genau so eine Farbe, wie sie heute modern zu
werden beginnt. Da habe ich einen Stoff von allererster Qualitt. Ich
mache Sie darauf aufmerksam, da er sehr teuer ist, aber wie gesagt:
dafr ist es auch die allerbeste Sorte.

Die Rolle fiel von oben herab. Der Kaufmann rollte sie mit noch grerer
Geschwindigkeit auseinander und fing sie am andern Ende auf. Diesmal war
es ein echter Seidenstoff; er zeigte ihn Tschitschikow, jedoch so, da
dieser nicht nur die Mglichkeit hatte, ihn grndlich zu besichtigen,
sondern sogar zu betasten und zu beriechen. Und er fgte nur kurz hinzu:
Navarinosche Rauchfarbe mit Feuerglanz.


                    12. Variante der andern Fassung.

Man einigte sich ber den Preis. Ein eisernes Meterma ma Tschitschikow
gleich einem Zauberstabe in wenigen Augenblicken den Stoff fr Frack und
Hosen zu. Dann machte der Kaufmann einen kleinen Einschnitt mit der
Schere, ri das Tuch mit beiden Hnden der ganzen Breite nach
auseinander und verbeugte sich, nachdem diese Operation vollendet war,
in auerordentlich feiner und liebenswrdiger Weise vor Tschitschikow.
Das Zeug wurde hierauf zusammengerollt und geschickt in Papier
gewickelt. Hierauf wurde eine dnne Schnur herumgeschlungen und das
Paket war fertig. Tschitschikow wollte schon in die Tasche greifen, aber
da fhlte er, wie eine zarte Hand seine Taille angenehm umschlang, und
seine Ohren vernahmen die Worte: Was kaufen Sie hier ein,
Verehrtester.

Ah, welch glckliches Zusammentreffen! rief Tschitschikow aus.

Ja, es ist ein glcklicher Zufall, der uns hier zusammenfhrt, hrte
er die Stimme desselben Mannes sagen, der seine Taille umschlungen
hatte. Es war Wyschnepokromow. Ich wollte schon achtlos an dem Laden
vorbergehn, da sehe ich pltzlich ein bekanntes Gesicht -- einem
solchen Vergngen kann man sich doch unmglich entziehen. Ja, ja, dies
Jahr sind die Stoffe weit schner. Es ist eine wahre Schande. Frher
konnte man beim besten Willen nichts Vernnftiges bekommen. Ich htte
gern vierzig Rubel bezahlt ... meinetwegen sogar fnfzig, wenn ich nur
etwas Gutes bekommen htte. Was mich anbelangt, so will ich entweder das
Allerbeste oder lieber gar nichts haben. Nicht wahr?

Sehr richtig! versetzte Tschitschikow. Wozu qult man sich so, wenn
man nicht auch was Gutes haben soll?


                    13. Variante der andern Fassung.

Der alte Mann begrte alle Anwesenden und wandte sich direkt an
Chlobujew: Entschuldigen Sie, aber ich sah von weitem, wie Sie in den
Laden traten, und da entschlo ich mich, Ihnen nachzugehen und Ihre Zeit
ein wenig in Anspruch zu nehmen. Wenn Sie nachher frei sind und an
meinem Hause vorberkommen, dann seien Sie doch so freundlich, einen
Augenblick bei mir einzutreten. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.

Chlobujew versetzte: Sehr gern, Afanassij Wassiljewitsch.

Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. Mir wirbelt's
frmlich im Kopfe, sagte Tschitschikow wenn ich daran denke, da
dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmglich!

Ja, das gehrt sich in der Tat nicht, bemerkte Wyschnepokromow; die
Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist
ein Gegenstand, ber den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du
Geld hast, mut du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib
Blle, entwickele einen wohlttigen Luxus, bei dem die Arbeiter und
Handwerker etwas verdienen.

Das kann ich gar nicht verstehen! wiederholte Tschitschikow. Zehn
Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewhnlicher Bauer! Hol's der
Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann
man ein Leben beginnen. Nur Frsten und Generle sollten bei mir
verkehren!

Jawohl, bemerkte der Kaufmann, das ist in der Tat keine gebildete
Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbrger ist, dann ist er eben nicht mehr
Kaufmann sondern gewissermaen schon Negoziant. Dann mu ich mir auch
eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem
einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann mte schon mindestens
ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir
ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei
einer gewhnlichen Kchin ...

Da ist doch jedes Wort berflssig! sagte Wyschnepokromow. Mit zehn
Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn
Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!

Nein, dachte Tschitschikow: bei _dir_ wren die zehn Millionen
schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Smmchen htte, ich
wte sie in der Tat gut anzulegen.

Ja, wenn ich zehn Millionen bese, dachte Chlobujew, dann wre ich
nicht so tricht wie frher, ich wrde sie nicht so sinnlos vergeuden.
Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert
jeder Kopeke. Ja, jetzt wrde ich es ganz anders anfangen ... Aber
gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage
vor: Wrde ich das Geld jetzt wirklich vernnftiger anlegen? dann
machte er eine hoffnungslose Gebrde und fgte hinzu: Kein Gedanke! Ich
glaube, ich wrde es ebenso ausgeben wie frher. Damit verlie er den
Laden und begab sich zu Murasow, hchst gespannt darauf, was dieser ihm
mitzuteilen habe.

Ich erwartete Sie! sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah.
Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer. Und er fhrte Chlobujew in das
Stbchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein
Beamter, der jhrlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, knnte in keinem
schlichteren und unscheinbareren Stbchen hausen.

Sagen Sie bitte, Ihre Verhltnisse haben sich doch gebessert? Ich
glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?

Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich wei nicht, ob
sich meine Verhltnisse wirklich gebessert haben. Ich habe blo fnfzig
Bauern und dreiigtausend Rubel geerbt; damit mu ich einen Teil meiner
Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts brig. Was
aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht
ganz sauber. Es sind da allerhand Betrgereien vorgekommen, Afanassij
Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzhlen, Sie werden sich wundern,
was fr Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...

Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow
reden, mchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte,
wieviel Geld htten Sie wohl ntig, um wieder in geordnete Verhltnisse
hineinzukommen? Was denken Sie wohl?

Um meine Verhltnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben
beginnen zu knnen -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel,
wenn nicht noch mehr.

Nun und wenn Sie dieses Geld htten, was wrden Sie dann wohl
anfangen?

Ich wrde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner
Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten.
Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.

Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?

Ja was knnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht
wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, da ich Familie
habe. Ich bin schon ber die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin
trge und mde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht
erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich mu Ihnen brigens
gestehen, ich wrde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen
gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber
Geldgeschenke wrde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit
diesem Krasnonossow und Samosistow wrde ich mich nicht vertragen.

Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben
kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann
doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Fen hat; man
kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben
eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von
denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind
ttig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege
abgekommen, wie das uns sndigen Menschen wohl passieren kann; aber wir
wollen hoffen, da sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur
vorwrts marschiert, -- _mu_ schlielich das Ziel erreichen, man
braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, da er wieder auf den rechten Weg
hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der mig dahinlebt.
Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.

Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fhle, wie recht Sie
haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Ttigkeit
erstorben. Ich sehe nicht, da ich noch jemandem in der Welt von Nutzen
sein knnte. Ich fhle, ich bin nichts wie ein unntzer Holzklotz.
Frher, als ich noch jnger war, da schien es mir, da alles vom Gelde
abhnge, da, wenn ich blo ein paar Hunderttausende in der Hand htte,
ich alle Menschen glcklich machen knnte. Ich wollte arme Knstler
untersttzen, Bibliotheken einrichten, allerhand ntzliche Institutionen
grnden und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und wei,
da ich das Geld besser zu verwenden wte, als die meisten reichen
Leute, die nichts Vernnftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch,
da auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij
Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das knnen Sie
mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fhig.

14. Hier schliet der Text des spteren Entwurfs. Die neuere Fassung
dieser Stelle hngt in der Handschrift nicht mit der ursprnglichen
zusammen. Daher mute der ursprngliche Text bis zu der Stelle
reproduziert werden, die keiner weiteren berarbeitung unterzogen wurde.


                      Variante der andern Fassung.

Hren Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu
beten; ich wei es, Sie versumen keine Frh- noch Abendmesse. Sie
stehen nicht gern frh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4
Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.

Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um
meines Seelenheiles willen, denn ich bin berzeugt, da ich damit mein
miges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So
widerwrtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein
mag, ich hoffe doch, da ein demtiges Gebet und eine gewisse
Selbstberwindung Gott wohlgefllig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich
bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fhle blo, da es einen
Herrn gibt, von dem alles abhngt; so erkennt auch das Pferd und das
Vieh seinen Herrn, der ber sie gebietet.

Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefllig sein wollen, weil Sie um
das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und
veranlat Sie so frh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit
derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu
dem Sie beten, Sie wrden bald eine Ttigkeit finden, und kein Mensch in
der Welt knnte Ihre Begeisterung dmpfen.

Afanassij Wassiljewitsch. Ich mu wiederholen, das ist was ganz andres.
Im ersten Falle sehe ich doch, da ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin
bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen,
die man mir auferlegt, und die hrtesten Arbeiten tun, denn dort werde
ich wissen, fr wen ich mich mhe. Da brauche ich nicht nachzudenken und
zu grbeln. Dort bin ich berzeugt, da die fr mich Rechenschaft
ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich
zu unterwerfen, und ich wei, da ich mich Gott unterwerfe.

Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir
sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn
wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir
berzeugt sind, da Gott selbst es so will; ohne das knnten wir
niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fhigkeiten, die
bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres
Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie knnen doch nicht ins Kloster
gehen; Sie sind an die Welt gewhnt und haben Familie!

Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.

Sie glauben also, Sie knnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage
stellen und von nun ab vernnftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie
zweihunderttausend Rubel htten?

Das heit, ich wrde wenigstens eine Ttigkeit haben, der ich gewachsen
bin -- ich wrde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich htte
die Mglichkeit, ihnen tchtige Lehrer zu halten.

Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden
Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.

Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: Aber nach
den Erfahrungen, die ich ....

Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren! fiel Murasow ein. Sie haben
ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld
bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen knnen; wenn Sie
einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen
kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder
menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber
werden Sie dabei vergessen. Und schlielich lassen Sie mich Ihnen noch
in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande,
Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen,
der seine Pflicht schon erfllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein
gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen
zu knnen. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter
Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden knnte, stets
mit Ihnen zusammen zu sein!

Chlobujew war nachdenklich geworden; er prfte sich in Gedanken nach
allen Richtungen und hatte schlielich das Gefhl, da Murasow nicht
ganz unrecht hatte.

Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! berlassen Sie mir Ihre Kinder und
die Ordnung Ihrer Verhltnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre
Kinder, ich will schon fr sie sorgen. Ihre Verhltnisse sind doch
gewissermaen so, da Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe
am Verhungern. Hier gilt es einen Entschlu zu fassen. Kennen Sie Iwan
Potapytsch?

Gewi, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe
herumluft.

Iwan Potapytsch war Millionr, seine Tchter heirateten lauter Beamte,
und er lebte wie ein Frst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm
eben nichts andres brig, als ein gewhnlicher Kommis zu werden. Es
wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schssel zu essen,
_ihm_, der an silberne Teller gewhnt war, und die Hnde wollten nicht
recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt
knnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schsseln essen, aber nun
will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber
er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir
selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst
willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht
den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns
spricht. Sie sind klger als ich, und daher bin nicht ich dafr
verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch,
und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klger als ich.

Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre berlegenheit
anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie
wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hnde. Aber legen Sie mir keine Last
auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage
Ihnen, da ich zu nichts Gutem mehr tauge.

Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch
nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgeflliges
Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu mu durch
freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es
an Mitteln, sie mssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden.
Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter
Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was
brauchen Sie sich zu schmen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand,
besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Stdte
und Drfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben
und Ihnen das Kassenbuch aushndigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit
Gott!

[Funote 15: Erzpriester.]

Peter Petrowitsch war sehr erstaunt ber die vllig neue Ttigkeit, die
ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem
Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrtteln lassen und
mit dem Buche durch Stdte und Drfer ziehen, um Geld fr die Kirche zu
sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurck, er konnte sich der Sache
nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!

Sie berlegen noch? fragte Murasow, Sie werden damit einen doppelten
Dienst leisten: Gott und mir.

Ihnen?

Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich
noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie
die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie
berall die Verhltnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die
Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern
abstamme. Die Sache ist nmlich die, es haben sich da schlimme Dinge
unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie
zu verfhren und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch
Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere
Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer
bedrngten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und
Strafe darf nicht von unten kommen. Es wre schlimm, wenn man sich sein
Recht mit den Fusten erkmpfen wollte, daraus kann nichts Gutes
entstehen; dabei haben nur die Diebe und Ruber den Vorteil. Sie sind
ein kluger Mensch, Sie werden alles grndlich studieren und in Erfahrung
bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrcken, und
wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trgt. Und dann, wenn Sie
wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzhlen. Ich will Ihnen
auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen
mgen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut
sein, wenn Sie sie mit Worten trsten und es ihnen recht klar machen, es
sei Gottes Wille, da wir unsere Brde ohne Murren tragen, zu ihm beten,
wenn wir unglcklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns
nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie
ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie,
ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Ha und Zorn gegen jemand finden,
da nehmen Sie all Ihre Krfte zusammen.

Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir bertragen wollen, ist
ein heiliges Amt, sagte Chlobujew. Dies ist ein heiliges Werk!
Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen
bertragen, der selbst gewissermaen einen heiligen Lebenswandel fhrt,
der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.

Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausfhren sollen, tuen
Sie, was mglich ist, was in Ihren Krften steht. Die Sache ist die: Sie
werden trotzdem mit einem groen Wissensschatz und einer groen
Ortskenntnis zurckkehren, Sie werden genau ber die Lage der
betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter wrde dem Bauern nie
persnlich gegenbertreten, und auch der Bauer wrde nicht aufrichtig
gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beitrge fr die
Kirche zu sammeln, -- Sie werden berall einen Einblick gewinnen in die
Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden
Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen
das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt
besonders ntig hat, und Sie knnen, ganz abgesehen von den
bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen
stiften werden.

Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Krfte anspannen und
mir die grte Mhe geben, sagte Chlobujew. Man hrte es seiner Stimme
an, da er wieder Mut und Kraft schpfte, und er erhob wieder tapfer das
Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. Ich sehe, da
Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge
weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.

Doch nun mchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow,
und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin? sagte Murasow.

Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhrte Dinge
erzhlen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij
Wassiljewitsch, da das Testament geflscht ist! Das echte Testament hat
sich gefunden. Darnach sind die Pflegetchter die Erbinnen des ganzen
Gutes.

Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?

Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt:
Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode
der Testantin unterschrieben: man htte ein Weib gefunden, die man
verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben
hat. Mit einem Wort eine ganz hliche und skandalse Affre. Man hat
Verdacht, da auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht
schon berall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde
haben. Man sagt, es seien ber tausend Klagen von den verschiedensten
Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja
Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine
widerwrtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.

Ich habe noch garnichts davon gehrt, aber die Sache wird sicherlich
nicht ganz sauber sein. Ich mu gestehen, da dieser Pawel Iwanowitsch
Tschitschikow mir eine hchst rtselhafte Persnlichkeit ist, sagte
Murasow.

Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern,
da es noch einen rechtmigen Erben gibt ...

Mgen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,
dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. --
Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl
berlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich mu ihn eben erfllen
-- das ist das Ganze. Und er fing schon an, an seine Reise zu denken,
whrend Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: Ein hchst
rtselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit
dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete!
...

                   *       *       *       *       *

Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen
verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen
Planes. Anfang Mrz 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig.
In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren greren
Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow
mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei
diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehrten
folgendermaen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):

Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten
Teils) ein wenig anders; es war berhaupt weit sorgfltiger
durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schlo
mit dem Gelchter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein
zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird.
Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen auer Ulinka
noch zwei Personen teil: eine Englnderin, die die Rolle einer
Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit
unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute
Betrischtschews wohnte. Die Englnderin war eine ltere Jungfrau, ein
farbloses, ziemlich hliches Wesen mit einer groen schmalen Nase und
sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang
schweigen und lie nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick bestndig
nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hie, soweit ich mich
erinnere: Expanton, Chsitendon oder so hnlich; aber ich wei bestimmt,
da alle Dienstboten des Generals ihn blo Eskadron nannten. Er
schwieg auch fortwhrend, mute jedoch nach dem Essen eine Partie Schach
mit dem General spielen. Whrend des Diners passierte nichts
Auerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit
Tschitschikow, der einen groen Appetit entwickelte. Ulinka war
nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich blo, wenn die Rede auf
Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach
mit dem Spanier und wiederholte andauernd, whrend er eine Figur
vorschob: Lieb uns so wei wie, worauf Tschitschikow ihn bestndig
verbesserte: So schwarz, Exzellenz. Ja, ja, sagte der General, lieb
uns so schwarz, wie wir sind, wei wrde uns der Herrgott selbst lieb
haben. Nach fnf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing
wieder an: Lieb uns so wei wie. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs
neue, und der General wiederholte noch einmal: Lieb uns so schwarz wie
wir sind, wenn wir wei und sauber wren, wrde uns auch der Herrgott
lieb haben. Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier
gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm
zu spielen, und auch hier wute sich Tschitschikow uerst geschickt aus
der Affre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrngte und setzte den
General mit seinen Zgen in Verlegenheit, verlor aber schlielich doch
die Partie: der General war sehr zufrieden, da er einen so starken
Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb.
Beim Abschied bat er ihn, sobald als mglich wiederzukehren, und auch
Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam,
erzhlte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es
bedauere, da er ihn gar nicht mehr bei sich she, wie der General sein
Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch
abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Miverstndnis
aus der Welt zu schaffen. Das war natrlich alles erfunden. Aber
Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich
selbstverstndlich, einen Vorwand zu haben und erklrte, wenn die Sache
sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen
zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen.
Tschitschikow billigt diesen Entschlu, und beide verabreden sich, am
folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben
Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, da er den General
angeschwindelt und ihm erzhlt habe, da Tentennikow eine Geschichte der
Generle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas
gesagt habe, und wei nicht, was er machen soll, wenn der General auf
diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklrt ihm,
er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlpft sei,
aber es sei nun einmal nicht mehr zu ndern, und er bittet ihn, wenn er
durchaus nicht lgen knne, doch wenigstens still zu schweigen und die
Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor
dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des
Generals. Tentennikow begrt den General und Ulinka, und man setzt sich
zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach
die schnste Stelle im zweiten Bande. Der General sa in der Mitte,
rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow
Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und
Ulinka -- die Englnderin. Der General war sehr zufrieden, da er sich
wieder mit Tentennikow ausgeshnt hatte, und mit einem Menschen plaudern
konnte, der eine Geschichte der vaterlndischen Generle schrieb.
Tentennikow war glcklich, weil Ulinka ihm gegenbersa, mit der er von
Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glcklich,
weil der Geliebte wieder zu ihnen zurckgekehrt war, und der Vater die
alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch
Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser
reichen und vornehmen Familie. Die Englnderin lie ihre Augen frei nach
allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob
seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er
suchte sich den besten Bissen aus, und lie ihn nicht aus den Augen,
whrend die Schssel lngs der Tafel die Runde machte, oder bis sich
jemand des guten Bissens bemchtigt hatte. Nach dem zweiten Gange
brachte der General das Gesprch auf Tentennikows Werk und erwhnte das
Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die
Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affre. Er erwiderte,
es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen
Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine
Rolle gespielt htten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner
bemerkenswert, es gbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die
diese Epoche behandelt htten, aber man msse diese Zeit von einer
andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, da das
ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu
verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und
Leidenschaften seien fr eine Zeitlang verstummt; alle Stnde htten
sich in dem einen Gefhl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wre bereit
gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles fr die gemeinsame Sache
aufzuopfern. Das sei das Groe an diesem Kriege, und das wre es, was er
wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten mchte: all diese vielen
unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und groen Opfer eines
Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem
Augenblick vllig durchdrungen von glhender Liebe zu seinem russischen
Vaterlande. Betrischtschew hrte ihm ganz entzckt zu; zum erstenmal
hrte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Trne rollte ihm wie ein
reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der
General sehr schn. Und Ulinka? Sie hing frmlich mit den Augen an
Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlrfen; wie
eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war
stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer
als frher und die Englnderin sah alle Anwesenden mit einem dummen und
verstndnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles
eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschttert ...
Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das
Schweigen. Ja, bemerkte er, 1812 herrschte eine furchtbare Klte! --
Es handelt sich hier gar nicht um die Klte, sagte der General und sah
ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte
Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz
selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die
Geschichte der Generle war vergessen. Der Tag verlief still und
angenehm fr alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der
Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich wei nur noch, da
Ulinka sich nach diesem Vorfall entschlo, mit ihrem Vater ernstlich
ber Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser
entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um
Strkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer
ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu
ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch
schlielich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und
erfuhr, da der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage
nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte,
lie er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz auer sich vor
Glck in den Garten. Er mute mit sich allein sein. Das Glck
berwltigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische
Seiten. -- Ein heier Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt
in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht
eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert;
jedes Zweiglein war beschrieben: die glhende Mittagshitze in der Luft,
die Grillen im Grase, die vielen schwrmenden Insekten, und endlich
Tentennikows Gefhle, des glcklich Liebenden und Wiedergeliebten! --
Ich erinnere mich lebhaft, da diese Beschreibung so wundersam, so
voller Kraft, Farbe und Poesie war, da mir das Herz vor Erregung stille
stand. Gogol las vorzglich! -- Im berma seines Gefhls weinte
Tentennikow vor Glck und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes
Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am
Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: Sie sind mein
Wohltter, Ihnen verdanke ich all mein Glck, wie kann ich Ihnen nur
danken. Mein Leben wre zu wenig fr solch einen Dienst. Sofort kommt
Tschitschikow eine Idee: Ich habe nichts fr Sie getan, das ist ein
bloer Zufall, antwortet er, ich bin sehr erfreut, aber Sie knnen
sich sehr leicht dankbar erweisen. Wodurch, wodurch? ruft
Tentennikow, sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen. Hier
erzhlt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und da er 300
Bauern brauche, wenn auch blo auf dem Papiere. Aber warum mssen sie
denn unbedingt tot sein? fragt Tentennikow, der nicht recht versteht,
was Tschitschikow eigentlich will. Ich werde Ihnen _pro forma_ all
meine 300 Seelen verschreiben, und Sie knnen unseren Vertrag Ihrem
Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, knnen wir ja
den Kontrakt wieder vernichten. Tschitschikow ist ganz sprachlos vor
Erstaunen. Wie? Und Sie frchten sich nicht vor solch einem Schritt ...
Sie frchten sich gar nicht, da ich Sie betrgen und Ihr Vertrauen
mibrauchen knnte? Aber Tentennikow lt ihn nicht ausreden. Was?
ruft er aus, ich sollte _Ihnen_ mitrauen, dem ich mehr verdanke als
mein Leben. Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht.
Tschitschikow schlief an diesem Abend s ein. Am andern Tage fand im
Hause des Generals eine groe Beratung statt, wie man den Verwandten die
Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen liee, oder
ob jemand die Nachricht persnlich hinbringen solle. Betrischtschew war
offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Frstin Sjusjukina
und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen wrden,
Tschitschikow wute sich auch hier wieder ntzlich zu erweisen: er
machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu smtlichen
Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und
Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natrlich hatte er dabei wieder
das Geschft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank
angenommen. Ich kann mir nichts Besseres wnschen, dachte der General,
er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen,
den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, da alle
zufrieden sein werden. Der General bot Tschitschikow seinen
zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte
ihm noch ein viertes Pferd zur Verfgung. Tschitschikow sollte sich
schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im
Hause des Generals als einen ihrer Angehrigen, als einen Freund des
Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurckgekehrt war, lie er sofort
Seliphan und Petruschka rufen und erklrte ihnen, sie sollten sich zur
Abreise rsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz trge und faul
geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben
ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwhrend den
Bauernmdchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des
Generals eintraf, und Seliphan hrte, da er nun auf dem breiten
Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all
seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit groer
Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des
Generals allerhand Reserveschrauben und Schlssel, wie sie berhaupt
nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergngen an seine Reise
und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern
ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell
wie der Wind dahintragen werde.

Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat
Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: Dies ist alles, was
Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner
Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen [Rukij
Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die
Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der
Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren eigentlich nur
zwei bis drei Kapitel vollstndig fertig.

Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die
beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der Toten Seelen vor. Alles,
was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852
niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode
verbrannt.


                         Anhang zu den Novellen

_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der
erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 fr
die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese
Erzhlung zum ersten Male abgedruckt ist.

                   *       *       *       *       *

_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten
Fassung die fr den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt
war, Anfang Mrz 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal fr den
Puschkinschen Sowremennik (Der Zeitgenosse) umgearbeitet, wo sie im
dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte
1836. Auf Verlangen des Zensors mute folgende Stelle des Manuskripts
vor der Drucklegung im Zeitgenossen umgearbeitet werden:

Er eilte in die Kirche und drngte sich durch eine Reihe alter
Bettlerinnen hindurch, deren Kpfe so tief in allerhand Tchern und
Lappen steckten, da man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden
Augen. Wie herzlich hatte er oft ber sie gelacht, heute aber schritt er
an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach
besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Tre.
Kowaljew war so erregt und verstimmt, da er es nicht ber sich gewann,
zu beten. Er suchte die Nase, suchte sie in allen Winkeln und sah den
Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr
Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem
Ausdruck tiefster Andacht. Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm
blo nhern? dachte Kowalew. Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr,
und noch dazu Staatsrat. Er stellte sich neben ihn und hustete ein
paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andchtigen Stellung und
beugte sich immerfort tief bis zur Erde. Geehrter Herr! sagte Kowalew,
indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: Geehrter Herr! Was ist
Ihnen gefllig? entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- Ich finde
es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr
Platz ist ... und pltzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche.
Sie mssen selbst zugeben, da ...

Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklren Sie sich
deutlicher. Wie soll ich es ihm nur klar machen? dachte Kowalew,
fate jedoch wieder Mut und begann: Ich will natrlich ... brigens bin
ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie mssen doch zugeben, in meiner
Lage ist das hchst peinlich. Ich bin doch kein Hkerweib, das an der
Woskressenskibrcke sitzt und geschlte Apfelsinen feilbietet ... _Die_
braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprche auf einen
Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfllt sehen wird
... Ich wei wirklich nicht, mein Herr. -- Hierbei zuckte der Major mit
den Achseln. Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des
Ehr- und Pflichtbewutseins betrachtet, dann mssen Sie doch selbst
einsehen ... Ich verstehe kein Wort, versetzte die Nase, bitte
drcken Sie sich etwas deutlicher aus.

Mein Herr, sagte Kowalew ernst und wrdig. Ich wei nicht, wie ich
Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ...
oder Sie wollen blo nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine
_eigene_ Nase! Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.

Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe vllig
selbstndig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine nheren
Beziehungen geben. Nach den Knpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen,
dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, whrend ich in der
wissenschaftlichen Branche ttig bin. Kowalew befand sich in der
grten Verlegenheit und war ganz verwirrt. Was soll ich machen?
dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nhe das
angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ltere, ziemlich umfangreiche
Dame, die in einem ppigen Spitzenkleide steckte, welches einige
hnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde
begleitet von einer jngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das
sich in schnen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem
Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter
beiden stand ein groer Herr mit einem mchtigen Backenbart und einem
ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu ffnen
und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew nherte sich der Gruppe,
ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner
Uhrkette und wendete mit einem lchelnden Seitenblick seine
Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer
Frhlingsblume leicht vornberbeugte und ihr Hndchen mit den weien
durchsichtigen Fingern an die Stirne fhrte. Das Lcheln, welches auf
Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm
unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete.
Aber pltzlich sprang er zurck, wie wenn er sich an einem glhenden
Eisen verbrannt htte; er erinnerte sich, da er in seinem Gesicht
anstelle der Nase nur eine glatte Flche hatte, und Trnen entstrmten
seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklren, er trage
blo die Maske eines Staatsrats, whrend er in Wahrheit ein Betrger und
ein Lump sei; tatschlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_
Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich
schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend
jemandem einen Besuch ab. Kowalew verlie die Kirche. Das Wetter war
wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur
so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die
Strae. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...

Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der
ursprnglichen Fassung: Der ehrenwerte Beamte hrte ihn mit
vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu
zhlen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er fr das Inserat erhalten
hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber,
Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem
einen Zettel wurde angekndigt, es sei ein tchtiger nchterner Kutscher
von guter Fhrung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig
gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Groen
stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes
Mdchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wscherin gedient hatte,
aber auch bei andern huslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch
schon mehrere Zhne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu
verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden
Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London
eingetroffener Rben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte
indische Radieschen ausgeboten, eine schne Villa mit allen
Bequemlichkeiten, zwei Pferdestllen und einem Platz, wo man sehr gut
einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels
bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anstndige Belohnung in
Aussicht gestellt, oder es wurden Kufer fr alte Sohlen gesucht, wobei
die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde
zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute
aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und
dick, da man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen
Bauern haben die merkwrdige Eigentmlichkeit, die Luft bedeutend zu
verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein
Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft
aufhngen. Zum Glck konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen,
er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja
auch seine Nase Gott wei wo. --

Das von den Worten Gleich, gleich bis zum Schlu des zweiten Kapitels
reichende Stck ist eine sptere Bearbeitung des ursprnglichen weit
einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle
folgendermaen:

Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel
sechzig Kopeken! sagte der grauhaarige Herr, whrend er den alten
Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. Und was
wnschen Sie? fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.

Ich mchte ganz besonders darum bitten ..., sagte Kowalew: es ist
eine unerhrte Gaunerei oder Betrgerei passiert -- ich kann der Sache
noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung
einrcken zu lassen, da derjenige, der diesen Schurken dingfest macht,
eine ausreichende Belohnung erhalten soll.

Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?

Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen brigens blo zu
schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...

Ja und wer ist denn eigentlich der Flchtling? Ist er einer Ihrer
Leibeigenen?

O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wre noch keine so groe
Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.

Hm, was fr ein merkwrdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um
eine groe Summe bestohlen?

Eine _Nase_ ... das heit, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine
eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich
einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fhrt diese Nase als Herr
verkleidet durch die Stadt und hlt alle Leute zum Narren ... Ich mchte
Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrcken zu lassen, da
jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persnlich vorfhren mge
-- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich mu
husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort
heraus.

Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest
zusammengekniffenen Lippen schlieen konnte.

Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen, sagte er
schlielich nach lngerem Stillschweigen.

Wie? Warum nicht?

So. Die Zeitung wrde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da knnte jeder
kommen und anzeigen, da ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerckt
seien ... Man spricht schon ohnedies, da soviel falsche Gerchte
verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.

Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!

Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man
sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen
knnen. brigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl
gern einen Scherz.

Ich schwre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lge
nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?

Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unntz bemhen, fuhr der
Beamte fort, indem er eine Prise nahm. brigens, wenn es Ihnen nicht zu
viel Umstnde macht, so wrde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,
fgte er mit einem neugierigen Blick hinzu.

Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.

In der Tat, das ist sehr merkwrdig, sagte der Beamte, das sieht
genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Flche ist ja
geradezu unglaublich glatt und eben.

Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort
einrcken.

Ich knnte sie schlielich einrcken lassen. Das wre ja eine
Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, da Ihnen ein groer Vorteil
daraus erwachsen wrde. Wenn Sie es durchaus wnschen, da die Sache
bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller
mit, einem Mann, der eine gewandte Feder fhrt, der knnte den Fall als
ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der Biene
des Nordens verffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum
Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den
Wissenschaften beschftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder
berhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.

Der Kollegien-Assessor war vllig verzweifelt und niedergeschlagen. Er
warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den
Vergngungsanzeiger; schon wollte ein Lcheln sein Gesicht verklren,
als er den Namen einer hbschen Schauspielerin las, und seine Hand griff
mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn
nach Kowalews Ansicht muten Personen vom Range eines Stabsoffiziers
mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie
ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf
und begab sich von einem unertrglichen Schmerz geqult zum
Polizeikommissar, der ein groer Freund von Sigkeiten war; sein ganzer
Flur und sein ganzes Ezimmer war mit Zuckerhten vollgestellt, die ihm
die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft fr ihn verehrt hatten.
Die Kchin zog dem Polizeibeamten gerade seine groen Stulpenstiefel
aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrstung hingen schon friedlich in
der Ecke; sein dreijhriges Shnchen machte sich bereits mit dem
mchtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff,
sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genssen des
Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich
bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem krftigen
Ghnen verzog und sagte: So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin;
ich werde ein feines Schlfchen tun. Daher kann man sich vorstellen,
wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich wei
nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch
mitgebracht htte, viel freundlicher empfangen worden wre.
Der Kommissar war ein groer Freund der Knste und aller
Manufakturgegenstnde berhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gbe
nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: Sie braucht nur wenig
Platz, lt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen
lt, geht sie nicht entzwei.

Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich khl und trocken. Er
erklrte, da die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment fr
amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, da der
Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen msse, (woraus
deutlich hervorgeht, da der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem
anstndigen Menschen knne es nie passieren, da ihm die Nase abgerissen
werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal
ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand
unanstndigen Lokalen herumtreiben.

Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man mu nmlich
wissen, da Kowalew eine uerst empfindliche Natur war. Er konnte alles
verzeihen, was man ber ihn sagte, nur keinen Versto gegen die seiner
amtlichen Wrde gebhrende Achtung. Er war der Ansicht, da man auch in
den Theaterstcken wohl eine Bemerkung ber die hheren Offiziere
durchlassen knne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die
_Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn
derartig aus der Fassung, da er emprt den Kopf schttelte, die Hnde
weit ausstreckte und wrdevoll ausrief: Ich mu gestehen, da ich auf
solche beleidigende uerungen nichts zu erwidern habe ... Und damit
ging er hinaus.

Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurck; nach all
diesen seelischen Erschtterungen wute er kaum noch, ob er auf seinen
Fen stehe oder nicht. Er warf sich mde in einen Lehnstuhl und brach,
nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: Mein
Gott, mein Gott! Womit habe ich blo ein solches Unglck verdient? Htte
ich noch eine Hand oder einen Fu verloren, wren mir meine beiden Ohren
abhanden gekommen -- es wre noch immer leichter zu ertragen, aber ein
Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster
hinauswerfen mchte. Htte man sie mir noch abgeschnitten, oder wre ich
selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Wei
Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich blo, und
ich habe dies alles nur getrumt. -- Und der Kollegien-Assessor kniff
sich mit dem Finger ins Fleisch, soda er vor Schmerz beinahe laut
aufgeschrieen htte. Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht! Er
stand ganz leise auf, nherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die
Augen erst ein wenig zu und blickte dann pltzlich hinein: Wer wei,
vielleicht hatte er doch noch eine Nase! aber er sprang sogleich wieder
vom Spiegel zurck und murmelte: Wei der Teufel! Die reinste
Karikatur!

Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmglich und vllig
unwahrscheinlich; man htte ihn wirklich fr einen Traum halten mssen,
wenn er nicht tatschlich passiert wre und sich nicht eine ganze Menge
von vllig einwandfreien Beweisen dafr gefunden htte. Der Major
berlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein mchte; und kam
schlielich zum Resultat, da noch am ehesten eine Witwe, die Gattin
eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglck treffe.
Diese wnschte nmlich, da der Major ihre Tochter heiraten solle, und
er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich
einer deutlichen Erklrung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch
die Witwe offen mitteilte, da sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben
wrde, da trat er den Rckzug an und sagte, er sei noch zu jung und
msse noch gegen fnf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig
Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rchen
wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstmmeln, und ein paar alte
Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst
mit dabei geholfen.

Whrend er noch ber diese Dinge nachgrbelte, hrte er pltzlich im
Vorzimmer eine fremde Stimme: Wohnt hier der Kollegienassessor
Kowalew?

Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause! sagte er,
indem er vom Stuhl aufsprang und die Tre ffnete. Es war der
Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrcke gestanden hatte, ein Mann
von sehr wrdigem ueren.

Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.

In der Tat!

Sie ist soeben angehalten worden.

Was sagen Sie rief der Major hocherfreut aus. Auf welche Weise ist
das geschehen?

Durch einen sehr merkwrdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer
Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen
eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Pa war schon lngst
ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das
Merkwrdigste jedoch ist, da ich sie selber fr einen Herrn gehalten
habe, aber ich hatte zum Glck meine Brille mitgenommen; so setzte ich
sie denn auf und erkannte sogleich, da es nur eine Nase war. Ich bin
nmlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich
weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter
meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.

Kowalew war auer sich vor Freude: Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort
hin!

Seien Sie ganz ruhig, ich wei, da Sie sie brauchen, ich habe sie
deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, da der Hauptschuldige
an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Strae
ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon
lange in Verdacht, da er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor
drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knpfe gestohlen.
Ihre Nase ist gnzlich unversehrt. Mit diesen Worten steckte der
Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die
in ein Stck Papier eingewickelt war.

Ja, das ist sie! rief Kowalew ganz selig aus. Das ist sie wirklich.
Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?

Mit dem grten Vergngen, aber es ist mir leider unmglich. Ich bin
sehr beschftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine
Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im
Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der lteste berechtigt zu den
schnsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche,
mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.

Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und
drckte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen
Kratzfu und ging zur Tr hinaus; fast im selben Augenblick hrte
Kowalew seine Stimme auf der Strae, wo er einem dummen Bauern, der mit
seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine krftige Mahnung in
Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder
zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... Gott sei
Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber
auch wieder ansetzen. Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren
alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mute er bemerken, da
die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. Nun sitz doch fest, du
Rindvieh! sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer
wieder auf den Tisch, sowie er sie loslie. Das Gesicht des Majors
verzerrte sich krampfhaft. Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?
sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatschlich auf den Tisch.
Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja
ganz vergessen, da, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar
nicht wieder ansetzen kann.

Unterdessen hatte sich das Gercht von diesem auerordentlichen Ereignis
in der ganzen Residenz verbreitet, und natrlich, wie das zu geschehen
pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmckungen. Um diese Zeit
standen gerade alle Gemter unter dem Eindruck bernatrlicher Vorgnge:
erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das
ganze Publikum beschftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden
Sthlen in der Stallhofstrae noch in jedermanns Gedchtnis, und es war
daher kein Wunder, da man sich bald darauf zu erzhlen begann, die Nase
des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pnktlich um drei Uhr auf
dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strmte dort
jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzcken all
jener eleganten Mignger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die
es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu
bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten
zurzeit vllig erschpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr
ungehalten ber diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern
erklrte ganz emprt, er begreife nicht, wie in einem aufgeklrten
Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerchte entstehen knnten;
ja er wunderte sich, da die _Regierung_ diesen Vorgngen nicht mehr
Beachtung schenkte. Dieser Herr gehrte augenscheinlich zu jener
Menschenklasse, die es fr wnschenswert hlt, da die Regierung sich in
alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltglichen Zwistigkeiten
der Ehegatten.

Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerchten Kunde
bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verlie
fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, lie sich
nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste
Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston,
mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im
Laufe eines Monats derartig ab, da er bald mehr einer Leiche als einem
lebendigen Menschen glich ...

brigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des
Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so auer sich vor Freude, da
er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich
berzeugt hatte, da alles am rechten Flecke sa, im bloen Hemde durch
das Zimmer zu hpfen begann. Er fhrte sogar einen ganzen Tanz auf, der
eine Art Mischung aus einer Franaise und einer polnischen Mazurka
darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tr steckte, um
zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: Mach, da du
hinaus kommst! Worber wunderst du dich? Nach einer Minute aber warf er
sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: He,
Iwan! -- Was wnschen der gndige Herr? -- Hat nicht ein Mdel -- so
ein hbsches, nettes Mdel nach dem Major Kowalew gefragt? -- Nein,
gndiger Herr! -- Hm, sagte der Major Kowalew und blickte lchelnd in
den Spiegel.

Gogol hat Die Nase _noch einmal_ fr die _erste_ Gesamtausgabe seiner
Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schlu_ gegeben. Im
Sowremennik (Zeitgenossen) von Puschkin lautet dieser Schlu
folgendermaen:

Da geschah etwas ganz Merkwrdiges und Unerklrliches. Pltzlich befand
sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im
Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fnften oder
sechsten Mai war. Als der Major frhmorgens erwachte, nahm er den
Spiegel zur Hand und bemerkte, da die Nase sich ganz, wie es sich
gehrte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Hchst erstaunt
lie er den Spiegel auf den Boden fallen und befhlte die Nase mehrmals
mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase
sei. Aber da er sich berzeugte, da es in der Tat nichts anders als
seine hchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im
Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Franaise und einem
russischen Trepak darstellte. -- Dann lie er sich anziehen, wusch sich
und rasierte sich das Kinn, das bereits eine groe hnlichkeit mit einer
Brste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider brsten
konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor
auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und
frhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im
Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies
jedoch geschah -- das htte freilich niemand sagen knnen, denn er besa
gar keinen Orden.

Eine uerst merkwrdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht
verstehen. Und was soll das alles? Was hat es fr einen Zweck? Ich bin
berzeugt, da weit mehr als die Hlfte davon ganz unwahrscheinlich ist.
Es kann nicht sein; es ist vllig unmglich, da eine Nase ganz allein
in einer Uniform in der Stadt herumfhrt -- und noch dazu als ein Mann
von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich
nicht begreifen, da man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen
darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, da eine Annonce eine sehr teure
Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehre gar nicht zu den
geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz
ungehrig und geht nun einmal nicht. Eine Absurditt und weiter nichts!
-- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mute er so pltzlich
auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne da man wei, warum und zu
welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie
ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife berhaupt nicht, wie
ein Autor sich solch ein Sujet whlen kann! Wozu soll das fhren?
Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzhlung? Nein -- ich
verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ...
die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch
in der Welt auch wirklich viele ganz unerklrliche Dinge: wie aber
verhlt es sich mit diesem Fall? -- Warum mute die _Nase_ von Kowalew
... und warum mute Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht,
ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklrlich,
da ich ... Nein, das lt sich einfach nicht verstehen!


_Das Portrt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols
Arabesken, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist
frhestens im Mrz 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal
durchgesehen und korrigiert und am 17. Mrz dieses Jahres Pletnew
eingesandt, der sie im Sowremennik (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3
abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851
nahm der Verfasser fr die zweite Auflage seiner Werke noch einige
unbedeutende stilistische Vernderungen vor.

                   *       *       *       *       *


                 Druck von Mnicke & Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Verweise auf Varianten im Text des zweiten Teils der Toten Seelen
(im Anhang) sind mit Nummern in runden Klammern gekennzeichnet.

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Zwei offensichtliche bertragungsfehler wurden ebenfalls unverndert
belassen. Auf Seite 71 sagt der General zu Tschitschikow: Dir die
toten Seelen abzukaufen? Im Original heit es hingegen richtig: zu
berlassen, da ja der General der Besitzer der Bauern ist. Auf Seite
171 hat Chlobujew nicht fnfzigtausend Bauern, sondern wie im Original
fnfzig Bauern geerbt.

Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 25]:
   ... Ohren Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...
   ... Ohren am Kopf kratzten. Aber das dauerte nicht lange.(5) Der ...

   [S. 28]:
   ... dann lie er es fast ganz an der frheren Aufmerkksamkeit ...
   ... dann lie er es fast ganz an der frheren Aufmerksamkeit ...

   [S. 28]:
   ... auffangen, wenn sie sich allenthaben im Himmel und ...
   ... auffangen, wenn sie sich allenthalben im Himmel und ...

   [S. 46]:
   ... wie jeder Bauer heit, wer mit diesen und jenem verwandt ...
   ... wie jeder Bauer heit, wer mit diesem und jenem verwandt ...

   [S. 49]:
   ... und die Lage der Stlle auerordenlich bequem. ...
   ... und die Lage der Stlle auerordentlich bequem. ...

   [S. 60]:
   ... ergreifen wollten, vertbeugte sich mit bewundernswrdiger ...
   ... ergreifen wollten, verbeugte sich mit bewundernswrdiger ...

   [S. 70]:
   ... Und fhrt er noch spazieren? Macht er Besuche. ...
   ... Und fhrt er noch spazieren? Macht er Besuche? ...

   [S. 70]:
   ... Ist er noch gut auf den Beinen! ...
   ... Ist er noch gut auf den Beinen? ...

   [S. 79]:
   ... Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters! ...
   ... Sagen Sie, wie steht es mit dem Gute Ihres Vaters? ...

   [S. 79]:
   ... Ich wei, was Sie jetzt denken? sagte Petuch. ...
   ... Ich wei, was Sie jetzt denken! sagte Petuch. ...

   [S. 80]:
   ... Alexyascha. ...
   ... Alexascha. ...

   [S. 82]:
   ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bischen rgern ...
   ... sehne? Wenn mich doch jemand ein bichen rgern ...

   [S. 89]:
   ... weitere lten sie ab, und laut schwoll an und ergo sich ...
   ... weitere lsten sie ab, und laut schwoll an und ergo sich ...

   [S. 89]:
   ... zu jagen, saen Nikoloscha und Alexascha stumm da und ...
   ... zu jagen, saen Nikolascha und Alexascha stumm da und ...

   [S. 92]:
   ... herein! dachte Tschitschikow. Da ist der Brantweinpchter ...
   ... herein! dachte Tschitschikow. Da ist der Branntweinpchter ...

   [S. 92]:
   ... meiner Schwester und von meinen Schwager verabschieden. ...
   ... meiner Schwester und von meinem Schwager verabschieden. ...

   [S. 92]:
   ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einknft im Werte ...
   ... erste hier in der Gegend. Er bezieht Einknfte im Werte ...

   [S. 96]:
   ... konnte Tchitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ...
   ... konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen ...

   [S. 97]:
   ... in einem Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus
       zugeschritten. ...
   ... in einer Jacke von Kamelhaaren kam auf das Haus
       zugeschritten. ...

   [S. 99]:
   ... Ich habe dir's schon gesagt, Ich lasse nicht mit mir ...
   ... Ich habe dir's schon gesagt, ich lasse nicht mit mir ...

   [S. 100]:
   ... kannte auch keine andere Sprache auer der russichen. ...
   ... kannte auch keine andere Sprache auer der russischen. ...

   [S. 103]:
   ... er an davon zu erzhlen, wieviel Mhe es ihm gekostet ...
   ... er an davon zu erzhlen, wieviel Mhe es ihn gekostet ...

   [S. 103]:
   ... Tschitschikow sah ihn aufmerksam ins Gesicht, hrte ...
   ... Tschitschikow sah ihm aufmerksam ins Gesicht, hrte ...

   [S. 107]:
   ... steht zu ihrer Verfgung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...
   ... steht zu Ihrer Verfgung. Tuen Sie, als ob Sie zu ...

   [S. 111]:
   ... da man sich von den franzsischer Invasion und dem ...
   ... da man sich von der franzsischen Invasion und dem ...

   [S. 124]:
   ... Der andere lchelte, fhlte er doch selbst, da Tschischitkow ...
   ... Der andere lchelte, fhlte er doch selbst, da Tschitschikow ...

   [S. 134]:
   ... Und was wollen Sie dann anfangen! ...
   ... Und was wollen Sie dann anfangen? ...

   [S. 140]:
   ... die einem Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ...
   ... die einen Geld kosten? -- Aber glauben Sie nur nicht, ...

   [S. 142]:
   ... und tchrichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...
   ... und trichtes Zeug plapperte. Die Damen zogen sich ...

   [S. 153]:
   ... Name war Wassillij. ...
   ... Name war Wassilij. ...

   [S. 162]:
   ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karnealsiegel, ...
   ... den Fingern, zeigte ihm ein reizendes Karneolsiegel, ...

   [S. 162]:
   ... Das dich doch der Teufel holte, kleiner Satan! ...
   ... Da dich doch der Teufel holte, kleiner Satan! ...

   [S. 163]:
   ... fr ihre Gte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...
   ... fr Ihre Gte auch einen kleinen Dienst zu leisten. Ich ...

   [S. 171]:
   ... Betrgereien vorgekommen, Alfanassij Wassiljewitsch! ...
   ... Betrgereien vorgekommen, Afanassij Wassiljewitsch! ...

   [S. 179]:
   ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, das die Sache ...
   ... wurde, ihn davon in Kenntnis setzte, da die Sache ...

   [S. 206]:
   ... zu nehmen. ...
   ... zu nehmen? ...

   [S. 217]:
   ... Es versteht sich von selbst, de der Hauptschuldige ...
   ... Es versteht sich von selbst, da der Hauptschuldige ...

   [S. 218]:
   ... gehabt htten, dann durften sie sich nicht durch den Stolz
       und ...
   ... gehabt htten, dann durften Sie sich nicht durch den Stolz
       und ...

   [S. 218]:
   ... und ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich htte Ihre ...
   ... und Ihr eigenes Ich zum Opfer bringen. Ich htte Ihre ...

   [S. 227]:
   ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legten den Finger ...
   ... im Kalender ein anderes Blatt auf und legte den Finger ...

   [S. 237]:
   ... Petrowitsch war ein Individium, das schielte, pockennarbig ...
   ... Petrowitsch war ein Individuum, das schielte, pockennarbig ...

   [S. 256]:
   ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirlich so ...
   ... so eine Sache machen wollen, dann ist es wirklich so ...

   [S. 279]:
   ... sein imponierendes uere warf: Welch ein Charakter! ...
   ... sein imponierendes ueres warf: Welch ein Charakter! ...

   [S. 290]:
   ... Aber hier hllt pltzlich ein undurchdringles Dunkel ...
   ... Aber hier hllt pltzlich ein undurchdringliches Dunkel ...

   [S. 291]:
   ... ebene und glatte Fche! Voller Schrecken lie Kowalew ...
   ... ebene und glatte Flche! Voller Schrecken lie Kowalew ...

   [S. 298]:
   ... Weise und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...
   ... Weie und einen Teil der Wange bemerkte, die in ...

   [S. 307]:
   ... Der Major lies sich, wie man sieht, sogar zu einer ...
   ... Der Major lie sich, wie man sieht, sogar zu einer ...

   [S. 315]:
   ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu berbedenken, ...
   ... Kowalew begann, das Vorgefallene zu berdenken, ...

   [S. 323]:
   ... und ber alle folgenden Ereignisse ist wieder nichs bekannt. ...
   ... und ber alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt. ...

   [S. 327]:
   ... Und der Mojor Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...
   ... Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts ...

   [S. 335]:
   ... an und zeigte ihnen mit einer groen Geste sein Laden. ...
   ... an und zeigte ihnen mit einer groen Geste seinen Laden. ...

   [S. 343]:
   ... fr das vollkommenste und vollendeste Kunstwerk ...
   ... fr das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk ...

   [S. 344]:
   ... mit jenen hohen Genu zu tun, den die Seele angesichts ...
   ... mit jenem hohen Genu zu tun, den die Seele angesichts ...

   [S. 344]:
   ... Messer bewaffnet, einen Menschen nahn, in der Erwartung, ...
   ... Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, ...

   [S. 347]:
   ... begann der Alte, die Rollen zu ffnen, aus denen ihn ...
   ... begann der Alte, die Rollen zu ffnen, aus denen ihm ...

   [S. 348]:
   ... Die Brust war wie eigeschnrt, wie wenn sie den letzten ...
   ... Die Brust war wie eingeschnrt, wie wenn sie den letzten ...

   [S. 364]:
   ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl! ...
   ... ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl? ...

   [S. 385]:
   ... stimmte am besten mit seinen Seelenzustand berein, ...
   ... stimmte am besten mit seinem Seelenzustand berein, ...

   [S. 399]:
   ... eigentmliche arithmetrische Operationen zu ganz ...
   ... eigentmliche arithmetische Operationen zu ganz ...

   [S. 403]:
   ... Vater gestand, niemals in seinen Leben etwas hnliches ...
   ... Vater gestand, niemals in seinem Leben etwas hnliches ...

   [S. 438]:
   ... So schwarz ... Exzellenz, verbesserte ihm Tschitschikow. ...
   ... So schwarz ... Exzellenz, verbesserte ihn Tschitschikow. ...

   [S. 458]:
   ... hineinzukommen. Was denken Sie wohl? ...
   ... hineinzukommen? Was denken Sie wohl? ...

   [S. 475]:
   ... umgearbeitet worden: ...
   ... umgearbeitet werden: ...

   [S. 476]:
   ... versetzte die Nase, bitten drcken Sie sich etwas deutlicher ...
   ... versetzte die Nase, bitte drcken Sie sich etwas deutlicher ...

   [S. 480]:
   ... seinen fest zusammengekniffen Lippen schlieen konnte. ...
   ... seinen fest zusammengekniffenen Lippen schlieen konnte. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 2: Die Toten Seelen
II / Novellen, by Nikolaj Gogol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 2: DIE ***

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agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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