The Project Gutenberg EBook of Die hliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger

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Title: Die hliche Herzogin

Author: Lion Feuchtwanger

Release Date: May 9, 2019 [EBook #59464]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HLICHE HERZOGIN ***




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                           Lion Feuchtwanger
                         Die hliche Herzogin


                  Dieses Buch wurde als zweiter Band
                  der fnften Jahresreihe fr die
                  Mitglieder des Volksverbandes der
                  Bcherfreunde hergestellt und wird
                  nur an diese abgegeben. Den Einband
                  zeichnete Walter Wellenstein


                           Nachdruck verboten
           Copyright 1923 by Volksverband der Bcherfreunde,
                  Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin




                         Die hliche Herzogin


                                 Roman
                                  von
                           Lion Feuchtwanger


                     Volksverband der Bcherfreunde
                      Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
                              Berlin 1923




                              Erstes Buch




Zwischen der Stadt Innsbruck und dem Kloster Wilten auf weitem, freiem
Blachfeld hoben sich Gezelte, Fahnenstangen; Tribnen waren
aufgerichtet, eine Art Rennbahn abgesteckt fr Turniere und andere
sportliche Spiele des Adels. Fr viele tausend Menschen war Raum
geschaffen, Bequemlichkeit, Vorbereitung zur Kurzweil. Schon das zweite
Jahr bedeckten diese Zelte die Felder von Wilten, wartend auf die groe,
prchtige Hochzeit, die Heinrich, Herzog von Krnten, Graf von Tirol,
Knig von Bhmen, ausrichten wollte. Die Klosterbrder sorgten dafr,
da der Wind die Zelte nicht schdige, da die Arena fr die sportlichen
Spiele nicht zuwachse, da die Tribnen nicht zusammenmorschten. Aber
das Fest zgerte sich hinaus, der zweite Hochzeitsplan schien sich
ebenso zerschlagen zu haben wie der erste. Die Brger von Innsbruck, die
Mnche von Wilten schmunzelten, die Berge schauten gleichmtig herunter.
Die Frauen der Innsbrucker spazierten zwischen den feinen, bunten
Leinwnden, die Kinder spielten Haschen ber die Tribnen hin,
Liebespaare benutzten die Zelte zu willkommenem Versteck.

Der alternde Knig Heinrich -- ganz Europa lie ihm gutmtig und ohne
Spott den Knigstitel, trotzdem er sein Knigreich Bhmen lngst
verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum
Krnten besa --, ritt mimutig zwischen den Zelten. Er hatte in der
Abtei Wilten ein kleines Frhstck genommen, gebackene Forellen in
Ingwer gesotten, Hhner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und
Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene
Kche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener,
gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den
Nuancen der Kche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem Knig, hatte
es nicht geschmeckt, und whrend sonst nach dem Essen seine Laune sich
zu heben pflegte, war sie jetzt noch trber als zuvor. Er ritt das
kleine Stck Weges nach Innsbruck ohne Rstung. Die knappe, modische
Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat
zu Monat fetter. Aber er war ein weltmnnischer, ritterlicher Herr; er
sa prchtig auf seinem edlen, geschmckten Pferd und lie sich von den
unmig langen, weiten rmeln nicht behindern.

Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwnde, lie
sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurckgeblieben, der
Knig ritt allein, langsam, lssig. Beschaute verdrielich die
weitlufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen
schlaff, trg und fett, der Mund baute sich vor, gro, hlich, mit
gewulsteter, mchtiger Unterlippe. Seine hellen, wsserigen Augen gingen
verrgert ber die Stadt aus Leinen, ber die Tribnen, die Schranken
der Arena. Er war gewi ein gutmtiger, vertrglicher Herr. Aber
schlielich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der
Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal
die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen -- ihn zum zweitenmal
sitzen lassen.

Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in
starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war
er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht bse; es fiel ihm
berhaupt schwer, jemandem bse zu sein. Johann hatte ihn schmhlich aus
Bhmen hinausgejagt, so da von seinem Knigtum nur der leere Titel
blieb; aber er hatte sich von dem liebenswrdigen, eleganten Mann
mhelos wieder vershnen lassen, als der ihm finanzielle Entschdigung
und die Hand seiner schnen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der
Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu
der Heirat berreden konnte, hatte er weiter kein groes Gewese gemacht
und sich bereit erklrt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der
Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch
da jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomustag, an dem
sie hatte eintreffen sollen, war lngst vorbei; Johanns liebe Muhme von
Brabant war nicht gekommen, die schnen Zelte auf den Wiltener Feldern
warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewi wieder eine zierlich
gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich Knig Heinrich
nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines
vielgeprften christlichen Knigs hat ihr Ma und Ziel.

Er wippte rgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte
sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im
Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mute man
zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug,
ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in
Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch
nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider -- man brauchte zwei
Diener, um sie ber die Glieder zu zerren -- aus vielfarbigem Stoff, mit
Schachbrettflicken besetzt, weite rmel, fast bis zu den Knien
herabhngend. Er selber, Knig Heinrich, legte grtes Gewicht auf
modisches Auftreten; doch der Luxemburger -- es war nicht zu bestreiten
-- war ihm ber. Alle die bhmisch-luxemburgischen Herren -- wie sie es
nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen knnen! -- hatten auch
bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle
des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit
seinem frhesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte
gewesen war. Es hatte ihn wirklich berrascht und ihm imponiert, wie
sicher und selbstverstndlich der Luxemburger ber Nacht in die neue
Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung
mit Johann nur ber Fragen der Mode gesprochen, dazu ber Frauen,
Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschftlichen
Fragen der Hochzeit seinen Rten berlassen. Seine Herren, der
behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt
Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben,
klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen,
langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren
treuen und gewandten Hnden lag die Abfassung des Vorvertrags viel
sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschrnkt,
und wenn Knig Johann die Vorzge der Pariser und Burgunder Damen pries,
mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der
Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus
immer neuer Anschauung kannte. Schlielich hatte ihm dann sein lieber
Sekretr, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag
vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: Und so wre denn
dieses zum schnen Ende beschlossen, hatte versichert, jetzt sei alles
gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und
dreiigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und
ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen,
der Turnierplatz -- aber keine Braut und kein Geld.

Am Wege des Knigs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht
kommen hren; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes,
hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der Knig
ergrimmte ber solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach
dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute,
warf ihm eine Mnze zu.

Nein, es ging wirklich so nicht lnger. Wie da die Zelte standen und
warteten, das war seiner Majestt unwrdig. Er wird Schlu machen mit
dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er
den sterreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er
Kontrakt schlieen, sich von dem sterreicher die Braut verschreiben.
Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht
schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen.

Er war nicht geneigt, Verdru lang in sich zu halten. Sowie er seinen
Entschlu gefat hatte, lie er den rger in die freie, kalte, frhliche
Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den
festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen
guten Sinn haben. Er richtete sich hher, pfiff ein kleines, keckes
Lied, spornte sein Pferd, da seine Herren sich beeilten, ihm
nachzukommen.

                   *       *       *       *       *

Die fnf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitlufige Zeltstadt
durchreitend, halbe, andeutende, lchelnde Stze ber die verzgerte
Hochzeit des Knigs getauscht. Sie waren alle fnf weit begabter als ihr
Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach
Krften aus, preten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften,
Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem
gutmtigen, sanguinischen, bequemen Frsten. Er war ein freigebiger
Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen
zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch
Phantasie, war fr jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er
rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik
so ganz von der Persnlichkeit des Frsten abhing, hatte ein solcher
Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem bhmischen
Abenteuer war er fr die groe europische Politik auf alle Zeit
erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wuten das die Herren. Sie
wuten: mit ihm wurde Politik gemacht -- nicht er machte sie.

Aus diesem Wissen heraus berschauten sie auch die Heiratsplne
Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten fr sie einen sehr anderen,
ironischeren Sinn als fr den guten Knig.

Am Hebel der Geschicke des Rmischen Reichs saen drei Frsten. Der
rasche, glnzende, schillernde Johann von Luxemburg-Bhmen, der schwere,
schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zhe, weitsichtige Albrecht von
Habsburg, den seine Lhmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden
Brder gemacht hatte. Die drei Frsten waren gleich an Macht, streckten
die Hand nach der Herrschaft ber das Reich und die Christenheit, saen
gespannt, belauerten sich. ugten nach dem Land in den Bergen, nach
Krnten und Tirol, wo Heinrich sa, der alternde Witwer ohne mnnlichen
Erben. Hier war eine Mglichkeit, die einzige, Macht und Besitz
entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schne,
fruchtbare berhmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis
zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die
Brcke von den sterreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren
schwbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlssel zum Imperium.
Seinen Herrn, den gutmtigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu
beerben, schien jedem der drei Frsten erreichbar. Sie stellten seine
Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Shnen und seinen beiden
ehelichen Tchtern einen echten mnnlichen Erben zu haben, in ihre
Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplnen.

Die fnf Herren, die drei Ritter in ihren Rstungen, die beiden bte in
Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lchelten, wenn sie daran
dachten, wie Knig Heinrich diese Zusammenhnge nicht sehen, wie er sie
vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mhten sich der
Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus frstlicher Lieb'
und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden.

Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst
hatte er Heinrich seine junge, schne Schwester Maria angetragen und
zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermhlung
einer der Tchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen
Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lsternen Witwer mit Bildern
Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur
mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war
unschwer zu verstehen, da die junge, liebliche Luxemburgerin, die
Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten,
schlaffen Lebemann strubte. Sie hatte ein Gelbde ewiger
Jungfrulichkeit getan, aber dies Gelbde -- die Herren feixten, als sie
in schleierigen Worten davon sprachen -- hatte sie nicht gehindert,
wenige Monate spter sich dem Knig von Frankreich zu vermhlen.

Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, da er seine
Schwester niemals zu der Heirat mit dem Krntner vermgen werde, den
alten Knig, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus
dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewi war, da er das
zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit
dem alten Frsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren
Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs
kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Shnen heiraten und,
falls Heinrich ohne mnnliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Lnder
erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Frst ohne
Sohn starb, seine Hand auf Krnten, Grz, Tirol zu legen. Nun hatte er
zwar durch sorgfltige Prfung der mannigfachen Liebesabenteuer
Heinrichs festgestellt, da der rasch abgeblhte Knig in den letzten
vier, fnf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen
hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener
Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je lnger der Luxemburger die
Heirat des Knigs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf
mnnliche Nachkommen, desto grer wurde die eigene Hoffnung, durch
seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das rmische
Imperium in die Hand zu kriegen.

Sehr genau sahen die Herren diese Verknpfungen, sehr genau wuten sie,
da hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und
betrbt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant,
Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen
Kaisers, des siebenten Heinrich, zgerte, wenn sie vorgab, sie sei die
einzige Sttze ihrer Eltern, sie wolle ihr schnes Flandern nicht mit
dem fremden, bengstigenden Bergland vertauschen -- ei, sehr dringlich
hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht.

Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern
aller alpenlndischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespltig
gegenber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner
gewaltigen Rstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob
Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der Knig endlich die Braut im
Bett habe; die Majestt und mit ihr sie selber, seine Rte und Herren,
machten sich lcherlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit
diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig
und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tgen von Villanders wie
Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jngste der Rte, zu
dessen mdem Skeptikergesicht die Rstung schlecht stand, machten
zweifelnde Mienen. Der Knig Heinrich verstand so angenehm wenig von
Finanzen; er berlie die Verwaltung ganz seinen Rten, und wenn die bei
Rechnungsablage klagten, was fr Mhe sie gehabt und wie sehr sie
daraufgezahlt htten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten
und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurck mit Belehnung,
Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schne, leichte, behagliche
Art fett bei ihm, rundete, mstete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt -- die
Herren seufzten -- ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird
man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so
leicht haben.

Wirklich vergngt waren die beiden Prlaten, der schlaue, kleine, magere
Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von
Viktring. Lehrreich ist es und schn, das Treiben der Groen zu sehen,
zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre
groe, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie
waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der
Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie fr
ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie
mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von
sterreich und Johann von Bhmen ausgehen werde, und beschauten mit
Wohlwollen die dicke, fromme, gutmtige, lebenslustige Schachfigur, die
Knig Heinrich in dem hohen Spiel der drei mchtigsten Deutschen
darstellte.

Die Herren holten den Knig ein, der straffer auf seinem Pferd sa,
sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschlu, sich von
dem Habsburger unter allen Umstnden die Braut verschreiben zu lassen.
Nun ja, so oder so, einmal mute die Angelegenheit zum Streich kommen.
Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen.

Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich
mit den Festgsten bevlkerten, war freilich eine andere Beatrix die
Braut, jene, die Albrecht von sterreich vorgeschlagen hatte, Beatrix
von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann
von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag
unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift
oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann
war der Brutigam Margaretes von Krnten und Erbe des Landes in den
Bergen.




Die zwlfjhrige Margarete, Prinzessin von Krnten und Tirol, reiste von
ihrem Stammschlo bei Meran nach Innsbruck zur Hochzeit mit dem
zehnjhrigen Prinzen Johann von Bhmen. Ihr Vater, Knig Heinrich, hatte
ihr vorgeschlagen, sie solle die nahe Strae ber den Jaufenpa nehmen.
Aber sie zog den riesigen Umweg ber Bozen und Brixen vor, denn sie
wollte sich weiden an den Huldigungen der menschenvollen Siedlungen an
dieser Strae.

Sie reiste mit groem Gefolg. Die Herren ritten langsam, die
schngeschmckten, kostbaren Planwagen der Damen knarrten holpernd die
bergigen Straen hinauf, hinab, stieen erbrmlich. Viele Damen zogen
Maultiere vor, trotzdem sich das eigentlich nicht schickte, oder sie
lieen sich auch fr eine kurze Strecke von den Herren aufs Pferd
nehmen.

Die kleine Prinzessin sa in einer prunkvollen Rosnfte mit ihrer
Hofmeisterin, einer Frau von Lodrone, und ihrem Kammerfrulein Hildegard
von Rottenburg, einem drren, unansehnlichen, ungeheuer dienstwilligen
Geschpf. Die beiden Damen seufzten und lamentierten immerzu ber den
Staub der schlechten Strae, den Gestank der Pferde, das endlose
Geschaukel; aber die Prinzessin ertrug die Strapazen ohne leiseste
Klage.

Still und ernsthaft sa sie, aufgeputzt, pomphaft. Die Taille war so
eng, da sie sie schnrte; die rmel aus schwerem, grnem Atlas hingen
bertrieben modisch zum Boden; ein Eilkurier hatte ihr aus Flandern
eines der neuartigen, kostbaren Haarnetze bringen mssen, wie sie eben
dort aufgekommen waren. Eine schwere Halskette prahlte ber dem
Ausschnitt, groe Ringe an den Fingern. So sa sie, ernsthaft,
schwitzend, berladen, prunkvoll zwischen den verdrielichen, ewig
jammernden Frauen.

Sie sah lter aus als ihre zwlf Jahre. ber einem dicklichen Krper mit
kurzen Gliedmaen sa ein groer, unfrmiger Kopf. Wohl war die Stirne
klar und rein, und die Augen schauten klug, rasch, urteilend, sprend;
aber unter einer kleinen, breiten, platten Nase sprang der Mund ffisch
vor mit ungeheuren Kiefern, wulstiger Unterlippe. Das kupferfarbene Haar
war hart, sprde, stumpf, ohne Glanz, die Haut kalkig grau, bllich,
unrein, lappig.

So fuhr das Kind von Krnten durchs Land unter einem strahlenden
Septemberhimmel. Wo sie hinkam, grten Zinken und Trompeten, Glocken
luteten, Fahnen wehten. In Brixen holten Bischof und Kapitel
feierlich die Tochter und Erbin ihres Schirmvogts ein. Die
groen Feudalaristokraten empfingen sie an den Grenzen ihrer
Lehensherrschaften. Am Weichbild der Stdte erwarteten sie mit
festlichem Gru die Behrden.

In klarer, kluger, lateinischer Rede, herrisch und sehr erwachsen
erwiderte Margarete die unterwrfigen Worte der Huldigenden. Ehrfrchtig
starrte das Volk sie an, grte sie wie das Sanktissimum, hob die Kinder
hoch, da sie ihre knftige Frstin shen.

War sie vorbei, schaute man sich an, feixte. Das berworfene Maul! Wie
eine ffin! hhnten Frauen, die unansehnlich waren und drftig von
Gestalt. Schne hatten Mitleid. Die Arme! Wie sie hlich ist!

So zog das Kind durch das Land, kalkig, bla, dicklich, ernsthaft,
schwer von Pomp wie ein Gtzenbild.

                   *       *       *       *       *

In dem groen Empfangszelt der leinenen Stadt vor Wilten prunkten die
kostbaren Gobelins und Teppiche, rauschten feierlich die Banner, standen
gravittisch die Wappen von Luxemburg, Krnten, Krain, Grz, Tirol. Der
zehnjhrige Prinz Johann erwartete die Braut, die ihm vermhlt werden
sollte. Mager, knochig, sehr gro fr seine Jahre, stand der Prinz, der
dnne, lange Kopf leidlich hbsch, doch versteckten sich tief in den
Hhlen bsartige, kleine Augen. Unbehaglich rieb er sich in seinen
engen, modischen Kleidern, die schmale Brust peinlich zerstoen in einer
rein dekorativen Halbrstung, die er bei diesem Anla zum erstenmal
trug. So drckte er sich, schwitzend, sonderbar unsicher, zwischen den
fnfzehn bhmischen und luxemburgischen Herren herum, die ihm das
Geleite gegeben.

Trompeten, sich senkende Fahnen. Die Prinzessin kam. Der Erzbischof von
Olmtz trat vor, begrte sie im Namen des Prinzen mit tnenden, gebten
Worten. Dann standen sich die beiden Kinder gegenber, der geschmckte
Knabe in seiner Zierrstung und das prunkschwere Mdchen. Prfend
beschauten sie sich. Unbehaglich blinzelte, scheu und trotzig aus
kleinen, bsartigen Augen Johann nach seiner hlichen Braut; khl, fast
verchtlich sah Margarete auf den langen, stakigen, unsicheren Knaben.
Dann, zgernd, zeremonis, reichten sie sich die Hnde.

Die Vter kamen. Bewundernd sah Margarete den riesigen, strahlenden
Knig Johann. Welch ein Mann! Und der Luxemburger, der ein sehr gebter
Politiker war, berwand sich. Zuckte nicht zurck. Hoch hob er in seinen
starken Armen das hliche, dickliche, prunkende Kind, das seinem Sohn
Krnten, Krain, Tirol, Grz zubrachte, und vor aller Augen kte er die
Zitternde, ihm dringlich in die Augen Starrende, glckselig
Erschlaffende auf den breiten, ffisch vorgebauten Mund. Der alternde
Knig Heinrich stand froh und gerhrt, die hellen Augen noch wsseriger
als sonst. Mit seiner fleischigen, immer etwas zitternden Lebemannshand
schttelte er die kalt schwitzende, kraftlose, knochige seines kleinen
Schwiegersohns, redete zu ihm wie zu einem Erwachsenen.

Und es klangen die Hrner, drhnten die Pauken, das Festmahl begann. In
Scharlach und Gold glnzte das Zelt, in dem die Kinder Galatafel
hielten. Drei strotzende Tische bogen sich unter den Schaugerichten. Die
Bistmer Trient und Brixen hatten ihr kostbares Tischzeug geliehen, die
Stdte Bozen, Meran, Sterzing, Innsbruck, Hall ihr Prunkgeschirr. Schwer
zu Hupten des Brautpaars prahlten die Standarten mit den ungefgen
Wappentieren. Hoch auf ihren wuchtigen, geschmckten Streitrossen trugen
die ersten Herren Bhmens, Krntens, Tirols die Speisen herbei fr die
frstlichen Kinder, unter Vortritt der Musik. Ritter reichten Wasser,
Handtcher nach jedem Gang, schenkten Wein, schnitten Speisen vor.
Ernsthaft unter Scharlach und Gold mit alten Gesichtern thronten die
Kinder.

Der gute Knig Heinrich schwamm in Glck. Er ging hinber zu seiner
neuen Gemahlin, der jungen, schchternen, bleichschtigen, immer
frstelnden Beatrix von Savoyen, die am Tisch der frstlichen Damen
prsidierte, ttschelte ihre Hand, trank ihr zu. Schlenderte wieder
zurck zu dem Luxemburger, dem ersten Ritter, dem galantesten Weltmann
der Christenheit. Es tat wohl, sich Seite an Seite mit diesem zu fhlen,
eins mit ihm. Der war anders als der ernsthafte, fade Bayer, der Kaiser
Ludwig, der immer nur von Politik sprach und von Militr. Der gehrte zu
ihm, war von seiner Art. Er, Heinrich, lebte und liebte herum auf seinen
Schlssern Zenoberg, Gries, Trient, auf den Burgen seiner Edelleute, und
ihre Damen waren geehrt und erfreut, wenn sie ihrem Frsten ihre
Ergebenheit zeigen konnten. Auch auf Reisen ging er keinem Erlebnis aus
dem Weg, sah es gern, wenn etwa der Magistrat einer Stadt ihn feierlich
einlud, das Frauenhaus zu besuchen. Doch dieser Johann war ihm --
Sakrament und neungeschwnzter Teufel! -- noch ber. Es gab keine Stadt
von der spanischen Grenze bis tief ins Ungarische, von Sizilien bis ins
Schwedische, wo der nicht sein Wesen getrieben htte. Durch die Straen,
nachts, strich er, verkleidet, lstern wie ein Kater, scharmutzierte mit
den Brgersfrauen, prgelte sich herum mit gekrnkten Liebhabern. Ganz
Europa war voll von seinen merkwrdigen, frechen, sen, glnzenden
Abenteuern. Selig, schon sehr stark unter Wein, rckte Heinrich ganz
nahe an den Luxemburger; er war ihm ehrlich zugetan, ganz ohne Neid.
Gewi, er war etwas lter, ein wenig reifer; aber alles in allem
erblickte er in diesem Johann nur sein eigenes Widerspiel, so etwas wie
einen gleichgearteten jngeren Bruder. In frhlicher Ahnungslosigkeit
glaubte er, die Welt msse in ihm selber das gleiche sehen wie er in
jenem.

Er trank stark, gluckste, stie mit schwimmenden Augen, in kichernder
Kollegialitt, den Luxemburger in die Seite, lallte ihm flsternd
anstige Geheimnisse zu. Der kluge, glnzende Johann ging freundlich
auf die greisenhaft geschwtzige Vertraulichkeit des Krntners ein, lie
durch keine leiseste Geste merken, da er ihn fr einen alten Trottel
hielt. Die beiden Knige steckten die Kpfe zusammen, legten sich die
Arme um die Schultern, wisperten Lebemnnisches, pruschten heraus.

Auch die brigen Herren belebten sich, rteten sich. Die Bhmen, die
Luxemburger, die Tiroler verstanden einander nur schwer oder berhaupt
nicht. Das war Anla mancherlei Spaes. Immer wieder vor allem hrte man
das drhnende Gelchter der beiden natrlichen Brder des Knigs,
Heinrichs von Eschenloh und Albrechts von Camian.

Das Kind Margarete schaute mit groen, klugen Augen zu ihren lustigen
Oheimen hinber. Ihre Damen, die Frau von Lodrone, das Frulein von
Rottenburg, baten verschmt, die Herren mchten ihre gefhrlichen
Historien vor den Kindern nicht so laut erzhlen. Die beiden welkenden
Hofdamen hatten von dem sen Wein getrunken, sie hatten fleckige
Backen, lchelten suerlich, angeregt, gelockt.

An der Tafel der Damen sa auch die jngere Schwester Margaretes, die
krnkliche, verkrppelte Adelheid. Das menschenscheue Kind wre viel
lieber im Kloster geblieben bei den Nonnen von Frauenchiemsee. Doch
Margarete hatte darauf bestanden, da die Schwester bei ihrer Hochzeit
erscheine. Da sa sie denn in dem festlichen Lrm zwischen den
drhnenden Rittern unter den Bannern und Schaugerichten, die Enkelin der
kraftvollen Eroberer des Landes, fahl, verwachsen, leidend, den
Hofzwergen sehr hnlich, die vor ihr herumzappelten, krampfige, grobe
Spe machten. Die sanfte Beatrix von Savoyen, ihre Stiefmutter,
lchelte ihr zu, streichelte ihre Hand.

Der kleine Prinz Johann, der Brutigam, sa finster, steif, beengt auf
seinem Ehrenplatz. Die Kinder hatten noch fast nichts miteinander
gesprochen. Zuweilen, mit einem schrgen Blick, streifte er seine Braut,
die ganz sicher und ohne Scheu dasa. Um sich ber seine Verlegenheit
hinwegzuhelfen, a er viel und hastig durcheinander, trank auch von dem
gewrzten Wein. Schlielich befiel ihn belkeit; er machte zunchst ein
grimmiges Gesicht, verbi es, aber zuletzt konnte er es nicht mehr. Der
Erzbischof von Olmtz mute ihn hinausfhren. Man lchelte ringsum,
wohlwollend, freute sich, machte gutmtige Scherze. Margarete schaute
khl, verchtlich geradeaus.

Als er zurckkam, hatte er die Rstung abgelegt, fhlte sich leichter.
Dsteren, trotzigen Gesichts machte er sich ber die Pistazien, Feigen,
Lebkuchen, Latwerge, Bonbons her. Diese Reise, das hliche, stolze
Mdchen, seine Braut, das Fest, sein Vater, der alte, dicke Mann, der
jetzt sein Schwiegervater war -- alles war ihm tief zuwider. Er htte in
dem schmutzigen bhmischen Dorf sein mgen, das zum Schlo seiner Mutter
gehrte, htte sich herumraufen mgen mit den Bauernkindern, den
Wenzeslaus, Bogislaw, Prokop. Er war lang, krftig und feig. Er pflegte
seine Spielkameraden rcksichtslos zu hauen, zu beien. Wehrten sie
sich, so nahm er es zunchst hin. Drohten sie aber, ihn zu berwltigen,
so kehrte er pltzlich den Knigssohn heraus, schumte, verklagte, lie
hart bestrafen. Er war bei seiner Mutter erzogen, der bhmischen
Elisabeth, die dem Luxemburger das Knigreich zugebracht hatte. Sie war
eine hysterische Dame, grell verliebt in ihren strahlenden Gemahl, wild
eiferschtig auf seine zahllosen Frauen. Vor allem hate sie glhend die
Witwe des verstorbenen Knigs Rudolf, die Grzer Knigin, deren
anstige Beziehungen zu Johann das Land in Brgerkrieg strzten und
verelendeten. In solchen jh wechselnden Gefhlen, ihrem Gatten bald
ekstatisch anhangend, bald ihn wild hassend und verfluchend, erzog sie
auch den kleinen Johann. Er konnte sich mit seinem Vater kaum
verstndigen; der sprach kein Bhmisch, er kein Franzsisch; sie muten
Deutsch miteinander reden, das sie beide nur schlecht beherrschten. Auch
sah der Knabe den Vater nur selten, wenn der fr eine kurze Zeit
rauschender Feste in sein Knigreich zurckbrauste, das er nicht leiden
mochte, dem er nur Geld ausquetschte, dem er sein Luxemburg, seine
schnen rheinischen Besitzungen weit vorzog. Die Mutter zwang ihn dann,
dem Vater je nach ihrer Laune Ha oder Liebe vorzuheucheln. So wurde das
Kind sehr frh hinterhltig, verdrckt, trotzig, scheu.

Das helle, bergige Land Tirol, in dem alles so klar und scharf im Licht
stand, war ihm unangenehm. Er sehnte sich zurck in sein wolkiges,
dunstiges Bhmen. Er blinzelte, er fhlte sich satt. Der Wein regte ihn
auf, er wollte jetzt etwas tun, befehlen, qulen.

Sein Kmmerling stand hinter ihm, go ihm aus goldenem Krug Wasser ber
die Hnde. Johann herrschte ihn an, er solle besser achthaben, er giee
ihm das Wasser ber die rmel. Der Kmmerling rtete sich, zuckte mit
den kurzen Lippen, wollte erwidern, bezwang sich, schwieg.

Margarete wandte den Kopf, lie ihre klugen, raschen Augen ber den
Kmmerling gehen. Der Knabe war drei, vier Jahre lter als Johann,
schlank, khnes, mageres, gebruntes Gesicht mit starker Nase und
kurzen, vollen Lippen; langes, unbekmmertes, kastanienfarbenes Haar.

Wie heit Ihr Knabe Kmmerling, Liebden? sagte sie mit ihrer warmen,
klaren Stimme.

Johann sah schrg zu ihr herber, mitrauisch. Chretien de Laferte,
erwiderte er mrrisch.

Chretien war ihm seit etwa einem Jahr vom Hof seines Vaters beigegeben
worden als lterer Spielgefhrte und Kamerad, der ihm hfische Dienste
leisten und vornehmlich franzsische und burgundische Sitte beibringen
sollte.

Geben Sie mir von dem Konfekt, Chretien! sagte langsam, gleichmtig
Margarete und sah ihn an.

Chretien, beflissen, reichte ihr die Schale mit Sigkeiten. Sie brach
mit groer Selbstverstndlichkeit ein Stck in drei Teile, behielt den
einen, reichte Johann den zweiten, den dritten dem befangenen Chretien.

Am Tisch der Herren beobachtete man den Vorgang, scherzte ber die
kindliche Nachahmung erwachsener Galanterie. Allmhlich wurden die
Scherze bsartiger. Man spttelte ber die ungewhnliche Hlichkeit der
Braut. Armer Junge! sagte einer der Bhmen. Der mu sich seine Lnder
sauer verdienen. -- Da erobere ich lieber mit dem Schwert als so,
sagte ein anderer. -- Bis so ein Maul einem schmackhaft wird, sagte
ein dritter, mu es dick geschmiert sein. Die tirolischen Barone
hielten sich zuerst zurck; aber schlielich, halb widerwillig, stimmten
auch sie ein. Das Kind Margarete schaute herber. Sie konnte unmglich
gehrt haben; doch ihre groen, ernsthaften Augen schienen so wissend,
da die Herren fast betreten abbrachen.

Jakob von Schenna sa unter ihnen, der jngste unter den Rten und
Vertrauten Knig Heinrichs. Er war oft zu Gast auf den Schlssern des
Knigs. Das Kind Margarete sah ihn hufig. Er war der einzige, den sie
mochte, dem sie vertraute. Er sprach nicht zu ihr mit jener trichten
Herablassung, mit jener krampfigen Kindlichkeit, die sonst wohl
Erwachsene annahmen, wenn sie mit ihr sprachen, und die sie bitter
verdro. Er nahm sie und behandelte sie wie eine Groe.

Er sah, wie sie prunkvoll feierlich dasa, er sah den kleinen, rohen,
bsen bhmischen Prinzen, von dem kein Weg zu ihr fhrte, er sah, wie
sie mit dem Kmmerling Chretien anzuknpfen versuchte. Er hrte die
schlimmen, verstndnislosen Witzeleien ber ihren armen Krper. Da stand
er auf, schlenderte hinber, stand vor ihr in seiner schlechten,
nachlssigen Haltung, schaute sie hflich an aus seinen grauen,
wohlwollenden, sehr alten Augen, machte gelassene, ernsthafte
Konversation mit ihr. Wie ihr Herr Schwiegervater, die bhmische
Majestt, glnzend aussehe, und wie man ihm die vielen Strapazen so gar
nicht anmerke. Und da der geplante Aufenthalt des Knigs in Sdtirol
ihr selber, Margarete, wohl auch viele Mhe machen werde; denn der Knig
werde wohl alle ihre Schlsser mit Gefolge und Mannschaft belegen. Und
wieviel Geld ein allenfallsiger lombardischer Feldzug kosten werde. Der
kleine Johann schielte herber, verblfft, wie gescheit Margarete
redete.

Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Margarete fhrte noch ein
kleines, formvolles Abschiedsgesprch mit ihrem Gemahl, bevor sie sich
zurckzog. Sie fragte ihn nach den Eindrcken, die er von Tirol, von dem
Hof ihres Vaters habe; ob er sich auf das bevorstehende Turnier freue;
wnschte ihm, er mge sich bald heimisch fhlen. Ungeschickt, blde
erwiderte der Knabe, Widerwillen und eine gewisse trotzige Stumpfheit
auf seinem nicht unschnen Gesicht. Als sie ging, stand der Kmmerling
Chretien an ihrem Wege, ri die Zeltvorhnge auf vor ihr. Sie dankte
gemessen, khl, fremd, frstlich.

Dann lie sie sich in ihr Zelt tragen; sie war nun doch herzlich mde.
Ihre Frauen kleideten sie aus, viel schwatzend, kichernd, einzelne
Teilnehmer, einzelne Begebenheiten des Festmahls breitkauend. Sie lag
bereits in ihrem Bett, die Frauen schwatzten noch immer. Endlich gingen
sie. Sie streckte sich, die Glieder erlst aus dem schweren, engen
Prunk. Nun wird sie aber gut schlafen. Sie hat es sich verdient. Sie war
mit sich zufrieden. Sie hat sich gut gehalten, durchaus als Erwachsene,
sehr frstlich, hat sich vor den luxemburgischen und bhmischen Herren
keine Ble gegeben. Mit dem Johann freilich war nicht viel Staat zu
machen.

Mit euerm Prinzen ist aber auch nicht viel Staat zu machen, bemerkte
drauen mit grober, kichernder, mhsam gedmpfter Stimme die
zusammenrumende Magd.

Gegen eure Prinzessin, hhnte der bhmische Knecht zurck, der ihr
half und mit ihr sponsierte, ist er immer noch ein lichter Engel. So
was! Das Maul! Die Zhne! Bei uns wrde man so was gleich nach der
Geburt ersufen wie eine Katze.

Der Knig Heinrich unterdes bezahlte die Zeche der Hochzeit. Es war eine
sehr schne Hochzeit. Es war begreiflich, da sie viel kostete; er war
kein Knauser. Bereitwillig streckten seine Herren ihm die groen Summen
vor, bereitwillig, in frhlichster Gebelaune, entlohnte er diese
Geflligkeit mit der Verpfndung von reichen Drfern, Pflegen,
Herrschaften, Zllen und Gefllen. Warum sollte er seinem lieben
Burggrafen Volkmar nicht Visiaun und Mltern berlassen? Er gab ihm noch
Rattenberg dazu. Und es war nicht mehr als billig, da der Abt von
Wilten, der so lange fr die schne, leinene Hochzeitsstadt hatte sorgen
mssen, den See zwischen Igls und Vill erhielt. Dann aber mute man auch
dem Kloster Viktring etwas geben. Denn wenn nur Wilten was erhielt, war
sein guter Sekretr Johannes mit Recht gekrnkt. Also bekam auch
Viktring etliche Hfe und Glten. Keine schnere Freude als guten
Freunden zu spenden, zitierte dankend der beredte Abt einen antiken
Klassiker.

Der Luxemburger war dabei, als Knig Heinrich sorglos, formlos, gndig,
frhlich und stark unter Wein, diese riesigen Schenkungen und
Verpfndungen unterzeichnete. Auch er war freigebig; aber so bieder
unverschmt htten ihm seine Barone nicht kommen drfen. Es wird gut
sein, wenn man da dem alten, frhlichen Herrn ein bichen den Riegel
vorschiebt. Sonst verschenkt er das ganze Land, sagt noch merci, wenn
man es annimmt, und zum Schlu hat sein kleiner Sohn nur die
Prinzessinbraut und kann Sonntag davon machen! Auch die blasse, sanfte
Beatrix, Knig Heinrichs junge Frau, sah erschreckt und verngstigt zu,
wie ihr Gatte mit den reichen Besitzungen um sich warf. Sie war von Haus
aus an enges, ngstliches Wirtschaften gewhnt; auf die Art Heinrichs,
frchtete sie, wrden bald selbst die Hemden ihrer Mgde verpfndet
sein. Sie beschlo, die Finanzen selber in die Hand zu nehmen; ihr
blasses, scheues Gesicht bekam auf einmal etwas Verbissenes.

Fr die nchsten Tage war Turnier angesagt. Bei diesem Anla sollten
mehrere junge Herren zu Rittern geschlagen werden. Margarete ersuchte
unvermittelt ihren kleinen Gemahl, er solle dabei auch seinen Kmmerling
Chretien de Laferte zum Ritter machen lassen. Die Augen Johanns wurden
noch kleiner, trotziger; er knurrte irgend was. Margarete wiederholte
ihren Wunsch herrischer, dringlicher. Prinz Johann sagte verdrckt,
bissig, er wolle nicht. Er knuffte den Kmmerling in die Seite mit aller
Kraft seiner kleinen, knochigen Faust. Da hat er seinen Ritterschlag!
hhnte er, verzog hmisch sein langes Gesicht.

Ich danke Euer Hoheit tausendmal fr die Gnade, sagte Chretien blutrot
zu der Prinzessin; aber wenn er doch nicht will.

_Ich_ will, _ich_ will! sagte Margarete heftig mit ihrer vollen,
dunklen Stimme. Sie lief zu ihrem Vater, zu dem Knig Johann. Lachend
sagte man ihr zu. Chretien dankte der Prinzessin, hin und her gerissen.
Schon hatten ihn die Kameraden derb gehnselt wegen seines ziervollen
Liebchens.

Am vorgesehenen Tag fand dann das glnzende Turnier statt, auf das ganz
Tirol sich schon seit Jahren freute. Es war eine groe Lustbarkeit. Vier
Ritter wurden erstochen, sieben tdlich verletzt. Alle Welt fand, es sei
das bestgeglckte Vergngen seit langer Zeit.

Auch Knig Johann nahm an dem Stechen teil. Da er aber hatte erfahren
mssen, da man hufig aus Furcht, ihn, den Knig, zu besiegen, nur zum
Schein mit ihm focht, ritt er unter dem Wappen eines gewissen Schilthart
von Rechberg. Es hatte nun zwischen den Alpenlndlern und den Fremden
schon mancherlei Eiferschteleien gegeben; auch frchteten die
tirolischen und krntnischen Herren, der Einflu der Luxemburger knnte
ihre finanzielle Stellung bei dem guten Knig Heinrich gefhrden. Unter
dem frhlichen Spiel stak also eine sehr ernsthafte, grimmige
Eifersucht, und man sah es durchaus nicht ungern, brach von den Gegnern
der eine oder andere die Rippen. Sei es nun Zufall, sei es, da man sein
Deckwappen verraten hatte -- jedenfalls sah sich Johann bald im Kampf
mit dem wuchtigsten und gefhrlichsten aller tirolischen Ritter, dem
ungeschlachten Burggrafen Volkmar. Sie rannten sich wild und
rcksichtslos an, schlielich fiel der Knig, der eine bewegte Nacht
hinter sich hatte, vom Pferd, wurde im Kot herumgewlzt, bel getreten
und arg zerschunden aus dem Haufen herausgezogen. Er mute sein Pferd um
sechzig Mark Veroneser Silbers von dem Burggrafen lsen. Er verbi den
rger, da gerade dieser plumpe, habgierige, widerwrtige Mann ihn
abgestochen hatte, trug lachend, lssig, mit Haltung Lahmheit und
Verdru, rhmte mit vielen liebenswrdigen, sachkundigen Worten, wie gut
vorbereitet und in jeder Hinsicht geglckt diese Tiroler sportlichen
Spiele seien.

Knig Heinrich sa des Abends mde in seinem Zelt. Die Freude ber das
schne Fest wurde geschwrzt; Rechnungen kamen, Rechnungen ber
Rechnungen. Die Fleischhauer von Bozen wollten Geld, die Brger von
Innsbruck prsentierten groe Forderungen, der gute, gelehrte Abt von
Marienberg wute sich nicht mehr zu helfen vor seinen Glubigern, die er
mhelos htte befriedigen knnen, zahlte ihm der Knig nur einen Teil
dessen zurck, was er ihm geliehen. Heinrich htte, wie gern, gezahlt
und gezahlt; aber seine Kassen waren leer. Der Knig Johann schuldete
ihm freilich die vierzigtausend Mark Veroneser Silbers Heiratsgut; mit
der ungeheueren Summe htte er alle seine Verpflichtungen decken knnen.
Aber es ging doch nicht an, den Knig zu mahnen. Heute schon gar nicht.
Sprte er doch am eigenen Leib, wie peinlich ein Fest durch so etwas
gestrt wurde.

So sa er denn in dicker Verlegenheit. Da stellten seine Herren vor ihn
drei schmchtige, schattenhafte Mnner. Sie waren sehr still, sehr
demtig, sehr unscheinbar. Hatten rasche Augen, die aber sehr ergeben
blicken konnten. Schauten einander sehr hnlich. Der Knig erinnerte
sich, sie gesehen zu haben, wute aber nicht mehr, wo er sie hintun
sollte. Das war natrlich. Sie waren ja so klein, so gering. Sie
verneigten sich viele Male, sprachen mit leiser Stimme.

Es waren Messer Artese aus Florenz, der Pchter der Mnze von Meran, und
seine beiden Brder. Die Herren waren auch diesmal gern bereit, einem so
gtigen christlichen Knig mit ihrem bichen Kapital beispringen zu
drfen. Sie hatten eine einzige kleine Bedingnis: die Majestt solle
ihnen die Einknfte des Salzwerks von Hall berlassen. Das nette, kleine
Salzbergwerk.

Knig Heinrich schrak zurck. Das Salzamt von Hall! Die erste
Einnahmequelle des Landes! Das war ein teures Hochzeitsfest, das er da
seiner Tochter gerstet hatte. Selbst seine leichtherzigen Rte machten,
als sie von dieser Bedingung hrten, bedenkliche Gesichter. Schickten
schlielich seine junge Frau vor, die erwirkte, da das Bergwerk
wenigstens nur fr zwei Jahre verpachtet wurde. Die Florentiner
verneigten sich viele Male. Zahlten das Geld, nahmen die Dokumente an
sich. Glitten fort, schattenhaft, grau, unscheinbar, einer dem andern
sehr hnlich.

Zu Herrn von Schenna sagte Margarete: Glauben Sie, da Chretien de
Laferte Schlechtes von mir spricht? Sagen Sie ehrlich, Herr von Schenna,
glauben Sie, da er mit den andern lacht, weil ich hlich bin?

Jakob von Schenna hatte mit eigenen Ohren gehrt, wie der junge
Chretien, von den andern gehnselt als Ritter der hlichsten Dame der
Christenheit, erst an sich hielt, dann die Kameraden berbot an beln
Schmhungen Margaretes. Jakob von Schenna sah die groen, erfllten
Augen des Kindes in dringlichem, angstvollem Fragen auf sich. Ich wei
es nicht, Prinzessin Margarete, erwiderte er. Ich kenne den jungen
Chretien zu wenig. Aber ich halte es fr unwahrscheinlich, da er bel
von Ihnen redet. Und er legte ihr seine groe, dnne, kraftlose Hand
auf den Kopf wie einem Kind, und sie litt es gern, da er diesmal zu ihr
war wie zu einem Kind.




Auf Schlo Zenoberg verhandelte Knig Johann mit den tirolischen
Baronen. Er verlangte jetzt schon, als Vormund seines kleinen Sohnes,
Huldigung fr den Fall von Heinrichs Tod. Die Herren waren grundstzlich
bereit, forderten aber Sicherstellung ihrer Privilegien, Brgschaften,
da ihnen der Luxemburger keine Landfremden in die magebenden mter
setze. Auerdem verlangte jeder fr sich, verblmt oder geradezu, Geld,
Verschreibungen, Landbesitz, Handelsmonopole, Zlle.

Mit den Versprechungen und Brgschaften war Johann sehr freigebig. Er
unterzeichnete und lie siegeln, was man wollte. Er hatte in Bhmen
Erfahrungen gemacht; er wute, das war letzten Endes eine Machtfrage.
Konnte er Geld und Soldaten auftreiben, dann setzte er diesen frechen
Gebirglern Franzosen, Burgunder, Rheinlnder als Statthalter in den Pelz
nach seinem Belieben. Brachte er kein Kapital und keine Armee auf, dann
wird er in Gottes Namen seine Versprechungen halten. Vorlufig schrieben
seine Notare sich die Finger wund: Wir, Johannes, von Gottes Gnaden
Knig von Bhmen und Polen, Markgraf von Mhren, Graf von Luxemburg,
erklren hiemit und tun kund und zu wissen und verpflichten Uns mit
Brief und Siegel. Mit Geld war Johann etwas vorsichtiger. Er lie
zumindest die habgierigen, unersttlich feilschenden Herren merken, da
er sie durchschaue. Schlielich schmi er ihnen dann das Verlangte
ritterlich und verchtlich hin. Bargeld freilich nicht, das hatte er
nicht, sondern langfristige Wechsel.

Auch der gute Knig Heinrich mute betrbt erkennen, da er seine
vierzigtausend Veroneser Silbermark nicht so bald bekommen werde. Flott,
gemtlich, vertraulich fate ihn der Luxemburger um die Schulter,
verpfndete ihm beilufig die Gerichte Kufstein und Kitzbhel -- die
hatte er von seinem Schwiegersohn, dem Herzog von Niederbayern, dem er
anderes dafr verpfndet --, vertrstete ihn auf das Frhjahr, rhmte
seine langen, modischen Schuhe, die hbsche, dralle Frau, mit der er
getanzt hatte. Heinrich brachte es nicht mehr ber sich, wieder von den
Finanzen anzufangen.

Des Abends spielte Knig Johann Wrfel mit den Krntner und den Tiroler
Herren. Er setzte ungeheure Summen. Schlielich hielt ihm niemand mehr
Widerpart als der brutale, stiernackige Burggraf Volkmar. Der
Luxemburger hate den wuchtigen, rohen Mann, der ihn schon im Turnier
besiegt hatte. Er steigerte seine Einstze so, da selbst Knig Heinrich
den Atem anhielt. Verlor. Erklrte zum Schlu leichthin, ber die
Achsel, er bleibe die verlorenen Summen schuldig. Der Burggraf knurrte,
wurde gefhrlich; mit geschmeidiger Schrfe funkelte Johann ihn nieder.

                   *       *       *       *       *

Merkwrdigerweise kehrte Johann, trotzdem Unruhen ausgebrochen waren,
nicht nach Bhmen zurck. Sein Land atmete auf. Es erschrak, wenn er
kam. Sein Aufenthalt dauerte immer nur kurz, diente ihm nur, Geld
auszuquetschen. Gut, da er wegblieb.

Ja, er blieb in Tirol. Ging in das Gebiet des Bischofs von Trient. Sa,
der strahlende Herr, der erste Ritter der Christenheit, unttig lauernd,
zwielichtig schillernd; kein Mensch wute, was er plante.

Der Bischof Heinrich von Trient fand sich durch diesen Gast sehr
beschwert. Wie weit durfte er ihm entgegenkommen, ohne bei dem Papst
oder dem Kaiser anzustoen? Immer war ein so verwirrendes Zwielicht um
diesen Bhmenknig. Wo er hinkam, war wildes Gehetze, Getriebe. Kuriere
jagten nach ihm von allen Hfen Europas, fanden ihn nicht. Denn der
Knig verweilte selten lang an einem Ort; es trieb ihn ber die Erde
rastlos wie flieendes Wasser. Man wute nicht, wohin, wie, warum. Ach,
ginge er doch zurck in sein Land, der Verfluchte! Aber natrlich, das
lie er verkommen. Das liebte er nicht, das trbe, dumpfe Land. Spa,
da er den helleren Westen vorzog, den Rhein, seine Grafschaft
Luxemburg, Paris.

Der Bischof sa, ein groer, beleibter Herr, starkes, gebruntes,
italienisches Gesicht, sorgenvoll auf seinem Schlo Bonconsil, schttete
sich aus vor seinem Freund, dem Abt von Viktring, dem betulichen,
klugen. Die beiden geistlichen Herren schimpften weidlich. Der Heide,
der! Der Jerobeam! Grausam brandschatzte er seine Kirchen und Klster.
Hatte selbst vor dem Grab des heiligen Albert nicht haltgemacht, es nach
Schtzen durchwhlen lassen. Kirchenschnder! Herodes! Aber einst wird
erstehen aus unsern Gebeinen ein Rcher! zitierte der gelehrte Abt
einen antiken Klassiker.

Ja, dies war entschieden der gefhrlichste, beschwerlichste Gast, den
der Bischof seit Jahren gehabt hatte. Ein gesalbter Knig, aber -- der
Bischof sagte es geradezu -- ein Lump und Verbrecher. Ohne seine Krone
wre er schon hundertmal gehenkt worden. Er spielte falsch; der Abt
besttigte es; jetzt erst hatte er es wieder in Innsbruck getan. Er war
der wsteste Verschwender und Schuldenmacher des Skulums. Dazu seine
anstigen Beziehungen zu den beiden bhmischen Kniginnen. Recht hatte
man gehabt vor zwei Jahren in Prag. Da hatte er das groe Turnier
gerstet, die umstndlichsten Vorbereitungen getroffen, die Huser auf
dem Markt niederlegen lassen, um Zelte und Tribnen zu errichten. Dann
kamen von zweitausend Geladenen, von Kaiser und Knig und Frsten und
Herren, sieben schbige, zweifelhafte Ritter und ein Genueser Bankier.

Leider aber war es zur Zeit durchaus nicht mglich, ihn so zu behandeln.
Das war ja das Verzweifelte. Sein Ruf und Name wechselte wie der Mond.
War man ihm vor wenigen Wochen ausgewichen wie einem Ausstzigen, so
feierte man ihn heute als den leuchtendsten Helden der Christenheit, und
selbst sein kahles, ausgeplndertes Bhmen lie sich blenden, wenn er
von strahlenden Siegen zurckkam.

Dringend warnte der Abt den Bischof, er solle sich ja nicht im
geringsten mit dem Luxemburger einlassen. Seine Politik sei letzten
Endes sinnloses Spiel. Khlende Wellen locken mit Schillern und
Glitzern den Wandrer; wirft er sich arglos ins Meer, ziehn sie ihn
tckisch hinab, zitierte er. Behaglich, mit literarischer Freude an der
Zerlegung, sezierte er den Luxemburger und sein Gewese. Sein
verfeinertes Rittertum begnge sich nicht damit, in dickem Forst Riesen
und geharnischte Mnner aufzusuchen. Er liebe die viel bunteren
Abenteuer der Politik. Nicht der Erfolg locke, ihn locke die gefhrliche
Freude an der Wirrung, am Getriebe. Wo immer in dem wirrseligen Europa
ein Zwist sei, wo Kaiser und Papst sich stritten, Knig und Gegenknig,
Frankreich und England, lombardische Stdte, Maure und Kastilier,
berall msse der Luxemburger seine gepflegte, spielerische Hand drin
haben. Vertrge, Bndnisse stiften, Ehen kuppeln, Fden anknpfen,
zerreien, Krieg fhren, Frieden schlieen, Schlachten schlagen,
verhindern, immer im dicksten Getmmel stehen, Freunde, Feinde machen,
Soldaten, Lnder nehmen, geben.

Nur kein Geld, seufzte der Bischof.

Der Abt schlo, sich freuend an der eigenen eleganten Beredsamkeit.
Dieser geniale Projektenmacher sehe alle entferntesten Mglichkeiten,
strecke seine Hand ber das ganze Abendland, raffe an sich, lasse
fallen. Und whrend Bhmen innerlich immer krnker werde, schlucke er
immer neue Besitzanrechte, Lnder, Stdte, verstreut durch alle Grenzen,
blase sich gigantisch auf. Der behagliche, betuliche Abt streckte sich,
sprach rednerisch wie auf der Kanzel: Aber wenn auch dieser Herr Johann
noch so hastig ber die Erde hinfhrt, lachend, stattlich, strahlend,
elegant, modisch, immer eidbrchig, immer ohne Geld, immer von
strmischer, sieghafter Liebenswrdigkeit -- es ist ihm ein Ziel
gesetzt. Sein Gewese wird keine Frucht tragen, es ist sinnlos, es ist
ohne Gott. Manchmal kommt mir der Bhme vor wie eine Puppe, wie ein
Gespenst. -- Ma ist in allen Dingen, gesetzt ist ihnen die Grenze,
zitierte er einen alten Schriftsteller.

Der Bischof glaubte das auch. Aber bis dahin konnte es noch gute Weile
haben. Vorlufig jedenfalls hatte Gott dem Bhmen kein Ziel gesetzt, und
er, der arme Bischof, hatte ihn auf dem Hals. Der beredte Abt wute auch
nichts weiter zu sagen, und die beiden Prlaten schauten schweigend,
nachdenklich hinaus auf das rtliche, ppige Land, die geschwungenen,
brunlichvioletten Berge, schwer von Frucht und Wein.

                   *       *       *       *       *

Nein, vorlufig war dem Bhmen kein Ziel gesetzt. Vielmehr sa dieser
Herr Johann heiter und fest in dem besonnten Trient, dehnte sich,
rekelte sich. berlie sein langes Haar, den schnen, vollen Bart den
wohligen Winden des sdlichen Herbstes. Hofierte die deutschen und die
welschen Damen Tirols. Durch die Lombardei flog es, durch die reichen,
mchtigen Stdte, durch die Schlsser der berstolzen Barone: Johann von
Bhmen ist da, Knig Johann, der Sohn des siebenten Heinrich, Rmischen
Kaisers, Johann, der ritterlichste Mann des Abendlandes, Stern der
Ghibellinen. Burgundische, bhmische, rheinische Ritter und Hauptleute
zogen mit ihren Fhnlein in diesem herrlichen, gesegneten Herbst ber
den Brenner. Aus Mnchen der Kaiser Ludwig ugte mitrauisch her. In
Avignon der Papst, der zweiundzwanzigste Johann, ward unruhig. Wieder
schaute das ganze Abendland auf den strahlenden, unberechenbaren Mann.

Die Parteifhrer und Herren der Po-Ebene wetteiferten, ihn fr sich zu
gewinnen, schickten ihm Gesandte, Geschenke. Zwei prchtige Araberpferde
kamen von Mastino della Scala und seinem Bruder, Herrn von Verona. Aber
Brescia bot ihm durch seinen Vikar, Friedrich von Castelbarco, nicht nur
Pferde, es bot ihm sich selbst an und lebenslngliche Herrschaft.
Aldrigeto von Lizzana lie dem Vermgensverwalter Johanns viertausend
Veroneser Silbermark auszahlen, bat den Knig -- als Schutzherrn
Toscanas und der Lombardei --, ihn mit dem brescianischen Ufer des
Gardasees zu belehnen. Und pltzlich war auch Messer Artese aus Florenz
da, der Bankier, grau, unscheinbar, schattenhaft, mit zwei Brdern, die
ihm sehr hnlich sahen, und sehr viel Geld.

Und dann, ohne lange Ankndigung, sachte, setzte sich Johann in
Bewegung. Nur wenige tausend Reiter folgten ihm. Aber glnzend gerstet
alle, erlesenste Soldaten. Rauschend strahlte der helle Zug durch das
satte, reife Bergland. Ser, schwerer, besonnter Herbst. Dicke Trauben,
strotzende Frchte. Aus den violetten, rtlichen, brunlichen Bergen go
sich die silberne, eiserne Flut in die Lombardische Ebene. Wie eine
Braut glitt sie den Kmmlingen unter die Fe. Bergamo, Pavia, Cremona
in seinem Besitz ohne Schwertstreich. Fahnen, Glocken, Behrden auf
Knien, die Schlssel ihrer Stdte darbietend. Die groen Barone demtig
um Besttigung ihrer Lehen flehend. Novara, Vercelli, Modena, Reggio von
seinen Rittern besetzt. Feierlicher Einzug. Auf den Balkonen der
herrlichen, bunten Huser geschmckte Frauen, mit groen, gebannten
Augen auf den Sieger schauend, der so gar nicht mhselig, schwitzend und
bestaubt, der festlich wie im Tanz das weite, reiche Land besiegt. Der
Kaiser, tief beunruhigt, schickt Sondergesandte, den Burggrafen von
Nrnberg erst, den Grafen von Neiffen dann, was denn der Bhme in
Italien wolle. Harmlos Johann; er plane durchaus nichts gegen Ludwig,
nehme, was er erwerbe, fr das Reich in Besitz; er wolle nur die Grber
seiner Eltern besuchen, des Rmischen Kaisers, des siebenten Heinrich,
Grab in Pisa, seiner Mutter Grab in Genua, die Leichen, wenn mglich, in
die Heimat schaffen. Whrend zu Weihnachten in Mnchen alle Glocken
unter dem ppstlichen Interdikt stumm bleiben, Kaiser Ludwig in seiner
Hauskapelle vor kleinem Gefolg, das blanke Schwert hoch in der Hand, als
Schirmvogt der Christenheit das Weihnachtsevangelium vorliest, hlt
Johann leuchtenden Einzug in Brescia. Kommt er fr den Kaiser? Fr den
Papst? Nur fr sich? Niemand wei es. Wei er es selber? Er schreibt
sich Nachfolger des Kaisers, Friedensstifter. Die Gonzaga in Mantua, die
Visconti in Mailand beugen sich ihm. Ein Knigreich Lombardei rundet
sich ihm, fllt ihm zu wie eine Frucht, die man sich vom Zweig langt.

An beiden Ufern des Po residiert er; nie hat ein Rmischer Knig stolzer
Hof gehalten. Er lt sich huldigen von der Adria bis ins Ligurische.
Lchelt tief, satt, fern. Stieg er mit festem Plan in die Ebene hinab?
Heute ist er der mchtigste Mann der Christenheit. Hat den Rhein hinauf,
hinunter, tief ins Frankreich hinein Land und Herrschaft. Hat Bhmen,
Mhren, Schlesien, streckt sich weit ins Polnische. Hat Niederbayern
durch seine Tochter, Krnten, Krain, Tirol durch seinen Sohn. Hlt den
Wittelsbacher umklammert, liegt rings um den Habsburger. Hat jetzt das
reiche, se, oberitalienische Knigreich. Reckt sich. Atmet. Hlt
Feste. Zieht die schnsten Frauen an seinen Hof. Manchmal auch,
schattenhaft, unscheinbar, kommt mit seinen Brdern Messer Artese aus
Florenz, steht ferne, bescheiden, neigt sich viel Male.




Das Kind Margarete wuchs heran auf den Schlssern Zenoberg, Gries,
Tirol. Lernte gern und viel. Fragte den klugen, redseligen, betulichen
Abt Johannes von Viktring bei allem, was sie sah und hrte, warum,
wieso. Trieb mit den btissinnen der Klster Stams und Sonnenberg
Theologie. Der Prunk, die feierliche Ordnung der Liturgie zwangen ihr
Bewunderung ab. Sie sprach und schrieb flieend Latein und Welsch.
Interessierte sich brennend fr politische und nationalkonomische
Dinge. Hrte aufmerksam den historischen Vortrgen des gelehrten Abtes
zu, und whrend die anderen seine begrifflichen politischen Theorien
gelangweilt belchelten, konnte sie nicht genug davon kriegen. Grndlich
unterrichtete sie sich bei den vielen fremden Gsten ihres Vaters ber
die Verhltnisse der andern Hfe und Lnder. Verchtlich schnupperte
sie, als sie hrte, Ludwig von Wittelsbach, der Bayer, erwhlter
Rmischer Kaiser, der Vierte seines Namens, spreche nicht Latein.

Sie streifte durch das Land. Zu Wagen, in der Pferdesnfte. Die Passer
hinauf, hinab, durch die Rebenterrassen, Obstgrten. Ging mit wachen,
klugen Augen durch die farbigen Stdte Meran, Bozen. Beschaute die
Brger, ihre steinernen Huser, Rathaus, Markt, Mauern, Pranger, Stock,
Herbergen, Badehuser, die Leichen der Gerichteten vor den Toren. Hielt
rasche, herrische Einkehr in den Hfen der Bauern, den Wachhtten der
Winzer.

Der gutmtige Knig Heinrich kmmerte sich wenig um sie. Er lie sie
treiben, was sie wollte. Erkundigte sich zuweilen zrtlich, ob sie denn
mit ihren Kleidern hinausreiche, ob sie nicht mehr Schmuck, Pferde,
Dienerschaft brauche. Fragte allenfalls, was sie von dem neuen
flandrischen Koch halte, oder wie der genuesische Mantel stehe, den er
sich eben habe machen lassen. Er ging ganz auf in Kleidersorgen,
Stiftungen fr Klster, Festlichkeiten, Gastereien, Turnieren, Frauen.
Wenn sie sich mit seinem klugen Sekretr unterhielt, dem Abt von
Viktring, dann schaute er wohl gerhrt auf sie, sagte zu Beatrix, seiner
Frau, zu seinen Gsten: Mein gutes Kind! Wie gescheit sie ist!

Von den Klosterfrauen lernte sie singen. Es war erstaunlich, wenn unter
der platten, breiten Nase aus dem ffisch sich verwulstenden Mund die
Stimme herausdrang, schn, warm, erfllt. Whrend sie sonst mit ihren
Kenntnissen nicht zurckhielt und ohne Scheu redete, sang sie fast nie
vor Fremden. Des Abends, unter Obstbumen, allein, sang sie ihre Lieder,
kunstvolle aus Italien, aus der Provence oder auch einfache deutsche,
wie sie sie rings vom Volk hrte. Manchmal, selbst wenn sie allein war,
brach sie mitteninne ab. Die Zwerge konnten sie hren. Die Zwerge
wohnten in allen Berghhlen. Sie aen und tranken, spielten und tanzten
mit den Menschen. Aber unsichtbar. Nur der regierende Frst kann sie
sehen, der zu Recht das Land beherrscht, in dem sie gerade verweilen.
Ihr Vater hat die Zwerge gesehen, auch der Bischof von Brixen, in dessen
Gebiet sie zuweilen kamen. Jakob von Schenna hat ihr Genaues von den
Zwergen erzhlt. Sie schrieben Briefe, bildeten unter sich einen Staat,
hatten Gesetze und einen Frsten, bekannten den katholischen Glauben,
kamen heimlich in die Wohnungen der Menschen, waren ihnen hold. Sie
fhrten Edelsteine mit sich, mit denen sie sich unsichtbar machen
konnten. Sie fragte Herrn von Schenna, warum sie sich unsichtbar
machten. Herr von Schenna wich aus. Durch Zufall, von einer Magd, erfuhr
sie den Grund. Weil sie sich ihrer Hlichkeit schmten. Sie ward noch
fahler als sonst. Schluckte.

Mit peinlichster Sorge pflegte sie ihren Krper. Sie nahm tglich ein
Dampfbad, wusch sich mit Kleienwasser, franzsischer Seife. Sie wickelte
das Zahnpulver in frisch geschorene Wolle, ehe sie ihre groen, schrg
vorstehenden Zhne reinigte. Sie pflegte ihre Haut mit Weinsteinl,
gebrauchte rote Schminke aus Brasilholz, weie aus gepulverten
Zyklamenknollen. Des Nachts legte sie eine Wachsmaske auf, ihren
unreinen Teint zu bessern. Sorglich, mit Opfern, gehorchte sie jeder
neuen Modevorschrift.

Mute sie dann sehen, wie gleichwohl jeder drallen, ungewaschenen
Buerin mehr wohlgefllige Mnnerblicke folgten als ihr, dann wandte sie
mit einem Ruck ihre Gedanken von diesen Dingen, strzte sich mit
hitziger Energie in Studium und Politik. Wog zum hundertstenmal Macht,
Mglichkeiten, Einflukreise der Habsburger, Wittelsbacher, Luxemburger
gegeneinander ab. Habsburg, Luxemburg, Wittelsbach, das waren keine
kahlen, politischen Begriffe fr sie. Die Menschen, die diese Namen
trugen, ihre Farben, ihre Lnder, die Tiere ihrer Wappen, ihre Berge,
Flsse, Kirchen mischten sich ihr zu geheimnisvollen Einheiten. Albrecht
von Habsburg etwa war verteufelt klug, energisch, bitter, aber er
lahmte. Mit ihm lahmten seine Lnder, die Donau, die Stadt Wien, die
Pranke seines Wappenlwen. Knig Johann, der Luxemburger, das war nicht
nur ein weltlufiger, galanter Herr. Seine Fe waren Toskana und die
Lombardei, Rhein und Elbe seine Adern, das helle Luxemburg sein Herz.
Und Bayern konnte sie sich nicht vorstellen ohne die lange, bedchtige
Nase Kaiser Ludwigs und ohne seine riesigen, sonderbar toten blauen
Augen. Wenn die drei Frsten sich belauerten, sich umschlichen, sich
vertrugen, sich bekriegten, bekriegte und verhhnte sich die Welt in
ihnen, und in den Wolken fhrten die Tiere ihrer Banner einen mystisch
gewaltigen Kampf.

Ihren Gemahl, den Prinzen Johann, sah sie nicht sehr oft. Trotz seiner
Lnge und Aufgeschossenheit wirkte er hinter seinen Jahren
zurckgeblieben. Sein mageres Gesicht, an sich nicht unschn, schien
immer roher, stumpfer und, durch die kleinen, versteckten Augen,
bsartiger. Er hate die Bcher, lernte nur notdrftig schreiben. Gern
trieb er krperliche bungen. Schlug sich mit den Jungen herum, mit
denen der Bedienten lieber als mit seinen adeligen Kameraden, jagte,
ritt. Bettigte sich als Vogelsteller, trieb, nicht ohne Geschick,
Falkenbeize, fing Wild in Schlingen. Qulte Tiere. Spielte den Bauern
ble Streiche. Ein Bauernbursch, der ihn nicht kannte, verprgelte ihn.
Wurde gefangen, in den Stock gesetzt, gepeitscht. Der Prinz schaute
gierig zu, hetzte die Bttel.

Margarete lachte er aus wegen ihrer blden, pfffischen Gelehrsamkeit,
ri ihr gelegentlich ihre Schriften weg, zerraufte ihre Frisur. Sie trug
es. Es war notwendig, da ihr Mann ein Luxemburger war. Seine Roheit
mute hingenommen werden. Aber schweigend stapelte sie Wut und
Verachtung. Auch Chretien de Laferte, des Prinzen Adjutant und
Kmmerling, verwnschte seinen jungen Herrn in die tiefste Hlle.
Margarete sah den schlanken jungen Menschen sehr selten. Beachtete ihn
wenig. Der betuliche, skeptische, redselige Abt von Viktring, der alle
Dinge bereden mute, neckte sie gelegentlich wegen des Jungen. Sie
schlug, gegen ihre Gewohnheit heftig, zurck.

Am liebsten war sie mit Jakob von Schenna zusammen. Der junge, hagere,
schlecht sich haltende Herr mit dem feinen, alten Gesicht freute sich
immer, wenn er sie sah. Sie war nun vierzehn, er an die dreiig. Aber es
ging eine willkommene Bindung von ihm zu ihr. Was er sprach und tat,
klang, als wre es in ihr gewachsen. Sie fhlte sich wohl in seiner
Welt. Zwischen ihr und den andern Menschen war Klte. Sie lachten sie
aus, sahen sie mit Widerwillen an, bestenfalls mit Mitleid, weil sie
hlich war. Weil sie Prinzessin war, zeigten sie das nicht im Licht.
Aber sie sah weit ins Dunkle hinein, oh, sie hatte scharfe Augen, sie
wute, wie man mit ihr stand. Doch von Schenna zu ihr ging es warm und
freundlich herber. Seine groen, weichen Hnde, seine grauen,
gescheiten, wohlwollenden Augen waren voll Achtung fr sie, voll
Herzlichkeit und Kameradschaft.

Jakob von Schenna war reicher und mchtiger als seine Brder Estlein und
Petermann. Er hatte sieben feste Schlsser, neun Gerichte und Pflegen,
weiten Besitz an Weingtern, Gerechtsamen, Zllen, Geld. Er pflegte von
diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber
er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den
besonnten Stein seiner Schlsser. Dies waren _seine_ Reben, _seine_
Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verchtlich; aber leider
machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden
nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie bel der tirolische und
krntnische Adel den guten Knig Heinrich ausbeute. Leider mute er
mittun, sonst htte eben seinen Teil ein anderer, weniger Wrdiger an
sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem
Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestt.

Seine Schlsser waren die schnsten und gepflegtesten des Landes in den
Bergen. Die Schlsser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit
gebaut; innen waren sie ungemtlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel,
ohne Luft, kellerig, berall stand der Stank der Stlle. Seine Burgen,
vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und
voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren
angefllt mit schnen Dingen, Teppichen und Zierat. Whrend die Mauern
der andern notdrftig geweit waren und hchstens die Wnde der Kapelle
Heiligenbilder trugen, hatte er seine Sle von deutschen und
italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die uere
Sdwand seiner Lieblingsschlsser trug solche Malerei. Bunt und hell
schritt der Ritter mit dem Lwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel
vom blhenden Tal erlebte seine Abenteuer.

Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzhlten.
Margarete wute nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen
Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand
Horaz, die neis. Das war Sinn, Gesetz, Wrde, strenge Bindung. Aber
diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wsten
Einflle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften
Menschen wrdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in
verrenkten Worten zu erzhlen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich
zu machen, da diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild,
lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und sprte. Aber dies
wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben fr sie bunte,
widerwrtige Lgen; sie begriff nicht, da der gescheite, ernsthafte
Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.




Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief
beunruhigt. Auch der fhrende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte
Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende
Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch
eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die
Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drngen, sich ber sie
hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfllige, langsame
Bayer, der zhe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehat. Aber
sowie der Dritte sie berflgeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie
schlichen zusammen, Ludwig, der groe, langnsige Wittelsbacher mit dem
massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit
den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen
bereinkunft.

Legten fest, das sdliche Reich msse den Luxemburgern entrissen werden.
Sterbe Knig Heinrich, so solle Krnten an die Habsburger, Tirol an die
Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein
Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in
Krnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen,
gemeinsam herzufallen ber den Luxemburger. Der Kaiser berief seine
pflzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von
Meien, seine Shne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von
sterreich mit den Knigen von Ungarn und Polen sollte in Mhren
einfallen.

Der Luxemburger unterdes regierte kniglich im toskanischen Frhling. Er
lie seine Shne kommen, den lteren, Karl, den jngeren, Johann. Der
hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.

Sie fuhr mit kleinem Gefolge -- Chretien de Laferte fhrte es -- in den
lombardischen Mrz hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern
die Hnge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen.
Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblten. Bunte, lrmende Stdte,
Palste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von
Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden,
khnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.

Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel
doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blhenden, berstolzen
Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den
jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser.
Doch auch von diesen fhlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet.
Sie waren nun welk und drr; aber sie hatten doch einmal geblht. Sie
war in ihrer Blte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch
weniger, da sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter
diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: da sie hlich war.

Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit
solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim
Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr
schritt, die Lippen der Frauen sich ffneten, ihre Blicke voller wurden,
verlangender, gewhrender; wie sie dann abschtzig, hhnisch ber sie
selber glitten, den ffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle,
widerwrtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; khl
und so wissend begegneten ihre Augen den Hhnischen, da die, fast
beschmt manchmal, ablieen.

In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns
ltesten Sohn. Der Sechzehnjhrige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in
Bhmen schon Regierungsgeschfte selbstndig erledigt, war beherrscht
und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des
Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen khlen braunen Augen sah er
Margarete, sah, da sie hlich war und gescheit. Man konnte mit ihr
reden. Und whrend Johann im Palast der Signoria mit der wunderschnen
Giuditta von Castelbarco den Tanz anfhrte, whrend festliche Kerzen
brannten, so schwer, da drei Mnner nur mit Mhe sie hatten heben
knnen, sprachen die beiden Kinder, des Knigs Sohn und des Knigs
Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden
Unterworfenen, nchtern, sachlich von der Rckwirkung der lombardischen
Ereignisse auf die Souvernitt des Bischofs von Trient, von der
schwierigen Finanzlage.

Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien.
Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung
dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus
Deutschland und Bhmen so bedrohlich, da Johann jh aufbrach, seinen
Sohn Karl zurcklie, sich nach Bhmen warf. Hinter ihm, sofort und
unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen.
Mit groen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen
Herren, kaum war der Knig fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich
zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und
geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen
Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend
flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, ber der glhender Sommer
braute. Johann verpfndete in aller Eile noch whrend des
Zusammenbruchs, bel feilschend, an einzelne leichtglubige deutsche
Herren italienische Stdte, die er lngst verloren hatte. Aber er konnte
mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen
Betrgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach
langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade
residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend,
Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brdern und zeigte
Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen
Knigreichs.

                   *       *       *       *       *

Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch
seinen Zusammenbruch fr Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war
es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da.
Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien
wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was Knig Johann in der Lombardei
getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch
wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.

Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge
nchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld
war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, da ihr Vater
das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit
Johann von Viktring darber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der
sa, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in
Avignon und hufte Geld. Schichtete es in Mnzen, in Barren, in Silber
und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen
Auges, da auch jeder pnktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein
Bischof im Rckstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme
Bischof Heinrich von Trient! Was ntzte ihm sein eifriger Kampf fr das
rechtmige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht
aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl
gegen ihn. Und wie geschickt wute der Papst die hohen Kirchenstellen zu
besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinknfte eines ganzen
Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht
etwa ein neuer Prlat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief
den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so da mit dem Tod
jedes Bischofs eine ganze Reihe ppstlicher Lehen frei ward. So war ein
ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in
einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten.
Umsatz! Umsatz! sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann
verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der
Bankiers und Brsenleute. Der grte Teil des abendlndischen Goldes
flo in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht
ber sich, es weiterzuverwerten. Er htte Rom und Italien damit
wiedererobern knnen. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich
nicht davon trennen. Er sa in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein,
ber seinen Schtzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, lie
das Gold rieseln durch seine drren Zwergenfinger.

Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch
seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des
Luxemburgers und des Krntners an ihrer Leichtherzigkeit in
Finanzdingen. Aufmerksam hrte Margarete zu, wenn ihr der Abt
auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Grovater Meinhard seine
Geldwirtschaft fundiert hatte. Trb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie
ihrem gutmtigen Vater alle Einknfte in der Hand zerrannen. Wie er, um
ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer grere und wichtigere
hingab.

Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr
unter der wilden Finanzwirtschaft Knig Heinrichs. Sie war von ihren
tchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewhnt, und so scheu und
bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schlielich ihrem
Gatten stndig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war
krnklich; Knig Heinrich sah ergeben und voll wsserigen Kummers, da
er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung
nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, lie sich von ihrem Mann Zlle und
Geflle verschreiben, erreichte es sogar, zh kmpfend, da nach
Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einknfte des Haller
Salzbergwerks ihr bertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig,
knauserig, alles fr ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.

Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den beln Finanzen
aufhelfen knne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war,
sah sie suerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie drftig
sie war, wie unfrstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend!
Margarete gestand sich nicht ein, da dies nicht der Hauptgrund war, aus
dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und
freundlich zu ihr, fhlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte
keinen Sohn, jene, die rmste, war so hlich. Beide hatte sie Gott in
ihrem Weiblichsten gekrnkt und verkmmert. Aber Margarete wollte nicht
hinber zu ihr, drckte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn
Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der
Hlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz
allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.

Knig Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lchelnd und
mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine
Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit
gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder
blieb ohne Grenzen.

Wie er seine natrlichen Brder, Albrecht von Camian und Heinrich von
Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Wrden, Herrschaften
reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlssern und Gtern
Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmtig, Beatrix einen Vorwurf zu
machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm,
wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der
alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine
Gewimmel seiner Kinder. Er ttschelte sie gerhrt: Das da hat meine
Augen! Und der da meine Nase. Von einem Groen: Er geht gerade wie
ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier! Einen ganz kleinen
Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: Er hat ganz
genau mein Gesicht. Und er verhtschelte die Kinder, schenkte ihnen
Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wlder, Berge, Schlsser.

Margarete sah mit Sympathie auf ihre Halbgeschwister. Vor allem mochte
sie den schon fast erwachsenen Albert gerne leiden, den Knig Heinrich
zum Ritter geschlagen und mit dem Gericht Andrion belehnt hatte. Der
blonde junge Herr hatte die ganze Gutmtigkeit seines Vaters, dazu eine
starke, frhliche Sicherheit in allem Gehabe, eine federnde, immer
gleiche Heiterkeit. Er hatte nie den leisesten Spott fr Margarete. Er
selber war durchaus ohne Sinn fr Bcher und Theorie und bewunderte
ungeheuchelt ihre Gescheitheit und Wissenschaftlichkeit. Sie dankte es
ihm, da seine Achtung nicht durch ihre Hlichkeit gemindert wurde.

Auf die Frauen, denen sie begegnete, stets neuen, wo immer ihr Vater
war, schaute sie mit langen Blicken, nicht belwollend, fremd und voll
neidischer Sehnsucht. Es waren Frauen jedes Standes, jedes Temperaments,
deutsche und welsche; einige raschelten durch die Gnge, andere gingen
schwer und lssig, wie hohe Glocken lachten die einen, die andern
sprachen tief und langsam: alle aber, wenn sie der Prinzessin
begegneten, wurden scheu, befangen, verkrusteten sich in einer Art
feindseligen Mitleids. Ach, wer leben drfte wie diese, so leicht und
lssig! Ihr war es nicht erlaubt, sie war hlich und war Prinzessin.
Sie mute streng sein mit sich. Sie durfte nicht rascheln wie die
Eidechsen, sie mute ihre harte, steile Strae gehen, geradeaus und
immerzu, wie ein geschmcktes Saumtier, das, mit Prunk und Schtzen
schwer bepackt, einem groen Herrn Geschenke bringt.

Sie grbelte. Sie sprach mit dem Abt von Viktring darber. War es eine
Strafe Gottes, da sie so hlich war? Was wollte Gott mit ihr? Der Abt
zitierte Anselmus: Schneller vergeht nicht die Stunde, als wechselt der
Anblick der Dinge. Diesseits und fr nichts ist irdische Zierde zu
achten. Da er sah, da solcher Trost nicht verfing, fragte er, ob sie
es vorzge, niedrig zu sein, eine Bauerstochter und den Mnnern
wohlgefllig. Nein, erwiderte sie hastig, das nicht! Das nicht! Aber
allein brach sie aus: Ja, ja, ja! Mistfahren lieber den langen Tag,
aber wohlgeschaffen, als so im Schlo, als mit diesem Mund, mit diesen
Zhnen, diesen Backen!

Sie sprach mit der btissin von Frauenchiemsee. Sie hatte ihre jngere
Schwester besucht, die krnkelnde, verkrppelte Adelheid. Nun sa sie
mit der feinen, welken, milden btissin am Ufer der winzigen Insel.
Meine Mutter war nicht schn, sagte das Kind, doch sie war auch nicht
hlich.

Die alte Dame legte ihr die kleine, leichte Hand auf das kupferfarbene,
harte Haar. Ich will nicht von Gott reden und vom Jenseits, lchelte
sie, wo nicht die Gestalt gilt. Aber wie rasch verfaltet auch diesseits
das glatteste Gesicht! Noch fnfzehn Jahre, noch zwanzig httest du es.
Ich bin heute sehr zufrieden, schlo sie, da ich niemals schn war.

Die beiden Frauen schauten auf den blassen, weiten See hinaus, matte
Sonne schien, eine Mwe schrie.

Das Jahr darauf, unvermittelt, legte sich ihre Stiefmutter Beatrix hin
und stand nicht mehr auf. Sie war immer eine schwache Frau gewesen, nun
war die Enttuschung dazugekommen, da sie ohne Kinder blieb. Als sie
schon die Sterbesakramente empfangen hatte, sagte sie noch ihrem Mann,
er solle ja seinen Leibschneider stupen lassen und mit Schimpf
davonjagen. Er unterschlage gemein viel von den kostbaren Stoffen, die
er fr des Knigs Garderobe bentige. Auch solle sich Heinrich einen
neuen Lederbehlter anschaffen fr seine schne Rstung. Dann empfahl
sie ihre Seele Gott und starb.

Nun waren Johann und Margarete die unbestrittenen Erben des Landes in
den Bergen; denn niemand ahnte von dem Geheimvertrag zwischen den
Habsburgern und den Wittelsbachern. Selbst der Knabe Johann wurde
beschwingter durch sein Erbprinzentum. Er sagte sich die Titel vor, die
er haben wird: Herzog von Krnten, Grz, Krain, Graf von Tirol,
Schirmvogt der Bistmer Chur, Brixen, Trient, Gurk, Aquileja. Er malte
sich die merkwrdigen alten Zeremonien der Thronbernahme in Krnten
aus, die ihm sehr gefielen. Wie da der Frst in Bauerntracht kommt und
einen freien Bauern von dem Stein vertreibt, auf dem dieser sitzt. Wie
er, auf dem Stein stehend, das blanke Schwert nach allen Richtungen
schwingt. Wie er aus einem Bauernhut einen Trunk frischen Wassers
trinkt. Und der Knabe Johann kam sich sehr wichtig vor.

Margarete, bewegt von dem Tod ihrer Stiefmutter, gelst durch das
Gefhl, nun sichere Erbin des Landes zu sein, fand Chretien de Laferte
an ihrem Weg. Sie sprach zu ihm wrmer als sonst, ein erregtes Mdchen.
Sie htte, wie gern! ein sanftes, menschliches Wort von ihm gehrt. Er
aber neigte sich zeremonis, sprach zu ihr gehalten und voll Ehrfurcht
als zu seiner Frstin.

Der gute Knig Heinrich wurde durch den Tod seiner Gattin noch frmmer.
Er a und trank zwar noch reichlicher, hielt sich auch noch mehr Frauen.
Aber er betete auch noch mehr als frher, beichtete viel, war immerfort
zerknirscht und machte noch grere Stiftungen als bisher fr Klster
und Kirchen.




Im Bistum Chur war ein gewisser Peter von Flavon begtert, Lehensmann
des Bischofs von Chur. Herr von Flavon fiel in einem der italienischen
Feldzge Knig Heinrichs in jungen Jahren. Er hinterlie eine Witwe, die
anfangs der Dreiig war, und drei Tchter. Es war strittig, ob die
hinterlassenen Besitzungen nur in mnnlicher Linie vererbten, oder ob
sie Weiberlehen waren. Bischof Johannes von Chur und sein Kapitel gingen
daran, die Gter einzuziehen. Frau von Flavon kam hilfesuchend mit ihren
drei unmndigen Kindern zu Knig Heinrich. Kniete vor ihm, weinte. Ihr
guter, junger, tapferer Mann! Und in Diensten Knig Heinrichs war er
gefallen. Und nun wollte sie der gewaltttige Bischof von Chur ihres
Wittums berauben und sie und die armen Waisen in Not und Elend stoen.
Die drei hbschen, rundlichen, kleinen Tchter, rosig und appetitlich in
ihren schwarzen Kleidern, knieten neben ihr, flennten. Der gute Knig
Heinrich war sehr gerhrt.

Schrieb dem Bischof von Chur. Trat heftig fr Frau von Flavon ein. Der
Bischof schrieb kurz und gekrnkt zurck. Gab kein Zipfelchen seines
Anspruchs auf. Die Witwe, die inzwischen mit ihren Tchtern gastlich auf
Schlo Zenoberg aufgenommen war, gefiel dem Knig Heinrich von Tag zu
Tag besser. Es kam zu bsen Streitigkeiten mit dem Bischof, ja zu Fehden
und Gewalttaten. Schlielich erreichte der Knig fr Frau von Flavon
einen mageren Vergleich.

Inzwischen war die Dame seine erklrte Freundin geworden. Es ging nicht
an, sie mit krglichen Bissen abzuspeisen. Sollten die armen Wrmer,
deren Vater fr ihn gestorben war, als kleine Landedelfrulein
heranwachsen? Nein, so knauserig war Knig Heinrich nicht. Er verlieh
ihnen die Herrschaften Taufers und Velturns. Darber geriet er zwar in
Hndel mit dem Bischof von Brixen, der diese erledigten Lehen fr sich
in Anspruch nahm. Aber Knig Heinrich hielt zh fest. Zahlte schlielich
dem Bischof Geld heraus; aber die Dame blieb im Besitz der beiden
Gerichte.

Sie machte mit ihren drei Tchtern viel Gewese von sich. Sie fhlte sich
sicher im Schutz des Knigs. Sie war eine hbsche Frau, sehr wei von
Haut, sehr blond von Haar, fest und rundlich. Sie lachte gern und viel,
fehlte bei keinem Tanz und Turnier. Auf ihren Schlssern hrte das
festliche Gelrm nicht auf. Sie mute immer zu tun haben, mengte sich in
alles, erzhlte wichtig belanglose Nebenumstnde, warf alles
durcheinander. Pltzlich kam sie auf den Einfall, ihren Gatten in der
Kapelle ihrer Burg Taufers beizusetzen. Durch Jahre betrieb sie diese
Angelegenheit, reiste schlielich in die Lombardei. Der dort formlos
bestattete Tote wurde ausgegraben, die Leiche, wie blich in siedendes
Wasser geworfen, da das Fleisch sich von den Knochen lse, die Gebeine
nach Taufers gebracht, feierlich unter groem Lamento der Damen von
Flavon beigesetzt. Es war aber keineswegs gewi, ob es auch die Reste
des Herrn von Flavon waren.

Die drei Mdchen wuchsen ohne viel Erziehung heran, wild und sehr
verwhnt. Stets balgten sie sich untereinander, wegen jeder Kleinigkeit
gab es, hufig bsartigen, Zank. So oft der gute Knig kam, mute er
schlichten, besnftigen. Auch lehnten sie sich gegen die Mutter auf,
standen oft zusammen gegen sie. Die Mutter klagte dem Knig ber die
Tchter vor, die ber die Mutter. Ebenso sinnlos waren sie dann alle
wieder vershnt, betonten lrmend ihr trauliches Familienleben. Die
Kinder tollten in ihren weiten Besitzungen herum, strten die Amtleute,
qulten die Bauern, plackten Mensch und Tier.

Sie waren alle drei sehr hbsch, wei, glatt, rosig, fleischig, blond.
Die schnste war die mittlere, Agnes von Flavon. Grer als die
Schwestern, die Haare dunkler, leuchtender, das Gesicht lnger, nicht so
rund, auch die Nase nicht so puppig klein und die Lippen khner. Alle
drei waren die Schwestern sehr eitel. Agnes, so jung sie war, gute zwei
Jahre lter als die Prinzessin Margarete, galt unbestritten als die
schnste Dame zwischen Etsch und Inn. Bei allen Turnieren ritt man fr
sie; sie erteilte die Preise. Rhmte man die welschen Damen, so riefen
die deutschen Herren wie aus einem Mund: Agnes von Flavon, und die
Italiener verstummten. In Trient, als ihre Mutter sie in einer
Lehensangelegenheit mit an den Hof des Bischofs nahm, stand das Volk vor
dem Palast, wartete, rief begeistert: Ein Engel ist herabgestiegen!
Segne uns, schner Engel!

Agnes war sich ihrer Schnheit sehr bewut. Es war ihr
selbstverstndlich, da der Knig, die Ritter, das Volk ihr jeden Wunsch
erfllten. Sie betrachtete sich als die Herrin von Tirol.

Knig Heinrich, in einer Art gutmtigen Taktes, vermied es, die schnen
Schwestern mit seiner Tochter Margarete zusammenzubringen. Manchmal
freilich lie es sich nicht umgehen. Agnes behandelte Margarete bei
aller ueren Wahrung der Form mit einer gewissen spttischen
Herablassung, die die Prinzessin bis aufs Blut reizte. Einmal, als die
beiden Mdchen allein waren und nur Chretien de Laferte bei ihnen, und
als fast eine halbe Stunde lang Stichelreden zwischen den beiden Mdchen
hin und her gegangen waren, bat Agnes, sich verabschiedend: Begleiten
Sie mich, Herr Chretien!

Herr Chretien bleibt! sagte Margarete, die Stimme ungewohnt trocken
und hart. Dann aber, als Agnes achselzuckend mit einem bsartigen,
spttischen Lcheln gegangen war: Gehen Sie, Chretien! Gehen Sie!
Ratlos, bestrzt, folgte der junge Mensch dem Frulein von Flavon. Die
Prinzessin, allein, verzerrt, atmete, fauchte.

Mit Herrn von Schenna sa sie ber einer bebilderten Vershandschrift.
Blanscheflur sah aus wie Agnes. Herr von Schenna und die Prinzessin
schauten auf das bunte Bild. Ja, sagte Herr von Schenna nach einer
Weile, sie sieht aus wie Agnes.

Sie ist wunderschn, sagte Margarete mit einer gepreten, seltsam
erloschenen Stimme.

Aber Frulein von Flavon hat viel dmmere Augen, sagte Herr von
Schenna.

Lesen wir weiter! sagte Margarete, und ihre Stimme klang dunkel, voll
und warm wie vorher.

                   *       *       *       *       *

Knig Heinrich alterte sehr frh, verfiel zusehends. Seine Hnde
zitterten, oft verlor er die Sprache, lallte. Wilde, atemlose Furcht vor
Strafe im Jenseits befiel ihn. Er hatte so oft an Kirchenportalen, auf
Gemlden das Jngste Gericht dargestellt gesehen, den Hllenrachen,
scheuliche Teufel aus dem Schwefelpfuhl grinsend. Dies alles rckte ihm
jetzt in schreckhafte Nhe. Er verdoppelte seine frommen Schenkungen,
bedachte Marienberg, Stams, Rotenbuch, Benediktbeuern mit reichen
Stiftungen. Aber dies vermochte ihn so wenig zu beruhigen wie die
trstlichen Versicherungen des Abtes von Viktring. Um sich zu kasteien,
lie er in der Kapelle von Zenoberg eine Bahre aufstellen und legte sich
eine ganze lange Winternacht hinein. Da kamen die Menschen, die er hatte
berauben lassen, foltern, umbringen; er war ein gutmtiger Herr, aber es
waren doch sehr viele. Da kamen Frauen, mit denen er Unzucht getrieben
hatte; sie wiesen ihm lchelnde Gesichter, aber drehten sie sich um, so
war ihr Rcken tief in die Eingeweide hinein zerfressen von ekelm,
eitrigem Gewrm. Die ganze Kapelle war voll von scheulichen Teufeln,
die nach ihm krallten, ihn hetzten. Er schrie. Aber er hatte die Kapelle
versperren lassen und befohlen, da niemand in ihrer Nhe sei, auf da
er msse bis zur Frhmesse allein bleiben mit seinen Snden und seiner
Reue. Schlielich ertrug er es nicht mehr. Er kletterte -- die Angst
machte ihn geschickt -- die Wand hinauf, sprang durch das Fenster.
Verkroch sich zhneklappernd, kalt schwitzend in sein Bett.

Von da an siechte er hin. Er sprach oft fr sich allein, hustete hohl
und hilflos. Margarete war viel um ihn, doch ohne groe Teilnahme. Nun
wird er also sterben. Er kann nicht klagen, er hat sein Leben weidlich
gentzt.

Sehr gerne hatte er seine Kinder um sich, besonders die ganz kleinen. Er
schlurfte herum zwischen dem winzigen, lallenden, auf krummen Beinchen
trippelnden, purzelnden Volk, schneuzte dort eine kleine Rotznase,
snftigte hier einen sinn- und atemlos schreienden, rutschenden, dicken,
rosigen Balg. Er hob die Kinder hoch, setzte sich ganz nahe zu ihnen,
erzhlte den ernsthaft und verstndnislos Lauschenden mit vielem Seufzen
von Geld, von Kirchenbue, von hoher Politik.

April kam. Das Land stubte unter einem azurnen Himmel von Mandel- und
Pfirsichblten. Da sprte er, da es aus war. Er lie sich in die
Kapelle des heiligen Pankratius bringen. Eine milde, blaue Maria
lchelte ihm zu. Das bunte, bemalte Kirchenfenster leuchtete freundlich
in der starken Sonne. Kleine Kinder standen grougig um ihn herum und
der sanfte, betuliche Abt von Viktring. So ereilte ihn ein letzter
Blutsturz, erstickte ihn.

Der Leichnam wurde ausgeweidet, einbalsamiert, Herz und Eingeweide
sollten auf Schlo Tirol, die brigen Reste sollten spter unter grten
Feierlichkeiten in der Frstengruft des Klosters Sankt Johannis zu Stams
bestattet werden.

Der Bischof von Brixen, der auf die Nachricht vom Ableben Knig
Heinrichs sich sofort nach Schlo Tirol aufmachte, noch bei Nacht
reitend, hrte auf der Strae das Getrappel von vielen kleinen
Schritten. Er fragte seine Leute, ob sie nichts shen. Die hrten wohl
auch das Gerusch, aber sie gewahrten nichts. Wie nun der Bischof
schrfer durch die Nacht blickte, sah er, da es die Zwerge waren, die
eilig in dickem Zug nach Norden wanderten. Sie hatten aber ihre
Edelsteine an den Fingern, so da nur er sie sehen konnte. Er hielt
einen an und fragte. Der erwiderte, nun der gute Knig Heinrich tot sei,
fhlten sie sich nicht mehr sicher und mten das Land verlassen.

                   *       *       *       *       *

Noch am gleichen Tag ritten die Kuriere, die die Todesnachricht ins Land
trugen. Einer ber die Berge in die welsche Ebene nach Verona. Da
freuten sich die Brder della Scala. Nun wird es Verwirrung geben in den
Bergen. Nun wird man wieder die Hand ausstrecken knnen nach Norden,
sich ein Stck Land erraffen. Einer ritt nach Wien. Da sa der lahme
Herzog Albrecht, immer frstelnd, am Kamin, schlecht rasiert, mager,
krnkelnd. Er horchte hoch auf, beschickte seinen Bruder, berief
Sekretre, diktierte, verga zu essen ber Plnen und Arbeit. Einer ritt
nach Mnchen zum Kaiser Ludwig. Der schaute ihn an aus seinen groen,
treuherzigen, blauen Augen ber der langen Nase, und whrend er in
umstndlichen, biederen Worten seine Trauer bekundete ber den Hingang
des vielgeliebten Oheims, bedachte er schwerfllig die Vorwnde, unter
denen er am bequemsten seine kleine Kusine um ihre Lnder bringen
knnte.

Margarete beschaute sich im Spiegel. In die Elfenbeinkapsel, in die das
Glas eingelassen war, schnitt sich ein Relief, auf dem die Burg der Frau
Minne erobert wurde. Nun ja, so wie die Frau Minne war sie, Margarete,
eben nicht von Antlitz und Figur. Dafr war sie Herzogin von Krnten und
Grfin von Tirol. So also schaute eine Herzogin aus. Sie prfte sich mit
bitterem Scherz. La sehen! Augen und Stirn gingen an. Das Schlimmste
war der Mund, dies berworfene Affenmaul. Nun, dafr hatte sie Krnten.
Dann waren die schlaffen Hngebacken ein arges bel. Aber wurde es nicht
aufgewogen durch die Grafschaft Tirol? Und der graue, fleckige Teint?
Legt Trient darauf, Brixen, Chur, Friaul. Ist er dann nicht glatt und
rein?

Johann, ihr Gemahl, war geschwellt. Nun war er Frst und Herr. Er wurde
geradezu liebenswrdig in seiner gehobenen Laune. Margarete betrachtete
ihn. Eigentlich war er ein hbscher Junge: das lange, herrische Gesicht,
das schne Haar. Auch seine Augen schienen ihr heute freier, khner. Er
dachte: Schn ist sie nicht. Aber die Lnder sind schn, die sie mir
zubringt. Er sagte zu ihr: Na? Gretl? und kte sie herzhaft auf ihren
hlichen Mund. Er tat ein briges und sagte, jetzt msse sie auch
einmal auf die Falkenbeize mit ihm gehen.

Dann saen die beiden Kinder zusammen, sehr ernsthaft, und berieten ihre
ersten Regierungsmanahmen. Die Lage war nicht einfach. Die Feudalbarone
waren schwierig, wrden gewi die Lage ausbeuten wollen. Der Knabe
Johann setzte sein hochmtiges Gesicht auf. Er wird sie schon
kleinkriegen. Er ist auch wilder Pferde schon Herr geworden. Vor allem
mu man seinen Vater beschicken, den Knig Johann; der ist wohl noch in
Paris, beim Turnier, bei seinem Schwager, dem Knig von Frankreich. Dann
mssen Boten an den Kaiser, an die Herzoge von sterreich. Die Kinder
befahlen den Abt von Viktring zu sich, betrauten ihn mit der Botschaft,
gravittisch und doch mit gespielter Leichtigkeit. Sie setzten ihre
Namen unter die Vollmacht: Johann von Gottes Gnaden Graf von Tirol,
Margareta, _Dei gratia Carinthiae dux, Tyrolis et Goritiae comes et
ecclesiarum Aquilensis Tridentinae et Brixensis advocata_.

Doch als der Abt von Viktring diesen Brief bergab, hatten seine
Auftraggeber die meisten dieser Lnder schon verloren. In Linz sa der
Kaiser mit dem lahmen Habsburger, beriet die Ausfhrung jenes Vertrags,
der das Land in den Bergen zwischen Habsburg und Wittelsbach teilte.
Ungeschlacht, wuchtig sa der Bayer, wollte alles fr sich haben, von
keinem kleinsten Dorf die Finger lsen. Zh und hartnckig zerrte der
lahme Herzog, whlte scharfe, bittere Worte, gab nichts preis. Sie
saen, schauten, die Gedanken nur bei ihren Karten und Registern, auf
die hochgehende Donau, Regen rann, die beiden Mnner lagen ber dem
fetten Besitz, rissen hin und her. Hart feilschend kamen sie endlich
berein: Krnten, Krain, Sdtirol an den sterreicher, Nordtirol an den
Bayern. Als sie so weit waren, kam der Abt von Viktring mit den Briefen
und Empfehlungen der Kinder. Sehr hflich empfingen ihn die beiden
Frsten. Lasen aufmerksam die Briefe. Mit undurchdringlichem Spott
erwiderte zunchst der sterreicher, wie sehr der Tod seines Oheims, des
edeln und hocherlauchten Frsten, Seniors ihres ganzen Geschlechts und
Vaters ihrer aller, ihm ans Herz gehe. Wie tief er seine kleine Base und
ihren jugendlichen Mann bedaure. Krain gehre nun ihm. Krnten habe ihm
die Freigebigkeit des Kaisers verliehen, Truppen seien schon unterwegs,
das Land fr ihn zu besetzen. Wenn er sich aber sonstwie seiner kleinen
Base gefllig und behilflich erweisen knne, wolle er es gerne tun.
hnlich sprach der Kaiser selbst, den Abt mit seinen groen blauen Augen
treuherzig und unverwandt anstarrend. Nur sprach er feierlicher,
tnender, weil er eben der Kaiser war. Leider seien die Kinder mit ihren
Bitten zu spt gekommen; er habe mit seinen lieben Oheimen von
sterreich schon alles abgemacht. Im brigen wolle er sich die Sache in
Gnaden angelegen sein lassen.

Die beiden Kinder auf Schlo Tirol, sowie sie sahen, wie schlecht ihre
Angelegenheit stand, schickten Eilboten auf Eilboten nach Paris zu ihrem
Vater und Vormund, dem Knig Johann. Aber der war im Turnier bel
verwundet worden. Er lag zerschlagen und zerschunden, des Augenlichtes
fast beraubt, in Verbnden und Umschlgen und konnte nach Tirol nur den
matten Trost schicken, die Kinder sollten guten Mutes sein; sowie seine
Krfte es erlaubten, werde er selbst kommen und sie und ihre Lnder
schtzen. Es war ein besonderer Unstern, da er hilflos im Bett liegen
mute, whrend der Kaiser und Habsburg die reichen Lnder, die er sich
durch so langwierige und geschickte Diplomatie gesichert hatte, unter
sich verteilten. Allein Spieler und Fatalist, der er war, ging ihm auch
dies Unglck nicht sehr tief. Er war an jhen Wechsel gewohnt, ri in
aller Ohnmacht und Erbrmlichkeit leichtfertige Witze ber die Frauen
und die Lnder, die ihm auf diese Art entgingen, rechnete mit dem
Gleichmut des Spielers auf eine glckliche Wendung.

                   *       *       *       *       *

Unterdes wurde Krnten und Krain ohne Widerstand von den Habsburgern
besetzt. Die Stdte huldigten ihnen, die Lehensurkunde des Kaisers wurde
berall feierlich verlesen, die Feudalbarone und Beamten stellten sich
auf den Boden der Tatsachen, lieen sich auf die neuen Herren
vereidigen. Die fhrenden Herren, an ihrer Spitze der gravittische
Konrad von Auffenstein, der Statthalter des verstorbenen Knigs, von ihm
mit reichstem Gut und allem Vertrauen bedacht, spielten dabei eine sehr
zwielichtige Rolle. Die Bevlkerung wurde mit dem Verrat an den beiden
Kindern dadurch ausgeshnt, da sich in Vertretung seines lahmen Bruders
der Herzog Otto von sterreich den alten, umstndlichen,
patriarchalischen Bruchen unterzog, die in Krnten bei der
Inthronisation blich waren und auf die sich der kleine Prinz Johann so
gefreut hatte. Er zog also Bauerntracht an, hie den dazu bestellten
Bauern von dem Stein aufstehen, trank Wasser aus einem Bauernhut und
bte mehr dergleichen berkommene Zeremonien. Der Bevlkerung gefiel
dieses Festhalten an den vterlichen Bruchen auerordentlich, die Leute
waren gerhrt, bekannten sich berzeugt zu dem neuen Frsten. Herzog
Otto war brigens ein feiner, modischer junger Herr; er kam sich in der
Bauerntracht sehr komisch vor, er und seine Herren machten noch lange
Witze darber. Das umstndliche Zeremoniell war trotz allem da und dort
nicht eingehalten worden, es gab Leute, die darber murrten; auf Schlo
Tirol bemerkte der Herzog Johann mit grimmiger Befriedigung, da ihm das
nicht passiert wre. Allein wie immer, Krnten und Krain, die Hlfte
ihrer Lnder, waren vorlufig fr Margarete und ihren Gemahl verloren.

Margarete war nie eine pathetische Natur gewesen. Sie hatte nicht
erwartet, da Krnten aus Treue zu dem angestammten Herrscherhaus sich
nun flammend vor sie hinstellen und schtzen werde. Aber die schnde
Art, wie man mit der grten Selbstverstndlichkeit das Recht preisgab
und sich auf die Seite der Macht schlug, in aller Hast noch kleine
Vorteile fr sich erschachernd, fllte sie dennoch an mit Ekel und
Emprung. Sie hatte keinen Einwand, als Herzog Johann, schumend, mit
berschlagender Stimme, fustampfend, Order gab, Burg Auffenstein bei
Matrei, das Stammschlo des treulosen Krntner Gouverneurs, zu
zerstren. Der kluge Herr von Schenna meinte freilich, es wre
gescheiter gewesen, es einfach zu beschlagnahmen.

Blieb Krnten verloren, so entwickelten sich in Tirol die Dinge fr die
Kinder sehr gnstig. Die tirolischen Barone hatten von dem Luxemburger
weitgehende Versicherungen, da er ihnen in die magebenden mter keine
fremden Vgte hineinsetzte; jedenfalls war mit den beiden Kindern
leichter auszukommen als mit dem in Gelddingen durchaus nicht
gemtlichen Wittelsbacher. Die Tiroler Herren blinzelten also einander
zu, verstndigten sich, beschlossen, in bewhrter tirolischer Treue zu
ihrer angestammten Herrin zu stehen, rsteten bewaffneten Widerstand,
schrten die gute Gesinnung im Land.

So fand Herzog Johanns lterer Bruder, Markgraf Karl, den Knig Johann
vorlufig in seiner Vertretung nach Tirol schickte, die Grafschaft in
gutem Stand zur Verteidigung, und die drei Kinder konnten in einem
kurzen Krieg, der uerst sachlich, grndlich und grausam gefhrt wurde,
Tirol halten. Der kleine Herzog Johann zeigte sich brigens in diesem
Krieg von einer persnlichen, verbissenen, krampfhaften Tapferkeit, die
nicht ohne Eindruck auf Margarete blieb.

Mittlerweile konnte auch Knig Johann wieder vom Krankenlager aufstehen.
Seine Augen freilich waren nicht mehr zu retten. Er sah von der Welt nur
mehr einen schwachen Schimmer und wute, da er bald gar nichts mehr
werde sehen knnen. Dies machte ihn etwas mde, geneigt zu Philosophie
und Pazifismus. Auch der Habsburger, der lahme Albrecht, war des Kampfes
mde; er sah, da auer Krnten vorlufig fr ihn nichts zu holen sei
und da er, fhre er den Krieg weiter, sich lediglich fr den Kaiser
schlage, der sich, ging es ans Zahlen, diesmal wie stets einsilbig,
hochmtig und schofel hinter seine Kaiserwrde zurckzog. Albrecht kam
unter diesen Umstnden mit Johann bald berein, erkannte die Luxemburger
als rechtmige Herren von Tirol an, wogegen Johann sich mit der
Habsburger Herrschaft in Krnten einverstanden erklrte; natrlich
verlangte er noch einen finanziellen Ersatz: zehntausend Veroneser
Silbermark.

Da er gerade im Vertrgeschlieen war, schlug er auch dem Kaiser einen
Handel vor: Brandenburg gegen Tirol. Ludwig, der mit Leidenschaft solche
Geschfte betrieb, war sogleich dabei, und die beiden Frsten erwogen
stark angeregt die Einzelheiten des Projekts. Da aber schlug die Treue
der Tiroler zu ihrer Frstin in lohen Flammen empor -- die Feudalbarone
wren ja durch die Herrschaft der Wittelsbacher finanziell schwer
beeintrchtigt gewesen; es kam zu den heftigsten Resolutionen, und die
Volksbewegung war so stark, da Knig Johann feierlich bezeugen mute,
er habe nie an eine derartige Vertauschung gedacht. Ja, sein Sohn und
Statthalter, der Markgraf Karl, hielt die Stimmung fr so bedenklich,
da er in den Vater drang, sich mit den hchsten Eiden zu verpflichten,
Tirol niemals zu veruern. Was dieser achselzuckend und liebenswrdig
lchelnd tat.

Das junge Ehepaar dachte brigens nicht daran, die Abmachungen Johanns
ber Krnten zu vollziehen. Margarete erging sich in den heftigsten
Worten, wie ihr Vormund ihre Interessen schnde verschachere; sie und
ihr junger Gemahl hielten ihre Ansprche auf Krnten und Krain voll
aufrecht. Der junge Herzog Johann fand hierbei willkommenen Anla zur
Entfaltung einer groen, pathetischen Zeremonie. Er sammelte den Adel
Tirols um sich und lie die Herren, malerisch angeordnet, die Schwerter
gezogen, auf das Kreuz schwren, nicht zu ruhen und zu rasten, bis
Krnten wieder in seinem und Margaretens Besitz sei.

Der blinde Knig Johann fand, sein Sohn sei ein kleiner Esel. Denn die
einzige Folge dieses groen Auftritts war, da sterreich die
zehntausend Mark Veroneser Silbers nicht zahlte. Tatschlich blieben die
sterreicher im Besitz Krntens, die feierlichen Tiroler Herren steckten
trotz des Schwurs ihre Schwerter wieder in die Scheide, und durch die
Rume Knig Johanns glitt schattenhaft, unscheinbar und mit vielen
Verneigungen Messer Artese aus Florenz.




Der Herzog Johann wurde reifer, mnnlicher. Sein Gesicht blieb trotzig,
hinterhltig, verbissen; aber sein Krper verlor das Stakige,
berlang-Magere, ward fest, stattlich, nicht sehr gelenk, doch sicher.
Er war ein guter Jger, verstand sich ausgezeichnet auf die Falkenbeize,
bewhrte auch im Krieg persnliche Tapferkeit. Margarete gefiel er. Es
gab schnere Mnner, klgere, glnzendere. Aber er hatte sich bei den
schwierigen Kmpfen um den Besitz des Landes nicht schlecht gehalten,
war kein Knabe mehr, war sehr jung zum Mann geworden, war ihr Mann. Er
vermied sie. Je nun, er war wohl berhaupt scheu; gesprchig,
vertraulich war er nur mit seinen Jgern; man mute um ihn werben. Sie
stellte sich in seinen Weg. Es nutzte nichts; er ging ihr, abweisend,
vorbei.

Sie fllte ihren Tag mit tausend Beschftigungen, Putz, Reprsentation,
Politik, Studien. Aber ihre Gedanken hakten sich immer wieder an ihn.
Warum konnte sie nicht zu ihm gelangen? Ihre Nchte waren voll von ihm.
Aufdringlich fast suchte sie seine Gesellschaft. Fand alle mglichen
Vorwnde, sowie sie ihn nur in der Nhe wute, bei ihm einzudringen.
Aber er war immer eilig, bog mrrisch jedem vertraulichen Wort aus. Sie
suchte nie den Grund in seinem schlechten Willen, war ihm fr
keinen Augenblick bse. Suchte alle Schuld in sich, in ihrer
Ungeschicklichkeit.

Sie mute sich anvertrauen, sich Rats holen. Aber bei wem? Ihre Frauen
waren drr und albern, der gutmtige Abt von Viktring wrde mit
erbaulichen Sprchen und Zitaten kommen. Nach einer schlaflosen Nacht
sprach sie mit Herrn von Schenna.

Der lange Herr sa in schlechter Haltung vor ihr, ein Bein ber das
andere geschlagen, das etwas welke Gesicht in die groe Hand gesttzt.
Durch die feinen Pfeiler der Loggia sah man weit in die Berge hinein
ber das starkfarbene, ppige, besonnte Land. An den Wnden der Loggia
schritt sehr bunt und berschlank Tristan. Isolde stand, die eine Hand
gehoben, hoch und abweisend. Zu Fen der Herzogin Margarete spreizte
sich der Hauspfau. Margarete, in einem malvenfarbenen Kleid, das
kupferne Haar schillernd in dem hellen Tag, aber alle Hlichkeit auch
des Gesichts in dem klaren Licht grob und mitleidlos enthllt, sprach
stockend, in halben Worten. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen
wollte; dennoch kam jetzt ihre sonst so gewandte Rede nicht recht
vorwrts, und sie sprach in Andeutungen. Schlielich war Johann doch ihr
Mann. Irgend jemand msse ihm das doch sagen. Sie selber, das gehe doch
nicht gut.

Sie sah Herrn von Schenna an. Aber der sa ganz still, blinzelte in der
Sonne, schwieg. Mutloser noch fuhr sie fort. Es war frher manchmal
dagewesen, da Frsten, die als Kinder waren verheiratet worden, spter
feierlich Beilager hielten. Johann hnge so an Zeremonien. Ob Herr von
Schenna es fr angngig halte, da sie Johann ein solches Fest
vorschlage.

Herr von Schenna lie eine Weile verstreichen, ehe er antwortete. In die
besonnte Stille hinein schrie der Pfau, von unten her aus den tieferen
Reben, sehr fern, klang das Geschrei spielender Kinder. Herr von Schenna
wute, da der junge Herzog anderen Frauen gegenber durchaus nicht so
scheu und blde war wie Margareten. Behutsam, langsam, merkwrdig sacht
hub er endlich an. Wie er den jungen, eigenwilligen, herrschschtigen
Frsten kenne, glaube er nicht, da er einen Gedanken ausfhren werde,
den ein anderer ihm eingebe. Vielleicht da sich einmal Gelegenheit
biete, ihm den Gedanken so unmerklich beizubringen, da er ihn fr einen
eigenen halte. Aber man msse sehr, sehr vorsichtig sein. Und abwarten.

Dann, froh, abbiegen zu knnen, wies er auf einen Herrn, der langsam in
der prallen Sonne den Weg heraufritt: Da kommt Berchtold.

Die Herzogin sehr ehrerbietig grend, kam Berchtold von Gufidaun heran.
Der stattliche Herr, brunlich khnes Gesicht, blaue Augen merkwrdig zu
dem dunkeln Haar, war Jakob von Schennas bester Freund. Herr von Schenna
pflegte zu sagen: Er ist zweimal so dumm wie ich, aber zehnmal so
anstndig. Margarete mochte den festen, biederen, sehr ergebenen Mann
gern leiden.

Herr von Schenna lie Wein und Frchte bringen. Es ging gegen Abend, man
hielt ein geruhsames Gesprch. In eine Stille hinein fragte pltzlich
Margarete: Sagen Sie, Herr von Gufidaun, Sie kommen doch mit vielen
Leuten zusammen, mit Aristokraten, Stadtbrgern, Bauern: wie denkt
eigentlich das Volk ber mich? Der ehrliche Mann, berrumpelt, drckte
unbehaglich herum, das Volk liebe und ehre sie geziemend. Schwitzte
unter dem klaren, ernsten Blick des Mdchens. Schenna kam dem Verlegenen
zu Hilfe. berall wisse man, wie klug und gewandt sie sei und da sie
das Land vor Habsburg und Wittelsbach gerettet habe.

Margarete fhlte sehr wohl, da die Vorsicht, die Herr von Schenna ihr
riet, sehr am Platz war, mehr als seine Hflichkeit ihr sagte. Aber sie
wollte sich das nicht eingestehen. Sie konnte nun nicht lnger unttig
bleiben und zusehen, wie Johann an ihr vorbeiging. Gut, ihr Gesicht war
hlich, ihre Figur breit, unedel, ohne Reiz. Aber sie war gesund, sie
hatte Blut, sie war bereit, tchtig und berechtigt, Frstenkinder zu
empfangen, zu gebren. Die Mnner waren blde, sie wollten gestoen
sein; sicher war es so. Der Junge kam auf nichts, stie man ihn nicht
an.

Sie fragte ihn, ihre Erregung mhsam bndigend, so beilufig wie
mglich, wann er eigentlich und wo die Feier ihres Beilagers abzuhalten
fr ratsam halte. Das Kloster Wilten, die Stadt Innsbruck warte darauf.
Er schaute sie auf und ab, sein Gesicht verzog sich wtend, spttisch,
gehssig, die Augen wurden ganz klein. Eine Feier auch noch? Er habe sie
doch geheiratet. Das sei Feier genug gewesen. Er denke nicht daran, ihr
Beilager gar noch feierlich zu begehen. Sie mge geflligst warten, ihn
in Frieden lassen. Er schrie. Die Stimme schlug ihm um. Er lachte
knurrend, hhnisch, bsartig. Seine Augen glitten von ihrem harten,
kupfernen Haar ber den kurzen, plumpen Leib bis zu den Fen. Er sah
aus wie ein tckischer kleiner Affe. Margarete schluckte, wandte sich,
ging.

Allein, raste sie, schumte. Wer war er denn? Wie ein bissiger,
hlicher Kter sah er aus. Wer htte ihn angeschaut, wre er nicht
Herzog? Und sie hat ihn dazu gemacht. Und mu sich nun -- wer hilft ihr?
-- diese frechste Verhhnung gefallen lassen. Ist sie darum Herzogin?
Wann je war eine Frau so verschmht und gekrnkt wie sie? Sie zerkratzte
sich die Brust, ihr armes, hliches Gesicht. Schumte, knirschte,
knurrte, sthnte, da ihre Frauen bestrzt hereinkamen.

Andern Tages war sie eisig umkrustet. Warf sich auf die Politik. Beriet
mit Volkmar von Burgstall, Jakob von Schenna, Berchtold von Gufidaun.
Markgraf Karl, Johanns lterer Bruder, war auf Reisen am Rhein.
Eigentlicher Regent des Landes war, den Herzog Johann klug lenkend, der
Bischof Nikolaus von Trient, ehedem Kanzler des Markgrafen in Brnn,
Domherr von Olmtz, ein energischer, rasch denkender Herr, den
Luxemburgern unbedingt ergeben. Jetzt mischte sich Margarete in jede
kleinste Angelegenheit, zwang den Bischof, verbindlich in der Form, aber
unnachgiebig, sie an allen Regierungsgeschften teilnehmen zu lassen. Da
sie die eingesessenen Feudalbarone, die dem Luxemburger Prlaten nicht
zu groen Einflu einrumen wollten, auf ihrer Seite hatte, fgte sich
der geschmeidige Bischof, Schritt fr Schritt weichend.

Den Herzog Johann behandelte sie mit eisiger Hflichkeit, nannte ihn
Herr Herzog und mit allen Titeln. Niemals mehr war von Persnlichem
zwischen ihnen die Rede. In allen politischen Dingen wurde er
beigezogen, aber sie wute ihn bei aller umstndlichen Hflichkeit immer
wieder vor den tirolischen Herren als dummen, launischen, kleinen Jungen
hinzustellen. Er verzerrte sich vor Zorn; aber wenn er losbrechen
wollte, fand er, denn sie hatte sehr klug jede Form gewahrt, erstaunte,
mibilligende Gesichter. Hufig auch traf sie wichtige Manahmen
selbstndig und holte im letzten Augenblick erst seine Zustimmung ein.
Sehr geschickt verstand sie seine Einwilligung zu einer leeren Formsache
herabzudrcken, ohne da er, bis aufs Blut gereizt und verrgert, der
erstaunt und unschuldig sich Habenden solche Nichtachtung nachweisen
konnte.

Die Finanzen des Landes waren besser als unter Knig Heinrich, aber noch
keineswegs gesund. Sie verlangten ein ewiges, vorsichtiges Lavieren und
viel Hin und Her. Herzog Johann, der anstrengenden Kleinarbeit mde,
berief den Alleshelfer, den er von seinem Vater her kannte, Messer
Artese aus Florenz. Unscheinbar, schattenhaft, ungeheuer dienstwillig
war der mchtige Bankier mit einemmal auf Schlo Tirol.
Selbstverstndlich und mit tausend Freuden wird er aushelfen. Er
verlangte dafr nur einen ganz, ganz winzigen Gegendienst: die
Verpfndung der eben erschlossenen Silberbergwerke.

Herzog Johann war sofort dabei. Margarete, in kluger Berechnung,
widersprach nur flchtig und ohne Nachdruck, lie ihn ganz sich in den
Plan verstricken. Erst als der Plan in allen Einzelheiten ausgearbeitet
war, protestierte sie unvermittelt mit grter Entschiedenheit,
verweigerte ihre Unterschrift. Johann schwoll an, seine Adern wurden
dicke Schlangen. Der Welsche kriegt die Silberrechte! gellte er.

Margarete, bebend vor Triumph: Er kriegt sie nicht!

Der Herzog sah rot. Was? Er hat dem Bankier die Silberrechte versprochen
und soll es nun nicht halten knnen? Blo weil die Hexe, die
widerwrtige, scheuselige, die Vettel, nicht mag? Er kriegt sie! Er
kriegt sie! und strzte sich auf sie, schlug sie ins Gesicht, verbi
sich in sie.

Sie, selig, weil sie ihn so tief traf, jubelte, ihre volle Stimme in
seine japsende: Er kriegt sie nicht! Nie kriegt er sie! Nie!

Keuchend, ohnmchtig sich verzehrend, lie er von ihr ab.

Margarete schickte Eilboten an den Markgrafen Karl. Mimutig kam der aus
wichtigen Geschften zurck nach Tirol, als Schiedsrichter. Es war klar,
da Margarete recht hatte; selbstverstndlich konnte man die
Silberbergwerke dem Florentiner nicht preisgeben. Margarete lenkte klug
ein, sparte ihrem Gemahl die offene Niederlage. Aber als sie allein
waren, schalt der ltere Bruder den Herzog, da dem das Mark in den
Knochen sich emprte vor Wut.

Der nchterne, sachliche Markgraf konnte nicht umhin, die Staatsklugheit
seiner jungen Schwgerin anzuerkennen. Von Bhmen und Luxemburg aus
verbreitete sich der Ruf ihrer diplomatischen berlegenheit an den
europischen Hfen. Wohl verhandelte man offiziell mit dem Herzog
Johann; aber in allen Staatskanzleien wute man, da in Wahrheit allein
die hliche junge Herzogin das Land in den Bergen regierte.




Bald nach dem Tod des Knigs Heinrich starb auch sehr pltzlich Frau von
Flavon, Herrin von Taufers und Velturns. Bei einem Spaziergang mit ihrer
jngsten Tochter, als sie unter Jauchzen und Geschrei Alpenblumen
pflckte, strzte die hbsche, rundliche Dame zu Tod. Die Tchter
bestatteten sie unter groer Anteilnahme sehr prunkvoll neben den etwas
zweifelhaften Gebeinen, die sie als die Peters von Flavon aus Italien
zurckgebracht hatten. Die drei hbschen Frulein waren in recht
bedenklicher Lage. Jetzt, nachdem ihr Protektor, der gute Knig
Heinrich, tot war, erhob der Bischof von Chur seine alten Ansprche auf
ihre westlichen Besitzungen, der Bischof von Brixen forderte mit vielem
Grund die Schlsser und Gerichte Taufers und Velturns zurck.

Die drei jungen Damen, blond, lieblich und hilflos, verhandelten hin und
her mit den Finanzrten der Bischfe. Es fanden sich viele, die sich
ihrer annahmen; aber gegen die guten, berechtigten Ansprche der
mchtigen Bistmer war schwer aufzukommen. Schlielich gelangte die
Sache als an die letzte Instanz an den Hof des Herzogs.

Agnes von Flavon erschien auf Schlo Tirol, tat einen Kniefall vor dem
jungen Herzog. Der stand knabenhaft und sehr wichtig vor der Knienden,
in dem langen, schmalen Gesicht die Lippen ernsthaft zusammengepret. Es
streichelte seine Herrschgier, wie das zarte Geschpf, leicht und schn
und wehend unter dem schwarzen Gewand, so ganz verstrmend und ergeben
vor ihm lag, aus tiefen, blauen Augen fromm und bittend zu ihm
aufblickte. So gehrte es sich. So hatte es Gott bestimmt, da es sei.
Mochte die andere, die Hliche, gegen ihn anbellen. Die da, die Zarte,
Liebliche, schnste Frau des Landes, lag vor ihm auf Knien, sah fromm,
hingegeben, voll Vertrauen zu ihm auf. Er war sehr gndig zu ihr.

Agnes machte auch der Herzogin ihre Aufwartung. Margarete widerstand
tapfer der Versuchung, ber die Schne zu triumphieren. War huldvoll.
Kondolierte in warmen Worten zum Tod der Frau von Flavon. Ihr Vater,
Knig Heinrich, habe ja immer der Familie besonders wohlgewollt, fgte
sie undurchdringlich hinzu. Ja, und es sei sehr traurig, da die
Rechtslage, soviel sie hre, so ungnstig sei fr die Frulein. Sie
persnlich sei natrlich jederzeit erbtig, aus ihrer Privatschatulle zu
helfen.

Agnes hatte sich vorgenommen, Margarete nicht zu reizen. Aber vor diesem
undurchsichtigen, doppelt empfindlichen Hohn ging sie durch. Was? Ein
Mdchen mit so einem Gesicht und so einem Maul wagte, gegen sie zu
sticheln? Und wenn jene die Kaiserin von Rom wre und sie selber
leibeigen, htte sie dagegen aufbegehrt. Sie schaute sie lange und
abschtzig an. Sagte dann, so gar ungnstig scheine es um ihre Sache
doch nicht zu stehen. Der Herr Herzog wenigstens habe sich sehr gndig
und trstlich zu ihr geuert. Etwas kahl schlo Margarete: nun ja, man
werde das Urteil der sachverstndigen Herren hren und die Angelegenheit
in gndige Erwgung ziehen.

Bevor Agnes das Schlo verlie, traf sie noch Chretien de Laferte, der
ihr in gesetzten Worten kondolierte. Agnes hrte ihn ernst an und
erwiderte ihm wrdevoll. Er bat, sie auf der Rckreise begleiten zu
drfen. Sie war auch da geziemend melancholisch, unterbrach aber
gelegentlich ihre Trauerwrde durch ein spitzbbisch kokettes
Scherzwort, den jungen Herrn durch solchen Wechsel tief verwirrend.

Chretiens Stellung am Tiroler Hof war nicht angenehm. Solange der Prinz
Johann noch Knabe war, hatte er als ergebener, dienstwilliger Kamerad,
der die vielen Verste des schwierigen kleinen Prinzen gegen hfische
Zucht und Sitte unmerklich besserte und einrenkte, seinen klar
umgrenzten Bezirk gehabt. Knig Johann war berzeugt, man knne keinen
taktvolleren Adjutanten fr seinen ungezogenen Sohn finden als den
hbschen, schlanken, ritterlichen, formvollen und doch so bescheidenen
Jungen. Auch Markgraf Karl hielt ihn fr den rechten Erzkmmerling
seines jngeren Bruders. Prinz Johann selbst aber hatte seinen offenen,
hbschen Kameraden nie recht leiden mgen. Hatte ihn geknufft,
mihandelt, gedemtigt, mit seinen kleinen Wolfsaugen darauf lauernd, ob
der geduldige Begleiter nicht einmal rebellieren und Anla geben werde,
ihn wegzuschicken. Jetzt, seitdem er Herzog war, selbstndig und
erwachsener, war die Stellung Chretiens noch viel schwieriger geworden.
Er hielt sich sehr bescheiden im Hintergrund; wagte er nur den leisesten
Rat an den jungen Herzog, so wurde er bsartig und verchtlich
zurckgewiesen.

Chretien war jngerer Sohn eines edlen franzsischen Hauses, ohne
Vermgen, darauf angewiesen, bei Hof sein Glck zu machen. Es hatte fr
ihn keinen Zweck, seine besten Jahre in Tirol aussichtslos zu versitzen.
In den Feldzgen Knig Johanns hatte er sich brav und tapfer bewhrt.
Eine Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen, hatte sich ihm nicht
geboten. Was sollte er bei diesem jungen, bsartigen Herzog, der ihn
immerzu demtigte, ihm jedenfalls nicht gewogen war? Er trug sich mit
dem Gedanken, an den Hof Knig Johanns zurckzukehren oder nach
Frankreich zu gehen oder besser noch zum Knig von Kastilien. In den
Kmpfen mit den Mauren war Geld und Ehre zu erwarten.

Margarete hatte dem jungen Ritter lange Zeit keine besonderen
Gnadenbeweise mehr gegeben. Erst als sie sah, da kein Weg mehr war von
ihr zu Herzog Johann, begann sie wieder, Chretien zu locken. bertrug
ihm kleine, vertrauliche, diplomatische Sendungen, fragte ihn
Unverfngliches, das sie aber durch ihre Betonung bedeutsam machte. Er
war zurckhaltend, war voll von Zweifeln, wollte nicht verstehen. Es war
ein groer Glcksfall, bei einer Dame von solchem Rang in Gunst zu
stehen; aber es war ein zweigesichtiges Glck: man konnte unmglich fr
eine so hliche Frau in die Schranken reiten. Zwar wird niemand wagen,
ihm ins Gesicht zu hhnen wie frher; doch er bumte hoch, wenn er an
die feixenden Mienen, die zotigen Bemerkungen in seinem Rcken dachte.
Dann wieder hrte er, wie man an allen Hfen voll groer Achtung von
ihrer Umsicht und Gescheitheit sprach. Es schmeichelte ihm, da eine
Dame von solchem Urteil gerade ihn erwhlte. Sie imponierte ihm, er war
ihr dankbar, entzog sich ihr nicht mehr. Er ging auf ihren Ton ein,
seine Augen schleierten sich leise, wenn er sie sah, seine Stimme
bedeckte sich, wenn er zu ihr sprach.

Einmal -- er war nach lngerer Abwesenheit zurckgekehrt -- meldete er
sich bei der Herzogin. Sie war nicht in ihren Zimmern, das drre
Frulein von Rottenburg fhrte ihn in einen abgelegenen Teil des
abendlichen Gartens. Aus einer Baumgruppe her drang Gesang. Das
Hoffrulein legte die Finger an die Lippen, bedeutete ihm,
stillezustehen, zu schweigen. Eine warme, volle Stimme sang ein
einfaches Lied, jubelte in alle Hhen, schluchzte durch alle
Kmmernisse, sehnte sich, dankte, ging durch alle Irrsale. Den jungen
Menschen berkam es wie in der Kirche bei einem hohen Fest. Er nahm die
Mtze ab. Die Herzogin? flsterte er, unglubig. Da kam sie schon den
Baumgang herunter. Sie sah das groe, bewegte Staunen in seinem offenen
Gesicht. Reichte ihm langsam die Hand. Er kte sie.

                   *       *       *       *       *

Unterdes war die Angelegenheit der Hinterlassenschaft der Frau von
Flavon so weit gefrdert worden, da man die Entscheidung nicht gut
weiter hinauszgern konnte. Juristische wie politische Grnde sprachen
dafr, die erledigten Lehen den um die luxemburgische Sache sehr
verdienten Bischfen zurckzugeben. Gleichwohl fanden die Rte allerlei
fadenscheinige Grnde, die fr die Damen von Flavon sprachen. Es war
nmlich Agnes bei jedem einzelnen gewesen und hatte so lange Trauer,
Jugend, List, Hilflosigkeit spielen lassen, bis sie die Rte
eingewickelt hatte. Johann entschied also herrisch, da die Gter den
Frulein verbleiben sollten. Doch Margarete widersetzte sich. Mit so
guten Grnden und so beharrlich, da dagegen nicht aufzukommen war. Man
einigte sich schlielich auf einen Vergleich. Schlo und Gericht
Velturns sollte den Schwestern verbleiben, die westlichen Besitzungen an
Chur, Taufers an Brixen zurckfallen; doch mit dem Beding, da der
Bischof von Brixen nur einen von Schlo Tirol vorgeschlagenen Anwrter
damit belehnen drfte.

Die Schwestern, die schon den weiten Besitz unter sich geteilt hatten,
muten sich also mit dem einen Velturns begngen. Sie waren lrmend,
beweglich, eigenwillig, streitschtig. Immerzu herrschte giftiges
Geplnkel auf Burg Velturns. Auffallend war, da die angenehmen Stimmen
der jungen Damen im Streit eine unerhrt harte, pfauenhaft scharfe
Tnung bekamen. In der ffentlichkeit erschienen die Schwestern brigens
immer traulich vereint, umschlungen, lieblich, blumenhaft lchelnd.

Als Kandidaten fr das erledigte Taufers schlug Margarete Chretien de
Laferte vor. Der Herzog geiferte emprt dagegen. Was? In diesen fetten
Besitz soll man den Schlucker setzen, den kahlen Mucker, der sich immer
so falsch bescheiden an die Wand drckt und sicher nach einem stechen
wird, sowie er nur die Macht dazu hat? Doch Margarete blieb fest. Der
Herzog von Krnten und Graf von Tirol knne sich nicht lumpen lassen.
Knne nicht so lange jemandes Dienste annehmen und dann knausern und
filzig sein. Wenn Chretien jetzt ohne Lohn und Dank an einen andern Hof
gehe, so sei sie selber beschimpft durch solchen schmutzigen Geiz. Als
Johann sich weiterstrubte, drohte sie, die Entscheidung des Markgrafen
Karl anzurufen, bis er sich knurrend fgte.

Margarete selbst teilte Chretien diese Entscheidung mit. Der Bischof
von Brixen wird Sie mit Schlo und Gericht Taufers belehnen. Bewhren
Sie sich, Herr von Taufers! Es ist mein Ruhm, wenn Sie Ehre einlegen,
meine Schande, wenn Sie versagen.

Chretiens mageres, khnes, gebruntes Gesicht rtete sich bis unter das
eigenwillige Haar. Langsam ging er ins Knie. Er sah nicht mehr, da ihr
Mund sich ffisch vorwulstete, da ihre Haut grau und lappig war. Frau
Herzogin! stammelte er. Allergndigste, herzliebste Frau Herzogin!
Und es war mehr als die bliche Formel, wie er ihr dankte: _Pour toi
mon me, pour toi ma vie!_

                   *       *       *       *       *

In der klobigen, altvterlichen Burg des Tiroler Landeshauptmanns
Volkmar von Burgstall saen sieben, acht von den einflureichsten
tirolischen Baronen beim Wein. Es kam selten vor, da der wuchtige,
massige Herr Gste zu sich bat, und dann in knurriger, barscher Weise,
die wie ein Befehl klang. Die Halle, in der man sa, war dumpf und
niedrig, die Wnde berhaupt nicht, der Boden mit wenigen Tchern
belegt. Glasfenster, das modische Zeug, verschmhte der konservative
Hausherr. Der junge, frhliche Albert von Andrion, Margaretes
natrlicher Bruder, machte sich lustig ber die Bretter, mit denen jetzt
in der kalten Jahreszeit die Lichtffnungen vernagelt waren. Man sa wie
in einem Keller. Alles war rauchig, ruig vom Kamin, von den Kerzen und
Pechfackeln. Dabei war der Raum nicht zu durchwrmen; die Herren rckten
unbehaglich hin und her; man briet auf der einen Seite, fror auf der
andern. Der nervse Herr von Schenna hstelte, schnupperte, bekam
Kopfweh in dieser ungemtlichen, dumpfen, stinkenden Hhle, in der kalt
und widerwrtig der Geruch der Stlle stand. Aber die Speisen, Wildbret
und Fisch, waren mit Liebe und in ungeheuren Massen zubereitet und
gereicht, und der Wein, das war nicht zu leugnen, war ausgezeichnet.

Wie die Herren den Landeshauptmann kannten, hatte er sie nicht der
bloen Geselligkeit wegen zu sich gebeten. Aber er war karg und rauh von
Wort; es war nicht geraten, ihn zu fragen, bevor er selbst anfing. Man
trank also, redete Gleichgltiges, wartete.

Langsam, in brummigen, unvollendeten Stzen lenkte Volkmar das Gesprch
auf die Politik. Stie die Herren unwirsch dahin, wo er sie haben
wollte. Ja, man war unzufrieden mit den Luxemburgern. Der erste, der es
deutlich aussprach, war Heinrich von Rottenburg. Der kleine Herr, breit,
rauhes, rotes Gesicht, schwarzer Stoppelbart, erregte sich, schlug mit
der Faust auf den Tisch, stie Drohungen aus. Hatte man nicht, weil er
gewisse Abgaben verweigerte, sein Schlo Laimburg zerstrt, sein gutes
Schlo bei Kaltern, an dem Vater, Grovater, Ahn gebaut hatten? Der
junge Herzog hatte es gewollt, der kleine, tckische Wolf. Und der
Bischof von Trient hatte den Befehl gegeben, der finstere Bhme, der
immer Autoritt! sagte, Gehorsam! Htte man ihm Felder gepfndet,
Weinberge, ein Dorf, eine Pflege. Aber, nur um ihn zu rgern, ein Schlo
zu zerstren, eine gute Burg aus festem Stein, in eigenem, nicht in
Feindesland, das war sinnlos, das war wstes Heidentum. Auch Frau
Margarete hatte es nicht gebilligt, die kleine Herzogin. Das kam, weil
sie die angestammte Frstin war und mit dem Land fhlte. Aber die
Fremden, die Bhmen, die Luxemburger, was fhlten denn die? Die wollten
Geld herauspressen aus Tirol, nichts weiter, genau wie es der
Luxemburger mit Bhmen machte. Und er, Heinrich von Rottenburg, lie es
sich nicht nehmen, da Knig Johann damals doch Tirol habe verschachern
wollen gegen Brandenburg, mge er abschwren was immer.

Schweigend hrten die andern diese gefhrlichen Reden an. Behutsam
begann dann der vorsichtige, gepflegte Tgen von Villanders. Rein formal
htten die Luxemburger den Vertrag ja schlielich eingehalten und keine
Fremden in die wichtigsten Verwaltungsmter berufen. Es sei doch nicht
zu bestreiten, da Herr von Rottenburg Landeshofmeister sei, Herr von
Volkmar Landeshauptmann. Oder? Der gepflegte, bartlose, etwas
altmodische Herr sah die beiden so ernsthaft an, da sie nicht wuten:
hhnte er oder was eigentlich wollte er?

Der kleine Rottenburg brach los: Ob der gestrenge Herr ihn zum Narren
habe. Solche Wrde habe unter dem guten Knig Heinrich was bedeutet.
Heute habe der dmmste Bauer lange schon geschmeckt, da es kahle Titel
seien, und wer in Wahrheit regiere! Es sei ja hllisch schlau, wie die
Luxemburger das gedreht htten; da sie die weltlichen mter arm und
leer machten und die geistlichen stark und in die geistlichen ihre
Kreaturen hineindrckten. Nein, formal htten sie dem Land keine fremden
Beamten aufgedrngt. Aber wer regiere denn? Der plattnasige Bischof
Nikolaus von Trient, der Bhme, der kein Wort Tirolisch versteht.

Herr Konrad Botsch von Bozen erzhlte Einzelheiten, wie die Bozener
Brger voll seien von tiefem Verdru, da die Luxemburger dem Bischof
wieder alle alten, lngst abgeschafften Rechte eingerumt htten. Und
wie der Bischof die Welschen begnstige vor den Deutschen. Herr Albert
von Andrion ahmte den Bischof nach, seinen unbeherrschten, heftigen
Gang, der pltzlich wieder durch das Streben nach geistlicher Wrde und
Gravitt gezgelt werde, seine zischende, sprudelnde, slawische
Aussprache. Dem jungen, frhlichen Herrn war die Stimmung hier in der
Halle zuwider, auch die Politik war ihm zuwider; er wollte einen
unterhaltlicheren Ton in die Gesellschaft bringen. Mit dem Talg der
Kerzen klebte er sich die Nase platt, stieg auf den Tisch, parodierte
eine Predigt des Bischofs in seiner slawischen Mundart. Drhnendes
Gelchter.

Aber mit dieser Wendung ins Harmlose war der massige, wuchtige Gastgeber
durchaus nicht einverstanden. Wissen die gestrengen Herren, was der
Pfarrer von Matrei Strafe zahlen mu, weil er dem Markgrafen Karl nicht
mehr Umsatzsteuer zahlt als dem Knig Heinrich? Alle waren gespannt.
Ging man die Steuern und Abgaben genau durch, dann htte man wohl die
meisten Tiroler Edeln der Hinterziehung beschuldigen knnen.
Neunhundertvierundachtzig Veroneser Silbermark! drhnte Herr von
Burgstall. Man sprang auf, ging durcheinander wtend hin und her. Ei,
wenn die Luxemburger so kamen, da wird bald keiner mehr von den Tiroler
Landherren ein Dach berm Kopf haben. Das Land war reich. Das Land
nhrte den Frsten so gut wie die Ritter. Da brauchte der Frst kein
Filz zu sein und auf den Pfennig zu schauen. Aber dieser Markgraf Karl
war von Natur geizig, das Gegenteil seines Vaters, der reinste
Schacherer und Jud. Da dich Gottes Marter schnde! So jung und schon
solcher Knauser.

Der ehrliche Berchtold von Gufidaun sa schwitzend, mit hohen,
unbehaglichen Brauen. Die starken, blauen Augen schauten mibilligend
auf die aufsssigen, widerspenstigen Barone. Solche Reden waren
unziemlich gegen das von Gott eingesetzte Frstenhaus. Auch der junge
Albert von Andrion wurde bedenklich. Die Luxemburger hatten ihm zwar
bel mitgespielt und gerade die reichen Legate des guten Knigs Heinrich
fr seine vielen unehelichen Kinder arg beschnitten. Aber der junge,
offene Albert war ein gutmtiger Junge, illoyalen Ideen keineswegs
geneigt und voll Verehrung fr seine kleine Schwester, die Herzogin. Nun
war wirklich Aufrhrerisches kaum gesprochen worden, Herr von Burgstall
hatte nichts Greifbares gesagt, der kluge Herr von Villanders schon gar
nicht; eigentliche Drohungen, die man nicht dulden durfte, hatte nur der
kleine Rottenburg ausgestoen, und der war stark unter Wein. Immerhin
schmeckte die ganze Angelegenheit leicht nach Rebellion.

Der feine Schenna merkte die Verstimmung, renkte ein. Worber man klage,
mit alldem habe die Frstin selbst nichts zu tun. Margarete sei fernab
von Knauserei und Schikanen. Sei die rechte Enkelin ihres erhabenen
Grovaters Meinhard. Sei klug, sicher, spre mit dem Land. Das wten
auch alle, vom letzten Leibeigenen bis zum Landeshauptmann.

Gewichtig stimmte Volkmar zu, befreit und berzeugt Albert und Berchtold
von Gufidaun.

Der behutsame Tgen von Villanders streckte wieder die Fhler vor. Ja,
man habe schon das rechte Gefhl. Das angestammte Frstenhaus, auf dem
Boden des Landes, in seiner Luft gewachsen, sei von Gott bestimmt, in
Tirol zu herrschen. Hier schwieg er. Der kleine, heftige, wildumbartete
Rottenburg nahm den Faden auf. Die Luxemburger sollten dort regieren, wo
Gott oder der Teufel sie hingesetzt. In Luxemburg; wenn es die Bhmen
sich gefallen lieen, in Bhmen. Aber da sie in Tirol sen und
regierten, das sei durch Menschenwerk so, nicht durch Gottessatzung, und
das sei eben Irrtum gewesen. An ihnen, an den Herren selber, habe es
gelegen, wen man nach Knig Heinrichs Tod ins Land gelassen habe. Den
Habsburger, den Wittelsbacher, den Luxemburger. Es habe sich
sichtbarlich erwiesen, da in Tirol nur der regieren knne, den die
Tiroler selber wollten. Gott habe es durch Berge und Tler und Psse so
gefgt, da ein Fremder nicht mit Gewalt knne ber sie herfallen. Man
sei treu, man halte zu Margarete. Aber dem Luxemburger sei man nicht von
Gott, sondern nur durch Vertrag verpflichtet. Herzog Johann und die
andern Bhmen htten den Vertrag schlecht gehalten. Er sei zerrissen,
gelte nicht mehr.

Die Herren starrten ihm auf den Mund, schnauften. Das war klar. Das war
Meuterei. Hier war nichts zu deuteln.

Wie man sich das denn denke, fragte tastend Herr von Villanders. Wie man
denn Margarete und die gottgewollte Untertanenpflicht trennen wolle von
den Luxemburgern.

Schenna, vor sich hinblickend, mit halben, unbestimmten Worten, uerte:
Sehr glcklich sei die Herzogin nicht gerade, soviel er wisse. Einen
Erben habe sie und das Land von dem Herzog Johann nicht zu erwarten,
soviel ihm bekannt sei. An ihr liege es nicht, sei zu vermuten. Wobei er
mit lchelnder Kopfneigung auf den Zeugen der Fruchtbarkeit Knig
Heinrichs wies, der rot, frisch, lachend und geschmeichelt unter ihnen
sa, auf Albert von Andrion.

Herr von Villanders fate zusammen: Man habe nichts gesagt, nichts
beschlossen. Man knne sich eine bessere, volkstmlichere Verwaltung des
Landes denken als die der landfremden Luxemburger. Man hnge mit
unbedingter Treue an der von Gott eingesetzten Herzogin Margarete.
Vielleicht sei es opportun, sie um ihre Meinung und ihren Willen zu
befragen. Seines Bednkens sei Herr Albert von Andrion dazu der rechte
Mann.

Lrmend stimmte man zu. Nur der redliche Berchtold von Gufidaun schwieg,
in Zweifeln hin und her gerissen. Der junge Albert, bedenklich zuerst,
aber stark unter Wein und geschmeichelt von dem Zureden der andern, nahm
an, verpflichtete sich, seiner Schwester die Meinung der Herren zu
unterbreiten, mit ihr Fhlung zu nehmen.

                   *       *       *       *       *

Margarete liebte es jetzt, viel allein zu sein. Oft hatte sie ein
stilles, sattes, ihren Frauen unbegreifliches Lcheln. Auf dem schmalen
Sockel der kargen Liebeserlebnisse ihrer Wirklichkeit baute ihre
Phantasie einen gigantischen Traum. Aus dem kleinen, ungezogenen,
hinterhltigen Jungen, der ihr Gemahl in Wirklichkeit war, machte sie
einen finster gewaltttigen, groen Tyrannen, der sie nicht verstand und
aus der Finsternis seines herrschschtigen Gemts heraus sie qulte. Den
jungen Chretien schmckte sie mit allen Tugenden des Leibes und der
Seele. Er war Erec und Parzival und Tristan und Lanzelot und der
Lwenritter. Alle hellen, strahlenden Taten, die jemals in Geschichte
und Gedicht ein Held getan hat, er hat sie getan oder, wenigstens,
knnte sie tun.

Es war Glck und Gnade, da der Himmel streng zu ihr gewesen war und ihr
banale Anmut des Gesichts und der Gestalt versagt hatte. Die Frauen
rings um sie, die Frauen des Alltags, hatten ihre Mnner, ihre
Geliebten, vergngten sich mit ihnen in dumpfer, tierischer Lust in
ihren Kammern, hinter Bschen. Ihre Liebe war ganz rein und hoch, das
Schmutzige, Erdhafte war ihr von Anfang an verboten und versperrt. Sie
schwebte gelst, hell und sehr anders ber den kleinlichen, rmlich
dumpfigen Lsteleien und widerlich krperhaftem Getriebe der andern. S
war es, streng und rein zu sein vor sich und den andern. S war es,
nicht verstrickt zu sein in tierische, unsaubere Verschlingung von Haut
und Fleisch.

Sie wurde krankhaft empfindsam gegen Lautheit, Massigkeit,
Krperlichkeit, Schmutz. Es ekelte sie vor fremder Berhrung, die
Ausdnstung anderer Menschen machte ihr Pein.

Mrz war, von Italien her kam in warmen, linden Sten Wind, der
sehnschtig ins Blut ging. Oben lagen die Berge dick in Schnee, aber die
unteren Hnge waren voll vom zarten Geflock der Mandel- und
Pfirsichblten. Sie schaute hinaus von der Loggia des Schennaschen
Schlosses in das wellige, starkfarbige Land. ber ihr schritten bunt und
berschlank Lanzelot und Ginevra, Tristan fuhr bers Meer, Dido strzte
sich in die Flammen. Sie gehrte nun zu diesen. Die Verse, die ihr so
lange hohl, versperrt, ohne Sinn gewesen waren, hatten sich aufgetan,
sie hatte trinken drfen aus ihrer dunkeln, wohligen Flle.

Willkommen, groes, strenges Schicksal! Willkommen, Hlichkeit!
Willkommen, frstlicher Reif und Zepter!

Fast dankbar war sie ihrem harten, tyrannischen Gemahl, denn seine Hrte
hatte sie ihren Geliebten finden lassen. Ser Freund! Er kannte sie. Er
wute, da diese graue, lappige, krnige Haut, dieser scheuliche Mund,
dieses tote Haar ein Auen war, und da sie innen zart war und schlank
und voll Reichtum und Lieblichkeit. Sie sah ihn selten, sprach ihn fast
niemals, nie war ein Wort zwischen ihnen gefallen, das nicht jeder htte
hren drfen.

Dennoch zweifelte sie keinen kleinsten Augenblick, da er sie liebe. Sie
hatte seinen hingegeben dunkeln Blick nicht vergessen damals, als sie
gesungen hatte und aus der Vigne zu ihm trat. Und seine Stimme nicht,
und wie er verstrmt war, als sie ihm von seiner Belehnung mit der
Herrschaft Taufers gesprochen hatte. Freilich war dies eine andere
Liebe, als die sie so gemeinhin um sich sah mit Kssen und slichen
Alltagsworten und Firlefanz. Sie, Margarete, hatte ihn durch jene Augen
von damals, durch seine Verstrmtheit, ganz anders, viel tiefer zu eigen
als sonst eine Dame ihren noch so verliebten Galan. Mochten die andern
ihre Mnner leiblich besitzen. Das war wohlfeil und wie Essen und
Trinken gemein. Ihr, der Frstin, stand eine hhere, strengere Liebe an.
Es war wohl auch leicht, so niedrige, wohlfeile Liebe wie der andern
immer neu anzufachen, aufzuwrmen durch den Anblick, durch den Genu
tierisch dumpfer Lust. Sie mute immer wieder gegen ihre Gestalt
kmpfen, die Liebe ihres Freundes immer von neuem seinem Widerwillen
gegen ihr hliches Auen abringen.

Selige Bitterkeit solchen Kampfes! Sie dankte Gott und der Jungfrau fr
so herbe, verschlungene, harte, reine, wahrhaft frstliche Liebe.

Sie lie nicht ab, Chretien mit immer mehr Schein und Strahlen zu
verklren. Chretien war ohne Ehrgeiz. Sie war ehrgeizig fr ihn. Da
sich seine strahlende Begabung nicht auch den andern offenbarte, war
nur, weil sie ihn in Tirol zurckhielt, weil ihm hier die Gelegenheit
fehlte. Sie, Margarete, war schuld, da er vor der Welt unscheinbar und
ohne Gre war. Sie war ihm verschuldet, sie schuldete ihm die
Gelegenheit zur Gre.




Chretien hatte mittlerweile die Herrschaft Taufers bernommen. Er besa
die Drfer Luttach, Sand, Kematen, das Nevestal, das Reintal. Das alles
war unter dem Regiment der Damen von Flavon ein wenig heruntergekommen.
Er freute sich darauf, es wieder hochzubringen.

Eine groe, unbndige Lust fllte ihn an, nach den langen Jahren bei
Hofe sein eigener Herr zu sein. Leer, bunt und widerwrtig lag die Zeit
bei Herzog Johann hinter ihm. Die vielen, zwangvollen Zeremonien, das
ewige Geknufftwerden, das Nichtsprechendrfen, die tiefen Neigungen und
Knieflle, die frechen Anmerkungen hinterher, das verlogene Gefeilsche
bei den Turnieren, das glnzende und dabei so drangvoll bettelhafte
Leben, stndig in Angst vor dem Glubiger. Er reckte das magere,
gebrunte Gesicht mit der starken Nase und dem unbekmmerten, langen
Haar in die Luft, in seine Luft. Er ritt herum auf seinen Hfen, die
Bauern schauten wohlgefllig, voll Verehrung auf den schlanken,
sicheren, hurtigen Herrn, die Weiber und Mdchen starrten ihn andchtig
an wie in der Kirche.

Am Tiroler Hof htte er es nicht lnger ausgehalten. Er wre gern und
mit berzeugung irgendwohin geritten ins Abenteuerliche. Jetzt, so war
alles anders, und er fhlte sich sehr wohl. Es gengte seiner
Unternehmungslust vollauf, sein Leben heraufzuwirtschaften. Natrlich
wird er auch zu Hofe reiten, Kriegszge mitmachen, bei Turnieren nicht
fehlen. Aber etwa nach Afrika zu ziehen und Mauren zu erschlagen oder
sich mit Trk' und Sarazen um das Heilige Grab herumzuhauen, danke sehr!
Dazu versprte er vorlufig durchaus kein Verlangen. Er ritt mnnlich
und zufrieden auf seinem Boden herum und geno seine junge Herrschaft.

Eines Tages besuchte ihn die Herzogin. Er war Margarete tief und
untertnig zugetan. Er dachte keinen Augenblick daran, seine flchtigen
und sehr wirklichen Beziehungen zu der und jener Frau mit den Gefhlen
fr sie zu vermengen. Margarete war ihm ein Begriff, in den sich auch
Vorstellungen eindrngten, die er von den Sngern und Spielleuten her
kannte. War ihm eine poetische und lustige Angelegenheit, die in der
Belehnung mit Taufers eine unerwartete, glckhafte, reale Auswirkung
gefunden hatte, die er aber mit seiner brigen Wirklichkeit nicht in den
losesten Zusammenhang brachte. Er ahnte nicht, was er fr Margarete war,
welche Rolle er in ihrem Leben spielte.

Er empfing die Herzogin freudig und mit ergebener Herzlichkeit. Seine
Stimme hatte jene schleierige, vieldeutige Befangenheit, die Margarete
erbeben machte. Was er sagte freilich, war nchtern und sachlich. Er
sprach ihr von den Vernderungen, die er fr seine Gter plante, von
einer mehr rationellen Bodenbewirtschaftung, strafferen Zucht der
Bauern. Sie unterbrach ihn unvermittelt, auf die Gletscher weisend, die
einsam, klar und hhnisch fern in ein helles Blau zackten: Haben Sie
nie Lust, Chretien, einen von diesen Gletschern zu betreten?

Chretien sah sie verblfft und etwas tricht an. Er sagte, und jetzt
klang auch seine Stimme ganz klar und ohne Geheimnis: Nein. Warum
sollte ich da hinaufsteigen? Dann sprach er wieder davon, wie angenehm
und ertragreich die unteren Hnge seien.

Einige Tage spter kam Agnes von Flavon. Sie war schon mehrmals bei
Chretien auf Schlo Taufers gewesen. Es ergab sich immer wieder eine
Kleinigkeit, die noch zu regeln war; auch Chretien fand nicht ohne
Geschicklichkeit immer neue Fragen, die Auskunft und persnliche
Besprechung erforderten. Agnes war blond, rhrend, hilflos und nahm
stets von neuem mit verlorenen Blicken Abschied von dem Schlo und den
Bergen ringsum.

Unterdes heiratete die ltere Schwester Maria von Flavon einen
bayrischen Herrn und berlie den beiden anderen Schwestern Schlo
Velturns. Es mute aber dem Bayern eine ansehnliche Mitgift ausgezahlt
werden; die Herrschaft Velturns war an sich schon berlastet; Agnes bat
mit groen, treuherzigen Augen Chretien um Rat. Chretien kam nach
Velturns, sah die schlampige, elegante Wirtschaft der Schwestern,
empfahl Einsparungen da und dort, die sehr praktisch waren, aber die
Herrschaft aus einem Frstensitz zu einem ertragreichen Bauernsitz
machen muten. Agnes beneidete die Schwester. Die habe es gut, sei aus
der Misere heraus. Freilich sei der Bayer ein grober, tlpischer Bursch,
auch sei es bel, das schne Tirol mit der faden bayerischen Ebene zu
vertauschen. Aber am Ende werde ihr wohl auch nur hnliches
brigbleiben. Sie richtete ernst und lange das zarte und doch khne
Gesicht mit den starken blauen Augen auf Chretien, der schlank,
gebrunt, befangen und ein bichen dumm vor ihr stand.

Das Projekt gegen die Luxemburger war gereift. Volkmar von Burgstall,
Tgen von Villanders, Jakob von Schenna hatten sich unmerklich, nachdem
sie die Sache gest, mehr und mehr ins Dunkle gedrckt. Vornean stand
jetzt der kleine, heftige Heinrich von Rottenburg und, halb gegen seinen
Willen, der muntere, harmlose Albert von Andrion, Margaretes Bruder.
Margarete selbst wob und zettelte mit leidenschaftlicher, fiebriger
Beflissenheit die Fden. Endlich sah sie, endlich, hier die Gelegenheit,
Chretien auf den Platz zu stellen, der ihm gebhrte, ihm die Mglichkeit
groer Taten zu schaffen, die sie ihm schuldete.

Die andern Herren zgerten, Chretien einzuweihen oder gar ihm eine
wichtige Stelle anzuvertrauen. Er war kein Einheimischer, er war ein
Welscher, Johanns vertrautester Kmmerling. Margarete mute umstndlich
darauf hinweisen, wie gemein der hmische, bsartige Johann ihn immer
behandelt habe, und da von allen Chretien am meisten unter den giftigen
Launen ihres tyrannischen Gemahls habe leiden mssen.

Chretien selber war ziemlich verwundert, als Margarete ihm von dem
Projekt sprach. Selbstverstndlich war er Ritters genug, sofort
mitzutun, wenn es galt, die Dame, die er so tief verehrte und der er so
sehr verpflichtet war, aus der Hand ihrer Bedrnger zu befreien. Aber
sehr begeistert schien er nicht gerade. Er war beschftigt mit der
Arbeit fr seine Gter, es wre ihm lieber gewesen, wre das
Abenteuer ein wenig spter gekommen. Er sah, abgesehen von der
selbstverstndlichen, aber im Augenblick lstigen Erfllung seiner
Ritterpflicht, einen einzigen, etwas mageren Vorteil in der
Angelegenheit. Er festigte dadurch seine Stellung unter dem
einheimischen Adel; der Herr von Taufers-Laferte konnte fortan, hatte er
sich an diesem tirolisch bodenstndigen Unternehmen beteiligt, kaum mehr
als landfremd angesehen werden.

Margarete brannte in Erwartung, schrte, hetzte, sphte mit ihren
klugen, raschen Augen alle Mglichkeiten aus. Wute es einzurichten, da
neben Albert von Andrion und Heinrich von Rottenburg Chretien als das
eigentliche Haupt der Unternehmung galt.

Auf Schlo Velturns war mittlerweile ein gewisser Herr Giulio aus Padua
eingekehrt, ein unansehnlicher Mensch, langsam, schweigsam, immer
lchelnd, eigentlich ein bichen idiotisch. Allein sein Oheim hatte das
Kapitanat von Padua inne, er selber war am Comer See reich begtert. Er
schien Agnes hndisch ergeben, und Chretien berfiel jhe Angst, sie
knnte sich entschlieen, ihm in die Lombardei zu folgen wie das Jahr
zuvor ihre Schwester dem Bayern. Seine Burg Taufers, seine Drfer und
Tler schienen ihm auf einmal wertlos und ohne Licht, wenn er das
dachte.

Man konnte mit Agnes nicht wohl reden wie mit anderen Frauen. Man konnte
sie nicht einfach nehmen. Sie war so zart. Sie wre einem vor Schreck im
Arm vergangen. Ganz behutsam sprach er zu ihr. Wenn es ihr in dem
berlasteten Velturns nicht mehr gefalle, ob sie nicht wolle mit ihm in
Taufers hausen.

Ei, wie konnte sie erstaunt sein! Sie hie ihre Augen sich schleiern,
ihre Lippen befangen lcheln, ihre Hand scheu und lockend abwehren.
Antwortete halbe Stze voll von Struben und Versprechen.

Er war ein hbscher Junge, unleugbar, sehr anders als die plumpen
Tiroler Herren. Das khne, magere Gesicht mit der starken Nase, die
kurzen, vollen Lippen. Mit seinem unbekmmerten, langen,
kastanienfarbenen Haar mute sich gut spielen lassen. Auch war Taufers
ein reicher Besitz. Aber schlielich, ihr Haar, ihre Augen, ihre Haut,
ihre kostbare Zartheit und Lieblichkeit war, Gotts Donner und Blitz,
zehn solche Herrschaften wert. Wenn sie dachte, wie die Welschen
hingerissen auf ihre Blondheit starrten, wie sie bla wurden bei ihrem
Anblick, dann war sie berzeugt, sie htte knnen in der Lombardei einen
ganz andern Ritter und Herrn finden. Als Gattin eines Visconti in
Mailand, eines Scala in Verona zu herrschen, umrauscht von der
Bewunderung der glnzenden Stdte, wre Triumph gewesen, viel
offenkundiger, als am Tiroler Hof die Gattin des Herrn von
Taufers-Laferte zu sein.

Chretien sah, da sie zgerte, ihn hinhielt. Er sprte, er msse sich
grer machen, wichtiger. Er weihte sie ein in den Plan gegen die
Luxemburger.

Agnes hrte zu mit einem merkwrdigen, dummen, sonderbar befriedigten
Lcheln. Sie wute pltzlich, es war ein viel grerer Triumph, die
Gattin Chretiens zu sein als die des Mastino della Scala oder des
Visconti von Mailand. War es Sieg, der hlichen Herzogin, der
wstmuligen, lapphutigen, den Mann zu entreien? Ja, ja! Es war Sieg!
Pltzlich wute sie, da sie seit langem auf diesen Sieg gewartet,
diesen Augenblick mit allen Mitteln herbeigekitzelt hatte. Es flo _ein_
Strom von ihr zu der Hlichen, sie schaukelten auf _einem_ Brett. Jene
war hlich, gewi; aber auf ihrem hlichen Haar sa ein Frstenreif,
und aus ihrem hlichen Gesicht schauten ein paar hllisch kluge,
brennend energische Augen. Sie zu besiegen war viel schwerer als eine
andere, Schne. Der Ha zwischen ihr und jener war ein sehr Lebendiges,
war das wichtigste Stck Leben, ihres sowohl wie jener. Wie hatte jene
gekmpft um den Mann! Hatte sie beraubt und den Raub dem Manne
geschenkt, hatte groe Ereignisse knstlich gehuft, den Mann darauf zu
stellen und zu erhhen. Sie, Agnes, die arm war und blo und nichts
besa als sich selbst, hatte nur gewinkt und der Mann war sogleich
heruntergesprungen von dem riesigen Sockel, den jene so mhsam getrmt,
und ihr zu Fen. Sie kostete ganz diese Erfllung, schwoll an, schwamm
in ihr. Nein, sie wird in Tirol bleiben, wird sich messen mit der
Herzogin, die sie hat, wird ihr mehr noch nehmen als den Mann. Es war
herrlich, oben zu schweben auf der Schaukel, selig und schwebend hoch,
und die andere ganz tief zu sehen und ganz vernichtet.

Chretien ging in den gefhrlichen Handel mit den Luxemburgern wie in ein
Turnier. Er war glcklich, Agnes vorher fr sich geborgen zu haben. Er
dachte nicht einen Augenblick daran, da durch seine Verbindung mit ihr
die Herzogin geschmlert werden knnte. Margarete war hier, Agnes dort,
seine Beziehung zu jener, seine Neigung fr diese war aus sehr
verschiedenem Stoff. Er rstete die Hochzeit in aller Eile, denn die
Ereignisse drngten. Agnes war sehr damit einverstanden; es war
kitzelnde Lust fr sie, da Margarete die Befreiung ihrem, ihrem Manne
zu danken haben wrde.

Zu Ende der Woche wollte Herzog Johann mit dem Markgrafen Karl und dem
grern Teil der luxemburgisch-bhmischen Truppen das Land auf mehrere
Monate verlassen, um seinem Vater in dem polnischen Krieg Hilfe zu
bringen. Agnes fragte Chretien, wann und wie man die Herzogin von ihrer
Vermhlung unterrichten solle. Chretien hatte geplant, Margarete zur
Hochzeit zu bitten. Unter dem unverwandten, tiefblauen, spttisch
unschuldigen Blick des Fruleins von Flavon wurde er unsicher, verschob
die Mitteilung an Margarete, die mit allen Gedanken in ihrer Revolution
stecke, erst bis nach vollzogener Vermhlung, dann bis zu seiner letzten
Unterredung mit der Herzogin. Als er indes die letzten Einzelheiten der
Unternehmung mit ihr besprach, schien es ihm richtiger, ihr seine Ehe
erst dann zu melden, wenn die luxemburgischen Truppen und Beamten
vertrieben und sie die alleinige Herrin ihres Landes sei. Es war
brigens, als er sich von ihr verabschiedete, um sie erst nach
geglcktem Staatsstreich wiederzusehen, in seiner Stimme die gleiche
vertrauliche, vieldeutige Schleierung, die sie auf den Scheitelpunkten
ihrer Neigung so beglckt hatte.

Kurz nachdem Chretien gegangen war, stand Herzog Johann in Rstung vor
Margarete, um nun, auch er, sich zu verabschieden. Markgraf Karl war mit
der Masse der luxemburgischen Garde vorausgezogen. Khl, verchtlich
hrte Margarete auf Johanns grimmige Stze. Bissig schlo er: Jetzt
wird hier ein gescheites Regiment anfangen, wenn Sie ohne mich regieren.
Man sieht ja an Taufers, was dabei herauskommt, wenn man meine Manahmen
kreuzt.

An Taufers? konnte sie sich nicht enthalten zu fragen.

Nun ja, jetzt hat sich die Agnes das Schlo eben auf diese Art
zurckgeholt. Da htten wir es ihr gleich lassen knnen.

Margarete fragte nicht weiter. Sie wute pltzlich alles. Sie
beherrschte sich, bis der Herzog fort war. Sie fiel nicht um, die Stimme
versagte ihr nicht, ihr Blick hielt seinen kleinen, bsartigen,
lauersamen Wolfsaugen ruhvoll hhnisch stand.

                   *       *       *       *       *

Allein, brach sie furchtbar aus. Wer jemals war so verraten worden?
Geschleiert hatte er die Stimme, beredt gemacht und voll letzter
Ergebenheit den Blick, jede Geste voll Einverstndnis. Hatte sie in den
Glauben geschlfert, er sehe durch ihre wste Haut in die strenge, harte
Schnheit dahinter im Innern. Hatte getan, als verzichte er ihre
Resignation mit, als kmpfe er ihre Kmpfe, ihre leidvollen Siege mit,
ziehe sich mit ihr zurck aus den bequemen Tlern der Alltagslust auf
ihre kalte, einsame, wild strenge Erhhtheit. Und hatte sie sogleich
preisgegeben an die glatte, leere Larve. Wer wei, vielleicht saen sie
jetzt zusammen, Agnes und er, und lachten sie aus!

Schlau hatte er es angestellt, ei ja! Hatte sich seine Gaukelei, die
verzckten Mienen, das ergebene Getue verflucht teuer bezahlen lassen.
Mit solchem Preis, mit der Herrschaft Taufers, htte man sich smtliche
Hofzwerge, Snger, Gaukler, Spielleute des Rmischen Reichs erkaufen
knnen. Und jetzt hatte er es gndig zugelassen, da sie ihn dem Projekt
gegen die Luxemburger an die Spitze stellte. Hatte wohl erwartet, er
werde nun Burggraf werden, Landeshauptmann, der eigentliche Regent von
Tirol. Darum wohl auch hatte er ihr bis jetzt nichts mitgeteilt von
seiner Verbindung mit Agnes. War der Streich einmal geglckt, dann hatte
er die Macht in der Hand. Brauchte ihren Zorn nicht mehr zu frchten.
Konnte im Land schalten, als der Retter von der Fremdherrschaft, auch
gegen ihren Willen.

Wie sie sich lustig machen muten, er und jene, ber die dumme, hliche
Herzogin, die Gans, die glaubte, sie knne durch Geschenke, durch
Gefhle ber ihre Wstheit hinwegtuschen! Als wiege dem Mann die
strahlendste Seele einen plumpen Mund auf und hngende Backen. Sie
raste. Sie wtete gegen sich. Mit _einem_ Krach strzte der ganze
knstliche Bau ein, in den sie sich geflchtet hatte. Oh, wie verlogen
waren alle diese Phantasien gewesen von ihrer strengen, hohen Sendung,
ihr Willkommgru an die Hlichkeit! Lcherlich war sie, lcherlich im
Putz ihrer modischen Kleider und weltumstrmenden Gefhle, sie, die Gott
verworfen hatte durch ihre widerwrtige Gestalt und doppelt verhhnt
durch den Platz, auf den er sie gestellt.

Wie hatte sie herabgeblickt aus ihrer kristallenen Hhe auf Agnes, das
kleine, bunte, dumme Insekt. Und jetzt lag sie im Dreck, wo sie
hingehrte, ekles Geziefer, das sie war, und Agnes lchelte aus dem Blau
auf sie herunter mit ihren feinen, roten, ach, so zierhaft geschwungenen
Lippen.

Hate sie Agnes? Nein, sie hate sie nicht. Die war nun, wie sie war.
Wer so schn war, hatte gut herunterlcheln -- warum sollte sie nicht?
-- auf die Hliche. Aber er, Chretien! Wie er gelogen hatte! Wie er sie
angeschaut hatte aus seinem khnen, gebrunten, offenen Gesicht,
hndisch ergebene Andacht in den Augen! Wie sich ihm die Stimme gepret
hatte aus Bewegtheit und Neigung! Da einer mit so offenem, treuherzigem
Gesicht so lgen konnte! Da Gott das zulie! Da die Erde nicht aufri
unter ihm! Der Hund! Der Betrger! Der schmutzige Lgner!

Sie hufte, in ungehemmter Raserei, alle Flche und Schimpfworte, die
unfltigsten, die sie kannte, sinnlose, irgendwo aufgeschnappte. Sie
tobte durch das Zimmer, bis sie kraftlos auf den Teppich fiel. Da lag
sie, die plumpen, geschminkten Hnde von sich gestreckt, unfhig, sich
zu regen, heiser, das zarte, kupferfarbene Haar gelst in sprden
Strhnen.

Als sie sich erhob, war sie sehr verndert. Ging an ihre Geschfte,
eisig starr, rasch, ohne Schwanken, zielklar, mit einer kalten,
besessenen Energie. Diktierte, schrieb selber Briefe, fertigte Kuriere
ab. Neue Briefe, neue Siegel, neue Kuriere. So ging das durch zwei Tage.
Dann versank sie in ebensolche Unttigkeit, wie sie vorher rastlos
gewesen war. Niemand wurde vorgelassen. Sie schleifte sich auf und ab
durch ihre Zimmer. Schaute stundenlang ber das Land hin, die dicken,
plumpen Lippen halboffen in einem merkwrdig lsternen, bsartigen
Lcheln. Wartete. A nicht. Sprach nicht. Wartete.




Bevor Markgraf Karl und Herzog Johann die bhmische Grenze erreicht
hatten, erhielten sie einen Eilbrief des Bischofs Nikolaus von Trient,
des der luxemburgischen Sache blind Ergebenen. Er habe von den
verschiedensten Gegenden des Landes anonyme Warnungen erhalten. Es gre
im Land. An der Spitze der Aufruhrbewegung stnden Chretien von Taufers,
Heinrich von Rottenburg, Albert von Andrion. Er rate den Frsten
dringend, mit ihren Truppen zurckzukehren.

In Eilmrschen kehrten die Luxemburger um. Fingen Albert von Andrion und
Chretien von Taufers in einem Hinterhalt. Der Aufstand war miglckt,
ehe er ausgebrochen war. Die revolutionren Feudalherren krochen in ihre
Burgen zurck; keiner hatte von einem Protest gegen das luxemburgische
Regiment etwas gewut, geschweige denn von bewaffnetem Widerstand. Die
eigentlichen Anstifter, Burgstall, Villanders, Schenna, waren von Anfang
an zu klug gewesen, sich blozustellen. Wie Schnee im Sommer
verschwanden die Aufstndischen vor den luxemburgischen Truppen.
Heinrich von Rottenburg entkam; gute Freunde, um sich zu halten,
lieferten ihn aus.

Nachdem der Aufstand so rasch und mhelos erstickt war, hielt Markgraf
Karl seinen weiteren Aufenthalt in Tirol fr berflssig. Er empfahl
seinem Bruder und dem Bischof von Trient, die Mitlufer nicht zu
verfolgen, aber die Fhrer rcksichtslos zu bestrafen. Legte verstrkte
Besatzung nach Schlo Tirol, in die wichtigsten Festungen, zog mit dem
Rest der Truppen seinem Vater zu Hilfe nach Polen.

                   *       *       *       *       *

Auf Schlo Sonnenburg bei Innsbruck sa der Bischof Nikolaus von Trient,
hrte mit finsterer, beflissener Aufmerksamkeit das Protokoll, das der
Sekretr des Herzogs Johann vorlas. Johann selber lehnte am Tisch,
schaute mit kleinem, bsem, triumphierendem Lcheln auf den sitzenden,
finstern Prlaten.

Ja, nun zeigte es sich, da er recht gehabt hatte. Der Bischof hatte es
fr unpolitisch gehalten und, wenn dann doch nichts herauskommen sollte,
fr geradezu schdlich. Aber er, Johann, hatte darauf bestanden, hatte
sich khn hinweggesetzt ber so umstndliche Bedenken. Was Bruder der
Herzogin! Was Blut vom angestammten Frstenhaus! Ein Hochverrter war
er, ein meineidiger Rebell. Und er hatte ber Albert von Andrion die
Tortur verhngt.

Der blonde, nette, frhliche Mensch war ihm von je zuwider gewesen. Ei,
er hatte ihn immer angehat, mit Margarete gegen ihn gezettelt. Nur
hatte man ihm nichts nachweisen knnen. Jetzt endlich konnte man ihn,
Gott sei Dank, berfhren, unschdlich machen.

Der Herzog selber war dabei gestanden, als man den Gefangenen peinlich
befragte. Den ersten Grad berstand er stumm und trotzig. Man zog ihn,
die Fe mit Bleikugeln beschwert, an den nach rckwrts gebundenen
Hnden hoch, lie nieder, zog wieder hoch. Seine weie, rosige Haut lief
an, schwitzte. Aber er schwieg. Auch die Daumenschrauben berstand er.
Es knirschte, Blut spritzte, er erbrach sich. Aber seine Heimlichkeit
nicht mit. Erst als man ihn mit glhenden Zangen zwickte und mit
Feuerbrnden unter den Achseln kitzelte, bequemte er sich und wurde
gesprchig.

Und nun also hatte man das Protokoll. Ein gutes, kostbares Protokoll.
Der Bischof zwar meinte, der Rottenburger sei ein sprudelnder Narr,
Chretien und Albert dumme Jungen, es mten bessere Kpfe
dahinterstecken, und an die knne man trotz des Protokolls nicht heran.
Aber jedenfalls hatte man es jetzt schwarz auf wei, da die
Revolutionre Margarete verstndigt hatten, da die Herzogin mit im
Komplott war.

Der finstere Bischof fragte ironisch, ob Johann je daran gezweifelt
habe. Der erwiderte: nein, aber er freue sich, den Beweis in der Hand zu
haben; er werde Margarete das Schriftstck ums Gesicht schlagen. Der
Bischof fragte, ob er glaube, da dadurch dem Haus Luxemburg groer
Machtzuwachs erreicht sei.

Bevor er nach Schlo Tirol ging, urteilte Johann die Fhrer der
Verschwrung ab. Albert, verrenkt, siech durch die Folterung, wurde
seiner Lehen fr verlustig erklrt; nachdem ihn die Mnche von Wilten
einigermaen transportfhig gepflegt htten, sollte er in ewige Haft
nach Bhmen gebracht werden. Den kleinen Heinrich von Rottenburg lie
Johann in Lumpen vor sich bringen, zerrte den Gebundenen, Geknebelten am
Bart, schlug ihn auf beide Wangen, erffnete dem unter seinem Knebel
Fauchenden, Augenrollenden, da nun auch seine beiden anderen Burgen
zerstrt, verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht werden wrden. Der
Rottenburger selber wurde in einen Kerker nach Luxemburg geschafft,
Chretien nach Schlo Tirol mitgefhrt.

Der Herzog fand Margarete durchaus nicht so verzweifelt und zerknirscht,
wie er erwartet hatte. Sie hockte in einer Ecke, in einer seltsamen,
toten Mdigkeit. Johann hatte ein Gefhl wie vor einer Schlange, die
sattgefressen ist und sich nicht regt und keine Hoffnung und keine
Furcht mehr kennt in ihrer gelhmten, apathischen Sattheit. Er klirrte
auf und ab vor ihr, machte sich knabenhaft wichtig in seiner Rstung,
stie Drohungen aus, unfltige Beschimpfungen. Sie solle sich nicht
beifallen lassen, zu fliehen, alle Gnge seien bewacht, Grben, Tore,
Mauern dreifach besetzt. Sie drfe ihr Zimmer nicht verlassen, auf
Monate; er werde sich sehr berlegen, wem er Zutritt zu ihr gestatte.
Aber er kam mit all seinen groen, bedrohlichen Worten durchaus nicht
auf seine Rechnung. Sie fielen leer, ungeflgelt zu Boden. Margarete
hrte mit lssiger, stumpfer Neugier zu, man konnte ihr nicht beikommen,
es htte durchaus keinen Sinn gehabt, sie zu schlagen und anzuspeien,
wie er es sich ausgemalt hatte. Er funkelte sie an mit seinen kleinen
Wolfsaugen; aber er merkte, da sein Toben und Wten ziemlich knstlich
blieb und ohne Eindruck. Enttuscht zog er schlielich ab.

Sie lag lange allein. Wie war sie leer und ausgehhlt! Es war trber,
feuchter Tag. Sie frstelte. Wollte heizen lassen. Schellte. Niemand
kam. Sie schleppte sich zur Tr. Zwei Geharnischte traten ihr entgegen,
streckten ohne Wort die Lanzen vor.

Abend fahlte herein. Ein Mensch glitt in den Raum, stellte eine groe,
brennende Kerze auf den Tisch, still, merkwrdig lautlos, ein Verhlltes
daneben und eine Buchrolle, glitt ebenso stumm wieder hinaus.

Margarete frstelte strker, blinzelte in die flackernde Kerze.
Schleifte sich schlielich heran an das Licht, wrmte die klammen Hnde
an der Kerze. Die Buchrolle waren Kapitel aus der Schrift. Aus dem
Verhllten stieg ein fauliger, slicher Geruch auf. Gezogen fast und
wider Willen zerrte sie an dem Tuch, es ffnete sich. Fden, braune
Fden. Nein, das war Menschenhaar. Langes, kastanienbraunes. Eine Stirn
darunter. Dies war ein abgeschlagener Kopf. Vergraust warf es sie
zurck. Chretiens Kopf starrte sie an aus verglasten Augen. Er lag
schrg da, die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn waren
noch verhllt.

Der Gaumen wurde ihr trocken. Sie atmete wild, in kaltem Schwei,
drckte sich in den Winkel, rchelnd. Stierte auf den Kopf, den das
Licht flackerig, willkrlich und lcherlich verzerrte. Schlo die Augen.
Rtlich tanzte vor ihr die Nacht.

Es zwang sie, wieder auf den Kopf zu stieren. Gut wre es, wenn diese
Kerze tot wre und ihr irrsinniges Geflacker. Man mte sie auslschen.
Aber sie konnte nicht auf. Hatte sie denn Angst? Nein, sie hat nicht
Angst. Sie ist die Herzogin. Wenn man sie belauert, durch ein Loch in
der Tr? Sie steht auf; Kopf starr geradeaus, mit seltsam gespreizten
Gliedern stelzt sie zu dem Tisch, schlgt die Kerze aus. Sackt hin.

Liegt eine lange Weile steif. Sprt, wohlig fast, die Klte und nichts
sonst. Dann fngt die Nacht wieder an zu tanzen und zu zucken. Der Kopf
zuckt in ihr hin und her. Wird endlos lang und schmal. Die mageren,
brunlichen Wangen schillern giftig, blulichgelb, und jedes dieser
schmutzigen, schwrzlichen Flaumhaare sticht nach ihr. Die toten Augen
klappen auf und zu in der Nacht. Sie sind ganz ohne Ausdruck, wie von
einem toten Tier. Oh, wenn es Tag wre! Es wre besser gewesen, die
Kerze nicht totzumachen. Jetzt liegt die Nacht so schwer und plump auf
ihr wie eine grobe, erstickende Decke. Man liegt in dieser Nacht wie in
einem Sarg, und der tote Chretien klappt seine sinnlosen Augen auf und
zu.

Er ist hlich. Das hlichste Lebendige ist nicht so hlich wie ein
Totes.

Nein, es ist ihm nicht gut bekommen, da er sie hat betrgen wollen. Die
Schne hat jetzt auch nicht viel von ihm. Mit einem Mann ohne Kopf lt
sich kein Staat machen.

Er hat andere mitgerissen. Armer Albert! Lieber, gutmtiger,
freundhafter Bruder! Er war so harmlos und kameradschaftlich. Sicher hat
er nur mitgetan, um kein Spaverderber zu sein. Jetzt ist er kahl und
blo und verrenkt und im Kerker. Der frische, lustige Junge, der er war.

Aber Chretien war doch anders. Das khne, magere, brunliche Gesicht.
Sie wird keine Furcht mehr haben vor dem toten Kopf. Sie wird ihn lang
und genau anschauen, und Chretien wird ihr gehren, nicht der Schnen.
Tag sollte es sein, Tag, da sie ihn sehen kann. Die dummen Gedichte des
Herrn von Schenna singen immer von den Herrlichkeiten der Nacht und da
die Nacht der Liebe gehre und verwnschen den Tag, da er fernbleiben
mge. Unsinn. Ihre Zeit ist der Tag. Herauf, Tag! Schenk' mir meinen
toten Freund, der mir gehrt, Tag!

Doch als der Tag heraufkroch und um den toten Kopf das erste graue Licht
war, lag sie berschauert, mit geschlossenen Augen, im Fieber.

                   *       *       *       *       *

Nach zwei Monaten strenger berwachung erhielt sie Erlaubnis, fr einige
Tage nach dem Kloster Frauenchiemsee zu reisen, zu ihrer kranken
Schwester Adelheid. Sie fand das sieche, krppelhafte Mdchen scheu und
unzugnglich wie immer.

Margarete war vollkommen leer und ausgeschpft. Sie a, trank, ging
herum. Beugte in der Klosterkirche das Knie wie die Nonnen, nahm und gab
Gru und Rede und Gegenrede. Sie war jung und alt wie die Welt. Sie war
viel lter und erfahrener als die welke, milde btissin, wute viel
besser als diese, da alles eitel war und Haschen nach Wind.

Der betuliche Abt von Viktring kam zu Besuch. Er war den Luxemburgern
nie sehr freund gewesen, Knig Johann galt ihm als Sptter und Freigeist
-- darum auch hatte ihn der Herr mit Blindheit geschlagen -- und er
freute sich, da Margarete sich gegen sie erhoben hatte. Er sprach in
seiner redseligen Manier viel in sie hinein; doch sie blieb wortkarg. Er
hufte Zitate, fhrte trstlich Anselmus an: Schneller vergeht nicht
die Stunde, als wechselt der Anblick der Dinge. Diesseits ist und fr
nichts alle irdische Zierde zu achten. Aber es schien auf Margarete
nicht viel Eindruck zu machen.

Sie sa mit der btissin lange Stunden am Ufer der winzigen Insel,
schaute ber den blassen, hellen See. Das Wasser gluckste trg im
Schilf, stille, fahle Sonne war, weit drauen lag ein Fischer in seinem
plumpen, altertmlichen Kahn. Die btissin schaute sie aufmerksam an,
streichelte ihre dicklichen, jetzt nicht geschminkten Hnde. Junge
Herzogin! sagte sie mit ihrer welken, milden, wissenden Stimme. Junge
Herzogin!

Jung? fragte Margarete zurck, so mde, da es nicht einmal bitter
klang. Jung? Sie sind zehnmal jnger als ich, hochwrdige Frau.

Die btissin sagte: Ein Baum ist nicht tot, auch wenn er im Winter kahl
steht. Ferner sagte sie: Es gibt nichts Schmerzhafteres, aber auch
nichts Wohligeres, als wenn man, erstarrt, wieder ins Leben
zurckkehrt. Auch sagte sie: Sie sollten mit den Nonnen singen, junge
Herzogin.




Als Margarete nach Schlo Tirol zurckkehrte, lie ihr Ludwig der Bayer
von einer prunkvollen kaiserlichen Bedeckung bis an die Grenzen seines
Gebiets das Geleite geben. Die ersten Herren des Mnchner Hofs fhrten
den glnzenden Zug, die Fahne mit dem wittelsbachischen Lwen wehte ihm
voran, Feudalbarone und Behrden standen feierlich an seinem Weg.

Die Herzogin dankte den Herren automatisch, nicht mit der gewohnten
pomphaften Sicherheit. Sie war schlaff, gleichgltig, viel zu mde, sich
Gedanken zu machen ber die Grnde, die den Kaiser zu so auffallender
Ehrung veranlaten.

Ja, der Wittelsbacher hatte seine guten Grnde. Er war erst jetzt wieder
peinlich daran erinnert worden, wie sehr die luxemburgische Herrschaft
in Tirol ihn behinderte. Seine Absicht, gewisse lombardische Hndel
durch einen Kriegszug zu beendigen, hatte der Bischof von Trient
vereitelt, der ihm khl und ohne Umschweife den Durchzug durch sein
Gebiet verbot. Diese Verrgerung des Kaisers hatten die Tiroler
Feudalherren klug genutzt. Die Burgstall, Villanders, Schenna, die sich
bei der ersten Revolution gegen die Luxemburger schlau im Hintergrund
gehalten, hatten ihre Plne keineswegs aufgegeben. Das miglckte
Unternehmen hatte sie gelehrt, da es ntig sei, eine Gromacht als
Rckendeckung zu gewinnen. Was lag nher, als sich an den Feind der
Luxemburger zu wenden, den Kaiser, den Wittelsbacher? Margarete hatte in
dem letzten Unternehmen keine glckliche Hand gezeigt. Es war nicht ganz
klar, was der unmittelbare Grund war, ber den jener Aufstand
strauchelte. Aber so viel war gewi, da vornehmlich ihre seltsame
Laune, ausgerechnet den Chretien von Taufers zu berufen, die klug
gezettelten Fden verwirrt und zerrissen hatte. Jedenfalls war es
geratener, diesmal ber ihren Kopf hinweg zu handeln und sie erst im
letzten Augenblick beizuziehen. Die Befreiung von Herzog Johann mute
sie, wie immer sie ins Werk gesetzt wurde, so wie die Dinge jetzt lagen,
als Erlsung empfinden.

Man schickte also in aller Heimlichkeit Botschaft an den Kaiser. Stellte
ihm vor, wie die Erbitterung im Land gegen die Luxemburger steige; wie
man bedaure, da sein italienischer Feldzug an dem steifnackigen
Widerstand des Bischofs von Trient, des Bhmen, gescheitert sei. Fragte
unverbindlich an, ob er allenfalls einwilligen wrde, seinen Sohn, den
Markgrafen von Brandenburg, mit der Herzogin von Tirol zu vermhlen. Der
lnderschtige Wittelsbacher, ungeheuer gelockt durch die Aussicht,
Tirol zu gewinnen, erwiderte ebenso unverbindlich, er werde mit seinem
Sohn, dem Markgrafen, den Plan durchsprechen; solange die Luxemburger
noch im Land sen, sei das Ganze ein blaues Projekt.

Den tirolischen Herren gengte solche Antwort vollauf. Sie wuten, es
ging nicht an, da der vorsichtige Wittelsbacher sich mehr exponiere.
Seine Antwort war verklausuliert, doch ihr Kern ein deutliches Ja. Die
prunkvolle Bedeckung, die er jetzt ihrer Herzogin stellte, wre Bescheid
genug gewesen. Die Zerstrung der Rottenburgischen Festen, die Folterung
Alberts, des Sohnes des guten Knigs Heinrich, die Hinrichtung des Herrn
von Taufers hatten die Luxemburger der letzten Sympathien beraubt. Die
Barone schrten weiter, hetzten. Immer ohne Margarete zu verstndigen.

                   *       *       *       *       *

Agnes von Flavon stand vereist, als sie von dem Niederbruch der
Revolution erfuhr. Sie durchschaute sofort die Zusammenhnge. So
schreckbar wuchtig also hatte die Hliche zurckgeschlagen. Sie stand
vergraust, kroch in tierischer Angst fr ihr Leben in sich zusammen,
dachte an Flucht.

Als sie sah, da gegen sie nichts unternommen wurde, tauchte sie dann
langsam aus ihrem Schrecken hoch, ugte um sich. Sah die strengen
Manahmen gegen Margarete, verwirrte sich. War jene so ungeschickt, da
sich das Unternehmen zuletzt gegen sie kehrte? Sicher nicht. Dazu war
sie viel zu klug. Es mute mit ihrem Willen so gekommen sein. Agnes
begriff die Feindin nicht mehr. Ihr Ha wuchs mit ihrer Angst. Sicher
plante sie einen noch rgeren Schlag, sich an ihrer Vernichtung zu
weiden.

Es geschah nichts. Man kmmerte sich nicht um sie. Es war verstndlich,
da man sich von ihr, der Frau des schmhlich Hingerichteten, fernhielt.
Aber warum beschlagnahmte man ihre Gter nicht? Sie ertrug nicht die
Stille und Gleichgltigkeit um sich herum. Dazu die Angst, dies alles
sei nur Vorbereitung tieferer Vernichtung. Sie beschlo, nach Schlo
Tirol zu reisen.

Auf dem Stadttor von Meran sah sie auf eine Stange gesteckt den Kopf
ihres Mannes Chretien von Taufers. Er glotzte auf sie her, blulichgelb;
in verfilzten Strhnen wehte sein langes, unbekmmertes,
kastanienfarbenes Haar in dem lauen Wind. Sie zuckte zurck. Dann
schaukelte, von den Pferden getragen, ihre Snfte unter dem Kopf des
Gerichteten in die Stadt Meran. War es eine schlechte Vorbedeutung? Sie
hatte keine Zeit fr Sentimentalitten. Sie mute sich sammeln fr die
Unterredung mit Herzog Johann. Die war nicht leicht diesmal. Sie war
schon einmal in schwarzer Trauerkleidung vor ihm auf der Erde gelegen.
Wiederholungen wirken matt. Und diesmal ist die Situation gegen sie.

Johann empfing sie denn auch gereizt, bsartig, hhnisch. Fragte giftig,
ob sie auch keine Waffen bei sich habe. Er tue wohl gut daran, sich
vorzusehen. Mit groen, traurigen, ob solcher Krnkung vorwurfsvollen
Augen sah sie ihn an. Weinte sehr, da der gromtige, junge Herzog, der
ihr huldvoll entgegengekommen, nun Ursach' habe zu solchem Mitrauen.
Beteuerte, wie sie von den Plnen ihres hochverrterischen Mannes keine
Ahnung gehabt. Sagte, es sei gut, da er tot sei; denn wer so
hinterlistig seinen Frsten verrate, trage gewi nicht lange Bedenken,
auch sein Weib zu verraten. Gestand mit unschuldiger Verruchtheit, sie
habe Chretien nie geliebt; ihn nur geheiratet, um Taufers behalten und
in der Nhe des Frsten bleiben zu knnen. Johann hrte zu, mitrauisch
und geschmeichelt. Sie trat nher an ihn, da er ihr Fleisch atmete. Er
knurrte, er glaube ihr kein Wort, aber er kmpfe nicht gegen Weiber,
vorlufig knne sie Taufers behalten. Dann klatschte er ihr, die sich
geduldig und lauernd duckte, verchtlich, derb und lstern den Nacken,
kehrte sich grob ab, warf ihr hin, er werde nchstens nach Taufers
kommen, nachschauen, ob man dort Rebellion treibe; aber allein, er habe
keine Angst. Damit lachte er laut und eindeutig auf, lie sie stehen,
ging auf die Jagd.

                   *       *       *       *       *

Mittlerweile war die Verschwrung des Adels reif geworden. Schlo Tirol
sollte in Abwesenheit Johanns besetzt werden. Man konnte nicht lnger
umhin, Margarete zu verstndigen. Auch mute man ihre Einwilligung in
eine eheliche Verbindung mit dem Wittelsbacher einholen. Herr von
Schenna bernahm es.

Er sa vor ihr, drr, in lssiger, uneleganter Haltung, sprach ihr mit
seiner welken, brchigen Stimme von allerlei Kleinzeug. Glitt mit seinen
alten, klugen, skeptischen Augen auf und ab an ihr. Er als einziger
ahnte die Zusammenhnge. Behutsam, beilufig warf er ihr hin, sie mge
nicht erschrecken, wenn nchster Tage einmal andere Besatzung das Schlo
beziehe, verstrkte Besatzung. Sie mge, auch wenn geschrien, rumort,
mit Waffen geklirrt werde, sich nur ja in ihrem Zimmer halten, fr sie
sei keine Gefahr. Er hielt ein, wartete. Sie reagierte nicht. Nach einer
Weile, sacht, holte er aus, ob sie denn nicht frage, warum das alles.
Nein, sie fragte nicht.

Er wechselte. Sprach von Agnes. Jeder neue Trauerfall bekomme ihr
besser. Jetzt wieder, als sie hier im Schlo war, habe jeder sehen
mssen, Schwarz stehe ihr am besten. Margarete horchte auf, der kluge
Schenna sah: jetzt war ihre Gleichgltigkeit Maske. Er lenkte ab, kehrte
dann wieder zurck. Ja, nun werde Agnes wohl bald auf lngere Zeit als
Gast hier einziehen; in diesem Stck sei Herzog Johann dem guten Knig
Heinrich hnlich. Margarete schnellte hoch. Schenna habe sich bisher
immer als ihr Freund gezeigt. Ob dies wahr sei? Sie als Gefangene und
die andere als Herrin: hier, in den gleichen Wnden, in der gleichen
Luft -- unausdenkbar sei das. Und er solle jetzt um Christi willen die
Wahrheit sagen.

Schenna erwiderte schlicht: Ja, Johann habe Agnes von Flavon eingeladen;
und wie er die Dame kenne, werde sie wohl annehmen. Da Margarete die
Augen schlo, das Gesicht verzerrte: Es gebe ja noch Mittel, trstete
er, fing an von seinen Plnen. Sie winkte ab, wollte nicht hren.

Bat Herzog Johann dringlich zu sich. Ob das wahr sei? Ob er das wirklich
tun wolle? Sie flammte. Das Schlo hier zu einer Hurenherberge machen?
Er: Ja er werde machen. Er werde sich erlauben. Er sah, da er endlich,
auf solche Art sie treffen, ihre Starrheit durchstoen, sie anbohren,
wund machen konnte. Er beschaute sie mit seinen kleinen, hassenden,
gierigen Wolfsaugen, schwoll an. Was sie sich erfreche? Ob sie ihm das
Weib verbieten wolle? Sie ihm? Sie, so wie sie ausschaue? Margarete
schluckte, sagte beherrscht: Sie bitte ihn nicht, zu bedenken, was man
im Volk, was an andern Hfen sagen werde, wenn er hier, im Schlo ihres
Vaters, das sie ihm zugebracht, sie im Kerker und die andere in Glanz
halten wolle. Aber daran msse sie ihn erinnern, da der Mann seiner
Mtresse die Revolutionre gefhrt habe, da jene mit im Komplott,
vielleicht die Anstifterin gewesen sei, da es undenkbar sei, jene habe
den schmhlichen Tod ihres Mannes so schnell vergessen. Er solle sich
hten vor ihr! Er lachte hmisch: Mit solchen Faxen solle sie ihm nicht
kommen. Sie sei eine eiferschtige Gans. Prahlerisch fgte er hinzu:
Wie, wenn etwa gar Agnes ihn gewarnt, ihre Intrigen vereitelt htte?

_Ich_ habe dich doch gewarnt! rief sie. Ich! Ich!

Ihm, fr einen Augenblick, stieg ein unbehagliches Gefhl auf: er sah
sie wieder wie damals, als sie vor ihm lag wie eine satte Schlange, er
fhlte sich gedemtigt durch seine widerlegte Prahlerei. Aber sogleich
war er wieder oben. Dies war ja eine offensichtliche, schlaue, freche
Lge, durch die sie ihn verblffen wollte.

In einer so plumpen Schlinge kannst du vielleicht deine Tiroler Bauern
fangen, nicht mich! sagte er mit gespielter, verchtlicher Trockenheit.
Und, sich weiter hineinsteigernd: Also das endlich sprt man? Das geht
an die Nieren? Die Schne soll aus dem Haus? Das stachelt, da sie da
ist? Just erst recht kommt sie! Just erst recht bleibt sie! Ausreit' ich
mit ihr! Auf die Jagd reit' ich mit ihr! Nach Meran, Bozen, Trient reit'
ich mit ihr! Dir zeig' ich es, Krte! Hliche! Giftige! Schmutzige!

Sie hockte starr entschlossen, als er fort war. So schlicht und ehrlich
hatte sie gesprochen, ihm noch einmal breit den Weg aufgetan zu ihr. Wer
nicht taub und verworfen war, mute hren. Er selber hatte entschieden.

Andern Tages kam wieder Herr von Schenna. Unterbreitete ihr einen kurzen
Brief an den Kaiser, dessen Schutz sie sich empfahl, die Abmachung ihrer
Barone billigend. Ohne Zgern unterschrieb sie. Schenna erffnete ihr
ferner knapp, sachlich, andern Tags, wenn Johann auf der Jagd sei, werde
das Schlo von den Truppen der Barone besetzt, Johann der Eintritt
verweigert werden. Sie selber knne ihm das, begehre er bei seiner
Rckkehr Einla, mitteilen. Man werde sich hten, sich ins Unrecht zu
setzen, Hand an ihn zu legen. Man werde ihm nur in der Grafschaft jede
Herberge versagen. Verlasse daraufhin Johann das Land, schlo Schenna
lchelnd, werde niemand ihn hindern. Im brigen, fgte er freundlich und
sehr ergeben hinzu, sei diesmal vorgesorgt. Selbst wenn der Herzog
gewarnt werde, knne nichts mehr miglcken. Er nahm den unterzeichneten
Brief an sich, neigte sich, ging mit seinen unbehilflichen,
ungleichmigen, schlendernden Schritten.

                   *       *       *       *       *

Am andern Tag, einem Freitag, zog Johann mit kleinem Gefolge auf die
Jagd. Das Wetter -- es war Anfang November -- hatte sich klar und blau
angelassen, bald aber war Nebel eingefallen und feuchter, widriger Wind.
Der Herzog war verdrielich; was ihm Margarete ber Agnes gesagt hatte,
war doch nicht so leicht zu verdauen. Auch hatte sich sein
Lieblingsfalke, ein schner, grauweier, norwegischer Gerfalke,
verscheucht von einem greren Raubvogel, verflogen. Jetzt zankte der
Herzog mit dem Falkner herum, keifte, schrie.

So brach er frhzeitig die Jagd ab, kehrte gegen Abend nach Hause. Fand
die Zugbrcke aufgezogen, das Tor versperrt. Stand verwundert, dann
verrgert, fluchend. Stie ins Horn. Der Turmwchter erschien, sagte, er
habe keinen Auftrag, den Herrn einzulassen. Der Herzog lief rot an,
bellte dem Mann unfltige Schimpfworte zu. In der Zinne des einen
Torturms war auf einmal Margarete, rief mit ihrer warmen, dunkeln
Stimme, der Prinz von Luxemburg mge nicht weiterschreien, hier sei kein
Platz fr ihn, er mge sich andere Herberge suchen. Vielleicht in
Taufers. Johann legte an auf sie. Sie war fort vor seinem Pfeil.

Da stand er nun, schumend und lcherlich, in seinem Jagdanzug vor dem
versperrten Tor. Seine Begleiter tuschelten. Kalter Wind blies, es
regnete. Ein paar seiner bhmischen Leute aus der Burg machten sich
heran, erzhlten kleinlaut, betreten, wie eine riesige Anzahl
gutbewaffneter Tiroler das Schlo besetzt, sie hinausgeworfen habe.

Der Herzog hielt noch eine Weile, kotig schimpfend auf die Feigheit
seiner Leute, vor der hochgezogenen Zugbrcke. Aus der Burg kam
Gelchter, Spottverse:

   Wer steht vorm Tor? Wer schlottert im Wind?
   Ein Bettler? Ein Jud'? Etwer vom Gesind?
   Es ist blo der Graf von Tirol.

Fluchend zog Johann schlielich ab, nach Zenoberg. Das gleiche. Nach
Greifenstein. Das gleiche. Es ging schon auf Mitternacht. Er war
todmde, heiser vom Schreien und Toben, zerschlagen. Frstelnd,
jmmerlich, nchtigte er im Freien.

Morgen fahlte herauf. Der Herzog stieg auf sein Pferd, schmutzig,
berwacht, die Glieder schmerzten ihn, der Magen war ihm hohl von
Hunger. Er hatte nur mehr sechs von seinen Leuten um sich, die andern
hatten sich sacht verlaufen.

Es regnete unaufhrlich. Seine Begleiter sagten ihm, das Volk sei sehr
einverstanden mit dem Geschehenen, lache, juble, feiere, hhne. Jene
Verse brummten, lstige Insekten, um seine Ohren: Ein Bettler? Ein
Jud'? Etwer vom Gesind? Es ist blo der Graf von Tirol. Auf Nebenpfaden
schlich er sich in die Burgen etlicher Adeliger, die er sich besonders
verpflichtet hatte. Die Herren waren nicht da, die Kastellane hatten
keine Weisung, verschlossene Tore. Es waren nur mehr vier von seinen
Leuten bei ihm.

Er irrte ziellos durch Weinberge, Forst. Regen, Regen. Er glaubte sich
verfolgt, umstellt. Er kannte keine Furcht in der Schlacht; jetzt kroch
es ihm ekel herauf. Er wollte nicht gehetzt und geschlagen sein wie ein
toller Hund von einem Bauern, einem stinkenden Brger. Er schlug sich
hher in die Berge. Kam endlich zu einer abgelegenen Burg des Tgen von
Villanders. Der kluge, vorsichtige Baron, er wollte sich, wenn mglich,
auch mit den Luxemburgern verhalten, nahm ihn auf. Allein er wagte nur,
ihm sehr heimliche, auf ganz kurze Zeit befristete Unterkunft zu geben.
Johann lebte die wenigen Tage als ein unbekannter Ritter Ekkehard, lie
sich nicht sehen. Da klatschten ihm auch hier Fetzen jenes Liedes um die
Ohren: Etwer vom Gesind? Es ist blo der Graf von Tirol. Er machte
sich fort, des Nachts, schlotterig, nur mehr zwei Knechte folgten ihm.
Er war noch immer im Jagdkleid. Schmutzig, verschwitzt, stinkend, auf
abgetriebenem, versagendem Ro, das auf den versumpften Nebenpfaden
nicht mehr weiterkam, schlich er sich die Kreuz und die Quer durch sein
Land. Wenn nur wenigstens dieser verfluchte Regen aufhrte! Er verkaufte
den Schmuck, den er bei sich trug, Waffen, Jagdhorn, zuletzt auch das
Pferd.

Fiebernd, erschpft, ganz allein erreichte er das Gebiet des Patriarchen
von Aquileja. Kam nach Friaul. In den Palast des Patriarchen. Die
Knechte grlten, wieherten, als der lausige, verlumpte Mensch
behauptete, er sei der Herzog von Krnten, Graf von Tirol, Enkel der
Rmischen Majestt. Der Patriarch, Feind der tirolischen Feudalherren,
von Luxemburg allezeit sehr gefrdert, nahm ihn ehrerbietig auf, schlo
ihn in seine Arme. Langsam kam, nach Tagen, der erschpfte, verstrte
Frst wieder zu sich. Knirschte, wob bsartige Plne, sott Gift, spie
Flche und Drohungen in das Land, aus dem ihn seine Frau vertrieben.




                              Zweites Buch




In Mnchen der Kaiser Ludwig hatte seinen Sohn, den Markgrafen, den
Brandenburger, um die Schulter gefat. Ging auf und ab mit ihm. Redete
gtlich auf den Finsteren, Verdrielichen ein. Der Brandenburger sah,
trotzdem er erst fnfundzwanzig Jahre war, sehr mnnlich aus. Blonder,
kleiner Schnurrbart, harte, graublaue, etwas stechende Augen in
gebruntem, magerem Gesicht. Er hatte den massigen Nacken der
Wittelsbacher, war gro, sehnig. Aber der wuchtige, ungeschlachte Kaiser
berragte ihn doch um ein betrchtliches. Durch die gemalten Scheiben
kam das helle, fahle Licht des Schneetags. Wie sie so auf und nieder
gingen, der Kaiser den Arm um die Schulter des Sohnes, schien es, als
schleifte er den Zgernden, sich Sperrenden.

Nein, nein! Er konnte es nicht und konnte es nicht. Er brachte es
einfach nicht ber sich, die Herzogin Margarete zu heiraten. Er hatte
jetzt eine fnfjhrige Ehe hinter sich mit Elisabeth, der dnischen
Prinzessin. Sie war ein bescheidenes Geschpf gewesen, etwas drr, ja.
Nun war sie tot, Gott gebe ihr die ewige Ruh'. Jetzt will er drei, vier
Jahre ohne Frau sein. In Brandenburg seine Staatsgeschfte betreiben,
Ackerbau, Stdtewesen hinaufbringen, die Wenden kleinkriegen. Die
tirolische Margarete heiraten, die ihren Mann auf so sonderbare Weise
davongejagt hat? Die extravagante Person? Nein, danke! Sein kaiserlicher
Vater werde ihn stets dienstwillig finden. Aber die Margarete heiraten,
nein!

Der Kaiser richtete die riesigen, starren, blauen Augen auf den Sohn.
Sein Widerspruch berraschte ihn nicht, erregte ihn nicht. Es war kein
Vergngen, die Tirolerin zu heiraten. Er an seiner Stelle htte sich
auch gestrubt. Aber er wute, sein Ludwig war ein guter Sohn, ein
einsichtiger Frst, der begriff, da Heirat das wichtigste politische
Mittel war. Eine Gelegenheit wie diese kam nicht wieder. Hatte
Wittelsbach Tirol, so war die Lndermasse geschlossen, so regierte
Wittelsbach vom Nordmeer bis zur Adria. Er verstand durchaus, da Ludwig
es vorgezogen htte, auszuschnaufen, etliche Jahre Witwer zu bleiben.
Aber dafr war er Frst und Wittelsbacher. Er konnte sich solche
Bequemlichkeit nicht gnnen.

Der mrrische Markgraf hufte weiter seine verdrossenen Einwnde.
Abgesehen davon, da ihm diese Margarete und alles um sie tief zu
innerst gegen den Strich gehe, sei es gewi, da der Papst die Ehe der
Tirolerin mit dem Luxemburger nicht lsen werde. Die ganze Christenheit
werde wie ein Mann Skandal schreien, wenn er sich jetzt mit der Frau
eines andern vermhle. Der Kaiser erwiderte gelassen, er habe sein Leben
lang Bann und Interdikt tragen mssen; er knne es seinem Sohn nicht
sparen. Ein Wittelsbacher komme leider anders nicht voran.

Der Markgraf entzog sich seinem Vater, lehnte sich an den Tisch in
unbehaglichster Laune, strich sich mechanisch den kleinen Schnurrbart.
Die dnische Elisabeth sei keine Helena gewesen, ein Frst knne nicht
nach Schnheit der Gestalt freien, das wisse er. Aber die Margarete! Die
plumpe Taille! Krnten! sagte der Kaiser. Das berworfene Maul!
Tirol! sagte der Kaiser. Die Hngebacken! Die schrgen, vorstehenden
Zhne! Trient! Brixen! sagte der Kaiser.

Durch Mnchen ritten indes die tirolischen Herren, die die Verhandlungen
fhrten. Es war eine prunkvolle Gesandtschaft, an ihrer Spitze die
ersten Herren des Landes, Burgstall, Villanders, Schenna, Eckehard von
Trostberg. Sie hatten keine Eile, waren sehr zuversichtlich, beschauten
anerkennend, behaglich die helle, bunte Stadt, die unter Ludwig rasch
hochkam, die neue, wohnliche Residenz, die er sich baute. Die
Wittelsbacher waren umsichtige, feste Herren. Man mute nur, damit sie
einem nicht zu genau kamen, sich mit allen Mitteln sichern. Das taten
die Tiroler denn auch. Lieen sich alle ihre Handfesten, Urkunden,
Privilegien besttigen. Rafften, rissen an sich. Erzwangen sich
Vetorecht und Kontrolle ber alle Regierungsmanahmen. Verrgert,
verzweifelt brach der Brandenburger aus, was er denn mit einer
Herrschaft solle, die berall so geengt, gepret, gehemmt sei. Voll und
bieder schaute ihm der Kaiser in die Augen: Hab' du den Mantel erst an!
Ist er dann zu lang, kannst du ihn ja abschneiden.

Nach Lichtme, in hohem Winter, unter einem leuchtenden, hellblauen
Himmel, fuhr, ritt der klingelnde, prchtige Zug der Wittelsbacher durch
die grellweien Berge nach Schlo Tirol. Schnee knirschte, Rstungen
klirrten, Gehnge, Gold und Silber luteten. Weich in der dmpfenden
Schneeluft ging der riesige, bunte Zug, Pferde, Saumtiere, Snften,
Menschen. Der Kaiser, in strahlender Laune, sein Sohn Ludwig, der
Markgraf, der Brandenburger, mimutig, zgernd, aber halb schon durch
die Gre und Vielgestaltigkeit des Landes gelockt, sein junger Bruder
Stephan. Der Herzog Konrad von Teck, der reiche schwbische Herr, der
intimste Freund des Brandenburgers, finster, fanatisch, ein wilder
Arbeiter, ein unbedingter Anhnger der Wittelsbacher. Die tirolischen
Barone. Zahllose bayrische, schwbische, flandrische, brandenburgische
Edle. Die Bischfe von Freising, Regensburg, Augsburg. Die beiden groen
Theologen, die der Kaiser an seinen Hof gezogen hatte, Wilhelm von Okkam
und Marsilius von Padua.

Der Kaiser hielt whrend der ganzen Reise vor allem diese geistlichen
Herren in seiner Nhe. Die Nachricht von der beabsichtigten Vermhlung
des Brandenburgers mit Margarete hatte ganz Europa skandalisiert. Nicht
nur, da Margarete die Frau eines andern war, sie war auch von ihrer
Gromutter Elisabeth her mit dem Brandenburger im dritten Grade
verwandt. Der Papst dachte nicht daran, die Herzogin von diesem
Ehehindernis zu lsen, hatte vielmehr sogleich mit Bann und Interdikt
gedroht. ngstlich hrte, tief beunruhigt, die Bevlkerung diese
Drohung. Der Kaiser war aber durchaus nicht willens, vor der Kurie
zurckzuweichen. Er stellte dem Papst seine Theologen entgegen. Der
Kaiser selbst war ohne viel Bildung, sprach nicht einmal Latein; aber er
hatte eine tiefe, abgrndige Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit. Er
bedauerte aufrichtig, da seine Bayern so dumpf und stumpf waren, sich
zum Studium so gar nicht eigneten. Ach, berall in der Welt fanden die
groen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen, Wilhelm von Okkam und
Marsilius von Padua, Widerhall, nur nicht in seinem Bayern.

Er war fromm, er hatte Gewissen, er verehrte die weisen Herren von
Herzen, glaubte an sie, war berzeugt von ihrem Wissen um Gott. Er hatte
also an seine Theologen, sie aus seinen riesigen blauen Augen
anstarrend, die Frage gerichtet, ob die Einwnde des Papstes zu Recht
bestnden. Marsilius und Wilhelm hatten ein Gutachten ausgearbeitet, die
Ehe Margaretes mit Johann dem Luxemburger sei infolge Untauglichkeit des
Gatten nie _de facto_ vollzogen worden, sie bestehe also nicht, sei
ungltig. Daraufhin hatte sich, vom Kaiser dringlich gebeten, der
Bischof von Freising, Ludwig von Chamstein, bereit erklrt, die
Ehescheidung zwischen Margarete und Johann auszusprechen. Aus diesem
Grund also zogen die bayrischen Bischfe mit ber die Alpen. Ihre
Mission kam ihnen sehr gefhrlich, sie selber sich sehr khn und wichtig
vor. Sie hatten gespannte Gesichter, schwitzten.

Der Brandenburger ritt neben Konrad von Teck. Mehr und mehr
interessierte ihn das Land, das Technische der Verwaltung.
Leidenschaftlicher Nationalkonom, der er war, hatte er keinen Blick fr
die Gegend, die Sonderart der Menschen, sprach mit seiner harten, hellen
Stimme nur von Ackerbauflchen, Siedlungsmglichkeiten, Handelsstraen,
Bezirkseinteilung, Steuermethoden. Ob Brandenburg, ob Tirol -- ihm war
das Land nichts anderes als Verwaltungsgegenstand. Hier war berall
Verrottung, Schlamperei. Er wird mit harter, tchtiger, wohlmeinender
Hand zupacken.

Herr von Schenna ritt neben Wilhelm von Okkam. Der kluge, weltkundige,
gelehrte Theologe fesselte ihn. Er hatte an der Universitt Paris
doziert, war kein blasser Theoretiker, sah die Zusammenhnge von Westen
nach Osten. Vor ihnen -- die Strae stieg sacht an -- hob sich hoch der
wuchtige Rcken, der starke Nacken des Kaisers. Die beiden Herren
sprachen ber ihn. Der Theolog, nicht ohne eine gewisse
Leidenschaftlichkeit, rhmte die ideellen Neigungen des Kaisers, seine
Ehrfurcht vor der Bildung, den heiteren Ausbau der Stadt Mnchen, die
Stiftung des Ritterordens von Ettal nach dem Muster des Wolframschen
Parzival. Der schrfere Herr von Schenna aber wollte das nicht gelten
lassen, er sah in dem Wittelsbacher einen viel moderneren Typ. Der
Kaiser liebte die Stdte mehr als die Burgen, den Kaufmann mehr als den
Kriegsmann, Vertrge mehr als Schlachten, sah auf Nutzen mehr als auf
Ritterlichkeit. Gewi hatte er noch romantische Anwandlungen; aber die
waren Tradition, nicht Ausdruck seines wahren Wesens. Knig Johann, der
Luxemburger, der war bei aller Wandelbarkeit viel konservativer, war ein
Ritter alten Schlages, ein Abenteurer. Der Kaiser hingegen glich
vielmehr den Stadtbrgern, war ein Mann von heut, ein Rechner. Darum
auch werde der Luxemburger zwar mehr packen, aber weniger festhalten
knnen, und auf die Dauer werde der Kaiser triumphieren; denn er sei ein
Kind seiner Zeit. Der Theolog hrte den klugen, richtigen und
literarischen Ausfhrungen nachdenklich und widerstrebend zu. Sie sahen
den breiten, wuchtigen Rcken des Wittelsbachers vor sich. Sie dachten
beide, was keiner sprach: er wird immer nach seinem Nutzen handeln und
nur nach ihm, wird immer bieder und aus groen Augen sich, die andern,
die Welt betrachten, wird immer, ehrlich und berzeugt, Gerechtigkeit,
Moral, Gottes Willen gleichsetzen mit seinem Nutzen.

Man nchtigte in Sterzing, klomm andern Tages in klarer, schneidender,
frhlicher Klte den Jaufenpa hinan. Man hatte schon die Hhe hinter
sich, stieg ins Passeier. Da strauchelte das Pferd des Bischofs von
Freising, scheute, warf den Reiter vornber ab. Der Bischof flog sehr
unglcklich gegen einen Felsen, brach den Hals. Da lag er, der kleine,
bewegliche Mann, auf dem gefrorenen Schnee unter dem frhlichen, hellen
Himmel. Er hatte gegen den Kandidaten des Papstes den Bischofsstuhl von
Freising besetzt, er hatte gegen den Willen des Papstes das heilige
Sakrament der Ehe brechen wollen; jetzt lag er gelb und steif und tot.
Der bunte, laute, klingende Zug stockte. Gottesgericht! raunte es;
bergraust standen die Herren um die Leiche. Man schlug den Toten in
Decken, fhrte ihn auf einer Bahre mit nach Meran. Sehr still gelangte
der kleine, wichtige Herr in die Stadt, wo er die khne, gefhrliche Tat
seines Lebens hatte tun wollen. Die erschreckten Bischfe von Augsburg
und Regensburg weigerten sich den Bitten des Kaisers, da nun sie
Margaretes erste Ehe lsen sollten.

Gleichwohl brach des Kaisers gute Laune wieder durch, als er in das
Schlo Tirol einzog. Avignon war weit, mochte Benedikt ohnmchtige
Flche gegen ihn schicken. Das waren Worte: er hatte das Land. Wo war
ein Frst der Christenheit mchtig wie er? Er hatte beide Bayern
vereinigt, er hatte Brandenburg, hatte sichere Anwartschaft auf Holland,
Friesland, Seeland, Hennegau. Jetzt das Land in den Bergen dazu, das
schne, alte, reiche, berhmte Land. Dahinter lag Italien, zerrissen,
machtlos. Er hatte es, nun er die Hhen der Alpen beherrschte, fest in
der Hand. Schnes Schlo Tirol! Gutes, festes Schlo Tirol!

Erstaunt hrten die Herren im Vorzimmer, wie der Kaiser innen mit
heller, lauter Stimme sang. Er singt Lieder wie Knig David vor der
Bundeslade! sagte der Bischof von Augsburg. Der Kaiser aber, in seinem
Gemach, allein, schaute in das weie, helle Land, schlug sich auf die
Schenkel, sang kleine, lustige, derbe Trutzlieder, wie man sie in den
Kneipen seiner bayrischen Drfer sang.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage spter vollzog der Kaiser selber die Vermhlung des Markgrafen
Ludwig mit der Herzogin Margarete. Zum groen rgernis des Landes und
ganz Europas. Wieder den Tag darauf belehnte er in der Stadt Meran die
Neuvermhlten mit Krnten und Tirol. Er war angetan mit dem kaiserlichen
Ornat. Konrad von Teck hielt das Reichsschwert, Arnold von Maenhausen
das Zepter, Herr von Krau den Reichsapfel. Margarete strotzte von
Prunk, steif, berst mit Edelsteinen standen die schweren Kleider um
sie herum, sie sah starr und reglos geradeaus.

                   *       *       *       *       *

Im Wiener Schlo saen Albrecht der Lahme und Johann von Bhmen in
langer Unterredung. Der Griff des Wittelsbachers nach Tirol hatte den
Luxemburger und den Habsburger wieder ganz zusammengetrieben. Der
Kaiser, dieser Schamlose, hatte nicht nur Tirol gestohlen, er hatte
seinen Sohn auch mit Krnten belehnt, in dem der Habsburger festsa, das
der Kaiser selber ihm hatte erobern helfen. Weniger ber die Frechheit,
als ber solche Torheit des Wittelsbachers waren die Frsten erstaunt
und emprt.

Albrecht hatte alle Vorsorge getroffen, sein Krnten gut zu verteidigen.
Der gelhmte Frst hatte noch einmal, nun auch er, die umstndlichen,
ihm doppelt beschwerlichen Zeremonien der Krntner Thronbernahme auf
sich genommen; es lag ihm daran, nur ja seine Volkstmlichkeit zu
sichern.

Der blinde Luxemburger hatte mehr Phantasie und weiterschauende Plne.
Dieses Tirol, die schnste Frucht, die der dreiste, plumpe Wittelsbacher
sich gepflckt, trug den Wurm in sich. Der lahme, in Kleidung und Frisur
etwas verwahrloste Albrecht sah mit Interesse, mit einer leisen,
widerstrebenden Bewunderung auf den blinden Knig, der straff, elegant
und sehr gepflegt vor ihm sa und leicht und behutsam seine blauen,
khnen Plne andeutete. Nein, der Kaiser wird an seinem neuen Land nicht
viel Freude haben. Er, Johann, ist im Grund vertrglich. Er trat bisher
Ludwig entgegen, wenn er mute, wenn es sein Nutzen verlangte, aber ohne
Ha und Leidenschaft. Von nun an wird es anders sein. Er ist randvoll
von Ekel und Zorn ber diesen letzten plumpen, schoflen Streich, ber
solche dumm anmaliche, vor sich und andern heuchelnde Habgier und
Frechheit. Der Grimm des Ritters und Abenteurers gegen den Kleinbrger
brannte auf.

Der neue Papst, der sechste Klemens, kein Theoretiker wie der
verstorbene Benedikt, nein, ein weltkundiger, glnzender Frst und Herr
und Politiker, ist ihm und seinem Sohn Karl eng befreundet, der Lehrer
und nchste Vertraute seines Karl. Die Vermhlung des Brandenburgers hat
dem Kaiser berall Unwillen erregt. Wenn jetzt der neue Papst von allen
Kanzeln Bann und Interdikt gegen den Kaiser verknden lt, wird solche
Verfluchung nicht als Politik aufgefat werden, sondern bei aller
Christenheit Billigung und herzlichen Beifall finden. Kurfrsten,
Stdte, Volk werden dem Wittelsbacher sich weigern, haben ihm schon ihre
Gefolgschaft aufgesagt. Wenn dann mit Untersttzung Avignons sein Sohn
Karl zum Rmischen Knig erwhlt wird, kann er, Johann, ihm eine
unberwindliche Liga gegen Ludwig schaffen.

Albrecht rieb sich mechanisch das schlechtrasierte Gesicht, hrte
besonnen den Ausfhrungen des andern zu. Dies waren Plne, die solider
gegrndet waren als gewhnlich die Plne des Luxemburgers; aber sie
bedeuteten Angriff, unvermeidlichen Kampf. Er, Albrecht, war nicht
willens, sich hineinzumengen. Er war nicht mehr jung, war gewitzt, zog
das Schwert nur im uersten Fall.

So saen sie beisammen, die beiden mchtigen Frsten, die mehr als die
Hlfte Mitteleuropas regierten; der Blinde zerrte an dem Lahmen, aber er
konnte ihm nur ein Defensivbndnis abringen.

Dann, als die Unterhandlung zu Ende war, reckte sich Johann, erhob sich,
um zu gehen, tastete sich, der Blinde, an der Wand entlang, fand aber
die Tre nicht. Albrecht konnte ihm zwar sagen, wo sie sei, vermochte
aber, der Lahme, dem Tappenden nicht zu Hilfe zu kommen. Da lachten sie
beide lang und herzhaft, bis endlich einer aus dem Gefolge drauen die
Tr ffnete.

                   *       *       *       *       *

Schlimmes Unglck brach ber das Land in den Bergen herein, die Strafe
Gottes, weil die Herzogin das Sakrament der Ehe so grob verletzt hatte.
Die Plagen gyptens! schrien die Anhnger des Papstes durch ganz
Europa. Die Plagen gyptens! erblate das Volk, seufzte, schlug sich
die Brust, fastete.

Zuerst taten zu erneuter Bestrafung der Snden der Menschen die
Schleusen des Himmels sich auf, eine zweite Sintflut.

Wehe! Der Wassermann ergiet deukalionischen Regen, zitierte der Abt
Johannes von Viktring einen alten Lateiner. Als htten smtliche Flsse
Europas sich ber das Land ergossen, wurden Bume, Wiesen, Drfer,
Menschen von Grund auf weggerissen, der Inn fhrte Brcken, Trme,
Huser mit sich, das untere Etschland glich einem See, von Neumarkt fuhr
man zu Schiff nach den unter Tramin gelegenen Gtern.

Im gleichen Jahr rasch nacheinander vernichteten wilde Feuersbrnste die
Stdte Meran, Innsbruck, Neumarkt.

Aber das Grauenvollste und Seltsamste, was das Volk erstarren lie,
waren die riesigen Heuschreckenschwrme, die in diesem Sommer das Land
verheerten. Sie kamen von Osten.

Nachdem sie Ungarn, Polen, Bhmen, Mhren, sterreich, Bayern, die
Lombardei kahl gefressen hatten, lagerten sie sich ber dem blhenden
Tirol. Man sah die Sonne nicht, so dicht flogen sie. Sie flogen bei Tag
und bei Nacht, und doch brauchten sie siebenundzwanzig Tage die
Etschufer hinab.

Das erschreckte Volk schleppte in Prozessionen die Heiligenbilder,
betete, streckte die Hnde zum Himmel. Der Pfarrer von Kaltern lie das
Geziefer durch ein frmliches Rechtserkenntnis von Geschworenen
verurteilen, bannte es von der Kanzel herab. Es waren riesige Tiere, sie
hatten Zhne wie leuchtende, edle Steine, so da die Frauen ihre
Gewnder damit besetzten. Die Schwrme, die die Inngegenden verheerten,
waren zwiefach merkwrdig. Die Fhrer flogen mit wenigen anderen dem
Heer um eine Tagesreise voraus, suchten die Orte, die der Masse des
Schwarmes geeignet waren. In Geschwadern brachen sie wieder auf, mit
militrischer Disziplin. Sie fraen Busch und Baum, sie fraen alles
Grn, sie fraen den Halm, das Korn, die Hirse, Stumpf und Stiel. Die
Erde war schwarz und grau und wie ausgedorrt, wenn sie endlich
fortzogen.




Die Herzogin Margarete fuhr ber den Arlberg. In Sankt Anton stand unter
dem gaffenden Volk ein Mdchen von elf, zwlf Jahren mit seiner Mutter.
Wie der Zug vorbeikam, rief eifrig, wichtig das Kind: Mutter! Mutter!
Welche ist die gndige Frau Herzogin? Die Lange, Drre oder die andere,
die Maultasch?

Die Mutter, eine derbe, wackere, behagliche, junge Frau, grinste, wurde
rot, schlug nach dem Kind: Wirst du den Brotladen halten, Saufratz!

Die Leute ringsum lachten, das Kind plrrte, das Wort wurde aufgenommen.
Es flog durch das Land, flog weiter, bald nannte alle Christenheit die
hliche Herzogin nur mehr die Maultasche. Margarete hrte davon, trug
den Beinamen mit einer gewissen stillen, bitteren Absichtlichkeit. Wie
sollte ihr neues Schlo heien? Bruneck? Neugrafenburg? Sie nannte es
Schlo Maultasch.

                   *       *       *       *       *

Markgraf Ludwig sa zusammen mit seinem Freund, dem Herzog Konrad von
Teck, ber Rechnungen und Belegen. Der junge, straffe Markgraf stellte
nchtern, klar Ziffern und Tatsachen zusammen; der massige, soldatische,
etwas ltere Herzog von Teck hrte aufmerksam zu. Er war in Rstung,
unbeweglich, whrend der Markgraf bei aller Sachlichkeit sich nicht
enthalten konnte, auf den Tisch zu schlagen, auf die raschelnden
Papiere.

Sein festes, mageres Gesicht, harte, glanzlose, blaue Augen, brunliche,
verwitterte Haut, etwas sprliches, blondes Haar, gegen die Mode kurzer,
blonder Schnurrbart, war bse und sehr erregt. Er hatte die Tiroler
Barone immer fr tckische, betrgerische Raffer gehalten. Doch da sie
auch unter seinem Regiment so frechen, offenkundigen Unterschleif wagen
wrden, da sie bieder und traulich nicht etwa die Hlfte, sondern neun
Zehntel seiner Einknfte in ihre Tasche steckten und sich in ihren
Schlurechnungen kaum bemhten, das zu verschleiern, das war denn doch
ein Gipfel frecher Habsucht, den er nicht erwartet.

Der junge Frst liebte sachliches, rasches, sauberes Arbeiten. So hatte
er sich in Brandenburg bewhrt; es war dem Land gut bekommen. Hier in
Tirol fand er berall Schlamperei, die ganze Verwaltung war ein
Ungefhr, alle Grenzen und Befugnisse verwischt, Betrug und Unterschleif
ppig in Schu und Wucher. Dabei hatten die Barone gut vorgesorgt.
Amnestie fr ihre Verwaltungssnden war ihnen zugesichert, auch konnten
sie frderhin nur durch Einheimische kontrolliert werden, und da sie
alle versippt waren, blieb solche Kontrolle Formsache.

Der massige, bartlose, soldatische Konrad von Teck lie den Markgrafen
zu Ende reden. Dann sagte er: Durchgreifen! Vertrge, Amnestie: einen
Schmarren! Pack' einen von ihnen am Kopf! La die andern reklamieren,
protestieren! Wenn sie sehen, es ntzt nichts, werden sie rasch kirre.

Mit einem halben Lcheln schob der Markgraf dem Freund ein Schriftstck
hin: einen Haftbefehl fr Volkmar von Burgstall. Aber er war nicht
unterzeichnet. Mein Vater tte es bestimmt nicht, sagte er. Es kann
verteufelt schief gehen. Ich hab' keine Rckendeckung.

Konrad von Teck schaute ihn aus seinen stumpfen, braunen Augen an, sagte
knarrend: Schaff' dir Rckendeckung.

Ludwig gab den Blick zurck, schellte, befahl: Die Frau Herzogin.

Bis Margarete kam, schwiegen die beiden Mnner. Ludwig hatte keine
Heimlichkeit vor dem Freund; so wute der genau, wie es zwischen ihm und
Margarete stand. Es stand aber so, da aus Mitrauen und Abneigung
langsam eine khle, geschftsmige, wohlwollende Kameradschaftlichkeit
gewachsen war. Margarete war ruhig, klug, nicht zudringlich, gab und
verlangte keine Sentimentalitt. Dies war dem Wittelsbacher sehr recht;
seine saubere, straffe, nchterne Art war die einzige an einem Manne,
die Margarete in diesen Jahren nicht reizte. An ihre seltsame Erstarrung
und Verkrustung gewhnte er sich langsam ebenso wie an ihre Hlichkeit,
und es geschah ohne jeden verchtlichen Unterton, wenn er etwa im
Gesprch mit Konrad ebenso wie das ganze Land Margarete die Maultasche
nannte.

Es dauerte eine ziemliche Weile, bis sie kam. Denn nie erschien sie
anders als in herzoglichem Prunk. Sie trug ein Kleid aus schwerem,
braunem Stoff, mit vielem Gold besetzt, das Gesicht maskenhaft steif von
Schminke und Puder, auch die Hnde geschminkt. Der Markgraf legte ihr
die Dokumente vor, wies in kurzen Worten darauf hin, wie lckenlos vor
allem das Material gegen Volkmar von Burgstall sei. Margarete sah vor
sich den dumpfen, drhnenden, wuchtigen Volkmar, die nackte, brutale
Gier seines Gesichts. Er hatte mit seiner plumpen, grausamen Hand
zugeschlagen, wo er konnte, er hatte im Kampf gegen die Luxemburger den
jungen Rottenburg, den lustigen, harmlosen Albert vorgeschickt und sich
selber feig, schwer, tckisch in den kellerigen, widerwrtigen Winkeln
seiner Burg versteckt. Ihr Gesicht unter der Schminke blieb steif und
ohne Ausdruck. Verhaften Sie ihn! sagte sie.

Selbst der starre Konrad von Teck sah berrascht auf. Sie sind eine
tapfere Dame, Frau Herzogin! sagte er.

Nachdem das Ihr Rat ist, Margarete, sagte der Brandenburger, werden
sich Ihre Landsleute wohl beruhigen mssen, wenn ich ihn befolge. Er
bat, auch sie mge den Verhaftsbefehl unterzeichnen. Sie tat es.

Der Burggraf Volkmar wurde verhaftet, prozessiert. Solches Vorgehen
gegen den ersten Aristokraten des Landes machte ungeheures Aufsehen. Die
Barone, zitternd jeder fr sich selbst, schlossen sich zusammen; vom
Sden her whlte Bischof Nikolaus von Trient, von Westen der Bischof von
Chur. Konrad von Teck, dem der Gefangene unterstellt war, wich keinen
Schritt. Anklage, Vermgenskonfiskation, Verhr, Tortur. Zum Urteil kam
es nicht. Der Burggraf starb vorher, im Kerker, unversehens. Das Land
raunte, bergraust, wollte sich empren, wagte es nicht, duckte sich,
schwieg.

Margarete sa am Putztisch, als sie die Nachricht von dem pltzlichen
Tod Volkmars erhielt. Das Frulein von Rottenburg, das ihr Haar kmmte,
schnaufte, zitterte, lie den Kamm fallen. Mach' doch weiter! sagte
Margarete, und ihre volle, dunkle Stimme war gleichmtig und ohne
Schwanken.

                   *       *       *       *       *

Die Herzogin schaute von der Loggia der Burg Schenna aus in das besonnte
Land. Jakob von Schenna sa ihr gegenber. Zu ihren Hupten an den
Wnden schritten die bunten Ritter.

Es tat wohl, die mde, gescheite Stimme Schennas zu hren. Seine hellen,
klugen, reinlichen, phrasenlosen Stze waren wie ein laues Bad. Der
Markgraf hatte ihn in seine Dienste ziehen wollen. Doch Herr von Schenna
hatte die diplomatischen Wrden, die goldenen Ehrenketten seinen Brdern
Petermann und Estlein berlassen, er selber war wohl bereit zu raten;
doch ein Amt nahm er nicht an.

Er sprach vom Markgrafen, wie hufig. Nein, sagte er, auf die gemalten
Ritter weisend, von diesen hat er nichts. Wenn er einen Wald sieht,
denkt er nicht an ein Ungeheuer, das darin sein knnte, auch nicht an
eine Dame, die ein Riese htet und die zu befreien wre. Er berlegt,
wie gro der Holzwert des Waldes ist, ob es lohnt, das Holz in die
nchste Stadt zu schaffen, dort den Wohnungsbau zu frdern. Die Zwerge
hat der Markgraf nie gesehen; sie werden auch nicht zurckkehren,
solange er regiert. Auch wird er mit Knig Johann nie konkurrieren. Es
wird ihm nichts daran liegen, achtzehn oder zwanzig Turniersiege im Jahr
zu behaupten, die modischste Rstung zu haben, mglichst oft in Paris zu
sein. Aber darauf sehen wird er, da sein Name selten in der
Korrespondenz des Messer Artese aus Florenz vorkommt, da die Kaufleute
ihre Transporte in Sicherheit fhren knnen, da in den Stdten feste,
redliche Behrden sitzen.

Margarete schwieg. hnliches hatte Schenna schon oft geuert. Es fiel
ihr auf, da frher die gleichen Dinge in seinem Munde ironisch
geklungen hatten, ablehnend, whrend er jetzt fast mit Anerkennung von
diesen brgerlichen Eigenschaften des Frsten sprach.

Herr von Schenna blieb bei seinem Lieblingsthema. Die alte Zeit war
vorbei. Rittertum und Rittersitte war wohlfeil geworden und Attrappe.
Man konnte nicht mehr so einfach und geradezu in die Welt hinausziehen
und darauflosschlagen; gleich kam die Polizei. Mit Abenteuern war jetzt,
in dieser farbloseren Zeit, weder Ehre noch Besitz zu holen. Es war
vielleicht schner gewesen frher, bunter, ehrlicher. Aber die Welt war
verwickelter geworden. An Stelle der Burg trat die Stadt, an Stelle des
krftigen Einzelnen die Organisation. Wenn der fahrende Ritter Herberge
verlangte, Speis' und Trank, forderte man von ihm -- Gotts Marter! --
Bezahlung. Nicht ihm gehrte die Zukunft, sondern dem Brger, nicht der
Waffe, sondern der Ware, dem Geld. Mochten Herren wie Knig Johann noch
so herrlich herfahren ber die Erde; was sie taten, blieb ohne Bestand.
Bestand hatte das kleine, langsame, sorgfltige, rechenhafte Gewerk der
Stdte; sie bauten winzig, sie bauten ngstlich, aber sie bauten Zelle
an Zelle, schichteten Stein um Stein, unablssig.

Margarete war berzeugt von der Richtigkeit solcher Grundstze. Hatte
sie es nicht an sich selber tief und grauenvoll erlebt? Was war Liebe?
Was waren Abenteuer? Das hhlte einen aus, zerrieb, machte wund und
leer. Gedanken, die sie frher schon gedacht, setzten sich tiefer,
wurden wesenhaft, mischten sich ihr ins Blut. Ihre Hlichkeit war
Geschenk, der Wegweiser, mit dem Gott ihr den rechten Weg zeigte.
Rittertum, Abenteuer, das war bunter Schaum und Schein. Ihr Amt war, in
die Zukunft zu bauen. Stdte, Handel und Handwerk, gute Straen, Ordnung
und Gesetz. Ihr Amt waren nicht Feste und Fahrten und Liebe; ihr Amt war
nchterne, ruhvolle Politik.

Sehr kam solchen Grundstzen das Wesen des Markgrafen entgegen. Sie
erkannte genau, wute, sprte, wie eng und pedantisch er war. Aber sie
achtete seine Tchtigkeit und Verlssigkeit, gewhnte sich daran als an
etwas Freundhaftes, schwer zu Entbehrendes. Die Gatten waren viel
zusammen, aen zusammen, schliefen zusammen. Arbeiteten zusammen. Gutes
Einverstndnis war von ihm zu ihr. Ihre Gedanken schmiegten sich
ineinander. Margarete regte an; aber so unmerklich, da nicht zu
unterscheiden war: wer war Fhrer, wer gefhrt? Oft, im Gesprch mit
Konrad von Teck, sagte der Markgraf anerkennend: Ja, meine Frau, die
Maultasche. Bei alledem blieb Margarete im Innersten zugesperrt, ihre
Umkrustung war nicht zu durchbrechen, es blieb bei einer freilich groen
und ehrlichen Hflichkeit.

Im zweiten Jahr ihrer Ehe wurde Margarete schwanger. Ihr Wesen wurde
gelster dadurch, ihre volle, dunkle Stimme klang wrmer; aber jene
Fremdheit und Starrheit fiel nie ganz von ihr ab. Sie blieb frei von
heftigen, berschwenglichen Begierden, gleichmig, ohne strkeres
Gefhl. Sie sah, da das Kind, ein Mdchen, weder schn noch hlich
war. Es hatte die harte, eckige Stirn des Vaters und, Gott sei Dank,
seinen, nicht ihren Mund. Sie betreute das Kind sorglich, mtterlich,
pflichtbewut, ohne Herzlichkeit.

                   *       *       *       *       *

Der Papst zog den Arm des jungen Markgrafen Karl von Mhren-Luxemburg in
den seinen, fhrte den Frsten, eifrig auf ihn einredend, in dem
behaglichen Zimmer auf und ab. Drauen, ber der weien Stadt Avignon,
brannte helle, starke Sonne. Im ppstlichen Palast war es angenehm
dmmerig, nicht zu hei. Der sechste Klemens, dunkles, starkes, sehr
reprsentatives Gesicht, die Konturen gehoben durch die blulichen
Schatten des Rasierens, hatte ein zrtliches, pflegliches Gefhl fr den
jungen Frsten, seinen lieben, verstndnisvollen, empfnglichen Zgling.
Der hatte ihm die Tiara, er jenem die rmische Kaiserkrone vorausgesagt.

Ja, und nun war es an dem. Der Wittelsbacher, der tlpische Br, hatte
zu gierig nach jeder Beute getappt. An dem letzten, bergroen Bissen,
an Tirol, sollte er erwrgen und ersticken. Mochten die Kurfrsten, die
Stdte des Rmischen Reichs sich noch so vorsichtig und unbehaglich
gegen die Kontrolle der Kurie sperren; der ble Geruch, der von den
tirolischen Hndeln ausging, stank allen so in die Nase, da sie an der
Person dieses Usurpators Ludwig von Bayern doch wohl nicht festhalten
konnten. Ja, jetzt kam er angekrochen, der Wittelsbacher. Demtig
winselte er vor dem ppstlichen Stuhl, erkannte das lange Verzeichnis
seiner Verbrechen an, bot Unterschrift und Unterwerfung. Klemens
lchelte, fate seinen jungen Schler fester um die Schulter. Der Bayer
kam zu spt. Schon hatte er, Klemens, in feierlichem Konsistorium den
groen Kirchenbann ber ihn ausgesprochen, schon das Kurfrstenkollegium
aufgefordert, zur Wahl eines neuen Knigs zu schreiten. Wenn morgen sein
lieber Schler Karl von Luxemburg an den Rhein fhrt, nach Rhense, zur
Wahl, kann er die Gewiheit mitnehmen: der Papst hat alles getan, durch
Segen und Verdammung, seine Prophezeiung von der Kaiserkrone wahr zu
machen.

Wenige Tage spter gab denn auch die Majoritt der Kurfrsten dem
Luxemburger ihre Stimmen. Von den fnf Frsten, die fr ihn stimmten,
war der erste sein Vater, der zweite sein Oheim, der dritte ein
Erzbischof ohne Stift und Land, der vierte und fnfte durch viel Gold
erkauft.

Karl, nachdem ihm der Vorsitzende des Kollegiums, der Erzbischof Balduin
von Trier, das Ergebnis der Wahl verkndet hatte, nahm die Umarmung
seines Vaters, die Glckwnsche der Kurfrsten entgegen. Sandte einen
Eilkurier an den Papst. Dann, allein, breitete der lange, hagere Mann
die Arme, atmete. Erwhlter Deutscher Knig, Rmischer Kaiser bald. Er
war nicht wie sein Vater, der Blinde, der Ritter. Er wird nicht glnzen,
alles, wie er es an sich gerafft, verstreuen. Er wird haben, halten,
besitzen. Er war aber auch nicht wie der Bayer, der Langsame,
Pedantische, Brgerliche. Burg _und_ Stadt, das war es, Militr _und_
Verwaltung. Nicht Territorien allein erraffen, was ist das gro? Sie
beackern, sie durchkneten. Kirche, Kunst, Wissenschaft, Stdtebau.
Sammeln, hufen, pflegen. Alles sammeln und pflegen: Lnder, Stdte,
Titel, Schlsser, Gelehrte, Reliquien, Kunstdinge. War er eitel? War er
habgierig? Nein, dies war wohldurchdachte, wohlerkannte Frstenpflicht.
Der hagere, sehnige Herr setzte sich an den Schreibtisch. Notierte sich
Richtlinien, entwarf ein Schema, einen Kanon seiner Regierung.
Disponierte wissenschaftlich Tugenden, Erfordernisse, Plne. Teilte sie
ein: Ziffer eins, zwei, drei. Arbeitete viele Stunden, tief in die Nacht
hinein.

berlas das Geschriebene. Stak in all dem nicht doch ein bichen
Eitelkeit? Er war fromm, Eitelkeit war Snde. Er wird ben. Er sammelte
leidenschaftlich Reliquien: Dornen aus der Krone Christi, Kleider,
Schdel, Arme von Heiligen. Aus Pavia hat man ihm die berreste des
heiligen Veit angeboten. Der Heilige war viel zu teuer. Er wird, zur
Bue, diese Reliquien trotz der bervorteilung erstehen.

                   *       *       *       *       *

Vor Margarete stand ein kleiner, fetter, zappeliger Mensch, war sehr
unterwrfig, sprach gaumig glucksend. Nannte sich Mendel Hirsch. War
Jude. War whrend der Verfolgungen durch die Brder Armleder aus dem
Bayrischen nach Regensburg geflohen, dort von der Brgerschaft geschtzt
worden. War aus den hundertundsiebenundzwanzig Gemeinden, in denen
damals die Juden erschlagen worden waren, einer der wenigen Entkommenen.
Jetzt hatte er einen Schutzbrief des Kaisers, vorsichtshalber auch einen
des Gegenknigs Karl.

Die Herzogin hatte niemals einen lebendigen Juden aus der Nhe gesehen.
Aufmerksam, mitrauisch, leicht angewidert, beschaute sie den dicken
Mann, der in braunem Rock und spitzem Hut vor ihr herumagierte, rasch
sprudelnd, gurgelnd, possierlich zappelnd. So also schauen die aus, die
Hostien schndeten, unschuldige Kinder grlich marterten, das von Gott
verfluchte Geschlecht, das Gott gemordet hat. Sie hat oft von den
fremden, unheimlichen Menschen gehrt, erst unlngst, anllich der
letzten Judenmetzeleien, mit dem Abt Johannes von Viktring eingehend
darber gesprochen. Der hatte die Verfolgungen weder gutgeheien noch
sie mibilligt. Es erfllte sich eben an dem geschlagenen Volk die
uralte Verwnschung, die es sich mit eigenen Lippen herabgeflucht: Sein
Blut ber uns und unsere Kinder! Der Abt zuckte die Achseln, zitierte
einen antiken Klassiker: Weh Unseligem mir! Viel frcht' ich, weil viel
ich verbrochen.

Margarete fand diese Lsung ein bichen zu einfach. Gewi, ein Mann, der
so eine Judenverfolgung anfachte, mochte aus Eifer fr die Sache Gottes
handeln. Vielleicht. Sicher war, da er viel daran verdiente. Denn gab
es ein probateres Mittel, den jdischen Glubiger loszuwerden, als ihn
totzuschlagen? Warum, wenn es ntzlich und gem war, sie zu vertilgen,
setzten sich just die weisesten geistlichen und weltlichen Herrscher fr
sie ein? Die Gesetze des zweiten Hohenstaufenfriedrich, die Bullen des
vierten Innozenz bewiesen eine sehr andere Auffassung als die ihres
wackeren Abtes. Und der jetzt regierende Klemens -- er war ihr Feind,
aber verflucht gescheit -- warum stellte sich der so breit und schtzend
mit Bullen und strengen Gesetzen vor sie hin?

Sie schaute auf den kleinen Mann, der sich vor ihr abarbeitete. Er
erzhlte von dem Jmmerlichen, was er durchgemacht. Wie man seine Leute
in ihre Bethuser zusammengetrieben und verbrannt habe, andere in Scke
gesteckt, mit Steinen darin, und elendiglich im Rhein ersuft, wie man
sie verstmmelt, gemartert, erwrgt, Frauen vor den Augen ihrer
angepflockten Mnner geschndet, aufgespiete Kinder wie Fahnen aus den
Fenstern brennender Huser gehngt habe. Er erzhlte das hastig, mit
vielen saftigen Einzelzgen, gestikulierend, seine bunten, gurgelnden
Worte berkugelten sich, er lchelte entschuldigend, anklagend,
resignierend, streute spaige Stze in seine Erzhlung, rief Gott an,
strhnte nervs seinen mifarbenen Bart, wiegte den Kopf. Die Herzogin
hrte ihm schweigend zu; in einer Ecke hockte Herr von Schenna, in
schlechter Haltung, betrachtete aufmerksam den kleinen, eifrigen,
possierlichen Mann.

Mendel Hirsch bat, sich in Bozen niederlassen zu drfen. Er war auf dem
Weg nach Livorno zu Glaubensgenossen. Aber jetzt, beim Anblick der
aufblhenden Stdte und Mrkte Tirols, war ihm beigefallen, hier sei
besserer Boden, neuerer. Transithandel, gndigste Frau Herzogin! sagte
er. Transithandel! Messen! Mrkte! Hier fhrten die groen Straen von
der Lombardei nach Deutschland, von den slawischen Lndern in die
romanischen. Warum sollten Trient, Bozen, Riva, Hall, Innsbruck,
Sterzing, Meran schlechter sein als Augsburg, Straburg? Schon seien
die Bischfe von Brixen und Trient geneigt, Juden in Schutz und Privileg
aufzunehmen. Er werde mit gndiger frstlicher Erlaubnis den Handel hier
rasch hochbringen. Geld ins Land, viel Geld, groes Geld. Er verfge
ber Kapital in beliebiger Hhe. Bediene kulanter als die Herren in
Venedig und Florenz. Er werde Wein, l, Holz exportieren; Seide,
Pelzwerk, Schwerter einfhren, spanische Wolle, Juwelen, maurische
Goldarbeit; aus dem slawischen Osten Felle, vor allem auch Sklaven. Die
brauche man hierzulande nicht? Man habe gengend leibeigene Bauern?
Nicht? Also nicht. Aber Glas, das brauche man doch, sizilianisches Glas,
er habe ausgezeichnete Verbindungen. Und gefrbtes Tuch brauche man
auch. Und Zimt, Pfeffer, Gewrz. Er werde schon machen. Man mge ihn nur
machen lassen.

Margarete sagte, sie werde seine Bitte in Erwgung ziehen. Als er fort
war, berlegte sie mit Schenna. Dem gefielen die Projekte des Juden
sehr. Gewi solle man ihn hereinlassen, ihn zu halten suchen. Das sei
die neue Zeit, das bringe Leben ins Land. Beim Turnier freilich werde
Herr Mendel Hirsch keine gute Figur machen, die Barone, wohl auch die
Brger, wrden die Stirn runzeln. Aber just wegen dieser faulen
berheblichkeit solle man dem trgen Volk den raschen, beweglichen Mann
in den Pelz setzen.

So kam also der Jude Mendel Hirsch nach Bozen. Er kam mit einem Gewimmel
von Shnen, Tchtern, Schwiegershnen, Schwiegertchtern, Enkeln; auch
drei Suglinge waren dabei und eine uralte, mummelnde Gromutter. Das
kribbelte mandelugig, flinkfig, vielwortig durch die Straen Bozens,
beschaute die bunten, stattlichen Huser, Mauern, Tore, Pltze,
Menschen, schtzte ab, urteilte mit raschen, lauten Worten und Gesten.

Man kann nicht sagen, da die Bozener Brger den Juden Mendel Hirsch
gerade begeistert aufgenommen htten. Es bedurfte vielmehr erst der
strengen Vermahnung des Markgrafen -- der wie sein Vater, der Kaiser,
die Juden als stdtefrderndes Volk schtzte und begnstigte --, bis sie
ihm berhaupt nur Unterkunft gewhrten. Und auch dann behandelten sie
ihn denkbar grob und mitrauisch, riefen die Kinder von den Straen, wo
er ging, wischten sich die rmel, wenn sie ihn angestreift, riefen ihm
Schimpf- und Spottworte nach, bewarfen ihn hinterrcks mit Kot. Der
kleine, fette, bewegliche Mann tat, als sehe und hre er nichts, putzte
sich ab, wenn man ihn besudelte, lchelte, strhnte sich den verfrbten
Bart. Trieb man es zu arg, wiegte er den Kopf, machte: Nu, nu! Er
blieb immer gleich unterwrfig, kam wieder, wenn man ihn davongejagt
hatte. Kaufte sich ein Haus, noch eines, ein drittes. Waren kamen fr
ihn, stapelten sich, fremdartige, schne, in einer Flle, wie man sie
nie gesehen, nicht zu teuer. Er kaufte, was man ihm anbot, prfte rasch,
sicher, hatte immer Geld, zahlte bar. Die eingesessenen Kaufleute
machten scheele Gesichter, die brigen Brger gewhnten sich an den
Juden, schimpften wohl noch, aber mehr aus Gewohnheit, ohne berzeugung.

Wenn Mendel Hirsch besonders schne neue Waren hatte, Tcher, Pelze,
Juwelen, brachte er sie zuerst der Herzogin und Herrn von Schenna. Beide
unterhielten sich gern mit dem flinken, weltbefahrenen Mann, der Wege,
Waren, Menschen, Zusammenhnge gut kannte und aus sehr anderem,
ungewohntem Gesichtswinkel sah. Er schnitt, kam man ihm in ernsthaftem
Gesprch mit groen Worten, ein bitteres Gesicht; fr Ritterlichkeit,
Turnier, Fahnen und dergleichen Dinge hatte er eine gutmtige,
schmunzelnde Verachtung, die Schenna ergriff und erheiterte. Er sagte:
Wozu immer klirren und recht haben? Ein bichen Billigkeit, und allen
ist geholfen. Er wurde nervs und ngstlich vor Lanzen, Spieen,
Rstungen. Einmal, als er bei der Herzogin angesagt war, kam er nicht,
weil viel Kriegsvolk unterwegs war. Er ist feig, sagte Margarete.

Gewi, sagte Herr von Schenna. Mit einem Schwert tut er hchstens
sich selber weh. Aber er geht allein und ohne Waffen herum unter einem
Volk, das ihn anhat, und seine ganze Rstung ist der Schutzbrief des
Markgrafen.

Margarete erfuhr, da er Abend fr Abend in seinen krausen, hebrischen
Bchern las, seine Kinder darin unterrichtete. Sie hrte von seinen
seltsamen Gebruchen, Gebetmantel, Gebetriemen, anderer Kost. Sie fragte
ihn nach Einzelheiten. Er wich hflich und entschieden aus. Dies gefiel
Margarete. Er war hlich und besonders. Er war umkrustet. Sie war die
Maultasch, er der Jud.

Allmhlich kamen mehr Juden ins Land. Nach Innsbruck, Hall, Meran,
Brixen, Trient, Rovereto. Alle mit vielen mandelugigen Kindern. An die
zwanzig Familien. Geld flo herein, die Stdte wurden grer, ppiger,
die Straen besser, neue, fremde Stoffe, Frchte, Gewrze, Waren drangen
ein. Das Land in den Bergen lebte reicher, behaglicher.

Die Woche ber trieben die Juden vom frhen Morgen bis in die tiefe
Nacht hinein ihren Handel. Kein Geschft war ihnen zu gering, sie
warteten stundenlang, unermdlich, fr jeden. Sie nahmen alle
Demtigungen hin, bckten sich, wehrten sich nicht, trat man nach ihnen,
spie man sie an. Aber am Freitagabend schlossen sie sich ein in ihren
Husern, waren ihren Sabbat ber fr niemand, auch fr den grten Herrn
nicht und fr den wichtigsten Handel nicht zu sprechen. Das Volk stand
vor ihren versperrten Tren, drohend: Da treiben sie ihre Hexerei und
verfluchte Hantierung. Zauberwerk, ruchlose, gottverdammte Kunst. Doch
die Juden lieen sich die Drohungen nicht kmmern, hielten Tren und
Fenster gut zu.

Mendel Hirsch pflegte an solchen Tagen viele festliche Lichter
anzuznden, den braunen Rock und den spitzen Hut mit schnen Kleidern
aus alten Stoffen und prchtigen Mtzen zu vertauschen, auch seine Frau,
seine Tchter und Schwiegertchter zogen sich prchtig an. Dann sang er
mit seiner hlichen, gaumigen Stimme Psalmen und Gebete, und seine
Kinder sangen mit. Er ging und sa in seiner Wohnung herum, a gut,
trank gut, freute sich seiner Kinder und seines Reichtums. Las einen
Abschnitt aus der Schrift vor, begleitete ihn mit kunstvollen
Auslegungen, bezog ihn auf Ereignisse des Tages. Das Haus strahlte
geschmckt, duftete von kostbaren Essenzen. Er legte den Kindern die
Hand aufs Haupt, segnete sie, da sie werden mchten wie Manasse und
Ephraim. Er ging behbig herum in seinem Haus, strhnte sich den Bart,
wiegte sich, sagte: Am Sabbat sind alle Kinder Israels Frstenkinder.

Der Markgraf sagte zu Margarete: Es war gut, da man die Juden ins Land
gesetzt hat. Sie bringen Geld herein, Bewegung, treiben an. Aber es hat
schon seinen guten Grund, da das Volk sie nicht riechen mag. Da lebt so
was wie dieser Jud Mendel Hirsch. Hat keine Kirche, keine Spur Religion.
Ist rger als ein Heide und das liebe Vieh.

Herr von Teck mit seiner knarrenden Stimme sagte: Das widerwrtigste
ist, da so ein Mensch nicht den leisesten Sinn hat fr Wrde. Wie sich
das bckt! Wie das hndisch kriecht! Gewanz! Lausepack!

Margarete schwieg. Er ist der Jud, dachte sie, ich bin die
Maultasch.




Der blinde Knig Johann sa in der kahlen, niedrigen Bauernstube, sein
Friseur kmmte ihm Haar und Bart. Der gestrige Tag war drckend hei
gewesen, aber jetzt kam, von Nordwest her, ein frischer Wind. Es war
halb vier Uhr morgens, die Sonne war noch nicht da, der Himmel hell. Um
den Knig waren zwei seiner Offiziere, fertig in Rstung, sein
Erzkmmerling und Adjutant, zwei Pagen. Der Luxemburger legte trotz
seiner sechzig Jahre und seiner Blindheit grtes Gewicht auf
einwandfreie Wappnung und Kleidung. Der Kmmerling und die Pagen rieben
seine weie, krnige Haut mit Essenzen, legten ihm umstndlich Hemd,
Unterkleid, die silberne Rstung an.

Der Knig hatte nur wenige Stunden geschlafen, aber er war frisch und in
strahlender Laune. Vor ihnen war ein groes Gehlz, dahinter standen die
Englnder. Heute also, endlich, wird man sich schlagen. Es wird kein
Geplnkel, es wird eine heie, groe Schlacht sein. Es geht fr den
Englnder um alles.

Wie der elegante, blinde Mann jetzt dasteht, gewaschen, gerstet, den
Sommermorgen schnuppernd, hat er alle die leisen, melancholischen
Anwandlungen vergessen, die sonst manchmal in letzter Zeit aus seinem
zerronnenen und zerdunsteten Leben in seine Nacht steigen. Wie ein Tier,
das nach langem winterlichem Stall den Frhling wittert, sog er gierig
den Geruch der Schlacht, der rings in der Luft war.

Trat vor das Haus, frhstckte, scherzte mit seinen Herren. Kleiner,
reiner Wind ging. Nun wird gleich die erste Sonne kommen.

Sein Vater war Rmischer Kaiser gewesen, mchtig ber alle Christenheit.
Er, Johann, kmpfte jetzt in franzsischem Sold; es hat eigentlich gar
keinen Sinn gehabt, da er sich in den groen Zwist zwischen England und
Frankreich gemengt, er hat es aus bloer Freude am Kampf getan. Zudem
hat er das Geld verschleudert, das er von Frankreich fr die
Truppenwerbung erhalten, und mu jetzt ziemlich klglich Ausflchte
suchen. Genau gesehen, hat sich ihm nichts, gar nichts gefgt. Wenn
auch! Das geht ihn jetzt nichts an. Jetzt wird er kmpfen. Er ist sehr
vergngt.

Man reichte ihm weie Scheiben Brotes, Butter, Honig, einen Trank Met.
Bienen summten um ihn. Er ttschelte die weichen Haare der Pagen.

Er hat das Geld fr die Sldner vertan. Er lchelte. Nun ja, wenn heute
sein Sohn Karl Deutscher Knig ist, so hat jener Sold sein gut Teil dazu
beigetragen. Karl darf es nicht wissen. Er ahnt es wahrscheinlich, aber
wissen darf er es nicht. Er ist so korrekt. Gleichviel, gleichviel. Er
liebt Frankreich, er hat Frankreich viele gute Dienste getan, er wird
auch heute, er sprt es, das vertane Geld reichlich hereinbringen. Er
schttelte sich, reckte sich, fragte, ob die Sonne schon da sei.

Man stieg zu Pferde, brach auf. Es ging durch ein groes Gehlz,
dahinter stand auf dem weiten, staubigen Feld der Feind. Man hatte die
Visiere noch nicht heruntergelassen; Vgel sangen, Zweige streichelten
das Gesicht, man roch das Laub. Es war schn, zu leben, es war schn, im
Morgen durch den Wald zu reiten, und dahinter stand der Feind.

Ah, jetzt verstummten die Vgel. Klirren, Schreien, Drhnen, stampfende,
trappelnde Pferde, helle Trompeten, Staub, viel Staub. Man war am Ende
des Waldes. Der Knig hielt mit seinen Herren. Wie steht die Schlacht?
fragte er mit der Erregung des leidenschaftlichen Spielers. Seine Herren
muten ihm alle Wechsel des Kampfes schildern. Er kommandierte, warf
Truppen hierhin, dorthin. Aber die Strategie des Blinden blieb
notgedrungen theoretisch, die Offiziere korrigierten, ohne viel Worte zu
machen, seine Befehle nach Belieben oder fhrten sie berhaupt nicht
aus. Staub lag dicht auf dem Feld, legte sich grau, dick auf Halme,
Grser, hren, auf die Pferde, die Rstungen. Die Schlacht hatte sich in
zahllose, verbissene Gruppenkmpfe aufgelst. Da hielt es den alten
Herrn nicht mehr. Sprte er, da seine Befehle leerer Schall waren,
demtig entgegengenommen, unbeachtet weggeworfen wurden? Er reckte sich
pltzlich hoch auf, sein braunes, gutes Pferd stieg, wieherte, er warf
einen hellen, frhlichen Schrei in das Gewieher, brach los. Seine
Offiziere suchten ihn zu halten, die Pagen drngten brennend, hitzig
vor. So kam er trotz allen Hemmungen ins dickste Getmmel, sein Schmuck,
seine wertvolle Rstung reizten Gegner. Er wurde umzingelt,
herausgehauen, nochmals umzingelt. Vor allem zwei schottische Ritter,
jngere Shne, Habenichtse, hatten es auf seinen Schmuck und den
prachtvollen Brustpanzer abgesehen. Der blinde alte Herr sprach, schrie,
lachte, stach um sich. Er war von seinen Offizieren getrennt, die Pagen
hatten sich bei ihm gehalten. Er sprach, scherzend, grimmig, anfeuernd,
zynisch, zu dem einen, dem blonden, feinen Jehan, seinem Liebling. Der
war schon zusammengehauen, tot, aber der blinde Knig wute es nicht.
Endlich warf sein verwundetes Pferd ihn ab, begrub ihn. Man drang ein
auf ihn, ri ihm Helm und Visier herunter, schlug ihm den Schdel ein.
Da lag er still und jmmerlich im Staub, der rastloseste Mann und Frst
der Zeit, sein eleganter Bart war bel zerrauft und mit Blut verklebt,
die schbigen Ritter zerrten ihm den silbernen Panzer von der Brust, der
Ring wollte nicht los von der steifen, im Staub verkrampften Hand, so
hackten sie den ganzen Finger ab. Dann zog sich der Kampf weg, und die
Franzosen, fr die der Blinde ohne Sinn und ohne Zweck gekmpft hatte,
wurden zersprengt und besiegt.

Der tote Knig lag allein. Krhen und Raben kreisten.

                   *       *       *       *       *

Karl von Luxemburg, der Deutsche Knig, hatte sich, verwundet, aus jener
Schlacht gerettet. Der Knig von England, der immer gern und stolz
betonte, wie ritterlich seine Kriegfhrung sei, hatte ihm die Leiche des
Vaters mit ehrenvollem Geleite bersandt. Nun stand Karl vor den
scheulich verstmmelten Resten. Er hatte den Vater nie geliebt. Der
alte Verschwender, der in so launischem Zickzack ber die Erde gefahren
war, der so toll und bermtig mit seinen Kronen gespielt hatte, statt
sie zu wahren und zu festigen, hatte sein Erbe schwer gefhrdet.
Immerhin, es waren Rechte, Titel, Lnder auf allen Seiten erworben. Er
wird sich nicht verzetteln, er wird nicht berflssig prahlerisch alles
zu halten suchen; er wird zusammenstcken, runden. Nur auf die Sache
sehen, nicht auf ueren Glanz.

Da lag nun dieser Knig Johann, sein Vater. Er war ein Ritter gewesen,
der erste Ritter der Christenheit; er hatte gro geglnzt, nun lag er
da, ein Haufe scheulich verstmmelten, verwesenden Fleisches. Er hatte
gelebt fr nichts, er war gestorben fr nichts. Er hatte ber Kirche,
Priester, Heilige gelacht und die Welt nicht unter seine Sohle
gezwungen, hatte weder den Himmel erworben, noch die Erde. Schlaf' in
Frieden, Vater! Ich werde anders sein wie du.

Knig Karl lie das Herz ausnehmen, die Fleischteile in siedendem Wasser
von den Knochen lsen. berfhrte die Gebeine in das heimatliche
Luxemburg, lie sie feierlich neben tiefverehrten Reliquien beisetzen.
Dann lie er -- Aachen hatte seine Tore gesperrt -- sich in Bonn als
Deutscher Knig krnen, in Prag als Bhmischer. Kaiser Ludwig hielt
jetzt, nach der Niederlage der Franzosen, die richtige Zeit fr
gekommen, an den Gegenknig eine schwungvolle Protestnote zu richten. Er
forderte ihn in groen Worten auf, von seinem Gebaren abzustehen und
sich ihm, dem Strkeren, zu unterwerfen. Karl antwortete im gleichen
Stil, seine Strke bestehe nicht in Kriegsheeren, sondern in dem groen
Alliierten: Gott.

Frs erste aber sah er sich nach irdischen Alliierten um. Unterhandelte
mit Ungarn, mit dem lahmen Albrecht. Karl hatte fr sich Legitimitt,
Titel, Kirche, Religion, Sympathien, Ludwig die Macht. Ihre Lnder
grenzten aneinander; beide aber waren sie wgend und bedacht und
verhteten, da hier Krieg losbrach. Der findige, anschlgige Karl
glaubte vielmehr, die schwache Stelle des Wittelsbachers ganz woanders
herausgefunden zu haben: in Tirol.

Hier hatten die Bischfe von Trient und Chur, denen Markgraf Ludwig
verhat war, unablssig gewhlt und gezettelt. Die Feudalbarone,
knirschend gegen die Brutalitt und die Rechenhaftigkeit der
Wittelsbacher, warteten nur darauf, die Luxemburger zurckzurufen. Auch
die groen lombardischen Stadtherren, die Carrara, Visconti, della
Scala, Gonzaga, sahen die bedrohliche Nachbarschaft Kaiser Ludwigs mit
tiefer Besorgnis. Der kluge, vorsichtige Tgen von Villanders vereinigte
geschickt die Interessen dieser drei Oppositionsparteien. Er selber war
Landeshauptmann von Tirol, der Markgraf begnstigte ihn, hielt ihn fr
zu gefhrlich und zu einflureich, mit ihm anzubinden. Allein der
elegante Herr hatte feine Witterung; er sprte sehr gut, wie
unsympathisch er dem Markgrafen war, wie der immer mehr Befugnisse
seinem brutalen Freund, dem Konrad von Teck, und den anderen
schwbischen und bayrischen Herren bertrug.

Er sandte Botschaft an Knig Karl. Kuriere, immer dringendere. Die
Truppen der Bischfe stnden zu seiner Verfgung, die lombardischen
Sldner, die Kontingente der Barone. Karl entschlo sich. Die
Gelegenheit konnte nicht besser kommen. Markgraf Ludwig kmpfte hoch im
Norden, in Preuen. Mge er sich Ruhm gegen die Heiden erwerben. Tirol
jedenfalls hatte weder Truppen, noch seinen Herrn.

Es kam ber Karl etwas von dem abenteuerlichen Geist seines Vaters.
Heimlich brach er auf, von drei Vertrauten begleitet, alle vermummt, als
Kaufleute reisend mit lombardischen Pssen. Reiste im schrfsten Frost,
auf verschneiten Bergpfaden. Stand unerwartet in Trient. Feierliches
Hochamt im Dom. Karl in kaiserlichem Ornat. Die Insignien freilich,
Reichsapfel, Zepter, Schwert, leider nur Ersatz; die echten hielt der
Wittelsbacher in strenger Hut. Glocken, Weihrauch. _Gloria in
excelsis_, sang mit seiner fanatischen Stimme der finstere Bischof
Nikolaus, sangen die Knaben. Karl hielt Parade ab: die Truppen des
Bischofs Nikolaus, der italienischen Stdte, des Bischofs von Chur, des
Patriarchen von Aquileja, zahlreicher sdtirolischer Barone, seines
Bruders Johann, des rachgierigen. Mchtig brach er auf, nahm Bozen, nahm
Meran. Lagerte dick und gewaltig vor Schlo Tirol.

Hier war Margarete allein auf sich angewiesen. Der Markgraf und Konrad
von Teck waren fern in Preuen, der Landeshauptmann Tgen von Villanders
lie sich nicht auffinden. Die Unterfhrer zgerten, verwiesen, fragte
man sie: Ist die Burg zu halten? auf Gott, wlzten alle Entscheidung
stets wieder auf Margarete zurck. Immer dichter und enger schlo sich
der Kreis der Belagerer.

Margarete ging herum in grimmiger Ruhe. Ihr Gatte Johann, der kleine,
tckische Wolf, war vor dem versperrten Tor gestanden, und sie hatte ihn
nicht hereingelassen. Jetzt kam er mit Gewappneten und Geschwadern und
allem Pomp des Kriegs, sich den Eingang zu erzwingen. Sie hatte aus
ihrer Vernichtung die Trmmer leidlich wiederzusammengestckt, hatte
sich eine Ehe aufgebaut, hatte ihr Land und ihr Leben einigermaen
wieder in Ordnung und Fug gebracht. Es war nichts Groes, Schnes,
Leuchtendes. Es war ein armseliges, mitgenommenes Stck Leben, Flickwerk
hier, hier Ersatz, dort Lcke und Verzicht. Aber es war wohlerworben,
war gerettet aus Schlamm und Nichts, war umzunter, gesicherter Besitz.
Und nun kamen jene Erbrmlichen ein zweites Mal und wollten es ihr
entreien! Oh, sie wird es dem geduckten, hintertckischen Karl zeigen
und dem Johann, dem boshaften, lauersamen Wolf.

Sie wute, es kam darauf an, die ersten Tage auszuhalten. Sie hatte
nicht viele, aber zuverlssige Truppen. Organisierte selber den
Widerstand. Sie war nicht feig, trug -- alle sahen das -- keinen
Augenblick Bedenken, sich zu exponieren. Ihr Wille, ihre hinreiende,
umsichtige Energie ging ber auf die Besatzung. Die ersten Strme wurden
sachlich und ohne groe Opfer abgeschlagen; unter den Truppen des
Schlosses herrschte eine gewisse grimmige Scherzhaftigkeit; die
Markgrfin wurde vertraulich verehrt und bewundert. Unsere Maultasch!
sagten die Soldaten.

Ein Bayer war unter ihren Offizieren, ein junger, hlicher Mensch, ein
Albino, Konrad von Frauenberg. Die andern mieden ihn wegen seines
abstoenden, frechen, mrrischen Geweses. Margarete fiel er gerade
dadurch auf. Sie bertrug ihm das Kommando der Verteidigung, verstand
sich gut mit ihm. Fand ihn kurz und energisch von Wort und Sitte, wo die
andern nichts sahen als mrrische Anmaung. Er wiederum rhmte mit
dreister, karger, qukender Anerkennung ihre Tatkraft, ihre Anordnungen.

Die Belagerer wurden von Tag zu Tag verdrossener. Es war klar: das Land
konnte nur im Flug genommen werden oder gar nicht. Jetzt lag man da, vor
unerwartetem Hemmnis, belagerte eine Frau, die hliche, verachtete
Herzogin, die Maultasch, kam nicht vorwrts. Unfltig schimpfte, fluchte
Johann. Herr von Schenna hatte das Gercht verbreitet, die Luxemburger
wollten Tirol nur, um es an die Visconti zu verschachern, an die
Mailnder; sie htten bereits heimlichen Vertrag gemacht. Die
tirolischen Hilfstruppen faten Mitrauen, murrten auf, hielten keine
Zucht mehr, verliefen sich. Der kluge, vorsichtige Tgen von Villanders
zog sich von den Luxemburgern zurck, wurde unauffindbar auch fr sie.
Schon stand der Markgraf, in Eilmrschen von Norden kommend, in Bayern,
wo der Kaiser ihn mit vielen Regimentern verstrkte. Als er in Innsbruck
eintraf, war pltzlich Herr von Villanders in seinem Lager, sagte, ja,
er habe mit dem Gedanken gespielt, zu Knig Karl berzugehen, habe sich
aber jetzt reuig eines Besseren besonnen, ehe noch ein entscheidender
Schritt geschehen. Bat um Verzeihung, fhrte dem Markgrafen, dem hart
und steif blickenden Konrad von Teck, seine Truppen zu.

                   *       *       *       *       *

Karl schluckte an dem unvorhergesehenen Hemmnis, prete die Lippen,
wrgte. Es war unbegreiflich, da seine wohlgerstete Armee vor diesen
Mauern scheitern sollte. Woher nahm die Frau, diese im Grunde doch
lcherliche Maultasch, die Kraft? Er war tief beunruhigt, betete,
erforschte sein Gewissen. In Trient hatte man ihm einen Finger des
heiligen Nikolaus vorgezeigt. Er hatte die kostbare Reliquie erwerben
wollen -- eine Hand des Heiligen besa er bereits --, aber man gab den
Finger nicht her. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, zog kurz
entschlossen sein Messer heraus, schnitt ein Glied des Fingers ab, nahm
es mit sich. Vielleicht hatte das den Heiligen verdrossen, vielleicht
hielt der das Glck von seinen Fahnen ab und wog es der Feindin zu. Karl
schickte mit einem weitschweifigen Entschuldigungsschreiben den Knochen
zurck.

Allein, es half nicht mehr, seine Reue kam zu spt. Der Markgraf war
nahe. Nahm man den Kampf erst an, so war groe Gefahr, da der Rckweg
nach Italien abgeschnitten wrde. Karl hob sich weg von Schlo Tirol.
Trat den Rckzug nach Sden an, in verbissener Wut. Es klffte Johann,
es schumten die italienischen Barone. Karls Strae war Raub, Brand,
Verwstung. In Asche Meran, in Asche Bozen, berall im Etschland die
cker verwstet, die Reben abgeschnitten, die Huser zerstrt.

Klirrend unterdes ritt der Markgraf in Schlo Tirol ein. Umarmte
Margarete strmisch, ehrlich. Nie hatte man ihn so herzlich gesehen. Sie
hatte, sie allein, Tirol gerettet. Unsere Maultasch! sagte der
Markgraf zu Konrad von Teck, ihr die Schulter klopfend. Unsere
Maultasch!

                   *       *       *       *       *

Konrad von Teck ntzte die Gelegenheit, den einheimischen Adel bis zur
vlligen Machtlosigkeit zu demtigen. Margarete sprte die ganze,
berlegte Grausamkeit seiner Manahmen. Doch sie lie ihn gewhren,
hatte nie Einwnde. Seitdem sie Tirol fr die Wittelsbacher gerettet,
fhlte sie sich ihrem Gatten herzlich und von innen her verbunden. Sie
fhlte sich eins mit dem Land, ihr eigenes, leibliches Wohlbefinden
verlangte, da das Land nach wittelsbachischen Grundstzen verwaltet
werde: der Adel geduckt, Stdte und Brger gehoben. Langsam richtete sie
sich auf, zusammen mit dem Land, befreit von dem Druck der Barone.

Sie sa auf ihrem Schlo Maultasch. Sie bohrte sich, whlte sich in das
Land hinein. Sie hatte nun drei Kinder, zwei Mdchen und den Knaben
Meinhard. Sie besorgte sie treulich; aber sie hatte nichts mit ihnen
gemein. Das Land war ihr Fleisch und Blut. Seine Flsse, Tler, Stdte,
Schlsser waren Teile von ihr. Der Wind seiner Berge war ihr Atem, die
Flsse ihre Adern.

Einmal ging sie im Mittag allein spazieren, am Ufer der Passer, legte
sich unter Felsen, ruhte, nickte ein. Da weckte sie eine hohle, feine
Stimme. Gr' Gott, Frau Herzogin! Sie fuhr auf, sah ein winziges,
kleines, behaartes, bebartetes Wesen im Geklfte stehen, sich mit
raschen, zutraulichen, possierlichen Bewegungen viele Male neigen,
verschwinden. Ein Zwerg! Die Zwerge waren wieder im Land! Die Zwerge,
die nur kamen, wenn sie sich sicher fhlten, die nur dem wirklichen
Frsten sich zeigten, waren ihr sichtbar. Jetzt war sie in Wahrheit die
Herrin des Landes in den Bergen.




Knig Karl verlie bald, nachdem er die Belagerung von Schlo Tirol
aufgegeben hatte, das Land in den Bergen. Mit mancherlei Reliquien, aber
sonst geringem Gewinn. Er verfehlte nicht, auf seinem Rckzug vor allem
noch die Grafen von Grz gegen den Brandenburger aufzustacheln; auch
verlieh er, dem Beispiel seines Vaters folgend, an Frsten und Herren
viele tirolische Stdte und Gerichte, die er nicht besa, so dem
Wittelsbacher immer neue Feinde aufwhlend.

Nach Deutschland zurckgekehrt, wurde er fr die Mierfolge in Tirol
bald reichlich entschdigt durch eine unerwartete Wendung im Kampf um
das Reich. Ganz pltzlich, auf einer Brenhatz, in der Nhe seiner
Hauptstadt Mnchen, starb Kaiser Ludwig, der Wittelsbacher. Ein
Schlaganfall warf den vollbltigen Mann vom Pferd, eine alte Buerin
drckte ihm die riesigen, treuherzigen, blauen Augen zu, Mnche fhrten
die Leiche heimlich fort, sie trotz Bann und Interdikt geweiht und
heilig zu bestatten.

Da stand nun Karl von Bhmen, und sein Feind, der die weiten Lnder
unter sich hatte und dem die Stdte anhingen, war tot. Die Heiligen
hatten geholfen. Er, Karl, stand jetzt, da das Jahrhundert sich
scheitelte, als unbestrittener Deutscher Knig ohne Nebenbuhler.

Er war des Streites mit den Wittelsbachern mde, sie des Streites mit
ihm. Der lahme Albrecht vermittelte. Karl verzichtete gleichwie sein
Bruder Johann auf Tirol und Krnten, belehnte den Markgrafen mit diesen
Lndern, versprach, die Kurie mit ihm auszushnen. Die Wittelsbacher
dagegen erkannten ihn als Deutschen Knig an, leisteten ihm Huldigung,
lieferten ihm die Reichskleinode aus.

Die Reichskleinode! Karl hatte sich schmerzhaft danach gesehnt. Er besa
so viele teure Reliquien, nicht diese kostbarsten Zeichen der Macht, die
ihm gehrte. Er hatte sich und seine Wrde nackt und blo gefhlt,
solange er sie nicht besa und sich mit nachgemachtem Zeug begngen
mute. Jetzt fhrte er die sen, werten Dinge in feierlichem Zug nach
Prag in seine Schatzkammer. Die heilige Lanze war darunter, auch ein
Nagel von der Kreuzigung, sowie ein Arm der heiligen Anna. Vor allem
aber das altertmliche Zepter, der Reichsapfel von hellem, blassem Gold,
die zackige Krone, das Schwert, das Karl dem Groen durch einen Engel
gegen die Heiden geschickt worden war. Im Dom von Prag lie der Knig
die Kleinode weihen. Dann brachte er sie selbst in das Schatzgewlbe. Da
lagen sie nun unter den bleichen Knochen der Mrtyrer, unter Juwelen,
unter kostbaren Bchern und Bildern, unter Akten und Vertrgen, unter
heiligen Spieen, Dornen von Christi Krone, Splittern von Christi Kreuz.
Der hagere Knig stand davor, lchelte mit schmalen Lippen, streichelte
mit der mageren, knochigen, brunlichen Hand die Zinken der Krone, die
merkwrdigen Kanten des unregelmigen, keineswegs runden Reichsapfels,
das stumpfe, rostige Schwert des groen Karl, des Ersten seines Namens.

                   *       *       *       *       *

Agnes von Taufers-Flavon kam selten auf ihre tirolischen Gter. Auch
ihre jngere Schwester hatte sich mittlerweile vermhlt, mit einem Herrn
von Castelbarco, der politisch sehr zweideutig war, zwischen dem Bischof
von Trient, gewissen italienischen Stadtherren und dem tirolischen Hof
hin und her pendelte, im brigen auerordentlich reiche Pflegen und
Privilegien besa. Agnes reiste viel, lebte hufig bei ihrer lteren
Schwester in Bayern, bei ihrer jngeren in Italien. Man hatte sie nach
der Austreibung Herzog Johanns nicht weiter behelligt; in allen Fragen,
die zwischen ihr und der markgrflichen Verwaltung strittig sein
konnten, gaben auf ihre kluge Weisung ihre Amtsleute nach, ehe es zu
Streitigkeiten kam. Sie ging zu Hofe nicht fter, als es der Anstand
erforderte, vermied es peinlich, aufdringlich zu erscheinen.

Sie war jetzt von erregender, bewuter, fast bengstigender Schnheit.
In Italien legte man ihr Stdte und Frstentmer zu Fen, schlug sich
tot fr sie. Selbst die plumpen Bayern schnalzten mit der Zunge,
klatschten sich die Schenkel, erklrten: ah, da lege man sich nieder,
begingen Dummheiten fr sie. Sie schritt liebenswrdig mit kleinem,
vieldeutigem Lcheln durch die Huldigungen, Kmpfe, Selbstmorde.

Erschien sie selten am tirolischen Hof, so zeigte sie, wo immer sie war,
das brennendste Interesse fr die tirolischen Dinge. Gierig hrte sie,
mit halbgeffneten Lippen, von Margaretes Ttigkeit. Ihre Manahmen
gegen den Adel, fr die Stdte, fr die Juden, ihre Verteidigung gegen
die Luxemburger, jeden kleinsten Zug aus Margaretes Leben lie sie sich
berichten, wieder und wieder erzhlen. Niemals indes griff sie mit einem
Wort oder gar mit einer Tat ein. Forderte man ein Urteil von ihr, so bog
sie aus, sagte Belangloses, lchelte.

Sehr gern zeigte sie sich dem Volk. Sie war hochmtig, sie erwiderte
keinen Gru. Niemals stiftete sie Geld fr die wohlttigen Anstalten der
Drfer und Stdte; auch die Bauern ihrer Gter wurden schlecht
behandelt. Dennoch sah das Volk sie gern. Man stand an ihrer Strae,
wenn sie kam, bewunderte sie, schrie hoch, liebte sie.

Hufig erhielt sie den Besuch des Messer Artese aus Florenz. Agnes lebte
sehr verschwenderisch, sie brauchte immer von neuem die Hilfe des
unscheinbaren, oft sich neigenden Florentiner Bankiers, der Pfandrecht
bereits auf alle Gter hatte. Messer Artese erzhlte ihr viel vom
Tiroler Hof. Er war gar nicht gut auf den Markgrafen und die Maultasche
zu sprechen. Wohl war Ludwig immer in finanziellen Nten; denn seine
Kriege verschlangen gewaltige Summen. Aber er lieh sich von seinen
bayrischen und schwbischen Herren, vermied ngstlich die Hilfe des
guten, dienstbereiten Messer Artese; ja, er lste sogar mit Opfern die
Pfnder aus, die dieser noch in Hnden hatte. Auch die gewaltttige Art,
mit der des Markgrafen Statthalter Konrad von Teck Geld und Gut an sich
zu bringen pflegte, diese Konfiskationen und Hinrichtungen gingen dem
stillen, hflichen Florentiner sehr wider den Strich. Geld verdienen,
gewi; Geld, wenn es nicht gestohlen ist, kommt von Gott. Sumige
Schuldner nicht schonen, verfallene Pfnder eintreiben,
selbstverstndlich. Aber alles mit Manier, hflich, in guten Formen.
Gefngnis, Kopf ab -- pfui, das tut man nicht, das schickt sich nicht.

Am meisten aber war Messer Artese erbittert ber die Bevorzugung des
Juden Mendel Hirsch. Was? Ihm, dem stillen, bescheidenen, gebildeten
lateinischen Herrn und guten Christen zog man den stinkenden,
zappelnden, gurgelnden, frechen, aufdringlichen Juden vor, den
widerwrtigen Hllenbraten? War es nicht genug, da dieses
pestilenzialische, gottverfluchte Volk, das unsern lieben Herrn und
Heiland gemartert und gekreuzigt hat, die deutschen und die
italienischen Stdte verseuchte? Mute ihnen die unselige Maultasch auch
noch das Land in den Bergen hinwerfen, da sie hineinkrochen wie Wrmer,
alles anfraen, nicht mehr wegzubringen waren? Da saen sie nun, das
ekle Geziefer, waren berall zur Stelle, drngten jedermann ungerufen
ihr Geld auf und erdreisteten sich, das elende, erbrmliche Gesindel,
niedrigere Zinsen zu verlangen als er, der hochangesehene, ehrsame, bei
allen Frsten und Herren wohlgelittene Florentiner Brger! Das Gesicht
des sonst so sanften, gesitteten, beherrschten Mannes verzog sich zu
einer Fratze malosen Wtens.

Agnes hrte ihm still zu. Sie hrte alles, schrieb es in ihr Gedchtnis,
bewahrte es wohl auf, war auerordentlich liebenswrdig zu Messer
Artese. Der fing sich wieder ein, entschuldigte sich viele Male, glitt
ins Dunkle.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Abkommen mit Knig Karl bestritt niemand mehr Margarete und dem
Markgrafen den sicheren Besitz von Tirol. Durch den Tod seines Vaters,
des Kaisers, war Ludwig in mannigfache, schwierige Erbstreitigkeiten mit
seinen Brdern gekommen. Schlielich einigte er sich dahin, da er aus
diesem Erbe Oberbayern tatschlich, von der Markgrafschaft Brandenburg
aber nur den Titel und die Kurwrde behielt. Der Sorge um Brandenburg
ledig, regierte er in seinem gesicherten Tirol; seine Macht reichte von
Grz bis ins Burgundische, von der Lombardei bis an die Donau. Er nannte
sich Markgraf zu Brandenburg und zu Lausitz, des Heiligen Rmischen
Reichs Oberster Kmmerer, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog in Bayern und in
Krnten, Graf zu Tirol und zu Grz, Vogt der Gotteshuser Agley, Trient
und Brixen.

Margarete war zu ihm von herzlichem, fast mtterlichem Einverstndnis.
Es war ihr Gewiheit geworden, Gott hatte ihr alle fraulichen Reize
genommen, da sie all ihre Fraulichkeit in ihre Regentschaft senken
msse. Solche Erkenntnis hatte sie befriedet. Sie lag ganz in Ruhe wie
windstilles Wasser. In ihren Entscheidungen war eine groe, gerade
Selbstverstndlichkeit. Die Frau und die Regentin war eines. Was sie
riet, was sie tat, war nie erklgelt, umwegig. Es war von einer geraden,
gewachsenen, warmen Mtterlichkeit, die oft nicht dem Buchstaben, der
Regel entsprach, aber stets ihren inneren, wohlttigen Sinn hatte.

Es war ein schwieriges, steiniges Regiment, das sie zu fhren hatte.
Immer wieder Krieg: mit dem Luxemburger, den Bischfen, den
lombardischen Stdten, den aufsssigen Baronen. Immer wieder das
sorglich Aufgebaute niedergerissen, verheert. Dazu Erdbeben,
berschwemmungen, Feuersbrnste, Seuchen, die Heuschreckenplage. Die
Finanzen durch die stndigen militrischen Ausgaben bel zerrttet. Es
war nicht leicht, unter diesen Widernissen das Land blhen zu machen.
Aber ihre starke, Vertrauen atmende und gebende Fraulichkeit strmte ein
in das Land, hielt es hoch, gab ihm immer neuen Schu und Saft. Sie
schuf Ausgleich, befreite Stdte, die durch Krieg und Brand gelitten
hatten, von den Abgaben, zwang trotz ihrem Murren die strrischen
Barone, wenigstens einen Teil ihrer Steuern zu zahlen. Dies alles
geschah mit einer gewissen natrlichen Gesetzmigkeit, ohne Geschrei
und Gewalt.

Hatte sie schwierigere Finanzfragen zu regeln, so zog sie den Juden
Mendel Hirsch zu Rate. Flink erschien er in seinem braunen Rock, dick,
zappelnd, betulich, hrte Margarete zu, wiegte den Kopf, lchelte,
sagte, das sei ganz einfach, gurgelte in vielen umwegigen Worten eine
berraschende Lsung. Der kleine, umgetriebene, ber die Erde gehetzte
Mann war der Herzogin sehr dankbar fr ihr Wohlwollen, das ihm eine
einigermaen sichere Ruhesttte und ein Dach ber dem Kopf gnnte. Er
liebte sie, er sprte sich ein in sie, er strengte alle seine Findigkeit
an fr sie.

Denn es war schwer, sich in der konomischen Wirrnis der tirolischen
Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkr der einheimischen
Feudalherren gedmmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet.
Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die groen Gelder, die er
brauchte, von seinen schwbischen und bayerischen Herren zu entleihen.
Die lieen sich als Entgelt skrupellos Verpfndungen und Verschreibungen
geben, rafften immer mehr an sich, so da schlielich nichts gewonnen
war. Im Gegenteil: hatten frher wenigstens Einheimische das Land
ausgesogen, so msteten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie
saen in allen wichtigen Landesmtern, der habgierige, gewaltttige
Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von
Drrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Mnchner, Jakob Freimann,
Grimoald Drexler und andere Brger, die Bergwerke im Gericht Landeck.
Auch sonst die wichtigsten Zlle und Geflle waren an Bayern, Schwaben,
sterreicher verpachtet. Der Markgraf lie sich hier nichts einreden. Er
vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin
gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im
Hintergrund hielt, in die Vertrge mit diesen Herren Klauseln
einzuflechten, die den Frsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkr
auslieferten.

Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenber stets
sehr zurckhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem
Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schlo Tirol gegen die
Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weiblonden, Hlichen, Gedrungenen,
Rotugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so hlich, so unbeliebt,
so einsam. Sie sprte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach
vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der qukende,
unwirsche Mann kam rasch vorwrts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja,
sie setzte es durch, da er die Landeshofmeisterstelle erhielt.

Auch ein anderes erreichte sie: den Erla einer Landesordnung. Tarife
wurden festgesetzt, Willkr und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter
eingeschrnkt, die Zentralgewalt gestrkt, Brger, Handel, Handwerk
gefrdert. Aufblhten da die bunten, farbigen Stdte, dehnten sich,
wurden breit, ppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das
Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der
Stdte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco,
Ala, Rattenberg, Kitzbhel, Lienz. Von den groen Brsen und Mrkten,
von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straen und Geschft ber alle
Welt. Was Mendel Hirsch gest hatte, ging reich und blhend auf.

Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lrmvollen Stdte; die schnen,
lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was
Mnner! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strmen, blhen, sich
zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle
Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein.
Mute das Land das nicht spren, so viel Liebe zurckgeben, sie in sich
hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Huser der Stdte schauten mit
lebendigen, verstndnisvollen Augen auf sie, die Straen klangen anders,
vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung lste sich,
sie gab sich hin, verstrmte im andern, war befriedet, glcklich.

                   *       *       *       *       *

Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemchlich im lauen
Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die
Herzogin in prunkender Zeremonie dem Groen Rat einen Kleinen
beigegeben, die Rechte der Brgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies
war ein Geschenk von groem Wert, fr die Herzogin verbunden mit Opfern
an Geld und Einflu. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt,
hatte hoch gerufen, respektvoll Unsere Maultasch! gesagt.

Die Herren muten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten
Zug. Sie grten sehr hflich. Agnes von Flavon sa in der Snfte. Volk
drngte zu: Wie schn sie ist! Ein Engel vom Himmel! Man schrie hoch,
es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen,
begeistert.

Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von
Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem
mnnlich khnen, brunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht
sehr schnell im berlegen.

An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine
Seiltnzergesellschaft einem Huflein Volkes ihre Kunststcke. Ein
feuerfarbener Gaukler prsentierte einen groen Affen. Der hockte
melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann
produzierte sich ein Mdchen, tanzte, jonglierte mit Bllen. Dann kam
wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm
goldenen Flitter auf den Schdel gesetzt. Er sa da, langarmig, plump,
sehr hlich, traurig, bse, fletschte gelbe Zhne in dem mchtig
vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es
los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend,
Zwerchfell und alle Eingeweide schtternd, endlos, atemlos: Die
Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!

Die Herren ritten weiter. Berchtold stie tief verdrossen die Luft durch
die Zhne. Ein Winzermdchen kam ihnen entgegen, blofig, braun,
hbsch. Sie grte lchelnd, demtig. Berchtold sah sie nicht an,
Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang
nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er
weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange,
gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas suerlicher berlegenheit.




In Ala, whrend die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem
Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der
ltere der Brder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief
blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhhlen, in den Weichen, an den
Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigro. Er rchelte, kam
nicht mehr zu Bewutsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner,
vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurck. Nun war sie
also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen.
Da in Verona schon viere, fnfe umgefallen seien, war keine Lge
gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt
gnade uns allen Gott!

Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Ksten
der See, drang dann ins Binnenland. Sie ttete in wenigen Tagen, oft in
Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In
Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermnche
und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Groe, dreiruderige
Schiffe trieben fhrerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze
Bemannung war gestorben. Grlich wtete die Seuche in Avignon. Die
Kardinle fielen um, der Eiter der zerdrckten Beulen besudelte ihre
prunkenden Gewnder. Der Papst schlo sich in sein innerstes Gemach,
lie niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein groes Feuer, in dem
Wrzkruter verbrannten und die Luft reinigendes Rucherwerk. In Prag in
dem Schatzgewlbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositten, Reliquien
hockte Karl, der Deutsche Knig, fastete, betete.

Schaurig in die Tler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des
Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster
Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und
der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Tler, in denen von sechs Leuten
nur je einer die Seuche berdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider
und Gert die Krankheit bertrugen, floh jeder feindselig und voll
Mitrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die
Eltern. Die Menschen verrchelten ohne Sakrament, in den Stdten standen
viele Huser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein;
Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die rzte
brachten vielerlei vor, vermochten aber schlielich keinen andern Grund
anzugeben, als da es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die
Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geielten sich, Frauen taten
sich zu Schwesterbnden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwrmer
und Propheten. Andere fraen sich toll und voll, trieben jede Vllerei,
Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrnstigen abgezehrten Geielbrdern
begegneten Zge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.

Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die
beiden Mdchen starben. Sie lagen scheulich gedunsen, mit riesigen,
schwarzen Geschwren. Margarete dachte: Nun sind sie hlich wie ich.

Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grmen, lange darber zu sinnieren.
Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern
Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt;
immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen
Regierungen in der allgemeinen Auflsung mglich war. Wie dann die Pest
abflaute, straffte sie sogleich die Zgel, pate die Gesamtverwaltung
des Landes den neuen, durch die Entvlkerung viel weiteren und loseren
Verhltnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen
erledigten Gter vor, wute brigens bei dieser Gelegenheit auf
wohlfeile, doch nicht unanstndige Art viel Boden und Besitz in ihre
Hand zu bringen.

Messer Artese war sehr geschftig, es war gute Zeit fr ihn. berall in
der Welt waren Huser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an
Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wuten. Er erwarb, raffte.
Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten,
Vorkaufsrechte des Hofs, der Behrden, zhe Klauseln. In Schlo Taufers,
vor Agnes, lie er sich gehen, brach aus, schumte. Der Jude war, der
schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten
christlichen Finanzmann, am Geschft. Der hatte, nur um ihm den Knppel
zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, hllisch schlauen
Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.

Agnes lie den Florentiner sich austoben, hrte still zu, sah ihn mit
ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer
gleichmtigen und erregenden Stimme zu erzhlen. Sie war am Rhein
gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Stdten die Juden gefangen und
verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in
die Brunnen geworfen. Sie wute es genau. In Zofingen hatte man Gift
gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf
eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin
verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange
in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten,
waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von sterreich
freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schtzten ihre Juden.
Agnes sagte langsam, gleichmtig, immer ihre Augen auf den Florentiner:
Die Herrschaften werden wohl ihre guten Grnde haben.

Messer Artese hrte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge
zurck nach seinem Florenz.

Von Italien dann kroch es herauf in die Tler Tirols, schleimig, immer
weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewiheit: die Juden machen die
Pest. Die Pest hrt nicht auf, solang man die Juden im Land lt. Es
ballte sich zusammen. Hetze, Anschlge.

Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschfte. Es gab viele
Geschfte, groe Geschfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine
Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder
liefen mandelugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Gromutter
lebte auf, fragte mhsam, lallend: Wie gehen die Geschfte? Sie gingen
ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es
gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Vertrge zu
machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder
den ersten groen Markt halten knnen. Die gndige Frau Herzogin -- Gott
schtze sie! -- brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.

Unterdes zog es heran, gefhrlich, fletschend, sinnlos, immer schwrzer.
Die Juden kannten das. So war es vor zwlf Jahren gewesen bei den groen
Metzeleien der Brder Armleder. Jetzt kam es von Sdwesten her.
Vergebens stellte der Papst, der weise, gtige, weltkundige Klemens,
sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, da die
Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also
sollten sie sie frdern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war
ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie
verdarben. Gemordet und geplndert die Juden in Burgund, am Rhein, in
Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwlf, in zwanzig, in hundert,
in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten,
beteten. Den Behrden hier groe Geschenke zu machen, tat nicht not. Da
die Herzogin sie nach Vermgen schtzen werde, war gewi. Auch da der
Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Stdte und
Handel Frdernde, der immer seine Hand ber sie gehalten. Aber es hatte
sich gezeigt, da gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein
Kaiser, kein Papst und kein Bttel half. Man konnte nur warten, beten,
seine Geschfte betreiben.

Und dann, pltzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva,
Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersuft, in
Rovereto muten sie unter groem Gaudium und Gelrm von einem Felsen zu
Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es
mehr aufs Plndern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefdelt.
Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Gromutter, eine
Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.

Der Markgraf hatte seine Juden in Mnchen nicht schtzen knnen; in Hall
und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewaltttigen
Pbel. Er war fr Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten
nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute
ab. Die Mrder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwbischen
Herren trieben nun an Stelle der Getteten ihre Forderungen fr den
Markgrafen ein und sehr viel hrter, als die Juden es htten tun knnen.
Schlielich mischte sich auch Knig Karl ein. Er wollte wie von allen
Behrden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen
seinen Teil an dem Nachla der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen
begann.

Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hrte, fuhr in finsterer,
erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem
Fackelschein das viehisch zerstrte Haus, die kleinen, liebevoll mit
allem Mglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwstet, besudelt. Sah die
Leichen der Shne, Tchter, Schwiegershne, Schwiegertchter, der vielen
wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelfrmigen Augen, grlich
verheert und verstmmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare
Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr
still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und
Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht
schien es, als lchle er demtig, wichtig, betulich, milde, gescheit.
Margarete glaubte, jetzt msse er gleich den Kopf schtteln, gurgeln,
das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar
nicht so bse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von
Begriff; man msse ihnen blo gut zureden. Aber er sagte nichts, er
zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut
gemeint, mit sich gewi am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und
er war gescheit gewesen und sehr tchtig und htte dem Land, ihren
lieben Stdten groen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen,
plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter,
zufahrender Frage einen der Umstehenden. Er hat doch die Pest gemacht!
sagte der, scheu, blde, ein wenig trotzig.

Leise, in einem Winkel, qukte das gerettete kleine Kind, die Frau,
sonderbar aufgeputzt, suchte es mit hlicher, gebrochener Stimme in
Schlaf zu singen, die Gromutter mummelte. Margarete trat nher, hob die
Hand, das Kind zu streicheln. Sie fhlte sich mde, elend. Sie sah im
Fackellicht ihre Hand; sie war gro, unfrmig, die Haut fahl, gelblich;
sie hatte vergessen, sie zu schminken.

                   *       *       *       *       *

In Mnchen, in einem der weiten Rume der neuen Residenz, die sein Vater
angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem khl
blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon.
Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veruern zu
drfen. Als Kufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund
lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er
hatte ber ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abflliges gehrt;
sein mageres, brunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart
blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten
mitrauisch.

Agnes sprte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich
durchaus nicht gekrnkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an
mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lchelte mit den schmalen, khnen,
sehr roten Lippen aus weiem Gesicht, war damenhaft, munter, gefllig,
nicht bertrieben liebenswrdig. Langsam, vorsichtig, gebt lockerte sie
ihn auf, ganz leicht sich ber seine Brbeiigkeit belustigend.

Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde
verlangten von jeder Frau, da sie Tag und Nacht im Haushalt stecke,
hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige.
Ein feines Stck Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt
jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie
hflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie fr ein zweites Mal
zu sich.

Sah ihr lange nach. Seufzte. Dachte an Margarete. Die war jetzt wieder
schwanger. Ja, schn war sie nicht. Wenn man die andere danebenhielt und
dann an sie dachte -- ein Grausen konnte einem ankommen. Klug war sie,
unsere Maultasch. Die Leute hatten Respekt vor ihr. Aber sie mochten sie
nicht. Wenn die andere kam, schrien sie Hoch.

Jetzt waren die beiden Mdchen gestorben. Im Volk sagten sie: Die Strafe
Gottes. Er war schuld, natrlich! Weil der Papst lieber Tirol im Besitz
seines verhtschelten Karl gesehen htte, war seine Ehe
Sakramentsschndung, waren seine Kinder Bastarde. Die Glocken luteten
nicht, und an Feuer, berschwemmung, Heuschrecken, Seuche war er schuld.

Die Narren die! Die pergamentnen Esel! Die Stumpfsinnigen! War es ein so
groes Vergngen, der Mann der Maultasch zu sein? Lange hatte er keinen
Blick mehr dafr gehabt, wie sie ausschaute. Heute fiel es ihn an. Das
Gesptt Europas war er mit einer so wsten Frau. Da war man ein groer
Frst und Herr, der mchtigste Mann in Deutschland. Stdte blhten auf
und fruchtbares Gelnde, wo man streichelte; fielen in Schutt, trat man
zornig auf. Man hat es sich nicht leicht gemacht. Hat gearbeitet, Tag
und Nacht, nach bestem Gewissen. Keine Furcht gekannt auer der Gottes.
Hat seine Pflicht getan, hart und schwer, all die Tage. Was hatte man
nun davon? Das Gesptt Europas.

Drunten stieg Agnes in ihre Snfte. Volk stand herum, barhaupt,
bewundernd. Wre die an Stelle der Maultasch, sie wrden nicht sagen:
Strafe Gottes, auch nicht bei Heuschrecken und Pestilenz.

Sah sie nicht herauf? Rasch wandte er, ein ertappter Schuljunge, sich
ab.

                   *       *       *       *       *

Margarete genas wenige Wochen spter eines toten Kindes. Der Markgraf
verfinsterte sich, wurde klter zu ihr. Nein, seine Ehe war nicht
gesegnet. Nun war alle seine Hoffnung auf den einzigen Sohn gestellt,
Meinhard, einen harmlosen, fetten Burschen, unbegabt, gutmtig,
schwchlich, der gar nicht dem Grovater Ludwig, vielmehr dem
mtterlichen Grovater, dem guten Knig Heinrich, nachzuarten schien.

Margarete ging schon nach einer Woche wieder an ihre Geschfte. Sie
arbeitete mit der gleichen Emsigkeit und Gewissenhaftigkeit wie frher.
Doch die Lust war weg, die Stdte waren nicht mehr ihr Geliebter. Der
kleine, betuliche Jude, der so geschickt Leben zugeleitet hatte von
berallher, war erschlagen, die Kinder, die sie geboren, waren tot.
Wohin sie trat, ging alles entzwei. Nichts fgte sich, nichts blhte.
Der Markgraf? Ein pflichtbewuter, kahler Herr. Ihr Sohn? Ein
dicklicher, dmmlicher Alltagsjunge. Was blieb ihr?

Um diese Zeit kam Konrad von Frauenberg ihr immer nher. Der hliche
Mann mit den roten Augen und dem weiblonden Haar war der fnfte von den
sechs Shnen des Trautsam von Frauenberg, eines nicht sehr ansehnlichen
bayrischen Ritters, der sich aber in einer frhen Schlacht um den Kaiser
Ludwig verdient gemacht hatte. So kam der junge Konrad als Knabe
Kmmerling an den bayrischen Hof, dann im Gefolge des Markgrafen nach
Tirol, wo er als niederer Offizier lange Zeit im Hintergrund blieb.
Seine Hlichkeit und seine rohe, mrrische, bittere Art sonderten ihn
ab; er hatte keine Aussicht, je was Besseres als ein untergeordneter
Soldat zu werden, bis seine dreiste, khne Vordringlichkeit bei der
Belagerung des Schlosses Tirol ihn ins Licht hob.

Alles, was in Margarete noch an Phantasie war, an Sehnsucht nach Farbe,
Buntheit, Abenteuer, alle Reste von dem, was Herr von Schenna die
frhere Zeit nannte, hngte sie an den harten, hlichen Frauenberger.
Der Albino mit dem breiten Froschmaul, der knarrenden Stimme, den
kurzen, groben Hnden kam ihr wie eine Art verwunschener Prinz vor. Es
war wie bei ihr; sicherlich war in dem plumpen Auen ein feines, zartes
Innen. Man mute ja rauh und grob werden, stak man in solcher Haut. Der
Arme, Einsame, Unverstandene! Sie war besonders freundhaft zu ihm und
mtterlich.

Der Frauenberger hatte sich in seiner harten, herumgestoenen Jugend
kalte, harte Verschlagenheit angeeignet. Er wute um seine Hlichkeit;
er hielt es fr ganz in der Ordnung, da alle ihn stieen. Er htte,
wre er nur weiter oben, auch die anderen getreten. Er glaubte an nichts
auf der Welt. Geld, Macht, Besitz, Lust war das Ziel aller Menschen,
Geldgier, Machtgier, Geilheit ihre Motive. Es gab nicht Lohn, nicht
Strafe, nicht Gerechtigkeit, nicht Tugend. Das ganze Getriebe war ohne
Sinn. Es gab Geschickte und Tlpel, im brigen Glck oder Unglck. Er
hielt es mit jenem Lied, das sachlich und berzeugt sieben Dinge als
erstrebens- und besingenswert preist. Fressen ist das erste, saufen das
zweite, sich entleeren des Gefressenen das dritte, des Gesoffenen das
vierte, bei einer Frau liegen ist das fnfte, baden das sechste, aber
das siebente und schnste ist schlafen.

Als die Herzogin ihm offenkundig ihr Interesse zeigte, zweifelte er
keinen Augenblick, da dieses Interesse nichts sei als sinnlicher
Kitzel. Es war im brigen nicht weiter verwunderlich, da die Hliche
gerade auf ihn, den Hlichen, verfiel. Er hatte sich beschieden; er war
nchtern, sachlich. Er hatte sich gesagt, als fnfter Sohn und mit
solchem Gesicht knne man unmglich vorwrtskommen. Er hatte aber nie
aufgehrt, schlau, hart, sprungbereit, scharfugig auf der Lauer zu
liegen. Jetzt lohnte sich das prchtig. Es war ein Mordsglck, da die
hliche Vettel an ihm Feuer fing. Er wird es nutzen.

Vor seinem Burschen lie er sich gehen, jubelte wst, unter unfltigen
Lobpreisungen der Maultasch und ihrer Gier. Er schenkte, so geizig er
sonst war, dem Jungen einen Sonderkrug Weines, soff mit ihm. Bei einer
Kerze, einsam mit dem Jungen, soff er die ganze Nacht. Grhlte sein Lied
von den sieben erstrebenswerten Dingen. Qukte, aus dieser Maultasch
werde er sich zu bedienen wissen. Streckte sich dann wohlig zum
Schlafen. Ja, dies war das Schnste, was es gab. Er sprte seine vor
bermdung schmerzhaften Glieder. Knackte mit den Gelenken. Sperrte das
breite Maul auf. Wlzte sich, ghnte wollstig. Schlief.

Schlau und vorsichtig ging er, aber nie zu bedenklich, seine Strae. Der
Markgraf, das sprte er, mochte ihn nicht. Er blieb ihm aus dem Weg.
Drngte sich auch sonst nicht vor. War nur immer da und packte im
gegebenen Augenblick, wenn Margarete allein war, mit frecher
Vertraulichkeit zu. So sackte er Schlsser, Herrschaften, Pflegen,
Gerichte ein, wurde schlielich Landeshofmeister. Nie htte ihm jemand,
er sich selber nicht, einen solchen Aufstieg vorausgesagt. Er steckte,
dreist grinsend und gefrig, alles ein. Blieb als Landeshofmeister, was
er als kleiner Offizier gewesen war. Hatte vor nichts und niemand
Respekt, glaubte an nichts als an Macht, Geld, Lust.

Margarete hngte nach wie vor alle ihre Trume an den Albino. Sein
scheuseliges Aussehen machte ihn zum Gezeichneten, machte ihn ihr
verwandt. Es mute, mute in diesem breiten, fleischigen, widerwrtigen
Klo eine Seele stecken. Es kam nichts von ihm zu ihr; alle Bindung war
hchstens einmal ein arges, freches, gemeines Grinsen bler
Vertraulichkeit. Sie sah diese dnis nicht, oder sie deutete seine Leere
um in bittre Resignation, in gewollte Stummheit, die ihr Zartes, Edles
schamhaft versteckte und verschwieg.

Mit Besorgnis schaute Herr von Schenna zu, wie eigentlich ohne tiefere
Ursache, mehr durch ein Geschehenlassen, Margarete immer weiter von dem
Markgrafen wegglitt und halb gegen ihren Willen zu dem Frauenberger
getrieben wurde. Der war ihm tief zuwider. Es krnkte ihn, strte ihn
zumindest, da die whlerische Margarete sich neben ihm gerade diesen
Vertrauten auslas. Hatte er denn etwas gemein mit jenem? War es mglich,
da sie seine feine, kultivierte, empfindsame Skepsis zusammenwarf mit
der rohen, niedrigen Leerheit und Glaubenslosigkeit des Bayern? Es
kratzte seine Eitelkeit, da Margarete ihm diesen Genossen ihres
Vertrauens gab.

Sonst ging es Herrn von Schenna jetzt sehr gut. Die Seuche war nicht an
ihn herangekommen. Er hatte geerbt, hatte auch sonst die Zeit nach der
Pest genutzt, seine herrlichen Besitzungen auszubauen und abzurunden.
Auf seinen Schlssern lebte er fein und behaglich, zwischen Bildern,
Bchern, Schmuck und Pfauen, lehnte nach wie vor jedes Amt ab, schaute
frhlich und besinnlich ber seine weiten Obstgrten, cker, Weinberge,
wurde tglich milder, weiser, ruhte ganz in sich wie eine gepflegte,
reifende Frucht. Der Abt Johannes von Viktring, der jetzt Sekretr des
Herzogs Albrecht war und brigens nachgerade recht alt und wackelig
wurde, konnte beinahe den ganzen Horaz auf ihn zitieren.

Er htte, aus seiner Ruhe und Befriedigung heraus, Margarete gern
geholfen. Er versuchte, die Bindung zwischen ihr und dem Markgrafen
wieder fester zu ziehen. Solchen Versuchen war sehr frderlich, da der
Druck leichter wurde, den der Kirchenbann auf Margaretes Ehe legte.

Herzog Johann nmlich, der Luxemburger, war es lngst mde, in Wahrheit
ledig, vor der Kirche aber ein verheirateter Mann zu sein. Seine
Stellung hatte sich durch die kluge Politik seines Bruders, des Knigs
Karl, sehr gebessert; er gedachte sie durch eine neue geschickte Heirat
vollends zu festigen. Vorerst aber mute er zu diesem Zweck legitim und
in aller Form von Margarete geschieden sein. Er bat sie um eine
Zusammenkunft. Er wolle gemeinsam mit ihr eine Formel finden, die,
beiden genehm, weder ihn noch sie demtige. Ihre Interessen seien die
gleichen. Dies lag auf der Hand, und Margarete war bereit, ihn zu
empfangen.

So erschien Herzog Johann als Gast auf Schlo Tirol. Diesmal ffneten
sich die Tore vor ihm. Trommeln, Trompeten, Ehrenbezeigungen. Johanns
langes Gesicht sah immer noch knabenhaft aus. Er blinzelte aus seinen
kleinen, tiefliegenden Augen Margarete ohne jede Verlegenheit an. Fand
einen Ton grimmiger Schalkhaftigkeit, eine gewisse ironische
Kameradschaftlichkeit, die ihr nicht bel gefiel. Sie saen beieinander,
heckten Grnde aus, drehten sie hin und her, eifrig, kneteten,
schmiedeten. Kamen, befriedigt, berein. Herzog Johann habe Margarete
geehelicht, trotzdem sie mit ihm im vierten Grad verwandt sei, aus
Unkenntnis solcher Verwandtschaft. Wiewohl sie beide sich redlichste
Mhe gegeben, die Ehe zu vollziehen, htten sie, zweifellos infolge
Verhexung Johanns, dies nicht zustande gebracht. Da nun Johann mit
anderen Frauen die Ehe sehr wohl vollziehen knne und seinen erlauchten
Stamm fortzusetzen wnsche, ersuche er den Papst, die Heirat mit
Margarete fr ungltig zu erklren. Der Papst, Freund des Hauses
Luxemburg-Bhmen, werde solchem Ansuchen zweifellos willfahren.

Dies abgesprochen, frhstckte Johann noch mit Margarete. Beide waren
guter Laune. Sie sind gar nicht lter geworden, kleiner Wolf, sagte
Margarete.

Und Sie sind, Gotts Marter! trotz allem ein Staatsweib, Herzogin
Maultasch, sagte Johann. Sie fhlten sich jeder dem andern sowohl wie
der Situation berlegen; alles hatte sich reinlich gelst; sie fanden
auf dieser Basis ihre Beziehungen eigentlich ganz angenehm. Trennten
sich wohlgesinnt, mit grimmiger, verstndnisvoller Vertraulichkeit.




Durch den Tod jener beiden Kinder Margaretes waren die Erbverhltnisse
des Landes in den Bergen wieder hnlich geworden wie seinerzeit unter
dem guten Knig Heinrich. Einziger Erbe des Landes war der Knabe
Meinhard, dessen Gesundheit schwchlich stand und dessen Geschwister
alle in jungen Jahren gestorben waren. Wieder also schauten die
mchtigen deutschen Herrscher nach Tirol, streckten gierige Hnde aus.
Die Luxemburger rundeten ihren Besitz am Rhein und an der Moldau, waren
aus dem Kampf um das sdliche Land ausgeschieden. Doch Wittelsbach und
Habsburg saen auf umstndlichen, begrndeten Ansprchen, ugten,
lauerten.

Der Habsburger vor allem, der lahme Albrecht, ste einen weiten,
folgerichtigen Plan. Er selber zwar hatte wenig Hoffnung, ihn reifen zu
sehen. Aber der Lahme, durch sein Siechtum bitter und weise geworden,
arbeitete lngst nicht mehr fr den Erfolg der nchsten Tage, sondern
auf weite Sicht. Fr ihn galt es, Tirol zu kriegen, den Weg nach Westen,
die Brcke zu den schwbischen Besitzungen, oder auf alle
Gromachtstrume zu verzichten.

Er suchte vornchst die Herren der bischflichen Territorien zu
gewinnen. Trient und Chur hatten mit den Wittelsbachern schlechte
Erfahrungen gemacht; sie waren gern geneigt, dem Habsburger anzuhangen,
der sie htschelte. Auch sonst hatte Albrecht ein mildes Gesicht und
eine offene Hand fr alle Herren, die in Tirol von Einflu waren. Er
bertrug den Schennas, den Vgten von Matsch, dem Frauenberger Titel,
Wrden, mter, die keine Mhe und viel Geld brachten.

Dem Markgrafen selbst suchte er auf jede Weise Vertrauen und
Freundschaft abzugewinnen. Er fiel ihm bei dem Angriff des Luxemburgers
nicht in die Flanke, ja, er vermittelte zwischen ihm und diesem. Bald
war es soweit, da der lahme Albrecht eine seiner Tchter dem Sohne
Ludwigs, dem kleinen, dicken, harmlosen, schwchlichen Meinhard, dem
Erben Tirols, vermhlen konnte. Auch zeigte Albrecht, sonst ein sehr
genauer Rechner, dem finanziell immer bedrngten Markgrafen eine stets
offene Hand und brachte ihn dadurch in immer grere Abhngigkeit.

Dann pltzlich, als Ludwig wieder einmal eine erhebliche Summe
bentigte, erklrten die Finanzrte des sterreichers, es sei diesmal
leider unmglich. Ihre Kassen seien erschpft; ja, sie mten ihm sogar
demnchst zu ihrem grten Bedauern frher geliehene Betrge kndigen.
Der Markgraf, tief betroffen, in wtiger Verlegenheit, wollte mit
Blicken, mit Worten auf sie losfahren. Bezwang sich, bi sich die Lippe,
ging wortlos.

Wollte sich persnlich an Albrecht wenden. Rang es seinem Stolz nicht
ab. Bei einer zweiten Zusammenkunft erklrten die habsburgischen
Finanzrte den seinen sehr harmlos, sie htten einen vortrefflichen,
billigen Ausgleich gefunden. Der Markgraf solle doch als Pfand fr die
alte und die neu geforderte Summe sterreich auf einige Jahre die
Verwaltung Oberbayerns bertragen. Durch Einsparungen infolge der
gemeinsamen, verbilligten Verwaltung werde Albrecht sicherlich binnen
kurzem den geschuldeten Betrag aus Oberbayern herauswirtschaften.

Der Markgraf wurde bla, als seine Rte ihm das sterreichische
Anerbieten mitteilten. berflog sie mit hartem, stechendem, blauem
Blick. Nein, sie lchelten nicht. Sie hatten nchterne, ernsthafte
Beamtenmienen. Er schluckte, sagte, er werde berlegen, nickte, entlie
sie.

Sa, allein, schwer nieder. Zog den massigen Nacken hoch. Das Ansinnen
war eine Unverschmtheit. Allein Albrecht war klug, ihm befreundet,
hatte gewi nicht die Absicht, ihn zu beleidigen. Es war also an dem,
da offenbar auf andere Art kein Geld mehr aufzutreiben war. Die
Einknfte sollte er abtreten; die Einknfte waren nicht das Land.
Immerhin, wenn das Haupt der Wittelsbacher einem Habsburger die
Verwaltung seines Stammlandes bertrug, war dies, trotz allen
Sicherungen, eine Einbue, hart, hart, kaum zu ertragen.

Als er die Angelegenheit in seinem Rat vorbrachte, sa er sachlich,
ruhig, behandelte das Ganze, als wre es ohne viel Gewicht. ugte
argwhnisch, ob seine Herren wagen wrden, ihr inneres Grinsen auf ihren
Gesichtern zu zeigen. Ach, lebte sein Freund noch, Konrad von Teck! Bei
dem htte er solches Mitrauen nicht ntig gehabt. Alles wre leichter
zu ertragen gewesen. Keine Sentimentalitt! Er sagte in zwei Worten,
worum es ging. uerte keine Meinung. Bat um ihre Ansicht.

Als erster sprach der Frauenberger. Er sah natrlich wie alle andern,
da der sterreichische Vorschlag auf eine glatte Erpressung hinauslief.
Es lag ihm nicht das geringste weder an Ludwig noch an Albrecht, weder
an Bayern noch an Tirol noch an sterreich. Der Habsburger war der
Reichere und Klgere; er wird also vermutlich recht behalten. Da er
berdies ihn, den Frauenberger, durch Ehrenmter und riesige Summen
erkauft hat, mu er darauf sehen, da Ludwig auf den Vorschlag eingeht.
Redet er zu, so wird Ludwig, der ihn ohnedies nicht leiden mag,
argwhnisch. Umgekehrt bleibt dem Markgrafen, rt man nun zu oder ab,
nichts anderes brig, als knirschend den demtigenden Vertrag zu
unterschreiben. Er, Konrad von Frauenberg, kann sich also ruhig, ohne
da der Habsburger es am Ergebnis inne wird, die spahafte Geste
leisten, sich als patriotischer Bayer zu gebrden, dem Frsten von den
erniedrigenden sterreichischen Zumutungen abzuraten.

Margarete war strmisch begeistert von den habsburgischen Vorschlgen.
Man wird Geld in Flle haben, wird die lastenden Verpflichtungen noch
aus der Zeit des guten Knigs Heinrich endlich, endlich abtragen knnen.
Wie werden, ist dieser Druck erst fort, ihre lieben Stdte aufatmen!
Bayern war ihr immer nur ein Anhngsel gewesen. Sie gab es gern preis
fr Geld. Sie hatte von Schenna und Mendel Hirsch gelernt, was Geld ist.
Was nutzte es, einen groen Leib zu haben und zu wenig Blut? Jetzt wird
das Land genug Blut haben, jetzt wird es gesund werden. Ihr gutes Land!
Ihre lieben, blhenden Stdte!

Finster hrte der Markgraf zu. Nun erwies es sich gut, wie wenig sie ihn
von je verstanden hatte. Er war Bayer, Wittelsbacher, Kaisersohn, an
Weltmacht gewhnt, gewhnt, in Lndern zu denken. Sie war Tirolerin; wo
ihre Berge endeten, hrten ihre Gedanken auf. Sie dachte bis an die
Ebene, nicht weiter. Sie war die Tochter des kleinen Grafen von Tirol,
eng, rechenhaft, krmerhaft. Er war der Erstgeborene des Rmischen
Kaisers, herrisch, weltweit, nur Gott und sich selber verantwortlich.
Nein, zwischen ihm und ihr stand mehr als nur ihre Hlichkeit.

Der feine Herr von Schenna sprach. Ludwig mochte ihn gar nicht in diesem
Augenblick. Er war natrlich Margaretes Meinung, er war ja Tiroler, kein
Bayer. Die Finanzen beider Lnder aus eigenem grozupppeln, sei nun
leider unmglich. Da fge es sich gut, da man den edlen Renner Bayern
dem befreundeten Habsburger auf kurze Zeit zur Dickftterung in den
Stall geben knne. Bekomme man so endlich den ntigen Hafer fr das gute
Pferd Tirol. Wo bleibe brigens ein anderer Ausweg?

Ja, wo blieb sonst ein Ausweg? Das war es. Es half nichts, die
Gegengrnde noch so hell ins Licht zu stellen. Man mute das Angebot des
Habsburgers schlucken. Der Markgraf duckte den Kopf auf den dicken,
gefhrlichen Nacken. Dankte den Rten, unwirsch, kurz. Sagte, er werde
ihre Meinungen in Erwgung ziehen. Alle wuten, wie er entscheiden wird.

                   *       *       *       *       *

In dicker Verdrossenheit ritt Ludwig von Schlo Tirol ab, mit kleinem
Gefolge, nach Norden, nach Mnchen, die letzten nicht mehr wesentlichen
Fragen zu regeln, ehe er das Land der Verwaltung des Habsburgers
berstellte.

Ein trister Oktobertag. Feiner, fader, rieselnder Regen. Was hatte man
vom Leben? Man regierte, man war ein groer Frst. Aber das meiste, was
man zu tun hatte, die meisten dieser feierlichen Zeremonien,
Kundgebungen, Verschreibungen waren widerwrtig und beschwerten einem
den Sinn. Die Verwaltung des Stammlandes dem Habsburger berlassen, ein
freundlich Gesicht dazu machen, Vergelt's Gott! dazu sagen. Er
knirschte. Er sah die riesigen, stumpfen blauen Augen seines Vaters auf
sich. Was htte der dazu gesagt?

Zuhause, die freuten sich. Der ekelhafte Schenna, der neunmal Kluge, der
an allem seinen Spott hat, mit seinem frechen, faden, milden Lcheln.
Der Frauenberger, der unverschmte Hammel, der von wittelsbachischer
Wrde qukt, von der Bindung zwischen Wittelsbach und Bayern, und dabei
innerlich seine hhnische Freude hat; denn der Giftpilz wei sehr gut,
er mu doch hineinbeien. Die Maultasch, die an nichts denkt als an ihr
Tirol, der sein Bayern ein Handelsobjekt ist, das sie gern hinschmeit,
kriegt sie nur die Gulden und Veroneser Mark. Die Hliche, die ihn
aller Christenheit zum Gesptt macht! Wie sie ihm zuwider ist! Wie sie
dasitzt und gespannt auf das Gequk des Frauenbergers hrt, des Albinos,
des Migeschaffenen! Seine Frau! Seine Frstin! Pfui! Die Maultasch!

Wirklich, in Christi Namen, was denn hatte man vom Leben? Konnte er
nicht, auf dem Weg nach Mnchen, ehe er den sauren Trank schluckte, was
tun, was weniger sauer einging? Wenn er etwa in Taufers zukehrte, sich
mit eigenen Augen berzeugte, wie dort die Dinge standen? Es war nicht
viel Zeit verloren; zudem, je lnger er jenes hinausschob, so besser.

In Taufers war Agnes keineswegs so berrascht, als er wohl erwartet
hatte. Ja, als der Pfrtner ihr meldete, der Markgraf komme mit einigen
Herren, da hatte sie wohl geatmet, die Arme gestreckt, ein sattes
Lcheln um die sehr roten Lippen. Aber sie empfing den Frsten mit
gelassener Hflichkeit, keineswegs besonders geehrt. Auch das Mahl, das
sie ihm vorsetzen lie, die brigen Zurstungen waren zwar geschmackvoll
und nicht unwrdig, aber weit entfernt von jenem prahlerischen Luxus,
den man ihr nachsagte. Und mit dem sie auch weniger mchtige Herren,
kleine italienische Barone etwa, bewirtet hatte.

Ludwig schaute sie an. Kerzen brannten, ein kleines Feuer im Kamin,
wohlriechende Hlzer. Diener reichten Obst und Konfekt. Eine ziere
Person, bei Gottes Marter und Tod! Kein Wunder, da man viel ber sie
schwatzte. Aber leicht machte sie es einem nicht. Das Gesprch, das sie
fhrte, war lau, ein bichen spttisch; sie lie einen nicht heran. Der
ernsthafte, ungewandte Markgraf machte ein paar hilflose Versuche, ihr
etwas Galantes zu sagen. Sie schaute ihn ruhig und ohne Verstndnis an.
Nein, sie war geradezu sprde.

Um so unerwarteter kam andern Tages ihre gleichmtig vorgebrachte Bitte,
sich dem Markgrafen auf der Reise nach Mnchen anschlieen zu drfen.
Sie wolle ihre Schwester besuchen, habe auch sonst im Bayrischen
Geschfte.

Der Markgraf, zgernd, betreten, schwieg. Diese Bitte kam ihm ungelegen.
Es wird Geschwtz geben. Er war ein ernsthafter, fester Mann, zudem
nicht in den Jahren, derartige Historien zu machen; es pate ihm
durchaus nicht, da sich Geschwtz an ihn hngte. Aber er konnte der
Dame -- denn das war sie immerhin --, deren Gastfreundschaft er in
Anspruch genommen hatte, unmglich die kleine Geflligkeit abschlagen.
Leicht knurrend, schwerfllig, unwirsch sagte er, er freue sich.

Auf der Reise war sie dann sehr sittsam, zurckhaltend, unauffllig.
Hielt sich die meiste Zeit in ihrer verschlossenen Snfte. Einsam,
hinter den Vorhngen der Snfte, kaute sie, schlang sie ihren Triumph.
Die andere, die Feindin, sa auf Schlo Tirol, nannte sich Markgrfin zu
Brandenburg, Herzogin zu Bayern, Grfin zu Tirol. Hatte ihren soliden,
ehrenfesten Gatten. Hatte ihm Kinder geboren. Sich in ihn, ihn in sich
eingelebt. Aber jetzt zog sie, Agnes von Flavon, mit diesem Markgrafen
herum in dem angeerbten Land der Feindin.

Ludwig erledigte in Mnchen hochmtig und unfrei seine verdrielichen
Geschfte. Agnes hatte sich bei der Ankunft sogleich mit hflichem,
nicht bertriebenem Dank verabschiedet. Jetzt htte er seine unmutigen
Abende gern zuweilen durch ihre Gegenwart erhellt. Ein erstes Mal
versagte sie sich, ein zweites Mal kam sie. Er gewhnte sich an sie. Sie
ging aufs Land zu ihrer Schwester. Er verzgerte seine Rckreise, bis
sie sich anschlieen konnte.

Auf dieser Rckreise durch strahlenden Sptherbst verschlo sich Agnes
nicht mehr in der Snfte. Schimmernd ritt sie auf geschmcktem Pferd an
der Seite des Markgrafen, den Kopf hochmtig geradeaus.

                   *       *       *       *       *

Geld flo ins Land. Die riesigen Summen fr die Verpfndung Bayerns. Die
Industrie holte Atem. Die Bergwerke, die Salzwerke. Die Straen wurden
ausgebaut, der Handelsverkehr erleichtert, geregelt. Die Stdte
streckten sich, weiteten sich. Die Brger stolzierten breit,
gravittisch. Ihre Huser wurden hher, fllten sich mit edeln Mbeln,
Kunstwerken, Gert. Mauern, Trme, Rathaus, Kirchen wuchsen. Geflgel,
Wrzwein kam auch am Werktag auf den mit gutem Geschirr gedeckten Tisch
des Brgers. Prchtiger als die Frau des kleinen Adeligen schritt in
Seide, stolzen Bndern, riesiger Haube, Schleppe, Schmuck die Frau der
Stdte.

Seit wann war diese glckliche Vernderung? Seitdem der Markgraf mit der
schnen Agnes von Flavon zusammen war. Agnes von Flavon, die Schne,
Gesegnete. Sicher war sie es, die den glcklichen Plan gehabt hat,
Bayern abzustoen, alle Kraft und alles Geld nach Tirol zu leiten. Alle
Gnade Gottes auf unsere schne Agnes von Flavon! Man sah ja, wie sie
auserlesen war. Sichtbarlich von ihrem himmlisch schnen Antlitz
strahlte aller Segen der lieben Mutter Gottes. Die andere dagegen, die
Maultasch, war gezeichnet. Der Zorn des Himmels war auf ihr. Verflucht
war, was sie tat. Ihre Kinder starben. Seuchen fielen ein, Brand,
Wasser, Geziefer, wo sie die Hand anlegte. Alles, was sie rt, was sie
tut, ist verflucht. Hat sie nicht die Verbindung herbeigefhrt mit
Bayern, den Keim alles Verderbens? Hat sie nicht die harten, habgierigen
bayrischen Herren herbeigerufen, die das Land aussogen? Hngt sie nicht
an dem Frauenberger, der scheulichen Migeburt? Hat sie ihn nicht zum
Landeshofmeister gemacht? Ein Glck, da sich der Frst von ihr
abgewandt hat. Jetzt endlich hat er erkannt, wo das Rechte lag. Jetzt
ist gute Zeit. Gott segne unsere liebe, schne Agnes von Flavon!

Agnes sah das Volk an ihrer Strae, wie sie Bume und Huser sah,
brauchte seinen Zuruf, wie sie Schmuck brauchte. Lchelte. Schritt durch
die Gaffenden, sie Bewundernden, sah nicht rechts, nicht links, den Kopf
geradeaus, mit schmalen, khnen, hochmtigen Lippen. Und das Volk
jubelte.




Margarete, sehr weit weg von ihrem Gatten, sehr weit weg von ihrem Sohn
Meinhard, ging herum, schwer, in sich versponnen. Wute nichts als das
einzige: von Agnes und ihren Siegen. Sah Schenna, sah den Frauenberger.
Sah die Stdte aufatmen, sich recken, sich weiten. Ihre Saat, ihr Werk.
Sie war ausgehhlt, sie war leer und arm. Was einer jeden gegnnt war,
ihr war es versagt. Doch dies wenigstens war getan. Dies wenigstens, es
war ihr Einziges, blieb.

Um so deutlicher sah Schenna. Sah, wie das Volk alles Gute, was die
Hliche gewirkt, der Schnen zuschrieb. Dies Erkennen wollte er ihr,
dieses schmerzhafte Aufwachen, ersparen. Auch sah er, wie Ludwig immer
mehr in Taufers sich verstrickte. Noch wehrte sich erstaunt und schwer
atmend der dumpfe, hilflose Mann, der solche Wirrnis das erstemal
erlebte. Noch war es Abenteuer, vorbergehend, begrenzt. Aber bald wird
es, in wenigen Wochen vielleicht schon, zu spt sein, bald wird er
willentlich und unlsbar verknpft sein.

Er wollte ihn zurckhaben zu Margarete. Er wollte das Volk zurckhaben
zu Margarete. Das Volk war dumm, instinktlos. Es war an sich
gleichgltig, was es dachte. Jedes Tier war klger und hatte mehr
Instinkt. Aber es sollte nicht sein, da Margarete auch dies Letzte von
sich fortgleiten sah.

Er mute vor allem dahin wirken, da endlich diese alberne kirchliche
Verfemung von ihr genommen wurde. Der Makel der kirchlich Ausgestoenen
scheuchte das Volk von ihr, scheuchte den Gatten von ihr. Denn war auch
ihre Ehe mit Johann in aller Form gelst, so da sie der Kirche nicht
mehr als Ehebrecherin galt, so war gleichwohl ihr Zusammenleben mit
Ludwig vom Papste noch keineswegs sanktioniert. Die Kirche betrachtete
ihre Ehe als Konkubinat, ihren Sohn und Kronprinzen Meinhard als
Bastard. Belegte nach wie vor sie und ihren Mann mit dem Bann, ihr Land
mit dem Interdikt. Wohl hatte der Markgraf Gesandte nach Avignon
geschickt, jede Genugtuung angeboten, die der Heilige Vater fordern
konnte; allein der Papst, von Kaiser Karl gehetzt, weigerte sich.

Jetzt war Klemens tot, sein Nachfolger, der sechste Innozenz, stand
stark unter dem Einflu des Habsburgers. Der lahme Albrecht mute selber
alles Interesse haben, da seine Tochter nicht mit einem Bastard,
sondern mit dem von der Kirche anerkannten Erben Tirols vermhlt sei.
Schenna arbeitete mit einer an ihm ungewohnten Rastlosigkeit. Fuhr von
Ludwig zu Albrecht, von Albrecht zu Margarete. Von Mnchen nach Wien,
von Wien nach Tirol.

Albrecht stellte Bedingungen. Er ste, er ste fr die Zukunft. Seine
Tochter wird durch die Vermhlung mit Meinhard Anspruch haben auf das
Land in den Bergen. Aber der junge Meinhard war ein Wittelsbacher. Auch
die Wittelsbacher werden, in gewissen Fllen, Ansprche machen. Es hatte
sich gezeigt, da das schwierige Land am Schlu immer dem verblieb, dem
das Volk als seinem rechtmigen Herrscher anhing. Die Maultasch war
nicht beliebt, aber als der einzige legitime Nachfahr der alten Grafen
von Tirol vom Volk mit religiser Selbstverstndlichkeit als rechtmige
Eignerin des Landes angesehen. Sie hatte darber zu verfgen; wem sie es
bermachte, der hatte das Volk auf seiner Seite. Albrecht verlangte
nichts von Ludwig, dem Wittelsbacher; aber er forderte ein bindendes
Testament von Margarete. Fr den Fall, da sie, ihr Gemahl Ludwig, ihr
Sohn Meinhard ohne Leibeserben abgingen, solle das Land an die Herzge
von sterreich fallen. Eine Formsache. Eine reine Formsache, betonte er
dem Herrn von Schenna. Dazu noch fr einen hchst unwahrscheinlichen und
unerwnschten Fall. Aber er war nun einmal ein Pedant; er verlangte
diese, Margaretes, Unterschrift. Dafr verbrgte er sich, vom Papst fr
Ludwig und Margarete Lossprechung von Bann und Interdikt zu erwirken.

Schenna hielt diesen Vorschlag fr sehr vorteilhaft. Ihm waren die
heiteren, umgnglichen sterreicher von jeher lieber als die dumpfen,
gewaltttigen Bayern.

                   *       *       *       *       *

Margarete sa ber dem Schriftstck, allein; es war spter Abend. Also
den Habsburgern soll sie das Land bermachen. Nun ja, sie hat es dem
Luxemburger zugebracht, dann dem Wittelsbacher; warum nicht dem
Habsburger? Der lahme Albrecht war zweifellos der Klgste und Tchtigste
unter den deutschen Frsten. Und sein Sohn, der Rudolf, khn,
entschlossen, gescheit. Tchtige Leute, die Habsburger. Sie werden
sicher auch Tirol sehr tchtig regieren. Sie hatten sterreich, Krnten,
Krain, die schwbischen Vorlande, Grz, verwalteten Oberbayern. Sie
werden Tirol nicht schlechter verwalten.

Tirol! Ihr Tirol! Gerade erst hat sie es von Bayern losgeeist. Jetzt
dann soll es zu sechs Lndern ein siebentes sein. Ein Verwaltungsobjekt
fr fremde Frsten. Ihr Tirol!

Nicht hitzig. Das alles zielt sehr ins Weite. Vorlufig ist ihr Sohn
noch da. Er ist nicht so gescheit und khn wie Rudolf, wie Albrechts
Shne. Er ist, zugegeben, ein etwas belangloser junger Mensch. Aber er
ist ihr Sohn. Der Urenkel des Grafen Meinhard. Was geht eigentlich jene
anderen Tirol an? Und wenn ihr Sohn vollkommen verbldet wre; er ist
Tirol.

Sachte, sachte. Es will ihm ja niemand an. Fr den Fall, da er ohne
Nachkommen -- Er zielt sehr ins Weite, der kluge Albrecht, der lahme,
bittere. Eigentlich seltsam, da man gerade von ihr die Unterschrift
will. Ihr Mann, der Markgraf, der Kaisersohn, der Wittelsbacher: aber
der kluge Albrecht will ihre Unterschrift, nicht seine.

Was Ludwig wohl darber denkt? Tchtig ist er auch. Er versteht sich gut
mit dem Habsburger. Seltsam, da man ihn nicht darber befragt hat. Wei
der kluge Albrecht schon so genau, wie weit er von ihr weg ist? Frher
htte er sich mit ihr darber ausgesprochen. Jetzt ist er fort. In
Bayern. Mit Agnes. Sie schaut vor sich hin, ihr breiter, wster Mund
verzieht sich, trb, nicht sehr bitter. Warum soll Ludwig nicht an Agnes
von Flavon sein Plsier haben? Sie ist sehr schn. Er ist nicht mehr der
Jngste. Hat sich abgerackert. Jetzt ist er Bayern los. Kann ein wenig
ausschnaufen. Sie ist sehr schn. Warum soll er nicht sein Plsier
haben?

Sie erhob sich, schwer, ein wenig chzend. berlas noch einmal die
Urkunde. Sie war lang und umstndlich. Wir Margarete, von Gottes Gnaden
Markgrfin zu Brandenburg, Herzogin zu Bayern und Grfin zu Tirol, allen
Christenmenschen ewiglich, die diesen Brief je sehen, lesen oder hren
jetzt und spter, Unsern Gru und die Kenntnis nachgeschriebener Dinge.
Wenn es geschieht, was Gott in seiner Gnade nicht verhnge, da Wir und
der durchlauchtige Frst, Unser herzenslieber Gemahl, Markgraf Ludwig
von Brandenburg, abgehen ohne Leibeserben, die wir miteinander gewinnen,
und auch wenn Unser lieber Sohn, Herzog Meinhard, abginge, was Gott
nicht wolle, ohne Leibeserben, da dann Unsere obgenannten Frstentmer
und Grafschaften, Lnder und Herrschaften mit der Burg zu Tirol und mit
allen andern Burgen, Klausen, Festen, Stdten, Mrkten, Drfern, Leuten
und Gerichten soll fallen gnzlich zu rechtem Erb und Vermchtnis den
vorgenannten Unsern lieben Oheimen, den Herzgen von sterreich --

Sie lie das Schriftstck zurckgleiten, unbehaglich, da es sich
knisternd auf dem Tisch zusammenrollte. Sie verlie das Zimmer. Machte
mit ihren schweren, schleppenden Schritten den Rundgang, den sie jede
Nacht vor dem Schlafengehen zu tun gewohnt war. Einsam schleppte sich,
in ihrem prunkvollen Gewand, das sonderbar leblos an ihr niederfiel, die
hliche Frau durch die Sle, Stuben, Korridore, der ungeschlachte
Schatten der Kerze ihr voraus.

Sie kam an die Spinnstube. Die plumpe Tr ffnete sich ohne viel
Gerusch. Die Mgde waren fertig mit der Arbeit, ein paar Knechte waren
da. Alles drngte sich in einem Knuel um eine junge, untersetzte Magd,
die breit, verlegen, amsiert grinsend dastand. Um sie herum Gekreisch,
Ste von Gelchter. Was? Sie begriff es wirklich nicht? Sie war die
einzige in Tirol, die es nicht kapierte. Nochmals also. Die Pechmarie
war schiech und wst; wo sie hintrat, verdorrte alles, schrumpfte ein.
Die Goldmarie strahlte himmlisch schn. Was sie anrhrte, blhte, Gold
klingelte unter jedem ihrer Schritte. Wer also war die Goldmarie? A--
Ag-- Endlich ging es auf, breit, leuchtend, auf dem Gesicht der Magd.
Agnes von Flavon! Natrlich. Und die Pechmarie? Ah! Groes Staunen. Und
nun schtterte es auch sie in strmischem Lachen.

Unter dem Gekreisch und Gewieher hatte man die Herzogin nicht bemerkt.
Still war sie mit ihrer Kerze im Schatten der halbgeffneten Tre
gestanden. Jetzt, langsam, zog sie die Tre zu. Ging. Schleppte sich
ber die Korridore. Zurck vor das Dokument.

Breitete die Urkunde vor sich hin. Wir Margarete, von Gottes Gnaden
Markgrfin -- Das Pergament knisterte. Sie tunkte die Feder ein,
umstndlich, unterschrieb.

                   *       *       *       *       *

Der lahme Albrecht sa in seiner Burg in Wien, in Schlafrock und Decken.
Nebenan lag auf einem Tisch unter andern Papieren die Urkunde
Margaretes. Sein Sohn Rudolf war da, der Bischof von Gurk, der uralte
Abt Johannes von Viktring. Der betagte Herzog hatte die letzte lung
empfangen; er wute, da er in wenigen Stunden verlschen werde. Er sa
in seinem Lehnstuhl, fror trotz der Decken in dem berheizten Zimmer,
fhlte mit fast wohligem Schmerz, wie langsam das Leben aus ihm
herausrann. Sah im brigen wie stets klar, ruhig, mit einer gewissen
heiteren Bitterkeit.

Rudolf fragte das drittemal, ob er nicht die anderen Brder beschicken
solle. Sein festes Gesicht, blond, brunlich, nicht hohe, eckige Stirn,
Hakennase, starke Unterlippe, blickte ernst, sachlich, selbstbewut,
unsentimental. Der Lahme lehnte zum drittenmal ab. Die Jungen hatten zu
tun, sein Sterben sollte sie nicht stren.

Er atmete still, die ungelhmte Hand ffnete sich, schlo sich, ffnete
sich. Er hatte ein gutes Leben gelebt, soweit ein menschliches Leben gut
sein kann. Es war Mhe und Arbeit gewesen. Es war Erfolg gewesen. Er
hatte sich gefrdert und seine Lnder gefrdert. Er war mit sich in
Frieden, er war mit den Menschen in Frieden, er war mit Gott in Frieden.

Sein Sohn Rudolf erbte ein gutes Erbe. Schn war es und eine Gnade
Gottes, da er das Dokument noch zu sehen bekam, das ihm Tirol sicherte.
Jetzt war alles geschlossen, von Schwaben bis Ungarn geschlossenes
habsburgisches Land. Gut und christlich regiert, in Ordnung und Fug.
Seine Shne gescheite, feste Mnner. Er wei schon, warum er sie nicht
mit seinem Sterben inkommodiert.

Da fhrt er also hin, der Letzte von den dreien. Der Luxemburger, der
Johann, ist einen albernen Tod gestorben, einen dummen, ritterlichen Tod
auf einem Schlachtfeld, das ihn nichts anging. Der Bayer, der Ludwig,
ist einen unvorbereiteten, leichtfertigen Tod gestorben, auf der Jagd,
mitten zwischen schwankenden, ungeordneten Geschften, einen
unentschiedenen Tod ohne Richtlinien und Gesicht, einen Tod, so halb und
blde und nichtssagend wie sein ganzes Leben. Er, Albrecht, hat sich
niemals Rmischer Kaiser genannt, hat nie nach der Rmischen Krone
gestrebt, hat sie nicht gehabt und hat sie nicht gewollt. Aber wenn man
es recht erwgt -- er lchelte ein mildes, listiges Lcheln -- war immer
er der Mchtigste gewesen von den dreien, der eigentliche Schiedsrichter
der Christenheit, und immer war geschehen, was er gewollt hatte.

Er fhlte sich jetzt schrecklich mde. Rief -- es verwehte heiser --
nach Rudolf. Der wandte sich schnell ihm zu. Der Lahme tastete mit der
gesunden Hand nach der des Sohnes. Sie fiel herunter, ehe sie den Sohn
erreichte. Auch der Kopf sank vornber.

Rudolf stand gerafft, fest. Jetzt war er das Haupt der Habsburger, der
mchtigste Mann unter den Deutschen. Der Bischof von Gurk betete. Der
uralte Abt Johannes von Viktring strich mit der drren, braunen Hand
ber das Pergament Margaretes. Aufgerichtet hab' ich ein Denkmal
dauernder als Erz, zitierte er murmelnd einen antiken Klassiker. Dann
schlurfte er zu Albrecht hinber. Sah, da er tot war. Ri sich
zusammen, streckte sich, schwankte, stand. Machte seine Stimme so fest
wie mglich. Setzte mehrmals an, verkndete: _Defunctus est Albertus de
Habsburg, imperator Romanus._ Der Bischof und der Frst sahen sich an;
nie hatte der Tote diese Wrde gehabt, nie sie angestrebt. Der Uralte
wiederholte, mit Anstrengung, schwankend, feierlich: Gestorben ist
Albrecht von Habsburg, Rmischer Kaiser. Dann sank er in sich zusammen,
schlurfte zurck zu dem Tisch, bekreuzte sich, mummelte.

                   *       *       *       *       *

Die kleine, der Heiligen Margarete geweihte Kapelle der Mnchner Hofburg
ist dick voll von prunkenden Wrdentrgern. Drauen ist klarer,
leuchtender, hellbrauner Herbst. Drinnen reiben sich die Rstungen der
weltlichen Herren, die strotzenden Ornate der geistlichen; aneinander
gepret stehen sie. Die Herzge von sterreich, Rudolf, Leopold,
Friedrich, ihre Kanzler und Marschlle, Johann von Platzheim, Pilgrim
Strein, die bayrischen und tirolischen Herren, die Marschlle,
Burggrafen, Oberjgermeister, Landeshofmeister des Markgrafen, die
Schenna, Frauenberger, Konrad Kummersbrucker, Dipold Hl. Violett und
lachsfarben die Ornate der geistlichen Frsten. Die Bischfe von
Salzburg, Regensburg, Wrzburg, Augsburg, Dekane, Prpste, Domherren.
Die Pfarrer zu Tirol, Teisendorf, Pyber. Fahnen, ppstliche, weltliche.
Weihrauch. Drauen, von Militr zurckgehalten, Volk. In allen Fenstern,
auf den besonnten herbstlichen Bumen, auf allen Mauern, Vorsprngen
Volk.

Drinnen knieten Ludwig und Margarete vor den ppstlichen Kommissaren,
dem Bischof Paul von Freising und dem Abt Peter von Sankt Lamprecht.
Gestern war ihre Ehe formal geschieden und ihnen aufgegeben worden,
getrennt zu leben. Jetzt verlas der Bischof feierlich das ppstliche
Reinigungsdekret: Nachdem Ludwig von Bayern, Erstgeborener weiland
Ludwigs von Bayern, der sich als Rmischer Kaiser fhrte, alles erfllt
habe, was der Papst von ihm gefordert, nachdem er persnlich seine
Vergehen gegen die Kirche bekannt, gben er und der Abt Peter als
ppstliche Kommissare diesem besagten Frsten und der Frstin Margarete
Dispens wegen zu naher Verwandtschaft, erlaubten ihnen, die Ehe neu
einzugehen, legitimierten den bereits geborenen Prinzen Meinhard. Lsten
von Ludwig und Margarete allen Makel und Infamie, machten sie fhig,
Privilegien, Lehen, Gter, Rechte zu besitzen. Nhmen sie wieder auf in
den Verband der Kirche. Befreiten ihre Lnder vom Interdikt.

Dann ffneten sich berall in Bayern und Tirol die Kirchentren, die
viele Jahrzehnte durch geschlossen waren. Die Glocken, die so lange
stumm geblieben, schwangen an, tnten. Das Volk, ausgehungert nach
geistlicher Erhebung, strmte in die Kirchen. Mnner, Frauen,
herangewachsen, ohne je Gottesdienst und Glockenklang erlebt zu haben,
hrten zum erstenmal eine Messe, trieben staunend und beglckt auf den
frommen Wellen der tnenden, blendenden, pomphaften Anbetung des
dreieinigen Gottes.




Ich mache kein Geschft mehr mit den Habsburgern! rief heftig mit
seiner harten Offizierstimme Herzog Stephan von Niederbayern und warf
den Metallhandschuh klirrend auf den Tisch. Er stand auf, ging hin und
her. Aus dem eckigen Schdel schauten seine mitrauischen, kalten Augen
bsartig und zrnend auf den Bruder, den Markgrafen, der sitzengeblieben
war, den Kopf mde zum Tisch geneigt, da der Nacken noch massiger sich
wulstete. Der groe Saal in der Mnchner Hofburg war trotz allen Heizens
nicht recht warm geworden, drauen flockte ein widerwrtiges Gemengsel
von Schnee und Regen.

Also nicht, sagte der Markgraf, und seine Stimme war mhsam und
gedrckt. Ich lasse Ihnen dann, Herr Bruder, das andere Dokument
ausfertigen, wie wir es besprochen haben.

Herzog Stephan prete die Lippen zusammen unter dem strammen, dicken,
schwarzbraunen Schnurrbart. Er trat nher, erklrte seine Heftigkeit.
Wir sind in den vielen unangenehmen Erbfragen leidlich
auseinandergekommen. Wir haben einander nichts vorgemacht. Haben klar
und sachlich jeder sein Interesse gewahrt, ohne viel Worte und Flausen,
und einer dem andern nicht eingeredet. Es hat jeden von uns sechsen ins
Herz gebrannt, da wir die Lnder so haben zerstcken und zerteilen
mssen und Wittelsbach klein machen. Es war eben sonst kein Ausweg und
Auskommen, und wir haben nicht gro darber geredet. Aber, Herr Bruder,
und er hob die Stimme und knarrte anklgerisch, da Sie das tirolische
Testament fr Habsburg zugelassen haben, Sie, der Chef der
Wittelsbacher, das zwingt mir den Mund auf. Es ist eine rein tirolische
Angelegenheit, ich wei, und geht mich nichts an; ich hab' mich auch nie
in Ihre Angelegenheiten gemengt. Aber das beit mich zu arg, es giftet
mir das Blut, ich mu es Ihnen sagen.

Der Markgraf antwortete nicht. Seine harten, stechenden blauen Augen
schauten stumpf vor sich hin; er sah sehr viel lter aus als der nur um
weniges jngere Bruder. Wie er, der sonst zufuhr und keine Gegenrede
schuldig blieb, auch frder geduckt und stumpf schwieg, sagte Herzog
Stephan etwas gesnftigt: Sie knnen sagen, da es Sache Ihrer Frau
war, nicht Ihre; Sie knnen auch sagen, da die Lsung von Kirchenbann
und Interdikt eine gute Zahlung ist fr das zweifelhafte Stck Papier,
und Sie haben recht. Aber ich htte es doch nicht zugelassen an Ihrer
Stelle und von den andern Brdern auch keiner und der Vater auch nicht,
wenn er noch lebte. Der Markgraf hockte mde, sonderbar verloschen.
Solche Verlorenheit des sonst so harten und heftigen Mannes war dem
Bruder unbehaglich. Er sagte, und es klang fast wie eine Entschuldigung:
Ich glaub's, es ist kein Leichtes, die Maultasch zum Weib zu haben und
den Frauenberg zum Landeshofmeister.

Den Markgrafen, wie er allein war, fiel ein dumpfer, lahmer, hilfloser
Zorn an, wie er ihn nie gesprt. Was war denn das gewesen? Da sa er in
seiner Hofburg und sein jngerer Bruder stand vor ihm, der Stephan, der
Nichtige, der Mittelmige, der Wicht, mit seinem armseligen
Niederbayern, und schimpfte ihn zusammen wie einen Lausbuben. Und er --
ja wie in aller Welt kam denn das? -- er sa und lie es sich gefallen.
War es so weit mit ihm gekommen? War er so lahm?

Der Stephan hatte recht, das war es. Die Habsburger regierten zusammen,
berlieen dem klugen Rudolf die Fhrung. Er war ihr Haupt, sie waren
ein Ganzes, ihre ganze, groe Lndermasse einheitlich gesteuert.
Wittelsbach war zersplittert und zerstckt, in sechs Fetzen zerrissen.
Er hatte es geschehen lassen, er, der lteste. Und nicht nur das. Er
hatte den Habsburgern Vorschub getan. Mit dem Judenschlag war es
angegangen. Das war der erste Fehler gewesen. Htte er seine Juden
geschtzt wie der lahme Albrecht, niemals wre sein Beutel so leer und
zerlchert worden. Niemals htte er sein Bayern den sterreichischen
Finanzrten ausliefern mssen. Jetzt saen sie dick und zahlreich im
Land, kontrollierten, schalteten nach Belieben. berall, unter, neben,
ber dem wittelsbachischen der rote Lwe Habsburgs. Er fhlte die
riesigen, starren Augen des Vaters auf sich. Er schnaufte. Der Bruder
hatte recht.

Nicht darber grbeln. Der Fehler war gemacht. Die Juden waren tot; die
am Leben geblieben waren, lieen sich durch keine Versprechungen mehr
zurcklocken. Das Land war kahl und ohne Geld, und der Habsburger
verwaltete es.

Unsinn! Darum ging es ja gar nicht. Niemand hatte ihm das vorgeworfen.
Um das Testament ging es. Um das Testament, das sein Weib gemacht hat,
die Hliche, die Maultasch. Daran mute man sich klammern, das war
festzuhalten. Er war froh, vor sich selber alle Schuld ihr zuzuschieben.
Wie hatte der Bruder gesagt? Es ist kein Leichtes, die Maultasch zum
Weib zu haben. Nein, da dich Gottes Marter schnde, es ist kein
Leichtes! Er trieb sich hinein in eine dumpfe Wut gegen das Weib. Sie
war an allem schuld, auch an dem Verwaltungsvertrag mit den Habsburgern.
Da sa sie, die Hliche, die Maultasch, mit ihrem lcherlichen
Liebhaber, dem Frauenberger, dem Migeschaffenen, Qukenden. Da saen
sie und machten ihm sein Bayern kaputt. Das Gesptt Europas. Oh, er
hatte schon das rechte Gefhl gehabt damals, als sein Vater ihn auf und
ab schleifte und er sich weigerte, das Weib zu heiraten. Er starrte vor
sich hin. Schnaufte, knurrte, sthnte.

Ging zu Agnes. Die lag auf einem Ruhebett, der Falkenierer stand vor
ihr. Sie hatte den Handschuh an, spielte mit dem neuerworbenen Vogel.
Sie sah sogleich, der Markgraf brannte darauf, mit ihr zu sprechen. Aber
sie lie ihn warten. Beschftigte sich mit ihrem Falken, fhrte ihn vor,
dachte gar nicht daran, den Falkenierer wegzuschicken.

Ludwig drckte heraus, er habe heute wenig brig fr Falkenbeize und
Sport. Oh, der Herr Markgraf sei verstimmt? Habe rger gehabt? Das tue
ihr leid. Mit dem Herzog Stephan? Sieh da! Der Herr Herzog sei doch ein
ganz umgnglicher Herr. Er habe vom Testament der Markgrfin gesprochen?
Und von dem bayrisch-habsburgischen Verwaltungsvertrag? Davon nicht?
Doch, auch, freilich nur nebenher.

Wenn sie doch endlich den Kerl mit dem Falken wegschicken wollte! Aber
sie dachte gar nicht daran. Bedeutete es ihr so gar nichts, da Stephan
das gewagt hatte? Und war es ihr so nebenschlich, da er sogleich von
seinem Bruder weg zu ihr kam? Der Vogel ffnete die Flgel, schlo sie.
Sie streichelte ihn, gab ihm Htschelnamen. Ein groer heimlicher
Triumph war in ihr. War es endlich an dem? Brach es endlich los? Strzte
das Haus der Feindin, das mhsam errichtete, endlich zusammen?

Also von dem bayrisch-habsburgischen Vertrag habe Herzog Stephan
gesprochen? Nun, sie verstehe ja nichts von Politik. Aber, ganz ehrlich,
gewundert habe sie sich immer. Ein so groer, weiser Frst -- und lt
die Verwaltung seines Landes einem andern! Ganz beilufig warf sie es
hin, dem Falken die Haube abziehend, wieder aufsetzend. Stritt sogleich
wieder mit dem Falkenierer, wie lange man jetzt den Vogel hungern lassen
solle. Still jubelte sie: Allen Saft herausquetschen aus Tirol, ihn
fortleiten, nach Bayern, irgendwohin. Verdorren machen das Werk der
Feindin.

Ludwig sa gepret in groer Bitternis. Ein Narr war er gewesen. Selbst
die Kinder sahen klarer, worauf es ankam. Niemals htte er die
Verwaltung Bayerns weggeben drfen. Und htte er alle seine Stdte und
Einknfte dem Messer Artese verschreiben mssen. Das Testament
Margaretes, da war nun nichts zu machen. Aber den Verwaltungsvertrag,
der lief ab in wenigen Monaten: er wird ihn kndigen. Komme, was will!

Agnes lag auf dem Ruhebett, kmmerte sich kaum um ihn. Der Falkenierer
war noch immer da. Wre sie allein gewesen, er htte sich auf sie
gestrzt, sie geschttelt: Hre, lach' nicht ber mich! Ich sag' den
Vertrag auf! Ich schmei' die habsburgischen Beamten heraus! Lach' nicht
ber mich, Luder! Und er htte sie gepackt, da ihr das Lachen und die
Gedanken an den Falken vergangen wren. Aber der Falkenierer stand da
mit seinem dummen, respektvollen Gesicht, und Agnes sah gar nicht auf zu
ihm.

                   *       *       *       *       *

Konrad von Frauenberg verhandelte mit Rten des Bischofs von Brixen. Das
Bistum war ganz in Abhngigkeit des Markgrafen geraten, Konrad gab das
den Herren deutlich zu spren. Vergngt sa der qukende Mann, beschaute
aus kleinen rtlichen Augen die schwitzenden Herren, schikanierte sie
breit, behaglich. Warf ihnen schlielich, den armen Schluckern, mit
verchtlicher, grausamer Jovialitt ein paar Brocken hin. Sein Sekretr,
ein unscheinbarer Kleriker, protokollierte still, mit ngstlicher
Gewissenhaftigkeit.

Als die Herren gegangen waren, gab der Frauenberger dem Sekretr Weisung
fr etliche Briefe an Amtleute seiner eigenen Besitzungen. Immer wieder
mute man diesen Herren das gleiche vorkauen. Sie sollen doch -- da der
dreigeschwnzte Satan sie hole! -- nicht so schlapp sein. Nicht immer
Steuer nachlassen. Nicht immer die Termine fr Fronleistungen und Robot
prolongieren. Und diese alberne Gefhlsduselei in der Verhngung von
Strafen. Einen Dieb nur mit Pranger und Gefngnis zu zchtigen, weil er
aus Not handelte. Bldsinn! Jeder handelt aus Not. Dem Schuft wird die
Hand abgehauen wie bisher. Einen Wilderer schonen, weil er Familie hat!
Sein Wild hat auch Familie; hat jener es geschont? Der Kerl wird zu Tod
gehetzt. Das ist guter alter Brauch. Mit der modernen Humanitt wird auf
seinen Gtern nicht erst angefangen. Der Frauenberger qukte, der stille
Sekretr schrieb.

Allein dann, strich sich der hliche Mensch das farblose Haar zurck,
dehnte sich, legte sich auf Polster, knackte mit den Gliedern, ghnte,
faul und vergngt. Es war eine wohleingerichtete Welt, und er verstand
sich darauf. Er hat es, Gotts Marter, weit gebracht. Der Markgraf ist
fast immer auf Reisen, bei seiner Agnes, sonstwo. Warum auch nicht?
Warum soll er nicht der Maultasch die schne Agnes vorziehen? Er, der
Frauenberger, hat freilich viel Arbeit, wenn der Markgraf auer Landes
ist: die Maultasch und Tirol. Viel Arbeit, wste Arbeit. Aber
profitlich, das ist nicht zu leugnen. Auch knnte es ihm Ludwig nicht
leichter machen, mit ihm auszukommen. So spart ihm der Frst die Mhe,
sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Er beschaute seine dicken, roten, fleischigen Hnde. Er hat seine
Mnnlichkeit offenbar unterschtzt. Man mu nur selber daran glauben,
dann glauben auch die Weiber daran. Heute wird ihm jede kirr, die er
mag. Er rekelt sich, pfeift, grinst. Steht faul auf. Holt sich Tusche,
Pinsel, Pergament. Zeitvertreib fr freie Stunden, wenn man nicht
schlft. Heute hat er Lust, ja. Der Schenna hlt ihn fr stumpf. Glaubt,
er habe kein Aug' fr das, was schn ist. Der Schenna ist kein Esel;
aber wenn er meint, er habe allein den Sinn gepachtet fr das, was
schmeckt und rund ist und sich glatt und wohlig anfat, dann irrt er
sich, der Geck, der Zierbold! Er legt sich das Pergament zurecht. Ho! Er
wei sehr genau, worauf es ankommt bei der Schnheit. Er grinst, pfeift
sein Lieblingslied vor sich hin, das von den sieben Freuden des Lebens,
beginnt zu arbeiten. Sein breites Maul zieht sich wohlgefllig
auseinander, er schnalzt, schmatzt, gurgelt, qukt, rlpst. Strichelt,
pinselt. Bunt, suberlich. Frauenkleider, Brste, Gesicht. Vertieft sich
in die Arbeit.

Sieht auf. Margarete steht hinter ihm. Ihr wstes Antlitz ist sonderbar
lcherlich verzerrt. Sie hat offenbar gesehen; es hat durchaus keinen
Sinn, zu verstecken, zu leugnen. Er schaut sie frech an, verzieht den
breiten Mund, qukt, nachlssig: Ein Amulett.

Ein Amulett? Das? Das saubere, liebevolle Bild der Person? Er, naiv,
dreist: Ja, natrlich. Er habe Grenzstreitigkeiten mit ihr, sie wisse
doch. Dazu ihr unheilvoller politischer Einflu auf den Markgrafen.

Sie schaut ihn finster an mit ihren starken, erfllten Augen. Er hlt
stand, kalt, gleichmtig. Er solle ihr das Bild geben, sagt sie
schlielich.

Warum nicht? qukte er. Es sei ein nicht gerade frommes Amulett. Man
knne seinen Willen, seine Wnsche hineinhexen. Ihre Wnsche fr jene
seien vermutlich ebenso unangenehm wie seine eigenen. Er grinst, reicht
ihr mit einer tiefen, bertriebenen Verbeugung das Bild.

Allein, beschaut sie es lange, prft es. Die Haare sind gold, die Augen
starren, zwei blaue, dumme Flecke, aus der unbeholfenen Malerei.
Margarete zieht mit ihren geschminkten Fingern die Nadel aus ihrem Haar.
Langsam, sorgfltig zielend, stt sie durch die blauen Flecke. Das
Pergament hlt fest, sie bohrt, bohrt strker, bohrt langsam durch. Das
Pergament knirscht. Dann sind zwei kleine, ausgefranste Lcher an Stelle
der Augen.

                   *       *       *       *       *

Der Markgraf erhob sich, die Besprechung hatte kaum zehn Minuten
gedauert. Es war nur Geschftliches besprochen worden, Rede und Antwort
waren von eisiger Sachlichkeit gewesen.

Es bleibt noch die Angelegenheit mit Taufers, sagte Margarete.

Auf spter, sagte Ludwig ablehnend.

Es ist jetzt schon fast ein Jahr, da die Sache hinausgezgert wird,
sagte Margarete. Sie mu endlich erledigt sein.

Was also wollen Sie? sagte feindselig der Markgraf.

Die Sache mit Taufers war so, da Grenzstreitigkeiten entstanden waren
zwischen Agnes von Taufers und dem Frauenberger. Agnes versteckte sich
hinter dem Bistum Brixen, das sie belehnt hatte, nicht den Frauenberger.
Sachlich war dieser, formal sie im Recht. Der Markgraf brauchte nur zu
wollen, so lie Brixen seine Einwnde fallen, Agnes verlor die Gter.
Die Rte des Bischofs nahmen an, dies sei nicht in der Absicht Ludwigs;
so wagten sie, dem Frauenberger in diesem Punkt zh zu opponieren.

Margarete, in feindseliger Laune, brachte die Grnde vor, die gegen das
Bistum sprachen. Der Markgraf, ebenso verdrossen und vertrotzt wie sie,
zhlte die politischen Motive her, aus denen er jetzt den Bischof nicht
verrgern wollte. Sie maen sich, finster, entschlossen. Nie htten sie
sich, wre es um eigenen Besitz gegangen, mit solcher Erbitterung
widersprochen.

Es war bisher, trotz zunehmender Entfremdung, noch nie zu ernsthaftem
Streit gekommen. Mit keinem Wort je hatte der Markgraf Margaretes
Testament erwhnt, mit keinem Wort ihre Beziehungen zu dem Frauenberger.
Sie hatte den Namen der Agnes in seiner Gegenwart niemals genannt. Jetzt
erhitzten sie sich, bekmpften sie sich, drohend, trotzig, viel
heftiger, als der geringfgigen Sache angemessen war. Sie standen sich
gegenber, wtend. Das ruhige, mnnliche Gesicht des Markgrafen
verwilderte, verzerrte sich. Sie erwiderte mit erzwungener Ruhe,
bsartig, stachelig, hhnisch.

Bis er schlielich nicht mehr an sich halten konnte und ihr hinwarf in
hellem, spttischem Zorn: Das ist ja alles nur fr deinen Affen, den
Frauenberger.

Sie wurde ganz grau, schnappte, sah ihn haerfllt an. Sagte
schlielich, heiser: Ja, ja, ja! Ich leid' es nicht, da das Recht
kaputt geht fr deine Hur'.

Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu
schimpfen. Jetzt fiel er unfltig ber sie her: Hexe! Scheuliche!
Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus?
Ist es nicht Schande genug, da ich ein Weib haben mu, von Gott
gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist
auf Mnner aus, so wie du aussiehst? Pat ja gut zusammen, die Maultasch
und der Aff'! Er schlug pltzlich um, ging mit dicken Adern und so
verwildertem Gesicht auf sie los, da sie hinter den Tisch zurckwich.
Ich duld' es nicht! schrie er. Ich schlag' ihn tot! Ich lass' mich
nicht lcherlich machen!




Unterdes sa der Frauenberger auf Schlo Taufers. Aus seinen rtlichen
Augen blinzelte er Agnes an. Wir werden uns schon einigen, qukte er.
Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Hfen?
Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen. Mit seiner roten,
kurzen Hand ttschelte er ihre weie, lange. Agnes lchelte. Der war ein
Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.

Die Welt ist dumm, qukte er. Immer noch dmmer, als man denkt. Er
sa da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech,
hlich. Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernnftigen. Und
seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter
hinauf.

Er dachte brigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein
Tipfelchen entgegenzukommen.

                   *       *       *       *       *

Agnes ging herum, ein leises, tnzerisches Lcheln um die Lippen. Sog
ihren Triumph ber Margarete, schlrfte ihn, lie ihn auf der Zunge
zergehen. Knpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmtig,
unmerklich. Hhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.

Er war ein sparsamer, nchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu
verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, ber die Achsel,
Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre berlegt htte. Machte er den
leisesten Einwand; so bestand sie nicht, lie sofort ab. Allein sie
hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer hhnischen, kaum greifbaren,
tief verchtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Trnen,
Bitten, Beschimpfungen htten tun knnen. So stlpte sie allmhlich den
festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in
Prunk und Verschwendung, zermrbte, unterwhlte, was Margarete in der
Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte.

Pltzlich war auch Messer Artese wieder da. berall war er, an zehn
Orten zugleich, mit drei Brdern, die ihm sehr hnlich sahen,
unscheinbar, beraus hflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von
neuem die Hand auf Zllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige
Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit
grter Bereitwilligkeit lste er den Markgrafen aus den Verpfndungen
der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes
Verwaltungsabkommen kndigen. Freilich war, was er dem Florentiner
zahlte, dreimal hher als die Forderung der sterreicher. Schattenhaft
dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort.

Erschien auf Schlo Taufers. Wer, wenn er den kleinen, hflichen Mann
sah, htte gedacht, da er je so toben knnte, wie er es damals vor
Agnes getan? Sie saen sich gegenber, Agnes und er. Sie lchelten sich
zu, mit einem kleinen, wissenden Lcheln. Ei ja, schnes Land, reiches,
gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blhende, geordnete, werkttige
Stdte. Er zerrte, sie stie. Sie traf die Herzogin, die Hliche, wenn
sie stie. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es
trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu whlen, das Werk des
erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stie die
Hliche, er zerrte an dem toten Feind.

Prall im Fett sa Konrad der Frauenberger, mstete sich, sein nacktes,
breitmuliges Gesicht glnzte rosig. Er lag auf Polstern in dem
eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes sa ihm gegenber. Sonne kam
herein, er blinzelte, rekelte sich faul, ghnte, knackte mit den
Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach
Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr
den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden,
verwunderten Verchtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er
lachte schallend, derb vergngt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da
sie beharrlich schwieg, fing er an, zu ghnen. Streckte sich knackend,
schlief friedlich, behaglich ein, lrmvoll schnarchend. Nach einer
Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie sa noch immer im
entgegengesetzten Winkel, gekrnkt. Er stand faul auf, ging zu ihr,
packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie lie
es geschehen.

Er behandelte sie nach Laune. Lie sie wie einen Hund nach einer
Liebkosung zappeln. Ttschelte sie mit Versprechungen, die er lachend
und selbstverstndlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er htte
gelacht. Und es wre auch lcherlich gewesen. Wer war noch so hlich?
So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten.

Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schrg zu ihm
auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie
hlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig.
Konnte man ihm nicht bei, da seine freche, selbstsichere Fratze klein
wurde und voll Angst?

Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten.
Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sprote, keimte, wuchs.
Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib
den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen.
Er hat es satt bis dahin. Das Gesptt Europas. Er wird ein Ende machen.
In Mnchen. In _einem_ Aufwischen. Erst mit der habsburgischen
Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Migeburt.

                   *       *       *       *       *

Schau mich genau an, sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte
sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. Schau mich genau an. Du
wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben. Da Margarete
erstaunt hoch blickte, qukte er weiter: Ich bin kein schner Mann, ich
wei, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich
genau anzuschauen, da er mich in Erinnerung behlt. Ich werde nicht
mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der
Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche
Lanzen zur Genge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach Mnchen
befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche
Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand
nicht halten knnen. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr
da bin, sauf dich voll und trum' von mir! Messen brauchst du keine
lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch, lachte er und
haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden,
blinzelte sie an, ging fort mit gegrtschten Beinen.

Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt sa sie allein vor dem
massigen Tisch, prunkend in hellgrnem Damast, starr geschminkt. Vor ihr
lagen gehufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und dster, in
ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers.

Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines
Liedes?

Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstrt worden ein
erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und
Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Stdte, ihre bunten, lrmvollen,
menschenvollen, zweckvollen Stdte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut,
das sie ihnen mhsam zugefhrt, abgezapft werden, weggeleitet, nach
Bayern, irgendwohin, fr die Hure, planlos verstrmt. Der Markgraf hatte
ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mndern.
Gekndigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Stdte, ihr
Tirol entblt, leer, ausgesogen, hingeschmissen.

Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Hliche, Einsame. Der zu
ihr gehrte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht,
niedrig, ein Lump. Aber er gehrte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und
den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er
geschrien hatte in jener Unterredung: Ich schlag' ihn tot! Ich lass'
mich nicht lcherlich machen! Sie hrte seine Stimme, die heiser war
vor Ha, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die
rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach Mnchen, kam er nicht
zurck.

Ihr drres, altes Frulein von Rottenburg war im Saal, rusperte sich.
Der welsche Hndler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie
war froh an der Ablenkung, lie ihn kommen. Er stand vor ihr, dick,
olivfarbenes Gesicht, rasche, brunliche Augen. Er hatte vielerlei.
Bunte Vgel, feine, glnzende Tcher und Gewebe, edle Steine, seltene
Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen,
untersttzt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin.
Sie verweilte da, dort. Lie sich erklren, war nicht bei der Sache,
sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Flschchen, eine
kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schnformig, fest
verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine
Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich
eine groe Kostbarkeit. Aus _einem_ Stck, wie edel in der Form, in der
Rundung! Von einem groen Meister, ei ja. Und sie mge gndigst die
Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser,
der zweite Friedrich, und hier der jdische Knig Salomo, und da die
Knigin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein
starker, grausamer Frst der Berberei. Auch sei der Inhalt des
Flschchens eine groe Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne
Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon geniet, der
berlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne l. Ein
kostbares, edles Flschchen.

Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen,
gegen ihre Gewohnheit. Tcher, Gewrz, viel Schmuck, zwei von den bunten
Vgeln, auch das Flschchen.

Dann setzte sie sich zu Tische. A. A ganz allein, prchtig geschmckt.
Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen
Schsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kmmerlinge,
Vorschneider liefen. Sie a mchtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies
war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge
gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tcher, auch das Flschchen.
Sie fhrte mit ihren geschminkten Hnden die Speisen zum Mund: Brhe,
Fische, Braten, von dem kstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute
erstanden. Sie schlang, schttete Wein hinunter. Dmmerung brach herein,
schwere, riesige Kerzen wurden entzndet. Sie sa allein, plump, starr,
pomphaft. A.

                   *       *       *       *       *

Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er
hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, hfliches Schreiben
lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte.

Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem lie sie sich gehen,
verstrmte. Wirklich gekndigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen
und kaputt der schne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Stdten
Saft und Gedeih zufhrte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu
geben! Der Boden unter ihren Fen brckelnd wie Sand. Das Werk ihres
Lebens fort, entgleitend, wie flieendes Wasser, nicht zu halten. Hin
alles, blde, sinnlos vertan.

Schenna hrte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus
verzerrt; ihr Verstrmen, ihr Zusammenbruch ging ihm nher, als er vor
sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wre
dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges
straffer, du lebtest befriedet, glckhaft, und Tirol und das Rmische
Reich she anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne
Sentimentalitt!

Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner
hohen, mden, brchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen,
wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang,
der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegrnden. Unterzeichne sie
aber, so knne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des
Vertrags miteinreden zu lassen.

Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte,
packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen knne. Er
sei Tiroler; es kratzte ihn, da das lebendige, wache, rege, kultivierte
Tirol den schlfrigen, dumpfen, trgen, gewaltttigen Bayern solle
ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer
Entschlu, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein.
Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein
bichen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das
Mgliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das
Burggrafenamt zu bernehmen. Sie drckte seine lange, drre,
schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten.

Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend
stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche,
weitmulige Gesicht. Es bleibe ihm nur brig, unterzutauchen, ins
Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden knne; denn zu
sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im
gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das
Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er
habe mehr Spa an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen
Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen.

Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bsen Wnschen fr eine
gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das
mattfarbene Flschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon
koste, sei in der gleichen Stunde in der Hlle, im Paradies. Bevor er
zurcktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das
berlegen.

Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos,
geschmacklos; hm, das sei wohl zu berlegen.

Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer
geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm
das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt.

Er, ungeheuer massig in der Rstung, qukte aus dem vielen Eisen heraus,
er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich
den eisernen Arm, klopfte sie, qukte: Unsere Maultasch. Zog mhsam
ab, eisern, klirrend, froschmulig grinsend. Pfiff sein Lied.

Von unten klangen die Hrner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf
hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied
gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote.

                   *       *       *       *       *

Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren.
Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft
ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurck.

Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer,
den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den
kurzhaarigen Schdel. Er fhlte sich sehr jung, seine harten, blauen
Augen blickten frischer als sonst aus dem brunlichen, mnnlichen
Gesicht. Es war ein guter Entschlu gewesen, die sterreicher
hinauszuschmeien. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land.
Fort mit dem frechen roten Lwen Habsburgs von dem blauen
wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen,
reinen Tisch zu machen.

Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau
zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm
austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht.
Dann wird er Luft haben, atmen knnen. Margarete wird er kaum mehr
sehen. Soll sie in ihrem Schlo Tirol sitzen; er wird in Mnchen,
Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es fr gut hlt. Stimmt
sie zu, schn; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund
mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen
Manier, die ihn so reizt.

Da er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, da er so genau
wute, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger
als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem
getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen
grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit,
plrrend, rosig in seiner hellen Rstung, blinzelte schlau und behaglich
aus seinen rtlichen Augen in die besonnte, vergngte Welt -- und war
doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der
Frauenberger erzhlte unfltige Witze, machte freche Anspielungen.
Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie fhrten ein
derbes, grobes Soldatengesprch, unterhielten sich ausgezeichnet.

Dann machte man, sehr frh, Mittag. Man a im Freien, reichlich, trank,
legte sich eine Weile nieder. Dann trank man nochmals, sa wieder zu
Pferde. Ludwig hatte jetzt auch den Helm auf, er wollte so durchreiten
bis Mnchen. Der Frauenberger hielt sich in der Nhe des Markgrafen, der
suchte ihn geradezu. Man ritt los. Man war jetzt in der Ebene, die Berge
verdmmerten rckwrts, die Ebene war weit, einfrmig, zuweilen
flimmerte in der Sonne ein kleiner, unansehnlicher Rittersitz, ein Hof,
ein ziemlich armseliges Dorf. Man ritt frisch zu, man wird noch vor
Abend in Mnchen sein.

Die Unterhaltung zwischen dem Markgrafen und dem Frauenberger wurde
lahmer, stockte. Er fhlte sich merkwrdig mde, der Atem ging ihm
schwer, die leichte Rstung drckte ihn. Hatte er zuviel getrunken?
Rechts am Weg tauchte ein Dorf auf, die Huser waren so sonderbar rund,
schmutzigbla trotz der hellen Sonne, schichteten sich komisch
bereinander. Jemand sagte: Der Ort heit Zorneding. War das die
Stimme Gufidauns oder des Kummersbruckers?

Pltzlich nestelte er am Helm, am Panzer, fiel vornber zur Seite vom
Pferd, der halb gelste Helm schlug herunter. Der Kummersbrucker ritt
zu, ein Knabe, sie fingen ihn auf. Der Helm kollerte vollends in Staub,
das Gesicht war fahl, doch nicht weiter entstellt, der Unterkiefer hing
herab. Der massige Nacken des Leblosen sah gar nicht mehr gefhrlich
aus, nur dumm und plump. Sie rieben ihn, beteten. In die dumpfe
Betretenheit der Herren hinein quarrte die helle, breite, gemeine Stimme
des Frauenbergers: Seltsamer Zufall. Auf freiem Feld in der Nhe von
Mnchen. Genau wie sein Vater. Berchtold von Gufidaun sah ihn auf und
ab, finster, drohend. Der Frauenberger, frech blinzelnd, hielt stand,
qukte: Wnschen der Herr etwas? Gufidaun kehrte sich langsam ab,
schwieg.

In der Margaretenkapelle der Mnchner Hofburg wurde der Leichnam
aufgebahrt. Viele Kerzen brannten. Ulrich von Abensberg, Hippolt vom
Stein, fnf andere Barone hielten Totenwacht. Auch der Frauenberger war
darunter. Doch der begann bald zu ghnen, zog sich zurck. Streckte sich
auf sein Bett, pfiff sein Lied, knackte die Glieder, rlpste, schnalzte,
schlief friedsam ein.




                              Drittes Buch




In Landshut in seiner Hofburg hatte Herzog Stephan eben Weisung gegeben,
wer von seinen Herren ihn nach Mnchen begleiten solle. Er wollte seinen
ltesten Bruder begren, den Markgrafen, der den glckhaften Entschlu
gefat hatte, die Habsburger aus seinem Land hinauszujagen. Herzog
Stephan freute sich stolz, da recht eigentlich er diesen Entschlu
angestoen hatte. Er reckte den Kopf mit dem kurzen, dicken, nubraunen
Schnurrbart; sicher hatten seine krftigen Worte jngst Ludwig den
Rcken gesteift. Und jetzt wird er nach Mnchen gehen und zusehen, ob er
nicht einen engeren Zusammenschlu der Wittelsbacher erwirken kann.
Warum soll es -- Pest und geschwnzter Satan! --, wenn Ludwig und er
festen Willens sind, nicht glcken, Wittelsbach unter _ein_ Dach zu
bringen, so wie die Habsburger zusammengeschweit sind? Sicherlich
streiten die sich wie Hhne, wenn sie ohne Zeugen untereinander Rats
pflegen: aber reprsentieren sie nach auen, dann stehen sie wie _ein_
Mann, und es geht eitel Honig von einem zum andern. Es war gut, da
Ludwig sich endlich aufgerafft hat. Er wird jetzt nicht locker lassen,
bis das zerfetzte Wittelsbach wieder zusammengeflickt ist.

Man brachte die Rstung, begann, ihn fr die Reise zu wappnen. Da kam
ein Kurier aus Mnchen, meldete den Tod des Markgrafen. Herzog Stephan
stand starr, den Mund halb auf, die Finger merkwrdig gespreizt. Dann
mit einem heftigen, knarrenden Kommando schickte er seine Leute weg,
lief, der halb angekleidete Mann, hin und her, machte jhe, herrische
Gesten, sein Gesicht arbeitete, furchte sich drohend, glttete sich, der
kurze, dicke Schnurrbart stieg mit der zuckenden Lippe.

Er sah Mglichkeiten, die mannigfachsten, schillernd. Hier winkten sie,
dort. Der junge Meinhard war ein Knabe, schwach, dmmlich, gutmtig;
hing zudem schwrmerisch an seinem, Stephans, Sohn, dem Friedrich.

Ja, in Stephans Hnden lag jetzt das Schicksal Wittelsbachs. Beide
Bayern vereinigen. Die Widerstrebenden, die Brder, den Hollnder,
Brandenburger, die Pflzer zusammenzwingen. Sie muten doch sehen, sie
muten sich doch fgen. Wer waren sie denn, diese Ludwig, Albrecht,
Wilhelm, Ruprecht? Nichts waren sie; aber Wittelsbach war viel, war
alles. Es wird gute Kraft von ihm ausgehen, sein Glaube, sein ehrlicher,
frommer, reiner Wille wird in sie berstrmen, sie werden sich
berzeugen lassen.

Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die knstlich straffe,
soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem
wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann,
das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Brde war zu
schwer fr ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war
ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen mssen:
wie sollte er, der Schwchere, das zerstckte, verstmmelte, zu Ende
bringen?

Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte
Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm
gesprochen. Die Brder hatten sich alle sechs nie enger aneinander
geschlossen, jeder schaute dem andern mitrauisch auf die Finger, da
der kein zu groes Stck des Erbes packe. Aber Ludwig war ein
anstndiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte
die Maultasche geheiratet, dem Haus ein groes Opfer gebracht. Nun war
er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblate um die
Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.

Er erinnerte sich, wie er jene ppstliche Bulle gehrt hatte, die den
Bannfluch ber den Vater verkndete: Seine Shne treffe dieser Fluch:
Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und
der Vernichtung anheimfallen. Er war ein kleiner Junge gewesen damals,
er hatte unter den groen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes
verstanden, aber sie hatten ihn berschauert und nicht mehr losgelassen.
Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Lnder
zerfallen. Die Brder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten,
in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die
Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brdern. Sie
waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden,
blutigen Seeschlacht an der Mndung der Maas geschlagen, sie war zu
ihrem Schwager geflohen, dem Knig von England. Sie war eine hochmtige
Dame gewesen, schwermtig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich
zusammennehmen mssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart.
Nun war sie gestorben, mde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm,
der lichteste, begabteste, liebenswrdigste der Brder, war in Tobsucht
und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem
fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging,
wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfllung. Er
starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Mglichkeit und
die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Sdmark zu
halten. Er sah auf seine Hnde; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie
soll er mit diesen Hnden --?

Unsinn. Er hat zu viel schweren Wrzwein zum Frhstck genommen, das ist
alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trb. Waren seine
Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und
leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhngig
machen knnen. Er straffte sich, fest ber der gepreten Lippe stand der
kurze, dicke, nubraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten
und gro machen in der Welt.

Er lie sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anla, nach
Mnchen zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er
befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.

Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehrt. Er barst
beinahe von Plnen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit
schwrmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mchtiger als
sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles
Haar tief ansetzend ber der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn,
hatte von frhester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung
geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er
gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte
er sich gebumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust
und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Ro
Wittelsbach zu zhmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefhl
dafr, er wird es zwingen.

So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor
seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer,
zerspalteter Liebe. Er hielt ihn fr begabter und begnadeter, als er
selber war, sah in ihm seine Erfllung, liebte sogar seine Raschheit,
seinen Jhzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn
der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden
Ausbrchen zwischen ihnen.

Stephan erffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend,
Markgraf Ludwig sei pltzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung
nach Mnchen reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben.
Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschfte fhren, in
wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach Mnchen schicken. Friedrich
berlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung berlassen:
was stak dahinter? Er ma ihn mitrauisch. Ah, der Herzog frchtete
seinen Einflu auf Meinhard, wollte allein nach Mnchen, Meinhard von
ihm abdrngen, ihn dort ausschalten.

Er warf den Kopf zurck, glitt mit raschen, braunen Augen ber den
Vater, sagte hochmtig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde
seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverstndlich auch
nach Mnchen reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch
ein Knabe Kmmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der
Junge verrckt sei. Die andern standen grougig, gestreckt von
Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anstndige
Frst und Herr msse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte
drohend auf ihn los. Der Junge stand zunchst, dann wandte er sich,
wischte hinaus. Warf sich -- niemand wagte ihn zu halten -- auf ein
Pferd, jagte davon, nach Sden, nach Mnchen.

Der Herzog lachte, zuerst rgerlich, dann wohlgefllig. Seine Herren,
froh ber diese Lsung, lachten mit. Ein Teufelsjunge, der Friedrich!
sagte der Herzog. Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!
wiederholten seine Herren.

Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn
kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bumende Wittelsbach
kleinkriegen?

Er stieg zu Pferde. Schwer mit groem Tro ritt er die Strae, die Prinz
Friedrich vorangejagt war.

                   *       *       *       *       *

Dem jungen Meinhard machte der Oberjgermeister, Herr von Kummersbruck,
Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig,
umwegig. Verlorene Mhe. Der Achtzehnjhrige begriff durchaus nicht, so
da Herr von Kummersbruck schlielich schlicht und geradezu erklren
mute: Der Markgraf ist tot.

Meinhard schaute ihn verblfft aus groen, runden, treuherzigen Augen
an, wlzte die Nachricht in seinem gutmtigen, dicken Kopf, schwitzte.
Er wute durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was
er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr
anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er htte sich als kleiner
Landbaron viel behaglicher gefhlt. Eigentlich war es wohl traurig fr
das Land und fr alle, da sein Vater tot war. Denn er war tchtig und
energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz
Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwrtig war.
Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn
gekmmert. Dieser Tod war ihm gleichgltig, kostete ihn nur rger,
forderte Mhe, Nachdenken.

Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu
fhren pflegte, den kleinen, langgeschwnzten Siebenschlfer, den er in
geduldiger Arbeit dressiert hatte, so da er auf den Namen Peter hrte
und auf seinen Pfiff mit ihm a, mit ihm schlief. Er betrachtete das
Tier aus groen, verdrossenen, unglcklichen Augen, streichelte es.

Sehr langsam nur lste er sich aus seiner blden, verworrenen
Befangenheit, als er sah, da man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als
vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und hchsten Beamten bis
hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies
langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu
erhrten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich
widersprechende, schaute amsiert zu, wie man sie beflissen ausfhrte,
er lie seine Leute springen, ergtzte sich, wie ihre Gesichter immer
gleich unterwrfig und ohne Widerspruch blieben.

Nur _einer_ lie sich offenbar von seiner neuen Wrde durchaus nicht
imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann
sah, ein unbehagliches Gefhl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit
dem Froschmaul, dem weilichen Haar, den rtlichen Augen, war ihm immer
gefhrlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht.
Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, qukte herablassend,
vterlich: Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den
Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen. Er nahm mit seiner
fleischigen, gefhrlichen Hand die dicke, gutmtige des Jungen,
blinzelte ihn an, gar nicht ehrfrchtig, gar nicht untertnig, eher mit
einer scherzhaften, spttischen berlegenheit, drehte sich um, ging,
pfiff sein Liedchen.

Da langte strmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang
sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war
erlst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzhlte die Geschichte
mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke
Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strmte aus,
ri den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen
blauen, schlichten, runden Augen entzckt zu ihm aufschaute, sich
glcklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schlo sich ganz
auf, erzhlte auch von der unbehaglichen, berheblichen Art des
Frauenbergers. Friedrich schumte, stampfte. Erklrte, das werde er
gleich haben. Lie den Frauenberger rufen. Sagte ihm ber die Achsel,
hoffrtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in Mnchen nicht,
beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits
auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen
Herren an, langsam, lchelnd, frech, gutmtig-hhnisch, sagte, er htte
gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier fr den ihm so huldvollen
verewigten Markgrafen mitgeholfen, fhle sich aber sehr geehrt, da man
ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Frstin bertrage. Er hoffe
nur, fgte er vterlich besorgt hinzu, da die jungen Herren hier in
Mnchen ohne ihn zurechtkommen wrden. Er blinzelte vom einen zum
andern, ging.

Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und
bemhte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger
dazwischentreten knnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus
nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen
Regierungsmethode, die den Brger ausspielte gegen den Adligen, die
Stdte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zgernde, vorsichtige
Hndler- und Krmerpolitik, die den Nichtritter fr einen vollen
Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt
stand -- dies galt ihm fr ausgemacht -- auf dem christlichen Ritter,
auf dem Frsten, der keine andere Schranke kannte als die
selbstgewhlten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Frsten
waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren
Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter
ist, ducken, da es nur mehr der Schemel ist fr den Fu des Frsten.
Was Geld! Was Handel! Was Stdte! Die alten, lichten Gesetze der
Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.

Der junge Meinhard hrte schwrmerisch den berschwnglichen
Ausfhrungen des andern zu. Der kam jetzt mit praktischen Vorschlgen.
Meinhard solle diese Grundstze in seinen Lndern verwirklichen. Noch
gebe es in Bayern Barone der alten Art, die das Brgergeschmei
zeitlebens mit geziemender Verachtung traktiert htten. Meinhard solle
mit ihm und einer Anzahl dieser Aristokraten eine Jagd- und
Turniergesellschaft aufbauen auf den strengen Statuten frherer
Rittergesellschaften wie der Artusrunde und hnlicher hochadeliger
Klubs. Aber dieser Bund solle keineswegs nur sportlichen Spielen dienen,
es solle von ihm eine Erneuerung der ganzen Nation ausgehen. Vor allem
auch solle an Stelle eines Kabinetts alter, vertrockneter Theologen und
Beamten dieser Bund die eigentliche Regierung fhren.

Meinhard war mit ganzer Seele dabei. Er hatte Angst gehabt vor dem
Regieren; jetzt war er befreit und glcklich, da sich das so angenehm
anlie, da man es erledigen konnte in Gesellschaft sportfreudiger
Kavaliere und Kameraden, unter Fhrung des genialen, herzlichen,
freundhaften Friedrich.

Sie setzten sich zusammen, machten die Liste der Barone, die in den Bund
aufgenommen werden sollten. Ulrich von Abensberg, Ulrich von Laber,
Hippolt vom Stein zuerst. Dann der Hhenrain, Freiberg, Pinzenau, der
Trautsam von Frauenhoffen, Hanns von Gumppenberg, Otto von Maxlrain.
Mancher Name klang nicht ganz unbedenklich, erforderte, da man ein
Langes und Breites erwog. Der junge Herzog hatte sein Murmeltierchen aus
der Tasche genommen; es sa auf dem Tisch, ugte aus dickem Kopf auf die
Schreibenden, wischte mit dem Schwanz hin und her. Die beiden Jungen
arbeiteten, da ihnen die Schdel rauchten.

Als am Abend Herzog Stephan eintraf, war die Regierung Bayerns so gut
wie vergeben. Friedrich hatte den Vetter dringlich gewarnt, sich vor
Herzog Stephan bis ins Letzte vorzusehen. So fand der den Neffen scheu,
strrisch. Er wollte Unterschriften von ihm unter gewisse prinzipielle
Fragen, Grenzangelegenheiten, Zollsachen. Meinhard wich aus, sagte, auf
Rat Friedrichs, er wolle zunchst warten, bis sein Vater unter der Erde
sei. Herzog Stephan wute sehr wohl, da Friedrich hinter diesem
Widerstand stak. Wtete, freute sich.

Dann kam Margarete und am gleichen Tag, sehr prunkvoll, Herzog Rudolf
von sterreich. Mit ungeheurem Geprng wurde der Markgraf bestattet.
Wieder sah Agnes von Flavon, da Schwarz sie am besten kleidete. Von dem
Katafalk des Toten weg, von der Markgrfinwitwe weg, von den Pfalzgrafen
bei Rhein, den Herzogen beider Bayern, sterreichs weg gingen alle Augen
immer wieder zu ihr.

An dem jungen Meinhard zerrten Margarete von Tirol, Herzog Stephan von
Niederbayern, Herzog Rudolf von sterreich, wollten Regelungen,
Vertrge, Anerkenntnisse, Unterschriften. Der gutmtige, leicht lenkbare
Junge, unter dem Einflu Friedrichs, blieb fest. Am dritten Tag nach der
Bestattung des Markgrafen wurde der Artusbund bayrischer Ritterschaft
gegrndet. Meister waren Meinhard und Friedrich, Obersten die Herren von
Abensberg, von Laber, vom Stein. Mitglieder zweiundfnfzig ober- und
niederbayrische Barone. Seiner Mutter, den Herzogen, die an ihm zerrten,
erwiderte Meinhard, er sei durch Rittereid gebunden, nichts Endgltiges
zu sagen und zu tun, ohne seine Freunde und Vertrauten, die Herren vom
Artusbund, zu befragen. Verblfft standen Stephan, Margarete, Rudolf.
Wer war diese Adelssippschaft, die die Hand auf den Jungen gelegt hatte?
Mitrauisch beschnffelte einer den andern. Nur Stephan witterte
sogleich das Rechte. Der Teufelsjunge! wtete er, vergngt.

Ulrich von Abensberg war verheiratet mit der lteren Schwester der Agnes
von Flavon-Taufers. Durch ihn lernte Friedrich Agnes kennen. Schwrmte.
Agnes sah wohlgefllig auf den jungen, schlanken, trotzigen,
ungebrdigen Prinzen. Sie bernahm das Patronat des Artusbunds. War
zugegen, als die Fahne des Bundes geweiht wurde, die ihre Farben trug.
Sie sagte zu Friedrich: Ihre Politik, Prinz Friedrich, kann man mit dem
Herzen mitmachen. Er sprach die Formel vor, aus dem Innersten, als sich
die Fahne vor ihr senkte: _Pour toi mon me, pour toi ma vie._ Sie
ging unter den klirrenden Herren herum, hatte liebenswrdige Worte, fr
jeden einzelnen persnlich zugeschnitten. Ihre lnglichen, blauen Augen
waren oft und einverstndnisvoll auf dem schlanken, schwarzen Friedrich,
ihre schmalen, khnen Lippen lchelten dem Abensberger zu, mit den
langen, weien Hnden streichelte sie das Murmeltier Herzog Meinhards.
Alle waren begeistert und beglckt.




Darf ich Eurer Durchlaucht Bericht erstatten, sagte der Frauenberger
zu Margarete, wie der Markgraf starb?

Margarete war sehr dick geworden. Schlaff hing, in wsten Falten, von
dem ffisch sich wulstenden Maul die Haut herunter; weiter oben war sie
voll von Rissen und Warzen, die die Schminke nicht mehr verdecken
konnte.

Ja, sagte der Frauenberger und feixte, der Markgraf war vergngt wie
selten, als wir aufbrachen. Wir hatten getrunken, er und ich. Ich hielt
mich immer bei ihm. Er fiel vom Pferd zur Seite. Er war nicht sehr
entstellt. Es ist sonderbar, da ihn in der Nhe Mnchens der Schlag
rhrte. Ganz wie den Papa.

Margarete erwiderte nichts. Ihre sonst so erfllten Augen blickten starr
und leer. Na, na, Herzogin Maultasch, qukte Konrad, wir werden es
mit dem Meinhard nicht schwer haben. Ein bichen scheu, aber ein guter
Kerl. Der Niederbayer hetzt ihn auf, der Friedrich, der Schwarze, der
dumme Junge. Abwarten! Nicht bange werden. Einen Ku hab' ich wohl
verdient, grinste er. Aber wie der Atem seines breiten Mundes ihr nher
kam, zuckte sie zurck, berschauert. Na, dann nicht, sagte er
gemtlich.

Mit Herzog Rudolf von sterreich war auch der uralte Abt Johannes von
Viktring nach Mnchen gekommen. Er war nun ganz wackelig geworden,
ausgehhlt, zitterig, hielt die meiste Zeit die Augen geschlossen,
mummelte gelegentlich Unverstndliches vor sich hin. Er streichelte
Margarete, seine Haut war noch trockener als die ihre, er nannte sie:
Mein gutes Mdchen.

Spter lie sie ihn zu sich bitten. Erzhlte ihm von dem mattfarbenen
Flschchen, ihr Gesprch mit dem Frauenberger, Wort um Wort. Es war
keine Beichte und mehr als eine Beichte. Er hockte da, verschrumpft,
erloschen, sie wute nicht, ob er verstand. Dies war auch gleichgltig;
wichtig war nur, vor lebendigen Ohren zu reden. Doch als sie geendet,
zitierte er einen antiken Klassiker: Viel Furchtbares ist in der Welt,
doch nichts furchtbarer als das menschliche Herz.

Agnes wich dem Frauenberger aus, war kalt zu ihm, spttisch. Er sagte
behaglich: Sie sind schlechter Laune, Grfin? Mein Gesicht gefllt
Ihnen nicht mehr? Dann klopfte er sie auf die Schulter, grinste,
qukte: Bist doch eine Gans, Agnes. Hltst dich an die Jungen, die
Gecken. Glaubst, das alte Schiff ist leck. Bist eine gute, dumme Gans,
Agnes. Er ttschelte sie, tastete sie ab. Da sie sich ihm entzog,
lachte er gemtlich, streckte sich aufs Polster, drehte sich um, ghnte
lrmvoll.

                   *       *       *       *       *

Herzog Rudolf, der Habsburger, griff gierig nach den Dokumenten, die ihm
sein Kanzler, der kluge Bischof von Gurk, bedeutsam feierlich
berreichte. Er vertiefte sich in sie, las wiederholt, fieberisch glhte
der sonst so ruhige, beherrschte Mann. Er streichelte die Papiere. Hrte
auf die Erklrungen, die ihm der Kanzler, der juristisch ungewhnlich
gebildete Bischof, vortrug. Von wie ungeheuern staatsrechtlichen Folgen
die Auffindung dieser Dokumente sei. Er las nochmals. Kte feierlich
fromm die Pergamente, kniete nieder, betete. Drckte dem Bischof, der
gesammelt dastand und sich kein kleinstes Lcheln gestattete, voll
heftigen, erregten Dankes die Hnde.

Herzog Rudolf hatte von seinem Vater den harten Tatsachensinn geerbt,
den klaren Blick fr Realitten, Mglichkeiten. Er wute, da Habsburg
noch nicht stark genug war, die Verpflichtungen der Kaiserwrde zu
tragen, ohne im Innersten Schaden zu nehmen. Die Wahrung des
kaiserlichen Ansehens zwang zu Zersplitterung, sog am Mark. Wittelsbach
und Luxemburg hatten es spren mssen. Es gab nur eines: vorlufig auf
diesen ueren hchsten Glanz klug verzichten, sich aber im Innern so
festigen, da die Kaiserkrone schlielich wie von selbst Habsburg als
dem Strksten zufallen mute. Dies war die Politik, die Albrecht mit so
groem Erfolg vorgelebt hatte.

Rudolf sah klar und nchtern, da es fr ihn einen andern Weg nicht gab.
Eisern zwang er sich, dieses Ma zu halten. Aber er besa nicht den
ruhevollen Sinn seines Vaters, des Lahmen, der am Bewutsein der realen
Macht sein Genge hatte. Ihn brannte es, da ein anderer da war, der vor
ihm sa, der sein Lehensherr war, der sich, und mit Recht, Rmischer
Kaiser nannte. Wer war denn dieser Karl, der Duckmuser, der hagere,
hohlwangige, mit seinem krausen, schmutzigen Vollbart? Er besa Land wie
jener, hatte wie jener Universitten gegrndet, Kathedralen, Palste,
die Universitt Wien, den groen Dom. Jener hatte rechtzeitig die
glckliche Gelegenheit gepackt, sich die Krone zu sichern; jetzt wre es
Unsinn gewesen, Kraft und Macht um dieses uere Zeichen zu verzetteln.
Aber alle Vernunftgrnde hinderten nicht, da es Rudolf kratzte, nagte,
brannte, schnitt, den andern ber sich zu wissen.

Er war zu stolz, seinen Kanzler solche Gedanken merken zu lassen. Aber
der kluge Bischof erriet sie, erwog, wlzte in sich, wie er dem Fieber
seines Herrn die khlende Salbe schaffen knnte.

Pltzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von
Viktring, mit dem er gern zusammensa, hatte ihm eben gute Nacht gesagt.
Der Abt schlo sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu
arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer
genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er
nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines
Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid
schwren mssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen
Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt
als letzte Wahrheit wie das Evangelium.

Wie jetzt der Abt sich zurckgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: Was
der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur
Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden
anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt
auf Papier. Der Bhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um
seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in
Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?

Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog
Albrechts. Wie da der Abt verkndet hatte: _Defunctus est Albertus de
Habsburg, imperator Romanus._ Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in
Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag
und Nacht brenne es. Der Uralte hrte zu mit erloschenen Augen. Der
Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.

Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei
seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestbert. Verstaubt waren
sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die kstlichen Pergamente.
Unbegreiflich.

Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit
mehr als blo historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang
waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mchtigen Sockel
zu stellen, unmittelbar neben den Rmischen Kaiser.

Fieberisch erregt prfte Rudolf die Papiere. Es waren fnf Urkunden. Sie
waren ausgestellt von Rmischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem
Vierten Heinrich, gingen zurck bis auf Csar und Nero. Sie bestimmten,
da Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen
Frstengeschlechtern, befreiten es von lstigen Pflichten, begabten es
mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem,
oberstem und treuestem Frsten.

Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst,
feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurck. Da hob
Rudolf die Papiere vom Tisch, drckte sie an seine Brust, sagte fest, er
sei gewillt, die Wrden und Verantwortungen, die Gott durch diese
Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.

Mit gewaltigem Schwung verkndete er aller Christenheit die Auffindung
dieser Hausprivilegien. Groe Gesandtschaften an Papst, Kaiser,
smtliche Hfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen
Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, lie das Zimmer, in dem er geboren
war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese
Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.

In den Kanzleien der deutschen Frsten gab es verblffte Gesichter. Die
Juristen des Bhmen, des Brandenburgers, des Pflzers schrieben sich,
kamen persnlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden,
schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es
auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist
Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es
geprgt, klar, unzweideutig: Die sterreichischen Hausprivilegien sind
Schwindel, lahme Flschungen. Allein man traute sich nicht, das
Gutachten des Welschen zu verwerten.

Tief mivergngt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu.
Fast verleidete es ihm seine Reliquien, da nun auch der Nebenbuhler
solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der
Schriftstcke, vor allem die Urkunden Csars und Neros schienen ihm
trotz ihrer einwandfreien Latinitt bedenklich. Aber gleichwohl, sogar
nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber
nicht, die Pergamente schlechthin fr Flschungen zu halten.

Herzog Rudolf sa ber seinen kstlichen Dokumenten, las sie wieder und
wieder, vertiefte sich, prgte jeden Schnrkel, jede Faserung des
Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu.
Einverstndnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der
Herzog die Privilegien in sein Credo einschlo.

                   *       *       *       *       *

Margarete blieb, nach Tirol zurckgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden
Erstarrung. Sie kmmerte sich nicht um die Regierungsgeschfte. Die
Dekrete muten durch Kuriere dem jungen Herzog nach Mnchen geschickt
werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die
Rte regierten auf eigene Faust, zgernd, mit halben Manahmen; denn man
wute nicht: wer wird nun endgltig die Herrschaft an sich reien,
Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Mnchner Artusrunde? Die
wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.

Margarete war ausgeschpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so
unerhrter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert
worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede
erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft,
Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und
Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben
Freuden, von denen sein unfltiges Lied grinste, und sonst nichts auf
der Welt.

Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, hliche Frau ihr
Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie sa viele
Stunden bei Tisch, in ihren Kchen wetteiferten burgundische,
sizilianische, bhmische Kche. Aus groen Bechern trank sie schwere,
hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mute sie kosten.
Seltene Fische, Vgel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung,
gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Wrzwein. Unersttlich
verlangte sie, da man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst,
sie knne etwas bersehen, etwas versumen. Sie ging frh zu Bett, stand
spt auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das
beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewhnt, sich zu strecken,
lrmvoll zu ghnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke,
alternde Frau, grauenvoll hlich, schnarchend. Ihr hartes,
kupferfarbenes Haar zottelte in sprden Strhnen. ber dem Gesicht trug
sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus
Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jnger.

Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die
Maultasch war ein vernnftiges Weib, hatte sich berzeugen lassen, hatte
erkannt, da seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr
anerkennend die Schulter. bernahm die Organisation ihrer Freuden.

Seltsame Gerchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um
nchtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster
von Schlo Tirol so eingerichtet, da er in den Hof niedergelassen, der
Besucher in ihm emporgewunden werden knne. Im Fllturm des Schlosses
faulten die Gnstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man
rmpfte die Nase ber die Privilegien des Passeier Tals, seine
Schildhfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.

Die Herzogin ging tiefer nach Sden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz
wei; unten, schwrzlichblau, dunstete in mittglicher Sonne der
weite See. Verfallene Steinstufen fhrten hinunter, zwischen
Granatapfelbumen. Festlich auf groer, bunter, geschmckter Barke glitt
die Hliche ber das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen
flirrende Fische, gleichmig schumten die Ruder. Aus dem Bauch des
Schiffes, whrend sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.

An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige,
gewaltttige Junge, gelblichweies, leidenschaftliches Gesicht, kurze
Nase unter raschen, groen, dunklen Augen, siebzehnjhrig, hatte sie in
Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jngere, der
mchtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerstet. Der kleine
Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrnstigen Kmpfen der
Castelbarcer als einziger Trger seines stolzen, reichen Namens
briggeblieben. Er selber hatte wtig in mehreren Scharmtzeln
mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Gter in den
Hnden der Gegner; er hatte sich an den Hof des groen Veronesers
geflchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte
Nachfahr seines uralten Hauses. War malos verwhnt, jeder Wallung bis
an die uerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes,
gelblichweies Knabengesicht.

Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des groen della Scala die
Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfrchtigen Gersteten
und sich senkenden Fahnen, unter Glockengelut, starr geschminkt, in
mchtigem, stein- und goldberstem Prunkkleid, abenteuerlich hlich.
Er sprte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte
natrlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehrt, die um sie
gingen, wie sie, die Unersttliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren
zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in
grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hie sie in Italien. Es
schmeichelte ihm, da sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die
er, vielleicht, seine Gegner erdrcken konnte. Ihn reizte das
gefhrliche Gercht, das um sie ging. Er war jung, ein spter Abkmmling
eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Hlichkeit.

Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem
Knaben Aldrigeto. Es war brtend hei, sie waren auch die Nchte fast
immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen
Halbinsel am sdstlichen Ufer, unter den Trmmern lateinischer Villen,
zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hngematten, unter Moskitonetzen.
Schwrzlichblau, ehern lag der See.

Es geschah das Seltsame, da der wilde, gelblichweie Knabe die Hliche
zu lieben begann. Er war schn, schlank, gelblichwei wie die
zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den lbumen herumstanden.
Sie war ein groes, mchtiges, starres, zaubervolles, hliches
Gtzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heien Mdchen, die
schwerer atmeten, wenn er in ihre Nhe kam? Gnse waren sie, leer und
dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas
ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des
Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rtselvollen, machtvollen,
einsamen Besonderheit. Er hngte alle seine Trume um sie herum. Lngst
war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn
er ihr vorschwrmte von dem groen Reich, das er zusammenschweien
wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige,
starre, unsglich hliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, da er
mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn
panisch, berschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlslich. So waren
sie zusammen in dem brtenden Mittag, die Herzogin, ein groes, tristes,
altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben
zahlloser Kmpfe, trge von endlosem Erleben, und der Knabe,
palmenschlank und biegsam, der letzte, spte Enkel der ungeschlachten
Eroberer, mit heien, dunkeln Augen aus dem weien Gesicht in eine
Zukunft schauend, die fr jene Vergangenheit war.

Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff ber ihre
geschminkten Finger. Ihr weiter, wster Mund nahm die glasklaren Kerne
auf, sie zerspritzten unter ihren schrgen, groen, malmenden Zhnen.
Wie seltsam! dachte sie. Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht.
Es scheint fast, er hlt sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt
geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich. Sie
dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand ber
Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jhen Bewegung warf der
Knabe den Kopf herum, bi sie in die Hand. Dann lachte er, nicht
bsartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die
stillen, trgen, seligen Ufer des Sees.

In Tirol indes, whrend die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um
sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hie es, sie sauge
den Mnnern nchtlich das Blut aus, sie knne an zwei Orten zugleich
sein; in Tramin hatten sie, whrend sie leibhaft in Verona war, ein Weib
auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer fter mute die
Obrigkeit Leute stupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin
gesprochen hatten.

Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag,
Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bumen hin, dann war der See
pltzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, berfrostend aus dem
warmen Hindmmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank,
schn, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn
trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehhlt, sich
daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist
das Beste. Mit einem matten Verlangen wnschte sie nur eines: immer so
bleiben, immer so dahindmmern in dem brtenden Sommer, schlaff, still
verdunsten wie das besonnte Wasser.

                   *       *       *       *       *

Die Mnchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich
mittlerweile konstituiert. Mit groem Zeremoniell vollzog sich
Grndungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder,
Fahnenweihe, Krnung der Agnes von Flavon zur Knigin des Bundes. Dann
ein groes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.

Den jungen und gewaltttigen Herren des Bundes behagten die Grundstze
des Prinzen Friedrich auerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie
waren die Welt. Sie waren erfllt von einem unbndigen Herrentum,
randvoll von dem Bedrfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben,
einen endlosen, lustigen Lrm zu machen. Die Welt anzufllen mit ihrer
Jugend, die nicht wute wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft,
ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich
diesem vagen, gewaltttigen Drang einen schnen, klingenden Namen
gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen,
bermtigen, rauflustigen Barone fhlten sich pltzlich als Trger einer
Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht fr sich, waren glcklich.

Wo soff und fra man so gewaltig wie am Mnchner Hof? Wo gab es grere
Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelrm? Die
Brocken fr die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gste
herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Frsten.
Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, da sie Wildfremde
anfielen: Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon? und wenn der
Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie
brannten nach ihren Jagden Bauernhuser, ganze Forsten nieder zur
festlichen Beleuchtung ihrer nchtlichen Gelage im Freien.

Die hfischen Tnze waren zu fein und zu umstndlich. Die Sackpfeife
qukte an Stelle der Flte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel.
Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere
plumpe, ungeschlachte Tnze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend,
unfltige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bren, hob die Frauen hoch,
da die Rcke ber den Kopf flogen, streckte sie unter malosem
Gelchter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Wrfel, sinnlos,
erhitzt, verspielte Hfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht
zurck, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten
Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe,
schmutzige Lieder, durch die nchtlichen Gassen Mnchens grinste,
kreischte in grhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den
sieben Freuden.

Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmtig, dmmlich und vergngt in
dem tosenden Getriebe herum, fhlte sich stolz als der Mittelpunkt
dieses festlichen und berhmten Geweses, das in seinem Namen
veranstaltet wurde. Lchelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei
alles wieder besonders gut geglckt. Blickte schwrmerisch zu dem
schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen
Siebenschlfer Peter, erzhlte dem aufmerksam blickenden Tierchen, da
er sich sehr wohl fhle, da das Regieren eine leichte, einfache Sache
sei, viel angenehmer als er erwartet habe.

Agnes lie sich lssig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem
berschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und
dort eine sprdere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges,
trockenes Fltchen in der Lippe, am Aug', ein gebleichtes Haar, sprte,
wie ihre Bewegungen um ein kleines mhsamer, trger, fetter wurden. Sie
brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als
Besttigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geruschvolle Anhimmelung,
sie schwamm darin, sie lie sich von der hemmungslosen Anbetung des
Prinzen Friedrich wohlig bersplen.

Der Prinz von Bayern-Landshut verga ber dem Getmmel nicht seine
politischen Plne. Er sah nicht Lrm und Roheit, er sah Macht; er sah
nicht Vllerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den
Fhrern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein ri er
die Leitung der ganzen Geschfte an sich. Der junge Herzog vertraute
ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel,
auf der Jagd wurde regiert. Hochmtig, zwischen zwei Bechern Weins,
wurden Stdten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron
auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des
Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die
Hofhaltung Meinhards, die Vergngungen der Tafelrunde waren
auerordentlich kostspielig. Die Domnen wurden vergeudet, die Zlle,
Geflle, Gelder der Stdte den ffentlichen Bedrfnissen entzogen, fr
die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhht. Der
Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen
suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde
berfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz,
spter willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die
Unsicherheit der Straen.

Die Stdte murrten, die Bauern sthnten. Die Tiroler Herren standen an
den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, unttig noch, aber mit
drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der
Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er
war indes keineswegs gekrnkt, machte Spe, stachelte an; es war nicht
zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan
schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft
Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurck. Prinz
Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.

Auch der Habsburger, wiewohl er klger und leiser sondierte, fuhr in
Mnchen nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bndnis mit dem Knig von
Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben
forderte er Meinhard auf, in dieses Bndnis einzutreten, den Kaiser fr
den natrlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz
Friedrich, im Verfolg malos dnkelhafter Prestigepolitik, erachtete
keinen Reichsfrsten, sondern nur den Rmischen Kaiser fr Wittelsbach
gleichbrtig, alliierte sich nicht mit einem gewhnlichen
Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmalichen Habsburger. Nein,
Wittelsbach stand, und mochten auch politische und konomische Grnde
dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen
ihm ebenbrtigen Deutschen, zum Rmischen Kaiser.

Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger
Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten,
Treuesten Frsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte
Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das
geheime, bsartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des
sterreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den
durchlcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden
Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.




Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Sdosten des Sees der uralte
Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrdern und
fhrte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, Das Buch
gewisser Geschichten, das er nun endgltig abgeschlossen hatte.

Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so
vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schnen Versen
begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch
geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er
geschildert. Zudem hatte er erfahren, da ein Italiener, ein gewisser
Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und grndlich
angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt ber
Wallungen und eitlen Erregungen des Gemts stand, so hatte es ihn doch
verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfhigen
Mnnern sehr rhmen hrte. Der ehrschtige welsche Literat machte es
sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken
Effekt hinzielenden Schilderungen, whrend er, der verantwortungsvolle
Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk
als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den
groen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretr mit einem
wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: Ich aber
berlasse es spteren, die zuknftigen Ereignisse besser zu berichten,
und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens
selbst gern mchte, in guter und der Geschichte wrdiger Weise. Er
mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretr die drre Hand
auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten
Satz: Sollte es aber weniger gut geraten sein, so mge es mir verziehen
werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren
Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle
Ewigkeit. Amen.

Und jetzt also sa der Uralte unter Oliven und tausendjhrigem Gemuer
und berreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schlerin
Verstndnis erhoffend. Margarete lag in der Hngematte, schttete
gekhlten Orangensaft in ihren groen Mund; faul, schlank, wei dehnte
sich der Knabe Aldrigeto, trg sich moquierend ber den zahnlosen Greis.

Als der Abend kam und es khler wurde, lie sie sich von dem Bruder
Sekretr vorlesen. Die gebte, dunkle, gleichmige Stimme des Klerikers
rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anfhrung vieler Zitate
sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts
bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte
Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von groen
Mnnern als ihr Gedchtnis, das gleich ist dem Duft, den mit pfeln
beladene Schiffe auf unserm Ufer zurcklassen, wenn die Schiffe schon
weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das
Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Krze des
menschlichen Lebens, der Vergnglichkeit der Natur, der Unbestndigkeit
des Glcks, dem schnellen und flchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.

Margarete dachte: Das alles wei ich, und es trifft mich nicht mehr.
Mein Programm liegt hinter mir. Aber mhlich, wie die dunkle,
gleichmige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfltigen
Begebnissen, wie die bunten, einfltigen, schlauen, frechen, milden,
groen, kleinen Historien einander ablsten, alle abgekhlt, gut
gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die
folgende, mhlich da ri es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten
Strom der Zeit. Meinhard, der groe Graf von Tirol, der starke, schlaue,
unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange
getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art
zusammenzukneten. Diese Stdte, die als kleine, lcherliche Siedlungen
begonnen: sie hatte das ihre getan, sie gro und blhend zu machen.

Und jetzt war sie aus dem breiten, flieenden Strom ausgeschieden,
abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der
kleinen Halbinsel kam ihr pltzlich unsglich albern vor. Die lbume,
das alte Gemuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere,
dumme, protzige Dekoration? Wie war es mglich, sich zu verstecken in
dem toten, brtenden, einsamen Sommer, whrend drauen heftige, wilde,
zerstrerische Dinge geschahen, in ihrem Land, whrend die deutschen
Frsten sich balgten um ihren armen, lchelnden, blden Sohn? Was hatte
sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hbschen, kleinen Jungen.

Den ganzen andern Tag las sie in dem Buch gewisser Geschichten. Der
Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die grere Hlfte
mit zitternder Hand verschttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte
sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu
sprechen.

Nahm mit einem tiefen, gtigen Lcheln leichten Abschied von dem Knaben,
strich ber sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein
gelblichweies, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurck
sein. Der Knabe lie sich ihre Zrtlichkeiten faul gefallen, prete
pltzlich mit krftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, lie
sie lchelnd fahren.

In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung.
Der kluge, mchtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man
konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit
dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter,
freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten
wolle, mge Herr della Scala ihr die Geflligkeit erweisen, dafr zu
sorgen, da jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren,
braunen, gewlbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam
und verstndnisvoll an, neigte sich hflich.

                   *       *       *       *       *

Aus brtender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die
frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrte sie ohne Schwung.
Das Land litt. Die Mnchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der
Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, prete experimentierend hier
und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Stdte verfielen,
der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. Die Maultasch macht uns kaputt,
hie es. Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist,
erweist es sich klar, da alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von
ihr.

Margarete, mit krftiger Hand, ri die Zgel an. Rottete die schlimmsten
belstnde aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von Mnchen
kamen. Das Volk atmete auf: Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon
eingegriffen! Die schne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere
Retterin.

In der Loggia von Schlo Schenna sa mit dem Schloherrn Margarete. An
den Wnden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blhenden Tal, der
Lwenritter. Wie gut, da Sie aufgewacht sind! sagte Herr von Schenna.
Hell und freundlich lagen die Berge, sich drngend, gewellt. Frischer
Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.

Warum haben Sie mich nicht frher geweckt? sagte Margarete.

Sie muten durch diesen Sommer allein hindurch, Herzogin Margarete,
sagte Schenna.

Der Frauenberger qukte: Wie schade, da Sie schon Schlu gemacht
haben, Herzogin Maultasch! Er war ein hbscher Junge, gelblichwei,
sdlich. Und Ihnen so hemmungslos ergeben. Das findet sich nicht alle
Tage. Was haben Sie hier? Arbeit, Dreck, Mist. Htten Sie die Mnchner
Lausbuben ihren Fasching ruhig zu Ende hetzen lassen. Die wren schon
von allein an ihrer Tollheit erstickt.

Die Herzogin fuhr beschwerlich in schneereichem Januar nach Mnchen,
sich das Gewese der bayrischen Artusrunde an Ort und Stelle zu
beschauen. Mit Mitrauen, Zurckhaltung, starrer Hflichkeit wurde sie
in der Hauptstadt empfangen. Meinhard, als sie fester zupacken, klare
Auskunft von ihm haben wollte, drckte herum, blde lchelnd, sagte, er
regiere zusammen mit seinen ritterlichen Kameraden, stammelte etwas von
Weiberregiment, warf sich schlielich in die Brust, ein paar Worte des
Prinzen Friedrich von den aristokratischen Grundstzen deklamierend, die
an Stelle des jmmerlichen, krmerhaften, modernen Pbelregimes gesetzt
werden mten. Sie hatte eine Unterredung mit dem Landshuter Prinzen.
Der erklrte ihr schlank, khl, hflich, hochmtig, seines Wissens sei
Herzog Meinhard mndig. Es stehe bei ihm, wem er sein Siegel anvertrauen
wolle. Ihr mtterlicher Rat werde stets gehrt werden. Weiter kam sie
nicht.

berall stie sie auf Agnes. Ihre Farben, ihre Sitten, ihre Launen,
Moden, Neigungen gaben dem Hof sein Gesicht, bestimmten die Regierung
des Landes.

Agnes machte der Herzogin den Besuch, den die Etikette verlangte.
Schlank, schlicht sa sie vor der hlichen, plumpen, geschminkten,
prunkenden Margarete. Ihre tiefen blauen Augen lchelten hflich in
selbstverstndlichem Triumph in die erfllten, dringlichen, drohenden
der andern. Im Kamin brannte ein starkes Feuer, der Duft des
verbrennenden Sandelholzes fllte den groen, dunkeln Raum.

Sie leben jetzt immer in Bayern, Grfin Agnes? fragte Margarete.

Durchaus nicht, Frau Herzogin, erwiderte Agnes, und ihre etwas scharfe
Stimme stach grell ab von der warmen, dunkeln Margaretes. Ich
beabsichtige schon in den nchsten Wochen nach Taufers zu gehen. Ntig
freilich ist meine Gegenwart nicht. Ich habe tchtige Beamte; auch hat
Herr von Frauenberg die Liebenswrdigkeit, sich der Verwaltung meiner
Gter anzunehmen.

Die Herzogin betrachtete Agnes still und aufmerksam. Sie war ein klein
wenig voller geworden; aber ihre Haut war ganz glatt. Sie sa leicht und
elastisch; der Hals stieg zart und ohne Falte aus dem dunkeln Kleid. Die
Verehrung all dieser Jugend war ihr offenbar ein feiner Jungbrunnen,
besser als Bad und Schminke. So sicher und voll Sieg sa sie, da kaum
mehr Hohn um ihre schmalen Lippen war.

Sie beschftigen sich neuerdings viel mit Politik? fragte Margarete.

Nein, gndige Frau, sagte Agnes, sie war sehr aufmerksam jetzt und auf
der Lauer. Der Herr Herzog und Prinz Friedrich fragen mich zuweilen um
meine Meinung. Ich halte dann nicht zurck; warum auch sollte ich? Aber
es ist die Meinung einer trichten Frau und will nicht mehr sein. Sie
sprach auerordentlich verbindlich.

Ich halte Ihre Meinung nicht immer fr die rechte, Grfin Agnes, sagte
Margarete. Ja, ganz ehrlich, ich bin berzeugt, da sie dem Lande
zuweilen schdlich ist. Ich will Ihnen etwas vorschlagen, sagte sie
heiter, fast scherzend. Wie wre es, wenn Sie Ihre Meinungen auf Bayern
beschrnkten?

Agnes erwiderte sehr angeregt, mit der gleichen, leichten, herzlichen
Munterkeit wie Margarete. Sie sind mein Souverain, gndige Frau. Aber
ist nicht auch Herzog Meinhard mein Souverain? Wenn er nun meine Meinung
ber eine tirolische Angelegenheit durchaus hren will? So freudig ich
jedem Wunsch Eurer Durchlaucht folge, wenn der Frst meine gewi
trichte Ansicht verlangt, darf ich sie ihm verweigern? Und es kostet
Sie doch gewi nur einen Hauch, und mein albernes Gerede ist
weggeblasen.

Die beiden Damen schauten sich an, beide lchelten. Der Sieg um die
Lippen, in den Augen der Schnen war vielleicht um eine Spur satter
geworden. Dann sprach man von anderem. Von den baulichen Vernderungen
der Mnchner Hofburg, von den Haarnetzen, die jetzt wieder aufkamen von
Prag her. Margarete hatte ein schweres, goldenes Gewebe ber ihre
sprde, harte, gefrbte, kupferne Frisur gelegt. Agnes fuhr sich lssig
ber ihr starkes, leuchtendes Haar; sie konnte sich mit der neuen Mode
nicht befreunden.

                   *       *       *       *       *

Kaiser Karl residierte in groem Prunk in Nrnberg. Hielt Galatafel,
Turnier. Empfing die Ratsherren der Stadt. Fremde Knstler, Gelehrte.
Hatte mit ihnen lange, behaglich interessierte Gesprche. Ruhte fern
seiner Hauptstadt von den Geschften aus. Nahm teil an den groen
Faschingsfesten, die die reiche Stadt zu Ehren der Rmischen Majestt
rstete.

Der Bart des Kaisers, ein stumpfer Keil, begann sich stark zu verfrben,
die Haut des hageren Gesichts wurde grau, zerknitterte. Aber lebhaft,
schlau, sehr wach blickten ber der etwas platten Nase die raschen
Augen, der lange, knochige Krper war schnell, sicher.

Der Kaiser war sehr vergngt. Er hatte zugewartet, bis er ganz fest in
der Macht sa. Erst dann hatte er ein Kind gezeugt. Gott hatte seine
abwgende Vorsicht gesegnet: es war ein Sohn geworden, ein schwerer,
gesunder Knabe, dem er das Reich vererben konnte. Der beglckte Vater
hatte das Gewicht des Kindes in lauterem Golde als Weihgeschenk nach
Aachen gesandt; dann war er unter seinen Reliquien gekniet und hatte den
Gebeinen verkndet: Ich, Karl der Vierte, Rmischer Kaiser, habe einen
Sohn und Erben. Ihr lieben, verehrten Heiligen, ihr hocherlauchten
Mrtyrer! Betet fr Wenzel, meinen Sohn!

Heiter jetzt sa er in Nrnberg, freute sich seiner Dichter und
Architekten, vermied Politik, sprach mit seinem Kanzler, dem
vielerfahrenen, weltlufigen Theologen, leicht und frei ber menschliche
und gttliche Dinge, vermehrte seinen Besitz an Reliquien und sonstigen
Kostbarkeiten, erlustierte sich an Schlittenfahrten, Mummenschanz,
Turnier.

Unerwartet in diese unbeschwerten Tage brach die Herzogin Maultasch.
Tief erstaunt waren der Kaiser und seine Herren. Margarete hatte,
seitdem Karl sie in Schlo Tirol belagert, zu ihm nur khle, sehr
frmliche Beziehungen unterhalten. Ihre Ankunft, schrieb der Kanzler
seinem Freund, dem Erzbischof von Magdeburg, sei eines der fnfzehn
Wunderzeichen vor dem Jngsten Tag. Er machte sich weidlich lustig ber
die deutsche Messalina, diese moderne Kriemhild, die da zu Hofe fahre,
nachdem sie ihr Leben hindurch um ihrer eigenen Liebe und Hasses willen
Land und Leute in Kummer und Elend gestrzt. Er schilderte, wie sie beim
Turnier in der Loge sa, neben der schnen Prinzessin Hohenlohe, die
plumpe Frau, bewarzt wie eine Krte, dick wie ein Bierbrauer.

Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwgerin mit Wohlwollen
und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als
er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute
Gesprch mit ihr gefhrt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber
doch wohl eben nicht mavoll genug. Sie hatte unersttlich von allem
haben wollen, so war ihr schlielich alles zerronnen. Er hatte sein
Temperament klug gezgelt, er war Rmischer Kaiser und hatte einen Sohn,
dem er eine festgefgte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum
in der Welt, ein schwchlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre
Lnder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wute.
Sie hatte seinen Bruder Johann hhnisch, schmhlich aus Schlo Tirol
ausgesperrt; man mute es dann vor der Kurie so drehen, als knnte aus
der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich
nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns
vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?

Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demtigung
still hin, mit einer geschftsmigen Ruhe, die sie vielleicht von dem
Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die
Einleitungsformalitten ruhig ber sich ergehen lt, um nur ans Ziel zu
kommen. Dann klagte sie. Klagte ber die trichten Gewaltttigkeiten der
Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hrte zu; in ihm
grinste eine jungenhafte, hmisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er
versicherte ihr sein persnliches Interesse, betonte aber, er habe sich
jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung fr einige
Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine
Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag
zurckgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwgung ziehen. Auch bei einem
wiederholten Vorsto erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich
umsonst gedemtigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren
Schwchung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralitt zuzuschauen.

Im brigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer
bertriebenen, amsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete
frher aufs Blut gereizt htte. Es wrzte ihm die gehobene Heiterkeit
seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glck, seine Erfolge zu
unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten
Ehrgeizigen. Fast gutmtig scherzte er mit seinem Kanzler ber die
Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht,
schmuckstrotzend wie ein Gtzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk
staunte sie gro an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Stdte.
Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reien. So angefllt davon
war sie, da sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und
der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.

                   *       *       *       *       *

Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin
hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf
Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.

Agnes wute, da die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer
halten konnte. Die Stdte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund
angehrte, bumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger,
drohend der Wittelsbacher. Drngte jetzt noch von Sden her die
Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu
wollen.

Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig
stand er, deklamierte berzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er
gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos
mit seinem jovialen, gefhrlichen Lcheln den ganzen knabenhaften
berschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, trges
Seufzen, strich dem Prinzen ber das dunkle Haar, begann vorsichtig eine
Ausshnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, da
Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie
gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekrnkt, da sie ihm
das zumute. Agnes schwieg, lchelte mit ihren khnen Lippen, fuhr fort,
sein Haar zu streicheln.

Wenige Wochen spter schlossen Stephan von Niederbayern und die
Pfalzgrafen Ruprecht der ltere und der Jngere bei Rhein einen Bund mit
Rat und Brgern von Mnchen und elf anderen bayrischen Stdten sowie mit
zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter
hieen und den Herzog Meinhard seinen Lndern und Leuten entfremdeten.
Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines
Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklrten das
Regierungssiegel des Artusbundes fr ungltig, die Gesetze und
Verordnungen, die jene erlassen htten, fr kraftlos. Sie verpflichteten
sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreien, in welche jene ihn
gestrzt, dahin zu wirken, da er seine frstliche Gewalt besser
wahrnehme und handhabe.

Die Artusbrder machten groe, grlende Worte, nahmen ein paar Mnchner
Brger als Geiseln fest, erklrten, sie wrden die Meuterer an den
Beinen aufhenken lassen wie rudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen
Stdten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und
gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprgelt.
Die Mnchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mihandelte
sie, hie sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmhlich aufgehngt.
Das verhinderte nicht, da die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger
wurden, whrend im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die
trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulsen.
Im groen Saal der Mnchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten
Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog
Meinhard stand benommen, erhoben, dmmlich und berflssig bei diesem
Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann
schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie wrden sich nicht
unterwerfen, niemals, niemals, niemals!

Es begann nun fr den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur
sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der
Artusritter, von einer zur andern. War auf Schlo Laber, Pinzenau,
Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines
aufstndischen Barons. Eroberte Schlo Wrth, zwei Burgen des
Oberjgermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen.
Die Manahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer
wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den
Erwartungen zurckgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der
Kummersbrucker, der sich neutral erklrt hatte, ohne Gerichtsverfahren
enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager
der Gegner.

Der nicht sehr robuste Meinhard war den abenteuerlichen, gehetzten
Fahrten kaum gewachsen. Trist und apathisch sa er, whrend die andern
zechten, schlief zuweilen im Sitzen ein. Mehr und mehr glichen seine
Reisen einer Flucht. Im ganzen Sden besaen die Artusritter keine
Stadt, keine Burg mehr. Sie wurden immer mehr zur Donau abgedrngt, wo
ihre festesten Burgen lagen. Noch immer erlieen sie hochfahrende
Edikte, bedrohten Meuterer mit den grausamsten Strafen. Sie flohen nach
Neuburg, dann in das Gebiet des Bischofs von Eichsttt, der ihnen
ergeben war. Die Truppen Herzog Stephans besetzten ganz Oberbayern,
belagerten schlielich Meinhard mit den letzten seiner Anhnger in
Schlo Feuchtwangen im Altmhltal. Der Bischof von Eichsttt suchte sich
mit Herzog Meinhard verkleidet durchzuschlagen. Der junge Herzog ging
eifrig darauf ein; er hatte viel Spa an der Kostmierung und keine
Ahnung, worum es eigentlich ging. Allein schon in Voburg wurden sie von
Bauern erkannt, festgehalten, dem Herzog Stephan nach Ingolstadt
ausgeliefert.

Feuchtwangen fiel. Prinz Friedrich und die Letzten der Artusritter
wurden gefangen.

In der Hofburg von Ingolstadt standen sich der Herzog und Prinz
Friedrich gegenber. In Gegenwart der Agnes von Flavon-Taufers. Der
Herzog in Rstung, schumend. Stdte und Drfer kaputt, Menschen hin,
Geld vergeudet. Alles wegen des dummen Jungen. Soldatisch knarrte er
unter dem dicken Schnurrbart aus ehernem Gesicht. Der Junge stand
schlank, mit verfinsterten, verwilderten Augen, den Arm verwundet, im
Verband, grau das Gesicht. Du wirst Abbitte tun, in der Kirche, vor
allem Volk, dich unterwerfen! kommandierte der Vater. Der Junge lachte
nur, hhnisch. Ich lass' dich verfaulen in meinem stinkigsten
Gefngnis! tobte der Herzog.

Agnes glitt von einem zum andern. Der Verband mu erneuert werden,
sagte sie besorgt, nestelte daran herum.

Diese rzte! schimpfte der Herzog. Lauter Pfuscher! Er lief selbst
nach Arzt und Verbandzeug. Der Teufelsjunge! fluchte er.

Langsam, hart feilschend, whrend Agnes vermittelte, kamen sie berein.
Um jeden einzelnen der Artusritter, Begnadigung, Hhe der Bestrafung,
gab es erbitterten Kampf, Ausbrche, Schumen, Toben. Zweimal wies
Herzog Stephan den Henker an, sich bereit zu halten. Endlich fgten sie
sich zu leidlichem Frieden. Meinhard wurde Mnchen als stndige Residenz
zugewiesen; Prinz Friedrich fhrte weiter sein Siegel, doch bedurften
seine Verordnungen der Gegenzeichnung eines niederbayrischen oder eines
rheinpflzischen Rates. Zwischen Mnchen und Landshut-Ingolstadt
vermittelte Agnes.

Herzog Meinhard lchelte sanft und dankbar. War froh, da er nach den
wilden Wochen ausruhen durfte. Streichelte sein Murmeltier.




Margarete hielt Rat mit ihren Ministern. Anwesend waren der Vogt Ulrich
von Matsch, der Pfarrer Heinrich von Tirol, Graf Egon von Tbingen,
Landeskomtur des Deutschen Ordens in Bozen, Jakob von Schenna, Berchtold
von Gufidaun, Konrad von Frauenberg.

Was war, nachdem Herzog Stephan Macht und Einflu in Oberbayern an sich
gerissen, zu tun?

Man konnte sich mit dem Wittelsbacher vertragen. Sich damit abfinden,
da nicht Bayern von Tirol aus, sondern Tirol von Bayern aus regiert
wurde. Dadurch, da der eigentliche Regent, Herzog Stephan, nicht in
Mnchen sa, sondern in Ingolstadt oder in Landshut, war sein Zentrum
nicht gar so nahe an Tirol, die Zentralisierung und Unitarisierung
erschwert, dem Land in den Bergen eine gewisse Autonomie gewhrleistet.

Man konnte aber auch den Habsburger anrufen gegen Herzog Stephan. Er
wartete nur darauf. Abhngigkeit in irgendeiner Form wird sich freilich
auch da nicht vermeiden lassen. Aber ein krftiges, stetiges Regiment
war verbrgt.

Zh, trge schleppten sich die Argumente hin und her. In dumpfer
Verdrossenheit hrte Margarete zu. Kam denn niemand auf den Gedanken,
der am nchsten lag. Hatte sie sich so schlecht bewhrt? Sie schaute auf
Schenna, auf Gufidaun. Die starrten mit mhevollen, leeren Gesichtern
vor sich hin.

Seltsamerweise war es der Frauenberger, der den Plan vorschlug, den sie
erwartete. Breit grinsend, vergngt fhrte er aus: Wenn der junge Herzog
wirklich so anlehnungsbedrftig sei und Fhrung brauche, warum diese
Fhrung nicht dem gegebenen Vormund anvertrauen, der Mutter, der
Herzogin, die sich in viel schwierigeren Lagen so frstlich bewhrt
habe? Wozu erst lange mit Wittelsbach paktieren? Man bringe Meinhard
nach Tirol. Htten ihn die bayrischen Herren in ihre scheulichen,
verlorenen Winkelnester schleppen knnen, so werde man es mit Gottes
oder Teufels Hilfe noch fertigbringen, ihn nach Tirol zu kriegen, wo er
hingehre. Habe man ihn erst im Land, dann werde man von hier aus nach
Bayern regieren. Herzog Stephan werde es sich reiflich berlegen, ehe er
von der Donau aus ein kriegerisches Abenteuer in das Land im Gebirg
wage. Und sogar dann habe man immer noch den Rckhalt an dem Habsburger
als natrlichem Bundesgenossen. Im schlimmsten Fall werde man eben
frmlich auf Oberbayern verzichten, gegen Entschdigung, und sich auf
ein groes, autonomes Tirol beschrnken.

Ja, ein autonomes Tirol. Das war auch Margaretes Plan. Bayern als
Anhngsel; oder im uersten Fall berhaupt nicht. Aber Tirol den
Tirolern.

Es handelte sich zunchst darum, Meinhard dem Einflu Herzog Stephans zu
entziehen, ihn von Mnchen weg nach Tirol zu kriegen. Der junge Herzog
hatte seit Antritt seiner Regierung das Land in den Bergen noch nicht
betreten. Es war nur billig, da das Volk ihn endlich zu sehen
verlangte.

Auf Betreiben Schennas und Gufidauns wurde eine groe Tagung nach Bozen
einberufen. Es kamen blonde, stmmige Mnner mit kurzen, breiten Nasen
und trgen, schlauen Augen und hagere, schwarzbrtige, gebrunte mit
khnen, gebogenen Nasen und scharfen, raschen Augen. Es kamen die drei
Hauptleute des Landes im Gebirg, der zu Tirol, der an der Etsch und der
am Inn, es kamen die Hofmeister und Vgte und Burggrafen. Es kamen die
Barone, die groen und die kleinen, die Vertreter der Stdte, Pflegen
und Gerichte. Es waren ihrer hundertunddreiundfnfzig Herren und Mnner.
Sie traten zusammen auf dem bunten, frhlichen Marktplatz von Bozen an
zwei strahlend dunkelblauen Sptsommertagen. Sie berlegten, sie
berieten langsam, schwer, vorsichtig, mit harten, krachenden, gurgelnden
Kehllauten. Sie schauten einander schlau und bieder in die Augen, sie
hatten umstndliche, eckige, treuherzige Bewegungen, sie wischten sich
mit den schweren Rockschen den Schwei von den Gesichtern. Die Berge
standen rotbraun und violett, ganz oben wei.

Sie entschlossen sich, dem jungen Herzog einen Brief zu schicken. Diesen
Brief unterzeichneten von den Baronen sieben, der ltere Ulrich von
Matsch, Schenna, der Trostburger, Heinrich von Kaltern-Rottenburg,
Gufidaun, der Frauenberger, der Botsch von Bozen, und es siegelten von
den Stdten vier, Bozen, Meran, Hall, Innsbruck, im Namen aller brigen.

Das Schreiben lautete so: Lieber gndiger Herr! Wir tun Euer Gnaden zu
wissen, da wir zu Bozen beieinander gewesen und bereingekommen sind,
Sie zu bitten, da Sie zu Ihrer wie des Landes Ehre und Nutzen
hereinkommen mchten zu uns, weil wir Sie schon lange gern gesehen
htten, wie ganz billig ist; denn Sie sind ja unser lieber, rechtmiger
Herr. Auch werden Sie bei uns besser gerichtet und gewrdiget werden und
unverdorbener bleiben, als drauen in Bayern, wie man uns sagt,
geschehen ist, und auch Ihr Land und Leute da herinnen werden dann von
den Drangsalen, welche drauen sind, frei bleiben. Bei uns hier in dem
Gebirge steht durch Gottes Segen alles richtig und freundlich, so gut
als es je bei Ihres Vaters seligen Zeiten gestanden hat; auch herrscht
Friede im Land und an der Grenze. Gndiger Herr! Wir bitten, auf uns zu
vertrauen, wir meinen es gut mit Ihnen. Trauen Sie es uns zu, wir opfern
Gut und Blut fr Sie, vertrauen Sie sich sonst niemandem.

Der Frauenberger brachte das Schreiben nach Mnchen. Er kam mit
stattlichem Gefolg, bergab das Schriftstck in feierlicher Audienz.
Versprach sich im brigen nicht den geringsten Erfolg, sondern war
gewi, da man andere Mittel werde brauchen mssen.

Bei Tafel erzhlte Prinz Friedrich, sein lieber Herzog und Vetter
Meinhard habe aus seiner Provinz Tirol ein sehr kurioses Dokument
bekommen, das er den edeln Herren doch nicht vorenthalten wolle. Der
Brief wurde verlesen. Erst schmunzelte man, dann pruschte man heraus.
Gelchter, immer lauter, strmischer, schtterte alle. Es lchelte
Agnes, es lachten die Damen, es drhnten, bogen sich die Herren, es
lachten scheppernd die Lakaien, es pfiff Meinhards Murmeltier Peter, es
quiekten die Kmmerlinge.

Diese Tiroler! sagte man, atemlos von der Erschtterung.

Ja, unsere Tiroler! sagte der Frauenberger, behaglich, rosig, fett,
und blinzelte aus den rtlichen Augen.

Finden Sie auch den Brief Ihres Landes in den Bergen so komisch, Herr
Herzog? fragte der Frauenberger. Er war, trotzdem eigentlich sein
Geschft mit der bergabe des Briefes zu Ende war, in Mnchen geblieben
und hielt sich viel in der Nhe Meinhards.

Der junge Herzog hatte in der Gegenwart des breiten, fleischigen Mannes
mit dem Froschmaul in dem nackten, rosigen Gesicht stets ein
unbehagliches Gefhl, seine joviale Art machte ihm angst. Aber er konnte
doch nicht recht fort, wenn er kam; der massige, lachende, qukende
Mensch imponierte ihm; er sprach so ganz anders als alle andern,
respektlos, selbstverstndlich, nackt. Man fhlte sich auf eine nicht
unangenehme Art hilflos vor ihm, von ihm hingenommen. Voll immer neuer,
mit Grauen untermischter Neugier ging der sanfte, dickliche, dmmliche
Herzog um den Albino herum.

Der Brief seiner Tiroler war Meinhard im Grund durchaus nicht lcherlich
vorgekommen, im Gegenteil, er hatte ihm lieb und lieblich in die Ohren
geklungen; nur weil die andern so schrecklich gelacht und das Schreiben
so albern und anmaend gefunden hatten, hatte er mitlachen mssen. Da
jetzt der Frauenberger, der groe, gescheite Mann, die Kundgebung der
Tiroler so ernsthaft zu nehmen schien, war dem gehetzten, umstellten
Frsten trstlich und sehr angenehm. Aus dem zutraulichen Brief hatte
ihn etwas Einfaches, Ruhevolles angesprochen; es war ihm fr ein paar
Minuten gewesen, als gebe es kein Mnchen und kein schwieriges
Ritterzeremoniell und keinen Artusbund und keine Wittelsbacher. Es mute
schn sein, auf einer Bergwiese zu liegen zwischen groen Khen, nichts
zu hren als leisen Wind und das sanfte, blasende Gerusch, mit dem die
Tiere das Gras abrauften.

Der Frauenberger stand vor ihm, blinzelte. Meinhard mute nher an ihn
heran. Wie es mich freut, sagte er und schaute aus seinen blanken,
runden Augen zu ihm auf, da Sie den Brief meiner Tiroler nicht dumm
finden.

Nicht dumm! qukte eifrig der Frauenberger. Jedes Wort sitzt an der
rechten Stelle! Jeder Buchstab trifft! Die ber ihn gelacht haben, sind
die Dummen! Sonst htte ich ihn doch nicht unterschrieben. Heut und
jederzeit unterschreib' ich ihn wieder, mit beiden Hnden!

Meinhard trat noch einen tastenden Schritt nher an den fetten Mann.
Ich bin so md und gehetzt, klagte er. Der Friedrich schaut mich auch
nicht mehr so freundhaft an wie frher. Erst hab' ich gedacht, regieren
ist leicht. Jetzt zerrt einer hierhin und eine dahin, und alle reien an
mir.

Der Albino legte ihm die fleischige, gefhrliche Hand auf die Schulter,
qukte: Bub! La dich nicht klein kriegen, Bub!

Meinhard zitterte unter der Hand des feisten Mannes, wollte ihr
entgleiten, schmiegte sich in sie.

Sie haben Freunde, junger Herzog, qukte der Frauenberger, blinzelte
bieder, feixte behbig.

Den Tag darauf sagte er: Warum bleiben Sie eigentlich hier, junger
Herzog? Wenn Ihnen der Brief Ihrer Tiroler nicht mifllt, warum folgen
Sie ihm nicht? Sie ritten spazieren, es war frh am Morgen, unten
rauschte grn und frisch zwischen vielen Inseln von Kies die Isar, ein
groes Flo unter Lrm und Gerusch der Schiffer steuerte vorsichtig.
Der Gang des Pferdes verlangsamte sich. Meinhard hockte schlaff, dick,
betreten auf seinem Falben.

Das geht doch nicht, sagte er. Das kann ich doch nicht.

Warum knnen Sie nicht? beharrte der Frauenberger. Er ritt ganz dicht
an ihn heran, hob ihm wie einem Kind das Kinn. Wer ist hier der Herr,
sagte er, Herzog Stephan oder Sie?

Ja, sagte Meinhard, wer ist hier der Herr? Aber es klang gar nicht
trotzig, sondern trb grblerisch. Sein ganzes Zutrauen zu dem Albino
war weg, es war trist, wie unten die Isar sich zwngte, er hatte Scheu
vor dem Frauenberger, htte nachmittags beinahe den Prinzen Friedrich
gebeten, ihn wegzuschicken.

Am andern Morgen sprach der Albino nicht mehr von dem Plan, Bayern zu
verlassen. Er lag mit Meinhard im Gras unter reifendem Obst. Er sang
sein Lied von den sieben Freuden, kommentierte es vterlich,
wohlwollend, saftig. Diese Weltanschauung ging dem jungen Frsten sehr
ein, er streichelte seinen Siebenschlfer Peter, war vergngt. Der
Frauenberger streckte sich, knackte die Gelenke, drehte sich auf die
Seite, ghnte, schlief mit mchtigem Gerusch. Ja, schlafen war das
Beste. Gelockt, aber doch mit dunkleren, scheuen Augen betrachtete
Meinhard den unbekmmerten, fleischigen, schnarchenden Mann.

Agnes sagte zu ihm: Sie sind sehr lange in Mnchen, Herr von
Frauenberg. Sie haben doch so wichtige mter in Tirol. Vermit man Sie
dort nicht?

Der Frauenberger grinste, betastete sie mit seinen rtlichen Augen, da
sie schwerer atmete, qukte: Ich bin natrlich nur Ihrethalb hier,
Grfin Agnes.

Sie kamen zusammen, er lag auf ihren Polstern, es war drckender Sommer,
die Luft im Raum war dumpf und furchtbar hei. Sie streichelte seine
prall fette, rosige Haut. Nun, lchelte sie, hab' ich den falschen
Teil erwhlt? Ich hab' mich gut gesichert, scheint mir.

Er feixte: Werden sehen, Hhnchen, werden sehen.

Das hie die gut gesichert, dachte er. Gut gesichert war er. Wenn er
jetzt den Buben mit nach Tirol nahm, hielt er die Mutter durch den
Jungen, den Jungen durch die Mutter. Er war der eigentliche Regent von
Tirol. Ei ja, wenn man noch so hlich war, was alles aus einem werden
konnte mit einem bichen Vernunft, Sachlichkeit, Glck.

In seiner breiten, behaglichen, munteren Art hetzte er weiter an dem
Jungen. Lockte, stachelte, trieb. Nahm ihn gewaltttig in seine kurzen,
roten Hnde. Nach Tirol! Meinhard solle endlich nach Tirol, sich seiner
Grafschaft zeigen. Also Flucht? machte Meinhard, zaghaft. Ei was! Wer
dachte an Flucht? Nur war es nicht ntig, zuviel Wesens aus dieser Reise
zu machen. Man brach einfach auf, Meinhard, er, zwei, drei Knechte. Ohne
groe Worte. Es wurde zuviel geredet in Bayern und Tirol; das verwirrte
die einfachsten Dinge. Ende der Woche reiste Prinz Friedrich nach
Ingolstadt zu seinem Vater. Da wird man dann eben auch losreiten. Nach
der umgekehrten Seite, nach Sden, nach Tirol. Das Murmeltier Peter soll
seine Berge wiedersehen.

                   *       *       *       *       *

Mein Sohn kommt, Schenna! sagte Margarete, und ihre dunkeln Augen
waren lebendig erfllt. Sie hatte einen Kurier von dem Frauenberger, er
werde Meinhard bringen.

Wie Sie sich freuen, Frau Herzogin! sagte der lange Herr, beugte sich
vor, schaute sie aus seinen grauen, sehr alten Augen gut an. Ich hatte
nicht mehr gehofft, da Sie sich so wrden freuen knnen.

Margarete hrte nicht. Ich wei, sagte sie, er ist unbegabt. Es gibt
landauf, landab Tausende, die begabter sind. Aber er ist mein Sohn. Er
ist aus dem Boden dieses Landes gemacht, seiner Luft, seinen Bergen.
Glauben Sie mir, Schenna, der sieht die Zwerge.

Ja, Margarete hatte die zerlcherte, heruntergelassene Fahne ihrer
Hoffnung wieder hochgezogen. All ihr Wille, all ihr Leben sammelte sich
in der Erwartung ihres Sohnes. Mit plumpen, geschminkten Hnden
streichelte sie das Bild des sanften, dicken, dmmlichen Jungen.

                   *       *       *       *       *

Ein Knecht voran, einer hinter ihnen, ritten Meinhard und der
Frauenberger in raschem Trab gegen Sden. Es regnete, die schlechte
Strae fhrte oft durch dicken Wald, lste sich streckenweise ganz in
Schlamm auf. Es war nicht leicht, in der dunkeln, nassen Nacht den
rechten Weg zu halten; an Fackeln war bei dem Regen nicht zu denken.

Die Herren trugen keine Rstungen. Man dampfte in den nassen Kleidern,
von den feuchten Lederkollern und Lederkappen ging ein starker Geruch
aus. Man ritt schweigsam; zuweilen, wenn man durch eine nchtige
Siedlung trabte, schlug ein Hund an.

In dem Dorf Lenggries machte man halt. Nach wenigen Stunden drngte der
Frauenberger weiter. Aber Meinhard fhlte sich mde und elend, mehr
durch Erregung als durch den langen Ritt. Der schwierigere Teil des
Weges stand bevor; denn es war ratsam, menschenreichere Orte meidend,
durch die wilde Ri nach Tirol vorzustoen. Man verzog also, dem Wunsche
Meinhards folgend, in der Herberge des Dorfes Lenggries.

In dem engen, finstern Raum lagen der Frauenberger und Meinhard auf
Strohscken. Die Kammer war niedrig, das Feuer rauchte, aber es wrmte
nicht, die Luft war stinkig, Regen und Wind kam durch die
Fensterffnung. Der Frauenberger schnarchte lrmend; im Winkel nagte
eine Ratte. Meinhard lag, alle Glieder taten weh vor Mdigkeit, aber er
konnte nicht schlafen, die Haut juckte, die Augen brannten ihm. Er
fhlte sich eng und unglcklich, er wute pltzlich nicht, was er in
Tirol sollte; er wre am liebsten nach Mnchen zurckgekehrt. Er
frchtete sich vor der Begegnung mit seiner Mutter; sie war so dick und
hlich und gewaltttig. Er schielte nach dem Albino, der lag massig da,
ruhig, schnaubte, schlief. Er hatte Angst vor ihm, aber der Frauenberger
war doch der einzige, der ihm helfen konnte. Er nahm einen unsicheren
Schluck aus dem klobigen Krug schalen Bieres, der neben ihm stand,
schaute einer Fliege zu, die ber das Gesicht des Frauenbergers kroch;
den schien sie nicht zu genieren. Schlielich, leise, rief er: Herr von
Frauenberg!

Der war sofort wach, qukte mit seiner schleierlosen Stimme: Was
gibt's?

Nichts, sagte reuevoll der Junge. Nur, es ist so ungemtlich. Ich
kann nicht schlafen.

Dann reiten wir weiter, entschied der Frauenberger und war schon auf
den Beinen.

Nein, nein, bat Meinhard. Es ist nur, ich mchte ein bichen mit
Ihnen reden. Hernach werde ich gewi ruhiger sein.

Dummer Bub! knurrte der Frauenberger.

Hat mein Vater eigentlich Tirol lieber gehabt oder Bayern? fragte
Meinhard.

Der Frauenberger blinzelte. Zuerst wohl Tirol, dann Bayern, sagte er.

Und dann ist er gestorben? fragte der junge Herzog.

Ja, antwortete der Frauenberger, dann ist er gestorben.

Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war
sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die
Knechte suchten, der Frauenberger knurrte ber die Verzgerung.
Schlielich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es
mute seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im
Schlaf erdrckt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, trge,
lhmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem
Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt
hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche
pfeifend in einen Winkel warf. Jetzt aber aufs Pferd! qukte er.

Man ritt weiter den Flu hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die
elende, schmale Strae folgte in endlosen Biegungen dem reienden,
weigrnen Flu. Dicker Wald, triefende Bume. Unten, gischtig, glsern
grn, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lrmende, rasche Wasser,
durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die
Felswnde traten oft so nahe in die Strae, da die Pferde scheuten, nur
mit Mhe weiterzubringen waren.

Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den
immer dnneren, tosenden Flu entlang ritt man, der hell und frhlich
laut durch den dunkeln Wald seine Strae brach. Die Gegend lag
schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmig, hoffnungslos,
selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen,
grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.

Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flutal, dem man bisher
gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter,
grausig kahler, weilichbrauner Felswnde. Dahinter lag Tirol. In diesem
Hochtal nchtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich
im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Htte war
da, die lie man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.

Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Htte der Knabe
Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei
Rhein, Graf von Tirol. Er ugte, lauschte, ob die andern ihn sehen
knnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich
nicht mehr. Er hatte Angst, fhlte sich zerschlagen, unsglich elend.
Langsame Trnen kollerten aus seinen blanken, runden Augen ber seine
dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier
Peter erdrckt hatte, er weinte, weil die Felswnde so hoch waren, die
er morgen bersteigen mute.

                   *       *       *       *       *

Agnes war verblfft ber die meisterhafte Schlichtheit, wie der
Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entfhrt hatte. Er
imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rtteln. Mit Unlust,
ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmanahmen. Am liebsten
htte sie alles dem Prinzen Friedrich berlassen; doch der war in
Ingolstadt. Sie mute allein die Verfolgung organisieren.

Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man
mute sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an,
den Frsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu
hindern.

Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im
Karwendel hinter sich hatte, schon ungefhrdet. Doch wenige Stunden,
bevor sie den bequemen Pa zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der
Transport eines Holzhndlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte,
und den frher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewaltttige
Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stupen
lassen. Der Frauenberger dachte zunchst daran, den Holzhndler
anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da htte einer von den sechs
Knechten des Transportes sich durchschlagen knnen, und dann war der
Herzog noch mehr gefhrdet. Der Frauenberger beschlo also, den
Holzhndler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen
Knechte, statt des leichten bergangs ber das Plumser Joch den
schwierigen, ungewhnlichen Weg ber das Lamsenjoch nach Schwaz oder
Freundsberg zu versuchen.

Man lie die Pferde zurck, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental.
Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Geflle, oft
verlor er sich ganz, flo unterirdisch. Der pfadkundige Knecht fhrte.
Man stie auf Weidengehlz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann,
berraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war pltzlich ein
Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bume standen gro und
still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter
Regenschleiern die riesigen, weien Bergwnde, die weit und
unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, da man
durch die Bume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hrte still
und gleichmig den Regen triefen von den Blttern der alten, ernsten,
fahlfarbenen Bume.

Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem stndig rieselnden
Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht
essen. Es ngstete ihn, da man die Gipfel der Felswnde nicht sehen
konnte. Nie wird er da hinauf- und hinberkommen; man stand eingesperrt
in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bumen wie am Ende
der Welt.

Sie begannen den Aufstieg. Er war frs erste nicht schwer. Man stieg
sachte, in kleinen Windungen einen Giebach entlang. Die Knechte voraus,
den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege
gemacht; aber es war wie eine Lhmung ber ihm. Die Beine waren ihm wie
Kltze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mhe. Er glitschte auf
dem nassen Stein, der Frauenberger sttzte ihn, er zuckte bei jeder
Berhrung. Je weiter man emporklomm, so hher, hhnischer,
unberwindlicher starrte ihm die Felswand.

Abgeblhte Alpenrosen, Kriechgehlz, Schnee. Die Knechte stapften
gleichmigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend,
aussetzend folgte der Herzog. Pltzlich blieb einer der Knechte stehen,
horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehrt, erlaubte
seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhndler hatte also doch wohl
Alarm geschlagen. Menschen oder weidendes Vieh, sagte er gleichmtig.
Drngte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.

Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, da man dazu keine
Anstalt machte. Dann fiel er in trbe Lethargie, lie sich schlaff von
dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte,
brannte einen die scharfe Klte. Der Schnee wurde tiefer, der junge
Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.

Der Frauenberger berlegte schneidend klar. Ohne den Schnee htte man
ihn wohl hinberbringen knnen. So war es nicht mglich, mit dem
Jammerlappen ber das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard
jetzt strrisch wrde. Er machte sich schwerer, trger.

Die Knechte waren ein gutes Stck voraus. Der Frauenberger blieb stehen.
Na, junger Herzog? qukte er. Mde? Meinhard sank erschpft in den
Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte
scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon
abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher
zurckfallen lassen? Die wrden nach der miglckten Flucht den Jungen
doppelt fest haben. Es wre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch
ausspielen zu knnen. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche
allein, und der lstigen Kontrolle der Wittelsbacher ein fr allemal der
Vorwand entzogen.

Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch
Meinhard zu trinken. Wir mssen weiter, junger Herzog, sagte er. Gab
ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.

Ich kann nicht, klagte Meinhard, als er mhsam stand. Ich mag auch
nicht, fgte er strrisch hinzu.

So? feixte der Frauenberger. Na, dann nicht, Bub, sagte er. Er
qukte es gemtlich wie stets; aber etwas in seiner Stimme zwang
Meinhard aufzublicken. Der Albino blinzelte durchaus nicht mehr, er
schaute hart, aufmerksam, erst nach den Knechten, die weit voran waren,
dann auf ihn. Meinhards blanke, runde Augen wurden ganz starr vor
Grausen, seine Kehle gab nicht mehr her als einen kleinen, heiseren
Laut. Er krampfte seine kurzen, dicken Kinderhnde in das Holzgezweig
der Alpenrose, bohrte seine Fe in den Boden. Der Frauenberger, ruhig
grinsend, sagte: Na komm, junger Herzog!, lste langsam mit seinen
roten, fleischigen Hnden die steifen, klammernden Finger des Jungen von
dem Felsen, hob ihn hoch, hielt ihn ber den Abgrund, qukte: Adieu,
Bub!, lie ihn fallen. Der Krper schlug mehrmals auf, fiel nicht tief,
blieb liegen.

Der Frauenberger rief mit einem harten, gellen Pfiff die Knechte zurck,
deutete wortlos hinunter. Sie stiegen hinab, die Leiche war arg
zerschrundet, der dicke, sanfte Schdel klaffte an zwei Stellen. Sie
warteten auf die Verfolger. Es waren zwei Offiziere mit mehreren
Knechten. Der Frauenberger sagte, er habe mit dem jungen Herzog
Murmeltiere fangen wollen, da sei der Herzog gestrzt. Fleischig stand
er in seinem nassen, stark riechenden Lederkoller, blinzelte mit den
rtlichen Augen. Flockiges Gemengsel von Schnee und Regen rieselte auf
die Leiche. Ein leichter, kalter Wind hatte sich aufgemacht. Alle hatten
Helme und Kappen abgenommen, standen stumm im Schnee um den
zerschrundeten Toten.




Durch die Sle und Gnge von Schlo Tirol torkelte ein Weib, lallte,
heulte, fiel hin, stand wieder auf, torkelte weiter. Der bergroe,
unfrmige Unterkiefer fiel herunter, das Haar zottelte, teils in
stumpfem, widerwrtigem Kupfer, teils gelblichwei entfrbt. Ein Laken,
eine Art Nachtgewand, flatterte um den untersetzten, aufgequollenen
Leib, um die schlaffen, groen Brste, schleifte am Boden nach. Die
Dienerschaft hielt die Heulende, Torkelnde, Lallende fr eine
Betrunkene, erkannte erst allmhlich die Herzogin.

Der Kurier mit der Todesnachricht war in aller Frhe gekommen, Margarete
hatte die Meldung im Bett erhalten. Sie war aufgestanden, nicht
bermig rasch, aufheulend, an den ratlosen, scheuen Zofen,
Kmmerlingen vorbei, stier, blind, das Laken hinterherschleifend.

Schenna fhrte sie zurck. Nun hockte sie in ihrem Schlafzimmer, stierte
vor sich hin, dachte Fetzen von Gedanken.

Gesumt mit Toten ihre Strae. Der Kopf des Chretien de Laferte, das
Pulver geruchlos, geschmacklos, daran der Markgraf gestorben war, ihre
Mdchen, mit den groen, schwarzen, aufgebrochenen Pestbeulen, der Jude
Mendel Hirsch, im Gebetmantel, lchelnd, der Knabe Aldrigeto, Meinhard.
Es war, weil sie so hlich war, darum ging der Tod hinter ihr her,
darum stierten sie aus allen Winkeln leere, beinerne Schdel an.

Sie hockte und regte sich nicht. Mittag kam, Abend kam. Ihr drres
Frulein von Rottenburg fragte, ob sie nicht essen, sich nicht ankleiden
wolle. Sie regte sich nicht. Ihr Weg gesumt mit Toten. Es war, weil sie
so hlich war.

Unterdes geleitete der Frauenberger die Leiche Meinhards ber Mittenwald
nach Tirol. Er feixte: er bekam es allmhlich in den Griff, seinen toten
Souvern zu geleiten.

Das Land in den Bergen empfing betreten seinen Frsten. Es hatte ihn in
feierlicher Tagung gebeten, zu kommen. Nun kam er, so. Sie standen an
den Straen, als der Zug vorbeischwankte, in Regen und Schnee. Glocken
luteten, die Geistlichen im Ornat, die Feudalherren, Richter, Pfleger
barhaupt. An ihnen vorbei der Sarg, den Zirler Berg hinauf, hinunter,
Innsbruck, den Brenner hinauf, hinunter, den Jaufen, Passeier. Das Volk,
whrend es, sich bekreuzigend, dem Zuge nachsah, hatte langsame,
schwere, unbehagliche Gedanken. Dies war der letzte Graf von Tirol. Es
war nicht gut gegangen mit der Maultasch. Ihr erster Mann verjagt, der
zweite so seltsam gestorben, ihr Sohn tot, ehe er sein Land gesehen.
Dazu Krieg, Revolution, Wasser, Feuer, Pestilenz. Nein, Tirol hatte
keine gute Zeit gehabt unter der Maultasch.

Starr, am Tor des Schlosses, erwartete die Herzogin den Zug. Grell hob
sich von dem schwarzen Gewand die weie Schminke. So schritt sie ber
die Hfe des Schlosses neben der Bahre, allein. Es schneite. Hinter der
Bahre, massig, in Rstung, wuchtete der Frauenberger.

                   *       *       *       *       *

In Mnchen war man sehr betreten, als die Nachricht eintraf von
Meinhards Tod. Hier glaubte kein Mensch an einen Unglcksfall, man
zweifelte hchstens, ob der Frauenberger auf eigene Faust gehandelt oder
im Auftrag der Maultasch; doch wagte niemand, dieser berzeugung Laut zu
geben. Nur der sensationslsterne Florentiner Giovanni Villani, der
Chronist, der sich zur Zeit zum Zweck gewisser archivalischer
Feststellungen in Mnchen aufhielt, der Nebenbuhler des wackeren
Johannes von Viktring, behauptete die gewaltsame Beseitigung des jungen
Herzogs als Tatsache. Er zhlte sorglich disponiert und sich steigernd
alle Grnde her, die zu solcher Tat fhren konnten und muten, er
schrieb darber ein elegantes, beredtes Kapitel in seiner Chronik und
las es jedem vor, der es irgend hren wollte.

Stephan, Friedrich, Agnes standen benommen von Wut und Bestrzung. An
eine Lsung von so schlichter, zynischer Brutalitt hatte niemand
gedacht. Zum erstenmal seitdem sie sich kannten, sprangen Agnes und
Friedrich einander an. Er htte den Frauenberger wegschicken mssen,
htte Mnchen nicht verlassen drfen, solange jener da war, sagte sie.
Er sagte, sie htte Meinhard besser mssen berwachen lassen; kaum sei
man einen Tag fort, gehe schon alles drunter und drber, auf niemanden
sei Verla. Herzog Stephan stand ziemlich unglcklich zwischen ihnen. Er
hatte es ja gewut, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, es war
ihm nicht vergnnt, Wittelsbach wieder gro zu machen in der
Christenheit. Als sie sich mde gestritten hatten, kamen sie berein,
vorlufig das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung von Bayern zu richten;
die Grenzen zu entblen und nach Tirol vorzustoen, fhlten sie sich
militrisch nicht stark genug. Hingegen wollte Agnes nach Tirol reisen,
dort vorfhlen.

Mit ganz kleiner Begleitung traf sie auf Schlo Tirol ein. Am gleichen
Tage noch wurde sie von Margarete empfangen. Rosig, glatt, jung, blond
sa sie da; in einem sehr einfachen schwarzen Kleid; grellwei
geschminkt, die Hnde, den unfrmigen Hals schwer von leuchtenden
Steinen, prunkte in Atlas und Brokat die Herzogin. Es sei sehr
liebenswert von Agnes, sagte sie mit etwas steifer, zeremoniser Stimme,
da sie die beschwerliche Reise im Winter nicht gescheut habe, ihrem
Sohn das letzte Geleit zu geben. Agnes sagte und sah sie s und
unbefangen an, dies sei eine selbstverstndliche Pflicht gewesen nach
dem vielen Guten, das sie von Haus Tirol empfangen. Zudem sei sie ja dem
Toten besonders nahegestanden. Sie knne der Herzogin nicht schildern,
wie furchtbar es sie getroffen habe, als sie die grauenvolle Meldung
erhielt. Margarete starrte sie mit ihrem weien, breiten, mchtigen,
geschminkten, maskenhaften Gesicht unverwandt an, fragte, ob sie den
Herzog sehen wolle. Agnes, ein wenig zgernd, denn sie sah Tote nicht
gern, bejahte. Die beiden Frauen schritten zu der Kapelle, schwer
schleifte sich die Brokatene, die andere ging leicht und hoch. Prunkend
aufgebahrt lag der junge Herzog, dick wlkte der Weihrauch, silberne
Gewappnete hielten Totenwacht. Die Herzogin winkte, der mchtige
Sargdeckel wurde hochgeschlagen, da lag der junge Frst, grlich
zerschrundet und entstellt stierte aus der Rstung sein friedfertiges,
dickes Gesicht. Die Leiche war stark verwest, trotz Balsam und Gewrz
stieg ein bler Geruch aus dem leuchtenden Metall. Agnes schwankte,
verfrbte sich. Margarete fhrte sie zurck.

Als die beiden Damen wieder am Kamin saen, sagte Margarete leichthin:
Nun ist unsere letzte Unterredung gegenstandslos geworden, Grfin
Agnes. Mein Sohn ist wieder bei mir, nicht in Mnchen.

Agnes, durch die Leichtigkeit ihres Tons unsicher, nicht wissend,
wohinaus sie wolle, erwiderte nichts, ugte, wartete ab.

Die Herzogin, immer in dem gleichen, erschreckend leichten,
konversationellen Ton, fuhr fort: Sie haben Chretien de Laferte
geheiratet, dann starb er. Sie haben mir meine lieben Stdte von Bayern
abhngig gemacht, sie sind fast kaputt gegangen. Sie haben sich mit dem
Markgrafen liiert, dann starb er. Sie haben sich zur Vertrauten meines
Sohnes gemacht, jetzt ist er tot. War es nach alledem nicht ein bichen
khn, da Sie zu mir nach Tirol gekommen sind? Sie sagte das alles ganz
obenhin, sie lchelte mit ihrem wsten, ffisch sich vorwulstenden Mund,
ihr leichenhaft geschminktes Gesicht verzog sich in gemachter
Liebenswrdigkeit, ja sie beugte sich vor, legte, was noch nie geschehen
war, die Hand mit grauenhafter Vertraulichkeit auf den Arm der Agnes.
Die sa da, starr, bla. Ich wei nicht, was Sie wollen, stammelte
sie.

Es ist nett von Ihnen, fuhr Margarete fort, da Sie von selbst
gekommen sind. Ich htte Sie sonst einladen mssen; glauben Sie mir, ich
htte Sie auf solche Art eingeladen, da Sie gekommen wren.

Ich verstehe Sie durchaus nicht, sagte, mit fahlen Lippen, Agnes.

Ja, brach Margarete pltzlich ab und stand auf, Sie bleiben also mein
Gast, bis der Herzog bestattet ist. Es kann noch eine Weile dauern, die
Vorbereitungen sind umstndlich.

Ich hatte eigentlich vor, die Zwischenzeit in Taufers zu bleiben,
sagte Agnes; sie war klein und ngstlich geworden, ihre Stimme
flatterte.

Nichts da, nichts da! sagte eifrig die Herzogin. Sie bleiben. Waren
Sie und die Ihren nicht schon oft Gste in Tirol?

Denken Sie nicht ans Fortgehen, schlo sie, whrend sie Agnes zur Tr
geleitete. Die Reise wrde sehr ungemtlich werden. Ein Diener brachte
die schwankende Agnes in ihre Zimmer. Gewappnete standen davor,
prsentierten die Lanzen, whrend sie die Schwelle berschritt.

                   *       *       *       *       *

Margarete, allein, ging auf und ab, ihr Gang war sonderbar beschwingt,
ein plumper Tanz.

Wie schade, da jene sich so einfach in ihre Hand gegeben hatte. Es wre
gut und reizvoll gewesen, sie erst mhsam herzulocken, den Teig zu
kneten, ehe man den Kuchen a. Aber so waren diese Glattlarvigen. Schn
und dumm.

Margarete ging ins Freie, allein. In den verschneiten Weinterrassen
stapfte sie, kletterte sie. Setzte sich in den Schnee. Tauchte ihre Hand
in das Weiche, Kalte, ballte es, lie fallen, ballte von neuem.

Sie ganz klein machen, sie zerstren, sie in Staub zerpressen,
zernichten, zerdrcken, da nichts mehr von ihr bleibt als ein
lcherliches Stck Verwesung. Sich anfllen mit ihrer Angst, ihrer Not,
ihrem Elend, bis dann ihre Schnheit daliegt, stinkend wie drben in der
Kapelle ihr Sohn.

Als nach einer Weile das drre Frulein von Rottenburg kam, hrte sie,
was sie seit Jahren nicht gehrt hatte. Die Herzogin sang. Mit ihrer
dunkeln, warmen, erfllten Stimme sang sie. Im Schnee sa sie und sang,
voll, hallend, aus ihrer wsten Kehle.

                   *       *       *       *       *

Sie berief zunchst Schenna zu sich. Fhrte aus: Der Sturz, an dem
Meinhard sich zu Tode gestrzt, sei fraglos verschuldet durch die Grfin
von Flavon-Taufers. Sie sei nicht gewillt, dies Verbrechen zu
vertuschen. Beabsichtige vielmehr, es mit beispielhafter Strenge zu
bestrafen. Schenna, tief beunruhigt, riet dringend ab. Das Volk hnge
nun einmal an Agnes mit ebenso heftiger wie grundloser Sympathie. Gegen
sie vorzugehen sei gefhrlich. Man knne sie an Besitz, Macht, Einflu
krzen; weiter zu gehen verbiete die Staatsklugheit.

Margarete, gereizt und nervs, erwiderte, sie wisse sehr gut, wie
unpopulr sie sei. Schlimmer knne es nicht werden. Sie riskiere also
nichts.

Doch! erwiderte mit ungewohnter Schroffheit Schenna. Alles riskiere
sie. Offene, nur den Wittelsbacher frdernde Revolution riskiere sie.
Sie brach aus, verstrmte: Unter keinen Umstnden dulde sie lnger die
Nebenregierung dieser Person. Lieber danke sie ab. Sie starrte hitzig,
allen ruhigeren Erwgungen unerreichbar, vor sich hin. Schenna lief
unbehaglich mit seinen langen, ungleichmigen Schritten hin und her.
Wenn sie durchaus beharre, riet er nach einer Weile, das Gesicht
verdrielich und kurios verzogen, dann solle sie in Gottes Namen einen
Staatsgerichtshof einberufen. Um alles in der Welt nicht mge sie gegen
Agnes vorgehen ohne Spruch und richterliches Urteil.

Sie berief den Frauenberger, die einzelnen einflureichen Feudalherren.
Schneidend klar erkannte sie: Alle waren gegen sie, alle waren fr
Agnes. Aber mit wenigen Ausnahmen waren sie bereit, sich ihre Meinung
abkaufen zu lassen. Sie nahmen Margaretes Vorgehen gegen Agnes als eine
Laune. Gut, sie waren bereit, diese Laune zu decken; aber sie fanden es
angemessen, da Margarete diese Bereitschaft teuer bezahle.

Alle verlangten, alle forderten. Es prete Margarete das Herz ab,
knirschte ihr die Zhne zusammen. Sie standen vor ihr, unterwrfig,
loyal, voll patriotischer Bedenken. Darunter grinste der Hohn: gibst du
nicht, so kriegst du nicht.

Die Barone verstndigten sich untereinander, glichen ihre Ansprche aus.
Der Frauenberger berbrachte der Herzogin ihre gemeinsamen Forderungen.
Sie waren nackt, schamlos. Margarete solle ein Kabinett aus neun
Ministern bilden. Vorgesehen waren der Frauenberger, Schenna, Berchtold
von Gufidaun; die beiden Herren von Matsch, der Landeshauptmann und der
Vogt, der Deutschordenskomtur Egon von Tbingen; Heinrich von
Kaltern-Rottenburg, Diepold Hl, Hans von Freundsberg. Diese Herren, die
auch als Richter in dem Proze der Grfin von Flavon fungieren wrden,
sollten die oberste Justiz- und Verwaltungsbehrde des Landes bilden.
Margarete solle sich verpflichten, ohne ihre Zustimmung keine
Regierungshandlung vorzunehmen, niemandem ein Amt zu verleihen oder zu
entziehen, mit keinem auswrtigen Frsten zu verhandeln, Bndnis,
Vertrag zu schlieen. Auch solle sie keinen Minister absetzen drfen;
schied ein Mitglied durch Tod oder sonstwie aus, so solle nicht die
Frstin, sondern das Kabinett den Nachfolger bestimmen.

Margarete sa ber dem Dokument, allein. Sie runzelte die Stirn so
stark, da die Schminke abbrckelte. Dies unterschreiben hie: die
Stdte preisgeben, das Land den frechen Baronen hinschmeien, da sie
ihre gierigen Zhne hineinschlgen, jeder sich ein Stck herausreie.
Dies unterschreiben hie: das Land Tirol zerfallen lassen in eine Reihe
kleiner Adelsherrschaften, schimpflich zerschlagen das Werk, daran die
Vter und sie hundert Jahre lang Besitz, Nerven, Leben gesetzt.

In ihren Gedanken war pltzlich das kleine, bebartete Wesen, das sie
einmal gesehen in den Felsen von Schlo Maultasch. Es neigte sich viele
Male, schaute sie aus ernsten, uralten Augen an, tat den Mund auf.

Mit Gewalt scheuchte sie den Zwerg fort. Hin, Land! Hin, Stdte!
Hinunter, Nacken! Duck' dich der Arroganz der Vasallen! Es mu sein. Es
mu ausgetragen sein zwischen ihr und jener. Es wre sinnlos, jetzt die
Forderungen der Barone zu weigern und jene zu schonen. Sie wrde weiter
am Werk Margaretes nagen, es aushhlen, verderben. Die Schne war der
Wurm des Landes, alles bel kam von ihrer frechen, geilen Schnheit. Sie
mu hin sein, sie mu getilgt sein, sie mu aus dem Licht, sie mu weg
von der Erde. Das Land in den Bergen hat nicht Frieden, solang jene da
ist.

Wenn sie sich aufri vor Gott, sie durfte sagen: Es hatte Stunden
gegeben, Tage, Wochen, wo kein kleiner, eitler Gedanke in ihr war, nur
der reine, lautere Wille, sich zu beugen, zu tun, wozu man geschickt
war. Wieder und wieder schlug jene Eitle, Leere mit spielender Hand
entzwei, was sie mit Nten, Demtigungen, Preisgaben geschaffen, von
deren Qual und bser Artung jene nie einen Hauch zu begreifen imstande
war. War das gerecht? War es gerecht, da das Leere, Dumme, Schlechte,
Gemeine, nur weil es die glatte Larve hatte, sich spreizte in der Welt,
sie berdeckte, keinen Raum lie fr das Erfllte, schmerzhaft Wissende?
Das konnte Gott nicht wollen. Das mute ausgekmpft sein. In einem
wohlig schmerzhaften Krampf sprte sie, wie sie selber mit der Schnen
verkettet war, wie sie selber bestimmt war, es auszutragen. Es gab kein
Hinausschieben, kein Verstecken und Maskieren, keine Scheu vor dem hohen
Einsatz, keinen Kompromi. Es mute ausgetragen sein.

Der Frauenberger kam, ihre Antwort zu holen. Ihre Hand lag plump auf dem
Dokument mit den Forderungen der Barone. Sie blickte auf, schaute den
Frauenberger an, sagte ruhig, ohne die Stimme zu heben: Lumpen!
Erpresser!

Der Frauenberger erwiderte gleichmtig, jovial: Ja, Herzogin Maultasch,
billig sind wir nicht.

Dann unterschrieb sie.

                   *       *       *       *       *

Agnes, als sie allein war, sa in groer Schwche erschpft nieder. Was
denn um Gottes willen hatte sie da gemacht? Sich selber freundlich
lchelnd in die Hand der Feindin gegeben. Wo hatte sie denn ihren Kopf
gehabt? Der Tod Meinhards war wohl eine Einbue und ein Schlag fr die
Maultasch, aber er war doch ein noch schlimmerer Schlag fr sie selber.
Die Maultasch hatte mit der Beseitigung Meinhards und dem khnen,
unerwarteten Verzicht auf Bayern sich zur Siegerin gemacht. Sie begriff
sich nicht, wie sie in dieser Situation der Feindin ins Haus laufen
konnte, ihren Triumph zu krnen.

Ganz allein und verloren sa sie da. Das Zimmer war schlecht geheizt,
sie fror. War das wirklich Frost? Ein Gefhl kroch sie an, das sie all
ihre Tage nicht gekannt hatte, zog sie zusammen, schnrte sie. Sie war
immer keck und sicher gewesen, immer hatte sie die Lage in der Hand
gehabt, hatte immer Mnner hin und her geworfen nach ihrem Gutdnken.
Jetzt war sie ganz hilflos, die Feindin konnte mit ihr anfangen, was sie
wollte. Angst und Klte berdeckten sie. Ihre tiefen, blauen Augen waren
nicht mehr khn, sondern stier und erloschen, ihr elastischer Rcken
erschlaffte, ihre weien Hnde runzelten sich, ihr glattes Gesicht
zerknitterte in kleine, steife, sprde Fltchen.

So blieb sie bis zum Abend. Dann brachte man Licht, schrte das Feuer
neu, setzte Speisen auf den Tisch. Sie raffte sich zusammen, a, wurde
warm, belebte sich. Ach was! Das war ja das Ziel der andern, sie klein
zu sehen, gedemtigt, winselnd, mutlos. Sicher nicht wird sie es wagen,
ihr etwas Ernstliches anzutun. Steht nicht das ganze Land fr sie? Weil
sie hlich ist, will sie, da sie sich feig erweise. Sie denkt nicht
daran, ihr den Gefallen zu tun. Sie straffte sich, ihre Augen schauten
lssig und khn wie immer. Sie a mit Appetit, verlangte zum zweitenmal,
scherzte mit den Dienern. Schlief gut, tief, ruhig, lange.

Als andern Tages der Frauenberger kam, fand er sie vergngt, Bonbons
lutschend, ein frivoles Couplet auf der Laute klimpernd. Sie mokierte
sich ber die altmodische Einrichtung des Zimmers. Er feixte, freilich,
so modern und komfortabel wie sie gebe die Maultasch es nicht. Er
ttschelte sie. Er blinzelte, meinte vterlich, er habe es ihr doch
rechtzeitig gesagt, sie solle sich nicht einlassen mit den Lausbuben, es
werde schief gehen. Sie fragte leichthin, ob er im Auftrag der Maultasch
komme. Bange machen gelte nicht. Was man eigentlich vorhabe. Wie lange
der Spa noch dauern solle. Der Albino qukte, man werde sie wohl vor
ein Staatsgericht stellen. Sie erwiderte, man mge das recht bald tun,
es sei so langweilig auf Schlo Tirol. Auch mge man ihr die Zofe
schicken und ihre Schneiderin, da sie vor Gericht in einem
entsprechenden Kostm erscheinen knne. Er sagte, sie brauche nur zu
befehlen. Allein, lutschte sie Bonbons, klimperte.




Die Herzogin lie es sich angelegen sein, das hohe und heimliche
Gericht, das Agnes aburteilen sollte, mit feierlichem Pomp auszustatten.
Drei Gemcher ringsum waren von Gewaffneten bewacht, damit die
Heimlichkeit des Gerichts gewahrt sei. Die neun Herren saen schweigsam,
dunkel, Margarete selber prunkte schwer in den Insignien der Herrschaft.

Agnes trug ein schlichtes, lachsrotes Kleid, das fr einen Empfang, eine
kleinere Festlichkeit geeignet war. Ihr Gehabe war leicht, sicher. Sie
war berzeugt, da die Maultasch nicht wagen werde, sie anzutasten, da
der umstndliche, feierliche Apparat des Gerichts nur dazu bestimmt sei,
sie ngstlich zu machen. Dies alles geschah nur, damit sie, die Schne,
sich klein erweise vor der Hlichen. Nein, sie war durchaus nicht
gewillt, der Maultasch diesen Gefallen zu tun.

Der Pfarrer von Tirol, der als Protokollfhrer fungierte, verlas die
Anklage. Die Grfin von Flavon-Taufers sei von jeher bestrebt gewesen,
auf Meinhard in verderblichem, dem Lande Tirol schdlichem Sinn
einzuwirken. Als der junge Frst im Begriff war, Tirol zu betreten, sich
ihrem Einflu zu entziehen, und als das Einvernehmen mit seinen getreuen
und wohlmeinenden Untertanen ihre Plne zu vereiteln drohte, habe sie
sich mit Gewalt seiner zu bemchtigen versucht; ber welchem Versuch der
Herzog zu Tod gekommen sei.

Agnes sagte, sie wundere sich, wie weise und hochmgende Herren einfache
und klare Tatbestnde so schlimm mideuten knnten. Ja, sie sei mit dem
jungen Frsten in gutem, herzlichem Einverstndnis gewesen, wie auch
sein Vater sie seiner Freundschaft und seines Vertrauens gewrdigt habe.
Sie habe nach ihrem geringen weiblichen Verstand zuweilen den oder jenen
Ratschlag erteilt nach bestem Gewissen als gute Untertanin und Christin,
dem Frsten und seinen Lndern zu Nutz und Mehrung. Als der Herzog nach
Tirol reiste, habe sie ihm, da unerwartet Herzog Stephan seine baldige
Ankunft in Mnchen melden lie, reitende Boten nachgeschickt mit einem
Brief, da unter solchen Umstnden seine Rckkehr nach Mnchen ratsam
sei. Leider htten ihre Boten den Herzog nur mehr tot vorgefunden. Dies
alles sei klar und unzweideutig. Sie sei eine groe Snderin, schlo sie
lchelnd; aber in ihren Beziehungen zu Herzog Meinhard sei nach ihrer
demtigen weiblichen Einsicht kein Wort und keine leiseste Regung
gewesen, die sie nicht ungescheut vor Gott und den Menschen bekennen
drfte.

Sie gab diese Erklrung sitzend ab, leichthin, mit ihrer harten,
schleierlosen Stimme. Jung, glatt, klar, vertrauensvoll sa sie in ihrem
schlichten, lachsfarbenen Kleid vor den schweren, dunkeln Richtern.

Margarete sagte, sie habe, in Mnchen, die Grfin von Flavon
aufgefordert, sich nicht in die tirolischen Dinge zu mengen; die Grfin
habe das verweigert. Agnes erwiderte, die Frau Herzogin habe sie
miverstanden. Der Pfarrer von Tirol verlas eine eidliche Aussage, die
Reiter der Grfin htten nach ihrer eigenen Bekundung Auftrag gehabt,
den Herzog mit Gewalt nach Mnchen zurckzufhren. Alle schauten auf den
Frauenberger, auf dem wohl dieses Zeugnis stehen mute. Er sah
unbeteiligt vor sich hin. Agnes erklrte, die Aussage der Reiter, wenn
sie wirklich erfolgt sei, sei pure Verleumdung. Der Frauenberger
grinste.

Die Herzogin sa da, steif, breit ausladend, schwarz stand das brokatene
Kleid um sie herum, golden prunkten die Insignien der Macht. In ein
Schweigen hinein, unvermutet, ohne Agnes oder irgendwen anzuschauen, tat
sie den Mund auf, sprach. Mit gleichfrmiger Stimme sagte sie alles
heraus, mit nackten, schmucklosen Worten. Wo sie fr das Land in den
Bergen gewirkt habe, an der Etsch und am Inn, von den welschen Seen bis
zur Isar, berall sei diese Grfin von Flavon gewesen und habe gehindert
und dagegen gewirkt. Sie sprach langsam und sie hob die Stimme nicht.
Sie sprach von den Stdten und von ihren Manahmen und wie diese Grfin
von Flavon sich dagegen gestemmt habe. Sie sprach von ihren
Finanzverordnungen und wie diese Grfin von Flavon den welschen Bankier,
den Messer Artese, wieder in die Berge gerufen habe, den sie vertrieben.
Sie sprach von der tirolischen Autonomie und wie diese Grfin von Flavon
dem Land immer wieder den Bayern in den Pelz gesetzt habe, den
Blutsauger. Sie sprach von der Artusrunde, von Ingolstadt und Landshut.
Langsam aus ihrem wsten, breiten Mund holte sie nackte, sachliche
Worte. Sie fielen gleichmig, monoton; wie schwerer Sand rieselten sie,
unhemmbar, sie begruben die feine, leuchtende Agnes, da sie farblos
dasa und erbrmlich und ohne Schwung. Es war ganz still, als die
Herzogin zu Ende war, man hrte die Scheiter im Kamin knistern, die
Herren hockten da, trist und grau und gebeugt.

Agnes sagte, sie habe nie Einflu gesucht. Sie habe gesprochen, wenn man
sie gefragt habe, und da nur zgernd, sie habe nie jemandem einen Rat
aufgedrngt. Sie merkte, da ihre Worte zu Boden fielen und keinen
berzeugten. Da erhob sie sich, sie stand da, heiter, frei, leicht,
stolz, sie sah die Herren an, einen um den andern, sie sagte: Wenn sie
eine Snde begangen habe, dann nur die, da sie auf der Welt sei. So
habe Gott sie geschaffen. Solange sie sich nicht auslsche, knne sie
nicht hindern, da man den Kopf nach ihr wende, an ihr Gefallen finde.

Alle schauten sie an, selbst der rasche Federkiel des Pfarrers von Tirol
hrte zu kritzeln auf. Mit seinen mden, grauen Augen schaute Schenna
sie auf und ab, angestrengt starrte ihr der hagere, rechtliche Egon von
Tbingen in die tiefen, blauen Augen, der biedere, gutmtige Berchtold
von Gufidaun schnaufte, seufzte, aus seinen rtlichen Augen blinzelte
der Frauenberger. Diese ihre Worte, das sprte Agnes, waren nicht zu
Boden gefallen. Sie hatte einen Teil ihres Wesens herausgeholt,
hochgehoben mit beiden Hnden, den Mnnern hingehalten, stolz, vor der
Feindin: Da! Seht her! So bin ich! Sie geno ihre Wirkung, atmete,
geno.

Da sah sie, da auch die Maultasch sie anschaute. Die blauen Augen der
Schnen tauchten tief in die braunen der Hlichen. Und Agnes sah, da
Margarete lchelte. Ja, ein kleines Lcheln zerschnitt das grellwei
geschminkte Gesicht der Herzogin, und es war nicht geknstelt, es war
echt. Da wute Agnes, da jene vorgesorgt hatte, da ihr Triumph im
vorhinein vergiftet, da sie verloren war. Sie begann pltzlich zu
zittern, sie verfahlte, ihre Glieder erschlafften, sie mute sich
setzen.

                   *       *       *       *       *

In das Gemach der Verurteilten trat ungemeldet, berraschend die
Herzogin. Agnes hatte den Spruch sehr in Haltung hingenommen, frei,
leicht. Sie hatte sich auch, als sie allein war, gesagt, die Maultasch
werde nicht wagen, weiter zu gehen. Aber dann hatte sie an das leise,
tiefe Lcheln Margaretes gedacht, und den Magen herauf war ihr wieder
jenes peinliche, frstelnde Gefhl gekrochen, das sie frher nie gekannt
hatte. Jetzt, als die Herzogin kam, ri sie sich sogleich zusammen,
erhob sich hflich, nicht zu schnell, bat sie zu sitzen.

Margarete sagte: Sie haben angedeutet, Grfin, da zwischen mir und
Ihnen noch ein anderes sei als die Strenge der Frstin gegen die
Untertanin, die sich auflehnt und das Land schdigt. Begreifen Sie doch,
da ich gar nichts anderes sein kann als die Frstin; denn das
beleidigte Land ist in mir, meine Regungen sind die des Landes. Sie
sagte das leicht, selbstverstndlich, berzeugend, mit groer Hoheit.

Agnes hrte aufmerksam, hflich zu. Sie verstand nicht, was die andere
meinte. Sie verstand nur: Ah, sie will etwas von mir. Sie will sich
aussprechen mit mir. Will sich rechtfertigen. Wie schwach mu ihre
Position sein! Sie sprt, da sie die Unterlegene ist. Sie will mich
bertlpeln. Nur sich nicht einfangen lassen. Nein sagen. Was sie auch
verspricht, nein sagen.

Margarete sah, da die andere sie nicht begriff. Sie versuchte es von
einer neuen Seite. Mde, ein bichen ungeduldig, doch vershnlich sagte
sie: Sie haben Erfolge gehabt, Grfin. Ich gnne sie Ihnen. Freuen Sie
sich weiter daran. Mein Sinn und Ehrgeiz geht ganz wo andershin, suchen
Sie das doch zu glauben. Ich will die Gewhr haben, da Sie Tirol nicht
weiter schaden. Nichts sonst. Bekennen Sie vor Zeugen und durch Ihre
Unterschrift, da Ihr Wirken meinem Land verderblich war. Schwren Sie
auf das Evangelium, sich fernerhin jeder politischen Ttigkeit zu
enthalten. Ich will dann das Todesurteil kassieren. Ihre Lehen fallen
zurck an meine Verwaltung. Sie sind frei und verlassen mein Land.

Da war sie, die Schlinge. Agnes hhnte innerlich: Nie wird sie es
wagen, mich zu tten. Und fr so dumm hlt sie mich, da sie sich ihre
Feigheit von mir bezahlen lassen will.

Sie sagte: Ein solches Dokument unterzeichnen kann ich nicht. Da ich
auf der Welt war, da ich da war, das war wirklich meine ganze
politische Ttigkeit. Sie knnen mich schwren lassen, was Sie wollen.
Sie knnen es nicht verhindern, und ich kann es nicht, da ein Mann,
wenn er mich ansieht, nach meiner Ansicht handelt, nicht nach der
Ihren. Sie sah Margarete auf und ab, unverwandt; ihre blauen Augen
glitten ber sie, beredt, abschtzig, hhnisch. Verhhnten den wsten,
ffisch sich vorwulstenden Mund, die herabhngenden Backen, das in
vielen Falten fallende ungeheure Kinn, den plumpen, feisten Leib. Sie
sphten sie aus, drangen durch die Schminke, betasteten spttisch die
sprde, warzige, brckelnde Haut.

Die Herzogin, tiefer geschlagen als je, bezwang nur mit Mhe ihre
malose, verwirrte Erbitterung. Sie sagte, und ihr Hohn klang nicht
echt: Lassen Sie es meine Sorge sein, Grfin, zu beurteilen, ob es
ntig ist, Sie auszulschen. Ich glaube, Sie berschtzen sich. Mir
gengt es, wenn Sie die verlangte Erklrung unterzeichnen.

Wie matt und ohne Schlagkraft diese Erwiderung war! Sie sprte es
selbst. Und hoch, triumphierend, genieend sprte es Agnes. Sie war
jetzt ganz gewi, nie wird jene wagen, den Spruch vollziehen zu lassen.
Ihr etwas einbekennen! Ihr etwas zugestehen! Da sie eine Nrrin wre!
Es tut mir aufrichtig leid, Ihren Wunsch nicht erfllen zu knnen,
sagte sie, den konventionellen Ton sen, spitzbbischen Bedauerns ganz
auskostend.

Die Herzogin erhob sich. In ihr stand fest: austilgen die Person! Das
Land verlangt es. Gott will es. Aus dem Licht mu sie, von der Erde weg
mu sie. Die Luft war verpestet, der Boden brannte, solange sie atmete,
schritt. Schwer schleifte sie sich zum Ausgang, ein krankes,
getroffenes, hliches, trauriges Tier. Leicht, hflich geleitete sie
Agnes.

                   *       *       *       *       *

Die Minister baten Margarete dringend, sie mge die Grfin begnadigen.
Nach diesem Proze werde sie sich hten, weiter gegen Tirol zu
intrigieren. Unter keinen Umstnden drfe die Herzogin jetzt etwas gegen
Agnes unternehmen, solange die Tiroler Dinge so wenig konsolidiert
seien. Auch verhinderten die Minister, da von der ganzen Angelegenheit,
Gefangennahme, Proze, Verurteilung, das leiseste Gercht ins Land
drang.

Schenna stellte Margarete vor, da das Volk niemals Schlechtes von Agnes
glauben werde, da sie allen nur denkbaren fanatischen Ha gegen sich
heraufbeschwren werde, taste sie Agnes an. Kein Spruch und keine
Kundgebung des Ministeriums werde verhindern, da man von Mord und
Blutschuld faseln werde. Jede Wolke, jedes Gewitter, jede Viehseuche
werde als Zeichen des Himmels gegen die Herzogin gedeutet werden.
Dringlich mit seinen gescheiten, grauen Augen bat er sie, beschwor sie,
sie mge nichts Rasches tun, alles hinausschieben bis zumindest nach der
Bestattung Meinhards.

Sie sagte still: Es geht nicht, Schenna. Der Streit mu ausgetragen
sein, Schenna.

Der Frauenberger sa allein und soff. Es war Nacht. Im Winkel lag sein
Bursche, schnarchte. Er stie ihn mit dem Fu, hie ihn das Feuer
schren. Gab ihm dann Wein. Pfiff, sang vor sich hin. berlegte scharf.
Logik! Logik! Behielt Margarete ihren Willen, wurde Agnes als
Hochverrterin gebrandmarkt oder gar hingerichtet, dann gab es
Revolution, und es war sehr fraglich, ob, wie die Dinge jetzt standen,
das Regiment der Barone sich halten lie. Tat man der Maultasch nicht
den Willen, dann wird sie, zh wie sie war, immer wieder darauf
zurckkommen; man wird das Erreichte nie in Ruhe genieen knnen. Was
also war zu tun? Logik! Logik! Er dachte nach. Soff. Dachte nach.
Erhellte sich. Grinste. Gab dem Burschen zu trinken. Qukte. Schlief.

Ging andern Tages zu Agnes. Fand sie sehr aufgerumt, froh ber sein
Kommen. Sie sagte, sie knne sich jetzt nicht mehr ber Langeweile
beklagen. Besuch wenigstens habe sie zur Genge. Heute ihn, gestern die
Maultasch. Ja, log er -- Margarete hatte ihm natrlich nichts gesagt --,
er habe gehrt, die Damen htten sich so gut verstanden. Sie schaute ihn
leicht mitrauisch an. Er blinzelte, begann sich ber Margarete lustig
zu machen. Er hatte sen Schnaps mitgebracht. Sie trank. Sie lag in den
Polstern, ihre weie, feine Kehle stieg und senkte sich vor Lachen. Er
machte ihr den Hof. Sie fhlte sich vergngt, beschwingt. Der Schnaps,
den er ihr mitgebracht hatte, war wirklich von besonderer Art und stieg
rasch zu Kopf. Er hatte sie berlistet, der Frauenberger, ei ja, ihr den
Meinhard vor der Nase wegeskamotiert. Aber sie htte diese Niederlage
nicht missen mgen. Er war ein Mann, der einzige, der ihr imponierte.

Sie lag in den Polstern, angenehm erschpft.

Wie niedrig die Zimmer waren in Schlo Tirol. Die Decke kam herab. Immer
tiefer. Stemm die Zimmerdecke hoch, Konrad! Man erstickt ja. Sie
erdrckt einen ja. Sie lachte unmig. Oder war das ein Rcheln?

Der Frauenberger blinzelte herber, wartete. Beobachtete sachverstndig.
Sah kopfnickend, wie sie sich auf die Seite wlzte, wieder auf den
Rcken, wie sie lachte, schnappte, rchelte, sich verzerrte, mit den
Armen um Luft ruderte, seitwrts vom Polster glitt.

Langsam dann rief er ihre Frauen. Benachrichtigte die andern Herren des
Kabinetts, der Zwist mit der Herzogin um die Begnadigung der Grfin von
Flavon sei gegenstandslos, da die Grfin, wohl infolge der Aufregung,
soeben an einem Schlaganfall verschieden sei.

                   *       *       *       *       *

Margarete, als sie von dem Tod der Agnes hrte, sprte eine dumpfe,
lhmende Leere. Sie war angefllt gewesen mit dem Gedanken: Agnes, jetzt
wich das alles aus ihr, zurck blieb eine leere Hlle.

Langsam aus allen Winkeln holte sie Fetzen von Besinnung. Htte sie sich
nicht eigentlich frei fhlen mssen, leicht, schwebend, beglckt, nun
die Verderberin tot und aus dem Weg war und das Land nicht mehr
gefhrdet? Nichts von dem. Mehr und mehr schwoll eine dumpfe, sinnlose
Wut in ihr hoch. Sie hatte die Feindin unterworfen sehen wollen.
Feierlich zum Tod gefhrt htte sie bekennen sollen: Besiegt bin ich,
ein kleines, lcherliches, verworfenes Stck Mensch bin ich, und du bist
die Frstin, die Hohe, die Unerreichbare, von Gott Erwhlte. Ihr Tod war
nicht wichtig, aber dies Einbekenntnis war wichtig. Und jetzt hatte man
sie hhnisch und frech um Ha, Rache, Sieg betrogen, hatte ihr die
Verhate vor der Nase weggeflchtet an ein Ufer, an das sie nie gelangen
konnte. Jmmerlich, roh, plump beschwindelt stand sie, und jene war
davon, emporgeflogen, leicht, lchelnd, unbesiegt.

Margarete tobte. Wozu jetzt hatte sie alle diese Opfer gebracht?
Hingeschmissen das Land, hingeschmissen das Werk der Vter und ihr
eigenes, schmhlich sich geduckt der Habgier und der Frechheit der
wlfischen Barone. Und jene davon, hhnisch, lchelnd.

Mit unfltigen Schimpfworten bergo sie den Frauenberger. Der feiste
Mann stand breit, gelassen, unberhrt. An seinem nackten, rosigen
Gesicht prallten die Flche ab wie Wasserspritzer.

Sie berief den Ministerrat. Kaum sich zgelnd, die sonst so beherrschte
Stimme heiser, ungleichmig, aussetzend, verlangte sie, sofort msse
Proze und Urteil publiziert, die Tote infam eingescharrt werden.
Geschehe das nicht, werde man diesen pltzlichen Tod ihr zur Last legen.
Einhellig, mit allen Krften widersetzten sich die Minister. Die meisten
glaubten wie das ganze Land, Margarete sei wirklich schuld an diesem
dunkeln und unwahrscheinlichen Tod. Sie waren ehrlich emprt ber die
frivole, gottlose Forderung der Herzogin, den Meuchelmord an der
verhaten Nebenbuhlerin jetzt als gerechte, patriotische, gottgefllige
Tat hinzustellen. Ja, sie fanden die eigenen Erpressungen an der
Maultasch durch dieses Verhalten hinterher moralisch in jeder Weise
gerechtfertigt; es zeigte sich klar, da man sich gegen diese malose
und verbrecherische Frau nicht Sicherungen genug schaffen konnte. Im
brigen waren sie sehr erleichtert durch die jhe Lsung des Konflikts
und nicht gewillt, die Dinge durch was immer neu verwirren zu lassen.
Qukend, unverhohlen, schneidend klar fate der Frauenberger ihre
Meinung zusammen. Was denn die Frau Herzogin wolle. Gott habe die
Bestrafung des Verbrechens in seine Hand genommen. Nun sei die
Verderberin tot, aus dem Weg gerumt. Mehr habe doch die Frstin nicht
gewollt, nicht wollen knnen. Es sei unchristlich, ber den Tod hinaus
zu hassen. Es sei dem Volk kaum zu verdenken, wenn es in solchem Fall
losbreche. Der von Matsch fhrte aus: Ja, natrlich erlaube sich das
Volk unehrerbietige Reden gegen die Herzogin. Es sei auch nach seinen
Informationen da und dort infolge des Todes der Grfin zu
Demonstrationen gekommen. Aber da sie, die Minister, geschlossen hinter
der Frstin stnden, werde man mit solchen kleinen Revolten leicht
fertig werden. Schon seien mehrere Demonstranten festgenommen, man werde
sie ffentlich stupen lassen, das werde den andern den Mund stopfen.
Infamiere man aber die Tote, dann werde die Emprung so allgemein sein,
da er fr nichts einstehe. Der redliche Gufidaun, der nach langem
Ringen zu der berzeugung gekommen war, die Herzogin sei nicht schuldig,
brachte in mhsamer Rede seine Ansicht zutage: Die Verbrecherin sei tot.
Teurer als mit dem Leben knne vor irdischen Richtern niemand seine
Schuld bezahlen. Das Gedchtnis der Toten zu verunglimpfen, stehe einer
so hohen und edeln Frau wie der Herzogin nicht an. Er setzte sich
verlegen; er redete selten. Alle pflichteten ihm bei.

Die Herzogin sah auf Schenna. Der kratzte mit seinen drren Fingern
nervs den Tisch, schwieg.

Margarete beharrte. Mit fieberischen, stammelnden, ungeordneten Worten
erklrte sie immer wieder, sie gehe nicht ab, sie sei das ihrem Prestige
schuldig, sie bestehe darauf.

Doch die Minister blieben fest. Sie beriefen sich auf das Abkommen, sie
zeigten die Zhne, erklrten, niemals wrden sie die erforderliche
Zustimmung zu Manahmen gegen die Tote geben. Margarete geiferte von
Meuterei, Emprung. Die Minister erwiderten, sie nhmen diesen Vorwurf
ruhig hin. Ihr Gewissen sage ihnen, ihr Widerstand geschehe im Interesse
des Landes und der Herzogin selbst; auch seien sie, wenn sie sich vor
die Tote stellten, der Billigung der ganzen Christenheit gewi.

Margarete mute sich fgen.

Sie wtete kraftlos, versagend. Die Minister, die Lumpenkerle, die
Feiglinge! Wie froh sie waren, ihren Spruch nicht vertreten zu mssen!
Wie schamlos hatten sie sie bertlpelt! Sie um das Land geprellt und
sich dann mit bler Sophisterei dem Pakt entzogen. Lumpen, Gauner,
Erpresser! Sie dachte daran, sich an das Ausland um Hilfe zu wenden.
Aber die Wittelsbacher waren geschworene Anhnger der Agnes, und der
Habsburger war zu klug, um sich durch Manahmen gegen die Tote von
vornherein unpopulr zu machen.

Sie wagte einen uersten, hilflosen Versuch, die Tote zu besiegen. Sie
setzte in letzter Stunde die Beerdigung Meinhards so an, da sie
zusammenfiel mit der Beerdigung der Agnes. Wer nach Taufers ging zu der
toten Agnes, mute der Bestattung des Landesfrsten fernbleiben.
Trotzig, verzweifelnd, rief sie das Land an, zu entscheiden zwischen ihr
und der Toten.

Schweigsam, vor sich hintrotzend, verwildert sa sie auf Schlo Tirol,
wartete, wer zu ihr kommen werde, wer zu Agnes. Im tiefsten Innern wute
sie so gut wie alle, da Agnes sie durch ihren Tod besiegt hatte, da
der Kampf aus war und die Tote durch keine Kraft und keine List mehr
erreichbar.




Die Herren des Kabinetts verstndigten sich, wer an der Bestattung des
jungen Herzogs teilnehmen, wer nach Taufers gehen solle. Sie kamen
berein, jedem einzelnen Entschlu und Verantwortung fr sich zu
berlassen. Die meisten beschlossen, zur Grfin von Flavon zu gehen.
Hatten sie nicht die Hnde rein von diesem Blut? Warum sollten sie es
nicht zeigen? Der Frauenberger, der Deutschordenskomtur Egon von
Tbingen, der redliche, schwerfllige Gufidaun beschlossen, in Tirol zu
bleiben.

Jakob von Schenna sa spt abends noch wach. Aber er las nicht in dem
Buch, das er sich aufgerollt hatte. Er ging auf und ab mit seinem
steifen, ungleichmigen Schritt. Er hatte erst vorgehabt, krank zu sein
und weder nach Tirol, noch nach Taufers zu gehen. Das Politische war ihm
gleichgltig. Die Meinungen und Wallungen des Pbels kmmerten ihn
nicht, und er hatte fr seine Person viel zu wenig Ehrgeiz, um sie in
Rechnung zu stellen. Der Streit zwischen den Frauen aber hatte ihn von
je erregt; er rhrte ihn noch tiefer auf, seitdem er zwischen der Toten
und der Lebenden ging. Margarete hatte Hilfe von ihm verlangt; er hatte
sie ihr, zum erstenmal, versagt. Er wollte sich nicht hineinziehen
lassen in diesen Kampf, er wollte nicht Partei nehmen. Er wollte nicht.

Wiederum vielleicht fast als einziger durchschaute er die Zusammenhnge.
Margarete, die Frstin, hatte recht. Agnes war die Verderberin gewesen,
es war ein Segen fr Tirol, da sie weg war. Aber hatte Margarete die
Frstin den Schlag gefhrt oder Margarete die Frau? Hatte Agnes sterben
mssen, weil sie das Land schdigte, oder weil sie schn war? Er wagte
nicht, zu entscheiden. Dies eine war gewi: Agnes war die schnste Frau
gewesen vom Po bis zur Donau. Er war ein alternder Herr. Wagte er
vielleicht nur deshalb nicht zu entscheiden?

Er wollte nicht bequem sein, er wollte nicht alt sein. Es war nicht
recht gewesen von der Maultasche. Er hatte ihren wsten Mund
hingenommen, ihre Hngebacken, ihre ganze, arme Hlichkeit. Ihren Ha
gegen die Tote nahm er nicht hin. Ein simples, gerades Gefhl stellte
sich gegen sie. Man mute Zeugnis ablegen fr die Schnheit. Er wird
nach Taufers gehen.

                   *       *       *       *       *

Vom Pustertal her ber Bruneck go es sich in das Tal von Taufers.
Niemals hatten diese Berge soviel Menschen gesehen. Durch den hohen
Schnee mhselig stapfte es heran, bald war eine Strae getreten. Unter
dem freien, bestirnten Himmel nchtigte es in der scharfen, klaren
Klte. Eine Stadt von Zelten breitete sich. Tausende und immer neue
Tausende schoben sich heran, Weiber, Kinder, die Mhsal und Gefahr des
Winters nicht scheuend. Durch die Schneeluft klangen die Verwnschungen
der Margarete, der Hexe, der Gezeichneten. Ruchlos, meuchlings hatte die
wste Teufelin die sanfte, se Agnes ermordet. Nun lag sie aufgebahrt
in der Kapelle von Taufers, ein Engel Gottes, wchsern, eine bunte,
schne Heilige. In endlosem Zuge wallte es an ihr vorbei, sehr
verschieden von Stand, Alter, Aussehen, Barone, Bauern, Brger, aber
alle andchtig, ergriffen, mitleidig, alle voll wilder, fluchender
Emprung gegen die Herzogin.

Vereinsamt indes in der Kapelle von Schlo Tirol lag der tote Meinhard,
letzter Graf von Tirol. Nur die Hofbeamten und Offiziere waren
geblieben, die unter allen Umstnden bleiben muten.

Wortkarg, eisig verschlossen ging Margarete durch ihre tuschelnde
Umgebung, bersah die Lcken unter den Gsten, traf, umkrustet, die
letzten Anordnungen der Trauerfeier. War Herr von Schenna nicht da?
Nein, bis jetzt war er nicht gekommen. Am Nachmittag: immer noch nicht?
Nein, Herr von Schenna war nicht da. Sie schickte einen Kurier nach Burg
Schenna. Herr von Schenna war verreist. Nach Taufers.

Auch Schenna.

Der starke Verwesungsgeruch, der von der Leiche Meinhards ausging, drang
durch alle Essenzen und Gewrze. Er benahm den Leuten in der Kapelle den
Atem, die wachehaltenden Offiziere muten von Stunde zu Stunde
gewechselt werden.

Um die dritte Stunde nach Mitternacht ging Margarete in die Kapelle.
Stumm hockte sie neben ihrem verwesenden Sohn, der Geruch der Verwesung
scheuchte sie nicht fort. Die Wachen wurden gewechselt, das zweitemal,
das drittemal, sie hockte neben dem Toten, rhrte sich nicht.

Auch Schenna.

Sie rief die Feindin herbei, die Tote, sie rief herrisch. Jene kam. Sie
rechtete mit ihr. Jene lchelte, sprach nicht. Sie hielt ihr vor, was
alles sie verbrochen hatte, sinnlos, eitel, frech spielerisch in ihrer
glatten, nichtigen, schamlos genieerischen Schnheit. Hier in der
Kapelle, wo die toten Grafen von Tirol lagen, die das starke, reiche,
berhmte Land in den Bergen gefgt hatten und zusammengeknetet, hielt
sie der toten Feindin vor, was sie zerstrt hatte, verdorben, verhunzt.
Jene glitt auf und ab, leicht, unerreichbar, die Verwesung zerteilte
sich rings um sie, sie lchelte, glitt, sprach nicht.

Auch Schenna.

Jene hatte gesiegt. Margarete hatte recht, und jene hatte gesiegt.
Margarete hatte vernichtet, und jene hatte gesiegt. War vernichtet, war
tot und hatte gesiegt. Alle kamen zu ihr. Auch Schenna.

Dann, andern Tages, wlkte der Weihrauch, sangen die Trauerchre, sank
der Sarg, schlossen die Steinplatten, schwer niedergleitend, die Gruft.
Aber die Feier blieb ohne inneren Hall. Die Chre blhten nicht in die
Herzen, die feierlichen Gesten blieben kahl, die sprlichen Teilnehmer
standen steif, unbehaglich, frstelnd.

In der Zeltstadt um Taufers hatte ein groes Trauergelage angehoben. An
riesigen, offenen Feuern wrmte man sich, briet und sott man. Die
scharfen Grenzen der Stnde verwischten sich. Wildbret und Fisch, dem
Bauern sonst durch strenges Gesetz versagt, geno er statt Rben und
Sauerkraut. Der Stadtbrger steuerte Wurst bei und Schweinebraten. In
der frhlichen Klte hob ein groes, gerhrtes, trauerndes, maloses
Fressen und Saufen an. In seliger Trunkenheit gedachte man in
berschwenglichen Reden der engelhaften Schnheit, Milde, Gte der toten
Grfin von Flavon; wilde Flche gellten gegen die Maultasche, die
Teufelsbuhle und Mordbbin. Noch die tote Agnes blieb dem Volk verklrt
von einer festlichen Wolke nie mehr zu erreichenden, duftenden,
gebratenen Fleisches und flutenden Weines.

Einsam in Schlo Tirol hielt Margarete das prunkende Totenmahl. Steif
sa sie, geschminkt, allein, unter Fahnen, Feldzeichen, Standarten, an
der von Schaugerichten, Gold und Steinen strotzenden Tafel. Der
Frauenberger, leicht grinsend, Gufidaun, der Deutschordenskomtur nahmen
den Kmmerlingen, Vorschneidern die Speisen ab, trugen sie zeremonis zu
Tische. Margarete sa steif, starr. Die Speisen kamen, in ungeheurer
Flle, wurden unberhrt wieder weggetragen. So hielt sie Totenmahl, drei
Stunden lang.

                   *       *       *       *       *

Der Sekretr des Frauenbergers, der stille, demtige Kleriker, bekam zu
tun. Die Minister ntzten mit nackter Schamlosigkeit den Vertrag aus,
den sie der Herzogin abgepret hatten, teilten das Land unter sich auf.
Es flogen die Schenkungsurkunden, Gaben, Gnaden, Privilegien,
Verschreibungen. Das Regiment der bayrischen Artusritter war bescheiden
gewesen, verglich man es mit der grozgigen Plnderung Tirols durch
dieses Kabinett der Maultasch.

Der Frauenberger steckte grinsend, breit, selbstverstndlich die
Hinterlassenschaft der Agnes ein, dazu Burg und Pflege Pergine und
Schlo Penede stlich von Riva, Heinrich von Kaltern-Rottenburg die
Feste Cagno auf dem Nonsberg, dazu das Dorf gleichen Namens, Hans von
Freundsberg Festung und Pflege Straberg bei Sterzing. Ganz aus dem
Vollen scheffelten die Herren von Matsch. Sie lieen sich Nauders
zusprechen, Stadt und Gericht Glurns, die Probstei Eyers, Schlo Jufal
am Eingang ins Schnalser Tal.

Berchtold von Gufidaun und der Deutschordenskomtur Egon von Tbingen
schauten mibilligend zu, hielten sich, belchelt von den andern um ihre
Naivitt, die Hnde rein.

Schenna schttelte betrbt den Kopf ber die Habgier der Kollegen. Sagte
sich schlielich: Besser ich als ein anderer. Eignete sich traurig und
sachkundig Pflege und Gericht Sarnthein an, steckte auch Burg und Pflege
Reineck ein, dazu Festung und Gericht Eppan, schlielich, ganz
trbsinnig ber soviel Schwche und Hemmungslosigkeit, Lugano oberhalb
Cavalese.

Margarete, starr und schweigsam, unterschrieb, was man ihr vorlegte. Im
Verlauf von dreizehn Tagen hatte sie das halbe Land verpfndet und
verschenkt.

                   *       *       *       *       *

ber den Krimler Tauern durch den wilden Januar arbeiteten sich fnf
Mnner. Sie sanken in Schneemulden, kmpften sich heraus, zerschrundeten
sich Hnde und Gesicht an Eis und Stein. Aus Schluchten, trgerischen
Schneehalden, hundertfltig, lautlos, wehte einen Tod an. Zwei Bren
folgten ihnen von Ferne, flohen, schnupperten sich wieder heran. Drei
Tage so arbeiteten die Mnner sich vor, bis sie bei dem Dorfe Prettau
wieder eine menschliche Siedlung erreichten.

Es waren Rudolf, Herzog von sterreich, Herr von Rappach, sein
Hofmeister, Herr von Laberg, sein Kmmerer, und zwei Knechte.

Der Habsburger hatte in der Steiermark, in Judenburg, durch Eilkurier
eine Depesche seines Kanzlers erhalten, der sich in den schwbischen
Vorlanden an der tirolischen Grenze aufhielt. Bischof Johann von Gurk
meldete ihm die tirolischen Wirren, die im Anschlu an Meinhards Tod
entstanden waren, und forderte ihn ebenso dringlich wie untertnig auf,
so schnell wie mglich in das Land in den Bergen zu kommen.

Rudolf berlegte kurz: Die Wittelsbacher rauften jetzt wohl unter sich
um Meinhards bayrisches Erbe, hatten keine Zeit fr Tirol. Ja, der
Kanzler hatte recht, es war das wichtigste, da er jetzt auf krzestem
Weg, berraschend, Bayern meidend, bei Margarete erschien. Zurck nach
Wien? Militr? Nein, geradeswegs von Judenburg nach Radstadt ritt er, in
den Pinzgau, hrte nicht auf die Beschwrungen, jetzt im Winter von der
berquerung der Tauern abzustehen, drang zh, ums Leben kmpfend, ber
den Pa, gelangte nach Prettau, nach Ahrental. Geriet in Taufers
unerkannt in den Strom der abziehenden Trauergste. Hrte von dem neuen
Ministerium, seinen unerhrten Vollmachten, seinen Plnderungen. Kam
nach Bruneck. War am zwanzigsten Januar, am vierzehnten Tag der
Alleinherrschaft der Margarete, in Bozen.

Da stand er nun. Das Land, sein Land, fr dessen Besitz er und sein
Vater durch Jahrzehnte gewirkt hatten, war in der Hand der gewaltttigen
Barone, wurde jmmerlicher zerstckt von Tag zu Tag. Er war ganz allein;
sein Heer bestand aus zwei Offizieren und zwei Mann. Wohl hatte er in
sterreich Order hinterlassen, Truppen an der tirolischen Grenze
zusammenzuziehen. Aber bis solche Manahmen wirksam wurden, konnte das
Land in den Bergen aufgeteilt sein. Er erkannte sehr gut, wie voll
Gefahr seine Situation war. Es war mglich, da die entzgelten,
verwilderten Barone vor seiner geheiligten Person nicht zurckscheuten,
sich, wenn auch solches Vorgehen nur sehr kurzfristigen Erfolg haben
konnte, seiner bemchtigten, ihm Besttigungen, Zugestndnisse
abzupressen. Aber wie immer, er konnte nicht warten. Er war randvoll vom
Willen zu seiner Sendung, vom Glauben an sich selbst. Alles hing ab von
seinem persnlichen Auftreten.

Der Frauenberger lie sich melden. Kam als Vertreter des Ministeriums.
Stand vor dem Herzog, lauersam, abwartend. Der war sehr khl,
verschlossen. Der Frauenberger tastete sich vor. Blinzelte Rudolf
vertraulich an, sagte jovial: Das Kabinett sei allenfalls bereit, jenes
Testament Margaretes zu Habsburgs Gunsten anzuerkennen, vorausgesetzt,
da Rudolf den Ministern garantiere, da ihre Privilegien und
Verfgungen fr mindestens zwlf Jahre in Geltung blieben.

Rudolf schaute den breiten, massigen Menschen an, der feist und
widerwrtig vor ihm stand. Der blinzelte ihm spitzbbisch zu,
einverstndnisvoll wie bei einem guten, unsaubern Handel ein Schelm und
Krmer dem andern. Hochmtig sagte der Habsburger: Das seien merkwrdige
Sitten, die in Tirol eingerissen seien, und sonderbare Begriffe. In
Habsburgischen Landen wage keiner, dem sein Hals lieb sei, solche
Vorschlge an seinen Frsten. Soviel ihm bekannt, sei ein deutscher
Frst Gott verantwortlich und allenfalls dem Kaiser, und ein Habsburger
nach den Hausprivilegien nicht einmal dem. Der Frauenberger schaute
gleichmtig, wartete, ob nach dieser allgemeinen, theoretischen
Einleitung ein Besonderes, Praktisches komme. Der Herzog schlo kalt, er
sei bereit, zu prfen, wie weit die Privilegien der Barone zu Recht
bestnden. Der Albino tat sein Froschmaul auf, qukte frech, behaglich,
vergngt: Auf solcher Basis werde man sich wohl einigen. Er rechne
damit, die Prfung des Herzogs werde weitherzig ausfallen. Sei man doch
auch in Tirol immer weitherzig genug gewesen, niemals die so spt und
unter so merkwrdigen Umstnden aufgefundenen habsburgischen
Hausprivilegien anzuzweifeln.

Da geschah etwas Seltsames. Langsam, ruhig hob der junge Herzog die
schmale, feste, knochige Hand. Mit dem brunlichen Handrcken schlug er
in das fette, nackte, rosige Gesicht des andern, zweimal, rechts, links.

Der Frauenberger hielt ganz still. Sein geschlagenes Gesicht schien
durchaus nicht weiter gekrnkt, nur malos verblfft. Die rtlichen,
lidlosen Augen starrten auf den Frsten, sahen die niedere, eckige,
entschlossene Stirn, die Hakennase, die hngende Unterlippe ber dem
starken Kinn. Der Albino blinzelte, blinzelte strker, wiegte den Kopf,
hob wie entschuldigend die Achseln, verneigte sich, ging.

Rudolf, allein, atmete, breitete die Arme, lchelte, lachte.

Der Frauenberger sagte sich: Man knnte ihn beiseite schaffen. Aber es
wird nicht so glatt gehen wie bei den andern. Auch hat er sich gewi
vorgesehen, und es stehen viele hinter ihm. Es ist klger, sich nicht
mit ihm einzulassen. Es ist schade um die schne Regiererei. Aber ein
Kerl mit solchem Nacken und solchem Kinn. Na, ich hab' auch so genug
beisammen. Wer htte mir eine solche Karriere zugetraut? Man mu
schauen, soviel wie mglich zusammenzuhalten. Wozu die ewige Habgier?
Ich bin kein Esel. Ich bescheide mich, wenn das Risiko zu gro wird.
Immerhin, schade. Aber bei solcher Hakennase.

Er pfiff sein Lied, streckte sich, ghnte geruschvoll, knackte mit den
Gelenken, schlief.

                   *       *       *       *       *

Jung, fest, gerafft, doch nicht unehrerbietig, trat Rudolf vor die
Herzogin. Er begrte die Starre, Verschlossene, drckte ihr auch
mndlich sein Beileid aus. Ging dann sogleich mit hflichen, bestimmten
Worten auf sein Ziel los. Sie sei bekannt an allen Hfen als Frstin von
Klugheit und Kraft. Um so erstaunlicher, da jetzt die kurzen Tage ihrer
Alleinherrschaft dem Lande so schlecht bekommen seien. Es sei wohl so,
da der Schmerz ber den Verlust ihres Sohnes so rasch nach dem Verlust
ihres Gemahls sie verwirrt habe und unfhig mache, ihre groen Gaben zu
nutzen. Nun brauche aber das Land in den Bergen jetzt mehr als je eine
feste Hand. An den Grenzen drohe Bayern, auch die lombardischen Herren
wrden bei einem wittelsbachischen Angriff nicht still bleiben, im
Innern regiere die nackte Habsucht der Barone. Er gebe zu erwgen, ob
Margarete das Vertrauen, das sie ihrem Testament zufolge dem Haus
sterreich schenke, nicht jetzt schon erweisen, ihm die Verwesung des
Landes abtreten wolle.

Reglos sa die alte, plumpe Frau vor dem jungen Frsten. Der breite,
wste Mund zuckte nicht, die massigen, geschmckten Hnde lagen tot auf
dem schweren, schwarzen Damast des Kleides.

Die harten, klaren, grauen Augen richtete Rudolf auf sie, wartete,
setzte wieder an: Er wolle sie nicht mit vagen Versprechungen locken.
Das Regiment der Habsburger habe sich bis jetzt gerecht, stark, krftig
gezeigt. Tirol werde keinen Vorzug haben vor den andern habsburgischen
Besitzungen. Aber dafr stehe er ihr ein, der Frst der Frstin, es
werde regiert sein wie diese: stark, gerecht, tchtig. Was sie
persnlich angehe, so werde fr ihre Bedrfnisse bestimmt reicher und
herrenhafter gesorgt werden als unter der Verwaltung der Barone.

Margarete schwieg noch immer, schaute mit leeren, gehetzten Augen vor
sich hin. Rudolf schlo: Er dringe nicht in sie. Sie habe das mit ihrem
Gott und sich selbst abzumachen. Er ersuche, Vertrauen zu ihm zu haben
und seine Worte ohne Voreingenommenheit zu berlegen.

Margarete sagte mit rostiger Stimme: Es bedarf weiter keiner
berlegung. Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich erkenne durchaus, wie
folgerichtig Ihre Gedanken sind.

Sie stand auf, drehte mit ruhiger, seltsam lebloser Bewegung die
geschminkten Hnde nach auen, lie sie sinken. Lie gleiten, lie
fallen. Da fiel es von ihr, Tirol, die Stdte, ihr Werk, das Werk ihrer
Vter, Alberts, Meinhards, des Starken, Gewaltttigen, Heinrichs, das
Ihre. Nun war sie ganz arm und kahl.

Rudolf war durchaus nicht geneigt zu sentimentalen oder gar pathetischen
Gesten; aber es rhrte ihn tief und sonderbar an, wie die Hliche vor
ihm stand, entblt, demtig, mde von Hoheit und Schicksal. Er ging auf
ein Knie nieder, sagte, er betrachte das Land als Lehen aus ihren
Hnden; er werde sich bewut bleiben, nichts zu sein als ihr Gouverneur.

                   *       *       *       *       *

Nach allen Richtungen liefen die Kuriere mit Briefen und Dekreten der
Herzogin. Margarete erklrte darin, infolge besonderer Umstnde und der
Schwche des weiblichen Geschlechts sei sie nicht in der Lage, ihr Land
so zu verwesen, wie es sein Vorteil erfordere, und alle und sich selbst
nach Gebhr zu schtzen. Nach dem Rat ihrer Minister und der
Reprsentanten des Volkes berantworte sie daher ihre wrdigen und edeln
Grafschaften zu Tirol und zu Grz, die Lande und Gegenden an der Etsch
und das Inntal mit der Burg zu Tirol und mit allen andern Burgen,
Klausen, Stdten, Tlern, Gebirgen, Mrkten, Drfern, Weilern, Lehen,
Hfen, Vogteien, Gerichten, Mnzen, Mauten, Zehenten, Zllen, Zinsen,
Steuern, Gefllen, Gehlzen, Gefilden, Wldern, Huben, Weingrten,
ckern, Seen, flieenden Wassern, Fischteichen, Wildbahnen, kurz ihr
ganzes vterliches Erbe ihren lieben Vettern und nchsten Anverwandten,
den Herzogen von sterreich. Und sie gebiete ernstlich und festlich, da
alle ihre Prlaten, bte und alle Pfaffheit, dazu die Burggrafen,
Pfleger, Vgte und alle Behrden in Tirol und allerwrts in ihren
Lndern, dazu die ganze Bevlkerung huldige und schwre fr jetzt und
alle Zukunft den Herzogen von sterreich als ihren rechten Frsten und
Herren.

Vornchst leisteten alle widerstandslos den verlangten Eid der Treue und
des Gehorsams. Am dritten Februar huldigte Bozen, am fnften Meran, am
neunten Sterzing, am zehnten Innsbruck. Allein von den Feudalherren
hatten sich nicht alle so klug beschieden wie der Frauenberger. Sie
versuchten wenig aussichtsreichen Widerstand, zettelten mit den
Wittelsbachern, mhten sich, den Norden gegen Habsburg zu
revolutionieren. Als Rudolf in Hall erschien, die Huldigung der Stadt
entgegenzunehmen, kam es zu offenem Aufruhr, der Herzog selbst geriet in
Lebensgefahr. Aber die Brger von Hall hielten den Sldlingen der Barone
Widerpart, die Stadt Innsbruck schickte dem Habsburger Hilfe, es erwies
sich, da die Stdte entschlossen waren, ihn unter allen Umstnden gegen
die Willkrherrschaft der einheimischen, von bayrischen Agenten
untersttzten Aristokraten durchzusetzen. Mit Stolz konnte wenige Tage
spter der sterreicher dem befreundeten Dogen von Venedig, Lorenzo
Celsi, berichten: Auf friedlichem Weg, ohne viel Widerstand, sind Wir
in den Besitz des Landes in den Bergen gelangt, dessen Erbe vom Vater
her Uns zusteht. Edle und Unedle haben Uns den Eid geleistet und
anerkennen Uns als ihren Herrn. Alle Straen und bergnge von
Deutschland nach Italien sind, dank der Gnade des Allerhchsten, in
Unserer Hand.

Margarete besorgte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit die umstndlichen,
verwickelten Geschfte der bergabe. Aber sie empfing nur die
notwendigsten Besucher, sprach kein Wort ber das Amtliche hinaus.
Unauffllig dann, mit ihrem drren Frulein von Rottenburg und zwei
Lakaien, wollte sie das Land verlassen. Doch Rudolf gab es nicht zu, da
sie so klanglos und ohne Reprsentation davonzog. Er ordnete an, da der
scheidenden Frstin jede nur denkbare Ehrung erwiesen werde. An den
Grenzen ihrer Territorien empfingen sie die Feudalbarone, am Weichbild
der Stdte die geistlichen und weltlichen Behrden. Allein die Snfte
der Herzogin blieb verschlossen, nur undeutlich zwischen den Vorhngen
erkannte man sie, die starr, reglos in der Robahre vorberschwankte.
Scheu und neugierig sphte das Volk, sah nichts. Da zog sie fort, krank,
abgerissen, die Verderberin, die Hexe, die Mrderin, die Mnnerschtige,
Unersttliche, die Hliche, die Maultasch. Hinter ihr, wild, grausam,
schmutzig, schlugen groteske Legenden zusammen. Rasselten nicht und
klirrten unheimlich auf ihren Schlssern die zurckgelassenen Waffen?
Schepperten nicht in den Kellern und Verliesen die Gerippe der von ihr
Ermordeten? Man mied die Orte, wo sie gern geweilt hatte, sie waren
nicht geheuer. Man schreckte die Kinder: Wenn ihr nicht folgsam seid,
holt euch die Maultasch. Das Vieh mochte das schne, fette Gras nicht
fressen auf den Almen ber Schlo Maultasch.

Als sie Innsbruck hinter sich hatte, hrte sie, in der Snfte vor sich
hinbrtend, eine kleine, spitze Stimme: Leben Sie wohl, Frau Herzogin.
Sie schrak auf, fragte das drre Frulein von Rottenburg: Wer ist da?
Das Frulein hatte nichts gehrt. Margarete sphte durch die Vorhnge.
Da sah sie zwei winzig kleine, bebartete Wesen. Sie trippelten am Rande
der Strae, sie schauten aus uralten, ernsten Augen auf die Herzogin,
sie zogen die schmutzigbraunen, altmodischen Mtzen, neigten sich
ehrerbietig, viele Male. Da verlor Margarete ihre Starre, die Schultern
wurden ihr schlaff, die dicke, hliche Frau sank schwer in sich
zusammen.

Sie kam an die Grenze zum bayrischen Chiemgau. Hier war eine
Ehrenkompanie aufgestellt, prsentierte die Lanzen. Sich senkende
Fahnen, Musik. Die Vorhnge blieben heruntergelassen, die Snfte
schwankte ber die Grenze, ins Bayrische. Sowie sie auer Sicht war,
holten die Zollsoldaten ihrer Weisung gem die schnen, schweren Banner
der Grfin von Tirol herunter, gemchlich, ghnend, pfeifend, zogen an
ihrer Statt die neuen, nchternen, sauberen Fahnen hoch mit dem roten
Lwen Habsburgs.

                   *       *       *       *       *

Langsam ruderte die krftige Magd das schwere, ungefge Boot von der
kleinen Fraueninsel weg ber den Chiemsee. Es war Mittag, sehr hei, das
Wasser lag bla, weit, still. Die beiden geistlichen Herren im Boot, der
Kanzler, Bischof Johann von Gurk, und der Abt von Viktring, der Uralte,
waren schlecht gelaunt. Der Florentiner Chronist Giovanni Villani, der
Nebenbuhler des Abtes, hatte das sensationelle Gercht aufgebracht,
Margarete, Herzogin von Bayern, Markgrfin von Brandenburg, Grfin von
Tirol, lebe seit ihrer Abdankung in tiefster Not, der Habsburger lasse
sie Hunger leiden, Entbehrung, jedes Elend. Die Herren waren nun im
Auftrag Herzog Rudolfs in Frauenchiemsee gewesen, wo Margarete jetzt
lebte, um sie zu bewegen, in Wien oder einer beliebigen anderen Stadt
wrdig Hof zu halten. Hatte ihr nicht der Habsburger die reichsten
Einknfte verschrieben, die vier Ansitze Gries bei Bozen, Stein auf dem
Ritten, Amras, Sankt Martin bei Zirl, die Einknfte der Feste Straberg,
des Passeyers, der Stadt Sterzing, dazu eine Jahresrente von
sechstausend Veroneser Pfund? Die Hofhaltung der Herzogin htte es mit
der jedes deutschen Frsten aufnehmen knnen. Allein weder die
hflichen, klugen Argumente des Bischofs, noch die lateinischen Zitate
des Abtes und seine Beispiele aus der Geschichte hatten sie weglocken
knnen.

Sie ist jeder Bewegung abgestorben, klagte der Bischof auf lateinisch.
Es kmmert sie nicht, ob Tirol Frieden hat oder Krieg. Ich habe ihr von
dem Einbruch des Wittelsbachers erzhlt, von der brutalen Einscherung
und Plnderung des Inntals. Sie hrt zu, als sprche man vom Wetter.
Der See lag ganz still, weilich flirrend, gleichmig tauchten die
Ruder. Der Uralte schwieg. Dabei hufen sich ihre Einknfte, hub
wieder der Kanzler an. Sie werden ihr pnktlich berwiesen, kein
Pfennig wird angetastet. Das Gold trmt sich in ihren Schlssern. Sie
mu unausdenkbar reich sein. Beim Herkules! schlo er rgerlich, jener
Italiener ist ein treuloser Verleumder und Verkleinerer, ein schlechter
Pasquillant.

Dem ausgetrockneten Uralten ging das Herz auf bei dieser Kennzeichnung
des Konkurrenten. Recht spricht deine Eminenz, sagte er mhsam,
zahnlos. Wer htte je gezweifelt, da jener ein armseliger, niedriger
Schwtzer ist?

Am Ufer der kleinen Insel, vernachlssigt, grellwei geschminkt, unter
Gerank und sehr farbigen Bauernblumen, sa die Herzogin, schaute dem
Boot nach. Es war ganz still, Mcken flirrten, ein Wasservogel schrie
verschlafen. Ein starker Geruch von Fischen, Netzen, Tang stand in der
heien, unbewegten Luft. Das Boot rckte sehr langsam von der Stelle,
bog um die Spitze der vorgelagerten, greren Insel, war nicht mehr
sichtbar.

Aus dem niedern, gelblichgrauen, besonnten Fischerhaus kam ihr drres
Frulein, holte die Herzogin zum Essen. Margarete stand auf, reckte sich
trg, ging mit ihrem schweren, schleifenden Schritt dem Haus zu. Der
Mund wulstete sich ffisch vor, die Backen hingen schlaff, riesig,
unfrmig herab, die Schminke konnte die Warzen nicht verdecken. Das
drre Frulein, still, demtig, ffnete die ungefge, niedere Tr vor
ihr. Wolkig drang der Geruch gebratener Fische heraus. Margarete
schnupperte ihn behaglich ein, ging ins Haus.




                     Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Ausgaben, sind hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 42]:
   ... der Liturgie zwang ihr Bewunderung ab. Sie ...
   ... der Liturgie zwangen ihr Bewunderung ab. Sie ...

   [S. 93]:
   ... Tugenden Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...
   ... Tugenden des Leibes und der Seele. Er war Erec und Parzival ...

   [S. 112]:
   ... die starke Nase stach spitz auf dem Tuch, Mund und Kinn ...
   ... die starke Nase stach spitz aus dem Tuch, Mund und Kinn ...

   [S. 145]:
   ... gegenber. Zu ihren Huptern an den Wnden schritten ...
   ... gegenber. Zu ihren Hupten an den Wnden schritten ...

   [S. 275]:
   ... schmuckstrotzend wie ein Gtzenbild, an Seite des Kaisers. ...
   ... schmuckstrotzend wie ein Gtzenbild, an der Seite des
       Kaisers. ...

   [S. 284]:
   ... die Albino herum. ...
   ... den Albino herum. ...






End of Project Gutenberg's Die hliche Herzogin, by Lion Feuchtwanger

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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