The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer

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Title: Helianth. Band 3
       Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
       norddeutschen Tiefebene

Author: Albrecht Schaeffer

Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***




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                                HELIANTH


                                 Bilder
                             aus dem Leben
                       zweier Menschen von heute
                  und aus der norddeutschen Tiefebene
                      in neun Bchern dargestellt

                                  von
                           Albrecht Schaeffer


                         Der drei Bnde dritter


                       Im Insel-Verlag zu Leipzig
                                  1920




                            Siebentes Buch.
                             Hochsommertag
                                  oder
                         Der groe Mummenschanz


                            Dann der traum hchster stolz steigt empor
                            Er bezwingt khn den gott der ihn kor
                            Bis ein ruf weit hinab uns verstt
                            Uns so klein vor dem tod so entblt.


                             Erstes Kapitel


                               Firmament

Unablssig funkelten die Gestirne.

Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schrg auf der niedern, steinernen
Brstung sitzend, hatte die goldberste Wand des sdstlichen Himmels
vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur
Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter
rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal
weiter und so fort, -- er mute sich drehen, den rechten Arm hinter sich
aufgesttzt, so da die rauhe Flche von Stein in seinen Handballen
brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann
loderte ber seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom,
weilich und nebelnd, ergo sich die Milchstrae vom Zenit bergunter,
alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetmmel in tausend Formen,
in schweren Klumpen gleich Waben, gefllt mit Nacht, in reichen Trauben
und Gewinden, in seltsamen Krnzen und durchbrochenen Reigen, alle
lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern
gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsglich
ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der
Schattenumri des Schlodaches hinter Georgs rechter Schulter in der
Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender
Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder
verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das
bleiche Wei ...

Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die
abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen
Posten, durch alle Rume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen.
Nun schienen es Gefe, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden
Flssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle
vielleicht, riesige, in denen gefangene Gtter die Glieder bewegten,
Gttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der
Widder, grohuptig, wachsam schlfrig der Leu, scharfugig der Greif.
Schne Kugeln waren auch da, gefllt mit Lebensessenz, in der liebliche
Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben
und lchelte, immer ging eine Woge von Odem, eine strmisch sanfte Welle
von Lcheln ber ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten
wehend auf wie Felder von Fackeln.

Da auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche
Gewimmel erst gleichfrmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und
mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und
Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre,
der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Vlker an
Seele mannigfalt, Alle nur einander hnlich durch Liebe, durch Ruhe,
durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und greren Lampen,
entzndet am harten Gewlbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war
nachtblaue Tiefe, farblos fast, brunliches Dunkel, ewig beschattete
Weltenrume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder
und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie
lautlose Schwne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen
Flut, und sie lchelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und
Wink im Vorbergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer
zu wanken und zu erlschen, scharenweise aber loderten sie hher empor
-- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte
sich! Heere zogen klirrend auf ber ungeheure Brcken, Heere schwrmten,
Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich
wieder, sie wanderten im Takt, unerschpflich berstiegen neue mit
Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos
unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in
Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war
Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des
nchtlichen Daseins, Seligkeit im bersteigen der Nachtgebirge,
Seligkeit, zu strmen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge
geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen
Ketten zu hangen, in Krnzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen,
Seligkeit, sich anzutnen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in
dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose
Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und
millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden
Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- --

Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betubte Stirn,
glhend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum
noch die Hhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel
wankte, Massen von Sternen herunterstrzten; Goldrutsche, entfesselt,
schlugen mit lautlosem Drhnen gegen die Wandung seines Daseins und
zerstubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus
Unermelichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten ber Welten
einander nach, tnend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend
und erlschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die
gewaltigen Tiere, auf riesigen Flen aufrecht stehend, flogen durch die
Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze,
der Lwe hob die Pranke und brllte goldenen Donner ber die Eisfelder
der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif,
schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bgen
gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde
stehend, den gewaltigen Bogen spannend, da die bis zum Ohr gezogene
Sehne klang, strmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die
Sehne klirrte, der Pfeil strzte sich und fuhr unten in ein Herz,
aufschreiend ri es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah
still stehn, zur groen Kuppel gewlbt, das ganze Firmament, leise
flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen,
eine zitternde Welle von Innigkeit berlief sie, -- sie schlossen sich
lchelnd, sie ffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder
aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen
aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. --

Georg nahm das nasse Gesicht aus den Hnden. Er glaubte, sie ganz
eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja,
entstrmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie
Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablssig aber
funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein
Gedicht und keine Musik tnte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens
in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit
unmittelbar, mit Glanz, mit Lcheln, mit Stille, mit blickender
Gewiheit. Die Sterne wuten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus,
die Sterne wuten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es
unverhllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und
teilnahmsvoll in der Hhe, und Zuversicht strmte aus ihnen, ein milder
Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war
sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt.
Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen
im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit,
nichts geschieht, nichts lst sich, bewegt sich und fllt, und nichts
steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem
Schicksal wissen die dort oben nichts, was knnte es sie kmmern? Was
geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlgst zu einem Blick oder ein
Andrer? Deine Handlungen und deine Trume, dein ganzer Wandel ficht sie
nicht an, sie gehren sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau
du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal
zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl,
und das Schauen gengt.


                               Sternwarte

Georg, unfhig, den Anblick lnger zu erdulden, senkte die Augen, wandte
sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen
Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, go
langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte,
in den Becher und umfate ihn mit beiden Hnden. O wie khl, wie eisig
khl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste
Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das se
und herbe, khle Getrnk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft
von Alter, von Wrde, Frstlichkeit und groer, mnnlicher Seele mit
einstrmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat
er an die Brstung zurck und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie
unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang ber das schlummernde
Nachtland. In der Tiefe zu Fen waren dunkel lebendig die Laubmassen
der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der
Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten
anderer Bume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stck der
Mauer glnzte kalkwei, dahinter war undeutlich das flache Land, die
Wiesen, ganz fern darber ein, zwei rtliche Lichter. Die laue Nacht
atmete kaum.

Alsbald erhob sich das gedmpfte Getse eines Orchesters in Georg. Ah,
Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehrt, klang wieder aus der
Ferne, in die sie entstrmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner
Musik, die im Schmelz grer war als in der Bndigung, im Sehnschtigen
grer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender
Groartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortuschen
von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mchtig hauchte wie
der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der
Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden lie, sie, breiten Abflu des
sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glnzend in Strmen, duftend in
Wldern und ckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den
vterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der
sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen mchte und eindringen, als
Mae aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Se lieber
ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch
erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hlflos, wie
zwngte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen
seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hrerschaft
im Rcken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um,
unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche
Weichheit, drohende Befeuerung und lchelnde Beruhigung in kaum
erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten
bergngen; sichtbar magisch geworden, seine Hnde entstrmten Zwang
oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich
regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme,
der gebieterisch gewordenen Hnde, sich zusammen -- und alles an sich
reiend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war
aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn
weit, wie ein Gestirnsnebel, tnend umwlkte. -- Ja, Benno, du hast das
Ziel erreicht, dachte Georg glcklich und schwer, -- weit du, ich
knnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick
gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und
Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der
breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltglichen Tage, im ...

Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter
Vorstellung, lchelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um.

Im Osten war der Nachthimmel gertet, unten glhend weilich und rot
ber der Stadt. Die Schattenrisse der Trme von der Universitt standen
drben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die
weirtlich wie ein Feuerloch glhende Tiefe war der Platz an den
Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. --
Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldmme der Lindenalleen; ganz
vorn, im Dmmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es
rauschte auf, -- und jetzt, seltsam lieblich zu hren, scholl aus der
Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter
Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der
gute alte Unkas in seiner warmen Stalldmmerung, das Haupt schlaftrunken
gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, drftig, ein
gefangenes Tier, das nichts wute, nie fragte, nichts wute ... Georg,
lchelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht
als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende,
Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles
nennend, immer irrend, immer nur fr Augenblicke sich erhebend und schon
wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde
Vorwrtskommen und Zurckschwinden der eigenen, wandernden Fe. Sondern
dies Pferd war fromm in unerschtterlicher Folgsamkeit, fragte nicht,
klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu
knnen, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte
es allein gemacht, mit eignem Willen, -- Georg stockte und erinnerte
sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand
im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu
verstehen, und tastend stieg er davon, -- ja, damals auch ging er
blindlings dahin das kurze Stck von meinem haltenden, winkenden Auge
zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist.
Immer war er gefhrt wie ein Blinder, immer war ein Wille ber ihm, und
er folgte gern, -- er -- der nicht einmal ein Er war, nicht mnnlich,
nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemcht, ein Enterbter,
ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der
Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit
gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schpfung, -- o der war fromm
... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmtig, reite ich
einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergnzen,
wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wrst ohne meine Nhe, -- dort
wirst auch du dein Mnnliches wieder haben, ein stampfender Hengst,
selig wiehernd und trabend ber den saftigen Wiesen ...

Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn
langsam in die Tiefe aus; Bltter klatschten getroffen und rauschten
leise, sonderbar war das Gerusch des Trpfelns in der schweigsamen
Tiefe. -- Mein Land, murmelte er, sich schmend, mein Land ... Weiterhin
versagte sein Denken, und dies gengte ja wohl auch. Er stellte den
Becher wieder auf den Tisch, rckte den Sessel der Weite des Himmels
gegenber und setzte sich. Ein wenig mde, vom Weinrausch umnebelt, sah
er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und
schwanken. Er war glcklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte
von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schnste und Farbigste
seines Krnungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins
Gestern zurck, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmckten
Saal des Landtages, hrte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug
der brtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen,
unterschiedlichen Drcke der glatten und rauhen, schlaffen und krftigen
Hnde versprend.

Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt
die Frage, woran nur dies unablssige Auffunkeln, heller und schwcher
Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzhlbaren Leuchten erinnre,
und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie
dort das Gewoge der Halme --, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen
der Sonnenstrahlen --, auch nicht! -- Ah, das Gezirp der Grillen war es,
das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwcher, entfernte
sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang
es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja
wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit,
Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen.
Er wnschte, mehr aus seinen jngsten Jahren wiederzusehn, aber es war
sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurck als bis zu
irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in
dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schnsten; niemals wieder
waren die Tage so lang, jedoch -- das Ende war seltsam. -- Mit meinem
Geburtstag mu es aufgehrt haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag,
so viele Gste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohlttig dazwischen. Auf
einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war,
ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl pltzlich ... Und Magda, -- Georg
seufzte, -- Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig,
das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach,
und -- ja, da begann ja auch alles eigentlich! -- Das Gesicht seines
Vaters erschien ihm dicht ber dem seinen, wie eingebrannt in die Luft,
-- jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht
auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur da sie
alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in
meiner Todesstunde unverblichen und unverndert sehn, wie es damals war.
Ja, damals mu er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da
erschien, bla und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes
Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und
verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wrest du doch niemals geboren!
Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand -- oder habe ich das nur
getrumt? -- Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn
zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, -- richtig, fiel
es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon
fort, -- seltsam, Papa kte sie auf die Stirn, und spter sagte er, ob
ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama hnlich gesehen habe ... Ich
konnte es eigentlich nicht finden, ihn tuschte wohl das
kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer
gesehn, -- allerdings -- in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatre ist
die Biegung unsichtbar ...

Wie gro der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend
menschlich, Fe, Schultern, Haupt, Grtel und sogar das Schwert,
inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis
sich hineinschauend, lie Georg die Lider sinken und fhlte sich empor
und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich?
Pltzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und
Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte
die Erde, ihn schwindelte, er strzte, erschrak flackernd und fuhr mit
einem Ruck in seinen Krper und den Sessel.

Gottseidank lchelte er matt, es war wieder ein Traum! -- Wie still es
doch ist! -- In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein
heller Schlag durchdrhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter ri
sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst
dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit
hier oben! -- Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde
im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glnzte und die
Zahlen so verndert in der Dmmerung! -- Und warum habe ich es denn
nicht viertel und halb schlagen hren? Jetzt fngt der Wein an zu
wirken, dachte er schlfrig, fhlte aber gleichzeitig ein leises
Angstgefhl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur
ist! -- Und doch -- es ist ja, -- als wre ich nicht mehr allein!
Unsinn! -- Er setzte sich tiefer zurck, seine Gedanken lockten ihn
spielend wieder ins Morgen hinber, Renate erschien, -- wie wrde sie
nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen
nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt,
dachte er schwermtig, warum nur lie ich mich so oft irren? Cora, --
nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, -- ach Cordelia, du
warst doch unsagbar lieblich und s! -- Einmal dachte ich sogar, Virgo
zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich
sie Esther hnlich fand, aber -- ja, von Renate hielt sie mich doch ein
Weilchen fern ...

Mein Gott, es ist doch wer in der Nhe! dachte er pltzlich. Seine
Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er rgerlich, wenn
was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand
nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und
lauschte. Die Stille rieselte ber ihn hinweg, es wurde khler. Wieder
zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur
begrifflich, so da er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst
seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da
erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstrae. Ja,
dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war
ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weie
Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schlielich
verschwand in der immer tieferen Dmmerung, auch die Tr und alles, und
von drauen kam das Laternenlicht ber den Hof herein und malte die
Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den
Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf
glhte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste
in meinem Leben. Und der in Mnchen war nicht besser! Ach, und vor
allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals
weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht
gnzlich --, jedenfalls -- wre nicht Vater ...

Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen
im grauen Dmmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn,
am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es
war ein richtiger Mensch, gro, dunkel gekleidet, und griff jetzt
hflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:

Ich bitte tausendmal um Verzeihung, knigliche Hoheit, wegen meines
Eindringens, -- brigens, erkennen Sie mich nicht?

Georg nahm sich zusammen, fate mit Anstrengung das bleiche, sonderbar
starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... Herr von
Montfort? sagte er zgernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: Aber
natrlich, natrlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?

Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab
Montfort die Hand, der seltsam lchelte mit seiner einen Gesichtshlfte.

Ich klopfte unten, sagte er mit Heiterkeit, bekam keine Antwort und
trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte
es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von
erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die
Heimgekehrten ergtzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln
und an den leisen Vernderungen den sen Kitzel des Unwandelbaren der
Heimat zu verspren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie,
wir wollen die Sterne betrachten! Georg fhlte sich leicht am Arm
ergriffen und folgte an die Brstung.

Ach, da steht ja auch Wein! bemerkte Josef, oh, erlauben Sie mir
einen kleinen Schluck?

Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit,
um sich vllig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hnde auf
die Brstung sttzend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm
jetzt nur eine verschwommene, ber und ber glitzernde und funkelnde
Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grnlichweie Lichter
zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und
streckte die Hand aus.

Geben Sie mir auch, sagte er, sich ruspernd. Montfort gab ihm den
Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so khl und
duftend. Er stellte den Becher hin und lie sich, da Montfort auf der
Brstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer
umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:

Der Mensch und die Sterne -- das heie ich den Gipfelpunkt des
Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hlfte Groherzog, -- ah,
nicht wahr, Sie bejahen das Leben? Er lachte leise.

Sie sagen das so sardonisch, lchelte Georg.

Mich, versetzte Josef, mich lchert es immer, wenn ich so in den
Zeitungen lese von groen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des
Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von
irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswrste, die sie sind! Da
sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Lwe,
und essen, was sich essen lt, aber -- er verneint das Essen, er
schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen
Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich
hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also
aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung,
zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und
nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der
mich ber Wasser hlt, unablssig: Ja! ja! ja! du hltst mich ber
Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht
gefragt wurde? Aber natrlich: Charakter mu der Mensch haben, so
heits, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und ber
uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen
wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?

Georg, tiefer in sich versinkend, hrte mit mchtiger Ergriffenheit ber
sich die kostbare, tnende Stimme in der Nachtluft:

Siehe, dies -- Bedrfte nicht und knnte, der Entfernung -- Fremd
hingegeben, in dem berma -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. --
Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten
Aufblick, schlgt sich auf -- Uns gegenber und zerstreut vielleicht --
An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.

Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Da nach uns her der
Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhngt ins getrbte Schicksal.
-- Umsonst. Denn wer gewahrts?

Und wo es einer -- Gewrtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die
Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet?
Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Geflschte, schlechte,
nachgemachte Nchte -- Hereingeschleppt und sich daran begngt?

Die letzten Worte mit Hrte niederschmetternd, schwieg der dunkle
Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen
erschttert, stammelte: Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hren
Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es mu weiter gehn!

Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, whrend Georg mit
verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:

Wir lassen Gtter stehn um gohren Abfall, -- Denn Gtter locken nicht.
Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, berflu von Dasein, -- Doch
nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund.
-- Schn wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Flche --
So zieht der Gott und taucht und schont sein Wei ...

Georg fhlte Trnen ber sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht.
Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Trnen.
Siehe, da stand Montfort gro und schwarz vor den beweglichen,
schlagenden, strmenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als
ob er snge:

Nur der Gott! -- -- Wie eine Sule lt der Gott vorbei, verteilend, --
Hoch oben, wo er trgt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wlbung
seines Gleichmuts ...

Georg, von kalten und wilden Schaudern berronnen, schlo die Augen. Wie
war es? wie hie es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Flche, so zieht
der Gott und taucht und schont sein Wei ... Oh ... oh! schont sein
Wei! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelst, fhlte er sich
in ein grundlos Weiches mit unsglicher Wollust einsinken, hrte aber
jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke
Schlge gegen eine Tr. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf.
Niemand war bei ihm.

Was war das? Habe ich getrumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm
Halse, er fhlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert.
Wste Furcht krauste ihm die Haut des Rckens, des Kopfes und der Stirn.
Er schttelte sich und fhlte sich sehr mde im Krper; aber der Geist
war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick ber
ihm aufgeblitzt war, war er vllig verschwunden, die Nacht ganz leer an
seiner Stelle.

Georg fuhr sich mit der Hand ber die Augen. Das ist ja unheimlich,
murmelte er. Die Augen wieder ffnend, sah er zu seinem heftigen
Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel
schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und
verschwanden.

Da! Wieder die drei starken Schlge an der Tr -- -- es mute unten die
Tr der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter
Kraft seine Furcht und stie sie fort. Einen Augenblick stand er wtend,
konnte nichts sehn, dann lief eine groe, schneeweie Kugel auf der
Mauerbrstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich
nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er strzte zum
Treppenschacht, die eisernen Stufen drhnten unter seinen Fen, er
stolperte, rutschte am Gelnder hinab, gewahrte dann den Lichtschein in
der getfelten Halle. Kaum aber, da er die sieben Flammen des
Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefat hatte,
einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf
herum, sah die Tr, die zum Gang ins Schlo fhrte, wollte drauf zu,
aber sie war nicht mehr da.

Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten
Hnden tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die
Klinke, ri auf und taumelte zurck vor einer finster schwarzen Gestalt,
die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf
den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben
Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen
eignen Schatten riesenhaft ber die wieder sichtbare Tr ins Getfel
heraufsteigen, ein furchtbar bengstigender Anblick, so da er beide
Fuste in die Augen stie. So, einen Augenblick in sich selbst
zurckgepret, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du frchtest dich
nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war,
fhlte sich wehrlos, ergrimmte, wrgte sich minutenlang herum mit der
Furcht, ri die Augen auf und sah zu seinem unermelichen Staunen einen
feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche
weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, whrend
Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fusten auf ihn
zutaumelte.

Da stand er vor der Tr, die ins Freie fhrte und stie sie auf. Gott im
Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur
die Gugelkappe zwischen den Schultern.

Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang
von milchfarbenen Sulen, die von innen blulich erleuchtet waren,
hunderte in einer Reihe, die ins Endlose fhrte. Georg starrte so lange
hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht drauen, am Pfosten,
zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weien
Wege, in der Dmmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf
sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in
der andern Tr, und Georg wich, gefhllos geworden, rckwrts bis zur
Wand, fhlte sie mit den Hnden hinter sich und lehnte sich daran. Der
Schwarze in der Gangtr war schon wieder fort, aber der andre war ins
Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tr trat der
dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war nher
gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben
Augenblick ausgelscht und nicht mehr da war.

Georg schlo die Augen, versuchte zu lauschen, hrte aber keinen Laut.

Als er die Augen zu ffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit
Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort.
Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte
alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen ber Georgs Stirn,
sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und
hrte jetzt eine sanfte und schne Stimme sagen:

Nicht frchten ...

Er richtete sich schlotternd auf. Ich frchte mich nicht, stammelte
er, was willst du?

Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abstnden voneinander, es war
aber schon trstlich genug, da sie nicht entschwanden, sondern blieben.
Lange Zeit war kein Laut zu hren. Endlich machte die tiefe und ruhige
Stimme sich wieder auf:

Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist
unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wst und abenteuerlich,
ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht
gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes
Hemde; zu richten ber Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten,
Bses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore ffnend mit dem
Zauberring, und nichts, das ihr entging.

Frchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nhe nicht
voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre
Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt,
samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Klger nicht,
noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge
spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.

Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen
ausgelschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf da es helle wird in
deinem Herzen.

Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder strzend, fragte
angstvoll, da das Schweigen dauerte:

Was wollt ihr?

Eine hrtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:

Prinz Georg Trassenberg. Und nach einem Schweigen: Vorgeblich. Und
nach aber einem Schweigen: In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.

Georg fuhr mit dem Oberkrper nach vorn, ffnete den Mund, stammelte:
Ka-- Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:

Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir
nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung bt
allein dein eigenes Herz.

Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich,
hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste
Stimme tat sich auf:

Das Kind Esther schlft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen
nichts, das sich verflochten fhlte mit dem Untergang einer ratlosen
Seele?

Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne
Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: Sigune ...

Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte
... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fhlte seine
Glieder an sich hngen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefllt mit
Steinen.

Wir reden nicht von Schuld und nicht von Snden, scholl es sanft und
fast liebevoll nahebei. Wir sind allein gekommen, zu verknden, was in
der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird
durch fremden Griff und ures Handeln. Aus dir selber mut du werden,
kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an
dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefhrden. Da vom Dache
fllt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Strae ein. Niemand
kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst
du nicht mit Schtzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand strzt
durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht
und nie erkannt, -- aber du mut es erdulden. Hiermit schweige unser
Chor. Nicht von auen, nein, von innen tnten wir zu deinen Sinnen,
stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner
sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, ber Bergen, im
Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.


                                 Traum

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Kaja! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehr auf, es summte lange nach, er
merkte, da er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz
langsam in alle Enden seines krperlichen Daseins zurck und fhlte, da
er aufrecht sa. Da brannten die Kerzen, nur noch Stmpfe, ber und ber
tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lchelnd, das
war ja ein frchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es
geht auf Morgen. Ich mchte zu Bett, -- aber -- ich -- kann -- -- nicht
...

Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das
Haupt auf die Lehne und fhlte sich im selben Augenblick mit
atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, da der Raum um ihn sauste und
toste. Es war dmmrig umher, er flog, wie es schien, in groer Hhe, und
alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzcken, unter sich das
Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzge, gebogen und in
Schlangenlinien, schoben sich schimmernd wei in der metallenen Flche
hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweie Klippe auf,
er strmte darauf zu, hoch ber ihr, und allmhlich wurde sie zu einer
riesenhaften Sule, die wiederum sein Herz hpfen lie vor Wonne mit der
Schnheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Rder ihres
jonischen Kapitls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung,
Gestalten in bunten Gewndern, und im Nherfliegen erkannte er, da eine
in der Mitte stand, die war glnzend golden, und rings im Kreise waren
eine Menge, zehn -- oder zwlf? -- ja, zwlf aufgestellt. Deren jede
hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, ber den
Huptern der Gestalten -- ihre Gewnder leuchteten rot und gelb, violett
und grn und wei und in noch mehr Farben -- blitzten groe goldene
Ziffern, -- Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwlf, Sieben und
Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen,
ohne da er Namen fr sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas,
nmlich ein uralter Mann, weihuptig mit langem weiem Bart, in einem
schwarzen Talar. Dieser schritt gebckt und die Hnde auf dem Rcken
auen im Kreise um die Zifferntrger, und nun wute Georg, da es eine
Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte
drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht
aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren
Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer
aufgebrochen zu sein schien, und ihr brunliches Haar. Erhob sie nicht
die Hand, lchelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon
da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der
marmorweien Platte stehend, dicht neben einem der Ziffertrger, dem er
ins Antlitz sah, -- es war Bogner; sehr gro, fremd und verhrtet stand
sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der
Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drben eine
Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner
unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter
Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der
alte Montfort wars, -- mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in
unsglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Fe
wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefllte Scke, da war
Erasmus Montfort, dster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder,
Irene war da, nun Klemens, -- Cordelia, ach hilf mir doch, liebe
Cordelia, sthnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weie, lchelnde
Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno,
ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal
rhrte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber
beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah,
ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hlfte davon war Stirn. Ist denn
fr mich kein Platz, Jason? stammelte er flehend. Es mu jeden
Augenblick zwlf schlagen, und dann ists ja aus. Er ri sich wieder
los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrckter Stimme:
Du bist ja tot, was willst du denn hier? und versuchte, sie
wegzudrngen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten
vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja,
ja, ja, ich bin der Mrder, ich bin der Mrder! -- Unter ihm glitzerte
die blaue Meeresflche, er strzte kopfber hinab, strzte, strzte, --
schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als
das gttliche Gefhl der Rettung.

Einige Zeit danach schien es ihm, als stnde er vor seinem Bett; danach
kam es ihm vor, als lge er in Kissen, dann versank er in Mdigkeit.


                            Zweites Kapitel


                               Frhstck

Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor
ihren Frhstcksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht
innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn
das bedeuten? -- Sie wute, was das bedeutete, aber sie verschwieg es
sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tr hereinkommen, ein wenig
ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum bentzend, ein groes
Bndel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte
auch, und -- Lieber Freund, sagte sie, das ist ja wundervoll, so frh
am Morgen und auf so tapferen Fen!

Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus
seiner Linken nehmend und an die Brust drckend. Sie neigte das Gesicht
in die Kelche und hrte ihn sagen, whrend er ihre Hand festhielt:

Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Fe, und es sind auch
-- besondre Fe, auf denen ich hereinkomme.

Ja? sagte sie zgernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog
sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und
sagte ernsthaft: Freiersfe, Renate.

Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wute es ja, sagte eine Stimme in
ihr, wute es lngst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang
ihr, ihn anzusehn, da mute sie lcheln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre
Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum
nchsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und sttzte das
Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie
blickte auf, lie die Hnde fallen und wandte sich langsam zum Herzog
herum. Der schlo eben die hngenden Hnde und spreizte sie wieder. Sie
sah ihn voll an, fhlte, wie sie errtete, und sagte leise: Ja -- ich
mchte -- -- ich mchte sehr gern -- --.

Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hnde auf seine Brust, sah,
die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein groes, starkes
Gesicht und hrte ihn sagen:

Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich
bin fnfundzwanzig Jahre lter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein
Wort, da ich in fnfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn
Sie ...

Er verstummte und tastete nach ihren Hnden. Sie merkte, da er
zitterte, und alle Macht strmte aus seinem Zittern frohlockend in sie
zurck. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen,
flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie
mit den geschlossenen Hnden an seinem Gesicht empor und deckte seine
Augen zu, drckte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat
pltzlich zurck und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer
Stimme: Nun Geduld! -- Geduld ...

Geduld, sagte er mit zuckenden Brauen, ist das Schwerste auf der
Welt.

Nun konnte sie strahlend lcheln und rief: Das Schwerste von der Welt
ist grade noch leicht genug fr Renate Montfort! Sie stampfte leicht
mit dem Fu auf: Weit du das nicht?

Doch! sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer
Handbewegung ab, ging zur Tr, drckte auf die Klingel und blieb dort
wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lchelnd auf den Herzog
blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mdchen kam, bat sie um eine
Vase fr die Blumen und um noch ein Gedeck fr den Herzog.

Ich habe Hunger, sagte sie freundschaftlich, wollen Sie mit mir
frhstcken? Wir mssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt
mich zum Festspiel. Als sie an ihm vorbergehen wollte, merkte sie, da
er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr
Kleid vorn mit beiden Hnden und lief schwebenden Schrittes und vor sich
hinlchelnd zur Tr des Frhstckszimmers; dort blieb sie stehn, lie
ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rcken gegen die Trfllung, fate
den Rahmen mit den Hnden und sah ihn so von dort aus an, lchelnden
Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. Komm! verlockte sie, kaum
die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Knste in mir aufbewahrt,
-- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die
Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Whrend er sie
an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermgend,
einen Gedanken zu fassen.

Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische sa, dem Herzog
gegenber, Kaffee in seine Tasse fllend. Da merkte sie pltzlich, da
ihre Augen hei und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin,
schttelte, den ngstlichen Ausdruck in seinen Zgen gewahrend, den
Kopf, da zwei Trnen abfielen, und sagte ernst: Lieber, ich habe dies
Haus hier zu hten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht
hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat
ich nun, sagte sie fest, das mssen wir behalten. Du weit ja alles
vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe,
kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun
gekommen, und es mu wohl irgend etwas geschehn. Du mut dich gedulden,
bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel? fragte sie wehmtig,
lchelte ihn an und streckte ihre Hand ber den Tisch nach ihm hin, zog
sie aber schnell fort, als er danach fate, ergriff ihre
Weibrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.

Mein Sohn Georg, hrte sie den Herzog sagen, hatte einmal eine
Redensart, die hie: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen?
Also ich sage: quid quod? Nmlich, fuhr er eiliger fort, whrend sie
leise lachte, ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg
erledigt sein wrde, aber heut morgen hat es mich doch bermannt.

Oh, meinte Renate nachsichtig, zu frh aufstehn kann man nie.

Und den Tag ber heut, fuhr der Herzog fort, habe ich keine Zeit; da
mein Sohn Festspiele auffhrt, mu ich die Gste empfangen, und heut
nachmittag sind ja die groen Vereidigungen.

Die groen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte,
wann und wo sie das einmal gehrt hatte, hrte zerstreut zu, was der
Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und
Trinken fertig. Pltzlich bergo es sie dann, da sie den Herzog gro
dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, whrend er sagte: Sie sind ja
so ber alle Begriffe schn, da -- -- da --

Die drei groen Verneigungen, klang es wieder, die drei groen
Verneigungen. Dann merkte sie, da er Sie gesagt hatte, und gerhrt von
dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte
einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich
und kte seine Stirn.

Genug fr heut, sagte sie mit pltzlicher Entschlossenheit, und nun
mu ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.

Georg, sagte der Herzog aufstehend, ja, ist er eigentlich blind?

Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. Leb wohl, sagte sie
und streckte die Hand aus.

Wieder stand er vor ihr, sehr gro, fast berwltigend, und sie bebte
leicht, bog sich zurck, lie aus aller Glut, die sie in Schnelle zu
sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz ber das
seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging,
von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.

In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaliche Vorstellungen verloren, so
lange, bis die Zofe mahnte; die nchste halbe Stunde verging ihr
gedankenlos unter dem mhseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.


                             Verkleidung I

Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, da es Morgen war.
Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn?
dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mute er die Arme mit
geballten Fusten von sich stoen und aus dem Bett springen; im
Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich
daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand,
eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein wei, das andre schilfgrn
war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, da der
wunderbare Tag anfngt. Er bauschte in den Hnden die weiche Seide
zusammen und betrachtete entzckt die hineingestickten Wappen, Blumen
und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock berm
Stuhl, gleichfalls zur Hlfte wei, zur Hlfte grn, und am Bgel
darber der kurze Mantel, tiefblau, glnzend von Seide, mit Hermelin
leicht verbrmt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von
weien und schilfgrnen Bndern, -- alles genau so, wie er selber es am
Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, ri den Vorhang
auf und bemerkte enttuscht, da es grau drauen war; aber siehe, der
Himmel blendete leicht, na und schwer hingen die Bsche und die
Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, da dieses
Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die
Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Groherzog.
Seine Brust dehnte sich schwer, er mute einen Augenblick die Hnde
darauf drcken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da,
nichts gab es als eine seltsam ppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem
sein Innres glhte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl,
flsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich mchte
-- was mchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreien und den Staub von
Renates Tre kehren, ja, das mchte ich! -- Aber erst will ich baden.

Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte
sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbndig zumut, da er
glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht,
aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt.
Er trocknete sich flchtig ab, trat dann mit einem pltzlichen Entschlu
an das Fenster, und -- jetzt in einer sen Beklommenheit zum Beten
entschlossen -- ffnete er die Flgel. Er blieb so, die erhobenen Hnde
an den Fensterflgeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschmung,
alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst
ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum
sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte
der Andacht.

Licht, du selber verhlltes! sagte er, sieh mich nun! Verhllt,
siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Gro
ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin
heiter, -- aber nicht wrdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde
der Freiheit, gnne mir, noch einmal heiter zu sein, gnne mir noch
einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Ku der schnen
Vergnglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen
Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe.
Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade,
erleuchte mich morgen und allezeit, la mich, wie in diesem feurigen
Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr,
ein Gemcht des Schicksals, aber ein stolzes!

Er ffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte
verlieen, wandte sich und atmete, als wre er in sich zurckgekehrt,
tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja,
aber auch so hundertfltig wohl.

Aus den Poren seiner Haut strmte nicht Wrme, sondern Khle; von sich
selber umfchelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich
einverstanden, auer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja,
das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafr hatte er seine
Augen noch nie so gro und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch
Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrert, als htte ihm jemand
Belladonna eingegeben. --

Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut,
eine khle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, da er
schwer und seltsam getrumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem
Bettrand sitzend, die Hosen erst halb bergestreift, und fr einen
Augenblick wlzte sich schwer und wolkig ein Stck Nacht in sein Innres,
gefllt mit schaurigen Bengstigungen. Ich strzte ja immer, erinnerte
er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur?
Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte
meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese
Gugelmnner! Und wie sie fortwhrend schwanden! Dann redeten sie
kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das
habe ich schon oft erlebt, da mir im Traum etwas wunderbar erschien,
was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch
lebte, trumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war
ich entzckt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stcke;
da eine Droschke darin vorkam, wei ich noch. -- Sieh da -- habe ich
nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist
es zu sagen ...

Kaja ...

Pltzlich sanken ihm die Hnde, er erschrak, aber -- was war denn zu
erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und
dann -- er lchelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe
Kaja geheien. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hie doch die alte
rmische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. --
Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Trumen, dachte er,
aufstehend und den Hosenbund zusammenschnrend, sie machen, was sie nur
wollen, mit uns, wir mssen lieben oder hassen, bekmpfen oder frchten,
ganz ohne unser Zutun, und was uns lngst abgetan schien, das kommt
wieder, immer wieder, auch die Toten ...

berdem war er wieder vor den Spiegel geraten und verga alles ber dem
unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn
zu, von der Achselhhle zur Hfte; er fiel ber die halben Oberschenkel
herab, in der Mitte leicht eingerafft; die rmel, der weie und der
grne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut
selber an, aus dem Halsausschnitt kruselte sich der gewellte Ring des
Hemdes am Halse empor. Whrend er das verwirrte Haar mit dem Kamm
glttete, sah er im Spiegel, da drauen das Grn schon leuchtete und
sich vergoldete, und pltzlich glnzte es zu seinen Fen, und ein
breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stubchen schimmernd, mitten
im Zimmer. Ach, und khl war es, khl! Er griff nach dem kurzen Schwert,
dessen Grtel ber der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten
von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in
schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Grtel
auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er
an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, da es gleich
dreiviertel Neun war, er eilte ins Ezimmer und a mit starkem Hunger
Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war
es still, Egon mute lngst drauen sein, auch die Hausmeistersleute
waren gewi schon auf der Wandrung zu ihrem Tribnenplatz.

Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die
offne Gartentr, atmete tief und lang die Khle des Morgens und begrte
mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bluen berm Nebelmeer
der Lfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lcheln und
Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich
wohlfhlen und dem Himmel danken, da er Augen hatte zu schaun, Lungen
zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie
Luft, um sie zu verzehren und hher davon zu leuchten. Alles funkelte
ihn an, jede Farbe, das Grn, das lichte Gelb und Zinnober der
Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal
so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur
war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrmmt,
gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mute erst blhen Renate! --
und er kehrte um, lief zur Tr, besann sich auf seine Laute, suchte sie
in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen
Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem
Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tr hinaus, wo
bei Gott ein Automobil stand, als wre es hergezaubert. Nach einem
kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu
springen, ffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu:
Gntherstrae fnf! warf sich in den Rcksitz und schlo die Augen.

Wenn wir nur erst zu Pferd wren! wnschte er begierdevoll und ffnete
die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Strze von
Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der
Vorhnge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die
ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drckte sich wieder
in die Ecke, sthnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen
zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und klter um sein
Herz, so da er sich leiblich umklatscht fhlte von einer groartigen
Khle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im
lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner
Kaltbltigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nhten
vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine
Stichflamme aufschieend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft
gebauchtes Segel, eine tnende Gefwand voll praller Windvlle ber
einem tosenden Geroll strmender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu
fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Krften. Drauen
unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche
Getmmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war
es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkhlten Bluts,
schlug wogenhoch an Huserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern
hinein, wirbelte um auf Pltzen und ergo sich vollen, strmischen
Schwalles durch die Gassen, whrend er selber dasa, wie ein Gott in
sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten,
tnenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelchter, die Lippen
berquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang
schwankenden Minuten sich ergo, um so magischer war es auch, -- wie
Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.


                             Verkleidung II

Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und
angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen
Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, ber Stufen
hinweg durch ein glsernes Tor, warf sich durch einen khl dmmrigen
Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln,
weien Tren auf eine dmmerweie Doppeltr zu, die von selber vor ihm
sprang, und schon stand er vor dem Wunder.

Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er strzte an den Boden, leicht,
in sich gefat, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die
Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hnde angestrmt
von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern
wie ein niederstrmender Aar aus Lften und Gewlk, und rief mit heller
Stimme: Herrlichkeit! Herrlichkeit ber Herrlichkeit! ich bin da, ich
bin gekommen!

Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes
Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem
Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn
nieder, fate, um ihn zu begren, in die Falten ihres Kleidrocks ber
dem Knie und hob ihn an, so da der starre Saum von Silberbrokat an sein
Gesicht rhrte. Er fate mit beiden Hnden zu, Inbrnstigkeit spielend,
so tief er sie empfand, und kte sie lachenden Mundes. Dann bat er um
Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewhrt worden, die
Wundererscheinung betrachten zu drfen. -- Renates Gelchter schwang
ber ihm wie eine Glocke, da sie erklrte, das Wunder sei erst halb,
noch fehlten die berrmel und der Mantel, ja, es sei alles schon
verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, da er dann nicht
wte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn.
-- Ihr Haar sah er, das brunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes
Netz von groen Perlen, vorne aber fielen die Zpfe, wie Taue so dick,
Haarstrhnen, durchflochten mit Perlenschnren und schilfgrnen Bndern,
ber die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bnder bebten
bei jeder Bewegung leise dicht ber den Fen in silbernen Schuhen. Die
lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nhe der Nhte,
umschlo Brust, Leibesmitte und Hften eng, ergo sich dann in groem,
starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei
Hnde breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum
Saum, der starr stand, drei Hnde breit, silberner Brokat. Und in all
dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlwei und lichtem Grn glhte das
meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen,
glhte das Rot ihrer Lippen, der gttlich geschwungenen, alles in allem
ein Pokal voll Unersttlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit
einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte
er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe,
auf der ich -- ach, ich wei es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht?
Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am
Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr
hinber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: Jetzt wollen wir
fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?

Sie schttelte lchelnd den Kopf und sagte: erstens mte sie das Haus
hten und den Onkel ...

Und zweitens?

Zweitens htte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, da er
selber das Gebot erlassen habe, da niemand in andrer als in alter
Tracht sich heut ffentlich zeigen drfe ...

Georg mute es zugeben. Allein in pltzlicher Liebe zu ihrer drftigen
Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in
den Grten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern
anziehen knne, -- und nun gab sie gerhrt nach.

Und schon sa Georg, nachdem Renate lchelnd zugegeben hatte, da er die
Vorhnge herunterzog, auf dem schmalen Rcksitz des Wagens ihr
gegenber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie fllte den halben
Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blhen. Sie
schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schlo die Augen und sah sie
in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie
liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gesttzt, den
Ellenbogen auf dem bergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Scho
den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbnder. Ihr
leibliches Leben strahlte ber und ber aus ihr; in allen Falten
raschelte, in allen Nhten lief, im uersten Saume brannte und zitterte
noch die Sigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles
Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar
schneeweier Fittiche das Gewoge ihrer Leibwsche in weier Dmmrung;
darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schfte ihrer
Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wlbten sich unbeschreiblich
die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit hher
hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie
Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblte, -- Magnolie
vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaliche
Gltte, Se, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem
weien Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete
die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu
begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen
ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres
Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wlbung der Oberlippe und
flgelnde Entzckungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum
sichtbarem, weiem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies
hineinzuwhlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen
gestrubt und betubt, geglttet, unersttlich, rauchend und begraben im
klirrenden Schutt seines Daseins.


                                 Fahrt

Renate, still vor sich niederblickend, sehr glcklich, atmete tief und
leicht, gewahrte von Georg gegenber in der sonnigen Dmmrung des
kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen
Vater, lchelte sanft auf, indem sie bemerkte, da sie ja seine Mutter
sein wrde, blickte ihn voll an und fand ihn so hbsch, so liebenswert,
so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben
dem Turmbau seines Vaters.

Wie mager Sie geworden sind, Georg, sagte sie leise bedauernd.

Die letzten Wochen, erklrte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe
sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschpft.

Sie fand ihn leidender aussehend, whrend er so sprach. Und obendrein
waren Sie krank, sagte sie.

Ach, uerte er munter, das war ganz schn, -- die paar Tage! -- und
da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich
hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht,
als ich krank lag. Ja, geben Sie schn acht, damals lag ich wie ein
brennender Saturnring um Ihre --

Sie hob warnend den Finger, lchelte und sagte: Georg! Ich mag sehr
gern, wenn man mir schne Dinge sagt, aber man mu niemals bertreiben,
dann verraucht die Wirkung spurlos. bertreiben? dachte Georg, ach, du
lieber Herr Jesus! Erzhlen Sie mir, wer war Heliodora! befahl sie.

Heliodora, erklrte Georg, war eigentlich Libussa. Kennen Sie
Libussa?

Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen
als Kind.

Meine auch, log Georg und fuhr fort. Ich wollte Libussas Geschichte
auffhren lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm
darber sprach -- Papa hat ihn mir berlassen, er mute alle meine Plne
ausfhren -- sagte er, wieso ich nach Bhmen wolle -- er wei ja alles
--

Wie Georges, dachte Renate gerhrt; wie er sich freuen wird, der Gute,
und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen
wrde, aber er wute es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.

Also, da sagte er, fuhr Georg fort, warum ich nach Bhmen wollte, da
wir doch die Heliodora htten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe,
sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin,
verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschnheit zu vererben, --
oder -- was meinen Sie?

Renate meinte, er knne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe
Nase seines Vaters komme.

Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor,
oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel.
Auch das weie Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es
in der berlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen,
mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kmpfte, und Trassenberg
war damals natrlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern
Freigrafschaft. Heliodora, sagte Georg langsam und leise, Sonnegabe,
ein schner Name ...

Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, da der Herzog seinen
Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel
erwhnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie,
wute ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ...
Zwlfhundertsiebenunddreiig hrte sie Georg murmeln, und der Wagen
stand still. Georg ffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die
Hand hinein. So stieg sie gebckt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen
sie auf der Landstrae neben dem Reitweg und sahen sich um.

Allein Georg, von pltzlichem Argwohn herumgeworfen, mute vor Renate
hintreten und fragen, indem er ihre Hnde ergriff:

Renate! begreifen Sie es, oder nicht, da ich mich hier unter Trachten
und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung
fr ein ganzes Volk auf mich nehmen soll? --

Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht ber dem ihren,
sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: Ist
es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal
gestaunt, fuhr sie leise fort, wenn ich im stillen bedachte -- sie
lchelte, da seine Zge sich schon gltteten, -- was Sie auf sich
nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...

Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. Im Blut ... wiederholte
er tonlos, nicht im Blut, Renate ...

Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begtigend ber ihn: Ich
wei ...

Gleich warf er den Kopf auf. Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist
es gut! Und Sie verstehn mich doch? Sie nickte. Papa hat es Ihnen
verraten? Sie nickte. Aber ich habe gelogen vorhin, murmelte er
beschmt, als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate, fuhr er
glhend und eifrig fort, mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so
wild und zugleich sanft und khl, krftig und wunschlos und glcklich,
nur eins fehlt, nur eins mte man knnen! Er hob die linke Hand und
ballte sie: Sein knnen, was man ist! Er trat zurck, wies mit leicht
gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: Wie locker und gewandelt
fhle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der
gttlichen Laune, die mich erfllt, kann ich nichts nach auen schlagen
lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich
kann mich nur fhlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste
und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt
genug dazu, aber selbst wenn ichs wre, wre immer mein Anzug von
Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel
und alle Allren meiner grostdtischen Erziehung, die nur zum Verbergen
da sind, nicht zum Ausdrcken, zum Zurckhalten, nicht zum Ausstrmen.
Anno zwlfhundertsiebenunddreiig wre ich ein Schwrmer gewesen, ein
Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug! er brach ab.
Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurck, geben Sie acht, sehen Sie
mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora,
Sonnegabe, Zwlfhundertund -- Siebenunddreiig, ergnzte Renate
lchelnd. Nun wollen wir uns umsehn!


                              Mummenschanz

Georg behielt freilich ihr sonneglnzendes Profil vor Augen, dahinter
die cker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grnen
Traum der Hgel und ein Stck der dunstigen Stadt, Trme grau und
Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit
Freude die weie Strae unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbume
weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz
vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei
Zinnoberrote glhten, und er berhrte Renates Arm, damit sie es auch
she.

Dann mute er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn?
Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengelut schien ihm
alle Fernen zu umschlieen, -- darinnen war tiefe Sommerflle, -- nein,
es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten
erfllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren,
sie kamen auf der Landstrae heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die
Pferde seien, hrte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur
Rechten hinauf; dort enteilte die Strae leer, von den Schatten der
Obstbume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte
es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein
braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im
Bgelschuh, den Kopf im spitzgewlbten blanken Helmtopf, das Kinn vom
stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit
anliegenden rmeln, die Beine in ebenso anschlieenden, stahlmaschigen
Strmpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der fr Ordnung zu
sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne,
von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes
mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch
einen Reiter in Wei und Grn; das waren die Pferde. Er zeigte sie
Renate.

Indem war drben auf dem Fusteig unter den Bumen der Wandrer im
faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rstiger Greis von fnfzig
Jahren in schnen, grnen Strmpfen, am Wanderstabe, einen spitzen
Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbrtig. Jetzt blieb er stehn und
starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.

Mit Permission, sagte der Gelbe, ob dies wohl die Heliodora ist?

Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte
frohgelaunt zu dem Staunenden hinber und reichte ihm eine, seine Frage
bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich hflich, krempte
sein Hemd auf, eine mchtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und
aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann
halb auseinanderzog, um Georg in der Hhlung das brennende Streichholz
zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei
ein schner Tag.

Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn bestndig die Fe
wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schn, an dem der
Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg
verschmitzt zu und sagte: Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha,
ha, ha! und wechselte die Fe, seinen Stock hinter sich aufsttzend.

Frei Essen und Trinken obendrein, bemerkte Georg leutselig, aber der
Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, da er ihm ber das halbe Gesicht
rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er
morgen mit dem gelben Hemde machen solle.

Menschenskind, rief Georg entrstet, mt Ihr denn immer was zu
sorgen haben?

Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen,
Georg sah das bunte Menschenhuflein, die Zinnoberroten voran,
hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern
Marsches. Wandervgel, dachte er und hrte den Gelben sagen, er wre
Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd
brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige
Professor winkte groartig ab und wanderte frba.

Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren hnlich
wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grn, -- kamen
die Mdchen, schn flatternd in Gewndern, Krnze im Haar, eine
schieferblau, eine rostrot, eine grn und wei gestreift, Arm in Arm
kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust
hoch, vollfhrten ein betubendes Saitengerassel und fielen mit Klngen
und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von drauen 'rein? --
Sie sangen aber, krftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate
geheftet:

   Seht, was steht denn dort am Rain?
   Hollahe! hollaho!
   Das mu Heliodora sein!
   Hollahehaho!

Hel--io--do--ra, lchle mal! damit kamen sie taktfest vorber. Georg
wollte sich umdrehn, um Heliodora lcheln zu sehn, wre aber ums Haar
berritten worden, sprang zurck vor einem feuerugigen roten Rokopf
und sah darber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines
Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden
schwarzen Augen, der lachend sein Streitro zur Seite nahm, Georg im
Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu --
erfreut vom Anblick den blauversthlten Panzerhemdes mit aufgesetzten
Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --:
Wer sind Sie?

Mit schallender Stimme: Rittmeister Freundlich, knigliche Hoheit,
vierte Eskadron Beuglenburgische Jger zu Pferde! rief der Trabende
winkend zurck, und da schaukelte sein wei und roter Knappe an Georg
vorber, Schild und Lanze seines Herrn in Hnden, den Helm am Sattelbug,
aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau
wars, und Ich bin seine Frau! rief sie strahlend, aber da war die
Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende
Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im
englischen Trabe, nickende Pferdehupter, Mhnen, Hufschlag, wirbelnde
schwarze Schweife, weirote Dreieckfhnlein und wogendes Wippen in den
fesselartigen Eisenstteln, Geklirr und Geklapper, zwei hpfende Reihen
dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister
hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen
Mundes anstaunenden Mdchen, die bog Brust und Hals zurck und erwischte
den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen,
scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden
Kerle in Eisen lachten drhnend, da wars vorber, reitende Schatten
verschwanden in weiem, wolkig steigendem Staub, und von den am
Straenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die
heitern Takte des Radetzkymarsches zu hren. Sie fielen Georg ins
rauschende Blut, oh er htte tanzen mgen, und eins der Mdchen, das in
Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene
Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust
glatt bedeckt vom Stoff, der ber den Hften locker auseinanderfiel auf
den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzckte sie Georg mit Errten und
Knicks und Lcheln, denn nun wuten sie ja Alle, wer er war.


                                  Ritt

Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervgel staunten,
Georg staunte, Renate staunte hchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen
vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und
Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne
Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweier Kopf und Nacken
unter breitfallender, gewellter Mhne und starrer Deckenumhang von
silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weier Giebach,
ergo sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen,
silbergestickten Sumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die
groen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern
fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerhrt,
bedankte sich feierlich bei Georg fr diese schne Erfindung, er aber
lachte und sagte, dies wre nun noch gar nichts, aber jetzt wte sie
wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes
und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr
dazwischen, er schwang sich vom Pferde, wei und grn halbiert wie
Georg, doch nicht so schn, und auf der Brust das silberne Wappen in
Metall. Er fhrte den Schimmel vor, aber nun strzten sich smtliche
Wandervgel auf den Steigbgel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich
ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein
kostbares Gef aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte,
ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg,
und Georg sa selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist
dermaen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange;
er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es
drngte ungestm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und
davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend,
aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den
locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstrmend, die
linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und
galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurckreiend, merkte, da der die
Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg
ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und
folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hgelrcken, den die
Landstrae berstieg.

Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strmte eine breitere
Chaussee heran, ber und ber bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden
von Edelleuten und Frauen, wandernden Mnchen in schwarzen und weien
Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer
breitkrempigen Muschelhte. Leiterwagen rollten heran, geschmckt mit
Krnzen, unter wallenden Bannern, gefllt mit schmetternder Musik und
Scharen buntfarbener Mnner und Frauen in weiten Mnteln, die sich
blhten; berall wandelten gelbe, weie, grne Hemden, grne, weie,
rote Strmpfe, bekrnzte Mdchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und
Gelchter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weien und blauen
Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische
dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben
Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine ber Gehften, -- eine Augenlust
unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getmmel verloren
gegangen, er lie Unkas die Zgel und stob bergunter, vorbei am
rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur
Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Klte der
durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das
schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und
birnengrner Mntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd,
schwenkte groartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein
ungeheures, blau-wei-schrg kariertes Banner mit grner Bewimpelung an
der unteren Kante, -- dann war die Strae vor ihm leer und wei, in der
Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nhe etwas Blutrotes,
das Georg im Nherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen
erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so
blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges
Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewlbter Schneide. Ein Henker.
-- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem
Beil auf rotem Mantel ber der linken Achsel, im kurzen schwarzen
Bffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht.
Halloh, Bogner! rief Georg, machen Sie den Henker?!

Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem
Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg
verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und
schallenden Posaunen vierspnnig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten
und schwerer Ratsherren, pelzverbrmt und mit blitzenden Amtsketten,
vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein
dritter gefllt mit Tchtern und Schwiegershnen und Brutigamen bis zum
Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hhner, Enten und
Tauben, Becher und Glser und sangen Weg mit den Grillen und Sorgen!
da es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm sa Renate, weich wie auf einem
Stuhl in einem Kahn; auf der silberweien Kruppe ihres Pferdes sa
Rcken an Rcken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun,
der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern
und blies mit vollen Backen hinein, da der luftige Bogen hinter ihr
stand.

Ist es schn, Renate, ist es schn? schrie Georg berlaut.

Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem
Trensenzgel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Scho die
Enden ihrer Zpfe und der Bnder, drehte sich um, lchelte und nickte.
Bogner getroffen zu haben, war schn, er erinnerte angenehm an den
Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem
Lrm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen,
zumal in den letzten, stillen Jahren.

Seht ihr die Burg? schrie Georg. Bogner hat sie ganz neu aus Pappe
gemacht!

Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die lngsterblickten
klobigen grauen Rundtrme, drei, ber deren Plattform, weit
ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweigrnen Banner
standen; dazwischen graue Mauern mit mchtigen Streben und breiten
Zinnen, fast so hoch wie die Trme selbst.

Jetzt war eine blauweigrne Schranke neben der Landstrae, von zwei
Geharnischten bewacht; dahinter fhrte ein Feldweg zur Burg, der im
Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und
ffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen
dem hohen Roggen, Georg mute zurckbleiben.

Sie sehen so schn aus, Maler, sagte Renate leise, es ist schade, da
Sie sich nicht immer so kleiden knnen. Haben Sie die Gesichter der
Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schner sie alle geworden
sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht
hat, der sieht gleich wie ein Knig aus oder mindestens wie ein
Minister.

Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich
und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glhte schon,
doch nahm jetzt der Wald sie in Khle und grnes Dunkel seiner schnen
Wlbungen auf; es roch strmend nach Buchenblttern, Brombeeren und den
herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen
Laub, Georg sa, trumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im
Schweigen lauter tnenden Herzens, verklrt aufblickend in die laubigen
Baldachine von durchbrochenem Grn und Himmelsblau, hrte im Traum einen
schneeweien Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei
der Schweif von Renates Stute. Ich trume wieder, dachte er, ich trume,
wann werde ich wieder strzen? Ich werde nicht strzen, lchelte er, all
dies geht vorber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem
Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glcklich sein, all
dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verlieen
ihn, er sah ber sich im Wald den Fu der grauen Mauern und ringsum die
Rume des Waldes bevlkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde,
langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrpp, farbige Menschen
wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frhstck und waren allesamt
unsterblich guter Dinge.

Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten
keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden
Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke
durchzudrngen, wurde alsbald erkannt, und schon bestrmte ihn vorn und
hinten ein Getmmel der reizendsten Frauen und Mdchen, die ihm
Schinkenbrote, Glser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten:
Von mir, knigliche Hoheit, bitte von mir! oh es war herrlich! So viel
er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber,
was der Mund halten konnte, mute aber mit randvollen Backen bald
versichern, von jetzt ab nhme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile
spter, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er
dunkel das Gefhl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu
sein, pltschernd in allen Becken, und deren Rnder waren dicht besetzt
mit Schwrmen uerst bunter, wild durcheinander schwatzender,
flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvgel, oder was
es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jhlings weggefegt von drei
schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarensten, und schon
toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander,
bekmpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei,
Gekreisch und Gelchter. Herrgott, wo ist denn blo mein Mann? -- Mein
Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und
eine ungeheure Bastimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee
bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie
geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist
Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gndige Frulein, hrte
Georg, wre schon fortgeritten. Hastig sa er auf, befahl dem
Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getmmel von
Bumen und lauter pltzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und
lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die
Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.

Mein Gott, das war ein Ausblick! Er scho, ein riesenhafter Fcher, aus
Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, da er taumelnd nach
Himmel und Gewlkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...


                                Ausschau

In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Sden, Westen und Norden
hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen
geschoben, hineingefgt azurblaue Seen und das silberne Geschlngel des
Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grne
Flchen, gelbe, und brunliches Gehgel der sich rtenden Haide,
lagernde Bergrcken in den Fernen unter grauen Dnsten. Unten aber, zu
Fen seines Hgels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum,
sah er die grne Ellipse der Arena ruhen, vllig leer, im farbenreichen
Kranze der Tribnen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre
Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und
Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen groen
Banner, an Stellen zu schattigen Wldern gesammelt, knatternd und
schlagend ber den glnzenden Tribnendchern, schienen wie
Taschentcher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein
ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen
Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum,
viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, pltzlich
war alles wei gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das
Wei und das Grn der Landesfarben hervor, -- keine schneren kann es
geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grn der Natur und das schne
menschliche Wei. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hgel
hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den grten
Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden:
Strohhte, rote Hemden, weie, gelbe, das Rosige von Hnden und
Gesichtern, und er sah Mnner und Frauen, Mdchen und Kinder, hrte ihr
leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablssig
bewegten, drehten, gingen und setzten und ber die Schranken vorbeugten.
-- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung
des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich
wie manchmal im Traum, da die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines
stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal lie er
die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten
gro unter der blulichen Kuppel in der Sonne, strzten herab aus Lften
mit Getn und rissen nun jhlings mit Zauberkraft zu sich herauf das
Unerkennbare: die Schwrme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen,
Halsausschnitte in violettem Samt, in weier Seide der Frauentrachten,
die schnen, geschatteten Falten ihrer Mntel, die sie im Arme trugen,
und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich
drehend, nach oben sprachen zu Mnnergesichtern, die sich neigten, --
und er schnellte ab und warf sich ber den breiten Bannerschwarm hin wie
ber einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes
war da, nmlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der
aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mndete, tausendfach
berhpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbgel und den winzigen
Segeln der weiroten Dreieckfhnlein. Tausend Pferdekpfe bewegten sich
nickend, die Gesichter der Mnner glhten in Staub und Schwei, -- alles
sah Georg, die linken Fuste ber der Vorderlehne des Eisensattels, aus
denen die vier Zgelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die
ledernen Bgelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre
Durcheinander der braunen und weifigen Pferdebeine. Die ganze
Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg
im Traum, Dragoner und Jger zu Pferd, oder der einziehende
Beuglenburgische Heerbann.

Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah
und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer
Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild,
angefllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben,
ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinle oder bte auf
Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwrts
in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grnweie Fhnlein
senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den
Damm hinunter, verteilten sich unten, schwrmten, entfalteten sich durch
den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer,
loser Reihe. --

Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im
Grn des Waldes und der Menge sah er ein braunes, sdliches Gesicht auf
dem Grund eines weien Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei
Reihen von Herolden in Wei und Grn, an den hochaufgesetzten Trompeten
viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die
Klnge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter
den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die
Geistlichkeit, Mnche, bte, Kardinle, -- und schon lste es sich vorn
heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers,
vorsichtig schreitend unterm groen grnen Behang mit goldenen Wappen
und Verzierungen, auf dem Rcken einen schwankenden Turm von Wei und
Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mchtiges Gesicht, Kinn und
starke braune Augen unter der goldenen und weien, mittwrts gespaltenen
Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte
Schar von hundert Berittenen, Mnche in weien Chorhemden mit
handbreiten goldenen Sumen, alles glitzerte von Gold und weier
Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hte, Kasulen und Stolen
funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen,
Decken von weiem Samt, von Wiesengrn, ein riesiges gelbes Banner mit
schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich gro und schlo sich
zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen
Schlangenbnder der blauweigrnen Fahnen. Es schwankte zu Tal.

Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte
nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig
Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da --
ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig bla, er sah es deutlich,
mitten im Halbkreis ihres waldumdmmerten Hofstaats, der Ritter,
Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt
von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe
entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mute den Kopf senken
und seine zitternden Hnde sehn, eiskalt vom Kopf zu den Fen. Er sah
auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam,
beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tnzelte leicht
seitwrts, Georg sah Renates Krper sacht nach vorn rucken bei jedem
Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt,
unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen
gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle
Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und strzten wieder, Wellen um
Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tchern, Hten,
Schleiern, Hnden jagten sich im Ring, Musikchre schmetterten hoch auf,
unerschpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und kniglich
trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam,
langsam -- in die Ebene hinunter.

Georg fuhr mit der Hand ber die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht,
was er sah, fhlte sich nun vom Getmmel des Gefolges aufgenommen und
ritt, sich selber unsichtbar, umhllt von kostbarer Dunkelheit, tief im
Traum, Renate nach.


                               Traumspiel

Ja, nun war der Traum vollkommen.

Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd
vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grn und weier Tracht --
warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und
Mnnern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm,
vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt
unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das
teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform
eines Straenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu
war er, waren all diese versammelt?

Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bumen und
Gebsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein,
und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen
kurzen, mit schwarzem Pelz verbrmten dunkelgrnen Mantel und die runde
Kruppe eines glnzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die
rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf
die starken Pferdehacken; darunter waren die Fe wei, von den Hufen
stand einer fest auf, etwas einwrts, der andre auf seinem vorderen
Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glnzte noch ein Streif
der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten
wandernd mit den Augen, sah er berall dies andre, dies untere Leben,
das fr sich war, ganz fr sich allein und im Schatten, Pferdebeine und
Hufe berall, groe Decken, verndert durch das Dunkel, grn und braun
und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf
umdunkelt; er sah die still hngenden Falten der Schlepprcke, einen
roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebuche,
Gurten, an deren Rand das eingeschnrte Fell manchmal zuckte, und die
prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf
bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend
auf im Gras, -- und dort im winklig verhngten Schattendunkel von
Kleidern und Decken kam eine weie Frauenhand nach unten, tastete in
grnen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fu wurde sichtbar, ein
leer hngender Steigbgel, und der Fu suchte nach dem Bgel, stie
daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fu und Bgel waren
vllig fort. --

Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein?

Georg richtete sich in den Bgeln auf und war pltzlich ganz hoch und im
Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach
ihm. Fern drben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribne,
menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend
Farben und Gesichter glnzten in der Sonne, schrg gestreift vom
Schatten der Dcher, in dem alles farbloser und dunkel war; darber
glnzten wie Silber die Dcher; schlaff hingen die Fahnentcher,
unkenntlich.

Unterhalb war der grne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle
Zgelriemen liefen zusammen in die Hnde zweier Menschen, die rot und
wei gestreift waren von oben bis unten, sich anstieen und
unterhielten. ber die fast leere, grne Flche schritten Geharnischte
von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche
knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede
Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flchtig. Diese waren in einer
unverstndlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich;
ganz schnell, als mte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.

Georg sphte verwirrt und ngstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz
nahe zur Rechten, erschreckend nahe, ber ein paar Reiter hinweg, sah er
einen groen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in
seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur
ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie sa in einem Stuhl mit hoher
Rckwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas
zurck, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen
Topfhelm mit spitzer Wlbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese
hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit
gewahrte Georg den Erzbischof zu Fu auf der Erde, eine groe, wei und
goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel
seiner Kirchendiener.

Georg hrte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe.
Jhlings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren
Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, da er vor
Bestrzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hrte
ein paar zerstckte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und
vom Leibro. Pltzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung,
alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit
und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bndnis geschlossen. -- Aber da,
ganz entsetzt, mute er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im
Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten
bekrftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern
waren. Einmal -- wie war es doch? -- das groe Hurra, etwas vom groen
Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...

Ich trume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also pa auf!
Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen
auf einer groen Wiese vor Altenrepen ein Bndnis. Aber die
Beuglenburger verlangten, da Heliodora einen von ihnen zum Mann whlte,
denn sie frchteten sich sonst vor ihr. Da erzhlte sie von der
Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden wrde,
und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf
ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor
... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er
trumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu
traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr mde im Kopf, er schlo die Augen,
ffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war
blendendes Getmmel, die blauweigrnen Wnde der Fahnen standen ihm
riesig und flammend vor Augen, und pltzlich erkannte er nicht weit von
sich entfernt, mitten im Gedrnge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie
blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie
innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies
bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich
doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ...
Dora! Dora Vehm ...

Pltzlich, wie ein Gewlk, ri das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander
und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhhe nahe dem
Walde, ein Geharnischter nherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu
wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte
um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.

Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie
zu, dabei immer mder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte
die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab,
unendlich fremd und hoffrtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen
zurck, die Starre schmolz, doch waren die Zge noch ohne Bewegung, als
sie das rechte Knie ber das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg
anzurhren.

Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt,
wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Mde und Seligkeit
umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lsenden Krper, sah die
rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die groen Perlen des
Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte,
da sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male
heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, ffnete die
verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr,
ber Georgs Schulter hinweg gerichtet.

Was ist denn? flsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da,
neben einem weigolden flimmernden Mnchshaufen, stand einer der
schwarzen Gugelmnner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er
innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, da Renates
Schrecken in ein ses Lcheln schmolz.

Es ist ja ... murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache
Hand und winkte.

Wer? fragte Georg; er hatte nicht verstanden.

Saint-Georges, wiederholte Renate, vllig wach. Ach, bitte, Georg --
-- ja, wie stehn wir denn da? fragte sie erstaunt und trat ohne
weiteres Befremden zurck. Bitte, fuhr sie fort, gehen Sie hin und
sagen Sie ihm, er mchte -- ja, er mchte nachher vor dem Ankleidezelt
im Burghof auf mich warten.

Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Mdigkeit, suchte
unwillkrlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn,
gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er
ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder
schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.

Frulein von Montfort lt Sie bitten, sagte er, nachher am
Ankleidezelt zu sein, im Burghof.

Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die
Augenschlitze gradaus zu sphn, -- denn so schien es. Todmde wandte
Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den
Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her,
waldeinwrts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch
schlaftrunken: So fhrt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles
in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wute er nicht.


                            Drittes Kapitel


                                Theater

Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas
Hand und fate sie. Was war dir denn? hrte sie Ulrika fragen, du
weintest. Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie
wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein
wenig entfremdet von der groen, dunkelroten Krone von Haar, die mit
grnen Bndern durchflochten einem maurischen Turban hnlich war, und
sammelte ihre Gedanken. La dich anschaun, sagte sie, wie kstlich du
aussiehst!

Ulrika lie sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befhlen
in ihrem groen, grnen Mantel, dessen weiseiden geftterte Falten sie
im linken Arm trug, die goldene engrmlige Tunika darunter, und den
weiten, mattlila Kleidrock. War es denn nicht schn? fragte sie,
wieder besorgten Gesichts, ich meine, -- weil du weintest ...

Habe ich geweint? fragte Renate erstaunt. Richtig, Georg war ja da,
-- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schn, aber -- es war
schauerlich -- oh! sie zog die Schultern zusammen. Ich bin vllig zu
Eis geworden, weit du. Sie lachte. Nun, und das hat halt schmelzen
mssen. Du weit doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder
so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen wei.

Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurck, fand jedoch
wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel
abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.

Mein Gott, sieh doch nur, wie schn sie ist! rief Ulrika entzckt, als
die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder,
gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine
Tnzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark
verjngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar ber der Stirn, schnobernd
mit den Nstern, da leises Wiehern quoll.

Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen
Decken, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen.
Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich, murmelte sie dabei, was wird
aus uns werden?

Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten
der Stute eine Trense in weiem Halfter an, in deren Ringen dnne und
viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf
schnen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.

Bitte, wollen Sie nun -- hrte Renate den Schauspieler sagen. Sie
griff in den Halfter und fhrte die Stute einige Schritte gegen den
leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich
unsicher: Ja, nun mut du laufen!

Sie trat seitwrts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten
knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor,
blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder
knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stck, setzte
sich in Galopp, die Reiter folgten, und pltzlich schnellte sie ab,
flog, ein weier Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach,
aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlngern, und
schon, gedankenschnell, war der weie Ball durch die leere Hlfte der
Arena geschnellt, auf die vielen weien Zelthte der Beuglenburgischen
Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse
hinab und drauen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit
zurck, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. --

Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelchter. Sie wandte sich
zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel
richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der drauen im Felde
warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weie
Wolkenballen, wie Stiere scheinend, ber den fernen Erdrand
heraufklimmen.

Es fing an, weit du, als ich hier den Damm hinunter reiten mute,
sagte sie tief in Gedanken, oder vielmehr --, da hrte etwas auf.
Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da pltzlich
der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich wei
nur noch, da ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermelich weit,
aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weien
Wolken, und wie strmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie
aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie,
wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das
gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis
anfllte. Ich mute mich zusammenraffen -- furchtbar! Sie lchelte und
fuhr eifrig fort. Da konnt ich denn freilich merken, -- das heit,
weit du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit
allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen,
Erinnerungen und immer doch auch die Nhe vertrauter Menschen. Psyche
auf dem Wege zum Hades, weit du, der mu so ums Herz gewesen sein. Und
erst unten, weit du, -- ja, was lachst du denn?

Ich lache, weit du, sagte Ulrika, weil du, weit du, immer weit du
sagst!

Sage ich das? Ja, weit -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn,
wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten,
und nun wute ich doch auch, da sie mich wirklich sahen --

Ha, unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, das hast du doch gemerkt!

Ich habe es gefhlt, du Nrrchen, sagte Renate lachend, aber ich wei
es erst jetzt!

Ist das ein Unterschied bei dir? fragte Ulrika verwundert. Renate sah
sie an. Ja, bei dir etwa nicht?

Ulrika schien innerlich zu kmpfen. Du magst recht haben, gestand sie
endlich, aber -- wenn es so ist -- dann --

Ist es unsre ganze Macht, funkelte Renate. Nein, weit du, sie rissen
mich in Stcke mit ihrem Lrm.

Und das war das Grausige?

Renate blickte versonnen vor sich hin, lchelte, hob die Achseln. Das
Schne, sagte sie leise. Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit
fort, und doch war ich es, die gro umherging und galt. Es war gut, das
einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ... Sie schauerte.

Und den Festzug hast du noch vor dir, neckte Ulrika.

Renaten zog ein schnes Wort durch den Sinn:

   Verschmolzen mit der tausendkpfigen Menge,
   Die schn wird, wenn das Wunder sie ergreift ...

Tiefer schauernd, schlo sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? --
Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den
Dargestellten, sondern auf einen der Glubigen in der Menge, wenn sie
sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schn geworden?
Im Herzen vielleicht, die Hnde lrmten sehr. Aber das war nun so ihre
Art ... Die Augen ffnend, rief sie: Sieh nur, was kommt da?

Durch die Gasse der weien Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und
blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein groes, braunrotes Pferd
dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der
Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine
Fahne. Nun strmte er ber die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam
aber dann in groen, heftigen Galoppsprngen herauf, der Knabe,
nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weiem Hemd, schwenkte ein
mchtiges Bndel burischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in
der Tiefe ward jetzt wieder das weie Pferd sichtbar, das unter einem
Reiter leicht zwischen den Zelten zurckgaloppierte; dahinter die Fchse
der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen
Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt
und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im
Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht,
das mager war mit groen, braunen Augen voll Entzcken. Endlich konnte
er mit heller Stimme rufen: Sie kommen! Der Knig kommt! Es lebe
Heliodora!

Herzog mu es heien, flsterte Renate lachend, ber sein beflammtes
Gesicht huschte leichter Schreck, dann lchelte er und fuhr richtig
fort:

   Am eisernen Tische fand dein weies Ro
   Den Auserwhlten, doch es war kein Schild;
   Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste
   Sein karges Brot!

Renate, hinter sich das erstaunte Bhnengemurmel ihres Hofes, sagte:
Da, komm, mein braver Junge! und, den sen Botenlohn ihrer Jamben
verschluckend, hob sie den Jungen krftig von der Erde auf, drckte ihn
-- er war klein wie ein zehnjhriger -- an die Brust und kte ihn fest
auf den Mund. Der Junge schlo die Augen, hing einen Augenblick still,
ri sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als
ob er sich den Mund wischen wollte, schttelte sich pltzlich und
sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung
frhlich nach.

Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der
Schauspieler im weien Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen
Strmpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah
sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares!
-- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitlufig an Georg,
aber die tnende Stimme, mit der er nun sein: Wo bin ich? Welch ein
Traum umfngt mich denn? hervorsang, enttuschte Renate. Sie erklrte
mit natrlichem Hochmut:

Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint,
sollst du mein Gatte sein!

ber ihre eigne Nichtachtung lchelnd, froh, da eine Schauspielerin im
nchsten Akt Heliodoras Zhmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher
er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom
Pferde, es wurde fortgefhrt, er sank aufs Knie, flsterte: Sakrament,
Sakrament, Frulein, wie schn sind Sie! und lie die Jamben des
Stadtpoeten rollen:

   Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer!
   Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!
   Kaum wei ich dies; verzaubert bin ich wohl,
   Ein Ro, ein holdes Weib ...

Renate berhrte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres
Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn ber eine
Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden!
und herrschte ihn khl an:

Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. --
Zeichen der Wrde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hrst
du wohl -- Sie endete, pltzlich selbst erregt: Mein eigen!

Das brige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika
dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend,
lchelnd: Das Stck ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer
machte Augen wie ein Dorsch! worauf sie, zierlich und hochmtig
angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres
Hofstaats in den Wald hineinging.

Verstehst du denn die Menschen? fragte sie, stehen bleibend, und
drckte die Handflchen lachend gegen die Wangen. Du weit doch, was
fr einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, da ich
ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt
auffhren zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?

Ulrika bckte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, ri ihn aus
und sagte nachdenklich im Weitergehn:

Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und
die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man
mich hineinschiebt, -- das ist -- Lrm, davon verstehe ich nichts. Aber
vorher -- -- die Erwartung, und das Gefhl: zu knnen, Macht zu haben,
und -- das Zurechtrcken im Stuhl, und das Prludieren ... ja, es ist
sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich
mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele
ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...

Renate verga, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden
Ankleidezelte waren da, aus dem einen sphte eine Frau mit nackten
Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.

Eins, hrte sie Ulrika sagen, du hast es leider nicht gesehn, das war
kstlich. Der Junge, den du gekt hast, -- ich sah ihn nachher unter
dem Gedrnge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin,
und auf einmal zog er ihn zurck, sah seine Hand an, und dann legte er
sie auf den Mund, -- so -- Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken
legend, als schtte sie Beeren in den Mund. -- Danach nahm er die Hand
wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wre, deckte die Hand
drber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.

Renate begriff noch nicht recht. Ach, er konnte meinen Ku nicht im
Mund behalten? sagte sie lachend. Ja, wie alt war der Junge denn?

Dreizehn, versetzte Ulrika, er sieht viel jnger aus, weil er so
klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner
Schler, und Bogner sagt, er knnte jetzt schon mehr als er.

Ja, so ist Bogner, lachte Renate, den Vorhang hebend.


                                  Zelt

Sthle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides
bedeckt, die Zofe drngte, Renate lie sich entkleiden, setzte sich in
Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah ber sich Ulrikas
Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst,
whrend ihre Hnde das Perlennetz behutsam aus dem Haar lsten.

Du siehst so dunkel aus, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika
antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von
ihnen beschftigte, sagte sie halblaut: _Mio marito e ritornato._

So ... Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor
einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer
Weile: Anderthalb Jahr war er fort?

Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in
Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach
Berlin ... Weiter lie sich zur Zeit wohl nichts sagen.

Nun war auch das Haar zu kmmen und zu brsten, die Zpfe mit Perlen und
Goldbndern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit
weiem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf.

Die Zofe kam, auf den Armen den mchtigen Bausch des dunkelvioletten
Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: Was soll denn nun
werden?

Sie schttelte traurig lchelnd den Kopf, fate in die Falten des
Kleides und zog sie nach unten, whrend die Zofe sie oben ber Renates
Kopf und Schultern auf die Hften senkte. Dann fuhr sie in die
schilfgrne, engrmelige Tunika mit goldenen Sumen und Stickerei;
Ulrika brachte einen Grtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.

Den kenne ich ja gar nicht, sagte Renate verwundert und betrachtete
voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der
Wendekreise und Figuren aus den Sternen. Seine Durchlaucht, gestand
die Zofe lchelnd, haben ihn mir heute morgen gegeben. Ulrika sagte
nur: Ha! whrend Renate errtete und sich freute. Das war schn, das
war ein schner Gedanke, sie heute zu grten. Sie hakte den Grtel
wortlos ber den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer
groen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann
stand die Zofe da mit den schneeweigeftterten, goldenen berrmeln,
riesengroen Tten, deren Zipfel, als sie bergezogen waren, bis auf die
Fe hinunterhingen.

Bin ich schn? fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und
zurcktretend, die hndefaltende Ulrika, ach, es ist eine Lust heute,
schn zu sein! Den Mantel nachher, sagte sie und mute pltzlich zum
Trvorhang eilen, im Gefhl, jemand stehe drauen. Die Falte hebend, sah
sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfate
die seine und sagte leise: Komm herein, Georges, ich bin so froh, da
du --

Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. Wir
befinden uns in einem Irrtum, sagte eine nicht vllig unbekannte
Stimme; er lpfte die Kappe ber der Achsel; im Dunkel, dort wo das
Gesicht war, wurde etwas hliches Rotes sichtbar.

Josef! stie sie halblaut hervor, erschreckt. Er lie die Kappe wieder
fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein
seiner Augen, dazu auch seine Gre, da er Georges doch um einen Kopf
berragte. Sie lie seine Hand fallen.

Komm herein, sagte sie und trat zurck. Er folgte.

Fr Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wnschenden,
hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den groen Raum
hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie,
einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurck, sah den
schwarzen Josef still an der Tr stehn, drehte sich um, stand und sagte
kurz zu Ulrika hinber: Es ist mein Vetter Josef.

Ulrika grte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die
Unterarme in die rmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den
Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: Ich habe
damals nicht gewollt, da du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du
nicht, da du gehen wrdest? Die schwarze Kappenspitze bewegte sich
bejahend. Heute mu ich wnschen, da du um meinetwillen gehst, meine
Gedanken verkehren sich, ich wei nicht mehr, was Recht und was Unrecht
ist.

Wie unverstndlich, hrte sie Josef sagen. Wenn du dir von meinem
Kommen etwas versprichst fr deinen Onkel, so drfte es wohl gleich
sein, aus welchem Grunde ich komme.

Ich wute es lngst, murmelte Renate unwillig, ich fhlte es.

Wir sind es immer, hrte sie Josefs khle Stimme sagen, die alle
fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer mt ihr
selber zwischen euch stehn und den Dingen.

Du sprichst gegen dich selbst, Josef?

Ich sehe, was kommt, versetzte er ruhig, und auerdem uere ich eine
Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber
abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weit.

Renate mute da lcheln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: Seit
heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs. Ihre Augen glitten zu
Ulrika, die berrascht und heiter den Kopf zurckbewegte. Josef regte
sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm,
das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder --
erleichtert. Dann hrte sie ihn sagen:

Ich gratuliere. Ziemlicheres lie sich kaum erdenken. -- Er ist ein
Mann, setzte er gromtig hinzu, kam zu Renate, sie lie ihm die rechte
Hand, er ergriff und kte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie
schweigend und mit Innigkeit.

Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein
Vater dich gesehn hat. Er neigte den Kopf.

Dann fort! rief Renate, auf dem Festwagen wird Platz fr dich sein.
Sie lief zur Tr, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner
liee sagen, das Automobil stnde am andern Ende der Burg. -- Sie
verlieen das Zelt.


                                Im Wagen

Durch den Burghof, am Fue der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstrae;
dort, in der Nhe des schwarzen Wagens, sa auf einem Baumstumpf der
rotbeinige Maler; sein kleiner Schler lehnte ihm am Knie und zeichnete
auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und
errtete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch
verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig
hergeschlendert, die Hnde mit seinem Zeichenblock auf dem Rcken und
mit der Miene eines jungen Hundes: es pat mir gerade diesen Weg zu gehn
... Renate fragte leise, sich zu ihm bckend: Was hast du mit deiner
Hand gemacht?

Mich gerissen, log er finster und flammenrot im Gesicht.

La mal sehn, lockte sie, aber er schttelte nur abweisend den Kopf.
Da ehrte sie seinen mnnlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu
sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem
Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch,
miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon
begrt, -- kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze
nebeneinander, so da Renate Bogners Rcken und Hinterkopf vor sich
hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.

Welch ein schner, keuscher Junge, Bogner, sagte Renate nach einer
Weile, keusche Mnner sind so selten.

Bogner, sein Profil herwendend, fragte spt: Warum keusch?

Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend,
sagte hurtig: Keusche Mnner sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts
gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.

Heit er Tobias?

Er heit nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hndlein hat und
einen Engel in Bogner.

Und keusch ist wie Tobias, lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut,
oder betete Tobias nicht drei Nchte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie
nahm?

Sarah, siehst du, erwiderte Josef, war keusch; sieben Mnner muten
Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und
>Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.

Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht
pltschern gehrt!

Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.

Renate, alle vterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand:
Hre zu, ich will dir sagen, ber welche der Teufel Gewalt hat. Nmlich
ber diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen
Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.

Oh, verblffend! staunte Josef, wie das dumme Vieh! und Renate
erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da
er ber dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und
sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen,
hngende Mundwinkel und trb lchelnde Augen, whrend sie, Hoffnung und
Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:

Wenn aber die dritte Nacht vorber ist, Josef, so sollst du dich zur
Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht,
denn aus bser Lust, Josef, da du und deine Kinder den Segen erlangen,
der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und
jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hren in seinem
Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel,
aber Papas Traugelder erhhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als
ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestrmt haben, Ulrika!

Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ...
klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich
zerdrcken, sah sich vielmehr gentigt, es zu erneuern, da sie Josef
sagen hrte: Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!

Rede weiter, Josef, befahl sie, ihn anblitzend.

Jedermann, sagte Josef, der handelt, ist gut, also Mnche, Asketen,
Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht blo so in der eben
beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, htte sich nicht
eine letzte Zelle im Gemt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu
einem schnen Grade von Prderie, nmlich: in ihrer Haltung, in ihrer
Geste, in dem, was sie angreift, tut und lt, nicht in den Bchern, die
sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit
beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhlt es Sie, Frau
Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, da ich mein Gesicht verhlle?
Glauben Sie mir, es wrde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In
einem Lande --

Ja, wie er nun pltschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn,
wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflste.

In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas,
hielt jemand es fr eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben.
Erinnerst du dich brigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht
blieb das gleiche an die dreiig Jahr, derweil seine Seele sich
schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhlt es
sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich wrde an
Antlitz und Seele gleicherweis --

Du schweifst ab, Vetter! unterbrach ihn Renate. Sie fhlte wieder die
alte, stolze Dankbarkeit fr die Leichte, mit der er all und jedes,
nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und
Gebrden wie eines Tierbndigers, der einen funkelnden Jaguar auf der
Achsel um die Arena trgt.

Keuschheit, erklrte Josef, hat mit der Selbstzucht wie mit allen
brigen Tugenden das gemein, da sie allesamt aufhren, Tugenden zu
sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der
einst so poetische Jngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend,
wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen -- Ulrikas Zge
spannten sich aufhorchend --, sie verfgt ber die verblffende Gabe
der Willkr, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in
sogenannten Ausfllen im Gesichtsfeld, das heit in einer
Lckenblindheit fr eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und
solche Ausflle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der
Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht
ihn wahrhaftig nicht, sie bersieht, was ihr mifllt, berdenkt oder
berfhlt, was ihr Empfinden verletzen mte. Es ist nicht keusch, von
Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es
ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es
nmlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern,
sondern: was jeder sein knnte, auf geniale Weise zu sein, das ist
genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden
verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins
sind, Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmtig, wo
bleibt er nur den ganzen Tag? --

Josef hatte Atem geschpft und spielte leicht und rauschend weiter:

Nicht anders verhlt es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann
Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles
eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so wei sie, gesetzt sie
ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu
treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber,
sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und
keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann mu all und jedes ganz von
vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung.
Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nhrt sich mit
ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu
verschlieen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, mu whlen, wer
whlen soll, mu forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein
halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die
strksten Seelen gehn am lngsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es
kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu
gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, da es
ein Gewinn wirklich sei, nmlich ein Mehr, nicht blo ein Ebensoviel.
Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die
Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hlfte meines
Hauptes, sei berzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet
unser Gesprch. Der Wagen hielt.


                                Festzug

Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und
sonnige Landstrae kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklrte
Bogner --, fand sich nahe gegenber einer haushoch scheinenden goldenen
Wand, die fast die Breite der Strae ausfllte und ber und ber mit
einer leuchtenden Malerei von altertmlichen Figuren bedeckt war. Indem
kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine
himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene
Mitra, ein golden und weies Fa auf Fen, warf gegen Renate einen
verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch ber den blanken Schdel
und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und
schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die
Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die
gemalten Figuren fllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rckwand
des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten
-- waren so schn gemalt, da sie nach dem Knstler fragte. Statt
Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie
entworfen, und Tobias und sein Hndlein htten sie gemalt. Ja, da stand
Tobias, bla und mit ngstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim
Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun mte er ihr die Bilder auch
erklren.

Es wren die neun Monate, fing der Junge an.

Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?

Tobias sah verlegen zu Josef auf. Weil es, hrte Renate seine Stimme
hinter der Maske, nur neun giebt, mein Knabe. Ihr knnt das erstens
daran erkennen, da der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhlt
und nicht zwlf, seine Natur mte sich also an eine ganz neue Rechnung
gewhnen. Ihr wit aber, da es die Eigenschaft der Natur ist, sich an
nichts und niemals zu gewhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein
Junge, indem du dir sagst, da von unsern zwlf Monaten drei keine
Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nmlich Dezember, Januar und Februar,
wo die Erde schlft oder sich erholt. Im ersten Falle mtest du jedem
unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn
du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekmest du drei schne
Jahresstcke, die ungefhr unserm Mrz bis Juni, Juli bis Oktober und
November bis Februar entsprechen wrden, mit Werdezeit, Reifezeit und
Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem
Frhling, mit dem Mrz beginnen, einem schnen Sankt Sebastian, dessen
Stricke gesprengt zu seinen Fen liegen, der ins Goldgewlk lchelt,
und dessen Leib und Marterstamm ber und ber gespickt sind mit farbigen
Krokus, Schlsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die
Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber,
Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst
...

Nein, diesen noch, bat Renate entzckt, das scheint Sankt Christofer
-- sie zhlte ab, -- Oktober, warum Oktober?

Siehst du nicht, sagte Josef, da es nicht Sankt Christofer ist,
sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen
Dionysos-Christus auf der Schulter trgt, Weinlaub im Haar, und da es
die groe, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel
Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hlderlin nachlesen.

Was doch dieser Maler alles wei! lchelte Renate verwundert und
bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres
Mantelfutters entfaltete. Sie lie sich den dunkelblauen Mantel auf die
Achseln legen und wollte den hohen, nach auen gebogenen Kragen der
Wrme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: Einen Augenblick! hakte
den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den
linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem
Bausch, trat zurck und sagte: Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein
Haar?

Renate, an sich herunterblickend, meinte: Der Naumburger Uta? Seh ich
so hold und kindlich aus?

Oh, sie hat ja auch keine Zpfe, sagte er, aber die Hand mit dem
Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als
der alte graue Stein. Komm weiter!

Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurck, denn
dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten,
nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetme von hellgrauer
Farbe, seltsam von einem rtlichen Hauch bedeckt, und von Josef
hingezogen, sah Renate, da es die knstlichsten Ornamente, Ranken,
Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.

Dein Ritter Georg hat es so gewollt, uerte Josef, man macht es so
in Indien, aber ohne meinen Chinesen htte er es nicht bekommen.

Chinesen? Ach, der auch deine Maske --

So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, auer bei Dmmrung,
meinte Josef, aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines
Tages an.

Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem
Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie frs erste gar nicht
begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweies Tier hielt ein langes weies
Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Strae, einsam in einem weiten
Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich
eingestemmt, milchwei -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, --
am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weien Mhne nieder, vor der
Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange
Dte des grogewundenen weien Horns.

Schauder von Furcht, Schauder von Se durchwirbelten Renate; sie
faltete die Hnde, ihr ward glhend hei und jetzt auf eine
unerklrliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt
durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit
unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was
sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drngte sich an seine Brust und
sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:

Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!
Seltsam fern hrte sie Josefs Stimme:

Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist
Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst
du?

Sie lchelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich
sttzte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte
setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf
und das weie Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner
geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar
fabelhaft aus.

Welch gutes Herz du doch hast, Renate, hrte sie Josef sagen, aber
das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man
alles fr Natur.

Sie lchelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter
... Ein wenig entfremdet wurden fr Renate all diese Edelleute, Frauen
in Mnteln und engrmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewndern,
Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter
der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten
Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cln und
Niederland, und schlielich erschien langsam die neue Zeit in den von
der Tracht vernderten Zgen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von
Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen
Kardinalskppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, ber das Feld zur
Seite dahinstoben. Ah, die gehrten wohl auf den Rcken der Elefanten,
wo auf kleinen grnen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel
gro, befestigt waren. Nun sah sie auch die Strae hinab das wogende
Getmmel, hochgetrmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen,
Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten,
Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau,
Wei und Grn, und dieser Strom war am Straeneingang links und rechts
flankiert von den fensterlosen Ziegelwnden zweier Neubauten wie von den
Wnden eines Steinbruchs. Die Huserfronten an der Strae waren kaum
sichtbar vor hangenden Fahnentchern, Teppichen und den Gesichtern und
Oberkrpern in allen Fenstern. Glsern wie ber Korn oder Haide
flackerte darber die Sonnenluft in den heien, blauen Himmel.

Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand
auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt,
zwei Schuh hoch ber dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem
Krummstab auf einem flachen Podium, eine wei und goldene Glocke, die
gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in
Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie
stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in
fnf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterstrmende
Geflle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte;
dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben
fuhohe Stufen mit goldenen Gelndern. Darauf kmen viele holde
Jungfrauen zu stehn, erklrte Bogner, der pltzlich wieder da war und
ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform;
zwei schwarze, berlebensgroe Reiher standen da links und rechts, die
scharfen langen Schnbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein
goldner Sessel ohne Rckenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei
grnspangrnen gotischen Bgen, die blendend glitzerte, mit gehmmertem
Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte
scheinbar Wert darauf gelegt, da alles an diesem Wagen echt sein
sollte. Ganz verwirrt lie sie sich zwischen den Reihern nieder, aber
nur um jhlings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden
Niedersturz ihres Blickes aus dieser Hhe. Sie mute sich halten und
sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mdchen, Krnze
im Haar und lange Lilienstengel in den Hnden, unten der Erzbischof war
klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier
stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an
langen, dnnen Goldketten den Rsselungetmen vorgespannt. Aber khn
geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick ber den
wogenden Strom der Strae, wegschnellend ber Bannerwlder in die Tler
der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu
kleinen Gesichtern, Hnden, Schwertern und Blumen, hundert
durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und
sich verndernden Farben, und jhlings durch ein riesenhaft
erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und
Gebausche von Fahnen ber Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts,
anprallend, zurck und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur
hangenden, smaragdgrnen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweie
Fahnentcher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen
schn und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der
Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen,
kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe,
schneewei blitzend, unterwrts behangen mit langen Purpurtchern, und
schlielich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen
Riesenkugel hoch ber dem Dchermeer der Stadt.

Gottseidank, da lchelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der
Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Fen kniete ja Bogner, mit den
violetten Falten ihres Kleiderrocks beschftigt, die er -- ganz mit den
Bewegungen eines geflligen Ladeninhabers -- um ihre Fe die Stufen
hinunter in gebrochene Wellen fallen lie. Blutrotbeinig und
schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflend, und
obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mhe ein schwarz Geharnischter
durch die kreischenden und sich windenden Mdchen, unter dessen Topfhelm
das graue und heie Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend
zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das
Kinn umschlo. Nun war er oben, lachte vergngt, indem er Renate die
Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Fen links auf die
oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen
Mantelfalten, da der Goldstoff seines Futters und ihrer berrmel
sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich
auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das
auf dem roten Mantel lag, so da seine Beine herunter hingen. Im selben
Augenblick fhlte auch Renate schon, da sie sich bewegte. Die
Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornbergebogen mit
sthlernen Schenkeln zog das weie Pferd an, und unaufhrlich im Auf und
Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.

Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rdern fhlte Renate sich hinbewegt
in der Hhe des ersten Stockwerks an den Husern vorber. Sie freute
sich, alle Furcht war verflogen, sie lchelte heiter und gelassen, als
nun wieder der Jubel, unten berm Pflaster und die langen Reihen der
Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue,
weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hte und Tcher,
winkende Hnde, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend
staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende
Gesichter, Augen und schallende Mnder, so viele immerhin, da die
Hlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren lie, wenn es sie gab. Zu
ihren Fen Ritter, Bischof und Henker, die Trger ihrer Macht, gezogen
von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft
durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen getrumt, aber wie tricht
war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu
ertragen, war das einzig Mgliche, das Ntige mit Anmut zu leisten. Wie
war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht
besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter
diesen transparenten bunten Wnden sichtbar, sie nickte ihm zu und
sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu?
-- Ein groer Mummenschanz, Renate, hrte sie ihn gutmtig murren.

Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewi,
die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die
Ecke, langsam, langsam in eine breitere Strae hinein, die nun
unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von
Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, berschumend in Blumengirlanden,
Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten gro
niederwerfenden, brandend aufwrts, klatschend und spritzend die steilen
Ufer empor, ber Gesichter und Gelchter in die Fenster, in die Zimmer
hinein und wieder hinausgeschttet mit vollen Hnden: es regnete Blumen.
Renate fhlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Scho, um sie
her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Struen,
einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in
der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbgen des bunten Regens, die
Mdchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten,
Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien
begeistert und schleuderte Blumenstrue, wohin sichs schleudern lie,
mit ungeheurem Eifer. Unbersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe,
ohrbetubend scholl das Gebrause, Toben und Gelchter, in Lften
tauchten auf und schwebten vorber andre Ungetme, Lindwurme mit
beweglichem, feuerzngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen,
aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweien
Luftschiffes regneten blitzende Schauer grnweier Fhnlein, ein
feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein
flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in
schwingenden Bgen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu
Renates Fen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner
Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weie,
gehrnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit
einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich
fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in
seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rsselschwingenden Riesentiere
auch, die ihm gromtig nachschritten. Da warf jemand von einem
Eckbalkon einen ganzen Schwarm weier Tauben in die Luft, da es berall
von geschwungenen Flgeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut
flatternd, dicht ber und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den
roten Krallen. Ach, da unten sa ja dieser geduldige Bogner auf dem
Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog
mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und bi hinein
mit Behagen, whrend er schon mit der freigewordnen Hand nach
einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den
auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.

Welch ser Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstubte
mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stieen sie in
Pausen haardnne Silberstrahlen aus den Pfeilschnbeln in die Lfte, wo
sie zerstubend Khle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg
hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu
machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und
nun tat sich der Boden vor ihren Fen auf, eine Klappe schlug hoch, und
herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die
Josef, Renate den Rcken wendend, zu beschwrender Gebrde ber die
Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend
und entrstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stie ihm die
Fuspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie
sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, da Erasmus
weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und
vertieft war, da er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.

Ob das auch zum Programm gehre, fragte Renate leise, sich vorbeugend,
da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.

Nicht eigentlich, hrte sie ihn raunen durch das Getose, ich sitze
unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur berzeugen,
ob die Reiher ordentlich arbeiteten.

Musik? fragte Renate erstaunt.

Ja, hast du sie nicht gehrt? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!

Die ganze Luft war zum Bersten und Reien gefllt mit Musik, Fanfaren,
Mrschen, Glocken und dem menschlichen Gelrme dazu, aber jetzt
pltzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geffneten Klappe ein
seltsam barbarisches Getse von gestopften Hrnern, Fagotten, Becken und
Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate
konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam
in die Tiefe, die Klappe fiel, gedmpfter scholl die Janitscharenmusik
und verging im brigen Brausen.

Jetzt, da sie erst des Getses bewut geworden war, ermdete Renate
schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue
Taubenschwrme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit
ungeheuren, schleierartigen Schwnzen und Flossen, neue Riesenraupen,
Paradiesvgel, Bllerschsse, Kanonenschlge, Glocken, Schreie
vernichteten allmhlich alle Empfindungen, sie sa kalt und matt,
aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde
und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen
vor der Treppe, allein; der brige Zug war abgeschwenkt, um von andrer
Seite her vorbeizuziehn.

Irgendwie nach unten gelangt, fhlte Renate mit schwachen Beinen das
Pflaster unter den Fen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt
schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur
Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie sa in einem Sofa, vor
ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berhrte ihre Lippen, sie
sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Zge, trank und schmeckte khle
Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in
der Hand und zu Tode erschpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte
ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie
hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun
fehlte die knigliche Hoheit. Der Darsteller des burischen Herzogs
erschien in groem Krnungsornat, bereit fr Georg einzutreten, wenn er
ausblieb. Sie warteten.


                            Viertes Kapitel


                                Getmmel

Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewhnlich
hoch und breit war, nmlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne
sichtbaren Kopf fr Georg von oben, und er wunderte sich flchtig, da
er diesen gewaltigen Rcken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch
ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel fr ihn, zu spren,
wie folgsam und sicher das Ungetm unter seinem leichten Schenkeldruck
ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zgel -- immer schn in
ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn
herum, in der brigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und
Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden
auf der Brust und um den Hals, und es lcherte Georg, da sein Vater
auch die rote, wei gewsserte Schrpe des Beuglenburgschen Hausordens
umgelegt hatte, blo weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing
Georg an sich zu rgern, da sein Vater in einem fort mit Magda
schkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar
trug, auch entzckend anzusehn war, -- anstatt seine Reitknste zu
beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schrger nach der
Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot,
und nun merkte Georg auch, da der Kolo nicht lief, sondern schwamm,
seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den
Wnden der Bahn pltscherte und angenehmerweise Georgs hineinhngende
Fe nicht na machte, und nun schwammen sie durch die Tr in ein
Zimmer, wo die Mbel vergnglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und
ein Klavier, auf dem Benno sa, die Beine an sich gezogen, und
nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die
berschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus
wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr
zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder
zu einer Tr hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein
schnes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und dstern
Luft dreifarbige Fahnen hingen, fr deren sonderliche Tnung er lange
keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen.
Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dcher, aber nun
war die berschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und
wie er hher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch
nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen
Ruck ...

Georg ri heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die
Lider wieder zusammen, ffnete sie langsam und hatte ein wehendes
Haferfeld mit riesengroen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich
langsam, die Halme nahmen natrliche Gre an, eine tiefe, grabenartige,
braune Furche war davor, in der seine Fe standen, und er sa mit
vornberhngendem Leibe in etwas Grnem, Moos und Grashalmen; ber ihm
waren Zweige, die Sonne schien grell und glhend, dunstig golden in
allen Tiefen lagerte die Ebene.

Mde, schlfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurck.
Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst
umkleiden mute ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des
Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ngstlichem
Mitrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, da Arena und
Tribnen in der Tiefe vllig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei
Viertel und eins. Noch gelhmt entdeckte er ein paar Schritte weit
rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der
Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen.
Georg fuhr zusammen, in jher Angst ward ihm klar, da um ein Uhr der
Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender
Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Hnden die
Verschlsse der Decke, brachte mit unsglicher Mhe eine nach der andern
der neuen, harten Schnallen auf, ri die Decken zu Boden, war im Sattel.
Unkas drehte sich unter Zgelri und Absatz, Georg zerrte ihm
wutschnaubend den Hafer aus den Zhnen, dann brach er durch Gestrpp und
Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Bschung und
Buchenstmme. Den strzenden Gaul konnte er noch eben hochreien, dann
zwang er ihn in schrger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfu
trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas
vorne nieder und strzte um. Georg gelang es, den Fu aus dem Bgel zu
nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so krftig
anknallend, da er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen
Augenblick, halb gelhmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er
in tobendem Grimm mit Fusten htte einhmmern mgen. Betubt nach Unkas
blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rcken liegen, kletterte etwas
tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zgel, Unkas wlzte sich,
schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfe, sprang auf und
schttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen
und welken Blttern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch
Haselgestruch ins Freie und sa auf.

Danach hielt er lange Sekunden in vlliger Lhmung. War dies wirklich?
fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er
schlafen knnen? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war
die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen,
Unnatur, Wahnsinn?

Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die
Landstrae; Georg, jetzt fast besinnungslos vor wrgender Angst, zu spt
zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend
vor Rhrung empfand Georg im Davonjagen: Zwlf Jahre, alter Unkas, zwlf
Jahre hast du mich getragen, du fhlst, was ich fhle ... da waren sie
in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg
der Landstrae. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden
Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bume flogen vorber, ach, es
ging lngst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war,
ber den Pferdercken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der
grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne
Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die
Strae so breit gemacht hat, da es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte,
schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du
sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... groer Gott,
das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den
Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich
schon, da kam er angestrzt, -- um Himmels willen, die ganze Strae war
versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die
dunklen Oberkrper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schumte
vor Wut, ri das Pferd zurck, jagte es zwischen den Bumen durch in den
trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm
rissen, Unkas lag unter fortwhrendem Stolpern fast mehr auf der Erde,
als er lief, endlich war die Strae wieder frei, der Wallach erlangte
sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg
dahin, whrend Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall
an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf
Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich
darauf war er verfitzt in ein Getmmel von Reitern, die entsetzlich
langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam
umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig
auseinanderwichen, ebenso die nchsten, denn sie schrien hinter Georg
her: Achtung! der Groherzog! -- Groherzog, es war zum Totlachen und
die ganze Strae querber vermauert mit grellbunten Fugngern. Georg
wollte und mute hindurch, schrie, so laut er konnte: Platz! Platz fr
den Groherzog! Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die
Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwrts, schrien, es gab
eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm
im Vorbertraben zu und fragte angstvoll: Wie spt ist es? Eine Stimme
schrie hinter ihm: Gleich zwei! dann noch mehrere durcheinander:
Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei! Georg hielt, ri die Uhr heraus, sie
zeigte unwandelbar drei Viertel eins.

Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwnschten Nacht, murmelte Georg
fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen berall und sahn ihn an,
er bemerkte, da er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter,
begriff, da der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also
dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Huser, er kam
nur noch im Schritt vorwrts, Gott sei gelobt, da glnzte der weie
Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach
Zgeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig
das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er fate, und fragte
ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen
Seiten Hnde streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang
in den Wagen, keuchend: Zum Rathaus, so schnell wie mglich, durch
leere Straen! Vllig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke
und schlo die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend
fhlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen
Gliedern, htte er auf der Erde liegen mgen, so lang er war, aber er
fuhr wieder hoch, erkannte, da er durch leere, verlassene, dsterrote
Straen fuhr, sa nun vornbergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf
und stellte die Zeiger auf fnf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu
spt, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straen und
Straen, breite und schmale, ber einen kleinen stillen Schmuckplatz,
ber eine Brcke, und wieder Straen und Straen. Er las alle Schilder
ber den Lden, die Reklamen, Straenweiser ... Rackows Handelsakademie
stand da. Kramlden zgerten vorber, zeigten alles, Bilder von roten
Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao,
Schsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand ber einem
kleinen Weizeugladen voll Frauenwsche, Packen lnglich aufgerollter
Langettenkanten und Anordnungen von Weiknpfen auf blauen
Papptfelchen, aufgehuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen
Parterrefenstern zwischen Blumen und schwrzlichen Gardinen dunkel sein
Gesicht im Vorbeiziehn, das Wei und Grn seines Anzugs, versuchte, auch
die Beule zu sehn, und bemerkte, da er sich in der schwarzen Hlfte des
Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu
sehn, die Beule fhlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel
unter der Schwellung war. Auf einer breiten Strae mit Baumreihen in der
Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich
wieder in die Ecke und sttzte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu
werden, in seinem Schdel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte.
Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schttelnd, aus einem
Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine
schmale, einsame Strae, ein berdach war rechts, das Deutsche Theater,
Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer
Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit groen schwarzen Lettern: Whlt
Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Ecklden voll von
Anzgen, alten Bchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten
Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber
die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon ber zwei und zwlf,
ich komme nie hinein! sthnte Georg, und sofort darauf sagte eine
Stimme: Sie kommen nicht hinein ...

Georg starrte. Da sa Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte:
Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er
bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es
ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke,
Pferd und Kutscher wellig in den groen Spiegelscheiben des Warenhauses
dahinziehn, dmmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstcken, nun
mit Kleiderstoffen, die in Strzen von Stcken fielen, nun mit Pyramiden
und Sulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke
geschttelt und sah vor sich die Strae vollgepfropft mit Menschen. Ein
Stck noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drckte dem Kutscher
etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrngen.
Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im
Theaterkostm, so mute es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand,
aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches
Aufsehn, aber er kam durch, pltzlich war da der leere Platz, Georg
zitterte und jauchzte, lief die Strae hinunter, am Fu des Domes
vorber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen
Empore, sie war leer, Mnner in Frcken wollten auf ihn eindringen und
prallten in der Luft zurck, er sprang die Stufen hinauf, und Renate
wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...


                               Versptung

Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lchelte, jetzt ist
der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen
Groherzog, kein Drum und Drauen, nur meinen Willen und mein Handeln.
-- Renate raffte ihr Gesicht aus der Mdigkeit mit einem erfreuten
Lcheln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: Nun? Er fate
sie, da standen berall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen
Zimmers durch die offene Tr sichtbar, und er sagte heiser, sich
ruspernd: Bitte, kommen Sie dort hinein, und zog sie mit sich.

Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen
wollte; Georg sah gradeaus, whrend ihm Anfnge ber Anfnge durch den
Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hlfte Groher-- -- wie dumm! --
Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fhlte sich
kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte
sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus,
keuchte ... Renate wurde ngstlich vor seinen Augen; das eine war
kleiner als das andre, ein roter Fleck darber; da wute sie schon
alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg
nun sagte: Renate ... flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und
drckte die linke Hand auf seinen Mund.

Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte
sie, da er ihre Handflche kte, da er ihre Gebrde falsch verstanden
hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht
bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefhl, das sie lcheln machte,
und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschmt: Lieber
Junge, du kommst ja zu spt ...

Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er ri die Augen auf,
starrte sie verstndnislos an und hrte sie sagen, whrend ihre
Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glnzten und
funkelten: Dein Vater war heut morgen schon ...

Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich
die ganze Mundhhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber
auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die
Aufregung ... sie erstickte beinah, ri die Seide wieder aus den Zhnen
und brach in ein so erschtterndes, endloses Lachen aus, da sie sich
auf einen Sessel werfen mute, die Stirn auf der Lehne, gestoen und
geschttelt vom Lachkrampf.

Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ...
Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bgen. Renate lachte und
lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende
und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und
zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berhrung.
Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man
wohl nie von seinen Vtern. Wie gut, da er doch nicht mein Vater ist
... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewutlos, merkend,
da er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang
empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen!
dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.

Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich
die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich
zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich
hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine
Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer
Berhrung zurck, trat seitwrts, bi die Zhne zusammen, sagte sich:
Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: Verzeihen
Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...

Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zgernd hinein, Renate
durchzuckte es, da dies doch bse war, fr spter, was sollte daraus
werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte,
so da ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und fhrte sie
hinaus.

Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete
Blumen, die Menge war auer sich. Georg lchelte und winkte, Renate
hielt sich zurck, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder
in den Saal, indem sie bedachte, da mindestens die Hlfte dieser
Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in
den Saal zurck. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit
auerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand
ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hte schwangen
und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurck, winkte, lchelte und
fuhr davon.

Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war
er zuhause, um halb vier mute er auf dem Bahnhof sein und Prinz
Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stnde, Umkleiden, Uniform
und Vereidigung des Fsilierregiments Groherzog in Stellvertretung der
Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben
Galatafel im Schlo, groe Cour, Dfile, um neun Anfang des Balles in
der Universitt, Terrasse, Grten, Masken ... Illumination und
offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er
schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie wrde
die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war
niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hnde, ihm war, als ob
er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht.
Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er
nchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand frh auf.
Warum hatte er brigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen?
-- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fhlte sich matt und
elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er,
Montfort hat recht in jeder Beziehung.


                                Heimkehr

Vor der Tr des Schlchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die
er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und frchterlich unntz.
Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlsselbund
hervor und ffnete das heimliche Gemach. Schn dmmrig lag es in der
Nachmittagssonne, die breite goldene Dmme durch die Fenstervorhnge
hineinstellte. Still, sehr schn, edel -- trotz Cora -- stand das
wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl
nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die
Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und lie
sich rcklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar fr
die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber
erst, da es gar nicht wieder aufhren zu wollen schien, entschlo er
sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hrer ans Ohr. Er wollte sagen:
Prinz Trassenberg, -- aber -- nein, Groherzog war er ja noch immer
nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum Ja?

Eine Mnnerstimme fragte: Hoheit?

Ja.

Zwillinge! schrie die Stimme Schleys so frchterlich laut, da ihm das
Ohr schmerzte, Zwillinge! Zwei Sozialisten!

Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: Was?
Virgo? deine Frau? Donnerwetter!

Schley drben schien zu lachen, rief dann: Ich glaube, Hoheit, du bist
der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig
Mgliche.

Georg wute nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte
fr den Augenblick alles, er konnte nur fragen: Und Virgo? wobei er
nun denken mute: Dieser Name -- und Zwillinge ...

Danke, vortrefflich, hrte er Schley sagen, ein wenig sehr matt, aber
sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus
war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brsten zu
wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmchtigwerden vor Wut. So ein
kleiner Mensch wie sie und in Stcke gerissen ...

Georg schauderte pltzlich; er sah zwei unfltige Riesen, und Virgo im
Bett, schreiend, sich wlzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen
... Er schttelte sich.

Ich habe geflucht und gebetet, sagte Schley, und der Arzt, es war zum
Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststcke machen
lt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens
fest.

Georg erinnerte sich der unzhligen Verhandlungen ber die Namensfrage,
und wie Virgos Mann sich erbost hatte, da ein Junge Georg, ein Mdchen
Georgine heien sollte.

Nun? fragte er. Ja, weit du, hrte er Schley kleinlaut sagen, beim
ersten schrie sie immerfort: Georg! ... Georg zuckte das Herz. Da hatte
sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- Beim
zweiten, fuhr ihr Mann muntrer fort, sagte sie gar nichts, da
knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur:
Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag -- Georg sah sie
daliegen, sah die bermenschlich gro gewordenen braunen Augen unter dem
knabenhaften Haarbusch im kleinen, weien Gesicht -- und mich ansah,
sagte Schley, ja, -- da bin ich umgefallen ... Seine Stimme zitterte
heiser. In meinem Leben habe ich nicht so geweint, sagte er.

Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehr brach Gesang auf, die Glucksche
Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ...

Also heien sie Georg und Wolfgang, sagte Schley.

Hoffentlich, meinte Georg matt, kann man sie unterscheiden.

Na, vorlufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine
rote Zuckerrbe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich wei lngst
nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige
Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, da dem Georg ihr einer Ohrring,
der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wrst?

Ja, Georg war einverstanden. Und bitte: tausend Gre, und wenn ich nur
einen Augenblick heute frei htte, so kme ich.

Ja, hre, Georg, noch etwas -- sagte Schley, hast du meinen Schwager
getroffen? Georg verneinte. Er wollte dich treffen und ging schon frh
fort; er hatte kein Kostm und wollte sehn, da er noch eins bekme, er
mte dich heute noch sprechen. Zurckgekommen ist er nicht, auch nicht
zum Essen, aber er hat angelutet -- ich war grade in die Apotheke
hinber -- und hat sagen lassen, falls ich erfhre, wann du Zeit fr ihn
httest -- er wrde wieder anrufen ...

Georg dachte nach. Halb vier, fnf, -- Ja, zwischen sechs und sieben
wre es mglich, sagte er.

Schn, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was
es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fhlst du dich denn? Der Festzug
soll ja groartig ...

Ja, es war schade, da ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl,
leb wohl!

Adieu, Georg!

Georg legte langsam den Hrer nieder und glitt in den Armstuhl zurck.
Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine
Augen, er setzte sich zurck, beschattete die Augen, den Ellbogen
aufsttzend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos
Photographie, whrend es durch ihn hinsang: All mein Glck -- ist nun --
dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther fr
Renate, ich gab Virgo fr Renate. Esther starb, und Virgo bekam
Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich
... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich
ber den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn:
Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft
fhlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz
klein am Fu des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil
unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hrte er
sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hrte ich es von Josef,
oh ich wei noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und
Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte pltzlich
Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Trnen schossen ihm in die Augen,
-- oh nicht weinen! sagte er sanftmtig. Ich war ja glcklich heut, oh
wie war ich glcklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde
ganz unnatrlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange
schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf,
sich vorsetzend.

Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er
sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfllig stand er auf. Nun also
Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die
Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig,
sagte Georg, alles kam, wie es kommen mute, sagt Georg Hermann; wer
Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie
zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jhlings faltete er
die Hnde, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er
wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flsterte: Renate, Gott im
Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann
schttelte er sich barsch, ging zur Wand und drckte auf den
Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornber, er stand, den Arm
gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte
er verstndnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gtig aussehendes
Gesicht ber einer grnen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach
so! es geht ja weiter, immer weiter ...

Wie heien Sie? fragte er leise.

Albert Neffe, knigliche Hoheit, sagte eine farblose Stimme. Das Wort
knigliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten
Manne die Hand und sagte, unfhig, laut zu sprechen:

Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie
erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun.
Heut knnen Sie mir helfen. Also hurtig!

Er lchelte. Als der Kammerdiener ihm den Rcken drehte, fragte er ihm
nach: Wie alt sind Sie?

Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weien Strmpfe
und hrte ihn sagen: Knigliche Hoheit, zweiundfnfzig.

Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann! Der Diener lchelte
gtig, aber dabei ward eine Zahnlcke im linken Mundwinkel sichtbar, und
im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz
anderes Gesicht, das heimlich kmmerliche eines gewhnlichen alten
Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer.

Merkwrdig, dachte Georg, was es fr Menschen giebt! Der sah erst aus,
als ob er die Livree auch nachts nicht auszge, auch nicht im Traum. Er
war ja nur Gesicht, alles brige waren Leib und Beine, ausgestopft und
nur -- Sttze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so
aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur
-- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das
macht die Gewohnheit, sagte er mit jher Erkenntnis, ja die Gewohnheit
... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell,
aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.


                            Fnftes Kapitel


                          Heimkehr (die andre)

Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, da ihr Gesicht
sich wieder in Lchelfalten verzog. Komm blo fort, raunte sie ihr zu,
es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!

Im Treppenhaus, nach dem Gelnder fassend, blieb sie stehn, aber kaum
da sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: Georg -- prustete sie nur,
ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich
unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. Wie ist es
denn, fragte sie unten, kommst du mit mir?

Whrend sie Ulrika leise sagen hrte: Ja, ich mchte gern, fiel ihr
Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte
sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz ber dem bunten,
lebhaften Gedrnge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von
selber aufwrts ging, groe, schimmernde Wolkengebude im starken Blau,
die zwischen die scharfen, altertmlichen Dcher und Kanten
herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon
dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es
wird alles gut. Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.
Der groe Trsteher murmelte etwas ... Ja, meinen Wagen, antwortete
sie, sich umsehend, da steht er ja! Sie gingen hin, stiegen ein,
rollten ab.

Ernsthaft jetzt und wehmtig dachte sie Georgs. Ich habe den guten
Georg eben sehr gekrnkt, begann sie, weit du -- ich bekam einen
Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anla, weit du,
es hatte sich wohl alles mgliche angesammelt, das brach nun auf diese
Weise los. Ja, weit du -- Nein, unterbrach sie sich verstimmt, dies
bestndige Weitu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte
dir ja, fuhr sie gefater fort, da der Herzog und ich uns
zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen
Antrag machen. Siehst du, nun lchelst du sogar! Sie fiel der
lchelnden Ulrika um den Hals, kte sie und stammelte: Ach, Kind, ich
bin ja so glcklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heit, natrlich auch
seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weit ja nicht: Josef ist
schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurckkamen im vorigen
Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr
lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir? unterbrach sie sich, da
Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdsterte.

Nur weiter, bat sie freundlich, ich komme nachher schon mit meinen
Geschichten.

Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate
fort: Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weit du,
ich war so tricht --, ach, wie war ich doch tricht! Sie schwieg, sich
verlierend, sprach dann hastig weiter:

Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er
nicht, aber da er mich merken lie, da er berhaupt nur um meinetwillen
wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm
verlangte, so -- ja, da war ich so tricht -- -- ach, aber das war es ja
nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...
Sie legte das Gesicht in die Hnde, sah sich in Josefs Armen, grbelte,
murmelte endlich: Es lt sich nicht ausdrcken. Ich habe ihn lieb,
Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so frchte ich ihn wohl --,
nein, du kannst es nicht verstehn. Ich wei bestimmt, da ich ihn
niemals lieben knnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, --
wehrlos, weit du, irgendwie, -- ja -- es _lt_ sich eben nicht sagen.
Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und
durch hochmtig und bin klter und abweisender als je, aber hinterher
knnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich
wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weit
du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem
Onkel, du hrtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war
fort, die Zeit ging hin, ich kmpfte, ich -- --

Es war -- unmglich, schlo sie. Danach schttelte sie alles ab,
setzte sich zurck, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den
Kronenring ab und behielt ihn im Scho. Ihr war sehr warm; auch die
Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinstrmte, war allzu
lau, um zu erfrischen. Sie sah, da sie schon die Steigung der Dhrener
Heerstrae hinanrollten, rechts lagen die roten, festungshnlichen Werke
der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise.

Und du? fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend
und ihre Hand fassend.

Du, antwortete Ulrika nach einer Weile, sage, was du willst, du bist
doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier
aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewchs
habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund
gerankt, der Flgel war alles, und dann --

Da sie verstummte, hrte Renate Worte Jasons undeutlich vorbereilen:
Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals
nachgedacht -- hie es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen
Anfang zusammengefat hatte ...

Und dann, hrte sie die Freundin weitersprechen, merkte ich eines
Tages, da einer mich dicht ber der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich
verdorrte nicht, oh nein! sie lchelte glcklich und verloren, im
Gegenteil, es war ja herrlich, ich blhte mir noch einmal so schn und
reich, nur -- -- ich hatte keine Wurzel mehr. Sie brach ab.

Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzge und
die Gruftgiebel und Lebensbume des Friedhofs hinter den staubigen,
sonnigen ckern und Grtnereien neben der Strae. Da irrten ihre
Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mute Atem schpfen
und fhlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? -- Oh, Josef war
ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig
vorfinden lassen wollen, oder auch -- es konnte ja fehlschlagen -- ihr
den Anblick der Enttuschung ersparen. --

Ja, wie ist es denn nun? hrte sie Ulrika fragen, Josef kommt also
heute?

Ich hoffe, er ist schon da.

Ja, stre ich dann aber nicht ...

Da merkte Renate, da sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt
in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zrtlich und beschmt
und dachte -- ihr versichernd, da sie gewi nicht stren knne --, wie
grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur
eben ins Schwanken geriet, unbekmmert, ob der, nach dem er griff, nicht
heftiger selber im Schwanken war.

Ach, vielleicht, sagte sie verstrt und furchtsam, ist die Krankheit
meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -- dann wird es gut sein, wenn
ich dich in der Nhe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich
auch noch mit mir!

Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe
es doch wiederholt gesagt, da es sich gewi nicht um eine
Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemtsleiden, und -- ja, ja,
fiel Renate erleichtert ein, er war immer ein so weichmtiger Mensch
--, und sicherlich giebt es das, da ein Mensch sich etwas so zu Herzen
nimmt, da er -- da er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergit
und nur den einen Gedanken verfolgt ...

Wir kennen es, sagte Ulrika langsam, ja Alle selber so gut, die
Anfnge davon, dies -- sie schauderte -- oh dies besinnungslose
Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang,
und -- wir sind da! schlo sie hastig. Der Wagen hielt.


                                Veranda

Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten
zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmdchen war nichts
anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und
trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der
Veranda gedeckt, dann, durch die Tr, drauen Erasmus, noch gepanzert,
mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate
hrte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie
zu, Erasmus in bester Haltung, aber -- was war mit seinen Augen? Sie
glhten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich
ngstlicher zusammen. Wre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm
erhoffend.

Erasmus nahm ihre Hand, kte sie sogar und sagte mit seiner dunklen
Stimme: Na, endlich, wir haben einen brenmigen Hunger.

Renate umarmte Magda. -- Du siehst wirklich vortrefflich aus, sagte
sie mhsam zu ihm, sich von Magda losmachend, du solltest immer so
gehn, weit du!

Er lachte verlegen: es sei etwas warm, -- und sie hatte ihn im Verdacht,
da dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht
umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch
Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe
hinauf und stand vor der Tr, hinter der sie Schritte hrte. Er ging
wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurck ... Sie
ffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr
entgegen.

Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre
Hnde falteten sich, sie flsterte: Onkel ...

Ja, sagte er, ja, was ...

Er sprach ja! Er sprach ja wieder!

Aber was nun? Josef, oh wrst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die
einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn,
wute nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte
nach dem Fenster, nach der Strae. -- Stand Josef unten? -- Sie machte
zwei Schritte vor, unten die Strae war leer. -- Aber -- war er nicht
grer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete
Schdel, die steile, von den Brauen fast vornbersteigende Stirn und
dicht unter den Augen das wei und glatt nach unten flieende lose
Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit,
aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus.

Sie ging nun zu ihm und berhrte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein
wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein,
nicht vllig fremd, nicht wie sonst, und -- Unruhe ist es, frohlockte
Renate, und allen Willen und Einflu aufbietend, bat sie: Komm, Onkel,
es ist Essenszeit! Schob die Hand in seinen Arm, zog und drngte sanft.
Er folgte.

Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll,
triumphierend im Innern, fhrte sie ihn die Treppe hinunter in die
Halle. Erasmus stand drauen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler
und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit
einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen
wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus
seine erschreckten Zge beherrschte. In der Verandatr, an Magda
vorbergehend, flsterte Renate: Noch ein Gedeck! und fhrte den Onkel
um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten
rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in
seiner Nhe mit dem Rcken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater
gegenber und sagte, so leicht sie konnte: Nun erzhle, Erasmus, wie
war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen
Blumen!

Ulrika setzte sich ihr gegenber, auch Magda kam herein, dann der
Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewhrte sich
auerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete
er krftig darauflos, er sei berhaupt der einzige, der richtig
begreifen knnte, wie schn so ein Tag sein knne, er plagte sich
jahrein, jahraus, da genug Essen auf den Tisch komme, -- oh, er gab
sich glnzend preis! -- und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht htte,
da es sein saurer Schwei wre, in den sie sich kleidete, niemals
dchte sie daran. Kinder, Kinder, sagte er, was Mdchen, was Mdchen!
Eine Zeitlang dachte ich, es wren immer dieselben wie im Theater, wo
immer dieselbe Korporalschaft ber die Bhne marschiert im Triumphzug
des Germanikus, oder war es in Aida? Und er fing an zu erzhlen, wie
sie als Schler Statisten gemacht hatten, -- Renate lachte das Herz im
Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern
bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken
war, die Hnde neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu
essen.

Erasmus schenkte Wein ein. Pltzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die
eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach drauen
blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von
ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die
heile und die schreckliche, rote Hlfte; er trug noch die schwarze
Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hnde unten waren
etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an,
vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den
Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz,
ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte
sich weiter, -- und da sa Josefs Vater und hielt das Gesicht in den
Hnden. Renate prete ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat
zu ihrem Onkel, fate nach seinen Hnden und sagte: Josef ist im
Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen? Und sich zurckwendend,
winkte sie Josef mit den Augen.

Jetzt hatte ihr Onkel die Hnde fallen lassen, sie sah seine Augen, die
erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der
Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah
seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurckgetreten, seine
Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn
durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Hnden, das --
nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon
wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob,
whrend Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: Da bin
ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verndert. Lat euch
nicht stren, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.

Sein Vater fuhr mit der rechten Hand ber die Stirn, lchelte und sagte:
Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du httest uns vergessen! Da kommst
du ja grade recht zum Essen.

Josef trat zu ihm, sie drckten sich die Hnde, Josef legte seinem Vater
einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte
Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer
ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes
Gesicht empor, schttelte langsam den Kopf und meinte: Ein Adonis bist
du gewesen, mein Junge.

Josef lachte herzlich. Du weit ja, Papa, es ist Adonislos, da ihn die
Evierinnen zerfleischen!

Sein Vater fiel munter ein und sagte: Setz dich, setz dich doch, i und
trink und erzhle!

Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da,
und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon
gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete
unter dem Tisch die Hnde, mute aber unter ihren Gebetsworten bemerken,
da es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen
Augenblick, Erasmus nachzugehn, hrte jedoch ihren Namen, blickte
rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:

Also wren wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef?
Keine drei Jahre, weit du, schreiben httest du wohl einmal knnen, wo
du berall gesteckt hast.

Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut:
Iphigenie! sie hat sich nicht verndert, oje-oje! und Renate merkte,
da sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte,
den linken aufgesttzt und das Kinn in der Hand.

Ein wenig spter war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen
sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fhlte sich
selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hrte nur
einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: Sieht sie nicht
aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust htte,
Papa? und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres
Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins
Wanken und vllig durcheinandergekommen seien. Sie hrte ihr eigenes
Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung
die Rede, -- nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom
Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern
und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, --
ein bichen Veronese, aber sonst ganz ...

Pltzlich stand alles fr einen Augenblick still, sie sagte: Ja, nun
mt ihr aber etwas hren! -- Ich habe mich verlobt.

Es war still geworden.

Verlobt? fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest,
dann senkten sich langsam die Lider darber. So. -- Ja, mit wem denn?
hrte Renate ihn noch leiser fragen.

Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten
Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.

Mit dem Herzog, -- Herzog Trassenberg, Onkel, sagte sie unsicher, fr
Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fgte mit wankender Stimme hinzu,
er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wute sie, da ihr Onkel
an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ngstlich zur Seite nach Josef sphn;
Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: Ja, willst du
eigentlich nicht gratulieren, Papa?

Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die
Beherrschung nicht, er legte die Hnde zusammen und fragte furchtsam:
Josef -- verzeih, aber -- ich habe immer gedacht ...

Jetzt rckte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl
nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie vllig verwirrt, dann
fragend, endlich strafend, und sagte: Ja, nun brennen alle Kandelaber,
Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih
geschrien!

Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das
heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheulichen
Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete
erleichtert auf.

Ja, dann, sagte er zgernd, dann wird der Herzog wohl zu mir kommen
wollen?

Renate nickte und hrte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor
Herzgen habe. Nun lachte er gtig, ergriff sein Glas und richtete sich
mit Wrde auf. Dein Wohl, mein Kind, sagte er, von Herzen dein Wohl
und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von
ihm hat man ja nur Schnes und Gutes und -- Er stockte, und Renate
vermeinte, er erinnere sich, da der Herzog verheiratet war, dann fuhr
er mit pltzlich bebender Stimme fort: -- und Edles gehrt. Das Glas
entfiel seiner Hand, Trnen brachen stromweise aus seinen Augen, er
drehte sich zu Josef um und stammelte: Josef! Josef! Mein Sohn ist
wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist
wieder lebendig -- geworden --

Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade
stehend, ihn mit den Armen umschlo, einmal schnell und fest die Lippen
auf seinen Kopf drckte und wieder grade stand.

Renate wandte sich glcklich ab und sah den Garten in der Sonne, den
hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers
auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu
erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hrte sie das
Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei
gewi mde, ob er sich nicht niederlegen wolle? -- Ja, er sei mde, sehr
mde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebckt,
glcklich lchelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortfhren lie,
und sprte, als habe das Wort >mde< sie verzaubert, nun eine rieselnde
und se Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in
Goldstaub und grnes Geflimmer auflste. Sie berwand sich aber,
pltzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef bersplt,
rhrte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf
seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und
deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange
und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und
hineingezerrten Falten dnner Haut vor sich, da sie zurckgeschaudert
wre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn htte und den Blick
von sonderbar weichem Staunen, so da ihr Mund nun stehn blieb, nicht
weit von dem seinen, sekundenlange, whrend sie lchelte und ihn mit
groer Zrtlichkeit anblickte. Zurckweichend, fhlte sie noch, da er
ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund
drckte, und hrte ihn sehr leise sagen: Es gengt. Ich habe nun nichts
mehr zu wnschen und kann --

Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen,
empfand noch, da sie im Gehen, da da Ulrikas und Magdas Gesichter
waren, da sie sprach und ferne Stimmen hrte, dann, da sie durch den
Garten schwebte, und endlich, da sie sehr tief lag. Sie ffnete mit
Anstrengung die Augen, hoch ber ihr war wunderbares Grn, von Blue
durchbrochen, ganz nahe ber ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer
Hngematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber
nicht fertig, und dann war nichts mehr.


                            Sechstes Kapitel


                                 Garten

Renate, die Augen aufschlagend, staunte ber die Schnheit der Welt.

Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten
Auges, im Innern zart im Entflchten abwrts lchelnde, farbige Trume,
vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrngten grnen Nischen und
Bgen von Flieder, Goldregen und Holunder -- voll groer, noch grner
Beerenscheiben --, durchspannt von einer leeren Hngematte, durchstochen
von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenber
seltsam schn und nachdenklich die durchsichtigen Zge Ulrikas; sie sa,
seitwrts die Knie unterm blavioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf
der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille
ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer
aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras
gesttzt; die linke lag im Scho zwischen einer groen, grnbeerigen
Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grn mit noch
weiem, feuchtem Kern. -- Glcklich in sich, glaubte Renate sich atmend
zu fhlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswrts strebend
nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen,
Gegangenes und Kommendes. Ich bin glcklich, dachte sie dankbar, nun
darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel
gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann
sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie
im Haar, ein schwerer, bser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.

Sage, was denkst du, Ulrika? fragte sie leise. Ulrika wandte langsam
das Gesicht herber, ihre Augen glitten ber Renate hin und blieben
stehn; mit einem eigentmlichen Blick von Glcklichkeit und Ferne, den
Renate nicht recht verstand, sagte sie: Ich horche ...

Bemht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas
Singstimme zu hren. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte
entfernt im grnen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate,
zu fragen.

Du, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, hast eine Stunde
geschlafen, und ich war glcklich unterweil. Sie hob den Stoff im
Schoe ein wenig an, so da Holunder und Kastanien ins hohe Gras
rollten, glttete ihr Kleid, ein paar winzige Bltter und Stacheln
fortstreifend, und fuhr fort: Glcklich. Eine volle Stunde. Freilich
auch der Vormittag war schn, er war so heiter --, aber all das Bunte
war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glck meine ich
nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, --
vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wnschen darf, wenn ein
Wunsch ihm freigestellt wrde vom Schicksal. -- Und nun geht es wieder
weiter.

Sie sprach sehr gefat. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame
Stimme. Sage nun alles, bat sie schlicht.

Ulrika faltete die Hnde um das Knie, lchelte, sah aufwrts, und mit
einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, da Renate auf das
tiefste erschrak und sich und alles verga, kaum hinzuschauen wagend und
bald nur noch hrend.

All meine Gedanken? sagte Ulrika leise. Ich will es versuchen. Eben
stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die
Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schrger, und so fllte sich langsam
die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es
geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das
geruschlos zurcktritt, und es dir nennen.

Von ihm und mir, was frher war, weit du alles. Zwischen Seele und
Seele blieb alles so unverndert, wie ich es dir damals beschrieb, du
wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist
lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hie es, und
daran dacht' ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach.
Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen
die Giftblumen aus, aber nicht so das mnnliche Herz im Flug durch die
Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist
die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. --
Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.

Doch liebe ich ihn nicht. -- Ich frchte ihn vielleicht.

Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den
Anforderungen des Lebens zu gengen, liebte meine Mutter und die
Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und
fhlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wute es
nicht, denn ich liebte die Kunst.

Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er,
man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. -- Der
Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein
das zgernde Licht, des Baumes Wuchs und groe Haltung, die Ebene,
menschliches Lcheln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und
Hoffnung, Trbsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner
ernsten Seele lieb, und ber diese gebeugt, macht er sie nach mit einer
ungeheuren Kunst, die er hat, da sie sich wieder erkennen und ihn
ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. -- Und dann sind sie
schn.

Oh, er sah sie so grougig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm
lange nach, wenn er vorberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber
er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein,
Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um
sein Herz, Vgel brachten Samen, und Bume schlugen Wurzel auf ihm, und
die Vgel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es!
-- In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.

Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so
vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und
ich gab es und gern. Er trgt ja das Abbild fremder Gesichter in Bchern
nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit
flchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und
Weinen, -- wie schn ist die Welt!

Und alles war gut.

Alles schien gut, ich wute es, ich fhlte es nicht. Denn ich war immer
nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am
Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trben Gedanken, wer kann sie
verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht.

Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir,
nicht da, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich
hinschttete, da hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand
sichtbar blieb, da ich seufzen mute und sein fernes Herz hren hinter
dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Strmen und Flssen, dort, wo
ich nicht bin.

Dies ist es nicht.

Wenn es still ist und ich lausche, hre ich es von fern. Oh -- jenseit
ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu
Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst --
betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus,
Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst
gemacht, es ist nur, weil er ist.

Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben knnte, weil ich
nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich
davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden
lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hnde und fhle im
kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so
voll ist jenseit die gttliche Luft, da es den Stein schwellen und
tnen macht, -- ich aber bin dort nicht.

Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann
jemals aufhren, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an
die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die
Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute
und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und
bin nicht die Glut, ich schpfe und schpfe mich aus bis zum Boden, und
es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.

Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer
Zeit kaum vernehmbar leise:

Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf
das ferne Pochen seines Herzens, so hre ich es nher und nher, nahe,
ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter
trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...

Bla, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwrts, ihre Lippen
zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort,
sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein
Hauch:

Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was gttlich
und schn war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine
gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren
Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- la ichs -- -- fallen.

Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate
sich langsam auf, kniete, bckte sich auf Ulrikas Hand und kte sie. In
demselben Augenblick strzte sie seitwrts mit Gesicht und Brust so
schwer auf den Boden, da Renate ein leises Drhnen durch die Knie bis
zum Herzen zittern fhlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen
Gesang der Liebe; Renate, hlflos auf die Daliegende blickend, weinte
vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und
die Hnde ber ihren Kopf lang hin geworfen, so da sie dalag wie eine
Angesplte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verstrmt und
war nun wohl so leer in dnner Hlle, da der Schritt der Stunde, der
sie trfe, einbrechen mte; aber vielleicht stand die Stunde still,
getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.

Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, fate nach einer ihrer
Hnde; aber wenn sie auch neben einer Gestrzten lag, so empfand sie
doch nur, da sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich greren
gebettet hatte, und da die Hlflose immer noch wie ein Engel war gegen
sie. Weine nicht, oh weine nicht! bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil
und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag
sonnig, begnstigt, was kann denn nur fehlen?

Ulrika setzte sich auf, auch Renate mute es tun und sah, da Ulrika
nicht Trnen geweint hatte. Ihre Augen waren hei, aber trocken, sie
griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte
ruhiger:

Was wuten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und
sind da wie so vieles in der Welt, Huser, Blumen, sind Freude oder
Plage, und wir wuten wohl, da wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen
haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so
erzogen, da wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klger
als ich, aber ich gehrte doch zu denen, die nichts wissen, denen am
Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fllt und unverstndlich
von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der
neuen Wohnung hin und wieder so etwas hren wie: Vorlufig gengen ja
vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hrt das nicht,
denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lcke im
Gesichtsfeld, die wei der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie
der Teufel mit Gott.

Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mute, hrte sie immer
hrter und zorniger weitersprechen:

Und wenn wir auch dies und das in Bchern gelesen haben, um zu wissen,
du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht
tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Lwenjagd liest,
ohne zu denken, da man je dazu kommen knnte. --

Sie schwieg grblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie
fate wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: Du, sage doch gleich: soll
ich Magda bitten, da wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du
weit, ihr gehrt Helenenruh, und --

Du weit ja noch nicht alles, unterbrach Ulrika, aber sie lchelte
danach und sagte: Du bist doch ein praktisches Mdchen, Renate, ich
hatte das gar nicht gewut. Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:

Ich frchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch
heut kann ichs nicht glauben. Ihre Augen glnzten stumpf, als sie
sagte: Wir werden von bsen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm
erzogen, und -- sie jammerte jetzt fast -- was soll ich mit einem
Kind? was wei ich von einem Kind? Sie lachte pltzlich verzerrt, ja
grausam, indem sie schlo: Ich hab nun schon seit Wochen die
Vorstellung, da ich sehe, wie mein schwarzer Flgel Kinder bekommt,
immer eins nach dem andern. Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr
Gesicht.

Da merkte Renate mit leisem Schauder, da etwas in ihr war, das dies
nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke
lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und pltzlich stand der Herzog
vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glhte und stie rauh hervor: Nein!
Sie streckte die Hnde von sich, krallte wild die Finger, bi sich auf
die Lippen und sagte wieder: Nein! und ein drittes Mal: Nein! Sie
sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glhte ihr das rote
Haar. Was sagst du? hrte sie von einer fremden, nahen Stimme und
stammelte: Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du
...

Dann wurde sie ihrer bewut, rttelte sich hart zusammen, strich mit der
rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schlo
einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika ber den Knien und
arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Kolo,
der aus dem Wege sollte und mute, und dann hatte sie ihn aus dem Weg.
Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schlfen sprach: Das war Unsinn.
-- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: Man
denkt diese Dinge nicht, man tut oder lt sie. Noch brauste es um sie,
sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl
durch das Laub, vorber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er
vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroer
Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die
Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grn und Schatten.

Ja, und nun ist es genug, sagte sie kalt, komm, sprich nun weiter, du
Gute! und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika
zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig
an zu sprechen:

Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor
Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in
Deutschland. Ich schrieb ihm, da -- da wir ja nie verheiratet waren,
da ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, da er mich liebe, und es
wollte; da ich nie gewut htte, was das heie fr ihn; da ich seine
Gte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten
Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir
schlo, dessen Erfllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, da
ich nun alles verstnde, weil ich selber liebte; da ich ihn um Freiheit
bitten mte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja
auch wohl alles, fr mich war es das, -- freilich, was wissen wir von
den Gedankengngen eines Andern?

Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum
ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien
kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein mte, sagte er,
so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese
Liebe zu bekmpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht
in der Hand. Aber da ich einem Andern gehren solle, das wre nicht zu
ertragen. Er liee mich nicht frei.

Vielleicht glaubst du, da es in diesem Augenblick viel schwerer
gewesen sein mte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte.
Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht
blindlings, -- hie es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich
sagte ihm die Wahrheit.

Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht!
La! la! rief Ulrika, die Hnde vor den Augen. Sie lie die Hnde
fallen, sah vor sich hin und sagte: Wie Asche von Papier, so war es.
Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den
Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht
gewesen, auch wei niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur
ungefhr, wo es liegt, und -- du lieber Gott, schlo sie
kopfschttelnd, was knnte Benvenuto geschehn!

Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei
der Maler pltzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam
und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Zge
sich heben und von einem Lcheln kruseln, als ob sie jemand ansehe, und
hrte sie gleich darauf sagen: Sieh da, Jason!

Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom
Buschwerk wie ein guter Geist der Gewchse, schwarz gekleidet, sehr wei
von Gesicht durch das Grne ringsum; so nickte er von oben auf die im
Grase Sitzenden mit freundlich glnzenden, schwarzen Augen und sagte:
Ein schner Anblick, ihr Beiden, das mu ich sagen.

Renate, ein wenig hochmtig ber diese uerliche Art, zu sehn, sagte,
wie ihr selber schien, einfltig: Es ist nicht alles Gold, was glnzt,
Jason.

Es sieht doch aber gut aus, versetzte er beharrlich, ihr kennt nur
viel zu wenig meine Vorliebe fr schne Gegenstnde. Jetzt zum Beispiel
habe ich Lust, Brahms' deutsche Tnze zu hren. Ich glaube fast, ich bin
deswegen hergekommen.

Renate blickte kopfschttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob
sich gleich, stand frei da und sagte: Gern, Jason, wenn Renate will
...

Da dachte sie, da Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; da es
gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schnem Gerusch zu fllen und das
Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das
Gebsch auf den Weg ziehn, doch mute sie sich noch einmal umdrehn, da
sie Jason sagen hrte: Was liegt denn da?

Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine
Holunderdolde und zwei grne Kastanien, ein seltsam armes Huflein, wie
Spielzeug von einem Kinde, das pltzlich fortgerufen wurde.

Blumen, Frchte und eine Spange, sagte Jason, sich bckend, nahm die
Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: Das brige
Spielzeug kann da liegen bis nchstes Jahr; vielleicht findens dann
andre Kinder und spielen damit.

Jason wute, schiens, wieder alles.


                                Kapelle

Sie saen in der Kapelle an den beiden Flgeln, im rechten Winkel zu
einander, so da sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen
der heiter und festlich stampfenden Tnze nach dem andern, zuweilen sich
zulchelnd, so da Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht
emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre
leise, fast nur atmende Stimme hrte, mit der sie den reinen Gesang
ihrer Liebe aus sich schpfte.

Bravo, sagte Jason, als sie geendet hatten, das hat mir sehr
gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so
vier Hnde sieht, immer zwei ganz fr sich, springend hin und her,
greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hrt.
Aber dieser Brahms ist nun wei Gott und wahrhaftig wie schne Kleider.
Darin ist er Feuerbach wieder hnlich, Feuerbach ist auch lauter schne
Kleider und kein Herz.

Renate blickte sich um; Jason sa ber ihr auf dem Drehstuhl vor der
Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken
Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Hnden wie ein
delikates Instrument.

Kein Herz, sagte sie, Jason, das geht zu weit, -- aber --

Ach, ich habe mich wohl auch versprochen, unterbrach er sie, ich
meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das
gleich haben, Halsband, Handwerk -- er zhlte, innerlich suchend,
weiter --, Herrlichkeit, Hintertr, Hoheit, Humor! das wollen wir
nehmen, schlo er blinzelnd und zufrieden, und nun, was wolltest du
sagen?

Ja, nun wei ichs nicht mehr, lachte Renate. Ulrika, vielleicht weit
du es.

Ulrika, die Hnde vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig
nachsnne. Jason aber war aufgestanden. Ja. -- Ja, gewi, meinte er
zerstreut, vor sich hinsehend, allein ... Er ging die Stufen hinunter,
hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fuboden und
ging pltzlich durch den Raum und hinaus.

Was hatte er denn? fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu
knnen, ein paar Griffe im Ba, formte einen bergang, hrte gleich
darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu
einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verflieenden
Durcheinander der kunstlosen Verknpfungen und Lsungen, die sie sich
aufgaben und ausfhrten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und
gewillt zu sprechen schien. Sie hrten auf, und er sagte zu Ulrika:

Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold
gebeten, vorzufahren, sagte er leicht zu Renate hinber,
mglicherweise ist es eilig. Aber du mut dich nicht sorgen, Kind, ich
kann mich auch irren, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf
Ulrikas Schulter legte, die still sa und gradeaus blickte. Sie stand
nun wortlos auf, war aber sehr wei im Gesicht, nickte Renate fremd
lchelnd zu und ging mit Jason hinaus.

Renate sah sich an der niedern Brstung des mittleren Fensters stehn,
die alle drei weit offen waren. Nur Grn, nur Grn ... murmelte sie,
hinausblickend. Oben hing ein Stckchen Himmelsblau herein wie eine
Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom
Fest ... Sie frstelte mitten in der Wrme. Nun erinnerte sie sich des
Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs
Schulter bcken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die
gepreten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn kte und wieder grade
stand. -- berflutend pltzlich wnschte sie instndig nach oben: Wre
doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren?
fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Gerusch hinter ihrem
Rcken um und sah Jason wieder eintreten. Du bist nicht mit ihr?
fragte sie enttuscht.

Er antwortete nicht, und sie sprte etwas Erleichterung, weil er
geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flgel, setzte sich davor, legte
leise den Deckel nieder und drckte einmal fest und weich die
Handflchen darauf. -- Mu ich denn jetzt berall etwas wittern? fragte
Renate sich ngstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei
diesem Schlieen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas
ins Gedchtnis zurckrufen, aus jenem schnen Augenblick, wo sie lag und
sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: Ulrika hat
vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...

Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate,
da er nicht mehr den Kopf schttelte, und rief hocherfreut: Was ist
mit deinem Kopf, Jason?

Er fate nach der Stirn. Ist etwas? fragte er unsicher.

Das Schtteln, Jason, wo ist es?

Das Schtteln? fragte er. Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es
gewut und habe es gesagt, fuhr er frhlich fort, die Zeit,
prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man mu nur zu warten verstehn
und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und
Einzige, was berhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch
andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem
Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen.
-- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schn. Es wird so viel
Mibrauch getrieben mit der Liebe.

Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hren, glitt auf die
Fensterbrstung und fragte, da er schwieg: Inwiefern, Jason?

Zum Beispiel sagen manche, Liebe msse auch treu sein. Ja, wie kann sie
denn? Mu sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang,
mitten im Leben des Menschen, und mu also ihr Ende haben? Ist sie nicht
eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen
kann, mit keiner Mnze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun
verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, mu sie nicht auch gehen
drfen? Ist sie nicht mehr ein Gefhl? Da sprechen Andre zum Geliebten:
Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu
wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage
vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht
glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch:
Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was
soll das bedeuten? und mit alledem verndern sie ihre eigne Liebe,
machen sie gro und klein, je nachdem, und indem sie drben dies und
jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten
sie und zeugen Kinder und meinen, damit drckten sie nun ihre Liebe aus.
Sie schmieden Plne und haben schne Gedanken, sie streiten herum,
weinen und vershnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten
Wohnungen und sitzen viele Tage ber Tapeten und Kcheneinrichtungen,
und all das halten sie fr Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da
wohl etwas Richtiges, denn es ist gttliche Eigenschaft, alle Gestalt
annehmen zu knnen, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit
dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und
wissen nicht, da der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verlt und
kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefhl,
wohnt allein im Gefhl und lt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich
die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben,
solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung,
nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und
ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott
will, wirst du nach deinem Ende in eine schne Blume verwandelt werden,
deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die
einfache Primel trgt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, da
sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der
dein weier, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an
demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestrzt wurden, dieweil die
Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die
ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.


                              Lindenallee

Wie schn war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer vlligen
Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke
Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen,
engen Wegen, an der Veranda vorber und um den Rasenplatz. Dem Haus
gegenber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem
berraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht
hoch ber der Fensterbank, sein hoher Kopf und weier Bart zu sehn, wie
sie ihn des ftern whrend dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den
Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu
Josef auf, der in der linken Fensterhlfte ein wenig zurckstand und
rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gesttzt, und in
dieser Haltung beugte er sich eben vor und lie mit klopfendem
Zeigefinger ein Stck Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates
gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die
stillen, dunklen Augen her, lchelte und nickte. -- Welch ein Frieden,
ach, welche Erleichterung!

Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster ber den Beiden, dem
des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hrte Jason etwas
sagen und sah whrenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen
auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die
eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der
Fensterbrstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der
Fabrik sein mute. Es mochte ein Stck seiner Rstung gewesen sein. --
Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hrte ihn wiederholen, indem
er stehen bleibend sie zum Halten zwang:

Ich fragte, ob du dich eigentlich ber nichts wundertest, wenn du mich
solche Stze sagen hrst wie soeben.

Seine gedmpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen
Augen unter sich, versetzte sie: Nein, Jason, ich finde es immer so
schn, da ich zu keinem andern Gedanken komme.

Das, sagte Jason, die Stirn senkend, das ist es. Du triffst den Nagel
auf den Kopf wie immer. So schn, da ihr euch nicht das geringste dabei
denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kmmerliche
Einrichtung! Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er
weiter, indem er sagte: Ich wei es alles und trage es in schnen
Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu
wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heit: sie leben
es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen
Lage bist, auf die meine Sprchlein passen, erinnerst du dich dann
vielleicht des langmtigen Jason und seiner blhenden Erkenntnisse?
Nein, denn dann seid ihr alle hchlich kurzmtig, dann ist da nur die
fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings mu
gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschlu
als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, knntet
ihr wohl an einem meiner Stze gehn wie an einem sichern Gelnder,
knntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Fe mde geworden
sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine
Reden immer willkommen sind, aber wrde vielleicht ein einziger dadurch
klug? -- Man hrt, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergit, und
dieses nennt man das tgliche Leben.

Es ist deine Schuld, Jason, sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen
bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rckwand der Kapelle und
undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung
erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- Es ist deine
Schuld, denn du sagst es zu schn. Du sagst es, wie soll ichs nennen,
sanft einschlfernd. Du bist zu gut, Jason.

Und wre ich bse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte
mich hren?

Schwester Sonnenblume -- tnte es seltsam in Renate nach, wer hatte das
einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so
angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther
kam. -- Nun, was giebt es denn da? hrte sie Jason indem halblaut
sagen und wandte sich.

Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nhe der Kapelle stehend, ber
die Kohlkpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemsegartens hinweg
sah sie die rote, hliche Rckwand des Herzbruchschen Hauses im
Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten
Holundergestrpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll
herberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden
jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das
Buschwerk zu heben und zu drngen, einen Stuhl, und Renate fragte sich
verwundert: Will sie herbersteigen? es ist doch eine Tr da! -- Indem
erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem,
faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strmpfen mit
gerollten Wlsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und
schwarzbrtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu
sehn, stehen bleibend nach Irene hinber starrte, deren Gesicht eben
deutlich im Bltterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens
gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg
mit weiten Tritten ber die Beete, hielt mitten und schrie auer sich
Irene an:

Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt
verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist
Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?

Mit zwei Sprngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, ber den
Zaun zwischen ihnen faten sie sich und fingen an sich zu kssen, so da
Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und
erst als sie gar nicht aufhren wollten, drehte sie sich, die Unterlippe
zwischen den Zhnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das
Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas uern, fhlte
aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise:
Scht! man spricht nicht in der Tragdie.

War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken,
da stand Klemens allein und keuchte, in den Bschen rauschte es noch. Er
wurde jetzt der Beiden ansichtig, schttelte den roten und schwarzen
Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an
die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er
stehn, sttzte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: O
Gott! und noch einmal: O Gott! so zerbrochen, da Renates Herz
klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen rmel, fate den
Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug berm
Handrcken die Schweitropfen von der Stirn.

Nein, sagte er endlich, geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und
nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.

Er schluchzte haltlos auf, die Trnen liefen ihm hell bers Gesicht. Mit
beiden Hnden am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu
bemerken und schnob: Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte
Mummenschanz ist an allem schuld! trocknete sich die Augen mit den
Hnden und blickte Renate trostlos an.

Es war ja schon das zweite Mal, sagte er leise; wenn wir uns sehn,
geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier
hereingekommen? fragte er, stecken bleibend.

Ich vermute, sagte Jason ruhig, Sie wollten eigentlich ins
Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorberkamen, sind Sie in Ihrer
Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.

Das wird es gewesen sein, versetzte er stumpf.

Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid,
kam sie leicht und schwebend daher.

Hren Sie nur, sagte Klemens, der sie nicht sah, ich habe sie immer
geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie hate mich ja, ich sie
auch wegen ihrer lcherlichen Lebensfhrung.

Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hnde unter
der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast
glcklich aus.

Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags
meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag drauen gewesen, um zum
Groherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmde zu
Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges
zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostm drauen herumlaufen, da
bekam ich dies geliehn, und sie verhhnte mich wegen meiner Teilnahme an
dynastischen Festen, und da -- Indem drehte er sich seitwrts und sah
Irene dastehn.

Ich war bei meinen Eltern, sagte Irene leise, aber es ist niemand im
Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.

Zu mir? fragte Klemens entsetzt. Da sei Gott vor! Und dein Mann?

Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich? fragte sie leiser. Und
ich war doch schon da ...

Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht? sthnte er.

Ich habe ihm gesagt, da ich nun nicht mehr bei ihm bleiben knnte. Es
war schrecklich ...

Renate suchte ngstlich nach einem Ausweg fr sich, aber Irene kam nun
zu ihr, fate ihre Hand, und Renate fhlte, da sie innerlich zitterte.

Was sagte er? fragte Klemens.

Irene, heftig Atem schpfend, brachte heraus: Nichts. Gar nichts. Er
sa da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.

Klemens hob die geballten Hnde und schttelte sie und schluchzte: Du!
schmst du dich denn nicht?

Eins, zwei, drei, marsch, sagte Renate krftig, entweder Sie
beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.

Klemens! Klemens! flsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine
Stirn mit den Fusten und weinte in sich hinein.

Es fllt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen, flsterte Irene an
Renates Ohr, wir mssen Geduld haben.

berdem wurde er still, lie die Hnde fallen, blickte Irene verstrt an
und sagte: Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau
wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das
einzige, was er hat? Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hnde aus,
er packte ihre Handgelenke, schttelte sie rasend, drehte um und strzte
den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre
Handgelenke, wischte um die roten Eindrcke und sagte leise: Du tust
mir unrecht, Ot--, Kle-- Sie schrak zusammen und flchtete sich zu
Renate.

Ich habe noch niemals, sagte Jason ganz ergriffen, an einem sonst
vernnftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun
kehrt er wieder um.

Klemens kam wieder zurck, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar
Schritte entfernt stehn und sagte:

Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich
glaube dir nicht. Ich wei von Otto, da du seine Frau gar nicht gewesen
bist, da du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das
war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm weglufst. Das gengt mir.
Wenn du doch Kinder httest! Dann knnt' ich denken, du hast wenigstens
deine Pflicht getan. Aber so -- blo mit einem Manne gelebt und gelacht
und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines
Tages kommen und sagen, du httest dich wieder geirrt -- so wie damals
mit deiner Gottesmutter.

Warum so hart? sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fhlte,
doch lie die jetzt ihre Hand los und fragte: Geirrt? wie meinst du
das?

Ich meine, versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Wrde, da
du damals ebensogut wie zu Otto zu mir httest kommen knnen. Mich
kanntest du freilich nicht und httest mich schwerlich da gesucht, wo
ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau
dieselbe Zeit.

Irene flog auf ihn zu, lachte, fate seine Schultern, rief ganz erlst:
Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann
war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!

Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: Das meinst _du_!
_Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spt. Wievielmal,
sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und
meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, da
ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?

Der Dritte? fragte sie zurckweichend.

Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: Hattest du nicht einen
himmlischen Brutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du
nahmst einen Andern. Nun erzhlst du mir, das Zeichen war falsch, und
kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die
einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen:
Das Zeichen war falsch, es hie berhaupt, da ich Krankenschwester
werden sollte? Darum sage ich -- Er brach ab, sein Gesicht wurde weich,
er sagte erschttert: Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir
gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das
kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern
nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stcke
gehe. Vergieb mir, vergi mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl! Er
drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene
stand hlflos.

Vielleicht, hrte Renate Jason neben sich sagen, wunderst du dich
nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erluterung! Wie
hinfllig sieht doch die ganze schne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der
Treue aus betrachtet.

Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied
sich vorlufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: Was
soll nun werden?

Ich kann nicht weiter, erwiderte sie erschpft, widerstand aber
Renates Bemhung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden
blickend.

Ja, nun -- immer gleich helfen lassen, sagte Jason. Irene blickte ihn
fragend an. O nein, nein, Kind, fuhr er gelassen fort, mchtest du
vielleicht Redensarten von mir hren? Nun sag uns nur einmal: warum
willst du nun durchaus von deinem Mann fort?

Ach, Jason, du bist furchtbar, seufzte Irene, glaubst du denn auch
nicht, da ich Klemens liebe?

Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, da
du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weit du,
das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.

Irene richtete sich auf. Ich will ihn nicht heiraten. Ich wei nur, da
ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt
unaufhrlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tr herein,
damals, und dann hat er schon gebrllt, und ich lauter, und dann wurde
ich wie Holz, und dann war alles Ha. Jason, kann denn ein Mensch so
schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen?
Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von
meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber
nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun -- schlo sie,
sich zusammenraffend, nun will ich zu meinen Eltern.

Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in
ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, ffnete die
Tr und verschwand.

Ist es zu begreifen, Jason? fragte Renate vor sich hin. Sie lieben
sich und bekmpfen sich doch.

Sie bekmpfen einander nicht, sagte Jason verloren nach oben blickend,
sie bekmpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in
Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das
Seine und lassen sich immer hindern. Wre ich nicht so leicht, schlo
er leise, den Kopf senkend, wie, meint ihr, mte alle Last meines
Wissens mich zu Boden drcken. Oder nein, verbesserte er sich trbe,
ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- fr den, der
sie nicht braucht.

Renate hrte ihn wehmtig an, sah auf einmal ihre Hnde, in die sie
verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, da sie
sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff
sie der Wunsch, zu baden, mit unerklrlicher Heftigkeit, sie setzte sich
in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen
Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid ber dem Arm.

Knntest du mir wohl helfen? bat sie verlegen lchelnd. Ich habe mir
doch dein Kleid fr heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt
will es nicht sitzen ...

Renate, bereitwillig lchelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle,
nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: Bitte, Kind,
erlaube, da ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und
helfe. Wie spt ist es eigentlich?

Es wird sechs Uhr sein, meinte Magda; willst du nicht bleiben,
Jason? fragte sie ihn, der an der Tr stand.

Richtig, wohl, versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten
Augen, ich kann auch bleiben.

Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer
nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und kte sie auf die
Stirn. Sie litt es lchelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur
Verandatr ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und
ging hinaus.


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                                 Garten

Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung,
betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und
den Fenstern im leeren Raum, der Tr zum Speisezimmer zugewendet, leise
erstaunend ber die groe Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter
den geschlossenen Vorhngen den Flgel, die Wnde, Vitrine und die
glserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen lie. Die Sonne,
dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern
Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. Nun, Egon,
bist du wieder da? Wie war es denn?

Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es
sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr.
Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde
bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es
doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und sttzte den
Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare
Anstrengung ... Er hrte sich wieder die Rede halten im Stndehaus: ...
keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lcherlich, das
Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mgen ... Nur die sichtbare
Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater
nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermdlich zum Wohle ... Nur er,
dessen krftiger Untersttzung ich tief bedarf und in dieser ernstesten
aller Stunden erbitte ... Ach, dachte Georg, das war schn, das war
schn! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerri, weil er gro
und mchtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum
Springen fllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott,
wenn ich der wirklich wre, der ich sein soll, ich glaube nicht, da ich
nur halb das empfinden knnte, was ich nun empfand.

Vor ihm erschienen die brtigen Altmnnergesichter, Kneifer, Kahlkpfe,
vielen Frcke im groen Stndehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hrte
seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm
heruntergleitend, lieen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er
steckte, er lchelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten
Dragoner und Fsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die
krhende und berlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tchtig
war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man
mte sie noch sehen knnen an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst
eine Weile Soldat werden mssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann
ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, da es schwer
ist. Wenn es leicht wre, was wre es dann? Er sprang auf, ri Haken und
Knpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bcherbord, hob einen
kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen
Buchstaben B. Cellini, kte sie hastig, stellte den Band fort, richtete
sich grade auf und ging in den Garten.

Auf der Bank am Wasser sa ein Mensch, den Kopf in Hnden, rote Strmpfe
an den Beinen. Als Georg ihm nher kam, sah er empor, erhob sich, hatte
ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich
mit roten Flecken, und die Augen flackerten, da Georg, ihm die Hand
reichend, fragte, bemht, laut zu sprechen: Ist Ihnen etwas, Klemens?

Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich ruspernd: Danke,
nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt
nicht darauf an.

Setzen Sie sich doch, bat Georg, oder wollen Sie einen Schluck Wein?
Allein Klemens schttelte den Kopf, er trnke keinen Alkohol.

Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die
Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe
kriegen knnen, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag drauen
gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter
ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden
gewesen.

Da sa ich am Waldrand und schlief, meinte Georg gelassen, und nun,
was habe ich verschlafen?

Das, bemerkte Klemens mit einem hastig prfenden Blick, kommt auf Sie
an. Das heit, setzte er hinzu, das soll heien, da es dabei
keinesfalls auf mich ankommt.

Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile
geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: Da wir
bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um
das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, fr den Sie
gelten?

Nein, sagte Georg ruhig.

Schn, eine grade Antwort, fuhr Klemens fort; also, wenn ich Ihnen
dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt htte, so wrde es Sie in
Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?

Heute vormittag? Nein. Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies
hat nun lngst seine Erledigung gefunden.

Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: Wenn ich
versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht
sagen, da ich wie Sie gehandelt htte. Sie aber sind anders
aufgewachsen, das heit --

Georg erriet seine Frage und antwortete: Mein Vater und ich wissen es
selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es
nie. Sie sind in schnen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn
ich das sagen darf -- Klemens nickte freundlich, ich brauche vor Ihnen
nichts zu verbergen. Da ich gekmpft haben mu, wird Ihnen klar sein.
Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran
lag es. ber alldas sprechen wir vielleicht spter einmal, wenn Sie --
weiter mein Freund bleiben werden ...

Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien,
mit groer Rhrung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte
kurz und sagte: Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?

Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schne,
krftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.

Was soll ich bemerken? fragte Georg.

Da es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir
hatten dieselbe Mutter.

Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, brtige Gesicht mit der
fleischigen, groben Nase, dem schnen Kinn und Mund im Bart und mute
langsam lcheln, dann errten. -- Ich errte ja wieder, durchzuckte es
ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.

Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts
vormachst, sagte er leise.

Die geistige Brderschaft, meinte Klemens lachend, wird wohl doch die
grere sein.

Sie lieen sich los, saen sekundenlang Beide in der selben
Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Wrde die leichtere Haltung
schuldig zu sein, und sagte: Also sprich, was du zu sagen hast, ich
habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja
dabei zusehn und weiterreden.

Es wird am besten sein, meinte Klemens, du selber sagst mir, was du
weit.

Ja, ich wei fast nichts, sagte Georg. Und all das zu erklren, _was_
ich wei, wrde lange dauern. Du kannst es spter alles geschrieben
lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, wei ich nicht, ich wurde
hier in der Nhe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter
meines Vaters, Chalybus, wute davon. Meine Mutter soll gestorben sein;
im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein
schwchliches Kind zur Welt, und ich wurde --

Das Kind war meine Schwester Virgo, sagte Klemens.

Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?

Virgo, wiederholte Klemens trbe; dafr, da ich einen Bruder bekam,
habe ich nun eine Schwester verloren.

Unsinn! trstete ihn Georg, was knnten Sie denn da verloren haben?
Klemens lchelte wieder. Hre, -- sagte Georg, dann ist dir
vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner
Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hie sie und hatte ein T-frmiges
Kreuz --

Klemens nickte, whrend er sein Kleid unter der linken Achsel aufknpfte
und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges
Papier und ein Notizbuch hervorzog.

Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin, sagte er, sie brachte
seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und
wurde nicht selten von ihr besucht und untersttzt, als ich aus dem
Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde ber vierundachtzig Jahre alt, vor
anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie
seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte
Leute drberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe,
aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher
vergessen habe. Es mu aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen
sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier
geschrieben. Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem
Umschlag. Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem
Bndel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem
Umschlag bedeuten: fr meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar
hat die alte Rdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn
der Brief kam geschlossen in Virgos Hnde, als sie vor ein paar Wochen,
in Muttergefhlen, das alte Bndel hervorholte. Ja, nun hat sie ja
Zwillinge -- Klemens strahlte. Ich, fuhr er, Georgs Ungeduld
bemerkend, fort, nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf
aber keinen von ihnen, verga den Brief auch, bis ich zufllig gestern
den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstnde. Er hat mir
dann den Brief bersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl
nichts einzuwenden haben.

Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen,
die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die
Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines
Kindes, und dachte wehmtig, da dies die Schrift seiner rechten Mutter
sei, solch ein welkes Blatt ... spt ihm zugetrieben.

Ist das der Name? fragte er leise.

Ja, sagte Klemens, Krotkaja oder Kaja Moscherowska -- Georgs Blick
fiel ab.

Ganz deutlich standen im dmmrigen Raum der Kerzenflammen die drei
schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme
sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte
einen widrigen Geschmack im Mund. Ist dir nicht gut? hrte er fragen.
Da sa Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und
sah Egon dastehn. Ich komme, sagte er und stand auf. Er bemerkte den
Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: Also was steht in
diesem Brief? Klemens sagte: Es steht drin, da meine Mutter nicht
eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...

Georg versuchte, zu berlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhngen
noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelhmt, er verschob es auf
spter. Allein -- da stand wieder Klemens und beanspruchte noch
Aufklrungen. In einem unertrglichen Ekelgefhl ri er den Brief in
kleine Stcke und lie sie wegfliegen.

Es ist genug, sagte er leise. Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann
alles, was ich wei.

Da war diese elende Mdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er
kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie,
ja, sie war schn, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild,
ja, die Grfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schnen
schwarzen Zpfe um jene Zge vom >reinsten Ebenma<, wie Chalybus es
ausgedrckt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos
hochmtige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner --
seiner andern Mutter. Pltzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild
seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...

Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fhlte er immer
deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen
dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich
namenloser vor als vorher.

Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. Du warst die Nacht nicht hier
im Hause? mute er pltzlich fragen.

Ich? hier im Hause? Was sollte ich --

Entschuldige nur, lchelte Georg, mir fiel etwas Dummes ein. Alles
andre spter, wenn's dir recht ist, nicht? Klemens nickte ernst. Ich
werde meinem Vater sagen, da er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn
freuen.

Obendrein wo sie schon Zwillinge hat, bemerkte Klemens mit
ermunterndem Lcheln; also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich
morgen bei Virgo?

Georg nickte, drckte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur
Tr, ffnen, nickte noch einmal lchelnd und stand stumpf, nachdem die
Tr geschlossen war. Egon war wieder da; er fate vorn nach seinem
Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu
helfen, aber er ri den Rock pltzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln
und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er ffnete die Tapetentr
neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab
und betrat die Sternwarte durch die kleine Tr. Drinnen war der
Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken,
schrge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in
einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stmpfen
von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne
Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst
war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.

Den Gang schwerfig zurckgehend, sah er an der zugefallenen Tr zu
seinem Ezimmer etwas glnzend Blaues, Schillerndes. Beim Nherkommen
ward es ein schner, sehr groer Schmetterling von stark leuchtendem
metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine
weie Seidenschleife mit drei langen Bndern. Georg sah Schriftzge auf
dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in grozgigen, steifen,
ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und
es stand in ganz steilen Buchstaben, deren groe wie Maste und Fahnen
waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al
Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus
lauter Kreisen zu bestehen schien. --

Georg nahm das schne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich
im Schlafzimmer findend, wute er nicht wohin damit; er ging durchs
Badezimmer, die Tr zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat
vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewlk auseinander und
heftete den blauen Falter auf das reine, weie Kopfkissen.

Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das
sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.


                                  Haus

Renate hatte alle Fenster im Erdgescho geffnet, aber es blieb schwl
in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Rume hin und her,
im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war
lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatr, auf die Sonnenuhr
hinabschauend, und dachte: man mte sie eigentlich verhngen bei Nacht
wie einen Vogel, der nur am Tage singt. -- Sonderbar verlassen und
entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif
und schrge dastehend, wie er mute. Sie fragte sich verworren: sind
auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns
nicht trifft und der Schatten uns verlie? -- Alles gute Getier aber
hllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind bse oder
betrt wie Nachtigall und -- Katze und -- -- Dunkelfalter, fand sie
noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine
Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hlt und nichts damit
anzufangen wei ...

Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten
Hausherrinnen zur Straenseite hinber. Die Laterne brannte schon
drben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -- Da bin ich auf einmal ganz
allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald
zwei Jahren! -- Aber Erasmus ... Sie schttelte rgerlich den Kopf. Wenn
ich nur bestimmt wte, da er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch
nur auf den Gedanken? -- Da merkte sie, da sie nur nach oben lauschte,
da sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und
fragen --, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination
fortgeschickt. Hinaufgehn? -- Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn
wirklich oben zu finden. Erasmus lt sich entschuldigen, sagte der
Onkel beim Abendessen, sie hrte es deutlich wieder, und sie wute
nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hrte Josefs
Vater begtigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, da er zu allem lngere
Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der
Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedchtnislcken
durch ihn selber fllen zu lassen, und Josefs zerstrtes Gesicht schien
er so wenig zu sehn, da auch Renate sich bald daran gewhnte. -- Wie
munter sie gewesen waren! -- Renate hrte sich von >Heliodora, lchle
mal<, von ihrer Elefantenfahrt erzhlen, und Magda wurde geneckt, da
sie mit Groherzgen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt
und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude lie ihn nicht im
Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, -- und wie mhelos
gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des
Maskenfestes im franzsischen Park zu verlocken ... Und ich war so
tdlich mde, -- das Bad mu schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich
wacher als je ...

Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurck, erschrak ein
wenig vor ihrer eigenen, weien Erscheinung im schon dunklen Hohl des
Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast
schwarz und entfernt hinter den dmmrigen, entfremdeten Zgen. -- Wre
Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich
mit den Andern irgendwie verloren. -- Renate fiel ein, da er sie gekt
hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie
zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -- Da sah sie Jason in
der Kapelle Ulrikas Klavier schlieen. -- Ulrika, wo bist du, was ist
mit dir? -- berall gehen Dinge vor, die ich nicht wei! Es ist ja fast
wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wute, und dann
kam das Entsetzliche. -- Nun erwartete sie wieder ein Kind, -- Renate
grbelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene
Trauer. -- Was war nur mit Ulrika? -- Ach, nun hat sie wieder kein
Telephon! War etwas mit ihrem Mann? -- Sie sah Ulrikas heilig bleiches,
innen glhendes Gesicht und hrte ihre seltsam sausende, beseligte
Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stck davon wieder und
summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es
Lichter und ses Gebrause, -- wie schn ist die Welt!

Der Morgen war doch so schn! -- Das Einhorn! -- Wie sonderbar
erschreckte es mich! -- Armer Georg, wie war er erst glcklich! -- Aber
statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frhstckstisch des
Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie
freute sich leise, -- wieviel leichter wre es gewesen, sie zu haben,
als sie zu verlieren, -- Georg verlor die seine keinen Augenblick. --
Und Irene und Klemens strzten aufeinander los wie -- ja wie Achill und
die Amazone, um sich mit Kssen zu tten. Und dies war nun der Sinn vom
Ha ...? Georges -- Renate blieb stehn.

Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Bse auf
sich selber, sagte sie sich, da sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so
sonderbar war er doch nie! Jetzt wei ichs, jubelte sie auf, ich fahre
zu ihm! Ich werde ihn frchterlich bestrafen. -- Aber sie bewegte sich
nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelhmt. Sie hob
den Fu, ihr Herz pochte, sie ging vorwrts. Es ist besser, ich
telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinber ... ach, es ist ja
niemand da! Ein jhlings berquellendes Verlangen, eine Stimme zu hren,
trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hrer besann sie sich
vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges' oder Irenes,
dann schmte sie sich und bezwang sich. -- Sie stand wieder in der
Veranda, es dmmerte nun, sie lief pltzlich die Stufen hinunter zur
Uhr, erfate den Zeiger, bckte sich und legte die Wange auf die
Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Khle.

Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah
auf die leere Strae. Beleuchtet, durchscheinend hellgrn hingen die
schweren Laubmassen der Ulmen ber der Laterne. Jetzt gab es ein
Gerusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es
rauschte, -- kamen sie schon zurck? unmglich! -- Begierig neigte sie
sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es
knnte nicht in die Strae einbiegen. Da toste es nahe, scho, ein
flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgrten hervor und bog
ein. Es rauschte nher, breit fcherten die mchtigen Strahlenkegel ber
die Straen in die Grten zu Fenstern und Hauswnden, im Brennpunkt
glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine
einzelne Gestalt im Rcksitz, da stand es stampfend und klirrend still
neben der Gartentr zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich,
Renate sah einen groen Radmantel, auf der Schulter ein weies,
ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im
Gefhl, da sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte
sie sich weit hinaus und rief: Woldemar! stie sich vom Fenster
zurck, lief zur Tr, durch den Flur, ri die Haustr auf und lief die
Stufen hinunter ihm entgegen.

Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt
sie inne, die Hand ausstreckend.

Da bist du! sagte sie, leise vor Ergriffenheit, es ist wunderbar, da
du kommst! Mir war so seltsam angst.

Angst, Renate, dir? hrte sie ihn fragen, selig ber seine gute,
ruhige Stimme, die ihr ber alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der
Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem
fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum
Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden,
und das Ganze berspannt mit farbigen Schrpen.

M--m! machte Renate, weit du, -- wir sind ja zwei Schne! Aber
Herzog, wie gro ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!

Der Herzog hob beide Hnde hoch, in der einen seinen Stock, in der
andern den losgehakten dnnen Degen. La mich um Gottes willen zu Worte
kommen, flehte er, sonst geschieht ein Unglck. Du hast ja keine
Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!

Renate schluckte gewaltsam die Enttuschung hinunter. Nicht meinetwegen?
dachte sie, lachte indes frhlich und fhlte sich ganz kalt. Aber komm
nur erst ins Zimmer, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran
und machte Licht.

Nun los, sagte sie, sich zurckwendend, die Trommel gerhrt, das
Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?

Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte
sein ganzes, gertetes Gesicht von Gelchter und Glckseligkeit, und
Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glcklich
ber und ber, und du bist blo gekrnkt, da er nicht deinetwegen
kommt, schme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen
schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: Du! Es
ist schwer, dich anzusehn und nicht zu kssen.

Sie lchelte ihn kalt an und sagte: Das wei ich. Es wre mir aber
lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die
Andern. Komm, la uns sitzen.

In einen Sessel gleitend, hrte sie ihn laut lachen, dann sa er ihr
gegenber, den Stock quer ber den Knien, beugte sich vor, bat: Rate
doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!

Renate tat ihm den Gefallen und riet: Einen Orden.

Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner
Brust und sagte: Ein groer Mummenschanz, Renate.

Da mute sie hellauflachen, sie schlug die Hnde zusammen und rief:
Sagte ich es nicht? Wrtlich, genau wrtlich hast du's eben gesagt, wie
ichs heut mittag hrte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen
Orden? Ja, dann vielleicht -- einen Groherzog?

Bei Gottes Thron! rief er, beinah richtig, einen Sohn habe ich
bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! --
Und was mehr? -- Zwei Enkel, mnnliche Shne, eben geboren, Zwillinge!
Gott sei Dank, nun weit du's! Er setzte sich zurck und rollte
triumphierend den Stock ber die Oberschenkel hinunter und hinauf.

Nun, das glaube, wer Mut hat, versetzte Renate, gnzlich
begriffsverwirrt. Das mut du mir er--

Erklren? Er hob Arm und Handflche und schttelte sie heftig.
Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg
ist mein richtiger, echter, natrlicher Sohn, -- das heit, verzeih!
wirklich: natrlich, wie man sagt ... Er schlo ernst und mit leiser
Stimme: Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals
verstand.

Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, da jene Kinder zur
gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, da er
damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er
sagte hastig:

Du mut es recht verstehn. Ich erzhlte dir von der Frau, der Sngerin,
mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie
wollte es nicht verschmerzen, sie -- kurz, ich war einen Monat vor
meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte;
sie bot alles auf, um mich zu -- halten, zu binden, und -- aus dieser
Stunde wurde mein Sohn.

Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit,
rot und mchtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glnzte metallisch,
er sagte:

Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber
-- wenn Mann und Weib miteinander kmpfen, so giebts nur diesen
Ausgang, und Renate durchfuhr es: Irene! --

Merkwrdig, sagte sie leise, das gleiche, was du mir eben sagst,
erfuhr ich heute an jemand anders ...

Die berhmte Verdoppelung der Flle, Renate, hrte sie ihn leise
lachen, dann fuhr er fort: Georg wurde fast um einen Monat zu frh
geboren; infolge des Erschreckens ber meinen Unfall. Er stand auf und
ging in den Raum hinein. Ich kann nicht sitzen, hrte Renate ihn
hinter ihr sagen, es tut zwar scheulich weh, aber --

Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoend. Wenn
er ihr gegenber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe
seinen glhend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen
an seiner Brust. Nun redete er unaufhrlich, sie horchte aufmerksam,
ohne doch recht zu hren, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.

Vor dem Abendessen kommt Georg, -- ich wei nicht, was der Junge hat,
er sah so -- innerlich geduckt aus, freilich, das Beste wei er ja noch
gar nicht, -- Herrgott, ich mu aber zu ihm! aber hre noch erst ... ja,
wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz
eilig, er htte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie
selber, es sei die kleine Virgo Schley, -- erinnerst du dich? ach, du
kennst sie ja selbst, -- ich sagte dir, da ich sie bei Georg sah und
wie ich sie Helene hnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar
gekt, ich wute nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate,
es erkennt sich durch Wnde, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, da
Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich
hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! -- Nun das ewig lange
Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht
aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, -- du weit: der neue
Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung --,
ja, also denke dir, ich strme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier
drauen bei ihrer Fabrik in Wlfel, -- da hre ich gleich: Zwillinge!
Zwillinge mnnlichen Geschlechts, zwei Mnner hat dies kleine blasse
Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist
ganz vergngt, die Jungens schreien, ich klre Schley auf, er wei schon
alles, nein, die Hlfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief,
der -- ja, verzeih blo, ich kann das nicht alles aufsagen -- jedenfalls
-- Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und
wir saen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und --

Woldemar, sagte Renate erregt und stand auf, mu denn nun immer Wein
oder so was untergeschoben werden? Knnt ihr denn niemals aus euch
selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz berluft?

Ihr, Renate, sagte er langsam, wer ist: ihr?

Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zhne und sah
ihn lauernd an.

Verzeih, ist dir nicht gut? fragte er, auf sie zukommend.

Sie wich hinter ihren Sessel zurck, die Kette fallen lassend, da sie
klirrte, schttelte den Kopf und rief:

Nein, nein, verzeih nur! Weit du, es ist so viel heut, mir ist ganz
wirr im Kopf, -- du weit ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und
der Zug, das konnte allein gengen fr den Tag, und was gab es noch
alles! Josef, weit du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie
zuvor und glckselig, nun sind sie Alle zur Illumination. Sie lachte.
Ach, und das ist lngst nicht alles, sagte sie, wieder trbe, komm,
sei nicht bse --

Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen
nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schrpen mit der
Handflche glttend nach unten, kte ihn leicht mit den Augen, lachte
wieder und meinte: Ich bin freilich kein Klrchen, schner, guter
Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst ber und ber, worauf
sie zurckwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat.
Er gehorchte lchelnd und eifrig, indem er sagte: Noch zwei Sekunden.

Und nun, wie ging es weiter? fragte Renate. Er besann sich.

Du weintest, sagte Renate ernst und weich. Einmal weintest du, als
ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weit du das noch?

Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: Ich weinte, weil jemand
starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber, fuhr er
heiterer fort, dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest,
aber heute dachte ich an dich. -- Aber weiter! Es war sehr einfach. Es
fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es
wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut -- geht
-- zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen,
brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Fe, bricht auf
und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land
wollte seinen Frsten und bekam ihn, -- ja, so lacht man ber
Weissagungen und alte Sprche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht
und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr,
hatte ich unablssig mit wundervollem Gefhl -- wie eine groe,
metallene Spannung -- die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig
Jahren wie von einem groen Magneten an ein und denselben Ort und
zusammengezogen wurden, und in denen die Mtter meiner Kinder saen.
Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir
sind es, die sie -- nein, aber nun mu ich fort, verzeih, verzeih, htte
ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel -- wo ist
mein Degen? ach, drauen ...

Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, da
er ihre Stirn kte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf
den Flur, sah ihn Degen und Mantel ber den Arm nehmen, nickte ihm
lchelnd nach und schlo hinter ihm die Tr. -- Danach fielen ihr die
Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glhte wie Feuer, sie ging dumpfen
Sinnes und mit schweren Fen in ihr Zimmer hinauf.


                             Achtes Kapitel


                                 Masken

Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen
und stand am Fu der Freitreppe vor der Universitt, ber sich die
beiden fleischroten, milchigen Sphren der Bogenlampen, von innen
eigentmlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwrmen weier
Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein
dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge,
hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende
Bronzepferd, dessen Rcken im Lichtschein glhte, quer ber die
Fahrstrae und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee.
Jason, Josef, Saint-Georges -- zhlte Georg vertieft und ging die Stufen
hinauf; es war verflucht, er kam nicht darber hinaus, und es lie ihn
auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt?
Saint-Georges, Jason, Josef, -- Josef war vorher da und hielt eine
wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, -- ich kann es drehen wie
ich will, ich wei, da sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner
Mutter sagten, und -- Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum
Verrcktwerden -- ich wei, da ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf
mich hatte, -- da steht ja Renate am Trpfeiler? Nun blo nicht
frchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? -- Die
weimaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen
ihn vor, -- Saint-Georges, Josef -- dachte er und hrte sie sagen:
Georg?

Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, da ich so spt komme!
Hast du lange gewartet?

Wie still sind die Menschen unten, sagte sie, es war ganz schn hier
oben.

Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedrnge unten in dem
fremden Licht.

Angenehm, da sie mich nicht erkannt haben, sagte er leise, ich nahm
einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist grlich warm, findest du nicht? Er
trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason,
Saint-... Komm, Magda, wir sehen alles an, sagte er heiser, oder
mchtest du tanzen? Im kleinen Schlohof in Herrenhausen wird getanzt.
Er drngte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe
hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorber, andre stiegen mit ihnen,
stieen zusammen, drngten sich, -- sie stiegen langsam Stufe um Stufe.

Ich glaube, Magda, seufzte Georg, uns ist Beiden nicht nach Masken
und Tanzen zumute, aber du weit ja, schlo er bitter, ich trage eine
Maske mein ganzes Leben.

Oh, Georg, sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, glaubst du denn
unrecht zu tun?

Ach, unrecht, meinte er wegwerfend, das sind alles so Ausdrcke. Die
Hand am Treppengelnder, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen
hinunter. Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weit du gleich,
um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In
Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man hat, und ein
verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu
einem schrecklich leidigen und treibenden Gefhl, aber mit Ehebruch hat
es gar nichts zu tun.

Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl
dasselbe.

Komm weiter, bat er leise, in dem Gefhl, da sie recht habe, ohne es
sich selber zugeben zu wollen.

Ich mu dir verschiedenes erzhlen, sagte er, als sie oben in der
Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken
wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten
sie ihm. Von unten ertnte gedmpfte Musik, sie standen ber einem
Gewimmel von unzhlbaren winzigen Lichtern, roten, weien, grnen und
blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bumen; von
oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz
schn. Renates Vetter Josef, hrte er Magda sagen, ist wieder im
Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.

Hier?

Ja, ich wei freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den
Franzsischen Garten.

Dann la uns versuchen, ob wir sie finden, bat Georg; ach, Magda,
verzeih mir nur, da ich so kmmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer
Tag, und ich wei bald nicht mehr, ob ich wache oder trume. Sie
ergriff seine rechte Hand, drckte sie schweigend. Diese Hitze knnte
mich rasend machen, sthnte Georg, bei der Galatafel wars zum Platzen,
und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder
und Parfm und Schwei, -- ich mu noch ein paar Tage nach Helenenruh
und mich in die Nordsee strzen ...

Stirn und das klebende Haar an den Schlfen reibend, stieg Georg die
groen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen
Seitenweg im Gebsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem
Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine
Kirche in Athen. Josef, Jason -- da fngt es wieder an, dachte er
verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hnde und sagte leise
und eindringlich:

So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und
doch nicht glcklich?

Da fhlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines
Vaters umtrieb, der Schwei brach ihm heftiger aus, was ist denn
Glck? sagte er stumpf. Jetzt bin ich Groherzog, und warum bin ich
nicht Steineklopfer? -- Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: Glck?
Etwas, das man hat und nicht wei, etwas, das man wei und nicht mehr
hat. Und wenn es ein Glck gbe, wie du es meinst, sprach er
verzweifelt weiter, Gedanken schwerfllig aus Gedanken ziehend, glaubst
du, da es so leicht wre, da man es im ersten Augenblick begreift?

Georg, hrte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, du weit immer
einen Satz und eine Erklrung, aber ich glaube nicht, da sie mit deinem
innern Zustand etwas zu tun haben, oder da sie dir berhaupt etwas
bedeuten.

Er ffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik,
zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor,
indem sie sagte: Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht
wei ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber
erfahren, da Klugheit und Wissen etwas fr sich sein kann, auer uns,
neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm
wirklichen Wesen zu vereinen.

Nein, das meinte ich glaub ich nicht, sagte er, den Kopf hin und her
bewegend, trbe, aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich
soll diese meine Klugheit an einem tchtigen Strick wie -- wie so einen
Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde
noch verrckt davon werden, komm blo weiter!

Er lie ihre Hnde los, dann zwang es ihn pltzlich, die Stirn auf ihre
Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fhlte die sanfte Erlsung
dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich
selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut,
aber -- O Gott! seufzte er leise.

Es kommen Menschen, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand
und zog sie weiter.

Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belstigt durch
Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach
ihnen schlugen, sie muten selber tun, als ob sie daran Gefallen htten,
lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur
Lindenallee war schrg ber den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und
bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute.
Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder
langsamer unter den Bumen hin, querhinber und zwischen den Stmmen
hindurch am Ende der Alleen schrg auf das Tor des Franzsischen Gartens
zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand
ber ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren
weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken
hindurch gelangten sie zu der ersten groen und gingen unter ihr
hinunter. Am Fue eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten
hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsule ein metallenes
Becken -- eigentlich ein Papierkorb sagte Georg -- mit Wasser gefllt,
an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glhbirnen leuchteten; in
der roten Flssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen
Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.

Ein Genie, wer das erdacht hat, meinte er, die Fische sollten das
Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag
bekommen.

Arme kleine, tote Fische, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme
befiel Georg ein sonderbar slicher Schmerz. Das war Anna Chalybus'
Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige
Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft
unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mute
pltzlich an seine tote Mutter denken, sie, fr die er keinen Namen mehr
fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene --

Georg merkte, da er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts
neben einem freien Platz mit Bumen rauschte laute Tanzmusik aus dem
groen Pflasterhof des niedrigen weien Schlchens; die Umrisse
leuchteten, starke, weie Linien in der Nacht; im dmmrigen Licht
buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende
Getmmel der Tanzenden. Oh sieh wie schn! hrte er Magda sagen und
sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates
haushoher, dstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontnen, eine
schneeweie, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue.
Zwischen den Wegen, Rasenpltzen, Beeten und Bosketts wandelten die
undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen
auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingtter,
-gttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und dstrer
Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenri eines
Fllhorns in der Nhe, eine Keule zwischen stmmigen Beinen anderswo,
und nun wieder, hoch ber dem niederhangenden Fllhorn, ein zartes,
leuchtendes Profil, dahinter einen groen, leicht zum Nacken gesunkenen
schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Frchten und Blumen
schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von
ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.

Indem fhlte er sich am Arm berhrt und sah ein hliches Wesen neben
sich: eine rote, lottrige Tunika ber schwarzen Trikots, eine schwarze,
trichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein
Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein
Schwert. Sie warf den Kopf zurck und bewegte Arme und Oberkrper mit
solchen schiefen, zuckenden Gebrden, da Georg gleich Cora erkannte,
auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tnen, mit denen sie
sagte: Nun, mein Schner?

Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden
Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an grliche Dinge,
er schnob kurz: Was willst du? im halben Gefhl, Magda nichts gewahr
werden zu lassen.

Du siehst, was ich bin? fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt.
Georg wandte sich zu Magda und sagte: Sie fragt, was sie vorstellt. Ich
glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so! sagte er zu Cora,
ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drngen, aber Cora war mit
einer ihrer weichen Seitwrtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm
und zischte theatralisch: Nun? Nun, schne Heliodora, sind Sie nun am
Ziel Ihrer Wnsche?

Ich bin nicht Heliodora, sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und
Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wtend an: Geh zum Teufel, mit
deinem Mummenschanz!

Der Groherzog hat befohlen, sagte sie hhnisch, seinetwegen hat sich
das Volk in Masken gehllt! und wich zurck, schwenkte sich herum und
ging schlenkernd, in den Hften sich wiegend davon.

Georg, Magda fortziehend, hrte sie fragen: Wer war denn das? Sie
schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: Lachst
du, Anna?

Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von
einer Legende, die Jason uns erzhlte, von Orest und der Eumenide, und
ich mute denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht
sehr zum Gruseln.

Nein, wei Gott nicht, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das
wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostm und mit Schlangen und
Dolchen als Rachegttin vor mich hinzutreten. Aber ich mu sehn, da sie
uns nicht wieder ber den Weg luft.


                                 Tempel

Sie traten aus dem Heckengang auf den ueren Fuhrweg hinaus. Drben
standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten
Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht,
jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fu der hohen
Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren
Lichtquellen rtlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der
Ecke des Gartens zu; eine seiner Sulen stand ganz schwarz vor ihnen,
dahinter mute der Leuchtkrper sein, von dem die Wlbung innen und die
Sulen links und rechts weirtlich glhten. Auf dem breiten Wege ging
nur hier und da ein stilles Paar. --

Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts
und des kleinen Tempels zu. Dort steht eine Bank am Wasser, sagte
Georg, wir knnen dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald mu auch
das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen,
dann knnen wir's schn sehn, auch im Wasser.

So gingen wir vor drei Jahren, dachte er whrenddem leise bekmmert,
htte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt,
fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. -- Was dachte sie
nur? --

Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die
Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dmmrig den Schein ihres Gesichts
und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Sule und sagte, vor sich
niederblickend:

Vielleicht -- --, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist
wieder stiller in mir, ich -- ich bin so froh, mit dir zusammen zu
sein. Er suchte, beschmt, sich zerknirschend und traurig nach Worten.
Und -- fuhr er stockend fort, und -- Er wute nicht weiter, sah
verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam
eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so da er
alle Gedanken verlor.

Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging ber die
Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwrts dunklen, innen
stark leuchtenden, groen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet,
leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den
letzten Jahren, -- wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt
ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich --
irgendwie arm, so hoch, nicht streng, -- vielleicht karg, -- ach arm nur
fr meine Augen, dachte er trbe, weil sie keinen Reiz fr meine Sinne
hat. Nher tretend gewahrte er, da vom Rande des metallenen Beckens
unaufhrlich dnne Wasserfden zu seinem Grunde niederrannen und
glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht
fast blendend emporquoll.

Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der
Anfang eines Gedichts, und -- wie tricht! schalt er sich, denn wer ist
hier arm und wer nicht?

Magda sagte aufblickend: Ich frchtete schon wieder tote Fische, aber
hier sind sie geschickter gewesen.

Ja, aber der Brunnen war hier immer, meinte Georg, nur das Licht ist
neu.

Angenehm gekhlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde,
unablssig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte
wollstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hnde auf den Rand
gesttzt und stand leicht bergebeugt, er legte, ihr gegenberstehend,
sich neigend wie sie, die Hnde auf die ihren, ihre Gesichter waren
dicht voreinander, Magdas Augen hafteten -- ihre fast brauenlosen
Augenbgen zogen sich dabei zusammen -- in den seinen mit leise
schmerzlichem, bekmmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam
das Antlitz vor, und ihre Lippen berhrten die seinen, leicht wie eine
Blume, die weht.

Gott segne dich, Georg, sagte sie leise. -- Er senkte den Kopf, ihm
quoll das Herz.

Ein Gerusch hrend sah er auf. Magda lehnte drben an der Sule, in
ihren Augen war ngstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie
blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer,
den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so da die Spitze nach
vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfllt: Man stt von
unten, Cora, von oben macht man's blo im Theater.

Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend,
hielt sie in der linken Hand.

Ja, was willst du denn nun eigentlich? fragte Georg ungeduldig und
bewegte sich zu Magda hinber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu,
den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wtend in
Bewegung, strzte mit halbem Leibe ber das Becken, raffte sich mit
schmerzender Hfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras
Handgelenken fassen, pltzlich schrie sie auf, taumelte zurck und mit
der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, da es in ihm drhnte. Sie
hing an ihm, prete den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War
sie verletzt? Und wo? -- Er versprte eine schumende Wut, auf Cora zu
strzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verlie
ihn alle Kraft, er mute Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das
Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden,
er stand ber ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu
dunkler Wiese, ihr Kleid frbte sich langsam rot, Georg roch mit
frchterlichem Grauen Khe und Gras aus einer Entfernung von drei
Jahren, er wich zurck, schlotterte, er stie mit dem Hinterkopf an
Stein, drehte sich um, strzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in
weiches Gras, raffte sich hoch und stand.

Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverndert die
Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden sprte er merklich,
wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun
das Ende. -- Leere und eine unendliche Schwche machten ihn so leicht,
da er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornber, zu seinen Fen war
Mauer, etwas tiefer ein dunkelwssriges Glitzern, in das es ihn
wonnevoll hinabzog. Ah strzen! dachte er, strzen! -- Dann fhlte er
die Erlsung des Fallens.

Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserflche, er
versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bnder
umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte,
schluckte, Wasser drang in grlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in
Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie
und rlpste Wasser aus, versank wieder, stie mit den Fen, ri sie aus
Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte pltzlich, da
er schwamm.

Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es
wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken,
dann -- zischend und johlend scho eine blendend weie Kurve in die
Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut
schttelte, zerfiel aber pltzlich in eitel staunenswerte Sanftmut
vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne,
ein wundersamer Regen --, jedoch da strzte sich wieder ein
frchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches
Hu--ih--ih--ih! in die Lfte empor, es prasselte pltzlich berall, rote
Streifen kreuzten sich emporschieend, es knatterte, rauschte, fegte,
drei -- unzhlbare Feuerbgen jagten gegeneinander, rote Kugeln,
goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte
eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in
Bewegung, Goldgarben aus ihren Rndern schleudernd, eine Feuergarbe nach
oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoend, Georg schwamm,
richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: Mit Feuerwerk --
woll'n wir zugrunde gehn! und schwamm, whrend das ganze Ufer hinunter
die Raketen sich hllisch bekmpften, Sonnen ber Sonnen sprhend,
sausend und brausend entfesselt wurden, ber finstere Baumkugeln
gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die
Laubkugeln rtlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten,
die Nacht war tageshell, das grne Wasser lag deutlich vor Georg mit
groen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose
Toben, Zerstieben von Silberbscheln, Heulen der Flammenbgen und das
besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte,
ermattete er jhlings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die
Bschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile
keuchend, zuckte, schluchzte und wnschte, tot zu sein. Er schleppte
sich hher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm -- ihr weier Mast, an
dem sie schwebte, war hell zu sehn -- drehte sich langsamer, spie
schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete
aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte
gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm
ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf ri ein
zischendes silberweies Band sich aus dem Grase und wand sich mit
ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an
eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lcke, hrte das
Feuergetse gedmpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornber
fallend, hustend und von Frost geschttelt weiter und weiter, stand
endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und
gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf
ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetms veranlate
Georg, die dmmrig sichtbare Strae zur Linken hinunterzugehn, er ging
und ging, fiel vor Mdigkeit gegen Bume oder Pfosten im Weg, machte nur
von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flsterte
sich unaufhrlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! --
Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die
Augenlider schwer aufreiend, seltsam die Hinterfront des Schlchens,
die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden
wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und
fiel wieder und stand wieder auf, und war pltzlich vor einer Mauer. Er
ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff,
da er hinber mute, und pltzlich lag er drben an der Erde mit
schmerzenden Gliedern. Nun an Gebschen hinunter streifend, fand er die
kleine Brcke, ging hinber und befand sich gleich darauf in einem
Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur
noch -- dachte er, -- er wute nicht was, schlich mhselig ins nchste
Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches
Dehnbares. Das Bett ... flsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein
Kopf fllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.

Jhlings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete
und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster,
ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwrts, hakte den Riegel auf
und stieg ber die Brstung ins Freie. Drauen stand er zitternd und
todmde, schlich ins Gebsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von
der linken Seite ber ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden,
sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins
Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flsterte er, schlich ber den Hof,
hakte die Tr auf und atmete unsglich dankbar den Geruch des Pferdes.
Dann wurde es Nacht um ihn.


                            Neuntes Kapitel


                                 Zimmer

Renate lag nackend auf dem Rcken schrg ber ihr Bett hin, schlaff
neben sich Arme und Hnde, die Fe hingen nach unten. Wie sie
hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu
liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder
des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre
geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und
ineinander und auseinander zog und ergo sich schon, was sie als Bild
vor Augen sah und was sie im Halbschlaf trumend selber mit lebte. Sie
glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine
Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem
buerlichen Kleid und Irene, die ber dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde
erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fhlte sich gewiegt von den
weichen Gngen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und
sagte: So la dir doch endlich erzhlen, was geschehn ist! -- Eine rote,
brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr
wieder hinaus, -- der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem
Zeigefinger. Unter sich sah sie Rcken und Hinterbeine der Elefanten
sich vorwrts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde,
weie, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen
ziehn? aber das geht doch nicht, man mu es den Leuten sagen, da es
nicht geht! -- Pltzlich hrte sie sich seufzen und schlug die Augen
auf.

Neben ihr, beinah ber ihr, sah sie die seitwrts gerafften Vorhnge des
Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine
Khle herein. Dann blendete sie von drben der schmale senkrechte
Lichtspalt der angelehnten Tr; sie konnte sich nicht entschlieen,
hinzugehn und das Licht zu lschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben,
wenigstens ist es Nacht! Weit zurck in der Zeit glaubte sie die
Heimkehrgerusche der Andern zu hren, Schritte treppauf, Tren, -- sie
legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen
in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie
selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, --
abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich
darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika
beugte sich weinend ber sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen
wach doch auf, sonst ist es zu spt! aber sie konnte die Lhmung nicht
abschtteln, rang mit dem Nacken, sprte endlich ihr wirkliches Genick,
das sich lste, und brachte den Kopf in die Hhe.

Da! -- sie fuhr entsetzt zusammen, -- es schlrften Schritte nebenan!
Eine Stimme fragte: Schlfst du schon, Renate? Es war Josef.

Nein, Josef, was ist denn? fragte sie zitternd.

Verzeih nur, sagte er, ich sah im Garten unten dein Licht und kam
herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hrte ich dich
rufen ...

Habe ich gerufen? Ja, wie spt ist es denn?

Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas
ins Freie mit mir ...

Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttuscht, legte die heie Stirn
gegen den Handballen und bemhte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es
vielleicht khl, zu schlafen war unmglich. Ich komme gleich, Josef!
rief sie leise. Sie wartete dann, hrte ihn durchs Zimmer zurckgehn,
einen Stuhl rcken, erhob sich lautlos, schlich zur Tr und machte sie
leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die wei
am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete
sich hastig an, machte Licht berm Spiegel, aber nachdem sie, mit
geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte
aufgelst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, lie
die Zpfe hngen, ging zur Tr und trat leise ins Nebenzimmer.

Josef sa vor dem Schreibtisch, ihr den Rcken wendend, die Hnde um das
bergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneewei
leuchtenden Gipsbste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie
den kleinen Knigskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten
schimmern sah, erfllte seine gesteigerte Se und Schnheit sie mit
leisem Schreck. Die Zartheit des schrgen Profils, der unbeschreibliche
Ausdruck der flachen, ganz wenig nach auen abhngenden Augen, das
wunderbare Kinn, die himmlische Blte der kssend immer gewlbten Lippen
und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden
Muskelfalten, leise schattend und unsglich lebendig -- all dies auf dem
Grunde grner, schimmernder Bltter und Ranken, im Zwielicht so wei,
zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest,
whrend sie hinter Josef trat, die Hnde auf seine Schultern legte und
leise sagte:

Ich danke dir -- heute erst -- fr ihn. Er war mir fremd im Anfang.
Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr
unbeschreiblicher und lieber geworden.

Er wchst, hrte sie Josef sagen, wie eine Blume, die Jahr um Jahr
kstlicher blht. Er blht und wchst fr sich selbst, aber wer ihn
ansieht, ber den wchst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden
Augen mit sich hinauf. Als ich hier sa, war er mir fast schon ein Stern
geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, --
denn wir sind unten.

Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hrte bald darauf seine Stimme
wieder:

Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Flieende, immer
sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich,
eine verflieend zur andern, immer das nmliche Weinen und Traurigsein,
nmliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und
Schluchzen in Kissen, und Vergehn.

Du aber bist aus dem dmmernden Strom von uns Andern getaucht ...

Du trgst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts!

Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam
durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!

Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in
Bescheidenheit -- erglht dein weies Antlitz ...

Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du
berschaukelst sie getrost dahin ...

Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war
von Anbeginn. -- Du kamst voll groer Freude aufgetaucht, Lfte kssend,
trunkener Delfin, Gttern hnlich, so erlaucht, weil die Strahlende
erschien.

Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- nher
der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den dsteren
Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...

Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hnde
gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine
Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekhlt von
Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie
glcklich sie sei, da er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr,
streifte ihre Hnde sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie
nahe ber sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hlfte
erschreckte sie nicht. La uns nun gehn, sagte er; sie nickte dankbar
lchelnd und ging vor ihm hinaus.


                                  Wehr

Bald waren sie im Finstern auerhalb des Gartens unter den Bumen. Gieb
acht! warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fhlte seine Hand an ihrer
linken. Kannst du mich denn sehn? lachte sie leise. Dein weies
Kleid, hrte sie sagen, glitt ihm davon, wre aber fast an einen
Pfosten der Schaukel gestoen, sah nach oben blickend das Schwarze des
Gerstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und
sagte: Hier ist die Schaukel. Er antwortete nicht. Sie fragte:
Josef? Hier! hrte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte
sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms,
fhlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter
sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie khl war es hier
schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in
ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater
ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in
seiner Stimme gewesen, mute sie nun, die rechte Hand in seinen Arm
schiebend, sagen: Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als
wolltest du morgen schon wieder davon.

Nun, wie lange meinst du denn, da ich bleibe? fragte er freundlich.
Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mute, ob hier
wirklich eine Sttte fr ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter
auf dem Sandweg. Der Himmel war best mit den Sternen, die klein waren
im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn,
gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend.

Hre einmal, sagte er leicht, was ich noch fragen wollte ... Wute
--, oder sagen wir: wei Erasmus eigentlich, da du mit dem Herzog
verlobt bist?

Renate versuchte sich zu besinnen. Ja, warum fragst du? Ich glaube
wohl. Nein -- das heit, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da
war.

So, bemerkte Josef, vor seine Fe blickend. Ich dachte, als du im
Zelt --

Ach ja, Josef, rief sie rasch, im Gefhl, von etwas andrem reden zu
mssen, ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fllt mirs
wieder ein, da du vom Zelt redest!

Nun?

Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt? Sie trat auf ihn zu,
liebevoll. Hast du doch geahnt, da ich dich brauchte? Oder was trieb
dich?

Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit.
Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.

Die Antwort, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, ist nicht
leicht. Du fragst nmlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich
erklren. Ja, hrte sie ihn mit einer schnen Ruhigkeit fortfahren,
das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen --
seine Lsung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Vershnung zu
schreiten.

Mit deinem Vater? fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter
Stimme: Jawohl, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte
eilig hinzu: Vershnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten
Sinne -- Er brach ab.

Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde
hangende Pfrtchen, ber die Brckenplanke und weiter den weichen
Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder loslie. Bald war das Rauschen
des Wehrs zur Linken hrbar, ber ihnen war der rote Himmel der Stadt.
Renate bat: Komm ans Wasser! Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher
und stolpernd ber die sommerdrren Buckel der Wiese im tiefen Grund.
Baumsilhouetten wuchsen ber ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die
schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg
von Josef gesttzt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der
strzenden Wasser. Die Gelnder der schmalen Holzbrcke waren zu sehn,
die ber den Flu fhrte gerade dort, wo die Wasser abstrzten. Renate
ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht
vom jhen Getse, unter sich die dmmerweie, schrge Ebene von Schaum,
die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weien Gischts
hinunterri und weiter hindurch, wo dies entstrmte in die dunkle,
langsam sich glttende Flche des Stroms, wo gemauerte Wnde dunkel
standen, Bume, und Sterne zu sehen waren. Sie fate den dnnen
Gelnderbalken vor sich mit den Hnden und gab sich dem Donner der
Fluten und dem geheimnisvollen Niederschieen des Weien hin, in aller
Weite doch eingeengt durch die Betubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer
Linken dicht neben sich Josef auf dem Gelnder sitzen, ganz dunkel.
Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm
sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die
rechte darber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hren, verstand nichts
und sah fragend in den dmmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er
sich nher und sagte, ihre Hand fahren lassend: Sei so gut und tritt
etwas zurck.

Sie tats unwillkrlich, doch war gleich hinter ihr das Gelnder, an das
sie sich lehnte.

Kannst du meine Stimme verstehn? fragte er durch das Rauschen.

Sie bejahte.

Dann, mein Kind, fing er nach einer Weile wieder an, drfte es an der
Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat
jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder hchstens die Geliebte
erfhrt. So erlaube mir, dich dafr anzusehn. Hre zu. Was in meinem
Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lgen gewesen.
Nicht so gemeine, senkrechte Lgen, wie man sie alltglich gebraucht,
sondern feine, schrge natrlich, und zwar deshalb, weil da hundert
Grnde fr mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen.
Nun hre wohl zu ...

Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schrg auf dem Gelnder, eine
Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, whrend er mit
gelassener Stimme fortfuhr:

Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war
der: da ich auszog, das Frchten zu lernen. Lchle meinetwegen,
Mdchen, sagte er, flchtig aufblickend, du weit nicht, was du tust.
Sich nicht frchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts
auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist:
sich nicht frchten knnen und doch immer: sich frchten wollen,
frchten mssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine malose, eine
wtende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen liee. Verstehst du's
vielleicht? Oder soll ich dirs erklren? Was mag es denn wohl heien fr
einen Knaben, da er Tiere langsam zu Tode martern mu und dabei warten,
bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen berschlgt in die
eignen? Nicht gefrchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen
Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschlger der Bullen die
Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen,
wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt.
Nicht gefrchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern
bekam ich naturgem die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu
frchten gab --, wie Menschen sich von Rdern zermalmen lieen. Nicht
gefrchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrnsten aus Wolkenkratzern
hpfen wie die Flhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie
Geflltes. Nicht gefrchtet. Ich sah den Lift aus der Hhe herunter
sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht.
Nicht gefrchtet. Ich habe Mnner bei langsamem Feuer rsten sehn --
nicht gefrchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen --
nicht gefrchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn,
Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die
Kpfe von zurckschnellenden Bambusbumen ausgerissen wurden, die durch
Tropfen von Wasser auf die bloen Schdel zum Rasen gebracht wurden, --
nicht gefrchtet, -- Frauen, die bis an den Scho in die Erde gegraben
wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewchs ... nicht gefrchtet.
Ich habe alle diese Menschen zur Richtsttte fhren, in Todesangst
schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefrchtet. Ich --

Pltzlich fhlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen
Lidern gehrt und gehrt hatte, ihre Handgelenke von Hnden ergriffen,
sich vorwrts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt.
Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hrte:

Da! Fhlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim
gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fhlen?

Er zhlte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie
mitzhlte: Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --,
hrte, fhlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter,
kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:

Sprst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie
dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies
Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens
schneller gegangen. Begreifst du, was das heit? Ah, Kind, das heit,
sagen sie, da meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr
gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen fr das Leben.
Ich kann mich nicht frchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht
anzusehn, ich kann mich nicht frchten, ich habe nur einmal -- ja, hin
und wieder einmal habe ich etwas gesprt, das von weitem -- sehr von
weitem, denn es war nur eine Mglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht,
ein ser Hauch der letzten Zerstrung, des Grauens, und das war die
Mglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weit alles bis auf das
Letzte. Nmlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe
ich das Frchten -- gelernt. Und das war freilich so, da es mich jetzt
wundert, da ich es berlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --

Pltzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, da sein
Mund fast den ihren berhrte, da sie nichts sah als die Grlichkeit
des blinden zerflossenen Auges, whrend seine Stimme von unten her
flsterte oder zischte: Ich habe -- mich selbst erschossen.

Renate schlo die Augen, ffnete sie wieder. Josef sa wie vorher. Ihre
Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein
Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Gelnder dahinschob.

Ja, geh nur, hrte sie ihn noch sagen, fr dich ist es Zeit. Geh nur
zu, Kind! Er hob winkend die Hand. Sie entlief.

Gleich darauf strauchelte sie ber eine Unebenheit und gewahrte in der
Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam
nher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie
angstvoll, sie wute schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er
den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie
gefror. Aber ein jhes und wtendes Grauen trieb sie zwischen ihn und
Josef, sie lief zurck.

Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:

Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich frchte dich nicht!

Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich gro, sie konnte
seine Augen sehn, die aus den Hhlen quellen wollten, er hielt beide
Hnde geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist
er in der Fabrik gewesen, er trgt ja immer die Rstung noch! -- Und sie
ri aus dem zugewrgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte:
Erasmus? Ja, willst du denn -- wirklich jetzt immer geharnischt gehn?
wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dnne Klinge, die sie
vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte:
Du! sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so
leicht, als ob sie flge, und sie lchelte angstlos und sagte: Was hier
geschehen soll, das wird nie geschehn.

Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Sto oder -- sie
wute es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor
Angst, Erasmus dastehn, als strze er vornber und hrte ihn, keuchend,
schumend, gurgelnd:

Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mrder! Dieb! Mutter--mrder. -- --
Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- --
gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun --
nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du --
verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet.
-- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden,
Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- --
Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!

Renate legte die Hnde auf die Augen und drehte sich um. Sie machte
einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten
auf die Knie, richtete sich schwer und mhsam auf und sah nun ruhig
staunenden Blutes hoch ber sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure
Gestalt, die eine andre wagerecht ber sich hochgehoben hatte.

Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzhlige Male
sich aufraffend, lief, ihr Kleid ri, sie packte es mit den Hnden und
hob es vorn und lief, hakte mit dem Fu an Latten, ri ihn los, ihr Atem
versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend,
keuchte und lief eine Schrge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr
jhlings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle
Kraft. Sie glitt vornber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel
gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: Das war die
erste! Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weien Kleid,
in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten,
und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ...
nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im
Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mute sie halten.


                              Treppenhaus

Einen Augenblick lang in groer Leere des Herzens mute sie pltzlich
erkennen, da die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war;
vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie
etwas Unheimliches ber sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie
es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustr hinber, wo sie,
jetzt gelhmt, stehen blieb und sich umwandte.

War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dmmerte!
Wei stieg die Treppe mit dem blauen Lufer bis zur ersten Biegung, von
da aus das weie Gelnder. Und jetzt wute sie: oben war etwas; das kam
herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hrte
schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell,
das am Gelnder schrge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie
roch den wilden heien Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf
tauchte der riesige weie Kopf des Tigers oben hinter dem Gelnder auf,
die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht
herum. Pltzlich sa er auf der Plattform, ganz still, die weien Tatzen
vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in
einem Kranz weier Mhnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder
bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange
Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schlo die Augen und
war verschwunden.

Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die
furchtbare Mhsal des Steigens. In ihrem Zimmer drckte sie die
Handballen gegen die Stirn, stand und hrte sich sthnen. Sie sah einen
schwarzen Menschenkrper in einer ungeheuren Hhe schweben, und dann
klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwrts,
ertastete den Trvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den
Fuboden.

Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die
klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist
geschehn. -- Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte
sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mhselig auf die
Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Fe,
tastete nach der Bettstelle, fhlte das Holz, machte zwei Schritte und
setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurck fhlte sie, da sie
ohnmchtig wurde, aber im selben Augenblick mute sie aufhorchen. Es
waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fu um Fu, Stufe
um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tr, lehnte sich mit
Rcken und Kopf gegen den Pfosten und flsterte: Sein Vater -- kommt,
nun -- nun wollen wir Rede stehn. -- Sie lchelte.

Langsam kamen die Schritte ber den Flur nher, immer ein wenig lauter,
und nun war alles still vor ihrer Tr. Sie wartete gefhllos. Ihre
Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und wei den kleinen Schein
der Gipsbste in der Luft. Nun ging die Tr auf; da stand Erasmus. Sie
sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann
hrte sie eine Stimme leise sagen:

Ich hab's -- getan. Er schluckte. Sie sah seine Hnde, die sich
einander nherten, dann rieb die eine die Knchel der andern. Nun,
sagte er unendlich leise, nun steht, auf der Treppe, steht -- -- Gott
-- Vater, mit dem Licht und sagt -- -- wo -- wo ist ...

Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten.
Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die
Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tr sich wenden, sie lste
sich vom Trrahmen und ging zu ihm; da fhlte sie wieder das Grauen, bi
die Zhne auf die Lippe und sagte: Erasmus ... Sie mute die Augen
schlieen, hrte einen Fall und fhlte seine Hnde in den ihren und sein
Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie
auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte
kindisch mehrere Male: Er sollte ja nur weg ... Dies dauerte eine
Weile, dann war Erasmus pltzlich verschwunden, sie sa vor dem gelben
Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah ber sich das weie Antlitz
Ech-en-Atons unverndert, oder lchelte es nun? Dann war nichts mehr.


                                Hrsaal

Renate hing verzweiflungsvoll am Drcker einer Tr, rttelte mit aller
Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich,
ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Trdrcker
an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich,
Blumenstcke und Gardinen. Da fhlte sie wieder ihre Angst, sie weinte:
Ich mu ja fort, ich mu ja fort! -- Indem hrte sie links hinter sich
ein Knarren, die groe Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit
seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon sa Renate in ihrem
Automobil und sah durchs Fenster die Straenlaternen vorbeiziehn. Kaum
hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie
erschrak und sah, da sie durch die Stadt fuhr, da unaufhrlich
Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen
schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenber ihr Gesicht.
Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und
sah, da sie in einem goldenen Mantel sa; ich hab ihn verkehrt
umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schlo einen Haken am
Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre
Augen, sehr dunkel und tief in den Hhlen. Man sieht mir nichts an,
dachte sie verwirrt, sa in einer groen Leere und merkte, da der Wagen
stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die
linke Scheibe, sie drckte Haupt und Rcken an und sa aufrecht, die
Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hrte dumpfes
Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche
Schaumflche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den
vorbersinkenden Kopf zurck und sthnte: Oh Gott, wie lange dauert
diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn
berhaupt wute, wohin sie wollte, sie rckte ans Fenster, sah die
Alleebume dunkel, umwogt von menschlichem Getmmel, dachte inbrnstig
an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentr
aufgerissen, Reinholds Gesicht war drauen, sie raffte Mantel und Kleid
und dachte: Zusammennehmen ...

Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universitt
vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, gro und grer wurde der
dunkel glnzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie
hinuntersah, sie glaubte vornber zu fallen, und erreichte mit Mhe die
oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Trsteher, fragte sie etwas,
sie antwortete: Zum Herzog. Seine Knigliche Hoheit -- hrte sie
sagen und unterbrach: Herzog Trassenberg. Der Mann verbeugte sich und
ging fort.

Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Tren zur
Rechten und ging im ohnmchtigen Verlangen, nur sitzen zu knnen,
hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle,
singende Stimme schmetterte unverstndliche Worte, sie ging daraufzu,
eine Tr neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer
schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie,
ein Hrsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums
Kopf und Rcken eines Menschen, der vor einem Flgel sa, spielte und zu
einem Mdchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der
Einbuchtung des Flgels stand, ihn lchelnd ansah und sang. Nun wurde
auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hngender Schnurrbart,
groe hngende Nase und fliehende Stirn mit schwermtigen Brauenbgen;
sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den
Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Fracksche hingen
zwischen den Stuhlbeinen, oben darber brannte eine harte Flamme, die
ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er
nun und spielt ... Renate fhlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich
an den Trrahmen, die Augen der Sngerin bewegten sich zu ihr, aber sie
sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder
abwenden konnte. Ihr Gesicht war wei wie eine Blte, die Augen
glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas
vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder
lchelte, mute Renate es auch tun, whrend eine zarte, auf und nieder
schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon
abzog und sie die Worte hrte: Der mich ins Zimmer trgt, mir in die
Hand -- Wrmend ein Herz giebt mit Glutenbestand. Dann wechselte die
Tonart in Moll: Kommt jetzt der Winter mit Schloen und Schnein ...
sang das Mdchen wehmtig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer
Fermate in der Hhe und endete mit kurz und trbselig hervorgestoenen
Lauten in der Mittellage, eintnig: Frier' ich am Feuer und blase
hinein ... whrend aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen
Spottgelchter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend,
wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprngen prasselnd endete.

Bravo! sagte Benno hochentzckt, Du hast herrlich gesungen, ganz
herrlich!

Guck mal da! antwortete die Sngerin, da steht Frulein von
Montfort!

Benno drehte sich um und sprang auf; sein heies und gertetes Gesicht
wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die
Arme schlenkernd nach auen bewegte und lchelte und etwas stammelte mit
seiner gebrochenen Stimme.

Guten Abend, Benno, sagte Renate ihm die Hand reichend, war das von
Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie
so gut sein? fragte sie das Mdchen, in dem sie nun Bennos Braut
erkannte, und das gleich bereit war. Heliodora gebietet, sagte sie zu
Benno, der sich malos wand und zierte, also los!

Es ist aber ganz unbyzantinisch, suchte Benno sich herauszuwinden. --
Renate schwindelte es pltzlich, sie beherrschte sich mhsam, ging auf
eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hrte sie das Klavier
wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder
und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende
Stimme:

   Lieblich ist Sommer mit hren und Mohn,
   Ach und die Bume entlaubten sich schon ...

Die Stimme, whrend das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen
schien, wurde wehmtig und murmelte:

   Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;
   Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,
   Find't mich doch keiner, der eilig und gut
   Um mich den Mantel der Zrtlichkeit tut ...

Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig
schnffelnd wie ein unruhiges Tier im Ba, Renate ffnete die Augen,
glaubte Schritte zu hren, da erschien die rote Uniform und das Gesicht
des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er
schlo die Tr hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur
unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, da
gesungen wurde und nicht zu stren sei.

Der mich ins Zimmer trgt, mir in die Hand -- hrte sie wie vorhin,
die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog
bewegte sich vor, und sie fate seine Hnde. Es war still.

Danke schn, Benno, sagte Renate den Kopf neigend, dank Ihnen
tausendmal, kleines Frulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas
eingefallen, -- ich mchte Sie gern um etwas bitten ...

Sie sah das Mdchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief:
Ich warte auf der Terrasse! und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog
hinaus.

Dies ist Benno Prager, erklrte Renate, du kennst ihn wohl ...

Benno mute in seiner tdlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog
die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und
lste sich um sie, auf einmal sa sie, sah das besorgte Gesicht des
Herzogs nahe ber sich, drckte ihm die Hnde und sagte leise: Nichts
-- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig
ausruhn! bat sie mde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre
Gedanken zusammen, merkte, da hinter ihr etwas Hinderndes war, an das
sie nicht rhren durfte, ffnete die Augen und sagte:

Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte
erst an dich, aber -- es gelang ihr zu lcheln -- was sollst du mit
mir? Benno, nicht wahr?

Aber, fiel der Herzog ein, Georg kann ja im Stadtschlo -- -- ja,
unterbrach er sich, was das nur mit Georg sein mag? Und nun glaubte
Renate zu erkennen, da er selber in Aufregung war. Ist etwas mit
Georg? fragte sie.

Ach ... Er zauderte. Ich wei ja nicht. Er ist verschwunden.
Um Mitternacht sollte doch groe Huldigung sein vor der
Universittsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel -- Er warf
den Arm aus dem rmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu
sehn, und murmelte erschreckt: Gleich halb eins.

Renate schwieg und mute die Augen schlieen vor Schwche. Sie hrte
sprechen, es rauschte in ihrem Gehr. Die Lider mhsam aufbringend, sah
sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch
kamen sie nher, als sie selber den Mund ffnete.

Wir knnen vielleicht, sagte sie, so lange in Georgs Zimmer sein, bis
bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen
so schnen Diwan ...

Benno schien erlst, da es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hnde
und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort
hervorbringen.

Alessandro Stradella ... las Renate fortwhrend in kleiner, mickriger
Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl
und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog
nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos
entfernten sich unaufhrlich und schwebten wieder nher, -- nein, um
Gottes willen, flsterte Renate sich zu, du mut dich doch
zusammennehmen!

Wollen wir gehn? fragte sie und sah lchelnd vom Einen zum Andern.
Ihr drft mich nicht auslachen, da ich so mitten in der Nacht ankomme!
-- Benno, und wie reizend war das kleine Lied! Sie lachte leise, erhob
sich, wre aber zurckgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten
und sich zornig angeherrscht htte. Sie ging mit halbgeschlossenen
Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf sa sie in einem
Wagen und fhlte, da er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno
vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie
in Georgs Zimmer, das sie erkannte.


                              Schlafzimmer

Sie sa in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rcken des Herzogs
sich entfernen, ein Trrahmen war herum, er wurde kleiner in einer
andern Tr, die Augen fielen ihr zu, sie ffnete sie wieder, da sie die
Stimme des Herzogs nahe ber sich hrte. Sie sah ihn lcheln, whrend er
sagte:

Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie fr
dich erfunden.

Sie stand mde lchelnd auf, nahm seinen Arm und lie sich davonfhren.
Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich
mit Vater blind spielte ... Kann ich nun aufmachen? fragte sie leise,
ffnete die Augen und sah den Herzog lcheln ohne zu verstehn.

Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit
lichtfarbigen Kissen. Groe schwarze Reiher flogen schn ber Vorhnge,
und hinter dem Herzog war das gelblichweie Gewoge und Gewlk eines
groen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der
Nase und sagte: Ich wei nicht ...

Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den
gerafften Falten hinein und sah einen schnen und groen, blauen
Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. Nein, sieh, Woldemar, sagte
sie, das scheint doch fr jemand anders ...

Pltzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen,
die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornber und
sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrcken,
fate darunter, fhlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft
niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die
Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges,
sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zhlen, deren Kreuze
bereinander gelegt waren. Wie die Schmetterlinge, sagte sie ganz
leise und sah, da sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte
ihn mit schweren und lahmen Hnden auf den Brokatstreifen vor ihrer
Brust, die Augen fielen ihr darber zu, sie dachte erschreckend: ich mu
es ihm doch sagen, er mu es doch wissen! Schon sa sie wieder aufrecht,
blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme
vernehmend:

Du mut noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, la nur,
wehrte sie todmde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte,
einmal mu es doch sein. Nun -- mut du -- ganz verstehn, brachte sie
in Abstzen hervor, willst du? Er nickte.

Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern.
Endlich dmmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an
den verschwimmenden Linien der weilichen Wsserung in einer
orangefarbenen Schrpe und sagte, seine Hand fassend:

Josef ist -- tot. -- Erasmus ...

Da merkte sie, da ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie
wieder. Sie brachte mit unsglicher Mhe die Lider hoch, sah das Gesicht
des Herzogs und hrte ihn, gtig zuredend, sagen: Nun mut du aber
schlafen ...

Erasmus, flsterte sie sehr leise, ist bse, nicht? Der Herzog
nickte und nahm ihre Hand. Aber Josef, sagte sie heller und froh,
Josef ist gut! Ist er nicht gut? fragte sie, sich schnell aufrichtend.

Liebes Kind, hrte sie den Herzog sagen, du drckst mir das Herz ab,
es ist ja nun genug! -- Mein Gott, sthnte er ganz erschttert, sa da
neben ihren Fen und hielt die Stirn in der Hand, mein Gott, es ist ja
frchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!

Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf
streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hrte sich
ferne sagen: Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das
Schicksal seinen Tribut -- --

Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurck. Aber sie konnte nicht
stilliegen, schlug pltzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner
Stimme: Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur
noch halb ist ... Aber weit du, -- er hat ja eine -- -- Ergnzung, --
oh, eine schne! Das glaub nur ja nicht, da sie nicht gut pat, sie ist
ja von einem Chinesen! Sieh, nun weit du's! sagte sie triumphierend
und dachte: wie vernnftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher
nichts. Und siehst du, fing sie wieder an, unterbrach sich aber und
sagte: Hast du's gehrt? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika
behauptet, da ich immer >weit du< sage, aber das tue ich gar nicht.
Nein, siehst du, Josef, -- du mut nicht denken, da er es nicht gewut
hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte:
ich frchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weit du,
immer lauerte es schon, unter den Bumen, wo die Schaukel ist, weit du,
und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hrst du? ganz
laut -- hre ich es ... Sie schpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her
und sprach hei und eilig weiter: Kein Wort, hrst du wohl, kein Wort
hat er gesagt, so sa er da, du mut es seinem Vater sagen, da er kein
Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_
flsterte sie, das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht
mehr, sagte sie heiser und geqult und merkte, wie ihr die Worte
erloschen.

Schlaf nun, du mut wirklich schlafen, sagte jemand.

Mu ich? fragte sie lchelnd mit geschlossenen Augen.

Ja, ja, du mut, sagte die gute Stimme wieder.

Dann will ich gern, wenn du's sagst, flsterte sie gehorsam, drehte
den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber ffnete
sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: Ists so recht?

Sie hrte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand
dankbar die Dunkelheit.


                        Schlafzimmer (das andre)

Doch strzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz.
Sie schnellte hoch, schrie auf: Erasmus! Du darfst nicht, du darfst
nicht mehr! Ein wtender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder,
sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fhlte einen
Trdrcker, ri und zerrte ohnmchtig daran, endlich schlug die Tr nach
auen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... blulicher
Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr
... Dahinten stand in der Tr ein Mensch, schwarzbrtig; aber sie kannte
ihn, sie rang nach dem Namen, sie mute ihn rufen, der Herzog hob den
Stock und rief wtend: Du bist verrckt, Schurke, wirst du endlich
aufhren! Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schttelte sich
mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Trpfosten hngend mit
Kopf und Rcken, wand sich und schrie pltzlich: Sigurd!

Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestrzte
Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie
lief zu ihm, kniete vor ihn hin, sttzte seine Stirn, er machte die
Augen weit auf, lchelte und sagte leise: Es ist ja nichts. Ein
Streifschu, -- oder ...

Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte
matt in der Tr zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine
Waschschssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter
rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog
furchtbar gro auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln
an den Fen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das
Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen
herum, die Tr ging auf, eine Waschschssel, in der ein Handtuch lag,
wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Hnden
eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte
die Schssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.

Ein Messer, sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der
Hand und trennte die rmelnaht auf, schnitt und ri den rmel ab,
knpfte die Manschette auf, streifte den Hemdrmel hoch und sah am
Oberarm einen klaffenden Ri, den sie wusch. Impfnarben kamen gro und
zerflossen zum Vorschein, sie drckte das Handtuch auf den Ri und sah,
einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und
bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in
sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Ri nicht kommen ...?

Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben,
eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an,
die Schrpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von
unten auf, lie es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das
zusammengeprete, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest
sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem
Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es
fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von
krausem Haar, darunter sehr wei, und in der Nhe der brunlichen
Brustwarze war ein kleiner Fleck. Pltzlich fhlte sie, da sie sich in
ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.

Etwas Blaues und Weies schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab
es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in
der Hand, ging vorwrts und atmete khle Luft. Der Garten, sagte sie,
trat durch eine Tr, lehnte die Flgel hinter sich aneinander und sank
mit dem Rcken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bumen, eine dunkle
Lcke darin und zwei weie Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der
linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war
unendlich fest und ruhig, bndigte den ihren, bndigte ihr ganzes Herz
und Dasein.

Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hrte sie sagen, Matthias
Zach hat mich gegossen, Htting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie
lchelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer
geflossen ... Wie still und khl es war! Nur das Rauschen hielt an. --
Htting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ...
Eine alte Glocke hing still im Gesthl, Schwalben schrien, kleine
Engelskpfe von Bronze glnzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie
las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne
flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten
kam. Ein Tropfen nte khl ihre Stirn. Es fngt an zu regnen, dachte
Renate und wandte sich um.

Hinter den Glasscheiben sah sie, da die Tr zum Flur geffnet wurde,
jemand kam gro, bleich und schwarzbrtig die Stufen herab, die Hnde
auf dem Rcken, -- Sigurd. Renate ffnete die Tr, trat ein, ging zum
Fuende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des
Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Krpers, und
neben sich in der Tr den Arzt.

Der Herzog ffnete die Augen, lchelte bei ihrem Anblick, fragte dann:
Ist er da? Renate nickte.

Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, --
da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum,
betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf
senkte, fragte dann mit leiser Stimme: Was hat das -- zu bedeuten?

Sigurd schwieg. Ich verrate nichts, sagte er endlich, den Kopf hebend,
und senkte ihn gleich wieder.

Sie sollen nichts, sagte der Herzog, verraten. Ich will -- wissen,
wie ich -- zu der Ehre komme ... Er hob mhsam den Kopf, blickte zornig
und brachte knirschend hervor: Haben Sie mich denn wei Gott mit meinem
Sohn verwechselt?

Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach
Sekunden, zgernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit
einem eigentmlichen, irren Aufleuchten der Augen: Er liegt in -- der
Gracht. -- Nicht ich! setzte er hastig und laut hinzu, -- er strzte
hinein, ich -- ich sah es von weitem.

Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem
rasselte, er sthnte: Unsinn! er kann schwimmen!

Er kam nicht wieder hoch, sagte Sigurd.

Ach, in Teufels -- Namen, keuchte der Herzog, was wollen Sie -- dann
von mir? Sigurd hob den Kopf, blickte glnzend geradaus und sagte kurz:
Den Nachfolger.

Der Herzog sah ihn nur an. Wir wissen alles, erklrte Sigurd nicht
ohne Stolz.

Und -- und der Sinn des Ganzen? fragte der Herzog leise. Sigurd
blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: Ich will es der Dame
erklren, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen
...

Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen
und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie lie ihn
eintreten, lehnte die Tr hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und
fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und
halblaut:

Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig.
Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der
Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefhl. Nur in
Deutschland giebt es Frsten. Ich bin nur ein Glied in einem groen
Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die
Gemter bndigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate, sagte er noch
leiser, pltzlich das Gesicht und die schnen Augen hebend, die -- o,
sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- vor Ihnen mu ich mich nun
verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.

Ich wei߫, sagte sie stumpf, whrend eine entsetzte Stimme in ihrem
Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! --
Sigurd atmete tiefer. Ich wollte, sagte er, jhlings flammend, den --
den Andern, den Sohn, diesen --

Gleich darauf lag er vor ihren Fen auf der Erde, sie sah seine Hnde
von sthlernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen
des Verbrechens. Sie fhlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es
wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hnde auf seinem
Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und
dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche
Haar. -- Htting siebenzehnhundertundachtzig ... hrte sie, ihr Mund
zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hrte ihn leise wimmern,
fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrtteten Haupt an ihren Knien
mit den Hnden wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die
sie nicht mehr verstand. --

Er gehorchte und stand vor ihr, die gerteten Augen verstrt, voll
Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lcheln, da er sagte:
Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...

Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie
wieder den blauen Falter dort liegen, bckte sich und hob ihn auf.

Immer, sagte sie leise zu Sigurd, liegt mir der Falter im Weg; sieh,
wie ist er schn, und immer unverletzt.

Sigurd schluchzte pltzlich auf und sagte: So wie du ...

Sie schauderte, da wurde die Tr geffnet, der Offizier erschien, auch
der Arzt, der sie zum Herzog bat.

Nun stand sie zu Fen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er
schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte
sehr leise: Tut es noch immer weh?

Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: Ich
dachte, dir wre lngst besser -- nun. Und nach einer langen Pause:
Arme Helene ...

Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurck, legte die
Finger in seine Hand und drckte sie leise. Er hatte die Augen
geschlossen.

Eine Weile spter sah sie die dunklen Pupillen wieder glnzen. Ach,
Renate! sagte er, leise lchelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer
langen Pause zwischen jedem Wort: Du -- -- warst -- -- sehr -- --
schn. -- -- Aber -- --

Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tr wurde
pltzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand
sofort: die Tr wurde sehr langsam zugezogen.

Helene? hrte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen
Sekunden: bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so! sagte er
dann.

Renate stand auf und stellte sich in die Gartentr. Leise fiel im Dunkel
der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren
Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie
frstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der
Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach
Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing
irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.

Renate warf noch einen Blick ohne Gefhl auf das gelbe, entfremdete,
hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tr, die vor ihr
geffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch ber den Flur und trat
in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im
Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und
weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermdend, aber sie
ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straen kreuz und
quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: Ja, was
wnschen Sie? und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte
sich. Sie ging weiter, schritt pltzlich auf ein riesengroes, leuchtend
weies und vergittertes Fenster zu, das ber ihr schwebte, erkannte eine
hohe Mauer und bog um die nchste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb
sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie,
sie hrte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und
verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustr,
fate nach dem Trdrcker und lehnte sich in die Nische. Die Augen
fielen ihr zu. Dann hrte sie einen Schlssel im Schlo, die Tr bewegte
sich, sie ffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht
und sagte leise und vorwurfsvoll: Aber Georges! -- wo warst du denn den
ganzen Tag? Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.


                                 Sterne

Georg konnte sich nicht bewegen. Das weie und blaue Pferd rannte in
wtender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hlfe
schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die berkreuz gefesselten
Hnde nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag.
Das Pferd galoppierte unaufhrlich, endlich hatte er nach frchterlicher
Mhe die Hnde an der Pistole, aber sie war so gro wie ein
Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverstndlichen
Mechanismus von lauter Hebeln und Rdern, der Kolben war nicht zu
finden, er chzte und fluchte: Wer hat denn dies verrckte Ding
hierhergestellt, damit kann man doch nicht schieen! -- Aber pltzlich
knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich
bewegen und auf ein Zndhtchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst
schiet es, und dann fllt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von
selbst wieder in die Hhe, und nun fiel das Zndhtchen herunter, fiel
ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es
unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine.
Ach, nun wei ich! dachte er und drckte eine Taste; sogleich knallte
es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrckte ...

Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo
mute ein Licht sein, da berhrte etwas Warmes und Weiches seine Stirn,
und er sah dicht ber sich einen groen Pferdekopf. Unkas, dachte er,
merkte, da er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glhte, ihm war sehr
elend, aber nun fiel ihm ein, da er ja gesucht wurde, da er fort
wollte, fort mute. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er
schwankte, ihm wurde tdlich bel, und an den Pfosten der Box gelehnt,
erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter,
er sah das Kopfzeug des Pferdes dahngen, nahm es herab, trat neben
Unkas und machte es mit unsglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm
herabfallenden Armen, notdrftig fest. Er ergriff einen Zgelriemen und
zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltr war angelehnt, er kam auf
den Hof, sah im Vorwrtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet,
auch einige darber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er
spttisch, aber wieder fiel ihm ein, da er gefangen werden sollte, und
er zog Unkas nach links hinber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr
gehn, streifte Unkas den Zgel ber den Hals und kletterte chzend und
verzweifelt auf seinen Rcken. Ja, nun geh, geh doch! flsterte er.
Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mhne fest, wankte mit
geschlossenen Augen vor- und rckwrts, da stand das furchtbare Tier
wieder still. Die Augen ffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben
einen kreisfrmigen Schattenri strahlenartiger Latten, die den Weg am
Wasser versperrten, begriff, da er durch den Graben mute, trieb Unkas
mit Faustschlgen und den Abstzen hinein, und nun hrte er lange Zeit
das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Pltzlich ging es mit einem
Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den
Pferdenacken, warf sich vornber, und nun ging es wieder auf ebenem
Boden weiter, entsetzlich langsam, und schlielich stand die Bewegung
wieder still.

Da funkelten Sterne ... Drei, fnf, viele, unzhlbare standen in der
Nacht und funkelten unablssig. Weiter oben am Himmel jedoch waren
keine, und Georg wunderte sich, da die Sterne nur noch unten waren.
Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren
alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterla. Er sah wieder nach
oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken,
versprte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am
Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das
Sterngewimmel aufgelst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder
ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tdliche Angst wlzte sich zermalmend
ber seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz
um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverndert noch lange Zeit
blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte
Finsternis, funkelnd und glitzernd unablssig.


    Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel
                                Stunden.




                              Achtes Buch.
                              Hallig Hooge
                                  oder
                         Die Kammern der Seele


                         Erstes Kapitel: August


                            Renate an Magda

                                                     am 1. nachmittags

Magda!

Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, der Dir diesen Zettel
bringt, wird Dir sagen, da ich bei ihm bin, und alles andre! Mitleid,
Liebste, meine Sorge um Dich ist grenzenlos, wer wte wie ich, was der
Herzog Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus kommen, wo
Du bist! Ja, Grauen berstehn, aber hingehn, wo es ist? oh nein! Ach, zu
Asche gebrannt, Kind! Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht,
hte mir -- umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles versagt.

Georges gieb bitte ein Kleid fr mich, Wsche fr Tag und Nacht, und was
sonst ntig. In meinem Festkleid -- ich sitze da wie eine Irre. Georges'
Bruder trat mir Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da war
alles leer, nur ein Zettel von Georges' Hand, da er seinen Bruder ins
Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster Schultag ein, er geht ja noch
ein Halbjahr hin wegen des Examens. Den ganzen Vormittag blieb er,
Georges, weg, um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so zart
von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit macht in die
Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon drin sitzt. Ich mu wohl
aufhren zu schreiben. Innig Dein!

                                                                    R.


                            Renate an Magda

                                                     noch am 1. nachts

Noch ein Wort in der Nacht fr Dich, armes, gequltes Herz, und die
Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, wei
nur eben nicht wo, aber glaub schon, da ich sie finde! Habe Dank fr
Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schn besorgt,
sogar an meine Badessenz gedacht. Da Du Dich niedergelegt haben
wrdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, da Georges
Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer,
ich fhle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile,
nur wo der Ri luft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie
abgehauen, der Himmel wei, wann sie mir wieder anheilen werden.

Hrtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei
erkrankt.

Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fngt
an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars
eine haarige Spinne, ich bebte zurck, trat mit geschlossenen Augen auf
ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, da es ein
widerlicher brauner Frosch war, so gro wie eine Hand; sah mich
verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da
lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich
wute, wenn er nur die Augen aufmachen knnte, war der Zauber gebrochen,
ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und
sagte, die Hnde faltend: La uns beten! -- Wie ich aber unter sein
Gesicht blickte, sah ich, da er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf
und sah, da ich nichts anhatte als weien Unterrock und Leibchen, ich
schmte mich, da hing ein violettes Kleid ber der Wscheleine, es war
nun im Gemsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef
ber die Beete im Frack, einen seltsamen groen Zylinder in der Hand,
und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes
Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot,
und da wute ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da
frchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du
wrst tot! Ach, dann hab ich das nur getrumt, oder schriebst du es
nicht? Daneben war nun das groe Blaue, das warst Du, die fortwhrend
mit einem groen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest,
Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos,
dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich
wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch
fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon,
machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer
Schmetterling, der die Flgel langsam auf und zu faltete. Das sah
wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die
langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hrner und
Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen,
ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer nher
gekrochen, ich dachte, ich strbe vor Ekel, da merkte ich, da ich alles
abschtteln knnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab
einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ...

Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrchte, aufzuwachen, und auch
dies wre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott!

Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Grtel.
Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines
Mundes steht da Kain geschrieben.

Ja, aber weit Du es denn berhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, da
ich verga, Georges danach zu fragen, und gewi hat er Dir nichts
gesagt, da er Dich nicht sah. Ich mu ihn morgen fragen. Ach, nun ist
alles wieder glhend geworden.


                       Aus Renates Gedchtnisbuch

                                                          am 2. August

Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges' Aktenbogen Bltter
in der Gre meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt
meiner Fe, die eine Stunde lang den grauen Lufer herauf und herunter
irrten, und diese hohen roten Mauern da drben, regenna, die schwarzen
Gitterfenster und die grasbewachsenen Dcher, na und umsplt vom Regen,
die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr
ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hrte ich schon den Regen in einer
Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch
wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der
langen, gemeinsamen Arbeit, der Gesprche, der Behaglichkeit! und was
auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird
das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein.

Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so mde und matt. Und wie
das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie
dergleichen schreiben, so sprt mans in allen Gliedern, und konnten sie
es mehr fhlen als ich? Georges wrde sagen -- o Himmel, was gehn mich
alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken!
Sie stellen sich ein, unbekmmert darum, wer das ist, der sie denkt. --
Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im
Herbst vor drei Jahren mu es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was
war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine
stolzen! Ich sa im berflu wie die Knigin aller Bienen und dnkte
mich gro, mitfhlen zu knnen mit einer verfolgten Seele.

Wie wlbten mir damals die noch unverblhten Linden hinter der Kapelle
den Eingang in ein reiches Leben! Dfte der tausendfltigen Erwartung
regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tnte Zuversicht, ich war
fleiig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalba zu vollenden,
ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht.

Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain!
Du hast es nicht tun wollen? -- Nein, sagst du, ich wollte, weil ich
mute, man mu nicht schnreden. -- Sieh, was hier liegt, ein schnes
Ding, ein groer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hngt dran,
und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim
Erwachen, kte ich ihn und weinte darber. Diese Trnen gnnen wir ihm,
ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er.
Gebe Gott, da die groe kalte Seele sich erwrme im warmen All, wo sie
nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so
furchtbar zum Glhen gebracht!

Mir wird wieder wirr.

                                                           nachmittags

Wie gut, da ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn
was heit nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: durch
Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen? Kein Wort zur Erklrung.
Bin ich bervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn
ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende
mich ab ...

Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Lufer. An drei Jahre sah ich
ihn abgentzt werden, ohne ihn je gentzt zu sehn, da Georges nur darauf
geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke,
er mu in einer Stunde zerschlissen werden, und wei nicht, warum mir
das wunderbar scheint!

Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der
Gelhmte still fr sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein
Bruder, die vier Kartothekenksten je zwei zur Linken und Rechten, und
ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir
Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfchert, jede,
von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den
ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurck, und dabei nimmt
er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie
ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgnge
peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die
Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh
gttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Hnden! Die
Berhrung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewi, Leben springt
ber in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf,
Lippe frbt sich und lchelt, Stirne blinkt wei und rein, und aus
ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist
erst du!

Wie nun der Regen strmt um die Zinnen der Mauer!

                                                                 am 3.

Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten
der drei Fenster, die Hnde auf dem Rcken. Hell war der Raum im khlen
Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen.
Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hnde auf seinen
Schultern, und sah an ihm vorber die nasse blanke Bekrnung der roten
Mauer, die Drahtnetze und Gitterstbe der Fenster und all das andre von
Gefangenschaft, und dann fragte ich: Grnt die Hoffnungsbirke noch?
Sie grnt wie alljhrlich, versetzte er still, fhrte mich ans Fenster
und lie mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke
oben auf der Ecke der Mauer, grn und zitternd im Regenfall. Pltzlich
fiel mir ein, da Georges noch immer nicht alles von mir wute, ich
setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wute nicht, wie ich anfangen
sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. -- Wir waren verlobt,
der Herzog und ich, stie ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich
htte weinen mgen vor Hlflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten
im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde
mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte ber meine
eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem
Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht,
von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander,
und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im
Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Strue.
Schlielich wars aus, ich sa wieder im Stuhl hinter Georges und hrte
ihn nach einer Weile langsam sprechen.

Ja, dort drben wird der arme Sigurd nun sein. ber ihn wird man lesen:
der feige Meuchelmrder, -- da es aber unser Sigurd ist, so werden wir
wissen, da er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein
berzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja,
nach allem was man wei, eine schwerere Aufgabe fr den Edlen, auf einen
Wehrlosen zu schieen als auf einen, der wiederschiet. -- Ach, sagte
ich, ich glaubte, er sei irr, -- aber er meinte, deshalb drfte es doch
kaum leichter gewesen sein, und dann mute ich ihm Sigurds Plan erklren
vom bevorstehenden Krieg und den Frsten, die allesamt fallen sollten.
-- Ach, sagte Georges, daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog
wre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wre.
Regimenter der Unterdrckten, die riesige Internationale der
Ungerechtigkeit in allen Lndern, die hrte Sigurd ja immer
aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben,
Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumnen
und verwahrloste Portugiesen, Heere unbersehbar, alle vereint in einen
Schrei nach dem Recht, -- ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und
kommt vielleicht in hundert Jahren, fuhr er fort, die Augen hei und
schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, ein Luftschiff hoch mit
Griechenwein -- er lchelte fast schluchzend -- durchs Morgenrot
dahergefahren, wer mchte da nicht Fhrmann sein! -- Ihr habt ihn ja
nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was
wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm
geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getrstet in
Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise
des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er
traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte
er Cello und war eine schne Figur ...

Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzhlen, was er
mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht
anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen?
-- worauf ich ihn alsbald etwas sagen hrte von: Renate Montfort, die er
gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und
Einhornen, und was ich nun den Kopf hngen liee! -- Ach, du hlicher
Sptter! sagte ich und sprang wieder auf, warst du nicht auch bei
denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schne
Vergleichungen wuten von Bienen und Sonnenblumen! Ich war ganz von
Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wre, so wre ich
auch tiefer herabgestrzt, als er vielleicht sehen knnte, und dann
herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen
Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte,
obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die
Fenster zuckten gro auf und nieder, ich mute noch etwas sagen, und so
fragt ich: Wo warst du am Festtag?

Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte
meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. -- Du hast, hrte ich ihn
endlich sagen, beinah zwlf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und
dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel, schlo er, und ich war
dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest. Da war meine Kraft zu
Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf
seine Brust und sagte, er mchte mir vergeben, er wisse ja immer alles.
Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem
Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf.

Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.

                                                           Nachmittags

Ich lie Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der
Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz
ich und warte, wei nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die
Hnde, ich mu schreiben, da ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach
sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern -- was,
gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen.
Nein, das Grauen -- Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda,
die mich braucht! Lie ich sie vor drei Jahren nicht allein und begngte
mich mit redseligen Briefen?

Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, da du dich lange schuldig
fhlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib:
Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten?
Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu
spt! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fusten losgehn, damals, auf
seinen Bruder? Und dann, was sagte er? Ich bin doch schon als Junge
einmal mit dem Messer auf ihn ... Oh das hr ich nun, als wrs heute!
Warum verga ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag
und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer
auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: Lieber
Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -- Und warte, sagte Josef, ich
entgehe dir nicht! Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was
konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur,
die mich in keine Nhe zu ihm lie, es sei denn die eine?

Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich mu hin, ich
mu ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn
bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.

                                                          in der Nacht

Wieder in meinem Zimmer.

Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das mglich, da alles
hier unverndert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bcher, -- und mein
weier Knig sieht ber mich hinweg wie immer.

Ja, du mein Heiland, du heilender, so la mich dir bekennen alles, was
inzwischen geschah.

Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, da ich kaum nach dem
Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder
hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene
Fnf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich
durch den Vorgarten ging, ffnete Konrad die Glastr, lchelte und sagte
bekmmert: Das kleine Frulein, ach Gott! Aber kaum im Hausflur, fuhr
ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte.
Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das
Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging
selber in den kleinen Raum voller Mntel.

Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschpft, die fragte, ob ich es
schon wisse, und unendlich weit fort hrt ich sie sagen, ach, ich wei
die Worte nicht mehr ...

Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt
sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann -- ja, nun wei ich das auch
nicht mehr, -- ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als
ich sie sprechen hrte, es schien mir so gleichgltig, -- und auch --
als htte ich alles schon gewut ...

Und im nchsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt
dessen merkt ich, da ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich
keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich
auf nichts besinnen, zwischen den Mnteln und Jacken, und da lag der
groe graue Hut des Erasmus auf den Messingstben und Magdas grober
Gartenpanamahut mit dem dnnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was
zunchst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die
Klinke in der Hand merkte ich, da ich falsch gegangen war, wollte
zurck, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub
sei wohl gegnnt, und als ich ffnete, sa im Sofa, eine breite, weie
Binde vor den Augen, Magda.

Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! -- Ihre
grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so
zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas hnlichem, so
da sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tdlichen und Schaurigen,
das mich durchfahren hatte, so reiend schnell, da jedes sich erst
verstehen lie, wenn es schon geschehn war. Nun sa das Unheil hier,
ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit
den Gesicht in ihren Scho. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht
mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich sprte, wie die Erdfesseln
ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren
Ruck, es toste, riesige Bume wankten und schlugen um, ich konnte noch
denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorber! Da kreiste die rote
Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden
hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ...

Dann sprach ich mit Magda. Wir wollen nicht verzweifeln, sagte sie,
der Arzt meint, das eine Auge wrde sicher heil bleiben -- sie brach
unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurck und drehte das Gesicht
nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn
sie singt.

Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hrte,
da er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie msse zu ihm, ich
sollte sie fhren, aber pltzlich schlug sie die Hnde vor das Gesicht
und rief verzweifelt: Da ich nun hlflos bin, mein Gott, das durfte
doch nicht kommen! Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrckt, das
kleine weie Knigsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu
ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die
schnsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn
allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und
nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die
Kinder mssen leiden, was Riesen nicht schleppen, ber die Armen wird
Armut gehuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen
mchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich
auer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, groe wie kleine, und ich
habe genug gelitten! -- Sage doch, was du willst, antwortete es khl aus
den weien Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, da ich hinsehe.
--

Magda machte ihren Kopf frei und sagte: Jahre sind gekommen und
gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefgt und
gewartet. Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer
gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden
Tat zu vergolden, -- so da ich nun merkte, sie hatte die alte
Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. -- Ihre Hnde fielen
schlaff herunter, sie fing wieder an: Die Nacht ist hingegangen, die
ich mit Grbeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen
Menschen, und ich -- was soll ich glauben? Ich bin ja hlflos. Ich kann
nun blo dastehn und warten, da der Tod jemand treffen will, und ich
stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, -- was
kann ich tun?

Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage.
Sie wute ja noch nicht die genauen Vorgnge vom Tode des Herzogs, wie
sie aber nun alles von mir hrte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in
der Hast etwas von einer Fremden, im franzsischen Park, einem Anfall
gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und da sie Georg
habe ins Wasser fallen hren, was ich ihr ja aus Sigurds Worten
besttigen konnte. Und siehst du, sagte sie dann erglhend, wenn
nicht das mit mir geschehen wre, so wrde Sigurd Georg getroffen haben,
und also -- also wars nun das dritte Leben, das ich -- gerettet habe.
Und meins ist nun aus ...

Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend
angerichtet, und sie stand auf, ich fhrte sie zur Tr. Drauen lie sie
meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum
Treppengelnder hinber, wo sie aber fast umgesunken wre. Sie brachte
keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die
Treppe hinunter. In der Halle -- nein, da ri alles ab.

Pltzlich stand ich vor Erasmus' Stubentr. Ich wollte klopfen, aber
meine Hand versagte, auch den Trdrcker bekam ich kaum herunter, und
als die Tr aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer.
Da sa Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, ber ein groes
Buch auf seinen Knieen gebckt, schon umgewandt nach mir, aber ganz
geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: Mach die Augen zu,
Erasmus! Dabei mu ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach
einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Snder in
seinem gelben Unterhemd ber seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu
ihm, als ging ich ber Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und
sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: Was liest du
denn da, Erasmus? Er hatte die Unterarme ber die Seiten gelegt und die
Hnde ber die oberen Buchrnder gekrallt; so bltterte er mit den
Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und lie mich auf
das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als
begingen wir eine Snde zusammen, und ich flsterte: Du mut mirs
zeigen! Nun brachte er eine Hand ber die Seite hin, der Zeigefinger
krmmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rckenden
Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, da mich totschlage,
wer mich finde ...

Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Hnden, sah durch das Fenster
mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebume, und
seine groen Hnde lagen glhend um meine Unterarme geschlossen; dann
fand ich mich ber ihm stehend, und er hielt meine Hnde. Auf einmal
hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort
und sagte zu ihm: Steh auf! -- Mir zitterte das Herz, wie blindlings er
gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, gro, so breit und mit
geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tr, hrte, wie er sich auch in
Bewegung setzte und mir nachkam und die Tr wieder schlo und hinter mir
die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Gerusche
waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer
seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tr ffnete, gab es
einen Luftzug, ich fhlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden
offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weien Vorhnge herein.
In seinem Bett, das frei dastand, sa der alte Mann; ich sah seine hohe,
kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah
mich nicht, sondern den, der drauen stand und die Hnde rang, und dann
fhlte ich mein eignes Lcheln so brennend, als htte ich eine Sonne im
Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf,
Fittiche schlugen wei aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und
die uralte Stimme rief laut: Komm herein, mein Sohn, komm herein! Da
strzte ein schwerer Krper an mir vorber in den wolkigen Raum, ich
hrte einen dumpfen Fall und die Worte: Vergieb mir, mein Sohn, und la
mich wieder dein Vater sein! -- Dann war ich drauen.

Am Ende eines langen weien Flurs sah ich das stille Einhorn auf und
nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine
altertmliche Arkade ein -- spter fand ich sie wieder auf der rmischen
Abbildung, die dort hngt -- und verschwand, den langen, weiwallenden
Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grnen
Dmmerung, die sich langsam schlo und zu grnen Korridorwnden mit
weien Tren wurde.

Spter fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief
gleich.


                        Cornelia Ring an Renate

                                                  Altenrepen, am 4. 8.

Liebes Frulein von Montfort,

bitte wollen Sie mir verzeihen, da ich mich an Sie wende, aber ich habe
sonst niemand, den ich fragen knnte, wo Herr von Montfort ist, und ich
bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fnfte Tag, da er das Haus
verlie -- Sie werden wohl wissen, da er seit seiner Rckkehr nach
Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wre gar
nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich
seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er
heit Li und hngt mit so auerordentlicher Liebe an seinem Herrn, da
ich Sie bitten mchte, falls Herrn von M. etwas zugestoen sein sollte,
es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.

Von Herrn Bogner hrten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur
Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch
recht schmerzlich fr mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich
ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber
schlieen und gre Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre
gehorsame

                                                         Cornelia Ring


                        Renate an Cornelia Ring

                                                Waldheim, am 4. August

Liebes Frulein Ring,

durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen
ist. Glauben Sie mir, da ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und
so gerne wre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine
erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann.
Mchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich knnte Ihnen dann
vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen mchten. Li, der kleine, war
so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch
lchelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber
er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in
Angst um Sie, liebes Frulein, und bitte, wenn Sie sich fhig dazu
fhlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre

                                                       Renate Montfort

Noch etwas fllt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren
ich erwhnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu frchten, da sie
erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere
Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns
durch den Kopf, da ihn meine Freundin zu sich nehmen knnte, gesetzt,
Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin wrde einen Fhrer
brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine
Hflichkeit, und was hat er fr merkwrdig runde Augen in dem
Chinesengesicht!


                            Irene an Renate

                                Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August

Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals ber Kopf, und da ich leider
keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich
ratlos und wre Dir dankbar fr ein Wort ber Dich und vor allem ber
Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem
Unfall, sie war so bengstigend still!

Zu Hause wars nmlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die
Nacht, und am nchsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die
reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,
diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht
gut zu mir gewesen wre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas
damit zu tun htte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe
verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott,
wenn Worte einen Menschen zu etwas machen knnten, ich wre es geworden
in diesem Augenblick. Ich htte an mir selber irre werden knnen, packte
meine Sachen und entfloh.

Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige
noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist
geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natrlich nicht, nur die
Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen
Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Grfin und hat sich auch so! Vor
lauter Genugtuung ber meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz
Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Husern wohnte, sondern in
Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem
verprmmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wre dankbar, hier nur etwas
Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt
von Dauer sein wrde (was der Himmel verhten mge!) oder nicht. Da
wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wre was
Kstliches, und nur am Abgrund hin fhrte der Weg in den Frieden. -- So
eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders
als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jngsten Tage
heit: Reichsgrfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im
Geruche groer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem
Sndenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein groes Licht auf, und
ich sehe, da es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine
ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich
Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen
Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie
sauber verschlossen in einem groen Koffer mit sich herum, den sie
berall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im brigen sind sie ganz
gewhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die
Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demtig, und das Frauenrecht
nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja,
denn ich war die ganzen Jahre lang berhaupt nichts!!!

Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich mu wieder werden, die ich
gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich wei noch nicht, wie
das geschehen soll, aber es mu. Nun -- damit mu ich allein fertig
werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke
nicht unfreundlich Deiner

                                                                 Irene

In meiner blichen Selbstsucht verga ich natrlich, da ich Dir von
meiner Schwgerin Dora schreiben wollte. Da sie mich vermissen wird,
glaube ich zwar nicht, bei dem versteinerten Zustand, in dem ich sie
verlie; da ich aber wei, da ich trotz ihrer vielen Freunde und
Bekannten allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar nicht rein!
Deshalb mchte ich Dich bitten, recht bald einmal nach ihr zu sehn und
mir mglichst ausfhrlich zu schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr,
Du bist so lieb?!


                            Renate an Irene

                                               Waldheim, am 14. August

Meine liebe Irene!

Da ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich
erst Bestimmtes ber Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute
erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist
ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir drfen uns
das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar
Gestalten erkennen zu knnen, und hell, sagt sie, sei es stets. Du
siehst: sie ist, wie sie immer war! brigens giebt es etwas, das ihr
dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu
erzhlen. Es ist aber das, da sie die alte Prophezeiung, von der Du
weit, nun erfllt sieht; und da es Georg war, an dem sie sich
erfllte, ist ihr Trost.

Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes,
fand sie ber einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und
Kchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr
Gedchtnis habe gelitten, sie knne nicht mehr rechnen oder mit
Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hlfe
aufzudrngen, ich bin seitdem fast tglich bei ihr gewesen, sie hat mich
bei ihren Mitarbeiterinnen eingefhrt und so nach und nach alles in
meine Hnde gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben mssen,
ausgenommen die Beschftigung mit der Volkskche, Doras persnliche
Domne, denn fr die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fhig
einzusehn, da Kampf gegen die vielen sozialen Schden und
Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht,
bleibe ich fremd und mag auch nicht kmpfen. Die Welt ist bisher eine
mnnliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie
sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so knnen
sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die
Mnner. Da arme Leute fr wenig Geld viel und gut zu essen haben
mssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die
Kche.

Kaum dann, da ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu knnen, ist
Dora mir fast unter den Hnden erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter
fr sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.
Jason, den ich hufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie
erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben.
Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, wrde ich mich vergebens fragen,
wenn ich nicht wte, da jede Qual den Menschen weniger bricht, als
vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag
oder Hoffnung: es pat alles nicht fr ihn; es wird alles nur wieder
Qual.

Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch
nicht fhig, gute Irene, und mu es Deinem liebevollen Herzen
berlassen, zu ahnen, was sich nicht erklren lt. -- Da Du den Weg
finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da
sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind
auerordentlich ...< hie es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht
durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor
Not, eher werden wir in die gttlichen kaum passen. Da sind die
alltglichen Verrichtungen fr uns gut genug, und nach uns wendet kein
Gott sich um, wenn wir vorbergehn.

Magda schliet ihre innig liebenden Gre den meinen an! Stets Deine
alte

                                                                Renate


                            Aus Renates Buch

                                                         am 21. August

Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum
Weinen.

Er hat Schlimmes berstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzndung;
bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, mu schon Eiter dagewesen
sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere
Punktionen unmglich. Spter stellte sich eine schwere innere
Vereiterung heraus, es mute geschnitten werden, ein Stck Rippe heraus,
und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanle an
einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzhlte mir das auf der Fahrt
zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Zge
waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von
innen durch die Mutterschaft?

In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe
Rckenwand eines Metallbettes, ausgefllt von hochgestellten Kissen,
dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter
Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich
einen alten, furchtbar vergrmten Mann dasitzen, und aus schlottrigen
grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrndern seiner
groen Augenhhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Hhe, wo von
einer der Lnge nach ber dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette
mit einem Ringe hing, den er mit schneeweier, langfingriger Hand gefat
hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu
einer Tr umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte.
Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte
Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebsch
oder hinter einem Zaun!

Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff
gleich mit beiden Hnden nach meiner. Dann sa ich auf einem Stuhl bei
ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum
vernehmbare Stimme: Renate Montfort ... Da seine Lippen sich bewegten,
so mute es seine Stimme gewesen sein, nun mute er husten, es dauerte
lange, bis er fortfahren konnte: Ich wollte sagen: Renate Montfort
weint. Traurig fr mich, setzte er hinzu, aber -- hbsch! hbsch!
Dabei lchelte er, da mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann;
der hatte auch in den letzten Tagen dies mhselige Lcheln der dem Tode
Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.

                                                            24. August

Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch tglich
zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell mde; seine Stimme ist
mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.

Sagen Sie doch, fragte er heute, ist Fuge wirklich das lateinische
_fuga_? Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: Also wirklich
Flucht? Das ist ja abscheulich! worauf er mich und Ulrika nachdenklich
betrachtete und fragte: Ich mchte wirklich wissen, wie ihr es
anstellt, diese unseligste aller Knste zu betreiben!

Wir stellten uns sehr bse. Warum unselig?

Eben, sagte er fein, weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie
kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz --
bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flchtigen Tiers
ber ein Gebirge. So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer htte die
Musik etwas Gejagtes, knne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang
und dem Ende unaufhrlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so
geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer
zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,
und hat sie die Ruhe doch einmal, sagte er, so tritt sie schon wie
ein Gewsser ber ihren Rand.

Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schn
zugehrt haben wrde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den
Stillstand gehrt haben wrde.

_Quies in fuga?_ meinte er zweifelnd, die Ruhe auf der Flucht?

Schner, erwiderte ich, liee es sich kaum ausdrcken.

Aber erklrt mir eins, fing er nach einer Weile wieder an, warum habe
ich denn immer, wenn ich genau zuhre, das Gefhl: weshalb ist das nun
so? Knnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?

Weil er, erklrte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet htte und
schlafen sollte.

Das will ich, sagte er folgsam entschlossen, aber noch eins! Er fing
umstndlich wieder an, wir htten seine erste Frage nicht beantwortet,
wie wir es nmlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb
sich die Hnde. Ich wills euch sagen. Die Musik ist fr gewhnliche
Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid
_Angeli sancti_, nicht wahr? schlo er mit einem sonderbar ngstlichen
Blick zu Ulrika empor.

Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal,
und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und
stets ist er gegen Ulrika von einer so ngstlichen Zartheit, die mir,
ich wei nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich mu die Augen
niederschlagen, wenn er nur sagt: Mchtest du wohl so gut sein ...,
als wre da etwas zum Schmen.

                                                         am 25. August

Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch
nicht wute. Er hrte wortlos zu, schlo dann die Augen und hielt sie
lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder
ffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: Unmglich! Sterben ist
mglich, aber blind werden nicht! Da erinnerte ich ihn, um ihn sich
selber vergessen zu machen, daran, da Magda nicht male.

Richtig, sagte er, sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die
Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber fr Blinde
kann sie ja dann wohl eine schne Quelle der Wrme sein.

Ich wills Magda sagen, meinte ich leise.

Nein, sagte er da, sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so
von Blinden ... Sagen Sie ihr -- Er besann sich, die Lippen bewegend,
sagte dann: Der Krper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend
Augen; soviel Gtter, soviel Augen.

Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal
fragte er mich, lchelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht
Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so
liberal nennte. -- Ach, nein! Ein ganz frommer Mann? Ich bejahte.

Dann, sagte er, will ich Ihnen noch was schenken. Jason hrte ich
einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da knnte man auch sagen: eine
liberale Musik, -- und nun fllt mir bei dem Seelenargus ein: das
sogenannte liberale Christentum ist wie der einugige Polyphem,
geblendet vom listenreichen Uly, schlo er verschmitzt, der
Vernunft.

Er ist nun so klgelnd geworden ...

                                                                am 26.

Ich kam von Bogner zurck, es war schon spt und dmmrig geworden, da
hrte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in
den Garten, wo ich dem Getn anhrte, da Tr und Fenster der Kapelle
geschlossen sein muten und da es uerst heftig war. Nher kommend
hrte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von
Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen
Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im
Dunkel?< fing es an. Vor der Tr der Kapelle hrte ich die Orgel allein
die Schluwendungen mit solcher Kraft brausen, da die hlzerne Tr
erbebte; ich ffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen
Orgelstimmen warfen sich ber mich wie Geister, schon wieder mit der
Wucht der Oktavengnge im Ba des Anfangs einherstampfend. Ach, ich
glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer
bermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem
Dunkel, die hinfegte ber mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so
brechend aus allen Fugen, nach oben strzend und sich niederschmetternd,
da ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in
die Hnde gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der
Nacht, unter Gewlben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,
blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lfte hinter sich mit zuckenden
Fen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze
Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewlbe hin und
ber mir fort, und die Lfte schlugen schallend hinter ihm auf wie
Gewsser, heraufklatschend an den Nachtwnden. Es war ein endloser Gang,
nicht breiter, als da der Engel darin fliegen konnte, und so kam er
zurck; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Fe bleich schimmern, wie er
ber mir fortstrmte, und pltzlich sah ich ihn an den Stben eines
Gitterfensters hngen und daran rtteln; sein Leib fiel nach unten, er
hing, so lang er war, aber er schwang die Fe hoch, stemmte sie gegen
die Wand, und whrend hinter ihm die ohnmchtigen Flgel in rasenden
Wirbeln die Lfte peitschten, rttelte er mit seinen langen Armen,
rttelte und schrie auf, lie los, ermattete, tastete und strzte ins
Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen
verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte
rannte er mit wtender Schnelle schrg nach oben und mit ungeheurem
Prall gegen die Wlbung, da sie barst.

Sechs schne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Hnden,
standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines
Berges; tiefer braute Gewlk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, groe
Takte schlugen majesttisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,
duftende Bschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten,
ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht,
krperlos zog es herauf, goldene Dnste stiegen in triumphierenden
Wolken berall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies
steil in das khle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weier Stern,
aus dem langsam eine Trne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes
Auge, die Trne fiel na und brennend auf meine Hand, es war dunkel.

Nun hrte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel,
aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine
Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang,
wie es schn und recht war, ohne berma, beugte ihn und richtete ihn
auf, lie ihn schwellen und verhallen, lie die Stimme schweigen lernen
und sich bndigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons.
Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie
das Ma; die Stimme gehorchte freiwillig, der lrmende Gott der
Blindheit war nirgend.

Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.

Im grnenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in
allen Bschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der
Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene
Horn des Tiers. Das weie Tier stand im Garten, es hob die leichten
seligen Fe und ging vorwrts wie im Tanz, indem es sich unaufhrlich
verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der
unbeschreiblichsten Sanftmut, der pltzlich endete, da das Tier den Kopf
stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mhnenhaars
und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe.
Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, da es freundlich
lchelte, whrend es auf einen groen, blauschwarz gewandeten Engel
zuschritt, der pltzlich unter den hohen Bumen stand. Er legte eine
Hand auf den Rcken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so da ich die
hohen Bge seiner gewaltigen Schwingen ber seinen Schultern sah,
whrend die gebogenen, sehr schmalen Flgel selber an seinem Leib
vorber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn
gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im
Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hnde auf dem
Rcken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon
ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und
sein Gesicht zeigte, wei mit schwarzen Augen, aus denen es lchelte ...

Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er
eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich
zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: Siehst du wohl, da
ich doch fliegen kann? Ich mu es glauben, antwortete ich leise und
schauderte.

                                                         am 27. nachts

Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In
der Volkskche hatte es eine bse Geschichte gegeben mit zwei ineinander
verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen
waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer
wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch
ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Fe sind
geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da
und sprach kaum.

So verlie ich ihn in recht gedrckter Stimmung. Auf der Heimfahrt
erzhlte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, da er vor ein paar Tagen
bei Georg gewesen ist; da er nun anfngt zu gesunden. Er liegt in dem
kleinen Schlo, in dessen Nhe er auch gefunden wurde. Was mit ihm
vorgegangen ist, wei niemand, und vielleicht wre er gar nicht entdeckt
worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt htte. Auch
das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer
abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?

Dies hrte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner
Bekmmertheit sprach, da er sich nicht getraue, Georg den Tod seines
Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.

Aber da, sagte Jason, hatte ich einen Versager. Vielleicht htte ich
es doch lieber mit Einschlfern versuchen sollen. Er schien ruhig
zuzuhren, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmchtig
geworden.

Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Gerusch des Fahrens,
berlaut in meinem Gehr, und da merkte ich, wie alles wieder brcklig
in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich sa auf der Hhe des Wagens,
die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getmmel unten und oben,
und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war
an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zhlte ich da Jason
auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen
eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und
weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. Jason! mute ich endlich
entsetzt fragen, wie war es nur mglich! all dies an einem Tag!

Jason sagte: Du lieber Egoismus! Warum lssest du alles brige fort? An
jenem heien Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag
erlitten, woran sieben starben; drei strzten mit einem
zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen
vom Dach, zwei von der Straenbahn, sechs wurden berfahren, einer brach
den Arm im Gedrnge, und brigens mssen der Wohnungen, die von ihren
Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens
zwanzig gewesen sein. Er htte nicht gezhlt, schlo er, aber was mir
einfiele, alldas nicht zu rechnen?

Nein, Jason, konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung
entgegnen, du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezhlt habe,
gehrten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!

Freilich, erwiderte er, kommt ein Sturm, strzt das Dach ein, so
trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewi, ich erinnere
mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hie es, und damals fing alles
an. Denn, endigte er liebenswrdig, ich gebe dir gern zu, da du die
Dinge so ansehn mut, wie sie sich um dich ordneten.

Ordnung, Jason! rief ich emprt.

Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, mu er
auch Dmonen haben.

Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile,
bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn
ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.

Ein bichen schwarze Kunst vielleicht? riet er.

Ach freilich, die Schwrze sieht man an den Augen! Aber worin besteht
sie?

Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand
wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur
die Augen krftig zuzumachen und zu denken, da es mich gar nichts
anginge.

Du hast uns so oft wohlgetan, Jason, sagte ich leise, wie willst du
das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?

Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrcke. Ihr Alle geht mich
viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte,
an mir, nmlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich
lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich
verwirrt und unntz, und das Leid ist weiter nichts als grer geworden.
Mu man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut ber den Deich,
so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als
indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett
zu leiten? Oh, man mu es gut schieben und zwngen, bis es an Ort und
Stelle und eingepat ist. Dazu ist aber doch Besinnung ntig. Nun, und
wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch
verlieren?

Ich konnte nur den Kopf schtteln und sagen: ich verstehe es nicht.

Es lt sich ja nicht verstehn, erwiderte er freundlich, ich sagte es
schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man mu mit fhlen,
aber nicht mit leiden?

Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?

Nehmen wir, erklrte er nun, einen eisernen Topf. Der ist voll
Wasser, steht am Feuer, das Wasser fngt an zu kochen. Das Feuer glht,
der Eisentopf glht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die
Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles ber den Rand
wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fhlt sie. Fhlt sie ganz
ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lfte ist, alle
schdlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus,
der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein
Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dmon?

Beide, Jason, doch beide! rief ich ganz aufgelst, aber warum, und
wie macht es denn dein Topf, dein --

Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht
weitergesprochen. Mir fiel nmlich etwas ein, das mit Jason
zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der
Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu
schreiben, wute ich, da es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich
brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte,
geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:

Gewi erinnerst du dich der Geschichte von den drei Mnnern im
Feuerofen, die sangen. Ganz khl standen sie in aller Glut und sangen
schne Lobgesnge. Das sollten eigentlich wir Alle knnen, ja, das ists,
was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was
wre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststcke
macht mit seinen Heiligen? Nein, er lie sie ganz und gar verzehrt
werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst
du, Kind, sagte er zu mir, in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen
Essenz waren ihre Leiber durchtrnkt, so da ihre Asche fest wurde, fest
wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie khl und wie
angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen
sie unverbrennlich den Lobgesang.

Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle
knnen, -- o Gott!

Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es
vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich
lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht
so, wie Jason erklrte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie
nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen
Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen
und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir
die Hnde. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus,
was konnte ich tun? Ich legte die Hnde auf seinen Kopf, oh Heiland, wie
das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut
ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefat und gefhlt, wie sie
glhte, und da war meine Hand noch khl. Ach, sie ist doch verbrannt,
denn was half ich?

Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwche, diese innere
Lhme schon durch die Wochen. Es ist, als htte ich Angst, dies knnte
noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde
ich schwach sein und nur brennen und nicht berstehn. Sollte das mglich
sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir?
Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glck!

Ruhig war ich frher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener
Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universitt,
im Schlo dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da
war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und
betubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat
mich da berfallen, der schlpfte in mich hinein und hockt nun in mir,
zusammengekrmmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die
groen Verneigungen.

Bist du ein Gott, du frchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der
Teufel? Du hast mich fters auch trunken gemacht in diesen Wochen,
hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann
dachte ich gewi: Ein Gott mu es sein! Aber ich wei es nicht, ich wei
es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun s ist oder bitter, wie
soll ich da erkennen?

War ein Gott im Feuer oder ein Dmon? fragte Jason, und ich schrie:
Beides!


                        Cornelia Ring an Renate

                                             Altenrepen, am 29. August

Liebes Frulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen fr Ihre lieben
Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, da ich Sie bis
heut ohne Antwort lie! Ich, wissen Sie, habe gar keine
Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur
stillhalten und mich zerreien lassen. Es ist nun so weit vorber, da
ich wenigstens der Auenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann
ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Krper geschwollen. Wenn Sie es
denn erlauben, komme ich in der nchsten Woche zu Ihnen. Heute will ich
Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen
guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich
ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben
sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden,
denn das hie nicht, da er nun keinen Herrn mehr htte, sondern da mit
seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach
Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmchtig
zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er
wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er
zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs
Papieren irgendwelche Bestimmungen fr Li fnden, fand aber nichts. Li
selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und
behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heit aus
seinen Tagebchern wiederherstellen zu mssen und herausgeben. Er,
Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere
Tagebcher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat
oder auch ganz selbstndig. Schon hieraus knnen Sie sehn, wie sehr der
Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, wrde er Ihnen Li aufs
hchste rhmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und
besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen
begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er,
Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast,
seinem Bruder gegenber) fr unpassend, einen Diener fr sich allein zu
haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, da er bei mir
nicht bleiben knne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm
gewi lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder
vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen mchten: Li wei
alles, und es sind ja auch die Tagebcher da. Heute erklrte er mir,
wenn er schon bei mir nicht bleiben knnte, so gefalle es ihm, da seine
neue Herrin nicht sehen knne, denn da es die alten Augen seines wahren
Herrn nicht sein knnten, wren gar keine schon das beste. Das klingt
ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch
ganz so, wie ich Josef einmal sagen hrte: Wenn ein Mensch ein Unglck
hat und gar nicht wei, wie er damit fertig werden kann, so macht er
einen Haken und hngts am Unglck von einem Andern auf. Und ein andermal
sagte er: Unglck kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es
irgendein Glck zur Folge fr jemand anders, und aus der Birne, die ich
fr faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine
Allee.

Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte
meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so wrde ich mich am liebsten
selbst anbieten. Einem Blinden zum Fhrer dient wohl der am besten, der
selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fllt wieder ein Wort
Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trgt er ein blaues Auge
davon; wo es aber die Seele traf, was fr ein Auge wird sie da
aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau
Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, da sie zusammen
bleiben.

Und nun gottbefohlen! Herzlich grend Ihre

                                                         Cornelia Ring


                       Zweites Kapitel: September


                         Georg an seinen Vater


                                   I

Jason sagte (und nmlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn
fr den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, da Du
gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (brigens,
ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch
nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es
so, da Jason ganz wei von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke
sa, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und
diese, ich mu gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)

Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt,
denn wir sprachen mehr als einmal darber, da wir im Zeitalter des
Ausdrckens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was
das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nmlich: die Form, das wei
ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer
Stolz ist es, wenn er fr irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden
hat. So auch die brigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so
weiter.

Nmlich, ich will sagen: die Umstnde reden ja gewissermaen zugunsten
der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht
weiter, als ich ihn eben verstehe, das heit, ich habe alles, was
Vernunft und Sinnenordnung heit unter den Menschen, so oft
hirnverbrannt finden mssen, an Andern und an mir, da ich durchaus
nicht wei, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten,
wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und brigens, wer sagt denn:
gesprengt? Ebensogut knnen sie ja nur erweitert sein. Attentate auf
Frsten sind auch von sogenannt vernnftigen Leuten nicht selten verbt
worden, und so liee sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, da
es fr ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung
bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so
ein Ausdruck!

Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrbte Mienen und so weiter,
vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverstndliche Abwesenheit, -- wie
gesagt, all das spricht fr Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das
ist eben der gngige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls,
denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem blichen Sinn
des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: mten nicht meine
Nerven reien im Augenblick? Mit einem Wort: ich strbe vor Angst?

Nein, mein Glaube bleibt die Form. (brigens ist es, wie mir einfllt,
gerade Sigurd, dem ich die frhste Belehrung hierber verdanke.) In der
Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie knnte sie
gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche
Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in auerordentlicher und
besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie
rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, da die Form, in der Du nach
wie vor Wesen hast und lebst, da sie ganz und gar zusammenfllt mit der
Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast
gttlich: Du, gemacht aus vterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des
Vaters fr unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und
ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmglich erdacht werden. Mir
verbleibt.

Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schlft immer ein, dieser Knabe
Georg! Ich dachte erst, das Schreiben wrde ihn munter erhalten, aber es
scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das
merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (brigens, in
Chttingen sagt man Cheist, -- ich wei nicht, es reizt mich so
besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben
einfllt. Nicht wahr, es knnte ja grade das von ausschlaggebender, mit
einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher,
wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine
Beine und so weiter.

Nmlich --

Oder vielmehr --

Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes
oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit
Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Brger so schn
singt, aber -- das ist auch nicht so einfach!


                                   II

Denn (um an meinen ersten Brief anzuknpfen): warum bist Du fort und ich
hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der groe
Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, da ich gar nicht
die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr
dienlich, -- ich aber blieb hier in der kranken Dmmerung, und wenn ich
nicht die Hoffnung htte wie einen Felsen, wie einen _rocher de bronce_,
in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist -- wie wre
dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich wei, da
die uerung von Gefhlen frher nicht blich war zwischen uns, aber
damals ging es uns Beiden ja verhltnismig wohl. Nun verstehst Du
wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich.


                                  III

Standhaftigkeit sagst Du. O gewi, natrlich! Ich wei ja auch: es lebt
niemand in der Dmmerung, der nicht _recte_ hineingehrt, und schon da
ich darin bin, wre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den
ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich
besonders entmutigen wrde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu
fassen: ich mu schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du wrdest
mir ja gern helfen, ich wei, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja
vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo
ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um
sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern -- o
himmlisches Grn hinter Bumen! -- dmmert die heilige Wahrheit ...


                                   IV

Ich wei nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war
ich so besonders glcklich und munter, aber bei mir hlt auch rein gar
nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia.
Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende,
besondre Mdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du
in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh --
ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontne! Helenenruh
war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer.
Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus
wieder die einfache Folge ist, da ich nach Helenenruh fahren mu, um --
wenn ich schon in die Vterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in
die Kindheit zu gelangen. Und fhrt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur
dort kann er beginnen.


                                   V

Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterlie ich
bisher eine meinen Krper betreffende Mitteilung von nicht besonderer
Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin
nmlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau
dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders
merkwrdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch
ein unmenschliches Glck, nicht wahr, fr diesen Knaben Georg? Denn
wohin wre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wre? O die Tiefe
ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel
nher immerhin, das heit: Du mut verzeihn, wenn meine Berechnungen
vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm
Land? Dein letzter uerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft
noch, da er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich wei.

Darber mssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich wei nicht: mir
wird eigentlich tagtglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so
schwer zu fassen! Frher, ach weit Du noch? >Wie wir einst in
grenzenlosem Lieben -- Spe der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals
war alles leicht.

Und wenn schon die gewhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es
manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben
es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie
nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist
fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich mu noch
lange, lange leben, mu schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus
lauter verknselten Fden weben.

Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im
Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube brigens, es wird besser mit
mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann luft sich vieles so
an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit.
Glaube mir, Papa, es war die reine Hlle! Ich will mal sehn, ob ich es
Dir beschreiben kann.

Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen --
das lange Fahren. Immer dieser merkwrdige Wagen ohne Pferde, in dem ich
vorne so angeschmiedet sa, als wre ich ein Stck mit ihm, und neben
mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre
mssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter
und gesprchig waren -- untereinander --, whrend ich selber keinen Laut
uern konnte und nichts begriff und nichts fhlte als den entsetzlichen
Druck, in den mein ganzes Sein eingepret war. Und dann die schaurige
Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, da es in Wirklichkeit doch
kaum Minuten waren, whrend ich umgebettet wurde, und doch diese
Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also
gewi, da es nur auerhalb unsrer, und fr uns nur insofern wir mit dem
uern in bewuter und vernnftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht
aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwrts kommen, manchmal
zwischen den unsglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer
bedrckt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte,
dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Hfe, die
zahllosen Hfe, dann die Rume dieses den Hauses, das nichts hatte als
seine Wnde, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis
ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz
(und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faten beim
Umbetten, da ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das
Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht sa), bis ich dann merkte, da
sie mich ja wieder aufgehngt hatten, an den Fen aufgehngt an der
Wand, ohne da ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich
hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das
heit ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht
lge. Und da dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum,
Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen
miteinander, nichts war fr mich zu verstehn, ich flehte, ich war fr
sie gar nicht vorhanden. Es war die Hlle! Ich glhte festgegossen,
hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf
hintenber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe
ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!

Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Groe.

Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir
nicht mehr, es lt sich ja nur trumen. Es war nur Empfindung. Es war
Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und
berall. Es war das Groe, das ungeheure schwarze Wlzen vor mir, ber
mir --, und ich selber war das Wlzen. Ich war zum Giganten geschwollen
und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu knnen.
Ich sollte das Groe umwlzen, es war ein grauenvoller Drang,
umzuwlzen, und es wlzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ...
Nein, kein Groes, kein Wlzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.

Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Groe. Wie
ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein,
Lungenentzndung hatte, mu es dagewesen sein. Ja, und damals selbst
kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich
erinnere mich -- mu ich mich erinnert haben, wie ich mich heute
erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Frchterlichste war die
Erinnerung, da es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen
gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber
wann? wann?


                                   VI

Dieser besonders gute Jason war eben da und erzhlte mir etwas
Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch mu
ich einige Erklrungen vorausschicken.

An jenem 31. Juli nmlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der
groe Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das
heit whrend seiner ganzen ersten Hlfte war ich -- kurz und gut:
gewissermaen berauscht. Damals wute ich es natrlich nicht, das heit
als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein
besondrer Rausch, nmlich nicht im Kopf allein, sondern in allen
Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als
ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.

Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir:
Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklrt hat, erinnere ich mich
erst deutlich wieder. Ich sa nmlich um die besondre Mitternachtstunde
oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische
Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf
einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen
Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausflle
im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schlielich stellten sich drei
Gugelmnner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeliche
Dinge sagten, das heit -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf
eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nmlich Kaja.

Und nun hre diese entzckenden Zusammenhnge! Ja, also am 31.
nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache
abgefaten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo
gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, da die Schreiberin
meine Mutter sei, ich hielts nicht fr wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem
Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen
(entschuldige gtigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es
langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nmlich nach einem
besondern Russen, der ihn bersetzen knnte. Wen findet er am Ende?
Natrlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe
da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das
heit, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre
Worte, und kurz und gut, ihm fllt ein, da ja dieser Josef Montfort
vorhanden ist und grade aus Ruland gekommen, und nun wandern sie
selbander zu ihm, das heit in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort
wohnt.

Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit!
Es hatte nmlich besagter Montfort aus Sdamerika, wo er auch gewesen
ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein
besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern
zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin
besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. Und da, sagt
Jason, da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und
machen sich gegenseitig ihren schnen blauen Dunst vor. Das selbe nun
taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat
einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund
Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte
natrlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber
Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage?
Josefs Kenntnisse in Russisch sind beraus mangelhaft, aber sein
Chinese, der kann es glnzend, blo -- er kann nun wieder keine
russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schlielich
allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schlielich
heraus.

Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorflle und so weiter, mit
einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde,
oder nicht, und ob Klemens es mir sagen wrde oder nicht (derselbe
nmlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich berlegen, und das
tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine
besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schner Gedanke,
nmlich in Hinsicht auf die knigliche Wrde, die ich in jenen Tagen auf
mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit
dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so kstliche Bilder und
so weiter, da sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es mu geschehn.
So kauften sie denn am folgenden Tage -- nmlich das heit: Montfort und
Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische
Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften
sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch
mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher
Erscheinungen htte, ich auch die Gugelmnner fr ebensolche halten
wrde. Jason, das mu ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein
was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an
sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem
Gewande trgt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die
Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu
schlecht. Der wei nmlich haargenau, da er an etwas, das geschehen
soll, nicht das geringste ndern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist
gleichsam handlos oder blo Kopf, oder wie er es ausdrckt: er wre nur
eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein
und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar?

Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was
geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt
Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner
sagen, und da saen Sie ja, sagt Jason, und tranken Ihren herrlichen
Christitrnenwein, oder wie solche besondren Weine heien. Nun, und
kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und
Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer
Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles
schauerlich und sehr schn, blo ich natrlich, ich schlug alles in den
Wind, naturgem -- meiner Natur gem --, das heit: in diesem Fall war
ich gewissermaen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte
neben jener optischen auch die Wirkung, whrend der optischen uerst
schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von
besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt
berfiel. Aber es war doch sehr schn, und ich bilde mir schon was
darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem
Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch
noch eine sehr feine Idee, nmlich einen Schmetterling, auch aus
Sdamerika. Er war so gro wie meine Hand, ganz blau wie lauter Trkise,
und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bnder die Drei ihre
erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in
meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wte,
wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wute es ganz und
gar nicht.

So geht es, Papa, so geht es! Aber nun mu ich leider aufhren, ich
htte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mut verzeihen, ich bin so
frchterlich mde!


                                  VII

Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im
allgemeinen wei mans ja, aber diejenigen, die einem besonders
nahestehen, die hlt man doch gemeinhin fr Ausnahmen.

Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley.
(Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es
wre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, da Du sie
einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur
Welt, was merkwrdigerweise auf ihr ueres nicht den geringsten
Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor s und
wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck
aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein
bichen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzhlte sie
naturgem tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit,
Rhrung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natrlich, die
beraus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich
vielleicht Gre an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines
Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten
obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun
so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich
heraus: alldas war blo Oberflche. Er ist so flach wie eine Furt fr
Khe. Nun, er heiratet ja demnchst auch diese japanische Ente, die er
sich da angebndelt hat. Obendrein rckt er mit der Absicht heraus,
durch meine Vermittlung eine demnchst freiwerdende Korrepetitorstelle
am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke
Person von Schwiegermutter, der die Untersttzung eines ums Haar zu den
Toten versammelt gewesenen gekrnten Freundes nicht geheuer scheint. Mag
er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln
lassen. Die nchste Forderung der Dicken wird wohl sein, da er eine
Operette komponiert von wegen der Tantimen und so weiter.

Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit
Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hngt er nun
wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den sten meines
Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadensto zu
versetzen. Ach, knnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln
abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart mu ja geschehn, ich wei,
damit die Seele ganz frei und rein werde -- fr Dich! Du willst keine
Gtter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst,
wre es nur mehr, was ich geben knnte, jeden Freund, jede Geliebte,
alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden,
eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!


                                  VIII

So nchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute
der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon
alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum
bersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den
Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen mu, da ich
noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und
nun zgere ich wieder.

Mir trumte, da ich in Trassenberg ankam und in die Gruft
hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas
hinabfhrte. Das Gewlbe unten, in das ich gelangte, war aber leer,
zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster
Birnbaum, der an einem Tisch sa und in einen sonderbaren Trichter
hineinsprach. Es war sehr still, mir war ngstlich, weil Du nicht da
warst, dann bemerkte ich eine Tr, und wie ich behutsam nher trat, sah
ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf
einem Stuhl. Du hattest Dein gewhnliches Aussehn, saest ganz still da,
die Hnde geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin.
Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann nher zusah, waren auch
Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Pltzlich
wendetest Du Dich, ffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an
...

Frher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber
hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.

Aber es soll wohl so sein, da es tglich schwerer wird. Helenenruh wre
ja eine Erleichterung.

Wieder eingeschlafen ber dem letzten Satz. Mich friert immer noch so
trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentr -- das heit also: im
Zimmer -- und versuche an den nassen Blttern der Bsche zu erraten, ob
es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die
Nachmittagssonne auf die Dcher, die Schwalben kreisen um die Trme, ich
sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft ber dem Schlo ist wie ein
riesiger Trichter, gefllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert
schwarzen Flgelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich
die weie Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und auen
um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in
groer, sausender Fahrt. Mari Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. --
Ich habe so eine Ahnung, als ob Mari Geburt um diese Zeit sein mte.


                                   IX

So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich
zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so mu ich das zurcknehmen. Eher
drfte es schwerer geworden sein. Ich mchte nur wissen, was es
eigentlich ist! Aber es lt sich nicht feststellen. Ich bin einfach
ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu
viel welkes Laub. Rosen blhn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es
mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann
dachte ich, da Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht
hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner
Decke, immerhin im Freien.

Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit
seiner Arbeit. brigens bin ich mit Deiner gtigen Erlaubnis in Dein
Schlafzimmer eingezogen und in das groe Bett mit den geschnitzten
Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der
Kindheit!

Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem
heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich
etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf
einmal, wie ich da sa, entdeckte ich auf dem Bretterboden das
zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen,
wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stck von Dir,
und nun ist mir, als httest Du mich drohend angesehn aus dem Fuboden.
Die Rechenschaft, ja, ich wei, ich wei ja, ich schob sie immer noch
hinaus, es ist die alte Schwche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei
Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles
beisammen, es sind immer noch ein paar Lcken da, aber wer kann denn
instndiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt,
oder wenn nicht dann, bermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne
darauf! Ganz bestimmt!


                                   X

Es drhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grfte, an
Totes schlgt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend,
schwankend, erlst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor
nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts
vergessen, es ist alles da, was wir verlieen, in unsrer Erinnerung
grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder
Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?
Rechenschaft abzulegen darber.

   O Gabe des Vergessens, die allein
   Uns mglich macht das ungeheure Leben!
   Du wundervoller Allernchtewein,
   Von dem wir trunken ber Schlnden schweben!
   Der gute Heiland wute, was er tat,
   O Lazarus, als du im Tod erschlafft;
   Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,
   Er sah die se Schwester, die ihn bat,
   Und lchelte dich los aus deiner Haft.
   Der Honig von der Gtterlippe schmolz
   Und tropfte Se in dein krankes Herz,
   Und Grnes spro aus dem verdorrten Holz,
   Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.
   Der erste wars, an dem Erinnerung
   Von innen saugte in die Nacht zurck.
   Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,
   Und alle andern waren wieder Glck ...


                                   XI

Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem
Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der sdliche Himmel
von graublauen zarten Zgen, leise vergoldeten, wlbt seine reine
Muschel ber mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch,
geliebte Blue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten
sein mu, der das goldene Abendwunder der Heimat sich ber fremdem Ufer
entfalten sieht, -- erinnernd an alles, was einmal war.

brigens bemerke ich, da ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da
es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht
schon Wochen, die vergingen, whrend ich schrieb, und sie also einer wie
der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so mu
es wohl heien, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: >Aus allen
Augenblicken meines Lebens.<


                                  XII

Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?

Und immer fremder sind mir Tag und Rume ...

   Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
   Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bume,
   Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.
   Und Grten stehn im abendlichen Land,
   Ihr Schatten grt mich khl und altbekannt.
   Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
   Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
   Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund
   Und lchle tief und kann mich nicht erinnern.

Sie passen -- und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern,
wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich
her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies
kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben
ist, und ob es mglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes
der Fall sein, so mte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen
(_grattez le Russe_!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der
auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man
so behaglich lebt, dieweil es mit Grnden fr alles voll steckt wie ein
Brombeerbusch im Oktober. Mglich, es ist so. Mglich, das qualvolle
Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, da ich
die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
ankme, wre dann wohl, nicht, wie ich es unbewut bereits vorhaben
werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden knnte --,
sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
ertragen, mit Frieren aufzuhren, ihn lebensfhig zu machen.

Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
hervorfluten lt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
in den innerst glhenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
therischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
darstellt.

Aber das sind alles wohl nur so Ausdrcke ...

Fest steht, da ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als
ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, da ich in
den Zweigen oben eine nahezu vllig unbentzte Seele sitzen habe, --
leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von
Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht
wundern. (Total verlaust!)


                                  XIII
                  Rechenschaftsablage an meinen Vater

Zuvor habe ich zu gestehen, da der einzelnen Schuldposten einerseits so
viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander ber die
Bltter des Schuldbuches verstreut, da ich den Vorschlag eines
besondren Verfahrens machen mchte, nmlich da ich die einzelnen
Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen
Spielzeugksten, bestehend aus einem Dutzend wrfelfrmiger Holzkltze,
als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemlde herstellen, mit
dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur
noch zu erwhnen, da in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten
Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstck erscheint, als jede
geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu
haben scheint, -- das heit also gleichfalls die Form eines Bildes.

                   *       *       *       *       *

Ich fange an! Erstes Bild:

Ein Mdchen, das ich vielleicht liebte, hie Esther. Hier steht sie, in
der Hand eine sogenannte Gnseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn?
Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine
hnliche Blume zupfend: Ich liebe sie --, ich liebe sie nicht. --
Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie -- will nach Amerika, um dort
gewissermaen zu heiraten. Will -- will auch nicht. Ich -- mchte sie
wohl halten; will -- will auch nicht. Letztes Stck: Ein
Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt.

Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hlflosen Seele.

                   *       *       *       *       *

Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer
gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu
sehn, wie sie sich in inbrnstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis
ihres Lebens zu ffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von
einem hnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot.

                   *       *       *       *       *

Summa: Gesetzt, ich htte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wre nicht
die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Gestndnis
gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.

                   *       *       *       *       *

Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (>Ich
wnschte, da vom Fenster sie verschwnde!<) Hier der vielerseits
bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie,
ausgerissen.

Summa, und so weiter.

                   *       *       *       *       *

Viertes Bild: Da wre noch ein besondres Vorgestndnis zu machen. Ich
verschwieg, da unlngst die vielerseits bekannte Magda Chalybus bei
mir war, das heit, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie
sa neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich
anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, da etwas keine Richtigkeit
hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder:

Eine Frau, die einmal krzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von
immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der
ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der
Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt
Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate
geborgten Kleides fr dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Spter
Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer berfall Coras mit
einem Dolch. Ich wei nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe
dazwischen fhrt, sinkt Magda zu Boden.

Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann
sich demgem ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh,
sie knne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut,
sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu
mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wre geradezu schade gewesen, da
ich eben schlief -- und so weiter. Mit einem Wort: blind.

(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in
Auge, Zahn um Zahn, -- auch abgesehen von noch weiteren diesbezglichen
Ausfhrungen ihrerseits, nmlich betreff einer gewissen besondren
Prophezeiung, die endlich in Erfllung gegangen zu sehn Derselben eine
besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)

Summa: -- -- erbrigt sich wohl nach Analogie der vorigen.

                   *       *       *       *       *

Ein Wrfelklotz verfgt ber sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf
eine derselben wrde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode
Helenes schuldig bin, aber -- ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir
durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklrlich, aber vorlufig mu
es dabei bleiben, da ich tatschlich am Tode Helenes _nicht schuldig zu
sein scheine_.

                   *       *       *       *       *

Nun wren freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhnge uerer
Art, und ich kme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren
Notwendigkeiten, nmlich folgendermaen in der Ordnung:


                                _Ad I._

_A._ Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgltig
zu halten, war ich deshalb nicht gengend bei der Sache, weil ich am
nchsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wute, nicht
eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, da ich
in Mnchen bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wute: es war eine --
nun, seien wir gndig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht
nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte
auch dabei _wider besseres Wissen_, nmlich aus purer Schwche, will
sagen _Unverstand des fr mein Leben notwendigen Tuns_.

Gedankenlosigkeit, Schwche, vllige Unkenntnis des Notwendigen, des
Einen, bei fortwhrendem im Mund- und im Hirne-Fhren groartiger Plane,
Gedanken, Phantasiestcke in Napoleons Manier und so weiter -- das sind
die Anklagungen.

_B._ Besonders: Obendrein fortwhrende Verwirrung. In einem Kaffeehaus
oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und
Ohrenzeuge eines besondren Gesprchs zwischen den allerseits bekannten
Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwrdigste
nachgewiesen, da die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in
die Leiblichkeit eines Andern, -- kurz und gut: die Vornahme einer
_Maske_ unbedingt fhren msse zum Unheil, _wo nicht zum Verbrechen_.

Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!)
Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei vlliger Nchternheit des
folgenden Nachmittags, in _einer Stunde hchster Notwendigkeit_ war ihm
jenes Gesprch _klarstens_ erinnerlich, er aber schlugs in alle
Windsbrute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung.

Denn: >so begannst du, mein Tag -- Von Verheiungen voll<: aus
jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit
hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so berdeutlich -- in
einem Betracht -- zeigte, da die Beschftigung ihres Erkennens ihm
allein schon ruhmwrdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil
das gengsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein grozuziehn
hatte.

So geschah es denn _recte_, da ich -- Beispiel Magdas zweite Errettung
Jasons -- allberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spt kam in
den Augenblicken des Fhlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich
allzeit groartig begriffen; den Augenblick niemals.

Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen
Gebetskaffeemhle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so
viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der
Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und
-- lieferte sie demgem dem Henker aus. Seelisch immerfort groen
Umgang pflegend mit Heroen und Dmonen, war ich _immer unvorbereitet fr
Bruder und Schwester_. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor
mir, wo schon das Gestndnis sich auf ihren Lippen wand wie eine
flammende Schlange, aber ich lie mich gerne _beschwichtigen_, auf
spter vertrsten, wo es zu spt war (denn immer ist spter zu spt!),
denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, da
er ber Lnder und Strme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner
zrtlichen Gefhle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes
Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib
sich prete an Leib, die zu erfinden bemhte er sich nicht. Und ich, der
ich ein Mensch bin: _hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden_?

Ich? Freilich, es ist wahr, da ich unter allen gewhnlichen Menschen
nichts bin als ein ebenso gewhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht
ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke
erstrahlten schon ganz im berirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk
hervortretend die Erlauchte -- oh wie? durchflammte sie mich nicht mit
einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides
stark und scharf genug zur _magischen_ Durchbohrung, und ich brannte auf
lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das
Schicksal ber mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre
Fuspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschttern
zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbrmlich und gewhnlich,
da ich nicht festhielt mit Klauen und Zhnen, und warum lie ich mich
fortlocken von jeder Stimme, die vorberflog, jedem Bleiglanz, jeder
trben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not
war, heftete mich an das Eine, unlsbar, mit allen Gewalten Leibes und
der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen
um, wenn es die ersten zerri, lie nicht ab von ihm, wich nicht von
seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und
Donner, Frhling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdrstend, nur
auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer
gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer -- o
holdes Wort der Gepriesnen! -- nur Masse, nur Masse, richtete nichts als
Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hnde von Schtzen
leer, aber bervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan htte, wren
mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wnschte freiwillig in den
Scho geregnet? Ich htte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die
nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum _bin_ ich denn gewhnlich,
wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale _wei_, wie man es macht, es
nicht zu sein!

In einer bertriebenen, wegen der Maske bertriebenen eingebildeten
Sicherheit raste ich mrdrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles
unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhrlich tanzte
ich herum mit Lemuren und Chimren der tausend fernen Mglichkeiten,
immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer frs Nchste, die nchste
Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am
Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas _Bestimmtes_,
und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht
nach.

Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen -- ich berhrt' es! Oh
die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie
selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.

Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber
hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der
Geliebten -- ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dnkte
mich wahrhaftig zu lieben, als ob es mglich wre, seine Notdurft zu
verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason
aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmhle bewahrte, und ach,
da blht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heit
das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht
wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hnde
aufhob: Danken Sie Gott, Sire, da nicht Sie diese Verantwortung und so
weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreien am zu
spten Tag, da ich beim Ewigen ewig dabeistehn mu _und darf es nicht
tun_! Ist das die Hlle? Ist das Hllenpein? Ist das auszudenken? Ja,
denke, denke du nur, la die Schwche gro handeln und setze du den
Grbelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich
vielleicht ein, ich htte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab
ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse
besondre Mitteilung ber meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins
Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines
in Nase und Nieren, da es mir ja nicht entwiche, o du heiliger
Mistgeruch aus der eigenen Stalltr: die _Gewohnheit_.

Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir
das Groe, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Hnden, da zog
ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt
glatt weiter mein Gleis, gefhrt statt zu fhren, und was -- statt des
Erlauchten, Unsterblichen -- was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe,
das Armselige, das Ding, >das wie Gold ist aus Lehm<, den Antichrist!

Gndiger Gott, der du bist! Wenn es denn mglich sein soll, wenn es aus
all diesem noch einen Weg geben soll fr mich, so bewahre mich vor dem
einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
Sinnen und bersinnen wieder hinein mu ins Alte, -- so sei mir gndig
und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
mit meiner _Seele_! Da ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne,
meine _eigenen_ Gefhle fhle wie Blumen; da ich nicht dem Ungefhren
nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den
ewigen Stall!

Ich bin zu Ende.


                         Magda an Dr. Birnbaum

                                            Waldheim, am 16. September

Lieber Onkel Salomon!

Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast
so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die
mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige
Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weie
Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weien Plttchen belegt, weil ich
die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten
Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen,
so da links und rechts sich auseinander halten lt, und ich kam
wirklich berraschend schnell vorwrts. -- Heute wollte ich Dich bitten,
doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, da er drei, oder am
besten vier Zimmer im Gastflgel zurechtmachen lt. Mein lieber Freund
Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, da er
das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde
im Rcken mit einer Kanle darin, aber er darf sich doch schon bewegen.
Ich sprach zufllig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit
solcher Freude der hier verbrachten Wochen, da ich ihn eingeladen habe,
dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird
ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Frulein Ring, durch die
ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den
ersten Oktobertagen zu kommen und auer Renate den jungen Saint-Georges
mitzubringen; er ist gelhmt und wird dann Schulferien haben. Ich wrde
eher kommen, wenn nicht Renate zgerte; ihr Onkel ist leider von sehr
zarter Gesundheit und beansprucht stndig Aufmerksamkeit und Pflege; sie
wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann
lasse ich dann bitten, fr die zwei oder drei Wochen meines Dortseins
ins Gestt zu bersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen mchte
und der Gastflgel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir,
damit Mahlmann den Eindruck behlt, da ich bei Georg zu Gast bin, und
nicht umgekehrt. Also vergieb, da ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch
noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie
verabredet an, da in seinem Befinden keine nderung eingetreten ist.

Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich
werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr,
damals war es doch so, da man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit
Hnden fhlen mute, um sie zu kennen, und das mu ich nun auch wieder
tun. Ob meine Fe wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue
mich schrecklich darauf!

Mit vielen Gren an Tante Flora in Liebe Deine

                                                                 Magda


                         Dr. Birnbaum an Magda

                                              Helenenruh, am 17. Sept.

Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo
ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mut nicht erschrecken, von
einer groen Aufregung zu hren, in die ich durch Georg versetzt wurde,
denn es scheint nun vorber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir
schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heit eigentlich von
Deiner Freundin, Frulein von Montfort, einige Aufklrungen erlangen zu
knnen.

Erlaube, da ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern uerte Georg
pltzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu
besuchen, wofr er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anfhrte,
es sei gewissermaen seine christliche Pflicht, Sigurd zu sagen, da
er ihm den zugefgten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung
aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte brigens auch einige
Andeutungen, dahingehend, da Verschiedenes noch unaufgeklrt sei.
Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer
telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt,
da der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der
Stumpfheit anheimgefallen, da eine Verstndigung mit ihm also wohl
ausgeschlossen sei. Leider lie ich mich dadurch beruhigen und setzte es
nur durch, da ich Georg begleitete.

Es nahm aber einen ganz bsen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es
schien, als wollte er sich auf ihn strzen, doch begngte er sich mit
einem Strom von Flchen und Schimpfreden, nannte ihn Mrder, mit allen
mglichen Zustzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermrder,
bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war
zusammengefallen, sein Aussehn whrend der Fahrt war so, da ich
mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte
er etwas mir Unverstndliches. Ich hatte ihn angerhrt, er schien mich
zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite!
siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete
und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fnfte wre ja
Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder hnlich.

Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber hre erst
weiter! brigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht berhaupt
nicht mehr, geht aber fortwhrend, auch drauen bei dem nassen Wetter
umher, whrend er frher nur immer dasa und sehr viel schlief und
dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu
sehn. Der Himmel wei, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am
Ende meiner Krfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit
huft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich lngst nicht
mehr. Dazu wieder die bsen politischen Aussichten! Aber da komme ich
ins Schreiben und verschwende meine Zeit.

In der Nacht nach unsrer Rckkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer,
die Tren zu Georgs Schlafzimmer -- dem frheren seines Vaters --
standen offen. Pltzlich hrte ich ihn drinnen sthnen, dann in ein so
verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im
Leben nicht gehrt habe. Er hatte aber alle Tren seines Zimmers
abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal
minutenlang nur immerfort: die Hlle, die Hlle, die Hlle! Dann rief er
wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mrder! und das schien
er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hrte ich und den
seiner Schwester. Aber genug!

Alldies ging mir nun durch den Kopf, es mu ja irgend etwas Reelles
dahinterstecken, eine Einbildung, eine Tuschung vielleicht, die sich
beheben lt, und da fiel mir ein, da Deine Freundin vielleicht helfen
knnte. Mchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach
ihrem Gesprch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der
kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was
ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir
in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrnten Hupter die
Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn
etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!

Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begren zu
knnen! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgem
befolgt. Ich schliee mit meinen und meiner Frau herzlichsten Gren,
bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In
alter Treue Dein

                                                              Birnbaum


                         Renate an Dr. Birnbaum

                                            Waldheim, am 19. September

Verehrter Herr Doktor!

Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet.
Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen
hren, einige Erklrungen geben zu knnen, obgleich das meiste daran
auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mrder
nennen hrten, so glaube ich, da sich das auf Sigurds Schwester
beziehen soll. Etwas hnliches hrte ich schon damals, nach Esthers
Tode, von ihm, doch blieben mir die Grnde dafr unbekannt. Da Sigurds
Plan ursprnglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war,
sagte er selber deutlich in unserm Gesprch. Und dann wei ich, da er,
Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestrzt und ertrunken,
worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in
der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, da Georg
mit durchnten Kleidern gefunden wurde, da auch Magda stets
dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hrte, so
brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstrtem Licht Georg die
Geschehnisse und Zusammenhnge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner
Krankheit alles zu erraten und -- auf sich zu beziehn; sich also fr
schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Auenstehenden nur
eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umstnden zu sein scheint,
dahinein fhlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele
gerissen, der Kranke sieht Krankheit berall, und wer schuldig sein
will, Schuld.

Magda lt Ihnen tausend Gre sagen, sie leidet schwer unter ihrer
Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes lt sie sich auch fr hlfloser
halten, als sie ist. Sie lt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen
rechtzeitig anzumelden. Mglicherweise ist er ja ganz unzugnglich. Wir
werden, denk ich, am 1. fahren.

Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen
und Ihren Sorgen und gre Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen
traurig zugewandt!

                                                       Renate Montfort


                             Georg an Magda

Aber so viel Zartgefhl scheint mir fast bertrieben, o edle Seele! Ich
eile, mich durch diese Zeilen nachtrglich als meinen Gast in Deinem
Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich pltzlich von
weitem hier aufgetaucht entdeckte, -- ich mocht ihn nicht sehn. Da
Helenenruh Dein einziges Haben ist, drfte mir bekannt sein, whrend mir
die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfgung steht. Dein
Ergebener mu Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu berlassen, die
er fr seiner ntig erachtet. Dieser Wink drfte gengen, da mir
bekanntermaen freisteht, eine Annherung, die als feindlich betrachtet
wrde, dadurch zu vereiteln, da er sich in andre Gegenden dieses mit
Recht so beliebten _orbis picti_ begiebt.

Es verbleibt mit besonders herzlichen Gren in seiner Schuldigkeit:

                                                                 Georg


                      Von Georgs Hand geschrieben

Jener, vom bekannten Baron Mnchhausen mit dem Schwanz an eine besondre
Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche
veranlat wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen
Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollstige
Vorstellung fr die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn
siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal
geheiligten Namen der feurige Makkaber zerri und in die Winde streute,
-- was bleibt mir brig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen
anstatt bisher blicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren
vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rtsel ist Reinentsprungenes<, sagt
Hlderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen ben ihn bei
Nacht aus; ich nahm ihn in krzlich erst sich verabschiedet habender
Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Elffel voll; aber
nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die
Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er
sich abends herein, verabreicht mir einen Lffel voll -- damit die se
Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt fr den Rest aller Stunden
unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren
blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewhlt, die se
andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte
Plttbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren
Unsterblichkeit, nicht wegen des sen Pbels, sondern ganz allein _sui
ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen
Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben
so ein frderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den
weichen Brei von Allerhand durchzurhren zur Befrderung der Erkenntnis.
Man denkt zwar in Stzen, aber merkwrdig: gedachte Stze haben nie
einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Stzen auf reinem Papier
scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je lnger man drauf
hat warten mssen.

Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem
ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also da man nachts
auswandern mu wie die Rattenknige, alle Seelenschwnze zu einem
gordischen verknotet. brigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz
und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem
palichen Motto:

   Das Steuer fhrt' ein Jngling unruhvoll,
   Dem frh des +++ Rat und Hlfe schwand --

folgendermaen:

Telemach erwacht wie blich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt,
legt sich auf den Rcken und ffnet, wach und keines Schlafes bedrftig,
die Augen in die Nacht. Bald darauf wird ber ihm das graue Vieleck der
am Tage weien Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich hher im breiten
Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und
Lwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der
Fenstervorhnge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tr zur
Terrasse; dann auch die dunklen und groen Flecken der Schrnke und die
weien der Tren. Im Glase des Trflgels drauen glitzert es blulich.
Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heien --
schiebt sich bis fast zur Rckwand des Bettes hinauf, sitzt in dem
groen Achteck des Raums und frstelt. Drauen rasselt es eisern, der
Uhrhammer in der Hhe fllt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles
still. Halb zwlf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht,
die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller
und heller um ihn, die dunklen Schrnke sind nun krperlich sichtbar,
die Maserung, Kanten und Beschlge, und vor der Tr drauen ist die
graue Flche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der
Schattenri einer groen Steinurne mit Frchten und Blttern auf der
Brstung. Das ist besonders still.

Im Dorf schlafen die Bauern eng und hei in ihren karierten Betten. Die
harte Weckuhr tickt durch die Schwle, sie sthnen im schweren Schlaf
und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum,
niemand hrt den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner
Htte sprang, weil drauen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder
in seine warme Hhle, knurrt, mu noch einmal blaffen, dreht sich um
sich selbst und fllt hin.

T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es
rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hren.

Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und
glaubte ber sich Schritte zu hren, ruhelos, ruhelos, so leise, ein
Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt
still, er sieht den Schatten einer Hyne, den hochgebogenen Rcken,
schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grnlich, blulich die
Lichter, er hrt die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt
er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und
Sehnsucht und Gnge, Gnge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der
Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war
klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lchelte grade genug.
Wenn man nachgrbe und den Sarg ffnete, wrde man ihr Lcheln
unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu
lcheln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bume, er
sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es
lchelt, oben saust der Herbst und reit Bltter aus den Kronen, sie
fhrt fort zu lcheln; der Winter deckt alles zu, sie lchelt fort; im
Frhling liegt ihr Lcheln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer
lang lchelt sie fort, ganz fr sich allein ...

T. frstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die
Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ...
Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine
... T.s Brust schmerzt.

Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er lge
begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren,
Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen
glitzern, aber es qult nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war
niemand mehr da, von dem es schmerzlich wre Abschied zu nehmen, oder
ihn lebend zu denken, beschftigt wie immer, whrend man tot ist ...
Renate? -- Er fhlt sie nicht mehr.

Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum
Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum wrde ihm schon einen
besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stmmigen Mann
aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im rmelloch der
Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend,
und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, da es an Preuen fiele,
-- no -- was denn? no? was denn? T. wute es nicht. -- Hatn dazu dein
Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Grovatter, un dein
Urgrovatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine
dynastischen Gefhle, nee, aber gar keine! -- T. lchelt und bestreitet
es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich
bin nur so mde und innerlich kraftlos. Die Lnder sind so gut im Stande
... Das heit Beuglenburg? Und sie wrden Schley dort nicht sitzen
lassen, diese Preuen. Ach, nun kamen die Wahlen! Frher war die
Sozialdemokratie unter der Hand untersttzt, und -- und ... T.s Kopf tut
ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wlzt sich
fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst,
wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krppeltum.
Punkt. Toter T. punkt.

Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Fe und
hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dmmrig,
doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er ber sich,
berm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den
einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen
Beiden, dahinter die Nacht.

Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spt.

Er schlrft eilig zur Glastr, friert im Kalten, lehnt sich an den
Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fhrt ins Dasein hinein mit
feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und
Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber
schon steckst du so tief im Gewohnten, da kein Riese dich ausreit.
Wenn ich Verse machen will, und wre ich Hlderlin, ich mte anfangen
wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, da Sprache
des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie
der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne
wie die Andern, und lngst bin ich in zehntausend unlsliche
Zusammenhnge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein,
da man an Tausenden hngt und nicht steht, und Tausende hngen an mir,
und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...

Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich
anzuhren, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelchter folgt, ganz
schnell: Hahahahaaa! und wieder das plrrende Weinen. -- Kauz in der
Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die
mchtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die
Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... ber dem schwrzlichen
Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im
Himmel, ein wenig tiefer mu die Mondsichel sein. Emporblickend sieht
Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten
Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jhrlich
tiefer das Haupt ...<

T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt
es und legt eilig das fr morgen zurechtgelegte Unterzeug,
Schnrstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit
rmeln an, windet einen grau und grnen Schal um den Hals, fhrt in den
Rock und fhlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das
Licht gelscht hat, geht er leise ber die Terrasse in den Garten hinab.

Unschlssig unten stehen bleibend, zum Hause zurckgewandt, findet er
sich pltzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mchtigen Fronten
mit langen Fensterreihn und kalkweien Mauern. Unendlich schweigsam und
hoch steigen die zwei weien, schwarz behelmten Trme auf den Ecken in
die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdstert im
nchtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich
selber, bedrohlich fr ihn, der sehr klein ist. Unbekmmert scheint es
seine dmmernde Seele bei Nacht zu enthllen; es dehnt sich, atmet
vielfach, sammelt Essen und Fenster, Trme und Dcher, Simse und Mauern
in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern.
Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine
Brust. Jhlings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den
Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.

Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reien
wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Mnchhausen sich
an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, blo da sie
kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es
nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dmmrig
erkennbaren Weg durch das Eichenwldchen hinunter blickend: Wei ichs
nicht, als wrs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte
Lampenschirm und sa Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wute
nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen
aus meiner Kindheit zu Annas Bett.

Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen
Aufenthalt.

Der Kaufmann in Bhne hie Sengstaak, ein Name, den ich als Junge
niemals aus dem Gedchtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien
einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber
und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weiem Sand bestreut, durch
eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult
schreiben, und wir zitterten, er mchte nicht merken, da wir da waren,
denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der
Ladendiener, aber das war lngst nicht so schn. Kisten standen da mit
eingewickelten Apfelsinen, Fsser mit Mehl, mit Margarine, mit Butter,
Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe
an den Schiebladen und die hlzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen.
ber dem Tresen -- ja, da wurde womglich auf dickem blauen Papier ein
Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich
und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bndeln in Lagen
zusammengeschichteter Tten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer
und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck
zwischen zwei wilden Mnnern. Ja, vor der Tr, da war ja der mchtige
goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den
Wulstlippen. Aber ber den Dten, noch hher, war es finster wie ein
Gewitter, von tausend Wrsten und Schinken, und wie das roch nach
Rosinen und Gurken und Vanille und Gewrznglein, und geheimnisvolle
Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit
wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr
Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn
glaubte; er hatte ein rotes lngliches Gesicht, kleine Augen und Falten
unter dem Kinn, rieb sich die Hnde und sprach unverstndlich mit
eigentmlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich ber den Tresen,
griff Anna und mir mit groer Hand unters Kinn und holte, whrend er
immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der groen blechernen Kasten
mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schrg entgegen, und jeder
nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein
groer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn
Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die
eine Ecke weich eindrckte, dann ganz leicht die Tte herumwarf und die
andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern
herunter, und die Tte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch
genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen
zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und
festgedrckt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden
aus einem verblffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und
rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche
Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge
geschoben, und dann wurde es mir berreicht. Dies war unser heiliges
Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte
war dabei, die mochten wir nicht, die hieen Dextrinkeks, denn so
schmeckten sie, und die kriegte Mama.

T. denkt hierauf gebeugt, er msse damals unmenschlich glcklich gewesen
sein, da all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch
nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals
etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glck
wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fhle?

Er fhrt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenber der Insel,
keine fnf Schritt von der Brcke. Die Bume rauschen und bewegen sich
ernst, beklommener atmend geht er zur Brcke, bleibt stehen und
flstert: Hier schlft Mama ... Er geht hinber, achtet darauf, da
seine Fe leise sind, taucht ngstlicher in den finstern Gang zwischen
Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht
bernebelten Lichtung. Drben, ber dem weilichen Gewoge wlbt sich die
schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige
Furcht, sie knnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht,
das Lcheln; nicht ihr Lcheln, Cordelias ... Und er geht mit
knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte
vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glnzen leise doch
sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin.

Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war
es doch mglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas luft in die
Lichtung hinein, bleibt still, luft hierhin, dorthin, schnffelt
vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd fat er in das Gezweige ber
seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fllt herab,
er zerknittert es und fhlt es feucht; in weiter Ferne krht ein Hahn.
-- Sie schlft, flstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die
Kniee, bckt sich, harkt mit der Hand im Gras und flstert: Mutter!
Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch
nicht, da es zu spt ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich
kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann
liegt er pltzlich still und steht auf. Seine Hnde, sein Gesicht sind
na, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch
erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurck. Sie war entsetzlich
einsam dort ... Er schttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang,
ber die Brcke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab
unter dem schwarz und zerrissen herabhngenden Laubwerk der Eichen.

Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht
-- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle
Erleichterung es fr mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf
diesen vorgespiegelten Telemach abzuwlzen und daneben zu stehn und es
immerhin begreiflich zu finden, da sie ihn qult. -- Sondern er dachte
vielleicht oder empfand die Hllenqual der zu spten Einsicht. Die
furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, da alles, was heute ist,
seit Jahren sich vorbereitete, da es in all und jedem Denken, Planen
und Handeln schon war, -- oh ja:

   Was vom Menschen nicht gewut,
   Oder nicht bedacht, (!!!)
   Durch das Labyrinth der Brust
   Wandelt in der Nacht.

Und weiter, da nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie
noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts
als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede
Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder
Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Mglichkeit mehr
zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.

Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten
Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der
Unabnderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, da sie sich
anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drben
Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch
zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch
niemals, da er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder
Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.

Und seine Stirn bedeckt sich mit Schwei, die Figuren schwinden
erlschend, als wrde ein Bhnenlicht abgedreht, im Finstern, und er
denkt nun:

Da er seine Schuld am Ende vielleicht bertrieb. Etwas scheint nicht zu
stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er knnte
es allenfalls sein aus bsem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie
man gebrtiger Raubmrder sein mag, oder Muttermrder. Er selber aber,
er soll dies Gebirge von Schuld ber sich gewlzt haben aus keinem
andern Grunde als: _weil er so war_!?

Worauf er dies Rtsel bis zum nchsten Mal sich selbst berlt und sich
weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang!

Krhte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hhne krhen im Schlaf. Aber
ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontnenhaft!
Frhmorgens in der Kindheit, das Krhen der Hhne, heiser, krchzend,
und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern
Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Strae unter
den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frhsonne, alles sah
gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen
schneeweien Anzug an und ein weies Kleid mit zwei Hnde breiter
blauseidener Schrpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine
Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum
hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote
Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grne
Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchbltter. Der
Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und
mit ungeheuren Kreisen von Hten, schoben sich voraus, ach jedes
Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen knnt ich
beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom
Sand verschttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe
Chausseesteine, mit denen man gut schmeien konnte, und runde,
geschliffene von der See, und dann die groen, wei bertnchten
Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben
damals und Bedeutung! An diesen weien kletterte aus der Grasnarbe die
vielkpfige kleine Schlange der Winde mit schnen, sehr weien
Kelchhuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grne Oasen
von niedrigem Dreibltterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen
nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die
Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und
dann hrten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille berm
singenden Korn, und in der Stille berall, unaufhrlich, immer wieder
anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem
Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir
doch immer, da die Lerchen im Korn sen, wir sahn uns die Augen blind
im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann
kam --

T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nchtlichen
Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem
grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel
die dnne Mondsichel im Fahren leicht durch das flieende weie Gewlk
schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen
Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden
Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweiling taumlig den glhend
heien Sandweg hinunter, hin und her ber die Wagenfurchen, den Hgel
hinauf, -- er hrt Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos
hinlallend, wie er spter Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen
zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen,
-- und dann liegt man da, der weie Anzug sieht bejammernswrdig aus in
einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt
gerade ber ihm gellend und berlaut das Gelchter schallt, mauzt und
weint. Er ffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad ber die
Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett ber den Stufen sieht ihn wie
das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in
sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff
befrchtet, denn es ist umgnglichen Charakters. Telemach aber bleibt
stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar ber
der Dmmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so
sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...

Beim Ersteigen des Deiches fllt er hintenber, mu sich nach vorn
werfen und erreicht auf Hnden und Fen im nassen Grase die Hhe, wo er
sich zu tiefem Erstaunen ber einem totenstillen weien Felde befindet,
-- Nebel, weiem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See
bedeckt. Nur tief unten, am Fu der Deichmauer, sind die schwarzen
Pfahlkpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr
als Nebel.

Oben am Himmel segelt die bluliche Mondsichel durch weies Gewlk. Die
Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit
Abstzen, Hnden und Ges die schrge Mauer hinunter, springt auf
festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.

Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der
alsbald ber ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der
Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurckgehaltenen Scharen sehr
zusammengedrngter Gestalten hnlich, die sich manchmal bewegen, nicht
einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und
jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fhlt es. Was sitzt denn dort?
Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Ttvogel im
Nebel am Wasser und schlft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt
sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte;
Flgel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fllt
ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im
Nebel ... denkt Telemach. -- Es pltschert. Hier ist Gewsser, hier,
ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie
eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und
Kinder, Kirchen und Gehfte, Rinder und Schafe, Eichenwlder und die
langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fhlt seine
Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurck. Er geht
rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig,
sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er luft fast und
luft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfhle
von der Seite, ein Zeichen, da er doch schief gegangen ist, worauf er
die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- --

So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein
rotes Licht ber dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmglich.
Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb,
unverrckbar, stille scheinend ber das Nebelmeer. Hallig Hooge lag
dort.

Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit
Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grne Insel vom
weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das
gewaltige grne Gebirge der aufgetrmten Deichmauern sehn zu lassen,
einen Baumwipfel niedrig darber und den roten, plumpen Rundturm der
alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der
Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige
Grasoase so hie, die landeinwrts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf
der Rckfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach
auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in
der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland,
erklrte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet
uns nicht weshalb, er war nicht fr Schauergeschichten, wir bettelten
umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig!
Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Grovater gestorben,
und der Urgrovater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal,
und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort
sterben mte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzhlte
vom >Drnger< ...

Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Auenseite des
Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Drnger. Auf einmal
erschien eine Gestalt im Nebel, seitwrts, oder auch zurck, am Deich,
und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hrte das?
Damals, als der Drnger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch
ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See
hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwrdig, zu
sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das lge an der
Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die groe Flut ... Da
verschwanden drei groe Inseln und siebenzehn groe und kleine Halligen
spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --?
Nach ihm mute die Insel Olesland genannt sein, aber gerade ber ihn
fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er mu ausgerissen sein aus
dem Gedchtnis wie Olesland, -- ja, von wem hrte denn berhaupt ich den
Namen? Es mu doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte
Hallig Hooge noch sieben Hgel, die nach den Hgeln Roms genannt waren
von einem gelehrten Mann, -- wie hie er noch? Archivarius Pontifex,
Brckenbauer, Silas Pontifex hie er. Auf dem Palatindeich stand der
Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hlfe gegen die Flut, aber
das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden
nacheinander weggerissen, und als der Palatin strzte, warf
Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfber hinterdrein. Danach war
die See gesttigt und zog sich zurck, aber im Abrollen brllte sie noch
einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Clius. Ja,
damals hrte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging
geradewegs das Festland an und hmmerte auf die Deiche, -- blo nach
einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des
Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort
um und drngte die Menschen in die See. Auf den noch brigen Hgeln
starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und
Capitol mssen sie ja wohl heien. -- Die See fra einen nach dem
andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit
groen Schiffen, Waldemar Montanus pate auf, -- er lockte ja auch den
fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen
sein, der nicht an den Drnger glauben wollte, -- in der Chronik stand,
da es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite
schon offen; aber die Leute sagten, in den Nchten, wo Waldemar Montanus
sich zeigte, wre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum
geschlossen, und der Drnger, gegrtet mit Grauen, lie den Furchtsamen
nicht an den Deich, er mute tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am
Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...

T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen
Schattenkolo, der pltzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens
Mhle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter
landeinwrts stand sie auf ihrem Hgel, auf ihrem weien Unterbau, zwei
schwarze Flgelarme mchtig drohend in Lften. -- Da unten in den Wiesen
lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...

T. gewann sich wieder in dem Gedanken, da unmglich dieser immer
gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mhle
attackiert haben knne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden
von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte
und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wre sie selber
getroffen ...

Langsam erlosch alles in T.s Hirn, whrend er sich umdrehte und wieder
das rtliche Licht ber der Schneeflche des Nebels gewahrte. Wer hauste
denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg,
der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus
Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus
fr sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder
wie er nun hie (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte
Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprnge und ber vierzig
Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand
wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen
Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbstndigkeit verlor,
verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf
Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfnf --, ja, fnfundsechzig
war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an
der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich
zu erinnern und zu rufen ...

Er schttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland
ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die
weie, chaussierte Strae hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er
es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz
vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber
er lie sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T.
nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am
Fu der Terrasse stand, wo nichts sich verndert hatte, -- doch, die
Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwrtssteigen, und da war ja ein
Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war
besonders gerhrt. Indem er die Uhr zog, schlug ber ihm der Uhrhammer
einmal an; es war halb zwei.

Er schlo leise die Tr zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach
links, stie, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl
und erreichte die Tr. Leise ffnend trat er ein.

An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter
ihrem grnen Blechtrichter und berstrahlt den Wust von Papieren,
Aktensten und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau.
Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der
Schreibtischplatte liegt, schlft der alte Salomon; der linke Arm hngt
herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene
Zigarrenhlfte. Der papierne Berg ber ihm scheint sehr sorgsam auf
seinen Schlaf zu passen, -- das Hrrohr ber dem Telephonapparat ruht
still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nhe schwimmt als Boje,
braunglnzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es
Posaunentriller und Bllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte.
Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus
Vorsicht, leise ber den Teppich zu ihm hin, gerhrt und beschmt seine
Krankheit verwnschend, und hat, als er sich ber den Schlfer beugt,
das Gefhl, dies dnn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut
glnzt, so da er die Haarschatten htte zhlen knnen, kssen zu
mssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor lt sich
ja nichts aus der Hand reien, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit
machen knnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden
sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weier zuoberst, Telemach kann lesen:
M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Kniglichen Hoheit und
so weiter erklre ich hierdurch den Landtag fr wieder erffnet ... Ach
so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt
in die Hhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z.
Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hie -- --, ja, das
hie? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach
brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine ble Idee, das wrde
allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane kme in eine
Hand, und es bliebe fr mich, -- ja fr mich bliebe eigentlich berhaupt
nichts mehr brig als die persnlichen Geschfte, und die macht
Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht
alles vor ihm zurck, und er befindet sich bald vllig im Leeren.
Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er
diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit
breitem festen Rcken und der Aufschrift: Tglicher Einlauf. Die behlt
er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der
Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die
Schreibtischecke und setzt sich und schlgt den Deckel auf. Briefbogen
und Umschlge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und
Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:

Taubstummenanstalt Ghrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjhrigen
Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand<
vom Gerst gestrzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr spter wurde sie
... T. gewissermaen schmerzlich versonnen, liest auf der nchsten,
zugehrigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den
Titel und die Wrden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in
den Hnden Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlgt das Blatt um,
den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung fr
lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene grndete sie, als
Magda geboren wurde ...) Erhhung des Anlagekapitals, da die jhrlichen
Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...)
Vermchtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend
erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten
... Er fhlt, wie ihm der Schwei ausbricht, die Buchstaben flimmern ...
Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt
sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb
abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die
grelle Glhbirne, sieht die roten Fden; vor dem groen Tralla, flstert
jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewutlos die Hand von dem
Blatt, schlgt den nchsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die
Seite und liest:) Oberfrster -- -- unleserlich. In Blankenheide ...
einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das
Wild totschlagen, was brigens nichts schaden knnte -- ungerechnet, da
sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im
Jagen fnfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen
Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts
schaden knnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein
Mensch abschiet. (Blankenheide? Blankenheide gehrte zu
Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch
nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und hate die Schieerei im
Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinbergehn, --
richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._
Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stck von Jagen fnfzehn abschneiden
wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heien: die verfluchten
Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern,
so mchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint
ihm fr alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein fr
allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch
werde und ein fr allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lchelnd
das Blatt um. Was kommt nun fr ein Fetzen? Er sieht nach der
Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Ktner und
Kesselflicker, -- (ja, sie mssen jetzt doch jeder eine Firma haben ...
Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu
Helenenruh zu gehren. Bombe? Natrlich, der klebte doch
Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und
Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fnfzig Mark die Woche und
war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T.
weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At --
Apothekerrechnung soll das heien. Georg findet das Blatt. --
Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei
Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzglich Kassenprozente fnf Mark
und fnfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich
die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale
vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt
beim Schreiben, er mu husten und liest umbltternd weiter: Verein
ehemaliger Kniginhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhtte,
Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T.
klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das
Taschentuch in den Hnden; lockert den Schal vorn am Hals und starrt
trbe vor sich hin und denkt blo: Ein Fnftel vom ganzen Einlauf, und
schon kaputt ...

Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich
nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergngen, er
kennt nichts andres, er wei berhaupt nichts andres, es ist seltsam und
unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fhlt sich wohl,
abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind.
Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gesprch mit seiner Frau, ein
Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mhle,
Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm
wohl das Ganze durchwrmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ...
und er wrde es nicht fassen knnen, wenn ich die Hand davon abzge. Er
dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich --

Womit es denn nun wohl genug sein drfte. Das ist ja alles bloe
Qulerei.

Es hat aufgehrt zu regnen, wie ich sehe, ich htte Lust, nach Hallig
Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren
habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch berall die selben Leute.
Vielleicht stre ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog
vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.

   Noch ist es hell und rein
   Hoch in den Rumen, --
   Schon bricht die Nacht herein
   Unter den Bumen, --
   Schlafen und stille sein,
   Nicht einmal trumen ....

   Dunkel, o Dunkel, ohn
   Arg dir ergeben,
   Fhl ich die Gottheit schon
   ber mir schweben:
   Schlaf, gieb die Mohnenkron',
   Sanfter zu leben.

   Wacht nun der Himmel, der
   Goldengeugte?
   Auge, du fragst nicht, wer
   Jetzt dir noch leuchte.
   Nacht ist, nur Nacht umher,
   Gttergezeugte.

   Tief in die Dunkelheit
   Antlitz vergraben,
   Trume, wie fern ihr seid,
   Fltende Knaben!
   Abgrund der Schweigsamkeit,
   Dich will ich haben.

Und endlich denn am Ende von allem das Unumgngliche: der ewige Sturz.

Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus,
verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not,
immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr!
schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoen
von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glck, oh
Glck, da der Trger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war,
was er hie! Da ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein
Verschulden vergossen ward! Oh, da heute mein Glck sein mu, was
jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ...

Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch
einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du
willst, aber gieb ein Zeichen, da du noch bist, denn ich glaube es
nicht mehr!


                        Drittes Kapitel: Oktober


                                 Insel

Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in
den Bumen mit einem fast schweren Gefhl des Wohlseins. In
augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder
abgefallen ... sprte sie sich noch aus dem Schlummer liegend
heraufgehoben, sprte, wie er dnner und leichter um sie wurde, endlich
aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie
durchduftet, gesttigt mit einem wundervoll khlen Dampf, der
ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab,
setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhnge
unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes
Enttuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare
schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich
empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam
wieder entwich, und danach blieb ein Gefhl, als mte einer ihrer Sinne
beeintrchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder:
Gesicht wie Gehr, Geruch und Geschmack, und sie fhlte sich auch! --
Die andern aber hatten sich zu einem s brausenden Chaos von Musik
vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwrme, und dies wars,
wovon sie fr Augenblicke blind, fr Augenblicke taub zu sein glaubte,
und die Stare waren jetzt kaum hrbar oder ganz fern.

Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den
nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefhl, sie msse es darin
drhnen hren wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und
rhrte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum da
sie die weiche und khle Gltte sprte, zusammen wie unter einem
magischen Schlage, streifte den rmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging
zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.

Drauen war nichts als ein undurchdringlich dichter weier Nebel von
unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen
darin, zwei groe Bume, und von dorther lrmten die Stare.

Diese Welt schien so geheimnisreich, da Renate sich berneigte, um zu
sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand
von rauhen Haselblttern, matt glnzend von schwerer Nsse, dunkelgrn
und vielfach brunlich gesprenkelt.

Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die
Reinheit des Himmels ber der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in
frischer, gewaschener Leinwand.

Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still wrde die See sein! --
Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden,
dunkelgrnen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen
Wadenbndern angelegt, worauf sie in den seegrnen Bademantel schlpfte
und die grne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie
berstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.

Im Nebenzimmer stand ihr Frhstck bereit, doch nahm sie nur, um nicht
ganz nchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stck Weibrot
mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.

Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ...
Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der
Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr
nachsah, die leichtfig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach
links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel
hinein. Es war so lautlos um sie her, da sie stehen blieb und sich
umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort,
woher sie gekommen war, aber zu hren war nichts als das Schlagen ihres
eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.

Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkhle; unter dem Nebel
erschien die sanfte Schrgung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit
einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben
und sah die schrge Mauer der Quadersteine mit grnen Fugen von Tang
hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es
bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg
der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war,
ohne da die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch nderte.
Zerflieend weiche Fe tanzten auf der dunklen Gltte der Flut. Die
ganze groe See war nicht vorhanden.

Renate konnte die Hhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis
zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf.
Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder
fhlte, mute sie lcheln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe
fest ber das Haar, stie dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die
Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon
schrfer geblendeten Augen sprend, da hoch ber ihr ein Hauch von
Blue sich regte. Pltzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte
den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei
Viertel der Schrge hinunter und warf sich ber den Rest hinweg laut
klatschend in die Flut.

Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie
eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer
Weile die Fe sinken lie, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich
halb zurck und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen
haltend, in langen Sten die Fe schlieend, bergreifend mit dem
rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schttelnd und leise prustend nach
jedem Sto, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau
um sich her fhlte, drehte sie um und schwamm so weit zurck, wie sie
gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rcken und erreichte so
bald den Deich.

Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch
war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem
Mantel umsah, alles schon verndert. Wind wehte jetzt. Die Sicht ber
die Wiesen hin war freier geworden, die Zune sichtbar, und in der Hhe
bewegten sich flchtende blaue Lcher im Weien. Und als Renate ihren
Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war
die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weien
Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd hei wie
ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.

Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde --
gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her,
See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier,
und dann lief sie pltzlich in grter Eile ins Haus zurck, um sich
anzukleiden und zu frhstcken, jhlings ersterbend vor Hunger.

Spter dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu
entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt
im nebelnassen Gras unter den uersten Zweigen der Parkeichen, vor sich
die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und
den letzten Margueriten bis in die offen feurige Blue des Himmels
hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu
tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflsen ihrer
um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kmmen, stckweis erst von
oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand
hochhalten mute, in groen Strichen, wonnevoll sprend, wie die Masse
weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer
Kraft.

Spter sa sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hnde um die
Fuknchel geschlossen, whrend der leichte Mantel ihres Haares um sie
wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergngte sich damit,
in den Ausschnitt ihres Kleides ber ihre Brust hinunter zu blasen.

Spter lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme ber der Brust
gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelst in Erd- und
Himmelswrme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie
die Welt! --

Dann entschlief sie beruhigt.

                   *       *       *       *       *

Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem
weien Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen
tiefgrnen Flchen der von Bumen und Gebschen langhin berschatteten
Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt ber die immer noch
unvollkommene Musik, die dort unerlst wogte, nicht nher kommen, nicht
deutlich werden wollte. Kaum da sie hier und da einmal aufsah und es
bemerkte, wenn eine groe Gruppe von Buchen ein pltzliches und
gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein
Chor, whrend sie die laubigen Arme und Glieder schttelten, von denen
flchtende Bltter seitwrts hinunterwehten ber die Wiese. Oder wenn
eine Schar weier Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes
hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Hhe hineinwarf, in einer
feurigen und weiblichen Gebrde des Fortverlangens. Fr Augenblicke dann
betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast
verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden
schien.

Als sie dann vor der kleinen Brcke zur Insel stand, fhlte sie sich
angesichts der mchtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem
unerklrlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so da sie sich
selbst hinberlocken mute mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin,
und fast hinberziehn mit der einen Hand am Gelnder. Drben stehend,
gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann
zu drehen und sah mit Verwunderung die Brcke sich bewegen und
hochsteigen, bis sie im Winkel von dreiig Graden stillhielt.

Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und
ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.

Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im
Ring der Bume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein
Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das
eherne Schild kaum noch zu sehn war im Dster des Laubes. Darunter
nichts als ein besonders grner, geschorener Fleck im Gras: das war das
Grab.

Hier dmmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar
bersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die
Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz
seligen See von Blue, berrieselt von gldenen Funken, und ein
einsamer, weier Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stnde im
Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wrme hier, dunstiger,
feuchter, und auf einmal glhte ihr ganzes Gesicht.

Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhhe unter Kastanien der kleine
Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und lngst ohne Glckchen;
langsam ging Renate hinber und trat in das Innre, in dem nichts war als
ein Sessel mit verblichener, grnlich goldiger Damastbespannung. Renate
glitt hinein und fand, da sie gerade gegenber die Blutbuche mit dem
Namensschild hatte. Pltzlich entdeckte sie auf dem Fuboden den
plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, da der Herzog hier
oft gesessen hatte, und da er nun auch tot war.

Fr eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz
schwer, und sie frstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar,
zgerte noch eine Sekunde, lste Spangen und Nadeln, schttelte den Kopf
und fhlte erfreut die Erleichterung der zum Rcken fallenden Last von
Zpfen.

Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug!
Ihr Kleid war das Drckende, und sie glhte, und im nchsten Augenblick
hatte sie die ganze geringe Brde der zwei Rcke und Wsche von sich
gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als drfe niemand es merken.
Sie legte Schuh und Strmpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen
Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der
ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Trpfeiler, den sie
umfate, und an dem hin sie sich selber hinunterdrngte, sich hingleiten
zu lassen ins Gras.

Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher
Gewalt, da ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefgt in
die glhende Erde. Schon fhlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten
Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hnde schreckenvoll vergrert,
und nicht Grser, nein Gestruche, nein Bume wuchsen zwischen den
Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem
Gewipfel ber ihr strzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges
Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reienden Himmeln zu
und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, da sie
schmerzten. An ihrem Rcken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger
Rcken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch
ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und
nur das langsame chzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.

Unaufhrlich aus dem Himmel ber ihr fielen blaue Stcke mit goldenen
Rndern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder
Asche und Rauch.

Ein Angstgefhl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag
bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein
umsonst. Jetzt, dachte sie pltzlich, jetzt geht der Gott durch den
Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!

Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Ri,
und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus
ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges
ber das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin,
ber den abendlichen Strom, ber die ewigen Hgel von Grn; atmete das
Gold ein der regungslosen Lfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und
sie erkannte mit einem Schluchzen, s betroffen, ihre Heimat.

Dann sa Renate aufrecht und gewahrte deutlich drben zwischen der
braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dmmrung ein weies,
menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus
tdlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!

Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und
derselbe! -- Und noch zitternd, bermenschlich sich wehrend gegen den
Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Fen, lag hin
vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewute, das
Niegeglaubte, das Gefhl ber allen Gefhlen, seufzte sich los aus dem
Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer
Majestt nur Dasein grenzenlos, Se grenzenlos, und mit dem Herzschlag
des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das
strmende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.

Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Hhen und vereinte sich mit
den aufwrts strzenden Tiefen. ber sie hin ging ein Regen von Kssen,
in dem sie sich lste, und sie war eine Wolke von Kssen um den Gott.
Bume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend
Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwrme
von Gefieder, in unterirdischen Strmen ihres Blutes zogen Geschwader
silberner Fische noch stumm, Vgel mit Fittichen von Sternen bewegten
sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend
auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn
schneewei auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.

Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich
regte, und so zog durch ihren Scho ein die Orgelbrandung des
himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berhrung eines Mundes ihr
Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller
Kreatur aufgelst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es
lobsangen in den Hfen die Engel, in den Lften die Vgel, hinschweifend
ohne Pfade, in den Bergen tnten die Erze, auf den Bergen die Wlder,
Gebrll der reienden Tiere in Tlern ward Gesang, Heerscharen der
Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strmen und Quellen,
in Teichen und Wasserstrzen standen Orgeln und wandelten Harfen,
erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen
Abend, einsam, die Flte des Hirten Frieden blies, ber Dmmerung, durch
das Finster, und ein Stern ging auf.

Es war Nacht. Fremde Bume rauschten gedankenvoll. Eine Khle ging
nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und
verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte
Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen
eisigklare, ruhige Trnen.


                        Aus den Papieren Georgs

                                                      Auf Hallig Hooge

Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser
ganz grnen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht
aberglubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so
machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses
Behagen. brigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese
besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn:
Bogner, den er eben aus seinen Reichen entlie, und Ulrika, die -- ich
hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mdchen Cornelia scheint
munter.

Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut
ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da
er brgerliche Kleidung angezogen hat, knnte er der Pchter dieser
Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie
ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur
Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches,
vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.

Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf
der Fahrt.

Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie
unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der
weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend ber
die dunkle bluliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu
sehen, ja fast schon zu fhlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit,
die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- groes, locker
bewegliches Getmmel grauer und weier Wolken berm blauen Grund, und
die Wasserwstenei, kalt, nicht weit zu berschaun: unwiderstehlich
prete da der khle, brausende Odem der Gttin sich in deine Brust,
verdrngend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war.
Oh ruhiges, mildugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schrge von oben
durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches
Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder
Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein
Festes dem Auge sich bot, und pltzlich entzaubert das Inselgebirge sich
schwimmend erzeigte ganz grn.

Wenn ich nun die Augen schliee und mir die Insel vorstellen will,
erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich
so mein Gefhl? -- Ich sehe den kreisrunden grnen Kranz des Deiches aus
einer wolkigen Hhe, fest hineingefgt in die ungestm daraufzu und an
zwei Seiten vorbergewlzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im
Kranz, und sehe, da sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der
Wattseite fehlt ein Stck des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort
zur Linken, schrge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus,
langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhht,
berwlbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glnzend grner
Frchte, dahinter Gemsefelder. Vom offenen Strandstck quer durch das
grne Tal fhrt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das
brigens dem Gesindehaus gleicht, auer da es Fachwerk ist, weie,
jetzt schwrzliche Balken mit blauer, jetzt weilicher Fllung, whrend
das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des
>Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter stlich von ihm steht
der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.

Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden
betrat. Ja, hier lt es sich leben und sterben ... Die schrgen, an der
Auenseite vom Seetang ganz begrnten Wnde des Deiches stiegen haushoch
-- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Flche. Vom Winde
war pltzlich kaum ein Hauch mehr zu spren, es war rtselhaft still.
Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weie
Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Brte
hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit nher zu
stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben wrde. Menschen waren
nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grne Stille des Tals
hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren
westliches Stck eine breite Schattendecke in das Innere legte.

Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhuser
der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstck ist berhht, links sind
die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnrume; Vorder- wie
Hintertr in der Hausmitte sind zerteilt, so da die obere Hlfte sich
allein aufschlagen lt und man darin lehnen kann.

Wie freundlich leuchteten mir im Nherkommen dann das Blau und Wei des
Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebsche von rosigem,
weiem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das groe
Wandern der Sonne spren zu knnen und wieder Raum in meiner Brust.

Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war,
hatte ich dies unvergelich scheinende Bild:

Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des
Deichs, -- rundum schlieend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand,
noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte,
obwohl sie schrg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend
vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weier Bluse und in
einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wre. Ein paar Schritte
weiter rechts sa, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein
grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu
meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide
ber der grnen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren
Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten
und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika
Tregiorni in einem grnen Kleid, die Hnde im Scho, sitzend in einer
solchen Ergebenheit, so sich hineinfgend in die Tiefe, ber der droben
die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten ber ein
unsichtbares Land, -- da es schmerzlich zu sehn war.

Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen
rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich
vernderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir
ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrmmt infolge der
fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mute und er fast
weinte, -- ach, ich frchte doch, dies ist mehr erschreckend als
erfreulich, denn frher war er alles andre als weich. Mir aber blieb
alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich
bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengest in dem
Dmmer der Tiefsee.

Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich wei
nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...

                   *       *       *       *       *

Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See
brllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes,
jawohl, jawohl, jetzt htten wir alles besonders beisammen, _rideamus
nunc_, was stellt sich heraus? was frdert sich, was mu ich selbst
zutage frdern, wie ich nmlich mit Ulrika und Bogner abendlich dmmernd
zusammensitze und keiner was zu sagen wei und ich deswegen nach Irene
frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgltigen
Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur sen Liebe
entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefhle -- nein, blo nicht
weich werden! -- sondern er stt sie von sich, jedoch -- das ist nicht
meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar
war es der groe Mummenschanz naturgem, der jenen Klemens zu grausamen
Schmhungen veranlate, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem
roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Geprnge, und
demgem, wer trgt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung?
Immer derselbe. Nein, blo nicht weich werden, und die See brllt wie
besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der
sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und ffne die
Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh
erbarmungswrdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn
siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder!
_Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel,
wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurckfhren lt,
blo nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn
sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekmmert, da dies an ein und
demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein
liebes Leben verlor, und auf Befragen erzhlt sie gern eine hllische
Szene, nmlich wie sie ein grausames Schieen hrt, mitten am
friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterluft
und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder
vielmehr er fllt schon hin, vornber auf eine besondre Fensterbank,
fluchend und rchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und
immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und drauen im
Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr?
Natrlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich
Beide mindestens mit zwanzig bis dreiig Kugeln durchlchert, blo nicht
weich werden, denn siehe da, worber zerbrachen sie sich lange den Kopf,
Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat
ausfindig machen knnen, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der
Ehemann mu ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika,
seinen Namen erforscht, da er ihm natrlich gleich besonders erschien,
und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen,
sie lieen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten
Dickicht der Beine nicht, und so geschah's!

Rein in die Hlle, raus aus der Hlle, und nicht weich werden und die
Rechnung aufgestellt, denn nun htten wir ja den Unheilsberg strahlend
beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef,
Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst
Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, blo
Helene ist leider noch immer nicht dabei, und ber Allen schwebt -- --
--

Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da sa ich jahraus und jahrein ber
Tpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es
an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schdel auf dem
Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!

Auf, lat uns nun wahnsinnig werden!

Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr
Gtter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht
verliere!


                        Renate an Saint-Georges

                                                         am 7. Oktober

Mein Geliebter!

Siehe da, ich schreibe und wei nicht wohin. Der Gedanke, da Du
augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu
finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen wrden, war preiswrdig,
als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel
hnlichkeit mit einem halb ersoffenen Ktzlein. Legen wir es auf den
guten warmen Ofen bis bermorgen, und trsten wir uns derweil mit der
sen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr
heit.

Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders
ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heit, was
kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die
Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der
Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und
anfangen, es mu alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein
jedes verstndlich und ganz klar, und da Du dort bist und ich hier,
auch dieses mu Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen
ein und begreife es, blo: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese
Art von Vollkommenheit, und sicher ist bermorgen gar nicht, aber Du
kommst ja erst Freitag.

Freitag, das soll auch so was heien! Morgen ist Dienstag, bermorgen
ist Mittwoch, berbermorgen Donnerstag, und was ber berbermorgen
geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an?
Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...

brigens:

                                                                Renate

                                                                Nachts

Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als
ich das Alleinsein sprte und den immerwhrenden Schmerz und den
Verlust, da fhlt' ichs doch auch: da es vielmehr ein Verlust meines
Wesens ist als meines Habens, ach, und da es vielleicht nur einer
kleinen Anstrengung bedrfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das
Stck dort, wo Du bist, wieder ganz zu fhlen, und schon wie ich es
versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fhlte
ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschtterlich, und ich seufzte.

Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns
ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine
Weise, was eben erst heilte.

                                                         am 8. Oktober

Dein Bruder hat Schlerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und
lt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber
hre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis
hintereinander vorkommen? Nein, Du rtst es ja nicht, Du rtst es ja
ganz verkehrt! -- Es heit: Ich angelte, wo der Fisch anbi. Ach, wie
kann es so etwas Dummes geben!

Aber Du Fischiger weit Du auch, warum diese Dummheit mein Gedchtnis
anbi? Weil Du schon ganz kalt und na anzufhlen bist vor lauter
Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit
Dir, Du hrst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weies Abbild vor mir
auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen bergehn, und dann wird
mir unbegreiflich zumut.

Ech-en-Aton und Du! Ist es mglich, da ich ihn hatte und Dich, drei
lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es
wirklich mglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im
selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz
blind >fr was in dnnem Schleier schlief<? Nein, wre es mglich, da
pltzlich glhen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm?
Da Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in
Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig
Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mute so sein,
denn es ist ja kein Du und kein Auen, fr das ich pltzlich Augen und
alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich,
endlich ber die Ufer ging und mich himmlisch zerri. Und ich kann es
doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen knnen,
da diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage s geworden ist,
ach, so s durch die eine Berhrung, da ich denke, alle Bienen mssen
kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so
s, da ich sie manchmal hinnehmen mu in die andre, sie halten und
fhlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist
den Stab des Armen auf der Strae, da er schwerer ward und schwerer in
seiner Hand und lngst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den
Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die gttliche Wandlung,
wir wissen es lngst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch
ein letzter Sinn, der wei nichts, und grade der ists, den wir zum
Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfhrt es auch der, wie
der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hrt,
der die halbe Welt zerri, und er ist fast schon vorber. Ein Schiffer
vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorber und rief
hinein: Der groe Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief,
da wute es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist
nur ein Ding der Erde, das nichts davon wei, so ist es noch nicht, so
kann es nicht sein.

Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister
der Erde haben es gewut, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch
zehntausendmal wei: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann
nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt s, diese Brust, die linke
und rechte, und s dieser Mund, s das Haar und die Knie und der ganze
Leib unaufhrlich ein schluchzendes Wunder von Sigkeit, warum, wenn er
es vorher nicht war?

                                                              am Abend

Ich habe Dich im Sden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu
finden, kam mde heim, und da lchelst Du mich an aus meinem Herzen. Der
Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer
kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die
Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie
fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der
Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!


                            Renate an Irene

                                                  Helenenruh, am 8. X.

Irene! Irene, mu ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den
Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lssest, mit dem
Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich knnte Dir, arme kleine Aja,
freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir
und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht
entbehren ...

Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin
glcklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich
werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst
Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, da Du rasend bist, wenn Du andre
Wege irgendwo suchst und vermutest, da Du rasend bist, wenn Du nicht
aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!

Liebe, liebste Irene, mu ich Dir vielleicht noch erklren, wie Du das
machst? La Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein
Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er
sich wehren sollte, so mut Du ihn mehr lieben. Dann knnt Ihr Euch
heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam
tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung
nehmen und drin wohnen, Einkufe machen und Bcher lesen und
Spaziergnge machen und keinen Armen von Eurer Tre weisen, und was es
auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und
bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und drft
mit Eurer Berhrung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und
Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten.

Dies verheit Dir

                                                                Renate


                        Renate an Saint-Georges

                                                          Nachts am 9.

Heute nachmittag fuhren wir vom Bhner Hafen im Segelboot nach Hallig
Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im
siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr
Gesicht erschreckend verndert und auseinandergetrieben. Dem Maler --
doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weit Du, der Tag war
kstlich, khl, aber licht, der groe, von allen Seiten her aufgebaute
Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneewei, das Meer
darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und
lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika,
Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strmpfe aus und wandelten als
Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle
ber unsere Fe ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter
Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend.
Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten.
Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir
und an Dir! Mte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen knnen und
sagen: Stehe auf und wandle? -- --

Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern
ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und
alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, groen
Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr
Gestalt, nur unermelich Fluten, Wogenberge gleitend hingetrmt,
durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht
einsam! Sieh, es bevlkern sich unsre glcklichen Gestade, und wir,
heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und
Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die groen Fabeltiere,
sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Gtter, noch
Gtter nicht, noch nicht Strom, die _einsamen_ Liebenden all: wenn sie
von ihren Weidepltzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch
einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief
und frommes Schlrfen hrbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh
wie leb ich, wie leben wir dann, trnkend, nhrend, Liebe zeugend, da
wir Liebe sind!

Und ich wei, da es einmal sein wird, wei, da Liebe Liebe zeugen
wird, einmal, ich wei -- --

Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft,
so habe ich schrecklich nahe Grenzen berall, und kaum ein Strahl dringt
aus meiner Hlle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren
Augen sind wir gewhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit
Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -- Bogner freilich, er
hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem
unsern, und sie lchelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen
auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich -- Stehen und Gehen gelingt ihm
noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun
geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle -- dasitzen und zu mir
aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt
nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lchelte und war meiner froh.

Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurckfahren konnten. Das
Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzgen, schn
wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da
sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters,
und ich bat ihn, den groen Jger, da er mir Dich erjage und bald, bald
die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz!

                                                                am 10.

Du hast mir so schne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie
so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den
Hnden und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den
Spiegel trete, noch schner als schn! Ach, und wenn jemals eine Armut
war in meiner Schnheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine
allsehenden Augen!

Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, da ich die Magnetnadel sei, die
niemals jemand einstellen knne als sie selber, so will ichs gern
glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber,
dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weie
Pferd? Oder sandt ich es wirklich -- im Traum? Am Morgen mags gewesen
sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so wei,
da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt' ihn zu Dir, und
da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die
Brcke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Frst, wo das
Wasser doch ganz flach ist fr ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon
durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus
gewesen, -- oder wars nicht so, da die Last der Liebe auf Deiner
Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her?

Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Brden kurzerhand von mir und
breche morgigen Tages auf heimwrts. Morgen, sagst Du, kommst Du zurck,
den Zug wei ich auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreiend
schn, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn und nichts sagen
knnen und nach Hause fahren und -- und -- -- und -- --

Weit du nicht, da ich ein Weib bin, sagt die gute Rosalinde im
Shakespeare, und nur denken kann, wenn ich rede? -- Na, glaubs schon
nicht, Teuerster, ein bichen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede,
aber nun nimmt es ein pltzliches Ende und -- und --

Und ganz schn still bin ich wieder und rede nur noch unsre heilige
Sprache, der Liebe einzige Sprache des Schweigens, dort, in meinem
Zimmer, in meinem alten Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen
Trume, -- des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem selben Ku!


                        Saint-Georges an Renate

Den Du erwartest, kommt nie zurck.

Es mu eine Wahrheit gesagt werden viel zu spt. Und darum ist die
Schmach, sie nicht in Deine Augen sagen zu knnen, leicht genug zu
tragen mit dem Ungeheuren.

Kommt nie zurck. -- Denn --

Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage her, als er Dich zum
erstenmal sah; im ersten Augenblick das Schicksal wissend, das ihn mit
Dir zusammenfgte; im nchsten auch schon das Zweite: da Du die
Magnetnadel seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte
er damals nicht.

Da es drei Jahre dauern wrde, drei niemals endende Jahre der
unaufhrlichen Qual. Und da, wenn diese drei Jahre dann ein Ende
genommen haben wrden, das Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und
nichts mehr sein.

Da Du aber an ihrem Ende kommen wrdest, ausgestoen, aus einer ganz
verschtteten Welt, in sein Haus, schon wissend -- und doch es nicht
begreifend --, da niemand mehr war als Du und Er.

Und da zwei Nchte der vollkommenen Hlle sein wrden, Tr an Tr mit
Dir und -- genug!

Und danach die Erkenntnis.

Und danach die Angst, da nun das Unselige kommen wrde, nun, nun! da
die Nadel sich einstellen werde in diesem Augenblick, in jedem nchsten,
der bevorstand. Und die Angst, da die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und so
lag er ber der Asche Tage und Nchte, blies und blies, bis dann beide
ngste ihn hinberrissen zu Dir, um -- was? Vielleicht -- nur zu
gestehn. Vielleicht wegen der Erlsung.

Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein Irrtum gewesen. Da kam
der Flug in die Flamme. Und durch die Flamme. In das zeitlose Eis.

Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis.

Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen sinnlosen Kampfes
um das, was lngst nicht mehr war.

Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Klte Eines, der drei Jahre im
Feuer stehn sollte -- ganz kalt.

Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen hat. --


                       Viertes Kapitel: November


                         Cornelia Ring an Magda

                                      auf Hallig Hooge, am 1. November

Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfllen und
von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen mglichst
>naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist spter damit geworden, als ich
dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, da nichts Beunruhigendes
zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs
Menschen und drei Huser, fr die ich nun haushlterisch aufzukommen
habe, das reicht schon fr den Tag.

Ich beginne mit Bogner, und ber ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu
knnen, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm tglich
nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick
nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es
eigentlich tglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer
ber Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann
auer schmerzlicher Gewohnheit von frher her, vom Liegen oder so, das
Loch im Rcken braucht natrlich Fleisch zum Ausfllen, und da er so
wenig it ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da
allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht,
wei ich, da er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --,
aber ich kenne einen ganz hnlichen Fall aus Erfahrung.

Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden
dieses Zustands, Frste, Fieberschauer, pltzliche ngste, immer wieder
belkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem
Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein
pflegt, und da es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich
schon sagen mu, da es mehr ist als gewhnlich.

Ja, und nun Georg. Sie mchten, da ich ihn recht genau beschreibe, und
in so etwas habe ich freilich gar keine bung, wie denn meine ganze
Berichterstattung wohl daran leiden wird, da ich das Schreiben gewhnt
bin in allen mglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist
merkwrdig, wie wenig man doch wei von einer Sprache, die man bestndig
spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Krperlich scheint
es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur ber Schlaflosigkeit. Das
wrde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast
ununterbrochen strmisch gewesen --, aber er behauptet, ohne die See
knnte er nicht leben. Ich kenne ihn ja auch wenig.

Aber ich kann wohl sagen, da ich erschrak, als ich ihn zuerst hier
wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptschlich der
dnne, rtliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der
sein Gesicht lter macht, auch weicher und leidender. Am linken
Mundwinkel hat er ein nervses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe
ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder
versucht er es zu unterdrcken, und so kann man daran immer erkennen,
wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend
eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen
etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, da sein Haar
ber den Schlfen dnner geworden ist und um die ganze Stirn
zurckgewichen, so werden Sie ungefhr wissen, wie er aussieht. Fast
scheint es mir, er ist noch gewachsen whrend seiner Krankheit, das wre
ja nicht unmglich, er ist nun fast einen Kopf grer als Sie und ich
und dabei so schmal!

Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen
ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf
eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, da
er Unbeschreibliches erlitten haben mu und noch immer leidet. Er ist
nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur?
-- Demut, mchte ich fast sagen und wei doch nicht, indem ich das Wort
schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so
unbeschreibliche Gebrde, wenn jemand ihm erzhlt, so von Menschen, die
man kennt -- er will immer von Menschen hren und lauscht dann mit einer
fast glhenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und
nichts vergessen mte --, so eine Gebrde, wollt ich sagen, mit der er
dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn
Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es lt sich wohl nicht
beschreiben, und ich will nun aufhren, Sie werden sich schon gewundert
haben ber all das wirre Zeug. Ein wenig betrbt es mich schon und
beunruhigt mich auch, von Ihnen und Frulein Renate so gar nichts zu
hren seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, da dem nicht etwas
Schlimmes zugrunde liegt!

Ich hoffe nur, da Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner
Berichterstattung, die wie gesagt besser sein wrde, wenn ich
unglckliches Menschenkind eine eigene Sprache htte, aber das ist nun
zu spt. Ich gre Sie und Frulein Renate recht herzlich! Ihre

                                                         Cornelia Ring


                             Georg an Benno

Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist
des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein
paar Stunden geschlafen -- fing ein groes Rumoren an, und als der
sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war
der Teufel los. Ich hause nmlich gewissermaen auf einer Insel jetzt,
ja, das wre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die
Vgel in der Hhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein
kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermelichkeit
rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein
Turm, in dem Turm ich, nicht vllig mir selbst berlassen, sondern ich
habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh,
verschiedene Hhner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger
Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen
Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe
ich auf dem Turm, so habe ich naturgem das ganze Panorama unter mir:
Himmel, grau und schwarz in frchterlicher Aufregung, ein unsagbares
Fluchtgetmmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei smtlich in
Fetzen gehn, und darunter die ruhmwrdige Winterschlacht der bodenlosen
Gewsser. Wie wre es, wenn Du kmst? Hier sest Du, wie gesagt, mitten
darin und schlottertest vor Angst, die Wstenei berrennte Dich
kaltherzig im nchsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen
wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht
an der Brstung hltst, so reit Dich das riesige Saugen der Aussicht
ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da
herumtanzen und denkst: Wie einfltig ist doch das Land gegen die See,
eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwtigen Stier. Hundert
Millionen in Raserei aufgelster Bffel sind hier zu sehn, wie sie
herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich
allhier die Schdel einrennen zu mssen, und schon ists ein Erdbebenfeld
von Legionen zertrmmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer
entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu
Deinen Fen, und das Gebrll steigt zum Himmel, da er davonjagt. Alles
siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren
gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem
Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben
wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz
sanft geworden, ein wenig de, ein wenig trostlos, aber der Teufelslrm
hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.

Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefhr
schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine
Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekrnkt. Nun haben
wir wieder eine hnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches
Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch
gekrnkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleiig mit
Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so
weiter? Nein, la das, es fhrt ja zu nichts, komm hierher, hier lt es
sich trefflich rasend werden, und pa auf, ich will Dir mein Haus
beschreiben!

Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tr, Du
trittst ein und befindest Dich in einem groen und hohen Achteck, das
dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenber zerschnitten
von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben groen Fensterscharten,
die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern,
und auerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und
Osten, die Tr im Sden. Die Wnde sind dunkelbraun getfelt, in der
Hhe befinden sich rundherum die vor Altersschwrze kaum noch
erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Mbel,
bestehend aus einem Schreibbro, rechts vom nrdlichen Fenster, einem
Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums
nebst drei Sthlen, gengten dem letzten Wohner, gengen demnach auch
mir. Eine eiserne Gelndertreppe fhrt durch eine Luke in einen gleichen
Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur
Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist
besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug
fr einen zweiten Lufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer
so herum, einer so, wie die Daumen.

Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, blo
anderwrts, nmlich allein oder mit der gewissen Cornelia auen um den
Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir mssen uns bei jeder siebten
Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren.
Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine
Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin
ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens
anfangen, Aussprche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz
bedeutende Aussprche. (Frher war er nicht so, nun ist er redselig
geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermelicher
Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand
mein frher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in
Empfindsamkeit und Erschtterungen?), verglich er dessen Bildnis des
Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil
eines Engels in einem Gestrpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas
Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle
sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd
zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefhr, ich werde von
nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!

Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist
verrckt. Platterdings, es lt sich nicht anders ausdrcken. Mit einem
Wort: fixe Idee. Pltzlich nimmt er mich beiseite, das heit, er fhrt
mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hnde auf die
Schultern, sieht mich trbe prfend an und fragt: Was meinst du, Georg,
sie wird es doch gut berstehn? -- womit er das Kind meint, das sie
kriegt. (Beilufig hat er mir nmlich Brderschaft angeboten, und siehe
da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war,
wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo
ich inzwischen so heruntergekommen bin, da ich keinen Bissen mehr von
mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und
bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergtzlich, zumal wenn man
bedenkt, da es mein telemachisches Zwerchfell natrlich doch kitzelt!)
Also, ich antworte: Glnzend! sie bersteht es glnzend! -- Er nickt vor
sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hltst du von mir? -- Ich -- wie
oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trbsinnig, du irrst
dich. Dies ist blo Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner
besondren Weichmtigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. --
Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fngt er tatschlich an, mir
seine Idee zu entwickeln. Nmlich erstens: Geistig zeugerische Menschen
drfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt
er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf
eine andre, so ist damit bewiesen, da die meine nicht gilt. Ich bin
verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den
Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz,
und er fhrt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und
was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar:
sein Leben hrt auf, das des Kindes fngt an. Worauf er anfngt, es mir
andersherum zu beweisen.

Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt
er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte,
mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil fr sie und
fr mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Bse: Als ich mich mit
Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen uerstem Ende mein
Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstrte sie.
Ich, schlo er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.

Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern
Gestaltungen.

Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen.
Frher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun
wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht
umhin, unsrer ersten Gesprche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den
Inhalt verga ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre
Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute wei, da meine
Einflle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich
fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich
mir immerhin einen gewissen Zwang nachrhmen, jeden Gedanken auf seinen
Ursprung zu prfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit
ohnegleichen und fngt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da
funkeln. Zum Beispiel folgendes:

Nmlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich wei was, sagt Bogner,
das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum
hat es fnf Akte wie die Hand fnf Finger. -- Blendend, nicht wahr?
brigens, fhrt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, da
sich das Drama zum Epos verhlt wie das Gebirge zur Ebene? --
Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz
bekannt vor. -- Denn siehst du, fhrt er eifrig fort, so ein Trauerspiel
ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es berall Pltzlichkeiten,
Tler, Abgrnde, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam
emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die groen unverhofften
Ausblicke in dampfende Tale, ngste und Entzckungen, mit einem Wort:
Tragdie.

Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne
mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Grnden schrieb ja auch der
Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tieflnder Shakespeare
dagegen Tragdien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler,
der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Mrker Kleist Dramen, ebenso
wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von
meiner Beweisfhrung und wollte sich klglich herauslgen: Keller htte
vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare
wre als Genie berhaupt unkontrollierbar, Kleist htte Novellen
geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles wei!).
Spittelers Werke wren erfllt mit alpiner Landschaft und Scott
berhaupt blo ein Schriftsteller gewesen, und vor allem htte ich
vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland.
-- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schlo mit der tiefsinnigen
Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nmlich doch recht
htte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wre, da er ihrer
nicht mehr gewahr wrde, so auch der Dichter -- und so weiter ...

So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was mu ich da sehn? Du sitzt und
liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, da Du
ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hten, ihn
abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor
Gewohnheit chzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!


                        Aus den Papieren Georgs


                              (von Bogner)

Georg, sagte Bogner fast traurig zu mir, ich glaube, du hast einen
groen Fehler. Du willst zuviel wissen.

Wir hatten nmlich halbe und ganze Nchte alles Denkbare bis ins
Undenkbare errtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler
vorwarf, ich htte das auch tun knnen. Ich sagte deshalb, blo um etwas
zu sagen: Wie kommst du darauf? Aber diese Frage war ihm grade recht.

Nmlich in seinem Zimmer steht eine alte, hlzerne und geschnitzte
Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstcken fr
ihr Kind anfllt. Vor dieser Wiege sa ich eben, bewegte sie mit der
Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm fr
Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch fr den
grten Teil der erwachsenen Menschheit unertrglich sei, nmlich an
Bord der Schiffe auf See.

Nun mchtest du nmlich wissen, sagte Bogner freundlich, warum die
Wiege hin und her geht. -- Und ich wei es, setzte er leise hinzu.

Als ich aber nun um die Erklrung bat, wehrte er ab. Du willst zu viel
wissen, Georg, und weit du, was du tun wirst? Du zerstrst dir deinen
Gott.

Weit du denn, wer mein Gott ist?

Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rtselhafte in dir ist Gott.

Ach, sagte ich, dann werde ich ihn nicht zerstren, sondern im
Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in
Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag
mir, was ist mit der Wiege?

Du mut, erklrte er nun, wenn du es wissen willst, nicht die groe
Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie
fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht
auf und abwrts von vorne nach hinten?

Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wute keine
Erklrung.

Weil, sagte er da, die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene
trgt, es wiegt, indem sie es von einem Fu auf den andern bewegt im
Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese
Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.

Ich dachte noch: Das Kind fhlt sich in der Wiege, wie in der Mutter;
und es glaubt, was es fhlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und
ist so gro geworden, da er selbst im Meere sich nicht mehr fhlen
kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst,
und er glaubt an nichts mehr.

Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklrung Bogners
ergriff, ja erschtterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde
lang wute ich alles. Das war, als htte die vorher immer grenzenlose
Welt pltzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war
alles zu Ende.

                   *       *       *       *       *

Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott
glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Frwahrhalten, so
knne er nicht sagen, da er glaube.

Ich fragte: Warum?

Er sagte erst nach einer Weile: Ein religiser Mensch, mit dem ich
einmal ber das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil
meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich ber das
Dortige aufzuklren und mir Beweise zu schaffen.

Das war nun nicht der Fall, fuhr Bogner fort. Zwar bin ich der
Meinung, da es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu
befassen, die fr eben diese Sinne unzugnglich sind. Ich habe aber eine
Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschftigen soll, da
sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das
allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie
jener Frager?

Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine
Gelegenheit bietet, oder im Verhltnis ihres bervollen, sorgengefllten
Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu bettigen, ja nur zu
empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu
Broarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und
Musikkapelle haben sie eine Seele nicht ntig. Vielleicht da sie es
meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge wrden sie mit der
Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun
das in ihrem Mae, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch
wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich
werden. Sie sind so arm, da sie sogar einsehn: fr einen Reichtum der
Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie mssen selber wider Willen
einsehn, da sie ihre Seele hier nicht brauchen knnen. Wre Mitleid von
allen Lebensvehikeln nicht das gefhrlichste, so knnte man Mitleid mit
ihnen empfinden.

Ich, sagte er langsam, ich war ein glcklicher Mensch. Ein reicher
Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe
durch ber zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes
Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich, schlo er traurig.

(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur
selben Stelle zurck.)

Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken.
Er schwieg lange. Endlich sagte er:

Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedrfen des
Gttlichen.

Und das ist?

Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor
denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so
unbekannt sind, da uns schaudert, wenn wir diese Stelle berhren. Warum
mute ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berhrte, so sagte Gott:
Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehllt in sein Rtsel. Warum kann ich
nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.

Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen
an diesem Abend nicht weiter.

                   *       *       *       *       *

Da wir heute von groen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte
Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen,
mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hrte (und immer
mit diesem leichten Zittern von Trnen in der Stimme, das er jetzt bei
solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er
Hlderlins uerlich rhrend drftige Gestalt hinstellte als einen
abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im
Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus
Regenbgen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in
Blte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen
ausbrach, da es nur frher Menschen von solchem Seelenadel, solcher
Reinheit, Gre, Se und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht
glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute htten wir andres
...

Er seufzte. Was das fr ein sinnloser Einwand sei. Du vermissest eine
Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das
Dasein jedes Dinges gegrndet auf seine Notwendigkeit? Gbe es berhaupt
etwas, das wert wre zu sein, wenn es einen Ersatz dafr gbe? Gut aber,
du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit
natrlich klar: da der Edelstein, den du kennst, im Augenblick fr dich
einen solchen Wert hat, da du den der Blume, die du nicht kennst, gar
nicht begreifen kannst. Und so httest du recht. Und noch aus einem
andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand fr
dich, der dir sagt: ich lebe heute; also mu das Heutige mir wert sein.
Ja, Georg, der Nchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der
hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht
und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne
tiefe Wallung der Stunde selber hineinri in die Strmung, der hat nur
das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rckwrts, und
morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe,
wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und
mich Lgen strafen.

                   *       *       *       *       *

Ich fand Bogner ber einer Bibel am Tisch; er schien auf mich
gewartet zu haben, denn er sagte gleich: Da habe ich die ganze
Schpfungsgeschichte gelesen, und weit du, was ich gefunden habe? Es
werden alle erschaffenen Dinge aufgezhlt, aber ein ganz wichtiges ist
vergessen. Es knnte vergessen scheinen, verbesserte er sich. Wenn ich
es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja, fuhr er
eifrig fort, angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott
erschaffen glauben, wurde bei der Aufzhlung des von ihm Erschaffenen
nicht genannt, was mu die Folge sein?

Da er selber dies Ding ist.

Gut, Georg! Er lobte mich. Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er
den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch?
Dadurch da er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?

Ich sagte: Die Luft.

Und die Luft, rief er, die ist das Ding, das nicht aufgezhlt ist
unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das
Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezhlt wurde.
Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die
Luft fr den Menschen, fr Gott vorbehalten, denn der Mensch war fr den
Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben
kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl, fuhr er fort,
auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und
deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie
fehlt sogar auf den Bildern der einfltigen Meister aus Niederland und
Kln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die
_Gabe_ hatten wie die nichtswrdigen lustlosen Maler von heut, sondern
etwas ganz Einziges: den Flei. Einen so groen Flei und eine so groe
Sorgfalt, da er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Flei
war die Liebe, und in der Liebe, schlo er triumphierend, mu immer
auch Gnade sein.

                   *       *       *       *       *

Ich hatte Bogner aus dem Gedchtnis einige Gedichte von Stefan George
gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus
den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit
werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hter zog nach kurzer
Frist ... legte er das Gesicht in die Hnde, und als ich dann schlo:

   Er krnte betend sich mit heilgem Laub,
   Und in die lindbewegten, lauen Schatten
   Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...

seufzte er dermaen schmerzlich, als wre ihm eine Welt untergegangen.
Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte,
zog er mich auf einmal in die Arme, kte mich und murmelte etwas, das
ich nicht verstand.

Du kannst doch auch dichten, Georg, sagte er dann, du bist auch ein
Dichter! Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang
und breit abstritt, da ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei.
Fast wre er rgerlich geworden. Wenn du es weit, Georg, sagte er,
wenn du weit, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mut du es doch
auch sein! beharrte er und wurde erst unschlssig, als ich es ihm an
Malern nachwies, die zwar das Handwerk htten, aber doch nicht die
Kunst.

Das mag fr Maler stimmen, meinte er dann, aber doch nicht fr die
Sprache! Da sind Farben, Finger und Hnde und Pinsel; was geht nicht
alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat
und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist
unmittelbar und enthlt doch eins im andern das Beide, sonst so
Getrennte: Vernunft und Gefhl, verschmolzen im Tnen der Seele!

Die gttliche Sprache! fing er nun an. Ja, das ist das Wunderbare an
ihr, das unterscheidet sie von allen andern Knsten und erhebt sie zur
hchsten: da sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da
ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist:
Instrument. Die ffnungen einer Flte mit den Fingern betupfen, auf den
Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und
anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn
er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zhne drckt, die Lippen
weit oder wenig, rund oder schmal ffnet? Und er tut ja mehr! Im
Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und
Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet
das Wort, ganz und gar, auen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus
einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der
Mensch selber das Instrument, so mu einer sein, der spielt, wer ist
das? Der Gott. -- Allem Alltglichen, allem Irdischen und Menschlichen
abgewandt, ganz hingegeben dem gttlichen Spieler allein, an seine Brust
gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tnen! >Die Herden
trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da
wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fhlst, ja, noch ehe du
die Lippen ffnest, fhlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund
ffnet, und nun wird eine andre Sprache ertnen, erkennbar an keinem
besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein,
diesem gttlichen _Anderssein_, das du so sprst wie -- wie wenn du
schlafend auf einen Stern versetzt wrest und erwachtest auf ihm und
wtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_
Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern
...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen
Morgen der Geist der Erdenkrfte schlafkhl duftet aus dem Schlummer der
Geschpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu
Stellen, wie den Kristall im Stein, das gttliche Dasein sprt,
verkalkt, getrbt und unrein, ist Lsterung des Gottes, Georg,
Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rchen und die Seele dessen
vergiften, der sie beging!

Du meinst mich, sagte ich hierauf.

Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.

                   *       *       *       *       *

Ich sa hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der
Platte, die Hnde bereinander gelegt und das Kinn darauf, und so
rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lchelte Bogner. --

Warum lchelst du? fragte ich.

Ich lchelte ber dich, gab er zur Antwort.

Du hast nmlich, fuhr er auf mein Ersuchen fort, mitunter eine so
erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette
aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife
Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen,
und dann lsest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam
ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer
Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.

Gott segne deine Augen, Bogner, erwiderte ich, und was soll das
alles?

Darin soll, sagte er, eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht
der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverstndige darunter, die nehmen
blo den Mund voll, aber der Wissende trnkt seinen ganzen Leib durch
die Lunge mit dem schnen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt
an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weie Milch, heute braunes
Gift. Und er mu den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von
sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.

Bogner lachte bis zu Trnen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche,
die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran.
Auch ich hatte erst lachen mssen, aber nun wurde ich von Schrecken
ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich
sagte: Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, da mit unsrer Kindheit
alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an onenfernes zu erinnern
glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?

Glaubst du das? fragte er. Ich wei es seit langem. Und er erklrte
mir, da er besonders deutliche Erinnerungen an frheste Kindheit htte,
und zwar nicht eingebildete nach Erzhlungen Erwachsener.

Und da fngt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fiebertrume
zu sprechen, und sagt: Da war nmlich das Groe!

Ich wre gern in ihn hineingestrzt. Ich schrie: Das Groe! das kennst
du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --

Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...

Ein Gang war bei mir nicht, sagte ich, bei mir war das Wlzen!

Nun, das ist gleich, meinte er, es hat ja den gleichen Sinn.

Ich schrie wieder: Es hat einen Sinn? Welchen Sinn hat es denn?

Du siehst, da es einen Sinn haben mu, denn wie knnten sonst wir
Beide es erlebt haben? Und nicht nur wir Beide. Ich glaube, da jeder
Mensch es kennt, und zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es
auch darin.

Ja, aber was ist es denn, mein Gott?

Er sagt: Die Geburt.

                   *       *       *       *       *

Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedchtnis
kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.

Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich
ber der Ebbe des Meers. Zwei Ttvgel, die unsre Anwesenheit erregte,
kreuzten unaufhrlich ber uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er ber
uns war, anhaltend und mehrmals seinen mitnigen Klageschrei
ausstoend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem
Mantel, die Fe in der Richtung der unsichtbaren See, die Hnde unterm
Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewut als gesehn, den Schatten des
sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal
-- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Zge ihres Wesens
und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es
aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir
spter >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens
und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben,
vor Jahren, eine Frau so geliebt, da er fast daran zu Grunde gegangen
wre; und das, sagte er, schien mir spter zuviel fr einen Menschen,
dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --

Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergnzen, indem
ich sagte: die Kunst.

Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im
Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir
besonders verzweifelt erschien.

Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf? sagte er dann. Glauben Sie,
einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was
Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: da man liebt, was man nicht
hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die
Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht
habe.

Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie da Kunst selber
eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die
Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, da sie es darstellen msse.

Ja, den Dmon, sagte er leise, wenn Sie den meinen, -- den Dmon, der
treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.

Und brigens, fuhr er nach einer Pause geqult fort, habe ich Sie
eben belogen. Frher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe
ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dmon erst, der mich
verlassen hat, weil ich ihn verlie und zu Menschen ging.

Bogner, sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, Bogner, das ist
doch nicht wahr!

Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flgel, Weies vom
Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei.
Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit
dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:

Wenn es einer begreifen knnte auer mir, -- was wre es dann?

Meine Hand lie er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb
verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, da es mich jammerte im
Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.


                               (Cornelia)

Bei einer Wanderung, auf langer Strae im flachen Land, kann es uns wohl
begegnen, da wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas
Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft
erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, whrend der wir ihn im Auge
behalten, sich nicht verndert noch deutlicher werden will. Vergaen wir
ihn dann lange Zeit ber andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren
wir ihn pltzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern
heranfhrenden Strae, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als
einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er
vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Strae, hlt an und
erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander,
zusammen zu bleiben fr ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm,
oder auch er erscheint uns sehr merkwrdig whrend der nun gemeinsamen
Wanderung, und schlielich fllt es uns wohl zu unserer Verwunderung
ein, da wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den
wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Mglichkeit
einer Beziehung fr uns wert hielten.

Es sind heut Jahre her -- nach der gewhnlichen Berechnung nur Jahre --,
da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als da sie zu
erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner
Strae heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir
meine eigene Strae betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so da,
wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder
morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und
wir lauschten: da ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den
Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr
Haar, ihren in den Fugelenken schwingenden Gang, ihre lnglichen Hnde,
die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick.
Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns
nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als
ein Ganzes, obwohl noch manches Stck fehlte und zwischen den
vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie
heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefhl, ein
Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat,
den fnfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem
Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Mglichkeiten und
Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen
_atmen_ lt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann
bald die se Flamme hnlichkeit sich glsern erhebt, wie die Flamme der
heien Mittagsluft berm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich ber
Cornelia.

Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner
Veranlagung gem, vor allem: hbsch, und es deuchte mich angenehmer,
beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war
bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man
sagte, dem hrte sie gut zu und gab die rechten Ergnzungen oder
Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und
schwieg. Sie war nmlich bereitwillig.

Morgens kam sie selbst mit dem Frhstck, ich lud sie zu bleiben, und
sie blieb, dann stellte sich heraus (nmlich ich mute fragen, von
selbst gab sie nichts preis), da sie selber noch nchtern war, und nun
mute sie ihr Frhstck mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so
erwarteten wir gemeinsam am Strande das tgliche Boot mit meinem Kurier,
dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mnteln und
hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbrmlich und
sahen uns gegenseitig immer rter anlaufen.

Nun und so weiter ...

Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns
nmlich bei den Hnden im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der
Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten
Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mtze
gradezuziehn ber ihrer Stirn, ohne da sie oder ich dabei den grade
begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor,
ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse
sich ablpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die
Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich
voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte
mich: dies hatte ich schon frher erlebt, und doch war es dadurch nicht
abgentzt worden. Ich dachte aber nicht, da ich sie kssen mchte, denn
so besonders war mir noch von der Krankheit her.

Aber siehe da, pltzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf:

   Diese Nacht aus dumpfem Schlummern
   Fuhr ich auf: das Schweigen drhnte
   Mir ans Ohr, doch sprt ich: andres
   Drhnen, Fausthieb, Fausthieb drauen,
   Zornig auf des Tores Bohlen
   Jagte mich empor.

   Gleich da wut ich drauen stehen
   Ihn vorm Tore, Eros, jenen:
   Eros mit den Lwenfen,
   Eros mit den Geierschwingen,
   Eros mit dem Fackelantlitz
   Donnerte ans Tor.

Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich
erkannte, da sie weiblich war.

Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder
Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten lieen oder
gar ausdrcken als durch einen Ku, und ich kte sie zum Dank, da sie
das Frhstck brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengru, beim
Klettern ber eine Buhne, beim stillen Hinaussehn ber die See, kurzum
bei jeder Gelegenheit. Kssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann
immer mehr.

Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu
frhstcken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange
mit mir zusammen zu sein, schlielich auch sich kssen zu lassen und
wieder zu kssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen
mochte. Sie uerte nichts, auer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht
fragen, denn dann htte der immer noch in der Entwicklung sich windende
Satz pltzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder
Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer htte begonnen. Ich
dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie
zum Beispiel auch den Mond, von dem man wei, da er rund ist, obwohl
scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien
immer mit allem zufrieden.

                   *       *       *       *       *

Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tr, ausgewiesen nmlich
vom dortigen Eros. Unwandelbar drhnte der Ozean. Das Tal unter mir
schimmerte mattwei, eine dnne Schneedecke war drbergefallen, es
rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei
rtliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der
Tiefe mir gegenber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht da ich
erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht mglich sein?

Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein
roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals
vergehendes Lcheln. Jedes Lcheln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies
endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt ber den Lichtern?
Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so
stellten sie sich mir dar.

Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dnn schneeberzogenen
Gemsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute
hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und
niedrig. Sie stand vor einem geffneten Kleiderschrank, hngte eine
blarosa Seidenbluse ber einen Bgel, diese in den Schrank hinein und
schlo die Tren; lautlos, denn in der Nacht brllte der Eros ber die
See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl:
Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und
das; wir kten uns dann wohl.

Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren
Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht,
das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nmlich,
ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten,
es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen?
-- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig frre, um Grund zu haben,
sie fest an mich zu drcken, worauf sie wiederum -- brigens aus keinem
besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtte, und sagte: Ich sollte
lieber hereinkommen. Da schlo sich denn der Ring zur ersten Frage mit
meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie
auch recht bedeutungsvoll erschiene, und whrend der ich sie mit
Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts kte:) Ins
Wohnzimmer oder in dieses?

Eine Antwort erhielt ich naturgem nicht. Aber nach wenigen Sekunden
hatte die Erwiderung meiner Ksse einen andren Schmelz, und ich hielt
einen andren Menschen im Arm. -- --

   Und als sie wieder lagen auf bekrnzter,
   Ermdete, auf schmaler Lagerstatt,
   Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster
   Und lchelte auf das erglnzte Watt.

Es schien nmlich (ganz nutzlos, aber doch beraus frohgemut und
strahlend ber seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als
ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten
wie mit einer Hand frsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine
Tr, wo er zurckblieb.

Wieder einmal aber, schlafesunbedrftig sitze ich nun in der langsam
verhauchenden Wrme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu
begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders
ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehus, und ich
beginne fruchtlos zu staunen ber die Ahnungslosigkeit unseres Seins.

Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben
ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es,
da wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwrtig ist,
nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was wrden wir sagen, wenn bei
der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam
machen wrde, da uns ber Jahr und Tag ihre besondre Art, das
Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein wrde und keine besondre
Sache, und da wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten
Bett?

Es geschieht auch wohl einmal, da die gewohnten Zusammenhnge mit
unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflsen; wir
sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern,
sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der
Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn
vor, da wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn?
Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Grnde haben sie zu
all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?

Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und
mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem
buerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rcken, die Hnde
unter dem Kopf. Ich hrte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem
Holzleuchter, bestehend aus einer greren rot- und drei kleineren
grnlackierten Kugeln als Fen, bewegte leise die goldene Flamme mit
gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die
stillen, weien Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen
Tisch, hellblau gestrichen wie die brigen Mbel, Sthle, Waschtisch,
Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die
Wnde empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im
Bett aber sa, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf,
Cornelia, und ihre Augen, gro, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf
das Licht gerichtet, von dem sie erglnzten. Sie sah aus, als wte sie
genug. Weich und gertet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein
Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie sa und ich
lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.


                              (Von Bogner)

Rembrandt, sagte Bogner, er mute nur immer malen.

(Ich hatte Bogner mit einem groen und roten Buch voller Wiedergaben
Rembrandtscher Gemlde angetroffen, und wir sprachen darber.)

Er mute nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu mssen ber
einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das
Leuchtende, wie es aufblht aus der Nacht! -- so malte er unaufhrlich
sich selber. Sieh doch nur, sagte er bltternd, diese ungeheure Anzahl
von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt,
Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn
Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe
Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja,
glaubst du, er hatte sich so verndert in so kurzer Zeit? Sieh doch an,
was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres
Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mtze, einen Helm, eine
Sturmhaube, und die geringe Vernderung, die der Kopfschmuck bewirkte,
breitete er aus ber das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue
Lichtflchen, und schlielich bildete er sich alles nur ein und konnte
Runzeln oder Falten oder Furchen, Gltten oder Rauhen oder Rundungen
sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das -- er
lchelte, ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen
Mannes<. Meinst du vielleicht, das wre er nicht? Und hier -- er zeigte
auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedchtnis
behielt -- das ist er natrlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube
mirs, Georg -- bestand im Verndern. Sieh doch hier diese Landschaft mit
den geisterhaften Bumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht
empfunden, nur sein Dmon griff hinein, ri und bogs auseinander und
stellte sich mitten hinein.

Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, da er zu den
Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar
ernst:

Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er
Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt
pltzlich einer innen und verndert willkrlich, von innen! -- Da!
siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestt die Ruine. Nun kann er sich
jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist
immer Verfall. Er zerfllt, er zerblttert frchterlich, es blht ihn
auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es
schluchzt, es sickert, es brckelt, es -- zerfllt, zerfllt, und er --
er malt es, malt es, er ist ganz bld, er denkt blo, da ihm auch das
Verndern jetzt abgenommen ist, und da diese Art des Vernderns noch
genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind,
besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert!
Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhuslergalerie, diesen
Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne
Gott, nur noch Schicksal, wtendes Schicksal des Malenmssens, das in
seiner leiblichen Hlle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hnde
malen, in seinen Hnden sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne
Farbe, ohne Leinwand, ein Stck Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht
ntig fr den glorreichen Triumph seiner Hnde, drin die Natter Gicht
sich verbi. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht!
Licht! das die vergrmte Ruine mit Seelenblut berlodert, die goldene
Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn
aus Baumstmmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle
Diamant: so mssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten
geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepret in der ewigen
Faust.

Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er
doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im
Scho hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die
bergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:

Immer mu ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt
besinne.

Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil fr ihn
das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie fr
Rembrandt.

Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen
Grenmaen gewesen. Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur
die eines Menschen, whrend die Rembrandts an den Niagara denken lt
oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn
scheint mit allen Rdern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge
ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine
Spitzenklpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den
Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.

Ihrer beider Wollust war -- bis zum uersten, wie bis zu einem
gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider
von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten
hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du
-- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich wei
nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geuert hat, aber ich
knnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden
Erscheinung der Sonne --, da er im Irrsinn nichts andres gewollt hat,
als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hlfe der
Landschaft --, nmlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und
sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.

Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist
deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wrme?
Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was
van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von
auen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein
ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die
Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wlder und cker und das
Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte
aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weie der Narzisse; es
zeugte die Wrme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wrme, Georg,
die Wrme! Die aber hat er gefhlt, Rembrandt, und die hat er gemalt,
Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das
Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im
Finstern, und Entzcken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er
das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an
malerischen Dingen. Er lie es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und
berall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen,
die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln,
Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Krper Hendrikjes,
und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter frs Licht -- das
eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde,
wollstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze
Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die
sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter,
schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes,
widerglnzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.

Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinberging,
blindlings im vllig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst
gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die
Seele glhte sich schweigend aus; nun mu sie reden und verbrennt dabei.
Und ich erschrak, da ich bemerkte, da ich nicht der einzige Unselige
bin auf einer so kleinen Insel.


                       Fnftes Kapitel: Dezember


                          Aus Georgs Papieren

Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze
und schreibe --, da hinter meinem Rcken in der Nachtferne etwas mir
vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine
dunkel verdmmernde Flche nmlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben
berwebt -- das Land, das meinen Namen trgt (obwohl wiederum selber ich
ihn nicht trage, aber wer wei das?). Dazu ein Staat, der in
hunderttausend Gehirne geprgt ist als das Bild eines Berges, auf dessen
Spitze ich stehe.

Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl?
-- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von
bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen
glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie
ein Bndel aus ihren Kpfen und -- nun, aus den mehr oder minder
abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwhnischen Vorstellungen, die
sie sich machen mgen, ein paar willkrliche herauszugreifen und
aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja
nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in
Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von
immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt,
denn sie mgen mich nun achten oder verachten, mich fr mehr oder nur
soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder bse: dieser
bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich
jenen Titel bekam wie ein Kleid, also da ich seitdem tun oder denken,
sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig,
wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit
Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es
ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun
sein Wirken darin sieht, da sein kranker Bruder gesund wird, der andre
darin, da ein Erdbeben kommt, der dritte darin, da er anstatt den Hals
nur das Bein brach, und der vierte darin, da sein Nachbar an derselben
Krankheit starb, die er berstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie
glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verndern.

Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und
jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlat, eines Tages mit seiner
Familie und aller beweglichen Habe von Sden nach Norden zu reisen, und
einen hnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag fr Tag, da
nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre
gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer
dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall
werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir
angesehn, Urteile ganz fremder Leute ber Andre werden gltig durch
meine Unterschrift, und in Kirchen wird fr mich gebetet.

Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen?
Verstehen, da wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du
jemals nicht jenseit sein knnen von alledem, sondern darin?

Nein, dies wird niemals mglich sein, weil es niemals hat mglich sein
sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach
ihr Gehuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das
Gehuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und
wer htte auch von einer Schnecke gehrt, fr die ihr Gehuse eine Last
ist, die sie langsam zu Tode wrgt?

Nur so viel sieht Telemach ein, da es doch mglich ist, darin zu wohnen
fr eine Weile.

Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich
gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu
bemerken, da sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf
ist, habe ich auch einmal gewut; nun ist es ein fliegender Rauch, durch
den die allstndlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinber.
Es ist nicht gengend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut
geworden, da die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu
reden, -- dann zngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und
sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt
sich in meinem Herzen, und ich denke, da ich bald nicht mehr kann.

In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu
stehn, mte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir
wird nicht einmal warm davon. Ich rttle an den Steinen des ewigen
Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefgt habe, so
stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu
werden, und bemerke, da ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen
sein mu, denn nicht immer, wenn ich schreibe, mu ich wie ehedem jede
Laus von Wort, die durch mein Gehirn luft, aufs Papier streichen,
sondern ich lasse sie sitzen.

Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre
Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein
Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und
Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts
drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde,
und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich
ein Stck wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein
Hundert Wellenkpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf
mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe
und sehe.

Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch
nicht mehr auf, la mich doch los! All ihr unendlichen Mchte, was
verschlgt es denn, ob einer getrstet wird? Wenn ich auch schuldig
wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und
ge--, oder htte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, da ich lau
war, nicht bse, nicht gut, nicht kalt und nicht hei, und soll ich
darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?


                              (Von Bogner)

Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fnde die Welt in Ordnung. Ja,
wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so.
Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung
gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.

Danach bewies er es mir auch.

                   *       *       *       *       *

Es wurde sehr spt gestern nacht ber Erzhlungen Bogners von Frankreich
und Spanien. Spter kam er auf einige besondre persnliche Erlebnisse,
und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzhlte. Am
Schlusse unterlie ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner
Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt
geworden war, nmlich da ich sie nur aus Lsternheit suchte, nicht aus
Liebe; da sie mich deshalb nicht fr ihr so nahe halten konnte, um ihr
Geheimnis zu beichten; da also, wenn meine Sinnlichkeit schon in
frheren Jahren ihre notwendige, regelmige Stillung gefunden htte --
und so weiter.

Der Fluch der Lsternheit ber der Menschheit, sagte er, ist der
Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer
der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach
dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das
Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der
nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die
Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen
Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche
Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen
uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns
nach dem Verhllten, das fr den Dumpfen das verhllte Nackte ist. Er
will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wre es nicht geheim,
so wre es kaum noch.

Der aber, sagte Bogner, ist der Heilige, der das Geheimnis wei im
Licht.

Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glckliche, der ewig ein Geheimnis
pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es
selber zur Magie geworden ist: der Dichter.

Hielt ich mich selbst nicht fr einen? Heute wei ich nicht einmal, wie
ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber
unvermerkt im Wirbel des brigen, und nun erst, ganz pltzlich, fhle
ich einen Schmerz.

Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube da er ist, und
sehe, da es ein unmenschliches Glck sein mu, ein Glck ber allen
Glcken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strmen
zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im
erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fhlen, einsam, einzig
mit den Wenigen, oh Flgel an die Fe selbst in den erzschweren Stunden
des Seins! Was knnte einem Solchen geschehn? Mu ihm nicht alles zum
Besten dienen? Mu ihm nicht Honig flieen aus jedem Ding, das er selber
erst zur Blte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus
jedem strmt ihm eine, die seine Kraft. Die gehufte Welt ist sein
Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da
er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich fat ein
unendlicher Jammer an, wenn ich der rmsten unter den Armseligen
gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glcklich. Die eine
Begierde haben knnen, auer der einen, tausend Jahre so leben zu
wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen,
nach Brot. Die das Heilige erniedrigen knnen, indem sie es zu einem
Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafr,
da sie so sind.

Da an Gott das einzig Wesentliche ist, da er ein den irdischen Trieben
und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es
nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein mu
ja erkennen, da sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem
mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich,
wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflubar von ihm selber. Wenn
er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle
knnen anders; er mu das Eine.

   Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,
   Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:
   Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn!

                   *       *       *       *       *

Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstie wie die Faust mit
dem Schlssel, der den Zugang zu den Mttern erffnen sollte, mich in
meinen Festen schon als Ahnung erschtternd -- damals gengte mir der
Schlssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur
zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder s durchzucken zu
lassen. Nun ist mit der Verflchtigung der Zeit auch die Wibegierde
gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja
doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner:

Du mut mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie
eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was
ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei
unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?

Ja, sagte er, auch ich glaube, da mit der Kindheit alles ein Ende
nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darber
gedacht. So la uns doch einmal erinnern.

Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein
schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein
Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde,
und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Trstliche, alles
Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie
erlebt haben?

Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu
sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder
herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich she
nur, was er zeigte. Allein pltzlich, bei der Vorstellung jenes
Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, da ich ihn sah --
nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das sa in der Mitte,
unter der Stirn.

Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und
dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend
wtend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde.
Bis dann pltzlich mit einem Ruck dieses ri, und ich sah -- Ihn.

Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und
ich -- frchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig
geschielt haben als kleines Kind, und ich frchtete mich vor ihm: weil
er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich fr
nur eines und frchtete mich.

Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die
Erscheinung, der eingeugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht.
Warum kam sie spter?

Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll
ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, da ich
mich an hnliches zu erinnern glaubte.

Und dies, sagte er nun, dies war der Anfang. Wie hie der Anfang,
Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre frheste Kindheit denken, an
damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald,
und Verirrtsein im Wald, und die Dmonen, die hunderttausend Mchte der
Angst, die bse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewlzten
schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht
und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut
ging hervor, ffnete alles und machte es lind. Licht kam und war
trstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.

Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch
niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies,
das duftig blut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.

Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie wrde er
aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und
da in Urzeiten und bis spt hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der
erste Gott mnnlicher Gestalt. Spter kamen die Mutter, das Weib, die
Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.

Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen
in unsre Wlderangst trat? Wer war der Trstliche, der im Lichtschein
erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Trume?
Der uns anblickte und uns zusprach und --

Ich bat ihn, zu schweigen.

Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der
mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern
Stelle.

Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis
schwarz, war Angst, und der Schauder war bse. War die Erscheinung
minder rtselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich
Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen.
Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre,
und die ganze Lust der Se wurde fhlbar erst durch das Grauen zuvor,
und das furchtbare Grauen wurde verst durch die Aussicht auf Heilung.
Schon das Kind, das sich frchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn,
lernte es, dieselbe Furcht s zu finden in Geschichten. Wir waren ein
unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon
erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach:
mehr Se.

Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller
Geheimnisse sestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem
Schwarzes und Wstenei sich auflsten, sich darstellten gesondert, nicht
mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse sestes: die
Ordnung.

Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist
das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet
und sich gerne verrt. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in
allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser
Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel,
und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir
weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz
Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Se,
Form allberall. Oh der seste Schauder, Georg, den Freund
wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der seste
Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!

Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Bse.

Bogner, mute ich pltzlich sagen, noch eins! Du hast einmal ein
schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fllt es mir ein, du sagtest: Die
Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich
habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, da ich immer daran
geglaubt habe. Was heit es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber
sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heit das?

Habe ich das gesagt? fragte Bogner nach einer Weile. Dann wird es
dieses heien:

Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein
Gutes, nmlich was er fr gut hlt, ohne da irgendeine Beeintrchtigung
seines Wesens damit verbunden wre. So ist auch das, was uns ein
Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut
mehr, wenn es uns hindert. Wir knnen nur um unsrer selbst willen sein.
Ob wir lieben oder hassen, tten oder uns opfern, verzichten oder
erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von
uns, weil wir so sind und so mssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur
eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur
Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir knnen ewig nur auf egoistische
Weise altruistisch handeln. Und es wre die vollkommene Art, den
Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen
darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich
in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.

So gut sein, da nichts mehr mich behindern kann -- das wre zu
wnschen. Es wird nicht gehn. Der Ttige kann nicht ntzen, ohne zu
schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, da du malst?
Wenn er aus reinem Altruismus berzeugt ist, es sei besser fr mich,
wenn ich nicht male?

Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heit: sie wollen Alle
nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem
Guten. Er lchelte pltzlich.

Etwas fllt mir ein, sagte er dann ernst. Vielleicht wirst auch du
erst lcheln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit
am Ersten und Letzten angelangt. Nmlich: das Neugeborene schreit;
ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es wei, da
es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernnftige Elternpaar
mchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern
lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernnftig ist,
einerseits, und eine Liebe hat fr das Neugeborene, andrerseits, und
vielleicht wei, da auch das Schreiende nichts will als sich nicht
hindern lassen am Schreien, was tut es? Es lt sich doch hindern an
seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der
Anfang.

Zu alledem -- nachdem ich es gehrt und geschrieben habe -- kann ich nur
Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von
alldem, so sehr mu ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die
absonderlichste Weise. Es ist, als fnde ich die Welt jetzt in Ordnung
wie Bogner. Ich wei nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist khl und
natrlich, es ist gut. Ich wei, was zu wissen ist; innerhalb ist alles
Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die
Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht
sicher.

                   *       *       *       *       *

Wir waren allein, es war spt in der Nacht, die Stehlampe brannte auf
dem Tisch. Er rckte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer,
etwas schief, die Hnde auf dem Rcken, ging dann ans Fenster und
stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzhlen.

Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann
schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein
wenig kleinlich, geneigt, zu >nrgeln< oder >mkeln<, aber mit Maen und
jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von
ihrem Wesen. Dann sagte er:

Als meine Mutter fnf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie
einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war
damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten
Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich wei
nichts von ihm, als da er Schriftsteller war oder Dichter, und das
ergab fr mich freilich ein seltsames Gefhl von Verwandtschaft. Es
giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch
ihrer Mutter war. Mein lterer Bruder und ich selbst waren damals schon
am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern
ohne Vermgen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein
Vater durch mehrere Jahre nicht ablie, sie zu ntigen.

Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her
und wollte es berhaupt zu keiner Einigung ber sie kommen lassen. ber
ein Jahr lang gab es einen furchtbar hlichen Kampf. Dann erlahmte
meine Mutter und wurde, was sie whrend dieses Jahres nicht gewesen war,
wieder die Frau meines Vaters.

Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau
von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der
heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und
sie ihn so gealtert sah, da wei sie auf einmal, da er vieles gelitten
hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und
da mu sie kommen und es sagen und wei, da ihr Sohn sie versteht. --
Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fnfzehn riesige Jahre, und
da es nun ist, als wren sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm
kommen knnte, und da sie und er sich verstehen. -- --

Und also fngt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer
Sprache; die nicht erzhlt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert
Zge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer
knstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darber spricht,
sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend,
sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder
zurcknehmend oder aufhebend; immer nach Grnden suchend und doch ganz
ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal
zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem
Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie
ber sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder
nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu knnen
glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht
aus ... indem sie meinte, da ihre Tochter klein starb, und da ich zehn
Jahre spter verloren ging.

Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hrt, wie
ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rtteln und sagt: Wenn ...
und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas
lter gewesen wre und es erfahren htte? Ich wrde mit ihr im Vater den
Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der
Unbekannte und sie und ich, wir wren dann vielleicht glcklicher
geworden, ich htte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas
denkt man denn.

Ich htte es auch zu einer Zeit hren knnen, wo ich meinen Vater fr
einen Verbrecher und ein Tier gehalten htte. Ihn, der doch Gewalt
brauchte, wo kein wahres Recht mehr fr ihn war; ihn, der eine Frau in
sein Bett zurckzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn hate; und
dies aus nichts als aus Lust, aus Bedrfen. Ihn, der endlich so klein
war, da er auch in diesem nicht etwas Groes sehen konnte, um sich
dadurch ndern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Htte er sie noch
gehat, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wre es doch Leben gewesen.
Aber er blieb, was er war, kleinlich, mkelig, alltglich. Er war nicht
schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein
und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.

Bogner sprach lngst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich
mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gertet, er versuchte
immer wieder sich aufzurichten, und nun stie er die gespreizten Hnde
hinter sich und sagte mit unterdrckter Stimme der Heftigkeit:

Da qulen sie sich und qulen sich und verspritzen ihr Blut in den
Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und
sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und
das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen
und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wre, und das war es
nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich
geschndet und gedemtigt und zerknirscht, und all das war es nicht!
Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur
Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich
abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht
Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies --
Rtteln, dies Rtteln in mir, das will, da ich male.

Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun
pltzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern ber sein Gesicht und
seinen Krper gehen, er ging auf den nchsten Stuhl zu und setzte sich
darauf wie ein Knecht.

Nach einer Weile sagte er erschpft:

Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.

Pltzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Hnden, als wollte
er ihn wegstoen; sein Gesicht vernderte sich in einer schrecklichen
und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er wrde schreien, aber er sagte
all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit
in der Stimme:

Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben mu, da es alles
nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das
Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lgen strafe,
-- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis
zum letzten Atemzug glauben, da es Wahrheit ist in der Welt, und da
diese Not und dies Glck, dieser Druck und dies Heil das einzige ist,
was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Gtter zu geben, es soll
keine Gtter geben, aber --

Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den
Baum und pret einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blttern
neigt, und Vaterlcheln aus rauschenden Zweigen. Er st die funkelnde
Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen
sich Gestalten heraus, blhende, Tiere und Menschen, der selige Delphin,
die Jungfrau und der Jger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was grer ist
als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst
mein Feind sein und ber meine Leiche hher steigen, ich soll dein
Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mchte
zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel
reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine
Zhne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsuern mit
meinem Fluch, da dein Dasein geniebar werde fr Geschlecht und
Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hfte,
aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Hnden reien. Und wenn
im Morgengraun nach der langen Kampfnacht ber dir die Drossel singt, so
soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen,
berstend von Se, ein Wunder der Erde an Erfllung.


                             Georg an Benno

                                        auf Hallig Hooge, im Dezember.

Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, da
Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewutsein
Deiner besondren Verehrung fr ihr reines und zartes Wesen, will ich
nicht unterlassen, die einzelnen, ihr pltzliches Ende herbeifhrenden
Umstnde vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur
Stunde nahe befrchten mssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde
ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.

Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unvernderlicher Nordwestorkan ber
unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht pltzlich um,
wehte einen Tag lang warm und nssend vom Lande herber, legte sich dann
oder verschwand, und ber die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel,
der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, da infolgedessen
ehegestern oder schon vorehegestern (wer hlt all die Tage auseinander?)
zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika,
nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande
hinberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefhr einem Monat
bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewhnt hat, der
mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf
dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform
meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres
Gefhl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der
haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in
einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu
irgend etwas hat, die vllig fr sich allein da ist, durch Tage und
Nchte berwlbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt;
pltzlich war in den Husern der klagende Schrei des Ttvogels hrbar,
langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward
ungeheuer.

Damit Dir das Folgende verstndlich sei, bin ich gentigt, einiges von
einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner
und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen
Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit.
Die Rede war nmlich angelangt bei den Bewohnern dieser Kstengegend,
ihren Sitten und Eigentmlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren
Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklren oder, falls Du
Dich an frhere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins
Gedchtnis zurckrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weit, nicht
nur hier auf den Inseln und Halligen nordwrts, sondern auch auf dem
Festlande verbreitet, in hnlichen Formen zudem in Westfalen und
Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit
einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, bersinnliche Fden der
Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinberzuspinnen, andrerseits der
vielfltige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heit
den auf See umgekommenen Shnen, Vtern und Gatten. Stelle Dir die
Inseln vor, die winzigen Halligen, berhngt von der strzenden See, das
Leben dort, im Winter zumal, in den Nchten ohne Ende, die Einsamkeit
dieser Gehfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von
jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kmpfe mit den drei ewigen
Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterla fraen, Land fraen und
Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden
den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoen mit
ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen
das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in
dem des Todes. Begrbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang
erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten
aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so da man wute: sie
waren tot. Diese wurden >Gnger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden,
Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzhlte Bogner den folgenden
Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein
Mensch brigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all
diese Menschen hierzuland.

Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der
nrdlichen Inseln -- groe Schafherden weiden dort fast wild; ich verga
nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mdchens zu
ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege
im Dnensand, wurde im Wagen zurckgelegt, sie kamen mit Einbruch der
Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhgeln der Wattseite, Wiesen,
bevlkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hgeln und
Gletschern der Sanddnen. Du kennst die langgestreckte Form der
niedrigen Huser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne
Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mgliches Wachwerden
erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nhe ein Licht brannte.
Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt drauen an den
Fenstern vorbergehn, in der Richtung der Haustr. Aus diesem oder jenem
Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur
zwischen Vorder- und Hintertr. Die obere Hlfte der vordern steht
offen, von drauen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare
hngen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wnschen Sie etwas? fragt der
Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er ffnet die Tr, tritt zurck und
wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in
der Zimmertr. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer,
sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen
auf das Bett gerichtet. Da schlgt die Frau die Augen auf und sieht ihn.
Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stt
einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer
Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die
Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.

Diese Erzhlung erregte den Maler auf so besondre Weise, da ich
ihm gleich noch eine vortragen mute, und zwar die von den
Doggerbankfischern.

Die Doggerbnke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren
wochenlang oft nicht zurck, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer
schweren Arbeit beschftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im
Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft
arbeitet in vlliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.

An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters
pltzlich in fast schon gefhrlicher Nhe ein andres Boot, das auf das
ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinber, sie lrmten und
fluchten, allein das stumme Boot kam nher und nher, fuhr endlich so,
da Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorber. Drin sa die
Mannschaft an ihren Pltzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer
sagte, als sie fast schon vorber waren: Wir drfen keinen Lrm
machen. Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im
Nebel. Spter ward offenbar, da jenes Boot an jenem Abend an einer
meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.

Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein
Wort und ging hinaus.

Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich
lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von
dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Da sie kamen, nicht
anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise
feierlich und verschnt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die
Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte
sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lrmten, die Toten
verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- drfen keinen Lrm
machen. -- Noch so viel Gte, da er wegen der bewutlosen Lebenden das
Schweigen brach!

Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah
die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels
derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff
und sie fr natrlich und ihresgleichen hielt.

Nun, so kamen wir wieder ins Gesprch, und es war begreiflich, da ich
nun auf das in unsrer besondren Nhe befindliche Gespenst zu sprechen
kam, das diese Insel fr Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll,
nmlich den sogenannten Drnger, eine Erscheinung, die brigens auch in
andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann
Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern auerhalb des
Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen
Absicht, dieselben in die See zu drngen. Sie verloren nmlich die
Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drngte und drngte von
hinten, von der Seite, von berallher, kurzum: er drngte sie in die
See. Wenn dazu berichtet wird, da der Deichring um Hallig Hooge, der an
der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nchten geschlossen sein
soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, da Angst erstlich
die Sinne blendet, so da der Verfolgte das Deichloch bersah, und
zweitens die Zeit und den Weg unmig in die Lnge zu dehnen pflegt,
also da der Verfolgte meinte, die Lcke im Deich, die er nach wenig
Schritten vielleicht erreicht htte, sei schon vorber, worauf er
womglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer wei
das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.

Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen --
wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saen, auch wieder von diesen
Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer
besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht
wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.

Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die
brigen dachten, da jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein
zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond
ber dem dnnen Nebel stehen sehn. So saen wir lngere Zeit schweigsam
im greren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum,
die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwrts dazu sa der Maler,
ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias,
dunkel und glnzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des
Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und
hinausgehend, mit den Augen, da sie Ulrika folge.

Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich.
Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang
erhob und ihr nachging, sagte spter, da er zwar einen gewissen,
besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.

Aber Minuten spter erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia
ri die Tr auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der
Hauptmann knne sie nicht allein tragen ... Bogner nmlich galt ihr noch
fr zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er
war denn auch zugleich mit mir in der Tr, Cornelia berichtete fliegend,
sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dnnen Schrei gehrt, sei
zur Deichlcke gelaufen, habe wieder den Schrei gehrt und nach einigem
Suchen, wenige Schritt weit am Fu des Deiches Ulrika gefunden,
zusammengekrmmt, sich windend und sthnend in Krmpfen. Die Zuckungen
der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hlfe
zurckrennende Cornelia traf, sie zu tragen.

Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel,
in schnes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze
Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger
Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das
Kind, das entsetzliche Kind! -- Spter hat er noch erfahren, da sie im
Nebeldunst drauen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich wei
nicht, ob ein Kind mit einem bergroen oder ohne einen Kopf gesehen
haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen
und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestrzt ist.

Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im
Zimmer, als ich vom Drnger erzhlte. Wie sollen wir das nun verstehn?

Im Haus berlieen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saen drei
Minuten spter im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser
Fahrt htte ich selbst mir kaum gegnnt! ber dem Wasser schwebte ein
Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann
weiter hinaustrieben, schien er sich fr Nordwesten entscheiden zu
wollen, schlielich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so
gut wie uns entgegen. Und was hilft es nmlich bei Fahrten wie dieser,
da man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es
hat keine bermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten
Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole
geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du
bei einer brennenden Laterne, blo mit einem zuflligen Uhrkompa, den
der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglnzenden See, im
Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten,
die Stunden werden, stille liegend, und du reiest Herz und Lungen und
alle Organe auf, als ob du geboren wrst, im Augenblick, wo du das
Leuchtfeuer vom Auenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die
silbernen Dnste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist
schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen,
obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fngt an zu beten, Benno,
ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden --
statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und htten nicht
gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt htte, so schnell
wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Khne, die an
den Molen und an den Hafenwnden lagen, die unendlichen Lagerschuppen,
die Krne, die Kohlenberge, die unerhrt langen Reihen von Fssern, und
wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo
einer einsam steht und schpft, Sdamerikafahrer, wo ein paar Kerle im
Dunkel ber der Reling liegen und spucken, Ziegelkhne von endloser
Lnge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine
Kajte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den
Ellbogen auf den Knieen -- weit Du, wie das sich einbrennt in die Augen
auf solchen Fahrten?

Also, ich rannte denn zum Arzt (weit Du, wieviel Vorstellungen der
Orte, wo er sein knnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu
Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem
Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche
in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir
langten eine halbe Stunde spter wieder an.

Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben,
Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was
geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfnglichen besondren
Klte mit rauchenden Hnden. Ich habe ein Geschrei gehrt, Benno, das
Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat,
brllen und heulen und pfeifen hren. Ich habe hinter der Tre gestanden
und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den
Trritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe
an der Fllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt.
Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn
Worte sagen hren, bei denen es mich in den sten meines besondren
Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebrmuttersenkung -- es drehte
sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hrte. Weit Du was,
Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das
Allergewhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der
Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe
Cornelia vllig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort uerte, ab und zu
ging, das Ntige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon
Zerfetzten sa und ihre Hand hielt. Ich hrte mich selber klappern und
den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hrte ihn schnauben
und sagen, ob gestrzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das
wre alles Unsinn, und sie htte niemals dazu kommen drfen, und das
Kind wrde sich hchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden,
noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln!
Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Ngeln
gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht
gehalten, um mir eine Abkhlung zu verschaffen, und die Wunde als
hchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Trnen vergossen und
diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe
sie um Vergebung meiner Snden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe
angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn blo dies
aufhrte.

Ich habe nmlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der sa all die
Stunden im Nebenzimmer und hrte es mit an. Ich kam herein, ich denke,
da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch.
Als ich nher zusah, merkte ich dann, da ich, wenn ich ihn anrhren
sollte, einen elektrischen Schlag empfangen wrde, denn er sa auf einem
Elektrisierstuhl, gerade so geladen, da es eben noch zu ertragen war.
Nein, er sa auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell
rennenden Tier; sa in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, sa
gewissermaen auf dem hurtigsten Tier, das da trgt zur Vollkommenheit,
genannt Leiden.

Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die
Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner
erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gnnte sich dieses alles.

Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus
einer eisernen Rhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen
an alle Mtter und Maler und Gtter um Erbarmen.

Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht
nur um kleine Grade schlimmer als blich. Cornelia scheint es ja zu
verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu
leben. Ich will mal nachsehen.

                   *       *       *       *       *

Fnf Uhr. Nun mu es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt
erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!

Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel
seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen
Stuhl hinausgetragen und sa dort, die Hnde auf den Knien, unter sich
den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter
seinem Rcken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: Nun, Bogner,
proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?

Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Pltzlich berlufts ihn. Er
wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: Ja.

Bist du wahnsinnig? schrei ich ihn an. Nachdem du dies gelitten hast?
und sie?

Ja, sagt er nach einer Weile. Auch da ich leide, ist -- gut.

Da waren wir still. Spter sagte er:

Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt
es an; dann ist alles erfllt.

Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich wei, welche Furcht vor dem Tod
er erlitt. Nun hat er eingesehn, da nicht er gefordert wurde, sondern
sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das
er bringt. Vielleicht wre er lieber gestorben, als so berleben zu
mssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich mu man ein Kentaur
sein, um ihn erleben zu knnen und doch zu verstehn.

Ich wei nun nichts mehr und schliee den Brief.

                                                                 Georg

Tot.


                             Georg an Magda

                                    auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.

Meine liebe Magda!

Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, da
Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist,
nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben.

Ein unglcklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie
nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter gnstigeren Umstnden
nicht berstanden haben wrde.

Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals ber diese Dinge miteinander
sprechen, so wrdest Du erfahren, da meine alte Ehrfurcht vor ihm nun
fast das Ma des Menschlichen berschritt.

Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute frh mit
meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen
Mittag mit einem ungestrichenen weien Sarge und einem kleinen weien
Marmorblock zurck, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und --
darunter -- das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden
Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der
Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Fen in
der Richtung der See. --

Ich habe zu diesem einige Worte ber mich beizufgen.

Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich
nicht fhig, die Tote zu sehn. berdies hielt noch etwas mich ab, ihr
Zimmer zu betreten. Bogner sa neben ihr und zeichnete sie. Da er
keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so ri er vom Deckel
eines brunlichen Pappkartons die Randstcke ab und fand ein kleines
Stck Rtel. Durch die offene Tr zum Sterbezimmer sah ich ihn dann
schrg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach
ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal,
wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten
Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hnde beschftigt
seien.

(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer
Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte
alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith sterreicher
jener, von der uns Bogner erzhlte -- vor Jahren --, die er zum Leben
erweckte, im Bilde, whrend sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns
damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber --

   es kehret umsonst nicht
   Unser Bogner, von wo er kam.)

Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbro mit den
tglichen Unterzeichnungen beschftigt war, der Hauptmann und der
Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Bltter zur
Hand gingen, berhrte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser
weiblicher Aufschrei mich veranlate, mich umzuwenden. Von den drei,
durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden
Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte
Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des
Frhstcksgeschirrs beschftigt, dann die Gesichter der Herren und das
ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tr, und dort sah ich nun
Bogner, der seinen Pappdeckel in der Hhe seines Kopfes hielt und uns
zeigte. Anfnglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und
verwirrte, rtliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jhlings
schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Zge, umrahmendes Haar,
halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse.

Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen
halb geffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens
stehen geblieben, oder gleichgltig stehen gelassen von ihm, der die
Seele noch lebend heraus und in Fetzen ri. Es war zu sehn, da er das
tat. Hier war alles zerstrt. Hier war nichts mehr; nur Tod.

Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte
hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an.
Und wir starrten darauf und sahen, da da nichts war. Ein paar verwirrte
rote Linien auf dem Braun.

Ich sah Gestorbne schon frher. Damals war es anders als hier, weniger
deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe
mich berzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller
das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen
blulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas blulich
Weies schimmerte. Es war entseelt.

Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er lschte
in mir nur das Licht. Es lt sich sehr einfach ausdrcken. Ich hatte
bisher nicht geglaubt, da mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er
lebte in einer andern, hheren Form, und nahm an, da sie die selbe sei,
in der er mir erschien. Nun wei ich, da die Toten keine andre Gestalt
haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten
Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir.
Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.

Dies versuche mir zu glauben, ohne da ich es erklre.

Ich bin ruhig, seit ich dies wei. Ich habe die Hoffnung, da in Blde
alles zu der ntigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir
hren.

Ich schliee. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl
ber kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht
und zur Arbeit geielt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging,
was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.

Ich bleibe allein zurck mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, da auch
Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird.
Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor
Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines krnklichen, schwer
hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mute. Nun soll ihm eine
schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich frchtet ohne sie. Sie
reist nach Zrich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir
vorsprechen.

Lebe wohl! In Liebe brderlich Dein

                                                                 Georg


                            Georg an Bogner

                                     Hier, am letzten Tage des Jahres.

Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verlie mich
auch Dein Geist. Doch ich wei nun, wer Du bist. Als Du diese Erde
betratest, gaben die Gtter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das
ist: Sei uns willkommen!

Du bist aber Herakles.

Derselbe Halbgott kmpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und
bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid
an, und es >ging in Lfte der Geist ihm auf<; er betrat den Raum seiner
Unsterblichkeit.

Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst berwindende Mensch: das
ist der Heros, der die Unsterblichkeit davontrgt.

Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber -- heroisch zu sein in allen
wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die
Aufgabe, die ich sieben Mal verriet.

Mein Heros, lebe wohl!

                                                                 Georg


                        Sechstes Kapitel: Januar


                           Cornelia an Georg

                                                   Zrich, am 11. Jan.

Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber ich mu Dir doch
sagen, da meine Rckkehr sich noch verzgert. Die Operation ist
berstanden, aber es sind im Zustand des Kranken Verwickelungen
eingetreten, die mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar
unglcklich darber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge ziehn
mich ja unaufhrlich zu Dir, aber -- was bin ich Dir, und ihm hier bin
ich das Einzige! Nimm dies und die innigsten, liebendsten Gre Deiner

                                                              Cornelia


                             Georg an Magda

                                           Auf meiner Insel, am 20. I.

Dieser Brief wird in meinem Schreibbro gefunden werden, wenn das Wenige
vorber ist, das hier alles genannt wird.

Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drckt meine Wnde ein. Ich
bin so furchtbar mde, da es keinen Schlaf mehr fr mich giebt als
einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fhle ich meinen
Krper schlummern, aber die Seele lst es nur in einen rauchenden Wirbel
auf. Dann ist immer der gleiche Traum, da ich Sindbad bin. Die Beine
jenes bsen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mute, liegen um
meinen Hals geschlungen, sie wrgen mich, und ich lauere darauf, da der
Alte einschlft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn
ich dann erwache, so wei ich, da er nicht schlft, ehe ich selber
schlafe.

La mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht
fr feige! Vielleicht knnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet,
mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist
aber all die Zeit whrend der letzten Jahre mein mehr oder minder
bewutes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter
mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat.
Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was
ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben
ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hiee
sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich
in mich selber zurckziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder
jedoch gehrt eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann.
Tag fr Tag wchst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein.
Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch
frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Mglichkeit, und
ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen,
das bringe ich nicht mehr fertig.

Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im
Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im
Nchtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglhn
und wieder erlschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat
sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Mchte der
Flgelschlag, der sie verlscht, der des Gedankens sein, da Du die
geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!

Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen,
ich verspreche Dir, da kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten
Rest von mir verbraucht habe.

Dann glaube mir, da ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach!

Lebe wohl!

                                                                 Georg


                             Georg an Benno

                                           Auf meiner Insel, am 24. I.

Mein Freund:

Du wirst wissen, da ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe,
einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich
mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden
hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekmmern, machte ich mir
Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen,
infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas
zu stoen, das ihm die Einsamkeit hier aus hnlichen Grnden wie mir
nicht beklagenswert erscheinen lt. Aber nichts dergleichen. Er hatte
kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den
Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der
Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust
gehabt, mute freilich ein bescheidenes Leben fhren, hat aber auer
seinem Beruf nie Bedrfnisse gehabt, verlie die Kriegsakademie mit den
hchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wnsche, als einmal nach
Italien zu reisen, und bedauert nur, da der nchste Krieg eher da sein
wird als fr ihn das Bataillon, aber ich hoffe, fr diesen absurden
Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu knnen. Hier
arbeitet er den ganzen Tag, kmmert sich den Teufel um die See und liest
jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.

Mchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder
in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als
Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der
nchste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab
gelandet, so fhrt er seine Kompagnie zu einem glnzenden Sturmangriff,
erhlt das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen spter
legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweiwo her schmerzlos und ruhig auf
den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hrt auf mein Kommando! und
an der Stelle, die er ausfllte, steht ein Andrer, der sie gerad so
ausfllt.

Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte
dabei, da meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des
Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und
eigentlich meinte ich Dich.

Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere,
aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und
was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der
Eine in Schweigen, so da der Andre erst viel sich bekmmern mute und
endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich
glaube, da nicht nur meine Brde mit der Zeit zugenommen hat, und nun
sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die
schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der
Deinen?

Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort
warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine
besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spt; zu
spt auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nmlich, ob wir schon
damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung fr ein ungemeines
Leben durch den Entschlu bekrftigt htten, den Weg, den es uns fhren
wrde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, da ich
mich entschlossen htte. Es ist, wie gesagt, zu spt, und fr mich ists
schon viel, da ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezhlten
Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang auer dem, der mir
sichtbar ist, da ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der
Ahnung, es msse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken
wre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im
Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltglicher Stunde
geben wollte. Die heutige drfte ungemein genug dazu sein.

Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden,
scheint mir wenig passend; ein Wort aber drfte schicklich sein, und ich
bin in Hflichkeit geboren und erzogen, so da es mir kaum weniger
passend erschiene, wortlos zu gehn.

Darum wnsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in
einer uersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr
wei als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden
Herzens mit rasenden Fen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage
und Nchte: dann wnsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich
durste, und die, wie es scheint, nicht fr mich bestimmt ist. Dann
trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes

                                                                 Georg


                             Das Schweigen

   Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest
   Eines Bruders, einer Schwester Scho,
   Auszuruhen, das stet und steil
   Aufwrtsragte, das berbrdete Haupt?

   Und vom Schweigen, im Lrm deine einzige Wehr,
   Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel,
   Einmal zu erlsen sehnschtiger Lippen Drre
   An khlen Quellen, an geliebtem Mund?

   Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken
   Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut
   Mde verging in die ruhige Rte und Nacht,
   Fandest auch du; und immer gefaltete Hnde
   Lsten sich still, geliebter Geschwister gewi.

   Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem
   Schwer von Verlangen inbrnstigen Worten vorauf?
   Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen
   Aller Flle beglnzte Strme
   Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.


                              Hallig Hooge

Es war ganz dunkel.

Georg sa, die Hnde auf den Knufen der Stuhllehnen, ein wenig
vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts
bewegte sich. Es war still.

Als Georg merkte, da er horchte, wute er, da unendliche Zeit
vergangen war, whrend er so gesessen hatte. Whrend dieser Zeit mute
der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr.

Vor seinen Augen war das Zimmer dmmrig, obgleich die tiefe
Nachtschwrze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbro war
deutlich erkennbar, die weie Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden
Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Sthle, schattenhaft
alles.

Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich,
da es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren.

Er fuhr sich unbewut mit der Hand ber die Stirn.

Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ...

Er lehnte die linke Schlfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, pltzlich
zitternd vor Mdigkeit, und so sa er eine lange Weile, ohne Widerstand
gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf
einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still.

So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer
tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht.

Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lchelte.

Also ... ist noch etwas? dachte er mhsam. Abschied? Von wem?

Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu
ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit
dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu
tun.

Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklrte sich.
Ach, oh, ich werde schlafen!

Er rckte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum
Sekretr, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus,
ffnete die Verschlsse, und weil ihm die Finger bebten, mute er an
einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller
grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und
wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne
Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte,
war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Tten gemeinhin anders
vor.

Er bemhte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber
nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine
Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Ghnen berfiel
ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schlielich vorber war,
bemerkte er, da er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie
spt es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die
kleine, bleiche Kreisflche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen
auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte
vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um
herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans
nchste Fenster und blickte hinaus. Drauen war ein grauer Schein. Von
den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er
nicht einen.

brigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn:
ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen
drei und fnf Uhr morgens.

Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er
seinen Kopf hei und dumpf empfand, beschlo er, vor die Tr zu treten
und noch einmal nach dem Meer auszusehn.

Drauen stehend mit einer bergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das
ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst
berhrte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im
Januar, wo der Frhling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann
ging er in schrger Linie ber den Deich bis an den Rand.

Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fu der Mauersteile unten,
stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut,
etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, nher ... Etwas glnzte
zu Georgs Fen, so sehr einem Aufblick hnlich, da es ihn rhrte. Nun
war alles wieder still.

Wie geruschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein
Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er
starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wute,
und die schweigsamen Gewsser hauchten ihn mit dem Odem ihres bergroen
Wesens an. Ein wenig hher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas
quellendes Licht, gelblich, weilich, und seltsam erschien der Umri
eines Berges.

Pltzlich rhrte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mute den
Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfllte ihn, auf
einmal bog sich sein Knie, er legte die Hnde zusammen, kniete und
sagte, die Worte im Munde zerdrckend, zur Erde:

Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will
fort ...

Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es berlief ihn glhend.

Und ich danke auch, sagte er. Dank fr alles! Du bist gut und schn.
Deine Abende und dein Frhling, die Amsel und alldas.

Viel gelitten, sagte er pltzlich, viel gelitten ...

Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein
Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit
ganz laut: Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!

Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfue hin;
Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurck, schlo die Tr, ging
zum Schreibbro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in
die linke Ecke lehnte.

Die Augen schlieend, gewahrte er pltzlich einen Lichtschein hinter den
Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, da die Lampe brannte. -- Was
ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen
Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefhl, die Lampe habe sich
selbst entzndet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er
dann, aber nun qulte es ihn, da dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn
er nicht mehr darin war, und auch, da er nicht wute, wann er sie
angezndet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte,
da auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos
stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, da er das vorhin
geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzndet haben mute. Es
sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal
gelesen zu haben, da man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht
machen sollte, vorm Tode, das wrde dann auerordentlich werden. Es war
aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon
frher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knllte das Blatt zusammen,
aber, da er bedenken mute, da es spter gefunden werden knne, zog er
es wieder auseinander, hielt eine Ecke ber den Zylinder der Lampe und
wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch,
pltzlich lohte es zu einem mchtigen, roten Scheinen auf, in dem er
geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der
Planetengtter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit
der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer
Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam
verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein
paar rote Funken.

Nun noch die Lampe. Er lschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl
zu, setzte sich wie zuvor, drckte die linke Schlfe an, und die
Mdigkeit berstrmte ihn, da es ihn schauderte vor Wollust des nahen
Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen,
bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fhlen, und lchelte. Von fern
zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er
ghnte ein wenig, drckte sich fester an, -- nun kam die letzte, groe
Woge, das Dunkel ...

Seine Hand glitt neben den Schenkel zurck. Cornelia erschien pltzlich
im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschftigten sich im Halbdunkel,
er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden
Klingen wurden sie ferner und ferner ...

Georg schlief.

                   *       *       *       *       *

Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dmmerung
fllte den Raum mit Wrme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbros
brannte die Lampe, so da in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit
ihren Messingknpfen, die geschnitzten Sulen und die Treppe aus
farbigen Hlzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten;
aber unter die weie, mild leuchtende Kuppel war ein Stck Papier in den
Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht,
herunterhing und den Raum mit Dunkelheit fllte. Dies war so erstaunlich
schn anzusehn und von solchem Frieden, da Georg lange Zeit die Augen
nicht davon abwenden konnte.

Er erschrak dann leise, als er entdeckte, da er nicht allein war: im
Schatten, rechts neben der Platte des Bros war ein sitzender Mensch; er
schien die Beine bereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die
Hand gesttzt.

Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich
in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie
da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?

Grade ihm gegenber hinter dem dunklen, runden Tisch sa eine weibliche
Gestalt; ihre bloen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit
gefalteten Hnden; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie
schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte
Furche ihres Scheitels in den leise glnzenden Wellen des Haars. Sie
schien ihm nicht unbekannt.

Hinter ihr, weiter zurck an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann,
den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief
nachdenke.

Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es
ihm von der Tre her strahlend blau entgegen, und uerst betroffen von
Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines
Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war
Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgefhrt, bevor seine
Augen dorthin gelangt waren. Ein groer, grn und golden feuriger Drache
glnzte aus dem Himmelblau der Brust.

Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm
zauberhaft deuchte. Sein Krper war ihm so leicht, da er ihn kaum
fhlte, die Seele so frisch und khl, da er kaum Atem zu holen wagte,
aus Furcht, diese Frische und Khle knne abfallen wie lockerer Schnee.
Hoch ber ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein
ferner Choral. ber alles Begreifen feierlich schien dies.
Augenscheinlich ein Traum.

Warum saen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen
gewartet? Oder -- pltzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht
doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert
und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, da er
zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um
ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel
ihm ein und alles andre.

Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des
Tisches einen schwrzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole
erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wute er, um
was es hier ging.

Er hier, er hatte ber sich selbst ein Urteil gefllt, eigener Klger
und Richter. Da es sich aber um eine Versndigung gegen Menschen
handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre ber ihn
urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden
nun da.

In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das
Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn
schien. Ach ja, da sie blind war, hatte er nur getrumt.

Indem richtete auch der neben dem Schreibbro sich auf, und es zeigten
sich Jasons Zge und schwarze Augen.

Der hinter Magda stand, lie die Hand sinken; es war der Hauptmann.

Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde
Magdas Stimme hrbar, klar, aber gedmpft: Ist er erwacht?

Erwacht, sagte Jason. Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend
sagen, -- oder gute Nacht.

Georg sagte leise: Schn, da ihr da seid! Wie kamt ihr hierher?

Wie alle Reisenden, versetzte Jason, ber das Meer. ber seine
beruhigten Flchen sind wir geritten auf schnen Delphinen mit Augen
gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre
Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt.
Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.

Ich glaubte, da ihr Trume wart, sagte Georg.

Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder
ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.

Und warum kamt ihr?

Um zu heilen.

Und wie knnt ihr?

Du mut dich mitteilen. Aber erst hre, wie dies sich begab. Wir
stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst,
und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du
ihn nanntest, fhrt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine
Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster
dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein
schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir
konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wutest von
uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht,
du schlfst seit Stunden, du schliefst dich glhend an und wieder khl;
es wurde sanft in dir, und dein Gefhl, das schmerzliche, stieg auf wie
Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lcheln.
Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart,
verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Trume, siehe sie
um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst,
stumm den Vasall, und mich, in Hnden klar den Sprachkristall, und bunt
und immer lchelnd den Chinesen ...

Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar
und --

Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist
wahr.

Soll ich nun sprechen?

Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn
es dir stillbar ist, da du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im
Zweiten ...

Wie soll ichs verstehn?

Beizeiten! La sehn: Was du allein weit -- nicht wahr? -- das ist gut.
-- Gut ist es und echt. Wei es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, --
dieweilen es heit: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit
Reden, so wird es zerrissen, was bleibt fr jeden? Die Hlfte, nicht
wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten
gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese
vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hiee Tao geteilt,
aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die
Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den
Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.

Was heit das? verzeih!

Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in
Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen
Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden
die Brcke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten
unendlich ist, was knntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er?
Aber gesttzt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner
zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding,
so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah,
und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so
wird auch Gott -- vergnglich ist sein Hauch, im Ma wie du vergnglich
bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus
war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon
schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft
und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards
Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!

Und gb es kein Mittel, ihn zu halten?

Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hnde zum Gebet,
auf deren Brckenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern
fest. Da nur keiner sich wanken lt und niemals erschlafft! Euch zu
halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt.
Sie ist so bewandt, da sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus
sich selbst ergnzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder
erhalten. Nur htet euch vor dem Erkalten, und da kein Teil verloren
geht, und da nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und
nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die
Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.

Ach, was ist vollkommen?

In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich s erhalten -- sich nicht
verbittern! -- --

Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme
fort:

Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstrte und
Betrbte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist
geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die
Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und
arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie frchtet
sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in
Hnden, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich
durch Zimmer an den Wnden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stt
Geschrei aus wie ein Tier und luft von hinnen. Sie war vollkommen; nun
ist sie von Sinnen, und keiner wei, wie man sie wohl erlst.

                   *       *       *       *       *

Georg hatte pltzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden
oder matter. Wollte die Lampe erlschen? Waren seine Augen trber
geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen
Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?

Ich verstehe nicht! stie er hervor. Was ist mit Renate?

Jason schwieg. Georg sah, da Magda das Gesicht in die Hnde gelegt
hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der
brigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lcheln,
aber zwei vllig europische, ja erstaunlich runde und braune Augen
hatte, glnzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natrlich
geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fhlte er es doch nicht
minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.

Die Hnde fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte
Magda:

Es ist, wie Jason erklrte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte.
Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in
dem stand, da er sie seit Jahren geliebt hat, und da es ber seine
Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen.
Ich kam einen Tag spter als sie nach Altenrepen zurck, da war sie
schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der
Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu frchten. Sie kleidet
sich, it und schlft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann
sie es wirklich nicht, denn sie stt Laute hervor, die --

Magda schwieg.

Ich kenne sie ja, begann sie von neuem, sie hat eine andre Natur als
wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie khl und
beherrscht, und so leicht sie erglhte, war immer die Grenze da. Sie
sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun
scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb
schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es
kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber
die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich wrde morgen
erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht
erschrecken, denn -- Magda errtete so tief, da Georg es erkennen
konnte durch die Dmmerung -- du liebst sie doch.

Aber nun wollen wir das lassen, fuhr sie fort. Ich bin ja gekommen
... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich
tun? Ich mu ja nun immer angestoen werden. Als aber dein Brief kam
nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist
meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier
bin ich nun. Verzeih, da ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir
sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich
frchtete mich vor deinem Erwachen ...

Georg hrte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er
dachte mit einem bittern Schmerzgefhl an Renate, und dann, wie er sich
sagte, da sie stumm sei, nicht reden knne, stieg auf einmal wie ein
Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst sprte er die
ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn,
da er htte sterben knnen, ohne alles gesagt zu haben. Keiner htte
ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie
einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rtsel, an dem sie
deuteten und alles falsch.

Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar
ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Da diese Menschen in dieser
Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still
gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich
um seine Sinne.

Er beugte sich vornber und verbarg das Gesicht in den Hnden. Da
erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er
es besser verstnde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern
alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur
sich selbst angehrte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in
Natrlichkeit, da er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu knnen.

Ja, ich will sprechen, sagte er, ich will alles sagen, ihr Alle sollt
es hren! Ihr werdet Alle sehn, da ich recht hatte!

Whrend dieser Worte gewahrte er, da es doch wirklich dunkler im Raum
geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte:

Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen? Und er neigte sich ber die
Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.

Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er
sie nur noch mit Ohren hrte und wahrnahm, und indem er lnger und
lnger redete, schien es ihm mitunter, als wre in den Worten gar kein
Sinn, als wren sie vllig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im
Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wute er
nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgnge
aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch
einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, da sie unendlich
wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- da er
nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und
zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie
augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da,
bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, da
er sich auf einer riesigen, abschssigen Bahn zu befinden glaubte, die
er mit Sturmeseile hinunterfuhr, sprend, wie die Luft ihn umsauste,
oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu
empfinden, da alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er
die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und
er sa hoch ber der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und
sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses
Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und lie ihn zurck wie einen
Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren
Unabnderlichkeit war es jetzt, da es die Beziehung auf ihn verloren
hatte. Einen Augenblick fhlte er dies; da wars leicht. Pltzlich schlug
ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein wrde, dann wre alles wie zuvor.
In diesem Augenblick merkte er, da er nichts mehr zu sagen hatte. Er
suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles
ausgeschpft, und erschpft sa er selber in dem Dunkel, das die
Gewhnung seiner Augen in graue Dmmerung verwandelt hatte, und sah
wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht,
von Magda und vom Hauptmann.

Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan?
Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das
war ja alles nur Zeitversumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor
...

Das reiende Krachen eines Streichholzes ward hrbar, die Flamme zuckte
auf und leuchtete, schwer strzten Schatten in Masse von oben, und neben
Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des
unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die
Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, dstre Raum, und
Jason sa dort und nherte die Zndholzflamme der Siegelkerze im
Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es
in die Leuchterschale.

Magda sagte, tief Atem schpfend:

Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, da du so gesprochen hast!
Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder
erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Ma ist es
Wahnsinn! Sie wandte sich hlflos um. Sagt es ihm doch, da es
Wahnsinn ist!

Warum? sagte Jason. Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist
es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn fr den Irren das Leben oder
nicht? Wahnsinn lscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer,
wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn
wohl keiner berzeugen.

Ja, aber Jason ... Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg
hinber und fragte bekmmert. Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all
dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, da du es mit dem Tode
wieder gutmachen knntest? mit dem Tode?

Wenn ich so wahnsinnig wre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im
Gegenteil! rief er geqult, ich htte Leben dazu gebraucht, zehn
Leben, hundert! Mu ich dir denn erst sagen, da ich eine Pflicht hier
habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?

Welchen Brief? fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, da der
Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.

Keinen Brief! sagte er rgerlich, ich hab mich versprochen. Ja, nun
ist alles wieder da, Miverstndnisse und Versprechungen und alles! Wie
war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst
du hchst ungehalten, dich wiederfinden zu mssen. Kannst du beschwren,
Jason, da dir nicht wohler gewesen wre, wenn --

Jason lchelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort:

Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht!
Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen,
einmal heraus zu sein! Drauen! drauen! versteht denn das auf einmal
keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann,
nicht los von etwas zu kommen, und da alles zugepicht ist, alles
verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche
um Woche kein Aufhren, nicht die kleinste Lcke mehr, und nur noch
diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustrzen aus diesem Leibe, aus
diesem Ganzen, und lustig zu sein, darber und -- ein Geist -- -- und
zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja
alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und
Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn knnen als von
innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am
Leibe zu spren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine
Pause! Warum luft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat,
in die Speisekammer und hngt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen
jetzt und dem Gestndnis, und weil er nicht wei, was der Tod ist. Er
sprang auf. Gndiger Gott, Magda, ich wei, was er ist!

Oh ich verstehe die Welt! fing er gleich darauf brennend wieder an.
Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh
gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine
Welt fertig hat: sie Alle machen, so schbig es werden mag, etwas, in
dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von
auerhalb ansehn knnen und sich herrlich finden. Man denkt, man will
sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein
Stck von sich in der Hand haben, um hineinzubeien oder es
wegzuschmeien wie einen Stein. Man will sich gefangen haben auerhalb,
und sich erlst fhlen von sich. Und das ist die Erlsung der Welt! Das
ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir knnen sie nicht begreifen und
nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es
lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewut oder unbewut, und ob
Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist
drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr,
sondern sie schliet es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und
also, Magda, schlo er heiser, damit du mich verstehst: dies ist die
Aufgabe, fr jeden und fr mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos
unaufhrlich und unermdlich in die Form. Er fing, da er sie den Mund
ffnen sah, gleich wieder an: Und ich kann es nicht, ich kann es nicht
mehr, ich sage dir, da ich es nicht kann, denn ich kann die
Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr
da! schrie er wtend, und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann?
Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in
dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stcke mu dann die Form
wenigstens, in Stcke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in
der Welt ist, Ruhe!

Und der Selbstmord -- Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er
Magda die Lippen bewegen sah, mute er etwas sagen, und es fiel ihm
immer etwas Neues ein, der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist
das berhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Bue und
kein Loskauf, und das sind alles blo Ausdrcke! Und es hat mit dem
Leben berhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das wei
man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist
es, und es sind keine Grnde und all dergleichen, sondern man geht auf
Pflaster, und da fngt der Asphalt an, weil er da anfngt, weil die
Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht
lebensberdrssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist!
Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist
mde!

Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.

Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:

Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon frher
erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine
Pause?

Georg fhlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und
beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.

Das, meinte Jason, drfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es
sei das Wesen der Pause, da danach alles wie zuvor sei; sonst knnte
sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.

Georg beharrte weiter: Sie gengt mir nicht!

Freilich, versetzte Jason, das ganze Leben gengt kaum. Wenn die
ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die
Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.

Die Ritardandos wren auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen
knntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom
Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder
ein elend kleines Stck, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich
fhle mich lngst nicht mehr ganz.

Und das liegt daran, wie ich sagte, erwiderte ruhig Jason, da du zu
wenig Liebe hast.

Georg fhlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern
hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit,
und dieser rundugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...

Da warf er das Gesicht in die Hnde, fhlte sich jmmerlicher
zerschnitten als jemals und wnschte sich den Tod.

Dieweil hrte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte
nichts hren, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie
sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und fr sich
allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von
seiner Jugend sprach sie, und da er viel zu lernen gehabt habe. Viel
mehr Mglichkeiten, hrte er sie sagen, als Andre, und deshalb mehr
Schwierigkeiten ... Und zuletzt: Sollte nun nicht alldas den Sinn
haben, da du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und
nun, was du fr dich gewonnen hast, fr Andre verwenden kannst?

Georg fuhr verzweifelt wieder empor. Aber Magda! Das ist es ja doch!
Warum verstehst du es denn nicht? Ich mchte mich ja verwenden, ich will
es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das
Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung fr eine Million
bernehmen, wenn ich fr mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn,
da ich ausgelernt habe, da ich gelernt habe berhaupt? Ich hab doch
nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas!
Regieren ... Er stockte. Etwas, das er whrend der letzten Jahre
hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrckt hatte;
was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpret
war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich
schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden
vor seinem Druck ein dnnes Lcheln der Selbstverachtung um seinen Mund
gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen
da, da er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn.

Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fhlst dich dazu
begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du
echt bist, nicht immer gewut httest, nur als Geheimnis vor dir selber
es wahrend, so wrst du ja eine Kanaille gewesen.

Die Erscheinung schwand langsam und lie Georg in Verwirrung Magda
gegenber, die sehr deutlich dasa, zur Hlfte im Kerzenlicht, zur
andern im Schatten, und ihn ansah, so da es schien, als ob eben sie die
Worte der Erscheinung gesprochen htte. Da bemerkte er seine Verwirrung
und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein
...

Rieferling! rief er pltzlich. Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein
schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen -- sich vorsetzend im Stuhl,
die Hnde an den Knufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er
sie jetzt Alle fangen wrde; ich verspreche Ihnen, wiederholte er fast
schmeichelnd, wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort
treffen, in dem ich die geringste Mglichkeit fr mich finden kann, so
will ich ihr folgen.

Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph,
da nun das gewnschte Ende fr ihn nahe war, glhte er mit beiden Augen
den Menschen an, der, die Hnde fest um die Lehne des vor ihm stehenden
Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprgten, geordneten und
stmmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er
einfach: Hoheit sollten es versuchen ...

Ho -- -- heit ... tnte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im
Stuhl zurck. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ...
sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine
schwchliche Halbheit! schlicht gedacht, blich; praktisch nannte man so
etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Mglichst wenig
heroisch.

Es hat ja doch keinen Sinn mehr ... wrgte er endlich widerwillig
hervor. Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darber
ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es mu doch ein Ergebnis
tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!

Das Ergebnis des Leidens, sagte der Hauptmann, seltsamerweise
errtend, ist wohl, durchlitten zu sein.

Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst
nicht, wie ... er knnte nicht sagen, da er aus eigner Erfahrung ...

Georg stand auf. Du mut todmde sein, Magda, komm, geh schlafen. Er
sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war.
Rieferling wird Li alles zeigen. Wir knnen ja morgen weiterreden. Er
sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben.
Was ist das? fragte er, ist es jetzt wirklich Viertel acht? Die Uhr
ans Ohr haltend, merkte er, da sie ging, und der groe Zeiger stand
auch genau genommen erst zwlf Minuten ber Voll. Einen Augenblick
glaubte er, alles getrumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn
wie am Abend zuvor. Dann hrte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der
Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte
sich auf ihn zu mit vorgestreckten Hnden. Er lie sie die seinen fassen
und litt es, da sie sie liebkoste und an die Wange drckte, indem es
ihm beschmend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil
er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen,
dieweil er sie in die Arme schlo, zu sagen: Nun gehts glcklich aus
wie eine Sitzung im Brgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr
alles eingereiht habt!

Ist es denn, Georg? fragte sie, ngstlich zu lcheln bemht, ist es
denn wirklich?

Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so
habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lgen! und sagte mit mdem Ton: Es
scheint ja so. Du -- fuhr er zrtlicher fort, warst ja immer bereit
zur Verantwortung.

Ja, sagte Jason, sie hat mich vor Teichen und Windmhlen bewahrt, und
deshalb saen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!

Er reichte ihm flchtig die Hand und ging an ihm vorber zur Tr. Li
hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr
breiten rmeln bergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm
ihm Magdas Pelzmantel ab und hngte ihn um ihre Schultern, worauf er sie
zur Tr fhrte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es
eilig zu haben, als knnte er etwas zurcknehmen. Georg drckte dem
Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der
Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, da es neblig geworden
war; die Nacht ber dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht
eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen,
whrend er die Gestalten in der Tiefe mhlig verschwinden sah. Pltzlich
dann war alles leer.

Hin und wieder zusammenschaudernd in der Klte lehnte Georg am
Trpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und
erbrmlich klein. In seinen Schlfen pochte das Blut, nun stach es in
seinen Augen, die Mdheit war wieder da. Halb unbewut wandte er sich
zur offenen Tr zurck, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu,
sah die Schatten der Sthle sich leise anheben, und pltzlich wurden sie
alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorber, ein warmer Hauch von
drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem
runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.

Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie
sonderbar das sei, da weder Jason noch der Hauptmann sie an sich
genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet htten! --
Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten
sie mir nun die Hnde binden!

Und wenn sie sie mitgenommen htten, fiel ihm hinwider ein, was dann?

Ihm schauderte heftiger in der Klte, ohne doch drinnen eintreten zu
knnen, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich
bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben.
-- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der
Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.

Georg schlo gedankenlos die Zimmertr, drehte sich langsam und ging,
stolpernd im hckrigen Grasboden, Schlfen und Augenwinkel zerstochen
von Erschpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach
unten begann.

Der Nebel war hier auen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens
unten zeigte, da Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden
hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.

Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers
bin ich nie gewesen, dachte er verchtlich, aber -- das wird sich ja
wohl noch berwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wre bis in die
Tiefe ...

Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit
zurckzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.

Georg hatte die Lider ber die Augen fallen lassen, gehend, weil er im
Gehen war, in einer leeren Unschlssigkeit, die ihn peinigte. Als er die
Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ...

Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein
Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nchsten
Augenblick Wellen und Sprnge unzhliger wtender Schlge bis gegen
seinen Hals hinauf. Ihn grauste.

Dann ermannte er sich. Schwerfllig und langsam formten sich
Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...

Wenn es aber einer von ihnen wre, so wrde er doch kommen ... Er
wartete ... Pltzlich hatte er mit groer Erleichterung das gewisse
Gefhl, da der dort ihm den Rcken zuwandte und von ihm nichts wute;
es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht.
Nur ruspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.

Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr
sicher, da er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf
den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein whrend das Grauen wieder
in ihm stieg, merkte er, da jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf
seiner Zunge, Georg stie ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ...
Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ...

In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg
flsterte Atem schpfend: Eine Sinnestuschung! -- worauf er sich einen
Sto gab und vorwrts ging. Mut zeiget auch ... flsterte es in ihm, Mut
zeiget auch ...

Aber mit einem malosen Entsetzen mute er pltzlich merken, da er
nicht gradeaus ging, nicht konnte, da seine Fe -- er drckte mit
aller Gewalt --, nein, die Fe wollten nicht dorthin, wo der Schatten
gewesen war, sie strubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie
knurrten und sich gegenstemmten, und Georg berlie sich ihnen in
hngender Schlaffheit, so da sie ihn in einer gebogenen Linie nach
rechts davonfhrten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich,
glitt, auf derselben Hhe mit ihm.

Georg wute, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief,
brllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und
pltzlich war der Schatten weg.

Unter dem Nebel, fnf Schritte vor Georg, glnzte es. Etwas Blinkendes
lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch sprte Georg fr eine
Sekunde eine Erleichterung. Er wute nun, worauf es ankam, und wo er
war. Er mute wieder nach rechts hinber. Ich will laufen, dachte er,
setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Scke voll Sand.
Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da!
Du bist bermdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit
zusammengebissenen Zhnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen,
hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, lngst in
der Gewiheit, da die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun wrde sie
sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Hhe, zwischen
ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben.
Einen Stern! nur einen einzigen Stern!

Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fhlte, da
unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lsten und kalt ber sein Gesicht
rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wute
er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schlielich den
Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.

Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Fe. Dann
zhlte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fnf -- sechs ... Irgendwo in
einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das
Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von
ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte,
alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge fate, war da nur
Nebel.

Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach
rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm
nachging.

Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich
mute der Deich kommen, bald auch die Lcke, und er rechnete: sieben
Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stck hatte er schon hinter
sich und --

Was war das? Es glnzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser
her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine
Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwrdig!
fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann
er sich und machte sich klar, da er nun rechtshin am Wasser einhergehn
msse, -- worauf er sich drehte, schon sprend, da seine Fe
einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt
grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.

Der Kopf fiel ihm vornber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand
dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich
zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich
habe mich daran gewhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm
fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schn, der Chinese,
die Kerze vor den Schublden mit glnzenden Messingknpfen, daneben, mit
Schatten gefllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich,
grn ... und nun bemerkte er, da die Nsse und das Wasser zu seiner
Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der
Vorstellung, wenn er liefe, wrde die Gestalt auf ihn strzen. Da! da
war sie ja, fast auf gleicher Hhe mit ihm, sie war nher, sie wollte
ihn gegen die See drngen, er mute sie mit aller Gewalt wegdenken, denn
das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der
Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fhlen konnte, die sich nicht lesen
lie in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lcke im Deich? Sieben Minuten
muten lange vorber sein ...

Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heit, dachte er, die
Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!

Er saugte sich knstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er
die Lhmung in seinen Fingern berwunden und die kraftlosen nach innen
gekrmmt hatte. Die Fuste schienen ihm aber so locker, da er die
Finger immer tiefer nach innen prete, bis er pltzlich mit einem ber
Erwarten heftigen Schmerz die Ngel im Fleisch fhlte. Dann ri er die
Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum
Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hrte
ein Rcheln und ging auf sie zu.

Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der
Rest, der ihm sagte, da noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu
gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als
er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, da er fast aufgeschrieen
htte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann:
da die Gestalt sein Vater war.

Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fhlte, wie er am ganzen
Leibe erlosch, und whrend ber ihm die Stimme seines Vaters begtigend
sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung
hinsterbend, nieder vor seine Fe.


                       Siebentes Kapitel: Februar


                            Bogner an Georg

                                                      Bhne, am 6. II.

Mein Lieber!

Da ich hre, da Du noch auf Deiner Insel bist, mchte ich Dich fr den
Fall Deiner -- hoffentlich mit dem Frhjahr erfolgenden -- Abreise
bitten, nicht an mir vorberzugehn. Ich bin nmlich dahier geblieben. Es
kam so, da ich whrend der zwei Stunden, die ich auf den Anschluzug zu
warten hatte, einen Spaziergang ber die schnen alten Stadtwlle machte
und im Nordwesten -- in der Richtung auf Helenenruh -- unweit im
Wiesengelnde ein Gebude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte
Gestalt -- wie ein Panorama -- mich anzog. Es war die Reitbahn eines
Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger Offizier, krzlich mit
Spielschulden flchtig wurde; die Pferde sind verkauft, der Tattersall
-- mit der Reitbahn hngt ein hbsches kleines Haus zusammen -- war
verkuflich. Mein guter Stern wollte, da ich die Tante des
Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und betrbt
zurckgeblieben fand, -- und so habe ich denn das Ganze, Haus, Atelier
und Wirtschafterin erworben. Die Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in
mir war das Fieber der Arbeit, so da ich glcklich war, nicht erst
weiter zu mssen. Leinwand und alles sonst Ntige gab es im Ort zu
kaufen, ich lie mir dann meine Habe aus Altenrepen kommen, und kurz:
seit ich anfing zu arbeiten, habe ich noch keinen Augenblick aufgehrt;
hatte, wie es scheint, den Vesuv in der Brust und stehe nun verschttet
vom Ausbruch. Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst. Mir ist wohl.
Ich wnsche Dir das gleiche, mein Lieber, und bin Dein guter Freund

                                                                Bogner


                             Magda an Georg

                                                        am 15. Februar

Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber Georg, denke doch nur,
wir haben sie! Renate, sie lebt, ach sie ist freilich krank nun, sehr
krank, der Arzt will mir nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt
er, sei nicht gefhrdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und --
ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, es werden viele
Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja kaum die Tasten berhaupt,
wie sollt ich die richtigen treffen?

Ja, und weit Du denn, wem wir dies zu verdanken haben? Denke blo!
Jason! Er ist selber ganz ratlos vor Verwunderung und schttelt den Kopf
beinah wie damals, als er das Schtteln hatte. Da er, Jason, etwas tun
konnte, etwas Richtiges tun, -- das wre ein vlliger Umsturz, sagte er,
und er knnte nur Gott danken, da er keine Weltanschauung gehabt htte,
denn was wre aus der sonst geworden? Aber nun hre, wie es gekommen
ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, sogar noch einfacher als
das Kolumbusei.

Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nmlich gebeten, sie in
Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht gut zu gehn, Jason machte ein
paar Andeutungen, sie schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das
Kloster scheint sie also wieder verlassen zu wollen. -- Nun wollte er
versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich dachte, da sie
_seinen_ Anblick vielleicht ertragen knnte, so ging ich mit ihm hinauf,
sie war eben in ihrem Zimmer. Er trat allein ein und lie die Tr offen,
aber gleich gab es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an
mir vorber, da ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen war, aber
Jason sagte, sie htte dicht an der Tr gesessen, und das ist ja nun ein
glcklicher Zufall gewesen, nmlich da sie nach drauen und nicht ins
Schlafzimmer gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich
nmlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn der Ech-en-Aton? Ist
er nicht da? frage ich; dann hat sie ihn wohl weggestellt. Aber warum
denn? fragt er wieder und hat sich gleich etwas gedacht, whrend ich gar
nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer zu suchen, ich
mute ihm auch den Schlssel zum Schreibtisch geben, den ich selber
abgezogen hatte seinerzeit, aber der Kopf war nicht zu finden. Wir
klingelten nach Franziska, aber sie wute nichts zu sagen. Jason lie
sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie mte ihn
versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, und nun -- dort hat er ihn
denn wirklich gefunden, ganz unten im Wscheschrank, unter einem Sto
Kissenbezge, die so eigentmlich dagelegen htten, wie er sagte.

Ja, und als er ihn dann hatte, wute er sich im Grunde auch keines Rats
mehr; nur da es irgendeine Bewandtnis mit dem Kopf haben msse, das
knne er ihm berall abfhlen, erklrte er und meinte schlielich, das
Richtige wrde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament zu
stellen, und das tat er.

Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertr auf Renates
Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so hre ich einen
lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie
bewutlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich
erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie
nicht wute, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann
kam leider das Fieber.

Jason sagt: Weit du was? Sie hat sich vor ihm gefrchtet und hat ihn
versteckt, und dann hat sie sich gefrchtet, er knnte doch irgendwo
sein, und die Gesichter von uns fr seines gehalten. -- Jason ist immer
gengsam, also war ers auch mit dieser Erklrung, und wir Alle mssen
uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir
gengts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glckseligkeit, und je
weniger ich wei, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es
nicht jedenfalls ber alle Vernunft wunderbar? Wtest Du nur recht, wie
sehr es mich auch wieder fr Dich trstet! Mein Glaube an Dein Heil ist
noch einmal so stark geworden!

Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu
Dir kamen, und wie Du da saest und schliefest! Schliefest, Georg, so
tief, so schwer, -- glaubst Du, da ich es nicht gesehen habe an Deinen
Atemzgen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das
an einem Andern erlebt httest wie ich an Dir -- all die vielen Worte
nachher httest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewut, da
hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, da Dir der
Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen
wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck fhrte mich
irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner
Mdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner
der Bruder sich dazwischenschob und Dir lchelnd seine Hand hinhielt.
Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht
gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die
Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun wrdest,
da wurde ich freilich ngstlich durch sie und bat sie zu bleiben.

Ich hatte, als ich da in Deiner Nhe sa und Dich atmen hrte, immer ein
sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nmlich
damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel
geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehrt hatte, da Du in
das Wasser strztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann
dort gesessen und nicht gewut, was nun kommen wrde. Nach langer Zeit
hrte ich dann Schritte und da jemand bei mir stand und leise jammerte
und fragte, was mir wre. Das war jene Frau, Georg, ich wei nicht, wie
sie heit, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, -- ihr
Gesicht war berschwemmt von Trnen, ach, und sie roch so nach Wein, ich
dachte fast, es wre Wein, wovon ihr Gesicht so na war.

Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich mte es
Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als
einmal von mir gestoen, bevor ich sie ertrug. Ich wei nicht, warum
gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saest und
schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt.

Ein Wunder, heit es, wrde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch
stehn, das wre sein Wesen und eben deshalb knne es nicht geschehn. Und
das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im
tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wre es
wunderbar, wenn es sich gleich einfgen wollte? wenn es nicht selber
sein Gesetz gbe und uns ntigte, uns ihm zu fgen?

Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht
von Dir in Hnden zu haben, und ksse Dich als Deine alte

                                                                  Anna


                             Georg an Magda

                                              Hallig Hooge, am 20. II.

Anna!

Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glck fr Dich und fr sie, das
mitzuempfinden ich mich nach Krften bemhe. Zwar habe ich keine Ahnung,
was fr ein Elch-in-Atomen das sein mag, der in Deinem Brief umgeht
und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe
vor allem, da auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so
ungefhrlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, da der
erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener
Christus mit dem Lazarus.

Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken
kann ich Dir nicht dafr, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben
-- nichts aus neuer Zeit! --, das mir lange Zeit fr zu heilig galt, um
es selber mit Dir teilen zu knnen, -- allein wer wei? es giebt mehr
solche Dinge, die man in Heiligkeit hllt -- als Vorwand, um sie fr
sich allein zu behalten.

In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun
wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, da alles
eingereiht sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, -- in jener Nacht
war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte,
kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von
meinem Vater.

Es hat berlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat,
wurde mir erst manchen Tag spter klar. Ich hielt ihn fr den Drnger,
fr jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See
drngen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am
Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner uersten Kraft, und als ich
dann sah, _wer_ es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es
ist genug! -- da, Magda, da erst bin ich gestorben.

Ich erinnerte mich spter deutlich, vor langer Zeit einmal getrumt zu
haben, ich strbe. Es war ein weiches Strzen ins Bodenlose, aber
whrend alles an mir sich auflste und ich, noch in tausend ngsten,
wute, da ich starb, berwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit
der ich dachte: so leicht ist es? -- Und nicht anders war es jetzt, als
ich zu seinen Fen erlosch.

Als ich wieder zu mir kam -- das kann ich Dir noch sagen --, sah ich,
da ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht
gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nchste
Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben knnte
-- wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es
um keinen Preis konnte, (mir fiel spter die Geschichte vom Bruder Ali
Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort
Sesam vergessen konnte) -- aber wir wollen dies gut sein lassen; nur
eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage spter deutlich ward.

Wo nmlich htte der Drnger erscheinen mssen, Anna, wenn er einen
Menschen in die See drngen wollte? Doch wohl in der Nhe des Deiches,
nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich
zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift
mich heute nichts mehr so, wie das, da ich, als ich zum Wasser ging,
nicht einmal wute, ob ich wirklich hineingehn wrde, -- er aber besorgt
war auf alle Flle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich
floh, und da merkte er wohl, da ich durchaus nicht ins Wasser ging,
sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und
verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich
und klar, und nur dies, da ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum
Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken
mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, --
das erscheint mir noch einigermaen sonderbar, obwohl die Sache
vermutlich so liegen wird, da ich mich freilich nicht vor der See
frchtete, sondern -- vor dem Grauen, und da dieses alles mir
verkehrte, -- als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist,
indem ich mich frher stets gewundert habe, wenn ich las oder hrte, da
bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen
sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt
nicht aus Todesfurcht, sondern blo aus Grauen, das ihn verkehrte und
Wege sehn lie, wo keine waren.

Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem
Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist hchlich zufrieden
und denkst: er ist gnzlich der Alte?

Im brigen ist zu sagen, da ich bereits an mancherlei wieder Gewhnung
gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu
arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bcher kommen lassen, auch
Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von
Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann
franzsisch den kunstvollsten und drrsten Roman der Welt, Flauberts
Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den
Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt
an, es daure nicht _so_ lange, bis Ruland und Frankreich und vielleicht
noch sieben Vlker ber uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst
vernnftige Menschen, die sowas glauben!). Schlielich versuche ich, die
Schriften, die mir tglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu
unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum:
ich bin am Leben.

Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren,
und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher
Alraune an Hlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr
Mtter, ihr Mtter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit
kommt Rat, wie all die Sprche heien, aber: wenn nun blo _ein_ Weg
ist?

Du weit den Weg, Anna, und -- ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das
Elend, da, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon
aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit
tun werde und nicht aus Kraft.

Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom
Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in
Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertter! Ich, Anna, ich sah das
Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren
um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine
sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte
daran fest, aber -- es ist so: es mu uns immer alles wahrscheinlich
sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen knnen.
Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen,
und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Ma aller Dinge
machen und sie gewhnlich, alltglich und minder heien. Und kommt das
Wunder mit seinem eigenen Ma, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts
gentigt, als in mglichster Hurtigkeit ein andres Ma zu ergreifen, und
so ertappen wir jetzt das Gewhnliche, das Natrliche. Nun ging lngst
alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fhlen, wie die Erscheinung
des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust
entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der
Pistole mir gengen, das mir freilich ein Zeichen htte sein sollen, da
mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste
Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es
umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die
uralte Riesin: Gewohnheit ...

Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es
ist nun so kalt geworden, da es nicht wieder erwarmen kann. Mir
scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles
schon mchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine
Sonnenseele, umsonst!

Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, da ich Dir
einmal so dankbar dafr sein kann, wie Du es -- nach blicher Rechnung
-- verdienst. Wie immer Dein

                                                                 Georg


                          Achtes Kapitel: Mrz


                       Aus Renates Gedchtnisbuch

                                                           Anfang Mrz

   Geliebter Himmel, blasser,
   Von Abendglut gebrunt,
   Liebling der blanken Wasser
   Und Seelenfreund --

   Ich sitze dir zu Fen,
   Aus Krankheit wieder erwacht.
   Genesung zu versen,
   Dein ist sie, ach brauch deine Macht!

Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf scho wohl doch bers Ziel
hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und nun seh ich erst,
was ich da richtig in der Hand halte! Einen Bleistift, einen ganz
schnen, ganz langen und ganz gelben Bleistift, gelb wie eine Primel,
nein, was bist du schn! du siehst ja wie ein Prinz aus! La mal zhlen:
Eins, zwei, drei, vier -- sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von
den Fingerspitzen bis ins Handgelenk fhlen, wenn ich schreibe, und es
laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem so schlanken
Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift -- und macht glcklich. Ich
halte einen Bleistift! Den Satz knnt ich hundertmal abschreiben wie
eine Strafarbeit, aber das sollte keine Strafe sein, und beim
hundertsten Mal wrd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet.

Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: Das -- Leben -- ist --
s. Punkt. So. Ach, warum mu ich nun weinen?

                                                  an einem andern Tage

Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im
Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, khl, und es
summt nur noch immer im Kopf, und Gerusche sind so fern! Ach, das ist
ja das se Leben, immer wieder, immer wieder! -- Dann aufstehn, geheim,
als wrs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber -- sich
langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man
steht, und nun -- sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und
schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht.
Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tr.
Das ist schn, wie die Tr geht. Und immer steht man, zum Fenster
gewandt, die Hnde auf den Tisch gesttzt, im Fenster ists leer und
klar, wie ist alles unbekannt! Die Bcher auf dem Tisch, die kleine rote
Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte,
deutliche, glnzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf
einmal mut du an dir heruntersehn, du bist ja ganz wei, du trgst ja
ein ganz weies Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten
bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es
knistert und bebt, und all das heit: die Gesundheit. Es liest sich wie
eine berschrift im Lesebuch. Endlich mut du ans Fenster, du bist wie
ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon khn,
wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten
bist du hurtig hinber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach
Gott! -- Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben fr
heut.

                                                               Freitag

Freitag, heut ist Freitag. Freitag -- Dreitag -- drei Tage sitzt du nun
schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, da nur das Leben,
das nackte Leben so s sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster,
eine groe, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrner
Manschette, die ist schn anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist
glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so
einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif
an Trauben und Pflaumen, mit Frhjahrhimmel gemischt und etwas weier
Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz
zart und steif und nackend da, macht die Luft s um sich her und ist
ein groer Trost.

Drauen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bume,
ein einziger grner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein
Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben,
da ist schon der Frhling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum
Anschaun wie auf Bildern, weie, berall beschattet, dahinter ist eine
blaue Leere, weich, khl -- und doch warm, in der es rieselt und sich
wandelt unmerklich und vergeht. Pltzlich wird dir warm in einem ganz
hellen Schein, es blendet, es berluft dich was, dir zieht das Herz
sich zusammen -- --

                                                            am 7. Mrz

Was ist mir denn?

Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen mu vom sen
Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als
seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem
Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es
stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von
Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir
am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei.

Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In
welches Leben? Ich wei, ich trumte von Einem diese Nacht, fr den ich
keinen rechten Namen mehr habe. Wei nicht mehr, was es war, es war
kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte
sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich
leicht bers khle und weie Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich
durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die
schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich.
Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?

                                                                am 12.

Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie
die meilenlangen Winterseen, blulich in der unendlichen Weie,
aufgehend in weilichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der
malosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes
steigt aus weiem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dmon
streicht es seeber, und von den sten, wo es abflog, fallen locker die
weien, leichten, eiskalten Kissen.

Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drberhin, ich mu
immer sehen und sehn, nichts verndert sich, und ich merke endlich, da
ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weien Baum starre, wo der
Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist Mrz, im Garten ist ein
grner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal
schnell drberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr
stehn, -- wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt
wie ein Stck Lied, so ein aufgetautes Stck.

Da stand ich vor der Orgel. Khl war sie und fremd. Ich wagte keine
Taste zu berhren. Sie war so kalt, als htte sie in einem Haus aus
Schnee gestanden. Einmal vor Jahren trumte mir, da ich spielte;
lebendiges Wasser rauschte unter meinen Fen hervor, da tnte die
Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren,
eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich tne nicht mehr!

                                                                am 13.

War denn dir so wei alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige
Lcheln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der
wute, was gut ist, auf seiner Schulter sa die schwarze Amsel und sang,
Primeln fielen aus seiner erwrmten Hand; als er gegangen war, sah man
da Kissen von Veilchen, wo seine Fe standen.

Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich mu sterben,
ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des
Schlafs. Wie lange mu ich dann noch liegen, immer frstelnd in den
Decken; die blauweien Falten des Betthimmels ber mir flieen herunter,
bleich in der Dmmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das
Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer
...

                                                                am 14.

Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch
mein Freund, du siehst ber mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee
geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, htten sie's lieber nicht
getan!

Der Garten, das wei ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die
Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich
hin, ich erschrak, wie sie sich vernderte, wie sie zerfiel, wie die
Bltter herunterwirbelten, ich glaube, ich mu sie immer aufgerafft
haben und mit den Hnden hochgehalten, oder trumt ich das nur, da ich
immerfort herumjagte und die Bltter schalt und aufraffte und in die
Luft warf? Aber es ntzte ja nichts, und dann waren eines Tages die
Bume leer. Oh, und diese Angst, unaufhrlich in der Brust! Meist verga
ich ja alles, nur die Angst war da; pltzlich dann fiel mir das Gesicht
ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen knnte, im
Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dmmerung abends
mu es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Sigkeit des
ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in
unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weie Gesicht von
berall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer
befrchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die
immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und
wute nicht wohin laufen vor Angst.

Ich vermite einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ngstlich,
ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur:
als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom
Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur,
da er fort mute, um jeden Preis fort, da er sonst aus meiner Hand
fallen und grauenvoll zerscherben wrde. Dann war ich auf einmal im
Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein
Schmerz zerri mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der
Erinnerung.

Das also, das mu ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten
Mal las.

Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, da Jason den Kopf im
Wscheschrank gefunden hat.

Es ist noch winterlich drauen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von
der warmen Heizungsluft, und ich hre nicht auf, am ganzen Leibe zu
zittern vor innerer Klte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und
lie meinen Ofen heizen. Erst war es schn, die Hnde anhaften zu lassen
an der glatten, glhenden Sule, gleich wurden sie ganz warm, aber die
Wrme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt
wie ich mich fhlte mit meinen feurigen Hnden.

Der Arzt trstete mich mit Frhling, Sommer und Sonnenwrme und riet
eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwrmen, die von
innen gefror, und ich wei, ich wei wohl, was mir erlosch. Das ist die
Wrme der Menschen, Wrme aus ihnen und Wrme zu ihnen. Der Eine nahm
sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glck,
den Gram und die Wrme. Ich bin bitter geworden.

   Eine Stunde
   Lebt ich wie Gtter, und mehr bedarfs nicht.

Oh wer es glauben knnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet
von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz
leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel
spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung
sammeln, den einen Tag wie den andern, dafr? Oh meine erloschene Liebe,
dafr? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus,
wenn ich denke, da ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und --
nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Trnen
stehn still.


                             Georg an Magda

                                             Hallig Hooge, am 18. Mrz

Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit:
ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- smtlich in meiner Figur
dargestellt. Nur da mein Mund nicht zum -- unknstlerischen -- Schrei
geffnet ist, mchte ich festgestellt haben.

Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, da hier alles, worauf es
ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes
und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen
Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andchtigen
Runde, um mir die Augen vllig zu ffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen
allerdings wie so etwas Halbgttliches und zwar -- woher mir diese
Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unfltigen, aber
achtbaren schlafenden Faun in Mnchen, aus dessen reisiger
Ungeschlachtheit dennoch etwas Gttliches raucht, ein Gttliches, das
nichts andres ist als der Schlaf.

Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas
Gttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das
wei ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem
flchtigsten aller Gtter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze
Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht
unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er
nun stillschweigend aus den Stmmen hervortrat und die ermdete Hand
ergriff. Wie wenn es geheien htte in einem arkadischen Dorf: ein Gott
sitzt an der Strae vor dem Tor, er wollte vorber, da ergriff ihn die
Mdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender
Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glhenden Mittag
hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So
war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewi: wenn es einer
Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.

Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu
nachtrglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch,
da ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher
wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade
der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft
ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff,
aus der Sprache, die gttliche Form zu bilden, und doch nicht einen
Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer
mchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in
denen vielleicht Unsterbliches hngt, -- halb erwrgt. Gut und heilig
jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darber jedes Wort;
ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der
groen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du
mirs erklrtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende
erklrte.

Mir wre weit besser, ich lge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach
Umstrickter gestorben wre, so war es doch eine knigliche Verstrickung
geworden, und es wre nicht kleinlich gewesen, den beiden groen
Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden,
sehn der gemeinen Ringelnatter ganz hnlich, und andre von gleicher
Statur gesellten sich zu: Schwche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es
versuchen ... und Feigheit, die berreden will, es kme am Ende doch nur
aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der
nicht wolle.

Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat
mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, da, wenn es Pfhle wren, ein
ganzes Venedig sich drauf bauen liee. Damals, als der kranke Heros
neben mir sa, da glhte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,
das war mir auch Leben. Lngst wieder leblos und eisig geworden, klirre
ich mit den schnen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstcken,
als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede
sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hlfe kommt, --
ach Anna, bist Du denn dort drben? Ich denke viel an Dich, ich sehe
Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes
Glck und die Zauber des schnen Erwachens atmen mich sanft wieder an.

Aber ich will nicht sein, hrst Du, ich will, ich will, ich will nicht
wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese
Erfahrung, da am Ende alles tragbar ist. Als htt ich ein Tier erlegt
und seine Haut angetan, und tglich wird sie dnner vom Tragen. Ach, da
kein Hirsch je zu kniglich war, man macht einen Jagdrock aus seinem
Fell und drechselt Knpfe aus dem heroischen Gehrn. Ich will das nicht,
Anna, und diese Verstricktheit mu einmal zerreien, oder ich zerreie
denn mich.

                                                                 Georg

Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte
Faust am Ende wre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder
vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch
schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum
brigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen
und wre schon davon, wenn ich nicht halb betubt wre von einer wilden
Erkltung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgnge verstopfte. So
bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit
Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den
Regierungsgeschften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich
leistungsfhig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die
Armeebrste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beilufig dunkelrot
ist, und kann nun ganz gut fr einen Prinzen oder angehenden Herzog
gelten. Vor Altenrepen hlt mich eine letzte Feigheit zurck; ich
berlege ...

                                                              am Abend

Der Brief sollte mit dem Kurier zurckgehn, da bringt er mir ein
Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes.
Recht bekmmert nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor.
Ich fahre also morgen mit der Frhflut und denke am Nachmittag in Berlin
zu sein. Das pat mir als bergang und Pause vor dem endgltigen
Schritt.

Dank brigens fr Deinen Gru durch die Cornelia! Sie besuchte mich
hier, Du wirst von ihr gehrt haben, da sie sich wieder mit ihrem
ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen
Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzckender Gedanke! Und so echt
weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen!
--

Wenn ich noch einmal ber die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, da
ich in einer vlligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst,
da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos fr
alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem
Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Gtter.

Immerhin auf baldiges Wiedersehn!


                        Aus den Papieren Georgs

                                                   In Berlin, 20. Mrz

Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht da der Schlaf
drauen stnde, der mich wiederum mied. (Aber mglich, da es hier ein
andrer Schlaf ist, der Schlaf der groen Stdte, fr den ich noch die
magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Hhe, hinter einem
marmornen Gewirk von Wolkenwei und mattem Blau, war der abnehmende Mond
zu sehn, gerade ber der Spitze des kleinen Matthikirchturms, dessen
Schattenri schwarz und altertmlich inmitten des Platzes stand. Ein
dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose
Geschftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein
letzter Augenblick auf Hallig Hooge.

Schon wartete das Boot, ich hatte ber den eilfertigen Vorbereitungen
der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas
Grab. Der einsame weie Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras
glnzte sprlich in einem eben hervorbrechenden, sehr khlen
Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten
vor mich ber den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See.
Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der
ich stand, war in der Hhe reinblau, gedmpftes Morgenblau, aber rundum
auf den Rand, bis zu Haushhe schiens, war eine Lagerung von sechs,
sieben Stufen weier Quadern mit Fugen gedert von Blau. Die See
darunter war dunkel, in kleinen Wellen krftig bewegt; breitere Wogen zu
meinen Fen zerschellten zu reinweiem Schaum, laut brausend mit
einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf.
Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen
von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als mte ich Gestalten
des thers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glnzend aus der
khlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich
suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den
obersten Rand des Wolkengemuers im Osten zerbrechend und schmelzend,
goldene Hrner und Stbe durch die Fugen nach unten zwngte, und dort
glitzerte silbrig die See.

Ganz pltzlich, mit einem Zucken, fhlte ich den Frhling. Die Mulde
unter meinen Fen schien mir grner, als sie nach der Jahreszeit sein
konnte; rechts unten glnzte das Fachwerk wei und blau, fern drben das
tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenber mir, in der Lcke des
Deiches, lag das Boot schneewei unter Segel, wo Cornelias grne Jacke
leuchtete; links auf meiner Hhe stand mein alter Turm in dem Licht.
Mich frstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frhling aus den Farben
des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint.
Die zarte Neuigkeit sprt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras berall,
eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr verga ich mich
selber ber diesem, da ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der
Toten zu gedenken.

Als ich dann im Boot sa, das grne Eiland vor mir im Entgleiten sich
langsam erhob und erhht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien
mirs auf einmal wie eine riesige Schildkrte. Auf ihren gewlbten Rcken
hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben,
Schiffbrchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Bchern des
Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben
hausen lie, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Flo und warf
sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick
glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich
erleichtert bewegte und -- ich sahs von mir abgewandt liegen nach der
offenen See hinaus -- den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.

Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nhe, und
erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten
verblieben war, allein mit zwei Geruschen, jenem des ewig sausenden
Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich
auf einmal, ich htte dort liegen knnen wie sie, aber mir htte es
keinen Schaden getan. Sie war hlflos und zart, nun versank vor meinen
Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier
fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dmmerungen der
schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den
brllenden Vlkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen wrde
zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermtigen Natur und
ins dumpfe Muschelhorn zu stoen. Die Sonne stieg hher herauf, den
Schatten meines Segels legte sie auf die glnzenden Hgel des Wassers,
aber mir ging aus dem Odem der windigen Klte die schwere, die sternlose
Herbstnacht auf ber dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand
schattig und drftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein
Ungebornes und um den Undank des Daseins fr vieles reine Bemhn. -- --

Webe mir denn ein starkes Kleid, blindugige Mutter, Hoffnungslosigkeit,
armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Fen, an dem die Fden von
selber flieen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So luft einmal
alles hinaus auf ein Drftiges: Haltbarkeit.

Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich
auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des
Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das
Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns
trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das
heit meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte.
In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzge die
Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und
schnaufend. Vielleicht da diese haltbare Alte mich damals an Tante
Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun.

So wird auch der Seele, wenn der natrliche Eingang des Lebens versagt,
ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren
Atemzgen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein,
und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hren, die
sich haltbar erweist.

                                                                am 22.

Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die
Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm
Unsterblichkeit heit, oder wird es mir schon unter den Fingern zur
Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es
versuchen.

Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten
geriet und, wieder in pltzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen
den kaum ergrnten Bschen hindurch, wo erste Amseln ber den Rasen
schlpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Khle der
Lfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter
und weiter gedankenlos auf der linken Straenseite bis zur
Charlottenstrae, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn
mich zum Stehenbleiben ntigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mhselig
ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gesttzt, und in ihm
erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie
an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen
irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemhten, von denen
die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu
erzhlen begann, da ihr Mann und ich beim Gehen alle Mhe hatten, sie
zwischen uns zu halten, dermaen ri sie an uns mit ihren unbeherrschten
Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu
besuchen, den ich sofort kennen lernen mte, wenn er mir noch fremd
sei, so schlo ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf
die gyptische Abteilung des neuen Museums.

Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher
pltzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder knnte mir je wunderbarer
erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart htte
gengt, und ich sah hundert, sah Flure und Sle gefllt mit
Unglaublichkeit. Das ist gypten: ein wrfelfrmiger Block aus Granit,
bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf
eines Kindes. Dahinter der grere Kopf des in dem Wrfel hockenden
Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrmmerter Nase, das Haar,
in strenge Linien gepret, links und rechts von dem Haupte in festen
Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten,
solchermaen auf die Oberflche des Wrfels gestellt. In der ungeheuren
Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die
darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht,
lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da
alles im Stein, Fe und Knchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und
Arme und Hnde und darinnen das leibliche Kind.

Alles, was ich sah, war unfalich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen
Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit groem Auge an, da
es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und
nur am sonst unverstndlichen Schmerz lie sich spren, da Bekanntheit
sein sollte und einmal war, was fr immer versunken schien. Tiefen sind
hier, Rume, ein Wesen mit einem Wort, dessen uerste Grenze uns immer
unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das fr uns Sichtbare,
was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus
einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern knntest du dich umsehn
und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und
wenn hier ein Wunder sein sollte, so wre es dies, da du doch atmen
kannst in dieser Luft, dieser Welt.

Ich mute mich umsehn, woher ich kam, und fand, da ich ja aus Hellas
hierher geriet. Pltzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne
schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und
Odem, Sonne und Wind, Strme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier,
ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Mnnern, tausendfach
gestaltige Natur, berall Blick und Wink und Gebrde. Das Lchelnde war
dort und das Schne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fu
und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk,
aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl
ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag auerhalb ihrer selbst, und
sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das
Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, hchsten
Erflltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und
Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und
Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben,
Heiterkeit, Anmut, Wrde, tausend Eigenschaften des Gttlichen in einer
blhenden Zerstreutheit, und alles berglnzend und bindend der Segen,
das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf
einmal ein niegesehener, immer gefhlter Zug von Schwermut in der
griechischen Form? Diese schnen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas
fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelst, sie ermangeln des
Letzten.

Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle
Gebundenheit an Gtter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das
Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewiheit. Der Grieche,
wenn er etwas machte, so wollte er doch, da es schn sei, wollte die
Erfllung in der adligen Form. Der gypter wollte nur die Form; wollte
nur: da sie sei.

Menschenhnde machten dies nicht. Vielleicht da sie letzte Bindungen
lsten frs menschliche Auge, eine Oberflche abschlten. Diese Dinge
waren im Stein, verhllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum:
in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte fr
tausend sehende Augen, denen es sich lchelnd erzeigt, Augen von Gttern
und Dmonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure
Zentripetalitt; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie
der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist
gleichgltig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt
sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten
gewlbt ist das ganze All der Gestirne.

Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten fr das, was ich selber
empfand: jedes gyptische Werk sei in jedem seiner Mae ausgerichtet
nach den Sternen. Es war Religion. Sie wuten die Unsterblichkeit in der
Form. Sie machten ein Bild, da es sei und lebe, und die Seele trat ein
und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene
Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen
Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es pate sich ein in
die Welt.

Als mir aber solchermaen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um.

Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang gyptischer Sulen voller
Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir fhrten in einen von Oberlicht
erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und
verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum?
Duftete nicht alles? -- Da sah ich das Reine.

Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt,
sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem glsernen
Wrfel, ein Kopf, kaum so gro wie meine Hand, Gesicht, Hals und der
Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging
pltzlich durch mich hin, als wre ich aus Glas, und doch fhlt ich mich
durchschnitten, da ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz
blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet
ist in das Ewige.

Nun wagte ich nher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als
alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah
Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewlbt, nach unten wie mit
liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns;
sah darber den Mund, Lippen, voll und mit zrtlicher Genauigkeit
umzogen, berhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie
in einem unaufhrlichen Ku. Zart, frisch, fast s, glich die Nase der
eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach
auen geschlitzt, blickten ber mich hinweg, und das Ganze von
unendlichem Ernst war wie ein Lcheln so leicht.

Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste
Lcheln der Blume, das nichts ist als Gefhl und Echo des Lichts.

Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lchelten
verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn?

In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne.
-- Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzhlte mir einiges. Da
er einen Kult der Sonne begrndete und fr diesen Kult eine ganze Stadt.
Da es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin
und Tchtern, und die Sonne darber senkt Strahlen auf alle, an deren
Enden winzige Hnde sind, die sie ihnen auflegt. Da, als er starb, die
Stadt -- Heliopolis -- verlassen wurde und bald zerfiel, da sein
Nachfolger, im gyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle
Bilder von ihm zerstrte, sein Dasein zu vernichten, und da nur dieses
blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrmmertes andres.
(Er war unvernichtbar; er blieb.) Da alldies mehr als zweitausend Jahre
her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.

Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tnerner Schale,
in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trgt Frucht
in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar
bleiben bis heute.

Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach
berall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der
Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne
hinein.

Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals
die Sonne sein knnen?

Sonne sein knnen, welch Wort! Es mu --

Oh du mein Gott, so wie er -- Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel
unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfllung doch stets, stets
auf dem Wege zu ihr -- ach, wie aus endloser Mhsal doch blhte Geduld!

Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem
Chaos ein Stck, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und
Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den
einzigen Chor.

Leben, ein jedes, es glht, wandelnd in jedweder Form, die es
vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schn und
gewi, Ordnung, ertnend Gesetz -- ach, aus dem Leiden, so heilen wir
lchelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlst sich uns,
wir, die Erlsenden, werden unendlich getrost.


                             Georg an Magda

                                                   Berlin, am 23. Mrz

Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges
Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach
Dir erkundigt und sich erzhlen lassen; ebenfalls nach der sperben
Person mit den Flammenaugen, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr
mit ihren huldreichsten Gren eine Einladung in ihr Haus zu
bermitteln, falls ihr den Mut httet zu einer magern alten Person, die
keinen Braten mehr abgiebt, aber die es selber ntig htte, sich
warme Krammetsvgel vor den Leib zu binden (wie mir scheint eine khne
biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvgel solltet
dann Ihr sein, und alles dieses mut Du Dir vorgebracht denken in einem
wahren Ton rechter Kmmernis. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als
man htte ahnen mgen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kmmernis
reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig
trichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von
Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu
schlafen scheint, mu beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren
doch ein betrchtliches Stck von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei
hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend sa er still und
steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf
seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er
heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens
alt und htte noch T. Henriette getrost berdauern knnen. Der
Kanarienvogel ist zu dumm, trllert tagein tagaus und mu durch ein
dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.

Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick
tchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges
mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten.
Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Grfin Trk
aus Ungarn, gebrtige Wienerin; die ist so alt wie der Bhmerwald, ganz
unfrmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, blo rosig, das Haar
ist wei, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weie
Haare hngen ihr berall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von frh
bis spt ununterbrochen mit einer haarstrubenden Munterkeit, erzhlt
eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedchtnis ist schon
ein bichen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschtterndes
Vergngen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr
Schicksal: Als Angehrige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die
Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom
Kopf zu den Fen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas
heien, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen
Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die
Schlachtfelder, jung und schn, wie sie war, ein Trost und eine
Befeuerung fr alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die
Verwundeten, und so weiter. Ganz pltzlich, Anfang der fnfziger Jahre
starb ihr Mann, was fr sie eine eigentmliche Folge hatte. Nach einigen
Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft
hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Lndern
der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber,
den fernsten Inden<, luft noch heute in jede Urauffhrung, vergleicht
die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen
heien mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwrmt fr Nijinski,
liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Erffnungstage der
Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel
oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hngt. Aber:
bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, da
sie im Gesprch, zum Beispiel wenn ihr Gedchtnis versagt, zur Seite
fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche
Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt,
manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an
wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich
fragte blo meinen Jzsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon
betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschliet sich zu
sonst etwas, ohne ihren Jzsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in
ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie
abends und auch nachts in ihrem Zimmer betrchtliche Zwiesprache mit ihm
halten hren.

Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals ber die
ewigen Dinge gegrbelt oder eine Frage ber die Ordnung oder die
Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist
wahrscheinlich, da sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein
wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken liee, ersetzte
durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig
Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und
erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert
deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfgte ber die
magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persnlichen
Reichtum verwandelt.

Ich mchte das auch knnen ...

Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehrt, die tragen ihr Leben
wie eine glnzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der
allberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehre, scheint es
vielmehr so zu sein, als wre der Trikot fr eine andere Figur
geschnitten, und berall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da
schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und
schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde
lang pate.

Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die
Gelegenheit benutze, mich berall vorzustellen, wo ich in meiner
jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches
Glck andrerseits ist das namentlich bei lteren Leuten ganz rhrende
Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig
Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war
ich im Reichstag (in den leeren Fensterhhlen -- und so weiter!),
Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen
Groindustrie und Banken an die Reihe, deren Hupter ich morgen bei
einem Geschftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich
wrde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht
wissen, wo mir der Kopf steht, brche nicht immer wieder >ein Streif wie
schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das
Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es
mndlich zu tun. Sei gewi, da ich die erste Bresche in der ersten
Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es
auch nur fr Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein

                                                                 Georg


                            Jason an Renate

                                              am 25. Mrz, in Sizilien

Liebe Renate!

Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?

Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten
mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im
Hellen wurden sie grn, in der Dmmerung schwarz, und stieg das Blut in
sie hinein, wurden sie schwer blau und dster. Ihre Hften hatten die
lngliche Rundung der schnen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig,
wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig
blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne
amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie
hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann berfiel sie die
seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse,
Mrzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns
gnzlich die schwarzblaue Wolke.

Ich mu Dir schreiben, da Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du
sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. La Dir sagen, da
ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so vllig von
Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann;
so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer
Bronze, tot.

Es hat demnach den Anschein, als lge hier wieder eine jener
beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche
Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtmlich in den Leib einer
Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten
und entsetzlich darin gehaust zu haben.

Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du
gemacht?

Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.

Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja.
Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen
und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdmmert war
und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern,
oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu
glhen vom Gebet, dann glhte nur noch das Gebet, dann begann sie zu
leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist
schuld, sondern das Dster der Erde, wenn uns leiblich zu erlschen
scheint, was seelisch entbrannte.

Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen
gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas ber halbjhrigem Aufenthalt
vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben fr immer, oder zu gehn.
Schlielich mu man zugeben, da ein Kloster kein Asyl fr Obdachlose
sei. Irene freilich war nun ratlos, wre es vielmehr gewesen, wenn sie
nicht in der Nacht einen schnen Traum gehabt htte. Ich an ihrer Stelle
wrde ja der Weisung von Trumen nicht ganz so unbedingt Glauben
schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie trumte, war ein ganz
blaues Meer, ein hellblaues, sdliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken
schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lsten sich an
ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, da sie noch
darin gebettet war, als sie erwachte.

Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, da wir uns jetzt seit
einigen Wochen an der Kste des Mittellndischen Meeres befinden, nicht
weit von Taormina, und da Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt
wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann.
Dies, sagt sie, wre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe
wie zuvor; es lautet:

   Du bist klar,
   Ich war klar,
   Mach mich wieder, was ich war!

Da ihre schon im Schwinden begriffenen Krfte dabei absterben wie
dnner Schnee, das ist vorlufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht
brunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.

Da ich sie nicht hindern knnte, selbst wenn ich das wollte, so ist
dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit.
Eine nderung scheint mir notwendig. Das beste wre, Klemens kme im
Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe.
Irene hrt, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber
nichts. Es wre trotzdem mglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest,
sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum
Beispiel -- denn der Frhling, der hier fast die Augen blendet, gelangte
ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch
habe ich so eine Ahnung, als wre Dir das zu weit. Ich frchte aber
jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Hnden, und wenn wir im
Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbumen, so mu
ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue
Flackern ihrer Seele war, die ber die rosigen Wipfel enteilte.

Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine bung habe, und im
ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten
Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben,
Gewnder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das
Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge,
dem werden sie ein seltsames Gift einflen, dessen Wirkung es ist, da
er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen mu er
schweigen.

Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!

                                                                 Jason


                            Renate an Irene

                                                           am 29. Mrz

Liebe Irene!

Jason schreibt mir, da Ihr in Sizilien seid, und da er sehr besorgt um
Dich ist. Ich selber war lange krank, das hrtest Du wohl von ihm, nun
mchte ich gern mit Magda nach dem Sden, Sizilien ist uns freilich zu
weit, Magda knnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum
ersten Mal ffentlich singen wird, -- am Charfreitag. Mchtet Ihr uns
nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub
ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe pltzlich die
heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir
fortkommen knnen, teils weil ich Onkel noch berreden mu, mitzukommen,
teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkltung
zugezogen hat, so da sie sich noch schonen mu. Es schadet ja aber
nichts, um so weiter wird der Frhling dort schon sein. Ich hoffe sehr
auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank fr seinen
Brief! Von Herzen Deine

                                                                Renate


                         Neuntes Kapitel: April


                        Aus den Papieren Georgs

                                                           am 1. April

   Sein Antlitz, das wie eine Blume war,
   Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte
   In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,
   Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.

   So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,
   So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!
   O da ich Land sei, Ackers rmste Krume,
   Und diese reine Seele blht' in mir!

   Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,
   Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,
   Und trgt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,
   Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.

                                                           am 2. April

Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trbe Erkenntnis und
obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil
die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil
sie bedrckend ist, so wird sie in leichte Gegenstnde aufgelst; weil
sie trbe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermtigen Lcheln
beflgelt, und weil sie wrmelos und nchtern ist und wahr, so wird sie
in schne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschtterungen,
lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heit: einsame Hingabe an
gegenwrtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch
sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen
Gemchte, die ein Unsagbares tnend machen sollten und es nur bereden.
Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungengsamkeit, berdru und
Verdrielichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelsten
in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und
tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltglich,
allstndlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen,
das not ist. Aus den tausend Mglichkeiten ist sie das Streben nach dem
Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der
einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? --

Dem Opfer.

Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine
Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten
verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das
drfte der ganze Erfolg sein. Nher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich
habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte,
das ists.

Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, ber
die sich von Ufer zu Ufer springen lt, ein Haus baut sich nicht
daraus. O weh mir, da ich meinen Tod verschlief!

                                                           am 6. April

Erloschen.

So mute es freilich kommen; unabnderlich; genau so.

Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil
seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir
verblieben war, beunruhigend, der immer drngte, mit ihr zu reden, ihr
zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich,
wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in
dieser sonderlichen Verndrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten
wute, bis ich entdeckte, da ihr Augenbrauen wuchsen, noch dnn,
schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein fr
das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst
farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die
berstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von
dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum,
schon tauchten zrtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.

So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben.
Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme,
und sie ist nicht da? (Spter hrte ich dann: sie wollte verreisen und
war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mute ich mich bei Renate melden
lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz?

Der Tag war von besondrer Wrme, so fand ich sie halb im Freien, in der
Veranda, sie schien unverndert. Und was mich betrifft, so konnte ich
sie ruhig betrachten -- nmlich zu Anfang.

Unverndert schien sie, von Zgen, obgleich von solch einer -- wie nenn
ichs nur? -- aber es giebt kein Wort fr diesen Bund von Lieblichkeit
und von Majestt, der ihr immer eigentmlich war. Sie sa in einem
Korbsessel, im dnnen Sonnenlicht, weigekleidet, die Arme bis zum
Ellenbogen unter einer Decke von weiem Plsch. Wei wie alldies war
auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der
Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr sa, begann
sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem
Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde
schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer
herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche
Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als htten sie erlebt, wie
sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie
nie vergessen wrden. Das, womit ihre Finger spielten, war
erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten,
-- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach
der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen htte mit ihm, -- so
zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weie Fleisch
hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Zge war mit
einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf
geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als
blhendes Schicksal.

Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen
fhle, ist Verlassenheit, Hlflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber
von damals, jener Grtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war
geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewutheit. Ganz
magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein
Aufgelstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen
Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich frchtete sie
mehr, als da ich htte begehren knnen.

Von dem, was wir gesprochen haben mgen, ist nur das Letzte wichtig. Da
ich vom Amenophis begann, so hrte sie mir eine Weile zu, lchelte
langsam und meinte, es sei schn, da ich ihn auch kennen und so sehr
lieben gelernt htte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem
gyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abgu in ihrem Zimmer
stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her
gewesen, da sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fnde, da
er Saint-Georges hnlich sehe.

Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn
damals gesehn htten, ja, wenn es mglich gewesen wre, ihn zu sehn, was
aber nicht mglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war fr
unsersgleichen: so wrden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die
Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das
Geheimnis. Da er drei Jahre in unsrer Nhe stand, erreichbar und nie zu
erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum,
Renates Freund -- darin verhllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und
der Schlu wird uns berdauern: wir blieben blind fr die Wahrheit
Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns
verborgen, weil wir blind fr ihn waren. Das geht so herum oder so herum
wie die Daumen -- der Schlu bleibt derselbe.

Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der
nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus
in das Hoffnungslose. Renate nmlich -- ist zu vergessen. Denn
Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art
verbittert, Sehnsucht trbt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh
und krnklich und feige. Schlielich: ich bin mir zu edel fr Sehnsucht.

Und mein Leben -- wie ein schwarz verkohltes Stck Papier so zerflattert
mirs unter den Hnden.


                             Magda an Georg

                                                              7. April

Mein Lieber,

gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am
Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu
sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der
gestrigen Abendzeitung stand ein leichter Schlaganfall, ich fuhr
gleich hinaus, konnte aber nur das Mdchen sprechen, seine Frau hatte
sich schon hingelegt -- und die Morgenzeitung heute wei auch nur von
bestem Befinden und keinen Besorgnissen zu fabeln, aber die
Zeitungen beschnigen immer alles, und ich htte so gerne von Dir
Gewisses erfahren. Nun mu ich ohne das reisen. Auch ohne einen
Hndedruck von Dir, -- aber es werden ja nur wenige Wochen sein.
Auerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rckkehr ein paar Tage in
Helenenruh ganz fr mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst.
Du weit ja, da der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag
fllt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzhlte: da
der Gesangverein in Bhne beschlossen hat, den Tag durch eine Auffhrung
des Deutschen Requiems zu feiern, da ich aufgefordert bin, zu singen,
und da Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren
wird. Damals versprachst Du mir -- etwas zu leichthin -- zu kommen;
vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, da
Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu
bernehmen. Da httest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte,
lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher
gut tun, ich wei ja, was die Krankheit Birnbaums fr Dich bedeutet,
also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir fr lngere
Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach
Aachen, wie Du wissen wirst, und wer wei, wann wir wieder
zusammenkommen.

Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg,
und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten

                                                                  Anna


                            Aus Renates Buch

                                                           am 9. April

In der Nacht trumte mir, da ich in mein Zimmer kam, das schon voll von
Koffern und Taschen war, und ein Mensch, den ich dann als Josef
erkannte, war dabei, einen groen Koffer zu schlieen. Auf meine Frage,
ob alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein Onkel
denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist mir entfallen, aber da
er hinausging, mu ich angenommen haben, da er Onkel holen wollte, und
ich wartete, aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ngstlich zu
Sinne, ich ging hinaus, da war drauen alles finster, ich tastete mich
an der Wand hin, furchtsam, ich knnte die Treppe verfehlen und
abstrzen. Da kam aus einer Tre Erasmus mit einem Licht und sagte,
indem er mich geheimnisvoll ansah: Einer von uns mu hierbleiben ...

Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich Licht, die Uhr
stand auf ein Viertel nach vier. Pltzlich wute ich, da ich nach Onkel
zu sehn hatte; ich glaube wohl, da ich schon alles wute, und als ich
in seinem Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus dem er
nicht mehr erwachen wird.

Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, nur ein schmerzloser
bergang von Schlaf zu Schlaf. Auf seinem Gesicht, so rein, da ich
nicht weinen konnte, stand zu lesen, da es nichts als eine wunderbare
Vertauschung gewesen ist.


                             Georg an Magda

                                                          am 11. April

Meine liebe Anna!

Dank fr Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit,
indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, da es einer der
leichtesten Schlaganflle ist, die ihm je vorkamen, und da er
voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. brigens fand ich ihn in
der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, da es ihm kaum leid
tun wrde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein
zerbrochenes Ding ist, an dem er mde herumflickt. Wie ich den Ausfall
seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es
erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen.

Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir
auf dem Klosett schreiben zu mssen, weil ich nicht wute, woher die
Zeit nehmen. Nichts fr ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um
das alte Trio zu hren, >nicht die ganze, doch die halbe< Charwoche,
mehr wird nicht mglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst
Donnerstag, vielleicht wrg ich den Dienstag heraus, aber versprechen
kann ich nichts. Sei versichert, da ich beraus gern komme, Deinetwegen
und natrlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem
ich herumschnaube, mu ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor
den Gttern von Helenenruh niederwerfen und -- aber wozu, wozu das? Lebe
wohl! Hab gute Tage am blauen See, gre Renate, auf Wiedersehn, lebe
wohl!

                                                                 Georg


                            Aus Renates Buch

                                                 Torbole, am 12. April

Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer von damals, die
strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, die uralte Strae nach Mago
zwischen vergessenen Grten, in denen jahrhundertealte lbume wachsen,
-- alles geblieben, nur da ich jetzt die Augen schlieen mu, um einen
geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen zu sehn, und da ich
ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist mir doch! In der vollen Sonne zu
liegen, vor halbgeschlossenen Lidern die glsern blauen Gluten des Sees,
grnes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lften -- da lt es sich nicht
widerstehn, und solange der Tag whrt, ist es ganz gut. Nur an die
Nchte darf ich nicht denken.

Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei ihrem Anblick! Im
lbaumgarten sa sie halb ausgestreckt in einem Liegestuhl und bewegte
kaum den Kopf nach mir, kaum das weie Gesicht in dem grnen Schatten
mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lcheln war
herzzerreiend. Ich konnte lange nicht sprechen und war froh, da Magda
nichts sah und zu plaudern begann. Wie ich sie so daliegen sah in ihrem
leichten goldenen Haar, allzudnn in einer an Leib und Armen eng
anliegenden grnen Tunika, an deren rmelenden sie bestndig und rastlos
zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, wute ich lange
nicht, an was sie mich erinnerte; aber dann fiel mir ein, da ihr Krper
wie der weiche und haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weie
Haupt nicht hlt, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien auch ihr
kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, sondern von einem dunklen,
geheimnisvollen Element, in dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason,
badet sie in der Morgenfrhe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt,
begreift keiner von uns. brigens ist sie das Gegenteil von mir, sie
glht am ganzen Leib, ihre Hnde sind wie Flammen, aber sie kann mich
nicht wrmen, und ich ihr nicht khlmachen, und es mu alles Elend
bleiben, was Elend ist.

Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das kleine Klavier ist
gestern gebracht worden, Magda bt fleiig, ich begleite sie auch.
Abends sitze ich in der Bucht am Sasso. Wie weit man nach Sden sieht,
oh wie weit!

                                                                am 13.

Ich hatte heut ein schnes Gesprch mit Magda ber Georg -- das heit,
das Schne war, was sie von ihm sagte. In der hlichen Vergelichkeit,
an der ich nun mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir
gewesen war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, heut erst
fiel es mir wieder ein. Sehr lange sa ich dann noch in Gedanken, als
sie gegangen war.

Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, sagte Magda, was ist
denn das? ein Wort, ein Begriff, eine Macht? Wir sind doch Menschen!
Irene, Ulrika ... Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fllt mir ein,
sprach sie von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten,
oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach das Gesprch pltzlich ab, und
Bruchstck blieb es, wie sie selber es mir immer war, bis ich ihr
Totenantlitz sah von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn:
warum sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein schien,
warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das nur mglich war! Mu
man nicht denken, da die Natur sich hat rchen wollen?

Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und ich selber, was geht
denn nur vor in uns Allen? Ist denn das, wohin wir geraten, wirklich
das, was wir wollten? Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist
doch, als ob jeder fr ein Gewisses bestimmt wre, er kann jahrelang
irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer geht er den einen Weg,
immer wirkt er am einen, seinem Schicksal, bis eines Tages das Gewisse
fertig wurde, und nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an
Georg, da er seine Bestimmung erreichen wird, weil er sie in sich hat,
rein gesondert von allem Irren ...

Und das wre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich nennen lt, so kann
es nichts andres als dies sein: da wir so sind, wie wir sind, und da
uns Unheil daraus kommt, und da wir selber es leiden mssen.

Oh nhme es endlich ein Ende!

                                                                am 18.

Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will schreiben? Unten am
Hafen stehen die dunklen Gestalten der Mnner in Gruppen, sie sprechen
aufgeregt, es wird geflucht, -- nun, es sind Italiener, es ist ihre Art,
ich freue mich, da ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf
kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer, ich hre ihn gehn, er
ordnet wohl etwas; als ich vorhin aus dem Fenster sah, konnte ich
drauen im hellen Viereck, das aus seinem Fenster am Boden geworden war,
hinter den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn. Wie gut
und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist eine khle, unruhige
Nacht, der Wind kommt vom Norden und treibt die Wolken gegen Sden, weit
drauen bei Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange
Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten
Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie immer, aber ich erschrak
pltzlich, als der riesige Finger herum kam; ich bildete mir ein, nun
wrde er auf mich deuten, ich wrde furchtbar deutlich dastehn in einer
riesigen Helle, -- Gott leuchtete nach mir aus und wrde mich armselig
finden.

                                                                am 23.

Wieder wie damals koche ich mit Barbara fr uns Alle und drei kleine
Fischerkinder das Mittagessen, und es macht mir Spa, da ichs noch
kann. Knnte nicht Li so viel mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt,
eine Polenta zu machen, wie sie kein Italiener kstlicher machen kann?
Jason hilft auch mit, steht in einer weien Kochschrze und schuppt den
Fisch, oder putzt Gemse, denn Li, sagt er, ist nur fr das Feine, ein
so kunstreicher Koch! Jason, nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter
andern Menschen; sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wste
Kerle kommen auf der Strae auf ihn zugerannt, um ihm die Hand zu
schtteln und tausend Dinge zu erzhlen mit zehntausend Gesten. Auch
Magda lieben sie sehr und lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach
ihrer Hand fassen; pltzlich hlt sie dann so eine fettige, kleine
Dreckpfote und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Kchentr hrte ich
Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach, wenn der ber die Strae geht,
das ist, wie wenn Bruder Franziskus kommt; mein gndiges Frulein, das
ist die gute Madonna, aber das Frulein Renate, das ist die Monstranz,
da bekreuzigen sie sich und murmeln: _il miracolo_ ...

Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was sie tun.

Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus unter der Olive, die
drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen mit ihren Schsselchen im Gras,
und ich teile Polenta aus, -- oh die Tage, die Tage!

Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz frh allein durch die
Straen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn, es duftet nach Oleander,
der Morgen entfaltet sich wie eine Blte, ich friere leise und nicht
einmal unangenehm. Ein paar alte Mnner hantieren auf dem Kai, ein
Segler fhrt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es ist alles
wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond kommt spt und leuchtend,
silberne Streifen glnzen im ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der
Liegesthle auf der einsamen Bootsbrcke, keiner von uns spricht ein
Wort, dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare Stimme fragt
durch das Schweigen: Schwester? -- Ich kann nicht sprechen.

                                                                am 24.

So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die mich am frhen Morgen
in den Garten fhrte? Da lag sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten
der Bltter, in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten
will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber ihr Gesicht
ist in Glckseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie nur, als sie mich
erkannte: Ach! -- Nach einer langen Weile dann: Nun kann er kommen. --

Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und beim Zurckschwimmen
verlie sie die Kraft. Sie fhlte sich zum Stein werden, der sich selber
hinab zog, alles ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte
sie, sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen ungeheuren
Geist in weien Falten, und er stie mit einer glsernen Lanze gegen
mein Herz. -- Dann sei in einem einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen
aufgeflammt und erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand
gelegen. --

Sie ging bis zur Grenze. Was verschlgt es, ob sie sich nun verwandelt
glaubt und der Vergangenheit zurckgegeben? Sie vollbrachte das
Mgliche, sie stie bis zur Grenze vor, -- und das, sagt Jason, ist der
einzig bekannte Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. -- So ist sie am Ziel.

Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie gleich fort,
und mich drngt es mit ihr. Mir ist seltsam. Als ob alles umher sich
verwandelte und abfiele. Herr, mein Gott, was soll denn noch geschehen
mit mir? Auf einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich
Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich traurig an und sagte
eine Menge Dinge, von denen ich nicht ein Wort verstehen konnte, ich war
verzweifelt und rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! -- Da nickte
er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich nun ganz seinem
Bruder; pltzlich dachte ich: Er stirbt ja! und erwachte voll Grauen.

                                                       am 26., Mnchen

Am Abend vor unsrer Abreise sa ich mit Irene, Magda und Jason noch
zusammen, und auf einmal war mirs, als she ich alles zum letzten Mal,
ja, so eigen, als wre es das Letzte, was ich zu sehen bekme. Ich
konnte mir nicht vorstellen, was sein wrde, ich dachte gepeinigt nur
immer ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: Morgen ist
alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so mu ein Verurteilter empfinden am
Abend vor seiner Hinrichtung. Ich sah auch alles so bergenau: den
schnen Raum mit alten Mbeln, das kleine Harmonium, die Skizzen im
Rahmen von Vaters Hand -- jeden Tag wollte ich sie fortnehmen, nun lie
ich sie doch hngen --, die liebe Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker,
das runde Fenster und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine
Olive. Spter stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustr zum Garten,
erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern und die alte Steinpforte
zum Traubengarten. Herrlich war es immer damals, unter diesen
hochgezogenen Lauben zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das
Haar in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hnde
vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese da mit zwei
hohen Pappeln und einer Quelle zwischen Steinblcken.

In meiner Stube sah alles traurig aus und als wre ich schon fort. Die
immer unstet und flchtig aussehenden Koffer standen umher, das Glas mit
den Blumen lag vom Wind umgeworfen, die Blumen waren welk.

Am Morgen war es wie Traum. Ich sa schon im Wagen, gleich ging es
rechts die steile Strae hinauf zwischen Mauern und Oleanderbschen, und
wieder sprach es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz klopfte
mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles und nichts, pltzlich
erschrak ich, zu bemerken, da es noch dunkel war, mir schien wirklich,
ich trumte, woher war es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das
Frieren. Da war die Kirche hoch ber dem Dorf, von Zypressen umgeben,
der kleine Friedhof, immer wieder lbume und Feigen, deren Bltter so
wrzig duften bei Nacht. Alles schien mir ewig vertraut und bekannt, und
alles, dacht ich, wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme
ich ein neues Leben. Wir fuhren die lange Strae zum Fort hinauf, steil
und steiler, und ich sah, mich zurckwendend, den See schon tief unter
mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, und fern im Himmel standen die
wunderbar groen, fremden Sterne des Sdens friedvoll ber der
schlafenden Landschaft. Die Pferde hrte ich leise schnauben, sie
trabten langsam im weien Sand der hher ansteigenden Strae, da war der
starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so beruhigend wirklich und
alltglich da, und minutenlang war es nur eine Fahrt, auf einer
Landstrae, im bekannten Gelnde, in Sicherheit. Beim Fort trat der
Posten heran, las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des
Kutschers, grte und trat in den Schatten zurck. Da dacht ich, nun
mte ich aus dem Wagen springen und zurcklaufen, alles noch einmal nah
haben am Herzen, aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem
einzig geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, stehend
im Wagen, und so entschwand es, -- die Pferde zogen an, der Weg senkte
sich, pltzlich fuhren wir durch Nago, und der See war verschwunden. Da,
da! der kleine Weg, wie oft gegangen in der glcklichen Zeit, zur Ruine
hinauf, man mute ber wilde Rosenhecken klettern, -- oh mein Vater,
mein Vater! Ich sah und ich sah, wie brannten mir die Augen, ich wute
brennend und wild, es wrde mir etwas begegnen; die Landstrae, weithin
sichtbar bergabwrts fhrend in vielen Windungen, leuchtete wei im
starken Licht. Wieder ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, dunkle
Huser, ein einsamer Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und
mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht zu sehn, ich
dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht er, nun spricht er dich an!
Ich sah und ich sah. Loppio, die schne Kirche mit den weien Sulen,
der kleine See dahinter lag tief im Bergschatten, es war so khl! Nun
lag ich erschpft und berwach im Wagen, hellhrig fr jedes kleinste
Gerusch und im Fieber. Warum wollte es denn gar nicht Tag werden? Der
Mond stand immer noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, ich
verga die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt ffnete sich das Tal, und
mit einemmal blitzten Lichter auf, rote, grne, von fern schrie ein
gellender Pfiff in die Stille hinaus, da war auch schon die
Eisenbahnbrcke von Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem
Bahnhof.

Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: Nach Haus!
nach Haus!

Und was dort? -- Und was dort?

                                                               Zu Haus

Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun
mute es ja kommen, nun mute er da sein, der Brief, oh endlich der
Brief, in dem alles stehen wrde; da es ein wahnsinniger Irrtum war,
alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich wrde aufwachen, und auch
meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, -- oder --
kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ...

Wie bracht ich die Tr nur auf? Seltsam: auf dem Schreibtisch, nicht auf
seiner Sule, stand der weie Kopf und sah still durch das Fenster.
Franziska mu ihn beim Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben
herabgenommen und vergessen haben. Nun stand er da wie ein abgehauener,
ich sah ihn schon verschwommen durch Trnen und hob ihn auf und dachte,
er steht auf dem Brief. --

Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen knnen! Fast lcheln
lt es sich wieder danach. Magda sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit
solch einer krftigen Dsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Mnner
haben die Verachtung, wir haben immer nur Trnen. Jedem seine Waffe.

Ein wenig Erleichterung doch! Ich mu wieder hoffen lernen.

                                                                nachts

Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich erfriere ja hier!
Das Wetter wie im Februar, und das Haus ganz leer. Onkel tot, der
Erasmus verschwunden. Verreist, heit es. Magda sagt ja, in Helenenruh
wre es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene lt den Kopf
hngen, ach gewi, wie ich mir den Brief einbildete, hat sie sich
vorgestellt, Klemens an der Bahn zu finden, und nun friert sie, wie ich,
bei ihren Eltern; sie kam nach dem Essen, wir saen zusammen und
weinten, ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort kann ich
dann berlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu sagen, da sie auf ihn
wartet.

Irene, ach, wer noch warten knnte wie du!


      Hier enden des achten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.




                             Neuntes Buch.
                              Charfreitag
                                  oder
                               Die Eltern


                            All dies strmt reit und schlgt blitzt
                               und brennt
                            Eh fr uns spt am nacht-firmament
                            Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:
                            Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.

                                                         Stefan George


                             Erstes Kapitel


                                 Georg

Unermdlich wanderten die Gedanken.

Georg, mit den Fen ebenso unermdlich, wanderte das kalte kleine
Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strmte die
alabasterne Schale ihr immer gedmpftes Licht aus, in einer Stetigkeit
ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr
wurde. Im stndigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum
streiften seine Blicke unteilhaft Wnde und Gegenstnde des
Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit
und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich
herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die
Nacht war laut. Frhling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der
Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher
Lautlosigkeit war, tosten die Bume des Parks, die ferne Stimme der See
berbrllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine
Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich
hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit.

Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen
nchtlichen Licht die Gegenstnde der Kindheit, vom gegenwrtigen
Augenblick wie von der Vergangenheit unberhrt. Aber mitten in ihrem
unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwlende Fackel, aus
der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter
Gluten schpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater --
eigentmlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur
deshalb versteckt, damit er sie fnde --, die aus den hllenhaften
Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett
geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der
Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht,
entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.

Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der
Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun lngst
schon verschwunden hinter einem mehr wrgenden Elendsgefhl. Denn was
stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn,
in sein Herz? >So mte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt,
abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das
sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so
behaglich lebt, dieweil es mit Grnden fr alles vollsteckt wie ein
Brombeerbusch im Oktober. Mglich es ist so. Mglich, das qualvolle
Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, da ich
die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
ankme, wre dann wohl, nicht, wie ich es unbewut bereits vorhaben
werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden knnte --,
sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
ertragen, mit Frieren aufzuhren, ihn lebensfhig zu machen.

>Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
hervorfluten lt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
in den innerst glhenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
therischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
darstellt.<

Und schlimmer noch diese Stze:

>Gndiger Gott, der du bist! Wenn es denn mglich sein soll, wenn es aus
alldiesem noch einen Weg geben soll fr mich, so bewahre mich vor dem
einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
Sinnen und bersinnen wieder hinein mu ins Alte, -- so sei mir gndig
und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
mit meiner Seele! Da ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine
eigenen Gefhle wie Blumen; da ich nicht dem Ungefhren nachtappe, wie
ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!<

Ja, gndiger Gott, war es fabar, war es nun nicht doch geschehn, war er
nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben gendert? -- Seine
Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum,
suchend nach einer geringsten Vernderung gegen frher. Nichts da,
nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich ndern; da war ja nur von
Arbeit ein Ozean, in dem er so hlflos herumpaddelte wie ein Pudel, und
-- Ich wei was! knurrte er wild: Wenn du echt wrst, Georg, wrst, der
du scheinst, so wrest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in
hundert ngsten vor unerledigten Aufgaben, httest ein gutes Gewissen,
httest auch Vertrauen zu denen, die du verstndig weit, um ihnen das
berma des Deinen zuzuschtten, anstatt da du nun keine stinkende
Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase
zu fhren. Also bist du verflucht, mein Prinz, mut dir selber die Zeit
wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!

Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, da jenes Fegfeuer des
Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu
brennen und zu verlschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige
Sein. -- Wie es da ausgedrckt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu
einem dauernd ertrglichen auszubilden, so wars eine poetische
Redefigur; eine Haut mute sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein
winzigstes, mute doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu
machen, da sie neu war.

War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?

Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.

Da stand, als er nach der Ankunft in Bhne aus dem Bahnhof ins Freie
trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu
empfangen, vom Gestt hatte herausfahren lassen, und drin sa sie mit
Renate, gut aussehend, heiter, noch angebrunt vom italischen Frhling,
und Hut und Kleidung schienen geflliger als frher. Renate unkenntlich
vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf
den Bock.

Es dmmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurckwich. Weit vorauf
sichtbar die weie gewundene Strae schien seltsam leidend; weit und
verlassen die grnen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in
ihrem Dunkel die kleinen Wldchen fern unter den lastenden schweren
Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintnig die
Schlge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und
noch im aufatmenden Gefhl, da er sich nicht mehr beeinflussen lie von
Landschaft und Witterung, wie frher, da er sie nur um sich her sein
lie zum Beschauen, wandte er sich um, und da sa Renate, Schleier und
Hut im Scho, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und
Trnen liefen na und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit
einem flchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit
Weinen fort.

Nun sah er wieder die sen Farben des einzigen Gesichts, das glnzend
rinnende Blau der Augen, das brunliche Haar, die Blte der Wangen, --
sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des
Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der
Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den
Hnden die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war,
als fhre er Persephone weinend ber das seufzende Land, er, Hades,
seinem trostlosen Hause zu.

Das lag dann pltzlich, erhht ber die schwarze Masse des Waldes, aus
dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Trmen vor dem dsteren
Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Rten glhten in Streifen, wie
von Brnden und nicht von Sonne.

Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern sttzte sich
sogar, ihres verstauchten Fues wegen, und er empfand krperlich ihre
Weichheit. Da er sie einmal fhren und sttzen msse, htte er nie
gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den
magischen Kreis um sie her, den er immer gefrchtet hatte, und der jetzt
durchwirkt war von Weichheit, einem hlflosen Schmelz, fr ihn
schmerzhaft verlockend und von kaum ertrglicher Se.

Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...

Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas
zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ...

Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der
ernsten Gesnge von Brahms.

Indem fiel Georg ein, da der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und
seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, da er jetzt erst
ihrer gedachte, und mit einem jhen und schweren Gefhl des Vermissens
sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre
vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus,
und er sthnte pltzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen
Leides im letzten Jahr, die ber ihn hinschlug. -- Es geht vorber,
murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorber ...

Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne
in Hnden, und sich wand und verteidigte.

Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George,
wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich
lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wre, greifen
vielmehr nach dem Unpersnlichen. So sprachen sie von Literatur, von
Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er
hatte den Gehalt vermit an George. -- Da vermite einer Gehalt am
Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. --
Georg war sprachlos.

Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschtterte sein
Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh
natrlich, und er gab berhaupt alles zu, wie immer, und er sei im
Unrecht, das wisse er wohl, aber er knne sich nicht helfen, -- und
lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte ba und gab zu: Michael
Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen
Preis, worauf Benno eine schmchtige Hymne sang auf das Hannele, indes
Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, da, wenn ein Mensch zu ihm
trte und sagte, das Menschenherz ist voll Trnen und Sehnsucht, er
schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der
Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und berfeuer
zusammengepret seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer
und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs
Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend
noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen
und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen
man damals sich freute und meinte, es genge, wenn da etwas sei, -- aber
er -- und noch Hlderlin --, diese Beiden gingen immer mchtiger und
strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich
nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben
mhte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?

Denn Benno, der komponierte nunmehr glckselig eine Oper. Eine
Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er
sichtlich enttuscht, keine glckwnschende Zustimmung zu erhalten, und
gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe,
Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzhlung von Riehl. Bei den
Gttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und
Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim
Teufel! Georg stand wtend auf.

Du, Benno, hielt er pltzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast
du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert,
gefhlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalitt? Nun sind wir
Mnner und htten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab
auch Verse gemacht und mich fr einen Dichter gehalten; als ich aber
einsah, da es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du,
frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir fr
das Echte? Da es nicht gengt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun
lt, und es nur mglichst gut zu machen, sondern da es die Aufgabe
ist, auch zu lassen? zu prfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine
Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir
als praktische Mglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du
vergessen, was du sehr wohl weit -- sehr wohl, Benno, nach frherer
Aussage! --, da du eine Schande begehst, da du die Musik, den reinen
Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen
verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrcken! Etwas auszudrcken, was
sich auch auf andre Weise ausdrcken lt, Gerusche der Natur, oder
durch Handlung und Wort auf der Bhne! Oder das simpel Menschliche
auszudrcken, Leidenschaft, Klage, alldas zufllig Tatschliche, anstatt
das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mut auf das Praktische
gerichtet sein, mut auch Geld verdienen fr deine Frau, und darum
siehst du nichts als die Verlockung des prchtigen Librettos, und da es
halt Musikdramen giebt, und ergo, da die mglich sind, und fragst wie
der Galizier: Gott ber die Welt, warum soll ich nicht? -- Und da es an
dir ist, alle zehntausend hundsfttischen Mglichkeiten durchzusieben
bis auf die eine, die Notwendigkeit heit, das -- -- ah, mein Benno,
jetzt schwant mir etwas ganz Bses! Wenn wir dazumal einer Meinung
gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest
du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wre
des Teufels.

Und ich, mute er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders
gewesen? Habe ich geprft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich
das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn
recht?

Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie berhren zu
mssen, gab aber nach: das mchte wahr sein.

Und dann, jhlings, als habe ihn jemand geschttelt, so da alles eben
Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in
voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er
abgeirrt war, und da er der alte war, unabnderlich unverndert der
alte.

Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben fr mich, und dahinter
ein dnnes Licht. Was fr ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den
ich suche, um den ich mich bemhe, und was mich anleuchtet, ist die
Angst, nicht zu werden, zu verlschen im Alltage. Frher -- habe ich
mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewut. Ich
strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen
Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der
Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen fr die Sterne, --
Hlderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und
in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, da ich dies immer
wieder verga! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn
auch nachtrglich nur, und ich qulte mich dran, wollt es verleugnen,
wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut,
war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der
Unwirklichkeit, die Reue, da selber der hchste Augenblick Augenblick
war und verlschen mute, und sucht ich nicht immer nach -- nach --
Renate? Und immer wieder verga ich Renate und nahm jemand anders, --
und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, fr
immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu
erreichen.

Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dmmrung: wre das
wahrlich der ganze Unterschied? Wre das Hoffnung, da langsam, aber
doch sicher, die Helle zunhme? Da deshalb Nchte kommen wie diese, wo
ein guter Dmon mir l ins Feuer der Reue giet?

Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schlfen brannten von
Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhrlichkeit des Nachtsturms,
den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bume fernhin versaust war,
heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wlzen hrte. -- Ich
lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O
Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wren sie Alle hier, die mich
jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und knnte ihrer Aller Liebe
sich zu einem allmchtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich wrde es wie
einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht wrde Nacht
bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.

Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schlieend, stie
er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb
mir ein Zeichen, gieb! La diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und
ich wei, da ich auch einmal Ruhe finde!

Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwcher, entfernte
sich, es grollte von weitem gedmpft, wurde stiller, still. Und dann
machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.

Georg lie die Arme fallen. Einen Augenblick spter sa er pltzlich und
schrieb.

Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art
Csarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene
Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert
war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschrnkter Gewalt ber
Leben und Tod, sich ber Vorstellung und Leidenschaft hinaus zgellos
hinreien lieen zu den Ausfhrungen schrecklicher Art, Massenmord,
Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich
zgellos beschaffenes, durch unbewute Bettigung ins Unermeliche und
Schamlose gesteigertes Denkvermgen. Mit ziemlich offenen Sinnen
versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen
Vorgnge um mich her, wie der in Bchern erreichbaren geistiger,
seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natrlicher, knstlerischer
Art, immer Vergngen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezge
herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schlieen,
ein hnliches Drittes als erhrtet und verbrgt anzusehn durch Erstes
und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von
Natur eigen, und ich bte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine
unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewutheit vertieft, die jeden
begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der
Lektre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des
menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die
Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Knnens oder
Wollens oder Mgens aufnahm. Alldies -- und gewi noch andres in Menge
mehr -- zchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles
Denkenknnens; des alles fr -- nicht nur wahrscheinlich, mglich,
plausibel, sondern fr wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es
so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder
Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner
Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade
die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen
und verbinden Knnens. Es ist ein gealtertes Wort, da jeder Mensch nur
sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held
eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Csar Borgia.

Mildernde Umstnde machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die
Schuld aufheben knnen; mildernde Umstnde enthalten recht eigentlich
die Erklrung, die Anlsse der Verbrechen, machen sie verstndlich,
erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstnde fr mich, da ich am
Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen,
die zu einer Zeit ihres Lebens, beim bergang von der Jugend zum
Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden
Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener
Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt,
>talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern
Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter
zu sein, in dessen Hnden allein jene Begabungen wahrhaft
leistungsfhig, notwendig und gerecht wren. Tausend Dinge ohne
innerstes Mssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler.
Fertigkeiten zu haben, die das Ma der innern Bedrftigkeit bersteigen,
wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen grer zu
sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. bung der
Geschicklichkeiten zu keinem ntzlichen Zweck, sondern um der
Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der
Grenze des Notwendigen im Elysium alles Mglichen. Keinerlei
Beschrnkung im Geistigen, Zgellosigkeit, Csarenwahnsinn des
Verstandes.

Und noch mchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber
beschrnkt. Gbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das
beschaulichste Leben fhren? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf
einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefhl, kein Denken
und Sorgen fr Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals
darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzhlige
Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, da ich es sei:
hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens,
Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem
einen Unterschied, da ich nun wei. Hinderte mich aber am Rechten
damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir
alles zeigte wie ein Glck, es wahrnehmen und denken zu knnen, aber
nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszufhren: so hemmt mich nun, da
ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit
Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus htte, das zu schleppen ihre
Kraft nicht ausreichte, so da sie zwar drin hausen kann, aber es nicht
hinbringen, wo Nahrung ist. Wute ich frher nichts und war geblendet
durch die Last, Wissen -- oder was ich dafr ansah -- zu erwerben -- und
was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ...

Voll Unmut und Widerwillen schon whrend der letzten Stze gegen das
Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hnde. In
diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfllte,
ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer
Nachgiebigkeit:

Es ist nicht mglich, Georg, da es nur dies ist. Es ist nicht mglich
-- denn es wre nicht menschlich! --, da irgend jemand so wie du sich
im tiefsten belastet fhlen, im tiefsten unglcklich sein knnte durch
die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische
Vorgnge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persnliche, in
dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?

Gieb es zu, Georg, gieb es zu!

Es ist die Lge. Es ist ganz einfach. Wre es jenes allein, so wrde ich
wie jeder Andre auch drber hinwegkommen. Wrde es bestehen lassen,
wrde suchen, es zu verarbeiten, wrde aber weitergehn, wrde mich
nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fhlen am Leben. Gieb
zu, da es die Lge ist! Da du scheinst, was du nicht bist. Da du
nicht, so eitel gern du es mchtest, beschlossen bist in dir, unabhngig
von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren
Stelle, du weit dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn,
bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem
Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein
Verstand leugnen mchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lgst.
Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von auen! Stelle dir
eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist
Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allflliger hherer
Einsicht, die hinterdrein kommen knnte. Den ersten Augenblick nimm:
Gips und nicht Bronze! So! Weit du nun, was du empfandest? Kannst du
die erste Enttuschung verwinden? Ntzt es, dir einzureden, da im
besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?

Ich hab keine Kraft mehr! sthnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht
mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben,
der mir die Kraft gbe, es zu ndern.

Da, mitten in seine Aufgelstheit, in Unkraft hinein blhte das Antlitz
Jason al Manachs, kaum lchelnd, wei wie eine Narzisse, und Georg
flsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen
knnen! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst
Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du
sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so s und
milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...

In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in
Georg: die eine, da er Jason so angeredet hatte, als wre er Jesus; und
die andre, da der Sturm sich gelegt hatte, ja, da er vor langer Zeit
schon verstummt war.

Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand mde, erschlafft,
dachte kummervoll seiner Anrufung des gttlichen Wesens, -- hatte Gott
doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal
nicht warten knnen und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk
geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fhlen?

Er sttzte die Hnde vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach
dem Gefhl, das er hatte, als er zu Gott schrie.

Was sich einstellte, war nun die Frage, was fr eine Nacht dieses sei;
und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom
Grndonnerstag zum Charfreitag.

Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde
vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am lberg, schrie zu Gott, und
Alle schliefen, fr die er schrie.

Und nun -- er wute nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von
einem berwltigenden Schamgefhl ber die hnlichkeit, ob von einer
uersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll
Verzweiflung lie er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, lie den Stuhl
fahren, fiel langsam vornber, und in dem Augenblick, wo er von Scham
bergossen aufspringen wollte, lag er und kte den Fuboden.

Eine Sekunde spter hatte er mit den Kleidern alles von sich
geschleudert, lag im Bett und strzte sich wie einen Stein in den
Schlaf.


                                 Renate

>Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das
Grte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand
ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage
seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz
allein dem Heiland gewidmet sein.

>Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer berwindung zuvor.
Denn es fllt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres
Treibens von selber den bergang in ein greres Dasein zu finden, und
zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen
Alltag und Feiertag die Mauer einer berwindung aufrichten und am Mittag
des Grndonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum
Samstag in der Frhe whrt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens
gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das
seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --<

Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch
eine Weile zuckten die Lettern der vterlichen Handschrift vor ihren
Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen,
sie sa im Dunkel.

Das erstemal in ihrem Leben fhlte sie die alte Charfreitagsbung
versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte,
ohne da sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr
Frieren. Schaudernd vor Klte, ffnete sie die Augen wieder, kniff sie,
geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und lschte die grell
brennende Lampe.

Nun fiel durch die halboffene Tr zum Schlafzimmer der Schein der
verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hlfte des Zimmers, in
dem sie wanderte, lag im Schatten der Tr. Doch immer wieder, in die
Nhe der Trffnung gekommen, mute sie anhalten und nach nebenan sphn,
in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe
auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glnzenden Armband mit
der Uhr, und vorne das Fuende des Bettes. Ihr war dann, als lge jemand
krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren
dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos
umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken.
Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um
Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an
Gedrn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem
Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.

Im Gehen fing ihr rechter Fu mit der noch aus Italien heimgebrachten
Sehnenentzndung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle
aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung
mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen
sich hlflos verzehrte!

Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte
sie sich aufzurtteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber
denken konnte, war nur, da sie, solange er lebte, solange sie mit ihm
Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger versprt
hatte, so vollkommen gesttigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an
diesem Tage ser und herrlicher als alle Tage strmenden Quell seiner
Liebe und Weisheit. Und noch die nchsten Charfreitage waren ernst und
schn im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals
versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und
litt Hunger.

Sie fror unablssig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu
sehn und sich zu beweisen, da die Nacht wirklich so kalt war, doch
zeigte sich kaum ein dnnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer
erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie chzte fast weinend.
Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und
ging weiter.

Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrchlich. Zuweilen
knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermdlicher als
sie selber, doch gleichmiger, wurde bei jedem Nherkommen das feine
Ticken der Uhr hrbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es
zehnmal geschlossen und wieder geffnet hatte, schwankend zwischen dem
Schauder vermeintlicher Klte von drauen und dem Gefhl, ersticken zu
mssen. Drauen knisterte es dann und wann. ber der See stand ein
Frhlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dnnes Lichtzucken,
lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.

Ach, sie htte auf einem Schiff sein mgen in dieser Nacht, keinem
groen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermdlich schlagenden
Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges
Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fhlen sein leises eifriges
chzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und da die schwere
Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf
aus der zusammengestrzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das
Finstre und doch mit einer Art Lcheln ...

Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie
Streichholzflammen, an denen sie die gewlbten Handflchen wrmte,
heftiger frstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte
sie ihr Leben nach hnlich wrmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu
Hunderten, allein ihre Wrme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr,
oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle,
einen Schauer von Schnee ber sie wlkte. Die Stunden mit Saint-Georges
-- jede voll Ausdauer und Frieden und Vershnlichkeit -- und in jeder
der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der
Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstubt und verblasen. Aus
Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen
geworden? Grber, -- und wenn sie in getrumter Lebendigkeit vor Renate
erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie
unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewtet um sie
her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft
tteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wrme zu
finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entstrmte doch immer
eine unendliche Glut ebenmiger Flle.

Die Mdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wute, da sie sich nur
hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also
schleppte sie weiter ihren Fu, als wre ein Gef voll Gluten daran
gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mute, nichts zu verschtten. Die
Gedanken gingen ihr aus.

Wieder das Fenster schlieend, bildete sie sich ein, sofort die
Zimmerwrme zu spren, und stand so eine Weile, die Hnde leis reibend,
vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein
darin, bis aus der Bewutlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die
hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:

Es kommt alles nur von der Wrme und der Klte ...

Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, da sie in ihrem
Zimmer daheim war; da die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und
jetzt, da in der Trffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben groe
Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der Knig.

Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war wei wie Apfelblte mit
rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen
von fast nchtiger Blue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand
in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte,
unten, zwei Hnde breit ber den nackten geschlossenen Fen ab, und ein
kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die
Arme. Pltzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend
mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lchelte, und schon
machte es sie glcklich, ihn, diesen Gttlichen, so menschenhaft zu
sehen und das Knigliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene,
nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im
Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem
Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, lngliche
Hand sich erhob und in die weien Falten des Vorhangs ber seinem Haupte
hineingriff. Ach, sie htte der Samt sein mgen, jetzt!

Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:

ngstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein
Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Se Vollkommenheit, du
darfst mir nicht zerblttern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich
will dich trsten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...

Renate hatte sich so weit gewonnen, da sie etwas sagen konnte von ihrer
Beglcktheit und berraschung, was er freundlich anhrte, ohne zu
erwidern. Setz dich nur! sagte er dann, ich stehe lieber; ich stehe
gern.

Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem
lichten Raume umher schon so natrlich geworden, als htte dessen vorher
unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im
Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hren, die sich
ihr einflte wie ein himmlischer Trank, wrmend, bezaubernd und doch
nicht berauschend. Da sprach er auch schon.

Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wrme und der Klte, die
dich so bewegen. An ihnen lt sich ja alles erklren, und um zu
erklren, bin ich gekommen. Man mu wohl die Geduld verlieren unter den
Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unvernderlichkeit eingegangen
ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr,
und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!

Renate fiel ein in sein Lcheln und lste sich darin -- ihr deuchte mit
einem Harfenton.

Erinnern wir uns einmal daran, begann er still, was du gelernt hast.
Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustnde.

Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, da dies falsch
sein mu, wenn du nur bedenkst, da Nacht eine rtliche Erscheinung ist.
berall ist die Sonne. Nur dich verlt sie zuzeiten.

Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der
Anbetung wrdig ist.

Bedenke nun Wrme und Klte. Es ist Winter, nicht wahr? Es strmt bei
dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch
nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewlkt, Regen fllt, die Sonne
ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu
schlafen.

Oder das Wasser. Es ist Juli, die Flche des Weihers glht, -- du aber,
Khlung bedrftig, tauchst die Hnde hinein, und sieh, du erfhrst eitel
Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.

Also sieh an, du kannst dir Klte und Wrme bereiten, wann du willst,
Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen
entzndest oder die strksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein
will ist die Sonne.

Wrme und Klte dagegen knnen berall sein zugleich, an tausend
Stellen unter der Sonne, und was heit das? Es heit, da die ganze Erde
ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gbe ein
hnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder
umgekehrt? Gewi nicht.

Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle.
In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner
Sigkeit; sie war schon erfllt davon, wute sich aber unendlich an
Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte
sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.

Der Knig fuhr fort:

Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber
uns beschftigt die Seele. Da auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir
erkannten, das weit du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe,
die du gut und bse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun
auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen
kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so mu es wohl auch das
Kalte sein und das Warme.

Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du
geboren wurdest?

In der Mutter, sagte Renate.

Und wie war es allda?

Warm.

Wie also mut du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm
eingingst?

Als kalt.

Und diese Klte an den Gliedern wie?

Schmerzlich.

Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir
sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wrme, jener
Wrme, aus der du kamst.

Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wrme. Und Klte ist alle Pein.
Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem
Mangel an Wrme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die
erlauchten Geheimnisse der Kunst.

Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden
hat wohl nicht viel von ihr gewut, da er aus Schlachten und Jagden zu
den ewigen Schlacht- und Jagdgrnden einging. Aber sdwrts der wrmere
Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend
nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen,
und hrtest du nicht, da sie blickten und sprachen, da sie wieder
liebten und haten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme
Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub,
abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt.
Siehe aber, das wute der Grieche, da sie leben kann, die Seele, wenn
nur Wrme vorhanden ist. Er wute von der Seele, denn er wute von der
Wrme, von dem Glck seines Blutes, von dem Frhling, von Persephone und
Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war
ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend
und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch
nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schpfer der Seelen, da er im
Kalten die Wrme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich
den wrmlichen Gttern hnlich zu fhlen.

Mein Volk wute viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben
hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu hei in der ewigen
Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Khle und liebten
den ewigen Stein. Wie aber heit das Wort vom Leben?

Renate sagte: Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich strbe.

Der Knig leuchtete seltsam auf, und hher erscheinend, auch die andre
Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:

Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut!
Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fhlst du,
da eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid
wie die Kinder, sagte er, -- und nun -- was giebt es Wrmeres als ein
Kind?

Es rieselte in Renate. Der Knig lchelte tiefer, bis das Lcheln im
Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr:

Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wste, im
Antlitz das groe Goldbrodeln der Hhe ... Wenn alles erwarmte in mir,
in mir erglhte der se, der flutende Baum aus Purpur, tausendstig --
dann wute mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Fen: Es ist das
Blut!

Sie verstanden mich kaum, -- sie gehorchten nur --, wann htten sie
jemals verstanden? Sie zerstrten meine Stadt, sie zerstrten meine
Bilder, aber sieh dort! Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinber.
Sie konnten mich nicht zerstren, und ich bin ewig.

Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset,
sagte er, und sie glaubten, sie mten nun Menschenfresser werden und
seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn
gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen
einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken drften oder
nicht.

Sie sagten: Gut und Bse und Vergebung der Snden. Ich sage: Kalt und
Warm.

Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wrme gnnt,
und fr jeden die Wrme will. Fr sich Wrme wollen und die eines Andern
nehmen, -- meinst du nun, das wre das Bse? Ach, das ist das
Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wrme und nur
bertreibung. Dies ist nur schdlich. Alles was schdlich ist, kommt aus
dieser bertreibung. Nimm einem die Wrme, so schadest du ihm -- und wem
noch? Dir. Denn woher kann Wrme allein kommen? Aus dir. Siehe noch
einen Beweis, da nicht Dunkel und Licht, da Klte und Wrme die alten
sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag?
Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das
gewesen? Wenn du dich schuldig fhltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das
Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Bses. Das ist nur
eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden
angerichtet hast, dann frstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich
frstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wrme,
und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden
wrdest, wenn man es dir nhme. Du hast nur bertrieben, hast nur Wrme
genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst
du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wrmen? Ja, aber lege das
Feuer fort, und dir ist wieder kalt.

Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst
du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befhle
sie oben, wenn du darunter liegst und schon glhst; wie fhlen sie sich
an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, da dir warm wird, --
solchen Charakters sind sie, da sie dir helfen, Wrme zu bilden!

Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine
noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in
dir Wrme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen.
Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein knnen!

Ach, sagte Renate, das meine! erfreut, es zu wissen. Aber, setzte
sie hinzu, dann gbe es gar keine Bosheit?

Wie? sie gbe es nicht?

Sondern nur Leiden. Nicht warm sein knnen.

Vielleicht. Aber meinst du nicht, da es eine noch frchterlichere Art
der bertreibung giebt? Die bertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Ma
halten knnen, welches ist: nicht warm sein knnen und auch nicht warm
sein wollen.

Das wre der Teufel!

Wrtlich, gewi. Denn er war der Abtrnnige aus Gottes Wrme, und der
sich Verhrtende in der Klte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit,
sich erstarrte, und bertrieb. Und was mute er wollen in seiner
Malosigkeit des nicht warm werden Wollens? Da nirgends mehr Wrme sei,
da niemand mehr Wrme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wrme
betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am
Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den frstelnden, der um
sich frit wie der Frost in der Mrznacht, und am Morgen schaudert dichs
vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein
knnen, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben.

Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wrme zu bringen, glaubst du?
Ach nein, sondern sie ist: Wrme zu bilden. Liebe! so ist dir warm.
Liebe entzndet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du
die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht
warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wrme ist, da lege
dich ber ihn mit deiner ganzen, nhre ihn, ziehe ihn glubig gro!
Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwrmt sie? Der sie liebt, sonst
keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschchten der
Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie
empfngt, der Wrme bildet aus ihr wie die Erde. Weit du aber, ob nicht
auch der Felsen der Einde sie liebt und es dauert nur lnger? Klagte
nicht Memnons Sule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der
Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen knnen! Oh Abendrot,
und ich blieb kalt!

Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist
der Bse, der niemandem Wrme gnnt, die er selbst abgeben mte; der
lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu mssen. Der
immer Wrme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit
der Erde! Wie denn ists mit dem Snder? Er darf bereuen und wieder in
Wrme gelangen. In sich gehn, heit es darum von dem Snder; innen ist
die Wrme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn,
kann der Mrder, der Betrger, der Seelenverkufer, der nur Wrme fr
sich wollte und Klte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen,
wenn er an Wrme glaubt, wenn er einsieht, da sie sich nicht gewinnen
lt von auen und nicht durch bertreibung. Bereit sein ist alles.
Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im
Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem
Drauen. Drauen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne
saugt kein Mond einen Tropfen der Wrme, er bleibt kalt, tot, erloschen,
unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte
Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern
weil ihre Beschaffenheit so ist, da sie Wrme bilden kann, darum ist
sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil,
und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner
Wrme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wrme im Segen des Ackers.

Nicht Gut ist, nicht Bse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch
Schdliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes
an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht
nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten,
Erglhn und Erlschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht
unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Bse; bse allein ist
das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine
Schwester, bist gut.

Ich? erschrak Renate. Ich bin nicht schuld?

Ja, woran solltest du schuld sein?

Ich fror so ...

Willst du denn frieren?

Nein.

Oder unfruchtbar sein?

O nein!

Also was, Schwester?

Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?

Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld verloren hast!
Geduld ist die Wrme des Einsamen. Bist du nicht vereinsamt? Hast du
nicht geliebt? viel geliebt? Habe Geduld!

Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er lie die Hand sinken und
zog den Mantelkragen zusammen. Renate erschauderte leise vor dem
Augenblick, wo sie allein sein wrde, und bat:

Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde ich dann nicht alles
vergessen haben?

Er nickte lchelnd: Alles.

So trste mich fr diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben
nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?

Der Knig schwieg eine Weile und prfte sie mitleidvoll. Endlich sagte
er langsam und wie mit einem Seufzer:

Morgen und ewig.

Was willst du sagen?

Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mut du
noch warten.

Wie soll ich verstehn?

Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig
zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils
vollenden und in andere mnden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine
Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des
Menschen. Aber frchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!

Niemals?

Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt allein, ist der
Mann. Gebrende, immer gebierst du. Das ist deine Wandellosigkeit. Sein
ist das Tten und der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die
Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du Liebe, er Ha. Du
Seele, er Geist. Du Dienerin, er Herrscher. Er erobert die Welt, du
ntzest sie. Unzhlbar seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sndhaft, du
ohne Snde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain gebarst du und
Jesus, Mrder und Shner, Teufel und Gott. Entarte, so neigst du noch
immer zum Guten. Torheit deine Snde, Eitelkeit, Oberflchlichkeit,
Nichtigkeit, Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen
mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? Ewig im Kern mut du
gut sein. Du mut gebren.

Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie flehte: So sage mir
eines noch, Bruder! Da wir so ungleich sind, Mann und Weib, schlieen
die Reihen sich nie?

Der Knig lchelte: Sie werden sich schlieen.

Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?

Der Knig lchelte mehr und heller, whrend er fragte: Was denn
mchtest du tun?

Kann ich mich nicht wandeln wie er?

Immer strker lchelte der Knig und sagte: Nein.

Bruder, Bruder! flehte Renate, ich sehe es dir an! an deinem Lcheln
sehe ich, da ich etwas tun kann, da ich etwas tun mu! Sage es mir,
ich lasse dich nicht!

Sein Lcheln schwoll. Ja, du mut etwas tun. Was du immer getan hast,
was all deine Schwestern taten, das mut auch du tun!

Was denn, Bruder, ach was?

Du mut helfen, da er dem Ende der Wandlung nher kommt!

Wie denn, Bruder, ach wie?

Sein Lcheln flammte ungeheuer auf und erlosch augenblicks mit dem
letzten Worte:

Ihn gebren!

Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich den
Tisch. Sie sah Lichtschein hinter einer Wand und sah, da die Wand der
Trflgel war, der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorber
der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah auch die Ritze
erleuchtet zwischen Tr und Wand zwischen den Angeln. Ihr war sehr warm,
aber ihre Mdigkeit so gro, da sie die Augen kaum offen halten konnte,
um ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie wute nichts
mehr. Sie entschlief.


                            Zweites Kapitel


                                 Georg

Charfreitag, sagte Georg stumpf und verstndnislos vor sich hin, als er
des Morgens gebadet und angekleidet zum Fenster trat. Der Regen fiel
lautlos und nebelhaft, er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte,
unter sich den Hof zwischen den Schloflgeln, die Terrasse mit
pltschernden Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dcher und
Ochsenaugen, na und traurig vom Regen.

Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig bin, und sprte in
allen Gliedern die Zerschlagenheit von der schlaflosen Marter der Nacht.
Sich wendend, gewahrte er die nchtlich beschriebenen Bltter noch offen
daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der Regen, dachte er
ingrimmig, weder traurig noch heiter fllt, warum, o Himmel, warum mu
das so sein und warum bin ich so eingerichtet, da ich ihm Traurigkeit
ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht sein wie der
Regen?

Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschtternde
Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre
geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es
sagte, gleichsam eine Lcke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm
fremder biblischer Erinnerungen, -- und spter im Leben der niemals ganz
zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte,
die Grber taten sich auf ...

O Christus, warum bist du gestorben? Fr wen, fr was starbst du denn?
-- Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der
Schuld? Ja, oder Erbsnde sagen sie, was ist Erbsnde? Nein, ist das
wahr? Wre das mglich? Er litt, um die Erbsnde aus der Welt zu
schaffen, aber wir sndigen nach wie vor, und was soll denn gendert
sein? Wir sndigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Snder
sind, ist es nicht so, da selber der grausamste, der teuflischste von
ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es
Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe berhaupt nichts mehr. Es
wird immer verworrener. brigens sind das Lehren, die nur die Andern aus
seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles
geflscht. Ich mte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die
Verflschung bereits im Blut und wrde ganz andres herauslesen, als was
dasteht. -- Er grbelte weiter.

Hat er nicht allen Sndern Verzeihung und Barmherzigkeit verheien? Was
verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Da man sich reinige, da
man strebe, da man still und einfltig sei wie die Kinder, -- aber die
alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und
er selber sprach vom Himmelreich so, da man doch glauben mu an -- an
ein Jenseits und -- -- Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus'
durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber -- ich
glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht.

Darber endlich unwirsch geworden, mute er heftig ghnen, empfand sich
so mde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen htte, und erinnerte
sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frhstck, Renates.

Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wute nur wenig von
ihr, nur da sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz
wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzndnng am Fu. --
Frher, dachte Georg, htte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefhr
so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt htte, Artemis habe
Sehnenentzndung. Sie war keine Gttin, wars nie gewesen, wars weniger
heute als jemals, sie war hlflos, und er -- liebte er sie immer noch?
Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr ses Gift wieder zu
wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich.

Neun Monate ist es nun her, dachte er, da Vater starb. Allein -- liebte
sie ihn berhaupt? -- Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so
strker die keimende Hoffnung.

Alsbald entschlo er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr,
und erkennend, da es eben die Zeit war, die Magda fr ihr Frhstck
angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging.


                              Magda/Benno

Das runde Gobelinzimmer, in dem frher gespeist wurde, jetzt der
Frhtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium
infolge des Regenlichts in Glastr und Fenstern. Rieferling stand dort,
in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand
gedrckt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und
zog es aus der Tasche, von Birnbaum. -- Georg las: Eintreffe mit Schley
und Kurier mittags Birnbaum.

Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist bengstigend. Er wei, da ich
nicht gestrt sein will, es mu also etwas mehr als Dringendes sein.
Kann er denn berhaupt reisen?

Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten Besuch schon ganz
wohlauf gefunden; er habe stehen und gehen knnen, nur Mund und linkes
Auge seien ein wenig schief gewesen, -- wiederholend, was Georg schon
wute. berdem ffnete sich die Tr, und Anna trat ein, Georg fast
erschreckend mit Lichtheit, in einem bla lachsfarbenen Kleid, das ihn
an ein andres erinnerte, von einem Tage, nach dem er noch suchte,
whrend er auf sie zutrat. Heiter lchelnd sah sie so frisch und leicht
aus, da er den Arm um sie legte und sie auf die Stirn kte.

Nun, gut geschlafen, Georg? fragte sie und lie sich zum Tisch fhren.

Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein Onkel Birnbaum
kommt mit Schley.

Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da? Der Alte, jetzt
vllig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, war hinter ihr
eingetreten mit einem Regenkragen und einem Strau weier Rosen, die er
auf einen Stuhl legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich
in der Kche Bescheid zu sagen.

Was fr ein hbsches Kleid du anhast, Anna! lobte Georg, um von
Birnbaum abzulenken, so -- so geburtstglich! fand er auf der Suche
nach einem Wort, und sie freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun
alle Renate, erzhlte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des
Vermissens und der Erwartung.

Und du, Georg, fragte sie nach einer Weile, mit langsamen Bewegungen,
die Georg etwas nervs gespannt verfolgen mute, sich mit Butter und
Gelee aus den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren Teller
geschoben hatte, wie fhlst du dich in Helenenruh?

Ach, gergert hab ich mich! versetzte er mglich saftig und munter.

Schon wieder?

Nicht nur >schon wieder<, mein Kind, sondern sogar aus demselben Grunde
wie gestern abend!

Ach, Georg, wie kann man so nachtrglich sein!

Nachtrglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als weibliches Wesen
nimmst du die Dinge persnlich. Nein, im Gegenteil, gestern sah ich die
Sache nicht einmal so schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum
Beispiel, man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn
erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was war doch das fr
ein ekelhaftes Schwein? Oder man sieht im Theater ganz zufrieden ein
Stck, und hat mans beschlafen, sieht es vllig dumm und verblasen aus.

Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, wenigstens ists mir
schon so gegangen mit Menschen, die ich beim Kennenlernen gar nicht
besonders fand, und dann, am andern Morgen lchelten sie mir zu, und ich
war froh, sie bekommen zu haben.

Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und Renate. Sitzt da und
sagt nicht Muck und habt doch ganz gut gewut, wer im Recht war!

Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glcklich mit seiner
Oper!

Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber angesichts ihrer
heiteren Blindheit. N--nja, bemerkte er dann, la du nur die
Menschheit sich mit Mist zudecken bis an die Augen und sage: da blo
keiner sie strt! sie ist ja so glcklich!

Sie lchelte kindlich. Georg, du bist schartig heut morgen.

Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle Tage bin ich das. Hast
du mal drei Wochen lang mit lauter Narren und Borstigen regiert? Dann
sei mal nicht schartig!

Ja, du hast nun einmal kein Christentum.

Nein, Anna, bekrftigte er mit scharfer Betonung, das habe ich
freilich nicht!

Du wirsts noch lernen.

Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte,
mut ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weit
du eine Antwort? Wei das Christentum eine? Ich fand da meine Hnde zu
voll, um nach Antworten zu greifen, aber -- -- ich mu zugeben, da
etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den
ganzen Tag Ihr eigener Herr! Er sah den Hauptmann sich erheben und
nickte ihm zu, whrend Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem
kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in
eigener Angelegenheit sprechen zu drfen, und ging.

Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen gttlichen Odem. Aber ich
glaube, da er an uns vorbergeht. Er ahnt gar nicht, da wir sind.
Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern
ganzen Leib wundenbedeckt saugen lieen mit diesen Wunden, so knnte ihn
das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir mssen
allein fertig werden.

Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?

Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen
Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, da es eine einzige
Religion gbe, wenn kein Leiden wre?

Ja, warum auch sonst, Georg, warum?

Georg schwieg im Gefhl, da sie jeder nach einer andern Richtung
sprchen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch,
whrend der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlgen der
gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll
schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle
Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an
jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen,
und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, da sie etwa, um nach der
Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger
ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem
Ahngefhl seitwrts lassend, zur Tasse. Schn breit lag nun ihre Stirn
unter dem mittwrts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar,
dessen lockere Busche ber den Schlfen ein liebliches Kapitl formten.
brigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg
sie umfate, heute schner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.

Nun, Georg, was denkst du? hrte er sie fragen, erschreckt inne
werdend, da sie dasa und all die Zeit nichts sah.

Wie schn aber deine Singstimme geworden ist! sagte er liebevoll, und
ihr Gesicht glnzte auf. Ich bin erschrocken gestern, als ich hrte,
wie tief sie ist! Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfltig
erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die
Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, fr die er singt. Sie will
niemand bezaubern, sie gebrdet sich nicht, sie geht ihres geraden
Weges, um Gottes willen.

Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben? fragte sie derweil.

Religion eine Panazee fr das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe
Anna, ist Leiden das ganze Leben?

Nach der christlichen Auffassung --

Die ich nicht teile! Fr das ganze Leben sollte sie sein, fr Tun und
Lassen, Gut und Bse und -- Sieh, da ist Benno! Guten Morgen, Benno!
Georg stand auf und ging dem Freund zu mglichst herzlicher Begrung
entgegen. Er schien unglckliche Augen zu machen, wie stets, war aber
munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschpfte sich in Verbeugungen
bis zum Tisch.

Setz dich, Benno, i, trink und berlege dabei den Sinn des
Christentums.

Jedoch Benno entschuldigte sich. So frh am Morgen ...

Freilich, Benno, mute Georg sofort zubeien, ber Gott und Glauben
lt sich immer noch abends und bermorgen nachdenken.

Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem er fr jede Frage und
jedes Zureichen besonders danken mute, zu essen, streifte Georg dann,
der aufrecht dasa, durch den Raum nach drauen blickend, mit einem
unglcklichen Blick, legte die Weibrotscheibe, ohne sie angebissen zu
haben, auf den Teller zurck und meinte, das Christentum sei wohl
vorwiegend eine Religion der Armen.

Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die ganzen Wochen her mit
Geschften geplagt und wolle nun ...

Vorwiegend! bekrftigte Georg, ohne sie ausreden zu lassen,
sardonisch. Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! Wer aber nicht arm,
wer hingegen reich ist, wie du und ich, was macht der?

Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: ursprnglich.

So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heit die Elenden,
Zermalmten, Leidenden, die diese unmnnliche Religion erfanden.

Unmnnlich, Georg?

Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche
Angelegenheit, Benno, hast du's nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe,
wie er den Mund verbiegt und eitel sen Schmelz aus sich zieht wie
Syrup mit dem Lffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die
Kirchen am Sonntag sieht man gefllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen
ganz s und dumpf fhlen, wenn sie singen. berhaupt jeder bermige
Musikbetrieb -- entschuldige schon, Benno! --, aber besonders mnnlich
hab ich ihn nie finden knnen.

Benno krmmte sich und meinte, das sei vielleicht eine groe Wahrheit.
Aber die Musik sei doch --

Ich bitte, mach mich nicht wtend, Benno, ich rede vom Singen und
Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fhlenden
Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des
innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf
abscheuliche Weise unmnnlich. Musik ist nicht mnnlich und nicht
weiblich, sondern gttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik,
Musik Hren und Musik Machen. Auerdem hab ich das Ganze nur
symptomatisch gemeint.

Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die
frheren Gottheiten entstanden doch nur -- gewissermaen -- aus Furcht.

Naturgtter, richtig, aus Naturngsten. Nun betritt einmal Rom etwa im
zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da httest du es gepflastert
gefunden mit Gtterstatuen aller Vlker, die sich allesamt berboten und
infolgedessen aufhoben. ngste gabs keine mehr, da die Menschen sicher
in behaglichen Wohnungen saen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde,
jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum
grten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst,
vor dem Wahnsinn der Kaiser nmlich, an die schon der Einfltigste nicht
mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzhlt, aus
dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkndigen lieen, die kaiserliche
Seele sei sichtbar zu den Gttern heimgekehrt. brigens da ich Walter
Pater erwhne, fllt mir ein, da damals besonders der skulapkult
blhte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor
Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiositt
verkommen in dem langsam verkommenden Reich des berflusses, und damals
erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit
der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?

Natrlich, Georg, aber --

Und da haben wir wieder die Unmnnlichkeit. Das Weib bekam das Leiden
als Auftrag: sie mu gebren. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie
lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden
annehmen, ist nicht mnnlich, sondern mnnlich ist, es abwehren, es
befeinden, es bekmpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm
Kreuz? Sie beteten es an.

Georg verstummte, beraus erregt. -- Was, dachte er, kocht mich denn so
auf? -- Aber schon mute er fortfahren.

Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich
innig mit ihm beschftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt,
da Dulden gttlich sei, da kein srer Lohn des Leidens sei als im
Dulden, anstatt da sie anpackten und wegschafften, und sie haben
gesagt, da es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers,
sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben
dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhngsel geworden,
zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.

Benno erseufzte. Und wenn du recht httest, Georg, so ist doch darin
nicht die ganze christliche Lehre enthalten.

Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas Brauchbares zeigen?
Brauchst du denn Christus? Sieh dich doch um in deinem Leben, und
begegnest du ihm irgendwo, so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder
Weihnachten. Wochentags ist er nirgend.

Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch die Menschen und nicht
die Lehre.

Georg sprang auf und stie den Stuhl unter den Tisch. Ja, du, Benno,
rief er, geschwollen von Gift und Hitze, du wirst mich freilich niemals
verstehn! Was soll denn eine Religion, die bis zum Wahnwitz berhngt
nach der einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern Seite
nichts herholen knnen fr ihr tgliches Leben. Weil sie nicht aus
wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, sondern aus krankem, vergiftetem,
weil sie eine Panazee wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung
ber den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen wissen mit
ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten Glauben bekommen htte, mir
wrs besser ergangen.

Meinst du das, Georg? fragte Magda leise.

Pltzlich fhlte er seine Augen hei, es bermannte ihn, er ergriff ihre
Hand und kte sie lange.

Dann hrte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe ihn bitten wollen,
sie zum Grabe zu bringen, -- und er ging zur Glastr und stand dort eine
Weile, in den leiser fallenden Regen blickend und sich khlend. Ich
glaube, es wird bald aufhren, sagte er, sich wendend.

Hat Egloffstein, fragte sie, meine Sachen hereingebracht? Es mu dein
Buch dabei sein, das mit deinen Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich
wollt es dir wiedergeben.

Ach, hast du's gelesen? Georg sah das Buch unter dem Rosenstrau, ging
hin und nahm es an sich.

Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptschlich das von
Bogner, und ich wollte dich bitten, mir selber noch draus zu lesen.
Vielleicht heut nachmittag, magst du?

Aber gerne, gewi! Ich will mich nun eben etwas regenmiger anziehn
und komm dich dann holen. Im Vorbeigehn mit der Hand ber ihre Achsel
streichend, ging er hinaus.


                            Drittes Kapitel


                                 Magda

Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte,
befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden
Augenblick berflieen zu wollen schien. Das Hungergefhl war
verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fhlte, als sie
von frheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie
sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet
hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann wrde sie allein sein
den Tag ber, wrde es knnen, wrde vielleicht Hoffnung, Glauben,
Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schpfen aus den ewigen
Augen der einzig heiligen Gestalt.

So ffnete sie denn die Tre des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern,
da Magda ihr gesagt hatte, sie frhstcke dort; aber schon der erste
Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saen, bereitete
ihr kein Gefhl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie
denn etwas mutvoller machte.

Schade, da du so spt kommst! rief Magda Renate zu, sich umwendend
nach ihr, die sie hinter sich eintreten hrte. Georg ist eben gegangen,
nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz
niedergedonnert, Benno und ich.

Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den groen Glasscheiben ihr
gegenber, hinter Magdas Stuhl, ber deren Schultern die Hnde
hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das
weiche Haar unter ihr, die Augen schlieend im Wunsch, so einzuschlafen.
Aus der Ferne hrte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen
und erwiderte leise: Gar nicht! Ich hatte einen schnen Traum; er war
unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.

Das wren die besten Trume, meinte die Freundin trstend, und sie
setzte sich nun an den groen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren
Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel
erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklrte Egloffstein,
da Renate nichts zu sich nhme. Die hrte whrenddes Benno sagen:

Ich glaube, er hat etwas gegen mich. Er neigte sich beteuernd zu
Magda. Glauben Sie mir, ich fhle es, und ich wei auch, von frher
her, da in meinem Wesen etwas sein mu, das ihn reizen kann. Er ist ja
auch viel mnnlicher als ich und strker -- schlo er bedrckt.

Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr
verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lrmend
erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein
andermal sich zurcklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart
gleichsam erstarrte, schien ihr dieser hufige Wechsel sich auf eine
Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst
gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit!
Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten
sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, -- ja, dessen Art, nur
nicht ganz fertig.

Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hrte
Magda etwas sagen, mute jedoch fragen und hrte nun erst ihre Stimme
von fernher nher kommen:

Manchmal fehlt es mir doch recht, da ich ihn nicht sehen kann. Ist er
nicht sehr verndert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das
Einbildung? Ich rede von Georg, schlo sie leise erinnernd, als ob sie
gefhlt htte, da Renate fern war.

Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich
gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: Ja --, er hat ja nun
solche Pferdeaugen.

Pferdeaugen? wie meinst du denn das?

Renate gab sich Mhe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. Frher,
sagte sie, hielt ich seine Augen fr grau. Nun sind sie erstaunlich
braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, glsern, und
gerade bei heftigem Feuer knnen sie so etwas Starres haben wie die von
Pferden, so da die Augpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder
strker gewlbt. Ich wei nicht, ob du ...

Magda, die still und in sich gebeugt zugehrt hatte, fuhr jetzt empor
und rief halblaut: Wie war das? Bilden sich wirklich die Knigsaugen?
Dann lachte sie leise und meinte: Er bekommt sie schon noch einmal,
aber er mu noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters?
Knigsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie
immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben,
auch Bogner, wenn er erregt war. So, weit du, zugleich khn und
verstndig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?

Renate gab bereitwillig zu, da sie ungefhr so wren.

Jetzt wirst du denken, fing Magda nach einer Weile wieder an, da ich
ihn verklre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er
wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts
wei, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam
und bin vergngt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den
Erinnerungen der Markgrfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an
den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein,
solch ein Hahnenfu wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich
meine nur den Tod Kattes. Da gab es die pltzliche Wandlung, und nun, --
was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater,
schlo sie behutsam.

Ich wei noch, fing sie wieder an, damals, als er dich besucht hatte,
im Mrz, da sagtest du, er wre spottschtig. Armer Benno, Sie habens
auch gefhlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den
Bestien, wie wars?

Benno zitierte beglckt: Das Richtige ist, alle Menschen fr Bestien zu
halten und blo jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden
zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.

Zu sich genommen hat! wiederholte sie, herrlich! Ja, so ist er, so
sind sie! rief sie ganz hei. Von Friedrich heit es auch, da er ein
solcher Menschenverchter gewesen sei, aber meinst du, den Mnnern wre
zu trauen? Die Menschen knnen doch niemand zu ihrem Verchter, knnen
einen zu berhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist
ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, da ich
ihn nicht sehn kann. Alle Mnner haben diese Art, auch Saint-Georges zum
Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann mu man raten,
da sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das
ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich
wohl, ist solch ein Mensch, der wohl wei, was er gelitten hat, nun aber
viel zu hochmtig ist, um es fr etwas Wichtiges zu halten, und so
verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze
Menschheit. Ich versteh ihn so gut! schlo sie triumphierend.

Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehr. Und was soll nun
daraus werden? fragte sie matt.

Magda hob die Achseln und seufzte.

Vorlufig hoffentlich gar nichts! meinte sie dann Je weiter der Weg,
desto besser. Du httest nur hren sollen, wie er vom Christentum
sprach! Da es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie
vernommen zu haben. Sie seufzte wieder und schttelte sich.

Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu mssen, und brachte vor, was ihr
einfiel: Josef sagte einmal, ein Messer wre auch nur da geschliffen,
wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein
scharfes, geschliffenes Messer. Das bertrug er dann auf den Menschen,
-- ich wei nun nicht mehr ... Sie verstummte unter dem pltzlichen
Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Bses getan zu haben, whrend
Magda aufleuchtend einfiel: Natrlich, so ist es ja mit Georg! Er ist
immerfort, immerfort geschliffen worden, nur wei ers nicht, wei nicht,
da er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren
vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers
pltzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das
einzig Gute an ihm, da er immer alles sieht und erkennt; nur was am
Grunde liegt --, ach, dafr hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick
entwendet, wie wollten wir sonst leben?

Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hnde im Scho
hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablssige Wellen in
ihren Zgen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schlielich
begann sie mit tieferer Stimme:

Man kann doch nicht annehmen, da es Menschen giebt, die das Schicksal
sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, ber
Vernunft? Oft mut ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen
war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg?
Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum
denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, fr dessen Dasein sie
gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm
whrend der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in
einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja
deutlich. Es hie, da er sich fr mich kein Leben vorstellen konnte --
ohne ihn, und deshalb war da eben fr ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn
ordentlich aus und erzhlte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er
keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor
Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weit du ja, aber,
siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wute nichts von
mir, gar nichts ...

Ihr Gesicht hatte strker zu glhen begonnen, whrend sie das letzte
sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte
den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.

Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage, fing sie ruhiger
wieder an. Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine
persnliche Unterredung, und da hatte er natrlich auch keine Ahnung,
da es sich um mich handeln knnte, und da wir uns gut kennen und er
mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist
auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf,
aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts
sagen! rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, ich wei nichts,
und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht! Verstummend
lie sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde bla und fast spitz vor
gesammeltem Ernst, whrend sie langsam und schwer sagte:

Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber
er kam nicht, -- und mu ich nicht annehmen, da ich ihm viel htte
geben knnen, da es doch fr so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich
war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht
sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben
empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die
Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,
schlo sie aufleuchtend mit den blinden Augen, so will ich doch immer
glauben, da es gut ist, da es hilft, da es irgend etwas heilt, und
da es sein mu, alles, fr mich, und fr ihn, und fr die Welt.

Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah
einen Stuhl neben der Glastr, setzte sich darauf, legte das Gesicht in
die Hnde und weinte aus Leibeskrften.

Ja, was ist denn, was hast du denn? hrte sie Magda fragen, warum
weinst du?

Weil ich, stammelte sie schluchzend, weil ich vorhin gesagt habe,
Georg htte Pferdeaugen!

Das ist entsetzlich! sagte Magda.


                                 Georg

Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frhstckszimmer
heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten
Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden
wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so drftige
Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns
durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und
wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer
wte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hlfte nicht davon
verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gesprch mit Toren! Ah freilich, und
du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts
als seiner trben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr
wert als irgendein Frhstcksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn
klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?

Das lange Dach gegenber glnzte regenschwarz mit den Schwellungen der
Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krhe sichtbar, indem sie lautlos
und schwerfllig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hrte, als sie
schon ber ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte
Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drben sichtbar;
sichtbarer kaum als die Stille und leichte dheit des Sonntags, die
berallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.

Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich
zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn
und ber alle Gottheiten Roms zu verhandeln.

Wie schn aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate
mehr vermit. Du guter Geist, knnt ich dich halten! -- Und Renate? So
war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate
und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint
diese Ewige, an der ich festhnge, seit ich sie sah, und werde ich
jemals aufhren zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hren
knnen? Wer hat die Hlfte nicht davon verloren?

Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe
anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung,
merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es
ist, als htte ich frher Vergrerungsglser vor den Augen gehabt, so
da ich sie an alles ganz nah heran halten mute, und ich sah Einzelnes
nur und Kleines, jedoch bergro. Sind die Glser fort? Bin ich
zurckgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?

Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der
letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, da sie nicht zu
ihm zurckkehren knne, nur noch einmal kommen msse, ihren Koffer zu
holen. Hier also hatte er den lange vermiten hineingelegt. -- Georg
versank ber dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den
eigentmlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden
Schriftzgen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und
geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank fr Minuten in Gefhle
wehmtiger Sehnsucht.

Sie war schlank und grade; der Gang schlank und krftig; das Haar glatt;
die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber.
Einmal sagte sie, sie knne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was
ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wute Bescheid in allem; was
sie uerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne
nichts als vernnftig, sachlich, ja nchtern, selbst wenn es die
hchsten Dinge betraf. Nchtern, -- ja, das war sie; von jener
Nchternheit, welche Hlderlin heilig nannte.

Also, dachte Georg trbe, mu es wohl doch das Richtige sein, was sie
jetzt tut? -- Dann wnschte ich nur -- o der Satan hole diese
Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wre ihr vorgelegt, als sie den
Montfort verlor, anstatt da sie sich erst an mich hngte ... Wie lieb,
wie sehr lieb wurde sie mir! --

Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verstndlich, was diesen
schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war
unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glcklicher
Klugheit und fester Se gereift, die -- die er gekostet und verloren
hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner
Schwermut und legte den Brief fort.

Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er ffnete es
in der Erinnerung, grade ber seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu
haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:

>Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem
Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschpfen, und aus jedem
das Se, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit fllen,
und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift berlebe, so
werde ich keines Todes mehr bedrfen.<

Merkwrdig! habe ich das geschrieben? Warum so pomps? Warum so viel
Geste? -- Er bltterte weiter, kopfschttelnd, indem er sich auf den
Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle
festgehalten:

>Im Niels Lyhne geblttert, diesem traurigsten aller Bcher. Aber was
sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles
Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden
Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren
des Lebens, fhlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die
Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmigkeit. Wir -- aber ich
habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich wei, was ich bin. Du,
Niels, hast es nicht gewut, ich aber habe dich gelesen ...<

Auffahrend aus dem Hintrumen ber die letzten Zeilen, fiel Georg zu
gleicher Zeit ein, da er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte
suchen wollen, und da Anna auf ihn wartete. Unschlssig noch ein paar
Bltter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strmen, und wieder
auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die berschrift
>Erinnerung< auf. Darin mute das stehn, was er suchte. Er konnte nicht
loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach
seiner Zigarettendose und Streichhlzern, begann, schon lesend, zu
rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer klterer Erregtheit.


                               Erinnerung

Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hrte erwachend
noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dmmerung
umhersummen, friedfertig mit sich selber beschftigt. (Tante Henriette
pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder
einfach Mathilde.)

Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dmmerung und dem
Wrmestrom aus dem Ofen mich an etwas hnlich Behagliches, und als ich
suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem
Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und
geheizt, ich hatte einen Roman im Scho vom verehrten Scott, es war
Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den
Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weinglser
auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten.
Nun war alles still geworden; nur ber den Flur aus der Kche tnten die
Gerusche des abwaschenden Mdchens, und in Pausen immer wieder, schon
lange hrbar und doch kaum gehrt unterm Lesen, fernher die unendlichen
schmetternden Roller eines Kanarienvogels.

Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen
Zusatz von de! (Ungefhr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefhl
hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben,
und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche
Stunden, was war ferner als der nchste Morgen, Schulgang und die fnf
end- und trostlosen Stunden!

Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das
frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im
freundlichen, sehr hellen Licht der Gashngelampe, in dem alles warm
wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch hre ich in jenen Minuten,
wo ich selber still war nach den heftigen Geruschen des Zhneputzens
und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, whrend des Anknpfens der
Hosentrger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno
nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hren, so
da es pltzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.

Es mte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der
allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so da man nur daran zu
erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa
-- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der
Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten fat und das Hemd
straff nach unten zieht, so da man es am ganzen Rcken und auf den
Schultern fhlt. Oder jene hchste Wonne des Erdendaseins, das reine
Taghemd mit allen Plttfalten und seiner Frische, fertig mit allen
Knpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun ber den nackten Leib zu
streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst
zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu
tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah,
wahrlich, nicht unfroh bin ich, das brgerliche Dasein kennen gelernt zu
haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern
und der getragenen Wsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen
abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt
verst?

Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und
seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin
glaube ich, hie es, und unvergelich blieben mir die stillen,
sonneglhenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen
das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen
gelegten Lffel hrbar war, ein so wechselnd getntes Klirren. Dazu
unaufhrliches und eintniges Hhnergegacker. An Hotelzimmer mu ich
denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geffnete
Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und
die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach
Juchten ... Ein Abend im Schlchen fllt mir ein: Virgo sa vor einer
meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt
ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisglser, die
persischen Federksten, Porzellangruppen und was es nun war, fragte
tausenderlei und erzhlte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie
als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Bfett, hinterher aber
fr jedes Stck einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus
einem Portemonnaie von Perlmutter, so gro wie ein Auge ...

Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die
dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es,
an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glcks oder
des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung
zurckzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem
Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte?
Aber die unsprbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des
abgeschiednen Beruhens, sie lt das gelinde Aufpochen des Fingers
wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.

Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum,
sonnig bei geschlossenen Vorhngen, von dem ich brigens nichts sehe,
als da er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoenden
Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mdchen, halb ber der
Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weie Bogen und
jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen,
die aneinanderhngen, -- Abziehbilder, jawohl, so hieen sie, und Anna
und ich mhten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier
festzudrcken und -- zu warten. Dies Warten war unmglich! Immer wieder,
mit unsglicher Behutsamkeit mute ein Zipfel angelpft werden, und
immer war es noch wei darunter, es mute mit dem Finger wieder Wasser
daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann
ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit
dem ich den eben abgelpften Zipfel wieder andrcke und vor Anna so tue,
als wre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, da ich die
zarte, bunte, naglnzende Haut darunter angerissen habe ... Anna
natrlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lpfte, so kroch
sie von oben fast unter das Papier; dabei sthnte sie entsetzlich.

Und schon berfllt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines
Vorbeifahrens, ber drei Stufen an einer Hausecke durch die offene
Hlfte einer Tr aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank:
ein Stck von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der
Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem ldruck der
Kaiserin; er streift von einigen Bierglsern den Schaum mit einem
kleinen Brett ...

Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es
sich in mein Gehirn?

                   *       *       *       *       *

Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen
verbrachte ich gestern mit Grbeln ber jener Erinnerung, umsonst. Heut
morgen fllt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt,
und das Denken sich selbst berlassen wirkt --, da ich in der Nacht von
der armen Helene trumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach
Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tr des
Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewi hat
auch etwas in mir, whrend ich das von den Abziehbildern schrieb, an
Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.

Ich habe nun weiter ber das eigenartige Walten des Erinnerungsvermgens
nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden:

In dem leider einzigen Gesprch, das ich mit Josef Montfort hatte,
stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, da der Mensch
nichts je Erlebtes verge und an alles, wenn er nur wollte, sich
erinnern knnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir
gegenbersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die
Erregung auf, in der ich mich damals beim Hren befand, und schon hielt
ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild
Erinnerungskraft behlt, ohne eignes Willenszutun von uns:
leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die
angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes
Bild und noch manches andre vom Weg, der vorberflog. Ich denke niemals
an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines
achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand prete und etwas in
mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die
Straen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wnde und
Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der tglichen
Angsterwartung, stehen vor mir, da ich die kleinste Beschmutzung, die
geringste Entstellung daran beschreiben knnte. Fast glaube ich, da
Angstgefhle und Zustnde des unsicheren, angstvollen Wartens die
strkste Macht zum Einprgen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles
Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend
Dinge mit glhendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen
mssen um jeden Preis, die Augen festklammern mssen, fiebernd uns mit
Dingen beschftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates
gedenke, nicht einmal ihre Zge, sondern die Akazienwipfel der
Gntherstrae, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite
ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin
lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nhe. Ja, Angst und Erwartung
sind es, die ohne unser bewutes Zutun jenes Knnenwollen der Erinnerung
Josef Montforts bewirken, nicht nachtrglich, sondern vorwegwirkend,
denn in solchen Zustnden _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_
wir sehen.

                   *       *       *       *       *

Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschftigt,
mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zustnden der Erregtheit und
Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste,
augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit,
und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette,
freilich immer benutzt zu Zeiten belster Peinigung. Verfluchtes Ding!
Da so das Sinnlose zur Einrichtung fhren konnte! Saufen in der
Gewiheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu
geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Mnchhausens
halbiertem Pferd.

Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in
Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gesttzt. Damals malte
er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nhe zugerannt, wir hatten
dann ein Gesprch in der Nacht, und -- gewi, wir sprachen auch vom
Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da
sagte er: nein, das sei vorlufig nichts fr ihn ...

                   *       *       *       *       *

Heut sah ich Esthers Gespenst.

Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht
strmisch; der Himmel bewlkt und grau. Pltzlich luft eine Fuspur vor
mir auf, weibliche Fe, klein, etwas breit, und wie ich mich noch
wundere ber die seltene Erscheinung, mu ich erkennen, da nach jedem
dritten oder vierten Schritt der rechte Fu leicht nach innen schlgt.
Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer
unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in pltzlicher Biegung dem
Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.

Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen.
Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlssig, traurig ...

Es ist natrlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See
gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe
noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur
fortgenommen.

Doch was geht das mich an? Ich sa im Zimmer und sah wieder den feurigen
Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in
angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht knnen wrde,
und Erscheinung lste sich aus Erscheinung ...

Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell fr
die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich
selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlchen, unten
stand sie mit Herrn Vgeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir
herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glnzt mir ihr lchelnd
erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug,
kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige
Anwandlung von Tollkhnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in
die Tiefe, wobei ein Fu leider zerbrach. Oh schne Zeit, die mirs
lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich htte nach Helenenruh fahren
mssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage
liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal
sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu
knnen und nicht unprinzlich hpfen zu mssen, lie ich eine Hngematte
auen mit violettem Samt, innen mit weier Seide beziehn und durch die
sen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich
zwei eben stellenlos gewordene Inder, Trsteher eines verkrachten
Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten
berall hintragen muten. Das war einen Tag schn, dann standen sie
berall im Wege, und ich gab das Ganze auf.

Eine Ansichtskarte fllt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und
Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er
sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in
seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rcken nach ihr vor ihr
stehend, hinhlt, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!

Halbe Nchte im Gesprch mit Sigurd und Benno ber die ewigen Dinge.
Leicht genug mgen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer
waren, so war doch das Reden darber zu leicht. Immer im Hintergrund
aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer
erwartete, und kam es nicht oft?

Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es
eigentlich komme, da er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage.
-- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, da sie es auch sagen, sobald
ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Mnner, sagte er, da niemand eine
Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die
Frauen nicht um vieles wrmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es
sage.

Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason
spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in
jenem Augenblick, da es khl um uns war, da wir uns Alle khl waren,
und vielleicht htten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von
andern Dingen angefangen htte, wie das immer zu sein pflegt, wenn
Wahrheiten vor der Tr stehen.

Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim
Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel fr Kinder, sondern lange,
schwere Hmmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft,
Anmut und Sicherheit die groen Blle weithin durch die Tore, gegen
andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, da es eine Wonne war, sie
dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah gidi, der
ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.

Seltsam genug: fr einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten,
ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als da ich sie habe, aber wie
geht es zu, da fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwren
lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hnde, leserlich
gekritzelt darauf:

   Halbgttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer
   Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Fe.
   Salzluft bereift der roten Lippen Se,
   Gewnder flattern farbig um sie her.

Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren
zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf
meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande
alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und
Strmpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefat, Cornelia ging
voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weie
Kleidrcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote,
Magda eine grne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das
Fernrohr feststellen, da nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren,
Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund
meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig,
lachend auf dem weien Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus
der die Welle, um ihre rosenen Fe leckend, kleine, silberblitzende
Fische splte ...

Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das
Heitre so oft?

Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die
Vernunft sich erinnern; das Gefhl kann nicht nachschaffen aus Nichts,
was damals erglhte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur
das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.

Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde
selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...

Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlsung -- sich aus den
fallenden Wassern erhebt, -- tnen die Glocken wie vormals ... Wandeln
wie vormals die Straen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je
den Erwachsenen gleich.

Doch es blieb ein Vermchtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf
den seltsam alten -- Gesichtern zurck. -- Und es beleuchtet ein fremder
Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnrkeltes Dach.

Whrend rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und
wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster
Schatten, -- kein Vogelflug nach der dsteren Ferne strebt.

Anders lcheln von Fenster und Tr -- Mdchen auf Knaben, -- und anders
der Alten Schritt -- ber die steinernen Treppen und Hfe schallt.

Mdchen, die Strue tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von
gestern erzhlt ...

Im Schweigen der Glocken -- hren sie Alle -- ngstlich und deutlich --
das schwellende Drhnen -- der kommenden Flut.

                   *       *       *       *       *

Als ich heute an der offenen Tre des Kuhstalls vorberging, fuhr ein
unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang
und stellte mich mit gewaltigem Schwung ber mehr als drei Jahre hinweg
auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo
ich meine Kindheit verlor.

Das wei ich heut, da ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner
gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer
war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhhner auseinander stieben,
sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tr seines
Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich verga, was ich dachte,
aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdmmern vor
dem gnzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der
Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen
hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder
Geburt. Da lag ich am Boden und fhlte das Tragen der Erde, sonderlich
heimatlos und khl war mir zu Sinne, ich wute -- ja, was wute ich
wohl? Da ich nun alles wute, das wars.

Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir
jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand,
da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am
Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo
meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht
empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer
unverstndlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum,
echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst wei ich ganz.

Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hhner, die tafelnden Arbeiter
im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung.
Whrend es dmmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu
fllen unermdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu
erhellen schien. Immer gengte die Anschauung, und sooft ich es selber
sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so gengten mir auch sie,
und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus
beobachtete ich wohl und verstand es sthetisch genau, und mir selber in
jener Nacht brannte das Herz vom Zuspt. Heut wei ich seinen Sinn,
heut, wo es zu spt geworden ist.

                   *       *       *       *       *

Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der
Aufzhlung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefhl, da gleichwohl
nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich
viel von ihm wute, schlo Georg aufatmend das Buch.

Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja
schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der
Aufzhlung mit drangeknpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll,
aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber
herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen
Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm ber dabei, -- aber jetzt, da er
die Lider schlo, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im
Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und
Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick
der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig
beglckenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages,
eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. --
-- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm
nachblickend, whrend vor seinen wiedergeffneten Augen Fenster und Dach
erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das
tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?

Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun
hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hlfe, auf Umkleiden
verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und
Schirm und eilte hinunter.


                            Viertes Kapitel


                              Magda/Renate

Georg war, als er das Frhstckszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem,
was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, da er die jetzt
anwesende Renate, weil sie mit dem Rcken am Kreuz der Glastr lehnte,
-- so da er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes
Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- fr Irene hielt, zumal sie die Fe
im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als
er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende
Khle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde
ihm gesagt, da sie sich immer noch angegriffen fhle und nicht vor zehn
Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und
Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von
Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur
Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und
etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg uerte zu Anna -- im stillen
Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der
bte glich, mit weitem, faltenreich glnzendem Rock und engen rmeln,
die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie
nicht auch fnde, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.

ber Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glnzen, whrend sie, ohne die
Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knpfe ihres Lodenkragens
zu schlieen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das
Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und
lachte so einfltig, da Georg ungehalten wurde.

Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?

Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's, sagte Anna unverstndlich zu
Renate hinber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn
blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weien Brauen,
Renates Mantel und Schirm in den Hnden, die er Georg berreichte. Der
aber fand nun, ins Freie blickend, da es nicht mehr regnete; ber die
Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um
den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen berlie, da er sie und Anna zu
fhren hatte.

Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten
Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie
unbegreiflicherweise zulie, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden
die Stufen hinabfhrte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich
aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken
des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrau ihn erinnerte.

Na, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg
mit glnzenden Lachen an den Rasenrndern. ber die Bsche des Waldes,
die zierlich begrnten, lief ein frstelndes Beben. Vor ihnen, in der
Weite der Parkflchen, standen die Bume noch kahl und ohne Bewegung,
whrend die grnen Gestruche sich schttelten im leichten Wind. Birken
glnzten kalkigwei, und stark war der Geruch all des Nassen,
Erfrischten umher; sterlich wie das Ganze selbst der eilig in
grauweien Wolken fahrende Himmel.

Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien,
noch ganz schwarz, nur ber dem Ufer unten grn mit Buschwerk gefleckt.
Georg nahm die Blicke aus der Hhe des kahlen Astwerks zurck und wandte
sie insgeheim gegen Renate.

Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bgen des
hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach auen gerollt
waren wie die uersten Kelchbltter einer Blume, kamen von innen kleine
weie Zungen heraus, Kelchbltter gleichfalls, und daraus stieg, und
darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blte des kleinen Haupts mit
den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienwei und Buchenbraun; mit
seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes;
dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war
alldas doch festlich und schn gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht
los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen
Schlgen der Wimpern aus dem feuchten, gewlbten, durchblauten Kristall;
diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele
aus dem magischen Haus.

Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale
Brcke mit dem Rindengelnder; aber die Anna blieb, als er zu ihr
einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie
gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich
emporblickend leise geblendet von einem weigelblichen Quellen im grauen
Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von
unendlicher Tiefe.

Weit du noch, hrte er Anna sagen, wen wir hier herausgezogen
haben?

Wir, Anna? -- brigens hast du im Leben keine edlere Tat getan, setzte
er mit ungewolltem Sptteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise
verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Gelnder
aus, fand es und ging allein ber die leise sich wiegenden Bohlen. Auch
Renate bewegte, da er sie ansah, hnlich wie Magda den Kopf, machte sich
los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also
folgte er allein ber die Brcke, rasch, um Magda in den Baumgang zu
fhren, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin
soviel Zartgefhl, das ihn beraubte.


                                 Magda

Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang ber die kleine Mulde
hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaglocke in
einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit
entschuldigte, da in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode
zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte
Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, ber dem er blaue Segel
taumlig ber weiquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse
Buche gegenber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter
Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.

Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte,
sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brcke hatte schlagen
lassen, die von der Landstrae aus zu erreichen war, so fand Georg den
Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Strue, Krnze und
Schleifen, und um den Stamm -- welch holder Einfall eines Kindes! -- war
eine Girlande von Primeln geschlungen, -- ein jungfrulicher Grtel des
Frhlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre
Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten
Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenber, getrennt von
dem blhenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke
hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nsse
wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen
der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates
Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der
Unvergelichen.

Der Unvergelichen ... Gewi verga er sie niemals. Drei Jahre bald war
sie tot, aber worauf beruhte die Anhnglichkeit dieser Menschen an die
immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflster, dachte Georg, und
dann, da Gte und langes Leiden wie Christus ber den Wellen wandeln
nach berall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Fen
stand. Er fhlte die Luft khler und frstelte.

Sind viel Blumen da? hrte er Magda fragen.

Eine Menge.

Voriges Jahr, erwiderte sie, waren es zwei Strue und ein Kranz. Was
mag das bedeuten?

Georg erriet an ihrem Ausdruck, da sie es auf ihn selbst bezog, und
sagte leise: Ja, die Menschen sind seltsam.

Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus
weiter Ferne herber war eine Amselflte zu hren.

Sage mir, Georg, redete ihn das Mdchen wieder an, glaubst du je
empfunden zu haben, da sie nicht deine Mutter war?

Er hob die Achseln. Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob
ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wre ...

Aber, sagte sie, dein Papa, das hast du doch immer gefhlt!

Ja, Anna! bekrftigte er berzeugt -- und schreckte zusammen. Was
sagte er denn da? Aber wie miverstndlich hatte sie auch gefragt! --
Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend
den Kopf anheben und hrte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von
Menschen. Wenig spter standen sie wieder vor der Brcke.


                                 Renate

Unweit am Ufer zur Linken, ber der Flut, wo Blaues und Weies sich
schnell ineinanderschlang, sa eine sehr stille, violettblau gekleidete
Gestalt, in sich versunken, -- Renate auf ihrem Mantel, den sie ber die
Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefhl von Ernst und Trauer
aus. Nahe ber ihr flchteten weie gestaltlose Nebelwolken unter dem
blauen Gewlbe, das durch vielfache Lcken schien und glnzte, und
Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und
brachen an anderer Stelle mit lchelnder Sanftmut hervor. Weit und offen
darunter das Land glnzte in Heiterkeit; Grn der Wiesen, berall zart
erblinkend von gelben Schlsseln; die kleine weie Versammlung der
Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jnglingen oder
Mdchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten
Bsche grn und licht, und die Gruppen der schwrzlichen Bume hatten
nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare
Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lfte regten
sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die
lautlos weiche Geschftigkeit der wandernden Lichtstrahlen.

Ach, mein Frhling! dachte Georg und fhlte sich wieder beglckt; er
fhrte wortlos die Anna ber den Brckensteg und den Weg zu Renate
hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, da sie dort sitze.

Renate blickte auf, als sie nher kamen, durch Georgs Augen streifend
mit einem unverstndlichen Blick voll Trauer und Gte. Das verwirrte ihn
so, da er nach einer Weile erst inne wurde, da sie sich mit Magda
stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie msse zur
Generalprobe in die Stadt, und obwohl fr Renate ein Vertreter bestellt
sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie
doch ihren Fu fr den Abend schonen msse.

Braucht sie abends ihren Fu? hrte Georg sich ganz freundlich fragen.

Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!

Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweien
Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu
berzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte
sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm,
zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.

Kann sie denn sehn? fragte er unglubig.

O ja, heute ganz gut!

Darf ich mich zu Ihnen setzen?

Gern! Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie sa, weiter auseinander
neben sich, denn die Bank war ganz na.

Georg schlo die Augen, erquickt vom Gefhl des Sitzens.

Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftr,
eine Begier, zu reden ber irgendwas, da er sonst denken mute, und
schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinbergelehnt und
schwoll ber.

In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte,
die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nhe zu spren. Frher --
wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger
Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von
ihr. Whrend sie ihn sprechen hrte, stellte sich deutlich Erinnrung an
seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war -- Magda
hatte es getroffen -- etwas Frstliches da, eine Unbndigkeit
und berlegenheit. Freilich -- seine Mundwinkel hatten ein
Verchtlichkeitszucken, das ihr zu hufig kam, als da es ihr ganz echt
scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er
schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von
Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -- sie fhlte ein innres Errten,
als sie es dachte -- fast von Wrme, wenn er sich nun zu ihr wandte.
Warum nur lrmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten?
Ja, auch das war wie beim Vater ...

Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein
schner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da
drei Wochen bis ber die Augen in Geschften gesessen und nicht bemerkt,
da es Frhling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf! Er
redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von
Satz zu Satz. Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir
verhlt. Vor ungefhr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand
in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bhne war ein glnzender
Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen
lieen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das
so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein.
Komisch, was, aber wir knnen so weise werden wie Salomo, wir trumen
doch immer wie die Esel. brigens war dieser Traum eben nicht so dumm,
barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und
was meinen Sie, wer frderte sie zutage? Natrlich Ihr leider
verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nmlich, wie legte er es aus?
Ganz einfach, nicht wahr, nmlich -- ich kme bei Gott nicht hinein, in
die Gegenwart gewissermaen, Sie verstehn, was man so >das Leben< nennt.
Ja, Sie lcheln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im
Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine --, ich wei
ja nicht, ob es Sie --

Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken mssen, seit Sie
Herzog sind, und --

Das wird ein schner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das
nicht gedacht? rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.

Nicht ganz, Georg, aber da es sehr schwer --

Schwer? Was fr'n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist
genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wre schwer? Der Eine kanns
immer, der Andre kanns nie. Ich gehre zu denen, die es nie knnen,
schlo er berzeugt.

Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber whrend dieses Schweigens
sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte,
langsam und nachdrcklich Wort fr Wort und ohne die Frstenpose, die er
sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:

Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist
etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, -- nur Glas,
durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas,
das den geraden Blick bricht, so da er nicht eindringen kann in ihr
Sein. Das ist die Lge ...

Hier brach er ab, dachte trocken und hei: Warum sag ich es nicht? Warum
leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, da sie's wei, da
sie -- ja, da sie nur etwas nher zu mir ist, als da wir nun sitzen
als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet
verbliebe?

Georg bemerkte, da genug geschwiegen war, besann sich und begann von
neuem so wie vorher.

Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaen, nicht wahr,
ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie
auch frher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die
Einrichtung getroffen, da die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen
beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und
gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein
Stck Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist.
Ist aber damit ein bel beseitigt? das Grundbel, der Kapitalismus?
Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zhnen, und da giebt man
den brigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der
steifste Reaktionr knnte ja nichts Besseres tun, um der
sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt
hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber
meinen Sie, das knnte mir passen? Da sehen Sie also, da bei
Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie
komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?

Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit
der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht
wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie knnten ja gut sein.
Was tu ich? La ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich mu einen
Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe,
im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich
denke nach, nicht wahr, ber diese besondre Gemeinschaft der Dichter,
die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben
bekommen, und was fllt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter
hheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen
und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft
niemand; da sie gut sind, niemand. Was mu der Dichterverlag m. b. H.
tun, um sich ber Wasser zu halten? Mu noch andre Werke herausgeben,
die gehn, Kunstbcher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem
Wort: sie mssen einen richtigen Verlag grnden, den Konkurrenzkampf
aufnehmen, und so weiter. Knnen sie das? Gott bewahre, sie sind
Dichter, sie mssen also einen Geschftsmann an ihre Spitze stellen,
einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein
Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich mu einspringen, mu den
Verlag untersttzen --, ja -- na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen
helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit
Littiti.

Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor
berreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des
gesamten Schulwesens. Schn, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt
man, fngt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr?
brigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich
lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem
Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die
Hlfte weg. Die verbliebene Hlfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag.
Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hlfte. Das
verbliebene Viertel geht an die Schulbehrde, und da sickert es nun ber
die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkrper endlich, und allda
wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven
Berufsmenschen, die fnfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der
Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus
der glorreichen Umformung meines Herders geworden?

Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und knnen sie lausen.
Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ndern zu wollen? Nein, die
Menschen mssen sich ndern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie
ndert man die?

Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich
langsam erhoben hatte.

Ja, mchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ndern, die
Menschen? sagte sie leise. Wie schn --

Ich, Renate, ich? Hohnlachend warf Georg sich zurck. Ich? Ja, wie
komm ich denn dazu? Einigermaen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin
wenigstens fertig damit, aber -- hab ich mich denn je gendert? Wie hab
ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater -- Er verstummte, fr
Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen,
ber das Wasser heranziehn, pltzlich abbiegen und um Renate, die vorn
am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte.

Mein Vater, fuhr Georg mit Anstrengung fort, war ein Mann der Tat. Er
stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh
auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir
leben, falsch aussieht, oder so -- warten Sie -- nun, wie wenn Menschen,
nicht wahr, deren Natur fr eine bestimmte Hhenlage, ein bestimmtes
Klima geschaffen ist, in einer andern, hhern oder tieferen Luftschicht
angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wchst
verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch
wahrhaftig, als sen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und lieen die
Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?

Mit einem Wort: da ich hier sitze und Herzog bin, das ist der
allergrte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach
diesem gestrebt und es fr Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter
sagt, und nu -- was is es nu? Wie die Englnder sagten, als sie auf dem
Brocken gewesen waren: _We have seen all the mist and missed all the
scene._ So ist es.

Renate lchelte, und er lachte nach Krften.

Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:

Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden
lt.

Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: Und die
eigentlichen, die wir verschweigen --? Aber indem fiel Georg, erstarrt
vom Erschrecken, ein: Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe
ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war -- anders, aber -- die Worte,
meine Worte eben --

Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstcke
seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners
gutes Gesicht und hrte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so
die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am
Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. --
Georg sprang auf und starrte die Bank an, fhlte indem die Hand Renates
an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lchelnd in einer
bengstigend sen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.

Haben Sie, fragte er, das einmal erlebt, da man glaubt, sich an ein
andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun wei ich schon, es
waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren -- --
Er brach ab. Soll ich Sie ins Haus bringen?

Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm fr
meinen Fu, bat sie, ich mchte so gern ein wenig gehn und auch mehr
von Ihnen hren. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja,
dann mssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann --
dann werde ich Ihnen einen Rat geben!

Das wre herrlich! Also gehn wir!

Er nahm ihren Arm wie zuvor und fhrte sie an der Bank vorber, weiter
am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.


                          Renate (Fortsetzung)

Georg brachte seine Sprachmhle laut klappernd wieder in Gang.

Ich sagte, glaub ich, schon mal, da ich fertig wre. Das heit, ich
habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt
berhaupt viel zuviel dran herum, weniger wre mehr, wie immer, aber --
nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum
da ich merke, ich bin fr diesen schnen Charfreitag mir selbst
berlassen, was fllt mir ein? Da ich keinen Glauben habe. Oder das
Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als htte ich
das versumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie
-- verzeihen Sie die Frage! -- Sie sind doch fromm? Ich fnde wenigstens
-- es wre schn, wenn Sie fromm wren ...

Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien:
Warum meinen Sie das?

Warum? Ja, erklren lt sich das kaum ... Aber -- eine gottlose -- ich
meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer
als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein?
Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und -- auf den
Glauben, auf den Gott kme es vielleicht weniger an als -- eben auf das
Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es
Astarte, wenn sie glauben knnten an Astarte, aber -- das ist ja
freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie -- Sie glauben aber an
Gott?

Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter
neben dem Eichenwldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat
sie davor, legte eine Hand darauf, und whrend sie ber das Land
hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer ber die
lichten Gefilde dieser Zge fallen. Wieder und wieder wollten sie
aufglnzen, fast sich schttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte
sich hufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich
endlich frei von den inneren Vorgngen und sagte mit rauher Stimme:

Was wollten Sie denn wissen?

Etwas beschmt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage
nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem nte ein Tropfen seine
Stirn, und er bemerkte, da Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der
Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen
wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg
hngte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: Ins Haus
kommen wir nicht mehr, aber ich wei hier einen Unterstand!

Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wldchen hinunter, bis
Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehngten
Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor
einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe
Hhle in Dreieckform klaffte. Er lie Renate eintreten, es war Raum in
dem warmen mehligen Innern genug, da auch er selber drin stehen konnte,
und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer
von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den
jungen Blttern.

Tiefer ins Innre der Hhlung tretend -- whrend Renate am Eingang eine
Schulter anlehnte, ins Freie blickend --, sah Georg mit nicht geringer
Beklommenheit in die enge Wlbung empor, die sich in der Hhe in Nacht
verlor. Durch einen fensterartigen Spalt ber ihm in der Rckwand
sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und da er ihr nun so
nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich
glaube, ich knnte ihr gut sagen, da ich sie liebe; Wirkung,
irgendwelche Folgen wrde es keine nach sich ziehn, und ich werde es
auch wohl kaum tun.

Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten
ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glnzte und
heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die
Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und
Niedergehn der violettblauen Schultern, da sie schwer zu atmen schien.
Weich lag die Stille umher mit dem Regengerusch und fernem Gezwitscher
von Meisen.

Renate sagte:

Sie sagen, da Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das fr ein Glaube,
den Sie haben mchten?

Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu
drfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt.
Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich
gegen den Eingang von drauen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber
schon groen -- vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so gro
gewordenen Bltter mit kleiner Zackung waren sich in einer so
liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf hnliche Weise immer
wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schn, so einfach
und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen
Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestrt, wenn eines ein
Tropfen traf, da Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem
freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann
an:

So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen
mssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? -- Weltanschauung -- das
Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? -- Nein:
wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, -- und ein
tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen -- das mchte ich wohl.
Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun
scheint mir fast, mir -- und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt
nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie -- am Ernst.

Und dann, Renate, fuhr er traurig fort, dann wre Religion nichts,
das einem zuflsse von auen, vom Himmel, oder woher es auch sei.
Sondern sie wre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein
Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr
berhrte, das mte von ihr zu flieen anfangen.

Und das Christentum, hrte er nach einer Weile Renates Stimme durch
den Regenstrom, das, glauben Sie, knnte Ihnen --

Ich wei ja nicht! rief er, sie unterbrechend. Heut morgen sprach ich
mit Anna und Benno darber --, aber seitdem ist mir alles so zerfallen.
Das Christentum ist fr jenseits; ich will etwas fr hier. Vom Ahnenkult
der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, da
es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch
zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die
Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien
die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und
Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere
ich mich, da er sogar sagt, das wahre Leben jedes religisen Gesetzes
liege in seiner Bedeutung fr die Pflicht des Menschen gegen den
Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es!
Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind.
Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion fr mich,
sondern fr Alle. Sie haben ja Alle keine, wie knnte ich sonst ohne sie
sein? Also htte unser Volk, htte Europa keine sittlichen Erfahrungen?
Warum auch bernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft,
diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das
Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die
Japaner vielleicht bessere Menschen?

Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrnen
stillen Bltter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine
Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Gtterhnden.
Dann als er schwieg, hrte er deutlich die groe Stimme der Einsamkeit
ber die niederfallende Flut.

Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lchelte ein wenig.
Ach Georg, sagte sie dann, ein bichen, ein ganz klein bichen
erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.

Ach! Aber warum denn das?

Weil er, erklrte sie, zuerst eine Mglichkeit annimmt, zum Beispiel
die, da eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schieen lasse. Und
auf dieser unbewiesenen Mglichkeit baut er nun weiter, ganz
wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine
Ordnung und wird belegt und bewiesen -- bis auf jene Mglichkeit. Und
Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und
auf diesem >so< bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und
es hat alles seine Richtigkeit, blo das >so<, das hat keiner bewiesen,
schlo sie lchelnd.

Meinen Sie wirklich?

Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun,
und selbst wenn es das wre, heute wre, wer zwingt Sie, das
anzunehmen?

Sie haben recht, Renate, ich -- ich kenne es vielleicht gar nicht. Also
habe ich unrecht? berzeugen Sie mich doch bitte!

Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, da der berlaut strmende
Regen leiser wrde. Dies geschah auch bald, und Georg hrte sie
sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.

Renate begann langsam, die Worte nur selten verndernd, eine
Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.

Wir, sagte sie langsam, blicken aus der Gegenwart in die
Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins
oder Dreiig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung
unserer Zeit. Es scheint, als wre von allem, was er brachte und war,
nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden
habe, und wie wre das mglich? Nur auf einem Grund lt sich bauen,
nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein
vllig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es
war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.

Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom
Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz,
berschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen
Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewiheit dieses
Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung
der Snden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie
scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gef, das Leben und Lehre,
alles umschliet, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau,
der sie als Krone, als Schlustein trgt, und es dient nur, sie zu
erklren, zu sttzen, zu vervollkommnen. So aber mte man sie in
Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlustein des Baus, aber das
Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrnung.

Und so mte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem
Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem
leibhaften, glhenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu
helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt fr Schritt, immer eifriger,
immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten,
erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heien -- zur
Erhrtung, als Brgschaft der Worte. Er, der Liebe ste und Glauben
empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, krftig packend in die
Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr
Augen gab und Lippen und schlagende Flgel, und der also leibhaftig
redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der
Darlegung, und so kam es dann, da er so widersprechende Worte sagte
wie, da kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis da es alles
geschehe, und da auch kein Tttel vom Gesetz verloren gehn solle, und
er nicht gekommen sei, aufzulsen, sondern zu erfllen. Das sagte er,
denn die jdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus
empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich
reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des tglichen
Lebens, und wie schn an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen
sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und
es ist die wundervolle Unterscheidung der jdischen Heilslehre, da sie
das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche,
nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer
leibhaften Zukunft der Menschheit.

Man kann sich wohl denken, da auch er dies gewollt hat, und also sein
Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war,
berall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun
der Ha an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und
langsam lie sich gewahren, wie er sich verstrickte, und da es nicht
genug war, gut zu sein, da es keinen Schutz gab gegen das Mitrauen und
gegen die Eigentmer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von
jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, da er einmal zu
zeugen haben werde fr das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls
-- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort
-- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so
kam die Abschiedsnacht.

Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen
das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und
kehrte zurck. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Brge zu stehn fr die
Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glhenden Menschen, der
sich unterfangen hatte, Alle zu ndern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in
der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine
schnen Gemlde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, da er nur,
wie es heit, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch
vorbergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besa, war jene im Garten
die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem
fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da
schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand?
War er nicht unendlich einsam, eine drftige, frierende Frucht in der
Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und prete und
herausprete das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin
und esset, dies ist mein Leib!

Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens?
Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit
seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die
Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm
nun die glhenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie,
die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er
doch vertraute, von denen sich hoffen lie, da ein Strahl seiner Sonne
sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein
Blut, das fr euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu
meinem Gedchtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, spter in
Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und
entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, da sie
sich das Letzte trinken wrden im Wein seines Blutes, wenn sie nur
glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Snden.

Nicht wer it und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und
wer liebt.

Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von
ihm wuten, einfltig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein
Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und
Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, auer dem
frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und
als dann die noch Sptern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun
alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol fr Schmerz, das
Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das
Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das
war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.

Was dann kam, wissen Sie, Georg.

Kaiser Julian, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es
zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und
Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in
der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schn, aber so
erging es mir immer, da ich auf das hchste entzckt und beglckt war,
Botschaften zu hren, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.

Kaiser Julian? fragte Renate, sich umwendend, warum der?

Der letzte Christ, erklrte Georg trbe. Wissen Sie, was Strindberg
von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus,
ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschrnkt, wie Strindberg
merkwrdigerweise immer ist. Er war mir nmlich verwandt, glaube ich,
und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem
echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mute es aus
sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war
das Bekenntnis fr seine Anhnger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr,
und nur die Guten, nur die Echten und Glubigen nahmen es auf sich.
Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur
Formel, die es auszusprechen gengte, whrend es vorher Leben,
Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian,
der Abtrnnige, vermutlich der letzte christliche Knig gewesen, der gut
war, ohne ffentliche Formel dafr, der aber annahm, es sei dieser Lehre
besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam
es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen
mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es fr die
alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen
wollte, wurde gerdert, geteert und gesckt. Ach, ist es nicht unerhrt,
da diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden
ist?!

Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?

Weil -- also weil sie eben unannehmbar fr mich geworden ist! Da ist
mir alles weggeglaubt, mcht ich sagen.

Mssen Sie denn glauben? fragte sie pltzlich.

Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich
ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung?
Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint,
glauben zu mssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich
nur nicht entziehen?

Das knnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es
Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was
mein Vater lehrte. Er hatte in einer auerordentlichen Stunde Einsicht
gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles
lenkende Weisheit. Und nun --

Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen
ziehn fr das Handeln, fr die Gemeinschaft?

Gewi. Denn wer mit vollem Glauben berzeugt ist vom Walten dieser
Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser
Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes
Wort und jeden Gedanken?

Georg dachte lange nach und kam zu dem Schlu, da er von solchem
Glauben weiter entfernt wre als von allem andern.

Aber mein Gott, Georg, rief sie nun verzweifelt, was ums Himmels
willen wollen Sie denn eigentlich?

Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit mglichster Festigkeit und
sagte:

Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist
Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der
zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt
die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber
lt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In
diesem war Christus der Hchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich
begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fhlte, da jede Berhrung mit
den Menschen Liebe wurde, und das heit Zeugen. Dazu gehrt der
grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die
Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.

Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen
Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide
Hnde auf seine Schultern legen. Wir wollen uns doch bemhen, Georg,
sollte uns das nicht fruchten?

Aber schon, whrend sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den
ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis
verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, da sie
das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu
verdrngen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch
Wort um Wort kmpfend und hoffend, dies, was sie gab, msse strker sein
und jenes verdrngen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle,
mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor
seinem Sterben; sie sprach:

Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:

_Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die
eines unendlichen und unablssigen Staunens sein; des Staunens ber die
unerfaliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfalichkeit Gottes, das
ist: des ewig seligen Daseins._

_Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer
zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die
alltgliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und
Abnutzung, ja schlielich die Ohnmchtigkeit der Empfindung. Wir sind
immerfort sterbend._

_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang
gefunden haben in das vollkommene und unaufhrliche Sein, dessen Wesen
Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die
Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die
unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und
erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frhling die
Erde, -- so wie jedes tiefe Gefhl dich und die Welt immer wieder neu
und erstaunlich macht._

_O aber wie willst du eingehen knnen in die ewige dorten, wenn du in
die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist!
Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schnern
Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein
aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! La dieses eine sein dein Bemhn:
lerne zu staunen! Lerne die mchtige Kraft der Neuheit, die
schpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit
daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreien, den du liebend von
Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer
wieder knpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von
Gold, und um so ser verlockend das Wort von Ewigkeit zu Ewigkeit dir
im Herzen ertnt: sprich dagegen: von Augenblicke zu Augenblick knpf
ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand
einmal aus der meinen nehmen wird, mich fr immer hineinzukleiden, oder
ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu
wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der
Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch
ewig, sondern das in der Liebe ist._

Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zrtlichkeit versuchte
sie, durch ihren Blick Georgs ber ihre Schulter gerichteten Blick zu
sich herzuwenden, und sie sagte noch, lchelnd, obwohl schaudernd im
Ernst des Todes: Hast du verstanden?

Ja, sagte Georg, ich liebe dich!

Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach
haltlos ber ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend
von Enttuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch
Buschwerk und Bume, bis sie den Weg erreichte.

Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschmung,
falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus,
als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott
verbrgt und verkndet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich,
Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht
anders.

Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne
einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu
heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, da dieser, der whrend der
ganzen Zeit die kleinen graugrnen Hnde mit so viel Geduld -- damit er
erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt vllig
achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zgernd und fand sich bald im
Freien der Mittelallee durch das Wldchen und in der voll einfallenden
Mittagssonne. Ganz fern in der lichten ffnung, in der die Wiese vor der
Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbluliche Gestalt von Renate und
ging ihr nach.


                            Fnftes Kapitel


                                Erasmus

Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der
Richtung zum Hause berschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf
dem unter der Terrasse einherfhrenden Wege drei Gestalten, langsam
schlendernd in kleinen Abstnden wie schaulustige Fremde: zwei in
schwarzen Lodenumhngen, von denen Einer sehr gro war, der Andre
schwarzbrtig. Der Dritte in einem glnzend braungelben lmantel sah
sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht
zurckfahrenden Bewegung die Hnde ausstreckte.

Nur flchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand,
angewurzelt in einer betubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf
und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte,
gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glhte, wie eine
Sonnenfinsternis. Und whrend sie instndig an der Frage nagte, wer
jener groe Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und
Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen
und Reden beim Frhstck, Bennos betrbtes Gesicht; dann: wie sie auf
der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer sen und
trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der
Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung
mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust
mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie
sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick spter war
all dies erloschen; sie sphte mit heier Angst links und rechts, wohin
sie noch entfliehn knnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines
Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu
spren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewutsein. Sie sah die
zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den groen zu, auf
Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr
anblickend fragte sie:

Heut kommst du, Erasmus?

Er erwiderte: Es ist Charfreitag.

Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das
unausgesprochene hrte: Dein ernstester Tag.

Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschpftheit in
den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geffnet wie im Kauen.
Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen
hinauf, ber die Flche und in die offene Tr des Vogelsaals, wo sie
dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel
wei gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mute zu ihm aufsehn.

Tropfen standen auf seiner bermigen Stirn. Er bemhte sich offenbar
schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:

Woher kommst du?

Von zuhaus.

Zu Fu? fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.

Zu Fu߫, sagte er stumpf.

Dann hast du wohl Hunger?

Ja, sagte er geqult, Hunger.

Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brtchen, und sie hielt
ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber
er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, whrend alles
zu Boden fiel aus ihren pltzlich kraftlosen Hnden: Nicht danach!

Ihr Kopf sank hintenber; die Lider fielen zu; sie hob die Hnde, legte
sie auf ihre Brust und fragte so: Willst du? und sthnte.

Dann fhlte sie, da sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der
Schulter fest, die sie fhlte, und verlor sich fr Sekunden in einem
Schluchzen der Geborgenheit. Im nchsten Augenblick hatte sie sich
losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- Warte! schrie sie, warte
noch! einen einzigen Augenblick! -- und fand sich nach einer Flucht,
von der sie nichts wute, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres
Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der
Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut,
um Hlfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: Nicht beten! nicht
beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! mu es denn sein? Und sie stand
wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Hnden, wie blind.

Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wute
gleich, da etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte
sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche
jenen groen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die
Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem
Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.<

Aber sie zitterte nun so, da sie sich setzen mute. Als nach einer Zeit
ihre flatternden Hnde sichrer geworden waren, ri sie den Umschlag auf,
nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Bltter heraus und las
dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem
Tagebuch vom 28. Mrz bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. Mrz --
das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang:
>Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der
nchsten Zeilen das Wort >Erasmus<.

Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu
lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke
hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das mu er doch lesen!
dachte sie und ging zur Tr. Die Tr zum Vogelsaal, die gleich dahinter
zu liegen schien, ffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rcken nach ihr
stehn. Whrend er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem
Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke spter
stand sie im Klaviersaal, drckte Erasmus die Bltter in die Hand und
sagte: Dies mut du lesen!

Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.

Jetzt? fragte er.

Jetzt! Vorlesen, bitte! bat sie hlflos, zurckweichend, und sah ihn
zaudernd in der Richtung der Fenstervorhnge gehn, die in der Sonne
dunkelgelb glhten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen
Armstuhl. Sie ging ihm nher, lehnte sich ihm gegenber an die Kante des
Tisches und fate sie mit den Hnden, erschreckend vor ihrer Klte.

Das kann ich nicht lesen, sagte er, die Hand mit den Blttern sinken
lassend.

Ach, Erasmus, du mut aber! Handelt es nicht von dir? Er nickte. Und
von mir? Er bejahte wieder. Dann lies! sagte sie aufatmend und legte
die Hnde zusammen.

Erasmus las.

>Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.

Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stie, und ich -- am
Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen
Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schner Gang. Die
sptmrzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der
lehmig festen Strae standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weies
und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche
Sonne des Jahre rstig am Werk, noch vor Abend die grauweien Eiswlle
des Gewlks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen
Seiten, berall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mchtige
Bluen schwebten segelnd und groherzig dazwischen; die Sonne kmpfte
rastlos. Strahlen vergoldeten das grne Land in der Tiefe berall, und
es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weiblhender Kirschbume --
schlo sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdlndische
Stadtsiedlungen niedriger weier oder rosigbehauchter Kuppeln, Stdte
von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen,
krftig und derbe, lagen Wiesenstcke und einzeln die wirklichen Huser,
in deren Blumenvorgrten die groen Silberkugeln den Himmel zeigten,
andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blhten Aurikeln
und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um
die Beetrnder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man mu zu andrer
Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom
Begrbnis des Grovaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals
unerwartet erschien: weihaarig und -brtig, unter der mildesten Stirn,
die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem
durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lcheln
des Weisen: so htte er uns hier gren sollen vom Zaun eines dieser
freundlichen Grten, Freund der Fluren, von dem es heit:

   Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten
   Die losen binden an die starken Schfte,
   Die harten grnen Herlinge betasten
   Und brechen einer Ranke berkrfte.
   Er schttelt dann, ob er dem Wetter trutze,
   Den jungen Baum und mit der Wolken Schieben.
   Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze
   Und lchelt ihm, dem erste Frchte trieben.

Im Dorf, das sich allgemach aus der Strae entwickelte, wars um so
stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Grten oder
vor den Tren war, schwarz gekleidete Mnner und Frauen in Gruppen
berall, leise miteinander sprechend ber ihre Heckenzune hinweg oder
auf den Trsteinen, und auf Bnken und Treppenstufen saen die
reinlichen Kinder verstummt, grougig nur nach uns blickend. Schn, wie
hier vom Wesen des Toten letzte Flmmchen verflackerten, von bekmmerten
Hnden beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern
putzten, schienen sich unbehaglich zu fhlen, obwohl sie sich unbesorgt
stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustr in einem Kreise von Mnnern,
barhaupt, kenntlich an seiner berhohen Stirn, ein Mann in den dreiiger
Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die
allgemeine Kmmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. Ein Mann,
sagte er, wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber
Freund. Er schlo sich uns an, augenscheinlich gesprchsbedrftig, und
begann alsbald uns auf eigentmliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen
wrden, ber die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Pltzlich
hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse gefhrt, die
reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm
tragenden Sulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten
die Sulen.

Die Kirche lag ein wenig erhht, vom Friedhof umgeben, den eine
niedrige, leuchtend gelb getnchte Mauer umschlo; darber blitzte von
vielen Stellen her die Vergoldung schner, altertmlicher Grabzeichen
aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenfrmigem
Dach, und manche hatten mit starkem Blau bermalte Schilde. Zur Linken
um die Kirchhofsmauer im Bogen fhrte eine alte Kastanienallee, blhend
bersternt mit weien und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine
Seitenwand mit zwei Fenstern bereinander sichtbar war: ein
zweistckiger, warm gelb getnchter Bau von schlichtem Barock, wie ich
hernach sah.

Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir
zwischen den gleich Betten suberlich bereiteten Grbern voller Blumen
hindurch; allein das fr den neuen Kmmling bestimmte Grab zeigte
naturgem keinen andern als den unbehaglich ghnenden Ausdruck all
dieser Lcher aus gelbem Sand.

Dafr hatten wir von ihm aus ber eine nahe kleine Gittertr hinweg
einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen
Allee noch unbegrnter kleiner Kugellinden, deren Stmme durch beinah
mannshohe grne Hecken verbunden waren, das schmale Portal ber drei
Stufen mit sandsteinernen Bogenstcken berm Sims; darber den leise
vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastr, und endlich das
gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine groe und schne,
schneeweie Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig
niedergesenkt hatte, da der Lehrer davon berhrt wurde und zu sprechen
begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das
sich auftun mchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel
zu zeigen. Er fuhr fort mit gedmpfter Stimme:

Sie -- seine Dorfleute meinend -- glauben, da er mit solcher Liebe
an der Erde hing, da er sich nun nicht losmachen kann; und sie wrden
gewi nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, da er mit
himmlischen Instrumenten hinaufgelockt wrde. Denn -- er lchelte --
wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte
Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, da das Wunder das liebste Kind
_jeden_ Glaubens ist. Er verstummte, auf das schwrzliche Netzwerk der
nchsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel sa darin,
als sei sie gefangen. Sie singt nicht, sagte der Gute, alle Snger
sind seit vorgestern vllig verstummt. Freilich, -- setzte er
verstndig hinzu, viele sind ja noch nicht zurckgekommen, doch haben
wir mehrere Meisenarten allein, die berwintern.

Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem
Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging.
Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, sterlich! Noch, als wir den
Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mute ich mich knstlich
vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden
im Haus?

Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr
bedrckt aussehend als schmerzlich, grte uns leise und fhrte uns
durch ein groes und mit weien Abgssen von Bsten und Figuren zwischen
den Bcherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so
einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten
Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, --
sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern
zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wchsern und lang in hohen
Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar
verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend
in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch,
wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur
Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweies Inneres; der Deckel
lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein
Vater das Tuch fortnahm.

Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner
ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wchsernen Gelbe,
zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so wei wie das
Haar und der Bart; wei, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hnde
waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefllt mit
stumpfem Blau, starrten sie nach oben.

Ob sie nicht zu schlieen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa
stand weinend und zuckte die Achseln. Wer sagt denn, da er tot ist?
murmelte er dann erschpft. Ich fragte: Der Arzt ...? Er schttelte
den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.

Durch das Arbeitszimmer zurck fhrte er uns ber den Flur und ffnete
eine Tr an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet
vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben groen,
quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weigoldenen Wnden,
durch dessen glserne Gartentr und das Fenster die tiefe Sonne in
prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor
seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von
uns drei groen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die
beiden Andern zgern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich
glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache
Gemach mit weier, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue
Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Mbeln aus den zwanziger Jahren,
Schreibsekretr, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im
Kreise der Sthle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er
stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen
Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem
einzigen Dsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit
eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles
umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glhendem Rot berzogen. Fee
oder Gttin, dachte ich, was fr ein Wesen mag das sein, dem dieser
Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, whrend ich den Papa auf
Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt
und Zge einer flchtig gesehenen Fnfzehn- oder Sechzehnjhrigen mit
Namen Renate.

Indem rckte mein Vater den Wandschirm berseite und enthllte die
sitzende, gleich rosenhaft berflossene Gestalt eines schnen,
anscheinend blonden Mdchens in weiem Kleid, das uns aus gro offenen,
hyazinthblauen Augen so glsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den
Erasmus sah ich zurckfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso
hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne
Bewegung, ohne Blick.

Aber sie ist nicht tot? hrte ich die Stimme meines Bruders sehr tief.
Mein Vater verneinte stumm. Wir traten nher.

Sie war schn. Untadelhaft schn. Schner vielleicht als alles. Die
Starrheit der Augen beeintrchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond,
sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte
gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, da sie ganz frei blieb, dann
tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre
sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war
unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneewei und
durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hnde und
bloen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen
Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, da es mir dort innen
erschien wie ein Glasgef, herzfrmig, blutrot gefllt; in einer Figur
aus gesponnenem Glase.

Ich rhrte eine von diesen Hnden an; eiskalt und steif; kaum zu
bewegen.

Was ist mit ihr? fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater
hrte ich das leise Klirren der Glastr und sah ihn ins Freie treten.
Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hnde auf die
Tischplatte vor sich gesttzt, bergebeugt, die Sitzende so starr
anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.

Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hbsch in dem Garten
stehn, auf einem bewegten Grund weigetnchter, weiwolkiger Obstbume,
blhende Zweige zu Hupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief
haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewhnlich
gefrbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so
hbsch, wie gesagt, so lebendig, da ich ihm ernsthaft wnschte, als
Pfarrer hierherzugehren, anstatt den Fabrikherrn spielen zu mssen, was
ihm doch nie recht gelang.

Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: Was
ist mit dem Mdchen?

Er sagte: Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt
sagte, da er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet
gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da sa sie schon
fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mute sie
verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verndert. Nun schon den
dritten Tag. Und, er stockte, ich frchte mich, ihn zu begraben.

Ob er glaube, fragte ich, da da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden
und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom
Nichtfortknnen des Toten.

Mu mans nicht glauben? murmelte er gedankenlos, ich wei nicht auf
welchen meiner Stze als Antwort.

Der Arzt?

Sei ratlos wie er selber.

Das Verhltnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr
innig gewesen.

Das innigste! Nun wurde er beredt. Sie lebten jeder nur dem Andern
und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war.
Mein Vater hatte ihn verstoen. Alldas mute sie ihm sein. Wenn du im
Dorf fragst, wirst du Wunder erzhlen hren von dem Mdchen, seiner
Schnheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Gte und Wrde. Er
war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich,
in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter
uns. Ich hrte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie
dir vor --, eine andre Ccilie.

Vermutlich also, fragte ich in pltzlicher Eingebung, spielte auch
dein Bruder die Orgel?

Er nickte.

So mu man, sagte ich, die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.

Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich
darauf komme?

Willst du spielen? fragte er nach einer Weile.

Leider, mute ich bekennen, ist mir die Orgel ganz fremd. Es mte
auch ein Stck sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstck vielleicht,
und ich lese, wie du weit, keine Noten.

Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der
Kirche sei.

Ich hatte mich aber noch kaum zur Tre zurckgewandt, so ereignete sich
das Seltsame, da die Orgel ertnte. Klar auftretende, lang gezogene
Tne kamen herber, andre Stimmen mischten sich prludierend herein,
noch leise; dann mit pltzlich erschreckendem Brausen und voller Macht
breitete sich die Kantate Bachs: Mein glubiges Herze, frohlocke sing
scherze! wundervoll jubelnd in die Lfte. -- Spter erfuhr ich dann, da
der Lehrer, dem es eingefallen war, das Leibstck des Seligen, wie er
sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern
schlicht aus seiner und Aller Bedrngnis gespielt hatte.

Als mein Vater und ich in die Tr traten, hatten wir die befremdliche
Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenber -- in der
linken sa das Mdchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der
Rcklehne, seitwrts und zu ihr gewandt, sa er still und wie sie
unbeweglich.

Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.

Ich wei eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, da diese
Beiden einander so verhaftet waren im Leben, da sie sich nicht
losreien konnten; da nun die Lebendige hier angeschlossen war an die
Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des
Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenknnens
und Nichtlebens, -- so mute es einen Weg geben, das magische Band zu
zerreien. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer
gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub fr die
Welt? Sie blieb unverndert.

Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wlder legte sich wie
ein dunklerer Strom ber das schon versinkende Licht, und als er
verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende
Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Wei nur
die blhenden Kuppeln noch das Licht festhielten.

So ist es nun. Die Nacht kam; ich bernahm fr den erschpften Papa die
Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende
Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich
eben an der Tr von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der
Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen,
ihr zugewandt, die dasitzt unverndert, eine lebensgroe Puppe,
starrugig im Dunkel.

Geheimnisvolle Vorgnge frdern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir
stets klar, da in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr
zarte Krfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das
Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im
Nachtdunkel, ber seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes
Rtselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine
Kraft zu gebrauchen.

                   *       *       *       *       *

Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fnfte seit dem Tode des alten
Mannes. Es ist nichts verndert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst
wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen
gewaltsames Zerreien dem lebendigen Teil beraus schdlich sein knnte,
wrde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen,
bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich
gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als
anderswo vor. Seitdem ich es wei, empfinde ich lebhaft das
Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit
verbracht, in der Nhe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die
keinen Laut hren lassen. uerst selten einmal ein schwaches Zirpen,
das augenblicks erstirbt; sonst nichts. rzte, die wir riefen, kamen und
gingen kopfschttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des
Aderffnens; hatte er danach auch das Mdchen beobachtet, so hllte er
sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin
ungewhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist
abzusehn, -- bei meinem Dmon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes
und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich
hineindenke: Allmchtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann:
Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Krfte, von denen keine die
Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hren durch die ewige
Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier
Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum
Hades, Psyche, dein Weg?

Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen,
die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der
sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt,
in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, da kein Andrer
vielleicht sie gesehen htte. Solang wir hier sind, whrend mein Vater
hlflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft
herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die brigens gar nicht so
verstrt scheinen, sondern vielmehr als verstnden sie sehr gut, was
hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung
halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und
nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er
schlft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; spter, als
wir Milch und Weibrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit
in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille,
sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube
da er ist, mu ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Mchte es
ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinber --

                   *       *       *       *       *

Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend
sa, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklrte -- ganz
ruhig brigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus fr eine Weile und
wrde mich spter um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden
vorber; auch dieser schn ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die
Ungewhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.

Erasmus also kehrte zurck, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen
hllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu
kommen.

Die Nacht war sehr khl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel.
Erasmus mute die Wege in der Gegend von seinem frheren Besuche her
kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum
einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe
haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg,
der durch die Weingrten zum Rhein fhren wrde. Erstaunliche Einflle,
bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden,
dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht
mehr Montfort heien, wenn er nicht vorhat, das starre Geschpf in den
Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist
vernnftig, die Natur hat unbekannte Krfte, Verbindungen, Zauber, --
wahrhaftig, er hat recht, man mu sie in den Strom versenken, und was
auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatrliche Band wird
zerreien, und wenn er Glck hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig
aus dem Gewsser zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht
ich und fhlte das Kostbare der vom Rhein herber hauchenden Luft von
fast feuriger Klte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, da ich
mich zurckversetzt fhlte in der Zeit um Jahrhunderte.

Wir kamen ans hohe Ufer, das uns fr Minuten der Mond, ein kaltes
Halbgesicht im Gewlk, sehen lie, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin
strmende Flche, rastlos erfllt von einem andern als dem Geiste der
Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstcken
hinunterfhrte. Der Schattenri eines langen Kahns war dort unten. Die
kahlen Ufer, hgelig im verfahlten Licht, erschienen de. Mein Bruder
senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie
liegen konnte, seitwrts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir
eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief fr ihn, aber weiter
unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf
und am Ufer niederlegte, erklrte er mir noch, indem er mich bat, falls
das Mdchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und
ihn zu erwarten, der zu Fu zu seinen Kleidern zurckgehen wrde.

Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten
Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmig
einmal ber das andre die Stange ins dunkle Gewsser senkte und wieder
heraufholte. Wir stieen den Kahn in die Strmung und konnten ihn
treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den
Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten spter hrte ich den Kiel
auf Steinen knirschen; wir saen fest. Erasmus sprang in die Flut und
watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hfte berstieg; ich hob
die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer
ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt,
bleich und wie steinern, die Flche berragte, schienen mir anderthalb
Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein flo durch die
rmische Provinz; wir senkten geheim ein Gtterbild in den Strom,
letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.

Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschlfert vom
einfrmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen
begann. Dann hrte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende,
die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs berm
Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr wrden diese jetzt kahlen
Hgel berschttet sein mit den sen Gefen des Feuers, eine einzige
Glut alles berwogt haben, brennend vom ausgeschtteten Pfeilhagel einer
unerschpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei
halbgeffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht,
Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Flche des Stroms,
glnzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und
daneben das Alabastergesicht ber dem Wasser. Ganz mchtig im Eisigen
dieser Flut sprte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner
Seele, und so tief, da es mich schauderte meiner Khle. Rufe die
Gtter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.

Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schne,
leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschpft, bergeneigt
aus dem Wasser, die Fuste im Kahn aufgesttzt, keuchte etwas wie, da
er sie in Blut baden mchte.

In Blut. Er meinte das seine und starrte mich bse an, als ich sagte,
da man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Ro oder
jungfruliches Rind geopfert haben wrde. Die Unselige dauerte mich
wahrhaftig, und dieser Blutgedanke lie mich lange nicht los, whrend
wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein
mittelalterlicher Quacksalber wrde ihr lngst eine Ader geschlagen
haben und womglich das Rechte getroffen.

In der Haustr empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus
verstndigt sein mute, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein
kleines weies Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tcher bereit
hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein lieen.
Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein;
weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans
Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.

                   *       *       *       *       *

Fnfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschlo sich, das Begrbnis
fr morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute
strmen in Scharen herbei, es kostet Mhe, sie vom Zimmer Renates
fernzuhalten, wo unvernderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach
jener Nacht, Erasmus ihr gegenber sitzt, und sie anglht rastlos mit
brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner
Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen knnte als eine Glutwolke
um die Erstarrte, so wrde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich
erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts wei und nichts ahnt,
was dann?

Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem
sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hlflos. Ich greife mir an den
Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?

                   *       *       *       *       *

Und da ist es, das Ende.

Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor
dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei berzeugt, ich werde
es dir nicht vergessen!

Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines
Falles und sah, da die Sonne noch ber den Rand der Erde nicht herauf
sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, hre
Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan
schlft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem
Vater zusammen. Wir ffnen die Tr; vor uns, fast da wir ber ihn
strauchelten, liegt ein riesiger Krper, Erasmus. Und das Mdchen,
Renate? Es ist hell genug, da wir sehen knnen: sie sitzt dort, aber
nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornber geneigt, die Schlfe liegt am
Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hren wir schon, da sie
atmet. Sie schlft. Ihre Hnde, ihr Gesicht waren hei, ihre Wangen
glhten, kleine Perlen standen in der Nhe des Haars. Als die Sonne da
war, konnten wir sehen, wie die Wangen gertet waren: ein ganz helles,
scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines
schlafenden Kindes.

Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem
Bett, ohne da sie erwacht wre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war
wieder schwer.

Dann, mit einiger Mhe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim
Fortgehn dort zusammengefallen sein mute, und ihn mit vereinten Krften
treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief.
Spter am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glhte, erschpft,
schweibedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, da ich mich
abwandte.

Der Tote aber verfiel so schnell, da wir nicht genug eilen konnten, ihn
einzusargen. Schn war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer
der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn,
entfernte er sich eilig, und Minuten spter hrten wir die Orgel
berlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustr tretend, sahn wir
den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefllt
von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Hnden und
weinte erschpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die
Orgel bertnte. Mir fiel ein, da es gut sein mchte, wenn der
lwenhafte Zerreier jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette
zerrissen htte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns
herumgehen lie. Siehe da, der Sklave war strker als Alle!<

                   *       *       *       *       *

Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem
Tisch gegenber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie
ohne ihr Zutun geraten war. Dort sa sie im Stuhl vor dem Harmonium, die
Hnde lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter
den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing,
eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst
ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer bermenschlichen und
namenlosen Aufgabe begriffen, grbelte sie wieder und wiederum
vterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht
einmal sie zu denken wagte; unzhligen seiner Auslegungen um den Kern
seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige
Weile lang schien alles vergebens. Pltzlich sah sie Erasmus dasitzen,
ganz still, den Kopf gesenkt, die Bltter noch in der Hand, nichts als
ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken sprte sie, da etwas am
Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie wrgte und knetete, oder als
htte das Ungeborene eben gelchelt. Und nun weiter, weiter in der
ganzen wtenden Not und Mhsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des
Gebrens, wlzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug nher zum
Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich
mit einem reienden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich,
fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.

Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug
sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch unglubig, -- trug sie durch
einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da sa wie ein
stiller Mnch, und sagte: Mach du mich rein! Ihre Knie beugten sich
tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der
Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hnde brannten von Eifer und
Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfngnis hinzulegen. Und
so lag sie wohl auf dem Boden, lchelte, weinte und sagte:

Ich will dich lieben!


                         Erasmus (Fortsetzung)

Als Renate die Augen aufschlug, fhlte sie sich zuerst sehr mde. Mit
einem schwachen Gefhl der Enttuschung, da sie nicht schlief,
erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich
auch, da Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach
dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, da sie zuerst gesagt hatte: In
mein Zimmer! Sie hatte die Wnde, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen
sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Krper
schien hnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit
einem von betubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos
geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hnde, ihre Fe, ihren
Kopf nicht zu fhlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da,
nur uerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wute es
wohl -- diese Leichte, diese Wrme, das war alles wie damals; damals als
er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte
... Da sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde,
wute sie, und bestimmt, da sie hchstens einige Minuten geschlafen
hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas
kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell
drauen von entferntem Sonnenschein, und sie hrte Gezwitscher. Und im
Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein
menschlicher Schatten: Erasmus.

Pltzlich sprte sie die Wrme, in die sie gebettet war, ja, die ihr
ganzes Wesen erfllte, und da sie trotz schwerer Mdheit mit einem
unendlichen seelischen Behagen gesttigt war. Eine von innen quellende
Wrme, die duftete und an die wundervolle Wrme eines uralten
Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen
Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte,
sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu knnen, aber das
Gewebe der Wrme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend
auf und nieder, da sie zu fhlen glaubte, wie sie es mit ihren
Atemzgen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein
Licht.

Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der
Steppdecke, mit der sie bedeckt war, ber die Wnde mit ihren vielen
kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, lie sie es an
Erasmus haften, leicht hngen bleibend wie ein Falter.

Er sa auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht
ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte,
und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so da sie sein Gesicht fast ganz
im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf
den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermdung und groer
unbewuter Wrde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen
ihres Blickes alle Linien seiner Zge nachziehend, fand sie, da er
sonst nicht schner geworden war. Das Ganze schien so beraus
unglcklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an
sich recht fein, ja fast zierlich gemeielt war; die Oberlippe zu lang
wie die Nase, die obendrein eingedrckt war; und nun erst diese zwei
unmigen Buckel der Stirn ber den berstarken Augpfeln, Felsen
gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen
war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das
mifarbene Haar war dnn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und
Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange
Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden
Eindruck; hchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es
gefiel Renate, da seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen,
klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da
war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte brigens an Bogner.

Eine Hand neben sich aufsttzend, richtete Renate sich auf, im
Bewutsein berhrt von einem sehr zarten Gefhl fr diesen Menschen, und
nun berrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang.
Ach, die schne Wrme, die mit in Erschtterung gekommen war und nun an
vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut,
da es unhrbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise
nichts als: Nun?

Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lchelnd mit einem
Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche
Drhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie
etwas wnsche.

Befinden? sagte sie, gut. Und wnschen mcht ich gern, da du dich
wieder hinsetzest wie eben.

Er gehorchte lchelnd, nur da er jetzt den Arm nicht aufsttzte und
Rcken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen
Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch
besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist
das Leichteste von der Welt.

Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend
und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nhe
und Ferne, so da es eng war um sie selber und alles andere fern, und
da sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut
zu sprechen, war nicht gut mglich, aber auch nicht ntig.

Und nun, Erasmus, bat sie nach einem Weilchen, die Augen schlieend,
mut du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich
es meine.

Es giebt eine alte jdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle
Engel zu Moses, um ihm zu sagen, da er sterben msse, aber er weigerte
sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und whrend er
dies tat, erzhlte Moses dem Herrn sein Leben.

Obgleich sie wute, da es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine
Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrnen Kacheln mit
den undeutlich gepreten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge
sitzt; etwas unterhalb der langbrtige Herr tritt eben mit dem Fu auf
den eingestemmten Spaten.

Nicht, fuhr sie fort, da ers wte, -- denn er wute alles. Nicht
da ers wte, sondern da ers einmal von Angesicht zu Angesicht
erfhre, so wie's gewesen war. Da ers von ihm, von Mose hrte, der es
ja gelebt. Da er es einmal sagen knnte; einmal ihm zeigen knnte,
sagen: Also war es ...

Erasmus lste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer
Weile, whrend seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last
der Stirn: Ich mu wohl. -- Es wird schwer gehn.

Ich will dirs abfragen, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor
sich hin.

Weit du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr
schnes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier -- sie zog mit dem
Finger den Umri in die Luft -- hier oben ist eine sehr schn gebogene
Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrlppchen ist sehr lang
und gerundet. Ja, wie schn, dachte sie innerlich, in einem so
unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt
berhaupt nur die und das andere gar nicht! Es ist genau, schlo sie,
wie ein groes Fragezeichen, und das mu so sein.

Er hatte das Gesicht hergewandt. Weswegen denn das?

Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! --
Aber nun will ich fragen.

Nach einem langen Stillschweigen dann, whrend es drauen dunkler wurde
und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wnden fast
ihre Farbe verloren, begann sie:

Erasmus, wie warst du als Junge?

Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hrte: Zu! und sie dachte, es
kme noch eine Ergnzung, aber nichts.

Und als Jngling?

Bse.

Und als Mann?

Er beugte sich weiter vor und sagte: Hlflos.

Zugeschlossen, wiederholte sie leise. Du durftest nicht zeigen, was
in dir war. Oder du mutest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner
Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn
sie nicht darin war.

Woher weit du das? fragte er erstaunt.

Ach woher! Ich wei eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und
kamst immer zu spt, und Alle lachten. Da lieest du es lieber ganz
sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.

Das dacht ich. Mein Vater frchtete sich vor meinem Gesicht.

Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Gropapa gefrchtet, es war grad
umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der
Schule fielen dir die Antworten zu spt ein, und das gengte nicht. Ach,
guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter
einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.

Als aber, fing sie bald darauf wieder an, Mathematik und
Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wrmte,
nicht wahr? Darin warst du Allen berlegen, und sie fingen an, dich zu
achten. Bekamst du da Freunde?

Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es hnlich zu Hause wie ich, wenn
auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben.
Schlielich lief er doch weg.

Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --

Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.

Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?

Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand
er einmal neben mir, und wir kamen ins Gesprch.

So. Du kamst in Gesprche ...

Diesmal.

Wie lange bliebst du in Berlin?

Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.

Warum warst du da bse?

Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand ntzen. Mir
lag nur an meiner Arbeit.

Was fr eine Arbeit?

Gewisse akustische Phnomene. Beobachtung der Schallwellen ...

Ach, sagte Renate verstehend, wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus
geworden?

Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mute, blieb alles
liegen.

Du warst ganz allein?

Ja. Ich lief in den Wldern herum und fluchte.

Und dann kamst du in die Fabrik?

Nein, sagte er, sich abwendend, da kam ich erst nach Flor.

Renate zitterte bis in die Fe. Nun gedachte sie erst wieder, da es
dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren
Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte
wie an eine Giftwunde und gesogen; im hchsten Augenblick aus allen
Enden der Glieder zurckgesogen hatte das Gift wie ein Allmchtiger.
Aber der Knoten blieb ungelst und mute zerhauen werden.

Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: Wie war das -- in
Flor?

Da er abgewandt blieb, hrte sie seine Stimme undeutlich. Er knne es
nicht sagen. Er htte keine Worte dafr. Es sei dumpf gewesen.

Als ich wieder aufgewacht war, sagte Renate mit mehr Sicherheit, da
konntest du nicht kommen und sagen: Du gehrst mir!?

Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehrt htte? Wenn ein Mensch ins Wasser
fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...

Ach, das pat aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich
leicht. Dazu gehrt nur Schwimmenknnen und etwas Mut. Ins Wasser wre
Josef auch gesprungen.

Vielleicht, gestand er, glaubte ich, du wrdest mirs ansehn.

Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.

Es hat so sein mssen.

Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in
Altenrepen, was dachtest du da?

Da meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.

Renate schwieg. Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten
gehabt htte ...

Zwei, Renate?

Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag.
Glaubst du an Doppelgnger? Ich glaube, es war einer.

Bei Josef war alles mglich.

Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging
Josef, und du dachtest --

Er wird bald wiederkommen.

Ja, du glaubtest immer an alles, auer an dich.

Er kam auch nach anderthalb Jahren.

O das hast du gewut?

Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein mssen.

Wann denn?

Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du
gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann
mute ich dir nachgehn. Ich wute schon, wer da war. Und dann sah ich
euch, wie ihr auf der Schaukel wart.

Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...

Du auch. Man beherrscht sich ja.

Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?

Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in
dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden
lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf
hrte sie nur lautes Trpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah
im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher
und winkte nach allen Seiten, da der Regen aufhre. Renate mute
lcheln.

Wenn ich nur wte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren
hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so
gewichtlos und warm?

Komm zu mir! bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mute sich auf
den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt.
Sie war trocken, warm, beinah glhend, und sie dachte: Ach, aber die mu
man khlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und khl, wenn uns
glht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es
klang so nach Jason. Derweil befhlte sie mit unmerklichen Drucken die
groe Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung.
Sie war sehr derbe, die Fingerngel ganz rund, unedel -- bis auf den
Daumen, der fr sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein
Konnetabel von Frankreich. Sie schlo nun die Hnde um das ganze, groe
und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs
Tod:

Gab es nur die eine Lsung?

Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie
gehrte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:

Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein
Verstand -- Sie hrte ihn unbehlflich lachen.

Wie meinst du das?

Es war alles locker geworden. In der Hand liefen Wellen, die an ihren
Hnden zuckten und zerrten, immerfort hin und her. Vorher war das --
wie Gnge. Aus einem konnte man nur in den nchsten. Erst waren die
Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit
nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und
meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang
und eine Hhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin
hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergnge --
das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.

Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Sto.

Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah
herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ...
Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre;
und er war allzeit groartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch
immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte
mir beweisen, da ich ganz recht getan hatte. So war Josef.

Es kam nichts mehr. Renate sagte: Weiter, Erasmus! die Hand
festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.

Wir verglichen, stie er sich wieder vorwrts, wir verglichen mein
Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte,
ich wrde verrckt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es
nicht. Er stockte.

Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es
giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und
steinhart wird. Man mu sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so
gelernt: Tod mu mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden,
und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und
das Volk sagt: Gerechtigkeit! er mu auch sterben. -- Wenn nun die
Gerechtigkeit erfllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich
arbeitete so mit Schlssen. Es empfindet Genugtuung ber die
Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung ber einen zweiten
Mord. Ist das gut? Nein. Aber der gettet hatte, empfand auch
Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus
giebt Plus.

Ja, so hab ich gerechnet, fuhr die immer mehr drhnende Stimme fort,
whrend die Hand in Renates Hnden feucht wurde und klebend. Und dann
fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn
anrhren. Unstet und flchtig heit es. Er wollte also keinen zweiten
Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.

Renate sagte leise: Und dein Vater? Er hatte doch ver--

Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine
abwehrende Bewegung zu machen.

Er -- ja, fr sich! Aber fr mich, und Josef, und die Welt? Nein,
soweit war das schon richtig mit Gott. Er sprang auf und stellte sich
irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hnde pltzlich
aufatmeten.

Aber nun das mit dem unsteten Leben, hrte sie seine Stimme verdeckt
und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust
darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.

Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl?
Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das
sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas,
es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter
wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er shnte so --
und es ging sie ja auch nichts an.

Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.

Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer
Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem
zweiten, und Gerechtigkeit lt sich kaufen. Frher kauften sie auch
Frauen, und es giebt Lnder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir
doch weiter! sthnte er pltzlich, und erschrocken sich umwendend sah
sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die
Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Hnden auf und
nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist
von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er lie sich
aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile.
Pltzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete
vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den
Kopf zu erheben; die Hnde griffen dabei.

Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt:
Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht.
Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine
Gerechtigkeit, kann sie auch so --?

Nein. Fr ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu
wgen? Nein, hin ist hin.

Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann
wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was
aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.

Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hnde darauf
gefaltet. Das hast du gedacht? fragte sie ergriffen.

Es ergab sich so. Man mu rechnen, und man mu immer weiter denken.
Frher, wie gesagt, war da Gang und Hhle, und so ist es mit dem Denken:
links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben --
unten ...

Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschrnkten und unbeholfenen
Frageblick an, den sie kannte. Mutest du immer denken? fragte sie
behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:

Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch mu denken! Langsam kommt
man vorwrts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So
mu mans machen.

Also nun das Mehr-tun. Wie fngt man das an? An den Menschen ist
freilich immer zu tun, aber -- er brach enttuscht ab. Ihnen ist ja
nicht zu helfen!

Ich meine, versteh mich recht, fing er gleich wieder an, nicht auf
meine Weise! mit meinen Mitteln! Was lt sich denn ausrichten? Ich hab
doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt htte, wenn
ich jedem so viel gegeben htte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, da
er so viel hatte wie ich selbst, das wre doch ungerecht gewesen! Dann
htte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind
berall die Gleise: Krankenhuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und
dergleichen -- Er schpfte Atem. Was ist denn damit gedient?

Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert,
das war ja fr mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald
abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja! schlo er mit groer
Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem
Blick. Und nun sprach er schnell weiter:

Einem hab ich genommen, einem mu ich geben. Das Dasein hier, das ist
ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles
still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der mu sein -- wie
Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen.
Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine
gttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, la dir sagen, redete er
instndig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, das
ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt.
Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres
Geheimnis, nicht wahr? Null ist nmlich in der Mathematik gleich
Unendlich! schlo er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.

Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem
Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer
Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-,
Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, fr uns, ja fr uns
Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe,
die sich lst, mu _x_ gleich Null sein.

Renate bemhte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und
Einverstndnisses an diesen, jetzt quellenden und glhenden Augen zu
hngen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie
klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem
Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dmmern schien wie ein Auge voll
groer Vernunft.

Aber, sprach er weiter, wenn du nun bertragungen vornimmst auf die
menschlichen Zustnde, so gehts wie mit allen bertragungen des
Gttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand
gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder
warst du!

Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er
endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewut zu werden, was
das denn hie, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und
versuchte zu lcheln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. --
Sie sagte nur: Weiter, Erasmus! und als htte es nichts weiter
gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie
anzusehn, gegen den Tisch:

Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem
andern mute ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du
mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich
wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --

Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor
der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen
Entsetzen eingeflt hatte.

Weiter, Erasmus, weiter! flehte sie.

Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie lt es
sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals
beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?

Die Augen ffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt,
fragend.

Ja, Erasmus, sagte sie, in einem Blitz erratend, du wolltest Mnch
werden.

In ein Kloster gehn. Aber es pate doch gar nicht. Ich mu ttig sein.
Was sollte ich anfangen in einer Zelle?

Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die
Schranke, -- und du! endete er unsicher.

Ich wei߫, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?

Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der
Fensterbank sitzen, nur viel erschpfter, den Kopf angelehnt, das hagere
Gesicht durchglht und beperlt, ein Taschentuch in den Hnden, das er
unbewut zusammendrckte und zog.

Erasmus, fragte sie, glaubst du an Gott?

Ach, versetzte er ablehnend, wer kann das wissen! Man glaubt und auch
nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo
man ihn haben mte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wre was,
sich das halbe Leben nicht um ihn kmmern, und dann pltzlich, wenn man
ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kmmern.

Ja, aber wozu dann -- fragte sie in pltzlicher und dunkler Ahnung
eines ablenkenden Wegs.

Er setzte sich hrter und gerader fest. Wenn es einen giebt, mu er
schon so gro sein, da er sich um uns nicht bekmmern kann! sagte er
verchtlich.

Wirklich, ach! Was du nicht sagst! rief sie entschlossen, jetzt ganz
leicht zu reden. Ich glaube, an dieser Stelle httest du getrost auch
weiter denken knnen.

Wieso?

So gro߫, sagte sie, kannst du dir Gott denken, da er deiner nicht
achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel grer, da er
deiner doch achtet? Wie wird denn die Gre bei dir gemessen? Wre das
nicht erst wahrhaft Gre: so gro -- und doch deiner achtend?

Das wre! sagte er tief und sah sie mit Staunen an. Das lt sich ja
begreifen!

Und das Unendliche, fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon
triumphierend: wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?

Nein.

Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?

Nein.

Also wo!

Mitten.

Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?

In mir.

In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist,
und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allberall ist. Wie konntest
du denn -- ach, nun fllt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber hre
nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abstnden auf dem Damm
immer Pfhle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die
senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische
Unendlichkeitszeichen gemalt -- so! Sie malte mit dem Finger die
liegende Acht in die Luft. Und ich wei noch, wie ich zu Papa gelaufen
kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, auer mir, weil da berall
Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht
wahr? und natrlich hatten sie recht, da alle Wege in sie mnden. Aber
in Wirklichkeit: liegt es denn da drauen irgendwo, das Unendliche? Und
sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach drauen, um es zu
finden? Was also httest du tun mssen statt dessen?

Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrnstig und nahm
all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hrte: Nach
innen sehn! und hinzusetzen, unglubig: Aber -- da war doch nichts!

Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei
das Unendliche?

In mir.

Und in welcher Gestalt? gttlicher oder menschlicher?

Menschlicher.

Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?

Wie eine Null.

Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?

Verzehnfacht.

Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das
verzehnfachen kann?

Eine Kraft.

Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen
Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen fr solche Kraft, wenn du
sie dir vorstellst?

Er zauderte. Du meinst -- Liebeskraft.

Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch
die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?

Ich glaube ...

Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?

Man -- man soll sie anwenden.

An wen?

An Menschen.

Was fr einen Menschen?

Der sie braucht.

Kanntest du solch einen?

Ja.

Wer war denn das? rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit.

Seine Augen verdrehten sich etwas. Du.

Nun? Und nun?

Er schttelte den Kopf. Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.

Nun Gott sei gelobt, sagte sie strahlenden Auges, das war alles, was
ich wollte!

Da begriff er. Sie erhob sich langsam, whrend er auf sie zukam, und
sagte: Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?

Er nahm ihre Hnde und legte sie sich auf die Schultern. Du verdrehst
es nur so, meinte er stockend.

Pltzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Mdigkeit nach der
Anspannung des Denkens schwemmte hei ber sie hin. Sie legte einen
Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem
Schlafzimmer, am Fuende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War
das der Anfang -- --?

Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem
Schwindelgefhl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie sa, wie
er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saen abwechselnd bei ihm
und hrten ihn endlos aufsagen aus der Abgrndigkeit seines
Gedchtnisses.

Ja, dachte sie weiter, ich mu ihn reden lassen, immer wieder, und ihn
immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschpft hat.

Wenn er sich ausschpfen lt! entgegnete unhrbar eine Stimme.

Oder bis er es mde wird. Denn, setzte sie auflchelnd hinzu, auerdem
wird noch das Leben sein, und alles --

Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, versprend, da sie umsank,
langsam nach, lag und zog auch die Fe herauf. Ihre Augen fielen zu,
sie glhte und gab sich der Mdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust.
Noch hrte sie die Stille und drauen das unablssige Aprilgezwitscher
der Vgel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:

Er hat es berstanden, -- und du und ich, wir werden es auch berstehn.
-- --

Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem
zuckenden Schrecken empor und sa aufrecht. Sie horchte; nebenan war
Stille. Eine halbe Minute wohl sa sie so, keinen Laut vernehmend als
den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne.
Etwas -- mute nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das
Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestrzt!
mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres
Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.

Und behutsam nahm sie die Fe vom Bett, dabei entdeckend, da sie ihr
Kleid nicht mehr anhatte und wei war in Unterrock und Leibchen. Ihr
frstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tr
gehen wollte, wute sie, da er dahinter stand, und rief schon:
Erasmus! angstvoll blickend zur Tr, bis zu der das Fuende des Bettes
reichte.

Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett
und strzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, whlte die Stirn in ihren
Scho, chzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Sten, da
sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie prete ihn an sich mit aller
Kraft, kte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: Ja, ja,
Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich
wei, ich hab es ja gewut! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles
tun! Sag doch, o sag doch!

Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit
unseligen Augen und sagte: Gieb mir --

Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen
an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht
an die Brust drckend: Die Kinder!

Und weiter mit immer erneutem Pressen und Kssen und an sich Drcken
flsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wute:
Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewut, nur das kann uns retten!
Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir
wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut,
o ich will dich lieben! schrie sie brennend, ich will dich lieben wie
Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hren, das Neue, Erasmus,
das neue Leben, das nichts wei! Ach! weinte sie, wenn du nur erst
sein Herz in mir schlagen hrst! Ach, wenn du fhlst, wie es sich
bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!

Sie hob sein Gesicht mit beiden Hnden, damit er sie anshe, strmend
von Trnen, durch die seine Zge dunkel und verschwommen erschienen wie
in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien ber ihre Schulter ins
Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:

Ja. Aber -- -- und dann ...

Was denn, Erasmus? was denn?

Dann mu man -- es -- sagen ...

Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?

In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lsternheit, mit dem
er flsterte: Mein Sohn ...

Sie erriet. Sie schrie: Um Gottes willen, Erasmus, was willst du --

Wenn er soweit -- ist ...

Nein, Erasmus! jammerte sie, nein, nein!

Dann will ich ihm sagen -- dein Vater -- ist --

Nein, du ttest uns, Erasmus, nein!

Mrder --

Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht! klagte sie.

Und dann -- -- wenn ers -- ertrgt ... Wenn -- ich -- einen Sohn --
habe -- sagte er langsam, der es -- ertrgt, dann -- ist es gut.

Er sank an ihr nieder, erschpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand,
und sie sa leise weinend daneben, mit der Hand ber sein feuchtes Haar
streichend, und verstand, da es so sein mute. Es sei denn, das Leben
selber brauchte seine Gewalt.

Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo
seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber drauen war
Helle, und Renate konnte aus ferner Hhe die leise Drosselstimme der
Kindheit schlagen hren, friedfertig in Pausen, durch die Stille.

Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.


                            Sechstes Kapitel


                             Bogner/Klemens

Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate ber das Rasenoval
wandernd, sah die drei Ankmmlinge und da Renate sich einem von ihnen
gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge
erkannte er Bogner. Der streckte die Hnde aus, und Georg lief eilfertig
und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich
ausbreiten sah.

Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine
tiefere Zrtlichkeit; aber Georg fhlte sich so aufgeregt und erweicht
von dem unvermuteten Wiedersehn, da es ihn mit Trnen bedrngte; da
er, fr Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst
erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.

Wieder aus seinen Armen gelst, erkannte er in dem groen Fremden, mit
dem Renate eben in der Glastr oben verschwand, Erasmus Montfort und
gleich darauf in dem Andern, beraus Schwarzbrtigen, Klemens. Sein Bart
war zehnmal so gro, als er ihn im Gedchtnis hatte. Er schttelte ihm
nun die Hand, fhlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte,
beiseite gezogen.

Pst! raunte er, Achtung! Er hat keine Ahnung!

Wer? Klemens? Wovon?

Von Irene. Da sie hier ist.

Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Bhne sein.

Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.

Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich
doch wundern mute, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach
Erasmus.

Wir sind zu Fu gekommen, sagte Klemens, und suchten Bogner auf, um
uns herfhren zu lassen. Er wollte noch mehr sagen, aber ein
Regenschauer ging so jhlings ber sie herunter, da sie
auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen
die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit,
hielt die Tr schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurck
seien, fragte Georg. -- Noch nicht. -- Um so besser, dann kriegt ihr
ihr Frhstck! Sagen Sie auch gleich in der Kche an, Egloffstein, da
noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?

Klemens zgerte hflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein
Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am
Nachmittag bei sich zu sehn. Er wre auch ohne die Andern gekommen, ihn
zu bitten.

Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastr gegenber, durch
die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah,
glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrung nicht
in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum
recht gesund, im Innern erschpft und auer Ordnung. Das tiefe Schwarz
des groen Bartes und der dicken Brauen erhhte nebst dem glatten
Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten
sich verhrtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder
Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann.

Bogner an der andern Seite hatte brigens nichts eben Vterliches an
sich, sondern sich erstaunlich verjngt. Fast vermite Georg das lange
Haar von Hallig Hooge an dem kurzberschorenen Kopf. Es war dunkler
nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht bergraut. Die hellen
kleinen Augen in ihren Hhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden
Glanz, Fleisch und Haut ber dem Skelett des Gesichts ihre frhere
Festigkeit wieder, und brderlich erschien nun, was Georg frher als
vterlich empfand.

Giebt es Neues bei dir? fragte er derweil. Bilder? Wieviel? Nun, ich
komme natrlich!

Acht Bilder im ganzen, erklrte Bogner, die zusammen gehren.
Allerdings mehr inner- als uerlich, wenn du auch auf den meisten eine
Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es
sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie knnte mans nennen.
Von den brigen kannst du Studien sehn.

Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?

Ich mchte sie, sagte Bogner lchelnd, der Stadt schenken,
Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?

Mit tausend Freuden! Was willst du dafr?

Das wird mir noch einfallen. Aber du mut ihnen ein Haus baun. Hre
einmal, was ich mir ausgedacht habe.

Und Georg hrte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn
gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben
gro, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er wrde auf eine Anhhe
zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun
lnglichten Blttern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser wrde
leer bleiben, mit Eingngen zwischen den Blumenblttern, -- Bogner
schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um
einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie
bei Renate von niemand gesehen wrden. Jedenfalls sollte der Mittelraum
nur der Sammlung und Andacht dienen. An die ueren Enden der Bltter
wrden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser
eine Bste des Toten.

Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaen
grmlich etwas von Archaisiererei, die dabei herauskommen wrde.
Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefhl fr Tempel htte, so da es ein
Gebilde der Zeit wrde, zumal hier im Norden.

Ich wei nicht, sagte Bogner, ob Tempel zeitliche Gebilde oder
zeitgem sein knnen. Gott ist nicht zeitgem.

Gott nicht, aber der Glaube.

Dann mte es mehr Gtter geben als einen.

Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.

Die Kunst, sagte Bogner nachdenklich, hat meines Erachtens die
Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kmen wir zu Problemen,
und das Problem Gottes zu lsen, kann nicht ihre Aufgabe sein.

Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem fr gelst?

Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Glubige sich
ausdrckt, so lst es sich mit der einfachsten Darstellung der
architektonischen Aufgabe. Sttze und Last, Sule und Geblk, und ewig
bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns
empfunden, ihr Inneres lt sich nicht ndern, aber ich bestehe durchaus
nicht darauf, da etwa das Kapitl jonisch sein soll oder korinthisch.
Das immerhin war zeitmig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und
--

Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenbltterkapitle auf
die dorische Sule? brigens, schlo er in seinem ersten, bisher von
Hitzigkeit abgelsten Tone der Grmlichkeit, machen Sie, was Sie
wollen.

Du bist znkisch! sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider
gefolgt war. Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.

Klemens nahm Rhrei von der Schssel, die Egloffstein hinhielt, und gab
sich Mhe, zu lcheln. Ja, er htte schon neulich einen Architekten
sagen hren, da sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen
knnten und warten, da die Baukunst nicht -- wie vormals -- imstande
sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben.

Davon, sagte Georg, schreibt Victor Hugo sehr schn in Notre-Dame.
Sonst brigens ein albernes Buch. Vlker, sagt er, haben ihre Geschichte
in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu gro
geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den
wechselnden Zeiten.

Und welche wre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder
aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt
httest, wrdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du
hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden.
Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es
sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das ntige Mittel der Relation,
die Vergleichung, fehlt.

Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck fr etwas
Neues und Zeitmiges gefunden?

Das Warenhaus wohl?

Vielleicht.

Lassen Sie das auch gelten, Bogner? Klemens schien sich zu erleichtern
im Wortstreit.

Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige
Erscheinung.

Aber wieso? fragte Georg. In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?

Nun, Kaufhuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt
die Dinge nur in Beziehung, ist -- ganz Flche. Das mittelalterliche
Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmnnischen Geistes und --

Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals,
rief Georg. Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und
Profangebude. Die heutige Hundertfltigkeit -- Georg verstummte einen
Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das liee sich hchstens von der
italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -- um dann
fortzufahren: Immerhin wurden die Huser frher allesamt von auen
gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Rumlichkeiten wurden
irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die
Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten --

Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit? hohnlachte Klemens.
Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer
Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem
Rathaus? Eins wie das andre eine groe Verwaltungsanlage. Das ist es
eben. Heut ist alles geistig erklgelt, was damals aus einer
Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.

Und wer ist dran schuld? rief Georg nun hitzig. Du bist schuld! Denn
der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst
den noch einfltigeren Sozialstaat. Nun, aber das wei ich schon lange,
da die Zerrttung berall herumprasselt.

Ich freilich fhle die neue Grundlage.

Schon? wo denn? Wir mssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst
Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon mu Bogner sich
Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, da er kein Anstreicher ist,
und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.

Das, widersprach Bogner langsam, kannst du so wohl nur fr
Deutschland festlegen.

Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.

Den _homme de lettres_, den _crivain_ -- kaum im deutschen
Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der _artiste_, der, der
diese Dinge macht.

Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet,
erdichtet. Form und Gehalt.

Freilich, sagte Klemens sardonisch, er nennt sich Schriftsteller,
aber selbst Rudolf Herzog hlt sich fr einen >Dichter< und wird auch
gehalten.

Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche,
als Knstler, fhlt Verantwortlichkeit, nmlich gegen etwas, das ber
ihm ist und Allen. Er fhlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen
Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist
ffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein
Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.

Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarme?

Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das drfte
wohl doch klar sein, da wir in Deutschland eine Art, ich will sagen
dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer
seine _gloire_, dargestellt in uerer Ehre, und Balzac htte alles
hingeworfen, so gro er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm htte
erlangen knnen, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer,
hungernd und frierend, verachtet und entzckt, das ist unsre Form.

Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit
Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie
alle Drei rauchten, trat er an die Glastr und dachte, es sei doch das
Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Mnnern mit
Worten zu schlagen.

Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der
Lehne. Klemens sa am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an
seiner Zigarre.

Ob Irene nicht bald kommt? -- Und Birnbaum, dachte er beunruhigt,
Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und
fand, da es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.

Drauen war es wieder dunkel geworden, und der Regen pltscherte nach
Krften auf der Terrassenflche.

In diesem Augenblick -- da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit
einer Frage und gleichzeitig den Trieb versprte, in den Regen hinein zu
laufen -- gingen Haltung und Fassung mit so reiender Schnelligkeit von
ihm, da er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick ber die Beiden
streifen konnte, bevor er zur Tr schritt, um den Nebenraum zu betreten.
Dort stellte er sich ans nchste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe
und berlie sich dem inneren Toben.

Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf
und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm
ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die
Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich
nicht vor ihre Fe geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht
wenigstens ein, was mich qult, oder da ich in einem ganz andern Netz
hnge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum
Renate? Warum nicht Allen, dem nchsten, Bogner, Klemens? Was sind da
fr Widerstnde? Renate? Da ich sie liebe? Hllengelchter, und das
machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders?
Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Da ich hier
Herzog bin? Das wre frchterlich. Das kann nicht sein; kann der
innerste Grund nicht sein.

Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich
brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen
und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber
schon im Wenden mute er denken, da doch wieder ein Hindernis da sein
wrde, und ihm fiel schon ein, da Birnbaum sich angemeldet hatte. Er
zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie
hier sein. -- Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug?
Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein -- nun, das sind wenigstens
Pflichten, die kann man gelten lassen.

Er fhlte sich wie mit Blut bergossen, zauderte aber wieder. -- Nun
such ich nach Ausflchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich
selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie
mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wre vielleicht lngst
wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt htte, da sie hier ist,
anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe
leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und lt sich
auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, da die Menschen
sich lieben und heiraten, wenn nicht der, da sie sich zusammen
hinsetzen knnen, um von ihren Leiden zu reden, statt -- von
Architektur.

Aber wir wollen unser Leiden immer fr uns allein haben. Warum sind wir
denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, da wir einsam sind und keiner
uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, da es allein gehabt
sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und
sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthllst du dich
nie?

Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des
Nordflgels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen
aus Golddunst drehten sich magisch ber dem Wldchen, und stark
leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die nabraune Terrasse dampfte.

Georg drehte sich um nach einem Gerusch. Egloffstein ging durch den
Saal mit einem Sto Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu
schmen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war.
Danach zauderte er nicht lnger, nebenan einzutreten.


                                Klemens

Dort stand jetzt Klemens an der Glastr, schrg, eine Schulter gegen den
Rahmen gestemmt, die Hnde in den Rocktaschen, lste aber seine Haltung
bei Georgs Eintritt. Bogner sa pfeiferauchend seitwrts vom Tisch. Im
Gefhl, freundlich zu Klemens sein zu mssen, fragte ihn Georg, wo er
das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.

Aus besonderen Grnden?

Keinen politischen jedenfalls. Sich mit dem Rcken anlehnend, die Arme
kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause
zu erzhlen. Er sei gewandert, zu Fu, wie schon einmal als junger
Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rcken und ohne einen
Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden
Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Strflingen
und dergleichen.

Komische Kuze, sagte er, diese deutschen Handwerksburschen. Sie
arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur
bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an
allem vorber. Hchstens da sie ein bichen was sehn, und wie es
scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns.
Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer
Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren
gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen
nahm ich meine Geige und hab in den Hfen gespielt. Was einkam, haben
wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens
ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.

Wurdest du dort fr einen Italiener gehalten?

Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die
Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natrliche Herzlichkeit,
soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei!
Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Knstler
immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt
marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den
Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht
ser Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit
hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster
zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen berall
Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drngen sich
ans Fenster, und berall lchelnde Gesichter, und jede Frau, der man
unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schn. Nun,
und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des
Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der
Brgermeister, und drcken mir die Hnde und sind die feinsten Kenner
und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen. Klemens
lachte nicht ohne Wehmut. Ich war dann immer der Sohn des
Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn
Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen fr einen sehr wrdigen
Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose
Geschichten hab ich von denen erzhlt. Die Kinderchen, das war ihre
grte Freude, und wie oft hab ich Trnen in ihre Augen gelockt mit
einer unendlich rhrenden Erzhlung von meiner jngsten Tochter, die an
Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und
sie war so geduldig ...

Er lachte jetzt ganz frhlich und sagte noch: In Pisa, da war ein
Schutzmann der mir zu spielen verbieten mute, denn es gab einen
Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn
einer Geige spielt. Der wartete schn, bis das Stck aus war, und dann
entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, da ich
fr dies Stck doch noch sammeln mute, und fast htte er selber seine
-- Kappe hingehalten. Es war ein rhrender Mensch.

Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein
Gefhl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen,
ihn seine Haltung verndern. Er nahm die frhere wieder ein, die Hnde
in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins
Ferne eingestellt, whrend er sehr langsam sagte:

Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin ber die Alpen
gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die
Hnde einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady
Macbeth; die Flecken wscht kein Wasser herunter.

Er verstummte, nickte trbe und fuhr fort:

Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem
war es bse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen,
da man eines Tages seinen Bruder erschlagen mu. Vater nicht, und
Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der
Raskolnikoff. Aber seit Kain mu die Mglichkeit in der Natur des Mannes
liegen. Drei Nchte lang schttete er mir sein Herz aus. Das war
grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang
gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert,
kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten
des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, da er nicht vergessen
konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behngt
mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehssigkeiten,
Verachtungen und Verhhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der
Kindheit, da er nicht mehr vorwrts gehn konnte. Da ballte er den
ganzen scheulichen Klumpen zusammen mit sich selbst und strzte sich in
den Schlund. So wars, und da er noch jemand mit sich ri, war nicht
seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener
Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Hollnder, ohne Wind und
ohne Ruder, rckwrts ber das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage
nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines
Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in
den Hnden und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal:
Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs
auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war
vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich
auszuschrein. In den drei Nchten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir
das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.

Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu
gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und
war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb,
die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne
festen Blick: Aber ich glaube, da einmal geheilt werden kann, von
Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn
hergeschleppt, zu Renate.

Zu Renate? entfuhr es halblaut Georg.

Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen -- Er
verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lcheln in seinen
Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mute.

Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?

Er konnte aber, trotz der heien Stiche in seiner Brust, erkennen, wie
sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort
im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner
Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? --
beschftigt, dies Heie zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete
jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein
dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus
frheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schpfend, werde ich
ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefhl ber die ganze
Verderbtheit der Welt.

Als er die Augen hob, stand ihm gegenber Egloffstein und meldete, Herr
Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann
Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.

So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am
Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.


                                Birnbaum

Mit dem ffnen der Tr fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben
dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grnen und
hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien.
Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug
seinen langen und wrdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer
Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun ber sein
gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit.
Sein Nacken war gebckt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen
Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen
hing bermig heraus, und in den gerteten Augen -- das linke hing ab
nach auen -- war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei
der Hexe war! -- Und so verstrt, da er sich nicht einmal verbeugt!
Oder kann er das nicht?

Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, rusperte sich,
machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: Ich bin gekommen, um
Eure Hoheit untertnig um meine Entlassung zu bitten.

Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal
gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, -- um
die der Alte, nur nicht so frmlich, schon lange gebeten hatte. Aber
dann sah er ein, da hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die
nur noch gnzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein
Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte
bitterlich auf ber seiner Schulter und klagte laut: Ich habe ja keinen
als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht
mehr!

Georg stand erschttert von dem unbegreiflichen keinen als dich und
hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach
sprach er dem Alten begtigend zu und fhrte ihn mit Schley zur Tr, ihm
zuredend, da er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tr aus
sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum fhren, der de und
kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa,
auf dem er frher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke spter
fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist
kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?

Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die
daliegende Unterschriftmappe mit ihren groen Lschblattbogen
auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu
ihm aufblickend, trbe: Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie
hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie
lieber gar nicht -- Das Ende des Satzes lie er in ein Gemurmel fallen,
denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnrkeln stehenden
Druckzeilen am Kopf des weien Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch
Gottes Gnade Georg VIII., Groherzog -- und so weiter ...

Ich will heute nicht schreiben, sagte er kleinmtig und legte die
Feder hin.

Hoheit haben ja Zeit bis morgen, sagte der Hauptmann.

Rieferling, versetzte Georg verdrielich, Sie wissen immer was! Wo
soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also mu ich doch schreiben!
Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von
Rieferlings sachtem Lcheln.

Was heit denn nun blo von Gottes Gnaden? grbelte er nach, die Feder
wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem
die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er
noch und fand als letzte Mglichkeit die, den Kopf zu schtteln, worauf
er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, ber der zum berflu
Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem
berfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf
andre geschriebene Namen -- Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke,
Fuchs, Richter und mehr, immer mehr -- zwischen Druckzeilen, in denen
von Befrderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den
Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige
>Geruhen< hatte lngst den letzten Hauch anfnglicher Skurrilitt
verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen
die Zeit fr sie? Merkwrdige Widersprche, dachte er. Ist das berhaupt
zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit fr
sie da?

Etwas ntigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem
Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: Kannst du
dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn
wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die
Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Mglichkeit vorhanden, da es besser
mit ihm wird?

Am Fenster lehnend begann Schley, whrend Georg die letzten Bogen
versorgte, mit seiner langsamen und ligen Stimme, die Georg immer als
beraus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb
ihrer strmte:

Er will nmlich nach Palstina.

Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!

Ja, das hat sich nun alles so eigentmlich zusammengedrngt. Und du
weit ja, Hoheit, wenn alle Tren verrammelt sind, brichts durch die
Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja
eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich.
Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja
nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat
glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nchsten Morgen keinen
Gedanken mehr zu haben oder so.

Georg nickte. Ich wei ja. Aber ich hielt es fr Einbildung, und er
sagte selber, es sei Einbildung.

Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, --
ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen
gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat
geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da
viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint
nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er
sich glaub ich erinnert, wer er ist, und da er doch immer im Grunde
hier nur geduldet ist. Das weit du ja auch. Er sprach auch mit mir
darber, -- na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nhe weghaben.
Und gestern -- gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich
ihn in der grten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wute fast
nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu
spt sein knnte -- ja, mit Palstina, er hat da nun die sonderbarsten
Vorstellungen --, teils vor dir, da du ihn nicht weglassen wrdest. Und
auch vor sich selbst, da er nun fahnenflchtig wrde. Ja, es ging so
weit, da er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht
anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen.
Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch da Charfreitag ist, spielte
eine gewisse -- ja -- eine Rolle.

Aber diese Palstinaidee, versuchte Georg schwermtig zu
widersprechen, will mir noch nicht in den Kopf. Wenn --

Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an
dich, aber -- ich darf das wohl sagen --, in Wirklichkeit wars doch
alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das
ist denn so wie'n Mensch, der aus'm Stck Land weggetrieben wird und
kriegt 'n andres dafr, das genau so ist, aber es ist doch nicht das
alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber -- heimatlos, Georg,
heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefhl gehabt hat, ist er
heimatlos gewesen! wiederholte er erregter, und ob das nun Galizien
ist, wo er eigentlich herkam, oder Palstina, da ist wenig Unterschied.
Man mu sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen
Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die
wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das
ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch 'n
fhlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige
Sprache sprechen knnen? Wenn er gedurft htte, er htt es ja nicht mal
ordentlich gekonnt! Nu fllt ihm das alles auf einmal ein, und er wei
doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fllt ihm
nun ein, und da er mit all seinem schnen Dienen vielleicht seine Kraft
an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwrdig, es giebt
so Menschen, die bringen es zu allem Mglichen, und dann -- auf einmal
-- drehn sie sich um und mssen alles im Stich lassen. Tilly, das war
auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt
eigentlich immer nur 'n kleinen Garten haben. -- Das hat sich nun eben
alles so zusammengezogen.

Georg schwieg und wute nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge
gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.

Augenblicke spter hrte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Gerusch,
und Georg winkte Schley, hinber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte
er ihm mit den Augen durch die Tr und blieb lange Zeit an ihr haften.
Dann nherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder
der alte Mann.

Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien
keine Nhe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete
er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederlie, worauf er sich
aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll
Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus
Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner
Zge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und -- Knechttum, wie
Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch
langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig kniglich er
erschien, versammelten sich doch biblische Knige grougig hinter
seinem Stuhl.

Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fhlte Georg
fr eine kleine Weile seinen Blick mit groer Liebe auf sich gerichtet.
Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hrte Georg seine Stimme, die
aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich
leise, ja kaum hrbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen
und volleren Klang als jemals, so da es war, als wre seine Brust ganz
voll davon und begnne nur geheimnisvoll in Worten zu tnen. Seltsam
auch war, da er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn
pltzlich war es die, die er doch hchstens ber seiner Wiege gehrt
haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrckt
und verkrmmt, wie jener ewig zerdrckten und verkrmmten Menschen, die
Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen
hatte. War er so halben Wegs schon zurckgekehrt, nach Galizien, der so
spt noch nach Palstina wollte?

Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hrte Georg, der bald nicht
mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.

Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du's weit und dir keine
verkehrten Gedanken machst. 'n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch
und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist
kein rechter Mensch. Und ich bin solch 'n Mensch immer gewesen. Ich hab
'n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab 'n doch abgeschworen mit
meinem Handeln. Darum bin ich 'n bescholtener Mann gewesen, von 'nem
bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab 'n gutes Leben gehabt, auch 'ne
Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin
ich deshalb wohl 'n glcklicher Mensch gewesen? 'n Mensch, der nicht
darf gehn vor die Tr, da nicht die Andern 'n Finger aufheben un sagen:
das ist keiner so wie wir, un: den knn' wir nicht achten? Recht haben
gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie berall, wenn sie die
Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten
Fen. Er denkt, da er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten.
Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum mu er auch gehn
so schnell und mu machen Fisematenten und 'n Gemeres unter die Leute,
und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben mssen, da seine
Heimat ihm zerstrt worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, da
er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht'
von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der
sagt: soll ich auch mssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das
will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient
sich doch blo die Sohlen unter seine Fe, damit er eines Tages kann
heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich wei doch, was ich wei!
Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will
kmpfen den Kampf um 'n alten Mann, -- nun, was is 'n Jahr, und was sind
selbst zwei Jahr fr 'n Menschen, der jung ist? Und du wirst mde,
Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Tre, -- ich wei doch, was
ich wei ...

Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie 's Volk, der soll
essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf da er kriegt 'ne
Sprache und vernnftige Sitten. Wer glaubt denn, da einer Gott 'n
Gefallen tte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am
Schabbes und lesen aus 'm Buche 'ne Sprache, fr die er hat keinen Sinn!
Oder glaubst du 'n, da Gott will reden 'ne Sprache, die der Mensch blo
kann reden mit ihm allein, und die Gott blo versteht selber, und die er
nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott,
wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen,
dem kommt keine Wahrheit aus 'm Herzen, und wenn er vielleicht nicht
betrgen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn
er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede,
das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills
versuchen.

Georg hrte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu
verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald
zwischen den Flgeln des Hauses, schwrzlich und grnlich im
Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine
schneeichte Wolke hoch wie ein schner Berg. So sa er, kaum sich zu
regen wagend in seiner Ergriffenheit, lngere Zeit und wandte sich
endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte,
als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hnde
und strich mit beiden Daumen behutsam ber die Augen hin.

Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, da Georg bei aller
Erschrockenheit sich nicht zu rhren vermochte. Gestorben? dachte er
dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?

Schley legte die Hnde des Toten im Scho zusammen und wandte sich zu
Georg um. Heimgegangen, sagte er einfach.

Georg sa noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort sa,
und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder
dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, da er noch edler
aussah; und da seine stille Haltung auf die Lnge der Zeit nicht
natrlich mehr schien; oder da er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.

Endlich sprte er, da ihm schon lange die Trnen aus den Augen liefen,
und nun weinte er hellauf, da es ihn schttelte. -- Danach stand er
auf, um nachzusehn, ob Magda zurck war, und ihr Nachricht zu bringen.


                                 Irene

Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in
dunkler Vorstellung sah wie einen gestrzten Baum, herausgebrochen aus
seinem, Georgs, Leben, voll mit Frchten, unersetzlich an tglicher
Leistung das Jahr durch, und berdies mit unsterblichen Blten der
Erinnerung -- oh die ersten Spiele der Kindheit! --, ging Georg durch
die Rume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu
finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster -- das
letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte -- Klemens auf der Terrasse
allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hnde auf dem Rcken, und Georg
trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, da er ins
Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf ffnete er die Tr. Der Raum war
leer.

Indem er aber im spiegelnden Glase des Trflgels zur Rechten den
Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtr zu seiner
Linken geffnet, und rckwrts gehend herein kam ein mdchenhaft
weibliches blondes Wesen in einem hellgrnen, farbig berblmten Kleide
mit Achselbndern und weien Blusenrmeln, an einer Hand sehr behutsam
hereinfhrend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.

So, dachte Georg, was mag nun kommen? -- Klemens stand da und blickte
nur. berdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, lie Magdas Hand
fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben.
In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen
als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, whrend ihr Kopf langsam
nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des
Kleides, wo sie hing wie vergessen.

Klemens rhrte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne
zusammen und schlo langsam die beiden Knpfe.

Klemens! sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Zge schmolz
in ein nahezu triumphierendes Warten.

Mensch! grollte nun Georg, worauf wartest du noch?

Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grbelndes
Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an
etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich
in Bewegung, als ob er strzte, umkreiste den groen Rundtisch, und
pltzlich bckte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos
um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.

Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nhe der
Tr folgend, sah er ihn drauen stehn, mitten auf der Terrasse. ber sie
und Hofraum und Dcher fiel ein goldener Regen. Darin stand er krftig
und hielt mit erhobenen Armen die leichte grne Gestalt in den
tausendfach rieselnden Glanz hinauf.

Georg drehte sich weg und mute lcheln. Wieder hinsehend, fand er die
Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des
Menschen mit seiner Last ber eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu
sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grne
und rauschende Hhlen des alten Waldes zurcktrug.

Was war denn hier? fragte Magda.

Georg wute weiter nichts zu sagen als: Klemens.

Ach! Wo sind sie denn nun?

Verschwunden. Er hat sie weggetragen.

Gott sei gelobt!

Das sei er! Es giebt also doch noch -- Findungen in der Welt, wollte
Georg schlieen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien.

Aber, sagte er leiser, unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.

Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg
auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schlieen, bewegte sie sich nicht.

Das war der Letzte! sagte sie nach einer Weile, -- wohl im Gedanken an
andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen.

Ja, dann bringe mich bitte -- Sie verstummte, machte eine abwehrende
Bewegung und sagte: Aber ich kann ihn ja nicht sehn, und trat weg von
Georg.

In der Tr erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur
Meldung, da angerichtet sei.

Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Trne an den Wimpern des
Mdchens hngen, wartete noch Sekunden und sagte dann: Egloffstein
meldet, da angerichtet ist.

Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und lie
sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob
dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne
lcheln. Sie sprach wie im Traum: Irgendwo -- irgendwo -- sind sie Alle
wieder beisammen.

Er ergriff ihre Hand und fhrte sie hinber. --

Sie aen dann schnell und schweigsam an der fr zehn Personen gedeckten
Tafel, an der auer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling
erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal
fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit fr sie habe. Sie habe ihn ja
eigentlich fr sich eingeladen und ihn noch den Tag ber kaum gesehn.
Auf Georgs Erwiderung, da er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe,
aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen
Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu
trinken; sie mchte nur vorher etwas ruhn. -- Gleich darauf wagte Benno
eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war
hocherfreut, da Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte.

Zwar fhlte Georg sich mde und schlafbedrftig, brachte es aber nicht
ber sich, weder Benno abschlgig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna
zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit
weicher Erwartung, -- davon abgesehn, da sie ein Recht hatte, mit ihm
allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern.

Allein hinter den Tren sa noch der ruhige Tote, umringt von seinen
nicht mehr getrumten Trumen, die ihn lchelnd und weinend bekrnzten
...

Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fhlte ihre
Finger sich schlieen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg
zu und ging sicher zur Tr. Er schob seinen Arm in Bennos, schttelte
Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.


                           Siebentes Kapitel


                                 Benno

Ach! sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte
des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und
so dnne er war, die Hnde zusammenlegend und so hchstberrascht und
beglckt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. Ach! Hier
ist ja alles wie frher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist
unerhrt! Und Georg sah sein heies und immer gertetes Profil mit dem
Haken der Nase, der ber den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach
dem entgegengekrmmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen
Rucken, vor Freude rundugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten.
Er erging sich in Ausrufen. Die Vitrine! Und die japanischen Koffer!
Und da -- Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale,
die berm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zrtlich
erhobener Hand -- die Lampe! -- worauf er mit einem Knie in dem Sessel
lag vor Rembrandts Drei Bumen, und die alten Bilder! Im nchsten
Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg,
legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glck und
Scham und kaum hrbar: Und da ich noch hier bei dir stehen darf? Und
Du sagen? Und dich anrhren! Einen Herzog! Es ist unerhrt! Er
schttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fltchen eines fast
mtterlichen Lchelns.

Groherzog, sagte Georg, aber setz dich!

Mit einem Schwung sa er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in
Attitde, die Hnde im Scho, gradsitzend mit bergelegtem Bein, und bat
mit Kehltnen: Und jetzt mut du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du
hast Verse! Ich htte dich heute morgen schon bitten wollen, aber -- da
war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewhnen. Diese Renate
dazu! Man sieht sie an -- -- und man ist einfach -- -- hin! Er endete
verlschend und lie den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.

Aber Georg, fing er wiederum an, du bist traurig. Ja, dieser
herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...

Georg sagte, da er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen
knnte, wenn er nur welche htte.

Stehn keine in dem Buch? fragte der Enttuschte mit einem Blick auf
Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.

Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte,
ein Gedicht mu darin sein, aber -- es ist nicht sehr von Belang.

Georg setzte sich und begann zu blttern. Hier! Nein, das ist es nicht.
Nun, dann waren es zwei, -- also hre! Dies ist brigens noch aus
Berlin. Er las:

   Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein,
   Endlose Nchte, aufgebauschte Wonnen,
   Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein,
   Stein jeder Tag, gewlzt und dann entronnen --

   Jahrlange Mhsal und am Ziele Scherben,
   Verwelkte Krnze, Zweifel, Gram und Zorn,
   Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn:
   Und alles dies, damit wir endlich sterben.

   Und alles dies, da uns wie dnnes Laub
   Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen,
   Noch im Gehr, das schon erstickt und taub,

   Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, --
   Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub,
   Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.

Seltsam, es pat ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur da
es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre!


                          _Hora melancolica_

   Langsam gehen die Dinge uns vorber,
   Wolkig hinunter in die Ewigkeit.
   O Hades fern! es lockt mich selbst hinber.
   O spter Tag! o mdes Leid!
   Als fhren wir im Wagen eingeschlossen ...
   Da drauen gleiten Bume, Feld und Haus,
   Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen,
   Wir aber sehen immer nur hinaus.
   Was knnten wir denn tun in unserm Fahren?
   Wir wissen kaum, wer das Gefhrt bewegt,
   Und sehen nur verstndnislos seit Jahren
   Den bleichen Weg, den wir zurckgelegt.
   Was halten denn die Augen, die im Weiher
   Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich?
   Ach, strzte einmal doch herab ein Reiher
   Und trg uns flgelbrausend in sein Reich!
   Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen,
   Darum die Bume voller Schwermut stehn.
   Wir ziehn, wir ziehn, -- so werden wir die Leisen,
   Die alles mit gekhlten Augen sehn.
   Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen,
   Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefhr,
   Dies macht das Herz so schauerlich erblassen
   Wie treibend Schlingkraut in dem wsten Meer.
   Mit tausend Siegeln ngstlich eingemauert,
   Wir zwingen nichts hinein in unser Herz.
   Nur jeder Flgel, der vorbeigeschauert,
   Erfllte uns mit immer tieferm Schmerz.
   Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende
   Nur Mdigkeit. Die Augen sinken zu;
   Sie wollen nichts mehr, die getuschten Hnde,
   Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh.
   Und endlich kam es so, da wir nur gleiten.
   Gengsam wurden wir; die Blicke gehn
   Zu Wolken auf, um den Vergnglichkeiten
   Mit bitterem Begreifen nachzusehn.
   Die weicheren Gebilde in den Bahnen
   Des thers tun den kranken Augen wohl.
   O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen,
   Du einst unsterblich flammendes Idol:
   Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekmmert,
   Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt,
   Die jeden Makel an sich rasch zertrmmert,
   In ihre Reinheit grenzenlos verliebt!
   Die herrscherlich, mit Augen hart und sthlern,
   Mit Lwenschritten und mit Adlersgriff,
   Die mantelsausend strmte ber Tlern
   Und ber Berge nach den Brdern pfiff?
   Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmhlern,
   Und sicher trgt uns das gebauchte Schiff.

   Geschehen mag und gehen, was die Hnde
   Nicht schufen, nur berhrten fremd und blind:
   Der tatenlosen Liebe arme Spende,
   Der kleinen Hoffnung ses Angebind.
   Vorber ziehn die bunten Bilderwnde,
   Wir schauen und vergessen, was wir sind.
   Die Dinge schweben her und gehn hinunter,
   Wahllos hinunter nach dem einen Tod.
   Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter,
   Unwissend Lchelnde ins Abendrot.

Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. Das ist recht
schn, Georg, meinte er dann. Aber -- besonders finde ich es nun eben
nicht.

Es soll ja auch gar nicht --

Weit du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche --
Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trbe, unbegreiflich -- --, das
ist alles solcher Hofmannsthal. >Was frommt es, alles dies gesehen
haben?< Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung!
Oder doch?

Vielleicht nicht eben lnger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir
das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also
hchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.

Aber -- --, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des
Dichters?

Georg schttelte trbe den Kopf. Benno, du wirst nie im Leben
dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon
anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie
stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, -- wenn du magst. Hier ist
etwas ber Flauberts _Education sentimentale_, magst du das? Also hre.


                Zu Flauberts _L'ducation sentimentale_

Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem
Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprnglich haben
sollte, ausdrckt: >Drre Frchte<. Es ist drr, langweilig und von
erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen.
Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende
Daseinsgestalten, deren nchternes Gesetz leider jeden Schein von
firmamentaler Wirkung ausschliet. Der >Held< (der keiner ist und sein
soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer
Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene
umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewutsein seiner
selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne
Geist. Was hier Seele scheinen knnte, ist nichts als eine Art
romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur sthetisch,
das heit in seiner Anschauung berhrt (oder -- was fast schlimmer ist
-- moralisch, das heit an seiner brgerlichen Existenz mit ihren
Wnschen und Zielen, oder -- was das einfltigste ist -- an seinen
Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht
heit, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen
durchtrnken; es zu ernhren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen,
mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heit: Erlebnisse sammeln; und
so ist er selber am Ende (ich bltterte im Ende) nur ein Schrank voll
alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt,
unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite
des Buches erschien: _un jeune homme  longs cheveux et qui tenait sous
son bras un album_, -- nur da eben das Skizzenbuch mittlerweil voll
wurde. Undurchdrungen also -- und deshalb ungestaltet, das heit: ohne
Geist --, ungewandelt also -- und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele --,
unberhrt in beiden, die nicht vorhanden scheinen -- ist er auch: ohne
Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden auer Notleiden,
Brgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab,
wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun
scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die
leiseste Ahnung, da es eine Welt geben knnte, auer der ihren.

Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen
Krften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte,
sondern nur schaffen, aufbauen, von auen arbeitend, nicht von innen,
hin- und darstellend, weil fr ihn -- in seinen andern Bchern ist es
nicht anders --, wie gezeigt, letztes Inneres -- der Gott, die Seele,
der Geist -- nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, wrde ich
sagen, lge nicht auch ber ihm der Schatten des Giganten, der, wenn
auch keinen Gott, so doch einen Dmon in der Brust und einen tna im
Gehirn trug: Balzac.

Dennoch, wovon auch Balzac nichts wute, das ist: die Wandelbarkeit
einer Seele; ist: Verndertwerden durch das Leben; ist:
Durchsuertwerden und Swerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem
>wahren< Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten
sei und aus ihm gelutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das
menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem
Minotaurus, aber er wute so wenig wie Flaubert von der aus tausend
Opferfeuern darber aufsteigenden Sule Rauches, deren hchster und
gereinigter Niederschlag an der glsernen Nachtkuppel die Bilder des
Firmamentes bildet.

Freilich: in keinem Werk aller europischen Literaturen, weder der
franzsischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der
deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere
Form sich immer wieder jener herausheben lt, welcher der erste war,
Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nmlich erstlich und weniger
wichtig: da Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem
Franzsischen schpfte, und zweitens, da zwar immer von der >Form< des
Franzosen, seiner Begabung dafr, seinem Bemhen darum, geredet wird,
da es sich aber in Wahrheit bei ihm um >formales< Bemhen und formale
Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals
Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges,
das Streben nach Erlsung: Formung des Lebens ist das, Erlsung des
eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der
reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden
konnte als einen unwandelbar >reinen Toren<.) Auch Parzival war im
Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schne Dinge
sehen zu knnen, und: er fragte nicht.

Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der
Grne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion,
Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form
enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten:
Parzival mit dem Panier ber sich: >Wer immer strebend sich bemht, Den
knnen wir erlsen.<

Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich
diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was
bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein
armseliger Frderic Moreau war, _qui tenait sous san bras un album_, so
bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, da nichts kommt aus
nichts, da ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den
Stoff zuvor enthielt, das heit: _wenn_ ich heute etwas andres sein
kann, da ich es -- oh meine Unschuld! -- niemals ganz war.

Benno sprang auf wie eine Stichflamme, da die kleine Alabasterschale
bebte und pendelte. Ich kenne das Buch nicht, Georg, sagte er mit
emprter Gewiheit, aber ich kenne Bcher, die so sind! Georg sah,
sich umdrehend, mit glcklicher Rhrung all das lange Vertraute wieder
--, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrstung, das
Zurckwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich
Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast ber den Wirbel hochgedrehtem
Handgelenk ber das Stirnhaar Kmmen mit den Fingern, den
Unglcksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles
Se der Schuljahre wieder zu fhlen in der gebrochenen Stimme, ihren
glhenden Betonungen und gezogenen Pausen der berlegung.

Und es ist entsetzlich! fuhr Benno nach langem, erschpftem Dastehen
fort. Es ist die Flche. Nicht die Flche unserer Er--de -- --, die
sich wlbt und abhngt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben
gewlbt, und man kann nicht ber den Rand sehn, und alles was gegen den
Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das mu nach
innen zurckfallen. Schau--er--lich!

Fliegen mit ausgerissenen Flgeln in einer Glasschale, -- ja, das sind
wir.

Benno schttelte sich verneinend mit Leidenschaft. Nein, sage das
nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese
Stunden, diese _horas melancolicas_, und sie sind -- -- entsetzlich!

Nun, Benno, aber was heit das? fragte Georg behutsam. Ich denke, du
bist glcklich?

Benno setzte sich still und sah vor sich hin.

Du mut mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wre ein -- --
Ehrloser, wenn ich mich beklagen wrde. Ich bin verlobt -- --, ich werde
bald heiraten. Und sie -- -- oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie
ist -- -- sie ist -- wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so
rieselnd. Natrlich hat sie auch ihre Launen, gestand er voll Gromut
und Menschenkenntnis, warum wre sie ein Weib! A--ber -- -- -- Nein, an
ihr liegt es nicht, nur -- -- -- Es ist alles zuviel! schlo er, vllig
erschpft.

Zuviel, Benno?

Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel! sthnte er auf wie ein
gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. Alles ist zuviel!
Es ist kaum zu ertragen! Er sprang auf. Siehst du, was ist das
Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfnge! Nie sollte man
hinauskommen ber die Anfnge, und ich -- -- kann es nicht!!

Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! -- whrend er halblaut
sagte: Brentano!

Ja, natrlich, natrlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe
hinaus -- -- im April! im Mrz! an einem unverhofften Tag. Wie dich da
alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum da er nahte.
Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeliche
Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, --
-- wie ein Schauer Schnee. Und alles Glck der Welt scheint sie doch zu
enthalten -- -- diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du
willst weinen, du bist aufgebrochen, -- und nun erst -- wenn du liebst!
Georg, weit du die Nchte nicht mehr? Die endlos stillen Straen, die
einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde
Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich -- -- der Geliebten! Aber
-- -- Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthlt
mehr Wonnen fr das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten
darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich
schon zuviel, da ich sie kennen lernte. Als ich sie noch gren durfte
-- -- von weitem -- --, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!!
Nun -- sang er lieblich -- ist alles ganz einfach geworden. Ist aber
der magische Kreis einmal durchbrochen, was -- ist -- dann -- noch? Ihre
Stimme hren -- ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen --,
ihren Gang zu sehen --, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern!
-- ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhngen -- --,
oh Georg, wenn ich erzhlen wollte, ich habe Abenteuer erlebt -- --
unerhrt!

Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?

Benno lchelte schwermutvoll. Ich geniee halt meine Freiheit, sagte
er natrlich. Dann lachte er verschmt. Nun, Georg, so genau darfst du
das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genieen, wer will mirs
verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb,
sie ist edel, sie ist rein, aber da ich nun tglich ihre Hand kssen
darf, ihr Gesicht -- --, und sie ber alles sprechen zu hren, -- -- zu
sehn, da sie ungeduldig ist und hart und -- -- das, Georg, -- -- das
schlgt mich zu Boden!

Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno! fing Georg an und stand
auf. Es ist schn. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schn und
ergreifend, aber: es ist eine Schwche des Lebens, verstehst du? Stark
zu fhlen, ist noch keine Kraft, so schn es auch sein kann. Die Kraft
ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die >Intensitt des Erlebens<,
ja, so heit es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das
sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts knnen als zerflieen.
Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung frs Leben selbst.
Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern -- alldas bleibt
unbeeinflut. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber --
auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht -- --, um Erlebnisse zu
fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der
Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs
doch unbewut, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse
hineingestrmt. Ihr macht euch Zaubergrten von vornherein aus der Welt,
dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien
verstummt bis auf die der Trbsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schn,
weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gtig, das Leben
entgelten zu lassen, da es dir deine Trume nicht hielt. Aber sieh in
die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein
mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was wei ich, und
kaum da die Geliebte an ihrem Schuhband schnrt, wenn dich eben der
gttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen
ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verchter, die
tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lcheln der Dirne
entdecken, wo es >verreckt<. Sie rasen nach Gott durch die Welt,
schlagen Fenster und Tren zusammen, brllen: Ist keiner da? und dann
endlich -- endlich lchelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist
nicht zum Teufel, aber zum Zuhlter gegangen, und das Groartigste ist,
herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der
verlorenen Illusionen. -- Diese Folgerungen -- das heit nur diese
zufllig zeitlichen des Zuhltertums -- ziehst du zwar nicht, Benno,
aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklrt
und erhoben? Und bist du nicht schon getrbt und gesunken?

Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?

Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge
im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, -- das wre schon viel.
Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber -- man
sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, >die zehntausend Spinnen
in der Kufe<, das Getmmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen
darber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein
Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht
auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem
fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine
Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in
Leib. Leib fgt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine.
Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben s
gefunden habe, so war es darin. Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt
von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und
Cordelia --: die Eine war, was die Andre, und darum verlieen mich
Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.

Benno sa still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:

Du hast recht, Georg, natrlich hast du vollkommen recht. Immer hast du
recht, und berhaupt -- ich bin ja einmal so, da ich immer auch den
Gegenteil vollkommen begreife, a--

Aber, rief Georg das Wort, das er lngst kommen sah, aber du handelst
ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hngst ab nach zwei
Seiten wie ein Gespaltener und --

Benno lie sich nicht abschtteln, flchtete hinter Georg ins Zimmer und
rief, ihm unsichtbar, von dorther: Nein, und du hast doch nicht recht!
Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber -- -- soll es denn immer
so bleiben? Und wer macht denn, da es vielleicht einmal anders wird?
Wrde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wren wie du? Wer
sorgt fr nderung? Wir sind das, wir! Die Trumer, die Schwrmer, die
Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel
der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der
sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte!
Wir schreiben unsere Trume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken,
und wer die Schrift liest, den erfllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht,
Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure
Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an,
diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch
alles erwrgt! Wir, wir, wir, die Trumer, die Schwelgenden auf den
unerreichbaren Gipfeln, wir --

-- pfeifen wie die Rattenfnger, und pfeifen die Narren in den Berg!
rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach
verstummte er in pltzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja
keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?

Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du --

Vielleicht, Georg, -- und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir
miverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur --

Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. Hr auf, Benno, es hat keinen
Sinn. Weit du --, ich bin auch sehr mde. Tu mir die Liebe und la mich
jetzt ein bichen allein.

Ich gehe, Georg, ich gehe! Httest du mir doch nur gesagt, da du
vielleicht lieber schlafen mchtest. Es tut mir --

Georg brllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts
dieser schmelzenden Betrbtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah,
blo weil er an ihrem Ende erklrte, mde zu sein.

Benno nahm zrtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Blde zu sich
zu rufen, worauf er entfloh.


                                 Georg

Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den
Sessel. Er wollte sich eilig bemhen, zu schlafen und zu vergessen. Aber
die Lehne war rauh und hei, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu
schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein,
und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde
vielleicht kam die Anna. So rckte und drehte er sich hin und her,
chzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!

Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so
als strker zu fhlen und gtiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem
Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, da jeder Gegensatz an
dem, den wir lieben, uns mehr rgernis bereitet als am Fremden.

Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies
herausfhlen konnte aus mir: mu dann nicht doch ein quietistischer Hang
vorhanden sein? >Geh an der Welt vorber, es ist nichts.< Ja, was will
ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ndern; aber alles,
was ich sehe, ist, da ich vorlufig nicht kann ...

Er sa schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch
aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich
noch einmal nachzuprfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, da er recht
hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was
drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch
Angaben ber den Weg.

Noch unschlssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam
heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu
blttern und zu lesen.

Angehngt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:

>Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle
derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis
zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise
Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!),
die letzte ist eitel Lge, das heit nur Wahrheit des Augenblicks, der
aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber drfte ein Gebilde,
das dauern soll, die Prgung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat
wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die
strksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so
faul wie ein morsches Stck Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet,
und nur aus Miasmen.

Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der
Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir groartig genug
scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen.
Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der
Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und
Tritt nur Griff um Griff nach dem Nchstliegenden, Ausfllen mehr
schlecht als recht, statt Erfllung, -- warum zum Unheil mu mir ein
anderer Vers jenes Alters ins Gedchtnis kommen, wenn er auch, schlimmer
als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn
wohl, ob wider meinen Willen:

   Georg, der Trasse,
   Strzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
   Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.

Ach, giebt es keine Erlsung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir
hngt? -- Ah, ein Licht! eine se Strophe: wer sagte sie mir noch?

Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb,
stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwhnt habe,
eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich fr sie bestimmt
hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie
las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bsen Geist, den er
schleppen mute, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die
Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft
einmal erzhlt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten
hatte. Jason hatte sie spter fr Renate aufgeschrieben, und so hatte A.
die beiden Strophen daraus im Gedchtnis behalten, die mein eigenes,
leichtes Versgedchtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir
schien sehr schn, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos,
bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen muten im Schlaf:

   Oh Nacht und Tiefe! Drauen auf den Stufen
   Des Hauses ruht die Eumenide nun.
   Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,
   So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.

   Die ..... die Wlbung schwindet,
   Gestirne wandern ber Wldern fort.
   Blick hin: er steht schon lngst im Winkel dort,
   Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein
fremder, kein erst im Augenblick mhsam aus uns erschaffener, sondern
Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.<

Wunderschn! dachte Georg und ghnte. Alles ganz wunderschn! Blo --
wie soll ich damit regieren?

Immerhin, mu ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der
Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ...
sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.

Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesttigter Geschlechtstrieb?

Darauf entschlief er.


                                 Bogner

Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schnen Spaziergang
durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung,
die im Tiefland um Bhne, ein kleines Stck unterhalb der alten
Stadtwlle lag, bis auf ein nahes Gehft einsam in weiter und flacher
Gegend.

Renate wute, da Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das,
wovor sie stand, war ein kleines weigetnchtes Haus, hinter dem sich
das flache und schwarze Dach eines mchtigen Rundbaus -- der Reitbahn --
erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie
begrten sich hocherfreut, er fhrte sie in den Flur und gleich durch
einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde,
deren eine nur von einem groen und uerst dicken braunen Rosse bewohnt
war -- Renate kam es bekannt vor, ohne da sie sich gleich erinnern
konnte --, whrend die brigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen
vollgestellt waren, in die Reitbahn.

In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll
einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate fr Augenblicke fast
blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei groe Rechtecke,
die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern,
liegende Rechtecke, hher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren
im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, hufig bereinander,
hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben,
und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln
gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.

Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, da sie
zurckfuhr. Sie mute sich zusammenraffen, um die Augen auf das nchste
der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde
sie anzog.

Dieses Bild war sehr lang im Verhltnis zur Hhe. Einher vor einer drei
Viertel der Bildhhe fllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann
fahler Rosse, graugelb, lebensgro scheinend und berlebensgro durch
ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hlsen und Huptern,
langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein
einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in brunlichem Metallglanz,
trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte
geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand
mit einer groen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren
Streifen von Zgeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das
brunliche Wei seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie
das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom
Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getrnkt mit einer tieferen
Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel
des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in
Reihen bereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende
Ferne hinein. Und all diese waren schndlich entstellt von Verhhnung,
Gelchter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in
einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender
Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen
eher duldenden als ttlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.

Dies ganze unerhrte Schauspiel zeigte sich Renate in einem
auerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben,
nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille;
tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in
einem so fernen Frsichsein, da Renate glaubte, ber eine Mauer einen
Blick in verbotene Gegend zu werfen.

Endlich gesttigt frs erste, trat sie zurck und vor das nebenstehende
Bild hin.

Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf
einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau
Geharnischter ber einen Haufen Erschlagener schrg aus dem Bilde, statt
des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den
Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus
gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein
nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drben
in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach
hinten schlug, so da der Pfeilschu die Breite des Bildes berspannte.
Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhhung ein, und hier war alles hell,
weilich und silbrig, und silbrig grne und eisbluliche Erscheinungen.
Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weien Harnischen und
weien Pferden ein Reiterzug die Anhhe herauf und jenseits wieder
hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertmlichen
silbergrnlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem
dsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhhe weit und
breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der
Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als
solcher. Das weie, massive Ro in lichtblauem Geschirr bewegte sich,
den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem groartigen Pomp,
gefhrt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte,
so klein er war, die Zge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine
Wolke von weiem Licht um sich zu verbreiten.

Renate staunte, kaum atmend, ber die Stille. Die schmetternde
Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen
Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang
fr sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den
sonnenstillen Charfreitag.

So wagte sie sich vor das dritte Bild.

In einem Sessel sa hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus
verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weiem und braunem, Stufen,
Plattform und Sulengelnder, in einem Gewand von hnlichem schwarzem
Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend,
sehr still -- und pltzlich mit ihren eigenen, Renates, Zgen, den
unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr
der stehende Knabe in einem hellrtlichen Hemd, hatte ein sanft ovales
Gesicht, von schwarzen Haarstrhnen umrahmt, leicht brunlich, indisch,
und die mandelfrmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes
Lcheln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem
braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone
von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeielten Gliedern,
wei mit brunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu
erkennen.

Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender
Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mnteln, in
Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in brgerlicher Festkleidung
des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit
Purpur und dunklem Grn, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit
zaubrischem Rosa, gewssertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war
in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr
Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die
schwer ernsten Zge umwlkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.

Diese beiden Zge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in
ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich
scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchflieend
von links nach rechts, Brcken darber, Wlder entfernt, Gebude. Und
berall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflger,
Jger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in
Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen,
friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausfhrend, sein volles Dasein
darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen
Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhngnis. Ah diese
Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette
grnlich weier Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt
in einer atemlosen Stille; und ber ihr rieselte ein morgenfarbener
Himmel, vielleicht blulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von
Licht, von Rte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als
Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.

Renate verirrte sich vllig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das
immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares
aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede
Besinnlichkeit ber der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit
ihrer Zge von menschlicher Seele; als stnde sie vor blickender und
atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nchsten Sekunde schon das
menschlichste Lcheln ser Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann
versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in
Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bluliche Licht im
Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das
braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe
Leidenschaftslosigkeit all dieser Zge, dieser Gegenstnde haltenden
Hnde; dazu der Gedanke, da nur feuerflssige Leidenschaft eines
Schpfers diese gebildet haben knnte; da sie deshalb so unbeirrten
Ernstes erscheinen muten, weil sonst berma sich ergeben htte. Nun
aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte
sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der
Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrhe, die Einsamkeit,
vorber an dem stillen Fischer auf der Brcke, zu dem Hirten am
Waldrand, zum kleinen Pflger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder
fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene
Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mhsalvollem Leben in
dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der
zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen
niemals diese Berggipfel bersteigen wrden.

Sie merkte endlich eine Vernderung an ihren Augen und sah, da es
dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im
nchsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefhl von
Unheimlichkeit wandte sie sich um.

Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen?
Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nhe der
Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn,
nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der
dieses gemacht hatte.

Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die
Hand. Erfreut von der menschlichen Wrme darin, sagte sie leise zu
Jason: Freund, erklre mir dieses!

Dies, sagte der bereitwillige Jason, ist gemalt. Es ist ein Werk des
Lebens und deshalb hher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit,
sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein
krperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine
Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung.
Knnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was kme heraus
dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer
Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich
betreten lt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrhren knnen,
um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelst als ein sehr einfaches
Rtsel, nmlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den
Himmel gelangtest, -- wie fremd mtest du dir erst werden! Und dies ist
des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines hheren Lebens
hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des
Ewigen zutrgt.

Es scheint sehr einfach, murmelte Renate kaum bewut und mute sich
wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, da er vor
Erasmus stand, eine Hand auf der hheren Schulter des Freundes, der in
der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt
und zuhrte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewut, da
jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende
sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die hnlichkeit dieser
Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich
nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berhrend, dankbar zum
Einen, dankbar zum Andern: Ich wute es wohl, ihr seid Brder! -- Ich
habe euch lieb.


                             Achtes Kapitel


                                 Magda

Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich
eingetaucht in ein groes und schweres Gefhl der Feierlichkeit. Aller
Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von
Frische, sa er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten
Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als wrden noch
wie magische Tcher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen.
Drauen mute es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte,
zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger
Stcke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren
rtlichen Stricken, an der Wand berm Sofa die Bilder der Jugendjahre,
das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Trnische, hinter dem
grauen Rupfen der Bcherregale, zeigte sich fr einen Augenblick das
Zucken eines ewigen Auges.

Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen,
entschwunden uns fr Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.

Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fnf. Also konnte er kaum
eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?

Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im
Sonnenregen erschien mit der grnen Gestalt auf den Armen, -- dann der
Tote, aufrecht im Sessel, ein Schlfer, der sich gestillt hatte am
Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so da es war, als liee
die mystische Schwere, die Georg umhllte, keine tatschliche sonst zu.
Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich
gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am
Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und
lie sich nicht heben.

Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.

Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Sdflgels bedeckte,
wie an unzhligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hlfte;
Mauer und Fenster drben erglnzten im Ausdruck der stillen
Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist berall auf der Welt;
auf dem Dache, das, weil es hher war, sonniger schien, ruckte die
Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen
Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weie Turm mit dem
Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in
dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige berfahrt
der bergichten Wolken schn vorberglitt. Eine traumhafte Welle von
Heimweh und Abschied ging langsam zitternd ber dies hin und machte es
um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.

Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tr und das Eintreten
Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben
schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem
Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und
lautlosen Geschftigkeit fr eine Minute das Zimmer erfllte. Dann sa
Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee,
sie lie die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Scho, und fragte mit
lichter Stimme:

Ist noch alles wie frher, Georg? Hngt die Schale noch ber mir?

Ja, Anna.

Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?

Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied
nehmen.

Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand
nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht
nahe am ihren: Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend
etwas sehn?

Jetzt, sagte sie ruhig, sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen.
-- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es
ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin
oder erregt. Sonst kannst du glauben, da ich so viel sehen kann, wie
man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles
geworden, aber -- sie hob seine Hand, man kann fhlen.

Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen
Zge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll
und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber
gefleckte des andern Auges, -- er fhlte nach Sekunden, da ihr Mund
nher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berhrten sich
behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder lieen.

Eine Weile spter erinnerte sie ihn dann, da er ihr noch habe vorlesen
wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei
doch alles kaum von Belang, auer fr ihn selber. Zumal da sie alles von
Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein
paar Worte von Bogner stnden zwischen dem brigen. Bltternd derweil
hatte er bald gefunden.

Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er
erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<

Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt! rief Magda unschuldig.

Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann hre,
was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur
in Kunst zu verwandeln.<

Das glaub ich. Ja, so mu einer sprechen. Nur weiter!

Georg las:


                               Porzellan
                       (nach einem Wort Bogners)

   Das ist die edle Alchymie des Leidens,
   Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand
   Der Erde krftig zartes Porzellan,
   Drin Kochendes sich khlt, -- das dauerhaft
   Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.

Davon ist aber zumindest die Hlfte von dir, Georg, bemerkte sie
heiter.

Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies: Er las ernst:


                              Nur tiefer
                   (Im Gedchtnis Ulrika Tregiornis)

   Der Tote, den du liebst, an seiner Hand
   Fhrt er dich mit hinaus aus deiner Welt.
   Du siehst dich um. Und wie der Schleier fllt,
   Nur tiefer stehst du da in deinem Land.

Ulrika ... sagte sie leise. Dann: Welch ferne, ferne Musik!

Georg lie das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf
ihm lag. ber der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grne
Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob
sich darber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu
drfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die
allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr
wute, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes
fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.

>Wenn deine Freundin ber irgendeine Sache Trnen vergiet, und zwar in
einem Ma, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und
sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich wei nicht warum, -- so fliehe gleich
von ihr, denn ber vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir
oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Trnen sie damals ahnungsvoll
vorausweinte.

Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer
Rckkehr mitteilte, da sie nicht bleiben knne. Nicht nur ihr unmiger
Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und
sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei
andere mit sich, nmlich Cordelias Verzweiflung ohne Ma und Grenzen,
damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen,
damals, als ich sie kte.

Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehrt freilich
nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen;
und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.

Cornelia also geht. Der Mensch hlt sie fest. Dies ist auch ein
Grundsatz ber Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu
whlen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit
tdlicher Gewiheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum
Unverstand tdlicher Gewiheit.

Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaen von Krankheit besessen,
da er einmal wochenlang hungerte, aus Unfhigkeit, in einen Laden, in
ein Speisehaus zu treten, so da er vom Frhstck der Zimmerwirtin
lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mute er
und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel
welcher Gre oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den
Straen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, da es nicht das verlorene
war. Heut ist er krnker als jemals, einem Idioten hnlicher als irgend
etwas das sein knnte; was an ihm zu tun ist, knnte jeder Wrter gerad
so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wre standhaft, whrend
Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie mu. Ihr bricht das Herz im
Gefhl fr mich; aber sie mu.

Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu
bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es
nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim fr idiotische Kinder
sah ich strotzend blhende junge Mdchen und Frauen sich abmhen mit
diesen fr alle Ewigkeit verdorbenen Geschpfen, an die sich all jene
schne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos,
da, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine
gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen
werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das
erstlich Wnschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit
zu heilen? (davon abgesehn, da es in diesem Fall nicht einmal um
Heilung geht.) Die rzte, soviel ich wei, unterschreiben mir den ersten
Satz, jene jedenfalls, die fr den Kranken dazusein glauben und nicht
fr ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit
wre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so knnte die Hlfte
aller rzte Anwalt werden oder Pastor, um statt fr Krperheil fr
Seelen- und Vermgenheil zu sorgen. --<

Willst du nicht mehr lesen? hrte er sich, noch bevor er die letzten
Stze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick
berfliegend:

Etwas htte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast
es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die berschrift
heit: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit
mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich mchte dich
bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, da es -- nun, da es sich nicht
um Einflle handelt, sondern da es -- wirklich mein uerstes ist,
nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich
er--lebte. Es sind Wochen vergangen, whrend ich es schrieb, und das
wei ich noch, da fast jeder Satz so langsam kam, als whrte er eine
Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.

Georg brach ab und schwieg. Eine Weile spter begann er zu lesen.


                                Ultimo

                                         Motto: Wahrheit ist es nicht;
                                                es ist meine Wahrheit.


                                   I

Wenn wir uns klar zu werden versuchen ber die Wirkung eines Dinges auf
uns, das wir schn nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur,
der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort
lauten: Befriedigung.

Wir fhlen da eine magische Kraft von dem Schnen ausgehend uns treffen,
die, vom tiefsten Erstaunen zur hchsten Freude, eine mehr oder minder
mchtige Wallung in uns erregt, als wrden alle gelockerten Bestandteile
unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fhlten wir in diesem ersten
Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehren. Danach
atmen wir auf; der Schrecken besnftigt sich, das Unglaubliche, die
Fremdartigkeit des Schnen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt,
und nun fhlen wir uns erlst, fhlen uns geheilt, fhlen uns zufrieden.
Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle
zusammengeschossen, und das Schne ist der Kristall. Die Verworrenheit
der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schne
ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschlielichkeit des Schnen,
die alle andern zurckdrngt hinter seiner glckhaften Erscheinung, sie
vollendet in uns die Gewiheit, da die Welt zu einer Ordnung kam, zu
einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.

Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, da, was
wahrhaft schn ist, auch gut sei.


                                   II

Geflligkeit, dies ist die Wurzel des Schnen. Was dem Menschen gefiel,
das taufte er schn. Nun aber hat es nichts Schnes oder Geflliges
gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht htte. Wir heute sind
wohl imstande, eine Blume, eine Frbung des Himmels -- Dinge, die frher
auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch -- wohlgefllig zu
empfinden; denn das Schne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren,
wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Da dies heute so ist, kann
einzig daran gelegen haben, da die einstmalig unbewute Erkenntnis des
Schnen ganz durch uns durchging: da wir ein Ding machten mit unserer
eigenen Hand, das unser Gefhl fr Geflligkeit zum Ausdruck brachte.
Wir muten dem Geflligen auer uns, das wir erkannten, nachahmen, was
nachstreben heit, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem
ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir muten
empfangen haben, gnzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser
Wesen verleiblicht haben, um es schlielich aus uns heraus zum Quellen,
Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schne -- nunmehr zum zweiten
Mal auer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum
nun, beglckte uns durch sein lchelndes Dasein.


                                  III

Es war eine Schale. Es war die einem Tierschdel nachgeahmte, aus Binsen
geflochtene, mit Lehm verklebte, gewlbte, gerundete, geglttete erste
Form eines Gefes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie hnlich
geworden, weil sie rund und glatt und gefllig war, weil der Mensch sie
gemacht hatte, nicht die Natur.

Und welch unbewutes und hierin unendliches Gefhl der Sicherheit!
Sicherheit im Knnen, im nun Wiederholenknnen, in der ganzen
Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem
notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Ma war jetzt geschaffen,
der Mensch hatte Mae, die sich abnehmen und anlegen lieen, und er
konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen,
die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne
da es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst,
ein Hundertfltiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm
diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulsen
durch die Verzierung. Er besa nun das Schne.

Der Mensch wirkte das Schne mit vieler Mh. Der noch keines Guten sich
deutlich bewut war, schon war er gut durch eine Kraft der Gte, die ihm
aus den Hnden quoll in das Werk.

Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und
die Nimmermdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun
schon durch Geduld.

Geduld, die Erhalterin seiner Mhseligkeit; Geduld, welche dann ihn
belohnte durch das erschaffene Schnding aus seiner eigenen Hand.


                                   IV

Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta
des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir
bis ins Unzhlbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schne
vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und
Ei, unkenntlich, was frher gewesen; sondern die nun gegeneinander
gerichtet stehn, die wir abwgen, die wir gar zu Feinden gemacht haben,
da wir sagen: das Schne ist unntz, aber Gutsein ist not! Und da wir
den einen Schnling nennen, der bei vieler Liebe zum Schnen kein Herz
in sich habe fr das, was gut ist.

Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide
einmal Eines gewesen sind, Schnes und Gutes, gleichviel denn, welches
das Erste gewesen: mssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die
gleichen sein wie des Schnen, und die Wirkung die gleiche: ein
Wohlgefallen, eine Erlsung, eine Befriedigung?

Ja. -- Das Schne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das
Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefllig ist
uns das Schne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der
Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefllig ist
uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte,
wegen des Friedens, den sie ber unsre Verworrenheit brachte.

Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Bse; Einfachheit und
Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.

Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Trstung.

Bses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in
dem Menschen, der sie erkannte, so da sie in ihm waren. Der an dem
Einen litt, so da er das Andre empfand.

Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam.
berflle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das
Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,
da er es nicht leide! Da er es in sich erleide und zu ndern willig
werde. Er, der leiden lernte durch das Bse und sich heilen durch das
Gute.

>Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Bse, das
ich nicht will, das tue ich.<

Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Bse, und ich tue sie allezeit,
da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl,
aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Rmer 7, Vers 19 und 18.)


                                   V

Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur
dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurckkehren,
seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, da in
ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthus:

>Ihr habt gehrt, da da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
aber sage euch, da ihr nicht widerstreben sollt dem bel, sondern, so
dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den
andern auch dar.<

Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drckte er
seine Lehre so gegenstndlich aus; stellte zwei Menschen einander
gegenber und wies auf den Vorgang.

So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang
auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des
Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.

Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlgt einen andern;
ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte
sich also von dem andern ein Unrecht zugefgt, rechtete mit ihm, traf
ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur
dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, --
was heit das?

Es heit: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das
heit fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil
jener glaubte, ich htte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein
-- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch
irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind
allzumal Snder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die
andre Wange darhalten.

Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemtsverfassung
eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche
Erwgungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?

Geduld.

Geduld, o du zeugender Vater des Schnen! Geduld, o du leidende Mutter
des Guten!


                                   VI

Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten;
in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er
vielmehr ungeduldig geworden, so da ihm immer das Licht unter den
Ngeln brennt, so da er nur schreien kann: Auge um Auge!

Und gesetzt also, es trte einer auf, der htte die heilsame Panazee,
und die ganze Menschheit strmte zu ihm und liee sich impfen mit
Geduld: wrde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, wrde sie heil
werden und gut?

Nein, sondern die Lymphe wrde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in
ihr in Gift verwandeln, und die unaufhrlich zerdrckte, verschluckte,
verbissene Ungeduld wrde sie so zersetzen, da sie am Ende zerreien
mte.

Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann,
wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie
auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie
einhalten. Geduldig sein heit zurcktreten; geduldig denken heit
zurckdenken: sie kann immer nur vorwrts.

Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?


                                  VII

(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus
die grte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit
dem Leiden darin zufrieden. Vergelich beschaffen, wrden sie ein
andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen,
aber aus sich heraus wollen sie kein andres.

Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, da sie nicht
zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und da alles anders sein
sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermgen sie sich von der
zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen
nicht ein >Alles<, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ndern wre, sondern
nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der
Andre das, welches gendert werden und welches gendert auch alles
brige umwandeln mte, -- und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige
sind, die das >Alles< erkannten und die volle Unmglichkeit dieses
Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.

Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch
den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begngt, ein System zu
entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als
den heiseren Nachtschrei zu Gott.)


                                  VIII

Geduld dchte rckwrts und wrde erfahren: die Schuld liegt bei mir;
Ungeduld denkt nicht.

Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.

Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwche ist
Mitrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht
das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mitraut sich
selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei
keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott.


                                   IX

Unzhlbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben.
Lsen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der
Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten
scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):

>Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird
leben, ob er gleich strbe.<

Und das andre (im Paulusbrief an die Rmer, Kap. 3, V. 28):

>So halten wir nun dafr, da der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes
Werke, allein durch den Glauben.<

Wie mu einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und
Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen
Dasein verbrgt war, so da es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte
--, und die Gtter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie
hatten keine Satzung daraus gemacht.

Ich mchte fragen: Mu nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und
anzog? War es nicht eben so, da die alten Gtter kraftlos geworden
waren, da sie sich erdrckt hatten durch ihre Vielzahl, da ihre
unhaltbar gewordene Vielfltigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue
Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem
geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?

Mitrauen gegen die alten Gtter bereitete dem neuen den Weg, denn die
Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner
Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!

Das Wort leuchtet wie keins. Seine berzeugungskraft flammt so heraus,
da auch der Unglubige sich ergriffen fhlen mu; da er, solange er
fhlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit,
in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,
blindlings zu sein und zu glauben.


                                   X

Was heit glauben? Das griechische Wort heit >_pisteuein_< und
>_pistis_< der Glaube. Es heit, berzeugt sein, da etwas so ist, wie
es sich darstellt, und darauf vertrauen.

Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heit
glauben?

berzeugt sein und fr wahr halten, da Gott der Herr ist, der die Welt
erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhlt; da er allmchtig
ist, allwissend, und allweise; da von ihm alles abhngt, da er die
Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die
wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an
mich glaubt, der wird leben!<

Die Worte stehn da, unmiverstndlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube,
so heit es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es
weiter?

Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mitrauisch beschaffen;
waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder fr sich allein
glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den
ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue
wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die
Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalitt, im groen
Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mitrauen nahm
berhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im
Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der
Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen
der alte Auengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwrdigkeit
verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen,
die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die
Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, ri Gott aus den Himmeln
herunter und verzehrte ihn, so da es nun hie:

   Ich wei, da ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
   Werd ich zunicht, er mu vor Not den Geist aufgeben.

Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in
allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das
glaubten, waren die Starken, die Inbrnstigen, die Feurigen, Seelischen,
Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,
ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich
dmpfte, und der noch einmal einen stmmigen Herrgott schuf nach dem
Bild seiner Stmmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,
bald auen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die
Menschen keinerlei Widersprche ertragen knnen, so bildete sich auch
kein Luthertum, sondern ein khler mittlerer Protestantismus, der
vielerlei Mglichkeit offen lie bis zum vllig Absurden einer heutigen
Liberalitt.

Die Schwachen aber, die Haltbedrftigen, all die Notleidenden, Kranken
an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die
Unterdrckten, Taglhner ihrer Hnde, Sklaven der Maschine,
Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld
ber sich, ohne Schnheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens:
die sollten an einen Gott glauben knnen, der in ihnen ist, der sie
selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung,
ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?

Vielmehr hat der Teufel Mitrauen sie All an der Kehle und beit ohne
Unterla hinein.


                                   XI

Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche
Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich
diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte
und berall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise
des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfnglich unklare
oder gar bewutlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines
nichtpersnlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und
durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in
allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja,
zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit
dem Persnlichen unauflslich verbunden. Warum denn Glauben, warum
Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenhnliche, aber ungeheure und
unfaliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen
und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im
Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen
das Walten einer solchen Kraft untrglich an, und was brauchts da ein
Herz, um zu glauben, was ich wei?

   Erfll davon dein Herz, so gro es ist,
   Und wenn du ganz in dem Gefhle selig bist,
   Nenn es dann, wie du willst,
   Nenns Glck, Herz, Liebe, Gott!
   Ich habe keinen Namen
   Dafr! --

Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht,
wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die
aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da
die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und
Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom
Nichtandersseinknnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die
Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und
Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heit ein >darf<, wo alles >mu< sein
sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit
vortuschen: er, der brigens doch wohl an einen persnlichen Gott wohl
oder bel glauben mute, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit
Hnden greifen konnte. Wer aber, nicht um zu tuschen, sondern zum
Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht
durchaus faliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Krfte
innerhalb dieser natrlichen Grenzen gttlich nennt, -- nicht nur zur
Unterscheidung von anderen hnlichen Krften und nur um einen Namen zu
haben, sondern um einen urschlich unterschiedenen Gott daraus
herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann
mich nicht verfhren. Wenn gesagt worden ist, da die Toten auferstehn
werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen
spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit
Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des
Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften
kommen, unglubige Priester, hoffende Mtter und einfltige Hirten zu
belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glck, Herz, Liebe --
Gefhl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der wei, was ich
nicht wei, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes lt sich mit jedem
mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehrt; aber all
dieses sind unfruchtbare Bemhungen und Versuche, einen Gott im Leben zu
erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.


                                  XII

So blieben denn zwei Mglichkeiten ber.

Die erste wre: Ich glaube. Das heit: Ich bin berzeugt und ich halte
fr wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem
vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft
daran auch in diesem und jenem Augenblick die fhrende oder
erschlieende sein mge: halte fr wahr mit aller Kraft meines Herzens
und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmchtigen Schpfer aller
Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_.

Auf solch einen Gott vertrauen, das heit einer Vollkommenheit gewi
sein, ob sie auch ber alle Fhigkeit menschlicher Wahrnehmung und
Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewi sein und also fr die
Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, fr das Bse oder das Leiden die
Hoffnung hegen voller Vertrauen, da auch sie ihren Sinn habe nach dem
Willen des hheren Wesens, und da sie diesen Sinn irgendeinmal
offenbaren, sich auflsen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die
zweite Mglichkeit wre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine
Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft,
dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.

Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschrnkt, das will sagen auf
die Menschheit. Die Fhigkeit, mich selber und meinesgleichen zu
ertragen, die mir dort aus meiner Gottglubigkeit wuchs, mu nun aus mir
selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle
des Glaubens trte das Sittengesetz.

Und wiederum zwei Mglichkeiten dahier.

Die eine, die fr den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht
verloren geben Wollenden, der sich krftig genug fhlt, gottlos, will
sagen heillos zu leben. Fr ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! --
Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine
untrgliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu
Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nchste allein immer gerichtet,
das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die
denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit
sich selber hat. Trstlich auf solch einen Weg mge dann das schnste
Wort leuchten, das ich fand:

>Wir rhmen uns auch der Trbsale, dieweil wir wissen, da Trbsal
Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt
Hoffnung; Hoffnung aber lt nicht zuschanden werden.<

Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gnzliche Errettung zu
denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick fhrt der Weg der
Geduldigkeit, und es glnzt uns der Stern der Hoffnung, da wir nicht
gnzlich zuschanden werden. (Rmer 5, V. 3-5.)

Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.


                                  XIII

Welche Mglichkeit aber bliebe fr Alle die, denen aus irgend Grnden
die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Mglichkeit fr die Befangenen in
Mitrauen und Ungeduld? Fr all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,
fr die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflchlichen, Tanzenden; fr die
Masse, die >Welt<?

Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen
erdacht und geschrieben; es htte aber mir nicht eine solche Not sein
knnen, es htte nicht so sehr meine Sache sein knnen, wenn nur ich
allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen
wre, also da ich nur mit Bewutsein leiden kann an etwas, das Alle, ob
auch unbewut, unaufhrlich erleiden. Somit, da, wenn ich einen Weg
suchte, ich ihn nicht suchte fr mich, sondern im Auftrage gleichsam All
derer, die nicht einmal suchen drfen. Ach, wre sie denn so gro und so
unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wre und ich nur ein
Gegenstand in dem Sturm, der ihn schttelt!

Aber mir bleibt aus dem Gefhle der Hoffnung, die ich selbst fr den
nchsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein rmlicher
Ausblick ins Fernste. Und Mitraun und Ungeduld, denk ich, sie werden
fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...

>Denn wir wissen, da alle Kreatur sehnet sich mit uns und ngstigt sich
immerdar.< (Rmer 8, V. 22.)

>Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der
verstndig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle
abgewichen und allesamt untchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue,
auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen
handeln sie trglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist
voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Fe sind eilend, Blut zu vergieen;
auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des
Friedens wissen sie nicht.< (Rmer 3, V. 10-17.)

Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit,
da Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, da Klarheit mglich
ist. Das Gute ist das Bse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es
leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen
wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so gttlich
ist unter den Menschen, da sie ganz aussieht wie ein Gott.

Ja, da sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von
Gott.

Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder,
damit in Wahrheit auch Gott heie, was allein gttlich ist: die
Vollkommenheit.

                   *       *       *       *       *

Georg schwieg. Magda sa, wie sie zugehrt hatte, grade angelehnt mit
geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit
dem er ausgelesen hatte, fhlte er langsam das feierliche Empfinden von
zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die
besonnten Dcher und in die Klarheit des thers lie es augenblicks
schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hrte er Magda sprechen und
schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate
gehrt hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:

Und um so ser verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im
Herzen ertnt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knpf ich
und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not.
Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in
dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in
der Liebe ist.

Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem,
was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht
erschttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergnzung
bildeten zu den gelesenen, fast so, als wren jene um dieser willen
allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein
Glck, sie, die er am Morgen so anders, ja fast berhrt hatte, noch
einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --

Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, ber den
Schreibtisch gebeugt, nach drauen zu sphn, und entdeckte, als ob er
ihr Vorhandensein geahnt htte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die
Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Flche zu dritt
spazieren zu gehn, Klemens links, die Hnde auf dem Rcken, Irene
rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal,
in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:

Ein Rtsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich
Drei, was ist das?

Sie erwiderte getrost: Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...

Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort
gewnscht.

Und nun, sagte sie, sich zurechtsetzend, nun mchte ich noch ber
Benno mit dir sprechen; wieder als ob sie vor einer Reise stnde und
letzte Anordnungen treffen wolle. Ihr werdet euch ja nun selten mehr
sehn, und vielleicht erst in spteren Jahren wieder, denn du hast nun
Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird
dort heiraten. -- Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und
falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner
der Strksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wnschenden, von den
Schwebenden einer, die von allem mchten, da es weicht und nicht nahe
kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein knnen in Diesem oder Jenem,
in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glck oder Unglck.
War er nicht immer unglcklich im Hause seiner Eltern, herumgestoen und
herumgescholten, und sa er an seinem Klavier, so war alles vergessen
und er selig. Oft habe ich mit ihm ber seine Anlage gesprochen. Er
sagte, am liebsten sei ihm wie in Hlderlins Wort: >Wie so selig doch
auch mitten im Leide mir ist!< Er hat keine Anlage zum Glcklichsein.
Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwrmt er, nicht wahr? er
liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche
ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr
ein warmer Strom, in dem er glckselig treibt, als ein Stoff, den er
verarbeiten kann.

Georg, der alles sehr gut verstand, lie sie schweigen und weiterreden,
da es ihr augenscheinlich wohltat.

Vor kurzem klagte er wieder, da er heiraten will und auch nicht. Ja,
er schwankt noch immer, aber natrlich wird er es tun Sie lchelte. Es
ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, da
seine Elfriede, wie ich hre, ein beinah lasterhaftes Geschpf ist,
jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll
Bosheit, -- die an ihm weiter nichts haben will, als einen berhmten
Mann, und wird er das nicht --, nun, aber auch das wird ihm nicht gro
Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, da sie recht hat, und er leidet
ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgetrumt haben
vom Frhling und den Anfngen und alldem, und wie es viel schner
gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die -- hat er,
Georg? Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: Aber so
braucht er das Leben. Er mu sein Glck immer in einem Unglck haben,
und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewiheit deiner Freundschaft
und Liebe nicht nehmen, denn -- ich wei, Georg -- die gehren zu seinen
Schtzen. Deren Verlust wrde ihn wirklich schmerzen.

Ich wei, Anna, ich wute alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er
macht mich leicht unwirsch und --

Ja, du weit es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du
willst dich nicht immer danach richten! -- Es wird ja auch gut sein,
wenn ihr euch nicht so hufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich
nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, -- man mu sie
gleich in Frieden lassen, sonst reits weiter und weiter. Es ist nun mal
so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nhe zuviel bringt uns weiter
auseinander als Jahre der Trennung, aber --

Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klger als ich!

Siehst du wohl! Es luft keiner so schnell, da man ihn nicht einholen
knnte.

Na, das war aber Unsinn, Anna!

Sie lachte, fgte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die
Hnde ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um
ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen
blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll
zugleich.

Und nun leb wohl, mein Georg! sagte sie mit wunderlicher Festigkeit,
mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und wei,
da ich nun nicht mehr vonnten bin. Ja, Georg, sprach sie, seine Hnde
festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: du hast
wieder einmal nichts gewut, und fr Rieferling war keine Zeit, und so
ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch
nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen
getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen -- denn das will
ich, Georg! --, und du httest es ja nicht gewut! Mein lieber groer
Junge, es werden nun bald vier Jahr, da ich den schweren Weg mit dir
gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewut, da ein
Mensch ntig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit
tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem
ganzen glhenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich wei,
was du nicht weit, und ich mu nun gehn und an mich selber denken. Ich
nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrckt werden, es
bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen
wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schne Gewebe des Lebens
zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein
Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der
Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedsku haben wir uns vorhin schon
gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder!
Und heut abend hrst du mich singen.

Sie brach ab, nahm ihre Hnde, bevor er sie noch ganz an die Lippen
htte heben knnen, aus den seinen und ging zur Tr.

Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hrte ihre
Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte,
so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heier Krampf
schttelte seine Brust; er glaubte, in Trnen ausbrechen zu mssen, aber
es blieb alles still, und aus einer unermelichen und feiertglichen
Leere sagte er langsam und schwer:

Das -- war -- es.

berdem aber hrte er ihre Stimme von der Tr her, erinnerte sich, da
sie noch gegenwrtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: Was
sagst du, Anna?

Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg.
Denn -- sie machte einen Schritt auf ihn zu -- ich wei wohl, in was
du dich verstrickt hast, aber -- in alldem -- -- Georg, hat es dich
nicht unsagbar glcklich gemacht, zu wissen, da er wirklich dein Vater
war?

Wie -- meinst du?

Georg war zumut, als ob er sich auflste. Oder als ob zwei Riesen, zwei
Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine
Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er
glaubte zu fallen, bemhte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu
verstehn, was alldas heien sollte, konnte aber nur wrgen und nicht
sprechen.

Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. Georg! schrie sie,
weit du's denn nicht? weit du's denn gar nicht?

Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stcke. Er zerrieselte
hlflos. Bume, Bsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und
verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentmlich schief, er
dachte: Was ist denn jetzt? sprte einen leisen Schmerz an Schulter und
Hfte und mit einem abscheulichen Gefhl von belkeit, da er lag. ber
ihm flog eine klgliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schlo die
Augen.

Langsam quoll ber die schwindende belkeit eine Erleichterung aus dem
Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewutsein des tiefen Liegens. Er
fhlte seine Hnde na, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht
stren lassen und sthnte nur leise. Hnde tasteten an seinem Gesicht,
er fate ermdet danach und ffnete die Augen.

In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wlzten sich zwei Strme
herum; einer, der ber alle Begriffe glcklich war, hie: Vater; der
andre, der schwarz und gallebitter war, hie: Tod, und auch: Schuld.
Pltzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und
mute sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die
Anna sttzen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz
mehrmaligen Ansetzens nicht zu.

Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mdchen,
und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefhl zu ihr aufblickend, begann
er zu fragen:

Sage mir ... Wer wute dies auer mir?

Sie schwieg, bedachte sich und zhlte leise sprechend auf: Renate und
ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.

Woher?

Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir
glaubten Alle, da du es wtest.

So mute es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -- wer war dann
meine Mutter?

Jene Frau -- in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mut es ja kennen, und
dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...

Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach
langer Zeit eine leise Berhrung auf seinem Kopf zu spren. Als er die
Augen wieder ffnete, war er allein.

Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit
einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? -- Er
merkte, da er etwas Riesiges in sich hinabgedrckt hatte; wenn er daran
rhrte, wrde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna
zurckrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mut allein
fertig werden! -- Aber im Augenblick fand er sich schon berwltigt.
Sein letzter Gedanke war: Bogner, und da der ihn erwartete. Das war wie
Bestimmung. Bogner, Bogner mute helfen, und schon rasend vor Angst und
Verlangen, war er an der Tr, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so
ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon
er indes nichts Bestimmtes wute, als er es tat. Dann war er im Freien.


                            Neuntes Kapitel


                                 Georg

Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte
besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrne Waldung hinein. Etwas
Bluliches stieg daraus auf, gewann Umri und Dichte und ward der blinde
Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:

Das wutest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte fr spter, mute
er darin liegen, da du jetzt gehst ...

Ja, sagte sie unhrbar und lchelte, indem sie fortfuhr:

Und da ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus
Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben fr das, was ich
wegnahm ...

Georg lchelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen
Nebel auflsen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern,
graublau, wolkenlos, -- und jenseits der Saatfelder unfern lagen die
Huser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken,
glhenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grn,
bergoldet, schattenreich, singend von Stille.

Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, da hinter ihm die Landstrae war und
jenseits die Rampe von Helenenruh, und da der Schatten des Hauses ihn
und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewut, da er es eilig hatte,
da er zu Bogner wollte, zu Fu, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was
er deutlich wute, war das Hinwegwischen ber etwas, das wie ein Dampf
in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.

Ihm war auf dieser Wandrung -- Wiesenpfade in unendlichen Windungen,
ber Knicktore, durch Gatter -- nichts bewut als das kalte Lustgefhl
des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste,
wahrnehmend in einer brennenden Gegenstndlichkeit, und doch nichts;
nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und
Einschlrfen der Luft beim heftigen Atmen, in der khle und warme Wellen
miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wute kaum, wohin er ging,
er sah vor sich immer nur die bluliche Lichtwand des ruhigen Himmels,
atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das
starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich
zustreben mute.

In Wassergrben, dunklen, erschien ein beglckendes Blau; kleine Kreise
regten sich blank, seltsam hoch ber dem Blauen, auf der glsernen
Flche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen
der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und verga es. Der Ausdruck der
Umzunungen, ber die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf
Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl
von Eindrcken glaubte er bestndig zu empfangen, eine Unzahl von
Gegenstnden zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mute
vorber, er sagte: ich wei es lngst! eh sie zu Worte gekommen waren
und hinter ihm zurckblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch
sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er,
brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen
Anhhe bei kleinen, dunkelgrnen Wacholdern, die Schatten warfen, und
sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern,
ihrerseits etwas erhht, Dcher und Trme, scharf, klar, leuchtend, die
Alleen der alten Wlle ringsum, deren schrge, schattenlose Bschungen,
den toten Fluarm, teils dunkel, teils rasengrn, die Ketten von Hecken
und Zunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht
bertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit
spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief
berleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in
Abendfriedlichkeit und in Ostern.

Lange staunte er dies an. Mein! sagte er pltzlich und atmete tief. Da
schwoll, tief in den dunkleren Sden hinein, das unendliche Wiesenland,
wo das Auge fortgefhrt wurde von immer enger zusammenrckenden
Wldchen, ganz kleinen Drfern, und hinuntergezogen ber den Rand in das
verheimlichte Dster immer weiterer Lnder. War es mglich, da die nach
allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem
Gelnde?

Hoch oben in Lften richtete eine Woge von Glockengelut sich auf, stand
mchtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme
sagte: Charfreitag ... Und nun -- oh, welche Wehmut! -- --

Nein, sagte eine andre Stimme nahe ber ihm, sehr fest und
unmiverstndlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du
unmglich eine Schuld haben an seinem Tode.

Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken ber die Unumstlichkeit des
Satzes.

Das ist vllig wahr.

Ich kann es nicht glauben.

Hierauf kam keine Antwort.

Georg wandte sich langsam um, mute aber schnell die Lider
zusammendrcken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen
Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben
mit einem gttlichen Ungestm in alle Weiten schossen, und das Land
brannte unter ihnen in Lohe. -- Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie
sinkt, und ich bin nicht fertig!

Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwrzlich, und
Wacholder, klein, dunkel und ernst. -- Soll es hier sein? jetzt? Soll
ich versuchen?

Pltzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war
dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich
nun bin, Frst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie
ein prunkvolles Gef, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mute
in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wchse, all dies? all diese
Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder
aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch
voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch
mich selbst -- nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn
meines Vaters sein? Und dies heit: von Gottes Gnaden?

Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu frh, viel zu frh! es mu ja noch --
erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich
denn? -- Nein, sieh, das mu Bogners Haus sein!

Wenige hundert Schritte weit sdlich stand ein weier mchtiger Rundbau
mit schwrzlichem, flach geschrgtem Dach und flacher Laterne; breite
Fenster unter dem Dachrand flammten glhend golden. Ein kleines weies
Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhngen.

Pltzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade
zwischen dem Haidekraut die Anhhe hinunter, sprang ber einen Graben
und gelangte ber eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige
Schritte zur Rechten vor der Tr jenes kleinen Hauses endete. Es war
durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden.

Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tr aufklinkte. Drin
war ein dmmriger Gang mit geweiten Wnden und Tren, von dem rechts
hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Tren erschien eine
weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.


                                Cornelia

Die dunklen, runden, klugen, gefaten Augen. Das straff aus der Stirne
gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die
Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die
eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich
aber sonst.

Sie kam zgernd nher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm
stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die
Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, da sie sich auf die Lippen
bi, sich abmhend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies
leicht tat, schien es ihm das Beste, sie tte es gleich.

Er legte deshalb den Arm um sie und mute lcheln, als er gleich darauf
sprte, was ihr eigen war: da von dem berstrmten Gesicht ein warmer
Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.

Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus
dem Grtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr
Gesicht, nahm seine Hand und fhrte ihn still in ein sehr kleines Gemach
mit Bett, Tisch und Schrank.

Wohnst du hier? fragte er. Sie nickte. Lange schon?

Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu
dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob
ich nicht herberkommen wollte, ihn besuchen, und es lge bei ihm alles
drunter und drber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er
hatte nun eine Haushlterin, aber die ging pltzlich, und so viel rger.
So kam ich her. Von Magda hrte ich dann, du kamst heute, und bat sie,
dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.

Ich kam spt, sagte Georg. Ja -- und weshalb bist du nun hier?

Sie zuckte die Achseln. Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es
nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.

Georg lchelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und
Erklrungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam
sagte, da er sie nicht liebe wie sie ihn und da sie das wisse. Sie
senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach
Sekunden sagte sie:

La mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.

Georg begriff dieses stark. Lieben knnen gengt, dachte er, indem er
sie an sich zog und sagte:

Du kannst im Schlchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider
sehr wenig Zeit. Das Beste wre vielleicht, da wir heiraten. Ich habe
keine Vorliebe fr Unoffenes. Du sollst kommen und gehen drfen.

Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.

Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wre ich gar nicht geeignet. Dazu
htte ich --

Der Mensch ist zu allem geeignet.

Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich wrde ganz unglcklich sein!

Ja, so wie Benno. Sei berzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise.
Mchtest du nicht Kinder haben?

Gar nicht! Vor fnf Jahren --, ja, da wr ich gestorben fr ein Kind.
Aber nun ist das --

Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen.
Aber das hat alles Zeit, berlegt zu werden. Wir knnen jede Methode
versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit htte ...

berdem merkte er, da er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten
zogen; da er bei all diesem brigens nur halb mit Bewutsein teilnahm,
und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, whrend ihm der
Tote erschien, jetzt etwas in Hnden, das er ihm aufdrngen wollte, und
pltzlich Renate in ihrem violetten Kleid.

Warum tu ich jetzt dieses? diese Plne warum? Abzuschlieen mit meinem
Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Pltzlich, auf
einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so
triumphierendem Schwunge nach unten, da er die Augen erstaunt senkte.

Wie? mute er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die
Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten,
da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.

Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach
hinten drckend, kte sie behutsam und sagte voll Liebe:

Cornelia Ring! Das bist du. Ein schner echter Ring; mit einem schnen,
echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schlieen, willst
du?

Er duldete es eine Weile, da sie ihn mit Leidenschaft in die Arme
schlo, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu
bringen. Ist er allein?

Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber
der kam schon mit mir.

So. Renate. Ja -- willst du mich nun --

Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier! sagte sie
und ging voran. Am Ende des Flurs ffnete sie die Tr zu einem Gang, zu
dessen Seiten die Wnde der Boxen Georg erinnerten, da dies
ursprnglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit
aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber ber den oberen Rand der
letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der groe braune und
schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.

Lieber Gott, sagte Georg, das ist Unkas!

Wutest du denn nicht, da er hier ist?

Doch, doch, natrlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte.
Er wurde zu alt fr mich und schwerfllig; Bogner wnscht nur mige
Bewegung.

Georg war schon zu dem alten Geno in den Stand getreten, klopfte ihm
liebevoll Hals, Bauch und die Nstern, das Pferd schnoberte zrtlich,
scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner
Manteltasche, aber er mute sich losmachen, fhlend, wie er bermannt
werden wrde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen
Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wute, ob es litt
in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut,
pltzlich trat es zurck, da der Halfter sich spannte, warf den Kopf
hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schlielich feuerte es nach hinten
aus, da die getroffene Holzwand drhnte.

Georg wandte sich ab, und berdem wurde eine Tr geffnet, Bogner
streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den
Raum.

Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewut; ein Andrer tat
es fr ihn, sein Inneres fllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst
nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und
den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen
Trgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.

Und nun wurde der ganze groe und lichte Raum deutlich vor ihm, und
jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich
gegenber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte,
die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch
ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was fr ein Ausdruck? Wollte
sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und whrend sein Wesen sich
krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel
hinaus.

Was ist dir? hrte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es
dmmrig. Er mute sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom
von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je,
und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurhren, ihn
mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfnge, neuer Schmerzen, neuer
Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu
beginnen.

Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wute er
pltzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt
nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.


                               Die Blume

Im Vorwrtsschreiten fhlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den
Fen. bergro schwebte sein Haupt in einer malosen Betubtheit. Dann
brauste alles, und er bewegte sich in Strmen von Leidenschaft. -- Mich
hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht
gewut, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an
einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde
warten!

Dann strzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war,
was er gesehn hatte? Bloe Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb
denn dies Unma von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht
gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze
Leben, alle Leiden, alles was je war, -- aber dies war Wahrheit, dies,
seine Liebe, ihre Liebe, die allmchtigen Toren, die sich im letzten
aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand berm Land
wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein groer Adler und
schrie: Ewig! Ewig!

Und das war es, das, was ihn hergefhrt hatte: sie sollte er hier
finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn
hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lsen wrde, alles, all seine
Not, alle Schuld, alles!

Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. --

berdem ward ihm bewut, da er eine Anhhe erstiegen hatte, und er
erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verlie. Nur war die
Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dmmerung sank eilig.
ber die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West,
goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbnken, das regnende Fallen
rtlicher Dnste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grne Halden,
die verhauchten. Darber bebte das weiliche Gold wie Inneres von pfeln
im Khlen, -- und noch hher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch,
dehnte sich mhlich verblassend ber den ganzen Himmel aus, der so rein
war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und
ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmglich?

Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend,
die aufrecht gestellt waren. Ihn frstelte. Wird sie mich finden? Ich
mu stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum
Hause zurckzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist
unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie lt sich Zeit, Renate lt sich Zeit
...

Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von ngsten und Ungeduld,
beschlo er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, --
aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja,
Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Gtter
vollbrachtens durch ihn.< Was fr ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am
Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners
Bild ... Judith hie sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn
kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur
Ruhe gekommen nach schweren Strmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals
schon mir so gro, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen
mit diesen heroischen Frchten! Heroische Frchte, ja, heroische Frchte
...

Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches!
Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht,
sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der
Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fgte die
Stcke des Satzes zusammen, -- ja, sie paten.

Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?

Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrckte, Verbotne; aber er
konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr
ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In
neun Monaten wchst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein,
antwortete er sich selbst und lchelte dabei: Htte ich es schon damals
erfahren, so htte ich es ja nicht berlebt. -- --

Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb
alles still.

Orpheus! dachte er geqult, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht
umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!

Nichts ... Stille ...

In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschtten und sich
umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Fen.

Dort war -- seine Fe standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle
darin, weilich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht grer als ein
Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie
sie sonst im Frhherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine
sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber
Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum
der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg
atmete auf und lchelte.

berdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da
stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen,
so da er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dnnen,
mattgrnen Stengel; sah ihn, wie er in Abstnden kleine Zweige abteilte,
die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das
kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dmmrung sternhell, in einer
unschuldigen und demtigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen
Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spren, den
sie ausatmete.

Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War
es nur eine kleine grne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in
der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn
konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen
war. Aber wieder, je lnger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor
seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: da sie von allen
Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte
noch Vorn, sondern nach berallhin war wie das Licht.

Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfllt fand von einem inneren
Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und da sie ihm alles
zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemhn, ihre Unbedrftigkeit,
ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden
Bestrztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- --

Und kniete hin. ber die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an
Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so
leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines
Gewlk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blte.

Georg legte das Gesicht in die Hnde und weinte.

Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Trnen, gelst, heilig froh
und gestillt in allen Tiefen.

Heilig, heilig, ihr Trnen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch
einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig.
Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte
Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich
habe gesndigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Fe empfing, zu
gehn, Hnde, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Bses zu sinnen.
Aber ich, der wie du aus dem unergrndlichen Schoe stieg, ich habe
dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich
in der Hand, o du magischer Schlssel, und die Riegel aller noch
verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die
gefangenen Genien heraus in das nhrende Licht. Vater, o Vterlichkeit!
Oh sei mir vterlich, Welt, und ich will dir dienen!

An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den
Westrand schienen ihm seine Fe zu stoen, -- so lag er auf dem dunklen
Rcken der Erde. Im Lfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach
ein ferner, dunkler Chorgesang auf:

   _Aufgenommen, eingekehrt,
   Durchgeprft und tief belehrt.
   Sohn und Snder, Knecht und Held,
   Aufgenommen in die Welt.
   Nun behoben ist der Fluch,
   Krftig zeigt sich jetzt der Spruch:_

      _In Nachtgewalten --
      In Taggewittern --
      Sich s erhalten --
      Sich nicht verbittern!_

Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche
Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte,
erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam
abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit
berraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren
Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie ber Wasser
ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen
erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:

Du hast gewartet? -- Sie nickte.

So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist, sprach er sanft und
geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer
Nhe und am Anschaun des Himmels.

Einer wuchs auf, wie Alle, und fhlte sich richtig in seiner Welt.
Einer erfuhr, da er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte
nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, da er recht
war. Da sah er, da tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein
einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von
Bogner? Georg lchelte. Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.

Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener
Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhht, als um einen
berblick zu haben. Unsichtbar, unhrbar im Nord lagerte die See; im
Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias
Profil und erkannte mit Rhrung in seiner zarten Linie die Linie der
Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den sen Blick der
Natur: nach berallhin wie das Licht. --

Sieh, sagte sie, die Hand erhebend, ein schner Stern!

Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter.
Sah dann einen zweiten, hher, entfernt zur Rechten; und einen dritten,
wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im
lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne
weisend:

Weit du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und
Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?

Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als
Georg schon zum Gehen bereit war, hrte er sie halblaut sagen:

Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und
die Schnheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...

Sind? fragte Georg ruhig.

Sie beschlo:

                             _Unwandelbar._


    Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele
                                Stunden.




                                 Inhalt



                             Siebentes Buch

                             Erstes Kapitel
                    Firmament                      7
                    Sternwarte                    12
                    Traum                         30

                            Zweites Kapitel
                    Frhstck                     34
                    Verkleidung I                 39
                    Verkleidung II                45
                    Fahrt                         49
                    Mummenschanz                  53
                    Ritt                          58
                    Ausschau                      65
                    Traumspiel                    70

                            Drittes Kapitel
                    Theater                       77
                    Zelt                          85
                    Im Wagen                      89
                    Festzug                       95

                            Viertes Kapitel
                    Getmmel                     109
                    Versptung                   117
                    Heimkehr                     121

                            Fnftes Kapitel
                    Heimkehr (die andre)         128
                    Veranda                      132

                            Sechstes Kapitel
                    Garten                       142
                    Kapelle                      154
                    Lindenallee                  159

                           Siebentes Kapitel
                    Garten                       171
                    Haus                         180

                             Achtes Kapitel
                    Masken                       192
                    Tempel                       200

                            Neuntes Kapitel
                    Zimmer                       208
                    Wehr                         212
                    Treppenhaus                  221
                    Hrsaal                      224
                    Schlafzimmer                 231
                    Schlafzimmer (das andre)     234
                    Sterne                       242

                              Achtes Buch

                         Erstes Kapitel: August
                    Renate an Magda              249
                    Renate an Magda              250
                    Aus Renates Gedchtnisbuch   252
                    Cornelia Ring an Renate      266
                    Renate an Cornelia Ring      267
                    Irene an Renate              268
                    Renate an Irene              271
                    Aus Renates Buch             273
                    Cornelia Ring an Renate      287

                       Zweites Kapitel: September
                    Georg an seinen Vater        290
                    Magda an Dr. Birnbaum        319
                    Dr. Birnbaum an Magda        321
                    Renate an Dr. Birnbaum       324
                    Georg an Magda               325
                    Von Georgs Hand geschrieben  326

                        Drittes Kapitel: Oktober
                    Insel                        354
                    Aus den Papieren Georgs      364
                    Renate an Saint-Georges      371
                    Renate an Irene              376
                    Renate an Saint-Georges      377
                    Saint-Georges an Renate      381

                       Viertes Kapitel: November
                    Cornelia Ring an Magda       383
                    Georg an Benno               386
                    Aus den Papieren Georgs      393

                       Fnftes Kapitel: Dezember
                    Aus Georgs Papieren          420
                    Georg an Benno               438
                    Georg an Magda               451
                    Georg an Bogner              455

                        Sechstes Kapitel: Januar
                    Cornelia an Georg            456
                    Georg an Magda               456
                    Georg an Benno               458
                    Hallig Hooge                 462

                       Siebentes Kapitel: Februar
                    Bogner an Georg              494
                    Magda an Georg               495
                    Georg an Magda               499

                          Achtes Kapitel: Mrz
                    Aus Renates Gedchtnisbuch   505
                    Georg an Magda               512
                    Aus den Papieren Georgs      517
                    Georg an Magda               528
                    Jason an Renate              532
                    Renate an Irene              536

                         Neuntes Kapitel: April
                    Aus den Papieren Georgs      537
                    Magda an Georg               542
                    Aus Renates Buch             543
                    Georg an Magda               544
                    Aus Renates Buch             545

                              Neuntes Buch

                             Erstes Kapitel
                    Georg                        559
                    Renate                       575

                            Zweites Kapitel
                    Georg                        594
                    Magda/Benno                  596

                            Drittes Kapitel
                    Magda                        607
                    Georg                        614

                            Viertes Kapitel
                    Magda/Renate                 634
                    Magda                        637
                    Renate                       639
                    Renate (Fortsetzung)         649

                            Fnftes Kapitel
                    Erasmus                      666
                    Erasmus (Fortsetzung)        690

                            Sechstes Kapitel
                    Bogner/Klemens               714
                    Klemens                      724
                    Birnbaum                     729
                    Irene                        739

                           Siebentes Kapitel
                    Benno                        744
                    Georg                        759
                    Bogner                       763

                             Achtes Kapitel
                    Magda                        771

                            Neuntes Kapitel
                    Georg                        804
                    Cornelia                     808
                    Die Blume                    813


                  Der Helianth wurde geschrieben in
               den Jahren 1912-20. -- Der Druck erfolgte
                      in den Jahren 1917-20 in der
                  Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 163]:
   ... steckend bleibend. ...
   ... stecken bleibend. ...

   [S. 330]:
   ... Frhling liegt ihr Lcheln unter den ersten Krokus, den ...
   ... Frhling liegt ihr Lcheln unter dem ersten Krokus, den ...

   [S. 619]:
   ... des Zhneputzen und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...
   ... des Zhneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...

   [S. 653]:
   ... mit ihr berhrte, das mte von ihr an zu flieen fangen. ...
   ... mit ihr berhrte, das mte von ihr zu flieen anfangen. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer

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paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
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works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
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same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
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distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
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  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
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Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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with your written explanation. The person or entity that provided you
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the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

