The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans
Kchelgarten, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Kchelgarten
       Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen
       ber die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente
       / Hans Kchelgarten

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Ullrich Steindorf

Release Date: January 31, 2018 [EBook #56475]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 8: ***




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                             Nikolaus Gogol
                            Briefwechsel II




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 8


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1914


                             Nikolaus Gogol




                Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden



                              Zweiter Teil

                           Hans Kchelgarten

                     Deutsch von Ulrich Steindorff


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1914




                    An Arkadius Ossipowitsch Rosetti


                                                Neapel, im Jahre 1847.

Ich wei nicht, wie ich Ihnen fr Ihren Brief und die zahlreichen
Mitteilungen danken soll, die er enthlt, liebster, bester Arkadij
Ossipowitsch. Wenn ich hufiger das Glck htte, solche Briefe zu
erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe
zu mir erfllt wren, mte ich schon lngst viel klger sein, als ich
es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen
will, jemand in irgendeiner Weise davon zu berzeugen, da ich wissen
mu, was man ber mich spricht, da das die einzige Gelegenheit fr mich
ist, etwas zu lernen, kurz, da es einen Menschen gibt, dem man die
Wahrheit sagen mu, so hart und bitter sie auch sein mag, und fr den
selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Ha und der
Lieblosigkeit entspringen, ein Bedrfnis sind? So war denn auch einer
der Grnde, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das
Bedrfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man
jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als
dadurch, da man ihn erzrnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe
mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen,
die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer
empfindlichsten Stelle treffen muten.

Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide auerordentlich
darunter, da ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen
Umstnden kennen mte; ich leide darunter, da ich eigentlich gar nicht
wei, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, mter und aller
Bildungsstufen in Ruland darstellen. Alles, was ich hierber bisher
unter einem ungeheuren Aufwand von Mhe ermitteln konnte, ist nicht
ausreichend, wenn meine Toten Seelen das werden sollen, was sie
eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach
drste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschlu der
Bedienten und Lakaien ber mein gegenwrtiges Buch sagen -- nicht
eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der
Beurteiler mit seinem Urteil ber das Werk am besten charakterisiert.
Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst fr
ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in
seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gtiger Mensch
oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser
Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, da Sie es sich
heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewutsein bringen
knnen, wie an diesem, was der Russe von heute fr ein Mensch ist. Ich
kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen
Gebrechen leiden, einen wohlttigen Einflu auszuben, ich hatte
erwartet, da sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten uern wrden, als das
wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter fr mich,
vieles mitanhren zu mssen. Aber wie danke ich Gott heute dafr, da es
gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt
unwillkrlich gentigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt
die Mglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu
lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von
ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, da meine Persnlichkeit
hierbei Schaden gelitten hat (ich mu es Ihnen gestehen; ich brenne noch
heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaend ich mich an vielen
Stellen ausgedrckt habe: fast  la Chlestakow), so mu man doch immer
Opfer bringen. Ich brauchte eine solche ffentliche Ohrfeige, ja ich
hatte sie vielleicht ntiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf
an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umstnden Nutzen zu ziehen:
Gott hat pltzlich einen ganzen Haufen von Schtzen vor mir
ausgeschttet, so da ich mit beiden Hnden danach greifen mu, wenn ich
sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas,
dessen nur ein Christ fhig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten fr
mich auf, wo Sie sie immer finden mgen. Es wre Ihnen ein leichtes,
sich tglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu
machen wie z. B. die folgenden: Heute habe ich den und den, die und die
Meinung uern hren; ber das Leben dieses Menschen ist folgendes
bekannt, er hat einen solchen Charakter (kurz, Sie knnten mir in
flchtigen Zgen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts ber
ihn bekannt, so schreiben Sie: ber sein Leben kann ich nichts in
Erfahrung bringen, ich glaube aber, da er das und das ist; uerlich
macht er einen guten und anstndigen (oder unanstndigen) Eindruck; er
hlt seine Hnde so; schneuzt sich folgendermaen; er schnupft Tabak und
zwar in folgender Weise; kurz, Sie drfen keinen Zug vergessen, der
Ihnen ins Auge fllt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie
jeden geringfgigen Umstand sorgfltig buchen.

Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder
eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und
Reihenfolge zu geschehen: man wirft blo zwei, drei Zeilen aufs Papier,
ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar berzeugt, da dies
eine angenehme Beschftigung fr Sie sein wird, weil Sie stets das
schne Bewutsein haben werden, da Sie das fr einen Menschen tun, der
Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so
groe Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein
Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhlt. Was soll ich machen, wenn dies
Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur fr ein Spielzeug
gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist;
es ist sogar so wenig ein Spielzeug, da, wenn ich nicht genug von
diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen Toten Seelen
pltzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann
und lauter Dinge zum Vorschein kommen knnen, wie Sie sie in meinem
Buche gefunden und die Ihnen so mifallen haben. Glauben Sie mir: wenn
dies Buch nicht erschienen wre, htte ich nie jene kunstlose
Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der Toten
Seelen herrschen mu, wenn sie jedermann fr einen treuen Spiegel des
Lebens und nicht fr eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch
groen Umweg man machen mu, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie
wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut
besser, hierber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist
alles, was ich zu sagen vermag.

Was nun die Verffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich
folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band
herauszugeben -- ist mir unmglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor,
die nicht vergessen werden drfen, und ber meine ganze Zeit habe ich
schon disponiert; zudem wrde ein ganz hnliches Werk nicht einmal
Aufsehen erregen. Ich mchte nur, da Wjasemski seine Bemerkungen dazu
macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch
einmal durchsehen und verbessern, so da selbst der schlichteste Zensor,
auch ohne da sie vor eine hhere Instanz zu gelangen brauchten, die
Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es
nur verstndig auszudrcken versteht. Der Mierfolg der besten und
hochherzigsten Unternehmungen rhrt meist von unserer Ungeschicklichkeit
her -- da wir gewhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken:
Man mu Wasser in seinen Wein gieen (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber
verdnne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit groer Sicherheit
und hochmtiger Miene Ratschlge zu erteilen, die wir in dem Tone eines
Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, da er sich irren
knnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, knnen wir
sicher sein, da unsere Gedanken von vielen Lesern beifllig aufgenommen
und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehrt, mag
fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden;
wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrngt, da soll
sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch
eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon
gedruckten Stze einen mavolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen
diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders
verffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine hhere
Bedeutung verleihen und die Menschen in Ruland an _Ruland_ erinnern
und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen
werden. Obwohl es groe Mngel hat, -- es ist nicht auf kurze flchtige
Eindrcke berechnet. Man mu es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur
fr die, die es berhaupt nicht verstanden, sondern auch fr die, die es
besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch
Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergrndet werden
knnen. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne
genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wre sehr schn, wenn
die vollstndige Ausgabe im September erscheinen knnte. Das Buch wird
gekauft werden, man kann nmlich noch einiges hinzufgen, was dazu
beitragen knnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige
Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu
lesen. Sie danken mir dafr, da ich Ihnen (durch die Bemhungen um mein
Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele nher kennen zu
lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafr, da Sie mir einige
Mitteilungen ber ihn zukommen lieen, um derentwillen ich ihn heute
noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit hher schtze als
je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem
schnen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich
kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich
dafr geben wrde, wenn ich ihn jetzt sehen, persnlich mit ihm sprechen
und ihn an meine Brust drcken knnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie
aufs herzlichste, mein unschtzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich
Ihnen vielmals fr Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr

                                                                Gogol.

_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Bchern
eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind.
Alle andern erhalten durch den Kurier die schnsten Sachen zugestellt;
sogar Buchweizengrtze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich
erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblttchen.

Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu besttigen.
Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar
senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.

[Funote 1: Getrocknete Rckensehne vom Str, die in Ruland zur Fllung
von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]




                        ber den Zeitgenossen
                             (Sowremennik)
                       Ein Brief an P. A. Pletnew


                                                     Den 4. Dez. 1846.

Endlich komme ich dazu, mit dir ber den Zeitgenossen zu sprechen.
Der Zeitgenosse war eine schlechte Zeitschrift trotz des
vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses
schne Ziel, um dessentwillen du ihn gegrndet hast, war aus der
Zeitschrift fr niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil,
alle Leute fragten betroffen: Erklren Sie mir bitte, warum und zu
welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit
sagen? Was wollen diese Gemeinpltze in seinem Programm bedeuten, diese
vielen Wiederholungen ber Unparteilichkeit, seine uneigenntzige Liebe
zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die
jeder Journalist macht und doch keiner hlt? Der magere Inhalt dieser
dnnen Bchlein, der leblose, gleichgltige, matte, verwaschene Stil, in
dem seine Urteile ber alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein
Rtsel auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse? Wir wollen
ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung:
weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung fr alle
modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde fr alle Fragen, die
die groe Masse unserer Gesellschaft beschftigen, noch endlich jenen
enzyklopdischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen
Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen
Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur
eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blten,
die im Garten der Poesie wachsen, zu ergtzen und die hchsten Regungen
der Menschenseele zu verstehen. Der Snger des Mnnich und einiger
anderer schner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der
stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, htte die polemische
Arena meiden sollen. Der Zeitgenosse war selbst unter Puschkin nicht
das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein
viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte.
Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften
schaffen, in der durchdachtere und grndlichere Abhandlungen zum Abdruck
kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die
Mitarbeiter zur Eile gedrngt werden und nicht einmal soviel Zeit haben,
das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen.
brigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht
allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als
er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er
zuerst sogar zurcktreten. Die ganze Schuld fllt auf mich: ich flehte
ihn an, seinen Plan doch auszufhren. Ich versprach ihm meine dauernde
Mitarbeit. In meinen Aufstzen fand er vieles, was einer periodischen
Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen
konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu
jener Zeit tatschlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu
hoch, als da er noch ein solch jugendliches Gefhl in sich htte bergen
knnen: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals
noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt lie. Mein hartnckiges
Zureden und mein Versprechen, ttig mitzuwirken, berzeugte ihn; aber
ich htte mein Wort doch nicht halten knnen, selbst wenn er am Leben
geblieben wre. Ich wute noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung
fhren wrde, ich wute nicht, da ich einmal alle Krfte und
Fhigkeiten fr jede lebendige literarische Bettigung verlieren und
lange Zeit fr alles absterben wrde, was den Menschen von heute bewegt.
Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschttert durch
diesen fr alle so schmerzlichen Verlust, der fr dich noch weit
schmerzlicher war als fr alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der
Zeitschrift. Die Erkenntnis, da die moderne Gesellschaft verwaist und
des Lichts der Poesie beraubt zurckgeblieben und dazu verurteilt sein
sollte, nichts wie trichte und unfruchtbare Diskussionen und
Streitereien ber die Kunst anzuhren, statt sich an den Werken der
Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und
tief betrbt ber diese Vereinsamung und Leere, die sich brigens schon
zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemchtigt hatte, bernahmst du die
Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas
errichten, das zu Beginn der Puschkinschen ra ganz von selbst
emporgeblht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergat du
sogar, da nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern da
eine hhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht
einmal, da du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe
periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise
erreichen lie. Der Zeitgenosse htte als Zeitschrift nicht einmal
dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten
Journalisten in dir vereinigt httest. Ich mu gestehen, ich kann es mir
nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu
einer Notwendigkeit fr unsere Epoche machen sollte. Eine solche
enzyklopdische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer
Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedrfnis mehr wie
frher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drngt uns
alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der
modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft
und die oberflchliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre
Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu
aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Krfte und
seine Fhigkeiten genauer zu prfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu
whlen, und zwar kein flchtiges Augenblicksziel, sondern eine
lebensvolle, reiche und groe Aufgabe, die allein den Fhigkeiten
entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner
Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem
Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen.
Der Zeitgenosse sollte gnzlich auf den Namen einer Zeitschrift
verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrngter
Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter
eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas hnliches darstellen wie
die Blumen des Nordens des Barons _Delwig_, dem du durch dein
Verstndnis fr den Wohllaut der Poesie und deine Fhigkeit, dich an ihr
zu erfreuen und sie intensiv zu genieen, so sehr gleichst. Es ist weit
besser, er erscheint blo dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen:
das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum
ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus
der Sommerfrische in den Stdten zusammenstrmt, und das drittemal zu
Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo
sich alles mit dem grten Heihunger auf ein neues Buch strzt. Alles,
was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektre
trgt, mu wegbleiben: alle Berichte ber Tagesneuigkeiten, jegliche
politischen Nachrichten oder Anzeigen smtlicher neuen Bcher; hchstens
darf der Band einen ernsten kritischen Bericht ber die bedeutsamsten
Werke enthalten, die whrend eines Jahrdrittels erschienen sind, und
zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen
literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert
werden, da es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der
Literatur und da es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz
konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei
hnlichkeit mit den bereilten hastigen und fragmentarischen Produkten
unserer Zeitschriftenliteratur haben, drfen aufgenommen werden. Nur die
schnsten Blten unserer modernen literarischen Produktion drfen hier
vereinigt sein. Das aber lt sich nur in einer Zeitschrift erreichen,
die nicht mehr als dreimal jhrlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei
Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.

Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische
Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger
gestaltet werden als frher. Ich will hier ausdrcklich _die_ modernen
Schriftsteller anfhren, deren Aufstze unserm Zeitgenossen zur Zierde
gereichen wrden. Vor allem mssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen,
der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzhler ist. Niemand darf
sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache
rhmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrcke und jede
seiner Wendungen ist prgnant und von einem feinen Anstandsgefhl
erfllt. Er hat einen groen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist ber
alles unterrichtet, was heute unsere hheren Gesellschaftskreise
beschftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich
noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfllt, und er ist
durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingefhrt worden, sich
eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Kme noch solch
ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann knnte er ein treuer
Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke wrden
um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --

Gleich nach ihm mssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich
unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet,
ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch,
wahrhaft produktive Schpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die
Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus
solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe
Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil
eine groe Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der
Natur geschpft. Er braucht keinen Knoten zu schrzen und ihn dann
wieder zu lsen, worber sich die Romanschreiber so sehr die Kpfe
zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die
sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er
miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine uerst
interessante Erzhlung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit
bedeutender als smtliche Erzhler von groer Erfindungsgabe. Vielleicht
bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als
irgendein anderer meinem persnlichen Geschmack und den eigentmlichen
persnlichen Forderungen, die ich an einen Erzhler stelle,
entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schpfe ich Belehrung und neue
Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes
besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies,
da ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr ntzlich sein
kann, ja da er eine Notwendigkeit fr uns ist. Seine Werke sind ein
lebendiger und getreuer statistischer Bericht ber Ruland. Alles, was
er aus seinem umfassenden Gedchtnis schpft und was er uns in seiner
wahrheitsgetreuen Sprache erzhlt, wird ein wertvoller Beitrag fr
deinen Almanach sein.

Ich wei nicht, warum _N. Pawlow_ so gnzlich verstummt ist, ein
Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzhlungen sofort ein
Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben
und sich blo dadurch geschadet bat, da er es vorzog, nicht mehr _er
selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen
Erzhlungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer
stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen
poetischen Einfllen oder zu knstlichen mosaikartigen Ausschmckungen
des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht
zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges
psychologisches Phnomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in
seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzhlen, um eine Novelle
mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schpfungen zu
schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehren.

Mancherlei Vorzge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller,
dessen Werke unter dem Namen _Kulisch_ erscheinen. Sein blhender Stil
und seine groe Kenntnis der Sitten und Bruche Kleinrulands sprechen
dafr, da er ganz vorzglich dafr geeignet wre, eine Geschichte
dieses Landes abzufassen. Auch htte er sicherlich in noch hherem Grade
die Befhigung, frische und lebensvolle Aufstze fr den Almanach zu
schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bruchen der
alten Zeiten zu erzhlen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer
Novelle oder einer dramatischen Erzhlung hineinzustellen, ganz hnlich
wie uns einstmals _Kornilowitsch_ von dem Zeitalter Peters und von der
vorhergehenden Epoche erzhlt hat. Sein Roman hat recht interessante
Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren
Perlen: sein groes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die
ber alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gnzlich verloren,
ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.

Man hat mir gesagt, da die _Novelle_ bei uns in der letzten Zeit im
allgemeinen einen groen Erfolg habe und da einige junge Schriftsteller
eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an
den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte,
konnte ich in der Tat eine hnliche Tendenz konstatieren, obwohl der
Aufbau dieser Novellen mir auerordentlich primitiv und ungeschickt
vorkam; die Form der Erzhlung erschien mir bertrieben und allzu
wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich
bin berzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der
Mensch, die Persnlichkeit -- und zwar noch vor dem Schriftsteller --
zum Durchbruch gekommen ist -- da sich dann alles andere ganz von
selbst ergeben, da jeder von ihnen eine starke schriftstellerische
Eigenart bekunden, und da keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu
bemerken sein wird. Ich mu hier noch _des_ Schriftstellers gedenken,
der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama _Der Tod Ljapunows_
begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an
der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, ber die nur ein
erfahrener Bhnenschriftsteller verfgt, allein es besitzt viele
Vorzge, die in seinem Schpfer einen Schriftsteller von hervorragender
Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in
einer so lebensvollen Sprache von ihr knden zu knnen -- das ist eine
groe Gabe! An seiner Stelle wrde ich mich frmlich in die alten
Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektre
keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen knnte er viele herrliche
Stoffe entnehmen. Wer wei, vielleicht wrde ihn eine solche Lektre auf
den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte
der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln wrde. Ein
echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so
stark in die historischen Charaktere einzufhlen vermag, ein Werk, das
so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle
historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit mchte ich noch etwas von
den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich
wnschte, du suchtest _Prokopowitsch_ auf und knntest ihn dazu
veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzhlenden Genre zu
versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht
haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit
frher als alle anderen ein groes Talent fr eine anschauliche
Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke
Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam
bei ihm ungezwungen heraus und strmte ihm in reicher Flle zu; alles
gelang ihm ohne groe Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, da
er einmal ein uerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden wrde. Ich
wei wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer
ausgebreiteten freien Ttigkeit in sich einschlafen lassen, sein
Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld
fr die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt berall
das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in
dem es sich ausbreiten kann, um so grndlicher und tiefer knnen wir
gerade dies Stck Leben erforschen und durchdringen. Sogar die
Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenhnlichen
Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der
Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben
zurckblickt, kann einen herrlichen Stoff fr einen Roman abgeben ...
Was fr ein Festtag wre das fr meine Seele, wenn ich einmal im
Zeitgenossen eine Novelle fnde, unter der sein Name stnde! Was
endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleiiger und
eifriger Mitarbeiter an deinem Zeitgenossen sein. Du hast schon selbst
bemerkt, da man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen
Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und
noch whrend unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich
in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fhigkeiten, die die
notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will
dir gestehen, da selbst in meinen frhsten Projekten und in meinen
Trumen von einer knftigen Ttigkeit nie der Gedanke an die
Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall
darauf gestoen. Ich hatte einige Beobachtungen ber einzelne Seiten des
Lebens gemacht, deren ich fr meine inneren geistigen Angelegenheiten
bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschftigten, und _sie_
gaben den Anla dazu, da ich zur Feder griff und beschlo, dem Leser
voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst spter, d. h. nach
Vollendung meiner eigenen Erziehung htte mitteilen sollen. Ich mute
mir alles unter groen Mhen erringen, was einem geborenen
Schriftsteller mhelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir
nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte
Form fr meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten
Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag
sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller,
nicht einmal bei einem von den schlechten, so da selbst ein Anfnger,
ein Schuljunge das Recht hat, sich ber mich lustig zu machen. Alles,
was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann
aber nie als Muster schner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer
wrde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schlern den Rat geben
wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur
schildern mu: er wrde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den
Beweis dafr kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern
meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das
Niveau ihres eigenen Knnens herabgesunken sind und ihre Selbstndigkeit
und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel
der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie
ist, in mir widerzuspiegeln -- ein Streben, von dem ein Dichter whrend
seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode
zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in
einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das
Gefhl habe, da jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf
und da meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben
vermgen, dann sollst du einen Aufsatz von mir fr deinen Zeitgenossen
erhalten; wenn nicht -- so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst
du mir nicht zrnen.

Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern
erwhnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften
beschftigt sind, teils an Schpfungen abstrakteren Charakters arbeiten,
die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die
weder die Mglichkeit noch Mue genug haben, an deinem Zeitgenossen
mitzuarbeiten. -- Diese sollst du gar nicht erst bemhen. Bei dieser
Gelegenheit mu ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn
du vielen Literaten Verstndnislosigkeit und mangelnde Teilnahme fr
deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgltigkeit gegen
die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw.
zurckgefhrt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren
Angelegenheit beschftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt
es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen
Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, da ein anderer
sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren
Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen
sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist
wie der, den ein anderer Mensch zurcklegen mu, und man darf nicht alle
Menschen mit derselben Elle messen. Daher mut du selbst die ablehnende
Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch,
wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag fr den
Zeitgenossen zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir
gibt. Wenn blo die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beitrge
liefern werden, so wrde dies allein schon vollauf gengen. Aber ich
wei, da auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur
Verfgung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute ber
einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, da es
gegenwrtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg
noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, _er
selbst_ zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt;
indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch geqult, obwohl
sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben,
seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde
Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche
Grund der Trgheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.

Der poetische Teil des Zeitgenossen kann gleichfalls sehr reichhaltig
gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der
Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch
unserer Poesie noch, -- noch hat uns der Himmel ja _Schukowski_
erhalten. Zum Dank fr sein reines, makelloses Leben darf _er_ sich
allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische
erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fhlen.
Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine
frheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzhlungen und Mrchen
beurteilen, die in der letzten Zeit im Zeitgenossen zum Abdruck
gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das
Publikum machen, und es ist kein Wunder, da das Publikum, das jedes
neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedrfnissen mit und in ihm eine
Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte fr
eine _Kinderei_ von Schukowski erklrt hat. Sie waren tatschlich fr
kleine Kinder geschrieben. Diese Mrchen und Erzhlungen htten in Form
eines besonderen Buches unter dem Titel _Eine Gabe fr die Kinder von
Schukowski_, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer
Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm
geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem
Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber wei ich,
da er dir fr den Almanach einige von den Perlen berlassen wird, die
tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich whrend der
letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank
zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Frst Wjasemski und
Jasykow. Sie knnen den Zeitgenossen mit neuen Tnen bereichern, wie
man sie von ihnen noch nicht vernommen hat -- mit Tnen, die aus einem
gequlten, gepreten Herzen hervorstrmen, mit Liedern, die aus der
Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen
Gehalt der Poesie erfllt hat.

Die jngeren von unseren Dichtern, die erst in jngster Zeit aufgetreten
sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine
gewisse Begabung fr eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst
an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, da sie echte und wahre
Gefhle besitzen, allein auch sie knnen poetische Saiten anschlagen,
die unserem Empfinden nher liegen. Die Poesie ist die reine
Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein knstliches
Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die
Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugnglich und
verstndlich sein. Die Schpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe
Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten
auf der Erde erscheinen; fr einen anderen ist es gefhrlich, diesen Weg
zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter
ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphre der reinen
Erdichtung wagten, whrend sogar geringe Talente sich hoch ber sich
selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu
veranlat wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen
Erlebens darzustellen. Die Zeit rckt immer nher, wo der Drang nach
einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird.
Selbst die, die nicht einmal daran denken, da sie Dichter sein knnten,
werden Tne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen,
viele kostbare Schtze werden dir von allen Seiten fr deinen
Zeitgenossen zuflieen. Du selbst, der du die Leier schon lngst
beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht
hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr
greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig
schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand
etwas erfahren hat; auch _deine_ Seele wurde sicherlich von dem
Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie
hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verstndnis fr all ihre
Bitternisse htte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich
sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das
es allein versteht, den Trauernden und Bekmmerten liebevoll an seinen
Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schlielich alles wendet, was
da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des
Kummers, wie an die der hheren Trstung, die auf dich herabgesandt
wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck fr sie, stelle sie recht und
wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Trnen der Rhrung und die
innigsten Gefhle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe
kommen und es dir ermglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu
bringen, wie dies selbst ein groer, alle Zauberknste der Dichtung
beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen
gelernt hat, nie vermchte. Dann wird der Zeitgenosse seinen Namen
rechtfertigen, aber freilich in einem anderen -- hheren Sinne: er wird
allen hchsten Augenblicken, allen hchsten Empfindungen der russischen
Schriftsteller und Menschen Genge tun. Dann wird er sich auch dem
eigentlichen Ziele weit mehr nhern, das deinem Geiste unklar und
entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem sthetischen
Bund voll herrlicher brderlicher Liebe vereinen. In ganz Ruland
vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift
zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwhrend in dir
genhrt hast; nur du hast keine pekuniren Interessen im Auge gehabt und
an keinen Lohn fr deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewut eine
reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten
Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten,
vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann
auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie mu glnzend
ausgestattet sein; sie mu eine in jeder Beziehung kostbare und
wertvolle Gabe darstellen: der Druck mu so schn und vornehm wie nur
mglich, die Bcher mssen mit den schnsten Stichen und Vignetten, die
bei uns in Ruland hergestellt werden knnen, geschmckt sein (damit
mut du russische Graveure beauftragen und keine Auslnder heranziehen).
Das Format der Bnde mut du nicht zu gro whlen, es sollte nur ein
wenig grer sein als das der Blten des Nordens, kurz, das Werk mu
seinem inneren Wert und seiner ueren Ausstattung nach den Eindruck
eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu
bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einknfte davon
fr deine eigenen Bedrfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen,
kannst du alles darauf verwenden, das Werk mglichst schn auszustatten
und hierdurch unseren armen Knstlern, die hufig bitteres Elend leiden
mssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall
hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunchst einmal das erste
Buch des Zeitgenossen zusammen und sorge dafr, da es am kommenden
Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als
ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken.
Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz
haben mchtest. So matt und flchtig er auch geschrieben sein mag, ich
bin trotzdem davon berzeugt, da ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir
und mir darin bereinstimmen wird, da ein solches Werk eine
Notwendigkeit fr Ruland ist, und er wird dir sicherlich die beste
seiner Arbeiten zur Verfgung stellen. In den Zeitungen brauchst du es
nur mit wenigen Worten anzukndigen und zwar brauchst du nur zu
erwhnen, -- da vom Zeitgenossen dreimal im Jahre, zu den oben
angefhrten Terminen, je ein Band erscheinen werde; fge nur noch die
Namen der Autoren hinzu, deren Aufstze zum Abdruck kommen sollen -- das
wird vollstndig gengen. Alles brige -- der Gehalt und die Bedeutung
der Aufstze sowie die Pracht und Schnheit der Ausstattung -- mag fr
jeden Leser eine angenehme berraschung sein.




                        Die Beichte des Dichters


Alle sind sich darber einig, da noch nie ein Buch soviel Aufsehen
gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anla gegeben
hat, wie die Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden. Und was
das merkwrdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch
niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken
war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit
Mitrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten
miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem
lebenden Krper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare
anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker
Konstitution in kalten Schwei ausbricht. So erschtternd und krnkend
jedoch fr einen vornehm denkenden und anstndigen Menschen viele von
diesen Schlssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch
alle die schwachen Krfte, ber die ich verfgte, zusammen, ich
beschlo, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben
zunutze zu machen -- und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch
hierber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen
Vorwurf geringgeachtet und verschmht, denn ich berzeugte mich mit der
Zeit immer mehr, da, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen
Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und rger geneigt
machen, und wenn er sich erst einmal die Fhigkeit erworben hat, alles
ruhig anzuhren, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen mu,
die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen
zusammenfgt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwgung zieht, kurz,
ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heit: Volkes
Stimme -- Gottes Stimme und nach der alle suchen. Aber obwohl viele
Vorwrfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam
waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und
ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches
Urteil man ber mein Buch zu fllen beschlossen hat. Wenn ich die Summe
von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut
geworden: nach der _ersten_ Ansicht ist mein Buch das Produkt eines
unerhrten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat,
er stnde hoch ber allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz
Ruland gehrt und beachtet zu werden, und verfge ber die Kraft und
die Fhigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der _zweiten_
Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betrten Menschen,
der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe
gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzgen
berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten
Wege abgekommen; nach der Ansicht der _dritten_ endlich ist dies Buch
das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder
Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser
Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaen gescheite und
aufgeklrte Leute, wie auch glubige Christen. Folglich kann keine der
Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, --
_vllig_ wahr sein. Am richtigsten wre es noch, dies Buch einen treuen
Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in
jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten,
dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist,
wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine
aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschtzung
seiner Vorzge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen,
und daneben die feste berzeugung, da auch die anderen viel von ihm
lernen knnen; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja
vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwrfe wider andere Leute
wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und fr
die man noch weit heftigere Vorwrfe verdiente -- kurz alles, was man in
der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, da hier
alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und da alles, was der
Mensch in seinem Inneren verschliet, nach auen gekommen ist, sowie
ferner mit dem Unterschied, da sich dies alles in weit wilderer und
lauterer Weise uert und frmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem
Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfllt, nach auen
und ans Licht drngt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher
vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem grere Gaben und
Fhigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur
ein Beweis fr die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da
gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lge.

Zu diesem Schlu jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten
nhert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und
seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand
das richtige Verhltnis zu ihm finden lie. Als ich dies Buch schrieb,
stand ich unablssig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich whrend
der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich
mich auer jeder Gefahr befand. So kam es, da ich ganz unmerklich in
einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden
Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich knnte vielleicht
das Werk nicht mehr vollenden, das whrend zehn Jahren alle meine
Gedanken beschftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus
von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines
epischen, erzhlenden Kunstwerks htte beweisen sollen. So verwandelten
sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde
eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer,
unverstndlicher Stcke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen
hatten. Dazu kam schlielich noch der vllig verschiedene Ton dieser
Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter
gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten
geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von
ihnen waren in einer Zeit verfat, als ich selbst zu meiner Erziehung
des Tadels und der Rge bedurfte, mir solche Rgen von anderen erbat und
forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren
zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, da ich die
Vorwrfe fr mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute
gerichteten Reden nur die brderliche Liebe zum Worte kommen lassen
sollte: so geschah es, da hufig Milde und Schrfe fast dicht
nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufstze, die fr das Buch
bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stcken
herstellen und vieles nher erklren sollten, nicht aufgenommen worden.
Dazu kommt schlielich noch meine dunkle Sprache und Unfhigkeit, mich
auszudrcken, -- zwei Eigentmlichkeiten eines noch nicht ganz
ausgereiften und fertigen Schriftstellers --; das alles trug dazu bei,
mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlssen
und Folgerungen Anla zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in
solchen Stzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven
entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach,
da bemerkte man ihn nicht; man nannte _das_ Selbstverkleinerung, was
nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist,
es gab keine zwei Menschen, die innerlich bereinstimmten, sowie sie an
die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne
zu der sehr richtigen Bemerkung veranlate, da ein jeder in der
Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine,
als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich
von selbst, da die Schuld ganz -- auf meiner Seite ist. So krnkend
daher auch all diese Angriffe und Verdchtigungen seiner persnlichen
moralischen Qualitten fr einen Menschen sein mgen, in dem noch nicht
jedes Ehrgefhl erstorben ist, -- ich habe kein Recht, jemand deswegen
anzuklagen.

Ich mu hier noch ein paar flchtige Bemerkungen ber eine Frage machen,
die nicht mit meinen moralischen Qualitten zusammenhngt. Ich war
uerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Ansto an Worten
nahmen, die doch vllig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen
klammerten und Schlsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu
dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen
Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen smtliche Bauern Landwirte und von
schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schlu zu
ziehen, da ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe -- das erschien
mir uerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit
dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft ntzliches Buch fr das
einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das
Gefhl hatte, man msse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk
in erster Linie vorsetzen msse. Solange es jedoch noch keine so
gescheiten Bcher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das
lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen knne und ein
strkeres Bedrfnis fr die Bauern darstelle, als alles, was ihnen
unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine
Erinnerung reicht, bin ich stets fr die Volksbildung eingetreten; aber
es schien mir so, als ob es besser wre, ehe man fr die Bildung des
Volkes sorgt, erst einmal fr die Bildung der Menschen zu sorgen, die in
engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu
leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig
zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die
aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen,
denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten
moralischen Grundlage fehlt, und die daher berall nur Schaden stiften,
weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, -- es kam
mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung
htte als der Bauernstand.

Dieser Stand schien mir weit mehr der Bcher zu bedrfen, die der Feder
kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die
Verstndnis fr ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch
jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschftigter Bauer
dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute
und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu
bedrfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle
meines Buches, wo ich sage, da die gegen mich gerichteten Kritiken viel
Wahres enthalten, den Schlu zog, ich sprche meinen Werken jegliche
Vorzge ab und stimmte nicht mit den Kritikern berein, die sich zu
meinen Gunsten geuert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es
keineswegs vergessen, da meine geringen Vorzge und Verdienste Anla zu
sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmler der
Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen
des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhhen.
Aber es htte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen
Vorzgen gesprochen htte; ja und warum htte ich das auch tun sollen?
Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften,
weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet,
Anla dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger
seltsam berhrte es mich -- da man daraus, da ich die
Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und
hervorgehoben habe, den Schlu zog, ich leugnete die Notwendigkeit der
europischen Bildung und hielt es fr berflssig, da sich ein Russe
ber den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur
Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Frher sowohl als auch jetzt
war ich immer der Meinung, ein russischer Brger msse ber die
europischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer
berzeugt, da, wenn man ber diesem sehr lblichen glhenden Interesse
fr die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergit, eine
solche Kenntnis der auslndischen Dinge nicht zu unserem Wohl
ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine
falsche Richtung geben knne, statt sie in sich zu sammeln und zu
konzentrieren. Ich war von jeher davon berzeugt und bin es noch heute,
da wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr grndlich kennen lernen
mssen, und da wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefhl dafr
bekommen knnen, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen,
denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets
vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einfhren, das
Alte -- nicht nur oberflchlich sondern grndlich und in seiner Wurzel
-- kennen lernen mten; denn sonst kann selbst die wohlttigste
Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In
dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.

[Funote 2: Auf mein Testament htte man sich nicht berufen drfen: in
einem solchen beurteilt man sich sehr streng, weil man sich rstet, vor
das Angesicht _Des_ Richters zu treten, vor Dem kein Mensch bestehen
kann.]

Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich
berdies gar nicht fr einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am
Worte Hngenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu
halten, beweisen mir nur, da niemand sich bei der Lektre meines Buches
in einer ruhigen Gemtsstimmung befand; da sich schon ein bestimmtes
Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und
da jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen
Standpunkt betrachtete; so kam es, da alle nur das bemerkten, was sie
in ihrem Vorurteil bestrkte und reizte, und an allem vorbergingen, was
geeignet war, dies Vorurteil zu zerstren und den Leser zu beruhigen.
Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, da sie
sogar alle Gesetze des Anstandes auer acht lie, die man bisher einem
Schriftsteller gegenber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem
Verfasser beinahe ins Gesicht, da er verrckt geworden sei, und man
empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrttung. Ich kann
nicht leugnen, da es mich noch mehr betrbt hat, wenn ebenfalls
gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute ffentlich in
der Presse erklren, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas
Neues darin gbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr.
Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten mge,
das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Ergu meines Herzens
und meines Inneren. Noch bin ich nicht ffentlich fr einen ehrlosen
Menschen erklrt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann
Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine
Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch -- eine einzige Lge ist; aber
alles, was meinem Herzen und meiner Seele entstrmt ist, eine Lge zu
nennen -- das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung,
da mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen,
der mehrere Jahre ganz fr sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich
selbst beschftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie
einen Schler, um sich einen wenn auch spten Ersatz fr die in seiner
Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der berdies den andern Menschen
nicht vllig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm
allein angehren -- die Bekenntnisse eines solchen Menschen knnen
unmglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer
Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so
entscheidendes Urteil fllen. Einem solchen Fall gegenber wird selbst
der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden mssen. In Angelegenheiten,
die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, ber einen gewhnlichen
Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der khlen Erwgung, dem
Rsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug
sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer
solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedrfnis zu
einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trgt, in sich
zu gehen und nicht ber andere, sondern ber sich selbst Gericht zu
halten. Kurz, die groe Sicherheit, mit der diese Urteile gefllt
wurden, schien mir von dem groen Selbstvertrauen des Urteilenden zu
zeugen -- von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die
berlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um
jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem
Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben
erst bei einem unserer Brder gergt haben; wie wir, indem wir einem
anderen sein hochmtiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich
durch unsere eigenen Worte einen Beweis fr unseren eigenen Hochmut und
unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, whrend wir einem anderen
Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden.
Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut
hat, dies einzugestehen, und sich nicht schmt, ffentlich und vor allen
Leuten zu erklren, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um
meine moralischen Qualitten zu verteidigen, erhebe ich hier meine
Stimme. Nein, ich halte es lediglich fr meine Pflicht, auf eine Frage
zu antworten, die fast einstimmig von seiten smtlicher Leser aller
meiner frheren Werke an mich gerichtet worden ist -- auf die Frage
nmlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphre aufgegeben
habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte,
ber die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden
Genre zuwandte.

Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig
und in mglichster Krze die ganze Geschichte meiner literarischen
Ttigkeit zu erzhlen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich
gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen knnen, ob ich die Sphre
meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung
zu grbeln und klgeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen
eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen mssen, da sich an
meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen
offenbart, Der ber die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie
_wir_ dies wnschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukmpfen vermag.
Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon
erklren, was vielen in meinem vor kurzem verffentlichten Buche als ein
so unlsliches Rtsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so
wrde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwrdige
Angelegenheit mich sehr mrbe und mde gemacht hat, und weil es mir nach
diesem Wirbelsturm von Miverstndnissen sehr schwer ums Herz ist.

Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf
mein eigentlicher Beruf ist. Ich wei nur das eine: da in den Jahren,
als ich ber meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon
sehr frh ber meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle
meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), da mir damals der
Gedanke, ich knnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl
es mir immer so schien, da ich noch einmal ein berhmter Mann werden
knnte, da mir ein groes weites Wirkungsfeld offen stnde und da ich
einmal etwas fr das allgemeine Wohl leisten wrde. Ich dachte einfach,
ich wrde mich empordienen und dies alles wrde mir durch den
Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke
Neigung fr den Staatsdienst. Mein Kopf war bestndig davon erfllt, und
alles, was ich tat und womit ich mich beschftigte, tat ich im Hinblick
darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente,
in denen ich es whrend der letzten Schuljahre zu einer gewissen
Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen
Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir
in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, da ich einmal ein
komischer und satirischer Autor werden knnte, obwohl ich trotz meiner
melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar
andere Leute mit meinen Spen belstigte, und obgleich sich schon in
meinen frhesten Urteilen ber die Menschen eine gewisse Fhigkeit,
bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie grbere und feinere und
komische Charakterzge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu
entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstnde es, -- ich mchte
nicht sagen, die Menschen _nachzuffen_ oder zu parodieren, -- sondern
sie zu _erraten_, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener
Situation sagen wrde, unter vlliger Wahrung seiner Anschauungsweise,
seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrcken. Aber ich brachte
dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, da
ich diese Fhigkeit noch einmal verwerten wrde.

Die heitere frhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die
von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in
einem gewissen seelischen Bedrfnis. Ich hatte oft unter Anfllen einer
mir selbst vllig unerklrlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht
eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen,
dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen.
Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich vllig aus
dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten
Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was
fr einen Nutzen das haben knne. Es war die Jugend in mir, die mich
dazu veranlate, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf
gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen
ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst,
whrend sich andere erstaunt fragten, wie einem vernnftigen Menschen
nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht htte diese
Lustigkeit allmhlich und zugleich mit dem Bedrfnis nach Zerstreuung
aufgehrt, ebenso wie meine schriftstellerische Ttigkeit. Allein
Puschkin veranlate mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich
schon lngst dazu zu berreden gesucht, ich sollte ein groes Werk in
Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen
Szene vorlas, der jedoch einen weit strkeren Eindruck auf ihn machte,
als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: Wie
ist es nur mglich, da Sie bei dieser Fhigkeit, den Charakter eines
Menschen zu erraten und durch wenige Zge ganz vor einem erstehen zu
lassen, wie er leibt und lebt, -- wie ist es nur mglich, da Sie sich
bei dieser Fhigkeit nicht entschlieen, ein groes Werk zu schreiben!
Das ist einfach eine Snde! Hierauf hielt er mir meine schwchliche
Konstitution und meine krperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben frh
ein Ziel setzen knnten; er fhrte das Beispiel des Cervantes an, der
zwar bereits frher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzhlungen
verfat hatte, jedoch niemals _die_ Stelle unter den Schriftstellern
einnehmen wrde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen
htte, den Don Quijote zu schreiben, und schlielich trat er mir sein
eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das
er, wie er mir sagte, keinem anderen auer mir berlassen htte. Dieser
Stoff waren Die toten Seelen. (Die Idee zum Revisor stammt
gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich --
um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich
bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage
vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte,
da ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne
eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist
es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und ber Dinge, die
wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im Revisor wollte ich alles
Schlechte und Hliche, das es in Ruland gibt, soweit es mir damals
bekannt war, zusammentragen und anhufen, alle Mibruche, die an allen
den Stellen und in allen den Fllen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit
und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal
verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschtternde.
Durch das Gelchter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen
Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz.
Ich selbst fhlte, da mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war,
da ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich frher
war, und da das Bedrfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu
zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem
Revisor empfand ich mehr denn je das Bedrfnis, ein umfassendes Werk zu
schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, ber die man lachen
mute. Puschkin fand, da der Stoff der Toten Seelen sich gerade darum
so gut fr mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot,
ganz Ruland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu
durchqueren und eine ganze Reihe vllig verschiedener Charaktere an uns
vorberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben,
ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darber
Rechenschaft gegeben zu haben, was fr ein Mensch mein Held eigentlich
sein mute. Ich dachte mir einfach, da der komische Plan, mit dessen
Durchfhrung Tschitschikow beschftigt war, mir schon von selbst die
Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und
da die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst
eine Reihe von komischen Momenten und Phnomenen erzeugen wrde, die ich
mit rhrenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich
tat, mute ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat
das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese
Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich
einem derartige Fragen aufdrngen? Soll man sie verscheuchen? Ich
versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich
nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Ntigung empfand,
meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu
machen, konnte ich auch keine Liebe fr die Aufgabe empfinden, ihn
darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam
gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worber ich lachte,
wirkte traurig und deprimierend.

Ich sah mit voller Klarheit ein, da ich nicht mehr ohne einen ganz
bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, da ich mir erst
selbst den Zweck meines Werks vllig deutlich machen, mir ber seinen
wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden mte, was erst
den Dichter mit einer starken und wahren Liebe fr sein Werk erfllt,
die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwrtsschreitet --
kurz, da der Autor das Gefhl und die berzeugung haben mu: indem er
an seinem Werk arbeite, erflle er gerade _die_ Pflicht, die seine
irdische Bestimmung ausmache, und fr die ihm alle seine Gaben und
Fhigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erflle, diene
er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatschlich im Staatsdienst
stnde. Der Gedanke an den Staatsdienst verlie mich nie. Ehe ich den
Schriftstellerberuf whlte, wechselte ich mehrmals meine Ttigkeit und
meine Stellung, um zu erfahren, fr welchen Beruf ich mich am besten
eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit
denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wute damals noch
nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu knnen, wie
ich ihm dienen wollte. Ich wute damals nicht, da man dazu jede
persnliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstberhebung in sich
besiegen msse und keinen Augenblick vergessen drfe, da man seine
Stellung nicht um seines persnlichen Glckes, sondern um des Wohles
vieler solcher willen innehat, die da unglcklich werden wrden, wenn
ein edler Mann seinen Posten im Stiche lt, und da man allen
persnlichen Kummer und alle Krnkungen vergessen msse. Ich wute
damals noch nicht, da der, der Ruland wahrhaft und ehrlich dienen
will, sehr viel Liebe fr sein Vaterland besitzen mu, eine Liebe, die
alle anderen Gefhle in sich aufgesogen hat, da man sehr viel Liebe fr
den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen
Sinn dieses Wortes sein mu. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich,
der ich diese Eigenschaften nicht besa, auch meinen Dienst nicht so
ausben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatschlich frmlich
darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fhlte,
da ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich
alles andere auf: meine frheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft,
die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Ruland, um in der
Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwgen, wie ich
es durchfhren, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den
Beweis liefern knnte, da ich gleichfalls ein Brger meines Vaterlandes
gewesen bin, und da ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich ber mein
Werk nachdachte, um so mehr fhlte ich, da ich die Charaktere nicht auf
gut Glck whlen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur
solche Menschen darstellen mute, an denen sich unsere wahren
wesenhaften russischen Charakterzge am strksten und deutlichsten
offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene hheren Zge der
russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig
eingeschtzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und
niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht gengend
verlacht und gegeielt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten
charakteristischen psychologischen Phnomene zusammentragen und meine
Beobachtungen ber die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen
Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier
hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewut war, noch nicht die rechte
Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig
dargestellt, viel zur Entrtselung mancher Seiten unseres Lebens
beitragen, kurz -- ich wollte, da dem Leser bei der Lektre meines
Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben
und Fhigkeiten, die _ihm_ allein im Unterschiede von den anderen
Vlkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen groen Menge von
Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Vlkern
eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft,
von der ich einen gengenden Vorrat besa, wrde mir helfen, diese
Vorzge so darzustellen, da der Russe von einer heien Liebe zu ihnen
entbrennen wrde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls
einen gengenden Vorrat mein eigen nannte, wrde es mir ermglichen,
seine Fehler und Mngel in so leuchtenden Farben zu schildern, da den
Leser ein tiefer Ha gegen sie erfassen wrde, selbst wenn er sie in
sich selbst entdecken sollte. Aber ich fhlte zugleich, da ich dies
alles nur dann vollbringen knnte, wenn ich mir selbst vllig darber
klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzge unseres Wesens und
welches seine wahren Mngel und Fehler sind. Man mu sich beides genau
berlegen und es gegeneinander abschtzen, man mu es sich ganz
klarmachen, um nicht eine unserer Schwchen in eine Tugend zu verwandeln
und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzge dem Gelchter
preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unntz vergeuden. Seitdem man
mir vorwarf, ich spottete nicht nur ber die Fehler, sondern ber die
Menschen, die gewisse Schwchen haben, im allgemeinen, und nicht nur
ber den _ganzen_ Menschen, sondern auch ber seine Stellung und das
Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist),
da sah ich ein, da man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen msse --
um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur
irgendeine Seite einer Sache ins Lcherliche zu ziehen, damit die
Dmmsten und Stumpfsinnigsten sofort ber deren smtliche Seiten lachen.
Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, da ich
nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau
darber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die
Vorzge und die Mngel unseres russischen Wesens bestehen; um sich
jedoch ber das russische Wesen klar zu werden, mu man zunchst die
menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen
lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem
aus einem die Vorzge und Mngel eines jeden Volkes deutlich sichtbar
werden.

Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn
je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich fr eine Zeitlang
gnzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene
ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im
allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher
und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektre.
Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse
Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem
Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers,
und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne da
ich selbst wute, wie dies geschah, zu Christus gefhrt, denn ich sah,
da er der Schlssel zur Seele des Menschen war, und da noch kein
Seelenkenner sich je auf jene Hhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die
er erreicht hat. Ich prfte alles mit dem Verstande nach und berzeugte
mich so davon, was anderen durch den Glauben vllig klar ist und was ich
bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis
brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit
mathematischer Klarheit ein, da man auf Grund von Vorstellungen unserer
Einbildungskraft nicht ber die hheren Regungen und Gefhle des
Menschen reden und schreiben knne; man mu wenigstens etwas davon in
sich selbst tragen -- kurz, man mu zuvor selbst besser werden. Das mag
sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine
grndliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich mu jedoch sagen,
da ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und
daher ist es kein Wunder, da der Gedanke, ich mte noch etwas lernen,
sich mir erst in reiferem Alter aufdrngte. Ich begann mein Studium mit
so elementaren Bchern, da ich mich geradezu schmte, anderen Menschen
zu verraten, womit ich mich beschftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu
verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Bchern
-- als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen bungen auf mich zu
achten, wie ein Lehrer auf seinen Schler, und ich betrachtete mich
selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die
ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht
etwa, um damit zu prahlen (ich wte auch nicht, womit man hier prahlen
knnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand
Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon berzeugt, da viele gleich mir
eine schlechte Schulbildung genossen haben, pltzlich zur Besinnung
kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene
nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehrt, da viele sich
darber beklagten, sie knnten sich nicht mehr von ihren schlechten
Gewohnheiten befreien, trotz des heiesten Wunsches, sie loszuwerden.
Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem
brigen angepat hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich
durch die Erfahrung davon berzeugt hatte, da sich manches davon
verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen
jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, da ich mein ganzes Innere zur
Schau gestellt habe, kann ich erwidern, da ich immerhin noch kein
Mnch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so
gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre
Seele bedrckte. Wenn Karamsin whrend seiner schriftstellerischen
Ttigkeit ein hnliches Erlebnis gehabt htte, er htte es sicherlich in
derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend
eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die
dazu gehrt, um ein Mensch und ein Brger zu sein, ehe er als
Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken,
da jemand daran Ansto nehmen knnte, wenn ich ffentlich erklrte, ich
strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstiges
dabei, da ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller
Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch
selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu
sagen: Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!

Was endlich den Vorwurf anbelangt, da ich in meinem Buch, nur um mit
meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an
den Tag gelegt htte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so
mu ich darauf erwidern, da bei mir weder von Selbstverkleinerung noch
Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat
sich durch die hnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale tuschen
lassen. Ich kam mir in der Tat widerwrtig vor, aber nicht etwa aus
Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher
das Ideal des schnen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild
des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich
daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber
ist nicht Demut, sondern eher ein Gefhl, das ein neidischer Mensch hat,
wenn er sieht, da ein anderer einen besseren und schneren Gegenstand
in Hnden hlt, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von
ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glck gehabt, whrend meines Lebens,
besonders aber whrend der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu
lernen, deren geistige und seelische Qualitten mir so gro erschienen,
da meine eigenen daneben verblaten, und ich zrnte mir immerfort, weil
ich das nicht besa, was andere besaen. Man htte also hchstens das
Recht, meinen mignstigen und neidischen Charakter im allgemeinen
verantwortlich zu machen und anzuklagen.

Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurckkehren. Eine Zeitlang
waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Ruland und die Menschen
in Ruland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen.
Alles fhrte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer
Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die ueren
Verhltnisse, ber die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen
meinen Willen veranlaten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden,
sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil
man mir den Vorwurf machte, ich tte nichts; ich wollte mich gewaltsam
dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzhlung oder
irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu
produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein,
schweren Leiden und schlielich sogar mit solchen Anfllen, die mich
dazu ntigten, jede Beschftigung fr lange Zeit gnzlich aufzugeben.
Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, da ich nicht imstande
war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jngeren Jahren
gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten
Frhling gibt! Und wenn jeder Mensch beim bergang aus einem Lebensalter
in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen mu,
warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist
denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von
meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt
immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war --
das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in
Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Trumen unserer
Phantasie darstellt, und so fand ich schlielich Den, Der die Quelle des
Lebens ist. Seit meiner frhsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche
Vorliebe dafr, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen
feinsten Zgen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen,
-- und so wurde ich zu Ihm gefhrt, Der allein die Seele ganz
durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollstndigen
Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als
bis ich die Lsung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst
bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir ber einige Hauptfragen
im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch
bis heute noch ein Rtsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch
jenen bergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch
nicht alles von sich abgestoen hatte, was sich einmal von mir ablsen
sollte.

Sowie dieser Zustand in mir berwunden und mein Verlangen nach
Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in
mir der lebhafte Wunsch zu regen, Ruland nher kennen zu lernen. Ich
knpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und
von denen ich erfahren konnte, was in Ruland vorgeht; ich suchte
erfahrene Mnner der Praxis aus allen Stnden kennen zu lernen, die alle
Mibruche und Machenschaften in Ruland kannten. Ich wollte
Bekanntschaft mit Menschen aus allen Stnden machen und von jedem etwas
erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschftigung
hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen
genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem
Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit fr jeden
Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht
einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen,
den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen,
den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, da sich die
Lebenden daraus eine Lehre ziehen, da sie daraus etwas lernen knnen.
Deshalb knpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir
irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die brigen bat ich, flchtige
Portrts und Charakterskizzen von Leuten fr mich herzustellen, und zwar
von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles
brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine gengende Anzahl von
Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt htte; daran hatte ich
keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus
einer weit vollstndigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen
Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen
ganz einfach, so wie ein Knstler, der ein groes Gemlde, eine eigene
Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er bertrgt
diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hngt sie ringsum an den
Wnden auf, um sie bestndig vor Augen zu haben, und um nie einen
Versto gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er
sich fr die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der
Phantasie geschpft und erzeugt, ich besa nie diese Fhigkeit. Mir
glckte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus
Tatsachen schpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte
ich nur dann, wenn ich mir seine uere Gestalt bis auf die feinsten
Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Portrt im Sinne einer
bloen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Portrt stets erschaffen,
ich erschuf es durch Nachdenken, mit berlegung und nicht in der reinen
Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwgung zog, um so wahrer und treuer
ward das, was ich schuf. Ich mute weit mehr wissen als jeder andere
Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu bersehen
oder nicht zu bercksichtigen -- damit das Unwahre und Unrechte der
Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen.
Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast
niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und
konnten es nicht begreifen, da ich all diese Kleinigkeiten und
Torheiten wissen wollte, whrend ich doch eine Phantasie besa, die
selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich
bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und
kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur
entdeckt htte.

Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene
Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen
Briefen ist die groe Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich
jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern
gerade deswegen, damit man mich durch Anfhrung einzelner anekdotischer
Zge widerlegen sollte. Derartige Einwnde von praktischen und
erfahrenen Leuten sind fr mich deswegen so wichtig, weil sie mir die
Sache selbst nher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere
Wesen Rulands gewhren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen,
die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie fr die Fragen unseres
inneren Lebens, statt dessen beschftigte man sich mit meiner
Persnlichkeit und schrieb ganze Bogen darber voll, ob ich ein Recht
habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um
dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der Toten Seelen -- der nicht
sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wute sehr gut, da viele
sich ber ihn lustig machen wrden, aber ich war fest entschlossen,
jeden Spott zu ertragen, wenn ich blo mein Ziel erreichte. Ich glaubte,
da vielleicht fnf oder sechs Leser meine Bitte _so_ erfllen wrden,
wie ich es wnschte. Ich verlangte gar nicht, da man die Fehler der
Toten Seelen verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande
blo in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen
an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere
whrend seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten ber
solche Vorflle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an
Ruland gemahnt. Ich wei, da wir uns alle schwer aufraffen knnen und
da wir trge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast
jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schpfen; ich dachte
jedoch, die Lektre der Toten Seelen wrde die Menschen aufrtteln,
besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand htten.
Ich gab meine Adresse an und bat darum, da nur die mir in ihren Briefen
solche Flle mitteilen mchten, die sie selbst nicht in der Presse
verffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es fr weit
ntzlicher, sie berall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob
eine solche Verbreitung von Kenntnissen ber Ruland in Form von
lebendigen Tatsachen gerade gegenwrtig eine dringende Notwendigkeit
sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine bergangszeit
nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben
bemerkbar, berall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten,
ja dem bel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte,
da wir heute mehr denn je bemht sein mssen, alles herauszustellen und
ans Licht zu bringen, was im Inneren Rulands vorgeht, damit wir ein
Gefhl dafr bekommen, aus was fr einer Menge verschiedener Elemente
der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen
wollen; da aber wre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal
ordentlich umshen und uns die Sache berlegten, bevor wir so ber die
Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime
Hoffnung, da die Lektre der Toten Seelen viele auf die Idee bringen
wrde, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und da viele dazu
veranlat werden knnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor whrend
der Zeit, als er die Toten Seelen schrieb, eine solche Wendung nach
Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es knnte einem Menschen, der
bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch
abwrts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben
sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig fr das allgemeine Wohl
und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewutsein kommen, da er durch
eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und
Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer
Wirksamkeit stehen, mit Ruland bekannt machen und sie damit in schner
Weise fr seine Unttigkeit entschdigen, ja mehr als entschdigen kann.
Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen
Anteilnahme fr alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen
frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse
verfolgt, knnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des
Jnglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich tuschte mich in
manchen Leuten: ich glaubte, da in einem Teil meiner Leser noch ein
Funke von Liebe lebte. Ich wute damals noch nicht, da mein Name nur
deshalb so populr ist, weil er einzelnen Leuten die Mglichkeit und das
Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig
bereinander lustig zu machen. Ich glaubte, da viele durch mein
Gelchter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das
ja gar nicht aus bser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt
keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den
Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich fhre dies
alles nur deswegen an, um zu beweisen, da ich alle meine Krfte
angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, da ich ber alle nur
mglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit frdern knnten,
ich lie es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen
Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit mu ich brigens
erwhnen, da viele ihr Erstaunen darber geuert haben, da ich ein
solches Bedrfnis nach Daten ber Ruland habe und dabei selbst fern von
Ruland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht berlegt,
da ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der fr mich einen
Aufenthalt in einem warmen Klima ntig machte, gerade eine solche
Entfernung von Ruland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver
in Ruland verweilen zu knnen. Fr die, die mir das nicht nachzufhlen
vermgen, will ich mich hier nher erklren, obwohl es mir etwas schwer
wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.

Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher _schpferischen_
Begabung fehlt, besitzen eine Fhigkeit, die ich die Einbildungskraft
nennen will -- eine Fhigkeit, die darin besteht, sich Gegenstnde, die
einem nicht gegenwrtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns
unmittelbar vor Augen stnden. Diese Fhigkeit ist nur dann in uns
wirksam, wenn wir uns von den Gegenstnden entfernen, die wir
beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich
gewhnlich solche Epochen zum Gegenstand whlen, die bereits hinter uns
liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit
uns von allem, was um uns ist, loslst, versetzt sie unsere Seele in
eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich
hatte keine Vorliebe fr die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die
Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen,
weil mein Geist stets eine Vorliebe fr das Wesentliche und Faliche und
fr einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein
moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah
zugleich ein, da man, wenn man das gegenwrtige Leben schildern will,
nicht bestndig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren
konnte, deren man bedarf, um ein groes und formvollendetes Werk
hervorzubringen. Das Gegenwrtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen
und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz
unmerklich und ohne da man es fhlt, von einer satirischen Anwandlung
erfat. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt
und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur _die_ Menschen vor
sich, die sich in unserer Nhe befinden: die ganze Masse, die Menge
sieht man nicht, denn man kann nicht alles bersehen. Ich fing also an,
darber nachzugrbeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und
einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse
und nicht nur _die_ Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen
-- wie ich mich so vom Gegenwrtigen entfernen konnte, da es sich fr
mich gewissermaen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschtterte
Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und
die ich heute mit Leichtigkeit ertragen htte, mit denen ich dagegen
damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaten mich dazu, das
Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Lndern hingezogen
gefhlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe fr sie gehabt.
Auch besa ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen
verzehrt, die nach starken Eindrcken drsten. Aber seltsam! schon
whrend meiner Kinderjahre, selbst whrend meiner Schulzeit und damals,
als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran
dachte, da ich Schriftsteller werden knnte, kam es mir immer so vor,
als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein
groes Opfer zu bringen, und da ich gerade, um meinem Vaterlande zu
dienen, gezwungen sein wrde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und
zu erziehen. Ich wute nicht, _wie_ das geschehen wrde, noch wozu das
ntig sei; ich dachte auch gar nicht darber nach, ich sah mich jedoch
so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in
Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich
so hufig, da es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene
unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal
beunruhigte und ihn veranlate, fremde Lnder aufzusuchen, lediglich um,
wie er sich ausdrckt,

   Mich unterm Himmel Afrikas
   Nach Rulands trben Gaun zu sehnen.

Wie dem auch sein mag, dieser unwillkrliche Drang in mir war so stark,
da noch keine fnf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen
waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte,
diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefhl zu widerstehen. Der Plan und
der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wute nur das eine,
da ich sicherlich nicht _deswegen_ auf Reisen ging, um mich an fremden
Lndern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als
ob ich ahnte, da ich erst jenseits von Ruland den wahren Wert meines
Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfllen
wrde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter
fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich
keine Menschenseele aus Ruland befand), so wurde mir traurig zumute;
ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner
Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, da
ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rckreise
dachte. Ich blieb nicht lnger als drei Tage im Auslande, und obwohl
mich die Neuheit der Gegenstnde reizte, beeilte ich mich, auf demselben
Dampfer nach Hause zurckzukehren, aus Furcht, da es mir spter
vielleicht nicht mehr gelingen knnte, den Weg nach Hause
zurckzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, berhaupt nicht mehr an
fremde Lnder zu denken -- und whrend der ganzen Zeit meines
Petersburger Aufenthaltes, d. h. whrend voller sieben Jahre kam mir
nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand
meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein
Bedrfnis nach Einsamkeit mich dazu ntigten, Ruland zu verlassen.

Zweimal bin ich nachher wieder nach Ruland zurckgekehrt, einmal sogar,
um fr immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches
Verlangen erfat hatte, mir ber alles klar zu werden, wrde es mir
bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht
merkwrdig? Mitten im Herzen Rulands, sah ich beinahe nichts von
Ruland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit groer
Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie
davon, was in Ruland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen
Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wute. Es
ist bekannt, da jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten
hat, und daher ist es sehr schwer fr ihn, andere Leute, die nicht dazu
gehren, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich
verpflichtet fhlt, mglichst hufig mit den ihm nahestehenden Menschen
zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und
fr sich so viel Angenehmes hat, da man sehr viel Selbstaufopferung
besitzen mu, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen
lernte, teilten mir immer nur fertige Schlsse und Folgerungen und nicht
blo schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. berhaupt
bemerkte ich, da eine gewisse Vernderung in den Kpfen und in den
Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit
einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals frher zu tun
pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung
einer jeden Sache ergrnden: ein Motiv, eine Regung, die darauf
hindeutete, da die Gesellschaft einen mchtigen Schritt vorwrts
gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse bereilung,
mit der man sogleich die Schlsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis
drei Tatsachen ber das Ganze urteilte; man bersah vllig, da damit
noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und
in Erwgung gezogen waren. Ich bemerkte, da sich beinahe jeder in
seinem Kopfe seine eigene Vorstellung ber Ruland gebildet hatte, und
das war der Anla zu fortwhrenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte
etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie
noch frher in den alten Zeiten blich waren, wo jeder blo das
erzhlte, was er in seinem Leben gesehen und gehrt hatte, und wo ein
Gesprch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das
brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkrlich selbst von dieser
hastigen Sucht, sofort bereilte Schlsse und Folgerungen aus allem zu
ziehen -- dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit --, angesteckt war.

Noch mehr aber mute ich mich ber unsere Provinz wundern. Dort hrte
man nicht einmal den Namen Ruland aussprechen. Wie mir schien, waren
nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur ber solche
Gegenstnde, die man in den neuesten aus dem Franzsischen bersetzten
Romanen gelesen hatte. Kurz -- whrend meines ganzen Aufenthalts in
Ruland zerfiel und zerstob Ruland frmlich in meinem Kopfe. Ich konnte
mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein
Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwcher. Sowie ich es jedoch
verlie, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen,
der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust,
jeden frischen Menschen, der frisch aus Ruland eingetroffen war, kennen
zu lernen, wurde wieder stark und mchtig in mir. Es bildete sich sogar
die Fhigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich
in einem Gesprch von der Dauer einer Stunde, was ich whrend meines
Aufenthaltes in Ruland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung
zu bringen vermochte. Jedermann wei, da man im Ausland viel leichter
Bekanntschaft macht, da sich in den Bdern Deutschlands und in den
Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande
vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wren und die sich ihr
ganzes Leben lang nicht kennen gelernt htten. Das war es, was mich
veranlate, einem Aufenthalt auerhalb Rulands den Vorzug zu geben,
schon im Hinblick darauf, da ich auf diese Weise mehr von Ruland
erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darber nach, wie ich mich in
Ruland selbst ber vieles unterrichten knnte, was dort vorgeht. Durch
Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man
davon im Kopfe behlt, sind die Stationen und die Kneipen. In den
Stdten und Drfern Bekanntschaften anzuknpfen, ist fr einen Mann, der
nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man
wird leicht fr einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist
hchstens ein Sujet fr eine Komdie, die man: _Der Wirrwarr_ betiteln
knnte. Wenn man jedoch erfhrt, da der Reisende noch dazu ein
Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die
Hlfte aller russischen Leser ist fest davon berzeugt, da ich nur
einen einzigen Lebenszweck habe, nmlich diesen, alles am Menschen vom
Kopf bis zu den Fen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie
ein so lebhaftes Bedrfnis empfunden, die gegenwrtige Lebenslage des
Russen von heute kennen zu lernen -- um so mehr, als gerade heute die
Gegenstze in der Denkweise so gro geworden sind und alle Welt von
einem wahren Wirbel von Miverstndnissen erfat ist, so da kein Mensch
mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und da
man gentigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Hnden zu betasten, da
man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren.
Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt fr mein Werk ausersehen
habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir frher zum Vorwurf
genommen hatte. Je grer die Vorzge einer bestimmten Persnlichkeit
sind, um so greifbarer und plastischer mu man sie vor dem Leser
erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und
Details, die dafr sprechen, da diese bestimmte Person auch wirklich
gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt
und bla und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag,
armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe mu wirklich das Gefhl
haben, da die dargestellte Persnlichkeit aus demselben Leibe
herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehrt, da
sie etwas Lebendiges, da sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von
seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins
zusammenflieen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm
ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Rsonnement und keine Predigt
hervorgebracht werden knnen. Eine solche volle Verkrperung, diese
letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich
nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen
Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erflle, wenn ich alle groen
Charakterzge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die
Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen tglich
umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles,
das Groe wie das Kleine, bercksichtige und nichts auer acht lasse. In
dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim
grten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fhigkeit,
Schlsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu
erdichten. Ich mute immer erst eine groe Menge von Menschen anhren,
wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die
Leute meine Meinung gesund und vernnftig. Hrte ich dagegen nicht alle
an und zog ich einen bereilten Schlu, so waren meine Ansichten blo
schroff und ungewhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem
_Briefwechsel mit meinen Freunden_, kommt vieles vor, das hnlichkeit
mit einer bloen Prsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine
Voraussetzung ist. Es enthlt nichts als Folgerungen, aber die einen
Schlsse und Folgerungen sind unter Bercksichtigung smtlicher Seiten
einer Sache gezogen und sind daher allen klar, whrend andere nur
Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt
sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach
als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir
gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in
dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schler gleichzeitig
zu Worte kommen.

Es war mir also nicht mglich, mir all das zu verschaffen, was ich
brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte -- ist es da
wohl ein Wunder, da ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich
selbst kmpfen, wenn man solche Ansprche an sich selbst zu stellen
gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben --
selbst wenn sie vorhanden ist --, wo der Verstand bei jedem Schritt die
Frage nach dem Warum stellt? Warum muten eine Reihe von Umstnden
eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst
durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die
Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem
Verlangen erfat, den russischen Menschen darzustellen, als ich das
allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und
warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden
hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis
unserer Seele durchschaut? -- Warum wurde ich so von dem Verlangen
geqult, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich
solche Umstnde ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich
jedoch ntigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele
hinabzutauchen? Warum blieb fr mich die Fhigkeit, mich berall an der
Schnheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten
mochte, stets der Gipfel, die Krone aller sthetischen Gensse? Warum
wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhrlich von dem Verlangen
geqult, die menschliche Seele zu ergrnden? Erklrt mir vor allem,
warum dies so kommen mute, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so
schreiben kann, wie ich frher geschrieben habe. Ich wollte den
Umstnden und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte,
Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich
es frher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heit,
wie sich's traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts
mehr aus der Feder flieen. Voller Freude, da ich durch meine an meine
Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaen ins
Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen,
und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte
ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach
Mglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu
geben, damit das Buch den Charakter eines vernnftigen Werkes erhielte;
ich bedachte nicht, da das Publikum vieles davon, was an einzelne
Personen gerichtet war, auf sich beziehen wrde, besonders nach meinem
Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich frchtete
mich davor, die Fehler und Mngel des Buches selbst nachzuprfen, und
verschlo meine Augen, denn ich wute, da ich mein Buch, wenn ich es
einer strengeren Prfung unterziehen wrde, vielleicht ebenso vernichten
knnte, wie ich die Toten Seelen und alles, was ich in der letzten
Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch knnte
die Leser wenigstens in geringem Mae fr mein langes Schweigen
entschdigen, ich glaubte, ich knnte darin meine schwierige Lage
schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben
unmglich gemacht hatte, und ich wrde die Aufmerksamkeit auf die
praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte
ferner, solche Dinge zu berhren, die mir einen tieferen Einblick in
Ruland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen wrden, zur
Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt
berhufte mich mit Vorwrfen. Ich bekam nur Worte und Reden ber Dinge
zu hren, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden knnen. Ich
lie die Hnde sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu
regen begonnen hatte, erlosch, und ich fhlte mich ganz von selbst und
ohne da ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den
Sinn gekommen war: soll ich berhaupt noch etwas schreiben? Soll ich
noch weiter in diesem Berufe ttig sein, von dem mich in der letzten
Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, da es mir
selbst gelingen sollte, mich zu berwinden, angenommen selbst, da mein
Kiel wieder die ntige Leichtigkeit und Bestndigkeit erlangen wrde,
und da mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder
flieen wrde -- war meine seelische Verfassung wirklich derartig, da
meine Werke der Gesellschaft von heute tatschlich von Nutzen sein
konnten und heute eine Notwendigkeit fr sie darstellten? Werfen wir
dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit:
begnstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner:
ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, gnstig?

Alle sind sich mehr oder weniger darber einig, da unsere heutige Zeit
eine bergangszeit genannt werden kann. Alle fhlen heute mehr denn je,
da sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist
nicht einmal eine Station, auf der man vorbergehend haltmacht, kein
Nachtquartier und kein Rasten whrend der Reise. Alles sucht etwas, aber
es sucht es nicht drauen, sondern in dem eigenen Inneren. Die
moralischen Fragen haben ein starkes bergewicht ber die politischen,
die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme
erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermgen das Interesse der
Welt mehr zu fesseln. berall kommt mehr oder weniger deutlich der
Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum
Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren
harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus
sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr
Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren,
erleben Krisen und Umwlzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den
Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer
Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung mglich zu sein
schienen. Ein jeder fhlt mehr oder weniger, da er sich nicht in der
richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden
sollte, wenn er auch nicht wei, worin dieser ersehnte Zustand nun
eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem
ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich
dorthin, woher sie etwas ber die Fragen, die heute alle beschftigen,
zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht
wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthlt. Bedarf man also wohl
in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der ber ein
gewisses schpferisches Talent verfgt, der lebendige Bilder von
Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben
eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, -- der
von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns
zunchst einmal klar, was das fr ein Schriftsteller ist, dessen
Hauptbegabung sein schpferisches Talent ist.

Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin berein, da ein produktiver
Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die
Ansprche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig -- und mit Recht:
um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht,
herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die hufig ein
auergewhnliches Talent fr das beschreibende, malende Genre besitzen,
denen jedoch die _schpferische_ Gabe vllig mangelt. Wer dagegen
_schafft_, wer viel Zeit und Mhe darauf verwendet, dem sein Werk teuer
zu stehen kommt, der darf seine Mhe und Arbeit nicht umsonst
verschwenden. Die Schpfungen seiner Kunst mssen fr unser Leben einen
Fortschritt bedeuten, er mu, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er
auf der Hhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld fr die
Belehrung, die er aus ihr geschpft hat, abtragen knnen, indem er auch
sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die sthetiker
unserer Zeit ebenso wie die frherer Zeiten das Wesen des Dichters oder
ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schpferischer
Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich
aufgenommen hat, ist fr einen schpferischen Schriftsteller sogar
unmglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der ber
einen flinken Pinsel verfgt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag,
was an seinem Blick vorberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln
geqult und beunruhigt wird.

Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den
Fragen des Lebens beschftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als
jemand anderes das lsende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen;
aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich
schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er
sich bei allen seinen groen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit
des Stils, zu der Adlerkraft und -schrfe des Blicks, zu dem
fortreienden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines
Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes
bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum
Brger seines Landes und zum Brger der ganzen Menschheit herangebildet
hat und berall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein
Fels, unerschtterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn
antreten. Wenn er wirklich ber solche Mittel und Werkzeuge verfgt,
dann wird er dem Publikum solche Menschen vorfhren, wie er sie
gegenwrtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie
mit jener portrthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, da
das Bild eines Menschen uns berallhin verfolgt, so da wir es nicht
wieder loswerden knnen. Bei solchen Mitteln wird es ihm natrlich nicht
schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen
Schriftsteller unsere Kpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man
mu nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche
lebendige Bilder, die wie die rechtmigen Herren in der Seele der
Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, -- so werden sich
einem die Tore der Herzen von selbst ffnen, um sie aufzunehmen, wenn
man nur das Gefhl hat und nur das Geringste davon sprt, da diese
Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschpft sind, da sie
unserem eigenen Krper entstammen. Wer knnte in solch einem Falle noch
daran zweifeln, da heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuben
vermchte, wie solch ein Schriftsteller, und da niemand unserer Zeit
und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch
tatschlich ber einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfgt, sich
aber noch nicht zu einem Brger seines Landes und der Menschheit
herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend,
selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wre es
fr ihn sogar gefhrlich, sich in die ffentlichkeit hinauszuwagen; dann
kann seine Wirkung eher schdlich als ntzlich sein. Diese Arbeit an
sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder
entstammt. Je weniger hnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je
ungewhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen
unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtmern und
Miverstndnissen kann er berall Anla geben. Das, was in ihm lediglich
eine natrliche uerung, eine normale Funktion seines auergewhnlichen
Organismus, ein vorbergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes
ist, kann anderen Menschen als ein Hhepunkt, als Zielpunkt erscheinen,
den alle erreichen mssen. Je liebevoller er sich fr seine Helden und
Charaktere einsetzt, je grndlicher er sie ausfhrt, und je lebendiger
seine Darstellung ist, um so grer wird der Schaden sein. Wir alle
haben den Beweis dafr vor Augen. Eine bekannte franzsische
Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung berragt, hat in wenigen
Jahren eine gewaltigere Umwlzung in den Sitten hervorgerufen als
smtliche Schriftsteller, die sich bemhten, die Menschen zu
korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die
Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren mglicherweise nur der
Ausdruck einer vorbergehenden Verirrung, der sie in einer spteren
Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der
sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen:
_Ein Wort ist wie ein Spatz_, sagt ein russisches Sprichwort, _lt
du es aus der Hand, so fngst du es nie mehr ein_.

Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schpferischer
Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fhigkeiten,
in denen eine suggestiv fortreiende Kraft liegt. Der allgemeinen
Zeitstrmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen
des Hchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und
Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fhle, da
ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und da
ich daher nicht ffentlich hervortreten sollte. Auch das unlngst
verffentlichte Buch Briefwechsel mit meinen Freunden ist ein Beweis
dafr. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie
man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtmern Anla gibt und sogar
zur Verbreitung verkehrter Gedanken beitrgt, wenn schon von diesen
Briefen, wie man sagt, einem ganze Stze und Seiten wie lebendige Bilder
im Kopf haften bleiben, was wre erst dann geschehen, wenn ich, statt
mit diesen Briefen, mit einem erzhlenden Werk voll lebendiger
Anschauungen hervorgetreten wre? Ich fhle selbst, da hierin weit mehr
meine Strke liegt als in theoretischen Errterungen. Jetzt kann die
Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wre kaum jemand imstande
gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder htten etwas Suggestives
gehabt und htten sich so in den Kpfen festgesetzt, da kein Kritiker
sie von dort htte wieder austreiben knnen. Man darf nicht auer acht
lassen, da alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit
meiner eigenen berzeugungen htten beweisen mssen und meine
berzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten
Toten Seelen vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein fr den
mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich
in meinem Briefwerk auf einem hheren Standpunkt als in den vernichteten
Toten Seelen. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen
den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer
ausgedrckt htte, so htten viele Leute unterlassen, mir Einwnde zu
machen. In den von mir vernichteten Toten Seelen ist weit mehr von dem
bergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck
gekommen, es steckt noch eine weit grere Unbestimmtheit in den
grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende,
treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel
Eindrucksvolles, mit sich Fortreiendes, und die Helden haben etwas
Suggestives. Kurz -- als ein ehrlicher Schriftsteller htte ich die
Feder niederlegen mssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang
gefhlt htte, sie zu ergreifen. Aber so etwas mu mit Besonnenheit
betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, da ich
in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich
mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die
ganze Sache etwas genauer berlegen und alle Umstnde in Betracht
ziehen, die kein Richter auer acht lt, wenn er ber jemand zu Gericht
sitzt. Ich habe den Eindruck, da heute nicht nur ein Mensch, der
schriftstellerisch ttig ist, sondern jeder Kopf berhaupt sich der
Ttigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlsse und
Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten
nur solche sich ffentlich bettigen, deren Erziehung vollendet ist und
die fertige Brger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur
solche, die Ruland ebenso glhend lieben wie der, der sich Kosak
Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu
schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Bse an der
russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun,
die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt ber
den wirklichen Zustand aufzuklren, in dem sich heute die Menschen in
Ruland befinden.

Es wird _mir_ sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die
schriftstellerische Ttigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller
meiner Gedanken und Wnsche war, wo ich doch allem anderen, allen
Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mnch alle Bande, die mich an
alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um
an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht,
der schriftstellerischen Ttigkeit zu entsagen: gehrten doch gerade die
Augenblicke zu den schnsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in
Gedanken ausgebrtet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch
jetzt noch immer berzeugt, da es kaum einen hheren Genu gibt als den
des _Schaffens_. Aber -- ich wiederhole dies nochmals -- als ehrlicher
Mensch mte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den
inneren Drang fhlte, sie zu ergreifen.

Ich wei nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wre, so zu handeln, wenn
ich nicht die Fhigkeit zum Schreiben verloren htte; denn -- um ganz
aufrichtig zu sein -- das Leben htte dann pltzlich allen Wert fr mich
eingebt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das htte fr mich
ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, fr
den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafr ist, da
der Schpfer den Menschen keinen Augenblick verlt. Das Herz bleibt
keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die
Erde, die eine Weile vom Pflug unberhrt bleibt, andere und neue Kruter
und Grser wachsen lt, bis sie sich in ein neues von ihnen
befruchtetes und gedngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir,
als ich die Fhigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs
neue zu dem Gegenstand zurck, von dem ich in meiner Kindheit getrumt
hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und
unscheinbarste Stellung htte mir gengt, wenn ich nur meinem Vaterlande
so htte dienen knnen, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja
ich htte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mgen, als ich
dies jemals gewnscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat
mich niemals verlassen. Ich shnte mich auch erst mit meiner
schriftstellerischen Ttigkeit aus, als ich mich innerlich berzeugte,
da man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen knne. Aber
auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein groes Werk
vollendet haben wrde, ganz so wie die anderen Menschen in den
Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Plne
und Absichten hatten blo etwas Anmaendes und entsprangen einer
hochmtigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafr ablegen
wrde, da ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und
seinen fundamentalsten Zgen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den
Zgen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen
sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern wrde, da ich
die Seele des Menschen nicht aus Bchern und Erzhlungen, sondern aus
Erfahrung kenne, da ich schon von frhester Jugend auf von dem Wunsche
beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so wrde man mir eine
Stellung anweisen, die es mir erlauben wrde, mit Menschen aller Stnde
und mit vielen Leuten in persnliche Berhrung zu kommen, nicht erst
durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich
meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen
Leuten ntzlich erweisen und mir selbst noch eine grere
Menschenkenntnis erwerben wrde. Es schien mir so, als ob Ruland am
meisten unter den gegenseitigen Miverstndnissen leidet, und da wir
vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele
und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen
Wunsche nach Frieden beseelt wren. Ich hatte gesehen und bereits die
Erfahrung gemacht, da man durch persnliche Unterhandlungen und
Aufklrungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem
Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine
solche Stellungen gebe, so wrde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig
und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich
entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen
wollte, wie ich mich Ruland durch die Fhigkeiten, die ich besa,
ntzlich und notwendig erweisen knnte. Ich schmiedete die khnsten
Plne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes
grndeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fhigkeit,
dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in
meinen Augen alle mter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten -- der
kleinste wie der grte -- hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur
mit dem gebhrenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, da man,
wenn man den Menschen nur ein wenig zu schtzen wei und einen Begriff
von seiner Wrde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der
Mensch viele Fehler und Mngel hat, da man, sofern man nur etwas
wahrhaft christliche Liebe fr ihn hat und endlich von wirklicher Liebe
zu Ruland erfllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel
Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses bertrifft alles
andere. Ein Amt und eine Stellung wren fr mich dasselbe wie ein Hafen
und das Festland fr einen Seefahrer. Ich bin berzeugt, da heutzutage
ein jeder, der von dem heien Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der
ein Russe ist und dem Rulands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und
mit demselben Eifer zu vielen mtern und Stellungen im Staate drngen
sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland
gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der bel
sind gro, und sie haben schon viel Schmach ber uns gebracht.
Andererseits aber bin ich auch berzeugt, da wir schon um unserer
selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So strmisch
und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die
Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand emprt,
man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine
Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfllen, da man dem Himmel
Rechenschaft dafr abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schmen
braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist fr uns kein Rtsel mehr.
Es war einmal ein Rtsel, als die klgsten unter den Menschen, die
Denker und Dichter, ber es nachsannen und zur berzeugung kamen, da
sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer -- der
der klgste von ihnen allen war -- es mit voller Sicherheit und ohne zu
schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, _Er_ wisse, was das Leben
sei; seitdem dieser _Eine_ von allen anerkanntermaen fr den grten
aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht
zugeben wollen, da Er Gott sei, gehalten wird, mu man Ihm aufs Wort
glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte.
Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelst.

Das aber gengt noch nicht. Uns ward ein vollstndiges und umfassendes
Gesetz fr alle unsere Handlungen gegeben -- ein Gesetz, das keine
Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschrnken vermag, das man
selbst bis in die Mauern des Gefngnisses tragen, das man jedoch nicht
erfllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu mu man zum mindesten
ein festes irdisches Fundament unter den Fen haben. Wenn man ein Amt
und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem
bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein
Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrpp und Schluchten, wenn man
auch das gleiche Ziel im Auge behlt. Auf einem Wege geht sich's
leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als
Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern
als einen Weg zum himmlischen Ziel -- zur Rettung unserer Seele --
ansieht, so erkennt man, da das Gesetz, das uns Christus gegeben hat,
nur fr uns selbst gegeben ward, da er sich gleichsam an uns selbst
wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle,
an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwhlt haben,
verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Hhergestellte benehmen soll, und
wenn er nur einen Teil davon erfllt, so werden ihn alle, die ber ihm
stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und
Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm
stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfllt, so werden ihm alle
unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalitt
des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhltnis der
Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphre
angewandt und bertragen werden. Wir brauchen blo alle Menschen, mit
denen wir so hufig in unangenehmster und peinlichster Art
zusammenstoen, zu unseren Nchsten und unseren Brdern zu machen, zu
jenen Nchsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns
am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht blo nicht darauf zu
achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu
denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht blo
nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern blo darauf
zu achten, ob man sie auch _selbst_ liebt. Man braucht nur, ohne sich
durch irgend etwas gekrnkt zu fhlen, dem ersten, dem man begegnet, die
Hand zur Vershnung entgegenzustrecken. Man braucht blo eine kurze Zeit
lang so zu handeln und man wird bald inne werden, da der Umgang mit
anderen Leuten uns selbst und da ihnen der Umgang mit uns viel leichter
wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fhlen, auch an einer
unscheinbaren Stelle manch ntzliche Tat zu vollbringen. Am schwersten
hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fu gefat hat,
der sich's nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am
schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da
ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher
mu auch das Leben ein ewiges Rtsel fr ihn sein. Ihm gegenber ist
sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er wei,
da er ein Gefangener ist, und er wei daher auch, was von dem Gesetz er
fr sich auswhlen mu. Ihm gegenber ist noch der Bettler im Vorteil,
er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und wei daher, was er fr sich
aus dem Gesetz Christi schpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht wei,
was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts
haltmacht und nirgends festen Fu gefat hat, der hat weder in der Welt
noch auer der Welt ein Heim; er wei nicht, wer sein Nchster ist, wer
seine Brder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann
nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben
lernt, die einem am nchsten stehen und die Gelegenheit haben, uns
Kummer zu bereiten): sein Gemtszustand hat die meiste hnlichkeit mit
einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.

So war ich denn nach vielen Jahren langer Mhe und mancherlei Versuchen
und hufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwrtsschreitend,
endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon whrend meiner
Kindheit getrumt hatte, da das Dienen die Bestimmung des Menschen und
da unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht
vergessen, da man ein Amt im irdischen Staate bernimmt, um dadurch dem
himmlischen Knig zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge
behalten mu. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffat, kann
man es allen recht machen: dem Knig, dem Volk und seinem Vaterland.

Als ich diese berzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich
voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natrlich bemht war, mir
mit Rcksicht auf meine Fhigkeiten einen solchen Beruf zu whlen, der
mich auch weiter in den Stand setzen wrde, die Menschen in Ruland auch
in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die
Fhigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, ber ein
ausreichendes Material verfgte. Und so war auch einer der Grnde meiner
Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu
beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fu
durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen fr
eine rechtschaffene Erfllung meiner Pflicht und fr meinen Eintritt ins
Leben zu erflehen; ich wollte Ihm fr alles danken, was sich in meinem
Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Ttigkeit erbitten und Ihn um
Belebung und Erfrischung fr den weiteren Weg und das Werk, fr das ich
mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich
nichts Merkwrdiges, da doch auch der Schler nach Beendigung seines
Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn
doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Ttigkeit
beginnt, warum sollte _ich_ nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung
erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Krftigung zuteil
wird und vor dem alle Menschen -- auch solche, die keine Dichter sind --
von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar,
da ich in einem gedruckten Buche hierber geredet habe; aber ich hatte
mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch
recht schwach und glaubte gar nicht, da ich imstande sein wrde, diese
Reise zu vollenden. Ich wollte, da _die_ fr mich beten sollten, deren
ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wute nicht, wie ich es
anstellen sollte, da meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen
und in die Mauern der Einsiedler drnge, und ich dachte, da vielleicht
einer von denen, die mein Buch lesen wrden, mein Wort bis an das Ohr
jener tragen mchte. Ich bat auch die anderen, fr mich zu beten, weil
ich nicht wute, wessen Gebet Ihm wohlgeflliger ist, zu Dem wir alle
beten. Ich wei nur das eine, da der Geringste und Schlechteste unter
uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und da
sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet.
Dafr htte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man htte
lieber an die Worte _Bittet, so wird euch gegeben_ denken und dies
Gebot erfllen sollen.

Wie es geschehen konnte, da ich nun gentigt bin, dem Leser ber dies
alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich wei
nur das eine: da ich nie den Wunsch hatte, mich ber meine geheimsten
und innersten Seelenregungen zu uern -- nicht einmal meinen
aufrichtigsten Freunden gegenber. Ich war fest entschlossen, nichts von
meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die ber mich
gefllt wurden, ruhig ber mich ergehen zu lassen, da ich fest davon
berzeugt war, da, wenn erst der zweite und dritte Band der Toten
Seelen erscheinen wrden, sich alles aufklren und niemand mehr die
Frage stellen wrde: was ist der Autor selbst fr ein Mensch? trotzdem
der Autor gnzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich
mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklrungen ber
meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, da ich auch von mir
selbst reden mute, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen
und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott wei,
vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der
Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mute dies gerade deswegen
geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen
konnte. Die Versuchung, hochmtig zu werden, lag mir sehr nahe,
besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatschlich von einigen
Fehlern und Mngeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete bestndig in
meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich
gengt es schon, sich eine gewisse Gltte, ein gewisses Gleichma und
eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen
anzueignen, damit sie unsere Fehler bersehen und nicht beachten. Wenn
man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur
Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins
einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart,
der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen
sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von
allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwrfe auf einen
niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne bse Absicht an die
empfindlichsten Seiten unseres Wesens rhren, dann fngt man an -- ob
man nun will oder nicht -- sich von solch einer Seite zu sehen, von der
man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mngel in sich
zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht htte. Das ist eine
furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klger
und vernnftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne
Errten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott,
da Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen
Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies
Buch aber wre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels
gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht
entsprungen war, anderen zu ntzen, vor allem mir selbst am meisten
gentzt.

Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte ber den Nutzen
zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch
wirklich so ganz wertlos fr andere Menschen, besonders aber fr die
Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die ber dies Buch
geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu
hitzig und heftig betrachtet. Man htte es weit kaltbltiger beurteilen
sollen. Statt als Vorkmpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und
mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu
laden, htte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man htte das
Buch analysieren, man htte feststellen sollen, was es seinem innersten
Wesen nach ist, und man htte nicht eher auf die Einzelheiten und die
Teile eingehen drfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen
vllig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand trichte
Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn
untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas trumen lassen.

Zunchst htte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich
in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und
schicklicher ausgedrckt htte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen
in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten.
Das _Lehren_ verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge
hat, wenn sie gebietet, einander unaufhrlich zu belehren, wobei man es
verstehen mu, mit derselben Freude Ratschlge von anderen
entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber
war damals wirklich bereit, Ratschlge von anderen Menschen
entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine
Schule vor, die mit Schlern von mir angefllt ist, deren Lehrer ich
bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, da
alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrdern und
Mitschlern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte
einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben
hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich
jeder das davon whlen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe
darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen
Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen
auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten
sich diese Briefe unmglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen
und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder wrde sich nur das davon
aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte
nicht geglaubt, da so mancher gerade danach greifen wrde, dessen ein
anderer bedurfte, ausrufen wrde: Das kann ich nicht brauchen! und mir
dann noch zrnen wrde. Ich wollte auch keine neue Lehre verknden. Als
ein Schler, der in einigen Fchern etwas weiter fortgeschritten ist als
ein anderer Mitschler, wollte ich es den brigen Kameraden blo
klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer
aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte
geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben wrde, wrde man zu mir
sagen: Ich danke dir, Mitbruder! und nicht: Ich danke dir, mein
Lehrer! Wenn nur nicht mein Testament gewesen wre, das ich
unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung
anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen
Werken erteilen sollte, so wre es niemand eingefallen, mir solche
apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich
entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner
Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu
blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen knnen, was ihm von
Nutzen sein drfte.

Was ferner die Meinung anbetrifft, da mein Buch schdlich wirken msse,
so kann ich dies unter keinen Umstnden zugeben. In dem Buche kommt
trotz all seiner Mngel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu
deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen
leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das
Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen berzeugung: nmlich da die
hchste Instanz in allen Fragen die Kirche und da _sie_ der Schlssel
zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der
Lektre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, _in_ der
Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn
darber belehren werden, was er sich aus meinem Buche fr seine Zwecke
aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere
Bcher statt des meinen geben, um derentwillen er _mein_ Buch
beiseitelegen wird, so wie ein Schler das Buchstabieren aufgibt, wenn
er frei lesen gelernt hat.

Zum Schlu mu ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die ber mein
Buch gefllt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und
keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir
gegenber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen
selbst, ich htte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine
Vorzge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden,
einbilden knnen, da ich hher stehe als alle anderen Menschen und da
ich das Recht habe, ber andere Leute zu richten, worauf aber knnte
sich der sttzen, der mit solcher Sicherheit ber mich zu Gericht sitzt
und nicht einmal das Gefhl hat, da er hher steht als ich? Wie dem
auch sein mag, um ein allseitiges Urteil ber einen Menschen zu fllen,
dazu mu man hher stehen als der, ber den man richtet. Man kann wohl
gewisse Bemerkungen ber diese oder jene Einzelheit machen, man kann
Meinungen uern und Ratschlge erteilen, allein ber den ganzen
Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschlge sttzt, ihn fr
vllig verrckt erklren, behaupten, er habe seinen Verstand verloren,
er sei ein Lgner und Betrger, der die Maske der Frmmigkeit angelegt
habe, ihm gemeine und niedertrchtige Absichten unterlegen -- nein, das
sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen
offenkundigen Schurken, der das Schandmal der ffentlichen Verachtung
trgt, vorzubringen imstande wre. Mir scheint, ehe man solche
Beschuldigungen ausspricht, mte man innerlich erschrecken und erbeben,
man sollte erst ein wenig darber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei
zumute wre, wenn ffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen
gegen uns erhoben wrden! Es wre wirklich gut, wenn man sich's erst ein
wenig berlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: Irre ich
mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich
hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es
nicht fr alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die uere
scheinbare hnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die
geschicktesten rzte eine Krankheit fr eine andere gehalten und ihren
Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten
secierten. Nein, das Buch Briefwechsel mit meinen Freunden enthlt,
so groe Mngel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel
Derartiges, was nicht allen sofort verstndlich sein kann. Es ntzt
nichts, sich darauf zu berufen, da man das Buch zwei- oder dreimal
gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts
dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, mu
man entweder eine sehr einfache und gtige Seele haben oder ein sehr
vielseitiger Mensch sein, der auer einem Verstande, der die Dinge von
allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch ber ein hohes poetisches
Talent und eine Seele verfgt, die einer vollen, groen und tiefen Liebe
fhig ist.

Ich kann nicht leugnen, da diese ganzen Wirrnisse und diese
Miverstndnisse sehr bitter fr mich waren -- um so mehr, als ich
geglaubt hatte, da mein Buch eher den Keim zur Vershnung als zu Streit
und Zwietracht enthalte. Meine Seele wre unter all den Vorwrfen
zusammengebrochen; manche darunter waren so frchterlich, da Gott jeden
vor solchen Anklagen bewahren mge! Andererseits aber fhle ich mich
verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen
vieler Verfehlungen htten mit Vorwrfen berschtten knnen, die mich
aber in dem Gefhl, da sie bereits das Ma dessen berstiegen, was die
schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines
mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott mge es
ihnen vergelten! Ich kenne keine grere Tat, als einem Menschen, der
den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.

                                                                 1847.




                          An W. A. Schukowski


                       Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847.

Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu
schreiben -- aber eine unbegreifliche _Unlust_ hindert mich immer wieder
daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage
fliehen in steter Beschftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, da
man nicht wei, wie man eine Stunde erbrigen soll. Ich lerne wie ein
Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen
unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzhlen! Ich mchte davon
sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nmlich von unserer
lieben _Kunst_, fr die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite
und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach
Jerusalem stehe, mchte ich dir mein Herz ausschtten; wem gegenber
knnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenber? Die Literatur hat ja
doch fast mein ganzes Leben ausgefllt, und hier liegen meine
Hauptsnden.

Nun sind es bald zwanzig Jahre, da ich, ein Jngling, der kaum ins
Leben getreten war, zum erstenmal zu _dir_ kam, der bereits den halben
Weg auf diesem Felde zurckgelegt hatte. Das war im Schlosse von
Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits
nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten --
bis auf das kleinste Mbelstck und die geringsten Sachen, die darin
standen, vor mir, wie wenn es heute wre. Du reichtest mir die Hand und
warst ganz erfllt vom Verlangen, dem knftigen Mitkmpfer zu helfen.
Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns,
zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenfhrte? Es war die
Kunst! Wir fhlten, da zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die
strker war als die gewhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das?
Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst versprt hatten.

Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Mae ich Dichter
bin; ich wei nur das eine, da ich, noch ehe ich die Bedeutung und das
Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt
meiner ganzen Seele empfand, da sie was Heiliges sein msse. Und so
wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das
_Erste_, die _wichtigste Angelegenheit_ meines Lebens, whrend alles
andere an die zweite Stelle rckte. Es schien mir so, als ob ich mich
von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen
drfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des
Brgers, und da die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei.
Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch
geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Ttigkeit sein msse,
aber schon regte sich die schpferische Kraft in mir und ich wurde durch
die nheren Lebensumstnde selbst auf bestimmte Gegenstnde hingewiesen.
Dies alles spielte sich gleichsam unabhngig von meiner eigenen (freien)
Willkr ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, da ich einmal ein
satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen
wrde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse
Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschler mit unpassenden
Scherzen. Aber das waren vorbergehende Anwandlungen; im allgemeinen
hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken
neigendes Wesen. Spter kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und
diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen
Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich
selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz
planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische
Situationen versetzte -- und das war der Ursprung meiner Erzhlungen!
Meine Leidenschaft fr die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den
frhesten Tagen meiner Kindheit erfllte, verlieh meinen Gestalten etwas
Natrliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Portrts nach
der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte
anfnglich etwas Gutmtiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding
in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs hchste
erstaunt, wenn ich hrte, es fhle sich jemand gekrnkt oder ganze
Gesellschaftsklassen und -stnde zrnten mir darob, so da ich
schlielich nachdenklich wurde. Wenn die Macht des Gelchters so gro
ist, da man es frchtet, so darf man es nicht mibrauchen. Ich
entschlo mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln,
in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelchter
preiszugeben -- so entstand der Revisor. Das war mein erstes Werk, das
aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einflu auf die Gesellschaft
auszuben, was mir brigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komdie
die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere
Regierungsform zu verspotten, whrend ich nur die eigenmchtige
bertretung dieser rechtmigen und gesetzmig sanktionierten Ordnung
durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zrnte sowohl meinen
Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der
die Schuld daran trug, da ich nicht verstanden worden war. Ich wollte
entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele drstete nach der
Einsamkeit, ich hatte das Bedrfnis, aufs ernsthafteste ber meinen
Beruf und meine Ttigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit
dem Gedanken an ein _groes Werk_, in dem alles Gute und Bse, das es im
russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die _Eigenart_ unseres
russischen Wesens mglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden
sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen,
aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit
gestalten und so bestimmte Formen annehmen, da ich ans Werk gehen und
mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fhlte ich, da
mir noch vieles fehlte, da ich es noch nicht verstand, den Knoten der
Vorgnge und Begebenheiten zu schrzen und ihn wieder zu lsen, und da
ich erst bei den groen Meistern in die Schule gehen und von ihnen
lernen mute, wie man ein groes Werk aufbauen und komponieren mu. Ich
begann also die groen Meister zu studieren und machte zunchst den
Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich
etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar
ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, -- allein die schpferische
Fhigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh
von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung groer Mhen gelang es
mir, wenigstens den ersten Teil der Toten Seelen herauszugeben,
gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele
entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von
einer unfruchtbaren Stimmung erfat. Ich kaute an meiner Feder, meine
Nerven und alle meine Krfte waren in einem Zustande der Erregung -- und
es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich htte die Fhigkeit zum
literarischen Schaffen vllig verloren. Da lieen mich pltzlich
Krankheit und schwere seelische Zustnde dies alles, ja sogar jeden
Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin,
wozu ich schon frher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer
Lust versprt hatte -- nmlich auf die Beobachtung des inneren Menschen
und der _Menschenseele_. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die
einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem
Wege trifft man auch ganz unwillkrlich _nher_ mit _Ihm_ zusammen, Der
allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner
Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat;
selbst wenn die Welt Seine Gttlichkeit leugnen wollte, diese
Eigenschaft knnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, da sie
nicht blo _blind_, sondern ganz einfach _dumm_ geworden wre. Durch
diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich
dazu veranlat, berhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu
erfahren, da es hhere Grade und hhere Erscheinungsformen des
Seelischen gibt. Von da ab begann die schpferische Fhigkeit wieder in
mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit
vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fhle, da die Arbeit mir
glcken, ja, da selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und
da mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein knftiger
Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir
seinen Schlern eine Seite aus meiner knftigen Prosa vorlesen und
erklrend hinzufgen: Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben,
obwohl sie einander nicht gleichen. Die Herausgabe meines Buches
Briefwechsel mit meinen Freunden, mit der ich mich (aus lauter Freude,
da meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe,
ohne zu berlegen, da ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu ntzen
vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir
selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar
geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Malosigkeit und
des berschwangs geworden bin, dem in dem bergangszustande, in dem sich
die Gesellschaft gegenwrtig befindet, fast jeder vorwrtsschreitende
Mensch verfllt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt
wurde, und trotz der Widersprche in der Beurteilung, kam doch
schlielich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz
anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als
Schriftsteller nicht berschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht
meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies
schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch _lebendige Bilder_
und nicht in der Form der Beweisfhrung zu den Menschen zu sprechen. Ich
mu das _Leben_ selbst und _als solches_ darstellen und nicht
Betrachtungen _ber_ das Leben anstellen. Das ist eine vllig evidente
Wahrheit. Aber es ist die Frage: htte ich auch ohne diesen groen Umweg
ein wrdiger Vertreter der Kunst und ein schpferischer Knstler werden
knnen? htte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen knnen, da
es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermchte man
Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die _Seele
des Menschen_ ist? Ein Schriftsteller mu, wenn er blo die
schpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren,
erst einen Menschen und Brger seines Landes aus sich machen; erst dann
darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles milingen. Was hilft's,
die Verchtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen
Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das
Ideal des schnen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und
Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwrdige im
Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt
hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwrde? und so lange man
noch keine einigermaen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden
hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht
ganz ber die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte
bilden? Das hiee doch das alte Haus einreien, ehe man die Mglichkeit
hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein
mit Zerstrung. In der Kunst liegt ein Keim des Schpferischen, ein
aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstrung. Das hat man
stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und
Unwissenheit. Bei den Klngen der orphischen Leier wurden Stdte erbaut.
Trotz des noch ungeklrten und ungeluterten Begriffs, den unsere
Gesellschaft von der Kunst hat, hrt man doch schon allgemein sagen:
Die Kunst vershnt mit dem Leben. Das ist wirklich wahr. Ein echtes
Kunstwerk enthlt etwas Beruhigendes, Vershnendes in sich. Whrend wir
es lesen, erfllt sich unsere Seele mit einer ebenmigen Harmonie, und
wenn man es zu Ende gelesen hat, fhlt sie sich befriedigt: man wnscht
nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine
Entrstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergiet
sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brdern;
berhaupt regt sich kein _Tadel_ gegen die Handlungsweise der anderen in
uns, sondern alles fordert uns zur _Betrachtung_ unseres eigenen Ichs
auf. Wenn vom Werk des Knstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es
nichts als die edle Regung einer glhenden Seele, die Frucht einer
vorbergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine
beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks
verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem
Leben vershnt.

Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfllen und nicht
Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die
Menschen unserer Erde so darstellen, da ein jeder das Gefhl hat: das
sind _lebendige_ Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus
demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen
Zge und Eigenschaften unseres _Volks_charakters vor Augen fhren,
selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum fr ihre freie
Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem
Mae gewrdigt sind, da jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem
glhenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlssigte und
lngst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.

Die Kunst mu uns auch alle schlechten Zge und Eigenschaften unseres
Volkscharakters so vor Augen fhren, da jeder von uns ihre Keime vor
allem in sich selbst wiederfindet und veranlat wird, darber
nachzudenken, wie er zunchst einmal in sich selbst alles, was die hohe
Wrde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten knne. Erst dann und erst auf
diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfllen und Ordnung und
Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.

So la uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns
herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst
gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine knftige
Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten
wrdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den Toten Seelen
widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies mu ich um jeden Preis tun,
denn ich mte mich schmen, wenn ich es nicht tte). Ich will dort, so
gut ich kann, Gott meinen Dank fr alles Vergangene aussprechen; ich
will dort beten, da meine Seele gekrftigt werde und meine Fhigkeiten
und Geisteskrfte sich sammeln und konzentrieren mgen, und dann mit
Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wnschte ich, da Gott
uns wieder einmal zusammenfhren mge, und da wir wieder einmal eine
Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben knnten. Jetzt wre es noch
notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und
bereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen
Jahr. Gebe Gott, da es fr uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde,
weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb' wohl, mein
Lieber! Ich ksse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief
wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht
aufzubrechen.

Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.

                                                               Dein G.

Wenn du findest, da dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man
knnte ihn in der zweiten Auflage des Briefwechsels an die Spitze des
Buches, d. h. an die Stelle des Testaments stellen, das fortgelassen
werden soll, und ihm den Titel geben: _Die Kunst ist die Macht, die uns
mit dem Leben vershnt._

Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt
du nicht die lateinische bersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text,
die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schne Ausgabe.
Der ganze Homer in einem Bande Gro-Oktav _editore Ambrosio Firmin Didot
Parisiis 1846_. Ich hatte den Eindruck, da die bersetzung recht
anstndig sei, und sie knnte dir weit mehr ntzen als alle anderen.

Meine Adresse lautet: Neapel, _poste restante_, oder noch besser, _Htel
de Rome_; damit jedoch der Brief nicht nach der _Stadt_ Rom gesandt
wird, mu das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend
geschrieben werden.




                             Betrachtungen
                                ber die
                            Heilige Liturgie
                               1845-1852.



           Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck
                               genehmigt.

       Moskau, den 9. Februar 1889.

                      Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.


                                Vorrede

Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfngern, die noch
keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu
zeigen, in welcher Vollstndigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch
tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen
Erklrungen, die von den Kirchenvtern und -lehrern herrhren, sind hier
nur die ausgewhlt, die wegen ihrer Einfachheit und Verstndlichkeit von
jedermann begriffen werden knnen und die in erster Linie dazu dienen,
die notwendige und richtige Ordnung, gem der eine Handlung aus der
anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor
mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen,
da sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des
Ganzen bilde. Er ist berzeugt, da sich jedem, der der Liturgie mit
Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe
innere Bedeutung von selbst erschlieen wird.

[Funote 3: Alle anderen Leser, die den Wunsch hegen, auch die
geheimnisvolleren und tieferen Erklrungen kennen zu lernen, knnen
solche in den Werken der Patriarchen: Hermann, Jeremias, Nikolaus
Kawassil, Simeon von Saloniki, in der Alten und Neuen Tafel, in den
Kommentaren Dimitrijews und endlich in einzelnen ... finden.]


                               Einleitung

Die Gttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des groen
Liebeswerkes, das fr uns geschehen ist. Tief bekmmert ber ihre
Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen berall und an
allen Enden der Welt ihren Schpfer um Hilfe angefleht -- sowohl die,
die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine
Gotteserkenntnis besaen --, fhlten sie doch, da hier auf Erden
Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden knnten, Der die
von Ihm selbst erschaffenen Welten geheien hatte, sich in streng
geregelten Bahnen zu bewegen. berall rief die schmerzbewegte Kreatur
ihren Schpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins
empor, und diese Klagen tnten am lautesten und deutlichsten aus dem
Munde der Auserwhlten und der Propheten. Man hatte ein dunkles
Vorgefhl, ja man wute, da der Schpfer, Der sich hinter Seinen Werken
versteckt hatte, noch einmal persnlich vor die Menschen treten -- da
Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem
Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen wrde. Sowie sich die
Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen,
tauchte berall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf.
Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon
gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwhlten Volkes.
Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den
Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren
Klarheit wie bei den Propheten.

Diese Klagen fanden Erhrung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt
erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die
Menschen -- selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums
vorausgeahnt und dunkel gefhlt hatten -- nur nicht in _der_ Weise, wie
man es sich zufolge der noch ungeluterten Begriffe vorgestellt hatte --
nicht in stolzer Pracht und Majestt, nicht als Richter, der da kommt,
um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu
belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderku. Er
erschien in _der_ Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentmlich ist, und
wie sie die gttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war,
vorgebildet hatten.


                            Das Offertorium
                            (_Proscomidia_)

Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, mu schon am Vorabend
auf krperliche und geistige Nchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit
ben, er mu sich mit allen Menschen ausgeshnt haben und sich davor
hten, noch etwas wie rger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn
dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er
beugen sich anbetend vor der Knigspforte, kssen das Bild des Heilands,
das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen
sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch
alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still
fr sich die Worte des Psalms sprechen. Ich aber will in Dein Haus
gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht. Sodann
treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt]
dreimal vor ihm nieder und kssen das auf ihm liegende Evangelium, als
wre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie kssen auch den
heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen
Gewnder zu hllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen
zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien,
damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen
alltglichen irdischen Geschften nachgeht. Mit den Worten Gott!
reinige mich armen Snder und erbarme Dich meiner! erfassen Priester
[und Diakon] die Gewnder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet
den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein
Untergewand von glnzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum
Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit
andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein
mu. Daher spricht er auch, whrend er sich den Rock anzieht, die Worte:
Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist frhlich in meinem Gott:
denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der
Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Brutigam mit priesterlichem Schmuck
gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.

Hierauf nimmt er die Stola und kt sie; dies ist ein langes schmales
Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder
kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die
Snger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen
und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum
heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der
Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trgt, und
das gleich einem therischen Flgel in der Luft flattert, sowie durch
sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des
Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.

Nachdem er das Band gekt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann
legt er die Armbnder oder berrmel an, die dicht ber dem Handgelenk
zusammengebunden werden, um den Hnden eine grere Freiheit und
Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu
verleihen. Whrend er sie anzieht, denkt er ber die unablssig alles
erschaffende, berall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den
rechten berrmel anzieht, spricht er: Herr, Deine rechte Hand tut
groe Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und
mit Deiner groen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwrtigen gestrzt.
Dann zieht er den linken berrmel an und denkt dabei an sich selbst,
da er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn
erschaffen hat, Er mge ihn lenken und leiten und ihm Seine hchste
himmlische Fhrung zuteil werden lassen, und er spricht: Deine Hand hat
mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, da ich Deine Gebote lerne.

In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er
den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben
Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich
die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide
Schultern bedeckt, den Hals umschliet und deren beide Enden sich wieder
auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren
Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, da
sich in seinem Amte zwei mter vereinigen -- das des Priesters und das
des Diakons. Auch heit das Kleidungsstck nicht mehr Orarion, sondern
Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgieung
der himmlischen Gnade ber die Priester; daher wird dieser Akt auch von
den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: Gelobt sei Gott,
Der Seine Gnade ausgieet ber seine Priester wie das Salbl, das von
dem Haupte Aarons herabflieet auf seinen Bart und auf den Saum seines
Kleides. Sodann zieht der Priester beide berrmel an, indem er diese
Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgrtet
sich mit einem Grtel, der Chorrock und Stola umschliet, damit das
weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen
Handlung behindere und um durch diese Umgrtung seine Dienstbereitschaft
anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Grtel anzulegen, wenn er sich
reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat
schreitet; so legt auch der Priester den Grtel an, indem er seinen Weg
antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet
seinen Grtel wie eine Feste der gttlichen Macht, die ihn strkt und
krftigt, und er spricht: Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgrtet
und meinen Weg untrglich macht, meine Fe geschwinder denn die des
Hirsches und stellt mich auf die Hhe, d. h. in das Haus des Herrn.
Wenn er jedoch eine hhere priesterliche Wrde innehat, so hngt er ein
viereckiges Stck Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es
symbolisiert das geistige Schwert, die alles berwindende Kraft des
gttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem
Menschen auf Erden bevorsteht -- und kennzeichnet den Sieg ber den Tod,
den Christus vor aller Welt errungen hat, auf da der unsterbliche Geist
des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht
dies Stck Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Grtel an
der Lende aufgehngt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser
Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: Grte dein Schwert
an deiner Seite, du Held, und schmcke dich schn. Es msse dir gelingen
in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei
Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen. Endlich
legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der hchsten
alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese
Handlung mit den Worten: Deine Priester la sich kleiden mit
Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.

Also ausgerstet mit der gttlichen Rstung steht der Priester nunmehr
als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich fr ein
Mensch, so unwrdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel
weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen
Geist erfllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide
die Hnde, indem sie die Worte des Psalms sprechen: Ich wasche meine
Hnde in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar. Dann verbeugen sie
sich dreimal, indem sie sprechen: Gott, reinige mich Armen von meinen
Snden und erbarme Dich meiner! und erheben sich gereinigt und
erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere
Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen
gleichend.

Der Diakon kndigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er
spricht: Segne uns, o Herr!, der Priester erffnet die Feier mit den
Worten: Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle
Ewigkeit! und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des
Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer
heiligen Handlung erforderlich ist: whrend dieses Teils des
Gottesdienstes werden die Stcke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben
abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi reprsentieren und sich
sodann in ihn verwandeln sollen.

Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloe Vorbereitung
auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten
Lebensjahre Christi an sie geknpft, waren doch diese auch eine
Vorbereitung auf seine groen Werke, die er spter auf Erden
vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes
bei geschlossenen Tren und zugezogenem Vorhang ab, ohne da die
Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten
Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne da das Volk etwas von
Ihm erfuhr. Fr die andchtige Gemeinde aber werden whrend dieser Zeit
die Horen[4] gelesen -- eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die
Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die
erste Stunde, wenn fr die Christen [der Morgen] begann, um die dritte,
d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die
sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlser der Welt ans Kreuz
geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab.
Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablssigen
Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen
Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit
verlesen.

[Funote 4: Tschassy.]

Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die
sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer
des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um
aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich spter in den Leib Christi
verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstck,
das den Namen Jesu Christi trgt. Durch die Absonderung eines Teils vom
ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi
vom Fleisch der Jungfrau -- deutet er auf die Geburt des Immateriellen
aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, da Er geboren wird,
Der Sich fr die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich fr ihn
damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat
selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im
Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen
einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des
Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine
Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer,
die Zeugen der damaligen Vorgnge waren, er versetzt sich nicht in die
Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde:
dies geschieht spter im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses
kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch
die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der
fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die
knftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des
Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit
vorausverkndigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des
Siegels stt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: Wie ein Lamm
wird Er zur Schlachtbank gefhrt, dann stt er die Lanze in den Teil,
der zur Linken liegt, und spricht: Und wie ein unschuldiges Lamm sich
stumm scheren lt, so ffnet er seinen Mund nicht, dann versenkt er
die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: Um Seiner Demut
willen ward Er verdammt, stt ihn dann in den unteren Teil, indem er
die Worte des Propheten wiederholt, der ber die wunderbare Herkunft des
Opferlammes nachsinnt: Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er
stammt?

Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstck des Brotes auf der
Lanze empor und spricht: Denn Sein Leib ward von der Erde
hinweggenommen, und schneidet hierauf kreuzweise -- den Kreuzestod des
Heilands symbolisierend -- das Opferzeichen hinein, gem dem es whrend
der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er:
Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Snde trgt, zum Leben und
zum Heil der Welt. Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, da das
Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte
Lamm versinnbildlicht, stt er die Lanze in die rechte Seite -- wodurch
die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf
hingedeutet werden soll, da die Seite des Heilands von einem am Kreuze
stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er:
Der Kriegsknechte einer ffnete Seine Seite mit einem Speer, und
alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es
bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.

Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, da nun die Zeit
gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gieen. Der
Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfrchtig und
andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen
Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: Lasset
uns beten zu dem Herrn! vor sich hinmurmelte, giet nun Wein und Wasser
in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters
dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich whrend
der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.

Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten
Christen zu erfllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch
an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote
und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nchsten
standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein
Stck zum Andenken an jene heraus und legt die Stcke auf dieselbe
Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja
auch jene von dem glhenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite
des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet
er ein Stck zum Gedchtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt
es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm
Davids spricht: Die Knigin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes
Gewand gehllt und reichlich geschmckt. Dann nimmt er das dritte Brot,
das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben
Speer neun Stcke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei
Stcken anordnet. Er schneidet ein Stck zu Ehren Johannes des Tufers,
ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel
heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen
ihren Abschlu erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen
Kirchenvter ein viertes Stck, ein fnftes zu Ehren der Mrtyrer und
ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Vter und Mtter
heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der
Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stck zu
Ehren der Wundertter und Uneigenntzigen, ein achtes zu Ehren der
gttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein
neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Groen
heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird.
Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen
vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstcke, die er
herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das
heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am
nchsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im
Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Gttern und Mensch unter
Menschen.

[Funote 5: Diskos.]

Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an
alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stck zu Ehren
des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und
ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtglubigen Christen
heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mgen, und endlich schneidet er
auch noch fr jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und
dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stck heraus. Dann nimmt der
Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stcke zur Erinnerung an alle
Verstorbenen aus ihm heraus, indem er fr sie betet und Vergebung der
Snden fr sie erfleht; er betet fr die Patriarchen, fr die Zaren, die
Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt
hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet fr alle --
bis auf den letzten Christen -- fr den man sich bei ihm verwendet hat
oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stck heraus. Zum Schlu
fleht er selbst um Vergebung aller seiner Snden, dann schneidet er ein
Stck fr sich selbst heraus und legt alle Stcke auf die heilige Patene
unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um
das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche
versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kmpfende irdische.
Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er
Fleisch ward und ein Mensch wurde.

Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krmchen auf der
Patene zusammen, auf da nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und
auf da alles erfllet werde.

Dann tritt der Priester vom Altar zurck und fllt vor ihm nieder, als
beuge er sich vor dem verkrperten Christus selbst; er begrt in dieser
Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen
Brotes auf Erden; er begrt es, indem er mit Thymian ruchert, nachdem
er das Rauchfa zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: Wir
bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf da es dufte von
geistlichen Wohlgerchen; nimm ihn an auf Deinen hohen ber den Himmeln
thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen
Geistes.

Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der
Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwrtiges verwandelt, und er
blickt auf diesen Seitenaltar, als wre er die geheimnisvolle Krippe,
darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel
war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel
verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit
einem Sterne darber besteht, umruchert und auf die Hostienschssel
gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wre, der einst
ber dem Kindlein leuchtete, und er spricht: Er kam, und der Stern
stand oben ber, da das Kindlein war: er blickt auf das heilige Brot,
das fr die Opfer bestimmt ist, als wre es das neugeborene Kindlein,
als wre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wren
die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehllt war. Nachdem er vor
der ersten Decke mit Weihrauch geruchert hat, bedeckt er das heilige
Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: Der Herr
ist Knig und herrlich geschmckt, d. h. des Psalms, in dem die
wunderbare Gre und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf ruchert
er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen
Kelch mit ihr, indem er spricht: O Herr Christus, Deine Gte bedeckt
die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll. Er nimmt die groe
Decke, die der heilige Ar genannt wird, und bedeckt nun beides: die
Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns
mit Seinem schtzenden Flgel zu bedecken; indem dann beide von dem
Altar zurcktreten, verbeugen sie sich ehrfrchtig vor dem heiligen
Brote, ganz so, wie einst die Hirtenknige das neugeborene Kindlein
anbeteten; hierauf ruchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung
an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein
zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.

Der Diakon steht auch whrend dieser Zeit bestndig dem Priester
aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: Lat uns
beten zu dem Herrn begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen
Handlung gibt. Endlich nimmt er das Rucherfa aus den Hnden des
Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den fr Ihn
zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll.
Lat uns beten zu dem Herrn fr die kostbaren Gaben, die wir ihm
darbringen. Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben
zunchst blo fr die Opferhandlung vorbereitet sind, drfen sie von nun
ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei
sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der fr
das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet
folgendermaen: Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die
Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren
Heiland, Erlser und Wohltter gesandt hast, Der uns gesegnet und
geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es
entgegen auf Deinem hoch ber den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch
derer in Deiner Gte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben,
sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte
uns unschuldig in der Verrichtung Deiner gttlichen Sakramente. Und
nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon ruchert
unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen
Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe
denn die Zeit war, der allgegenwrtig und der immerdar berall zugegen
war, und er spricht bei sich selbst: Du warst leibhaftig im Grabe, mit
Deinem Geist in der Hlle, als Gott mit dem beltter im Paradiese und
auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles
vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.

Und er tritt mit dem Rucherfa in der Hand aus dem Altarraum hervor, um
die ganze Kirche mit Wohlgerchen zu erfllen und alle, die sich zum
heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heien. Diese
Rucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch
im huslichen Leben aller alten Vlker des Orients jedem Gast bei seinem
Eintritt eine Schssel zum Waschen und Wohlgerche dargebracht wurden.
Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknpft, an
das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trgt, in der
sich der Gottesdienst und die brderliche Bewirtung und Speisung aller
in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlser selbst,
Der selbst allen diente und die Fe wusch, ein Beispiel gegeben hat.
Indem dann der Diakon ruchert und sich in gleicher Weise vor allen
verbeugt, vor den Reichsten wie vor den rmsten, heit er, der Diener
Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gste des
himmlischen Wirtes; er ruchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll
vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gste, die zum
heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und
untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den
Tempel mit Wohlgeruch erfllt hat, kehrt er in den Altarraum zurck, in
dem er nochmals ruchert; dann stellt er das Rucherfa endlich
beiseite, nhert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen
Hochaltar.

Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich,
sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen,
indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie
anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja
ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet
unterweist. Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen, sagt der
Apostel Paulus, aber der Heilige Geist selbst tritt fr uns ein, mit
unaussprechlichen Seufzern. Der Priester und der Diakon flehen den
Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen
und fr ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal
nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi
begrten: Ehre sei Gott in der Hhe, Friede auf Erden und den Menschen
ein Wohlgefallen. Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der
Vorhang der Kirche zurckgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn
die Gedanken der Betenden auf die hchsten und erhabensten Gegenstnde
hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die ffnung des Tores zum
Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, da die Geburt
Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, da nur die Engel im
Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind
anzubeten, Kenntnis von ihr besaen, und da nur die Propheten sie von
ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: O
Herr, ffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verknden. Der
Priester kt das Evangelium, der Diakon kt den heiligen Hochaltar,
senkt das Haupt und gibt das Zeichen fr den Beginn der Liturgie, indem
er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: Es ist
Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr! und der Priester segnet
ihn mit den Worten: Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort
und in alle Ewigkeit. Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen
Handlung gedenkt, whrend der er den Flug des Engels vom Altar zur
Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist
und einer Seele vereinigen und gewissermaen eine heilige, alles
erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefhl, da er dieser Aufgabe
nicht wrdig ist, fleht er den Priester demtig an: Bete fr mich, o
Herr! Gott lenke deine Schritte! antwortet ihm der Priester. Gedenke
meiner, heiliger Mann! Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche
immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Diakon spricht
leise, aber mit krftiger Stimme: Amen! und tritt aus der nrdlichen
Tr vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Knigspforte
gegenberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: Herr, ffne meinen
Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verknden! und indem er sich dem
Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: Segne mich, o Herr!
Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen:
Gesegnet sei das Reich ..., und die Liturgie beginnt.


                     Die Liturgie der Katechumenen

Der zweite Teil der Liturgie heit die Liturgie der Katechumenen. Wie
der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi,
Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war,
Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurckgezogenheit und
Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so
entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der
Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkndigt hat. Dieser Teil
heit auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil whrend der
ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst
Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht
die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehrten.
Dazu kommt noch, da die heilige Handlung, die aus der Verlesung der
Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster
Linie einen verkndigenden Charakter trgt.

Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des
Altarraumes ruft: Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes ... Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt
das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht
und leuchtet die Verkndigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn
aller heiligen Handlungen voran; der Betende mu daher allem entsagen,
sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gnzlich in das Reich
der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.

Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Knigspforte
zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen
zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale
Band -- das Sinnbild des Engelsflgels -- empor und ruft das ganze
versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den
Zeiten der Apostel unablssig zum Himmel emporsendet, deren erstes die
Bitte um Frieden ist, ohne die man berhaupt nicht zu beten vermag. Die
versammelten Andchtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in
harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei
jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit
dem Chor der Snger aus: Herr, erbarme Dich unser!

Der Diakon steht auf der Kanzel, er hlt die Gebetstola, die den
erhobenen Flgel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet
anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie
auf, an die hhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu
beten fr den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen
Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, fr den heiligen Tempel und
die, die ihn glubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, fr den Kaiser,
den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und
den Militrstand, fr die Stadt, fr das Haus, darin die Liturgie
zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine
reiche Ernte, um friedliche Zeiten, fr die Seefahrer und Reisenden, fr
die Kranken und Leidenden, fr die Gefangenen und ihre Errettung; er
fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, da Er uns vor jeglichem
Kummer, Zorn und Not bewahren mge, und indem die Versammlung der
Andchtigen alles mit dieser allumschlieenden Kette von Gebeten, die
die groe Ektenia heit, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie
angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Snger: Herr, erbarme Dich!

Im Bewutsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit
fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert
der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir,
die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem
Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst,
einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie
dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren
als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sngerchor:
Dir, o Herr! Der Diakon beschliet die Kette der Gebete mit einem
Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles
zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede
Handlung einleitet und beschliet. Die Versammlung der Andchtigen
antwortet mit einem besttigenden Amen! Ja, so geschehe es! Der Diakon
steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.

Die Antiphone sind Wechselgesnge, d. h. Lieder, die den Psalmen
entnommen sind und das Erscheinen des gttlichen Sohnes in der Welt
prophetisch ankndigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden
Sngerchre, die auf beiden Chren postiert sind, gesungen; sie bilden
einen Ersatz fr die lteren Psalmodien und sind krzer als diese.

Whrend des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren
des Altarraumes fr sich; der Diakon steht unterdessen in betender
Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern
seiner Hand emporhlt. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist,
besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an
die versammelten Andchtigen: Lat uns abermals und abermals zu Gott
beten! Die versammelten Andchtigen rufen: Herr, erbarme Dich unser!
Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die
Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich
selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu
weihen. Die Gemeinde ruft aus: Dir, o Gott! Der Diakon beschliet
diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze
Kirche ruft besttigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten
Antiphons.

Whrend des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich
selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das
Heiligenbild des Erlsers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der
Hand emporhlt; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die
Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie
vorhin mit den Worten auf: Lat uns in Frieden zu dem Herrn beten! Die
Gemeinde erwidert: Herr Gott, [erbarme Dich. Der Diakon ruft aus]: O
Gott, hilf uns, sei uns gndig, errette uns, behte uns durch Deine
Gnade! Die Gemeinde erwidert: Herr Gott, erbarme Dich unser! Der
Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: Lat uns
unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der
Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser
ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen! Die Gemeinde antwortet:
Dir, o Herr! Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen
Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet besttigend: Amen, und der
Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des
Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: Du, Der Du uns dies
gemeinsame eintrchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhieest, wenn
zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewhren, worum sie
bitten! erflle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten;
schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke
uns im knftigen das ewige Leben.

Jetzt werden vom Chor so laut, da alle es hren knnen, die
Seligpreisungen verkndet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der
Wahrheit und im knftigen ein ewiges Leben verheien. Die andchtige
Gemeinde spricht die Worte des weiseren beltters, der Christus am
Kreuze anflehte: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,
und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: _Selig sind,
die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer_ -- d. h.
die, die sich nicht berheben und sich nicht mit ihrem Verstande
brsten.

_Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getrstet werden_ --
d. h. die, die da noch mehr ber ihre eigenen Unvollkommenheiten und
Verfehlungen, als ber die Beleidigungen und Krnkungen trauern, die
ihnen zugefgt werden.

_Selig sind die Sanftmtigen; denn sie werden das Erdreich besitzen_
-- d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen
vergeben und von Liebe erfllet sind, deren Waffe die alles besiegende
Gte ist.

_Selig sind, die da hungert und drstet nach der Gerechtigkeit; denn
sie sollen satt werden_ -- d. h. die, die nach der himmlischen
Gerechtigkeit drsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich
selbst herzustellen.

_Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen_
-- d. h. die, die jeden ihrer Brder bemitleiden und in jedem, der ihnen
bittend naht, Christus selbst erkennen, der fr ihn bittet.

_Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen_ --
wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewssers, das weder durch
Sand noch Schlamm getrbt wird, das reine Himmelsgewlbe spiegelt, so
gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen
Leidenschaften aufgewhlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und
nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm.

_Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heien_
-- gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um
unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und
Vershnung in unser Heim tragen, wahrhafte Shne Gottes.

_Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das
Himmelreich ist ihrer_ -- d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die
Gerechtigkeit nicht blo mit dem Munde, sondern durch die
Wohlgeflligkeit ihres ganzen Lebens verkndigen.

_Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmhen und
verfolgen, und reden allerlei bels wider euch, so sie daran lgen. Seid
frhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden_; --
ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und fr
sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmht, obwohl sie rein
sind, und drittens freuen sie sich, da sie um Christi willen leiden,
obwohl sie unschuldig sind.

Die Gemeinde der Andchtigen spricht dem Vorleser mit vor Trnen
bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkndigen, wer
in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die
wahren Knige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen
Reiche teilhaben.

Jetzt ffnet sich feierlich die Knigspforte, als wre sie das Tor zum
himmlischen Knigreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der
schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des gttlichen Ruhms und die
hchste Lehrsttte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit
schpfen und die uns das _ewige Leben_ verheit. Der Priester und der
Diakon nhern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem
Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Knigspforte, sondern durch
eine Seitentr, die die Tr der Seitenkammer darstellt, der man in der
ersten Zeit die Bcher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des
Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.

Die Gemeinde der Andchtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das
die demtigen Diener der Kirche in den Hnden tragen, als wre es der
Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu
verkndigen; er schreitet durch die schmale nrdliche Tr, gleichsam
unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen
gezeigt hat, durch die Knigspforte wieder ins Allerheiligste
zurckzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche
stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, Er,
Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Wrden
eingesetzt hat, auf da sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, mge
diesen Engeln und himmlischen Krften, die Ihm mit uns dienen, gebieten,
mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten. Der Diakon weist mit
der Gebetstola auf die Knigspforte und spricht zum Priester: Segne, o
Herr den heiligen Eingang! -- Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen
immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! erwidert der Priester.
Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trgt es
in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Knigspforte stehen, hebt
es hoch mit den Hnden empor und ruft: Hchste Weisheit! wodurch er
ausdrcken will, da das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige hchste
Weisheit der Welt durch das Evangelium verkndet ward, das er jetzt mit
seinen Hnden emporhebt. Dann ruft er: Verzeih! d. h.: Erwachet,
rafft euch auf, berwindet eure Trgheit und Lssigkeit! Die Gemeinde
der Andchtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem
Chor: Kommt, lat uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten!
Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir >_Halleluja_< singen! Das
hebrische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: Der Herr _kommt
gegangen_, lobet den Herrn! da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem
Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrckt, d.
h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so
begleitet dieses Wort _Halleluja_, das das ewige Wandeln Gottes
ankndigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in
Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.

Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkndigt,
wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertnen jetzt Gesnge zu
Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesnge und Hymnen zu Ehren des
Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er
denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezhlt hat, und
weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat,
wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.

Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der
Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des
Priesters, betritt die Knigspforte, schwingt die Stola und gibt den
Sngern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut drhnt der Gesang des
Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes,
der dreimal wiederholt wird: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
Unsterblicher, erbarme Dich unser! Mit dem Ruf: heiliger Gott
verkndigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker
-- Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf:
heiliger Unsterblicher -- Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen
lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die
Snger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, da
in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten
ist und da es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wre
und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt htte. Der Himmel ist
durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist
Seines Mundes, sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich
dessen bewut, da auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit
enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der
das Wort bewegt, da jedoch sein menschliches Wort ohnmchtig ist,
vergebens ertnt und nichts schafft, da sein Geist nicht ihm gehrt, da
er von allen mglichen fremden Eindrcken beeinflut wird, und da nur
durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft
gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das
Bild der Dreieinigkeit des Schpfers drckt sich im Geschpfe ab, und
das Geschpf wird seinem Schpfer hnlich -- Indem dies jedem bewut
wird, betet er, whrend er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich
selbst, da der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich
reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen mge, und dabei
wiederholt er dreimal bei sich selbst: Heiliger Gott, heiliger Starker,
heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser! Der Priester betet im
Inneren des Altarraums leise zu Gott, er mge dieses Trichagion gndig
aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt
dreimal bei sich selbst: Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger
Unsterblicher! Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das
Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar
nieder.

Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhhten
Platz im Allerheiligsten, als drnge er bis in die Tiefe der
Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten
Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen hchsten
erhabensten ber allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoe des Vaters
und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses
Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt
dem Fleische in den Scho des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls
aufgefordert wird, Ihm in den Scho des Vaters nachzufolgen -- eine
Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat,
als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu
dem Alten der Tage kam.

Der Priester schreitet nun unerschtterlichen Schrittes voran und
spricht: Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Der Diakon
fleht ihn an: Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar! und der Priester
segnet ihn, indem er spricht: Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms
in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar,
jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dann nimmt er auf dem
erhhten Orte Platz, der fr den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus
sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem
Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten
und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel
vorzubereiten -- er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch
an, da er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.

Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des
Tempels. Mit dem Ruf: Lat uns aufmerken! fordert der Diakon alle
Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des
Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und
die Gemeinde der Andchtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit
dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst
sein mu, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst
kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen
sie nicht: Friede sei mit dir! sondern mit deinem Geiste! Der Diakon
ruft aus: Hchste Weisheit! Laut und ausdrucksvoll, so da jedes Wort
einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung;
aufmerksam, empfnglichen Herzens, mit suchender Seele und einem
Verstndnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht,
lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe
und Leiter zum besseren Verstndnis der Evangelien. Wenn der Vorleser
seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des
Altarraumes zu: Friede sei mit dir! Der Chor antwortet: Und mit
deinem Geiste! Der Diakon ruft aus: Hchste Weisheit! Der Chor singt
ein donnerndes Halleluja!, das das Nahen des Herrn ankndigt, Der
kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.

Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Rucherfa in der Hand, um den
Tempel mit Wohlgerchen zu erfllen und fr den Empfang des Herrn, der
da naht, vorzubereiten; dieses Ruchern soll uns an die geistige
Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltnenden
Worte des Evangeliums reinen Herzens anhren. Der Priester betet im
Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, da das Licht der
gttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und da unsere geistigen
Augen sich ffnen mgen, auf da wir die Predigt des Evangeliums
verstndnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich
selbst, sie bittet, da das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen
mge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich
den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: Gott
verleihe auf Frbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und
Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme groe Kraft, da du
die frohe Botschaft machtvoll verkndigest, auf da erfllet werde das
Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!
Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte
vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi
symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des
Altarraumes zu: Hchste Weisheit! Vergib! Lat uns dem heiligen
Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen! Der Chor antwortet:
Und mit deinem Geiste!, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.

Alle beugen andchtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi
selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemhten sie sich,
die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Semann selbst durch den
Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; --
nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht,
auf die zwar auch einige Samenkrner fallen, um jedoch sofort von den
Vgeln -- den bsen Gedanken und Absichten -- aufgefressen zu werden; --
auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich
vergleicht, das nur ganz oberflchlich mit Erde bedeckt ist, sie, die
das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen
lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; -- auch nicht mit solch einem
Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesuberten Acker vergleicht,
der von Dornen berwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen
eben aufsprieende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen
-- den Dornen zeitlicher Sorgen und Mhen, den Dornen der Versuchungen
und der zahllosen Lockungen des erttenden, weltlichen Lebens mit seinen
trgerischen Reizen und Annehmlichkeiten -- sofort erstickt werden, --
so da die Saat keine Frucht trgt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen
Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trgt --
etliches hundertfltig, etliches sechzigfltig, etliches dreiigfltig
--, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu
Hause, in der Familie, im Dienst, whrend der Arbeit, whrend der
Muestunden und Vergngungen, im Gesprche mit anderen Menschen, und,
wenn es mit sich allein ist, wieder zurckerstattet. Kurz, jeder
Glubige bemht sich, ein Hrer und Tter des Wortes zugleich zu sein,
den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein
Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so da sein
geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen
hat, Regen, Flsse und Wirbelstrme, alle mglichen Leiden und
Migeschick wider ihn erhben, unerschtterlich dastehen wird, gleich
einer auf einem Felsen erbauten Feste.

Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem
Inneren des Tempels zu: Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft
verkndigst! Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefhl
ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: Ehre sei Dir, unserem Gott,
Ehre sei Dir! Der in der Knigspforte stehende Priester nimmt das
Evangelium aus den Hnden des Diakons entgegen und stellt es auf den
Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm
zurckkehrt. Der Hochaltar, der die hchsten erhabensten Gefilde
darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde -- die
Knigspforte schliet sich, und die Tr zum Allerheiligsten wird
verhngt zum Zeichen, da es keine andere Tr zum Himmelreiche gibt als
die, die uns Christus geffnet hat, und da wir nur mit Ihm durch sie
eintreten knnen, denn es heit: Ich bin die Tr.

Hiernach pflegte whrend der ersten christlichen Zeit die Predigt
stattzufinden, worauf die Erklrung und Interpretation der verlesenen
Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist ber andere
Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklrung
der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang
und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu
stren, ans Ende gestellt.

Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet
anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch
inbrnstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: Lasset uns beten aus ganzem
Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemt, indem er die
Gebetstola mit drei Fingern in die Hhe hebt; und whrend alle aus
tiefster Seele inbrnstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie
aus: Herr, erbarme Dich! Der Diakon aber untersttzt und verstrkt
seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er
fordert die Gemeinde nochmals auf, fr alle Menschen zu beten, welchen
Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mgen; zunchst und in
erster Linie fr die in den hchsten mtern und Stellungen, wo es der
Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der
Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er
wei, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhngt,
da die Mchtigen redlich ihre Pflicht erfllen, inbrnstig und bittet
Gott, Er mge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit
zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in
ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie
nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: Herr,
erbarme Dich! Die ganze Reihe dieser Gebete heit: doppelte Ektenia
oder die Ektenia des inbrnstigen Gebets, und der Priester bittet im
Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhrung dieser allgemeinen
verstrkten Gebete, und sein Gebet heit das Gebet der inbrnstigen
Bitte.

Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so
wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der
Entschlafenen verkndigt. Der Diakon hlt die Stola mit drei Fingern
seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, fr den Seelenfrieden
der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf da Gott
ihnen alle ihre Snden, ihre bewuten und unbewuten Verfehlungen
vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen mge, wo die Gerechten in
Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden
aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden
Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: Herr, erbarme Dich! indem er
inbrnstig fr seine Lieben und fr alle entschlafenen Christen betet.
Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher Knig, gewhre
uns Deine gttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Snden!
ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sngerchor:
Gewhre es uns, o Herr! Der Priester aber betet im Inneren des
Altarraums und bittet den berwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige
Leben schenkte, Er mge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in
Frieden in die friedlichen grnen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer
und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem
Herzen, Er mge ihnen alle ihre Snden erlassen und verkndet laut:
Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der
Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm
samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gtigen,
lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit. Der Chor ruft
besttigend: Amen, worauf der Diakon die Ektenia fr die Katechumenen
beginnt.

Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den
Katechumenen zhlen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder
Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den
Glubigen zurcksteht, die gewrdigt wurden, an den Liebesmahlen der
ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam blo
bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit
Ihm erfllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie
aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch
ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu
seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzensklte und Drre
verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi
getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist,
ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts
ist, Der da spricht: Es sei denn, da jemand von neuem geboren werde,
kann er das Reich Gottes nicht sehen! -- Indem also jeder Anwesende
dessen eingedenk ist, zhlt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und
so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: Lasset uns zu Gott
beten, Katechumenen! aus der Tiefe seines Herzens: Gott, erbarme Dich
unser!

Hierauf ruft der Diakon: Ihr Glubigen, lasset uns fr die Katechumenen
beten und Ihn bitten, Er mge ihnen gndig sein, sie erwecken mit dem
Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren,
sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er
mge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten
in Seiner Gnade.

Und die Glubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefhle, wie wenig
sie den Namen der Glubigen verdienen, indem sie fr die Katechumenen
bitten, auch fr sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in
ihrem Innern, indem sie mit dem Sngerchor die Worte nachsprechen:
Herr, erbarme Dich unser! Der Diakon ruft: Katechumenen, beugt euer
Haupt vor Gott!, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich
ausrufen: Vor Dir, o Herr!

Der Priester betet leise fr die Katechumenen, sowie fr die, die sich
in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet
hat folgenden Wortlaut: Herr, unser Gott, Der Du in der Hhe wohnst und
herabsiehst auf die Demtigen, Der Du das Heil herabsandtest dem
menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres
Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die
ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine
auserwhlte Herde, auf da sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen
loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo,
hinfort und in alle Ewigkeit! Der Chor fllt mit einem donnernden
Amen! ein. Und in Erinnerung, da nun der Augenblick gekommen ist, wo
ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgefhrt wurden, ruft der
Diakon mit lauter Stimme: Tretet heraus, Katechumenen! Hierauf erhebt
er abermals die Stimme und ruft noch einmal: Tretet heraus,
Katechumenen! Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: Tretet
heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr
Glubigen alleine, lat uns abermals und abermals zu Gott beten!

Bei diesen Worten erbeben alle im Bewutsein ihrer Unwrdigkeit.
Inbrnstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die
Kufer und die schamlosen Krmer, die Sein Heiligtum zu einer
Mrdergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder
Anwesende bemht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf
vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner
Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er mge selbst den
Glubigen, der in die auserwhlte Herde aufgenommen wird, in ihm
erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: Ein heiliges Volk, Menschen
der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird; Er
mge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Glubigen gehrt, die
whrend der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der
Ikonostasis auf den Andchtigen herabblicken, an der Liturgie
teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfat, fleht er sie
um Hilfe an, als seine Brder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr
steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der
Glubigen.


                       Die Liturgie der Glubigen

Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen
Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus -- ein Tuch, auf dem der
Krper des Heilands abgebildet ist --, worauf das von ihm whrend des
Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefllte Kelch
gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Glubigen vom Seitenaltar
herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester ber den
Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern,
als die Kirche noch kein stndiges Heim hatte; man bediente sich damals,
da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte,
dieses Tuches sowie einzelner Stcke von Reliquien; dies Corporale ist
noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, da die Kirche auch heute noch
nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort
gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt
schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im
Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt
er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hintrte und als ob
er sich erst jetzt fr die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in
der ersten christlichen Zeit wurde nmlich der Altar erst in diesem
Augenblick geffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhngt, weil
ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die
eigentlichen Gebete der Glubigen. Der Priester fllt in dem noch immer
geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der
Glubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn
anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf da er
wrdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht
indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend,
der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hlt die Gebetstola mit drei
Fingern empor und ruft alle Glubigen zu denselben Gebeten auf, mit
denen die Liturgie der Katechumenen begann.

Alle Glubigen sind bemht, ihre Herzen mit einem eintrchtigen,
friedlichen, vershnlichen Gefhl zu erfllen, das jetzt noch
notwendiger ist, und rufen: Herr, erbarme Dich!; sie beten noch
inbrnstiger und flehen Gott um den hheren Frieden, um Errettung
unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen
Gottes und ihre Einigung an; sie beten fr diesen heiligen Tempel und
fr die, die ihn andchtig und gottesfrchtig betreten, und bitten Gott,
Er mge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch
inbrnstiger in ihrem Herzen: Herr, erbarme Dich!

Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: Hchste Weisheit!,
womit er andeutet, da dieselbe hchste Weisheit, derselbe ewige Sohn,
Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusen, daraus wir
Belehrung schpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot
verwandeln wird, um Sich fr die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden
bereiten sich, aufgerttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den
nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre
Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise
bei sich, fllt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene
Gebet: Keiner, der noch durch fleischliche Lste und Gensse gefesselt
wird, ist wrdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu
dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist gro und furchtbar, selbst
fr die himmlischen Mchte. Allein da Du in Deiner unermelichen
Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester
wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses
unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller -- denn Du allein, o
Gott, herrschst ber alle himmlischen und irdischen Geschpfe und
sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der
Seraphim und Knig von Israel, Der Du allein heilig bist und in den
Heiligen wohnest --, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh
herab auf mich armen Snder und Deinen unwrdigen Knecht, reinige meine
Seele und mein Herz von bsen Gedanken und mache mich wrdig, bekleidet
mit der priesterlichen Gnade, mache mich wrdig durch die Macht Deines
Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen
Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin,
beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir
ab und verstoe mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern la es
geschehen, da diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich
Unwrdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der
Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen
Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten,
gtigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit.

Mitten whrend des Gebetes ffnet sich die Knigspforte, und man sieht
den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien.
Der Diakon kommt mit dem Rucherfa in der Hand gegangen, um dem
hchsten Knig den Weg zu bereiten, er ruchert reichlich und lt
Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er
erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr
Gebet zu reinigen, auf da es lauter werde wie der Weihrauch vor dem
Herrn -- und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein
Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, da sie reine
Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu knnen. Die Snger auf
beiden Chren stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden
Cherubimgesang an: Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen
und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen,
lasset uns nun alles andere vergessen und den hchsten Knig emporheben,
Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und
beschattet von Lanzen.

Die alten Rmer hatten den Brauch, den neugewhlten Knig auf einem
Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen
Lanzen, die ber ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen.
Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner
irdischen Gre vor der Erhabenheit des hchsten Knigs in den Staub
sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der
himmlischen Mchte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser
selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige
Brot hinausgetragen wurde.

Der Gesang dieses Liedes trgt einen angelischen Charakter und soll
daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen
haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang
leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem
sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben
hintritt, die mit dem Ar bedeckt sind, spricht er: Nimm hin, o Herr!
Der Priester zieht den Ar hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke
Schulter und spricht: Erhebet eure Hnde zu dem Heiligtume und segnet
den Herrn! Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem
Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter
einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentr oder durch das
nrdliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein
der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen
stattfindet, so trgt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch,
ein dritter den heiligen Lffel, mit dem der Priester das heilige
Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib
gestoen wurde. Alle heiligen Gerte werden hinausgetragen, sogar der
Schwamm, mit dem die Krmchen des heiligen Brotes auf der
Hostienschssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt,
welcher mit Essig und Galle gefllt wurde und mit dem die Knechte ihren
Schpfer trnkten. Diese feierliche Prozession, die der groe Ausgang
genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt
unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.

Bei dem Anblick des hchsten Knigs, Der in der bescheidenen Gestalt des
Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter
wie von den Lanzen unzhlbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien,
und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr
Haupt und beten mit den Worten des beltters, der den Herrn vom Kreuze
aus anflehte: Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.
Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen
groen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen,
und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er
mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten
auferlegt sind, von deren Erfllung die Wohlfahrt aller Menschen und die
Rettung ihrer eigenen Seele abhngt, und er schliet mit den Worten:
Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtglubigen] Christen in
Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]! Die
Snger beschlieen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen
Halleluja!, das das ewige Wandeln des Herrn verkndigt. Der Zug
betritt nun die Knigspforte. Der Diakon nhert sich allen voran dem
Altar, bleibt zur Rechten vor der Tr stehen und begrt den Priester
mit den Worten: Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem
Reiche! Der Priester erwidert: Gott der Herr gedenke deines heiligen
Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit! Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib
Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wre er ein Sarg. Die
Knigspforte schliet sich, als wre sie das Tor zum Grabe des Herrn,
der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die
vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene
vom Haupte des Diakons, als nhme er den Leib des Heilands vom Kreuze
herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wre es
das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: Der ehrbare Joseph
nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein
reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen
niemand je gelegen war. Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt,
Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: Im Grabe
warst Du leibhaftig, in der Hlle mit der Seele und Gott gleich, im
Paradies mit dem beltter und saest doch zugleich auf dem Throne mit
dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir
erfllst, Unbeschreiblicher! Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit
der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: Als Lebenspender, als
wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder
Knigspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller
Auferstehung! Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch
hinweg, nimmt den Ar von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr
die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch
und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehllt wurde,
ruchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch
abermals, indem er spricht: Der ehrbare Joseph nahm Deinen
allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch
mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt
war. Dann nimmt er das Rucherfa aus den Hnden des Diakons entgegen,
ruchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor
ihnen verneigt, und wiederholt, whrend er sich zu den bevorstehenden
Opferhandlungen rstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten
David: Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu
Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die
Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar
opfern, denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen
nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches
schtzt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen
und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie
wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebenschliche Gedanken
und Rcksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind
eines seelischen Aufruhrs.

Der Priester bittet Gott, seine Seele fr das bevorstehende Opferwerk zu
reinigen, legt das Rucherfa wieder in die Hnde des Diakons, lt das
Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: Gedenke meiner,
mein Bruder und Amtsgenosse! Gott gedenke deiner Priesterschaft in
Seinem Reiche! erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt
an seine Unwrdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhlt: Bete
fr mich, heiliger Herr! Der Priester antwortet: Der Heilige Geist
komme ber dich, und die Kraft des Hchsten erleuchte dich! --
Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens. Und im vollen
Bewutsein seiner Unwrdigkeit fgt er [der Diakon] hinzu: Gedenke
meiner, o heiliger Herr! Der Priester erwidert: Gott gedenke deiner in
Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit! Der Diakon sagt:
Amen! kt dem Priester die Hand und geht durch die nrdliche
Seitentr hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet fr die dargebrachten und
auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.

Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Knigspforte
zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flgel eines Engels, der
zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze
Reihe von Gebeten, die schon keine hnlichkeit mit den frheren mehr
haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in
ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er
alsbald zu solchen Gebeten ber, die nur die Glubigen, die in Christo
leben, an Gott richten.

Wir bitten Gott, da Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen,
friedlichen und sndenlosen mache! fleht der Diakon.

Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Snger
und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: Gewhre ihn uns, o Herr!

Wir bitten Gott, da Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen
Lehrmeister und Beschtzer unserer Seelen und unserer Leiber sende!

Die Gemeinde: Gewhre ihn uns, o Herr!

Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Snden und
Verfehlungen!

Die Gemeinde: Gewhre sie uns, o Herr!

Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele ntzlich
ist, und um Frieden auf Erden!

Die Gemeinde: Gewhre es uns, o Herr!

Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumtiges
Ende!

Die Gemeinde: Gewhre es uns, o Herr!

Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
friedliches Ende unseres Lebens und darum, da wir einst gute
Rechenschaft ablegen am Jngsten Gerichte Christi!

Die Gemeinde: Gewhre uns das, o Herr!

Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen
Gebrerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen
uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.

Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus,
ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: Dir, o Herr!

Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: Durch die groe Gnade
Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem
allerheiligsten, gtigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in
alle Ewigkeit!

Der Chor singt ein donnerndes Amen!

Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester
nicht mit dem Opfer; denn noch mu vieles geschehen, ehe das heilige
Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der
Priester der Gemeinde den Gru des Heilands zu: Friede sei mit euch
allen! Die Gemeinde antwortet: Und mit deinem Geiste! Der Diakon
steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte
war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: Lat uns einander
lieben und einmtig bekennen ... Hier fllt der Sngerchor ein, indem
er die Schluworte: Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die
alleinige unteilbare Dreieinigkeit! mitsingt, wodurch wir daran
erinnert werden sollen, da wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch
Den nicht liebgewinnen knnen, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene
Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den
Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den
Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der
Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott
der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des
Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: Ich will Dich lieben,
o Herr, meine Strke, mein Fels und mein Hort! Er kt die mit dem Tuch
verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, kt den Rand des
heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst
teilnehmen, tuen desgleichen; dann kssen sie sich alle untereinander
und der Hauptpriester spricht: Christus ist mitten unter uns! Man
antwortet ihm: Er ist und wird sein! Auch alle Diakone, die zugegen
sind, kssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet
ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.

Frher kten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die
Mnner die Mnner, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: Christus
ist mitten unter uns! und gleich darauf die Antwort erhielten: Er ist
und wird sein! daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der
Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, da er alle Christen vor sich hat,
nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden,
nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm
fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszushnen, gegen die
er etwas wie Migunst, Ha oder Zorn hegte -- und gibt jedem von ihnen
in Gedanken einen Ku, indem er bei sich spricht: Christus ist mitten
unter uns! und in ihrem Namen antwortet: Er ist und wird sein! denn
ohne dies wre er tot fr alle folgenden heiligen Handlungen nach
Christi eigenem Wort: So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe
zuvor hin und vershne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und
opfere deine Gabe; und an einer anderen Stelle heit es: Und wer da
sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lgt; denn wenn er
seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er
nicht sieht?

Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden
zu, hlt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach
altem Brauch: Die Tore, die Tore! Ehedem wurde dieser Ruf an die
Pfrtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den
Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stren pflegten, frech und
blasphemisch in die Kirche eindrngte; heute wird dieser Ruf an die
Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die
Tore ihres Herzens zu behten, in denen die Liebe bereits Eingang
gefunden hat, auf da kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindrnge,
und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und fr die
Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafr wird
der Vorhang vor der Knigspforte, oder die hohe Pforte, hinweggezogen,
die sich nur dann ffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die
hchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die
Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhren auf: Lat uns der hchsten
Weisheit lauschen! Die Snger stimmen einen kraftvollen mannhaften
Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und
ausdrucksvoll: Ich glaube an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer
des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Dann
machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste
Person der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott den Vater klar und deutlich
vorstellen, und fahren dann fort: Und an Jesum Christum, Gottes
eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht
vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht
erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge
geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel
Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und
Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift
wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur
Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu
richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein
wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus
vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und
verehret wird und durch die Propheten geredet hat. Dann machen sie
wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person
der Heiligen Dreieinigkeit -- Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich
vorstellen, und fahren fort: Und an eine heilige katholische und
apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Snden
und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!

Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Snger und er prgt jedes Wort
des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt
hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll
starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar,
der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst
das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen,
wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Ar, der
ber den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.

Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkndet: Lat
uns fromm, lat uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das
heilige Opfer in Frieden darbringen, d. h. lat uns wrdig vor Gott
hintreten, wie es sich fr den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und
Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und khnen Mutes, indem wir Gott
loben, mit friedlichem vershntem, eintrchtigem Herzen, denn ohne dies
vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche
wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus
ihrem Munde emporsteigt, und die Besnftigung der Herzen als Opfergabe
darbringt mit dem Sngerchor: Die Gnade des Friedens, das Opfer des
Dankes. In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit
etwas Salbl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der
Besnftigung ist, denn Salbl und Barmherzigkeit bedeuten im
Griechischen dasselbe.

Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Ar von den heiligen
Gaben hinweg, kt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: Die
Gnade unseres Herrn ... Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt
den Fcher oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll
ber den heiligen Gaben.

Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu
zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen
Ruf an das Volk: Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes
des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch
allen! worauf ihm alle Anwesenden antworten: Und mit deinem Geiste!
Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das
Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der
das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht
mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlsers, Der Seine Augen
zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jngern die gttliche Speise
darreichte, und ruft: Lat uns unsere Herzen zum Himmel erheben! Und
jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das,
was nun geschehen wird -- und er denkt daran, da in diesem Augenblick
das gttliche Lamm fr ihn geschlachtet wird, da das gttliche Blut des
Herrn selbst in den Kelch fliet, um ihn zu entshnen, und da alle
himmlischen Mchte sich mit dem Priester vereinigen, um fr ihn zu
beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von
der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte
erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: Wir wollen uns zu Gott
erheben!

Der Priester ruft, des Erlsers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er
Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: Lat uns unserem Gotte danken!
Der Chor erwidert: Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den
Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens
und unfehlbar ist. Der Priester aber betet im stillen bei sich:
Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu
danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist
Gott, der Unaussprechliche, Unergrndliche, Unsichtbare und
Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn
und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein
erweckt, hast uns Abtrnnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht
verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein knftiges
Reich geschenkt. Fr dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen
Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, fr alle die
Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen
und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch fr
diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand
entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von
Engeln, Cherubim und sechsfach geflgelte Seraphim zur Verfgung stehen,
vielugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen,
rufen, jauchzen und sprechen: Heilig, heilig, heilig ist der Gott
Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!

Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen
Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sngerchor aufgenommen; es
trgt die Gedanken der Glubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich
fort, ntigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: Heilig,
heilig, heilig ist der Herr Zebaoth! und mit ihnen den Thron des
gttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem
Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, da der Herr selbst herabsteigen
und Sich fr alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem
Gesang der Seraphim, der im Himmel ertnt, noch der Gesang der
hebrischen Jnglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem
begrten, Zweige auf den Weg streuend: Hosianna in der Hhe. Gelobt
sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Hhe! Denn der
Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische
Jerusalem. Der Diakon fhrt fort, mit dem Fcher ber die heiligen Gaben
hinzufcheln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert
mit dieser Bewegung des Fchers das Walten der Gnade. Der Priester aber
betet im stillen weiter: Mit diesen heiligen Mchten, o Herr, Der Du
die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und
hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist.
Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also
hast Du die Welt geliebt, da Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf da
alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben
haben, Der da kam und alles erfllte, was von uns verkndet ward; in der
Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab fr
das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hnde,
dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen
Jngern und Aposteln und sprach ... Und mit lauter Stimme verkndete
der Priester die Worte des Heilandes: Nehmet hin und esset, das ist
mein Leib, der fr euch gebrochen wird zur Vergebung der Snden. Bei
diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen Amen!
Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum
Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot
ruht. Der Priester aber fhrt leise fort: Desselbigengleichen nahm Er
auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ... und er verkndet laut,
nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: Trinket alle daraus,
dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird fr euch
und fr viele zur Vergebung der Snden. Und die ganze Kirche antwortet
ebenso laut wie das erstemal: Amen!

Der Priester fhrt fort, leise zu beten: Und indem wir also gedenken
dieses erlsenden Gebotes und alles dessen, das fr uns getan ward: des
Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt,
des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft
-- und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die
Stimme und spricht: -- bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen
fr alle und fr alles! Der Diakon legt nun den Fcher beiseite und
hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Hhe: in diesem
Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige
Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch
dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer fr die
ganze Welt dargebracht wird -- das Golgatha, wo die furchtbare
Hinschlachtung des gttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick
stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das
dem Schpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor
den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und
gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer
hat nie aufgehrt seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch
immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht
das Opfer selbst, sondern ein reumtiger Geist, mit dem es dargebracht
wurde. Daher mu jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, da der
Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige
geringschtzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen mu
gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer
darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten lie und
nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Snden mit sich nahm, es
im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und
dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und
irdischen Gtern ttete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem
Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht.
Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.

Tief durchdrungen vom Bewutsein, da es auf Erden nichts gibt, das da
wert wre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der
Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im
Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: Also sei
Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, fr alle und fr alles!
Der Chor singt: Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o
Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!

Und nun folgt der Hhepunkt der ganzen Liturgie: die
Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige
Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben
herabzusenken -- derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung
Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine
Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein
nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln knnen.

Der Priester fllt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der
Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst
spricht: Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten
Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du
Gtiger, sondern la uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.
Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den
Vers: Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren
einen gerechten Geist.

Noch einmal wird der Anruf wiederholt: Herr Gott, Der Du in der dritten
Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest,
nimm Ihn nicht von uns, Du Gtiger, sondern la uns wiedergeboren
werden, die wir zu Dir beten. Und die Gemeinde singt den Vers: Verwirf
mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von
mir! Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: Herr Gott, Der Du in der
dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel
herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gtiger, sondern la uns
wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten. Der Diakon weist gesenkten
Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich
selbst: Segne, o Herr, das heilige Brot! Und der Priester segnet es
dreimal mit dem Kreuze und spricht: Und mache dieses Brot zu dem
heiligen Leibe Deines Christus. Der Diakon sagt: Amen! Und damit ist
das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon
mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst:
Segne, o Herr, den heiligen Kelch! Und der Priester segnet ihn und
spricht: Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines
Christus. Der Diakon sagt: Amen! und spricht, indem er auf die beiden
heiligen Gaben hinweist: Segne sie beide, o Herr! Der Priester segnet
sie und spricht: Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist! Der Diakon
sagt dreimal: Amen! Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das
Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein
_Wort_ rief das _ewige Wort_ herbei. Der Priester, dessen Stimme das
Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein mge -- ob
er Peter oder Iwan heit --, in seiner Person hat der ewige Hohepriester
selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die
Person Seiner Priester, wie auf das Wort: Es werde Licht! das Licht
ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: Es lasse die Erde aufgehen Gras
und Kraut! die Erde sie ewiglich aufgehen lt. Und es ist nicht ein
Bildnis oder die bloe Erscheinung des Leibes, die sich auf dem
Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst -- derselbe Leib,
der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben
ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten
des Vaters sitzt. Er behlt nur deshalb auch weiter die Gestalt des
Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst
gesagt hat: Ich bin das Brot.

Vom Kirchturm her ertnt jetzt Glockengelut, um allen den groen
Augenblick zu verkndigen, auf da der Mensch -- wo er sich in diesem
Moment auch befinden mag -- ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder
seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen
Beschftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den
Mauern eines Gefngnisses schmachtet -- kurz, damit er berall, wo er
sich auch aufhlt, in diesem furchtbaren Augenblick auch fr sich beten
knne. Alles strzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den
Herrn mit den Worten des beltters an: Herr, gedenke an mich, wenn Du
in Dein Reich kommst.

Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: Gedenke an
mich, o heiliger Herr! und der Priester antwortet: Gott gedenke deiner
in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Und nun
gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze
Kirche, die triumphierende wie die kmpfende, mit in sein Gebet
einschliet und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller
whrend des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen,
reinen, gttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als
der Frsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die fr
ihre hohe Demut und Bescheidenheit wrdig erachtet wurde, Gott in ihrem
Schoe zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen
Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, da die
Demut die hchste Tugend und da in dem Herzen des Demtigen Gott
lebendig sei.

Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der
Kirchenvter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der whrend
des Offertoriums die Brotstcke fr sie herausgeschnitten wurden; sodann
wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest,
sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die
wichtigsten und hchsten Pflichten anvertraut sind, -- d. h. mit denen,
die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und
weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [Gott helfe ihm und untersttze
ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl
betrifft; mge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff
eintrchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militrkammer, auf
da sie getreulich ihre Pflicht erfllen, und auch uns lasset im
Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben fhren in aller
Frmmigkeit und Reinheit! Bei dieser Gelegenheit betet der Priester
auch fr alle anwesenden Christen bis auf den letzten, da der allgtige
Gott Seine Gnade ber sie alle ergieen, ihre Schatzkammern mit Gtern
fllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder
gro werden lassen, die Jugend belehren, das Alter sttzen und
krftigen, die Kleinmtigen trsten, die Zerstreuten sammeln, die
Verfhrten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische
Kirche aufnehmen mge. Fr alle Christen bis auf den allerletzten, wo
sich ein solcher Christ auch immer aufhalten mge, betet bei dieser
Gelegenheit der demtige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der
Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit
daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen
Schchten schmachtet. Fr alle -- bis auf den allerletzten -- betet bei
dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht
allein an diesem gemeinsamen Gebete fr alle Menschen, sondern er betet
auch fr alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie
insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt.
Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: Und la uns preisen und
lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und
herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit! Die ganze Kirche
antwortet mit einem besttigenden Amen! Der Priester ruft: Die Gnade
des groen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch
allen!, und die Gemeinde erwidert: Und mit deinem Geiste! Hiermit
haben die Gebete fr alle, die der Kirche Christi angehren, ihr Ende
erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott
emporgerichtet werden.

Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet fr die Gaben selbst
aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt
sind, auf da sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe fr
uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und
ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: Lat uns aller Heiligen
gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten! Der Chor
singt: Herr, erbarme Dich! Lat uns beten fr die dargebrachten und
geweihten heiligen Gaben! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Lat
uns beten, da unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen mge
auf Seinem heiligen, ber dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend
von geistigen Wohlgerchen, und da Er uns herabsenden mge Seine
gttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes! Der Chor singt:
Herr, erbarme Dich! Lat uns zu Gott beten, da Er uns bewahren mge
vor Kummer, Zorn und Not! Der Chor singt: Herr, erbarme Dich! Hilf,
rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott! Der Chor
singt: Herr, erbarme Dich! Wir bitten Gott um einen vollkommen
ungetrbten, vollkommen heiligen, friedlichen und sndlosen Tag! Der
Chor singt: Gewhre ihn uns, o Gott! Wir bitten Gott um einen
Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschtzer unserer Seelen
und Leiber! Der Chor singt: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott
um Vergebung und Erlassung unserer Snden und Verfehlungen! Der Chor
singt: Gewhre sie uns, o Gott! Wir bitten den Herrn um alles Gute,
was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden! Der Chor
singt: Gewhre es uns, o Herr! Wir bitten Gott um ein Leben in
Frieden und um ein reumtiges Ende! Der Chor singt: Gewhre es uns, o
Herr! Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und
friedliches Ende und darum, da es uns beschieden sein mge, in Ehren
Rechenschaft abzulegen am Jngsten Tage Christi! Der Chor singt:
Gewhre es uns, o Herr! Und nun ruft der Diakon nicht mehr die
Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: Wir bitten
Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem
Gotte! Und alle singen mit vlliger und inniger Hingebung: Dir, o
Herr!

Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an:
Wrdige uns, o Herr, da wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater,
zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen. Und alle
Glubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfllte Sklaven, sondern wie
reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen
Gottesdienst und die stetige Ausfhrung der heiligen Bruche in jenen
engelhaften Gemtszustand himmlischer Rhrung versetzt fhlen, in dem
der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das
Gebet des Herrn: Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde
Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch
auf Erden. Unser tglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere
Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und fhre uns nicht in
Versuchung, sondern erlse uns von dem bel.

Dieses Gebet umfat alles und schliet alles in sich ein, was wir
brauchen. Die Bitte: Geheiligt werde Dein Name! enthlt das Erste,
worum wir zuerst und vor allem bitten mssen: wo Gottes Name geheiligt
wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander
verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den
Worten: Dein Reich komme! flehen wir das Reich der Wahrheit und
Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie
eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den
Worten: Dein Wille geschehe! wird der Mensch durch den Glauben wie
durch die Vernunft gefhrt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein,
als der Wille Gottes? Wer wei denn besser als der Schpfer, was Seinen
Geschpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der
durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Gte und
Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: Unser tglich Brot gib uns heute!
bitten wir um alles, dessen wir zu unserem tglichen Lebensunterhalt
bedrfen. Unser Brot aber ist die hchste gttliche Weisheit und
Christus selbst. Er selbst hat gesagt: Ich bin das Brot und wer von Mir
isset, wird nicht sterben. Mit den Worten: Vergib uns unsere Schuld!
bitten wir, da alle unsere schweren Snden, die auf uns lasten, von uns
genommen werden mgen -- wir bitten, da uns alles erlassen werden mge,
dessen wir uns gegenber dem Schpfer selbst schuldig gemacht haben,
indem wir uns an unseren Brdern vergingen; streckt Er uns doch jeden
Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns
mit herzzerreiendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den
Worten: Und fhre uns nicht in Versuchung! bitten wir Gott, uns vor
allem zu behten, was unser Gemt verwirrt, uns irre leitet und uns
unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: Sondern erlse uns von dem
bel! bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Bse von
uns weicht, bemchtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer
Seele, und wir fhlen uns schon auf Erden wie im Himmel.

So umfat und schliet dieses Gebet alles in sich ein, was uns die
hchste gttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten
wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller
Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen
mssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines
kindlichen Herzens, so mu auch der Abgesang des Gebets auf den Chren
einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen mnnlichen Tnen,
sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen
scheint, mu dieses Gebet gesungen werden, auf da man in ihr den
Frhlingshauch des Himmels zu verspren meine und da in ihm etwas
erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berhrt, denn in
diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit
Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: Vater unser!

Der Priester begrt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit
dem Grue des Heilands: Friede sei mit euch allen! Die Gemeinde
erwidert: Und mit deinem Geiste! Jetzt fordert der Diakon alle zu
einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst
ablegen mu, indem er ruft: Beugt eure Hupter vor dem Herrn! Und
indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen
sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: Ich beuge mein Haupt vor Dir,
mein Herr und Gott, ich bekenne meine Snden aufrichtig und schreie zu
Dir: ich bin sndig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten,
aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich
es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie
den Zllner und mache mich wrdig, gleich dem beltter in Dein
himmlisches Reich einzugehen. Und whrend so alle gebeugten Hauptes in
innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare fr
alle mit folgenden Worten bei sich selbst: Wir danken Dir, unsichtbarer
Knig, Der Du in Deiner unermelichen Kraft alles erschaffen und durch
Deine groe Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast;
blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir
beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern
vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem
Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: La den Seefahrer den Hafen und
den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele
und des Leibes! Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf
die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Gte Gottes wendet:
Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe
Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem
Allerheiligsten, gtigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in
alle Ewigkeit! Der Chor ruft: Amen! Nunmehr rstet sich der Priester,
selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in
sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht:
Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen
Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns,
Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst,
und mache uns [Priester] wrdig, aus Deiner allmchtigen Hand Deinen
reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen
darzureichen.

Whrend der Priester dies Gebet spricht, rstet sich der Diakon zum
heiligen Abendmahl: er tritt vor die Knigspforte, umgrtet sich mit der
Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre
Flgel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor
dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich
dreimal und spricht bei sich selbst: O Gott, reinige mich Snder und
erbarme Dich meiner! Wenn dann der Priester seine Hand nach der
heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend
sind, durch das anfeuernde Wort: Lat uns aufmerken! auf, alle ihre
Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht
sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst
der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der
die Patene in die Hhe hebt und ruft: Das Heilige den Heiligen! dringt
aus dem Altar hervor. Tief erschttert von dieser Verkndigung, die da
besagt, da man selbst heilig sein mu, um das Heilige in sich
aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: Einer ist
heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!
worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist,
gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, da auch der Mensch heilig sein
kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird,
ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch
seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst.
Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen
Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst,
gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und
sofort erlscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder
gewhnliches dunkles Eisen wird.

Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gem dem
Zeichen, das whrend des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier
Teile, indem er spricht: Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das
zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt
wird, und das da heiligt, die davon essen. Er legt eins von den Stcken
des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute fr sich und den
Diakon zurck und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl
der Kommunikanten betrgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib
Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward,
und in dem kleinsten Teil erhlt sich der Christus ganz und unversehrt,
wie in jedem Gliede unseres Krpers dieselbe ganze und unteilbare Seele
zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert
Stcke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild
derselben Dinge erhlt. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt,
dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich
unversehrt erhlt, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stcke,
die whrend des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen
und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden
nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der
Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen,
werden der Gemeinde whrend des heiligen Abendmahls dargereicht. In den
ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht,
wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher
nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch.
Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten
und noch unwissenden Christen, die blo dem Namen nach Christen geworden
waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen
wurden, wo man sie zu aberglubischen Zwecken und Zauberknsten
verwendete, oder da man in der Kirche in unwrdiger Weise mit ihnen
umging, sich hierbei stie, Lrm machte und die heiligen Gaben sogar
verschttete, als die Vter vieler Kirchen sich gentigt sahen, dem
Volke den Kelch vllig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der
Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die
abendlndische rmisch-katholische Kirche bei sich eingefhrt hat, da
ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der
morgenlndischen Kirche nicht das gleiche geschhe: da Leib und Blut
dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter
Gestalt dargereicht werden und da ihm beides nicht in die Hand gegeben,
sondern in einem heiligen Lffel gereicht werden solle, der die Form
jener Zange haben msse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des
Propheten Jesaias berhrte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden,
was das fr eine Berhrung ist, deren ihr Mund gewrdigt wird, und ein
jeglicher deutlich erkennen, da der Priester in diesem heiligen Lffel
jene glhende Kohle hlt, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange
vom Altar Gottes nahm, also da bei der bloen Berhrung der Lippen des
Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes
Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, da
eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkrakt des Priesters
sein knne, an, da im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das
Gef gegossen werde, was die erwrmende Gnade des Heiligen Geistes
symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu
heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: Die Wrme des
Glaubens, erfllet vom Heiligen Geiste! Beim Einschtten des warmen
Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts
ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf da die Wrme zugleich
zum Sinnbild der Blutwrme diene und, indem sie sich jedem fhlbar
macht, ihm zum Bewutsein bringe, da sie nicht aus einem toten Leib,
dem ja kein warmes Blut entfliet, sondern aus dem lebendigen,
lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einstrmt;
denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, da auch der tote Leib
des Herrn nicht von Seiner gttlichen Seele verlassen, da er voll der
Wirkung des Heiligen Geistes ist, und da die Gottheit Sich nicht von
ihm getrennt hat.

Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann
dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch
das Sakrament der Kommunion von allen seinen Snden gereinigter Mensch
da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger
und wrdig, anderen das Abendmahl zu reichen.

Die Knigspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine
Stimme: Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben! Nun erscheint der
verwandelte Seraphim -- d. h. der in der Knigspforte stehende Priester
mit dem Kelch in der Hand -- vor der ganzen Gemeinde.

Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heien Flamme
der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die
Hnde auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten
Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben
zu dem Gekreuzigten bekennen: Ich glaube, o Herr, und bekenne, da Du
in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die
Welt gekommen ist, die Snder zu erlsen, deren vornehmster ich selbst
bin. Ich glaube auch, da dies Dein heiliger Leib und da dies Dein
gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und
vergib mir meine Snden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren
ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig
gemacht habe, und gib, da ich nicht als Verworfener teilhaftig werde
Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Snden und zum ewigen
Leben. Hier hlt der Andchtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung
dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fhrt
sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:

La mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn
Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch
Dich kssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen
gleich dem beltter, indem ich spreche: Herr, gedenke an mich, wenn Du
in Dein Reich kommst. Und indem der Betende in seinem Inneren einen
Augenblick andchtig innehlt, fhrt er fort: Gib, o Herr, da ich mir
aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse
und trinke, sondern da es mir zum Heil meiner Seele und meines Krpers
gereiche.

Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich
dem Geistlichen nicht wie einem gewhnlichen Priester, sondern wie dem
feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hlt, mit offenem Munde
die glhende Kohle des heiligen gttlichen Leibes und Blutes, die ihm im
Lffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen hlichen
Schmutz und Unrat seiner Snden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes
Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in
einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den
heiligen Lffel an seine Lippen fhrt, den Kommunikanten beim Namen
nennt und spricht: Der Knecht Gottes empfngt das gerechte und heilige
Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung
der Snden und zum ewigen Leben, nimmt er den Leib und das Blut des
Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem
Gott gegenber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser
Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der
Ewigkeit, denn er ist erfllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit
ist.

Indem der Mensch durch den Genu des Leibes und des Blutes dieses groen
Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht
erfllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Ar abgetrocknet, und
diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an
den Propheten Jesaias richtete: Siehe, hiermit sind deine Lippen
gerhret, da deine Missetat von dir genommen werde und deine Snde
vershnet sei. Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem
heiligen Kelche zurck, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie
grt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt
soviel nher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer
heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann
geht er wieder an seinen Platz zurck, ganz erfllt von dem Gedanken,
da er Christus selbst in sich aufgenommen hat, da Christus in ihm
weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist,
wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens
einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst
vollzieht Er Sein Begrbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche
leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend
stimmt der Sngerchor einen Jubelgesang an:

Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den
heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sndlosen. Wir beten Dein Kreuz
an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung,
denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, auer Dir, und preisen
Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Glubigen, lasset uns anbeten die
heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt
groe Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine
Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er
starb, hat Er den Tod berwunden. Und hierauf singt der Chor gleich den
Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:

Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist ber dir
aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau
und Mutter Gottes schmcke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist
auferstanden. O groes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du
Wort und Kraft Gottes! la uns deiner noch in vollkommener Weise
teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!

Whrend die frohlockende Kirche also widerhallt von den
Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum,
den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene
wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den
Herrn und Wohltter unserer Seelen dafr, da Er alle durch Seine Gnade
teilnehmen lie an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schliet
mit der Bitte, Gott mge uns auf den rechten Weg fhren, uns alle in der
heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behten und unseren
Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.

Und nun ffnet sich die Knigspforte zum letztenmal, denn dieses offene
Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das
Christus allen zuteil werden lie, indem Er Sich selbst der ganzen Welt
zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der
Diakon die Worte spricht: Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,
sowie das Zurcktragen des Kelches soll versinnbildlichen, da Christus
zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines
Vaters zurckzufhren. Vom Chor ertnt ein donnernder feierlicher
Jubelgesang zur Antwort: Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn;
unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint. Und die ganze
Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden
geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und
erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den
Worten: Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum, denn
er nimmt an, da in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes
eigenstem Eigentum geworden sind -- dann schwingt er sich in Gedanken
empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschlu Seines
Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen
Hochaltar, verneigt sich und ruchert zum letztenmal, indem er spricht:
Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines
Ruhmes voll, inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende
Jubelgesnge und Tne, die von strahlender geistiger Freude erfllt
sind, die verklrten Gemter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem
hchsten Ausdruck geistiger Freude: Wir haben das wahre Licht geschaut,
wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem
wahrhaften Glauben erfllt und beten an die Heilige unteilbare
Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlst.

Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen
Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und
entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, da Christus uns
verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der
Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkndigt, da der
Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei
uns weilet, indem er spricht: Immerdar, jetzo, hinfort und in alle
Ewigkeit, worauf der Kelch und die Patene zurckgetragen und auf den
Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der
jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war,
sondern jenen hchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die
Himmelfahrt Christi in den Scho des Vaters vollzog.

Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Fhrung des Sngerchors zu
einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des
Lobgesangs: La unseren Mund sich erfllen mit Deinem Lobe, o Herr, da
wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns wrdigest, an Deinem heiligen,
gttlichen, unvergnglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen;
behte uns in Deinem Heiligtume, auf da wir den ganzen Tag Belehrung
schpfen aus Deiner Weisheit! Hierauf singt der Sngerchor dreimal ein
begeistertes: Halleluja!, das allen das ewige Wandeln und die
Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel,
um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt
die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: Vergib!
lasset uns, nachdem wir empfangen haben das gttliche, heilige, reine,
unvergngliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament
Christi, wrdig danken dem Herrn. Und alle Anwesenden singen leise und
mit dankbarem Herzen: Herr, erbarme Dich! Hilf, rette, erbarme Dich
und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott! ruft der Diakon zum
letztenmal. Und alle singen den Gesang: Herr, erbarme Dich! Wir beten,
da dieser ganze Tag heilig, friedlich und sndlos zu Ende gehe und
weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!
Und mit der sanften Fgsamkeit eines Kindes und dem himmlischen
Vertrauen auf Gott rufen alle aus: Dir, o Herr! Der Priester hat
whrenddessen das Corporale zusammengelegt und verkndigt nun mit dem
Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die
Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm
den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch
hellerem Lichte in den verklrten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet
der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaen: Da Du bist unsere
Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und
dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.

Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die
Patene stehen. Alle die Stcke, die bisher auf der Patene lagen und die
whrend des Offertoriums zum Gedchtnis der Heiligen, zu Ehren der
Entschlafenen und fr das geistige Wohlergehen der Lebenden
herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht,
und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und
Blute Christi teil -- sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und
kmpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter
Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenvter, die Priester, die
Einsiedler, die Mrtyrer, alle Snder, fr die ein Stck aus dem Brote
herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die,
die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und
Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der
Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem
Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich
aufgenommen hat, fr alle, auf da ihre Snden weggewaschen werden, denn
um der Erlsung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht,
sowohl fr die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch fr die,
die nach seinem Erscheinen leben. Und so sndhaft sein Gebet auch sein
mag, der Priester richtet es fr alle zu Gott empor, selbst fr die
heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt:
Die ganze Welt mu gereiniget werden.

Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet fr alle an, und die hohe
Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind
nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des
Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die
durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches
engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse
durchdrangen und klar einsahen, da es keine Trennung unter denen, so in
Gott leben, gibt, da ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit
unseres Leibes nicht aufhrt, da die Liebe, die hier erblhte und uns
verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mchtiger
wird, und da ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der
Liebe noch weit nher gerckt wird. Und alles, was aus Christus
hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es
entspringt. Sie haben ja auch durch ihre hheren Sinnesorgane erfahren,
da sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten mu, und da sie in
der Tat fr ihre auf Erden herumirrenden Brder betet; sie haben auch
erkannt, da Gott uns im Gebet die hchste Seligkeit beschieden hat,
denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein
Geschpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf da es die hohe Wonne
des Wohltuns mitgeniee; der Engel, der der berbringer Seines Befehls
ist, versinkt frmlich in Seligkeit, blo weil er Seine Befehle
berbringen darf. Der Heilige betet im Himmel fr seine Mitbrder, die
hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten
darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen hchsten Wonnen und an
Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschpfe gehen aus
Gottes Hand hervor, um an der hchsten und erhabensten Seligkeit
teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende
nimmt.

Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche
getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stcke entnommen und
aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und bt damit den
alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen
herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird,
weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch trichte
Kundgebungen einer ungestmen Freude und durch Worte des Streits statt
durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rhrenden himmlischen Mahles
im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer
Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und
whrenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine,
unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl
die Kirchen selbst einsahen, da es unbedingt notwendig sei, diesen
Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen
Kirchen zu tilgen, konnte die morgenlndische Kirche sich
nichtsdestoweniger nicht entschlieen, diese Sitte gnzlich
abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des
heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte
Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfngt, dieses
statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der
Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jngern unterredet hat, daher mu
er es voller Ehrfurcht genieen und sich vorstellen, er sei von allen
Menschen wie von lieben Brdern umgeben, daher geniet er es denn auch,
wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es
mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und
solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche
sein konnten.

Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schliet er die
Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den
Worten: Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die
Frbitte Seiner reinen Mutter, auf Frbitte unseres Erzbischofs Johannes
Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie
des Chrysostomus stattfindet), auf Frbitte des Heiligen (hier nennt er
den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und
errette uns, denn Er ist gtig und menschenfreundlich. Die Gemeinde
bekreuzigt sich, fllt auf die Knie und geht auseinander, whrend der
Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete fr das Leben des Kaisers
emporrichtet.

Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewnder ab,
indem er spricht: Nun entlt Du Deinen Knecht! und er begleitet diese
Handlung mit Lobgesngen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der
Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der
heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen
vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt
unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, giet noch etwas
Wein und Wasser hinein, splt die inneren Wnde des Kelches ab, trinkt
sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfltig mit dem
Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann rumt er die heiligen
Gefe zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht
ebenso wie der Priester: Nun entlt Du Deinen Knecht! worauf er
dieselben Gesnge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche
mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender
Freudigkeit erfllten Geist und Worten des Dankes fr den Herrn auf den
Lippen.


                                 Schlu

Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausbt, ist
gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt
und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder
Handlung andchtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons
gehorsam gefolgt ist, -- so wird seine Seele von einer gehobenen
Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden fr ihn erfllbar, das Joch
Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel
verlassen hat, woselbst er an dem gttlichen Liebesmahl teilgenommen
hat, sieht er alle Menschen als seine Brder an. Was er auch tut, ob er
wieder an seine gewohnten Geschfte geht, sich seinem Dienst oder seiner
Familie widmet, wo und in welchem -- -- -- es auch sei, stets schwebt
ihm ganz unwillkrlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen
seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel
mitgebracht hat; ohne da er es selbst merkt, wird er freundlicher und
gtiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten ber
sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wre es der
Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um
Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet
mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein
Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller
Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rhrung ergriffen und will vor
Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfllt fr seinen Wohltter.
Und alle, die der gttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen
die Kirche sanftmtiger, sind gtiger im Umgang mit dem Menschen und
freundlicher und milder in allem, was sie tun.

Daher mu ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will,
die gttliche Liturgie, so oft als nur mglich, besuchen und ihr
aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet
seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht
vollstndig aufgelst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen
unvershnlichen Ha widereinander erfllt sind, so liegt der letzte
tiefste Grund in der gttlichen Liturgie, die den Menschen an das
heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brdern mahnt. Wer sich
daher in der Liebe strken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so
oft als mglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und
wenn er das Gefhl hat, da er dessen noch nicht wrdig ist, mit seinem
Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll
er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie
die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und
unwillkrlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.

Gewaltig und unermelich knnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein,
wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehrt hat, in sein Leben
aufzunehmen.

Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schpfen und
indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum
letzten Bettler gleichermaen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher
Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der
Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder
alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben
von allem.

Wenn aber die heilige Liturgie schon, whrend sie zelebriert wird, so
stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten
oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andchtig und mit
Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes
Wesen, gleich einem Gef, das spter zu nichts mehr ...; und mag er nun
den ganzen Tag erregt in der Erfllung seiner zahlreichen
seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen
oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm
verkrpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und
der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die
Streitenden zu vershnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen
sucht, Gnade gegenber dem Schwachen zu ben; ob er den Trauernden
trstet und den Bedrckten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte
werden von der heilenden Kraft des Balsams erfllt sein und berall und
allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden.




                            Jugendschriften


                                  1834

Groer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drngen sich in
ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefhle zusammen! Nein, das ist kein
Traum. Das ist die verhngnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen
Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon
schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurckgedrngt. Zu
meinen Fen braust meine Vergangenheit; ber mir, durch Nebelschleier
hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben
meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich
nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick ber mir und weiche dieses
ganze Jahr, das fr mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner
Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll,
gro vor mir, grt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mgest du
ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein!
Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du
mein Schutzengel. Sollten sich Trgheit und Gefhllosigkeit auch nur
einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, -- oh, dann wecke mich
aus dem Schlummer, gib es nicht zu, da sie Macht ber mich gewinnen!
La deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein
Gewissen vor mir stehen: la jede deiner Ziffern lauter denn eine
Sturmglocke an mein Ohr tnen, la sie gleich einem galvanischen Stab
meinen ganzen Krper in Zuckungen versetzen und erschttern.

Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch
groe Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetrmter
Huser, dieser lrmenden Straen, dieser siedenden Geschftigkeit --
dieser Menge, dieses Durcheinanders aller mglichen Moden, Paraden,
Beamten, dieser seltsamen nordischen Nchte, dieses Glanzes und dieser
gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit
fruchtreichen Grten geschmckten Kiew, das mein prachtvoller,
wundersamer, sdlicher Himmel berwlbt und das wonneatmende Nchte
einhllen, wo die Berge mit ihren schnen -- man mchte sagen
harmonischen -- Hngen, und wo mein klarer, wild dahinstrmender Dnjepr,
der es umsplt, im Schmuck grnen Buschwerks prangt? -- Wird es dort
sein? ... Oh! Ich wei nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du,
der du schon seit meiner Wiege im Vorberfliegen mein Ohr mit deinen
harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch
unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche
wonnevolle Trume in mir nhrtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher,
blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir.
Ich liege zu deinen Fen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf
der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher
Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir
kocht es und siedet's vor Lebenskraft. Meine Werke werden von
Begeisterung erfllt sein. Die erhabene Gottheit, die ber dieser Erde
thront, wird ber ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, ksse
und segne mich!


            ber eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken

Es gibt bisher noch keine vollstndige und befriedigende Darstellung der
Geschichte Kleinrulands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen
kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische
Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken
zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollstndig sind und durch die
bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht
angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als
Material ganz wertvoll sein knnen) noch keine Geschichte. Ich habe mich
entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und mglichst ausfhrlich
darzustellen, wie dieser Teil Rulands sich loslste (und selbstndig
wurde), was fr eine politische Verfassung er unter der fremden
Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevlkerung
heranbildete, die sich durch eine groe Originalitt des Charakters und
durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte
lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mute und hartnckig
seine Religion verteidigte, und wie es sich schlielich fr immer an
Ruland anschlo; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich
in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land
allmhlich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Ruland
vllig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefhr fnf Jahre lang habe ich mit
groem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses
Landes beziehen. Die Hlfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie
fertig, aber ich zgere noch, die ersten Bnde herauszugeben, da ich
vermute, da es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht
bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Hnden von Privatpersonen
befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche
Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzhlungen von
Bandurenspielern, Aktenstcke (besonders auch solche, die sich auf die
ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es
ist unmglich, da meine gebildeten und aufgeklrten Landsleute mir
diese Bitte abschlagen knnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese
Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens
Kopien.




             Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzhlung
                         Der schreckliche Eber


                                   I.
                               Der Lehrer

Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte
mehr Aufsehen als das Gercht, das vor zwei Jahren durch das Land ging,
die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die pltzliche
Erhhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der
Ukraine aus der Krim eingefhrt wurde. In den Schenken, auf den Straen,
in der Mhle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem
als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in
ihren groen Kitteln und Kapuzen suchten, whrend sie mit hchst
phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen
lieen, den Einflu der Persnlichkeit festzustellen, der das Schicksal
scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz ber den Kpfen
aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den
herrschaftlichen Gemchern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin
eines Gutes von fnfzig Seelen speiste. Man sprach davon, da das
Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und da sich sein Einflu
ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken
werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die
Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhngen als von ihm.
Einzelne lieen mit bedeutsamer Miene durchblicken, da nunmehr
womglich selbst der Verwalter zu einer bloen Null herabsinken werde.
Nur der _Miroschnik_, d. h. der Mller Ssolopi Tschubko, wagte die
Behauptung aufzustellen, da die Dorfltesten nichts von ihm zu
befrchten htten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine
neue Mtze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande --, da der
Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fnfgespann zum Stehen und
das stockende Mhlrad wieder in Schwung bringen msse. Aber seine
wichtige Haltung, sein glnzender Triumph ber den Kirchensnger und die
donnerhnliche Bastimme, die alle Pfarrkinder in Rhrung versetzt
hatte, waren noch im Gedchtnis aller lebendig, und so blieb denn die
vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und
wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den
angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so lieen sich dafr ihre
liebenswrdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener krftigen
Zunge, die so laute und durchdringende Tne hervorzubringen vermag und
die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschlu der
Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Mnnern, lieen
sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der
Vorzge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.

Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von pltzlichen Aufschreien
und Geznk, erfllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow.
Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die lbliche Gewohnheit hatten,
ihrer Zunge auch noch mit den Hnden nachzuhelfen, konnte man in den
Straen fortwhrend ein Paar krftig ineinander verkrallter
Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein
Schmeichler an einem Gnstling des Glcks hngt oder wie ein Geizhals
seine Tasche festhlt, wenn die Straen de werden und eine einsame
Laterne ihr erlschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden
Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Mnner zu leiden, die es
versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf
den Kopf herab, und hufig verprgelte eine erregte Gevatterin in der
Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.

Inzwischen hatte sich unser Pdagoge vllig im Hause Anna Iwanownas
eingelebt. Er gehrte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen _Schreck
vor der abgrndigen Weisheit_ bekommen hatten, mit der das ***sche
Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinruland gegen etwa
hundert Rubel jhrlich fr ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. --
brigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und
er wre wohl gar wei Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter
gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wren, die sich
bestndig ber seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart
lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verlie und
immer jngere und jngere an ihre Stelle traten, lieen sie ihm
berhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in
seinen Bart und Schnurrbart, bald hngten sie ihm hinten am Rock
Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schtteten ihm
Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es berdrssig wurde,
der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und
ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich gentigt sah, dem Seminar
Lebewohl zu sagen und sich in die _Vakanz_ schicken zu lassen, d. h.
nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu
werden.

Diese Vernderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in
seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spttereien und Streiche seiner
mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhnglichkeit
und Sympathie. Mute man denn auch nicht unwillkrlich Achtung vor ihm
empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock
dahergeschritten kam -- wohlgemerkt im hellblauen Rock -- denn das ist
von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den
Leser darber aufzuklren, da ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst
zu reden von einem blauen), wenn er blo nicht aus grauem Stoff
gefertigt ist, in den Drfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen
ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen
selbst von den trgsten und unbeweglichsten Kpfen die Mtzen herab und
begeben sich in die Hnde ihrer Besitzer; selbst die wrdigen mit
schwarzen und grauen Schnurrbrten gezierten, sonnengebrunten Hupter
beugen sich tief bis zum Grtel. Die Zahl aller Rcke im Dorfe betrug --
wenn man auch den Mantel des Kirchensngers mitrechnet -- drei; aber so
wie ein majesttischer Krbis sich stolz aufblht und alle brigen
Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt,
also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine smtlichen Mitbrder.
Was ihm den grten Reiz verlieh, das waren die Knochenknpfe, die von
den in Haufen auf der Strae stehenden Straenjungen mchtig angestaunt
wurden. Nicht ohne Vergngen hrte unser stutzerhafter Erzieher der
Jugend, wie die Mtter ihre Suglinge auf die Knpfe aufmerksam machten,
und wie die Kleinen ihre Hndchen ausstreckten und _Zga zga Zga zga_ (d.
h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genu, zuzusehen, wie
wrdig und mit welcher Rhrung unser ehrenwerter Lehrer mit
vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sttigung
besorgte. Da gab es kein berflssiges Wort, keine unntige Bewegung; er
schien sich vllig in seinen Teller zu verfgen und ganz in ihm
aufzugehen. Wenn er ihn so grndlich geleert hatte, da kein
gastronomisches Gert, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand,
dessen es sich bemchtigen konnte, schnitt er sich ein Stck Brot ab,
spiete es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gert noch einmal ber
den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als kme er eben aus
der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur uere
Vorzge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt
bezeugten, und der Leser wrde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schlieen
wollte, da damit alle seine Gaben und Fhigkeiten erschpft gewesen
wren. Der wrdige Pdagoge besa fr einen einfachen Mann geradezu
unermeliche Kenntnisse, von denen er einige fr sich behielt, wie z. B.
die Zubereitung einer Arznei gegen den Bi von tollen Hunden und die
Kunst, blo aus Eichenrinde und Salpetersure die schnste rote Farbe
herzustellen. Auerdem konnte er eigenhndig die herrlichste
Stiefelwichse und Tinte herstellen und fr den kleinen Enkel Anna
Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte
er Garn auf und spann er sogar.

Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause
bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mgde vllig in ihn
vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach
seiner Farbe vllig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund,
dessen dreisten Ansprchen die abstehenden Ohren nur mit Mhe eine
Schranke zu setzen vermochten, sich fortwhrend verzog und verzerrte,
indem er sich zu einem Lcheln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen
eine hellgrne Farbe hatten -- zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt
ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber
vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie entrtseln? Wie
dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war
sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der
Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und _Herba rhabarbarum_
Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von
Garn und seiner groen Lebenserfahrung. Der Haushlterin gefiel am
meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden;
brigens hatte auch sie bemerkt, da der Lehrer eine wundersame gerhrte
Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen
Enkel machten die papierenen Hhne und Mnnchen auerordentlich viel
Spa. Selbst der zottige _Browko_ pflegte ihm, sobald er ihn auf die
Treppe hinaustreten sah, sofort zrtlich mit dem Schweife wedelnd,
entgegenzulaufen und ihn ohne alle Frmlichkeit auf die Lippen zu
kssen, wenn der Lehrer, die Wrde, die seinem Amte gebhrte,
vergessend, sich unter dem majesttischen Giebel niederzusetzen
beliebte. Nur die beiden lteren Enkelkinder und die Jungen, die zum
Hause gehrten, mit denen er das A -- _Affe_, _Apfel_, _Be_ -- _Besen_,
_Bild_, _Br_ durchnahm, frchteten sich vor der beredten, hchst
ausdrucksvollen Rute des strengen Pdagogen.

Whrend seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch
schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in
seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn
umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine
Beobachtungsgabe mit dem gebhrenden Respekt haften blieb, war, wie der
Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht,
das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen
Zeiten koloriert und den man, seit Gott wei wie langer Zeit, mit dem
Namen Falte zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer
dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der
Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren
gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder,
erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte
schwchliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose
bersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften
glhenden Poeten ist, -- jener Periode, wenn den Menschen nichts als die
Erinnerung, diese Reprsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft brigbleibt, wenn das verhngnisvolle siebente Jahrzehnt einem
Klte durch die einstmals von Feuer durchstrmten Adern treibt und das
Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. brigens belebten die
ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschftigen und sich zu schaffen
zu machen, einigermaen das schon erloschene Leben in ihren Zgen, und
ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, da ihr noch
weitere dreiig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fnf
Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heit bis zur Stunde, wo man sich
Ruhe zu gnnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Ttigkeit.
Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Rume besucht und den
ganzen Haushalt durchmustert: Kche, Keller und Vorratskammern; sie
hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hhner und
Gnse eigener Zucht, fr die sie eine groe Vorliebe hatte, zu fttern.
Vor dem Mittagessen, das nie spter als um zwlf Uhr stattfand, blickte
sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und
einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloer
Geruch den Pdagogen in eine unerklrliche Aufregung versetzte; besa er
doch eine leidenschaftliche Sympathie fr alles, was der geistigen und
physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen
Mittagessen und Abend gibt's fr eine Hausfrau genug zu tun. -- Da
gibt's Wolle zu frben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Frchte
einzumachen, Likre zu sen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und
Hausrezepte kommen whrend dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen
Auge unseres Pdagogen konnte es nicht entgehen, da auch Anna Iwanowna
die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur
Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene
Schchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen ber ihre auergewhnlichen
wirtschaftlichen Knste und Fhigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm,
wie er spter erfuhr, von groem Nutzen. Die wrdige alte Dame verschlo
die sen Likre und die Glser mit Eingemachtem nicht eher, als bis
Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die auerordentliche Gte des einen
wie des anderen gerhmt hatte. Alle brigen Personen standen im
Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebude
im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub
zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters
enthllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere
Kolorit, das jedem eigentmlich war, und dann erblickte er, fast wie in
einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein
fortwhrendes Gerusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pdagoge
verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und
sich gleich einem mchtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu
erwerben.

Gnzlich unbegreiflich waren allein die Grnde, die ihn veranlat
hatten, sich dem Kchenmeister anzuschlieen. War es die hohe Achtung,
die Iwan Ossipowitsch unwillkrlich vor seiner Kunst empfand, oder war
es irgendein anderer Umstand -- das wagen wir nicht zu entscheiden.
Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei
Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch
unbegreiflicher war die Macht, die der Kchenmeister ber unseren
Pdagogen besa, so da der von Natur so bescheidene und schchterne
Lehrer, der nichts in den Mund nahm auer einem medizinischen Dekokt von
_Betonica_ und _Herba rhabarbarum_, ihm unwillkrlich in die Schenken
und berallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Kchenmeister seine
Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der
Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Kche, die Speicher,
die Scheunen, die Stlle und Vorratskammern, die einen unregelmigen
Kreis um den gerumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem
Vergngen verweilte er bei dem Garten, der ppig in die Breite
geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrnen
Mntel gehllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden
und schlummerten oder, sich pltzlich ihren Trumen entreiend, die
unbotmige Luft wie Windmhlenflgel durchschnitten, und dann ging es
wie ein unverstndliches Geflster durch das Blattwerk, und die
gemessene majesttische Bewegung ihres ganzen Krpers gemahnte an die
alten Mimen, die die groen Schatten der Verstorbenen auf den Gersten
Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr
Objekt und hafteten mehr an den weniger majesttischen Gartenbewohnern,
die dafr von unten bis oben mit Birnen und pfeln behangen waren, von
denen die ppige Ukraine frmlich strotzt. Von hier aus kmpften sie
sich bis zur Kche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen,
Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kruter hin, die in die Apotheke der
Dorfkche gehren. Nicht ohne besonderes Vergngen betrat er das reine,
sauber geweite und aufgerumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit
dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel
gehllte Landschaft hinaussah.

Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas ber den Eindruck, den unser
Lehrer auf die Schnen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die
gesenkten Augen, das Geflster und die tiefen Verbeugungen lieen
erkennen, da seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe
Angelegenheit erschien. brigens ist es hier wohl am Platze, den
freundlichen Leser daran zu erinnern, da Iwan Ossipowitsch einen Rock
aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknpfen von der Gre eines
mchtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er
sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten
auslegte. Zum Glck oder Unglck jedoch suchte das Gefhl, das der armen
Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein
wahres Meer von unertrglichen Qualen beschert hat, unseren Pdagogen
nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker,
und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wute er
doch genau, da keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab
zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hlfte des
Menschengeschlechts fr nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An
solchen Prinzipien, die bei ihm schlielich die Festigkeit von
Grundstzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ...
_Homo proponit, Deus disponit_ pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums
hufig zu sagen, indem er die Schlge zhlte, die er seinen faulen
Schlern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden
Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres
Lehrers heftig erschtterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke
von Miverstndnissen bestrmte, ihn, der bisher unbeugsam in den
Fustapfen seiner groen Lehrmeister gewandelt war und sich mit
regelmigem Pulsschlag in seiner flaschenfrmigen Sphre bewegt hatte.


                                  II.
                      Der Erfolg der Gesandtschaft

   (Der Kchenmeister entschliet sich trotz der eigenen Herzenswunde,
   die er sich ganz pltzlich durch den Anblick der sich am Teiche
   waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem
   Lehrer gegeben hat, einzulsen und den Gesandten und Frsprecher
   seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in
                die Htte des Kosaken Charjka Potyliza.)

Nachdem Oniko seine Toilette beendigt hatte, berschritt er nicht ganz
ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Bse schien ihn necken
zu wollen (er gab dies spter selbst zu), indem er ihm fortwhrend die
schlanken Fchen seiner Nachbarin vorzauberte: Ach, wenn doch der
Lehrer nicht wre! wiederholte er mehrmals bei sich selbst; was htte
es ihn gekostet, wenn er sich's htte einfallen lassen, sich nur ein
klein wenig spter zu verlieben? Und nachdenklich durchma er langsamen
Schrittes die groe Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchfhrte.
Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche
Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben
aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen
auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, da er nicht mehr
weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch
ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken
hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band
leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hpfte ihm in dem Busen ... die
blonde Schne ffnete das Tor, trieb die lstigen Hunde mit einer langen
Rute auseinander und stand nun vor ihm.

Der Hof Charjkas stellte ein groes Quadrat dar, das auf einer Bschung,
die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem
geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geffnet war, sah man
unmittelbar vor sich eine sauber geweite Htte mit mchtigen Fenstern
von ungleicher Gre und eine eichene Tr, die schon ganz schwarz vor
Alter war; das Huschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer
sogenannten Prisba), das nach der in Kleinruland herrschenden Sitte mit
Wsche, Suppenschsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton,
bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied
bewilligt wird, und den man zum Dank fr seine treuen Dienste mit
Splwasser zu fllen pflegt. Zu beiden Seiten der Htte befanden sich
Stlle und Speicher mit struppigen beschdigten Dchern. Hinter der
Htte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag
berragt wurde, ber den man nur noch die vorberziehenden Wolken und
die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte
sich der Gemsegarten gleich einem kostbaren trkischen Schal bis zum
Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man berall Strohhaufen, die
unordentlich herumlagen.

Katerina schien ein wenig verwundert ber Onikos Besuch. Da sie annahm,
da ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater gefhrt haben
konnte, ffnete sie das Tor nur zur Hlfte und sagte ein wenig verlegen:
Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.

_Mag es ihm so leicht aufstoen, wie es aus seinem Innern aufsteigt!_
Was wr' ich fr ein Tlpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei
fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?

Die blonde Schne blieb berrascht und verblfft stehen, denn sie wute
nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lcheln, das durch sein
seltsames Benehmen veranlat war, huschte ber ihr Gesicht und schien
anzudeuten, da sie auf weitere Aufklrung warte.

Der Kchenmeister fhlte selbst, da er sich nicht ganz deutlich
ausgedrckt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte;
er fuhr daher fort: Da mte mich doch schon der Bse selbst zum
_Alten_ fhren, wenn dieser eine so hbsche Tochter hat.

Ah, ist es das! sagte Katerina lchelnd und leicht errtend. Bitte,
tretet ein! und sie schritt voraus und ging auf die Tr der Htte zu.

In Kleinruland haben die Mdchen viel mehr Freiheit als irgendwo
anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, da unsere Schne,
ohne da ihr Vater etwas davon wute, einen Gast bei sich empfing. Bist
du zu Fu hierher gekommen, Oniko? fragte sie ihn, indem sie sich auf
der Schwelle an der Tr der Htte niederlie und eine wrdige und
ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lcheln, bei
dem sie eine lange Reihe schner Zhne sehen lie, sie deutlich verriet.

-- Wieso zu Fu? -- Teufel auch! sollte sie ber das, was gestern
vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Kchenmeister. -- Gewi
doch zu Fu, meine Schne. Wahrhaftig, der Teufel mte mich reiten,
wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt htte, blo um
von einem Hof zum anderen zu gelangen!

Aber von der Kche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!

Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.

-- Nein, du Schelmin! Der Bse selbst ist nicht schlauer als dieses
Mdel! wiederholte der Kchenmeister mehrmals bei sich selbst und
wnschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft
vergessend, die zwischen ihnen bestand.

brigens wre ich damit einverstanden, da mir die Karauschen samt den
frischgesalzenen Eierschwmmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur
noch einmal so lachen wolltest, schnes Mdchen!

Bei diesen Worten konnte der Kchenmeister sich nicht mehr beherrschen
und umarmte sie.

Nein, das habe ich nicht gerne! rief Katerina errtend, wobei sie eine
zornige Miene machte. Bei Gott, Oniko, wenn du noch einmal so etwas
tust, so werfe ich dir ohne viel Umstnde diesen Topf an den Kopf.

Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf,
und das Lcheln, das hierbei ber ihr Antlitz huschte, schien deutlich
sagen zu wollen: aber ich wre dessen nicht fhig!

Nein, nicht doch, nicht doch! _Ich habe dich doch nicht mit dem
Lastwagen gestreift._ Als ob das ein Grund ist, so bse zu werden! Als
ob das wei Gott was fr ein Verbrechen wre, -- ein hbsches Mdchen zu
umarmen!

Sieh, Oniko, ich bin ja gar nicht bse, sagte sie, indem sie ein
wenig von ihm abrckte und wieder ein frhliches Gesicht machte;
brigens schien es mir so, als httest du den Lehrer erwhnt.

Da aber machte der Kchenmeister ein recht kmmerliches Gesicht, das
mindestens um ein paar Zoll lnger wurde als gewhnlich. Der Lehrer ...
Iwan Ossipowitsch soll das heien ... Pfui Teufel noch einmal! Ich
verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlpfen knnen,
ganz als ob ich Gewrzbranntwein getrunken htte. Der Lehrer ... Sieh
mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in
dich verknallt, da ... nun ... wie sich's halt nicht wiedergeben lt.
Er grmt und hrmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem
Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was
soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt
aufs Geratewohl hergekommen, um mich fr ihn zu verwenden.

Da hast du einen schnen Auftrag bernommen, unterbrach ihn Katerina
ein wenig rgerlich. Bist du etwa sein Brautwerber oder sein
Verwandter? Ich wrde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe
in die Kche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern
um Almosen fr sie zu bitten.

Das ist schon ganz richtig; indes, ich wei wohl, da es dich freut,
und sogar sehr freut, da der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir
nachzulaufen.

Das sollte mich freuen? Hr' mal, Oniko: wenn du das sagst, um dich
ber mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du
solltest dich schmen, ein armes Mdchen schlecht zu machen! Wenn du
aber _wirklich_ so denkst, so bist du wahrhaftig der dmmste Mensch im
ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich
noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt:
ich wei wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlat. Du hast wohl
geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.

Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdrmel eine
Trne aus dem Gesicht, die pltzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr
ber die glhende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen
Abendhimmel hinunterschiet.

-- Hol' der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Oniko bei sich, indem
er das glhende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lcheln von
vorhin lange Zeit mit dem rger kmpfte, um ihn schlielich gnzlich zu
verscheuchen.

Der Donner treffe mich hier auf der Stelle! rief er endlich aus, da er
seine innere Erregung nicht mehr unterdrcken konnte, und umfate ihre
rundliche Taille. Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso
freut, da du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn
ich ihm sein Splwasser bringe.

Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr
grinsen, wenn du erfhrst, da fast alle Mdchen im Dorf dasselbe
sagen.

Nein, sag' das nicht, Katerina. Die Mdchen haben ihn lieb. Neulich
gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwhrend
ihre Kpfe ber den Zaun, wie Frsche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach
rechts -- da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da
streckte wieder eine andere ihr Kpfchen vor. Doch hol' sie der Teufel
alle mitsamt dem Lehrer! Ich gbe ein Viertel vom besten Branntwein
dritter Gte dafr, wenn ich von dir erfahren knnte, Katerina, ob du
mich auch nur fr einen Groschen liebhast?

Ich wei nicht, ob ich dich liebe; ich wei nur, da ich um alles in
der Welt keinen Trunkenbold heiraten mchte. Wer mag mit so einem
zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein
Mensch stammt; man mag gar nicht in die Htte hineinschauen: da gibt's
nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen.
Nein, nein, nein! Gott behte! Mich schaudert's schon beim bloen
Gedanken daran! ...

Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten
Hauptes und wie ein Verdammter sa der Kchenmeister in seine
Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer
Gewissensnte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen
deutlich, da ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick
Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle
ungestmen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden
Reihe an ihm vorberzogen.

Wahrhaftig, was bin ich fr ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich
liege blo meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofr
mir ein guter Mensch gedankt htte? Ich habe nur immer gebummelt und
gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, da Herz und Seele
sich dabei wohl fhlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder
nchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer
Weise den Rausch austreiben. Nein, hol's der Teufel ... es ist ein
Hundeleben, das ich fhre!

Die schne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er
bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes
Hndchen auf die Schulter und murmelte halblaut: Nicht wahr, Oniko, du
wirst nie mehr trinken.

Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Fr
dich knnte ich alles tun.

Das Mdchen sah ihn gerhrt an, und der Kchenmeister schlo sie
begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer
von Kssen, wie ihn der ruhige und gemtliche Gemsegarten schon lange
nicht erlebt hatte.

Kaum aber hatte der Laut der verliebten Ksse die Luft erschttert, als
eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des
Donners das Ohr des sich zrtlich liebkosenden Paares traf. Der
Kchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem
Zaune stehende Ssimonicha.

Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe wei
man noch nicht, wie Burschen und Mdel sich kssen, wenn der Vater nicht
zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lmmchen!
Man sage nun noch, das Sprichwort: >Stille Wasser sind tief< lge. So
also treibt man's. Solche Streiche macht ihr! ...

Mit Trnen im Auge mute sich das schne Mdchen in die Htte
zurckbegeben, wute sie doch, da sie den giftigen Reden der
Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.

Wenn dir doch jemand ein Schlo vor den Mund hngte, alte Hexe! sagte
der Kchenmeister. Was geht denn dich das an?

Was mich das angeht? fuhr die unermdliche Schankwirtin fort. Das ist
noch schner! Die Burschen machen sich einen Spa draus, ber den Zaun
und in fremde Grten zu klettern, die Mdchen locken die Burschen zu
sich herein -- und das sollte mich nichts angehen! Sie liebugeln und
kssen sich -- und das sollte mich nichts kmmern! Hast du's gehrt,
Karno? schrie sie pltzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an
einen vorbergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit
einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam
einherschreitenden Kuh. Hast du's gehrt? Steh doch einen Augenblick
still. Was das fr eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...

Pfui Teufel! schrie der Kchenmeister, indem er zur Seite spuckte und
vllig die Geduld verlor. Der Teufel selbst hat sich vermummt und die
Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon
Gelegenheit finden, dir's heimzuzahlen!

Und der Kchenmeister setzte seinen Fu auf den Zaun und war einen
Augenblick spter im Garten des Herrn.

Es war nicht mehr sehr frh, als er in die Kche zurckkehrte und sich
an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die groe
Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte
Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach go der Kchenmeister Essig in den mit
sauerem Rahm versetzten Brei oder er spiete mit wichtiger Miene die
Mtze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten.
Whrend des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen,
warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, da
man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rcksicht auf
die Mhen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, lie man den
Kchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wre unser Held nicht so
leichten Kaufes davongekommen.

Nein, Herr Lehrer! murmelte er, indem er sich auf seine hlzerne
Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, die
Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren! Und nachdem
er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener
Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.




                                Das Weib


Ausgeburt der Hlle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem
Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift,
das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt,
verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner
lichtspendenden Rechten zrnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine
wundersame Schpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser
armseliges Glck: du wolltest nicht, da der Mensch ewige Segenswnsche
aus den Grnden seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen lie:
lieber mochten Flche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du
schufst das Weib.

So sprach Telekles, ein junger Schler des Platon, indem er vor seinen
Lehrer trat. Seine Augen sprhten Blitze; auf seinen Wangen wtete ein
Feuer, und die zitternden Lippen kndeten von wilden Strmen einer
zerrissenen Seele. Seine Hand drngte zornig die purpurnen Wellen seines
weichen Gewandes zurck, und die geffnete Schnalle fiel nachlssig auf
die jugendliche Brust des Jnglings herab.

Wie, mein gttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem
gttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen lie? War es nicht
dein Wohllaut ausstrmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis
ihrer milden Schnheit zu sagen wute? Hast du uns nicht gelehrt, so
glhend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine gttliche
Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen
Abgrnden des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten
einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du
kennst das Weib nicht.

Glhende Trnen entstrmten seinen Augen; er verhllte sein Haupt mit
dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Hnden und lehnte sich an die
Marmorsule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitl,
das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer
entrang sich der Brust des Jnglings, wie wenn alle verborgenen Nerven
seines Wesens, alle Gefhle und alles, was das Innere des Menschen
ausfllt, in schmerzlichen Klagelauten aufsthnte, und diese Klagelaute
gingen wie eine Erschtterung durch seinen ganzen Krper, und seine
ganze krperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfabar ist, verwandelte
sich, unfhig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen,
in eine einzige schmerzliche Klage.

Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht
spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die
ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein
herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem
Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt
der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht flo wie ein mchtiger,
wundervoller Wasserfall durch eine khne ffnung in der Kuppel auf den
Weisen hinab und berschttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und
jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und
Gefhlen zu knden.

Kannst du denn auch lieben, Telekles? fragte er ihn mit ruhiger
Stimme.

Ob ich lieben kann! fiel der Jngling rasch ein, frag' doch den Zeus,
ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschttern
vermag. Frag' Phidias, ob er Gefhle im kalten Marmor entznden und dem
toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut
siedet, sondern eine heie Flamme wtet, wenn alle meine Gefhle, alle
meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Tne verwandle, wenn diese
Tne in mir glhen und meine Seele nichts wie Liebe tnt, wenn meine
Rede ein Sturm und mein Atem -- Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es
nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser
wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefhl sein eigen nennt? Hat
am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?

Armer Jngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das
Schicksal, das diesem sanften Geschpf bereitet wird, in dem die Gtter
die Schnheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum
Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen
wollten! Armer Jngling! Du httest dieses sanfte Wesen mit deinem
glhenden Atem versengt, du httest dieses reine Leuchten durch einen
Sturm von Leidenschaft getrbt und in Aufruhr versetzt! Ich wei, du
willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst
Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen,
die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich
auch im voraus geprft? Glhte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner
Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die
Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie drsten nach ewiger
Seligkeit, nach einem nie endenden Glck, und ein kurzer, flchtiger
Schmerz gengt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam
errichtete Gebude zerstren! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen
Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, da die schne Alkinoe
sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst
du, und was war _sie_ zu jener Zeit, als du Leben, Glck und ein Meer
von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blttere die
flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine
Seite finden, die beredter, die gttlicher ist als jene? Wolltest du
alle kostbaren Edelsteine der persischen Knige oder alles Gold Libyens
fr jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die
hchsten Ehren in Athen und die hchste Gewalt im Volke im Vergleich zu
ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schne, das es den
Gttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen
heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte -- willst du mit deinem
verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges
Gefhl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Trnen der Rhrung vergieen
und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf da er ihr
ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren
Haupte verscheuchen mge.

Betrachte dich mit prfendem Auge: was warst du frher und was bist du
jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes gttlichen Zgen entdeckt hast:
wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und
entrtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel nher kamst
du dem hchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann?
Wenn wir das Weib tiefer und grndlicher verstehen lernen. Denk an die
ppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist
das Ergebnis? Sie haben kein Verstndnis fr das Gefhl des Schnen --
dieses unendliche Meer geistiger Gensse. Kein Funke schlgt aus ihrem
Herzen empor beim Anblick der Gttin des Praxiteles; ihre Seele spricht
nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und
kein verstndnisvoller Laut tnt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib?
-- Die Sprache der Gtter. Wir wundern uns ber das milde heitere Haupt
des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Gtter in ihm zu
sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst
bewundern wir die Gtter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir
dagegen sind blo seine Verkrperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck
von ihr glht in unserer Seele, und je strker und je umfassender und
grer die Wirkung ist, die er auf uns ausbt, um so edler und schner
werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Knstlers weilt, sich
unkrperlich in ihm formt und gestaltet, ist es -- ein Weib; sobald es
sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum -- Manne.
Warum strebt aber dann der Knstler mit so unersttlicher Begierde
danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie
unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen
Gefhlen geleitet wird -- von dem Wunsche, die Gottheit der Materie
einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der
unendlichen Welt seines Inneren zugnglich zu machen, d. h. das Weib im
Manne zu verkrpern. Und wenn das Auge eines Jnglings, dessen Herz
glhend und verstndnisvoll fr die Kunst schlgt, zufllig auf das
unsterbliche Bild des Knstlers fllt, -- was sucht es, was ergreift es
in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er
erblickt die grenzenlose, unendliche, unkrperliche Idee des Knstlers
vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige
Lieder ertnen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie
auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist,
und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkrperlich umarmt seine
Seele die gttliche Seele des Knstlers! Wie verschmelzen ihre Geister
in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wren die hohen
Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmckt und nicht geformt wrden
durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine
Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters wrden sich in Barbarei
verwandeln. Raube der Welt das Licht -- und die bunte Vielfltigkeit der
Farben fllt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der
Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was
ist die Liebe? -- Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen
nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens
verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren
Stempel kindlicher Unschuld trgt und wo uns alles heimatlich berhrt.
Und wenn die Seele versinkt im therischen Schoe der weiblichen Seele,
wenn sie in ihr ihren Vater -- den ewigen Gott -- und ihre Brder, d. h.
Gefhle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fhig sind,
findet -- was geschieht dann mit ihr? Dann tnen in ihr die alten Klnge
wider, dann gedenkt sie des frheren paradiesischen Lebens am Busen
Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.

Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich
hin: vor ihnen stand Alkinoe, die whrend ihres Gesprches unbemerkt
eingetreten war. Auf ein Gtterbild gesttzt, schien sie vllig in
stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte
hufig ganz pltzlich der Ausdruck einer gttlichen Seele. Die
marmorweie Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia
durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der
schlanke, von den purpurroten Bndern des Beinharnischs umschlungene
Fu, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hlle
abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berhren; der hohe
gttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und
das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb
verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den
Fuboden herab. Es schien, als ob der dnne lichte ther, in dem sich
die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und blulichen
Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen
zerstreut, fr die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein
duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt -- es schien, als
ob dieser ther sichtbare Form angenommen htte und, indem er nun vor
ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklrte und
vergttlichte. Die nachlssig zurckgeworfenen Locken umdrngten schwarz
wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in
dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die
ihren Augen entsprhten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein,
selbst die Knigin der Liebe war nie so schn, nicht einmal in dem
Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfrulichen Wellen
entstieg.

Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jngling der
stolzen Schnen zu Fen, und eine heie Trne, die dem Auge der sich
ber ihn beugenden Halbgttin entstieg, tropfte auf seine brennenden
Wangen.




                               Fragmente


                    Gedichte und poetische Versuche


                                 Sturm

   Warum so trb? -- Einst war ich heiter,
   Sag' ich zu meiner Lust Genossen.
   Ich hab' mein Herz dem Schmerz erschlossen;
   Die Freude starb: ich lebe weiter.
   Jung war ich, und mein heller Blick
   hat Trauer nicht und Migeschick
   Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin,
   Stirbt wie der Herbst, und ich verblute
   Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute.
   Die Freude lockt nicht meinen Sinn.
   Die Freunde lachen: Was du nur
   Zu weinen hast! Das Wetter ist
   So heiter klar, und die Natur
   Nicht halb so trb, wie du es bist.
   Und ich: Mir gilt das alles nichts.
   Ob Tag zu Tag und Jahr sich trmt,
   Ob's hell, ob's dunkel ist, was ficht's
   Mich an, wenn mir's im Herzen strmt. --


                               Albumblatt

Das Licht verliert im Auge des Trumers schnell seine Wrme. Er findet
die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfllt, seine Erwartungen
unbefriedigt, und die Glut des Genieens verraucht in seinem Herzen ...
Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie
glcklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage
erkennt: der Tage einer glcklichen Kindheit, da er die keimenden
Zukunftstrume von sich warf und seine Freunde verlie, die ihm von
ganzem Herzen ergeben waren.




                           Hans Kchelgarten


                              Eine Idylle
                             in ** Bildern
                                  von
                                W. Alow
                                  1827

                     Deutsch von Ulrich Steindorff

Das vorliegende Werk htte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht
besondere Umstnde, die nur fr den Verfasser von Bedeutung sind, die
Veranlassung dazu gegeben htten. Dies Werk ist eine Frucht seiner
achtzehnjhrigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil
ber die Vorzge oder Mngel dieser Dichtung abzugeben -- das berlassen
wir dem Publikum -- wir wollen nur bemerken, da viele von den Bildern
dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich
das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und
die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir
rechnen es uns indessen zum Verdienst an, da wir dem Publikum, soweit
dies mglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes
kennen zu lernen.


                              Erstes Bild

   Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dmmerdunst
   Mit seinen Husern, seinen Grten. Alles liegt
   In hellem Licht. Der Glockenturm erglnzt
   Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun
   Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut
   Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu
   Das Konterfei von Zaun und Grtchen gibt.
   Und nichts hlt Ruhe in dem Silberspiegel.
   Blau wlbt der Himmel sich; die Wolken ziehn
   Wie Wellen hin, und flsternd rauscht der Wald.
   Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,
   Da steht behaglich unter Lindenschatten
   Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt
   Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.
   Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,
   Von blh'ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;
   Die Fenster windschief. Aber immer ist
   Das Huschen traulich nett. Um keinen Preis
   Der Welt wr' es dem Alten feil. -- Dort steht
   Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.
   Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht
   Rings von den Rosenbumen. Vgel nisten
   In ihrem Dunkel und erfllen Garten
   Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.
   -- Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,
   Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier
   Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.
   Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach
   Schlft er. Der sanfte Wind khlt sein Gesicht
   Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.

   Wer ist die Schne, die mit Blicken
   Ihm naht, in denen alle Glut,
   Des Morgens ganze Frische ruht,
   Und vor ihn tritt? Welch ein Entzcken,
   Wie sie mit lilienweier Hand
   Ihn sanft berhrt, um ihn zu wecken,
   Bemht, ihn ja nicht zu erschrecken.
   Doch eh' er aus dem Schlaf sich fand
   Zur Welt, sprach er, die Lider kaum
   Geffnet, leise wie im Traum:

   Du wunder-, wunderbarer Gast,
   Der du mein Heim besuchet hast,
   Warum fllt Kummer mich und schwillt
   Durch meine Seele. Was bewegt
   Mich Greisen denn dein Engelsbild
   So tief, so seltsam tief, und regt
   Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,
   Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt
   Und allem, was da lebt, lngst kalt.

   Seit ich mich tot in mir verscharrte,
   Ist's Ruhe nur, auf die ich warte,
   Die ich begehre immerfort.
   Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.
   Und nun kommst du, du Junge, mir
   Zu Gaste, lockst mich hei zu dir?
   Ach nein, aus deinem lichten Munde
   Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.
   Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde
   Bin ich bereit. Allein mir fehlt
   Die Wrde. Meine Sndenlast
   Ist gro. Ich war in dieser Welt
   Ein arger Streiter und gehat
   Von Hirt und Herde. Grausamkeit
   War mir nicht fremd. Allein ich schwor
   Den Teufel ab, und ich verlor
   Zur Bue keinen Tag, allzeit
   Entshnend die Vergangenheit.

   Voll schwerer Sorge und verwirrt
   Fragt sie sich bang: Soll ich's ihm sagen, --
   Wer wei, wohin die Trume ihn verschlagen, --
   Sag' ich ihm, da er phantasiert?
   Doch Nebel des Vergessens hngt
   Um ihn, den neuer Schlaf umfngt.
   Sie neigt sich ber ihn, verstohlen.
   Wie sanft er schlft, wie still er ruht!
   Kaum merklich hebt beim Atemholen
   Die Brust sich. Licht in therflut
   Hlt ihn ein Engel in der Hut,
   Und paradiesisch Lcheln flicht
   Sich leuchtend um sein Angesicht.

   Nun ffnet er die Augen: Wer,
   Wer ist's? -- Luise? -- Seltsam, ach;
   Mir trumte -- --, du, wo kommst du her?
   Bist, Wildfang, du so frh schon wach?
   Noch liegt der Tau. -- Es nebelt schwer. --

   Grovater, nein, 's ist hell und klar.
   Im Walde blitzt das Sonnenlicht.
   Und schon am frhsten Morgen war
   Es hei wie jetzt. Es regt sich nicht
   Ein Blatt. -- Weit du, warum ich kam?
   Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.
   Der alte Geiger Lodelham
   Und auch der Fritz sind lngst bereit.
   Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit
   Und dann -- --; ach, wenn nur Hans -- --! Den Greis
   Umspielt ein weises Lcheln. Still
   Hrt er, was sie erzhlen will,
   Das sorglos junge Blut. Ich wei,
   Grovterchen, nur du hast Macht,
   Ein bitter groes Weh zu bannen.
   Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht
   Und bald am Tag schleicht er von dannen
   Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,
   Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,
   Dann hrt er gar nicht, was man sagt.
   Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,
   So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz
   Noch lange qult, geht er zugrund.
   >Zugrund<, wie zittert, wenn mein Mund
   Das harte Wort gebraucht, mein Herz.
   Meinst du, da er vielleicht mit mir
   Nicht mehr zufrieden ist, da er
   Mich nicht mehr liebt? Das trfe schwer
   Und hart wie Stahl mein Herz. Sag's mir,
   Du Engelsguter! -- Und sie schlang
   Die Arme fest um ihn. Kaum ging
   Ihr Atem, als sie an ihm hing
   In ihrer Liebe so verwirrt und bang.
   Als sich die Trne ihr ins Auge stahl,
   Wie war sie schn in ihrer Qual.

   Gib Ruh', mein Kind, nicht weinen, nein.
   Schmst du dich nicht? Der Pfarrer mhte
   Sich trstend um sie. Gottes Gte
   Wird dir Geduld und Kraft verleihn.
   Wenn du ihn innig bittest, wirst
   Du auch bei ihm Erhrung finden.
   Hans lebt ja nur fr dich. Du irrst.
   Du mut die Zweifel berwinden.
   Du darfst dir nicht mit solchen leeren
   Gedanken deine Ruhe stren. -- --

   Und als er noch der weinenden Luise
   Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,
   Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,
   Den heien, bernsteinklaren, den der Greis
   So gern im Freien nahm. Er liebte es,
   Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.
   So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.
   Luise ftterte gedankenschwer
   Den Kater, der mit lautem Schnurren,
   Vom sen Duft gelockt, sie lang umstrichen.
   Der Greis erhob sich vom geblmten Sessel
   Aus Vterzeit, sprach sein Gebet und drckte
   Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich
   Den sonntglichen, taftnen Schlafrock an,
   Den silberschimmernden, und nahm das Kppchen,
   Das Hans ihm krzlich aus der Stadt gebracht
   Und ihm geschenkt. So ging er denn gemchlich,
   Sich auf Luisens weie Schulter sttzend, --
   Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwrts --
   Ins Feld hinaus. -- Wie herrlich war der Tag!
   Es lie ein Wind das Gold der Felder wogen,
   Das, berragt von dichten, frchteprangenden
   Laubkronen, in der Sonne flimmerte.
   Fern dunkelten die grnen Wlder.
   Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst
   Entstrmten Fluten wundersamster Dfte.
   Die Bienen waren fleiig unterwegs
   Und sogen Honig aus den jungen Blten.
   Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite
   Klang laut und lauter krft'ger Rudersang.
   Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.
   Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.
   Tief in der Ferne sah man schon das Dach
   Vom Haus Luisens winken, sah das Rot
   Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen
   In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. -- --


                              Zweites Bild

   Noch ungeklrt sind die Gedanken,
   Die Hans bewegen, und sein Blick
   Sieht wirr die Welt des Lebens wanken
   Und sucht sein knftiges Geschick. --
   In stillem Frieden war die Zeit
   Dem Tndelnden vorbeigeflossen;
   Noch hatte keine Bitterkeit
   Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.
   Kind dieser Erdenwelt war er.
   Doch ihrer Leidenschaften Brand
   War seinem Herzen unbekannt.
   Ganz sorglos war und leicht bisher
   In Heiterkeit und Glck und Lust
   Das Kind beim Spiel der Kinderschar.
   Das Bse war noch seiner Brust
   Ganz fremd. Ihm blhte wunderbar
   Die Welt. -- Schon in der frhsten Zeit
   Der Kindheit war sein Kamerad
   Luise, deren Heiterkeit
   Und Milde seinen Lebenspfad
   Erhellt. Wenn sie im grnen Kleid
   Zu tanzen anfing oder sang,
   Dann scho durchs blonde Ringelhaar
   Manch Blitz, der zndend weitersprang.
   Ihr rosa Miedertchlein glitt
   Herab. Man sah bei jedem Schritt
   Das feine, zarte Fchenpaar.
   Sie war ein Kind, und kindlich war
   Ihr Tun. -- Im Walde spielte sie
   Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief
   Sie fort, versteckte sich und schrie
   Ihm pltzlich zu, da er erschreckte.
   Sie schwrzte heimlich, wenn er schlief,
   Ihm sein Gesicht, und lachend weckte
   Sie ihn dann aus dem sen Schlafe.
   Und er, er kte sie zur Strafe. --

   Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.
   Die Spiele wollten nicht mehr taugen.
   Die gegenseit'ge Keckheit schwand.
   Es schwand das Feuer seiner Augen.
   Und sie hlt Traurigkeit gebannt
   Und Schchternheit. -- Ihr, junger Herzen
   Verliebte, erste Worte, wart
   Gekommen, und es blieben nicht erspart
   Die Tage voller ser Schmerzen.
   Was blieb ihm denn zu wnschen weiter,
   Wo er Luise bis zur Nacht,
   Gefesselt wie von Zaubermacht,
   Nicht lie, ihr treuester Begleiter,
   Ihr Schatten, wo sie ging und stand.
   Mit innig tiefer Freude sahen
   Die Eltern, wie das Glck sich fand,
   Und sahen sich nicht satt. Die nahen,
   Leidvollen, zweifelvollen Zeiten
   hielt noch ein Engel sanft verhllt den beiden. --

   Doch allzubald befiel ein Schmerz,
   Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram
   Sein Blick; er starrte himmelwrts
   Und war ganz unstet, ach, und wundersam.
   Es schien, als suchte stets sein Geist,
   Als hegte er geheimen Groll.
   Die Seele sehnte sich zumeist
   Gedankenschwer und kummervoll. --
   Er sitzt und schaut hinab vom Strand
   Hinaus aufs Meer wie festgebannt.
   Und wenn im Takt die Wellen rauschen,
   Scheint einer Stimme er zu lauschen.
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   Bald geht er grbelnd durch das Tal,
   Die Augen feierlich voll Glanz,
   Wenn bei der Wolken Wirbeltanz
   Der Donner grollt, ein Feuerstrahl
   Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen
   Hei prasselt und mit einemmal
   In Strmen rauscht auf allen Wegen.
   Bald sitzt er in der Mitternacht
   Vor alten Sagen auf und wacht
   Und hofft, da sich die Lettern regen
   In ihrer Stummheit, wenn die Seiten
   Er wendet, die so tiefe Kunde
   Ihm bringen von den grauen Zeiten.
   Ins Buch versunken manche Stunde,
   Sitzt er und wendet kaum das Haupt.
   Wer ihn in dieser schweren Not
   Gesehn, der htte fest geglaubt,
   Die Zeit, da er gelebt, sei tot.
   Gedanken, wunderbare, hatten
   Mit ihrem Zauber ihn gebannt.
   Er suchte dunkler Eichen Schatten
   Auf seinem Weg durchs Sommerland.
   Aus diesen tiefen Schatten sprach
   Manch Rtsel, das er nicht verstand,
   Und trumend streckte er die Hand
   Liebkosend aus und griff darnach. --

   Luise ist die ganze Zeit
   Allein in ihrem tiefen Kummer.
   Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.
   Sie findet nchtens keinen Schlummer
   Und bringt die gleiche Zrtlichkeit
   Ihm dennoch stets entgegen, hlt
   Die zarten Arme um ihn, kt
   Ihn sanft, da er den Schmerz vergit,
   Bis er der Schwermut neu verfllt.

   Schn sind die Stunden, wunderbar,
   Wenn ferne Trume ihn umschweben
   Und der Gesichte lichte Schar
   Ihn forttrgt in ein andres Leben.
   Doch, wenn der Seele Land zerstrt,
   Der stille Erdenfleck vergessen,
   Der Scholle nicht sein Herz gehrt,
   Die schlichten Menschen er vermessen
   Nicht achtet, werden Traumgestalten
   Auch dann noch froh im Herzen walten? -- --

   Indessen lat sein unstet Wesen
   Belauschen uns. Macht euch bereit,
   Die Rtsel seines Geists zu lsen
   In ihrer Mannigfaltigkeit. --


                              Drittes Bild

   Du klassisch schner Werke klassisch schnes Land!
   Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!
   An dich, in wundersamer Gluten Wehn,
   Ist meine Seele festgebannt.

   Vom Tempel hoch bis hin zu des Pirus Mauern
   Ergieen sich und wogen feierliche Massen.
   schines' Worte blitzen, donnern und durchschauern,
   Der Ili Wassern gleich, und fassen

   Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.
   Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit
   Der Parthenon, wo Sule sich an Sule reiht;
   Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.
   Und Zeuxis' wie Parrhasios' Pinsel strahlen Helle.

   Im Portikus steht gttergleich ein Greis
   Und redet weise von der andern Welt;
   Sagt, wer fr Tugend einst Unsterblichkeit erhlt,
   Wen Schande trifft und wen der Preis.

   Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.
   Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen
   Zu strmt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!
   Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!

   Noch eh' die Leidenschaft des Sophokles verklungen,
   Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.
   Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,
   Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,
   Da ihnen sich die hohe Wissenschaft enthlle,
   Wie man Gensse schlrft und trinkt des Lebens Flle.
   Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrmt,
   Trifft einen Jngling, und sein Atem stockt verschmt.
   Wie hei die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!
   Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht
   Auf ihrer Schultern Marmorpracht,
   Auf ihre Brste wie die Flut. --

   Und jetzt? -- Tympane tosen und die Becher klirren.
   Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmckt
   Mit Efeu, strmen durch den heil'gen Hain in wirren,
   Gehetzten Haufen. -- Wo? Wohin? -- Entrckt, entrckt.

   Allein! -- Verschwunden ist der Chor.
   Und Gram befllt mich neu und Wehe.
   Stieg' doch vom Tal ein Faun empor;
   Drng' aus des Gartens dunkler Nhe
   Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!

   Ihr Griechen, wunderbarlich habt
   Die Welt mit Trumen ihr erfllt,
   In Zauber alles eingehllt!
   Heut ist sie rmlich, grau, verschabt
   Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. -- --

                   *       *       *       *       *

   Doch neue Trume kommen und heben
   Und ziehen ihn lockend himmelan
   Empor aus der Sorgen Ozean,
   hinweg von allem kleinlichen Leben. --


                              Viertes Bild

   Im Land, wo des Lebens Wunderquellen
   Entspringen und strahlend rings alles erhellen;
   Wo schwer die Nchte vom Ambraduft,
   Von Lotosse geschwngert die Luft;
   Wo Rucherwerkwolken die Blue durchfluten
   Und Mangostans Frchte golden gluten;
   Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet;
   Wo khn sich ob allem der Himmel weitet
   Und Blten regnet in ppigem Glanz;
   Wo Schwrme von Faltern auffunkeln im Tanz:
   Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken,
   Nichts sehend, nichts hrend; traumestrunken.
   Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar,
   Wie Hemasagara funkelt ihr Haar.
   Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht,
   Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht
   Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen;
   Ihre Stimme den nchtlichen Ton von Syringen,
   Dem silbernen Tone, wenn Israfil
   Die Flgel schlgt in mutwilligem Spiel;
   Dem heimlichen Pltschern des Tschindara-Flu.
   Und ihr Lcheln erst! Und erst ihr Ku!
   Was ist? -- Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet
   In Himmeln, wo sie Verwandte findet.
   Bleib! Blicke dich um! Bleib! -- Taub meinem Schrei,
   Verrinnt sie im Regenbogen. -- Vorbei!
   Erinnrung an sie bleibt und hlt
   Sich fest; und Duft erfllt die Welt. --

                   *       *       *       *       *

   Bunt war sein Trumen berstrahlt;
   Vom Drang der Jugend hei durchflossen.
   Die Hoheit, die sein Herz genossen,
   Hat herrlich oft sich abgemalt
   Auf seinem Angesicht. Allein,
   Was ihn in seinen Trumerein,
   Was die erregte Seele qulte,
   Wonach er schrie, wonach er bangte,
   In wilder Leidenschaft verlangte,
   Als glt' es, da er sich vermhlte
   Der ganzen Welt mit ganzer Lust,
   Verstand er nicht. -- Voll Staub und Dust,
   Von Dumpfheit voll und Schwere fand
   Er diese Welt und wirr. Es flog
   Sein Herz und schlug und schlug und zog
   Ihn hin nach fernem, fernem Land.
   Wer sah ihn so? Sein Atem chzte.
   Die Brust ging keuchend auf und nieder.
   Stolz funkelte durch seine Lider.
   Ach, wie die Seele darnach lechzte,
   Am flcht'gen Traum sich festzusaugen.
   Ach, welche Feuer in ihm brannten,
   Wie ihn die Trnen bermannten,
   Das Leben schrend in den heien Augen. --


                             Sechstes Bild

   Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,
   Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,
   Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.
   Das heitre Lnensdorf, so hie es einst;
   Doch wei ich nicht, ob es noch heut so ist. --
   Weit schimmerte dem Wanderer entgegen
   Das kleine, weie Huschen Wilhelm Bauchs,
   Des Musikers, das er vor langer Zeit,
   Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,
   Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;
   Grn war's gestrichen; rote Ziegelplatten
   Erklirrten hell im Wind. Kastanienbume
   Umstanden es und drngten in die Fenster.
   Durch ihre Stmme sah ein Weidenzaun,
   Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.
   Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.
   Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,
   Behangen mit der Wsche, die im Glanz
   Der heien Mittagssonne lustig blinkte.
   Durch eine Speicherluke drngte sich
   Laut girrend eine Taubenschar; es schrien
   Die Puter, und mit seinen Flgeln schlagend
   Entbot der Hofhahn seinen Morgengru
   Dem Tag und pickte den behbig bunten Hennen
   Die Krner fort. Zwei fromme Ziegen rupften
   Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch
   In krausen Wolken aus dem Schornstein auf
   Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.
   Dort auf der Seite, wo der Mauerputz
   Ein wenig abgebrckelt von den grauen Ziegeln,
   Dort, wo die alten Bume Schatten geben,
   Stand schon seit frhstem Morgen suberlich
   Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:
   Radieschen, gelber Kse, eine Dose
   In Entenform mit Butter; Wein und Bier,
   Der se Bischof, Zucker, Waffelkuchen
   Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Frchten:
   Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben
   Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen
   Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. --
   Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte
   Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise
   Der Tchter und des alten Pfarrherrn feiern.
   Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,
   Die Jngere, war fortgeeilt, um Hans
   Zu holen, und war noch nicht zurck.
   Vermutlich irrte er vertrumt umher.
   Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster
   Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur
   Zwei Schritt von ihr. -- Sie war nicht selbst gegangen,
   Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,
   Aus ihren Augen keinen Vorwurf lse.
   Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,
   Zu ihr und sprach: Du mut den Hans mal schelten,
   Da er so lange nicht mehr bei uns war.
   Pass' auf, du hast ihn dir zu sehr verwhnt.
   Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:
   Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.
   Er ist schon ohnedies so bleich und elend.
   Was, krank, sagst du? fiel Mutter Berta ein.
   Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,
   Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,
   Seid ihr einmal vermhlt. Ein junger Spro,
   Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,
   Fngt pltzlich an zu blhn. -- Ist denn die Frau
   Nicht Lichtflut fr den Mann? -- Ein kluges Wort,
   Warf da der Pfarrer ein. Wenn Gott es will,
   Glaubt mir, wird alles noch vorbergehn!
   Er klopfte wieder seine Pfeife aus.
   Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;
   Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,
   Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Trken,
   Von Missolunghi, von Kolokotroni,
   Dem groen Fhrer, und vom argen Krieg,
   Von Canning sprachen sie, vom Parlament,
   Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,
   Als Hans erschien und sich Luise pltzlich
   Mit einem Aufschrei ihm entgegenstrzte.
   Der Jngling schlang den Arm um ihre Hfte
   Und kte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:
   Nun schm' dich, Hans, da du so ganz vergessen
   Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise
   Vergit, wie solltest du der Alten noch
   Gedenken! -- Vterchen, la sein, la sein --
   Was schiltst du Hans denn immer! sprach die Mutter.
   Lat uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:
   Der Brei, der Reis, die duft'gen Zuckererbsen,
   Der Glhwein und nicht minder der Kapaun,
   Den mit Rosinen ich und Butter briet. --
   So setzten sie sich friedlich an den Tisch
   Und waren alle bald vom Wein belebt,
   Die Seelen voller Glck und Heiterkeit. --
   Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flte.
   Es gab ein Stck -- der Feiernden zu Ehren.
   Bald drehten allesamt im Walzer sich.
   Selbst Wilhelm wurde lustig, und gertet
   Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau
   Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog
   Hans mit Luise toll dahin. Die Welt
   Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.
   Luise wagte kaum zu atmen, kaum
   Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.
   Der Pfarrer sagte: Ach, ich sehe mich nicht satt
   An ihnen, glaubt's mir. Welch ein herrlich Paar.
   Luise, dieses heitre, liebe Kind,
   Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.
   Sie sind doch freinander wie geschaffen.
   Ja, glcklich wird ihr ganzes Leben sein.
   Ich danke Dir, mein gt'ger Gott, da Du
   Im hohen Alter mir die Gnade schenktest
   Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,
   Damit ich solche Enkel schauen durfte.
   Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:
   Auf Erden hab' ich Herrliches gesehn.


                             Siebentes Bild

   Des Abends Khle senkt sich still hernieder.
   Die letzten, leisen Sonnenstrahlen kssen
   Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken
   Durchst, erglht der Wald, und fern, fern her
   Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen
   In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.
   Und nur der Hirtenflten melanchol'scher Ruf
   Tnt dann und wann von fernen, heitren Ufern;
   Und dann und wann ein leises Pltschern, wenn
   Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,
   Wenn eine Schwalbe mit den Flgeln, ehe
   Sie auf zum Himmel steigt, es flchtig streift.
   -- Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.
   Wen trgt er wohl? Wer fhrt wohl auf dem Meer?
   Der Pfarrer ist's, der Greis im Silberhaare,
   Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.
   Die bermt'ge Fanny lt die Hand,
   Die von der Angelschnur herabgezogen,
   Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff
   Sitzt Hans mit seiner Braut. -- Sie sahen alle
   In stummer Freude einer Welle zu,
   Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag
   Der Ruder feurig schumend perlte.
   Wie sich nun rasch die ros'ge Ferne klrte
   Und voller Duft ein Hauch von Sden kam,
   Da sprach der Pfarrer tief gerhrt: Wie schn
   Ist dieser Abend Gottes doch! So still
   Und herrlich wie das Leben des Gerechten.
   Denn es vollendet ebenso voll Frieden
   Den Weg, und auf den heil'gen Erdenrest
   Ergieen sich die gleichen schnen Trnen.
   Ja, auch fr mich wird's Zeit. Auch meine Tage
   Sind bald gezhlt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.
   Doch werd' ich auch so herrlich schlafen gehen? --
   Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied
   Auf der Oboe spielte, lie das Instrument
   Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer
   Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.
   Und Trume strmten seltsam auf ihn ein.
   Luise wandte sich ihm zu: Sag' mir, sag', Hans,
   Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele
   Noch Mitleid, Mitgefhl wachrufen kann,
   Was qulst du mich? Sag' mir einmal, warum
   Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Bchern?
   Ich wei es. Unsre beiden Fenster liegen
   Doch nicht umsonst einander gegenber.
   Warum weichst du uns allen aus und trauerst?
   Dein trber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh',
   Und deine Trauer macht mich selber trbe! --
   Das rhrte Hans. Er wurde ganz verlegen.
   Er drckte sie im Schmerz an seine Brust,
   Und eine Trne stahl sich ihm ins Auge.
   Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur
   Durch deine Unruh' meinen tiefen Kummer.
   Denn in Gedanken ich versunken scheine,
   Glaub' mir, dann denk' ich immer nur an dich
   Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel
   Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz
   Mit Freude sich und Frieden fllen liee,
   Da deiner Jugend reinen Schlaf nichts stre,
   Da Bses dir nicht nahe, nicht der Schatten
   Von einem Kummer dich berhre, da
   Dein Glck in alle Ewigkeiten whre!
   Da lehnte sie an seine Brust sich an
   Und konnte in der Flle des Gefhls,
   Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. --
   Still zog das Boot am Ufer hin. -- Man landet
   Und steigt schnell aus. Hrt, sprach der Vater Wilhelm,
   Hrt, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,
   Da ihr euch nicht erkltet. Es ist feucht.
   Der Nebel steigt. -- Hans ging mit ihr und dachte:
   Was wird, wenn sie erfhrt, was sie doch nicht
   Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.
   In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.
   Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt htte,
   Als htte er den ewigen Gott belogen. -- --


                              Achtes Bild

   Vom Turme schlgt es Mitternacht.
   Hans sitzt wie immer auf und wacht.
   Dem Einsamen gewohnte Zeit.
   Das Flackerlicht der Lampe leiht
   Nur sprlich Helligkeit. Es fllt
   Wie Saat des Zweifels in die Welt
   Des Schlafs. -- Kein Blick trf' in der Runde
   Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne
   Rauscht wie Gesprch aus Menschenmunde
   Die Welle in dem Glanz der Sterne.
   Die Stille lt den Atem hren
   Der Nacht. -- Jetzt wird ihn nicht mehr stren
   Der laute Tag in seinem Denken,
   Wo ber seine Stirn sich senken
   Friede und Ruh'. -- Und sie? Sie setzt
   Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:
   Er kann's nicht sehen, merkt's ja nicht;
   Ich seh' mich satt an seinem Bild.
   Er wacht, da er mein Glck erfllt.
   Gott sei ihm gndig, sei ihm mild. --

                   *       *       *       *       *

   Die Welle rauscht im Mondeslicht.
   Ein Traum sinkt nieder und umfngt
   Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.
   Um Hans spielt der Gedankenkreis
   Noch immer, dem er sich versenkt.


                                   1.

   Entschieden alles! Ist's Gebot,
   Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?
   Gibt's andres Ziel nicht als den Tod?
   Vermag ich Beres nicht zu sehn?
   Soll ich mich hin zum Opfer geben,
   Tot fr die Welt und ruhmlos leben?


                                   2.

   Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,
   Nur Nichtigkeiten lieben drfen;
   Kalt jedem Glck sein, das sich gibt,
   Und niemals Seligkeiten schlrfen?
   Der Erde Schnheit nie mehr finden,
   Nie Wahres mehr in ihr ergrnden?


                                   3.

   Was ruft, was lockt ihr mich so bang,
   Ihr, dieser Erde schnste Lande.
   Bei Tag und Nacht wie Vogelsang
   Hr' ich in meiner Trume Bande,
   Bei Tag und Nacht die sen Tne,
   Und bin berckt von eurer Schne.


                                   4.

   Euch, euch gehr' ich. Bald, ach bald
   Such' ich die seligen Gefilde,
   Ein Pilgrim, der zum Heil'gen wallt.
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   Hin fliegt umschumt des Schiffes Bug.
   Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.


                                   5.

   Ja, fallen wird der trbe Flor,
   In den euch stets der Traum gehllt.
   Aufschlieen wird die Welt das Tor
   Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,
   Den Jngling freundlich zu begren
   Mit unversieglichen Genssen.


                                   6.

   Der Schnheit Meister! Meine Augen
   Bereiten sich, was ihr geschaffen
   Mit Stift und Meiel, einzusaugen.
   Mein Herz will eure Glut erraffen.
   Rausch' hin, mein Meer, von Riff zu Riff!
   Bring mich an Land, einsames Schiff!


                                   7.

   Du aber, enger Winkelfrieden,
   Mein Wald, mein Feld, ihr mt verzeihn.
   Himmlischer Regen reich beschieden
   Sei euch und Blte und Gedeihn.
   Das Herz, scheint's, hrmt sich, euch zu lassen,
   Und drstet, euch noch einmal zu umfassen.


                                   8.

   Auch du, mein engelstilles Herz,
   Vergib und geiz' mit deinen Trnen.
   Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.
   Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.
   Klag' nicht. Der Weg ist bald gemessen,
   Und ich zurck. Wie knnt' ich dein vergessen! --


                              Neuntes Bild

   Wer kommt noch zu so spter Stunde
   Behutsam durch die Nacht gewallt,
   Den Wanderstab am Grtelbunde,
   Den Rucksack rstig umgeschnallt?
   Vor ihm ein Haus zur rechten Hand;
   Zur linken fhrt ein Weg ins Weite.
   Er will den weiten Weg ins Land,
   Erfleht von Gott Kraft zum Geleite.
   Allein er wendet, bermannt
   Von stillem Weh, verzehrt von Gram,
   Den Schritt zum Haus, woher er kam.

                   *       *       *       *       *

   Vor einem offnen Fenster sitzt,
   Den Kopf in seine Hand gesttzt,
   Und ruht ein wunderschnes Kind.
   Mit seinem Flgel streicht sie mild
   Und gibt ihr Trume ein -- der Wind,
   Von denen sie nun ganz erfllt,
   Ein Lcheln zeigt. Und ihm entquillt,
   Wie er sich peinvoll naht der Schnen
   Und bebend ihr ins Antlitz schaut
   Und kummerschwer, sein Weh in Trnen.
   Sein Auge schimmert glanzbetaut.
   Er beugt sich nieder glhend hei
   Und kt sie seufzend, leis, ganz leis.

                   *       *       *       *       *

   Den weiten Weg eilt er dahin.
   Sein Innerstes durchbebt ein Schauer.
   Unrast umdstert seinen Sinn,
   Und seine Seele tiefe Trauer.
   Noch einmal wendet er den Blick
   Zum Abschiedsgru. -- Ein weies Band,
   Zieht schon der Nebel bers Land.
   Sein sthnend Herz weist ihn zurck.
   Ein rauher Wind mit scharfem Tone
   Stt Eichenkron' an Eichenkrone.
   Und grau verschwimmt im fernen Raum
   Das Haus. Ganz unklar wie im Traum
   Hat Pfrtner Gottlieb nur vernommen,
   Da wer durchs Gartentor gekommen
   Und da einmal, als wenn er schlte,
   Der treue Hund im Hofe bellte.


                              Zehntes Bild

   Spt wird der helle Fhrer wach, --
   Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer
   Wogt bers Feld ein Nebelmeer,
   Und Regen rauscht und schlgt aufs Dach.
   Des jungen Morgens Khle fchelt
   Die Schne aus der Ruh'. Benommen
   Vom Schlaf am Fenster und beklommen,
   Streicht sie ihr Haar zurecht und lchelt.
   Doch rger schleicht sich ein und feuchtet
   Das Auge, da es funkelnd leuchtet:
   Wann kommst du, Hans? Wie lang soll's dauern?
   Du schwurst: beim ersten Tageslicht!
   Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,
   Ein trber Tag. Die Nebel schauern,
   Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?
   Gengstigt halb und halb verdrossen,
   Blickt sie zum Fenster ihres Hans.
   Geschlossen ist's und bleibt geschlossen.
   Er schlft gewi, und Traumesglanz
   Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.
   Lang hat's getagt. Vom Regen sind
   Durchfurcht die Tler, und vom Wind
   Gewiegt der Wald. Ach, km' er doch!

                   *       *       *       *       *

   Der Mittag naht. Unmerklich steigt
   Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen
   Tnt Donner noch. Der Eichwald schweigt.
   Auf flammt in siebenfarb'gem Bogen
   Am Himmel paradiesisch Licht.
   Mit Funken ist die Eiche bersprht.
   Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.
   Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?

                   *       *       *       *       *

   Warum? -- Die arge Brust umflicht
   Schwermut. Das Ohr wird md der Qual,
   Zu horchen auf die Stundenzahl.
   Die Tre geht. -- Er ist's! -- Nein, nicht:
   Herein tritt Berta; wohlig fllt
   Der rosa Morgenrock, der weiche,
   Und farbenfroh die kantenreiche,
   Gestickte Schrze. Engelgleiche,
   Was hat die Nachtruh' dir vergllt?
   Bist bleich und matt. Was ist geschehn?
   Strte der Regen, der so schwer
   Herabgerauscht, das wilde Meer,
   Der Hahn, der wste Lrmer, den
   Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?
   Hat dich der Bse berkommen,
   Dir deinen reinen Schlaf genommen,
   Ins Herz gesenkt trbselig Trauern?
   Tust mich von ganzer Seele dauern.

                   *       *       *       *       *

   Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,
   Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,
   Der wste Lrmer, hat's getan.
   Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.
   Nicht solcher Traum hat mich benommen,
   Bin solcher Trbsal nicht beklommen.
   Der Traum, der mir zu Sinnen kam,
   War anders, schwer und wundersam. --

                   *       *       *       *       *

   Mir trumte: Finstre de sei
   Um meinen Weg. Rings Nebel nur
   Vom Moor, und in der Wstenei
   Von trocknem Boden keine Spur.
   Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.
   Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,
   Bei jedem Schritt ein neuer Grund
   Zur Herzensangst. Und mich beschleicht
   Unsglich Wehe. Da erscheint
   Urpltzlich Hans vor mir. Blut rinnt
   Aus einer Wunde. Er beginnt
   Zu schluchzen ber mir und weint.
   Doch statt der hellen Trnen flo
   Ein trber Strom. Ich wachte auf.
   Und ber Brust und Antlitz go
   Vom Blondhaar triefend wie der Lauf
   Von tausend Bchen dummer Regen.
   Mein Herze schlug in trben Schlgen,
   Und Traurigkeit befiel den Sinn.
   Die Locken blieben feucht. In Sorgen
   Sitz' ich verhrmt seit frhem Morgen.
   Wann kommt er heim? Wo ist er hin?

                   *       *       *       *       *

   Die Mutter steht gedankenvoll
   Kopfschttelnd vor ihr, ehe sie
   Ihr Antwort gibt: Ach, wt' ich, wie
   Ich deiner Not Herr werden soll,
   Mein Tchterchen. Komm, la uns sehn, --
   Gott geb' uns Kraft! -- was ihm geschehn.

                   *       *       *       *       *

   Sie treten in sein Zimmer. Leer,
   Ganz leer! Im Winkel liegt umher
   Ein alter Platoband, gar arg
   Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark
   Und Schillers Werke, die vermenen,
   Bei Winkelmanns, den halb vergenen.
   Und Fetzen von Papier. Es blhn
   Die Blumen auf der Etagere.
   Die Feder blinkt, mit der er khn
   Entlastet sich der Trume Schwere.
   Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt
   Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?
   Luise nimmt ihn auf und bebt.
   Von wem? An wen? Und als sie liest,
   Fngt ihre Zunge wie noch nie
   Zu lallen an. Sie strzt aufs Knie.
   Gram, sengend Wehe warf sie nieder.
   Und Grabesklte rann durch ihre Glieder.


                              Elftes Bild

   Schau' her, Grausamer! Sieh, Tyrann,
   Wie sie verhrmt im Staube kauert;
   Die einsam Welkende, sieh' an,
   Wie sie in trber de trauert,
   Vergessen, ach! Schau' hin einmal
   Auf dein Geschpf, in dessen Brust
   Du Lebensglck und Lebenslust
   Mit Gram vertauscht und Hllenqual.
   Durchwhlte Grfte, siehst du sie?
   Und wie sie dich geliebt, ja, wie!
   Mit welch lebend'ger Innigkeit
   Klang ihrer Rede Melodie,
   Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,
   Da du gelauscht? Wie war von Schuld,
   Von Trbsal rein des Blickes Brand,
   Der dich versengt. Wie oft entschwand
   Zu langsam ihrer Ungeduld
   Der bse Tag, zeigte sich nicht,
   Der Trumerischen, dein Gesicht.
   Und du konntst sie verlassen, du?
   Hast dich von allem abgewandt
   Und wanderst fremd in fremdem Land?
   Wem tust du das? Fr wen, wozu?
   Doch schau', Grausamer! Sieh, Tyrann!
   Am Fenster harrt sie noch, verzehrt
   Von Sehnsucht, da er wiederkehrt
   Zu ihr, er, der geliebte Mann. -- --
   Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle
   Liegt wundersam auf allen Dingen.
   Ein khler Wind regt seine Schwingen.
   Kaum hrbar pltschert fern die Welle.
   Die Nacht entbreitet ihre Schatten.
   Leis tnt die Syrinx. Es ermatten
   Im West die letzten Glutenschimmer.
   Sie sitzt reglos und harrt noch immer. --


                          Nchtliche Gesichte

   Allmhlich dunkelt und vergeht
   Des Abends Rot. Schon liegt die Welt
   In sem Schlaf, und berm Feld
   Steigt auf des Mondes Majestt.
   Das Meer erschimmert wie Kristall.
   Durchsichtig scheint das ganze All.

                   *       *       *       *       *

   Schatten wachsen auf und ziehen.
   Wundersam gestaltet fliehen
   Herrlich sie, weit, immer weiter,
   Himmelwrts die Sternenleiter.

                   *       *       *       *       *

   Heller wird's: zwei Lichter blitzen.
   Da: zwei Ritter, zottig, fahl.
   Zweier schart'ger Schwerter Spitzen,
   Zweier Panzer Schmiedestahl!
   Halt! Sie suchen, treten an;
   Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!
   Kmpfen, glitzern Mann an Mann.
   Suchen wieder ... Da, vorbei!
   Dunkel schwillt und deckt sie schwer.
   Nur der Mond steht berm Meer. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Lied der Kn'gin Nachtigall durchschallt
   Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.
   Die Erde atmet kaum, sie lauscht
   Vertrumt der Sngerin. Der Wald
   Steht reglos. Alles schlft im Kreise.
   Es tnt nur die verklrte Weise.

                   *       *       *       *       *

   Luftgebaut ragt der Palast
   Einer Mrchenfee empor.
   Vor dem Fenster dicht am Tor
   Singt verklrt ein Minnegast.
   Sieh, ein Silberteppich glnzt,
   Ganz durchwebt mit Wolkenringen.
   Drber schwebt ein Geist, der grenzt
   Nord und Sd mit seinen Schwingen.
   Schlafen sieht der Gast, gebannt
   Durch ein Gitter aus Koralle,
   Seine Fee. Die Perlmuttwand
   Bringt der Trn' Kristall zu Falle. --
   Dunkel eint und deckt sie schwer.
   Nur der Mond steht berm Meer. -- --

                   *       *       *       *       *

   Kaum schimmert durch den Dunst das Land.
   Geheime Wnsche ohne Zahl
   Weckt uns die See. -- Ein Riesenwal,
   Taucht aus dem Nebel. bermannt
   Hat Schlaf den Fischer lngst. Er ruht;
   Und unablssig rauscht die Flut. --

                   *       *       *       *       *

   Strandwrts schwimmen Meerjungfrauen
   Herrlich schn. Den leuchtend hellen,
   Weien Schaum der glhend blauen
   Wogen teilen sie. Die Wellen
   Spielen kosend wie im Traum
   Um die Schne mit der weien
   Lilienbrust. Sie atmet kaum.
   Um die zarten Glieder gleien
   Tropfen wie ein Funkensaum.
   Ach, sie lchelt, kichert leise
   Und schwimmt sinnend hin im Licht.
   Bald voll Lust, bald wieder nicht.
   Trumerisch singt sie die Weise,
   Den Sirenensang der Klagen
   Des Verrats, den sie ertragen,
   Sie, die Junge. -- Reglos ruht
   Mondbeglnzt die blaue Flut. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Friedhof fern in fremder Flur,
   Von einem alten Zaun umhegt.
   Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt
   Der stummen Toten Huser. Nur
   Der Flug der Eulen und das schrille
   Schrein zerreit die Grabesstille. --

                   *       *       *       *       *

   Langsam steigt aus seinem Bette
   Jetzt ein Leichnam. Wei umwallt
   Ihn sein Mantel. Vom Skelette
   Klopft den Staub er wrdig. Kalt
   Weht vom Schdel Grabhauch. Feuer,
   Gelbes Feuer glht aus seinen
   Augen. Mit den Knochenbeinen
   Hlt ein Ro, ein ungeheuer
   Glnzend Ro er, einen Schimmel.
   Und es wchst, wchst bis zum Himmel.
   Leiche steht nach Leiche auf.
   Zug des Grauns! Von seinem Lauf
   Beben Erde, ach, und Lfte. --
   Endlich schlieen sich die Grfte. --

                   *       *       *       *       *

   Ein Schrecken packt sie an. Sie schlgt
   Das Fenster hastig zu. Ihr Blut
   Von Eisesklte, bald von Glut
   Durchschauert, bebt gleichwie die Flut
   Im Sturm. Ein schweres Wehe legt
   Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. --
   Wenn mitleidlos des Schicksals Faust
   Ein kalter Kieselstein entsaust
   Und trifft ein armes Herz, wer hlt
   Die Treue, sagt, in aller Welt
   Noch dem Verstand? Wes Seele ficht
   Kein bel an? Und wer verfllt,
   Sich ewig gleich, im Unglck nicht
   Dem Aberglauben? Wer erblat
   Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfat
   Im Traum? -- Aufs Lager bang
   Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.
   Vergeblich suchte sie den Schlummer.
   Wenn ein Gerusch durchs Dunkel drang,
   Ein Muslein strich, floh ihre Lider
   Der Schlaf, der launenhafte, wieder. --


                            Dreizehntes Bild

   Ein traurig Bild: Ruinen von Athen!
   Die Sulenreih'n, die bildwerkreichen,
   Sind morsch. In den Tlern stehn
   Sie traurig, mder Zeiten Zeichen.
   Zertrmmert halb und halb verwittert
   Das hehre Denkmal, und zersplittert
   Selbst der Granit. -- Ein karger Rest. --
   Ein morscher Architrav nur prangt
   Voll Majestt, und Efeu rankt
   Und hlt am Kapitl sich fest.
   In Grben, die man lngst verlie,
   Herabgestrzt ein Giebelkranz;
   Dort schimmert noch ein prcht'ger Fries
   Und der Reliefmetopen Glanz.
   Hier trauert eine reichgeschmckte
   Korinthsche Sule noch. Und leise
   Eidechsen schlpfen scharenweise
   Darber hin. Voll Wrde blickt
   Er auf das Elend rings. Gerckt
   In toter Zeiten dunkle Nacht,
   Verdrngt, hat er fr nichts mehr acht.
   Athens Ruinen, ach! Trb gleiten
   Die Bilder von Vergangenheiten
   Vorbei. An kaltem Marmor lehnt
   Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt,
   Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens!
   Das Bndel des vergangnen Lebens
   Knpft er nicht auf. Ohnmcht'ge Qual,
   Verlorne Mh'! -- Allberall
   Liest nur Zerstrung, Schmach und Schande
   Der trbe Blick. Im Sonnenbrande
   Blinkt durch die Sulen dann und wann
   Ein Turban wohl. Quer durch die Blcke,
   Durch Pfeiler, Grber, Mauerstcke
   Treibt barsch sein Ro ein Muselmann. -- --
   Hufschlag stampft letzte Trmmer nieder. -- --
   Unsagbar tiefe Traurigkeit
   Packt da den Fremden pltzlich wieder.
   Wie sthnt sein Herz so laut. Er kann
   Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid,
   Da er den weiten Weg gemessen,
   Ist's ihm. Hat er sein Dach, den stillen,
   Friedlichen Platz daheim vergessen,
   Verlassen um der Grber willen?
   Ach, wren doch die Traumgespinste,
   Die schnen, seinem Sinn geblieben.
   Der reinen Schnheit Spiegelknste,
   Ach, htten sie ihn nicht getrieben!
   Nun sind die Trume tot und kalt
   Und abgestreift ihr Zauberflor. --
   Mit unbarmherziger Gewalt
   Habt ihr ihm schonungslos das Tor
   Zur Glut der Traumeswelt verschlossen,
   Ihr, der Wirklichkeiten Sprossen!
   Langsam verlt und kummerschwer
   Der Fremde nun den Trmmerort.
   Er schwrt, des blinden Einst nicht mehr
   Zu denken, aber immerfort
   Fliehn seine Opfer vor ihm her. -- -- --


                            Sechzehntes Bild

   Zwei Jahre sind dahin. In Lnensdorf
   Blht alles noch und prankt wie ehedem.
   Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stren
   Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.
   Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel
   Verndert. Lange ist der Pfarrer tot.
   Er hat den dornenvollen Weg beendet
   Und schlft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.

   Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,
   Und alle hatten Trnen in den Augen,
   Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.
   Er war es, der fr unser Seelenheil,
   Fr unser geistig Brot von je gesorgt.
   Er war es, der so schn das Gute lehrte;
   Er war der Trauervollen steter Trost,
   Der feste Schild der Witwen und der Waisen.
   Wie voller Gte stieg er doch an Feiertagen
   Auf seine Kanzel, und wie rhrend sprach
   Er von dem reinen Martertum, vom Leiden
   Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschttert
   Und unter Trnen seinen tiefen Worten. --

   Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht
   Links von der Strae dicht an einem Friedhof
   Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebckt
   In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel
   Der Zeit hat seine Runen eingegraben.
   In ihrer Mitte leuchtet eine weie Urne
   Auf schwarzem Steine, von zwei grnen Erlen
   Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.
   Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.
   Die braven Bauern waren gern bereit,
   Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre
   Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten
   Verkndeten durch eine Inschrift, wie
   Er lebte, wieviel stille Jahre er
   Als Seelensorger zugebracht und endlich
   Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. --

   Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham
   Errtend seine Flechten lst, und wo
   Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,
   Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,
   Rotkehlchen in den dichten Bschen schlagen,
   Und erst zur Hlfte noch der Sonnenball
   Sich bers Land hebt, kommen Buerinnen
   Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab
   Und schmcken es mit duft'ger Blumen Flle
   Und gehen ihres Wegs. -- Nur eine bleibt,
   Das Haupt in ihre Lilienhand gesttzt,
   Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,
   Als wollte sie Unfaliches begreifen.
   Wer wrde, ach, in dieser kummervollen
   Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?
   Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,
   Ihr unschuldreines Lcheln ist nicht mehr
   Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht
   Das Zeichen einer Freude drber hin.
   Und doch, wie schn ist sie in ihrem Harm!
   Wie kniglich ihr Blick trotz allen Wehs!
   So trauert wohl der strahlende Seraph
   Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.
   Voll Schnheit war die glckliche Luise,
   Die trauernde war fast noch herrlicher.
   Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden
   Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.
   Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele
   War sie dem Greise zugetan. Und nun
   Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht
   Erfllt. Wie innig hattest du gewnscht,
   Am heiligen Altare uns zu trauen,
   Fr alle Zeiten unsern Bund zu schlieen.
   Wie hattest du den trumerischen Hans
   Geliebt -- -- Und er? -- -- --

   Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Htte.
   Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim
   An seiner Drechselbank und schneidet Platten
   Aus Buchenholz mit feiner Maserung,
   Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.
   Zu seinen Fen liegt vergngt geduckt
   Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.
   Wie immer sorgt die tchtige Hausfrau Berta
   Vom frhsten Morgen an schon fr sein Wohl.
   Dicht vor dem Fenster drngt sich eine Schar
   Von Gnsen, und die Hhner gackern auch
   Noch unaufhrlich. Ganz wie ehedem
   Hrt man das ew'ge Zwitschern frecher Spatzen,
   Die Tag fr Tag im Kchenabfall picken. --
   Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern
   Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.
   Die grnen Bltter wurden gelb und fielen,
   Die Schwalben zogen ber ferne Meere. --
   In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:
   Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.
   Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.
   Jetzt wird's frh feucht, und dichte Nebel fallen
   Und schicken ihre Schauer ber uns.
   Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!
   Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.
   Gott wei, ob er am Leben ist, ob nicht. --
   Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!
   Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still
   In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll
   Von Sehnsucht und vom Freunde trumend,
   Und fast unhrbar sagt sie vor sich hin:
   Ich htte ihn nicht minder stark geliebt!


                            Siebzehntes Bild

   Wie trb auch sonst die Tage schleichen
   Im Herbst, das Heute ist voll Licht.
   Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,
   Und blanke Silberwellen streichen
   Am Himmel hin. Den Weg herab
   Mit Rucksack kommt und Wanderstab
   Ein Fremder matt und scheu daher.
   Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,
   Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt
   Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.
   Sein halberloschner Blick umschweift
   Das Meer der gelben hrenwellen,
   Der Berge bunten Kranz. Es greift
   Der schne Traum sein Herz; es schwellen
   Des Allvergessens Seligkeiten
   Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,
   Ach, einem andern Ziele zu.
   Nichts wr' ihm ntiger als Ruh'.
   Er kommt, so scheint's, von weit, weit her.
   Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer
   Schmerzt seine Seele ihn und chzt.
   Er denkt, doch kein Gedanke lechzt
   Nach Ruh'. -- Wem gilt sein tiefes Grbeln?
   Erstaunt, wie er mit allen beln
   Von dem Geschick gemartert ward;
   Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,
   Lacht bitter auf er, da er trunken
   Die Welt des Wahns, so hassenswert,
   In seiner Unvernunft begehrt
   Und ihrem leeren Glanz versunken;
   Da er sich in der Menschen Scho,
   Von ihrem eklen Tun wie toll
   Berauscht, bezaubert, -- schwankungslos
   Geworfen khn und glaubensvoll.
   Ach, kalt wie Grber waren sie,
   Habgier und Ehrsucht galt allein,
   Nichts sonst, -- und wie verchtlich Vieh
   So tierisch, ach, und so gemein.
   Sie zogen in den Staub, was gut
   Und hehr. Es schalten ihre Zungen
   Verchtlich nur Begeisterungen
   Und Geistestat. Falsch war die Glut;
   Und wenn sie sich emporgeschwungen,
   Verderben rings. Wer lauschte schon
   Der Reden einschlferndem Ton
   Und bebte nicht? Von Gift wie schwer
   Ihr Atem, wie voll Lge ist
   Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;
   Wie hohl die Worte und wie leer!

                   *       *       *       *       *

   Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit
   Begegnet und von ihm erkannt.
   Doch ward zu hherm Glck die Klarheit
   Ihm in der Seele Trumerland?
   Wie ferne Sternenhelle zog
   Verlockend ihn der Ruhm. Allein
   Sein blinkend Gift war scharf, es trog
   Der dichte Qualm ihm vor den Schein.

                   *       *       *       *       *

   Der Tag versinkt im West. Die Schatten
   Des Abends wachsen, und die matten,
   Hellweien Wolkenrnder glhen
   In greller Rte auf. Die dunkeln
   Vergilbten Bltter alle sprhen
   Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.
   Der Wiesengrund der Heimat tut
   Sich vor dem Wandrer auf. Es fllt
   Den matten Blick urpltzlich Glut,
   Und eine heie Trne quillt.
   Die Freuden aus vergangnen Jahren,
   Harmloser Spe, alter Trume Scharen,
   Sie engen ihm die Brust und rauben
   Den Atem ihm. Er will's nicht glauben
   Und sinnt dem Grund nach und beginnt
   Zu weinen wie ein schwaches Kind.

                   *       *       *       *       *


                              Meditationen

   Der Augenblick, da wunderbar
   Ein Auserkorner im Gefhl
   Der hchsten Kraft und Selbsterkenntnis
   Erfat des Daseins hchstes Ziel,
   Der sei gesegnet immerdar.
   Nicht leerer Trume Schattenpracht
   Und nicht des Ruhmes Flitterglanz
   Strt ihn und lockt bei Tag und Nacht
   Ihn in den lauten Wirbeltanz
   Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft,
   Ist Ansporn ihm und einz'ger Rat,
   Reizt ihn und treibt die Leidenschaft
   Zu Edlem ihn und groer Tat.
   Fr sie setzt er sein Leben ein;
   Mag auch der Torenpbel schrein,
   Er wird lebend'ger Trmmer wegen
   Nicht wankend, denn er hrt allein
   Der Enkelzeit rauschenden Segen.

                   *       *       *       *       *

   Wenn aber Trug und Traumgestalten
   Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen,
   Dem Willenskraft und Hrte fehlen,
   Im Wirrwarr standhaft sich zu halten,
   Dann ist es besser, ohne Flle
   Das Feld des Lebens zu durchmessen,
   In der Familie, in der Stille
   Des Weltenlrmes zu vergessen. -- --


                            Achtzehntes Bild

   Die Sterne gehen auf in Harmonie.
   Mit mildem Blicke schweifen sie
   Ob all der Schlafversunkenheit
   Als Wchter leisen Menschenschlummers.
   Sie senden Ruh' der Guten Leid,
   Und Bsen -- des Gewissenskummers
   Todbringend Gift. -- Was schickt ihr nicht
   Der Trbsal Frieden jetzt? Ihr seid
   Des Menschen Freude, trstend Licht. --
   Wenn seine Blicke voller Leid
   Und Kummer flehend an euch haften,
   Hrt er den Streit der Leidenschaften
   Im Herzen; und er ruft euch laut,
   Bis er die Schmerzen euch vertraut. --
   Noch ist Luise traurig-md;
   Und noch entkleidet nicht; sie blickt
   Vertrumt, weil aller Schlaf sie flieht,
   Noch in die Herbstnacht unverrckt.
   Ihr Sinn beschwrt das alte Bild.
   Da fllt sie Heiterkeit und weitet
   Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,
   Das am Spinett sie froh begleitet.

   Das Laub fllt raschelnd von den Bumen,
   Durch die der Hofzaun blinkt. -- Hans steht
   In des Vergessens sen Trumen,
   Vom Mantel eingehllt, und spht
   Und lauscht. -- Soll er noch lnger sumen? --
   Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange
   Der Stimme, die ihm nicht geklungen
   Seit seiner Trennung, die ihm lange,
   So lange, lange nicht gesungen!
   Das Lied, das heier Leidenschaft,
   Das, sangesfrohem Mut entquollen
   Und all dem berma der Kraft,
   Begeistert einst und froh erschollen,
   Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen
   Der Bltter wonnesam entgegen:

       Dich rufe ich! Ich rufe dich,
       Des Lcheln mich bezaubert hat,
       Mein Lieb! Viel Stunden setze ich
       Mich zu dir, und es sehen sich
       Die Augen doch an dir nicht satt.

       Du singst: -- geheimnisvolle Klnge,
       Des Herzens reinste Tne hallen
       Und zittern durch die Luft und schallen
       Wie Schlag von tausend Nachtigallen,
       Als ob ein Silberbach mir snge.

       Schnell zu mir! Lehn' dich an mich, schnelle,
       Durchbebt von Gluten, wundersamen.
       Dein Herz brennt in der Stille helle,
       Und deine Ruh' strmt Well' auf Welle
       In mich die heien Liebesflammen.

       Bist du mir fern, dann qult mich Wehe.
       Vergessen gibt es nicht fr mich.
       Wenn ich erwach', zur Ruhe gehe,
       Stets bete ich und stets erflehe
       Ich Glck, mein Engel, nur fr dich! --

                   *       *       *       *       *

   War's Tuschung, was sie sah? Es sprhten
   Zwei Feuer auf; zwei Augen glhten
   Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,
   Wie jemand seufzend nher kam.
   Angst packt sie, Zittern fllt sie an;
   Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann
   Solch wundersames Wiedersehen,
   Kann der Gefhle eignen Bann,
   Der Blicke Flammensprach' verstehen?
   Wer kann die Feuerworte finden,
   Zu schildern recht, wie das Empfinden,
   Aufwogend wild, die Brust durchsplt
   Und unser tiefstes Herz durchwhlt?
   Man bebt, erblat, vor Freude schwach.
   Gedanken, Worte fehlen; ach,
   Voll Seligkeit entringt im berschwang
   Der Brust sich nur ein heller Klang.

                   *       *       *       *       *

   Hans fat allmhlich sich. Er blickt
   Durch Trnen ihr ins Angesicht
   Und denkt: In Traum bin ich entrckt;
   Erwachte ich doch ewig nicht!
   Sie ist noch die, die mich umfat
   Mit kindlich innigem Verlangen.
   Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last
   Der Trauer. Wie verhrmt, verblat
   Ist jetzt das frische Rot der Wangen.
   Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen
   Zu finden, floh von ihrem Herzen.
   Des Leidensschlafes Schwere sank
   Von ihm; gesund und ruhig ward
   Er wieder, er, den Strme lang
   Geschttelt, wild durchtobt und hart. --
   So strahlt die Welt stets sonnenblank
   Aufs neu. -- In Glut gehrtet Stahl
   Glnzt strker, heller tausendmal. --
   Die Gste zechen. Ihre Runde
   Gehn Glas und Becher und erklingen.
   Die Alten plaudern manche Stunde.
   Derweil sich hei im Tanze schwingen
   Die Jnglinge, da lrmt und schallt
   Die heiterste Musik. In Saus und Braus
   Herrscht Freude ber Alt und Jung;
   Und gastlich ladend lacht das Haus.
   Der Buerinnen junge Schar
   Bringt blaue Veilchen fr die Braut,
   Dem Brut'gam Flammenrosen dar.
   Sie schmcken das verliebte Paar.
   Bleibt lang noch jung, so hallt es laut,
   Blht, wie hier diese Veilchen blhn
   Vom Felde, frisch und immer grn.
   Mag euer Herz von Liebe, schaut,
   Wie dieser Rosen Feuer glhn!

                   *       *       *       *       *

   Von Zrtlichkeit ganz hingerissen
   harrt Hans erbebend schon. Sein Blick
   Ist helle Freude, tiefes Glck.
   Sein Herz will unverstellt genieen,
   Nachdem des Zwanges Panzerkleid
   Gefallen ist, die Seligkeit.
   Euch, Trume voller Trug und List,
   Wird nun nicht mehr vergttern er,
   Der ird'scher Schnheit Diener ist. --
   Doch was umdstert ihn so schwer?
   (Unfalich ist des Menschen Art!)
   Von seinen Trumen scheidend, starrt
   Er ihnen trauernd nach, verloren,
   Wie einem, dem er Treu' geschworen. --
   So harrt der Schler vor dem Schlage
   Der Glocke am ersehnten Tage
   Des letzten Unterrichts. Ganz voll
   Von Plnen und vor Freude toll,
   Spinnt er sich Trume. Ohne Klage,
   Zufrieden mit der Welt und sich in lang
   Entbehrter Freiheit berschwang.
   Doch wenn die Abschiedsstunde naht
   Von Haus und Freund und Kamerad,
   Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit
   Geteilt und Lust an tollen Streichen,
   Dann seufzt er wohl und Trnen schleichen
   Ins Aug' ihm, und er fhlt ein Leid. --


                                 Epilog

   Es heben in der de sich und steigen
   In meines Tempels Einsamkeit,
   Die unerkannt und unentweiht
   Von eines Menschen Fu, im Schweigen
   Der Seele Trume auf. Wie weit
   Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?
   Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?
   Wird einer Jungfrau heies Herz sich neigen,
   Wird eines Jnglings Sinn durch sie befreit?
   Voll ungewollter Rhrung singe
   Mein Lied ich, rtselhaft erregt,
   Das stille Lied, das mich bewegt
   Und das ich dir als Loblied bringe,
   Mein Deutschland! Hoher Plne Land,
   Der Feen und Geister Knigtum,
   Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!
   Der groe Goethe hlt die Hand
   Als Schutzgeist ber dein Gedeihn.
   Mit seinen hohen Liedern bannt
   Er jede Not von dir und Pein. -- --




                                Beilage
                 Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski


                                   I.
                       Gogols Brief an Bjelinski

                                   Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).

Ich habe Ihren Aufsatz ber mich im Sowremennik mit schmerzlichem
Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor
allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem
Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentnt, der mir zrnt. Ich aber
wnsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt,
gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe,
da er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine
Stelle in meinem Buche zu betrben. Wie konnte es nur geschehen, da in
Ruland alle Menschen bis auf den letzten so ber mich aufgebracht
waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die
stlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen,
sie alle fhlen sich schmerzlich berhrt. Es ist wahr, ich wollte jedem
von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das fr ntig, weil
ich es an meiner eigenen Haut gesprt hatte, wie notwendig so etwas ist
[wir alle htten etwas mehr Demut und Bescheidenheit ntig], aber ich
habe nicht geglaubt, da die Schlge, die ich austeilte, so plump, so
ungeschickt und so verletzend ausfallen wrden. Ich dachte, man wrde
mir das alles gromtig verzeihen, und mein Buch wrde den Grund zu
einer allgemeinen Vershnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen.
Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verrgerten Menschen
gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie ber
alle die Stellen hinweg, die bisher noch fr viele, wenn nicht gar fr
alle ein Rtsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und
einsichtsvollen Menschen verstndlich sind, und Sie werden erkennen, da
Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.

Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals
zu lesen, da ich alle Miverstndnisse, denen es ausgesetzt sein wrde,
schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu
beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines
Autors zusammenhngt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich
selbst zurckgezogen lebte und unter seiner Unfhigkeit, sich
auszudrcken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschlu, sich selbst
an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gesptt auszusetzen, indem
man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so
bald verstanden wird, der ffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis
allein htte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn
veranlassen mssen, mit der Abgabe seines Urteils ber das Buch zu
warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur
aufrichtigen Rechenschaftsablage ber sich selbst geeigneten
Geistesstimmung aufs neue zu berlesen, denn nur in solchen Augenblicken
ist die Seele fhig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber
eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie htten dann
sicherlich nicht diese unberlegten Folgerungen daraus gezogen, von
denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, da ich
gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mngeln reden,
enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzge
hervorgehoben haben, htten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem
Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was
ihn reizen und rgern mu, und der einen Gegenstand nicht ruhig von
allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange
berlegt, wie ich mich ber die Kritiker uern sollte, die meine
Vorzge hervorgehoben und anllich meiner Werke viele schne Gedanken,
die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzge und
die sthetischen Gefhlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen
feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo
ich etwas hierber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen
wrde, hierber zu sprechen, damit man nachher nicht erklren sollte,
da ich ein eigenntziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und
ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefhl htte lenken lassen.
Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, whlen Sie die bittersten
Worte, ber die Sie verfgen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen
Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lcherlich zu
machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfhlendsten
Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch
nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschtterungen; aber es ist
bitter, sehr bitter fr mich -- dies erklre ich Ihnen ganz aufrichtig
-- zu wissen, da selbst ein bser Mensch Ha und Zorn gegen mich in
seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch fr einen guten Menschen
gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefhle.

                                                                 N. G.


                                  II.
             Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch

                                       Frankfurt, den 20. Juni (1847).

Du wunderst dich, da ich so begierig bin, zu hren, was man ber mein
Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen
kennen zu lernen, und aus den Urteilen ber mein Buch gewinne ich doch
etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und
ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich
einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die fr mich noch weit
bedeutsamer ist, als ihre uere Charakteristik, und die ich, wie du
selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie htte kennen lernen knnen.
brigens, da wir gerade darber reden: Vor einigen Tagen las ich
_Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des Zeitgenossen (Sowremennik). Er
scheint zu glauben, da das ganze Buch auf ihn gemnzt ist, und hat aus
ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen,
herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst,
Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Malose
verliert. Wahrscheinlich hat er die Leithmmel[6] auf sich bezogen,
und doch galt diese Bemerkung blo den Journalisten im allgemeinen.
Diese Gereiztheit hat mich sehr betrbt, nicht wegen der harten Worte,
die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weit doch, da ich die
hrtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch
immerhin whrend zehn Jahren, trotz aller bertreibungen und
Malosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei
doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Zge in meinen Werken
aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie
glaubten, ein viel besseres Verstndnis fr diese Dinge zu besitzen als
er. Ich mte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch
verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mngel und
Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das
Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getuscht; ich
hielt Bjelinski fr grer und glaubte nicht, da er solch einer
kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fhig sei. Ich
wei nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit
zu ertragen, aber fr mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen
Vorwrfe, weil meine Seele tatschlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und
ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genu bereitet. Bitte sprich
hierber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen
mich ist. Wenn ihm die Galle berluft und er eine Wut gegen mich hat,
so mag er sie im Zeitgenossen (Sowremennik) an mir auslassen und zwar
in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in
seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte,
so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen
darfst.

[Funote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]

[Funote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: Mir scheint, du bist sehr
im Irrtum, wenn du glaubst, da Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben
hat, weil er deine Ausflle gegen die Journalisten im allgemeinen auf
sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders,
als fest davon berzeugt sein, da er nie eine Zeile geschrieben hat, um
sich fr eine persnliche Krnkung zu rchen.]

Aus alledem ersehe ich, da ich gentigt sein werde, einige Erklrungen
ber mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst
solche Leute, die mich und meine Persnlichkeit doch weit besser kennen
knnten als er, so seltsame Schlsse aus meinem Werke ziehen, da man
einfach starr ist. Offenbar enthlt es weit mehr Dunkelheiten und
Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...


                                  III.
                       Bjelinskis Brief an Gogol

Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines
_verrgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu knnen. Dieses
Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu
charakterisieren, in die mich die Lektre Ihres Briefes versetzt hat.
Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatschlich
nicht sehr schmeichelhaftes Urteil ber die Verehrer Ihres Talentes
zurckfhren. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund.
Eine Krnkung, eine Verletzung unseres Selbstgefhls lt sich noch
ertragen, und ich wre vernnftig genug gewesen, ber diesen Gegenstand
zu schweigen, wenn es sich blo darum gehandelt htte; was der Mensch
jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefhls,
seiner Menschenwrde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem
Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lge und
Unsittlichkeit fr Wahrheit und Tugend ausgibt.

Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft
geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem
Vaterlande verknpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen
seiner groen Fhrer auf dem Wege zum Selbstbewutsein, zum Fortschritt
und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begrndeten Anla, einen
Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine
solche Liebe einbten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube,
meine Liebe sei ein wrdiger Lohn fr ein groes Talent, sondern
deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern
viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen
und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin
nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Emprung
zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von
dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die
unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie
alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen
sind. Sie sehen selbst, da sogar Menschen von derselben Geistesrichtung
wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen.
Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen berzeugung wre,
selbst dann mte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und
wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die
man kennen mu, um sich nicht ber ihren Beifall zu freuen) das Buch fr
einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege
ber den Himmel einem hchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie
allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich,
erstaunlich ist nur das, da Sie sich darber wundern. Ich glaube, das
kme daher, weil Sie Ruland _nur als Knstler_ so tief und grndlich
kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem
phantastischen Buche mit so wenig Glck auf sich genommen haben. Und das
nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern
deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewhnt haben,
Ruland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch
bekannt, da nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so
zu sehen, wie man sie gerne sehen mchte; denn Sie leben ja auch in
dieser _schnen Ferne_ ganz fr sich und in sich selbst, bleiben ihr
selbst fremd und bewegen sich in dem einfrmigen Kreise gleichgestimmter
oder doch solcher Menschen, die nicht krftig genug sind, sich Ihrem
Einflu zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, da Rulands
Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus,
sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklrung und
der Humanitt liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es
genug gehrt!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es
braucht, ist, da das Volk zum Gefhl seiner Menschenwrde erweckt wird,
ein Gefhl, das ihm fr Jahrhunderte durch den Schmutz und die
Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht,
sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern
wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und
eine mglichst strenge und pnktliche Erfllung dieser Gesetze. Statt
dessen aber bietet Ruland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem
Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu
knnen, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen,
die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in
dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen
Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Wajka, Stjoschka, Palaschka
titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien fr die
Integritt der Persnlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht
einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen
aller mglicher Diebe und Ruber in mtern und Wrden gibt! Die
aktuellsten nationalen Fragen, die das Ruland von heute bewegen, sind
folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der
Prgelstrafe und die Sorge fr eine mglichst strenge Durchfhrung zum
mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fhlt sogar die
Regierung selbst (die sehr gut wei, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern
behandeln, und wie viele von den ersten alljhrlich durch die Hand der
letzten umkommen), was durch die schwchlichen, fruchtlosen und halben
Regierungsmanahmen zugunsten der weien Neger und durch die komische
Einfhrung der einschwnzigen Knute an Stelle der dreischwnzigen
Peitsche dokumentiert wird.

Das sind die Fragen, die ganz Ruland whrend seines apathischen
Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein
groer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, knstlerischen, von
tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung
Rulands zum Selbstbewutsein mitgearbeitet und ihm die Mglichkeit
gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche
auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche
unterweist, wie sie ihren Bauern mglichst viel Geld abnehmen knnen,
und sie belehrt, da sie sie mglichst viel schimpfen sollen ... Und das
sollte mich nicht empren? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben
unternommen htten, knnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser
schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, da man an die
Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein!
Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen
teuflischen Lehre erfllt wren, so htten Sie in Ihrem neuesten Buche
etwas ganz anderes geschrieben. Sie htten zum Gutsbesitzer gesagt: Da
seine Bauern seine Brder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der
Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet,
ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft
mglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die
Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen mten, wie
unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhltnis
sei.

Und dann der Ausdruck: _O du ungewaschenes Maul!_ Welchem Nosdrjow,
welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der
Welt als eine groe Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu
berliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie
ihren Brdern glauben und sich selbst nicht fr Menschen halten? Und
Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal
Sie in der trichten Redensart erblicken, da man sowohl den, der recht,
wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch
ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit hufiger den
prgelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe
loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem
Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis
eines mhsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen
geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmglich! Entweder Sie sind krank
... dann mssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich
wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute,
Apostel der Unwissenheit, Vorkmpfer des Obskurantismus und der
finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie!
Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Da Sie fr
diese Lehre eine Sttze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe
ich noch: sie war ja doch stets die Sttze der Knute und die Bediente
des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein?
Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber
der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den
Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und
Brderlichkeit verkndete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein
Martyrium bekrftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so
lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche
zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage
machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgem eine
Vorkmpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine
Feindin und Verfolgerin der Brderlichkeit unter den Menschen -- und das
ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre
Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen
Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der
in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die
Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslschte, natrlich in weit
hherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von
Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und
Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das wei
doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich
mglich sein, da Sie, der Verfasser des Revisors und der Toten
Seelen, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niedertrchtige
russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch ber die
katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wuten nicht, da
diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, whrend die erste nie etwas war,
als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten
Sie denn wirklich nicht wissen, da unsere Geistlichkeit vom ganzen
russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem
erzhlt das russische Volk obszne Anekdoten? Vom Popen, von der
Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in
Ruland der Pope fr jeden Russen der Inbegriff der Gefrigkeit, des
Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie
alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk
das religiseste Volk der Welt. Das ist eine Lge. Die Grundlage der
Religiositt ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der
Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht
... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu
ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Tpfe mit
ihnen zu.

Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich berzeugen, da dies
ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es
besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiositt.
Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die
Religiositt aber erhlt sich daneben und vertrgt sich hufig mit ihm:
ein lebendiges Beispiel dafr ist Frankreich, wo es auch heute noch
unter den aufgeklrten und gebildeten Leuten viele aufrichtige
Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben,
dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk:
mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es
viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand,
und darin liegt vielleicht gerade die Gewhr fr die Gre seiner
knftigen historischen Schicksale. Die Religiositt hat nicht einmal in
der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten
Persnlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische
kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die
Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Buche,
scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man wrde
ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religise Intoleranz und Fanatismus
vorwerfen wollte, man htte eher noch Grund, ihren vorbildlichen
Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiositt
findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem
solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich
zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fllt.

Ich will nicht nher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe
eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknpft. Ich
will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand
Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet,
die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe
stehen. Was mich persnlich anbetrifft, so berlasse ich es Ihrem
Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzckt in die Betrachtung der
gttlichen Schnheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist
sehr bequem und daher sehr -- eintrglich), nur bitte ich Sie, seien Sie
vernnftig und betrachten Sie es aus Ihrer _schnen Ferne_; aus der Nhe
gesehen ist es viel weniger schn und auch nicht so ungefhrlich. -- Ich
will hier nur eins bemerken: wenn ein Europer, besonders ein Katholik,
von dem religisen Geist ergriffen wird, wird er zum Anklger, der sich
gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die
jdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der
Mchtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt:
wenn ein Mensch (selbst ein anstndiger) von der Krankheit, die bei den
Psychiatern unter dem Namen _religiosa mania_ bekannt ist, ergriffen
wird, dann fngt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu
spenden als dem himmlischen; dabei aber bertreibt er gleich und wird so
malos, da der Gott, selbst wenn er ihn fr seinen sklavischen
Diensteifer belohnen wollte, sieht, da er sich damit vor der
Gesellschaft kompromittieren wrde. -- Wir sind halt dumme Kerle --, wir
Russen.

Hierbei fllt mir noch ein, da Sie in Ihrem Buche behaupten und es als
eine groe Wahrheit hinstellen, da Lesen und Schreiben dem einfachen
Volke nicht nur nicht ntzen, sondern sogar geradezu schaden wrde. Was
soll ich Ihnen darauf sagen?

Mge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken
verzeihen, wenn Sie nicht gewut haben sollten, was Sie sagten, indem
Sie ihn niederschrieben. -- Aber vielleicht werden Sie entgegnen: Es
ist mglich, da ich mich geirrt habe und da alle meine Gedanken falsch
sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum
will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtmer glauben? Darauf
antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Ruland
schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von
Buratschok und Genossen in erschpfender Weise vertreten worden.
Natrlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als
in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafr aber
haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel grerer Energie und mit
weit grerer Konsequenz vertreten, sie sind khn bis zu ihren letzten
Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert
und nichts fr den Satan briggelassen, whrend Sie jedem von beiden
eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprche verwickelten
und fr Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem
Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wren, um konsequent
zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem
Verderben beitragen knnen ... Wessen Hirn aber htte den Gedanken von
der Identitt Gogols und Buratschoks ertragen knnen? Sie haben sich
einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums
erobert, als da es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher berzeugungen zu
glauben vermchte. Was uns bei einem Toren natrlich vorkommt, kann uns
bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf
den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen
Strung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese
Folgerung bald wieder fallen gelassen -- denn es ist doch ganz klar, da
dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem
Monat, sondern vielleicht whrend eines ganzen Jahres geschrieben wurde,
oder da Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles
darin hngt sehr genau zusammen, selbst die nachlssige Darstellung lt
erkennen, da viel berlegung darin steckt, da es wohl durchdacht ist.
Ein Hymnus auf die hchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet,
dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu
verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gercht
verbreitete, Sie htten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem
Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon frher ist in Petersburg einer
Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon
sprechen, da man in Ruland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre
Unzufriedenheit mit Ihren frheren Schriften uern und erklren, Ihre
Werke wrden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren
fnden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, da Ihr
Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber
als Mensch geschadet hat.

Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein
Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische
Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Krfte, die nach auen
drngen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt
werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trbsinn,
Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz
der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist
auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher
wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen
literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des
Literaten haben bei uns schon lngst den glnzenden Flitter der
Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund,
weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung,
selbst bei einem geringen und drftigen Talent, auf den Lohn der
allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularitt der groen
Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Krfte aus ehrlicher berzeugung
oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des
Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel
hierfr ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertnige Gedichte zu
schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem
Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem groen
Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, da der Mierfolg Ihres
Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Hrte der Wahrheiten
zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt htten.
Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber pate das
Publikum in diese Kategorie? Wre es wirklich mglich, da Sie ihm im
Revisor, in den Toten Seelen mit geringerer Schrfe und weniger
Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die
alte Schule zrnte und grollte Ihnen ja auch tatschlich bis zur
Raserei, aber der Revisor und die Toten Seelen sind darum doch nicht
vergessen, whrend Ihr Buch schmhlich vom Orkus verschlungen wurde. Und
das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen
Schriftstellern seine einzigen Fhrer, seine Beschtzer und Erretter aus
dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher
ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein _schlechtes_ Buch zu
verzeihen, nie aber wird es ihm ein _schdliches_ Buch vergeben. Das
beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in
unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, da diese
Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Ruland lieben, so freuen Sie
sich ber die Niederlage Ihres Buches.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, da ich das
russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich
erschreckt, weil ich es fr mglich hielt, da es einen schlechten
Einflu auf die Regierung und auf die Zensur ausben, nicht aber, weil
ich daran glaubte, da es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen
knnte. Als sich in Petersburg das Gercht verbreitete, die Regierung
wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem
Preise verkaufen lassen -- wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen
jedoch sogleich, da das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und da
es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatschlich
mehr in den Aufstzen, die ber es geschrieben wurden, als durch sich
selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen
tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.

Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr
Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war uerst
unglcklich. Die Zeiten naiver Frmmigkeit sind selbst fr _unsere_
Gesellschaft lngst vorber. Sie begreift schon, da es ganz gleich ist,
wo man betet, und da nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die
ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder
verloren haben. Wer da fhig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu
leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm vllig
fremd sind, bedrckt werden, -- der trgt Christus in seiner Brust und
der braucht nicht zu Fu nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und
Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach
furchtbarer berhebung und zweitens nach einer hchst schmachvollen
Herabsetzung der eigenen Menschenwrde. Der Gedanke, sich in ein
abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut
ber alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts
oder des Schwachsinns sein und fhrt in beiden Fllen nur zur Heuchelei,
zum Pharisertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt,
sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrcken ber andere zu
uern (das wre schlielich nur eine Unhflichkeit gewesen), nein, Sie
sprechen auch so von sich selbst -- und das ist einfach hlich; denn
wenn ein Mensch, der seinen Nchsten auf die Backe schlgt, uns zur
Emprung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere
Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie
haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit
verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern
krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hlle und Teufel spricht aus
Ihrem Buch.

Und welch eine Sprache, was fr Stze sind das: Die Menschen sind heute
allzumal solch traurige jmmerliche Waschlappen geworden. Glauben Sie
wirklich, da das heit, sich biblisch ausdrcken, wenn Sie sagen, die
Menschen sind allzumal, statt alle? Welch groe Wahrheit ist es doch,
da, wenn der Mensch sich gnzlich der Lge hingibt, ihn auch Verstand
und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres
Buches stnde, wer htte gedacht, da dieser geschwollene und wirre
Wort- und Phrasenflitter -- ein Werk des Verfassers der Toten Seelen
und des Revisors sein knnte!

Was endlich mich selbst anbetrifft, so erklre ich Ihnen nochmals: Sie
haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz fr eine Frucht der
Verrgerung hielten, die durch Ihr Urteil ber mich als einen Ihrer
Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein emprt htte, dann
htte ich mich auch wirklich nur ber dies eine emprt und rgerlich
geuert und ber das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen.
Freilich ist es ganz richtig, da Ihr Urteil ber Ihre Verehrer in
doppelter Hinsicht sehr unschn war. Ich erkenne an, da es notwendig
sein kann, einem Toren zuweilen einen krftigen Schlag zu versetzen,
wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung
lcherlich macht, aber auch das ist eine _bittere_ Notwendigkeit, denn
es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen -- selbst
fr seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe -- mit Ha und
Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen
von auserlesenen Verstandesfhigkeiten, zum mindesten solche, die auch
keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung ber
Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernnftiges ber sie
gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen
und edlen Quelle, da Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde
bedingungslos htten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen
drfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben.
Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich
von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreien lieen, whrend
Wjasemskij, dieser Frst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter
den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausfhrte und eine private
Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich)
verffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie
getan, weil Sie diesen erbrmlichen Reimschmied zu einem groen Dichter
gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen
seines matten an der Erde klebenden Verses. Das alles ist nicht schn.
Da Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen mglich
sein wrde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren
zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht
geworden waren) -- das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und
htte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr
Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal
nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin
steht, und das, was darin stand, beleidigte und emprte meine Seele aufs
tiefste.

Wenn ich meinem Gefhl freien Lauf lassen wollte, wrde sich dieser
Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht,
Ihnen hierber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach
verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem ffentlich das Recht
gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere
Rcksicht kennten, als die der Wahrheit. In Ruland htte ich das nicht
tun knnen, da die dortigen Schpekins fremde Briefe ffnen, und zwar
nicht zu ihrem persnlichen Vergngen, sondern weil sie dienstlich dazu
verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses
Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und
Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute
in Gesellschaft Annenkows ber Frankfurt am Main nach Paris weiterreise.
Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Mglichkeit, Ihnen
alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr
Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzge
machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mgen Sie oder die Zeit mich
belehren, da ich mich in meinen Schlssen ber Sie geirrt habe. Ich
wrde der erste sein, der sich hierber freuen wrde, aber ich werde nie
bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine
oder Ihre Person, sondern um etwas weit Greres und Hheres, als ich
und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die
russische Gesellschaft, um Ruland.

Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schliee: wenn Sie den
unglcklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft groen Werke mit stolzer
Bescheidenheit zu verleugnen, so mssen Sie nun mit aufrichtiger Demut
Ihr letztes Buch abschwren und die schwere Schuld, die Sie durch seine
Verffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schpfungen wieder
gutmachen, die an Ihre frheren Werke erinnern.

                                         Salzbrunn, den 15. Juli 1847.


                                  IV.
                         Gogol an Bjelinski[8]

[Funote 8: Von diesem Brief ist nur das ursprngliche Konzept
vorhanden. Es umfat zwei auf Briefpapier geschriebene Hefte in
Oktavformat. Beide Hefte wurden von Gogol in Stcke gerissen, so da
jedem Heft ungefhr zehn Bltter entsprachen. Der russische Herausgeber
hat die einzelnen Stcke wieder aneinander gelegt und den ursprnglichen
Wortlaut nach Mglichkeit durch entsprechende Ergnzungen und
Einschaltungen wiederherzustellen gesucht. Die fehlenden Stellen sind
durch Punkte ersetzt.]

Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht
mit Ihren eigenen Worten: Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines
Abgrundes! Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch
verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe,
ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefat! Wie haben Sie
es ausgelegt! ... Oh, mgen die heiligen Mchte Frieden in Ihre leidende
Seele gieen! Wozu muten Sie den einmal gewhlten friedlichen Weg gegen
einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf
die Schnheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre
Seele und ihre Geisteskrfte bis zum Verstndnis alles Schnen zu
erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genieen und so
unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg htte Sie zur
Vershnung mit dem Leben gefhrt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu
segnen. Jetzt dagegen fliet Ihr Mund von Ha und Galle ber ... Wozu
muten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des
politischen Lebens, in diese trben Tageskmpfe strzen, bei denen
selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren
mu. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft
des Pulvers hat und sich schon entzndet, noch ehe Sie sich davon
berzeugt haben, was Wahrheit und was Lge ist, wie sollten Sie da nicht
die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und
auch andere mit sich in den Flammentod reien ... Oh, wie tut mir mein
Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich
mitschuldig wre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen
teilhtten? Aber nein, wenn ich alle meine frheren Werke betrachte, so
sehe ich, da _sie_ Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie
schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen
mu. Mein Spott und mein Ha galten nicht der Obrigkeit und nicht den
_hchsten_ Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den
Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen.
Nirgends habe ich ber den Kern des russischen Charakters und die
gewaltigen Krfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur ber
das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen
Charakterzgen gehrt. Mein Fehler bestand darin, da ich den Russen
noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht vllig
entfaltet, da ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen
liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn
ich den Russen auch grndlich erforscht habe und wenn mir auch eine
gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich
doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah,
da ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die
bedeutsamer und von hherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen
Werken vorkamen, und mit strkeren Charakteren aufnehmen zu knnen.
Alles konnte bertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es
auch mit diesem Buch, ber das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit
glhenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem
Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht
verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es
schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner
Verffentlichung einer Hast und bereilung schuldig gemacht, die sonst
nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das
Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder
Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu strmische Kpfe zur
Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in
diesen Strudel und diese Unordnung zu strzen, in die pltzlich alle
Dinge dieser Welt gestrzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem
Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlschen wollte. Ich bin
in bertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es
selbst nicht gemerkt. Eigenntzige Ziele aber habe ich weder frher
gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber
jetzt, wo es Zeit ist, da ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir
nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich
habe meine Armut liebgewonnen und wrde sie niemals gegen jene Gter
eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie htten doch
mindestens daran denken sollen, da ich keinen Winkel mein eigen nenne,
ja ich bin sogar darum bemht, meinen kleinen Reisekoffer mglichst zu
erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird.
Sie htten sich also hten sollen, solche beleidigende Verdchtigungen
gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den
gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt htte ... Sie entschuldigen
sich damit, da der Brief im Zustande heftiger Emprung geschrieben ist.
Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den
wichtigsten Dingen zu reden?

Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe
ihr Ziel verfehlen? -- Nein, ein jeder von uns mu daran erinnert
werden, da sein Beruf heilig ist. -- Er sollte daran denken, welch
strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der
Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt
dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, fr
Millionen zu sorgen. Ja wir mten einander sogar an die Heiligkeit
unserer Pflichten mahnen. Ohne dies wrde der Mensch in rein materiellen
Gefhlen versinken. -- Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in
Ruland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rhrt diese
Neigung zum Luxus und diese furchtbare Hufung der Laster nicht daher,
weil jeder sein _eigenes Steckenpferd_ hat? Der eine guckt nach England,
ein anderer nach Preuen, ein dritter nach Frankreich hinber; der eine
schwrt auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt
uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Kpfe
soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine
Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht,
da sich uns berall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an
sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Pltzchen verschaffen
knnte? ... Sie sagen, Rulands Heil liege in der europischen
_Zivilisation_; aber was ist das fr ein unbestimmtes uferloses Wort?
Wenn Sie doch wenigstens klar definiert htten, was man unter dem Namen
der europischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehren sowohl die
Phalanstre, die Roten und alle mglichen Kategorien anderer Leute, die
allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch
umstrzlerische destruktive Prinzipien haben, da in Europa jeder
denkende Kopf zittert und sich unwillkrlich fragt: wo ist denn nun
unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser
Zivilisation angenommen ...

Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, da ich einen Hymnus auf
unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des
Priesters der morgenlndischen Kirche solle in seinem Leben und in
seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei
Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr
viele komische Anekdoten ber sie erzhlen, aber dafr bin ich auch
solchen Priestern begegnet, ber deren heiligen Lebenswandel und ber
deren hohe Taten ich staunen mute, und ich sah, da sie Produkte
unserer morgenlndischen und nicht solche der abendlndischen Kirche
waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere
Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schndet, wohl aber auf die
Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhhen.

Wie merkwrdig ist doch meine Lage, da ich mich gegen Angriffe
verteidigen mu, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch
richten! Sie sagen, Sie htten mein Buch angeblich hundertmal gelesen,
whrend Ihre eigenen Worte davon zeugen, da Sie es nicht ein einziges
Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trgt die
Schuld, da Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da
leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von
Sophismen und unberlegter jugendlicher schwrmerischer Verirrungen auf.
Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem
geringen Fond von Kenntnissen von so groen Erscheinungen zu sprechen?
Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben
Priester, die durch ihren Mrtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus
Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer
und das Schwert des Mrders umkamen, fr den sie beteten, bis sie
schlielich ihre Henker ermdeten, so da die Sieger den Besiegten zu
Fen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese
selben Priester, diese Bischfe und Mrtyrer, die das Heiligtum der
Kirche auf ihren Schultern durch alle Fhrnisse hindurchgetragen und
gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche
Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer
Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen
Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten,
den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplndern, die sich
ein Vermgen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung -- wohin sind
Sie geraten? Sie erklren, da Voltaire dem Christentum einen Dienst
geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich
noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst _damals_ nicht fr Voltaire
geschwrmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, da Voltaire
ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Fr einen
Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwrmen, wie
berhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz
aller seiner glnzenden _Aperus_ immer nur der Franzose geblieben, der
davon berzeugt ist, da man lachend und scherzend von allen hohen
Gegenstnden sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den
Franzosen im allgemeinen gesagt hat:

   Der Franzos ist ein Kind,
   Er strzt geschwind
   Einen Thron ber Nacht,
   Schafft Gesetz und Macht,
   Ist schnell -- wie der Blitz
   Und leer wie der Witz.
   Er reizt und macht,
   Da man staunt und lacht
   -- -- -- -- -- -- --

Man kann nicht auf Grund einer oberflchlichen journalistischen Bildung
ber solche Gegenstnde urteilen. Dazu mu man die Geschichte der Kirche
studiert haben. Dazu mu man die ganze Geschichte der Menschheit
verstndnisvoll und mit berlegung aus den Quellen selbst kennen lernen
und nicht etwa aus modernen oberflchlichen Broschren, die Gott wei
wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopdische Wissen zerstreut den
Geist nur und konzentriert ihn nicht.

Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen ber den russischen
Bauern sagen -- Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und
Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott wei wie lange mit den Bauern zu
tun gehabt htten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von
Kirchen und Klstern, die das russische Land erfllen und die nicht aus
den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen
Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so berzeugende Sprache
sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg
zugebracht hat und es bestndig mit leichten Zeitungsaufstzen
franzsischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen
verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie
tricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch
kann nicht ber das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken,
da ich mehr Recht habe, ber das russische Volk zu sprechen, _als Sie_.
Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen berzeugung aller Leute,
von einer grndlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die
Schpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und
beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine
Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken
zugestanden haben. Was aber wollen _Sie_ zum Beweise Ihrer Kenntnis des
russischen Wesens anfhren? Was haben Sie geschrieben, woraus eine
solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein groer Gegenstand, und darber
knnte ich Ihnen ganze Bcher vollschreiben. Sie wrden sich schmen,
da Sie den Ratschlgen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen
plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschlge mgen eine noch so
geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen
Protest gegen die Volksbildung ... sondern hchstens einen Protest gegen
die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, whrend doch
die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur hchsten Klarheit
zu fhren. berhaupt erinnern Ihre Urteile ber die Gutsbesitzer an die
Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in
Ruland verndert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Da die
Aufsicht und Autoritt eines Gutsbesitzers, der die Universitt besucht
und folglich fr vieles ein Gefhl hat, ... weit gnstiger und
vorteilhafter fr die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstnde
gibt, ber die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem
himmelstrmenden Feuer des Jnglings oder Ritters darber reden ...
berhaupt bemht man sich bei uns weit mehr um die nderung der Namen
und der Ausdrcke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich
schmen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere
Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrckung zu
sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man gefhrt, wenn man eine
falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.

Sodann bin ich auch ber das khne Selbstvertrauen und die Sicherheit
erstaunt, mit der Sie erklren: Ich kenne unsere Gesellschaft und den
Geist, der sie beseelt. Wie kann man fr dies sich jeden Augenblick
verwandelnde Chamleon einstehen? Durch welche Tatsachen knnen Sie
beweisen, da Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie
dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, da Sie ein
tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den
Menschen und der Welt in Berhrung kommen, der Sie das friedliche Leben
eines Journalisten fhren und stets nur mit Feuilletonartikeln
beschftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren
Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine
Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle
hinein, die ber alles in der Welt und die ganze Menschheit reden,
whrend es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kmmern
sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfllen, dann wrde
es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen
unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlssigen
und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ...
ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen
begegnet, die ber diese Sache vllig die Orientierung verloren haben.

Viele denken, wenn sie sehen, da die Gesellschaft sich auf einem Abweg
befindet und da die Dinge immer verworrener werden, da man die Welt
durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, da man sie
in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern knne. Andere
glauben, man knne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmigen
Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die
Gesellschaft wirken. Das sind Trume! Abgesehen davon, da selbst die
gelesensten Bcher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die
Frchte ... wenn berhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art,
als der Autor glaubt; vielmehr sind sie hufig so beschaffen, da er
entsetzt vor ihnen zurckweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von
selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten mu
ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch mu eingedenk sein, da
er nichts weniger als ein Stck Materie, da er kein Vieh ist, sondern
ein hoher Brger des hohen himmlischen Brgerreichs, und so lange nicht
ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen
Brgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen
Gemeinwesen keine Ordnung geben.

Sie sagen, Ruland htte lange vergeblich gebetet. O nein, Ruland hat
im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es
1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder
nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle
brigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei
jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfnden, um nur
allen Komfort zu genieen, den uns die europische Zivilisation samt all
ihren Torheiten beschert hat.

Nein, lassen wir diese Trume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht
tun. Wir wollen uns bemhen, unsere Talente nicht in der Erde zu
vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausben. Dann wird
alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst
bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Gter zurckkehren. Die
Beamten werden erkennen, da man kein ppiges, verschwenderisches Leben
zu fhren braucht, und werden aufhren, Geschenke anzunehmen. Die
Ehrgeizigen aber werden sehen, da eine hohe Stellung weder mit einem
hohen Gehalt, noch mit groen Geldeinnahmen verknpft ist ... weder sie
noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frhere
Ttigkeit zu erinnern. Der Literat lebt fr die Wahrheit. Er soll der
Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Ha
und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch
einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die
erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Ttigkeit laugt
die Seele aus, man entdeckt pltzlich eine innere Leere in sich. Denken
Sie daran, da Sie nur eine oberflchliche Bildung genossen und nicht
einmal die Universitt beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektre
groer Werke und nicht durch Beschftigung mit modernen Broschren
wieder gut, die aus einem erhitzten Gemt entspringen, das von der
geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.


                                   V.
       Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle
                          aufgefunden worden ist

Sie haben meine Worte ber das Lesen und Schreiben ganz buchstblich
verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese
Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte
sind. Es kam mir beinahe komisch vor, da Sie aus diesen Worten den
Schlu ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung
bekmpfen; als ob jetzt davon die Rede wre -- wo das doch eine Frage
ist, die unsere Vter lngst gelst haben! Unsere Vter und Grovter
haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, da die
Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja
gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie
man erst _die_ Menschen aufklren knne, die in nahem Verkehr mit dem
Volke stehen, und _dann erst_ das Volk selbst. Alle diese kleinen
Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben knnen und
sich dabei doch soviel Mibruche zuschulden kommen lassen ... Glauben
Sie mir, es ist viel notwendiger, da wir die Bcher, die Ihrer Ansicht
nach so ntzlich fr das Volk sind, fr diese Leute herausgeben. Das
Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und
schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bcher fr diese Leute
herauszugeben, Bcher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit
dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen mu --
nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte
ausdrcken: _Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich_ oder Denke
daran, da deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du --
sondern, die sie belehren, wie man es anfngt, nicht zu stehlen, und da
das Recht wirklich eingehalten werde ...


                                  VI.
                      Gogol an W. G. Bjelinski[9]

[Funote 9: Dieser Brief stellt Gogols Antwort auf Bjelinskis oben
mitgeteiltes Schreiben dar. Es ist offenbar ein zweiter Brief, den Gogol
an Stelle des oben abgedruckten ersten, spter in Stcke gerissenen,
geschrieben hat.]

                                         Ostende, den 10. August 1847.

Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz
matt, ich fhle mich in meinem tiefsten Inneren erschttert. Ich kann
wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs
schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich
habe Ihren Brief beinahe in einem zustande vlliger Gefhllosigkeit
gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und
was htte ich auch antworten sollen! Gott wei, vielleicht enthalten
Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, da ich
gelegentlich meines Buches ungefhr fnfzig verschiedene Briefe erhalten
habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute,
die dieselbe Ansicht ber einen Gegenstand haben: was der eine verwirft,
das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle
und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich
aus alledem entnehmen zu knnen glaubte, war die, da ich Ruland
berhaupt nicht kenne, da sich sehr vieles verndert hat, seit ich
nicht mehr dort war, und da man heute beinahe alles, was es dort gibt,
von neuem kennen lernen mu, und daraus zog ich fr meinen Teil
folgenden Schlu: da ich nichts mehr verffentlichen und vor das
Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie,
noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in
Ruland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von
vielem berzeugt und vieles mit eigenen Hnden befhlt haben werde. Ich
sehe, da viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und
manche Seiten des Lebens nicht bercksichtigt zu haben, selbst in vielen
Punkten eine groe Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, da
sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben.
Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle
Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen,
da nicht jeder von uns die gegenwrtige Zeit versteht, eine Zeit, in
der der Geist vlliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je
zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein:
jedes Ding will bercksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern
einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in
bertreibungen und Malosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die
andere Seite sofort derselben bertreibungen und Malosigkeiten schuldig
macht. Die gegenwrtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernnftiger
berlegung: ohne sich zu erhitzen, wgt sie alles ab und zieht sie alle
Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmglich, die
rechte Mitte, das vernnftige Ma der Dinge kennen zu lernen. Sie
verlangt von uns, da wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des
Greises, und da wir nicht mit dem heien Draufgngertum der alten
Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenber sind wir reine Kinder.
Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere
Zeit nicht erfllt. Ich wenigstens bin mir darber klar, aber sind auch
Sie sich dessen bewut? Ebenso wie ich die gegenwrtigen Dinge und viele
Umstnde bersehen habe, die ich htte bercksichtigen mssen, ebenso
haben auch Sie vieles bersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst
zurckgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch
vieles kennen lernen mu, was Sie schon wissen und was ich nicht wei,
so mten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich wei
und was Sie zu Unrecht vernachlssigt und bersehen haben. Jetzt aber
denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen
Probleme fr eine Weile. Sie werden spter mit grerer Frische und also
auch mit grerem Nutzen fr Sie selbst wie fr die Probleme zu diesen
zurckkehren. Ich wnsche Ihnen von ganzem Herzen, da Ihnen jener
Seelenfriede zuteil werde, der unser hchstes Gut ist, ohne den man
nicht wirken und auf keinem Gebiete vernnftig handeln kann.

                                                             N. Gogol.




                                Nachtrag


                           Band VII und VIII
            Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden

(Die wrtliche bersetzung des Titels lautet: _Ausgewhlte Stellen_ aus
dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von
Stcken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, fate Gogol bereits im
Beginn des Jahres 1845; an die Ausfhrung seiner Idee ging er jedoch
erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte,
unterzog er smtliche Stcke, die er in Buchform herauszugeben gedachte,
einer grndlichen Korrektur und berarbeitung. Zu allererst wurde das
VII. Kapitel: _ber Schukowskis bersetzung der Odyssee._ An W. M.
Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) fr den Druck umgearbeitet, redigiert
und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Verffentlichung in dessen
Zeitschrift gesandt. -- Am 30. Juli desselben Jahres erhlt Pletnjew von
Gogol aus Schwalbach: _Die Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) und die
ersten sechs Stcke des Briefwechsels zugeschickt. Zwischen dem 13.
und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufstze (Nr. 8-14,
Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils -- gleichfalls
aus Ostende -- nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite
151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes
Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3.
Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem
Aufsatz: An _einen hochgestellten Mann_ ein (Band VII, Nr. 28, Seite
323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die
Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10.
Kapitel: _ber das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski
(Band VII, Seite 85 ff.).

Die _Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden_ erschien im
Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18.
August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das
erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung:
der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel
nicht gestatten; daher muten fnf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28
(Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gnzlich wegfallen. Diese
Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen spter
in der Gesamtausgabe von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von
_Tschischow_ veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten
Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.

Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846,
die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen
Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den
Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen. Die neue
vernderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: Diese Bedeutung
des Herrschers wird allmhlich auch in Europa ... (Band VII, Seite 100,
Zeile 3 v. o.) und schliet mit dem Satze: daher nehmen ihre Tne einen
biblischen Charakter an (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir
lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach
dem Manuskript nachtrglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols
abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): Die souverne Gewalt
des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem
Mae, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch
wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen
Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen
genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die
Notwendigkeit einer hchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze
Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle hchsten
Vorzge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott hnlich machen, in
Erscheinung treten lt -- jene hchsten kollektiven Attribute und
Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze
Million wie einen Menschen liebgewinnen -- das ist weit schwerer, als
nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so
intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an
die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf
die Rettung der eigenen Familie hofft, -- das kann nur _der_ in vollem
Mae, dem dies zum unerschtterlichen Gebot gemacht ward und der da
fhlt, da er fr die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso
furchtbare Rechenschaft wird ablegen mssen, wie jedes einzelne
Individuum fr die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen
Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese hchste leitende
Obergewalt dahinfiele -- so wrde der menschliche Geist verarmen. Diese
souverne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb
angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den
Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt -- ist eine Torheit,
wenn der Monarch nicht fhlt, da er das Abbild Gottes auf Erden sein
soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen
Handlungen nicht mehr zurechtfinden knnen, besonders bei der
gegenwrtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur
Erkenntnis kommt, da er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes
zu sein, wird fr ihn alles klar und deutlich werden und wird auch
Klarheit in sein Verhltnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er
sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine
Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie berhaupt keinen von
den Frsten, denen die Welt den Namen des Groen beilegt, und deren
Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhltnisse und Umstnde
auer der kniglichen Wrde auch noch die Rolle eines Feldherrn,
Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine
einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkrpern, was die unbedeutenderen
Nachahmer irreleitet und so viele Frsten in Versuchung fhrt. Er wird
sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus
der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch
deutlicher in der Geschichte _des_ Volkes in Erscheinung treten, das
Gott dazu auserwhlt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den
Knigen zu zeigen, wie regiert werden mu. Und wie wahrhaft gttlich hat
Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Vlker
zu lieben! Mit welch vterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und
mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und
Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geiel wider Sein Volk!
Wie beeilte Er Sich Selbst _dann_ noch nicht, als die Gottlosigkeit und
die Snden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach:
>Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und
die Sndhaftigkeit wirklich so gro sind!< Und wer war es, der so
sprach? Der Allwissende, fr alles Sorgende, der die Knige dieser Erde
zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht
deshalb verhngte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja
gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es _sehr_ schwer
ist, ihn zu erretten, und um seine gefhllose Natur durch eine starke
Erschtterung und ein Weckmittel aufzurtteln, ihm die ganzen Schrecken
des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu fhren
und ihn dadurch zu mahnen, da es noch Zeit wre, an seine Rettung zu
denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner
unberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf da
der schwache und ohnmchtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm
doch Seine Propheten, da sie erfllt von Liebe zu ihren Brdern und,
nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verstndlich war,
sie zur Besinnung brchten; Er, der sich entschlo, da Er endlich sah,
da alles vergeblich war, da nichts sie zur Vernunft bringen knne und
da es kein Mittel gbe, die Menschen Seiner unabwendlichen
Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst fr alle zum Opfer zu bringen,
um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen
und den Menschen zu beweisen, da eine solche Liebe hher ist, denn
alles, was es gibt, da sie an sich selbst die hchste himmlische
Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt fr den, der vor den
Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er
ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Knige zu
unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schpfer alles
Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die
Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Knige David und Salomo, die mit
ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in
ihrem Knigstume das weise Zusammenwirken zweier Mchte -- der
geistlichen und weltlichen -- verkrperten, und zwar in der Weise, da
nicht blo keine von beiden die andere strte und hemmte, sondern da
sie sich gegenseitig noch strkten und befestigten. So enthlt das
heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses
vllig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe
zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe
ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten
Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch
noch in den erhabensten uerungen seiner Ttigkeit gegenber allen
Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine
vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst
findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europischen
Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr
geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Tne auch einen biblischen
Charakter an.

Der ursprngliche Text der Aufstze und Privatbriefe Gogols an seine
Freunde, die in dem Briefwechsel Aufnahme fanden und erst nach einer
durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Verffentlichung an
Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der
Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stcke um so geringer,
je mehr wir uns der ersten Hlfte des Jahres 1843 nhern. Von den
Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die
Ausgewhlten Stellen aus seinem Briefwechsel fr wrdig erachtet. Aus
dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwrfe folgender Artikel:

1) _ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen_ (Band VII, Nr.
5, Seite 43) und

2) _Die drei ersten Briefe ber die Toten Seelen_ (Band VII, Nr. 18,
Seite 175).

Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufstze und Briefe:

1) _Diskussionen._ Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite
111.)

2) _Liebt unser russisches Vaterland._ Aus einem Briefe an den Grafen A.
T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stck stammt aus der zweiten
Hlfte des Jahres 1844.

3) _Etwas ber die Bedeutung des Worts._ (Band VII, Nr. 4, Seite 35.)
Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844
niedergeschrieben.

4) _Wie man den Armen helfen soll._ Aus einem Briefe an A. O.
Sm--rn--wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844
niedergeschrieben.

5) _ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit._ Zwei Briefe
an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom
2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.

6) _An einen kurzsichtigen Freund._ (Band VII, Nr. 27, Seite 317.)

Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stcke:

1) _ber Schukowskis bersetzung der Odyssee._ An N. M. Jasykow. (Band
VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben
ist.

2) _An einen hochgestellten Mann._ (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die
Idee zu diesem Schreiben rhrt vom Ende des Jahres 1844 her.
Niedergeschrieben wurde es im Februar und Mrz des Jahres 1845.

3) _Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das Theater und von
der Einseitigkeit berhaupt._ An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr.
14, Seite 129) -- ist im Mrz und April 1845 niedergeschrieben.

4) _Lernt Ruland kennen._ Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band
VII, Nr. 20, Seite 209) -- stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des
Jahres 1845?).

5) _Mein Testament_ (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?)
1845.

6) _ber lndliche Pflege und Gerichtsbarkeit_ (Band VII, Nr. 25, Seite
301).

7) _Wessen Los auf Erden das beste ist._ Aus einem Briefe an U. (Band
VII, Nr. 29, Seite 359.)

Mehr als die Hlfte der Briefe, die in die Auswahl aus dem Briefwechsel
mit meinen Freunden aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In
einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: Whrend
dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere
seelische Leiden gesellt haben, war ich gentigt, einen so regen
Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie gefhrt habe.
Und wie mit Absicht war dies beinahe fr alle, die meinem Herzen
nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschtterungen. Sie
alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und
verlangten Rat und Hilfe von mir (vgl. Band VII, Seite 163 ff.).
Whrend der letzten Zeit, fhrt Gogol fort, kam es sogar vor, da ich
Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gnzlich unbekannt waren, und
da ich ihnen Ratschlge erteilen konnte, die ich frher nie htte
erteilen knnen. Am meisten von Krankheit geqult war Gogol in den
ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr
schwere Zeit fr ihn. Gogol arbeitete whrend dieser Monate intensiv an
der Auswahl aus dem Briefwechsel. Gleichzeitig brauchte er eine Kur,
machte er Reisen, war er von schweren Sorgen geqult und mute sich um
Dinge kmmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung
hatten. Zugleich aber mute er zahlreiche, sehr verschieden geartete
Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlberlegter
Weise beantwortet sein wollten. Hchstwahrscheinlich erfolgte die
Antwort auf einzelne Briefe vor der ffentlichkeit, d. h. in der
Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden, und es wre
vergeblich, nach dem ursprnglichen Text der Briefe, die unmittelbar an
die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. Auf Ihren langen Brief,
schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Grfin ***, ... antworte ich ...
nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, _in
einem gedruckten Buche_, das vielleicht von der Hlfte aller Menschen in
Ruland, die da lesen knnen, gelesen werden wird (vgl. Band VII, Seite
309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der Auswahl waren
unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er
sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es
ist daher heute noch fr den grten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die
in der Auswahl enthalten sind, kaum mglich, die chronologische
Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage
beantworten lt, ob _schriftliche_ Antworten auf die an Gogol
gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht
ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem
Briefwechsel usw. aufgenommen wurde.

Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufstze der Auswahl:

1) _ber das Lyrische bei unseren Poeten._ An W. A. Schukowski. (Band
VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stck wurde 1845 niedergeschrieben und
1846 nochmals umgearbeitet.

2) _Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags und bei den
heutigen Zustnden in Ruland sein kann._ (Band VII, Nr. 24, Seite 291.)
Dieses Stck stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint
unmittelbar fr den Druck bestimmt gewesen zu sein.

3) _Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit._ Aus einem
Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und

4) _ber denselben Gegenstand._ Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T.
(Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hlfte des
Jahres 1846.

5) _Der Historienmaler Iwanow._ An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23,
Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder Mrz dieses Jahres an den
Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachtrglich, d. h. im August oder
September, nochmals fr den Druck umgearbeitet.

7) _Karamsin._ Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13,
Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846
niedergeschrieben.

8) _ber die Aufklrung._ An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite
167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres.

9) _Was eine Gouverneursgattin ist._ An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21,
Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten
Juli-Hlfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer
verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im
September 1846 und 1847 fr die Drucklegung nochmals umgearbeitet.

10) _Rulands Schrecken und Grauen._ An die Grfin *** (Band VII, Nr.
26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben.

11) _Wesen und Eigenart der russischen Poesie._ (Band VII, Nr. 31, Seite
369.) Dieser Aufsatz wurde whrend dreier Epochen geschrieben, er ist
1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 fr die Drucklegung
vollendet.

12) _Die Frau in der vornehmen Welt._ An Frau ***. (Band VII, Nr. 2,
Seite 21.)

13) _Der Christ schreitet vorwrts._ An Schtsch--w. (Band VII, Nr. 12,
Seite 117.)

14) _Ratschlge._ An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.)

15) _Der vierte Brief ber die Toten Seelen._ (Band VII, Nr. 18, IV,
Seite 199.)

16) _Der russische Gutsbesitzer._ An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite
255.) Die Originalmanuskripte der letzten fnf Briefe sind unbekannt.
Wahrscheinlich sind diese Stcke gleich fr die Auswahl geschrieben.
Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am
13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils,
der fnfte am 26. September.

Die _Vorrede_ (Band VII, Seite 1 ff.) zur Auswahl stammt aus dem
August des Jahres 1846.

Der Aufsatz: _Auferstehungstag_ (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trgt kein
Datum.

                   *       *       *       *       *

Der Brief an _Arkadius Ossipowitsch Rosetti_ (Band VIII, Nr. 1, Seite 1)
ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt.

_ber den Zeitgenossen_; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11),
ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert.

_Die Beichte des Dichters_ (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847
begonnen und noch in demselben Jahre vollendet.

Der Brief an _W. A. Schukowski_ (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am
10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski
gesandt.

_Die Betrachtungen ber die Heilige Liturgie_ (Band VIII, Nr. 5, Seite
115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris
konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem
(d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachtrglich wurden sie noch bis
zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].

_Hans Kchelgarten._ Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich
bereits whrend seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach
Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) lie er das Werk unter dem
Pseudonym _W. Alow_ drucken und gab es den Buchhndlern in Kommission.
Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi
offenkundig abgelehnt.

[Funote 10: 1911 ist eine deutsche bersetzung von K. von Mickwitz in
Rendsburg (Heinrich Mller Shne) erschienen, die dem Herausgeber bei
der vorliegenden Ausgabe, besonders fr die Ermittlung der Bibelzitate,
wertvolle Dienste geleistet hat.

Die bibliographischen Anmerkungen und Lesarten zu den bisher
aufgefhrten Schriften sind der Ausgabe von Tichonrawow und Schenrock
entnommen.]

_Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski._ (Band VIII, Seite
369.)

Dieser Briefwechsel mit dem berhmten russischen Kritiker Wissarion
Bjelinski bildet eine wichtige Ergnzung zu der Auswahl, da er ein
helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen
ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit
dem Buche verfolgte, schrfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung
zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausbte. Die
Auswahl aus dem Briefwechsel bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols
Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der
Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der
Toten Seelen setzt jene innere Krise ein, die so verhngnisvoll fr
Gogols Schaffen und sein persnliches Schicksal werden sollte. Der
Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der
Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmhlich
bis zu einer selbstqulerischen Melancholie, die das ganze menschliche
Tun einseitig in den Blickpunkt der religisen Zielsetzung einstellte.
Der religis-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der
dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer
mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem
Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher
Gre und Schnheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den hchsten
Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drngt sich immer krftiger jener
rckwrtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen
Lebensauffassung vor, die in der demtigen Unterwerfung unter die
gottgewollten Bindungen, in ihrer fgsamen Hinnahme den Sieg der Tugend
und damit die Selbsterlsung aus der Wirrnis und den Unzulnglichkeiten
der menschlichen Zustnde erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den
Briefwechsel zu dem Grundbuch des rckstndigen Ruland machen, zu dem
Arsenal aller reaktionren Ideologien, die auf alle folgenden
Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und
neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu
Gogols Zeit der strmische Protest der europisch gesinnten russischen
Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief
Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht
gerecht. In seinem prachtvollen Emprungsausbruch bersieht Bjelinski
die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und
fr die der Zensor ein feineres Verstndnis zeigte, als er nicht
unbetrchtliche Teile aus dem Briefwechsel herausstrich, ebenso wie
Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und
knstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck
finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine hhere
geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen
kommender groer Ereignisse erfllten Zeit, die schon den groen
Frhlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rstete,
mute Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk
eines finsteren rckwrtsdrngenden Geistes erscheinen.

Die Emprung ber das Buch war allgemein, nicht allein bei den
sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei
Gogols nchsten Freunden, die ber den hochmtigen lehrhaften Ton, den
Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 verffentlichte
Bjelinski im zweiten Heft des Sowremjennik (Zeitgenossen) eine
auerordentlich ungnstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrcksichten
eines mavollen Tones befleiigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis
Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste
verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht
erklren konnte, war er geneigt, ihn auf persnliche Motive
zurckzufhren, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem
Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.

Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in
Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem
Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfate jenen berhmten
Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so groe Rolle in dem geistigen
Freiheitskampf Rulands gespielt hat.

Dieser Brief ist das Manifest des revolutionren Ruland geworden. Zwei
weltgeschichtliche Gegenstze stoen hier in heftigem Zusammenprall
aufeinander. Europertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre
groe Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie
Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autoritt
auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel
gekmpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der
Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend
Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den
entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der
den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln
wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Blo
der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der
Rache des Despotismus. Muten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch
Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich
weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht
hatten. So kmpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski
noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunchst noch mit
geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Ruland gnzlich verboten.
Alexander Herzen verffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London
erscheinenden Polarstern. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872
auch in Ruland auszugsweise unter Weglassung der schrfsten Stellen
nachgedruckt. Der vollstndige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek
Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt
in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der
russischen Revolution.


                Chronologische Tabelle der Werke Gogols

   Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen
         sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.

   Hans Kchelgarten                                  (um 1828)   [VIII]
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
   I. Teil                                                 1831    [III]
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
   II. Teil                                                1832    [III]
   Arabesken                                               1834     [VI]
   Mirgorod, Teil I und II                                 1834     [IV]
   ber die Strmungen der Zeitschriftenliteratur          1835     [VI]
      der Jahre 1834-1835
   Der Revisor                                             1836      [V]
   Die Equipage                                            1836     [IV]
   Die Nase                                                1836     [II]
   Petersburger Skizzen                                    1837     [VI]
   Italienische Sommernchte                               1839     [VI]
   Szenen aus einer unvollendeten Komdie -- Der      1832-1842      [V]
      Morgen eines vielbeschftigten Herrn -- Der
      Proze -- Das Vorzimmer -- Fragment
   Eine Heiratsgeschichte                             1833-1842      [V]
   Die Toten Seelen, I. Teil                          1835-1842      [I]
   Die Spieler                                        1836-1842      [V]
   Nach dem Theater                                   1836-1842      [V]
   Das Portrt                                        1837-1842     [II]
   Der Mantel                                         1839-1842     [II]
   Rom                                                1839-1842     [VI]
   Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden        1846  [VII u.
                                                                   VIII]
   Die Beichte des Dichters                                1846   [VIII]
   Betrachtungen ber die Heilige Liturgie            1845-1848   [VIII]
   Brief an Schukowski                                     1848   [VIII]
   Die Toten Seelen, II. Teil                         1845-1852     [II]


                      Inhalt des siebenten Bandes

   Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden I                      Seite
   Vorrede                                                             1
   I Mein Testament                                                    9
   II Die Frau in der vornehmen Welt                                  21
   III Die Bestimmung der Krankheiten                                 30
   IV Etwas ber die Bedeutung des Wortes                             35
   V ber den ffentlichen Vortrag russischer Dichtungen              43
   VI Wie man den Armen helfen soll                                   49
   VII ber Schukowskis bersetzung der Odyssee                       55
   VIII Einige Worte ber unsere Kirche und unsere Geistlichkeit      73
   IX ber denselben Gegenstand                                       79
   X ber das Lyrische bei unseren Poeten                             85
   XI Diskussionen                                                   111
   XII Der Christ schreitet vorwrts                                 117
   XIII Karamsin                                                     123
   XIV Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht ber das           129
      Theater und von der Einseitigkeit berhaupt
   XV ber die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit          151
   XVI Ratschlge                                                    161
   XVII ber die Aufklrung                                          167
   XVIII Vier Briefe an verschiedene Personen ber die Toten        175
      Seelen
   XIX Liebt unser russisches Vaterland                              203
   XX Lernt Ruland kennen!                                          209
   XXI Was eine Gouverneursgattin ist                                227
   XXII Der russische Gutsbesitzer                                   255
   XXIII Der Historienmaler Iwanow                                   271
   XXIV Was die Frau ihrem Manne im huslichen Leben des Alltags     291
      und bei den heutigen Zustnden in Ruland sein kann
   XXV ber lndliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit               301
   XXVI Rulands Schrecken und Grauen                                307
   XXVII An einen kurzsichtigen Freund                               317
   XXVIII In einen hochgestellten Mann                               323
   XXIX Wessen Los auf Erden das beste ist                           359
   XXX Ein Geleitspruch                                              363
   XXXI Wesen und Eigenart der russischen Poesie                     369
   XXXII Auferstehungstag                                            447


                        Inhalt des achten Bandes

   Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden II                     Seite
   An Arkadius Ossipowitsch Rosetti                                    1
   ber den Zeitgenossen (Sowremjennik)                             11
   Die Beichte des Dichters                                           33
   An W. A. Schukowski                                               101
   Betrachtungen ber die Heilige Liturgie                           115
   Einleitung                                                        121
   Das Offertorium (_Proscomidia_)                                   125
   Die Liturgie der Katechumenen                                     145
   Die Liturgie der Glubigen                                        169
   Schlu                                                            217
   Jugendschriften                                                   223
   1834                                                              225
   ber eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken                  231
   Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzhlung Der               235
      schreckliche Eber
   I Der Lehrer                                                      237
   II Der Erfolg der Gesandtschaft                                   251
   Das Weib                                                          263
   Fragmente
   Gedichte und poetische Versuche                                   275
   Sturm                                                             277
   Albumblatt                                                        279
   Hans Kchelgarten                                                 283
   Beilage: Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
   I Gogol an Bjelinski                                              349
   II Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch                 355
   III Bjelinskis Brief an Gogol                                     361
   IV Gogol an Bjelinski                                             381
   V Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle       395
      aufgefunden worden ist
   VI Gogol an W. S. Bjelinski                                       399
   Nachtrag                                                          405


                             Berichtigungen

Zu Band V, Seite 479, Zeile 5 von unten: Proze. Das Bedientenzimmer
usw. statt _Bedientenzimmer_ lies _Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).

Seite 480, Zeile 2 von unten statt _Die Bedientenstube_ lies _Das
Vorzimmer_ (Die Bedientenstube).

Zu Band VI, Seite 538, Zeile 6 statt 1835 lies 1836.


                 Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt, teilweise
unter Verwendung der russischen Originaltexte (vorher/nachher):

   ... Deutsch von Ullrich Steindorf ...
   ... Deutsch von Ulrich Steindorff ...

   [S. 1]:
   ... An Arkadius Ossipowitsch Rossetti ...
   ... An Arkadius Ossipowitsch Rosetti ...

   [S. 13]:
   ... auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse. Wir ...
   ... auf: warum heit die Zeitschrift Der Zeitgenosse? Wir ...

   [S. 15]:
   ... lie. Mein hartnckiges Zureden und mein Verspechen, ...
   ... lie. Mein hartnckiges Zureden und mein Versprechen, ...

   [S. 37]:
   ... sowie ferner mit dem Unterschied, das sich dies alles in ...
   ... sowie ferner mit dem Unterschied, da sich dies alles in ...

   [S. 64]:
   ... wrden, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und ...
   ... wrde, Aufzeichnungen ber sich selbst zu machen, und ...

   [S. 101]:
   ... An W. A. Schukkowski ...
   ... An W. A. Schukowski ...

   [S. 156]:
   ... Nachdem die Lobhymmen beendigt sind, beginnen die ...
   ... Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die ...

   [S. 159]:
   ... ausdrucksvoll, so da jedes Wort einem jeden vernehmich ...
   ... ausdrucksvoll, so da jedes Wort einem jeden vernehmlich ...

   [S. 179]:
   ... alle Tage unseres Lebens. Und im vollen Bewusein ...
   ... alle Tage unseres Lebens. Und im vollen Bewutsein ...

   [S. 183]:
   ... an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer Himmels ...
   ... an Gott den Vater, den allmchtigen Schpfer des Himmels ...

   [S. 184]:
   ... dem heiligen Hochalter, der den heiligen Abendmahlstisch ...
   ... dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch ...

   [S. 372]:
   ... behaupten nnd es als eine groe Wahrheit hinstellen, ...
   ... behaupten und es als eine groe Wahrheit hinstellen, ...

   [S. 378]:
   ... Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit und getan, ...
   ... Sie haben dies natrlich aus Unvorsichtigkeit getan und, ...

   [S. 411]:
   ... um um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...
   ... um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit ...

   [S. 417]:
   ... ber den Zeitgenossen; (Sowremjennik); ...
   ... ber den Zeitgenossen; (Sowremennik); ...

   [S. 427]:
   ... Das Offertorium (Prosconidia) | 125 ...
   ... Das Offertorium (Proscomidia) | 125 ...






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Hans Kchelgarten, by Nikolaj Gogol

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START: FULL LICENSE

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Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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